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Memories |
Memories
Ich sitze alleine in der Kirche. Ich habe mich in eine der hintersten Bänke gesetzt und starre ohne wirklich etwas wahrzunehmen auf den Altar.
Im Grunde sehe ich nichts, nicht das große Kruzifix, welches hinter dem Altar steht, nicht die wundervoll geschwungenen Gewölbe, welche mit filigranen Linien verziert sind. Nicht die verschiedenen christlichen Geschichten, die durch in Stein gemeißelte Bilder erzählt werden und auch nicht die große Orgel, die still und verlassen auf der Empore über mir zur Decke ragt.
Mit einem leisen Seufzer schließe ich meine Augen und sehe sie...
Sie ist alles, was ich sehe, seit ich sie das erste Mal wiedergesehen habe. Oh, Gott, sie hatte da auf dem Obduktionstisch gelegen, mich angesehen und ich... ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Ich kann mich nicht einmal erinnern, was ich getan habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten, nicht vollkommen abzudriften. Dem Schmerz, den ich fühle, wenn ich an sie denke, nicht nachzugeben, ist verdammt schwer, erfordert so viel Kraft.
Und dann sah ich sie ein zweites Mal in einer Kirche, ähnlich wie diese. Ich hatte dieses Mädchen an der Hand, wollte sie retten, sie vor dem Tod oder dem Teufel bewahren, doch plötzlich stand Emily neben mir. Sie trug die gestreifte Strickjacke und den roten Pullover, die gleichen Sachen, die sie trug, als ich ihr in dem Auto damals meine Kette umgehangen hatte.
Ihre blauen Augen strahlten zu mir hinauf und sie bat mich, sie gehen zu lassen.
Ich schnappe nach Luft, während sich meine Brust bei der Erinnerung an meine Tochter schmerzhaft zusammen zieht. Meine Augen fliegen wieder auf und ich versuche meine Atmung zu kontrollieren, während meine Erinnerungen sich erneut selbständig machen.
Ich tat es... ich ließ sie gehen, erneut. Und ich kämpfte wieder gegen meine Gefühle an. Doch ließ ich sie wirklich gehen? Ließ ich Emily los, so wie ich es bereits damals im Krankenhaus hätte tun sollen?
Ich ließ zwar ihre Hand los, ließ sie in das Licht gehen, genauso wie ich sie damals im Krankenhaus sterben ließ, doch ließ ich sie im Grunde nicht wirklich gehen. Wenn ich in der Lage gewesen wäre, sie auch mit dem Herzen gehen zu lassen, würde mich dann ihr Tod, der Verlust, den ich jeden Tag wie einen körperlichen Schmerz erlebe, nach nunmehr vier Monaten immer noch so berühren? Diese Visionen, die ich von meiner Tochter hatte, die mich in dieser Sache so emotional handeln ließen, waren im Grunde ein deutliches Zeichen dafür, dass ich Emily niemals wirklich hatte gehen lassen.
Wieder klappen meine Augen zu, und ich beiße mir auf meine Unterlippe, heiße den physischen Schmerz willkommen.
Hätte ich sie gehen gelassen, würde ich nicht jede verdammte Nacht leise und gequält in meine Kissen weinen.
Und es ist schwer, morgens die Ringe unter meinen Augen zu überschminken, so dass niemand sie sieht. Es ist nicht leicht, den ganzen Tag die Schuldgefühle und Erinnerungen zu verdrängen und mit der Arbeit fortzufahren.
Es ist schwer, nicht bei jedem kleinen Mädchen, welches ich in der Stadt sehe, zusammen zu zucken und die aufkommenden Tränen zurück zu halten, damit Mulder nichts bemerkt.
Er soll es nicht merken, genauso wenig wie alle anderen.
Dabei brauche ich ihn im Grunde. Ich weiß, Mulder empfindet mehr für mich, als es unter Freunden oder Partnern der Fall sein sollte. Auch ich habe diese Gefühle in mir. Doch kann ich sie ihm nicht zeigen. Ich möchte nicht, dass er sich um mich sorgt. Es würde ihn in seiner Arbeit behindern.
Ich schickte ihn weg, als Emily starb, gab vor, dass ich lieber alleine sein wollte, obwohl ich im Grunde nichts mehr gebraucht hatte als ihn. Seine starken Arme, seine tröstenden Worte, die Bestätigung, das Richtige getan zu haben.
Doch konnte er das? Konnte er mir diese Bestätigung geben? Ich habe meine Tochter getötet. Ich hätte sie retten können. Doch ich tat es nicht. Wie könnte er diese Entscheidung jemals bestätigen?
Also schob ich ihn von mir, strafte mich mit Isolation und Einsamkeit, um mich selber zu geißeln. Ich konnte ihn nicht da sein lassen, ich konnte ihn nicht zusehen lassen, wie dieses kleine Mädchen starb und ich konnte ihn nicht meinen Trauer, meine Angst und meine Hilflosigkeit sehen lassen.
Ich weinte nicht, als ich mich damals zu ihr in das Bett legte, meine Hand an ihrem verschwitzten Gesicht. Ich weinte auch nicht, als ich in der Kapelle später den Sarg öffnete und die Kette aus dem Sand nahm, die Ungewissheit spürend, wo meine Tochter war, was sie mit ihr gemacht hatten.
Ich weinte nicht, als der Sarg in dieses dunkle Loch hinab gelassen wurde und auch, als sie mir jetzt bei den Ermittlungen erschien, ließ ich meinen Schmerz nicht wirklich hinaus, atmete schon nach wenigen Tränen tief ein und unterdrückte meine Gefühle. Doch ich weinte jede verdammte Nacht.
Ich spüre, wie einige Tränen unter meinen geschlossenen Augenlidern hervortreten, über meine Wangen rollen und ich sehe sie wieder. Sie blickt mich an, offen, ohne Angst und so voller Zuversicht und sie bittet mich, sie gehen zu lassen.
Ich öffne meine Hand ein weiteres Mal, gebe sie frei und sehe, wie sie in das helle Licht geht, weg von mir.
Ein tiefer, erschütternder und schmerzvoller Schluchzer entkommt meiner Kehle und hallt an den Kirchenwänden nach. Ich hebe meine Hände vor mein Gesicht, verdecke wie es sich vor Trauer und Schmerz verzieht und dämpfe die Laute meiner inneren Qualen.
Immer weiter sacke ich in mich zusammen, geschüttelt von den Schluchzern, die ich nicht zurückhalten und unterdrücken kann. Verzweifelt schnappe ich nach Luft, bemüht, den Druck auf mein Herz und meine Lungen, ausgelöst durch die Last der Schuld und der Trauer, zu mildern, doch gelingt es mir nicht.
Ich höre die Laute, die seine Schuhe auf dem Steinboden der Kirche verursachen nicht und zucke leicht zusammen, als sich seine Hand sanft auf meine Schulter legt. Kurz hebe ich meinen Blick und sehe in das Gesicht meines Partners, in haselnussbraune Augen, die vor Sorge und Verzweiflung beinahe schwarz sind.
Mein Blick senkt sich wieder und ich spüre mehr, als dass ich es sehe, wie er sich neben mich auf die harte Holzbank setzt.
Langsam und sanft zieht er mich in seine Arme, birgt meinen Körper an seiner Brust und nimmt meine Schluchzer in seinem Hemd auf.
Seine Hand streicht langsam über meinen Rücken, seine Lippen kommen zart an meine Schläfe, bleiben dort einen Moment liegen und ich spüre, wie diese Geste auch noch die letzten Dämme zum Einsturz bringen.
Haltlos klammere ich mich an ihm fest, als könne er mich vergessen lassen, was ich getan habe.
Wir sitzen lange so, ehe ich mich wieder einigermaßen beruhigt habe. Kein Wort ist gesprochen worden und ich liege immer noch an seiner Brust.
Die Frage, wie er mich hier gefunden hat, blitzt durch meinen Kopf, doch vergesse ich sie sofort wieder und danke ihm stumm, dass er mich gefunden hat.
Ich hebe meinen Blick, sehe in seine Augen und erkenne, dass auch diese feucht sind, genauso wie seine Wangen.
Sanft bringe ich meine Hände dorthin und wische ihm zart die Tränen weg. Sein Kopf beugt sich leicht zu mir hinab als ich meine Hände wieder sinken lasse und seine Lippen legen sich auf meine Stirn. Lange lässt er sie dort liegen und ich schließe meine Augen und genieße das weiche Gefühl.
Nach einem Moment zieht er sich zurück, steht auf und reicht mir seine Hand.
Immer noch stumm folge ich ihm, hinaus aus der Kirche und zu seinem Auto. Ich weiß nicht, wohin wir nun fahren, doch ich weiß, es wird richtig sein, egal wie unsere Entscheidung für heute aussehen mag.
Bevor ich in das Auto steige, drehe ich mich ein letztes Mal zu der Kirche um und danke Gott dafür, dass Mulder gekommen ist, dass er mich zerbrechlich und am Ende gesehen hat und dass er mich so sehr liebt, wie er es tut.
Ich bin mir sicher, Emily wird immer Teil meines Lebens sein, aber die Tränen auf seiner Wange haben mir gezeigt, dass sie auch Teil seines Lebens war und dass wir unsere Erinnerungen teilen können. Das wird es leichter machen mit dem Verlust zu leben.
Ende