Titel:
The passion of fear
Kategorie:
MSR / NC-17
Autoren:
Dies ist, vom ersten bis zum letzten Strich, eine
100%ige
Teamarbeit von der bezaubernden [B]Jumago[/B], & [B]Matches
Malone[/B]
(Ladies first!) J
All das hier ist
zu gleichen Teilen aus unseren beiden Hirnen entsprungen,
erdacht, verfasst und somit auch nieder geschrieben worden.
Kontakt:
cape_and_cowl@gmx.de piccolinus@online.de
Disclaimer:
Da keiner der hier verwendeten Charaktere uns gehört, habt ihr
das unschätzbare Glück, in den
kostenlosen
Genuss dieser Story zu kommen. Ansonsten müsstet ihr euch
nämlich dumm und dusselig zahlen dafür +loool+ :D
Spoiler:
Season 4
Short Cut:
Hanoi...das verdirbt bloß die Spannung...
The
passion of fear
Gewaltbewältigung!
Das Verarbeiten von Ängsten und unausgesprochenen,
unterdrückten Gefühlen.
Kursnummer 301.
Immer montags von 16.00 bis 18.00 Uhr. Und das ganze auch noch
gnadenlose 10 Mal. Alles auf der Basis von Autogenem Training.
Was für ein Quatsch!
Das fühlte
sich an wie ein Mund voller Reisnägel. Genau das, was Mulder
jetzt brauchte. Angewidert, als ob er gerade auf eine Zitrone
gebissen hätte, drückte er mit dem Zeigefinger den untersten
Knopf im Fahrstuhl. Das ächzende Geräusch der schließenden
Türen klang wie ein hämisches Lachen in seinen Ohren. Das war
wie eine Strafe. Danke Skinner, dachte er wütend.
Als ob in seinem kleinen Kellerbüro nicht auch so schon
genügend wichtigere Arbeit auf ihn wartete.
Einatmen,
ausatmen. Und das im Takt zu Haydn oder Mozart. So ein Blödsinn!
Er wusste doch
mit seinen Gefühlen umzugehen, hatte seine ruhelose Natur stets
fest im Griff. Dafür brauchte er keinen Akademiker mit einem
Abschluss in Psychologie. Schon gar keinen diplomierten
Seelendoktor namens Nigma. Prof. Dr. Eric Nigma, um genau zu
sein. Auch die Tatsache, dass dieser als anerkannter Experte auf
seinem Gebiet eigens für diesen Kurs angereist war, machte ihm
die Sache auch nicht schmackhafter.
Seines Erachtens
hatte er sich eigentlich immer ganz gut unter Kontrolle, auch
wenn er ab und zu einmal mit seinen Vorgesetzten aneckte, und
nicht immer unbedingt einer Meinung mit Ihnen war. Und außerdem,
er hatte ja schließlich Scully. Sie bremste ihn schon, wenn er
wieder einmal Gefahr lief, über das Ziel hinauszuschießen.
Special Agent
Dana Scully. Seine langjährige, skeptische FBI Partnerin, die
jetzt hier im Aufzug neben ihm stand und welche sein langes
Gesicht in der spiegelnden Innenverkleidung des Aufzugs mit einem
amüsierten Grinsen im Gesicht betrachtete und die der Versuchung
nicht widerstehen konnte, ihn mit dem Ellenbogen leicht
anzustoßen, um gleich darauf ganz beiläufig mit einem leicht
ironischen Unterton in ihrer Stimme zu bemerken: Mulder,
jetzt kommen Sie schon! Sie sehen so aus, als hätte man Ihnen
gerade erzählt, Elvis sei tatsächlich gestorben. Autsch,
das tat jetzt wirklich weh.
Sehen sie
es doch einmal so, fuhr sie sogleich fort. Sie
können sich auf den Rücken legen und haben endlich mal Zeit,
etwas Ordnung in ihre wirren Gedanken zu bringen. Es tut auch
ganz bestimmt nicht weh, versprochen. Damit verließ sie
schmunzelnd den inzwischen geöffneten Aufzug und ging
schnurstracks in Richtung Kellerbüro. So abartig der Gedanke an
Entspannung für Mulder auch war. Scully, die gerade erst eine
schwere Krebserkrankung hinter sich hatte, konnte sich schon eher
mit dem Gedanken anfreunden, den Geistern der Nacht, ihren
unterdrückten Ängsten, ein wenig auf den Leib zu rücken. Und
wenn dieses autogene Training, dieser Kurs hier, nicht nur ihr
dabei helfen konnte, sondern auch ihrem Partner noch zu ein wenig
Abwechslung verschaffen würde, so sollte ihr das nur Recht sein.
In der kleinen
Sporthalle im Untergeschoss des FBI Gebäudes lagen bunte
Gummimatten gleichmäßig verteilt auf dem Boden. Gemeinsam
betraten sie die Halle. Beide trugen die vorschriftsmäßigen
dunkelblauen FBI Trainingsanzüge mit dem weißen Schriftzug auf
der linken Brust und jeder hatte ein dickes Kopfkissen unterm
Arm. Ein wenig zurückhaltend traten sie durch die sperrangelweit
geöffnete, schwere Holztür. Im Inneren der Turnhalle, welche
für eine solche nicht besonders groß geraten war, zeugte alles
davon, dass ihre letzte Benutzung oder zumindest die letzte
Renovierung wohl schon einige Jahre zurück lag. Und um ehrlich
zu sein hatten weder Mulder, noch Scully überhaupt etwas von der
Existenz dieses Raumes gewusst, was doch mehr als verwunderlich
war, lag ihr Büro doch gar nicht so weit von hier, nur ein paar
Treppen weit weg. Die Anlage hatte dieses typische eau
de Staat, wie Mulder es gerne scherzhaft nannte. Das
war sein Ausdruck für eine Räumlichkeit, die man mit
geschlossenen Augen betreten konnte und trotzdem sofort
instinktiv wusste, dass sie Staatseigentum war. Es roch danach,
in jeder Ecke und in jedem Winkel. Die Luft war ein wenig
abgestanden und wo man hinsah...die Matten auf dem Fußboden, die
Holzbank neben der Türe...überall prangte jener
besitzergreifende FBI - Schriftzug, fett gedruckt in
mittlerweile verblichenem schwarz und alles bestand aus den
üblichen für den Staat produzierten Massenanfertigungen, so
dass z.B. der Hocker, der hier in der einen Ecke stand,
vermutlich einen exakten Doppelgänger in genau der gleichen
Farbe und Form besaß, nur eben in einer Sportanlage in z.B.
Quantico oder Texas oder wo auch immer. Wenn man dann auch noch
in Betracht zog, dass jene Gegenstände höchstwahrscheinlich zu
einer Zeit angeschafft worden waren, in der J. Edgar Hoover hier
noch alle Fäden in der Hand hielt und dass jener Hocker z.B.
dort demzufolge wohl älter war als man selbst, wurde einem ganz
anders zumute.
Die Matten auf
dem Fußboden waren in regelmäßigen Abständen ausgelegt worden
und das Licht hatte man stark abgeschwächt. An der Längswand,
gleich gegenüber der Türe, war provisorisch eine kleine, weiße
Leinwand aufgehängt worden und von irgendwoher projizierte ein
Beamer eine merkwürdige, verwirrende und unnötig kompliziert
wirkende Grafik darauf. Direkt davor tummelte sich eine Traube
von Leuten, welche allesamt denselben dunkelblauen Sportanzug
trugen wie sie selbst.
Scully schaute
auf ihre Armbanduhr. 16 Uhr, pünktlich auf die Minute.
Allerdings war ihre anfängliche Euphorie nun ein wenig
verflogen, nun da sie hier war. Die beiden Agenten waren noch
dabei, sich etwas verhalten zu den übrigen zu gesellen, da
ertönte von irgendwo inmitten der Traube schon eine energische
Stimme: Hallo, und herzlich willkommen zur dritten Sitzung
meines Intensivkurses `Autogenes Training - die Lösung für
ihren Alltag´. Die Traube von Leuten, es mussten so um
die zwanzig Männer und Frauen jeden Alters sein, öffnete sich
ein wenig und Scullys Blick fiel auf einen Mann in schwarzem
Anzug und grauer Krawatte, der sie, mit einem Mikrofon in der
einen und einem Laserpointer in der anderen Hand, einem
Showmaster gleich gestikulierend und mit einem dünnen, lang
gezogenen Lächeln begrüßte. Eric Nigma war schätzungsweise
Anfang 30 und sah ganz und gar nicht aus, wie man sich einen
Diplompsychologen gemeinhin so vorstellt.
Er hatte
dunkelbraunes Haar und einen kurzen Bürstenschnitt, was seine
abstehenden Ohren noch zusätzlich hervorhob. Sein spitz
zulaufendes Kinn und die eng aneinander liegenden Augen boten
einen passenden Kontrast zu seiner langen, spitzen Nase und
dem hervorstehenden Adamsapfel an seinem Hals. Sein feiner,
schwarzer Anzug wirkte ein wenig fehl am Platze zu dieser
Gelegenheit und schien obendrein eine Nummer zu groß zu sein. Er
musterte seine Gäste sogleich sehr eindringlich durch seine zu
schmalen Schlitzen verengten Augen und sein Blick fiel sogleich
auf die zwei Neuankömmlinge hinten in der Mitte. Sein Lächeln
wurde noch breiter. Ganz besonders möchte ich die beiden
aufgebrachten Seelen begrüßen, welche heute zum ersten Mal zu
diesem Ort der Ruhe, des inneren Friedens und der Stärke
gefunden haben. Alle Blicke gingen sogleich in Mulders und
Scullys Richtung, welche schlagartig erahnen konnten wie ein Tier
im Zoo sich wohl fühlen musste. Nämlich in etwa so wie sie
jetzt, in genau diesem Moment. Jetzt hätte nur noch gefehlt,
dass irgendjemand angefangen hätte, mit Popcorn oder Brotkrumen
zu werfen. Die unbehagliche Stille wurde erst durchbrochen, als
der Professor erneut das Wort ergriff und mittels seines roten
Laserpointers die unübersichtliche Grafik an der Leinwand hinter
ihm erläuterte. Mulder sah sich um. Es war ihm mehr als
schleierhaft, wie irgendjemand sich auch nur die Mühe machen
konnte zu verstehen, was hinter diesem Gekritzel da vorn steckte.
Er konnte oder besser wollte ein Augenrollen nicht unterdrücken.
Einige der Gesichter um ihn herum, in die er blickte,
verschafften ihm allerdings auch eine Spur von Genugtuung, war in
ihnen doch überdeutlich zu lesen, dass auch sie alles andere als
freiwillig hier waren.
Möge mein
Leid doch bitte schnell ein Ende nehmen, dachte er bei sich
im Stillen.
Was hatte der Quacksalber gesagt, dies hier war die dritte Sitzung? Wenigstens eine gute Nachricht heute, so musste er nur sieben Mal leiden, anstatt insgesamt zehn Mal. Er blickte nach links zu seiner Partnerin, welche den lautstarken Ausführungen dieses Kerls doch tatsächlich aufmerksam zu folgen schien. Hörte der Typ denn nie mehr auf zu labern? : ...Und so wollen wir auf diesem Wege erreichen, mittels gezielter Atemtechniken.... Bla bla bla. Das ganze hätte man in drei Worte fassen können: Gähn, röchel und schnarch. Er grinste. Hey, Scully. Der Kerl hätte Moderator werden sollen oder Pfarrer. Alles, aber kein Arzt, flüsterte er ihr zu und grinste dabei schelmisch. Zur Strafe bekam er einen `Mulder, benehmen Sie sich gefälligst - Blick´ von ihr und er verkniff sich daraufhin jeden weiteren Kommentar, der ihm sonst noch so spontan in den Sinn kam. Bei näherer Überlegung hatte er wirklich nicht das Recht, sich hierüber lustig zu machen. Nicht nach all dem, was sie hatte durchmachen müssen. Wegen ihm und seinem kleinen privaten Kleinkrieg für die Wahrheit. Diese Sache hier schien ihr wirklich wichtig zu sein und ihr zuliebe würde er gute Miene zum bösen Spiel machen und nicht zuletzt deshalb, weil er es ihr einfach schuldig war.
Nein auch, weil
er viel für sie empfand und sie zudem sehr respektierte. Was sie
da durchgemacht hatte und die Tatsache, dass sie schon wieder so
auf dem Damm war...er wusste nicht, ob er auch diese enorme, ja
schon fast übermenschliche Kraft hätte aufbringen können, an
ihrer Stelle. Je mehr er darüber nachdachte, wenn er nachts
deswegen wach lag und sich den Kopf zerbrach, desto sicherer war
er sich, dass er es nicht hätte können, dass er diese Kraft
bestimmt nicht imstande wäre aufzubringen.
Mulder,
kommen Sie? Er schreckte aus seinen Gedanken hoch. Alle um
ihn herum stoben auseinander, in Richtung der blauen und roten
Matten, und seine Partnerin war nun auch bereits ein gutes Stück
hinter ihm und wartete darauf, dass er nachkam. Was er dann auch
umgehend tat.
Der Doktor
schaltete währenddessen mittels einer kleinen Fernsteuerung den
Projektor, welcher an der gegenüberliegenden Wand, direkt über
der Tür angebracht worden war, aus, und machte sich sodann
daran, einen CD - Player in Betrieb zu nehmen. Bitte lass
es KORN sein, dachte der Agent, seine Hoffnung
erfüllte sich jedoch nicht. Stattdessen wurden seine Ohren
gleich darauf mit klassischer Musik beschallt. An sich mochte er
klassische Musik, war es doch hohe und anerkannte Kunst. Doch
dummerweise entsprach diese Art der Musik so gar nicht seinem
momentanen Gemütszustand. Er stutzte. So gesehen war das ja auch
der Sinn des ganzen hier, aber was solls, so war er nun
mal. Er legte sich neben Dana auf seine eigene Matte und starrte
an die Decke. Gerade wollte er sein Kopfkissen zurecht rücken,
da erschien über ihm, wie aus dem Nichts, das lächelnde Gesicht
einer jungen, blonden Frau. Hallo, ich bin Felicia,
begrüßte sie ihn. Offensichtlich hatte er nicht mit etwas
derartigem gerechnet, denn er erschrak ziemlich, zuckte zusammen
und schaute sichtlich verdutzt aus der Wäsche, wie er so tief in
seinem großen, weichen Kopfkissen versunken war, dass beinahe
nur noch seine Nase hervor schaute. Er erhob sich und setzte sich
aufrecht hin. Felicia kniete neben ihm, halb auf seiner Matte und
grinste verlegen. Mulder lächelte, selbst sichtlich amüsiert
über seine unfreiwillige
Slapstick -
Einlage von gerade eben. Hi, begann er. Ich bin
Fo...Mulder, korrigierte er gerade noch rechtzeitig. Er
hätte nicht gedacht, bei diesem Kurs hier auch nette, normale
und obendrein noch attraktive Menschen anzutreffen. Und dass auch
noch auf der Matte direkt neben sich. Zu beiden Seiten eine
schöne Frau, und eine attraktiver als die andere...langsam fing
die Sache hier an, interessant zu werden. Die blonde Frau
lächelte noch immer und mit einem Mal griff sie energisch nach
seiner Hand und schüttelte den verdutzten Agenten auf diese
Weise ziemlich durch. Freut mich, Felicia...ach so, das
hatten wir ja schon Sie kicherte. Ich bin schon zum
dritten Mal hier, sie habe ich hier noch nie gesehen, Sie
arbeiten auch hier, oder?
Mulder wollte
gerade zur Antwort ansetzen, da kam sie ihm bereits zuvor und
schnitt ihm das Wort ab und ratterte, einem Maschinengewehr
gleich, los: Ich finde es sehr entspannend, ich bin ja
ansonsten auch recht sportlich, nur schwimmen, das mag ich
absolut nicht, ich bin als Kind mal in einen Teich gefallen, als
ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, die hatten Goldfische
im Garten, seitdem hab ich da einen Knacks weg. Sie
kicherte erneut piepsig, dann fuhr sie fort: Ansonsten bin
ich für jeden Spaß zu haben. Hatten ihre Großeltern auch einen
Teich? Sie sehen sportlich aus, was machen Sie, gehen Sie laufen?
Ich bin früher laufen gegangen, doch seit der Geburt meiner
Tochter vor zwei Jahren finde ich dafür keine Zeit mehr, wissen
sie? Kinder können anstrengend sein. Mein Mann hat mich kurz
darauf verlassen, ich weiß bis heute nicht wieso. Sind Sie
verheiratet, ich sehe keinen Ring an ihrer Hand oder ist die
Frau, mit der sie gekommen sind, ihre Frau, Mr. ...wie war Ihr
Name noch gleich?
Fox Mulder machte
ein Gesicht wie beim Zahnarzt, als entfernte man ihm gerade den
Zahnstein.
Noch nie, und er
meinte wirklich noch nie zuvor hatte er einen Menschen getroffen,
der schneller sprechen konnte, als er imstande war zu denken. Er
war total perplex und starrte sie mit offenem Mund und großen
Augen an. Scully, die das Schauspiel unfreiwillig mitbekommen
hatte, grinste ihrerseits vor sich hin, während sie versuchte,
eine bequeme Position einzunehmen. Für sie hatte sich die ganze
Sache schon jetzt gelohnt, denn noch nie hatte sie ihren Partner
dermaßen sprachlos erlebt und dass auch noch in einer solchen
Rekordzeit.
Ob man die Frau
wohl mieten konnte, bei Bedarf?
So, wir
kommen dann langsam zur Ruhe, drang die Stimme des Doktors
bestimmend von vorn.
Oh, hoppla,
kicherte Felicia und erhob sich. Schätze, wir müssen
später weiter plaudern, flüsterte sie und begab sich
rüber auf ihre eigene Matte. Wir?, brummte der Agent
sarkastisch. Aber immerhin...gerettet durch die Uhr. Dann konnte
er ja jetzt endlich schlafen. Und damit begab auch er sich in die
Horizontale.
Wieder
erklang die Stimme des Doktors von vorne, in einem Sing - sang -
artigen Ton: Versuchen Sie sich zu entspannen, legen Sie
sich bequem hin. Suchen Sie sich eine bequeme Lage. Tief einatmen
und ausatmen. Schließen Sie die Augen. Dies wiederholte er
wieder und wieder, einige Male. Es schien fast, als müsse er
rechtfertigen, wofür er sein Geld bekam. Und dann, nach einer
Weile, fuhr er fort: Stellen Sie sich ein Bild, einen Ort
vor, an dem Sie sich entspannen können. Ein Strand vielleicht,
eine Badewanne, ein Bett oder dergleichen.
Jeder, der schon
einmal versucht hatte an nichts zu denken...also wirklich
seinen Kopf zu leeren und sich zu entspannen, und das auch noch
auf Kommando, der weiß, wie schwer so etwas sein kann. Ganz
besonders an einem fremden Ort, in einem Raum mit lauter
wildfremden Menschen, welche alle, genau wie man selbst, auf
einer unbequemen, viel zu dünnen Gummimatte lagen. Die Musik
wirkte entspannend, ja. Das gedämpfte Licht erzeugte einen
Schein von Geborgenheit, der allerdings keineswegs aufrichtig,
sondern schlicht und einfach konstruiert wirkte. Die diffusen
Lichtfetzen fielen auf das von schwarzen Schuhstreifen übersäte
Linoleum um einen herum und die zahllosen Geräte wie z.B. Reck
und Schwebebalken, welche allesamt in eine Ecke der Halle
verbannt worden waren, um möglichst viel Platz zu schaffen,
warfen lange, unförmige Schatten.
Man merkte
einfach, dass alles in diesem riesigen Raum darauf abzielte einen
einzulullen. Dieses künstlich produzierte Ambiente sollte der
Therapie an sich sicherlich dienlich sein, schürte sein
persönliches Unbehagen stattdessen jedoch nur noch zusätzlich.
Nein, es drehte ihm den Magen um, am liebsten hätte er seine
Smith & Wesson genommen und wild um sich geschossen. Zu dumm,
dass das mitbringen von Waffen zu diesen Sitzungen strengstens
verboten war. Diesen Umstand bedauerte er sehr, wäre dies seiner
Ansicht nach in diesem Augenblick doch der beste und einfachste
Weg zur Gewaltbewältigung und erst recht zum Stressabbau
gewesen. Aber nun gut, er hatte sich ja geschworen, keinen Ärger
zu machen in dieser Sache. Er war heilfroh, dass er diese Felicia
überlebt hatte. Und wenn er sich schon sinnlos hier hinlegen
sollte, dann konnte er ebenso gut die Zeit hier nutzen, um ein
kleines Nickerchen auf Staatskosten zu machen. Man soll ja immer
das Beste aus jeder Situation herausholen, dies war schon immer
einer seiner Leitsätze gewesen.
Alles war still,
nur die leise Hintergrundmusik war zu hören. Und nach nicht mal
zwei Minuten wurde diese ergänzt durch einen leise schnarchenden
Mulder...
Nicht zu
fassen, er schläft tatsächlich, war Danas erster Gedanke,
als sie ihn nach knapp zwei Minuten in gleichmäßigem Rhythmus
leise atmen hörte. Aber wirklich böse war sie ihm nicht, eher
amüsiert über seine Dreistigkeit. Mulder konnte überall
schlafen und wenn er erst schlief, war so schnell nichts in der
Lage ihn aufwecken. Sie hoffte nur, dass er keinen Ärger bekam,
aber solange er nicht zu laut wurde, würde es eh niemand
bemerken. Außerdem sah er immer so goldig aus, wenn er schlief
und sein Kissen dabei fest hielt, als hinge sein Leben davon ab.
Sie lächelte in sich hinein und versuchte daraufhin, sich auf
die Übung zu konzentrieren.
Es ist warm
und Ihre Beine werden schwer...Ihre Arme werden schwer, kam
es in langsamem, monotonem Ton von vorne. Sie sind an einem
schönen, sicheren, behaglichen Ort und fühlen sich wohl...sehr
wohl...
Die Musik wirkte
sehr anregend und beflügelte ihr Unterbewusstsein. Nach einer
Weile musste sie sich nicht einmal mehr anstrengen, ihre Augen
geschlossen zu halten, denn ihre Lider wurden schwer wie Blei.
Vor ihrem geistigen Auge wurden aus den Worten des Mannes erst
farbenprächtige Schleier, dann begann alles nach und nach dunkel
zu werden. Sie wurde eingehüllt davon, bis sie sich vor kam wie
in einem Kokon aus Leichtigkeit. Sie hatte fast das Gefühl,
ihren Körper zu verlassen, war unfähig sich zu bewegen. Doch
seltsamerweise beunruhigte sie das kein bisschen, im Gegenteil.
Sie begrüßte es sogar! Und so ließ sie sich denn fort treiben,
wohin ihre Gedanken sie auch immer tragen würden........
Nicht eine
Wolke war am Himmel. Der schneeweiße, von der strahlenden Sonne
aufgeheizte Sand zwischen ihren nackten Zehen war etwas, das sie
schon viel zu lange nicht mehr gespürt hatte. Die azurblauen
Wellen, welche in unregelmäßigen Abständen auf sie zu kamen
trugen winzige, grün, rot und blau schillernde Steine mit sich,
spielten mit ihnen und wirbelten sie umher, ehe sie schließlich,
knapp vor ihren Füßen, an Schwung und Kraft verloren und
sich schließlich verloren. Winzige Splitter von Perlmutt brachen
ein Stück weiter draußen im flachen Wasser das Licht und
erweckten auf diese Weise den Anschein, als wäre der Sand unter
Wasser mit Abertausenden von winzigen Diamanten übersät
gewesen, die alle nur darauf warteten, aufgesammelt zu werden.
Hoch oben in der Luft umkreisten Seevögel den östlichen Strand
von Oahu, nahe Hawaii. Als Kind war ihr Dad einmal hier
stationiert gewesen und es ist alles noch genau so, wie sie
es in Erinnerung hatte.
Die
wunderschöne, rothaarige Agentin schlenderte den endlos
scheinenden Strand entlang, hier und da wurden ihre Füße nass,
das glasklare Wasser küsste ihre Zehen. Ihre sportlichen Kurven
zeichneten sich verführerisch und nackt unter dem beinahe
knöchellangen, cremefarbenen Kleid aus weitmaschigem Leinentuch
ab. Ihre von der Sonne leicht gebräunte Haut glänzte von
Schweiß. Sie schaute verträumt in die Ferne, schirmte mit der
rechten Hand ihre blauen Augen ab, der Sonne wegen, und
befeuchtete mit ihrer Zunge die Lippen, schmeckte das Salz
darauf. Ihr Gesicht, ihre Wangen waren gesprenkelt von Hunderten
kleiner Sommersprossen und der Wind spielte mit ihrem Haar, ließ
die tizianfarbenen, schulterlangen Strähnen anmutig tanzen.
Diese
wundervolle Ruhe, das Gefühl, eins zu sein mit sich selbst und
der Natur. Die rohe, urgewaltige Kraft des Pazifiks zu bestaunen,
den atemberaubenden Anblick, wenn riesige Wellen sich weit
draußen auftürmten, sich höher und höher pushten, um sich
schließlich mit den tiefschwarzen, Jahrtausende alten, aus dem
Wasser ragenden Felsen vulkanischen Gesteins einen nie enden
wollenden Kampf zu liefern. Wie die Gischt spritzt, wenn die
Kontrahenten mit einer solchen Wucht aufeinander treffen, dass
man unwillkürlich den Atem anhält und ungläubig staunt, sich
vielleicht sogar für den Bruchteil einer Sekunde fragt, wer von
beiden noch da sein wird, wenn der viele Schaum schließlich
wieder die Sicht frei gibt...Fels...oder Wasser? Die warmen
Strahlen der Mittagssonne streichelten ihre weiche Haut. Nie gab
es einen schöneren Platz auf Erden, gab es einen Ort, an dem sie
sich behaglicher, an dem sie sich geborgener gefühlt
hatte...zumindest nicht in Kinderzeiten.
Doch ein Kind
war sie längst mehr...aber dennoch oder gerade deshalb genießt
sie es.
Sie schließt
ihre Augen, versucht sich dieses wunderschöne Bild einzuprägen,
genau so wie es ist, auf dass sie es fortan immer bei sich tragen
würde können. Doch es verschwamm, wurde blass, einer alten
Fotografie gleich, löste sich schließlich auf .Wehmut erfüllte
sie, als sie machtlos mit ansehen musste, wie dieses Paradies
sich vor ihren Augen in nichts auflöste und nichts weiter
zurück blieb als...gedämpftes Licht?
Irritiert, ja
fast erschrocken fuhr sie hoch, setzte sich aufrecht hin. Ihre
Stirn war schweißnass, einige Strähnen tizianroten Haares
klebten daran. Verwirrt schaute sie sich um. Ihre Augen mussten
sich langsam erst wieder an das seltsam gedämpfte Licht
gewöhnen, aber die stickige Luft und die leise säuselnde,
klassische Musik holten sie schnell in die Wirklichkeit zurück.
Aber sie hätte schwören können, noch immer die warme, salzige
Brise auf ihrer Zunge schmecken zu können. Wie viel Zeit war
vergangen, Minuten? Eine halbe Stunde? Sie wusste es nicht und um
sie herum lagen noch immer alle regungslos auf ihren Matten. Auch
Mulder, noch immer leise vor sich hin schnarchend, lag noch da
wie zuvor, direkt neben ihr. Dieser...war es ein Traum? So
unglaublich real, einfach atemberaubend. Sie ließ ihren Blick
durch den Raum gleiten. Dr. Nigma hockte im Schneidersitz vorn,
unmittelbar vor der jetzt unbenutzten, dunklen Leinwand, auf der
er zuvor das Prinzip seiner Behandlungsmethode erklärt hatte. Er
hatte den Kopf gesenkt und die Hände gefaltet. Seine kurz
geschorenen Haare und seine Kleidung hoben sich im Halbdunkel
kaum von der dunklen Wandvertäfelung aus Holz ab, welche die
Wände der kleinen Sporthalle ringsum bedeckte. Er schien zu
meditieren oder etwas in der Art.
Wie lange dies
hier wohl noch gehen würde, fragte sie sich. Der Doktor hatte im
Vorfeld keine zeitliche Begrenzung genannt, er sprach davon, dass
jede Seele ihre ganz individuelle Behandlung benötige,
wie er es nannte.
Aus den
Augenwinkeln nahm Dana rechts von sich etwas wahr, irgendjemand
schien sich zu bewegen.
Gott sei
Dank, dachte sie sich. Für heute hatte sie erst einmal
genug, sie wollte diese intensive Erfahrung von gerade eben erst
verdauen, so schön sie auch gewesen war. Und wenn jetzt langsam
einer nach dem anderen aufwachte, dann würde es nicht mehr allzu
lange dauern, bis zumindest diese Übung beendet war. Jetzt
wollte sie aber doch wissen wer es war, der aufgewacht war. Ihre
Augen weiteten sich. Die Frau, die neben Mulder lag, wie hieß
sie noch...sie lag noch immer da wie zuvor und schien
unkontrolliert zu zucken und um sich zu schlagen. Die Ärztin in
ihr ließ sie reflexartig aufspringen, noch ehe sie überhaupt
nachdenken konnte. Adrenalin schoss durch ihre Adern, sie war
hellwach und innerhalb weniger Sekunden kniete sie vor dem Kopf
der jungen, allem Anschein nach völlig weg getretenen Frau. Als
erstes zog sie vorsichtig das Kopfkissen fort und versuchte, mit
der hübschen Blondine zu sprechen. Miss? Felicia, können
Sie mich hören? Keine Reaktion. Aus einem Reflex heraus
wollte sie nach ihrem Handy greifen, welches sie jedoch nicht
dabei hatte. Eine der klar definierten Anweisungen, die sie und
Mulder vor Antritt dieses Kurses sogar schriftlich erhalten
hatten war, dass keine Gegenstände des Alltags
mitgebracht werden durften. Erst recht nicht solche, die
irgendwelche, wie auch immer geartete Signale aussendeten, wie
z.B. Handys. Es durfte nur das nötigste mitgebracht werden, noch
nicht einmal eine Decke zum zudecken war erlaubt gewesen.
Felicias unkontrollierte Bewegungen machten der Agentin die
Arbeit nicht gerade einfacher. Sie fuhr mit ihrer Untersuchung
fort und kniff die hilflose Frau kurz in die Achselhöhle, worauf
diese jedoch nicht reagierte, sondern lediglich weiterhin
apathisch und unkontrolliert mit den Armen ruderte. Scullys
Verstand raste, sie schnippte ein paar Mal mit den Fingern,
direkt vor dem Gesicht der am Boden liegenden Frau, was diese
jedoch ebenfalls nicht mit bekam. Weder Schmerz, noch
Reizwahrnehmung sind vorhanden, sie hat einen Schock erlitten,
schoss es ihr durch den Kopf.
Die Bewegungen
der hübschen jungen Frau vor ihr wurden ausladender, aber
langsam auch schwächer, ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet.
Sie atmete schwer, keuchte und schnappte immer wieder nach Luft.
Ich
brauche hier dringend einen Sanitäter, hier braucht jemand
Hilfe!, schrie Scully. Mulder schreckte hoch, stand wie vom
Blitz getroffen sofort auf. Oh, schei...! Obwohl er
ziemlich verschlafen aussah, hatte er die Situation
augenblicklich erfasst. Sein Blick traf den von Scully und ohne
ein Wort wechseln zu müssen, war sofort alles klar. Der Agent
rannte sogleich in Richtung Ausgang, vorbei an dem Doktor, der
noch immer vorn saß wie zuvor, und von all dem scheinbar keine
Notiz nahm. Bevor der Agent die Halle in Richtung Fahrstuhl
verließ, schlug er im vorbei laufen noch auf den Lichtschalter
neben der Türe ein und nach und nach flackerten langsam die
Lichter an der Decke des großen Raumes auf, was seiner Partnerin
die Arbeit mehr als erleichterte. Ihre Augen hatten sich in
dieser Notsituation gezwungenermaßen praktisch sofort an die
neuen Lichtverhältnisse gewöhnt, doch so war es natürlich viel
besser. Gerade wollte Dana Felicias Puls nehmen, da fing diese
plötzlich an zu keuchen und zu husten. Sie bäumte sich
förmlich auf, sackte jedoch sogleich wieder zusammen und fiel
zurück auf den Rücken. Mit einem Mal begann, aus ihrem Mund
eine klare Flüssigkeit zu quellen und die Agentin stand vor
einem kompletten Rätsel. Was in aller Welt war hier nur los?
Egal, es war offensichtlich, dass die Flüssigkeit, woher sie
auch kam, die Atemwege der Patientin blockierte. Es war höchste
Eile geboten, aber wenigstens wusste sie jetzt was zu tun war,
hatte einen Punkt, an dem sie ansetzen konnte. Das von Angst
erfüllte Gesicht der hilflosen Frau unter ihr begann, sich
bläulich zu verfärben. Die Agentin beugte sich vor, umfasste
mit einem schmetterlingsförmigen Griff von oben herab den Kopf
der Frau und begann, ihn zu überstrecken, indem sie mit einer
Hand das Kinn anhob und mit der anderen den Kopf selbst nach
hinten drückte. Auf diese Weise wurden die Atemwege zugänglich
und das atmen erleichtert, was der unbedingte Ausgangspunkt für
eine Mund zu Mundbeatmung war. Anschließend drückte sie mit
ihren beiden Daumen das Kinn hinunter und öffnete so den Mund um
zu kontrollieren, ob und wenn ja, was den Mund und/oder den
Rachenraum blockierte. Es war nichts weiter zu sehen, außer
dieser Flüssigkeit, welche regelrecht eingeatmet wurde und somit
immer tiefer in den Körper der Frau eindrang. Doch woher kam die
Flüssigkeit? Egal.
Raus damit,
auf der Stelle! Sie musste Luft in die Lungen der Frau pressen,
damit der Hustreflex die Atemwege frei machte. Gerade wollte sie
ihren Kopf senken, um ihren Mund auf die mittlerweile blauen
Lippen unter ihr zu pressen, da schrie die Frau namens Felicia
unter ihr auf und die ausgebildete Ärztin bekam einen heftigen
Schlag in den Magen, der ihr den Atem und beinahe sogar das
Bewusstsein raubte. Sie stöhnte gequält auf, fiel nach hinten
über auf die Matte, auf der eben noch Mulder gelegen hatte und
schnappte nach Luft. Ihr wurde schwarz vor Augen, doch mit aller
Kraft wehrte sie sich dagegen, zwang sich rhythmisch zu atmen und
schaffte es schließlich, sich doch wieder aufzuraffen. Um sie
herum waren noch immer alle in diesem tranceähnlichen Zustand,
lagen trotz des Tumultes unbeirrt auf ihren Matten und bekamen
von all dem hier nichts mit. Voller Entsetzen musste Dana
feststellen, dass Felicia aufgehört hatte sich zu bewegen. Warum
hatte sie nicht besser aufgepasst? Sie hätte sich nicht so kalt
erwischen lassen dürfen, sie wusste doch, welche Kraft ein
Mensch, und war er auch noch so zierlich, in Paniksituationen
mobilisieren konnte. Sie legte ihren Kopf seitlich über den der
leblosen Frau, ihr rechtes Ohr knapp über dem Mund der leblosen
Frau schwebend. Keine Atmung. Sie fühlte den Puls am
Handgelenk...nichts. Sie überstreckte erneut Felicias Kopf,
hielt ihn in dieser Position und begann umgehend mit der
Beatmung. Sie umschloss die Lippen der Frau mir den ihren und
blies einmal kräftig in sie hinein. Dann legte sie ihren Kopf
wieder seitlich und lauschte anschließend erneut nach
Atemgeräuschen.
Sie wollte
kein Risiko eingehen und die Flüssigkeit unnötig noch tiefer
fest setzen, denn oft genügten das überstrecken des Kopfes und
die erste sogenannte Initialbeatmung schon. Alles
andere war in einer Situation wie dieser all zu oft
kontraproduktiv und führte eher dazu, die ganze Sache nur
unnötig zu verschlimmern.
Sie lauschte
angestrengt...noch immer nichts. Verdammt komm schon,
Mädchen...komm schon...hilf mir doch! Ihre Stirn glänzte
schweißnass, ihre Gedanken überschlugen sich und als die
nächsten Minuten dieses verzweifelten Kampfes verstrichen,
machte sich etwas in ihrem Inneren breit. Ein ganz bestimmtes
Gefühl überkam sie und es fuhr ihr kalt den Rücken hinunter.
Ein Gefühl der Erkenntnis, welches sie schon vor sehr langer
Zeit während ihres Studiums kennen gelernt hatte, und mit dem
sich jeder Arzt irgendwann einmal abfinden, arrangieren musste.
Es war das niederschmetternde Gefühl...zu verlieren.
Pathologisches
Institut, F.B.I. Akademie Quantico, Montag 20.00 Uhr.
Die
Hilflosigkeit, mit der sie letztendlich dem Tod der jungen Frau
gegenüberstanden hatte, quälte sie.
Das war einer
der Gründe, warum sie sich auf die Pathologie spezialisiert
hatte. Zusehen zu müssen wie sie den Kampf gegen den Tod verlor,
obwohl sie alles Menschenmögliche versucht hatte, war
schrecklich für die junge Agentin. Dem Tod ins Auge zu sehen,
war nicht das Problem, nein. Die Tatsache, manchmal den Kampf
gegen ihn zu verlieren, war das schreckliche. Der Tod gehörte
zum Leben, das hatte sie schon als Kind gelernt, aber unmittelbar
dem sterben zusehen zu müssen, daran würde sie sich nie
gewöhnen.
Nachdem sich
Mulder sofort den Befragungen der anderen Kursmitglieder widmete,
begleitete Scully selbst die Leiche von Felicia nach Quantico.
Die weichen
Gummisohlen ihrer weißen Nikis quietschten leise auf dem blank
polierten Fliesenboden.
Das gelbe Licht
schimmerte kalt. Die großzügige Beleuchtung hier wirkte etwas
gedämpft. Die stählernen Bahren, die chirurgischen Instrumente
und die grün getäfelten Wände reflektierten das sterile Licht,
verliehen dem Ort etwas Unheimliches. Es roch streng nach Tod,
Formalin und Desinfektionsmitteln. Der Autopsieraum war wahrlich
kein Ort, um es sich gemütlich zu machen.
Die kurzärmlige,
grüne OP-Kleidung war ihr wieder einmal etwas zu groß, doch das
störte sie nicht. Routiniert zog Dana Scully sich die weißen
Gummihandschuhe über ihre schlanken Hände. Platzierte
anschließend den weißen Mundschutz über ihrer kleinen Nase und
ging dabei langsam zu dem Autopsietisch, der ihr bis an die
Hüften reichte. Sie stützte sich kurz mit beiden Händen an
dessen Rand ab und betrachtete einen Moment lang skeptisch die
noch zugedeckte Leiche der jungen Frau.
Ihre Aufgabe
bestand darin, Antworten zu finden. Und dafür war sie geradezu
perfekt. Sie genoss einen exzellenten Ruf, war auf ihrem Gebiet
eine der Besten. Das hier war ihre Welt. Hier war sie zuhause.
Sie spürte immer wieder eine ungeheuere Befriedigung, anhand von
medizinischen Fakten und wissenschaftlichen Methoden, Mördern
oder Gewalttätern auf die Spur zu kommen. Und der plötzliche
Adrenalinstoß, der sie jedes Mal aufs Neue durchfuhr, wenn sie
einen Gewaltverbrecher anhand ihrer zusammengetragenen Beweise
überführen konnte, ließ sie immer wieder erschaudern. Sie, die
Ärztin Dana Scully, hatte sich auf die Frage nach dem `wie´
spezialisiert. Nicht `warum´ diese Menschen gestorben
waren, sondern auf welche Weise dies geschehen war. Sie war ein
Meister darin, sich in Geduld zu üben. Alle nur erdenklichen
Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, um auch nur den kleinsten
Hinweis aufzugreifen und so eine eventuelle Straftat aufzudecken.
Special Agent Dana Scully war zu routiniert, um sich auf ihrem
Gebiet zu übereilter Hast hinreißen zu lassen, Fehler zu
machen. Ja, sie war verdammt gut in ihrem Job und sie hatte
Klasse, besaß Stil und Köpfchen. Ihr reserviertes Auftreten
brachte ihr den Ruf ein, unnahbar und kühl zu sein. Dana
Katherine Scully war eine starke Frau. Sie konnte mit einem
einzigen, eisigen Blick aus ihren blauen Augen ihre etwaigen
Gegner kalt stellen und scheute sich nicht davor, diese Waffe bei
Bedarf auch gezielt einzusetzen. Doch gerade diese nüchterne Art
ihrer Präsenz, ihr manchmal etwas unterkühltes Auftreten, war
ein sehr probates Mittel, sich im FBI, wo der Großteil ihrer
Kollegen männlich war, zu behaupten. Nicht, dass sie es nötig
gehabt hätte, ihre fachlich einwandfreie Kompetenz so zu
untermauern, doch es war einfach eine notwendige
Begleiterscheinung, ihrer Ansicht nach. Und dennoch, sie war
wunderschön. Und wer sie näher kannte, der wusste, dass sie in
Wirklichkeit eine sehr emotionale Frau war. Dass unter ihrer
aufgebauten, stählernen Fassade eine sehr empfindliche, ja
beinahe zerbrechliche Persönlichkeit saß.
Ihrer Erfahrung
nach machten alle Mörder irgendeinen kleinen Fehler. Besonders
dann, wenn sie nervös waren. Ein Fehler, nur ein einziger
winziger Fehler, dann war der Täter fällig.
Die kleinste
Unachtsamkeit nutzte sie eiskalt aus, um die Täter anhand von
unwiderlegbaren Fakten zu überführen. Ihre Entschlossenheit,
diese kleinen Fehler oder Beweise ans Licht zu bringen, war so
groß und so sengend, wie ihre Wut auf diese brutalen Monster,
die kaltblütig unschuldigen Menschen das Leben nahmen.
Sie verachtete
diesen Menschschlag von ganzem Herzen.
Darum arbeitete
sie stets mit kühlem Verstand und perfekter Logik. Das Wissen um
die kleinen menschlichen Schwächen war für den Erfolg ihrer
Arbeit ebenso wichtig, wie ihre Fingerfertigkeit mit dem
Skalpell.
Sie betrachtete
jede ungeklärte Todesursache als eine persönliche
Herausforderung. Dies erklärte ihre oft sture Verbissenheit, den
Ursachen des Todes auf den Grund zu kommen.
Nie könnte sie
Mulder mit Worten dieses beinahe sexuelle, teils intellektuelle
Prickeln beschreiben, welches sie heiß durchströmte, wenn sie
ihren Job, wieder einmal erfolgreich, beendet hatte. Diese tiefe
Befriedigung, die mit Worten einfach nicht zu beschreiben war.
Mit einer
kontrollierten Handbewegung hob sie mit beiden Händen das
große, weiße Laken hoch und legte es an den Füßen der Toten
nieder. Dann schaltete sie routinemäßig mit der rechten Hand
das kleine Mikrofon ein, welches an einem gelenkartigen,
schwenkbaren Arm von der hohen Decke hing. Anschließend knipste
Dana die große OP - Leuchte an, die augenblicklich gleißend
helles Licht verströmte.
Sie zog langsam
den kleinen, fahrbaren Tisch mit den glänzenden Instrumenten zu
sich heran, griff noch einmal, tief einatmend, nach dem Skalpell
und begann ihre Suche nach dem Grund für das mysteriöse,
schreckliche Ende dieser Frau. Mit lauter, klarer Stimmer sprach
sie auf das mitlaufende Band: Wir haben Montag, den 13.Juni
1998. Die Leiche ist weiblich, 169cm groß und wiegt 120 Pfund.
Ihren
Ausweispapieren nach heißt sie Felicia Hardy, der Zeitpunkt des
Todes war heute um 17.30 Uhr. Es sind keinerlei äußere
Verletzungen, Blessuren oder andere Hinweise auf äußere
Gewalteinwirkung feststellbar. Die Todesursache ist bis dato
unbekannt. Ich beginne nun mit dem Y-Schnitt.
Sie war noch so
jung. Ihre Augen waren geschlossen und die wachsende Blässe in
ihrem immer noch schönen Gesicht verlieh der Tragödie einen
schalen Beigeschmack. Eine innere Stimme verriet der Agentin,
dass sie hier nicht lange würde suchen müssen. Mit
chirurgischer Präzision legte sie den ersten Schnitt.
Das
rasiermesserscharfe Skalpell zerteilte lautlos die blasse Haut,
glitt mit Leichtigkeit durch die verschiedenen Haut - und
Gewebeschichten und öffnete den toten Körper. Dunkles Blut
sickerte aus dem geraden Schnitt und ließ die blasse Haut noch
transparenter erscheinen. Mit Hilfe der kleinen Knochensäge und
dem Rippenspreizer öffnete Scully geschickt den Brustkorb der
Verstorbenen und legte so die inneren Organe frei.
Ihr
Hauptinteresse galt zuerst dem Herz der Toten. Doch hier schien
alles in Ordnung zu sein. Gewicht und Größe des Organs waren
völlig normal. Und auch beim genaueren Betrachten konnte sie
keine Schäden oder Veränderungen feststellen. Auch die übrigen
Routineuntersuchungen an Magen, Darm, Leber usw. waren nicht der
Schlüssel zur Todesursache dieser jungen Frau. Jetzt
konzentrierte sich auf die Lunge und die Atemwege der Toten und
bemerkte sogleich etwas, das sie doch sehr überraschte. Beim
Abtrennen der Luftröhre spritzte ihr eine kleine Menge einer
klaren durchsichtigen Flüssigkeit entgegen. Und nachdem sie die
Atemorgane entnommen und genauer untersucht hatte, runzelte sie
skeptisch die Stirn und lächelte innerlich. Was jetzt in ihren
blauen Augen aufblitzte war kühle Distanz, das Wissen, dass
diese junge Frau nicht eines natürlichen Todes gestorben war.
Das war keine schwierige Feststellung, sondern eine einfache
Tatsache. Es war ihr erster logischer Gedanke in Bezug auf die
Todesursache. Die gesamte Lunge war mit Wasser gefüllt und auch
in der Luftröhre und dem Mund stellte sie dieselbe paradoxe
Tatsache fest. Die junge Frau war ertrunken. Im gleichen Moment
dieser Erkenntnis wurde ihr die Unglaublichkeit ihrer Entdeckung
bewusst und sie trat ungläubig einen Schritt zurück.
Kopfschüttelnd legte sie die Instrumente zur Seite und atmete
einmal tief durch.
Ertrunken auf der
alten, roten Gummimatte, während des autogenen Trainings? Das
war schlichtweg unmöglich und völlig absurd! Verwirrt, ja...
jetzt war Scully etwas verwirrt. Sie spürte, wie ihr Herz einen
Satz tat und wild zu hämmern begann. Das war einfach nicht
möglich. Nicht ohne einen leichten Anflug von Humor erkannte sie
die Ironie an der Sache. Ihr ungläubiger Blick zeigte, dass sie
mit der Versuchung, dies ernsthaft zu glauben, mehr als nur
haderte. Sie selbst war dabei gewesen als Felicia, völlig im
Trockenen auf dem Rücken liegend, verzweifelt nach Luft
geschnappt hatte. Da war weit und breit kein Wasser, in dem sie
hätte ertrinken können. Die einzige Flüssigkeit, die sich in
diesem Raum befunden hatte, war eine halbvolle Plastikflasche mit
Mineralwasser gewesen, die auf einer der Sitzbänke in der einen
Ecke des Raumes gestanden hatte. Sie hatte zu dem Zeitpunkt
Flüssigkeit in der Lunge gehabt, ja. Aber sie als Ärztin und
Ersthelfer hatte dies eher auf eine extreme
Speichelüberproduktion zurückgeführt. Oder auf eine
Refluxösophagitis, was im Prinzip bedeutet, dass die
Verdauungssäfte in waagerecht liegender Position unkontrolliert
in Lunge und Speiseröhre des Patienten fließen, weil der Magen
nicht in der Lage ist, sich optimal zu verschleißen. Niemals
hätte sie auch nur annähernd in Erwägung gezogen, dass diese
Flüssigkeit, welche sich nun als Wasser herausstellte, der
alleinige Grund für ihren Zustand gewesen war. Und doch, nachdem
auch die Blutanalyse und das toxikologische Gutachten einige
Stunden später endlich vorlagen, bestätigte sich die
unglaubliche Tatsache. Die Ursache für das Sterben von Felicia
Hardy stand zweifelsfrei fest: Tod durch Ertrinken!
Nachdem die
meisten der übrigen Kursteilnehmer, welche zumeist Agenten
waren, befragt worden waren und ihre übereinstimmende Aussage
Tut mir leid, aber ich kann mich an nichts erinnern
zu Protokoll genommen worden war, hatten sie bedrückt die
Sporthalle verlassen. Mulder saß, mit dem Rücken an einen alten
Springbock gelehnt, in der Hocke auf ein paar zerschlissenen,
grauen Gymnastikmatten. Sein Blick wanderte zielstrebig zu Dr.
Eric Nigma, der scheinbar unbeeindruckt von der ganzen Tragödie
seine Sachen zusammenpackte. Wenn die ganze Angelegenheit nicht
so tragisch und abwegig gewesen wäre, hätte er schwören
können, dass er trotz des immer noch leicht abwesenden
Gesichtsausdrucks des Arztes, ein erregtes Funkeln in seinen
jetzt klaren Augen gesehen hatte. Er wirkte trotz des ganzen
Rummels jetzt sehr ausgeruht und frisch. Seine Bewegungen waren
kontrolliert und geschmeidig, und von Müdigkeit oder dergleichen
war keine Spur mehr zu sehen. Doch vielleicht war es auch nur das
grelle Licht der großen Neonscheinwerfer an der Decke, die jetzt
die ganze alte Sporthalle hell erleuchteten, welche diesen
seltsamen Blick in Eric Nigmas markantem Gesicht unterstrichen.
Psychologen hatten in Mulders Augen schon immer etwas
Befremdliches, Zweifelhaftes an sich. Viele wirkten oft bei
weitem verrückter als ihre Patienten. Das war einer der Gründe,
warum er trotz seines Psychologiestudiums niemals auch nur
annähernd in Erwägung gezogen hatte selber zu praktizieren. Das
überließ er anderen, er nutzte seine Fähigkeiten lieber als
Profiler und überhaupt hielten ihn auch so schon mehr als genug
Leute, nicht nur beim Bureau für verrückt.
Und einmal
abgesehen davon, dass durch Therapie und entsprechenden
Medikamenten viele Psychologen wirklich kranken Menschen halfen,
bewirkte die Tatsache, dass sich heutzutage fast jeder mit
genügend Kleingeld in der Hosentasche seinen eigenen
Seelendoktor leisten konnte, einen bitteren Beigeschmack.
Sogenannte
approbierte Seelenklempner, die sich als gekaufte, geduldige
Zuhörer tagtäglich mit den kleinen und größeren Macken ihrer
selbsternannten Patienten herumschlugen. Welche sich den
selbsterschaffenen Gesellschaftsmüll und die zum Großteil
hysterischen Depressionen gelangweilter Hausfrauen anhörten und
dabei ein Schweinegeld verdienten.
Doch dieser Dr.
Nigma hier schien weder der einen, noch der anderen Gruppe dieser
Sparte von Psychologen anzugehören. Bei der Befragung zum Tod
von Felicia konnte oder wollte der Meister der
Problembewältigung selbst auch keine genaueren Anhaltspunkte
geben. Vielmehr betonte auch er noch einmal die tiefe Trance, in
welcher auch er selbst sich während der Übungen befunden hatte.
Dienstag, 13.
Juni, 1998
Dana Scully war
etwas müde, als sie an diesem Dienstagmorgen das J. Edgar Hoover
Building betrat.
Die Autopsie
selbst, und letztendlich das warten auf die Ergebnisse der
Blutanalyse und des toxikologischen Befundes, hatte doch länger
gedauert als erwartet. Es war schon sehr mühsam gewesen, gestern
Abend überhaupt noch jemanden im Labor zu finden, der die
entnommenen Proben sofort untersuchte. So war Dana erst weit nach
Mitternacht nach Hause gekommen und auch dann war an erholsamen
Schlaf nicht zu denken. Viel zu sehr spukten die Ereignisse der
vergangenen Stunden noch in ihrem Kopf herum.
Sie brauchte zwar
seit jeher nicht sonderlich viel Schlaf, aber 4 Stunden waren
entschieden zu wenig.
Sie war ganz
allein, als sie den FBI Aufzug betrat und ins Kellerbüro fuhr.
So ließ sie es sich nicht nehmen, sich noch einmal kurz
entspannt zurückzulehnen und für einen Moment die Augen zu
schließen.
Doch das war nur
ein kurzes Entspannen, denn als sich die Tür wieder öffnete,
atmete sie noch einmal tief durch und ging, die Akte dieses
aktuellen Falles unter den Arm geklemmt, zielstrebig auf das
Büro ihres Partners zu. Sicher würde er bereits am Schreibtisch
sitzen und sie erwarten.
Sie staunte nicht
schlecht, als sie bereits im Flur leise, klassische Musik hörte.
Die Tür war nur angelehnt und merkwürdigerweise war der Raum
völlig dunkel. Sie stutzte. Vorsichtig näherte sich die Agentin
und stieß vorsichtig die nur angelehnte Tür weiter auf.
Die Dunkelheit
raubte ihr im ersten Moment die Sicht. Mulder...sind Sie
schon da?, fragte sie in den Raum hinein und knipste im
selben Moment den Lichtschalter zu ihrer rechten an.
Ein kurzes Pssssscht,
Scully, machen Sie das Licht wieder aus, kam ihr entgegen.
Und bei genauerem Betrachten des Raumes waren alles, was sie von
ihrem langjährigen Partner erblickte, seine Füße, die rechts
hinter dem Schreibtisch am Boden herausschauten. Sie ging
verwundert einige Schritte auf ihn zu.
Mulder, um
Gottes Willen. Was machen Sie da? Ist Ihnen schlecht?
Es entstand eine
kurze Pause, bevor sie eine Antwort bekam. Sie blieb wie
angewurzelt stehen, runzelte ihre Stirn. Sie war von ihm ja
mittlerweile einiges gewohnt, aber das hier war doch sehr
merkwürdig.
Ich
meditiere, antwortete er ihr verhalten. Wieder entstand
eine kurze Pause, in welcher sich Agent Scully wieder einmal
fragte, womit sie das alles hier nur verdient hatte.
Hinter
Ihrem Schreibtisch, auf dem Boden? Skeptisch ging sie um
den Schreibtisch herum und betrachtete Mulder von oben herab. Ihr
Partner lag entspannt auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf
verschränkt und lächelte sie unverblümt von unter herauf an.
Jeder normale
Mensch wäre sofort peinlich berührt aufgesprungen, doch Mulder
war die Ruhe selbst.
Er musterte seine
Partnerin eingehend und blieb dabei weiterhin auf dem Rücken
liegen, wie zuvor.
Sie sehen
müde aus Scully, war wohl spät gestern? Wollen Sie es sich
nicht hier mit mir ein bisschen gemütlich machen? Dabei
rutschte er ein wenig zur Seite und klatschte daraufhin mit der
flachen Hand einladend neben sich auf den blanken Fußboden.
Dabei fiel ihr auf, dass er sich doch wahrhaftig auf sein Jackett
gelegt hatte!
Sie rollte mit
den Augen, ihre rechte Augenbraue peitschte nach oben und sie
schenkte ihm einen kühlen Das ist doch jetzt nicht
wirklich Ihr Ernst? - Blick. Doch anstatt diesen Gedanken
laut auszusprechen, entgegnete sie sarkastisch: Mulder,
warum beschleicht mich da so ein Gefühl, dass Sie diese Sache
nicht ganz ernst nehmen?
Jetzt hatte sie
den richtigen Knopf gedrückt und mit einem einzigen, kurzen Ruck
stand ihr Partner aufrecht neben ihr. Er schaltete sofort die
immer noch leise dahindudelnde Musik aus. Die Jacke seines
Anzuges blieb unbeachtet auf dem Boden liegen...
Oh doch,
Scully...ich nehme diese ganze Sache sehr ernst. Schließlich
haben wir eine Tote.
Woran ist sie
denn nun gestorben? Er wartete gespannt.
Sie ist...
Weiter kam die Agentin jedoch nicht, denn: Ertrunken,
fiel er ihr abrupt ins Wort und beendete somit grinsend ihren
Satz für sie.
Wieder stutzte
Scully, er überraschte sie immer wieder.
Woher
wissen Sie das jetzt wieder, Mulder?
Er setzte sich
betont lässig auf seinen drehbaren Schreibtischstuhl und griff
sich die Akte, die Scully inzwischen auf dem Schreibtisch
abgelegt hatte. Mulder streckte sich, schob den Stuhl etwas
zurück und legte betont lässig seine Füße auf die
Schreibtischplatte vor ihm, was ihm einen weiteren strafenden
Blick seiner Partnerin einbrachte. Er überlegte kurz und schaute
er ihr dann unvermittelt direkt ins Gesicht. Er liebte es, sie
mit diesen kleinen Spielchen auf die Folter zu spannen, genoss
die Neugierde in ihren strahlenden, blauen Augen, wenn sie ihn so
wissbegierig anfunkelten. Scully, was wissen Sie über
Psychokinese?
Sie überlegte
kurz, während sie sich an der Tischplatte abstützte.
Sie meinen
die Fähigkeit, mittels Gedankenübertragung...Dinge zu bewegen?
Sein Grinsen
wurde noch breiter als zuvor.
Mulder
kommen Sie, was hat das mit diesem Fall zu tun?, hakte sie
nach.
Scully...was
wäre, wenn jemand oder etwas in der Lage wäre, in das
Unterbewusstsein eines Menschen einzudringen. Ihn so zu
manipulieren, dass...dass...nun, dass dieser Jemand schließlich
zu Tode kommt. Mord, Scully.
Mulder, das
glauben Sie doch nicht wirklich, wie kommen Sie denn zu dieser
Annahme? Jetzt stand in Scullys Gesicht dieser typische
selbstgefällige Gesichtsausdruck, der Mulder immer wieder daran
erinnerte, dass sie nicht so leicht zu überzeugen war. Dass sie
an derlei Dinge eigentlich nicht glaubte.
Nun, ich
habe lange überlegt und zuerst habe ich überhaupt keine
Erklärung finden können, für das alles hier. Ich meine, wie
kann jemand auf dem Trockenen, mitten in einer Turnhalle
ertrinken, richtig?
Scully nickte
zustimmend.
Nun, dann
fiel mir jedoch etwas ein. Eine Kleinigkeit, die mir zuerst
völlig unbedeutend schien, und die ich beinahe sogar vergessen
hatte, es kam mir nur durch Zufall wieder in den Sinn. Felicia
hat mir doch kurz vor ihrem Tod ihre halbe Lebensgeschichte
erzählt und das in Rekordzeit, wie ich an dieser Stelle noch
einmal betonen möchte.
Scully musste
unwillkürlich grinsen, als sie an den Vorfall gestern dachte.
Ja Mulder...und?
Unter
anderem erzählte sie mir von einem Erlebnis in ihrer Kindheit
und dass sie damals fast ertrunken wäre.
Scully musterte
ihren Partner weiter mit einem skeptischen Blick und wartete auf
den Aha - Effekt, welcher bei ihr jedoch bislang noch
ausblieb.
Gedankenmanipulation
also...und das ist jetzt wirklich Ihr Ernst?
Denken Sie
an Modell, Scully...den Pusher, wissen Sie noch? Dasselbe
Prinzip, aber...irgendetwas passt nicht.
Bei dem Gedanken
an Robert Patrick Modell wurde der Agentin ganz anders. Was
damals passierte, konnte nicht einmal sie leugnen. Einen Moment
lang schwieg sie nachdenklich und dann:Aber warum gerade
sie, warum Felicia? Und warum sollte jemand so etwas tun?,
murmelte Scully. Mal abgesehen davon, dass es an Ketzerei
grenzt und es völlig absurd ist, so etwas überhaupt zu denken.,
fügte sie noch hinzu.
Er ignorierte
ihre anzweifelnde Frage und sprach unbeeindruckt weiter.
Die
Bewegung von Gegenständen anhand von Gedankenkontrolle ist in
vielen Fällen aufgezeigt und dokumentiert, ebenso die
Beeinflussung und gedankliche Kontrolle einer Person. Wie genau
jemand das tut, das weiß ich noch nicht so genau, es ist nur
eine Vermutung, eine Theorie von mir, was diese Sache an geht.
Und das Motiv...warum tut jemand, was er tut, Scully? Warum
begeht jemand einen Mord?
Aber Sie
haben keine Anhaltspunkte oder gar Beweise für Ihre Vermutung?
Okay
Scully. Er hob, einer symbolischen Geste der Kapitulation
gleich, beide Hände. Wie erklären Sie sich den Tod dieser
jungen Frau hier? Er griff nach der Akte auf dem
Schreibtisch und wedelte demonstrativ damit.
Nun, um
ehrlich zu sein,... ich kann Ihnen zwar mit Sicherheit sagen,
dass sie ertrunken ist, aber ich kann Ihnen leider nicht einmal
ansatzweise erklären, wie das Ganze passiert ist. Sie
seufzte. Aber vielleicht bin ich auch im Moment einfach nur
zu müde dazu.
Er grinste. Chance
vertan, Scully. Jetzt können wir nicht mehr gemeinsam auf der
Matte kuscheln, das hätten Sie sich früher überlegen müssen,
scherzte er. Sie lächelte auf diese Bemerkung hin müde, ging
aber nicht weiter darauf ein, was er insgeheim sehr bedauerte.
Dann fuhr er fort: Ich möchte unbedingt noch einmal diesen
Dr. E. Nigma verhören. Kommen Sie mit? Ich lege Ihnen im Auto
kuschelige Musik ein und lasse Ihnen den Sitz runter, dann
können Sie sich da noch etwas entspannen. Denn wie heißt es
doch so schön: 5 Minuten Entspannung durch Autogenes Training
sind so gut wie 2 - 3 Stunden Schlaf. Er zwinkerte ihr
amüsiert zu und schnappte sich sein - nun doch recht staubiges -
Jackett, welches noch immer auf dem Boden neben dem Schreibtisch
lag, klopfte es mit den Worten: Die Putzfrauen hier sind
auch eine X - Akte für sich kurz ab, und schob sich an ihr
vorbei, wobei er ihren zweideutigen Blick ignorierte. Dann, ohne
eine weitere Antwort von ihr abzuwarten, legte er seine Hand in
ihren Rücken, dirigierte sie sanft aus dem Büro und beide
gingen in Richtung Fahrstuhl...
So viele Fragen.
Mulders Theorie in allen Ehren, aber für ihren Geschmack hatte
er dieses Mal etwas zu sehr ins Blaue gelangt. Psychokinese, so
ein Unsinn! Aber sie hätte mit so etwas rechnen müssen, sah ihr
Partner doch immer und überall Verschwörungen und X - Akten,
seit sie sich vor nun mittlerweile über vier Jahren kennen
gelernt hatten. Inzwischen war sie seine haarsträubenden
Behauptungen zwar gewöhnt und stellte sie nur noch selten in
völligen Zweifel, denn allzu zu oft erwies sich sein Riecher
schließlich als richtig, letzten Endes.
Doch selbst wenn
es auch dieses Mal so wäre, selbst wenn irgendjemand diese arme
Frau mittels einer solchen Fähigkeit umgebracht hatte, was
gelinde gesagt eine absurde Vorstellung ist und jeglicher
wissenschaftlicher Grundlage entbehrt, dann erklärte das noch
lange nicht das Wasser in ihrem Körper, welches sich doch
tatsächlich als Teichwasser herausgestellt hatte. Psycho...was
auch immer hin oder her, irgendwoher musste dieses verdammte
Wasser schließlich gekommen sein, es kam ja nicht einfach so aus
dem Nichts! Und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als
weiterhin an diesem seltsamen und bizarren Puzzle zu basteln, mit
den wenigen Teilen, die sie davon leider nur hatten. Skinner
hatte ihnen jetzt sogar die offiziellen Ermittlungen übertragen,
doch wie zu erwarten war, hatte Mulders zweite Befragung mit Dr.
Nigma rein gar nichts Neues ergeben. Die Zeit hätte er sich
ebenso gut sparen können, erzählte er ihr anschließend. Dieser
Kerl, dieser Nigma, wirkte ohnehin seltsam. Anfangs nahm der
Agent an, dass dieser Mann dort nur ein wenig wunderlich bzw.
introvertiert war, aber mittlerweile war er der Ansicht, dass da
noch etwas anderes war. Nicht nur, dass dieser Mann sich
permanent in dieser einen Sporthalle im Untergeschoss des Bureau
aufhielt, fast so als ob er dort drin wohnen würde. Nein, von
ihm ging auch eine nicht zu erklärende Ausstrahlung aus, die
Mulder jedes Mal die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, wenn er
diesen Mann auch nur von weitem sah. In der direkten Gegenwart
dieses Menschen konnte man einfach nicht anders, als sich unwohl
zu fühlen und beim FBI war man einiges gewohnt, da durfte man
sich keine Zimperlichkeiten erlauben.
Die Ermittlungen
drohten, aus Mangel an wie auch immer gearteten Beweisen, ins
Nichts zu laufen. So entschloss man sich schließlich dazu, die
nächste Therapiesitzung am kommenden Montag abzuwarten und die
Agenten hofften, dort vielleicht noch irgendetwas Neues zu
erfahren oder zu finden, das ihnen bei der Aufklärung dieser
Sache behilflich sein könnte. Andernfalls, wenn sich nicht bald
etwas ergeben würde, hätten sie keine andere Wahl, als diesen
Fall unter X abzulegen.
Da er
glücklicherweise nicht ahnte, dass er dreiundzwanzig Minuten
später tot sein würde, stellte sich Paddy Mac Court gerade vor,
wie er der jungen, langbeinigen Blondine, die gerade in seinem
Blickfeld aufgetaucht war, in den hübschen, gerundeten Hintern
kneifen würde. Leicht verärgert über den schwarzgekleideten
Mann, der die Kapuze seines Mantels tief in das blasse Gesicht
gezogen hatte, und ihm gerade für einen Moment die Sicht
versperrte, beugte er sich ein bisschen nach vorne. Es war eine
vollkommen harmlose Fantasie, die weder der Blondine noch Paddys
Frau schadete, Paddy jedoch in außerordentlich gute Laune
versetzte.
Die Tageszeitung
über den runden Knien, den dicken Bauch angenehm gefüllt von
einem späten, üppigen Mittagessen, saß er mit seiner Frau
Margareth - deren Hintern so beklagenswert flach wie ein
Pfannkuchen war - in der klimatisierten Luft der Bahn und genoss
den Anblick der Wolkenkratzer, die links und rechts durch
getönte Scheiben hindurch an ihm vorbeirauschten. Solange man
nicht im obersten Stock am Fenster oder auf einem der kleinen
Balkone stand, waren diese mächtigen Zeugen des wirtschaftlichen
Aufschwungs ganz nett anzusehen.
Paddy, ein
älterer, stattlicher Mann mit herzhaftem Lachen und einem Auge
für Damen, hatte keine Lust, sich jetzt den Titelblättern der
Boulevardpresse hinzugeben. Er kannte sie alle schon. Es war doch
immer wieder das Gleiche. Geld, Macht und Sex. Und außerdem
würde es wahrscheinlich noch viele, zahlreiche Gelegenheiten
geben sich, vielleicht in einem Schaukelstuhl auf seiner neuen
Veranda, bei denen er sich den Kopf über derartige Dinge
zerbrechen konnte.
Was die Leute an
Hochhäusern so faszinierte, verstand er sowieso nicht. Paddy war
bis zu seiner Pensionierung vor 2 Wochen durch und durch ein
Städter gewesen, der soliden Stahl und Beton durchaus schätzte,
solange er mit seinen Füssen fest auf dem Boden stand. Er litt
seit seiner Jugend an panischer Höhenangst und allem, was damit
verbunden war. Er hatte als Junge den Brand eines mehrstöckigen
Nachbarhauses mit ansehen müssen, in dem sein damals bester
Freund verbrannt war. Alptraumhafte Vorstellungen von Menschen in
brennenden Hochhäusern, die bei lebendigem Leibe verbrannten,
suchten ihn seither, auch noch in fortgeschrittenem Alter, immer
wieder in seinen Träumen heim. Und selbst das Wissen, dass er
gesund und munter neben seiner Frau im Ehebett lag, erleichterte
ihm nicht das Erwachen nach einem solchen Alptraum, wenn er
wieder einmal schweißgebadet aus dem Schlaf hoch schreckte. Dies
waren in regelmäßigen Abständen seine Nächte.
Doch jetzt, in
diesem Moment, war er viel mehr an den köstlichen
Schokoladenplätzchen interessiert, die seine Frau ihm reichte,
vor allem weil die Blondine inzwischen weitergegangen war.
Gut gelaunt
verschlang er ein Plätzchen nach dem anderen, wobei Margareth
die ganze Zeit an ihm herummäkelte, er solle nicht krümeln. Es
war schade, dass er sich solch kleine Vergnügen in den letzten
Jahren seines Lebens versagte. Immer war er auf sein Gewicht
bedacht. Damit die blaue Uniform des Herrn Oberpostinspektors
nicht zu sehr spannte. Vielleicht war es aber auch mehr seine
angetraute bessere Hälfte, die sich Sorgen um seinen Blutdruck
und seine Figur machte. Er würde sterben, wie er gelebt hatte -
immer voller Sorge um das leidige Gewicht und voll mit Krümeln,
die sich auf seinem Hemd verteilt hatten.
Paddy war schon
immer ein heimlicher Genießer gewesen, was ihm schon ab oft den
strafenden Blick seiner Angetrauten eingebracht hatte. Doch was
hatte es denn auch für einen Sinn alt zu werden, wenn man sich
nicht ab und zu etwas im Leben gönnte? Früher war der ehemalige
Postbeamte immer im Stress gewesen und jetzt wollte er in seinem
einstöckigen Häuschen an der See, welches sie vor einem Monat
gekauft hatten, seinen Ruhestand und hoffentlich noch langes,
gesundes Leben mit seiner lieben Frau genießen. Sie hatte darauf
bestanden, ihr gemeinsames Appartement im 18. Stock nach seiner
Pensionierung gänzlich aufzugeben. Sie wollte raus aus der
Stadt. Raus aus dem Grau der endlosen Betonriesen und dem
immerwährenden Lärm. Margareth wollte ihr Leben nicht im
stickigen Sumpf der Großstadt beenden. Und in Anbetracht seiner
Höhenangst, - er hatte den Balkon im 18. Stock ihres kleinen
Appartements in all den Jahren nicht ein einziges Mal betreten, -
gab er ihr schließlich nach.
Mit seiner
stattlichen Rente und dem Ersparten hatten sie ein kleines,
einstöckiges Haus auf dem Land gekauft, wo sie ihren Lebensabend
in aller Ruhe genießen wollten.
Sie waren gerade
auf dem Weg dorthin, um noch die letzten Dokumente zu
unterschreiben, lästiger Papierkram eben. Und sie hatten dieses
Mal die Bahn genommen, da der Verkehr auf den überfüllten
Straßen während der Mittagszeit immer unerträglicher geworden
war, im Laufe der Jahre.
Es war kurz vor
zwei an diesem strahlenden Juninachmittag und Paddy machte es
sich in seinem gepolsterten Sitz am Fenster gerade richtig
gemütlich. Sie hatten noch 2 Stunden zu fahren und ein bisschen
die Augen zu schließen, vielleicht ein kurzes Nickerchen zu
machen, schien ihm, in Gedanken immer noch den knackigen Hintern
der Blondine vor Augen, mehr als angebracht. Er lehnte sich mit
einem zufriedenen Grunzen zurück, legte seinen schweren Kopf mit
den geröteten Wangen ans Fenster und versuchte, ein wenig zu
entspannen. Fast ihre ganzen Ersparnisse würden nach dem Kauf
des Hauses aufgebraucht sein. Ein bisschen zerrte das schon an
seinen Nerven, aber es würde reichen. Und die Tatsache, dass der
am höchsten gelegene Punkt in seiner zukünftigen Umgebung das
etwa zehn Meter hohe Getreidesilo seines neuen Nachbarn war,
beruhigte ihn ungemein. Mit halbem Ohr lauschte Paddy dem
Geschnatter seiner Frau, die ihm noch einmal erzählte, was sie
alles in ihrer neuen Heimat unternehmen würden, wenn sie erst
einmal umgezogen wären.
Er stimmte ihr
mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit, einem langsamen
Kopfnicken und einem kurzen Lächeln zu und widmete sich, mit
einem breiten Grinsen im Gesicht, wieder seinen kleinen,
schlimmen Gedanken. Und wenn er sich genau konzentrierte, dann
hatte er sogar ihren Duft in der Nase, sie roch ein wenig nach
Moschus, was ihn doch etwas verwunderte, jedoch nicht weiter
störte, da er Moschus sehr mochte.
In den fast
vierzig Jahren Ehe hatte er seine Frau aufrichtig schätzen und
lieben gelernt, und er würde ganz bestimmt dafür sorgen, dass
sie ihre letzten gemeinsamen Jahre genießen würden.
Zufrieden lehnte
sich Paddy also zurück, um seine letzten Minuten mit kleinen,
schlimmen Gedanken und dem süßen Geschmack von Schokoplätzchen
auf der Zunge zu genießen.
Im
Unterbewusstsein vernahm er ein leises Donnergrollen. Dann ein
lauter, berstender Knall. Der Boden unter ihm bebte, er lag in
einem Bett. Es war dunkel, er war ganz allein. Im ersten Moment
war er unfähig sich zu bewegen. Panik kroch in seine Knochen. Er
horchte angestrengt in die Dunkelheit. Wieder ertönte ein lautes
Geräusch. Dann ein furchtbarer Knall, so als ob ein großer
Hammer in das Haus einschlüge. Martinshörner drangen an sein
Ohr. Die automatischen Feuermelder hatten sich eingeschaltet,
kreischten schrill drauf los. Sein erster panischer Gedanke war
Ein Erdbeben! Sofort war er hellwach und
schweißgebadet, sein leichter blauer Schlafanzug klebte auf
seiner feuchten Haut. Er stand mit zitternden Beinen auf. Wo war
er? Und wo war seine Frau? Er kannte das Zimmer, er war zuhause,
in ihrem Appartement, im 18. Stock! Ohne weiter nachzudenken
rannte er barfuss aus dem Zimmer in den Korridor, als sich
plötzlich der Boden unter seinen Füßen hob. Er schwankte,
verlor das Gleichgewicht und taumelte auf die
gegenüberliegende Wand zu. Er strauchelte, stürzte
schließlich. Er schmeckte warmes Blut in seinem Mund.
Die Lichter
gingen aus und nur das schwache rot der Notbeleuchtung erhellte
den dunklen Gang. Jetzt ertönten überall Schreie und hastige
Schritte. Es brennt!, schrie irgendwer in panischer
Angst.
Paddy rappelte
sich auf und rannte um sein Leben. Und er lief mitten ins
Chaos hinein.
Er hatte
furchtbare Angst, er war in Panik, bekam kaum noch Luft. Er
stolperte, prallte gegen Wände und stürzte die Treppe hinauf.
Noch immer war er ganz allein, auch seine Frau war nirgends zu
sehen. Er hörte Entsetzensschreie und fand sich plötzlich im
obersten, leerstehenden Stockwerk des Hauses wieder. Das
darf doch nicht wahr sein, dachte er. Schweiß stand ihm
auf der Stirn und rann in kleinen Rinnsalen seinen Rücken hinab.
Er schmeckte Rauch. Er roch den Tod. Verflucht, ich will
nicht sterben, dachte er inmitten der Schreie und Gebete,
die von irgendwoher an sei Ohr drangen. Gebete? Oder war es nur
das hämische Lachen des Todes? Er konnte an nichts anderes
denken als daran, wie er es schaffen konnte zu überleben. Das
blanke Entsetzen stand in seinen Augen, sein Herz schlug ihm bis
zum Hals. Er spürte die zunehmende Hitze. Durch den beißenden
Rauch, den Gestank von Panik und Tod konnte er das Feuer spüren.
Es kam immer näher. Hitze, Flammen und Tod. Blut rann ihm über
seine Schläfen in die Augen. Hilflos irrte er in den
leerstehenden Räumen umher. Todesangst stand ihm ins Gesicht
geschrieben. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen,
der Rauch fraß sich gierig in sein Gehirn. Es wurde immer
heißer. Er befand sich in einem Meer voller Rauch und beißender
Hitze. Seine Gliedmaßen versagten ihm den Dienst. Wieder
stürzte er, schlug sich dabei die Knie auf. Der brennende Rauch
in seinen Lungen raubte ihm den Atem und er schnappte verzweifelt
nach Luft. Wenn er nichts unternahm, würde er hier elendig
ersticken. Er musste feststellen, dass er sich in einer Hölle
befand, die schlimmer war als er sie sich jemals hätte
vorstellen können. Die schlimmsten Ängste seiner Jugend wurden
wahr. Er hörte das Prasseln der Flammen direkt hinter sich. Er
würgte, schmeckte den beißenden Rauch. Er kroch zum Fenster.
Die Luft um ihn herum schien zu brodeln. So will ich nicht
sterben! Er riss das Fenster auf und die frische Luft
schlug ihm wie eine Hand ins Gesicht. Keiner schien sein lautes
Flehen zu registrieren. Er hörte Kinder schreien. Und immer noch
war er ganz allein. Sein ganzes Leben lang hatte er davor Angst
gehabt: Am Abgrund zu stehen und keine Wahl zu haben! Zurück
konnte er nicht. Er hatte keine Chance, hier lebend wieder heraus
zu kommen und er dachte an seine Frau. Da er es für sinnlos
hielt, für sich selbst zu beten, betete er zu Gott, dass
wenigstens sie überleben würde. Noch einmal trat er einen
Schritt zurück. Doch als seine Lungen aufgrund der enormen
Belastung zu bersten drohten und ihm ein Schwall von Ruß
entgegengeschleudert wurde, griff er nach dem Fensterbrett und
hievte seinen schmerzenden Körper in einem letzten verzweifelten
Kraftakt hinauf.
Ein scharfer,
stechender Schmerz durchfuhr seinen bebenden Körper und ihm
wurde speiübel. Paddy senkte seinen Kopf seitlich nieder und
legte eine Wange an das Metall des Fensterrahmens. Auch hier
spürte er die erbarmungslose Hitze, die ihn verfolgte, ihn
jagte. Er begann leise zu weinen.
Dann, nach
einem Moment, lachte er hysterisch auf. Er würde verbrennen oder
sich zu Tode stürzen. Zitternd fuhr er sich mit der Hand übers
Gesicht. Sie war rot vor Blut. Der Rauch um ihn herum wurde immer
dichter und irgendwie erkannte er darin die Form einer verzerrten
Fratze, die ihn hämisch grinsend auslachte. Er versuchte noch
einmal, um Hilfe zu rufen, doch er brachte nur ein leises Husten
hervor. Ein penetranter Geruch schlug ihm entgegen, kroch ihm in
die Nase. Seltsam fremd und beißend. Er erkannte den seltsamen
Geruch als etwas Bekanntes, aber zugleich auch als etwas
Bedrohliches, Abstoßendes Doch den sicheren Tod vor Augen,
beachtete er ihn nicht weiter. Er leckte sich über seine
aufgesprungen Lippen und schmeckte...Schokoplätzchen? Der Stoff
seiner mittlerweile zerrissenen Schalfanzughose klebte an seinen
blutigen Knien. Er fuhr herum, schaute nach unten. Nur ein
kleiner Schritt. Die Dunkelheit erschien ihm wie das rettende
Ufer. Der Sog der Tiefe zog in an wie ein Magnet. Und dann...
wurde es auf einmal ganz still. Vereinzelt hörte er noch
Schreie, Stöhnen und Gebete. Es dauerte einen Moment, bis Paddy
begriff...er war bereits tot.
Montag,19.
Juni. 1998
Es war kurz
nach 8.00 Uhr, als Special Agent Dana Scully am Freitagmorgen
fast mit Mulder zusammenstieß. Sie studierte im Gehen eine Akte,
als sie gedankenverloren das Kellerbüro betrat. Sie grübelte.
Paddy Mac
Courts Leiche sah aus, als sei sie aus großer Höhe zu Boden
gefallen, oder aber geworfen worden. Und der Arzt, der die
Autopsie durchgeführt hatte, führte die schweren Verletzungen
bis in Detail auf. Gebrochenes Rückgrad, diverse
Knochenbrüche, innere Blutungen, usw. Doch das kuriose an der
Sache und der Grund, warum man soeben damit an sie heran trat war
der, dass die inneren Organe des Opfers Anzeichen von
Verbrennungen aufzeigten. In seinen Lungen waren eine Menge Ruß
und Schwefel gefunden worden.
Was bedeutete,
wenn er nicht den Verletzungen des scheinbaren Sturzes erlegen
wäre, dann wäre er mit Sicherheit erstickt. Jedoch passten
diese Symptome in keinster Weise ins Schema, da nirgendwo auch
nur eine Zigarette geglimmt hatte, als der Mann gefunden wurde.
So oder so. Er war tot. Das allein wäre schon ein Grund, der
Sache genauer nachzugehen. Doch die mysteriösen Umstände;
nämlich dass der Gute Paddy Mac Court neben seiner Frau im Zug,
im Nichtraucherabteil saß, als der Teufel ihn zu sich holte, war
der Grund dafür, dass die Akte heute morgen in ihren Händen
gelandet war. Bzw., dass Skinner sie ihr im Flur im Vorbeigehen
mit den Worten: Agent Scully, ich glaube, ich habe da noch
etwas was für Sie, in die Hände gedrückt hatte.
Hier, in der
Akte, stand es also schwarz auf weiß und doch konnte sie das
Gelesene nicht glauben.
Sie
schüttelte energisch, immer noch die Tatsachen anzweifelnd, den
Kopf, als sie ihren Weg fortsetzte.
Ihre Absätze
klapperten auf dem noch feuchten, frisch aufgezogenen Boden und
Dana strich sich gedankenverloren eine hereinfallende Strähne
ihres tizianroten Haares aus dem Gesicht. Zielstrebig ging sie
weiter in Richtung ihres gemeinsamen Büros. Sie schaute kurz auf
und erblickte das Namensschild ihres Partners auf der
geschlossenen Türe vor sich. Das war auch so ein Punkt, der sie
immer wieder ärgerte.
Sie arbeiteten
jetzt schon über 4 Jahre zusammen an den X - Akten und noch
immer stand nur der Name ihres Partners `Fox Mulder´ auf dem
Namensschild an der Tür. Das müssten sie irgendwann einmal
ändern.
Mit der
rechten Hand öffnete sie schwungvoll, wieder den Blick nach
unten in die Akte gerichtet, die geschlossene Tür zum
Kellerbüro. Mulder stand gerade einige Schritte vor seinem
Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. Er betrachtete
gedankenverloren das alte I want to believe-Poster.
Dabei hielt er eine Tasse mit dampfendem, frisch aufgebrühtem
Kaffee in der Hand.
Als die
Bürotüre hinter ihm schwungvoll geöffnet wurde, rettete ihn
nur ein kurzer, reflexartiger Ausfallschritt vorwärts vor einem
Zusammenprall mit derselben. Ein Teil des heißen Getränks in
seiner Hand schwappte über den Rand der Tasse und landete auf
seinem frischgestärkten, blauen Hemd und seiner Krawatte. Autsch...Ein
leises Fluchen entwich seinem Mund, als er sich umdrehte und
einer sichtlich erschrockenen Scully gegenüberstand.
Um Gottes
Willen Mulder, warum stehen Sie denn hinter der Tür? Es tut mir
leid, ich wusste ja nicht.... Sie verstummte. Ihr Blick
fiel auf den größer werdenden Kaffeefleck auf Mulders Hemd.
Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht. Leichte
Röte stieg ihr ins Gesicht.
Mulder genoss
einen kurzen Moment lang ihre Verlegenheit, grinste in sich
hinein, entspannte dann aber die Situation mit einem breiten
Lächeln: Scully, sagen Sie mal, wo sind Sie denn mit Ihren
Gedanken? Bei Ihnen scheint das autogene Training ja voll
anzuschlagen, sie schlafen ja jetzt noch.
Inzwischen hatte
Dana ihre Fassung wieder gefunden und entgegnete ihm trocken:
Ja, wenn Sie sich auch hinter der Tür verstecken,
Mulder... Sie zog achselzuckend ein weißes Taschentuch aus
der Tasche ihres Blazers und reichte es ihm, welches er dankend
annahm. Er ging zu seinem Schreibtisch herüber, stellte die
Tasse auf einem der wenigen freien Flecke dort ab und begann,
sich das Hemd mit dem Tuch in der einen Hand abzutupfen, wobei er
angestrengt an sich herunterschielte, das Kinn auf seiner Brust
liegend. Als er damit fertig war - das meiste war eh schon in den
blauen Stoff des Hemds eingezogen, viel zu wischen gab es eh
nicht - ,drückte sie ihm kommentarlos den vor kurzem selbst
erhaltenen Autopsiebericht in die andere, noch freie Hand.
Er ging damit um
seinen Schreibtisch herum und nahm geräuschvoll ausatmend
dahinter Platz. Er öffnete die Akte. Ein weiteres Opfer?
fragte er, den Kaffeefleck nebenher noch immer sporadisch mit dem
Taschentuch bearbeitend.
Dann war er auch
schon tot. Sonst hat keiner in dem Zug etwas Verdächtiges
gesehen. Was meinen Sie, Mulder? Fragend schaute sie ihn
an.
Der Agent
überlegte kurz Ich weiß nicht, Scully. Irgendwie hängt
das alles zusammen, das sollten wir auf jeden Fall im Auge
behalten...
Montagnachmittag,
Untergeschoss des J. Edgar Hoover Building, 16.00 Uhr.
Der Nachmittag
der nächsten Sitzung war gekommen und dieses Mal waren deutlich
weniger Leute zu dem Kurs erschienen, als in der Woche zuvor. Die
jüngsten Ereignisse mussten viele Leute verschreckt haben, was
nicht weiter verwunderlich war, wenn man darüber nachdachte.
Allerdings stellte das auch ein Problem für Mulder und Scully
dar, denn falls sich ihr Verdacht als richtig erweisen würde,
könnte jeder im Raum der Mörder gewesen sein und die Tatsache,
dass gut die Hälfte der Patienten vom letzten Montag fehlten,
erschwerte die Ermittlungen natürlich noch zusätzlich. Sie
würden sich später eine Liste der Kursteilnehmer geben lassen,
so viel war sicher.
Die Agenten
hielten von Beginn an Augen und Ohren offen. Der gute Doktor, wie
immer im schwarzen Anzug, schien sichtlich von dem rapiden
Schwund seiner Anhängerschaft getroffen zu sein, das merkte man
ihm deutlich an. Sein ohnehin stets dünnes und aufgesetztes
Lächeln war noch künstlicher als sonst und er kam ohne große
Umschweife und schwülstige Begrüßungen gleich zur Sache.
Die Agenten,
wiederum in Sportanzug und mit einem Kopfkissen bewaffnet,
machten es sich ebenso wie alle anderen auf ihren Matten mehr
oder weniger bequem und versuchten, trotz des gedimmten Lichtes
und der einlullenden klassischen Musik, wachsam zu bleiben.
Mulder könnte sich ohrfeigen, dass er beim letzten Mal
geschlafen hatte, das würde er sich dieses Mal garantiert nicht
erlauben! Aber wie hätte er auch ahnen sollen, dass so etwas
passieren würde?
Es war wie die
Wiederholung eines schlechten Films: Sie sind an einem
behaglichen Ort...Sie fühlen sich wohl und geborgen...Ihre
Glieder werden schwer...
Scully hatte alle
Mühe, nicht wieder in die gleiche Trance zu fallen wie beim
letzten Mal und ständig ermahnte sie sich im Stillen selbst zur
Wachsamkeit, schaute sich ab und zu um, horchte angestrengt in
den Raum.
Dies hier war
ihre einzige Chance, wenn sie beide den Tod dieser jungen Frau
aufklären wollten. Doch so sehr sie sich auch mühte, da war
einfach nichts Ungewöhnliches oder Verdächtiges.
In einer
vollkommen ruhigen Turnhalle, in der niemand auch nur ein Wort
sagt, kann das Ticken einer Uhr an der Wand allein einen nahezu
in den Wahnsinn treiben, wenn man sich darauf konzentriert. Das
war in etwa damit zu vergleichen, wie wenn man nachts neben
jemandem im Bett liegt und dieser Jemand nicht einmal schnarcht,
das war nicht einmal nötig. Sondern wenn dieser Jemand einfach
nur laut durch den Mund ein - und aus atmet. Je mehr man sich
darauf konzentriert, desto weniger ist man in der Lage es
auszublenden und irgendwann wird man sogar wütend und steigert
sich immer mehr in die Sache hinein, bis an Schlaf irgendwann
nicht mehr zu denken ist und man nur noch damit beschäftigt ist,
sich über das zu ärgern, was der andere einem damit antut.
Genau so war es auch hier, nur war es in Scullys Fall weder
lautes Atmen, noch das Ticken einer Wanduhr, sondern die leise
Musik, welche zwar nach wie vor nur im Hintergrund lief, bei
ihrer Aufgabe jedoch mehr als nur hinderlich war. Immerhin hatte
sie ihr Handy dabei, diesmal. Diesen fatalen Fehler würde sie
nie wieder machen, Vorschriften hin oder her. In ihr war der
Kampfgeist erwacht, sie würde sich nicht noch einmal die Butter
vom Brot nehmen lassen, denn egal ob nun Agentin oder Ärztin,
sie hatte ihr Leben dem Schutz und der Verteidigung anderer
verschrieben und nichts auf der Welt konnte sie davon abhalten!
Fox Mulder hatte
sich sein Kopfkissen seitlich bis über die Ohren gestülpt und
presste es mit den Handflächen förmlich an sich. Doch irgendwie
drang dieser Sing - sang von dem Quacksalber dort
vorn noch immer zu ihm hindurch und die Dämpfung der
Daunenfedern im Inneren des Kissens verlieh seinen Worten einen
seltsamen Unterton, den er, so sehr er sich auch mühte, einfach
nicht imstande war auszublenden. Angestrengt kniff er die Augen
zu und zog eine Grimasse. An der Decke dieser gottverfluchten
Halle gab es aber auch nicht einen einzigen Punkt, auf den man
sich konzentrieren konnte, an dem man sich ablenken konnte.
Ihre
Glieder werden schwer, werden taub...Sie sind entspannt...Sie
sind sicher...lassen Sie los
!
Pöh, dachte der Agent spöttisch. Der einzige Ort, an dem ich mich jetzt gerade wirklich entspannen könnte, das wäre...
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Doch wie sie
so vor ihm stand in diesem Moment, hier in seinem Schlafzimmer,
welches ebenfalls nur durch ein halbes Dutzend großer, heller
Kerzen, welche quer um das Bett herum verteilt waren, erleuchtet
wurde, da war sie das schönste und vollkommenste, was er jemals
in im Leben gesehen hatte. Ihr rotes Haar ruhte auf ihren
Schultern, ihre feuchten Lippen waren leicht geöffnet und die
schwarze Spitzenwäsche trug sie mit einer solchen Anmut, dass
sie wie eine zweite Haut an ihr lag. Sein hungriger Blick
wanderte immer wieder anerkennend an ihr auf und ab, wobei er ein
leichtes Seufzen nicht unterdrücken konnte. Sie schien die
Wirkung, welche sie auf ihn hatte, sichtlich zu genießen und
auch der letzte Anflug von Unsicherheit in ihrem Gesicht wich
einem strahlenden Lächeln.
Das
Kerzenlicht betonte ihre Taille und ließ die äußeren Spitzen
ihres Haars feurig rot leuchten.
Verlangen und
Lust wollten sich Luft machen, hatten schon viel zu lange warten
müssen, jahrelang.
Er wollte sie
spüren, sie fühlen und hielt ihr seine rechte Hand entgegen.
Sie zögerte kurz, verlagerte geschickt ihr Gewicht und ergriff
dann die seine, beugte sich nach vorn und ließ sich von ihm auf
das Bett ziehen.
In dem Moment,
in dem sie sich berührten, wussten beide, was Leben ist.
Zärtlich streichelnd erforschten seine Lippen ihre und beide
verloren sich in diesem wohl schönsten, ältesten und
intensivsten Tanz der Welt.
Sie richteten
sich auf und die Wellen des Wassers unter ihren erhitzten
Körpern trugen sie mit sich, steigerten ihre Leidenschaft ins
Unermessliche. Sie umarmten einander und ihre Hände begannen,
einander zu erforschen und zu liebkosen. Sein Shirt fiel als
erstes auf den Teppichboden neben dem Bett und der weiche Stoff
ihres BHs auf seiner Haut machte ihn verrückt. Er umfasste ihre
Taille, wanderte nach unten. Seine Lippen begannen ihren Bauch zu
küssen und strichen langsam hoch zwischen ihre Brüste, wo sie
einen Moment verharrten, um den schnellen Takt ihres schlagenden
Herzens zu fühlen, und weiter bis hoch zu ihrem Hals. Er strich
ihr Haar beiseite und führte seinen Weg fort, bedeckte ihre
Schulter mit feuchten Küssen und liebkoste die kleine Mulde
über ihren Schlüsselbeinen mit seiner Zungenspitze. Sie
schmeckte so viel unglaublicher als er immer gedacht hatte. Er
sog ihren Duft in sich auf, atmete sie ein, verlor sich nahezu in
ihr. Wie lange hatte er diesen Moment herbei gesehnt, wie oft
hatte er hiervon geträumt. Seine starken Hände streichelten
ihren wohlgeformten Busen, wanderten langsam nach hinten zu dem
Verschluss dieses schwarzen, verführerischen Kleidungsstückes,
welches er ihr kurz darauf behutsam von der Schulter streifte,
ehe es seinen Platz auf dem Teppichboden fand. Zärtlich bedeckte
er ihre Brüste mit seinen Händen, spürte ihre zarte Haut,
welche sich hell von seinen vergleichsweise dunklen Unterarmen
abhob und schaute ihr tief in die Augen. Das leise Seufzen,
welches ihrer Kehle entwich, gab ihm ein Gefühl der
Bestätigung. Er löste sich von ihr, nur um sie gleich darauf zu
sich zu ziehen und ineinander verschlungen sanken sie seitlich
aufs Bett. Er streichelte ihre Schulterblätter und seine Hände
glitten zu ihrem Steiß, wo er mit seinen Fingern die Konturen
ihrer Tätowierung nachfuhr. Er vergrub seinen Kopf zwischen
ihren nackten Brüsten und seine rechte Hand fand ihren Po,
massierte ihn durch ihren knappen Spitzenslip hindurch und machte
sich sogleich auf, ihre Schenke und die muskulösen Waden zu
erkunden, wobei er jeden Millimeter beinahe zeremoniell genoss
und verinnerlichte.
Er konnte
einfach nicht genug bekommen von dieser Frau, es sollte niemals
enden. Behutsam drehte er sie auf den Rücken und beugte sich
über sie. Sie war so wunderschön, noch bezaubernder als sonst,
sofern dies überhaupt möglich war.
Jede seiner Berührungen genießend, ließ sie sich gehen und stöhnte genussvoll unter ihm auf, mit ihren hungrigen Augen stets nach mehr verlangend. Und nachdem auch die letzten Kleidungsstücke ihren Platz bei den übrigen gefunden hatten, wurden die beiden Liebenden eins, verschmolzen miteinander und trieben gemeinsam ihrer Erlösung, der Summe der vergangenen vier Jahre entgegen.
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Der Agent fand sich an einem fremden Ort wieder. Er stutzte, war orientierungslos. Was war nur passiert, er konnte sich an nichts erinnern. Alles um ihn herum verschwamm, wurde undeutlich. Er glaubte zu schweben und dann.....
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Zusammengesunken,
den Kopf in den Armen vergraben und die Knie an seinen Körper
herangezogen, kauerte er inmitten des nun leeren Krankenbettes.
Das schlichte, in steriles weiß gehaltene, kleine Zimmer auf der
Intensivstation des Hospitals wirkte trostlos und Verzweiflung
lag in der Luft.
Seine Kehle
war wie zugeschnürt, er konnte kaum atmen, war wie gelähmt.
Sein Herz, schwer wie Blei, pochte leise und unregelmäßig in
seiner Brust. Immer wieder redete er sich im Stillen ein, dass
all das hier nicht wirklich geschah, dass es nur ein Traum war.
Doch die vernichtende Erkenntnis traf ihn jedes Mal aufs Neue mit
einer solchen Wucht, dass er glaubte, in ein bodenloses,
hungriges und dunkles Nichts zu stürzen.
Alles, was er
fühlte, war Trauer, seine Welt bestand aus Schmerz. Erneut
spürte er es in sich auf steigen, merkte wie es ihn überrollte
und eine Flut von Tränen ergoss sich warm über seinem Gesicht,
lief über seine Wangen bis hin zu seinem Kinn, wo sie nach und
nach, Tropfen für Tropfen, seinen Hals hinab rann, bis sie sich,
unten angekommen, schließlich in dem weißen Kragen seines
Hemdes verloren. Er hielt nichts zurück, schämte sich ihrer
nicht. Nein, er hieß die warme, salzige Feuchtigkeit willkommen,
empfand sogar einen Hauch von Stolz, trug sie einem Versprechen,
einem vergänglichen Orden gleich auf seiner Haut. Sein kaum
hörbares Schluchzen erfüllte den Raum. Langsam sah er auf,
seine Arme noch immer auf seinen Knien ruhend. Er hob seine
rechte Hand, öffnete sie. Dort lag sie. So klein und filigran
gearbeitet, funkelte sie auf seiner ausgestreckten Handfläche.
Die goldene Halskette mit dem kleinen Kreuz daran. Alles, was ihm
nun von ihr blieb, war dieses Schmuckstück, welches ihrer
Schönheit und ihrem Anmut niemals auch nur annähernd gerecht
werden könnte. Es erschien ihm, als wäre es gestern gewesen,
als er sie ihr damals zurückgegeben hatte. Schon einmal hatte er
sie verloren und jetzt war sie ihm erneut genommen worden. Nur
dieses Mal...für immer. Er erinnerte sich genau an den Blick,
den sie ihm schenkte, als er ihr die Kette, dieses Geschenk ihrer
Mutter, damals zurückgab. Ein Blick so voller Güte, Dankbarkeit
und noch so viel mehr. Seither konnte er sich nicht erinnern, sie
jemals ohne ihren geliebten Schmuck angetroffen zu haben, nicht
einmal nachts, wenn er sie mal wieder aus dem Bett geklingelt
hatte, wollte sie sich von ihm trennen.
Warum
nur? Du fehlst mir so unendlich. Die Leere, die du in mir
hinterlässt, kann...wird niemals vergehen. Ich liebe dich so
sehr und werde es immer tun. Und auch wenn ich weiß, dass du es
wusstest, so hätte ich es dir so gerne in die Augen geschaut, es
dir gesagt... ein einziges Mal nur.
Behutsam nahm
er das grazile, goldene Kettchen, öffnete mit zitternden Fingern
den winzigen Verschluss. Als er sie um legte und hinter seinem
Genick verschloss, hielt er unwillkürlich den Atem an.
Das edle
Metall lag kühl auf seiner Haut, aber nicht so kalt wie die
niederschmetternde Erkenntnis, dass es seine Schuld war. Ihre
Entführung damals, ebenso wie ihr Krebs. Und nun ihr...Tod.
Ihn
wollten sie mit all dem treffen, nur ihm
wollten sie schaden, doch er ließ sich nicht beirren, in seinem
ach so gerechten Kampf. Verdammt, warum taten sie ihr das an? Das
hatte sie nicht verdient! Warum nahmen sie nicht ihn? Diese
Monster! Wut und Zorn überwältigten ihn. Aber...war er denn so
viel besser als sie? Es war sein privater Kreuzzug, der dies
alles hier überhaupt in Gang gebracht hatte. Er hatte
bereitwillig zugesehen, wie sie mit ihm in die Schusslinie
geraten war. Er war es, der zugelassen
hatte, dass sie sich für ihn, und nur für ihn
in Gefahr gebracht hatte, und das öfter als er zählen konnte.
Ja die, gegen die sie kämpften, waren Monster, sicher. Aber er
war auch eines, wenn nicht sogar das schlimmste von allen. Er
hatte sie auf dem Gewissen. Die Frau, die ihm das
wertvollste war, ist, und für immer sein wird, auf der Welt.
Er sackte in
sich zusammen, auf die Seite, und sein dunkelblauer Anzug bot
einen starken Kontrast zu dem weißen Bett, in dem er lag. Er
vergrub sein Gesicht in ihrem Laken. Es roch noch immer nach ihr.
Es war erst einige Stunden her, aber schon jetzt kam es ihm vor,
als wären Jahre vergangen.
Könnte er
ihren Tod durch seinen eigenen ungeschehen machen, er würde
nicht einen Wimpernschlag lang zögern.
Eine
wellenartige Bewegung, einem Stein gleich, der ins Wasser
plumpst, erfasste das Zimmer und plötzlich stand er da. Direkt
vor dem Bett. Nigma. Sein schwarzer Anzug war zerschlissen, seine
Glieder spindeldürr und mit hervorstehenden Adern unter der
bleichen Haut. Die Augen des Doktors waren auf den trauernden
Mann, welcher in dem Bett vor sich lag, gerichtet. Die Gier nach
Befriedigung spiegelte sich in seinem finsteren Blick wider.
Genüsslich leckte er sich die gelben Zähne. Die lederartigen
Ringe um seine Augen, welche so schwarz wie die Hölle selbst
waren, zuckten leicht vor Vergnügen. Fasziniert, und mit der
begeisterten Aufmerksamkeit eines Sammlers, der im Begriff ist,
ein neues und kostbares Stück seiner Sammlung hinzuzufügen,
starrte er auf den vor sich liegenden Mann. Dies war es, was er
brauchte, wovon er sich nährte. Dann, den lang ersehnten Moment
des höchsten Genusses lange genug herausgezögert, erlaubte er
es sich schließlich. Gierig machte er einen Schritt vorwärts,
bis er unmittelbar an dem Bettgestell stand. Er streckte seine
Klauen aus, griff nach Mulders Fuß, umklammerte ihn mit seinen
langen, dürren Krallen. Erschrocken hob der Agent seinen Kopf,
starrte ihn entsetzt und ungläubig an. Verzweiflung und Angst
standen in sein Gesicht geschrieben und das Monster vor ihm
schnurrte fast vor Vergnügen, schien dies sichtlich zu genießen
Ein abstoßender, moschusartiger Geruch, penetrant und stechend,
lag mit einem Mal in der Luft, biss den in seiner Pein gänzlich
überrumpelten Agenten förmlich in die Nase.
Nun bist du mein!, krächzte die bizarre Kreatur heiser und lachte voller Genugtuung. Mit einem Mal jedoch verzog sich sein Maul zu einer erschrockenen, ja geradezu enttäuschten Grimasse. Hektisch schaute er sich um, seine Augen weiteten sich, als alles um ihn herum, sein Opfer sowie auch er selbst, plötzlich anfing zu verblassen. Nein,... es ist...ich bin noch nicht soweit, krächzte er schrill...Neeeeeeeiiiiiiiin!
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Mulder?
Mulder, kommen Sie, wir sind hier fertig. Scullys Gesicht
war von einiger Sorge geprägt, denn ihr Partner hatte während
seiner Trance leise gesprochen und alle waren bereits dabei zu
gehen, doch er wollte noch immer nicht erwachen. Nur ganz langsam
kam er zu sich, begann zu blinzeln. Seine Glieder waren schwer
und er fühlte sich irgendwie...abwesend und leer. Als er endlich
begriff wo er war, begann er sich aufzurappeln und sie half ihm
dabei. Er streckte sich, griff sich ins Genick und schaute sich
um. Scully, ich...muss weggetreten sein, ich kann mich an
nichts erinnern, ist irgendwas passiert?
Die Agentin
zuckte resignierend mit den Achseln. Ich hatte mir schon
Sorgen gemacht, Mulder. Ich habe Sie gar nicht wach bekommen und
dachte schon, sie wären wieder eingeschlafen! Aber...nein, ich
habe nichts Verdächtiges feststellen können, alles verlief
ruhig. Sie bückte sich und griff nach Mulders und ihrem
Kopfkissen, reichte ihm seines. Sind Sie sicher, dass mit
Ihnen alles in Ordnung ist?, hakte sie nach und schaute ihn
prüfend an. Sie sehen irgendwie blass aus.
Er seufzte nur
laut, er fühlte sich matt und ausgelaugt. Nein, es ist
alles in Ordnung, versicherte er ihr. Ich bin nur
todmüde und freue mich auf ne Runde Schlaf, das ist alles.
Dann
lassen Sie uns gehen, Mulder. Hier richten wir sowieso nichts
mehr aus, fürchte ich. Am besten lassen wir uns gleich morgen
früh eine Liste aller Kursteilnehmer geben, die hier
ursprünglich angemeldet waren. Auf diese Weise können wir noch
diejenigen überprüfen, die heute gefehlt haben...was anderes
fällt mir auch nicht mehr ein.
Ihr Freund und
Partner schien noch immer nicht ganz da zu sein, er nickte
lediglich knapp und dann steuerten beide geradewegs auf die
schwere Holztür, den Ein - und Ausgang der kleinen Turnhalle,
zu, wobei sie von einem, zu schmalen Schlitzen verengten Paar
dunkler, abgrundtief scheinender Augen angefunkelt, ja förmlich
durchbohrt wurden. Noch lange nachdem die beiden Agenten gegangen
waren, starrte der Doktor, ganz unscheinbar im Schneidersitz
hockend, auf die Türe. Das gedämpfte Licht und die Stille
verliehen dem Raum etwas Unheimliches. Er erhob sich
schließlich, strich sich den faltenlosen Kragen seines schwarzen
Jacketts gerade und rückte die graue Krawatte zurecht.
Anschließend fuhr er sich prüfend über das kurz geschorene
Haar. Er ballte die Fäuste. Wie er diese Erscheinung hasste,
diese lächerliche Tarnung seiner selbst, seines wahren,
großartigen, erhabenen Ichs. Die Halle war leer, außer ihm
waren alle gegangen.
Er blinzelte
und plötzlich begann die Deckenbeleuchtung zu flackern. Die
Lichter gingen an, nur um gleich darauf wieder zu erlischen. Noch
einmal blinzelte der Mann und mit einem Mal stoben Funken aus den
großen, länglichen Lampen an der Decke und eine nach der
anderen explodierte mit einem lauten Knall und ließ noch mehr
Funken zu Boden regnen. Immer wieder, so lange bis auch der
letzte der Strahler zerstört war und der ganze Raum in völliger
Dunkelheit lag. Einige der Matten auf dem Fußboden hatten durch
den Funkenregen angefangen zu schmoren und es stank nach
verbranntem Gummi.
Seine
abstehenden Ohren waren rot durchblutet und an seinen Schläfen
standen einige Äderchen hervor. Sein Mund verzog sich zu einem
dünnen, listigen Lächeln, welches dem einer Hyäne nicht
unähnlich war. Dafür würde sie ihm büßen müssen, die
hübsche Agentin, oh ja...und wie sie büßen würde...!
Sein uralter,
messerscharfer Instinkt arbeitete präzise wie ein Schweizer
Uhrwerk und ebenso schnell. Seine Nase war so fein wie die eines
alten Wolfes. Hatte er erst einmal Blut gewittert, würde er
nicht mehr von seiner Beute ablassen bis er das hatte, was er
wollte. Ihren Tod. Er war gefährlich, vorsichtig und er war
geduldig. Das musste er sein, denn sonst hätte er nicht 350
Jahre lang überlebt. Die Menschheit hatte sich mit den
Jahrhunderten verändert. Heutzutage stanken sie nicht mehr nach
Schweiß und Krankheiten, sie wuschen sich regelmäßig und
dufteten, die einen mehr die anderen weniger, dezent nach
irgendwelchen Blütenextrakten; die meisten jedenfalls. Es gab
den technischen Fortschritt und sie konnten zum Mond fliegen. Und
doch war sein Jungbrunnen stets allgegenwärtig, wenn sich auch
die Ursachen dafür in der heutigen Zeit sehr von den früheren
unterschieden. Früher geißelte die Menschheit die Angst vor der
Cholera, der Pest oder dem Hunger, heute waren es andere
Krankheiten wie Hochmut, Eitelkeit, Neid und Gier, die an ihrer
Seele fraßen. Sie verrückt machten. Und natürlich die
Machtlosigkeit gegen ein allgegenwärtiges Geschwür, einer
Krankheit, die immer noch an ihr nagte wie an einem alten
Knochen, an ihr klebte, wie alter klebriger Leim und die so alt
war wie er selbst. Sein treuer, stetiger Gefährte auf seinem
langen Weg, bis heute. Der Krebs!
Immer noch waren
die hochentwickelten Möglichkeiten der Medizin nicht in der
Lage, diese Krankheit ganz auszurotten. Sie waren wie
Geschwister, die einander die Hand reichten. Die stille
todbringende Macht, die Leben nahm und die ihm auf eine andere
Art gleichzeitig das Überleben schenkte, indem sie die Angst
davor schürte, betroffen zu sein. Das grausame Elixier, von dem
er seinen Hunger stillte, von dem er immer weiter überlebte:
Panik, Angst und Schrecken. Sie alle gehören zu den intensivsten
Emotionen und von all diesen nährte er sich. Sexuelle Gelüste
und Fantasien zählten ebenfalls zu seinen Spezialitäten,
wenngleich sie ihm üblicherweise eher dazu dienten seine Opfer
abzulenken und einzulullen. So wie er es bei ihrem Partner
versucht hatte, was wirklich nicht sonderlich schwer gewesen war,
bei diesem liebeskranken Trottel.
Ja, das war
alles, was für ihn zählte, was ihn antrieb, wovon er lebte,
existierte. Doch das Heroin, das stärkste Element seiner Droge,
war Todesangst. Und wenn er sich auf eines verlassen konnte, dann
auf seinen Instinkt, seine Nase. Und die dirigierte ihn jetzt
direkt in die Richtung der kleinen, rothaarigen FBI Agentin.
Er konnte sie wie
ein sehr gutes, teures Parfum riechen. Der für seine Nase
unglaublich anmachende, geile, Geruch von unterdrückten Sorgen
und Ängsten, die von der hübschen rothaarigen Frau ausgingen.
Nach außen hin machte sie zwar einen sehr selbstbewussten,
couragierten Eindruck, doch seine feine Nase verriet ihm mehr,
ihre nackte Angst. Die Furcht, welche so stark unter ihrer
Oberfläche brodelte, dass sie ihn beinahe in ekstatische Lust
versetzte. Er spürte die gefräßige Gier in sich aufsteigen,
das brodelnde Verlangen, sie gleich hier und jetzt zu töten. Er
war ihrer Spur gefolgt, hatte vorsichtig Abstand gehalten, wollte
sie alleine antreffen. Sie hatten noch eine Rechnung offen, sie
hatte ihm den Kick, ihren Partner zu töten, vermasselt und
dafür würde sie bezahlen. Bald...und zwar mit ihrem Leben.
Die Tatsache,
dass sie ihm und seinem immer währenden Hunger weit mehr
Befriedung schenken konnte als ihr Partner, brachten seine Augen
kurz gierig zum Leuchten und zauberten ein hämisches,
gefährliches Lächeln in sein fratzenhaftes Gesicht, das er
unter der schwarzen Kapuze seines weiten, schwarzen Mantels
versteckte. Er war auf der Jagd und nur Gott selbst konnte ihn
von seinem Vorhaben, die Agentin zu töten, abhalten.
Seine Chancen
standen also nicht schlecht, da dieser sogenannte Gott nicht
allzu oft auf Erden weilte, dass er seine Jagd erfolgreich
beenden würde können. Früher oder später würde er sie
alleine erwischen, in ihre Gedanken eindringen, sie aussaugen,
sich an ihr laben wie ein Ertrinkender, der nach Wasser schreit.
Es war nur eine Frage der Zeit und wie gesagt, die Geduld war
eine seiner Stärken...und auch die Zeit war auf seiner Seite
Sie hatte etwas
gespürt, als er sie von weitem kurz mit seinen zu Schlitzen
verengten Augen angestarrt hatte, so als ob er ihr tief in die
Seele blicken würde. Sie wusste nicht, was es war, das diese
alten schmerzlichen Erinnerungen in ihr aufflammen ließen wie
ein lange ersticktes Feuer. Und doch existierte es unter der
Oberfläche weiter, war von ihr bis heute nur fast erfolgreich
verdrängt worden. Einmal abgesehen von den schrecklichen
Albträumen, die sie von Zeit zu Zeit aufsuchten. Heute war sie
wieder gesund, liebte ihre Arbeit, und stand mit beiden Beinen
voll im Leben. Sie hatte gelernt damit umzugehen, mit ihrer
Angst. Zumindest hatte sie das geglaubt, bis heute.
Vielleicht war es
ein Fehler gewesen, sich gestern nur mit einem Glas Wein im Magen
ins Bett zu legen. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn
sie noch etwas dazu gegessen hätte, bevor sie sich zu Bett
begab. Doch ihr Kühlschrank war so gut wie leer und fast food
oder Fertiggerichte waren noch nie ihr Ding gewesen. Sie hätte
beim Italiener an der Ecke vorbeigehen sollen, das hätte ihr den
Kopf frei gemacht und sie hätte an alte und neue Gesichter
denken können, an die belanglosen Gespräche, kleine Flirts und
das freimütige Lachen. Sie wäre vielleicht traumlos
eingeschlafen. Doch als der Traum wenig später begonnen hatte,
war es zu spät für solche Überlegungen gewesen.
Sie erwachte von
ihrem eigenen Schluchzen. Mit einem Ruck setzte sich Dana Scully
im Bett auf und presste ihre Handflächen gegen die Augen, um den
Traum zu verscheuchen. Wenn er so stark war wie in dieser Nacht,
dann klag er für gewöhnlich lange nach. Sie atmete flach und
spürte kalten Schweiß auf ihrem Rücken, während sie
angestrengt versuchte, sich zu vergegenwärtigen, wo und wer sie
jetzt war.
Sie war nicht
mehr an dem weißen sterilen Ort, an dem sie Tests an ihr
durchgeführt hatten und sie war nicht mehr krank. Dana ballte
ihre Hände, als könne sie mit ihren Fäusten die finstere Nacht
zerschlagen. Als könne sie die Angst zerreißen, die sie wie
Schleier umfing. Sie hatte den Krebs besiegt, auf welche Weise
auch immer.
Das lag schon ein
Leben lang zurück...oder wenigstens einige Monate.
Sie stand auf,
tastete nach dem Lichtschalter und ihrem Morgenmantel. Nach einem
solchen Traum konnte sie die Dunkelheit nicht ertragen. Im
Badezimmer kühlte sich ihr Gesicht mit kaltem Wasser, wissend,
dass das Zittern noch einige Zeit anhalten würde. Wenigstens
blieb sie dieses Mal vor der Übelkeit verschont, die meist mit
ihren Alpträumen einherging. Sie hatte in den letzten vier
Jahren blutrünstige Monster zur Strecke gebracht und mit ihrem
Partner Serienkiller überführt. War schon durch dunkle,
stinkende, unheimliche Abwasserkanäle gekrochen. Doch nichts
jagte ihr mehr Angst ein als diese Erinnerungen, die ihr ihre
Träume zurück brachten.
Solange ihre
Hände noch zitterten, stützte sie sich am Kopf, um sich im
Spiegel zu betrachten. Sie war immer noch leichenblass, aber die
Angst war aus ihren Augen verschwunden. Das war immer das erste,
was sie kontrollierte. Sie drehte sich um und lehnte sich zurück
an den Rand des Waschbeckens. Das Beben ihres schweißnassen
Körpers flaute endgültig ab. Nur noch ein paar Minuten, dann
hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie beschloss, dass sie
heute den eher langweiligen Schreibtischkram erledigen würde und
nichts weiter. Berichte tippen und versuchen, ein bisschen Ruhe
einkehren zu lassen, Routine eben.
Mulders
Apartment, 18.26 Uhr.
Mulder ließ den
heutigen Tag Revue passieren und machte sich so seine Gedanken,
als er zähneputzend vor seinem Badezimmerspiegel stand und
Grimassen schnitt. Er trug Jeans und ein graues Sweatshirt.
Auch ein
vielbeschäftigter Mann muss einmal Pause machen, sagte
sich Mulder so gegen Siebzehn Uhr und dachte dabei an einen
gemütlichen Fernsehabend mit ein paar Videos, die alle nicht ihm
gehörten. Er hatte heute stundenlang an seinem Schreibtisch
gesessen, Berichte geschrieben, alte Akten studiert und seinen
Papierkram auf Vordermann gebracht. Berichte zu schreiben war
eine Sache, aber dabei auch noch vergnügt auszusehen eine ganz
andere. Für ihn war das so etwas wie Die Sauergurkenzeit.
Etwas völlig nutzloses, es langweilte ihn einfach. Frust stand
in seinem Gesicht, die Liste mit den Namen der Leute, die an dem
Kurs für autogenes Training teilgenommen hatten, war einfach
nicht aufzutreiben gewesen, es war wie verhext. Und das beim
F.BI., wo jeder unbedeutende Furz entweder in einem eigens dafür
angelegten Ordner abgeheftet oder in speziellen
Datenverarbeitungsprogrammen abgespeichert wurde. Irgendetwas war
da faul, aber das zu überprüfen lag - wie immer eigentlich -
außerhalb seiner Zuständigkeit. Kurz gesagt, er hatte einen
ziemlichen Hals.
Scully schien es
ähnlich zu gehen. Sie redeten nicht viel miteinander und jeder
hing so seinen eigenen Gedanken nach.
Jetzt stand er am
Aktenschrank und sortierte alte X - Akten ein. Dabei musterte er
vorsichtig seine heute sehr stille Partnerin.
Irgendetwas
beunruhigte ihn, sie war heute irgendwie abwesend. Auch seine
typischen Mulder - Witze hatten sie heute nicht wie sonst zum
lachen gebracht. Vielmehr wirkte sie völlig verschlossen,
beinahe verängstigt, verletzlich und das machte ihm Angst. Sie
saß jetzt ihm gegenüber an seinem Schreibtisch und erledigte,
genau wie er, Routinearbeit. Sie war heute früher im Büro
gewesen als er, und hatte sich sofort in einem Haufen Papierkram
vergraben, als wenn der Teufel hinter ihr her gewesen wäre. Sie
murmelte etwas davon, dass sie schlecht geschlafen hätte, in der
letzten Nacht. Ansonsten ginge es ihr gut. Ihr Standardspruch war
das...Es geht mir gut, Mulder. Wie oft hatte er
diesen Satz von ihr schon gehört.
Er konnte sich
nicht mehr daran erinnern, wann es begonnen hatte. Manchmal
glaubte er sogar, dass er schon mit dem Wunsch, sie zu
beschützen geboren worden war. Aber die Mauern, die sie um sich
herum aufgebaut hatte, machten es ihm schwer, ihr näher zu
kommen. Die Stille und das Einverständnis, die seit Beginn ihrer
Zusammenarbeit zwischen ihnen geherrscht hatten, fühlten sich
jetzt manchmal wie Einsamkeit an. Um ehrlich zu sein, er
verzehrte sich nach ihr, träumte von ihr, respektierte aber ihre
Gründe - auch wenn er diese nicht verstand - nur Freunde zu
sein. Als er sie jetzt so von der Seite her ansah, wusste er
wieder einmal genau, warum er sich in sie verliebt hatte. Nicht
nur wegen ihres gefährlich guten Aussehens, sondern auch, weil
in ihren strahlend blauen Augen oft so viel Kraft und
gleichzeitig so viel Schmerz lag. Selten war es ihm wichtig
respektiert zu werden, aber ihren Respekt brauchte er wie die
Luft zum atmen. Die hatten sie zusammen gebracht und ihm
nicht wie geplant eine gehorsame Berichterstatterin, sondern
stattdessen eine verlässliche Freundin und Partnerin zur Seite
gestellt, und ihm damit unfreiwillig einen Rettungsring
zugeworfen, als er schon glaubte ertrinken zu müssen, damals.
Ohne ihre professionelle Arbeit und ihren kühlen Verstand wäre
er schon oft untergegangen, in vielerlei Hinsicht.
War es schlichtes
Glück? Wie in der Lotterie? Dana Scully war für Mulder
jedenfalls so etwas wie ein Hauptgewinn. Sie war das Zentrum
seines Lebens geworden, die Sonne in seinem Sonnensystem.
Ist so etwas
tatsächlich vom Glück abhängig, vom Schicksal? Oder kommt es
letztendlich darauf an, was wir selbst aus unserem Leben machen?
Dass jede Wahl, jede Entscheidung, die wir treffen, zu einer
weiteren führt? Und in wie weit werden wir diesbezüglich schon
bei unserer Geburt geprägt?
Sie waren kein
Liebespaar, noch nicht, und doch ging ihre Partnerschaft weit
darüber hinaus, nur Freunde zu sein. Sein Blick war immer noch
unverwandt auf seine hübsche Partnerin gerichtet. Sie war wie er
völlig in Gedanken versunken und als er hinter sie trat und
seine Hand sachte auf ihre linke Schulter legte, schaute sie ihn
kurz an, einem verschreckten Kaninchen gleich. Mulder,
was...? Er unterbrach sie mitten im Satz. Was ist
los, Scully? Den ganzen Tag irren Sie schon umher, als wären Sie
dem Teufel persönlich begegnet. Habe ich Sie mit irgendetwas
verärgert? Seine Augen hielten fragend ihre fest und sie
spürte den Ruck, den Hitzestoß, der ihr ins Gesicht schoss. Er
wusste nicht im Entferntesten, wie nahe er der Wahrheit mit
seinem Spruch gerade eben kam. Ihre Augen flackerten kurz auf,
doch sogleich hatte sie sich wieder voll im Griff. Sie war schon
immer erstaunlich gut darin gewesen, ihre Gefühle zu
kontrollieren. Oder zumindest so zu tun, vor anderen. Ist
mit Ihnen auch wirklich alles in Ordnung?, unterstrich er
seine erste Frage. Der Druck auf ihrer Schulter wurde stärker.
Sie ignorierte den Stromstoß, der durch ihren Körper zuckte und
unterdrückte das drängende Gefühl, sich kurz gegen ihn zu
lehnen. Mit einer, in Anbetracht ihrer aufgewühlten Gedanken
bemerkenswert ruhigen Handbewegung legte sie stattdessen ihre
Hand auf seine, die noch immer auf ihrer Schulter ruhte. Eine
sehr vertraute Geste. Sie genoss das kurze Gefühl ihn zu
berühren, schaute ihn aber nicht direkt an. Mulder jedoch
erkannte den verschleierten Glanz in ihren Augen, beließ es aber
dabei.
Sie seufzte
leise. Wie einfach wäre es jetzt, sich ihm zu öffnen, mit ihm
zu reden. Doch wie immer beherrschte sie sich. Gestern Nacht
hatte sie in ihrer Vergangenheit herumgestochert und sämtliche
Wunden und all die Verbitterung wieder aus ihrem Innersten
hervorgezerrt. Sie wusste, wie sehr auch er damals mit ihr
zusammen gelitten hatte und hielt sich besser zurück, wollte ihn
nicht weiter beunruhigen. Es war einfacher für sie, jetzt
verschlossen zu sein, anstatt ihr Herz und ihre Gedanken mit ihm
zu teilen, ihm eine Chance zu geben, sie zu verstehen, ihr zu
helfen, wie dumm und kurzsichtig es im Moment auch immer zu sein
schien. Sie verbot sich jeden weiteren Gedanken, jedes weitere
Gefühl. Das würde alles nur noch komplizierter machen.
Gewaltsam verschloss sie das eine Stück ihres Herzens, das
bereit dazu war, ihm einen Schritt entgegenzugehen, ihn
hereinzulassen. Das Beste war es, alles wieder zu vergraben und
weiterzuleben wie bisher. Eine tiefe Freundschaft ohne weitere
Ansprüche. Gleichzeitig wusste sie, aber auch, dass es ein
Fehler war.
Ich habe
letzte Nacht einfach nur nicht gut geschlafen. Machen Sie sich
keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung, Mulder. Damit zog
sie ihre Hand zurück, senkte wieder ihren Blick.
Er wusste, dass
es nicht so war, ließ sie jedoch los und ging zurück. Sie jetzt
weiter zu bedrängen, hätte keinen Sinn. Anscheinend wollte sie
jetzt einfach nicht darüber reden. Sie würde ihm schon sagen,
was sie bedrückte, wenn sie glaubte, dass es an der Zeit dafür
war. Als sie dann kurz nach Fünf das Büro, mit der Begründung,
noch etwas erledigen zu müssen, verließ, machte sie es ihm auch
nicht leichter, ihren Worten Glauben zu schenken. Und so kam es,
dass er jetzt, mit einem Pfefferminzbonbon im Mund, auf seiner
alten, schwarzen Ledercouch lag und versuchte, sich auf die
hübsche, nur spärlich bekleidete Brünette auf dem Bildschirm
ihm gegenüber zu konzentrieren.
18.35 Uhr,
Georgetown
Er war ihr
bereits dicht auf den Fersen, als sie ihm noch einmal entwischte,
sich sozusagen eine Auszeit nahm, indem sie nicht direkt nach
Hause fuhr, sondern einen kleinen Umweg machte, der ihn wieder
auf Distanz brachte und ihr Zeit schenkte. Ihn zwang, jetzt noch
einmal von ihr abzulassen. Hier war er schwach, konnte seine
Fähigkeit, in ihr Bewusstsein einzudringen, nicht anwenden.
Geweihter Boden war für ihn so abstoßend wie fauliger Fisch
oder die Urangst seiner dunklen Seele, die einzige Macht der
Welt, die ihn vernichten konnte. Glaube und wahre, gegenseitige,
ehrliche Liebe.
Scully hatte
etwas früher Feierabend gemacht, sie wollte noch etwas
Persönliches erledigen.
Es regnete in
strömen, als Dana die kleine, im 15. Jahrhundert, im gotischen
Stil des Mittelalters erbaute Kirche betrat. Ein Gewitter
prasselte gerade auf ganz Georgetown nieder. Starke Windböen
zerrten am Laub und der Wind jagte wie ein drohendes Lachen über
das Dach der Kirche. Doch die Agentin spürte sofort die
angenehme Atmosphäre von Ruhe und Sicherheit. Sie bewunderte
immer wieder den Baustil der Kirche. Er war geprägt von
vertikalen Linien, die sich durch die ganze hohe Halle
fortsetzen. Der mittelalterliche, piktureske Baustil mit seinen
vielen kleinen, bunten Wandmalereien hatte sie schon immer
begeistert.
Sie war allein,
niemand sonst war im Inneren des Gotteshauses zu sehen. Mit einem
tiefen Atemzug zog Scully die weihrauchgeschwängerte Luft ein
und musste sich zwingen, nicht erleichtert aufzulachen. Sie war
den ganzen Tag sehr angespannt und nervös gewesen. Doch hier
fühlte sie sich sicher, jetzt konnten ihre Muskeln und Nerven
sich wieder entspannen. In dem Moment als sie auf der harten
Holzbank platz nahm und ihren Blick hinauf zu den kleinen bunten
Glasfenstern abschweifte, versuchte sie alles andere zu
vergessen. Vielleicht hatte sie ihr kleiner Umweg nach Hause
darum ganz automatisch hierher geführt. Sie brauchte etwas
Abstand.
Es war an der
Zeit, sich selbst den Kopf zurechtzurücken. Sie durfte sich
nicht von ihren Ängsten in die Ecke drängen lassen. Hierher zu
kommen geschah aus einem reinen Impuls heraus, ungeplant, sie
wollte einfach ein bisschen zur Ruhe kommen. Sie hatte ihrem
Partner nichts davon erzählt, dass diese ganzen Erinnerungen
wieder in ihr hoch kamen. Mulder hatte ihr in dieser schweren
Zeit nach ihrer Entführung und ihrer Krankheit immer zur Seite
gestanden, ihr geholfen, war für sie da gewesen. Doch es gab
Konflikte in ihrem Leben, die sie alleine ausfechten musste und
dazu gehörte die Bewältigung dieser erschreckenden
Erinnerungen. Bei dem Gedanken zitterten ihre Finger erneut. Sie
kniete sich nieder und faltete ihre Hände zum Gebet. Immer noch
saß ihr der Schreck von heute Nacht in den Kochen. Sie sprach
nie darüber, verdrängte es, es tat einfach zu weh. Aber jetzt,
mit geschlossenen Augen und schmerzenden Knien, erlaubte sie es
sich darüber nachzudenken. Hier fühlte sie sich sicher. Der
Albtraum letzte Nacht hatte sie total aus der Fassung gebracht.
Diese schwarze Finsternis war so alles durchdringend und hatte
die ganze Verzweiflung, die Verwirrung und den Schmerz mit einem
bitterem Geschmack wieder in ihr hochgebracht. Doch es gab keine
Worte, kein Gebet, die diese Art von Schmerz hätten besänftigen
können. Alles, was ihr hier jetzt half, war allein ihr Glaube
und das Wissen, nicht alleine zu sein. Dass man, um überleben zu
können, sich nicht ausschließlich auf sich selbst verlassen
konnte. Es gab immer einen Weg. Und Mulder hatte ihn damals für
sie gefunden und er würde auch heute wieder für sie einstehen.
Er würde
niemals aufgeben. Das lehrte sie, dass Liebe und Vertrauen keine
Grenzen kennen.
Sie hatte ihre
Entführung und ihre Krankheit nie als Strafe für irgendetwas
gesehen. Vielmehr als Labyrinth von Irrwegen und Sackgassen. Und
obwohl sie Ärztin war, nahm sie lieber zu dieser irgendwie
greifbaren Vorstellung Zuflucht und nicht zu den nackten,
gefühllosen Terminologien in den Lehrbüchern über
Krebserkrankungen. Ja, dieses Bild war immer noch besser als die
Diagnosen und Prognosen, die ihr diverse Fachärzte damals
unterbreitet hatten. Es war wie ein Tunnel gewesen, der sie
damals immer tiefer und tiefer in sein Inneres eingesaugt hatte.
Zuerst hatte sie, auch dank ihrer Mutter und Mulder, immer wieder
die Kraft gefunden, sich aus diesem Sog zu befreien. Bis sie
schließlich zu müde geworden war, ihr Körper ausgelaugt und
schwach geworden war - oder das Dunkel dieses Tunnels ihr
erträglicher erschienen war als das Licht an dessen Ende. Sie
hatte beinahe schon aufgegeben. Sich ihrem Schicksal ergeben,
wäre da nicht Mulder gewesen, der dieses kleine Implantat
gefunden hatte, welches sie letztendlich heilte. Wie auch immer
es dies angestellt hatte, sie lebte. Und sie war ihrem Partner
mehr als dankbar dafür.
Mag sein, dass
die Zeit tatsächlich Wunden heilt, aber vergessen lässt sie
einen nicht.
Scully fühlte
sich besser, nachdem sie ihre Gefühle in Worte gekleidet,
gebetet hatte. Sie redete sich ein, dass alles, was ihr passiert
war, mit der Zeit an Bedeutung verlieren würde. Von nun an
würde sie ihre Gedanken und Gefühle nur noch auf eine Sache
konzentrieren, ihre Arbeit und Mulder.
Ein plötzlicher
Kälteschauer jagte ihren Rücken hinauf. Ein plötzlicher
Windzug ließ die Kerzen vor dem Altar mit dem Marienbild kurz
aufflackern. Agent Dana Scully fröstelte, fühlte sich
plötzlich beobachtet. Sie spürte praktisch die Blicke in ihrem
Rücken, die sie förmlich durchbohrten. Sie verstärkte den
Druck auf ihre immer noch gefalteten Hände, ließ die Finger
verkrampft ineinander gleiten. Ihr Atem ging schnell und flach.
Für einen Augenblick, nur für einen kurzen Augenblick, bekam
ihr Gesichtsausdruck etwas Ängstliches und ungeheuer
Verletzliches. Dann wurde ihr Blick wieder hart. Langsam griff
ihre rechte Hand nach ihrer Waffe.
Mit einem Ruck
drehte sie sich, schaute sich suchend um. Da war niemand.
Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Sie war allein. Langsam
beruhigte sich ihr rasender Puls, legte sich die Spannung, die
sich in Sekundenbruchteilen aufgebaut hatte. Was war bloß los
mit ihr? Sie sah so langsam wirklich Gespenster. Ein Vogel flog
aufgeregt von einer Empore zur anderen. Okay, dachte
sie und atmete tief durch. Sicher hatte nur jemand vergessen, die
schwere Holztür der Kirche zu schließen. War noch jemand in der
Kirche gewesen, als sie hereingekommen war? Sie wusste es nicht.
Ihr Blick
richtete sich wieder nach vorne und von einer Sekunde zur anderen
entglitten ihr sämtliche Gesichtszüge, die schwere 9mm fiel ihr
aus der Hand, landete mit einem lauten Knall auf den Holzdielen
der Kirche. Der schockierte Blick aus ihren erstarrten Augen hing
an dem Marienbild. Sie bekam keine Luft. Unfähig sich auch nur
einen Zentimeter zu bewegen, starrte sie auf das Gesicht in dem
Bild vor ihr. Was sie hier anstrahlte, war nicht der gütige
Blick Marias, sondern vielmehr das fratzenähnliche, düstere
Grinsen des Teufels selbst. Dana war vollkommen bewegungslos,
steif wie ein Eiszapfen und genauso kalt. In diesem Moment hätte
sie keinen Tropfen Blut gegeben.
Leichtfüßig
huschte eine dunkle Gestalt durch die schwere Holztür. Das laute
Zuschlagen dieser löste ihre Starre, sie schloss kurz die Augen,
bekam wieder Luft. Das Lächeln Marias auf dem prächtigen Bild
ließ sie an ihrem eigenen Verstand zweifeln. Sie sah sich
erschrocken um, bückte sich nach ihrer Waffe, steckte sie ins
Halfter zurück und verließ mit schnellen Schritten, immer noch
leichenblass, die Kirche.
Der Regen hatte
nachgelassen, es nieselte nur noch leicht, und auch der Wind
hatte sich gelegt. Es war dunkel geworden. Das Licht der
Straßenlampen spiegelte sich in den kleinen Wasserpfützen. Hoch
oben, am immer noch wolkenverhangenen Himmel war kein Stern zu
sehen. Doch die hagere, schwarze Gestalt, welche im tristen Grau
der alten Mauersteine praktisch verschwand, blickte weder nach
oben noch nach unten. Ihr hungriger Blick war auf die
davonlaufende Frau gerichtet, welche gerade eilig die Kirche
verlassen hatte.
Abgehetzt wie ein
gejagtes Reh und noch immer mit einem gewissen Unbehagen im
Bauch, kam Agent Scully nach Hause. Es hatte jetzt endgültig
aufgehört zu regnen, die schweren Wolken hatten sich verzogen
und der schwache Schein des vollen Mondes erhellte mit einem
fahlen Licht ihre Wohnung, als sie die Tür ins Schloss warf,
sich mit dem Rücken gegen diese lehnte und erleichtert
ausatmete. Das alles ging ihr doch ziemlich an die Nerven. Der
Alptraum letzte Nacht, die Sache in der Kirche und dann dieser
Fall; sie war ziemlich durcheinander und sie war hundemüde.
Trotz des vielen Kaffees heute und ihren Entspannungsübungen war
ihre innere Uhr irgendwie ziemlich durcheinander geraten. Das
ist ja fast wie eine Phobie, sagte sie kopfschüttelnd zu
sich selbst. Und wie überwindet man diese? Jetzt
führte sie schon Selbstgespräche! Und gab sich auch gleich die
entsprechende Antwort. Indem man sich ihr stellt!
Im Hinterkopf
wissend, dass dies so in etwa war, als wenn man einem Patienten
mit Höhenangst wohl empfahl, von der Brooklyn Bridge zu
springen. Oder so in der Art.
Aber sie musste
auch zugeben, dass es ihr jetzt schon wieder viel besser ging.
Sie hatte nicht vor, sich jetzt in ihren vier Wänden zu
verkriechen, wie ein verschreckter Igel in seinem Bau. Sie hatte
schließlich ihre Prinzipien und sie war noch nie feige gewesen.
Zu Boden zu gehen, ohne zu kämpfen, war gegen ihre Natur. Fest
entschlossen, dem Spuk ein Ende zu setzten, machte sie das Licht
an. Der warme Schein ihrer kleinen Lampen durchflutete die
Wohnung wie Honig und verbreitete eine ruhige, angenehme
Atmosphäre. Sie würde nicht zulassen, dass diese Gedanken
weiter ihren Verstand vergewaltigten. Dana schlenderte
entschlossen in Richtung Schlafzimmer und fuhr im Vorbeigehen
über das weiche Polster ihres Sofas. Meine Möbel, meine
Wohnung, mein Land, murmelte sie leise. Was sie jetzt
brauchte, war ein Glas Wein, ein bisschen Eiscreme und eine
heißes Bad. Zum Teufel mit diesen Wahnvorstellungen!,
beendetet sie energisch ihr Selbstgespräch.
Und der war schon
ganz in ihrer Nähe.
Der Wolf in ihm
konnte sie riechen. Und er konnte sie sehen, spürte ihre
unterdrückte Angst. Sie war so süß wie der erste Biss in eine
reife Pflaume. Der schwere Geruch, der von ihr ausging, verwirrte
seine Sinne. Er bestand nur noch aus Gedanken an sie, genauso wie
sein hungriger Körper gierig nur nach ihr verlangte. Seine Augen
durchbohrten ihren nackten Körper. Es war ihm ein dringendes
Bedürfnis, sich über die Lippen zu lecken. Dann hörte die
Sprache seines Blutes. Töte sie, es ist dein Recht, von
Geburt an.
Seine Niederlage
bei ihrem Partner war wie ein Brandzeichen. Sie hatte an seiner
Ehre gekratzt. Es brannte auf seiner schwarzen Seele wie eine
klaffende Wunde, wie ein pochender Zahn. Diese kleine rothaarige
Frau hatte seinen Stolz verletzt. Jetzt wollte er etwas
zurückhaben. Es war wie ein heftiger Zorn, eine nicht gestillte
Leidenschaft, die in ihm loderte. Die freudige Erregung, seinem
Ziel jetzt so nahe zu sein, ließ seine feurigen Augen kurz
auflodern. Doch er besänftigte noch einmal sein nagendes
Verlangen.
Wenn Scully die
blauen Augen geöffnete hätte, dann hätte sie die gierige
Fratze gesehen, die sich im dichten Dampf an der Decke,
schleierhaft immer wieder neu formte. Er liebte dieses Katz und
Maus Spiel, das vorsichtige antasten, kurz zu schnuppern und sich
dann noch einmal zurückzuziehen. Er genoss es, seine Beute noch
ein wenig zu beobachten. Er würde sie quälen, wie die anderen
auch, die ihm zum Opfer fielen wegen ihrer Angst, ihrer Zweifel,
ihrer Verzweiflung und ihrer Schwäche. Das verlieh ihm ein
ungeheures Gefühl der Macht, geilte ihn auf. Zuschlagen zu
können, wann immer es ihm beliebte. Seine langen scharfen
Krallen um ihren schönen Leib zu schlingen, gewaltsam in sie
einzudringen, um sich an ihren Ängsten zu befriedigen.
Ihr Leben
auszusaugen. Bald würde sie ihm gehören, doch im Moment ließ
er sich noch Zeit. Begnügte sich damit, ihr zuzuschauen und sich
vorzustellen, wie es sein würde die hübsche, rothaarige Agentin
zu besitzen.
Mulders
Apartment, etwa zur gleichen Zeit.
Im Halbschlaf vor
sich hin murmelnd, wälzte der Agent sich auf seiner Couch. Auf
dem Bildschirm, der einzigen Lichtquelle im Wohnzimmer, war nur
Schnee zu sehen. Irgendwie hatten ihm die Highlights aus seiner
Sammlung der Filme, die alle nicht ihm gehörten, nicht die
übliche Genugtuung verschafft, die er normalerweise verspürte,
wenn er sich dergleichen Filmchen anschaute. Nicht, dass er dies
nötig hätte. Nein, aber er gehörte nun einmal zu jener Sorte
Mensch, die sich so etwas nun einmal gern ansahen. Sofern ihm das
Treiben auf den Bändern nicht allzu bunt wurde, jedenfalls.
Schon immer hatte er die Menschen, die so etwas verabscheuten,
belächelt, da er als studierter Psychologe ganz genau wusste,
dass es nur extrem wenig Menschen gab, die sich so etwas nicht
wenigstens ab und zu ganz gerne anschauten, und wenn dies auch
nur zu dem Zweck geschah, sich Appetit zu holen, wie
man so schön sagt. Aber weder Freude, noch Lust, ja noch nicht
einmal Appetit hatte sich dieses Mal bei ihm einstellen wollen,
was er sich beim besten Willen nicht erklären konnte,
schließlich war dies die ideale Methode für ihn, sich daheim zu
entspannen. Aber irgendwie war es nicht dasselbe wie sonst,
schließlich war es nur Film...nichts weiter und er wusste nicht
warum, aber dies reichte ihm plötzlich nicht mehr. Nicht, dass
es jemals ein echter Ersatz gewesen wäre für das Gefühl, wenn
Haut auf Haut trifft, aber es hatte nun einmal reichen müssen,
in den letzten Jahren seines Lebens. Er hatte Dinge in seinem
Leben als zu wichtig auserkoren, als dass er sich durch das
Finden persönlichen Glücks ablenken lassen würde. Sicher, es
hatte schon mehrere Frauen in seinem Leben gegeben, aber die
hatten ihm nichts bedeutet, jedenfalls nicht wirklich. Er war
eben jung und hungrig, wollte Erfahrungen sammeln, sich austoben
und die Hörner abstoßen. Und sicher gab es auch in seiner
Situation mehr als genug Möglichkeiten, sich diese eine Art des
Glücks auf anderem Wege zu beschaffen, doch das war es nicht,
was er wollte, worum es ihm dabei ging; Er war nun reifer, war
erwachsen und Sex war für ihn mittlerweile nur noch ein Teil des
Ganzen. Und es war nun etwas, das er für heilig hielt und das er
nur noch mit jemandem teilen würde, der es auch wert war, von
ihm geliebt zu werden und der dasselbe auch für ihn empfand. Und
da gab es nur einen einzigen Menschen, nur eine Frau, der er sich
hingeben würde, der er erlauben würde, ihn zu lieben. Aber wenn
er sie, diese eine, nicht haben könnte...nein, da würde
er lieber Vorlieb mit einem Film nehmen. Und da dies nicht den
erwünschten Erfolg hatte und ihn das übliche TV - Programm,
bestehend aus Talkshows, Gerichtsshows und irgendwelchen
Schnulzenfilmen, bei denen man ein Schmalzauffangbecken unterm
Fernseher hätte aufstellen müssen, bestand, hatte er sich
schließlich dazu entschlossen, noch einmal die Akten des Falles,
über den er und seine Partnerin sich zur Zeit den Kopf
zerbrachen, durchzugehen. Mulder wäre schließlich nicht Mulder,
wenn er sich nicht etwas Arbeit mit nach Hause brächte, wenn er
schon früher als gewöhnlich Feierabend machte. Doch die
Einzelheiten und Spuren, die sie in den letzten Wochen gesammelt
hatten, ergaben noch immer keinen Sinn für ihn und irgendwann
hatte ihn dann doch die Müdigkeit überrumpelt und er war, die
dicken Mappen mit den an den Ecken etwas verknickten Pappdeckeln
noch immer im Schoß habend, schließlich eingeschlafen.
Und wie er so
dabei war hinabzusinken in tiefen Schlaf, da stieg ihm nach einer
Weile ein seltsamer Geruch in die Nase. Ganz schwach, kaum
vorhanden und nicht wirklich greifbar...mehr einer flüchtigen,
verblassten Erinnerung gleich, als dem bewussten Wahrnehmen eines
Geruchs. Er konnte ihn jedoch nicht einordnen, so sehr sein nun
zur Ruhe gekommener Verstand sich auch bemühte. Dieser strenge
Geruch, der da in seine Nase kroch wie ein unaufhaltsamer, nicht
fassbarer Eindringling, war zum einen sehr befremdlich, aber zum
anderen auch seltsam vertraut. Es war dieses dumme Gefühl, wenn
man etwas ganz genau wusste, es einem aber einfach nicht
einfallen wollte, man sich einfach nicht erinnern konnte
Irgendetwas in seinem Inneren schlug leise Alarm, ließ ihn nicht
gänzlich zur Ruhe kommen, verwehrte ihm den erholsamen Schlaf,
nach dem sich sein Körper so sehr sehnte. Den er brauchte, um
seine Gedanken ordnen zu können. Und ohne dass er es verhindern
konnte, ließ er unterbewusst die Ereignisse der letzten Wochen
in seinem Kopf Revue passieren. Es musste doch irgendwo eine
Verbindung geben...irgendetwas hatten sie übersehen...irgendwo
lag der Schlüssel zu allem. Dieser abstoßende Gestank erinnerte
ihn an Moschus. Etwas pheromonähnliches...als wenn Gier in der
Luft läge....Lust....nur so extrem stark und beißend, dass es
aufdringlich und einfach abstoßend war. Wo hatte er so etwas nur
schon einmal erlebt? Er konnte sich einfach keinen Reim darauf
machen.
Es war heiß hier
drin. Die Luft war schwer und roch nach Mango. Heißer Dampf
beschlug den Spiegel und die Armaturen. Scully versank bis zum
Kinn in ihrem dichten, weißen Schaumbad. In der Luft lag warmes,
zartes Geborgensein. Sie hatte die Augen geschlossen. Genoss das
Gefühl zuhause, sicher zu sein. Das hier würde ihr helfen, ihre
Angst zu überwinden und ihre Gelassenheit zurückzugewinnen.
Seit einer halben Stunde lag sie nun schon in der Wanne. Das
heiße Wasser umspielte ihre helle Haut und die wohlige Wärme
schien sie zärtlich zu umarmen. Sie war völlig entspannt und
gab dem Impuls, die Arme um sich selbst zu schlingen nach,
streichelte sich langsam über ihre Arme. Mit der linken Hand
griff sie nach dem Glas Rotwein, das sie auf den Rand der Wanne
gestellt hatte und ließ den letzten großen Schluck der roten
Flüssigkeit langsam durch ihre Kehle rinnen.
Es ging ihr gut.
Und doch. Irgendwie hatte sie jetzt ein schlechtes Gewissen.
Warum hatte sie
nicht mit Mulder geredet? Wovor hatte sie eigentlich Angst?
Davor, dass er sie verstehen würde? Ihr vielleicht helfen
konnte, mit ihrer Angst umzugehen? Er war schließlich derjenige
von ihnen beiden, der an Übersinnliches glaubte. Gleich morgen
früh würde sie mit ihm reden. Dann würde sie ihm sagen, welche
Gedanken und Ängste sie zurzeit plagten. Das war sie ihm
schuldig. Nach allem, was er für sie getan hatte, hatte er es
nicht verdient, mit einer Ausrede abgespeist zu werden. Bei
diesen Gedanken setzte sie sich abrupt auf. Durch die heftige
Bewegung schwappte das Wasser beinahe über den Rand der Wanne.
Sie griff das große, weiße Badetuch, das sie zurechtgelegt
hatte, und stieg aus dem Wasser.
Dieser
ekelhafte Geruch war ihm mittlerweile unerträglich geworden und
je länger er sich damit auseinander setzte, desto penetranter
wurde dieser. Er war der Lösung ganz nah, aber der Schleier vor
seiner Erinnerung wollte sich einfach nicht lichten...
Plötzlich
hatte der schlafende Agent das Gesicht von Nigma vor seinem
inneren Auge, wie dieser...vor seinem Bett stand? Er erinnerte
sich an diese von Blut unterlaufenen Augen, an dessen lange
Krallen und an sich selbst, wie er dort lag, in dem Bett, ...und
wie er im letzten Moment diesem Ding entkommen war, dadurch, dass
Scully ihn ...oh mein Gott....
Entsetzt
fuhr er auf seiner Couch hoch, er war hellwach. Oh
Gott...Scully...sie hat ihn gehindert!, platzte es aus
ihm heraus. Seine Gedanken überschlugen sich, es fiel ihm wie
Schuppen von den Augen. Seine Erinnerung kehrte schlagartig
zurück, er hatte die Ereignisse während der letzten Sitzung
genau vor Augen. Natürlich, so ergab alles einen Sinn. Er hatte
das fehlende Puzzlestück, konnte sich an alles erinnern.
Dadurch, dass sie ihn während seines Traumes wachgerüttelte,
hatte sie ihn diesem Ding, was immer dieser Nigma auch war,
entrissen, und ihm, Mulder, damit das Leben gerettet.......Sie
hatte ihn...Mein Gott, Scully......dann war er jetzt hinter ihr
her, würde auf Rache sinnen......Revanche dafür, dass sie ihm
den Kick versaut hatte. Himmel, wenn es wirklich das war, was er
wollte... Jetzt wurde ihm einiges klar. Dieser widerwärtige
Geruch, die mysteriösen Tode.
Dieser
Nigma suchte die Menschen in ihren Träumen heim, nährte sich
von ihren Ängsten und Hoffnungen. Das war seine Macht, so schlug
er zu!
Einem inneren
Impuls folgend und getrieben von einer bösen Ahnung, einer
Vermutung, von der er inständig hoffte sie wäre unbegründet,
preschte der Agent vorwärts, griff nach seinem Handy auf dem
Tisch und betätigte die Kurzwahltaste...
Sie trocknete sie
sich gründlich ab und cremte sich von Kopf bis Fuß mit einer
duftenden, kühlenden Feuchtigkeitslotion ein. Intensiv massierte
sie das kühle, milchige Gel mit ihren Fingern in ihren Körper,
strich sich zärtlich über die Haut, bis es gänzlich eingezogen
war. Anschließend schlüpfte sie in ihren fliederfarbenen Pyjama
und stieg in ihr Bett. Mit einem guten Gefühl im Bauch kuschelte
sie sich unter ihre Decke, das warme Gefühl des Wassers und der
wundervollen Lotion, welche ihr Mulder letztes Jahr zu
Weihnachten geschenkt hatte, noch immer auf der Haut. Sie seufzte
zufrieden und löschte das Licht. Jedoch achtete sie nicht
darauf, wie der nebelartige, nun leicht nach Moschus riechende
Wasserdampf aus ihrem Bad ihr folgte. Ihr Handy, welches kurz
darauf leise in ihrer Manteltasche in der Garderobe auf dem Flur
vor sich hin schellte, hörte sie bereits nicht mehr. Die
wabernden Nebelschwaden entwickelten ein Eigenleben, breiteten
sich in der ganzen Wohnung aus, hüllten ihr Bett ein und
wanderten zu dem Telefon im Wohnzimmer, wo spindeldürre Finger
sich an dem Hörer zu schaffen machten, ihn anhoben und völlig
geräuschlos neben die Gabel legten, noch ehe ein Klingeln
ertönen konnte. Leise und eindringlich, fast unheilvoll und
warnend drang das Freizeichen daraus hervor und ließ nichts
gutes erahnen. Dieses Mal würde ihn nichts und niemand stören!
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Sie blinzelte,
schlug die Augen auf. Wo bin ich?, brachte sie heiser
hervor.
Das kleine
Krankenzimmer des Hospitals war sparsam eingerichtet, die Türe
war leicht angelehnt.
Was
zum...was geht hier vor? Direkt zu ihren Füßen steht ihre
Reisetasche, die Agentin sitzt zusammen gesunken auf ihrem Bett,
trägt ein weißes Krankenhaushemd, welches am Rücken und hinter
ihrem Genick zusammengebunden ist. Langsam steht sie auf, geht
barfuss zu dem Fenster links von ihrem Bett hinüber, schaut
hinaus. Der Himmel über den Dächern Washingtons ist
wolkenverhangen, grau in grau. Ungläubig staunend berührt sie
mit der linken Hand die Scheibe. Das kühle Fensterglas sagt ihr,
dass das hier Wirklichkeit ist. Dass das hier gerade tatsächlich
passiert. Auf dem kleinen Tisch rechts neben der Zimmertür steht
ein Strauß Blumen...irgendwie kommt er ihr seltsam bekannt vor.
Wie in Trance geht sie hinüber, um sie näher zu betrachten,
berührt einige der Blüten. Oh Gott...das sind die, die ihr
Mulder mitbrachte an dem Tag, an dem sie... Nein!
Ms.
Scully? Die lang gewachsene Schwester mit den blonden
kurzen Haaren steht in der Tür, ein Klemmbrett in Händen.
Sind Sie dann soweit?, fragt sie mit monotoner
Stimme.
Dana zuckt
zusammen, fährt herum. Nein, denkt sie erneut.
Das kann...das darf nicht wahr sein.
Ihre Gesichtszüge entgleiten ihr, ein Schauer nach dem anderen jagt ihr über den Rücken und ihr wird abwechselnd heiß und kalt. Ihr ist als wäre sie der Ohnmacht nahe, muss sich an dem Tisch, direkt vor sich abstützen, so dass die Blumenvase vor ihr ins wanken gerät. Ms. Scully, ist Ihnen nicht gut? Die Stimme der Schwester dringt von irgendwo weit her kommend an sie heran. Alles dreht sich, oben wird zu unten. Der Schleier hebt sich, ihr wird schwarz vor Augen.
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Was...wo
bin ich?
Das
ohrenbetäubende, maschinengewehrähnliche Rattern des
Kernspintomographen reißt sie aus ihrer Bewusstlosigkeit, lässt
sie hochschrecken. Sie liegt nackt auf dem kalten Metall.
Lichtblitze durchzucken die enge Röhre, in der sie flach auf dem
Rücken liegt, lassen sie in rasend schnellem Wechsel mal im
Licht und mal im Dunkel zurück. Nein, das darf nicht wahr sein,
was geht hier nur vor sich? Und dann kehrt die Erinnerung
zurück. Wie sie diesen Verdacht gehabt hat und sich hier her
begeben hat, ins Krankenhaus. Und wie ihre schlimmsten
Befürchtungen sich schließlich bei der vorerst letzten
Untersuchung gestern Nachmittag bestätigt hatten. Die grausame
Wahrheit. Krebs. Inoperabel. Sie hat Medizin studiert und weiß,
was hier geschieht, ist sich im Klaren darüber, was diese
Krankheit in ihr anrichtet, was sie ihr antut. Doch einerseits
das fundierte Wissen zu besitzen, sich andererseits jedoch nicht
selber helfen zu können, das war der Alptraum für jeden Arzt,
für jede Ärztin. Dieser unsichtbare Feind, der sich unbemerkt
deiner bemächtigt und der deinen eigenen Körper gegen dich
richtet, ist noch immer die Geißel der modernen Medizin, trotz
der enormen Fortschritte auf diesem Gebiet, welche die
Wissenschaft auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gemacht hat.
Dieser Lärm,
er dröhnt unerträglich in ihren Ohren. Sie will, nein sie muss
hier raus. Sofort! Mit den Fäusten fängt sie an, gegen den
kalten, weißen Kunststoff über sich zu trommeln, ihre Augen
füllen sich mit Tränen, doch niemand scheint sich darum zu
kümmern. Sie will nach jemandem rufen, doch kein Laut verlässt
ihre Lippen und Angst macht sich breit, überwältigt sie und
lähmt sie förmlich, ergreift Besitz von jeder Faser ihres
nackten Körpers. Sie ist nackt. Gefangen und hilflos
ausgeliefert.
Und sie hat
Schmerzen, furchtbare Schmerzen. Sie fühlt sich wie ein Sack
voller kranker Knochen.
Die Zeit
beschleunigte sich, stieß sie weiter zurück in die
Vergangenheit, wie ein Sturm, der in ihrem Inneren immer wieder
einsetzte. Panik stieg in ihr auf, sie wollte nicht sterben.
Nicht so! Sie fühlte den heißen Strom ihrer Tränen über ihr
Gesicht fließen. Dann wurde alles wieder schwarz vor Scullys
Augen.
Da war er
wieder, der dunkle Tunnel. Atemlos und schwindlig spürte sie den
stetig pochenden Schmerz in ihrem geschwächten Körper, der ihre
Seele förmlich zu zerreißen drohte. Allumfassende Dunkelheit
hüllte sie ein und Nebel stieg auf, wurde schnell dichter und
stank erbärmlich.
Der Schmerz in
ihrem Körper wurde unerträglich.
Du bist
allein, murmelte die Finsternis. Du erleidest
Schmerzen. Beende die Schmerzen. Beende die Einsamkeit. Die
dunkle Bedrohung war alles verschlingend. Dana konnte ihr nicht
länger widerstehen, sie war allein mit ihrem furchtbaren
Schmerz. Konnte keinen Sinn mehr finden in ihrem Leben. Diesem
Leben geprägt von Einsamkeit...und Tod! Sie fühlte es, wie
etwas langsam näher kroch, in der pechschwarzen Dunkelheit immer
näher an sie herankam. Es war hungrig. Und ihr Tod und allen
voran ihre Furcht, ihre Verzweiflung würde es sättigen. Dann
hörte sie wieder diese Stimme, etwas war in ihrem Kopf. Flieg
und lass es hinter dir und alles wird vorbei sein. Warum kämpfst
du gegen das unvermeidbare? Warum willst du mit diesem Schmerz
weiterleben? Mit der Einsamkeit? Du kannst...du wirst
nicht gewinnen! Sie fühlte die Kälte. Eiseskälte küsste
ihre Wangen, ihre Lippen, als der schmutzige Nebel durch die
Dunkelheit glitt. Eisige Finger umfassten ihre Fußgelenke, zogen
und zerrten an ihr, rissen sie mit sich, immer weiter, immer
tiefer in die Finsternis hinein. Sie taumelte, Wille kämpfte
gegen Wille.
Lass
dich fallen! Lass dich einfach fallen und alles wird vorbei sein,
das verspreche ich dir.
Die Finsternis
schnappte nach ihr, zog mit aller Kraft. Einen kurzen Moment lang
wurde sie schwach, zitterte vor Schmerz und dem unbändigen
Verlangen, all dies endlich zu beenden. Unfähig die Schmerzen
noch länger zu ertragen, wollte sie sich willig ihrem scheinbar
unabwendbaren Schicksal ergeben.
Der Dämon
spürte sein tödliches Verlangen nach ihr, sein Hunger war
gewaltig, er verzehrte sich nach ihr.
Und er war
fast am Ziel. Er war jetzt tief in ihr drin, in ihrem
Bewusstsein, konnte sie schmecken, den Geruch von Angst und
Schmerz. Den betörenden, verführerischen Geschmack von Special
Agent Dana Scully.
Sie hielt ihre
Augen geschlossen, wartete krampfhaft darauf, dass es endlich
vorbei sein möge, gab sich ihm hin. Dann hörte sie seine
Stimme. War das etwa...Mulder?! Er schrie nach ihr, schrie ihren
Namen!
Scully,
verdammt noch Mal, wachen Sie auf. Kämpfen Sie dagegen an!
Es war wie ein Hauch, lediglich ein leises Echo, das an ihr Ohr
drang. Tun Sie mir das nicht an. Sie sind stärker als das.
Sie können nicht einfach so gehen, drang es wieder an ihr
Ohr. Sie fühlte den Schock, seine Stimme zu hören. Doch sehen
konnte sie ihn nicht, wo war er nur? Sie brauchte ihn jetzt hier,
an ihrer Seite. Sie schaute sich um, voller Hoffnung, ihn
irgendwo zu erspähen, doch er war nirgendwo zu sehen. Tränen
der Enttäuschung überfluteten sie. Dann wieder seine Stimme:Das
Schicksal treibt uns, Scully. Aber wir haben immer die Wahl,
immer! Ich...ich brauche dich! Ich liebe dich! Kämpfe! Kämpfe,
wie du es seit jeher getan hast, für dich...und auch für uns.
War es das,
was sie wollte, was sie glaubte? Im ersten Moment schienen seine
Worte ohne jede Wirkung auf sie zu sein, doch nach einer - für
ihn halben Ewigkeit - schließlich...Zitternd griff ihre Hand
nach dem Kreuz an ihrem Hals, krallte sich daran fest. Aus Angst,
zu sterben war eine schlechte Wahl. Er liebt mich...hat er
das wirklich gesagt?
Noch immer wie
betäubt vor Schmerz fing sie an zu beten, sich zu wehren, schlug
verzweifelt um sich, auf den Nebel ein, der sie einhüllte.
Wellen der Angst rissen sie von den Beinen, trieben sie in die
Dunkelheit, zogen sie noch weiter in die gähnende Leere. Donner
grollte in der Nacht. Sterne explodierten und verglühten und die
darauffolgenden, von verzweifelter Liebe erfüllten Schreie
Mulders von irgendwoher zerrissen ihr Herz. Es war noch nicht zu
spät, die Finsternis zu besiegen.
Er saß an
Scullys Bett und fühlte wie ihr Körper bebte, hörte sie nach
Atem ringen. Sie wehrte sich, doch die unterschwellige Gegenwehr
erhöhte nur noch den Reiz des Dämons, sie ganz zu besitzen.
Tiefer noch drang er in ihr Bewusstsein ein, es war ein ruheloser
Kampf von der unentwegten Lust nach Besitz und noch mehr
Befriedigung. Auf einmal schrie sie auf, mobilisierte die letzte
Kraft ihres Geistes und ihres Körpers. Mulder........,
schrie sie.
Sie wehrte
sich instinktiv gegen ihn, kämpfte weiter gegen ihn an, stellte
sich ihm gegenüber.
Diese direkte,
frontale Attacke kam überraschend, das hatte er nicht erwartet.
Angewidert ließ er von ihr ab.
Was er hier
schmeckte nahm ihm seine Macht, drehte ihm augenblicklich den
Magen um. Schlug ihm wie eine Faust ins Gesicht. Freundschaft!
Vertrauen! Liebe! Glaube! Der helle Strahl von grenzenloser Liebe
blendete ihn. Er taumelte zurück. Der Wolf nahm menschliche
Gestalt an. Seine verschiedenen Inkarnationen wechselten
blitzschnell und verschmolzen schließlich miteinander. Die
menschliche Erscheinung ging über in die Dämonenfratze und
schließlich in Nebel. Er spie ihre Gedanken, ihr Bewusstsein
zusammen mit seinem verfaulten Atem aus. Wandte sich angewidert
von ihr ab und schüttelte sich vor lauter Abscheu.
Dana spürte,
dass seine Kraft, seine Macht über sie nachließ und wie die
Schmerzen langsam verschwanden.
Ihr Körper
wurde wieder wärmer, sie schöpfte neue Kraft, konnte wieder
klar denken. Fahr zur Hölle, du Bastard, stirb in deiner
eigenen Dunkelheit!, hörte sie sich selbst schreien. Sie
genoss es sichtlich, endlich wieder Herrin ihrer Sinne, ihres
Körpers zu sein und sich endlich ihren, sie unentwegt
peinigenden Dämonen zu stellen. Seine feurigen Augen funkelten
sie ein letztes Mal wütend an und verloren sich dann in einem
Schleier aus Rauch. Ein riesiger Feuerball erfasste die
Dunkelheit. Gleißendes Licht badete erst alles um sie herum in
goldenen, schillernden Farben, verschlang erst den hilflos
schreienden Dämon ihr gegenüber und schließlich auch sie
selbst. -
Dann war es still, kein Laut war zu hören.
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Scully...Dana...?
Dana, kannst du mich hören?
Mulder lag direkt
neben ihr in ihrem Bett und hielt ihren erschlafften Körper in
seinen Armen. Schweiß stand glitzernd auf seiner Stirn. War es
sein Schicksal sie zu verlieren, noch bevor er sie richtig
gefunden hatte?
Sie liebten
einander, das wusste er. Er hatte inzwischen gelernt, dass es im
Leben Verluste gibt, die einen förmlich zerrissen, einem die
Seele aus dem Leib zerrten. Und dass man dennoch, trotz alledem,
immer weitermachte. Sich wieder aufraffte und sein zerfurchtes,
inneres Selbst flickte. Doch nicht dieses Mal. Denn dieses Mal
war all dies nur zusammen mit ihr möglich. Sie jetzt und hier
auf diese Weise zu verlieren, das käme einer Enthauptung gleich.
Sie bewegte sich
nicht. Er wog sie sanft, hielt sie immer noch in den Armen.
Unfähig sie loszulassen, dem lauernden Schicksal in die Augen zu
sehen. Minuten verstrichen, ...oder waren es doch Stunden? Tage?
Hatten sie den
Kampf etwa wirklich verloren? Hatte dieses Ding sie etwa mit sich
reißen können, fort von ihm? Die nackte Angst begann in ihm
empor zu kriechen, die Furcht, nie wieder ihr strahlendes
Lächeln sehen zu können, nie wieder ihre Wärme zu fühlen,
oder ihren gütigen Blick auf sich zu spüren. Komm zu mir
zurück, flüsterte er. Eine einsame Träne kullerte ihm
die Wange hinunter und durchtränkte den fliederfarbenen Stoff
ihres Schlafanzugkragens unter sich. Er schloss die Augen, senkte
seinen Kopf und presste seine Wange an die ihre, wollte mit ihr
verschmelzen, eins werden mit ihr und auf diese Weise für immer
mit ihr verbunden sein. Er wollte ihr folgen, wohin immer ihr Weg
sie nun auch führen mochte. Und ihr Weg führte sie
schließlich...zurück zu ihm...? Er spürte einen leichten Druck
ihrer Hand an seiner und Hoffnung begann in ihm aufzukeimen.
Er wollte die
Augen öffnen, um sich zu vergewissern und er betete, dass dieses
nicht ein Trick des Dämons war, um ihn in seiner Trauer zu
verspotten. Wie in Zeitlupe öffnete er seine Lider und er konnte
sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben etwas schöneres,
etwas vollkommeneres gesehen zu haben, als in diesem einen
Moment, der sich für immer in sein Gedächtnis brennen würde.
Da lag sie, in seinen Armen. Das Haar ein wenig durcheinander und
leicht gerötete Wangen, so lächelte sie ihn sanft an, ihre
strahlend blauen Augen so tief wie sämtliche Ozeane der Welt.
Wie bezaubernd sie aussah im Licht der Nachttischlampe, welches
auf sie beide fiel. Sie griff nach dem Stoff seines grauen
Sweatshirts, ihr linker Arm glitt hinter seinen Rücken und blieb
dort, auf dem Stoff ihres Kopfkissens, welches er in der Eile
vorhin zur Seite geschoben hatte, liegen. Ihr Mund war einen
Spalt breit geöffnet. Sie schauten sich lange und tief in die
Augen, ohne dass einer von beiden auch nur ein Wort sagte. Die
langen und intensiven Blicke, die sie austauschten, verrieten
mehr als tausend Worte es jemals hätten tun können. Zum ersten
Mal seit sie sich kannten, öffneten sie sich einander gänzlich
und gewährten dem jeweils anderen Einblick in ihr intimstes
Inneres und offenbarten Gefühle, die sie viel zu lange
unterdrückt und verneint hatten. Langsam, fast zaghaft senkte er
seinen Kopf und sie hob ihr Kinn, streckte sich ihm ihrerseits
entgegen. Jedwedes Bedenken, alle Zweifel, die Angst vor
Zurückweisung oder die, die Grenze ihrer tiefen, so kostbaren
Freundschaft endgültig zu überschreiten...all das war wie weg
gewischt, als sich ihre vor Erwartung leicht geöffneten Münder
Zentimeterweise, einem heiligen Ritual gleich näher kamen, nur
um schließlich, letztlich und endlich in einer kribbelnden
Explosion aufeinander zu treffen. Seine Lippen streiften die
ihren, zupften leicht daran. Ihre Zungenspitze begann ihn sanft
zu streicheln, zu erforschen, zu schmecken und sie ließen sich
fallen, verloren sich in diesem ersten, unsterblichen Kuss, als
ihre Münder miteinander verschmolzen in diesem Spiel, dass so
leidenschaftlich und schön und so alt war wie die Menschheit, ja
wie die Liebe selbst.
Als sie sich
irgendwann voneinander lösten und sich anschauten, da wussten
sie, dass ihre gegenseitige Liebe so stark war, so tief und
ehrlich, so elementar, dass sie jeder noch kommenden
Herausforderung gemeinsam trotzen würden.