Autor: Isa
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The meeting of two- C G Jung -
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in a more perfect world...
Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. Meine Augen starren ins Leere. Zwar versuche ich, die Decke des Theaters zu fixieren, doch es mag mir nicht so recht gelingen, denn mein Blick wird immer und immer wieder abgelenkt. Ich erblicke die großen Scheinwerfer welche am vergangenen Abend noch so hell strahlten. Jetzt sind sie jedoch nichts weiter als ein Teil der Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die ich nicht zu durchdringen vermag. Selbst die Stühle, der Tisch und all die anderen Requisiten scheinen sich dieser hinzugeben. Der sonst in einem kräftigen Rot strahlende Boden wirkt nun müde und ohne Kraft. Nur noch ein Hauch von Rot ist erkennbar und nur dieses blasse Abbild lässt erahnen, welche Farbe er einmal besaß. Der Raum, der große Saal um mich herum, ist leer und wird von nichts als Stille erfüllt. Nur ein schwaches Licht erhellt einen kleinen Teil der Bühne. Es ist gerade stark genug, dass ich die erste Sitzreihe erkennen kann, wenn ich meinen Kopf zur Seite drehe. Im Grunde kann ich durch den schwachen Schein eigentlich nur zarte Umrisse der hochgeklappten Sitze wahrnehmen. Im Moment ist es mir allerdings egal, ob ich überhaupt etwas sehen kann und so versuche ich mich wieder auf die Decke zu konzentrieren...
Es ist sinnlos. Ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht denken, nicht fühlen. Es scheint mir, als würde ich Sinn in etwas suchen, was keinen Sinn ergibt. Ich suche nach etwas, das gar nicht existiert. Gleichzeitig jedoch scheinen die Antworten auf all die Fragen, die mir gerade durch den Kopf gehen, so nahe. Ich kann sie aber nicht greifen, es ist mir unmöglich zu ihnen zu gelangen. So sehr ich mich auch anstrenge, zu groß ist die Distanz, die mich von ihnen trennt.
Ich atme hörbar aus und als ich meinen Blick senke, bemerke ich, dass sich meine Muskeln entspannen. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich diese jemals angespannt habe... Dies muss wohl vom vielen Nachdenken kommen. Oder von den Anstrengungen die ich aufbrachte, um Antworten zu finden. Antworten auf das Warum. Antworten auf das Wieso. Seufzend drehe ich mich auf die Seite, spüre, wie das weiche Bett unter mir ein wenig nachgibt. Ich ziehe die rote Überdecke ein wenig näher an mich, ziehe meine Beine näher zu mir und starre abermals ins Leere. Nein, ich weiß nicht, wieso ich immer hier her komme, wenn mich etwas bedrückt. Ich habe einfach ein Gefühl von Sicherheit hier. Hier in meinem Theater. In meiner kleinen Welt, in die ich ab und zu entfliehen kann. Das große Bett, welches auf einem drehbaren Untergrund steht, ist für mich wie eine Art Zufluchtsort. Zwar denke ich manchmal darüber nach, was jemand wohl von mir halten würde, würde er mich hier vorfinden... doch an einem Montag Abend mache ich mir selten Gedanken darüber. Der einzige Spielfreie Tag in der Woche. Das Theater ist wie ausgestorben. Weder Bühnenbildner, noch sonst jemand vom Personal treibt sich an einem solchen Tag hier herum. Noch dazu schüttet es heute Abend wie aus Kübeln und... immerhin ist es schon halb zehn. Nein, ich muss mir heute keine Gedanken darum machen, dass noch jemand herkommt. Ich habe mal vor einiger Zeit einen Schlüssel für einen kleinen Hintereingang des Theaters bekommen. Ich habe nämlich die Angewohnheit, ständig etwas zu vergessen. Und da diese Angewohnheit sowohl Wyn, als auch dem Rest der Theaterangestellten ein wenig an den Nerven zu zehren schien, hielt ich es für richtig, mich nach einem Schlüssel zu erkundigen. Und ich bin froh über diese Entscheidung. Niemals hätte ich gedacht, dass mir eine Theaterkulisse Zuflucht bieten würde. Niemals hätte ich gedacht, dass ich nach einem Streit hier her kommen würde. Doch ich tue es. Immer und immer wieder.
Heute ist es jedoch besonders schlimm und ich bin froh darüber, dass ich mich in diesem Bett verkriechen kann. In dem Bett, welches ich mittlerweile in und auswendig zu kennen scheine. Genau wie den Rest der Bühne. Nachdem ich nun schon fast zwei Monate nahezu täglich zwei Vorstellungen gebe, kenne ich jeden Winkel, jede Unebenheit. Vielleicht ist es eben dieses Wissen, welches mir die Sicherheit gibt.
Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass mir einmal etwas anderes Zuflucht bot. Etwas, von dem ich mich gerade versuche zu entfernen. Etwas, das neun Jahre lang mein Leben bestimmte. Ab und zu sitze ich in meinem Appartement und denke daran, was wohl gewesen wäre, wenn ich nicht gegangen wäre. Was wohl gewesen wäre, wenn Mulder und Scully sich nicht endlich gefunden und die X-Akten beiseite gelegt hätten. Wenn... Tja, wenn ich doch nur. Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Ich habe nun mal eine Entscheidung getroffen. Aber eben diese Entscheidung hat mein Leben von Grund auf verändert. Gewiss, sie hat mir durchaus positives gebracht. Doch sie brachte auch Leid und Kummer mit sich. Sorgen, die mich an Tagen wie diesem zu erdrücken scheinen - mir über den Kopf wachsen.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich nicht aus L.A. weggezogen wäre. Vielleicht wären David und ich dann immer noch befreundet und ich hätte jemanden, den ich jetzt anrufen könnte. David. Wir haben uns im Streit getrennt und ich habe mich bis heute noch nicht bei ihm entschuldigt. Dafür ist mein Stolz zu groß. Ich habe ihm erst einige Tage vor meiner Abreise erzählt, dass ich nach London ziehen würde um dort am Theater einen Neuanfang zu starten. Er war wütend auf mich, fragte mich, warum ich ihm dies nicht eher erzählt hätte. Mittlerweile glaube ich, dass ich zu übertrieben reagiert habe, in jenem Moment allerdings fühlte ich mich angegriffen. Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ein Entscheidung, die mich voranbringen sollte und anstatt mich zu unterstützen, wollte mich mein bester Freund zurückhalten.
Jetzt jedoch habe ich eingesehen, dass er einfach nur etwas mehr Zeit gehabt hätte, um sich von mir zu verabschieden. Sogar ich hätte gerne etwas mehr Zeit gehabt. Eine Woche. Zwei Wochen... vielleicht sogar länger. Aber ich weiß nicht, ob ich es dann jemals geschafft hätte, wirklich zu gehen und all das, was ich mir in neun Jahren aufgebaut hatte, zurück zu lassen. Ich glaube nicht.
Gill, lass die Vergangenheit ruhen. Die Gegenwart ist jetzt das Entscheidende.
Die Gegenwart. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, würde ich lieber wieder in die Vergangenheit zurückkehren. Zu dem Punkt, an dem ich L.A. verlassen wollte- es aber dann nicht tue. Somit hätte ich keine Sorgen mehr, keine Probleme... doch... ich hätte somit auch Roger niemals kennen gelernt. Roger Allam. Mein Co-Star. Der einzige Mensch der mich wieder zum Lachen bringen konnte, als mich das Heimweh packte. Einer der wenigen hier in London, denen ich wirklich vertraue. Obwohl er es eigentlich nicht sein sollte... denn ich sollte demjenigen vertrauen, den ich bald heiraten werde. Allerdings tue ich dies nicht. Nicht so vollkommen, nicht so blind. Zwar kenne ich Roger nicht so lange, wie ich David kenne, aber dennoch hat sich in der kurzen Zeit, in der wir fast jeden Tag miteinander verbrachten, etwas entwickelt, was ich mit David über Jahre hinweg aufbauen musste. Während ich mit ihm anfänglich einige Probleme hatte, kam ich mit Roger von Anfang an gut klar. Wir lachten zusammen, trieben Michael Weller zur Weißglut- im Spaß versteht sich, und lernten auf der Bühne ohne Worte miteinander zu kommunizieren. Doch, ich vertraue ihm blind.
Vertrauen. Ein Wort, welches in Julianns Wortschatz nicht zu existieren scheint. Ständig hält er mir vor, ich wäre ihm nicht treu, würde ihn sicherlich mit anderen Männern betrügen. Irgendwann halte ich das einfach nicht mehr aus. Ich will diesen Mann heiraten! Und er vertraut mir nicht...
Seit heute Abend weiß ich allerdings nicht, ob ich ihn überhaupt noch heiraten will. Heute hat er das Fass wirklich zum Überlaufen gebracht.
Ich habe, wie schon so oft zuvor, mit Roger noch einige Dinge das Stück betreffend besprochen. Ja, wir treffen uns manchmal auch außerhalb unserer offiziellen Arbeitszeit. Und ich muss sagen, ich genieße diese Zeit wirklich. Auf jeden Fall kam ich nach Hause und das Erste, was ich zu hören bekam, war ein: "Du warst wieder mit diesem Allam unterwegs, richtig?" Ich meinte mich zuerst verhört zu haben. Ich bin immerhin eine erwachsene Frau und kann mich treffen, mit wem und wann ich will. Dies versuchte ich ihm auch klar zu machen. Doch nach einem langem Streitgespräch war es mir einfach zu viel. All die Rechtfertigungen. All die Anschuldigungen. Es reichte mir einfach. Ich habe meine Jacke angezogen und die Tür wieder hinter mir geschlossen, wie ich sie zuvor geöffnet hatte.
"Man kann das Knistern zwischen euch ja förmlich spüren!", hallen Julians Worte in meinem Kopf wieder. "Es ist ein Wunder, dass ihr euch auf der Bühne nicht schon längst verschlungen habt!"
Ja, ich will nicht abstreiten, dass da etwas zwischen Roger und mir ist. Doch wir haben beide ein eigenes Leben und für dieses haben wir auch Verantwortung zu übernehmen. Ich bin verlobt- zumindest war ich es bis vor einigen Stunden noch - und Roger hat eine Lebensgefährtin, Rebecca Saire. Und einen kleinen Sohn. Als er mir erzählte, dass der Kleine William heißt, musste ich für einen Augenblick lächeln. Diese Name kam mir unheimlich bekannt vor... Woher wohl?
Allein bei dem Gedanken daran muss ich lächeln.
Meine Gedanken schweifen zurück zu jenem Tag und ich kann mich daran erinnern, wie wir uns noch stundenlang unterhielten. Ich glaube, wir haben sogar den ganzen Nachmittag damit zugebracht, über Gott und die Welt zu reden, anstatt unseren Text durchzugehen.
"Hey." Ruckartig schnelle ich aus dem Bett hoch und blicke in die Richtung, aus der die Stimme kommt.
"Hey zurück..." Mein Herz scheint für einen Moment seinen Dienst zu verweigern. "Du hast mich erschreckt", füge ich etwas leiser hinzu. Ich entspanne mich langsam wieder, befreie meinen Körper von der Decke und setze mich aufrecht hin. Ich kann seine Augen in dem Dämmerlicht zwar nicht erkennen, dennoch versuche ich, seinen Blicken auszuweichen indem ich auf die Decke starre, die ich immernoch fest mit meinen Händen umschlossen halte. Mich beschäftigt weniger die Frage, warum er hier ist, sondern mehr die Frage, warum er gerade jetzt hier ist. Ich weiß zwar, dass es auch ihn das ein oder andere Mal hier her zieht. Trotzdem bin ich verwundert über sein Erscheinen.
Ich sehe nicht auf, doch ich kann hören, dass er auf mich zukommt. Ich will mir nichts anmerken lassen und so blicke ich schnell zu ihm auf- versuche zu lächeln.
"Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken." Seine Stimme ist leise, kaum mehr als ein Flüstern. Und doch kann ich die Sorge erkennen, die darin mitschwingt. Oder ist es Kummer? Bedrückt ihn etwas?
Roger setzt sich neben mich auf das Bett und ich spüre, wie es unter seinem Gewicht etwas nachgibt. Immernoch versuche ich das Lächeln auf meinem Gesicht aufrecht zu erhalten, doch er sieht mich nicht an. Er kann nicht sehen, wie krampfhaft ich versuche, eine Fassade aufrecht zu erhalten, die ich soeben errichtet habe. Es fällt mir schwer. Eigentlich will ich nicht lächeln, doch ich will ihm auch nicht zeigen, dass mich etwas beschäftigt - bedrückt. Nicht jetzt. Plötzlich herrscht für einen Augenblick nur noch Stille. Die gleiche Stille, die mich zuvor schon einmal umgeben hat, kehrt wieder zurück. Dieses Mal jedoch ist sie nicht angenehm. Sie ist bedrückend. Ich blicke meinen Co-Star an- das Lächeln ist noch immer nicht aus meinem Gesicht verschwunden. Roger jedoch sieht auf seine Hände hinab.
"Ist schon OK. Nur irgendwann wirst du mir auf diese Art und Weise einen Herzinfarkt verpassen... und das wollen wir, glaub ich, beide nicht, oder?" Ich versuche die Stimmung, welche immer bedrückender zu werden scheint, etwas aufzulockern.
"Herzinfarkte sind nie gut..." Irgendetwas ist anders. Noch immer sieht er nicht zu mir auf. Erst jetzt erlaube ich es meinen Lippen, sich zu entspannen. Besorgnis macht sich plötzlich in mir breit und ich lege eine Hand auf seine Schulter. Ich konnte schon immer spüren, wenn jemanden etwas bedrückte. Bei den Menschen, die mir nahe standen, konnte ich es jedoch besonders deutlich fühlen. Und eben in diesem Moment spürte ich etwas tief in mir, was mir sagte, dass ich mich jetzt zusammenreißen und für Roger stark sein musste. So wie ich es in den vergangenen Wochen schon war. Immer öfter hatte er Streit mit Rebecca. Ich kenne keine Gründe, will sie vielleicht auch gar nicht kennen. Dennoch versuchte ich ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.. und wenn dieser Rat nur darin bestand, mit ihm zu reden. Es schien Roger schon zu helfen, wenn er wusste, dass er jemanden hatte, der ihm zuhörte. Der seine Probleme vielleicht auf die ein oder andere Art verstand. Wenn ich ehrlich bin, war auch er oft genug für mich da. Wenn ich weder ein noch aus wusste, setze er sich zu mir, nahm meine Hand in die seine und lauschte meinen Worten. Danach fühlte ich mich stets besser und ich glaube, dass es ihm genauso ging.
Ich atme einmal tief ein und lasse mein Hand in kreisenden Bewegungen über seine Schulter streifen.
"Was machst du hier?" Das scheint mir ein guter Anfang zu sein.
"Das gleiche könnte ich dich auch fragen, meinst du nicht?" Seine Stimme klingt immer noch gedämpft, traurig. Doch diesmal sieht er zu mir auf, als er mit mir spricht. Er hat genau das gleiche Lächeln aufgesetzt, welches ich nur vor wenigen Sekunden abgelegt hatte.
"Könntest du. Aber ich habe dich zuerst gefragt." Ich ziehe eine Augenbraue nach oben, um dem Satz Ausdruck zu verleihen. Fragend sehe ich ihn an. Roger atmet aus und blickt wieder hinab auf seine Hände.
"Ich... wollte einfach... weg. Irgendwo hin, wo ich um diese Uhrzeit eigentlich niemanden erwartet hatte."
"Tja, die selbe Idee hatte ich auch." Ich nehme meine Hand von seiner Schulter und setzte mich ein Stück näher zu ihm- die Hände auf meinem Schoß gefaltet. Eigentlich warte ich darauf, seine Stimme wieder zu hören, doch... Stille. Ich kann nur leise seinen Atem hören, höre ab und zu einige Regentropfen, welche auf die Straßen prasseln. Stille.
"Wie lange bist du schon hier?" Ich zucke ein wenig zusammen. Ich hatte nicht erwartet, so plötzlich etwas von ihm zu hören.
Ich sehe hinab auf meine Uhr. "Schon eine Weile", entgegne ich, als ich die Zeiger endlich den Zahlen zuordnen kann.
"Und wie lange willst du noch bleiben?"
"So lange du mich brauchst..." Ich weiß, dass er auf diese Antwort gehofft hat. Ich kenne Roger zwar noch nicht allzu lange, aber trotzdem meine ich, ihn schon seit Ewigkeiten zu kennen. Jeder Satz, jedes Wort hat für mich eine andere Bedeutung als für einen Außenstehenden. Jede seiner Gesten verrät mir, was er jemandem mit 100 Sätzen nicht erklären könnte. Ich bin froh, dass ein solch blindes Verstehen zwischen uns herrscht. So kann er nahezu nichts vor mir verbergen. Ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht. Dieses verschwindet aber wieder, als ich in seine Augen sehe, welche mich plötzlich ansehen.
"Danke."
"Willst du mir erzählen, was dich hier her bringt.. Roger?" Ich sage seinen Namen etwas lauter, so dass er den Blick, welchen er zurück auf seine Hände fallen lies, wieder zu mir wendet. Er hat meine Aufforderung verstanden und ich entgegne seinem Blick mit einem warmen Lächeln. Ich will, dass er sich geborgen fühlt.
Roger holt tief Luft. "Nun ja. Eigentlich ist es nichts Weltbewegendes..." Ich spüre, dass er den Satz hier enden lassen will.
"Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst, oder?"
Er lächelt mich an. Das ist schon mal ein Fortschritt.
"Rebecca und ich, wir... wir hatten wieder mal Streit. Genau wie gestern, genau wie den Tag davor und genau wie den Tag davor. Ich habe das Gefühl, dass ist einfach nicht meine Woche. Und dann bekommt William wieder einen neuen Zahn und.. Es kommt einfach gerade alles auf einmal. Aber heut war es die Hölle. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend Rebecca heute war."
"Wer weiß. Vielleicht kann ich es mir sogar sehr gut vorstellen. Es scheint so, als ob Dezember nicht wirklich unser Monat ist, huh?" Ein ironisches Lachen erfüllt den Raum.
"Warum bist du hier?", will er wissen, als er sich auf das Bett zurückfallen lässt.
"Nun, eigentlich die selbe Story. Julian und ich hatten wieder mal Streit und diesmal ist es mir eindeutig zu viel geworden und ich bin gegangen." Ich tue es ihm gleich und lasse mich neben Roger auf das große Bett fallen.
"Das muss dann aber schon etwas Handfestes gewesen sein, wenn du gehst..."
Fragend sehe ich zur Seite, blicke direkt in sein Gesicht. "Was soll das bitte heißen???"
"Ich meine nur... also wenn Wirbelwind Gill schon mal das Haus mit knallenden Türen verlässt, muss es schon.. heftig gewesen sein."
"Warum kommst du auf die Idee, dass ich das Haus mit knallenden Türen verlassen habe? Hast du irgendwo eine kleine Kamera installiert?" Ich beginne zu lachen und auch Roger stimmt ein. Nickend.
"Natürlich! Nein, mal im Ernst. Ich habe es mir nur gedacht, da das Ganze bei mir ungefähr SO ablief."
"Worum ging es denn?", frage ich, drehe mich zur Seit, richte mich ein klein wenig auf und stütze meinen Kopf auf eine Hand. Ich blicke nun auf ihn hinab und warte auf eine Antwort. Roger verzieht seine Lippen zu einem kleinen Lächeln.
"Um dich."
"Um mich?" Abermals werfe ich ihm einen fragenden Blick zu.
Roger nickt. "Um dich... wie eigentlich so gut wie jedes Mal, wenn Rebecca und ich uns so heftig streiten."
"Willst du mir jetzt ein schlechtes Gewissen einreden?", scherze ich. Bereits im nächsten Moment verstumme ich, als ich merke, dass er weitersprechen will.
"Sie ist nur der Meinung, dass zwischen uns etwas läuft. Etwas... etwas sexuelles. Sie ist der Meinung, dass man so ein.. wie sagte sie? So ein "Kribbeln" zwischen uns spüren könnte - als Zuschauer. Tja. Als ich ihr dann versucht habe zu erklären, dass wir einfach nur gut befreundet sind und das ich dich als Freundin nicht verlieren möchte, ist sie ausgerastet. Sie warf mir Dinge an den Kopf wie, ich sollte dich doch am besten gleich flach legen oder.. ich sollte dich am besten gleich auf der Bühne... du weißt schon..." Er verstummt. Sein Blick scheint sich auf etwas zu zu bewegen, was sich in weiter Ferne befindet. Ich versuche, ihm dorthin zu folgen- ihn wieder zurückzuholen. Und es scheint mir zu gelingen, denn nun sieht er mich wieder an. Er sieht traurig aus. Ist er traurig darüber, dass sie so etwas vermutete? Ist er traurig darüber, dass sie behauptete, er würde etwas mit MIR anfangen? Allein bei diesem Gedanken beschleicht mich ein eigenartiges Gefühl. Warum, weiß ich nicht. Es ist einfach da und scheint mich von Innen heraus aufzufressen.
Dieses Gefühl der Traurigkeit schwingt plötzlich in etwas anderes um, als mich ein weiterer Gedanke heimsucht. Vielleicht ist er traurig, weil nichts von all dem passiert ist... ich schüttele leicht meinen Kopf. Nein, dass kann es unmöglich sein.
"Was ist?" Oh, dass war dann wohl eindeutig ein zu heftiges Schütteln.
"Das kenne ich irgendwo her", versuche ich abzulenken.
"Wie das?" Nun richtet auch er sich auf, hält sein Gewicht auf dem abgewinkelten Arm.
"Genau aus dem selben Grund bin ich hier. Julian ist der Meinung, dass zwischen uns etwas läuft und ich kann ihn nicht vom Gegenteil überzeugen..." Ich meine auf einmal den gleichen Ausdruck der Enttäuschung in Rogers Augen zu sehen, welcher wohl in den meinen zu sehen war. "Ich meine... ich will es auch gar nicht mehr versuchen... also ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Vielleicht ist er ja glücklicher damit", füge ich gedankenverloren hinzu. Doch bereits im nächsten Moment wird mir klar, wie dieser Satz geklungen haben muss. "Uhm.. das sollte jetzt nicht so klingen, wie es geklungen hat...", versuche ich mich zu retten.
Ich weiß, es muss sich in seinen Ohren jetzt so angehört haben, als wäre es mir ganz recht, wenn zwischen uns etwas geschehen würde. Und ich will auf keinen Fall, dass er mich da falsch versteht! Ich meine, ich hätte nichts dagegen. Obwohl ich eigentlich schon etwas dagegen haben sollte.. aber... Gott, mir wird auf einmal warm und ich räuspere mich. Ich hoffe, ich werde jetzt nicht gerade rot wie eine Tomate. Diesem Mann gelingt es einfach immer wieder mich komplett aus der Fassung zu bringen. Und es gelingt ihm mich dazu zu bringen, nicht mehr zu wissen, was ich eigentlich will. Moment. Eigentlich weiß ich, was ich will. Doch es ist nicht richtig, dies zu wollen. Ganz und gar nicht richtig. Es ist falsch. Falsch, falsch, falsch. Eine Stimme macht sich plötzlich in meinem Kopf hörbar. Und sie ruft mir ständig wieder zu, um all diese Gedanken, welche sich nun in meinen Kopf schleichen, zu verscheuchen. Eine zweite Stimme jedoch sagt mir, dass ich sie festhalten und nie wieder loslassen soll.
"Gill, ist schon OK!", holt mich Rogers Stimme plötzlich zurück. "Du brauchst dir keine Gedanken darum machen, dass ich das falsch verstehen würde. Ich meine, ich weiß, dass du im Grunde mit Julian glücklich bist. Und.. ich habe auch mein Leben, mit dem ich mehr oder weniger zufrieden bin also..." Roger gerät plötzlich ins Stocken. Es scheint, als würde er nach Worten suchen. Worte, die nicht mehr zu existieren scheinen. "...also brauchen wir uns wohl keine Gedanken darum machen, was wäre, wenn... wenn da wirklich etwas wäre... denn du bist verlobt und ich..." Er atmet tief aus, streicht sich mit einer Hand durch die dunklen Haare. Er dreht den Kopf, welchen er in den letzen Sekunden leicht von mir abgewendet hat, wieder zu mir und blickt mich an. Etwas trifft mich wie ein Schlag. Ich weiß nicht, was es ist, doch etwas an seinen Augen hat sich verändert. Das Dämmerlicht wirft dunkle Schatten auf sein Gesicht und doch meine ich, jeden einzelnen Millimeter klar erkennen zu können. Alles um mich herum scheint sich auf einmal zu verändern. Mit einem Mal scheint nicht mehr Nacht, sondern Tag zu sein. Stunden scheinen wie Sekunden dahinzurennen und alles scheint nicht mehr still zu stehen, sondern sich zu bewegen.
Es ist eigenartig. All dies wird von einem einzigen Blick in seine Augen ausgelöst. Ein Blick in seine Augen.
In der nächsten Sekunde jedoch scheint alles stehen zu bleiben. Ich kann nicht mehr atmen, kann nicht mehr sprechen. Diesmal wird dies nicht von seinen Augen ausgelöst, sondern von seinen Worten, die mir nahezu die Kehle zuschnüren.
"Würdest... würdest du wollen, das da etwas zwischen uns ist? Ich meine, mehr als Freundschaft? Du weißt schon.. mehr?"
Mein Herzschlag beschleunigt sich und mein Puls hämmert wie verrückt gegen meinen Hals. Kann es sein, dass er das gar nicht gesagt hat? Ist es möglich, dass ich mir das nur vorgestellt habe? Eine dieser Phantasien, die ich eigentlich gar nicht haben soll? Eine dieser verbotenen Phantasien, die mich immer und immer wieder heimsuchen? Ich schlucke schwer, kann meinen Blick nicht von ihm abwenden.
"Gill?" Ich kann ihn nicht länger ansehen. Ich sehe hinab zu dem weißen Stoff des Bettlakens und versuche, mich wieder zu konzentrieren. Versuche, wieder Worte zu finden, die ich schon vor langer Zeit vergessen habe.
"Ich... ich..." Ich kann nicht. Das Sprechen fällt mir nun schwerer als je zuvor. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Was ist Sprechen? WIE spricht man? Ich weiß, dass ich mit meinen Lippen Worte formen sollte, doch ich kann es nicht. Ich sollte ihm sagen, dass da niemals etwas zwischen uns sein ist- weil es nicht sein soll und weil es nicht sein kann. Doch es ist mir nicht möglich. Ich sollte ihm sagen, dass ich Julian liebe und mich auf die Hochzeit mit ihm freue. Doch es ist mir nicht möglich. Ich sollte ihm sagen, dass er für mich niemals mehr als ein Freund sein wird. Doch dies scheint das Unmöglichste auf der Welt zu sein. Ich will ihm so viele andere Dinge sagen...
"Ich bin verlobt und du... in gewisser Weise auch. Roger, ich werde bald heiraten!", ist das einzige, was über meine Lippen dringt. Bereits als diese Worte meinen Mund verlassen, bereue ich sie. Wieder einmal hat die Vernunft gesiegt. Wieder einmal war es der Vernunft gelungen, vor meinem Herzen zu sprechen.
Ich kann ihm noch immer nicht in die Augen sehen. Zu groß wäre die Gefahr, doch noch all die Dinge zu sagen, die irgendwo tief in mir ruhen. Zu groß wäre die Verlockung ihn...
Die ganze Himmel scheint über mir einzustürzen, als ich spüre, wie er sich aufrichtet- sich zum Gehen fertig macht.
Ohne das ich es merke, schnellt plötzlich meine Hand nach vorne - greift nach seiner Schulter. Und ich erreiche ihn noch rechtzeitig. Noch bevor er aufstehen kann, hat meine Hand ihr Ziel erreicht und versucht ihn zurückzuhalten. Ich richte mich auf, setze mich ihm gegenüber. Enttäuschung. Ich sehe Enttäuschung in seinen Augen.
"Roger, ich will dich nicht als Freund verlieren, nur..."
"Gill, du wirst mich niemals als Freund verlieren, hörst du? Niemals.. es war nur eine blöde Frage. Weißt du? Eine ‚was wäre wenn’ Frage", fällt er mir ins Wort.
"Nein, lass mich ausreden, bitte." Ich muss nun all meinen Mut zusammen nehmen- all meine Kraft. Entweder ich bin im Stande dazu, ihm dies nun zu sagen, oder ich werde es niemals wieder können. Diese Augenblick, diese Moment hat etwas, was ich nicht beschreiben kann. Er hat etwas besonders... es ist ein Moment voller Aufrichtigkeit, voller Vertrauen. Ich muss es ihm nun sagen. Jetzt oder nie. "Ich wollte sagen, dass ich dich nicht als Freund verlieren will. Du bist in der kurzen Zeit, in der ich dich kenne, zu einem meiner engsten Vertrauten geworden. Du bist zu jemandem geworden, mit dem ich über alles reden kann. Du bist jemand, mit dem ich lachen kann, aber du bist auch jemand, mit dem ich weinen kann, wenn ich das Gefühl habe, die ganze Welt um mich herum droht zu zerbrechen. Und doch habe ich Angst, dass du gehst, wenn ich dir jetzt sage, was ich zu sagen habe." Als ich merke, dass er mich unterbrechen will, halte ich kurz inne und lege meinen Zeigefinger auf seine Lippen. "Und bitte unterbrich mich jetzt nicht, denn ich weiß nicht, ob ich, wenn ich es nicht jetzt sage, jemals wieder in der Lage dazu sein werde... Ja, du hast recht. Ich bin verlobt. Und du... du hast eine kleine Familie, um die du dich kümmern musst. Ich weiß, dass es falsch ist... ich weiß, dass ich dich nur als Freund sehen sollte. Doch ich kann nicht. Du bist für mich mehr als nur ein Freund. Es ist falsch von mir, über dich als jemanden zu denken, der mich liebt und mir in der Nacht Wärme spendet. Es ist falsch von mir, dich als jemanden zu betrachten, dem ich meinen Körper anvertrauen würde... voller Erwartung. Und es ist falsch von mir dich... dich zu lieben. Aber ich tue es. Ich kann nichts dagegen tun. Ich weiß, es ist unfair gegenüber Julian. Doch ich kann nichts gegen diese Gefühle unternehmen, die jedes Mal in mir aufsteigen, wenn ich in deiner Nähe bin." Ich unterbreche mich selbst, atme hörbar aus und versuche in seinen Augen etwas zu erkennen. Jedoch hat sich ein dunkler Schleier über diese gelegt. Ich weiß nicht, ob dieser etwas Gutes oder etwas Schlechtes zu bedeuten hat. Allerdings kann er mich nicht davon abhalten, nach einigen Sekunden des Zögerns, weiter zu sprechen.
"Weißt du... als wir uns das erste Mal begegneten dachte ich mir nur, wie froh ich sein kann, jemanden wie dich an meiner Seite zu haben. Jemanden wie dich... der mich auf dem Weg zurück zur Bühne begleitet, mir hilft und mir Anweisungen gibt. Doch mehr und mehr habe ich gemerkt, dass du mir keine Anweisungen gegeben hast. Du hast dich nicht neben mich gestellt und mir gesagt, was ich zu tun habe. Im Gegenteil. Du hast mich bei der Hand genommen und mir die neue Welt gezeigt, die sich vor mir aufgetan hat. Und dafür bin ich dir dankbar. Eben deswegen habe ich solch große Angst davor, dich zu verlieren, jetzt wo du alles weißt. Ich will nicht, dass du meine Hand nun los lässt, nur weil du weißt, wie ich für dich empfinde. Ich werde nie wieder darüber sprechen, wenn du es so willst. Ich werde all meine Gefühle für dich vergessen, wenn du mich darum bittest..." Ich stocke als Roger meine Hand in die seine nimmt und leichten Druck darauf ausübt. Noch während ich ausatme fahre ich fort. "Irgendwie habe ich das Gefühl, ich rede jetzt nur noch wirres Zeug." Ich muss lächeln. "Doch ich halte es für wichtig..." Noch einmal hole ich tief Luft, blicke ihm direkt in die Augen - was ich während meiner Rede vermieden habe. "..., dass du all das weißt. Es wäre falsch, wenn ich es dir vorenthalten würden und dann ohne ein weiteres Wort wieder verschwinden würde, wenn das Stück zu Ende ist. Ich kann jetzt nur noch hoffen, dass du es verstehst. Das du verstehst, dass ich alles vergesse, wenn du mich darum bittest. Du kannst mich um alles bitten, nur bitte verlange danach nicht, dass ich dich als Freund vergesse."
Ich senke meinen Kopf und halte die Luft an. Im Moment wünsche ich mir, ich könnte die Uhr der Zeit zurückdrehen und noch einmal von dem Moment anfangen, als er ins Theater kam. Ich wünsche mir auf einmal, all diese Dinge nicht gesagt zu haben, obwohl ich doch so großes Verlangen danach verspürte, all die Worte auszusprechen. Plötzlich bereue ich es, meinen Gedanken freien Lauf gelassen zu haben. Noch immer hält er meine Hand und auf einmal kann ich spüren, wie er sich näher zu mir beugt. Roger legt seine zweite Hand auf meine Wange und zwingt mich so, ihn anzusehen. Er führt meine Hand, die er immer noch fest umschlossen hält, zu seinem Herzen - lässt sie dort zur Ruhe kommen. Ich kann die Wärme spüren, welche von seinem Körper ausgeht.
"Gill. Ich... ich war immer der Meinung, dass nur ich diese Gefühle habe. Ich habe gedacht, dass nur ich Nacht für Nacht wachliege und darüber nachdenke, ob es richtig oder falsch ist, dich zu lieben. Und weißt du was? Ich hatte kein schlechtes Gewissen, als ich entschieden habe, dass es richtig ist. Ich mag jetzt klingen wie... ach, ich weiß nicht, wie ich jetzt klinge. Vielleicht wie ein Egozentriker, der nichts anderes als sich selbst im Kopf hat und weder an seinen Sohn, noch an... an seine Freundin denkt. Aber... ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich habe mich entschlossen, dass es richtig ist, dich zu lieben. Es ist richtig, so für dich zu empfinden, wie ich noch nie zuvor für einen Menschen empfunden habe. Die Liebe ist eine seltsame Sache, Gill. Die Liebe tut weh, die Liebe enttäuscht dich. Doch wenn du nur sagen kannst, dass du einmal in deinem Leben wirklich geliebt hast, bist du der glücklichste Mensch auf Erden. Und ich bin der glücklichste Mensch auf Erden. Eben dies habe ich erkannt. Ich habe erkannt, dass ich behaupten kann, einmal wirklich geliebt zu haben. Zwar dachte ich, ich würde diese Liebe so schnell wieder verlieren, wie sie gekommen war, doch ich hatte geliebt. Ich habe mir Nachts oft Gedanken darüber gemacht, was ich wohl machen werde, wenn du wieder nach Los Angeles zurückkehrst. Ich habe darüber
nachgesonnen, was wohl geschehen würde, wenn ich dir gestehen würde, wie ich für dich empfinde. So viele Szenarien haben sich in meinem Kopf abgespielt. Ich habe vor meinem inneren Auge gesehen, wie du dich von mir abwendest. Ich habe gesehen, wie du über mich lachst. Doch ich habe bei Gott nicht daran gedacht, dass du genauso empfinden könntest..."Tränen beginnen sich in meinen Augen zu bilden. Sein Herz spricht zu meinem und ich habe das Gefühl, als würde es gleich zerspringen. Zerspringen durch die Wucht seiner Worte, durch die Liebe, die in ihnen mitschwingt. Die erste Träne beginnt meine Wange hinunter zu rinnen, als ich in seinen Augen etwas erkennen kann, was mir so lange verborgen geblieben ist. Etwas, was ich so lange vergeblich zu suchen glaubte. Jetzt erst ist mir klar, dass es schon immer dort gewesen ist. Nur ich habe es nicht gesehen. Vielleicht wollte ich es einfach nur nicht sehen. Auf einmal meine ich in dem Meer der Gefühle, welches sich vor mir aufgebreitet hat, zu versinken. Immer tiefer und tiefer falle ich, immer höher und höher steigt das Wasser. Doch ich versuche mich nicht dagegen zu wehren. Nicht mehr. Ich lasse es einfach geschehen. Ich lasse mich immer weiter in die Tiefe ziehen. Gerade aber, als es so scheint, als würde ich den Moment vergessen, werde ich in die Realität zurück geholt. Eine Realität in der sich Lippen auf meine legen. Warm, zart, vorsichtig. Ich scheine mich in Trance zu befinden, denn mein Körper befolgt keinen der Befehle, die ich ihm gebe; und obwohl meine Augen geöffnet sind, kann ich nichts erkennen. Alle Umrisse sind verschwommen. Ich kann nur noch einen Herzschlag wahrnehmen. Ist es meiner? Ja. Gleichzeitig höre ich ein dumpfes Klopfen in meinem Ohr. Mein Puls rast wie verrückt, das ganze Universum scheint auf einmal stehen geblieben zu sein. Und plötzlich ist es vorbei. Alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Das Pochen ist verschwunden und auch die Wärme, welche ich nur Sekunden zuvor auf meinen Lippen spürte, ist verloren.
Erst jetzt beginnen sich wieder Bilder zu formen. Die Schatten werden zu Figuren, die Figuren werden zu klar definierbaren Gegenständen. Einer der Schatten nimmt eine mir wohl bekannte Form an. Nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt hat er angehalten. Ich vermag es nicht zu sprechen. Zu sehr muss ich mich darauf konzentrieren, meine Blicke nicht von ihm ab zu wenden.
Was war gerade geschehen? Hat er mich wirklich geküsst? Waren es wirklich seine Lippen, die ich auf meinen fühlte? Panik beginnt sich auf einmal in mir auszubreiten. Ich weiß nicht warum, aber mit einem Mal bekomme ich Angst.
Ich sollte gehen.
Ich sollte ihm sagen, dass ich gehen MUSS. Alles in mir beginnt zu schreien, bereitet meinen Körper auf die Flucht vor.
Irgendetwas aber hält mich zurück.
Ich sollte gehen.
Doch ich kann nicht. Etwas, was sich gegen jegliche Vernunft stellt, verbietet es mir.
Ich sollte gehen.
Etwas sehnt sich danach, noch einmal die Berührung seiner Lippen zu spüren.
Ich sollte gehen.
Ich habe meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle. Ein Verlangen, welches ich schon lange verloren glaubte, entbrennt auf einmal wieder - nur bei dem Blick in seine Augen. Ich blicke in die Augen eines Mannes, der mich aufrichtig liebt. Und der mir diese Liebe gestanden hat. Ich blicke in die Augen eines Mannes, der für mich so viel mehr ist, als nur ein Freund.
Ich sollte bleiben.
Viel zu lange habe ich auf einen solchen Augenblick gewartet. Viel zu lange habe ich vergebens auf ein Zeichen gewartet. Nicht von ihm, sondern von mir selbst. Ich habe darauf gewartet, dass ich mein Gewissen endlich beruhigen kann. Dass ich sagen kann, dass es richtig ist. Jetzt verstehe ich, dass es eine solche Zustimmung niemals geben wird. Es ist nicht richtig, was ich im Moment denke. Es ist nicht richtig, was ich im Moment fühle. Und doch will und kann ich es nicht länger unterbinden. Ich beuge mich nach vorne, versuche die wenigen Millimeter, die mich noch von ihm trennen, in einem Nichts verschwinden zu lassen. Und es gelingt mir.
Unsicher und zögernd wandert seine Hand meinen Rücken hinauf, und als ob ich ihm die Erlaubnis dazu erteilen will, streiche ich zart mit meiner Zunge über seine Lippen. Ich meine ein leises Seufzen zu hören, doch ich weiß nicht, von wem es kommt. Und es ist mir in diesem Moment egal. Ich versuche jeden Millimeter Luft, der sich nun noch zwischen unseren Körpern befindet, zu verdrängen und rücke näher an ihn heran, versinke in seiner Umarmung. In jenem Moment, als sich seine Arme beschützend um mich legen, öffnen sich seine Lippen und unsere Zungen treffen aufeinander. Dies geschieht durchaus nicht zum ersten Mal. Eigentlich passiert es jeden Tag, oft sogar zweimal. Jedoch ist es etwas anderes - eine andere Situation. Auf der Bühne. Ein Bühnenkuss. Jetzt aber ist es so viel mehr. Es ist der erste Kuss, den zwei Liebende teilen. Es ist der erste Kuss zwischen zwei Seelen, die endlich zueinander gefunden haben. Mit einem leisen Seufzen, welches diesmal eindeutig von mir stammt, gebe ich mich all den Gefühlen hin, die sich seit unserer ersten Begegnung in mir aufgestaut haben.
Auf einmal ist alles um mich herum vergessen. Selbst der Widerstand scheint gebrochen. Nichts von den Ängsten, welche mich zuvor heimsuchten, ist noch da. Es scheint sich alles in Luft aufgelöst zu haben. Zögernd wandert meine Hand hinauf und vergräbt sich schließlich in seinen Haaren, drückt seinen Kopf näher an mich.
Mir scheint der Atem für einen Moment zu stocken, als ich spüre, wie sich seine große, warme Hand den Weg unter meine Bluse bahnt. Nur noch Zentimeter ist er von meiner Haut entfernt, und doch kann ich die Wärme schon fühlen. Als seine Hand schließlich zart und vorsichtig über die soeben entblößte Haut streicht, durchfährt ein Kribbeln meinen ganzen Körper. Es scheint überall zu sein, bis es sich plötzlich nur noch auf einen Punkt konzentriert.
Ungewollt beschleunigt sich mein Atem. Rogers Hand verweilt allerdings nicht lange an der Stelle über meinen Hüften, sondern wandert ein Stück weiter nach oben - zieht die schwarze Bluse mit sich hoch.
Als mir mein Körper seinen Dienst verweigern will, lasse ich mich langsam zurückfallen. Der Kontakt unserer Lippen bricht. Ebenso wie der Kontakt zwischen unseren Körpern. Mein Kopf sinkt auf eines der Kissen zurück und mit einem Lächeln beginne ich, die ersten Knöpfe der Bluse zu öffnen. Nein, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es gibt keinen Ausweg mehr. Wir haben etwas begonnen, was danach ruft, vollendet zu werden. Und selbst wenn ich aufhören wollte, ich kann es nicht. Nicht mehr.
"Gill, bist du dir..." Seine Stimme ist rau. Er räuspert sich, fährt sich mit einer Hand durch die Haare - bricht den Blickkontakt zu mir allerdings nie ab. Noch bevor er diesen Satz zu Ende sprechen kann, richte ich mich ein wenig auf, greife nach seiner Hand und ziehen ihn, so weit es mir möglich ist, zu mir herab. Er scheint immer noch nicht ganz verstehen zu wollen, dass es für mich kein Zurück mehr gibt - Er scheint immer noch nicht ganz verstanden zu haben, dass ich ihn wirklich liebe...
Als ich merke, wie sein Wiederstand nur für einen Moment bricht, ergreife ich meine Chance. Ich weiß nicht, wie es mir gelingt, doch irgendwie schaffe ich es, ihn auf seinen Rücken zu drehen - ihn mit einem meiner Beine links und einem Bein rechts in dieser Position zu fixieren. Für einen Augenblick sehe ich ihn an, versuche ihm all die Liebe zu zeigen, welche ich für ihn empfinde. Und er scheint sie erkennen zu können. Wie in Trance streckt er eine Hand nach mir aus, lässt sie auf meiner Wange zur Ruhe kommen. Zart streicht er mit seinem Daumen auf und ab und ich drehe meinen Kopf, um diesen Küssen zu können.
"Ich bin mir sicher", vollende ich seinen zuvor angefangen Satz, und beuge mich hinunter, um unsere Lippen wieder zu vereinen. Abermals treffen sich unsere Zungen. Doch diesmal tanzen sie nicht den müden, trägen Tanz von vorhin. Nein. Diesmal ist ein Feuer zwischen ihnen entfacht, welches alles zu verschlingen droht. Ein Feuer, welches sich unser beider Körper ausbreitet. Jeder Zentimeter meiner Haut scheint zu brennen - sehnt sich nach einer Berührung. All meine Muskeln sind angespannt. Ich unterbreche den Kuss und lasse meine Lippen über sein Gesicht wandern. Erst seine Wangen, dann seine Augen,... seine Stirn... seine Schläfen. Ich lasse mir Zeit damit, und schließlich finde ich meinen Weg hinab zu seinem Hals. Unter meinen Lippen kann ich seinen Pulsschlag wahrnehmen, welcher sich von Sekunde zu Sekunde zu beschleunigen scheint. Während ich federleichte Küsse über seinen Hals verteile, ziehe ich mit meinen Händen den dunkelblauen Pullover, den ich schon so oft zu vor an ihm gesehen habe, nach oben. Nur für den Bruchteil einer Sekunde lasse ich von ihm ab, um das unliebsame Kleidungsstück über seinen Kopf und neben uns auf das Bett zu befördern. Ich kann die Wärme seines Körpers durch den dünnen Stoff meines BHs hindurch fühlen. Plötzlich baut sich eine Hitze in mir auf, die ich nicht beschreiben kann.
Langsam wandere ich tiefer, erkunde mit meinen Händen seinen Körper - will mir jeden Millimeter davon, jede kleine Unebenheit einprägen. Als ich für einen Moment anhalte, streife ich die Bluse über meine Schulter und reiche mit meinen Armen nach hinten, um auch den BH öffnen zu können. Doch ich werde gestoppt. Roger hat sich aufgerichtet, reicht mit seinen Armen um mich herum. Ich lasse ihn gewähren und platziere meine Hände auf seinen Schultern. Er öffnet den Verschluss und sofort rutscht einer der Träger von meiner Schulter. Für einen kurzen Augenblick lässt er seine Hände auf meinem Rücken verweilen. Als ich meine Arme schließlich von ihm nehme und senkte, streift er mir auch den zweiten Träger von der Schulter. Lautlos fällt das schwarze Stück Stoff zwischen uns und Roger hält für einen Moment den Atem an. Er betrachtet mich. Seine Blicke wandern an meinem Hals entlang, hinab zu meinen Brüsten und wieder zurück. Er öffnet leicht seine Lippen. Ich meine, eine Faszination in seinen Augen zu erkennen, welche ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Plötzlich merke ich, wie eine Hand langsam an meiner Seite heraufstreicht. Sie zittert leicht. Noch bevor sie jedoch ihr Ziel erreicht, hält sie inne. Roger sieht zu mir auf, scheint darauf zu warten, dass ich es ihm verwehre. Doch ich tue es nicht. Ich würde es niemals tun.
Ich lächle ihn an und nun scheint all die Unsicherheit vertrieben. Vorsichtig umschließt er meine linke Brust und ich lege meinen Kopf leicht zurück - sauge Luft in meine Lungen, welche nach einem Atemzug schreien. Ich scheine meinen Körper nun endgültig nicht mehr unter Kontrolle zu haben, denn, ohne das ich meine Zustimmung dazu gegeben habe, presst er sich in rhythmischen Bewegungen gegen sein Gegenüber.
Ein leises Stöhnen aus Rogers Mund jedoch, zeigt mir die scheinbare Richtigkeit dieser Handlung und vorsichtig lässt er mich wieder auf das Bett sinken. Er ist nun über mir und ich kann seinen heißen Atem auf meinem Gesicht spüren.
Ich schließe meine Augen, doch plötzlich ist er verschwunden.
Scheinbar eine Ewigkeit später höre ich das Geräusch welches der Boden von sich gibt, wenn er von etwas metallenen getroffen wird. Ein Gürtel. Unachtsam hat er seine Schuhe, Socken und seine Hose auf den Boden geworfen. Bereits im nächsten Moment kann ich seine warmen Lippen an meinem Hals spüren. Seine Zunge zeichnet einen imaginären Strich auf meine Haut, welcher schließlich kurz vor dem Tal zwischen meinen Brüsten zu ende scheint. Schließlich hat er ein neues Ziel gefunden und aus den Linien werden Kreise. In endlos langsamen Bahnen umkreist er mit der Spitze seine Zunge meine Brustwarze, nur um diese dann Sekunden später in seinen Mund zu saugen. Abermals finden meine Hände ihren Weg in seine Haare und ich kann das leise Wimmern nicht mehr unterdrücken.
Als er die süße Qual schließlich enden lässt, lässt mich die Luft, welche auf die feuchte Stelle trifft, hörbar ausatmen. Doch ehe ich meine Konzentration, welche in immer weitere Ferne rückt, wieder erlangen kann, lässt er der zweiten Brustwarze die gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden.
Schließlich begibt sich seine Zunge wieder auf Wanderschaft. Seine Lippen streifen zart meine Haut und verteilen Schmetterlingsküsse auf meinem Bauch. Seine Hände legen sich auf meine Hüften und schließlich finden seine Finger den Knopf meiner Hose. Ich hebe mein Becken leicht an und noch ehe das Geräusch des Reisverschlusses verhallt ist, ist die Hose verschwunden. Mit zittrigen Fingern zeichnet er die Konturen meiner Hüfknochen nach. Ich erschaudere, als er eine Hand unter den Stoff meines Slips schiebt. Gleichzeitig jedoch bin ich erleichtert. Nach einer kleinen Unendlichkeit ist er endlich dort angelangt, wo ich ihn am meisten brauche. An einer Stelle, die schon von Anfang an nach ihm gerufen hat.
Ich beiße mir leicht auf die Unterlippe und konzentriere mich auf seine Hand. Meine Augenlider sind zu schwer geworden, um diese noch lange offen zu halten und doch versuche ich, sie mit aller Kraft daran zu hindern, sich zu schließen. Immer näher rückt ein Abgrund, dem ich jetzt noch nicht zu nahe kommen will. Und doch wird die Entfernung zu ihm immer kleiner.
"Roger..." Meine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Ein Atemhauch. Doch er hat verstanden. Er versteht mich immer. Er streift den Slip über meine Hüften und entledigt sich gleich darauf seiner Boxershort. Als er diesmal zu mir zurückkehrt, werden wir beide von einem überwältigendem Gefühl heimgesucht. Das Gefühl von nackter Haut auf nackter Haut. Keine störenden Stoffstücke, welche das wichtigste verdecken sollen - wie während unserer Bettszenen auf der Bühne. Nur Haut an Haut. Plötzlich kann ich spüren, wie etwas gegen meinen Bauch drückt. Etwas hartes. Konzentration hin oder her, mein Wille ist gebrochen. Ich kann nicht mehr. Und ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr der Konzentration, der Beherrschung nachjagen, welche schon vor langer Zeit von mir gewichen ist. Ich will mich nur noch all den Gefühlen hingeben. All den Empfindungen. Ich will fühlen...
Ohne ein weiteres Wort öffne ich meine Beine weiter - nahezu wie eine Einladung. Wie eine Bitte.
Und er folgt dieser stillen Bitte. Roger sinkt auf mich und ich weise ihm mit einer Hand den Weg. Ich schlinge meine Beine um ihn, versuche ihn so nah wie möglich an mich zu drücken. Schwer atmend halten wir beide einen Moment inne. Zu neu ist dieses Gefühl, zu unbekannt ist dieses Terrain. Ich meine jeden Muskel seines Körpers spüren zu können. Ich kann die Anspannung spüren, welche sich zunehmend in ihm ausbreitet. Er wartet auf ein Zeichen von mir. Doch ich weiß, dass wir beide noch einen Augenblick benötigen, um uns an dieses unbeschreibliche Gefühl zu gewöhnen, um dies alles nicht all zu früh enden zu lassen. Ich genieße das Gewicht, sein Gewicht, welches mich sanft in die Matratze drückt. Als sein Kopf für einen Moment in meiner Halsbeuge zur Ruhe kommt und ich seinen Atem - schwer und unregelmäßig - dicht an meinem Ohr wahrnehmen kann, beginne ich mit meinen Händen über seinen Rücken zu streichen. Liebevoll, zärtlich.
Ich drehe meinen Kopf und suche nach seinen Lippen. Millimeter bevor sie aufeinander treffen, halte ich inne.
"Ich liebe dich", flüstere ich ihm zu. Ich weiß, dass er meinen Atem auf seinen angefeuchteten Lippen spüren kann.
Die Worte scheinen bis tief in sein Herz vorzudringen und sein ganzer Körper scheint mit einem Mal zu zittern.
Und als wir uns wieder an längst vergangene Küsse erinnern, gibt er schließlich der Anspannung nach und beginnt einen konstanten Rhythmus aufzunehmen. Einen Rhythmus, welcher mir in dieser Form bisher noch nicht bekannt ist. Er ist mir bisher noch verborgen geblieben. Er erzählt mir von Vertrauen, Freundschaft und Liebe. Aufopferungsvoller Liebe. Hingebungsvoller Liebe. Und plötzlich wird mir eines klar. In diesem Moment absoluter Klarheit wird mir endlich bewusst, was es wirklich heißt, zu lieben.
Ich weiß nicht, wie lange wir uns in einem Rhythmus bewegen, der mich alles vergessen lässt, denn die Zeit spielt nun keine Rolle mehr. Ich weiß auch nicht, wann unsere Herzen begonnen haben, im Einklang zu schlagen, oder wann unsere Seelen sich zu einer vereinten. Ich weiß nur, dass ich diesen Augenblick für immer festhalten möchte - ihn nie wieder loslassen will. Doch das ist mir nicht möglich, wie mir nun bewusst wird. Tief in mir hat sich etwas aufgebaut, was nun um Erlösung bittet. Es bittet darum, endlich freigelassen zu werden. Meine Lungen schreien nach regelmäßigen Atemzügen und mein Herzschlag sehnt sich danach, wieder etwas mehr Ruhe zu finden.
Und plötzlich baut sich eine Spannung in meinen Muskeln auf, welche mir so neu, so unbekannt scheint, dass ich ihr nicht lange standhalten kann. Ich kann ihr nichts mehr entgegenstellen. Nicht jetzt, als sich Rogers und meine Blicken treffen. Wir beide wissen, dass es enden muss - irgendwann.
Und diesmal werde ich es sein, die all dem ein Ende setzt.
Der Abgrund, welchen ich zuvor versuchte zu meiden, kommt wieder näher. Immer näher auf mich. Jetzt aber will ich nicht mehr vor ihm fliehen. Im Gegenteil. Ich renne auf ihn zu - und springe schließlich hinab.
Ich versuche Halt zu finden, klammere mich an Rogers Schultern. Doch schnell merke ich, dass er mir keinen Halt geben kann. Denn auch er ist, nur wenige Sekunden nach mir, über den Rand des Abgrunds gesprungen. Folgt mir auf meinem Weg in eine alles verschlingende Tiefe.
Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. Meine Augen scheinen ins Leere zu starren. Doch ich weiß, dass da etwas sein muss. Kleine Punkte beginnen sich der schwarzen Leinwand abzuzeichnen. Umrisse, welche ich bis jetzt nur schemenhaft wahrnehmen konnte, beginnen wieder Form anzunehmen. Mein Atem scheint sich wieder beruhigt zu haben und auch mein Herzschlag ist langsamer geworden.
Ich versuche meinen Arm zu bewegen, doch ich kann nicht. Die Muskeln gehorchen den Befehlen nicht, denn sie sind viel zu erschöpft. Kein einziger Muskel in meinem Körper scheint mehr zu reagieren.
Wenigstens scheinen meine Augen ihre Tätigkeit nun langsam wieder aufzunehmen. Ich kann jetzt wieder klar die Umrisse des Theaters erkennen. Die Bühnenstücke, die Requisiten. Als mein Blick zur Seite schweift, kann ich Rogers Kopf erkennen, welcher auf meiner Schulter liegt. Ob er schläft?
"Roger?", frage ich leise. Sollte er eingeschlafen sein, will ich ihn keinesfalls wecken.
"Mmhm?" Die Antwort überrascht mich. Er dreht seinen Kopf zu mir und blickt mich an. "Überrascht?"
"Überrascht? Warum?" Doch, eigentlich bin ich ein wenig überrascht. Ich bin im Grunde überrascht darüber, dass ein Mann, der nun schon auf die 50 zugeht, mich so derart... wow...
"Ich mein nur.. du siehst überrascht aus." Er lächelt mich an.
"Ich hab gedacht, du schläfst...."
"Also.. Ich würde es doch niemals wagen, einfach so einzuschlafen! Wenn mich das Stück eines gelehrt hat, DANN auf keinen Fall einzuschlafen... oder seine Augenlider nach Löchern zu untersuchen." Ich beginne zu lachen und schnell bemerke ich, dass dies vielleicht nicht wirklich die beste Idee ist. Voller Sorge sieht mich Roger an.
"Alles OK... ich hab nur das Gefühl, dass mich morgen eine der bösartigsten Muskelkatzen heimsuchen wird, die ich jemals hatte." Wiederwillig gebe ich ihm ein Zeichen, dass ich nicht länger in dieser Position verharren kann. Und ebenso wiederwillig rollt er sich von mir herunter und kommt auf seinem Rücken zu liegen.
"Warte mal. MuskelKATZE? Heißt das nicht normal MuskelKATER?" Er sieht mich verwirrt an. Grinsend drehe ich mich auf meine Seite, rücke näher an ihn heran und lege meinen Kopf auf seinen Brustkorb. Mit einer Hand beginne ich imaginäre Figuren darauf zu zeichnen.
"Piper sagt immer Muskelkatze. Sie wurde mal von einem Kater aus der Nachbarschaft gekratzt als sie.. ich glaube, sie war fünf. Und seitdem hat sie eine Abneigung gegenüber Katern. Sprich, aus dem MuskelKATER wurde eine MuskelKATZE! Logisch, oder?"
"Einleuchtend..." Ich kann sein Gesicht zwar gerade nicht sehen, aber ich kann mit Sicherheit behaupten, dass gerade ein Lächeln seine Lippen ziert.
Plötzlich schrecken wir beide hoch. Ein Geräusch. Ein relativ lautes Geräusch. Musik! Was zum... Ich blicke auf das kleine Nachtkästchen und kann erkennen, dass sich der... Radiowecker eingeschaltet hat. Sollte der nicht... Ich sehe zu Roger, der mich mit der gleichen Verständnislosigkeit ansieht, die ich ihm wohl entgegenbringen muss. Ich drehe mich zur Seite und suche den AUS- Knopf.
"Du weißt doch.. der ganz außen ist für die Lautstärke, und der daneben ist für..." Ehe er weiterreden kann, werfe ich ein Kissen nach ihm, welches sich gerade in Griffweite befindet. Lachend und das Kissen auf sein Gesicht drückend, lässt er sich in die Matratze zurückfallen. Mit einem breiten Grinsen schalte ich das Gerät aus und sofort ist die Musik verstummt. Radiowecker sind schon seltsame Dinge. Genauso unerklärlich wie Mikrowellen...
Gleich darauf lasse auch ich mich, von einem lauten Seufzer begleitet, zurück ins Bett fallen.
Als ich an die Decke blicke, überkommt mich plötzlich eine eigenartige Traurigkeit. Sie ähnelt der, welche ich am Beginn des heutigen Abends verspürte. Doch es ist nicht das gleiche. Es ist.. anders. Sie vereint Zweifel und Gewissheit in sich. Zweifel an eine Zukunft. Zweifel an ein Morgen. Ein Morgen welches nie wieder so sein wird, wie all die andern "Morgen". Gewissheit, dass sich etwas verändert hat. Das sich sogar SEHR VIEL verändert hat.
Roger nimmt das Kissen von seinem Kopf und sieht mich von der Seite an.
"Was ist los, Süße?"
Ich muss bei diesem Wort lächeln. Doch dieses Lächeln versiegt, als ich meinen Kopf auf die Seite drehe und in diese wunderbaren Augen blicke. Diese Augen, in denen ich mich verlieren könnte; in denen ich ertrinken könnte.
Ich senke meinen Blick.
"Ich habe nur gerade daran gedacht, dass... weißt du, in einer anderen Welt, in einer besseren Welt, könnten wir jede einzelne Sekunde des Tages miteinander verbringen. Wir könnten nebeneinander aufwachen und wenn sich ein wunderschöner Tag seinem Ende neigt, könnten wir nebeneinander einschlafen." Ich unterbreche mich selbst, rede dann aber, gedankenversunken, weiter. "Wenn alles anders wäre... wenn alles anders wäre, müsste ich mir jetzt keine Gedanken darum machen, wen ich verletze habe. Oder wem ich mit was weh getan habe. Aber so... Roger... Ich habe erst vor wenigen Augenblicken, so scheint mir, den Menschen gefunden, den ich wirklich und aufrichtig liebe. Ich habe Angst davor, ihn im nächsten schon wieder zu verlieren." Ich versuche den Tränen, welche sich in meinen Augen bilden wollen, keine Chance zu geben. Als mich Roger jedoch in seine Arme schließt, kann ich nicht anders, als ihnen freien Lauf zu lassen.
"Shhh... Kleines, Gill, nicht weinen." Sacht streicht er mit einer Hand durch mein Haar, zieht mich mit der anderen noch näher an sich. "Ich weiß, was du meinst. All die Gedanken daran, was anders sein könnte, WENN... doch es ist nun mal nichts anders. Alles ist so wie es ist und mit dem müssen wir leben." Mein Herz setzt für einen Schlag aus. Will er damit etwa sagen, dass das alles keine Bedeutung hatte? Das wir so weiter machen sollen, wie bisher? Sollte alles nur eine Lüge gewesen sein? Roger scheint bemerkt zu haben, dass ich mich verspannt habe und sogleich redet er weiter.
"Du hast mich nicht ausreden lassen! Ich wollte sagen, dass wir nunmal Entscheidungen getroffen haben - bevor wir uns kennen lernten. Jetzt haben wir andere getroffen. Ich bin bereit, dazu zu stehen, wenn du es bist."
Ich warte darauf, dass er weiter spricht. Stille. Ich sehe zu ihm auf. "Entscheidungen?"
Vorsichtig wischt er mit einer Hand die letzen versiegenden Tränen weg. "Ja, Entscheidungen. Ich habe die Entscheidung getroffen, dass ich den Rest meines Lebens mit niemand anderem als dir verbringen will. Ich habe die Entscheidung getroffen, dass ich meine... ‚Familie’ aufgeben werde, um bei dir zu sein... wenn du diese Entscheidungen akzeptierst."
Dies Worte schnüren mir die Kehle zu. Für einen Augenblick weiß ich nicht, was ich sagen soll.
"Ich... ich kann nicht von dir verlangen, dass du deine Familie wegen mir aufgibst! Das wäre..."
"Gill, du verlangst es nicht von mir.. ich tue dies aus meinem eigenen, freien Willen." Nachdem er mir einen federleichten Kuss auf die Stirn gegeben hat, spricht er weiter. "Das mit Rebecca würde nicht mehr lange gut gehen. Im Grunde ist es nur noch Will, der mich bei ihr hält. Will ist es, für den ich jeden Tag da sein möchte. Ich werde William niemals aufgeben. Ich glaube, dass verstehst du. Aber ich kann einfach nicht wieder Tag ein Tag aus neben jemanden aufwachen, den ich nicht liebe. Und ich kann mir nicht tagein, tagaus Gedanken darüber machen, was die Frau, der mein Herz gehört, wohl gerade macht, ohne jemals Gewissheit darüber zu erlangen."
"Roger, ich... wir werden einen Weg finden. Werden wir doch, oder?"
"Ja, das werden wir. Wir werden einen Weg finden, der unsere Leben zu einem werden lässt."
Ich bette meinen Kopf wieder auf seinem Brustkorb.
Für einen Moment wird die Stille nur durch seinen Herzschlag unterbrochen, dessen konstanten Rhythmus ich deutlich wahrnehmen kann.
"Und wenn wir Glück haben, sterbe ich eine Minute nach dir, sodass du niemals allein sein wirst und ich keine Zeit haben werde, ein gebrochenes Herz zu haben..." Diese Worte von Melinda Metz berühren mich bei jeder Aufführung von neuem. Früher wünschte ich mir immer, ich könnte sie zu jemandem sagen.. sie ernst meinen. Und das tue ich nun. Ich meine sie ernst. Sie kommen aus meinem Herzen welches schon längst nicht mehr nur mir alleine gehört.
"Ich liebe dich, Süße..."
"Ich liebe dich auch."
Ich weiß, dass noch ein langer und steiniger Weg vor uns liegt. Wir müssen den Menschen, die wir glaubten zu lieben davon erzählen, dass wir erst jetzt die einzig und wahre Liebe gefunden haben. Doch wir werden es gemeinsam durchstehen. Ich weiß es. Ich glaube daran.
Wir werden einen Weg finden.