Titel:                      “The passion of fear”

Kategorie:             MSR / NC-17       

Autoren:               Dies ist, vom ersten bis zum letzten Strich, eine

100%ige Teamarbeit von der bezaubernden [B]Jumago[/B], & [B]Matches Malone[/B]

(Ladies first!) J

All das hier ist zu gleichen Teilen aus unseren beiden Hirnen entsprungen, erdacht, verfasst und somit auch nieder geschrieben worden.

Kontakt:                                cape_and_cowl@gmx.de   piccolinus@online.de

Disclaimer:            Da keiner der hier verwendeten Charaktere uns gehört, habt ihr das unschätzbare Glück, in den

kostenlosen Genuss dieser Story zu kommen. Ansonsten müsstet ihr euch nämlich dumm und dusselig zahlen dafür +loool+  :D

Spoiler:                  Season 4

Short Cut:             Hanoi...das verdirbt bloß die Spannung...

 

 

 

“The passion of fear”

 

 

 

Gewaltbewältigung! Das Verarbeiten von Ängsten und unausgesprochenen, unterdrückten Gefühlen.

Kursnummer 301. Immer montags von 16.00 bis 18.00 Uhr. Und das ganze auch noch gnadenlose 10 Mal. Alles auf der Basis von Autogenem Training. Was für ein Quatsch!

Das fühlte sich an wie ein Mund voller Reisnägel. Genau das, was Mulder jetzt brauchte. Angewidert, als ob er gerade auf eine Zitrone gebissen hätte, drückte er mit dem Zeigefinger den untersten Knopf im Fahrstuhl. Das ächzende Geräusch der schließenden Türen klang wie ein hämisches Lachen in seinen Ohren. Das war wie eine Strafe. „Danke Skinner“, dachte er wütend. Als ob in seinem kleinen Kellerbüro nicht auch so schon genügend wichtigere Arbeit auf ihn wartete.

Einatmen, ausatmen. Und das im Takt zu Haydn oder Mozart. So ein Blödsinn!

Er wusste doch mit seinen Gefühlen umzugehen, hatte seine ruhelose Natur stets fest im Griff. Dafür brauchte er keinen Akademiker mit einem Abschluss in Psychologie. Schon gar keinen diplomierten Seelendoktor namens Nigma. Prof. Dr. Eric Nigma, um genau zu sein. Auch die Tatsache, dass dieser als anerkannter Experte auf seinem Gebiet eigens für diesen Kurs angereist war, machte ihm die Sache auch nicht schmackhafter.

Seines Erachtens hatte er sich eigentlich immer ganz gut unter Kontrolle, auch wenn er ab und zu einmal mit seinen Vorgesetzten aneckte, und nicht immer unbedingt einer Meinung mit Ihnen war. Und außerdem, er hatte ja schließlich Scully. Sie bremste ihn schon, wenn er wieder einmal Gefahr lief, über das Ziel hinauszuschießen.

Special Agent Dana Scully. Seine langjährige, skeptische FBI Partnerin, die jetzt hier im Aufzug neben ihm stand und welche sein langes Gesicht in der spiegelnden Innenverkleidung des Aufzugs mit einem amüsierten Grinsen im Gesicht betrachtete und die der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn mit dem Ellenbogen leicht anzustoßen, um gleich darauf ganz beiläufig mit einem leicht ironischen Unterton in ihrer Stimme zu bemerken: „Mulder, jetzt kommen Sie schon! Sie sehen so aus, als hätte man Ihnen gerade erzählt, Elvis sei tatsächlich gestorben.“ Autsch, das tat jetzt wirklich weh.

„Sehen sie es doch einmal so“, fuhr sie sogleich fort. „Sie können sich auf den Rücken legen und haben endlich mal Zeit, etwas Ordnung in ihre wirren Gedanken zu bringen. Es tut auch ganz bestimmt nicht weh, versprochen.“ Damit verließ sie schmunzelnd den inzwischen geöffneten Aufzug und ging schnurstracks in Richtung Kellerbüro. So abartig der Gedanke an Entspannung für Mulder auch war. Scully, die gerade erst eine schwere Krebserkrankung hinter sich hatte, konnte sich schon eher mit dem Gedanken anfreunden, den Geistern der Nacht, ihren unterdrückten Ängsten, ein wenig auf den Leib zu rücken. Und wenn dieses autogene Training, dieser Kurs hier, nicht nur ihr dabei helfen konnte, sondern auch ihrem Partner noch zu ein wenig Abwechslung verschaffen würde, so sollte ihr das nur Recht sein.

 

In der kleinen Sporthalle im Untergeschoss des FBI Gebäudes lagen bunte Gummimatten gleichmäßig verteilt auf dem Boden. Gemeinsam betraten sie die Halle. Beide trugen die vorschriftsmäßigen dunkelblauen FBI Trainingsanzüge mit dem weißen Schriftzug auf der linken Brust und jeder hatte ein dickes Kopfkissen unterm Arm. Ein wenig zurückhaltend traten sie durch die sperrangelweit geöffnete, schwere Holztür. Im Inneren der Turnhalle, welche für eine solche nicht besonders groß geraten war, zeugte alles davon, dass ihre letzte Benutzung oder zumindest die letzte Renovierung wohl schon einige Jahre zurück lag. Und um ehrlich zu sein hatten weder Mulder, noch Scully überhaupt etwas von der Existenz dieses Raumes gewusst, was doch mehr als verwunderlich war, lag ihr Büro doch gar nicht so weit von hier, nur ein paar Treppen weit weg. Die Anlage hatte dieses typische „eau de Staat“, wie Mulder es gerne scherzhaft nannte. Das war sein Ausdruck für eine Räumlichkeit, die man mit geschlossenen Augen betreten konnte und trotzdem sofort instinktiv wusste, dass sie Staatseigentum war. Es roch danach, in jeder Ecke und in jedem Winkel. Die Luft war ein wenig abgestanden und wo man hinsah...die Matten auf dem Fußboden, die Holzbank neben der Türe...überall prangte jener besitzergreifende „FBI“ - Schriftzug, fett gedruckt in mittlerweile verblichenem schwarz und alles bestand aus den üblichen für den Staat produzierten Massenanfertigungen, so dass z.B. der Hocker, der hier in der einen Ecke stand, vermutlich einen exakten Doppelgänger in genau der gleichen Farbe und Form besaß, nur eben in einer Sportanlage in z.B. Quantico oder Texas oder wo auch immer. Wenn man dann auch noch in Betracht zog, dass jene Gegenstände höchstwahrscheinlich zu einer Zeit angeschafft worden waren, in der J. Edgar Hoover hier noch alle Fäden in der Hand hielt und dass jener Hocker z.B. dort demzufolge wohl älter war als man selbst, wurde einem ganz anders zumute.

Die Matten auf dem Fußboden waren in regelmäßigen Abständen ausgelegt worden und das Licht hatte man stark abgeschwächt. An der Längswand, gleich gegenüber der Türe, war provisorisch eine kleine, weiße Leinwand aufgehängt worden und von irgendwoher projizierte ein Beamer eine merkwürdige, verwirrende und unnötig kompliziert wirkende Grafik darauf. Direkt davor tummelte sich eine Traube von Leuten, welche allesamt denselben dunkelblauen Sportanzug trugen wie sie selbst.

Scully schaute auf ihre Armbanduhr. 16 Uhr, pünktlich auf die Minute. Allerdings war ihre anfängliche Euphorie nun ein wenig verflogen, nun da sie hier war. Die beiden Agenten waren noch dabei, sich etwas verhalten zu den übrigen zu gesellen, da ertönte von irgendwo inmitten der Traube schon eine energische Stimme: „Hallo, und herzlich willkommen zur dritten Sitzung meines Intensivkurses `Autogenes Training - die Lösung für ihren Alltag´.“ Die Traube von Leuten, es mussten so um die zwanzig Männer und Frauen jeden Alters sein, öffnete sich ein wenig und Scullys Blick fiel auf einen Mann in schwarzem Anzug und grauer Krawatte, der sie, mit einem Mikrofon in der einen und einem Laserpointer in der anderen Hand, einem Showmaster gleich gestikulierend und mit einem dünnen, lang gezogenen Lächeln begrüßte. Eric Nigma war schätzungsweise Anfang 30 und sah ganz und gar nicht aus, wie man sich einen Diplompsychologen gemeinhin so vorstellt.

Er hatte dunkelbraunes Haar und einen kurzen Bürstenschnitt, was seine abstehenden Ohren noch zusätzlich hervorhob. Sein spitz zulaufendes Kinn und die eng aneinander liegenden Augen boten einen passenden Kontrast zu seiner langen, spitzen Nase  und dem hervorstehenden Adamsapfel an seinem Hals. Sein feiner, schwarzer Anzug wirkte ein wenig fehl am Platze zu dieser Gelegenheit und schien obendrein eine Nummer zu groß zu sein. Er musterte seine Gäste sogleich sehr eindringlich durch seine zu schmalen Schlitzen verengten Augen und sein Blick fiel sogleich auf die zwei Neuankömmlinge hinten in der Mitte. Sein Lächeln wurde noch breiter. „Ganz besonders möchte ich die beiden aufgebrachten Seelen begrüßen, welche heute zum ersten Mal zu diesem Ort der Ruhe, des inneren Friedens und der Stärke gefunden haben.“ Alle Blicke gingen sogleich in Mulders und Scullys Richtung, welche schlagartig erahnen konnten wie ein Tier im Zoo sich wohl fühlen musste. Nämlich in etwa so wie sie jetzt, in genau diesem Moment. Jetzt hätte nur noch gefehlt, dass irgendjemand angefangen hätte, mit Popcorn oder Brotkrumen zu werfen. Die unbehagliche Stille wurde erst durchbrochen, als der Professor erneut das Wort ergriff und mittels seines roten Laserpointers die unübersichtliche Grafik an der Leinwand hinter ihm erläuterte. Mulder sah sich um. Es war ihm mehr als schleierhaft, wie irgendjemand sich auch nur die Mühe machen konnte zu verstehen, was hinter diesem Gekritzel da vorn steckte. Er konnte oder besser wollte ein Augenrollen nicht unterdrücken. Einige der Gesichter um ihn herum, in die er blickte, verschafften ihm allerdings auch eine Spur von Genugtuung, war in ihnen doch überdeutlich zu lesen, dass auch sie alles andere als freiwillig hier waren.

„Möge mein Leid doch bitte schnell ein Ende nehmen“, dachte er bei sich im Stillen.

Was hatte der Quacksalber gesagt, dies hier war die dritte Sitzung? Wenigstens eine gute Nachricht heute, so musste er nur sieben Mal leiden, anstatt insgesamt zehn Mal. Er blickte nach links zu seiner Partnerin, welche den lautstarken Ausführungen dieses Kerls doch tatsächlich aufmerksam zu folgen schien. Hörte der Typ denn nie mehr auf zu labern? : „...Und so wollen wir auf diesem Wege erreichen, mittels gezielter Atemtechniken....“ Bla bla bla. Das ganze hätte man in drei Worte fassen können: Gähn, röchel und schnarch. Er grinste. „Hey, Scully. Der Kerl hätte Moderator werden sollen oder Pfarrer. Alles, aber kein Arzt“, flüsterte er ihr zu und grinste dabei schelmisch. Zur Strafe bekam er einen `Mulder, benehmen Sie sich gefälligst - Blick´ von ihr und er verkniff sich daraufhin jeden weiteren Kommentar, der ihm sonst noch so spontan in den Sinn kam. Bei näherer Überlegung hatte er wirklich nicht das Recht, sich hierüber lustig zu machen. Nicht nach all dem, was sie hatte durchmachen müssen. Wegen ihm und seinem kleinen privaten Kleinkrieg für die Wahrheit. Diese Sache hier schien ihr wirklich wichtig zu sein und ihr zuliebe würde er gute Miene zum bösen Spiel machen und nicht zuletzt deshalb, weil er es ihr einfach schuldig war.

Nein auch, weil er viel für sie empfand und sie zudem sehr respektierte. Was sie da durchgemacht hatte und die Tatsache, dass sie schon wieder so auf dem Damm war...er wusste nicht, ob er auch diese enorme, ja schon fast übermenschliche Kraft hätte aufbringen können, an ihrer Stelle. Je mehr er darüber nachdachte, wenn er nachts deswegen wach lag und sich den Kopf zerbrach, desto sicherer war er sich, dass er es nicht hätte können, dass er diese Kraft bestimmt nicht imstande wäre aufzubringen.

„Mulder, kommen Sie?“ Er schreckte aus seinen Gedanken hoch. Alle um ihn herum stoben auseinander, in Richtung der blauen und roten Matten, und seine Partnerin war nun auch bereits ein gutes Stück hinter ihm und wartete darauf, dass er nachkam. Was er dann auch umgehend tat.

Der Doktor schaltete währenddessen mittels einer kleinen Fernsteuerung den Projektor, welcher an der gegenüberliegenden Wand, direkt über der Tür angebracht worden war, aus, und machte sich sodann daran, einen CD - Player in Betrieb zu nehmen. „Bitte lass es KORN sein“, dachte der Agent, seine Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Stattdessen wurden seine Ohren gleich darauf mit klassischer Musik beschallt. An sich mochte er klassische Musik, war es doch hohe und anerkannte Kunst. Doch dummerweise entsprach diese Art der Musik so gar nicht seinem momentanen Gemütszustand. Er stutzte. So gesehen war das ja auch der Sinn des ganzen hier, aber was soll’s, so war er nun mal. Er legte sich neben Dana auf seine eigene Matte und starrte an die Decke. Gerade wollte er sein Kopfkissen zurecht rücken, da erschien über ihm, wie aus dem Nichts, das lächelnde Gesicht einer jungen, blonden Frau. „Hallo, ich bin Felicia“, begrüßte sie ihn. Offensichtlich hatte er nicht mit etwas derartigem gerechnet, denn er erschrak ziemlich, zuckte zusammen und schaute sichtlich verdutzt aus der Wäsche, wie er so tief in seinem großen, weichen Kopfkissen versunken war, dass beinahe nur noch seine Nase hervor schaute. Er erhob sich und setzte sich aufrecht hin. Felicia kniete neben ihm, halb auf seiner Matte und grinste verlegen. Mulder lächelte, selbst sichtlich amüsiert über seine unfreiwillige

Slapstick - Einlage von gerade eben. „Hi“, begann er. „Ich bin Fo...Mulder“, korrigierte er gerade noch rechtzeitig. Er hätte nicht gedacht, bei diesem Kurs hier auch nette, normale und obendrein noch attraktive Menschen anzutreffen. Und dass auch noch auf der Matte direkt neben sich. Zu beiden Seiten eine schöne Frau, und eine attraktiver als die andere...langsam fing die Sache hier an, interessant zu werden. Die blonde Frau lächelte noch immer und mit einem Mal griff sie energisch nach seiner Hand und schüttelte den verdutzten Agenten auf diese Weise ziemlich durch. „Freut mich, Felicia...ach so, das hatten wir ja schon“ Sie kicherte. „Ich bin schon zum dritten Mal hier, sie habe ich hier noch nie gesehen, Sie arbeiten auch hier, oder?“

Mulder wollte gerade zur Antwort ansetzen, da kam sie ihm bereits zuvor und schnitt ihm das Wort ab und ratterte, einem Maschinengewehr gleich, los: „Ich finde es sehr entspannend, ich bin ja ansonsten auch recht sportlich, nur schwimmen, das mag ich absolut nicht, ich bin als Kind mal in einen Teich gefallen, als ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, die hatten Goldfische im Garten, seitdem hab ich da einen Knacks weg.“ Sie kicherte erneut piepsig, dann fuhr sie fort: „ Ansonsten bin ich für jeden Spaß zu haben. Hatten ihre Großeltern auch einen Teich? Sie sehen sportlich aus, was machen Sie, gehen Sie laufen? Ich bin früher laufen gegangen, doch seit der Geburt meiner Tochter vor zwei Jahren finde ich dafür keine Zeit mehr, wissen sie? Kinder können anstrengend sein. Mein Mann hat mich kurz darauf verlassen, ich weiß bis heute nicht wieso. Sind Sie verheiratet, ich sehe keinen Ring an ihrer Hand oder ist die Frau, mit der sie gekommen sind, ihre Frau, Mr. ...wie war Ihr Name noch gleich?“

Fox Mulder machte ein Gesicht wie beim Zahnarzt, als entfernte man ihm gerade den Zahnstein.

Noch nie, und er meinte wirklich noch nie zuvor hatte er einen Menschen getroffen, der schneller sprechen konnte, als er imstande war zu denken. Er war total perplex und starrte sie mit offenem Mund und großen Augen an. Scully, die das Schauspiel unfreiwillig mitbekommen hatte, grinste ihrerseits vor sich hin, während sie versuchte, eine bequeme Position einzunehmen. Für sie hatte sich die ganze Sache schon jetzt gelohnt, denn noch nie hatte sie ihren Partner dermaßen sprachlos erlebt und dass auch noch in einer solchen Rekordzeit.

Ob man die Frau wohl mieten konnte, bei Bedarf?

„So, wir kommen dann langsam zur Ruhe“, drang die Stimme des Doktors bestimmend von vorn.

„Oh, hoppla“, kicherte Felicia und erhob sich. „Schätze, wir müssen später weiter plaudern“, flüsterte sie und begab sich rüber auf ihre eigene Matte. „Wir?“, brummte der Agent sarkastisch. Aber immerhin...gerettet durch die Uhr. Dann konnte er ja jetzt endlich schlafen. Und damit begab auch er sich in die Horizontale.

Wieder erklang die Stimme des Doktors von vorne, in einem Sing - sang - artigen Ton: „Versuchen Sie sich zu entspannen, legen Sie sich bequem hin. Suchen Sie sich eine bequeme Lage. Tief einatmen und ausatmen. Schließen Sie die Augen.“ Dies wiederholte er wieder und wieder, einige Male. Es schien fast, als müsse er rechtfertigen, wofür er sein Geld bekam. Und dann, nach einer Weile, fuhr er fort: „Stellen Sie sich ein Bild, einen Ort vor, an dem Sie sich entspannen können. Ein Strand vielleicht, eine Badewanne, ein Bett oder dergleichen.“

Jeder, der schon einmal versucht hatte an nichts zu denken...also wirklich seinen Kopf zu leeren und sich zu entspannen, und das auch noch auf Kommando, der weiß, wie schwer so etwas sein kann. Ganz besonders an einem fremden Ort, in einem Raum mit lauter wildfremden Menschen, welche alle, genau wie man selbst, auf einer unbequemen, viel zu dünnen Gummimatte lagen. Die Musik wirkte entspannend, ja. Das gedämpfte Licht erzeugte einen Schein von Geborgenheit, der allerdings keineswegs aufrichtig, sondern schlicht und einfach konstruiert wirkte. Die diffusen Lichtfetzen fielen auf das von schwarzen Schuhstreifen übersäte Linoleum um einen herum und die zahllosen Geräte wie z.B. Reck und Schwebebalken, welche allesamt in eine Ecke der Halle verbannt worden waren, um möglichst viel Platz zu schaffen, warfen lange, unförmige Schatten.

Man merkte einfach, dass alles in diesem riesigen Raum darauf abzielte einen einzulullen. Dieses künstlich produzierte Ambiente sollte der Therapie an sich sicherlich dienlich sein, schürte sein persönliches Unbehagen stattdessen jedoch nur noch zusätzlich. Nein, es drehte ihm den Magen um, am liebsten hätte er seine Smith & Wesson genommen und wild um sich geschossen. Zu dumm, dass das mitbringen von Waffen zu diesen Sitzungen strengstens verboten war. Diesen Umstand bedauerte er sehr, wäre dies seiner Ansicht nach in diesem Augenblick doch der beste und einfachste Weg zur Gewaltbewältigung und erst recht zum Stressabbau gewesen. Aber nun gut, er hatte sich ja geschworen, keinen Ärger zu machen in dieser Sache. Er war heilfroh, dass er diese Felicia überlebt hatte. Und wenn er sich schon sinnlos hier hinlegen sollte, dann konnte er ebenso gut die Zeit hier nutzen, um ein kleines Nickerchen auf Staatskosten zu machen. Man soll ja immer das Beste aus jeder Situation herausholen, dies war schon immer einer seiner Leitsätze gewesen.

Alles war still, nur die leise Hintergrundmusik war zu hören. Und nach nicht mal zwei Minuten wurde diese ergänzt durch einen leise schnarchenden Mulder...

 

„Nicht zu fassen, er schläft tatsächlich“, war Danas erster Gedanke, als sie ihn nach knapp zwei Minuten in gleichmäßigem Rhythmus leise atmen hörte. Aber wirklich böse war sie ihm nicht, eher amüsiert über seine Dreistigkeit. Mulder konnte überall schlafen und wenn er erst schlief, war so schnell nichts in der Lage ihn aufwecken. Sie hoffte nur, dass er keinen Ärger bekam, aber solange er nicht zu laut wurde, würde es eh niemand bemerken. Außerdem sah er immer so goldig aus, wenn er schlief und sein Kissen dabei fest hielt, als hinge sein Leben davon ab. Sie lächelte in sich hinein und versuchte daraufhin, sich auf die Übung zu konzentrieren.

„Es ist warm und Ihre Beine werden schwer...Ihre Arme werden schwer“, kam es in langsamem, monotonem Ton von vorne. „Sie sind an einem schönen, sicheren, behaglichen Ort und fühlen sich wohl...sehr wohl...“

Die Musik wirkte sehr anregend und beflügelte ihr Unterbewusstsein. Nach einer Weile musste sie sich nicht einmal mehr anstrengen, ihre Augen geschlossen zu halten, denn ihre Lider wurden schwer wie Blei. Vor ihrem geistigen Auge wurden aus den Worten des Mannes erst farbenprächtige Schleier, dann begann alles nach und nach dunkel zu werden. Sie wurde eingehüllt davon, bis sie sich vor kam wie in einem Kokon aus Leichtigkeit. Sie hatte fast das Gefühl, ihren Körper zu verlassen, war unfähig sich zu bewegen. Doch seltsamerweise beunruhigte sie das kein bisschen, im Gegenteil. Sie begrüßte es sogar! Und so ließ sie sich denn fort treiben, wohin ihre Gedanken sie auch immer tragen würden........

 

Nicht eine Wolke war am Himmel. Der schneeweiße, von der strahlenden Sonne aufgeheizte Sand zwischen ihren nackten Zehen war etwas, das sie schon viel zu lange nicht mehr gespürt hatte. Die azurblauen Wellen, welche in unregelmäßigen Abständen auf sie zu kamen trugen winzige, grün, rot und blau schillernde Steine mit sich, spielten mit ihnen und wirbelten sie umher, ehe sie schließlich, knapp vor ihren Füßen, an Schwung und Kraft verloren  und sich schließlich verloren. Winzige Splitter von Perlmutt brachen ein Stück weiter draußen im flachen Wasser das Licht und erweckten auf diese Weise den Anschein, als wäre der Sand unter Wasser mit Abertausenden von winzigen Diamanten übersät gewesen, die alle nur darauf warteten, aufgesammelt zu werden. Hoch oben in der Luft umkreisten Seevögel den östlichen Strand von Oahu, nahe Hawaii. Als Kind war ihr Dad einmal hier stationiert gewesen  und es ist alles noch genau so, wie sie es in Erinnerung hatte.

Die wunderschöne, rothaarige Agentin schlenderte den endlos scheinenden Strand entlang, hier und da wurden ihre Füße nass, das glasklare Wasser küsste ihre Zehen. Ihre sportlichen Kurven zeichneten sich verführerisch und nackt unter dem beinahe knöchellangen, cremefarbenen Kleid aus weitmaschigem Leinentuch ab. Ihre von der Sonne leicht gebräunte Haut glänzte von Schweiß. Sie schaute verträumt in die Ferne, schirmte mit der rechten Hand ihre blauen Augen ab, der Sonne wegen, und befeuchtete mit ihrer Zunge die Lippen, schmeckte das Salz darauf. Ihr Gesicht, ihre Wangen waren gesprenkelt von Hunderten kleiner Sommersprossen und der Wind spielte mit ihrem Haar, ließ die tizianfarbenen, schulterlangen Strähnen anmutig tanzen.

Diese wundervolle Ruhe, das Gefühl, eins zu sein mit sich selbst und der Natur. Die rohe, urgewaltige Kraft des Pazifiks zu bestaunen, den atemberaubenden Anblick, wenn riesige Wellen sich weit draußen auftürmten, sich höher und höher pushten, um sich schließlich mit den tiefschwarzen, Jahrtausende alten, aus dem Wasser ragenden Felsen vulkanischen Gesteins einen nie enden wollenden Kampf zu liefern. Wie die Gischt spritzt, wenn die Kontrahenten mit einer solchen Wucht aufeinander treffen, dass man unwillkürlich den Atem anhält und ungläubig staunt, sich vielleicht sogar für den Bruchteil einer Sekunde fragt, wer von beiden noch da sein wird, wenn der viele Schaum schließlich wieder die Sicht frei gibt...Fels...oder Wasser? Die warmen Strahlen der Mittagssonne streichelten ihre weiche Haut. Nie gab es einen schöneren Platz auf Erden, gab es einen Ort, an dem sie sich behaglicher, an dem sie sich geborgener gefühlt hatte...zumindest nicht in Kinderzeiten.

Doch ein Kind war sie längst mehr...aber dennoch oder gerade deshalb genießt sie es.

Sie schließt ihre Augen, versucht sich dieses wunderschöne Bild einzuprägen, genau so wie es ist, auf dass sie es fortan immer bei sich tragen würde können. Doch es verschwamm, wurde blass, einer alten Fotografie gleich, löste sich schließlich auf .Wehmut erfüllte sie, als sie machtlos mit ansehen musste, wie dieses Paradies sich vor ihren Augen in nichts auflöste und nichts weiter zurück blieb als...gedämpftes Licht?

 

Irritiert, ja fast erschrocken fuhr sie hoch, setzte sich aufrecht hin. Ihre Stirn war schweißnass, einige Strähnen tizianroten Haares klebten daran. Verwirrt schaute sie sich um. Ihre Augen mussten sich langsam erst wieder an das seltsam gedämpfte Licht gewöhnen, aber die stickige Luft und die leise säuselnde, klassische Musik holten sie schnell in die Wirklichkeit zurück. Aber sie hätte schwören können, noch immer die warme, salzige Brise auf ihrer Zunge schmecken zu können. Wie viel Zeit war vergangen, Minuten? Eine halbe Stunde? Sie wusste es nicht und um sie herum lagen noch immer alle regungslos auf ihren Matten. Auch Mulder, noch immer leise vor sich hin schnarchend, lag noch da wie zuvor, direkt neben ihr. Dieser...war es ein Traum? So unglaublich real, einfach atemberaubend. Sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Dr. Nigma hockte im Schneidersitz vorn, unmittelbar vor der jetzt unbenutzten, dunklen Leinwand, auf der er zuvor das Prinzip seiner Behandlungsmethode erklärt hatte. Er hatte den Kopf gesenkt und die Hände gefaltet. Seine kurz geschorenen Haare und seine Kleidung hoben sich im Halbdunkel kaum von der dunklen Wandvertäfelung aus Holz ab, welche die Wände der kleinen Sporthalle ringsum bedeckte. Er schien zu meditieren oder etwas in der Art.

Wie lange dies hier wohl noch gehen würde, fragte sie sich. Der Doktor hatte im Vorfeld keine zeitliche Begrenzung genannt, er sprach davon, dass „jede Seele ihre ganz individuelle Behandlung benötige“, wie er es nannte.

Aus den Augenwinkeln nahm Dana rechts von sich etwas wahr, irgendjemand schien sich zu bewegen.

„Gott sei Dank“, dachte sie sich. Für heute hatte sie erst einmal genug, sie wollte diese intensive Erfahrung von gerade eben erst verdauen, so schön sie auch gewesen war. Und wenn jetzt langsam einer nach dem anderen aufwachte, dann würde es nicht mehr allzu lange dauern, bis zumindest diese Übung beendet war. Jetzt wollte sie aber doch wissen wer es war, der aufgewacht war. Ihre Augen weiteten sich. Die Frau, die neben Mulder lag, wie hieß sie noch...sie lag noch immer da wie zuvor und schien unkontrolliert zu zucken und um sich zu schlagen. Die Ärztin in ihr ließ sie reflexartig aufspringen, noch ehe sie überhaupt nachdenken konnte. Adrenalin schoss durch ihre Adern, sie war hellwach und innerhalb weniger Sekunden kniete sie vor dem Kopf der jungen, allem Anschein nach völlig weg getretenen Frau. Als erstes zog sie vorsichtig das Kopfkissen fort und versuchte, mit der hübschen Blondine zu sprechen. „Miss? Felicia, können Sie mich hören?“ Keine Reaktion. Aus einem Reflex heraus wollte sie nach ihrem Handy greifen, welches sie jedoch nicht dabei hatte. Eine der klar definierten Anweisungen, die sie und Mulder vor Antritt dieses Kurses sogar schriftlich erhalten hatten war, dass „keine Gegenstände des Alltags“ mitgebracht werden durften. Erst recht nicht solche, die irgendwelche, wie auch immer geartete Signale aussendeten, wie z.B. Handys. Es durfte nur das nötigste mitgebracht werden, noch nicht einmal eine Decke zum zudecken war erlaubt gewesen. Felicias unkontrollierte Bewegungen machten der Agentin die Arbeit nicht gerade einfacher. Sie fuhr mit ihrer Untersuchung fort und kniff die hilflose Frau kurz in die Achselhöhle, worauf diese jedoch nicht reagierte, sondern lediglich weiterhin apathisch und unkontrolliert mit den Armen ruderte. Scullys Verstand raste, sie schnippte ein paar Mal mit den Fingern, direkt vor dem Gesicht der am Boden liegenden Frau, was diese jedoch ebenfalls nicht mit bekam. „Weder Schmerz, noch Reizwahrnehmung sind vorhanden, sie hat einen Schock erlitten“, schoss es ihr durch den Kopf.

Die Bewegungen der hübschen jungen Frau vor ihr wurden ausladender, aber langsam auch schwächer, ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet. Sie atmete schwer, keuchte und schnappte immer wieder nach Luft.

„Ich brauche hier dringend einen Sanitäter, hier braucht jemand Hilfe!“, schrie Scully. Mulder schreckte hoch, stand wie vom Blitz getroffen sofort auf. „Oh, schei...!“ Obwohl er ziemlich verschlafen aussah, hatte er die Situation augenblicklich erfasst. Sein Blick traf den von Scully und ohne ein Wort wechseln zu müssen, war sofort alles klar. Der Agent rannte sogleich in Richtung Ausgang, vorbei an dem Doktor, der noch immer vorn saß wie zuvor, und von all dem scheinbar keine Notiz nahm. Bevor der Agent die Halle in Richtung Fahrstuhl verließ, schlug er im vorbei laufen noch auf den Lichtschalter neben der Türe ein und nach und nach flackerten langsam die Lichter an der Decke des großen Raumes auf, was seiner Partnerin die Arbeit mehr als erleichterte. Ihre Augen hatten sich in dieser Notsituation gezwungenermaßen praktisch sofort an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt, doch so war es natürlich viel besser. Gerade wollte Dana Felicias Puls nehmen, da fing diese plötzlich an zu keuchen und zu husten. Sie bäumte sich förmlich auf, sackte jedoch sogleich wieder zusammen und fiel zurück auf den Rücken. Mit einem Mal begann, aus ihrem Mund eine klare Flüssigkeit zu quellen und die Agentin stand vor einem kompletten Rätsel. Was in aller Welt war hier nur los? Egal, es war offensichtlich, dass die Flüssigkeit, woher sie auch kam, die Atemwege der Patientin blockierte. Es war höchste Eile geboten, aber wenigstens wusste sie jetzt was zu tun war, hatte einen Punkt, an dem sie ansetzen konnte. Das von Angst erfüllte Gesicht der hilflosen Frau unter ihr begann, sich bläulich zu verfärben. Die Agentin beugte sich vor, umfasste mit einem schmetterlingsförmigen Griff von oben herab den Kopf der Frau und begann, ihn zu überstrecken, indem sie mit einer Hand das Kinn anhob und mit der anderen den Kopf selbst nach hinten drückte. Auf diese Weise wurden die Atemwege zugänglich und das atmen erleichtert, was der unbedingte Ausgangspunkt für eine Mund zu Mundbeatmung war. Anschließend drückte sie mit ihren beiden Daumen das Kinn hinunter und öffnete so den Mund um zu kontrollieren, ob und wenn ja, was den Mund und/oder den Rachenraum blockierte. Es war nichts weiter zu sehen, außer dieser Flüssigkeit, welche regelrecht eingeatmet wurde und somit immer tiefer in den Körper der Frau eindrang. Doch woher kam die Flüssigkeit? Egal.

Raus damit, auf der Stelle! Sie musste Luft in die Lungen der Frau pressen, damit der Hustreflex die Atemwege frei machte. Gerade wollte sie ihren Kopf senken, um ihren Mund auf die mittlerweile blauen Lippen unter ihr zu pressen, da schrie die Frau namens Felicia unter ihr auf und die ausgebildete Ärztin bekam einen heftigen Schlag in den Magen, der ihr den Atem und beinahe sogar das Bewusstsein raubte. Sie stöhnte gequält auf, fiel nach hinten über auf die Matte, auf der eben noch Mulder gelegen hatte und schnappte nach Luft. Ihr wurde schwarz vor Augen, doch mit aller Kraft wehrte sie sich dagegen, zwang sich rhythmisch zu atmen und schaffte es schließlich, sich doch wieder aufzuraffen. Um sie herum waren noch immer alle in diesem tranceähnlichen Zustand, lagen trotz des Tumultes unbeirrt auf ihren Matten und bekamen von all dem hier nichts mit. Voller Entsetzen musste Dana feststellen, dass Felicia aufgehört hatte sich zu bewegen. Warum hatte sie nicht besser aufgepasst? Sie hätte sich nicht so kalt erwischen lassen dürfen, sie wusste doch, welche Kraft ein Mensch, und war er auch noch so zierlich, in Paniksituationen mobilisieren konnte. Sie legte ihren Kopf seitlich über den der leblosen Frau, ihr rechtes Ohr knapp über dem Mund der leblosen Frau schwebend. Keine Atmung. Sie fühlte den Puls am Handgelenk...nichts. Sie überstreckte erneut Felicias Kopf, hielt ihn in dieser Position und begann umgehend mit der Beatmung. Sie umschloss die Lippen der Frau mir den ihren und blies einmal kräftig in sie hinein. Dann legte sie ihren Kopf wieder seitlich und lauschte anschließend erneut nach Atemgeräuschen.

Sie wollte kein Risiko eingehen und die Flüssigkeit unnötig noch tiefer fest setzen, denn oft genügten das überstrecken des Kopfes und die erste sogenannte „Initialbeatmung“ schon. Alles andere war in einer Situation wie dieser all zu oft kontraproduktiv und führte eher dazu, die ganze Sache nur unnötig zu verschlimmern.

Sie lauschte angestrengt...noch immer nichts. „Verdammt komm schon, Mädchen...komm schon...hilf mir doch!“ Ihre Stirn glänzte schweißnass, ihre Gedanken überschlugen sich und als die nächsten Minuten dieses verzweifelten Kampfes verstrichen, machte sich etwas in ihrem Inneren breit. Ein ganz bestimmtes Gefühl überkam sie und es fuhr ihr kalt den Rücken hinunter. Ein Gefühl der Erkenntnis, welches sie schon vor sehr langer Zeit während ihres Studiums kennen gelernt hatte, und mit dem sich jeder Arzt irgendwann einmal abfinden, arrangieren musste. Es war das niederschmetternde Gefühl...zu verlieren.

 

 

Pathologisches Institut, F.B.I. Akademie Quantico, Montag 20.00 Uhr.

 

Die Hilflosigkeit, mit der sie letztendlich dem Tod der jungen Frau gegenüberstanden hatte, quälte sie.

Das war einer der Gründe, warum sie sich auf die Pathologie spezialisiert hatte. Zusehen zu müssen wie sie den Kampf gegen den Tod verlor, obwohl sie alles Menschenmögliche versucht hatte, war schrecklich für die junge Agentin. Dem Tod ins Auge zu sehen, war nicht das Problem, nein. Die Tatsache, manchmal den Kampf gegen ihn zu verlieren, war das schreckliche. Der Tod gehörte zum Leben, das hatte sie schon als Kind gelernt, aber unmittelbar dem sterben zusehen zu müssen, daran würde sie sich nie gewöhnen.

Nachdem sich Mulder sofort den Befragungen der anderen Kursmitglieder widmete, begleitete Scully selbst die Leiche von Felicia nach Quantico.

 

Die weichen Gummisohlen ihrer weißen Nikis quietschten leise auf dem blank polierten Fliesenboden.

Das gelbe Licht schimmerte kalt. Die großzügige Beleuchtung hier wirkte etwas gedämpft. Die stählernen Bahren, die chirurgischen Instrumente und die grün getäfelten Wände reflektierten das sterile Licht, verliehen dem Ort etwas Unheimliches. Es roch streng nach Tod, Formalin und Desinfektionsmitteln. Der Autopsieraum war wahrlich kein Ort, um es sich gemütlich zu machen.

Die kurzärmlige, grüne OP-Kleidung war ihr wieder einmal etwas zu groß, doch das störte sie nicht. Routiniert zog Dana Scully sich die weißen Gummihandschuhe über ihre schlanken Hände. Platzierte anschließend den weißen Mundschutz über ihrer kleinen Nase und ging dabei langsam zu dem Autopsietisch, der ihr bis an die Hüften reichte. Sie stützte sich kurz mit beiden Händen an dessen Rand ab und betrachtete einen Moment lang skeptisch die noch zugedeckte Leiche der jungen Frau.

Ihre Aufgabe bestand darin, Antworten zu finden. Und dafür war sie geradezu perfekt. Sie genoss einen exzellenten Ruf, war auf ihrem Gebiet eine der Besten. Das hier war ihre Welt. Hier war sie zuhause. Sie spürte immer wieder eine ungeheuere Befriedigung, anhand von medizinischen Fakten und wissenschaftlichen Methoden, Mördern oder Gewalttätern auf die Spur zu kommen. Und der plötzliche Adrenalinstoß, der sie jedes Mal aufs Neue durchfuhr, wenn sie einen Gewaltverbrecher anhand ihrer zusammengetragenen Beweise überführen konnte, ließ sie immer wieder erschaudern. Sie, die Ärztin Dana Scully, hatte sich auf die Frage nach dem `wie´ spezialisiert. Nicht `warum´ diese Menschen gestorben waren, sondern auf welche Weise dies geschehen war. Sie war ein Meister darin, sich in Geduld zu üben. Alle nur erdenklichen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, um auch nur den kleinsten Hinweis aufzugreifen und so eine eventuelle Straftat aufzudecken. Special Agent Dana Scully war zu routiniert, um sich auf ihrem Gebiet zu übereilter Hast hinreißen zu lassen, Fehler zu machen. Ja, sie war verdammt gut in ihrem Job und sie hatte Klasse, besaß Stil und Köpfchen. Ihr reserviertes Auftreten brachte ihr den Ruf ein, unnahbar und kühl zu sein. Dana Katherine Scully war eine starke Frau. Sie konnte mit einem einzigen, eisigen Blick aus ihren blauen Augen ihre etwaigen Gegner kalt stellen und scheute sich nicht davor, diese Waffe bei Bedarf auch gezielt einzusetzen. Doch gerade diese nüchterne Art ihrer Präsenz, ihr manchmal etwas unterkühltes Auftreten, war ein sehr probates Mittel, sich im FBI, wo der Großteil ihrer Kollegen männlich war, zu behaupten. Nicht, dass sie es nötig gehabt hätte, ihre fachlich einwandfreie Kompetenz so zu untermauern, doch es war einfach eine notwendige Begleiterscheinung, ihrer Ansicht nach. Und dennoch, sie war wunderschön. Und wer sie näher kannte, der wusste, dass sie in Wirklichkeit eine sehr emotionale Frau war. Dass unter ihrer aufgebauten, stählernen Fassade eine sehr empfindliche, ja beinahe zerbrechliche Persönlichkeit saß.

Ihrer Erfahrung nach machten alle Mörder irgendeinen kleinen Fehler. Besonders dann, wenn sie nervös waren. Ein Fehler, nur ein einziger winziger Fehler, dann war der Täter fällig.

Die kleinste Unachtsamkeit nutzte sie eiskalt aus, um die Täter anhand von unwiderlegbaren Fakten zu überführen. Ihre Entschlossenheit, diese kleinen Fehler oder Beweise ans Licht zu bringen, war so groß und so sengend, wie ihre Wut auf diese brutalen Monster, die kaltblütig unschuldigen Menschen das Leben nahmen.

Sie verachtete diesen Menschschlag von ganzem Herzen.

Darum arbeitete sie stets mit kühlem Verstand und perfekter Logik. Das Wissen um die kleinen menschlichen Schwächen war für den Erfolg ihrer Arbeit ebenso wichtig, wie ihre Fingerfertigkeit mit dem Skalpell.

Sie betrachtete jede ungeklärte Todesursache als eine persönliche Herausforderung. Dies erklärte ihre oft sture Verbissenheit, den Ursachen des Todes auf den Grund zu kommen.

Nie könnte sie Mulder mit Worten dieses beinahe sexuelle, teils intellektuelle Prickeln beschreiben, welches sie heiß durchströmte, wenn sie ihren Job, wieder einmal erfolgreich, beendet hatte. Diese tiefe Befriedigung, die mit Worten einfach nicht zu beschreiben war.

Mit einer kontrollierten Handbewegung hob sie mit beiden Händen das große, weiße Laken hoch und legte es an den Füßen der Toten nieder. Dann schaltete sie routinemäßig mit der rechten Hand das kleine Mikrofon ein, welches an einem gelenkartigen, schwenkbaren Arm von der hohen Decke hing. Anschließend knipste Dana die große OP - Leuchte an, die augenblicklich gleißend helles Licht verströmte.

Sie zog langsam den kleinen, fahrbaren Tisch mit den glänzenden Instrumenten zu sich heran, griff noch einmal, tief einatmend, nach dem Skalpell und begann ihre Suche nach dem Grund für das mysteriöse, schreckliche Ende dieser Frau. Mit lauter, klarer Stimmer sprach sie auf das mitlaufende Band: „Wir haben Montag, den 13.Juni 1998. Die Leiche ist weiblich, 169cm groß und wiegt 120 Pfund.

Ihren Ausweispapieren nach heißt sie Felicia Hardy, der Zeitpunkt des Todes war heute um 17.30 Uhr. Es sind keinerlei äußere Verletzungen, Blessuren oder andere Hinweise auf äußere Gewalteinwirkung feststellbar. Die Todesursache ist bis dato unbekannt. Ich beginne nun mit dem Y-Schnitt.“

Sie war noch so jung. Ihre Augen waren geschlossen und die wachsende Blässe in ihrem immer noch schönen Gesicht verlieh der Tragödie einen schalen Beigeschmack. Eine innere Stimme verriet der Agentin, dass sie hier nicht lange würde suchen müssen. Mit chirurgischer Präzision legte sie den ersten Schnitt.

Das rasiermesserscharfe Skalpell zerteilte lautlos die blasse Haut, glitt mit Leichtigkeit durch die verschiedenen Haut - und Gewebeschichten und öffnete den toten Körper. Dunkles Blut sickerte aus dem geraden Schnitt und ließ die blasse Haut noch transparenter erscheinen. Mit Hilfe der kleinen Knochensäge und dem Rippenspreizer öffnete Scully geschickt den Brustkorb der Verstorbenen und legte so die inneren Organe frei.

Ihr Hauptinteresse galt zuerst dem Herz der Toten. Doch hier schien alles in Ordnung zu sein. Gewicht und Größe des Organs waren völlig normal. Und auch beim genaueren Betrachten konnte sie keine Schäden oder Veränderungen feststellen. Auch die übrigen Routineuntersuchungen an Magen, Darm, Leber usw. waren nicht der Schlüssel zur Todesursache dieser jungen Frau. Jetzt konzentrierte sich auf die Lunge und die Atemwege der Toten und bemerkte sogleich etwas, das sie doch sehr überraschte. Beim Abtrennen der Luftröhre spritzte ihr eine kleine Menge einer klaren durchsichtigen Flüssigkeit entgegen. Und nachdem sie die Atemorgane entnommen und genauer untersucht hatte, runzelte sie skeptisch die Stirn und lächelte innerlich. Was jetzt in ihren blauen Augen aufblitzte war kühle Distanz, das Wissen, dass diese junge Frau nicht eines natürlichen Todes gestorben war. Das war keine schwierige Feststellung, sondern eine einfache Tatsache. Es war ihr erster logischer Gedanke in Bezug auf die Todesursache. Die gesamte Lunge war mit Wasser gefüllt und auch in der Luftröhre und dem Mund stellte sie dieselbe paradoxe Tatsache fest. Die junge Frau war ertrunken. Im gleichen Moment dieser Erkenntnis wurde ihr die Unglaublichkeit ihrer Entdeckung bewusst und sie trat ungläubig einen Schritt zurück. Kopfschüttelnd legte sie die Instrumente zur Seite und atmete einmal tief durch.

Ertrunken auf der alten, roten Gummimatte, während des autogenen Trainings? Das war schlichtweg unmöglich und völlig absurd! Verwirrt, ja... jetzt war Scully etwas verwirrt. Sie spürte, wie ihr Herz einen Satz tat und wild zu hämmern begann. Das war einfach nicht möglich. Nicht ohne einen leichten Anflug von Humor erkannte sie die Ironie an der Sache. Ihr ungläubiger Blick zeigte, dass sie mit der Versuchung, dies ernsthaft zu glauben, mehr als nur haderte. Sie selbst war dabei gewesen als Felicia, völlig im Trockenen auf dem Rücken liegend, verzweifelt nach Luft geschnappt hatte. Da war weit und breit kein Wasser, in dem sie hätte ertrinken können. Die einzige Flüssigkeit, die sich in diesem Raum befunden hatte, war eine halbvolle Plastikflasche mit Mineralwasser gewesen, die auf einer der Sitzbänke in der einen Ecke des Raumes gestanden hatte. Sie hatte zu dem Zeitpunkt Flüssigkeit in der Lunge gehabt, ja. Aber sie als Ärztin und Ersthelfer hatte dies eher auf eine extreme Speichelüberproduktion zurückgeführt. Oder auf eine Refluxösophagitis, was im Prinzip bedeutet, dass die Verdauungssäfte in waagerecht liegender Position unkontrolliert in Lunge und Speiseröhre des Patienten fließen, weil der Magen nicht in der Lage ist, sich optimal zu verschleißen. Niemals hätte sie auch nur annähernd in Erwägung gezogen, dass diese Flüssigkeit, welche sich nun als Wasser herausstellte, der alleinige Grund für ihren Zustand gewesen war. Und doch, nachdem auch die Blutanalyse und das toxikologische Gutachten einige Stunden später endlich vorlagen, bestätigte sich die unglaubliche Tatsache. Die Ursache für das Sterben von Felicia Hardy stand zweifelsfrei fest: Tod durch Ertrinken!

 

 

Währenddessen, J. Edgar Hoover Building, Untergeschoss

 

Nachdem die meisten der übrigen Kursteilnehmer, welche zumeist Agenten waren, befragt worden waren und ihre übereinstimmende Aussage „Tut mir leid, aber ich kann mich an nichts erinnern“ zu Protokoll genommen worden war, hatten sie bedrückt die Sporthalle verlassen. Mulder saß, mit dem Rücken an einen alten Springbock gelehnt, in der Hocke auf ein paar zerschlissenen, grauen Gymnastikmatten. Sein Blick wanderte zielstrebig zu Dr. Eric Nigma, der scheinbar unbeeindruckt von der ganzen Tragödie seine Sachen zusammenpackte. Wenn die ganze Angelegenheit nicht so tragisch und abwegig gewesen wäre, hätte er schwören können, dass er trotz des immer noch leicht abwesenden Gesichtsausdrucks des Arztes, ein erregtes Funkeln in seinen jetzt klaren Augen gesehen hatte. Er wirkte trotz des ganzen Rummels jetzt sehr ausgeruht und frisch. Seine Bewegungen waren kontrolliert und geschmeidig, und von Müdigkeit oder dergleichen war keine Spur mehr zu sehen. Doch vielleicht war es auch nur das grelle Licht der großen Neonscheinwerfer an der Decke, die jetzt die ganze alte Sporthalle hell erleuchteten, welche diesen seltsamen Blick in Eric Nigmas markantem Gesicht unterstrichen. Psychologen hatten in Mulders Augen schon immer etwas Befremdliches, Zweifelhaftes an sich. Viele wirkten oft bei weitem verrückter als ihre Patienten. Das war einer der Gründe, warum er trotz seines Psychologiestudiums niemals auch nur annähernd in Erwägung gezogen hatte selber zu praktizieren. Das überließ er anderen, er nutzte seine Fähigkeiten lieber als Profiler und überhaupt hielten ihn auch so schon mehr als genug Leute, nicht nur beim Bureau für verrückt.

Und einmal abgesehen davon, dass durch Therapie und entsprechenden Medikamenten viele Psychologen wirklich kranken Menschen halfen, bewirkte die Tatsache, dass sich heutzutage fast jeder mit genügend Kleingeld in der Hosentasche seinen eigenen Seelendoktor leisten konnte, einen bitteren Beigeschmack.

Sogenannte approbierte Seelenklempner, die sich als gekaufte, geduldige Zuhörer tagtäglich mit den kleinen und größeren Macken ihrer selbsternannten Patienten herumschlugen. Welche sich den selbsterschaffenen Gesellschaftsmüll und die zum Großteil hysterischen Depressionen gelangweilter Hausfrauen anhörten und dabei ein Schweinegeld verdienten.

Doch dieser Dr. Nigma hier schien weder der einen, noch der anderen Gruppe dieser Sparte von Psychologen anzugehören. Bei der Befragung zum Tod von Felicia konnte oder wollte der Meister der Problembewältigung selbst auch keine genaueren Anhaltspunkte geben. Vielmehr betonte auch er noch einmal die tiefe Trance, in welcher auch er selbst sich während der Übungen befunden hatte.

 

 

Dienstag, 13. Juni, 1998

 

Dana Scully war etwas müde, als sie an diesem Dienstagmorgen das J. Edgar Hoover Building betrat.

Die Autopsie selbst, und letztendlich das warten auf die Ergebnisse der Blutanalyse und des toxikologischen Befundes, hatte doch länger gedauert als erwartet. Es war schon sehr mühsam gewesen, gestern Abend überhaupt noch jemanden im Labor zu finden, der die entnommenen Proben sofort untersuchte. So war Dana erst weit nach Mitternacht nach Hause gekommen und auch dann war an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Viel zu sehr spukten die Ereignisse der vergangenen Stunden noch in ihrem Kopf herum.

Sie brauchte zwar seit jeher nicht sonderlich viel Schlaf, aber 4 Stunden waren entschieden zu wenig.

Sie war ganz allein, als sie den FBI Aufzug betrat und ins Kellerbüro fuhr. So ließ sie es sich nicht nehmen, sich noch einmal kurz entspannt zurückzulehnen und für einen Moment die Augen zu schließen.

Doch das war nur ein kurzes Entspannen, denn als sich die Tür wieder öffnete, atmete sie noch einmal tief durch und ging, die Akte dieses aktuellen Falles unter den Arm geklemmt, zielstrebig auf das Büro ihres Partners zu. Sicher würde er bereits am Schreibtisch sitzen und sie erwarten.

Sie staunte nicht schlecht, als sie bereits im Flur leise, klassische Musik hörte. Die Tür war nur angelehnt und merkwürdigerweise war der Raum völlig dunkel. Sie stutzte. Vorsichtig näherte sich die Agentin und stieß vorsichtig die nur angelehnte Tür weiter auf.

Die Dunkelheit raubte ihr im ersten Moment die Sicht. „Mulder...sind Sie schon da?“, fragte sie in den Raum hinein und knipste im selben Moment den Lichtschalter zu ihrer rechten an.

Ein kurzes „Pssssscht, Scully, machen Sie das Licht wieder aus“, kam ihr entgegen. Und bei genauerem Betrachten des Raumes waren alles, was sie von ihrem langjährigen Partner erblickte, seine Füße, die rechts hinter dem Schreibtisch am Boden herausschauten. Sie ging verwundert einige Schritte auf ihn zu.

„Mulder, um Gottes Willen. Was machen Sie da? Ist Ihnen schlecht?“

Es entstand eine kurze Pause, bevor sie eine Antwort bekam. Sie blieb wie angewurzelt stehen, runzelte ihre Stirn. Sie war von ihm ja mittlerweile einiges gewohnt, aber das hier war doch sehr merkwürdig.

„Ich meditiere“, antwortete er ihr verhalten. Wieder entstand eine kurze Pause, in welcher sich Agent Scully wieder einmal fragte, womit sie das alles hier nur verdient hatte.

„Hinter Ihrem Schreibtisch, auf dem Boden?“ Skeptisch ging sie um den Schreibtisch herum und betrachtete Mulder von oben herab. Ihr Partner lag entspannt auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und lächelte sie unverblümt von unter herauf an.

Jeder normale Mensch wäre sofort peinlich berührt aufgesprungen, doch Mulder war die Ruhe selbst.

Er musterte seine Partnerin eingehend und blieb dabei weiterhin auf dem Rücken liegen, wie zuvor.

„Sie sehen müde aus Scully, war wohl spät gestern? Wollen Sie es sich nicht hier mit mir ein bisschen gemütlich machen?“ Dabei rutschte er ein wenig zur Seite und klatschte daraufhin mit der flachen Hand einladend neben sich auf den blanken Fußboden. Dabei fiel ihr auf, dass er sich doch wahrhaftig auf sein Jackett gelegt hatte!

Sie rollte mit den Augen, ihre rechte Augenbraue peitschte nach oben und sie schenkte ihm einen kühlen „Das ist doch jetzt nicht wirklich Ihr Ernst?“ - Blick. Doch anstatt diesen Gedanken laut auszusprechen, entgegnete sie sarkastisch: „Mulder, warum beschleicht mich da so ein Gefühl, dass Sie diese Sache nicht ganz ernst nehmen?“

Jetzt hatte sie den richtigen Knopf gedrückt und mit einem einzigen, kurzen Ruck stand ihr Partner aufrecht neben ihr. Er schaltete sofort die immer noch leise dahindudelnde Musik aus. Die Jacke seines Anzuges blieb unbeachtet auf dem Boden liegen...

„Oh doch, Scully...ich nehme diese ganze Sache sehr ernst. Schließlich haben wir eine Tote.

Woran ist sie denn nun gestorben?“ Er wartete gespannt.

„Sie ist...“ Weiter kam die Agentin jedoch nicht, denn: “Ertrunken“, fiel er ihr abrupt ins Wort und beendete somit grinsend ihren Satz für sie.

Wieder stutzte Scully, er überraschte sie immer wieder.

„Woher wissen Sie das jetzt wieder, Mulder?“

Er setzte sich betont lässig auf seinen drehbaren Schreibtischstuhl und griff sich die Akte, die Scully inzwischen auf dem Schreibtisch abgelegt hatte. Mulder streckte sich, schob den Stuhl etwas zurück und legte betont lässig seine Füße auf die Schreibtischplatte vor ihm, was ihm einen weiteren strafenden Blick seiner Partnerin einbrachte. Er überlegte kurz und schaute er ihr dann unvermittelt direkt ins Gesicht. Er liebte es, sie mit diesen kleinen Spielchen auf die Folter zu spannen, genoss die Neugierde in ihren strahlenden, blauen Augen, wenn sie ihn so wissbegierig anfunkelten. „Scully, was wissen Sie über Psychokinese?“

Sie überlegte kurz, während sie sich an der Tischplatte abstützte.

„Sie meinen die Fähigkeit, mittels Gedankenübertragung...Dinge zu bewegen?“

Sein Grinsen wurde noch breiter als zuvor.

„Mulder kommen Sie, was hat das mit diesem Fall zu tun?“, hakte sie nach.

„Scully...was wäre, wenn jemand oder etwas in der Lage wäre, in das Unterbewusstsein eines Menschen einzudringen. Ihn so zu manipulieren, dass...dass...nun, dass dieser Jemand schließlich zu Tode kommt. Mord, Scully.“

„Mulder, das glauben Sie doch nicht wirklich, wie kommen Sie denn zu dieser Annahme?“ Jetzt stand in Scullys Gesicht dieser typische selbstgefällige Gesichtsausdruck, der Mulder immer wieder daran erinnerte, dass sie nicht so leicht zu überzeugen war. Dass sie an derlei Dinge eigentlich nicht glaubte.

„Nun, ich habe lange überlegt und zuerst habe ich überhaupt keine Erklärung finden können, für das alles hier. Ich meine, wie kann jemand auf dem Trockenen, mitten in einer Turnhalle ertrinken, richtig?“

Scully nickte zustimmend.

„Nun, dann fiel mir jedoch etwas ein. Eine Kleinigkeit, die mir zuerst völlig unbedeutend schien, und die ich beinahe sogar vergessen hatte, es kam mir nur durch Zufall wieder in den Sinn. Felicia hat mir doch kurz vor ihrem Tod ihre halbe Lebensgeschichte erzählt und das in Rekordzeit, wie ich an dieser Stelle noch einmal betonen möchte.“

Scully musste unwillkürlich grinsen, als sie an den Vorfall gestern dachte. „Ja Mulder...und?“

„Unter anderem erzählte sie mir von einem Erlebnis in ihrer Kindheit und dass sie damals fast ertrunken wäre.“

Scully musterte ihren Partner weiter mit einem skeptischen Blick und wartete auf den „Aha - Effekt“, welcher bei ihr jedoch bislang noch ausblieb.

„Gedankenmanipulation also...und das ist jetzt wirklich Ihr Ernst?“

„Denken Sie an Modell, Scully...den Pusher, wissen Sie noch? Dasselbe Prinzip, aber...irgendetwas passt nicht.“

Bei dem Gedanken an Robert Patrick Modell wurde der Agentin ganz anders. Was damals passierte, konnte nicht einmal sie leugnen. Einen Moment lang schwieg sie nachdenklich und dann:„Aber warum gerade sie, warum Felicia? Und warum sollte jemand so etwas tun?“, murmelte Scully. „Mal abgesehen davon, dass es an Ketzerei grenzt und es völlig absurd ist, so etwas überhaupt zu denken.“, fügte sie noch hinzu.

Er ignorierte ihre anzweifelnde Frage und sprach unbeeindruckt weiter.

„Die Bewegung von Gegenständen anhand von Gedankenkontrolle ist in vielen Fällen aufgezeigt und dokumentiert, ebenso die Beeinflussung und gedankliche Kontrolle einer Person. Wie genau jemand das tut, das weiß ich noch nicht so genau, es ist nur eine Vermutung, eine Theorie von mir, was diese Sache an geht. Und das Motiv...warum tut jemand, was er tut, Scully? Warum begeht jemand einen Mord?“

„Aber Sie haben keine Anhaltspunkte oder gar Beweise für Ihre Vermutung?

„Okay Scully.“ Er hob, einer symbolischen Geste der Kapitulation gleich, beide Hände. „Wie erklären Sie sich den Tod dieser jungen Frau hier?“ Er griff nach der Akte auf dem Schreibtisch und wedelte demonstrativ damit.

„Nun, um ehrlich zu sein,... ich kann Ihnen zwar mit Sicherheit sagen, dass sie ertrunken ist, aber ich kann Ihnen leider nicht einmal ansatzweise erklären, wie das Ganze passiert ist.“ Sie seufzte. „Aber vielleicht bin ich auch im Moment einfach nur zu müde dazu.“

Er grinste. „Chance vertan, Scully. Jetzt können wir nicht mehr gemeinsam auf der Matte kuscheln, das hätten Sie sich früher überlegen müssen“, scherzte er. Sie lächelte auf diese Bemerkung hin müde, ging aber nicht weiter darauf ein, was er insgeheim sehr bedauerte. Dann fuhr er fort: „Ich möchte unbedingt noch einmal diesen Dr. E. Nigma verhören. Kommen Sie mit? Ich lege Ihnen im Auto kuschelige Musik ein und lasse Ihnen den Sitz runter, dann können Sie sich da noch etwas entspannen. Denn wie heißt es doch so schön: 5 Minuten Entspannung durch Autogenes Training sind so gut wie 2 - 3 Stunden Schlaf.“ Er zwinkerte ihr amüsiert zu und schnappte sich sein - nun doch recht staubiges - Jackett, welches noch immer auf dem Boden neben dem Schreibtisch lag, klopfte es mit den Worten: „Die Putzfrauen hier sind auch eine X - Akte für sich“ kurz ab, und schob sich an ihr vorbei, wobei er ihren zweideutigen Blick ignorierte. Dann, ohne eine weitere Antwort von ihr abzuwarten, legte er seine Hand in ihren Rücken, dirigierte sie sanft aus dem Büro und beide gingen in Richtung Fahrstuhl...

 

So viele Fragen. Mulders Theorie in allen Ehren, aber für ihren Geschmack hatte er dieses Mal etwas zu sehr ins Blaue gelangt. Psychokinese, so ein Unsinn! Aber sie hätte mit so etwas rechnen müssen, sah ihr Partner doch immer und überall Verschwörungen und X - Akten, seit sie sich vor nun mittlerweile über vier Jahren kennen gelernt hatten. Inzwischen war sie seine haarsträubenden Behauptungen zwar gewöhnt und stellte sie nur noch selten in völligen Zweifel, denn allzu zu oft erwies sich sein Riecher schließlich als richtig, letzten Endes.

Doch selbst wenn es auch dieses Mal so wäre, selbst wenn irgendjemand diese arme Frau mittels einer solchen Fähigkeit umgebracht hatte, was gelinde gesagt eine absurde Vorstellung ist und jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt, dann erklärte das noch lange nicht das Wasser in ihrem Körper, welches sich doch tatsächlich als Teichwasser herausgestellt hatte. Psycho...was auch immer hin oder her, irgendwoher musste dieses verdammte Wasser schließlich gekommen sein, es kam ja nicht einfach so aus dem Nichts! Und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als weiterhin an diesem seltsamen und bizarren Puzzle zu basteln, mit den wenigen Teilen, die sie davon leider nur hatten. Skinner hatte ihnen jetzt sogar die offiziellen Ermittlungen übertragen, doch wie zu erwarten war, hatte Mulders zweite Befragung mit Dr. Nigma rein gar nichts Neues ergeben. Die Zeit hätte er sich ebenso gut sparen können, erzählte er ihr anschließend. Dieser Kerl, dieser Nigma, wirkte ohnehin seltsam. Anfangs nahm der Agent an, dass dieser Mann dort nur ein wenig wunderlich bzw. introvertiert war, aber mittlerweile war er der Ansicht, dass da noch etwas anderes war. Nicht nur, dass dieser Mann sich permanent in dieser einen Sporthalle im Untergeschoss des Bureau aufhielt, fast so als ob er dort drin wohnen würde. Nein, von ihm ging auch eine nicht zu erklärende Ausstrahlung aus, die Mulder jedes Mal die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, wenn er diesen Mann auch nur von weitem sah. In der direkten Gegenwart dieses Menschen konnte man einfach nicht anders, als sich unwohl zu fühlen und beim FBI war man einiges gewohnt, da durfte man sich keine Zimperlichkeiten erlauben.

Die Ermittlungen drohten, aus Mangel an wie auch immer gearteten Beweisen, ins Nichts zu laufen. So entschloss man sich schließlich dazu, die nächste Therapiesitzung am kommenden Montag abzuwarten und die Agenten hofften, dort vielleicht noch irgendetwas Neues zu erfahren oder zu finden, das ihnen bei der Aufklärung dieser Sache behilflich sein könnte. Andernfalls, wenn sich nicht bald etwas ergeben würde, hätten sie keine andere Wahl, als diesen Fall unter „X“ abzulegen.

 

 

Freitag, 16. Juni. 1998

 

Da er glücklicherweise nicht ahnte, dass er dreiundzwanzig Minuten später tot sein würde, stellte sich Paddy Mac Court gerade vor, wie er der jungen, langbeinigen Blondine, die gerade in seinem Blickfeld aufgetaucht war, in den hübschen, gerundeten Hintern kneifen würde. Leicht verärgert über den schwarzgekleideten Mann, der die Kapuze seines Mantels tief in das blasse Gesicht gezogen hatte, und ihm gerade für einen Moment die Sicht versperrte, beugte er sich ein bisschen nach vorne. Es war eine vollkommen harmlose Fantasie, die weder der Blondine noch Paddys Frau schadete, Paddy jedoch in außerordentlich gute Laune versetzte.

Die Tageszeitung über den runden Knien, den dicken Bauch angenehm gefüllt von einem späten, üppigen Mittagessen, saß er mit seiner Frau Margareth - deren Hintern so beklagenswert flach wie ein Pfannkuchen war - in der klimatisierten Luft der Bahn und genoss den Anblick der Wolkenkratzer, die links und rechts durch getönte Scheiben hindurch an ihm vorbeirauschten. Solange man nicht im obersten Stock am Fenster oder auf einem der kleinen Balkone stand, waren diese mächtigen Zeugen des wirtschaftlichen Aufschwungs ganz nett anzusehen.

Paddy, ein älterer, stattlicher Mann mit herzhaftem Lachen und einem Auge für Damen, hatte keine Lust, sich jetzt den Titelblättern der Boulevardpresse hinzugeben. Er kannte sie alle schon. Es war doch immer wieder das Gleiche. Geld, Macht und Sex. Und außerdem würde es wahrscheinlich noch viele, zahlreiche Gelegenheiten geben sich, vielleicht in einem Schaukelstuhl auf seiner neuen Veranda, bei denen er sich den Kopf über derartige Dinge zerbrechen konnte.

Was die Leute an Hochhäusern so faszinierte, verstand er sowieso nicht. Paddy war bis zu seiner Pensionierung vor 2 Wochen durch und durch ein Städter gewesen, der soliden Stahl und Beton durchaus schätzte, solange er mit seinen Füssen fest auf dem Boden stand. Er litt seit seiner Jugend an panischer Höhenangst und allem, was damit verbunden war. Er hatte als Junge den Brand eines mehrstöckigen Nachbarhauses mit ansehen müssen, in dem sein damals bester Freund verbrannt war. Alptraumhafte Vorstellungen von Menschen in brennenden Hochhäusern, die bei lebendigem Leibe verbrannten, suchten ihn seither, auch noch in fortgeschrittenem Alter,  immer wieder in seinen Träumen heim. Und selbst das Wissen, dass er gesund und munter neben seiner Frau im Ehebett lag, erleichterte ihm nicht das Erwachen nach einem solchen Alptraum, wenn er wieder einmal schweißgebadet aus dem Schlaf hoch schreckte. Dies waren in regelmäßigen Abständen seine Nächte.

Doch jetzt, in diesem Moment, war er viel mehr an den köstlichen Schokoladenplätzchen interessiert, die seine Frau ihm reichte, vor allem weil die Blondine inzwischen weitergegangen war.

Gut gelaunt verschlang er ein Plätzchen nach dem anderen, wobei Margareth die ganze Zeit an ihm herummäkelte, er solle nicht krümeln. Es war schade, dass er sich solch kleine Vergnügen in den letzten Jahren seines Lebens versagte. Immer war er auf sein Gewicht bedacht. Damit die blaue Uniform des Herrn Oberpostinspektors nicht zu sehr spannte. Vielleicht war es aber auch mehr seine angetraute bessere Hälfte, die sich Sorgen um seinen Blutdruck und seine Figur machte. Er würde sterben, wie er gelebt hatte - immer voller Sorge um das leidige Gewicht und voll mit Krümeln, die sich auf seinem Hemd verteilt hatten.

Paddy war schon immer ein heimlicher Genießer gewesen, was ihm schon ab oft den strafenden Blick seiner Angetrauten eingebracht hatte. Doch was hatte es denn auch für einen Sinn alt zu werden, wenn man sich nicht ab und zu etwas im Leben gönnte? Früher war der ehemalige Postbeamte immer im Stress gewesen und jetzt wollte er in seinem einstöckigen Häuschen an der See, welches sie vor einem Monat gekauft hatten, seinen Ruhestand und hoffentlich noch langes, gesundes Leben mit seiner lieben Frau genießen. Sie hatte darauf bestanden, ihr gemeinsames Appartement im 18. Stock nach seiner Pensionierung gänzlich aufzugeben. Sie wollte raus aus der Stadt. Raus aus dem Grau der endlosen Betonriesen und dem immerwährenden Lärm. Margareth wollte ihr Leben nicht im stickigen Sumpf der Großstadt beenden. Und in Anbetracht seiner Höhenangst, - er hatte den Balkon im 18. Stock ihres kleinen Appartements in all den Jahren nicht ein einziges Mal betreten, - gab er ihr schließlich nach.

Mit seiner stattlichen Rente und dem Ersparten hatten sie ein kleines, einstöckiges Haus auf dem Land gekauft, wo sie ihren Lebensabend in aller Ruhe genießen wollten.

Sie waren gerade auf dem Weg dorthin, um noch die letzten Dokumente zu unterschreiben, lästiger Papierkram eben. Und sie hatten dieses Mal die Bahn genommen, da der Verkehr auf den überfüllten Straßen während der Mittagszeit immer unerträglicher geworden war, im Laufe der Jahre.

Es war kurz vor zwei an diesem strahlenden Juninachmittag und Paddy machte es sich in seinem gepolsterten Sitz am Fenster gerade richtig gemütlich. Sie hatten noch 2 Stunden zu fahren und ein bisschen die Augen zu schließen, vielleicht ein kurzes Nickerchen zu machen, schien ihm, in Gedanken immer noch den knackigen Hintern der Blondine vor Augen, mehr als angebracht. Er lehnte sich mit einem zufriedenen Grunzen zurück, legte seinen schweren Kopf mit den geröteten Wangen ans Fenster und versuchte, ein wenig zu entspannen. Fast ihre ganzen Ersparnisse würden nach dem Kauf des Hauses aufgebraucht sein. Ein bisschen zerrte das schon an seinen Nerven, aber es würde reichen. Und die Tatsache, dass der am höchsten gelegene Punkt in seiner zukünftigen Umgebung das etwa zehn Meter hohe Getreidesilo seines neuen Nachbarn war, beruhigte ihn ungemein. Mit halbem Ohr lauschte Paddy dem Geschnatter seiner Frau, die ihm noch einmal erzählte, was sie alles in ihrer neuen Heimat unternehmen würden, wenn sie erst einmal umgezogen wären.

Er stimmte ihr mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit, einem langsamen Kopfnicken und einem kurzen Lächeln zu und widmete sich, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, wieder seinen kleinen, schlimmen Gedanken. Und wenn er sich genau konzentrierte, dann hatte er sogar ihren Duft in der Nase, sie roch ein wenig nach Moschus, was ihn doch etwas verwunderte, jedoch nicht weiter störte, da er Moschus sehr mochte.

In den fast vierzig Jahren Ehe hatte er seine Frau aufrichtig schätzen und lieben gelernt, und er würde ganz bestimmt dafür sorgen, dass sie ihre letzten gemeinsamen Jahre genießen würden.

Zufrieden lehnte sich Paddy also zurück, um seine letzten Minuten mit kleinen, schlimmen Gedanken und dem süßen Geschmack von Schokoplätzchen auf der Zunge zu genießen.

 

Im Unterbewusstsein vernahm er ein leises Donnergrollen. Dann ein lauter, berstender Knall. Der Boden unter ihm bebte, er lag in einem Bett. Es war dunkel, er war ganz allein. Im ersten Moment war er unfähig sich zu bewegen. Panik kroch in seine Knochen. Er horchte angestrengt in die Dunkelheit. Wieder ertönte ein lautes Geräusch. Dann ein furchtbarer Knall, so als ob ein großer Hammer in das Haus einschlüge. Martinshörner drangen an sein Ohr. Die automatischen Feuermelder hatten sich eingeschaltet, kreischten schrill drauf los. Sein erster panischer Gedanke war  „Ein Erdbeben!“ Sofort war er hellwach und schweißgebadet, sein leichter blauer Schlafanzug klebte auf seiner feuchten Haut. Er stand mit zitternden Beinen auf. Wo war er? Und wo war seine Frau? Er kannte das Zimmer, er war zuhause, in ihrem Appartement, im 18. Stock! Ohne weiter nachzudenken rannte er barfuss aus dem Zimmer in den Korridor, als sich plötzlich der Boden unter seinen Füßen hob. Er schwankte, verlor das Gleichgewicht  und taumelte auf die gegenüberliegende Wand zu. Er strauchelte, stürzte schließlich. Er schmeckte warmes Blut in seinem Mund.

Die Lichter gingen aus und nur das schwache rot der Notbeleuchtung erhellte den dunklen Gang. Jetzt ertönten überall Schreie und hastige Schritte. „Es brennt!“, schrie irgendwer in panischer Angst.

Paddy rappelte sich auf  und rannte um sein Leben. Und er lief mitten ins Chaos hinein.

Er hatte furchtbare Angst, er war in Panik, bekam kaum noch Luft. Er stolperte, prallte gegen Wände und stürzte die Treppe hinauf. Noch immer war er ganz allein, auch seine Frau war nirgends zu sehen. Er hörte Entsetzensschreie und fand sich plötzlich im obersten, leerstehenden Stockwerk des Hauses wieder. „Das darf doch nicht wahr sein“, dachte er. Schweiß stand ihm auf der Stirn und rann in kleinen Rinnsalen seinen Rücken hinab. Er schmeckte Rauch. Er roch den Tod. „Verflucht, ich will nicht sterben“, dachte er inmitten der Schreie und Gebete, die von irgendwoher an sei Ohr drangen. Gebete? Oder war es nur das hämische Lachen des Todes? Er konnte an nichts anderes denken als daran, wie er es schaffen konnte zu überleben. Das blanke Entsetzen stand in seinen Augen, sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er spürte die zunehmende Hitze. Durch den beißenden Rauch, den Gestank von Panik und Tod konnte er das Feuer spüren. Es kam immer näher. Hitze, Flammen und Tod. Blut rann ihm über seine Schläfen in die Augen. Hilflos irrte er in den leerstehenden Räumen umher. Todesangst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, der Rauch fraß sich gierig in sein Gehirn. Es wurde immer heißer. Er befand sich in einem Meer voller Rauch und beißender Hitze. Seine Gliedmaßen versagten ihm den Dienst. Wieder stürzte er, schlug sich dabei die Knie auf. Der brennende Rauch in seinen Lungen raubte ihm den Atem und er schnappte verzweifelt nach Luft. Wenn er nichts unternahm, würde er hier elendig ersticken. Er musste feststellen, dass er sich in einer Hölle befand, die schlimmer war als er sie sich jemals hätte vorstellen können. Die schlimmsten Ängste seiner Jugend wurden wahr. Er hörte das Prasseln der Flammen direkt hinter sich. Er würgte, schmeckte den beißenden Rauch. Er kroch zum Fenster. Die Luft um ihn herum schien zu brodeln. „So will ich nicht sterben!“ Er riss das Fenster auf und die frische Luft schlug ihm wie eine Hand ins Gesicht. Keiner schien sein lautes Flehen zu registrieren. Er hörte Kinder schreien. Und immer noch war er ganz allein. Sein ganzes Leben lang hatte er davor Angst gehabt: Am Abgrund zu stehen und keine Wahl zu haben! Zurück konnte er nicht. Er hatte keine Chance, hier lebend wieder heraus zu kommen und er dachte an seine Frau. Da er es für sinnlos hielt, für sich selbst zu beten, betete er zu Gott, dass wenigstens sie überleben würde. Noch einmal trat er einen Schritt zurück. Doch als seine Lungen aufgrund der enormen Belastung zu bersten drohten und ihm ein Schwall von Ruß entgegengeschleudert wurde, griff er nach dem Fensterbrett und hievte seinen schmerzenden Körper in einem letzten verzweifelten Kraftakt hinauf.

Ein scharfer, stechender Schmerz durchfuhr seinen bebenden Körper und ihm wurde speiübel. Paddy senkte seinen Kopf seitlich nieder und legte eine Wange an das Metall des Fensterrahmens. Auch hier spürte er die erbarmungslose Hitze, die ihn verfolgte, ihn jagte. Er begann leise zu weinen.

Dann, nach einem Moment, lachte er hysterisch auf. Er würde verbrennen oder sich zu Tode stürzen. Zitternd fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. Sie war rot vor Blut. Der Rauch um ihn herum wurde immer dichter und irgendwie erkannte er darin die Form einer verzerrten Fratze, die ihn hämisch grinsend auslachte. Er versuchte noch einmal, um Hilfe zu rufen, doch er brachte nur ein leises Husten hervor. Ein penetranter Geruch schlug ihm entgegen, kroch ihm in die Nase. Seltsam fremd und beißend. Er erkannte den seltsamen Geruch als etwas Bekanntes, aber zugleich auch als etwas Bedrohliches, Abstoßendes Doch den sicheren Tod vor Augen, beachtete er ihn nicht weiter. Er leckte sich über seine aufgesprungen Lippen und schmeckte...Schokoplätzchen? Der Stoff seiner mittlerweile zerrissenen Schalfanzughose klebte an seinen blutigen Knien. Er fuhr herum, schaute nach unten. Nur ein kleiner Schritt. Die Dunkelheit erschien ihm wie das rettende Ufer. Der Sog der Tiefe zog in an wie ein Magnet. Und dann... wurde es auf einmal ganz still. Vereinzelt hörte er noch Schreie, Stöhnen und Gebete. Es dauerte einen Moment, bis Paddy begriff...er war bereits tot.

 

 

Montag,19. Juni. 1998

 

Es war kurz nach 8.00 Uhr, als Special Agent Dana Scully am Freitagmorgen fast mit Mulder zusammenstieß. Sie studierte im Gehen eine Akte, als sie gedankenverloren das Kellerbüro betrat. Sie grübelte.

Paddy Mac Courts Leiche sah aus, als sei sie aus großer Höhe zu Boden gefallen, oder aber geworfen worden. Und der Arzt, der die Autopsie durchgeführt hatte, führte die schweren Verletzungen bis in Detail auf. „Gebrochenes Rückgrad, diverse Knochenbrüche, innere Blutungen, usw. Doch das kuriose an der Sache und der Grund, warum man soeben damit an sie heran trat war der, dass die inneren Organe des Opfers Anzeichen von Verbrennungen aufzeigten. In seinen Lungen waren eine Menge Ruß und Schwefel gefunden worden.

Was bedeutete, wenn er nicht den Verletzungen des scheinbaren Sturzes erlegen wäre, dann wäre er mit Sicherheit erstickt. Jedoch passten diese Symptome in keinster Weise ins Schema, da nirgendwo auch nur eine Zigarette geglimmt hatte, als der Mann gefunden wurde. So oder so. Er war tot. Das allein wäre schon ein Grund, der Sache genauer nachzugehen. Doch die mysteriösen Umstände; nämlich dass der Gute Paddy Mac Court neben seiner Frau im Zug, im Nichtraucherabteil saß, als der Teufel ihn zu sich holte, war der Grund dafür, dass die Akte heute morgen in ihren Händen gelandet war. Bzw., dass Skinner sie ihr im Flur im Vorbeigehen mit den Worten: „Agent Scully, ich glaube, ich habe da noch etwas was für Sie“, in die Hände gedrückt hatte.

Hier, in der Akte, stand es also schwarz auf weiß und doch konnte sie das Gelesene nicht glauben.

Sie schüttelte energisch, immer noch die Tatsachen anzweifelnd, den Kopf, als sie ihren Weg fortsetzte.

Ihre Absätze klapperten auf dem noch feuchten, frisch aufgezogenen Boden und Dana strich sich gedankenverloren eine hereinfallende Strähne ihres tizianroten Haares aus dem Gesicht. Zielstrebig ging sie weiter in Richtung ihres gemeinsamen Büros. Sie schaute kurz auf und erblickte das Namensschild ihres Partners auf der geschlossenen Türe vor sich. Das war auch so ein Punkt, der sie immer wieder ärgerte.

Sie arbeiteten jetzt schon über 4 Jahre zusammen an den X - Akten und noch immer stand nur der Name ihres Partners `Fox Mulder´ auf dem Namensschild an der Tür. Das müssten sie irgendwann einmal ändern.

Mit der rechten Hand öffnete sie schwungvoll, wieder den Blick nach unten in die Akte gerichtet, die geschlossene Tür zum Kellerbüro. Mulder stand gerade einige Schritte vor seinem Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. Er betrachtete gedankenverloren das alte „I want to believe“-Poster. Dabei hielt er eine Tasse mit dampfendem, frisch aufgebrühtem Kaffee in der Hand.

Als die Bürotüre hinter ihm schwungvoll geöffnet wurde, rettete ihn nur ein kurzer, reflexartiger Ausfallschritt vorwärts vor einem Zusammenprall mit derselben. Ein Teil des heißen Getränks in seiner Hand schwappte über den Rand der Tasse und landete auf seinem frischgestärkten, blauen Hemd und seiner Krawatte. „Autsch“...Ein leises Fluchen entwich seinem Mund, als er sich umdrehte und einer sichtlich erschrockenen Scully gegenüberstand.

„Um Gottes Willen Mulder, warum stehen Sie denn hinter der Tür? Es tut mir leid, ich wusste ja nicht...“. Sie verstummte. Ihr Blick fiel auf den größer werdenden Kaffeefleck auf Mulders Hemd. „Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht.“ Leichte Röte stieg ihr ins Gesicht.

Mulder genoss einen kurzen Moment lang ihre Verlegenheit, grinste in sich hinein, entspannte dann aber die Situation mit einem breiten Lächeln: „Scully, sagen Sie mal, wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken? Bei Ihnen scheint das autogene Training ja voll anzuschlagen, sie schlafen ja jetzt noch.“

Inzwischen hatte Dana ihre Fassung wieder gefunden und entgegnete ihm trocken: „Ja, wenn Sie sich auch hinter der Tür verstecken, Mulder...“ Sie zog achselzuckend ein weißes Taschentuch aus der Tasche ihres Blazers und reichte es ihm, welches er dankend annahm. Er ging zu seinem Schreibtisch herüber, stellte die Tasse auf einem der wenigen freien Flecke dort ab und begann, sich das Hemd mit dem Tuch in der einen Hand abzutupfen, wobei er angestrengt an sich herunterschielte, das Kinn auf seiner Brust liegend. Als er damit fertig war - das meiste war eh schon in den blauen Stoff des Hemds eingezogen, viel zu wischen gab es eh nicht - ,drückte sie ihm kommentarlos den vor kurzem selbst erhaltenen Autopsiebericht in die andere, noch freie Hand.

Er ging damit um seinen Schreibtisch herum und nahm geräuschvoll ausatmend dahinter Platz. Er öffnete die Akte. „Ein weiteres Opfer?“ fragte er, den Kaffeefleck nebenher noch immer sporadisch mit dem Taschentuch bearbeitend.

Paddy Mac Court, Mulder. Seine Leiche sieht aus, als ob sie von einer Klippe geworfen oder gegrillt worden wäre. Dabei saß er im Zug, als das passiert ist. Seine Frau sagte aus, er habe plötzlich angefangen nach Luft zu schnappen, dann sei Rauch aus seinem Mund aufgestiegen und plötzlich sei er nach vorne über gekippt.

Dann war er auch schon tot. Sonst hat keiner in dem Zug etwas Verdächtiges gesehen. Was meinen Sie, Mulder?“ Fragend schaute sie ihn an.

Der Agent überlegte kurz „Ich weiß nicht, Scully. Irgendwie hängt das alles zusammen, das sollten wir auf jeden Fall im Auge behalten...“

 

 

Montagnachmittag, Untergeschoss des J. Edgar Hoover Building, 16.00 Uhr.

 

Der Nachmittag der nächsten Sitzung war gekommen und dieses Mal waren deutlich weniger Leute zu dem Kurs erschienen, als in der Woche zuvor. Die jüngsten Ereignisse mussten viele Leute verschreckt haben, was nicht weiter verwunderlich war, wenn man darüber nachdachte. Allerdings stellte das auch ein Problem für Mulder und Scully dar, denn falls sich ihr Verdacht als richtig erweisen würde, könnte jeder im Raum der Mörder gewesen sein und die Tatsache, dass gut die Hälfte der Patienten vom letzten Montag fehlten, erschwerte die Ermittlungen natürlich noch zusätzlich. Sie würden sich später eine Liste der Kursteilnehmer geben lassen, so viel war sicher.

Die Agenten hielten von Beginn an Augen und Ohren offen. Der gute Doktor, wie immer im schwarzen Anzug, schien sichtlich von dem rapiden Schwund seiner Anhängerschaft getroffen zu sein, das merkte man ihm deutlich an. Sein ohnehin stets dünnes und aufgesetztes Lächeln war noch künstlicher als sonst und er kam ohne große Umschweife und schwülstige Begrüßungen gleich zur Sache.

Die Agenten, wiederum in Sportanzug und mit einem Kopfkissen bewaffnet, machten es sich ebenso wie alle anderen auf ihren Matten mehr oder weniger bequem und versuchten, trotz des gedimmten Lichtes und der einlullenden klassischen Musik, wachsam zu bleiben. Mulder könnte sich ohrfeigen, dass er beim letzten Mal geschlafen hatte, das würde er sich dieses Mal garantiert nicht erlauben! Aber wie hätte er auch ahnen sollen, dass so etwas passieren würde?

Es war wie die Wiederholung eines schlechten Films:„ Sie sind an einem behaglichen Ort...Sie fühlen sich wohl und geborgen...Ihre Glieder werden schwer...“

Scully hatte alle Mühe, nicht wieder in die gleiche Trance zu fallen wie beim letzten Mal und ständig ermahnte sie sich im Stillen selbst zur Wachsamkeit, schaute sich ab und zu um, horchte angestrengt in den Raum.

Dies hier war ihre einzige Chance, wenn sie beide den Tod dieser jungen Frau aufklären wollten. Doch so sehr sie sich auch mühte, da war einfach nichts Ungewöhnliches oder Verdächtiges.

In einer vollkommen ruhigen Turnhalle, in der niemand auch nur ein Wort sagt, kann das Ticken einer Uhr an der Wand allein einen nahezu in den Wahnsinn treiben, wenn man sich darauf konzentriert. Das war in etwa damit zu vergleichen, wie wenn man nachts neben jemandem im Bett liegt und dieser Jemand nicht einmal schnarcht, das war nicht einmal nötig. Sondern wenn dieser Jemand einfach nur laut durch den Mund ein - und aus atmet. Je mehr man sich darauf konzentriert, desto weniger ist man in der Lage es auszublenden und irgendwann wird man sogar wütend und steigert sich immer mehr in die Sache hinein, bis an Schlaf irgendwann nicht mehr zu denken ist und man nur noch damit beschäftigt ist, sich über das zu ärgern, was der andere einem damit antut. Genau so war es auch hier, nur war es in Scullys Fall weder lautes Atmen, noch das Ticken einer Wanduhr, sondern die leise Musik, welche zwar nach wie vor nur im Hintergrund lief, bei ihrer Aufgabe jedoch mehr als nur hinderlich war. Immerhin hatte sie ihr Handy dabei, diesmal. Diesen fatalen Fehler würde sie nie wieder machen, Vorschriften hin oder her. In ihr war der Kampfgeist erwacht, sie würde sich nicht noch einmal die Butter vom Brot nehmen lassen, denn egal ob nun Agentin oder Ärztin, sie hatte ihr Leben dem Schutz und der Verteidigung anderer verschrieben und nichts auf der Welt konnte sie davon abhalten!

 

Fox Mulder hatte sich sein Kopfkissen seitlich bis über die Ohren gestülpt und presste es mit den Handflächen förmlich an sich. Doch irgendwie drang dieser „Sing - sang“ von dem Quacksalber dort vorn noch immer zu ihm hindurch und die Dämpfung der Daunenfedern im Inneren des Kissens verlieh seinen Worten einen seltsamen Unterton, den er, so sehr er sich auch mühte, einfach nicht imstande war auszublenden. Angestrengt kniff er die Augen zu und zog eine Grimasse. An der Decke dieser gottverfluchten Halle gab es aber auch nicht einen einzigen Punkt, auf den man sich konzentrieren konnte, an dem man sich ablenken konnte.

„Ihre Glieder werden schwer, werden taub...Sie sind entspannt...Sie sind sicher...lassen Sie los…!“

„Pöh“, dachte der Agent spöttisch. „Der einzige Ort, an dem ich mich jetzt gerade wirklich entspannen könnte, das wäre...“

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Die graue, knielange Hose und das lila - farbige Muskelshirt lagen locker auf seiner Haut. Auf der Seite liegend und sich mit seinem linken Ellbogen abstützend, genoss er die leichten Bewegungen, das wellenartige Schwanken des Wassers unter dem dünnen Stoff, auf dem er lag. Das Wasserbett war ein Geschenk gewesen, damals. Ein Geschenk, ja. Aber es allein zu benutzen, kam einem Hohn gleich und er hatte bisher nie eine Frau kennen gelernt, die es wert gewesen war, es mit ihm zu teilen, was einer der Gründe war, warum er für gewöhnlich auf der Couch im Wohnzimmer schlief. Wie gesagt,... bis jetzt. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder, um sicher zu gehen, dass er dies hier auch wirklich nicht träumte, dass es real war. Sie stand vor dem Bett und sah ihn an, schaute ihm direkt in die Augen. An sich strahlte ihr Blick Selbstsicherheit aus, doch er kannte sie gut und so erhaschte er einen Hauch von Verlegenheit und Unsicherheit in ihren funkelnden, strahlend blauen Augen, welcher jedoch augenblicklich aufrichtiger Freude und Erleichterung wich, in dem Moment, in dem er sie anlächelte. Sie schien förmlich zu strahlen, als sie sein Lächeln erwiderte. Sie stand einfach nur da und alleine ihr Anblick raubte ihm den Atem, strafte selbst seine kühnsten Träume und Fantasien lügen. Schon als sie sich das erste Mal begegnet waren, damals in seinem Büro, war ihm aufgefallen, was für eine wunderschöne, anmutige Frau sich unter ihrem strengen, zugeknöpften Kostüm verbarg. Wenn sie einen Rock trug, oder einen engen Blazer und sich ihre verführerischen, sportlichen Kurven unter dem Stoff abzeichneten, hatte er seit jeher alle Mühe gehabt, nicht allzu sehr darauf zu starren. Und damals bei ihrem ersten Fall, als sie nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet vor ihm stand, und er ihre wundervollen Kurven unter dem Licht einer Kerze bewundern durfte, überschlugen sich seine Gedanken förmlich, doch schließlich siegte die Professionalität, was er schon mehr als nur einmal bereut hatte, seitdem.

Doch wie sie so vor ihm stand in diesem Moment, hier in seinem Schlafzimmer, welches ebenfalls nur durch ein halbes Dutzend großer, heller Kerzen, welche quer um das Bett herum verteilt waren, erleuchtet wurde, da war sie das schönste und vollkommenste, was er jemals in im Leben gesehen hatte. Ihr rotes Haar ruhte auf ihren Schultern, ihre feuchten Lippen waren leicht geöffnet und die schwarze Spitzenwäsche trug sie mit einer solchen Anmut, dass sie wie eine zweite Haut an ihr lag. Sein hungriger Blick wanderte immer wieder anerkennend an ihr auf und ab, wobei er ein leichtes Seufzen nicht unterdrücken konnte. Sie schien die Wirkung, welche sie auf ihn hatte, sichtlich zu genießen und auch der letzte Anflug von Unsicherheit in ihrem Gesicht wich einem strahlenden Lächeln.

Das Kerzenlicht betonte ihre Taille und ließ die äußeren Spitzen ihres Haars feurig rot leuchten.

Verlangen und Lust wollten sich Luft machen, hatten schon viel zu lange warten müssen, jahrelang.

Er wollte sie spüren, sie fühlen und hielt ihr seine rechte Hand entgegen. Sie zögerte kurz, verlagerte geschickt ihr Gewicht und ergriff dann die seine, beugte sich nach vorn und ließ sich von ihm auf das Bett ziehen.

In dem Moment, in dem sie sich berührten, wussten beide, was Leben ist. Zärtlich streichelnd erforschten seine Lippen ihre und beide verloren sich in diesem wohl schönsten, ältesten und intensivsten Tanz der Welt.

Sie richteten sich auf und die Wellen des Wassers unter ihren erhitzten Körpern trugen sie mit sich, steigerten ihre Leidenschaft ins Unermessliche. Sie umarmten einander und ihre Hände begannen, einander zu erforschen und zu liebkosen. Sein Shirt fiel als erstes auf den Teppichboden neben dem Bett und der weiche Stoff ihres BHs auf seiner Haut machte ihn verrückt. Er umfasste ihre Taille, wanderte nach unten. Seine Lippen begannen ihren Bauch zu küssen und strichen langsam hoch zwischen ihre Brüste, wo sie einen Moment verharrten, um den schnellen Takt ihres schlagenden Herzens zu fühlen, und weiter bis hoch zu ihrem Hals. Er strich ihr Haar beiseite und führte seinen Weg fort, bedeckte ihre Schulter mit feuchten Küssen und liebkoste die kleine Mulde über ihren Schlüsselbeinen mit seiner Zungenspitze. Sie schmeckte so viel unglaublicher als er immer gedacht hatte. Er sog ihren Duft in sich auf, atmete sie ein, verlor sich nahezu in ihr. Wie lange hatte er diesen Moment herbei gesehnt, wie oft hatte er hiervon geträumt. Seine starken Hände streichelten ihren wohlgeformten Busen, wanderten langsam nach hinten zu dem Verschluss dieses schwarzen, verführerischen Kleidungsstückes, welches er ihr kurz darauf behutsam von der Schulter streifte, ehe es seinen Platz auf dem Teppichboden fand. Zärtlich bedeckte er ihre Brüste mit seinen Händen, spürte ihre zarte Haut, welche sich hell von seinen vergleichsweise dunklen Unterarmen abhob und schaute ihr tief in die Augen. Das leise Seufzen, welches ihrer Kehle entwich, gab ihm ein Gefühl der Bestätigung. Er löste sich von ihr, nur um sie gleich darauf zu sich zu ziehen und ineinander verschlungen sanken sie seitlich aufs Bett. Er streichelte ihre Schulterblätter und seine Hände glitten zu ihrem Steiß, wo er mit seinen Fingern die Konturen ihrer Tätowierung nachfuhr. Er vergrub seinen Kopf zwischen ihren nackten Brüsten und seine rechte Hand fand ihren Po, massierte ihn durch ihren knappen Spitzenslip hindurch und machte sich sogleich auf, ihre Schenke und die muskulösen Waden zu erkunden, wobei er jeden Millimeter beinahe zeremoniell genoss und verinnerlichte.

Er konnte einfach nicht genug bekommen von dieser Frau, es sollte niemals enden. Behutsam drehte er sie auf den Rücken und beugte sich über sie. Sie war so wunderschön, noch bezaubernder als sonst, sofern dies überhaupt möglich war.

Jede seiner Berührungen genießend, ließ sie sich gehen und stöhnte genussvoll unter ihm auf, mit ihren hungrigen Augen stets nach mehr verlangend. Und nachdem auch die letzten Kleidungsstücke ihren Platz bei den übrigen gefunden hatten, wurden die beiden Liebenden eins, verschmolzen miteinander und trieben gemeinsam ihrer Erlösung, der Summe der vergangenen vier Jahre entgegen.

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Der Agent fand sich an einem fremden Ort wieder. Er stutzte, war orientierungslos. Was war nur passiert, er konnte sich an nichts erinnern. Alles um ihn herum verschwamm, wurde undeutlich. Er glaubte zu schweben und dann.....

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Zusammengesunken, den Kopf in den Armen vergraben und die Knie an seinen Körper herangezogen, kauerte er inmitten des nun leeren Krankenbettes. Das schlichte, in steriles weiß gehaltene, kleine Zimmer auf der Intensivstation des Hospitals wirkte trostlos und Verzweiflung lag in der Luft.

Seine Kehle war wie zugeschnürt, er konnte kaum atmen, war wie gelähmt. Sein Herz, schwer wie Blei, pochte leise und unregelmäßig in seiner Brust. Immer wieder redete er sich im Stillen ein, dass all das hier nicht wirklich geschah, dass es nur ein Traum war. Doch die vernichtende Erkenntnis traf ihn jedes Mal aufs Neue mit einer solchen Wucht, dass er glaubte, in ein bodenloses, hungriges und dunkles Nichts zu stürzen.

Alles, was er fühlte, war Trauer, seine Welt bestand aus Schmerz. Erneut spürte er es in sich auf steigen, merkte wie es ihn überrollte und eine Flut von Tränen ergoss sich warm über seinem Gesicht, lief über seine Wangen bis hin zu seinem Kinn, wo sie nach und nach, Tropfen für Tropfen, seinen Hals hinab rann, bis sie sich, unten angekommen, schließlich in dem weißen Kragen seines Hemdes verloren. Er hielt nichts zurück, schämte sich ihrer nicht. Nein, er hieß die warme, salzige Feuchtigkeit willkommen, empfand sogar einen Hauch von Stolz, trug sie einem Versprechen, einem vergänglichen Orden gleich auf seiner Haut. Sein kaum hörbares Schluchzen erfüllte den Raum. Langsam sah er auf, seine Arme noch immer auf seinen Knien ruhend. Er hob seine rechte Hand, öffnete sie. Dort lag sie. So klein und filigran gearbeitet, funkelte sie auf seiner ausgestreckten Handfläche. Die goldene Halskette mit dem kleinen Kreuz daran. Alles, was ihm nun von ihr blieb, war dieses Schmuckstück, welches ihrer Schönheit und ihrem Anmut niemals auch nur annähernd gerecht werden könnte. Es erschien ihm, als wäre es gestern gewesen, als er sie ihr damals zurückgegeben hatte. Schon einmal hatte er sie verloren und jetzt war sie ihm erneut genommen worden. Nur dieses Mal...für immer. Er erinnerte sich genau an den Blick, den sie ihm schenkte, als er ihr die Kette, dieses Geschenk ihrer Mutter, damals zurückgab. Ein Blick so voller Güte, Dankbarkeit und noch so viel mehr. Seither konnte er sich nicht erinnern, sie jemals ohne ihren geliebten Schmuck angetroffen zu haben, nicht einmal nachts, wenn er sie mal wieder aus dem Bett geklingelt hatte, wollte sie sich von ihm trennen.

„Warum nur? Du fehlst mir so unendlich. Die Leere, die du in mir hinterlässt, kann...wird niemals vergehen. Ich liebe dich so sehr und werde es immer tun. Und auch wenn ich weiß, dass du es wusstest, so hätte ich es dir so gerne in die Augen geschaut, es dir gesagt... ein einziges Mal nur.“

Behutsam nahm er das grazile, goldene Kettchen, öffnete mit zitternden Fingern den winzigen Verschluss. Als er sie um legte und hinter seinem Genick verschloss, hielt er unwillkürlich den Atem an.

Das edle Metall lag kühl auf seiner Haut, aber nicht so kalt wie die niederschmetternde Erkenntnis, dass es seine Schuld war. Ihre Entführung damals, ebenso wie ihr Krebs. Und nun ihr...Tod.

Ihn wollten sie mit all dem treffen, nur ihm wollten sie schaden, doch er ließ sich nicht beirren, in seinem ach so gerechten Kampf. Verdammt, warum taten sie ihr das an? Das hatte sie nicht verdient! Warum nahmen sie nicht ihn? Diese Monster! Wut und Zorn überwältigten ihn. Aber...war er denn so viel besser als sie? Es war sein privater Kreuzzug, der dies alles hier überhaupt in Gang gebracht hatte. Er hatte bereitwillig zugesehen, wie sie mit ihm in die Schusslinie geraten war. Er war es, der zugelassen hatte, dass sie sich für ihn, und nur für ihn in Gefahr gebracht hatte, und das öfter als er zählen konnte. Ja die, gegen die sie kämpften, waren Monster, sicher. Aber er war auch eines, wenn nicht sogar das schlimmste von allen. Er hatte sie auf dem Gewissen. Die Frau, die ihm das wertvollste war, ist, und für immer sein wird, auf der Welt.

„Was habe ich getan? Ich habe dich getötet...verzeih mir...“

Er sackte in sich zusammen, auf die Seite, und sein dunkelblauer Anzug bot einen starken Kontrast zu dem weißen Bett, in dem er lag. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Laken. Es roch noch immer nach ihr. Es war erst einige Stunden her, aber schon jetzt kam es ihm vor, als wären Jahre vergangen.

Könnte er ihren Tod durch seinen eigenen ungeschehen machen, er würde nicht einen Wimpernschlag lang zögern.

Eine wellenartige Bewegung, einem Stein gleich, der ins Wasser plumpst, erfasste das Zimmer und plötzlich stand er da. Direkt vor dem Bett. Nigma. Sein schwarzer Anzug war zerschlissen, seine Glieder spindeldürr und mit hervorstehenden Adern unter der bleichen Haut. Die Augen des Doktors waren auf den trauernden Mann, welcher in dem Bett vor sich lag, gerichtet. Die Gier nach Befriedigung spiegelte sich in seinem finsteren Blick wider. Genüsslich leckte er sich die gelben Zähne. Die lederartigen Ringe um seine Augen, welche so schwarz wie die Hölle selbst waren, zuckten leicht vor Vergnügen. Fasziniert, und mit der begeisterten Aufmerksamkeit eines Sammlers, der im Begriff ist, ein neues und kostbares Stück seiner Sammlung hinzuzufügen, starrte er auf den vor sich liegenden Mann. Dies war es, was er brauchte, wovon er sich nährte. Dann, den lang ersehnten Moment des höchsten Genusses lange genug herausgezögert, erlaubte er es sich schließlich. Gierig machte er einen Schritt vorwärts, bis er unmittelbar an dem Bettgestell stand. Er streckte seine Klauen aus, griff nach Mulders Fuß, umklammerte ihn mit seinen langen, dürren Krallen. Erschrocken hob der Agent seinen Kopf, starrte ihn entsetzt und ungläubig an. Verzweiflung und Angst standen in sein Gesicht geschrieben und das Monster vor ihm schnurrte fast vor Vergnügen, schien dies sichtlich zu genießen Ein abstoßender, moschusartiger Geruch, penetrant und stechend, lag mit einem Mal in der Luft, biss den in seiner Pein gänzlich überrumpelten Agenten förmlich in die Nase.

„Nun bist du mein!“, krächzte die bizarre Kreatur heiser und lachte voller Genugtuung. Mit einem Mal jedoch verzog sich sein Maul zu einer erschrockenen, ja geradezu enttäuschten Grimasse. Hektisch schaute er sich um, seine Augen weiteten sich, als alles um ihn herum, sein Opfer sowie auch er selbst, plötzlich anfing zu verblassen. „Nein,... es ist...ich bin noch nicht soweit“, krächzte er schrill...„Neeeeeeeiiiiiiiin!“

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„Mulder? Mulder, kommen Sie, wir sind hier fertig.“ Scullys Gesicht war von einiger Sorge geprägt, denn ihr Partner hatte während seiner Trance leise gesprochen und alle waren bereits dabei zu gehen, doch er wollte noch immer nicht erwachen. Nur ganz langsam kam er zu sich, begann zu blinzeln. Seine Glieder waren schwer und er fühlte sich irgendwie...abwesend und leer. Als er endlich begriff wo er war, begann er sich aufzurappeln und sie half ihm dabei. Er streckte sich, griff sich ins Genick und schaute sich um. „Scully, ich...muss weggetreten sein, ich kann mich an nichts erinnern, ist irgendwas passiert?“

Die Agentin zuckte resignierend mit den Achseln. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, Mulder. Ich habe Sie gar nicht wach bekommen und dachte schon, sie wären wieder eingeschlafen! Aber...nein, ich habe nichts Verdächtiges feststellen können, alles verlief ruhig.“ Sie bückte sich und griff nach Mulders und ihrem Kopfkissen, reichte ihm seines. „Sind Sie sicher, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist?“, hakte sie nach und schaute ihn prüfend an. „Sie sehen irgendwie blass aus“.

Er seufzte nur laut, er fühlte sich matt und ausgelaugt. „Nein, es ist alles in Ordnung“, versicherte er ihr. „Ich bin nur todmüde und freue mich auf ne Runde Schlaf, das ist alles“.

„Dann lassen Sie uns gehen, Mulder. Hier richten wir sowieso nichts mehr aus, fürchte ich. Am besten lassen wir uns gleich morgen früh eine Liste aller Kursteilnehmer geben, die hier ursprünglich angemeldet waren. Auf diese Weise können wir noch diejenigen überprüfen, die heute gefehlt haben...was anderes fällt mir auch nicht mehr ein.“

Ihr Freund und Partner schien noch immer nicht ganz da zu sein, er nickte lediglich knapp und dann steuerten beide geradewegs auf die schwere Holztür, den Ein - und Ausgang der kleinen Turnhalle, zu, wobei sie von einem, zu schmalen Schlitzen verengten Paar dunkler, abgrundtief scheinender Augen angefunkelt, ja förmlich durchbohrt wurden. Noch lange nachdem die beiden Agenten gegangen waren, starrte der Doktor, ganz unscheinbar im Schneidersitz hockend, auf die Türe. Das gedämpfte Licht und die Stille verliehen dem Raum etwas Unheimliches. Er erhob sich schließlich, strich sich den faltenlosen Kragen seines schwarzen Jacketts gerade und rückte die graue Krawatte zurecht. Anschließend fuhr er sich prüfend über das kurz geschorene Haar. Er ballte die Fäuste. Wie er diese Erscheinung hasste, diese lächerliche Tarnung seiner selbst, seines wahren, großartigen, erhabenen Ichs. Die Halle war leer, außer ihm waren alle gegangen.

Er blinzelte und plötzlich begann die Deckenbeleuchtung zu flackern. Die Lichter gingen an, nur um gleich darauf wieder zu erlischen. Noch einmal blinzelte der Mann und mit einem Mal stoben Funken aus den großen, länglichen Lampen an der Decke und eine nach der anderen explodierte mit einem lauten Knall und ließ noch mehr Funken zu Boden regnen. Immer wieder, so lange bis auch der letzte der Strahler zerstört war und der ganze Raum in völliger Dunkelheit lag. Einige der Matten auf dem Fußboden hatten durch den Funkenregen angefangen zu schmoren und es stank nach verbranntem Gummi.

Seine abstehenden Ohren waren rot durchblutet und an seinen Schläfen standen einige Äderchen hervor. Sein Mund verzog sich zu einem dünnen, listigen Lächeln, welches dem einer Hyäne nicht unähnlich war. Dafür würde sie ihm büßen müssen, die hübsche Agentin, oh ja...und wie sie büßen würde...!

 

Sein uralter, messerscharfer Instinkt arbeitete präzise wie ein Schweizer Uhrwerk und ebenso schnell. Seine Nase war so fein wie die eines alten Wolfes. Hatte er erst einmal Blut gewittert, würde er nicht mehr von seiner Beute ablassen bis er das hatte, was er wollte. Ihren Tod. Er war gefährlich, vorsichtig und er war geduldig. Das musste er sein, denn sonst hätte er nicht 350 Jahre lang überlebt. Die Menschheit hatte sich mit den Jahrhunderten verändert. Heutzutage stanken sie nicht mehr nach Schweiß und Krankheiten, sie wuschen sich regelmäßig und dufteten, die einen mehr die anderen weniger, dezent nach irgendwelchen Blütenextrakten; die meisten jedenfalls. Es gab den technischen Fortschritt und sie konnten zum Mond fliegen. Und doch war sein Jungbrunnen stets allgegenwärtig, wenn sich auch die Ursachen dafür in der heutigen Zeit sehr von den früheren unterschieden. Früher geißelte die Menschheit die Angst vor der Cholera, der Pest oder dem Hunger, heute waren es andere Krankheiten wie Hochmut, Eitelkeit, Neid und Gier, die an ihrer Seele fraßen. Sie verrückt machten. Und natürlich die Machtlosigkeit gegen ein allgegenwärtiges Geschwür, einer Krankheit, die immer noch an ihr nagte wie an einem alten Knochen, an ihr klebte, wie alter klebriger Leim und die so alt war wie er selbst. Sein treuer, stetiger Gefährte auf seinem langen Weg, bis heute. Der Krebs!

Immer noch waren die hochentwickelten Möglichkeiten der Medizin nicht in der Lage, diese Krankheit ganz auszurotten. Sie waren wie Geschwister, die einander die Hand reichten. Die stille todbringende Macht, die Leben nahm und die ihm auf eine andere Art gleichzeitig das Überleben schenkte, indem sie die Angst davor schürte, betroffen zu sein. Das grausame Elixier, von dem er seinen Hunger stillte, von dem er immer weiter überlebte: Panik, Angst und Schrecken. Sie alle gehören zu den intensivsten Emotionen und von all diesen nährte er sich. Sexuelle Gelüste und Fantasien zählten ebenfalls zu seinen Spezialitäten, wenngleich sie ihm üblicherweise eher dazu dienten seine Opfer abzulenken und einzulullen. So wie er es bei ihrem Partner versucht hatte, was wirklich nicht sonderlich schwer gewesen war, bei diesem liebeskranken Trottel.

Ja, das war alles, was für ihn zählte, was ihn antrieb, wovon er lebte, existierte. Doch das Heroin, das stärkste Element seiner Droge, war Todesangst. Und wenn er sich auf eines verlassen konnte, dann auf seinen Instinkt, seine Nase. Und die dirigierte ihn jetzt direkt in die Richtung der kleinen, rothaarigen FBI Agentin.

Er konnte sie wie ein sehr gutes, teures Parfum riechen. Der für seine Nase unglaublich anmachende, geile, Geruch von unterdrückten Sorgen und Ängsten, die von der hübschen rothaarigen Frau ausgingen. Nach außen hin machte sie zwar einen sehr selbstbewussten, couragierten Eindruck, doch seine feine Nase verriet ihm mehr, ihre nackte Angst. Die Furcht, welche so stark unter ihrer Oberfläche brodelte, dass sie ihn beinahe in ekstatische Lust versetzte. Er spürte die gefräßige Gier in sich aufsteigen, das brodelnde Verlangen, sie gleich hier und jetzt zu töten. Er war ihrer Spur gefolgt, hatte vorsichtig Abstand gehalten, wollte sie alleine antreffen. Sie hatten noch eine Rechnung offen, sie hatte ihm den Kick, ihren Partner zu töten, vermasselt und dafür würde sie bezahlen. Bald...und zwar mit ihrem Leben.

Die Tatsache, dass sie ihm und seinem immer währenden Hunger weit mehr Befriedung schenken konnte als ihr Partner, brachten seine Augen kurz gierig zum Leuchten und zauberten ein hämisches, gefährliches Lächeln in sein fratzenhaftes Gesicht, das er unter der schwarzen Kapuze seines weiten, schwarzen Mantels versteckte. Er war auf der Jagd und nur Gott selbst konnte ihn von seinem Vorhaben, die Agentin zu töten, abhalten.

Seine Chancen standen also nicht schlecht, da dieser sogenannte Gott nicht allzu oft auf Erden weilte, dass er seine Jagd erfolgreich beenden würde können. Früher oder später würde er sie alleine erwischen, in ihre Gedanken eindringen, sie aussaugen, sich an ihr laben wie ein Ertrinkender, der nach Wasser schreit. Es war nur eine Frage der Zeit und wie gesagt, die Geduld war eine seiner Stärken...und auch die Zeit war auf seiner Seite…

 

Sie hatte etwas gespürt, als er sie von weitem kurz mit seinen zu Schlitzen verengten Augen angestarrt hatte, so als ob er ihr tief in die Seele blicken würde. Sie wusste nicht, was es war, das diese alten schmerzlichen Erinnerungen in ihr aufflammen ließen wie ein lange ersticktes Feuer. Und doch existierte es unter der Oberfläche weiter, war von ihr bis heute nur fast erfolgreich verdrängt worden. Einmal abgesehen von den schrecklichen Albträumen, die sie von Zeit zu Zeit aufsuchten. Heute war sie wieder gesund, liebte ihre Arbeit, und stand mit beiden Beinen voll im Leben. Sie hatte gelernt damit umzugehen, mit ihrer Angst. Zumindest hatte sie das geglaubt, bis heute.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sich gestern nur mit einem Glas Wein im Magen ins Bett zu legen. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn sie noch etwas dazu gegessen hätte, bevor sie sich zu Bett begab. Doch ihr Kühlschrank war so gut wie leer und fast food oder Fertiggerichte waren noch nie ihr Ding gewesen. Sie hätte beim Italiener an der Ecke vorbeigehen sollen, das hätte ihr den Kopf frei gemacht und sie hätte an alte und neue Gesichter denken können, an die belanglosen Gespräche, kleine Flirts und das freimütige Lachen. Sie wäre vielleicht traumlos eingeschlafen. Doch als der Traum wenig später begonnen hatte, war es zu spät für solche Überlegungen gewesen.

 

 

Dienstag, 20. Juni, 5.36 Uhr morgens

 

Sie erwachte von ihrem eigenen Schluchzen. Mit einem Ruck setzte sich Dana Scully im Bett auf und presste ihre Handflächen gegen die Augen, um den Traum zu verscheuchen. Wenn er so stark war wie in dieser Nacht, dann klag er für gewöhnlich lange nach. Sie atmete flach und spürte kalten Schweiß auf ihrem Rücken, während sie angestrengt versuchte, sich zu vergegenwärtigen, wo und wer sie jetzt war.

Sie war nicht mehr an dem weißen sterilen Ort, an dem sie Tests an ihr durchgeführt hatten und sie war nicht mehr krank. Dana ballte ihre Hände, als könne sie mit ihren Fäusten die finstere Nacht zerschlagen. Als könne sie die Angst zerreißen, die sie wie Schleier umfing. Sie hatte den Krebs besiegt, auf welche Weise auch immer.

Das lag schon ein Leben lang zurück...oder wenigstens einige Monate.

Sie stand auf, tastete nach dem Lichtschalter und ihrem Morgenmantel. Nach einem solchen Traum konnte sie die Dunkelheit nicht ertragen. Im Badezimmer kühlte sich ihr Gesicht mit kaltem Wasser, wissend, dass das Zittern noch einige Zeit anhalten würde. Wenigstens blieb sie dieses Mal vor der Übelkeit verschont, die meist mit ihren Alpträumen einherging. Sie hatte in den letzten vier Jahren blutrünstige Monster zur Strecke gebracht und mit ihrem Partner Serienkiller überführt. War schon durch dunkle, stinkende, unheimliche Abwasserkanäle gekrochen. Doch nichts jagte ihr mehr Angst ein als diese Erinnerungen, die ihr ihre Träume zurück brachten.

Solange ihre Hände noch zitterten, stützte sie sich am Kopf, um sich im Spiegel zu betrachten. Sie war immer noch leichenblass, aber die Angst war aus ihren Augen verschwunden. Das war immer das erste, was sie kontrollierte. Sie drehte sich um und lehnte sich zurück an den Rand des Waschbeckens. Das Beben ihres schweißnassen Körpers flaute endgültig ab. Nur noch ein paar Minuten, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie beschloss, dass sie heute den eher langweiligen Schreibtischkram erledigen würde und nichts weiter. Berichte tippen und versuchen, ein bisschen Ruhe einkehren zu lassen, Routine eben.

 

 

Mulders Apartment, 18.26 Uhr.

 

Mulder ließ den heutigen Tag Revue passieren und machte sich so seine Gedanken, als er zähneputzend vor seinem Badezimmerspiegel stand und Grimassen schnitt. Er trug Jeans und ein graues Sweatshirt.

„Auch ein vielbeschäftigter Mann muss einmal Pause machen“, sagte sich Mulder so gegen Siebzehn Uhr und dachte dabei an einen gemütlichen Fernsehabend mit ein paar Videos, die alle nicht ihm gehörten. Er hatte heute stundenlang an seinem Schreibtisch gesessen, Berichte geschrieben, alte Akten studiert und seinen Papierkram auf Vordermann gebracht. Berichte zu schreiben war eine Sache, aber dabei auch noch vergnügt auszusehen eine ganz andere. Für ihn war das so etwas wie „Die Sauergurkenzeit“. Etwas völlig nutzloses, es langweilte ihn einfach. Frust stand in seinem Gesicht, die Liste mit den Namen der Leute, die an dem Kurs für autogenes Training teilgenommen hatten, war einfach nicht aufzutreiben gewesen, es war wie verhext. Und das beim F.BI., wo jeder unbedeutende Furz entweder in einem eigens dafür angelegten Ordner abgeheftet oder in speziellen Datenverarbeitungsprogrammen abgespeichert wurde. Irgendetwas war da faul, aber das zu überprüfen lag - wie immer eigentlich - außerhalb seiner Zuständigkeit. Kurz gesagt, er hatte einen ziemlichen Hals.

Scully schien es ähnlich zu gehen. Sie redeten nicht viel miteinander und jeder hing so seinen eigenen Gedanken nach.

Jetzt stand er am Aktenschrank und sortierte alte X - Akten ein. Dabei musterte er vorsichtig seine heute sehr stille Partnerin.

Irgendetwas beunruhigte ihn, sie war heute irgendwie abwesend. Auch seine typischen Mulder - Witze hatten sie heute nicht wie sonst zum lachen gebracht. Vielmehr wirkte sie völlig verschlossen, beinahe verängstigt, verletzlich und das machte ihm Angst. Sie saß jetzt ihm gegenüber an seinem Schreibtisch und erledigte, genau wie er, Routinearbeit. Sie war heute früher im Büro gewesen als er, und hatte sich sofort in einem Haufen Papierkram vergraben, als wenn der Teufel hinter ihr her gewesen wäre. Sie murmelte etwas davon, dass sie schlecht geschlafen hätte, in der letzten Nacht. Ansonsten ginge es ihr gut. Ihr Standardspruch war das...“Es geht mir gut, Mulder“. Wie oft hatte er diesen Satz von ihr schon gehört.

Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann es begonnen hatte. Manchmal glaubte er sogar, dass er schon mit dem Wunsch, sie zu beschützen geboren worden war. Aber die Mauern, die sie um sich herum aufgebaut hatte, machten es ihm schwer, ihr näher zu kommen. Die Stille und das Einverständnis, die seit Beginn ihrer Zusammenarbeit zwischen ihnen geherrscht hatten, fühlten sich jetzt manchmal wie Einsamkeit an. Um ehrlich zu sein, er verzehrte sich nach ihr, träumte von ihr, respektierte aber ihre Gründe - auch wenn er diese nicht verstand - nur Freunde zu sein. Als er sie jetzt so von der Seite her ansah, wusste er wieder einmal genau, warum er sich in sie verliebt hatte. Nicht nur wegen ihres gefährlich guten Aussehens, sondern auch, weil in ihren strahlend blauen Augen oft so viel Kraft und gleichzeitig so viel Schmerz lag. Selten war es ihm wichtig respektiert zu werden, aber ihren Respekt brauchte er wie die Luft zum atmen. Die hatten sie zusammen gebracht und ihm nicht wie geplant eine gehorsame Berichterstatterin, sondern stattdessen eine verlässliche Freundin und Partnerin zur Seite gestellt, und ihm damit unfreiwillig einen Rettungsring zugeworfen, als er schon glaubte ertrinken zu müssen, damals. Ohne ihre professionelle Arbeit und ihren kühlen Verstand wäre er schon oft untergegangen, in vielerlei Hinsicht.

War es schlichtes Glück? Wie in der Lotterie? Dana Scully war für Mulder jedenfalls so etwas wie ein Hauptgewinn. Sie war das Zentrum seines Lebens geworden, die Sonne in seinem Sonnensystem.

Ist so etwas tatsächlich vom Glück abhängig, vom Schicksal? Oder kommt es letztendlich darauf an, was wir selbst aus unserem Leben machen? Dass jede Wahl, jede Entscheidung, die wir treffen, zu einer weiteren führt? Und in wie weit werden wir diesbezüglich schon bei unserer Geburt geprägt?

Sie waren kein Liebespaar, noch nicht, und doch ging ihre Partnerschaft weit darüber hinaus, nur Freunde zu sein. Sein Blick war immer noch unverwandt auf seine hübsche Partnerin gerichtet. Sie war wie er völlig in Gedanken versunken und als er hinter sie trat und seine Hand sachte auf ihre linke Schulter legte, schaute sie ihn kurz an, einem verschreckten Kaninchen gleich. „Mulder, was...?“ Er unterbrach sie mitten im Satz. „Was ist los, Scully? Den ganzen Tag irren Sie schon umher, als wären Sie dem Teufel persönlich begegnet. Habe ich Sie mit irgendetwas verärgert?“ Seine Augen hielten fragend ihre fest und sie spürte den Ruck, den Hitzestoß, der ihr ins Gesicht schoss. Er wusste nicht im Entferntesten, wie nahe er der Wahrheit mit seinem Spruch gerade eben kam. Ihre Augen flackerten kurz auf, doch sogleich hatte sie sich wieder voll im Griff. Sie war schon immer erstaunlich gut darin gewesen, ihre Gefühle zu kontrollieren. Oder zumindest so zu tun, vor anderen. „Ist mit Ihnen auch wirklich alles in Ordnung?“, unterstrich er seine erste Frage. Der Druck auf ihrer Schulter wurde stärker. Sie ignorierte den Stromstoß, der durch ihren Körper zuckte und unterdrückte das drängende Gefühl, sich kurz gegen ihn zu lehnen. Mit einer, in Anbetracht ihrer aufgewühlten Gedanken bemerkenswert ruhigen Handbewegung legte sie stattdessen ihre Hand auf seine, die noch immer auf ihrer Schulter ruhte. Eine sehr vertraute Geste. Sie genoss das kurze Gefühl ihn zu berühren, schaute ihn aber nicht direkt an. Mulder jedoch erkannte den verschleierten Glanz in ihren Augen, beließ es aber dabei.

Sie seufzte leise. Wie einfach wäre es jetzt, sich ihm zu öffnen, mit ihm zu reden. Doch wie immer beherrschte sie sich. Gestern Nacht hatte sie in ihrer Vergangenheit herumgestochert und sämtliche Wunden und all die Verbitterung wieder aus ihrem Innersten hervorgezerrt. Sie wusste, wie sehr auch er damals mit ihr zusammen gelitten hatte und hielt sich besser zurück, wollte ihn nicht weiter beunruhigen. Es war einfacher für sie, jetzt verschlossen zu sein, anstatt ihr Herz und ihre Gedanken mit ihm zu teilen, ihm eine Chance zu geben, sie zu verstehen, ihr zu helfen, wie dumm und kurzsichtig es im Moment auch immer zu sein schien. Sie verbot sich jeden weiteren Gedanken, jedes weitere Gefühl. Das würde alles nur noch komplizierter machen. Gewaltsam verschloss sie das eine Stück ihres Herzens, das bereit dazu war, ihm einen Schritt entgegenzugehen, ihn hereinzulassen. Das Beste war es, alles wieder zu vergraben und weiterzuleben wie bisher. Eine tiefe Freundschaft ohne weitere Ansprüche. Gleichzeitig wusste sie, aber auch, dass es ein Fehler war.

„Ich habe letzte Nacht einfach nur nicht gut geschlafen. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung, Mulder.“ Damit zog sie ihre Hand zurück, senkte wieder ihren Blick.

Er wusste, dass es nicht so war, ließ sie jedoch los und ging zurück. Sie jetzt weiter zu bedrängen, hätte keinen Sinn. Anscheinend wollte sie jetzt einfach nicht darüber reden. Sie würde ihm schon sagen, was sie bedrückte, wenn sie glaubte, dass es an der Zeit dafür war. Als sie dann kurz nach Fünf das Büro, mit der Begründung, noch etwas erledigen zu müssen, verließ, machte sie es ihm auch nicht leichter, ihren Worten Glauben zu schenken. Und so kam es, dass er jetzt, mit einem Pfefferminzbonbon im Mund, auf seiner alten, schwarzen Ledercouch lag und versuchte, sich auf die hübsche, nur spärlich bekleidete Brünette auf dem Bildschirm ihm gegenüber zu konzentrieren.

 

 

18.35 Uhr, Georgetown

 

Er war ihr bereits dicht auf den Fersen, als sie ihm noch einmal entwischte, sich sozusagen eine Auszeit nahm, indem sie nicht direkt nach Hause fuhr, sondern einen kleinen Umweg machte, der ihn wieder auf Distanz brachte und ihr Zeit schenkte. Ihn zwang, jetzt noch einmal von ihr abzulassen. Hier war er schwach, konnte seine Fähigkeit, in ihr Bewusstsein einzudringen, nicht anwenden. Geweihter Boden war für ihn so abstoßend wie fauliger Fisch oder die Urangst seiner dunklen Seele, die einzige Macht der Welt, die ihn vernichten konnte. Glaube und wahre, gegenseitige, ehrliche Liebe.

Scully hatte etwas früher Feierabend gemacht, sie wollte noch etwas Persönliches erledigen.

Es regnete in strömen, als Dana die kleine, im 15. Jahrhundert, im gotischen Stil des Mittelalters erbaute Kirche betrat. Ein Gewitter prasselte gerade auf ganz Georgetown nieder. Starke Windböen zerrten am Laub und der Wind jagte wie ein drohendes Lachen über das Dach der Kirche. Doch die Agentin spürte sofort die angenehme Atmosphäre von Ruhe und Sicherheit. Sie bewunderte immer wieder den Baustil der Kirche. Er war geprägt von vertikalen Linien, die sich durch die ganze hohe Halle fortsetzen. Der mittelalterliche, piktureske Baustil mit seinen vielen kleinen, bunten Wandmalereien hatte sie schon immer begeistert.

Sie war allein, niemand sonst war im Inneren des Gotteshauses zu sehen. Mit einem tiefen Atemzug zog Scully die weihrauchgeschwängerte Luft ein und musste sich zwingen, nicht erleichtert aufzulachen. Sie war den ganzen Tag sehr angespannt und nervös gewesen. Doch hier fühlte sie sich sicher, jetzt konnten ihre Muskeln und Nerven sich wieder entspannen. In dem Moment als sie auf der harten Holzbank platz nahm und ihren Blick hinauf zu den kleinen bunten Glasfenstern abschweifte, versuchte sie alles andere zu vergessen. Vielleicht hatte sie ihr kleiner Umweg nach Hause darum ganz automatisch hierher geführt. Sie brauchte etwas Abstand.

Es war an der Zeit, sich selbst den Kopf zurechtzurücken. Sie durfte sich nicht von ihren Ängsten in die Ecke drängen lassen. Hierher zu kommen geschah aus einem reinen Impuls heraus, ungeplant, sie wollte einfach ein bisschen zur Ruhe kommen. Sie hatte ihrem Partner nichts davon erzählt, dass diese ganzen Erinnerungen wieder in ihr hoch kamen. Mulder hatte ihr in dieser schweren Zeit nach ihrer Entführung und ihrer Krankheit immer zur Seite gestanden, ihr geholfen, war für sie da gewesen. Doch es gab Konflikte in ihrem Leben, die sie alleine ausfechten musste und dazu gehörte die Bewältigung dieser erschreckenden Erinnerungen. Bei dem Gedanken zitterten ihre Finger erneut. Sie kniete sich nieder und faltete ihre Hände zum Gebet. Immer noch saß ihr der Schreck von heute Nacht in den Kochen. Sie sprach nie darüber, verdrängte es, es tat einfach zu weh. Aber jetzt, mit geschlossenen Augen und schmerzenden Knien, erlaubte sie es sich darüber nachzudenken. Hier fühlte sie sich sicher. Der Albtraum letzte Nacht hatte sie total aus der Fassung gebracht. Diese schwarze Finsternis war so alles durchdringend und hatte die ganze Verzweiflung, die Verwirrung und den Schmerz mit einem bitterem Geschmack wieder in ihr hochgebracht. Doch es gab keine Worte, kein Gebet, die diese Art von Schmerz hätten besänftigen können. Alles, was ihr hier jetzt half, war allein ihr Glaube und das Wissen, nicht alleine zu sein. Dass man, um überleben zu können, sich nicht ausschließlich auf sich selbst verlassen konnte. Es gab immer einen Weg. Und Mulder hatte ihn damals für sie gefunden und er würde auch heute wieder für sie einstehen.

Er würde niemals aufgeben. Das lehrte sie, dass Liebe und Vertrauen keine Grenzen kennen.

Sie hatte ihre Entführung und ihre Krankheit nie als Strafe für irgendetwas gesehen. Vielmehr als Labyrinth von Irrwegen und Sackgassen. Und obwohl sie Ärztin war, nahm sie lieber zu dieser irgendwie greifbaren Vorstellung Zuflucht und nicht zu den nackten, gefühllosen Terminologien in den Lehrbüchern über Krebserkrankungen. Ja, dieses Bild war immer noch besser als die Diagnosen und Prognosen, die ihr diverse Fachärzte damals unterbreitet hatten. Es war wie ein Tunnel gewesen, der sie damals immer tiefer und tiefer in sein Inneres eingesaugt hatte. Zuerst hatte sie, auch dank ihrer Mutter und Mulder, immer wieder die Kraft gefunden, sich aus diesem Sog zu befreien. Bis sie schließlich zu müde geworden war, ihr Körper ausgelaugt und schwach geworden war - oder das Dunkel dieses Tunnels ihr erträglicher erschienen war als das Licht an dessen Ende. Sie hatte beinahe schon aufgegeben. Sich ihrem Schicksal ergeben, wäre da nicht Mulder gewesen, der dieses kleine Implantat gefunden hatte, welches sie letztendlich heilte. Wie auch immer es dies angestellt hatte, sie lebte. Und sie war ihrem Partner mehr als dankbar dafür.

Mag sein, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilt, aber vergessen lässt sie einen nicht.

Scully fühlte sich besser, nachdem sie ihre Gefühle in Worte gekleidet, gebetet hatte. Sie redete sich ein, dass alles, was ihr passiert war, mit der Zeit an Bedeutung verlieren würde. Von nun an würde sie ihre Gedanken und Gefühle nur noch auf eine Sache konzentrieren, ihre Arbeit und Mulder.

Ein plötzlicher Kälteschauer jagte ihren Rücken hinauf. Ein plötzlicher Windzug ließ die Kerzen vor dem Altar mit dem Marienbild kurz aufflackern. Agent Dana Scully fröstelte, fühlte sich plötzlich beobachtet. Sie spürte praktisch die Blicke in ihrem Rücken, die sie förmlich durchbohrten. Sie verstärkte den Druck auf ihre immer noch gefalteten Hände, ließ die Finger verkrampft ineinander gleiten. Ihr Atem ging schnell und flach. Für einen Augenblick, nur für einen kurzen Augenblick, bekam ihr Gesichtsausdruck etwas Ängstliches und ungeheuer Verletzliches. Dann wurde ihr Blick wieder hart. Langsam griff ihre rechte Hand nach ihrer Waffe.

Mit einem Ruck drehte sie sich, schaute sich suchend um. Da war niemand. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Sie war allein. Langsam beruhigte sich ihr rasender Puls, legte sich die Spannung, die sich in Sekundenbruchteilen aufgebaut hatte. Was war bloß los mit ihr? Sie sah so langsam wirklich Gespenster. Ein Vogel flog aufgeregt von einer Empore zur anderen. „Okay“, dachte sie und atmete tief durch. Sicher hatte nur jemand vergessen, die schwere Holztür der Kirche zu schließen. War noch jemand in der Kirche gewesen, als sie hereingekommen war? Sie wusste es nicht.

Ihr Blick richtete sich wieder nach vorne und von einer Sekunde zur anderen entglitten ihr sämtliche Gesichtszüge, die schwere 9mm fiel ihr aus der Hand, landete mit einem lauten Knall auf den Holzdielen der Kirche. Der schockierte Blick aus ihren erstarrten Augen hing an dem Marienbild. Sie bekam keine Luft. Unfähig sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen, starrte sie auf das Gesicht in dem Bild vor ihr. Was sie hier anstrahlte, war nicht der gütige Blick Marias, sondern vielmehr das fratzenähnliche, düstere Grinsen des Teufels selbst. Dana war vollkommen bewegungslos, steif wie ein Eiszapfen und genauso kalt. In diesem Moment hätte sie keinen Tropfen Blut gegeben.

Leichtfüßig huschte eine dunkle Gestalt durch die schwere Holztür. Das laute Zuschlagen dieser löste ihre Starre, sie schloss kurz die Augen, bekam wieder Luft. Das Lächeln Marias auf dem prächtigen Bild ließ sie an ihrem eigenen Verstand zweifeln. Sie sah sich erschrocken um, bückte sich nach ihrer Waffe, steckte sie ins Halfter zurück und verließ mit schnellen Schritten, immer noch leichenblass, die Kirche.

Der Regen hatte nachgelassen, es nieselte nur noch leicht, und auch der Wind hatte sich gelegt. Es war dunkel geworden. Das Licht der Straßenlampen spiegelte sich in den kleinen Wasserpfützen. Hoch oben, am immer noch wolkenverhangenen Himmel war kein Stern zu sehen. Doch die hagere, schwarze Gestalt, welche im tristen Grau der alten Mauersteine praktisch verschwand, blickte weder nach oben noch nach unten. Ihr hungriger Blick war auf die davonlaufende Frau gerichtet, welche gerade eilig die Kirche verlassen hatte.

 

 

 

Abgehetzt wie ein gejagtes Reh und noch immer mit einem gewissen Unbehagen im Bauch, kam Agent Scully nach Hause. Es hatte jetzt endgültig aufgehört zu regnen, die schweren Wolken hatten sich verzogen und der schwache Schein des vollen Mondes erhellte mit einem fahlen Licht ihre Wohnung, als sie die Tür ins Schloss warf, sich mit dem Rücken gegen diese lehnte und erleichtert ausatmete. Das alles ging ihr doch ziemlich an die Nerven. Der Alptraum letzte Nacht, die Sache in der Kirche und dann dieser Fall; sie war ziemlich durcheinander und sie war hundemüde. Trotz des vielen Kaffees heute und ihren Entspannungsübungen war ihre innere Uhr irgendwie ziemlich durcheinander geraten. „Das ist ja fast wie eine Phobie“, sagte sie kopfschüttelnd zu sich selbst. „Und wie überwindet man diese?“ Jetzt führte sie schon Selbstgespräche! Und gab sich auch gleich die entsprechende Antwort. „Indem man sich ihr stellt!“

Im Hinterkopf wissend, dass dies so in etwa war, als wenn man einem Patienten mit Höhenangst wohl empfahl, von der Brooklyn Bridge zu springen. Oder so in der Art.

Aber sie musste auch zugeben, dass es ihr jetzt schon wieder viel besser ging. Sie hatte nicht vor, sich jetzt in ihren vier Wänden zu verkriechen, wie ein verschreckter Igel in seinem Bau. Sie hatte schließlich ihre Prinzipien und sie war noch nie feige gewesen. Zu Boden zu gehen, ohne zu kämpfen, war gegen ihre Natur. Fest entschlossen, dem Spuk ein Ende zu setzten, machte sie das Licht an. Der warme Schein ihrer kleinen Lampen durchflutete die Wohnung wie Honig und verbreitete eine ruhige, angenehme Atmosphäre. Sie würde nicht zulassen, dass diese Gedanken weiter ihren Verstand vergewaltigten. Dana schlenderte entschlossen in Richtung Schlafzimmer und fuhr im Vorbeigehen über das weiche Polster ihres Sofas. „Meine Möbel, meine Wohnung, mein Land“, murmelte sie leise. Was sie jetzt brauchte, war ein Glas Wein, ein bisschen Eiscreme und eine heißes Bad. „Zum Teufel mit diesen Wahnvorstellungen!“, beendetet sie energisch ihr Selbstgespräch.

Und der war schon ganz in ihrer Nähe.

 

Der Wolf in ihm konnte sie riechen. Und er konnte sie sehen, spürte ihre unterdrückte Angst. Sie war so süß wie der erste Biss in eine reife Pflaume. Der schwere Geruch, der von ihr ausging, verwirrte seine Sinne. Er bestand nur noch aus Gedanken an sie, genauso wie sein hungriger Körper gierig nur nach ihr verlangte. Seine Augen durchbohrten ihren nackten Körper. Es war ihm ein dringendes Bedürfnis, sich über die Lippen zu lecken. Dann hörte die Sprache seines Blutes. „Töte sie, es ist dein Recht, von Geburt an.“

Seine Niederlage bei ihrem Partner war wie ein Brandzeichen. Sie hatte an seiner Ehre gekratzt. Es brannte auf seiner schwarzen Seele wie eine klaffende Wunde, wie ein pochender Zahn. Diese kleine rothaarige Frau hatte seinen Stolz verletzt. Jetzt wollte er etwas zurückhaben. Es war wie ein heftiger Zorn, eine nicht gestillte Leidenschaft, die in ihm loderte. Die freudige Erregung, seinem Ziel jetzt so nahe zu sein, ließ seine feurigen Augen kurz auflodern. Doch er besänftigte noch einmal sein nagendes Verlangen.

Wenn Scully die blauen Augen geöffnete hätte, dann hätte sie die gierige Fratze gesehen, die sich im dichten Dampf an der Decke, schleierhaft immer wieder neu formte. Er liebte dieses Katz und Maus Spiel, das vorsichtige antasten, kurz zu schnuppern und sich dann noch einmal zurückzuziehen. Er genoss es, seine Beute noch ein wenig zu beobachten. Er würde sie quälen, wie die anderen auch, die ihm zum Opfer fielen wegen ihrer Angst, ihrer Zweifel, ihrer Verzweiflung und ihrer Schwäche. Das verlieh ihm ein ungeheures Gefühl der Macht, geilte ihn auf. Zuschlagen zu können, wann immer es ihm beliebte. Seine langen scharfen Krallen um ihren schönen Leib zu schlingen, gewaltsam in sie einzudringen, um sich an ihren Ängsten zu befriedigen.

Ihr Leben auszusaugen. Bald würde sie ihm gehören, doch im Moment ließ er sich noch Zeit. Begnügte sich damit, ihr zuzuschauen und sich vorzustellen, wie es sein würde die hübsche, rothaarige Agentin zu besitzen.

 

 

Mulders Apartment, etwa zur gleichen Zeit.

 

Im Halbschlaf vor sich hin murmelnd, wälzte der Agent sich auf seiner Couch. Auf dem Bildschirm, der einzigen Lichtquelle im Wohnzimmer, war nur Schnee zu sehen. Irgendwie hatten ihm die Highlights aus seiner Sammlung der Filme, die alle nicht ihm gehörten, nicht die übliche Genugtuung verschafft, die er normalerweise verspürte, wenn er sich dergleichen Filmchen anschaute. Nicht, dass er dies nötig hätte. Nein, aber er gehörte nun einmal zu jener Sorte Mensch, die sich so etwas nun einmal gern ansahen. Sofern ihm das Treiben auf den Bändern nicht allzu bunt wurde, jedenfalls. Schon immer hatte er die Menschen, die so etwas verabscheuten, belächelt, da er als studierter Psychologe ganz genau wusste, dass es nur extrem wenig Menschen gab, die sich so etwas nicht wenigstens ab und zu ganz gerne anschauten, und wenn dies auch nur zu dem Zweck geschah, sich „Appetit zu holen“, wie man so schön sagt. Aber weder Freude, noch Lust, ja noch nicht einmal Appetit hatte sich dieses Mal bei ihm einstellen wollen, was er sich beim besten Willen nicht erklären konnte, schließlich war dies die ideale Methode für ihn, sich daheim zu entspannen. Aber irgendwie war es nicht dasselbe wie sonst, schließlich war es nur Film...nichts weiter und er wusste nicht warum, aber dies reichte ihm plötzlich nicht mehr. Nicht, dass es jemals ein echter Ersatz gewesen wäre für das Gefühl, wenn Haut auf Haut trifft, aber es hatte nun einmal reichen müssen, in den letzten Jahren seines Lebens. Er hatte Dinge in seinem Leben als zu wichtig auserkoren, als dass er sich durch das Finden persönlichen Glücks ablenken lassen würde. Sicher, es hatte schon mehrere Frauen in seinem Leben gegeben, aber die hatten ihm nichts bedeutet, jedenfalls nicht wirklich. Er war eben jung und hungrig, wollte Erfahrungen sammeln, sich austoben und die Hörner abstoßen. Und sicher gab es auch in seiner Situation mehr als genug Möglichkeiten, sich diese eine Art des Glücks auf anderem Wege zu beschaffen, doch das war es nicht, was er wollte, worum es ihm dabei ging; Er war nun reifer, war erwachsen und Sex war für ihn mittlerweile nur noch ein Teil des Ganzen. Und es war nun etwas, das er für heilig hielt und das er nur noch mit jemandem teilen würde, der es auch wert war, von ihm geliebt zu werden und der dasselbe auch für ihn empfand. Und da gab es nur einen einzigen Menschen, nur eine Frau, der er sich hingeben würde, der er erlauben würde, ihn zu lieben. Aber wenn er sie, diese eine, nicht haben könnte...nein, da würde er lieber Vorlieb mit einem Film nehmen. Und da dies nicht den erwünschten Erfolg hatte und ihn das übliche TV - Programm, bestehend aus Talkshows, Gerichtsshows und irgendwelchen Schnulzenfilmen, bei denen man ein Schmalzauffangbecken unterm Fernseher hätte aufstellen müssen, bestand, hatte er sich schließlich dazu entschlossen, noch einmal die Akten des Falles, über den er und seine Partnerin sich zur Zeit den Kopf zerbrachen, durchzugehen. Mulder wäre schließlich nicht Mulder, wenn er sich nicht etwas Arbeit mit nach Hause brächte, wenn er schon früher als gewöhnlich Feierabend machte. Doch die Einzelheiten und Spuren, die sie in den letzten Wochen gesammelt hatten, ergaben noch immer keinen Sinn für ihn und irgendwann hatte ihn dann doch die Müdigkeit überrumpelt und er war, die dicken Mappen mit den an den Ecken etwas verknickten Pappdeckeln noch immer im Schoß habend, schließlich eingeschlafen.

Und wie er so dabei war hinabzusinken in tiefen Schlaf, da stieg ihm nach einer Weile ein seltsamer Geruch in die Nase. Ganz schwach, kaum vorhanden und nicht wirklich greifbar...mehr einer flüchtigen, verblassten Erinnerung gleich, als dem bewussten Wahrnehmen eines Geruchs. Er konnte ihn jedoch nicht einordnen, so sehr sein nun zur Ruhe gekommener Verstand sich auch bemühte. Dieser strenge Geruch, der da in seine Nase kroch wie ein unaufhaltsamer, nicht fassbarer Eindringling, war zum einen sehr befremdlich, aber zum anderen auch seltsam vertraut. Es war dieses dumme Gefühl, wenn man etwas ganz genau wusste, es einem aber einfach nicht einfallen wollte, man sich einfach nicht erinnern konnte… Irgendetwas in seinem Inneren schlug leise Alarm, ließ ihn nicht gänzlich zur Ruhe kommen, verwehrte ihm den erholsamen Schlaf, nach dem sich sein Körper so sehr sehnte. Den er brauchte, um seine Gedanken ordnen zu können. Und ohne dass er es verhindern konnte, ließ er unterbewusst die Ereignisse der letzten Wochen in seinem Kopf Revue passieren. Es musste doch irgendwo eine Verbindung geben...irgendetwas hatten sie übersehen...irgendwo lag der Schlüssel zu allem. Dieser abstoßende Gestank erinnerte ihn an Moschus. Etwas pheromonähnliches...als wenn Gier in der Luft läge....Lust....nur so extrem stark und beißend, dass es aufdringlich und einfach abstoßend war. Wo hatte er so etwas nur schon einmal erlebt? Er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.

 

 

Es war heiß hier drin. Die Luft war schwer und roch nach Mango. Heißer Dampf beschlug den Spiegel und die Armaturen. Scully versank bis zum Kinn in ihrem dichten, weißen Schaumbad. In der Luft lag warmes, zartes Geborgensein. Sie hatte die Augen geschlossen. Genoss das Gefühl zuhause, sicher zu sein. Das hier würde ihr helfen, ihre Angst zu überwinden und ihre Gelassenheit zurückzugewinnen. Seit einer halben Stunde lag sie nun schon in der Wanne. Das heiße Wasser umspielte ihre helle Haut und die wohlige Wärme schien sie zärtlich zu umarmen. Sie war völlig entspannt und gab dem Impuls, die Arme um sich selbst zu schlingen nach, streichelte sich langsam über ihre Arme. Mit der linken Hand griff sie nach dem Glas Rotwein, das sie auf den Rand der Wanne gestellt hatte und ließ den letzten großen Schluck der roten Flüssigkeit langsam durch ihre Kehle rinnen.

Es ging ihr gut. Und doch. Irgendwie hatte sie jetzt ein schlechtes Gewissen.

Warum hatte sie nicht mit Mulder geredet? Wovor hatte sie eigentlich Angst? Davor, dass er sie verstehen würde? Ihr vielleicht helfen konnte, mit ihrer Angst umzugehen? Er war schließlich derjenige von ihnen beiden, der an Übersinnliches glaubte. Gleich morgen früh würde sie mit ihm reden. Dann würde sie ihm sagen, welche Gedanken und Ängste sie zurzeit plagten. Das war sie ihm schuldig. Nach allem, was er für sie getan hatte, hatte er es nicht verdient, mit einer Ausrede abgespeist zu werden. Bei diesen Gedanken setzte sie sich abrupt auf. Durch die heftige Bewegung schwappte das Wasser beinahe über den Rand der Wanne. Sie griff das große, weiße Badetuch, das sie zurechtgelegt hatte, und stieg aus dem Wasser.

 

 

Mulders Apartment

 

Dieser ekelhafte Geruch war ihm mittlerweile unerträglich geworden und je länger er sich damit auseinander setzte, desto penetranter wurde dieser. Er war der Lösung ganz nah, aber der Schleier vor seiner Erinnerung wollte sich einfach nicht lichten...

Plötzlich hatte der schlafende Agent das Gesicht von Nigma vor seinem inneren Auge, wie dieser...vor seinem Bett stand? Er erinnerte sich an diese von Blut unterlaufenen Augen, an dessen lange Krallen und an sich selbst, wie er dort lag, in dem Bett, ...und wie er im letzten Moment diesem Ding entkommen war, dadurch, dass Scully ihn ...oh mein Gott....

Entsetzt fuhr er auf seiner Couch hoch, er war hellwach. „Oh Gott...Scully...sie hat ihn gehindert!“, platzte es aus ihm heraus. Seine Gedanken überschlugen sich, es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Seine Erinnerung kehrte schlagartig zurück, er hatte die Ereignisse während der letzten Sitzung genau vor Augen. Natürlich, so ergab alles einen Sinn. Er hatte das fehlende Puzzlestück, konnte sich an alles erinnern. Dadurch, dass sie ihn während seines Traumes wachgerüttelte, hatte sie ihn diesem Ding, was immer dieser Nigma auch war, entrissen, und ihm, Mulder, damit das Leben gerettet.......Sie hatte ihn...Mein Gott, Scully......dann war er jetzt hinter ihr her, würde auf Rache sinnen......Revanche dafür, dass sie ihm den Kick versaut hatte. Himmel, wenn es wirklich das war, was er wollte... Jetzt wurde ihm einiges klar. Dieser widerwärtige Geruch, die mysteriösen Tode.

Dieser Nigma suchte die Menschen in ihren Träumen heim, nährte sich von ihren Ängsten und Hoffnungen. Das war seine Macht, so schlug er zu!

Einem inneren Impuls folgend und getrieben von einer bösen Ahnung, einer Vermutung, von der er inständig hoffte sie wäre unbegründet, preschte der Agent vorwärts, griff nach seinem Handy auf dem Tisch und betätigte die Kurzwahltaste...

 

 

Sie trocknete sie sich gründlich ab und cremte sich von Kopf bis Fuß mit einer duftenden, kühlenden Feuchtigkeitslotion ein. Intensiv massierte sie das kühle, milchige Gel mit ihren Fingern in ihren Körper, strich sich zärtlich über die Haut, bis es gänzlich eingezogen war. Anschließend schlüpfte sie in ihren fliederfarbenen Pyjama und stieg in ihr Bett. Mit einem guten Gefühl im Bauch kuschelte sie sich unter ihre Decke, das warme Gefühl des Wassers und der wundervollen Lotion, welche ihr Mulder letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, noch immer auf der Haut. Sie seufzte zufrieden und löschte das Licht. Jedoch achtete sie nicht darauf, wie der nebelartige, nun leicht nach Moschus riechende Wasserdampf aus ihrem Bad ihr folgte. Ihr Handy, welches kurz darauf leise in ihrer Manteltasche in der Garderobe auf dem Flur vor sich hin schellte, hörte sie bereits nicht mehr. Die wabernden Nebelschwaden entwickelten ein Eigenleben, breiteten sich in der ganzen Wohnung aus, hüllten ihr Bett ein und wanderten zu dem Telefon im Wohnzimmer, wo spindeldürre Finger sich an dem Hörer zu schaffen machten, ihn anhoben und völlig geräuschlos neben die Gabel legten, noch ehe ein Klingeln ertönen konnte. Leise und eindringlich, fast unheilvoll und warnend drang das Freizeichen daraus hervor und ließ nichts gutes erahnen. Dieses Mal würde ihn nichts und niemand stören!

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Sie blinzelte, schlug die Augen auf. „Wo bin ich?“, brachte sie heiser hervor.

Das kleine Krankenzimmer des Hospitals war sparsam eingerichtet, die Türe war leicht angelehnt.

„Was zum...was geht hier vor?“ Direkt zu ihren Füßen steht ihre Reisetasche, die Agentin sitzt zusammen gesunken auf ihrem Bett, trägt ein weißes Krankenhaushemd, welches am Rücken und hinter ihrem Genick zusammengebunden ist. Langsam steht sie auf, geht barfuss zu dem Fenster links von ihrem Bett hinüber, schaut hinaus. Der Himmel über den Dächern Washingtons ist wolkenverhangen, grau in grau. Ungläubig staunend berührt sie mit der linken Hand die Scheibe. Das kühle Fensterglas sagt ihr, dass das hier Wirklichkeit ist. Dass das hier gerade tatsächlich passiert. Auf dem kleinen Tisch rechts neben der Zimmertür steht ein Strauß Blumen...irgendwie kommt er ihr seltsam bekannt vor. Wie in Trance geht sie hinüber, um sie näher zu betrachten, berührt einige der Blüten. Oh Gott...das sind die, die ihr Mulder mitbrachte an dem Tag, an dem sie... „Nein!“

„Ms. Scully?“ Die lang gewachsene Schwester mit den blonden kurzen Haaren steht in der Tür, ein Klemmbrett in Händen. „Sind Sie dann soweit?“, fragt sie mit monotoner Stimme.

Dana zuckt  zusammen, fährt herum. „ Nein“, denkt sie erneut. „Das kann...das darf nicht wahr sein“.

Ihre Gesichtszüge entgleiten ihr, ein Schauer nach dem anderen jagt ihr über den Rücken und ihr wird abwechselnd heiß und kalt. Ihr ist als wäre sie der Ohnmacht nahe, muss sich an dem Tisch, direkt vor sich abstützen, so dass die Blumenvase vor ihr ins wanken gerät. „Ms. Scully, ist Ihnen nicht gut?“ Die Stimme der Schwester dringt von irgendwo weit her kommend an sie heran. Alles dreht sich, oben wird zu unten. Der Schleier hebt sich, ihr wird schwarz vor Augen.

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„Was...wo bin ich?“

Das ohrenbetäubende, maschinengewehrähnliche Rattern des Kernspintomographen reißt sie aus ihrer Bewusstlosigkeit, lässt sie hochschrecken. Sie liegt nackt auf dem kalten Metall. Lichtblitze durchzucken die enge Röhre, in der sie flach auf dem Rücken liegt, lassen sie in rasend schnellem Wechsel mal im Licht und mal im Dunkel zurück. Nein, das darf nicht wahr sein, was geht hier nur vor sich? Und dann kehrt die Erinnerung zurück. Wie sie diesen Verdacht gehabt hat und sich hier her begeben hat, ins Krankenhaus. Und wie ihre schlimmsten Befürchtungen sich schließlich bei der vorerst letzten Untersuchung gestern Nachmittag bestätigt hatten. Die grausame Wahrheit. Krebs. Inoperabel. Sie hat Medizin studiert und weiß, was hier geschieht, ist sich im Klaren darüber, was diese Krankheit in ihr anrichtet, was sie ihr antut. Doch einerseits das fundierte Wissen zu besitzen, sich andererseits jedoch nicht selber helfen zu können, das war der Alptraum für jeden Arzt, für jede Ärztin. Dieser unsichtbare Feind, der sich unbemerkt deiner bemächtigt und der deinen eigenen Körper gegen dich richtet, ist noch immer die Geißel der modernen Medizin, trotz der enormen Fortschritte auf diesem Gebiet, welche die Wissenschaft auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gemacht hat.

Dieser Lärm, er dröhnt unerträglich in ihren Ohren. Sie will, nein sie muss hier raus. Sofort! Mit den Fäusten fängt sie an, gegen den kalten, weißen Kunststoff über sich zu trommeln, ihre Augen füllen sich mit Tränen, doch niemand scheint sich darum zu kümmern. Sie will nach jemandem rufen, doch kein Laut verlässt ihre Lippen und Angst macht sich breit, überwältigt sie und lähmt sie förmlich, ergreift Besitz von jeder Faser ihres nackten Körpers. Sie ist nackt. Gefangen und hilflos ausgeliefert.

Und sie hat Schmerzen, furchtbare Schmerzen. Sie fühlt sich wie ein Sack voller kranker Knochen.

 

Die Zeit beschleunigte sich, stieß sie weiter zurück in die Vergangenheit, wie ein Sturm, der in ihrem Inneren immer wieder einsetzte. Panik stieg in ihr auf, sie wollte nicht sterben. Nicht so! Sie fühlte den heißen Strom ihrer Tränen über ihr Gesicht fließen. Dann wurde alles wieder schwarz vor Scullys Augen.

Da war er wieder, der dunkle Tunnel. Atemlos und schwindlig spürte sie den stetig pochenden Schmerz in ihrem geschwächten Körper, der ihre Seele förmlich zu zerreißen drohte. Allumfassende Dunkelheit hüllte sie ein und Nebel stieg auf, wurde schnell dichter und stank erbärmlich.

Der Schmerz in ihrem Körper wurde unerträglich.

“Du bist allein“, murmelte die Finsternis. „Du erleidest Schmerzen. Beende die Schmerzen. Beende die Einsamkeit.“ Die dunkle Bedrohung war alles verschlingend. Dana konnte ihr nicht länger widerstehen, sie war allein mit ihrem furchtbaren Schmerz. Konnte keinen Sinn mehr finden in ihrem Leben. Diesem Leben geprägt von Einsamkeit...und Tod! Sie fühlte es, wie etwas langsam näher kroch, in der pechschwarzen Dunkelheit immer näher an sie herankam. Es war hungrig. Und ihr Tod und allen voran ihre Furcht, ihre Verzweiflung würde es sättigen. Dann hörte sie wieder diese Stimme, etwas war in ihrem Kopf. „Flieg und lass es hinter dir und alles wird vorbei sein. Warum kämpfst du gegen das unvermeidbare? Warum willst du mit diesem Schmerz weiterleben? Mit der Einsamkeit? Du kannst...du wirst nicht gewinnen!“ Sie fühlte die Kälte. Eiseskälte küsste ihre Wangen, ihre Lippen, als der schmutzige Nebel durch die Dunkelheit glitt. Eisige Finger umfassten ihre Fußgelenke, zogen und zerrten an ihr, rissen sie mit sich, immer weiter, immer tiefer in die Finsternis hinein. Sie taumelte, Wille kämpfte gegen Wille.

„Lass  dich fallen! Lass dich einfach fallen und alles wird vorbei sein, das verspreche ich dir.“

Die Finsternis schnappte nach ihr, zog mit aller Kraft. Einen kurzen Moment lang wurde sie schwach, zitterte vor Schmerz und dem unbändigen Verlangen, all dies endlich zu beenden. Unfähig die Schmerzen noch länger zu ertragen, wollte sie sich willig ihrem scheinbar unabwendbaren Schicksal ergeben.

Der Dämon spürte sein tödliches Verlangen nach ihr, sein Hunger war gewaltig, er verzehrte sich nach ihr.

Und er war fast am Ziel. Er war jetzt tief in ihr drin, in ihrem Bewusstsein, konnte sie schmecken, den Geruch von Angst und Schmerz. Den betörenden, verführerischen Geschmack von Special Agent Dana Scully.

 

Sie hielt ihre Augen geschlossen, wartete krampfhaft darauf, dass es endlich vorbei sein möge, gab sich ihm hin. Dann hörte sie seine Stimme. War das etwa...Mulder?! Er schrie nach ihr, schrie ihren Namen!

„Scully, verdammt noch Mal, wachen Sie auf. Kämpfen Sie dagegen an!“ Es war wie ein Hauch, lediglich ein leises Echo, das an ihr Ohr drang. „Tun Sie mir das nicht an. Sie sind stärker als das. Sie können nicht einfach so gehen“, drang es wieder an ihr Ohr. Sie fühlte den Schock, seine Stimme zu hören. Doch sehen konnte sie ihn nicht, wo war er nur? Sie brauchte ihn jetzt hier, an ihrer Seite. Sie schaute sich um, voller Hoffnung, ihn irgendwo zu erspähen, doch er war nirgendwo zu sehen. Tränen der Enttäuschung überfluteten sie. Dann wieder seine Stimme:„Das Schicksal treibt uns, Scully. Aber wir haben immer die Wahl, immer! Ich...ich brauche dich! Ich liebe dich! Kämpfe! Kämpfe, wie du es seit jeher getan hast, für dich...und auch für uns.“

War es das, was sie wollte, was sie glaubte? Im ersten Moment schienen seine Worte ohne jede Wirkung auf sie zu sein, doch nach einer - für ihn halben Ewigkeit - schließlich...Zitternd griff ihre Hand nach dem Kreuz an ihrem Hals, krallte sich daran fest. Aus Angst, zu sterben war eine schlechte Wahl. „Er liebt mich...hat er das wirklich gesagt?“

Noch immer wie betäubt vor Schmerz fing sie an zu beten, sich zu wehren, schlug verzweifelt um sich, auf den Nebel ein, der sie einhüllte. Wellen der Angst rissen sie von den Beinen, trieben sie in die Dunkelheit, zogen sie noch weiter in die gähnende Leere. Donner grollte in der Nacht. Sterne explodierten und verglühten und die darauffolgenden, von verzweifelter Liebe erfüllten Schreie Mulders von irgendwoher zerrissen ihr Herz. Es war noch nicht zu spät, die Finsternis zu besiegen.

 

Er saß an Scullys Bett und fühlte wie ihr Körper bebte, hörte sie nach Atem ringen. Sie wehrte sich, doch die unterschwellige Gegenwehr erhöhte nur noch den Reiz des Dämons, sie ganz zu besitzen. Tiefer noch drang er in ihr Bewusstsein ein, es war ein ruheloser Kampf von der unentwegten Lust nach Besitz und noch mehr Befriedigung. Auf einmal schrie sie auf, mobilisierte die letzte Kraft ihres Geistes und ihres Körpers. „Mulder........“, schrie sie.

 

Sie wehrte sich instinktiv gegen ihn, kämpfte weiter gegen ihn an, stellte sich ihm gegenüber.

Diese direkte, frontale Attacke kam überraschend, das hatte er nicht erwartet. Angewidert ließ er von ihr ab.

Was er hier schmeckte nahm ihm seine Macht, drehte ihm augenblicklich den Magen um. Schlug ihm wie eine Faust ins Gesicht. Freundschaft! Vertrauen! Liebe! Glaube! Der helle Strahl von grenzenloser Liebe blendete ihn. Er taumelte zurück. Der Wolf nahm menschliche Gestalt an. Seine verschiedenen Inkarnationen wechselten blitzschnell und verschmolzen schließlich miteinander. Die menschliche Erscheinung ging über in die Dämonenfratze und schließlich in Nebel. Er spie ihre Gedanken, ihr Bewusstsein zusammen mit seinem verfaulten Atem aus. Wandte sich angewidert von ihr ab und schüttelte sich vor lauter Abscheu.

Dana spürte, dass seine Kraft, seine Macht über sie nachließ und wie die Schmerzen langsam verschwanden.

Ihr Körper wurde wieder wärmer, sie schöpfte neue Kraft, konnte wieder klar denken. „Fahr zur Hölle, du Bastard, stirb in deiner eigenen Dunkelheit!“, hörte sie sich selbst schreien. Sie genoss es sichtlich, endlich wieder Herrin ihrer Sinne, ihres Körpers zu sein und sich endlich ihren, sie unentwegt peinigenden Dämonen zu stellen. Seine feurigen Augen funkelten sie ein letztes Mal wütend an und verloren sich dann in einem Schleier aus Rauch. Ein riesiger Feuerball erfasste die Dunkelheit. Gleißendes Licht badete erst alles um sie herum in goldenen, schillernden Farben, verschlang erst den hilflos schreienden Dämon ihr gegenüber und schließlich auch sie selbst. -

Dann war es still, kein Laut war zu hören.

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„Scully...Dana...? Dana, kannst du mich hören?“

Mulder lag direkt neben ihr in ihrem Bett und hielt ihren erschlafften Körper in seinen Armen. Schweiß stand glitzernd auf seiner Stirn. War es sein Schicksal sie zu verlieren, noch bevor er sie richtig gefunden hatte?

Sie liebten einander, das wusste er. Er hatte inzwischen gelernt, dass es im Leben Verluste gibt, die einen förmlich zerrissen, einem die Seele aus dem Leib zerrten. Und dass man dennoch, trotz alledem, immer weitermachte. Sich wieder aufraffte und sein zerfurchtes, inneres Selbst flickte. Doch nicht dieses Mal. Denn dieses Mal war all dies nur zusammen mit ihr möglich. Sie jetzt und hier auf diese Weise zu verlieren, das käme einer Enthauptung gleich.

Sie bewegte sich nicht. Er wog sie sanft, hielt sie immer noch in den Armen. Unfähig sie loszulassen, dem lauernden Schicksal in die Augen zu sehen. Minuten verstrichen, ...oder waren es doch Stunden? Tage?

Hatten sie den Kampf etwa wirklich verloren? Hatte dieses Ding sie etwa mit sich reißen können, fort von ihm? Die nackte Angst begann in ihm empor zu kriechen, die Furcht, nie wieder ihr strahlendes Lächeln sehen zu können, nie wieder ihre Wärme zu fühlen, oder ihren gütigen Blick auf sich zu spüren. „Komm zu mir zurück“, flüsterte er. Eine einsame Träne kullerte ihm die Wange hinunter und durchtränkte den fliederfarbenen Stoff ihres Schlafanzugkragens unter sich. Er schloss die Augen, senkte seinen Kopf und presste seine Wange an die ihre, wollte mit ihr verschmelzen, eins werden mit ihr und auf diese Weise für immer mit ihr verbunden sein. Er wollte ihr folgen, wohin immer ihr Weg sie nun auch führen mochte. Und ihr Weg führte sie schließlich...zurück zu ihm...? Er spürte einen leichten Druck ihrer Hand an seiner und Hoffnung begann in ihm aufzukeimen.

Er wollte die Augen öffnen, um sich zu vergewissern und er betete, dass dieses nicht ein Trick des Dämons war, um ihn in seiner Trauer zu verspotten. Wie in Zeitlupe öffnete er seine Lider und er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben etwas schöneres, etwas vollkommeneres gesehen zu haben, als in diesem einen Moment, der sich für immer in sein Gedächtnis brennen würde. Da lag sie, in seinen Armen. Das Haar ein wenig durcheinander und leicht gerötete Wangen, so lächelte sie ihn sanft an, ihre strahlend blauen Augen so tief wie sämtliche Ozeane der Welt. Wie bezaubernd sie aussah im Licht der Nachttischlampe, welches auf sie beide fiel. Sie griff nach dem Stoff seines grauen Sweatshirts, ihr linker Arm glitt hinter seinen Rücken und blieb dort, auf dem Stoff ihres Kopfkissens, welches er in der Eile vorhin zur Seite geschoben hatte, liegen. Ihr Mund war einen Spalt breit geöffnet. Sie schauten sich lange und tief in die Augen, ohne dass einer von beiden auch nur ein Wort sagte. Die langen und intensiven Blicke, die sie austauschten, verrieten mehr als tausend Worte es jemals hätten tun können. Zum ersten Mal seit sie sich kannten, öffneten sie sich einander gänzlich und gewährten dem jeweils anderen Einblick in ihr intimstes Inneres und offenbarten Gefühle, die sie viel zu lange unterdrückt und verneint hatten. Langsam, fast zaghaft senkte er seinen Kopf und sie hob ihr Kinn, streckte sich ihm ihrerseits entgegen. Jedwedes Bedenken, alle Zweifel, die Angst vor Zurückweisung oder die, die Grenze ihrer tiefen, so kostbaren Freundschaft endgültig zu überschreiten...all das war wie weg gewischt, als sich ihre vor Erwartung leicht geöffneten Münder Zentimeterweise, einem heiligen Ritual gleich näher kamen, nur um schließlich, letztlich und endlich in einer kribbelnden Explosion aufeinander zu treffen. Seine Lippen streiften die ihren, zupften leicht daran. Ihre Zungenspitze begann ihn sanft zu streicheln, zu erforschen, zu schmecken und sie ließen sich fallen, verloren sich in diesem ersten, unsterblichen Kuss, als ihre Münder miteinander verschmolzen in diesem Spiel, dass so leidenschaftlich und schön und so alt war wie die Menschheit, ja wie die Liebe selbst.

Als sie sich irgendwann voneinander lösten und sich anschauten, da wussten sie, dass ihre gegenseitige Liebe so stark war, so tief und ehrlich, so elementar, dass sie jeder noch kommenden Herausforderung gemeinsam trotzen würden.

 

 

 

E N D