Titel: Beautiful Stranger
Autor: Cat 
E-Mail:
CrazyCat179@aol.com
Rating: R
Spoiler: Game Over
Keywords: Angst, Scully POV, Adventure, Challenge, Mulder Torture (zumindest indirekt etwas)
Timeline: No Doggett, no Will, no nothing!
Disclaimer: Mhm, schon wieder mein Lieblingsteil... daran arbeite ich mit meinem Therapeuten. Also, die X-Files gehören überhaupt gar kein kleines Bißchen mir. Keine Verletzung irgendwelcher Rechte beabsichtigt.
Feedback: Sure, Fine, Whatever!
Short-Cut: In einer schier ausweglosen Situation kann Scully nur noch ein Wunder helfen. Doch Wunder gibt es immer wieder, oder?
My thankx: 1. Möchte ich Ulla danken! Honey, du bist definitiv die Krankenschwester meines Vertrauen. 2. Geht mein Dank an Kitty, meine "Waffenexpertin". 3. Danke an Jen für die Beta! *knuddel* 4. Darf ich noch Sonni für ihre Ideen und die Inspiration danken!
Widmung: Diese Story ist für Hanne, die mir gezeigt hat, dass Familie nicht nur unangenehm sein kann. Ich hab dich lieb, Sweety!


Beautiful Stranger


04:45 PM
Lagerhalle bei Washington DC


Manchmal frage ich mich, aus welchem Grund ich immer und immer wieder meinen Hals für Mulder riskiere. Denn, um ganz ehrlich zu sein, ich bin nicht Wonderwoman! Ganz und gar nicht. Denn Wonderwoman würde wohl kaum zusammengekauert und ohne Waffe in einer Lagerhalle hinter verrosteten Containern in Deckung gehen. Um mich herum hagelt es Schüsse und ich bete, dass dieser alte Metallhaufen robuster ist, als er aussieht. Aber das Frustrierendste ist, dass ich nichts tun kann. Bei dem Sturz vom Gerüst habe ich meine Waffe verloren. Nicht gerade ein cleverer Schachzug, aber wenn man rücksichtslos einige Meter durch die Luft geschleudert wird und gleichzeitig darauf bedacht sein muss, nicht von Kugeln durchsiebt zu werden, ist man meines Erachtens nicht mehr ganz denkfähig. Zudem habe ich meine SIG Sauer erst jetzt erspäht. Sie liegt etwas entfernt von meiner Position und ich müsste meine Deckung aufgeben, um zu ihr zu gelangen. Meine Chance, hier irgendwie lebend wieder heraus zu kommen, beläuft sich um die 0 Prozent. Ich weiß nicht genau, mit wie vielen Schützen ich es zu tun habe, aber zu Gesicht bekommen habe ich bereits fünf. Und meiner Schätzung nach lauern noch zwei bis drei weitere in der entgegengesetzten Richtung. Nur ein Wunder würde mich jetzt noch retten. Und seit meiner Zusammenarbeit mit Fox Mulder hat sich mein Glaube an Wunder drastisch reduziert.

Gott, ich weiß nicht einmal, ob mein Partner überhaupt noch lebt. Diese schießwütigen und brutalen Waffenschieber wirken nicht gerade wie galante Geiselnehmer. Mulder ist gestern Abend verschwunden. Er hatte noch eine aufgebrachte Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen. Wahrscheinlich sollte ich mich schuldig fühlen, dass ich diesen Abend mit einer Freundin beim Italiener verbracht habe. Denn Mulder kennt keine geregelten Arbeitszeiten, er ist ein Full-Time-Workaholic. Und das scheint er auch von mir zu erwarten. Entschuldigung, dass ich noch so etwas wie ein Privatleben habe. Dennoch komme ich nicht umhin, mir Vorwürfe diesbezüglich zu machen. Hätte ich ihn vielleicht von diesem Himmelfahrtskommando abbringen können? Zweifelhaft!

Bevor ich entdeckt wurde, hatte ich in Erfahrung bringen können, dass der Anführer dieser Gang, Morgan Irgendwas, gestern einen Mann beim Herumspionieren erwischt hatte. Aber allem Anschein nach brachte er Mulder nicht mit dem FBI in Verbindung. Vielleicht schießen sie ja nur auf Agenten. Und dieser große, nach Schweiß stinkende Macho weiß jetzt eindeutig, dass ich für die Bundesregierung arbeite. Denn als mich zwei seiner Handlanger aufgegriffen hatten, musste ich mich beim Herauswinden aus ihren stahlharten Griffen von meinem Mantel trennen, in dem sich dummerweise mein FBI-Ausweis befand. Und bei meiner Flucht habe ich dann auch noch meine Waffe verloren.

Drohend hallt Morgans kalte Stimme in der großen Halle wider: "Agent Scully, geben Sie auf, Sie haben keine Chance. Wissen Sie, ich töte nicht gerne Frauen. Wenn Sie jetzt herauskommen, verspreche ich Ihnen, dass es kurz und schmerzlos für Sie sein wird, Dana!" Der letzte Satz ist so gesprochen, als würde er mir den Deal meines Lebens anbieten. Ironischerweise ist es genau das, was er tut. Innerlich ist mir zum Lachen zumute. Zugegeben, hysterisches Lachen! Soll ich ihm vielleicht sagen, dass ich eigentlich gar nicht weiß, worum es hier überhaupt geht? Oder dass ich nur nach dem Mann suche, den er gestern gekidnappt hat, der ebenfalls ein FBI Agent ist? Nun, ich hatte mir nie Illusionen gemacht, dass ich nicht vielleicht irgendwann während eines Falles mein Leben verlieren würde, doch diese Situation ist unwürdig. So möchte ich nicht sterben. Ich beschließe, durch Schweigen und Ignoration wenigstens etwas Zeit zu schinden, und versuche vorsichtig, in die Richtung des Gerüstes zu lugen. Morgans Antwort bekomme ich postwendend serviert. 5 Schüsse donnern durch das stille Lagerhaus und ich ziehe mich ruckartig wieder zurück. Soviel zum Thema "einen Überblick über meine Lage gewinnen". Und meine Resonanz: Erschreckend aussichtslos! Die Pistole, nur einige Meter entfernt, und trotzdem unerreichbar; der Ausgang, ca. 300 Meter entfernt, vereinzelt würden Kisten und Container Deckung bieten – dennoch zu viele ungeschützte Meter in die Freiheit. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren und mein Blick fällt auf die gegenüberliegende Glasscheibe. Eine Fläche von ungefähr 5 m², die aus einzelnen kleinen Scheiben besteht. Ein schneller Sprint und ein Sprung durch das Glas erscheinen vor meinem inneren Auge. Keine der Scheiben ist zerbrochen oder hat eine Riss, und das bei einer verlassenen und abbruchreifen Halle. Plexiglas? Dann würde ich wie eine Fliege daran abprallen und innerhalb weniger Sekunden von Kugeln nur so durchlöchert werden.

Was mir bleibt ist eine wohlüberlegte Abwägung der Für und Wider. Fassen wir zusammen:

Flucht zur Waffe – Sehr wahrscheinlich werde ich schon auf dem Weg dorthin erschossen; und wenn ich die Waffe habe, was kann ich schon groß gegen diese Mehrheit mit der mir verbleibenden Munition ausrichten? Nichts! Möglichkeit abgehakt!

Flucht nach Vorne – Auch hier werde ich wahrscheinlich, bevor ich die rettende Türe erreiche, erschossen. Möglichkeit ebenfalls abgehakt!

Flucht durch Fenster – Die Chance, dieses zu erreichen steht relativ gut. Aber ob ich sie durchbrechen kann, ist fraglich. Alles in allem doch die beste Variante. Und wenn ich es nicht schaffe, erschießen diese Irren mich sowieso. Warum nicht kämpfend untergehen?

Innerlich wappne ich mich für den Sprint und den wahrscheinlich schmerzhaften Sprung durch oder eben gegen das Glas. Mit purer Willenskraft versuche ich alle verbleibenden Kraftreserven zu aktivieren und die Scheibe zum Zerspringen zu bringen. Aus dem Augenwinkel erkenne ich eine Bewegung außerhalb des Lagers, direkt vor der Scheibe. Doch die milchige Beschaffenheit und die zunehmende Dunkelheit behindert eine eindeutige Definierung des Geschehens. Wer könnte da draußen sein?

Die Polizei? Unwahrscheinlich!

Backup? Ebenfalls unwahrscheinlich, niemand weiß, wo ich bin!

Weitere Verbrecher? Ich glaube, mir wird schlecht!

Jetzt oder nie! Meine Situation wird sich nicht verbessern. Angestrengt versuche ich den geeigneten Moment abzupassen. Vergebens, es gibt ihn nicht!

Langsam taste ich mich zum Ende meiner Schutzbarriere. Doch noch ehe ich Anstalten machen kann, loszusprinten, wird die Halle von einem lauten Motorengeräusch überflutet. Scherben fliegen durch die Luft und winzige Splitter rasen auf mich zu. Erschrocken rolle ich mich aus ihrer Reichweite. Doch stechende Schmerzen an meinen Armen lasse erahnen, dass meine Deckungssuche nicht ganz erfolgreich war. Aber nicht nur ich bin von dieser Wendung überrumpelt. Ich höre aufgeregte Zurufe in einer fremden Sprache. Mein Augenmerk richtet sich auf... ja, auf was genau? Meine Rettung? Ein Hoffnungsschimmer durchflutet mich und jagt einen weiteren Schub Adrenalin durch meinen geschundenen Körper. Ein pechschwarzer Jeep mit unlesbarem Nummernschild hat die Scheibe durchbrochen und die Ganoven auf der Empore in rege Aufruhe versetzt. Die verdunkelten Scheiben des Autos lassen keinen Blick ins Wageninnere zu. Obwohl dies alles nur in einem Bruchteil von Sekunden von statten geht, dehnt sich die Zeit in meinen Augen zu Zeitlupengeschwindigkeit.

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht harre ich bewegungslos und mit zittrigen Knien und angehaltenem Atem aus. Erst als die Beifahrertüre aufgerissen wird, sehe ich mich wieder fähig, aus meiner Starre auszubrechen. "Agent Scully, steigen Sie ein, machen Sie schon, wir dürfen keine Zeit verlieren!" Die Dringlichkeit dieser Worte treibt mich zur Eile an. Und obwohl ich nicht weiß, wer mein Retter ist, ist seine Stimme vertrauenseinflößend. Ohne weiteres Zögern renne ich der offenen Türe entgegen. Wer er ist oder was er vorhat, ist mir im Moment erschreckenderweise egal. Ich möchte nur noch raus hier. Und mit den Konsequenzen dieser Entscheidung kann ich später noch hadern. Jetzt zählt einzig und allein, diesen Waffenschiebern zu entkommen. Denn sie haben ebenfalls ihren anfänglichen Schock überwunden und sind sich ihrer Lage wieder bewusst geworden. Abermals knallen Schüsse durch das Chaos und ich könnte schwören, dass ich einen deutlichen Luftzug einer Kugel, die mich knapp gestreift hat, wahrgenommen habe. Ich beschleunige mein Tempo noch etwas, wohlwissend, dass ein schnelles und bewegliches Ziel einen Treffer schwerer macht. Die rettende Wagentüre ist in greifbarer Nähe. Außer Atem werfe ich mich förmlich auf den Beifahrersitz und noch ehe ich Anstalten machen kann, die Türe zu schließen, setzt sich der Jeep mit quietschenden Reifen in Bewegung, zurück durch das zerschmetterte Glas, in die Freiheit.
 
 

*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*

Erleichterung, pure Erleichterung strömt durch meinen Körper. Ich lebe noch! Zischend entweicht mir der Atem, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich ihn angehalten hatte. Nur das stetige und irgendwie beruhigende Brummen des Motors ist zu hören, sonst herrscht absolute Stille. Doch sie ist nicht eisig oder belastend, sie ist erfrischend angenehm. Möglichst unauffällig werfe ich einen Blick auf die Person am Steuer. Mein Retter ist ganz in schwarz gekleidet. Cool und beinahe unberührt starrt er wie gebannt auf die Fahrbahn. Er scheint, als wäre er sich meiner Präsenz überhaupt nicht bewusst.

HALLO, Mr. Superman, ich bin’s, Sie haben mir mein Leben gerettet!

Urplötzlich dreht er sich um und ich blicke nicht mehr auf sein Profil, sondern direkt in seine stahlgrauen Augen. Bevor ich mich in diese tiefen Seelenfenster verlieren kann, richtet er wortlos seine Aufmerksamkeit wieder seiner Aufgabe zu, dem Autofahren. Und abermals bleibt mir nichts, als ebenfalls schweigend weiterhin sein Profil zu betrachten. Er ist ein außergewöhnlich attraktiver Mann. Obwohl mich seine Augen am meisten faszinieren, komme ich nicht umhin, den Rest seines Gesichtes zu betrachten. Seine Stirn ist in nachdenkliche Falten gelegt, seine Lippen hält er fest zusammengepresst, wobei er den Kiefer lautlos hin und herschiebt. Die pechschwarzen Haare fallen ihm in die Stirn. Langsam habe ich genug von diesem Schweigen. Um seine Aufmerksamkeit zu erregen, räuspere ich mich kurz. Dies lässt ihn sich abermals zu mir umdrehen.

"Oh, entschuldigen Sie, Miss Scully, wie unhöflich von mir. Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Declan." Ein schwerer irischer Akzent lässt keinen Zweifel an Declans Herkunft. Bleibt nur noch die Frage: Wieso wusste er, wo ich bin und dass ich genau in diesem Moment Hilfe gebraucht habe. Und woher kennt er meinen Namen? Doch bevor ich diese Probleme verbalisieren kann, spüre ich, wie er mit seiner Hand meine Haare zur Seite schiebt.

"Haben Sie starke Schmerzen? Wir müssten gleich da sein. Halten Sie noch einen Moment durch." Moment mal, wohin fahren wir überhaupt?

"Uhm, Declan. Woher wussten Sie, wo ich war? Und was wissen Sie über mich? Wohin fahren wir überhaupt?" Diese Worte sprudeln in einer solchen Geschwindigkeit aus mir heraus, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ober er alles verstanden hat.

"Miss Scully, Dana, ich kann Ihnen darüber leider keine Auskunft geben. Lassen Sie sich bloß gesagt sein, dass ich seit einiger Zeit Ihre Fortschritte, und natürlich auch die Ihres Partners, gespannt verfolgt habe." Fortschritte, welche Fortschritte? Dann trifft es mich fast wie einen Schlag. MULDER!

"Sie wissen, wo Mulder ist?" Und schon wieder überschlägt sich mein gerade erst beruhigter Puls. In einer Mischung aus Hoffen und Bangen drücke ich mich in die Polster des Sitzes, nur um schmerzerfüllt aufzuschreien. Erst jetzt gleitet mein Blick zu meinen Armen hinunter. Blut, so viel Blut. Behutsam versuche ich, die Schwere der Verletzung festzustellen. Etwa zwei Dutzend Glassplitter stecken in meiner Haut. Aber sie gehen nicht zu tief. Vorsichtig teste ich die Beweglichkeit meiner Hände. Ich spüre zwar ein heftige Pochen, doch die Muskeln und Sehnen scheinen nichts abgekommen haben. Sanft legt sich Declans Hand auf mein Bein. Diese beruhigende Geste lässt mich etwas entspannen.

"Keine Sorge, Agent Scully, wir sind gleich da."

"Da? Wohin fahren wir?" Verwirrt fahre ich mir mit gespreizten Fingern durch die Haare. Von den plötzlichen Schmerzen erneut überrascht, lasse ich meine Hände so behutsam wie möglich in meinen Schoß gleiten. Noch mehr Blut! Meine Finger sind rot gefärbt.

"So, wir sind da, kommen Sie. Können Sie gehen?" Sein besorgter Blick sucht meine Augen und zögerlich lasse ich mir von Declan aus dem Sitz helfen. Der Ire hat direkt vor dem Noteingang des städtischen Krankenhauses geparkt. Behutsam führt er mich durch die Tür. Mein blutverschmiertes Aussehen ruft sofort die erste Schwester, die wir passieren, auf den Plan. Sie begleitet mich zur Aufnahme und nimmt direkt meine Personalien auf. Declan informiert während dessen die energische Frau über meinen Zustand.

Sobald ich die letzten Angaben zu Schwester Amys Zufriedenheit gemacht habe, bringt sie mich in den Behandlungsraum 2. Vorsichtig lege ich mich auf die Liege.

Und auch in diesem sterilen Raum muss ich nicht lange warten. Denn noch ehe ich mich eingehend umsehen kann, wird die Türe geöffnet und ein Arzt betritt in Begleitung einer jungen Schwester den Raum. In seinen Händen trägt er eine Krankenakte, meine Krankenakte. Ich hoffe, er studiert sie nicht von Anfang bis Ende, das würde einige Zeit beanspruchen. Aber immer noch besser als Mulders Akte. Räuspernd macht der Arzt auf sich aufmerksam. "Agent Scully, mein Name ist Doktor Winter und das hier ist Schwester Anabell. Wie ich hier sehe, sind Sie gestürzt..." Während er das Offensichtliche erkennt, beugt der Arzt sich prüfend über mich und tastet sanft meine Kopfverletzung ab. Ohne dass ich es will, zucke ich bei seiner Berührung zusammen.

"Agent Scully, leiden Sie unter Übelkeit oder Schwindel? Wie sieht es mit Kopfschmerzen aus?" Seine Augen suchen über den Brillenrand nach der Antwort.

"Nein, Doktor Winter, ich habe keinerlei Symptome einer Gehirnerschütterung", teile ich ihm meine eigene Prognose mit.

"Oh, ich vergaß, Sie sind ja selbst Ärztin. Nichts desto trotz möchte ich vorsichtshalber eine Röntgenaufnahme machen. Und danach werde ich Ihnen die Platzwunde nähen. Schätzungsweise drei bis vier Stiche. Schwester Anabell, bitte spülen Sie die Wunde klar aus und säubern Sie sie. Dr. Scully, ich werde mich derweil um die Schnittverletzungen kümmern." Und schon sind beide behutsam zugange, mir beim Ausziehen meiner Bluse zu helfen. Aber trotzdem kann ich ein leichtes Stöhnen nicht unterdrücken. Als erstes tastet er meinen Torso vorsorglich ab, aber außer einigen blauer Flecken und einer relativ harmlosen Prellung am Steiß bin ich dort unverletzt. Anabell hilft mir, mich auf den Rücken zu legen. Doktor Winter wendet seine gesamte Aufmerksamkeit meinen Händen zu. Zur allgemeinen Erleichterung sind die Scherben in meinen Armen die einzigen Splitter, die ich abbekommen habe.

Und während Anabell ihren Aufgaben an meiner Stirn nachkommt, säubert Doktor Winter meine verletzen Arme mit einer klaren Desinfektionslösung. Die abermals aufkommenden brennenden Schmerzen lassen mich meine Zähne fest zusammenbeißen. Dann beginnt Winter, jeden einzelnen Splitter mit einer sterilen Pinzette aus meiner Haut zu ziehen. Die Fremdkörper lässt er in eine Metallschale fallen. Und auch hier bestätigt der Mediziner meine vorausgegangene Prognose.

"Sie haben unverschämtes Glück gehabt. Die Glassplitter sind nicht zu tief eingedrungen. Ich kann keine Verletzung der Sehnen oder Knochen feststellen." Mit dieser Diagnose mehr als nur zufrieden säubert er die verletzen Stellen und verbindet beide Arme. Ich komme mir so hilflos mit zwei bandagierten Händen vor. Dann werde ich von der Krankenschwester zum Röntgen gebracht. Auch dieser Befund ist negativ, keine sichtbaren Verletzungen des Schädels. Und kurz darauf finde ich mich abermals auf der Liege wieder. Noch während Doktor Winter die Betäubungsspritze neben der Wunde ansetzt, bereitet Anabell die medizinischen Utensilien vor. Ich hasse Spritzen, die am Kopf gesetzt werden. Und das, obwohl ich Ärztin bin, oder gerade deswegen? Bekanntlicherweise sind Ärzte ja die schlimmsten Patienten. Und ich scheine wohl genau in dieses Schubladendenken hineinzupassen. Die Betäubung wird an vier Stellen um die Platzwunde gesetzt. Glücklicherweise tritt die gewünschte Wirkung bereits nach wenigen Minuten ein und mein Befinden verbessert sich zeitweilig. Nachdem sich Dr. Winter nach der Wirkung erkundigt hat, beginnt er, die Verletzung zu nähen. Wie vorhergesagt reichen vier Stiche. Trotz meines medizinischen Backgrounds werde ich dennoch über die korrekte Behandlung meiner Verletzungen in Kenntnis gesetzt. Wie aus dem Lehrbuch. Endlich kann ich den Raum verlassen. Der strenge Geruch von Desinfektionsmittel und Jod wird wohl noch eine Weile an meiner Kleidung haften. Mich bedankend suche ich die Wartezone des Krankenhauses auf. Sobald Declan meine Anwesenheit wahrnimmt, erhebt er sich blitzschnell und mit der Eleganz einer Katze aus dem unbequemen orangefarbenen Plastikstuhl. Besorgnis steht in seinem Gesicht geschrieben. Zugegeben, ich mache nicht gerade einen kerngesunden Eindruck, aber im Vergleich zu vorher fühle ich mich um Klassen besser. Schnell beruhige ich meinen Begleiter, dass es mir wirklich gut geht. Ich sehe dem Iren an, dass er mit der Antwort nicht ganz zufrieden ist, aber was bitte erwartet er? Ich wurde ein Gerüst hinunter gestoßen, Schüsse wurden auf mich abgefeuert und eine Glasscheibe ist in meiner unmittelbaren Nähe zu Bruch gegangen. Abermals reicht der über 1,80 m große Mann an meinen Oberarm und eskortiert mich zurück zu seinem Auto. Willenlos lasse ich es geschehen. Ich hatte deutlich genug Krankenhausaufenthalte als mir lieb ist. Die müssten jetzt eigentlich für mein gesamtes Leben reichen!
 
 

Galant öffnet Declan mir die Beifahrertüre. Nun, Mr. Geheimnisvoll scheint Manieren zu haben. Im Prinzip hasse ich solche Gesten, und Mulder ist der einzige, der damit davon kommt, ohne, dass ich ihm gehörig die Meinung sage. Und genauso erstaunlich ist es, dass mich diese Geste bei dem adretten Iren nicht stört. Vielleicht liegt es an der Spritze, an meinen noch immer leicht pochenden Händen oder einfach daran, dass ich von den Ereignissen des Tages schlichtweg erschöpft bin. Mit einem kleinen Lächeln klettere ich in den Jeep. In Windeseile hat Declan den Wagen umrundet, ist eingestiegen und macht sich auf den Weg. Die Frage ist nur, wohin? Denn das Einzige, wonach ich mich jetzt sehne ist mein warmes Bett.

"Mr. ...? Wie lautet Ihr vollständiger Name?", verwirrt geht mir auf, dass ich nur seinen Vornamen kenne. Der schwarzhaarige Mann blickt kurz zu mir herüber, nur um sich dann wieder dem Straßenverkehr zu widmen. Was mir wesentlich lieber ist. Denn jedes Mal, wenn Mulders Aufmerksamkeit beim Autofahren mehr von der Landschaft als von der Fahrbahn beansprucht wird, sterbe ich stillschweigend tausend Tode.

"Nur Declan. Es tut mir leid, Agent Scully, mehr kann ich Ihnen beim besten Willen nicht verraten. Nur, dass ich mit Ihnen Ihren Partner, Agent Mulder, befreien werde."

Mit dieser Antwort hatte ich irgendwie gerechnet. Nur ist sie ganz und gar nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen. Wer ist er? Ich würde lügen, wenn mich sein Wissen über meine Person und auch Mulder nicht beunruhigen würde. Ist es gar eine Falle? Wenn ja, vielleicht sogar vom Konsortium? Wenn dem so wäre, dann hätte er mich sauber aus einer gefährlichen Situation gerettet, nur um mich in eine noch gefährlichere zu bringen. Und abermals schockt mich seine Fähigkeit, genau im richtigen Moment meine Gedanken zu erraten.

"Glauben Sie mir, ich möchte Ihnen nicht schaden. Das liegt mir fern. Ich weiß, dass es schwer ist, einem vollkommen Fremden zu vertrauen, aber Sie müssen mir glauben, ich bin auf Ihrer Seite." Nein, Mr. Bond, diese Versicherung beruhigt mich nicht im Geringsten. Ich hasse es, nicht die komplette Kontrolle zu haben, aber seit mich Morgans Männer aus meinem Versteck gezerrt haben, ist sie mir von Sekunde zu Sekunde immer mehr entglitten.

"Und auf welcher Seite wäre das genau? Für wen arbeiten Sie? CIA, IRA, das Pentagon oder...!" Ich wage es nicht, meine Befürchtung laut auszusprechen. Wenn Declan so genau über mich Bescheid weiß, dann wird er diese Andeutung wohl verstanden haben. In der Tat, auch hier enttäuscht mich seine Intuition nicht.

"Nein, weder für die CIA, die IRA, noch das Pentagon und erst recht nicht für diesen rauchenden Bastard. Aber ich bin mir sicher, dass Sie intelligent genug sind, um auch die Antwort auf diese Frage zu kennen, oder, Dana?" Was, möchtest du mich jetzt provozieren, oder soll das ein freundlicher Wink mit dem ganzen Zaun sein, dass ich gefälligst meine Nase in andere Dinge stecken soll? Sehr beruhigend, wirklich! Er scheint alles über mich zu wissen, und ich kenne nur seinen Vornamen und seine Herkunft. Obwohl er mich vor dem sicheren Tod bewahrt hat, ist diese Zwangszusammenarbeit wohl die frustrierendste meines Lebens. Und das will was heißen!

"Schon klar, Sie dürfen es mir nicht sagen. Alles klar! Und lassen Sie mich raten, Sie würden mich sonst umbringen müssen!" Meine Geduld ist am Ende. Finito. Und ich habe genug Actionfilme gesehen, um die richtige Antwort zu finden.

"Nein, umbringen müsste ich Sie nicht. Das ist viel zu melodramatisch. Aber je weniger Sie über mich wissen, desto besser." Gereizt rutsche ich tiefer in die Polster. Ich bin viel zu müde und emotional aufgewühlt, um sinnvolle Informationen aus ihm heraus zu bekommen. Statt dessen sehe ich aus dem Fenster, Declan wohlweislich ignorierend.

"Hey, wir sind gerade an meiner Ausfahrt vorbei gefahren."

"Das ist mir bewusst, wir werden auch nicht zu Ihnen fahren, da sind Sie nicht sicher. Und in Anbetracht Ihrer Verletzungen glaube ich nicht, dass Sie sich im Moment erfolgreich alleine verteidigen können. Wir fahren in mein Hotel. Dort wird Ihnen nichts passieren."

"Aber ich habe gar keine Sachen dabei!" Mein letzter verzweifelter Aufbäumungsversuch. Und dennoch weiß ich, dass er sinnlos ist. Mr. Superagent am Steuer ist felsenfest entschlossen. Seine Augen sind leicht zusammengekniffen und er wirf mir einen kurzen Blick zu, der ganze Armeen zur Aufgabe zwingen würde. Wo bin ich hier nur reingeraten? Dann herrscht nur noch gespanntes Schweigen im Wageninneren. Nach ca. 20 Minuten Fahrt biegt er kurz außerhalb Washingtons in eine kleine Straße ein, dessen Belag von der Witterung stark in Mitleidenschaft genommen wurde. Zielsicher steuert der Ire auf einen fast leerstehenden Parkplatz zu. Nur ein alter Dotch mit einer zentimeterdicken Matschschicht ist dort abgestellt. Direkt vor dem Eingangsbereich des Hotels kommt der Wagen zum Stehen. Obwohl mir die Gegend nicht ganz geheuer ist, scheint es sich um eine gepflegte und ordentliche Pension zu handeln. Bevor wir aussteigen, greift Declan auf die Rückbank und befördert eine alte Lederjacke und eine Kiste zu Tage. Sofort geht mir auf, was sich darin befindet. Für Außenstehende wirkt die Box wie ein Geigenkasten, doch ich erkenne auf den ersten Blick, dass dies kein Instrument ist.

"Ich wusste nicht, ob ich eine Waffe brauchen würde. Aber diese guten Stücke haben mich noch nie im Stich gelassen. Glücklicherweise kamen sie nicht zum Einsatz. Denn ein halbes Dutzend Tote wäre doch schwer zu erklären gewesen, oder?"

Blitzt da etwa so was wie Humor in seinen Augen auf? Tatsächlich, diese Vorstellung amüsiert ihn. Ich komme mir vor wie in dem Film "Desperado". Nur dass Declan noch besser als Antonio Banderras aussieht. Schnell verscheuche ich diese Gedanken aus meinem Kopf und folge Declan in die Vorhalle. An der Rezeption schenkt er der älteren Dame ein gewinnendes Lächeln und diese überreicht ihm seinen Zimmerschlüssel. Dann streift mich ihr irritierter Blick. Ich wette, sie wird sich den ganzen Abend fragen, was eine offensichtlich verletzte Frau ohne offensichtliche Modelmaße bei Playboy No. 1 wohl zu suchen hat. Hocherhobenen Hauptes betrete ich den Fahrstuhl, dessen Türen sich kurz danach schließen. Ich komme mir vor wie ein Hündchen, das seinem Herrn ohne irgendwelchen Argwohn hinterherläuft. Wie demütigend. Noch ehe ich mich versehe, stehen wir in seinem Zimmer. Es ist ein heller Raum, und obwohl er nicht groß ist, ist er gemütlich eingerichtet. Es gibt sogar eine Couch. Sofort zieht der Ire seinen Koffer unter dem Bett hervor. Seine breiten Schultern versperren mir die Sicht, doch sein Gepäck scheint ordentlich darin sortiert zu sein. Ein Mann, der Ordnung hält? Gott, wer ist dieser Kerl? Kurze Zeit später hält er ein blaues T-Shirt in seinen Händen und überreicht es mir mit einer Zahnbürste, die sich noch in ihrer Verpackung befindet.

"Sie sollten sich jetzt hinlegen und versuchen, etwas zu schlafen. Morgen werden wir einen Plan zur Rettung Ihres Partner austüfteln. Nehmen Sie das Bett, ich werde auf der Couch schlafen." Diese Aufforderung erstaunt mich nicht. Und obwohl ich normalerweise ein solches Angebot ausschlagen würde, wirkt das weiche Bett zu verlockend. Also nicke ich nur stumm und ziehe mich ins Badezimmer zurück.
 
 

Ruhe, endlich habe ich meine Ruhe. Einige Sekunden nur für mich alleine, der reinste Luxus. Und schon habe ich ein schlechtes Gewissen. Ob es Mulder wohl gut geht? Himmel, wie konnte ich nur innerhalb weniger Stunden dermaßen die Kontrolle über mein Leben verlieren? Seufzend lehne ich mich über das Waschbecken, um meine Kopfverletzung aus der Nähe zu inspizieren. OH MEIN GOTT! Ich meine, mir war absolut klar, dass ich mit meinem momentanen Aussehen keine Miss-Wahlen gewinnen könnte, aber dass ich so schlecht aussehe, damit hatte ich nicht gerechnet. Eine hässliche rote Wunde ziert meine Stirn und das von der Schwester verwendete Jod verbessert mein Erscheinungsbild nicht im geringsten. Ich mache den Eindruck eines geschlagenen Hundes. Irgendwie trifft genau diese Bezeichnung auf mich zu. Mein Haar hängt schlaff und strähnig an meinem Kopf herunter, all die mühevolle Fönarbeit umsonst. Die vorderen Strähnen sind in Blut getränkt, meinem Blut. Dies, mit meiner zerschlissenen und ebenfalls blutbefleckten Kleidung kombiniert, verleiht mir das Aussehen einer kampfwütigen Amazone. Einer Kriegerin ohne Waffe. Sehr effektiv, wirklich! Tolle Aussichten, um meinen Partner aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Und schon wieder bin ich völlig hilflos auf einen mir fremden Mann angewiesen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.

Vorsichtig entledige ich mich meiner Klamotten. Duschen kommt heute nicht in Frage, aber ich MUSS mich waschen. Ich muss das Blut, den Dreck und die Erinnerung an diesen Tag von meinem Körper befreien. Ich nehme einen weißen Waschlappen, befeuchte ihn und beginne, damit vorsichtig meine Haut zu reinigen. Mit dem Ergebnis zufrieden fällt mein Blick abermals auf meine blutverkrusteten Haare. Da hilft nichts, ich muss mir den Kopf über dem Becken waschen. Gott sei Dank stellt diese Hotel seinen Gästen kleine Proben von Shampoo zur Verfügung. Glücklicherweise sind die meisten meiner Finger nicht verletzt, und der Verband endet bei der Mitte meiner Hände. Somit sollte ich es schaffen, dieses Vorhaben ohne größere Probleme in die Tat umgesetzt zu bekommen.

Geschafft, meine Haare sind sauber! Ein leichter Hauch von Zitrone hängt in der Luft. Und das Bad ist nicht überflutet. Die Verbände sind auch noch weitgehend trocken und die Platzwunde hat kein Wasser abbekommen. Immerhin habe ich einen kleinen Erfolg für heute zu verzollen. Meine Bluse und die Hose liegen auf den Fließen und ich weiß, dass sie unrettbar sind. Wieder einmal hat mein Job seinen Tribut verlangt. Oder eher mein Partner. Was mir bleibt, ist das ordentlich gefaltete T-Shirt, das mir Declan zur Verfügung gestellt hat. Nicht gerade sehr beruhigend. Wie soll ich an neue Kleidung kommen? Wenn ich mit der alten auch nur in die Nähe von Zivilisation gerate, wird mich die Polizei wahrscheinlich wegen Erregung öffentliches Ärgernisses verhaften. Ich hasse derart frustrierende Situationen. Das Shirt geht mir bis an die Knie und hängt weit von meinem Körper ab. Ich versinke förmlich in dem blauen Stück Stoff.

Schnell entferne ich die Zahnbürste aus ihrer Verpackung. Fehlt nur noch Zahncreme. Vielleicht bewahrt Declan seine Kulturartikel ja im Hängeschrank über dem Waschbecken auf. Tatsächlich, fein säuberlich sortiert zieren seine Sachen das untere Regal. Alles Markenartikel, wie ich feststellen kann. Ich verzichte darauf, ihn um Erlaubnis zu bitten, schließlich war er es, der mich unbedingt hier unterbringen wollte. Muss er halt damit leben!

Nur einen Fön entdecke ich leider nicht. Nun, dann muss ich meine Haare eben lufttrocknen.

Ein herzhaftes Gähnen überkommt mich. Eindeutig Zeit fürs Bett!
 
 

Als ich zurück ins Zimmer komme, hat es sich der Ire bereits auf der Couch bequem gemacht. Er muss sich wohl eine zusätzliche Decke besorgt haben. Kann mir nur recht sein. Als ich den Raum durchquere, bemerke ich sofort seinen bohrenden Blick auf meinem Rücken.

"Sie sehen schon viel besser aus. Haben Sie noch Schmerzen?" Wie besorgt er klingt. Ich frage mich, ob es reine Höflichkeit ist oder ob er wirklich an meinem Wohlergehen interessiert ist.

"Nein, mir geht es gut, machen Sie sich keine Sorgen. Das Einzige, was ich jetzt möchte, sind 7 Stunden ununterbrochenen Schlaf.", teile ich ihm mit und lege mich erschlagen ins Bett. Meine überbeanspruchten Muskeln danken es mir sofort. Unweigerlich entspannt sich mein Körper und ich bin zu keiner weiteren Regung mehr fähig. Declan merkt, dass mich keine zehn Pferde mehr aus dem Bett heraus bekommen würden, und erhebt sich, um das Licht zu löschen.

"Gute Nacht, Agent Scully. Schlafen Sie gut."

"Ja, Nacht, Declan." Zu mehr als einem leisen Nuscheln bin ich im Halbschlaf nicht mehr in der Lage.

Kurz darauf tauche ich ein in die Welt der Träume.
 
 

*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*

Erschlagen sinke ich zurück in die Kissen. Ich fühle mich wie gerädert. Selbst bei der kleinsten Bewegung rebelliert mein Körper gegen mich. Es kann unmöglich schon Morgen sein. Moment mal! Wo bin ich hier eigentlich? Verwirrt betrachte ich meine Umgebung. Definitiv ein Hotelzimmer. Dann trifft mich die Erinnerung wie ein Blitzschlag. Mulder ist entführt worden! Und auch die Erkenntnis über meine eigene Situation flößt mir Unbehagen ein. Wie konnte ich mich nur auf so etwas einlassen? Ich, die ewig überskeptische und besonnene Agentin, verbringe die Nacht mit einem mir vollkommen fremden Mann, der zu allem Überfluss auch noch bis unter die Zähne bewaffnet ist. Herrgott im Himmel! Wo ist mein Verstand geblieben? Dr. Winter muss mir ein weitaus stärkeres Betäubungsmittel gegeben haben als es mir bewusst war. Auf zugegebenermaßen wackligen Beinen mache ich mich auf den Weg ins Bad. Ich weiß nicht, ob ich erleichtert sein soll, dass der Ire mit Abwesenheit glänzt. Einerseits erspart es mir eine weitere Inspektion seines durchdringenden Blickes auf meinen nackten Beinen, aber andererseits komme ich somit nicht in Versuchung, den Mann mit meinen bloßen Händen zu erwürgen. Und nachdem ich mich gewaschen und frisch gemacht habe, geht es mir etwas besser. Bleibt nur die Frage, woher bekomme ich jetzt anständige Kleidung? Moment mal, auf dem Bett liegen fein säuberlich gefaltete Kleidungsstücke. Unterwäsche, Socken, eine Jeans und ein grünes modisches Shirt. Doch was mich am meisten schockt, ist die Tatsache, dass sämtliche Textilien exakt meine Größe haben. Declan wählt genau diesen Moment, um zurück ins Hotelzimmer zu kommen. SO, DAS REICHT! Was bildet sich dieser aufgemotzte Macho überhaupt ein? Ich sehe rot! Was zuviel ist, ist einfach zuviel. Ehe Mr. Cool realisiert, was über ihn kommt, entferne ich sein selbstgefälliges Grinsen mit einem wohlgezielten Schlag aus seinem glattrasierten Gesicht. Damit hast du wohl nicht gerechnet, was?! Aber diese Aktion besänftigt mich in keinster Weise, vielmehr versetzt mich das befriedigte Gefühl, das mich überkommt, in immer mehr Rage. Mit geballten Fäusten malträtiere ich seine Brust. Die Schmerzen, die durch meine Nervenbahnen rasen, nehme ich nur im Unterbewusstsein wahr. Von Verzweiflung durchflutet erzielen meine Angriffe leider nicht den gewünschten Erfolg. Sie scheinen Declan sogar zu amüsieren. Dieser Bastard! Alles in mir drängst mich, diesen Mann zum Weinen zu bringen. Ohne die geringste Kraftanstrengung schiebt er meinen tobenden Körper von sich weg. Das verstärkt meine Aggression nur noch mehr. Ich weiß sehr wohl, wie unangemessen dieses Verhalten für eine FBI-Agentin ist, und eigentlich müsste ich mich an all die Lektionen aus der Akademie erinnern, aber meine Raserei hat die Logik und die Vernunft in den hintersten Bereich meiner Selbst verdrängt. Declans Arme sind wesentlich länger als meine und mit der Distanz, die er zwischen uns gebracht hat, beschränkt er meine Bewegungsfähigkeit enorm. Doch meine Kampflust ist noch nicht gestillt. Wild versuche ich mich aus seiner Umklammerung zu lösen. Mit dem Ergebnis, dass er mich blitzschnell herumwirbelt und ich mich zwischen der kalten Wand und seinen harten Muskeln wiederfinde. Toller Schachzug!

"Beruhigen Sie sich, Agent Scully, ich bin es, Declan! Ich werde Ihnen nichts tun!"

"Pah!", zische ich verächtlich. "Das behaupten Sie ununterbrochen."

Abermals versuche ich mich aus seinem Griff herauszuwinden. Unfassbar, ich brenne vor Hitze und die Schweißbildung dieses Kerls hat noch nicht einmal eingesetzt!

"Ja, weil es die Wahrheit ist." Vorsichtig umfassen seine Hände meine Handgelenke und mobilisieren mich noch mehr.

"Was kümmert mich Ihre Wahrheit. Mein Partner ist in akuter Lebensgefahr, ich habe nicht den blassesten Schimmer, welche Absichten Sie verfolgen und Sie gehen seelenruhig Klamotten kaufen." Meine Stimme schneidet scharf in die angespannte Luft und mein Ton ist nicht annähernd so ruhig, wie ich es mir erhofft habe.

"Gefallen Ihnen die Sachen nicht?" Wie begriffsstutzig kann ein scheinbar so intelligenter Mann denn eigentlich sein?

"Nein!", brülle ich ihm ins Gesicht! "Sie gefallen mir nicht. Und dass Sie, ein vollkommen Fremder, Kleidung in meiner Größe kaufen, beruhigt mich nicht im Geringsten. Woher wissen Sie meine Größe?", fordere ich energisch zu wissen!

"Ich bin ein guter Beobachter!" Das bringt das Fass zum Überlaufen.

"WAS? Was fällt Ihnen eigentlich ein? Überwachen Sie mich schon länger? Haben Sie Kameras in meinem Apartment installiert?" Bei diesem Gedanken wird mir übel.

"NEIN! Wie kommen Sie denn darauf? Sie sind einfach eine zierliche Frau und ich habe ein gutes Augenmaß. Nichts weiter!" Na toll, jetzt gibt er auch noch zu, mich angegafft zu haben! Ich werde diesen dämlichen Iren umbringen. Nein, kein Ire, ein Irrer! Abermals setzte ich meine gesamte Kraft ein, um mich aus dieser misslichen Lage zu bringen, aber Declan schwankt noch nicht einmal. Langsam macht sich bei mir die Verzweiflung breit. Wie soll ich Schaden anrichten, wenn ich mich nicht einmal bewegen kann? Dann kommt mir die zündende Idee. Denn während er mit seinen Armen voll damit beschäftigt ist, mich ruhig zu halten, kann ich meine Beine ohne Behinderung bewegen. Mit aller Kraft und den Überraschungsmoment ausnutzend ramme ich meinem Gegner mit voller Wucht mein rechtes Knie in den Unterleib. Genau an seine empfindlichste Stelle. Während Declan winselnd und sich den Schritt haltend zu Boden geht, kann ich einen kurzen Jubellaut nicht unterdrücken!

Doch ehe ich mich versehe, machen sich bei mir Gefühle von Erschrockenheit und auch Scham breit. OH GOTT! Was habe ich nur getan? Mir ist, als hätte ich eben kurzzeitig meinen Körper verlassen und eine unberechenbare und kampflustige Teufelin die Kontrolle übernommen. Sofort sinke ich neben dem geschundenen Iren zu Boden. Und obwohl er momentan gegen Schmerzen ankämpfen muss, erkenne ich in seinen Augen einen Hauch von Überraschung und auch Bewunderung. Was, das hättest du mir wohl nicht zugetraut, hmhm? Unglaublicherweise durchflutet mich eine Welle von Stolz. Ich habe diesen Mann zur Strecke gebracht! Dennoch bin ich in erster Linie Ärztin und ich richte meine komplette Aufmerksamkeit auf meinen von mir selbst geschaffenen Patienten.

"Gott, Declan, es tut mir leid! Es ist unverzeihlich, wie konnte ich nur so weit gehen? Haben Sie starke Schmerzen? Ist ein Arztbesuch erforderlich?"

"Beruhigen Sie sich! Ich werde schon nicht daran sterben!" Beinahe lässig rappelt er sich auf. Man sieht ihm den Schmerz, den er dabei empfinden muss, nicht an. Einzig allein die Verlangsamung des sonst so flüssigen Bewegungsablaufes lässt auf Probleme schließen. Ich muss ihn bewundern, da nicht eine Beschwerde über seine Lippen kommt.

"Declan, Sie müssen sich untersuchen lassen. Was, wenn ich einen irreparablen Schaden verursacht habe?" Allein der Gedanke daran flösst mir Unbehagen ein. Zudem ist dies hier nicht gerade mein Fachgebiet.

"Hören Sie zu, Dana. Es tut mir leid, Sie so provoziert zu haben. Glauben Sie mir, ich habe Ihre Warnung verstanden. Und hören Sie auf, sich Sorgen zu machen, es wird schon alles wieder in Ordnung kommen." Das soll mich also beruhigen? Leider unmöglich!

"Nein, mit Verletzungen dieser Art ist nicht zu spaßen. Bitte, wenn Sie schon nicht zu einem Arzt wollen, überprüfen Sie wenigstens, ob alles in Ordnung ist." Wieso muss dieser Ire nur so stur sein. Jeder andere Mann würde mich vermutlich umbringen wollen, schließlich galt dieser Schlag seinem besten Stück. Ich hätte niemals vermutet, dass ich zu derart weibischen Aktionen überhaupt in der Lage bin.

"Da ich die Befürchtung habe, dass Sie keine Ruhe geben werden, werde ich Ihnen den Gefallen tun." Noch während er den Satz zu Ende spricht, betritt er schon das Badezimmer und verschließt die Türe hinter sich. Warum muss er sich so aufführen? Soll er es doch lassen, es ist ja schließlich nicht mein Problem. Und wieso denkt dieser Kerl, mir damit einen Gefallen zu tun? Und schon wieder merke ich, wie mein Temperament wieder die Führung übernimmt und die Vernunft zurückdrängt. NEIN, ich werde mich nicht schon wieder über ihn aufregen. Während ich angestrengt versuche, mein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen, öffnet sich die Türe quietschend und kündigt die Rückkehr meines Begleiters an.

"Ich kann Sie beruhigen. Nichts, was nicht in einigen Tagen wieder in Ordnung sein wird." Damit ist das Thema für Declan wohl abgeschlossen, denn er kehrt mir den Rücken zu. So ganz kann ich mich damit nicht abfinden, aber schließlich geht es um seine und nicht um meine Anatomie. Wenn die Sache für ihn erledigt ist, sollte sie es auch für mich sein, nicht? Declans gesamte Aufmerksamkeit wird schon von einer neuen Aufgabe gefangen genommen. Er ist eifrig zugange, eine große Faltkarte auf dem grauen Teppichboden des Hotelzimmers auszubreiten. Erst jetzt geht mir auf, dass ich noch immer nur sein T-Shirt trage. Viele Möglichkeiten bleiben mir nicht, also gebe ich mich geschlagen und ergreife die Kleidung, die für all diese Aufregung gesorgt hat. Wenig später komme ich zurück ins Hotelzimmer. Eines muss ich dem Iren lassen, wenn er etwas macht, dann macht er es richtig. Die Sachen passen wie angegossen. Somit hake ich das Thema innerlich ab, lasse meiner Neugierde freien Lauf und verdränge alle verbleibenden Reuegefühle.

Es handelt sich hier eindeutig um Washington DC. Mit einem blauen Stift ist ein dicker Kreis um unseren Standort gezeichnet. Ich lasse mich neben Declan nieder und beobachte, wie er mit Adleraugen die Karte überfliegt. Kurze Zeit später markiert er eine weitere Stelle. Nur einige Meilen Luftlinie von uns entfernt. Fragend suche ich seinen Augenkontakt. Mit dem Zeigefinger deutet er auf die erste Markierung.

"Hier sind wir gerade." Schnell überfliegt seine Hand die Strecke und deutet auf die zweite Einzeichnung. "Dort befindet sich ein leerstehendes Fabrikgebäude. Es soll in einigen Monaten komplett umgebaut werden. Ich konnte in Erfahrung bringen, dass Morgan Sheldor diese Stätte für seine illegalen Geschäfte missbraucht. Er trifft sich dort mit einflussreichen Geldgebern und Kunden. Meinen Ermittlungen zufolge hält er dort Agent Mulder gefangen. Auch wenn ich einige Informationen über Sheldor und seine Bande habe, kann ich ihn nicht richtig einschätzen. Er ist ein Blender. Privat gibt er sich nur mit dem Besten zufrieden. Seinen Geschäftspartnern tritt er souverän und professionell entgegen. Dennoch verbreitet er Angst und wird sehr gefürchtet. Seine Methoden, Abtrünnige und Gegenspieler aus dem Weg zu räumen, sind rücksichtslos und endgültig. Er ist ein jähzorniger und cholerischer Mensch. Die Polizei weiß bestens über seine Verbrechen Bescheid, dennoch sind den Beamten die Hände gebunden. Sheldor ist gerissen, man kann ihm nichts eindeutig nachweisen. Seine Finger hat er überall im Spiel, außer in Drogengeschäften. Was Agent Mulder angeht, so kann ich keinerlei Prognose über seinen Zustand machen. Aber wie ich ihn einschätze, wird er sein Bestes geben, sich unbeliebt bei seinem Kidnapper zu machen. Glücklicherweise wurde Mulder ohne jegliche Papiere aufgegriffen und konnte wohl erfolgreich ein Alias verwenden. Dadurch stehen die Chancen wesentlich besser, ihn relativ unverletzt dort rauszuholen." Diese Informationen hageln auf mich nieder und ich brauche einige Zeit, um all das Gesagte zu verinnerlichen.

"Wie und wann sollen wir Mulder denn befreien? Mit wie vielen Gangmitglieder haben wir es zu tun? Warum wollen Sie das FBI nicht involvieren?" Dies sind die ersten Fragen, die ich in Worte fassen kann.

"Heute abend, gegen 8 Uhr, findet ein Wechsel der Wachposten statt. Dann sind die äußeren Tore für kurze Zeit unbewacht. Wir müssen uns Zutritt in die sogenannte Kommandozentrale beschaffen, dort befindet sich das Hauptüberwachungssystem. Ich werde eine Endlosschleife in die Systeme einspielen, das gibt uns uneingeschränkten Bewegungsfreiraum. Zu dieser Zeit werden sich im Überwachungsraum 2 Männer befinden, drei weitere werden Patrouillen gehen. Alle sind mit Funkgeräten ausgestattet. Wir müssen unter allen Umständen die Benutzung der Geräte verhindern. Denn bei dem kleinsten Verdacht eines Eindringlings werden weitere 10 Männer alarmiert. Aus diesem Grund können wir auch nur zu zweit ins Gebäude. Unser Hauptziel ist es, Mulder zu finden, bevor wir entdeckt werden. Er wird von schätzungsweise 2, vielleicht 3 Leuten bewacht. Die am Tor stationierten Gangster werden ohne Alarmierung ihrer Funkgeräte keinen Verdacht schöpfen. Als Waffen werden wir Messer und mehre Injektionen verwenden. Schusswaffen werden wir nur bei einer vorzeitigen Entdeckung in Einsatz bringen. Sobald wir Ihren Partner aus der Gefahrenzone raus haben, können Sie meinetwegen das FBI verständigen und diese Bande hochgehen lassen." Entspannt legt sich der Ire auf dem Teppich zurück. Er tut beinahe so, als würden wir hier nicht eine gefährliche Mission, sondern einen Wochenendausflug planen. Unweigerlich frage ich mich, wie oft Declan solche oder ähnliche Operationen schon durchgeführt hat.

"Und was ist mit diesem Sheldor? Wird er sich auch im Gebäude befinden?"

"Sheldor ist unser Unsicherheitsfaktor. Aus Angst vor Anschlägen, Fallen oder dem Auffliegen seiner Verbrecherkarriere ist keiner außer seiner engsten Vertrauten im Vorhinein über seine Pläne und somit seinen Aufenthaltsort informiert."

Na toll! Vielleicht werden wir ja von ihm und seinen unzähligen Gefolgsleuten überrascht. Eine äußerst beruhigende Vorstellung, wirklich! Und wenn unsere Anwesenheit bekannt wird, dann gerät Mulder ebenfalls unweigerlich in Gefahr.

"Und was genau werden wir im Fall seiner Anwesenheit tun?" Meine Stimme klingt erstaunlich fest, sodass mein Mitstreiter meine inneren Ängste nicht mitgekommt.

Ganz zu meiner Beunruhigung verzieht sich Declans Gesicht zu einen diabolischen Grinsen.

"Für diesen Fall werden wir von meinen Babys Gebrauch machen!" Unerschütterlicher Stolz steht in seine Augen geschrieben. Ich habe fast Angst, zu fragen, wer oder eher was genau seine "Babys" sind. Doch er lässt mich nicht lange im Dunklen zappeln und zaubert seine Waffenkiste unter dem Bett hervor. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen, welche "Babys" er meint! In stummer Bewunderung und beinahe wie in einer Zeremonie öffnet der Ire die Klappschlösser. Zu Tage kommen drei Waffen, auf roter Seide gebettet. Darunter zwei sehr alte Waffen, wie ich erkenne. Wahrscheinlich echte Liebhaberstücke. Jetzt verstehe ich Declans liebevolle Bezeichnung für seine Schmuckstücke. Ich entdecke eine alte und kurze Smith & Wesson; siebenschüssig, schätzungsweise Kaliber 22. Der Rahmen ist aus Bronze mit einer dicken Silberauflage. Kurz, ein sehr schönes Stück. Ich bin darüber überrascht, wie gut meine Waffenkenntnisse noch sind. Schließlich ist es schon eine beachtliche Weile her, dass ich diesbezüglich die Schulbank gedrückt habe. Und damals war meine Aufmerksamkeit eher auf die neueren Modelle gerichtet gewesen, aus verständlichen Gründen. Ehrfürchtig umschließt die Hand des Mannes den Griff besagter Waffe.

"Diese hier ist zum Beispiel ein Erbstück. Sie gehörte meinem Vater. Er ließ sich sogar seine Initialien in den Griff aus poliertem Rosenholz eingravieren."

Tatsächlich, ich erkenne zwei geschwungene Buchstaben. E.W. Immerhin kenne ich nun den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens. Das nenne ich Fortschritt!

Behutsam legt Declan den Revolver zurück in den Kasten und ergreift einen weiteren.

In der zweiten Handfeuerwaffe erkenne ich ebenfalls eine Smith & Wesson.

"Dieses Baby ist eine 44 Magnum, 6 ½ Zoll Lauf. Ich liebe diesen Ballermann. Schon einige Jahrzehnte alt. Dies war meine erste Schusswaffe überhaupt."

Der Ire wirkt wie ein kleiner Junge, der voller Stolz seine tollsten Spielzeuge vorführt. Aber macht er das nicht gerade?

"Ich halte nicht so viel von diesen neumodischen Waffen. Zugegeben, unter der Abdeckung meines Kofferraumes lagert eine Automatik aus Armeebeständen, aber die verwende ich nur im allernötigsten Fall. Das Gefühl in der Hand ist nicht vergleichbar mit dem Gebrauch dieser Stücke." Und auch die Magnum wandert zurück zu ihrem Platz und er befördert die Dritte ans Tageslicht.

"Obwohl ich diese alten S & W sehr liebe, braucht man manchmal doch etwas... mhm... Moderneres."

Oh ja, dies ist wirklich ein neueres Modell. Und eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner SIG Sauer ist nicht zu leugnen. Ohne nachzudenken drückt sie mir Declan in die Hand, mit einer gewaltigen Menge an Munition.

"Da Ihre Dienstwaffe abhanden gekommen ist und dieses Modell dem Ihren ähnelt, sollten Sie bei unserer heutigen Befreiungsaktion von dieser hier Gebrauch machen. Die Bedienung sollte Ihnen keine Probleme machen."

Abwägend drehe ich meine Hand von rechts nach links. Ja, beinahe kein Unterschied. Exzellent.

"Des weiteren habe ich uns schwarze Kleidung besorgt." Mit einem kritischen Blick weicht er ein Stück aus meiner Reichweite. Wie konnte ich mich vorhin nur so aufführen? Kein Wunder, dass der arme Mann einen erneuten Zornausbruch erwartet. Aber mehr als einmal werde ich keinesfalls die Kontrolle verlieren, dieses eine Mal war schon zuviel und gänzlich unnötig. Als beschließe ich, Declan zu beruhigen.

"Ja, schwarze Kleidung ist hierbei erforderlich. Danke." Das sollte ihn ausreichend beruhigen.

Mit Adleraugen studiert er meine Gesichtszüge, auf der Suche nach einem Anzeichen von Verärgerung oder erneuter Raserei. Ich bemühe mich, ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Anscheinend wirkt es. Die gesamte Spannung entweicht aus seinem Körper. Dann beginnt er mit akribischer Genauigkeit seine beiden S & W zu säubern. Kann ja eigentlich nichts schaden. Also beteilige ich mich an dieser Aktion und schweigend widmen wir uns der Waffenpflege.
 
 

*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*

Leise fährt der Jeep durch die in Schwarz getauchten Straßen. Die weit voneinander aufgestellten Laternen legen diese Gegend in Zwielicht. Vereinzelt leuchten beim Vorbeifahren die Fenster von baufälligen Häusern auf, deren Wände mit allerlei Graffiti nur noch mehr verunstaltet sind. In dieser Gegend will ich mich nicht einmal bei Tageslicht ohne meine Waffe aufhalten. Hin und wieder nehme ich die Umrisse von vorbeieilenden Gestalten wahr. Verstohlen beobachte ich meinen Fahrer. Declan trägt die zuvor auf der Rückbank aufbewahrte Lederjacke, deren unverkennbarer Geruch im Wagen hängt. Eine schwarze Jeans, ein ebenfalls schwarzes Hemd und Boots vervollständigen sein Erscheinungsbild. Irgendwie wirkt er wie ein Geheimagent, oder vielleicht auch ein MenInBlack. Aber nicht nur er trägt unauffällige Kleidung. Auch ich bin in Schwarz gehüllt. Eine bequeme Jeans, einen langärmigen Pullover, um die auffallend weißen Verbände zu verbergen. Zu allem Überfluss trage ich eine schwarze Mütze, die nicht nur das Pflaster auf meiner Stirn, sondern auch mein auffällig rotes Haar verstecken soll. Dennoch komme ich mir damit reichlich albern vor. Ganz und gar nicht wie eine diensthabende FBI-Agentin. Aber bei näherer Überlegung muss ich das zurücknehmen, denn offiziell kann man dieses Unterfangen beim besten Willen nicht nennen. Also doch keine Agentin, wohl eher WomanInBlack. Irgendwie ist dieser Gedanke erheiternd und verdrängt vorübergehend die Sorge um Mulder und das schlechte Gewissen. Und dann sind wir an unserem Zielort angekommen. Besser gesagt, einen Block davon entfernt, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Gewissenhaft verschließt der Ire seinen Wagen, überprüft wohl schon zum fünften Mal seine in den Hosenbund gesteckte S & W und eiligen Schrittes nähern wir uns dem Zielgebäude. Es ist eine klotzförmige Fabrik, wahrscheinlich wurden ihre Grundsteine schon im letzten Jahrhundert gelegt. Das Gelände ist großzügig eingezäunt und die vorher wohl gepflegte Gartenanlage ist von Gestrüpp und Unkraut verwildert. Dieser Zustand verleiht der Fabrik einen nahezu surealen Aspekt. Parallel zum Eingangsbereich des Gebäudes befindet sich ein altes, gusseisernes Tor mit vielen Verschnörkelungen. Sehr robust wirkt es nicht gerade, doch ursprünglich sollte es wohl eher als Zierde dienen. Wie von Declan vorhergesagt befinden sich am äußeren Tor zwei bullige Typen. Unter ihren Jacken sind ihre Waffen klar abgezeichnet und sollen damit wohl Störenfriede fernhalten. Abwartend spähen wir um die Ecke. Tatsächlich erscheinen kurz darauf zwei schwarze, großräumige Autos. Ihnen wird geöffnet, sie fahren aufs Gelände vor. Blitzschnell und ohne großartigen Wortwechsel steigen 8 Männer aus, um ins Innere der Fabrik zu eilen. Dann passiert einige Minuten gar nichts. Wenig später verlassen 5 Männer das Gebäude und zusammen mit den zuvor beobachteten Wachen steigen diese in die Wagen und fahren los. Das Tor wird wieder verschlossen. Als sich die Autos in unsere Richtung bewegen, zieht Declan mich zurück und presst meinen Rücken dicht an die Wand. Dank der schwarzen Kleidung verschmelzen wir förmlich mit dem Hintergrund und bleiben unbemerkt.

"Jetzt findet eine erste Besprechung statt. Es befindet sich noch eine weitere Person im Haus. Sie sollte uns aber keine Probleme machen, da sie sich nach dem Meeting in ein Hinterzimmer zurückziehen wird. Bleiben acht aktive Gegner. Minus zwei am Tor, wenn wir Glück haben. Meine Schätzung war gar nicht so schlecht. Uns bleiben circa zwanzig Minuten, um ins Gebäude zu kommen." Und schon nähert er sich energischen Schrittes dem Eingang. Obwohl das Tor auf den ersten Blick eher einfach zugänglich wirkte, muss ich doch feststellen, dass es sich hierbei um keine herkömmliche Verriegelung handelt, sondern außen noch ein massives Sicherheitsschloss angebracht ist. Das vereinfacht uns das Eindringen keinesfalls, ganz zu schweigen von der kurzen Zeit, die uns dafür zur Verfügung steht. Und schon wieder schafft es der schwarzhaarige Ire, mich aufs Neue zu überraschen. Mit fliegenden Fingern befördert er ein schwarzes kleines Etui zu Tage. Ich erkenne einen Dietrich und anderes, mir unbekanntes Werkzeug. In Windeseile und ganz zu meinem Erstaunen schafft es Declan, das vordere Schloss ohne größere Anstrengung zu knacken. Fassungslos starre ich nur auf seine Hände, die das geöffnete Stück Metall festhalten. Wer ist dieser Mann? "Sie sind nicht zufällig mit McGyver verwandt?" Diese Frage kann ich mir nicht verkneifen und zische sie ihm leise zu. Doch statt einer Antwort bekomme ich nur das Schloss in die Hand gedrückt, während er sich dem Tor selbst widmet. Sekundenbruchteile später stehen wir auf dem von Unkraut durchwucherten Rasen. Gemeinsam schließen wir wieder ab und verwischen somit unsere Spuren. Geduckt und vorsichtig stehlen wir uns zum Eingangsbereich. Die hohen Büsche bieten uns Sichtschutz, obwohl ich bezweifle, dass einer dieser Möchtegern-Maffiosi am Fenster steht und nach Eindringlingen in der Dunkelheit sucht. Aber Vorsicht ist ja bekanntlich besser als Nachsicht. Ohne die geringste Ahnung, wo genau wir ins Gebäude einsteigen werden, folge ich dem mich um einiges überragenden Mann. Zielsicher steuert Declan den Haupteingang an. NEIN, das darf nicht wahr sein, er wird doch bestimmt nicht so dreist sein und hier vorne hereinspazieren. Vielleicht sollten wir uns ja noch Zielscheiben auf den Rücken malen, um es den Verbrechern noch ein wenig zu erleichtern. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das als übermäßiges Selbstwertgefühl oder als einfache Dummheit deklarieren soll. Beherzt versuche ich dazwischen zu gehen und zische gereizt in seine Richtung:

"Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, hier würden wir sofort entdeckt werden!" Höre ich da einen leichten Anflug von Panik in meiner Stimme mitschwingen?

"Ja, das ist mein Ernst. Es ist die unauffälligste Variante!" Ohne seine Arbeit mit dem Dietrich zu unterbrechen, schaut er mich eindringlich an. Was genau versucht er mir hiermit zu sagen?

"Unauffällig?" Fassungslos starre ich ihn an. Ich muss mich sehr bemühen, meine Stimme in einer leisen Tonlage zu halten. Ist der Mann doch ein Irrer? Zugegeben, ich habe nicht Mulders Erfahrung beim unerlaubten Betreten von fremden Grundstücken, aber ich bin mir absolut sicher, dass das Eindringen durch die Vordertüre keinesfalls die unauffälligste Variante ist!

"Natürlich. Alle anderen Eingänge sind videoüberwacht. Nur dieser hier nicht. Wahrscheinlich glauben sie nicht, dass jemand so dumm ist, genau hier einzudringen. Außerdem befinden sich ihre Räume im hinteren Drittel der Fabrik." Ganz selbstverständlich stößt Declan die Türe auf. Bevor wir eintreten, vergewissert er sich, ob die Luft rein ist. Und er hat Recht. Unglaublich, aber wahr. Leise passieren wir einen langen Flur. Der nackte Betonboden verschluckt sämtliche Geräusche. Links und rechts erkenne ich Türen, doch der Ire schenkt ihnen keinerlei Beachtung und setzt seinen Weg fort. Dann hören wir Stimmen. Schätzungsweise von drei bis vier Männern. Wir verbergen uns in einen der Türrahmen. Ich kann kein Wort verstehen, und doch erkenne ich diese Stimmen und die Sprache. Es sind die selben Männer, die noch vor einigen Stunden auf mich geschossen haben. Unwillkürlich halte ich die Luft an. Langsam werden die Stimmen leiser, bis wir sie gar nicht mehr wahrnehmen können. Außer unseren Atemgeräuschen herrscht absolute Stille. Declans Worte erscheinen mir daher beinahe gebrüllt, obwohl er tatsächlich nur flüstert.

"Die Besprechung ist beendet, das hier waren die Patrouillen und die Torwachen. Die Luft ist rein. Wir werden jetzt die Männer in der Kontrollzentrale außer Gefecht setzen. Unser Vorteil ist, dass sie sich hier sicher fühlen. Ich werde den Kerl, der sich rechts im Raum aufhält übernehmen, Sie den Linken. Wichtig ist, dass sie ihre Funkgeräte nicht benutzen."

Wortlos nicke ich. "Aber würden wir mit einem Kampf nicht auf uns aufmerksam machen?"

"Deshalb werden wir auch diese Injektionen verwenden. Wir werden uns von hinten an sie heranschleichen und ihnen diesen Schlaftrunk intravenös verabreichen. Sobald Sie ihn injiziert haben, knebeln sie ihn mit diesem Tuch hier. Die Wirkung müsste nach spätestens 30 Sekunden eintreten und den Typen eine ordentliche Runde Schlaf verschaffen."

"30 Sekunden? Was in Gottes Namen ist hier drin?" Entsetzt starre ich auf die Spritze, die er mir überreicht hat. Ich kenne sehr schnelle Betäubungsmittel, aber eine Wirkungszeit von dieser Kürze könnte durchaus einen tödlichen Ausgang nehmen.

"Tetanest 200mg, Midazolam 45mg. Eine höchst eigene Mischung!" Voller Stolz beweist Declan die Gefährlichkeit dieses Mittels.

"45mg Midazolam, haben Sie überhaupt eine Ahnung, welche Auswirkungen dieses Medikament haben kann?"

"Ja, sonst würde ich es nicht verwenden. Und glauben Sie mir, Zurückhaltung ist hier nicht erforderlich, bei Ihrem Partner werden sich Sheldors Männer auch nicht zurückgehalten haben. Und jetzt kommen Sie, wir müssen uns beeilen."

Ohne mir die Möglichkeit auf eine Antwort zu geben, legen sich seine Finger auf meine Lippen und er zieht mich hinter sich her. Warum muss er mich die ganze Zeit so herumschubsen? Wären wir nicht in einer äußerst gefährlichen Situation, dann würde ich ihm Benimm beibringen.
 
 

Ohne ein verräterisches Quietschen lässt sich die schwere Türe öffnen. In dem Raum sind klar erkennbar 2 Männer. Der eine sitzt in der linken Ecke in einem ledernen Ohrensessel und schaut fern, sein Rücken uns zugewandt. Objekt Nummer zwei ist mit der Überwachung der Monitore beschäftigt. Auch er kehrt uns den Rücken zu. Das Glück scheint auf unserer Seite zu sein. Stumm bestätige ich meine Bereitschaft und lautlos nähern wir uns den Zielobjekten. Die Spritze fest in meiner Hand, plaziere ich mich direkt hinter dem dunkelhäutigen Mann, wohl darauf bedacht, dass mein Spiegelbild im Fernseher nicht mein Dasein verrät. Meine Augen suchen die des Iren und gleichzeitig schnellen die Spritzen in die Oberarme der Männer, gleichzeitig folgen die Knebel, mit denen wir erfolgreich Laute des Schmerzes und der Überraschung unterbinden können. Durch die Stärke des Mittels ist der Widerstand, auf den ich stoße, minimal und nicht der Rede wert. Nach nicht einmal 30 Sekunden erschlafft der Körper vor mir. Angenehme Träume. Erleichtert drehe ich mich um. Declan ist bereits über die aufgebauten Monitore gebeugt. Insgesamt werden 6 Bereiche überwacht. Ich erkenne einen Flur, einen wohl als Aufenthaltsraum benutzten Raum, zwei hintere Eingänge, das Haupttor mit den beiden Wachen und einen weiteren Raum. Mir stockt der Atem, denn obwohl nicht viel zu sehen ist, ist eine gefesselte und geknebelte Person deutlich erkennbar. Das kann nur Mulder sein! Er bewegt sich nicht, er ist so verdammt still. Eine beängstigende Befürchtung rast durch mein Hirn. Schnell verdränge ich sie wieder. Dafür ist jetzt keine Zeit, ich darf meine Aufgaben nicht vergessen. Um Mulder kann ich mich kümmern, wenn wir ihn gefunden und in ein Krankenhaus gebracht haben.

Declan, der nichts von meinem inneren Tumult ahnt, ist bereits damit beschäftigt, die Anlage zu manipulieren. Flink schnellen seine Finger über die Tastatur und hacken in rasanter Geschwindigkeit Codes und Formeln ins System. Dann schiebt er seine vorbereitete Videokassette ein und lässt das Band eine von ihm geschaffene Illusion über sämtliche Bildschirme flackern. Beeindruckend, er steht den Lone Gunmen in absolut nichts nach.

"So, alle Räume bis auf diesen hier sind nun manipuliert." Alle bis auf Mulders Gefängnis. Ich höre meinen Atem laut zischend entweichen, während ich versuche, auch nur das winzigste Lebenszeichen meines Partners zu erhaschen. Nichts, absolut gar nichts.

Abermals malträtiert der Ire die Tastatur und füttert das System mit weiteren Eingaben. Mit seiner Arbeit sichtlich zufrieden speichert er die Einstellungen.

"Ich habe das Bild eingefroren. Egal, wer diese Monitore sonst noch überwacht, er wird heute einen sehr ruhigen Abend ohne irgendwelche Vorkommnisse haben. Als nächstes werden wir die patrouillierenden Männer ausschalten. Kommen Sie."

Und abermals finden wir uns in einem der Korridore wieder. Oder war es doch der von eben? Ich weiß es nicht. Sie sehen alle so gleich aus. Ich komme mir vor wie eine Ratte im Labyrinth. Nur bin ich nicht auf der Suche nach einem Stück Käse, sondern nach meinem Partner. Und ich muss keine Stromschläge fürchten, sondern tödliche Kugeln. Irgendwie hinkt der Vergleich. In der Ferne vernehme ich sich uns nähernde Schritte, zwei Paar schwere Schritte. Kommentarlos schiebt mir Declan eine weitere Injektion in die Hand. Lauernd harren wir in der Gabelung des Ganges aus. Den richtigen Moment abpassend, schnellen wir nach vorne, wie Raubtiere, die sich ihren ahnungslosen Opfern nähren. Mit aller Kraft wirble ich den linken Mann gegen die Wand, den Überraschungsmoment voll auskostend, wohl merkend, dass der unsanfte Zusammenstoß ihm die Luft aus den Lungen nimmt. Rücksichtslos verabreiche ich auch ihm eine Dosis von Declans speziellen Schlafmittel und presse meinen Körper zur weiteren Imobilsierung gegen ihn. Der langhaarige und vollbärtige Mann starrt mich aus erschrockenen und vor Panik geweiteten Pupillen an und unternimmt einen letzten Ausbruchsversuch. Doch das schon wirkende Betäubungsmittel und mein Griff verhindern sein Vorgehen und wenig später sinkt er bewusstlos gegen die Wand. Erleichtert trete ich einen Schritt zurück und der schlaffe Körper fällt mit einem dumpfen Aufschlag gänzlich zu Boden. Aus den Augenwinkeln erkenne ich in der Mitte des Ganges einen ebenfalls auf der Erde ausgestreckten Typen, wesentlich bulliger als mein Gegner. Mit zusehend schwächer werdender Gegenwehr versucht er den auf ihm lastenden Körper des Iren abzuschütteln. Doch gegen die Injektion ist er machtlos und sein Widerstand verliert sich.

"Ene mene muh und aus bist du." Ich kann einfach nicht glauben, was ich hier höre. Handelt es sich um eine Halluzination oder trällert dieses mich kontinuierlich aufregende Individuum wirklich einen Kinderreim? Ich möchte laut schreiend fliehen.

"Wir müssen sie in einen der Räume ziehen, ich möchte verhindern, dass die dritte Wache über diese Clowns hier stolpert." Lässig packt er die Stiefel des Bewusstlosen und zerrt ihn unsanft in einen der angrenzenden Räume. Bevor ich diesen schweren Mistkerl auch nur einige Meter bewegt habe, tritt der Ire helfend an meine Seite. Vorsorglich entferne ich noch die Munition aus ihren Waffen und wir überlassen sie ihrem Schicksal.

"Wo befindet sich der Raum, in dem Mulder gefangen gehalten wird?", erkundige ich mich mit gesenkter Stimme. Schließlich will ich den verbleibenden Gegner nicht unnötig auf uns aufmerksam machen. Ich hatte zwar die Grundrisszeichnungen der Fabrik gesehen, weiß also theoretisch, wo wir nach Mulder suchen müssen, habe aber nicht den blassesten Schimmer, wo genau wir uns zur Zeit selbst befinden.

"Etwa 500 Meter den Gang entlang, an der Gabelung links. Es ist der dritte Raum auf der linken Seite. Ich vermute, dass es keine Möglichkeit geben wird, uns an den Wachen vorbei zu schleichen. Auch eine Injektion wird wahrscheinlich nicht möglich sein. Durch die Schüsse werden wir höchstwahrscheinlich noch den fehlenden Mann der Patrouille anlocken. Also haben wir es noch mit 4 Gegner zu tun." Mit einer siegessicheren Geste tätschelt er seine Waffen und gemeinsam machen wir uns auf die weitere Suche nach Mulder.

Uns erwarten zwei heftig miteinander diskutierende Verbrecher, die vor der Zugangstüre unseres Zieles positioniert sind. Mir dreht sich der Magen um, als ich erkenne, was genau ihr Gesprächsthema ist. Sie streiten darüber, wer meinem Partner den nächsten Schlag verpassen darf. Ungeduldig dränge ich Declan nach vorne, der Himmel weiß, was ihm schon geschehen ist. Diese Angst macht mich rasend und ohne mich mit Declan abzusprechen, feuere ich, aus der Deckung springend, in kurzen Abständen auf die Männer. Einige Sekunden und zwei Schüsse später kauern sie am Boden, die Gesichter schmerzhaft verzogen. Warum bin ich nicht mehr in der Lage, mich zu kontrollieren? Warum handle ich so... impulsiv? Und obwohl ich genau weiß, dass dieses Vorgehen in keinster Weise dem FBI-Protokoll entspricht und ich kein Recht habe, so mit ihnen zu verfahren, schleicht sich doch ein nagendes Gefühl der Genugtuung bei mir ein.

"Verdammt, was sollte das?" Nicht nur ich bin anscheinend außer mir. Die Stimme des Europäers bebt vor Ärger. So, jetzt siehst du mal, wie es ist, wenn andere über deinen Kopf hinweg Entscheidungen treffen, zufrieden?

"Was das sollte? Wir waren uns doch darüber einig, dass wir sie ausschalten müssen. Und genau das habe ich getan." Noch ehe ich zu einer weiteren Rechtfertigung ausholen, oder Declan seinem Zorn richtig Ausruck verleihen kann, fliegt vor uns die Tür mit einem gewaltigen Schlag auf und ein Hüne von einem Mann stürmt uns erbost entgegen.

"WAS ZUR HÖLLE GEHT HIER VOR?" Beinahe hätte ich meine Waffe fallen gelassen, um mir die Ohren zuzuhalten, doch der letzte Rest meines Verstandes hindert mich daran. Aufgebläht wie ein Kampfhahn versucht der Muskelberg, Declan einen Faustschlag zu verpassen. Einzig allein seinen schnellen Reflexen ist es zu verdanken, dass er der größten Gewalt des Schlages ausweichen kann. Bevor ich in irgendeiner Weise eingreifen kann, werde ich durch einen festen Griff am linken Bein unsanft zu Boden befördert. Ein Fuß bohrt sich schmerzhaft in meine Seite und ich krümme mich zusammen. Diese Mistkerle, ich hätte nicht nur ihre Schulter zerschießen sollen, sondern auch gleich die Kniescheiben. Hinter mir merke ich, dass Declan Schwierigkeiten hat, gegen die Kraft seines Gegners anzukommen. Wildes Kampfgeschrei hallt in meinen Ohren wieder, während ich von einem der mich tretenden Männer wüst beschimpft werde.

"Dieses Miststück hat mich angeschossen. Ich hätte die Schlampe gleich umlegen sollen." Diesem Ausruf folgt ein weiterer, weniger gut gezielter Tritt. Mit aller Kraft stemme ich mich auf und entziehe mich somit den Attacken einer der Männer. Neben mir erkenne ich meine Waffe. Entschlossen umfasse ich ihren Griff, während einer der Beiden versucht, mich zurück zu zerren. Blitzschnell werfe ich mich herum und schlage dem, der mir am nächsten ist, mit voller Wucht die Waffe gegen die Schläfe. Augenblicklich erschlafft die Hand um mein Fußgelenk. Entschlossen ziele ich dann genau zwischen die Augen des zweiten Angreifers und zische ihm warnend zu:

"Eine Bewegung, Arschloch, und ich vergesse, dass ich FBI-Agentin bin." Schwankend erhebe ich mich, ohne ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Nicht nur ich, auch Declan scheint die Oberhand bei seiner Auseinandersetzung zu gewinnen. Denn dieser Bulle kommt nicht gegen die Wendigkeit und Schnelligkeit des Iren an. Mit einem wohlgezielten Hieb knocked er seinen Gegner aus. Dann zieht er eine weitere Ampulle des Betäubungsmittels aus der Jackentasche, die wie durch ein Wunder den Kampf unversehrt überlebt hat. Grollend kniet er neben dem um sein Leben bangenden Gangster nieder. Bevor er ihm das Ende der Spritze brutal in den Arm rammt, schnauzt er ihn wütend an:

"Hat dir deine Mami keinen Anstand beigebracht, du Vollidiot? Frauen schlägt man nicht!"

Declan hört nicht damit auf, mich in Erstaunen zu versetzen. Jetzt versucht er hier als Ritter in glänzender Rüstung aufzutreten. Ob ich ihm sagen soll, dass ich mich sehr wohl selbst verteidigen kann, und mich selbst dieser lästigen Quälgeister entledigt habe? Nein, ich entschließe mich dagegen. Schließlich soll der Mann auch mal einen Erfolg feiern können. Wenn es ihm hilft, bitte schön!

Doch dann holt mich die Realität ruckartig wieder ein und ohne weitere Gedanken an Declans Seelenfrieden zu verschenken, rase ich förmlich in den Raum. Was mich erwartet, überschreitet meine bösen Vorahnungen bei weitem.

Mein Herz droht bei Mulders Anblick vor Schmerz aus meinem Brustkorb zu springen. Geknebelt ist er auf einen Holzstuhl gefesselt, wie ein Opferlamm in der Mitte des Raumes in Szene gesetzt. Die rauhen Fesseln sind so fest um seinen Leib geschnürt, dass sie tief in seine Haut einschneiden. Mulders bewusstloser Körper wird einzig allein von den Schnüren aufrecht gehalten. Sein Kopf ruht seitlich auf der linken Schulter. Der Anblick seines zerschundenen und blutigen Gesichts erschreckt mich. Das rechte Auge ist gänzlich zugeschwollen. An seiner Haltung erkenne ich, dass seine rechte Schulter ernsthaft verletzt ist, ebenso wie die Kniescheiben. Seine Jeans ist an diesen Stellen blutrot verfärbt. Dann entdecke ich einen Hammer direkt neben Mulder. OH MEIN GOTT! Das erklärt einige seiner Verletzungen. Während Declan bereits zugange ist, meinen Partner zu befreien, prüfe ich seine Vitalfunktionen. Sein Puls ist kaum spürbar.

"Er muss sofort ärztlich versorgt werden." Ich selbst erkenne die Dringlichkeit in meiner Stimme und versuche, dem Iren zu helfen.

Doch plötzlich hallen laute Stimmen durch die leeren Korridore.

"Eindringlinge, ich habe Marcel und Antonio bewusstlos gefunden." Ein starker Akzent haftet den Worten an. Mit fliegenden Fingern zerre ich frustriert an den Schnüren. Endlich!

"Wir müssen ihn hier raus bringen. Hier, nehmen Sie meine Waffen, ich werde Mulder tragen, Sie werden uns den Weg frei machen." Noch ehe ich meine Befürchtungen oder Gedanken in Worte fassen kann, haben Declans Waffen bereits den Besitzer gewechselt. Trotz der Eile lässt mein Begleiter bei Mulders Transport die nötige Vorsicht walten. Die Rufe werden lauter. Oh nein, wir laufen ihnen direkt in die Arme.

"Wohin? Wie kommen wir hier am schnellsten raus, Declan?"

"Wir müssen hier links, dem Gang folgen. Dann kommt die Halle, gerade durch bis zum Hinterausgang." Atemlos versucht er mit mir Schritt zu halten. Dennoch beschleunige ich mein Tempo. Hinter uns höre ich laut und deutlich: "Da vorne, sie fliehen mit dem Gefangenen!"

"Wo kommen all die Leute her?" Es war von einer weiteren Person die Rede, hinter uns sind mindesten 6 Männer her.

"Das muss Sheldor sein, mit seinen Jungs. Scheiße! Los, beeilen Sie sich." Trotz seiner Last drängt er mich weiter. Immer wieder drehe ich mich kurz zu unseren Verfolgern um, die in beängstigender Weise immer mehr an Abstand verlieren. Rennend passieren wir eine Gabelung und aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass von rechts zwei weitere Männer zu uns aufschließen. Ich erkenne, wie einer von ihnen eine Waffe zieht. Beherzt greife ich nach der SIG und lasse etwas Abstand zwischen Declan und mich kommen. Mit meiner beim FBI erlangten Schussicherheit schalte ich die Männer aus der Seitenpassage aus. Zwei weitere perfekt durchschlagende Schulterschüsse, jeweils die Waffenhand. J. Edgar wäre jetzt sicherlich stolz auf mich. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Es bleiben mindestens weitere 6 Verfolger. Mit einem schnellen und kraftkostenden Sprint hole ich den Iren mit Mulder wieder etwas ein. Und dann sind die Männer verschwunden. Keine lauten Zurufe mehr, keine festen Schritte mehr hinter uns. Endlich erreichen wir die Lagerhalle. Bleiben noch etwa 700 Meter bis zur Türe, zwischen großen und klobigen Maschinen hindurch. Und jetzt merke ich, wo sich Sheldor und seine Leute befinden. Über uns, auf der seitlich aufgebauten Empore. Das Metall gibt deutlich hörbar ihre Schritte wieder. Mich überkommt ein seltsames Gefühl von Déja vue! Und schon wie beim ersten Mal hallen Sekunden später Schüsse. Glücklicherweise bieten die Maschinen ausreichend Deckung, das hoffe ich zumindest.

"Wenn das nicht Agent Scully ist! Wissen Sie, Dana, mir ist noch niemand entkommen. Normalerweise kommen meine Opfer nie freiwillig zurück. Sie haben mir ein ganzes Stück Arbeit abgenommen, wissen Sie das?" Diese selbstgefällige Arschloch bringt mich zur Weißglut. Er und seine Leute haben in den letzten Tagen nicht nur einmal, nein, gleich zweimal auf mich geschossen, von Mulders Zustand ganz zu schweigen. Vorsichtig rolle ich mich zur Seite. Kaum zu fassen, diese Kerle suchen nicht einmal Deckung. Nun, für diese Achtlosigkeit werden sie teuer bezahlen. Ich ergreife zwei der Waffen und visiere mein erstes Ziel an. Schuss! Volltreffer.

"Dana, hinter Ihnen!" Überrascht wirble ich herum. GOTT, vier bewaffnete Gangster rasen auf uns zu. Und wir befinden uns abermals unter Beschuss.

Blind feuere ich Schuss für Schuss ab. Einer der Angreifer stürzt und krümmt sich getroffen auf der Erde. Wie eine Furie ballere ich um mich. Ich verliere sämtliche Kontrolle. Die Wirklichkeit entrückt. Zurück bleiben einzig allein die Waffen in meinen Händen und meine sich vor mir bewegenden Ziele. Ich komme mir vor wie in einer neuen Version dieses virtuellen Machospieles. Bleibt nur die Frage, wie ich die Sache mit dem Testosteronüberschuss glaubhaft erklären soll. Nackte Panik und Adrenalinrausch? Wohl eher blinde Wut und Unzurechnungsfähigkeit! Gott, in dieser absurden und gefährlichen Situation verstehe ich das erste Mal meinen Partner. Und wieder geht ein Schütze zu Boden. Ohne Declan eines Blickes zu würdigen, schmeiße ich ihm die leere Sig zu und ziehe die dritte Schusswaffe hervor, dabei noch immer mit der verbleibenden S & W schießend. Noch ein Treffer. Blut verfärbt den Boden. Declan widmet sich mit der neu geladenen Waffe derweil den Männern auf der Empore. Ein weiterer Schuss meinerseits setzt den vierten Angreifer schachmatt. Nun nehme ich Sheldor ins Visier. Ich muss meine gesamte verbleibende Kontrolle aufwenden, um nicht einen lebensgefährlichen Schuss abzugeben. Alles in mir drängt mich, diesen Scheißkerl in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Keinen Moment zu spät gewinnt mein zur FBI-Agentin ausgebildetes ICH die Kontrolle zurück, was Morgan Sheldor wohl sein Leben rettet. Verwundet sinkt auch er in sich zusammen. Die Schüsse verstummen, der Raum ist in Stöhnen und Fluchen gehüllt. Ich kann einfach nicht fassen, dass mir das zweimal innerhalb so kurzer Zeit passiert ist. Ich muss ernsthaft an meiner Professionalität zweifeln. Wie konnte das nur geschehen? War all die jahrelange und quälend langsame Arbeit umsonst gewesen? Wie konnte aus dem coolen Kontrollfreak eine heißblütige Revolverheldin werden?

"Was ist? Wir haben keine Zeit für ein schlechtes Gewissen! Kommen Sie, Dana!" Unsanft reißt mich Declan zurück in die Realität. Ich verstaue die mir verbleibenden Waffen sicher und setzte mich langsam in Bewegung. Nur mit grober Gewalt ist es möglich, die schwere Türe zu öffnen und uns den Weg in die Freiheit zu verschaffen. Erleichtert stelle ich fest, dass das große Tor nicht mehr bewacht wird. Die Männer müssen wohl ebenfalls alarmiert und nun von uns ausgeschaltet worden sein. Wir verschmelzen mit der uns umgebenden Nacht und verlassen das Grundstück. Langsam wird mir klar, wie knapp wir entkommen sind. Und Declan wirkt sichtlich geschwächt. Endlich am Auto krame ich in der Tasche des Iren nach dem Schlüssel. Vorsichtig legt er Mulder auf die Rückbank. Dann erkenne ich Blut an Declans Hose.

"Himmel, sind Sie angeschossen worden?"

"Nur ein Kratzer." Sehr mutig und männlich, wie er sich jetzt aufführt, wirklich beeindruckend. Kopfschüttelnd nehme ich den Schlüssel.

"Was soll das? Das ist mein Wagen, ich fahre!" Empört versucht er nach mir zu greifen.

"Nein, ich fahre. Sie werden jetzt zu Mulder nach hinten in den Wagen steigen und ich werde fahren. Wagen Sie es nicht, mir zu widersprechen. Ich bin Ihnen in den letzten Tagen blindlings gefolgt. Ich fahre und Sie halten den Mund, kapiert!" Ich hoffe, der Ire hat verstanden, dass ich es durchaus ernst meine. Mit demonstrativ erhobenem Kopf umrunde ich den Wagen und nehme auf der Fahrerseite Platz. Energisch stelle ich den Sitz richtig ein und rase mit Höchstgeschwindigkeit zum nächstgelegenen Krankenhaus.
 
 

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Eine Woche später
Dana Scullys Appartement



Übermüdet sinke ich auf meinem Sofa nieder. Es gibt keine Faser in meinem Körper, die nicht in irgendeiner Weise schmerzt. Obwohl ich eigentlich wütend auf Skinner bin, sehe ich ein, dass er in gewisser Weise Recht hat. In diesem Zustand bin ich Mulder gewiss keine Hilfe. Und somit hat er mich nach Hause geschickt. Nun, nicht ganz. Er sagte es mit den Worten: "Nein, Agent Scully. Sie gehen jetzt nach Hause, nehmen eine Dusche, essen eine Kleinigkeit und werden dann mindestens 7 Stunden schlafen. Habe ich mich klar ausgedrückt, oder muss ich Sie erst gewaltsam aus Mulders Krankenzimmer entfernen lassen?" Das hatte gewirkt. Und ich muss eingestehen, dass die letzte Woche sehr anstrengend und emotional belastend war. Denn Mulder ist erst heute morgen aus seinem Koma aufgewacht, in das er übergangslos nach seiner Bewusstlosigkeit gefallen war. In dieser Zeit habe ich kaum etwas um mich herum wahrgenommen. Die Sorge um Mulder war allgegenwärtig gewesen. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal etwas Essen zu mir genommen habe. Nur mühsam kann ich ein Gähnen unterdrücken. Aber was zählt, ist, dass Mulder wieder zu sich gekommen ist. Sein Zustand war die ersten Stunden sehr kritisch, seine volle Genesung noch immer fraglich. Seine Kniescheiben wurden durch unzählige Schläge mit dem Hammer total zertrümmert. Einige gebrochene Rippen hatten zu inneren Blutungen geführt, die in einer grausam langen Operation gestillt wurden. Sein Gesicht war auch nicht besser gewesen. Unzählige Stiche mussten genäht werden. Die verletzte Schulter machte den Ärzten die geringsten Sorgen. Wenn ich mich nicht schon auf meine Weise für diese Unrecht gerächt hätte, ich schwöre, Morgan Sheldor wäre selbst in seiner Gefängniszelle nicht sicher vor mir! Aber nichts desto trotz sind Mulder Aussichten den Umständen entsprechend gut. Langsam erhebe ich mich wieder, kann aber ein Aufstöhnen bei der Bewegung dennoch nicht unterdrücken. In der Küche öffne ich den Kühlschrank. Das darf nicht wahr sein! Die meisten meiner Lebensmittel sind schlecht. Klasse, einfach Klasse! Also wird das Essen auf später verschoben. Bleibt noch die Dusche. Erschlagen ziehe ich mich aus und erst das heiße Prasseln des Wassers gibt meinem Körper etwas von seiner Kraft zurück. So gut! Genießerisch schließe ich die Augen und lasse mich minutenlang von der wohltuenden Wärme verwöhnen. Schnell shampooniere ich meine Haare und sobald das Wasser abkühlt, trete ich aus der Dusche. Ohne mich abzutrocknen, schlüpfe ich in meinen dicken und gemütlichen Bademantel. Schlafen, alles was ich jetzt noch will, ist schlafen. Während ich durch meine Wohnung laufe, bleiben meine Augen auf meinem PC hängen. Was soll’s! Schnell fahre ich den Rechner hoch und logge mich ins Internet ein.

"Sie haben Post!", ertönt die monotone Stimme des AOL-Programmes.

Ich überfliege die Absender. Werbung, mein Bruder, Werbung, ein Arzt, den ich auf einer Konferenz kennen gelernt habe... nichts Aufregendes. Bis auf... die letzte Email weist keinen Absender aus, sie ist anonym. Auch einen Betreff gibt es nicht. Ob es sich hierbei um einen Virus handelt? Nein, die Mail hat keinen Anhang. Meine Neugierde siegt. Selbst wenn es sich um einen Virus handelt, wieso kenne ich drei der besten Hacker der ganzen USA? Die werden den Rechner schon wieder hin bekommen!

Damit klicke ich die Nachricht an.
 
 
 
 

Dana,
 
 

es tut mir leid, dass ich nicht mehr die Chance hatte, mich von Ihnen persönlich zu verabschieden. Leider musste ich mich kurzfristig um eine dringende Angelegenheit kümmern. Wie ich erfahren habe, geht es Ihrem Partner schon wesentlich besser. Das freut mich aufrichtig. Ich möchte mich auf diesem Wege bei Ihnen bedanken. Ich wusste zwar, dass ich mich vollends auf Sie verlassen kann, nichts desto trotz haben Sie mich überrascht. Angenehm überrascht, wohlgemerkt. Es war mir eine Freude, mit Ihnen in dieser Sache zusammen zu arbeiten. Mulder kann sich glücklich schätzen, eine so loyale und gute Agentin und Freundin an seiner Seite zu wissen. In gewisser Weise beneide ich Fox Mulder darum. Was ich Ihnen noch mit auf den Weg geben möchte, ist, dass es keinesfalls negativ ist, ab und zu die Kontrolle zu verlieren. Es ist lediglich der Beweis, dass Ihnen nicht egal ist, was in dieser Welt geschieht. Und in Anbetracht Ihres harten Berufes ist das in meinen Augen durchaus erstaunlich. Hin und wieder über seine Grenzen zu treten erleichtert einem das Leben. Verlieren Sie diese Gabe nicht!
 

Ich weiß, dass Ihnen und Mulder unzählige Steine in den Weg gelegt werden. Auch um ihre persönlichen Verluste bin ich mir im Klaren. Dennoch möchte ich Sie ermutigen, niemals klein beizugeben. Ich sichere Ihnen meine vollkommene Loyalität zu. Sie werden sich sicherlich fragen, was genau ich alles weiß, oder woher ich wissen will, worum es bei Ihnen und Agent in Ihrem Kampf um die Wahrheit geht. Und dennoch kennen Sie schon die Antwort. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Nur Ihnen versichern, dass ich ihre Fortschritte verfolgen werde und bereit bin, bei scheinbar aussichtslosen Situationen in Erscheinung zu treten. Ich wünsche Ihnen die nötige Kraft, Ihre Ziele zu erreichen. Ich glaube fest daran, dass Sie das schaffen, was auch immer Sie sich in den Kopf setzen.
 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich unsere Wege noch einmal kreuzen werden. Spätestens, wenn ich meine alten Smith & Wesson wieder benötige. Ich bitte Sie, sie bis zu meiner Rückkehr aufzubewahren. Ich weiß, dass Sie bei Ihnen in guten Händen sind.
 

Passen Sie auf sich und Ihren Partner gut auf!
 

Bis zu unserem Wiedersehen!
 

Declan
 
 
 

Ich kann mir ein breites Grinsen beim Lesen dieser Zeilen nicht verkneifen. Declan. Ein Mann, der mehr Geheimnisse und Mysterien als Antworten geliefert hat. Declan, dessen Ziele ich nicht kenne und ohne dessen Hilfe Mulder wohl verloren gewesen wäre. Declan, ein Mann irischer Abstammung, der mir dennoch keine Angst gemacht hat, dem ich blind zu folgen bereit war. Declan, der meine bösesten Dämonen ohne große Anstrengung hervorrufen konnte. Declan, dessen Vertrauen ich geerntet habe, ohne dass es mir jemals bewusst gewesen ist. Declan, der mir und Mulder soeben seine Loyalität unterbreitet hat. Declan, Beautiful Stranger.


 

 

The End