Red
rain
Rating: NC-17
Kategorie: MSR, Angst, POV Mulder, POV Scully,
Kontakt: piccolinus@online.de
Disclaimer: Keine der hier der hier verwendeten Figuren gehören uns.
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While
we both came apart at the seams
She
said your place or mine
While
weve still got the time
so
I played along with her schemes
But
I dont have the right to be with you tonight
so
please leave me alone with no saviour
I
will sleep safe and sound with nobody around me
When
faced with my demons
I
clothe them and feed them
And
I smile, yes I smile
As
theyre taking me over
And
if I cannot sleep
For
the secrets I keep
Its
the price Im willing to meet
Oh,
the end of the night
Never
comes too quickly for me
And
I smile, as theyre taking me over
And
I smile, I smile
The
end of the night
Never
comes too quickly for me
Never
comes too quickly for me.
(strange glue by Catatonia)
Washington, D.C. Mulders Apartment,
(Uhrzeit fehlt noch!)
Fox William
Mulder sitzt allein auf einem Haufen schmutziger Wäsche in
seinem, wie immer chaotisch aussehenden Wohnzimmer. Überall auf
dem Boden liegen Pizzaschachteln verteilt und es scheint, als
würden einige von ihnen bereits ein Eigenleben entwickeln. So
riecht es zumindest.
Er trägt
nichts außer einem Paar Boxershorts. Er ist unrasiert. In
regelmäßigen Abständen führt er eine Flasche Kentucky Bourbon
an seinen Mund, nimmt einen kräftigen Schluck daraus, während
er ausdruckslos ins Leere starrt. Das goldfarbene Getränk brennt
in seiner Kehle und auf seinen spröden Lippen. Jede Faser seines
erschöpften Körpers lechzt danach, sich der betäubenden Kraft
des hochprozentigen Alkohols zu ergeben, sich von seinen falschen
Versprechen verführen zu lassen. Von der Hoffnung, all dem hier
zu entfliehen, von der Hoffnung...zu vergessen.
Immer
wieder läuft alles vor mir ab wie ein Film. Es nagt an mir,
frisst mich von innen heraus auf.
Nachts wenn
ich schlafe ebenso deutlich und unerwartet wie am Tag.
Flashbackartige Visionen, die mich immer wieder aufs Neue
heimsuchen und überwältigen. Jedes Mal, wieder und wieder wird
der Dolch der Erinnerung unbarmherzig in mein Herz gestoßen,
quält mich mit seiner unbestechlichen Klarheit...wenn er mich
doch nur endlich erlösen würde. Aber er tut es nicht. Es ist
als wenn eine höhere Macht am Werk wäre, die mich büßen
lassen wollte, bis ans Ende meiner Tage...und wer weiß,
vielleicht sogar noch darüber hinaus. Büßen lassen.
Bei dem
Gedanken an diese Worte lächle ich bitter in mich hinein, und
ein Schwall Tränen nimmt mir die Sicht, lässt alles um mich
herum zu undeutlichen Schleiern verschwimmen. Büßen lassen.
Als ob das nötig wäre, als wenn ich mein Versagen nicht selbst
schon unzählige Male bereut hätte, seitdem. Ich habe verloren,
was mir in meinem Leben am wichtigsten war...nein, noch immer
ist...immer sein wird. Die Frau, die ich über alles liebe,
selbst jetzt noch, nach allem, was geschah. Sie, die eine. Mein
Halt, meine Konstante.
Die Liebe, die
ich für sie empfinde, ist tiefer, aufrichtiger und unendlicher
als Worte dies jemals zu beschreiben imstande sein könnten, und
mit dem Wissen sie verloren zu haben ist es dasselbe. Es fühlt
sich an, als wäre mir das Herz aus der Brust gerissen worden,
als wäre ein Teil von mir mit ihr verloren gegangen, und dort wo
ihr Platz gewesen war in mir, in meinem Inneren, dort ist nun
nichts weiter als gähnende Leere. Ich bin hohl.
Und es
schmerzt. Die Hilflosigkeit. Die Ohnmacht, die ich empfinde, sie
tut so unendlich weh. Ich bin wie betäubt, alles an mir ist
pelzig und taub. Der Geschmack der Schuld liegt mir bitter auf
der Zunge, und der einzige Grund, warum ich all dem hier nicht
schon längst selbst ein Ende bereitet habe, ist die Tatsache,
dass ich noch etwas zuende bringen muss. Eine letzte Sache. Ich
kann...darf es nicht so enden lassen. Wenn ich doch nur früher
etwas unternommen hätte, wenn ich es eher bemerkt hätte. Wenn
ich doch nur...dann wäre dies alles nicht passiert, Dana. Warum
nur?
Und seit jener
Nacht ist das Licht der Sonne für mich schwarz wie die Tiefen
der Hölle und der Regen rot wie Blut...
Drei Wochen
zuvor.
Erschrocken fuhr
die Agentin auf ihrem Sofa hoch. Es war dunkel im Raum und im
Fernsehen lief die x - te Wiederholung einer Folge der Gilmore
Girls.
Als sie
realisierte, wo sie sich befand, fuhr sie sich mit der Hand
durchs Haar und seufzte tief und laut.
Die Uhr an
ihrem Handgelenk zeigte halb zwei, mitten in der Nacht. Sie war
wohl eingenickt und hatte geträumt...eigentlich war es weniger
ein Traum, als mehr eine Kindheitserinnerung gewesen. Zumindest
glaubte sie das, war sich jedoch nicht sicher. In den letzten
Tagen war sie sich so gut wie keiner Sache mehr sicher gewesen,
seit jener Nacht. Nicht, seit sie diesem Irren erneut in die
Hände gefallen war. Sie hatte dies alles sowieso nicht verstehen
können. Wie hatte das alles überhaupt möglich sein können? Er
war doch...tot, sie hatte ihn...getötet, damals. Wie oft kam
dieses Monster denn noch zurück? Zurück in ihr Leben, um sie
heimzusuchen, sie das fürchten zu lehren...und jedes Mal ein
weiteres Stück ihrer Selbst mit sich zu nehmen, wenn sie ihn
zurück in die Hölle schickte? Ihn. Das reine, das
personifizierte Böse. Er war in all den Jahren der einzige
gewesen, der sie fast bezwungen hätte...und das zweimal. Schon
nachdem sie ihm zum ersten Mal nur knapp entkommen war, lag sein
Name schwer wie Blei auf ihrer Seele, hatte sich für immer in
ihr Gedächtnis gebrannt. Und als sie sich bei ihrer zweiten
Begegnung vor etwa zwei Jahren erneut in seiner Gewalt befunden
hatte, hatte etwas in ihr ausgesetzt. Die Demütigungen, welche
sie durch ihn hatte erfahren müssen, und die Todesangst hatten
etwas in ihr ausgelöst, damals...hatten einen Schalter umgelegt.
Scham. Wut. Der Wunsch nach Rache und im gleichen Moment die
absolute Gewissheit, dass sie das einzig richtige tun würde. Ja,
sie hatte Mulder gegenüber damals angedeutet, dass etwas in ihr
ausgesetzt hatte, dass sie mehr oder weniger im Affekt gehandelt
hatte. Dass sie nicht wusste, wer ihre Hand führte, in dem
Moment, in dem sich der Schuss löste. Aber dem war ganz und gar
nicht so gewesen. Nein, im Gegenteil. Sie hatte ihn angesehen,
dieses Monster, hatte die Kälte und den Hass in seinen dunklen
Augen förmlich gespürt. Und ihr Entschluss stand fest...nein,
eigentlich wurde ihr viel mehr bewusst, dass sie dies schon beim
ersten Mal hätte tun sollen, damals. Es war ihr vorgekommen wie
in Zeitlupe, sie hatte alle Zeit der Welt.
Ihr Partner, noch
immer etwas in Sorge um ihren Gesundheitszustand, hatte für
einen Moment seinen Blick abgewandt, und mehr hatte es nicht
gebraucht. BAM. Ihr Finger hatte sich nur für den
Bruchteil einer Sekunde krümmen müssen, und Donald Eddie
Pfaster war endlich Geschichte. Zumindest dachte sie das. Und
obwohl sie sich beinahe schon schämen wollte ihrer Tat
wegen, so war sie doch nicht dazu imstande. Dieses Frauen
mordende, verabscheuungswürdige Ungeheuer, das abgetrennte
Gliedmaßen in seinem Gefrierfach aufbewahrte, sich an den Toten
vergriff und sich an ihnen aufgeilte...er hatte weit schlimmeres
verdient als das, diese Bestie!
Ihre Gedanken
wanderten einige Tage zurück...
Special Agent
Dana Scully sehnte sich nach ihrem Zuhause. Zu wissen, dass ihre
eigene Wohnung, ihr eigenes Bett, ihre eigenen Dinge auf sie
warteten, ließ selbst den scheußlichen Verkehr vom Flughafen zu
einem Vergnügen werden.
Unter den Taxis
und Pendlern kam es zu kleinen Zusammenstößen, belanglosen
Kampeleien, ausgemachter Heimtücke und bitterem Kampf. Aber das
Beobachten der hier geführten Verkehrskriege machte sie, trotz
der bleiernen Müdigkeit in den Knochen, kribbelig genug, um sich
vorzustellen, dass sie selbst auf den Fahrersitz sprang und sich
in den Kampf warf. Und dies mit weitaus größerer Brutalität
und Begeisterung als ihr Fahrer.
Mein Gott, wie
sie DC liebte.
Während ihr
Fahrer, in seiner Rolle als einer der Kämpfer dieser
Fahrzeugarmee, sich ihren gemeinsamen Weg durch die Stadt
erzwang, unterhielt sie sich mit dem Betrachten der animierten
Reklametafeln. Auf einigen wurden kleine Geschichten erzählt,
was die rothaarige, kleine Agentin sehr interessant fand.
Sieh mal diese
hübsche Frau, überlegte sie, die sich an ihrem Urlaubsort neben
dem Pool räkelt, ganz offensichtlich allein und einsam, während
Paare im Wasser planschen und umherschlendern. Sie bestellt einen
Drink und beim ersten Schluck begegnen ihre Augen denen eines
hinreißenden Mannes, der gerade dem Wasser entsteigt. Nasse
Muskeln, tolles Lächeln. Ein zündender Moment, der sich in eine
Mondlichtszene auflöst, in der das nur glückliche Paar Hand in
Hand am Strand spazieren geht.
Moral? `Baccardi
Rum´ Sei bereit für Abenteuer, Romantik und wirklich guten Sex.
So leicht könnte
es sein.
Aber für einige
war es das ja auch. Bei ihren Eltern hatte es damals gefunkt. Rum
hatte dabei keine Rolle gespielt, jedenfalls in keiner der
Versionen, die sie gehört hatte. Aber ihre Augen waren sich
begegnet, und etwas hatte Klick gemacht und sich durch den
Kreislauf des Schicksals gebrannt.
Und aus diesem
Grund saß sie jetzt im Fond eines gelben Taxis und fuhr, nach
einem müßigen Fall in Atlanta, Richtung Georgetown.
Die letzten Tage
hatten sie und ihr Partner Fox Mulder sich, wie immer getrennt,
aus fremden Betten gewälzt. Und nachdem dieser letzte Fall
abgeschlossen war, und Mulders alljährlicher Trip nach Graceland
mal wieder anstand, fuhr sie wie immer alleine nach Hause,
während er direkt weiter gereist war, um in die prunkvolle
Residenz des unsterblichen King of Rock `n Roll zu pilgern. Sie
lächelte. Er nahm nie Urlaub, aber für dieses jährlich
wiederkehrende Ritual nahm er sich immer gleich eine volle Woche.
Er war schon etwas Besonderes.
Fox William
Mulder. Groß, dunkelhaarig, durchtrainiert und immer ein
jungenhaftes Lächeln auf dem Gesicht. Nass und gebräunt würde
er dem Kerl auf der Reklametafel in nichts nachstehen. Und das
mit dem Sex......
Augenblicklich
schalt sie sich für diesen Gedanken.
Mulder war so
etwas wie das schwarze Schaf beim FBI und bekannt für seine
abenteuerlichen Theorien in Bezug auf Monster und Außerirdische.
Aber wenn sie ehrlich war, dann war ihr Partner auf seine ihm
eigene verrückte Art auch fabelhaft, brillant.
Sie arbeiteten
jetzt schon 9 Jahre zusammen, und das mit dem gewissen Blick
hatte funktioniert, bei ihr wenigstens. Was sie jedoch nur unter
Androhung von Folter und Qualen zugegeben hätte.
Agent Dana Scully
würde sich nun erst einmal achtundvierzig Stunden Ruhe gönnen,
würde nicht an die Arbeit denken. Sie würde ihr Gepäck fallen
lassen - und am liebsten alles verbrennen, was darin war. Dann
würde sie sich in ihrem wunderschönen Apartment einschließen.
Sich ein duftendes, heißes Schaumbad einlaufen lassen, und eine
gute Flasche Rotwein öffnen.
Die Nässe
aufsaugen und trinken, dann erneut eintauchen und mehr trinken.
Wenn sie Hunger bekam, würde sie sich was vom Italiener kommen
lassen. Was, das war ihr heute egal, denn es war ihr Essen
in ihrer Küche. Und kleine Kompromisse durfte man sich ab
und an eingestehen.
Und dann würde
sie mindestens zwölf Stunden lang schlafen. Das Telefon und ihr
Handy würde sie ignorieren, am besten beides ausschalten. Sie
hatte ihrer Mutter und Mulder erzählt, sie werde jetzt erst
einmal übers Wochenende untertauchen. Und genau das hatte sie
jetzt vor. Es war gut so.
Sie setzte sich
auf, als der Wagen auf den Bordstein zusteuerte. Daheim! Wie
immer hatte sie sich gedankenverloren treiben lassen und gar
nicht gemerkt, dass sie schon da war. Sie nahm ihr Notebook und
ihre Reisetasche. Vor lauter Begeisterung gab sie dem Fahrer
zuviel Trinkgeld, als dieser ausstieg, ihr die Reisetasche abnahm
und sie für sie bis zur Tür trug. In Gedanken bereits in ihrem
nach Mango duftenden Schaumbad sitzend, griff sie nach dem
klingelnden Handy in ihrer Blazertasche. Das war ein Fehler!
Ja Sir,
sofort Sir......ich mache mich gleich auf den Weg. Ihr
Magen verkrampfte sich. Wochenende ade!
Sie versuchte
jetzt sehr freundlich zu sein, ihrem Vorgesetzten nicht gleich
ihren Unmut an den Kopf zu feuern. Stattdessen biss sie die
Zähne aufeinander, rollte mit den Augen und rief dem Taxifahrer
hinterher, der gerade dabei war wieder einzusteigen. Der müde
und etwas befremdliche Unterton in Skinners Stimme zeigte wohl,
dass auch er dabei war das Wochenende einzuläuten. Cheers,
Baccardi...
Fast wäre sie
durch die Tür gewesen. Fünf Minuten später und sie hätte frei
gehabt. Sie hätte nicht abnehmen dürfen, dann hätte
wahrscheinlich ein anderer an ihrer Stelle den Fall übernommen.
Und ein anderer verbrächte eine schweißtreibende Sommernacht
mit einer aufgedunsenen Leiche, die eigentlich keine X-Akte war.
Aber Elaine
Tanner gehörte jetzt ihr und morgen auch Mulder. In Freud und
Leid.
Special Agent
Scully atmete durch den Mundschutz. Er hielt wenigstens den
schlimmsten Gestank fern, wenn man es wie hier in diesem Fall mit
einer reifen Leiche zu tun hatte.
Da der Thermostat
hier im Schlafzimmer auf angenehme 22 Grad eingestellt war, hatte
der Körper fünf Tage lang regelrecht gekocht. Er war von Gasen
aufgebläht, hatte sich seiner Abfallstoffe entleert. Wer auch
immer Elaine Tanner die Kehle durchgeschnitten, die Haare
abrasiert und die Fingernägel herausgerissen hatte, hatte sie
nicht einfach getötet. Er hatte sie der Verwesung preisgegeben.
Hatte sie nicht nur getötet, sondern sie auch noch verhöhnt,
sie über ihren Tod hinaus verspottet und anschließend achtlos
liegen gelassen.
Identifikation
des Opfers. Tanner, Elaine. Neunundzwanzig Jahre alt. Weiblich,
Gesicht Mischtyp.
Die Kehle ist
offenbar in einer von links nach rechts verlaufenden Bewegung
aufgeschlitzt worden. Es gibt Hinweise darauf, dass der Mörder
von hinten angegriffen hat. Aufgrund des Verfallzustandes der
Körpers lässt sich durch visuelle Untersuchung am Tatort nur
schwer feststellen, ob entweder noch weitere Verletzungen, oder
durch Gegenwehr des Opfers entstandene Wunden vorhanden sind. Das
Opfer trägt Straßenkleidung.
Partykleider,
stellte Scully fest, als ihr der verschmutzte Glitter am Saum des
Kleides auffiel, und die durch den Raum geschleuderten
hochhackigen Schuhe.
Sie kam
nach einer Verabredung zurück, hat womöglich die Clubs
abgeklappert. Hätte auch jemanden mitbringen können, obwohl es
nicht danach aussieht, murmelte die Agentin und fuhr so
fort, das Geschehen zu rekonstruieren. Sie sah sich im Raum um.
Diese Bilder vor ihrem inneren Auge, irgendwie kam ihr das alles
sehr bekannt vor. Einen Moment lang wünschte sie sich, Mulder
wäre hier. Aber Skinner wird ihn wohl irgendwo auf halbem Wege
abgefangen haben, falls er ihn überhaupt sofort erreicht hatte,
denn Mulder ging während seiner Wallfahrt so gut wie nie an sein
Handy. Also würde er frühestens morgen hier sein. Bis dahin war
sie auf sich allein gestellt. Die Agentin verdrängte diese
Gedanken und fuhr mit ihrer Analyse des Tatorts fort: Sie
kam alleine zurück. Hätte sie Begleitung gehabt, selbst wenn
der oder diejenige sie dann getötet hätte, wäre dieser zuerst
auf Sex ausgewesen. Warum darauf verzichten? Selbst wenn der oder
die Täter/in so clever gewesen wäre, keine eindeutigen DNA -
Spuren hinterlassen zu wollen, so gab es doch schließlich mehr
als nur einen Weg, um seine Triebe zu befriedigen. Und hier hat
sich niemand gewehrt. Hier gab es keinen Kampf. Ein sauberer
Schnitt. Keine weiteren Stichwunden, nichts.
Sie richtete
ihren Blick wieder auf den Körper und brachte Elaine Tanners
Gedanken zum Leben: Sie kommt von ihrer Verabredung ihrem
Ausgehabend zurück. Hat ein paar Drinks gehabt. Vielleicht ist
sie so dumm und geht die Treppe hoch, weil sie hört, dass jemand
oben ist. Wir werden herausfinden, ob sie so dumm gewesen ist,
aber ich wette, er hat sie gehört. Hörte sie heraufkommen.
Scully ging
hinaus in die Diele, blieb kurz stehen, ließ sie auf sich wirken
und schaltete die Bewegungen der Leute vom Untersuchungsteam aus,
die im Haus arbeiteten.
Sie ging zurück,
stellte sich vor wie sie diese himmelhohen Stöckelschuhe von den
Füßen kickte. Ihre Riste würden weinen vor Erleichterung.
Vielleicht hob sie einen Fuß, beugte sich ein wenig nach vorn,
rieb ihn.
Und als sie sich
aufrichtete, war er oder sie bereits an ihr dran. Kam von hinter
der Tür, überlegte Scully, oder aus dem Schrank an der Wand
neben der Tür. Ging von hinten direkt auf sie zu, riss ihren
Kopf an den Haaren nach hinten und schnitt, schlug kaltblütig
zu. Ohne zu zögern hatte er sich ihrer bemächtigt, hatte sie
eiskalt erwischt. Die angetrunkene Frau hatte nie auch nur den
Hauch einer Chance, sie war bereits tot, als sie heim kam. Zu dem
Zeitpunkt, als sie ihre Wohnung betrat, leicht beschwipst, hatte
schon jemand über sie gerichtet, hatte ihr Schicksal besiegelt.
Mit geschürzten Lippen studierte Dana das Muster der
Blutspritzer vor sich auf dem hellen Holzfußboden. Es musste
direkt aus der sauber durchtrennten Drosselvene erst dort hin,
und dann aufs Bett gesprudelt sein. Sie steht unter Schock,
begreift nicht was passiert ist, und ist ihrem schneeweißen Bett
zugewandt, er ist noch immer hinter ihr. Er wird nicht einmal
schmutzig. Ein schneller Schnitt nach unten, ein kleiner Schubs
nach vorne. Noch im Fallen spritzt das Blut aus ihr heraus.
Die Agentin warf
einen Blick auf die Fenster. Sie waren spiegelblank, Elaine war
eine penible, saubere Frau gewesen, und die Hygiene - und
Körperpflegeartikel, die hier überall herum standen, verrieten
Scully, dass sie viel Wert auf ihr Äußeres legte. Vielleicht
hatte er sie sogar deshalb ausgesucht, aber mit Sicherheit war es
zumindest einer der Gründe gewesen. Vielleicht hatte er sie
sogar durch dieses Fenster hier beobachtet, evtl. sogar über
Tage oder Wochen hinweg. Hatte ihre Gewohnheiten studiert, ihre
intimsten Momente miterlebt, und sich daran aufgegeilt. Die
Vorhänge waren zugezogen. Als die auf sie zuging. um sie
aufzuziehen, fiel ihr auf, dass auch die Rollos heruntergezogen
waren. Das musste entweder sie getan haben...oder er. Vielleicht
wollte er nicht, dass jemandem das Licht oder die Bewegungen
auffielen, zu so später Stunde. Oder er wollte einfach nur den
Raum abdunkeln. Auf jeden Fall wollte er nicht gestört werden,
so viel war klar. Scully warf einen Blick ins Badezimmer
gegenüber und stutzte. Sie hatte sich ein Bad eingelassen...?
Aber das passte nicht in das Ablaufschema. Es sei denn...hatte er
ihr etwa das Bad eingelassen? Hatte er sie gebadet, nachdem er
sie umbrachte? Das ergab keinen Sinn, warum hätte er das tun
sollen? Und warum hatte er sich die Mühe gemacht, sie
anschließend auch wieder aus der Wanne zu hieven, und sie dann
hier im Schlafzimmer auf den Boden zu legen? Sie sprach jetzt in
Gedanken ganz absichtlich von ihm, denn ihr Instinkt
sagte ihr, dass dies das Werk eines männlichen Täters war.
Sie ging wieder
hinaus und steckte die Gesichtsmaske zurück in die Jackentasche.
Das
Untersuchungsteam und die Spurensicherung schlichen bereits in
ihren Sicherheitsanzügen herum. Sie sprach einen der
Uniformierten an. Sagen Sie dem Sanitätsteam sie ist
fertig, um eingepackt und abtransportiert zu werden. Wo ist die
Zeugin?
Ich habe
sie nach unten in die Küche gebracht, Agent. Sie
überprüfte die Uhrzeit. Suchen Sie Ihre Teamkollegen und
fangen Sie an, sich in der Nachbarschaft umzuhören. Sie waren
als Erster am Tatort, richtig?
Er richtete sich
ein wenig auf. Ja Agent.
Ein langer Moment
verstrich. Und?
Sie schien sich
einen Namen gemacht zu haben, mit den Jahren. Mit Special Agent
Scully wollte es sich niemand verderben. Sie war klein, schlank
und trug jetzt leichte Sommerkleidung. T - Shirt und Jackett. Er
hatte gesehen wie sie versiegelte, ehe sie das Schlafzimmer
betrat, und am Daumen ihrer rechten Hand klebte ein wenig Blut.
Er war sich nicht sicher, ob er sie ansprechen sollte.
Sie trug ihr
tizianrotes Haar schulterlang. Ihre blauen Augen waren klar und
wach, und sie war stets professionell. Er hatte erzählen hören,
dass sie schlampige Polizisten zum Frühstück verspeiste und zum
Mittagessen wieder ausspuckte. Er wollte den Tag überleben. Also
entschied er sich dagegen.
Die
Nachricht erreichte uns um 16.40 Uhr. Ein Bericht von einem
Einbruch und möglicherweise Mord, unter dieser Adresse.
Scully war einen
Blick zurück aufs Schlafzimmer.
Meine
Partnerin und ich nahmen an und trafen um 16.53 Uhr am Tatort
ein. Die Zeugin, inzwischen als Hausbewohnerin identifiziert,
empfing uns an der Tür. Sie war völlig aufgelöst.
Genauer
bitte, Lt. Marsch, fügte sie hinzu, als sie sein
Namenschild gelesen hatte.
Sie war
Agent. Sie hatte sich bereits übergeben, direkt vor der
Eingangstür.
Ja, ist mir
aufgefallen.
Er entspannte
sich ein wenig, da sie ihn offenbar nicht verspeisen wollte, und
fuhr fort: Hat sich wieder übergeben, an derselben Stelle,
gleich nachdem sie uns die Tür geöffnet hat. Ist hier in der
Diele mehr oder weniger zusammengebrochen und hat geweint. Immer
wieder sagte sie, Elaine ist tot, oben. Meine Partnerin blieb bei
ihr, während ich nach oben ging, um das zu überprüfen. Musste
nicht weit gehen.
Er verzog das
Gesicht und nickte Richtung Schlafzimmer. Der Gestank. Ich
schaute ins Schlafzimmer, sah die Leiche. Den Tod konnte ich
bereits von meinem Standort an der Türschwelle feststellen, ich
habe den Raum nicht betreten, um nichts zu zerstören. Ich
führte im ersten Stock eine kurze Untersuchung durch, um
festzustellen, ob niemand anderer, tot oder lebendig, sich in den
Räumlichkeiten aufhielt, dann forderte ich Verstärkung an.
Und Ihre
Partnerin?, wollte Scully wissen.
Meine
Partnerin...Rachel blieb die ganze Zeit über bei der Zeugin. Sie
- Officer Delany - hat eine sehr besänftigende Wirkung auf Opfer
und Zeugen. Es ist ihr gelungen, sie einigermaßen zu beruhigen.
In Ordnung,
Lt. Ich würde der Zeugin gerne ein paar Fragen stellen. Sie und
ihre Partnerin schauen sich bitte in der Nachbarschaft um,
vielleicht hat irgendjemand etwas gesehen oder gehört. Mit
diesen Worten nickte Dana knapp, wand sich ab und machte sich auf
den Weg.
Sie ging nach
unten. Ihr fiel der Koffer gleich hinter der Tür auf, der Koffer
mit dem Notebook, die protzige Handtasche, ohne die manche Frauen
offenbar verloren waren.
Der Wohnbereich
sah aus als wäre ein heftiger Sturm durchgefahren, ebenso der
kleine Medientraum neben der zentralen Diele. Die Küche machte
eher den Eindruck als hätte eine Meute verrückter Köche - von
denen es nach Scullys Auffassung zu viele gab - harte Arbeit
geleistet.
Die Uniformierte,
die sie suchte, saß in einer kleinen Sitzecke vor einem
dunkelblauen Tisch, ihr gegenüber eine Brünette, die Scully auf
Mitte zwanzig schätzte. Sie war so blass, dass die auf ihrer
Nase und den Wangenknochen verteilten Sommersprossen sich wie auf
Milch gestreuter Zimt abhoben. Ihre Augen waren von einem
kräftigen leuchtenden Grün, glasig von Schock und Tränen und
rot gerändert.
Ihr Haar war kurz
geschnitten. Es betonte ihre Kopfform und sprang in kleine
Fransen in die Stirn. An ihren Ohren baumelten riesige
Silberreifen, dazu trug sie Hose, Bluse und ein Jackett in New
Yorker Schwarz.
Reisekleidung,
vermutete Scully in Anbetracht der Koffer in der Diele.
Die Uniformierte
- Rachel Delany, wie Scully sich erinnerte - hatte mit leiser,
beruhigender Stimme auf sie eingeredet. Jetzt brach sie ab und
sah hoch zu Scully. Es war ein kurzer Blickwechsel - von Bulle zu
Bulle.
Sie rufen
die Nummer an, die ich Ihnen gegeben habe, fügte die
Polizistin noch hinzu.
Das werde
ich tun. Danke. Danke, dass Sie bei mir geblieben sind.
Ist schon
gut. Delany kam hinter dem Tisch heraus und ging dorthin,
wo Scully wartete, gleich hinter der Schwelle. Agent. Sie
ist ziemlich zitterig, aber sie wird noch eine Weile durchhalten.
Doch ich fürchte, sie wird wieder zusammenbrechen, so wie sie
sich an ihre Fingernägel klammert.
Welche
Nummer haben Sie ihr gegeben?
Den
Opfernotruf.
Gut. Sie
schreiben einen Bericht über Ihr Gespräch mit ihr?
Mit Ihrer
Erlaubnis, ja, Agent.
Sorgen Sie
dafür, dass es auch auf meinem Schreibtisch landet. Scully
zögerte einen Moment. Auch Mulder hatte eine sehr beruhigende
Art, aber Mulder war nicht da. Ich habe Ihrem Partner
gesagt, er solle Sie zur Befragung in der Nachbarschaft
mitnehmen. Suchen Sie ihn, sagen Sie ihm, ich hätte angeordnet,
dass Sie erst mal am Tatort bleiben und er sich einen anderen
Officer für die Befragung suchen soll. Wenn sie zusammenbricht,
wäre es besser, wenn wir jemand in der Nähe haben, den sie
schon kennt.
Ja, Agent.
Und jetzt
lassen Sie mich ein wenig allein mit ihr. Scully ging in
die Küche und blieb vor dem Tisch stehen, an dem die Frau saß.
Ms. Marsh? Ich bin Special Agent Dana Scully. Ich muss
Ihnen ein paar Fragen stellen.
Ja, Rachel
- Officer Delany - hat mir schon gesagt, dass jemand......wie war
bitte noch mal Ihr Name?
Scully.
Special Agent Scully. Dana setzte sich. Ich weiß,
wie schwer das für Sie ist. Ich würde das gern aufzeichnen,
wenn Sie damit einverstanden sind? Erzählen Sie mir doch
einfach, was passiert ist.
Ich
weiß nicht, was passiert ist. Ihre Augen schimmerten und
ihre Stimme klang gefährlich belegt. Aber sie starrte auf ihre
Hände und atmete ein paar Mal ein und aus. Scully wusste diesen
Kampf, sich unter Kontrolle zu halten, sehr zu würdigen. Ich
kam nach Hause...Ich kam vom Flughafen nach Hause. Ich bin nicht
in der Stadt gewesen. Ich bin zwei Wochen fort gewesen.
Wo waren
Sie?
Ihre Lippen
zitterten und sie verschluckte ein Schluchzen. Ich bin
gerade erst nach Hause gekommen. wiederholte sie sich.
An ihrem
flackernden Blick, der im Raum Halt suchte, erkannte Scully, dass
sie sich dem nächsten Zusammenbruch näherte. Leben Sie
hier allein, Ms?
Wie bitte?
Allein. Ja, ich lebe allein. Elaine wohnt - hat nicht - o
mein Gott - ...
Ihr Atem ging
stockend und Scully sah an den weiß werdenden Knöcheln ihrer
zusammengepressten Hände, dass sie diesmal einen regelrechten
Krieg gegen ihre Nerven führte.
Ms. Marsh,
ich möchte Elaine helfen. Ich möchte denjenigen kriegen, der
dies getan hat. Aber ich brauche Ihre Hilfe, damit ich mich an
die Arbeit machen kann. Deshalb müssen sie versuchen
durchzuhalten, bis ich mir ein Bild gemacht habe.
Ich bin
keine schwache Frau. Sie rieb sich mit den Daumen heftig
übers Gesicht. Bin ich nicht. Ich kann gut mit
Krisensituationen umgehen. Ich breche nicht einfach zusammen. Tue
ich einfach nicht.
Das glaube ich
dir gleich, dachte Scully. Dann fuhr sie mit der Befragung fort:Jeder
hat seine Grenzen. Sie kamen nach Hause. Sagen Sie mir, was
passiert ist. War die Tür abgeschlossen?
Ja, ich
habe den Code für die Schlösser eingegeben und die Sachen
abgestellt. Ich war so müde, und froh wieder zu Hause zu sein.
Dann sah ich das Wohnzimmer. Es war unfassbar. So ein Chaos. Ich
war so wütend. Nur wütend und außer mir. Ich rief Elaine an,
denn sie hatte in der Zeit hier gewohnt.
Wieso?
Elaine hat
das Haus gehütet. Ich wollte das Haus nicht alleine lassen und
sie wollte ihrer Wohnung neu streichen lassen.. So passte es ganz
gut. Sie konnte hier wohnen, meine Blumen gießen, meine Fische
füttern....
Meine Fische!
Sie wollte aufstehen, aber Scully hielt sie am Arm fest.
Bleiben Sie
sitzen. Scully hielt einen Finger hoch, um die zitternde
Frau auf ihrem Platz festzuhalten, stand dann auf, ging zur Tür
und winkte einen von der Spurensicherung herbei. Überprüfen
Sie das Büro, informieren Sie mich über den Zustand des
Aquariums dort.
He?,
wollte der verblüffte Mann mit den Latexhandschuhen wissen.
Tun Sie
bitte augenblicklich, was ich Ihnen sage. Sie kehrte an den
Tisch zurück.
Über die Wange
der Frau lief eine Träne und ihre zarte Haut war fleckig. Aber
sie war noch nicht zusammengebrochen.
Elaine
wohnte also hier, während Sie weg waren. Alleine?
Ja.
Wahrscheinlich hatte sie hin und wieder jemanden hier. Sie ist
sehr gesellig. Feiert gerne Partys. Das habe ich auch gedacht,
als ich den Wohnbereich sah. Dass sie irgendeine verrückte Party
gegeben und alles verwüstet hat. Ich habe auf ihren
Anrufbeantworter eingeschrieen, als ich nach oben ging. Ich habe
schreckliche Dinge gesagt. Sie ließ den Kopf in ihre
Hände fallen.
Entsetzliche
Dinge murmelte sie. Dann war da auf einmal dieser
fürchterliche Gestank. Das brachte mich noch mehr in Rage. Ich
platzte ins Schlafzimmer, und.....da lag sie. Da lag sie vor dem
Bett auf dem Boden. All das Blut, das gar nicht mehr wie Blut
aussah, sondern, na ja, Sie wissen schon. Ich glaube, ich habe
geschrieen. Vielleicht war ich auch kurz weggetreten. Ich weiß
es nicht.
Sie schaute
wieder hoch und in ihren Augen war ihre Erschütterung zu lesen.
Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur noch, dass ich sie
gesehen habe und dann wieder die Treppe hinunterlief. Ich rief
die 9 1 1. Und mir war übel. Ich rannte hinaus und übergab
mich. Und dann hab ich was Dummes gemacht.
Sie haben
was Dummes gemacht?
Ich ging
zurück ins Haus. Eigentlich weiß ich es besser. Ich hätte
draußen bleiben und dort auf die Polizei warten sollen, aber ich
konnte nicht klar denken und blieb zitternd in der Diele stehen.
Das war
keine Dummheit. Sie standen unter Schock. Das ist ein
Unterschied. Wann haben Sie das letzte Mal mit Elaine gesprochen?
Ich weiß
nicht genau. Vor drei oder vier Tagen, nur um kurz nachzufragen,
ob alles in Ordnung sei. Sie wischte sich eine weitere
Träne aus dem Gesicht, als würde sie sich ärgern, sie dort
anzutreffen. Ich hatte furchtbar viel zu tun, ich habe ihr
Nachrichten überlassen, wann ich nach Hause komme.
Hat sie
Ihnen gegenüber je erwähnt, dass sie sich Sorgen macht? Jemand
ihr Ärger macht oder sie bedroht?
Nein,
nichts dergleichen. Sie schüttelte den Kopf.
Glauben
sie, dass es ein Einbruch war? Mein Gott, tut mir Leid, aber ich
kann ihren Namen einfach nicht behalten.
Scully.
Möglich, wir werden das überprüfen. Trotzdem sieht es im
Moment nicht danach aus. Elaine hatte eine sehr hübsche
Armbanduhr und ziemlich viel Schmuck. Echt oder nicht. Kein Dieb
hätte so etwas zurückgelassen.
Es entstand eine
kurze Pause. Susan Marsh kämpfte immer noch mit ihrem
Gleichgewicht.
Okay. Haben
Sie oder Elaine in letzter Zeit irgendwelche Beziehungen
abgebrochen?
Elaine
hatte keine Beziehungen - per se nicht. Sie mochte einfache,
unkomplizierte Männer.
Ihre weiße Haut
wurde flammend rot. Das klingt jetzt irgendwie falsch. Ich
meine, sie hat sich oft verabredet. Sie ist gerne ausgegangen,
hat es genossen, mit Männern auszugehen. Sie unterhielt keine
monogame Beziehung. Im Allgemeinen ging sie mit Männern aus, die
das Gleiche wollten wie sie auch. Eine gute Zeit. Keine
Verpflichtungen.
Agent Scully biss
sich auf die Lippen, kaute das Gehörte durch. Im Moment kamen
sie so nicht weiter.
Susan unterbrach
die drückende Stille. Muss ich denn hier bleiben? Ich
möchte über Nacht doch lieber in ein Hotel gehen - na ja...für
eine Weile. Ich möchte nachts nicht hier alleine sein.
Ich werde
veranlassen, dass man Sie hinbringt, wohin sie möchten. Ich muss
nur wissen, wo ich sie erreichen kann.
In Ordnung.
Susan schloss für einen Moment die Augen und holte Luft, als
Scully aufstand.
Agent,
Elaine ist tot. Sie ist tot, weil sie hier war, während ich weg
war.
Scully wehrte ab:Sie
ist tot, weil jemand sie umgebracht hat. Nur der allein, der dies
getan hat, ist dafür verantwortlich. Sie sind es nicht. Okay? Es
ist mein Job herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist.
Sie sind
gut in Ihrem Job, nicht wahr?
Wir werden
tun, was wir können. Hier ist meine Karte, unter dieser Nummer
können Sie mich jederzeit erreichen. Wieder entstand eine
kurze Pause.
Ms. Marsh,
es tut mir Leid wegen Ihrer Freundin. Danke für Ihre
Zusammenarbeit.
Die völlig
aufgelöste Frau nickte nur kaum merklich.
Scully ging nach
draußen und arbeitete dabei verschiedenen Theorien durch. Einer
von der Spurensicherung tippte ihr auf die Schulter, als sie
vorbeikam.
Hey, Agent?
Die Fische. Sie haben es nicht überlebt, sind wohl verhungert.
Mist.
Vielen Dank. Scully zwängte ihre Hände in die Taschen und
verließ das Haus.
Ein heißes
Prickeln lief ihm über den Rücken, als er die kleine,
rothaarige Frau aus dem Haus kommen sah.
Er hatte ein
Gefühl verspürt, dass er sonst kaum kannte. Erregung schnürte
ihm die Kehle zu.
Er war wieder
hier. Er war wieder hier, wo alles begonnen und falsch geendet
hatte. Er konnte im Mondlicht ihre Wangenlinie und die
geschwungene Form ihres Mundes sehen. Er würde es wieder tun
müssen. Sie war die einzige, die ihm je entwischt war. Sie jetzt
hier zu sehen wühlte in förmlich auf. Plötzlich schossen die
Erinnerungen in ihn ein wie kochende Lava, nur weil er sie jetzt
hier sah. Und - sie war allein. Ohne ihren lästigen Partner.
Trotz der
Dunkelheit hatte er die Visionen, ihre Gedanken beim Anblick der
Leiche gesehen und der Schweiß war ihm auf die Stirn getreten.
Aber es war ja dunkel und es gab viele Möglichkeiten sich zu
verstecken.
Er hatte sich eng
an die Wand gedrückt und gesehen, wie sie angekommen war. Ihr
glänzendes Haar, das im Mondlicht schimmerte, bildete einen
interessanten Kontrast zu der hellen Haut, den jetzt dunklen
Augen, die das schimmernde Licht zu absorbieren schienen. Er
hatte in dem Moment als er sie wiedersah gewusst, wohin das
führen würde. Wohin er sie führen würde. Es würde so sein
wie beim letzten Mal, vor so langer Zeit. Es würde so sein, wie
er es sich die ganze Zeit, als er fort war, immer wieder aufs
Neue ins Gedächtnis gerufen hatte.
Es würde
vollkommen sein. Sie würde ihm gehören...endlich.
Die Autopsie, die
sie an Elaine Tanners aufgedunsener Leiche durchgeführt hatte,
hatte ganze drei Stunden gedauert, und dennoch nichts Neues zu
Tage gefördert.
Sie fluchte
leise, als sie die Eingangstüre hinter sich schloss, und wie
gewohnt den Riegel mit der kleinen Kette daran vor schob. Ihr
Jackett fand seinen Platz an der Garderobe im Flur und ihre
Schuhe landeten direkt darunter, in dem schicken kleinen, aus
dunkler Eiche gearbeiteten Schuhschränkchen. Sie seufzte laut,
als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. Von Rechtswegen
müsste sie jetzt noch einen Bericht für den Assistent Director
schreiben, denn er würde zweifelsohne gleich morgen früh nach
eben einem solchen verlangen.
So hatte sie sich
den Start in ihr wohlverdientes Wochenende ganz sicher nicht
vorgestellt. Genervt verdrehte sie die Augen. Manchmal hasste sie
ihren Job. Manchmal liebte sie ihren Job.
Damals, zu Beginn
ihrer Ausbildung, als sie nach ihrem Medizinstudium hier her kam
zum FBI, da war sie energisch, kraftvoll und voller Wissensdurst.
Sie hatte eine Aufgabe, wollte etwas bewegen, Karriere machen,
das richtige tun. Sie würde es weit bringen. Dann traf sie Fox
Mulder und ihre Prioritäten verschoben sich. Nicht sofort, nein.
Ganz langsam, aber dennoch stetig. Sie war nie ein geselliger
Mensch gewesen. Zwar auch kein Kind von Traurigkeit, aber auch
niemand, der sich gerne herum trieb und Freitagabends ums
Verrecken auf die Piste musste, um Spaß zu haben. Ihr Leben war
bereits verplant gewesen, vollkommen ausgefüllt...und doch leer.
Und dann traf sie ihn. Einen Mann, der sich seinen Aufgaben mit
einer solchen Intensität und Hingabe widmete, wie sie es bis
dato nur von sich selbst kannte. Der nicht nur verdammt gut
aussah, sondern der sie auch intellektuell forderte, und Gedanken
und Gefühle in ihr weckte, von denen sie zu diesem Zeitpunkt
glaubte, bereits mit ihnen abgeschlossen zu haben. Seither hatten
sie so viel erlebt, hatten Höhen und Tiefen durchgemacht und
waren durch dick und dünn gegangen. Ein Leben ohne ihn wäre
nach all den Jahren keine Option mehr für sie und an Tagen wie
diesen wünschte sie sich, es wäre mehr zwischen ihnen als nur
Freundschaft, gegenseitiges Vertrauen und Partnerschaft. Wenn sie
ohne ihn ermitteln musste, ohne seinen brillanten Verstand und
seine wunderbare, ihm eigene Art, dann hatte sie keine wirkliche
Aufgabe, dann war ihr Leben leer. Dann war dies alles hier
einfach nur ein Job. Ein Job, in dem sie nicht das erreicht
hatte, was sie sich ursprünglich vorgenommen hatte, und was sie
nahezu mühelos hätte erreichen können, wenn sie ihren
ursprünglichen Kurs beibehalten hätte. So verrückt es auch
war, so kitschig es auch klingen mochte...dieser Mann, mit dem
sie nun schon seit so vielen Jahren zusammenarbeitete, war zu
einem elementaren Bestandteil ihres Lebens geworden.
Die Agentin
beschloss, den Bericht für A.D. Skinner am nächsten Morgen zu
schreiben, sie war einfach zu erledigt von der vielen Reiserei
und der anschließenden Obduktion, und bei dem Gedanken, diesen
langen Tag nun noch einmal für ihren Boss bis ins Detail Revue
passieren lassen zu müssen, drehte sich ihr der Magen um. Morgen
ist auch noch ein Tag!
Sie ging ins
Schlafzimmer, knipste das Licht an und schlug ihre Bettdecke
zurück. Sie griff sich den dunkelblauen, seidenen Pyjama, der
darunter zum Vorschein kam, und verschwand damit im Badezimmer.
Ungeachtet der
Uhrzeit ließ sie die große Badewanne voll laufen, und gab eine
gute Portion nach Vanille duftenden Schaumbades hinzu. Wenigstens
das würde sie sich nicht nehmen lassen an diesem Wochenende,
sagte sie zu sich selbst. Wer weiß, wie spät es morgen wieder
werden würde, warum also aufschieben?
Sie zog sich
langsam aus, während der Schaum sich auf dem heißen Wasser
türmte, und betrachtete sich in ihrem großen Badezimmerspiegel.
Sie wurde auch nicht jünger, musste sie wieder einmal nüchtern
feststellen. Wenn das Licht in einem bestimmten Winkel fiel,
extrem ungünstig, dann konnte sie winzige Fältchen entdecken,
sobald sie die Mundwinkel verzog. Und die Partie um ihre Augen
war auch nicht mehr das, was sie einmal war. Solch lange Tage
zehrten an ihrer Substanz. Prüfend schaute sie ihr nacktes
Spiegelbild an, drehte sich dabei ein wenig. Ihre Brüste und ihr
Po waren noch immer wunderschön. Nicht so üppig, wie sie es
sich manchmal wünschte, aber...nicht schlecht. Wenn sie ehrlich
war, sie würde gar nicht mehr wünschen, denn eigentlich fand
sie sich perfekt, so wie sie war. Aber manchmal...Doch vielleicht
fehlte ihr auch einfach nur die Bestätigung. Der anerkennende
Blick eines Mannes, wenn dieser sie mit seinen Blicken förmlich
auszog war nichts, was sie brauchte, aber ab und zu war es schön
zu wissen, dass man etwas zu bieten hatte. Dass man nicht nur als
Person betrachtet wurde, sondern auch als Frau. Und letzteres war
viel zu lange her gewesen.
Erneut drehte sie
sich ein wenig, hob prüfend ihre sportlichen Waden und fasste
sich mit der flachen Hand auf den Bauch. Ein tiefer Seufzer
entwich ihrer Kehle. Wenn Mulder sie jetzt sehen könnte, würde
er sich wahrscheinlich über sie kaputt lachen. Mulder. Es gab
Zeiten, da hatte er ihr solche Blicke geschenkt, hin und
wieder. Wenn er sie auf diese Weise ansah, fühlte sie sich als
Frau, und wie! Seine Blicke waren ihr nicht entgangen damals, als
sie eines Morgens spät dran war und rein zufällig ein Kostüm
aus dem Schrank gegriffen hatte, dass ihr mittlerweile eine
Nummer zu klein geworden war. Und Mulder war niemand, der jeder
Frau hinterher gaffte, ganz gewiss nicht. Das war nicht seine
Art, zum Glück nicht. Und er machte damals nicht den Eindruck,
als hätte er irgendetwas an ihrer Figur auszusetzen gehabt, ganz
und gar nicht, was sie mit Freude und Genugtuung zur Kenntnis
genommen hatte. Doch leider hatten diese bewundernden Blicke
seinerseits auch auf ihre Person mit der Zeit nach gelassen, was
sie sehr bedauert hatte.
Aber wie auch
immer, er war ohnehin nicht hier und die Wanne war jetzt voll.
Sie steckte ihr
Haar hoch, drehte den Wasserhahn zu und testete mit der Hand das
Wasser. Autsch. Viel zu heiß, also ließ sie ein
wenig Wasser ab, und ließ kaltes Wasser nachlaufen. Als sie
damit fertig war, prüfte sie erneut, diesmal war die
Wassertemperatur perfekt. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Langsam
stieg sie hinein, erst das eine Bein, dann das andere, die
Temperaturumgewöhnung war heftig. Ganz langsam ließ sie sich
nieder in dieses duftende Meer aus Schaum, fühlte wie die
angenehme Hitze ihre Kurven umspielte und mit den kleinen Locken
zwischen ihren Beinen spielte. Sie umarmte sich selbst, genoss
den hauchzarten Kuss des Schaumes an ihrem Hals, als sie sich
noch tiefer sinken ließ. Sie nahm den Duft von Vanille wahr, der
ihre Sinne schwinden ließ, und es kam ihr vor wie eine Ewigkeit,
wie sie sich so treiben ließ, hinfort von all dem Stress, dem
Alltag und den anderen Gedanken. Hier, im Schutz ihrer eigenen
vier Wände konnte, sie sein, wer sie war. Konnte sie selbst
sein, mit all ihren Stärken, Schwächen...und Bedürfnissen.
Ihre rechte Hand schob sich sanft zwischen ihre leicht
gespreizten, ausgestreckten Beine. Sie schloss die Augen als sie
begann, sich sanft über die Schenkel zu streicheln. Langsam,
ausgiebig. Sie ließ sich Zeit, wollte fühlen, spüren, dass sie
noch immer empfinden konnte. Sie stellte sich vor, wie Mulder sie
besuchen käme, um ihre geheimsten Wünsche wahr werden zu
lassen.
Ein tiefer
Seufzer entrann ihrer Kehle, als sie begann, sich hauchzart, und
kaum spürbar selber zu berühren.
Leise stöhnte
sie auf, als sie behutsam damit fort fuhr, sich zu lieben. Sie
wusste selbst am besten, was sie zu tun hatte, damit sie es
richtig genießen konnte, und das wohlig - warme Wasser an ihr
und um sie herum tat sein übriges dazu. Ein Schauer durchfuhr
sie, und eine ganz bestimmte Hitze war dabei, sich ihrer zu
bemächtigen. Ihre Bewegungen wurden ausladender, sie ließ den
Kopf leicht nach hinten sinken und befeuchtete ihre Lippen,
öffnete den Mund. Ihre Gesichtszüge waren kurz davor, ihr
endgültig zu entgleiten, als sie sich dem Gipfel näherte.
Instinktiv suchte die hübsche rothaarige Frau mit ihrer linken
Hand einen Halt an der kalten Fliesenwand neben sich, als sie mit
einem Mal ein knirschendes Geräusch vernahm. Sie erschrak
furchtbar, riss die Augen auf, und...erstarrte. Unmittelbar neben
ihr stand er, und starrte mit seinen kalten, unendlich leeren
Augen auf sie herab. Die Ausgeburt des Bösen selbst. Das
Ungeheuer, von dem sie dachte, dass sie ihn niemals wieder sehen
würde.
Die
Haare...vergiss nicht, die Haare zu waschen, Kleines,
schnarrte er nur und lächelte sie diabolisch an. Die
übermüdete Agentin stand völlig unter Schock, ihre Gedanken
überschlugen sich. Wie war das nur möglich? Sie war wie
gelähmt, nackte Angst kroch in ihr hoch. Er war doch seit
Jahren...und er hatte sie hier beobachtet, wie sie sich...oh
Gott! Hin und her gerissen zwischen Angst, Scham und Wut, löste
sie sich aus ihrer Starre und schoss instinktiv aus dem warmen
Wasser empor. Donald Eddie Pfaster, bieder und unscheinbar
gekleidet wie eh und je, ergriff seinerseits ihren Hals und hob
sie mit erschreckender Leichtigkeit, lediglich seinen rechten Arm
benutzend, hoch in die Luft, aus dem Wasser heraus. Sein
bohrender Blick fesselte unbarmherzig den ihren, und durch den
schweren Wasserdampf im Raum hindurch beobachtete er verzückt,
wie ihre Pupillen sich vor lauter Angst weiteten, als sie
schließlich begriff, wer sich hier ihrer bemächtigt hatte, und
dass dies hier die Realität war. Dana Scully rang nach Luft,
griff nach seiner Hand an ihrem Hals und bohrte ihre Nägel in
sein kaltes Fleisch, kratzte tiefe Furchen in seine Klauen. Doch
kein Schrei war zu hören, nichts. Es war, als hätte er es gar
nicht bemerkt. Sein Blick war ausdruckslos, glich ein wenig dem
neugierigen, naiven Blick eines kleinen Jungen, der einem
Schmetterling den Flügel ausreißt, um zu sehen was passiert. Er
drückte noch fester zu, hob sie noch höher in die Luft. Die
zierliche Frau trat und schlug um sich, doch die wenigen
Volltreffer, die sie landete, fühlten sich an, als würden ihre
Schläge auf blankem Beton verpuffen. Sie spürte, wie ihr
nackter Leib gegen die beflieste Wand hinter ihr geschmettert
wurde und ein stechender Schmerz schnitt in ihren Kopf.
W H A M!!!
Noch immer hielt er die nackte Frau in seinem schraubstockartigen
Griff und schlug ihr mit der linken Faust mitten ins Gesicht,
seine kalten Augen funkelten vor Genugtuung. Warmes Blut rann ihr
aus der Nase. Sie schmeckte es in ihrem Mund, als die Bilder vor
ihren Augen langsam anfingen zu verschwimmen.
Sie würde
sterben, das wusste sie. Diese bittere Erkenntnis senkte sich
stumm über ihren hilflosen Geist und sie begann stumm zu beten,
flehte zu Gott, dass es nicht mehr all zu lange dauern
würde...dass er es kurz machen würde. Und gleichzeitig wusste
sie, dass er ihr diesen Gefallen nicht tun würde. Und mit diesem
letzten Gedanken wurde ihre Welt endgültig schwarz...
Müde und
zerknittert trat Fox Mulder auf die Schwelle, direkt vor der
Eingangstüre zum Apartment seiner Partnerin. Das war der
kürzeste Trip, den er jemals gemacht hatte. Leise und ironisch
lachte er in sich hinein.
Er war letzte
Nacht schon so gut wie durch Virginia durch gewesen, und hatte
Tennessee bereits riechen können, als ihn der Anruf von Skinner
erreicht hatte. Hätte er das verdammte Handy doch nur
ausgeschaltet gelassen. Das wars dann wohl mit seinem
Urlaub...aber Scully ging es sicherlich nicht anders.
Der Agent
streckte sich und gähnte herzhaft, dann klingelte er
schließlich. Er wartete einen Moment, dann klingelte er erneut.
Nichts. Wie konnte das sein? Er war doch direkt zum Büro
gefahren heute früh, hatte sie dort jedoch nicht angetroffen.
Ihr Handy musste sich an diesem Morgen bereits einen Wolf
geklingelt haben, denn er hatte unzählige Male versucht, sie
darauf zu erreichen, leider ohne Erfolg. Und nun, da er hier war,
ging sie nicht mal an die Tür. Äußerst merkwürdig. Sie hatte
ihm gestern zwar mitgeteilt, dass sie untertauchen
wolle, wie sie es nannte, aber er hätte niemals daran gedacht,
sie in der Hinsicht beim Wort zu nehmen. Er runzelte die Stirn,
biss sich unbewusst auf die Unterlippe. Ein ungutes Gefühl
machte sich in ihm breit. Er zögerte, überlegte kurz. Klar,
warum nicht? Sie hatte ihm den Schlüssel für Notfälle gegeben
und er beschloss kurzerhand, dass dies hier einer war. Nach einer
geschlagenen Minute, in der er jede seiner zahlreichen Hosen -
und Jacket - Taschen mit beiden Händen durchwühlt hatte, kam
neben einer Hand voll Sonnenblumenkernen, etwas Kleingeld und
einem zerknitterten Taschentuch, auch endlich der
Ersatzschlüssel zu Scullys Wohnung zum Vorschein. Tadaaa...,
murmelte er halb im Scherz und öffnete kurzerhand die Tür. Die
Kettenverriegelung, welche Scully normalerweise abends immer zum
Einsatz brachte, wenn sie nicht mehr vor hatte, die Wohnung am
selben Tag noch einmal zu verlassen, war ihm schon mal nicht im
Weg. In diesem Fall bedeutete dies entweder, dass sie entweder
gar nicht hier gewesen war oder aber, dass sie schon wieder fort
war. In beiden Fällen würde es keinen Sinn machen, hier nach
ihr zu suchen. Er überlegte kurz und betrat schließlich doch
die Wohnung, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf ihren
Verbleib zu finden. Als er den Flur betrat und ihre Jacke dort
hängen sah, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er begann,
einen kurzen Blick in jedes Zimmer zu werfen, und bei jedem Raum
wurden seine Schritte unwillkürlich schneller. Sie war nirgends
zu finden. Vorsichtig betrat er das Schlafzimmer. Die Bettdecke
war umgeschlagen, das Bett selber war jedoch unbenutzt.
Eine Chance
gab es noch. Er fuhr herum und sprintete in Richtung Badezimmer.
Dort brannte Licht, die Tür stand einen Spaltbreit offen. Er
atmete geräuschvoll aus, seine Schritte wurden langsamer. Er
blieb vor der angelehnten Türe stehen und grinste. Er wollte
nicht riskieren, jetzt dort hineinzustürzen und sie in
Verlegenheit zu bringen. Sie war in der Hinsicht ein
wenig...altmodisch. Sein Grinsen wurde breiter. Scully?,
rief er. Keine Reaktion. Er setzte erneut an: Scully, Sie
sind aber spät dran heute. Ich war schon im Büro und Skinner
hat mich geschickt, aber ich wäre sowieso vorbei gekommen. Ist
der Akku Ihres Handys leer, oder...? Noch immer stand Fox
Mulder mit dem Rücken an die Badezimmertür gelehnt da und
wartete vergeblich auf eine Reaktion seiner Partnerin, die er
hinter der Türe vermutete. Er stutzte. Scully?
Irgendetwas stimmte hier nicht und der unangenehme Schauer in
seinem Nacken kehrte zurück. Er beschloss, nachzusehen und
öffnete langsam die weiß lackierte Holztüre vor sich. Das
komische Gefühl in seinem Bauch wurde ruckartig intensiver, und
schlug ihm wie eine Faust in den Magen. Er brauchte sich nicht
einmal umzuschauen, sein jahrelang geschulter Instinkt sagte ihm,
was er im ersten Moment nicht wahr haben wollte. Die Luft war
kalt. Nicht feucht, nicht warm. Nur kalt. Dana war nirgends zu
sehen, jedoch prasselten zahllose andere Eindrücke auf ihn
nieder.
Er schüttelte
unbewusst den Kopf und schluckte hart. Nein! Er versuchte
verzweifelt sich zusammenzureißen, klar zu denken. Was war hier
passiert? Denken Mulder, denken...konzentrier dich...blende es
aus...blende SIE aus! Er atmete tief durch, sein müder
Verstand war mit einem Mal hellwach und er versuchte zu
begreifen, was hier passiert war.
Ein großer
Blutfleck klebte an der Wand, hoch über der Badewanne. Eine
Strähne tizianroten, leuchtenden Haares war inmitten dieses
dunkelroten, leicht verschmierten Kleckses zu sehen. Das Blut
ringsherum war in dünnen Rinnsälen ein Stück weit an den
weißen Kacheln hinunter gelaufen und bereits zum großen Teil
getrocknet. Das Wasser darin schien mittlerweile kalt zu sein und
war orange verfärbt, von Blut. Der kalte, abgestandene Geruch
von Vanille lag in der Luft. Aber wo war sie?
Keinerlei
Einbruchsspuren. Nichts, was darauf hin deutete, dass sich hier
jemand gewaltsam Zutritt verschafft hatte. Sein Verstand raste,
seine Gedanken überschlugen sich förmlich. Es musste eine
einfache Erklärung für all das hier geben...es musste einfach!
Irgendwo...
Sie träumte,
sie säße auf dem weichen Boden an einem zuckenden, qualmenden
Feuer und hielte einen Marshmallow an einem Stock in die Flamme,
bis er fast verbrannte. Dana mochte Marshmallows am liebsten,
wenn sie außen schwarz und verbrannt waren, während das Innere
weiß und flüssig war. Sie zog ihn heraus und blies auf die
Flamme. Sie verbrannte sich den Gaumen, aber das gehörte zum
Ritual. Ein kurzer Schmerz und dann die knusprige Süße.
Du
könntest genauso gut Holzkohle essen, sagte ihre Schwester
Melissa und drehte ihren eigenen Marshmallow, der goldene Blasen
warf. So sieht ein perfekt gerösteter Marshmallow aus!
Ich mag
sie eben so am liebsten. Um ihre Behauptung zu untermauern,
spießte Dana einen weiteren auf ihren Stock. Hast du
die Zigaretten dabei? Fast zitternd vor Aufregung, hier und
jetzt etwas Verbotenes zu tun, sprach sie jetzt betont leise,
fast flüsternd zu ihrer Schwester. Melissa sah sie mit dunklen,
beinahe ängstlichen Augen an. Dana, du weißt Mum wird uns
den Kopf abreißen, wenn sie erfährt, was wir hier tun. Nicht
nur, dass sie uns verboten haben, hier im Garten Feuer zu machen.
Hier und jetzt auch noch zu rauchen... Dana, sie werden uns
umbringen, wenn sie das erfahren!
Sie
müssen es ja nicht erfahren und wenn schon...sterben müssen wir
alle irgendwann, erwiderte sie ihrer sich noch immer
ängstlich umsehenden Schwester.
Das Feuer
loderte höher, wurde heller und die Gewissheit, dass dies hier
nur ein Traum sein konnte, legte sich schwer auf die Brust der
Agentin. Die Flammen tanzten wild in ihren tiefblauen Augen,
alles verschwamm und Melissa schien auf einmal weit weg zu sein.
Sie hörte ihre Stimme, mahnend wie eine letzte Warnung...
Etwas
ist in der Dunkelheit, rief sie ihr noch zu...dann war sie
fort.
Scully fuhr
hoch, soweit es ihre gefesselten Hände zuließen. Ihr Herz
hämmerte und im Mund hatte sie den Geschmack von Angst, Blut und
verbrannter Süße. Ihr ganzer Körper klagte an. Sie schien
jeden verdammten Knochen einzeln zu spüren.
Wo bin ich?
Es war dunkel.
Der Boden unter ihr, auf dem sie lag, war hart. Steinhart.
Irgendeine Kammer. Ein Verließ. Jede Bewegung verursachte
Schmerz und das Pochen ihres Blutes an ihren aufgescheuerten,
wunden Handgelenken und den aufgescheuerten Knien zeigte ihr,
dass sie noch lebte. Dass dies kein Traum war. Es war Realität.
Rauchgeruch stieg ihr in die Nase. Vor ihr brannte ein kleines
Feuer und daneben lagen ein paar Holzscheite, und einige lange
Stöcke. Mit zitternden Händen ergriff sie einen und sah, dass
sie frisch angespitzt waren. Ihre Brust wurde eng. Und auf einmal
wusste sie es genau. Sie war nicht neun Jahre alt...
Etwas ist
in der Dunkelheit. Sie hörte noch immer das Echo von
Melissas Stimme und jetzt das leise Rasseln ihres eigenen Atems.
Dann sah sie den Schatten, der in das Licht der züngelnden
Flammen trat. Groß und dunkel. Heiße Angst. Ein Wimmern stieg
in ihr auf.
Das Kind in
ihr hätte sich am liebsten zusammengerollt, das Gesicht mit den
Händen bedeckt, um unsichtbar zu werden. Sie war allein.
Hilflos. Übelkeit stieg in ihr auf. Und bei Gott, es war noch
nicht vorbei.
Donald Eddie
Pfaster. Er wartete hier draußen, beobachtete sie. Trotz ihrer
Angst konnte Scully es spüren. Sie versuchte ihren Kopf klar zu
bekommen, um das Gesicht, die Gestalt im Schattens, sehen zu
können. Aber um sie herum war nur die gläserne Mauer des
Entsetzens. Sie atmete keuchend. Der Blutgeschmack und der
klagende, pochende Schmerz unter ihrer Schädeldecke, welcher
sich zunehmend auf ihren Hinterkopf konzentrierte, rissen sie nun
mit Wucht endgültig in die Wirklichkeit zurück. Schmerz
erfüllte ihren Leib, sie spürte ihn noch einmal, den Schlag ins
Gesicht, schmeckte Angst und Blut. Ein Zittern durchlief ihren
Körper, und die Kälte jagte ihr Schauer über die nackte Haut.
Instinktiv schloss sie die Augen und wartete darauf, dass es
nachließ. Dann versuchte sie, sich wieder zu konzentrieren.
Der Versuch,
ihn zu sehen, sich zurechtzufinden verursachten ihr pochende
Kopfschmerzen. Sie konnte plötzlich nicht mehr gegen die
Übelkeit ankämpfen und übergab sich. Die Erinnerung, die Angst
befreiten sich aus ihrem immer noch zitternden Körper.
Sie hier so
wehrlos und nackt im hellen Schein des Feuers zu sehen, erregte
ihn, beschleunigten seinen Puls. Die züngelnden Flammen
zauberten weiche Schatten auf ihre weiße, beinahe blasse Haut
und der Anblick der immer noch nackten rothaarigen Frau ließ
sein kaltes Herz höher schlagen. Langsam hob er seine rechte
Hand an den Mund und leckte sich langsam über die Finger. Seine
Spitzen waren immer noch feucht von ihrem Blut. Warm und süß
schmeckte er es auf seinen Lippen, atmete entzückt ein und ließ
die rote Flüssigkeit langsam auf der Zunge zergehen. Er tat
Frauen gerne weh. Die Schläge bereitetem ihm Lust und
verschafften ihm Erleichterung für seien aufgestauten Hunger.
Für sein Bedürfnis, sich auch als Mann zu beweisen.
Er fühlte
sich nur dann stark, wenn es ihm gelang, eine Frau zu
unterwerfen. Wenn er die Angst in ihren Augen sah, war er
glücklicher und stärker als sonst. Nur so konnte er seine
Männlichkeit zelebrieren. Er glaubte Frauen seien dazu
geschaffen, beherrscht zu werden. Davon war er überzeugt.
Er hatte sie
nicht vergewaltigt. Noch nicht. Das hatte Zeit. Bei ihr war es
nicht wie bei den anderen. Sie war etwas besonderes, sie war
stark. Endlich hatte er sie gefunden. Die anderen waren einfach
nicht gut genug. Und während des Aktes, des Rituals existierten
sie nicht für ihn. Deshalb war es auch so leicht, sie zu töten.
Jedes mal wenn es vorbei war, war er stolz, aber auch wütend. Er
konnte ihre Angst spüren. Das verschaffte ihm immer wieder
diesen Wahnsinns Kitzel. Während es geschah war er die
wichtigste Person in ihrem Leben, doch es war nie so wie er es
sich erhofft hatte, es befreite ihn nie vollständig. Das war
natürlich nicht seine Schuld. Beim nächsten Mal würde es
besser sein. Dann würde es vollkommen sein. Doch zuerst wollte
er sie noch etwas leiden lassen. Es sollte eine Bestrafung für
sie und Selbstbestätigung für ihn sein. Sie hatte ihn getötet
und dafür sollte sie zuerst einmal bezahlen. Er würde sich Zeit
mit ihr lassen. Und wenn er mit ihr fertig war, würde sie
nirgendwohin mehr weglaufen. Einmal war es ihr gelungen sich zur
Wehr zu setzten, das war für ihn Rechtfertigung genug für das,
was er mit ihr vorhatte. Langsam umkreiste er sie, ohne ihr
wirklich näher zu kommen, als wolle er Katz und Maus mit ihr
spielen.
Er hatte sie
beobachtet, beim Baden, wie sie sich berührt hatte. Bei dem
Gedanken spiegelte sich ein kurzes Aufblitzen seiner
zusammengekniffenen Augen im Schein des nun abgebrannten Feuers
wieder. Er hatte sich davon inspirieren lassen. Er wollte sie. Er
trat aus der Dunkelheit, kam langsam ein paar Schritte näher.
Sein Blick war auf sie gerichtet und ein beinahe hämisches
Lächeln lag auf seinem Gesicht.
Sie dachte
daran, wegzulaufen. Doch dann sah sie das Funkeln in seinen Augen
und wusste, dass er nur darauf wartete. Entschlossen verlangsamte
sie ihre Atmung und fasste sich. Ihn zu erkennen und sich auf ihn
einzustellen, war ihre einzige Waffe.
Was
willst du von mir? hörte sie ihre eigene Stimme laut und
fest in der beinahe vollkommener Dunkelheit.
Warum
läufst du nicht weg? So wie die anderen es versucht haben?
Seine gedämpfte, rasiermesserscharfe Stimme schnitt durch die
rauchgeschwängerte Luft. Sie haben es versucht. Alle haben
Sie geschrieen. Ich gebe dir eine Chance.
Nein,
ich gebe mir selbst eine! Ohne zu zögern holte sie mit
einem der zugespitzten Holzstöcke vor ihr auf dem Boden aus und
zielte auf sein Auge.
Als er
aufschrie, rannte sie los. Barfuss. Ins Dunkel. Wie die anderen
es auch getan hatten. Spinnweben verfingen sich in ihren Haaren
und ihre nackten Füße rutschten auf dem schmierigen Boden.
Sie hörte die
Schritte hinter sich, als er sie verfolgte. Er kam näher, immer
näher. Die Dunkelheit verschluckte sie, als sie seinen gierigen
Atem bereits in ihrem Rücken fühlte. Dann drehte sie sich
plötzlich um. Er war unmittelbar hinter ihr. Panisch ging sie
mit Zähnen und Fingernägeln auf ihn los.
Der
plötzliche Angriff traf ihn überraschend. Halb blind vom Blut,
das ihm übers Gesicht strömte, ging er mit ihr zu Boden und
heule auf wie ein Wolf, als sie ihre Zähne in seine Schulter
schlug. Er schlug nach ihr, aber sie hing an ihm wie eine
Raubkatze, zog ihm ihre Fingernägel durch das Gesicht.
Keine der
anderen hatte sich gegen ihn wehren können, aber sie würde
kämpfen.
Und sie wehrte
sich immer noch, als seine Hände sich um ihren Hals schlossen.
Keuchend schlug sie mit den Fäusten auf ihn ein. Sie versuchte
seine Hände um ihren Hals zu lösen, als sein eisenharter Griff
ihr die Luft abschnitt. Aus seinem Auge floss Blut und sein
Gesicht war böse zerkratzt. Ihre Lungen pumpten heftig, doch
langsam wurde ihr die Luft knapp. Ein siegessicheres Lachen legte
sich auf sein zerschlissenes Gesicht und wie eine wertvolle
Trophäe hob er sie beiseite. Seine Hände noch immer gnadenlos
um ihren Hals gelegt. Mühelos richtete er sich auf und zog sie
mit sich nach oben......
Unheilverkündende
Stille senkte sich über den Raum. Lautlos zerteilten die
seidenen Schwingen die Luft.
Nur das leise
Prasseln des Feuers schnitt durch die kalten Hallen, welche er
vorübergehend und notgedrungen sein Heim nannte. Was hatte Eddie
denn da...für ihn mitgebracht?
Einen
Augenblick lang mischte sich eine gewisse Heiterkeit in sein
steigendes Interesse. Er überlegte, amüsierte sich an der
Szene, die sich ihm darbot.
Er lächelte,
schaute und machte sich darauf gefasst, dieses Mal nachgiebig zu
sein. Vielleicht würde er sie ihm schenken. Er konnte sich
Großzügigkeit leisten. Er hatte alle Zeit der Welt und ein
ebenso großes Potential an Auswahl. Bisher hatte er zwar immer
gesiegt, doch noch nie die Richtige gefunden. Und doch...schien
es dieses Mal etwa anders zu sein? Dies hier war keine
gewöhnliche Gefangene. Eddie hatte eine hübsche Rothaarige
angeschleppt. Er schluckte verblüfft. Sein instinktiver
Widerwille gegenüber einer Sterblichen geriet in Konflikt mit
seiner angeborenen Neugier. Diese Frau war anders. Aufgelöst,
aber immer noch trotzig starrte sie Pfaster an; ihr nackter
Körper, die entblößten kleinen Brüste, die sich bei jedem
raschen Atemzug hoben und senkten. Aber es war ihr
unnatürlicher, klarer Blick, der sie in seien Bann schlug. Ihre
Augen waren so dunkel wie tiefe Teiche und die Entschlossenheit
darin loderte so rot wie das Blut, das in einem dünnen Rinnsal
über ihre geschwollenen Lippen, und von dort über den schlanken
Hals und die Brüste floss.
Ihre Haut war
weiß wie Milch. Ein feines Netz bläulicher Adern verlief einer
Marmorierung gleich unterhalb der hellen Oberfläche und er
fragte sich, ob sich diese Haut ebenso angenehm anfühlte, wie
ihr seidiges Äußeres. Seine Finger kribbelten in Erwartung
einer forschenden Berührung.
Verstört von
dem Anblick der immer noch benommenen, kleinen Frau, die von
ihrem eigenen Blut gezeichnet war, spürte er, wie sein Körper
reagierte. Begierde, die zu gleichen Teilen aus Faszination und
Gier resultierte, erfasste ihn. Schockiert leckte er sich die
blutleeren, trockenen Lippen. Nie hatte er so direkt auf eine
Frau reagiert. Dieses Sehnen war rein körperlich. Sein Mund
wurde trocken und sein Körper glühte.
Bei allem was
Ihm heilig war, hätte er sich von dieser Frau
abgestoßen fühlen müssen. Sie war eine Gläubige, was das
kleine goldene Kreuz an einer Kette um ihren Hals verriet. Doch
der Ausdruck in ihren Augen, die Wut, die sich darin
widerspiegelte, faszinierten Ihn. Sie verhielt sich wie ein
verwundetes, wildes Tier und in ihren Augen spiegelte sich
deutlich ihre Intelligenz.
Er holte tief
Luft und überdachte die Situation. Er hatte im Laufe der
Jahrhunderte schon vielen eventuellen Partnerinnen
gegenübergestanden, aber noch nie entsprach eine seiner
Vorstellung wie diese. Sie war zwar nicht reinblütig, aber das
ließe sich ja ändern. Ihr Anblick war wie Musik, die durch
seine Blutbahn tanzte.
Er schauderte
und wurde sich plötzlich eines seltsamen Geruches bewusst, der
sein Herz zum Rasen brachte.
Es war nicht
der Geruch der Angst, den kannte er nur zu gut. Es war vielmehr
der Geruch von Stärke! Und plötzlich verspürte er ein
überwältigendes Bedürfnis, sich darin zu verlieren.
Die kleine
Frau hob keuchend ihren Blick und begegnete dem Pfasters mit
einer Herausforderung ihrerseits.
Sie war sehr
hübsch, noch jung - gerade im Richtigen Alter - und er musste
sich eingestehen, dass es ihm gefiel, auf sie herabzusehen. Sie
anzusehen.
Aber da war
noch mehr als das. Die scharfe Intelligenz, die er in ihrem
diesem berechnenden Blick, in diesen jetzt dunklen Augen
erkannte. Vor ihm lag eine Frau, die an sich selbst glaubte und
die vor nichts zurückschreckte. Er versuchte weiter sie
einzuschätzen. Ein Kribbeln der Aufregung überzog seine Haut.
Diese Sterbliche war schlauer als alle anderen bisher. Und genau
das liebte er an ihr vom ersten Augenblick an. Ihre Intelligenz,
ihre Stärke und ihre Entschlossenheit. Und das Beste daran...sie
war eine Gefangene. Seine Gefangene!
Er war sich
sicher, sie war bis ins Mark erschüttert, aber sie würde es nie
zeigen, selbst jetzt nicht. Stattdessen ärgerte sie sich über
die entwürdigende Situation, in der sie sich befand - unter
Eddie Pfaster zu liegen - gefesselt und nackt, sein erdrückendes
Gewicht auf ihr, und seine Erektion, die sie durch den Stoff
seiner Hose zwischen ihren Beinen deutlich fühlen konnte. Aber
sie würde sich nicht ducken, würde nicht weichen. Das gefiel
ihm. Zufrieden lehnte er sich zurück. In seinen Augen lag ein
entschlossenes Blitzen. Er hatte sie ausgewählt. Ja, er war sich
sicher. Sie war seiner würdig. Sie sollte es
sein...sollte es werden...sein! Und zum ersten Mal seit
hunderten von Jahren öffneten sich seine Lippen wieder zu dem
Zweck, ein gesprochenes Wort zu formen. Jene Lippen, die einst so
viel Unheil taten...die einst Verrat übten...
Dana fühlte
wie das Leben langsam aus ihrem Körper entwich und nahm mit
unbeschreiblicher Verzweiflung zur Kenntnis wie ihr Widerstand
nachließ, ja beinahe schon zum erliegen gekommen war. Das
Adrenalin, hatte es ihr auch kurzzeitig die Kraft der
Verzweiflung geliehen, war abgeebbt...der Quell ihrer letzten
Kraftreserven somit versiegt. Die Schmerzen...alles tat weh, und
ihre Glieder, alles in ihr sehnte sich nach Erlösung.
Mulder...wo
bist du nur?
Sein
schraubstockartiger Griff, unbarmherzig wie nie, war er um ihre
Kehle gelegt. Seine Hände pressten das Leben aus ihr heraus.
Sein ursprünglicher Auftrag war ihm egal, er wollte nur
sie...für sich allein. Ihr eigenes Blut welches er dadurch, dass
er sich auf ihr rieb, überall auf ihrem Leib verschmierte,
turnte ihn nur noch mehr an. Er würde sich anschließend nicht
nur ihre Haare und Nägel nehmen, beschloss er. Nein, noch
einiges mehr...
Mit jeder
Sekunde, in der er gewaltsam die Luft aus der keuchenden Frau
unter ihm drückte, wurde das kalte Funkeln in seinen Augen
intensiver. Je weiter ihr Widerstand einbrach, desto mehr erregte
es ihn, bestätigte ihn in seiner Macht. Er rieb sich jetzt
heftig zwischen ihren nackten Schenkeln, unfähig wie eh und je,
den Akt richtig durchzuführen, selbst mit einer sterbenden,
hilflosen Frau wie ihr. Als er merkte, dass sie sich kaum noch
zur Wehr setzen konnte, löste er seine linke Hand von ihrem
Hals, holte aus, sah ihr direkt in die Augen, und gab ihr so zu
verstehen, dass er gewonnen hatte. Er lächelte dünn und allein
diese Genugtuung brachte ihn schon fast zum Höhepunkt. Seine
Faust schnellte herab und traf die Agentin wie eine Dampframme im
Gesicht. Ihr Kopf wurde zurück geschleudert und knallte hart auf
den Steinboden. Ihr geschundener Leib war nun bewegungslos und
nichts war mehr zu hören, außer dem leisen Stöhnen von Eddie
Pfaster, der sich auf ihr dem Höhepunkt entgegen trieb.
Genug!,
durchschnitt die gewaltige, klangvolle Stimme die dunklen
Hallen, drang bis in die letzte Nische vor und ließ sämtliche
Geschöpfe der Nacht, die sich irgendwo auf weiter Flur
verbargen, voller Ehrfurcht aufhorchen.
Eddie erstarrte in
seiner Bewegung. Trotzige Wut kochte in ihm hoch. Lange Zeit
sagte er nichts, starrte nur auf die bewusstlose Frau unter sich.
Doch dann: Sie gehört mir, schnarrte er nur.
Nein, sie ist
mein! Sie ist würdig!, erwiderte die Stimme hinter ihm
lauthals und das Echo hallte von überall her kommend wieder, was
den Eindruck erweckte, er wäre überall...überall um ihn und
sein hilfloses Opfer herum.
Ich brachte
dich zurück, damit du mir dienst, unwürdige Kreatur. Nicht,
damit du mich beleidigst. Lass ab von ihr, oder du wirst leiden
wie du nie zuvor gelitten hast.
Pfaster sprang auf
und fuhr herum. Nur wenige Meter trennten ihn nun noch von seinem
Herrn und Meister. Nein!, schrie Eddie
wütend.
Sein Gegenüber
war nicht viel größer als er, aber irgendetwas umgab ihn,
etwas...Erhabenes. Er strahlte Anmut aus und Kraft. Gehüllt war
er in dunkle Kleidung und einen langen, schwarzen Mantel. Sein
schulterlanges, schwarzes Haar ruhte auf den Schultern. Er trat
einen Schritt vorwärts und seine Augen...welche so dunkel waren
wie Ebenholz, strotzen vor Stolz und vor Macht. Sein markantes
Gesicht, die Wangenknochen...alles an ihm schien Bände zu
sprechen und sagte mehr aus als sämtliche Schriften auf der Welt
dies jemals hätten tun können.
Nein,
brüllte Pfaster erneut und ballte die Fäuste. Sie gehört
mir. Mir allein!
Der
geheimnisvolle, dunkle Mann warf einen Blick auf die nackte,
leblose Frau, die blutend hinter seinem Untergebenen direkt vor
ihm lag. Es war fast schon zu spät und dort, wo sie sich dann
anschließend befinden würde, dort hin würde er ihr nicht mehr
folgen können...dort war er machtlos.
Dieser niedere
Wurm vor ihm wagte es doch tatsächlich, ihm seine Frau streitig
zu machen. Dabei hatte er sie bereits mehr als genug erniedrigt,
das hatte sie nicht verdient, so perfekt wie sie war...nun ja,
fast perfekt, aber diese letzte Kleinigkeit würde sich ja machen
lassen. Der Gedanke, dass er allein die Macht besaß, sie
vollkommen zu machen, gefiel ihm. Aber dieser Pfaster...Wusste er
denn nicht, wer er war? Undankbarer Wicht, dachte
er bei sich. Ich werde dich lehren, was es heißt zu
leiden! Doch erneut glitten seine Gedanken zu der Frau,
die jetzt eigentlich seiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte, und
er realisierte schließlich...es war keine Zeit, ihn leiden zu
lassen. Das Risiko, sie dadurch in der Zwischenzeit zu verlieren,
war viel zu groß!
Eddie kam, mit
finsterem, entschlossenen Blick, frontal auf ihn zu gestürmt,
doch der dunkel gekleidete Fremde hatte nur Augen für die
sterbende Dana. Der Geruch des Todes lag bereits fast
vollständig über ihr und begann sie langsam einzuhüllen. Mit
einer einzigen beiläufigen Geste, so als würde er eine lästige
Fliege abwehren, nahm er sich seines angreifenden Dieners an,
welcher daraufhin, von unsichtbarer Macht getroffen, etliche
Meter weit durch die Luft geschleudert wurde. Noch im Flug begann
er, Feuer zu fangen und schrie jämmerlich auf. Die Stichflamme
tauchte die riesigen Hallen sekundenlang in gleißendes Licht,
bevor die heiße, grobkörnige Asche von Donald Eddie Pfaster
schließlich zu Boden rieselte und dort mit einem leisen Zischen
erkühlte, noch ehe das Echo seines hundeähnlichen, von
Schmerzen gezeichneten Gejaules vollständig verklungen war.
Der dunkel
gekleidete Fremde schenkte all dem keinerlei Beachtung und
widmete sich stattdessen umgehend der Frau, die er für sich
auserkoren hatte. Er verlor keine Zeit, ging direkt neben ihr in
die Hocke und breitete die Schwingen seines weiten, schwarzen
Mantels über ihr aus, bedeckte ihren geschundenen,
blutverschmierten Leib....
Sie hatte sich
umgedreht und war geflohen, war schon fast aus seiner Reichweite
gewesen, da hatte sein Diener nach ihr gegriffen, hatte sie aus
dem Gleichgewicht gebracht. Sie hatte sich heftig gewehrt. Aber
sie hatte nie wirklich eine Chance. Dennoch machte sie mit der
Macht ihres Widerstandes deutlich, dass sie nicht aufgeben
würde. Sie legte keines der Anzeichen von Ergebenheit an den
Tag, die all die anderen Opfer gezeigt hatten, kein Flehen und
kein Bitten. Ich ihren Augen stand nur Wut und Zorn.
Seltsamerweise verursachte gerade dieses Verhalten dieses
aufgeregte Prickeln. Wieder spürte er unerklärliches Begehren.
Er hatte offensichtlich zu lange keine Frau gehabt, da er in
dieser heftigen Weise reagierte, und das auch noch auf eine
Sterbliche - ein Geschöpf, das in seinen Augen normalerweise
weniger wert war als der Boden, auf dem er stand. Sie mochte
vielleicht nicht rein sein, aber die Intelligenz, die in ihren
wilden dunkelblauen Augen aufgeblitzt war, als sie dem Tod näher
war als dem Leben, unmissverständlich und gefährlich. Sein Mund
wurde trocken und nur mühsam beherrschte er sich, unterdrückte
eisern den Wunsch, sie gleich hier und jetzt zu nehmen.
Jetzt, nachdem
er sich ihrer angenommen hatte, lag sie immer noch leichenblass
in seinen Armen und ihr Atem war flach und ungleichmäßig. Er
konnte sehen wie ihre Brust sich unter dem dünnen schwarzen
Gewand hob und senkte, was ihn deutlich an ihre festen,
milchweißen Brüste erinnerte. Er spürte wieder, wie sein
Körper instinktiv reagierte, und verachtete sich sogleich
dafür. Es war noch nicht an der Zeit!
Wie lange sie
bewusstlos gewesen war spielte keine Rolle, denn allein die
Tatsache, dass sie noch lebte, überraschte sie. Vielleicht
bestand die einzige Möglichkeit dem Tod zu entrinnen darin, sich
ihm hinzugeben. Ihr ganzer Körper schmerzte und sie spürte
jeden gottverdammten Knochen, aber sie lebte. Und...sie lag nicht
mehr auf dem Boden. Es war immer noch dunkel und sie konnte kaum
die Hand vor Augen sehen und doch spürte sie den leichten,
kratzenden Druck einer Decke oder etwas ähnlichem auf ihrer
Haut. Im Schein des vollen Mondes erkannte sie die Umrisse eines
großen Mannes, der aus der Dunkelheit auf sie zuschritt. Am
liebsten wäre sie sofort aufgesprungen, doch ihre Kraft war noch
zu gering, und sie hatte sich bei weitem noch nicht ganz erholt.
Die kleinste Anstrengung erschöpfte sie und war es auch nur das
intensive Starren in diese entsetzliche Dunkelheit um sie herum.
Er kam langsam auf sie zu und setzte sich neben sie, griff mit
der einen Hand unter ihren Kopf und richtete sie leicht auf.
Dabei fixierte er ihren fragenden, verständnislosen Blick und
blickte ihr direkt in die Augen.
Trink!
Das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Es wird dir gut
tun. Der Widerstand in ihrem Kopf zersplitterte wie Glas
und seine melodische, ruhige Stimme beruhigte auf unerklärliche
Weise ihren tobenden Geist und brach zugleich ihren Widerwillen.
Er reichte ihr ein schweres Gefäß, sie konnte nicht erkennen,
was es war und was sich darin befand, doch seltsamerweise
vertraute sie dieser betörenden, seltsam vertrauten Stimme vor
sich.
Gierig trank
sie die süße Flüssigkeit, die wie Honig ihre Kehle hinabrann
und ein heißes, wolliges Gefühl in ihrem Magen auslöste.
Blut von meinem Blut...für dich gegeben. Als er den
schweren Becher neben ihr absetzte fühlte sie bereits die
bleierne Schwere, die sich wie eine Droge in ihrem geschwächten
Körper ausbreitete und langsam ihre Sinne vernebelte. Wieder
tauchte sie ab in eine Welt des Vergessens, erholte sich im
Schlaf.
Er beobachtete
ihre Silhouette im Schatten der tanzenden Flammen. Sie schlief.
Gleichmäßig atmend erholte sich ihr wunder, zerschundener
Körper. Ihr rotes, fast schulterlanges Haar umrahmte ihre
bleichen Züge wie ein feuriger Schatten und verwischte die Linie
ihres wohlgeformten Gesichts. Sie war klein und drahtig für eine
Frau. Es gefiel ihm, wie lang ihre Beine waren und wie schlank
ihre Taille. Und noch verlockender war es zu wissen, dass ihre
vollkommen bleiche Haut im Moment noch als unberührbar für ihn
galt. Sie war wunderschön und zu kostbar, um von der
verschwitzten Berührung eines gierigen, unfähigen Mannes wie
Pfaster, besudelt zu werden. Er hatte richtig gehandelt. Dessen
war er sich sicher.
Er verharrte
inmitten der stillen Nacht und der Klang der Stimmen der
Verstobenen wurde vom Wind zu ihm herüber geweht. Er sehnte sich
nach ihr, zu ihr zu gehen. Die kleine Agentin gehörte ihm -
schließlich war er der Herr. Aber er wusste, dass sie sich ihm
niemals freiwillig ergeben hätte und dies auch in Zukunft nicht
tun würde, dafür war sie zu sehr eine Kämpfernatur...genau wie
er. Der starrköpfige Realist spottete höhnisch über die
verräterischen Forderungen seines Körpers. Er biss die Zähne
zusammen und fühlte sein eigenes Blut warm auf seiner Zunge
fließen. Er würde nicht zulassen, dass sein Fleisch die
Oberhand über seinen Geist gewann. Zorn und Hoffnung erfüllten
ihn zu gleichen Teilen. Hatte die kleine Rothaarige ihn
verzaubert? Gehörte seine Seele denn bereits ihr? Noch hielt er
mit größter Willensanstrengung stand. Es verstörte ihn
festzustellen, dass die Forderungen seines Körpers drohten, sich
gegen seinen sonst so kühlen Kopf durchzusetzen. Sein ganzes
langes Leben war er auf seine Selbstbeherrschung stolz gewesen.
Er war immerzu vorsichtig und bedacht. Wahrscheinlich hatte
einfach zu lange keine gleichwertige Partnerin gehabt. Doch das
würde sich bald ändern. Sehr bald. Und dann...ja, dann errang
er einen hohen Sieg. Er wollte seit Teufels Gedenken seine Gene
weitergeben. Blut von seinem Blut. Fleisch von seinem Fleisch.
Nicht gebissen, sondern geboren. Und sie würde ihm dabei helfen.
Es war ihr Schicksal, sich mit ihm zu vereinen. Sie war dazu
auserwählt, alles mit ihm zu teilen, wie noch kein Mensch zuvor.
Als sie die
Augen öffnete sah sie direkt in sein Gesicht, das ebenso wie
ihres von den Flammen um sie herum erhellt wurde. Sein Antlitz
war auf erschreckende Weise vertraut und schön. Der Boden unter
ihr drehte sich. Oder war es sie selbst? Sie hatte noch nie
nackte Begierde so deutlich auf den Zügen eines Mannes gesehen.
Als seine Lippen die ihren forderten, blieb sie regungslos und
unsicher. Sie schmeckte sein Blut auf ihrer eigenen Zunge,
spürte wie samtig weich seine Lippen waren. Sie fühlte sich
schwach und schwindlig. Es fühlte sich seltsam an. Er erforschte
ihren Mund mit quälend langsamen, kurzen Berührungen, die sie
nach mehr verlangen ließen. Sein Atem, sein Duft, sein ganzes
Wesen umschlangen sie, prägten sich in ihren Gliedern aus.
Neugierig erwiderte sie seine forschenden Berührungen, die ihr
gesamtes Bewusstsein in Bann schlugen. War sie wirklich wach? War
das real? Plötzlich verloren, hatte sie sich vollkommen in
seiner Umarmung vergessen und alle Vorsicht aufgegeben. Sie
glühte vor Leidenschaft, von der sie nie geahnt hatte, dass sie
existierte und sie ergab sich ganz ihren Empfindungen. Als er
seine Lippen von ihren löste, hatte sie widerstrebend gestöhnt.
Es fiel ihm schwer, sich von ihr zu lösen. Sein ganzes Wesen war
auf die tobende Begierde in ihm konzentriert. Eine so gewaltsame
Begierde, dass sie nichts mehr mit dem lausigen Geplänkel und
der Spielerei zu tun hatte, wie es sonst der Fall war. Er hatte
das Gefühl, durch eine unsichtbare Schnur mit ihrem Körper
verbunden zu sein, die ihn nur noch fester an sie fesselte. Die
Anziehung war so heftig, es musste einfach Zauberei sein. Kurz
blitzten die schneeweißen, rasiermesserscharfen Eckzähne im
flackernden Licht. Er kämpfte gegen den überwältigenden Zwang
an, mit der Zunge über ihre Haut zu streifen, stattdessen glitt
er mit dieser an ihrer pochenden Halsschlagader entlang,
atmete tief ihren Duft und saugte sich an ihr fest. Ekstatisch
seufzte er auf, spürte den warmen Saft, diese uralte Kraft in
ihr, und sein heiseres Stöhnen erfüllte die alles
verschlingende Nacht.
Sonntag
Vormittag, Scullys Apartment.
Die schöne,
rothaarige Frau lag rücklings auf ihrer Bettdecke, einzig und
allein gehüllt in ein kurzes, schwarzes, seidenes Nachthemd. Ihr
Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig und das Licht der
empor steigenden Sonne suchte sich seinen Weg durch sämtliche
Fugen und Ritzen der herunter gelassenen Rollläden des
Schlafzimmerfensters. Die Agentin schlief, ruhig und fest. Ihr
Körper war sauber, gewaschen. Ihre Wunden und Blessuren waren
bereits dabei, sich zu schließen, verheilten sehr schnell.
Von der
Straße her drang Hundebellen, vermischt mit dem Lärm spielender
Kinder an ihr Ohr und das Singen eines Rotkehlchens tanzte durch
die frische Frühlingsluft.
Langsam
begannen ihre Lider, sich zu bewegen und ruckartig schlug sie
schließlich die Augen auf und starrte an die Decke. Im ersten
Moment völlig orientierungslos, stürmte sogleich ein
chaotisches Durcheinander von Gedanken und Eindrücken auf sie
ein. Gequält tastete sie nach ihrer Schläfe, als hätte sie
unerträgliche Kopfschmerzen, und tatsächlich fühlte sie sich
ein wenig so, als hätte sie einen Kater...oder einen grippalen
Infekt. Nur, dass dieses Gefühl in ihr nicht direkt unangenehm
und belastend war, sondern viel mehr einfach nur sonderbar und
fremd. So als wäre sie nicht ganz wach...als würde sie
schlafwandeln, so in etwa. Sie setzte sich aufrecht hin. Was war
nur passiert, wie spät war es? Sie schaute auf den Wecker auf
ihrem Nachttisch links neben sich. 11.31 Uhr. Sie hatte
verschlafen, doch es kümmerte sie nicht. Nicht im Entferntesten.
Sie war sich nicht einmal sicher, welcher Tag heute war, denn sie
hätte wetten können, sie hätte sie tagelang geschlafen.
Langsam stand sie auf und zog sich ihren Morgenmantel über. Ihre
Beine schmerzten, jeder einzelne Schritt tat weh und sie hatte im
ersten Moment alle Mühe, das Gleichgewicht zu halten.
Gedankenverloren beugte sie sich ein wenig hinab und fasste mit
den Händen nach ihrer linke Wade. Diese war wie taub und fühlte
sich geschwollen an, wenn sie auch nicht so aussah. In ihrem
rechten Bein zog sich dieses seltsam taube, leicht pochende
Gefühl bereits hinauf bis zum Oberschenkel. Was war nur los mit
ihr, ihre Muskeln fühlten sich an, als wären sie nach zu viel
Sport total übersäuert...war das etwa Muskelkater? Ihre Sinne
waren nicht wach genug, um sich in derartigen Gedankengängen zu
üben. Noch nicht.
Nachdem sie
sich - noch immer wie in Trance nur routinierte Bewegungsabläufe
verfolgend - in der Küche Teewasser zum kochen aufgesetzt hatte,
schlenderte sie ins Bad und es traf sie buchstäblich der Schlag.
Im Inneren des kleinen Badezimmers war alles mit schwarz - gelb
gemustertem Absperrband abgeklebt, und als sie den mittlerweile
rostbraunen, getrockneten Fleck ihres eigenen Blutes an den
Fliesen über der noch immer gefüllten Badewanne sah, schlug die
Erinnerung in sie wie ein Blitz. Die Intensität und die Wucht
dieses Flashs brachten sie aus dem Gleichgewicht und rissen sie
förmlich von den Füßen. Hart schlug ihr schmerzender Körper
auf dem Badezimmerfußboden auf und die Agentin stöhnte vor
Schmerz auf. Dieser schneidende Schmerz...krampfhaft versuchte
sie, ihre Fingernägel in die kalten Fliesen zu schlagen, auf
denen sie lag. Der seltsame, lähmende Schmerz kroch langsam
durch ihre Beine hindurch und hinauf in die Hüften. Die
Erinnerungen kehrten schlagartig zurück, wie mächtige
Donnerschläge, und überfluteten ihren Geist. Eddie Pfaster. Er
hatte ihr hier zuhause aufgelauert, hatte sie verprügelt und
verschleppt. Doch wie war sie überhaupt hier her
zurückgekommen? Das Nachdenken schmerzte und die Eindrücke
überreizten sie förmlich. Sie machte dicht, wollte, dass es
aufhört. Wollte es weg schieben, ausblenden, hinter meterdicken
Mauern verschließen. Sie kroch in die Dusche und brachte gerade
noch genügend Kraft auf, um das heiße Wasser aufzudrehen, ehe
sie auf dem Boden der Dusche in sich zusammen gekauert hocken
blieb und das heiße Wasser begrüßte und betete, es möge
dieses Erinnerungen fort spülen. Sie zog ihre Beine eng an ihren
Körper und ignorierte dabei den Protest ihrer vor Schmerz
förmlich aufschreienden Muskulatur, welche sich anfühlte als
würde sie auseinander gerissen. Ein leises Schluchzen drang tief
aus dem Inneren ihrer Kehle hervor und völlig entkräftet ließ
sie den Kopf sinken. Sie fühlte sich als würde sie irgendwo
hinunter gestoßen, aus großer Höhe, und sie hätte keine
Möglichkeit, sich irgendwo festzuhalten. Alles um sie herum
drehte sich, krampfhaft kniff sie die Augen zu. Und aus der
Küche war das energische Pfeifen des Teekessels zu hören...
Als sie
irgendwann wieder erwachte, lag sie wieder im Bett. Nackt, unter
ihrer Decke. Es war bereits dunkel draußen und sie konnte sich
nicht erinnern, wie sie wieder hier her gekommen war, in ihr
Schlafzimmer. Sie versuchte sich zu erinnern, was in den letzten
Stunden passiert war, doch ihr Geist war zu müde und ihr Körper
flehte nach Ruhe. Ihr war als hörte sie eine Stimme in ihrem
Kopf, doch sie konnte nicht verstehen, was diese zu ihr sagte.
Und ihr letzter Gedanke, bevor der Nebel der Vergessenheit sie
erneut in Empfang nahm, galt ihrem Freund und Partner...galt
Mulder. Und dann hieß sie die Dunkelheit erneut willkommen.
Als Dana
Scully am nächsten Morgen erwachte, hätte sie glatt Bäume
ausreißen können, denn sie fühlte sich wie neu geboren. In
aller Frühe stand sie auf, sprang unter die Dusche und machte
sich Frühstück. Als sie im Bad vorm Spiegel stand, bemerkte
sie, dass sie einige Blessuren im Gesicht hatte, welche aber
schon wieder fast vollständig verheilt waren. Als sie sich vor
dem Spiegel eincremte, bemerkte sie eine seltsame Narbe an ihrem
Hals, auf der rechten Seite. Zwei kleine, nebeneinander
liegende...Stichwunden? Dieser Mistkerl musste ihr ganz schön
zugesetzt haben, dachte sie bei sich. Auf die Idee sich zu
fragen, was genau eigentlich geschehen war, wo Pfaster war, und
wie sie in ihre Wohnung zurück gekommen war, kam sie nicht. Sie
lebte, das allein zählte. Und sie war mehr als nur froh, dass
sie diesen seltsamen Muskelkater von gestern los war, an den sie
sich noch dunkel erinnern konnte. Aus dem Radio in der Küche
wusste sie, dass es Montagmorgen war, also würde sie ins Büro
fahren. Aber nicht so! Instinktiv versuchte sie, die Spuren ihrer
Torturen durch geschicktes, dezentes Schminken zu kaschieren. Die
Narbe am Hals verschwand unter dem Kragen ihres dunkelgrünen
Rollkragenpullis. Als sie ihre Wohnung verließ, wurde ihr
bewusst, dass sie auf eine verdrehte Art froh war, dass sie keine
klaren Erinnerungen daran hatte, was dieses Schwein mit ihr
angestellt hatte, als er sie in seiner Gewalt gehabt hatte. Und
etwas in ihr...eine Art Instinkt sagte ihr, dass sie Donald Eddie
Pfaster zum letzten Mal gegenüber gestanden hatte. Dass sie ihn
niemals wieder sehen würde, für den Rest ihres Lebens. Allein
diese seltsame Gewissheit - wenn sie sich auch nicht erklären
konnte, woher diese kam - ließ sämtliches Unbehagen über die
fehlenden Erinnerungen in ihrem Inneren verblassen und beinahe
unbedeutend erscheinen. Alles, woran sie jetzt denken wollte,
war, dass sie endlich Mulder wieder sehen würde.
J.
8.04
Uhr.
Fox Mulder sah
aus wie der leibhaftige, wandelnde Tod. Ein Dreitagebart zierte
sein Gesicht und die roten Ränder unter seinen Augen standen in
auffälligem Kontrast zu der blassen Farbe seiner Haut. Er
kauerte hinter seinem mit Akten und Fotos übersätem
Schreibtisch. Erschöpfung und Ratlosigkeit, gepaart mit
Verzweiflung waren in seinen Gesichtszügen zu lesen und er
nippte gierig an einer Tasse kalten Kaffees. Seit zwei Tagen
zermarterte er sich den Schädel und war mittlerweile krank vor
Sorge. Jemand, dessen Beschreibung auf niemand geringeren als
Eddie Pfaster zutraf, war vor dem Haus gesehen worden, in dem
Scully wohnt. Und das öfters. Er war aufgefallen, weil er immer
wie ein streunender Hund ums Haus strich, sich umschaute, aber
nie das Haus betrat. Aber Eddie Pfaster war tot und doch...der
Gedanke, dass sie in seinen Händen sein könnte, was er ihr
antun würde, wenn dem tatsächlich so wäre...wenn er
sie...Nein! Er verscheuchte diese Gedanken aus seinem Kopf, ließ
sie nicht zu. Er würde sie finden, er musste einfach! Vor ihm
auf dem Tisch waren alte Akten ausgebreitet, sowohl über
Pfaster, als auch über seine Partnerin. Die Leiche von Elain
Tanner, welche Scully noch in der Nacht von Freitag auf Samstag
untersucht hatte, kurz bevor sie verschwand, intensivierte das
ungute Gefühl in seiner Magengegend noch mehr. Die
Badewanne...die Haare...die ausgerissenen Fingernägel...aber es
bestand keine Verbindung zu früheren Fällen, zumindest keine,
die für ihn schlüssig schien. Es gab keinen Grund, warum gerade
sie, es machte einfach keinen Sinn. Das alles entsprach nicht
Eddies typischem Muster und genau das bereitete ihm Angst. Es
schien ganz so als wäre dies einzig und alleine ein Köder
gewesen...eine Falle für Scully. Und er war nicht da gewesen,
hatte ihr nicht beistehen können. Er könnte sich ohrfeigen.
Natürlich hatte er längst checken lassen, was Pfaster betraf.
Das Grab dieses Wahnsinnigen war tatsächlich leer, war geöffnet
worden.
Zum
tausendsten Mal ging er alle Fakten in seinem Kopf durch und
spürte, wie die Verzweiflung von ihm Besitz ergriff. Gott er
hatte schreckliche Angst um sie und...er vermisste sie so sehr.
Seit Tagen konnte er nur an sie denken. Er träumte von
ihr. Mitten in der Nacht riss es ihn immer wieder aus seinen
Träumen, in denen sie immer wieder auftauchte. Er wusste nicht,
was er davon halten sollte und wehrte sich nicht dagegen. Dauernd
wartete er auf das Klingeln seines Handys oder des Telefons.
Glühend heiß stieg die Angst in ihm auf, nur um schließlich
als kalter Schauer sein Rückgrat hinabzukriechen. Er brauchte
sie. Obwohl er immer noch nicht genau wusste, was genau es war,
das er von ihr brauchte. Wovor hatte er eigentlich Angst? Was war
sein Problem? Hielt er sich bereits für zu alt, um Risiken
einzugehen, und zu jung, um einem Impuls nachzugeben?
Und so glaubte
er auch zu träumen, als sich mit einem Male die Tür seines
Büros öffnete. Dana kam langsam herein und blieb schließlich
unweit vor seinem Schreibtisch unsicher stehen, schaute lächelnd
auf ihn herab.
Mit großen
Augen starrte Mulder ungläubig nach oben, in das lächelnde
Gesicht seiner Partnerin. S...Scully...!?!, war
alles, was der staunende Agent über die Lippen brachte. Tausend
Dinge schossen ihm durch den Kopf, aber er brachte nichts davon
hervor, sein Mund war einfach zu trocken. Stattdessen stand er
einfach nur von seinem Stuhl auf, ging um seinen Tisch herum, er
spürte das unbändige Verlangen sie zu umarmen, und...... sie
fielen sich in die Arme. Die Erregung und die Erleichterung, die
sie damit bei ihm auslöste, reichten ihm bis in die
Zehenspitzen. Es verging eine ganze Weile, bis sie sich endlich
wieder voneinander lösten, er senkte den Kopf und küsste sie
sanft auf den Haaransatz. Damit wollte er seine Zuneigung, seine
Liebe ausdrücken. Ob sie es wohl verstand? Immer noch dauerte es
bis Mulder seine Sprache wieder fand. Und mit ihr kamen die
Fragen. Mulder hob die Hand unter ihr Kinn, hob es an, sah ihr
fragend in die Augen. Ihr warmer Atem strich über seine Wange.
Als er sie so berührte, lief ein Zittern nicht nur durch seinen
Körper. Der Duft, der ihn schon so oft an ihr faszinierte, stieg
ihm in die Nase. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr verfiel.
Ihr Duft entfaltete erst dann seine verheerende Wirkung, wenn man
ihr nahe kam, sehr nahe. Er war stark und intim. Ihr gesamter
Körper schien in diesem Moment zu vibrieren und er spürte, dass
hinter ihrer körperlichen Anmut noch etwas steckte, das er
besitzen wollte, das es noch freizulegen galt. Die Festung, in
der sie ihre innersten Gefühle vor der rauen Umwelt, vor ihm
verbarg, war lange genug belagert worden. Er schwor in
diesem Moment bei Gott, dass er, beim Teufel, versuchen würde,
diese Mauern einzureißen. Seine Hände festigten den Griff um
ihre Schulter.
Fragend suchte
er ihren Blick, ohne Worte zu kommunizieren war ihnen noch nie
schwer gefallen. Scully sah ihm direkt in die Augen und war
entschlossen sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Sie
hatte mit Fragen gerechnet und sich Antworten darauf überlegt.
Aber jetzt fiel es ihr damit nicht so leicht, wie sich es sich
vorgestellt hatte.
Mulder,
ich weiß nicht..... Ihre Stimme brach förmlich in sich
zusammen. Seine Lippen streiften ihre Schläfe, als er sie erneut
an sich zog und ihr anfänglicher Widerstand dahinschmolz.
Als er merkte,
dass sie sich an praktisch nichts erinnern konnte, was passiert
war, rangen in ihm Erleichterung, Verlangen und drängende
Fragen. Doch im Moment überwog die Freude darüber, sie
unversehrt wieder bei sich zu haben. Sie war leicht verletzt und
hatte offensichtlich einen Filmriss, ja. Aber wenn er an die
Bilder dachte, die in den letzten Tagen, und besonders heute in
seinem Kopf umher gespukt waren...dann war sie bei bester
Gesundheit, so viel stand fest!
Himmel,
Sie haben mir so gefehlt Es war nur ein gehauchtes
Flüstern und es viel ihm ungeheuer schwer, ihr das zu gestehen.
Für einen Moment schmiegte sie sich an ihn, erlaubte es sich das
Tabu, das sie sich aufgelegt hatte, zu brechen.
Er hatte den
Stolz überwunden, der wie eine Mauer zwischen ihm und seinen
Gefühlen stand.
Er konnte sie
immer wieder nur ansehen. Warum waren ihm die zart geschwungenen
Gesichtszüge und die schmalen, fast zerbrechlich wirkenden
Gelenke noch nie aufgefallen?
Vielleicht
hatte er die letzten Jahre einfach nicht hingesehen. Sein Beruf
hatte auf sein Privatleben abgefärbt. Keine Kompromisse, keine
Fehler und.....keine Gefühl. Emotionen waren gefährlich. Seine
Kollegen bezeichneten ihn als Spooky-Mulder und sie
hatten zweifellos Recht. Er musste verrückt gewesen sein Sie
nicht zu sehen. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Warum war
ihm ihr geschmeidiger Gang noch nie aufgefallen? Doch dieses Mal
entgingen ihm auch noch so winzige Einzelheiten nicht. Der Kragen
ihrer Bluse umschloss ihren Hals, enger als sonst. Einen
Hals, von dem er genau wusste wie schlank er war. Sie trug keinen
Lippenstift. Sie sah hinreißend aus. In ihm regte sich
etwas. Aber es war nicht Erregung oder Leidenschaft, die er
spürte, sondern ernste Zuneigung, die er sich bisher wohl nicht
eingestanden hatte. Was empfand er für Scully? Er begehrte sie
zweifellos. Aber es war nicht nur das, nein. Er spürte das
Verlangen nach Freundschaft und.....Verständnis. Verständnis.
Ja, das war es. Nur bei ihr hatte er das Gefühl, verstanden zu
werden. Und so schwer es ihm auch fiel, sich seine Gefühle
letztendlich, endlich einzugestehen. Er glaubte zu verstehen, was
sich hinter Scullys oft kühler und abweisender Fassade verbarg.
Sie war
leidenschaftlich. Sie war reserviert. Sie war kompetent.
Und.....sie war zerbrechlich. Und sie war ihm gerade in dieser
Widersprüchlichkeit ein Rätsel, das er lösen wollte. Er wurde
aus dieser Frau nicht so recht schlau. Wer war sie wirklich? Die
harte Agentin, die professionelle Ärztin.
Er hatte sich
immer etwas auf seine Menschenkenntnis eingebildet. Ohne die
hätte er es schließlich in seinem Beruf nicht weit gebracht.
Scully war widersprüchlich. Als er sie vorher so im Arm gehalten
hatte, war sie nicht die kühle, selbstbewusste Frau gewesen,
sondern auf eine erschreckende Art nervös und verletzlich. Da
passte einiges nicht zusammen. Was war geschehen...?
Das alles lag
nun bereits drei Tage zurück und seither träumte sie Nacht für
Nacht wirres, zusammenhangloses Zeug. Bruchstückhafte
Erinnerungen, bei denen sie jedoch nicht in der Lage war, sie
richtig zusammenzufügen, bereiteten ihr große Furcht.
Sie hatte von
Skinner Urlaub bekommen auf unbestimmte Zeit und zwar so lange,
bis sie sich wieder dienstfähig fühlte. Dienstfähig...wie
fühlte man sich denn dienstfähig? Woran maß man so etwas? Es
war nicht das erste Mal gewesen, dass jemand fremdes sie in seine
Gewalt gebracht hatte...dass sie sich genötigt, missbraucht, ja
sogar in gewisser Weise vergewaltigt fühlte. Ihres freien
Willens beraubt musste sie sogar erneut feststellen, dass ihr
wieder mal ein beträchtlicher Teil ihrer Erinnerung geraubt
worden war. Sie kam sich vor wie ein Tennisball auf hoher See,
inmitten eines Hurricanes. Sie musste alles nur erdenkliche über
sich ergehen lassen, nur das Wunden lecken, das klar kommen mit
all dem...das blieb wieder an ihr. Doch dieses Mal schien es, als
könne sie ihre Gedanken und Emotionen nicht einfach so wieder in
die richtige Position rücken. Irgendetwas war anders...etwas
fremdes, neues hatte sich zu ihr gesellt, zu ihrem eigenen
Selbst. Und nicht mal im Schlaf fand sie mittlerweile mehr innere
Klarheit oder Gelegenheit zum regenerieren. Ihre körperlichen
Wunden waren kaum noch sichtbar, was sie als Ärztin ohnehin mehr
als nur wunderte. Sie war zwar nicht schwer verletzt gewesen, das
nicht. Aber dennoch verheilten ihre Schürfwunden und Blessuren
ungewöhnlich schnell. Lediglich die seltsame Narbe am Hals
schien zurückzubleiben, sie verschwand nicht. Rein äußerlich
war sie wieder okay. Was ihr mehr Sorgen machte waren die inneren
Wunden...die ihrer Seele, ihres Gemüts. Sie entdeckte plötzlich
depressive Züge an sich, die sie vorher nicht gekannt hatte. Sie
hatte zu nichts Lust und verlor ihren Appetit. Und aufgrund
dieser seltsamen, immer wiederkehrenden Träume und intensiven
Flashs wollte sie mittlerweile schon gar nicht mehr ins Bett
gehen. In den letzten Tagen hatte sie sich immer dabei ertappt,
wie sie mitten in der Nacht vor dem Fernseher aufgewacht war, und
so war es auch heute wieder. Und Gilmore Girls war
wahrlich nichts, wonach ihr jetzt, in diesem Augenblick der Sinn
stand. Aber müde war sie auch nicht wirklich; im Gegenteil, sie
war jetzt hellwach. Und das Licht des Fernsehers war so
unerträglich grell für sie, dass es ihr in den Augen schmerzte.
Mulder hatte
ihren Wunsch respektiert, für eine Weile allein sein zu wollen.
Sie brauchte Zeit, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, und
irgendwie hatte sie wirklich zunehmend das Bedürfnis, für sich
allein zu sein. Nicht einmal ihre Mutter, welche, ebenso wie ihr
Partner, große Ängste hatte durchstehen müssen, als sie an dem
besagten Wochenende spurlos verschwunden war, wollte sie momentan
um sich haben. Und so bestand ihr Tagesablauf auch während der
nächsten drei Tage wieder nur aus den nötigsten Dingen.
Stetig,
schleichend und unaufhaltsam keimte die dunkle Saat, die Er
gepflanzt hatte. Sie breitete sich langsam im Körper der Agentin
aus. Besitzergreifend, einnehmend, endgültig. Und auf eine
erschreckende Art und Weise, tödlich, nicht nur für sie selbst.
Irgendwie fühlte es sich an wie zu sterben und wieder neu
geboren zu werden. War dies ihr Schicksal? Oder hatte gerade
dieses sie verraten?
Wieder roch es
nach Rauch. Wieder war es stockdunkel. Wieder lag sie auf dem
harten Bett unter dem rauen Lacken. Die Dunkelheit jagte ihr
Angst ein. Der schwere, süße Duft von Weihrauch versetzte
Scully kurz in ihre Kindheit zurück und erinnerte sie an die
langen, formellen Messen, die sie, zusammen mit ihrer Mutter,
besucht hatte. Nur war dies hier keine Messe, nicht im
herkömmlichen Sinne, dachte sie schaudernd. Sie schwebte
irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ihr Körper
brannte, der Schmerz war allgegenwärtig. Ihr ganzer Körper
wurde von einem Erdbeben geschüttelt und begann exstatisch zu
zucken. Das Blut, sein Blut, rauschte in ihren Adern und
bemächtigte sich endgültig ihres ganzen Seins. Die Agentin
meinte zu sterben. Wie konnte sie am Leben sein, wenn eine Unzahl
von nie gekannten Gefühle sie durchströmten, sie lähmten. Zu
viele Empfindungen, Gewissheiten peitschten auf sie ein.
Mittlerweile
war sie sich darüber im Klaren, dass ihre Kräfte nicht mehr
ausreichten, um sich gegen ihn zu wehren, egal was er ihr auch
antun mochte. Aber sie hatte furchtbare Angst vorher den Verstand
zu verlieren. Allein. Im Dunkeln. Wirklich allein?
Scully fuhr
sich mit zwei Fingern über die Lippen und spürte Blut. Sie
hatte sich die Lippen aufgebissen. Hass loderte kurz ich
ihren Augen auf und wich dann Verzweiflung. Warum hatte er ihr
das angetan? Warum ausgerechnet sie? Sie, die eigentlich gar
nicht an solche Abartigkeiten glaubte. Jetzt wurde sie eines
besseren belehrt. Hatte sie somit ihren Glauben, den Glauben an
Christus verraten?
Als hätte er
ihre Gedanken erraten, als wäre er in Ihrem Kopf, hörte sie
seine Stimme. Laut, wissend und auf erschreckende Weise wahr.
Wehr dich nicht, kämpfe nicht dagegen an. Es wird bald
vorbei sein.
Scully bebte
erkannte den Irrsinn, der sich hier abspielte, konnte jedoch
nichts dagegen tun. Ihre Knochen waren schwer wie Blei und
genauso tot. Er will mich. Er will meine Seele....
Fluchend
versuchte sie sich aufzusetzen, doch ihr Köper gehorchte ihr
nicht. Bei Christus ich schwöre dir...
Hämisch
lachend schnitt er ihr das Wort ab. Glaub mir, das ist
Christus egal....
Stille!
Erdrückende unheilvolle Stille. Dann...eine körperlose Stimme
stimmte einen Sprechgesang an. Sie begann wieder unkontrolliert
zu zittern, der Schmerz war überall. Sie war sich nicht sicher
wie lange sie es noch ertragen konnte, im diesem furchtbaren
Dunkel zu liegen. Wie viel Zeit war vergangen? Ein Tag, eine
Woche, ein Monat?. Warum kam denn niemand? Warum kam er
nicht,.....Mulder? Er würde sicher nach ihr suchen. Er würde
sie nicht im Stich lassen. Doch so langsam lief ihm die Zeit
davon. Je tiefer die Sonne sank, je höher der Mond am Himmel
stand, desto weniger Zeit hatte sie.
Die Stimme,
die sie bereits aus ihren bisherigen Alpträumen kannte,
erfüllte den ganzen Raum.
Sie wusste es.
Insgeheim wusste sie, was passieren würde, gehörte bereits
jetzt zu den Eingeweihten. Sie hatte seine Gunst empfangen. In
ihrem Kopf tobte ein pochender Schmerz und ihr Mund fühlte sich
rau und ausgetrocknet an. Sie klammerte sich so krampfhaft an das
raue Lacken, dass sich ihre Knöchel weiß gegen den dunklen
Stoff abhoben und verfolgte hilflos mit entsetzten Augen das
unwirkliche Geschehen.
Es ist
wirklich wahr, dachte Scully entsetzt. Alles war wahr. Der
Traum, Eddie, Er. Lieber Gott! Und der ganze Rest.
Domine
Satans, Rex Inferus, Imperator omnipotens....
Heidnische
Worte in einer längst vergessenen Sprache.
Scullys
Körper schien plötzlich von einer Eisschicht umgehüllt zu sein
und sie fragte sich, ob ihre Knochen wohl aus purem Eis bestehen
würden. Sie wusste jetzt, was die heutige Nacht für sie
bedeutete. Er wollte, dass sie durch Blut und Tod auf ewig an ihn
gekettet war. Fröstelnd bot sie all ihre Widerstandskraft auf,
um ihre Beine zu zwingen, ihr zu gehorchen. Sie wollte weg hier,
fortlaufen, vermochte aber nicht ihre starre Hand von dem Laken
zu lösen. Die eintönige Musik und der Weihrauch vernebelten ihr
komplett die Sinne, fast meinte sie, sich wieder in einem Traum
zu befinden. Die Stimme klang melodisch, einschläfernd,
volltönend und übte eine beinahe hypnotische Wirkung aus. Und
plötzlich fügte sich alles ineinander. Obwohl ihr Verstand sich
immer noch gegen diese Erkenntnis wehrte, wusste sie, dass es
wahr war.
Salve!
Salve! Salve! Ein Gong wurde dreimal geschlagen.
Dann war die
Starre weg, es war totenstill und sie war allein. Sie dachte gar
nicht daran, sich leise zu bewegen, ließ jegliche Vorsicht
außer acht. Ihr vor Panik überwältigtes Hirn befahl ihr, zu
rennen, zu flüchten, zu überleben. Dieselbe Panik hatte sie vor
Jahren angetrieben, den Krebs zu besiegen.
Schwaches,
geheimnisvolles Licht floss durch die Korridore und warf
unheimliche Schatten auf die Stufen. Einen Augenblick lang meinte
sie, Ihn am Fuß einer Treppe stehen zu sehen, die
Augen leuchtend, der Mund gierig und wissend lächelnd. Doch dann
löste sich die Gestalt in Nichts auf. Schluchzend lief sie
weiter. Schwarze, abgrundtiefe Hysterie hatte von ihr Besitz
ergriffen, ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus
und verursachte ihr Brechreiz. Wie von Sinnen rannte sie ins
Nichts......
Der heimliche
Beobachter schnupperte gierig wie ein blutrünstiger Wolf, sog
den Anblick der sich im Schlaf windenden Rothaarigen auf. Wortlos
sah er ihr zu und verlor jegliches Zeitgefühl. Er verlangte nach
mehr. So viel mehr. Schwitzend und mit pochendem Herzen lechzte
er nach ihr mit glühender Inbrunst, und konnte sich kaum mehr
beherrschen.
Panisch atmend
riss sie die Augen auf. Sie zitterte am ganzen Körper und war
schweißgebadet. Ihr Atem kam in abgehackten Stößen. Mit
jedem keuchenden Atemzug zog sie die kalte Luft ein. Die
Schweißtröpfchen auf ihrer Haut begannen rascher zu fließen
und vereinigten sich zu Strömen, als sie sich schweratmend
aufsetzte. Trotzdem sie geschlafen hatte, fühlte sie sich
vollkommen ausgelaugt. Hilflos versucht sie das zerknüllte Laken
zu entwirren, in welchem sie sich gnadenlos verwickelt hatte.
Sie drehte ihr Gesicht zum Mondlicht hin. Sie war aschfahl. Ihr
hilfloser Blick fixierte den vollen Mond, heute war die längste
Nacht des Jahres und sein Abbild zog sie magisch an. Er kam ihr
blutrot vor. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Sie
wandte sich gekrümmt ab.
Gerade als sie
dabei war hysterisch aufzuschreien, realisierte sie. Ein Traum.
Alles nur ein Traum. Schwindlig vor Erleichterung beruhigte sich
langsam ihr flatternder Atem. Unter der Schweißschicht wurde
ihre Haut eiskalt. Es musste ein Traum sein. Aber im Traum
fühlte man keinen echten Schmerz und sie fühlte sich momentan
wie knochenlos. Im Traum klangen alle Stimmen wie durch Watte,
doch sie hörte immer noch den melodischen Singsang, klar und
deutlich. Eine Welle der Übelkeit erfasste sie. Scully
biss die Zähne zusammen, schmeckte wieder Blut und setzte sich,
unsicher mit immer noch weichen Knien, in Bewegung. Sie taumelte
ins Bad. Erreichte im letzten Moment die Klobrille und übergab
sich. Brach allen Eckel und Irrsinn heraus. Zitternd fiel sie auf
die Knie und sackte auf dem grauen Frotee-Vorleger ihres
Badezimmers zusammen. Ihre Beine trugen sie nicht mehr.
Wie lange sie
bewusstlos war wusste sie nicht. Als es ihr schließlich gelang,
ihre bleischweren Lider zu heben, lag sie immer noch zitternd,
zusammengekauert auf dem weichen Frotee. Voller Entsetzen
versuchte sie sich gegen ihre Halluzinationen, und das waren es
doch nur Halluzinationen, zu wehren. Der gellende
Schrei der Vernunft, der ihren Verstand durchzuckte, kam als
schwaches Stöhnen von ihren Lippen. Langsam erhob sie sich,
kontrollierte ihre Muskeln und zog sich am Waschbecken hoch. Der
Geschmack von Erbrochenem klebte immer noch in ihrem Mund. Mit
einer fahrigen Handbewegung drehte sie das Wasser auf und formte
ihre Hände zu einem Trichter. Erfrischend und klar sammelte sich
die kalte Flüssigkeit in ihren Händen, um gleich darauf als
kühler Schwall über ihr immer noch schweißnasses Gesicht zu
rinnen. Langsam beruhigte sich ihr aufgewühlter Geist. Sie
atmete tief ein aus ein. Es war immer noch dunkel.
Ihr gehetzter Atem beruhigte sich nur zögernd. Nur noch ein paar
Minuten, dann würde es vorbei sein, dann hätte sie sich wieder
unter Kontrolle. Langsam hob sie ihren Blick und suchte die
Bestätigung ihrer Vernunft im Kristall des vor ihr hängenden
Spiegels. Die schreckliche Gewissheit und die damit verbundene
panische Erkenntnis, dass ihr angeblicher Alptraum keiner war,
sprang sie unvorbereitet an, wie ein wie ein wildes Tier. Jetzt
fürchtete sie nicht mehr um ihr Leben, sondern um ihren
Verstand. Sie schwankte erneut und gläsernes Entsetzen zeichnete
ihr Gesicht. Instinktiv krallte sie sich am kalten Marmor des
Waschbeckens fest, um nicht wieder die Balance und den Halt zu
verlieren. Das was ihr hier in ihrem Badezimmer, im fahlen Licht
des vollen Mondes entgegenblickte, war das Abbild ihrer
Befürchtungen und Ängste selbst. In ihren jetzt
blutunterlaufenen, dunklen Augen glitzerte Unglauben und
Erkenntnis gleichzeitig. Ihre Haut war leichenblass und ihr immer
noch leicht feuchtes, etwas längeres, feuerrotes Haar
umrahmte das Gesicht einer Fremden. Die Haut war weiß, fast
durchsichtig. Was sie jedoch am meisten entsetzte, waren
die schneeweißen, raubtierähnlichen Eckzähne die sich langsam
durch ihren Oberkiefer schoben, bis sie ihr gefährlich
entgegenblitzten. Ihre Lippen blutenden noch immer und unbewusst
fing sie an, an ihnen zu saugen. Ihr Blut schmeckte warm und
süß.
Die Zeit hatte
jegliche Bedeutung verloren. Scully nahm das Geschehene wie durch
einen Nebel war. Die Intensität, mit der die Realität auf sie
einhämmerte, wurde gedämpft durch die Funktion des
Selbstschutzes. Er lähmte wie eine Droge ihren Verstand. Sie
starre ihr Spiegelbild an wie das einer Fremden. Sie realisierte
nur ganz langsam, was geschehen war und doch spürte sie auch die
durchdringende Kraft, die sich langsam in ihr aufbaute wie ein
wiederbelebendes Elixier. Das war reine, pulsierende Energie.
Ein zuckender
Schmerz brannte plötzlich auf ihrer Haut. Das goldene Kreuz, das
sie um den Hals trug, schnitt ihr förmlich in die Haut. Ein
schmerzhaftes Zischen verließ ihre aufgesprungen Lippen und
wütend riss sie mit einer hastigen Bewegung die schlichte, feine
Goldkette mit dem kleinen Kreuz von ihrer Brust, als ob sie eine
lästige Fliege verscheuchen würde. Achtlos, beinahe angeekelt
ließ sie das Symbol ihres Glaubens zu Boden gleiten, verfolgte
dessen Fall mit einem abschätzenden Blick. Sie schloss
kurz die Augen, sog die Luft ein und ließ die Intensität, mit
der diese Energie, diese unbekannte Macht ihren Körper wie
Öl durchflutete, wirken.
Als sie die
Augen wieder öffnete, sah sie ihn. Ein Schatten aus dem Dunkel,
der Gestalt annahm. Die Zeit war gekommen. Doch dieses Mal
fürchtete sie sich nicht. Sie hielt sich erst gar nicht damit
auf, sich zu fragen warum sie nicht im Mindesten überrascht war,
ihn hier zu sehen. Das Gefühl, das jetzt von ihr Besitz ergriff,
kam schnell und heftig und hatte mit Angst nichts zu tun.
Es war einfach nur Wut und Abscheu. Wie konnte er ihr das antun?
Langsam
näherte er sich, kam auf sie zu, trat von hinten an sie heran.
Wieder konnte er sie riechen. Wie sehr hatte er sich verzehrt.
Wie sehr hatte er nach ihr verlangt, so wie ein Mann die
sexuelle Erfüllung herbeisehnte. Und jetzt wurde seine Begierde
von neuem aufgepeitscht. Es hatte ihn bis aufs Blut gereizt, dass
er sie bisher nur betrachten konnte. Aber nun stand sie vor ihm
und im Spiegel erkannte er, in ihren Augen loderten Hass und Wut
zugleich.
Das war es,
was ihn vom ersten Augenblick angezogen hatte wie ein Magnet. Sie
hatte nie aufgegeben, selbst jetzt nicht.
Ein
überströmendes Machtgefühl erfüllte ihn. Du bist das
Werkzeug meiner Vergeltung, meiner Macht flüsterte er und
der Laut, der aus seiner Kehle kam, klang triumphierend.
Er gierte nach
dem, was nun kommen sollte. Er konnte den Blick nicht von Scully
abwenden. Das Gefühl jedoch, das von ihm Besitz ergriff, hatte
mit Liebe nichts zu tun, es war einfach nur Gier und
Leidenschaft. In seinem Körper regte sich etwas. Alte
Erinnerungen, alte Sehnsüchte, uralte Begierde. Mit den
Fingerspitzen fuhr er über ihren Hals und legte schließlich die
Hand auf ihre Schulter. Bis jetzt hatte sie sich kaum bewegt, sie
rührte sich nicht, sprach kein Wort, sondern wartete ab,
während jeder Muskel ihres Körpers angespannt war. Ihre Haut
fühlte sich glatt, weich und kalt an. Sein verschlingender Blick
wanderte an ihr hinab bis zu den Zehenspitzen und wieder herauf.
Sein Blut begann bereits schneller in seine Abern zu
fließen, noch ehe seine Finger seinen Augen folgten. Er senkte
seinen Mund auf ihre Schulter.
Unfähig
diesen Teufel in Menschengestalt noch länger anzusehen, drehte
sie angewidert den Kopf zur Seite. Ein zorniger Funke flackerte
in Scullys Augen. Ihr Blick wurde hart, aber sie lächelte, als
sie sich langsam, ganz langsam, zu ihm umdrehte. Ein böses Feuer
breitete sich in ihrer Magengegend aus.
Sie zog die
Lippen zurück und fletschte wütend die Zähne. Ihr Gesicht
verzerrte sich vor nackter Wut. Mit einer schroffen
Bewegung schüttelte sie seine Hände ab. Wag es nicht,
mich anzufassen, du Bastard. Ihre Stimme klang steinhart.
Wenn du auch nur einen Moment glaubst, ich würde dir
gehören, dann täuschst du dich. Niemals! Auch wenn du der
Teufel persönlich bist! Voller Entzücken
registrierte sie, dass seine Augen zu lodern begannen. Sie zeigte
ihm unmissverständlich, dass sie zwar seine Schöpfung, jedoch
nie seine Sklavin sein würde. Ihre Seele gehörte zwar jetzt
nicht mehr ihr selbst, wohl aber ihr Verstand.
Er machte eine
wegwerfende Geste, dann packte er sie.
Mit einem
Fluch auf den Lippen zerrte er sie mit sich, als er blindlings in
ihr Schlafzimmer stolperte.
Sie schrie.
Trat nach ihm. Schrie weiter.....und er, lachte. Ein wildes,
leidenschaftliches Lachen. Er war offensichtlich mit ihrer
Reaktion auf ihn zufrieden.
Der
nächste Morgen...
Fox Mulder stand vor dem Apartment seiner Partnerin. Es sah ihr
ähnlich, dass sie vor Tagen schon sein Angebot, sie könne für
eine Weile bei ihm einziehen, dankend abgelehnt hatte...mehrfach.
Sie war stark und selbständig, wie immer. Gegen einen
Überraschungsbesuch hatte sie sicher nichts einzuwenden und er
wollte sie mit einem herzhaften Frühstück überraschen und
freute sich sehr darauf, sie nach Tagen endlich wieder zusehen.
Und so klopfte er gegen das lackierte Holz der Türe und wartete
darauf, dass sie ihm öffnete.
Der heiße Kaffee in den weißen Pappbechern schwappte über und
die noch warmen Semmeln lagen verstreut auf dem Boden, als er die
Tüte mit dem Frühstück unvermittelt und hastig fallen ließ.
Er hörte sie im Inneren der Wohnung laut aufschreien und es fuhr
ihm förmlich durch Mark und Bein. Klagend pochte der Schmerz in
ihm, doch die kurz darauf folgende, klare Erkenntnis traf in
mitten ins Herz. Sie schrie immer noch! In Panik suchte er nach
dem Wohnungsschlüssel in seinen Taschen. Er fand ihn, führte
ihn hastig ins Schloss, entriegelte in Windeseile die Tür, und
stieß sie daraufhin auf. Er verlor um ein Haar das
Gleichgewicht, als er mit gezogener Waffe in die Wohnung seiner
Partnerin stürmte.
Wie eine Kanonenkugel, die unmittelbar in seinen Bauch einschlug,
traf ihn der Schock, als er kreidebleich ihr Schlafzimmer betrat,
woher die Schreie, welche mal lauter und mal leiser wurden, zu
kommen schienen. Sie schrie immer noch! Er trat durch die
sperrangelweit geöffnete Schlafzimmertür, doch mitten in der
Bewegung hielt er abrupt inne. Einen Moment lang stand er nur wie
versteinert da, als habe er gerade einen Geist gesehen. Dann
durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein scharfes Messer: ...Scully?
Sie lag mitten auf dem Bett in ihrem völlig zerwühlten Laken und trug nichts als ein schwarzes, kurzes Nachthemd. Sie war kreidebleich und schlug und trat wie wild um sich. Hastig ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten, um sicherzustellen, dass außer ihnen beiden auch wirklich niemand sonst hier war, dann steckte er seine Pistole zurück ins Holster und lief an ihr Bett. Behutsam versuchte er, auf sie einzureden, sie zu wecken. Als sie schließlich die Augen öffnete, klammerte sie sich förmlich an ihn, ließ ihn nicht mehr los. Er setzte sich zu ihr aufs Bett und hielt sie im Arm, beruhigte sie. Auf die Frage hin, was denn los sei, antwortete sie, dass sie furchtbar schlecht geträumt hätte. Insgeheim ahnte sie jedoch, dass all das nur allzu real war. Aber irgendetwas...eine leise, verführerische Stimme in ihrem Kopf, welche sie zu beeinflussen schien, befahl ihr, den nächtlichen Besuch und alles, was damit verbunden war, für sich zu behalten.
Als Dana sich einigermaßen beruhigt hatte, machte er sich auf, etwas kaltes Wasser holen, damit sie sich ein wenig erfrischen konnte. Als er, aus der Küche kommend und mit einer blauen Plastikschale bewaffnet, das Badezimmer betrat und das Licht dort einschaltete, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Unter lautem Poltern ließ er die leere Schale aus seiner Hand fallen und starrte auf den Spiegel über dem Waschbecken vor ihm. Er war zersprungen und auf den einzelnen, durch Sprünge und Risse voneinander abgeteilten Stücken, standen seltsame Schriftzeichen, mit roter Farbe geschrieben. Es dauerte einen Moment bis er realisierte, dass das da vor ihm keine Farbe war, sondern Blut. Nur wessen Blut? Es schien ein zusammenhängender Text...ein Satz, oder etwas in der Art zu sein...doch die Sprache, in der es geschrieben stand, war ihm gänzlich unbekannt. Es erinnerte entfernt an arabisch...aber das war es eindeutig nicht! Er machte einen Schritt vorwärts, um es sich näher anzuschauen, als mit einem Male etwas unter seinem Schuh knirschte. Er hob seinen Fuß und erblickte Danas goldene Halskette, mit dem kleinen Kreuz daran. Er hob sie auf und schaute sie sich genau an. Es war Danas Kette und sie war kaputt, der Verschluss war zerrissen worden. Er steckte sie behutsam in seine Hosentasche. Was in aller Welt war nur los hier? Er ging zurück ins Schlafzimmer und packte hastig einen Koffer, mit einigen Sachen für sie zum wechseln. Pullis, einen willkürlich ausgesuchten Stapel Unterwäsche, ein Nachthemd. Er erklärte knapp, er würde sie unter keinen Umständen auch nur noch eine Nacht lang allein hier schlafen lassen. Er bat sie, sich etwas anzuziehen und mit ihm zu kommen, sie würde für eine Weile bei ihm wohnen, bis diese ganze Sache geklärt endgültig wäre. Er machte sich schwere Vorwürfe, dass er nicht schon eher nach ihr geschaut hatte. Offensichtlich war die Gefahr noch nicht vorüber, Donnie Pfaster hin oder her. Irgendjemand hatte sich, irgendwie und ohne Spuren zu hinterlassen, Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft, und weiß Gott was hier getrieben. Diese ganze Sache wurde immer absurder, das alles machte überhaupt keinen Sinn. Der Spiegel...die Kette...die seltsamen Schriftzeichen. Was hatte das alles zu bedeuten? Was führte dieser Jemand im Schilde? Und welche Rolle spielte seine Partnerin bei dieser ganzen Sache? Das alles war eindeutig nicht die Handschrift von Donald Eddie Pfaster, so viel stand fest!
Auf dem Weg zu seiner Wohnung war Fox Mulder nicht wirklich in der Lage, sich auf den Straßenverkehr vor ihm zu konzentrieren. Immer wieder schweifte sein Blick zu dem hübschen Rotschopf, der da auf seinem Beifahrersitz, in Jeans und Shirt saß. Sie war kreidebleich, nagte und saugte die ganze Zeit über geistesabwesend an ihrer Unterlippe herum. Die musste sie sich im Schlaf aufgebissen haben, mutmaßte er, denn sie blutete noch immer leicht. Er beobachtete sie, als sie ihre Unterlippe zwischen die Zähne nahm, daran nagte, sie dann freigab, nur um gleich darauf daran zu saugen. Es schmeckte wieder so warm und süß.
Er fragte sie zum wiederholten Male, ob sie sich von einem Arzt durch checken lassen wolle, was sie ihrerseits abermals energisch verneinte. Also brachte er sie vorerst zu sich in die Wohnung.
Nachdenklich saß der Agent hinter dem Steuer seines Wagens und kämpfte sich mittels einiger waghalsiger Aktionen und unter leisem Fluchen durch den abendlichen Straßenverkehr von Washington, D.C.
Nachdem seine Partnerin neben ihm auf dem Sofa eingeschlafen war, hatte er sie ins Bett gebracht und ihr eine kleine Notiz hinterlassen, damit sie sich nicht sorgte, wenn sie erwachte. Dann erst war er los gefahren, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen.
Was ist nur geschehen? Vor ein paar Stunden erst saß ich hier im Auto neben der Frau, die mein ganzes Leben ist. Doch es schien geradezu, als würde ich sie nicht kennen... als wäre das da neben mir eine vollkommen Fremde gewesen.
Meine Gefühle ihr gegenüber...ich bin mir nicht mehr sicher, was ich für sie empfinde und wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. Ich fühle mich so taub...so leer.
Trage ich vielleicht Schuld an alledem? Ich weiß es selbst nicht, aber dies hier...was ich hier und jetzt erlebe, ist nahezu unerträglich. Ich meine...jemanden neben sich zu haben, den man plötzlich nicht mehr einordnen kann. Den man seit Jahren kennt, dem man blind vertraut und mit dem man durch dick und dünn gegangen ist. Und der einem auf einmal zu entgleiten scheint, langsam aber sicher...und man fühlt sich hilflos, weiß nicht was man dagegen tun kann. Ist sie diejenige, die sich verändert, ...oder bin ich es?
Dass sie sich mir gegenüber nach all den Jahren in mancher Hinsicht noch immer so verschließt, diese Tatsache tut mir mehr weh als alles andere.
Damals, als sie das erste Mal von diesem Monster Pfaster entführt wurde, da habe ich unbeschreibliche Ängste durch gestanden, habe nach ihr gesucht wie ein Besessener. Als ich sie dann schließlich aufgespürt hatte, da war es, als ob ich den Teil meiner Selbst, welchen ich in jener Nacht vor so vielen Jahren mit Samantha zusammen verlor, wieder gefunden hätte. Seit damals wusste ich, dass ich diese Frau liebe.
Als dieses Ungeheuer dann aus dem Gefängnis entkam und drauf und dran war, sie mir ein zweites Mal wegzunehmen...ich hätte es nie vor ihr zugegeben, das würde ich nicht einmal heute tun. Aber wenn sie ihn nicht getötet hätte, damals, dann hätte ich es an ihrer Stelle getan. Das ist vielleicht auch mit ein Grund, warum wir später nie mehr groß über diesen Vorfall sprachen. Es war eine Art stilles Abkommen.
Und nun, da dieses Monster scheinbar von den Toten zurückgekehrt war...und es schien, als würde mein Glück mich dieses Mal endgültig verlassen, als würde er dieses Mal gewinnen, da hätte ich um ein Haar den Verstand verloren.
Und als ich sie dann zurückbekam, da wollte ich nicht fragen, wie. Wollte nicht wissen, warum. Ich blendete sämtliche Zweifel und Fragen aus und verbot mir, meinem Instinkt zu vertrauen. Ihre Aussage, sie würde sich an nichts klar und deutlich erinnern, aber sie wäre sich sicher, dass Pfaster ein für allemal fort wäre, genügte mir...zumindest redete ich mir das ein. Ich war glücklich, wollte vielleicht einmal im Leben etwas als gegeben hinnehmen, schätze ich. Ohne weiter kämpfen zu müssen. Es sollte gut sein, wie es war. Dennoch blieb dieser schale Beigeschmack. Ich ahnte, dass etwas nicht stimmte. Ich kam schließlich zu mir, verschloss nicht mehr länger die Augen. Ich wollte...musste einfach wissen, was geschehen war. Und das vorhin, das... war nicht die Frau, die ich kannte...die ich liebe. Dies da neben mir auf meiner Couch, das war nicht Dana Scully. Das da war eine Fremde. Und nun bin ich wieder einmal auf dem Weg, meine Welt zu ordnen...Ich muss wissen, was in ihr...was mit ihr...mit uns vorgeht. Ich will sie nicht verlieren.
Wie in Trance schließe ich die Tür zu ihrer Wohnung auf, trete ein. Hier wo alles begann, werde ich anfangen...
Der Agent atmete hörbar ein und aus. Tausende von Bildern schossen ihm durch den Kopf. Er fasste sich ein Herz, schob die Tür auf und betrat langsam den Flur. Er ging zum Badezimmer, schaltete das Licht an und trat an den zerstörten Spiegel. Hastig tastete er in seinen Taschen nach einem Fetzen Papier und einem Kugelschreiber und versuchte, die seltsamen roten Schriftsymbole so genau wie nur irgend möglich zu übernehmen...er würde versuchen, sie zu übersetzen, falls möglich. Er durchwühlte all seine Taschen, fand jedoch lediglich eine alte, zerknüllte Notiz in seiner rechten Manteltasche. Er entfaltete sie, legte sie auf den Rand des Waschbeckens vor sich und schrieb...als er damit fertig war, fuhr er zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, in dem gesprungenen Spiegel vor sich die Umrisse einer großen, dunkel gekleideten Gestalt zu sehen...mit schulterlangen, schwarzen Haaren. Nur einen Herzschlag lang, vielleicht...so als würde er blinzeln. Der Agent fuhr herum und griff nach seiner Waffe, doch dort vor ihm war nichts und niemand zu sehen...Nach einigen prüfenden Blicken wandte sich wieder Spiegel zu. Die bizarre, bruchstückhafte Spiegelung erinnerte ein wenig an die Sichtweise eines Insekts. Viele kleine Gebilde, welche zusammen jedoch kein ganzes, vollständiges Bild ergaben, sondern ihm die stattdessen trügerische Verzerrungen der Realität präsentierten. Genau wie seine Gedanken. Er musste hier raus...
Das riesige Gebäude erinnerte an eine Burg...oder ein Kloster.
Aber diese Universität gab es schließlich auch nicht erst seit
gestern. Sie war eine der ältesten und angesehensten
hierzulande. Sie stand mitten im Grünen und das riesige Gelände
drum herum strahlte im Licht der Sonne. Es war gerade um die
Mittagszeit, doch der Agent verspürte weder Hunger, noch Durst.
Material. Informationen, das war es, was er brauchte. Und zwar
einen möglichst großen Pool davon. Wenn er auch noch nicht
hundertprozentig wusste, wonach er eigentlich suchte. Nach einem
kurzen Anruf bei den Gunmen von seinem Handy aus, setzte Langley
seine alten Kontakte zu verschiedenen Universitäten in Gang. Er
meinte, einige Leute dort schuldeten ihm noch eine Menge. Und ehe
er sichs versah, saß Fox Mulder inmitten einer der
reichsten und somit größten und umfangreichsten Bibliotheken
der Vereinigten Staaten von Amerika, und begann sogleich mit der
Arbeit.
Riesige, moderne Räume...Verzeichnisse...riesige Regale...Internetzugang. Was würde er nur ohne diese drei machen? Unzählige Male hatte er sich nun schon blind auf sie verlassen können. Sie hatten ihn nie hängen lassen, hatten ihn nie enttäuscht...und taten es auch dieses Mal nicht. So etwas war selten heutzutage und das wusste er sehr zu schätzen. Sein messerscharfer Verstand begann sogleich, wie wild zu rotieren. Also gut, Mulder...auf zum Tanz!, murmelte er, als er sich in die Arbeit stürzte. Er begann bei psychologischer Literatur...sein Spezialgebiet. Er wühlte in zahllosen Büchern nach Anhaltspunkten, die ihm vielleicht helfen würden, das Verhalten seiner Partnerin zu verstehen. Ein Trauma, der wiederholten Entführung durch Pfaster wegen vielleicht...dann machte er sich an medizinische Literatur. Er suchte ganz gezielt nach den Symptomen, die sie aufwies. Stunde um Stunde verbrachte er auf diese Weise, doch er konnte machen, was er wollte. Das, was ihrem Verhalten und ihrem Krankheitsbild - er war sich mittlerweile sehr sicher, dass sie krank war - am nächsten kam, war Schwachsinn. Selbst für ihn. Überall wurde er zu dem äußerst abstrakten Krankheitsbild der Akuten intermittierenden Porphyrie" verwiesen. Diese wurde im Volksmund auch als Vampirkrankheit bezeichnet. Bei diesem Gedanken lief es ihm abwechselnd heiß und kalt den Rücken herunter...er las eine Passage laut vor: Die Patienten klagten über anhaltenden Brechreiz, Lichtempfindlichkeit, sowie Mattigkeit und Appetitlosigkeit. Die Angehörigen der Betroffen gaben zu Protokoll, dass die Kranken plötzlich in der Nacht schreiend und unter Zittern hoch schreckten. Sie klagten dabei über Verengungen der Atemwege und hitzige Aufwallungen, einhergehend mit dem Symptom der Herzangst, und Schmerzen in der Herzgegend, sowie im Magenmund. Nach einem solchen Anfall folgte der Alptraum, in dem die Kranken immer wieder von den Untoten berichteten, die zu ihnen kamen und ihnen das Leben aussaugten.
Nachdenklich runzelte der Agent die Stirn und rieb sich das stoppelige Kinn. In seinem Kopf begann er, die Bruchstücke des wirren Spiegels, der seine Gedanken war, zusammenzusetzen. Warum verschloss er die Augen vor dem offensichtlichen? War er nicht eigentlich derjenige welche, der am ehesten mit einer solchen Theorie daher kam? Warum fiel es ihm jetzt so schwer, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen? Er kannte die Antwort. Weil er sie liebte...darum. Aber was hatte es mit den seltsamen Schriftzeichen auf dem Spiegel auf sich? Er kramte die zerknüllte Notiz aus seiner Hosentasche hervor...
Die hübsche, etwas ältere Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren
und den leicht angegrauten Schläfen humpelte um ihren
Schreibtisch herum. Offensichtlich gehörte sie zu dem
beträchtlichen Personal dieser riesigen Bibliothek. Ihre Brille
saß vorn auf ihrer Nase und an ihre dunkelrote Bluse war ein
Namensschild mit dem Logo der Universität darauf geheftet. Auf
ihm stand in schwarzen Druckbuchstaben der Name Mary.
Ihrem Aussehen nach war sie etwa Anfang Vierzig, und ihre
Erscheinung war - abgesehen von ihrem bildhübschen Gesicht, und
dem silbernen Kreuz, welches an einem Wildlederband auf ihrem
Dekollete ruhte - eher unscheinbar.
Dieser Mann dort vorn...sie beobachtete ihn nun schon eine ganze Weile und ihr Instinkt und ihre Erfahrung sagten ihr, dass er die Bücher, die er immer wieder gezielt aus den Regalen zog, nicht zum Spaß las. Sie versuchte, ihn zu deuten, wollte ganz sicher gehen, ehe sie sich eventuell outete. Er machte große Schritte und wenn er vor dem Regal stand und im Laufen umkehrte, dann tat er dies auf der Stelle und ohne einen Bogen zu beschreiben. Er war zielstrebig und energiegeladen, auch wenn man ihm die Erschöpfung deutlich ansah. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Gequältes an sich, aber dennoch lag eine Entschlossenheit in seinen Zügen, die sie sonst nur von ihrem Vater...oder von sich selbst gekannt hatte. Früher, als sie noch mehr bei Kräften gewesen war. Als sie noch in der Lage war, Ihm, Dracula, Paroli zu bieten. Sie war die Tochter ihres Vaters. Doch das Blut in ihren Adern, welches er ihr vererbt hatte, war nicht rein genug gewesen...es war durch die Vererbung zu stark verdünnt worden und die zahllosen Kämpfe, die sie seither gegen den Prinzen der Dunkelheit geführt hatte, hatten viel von ihrer Kraft geraubt...zu viel. Seit damals, als die unheilige Asche dieser Kreatur zu neuem Leben erwachte und sich erneut anschickte, die Weiten der Welt unsicher zu machen. Sie hatte seiner Spur von England bis hier her erneut folgen können. Doch geschwächt wie sie war, war sie kaum mehr ein Gegner für den Fürsten der Nacht. Der ewig währende Krieg zwischen gut und böse...sie hatte ihn verloren...und nun würde die ganze Welt den Preis für ihr Versagen zahlen
Vergib mir, Vater...ich habe dich enttäuscht...es tut mir leid.
Nein, dachte sie. Ihr Vater würde sich für sie schämen! Er hatte nicht aufgegeben...im Gegenteil. Obwohl er wusste, dass er keine Chance hatte, gab er damals sein Leben, nur um sie zu schützen...um Zeit zu gewinnen. Damit trat sie sein Erbe an. Und nun würde sie diese schwere Bürde weiter reichen, an jemand anderen. Und sie wusste instinktiv, dass sie denjenigen gefunden hatte, der imstande sein würde, ihr Werk zu vollenden. Erneut lief sie um ihren Schreibtisch herum, stützte sich dabei auf dessen hochglanzpolierter Holzplatte ab. Die hölzernen Gehhilfen, welche rechts von ihr an den Stuhl gelehnt waren, beachtete sie kaum. Auch jetzt nicht. Sie war eine Van Helsing, und sie brauchte keine Krücken! Allerhöchstens, um sie im Fall der Fälle durchzubrechen, und eines der gesplitterten Hölzer ihrem übermächtigen Gegner durch sein kaltes, untotes Herz zu stoßen. Doch diese Zeiten, so wusste sie, waren ein für allemal vorbei.
Sie verharrte für einen Moment, an den Tisch gelehnt, die Augen geschlossen. Als sie sich schließlich sicher war, genug Kraft für den weiteren Weg geschöpft zu haben, richtetet sie sich auf, suchte ihr Gleichgewicht und marschierte dann schnurstracks zu der Stelle am anderen Ende des riesigen Raumes, welche sie sich zum Ziel gesetzte hatte. Von Schwäche war nichts mehr zu erkennen, als sie das Zimmer durchquerte und sich an zahllosen anderen Leuten vorbei schob. Es war, als würde sie nur durch reine Willenskraft und durch puren Stolz die Kraft aufbringen, um derart behände durch den Raum zu marschieren
Mary Van Helsing schritt zielsicher zuerst an eines der zahllosen Regale und dann schnurstracks auf den an einem der zahllosen Tische im Raum lesenden FBI - Agenten zu, den sie nun schon seit Stunden beobachtet hatte...
Fox Mulder war gerade in einer Textpassage vertieft, in der eine Krankheit beschrieben wurde, die ein ähnliches Krankheitsbild wie das der Porphyrie aufwies, als ein großes, schweres Buch aus einiger Entfernung direkt vor seiner Nase vorbei sauste, auf den Tisch geworfen wurde. Er hörte Schritte hinter sich und eine Frauenstimme drang von links an sein Ohr: Versuchen Sie es mal mit diesem hier!, sagte diese schlicht und offensichtlich meinte sie eben jenes Buch, das nun direkt vor ihm lag, und welches das, in dem er ursprünglich las, nun vollständig verdeckte. Der Band war dick, sah alt und abgegriffen aus, und war gebunden in rotes Leder. Auf dem Deckel stand in goldenen Lettern groß zu lesen: BIBEL.
Er schaute erst auf das Buch und dann auf die ca. 1,70m große Frau, die jetzt ein wenig gebückt und leise keuchend links neben ihm am Tisch stand, und ihn mit großen, dunklen Augen herausfordernd anschaute.
Der Agent schaute genervt zu ihr auf: Was soll das, wer sind Sie? Er seufzte genervt.
Die Frau ging um den Tisch herum und setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl. Sie atmete erleichtert auf, als die Anstrengung des selbständigen Gehens sichtbar von ihr abfiel. Sie schaute ihrem Gegenüber direkt ins Gesicht: Mein Name ist Mary. Mary Van Helsing. Sie lächelte dünn.
Mulder schaute sie an, als käme sie vom Mond. Aha...freut mich sehr, aber wenn Sie nichts dagegen haben...ich habe zu tun! Für so einen Blödsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Bei ihrem Nachnamen klingelte es natürlich...er kannte ihn aus unzähligen Romanen und Filmen. Wahrscheinlich hatte sie ihn beobachtet, hatte gesehen, was er las und wollte sich nun wichtig machen...oder was auch immer...Alle Verrückten kommen nach Washington, dachte er sich. Es war ihm egal.
Mary sah ihn noch immer an. Sie haben vollkommen Recht, ich habe Sie beobachtet, Mr. Mulder. Aber aus anderen Gründen, als Sie glauben. Ich möchte Ihnen helfen.
...Wie zum Teufel haben Sie das gemacht? Und woher kennen Sie meinen Namen?
Zum Teufel?, antwortete sie. Das kommt der Wahrheit schon näher, als Sie ahnen, Mr. Mulder. Ich nehme an, ich habe jetzt Ihre volle Aufmerksamkeit?
Der Angesprochene nickte schlicht.
Nun, Mr. Mulder. Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach. Ich habe Ihre Gedanken gelesen. Um ehrlich zu sein tue ich das, seit Sie hier sind. Ihnen steht eine unmenschliche Aufgabe bevor und ich wünsche mir von Herzen, ich könnte diese Last von Ihren Schultern nehmen.
Was wollen Sie von mir und wovon sprechen Sie, verflucht? Fox Mulder begann, die Geduld zu verlieren. Das letzte was er jetzt wollte war, sich die abgedrehten Geschichten einer geistig verwirrten Frau anzuhören.
Ich bitte Sie, mir zuzuhören. Ich werde Ihnen alles erklären, es bleibt nicht mehr viel Zeit...Vielleicht ist es sogar bereits zu spät. Sie atmete tief durch und dann: Sie sind auf dem richtigen Weg. So schwer es Ihnen fallen mag, es zu akzeptieren. Es ist wahr. ER hat sie in seiner Gewalt!
Mulder schaute sie nur fragend an: Er?
Dracula! Er existiert wirklich. Es ist kein Märchen, keine Fantasie irgendwelcher Schriftsteller, oder Drehbuchautoren. Er ist das personifizierte Böse, er ist Nosferatu! Und er hat sich Ihrer Freundin bemächtigt und das aus einem ganz bestimmten Grund! Er...
Das ist nicht Ihr Ernst!, unterbrach er sie schroff. Mann nennt mich vielleicht Spooky Mulder, aber ich bin nicht verrückt. Sie sollten sich hören...verschwenden Sie nicht meine Zeit, ich muss einen Weg finden, ihr zu helfen, ich...
Halten Sie den Mund!, fauchte sie ihn an und versuchte gleichzeitig, nicht allzu zu laut zu werden, und so die Aufmerksamkeit der Menschen um sie beide herum nicht auf sich zu lenken. Ihre dunklen Augen leuchteten für einen Moment feuerrot auf, und ihre Hände formten sich zu Fäusten. Sie verbringen ein ganzes Jahrzehnt damit, hinter Außerirdischen herzujagen...bringen Ihre Partnerin dabei unzählige Male in Lebensgefahr. Und nun, da Sie beide der größten Herausforderung Ihres Lebens gegenüber stehen, und ich Ihnen erklären will, wie Sie vielleicht noch imstande sind, ihr Leben zu retten, da sind Sie nicht bereit, mir auch nur zehn Minuten Ihrer Zeit zu opfern?
Verblüffung und Schuldgefühl wechselten sich in seinem Inneren ab und nun wartete er geduldig und beinahe reumütig, bis die geheimnisvolle Frau ihm gegenüber damit fort fuhr, zu erzählen.
Also, Agent...ich weiß, dass Sie an Vampire glauben. Sie sind Ihnen sogar schon mehrfach begegnet. Doch der, von dem ich spreche, Dracula...er war der erste. Der Ursprung...der Adam, wenn Sie so wollen. Doch im Gegensatz zu den anderen kann man ihn nicht töten. Alles, was Vampire tötet, kann ihm nichts anhaben. Vor vielen Jahren dachte ich, er wäre endgültig bezwungen worden. Doch ich irrte mich. Ich bin die Tochter von Abraham Van Helsing und Draculas Blut fließt in meinen Adern. Das zu erklären ist eine lange Geschichte und so viel Zeit haben wir nicht...so viel Zeit haben Sie nicht! Sie müssen mir einfach vertrauen, Sie haben keine Wahl. Ich war die Hüterin des Vermächtnisses meines Vaters. Ich wachte über Draculas Asche. Doch als er mir vor Jahren entkam, begann alles aufs Neue. Er ist wieder auf der Suche nach einer Partnerin, die seiner würdig ist. Und da ich die einzige außer ihm selbst bin, die reinen Blutes ist, ich mich ihm aber verwehrte, will er jetzt einen Nachkommen zeugen, um so einen Sohn zu erhalten, der rein ist. Nicht gebissen, sondern geboren. Das ist der Grund, aus dem er Ihre Partnerin erwählt hat...und es ist der Grund, aus dem Sie schnellstmöglich handeln müssen. Er muss aufgehalten werden, muss vernichtet werden. Ihn zu zerstören ist der einzige Weg, sie zu retten.
Mulder sah sie nur an. Aber...was...kann ich tun?
Mary senkte ihren Kopf. Das ist genau das, wobei herauszufinden ich Ihnen nicht helfen kann. Wie ich schon sagte, Dracula existiert. Aber verbannen Sie alles aus Ihrem Kopf, was Sie über ihn zu wissen glauben, über seine Herkunft, seine Entstehung.
Ich verstehe nicht...
Lassen sie mich Ihnen zeigen, was ich meine...was ich einst sah. Mit diesen Worten erhob sie sich, schritt erneut um den Tisch herum und stellte sich hinter ihn. Sie lehnte sich von hinten gegen ihn um sich zu stützen, und ihre Fingerkuppen berührten kaum spürbar seine Schläfen. Eine Flut von Bildern aus einer längst vergangenen Zeit strömte auf ihn ein, überflutete seinen Geist. Er sah...einen großen Tisch, bescheiden gedeckt mit Speis und Trank. Er sah einen Moment des Verrats...verräterische Lippen bewegten sich unheil verkündend. Alsdann sah er einen sterbenden Mann, in der sengenden Sonne an ein Kreuz geschlagen...er wusste instinktiv, um wen es sich dabei handelte. Ein anderer Mann kniete, um seiner Sünden weinend am Fuße des hölzernen Mordinstrumentes und weinte ob seiner Taten. Dann sah Mulder, wie sich Judas Iskariot im ersten Licht der Morgensonne an einem Ast erhängte...die Silbermünzen, die er für seine feige Tat erhalten hatte...das Blutgeld, fiel hell singend in den Staub zu seinen Füßen. Dann war er tot. Doch mit einem Male schlug er die Augen auf und das Seil, an dem er hing riss, wie von Geisterhand durchtrennt. Das war die Geburtsstunde von Dracula...seit jeher wandelte er auf Erden, weder tot noch lebendig. Gottes Zorn, seine Strafe für den Verrat seines Sohnes.
Das Licht der Erkenntnis durchfuhr den Agenten: Natürlich...das Kreuz...das Silber...Sonnenlicht...alles Dinge, die er hasst, die ihn jedoch nicht töten. Er entfaltete den zerknüllten Notizzettel, den er die ganze Zeit über in Händen gehalten hatte. Aramäisch, flüsterte er, ihre Finger noch immer von hinten sanft an seiner Stirn ruhend. Er schaute auf die seltsamen Schriftzeichen, die sich vor seinen Augen zu verändern begannen. Er las sie laut vor: Der, der da wandelt durch die ewige Finsternis, und trachtet nach dem Blut des ewigen Lebens. Erschöpft löste Mary Van Helsing ihre Finger von Mulders Schläfen und die Worte auf dem Stück Papier in seiner Hand wurden vor seinen Augen wieder zu undefinierbaren Schriftzeichen. Schwer atmend setzte sie sich auf einen Stuhl links neben ihm und schaute ihn an. Jetzt wissen Sie alles, sagte sie nur schlicht. Sie müssen sich beeilen, Sie haben nicht mehr viel Zeit, den Bann zu brechen, in den er sie schlug. Ihre Verwandlung ist schon sehr weit fortgeschritten und nur sein Tod kann sie erlösen.
Mulders Verstand war noch immer dabei, das eben gesehene zu verarbeiten und zu begreifen. Er versuchte, die Bruchstücke des zerbrochenen Spiegels in seinem Kopf zusammenzusetzen. Es ergab alles Sinn. Alles...bis auf eine Sache. Scully...seit ihrer Entführung damals...sie ist doch gar nicht in der Lage, Kinder zu bekommen, schoss es ihm durch den Kopf. Mary sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie war noch immer in seinem Kopf und hörte, was er dachte. Sie legte ihre rechte Hand auf seine Schulter und senkte ihren Blick. Eine Geste unendlichen Mitleids. Mein Gott, sagte sie. Dann wird er sie verstoßen, sie ist wertlos für ihn. Es ist alles umsonst... Als ihr die Ironie ihrer Worte bewusst wurde, tat sie etwas, von dem sie nicht wusste, dass sie dazu überhaupt noch fähig war, nach all den Entbehrungen, Kämpfen und Verlusten der letzten Jahre. Sie dachte an Simon...eine Träne rann ihr über die Wange. All das...dieses Leid, dieser ganze Wahnsinn hier...alles umsonst. Gott möge ihrer Seele gnädig sein...und Ihrer, Mr. Mulder, flüsterte sie noch. Dann stand sie mühsam auf, wand sich ab und ging...
Irgendwo, hoch über den Straßen von D.C.
Auf einem Dachvorsprung, verborgen im Schatten der Giganten aus
Stahl, Beton und Glas ringsherum, kauerte Er. Sein langer,
schwarzer Mantel flatterte, einem Paar mächtiger Schwingen
gleich, in der kühlen, winterlichen Abendluft. Der in dieser
Höhe mächtig pfeifende Wind spielte kraftvoll mit seinem
dunklen Haar, zerzauste es. Mit einem Wink seiner rechten Hand
befahl er ihm, augenblicklich abzuflauen und ihn zufrieden zu
lassen mit sich und seinen Gedanken. Er schaute hinab auf die
wimmelnden Massen unter ihm. Wie sie insektengleich durchs Leben
wimmelten. Unwichtig...unfähig...zu nichts höherem bestimmt,
als ihm zu dienen, auf dass er sich von ihnen nährte. Wie hatte
er nur denken können, dass eine von ihnen...eine dieser
lächerlichen Kreaturen dort unten es würdig wäre, mit ihm
über die ewige Finsternis zu herrschen. Er lachte verächtlich
über seine eigene Torheit. Er würde sie sich selbst
überlassen, sie war es nicht wert, dass er sich noch länger mit
ihr befasste.
Noch einmal schaute er hinab in die Tiefe und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, starrte er nach oben, gen Himmel, und bleckte seine funkelnden, weißen Fangzähne. In seinem verachtenden Blick lag ein gleißendes, leuchtend rotes Glühen. Es strahlte nur eines aus: Unendlichen Hass! Langsam erhob er sich und mit einer beiläufigen Geste seiner Hand löste sich seine Gestalt in dem plötzlich aufziehendem Nebel um ihn herum auf...dann war er im Dunkel der Nacht verschwunden. Gleich darauf begannen Wolken herauf zu ziehen, und den Mond zu verdunkeln. Immer lauter werdendes Donnergrollen erfüllte die Dunkelheit und schien nahendes Unheil zu prophezeien...
Scully lag noch immer regungslos in Mulders Bett. Sie schloss die
Augen. Ihr Entschluss war gefällt. Es hatte begonnen. Sie würde
diese Niederlage zu einem Sieg machen. Feuer glühte in ihren
Adern...eine leidenschaftliche Überzeugung. Sie war sich ihres
Körpers bewusst, der Spannung, welche immer größer wurde. War
es ein Vorgeschmack davon, was sie mit ihm vor hatte? Was Er
mit ihr vorhatte?
Sie erhob sich aus dem mit Wasser gefüllten Bett, trat ans Fenster. Ihre blasse Haut schimmerte milchig im blassen Mondlicht. Das schwarze, seidene Nachthemd lag federleicht auf ihrer Haut. Er war nun nicht mehr in ihrem Kopf, das spürte sie deutlich. Er war fort. Sie leckte sich die Lippen, fuhr mit der Zungenspitze über ihre unnatürlich langen Eckzähne. Mit einem Mal war das Mondlicht fort und es war stockdunkel. Ihre Augen durchforsteten, messerscharf suchend die in schwarz und weiß gehaltene Nacht, überall um sie herum. Ihre Zehen schienen kaum den Boden unter ihren Füßen zu berühren; es war, als würde sie geradezu über den Teppichboden schweben, den Kopf leicht zur Seite geneigt und den Mund geöffnet. Und zum ersten Mal seit...sie wusste nicht wie lange, verspürte die zierliche Frau ein fast vergessenes Gefühl. Es nagte geradezu in ihrem Inneren. Sie hatte...Hunger!
Das Unwetter kam aus heiterem Himmel und war ungewöhnlich heftig
für diese Jahreszeit. Kalter, schneidender Wind peitschte
geradezu wütend durch die ehemals klare Nachtluft, und dichte
Regenschauer prasselten gegen die Windschutzscheibe seines Autos
und auf den bereits völlig überschwemmten Straßenasphalt
nieder. Die Kanalgitter und Abwassersysteme hatten alle Mühe,
mit den Wassermengen fertig zu werden, und die Fluten rissen
Geröll und Unrat mit sich.
Hastig stieg der innerlich total aufgewühlte Agent aus seinem Wagen. Er hatte mal wieder keinen Parkplatz bekommen und legte die zwei Straßen bis zu seinem Wohnhaus im strömenden Regen zurück. Obwohl er gerannt war, war er nass bis auf die Knochen, und fühlte sich elendig durchgefroren. In seiner Wohnung angekommen, entledigte er sich seiner klatschnassen Sachen, und ging in sein Badezimmer. Als er es betrat, hatte er augenblicklich wieder die Bilder von Scullys Badezimmer vor Augen. Er versuchte, seinen Kopf zu leeren und nachzudenken. Er trocknete seine Haare mit einem Handtuch und warf leise einen Blick ins Schlafzimmer. Alles dunkel und ruhig, sie schlief seelenruhig, eingekuschelt in ihre Decke. Es grenzte an ein Wunder, dass sie von dem Unwetter draußen nicht aufgewacht war. Selbst der Mond war vollständig von dichten, dunklen Wolken verhangen. Er lächelte zufrieden, als er einen Blick auf ihre, in die Bettdecke eingekuschelte Silhouette erhaschte und schloss leise gähnend die Türe. Er musste entspannen, musste wieder klar denken können und sich aufwärmen. Erst jetzt bemerkte er, dass er noch immer am ganzen Leib zitterte. Er müsste raus aus den nassen Klamotten und eine heiße Dusche nehmen. Wieder im Bad angekommen schaute er sich um und stutzte einen Moment. Warum eigentlich nicht?, murmelte er und nach erneutem kurzen Zögern ließ er sich ein heißes Bad ein...das hatte bis jetzt noch immer geholfen.
Mulder legte sich entspannt zurück.
Er spürte, wie die Anspannung und die Müdigkeit in ihm sich langsam lösten. Er würde sich nicht lange Ruhe gönnen. Nur kurz, um sich zu wärmen. So würde er wieder Kraft schöpfen. Er musste einfach.
Plötzlich stand sie hinter ihm. War er etwa eingeschlafen?
Sie saß hinter ihm, in der Hocke, auf dem Badezimmerboden. Er konnte sie nicht sehen. Lediglich einen Blick auf dünnen, schwarzen Stoff, welcher an ihren Ärmeln ruhte, konnte er erhaschen. Als sie seine Kopfhaut knetete und ihm das Haar einseifte, schien jedes Gefühl, und jede Empfindung irgendwie viel intensiver als sonst. Ihre Finger waren magisch, er hätte sich vollkommen in ihrer Berührung verlieren können.
Sie sind wirklich eine wunderbare Hexe...Schwester Spooky, säuselte er halb im Scherz.
Wenn ich eine Hexe bin, dann ist Er der Hexenmeister, dachte sie bei sich selbst
Ein bebendes Zittern durchlief ihre Haut. Es bewirkte, dass Mulder kalt wurde, obwohl das Wasser, in dem er lag, noch immer warm war. Er versuchte, den Kopf zu drehen, damit er ihr Gesicht sehen konnte, aber sie hatte ihre Finger so fest in sein nasses Haar gekrallt, dass es beinahe wehtat. - Wild!
Hören Sie mir zu, Mulder. Ihr Atem kitzelte an seinem Ohr und bewirkte, dass sich ihm die Nackenhaare sträubten. Er spürte, dass sie diese geflüsterten Worte viel Kraft kosteten.
Das in mir...ist mächtig, Zu mächtig. Eine Art von Macht, die ich gerade erst entdecke. Ich kann es nicht aufhalten... - Gefährlich!
Er wollte sich zu ihr umdrehen, etwas sagen, ihr antworten. Doch plötzlich drückte sie ihm mit dem Schwamm eine Ladung warmes Wasser über den Kopf, und machte ihm somit klar, dass dieses Gespräch beendet war. Es endete so abrupt und so einseitig, wie es begonnen hatte. - Unheimlich!
Warmes Wasser lief seine Schultern hinab und brachte den Geruch von Seife mit sich.
Erneut versuchte er, einen Blick auf sie zu erhaschen und schaute sich nach ihr um, doch Scully wich seinen Blicken blitzschnell aus und beobachtete ihn ihrerseits misstrauisch. Er spürte ihre Blicke auf seiner nackten Haut. - Lauernd!
Etwas geschah mit ihr...war bereits geschehen. Wollte sie ihn warnen...?
Die feuchte Hitze des Bads hatte ihr rotes Haar leicht aufgelockt. - Feuer!
Er glaubte, die Angst und den Schrecken über die jüngsten Ereignisse noch immer in ihrem Blick zu sehen. Er wollte diese Angst tilgen, wollte, dass sie ihm um seinetwillen vertraute und nicht nur, weil sie keine andere Wahl hatte.
Der Gedanke, dass jemand sie so fest geschlagen hatte, dass es die Haut zerriss und Blut floss, bereitete ihm nach wie vor körperliches Unbehagen.
Hat Er Sie geschlagen?, wollte er wissen und bangte mit sich, auf dass seine Vermutungen, seine Theorie dieses Mal nicht zutreffen möge...dass nicht nur er sich irrte, was ihren Zustand betraf...sondern auch die Frau aus der Bibliothek...dass Mary sich ebenfalls irrte, was den Urheber für Scullys seltsames Verhalten anging.
Er hätte nicht gedacht, dass er diesen Gedanken jemals zu fassen imstande wäre...aber mit einem Mal betete er, dass hinter all dem nur Donald Eddie Pfaster steckte, welcher seitdem wie vom Erdboden verschluckt war. Und dass niemand sonst...dass nicht Er dahinter steckte. Es musste Pfaster sein, es musste einfach! Und wenn er ihn zu fassen bekam, dann...
Er wartete geduldig, im warmen Wasser sitzend, bekam jedoch keine Antwort. Noch einmal fragte er sie, diesmal energischer: Hat Er Sie geschlagen?
Sie machte eine unschuldige Geste und schließlich: Ich weiß nicht, wie ich das beherrschen kann, was in jener Nacht erwachte, selbst wenn ich spüre, dass es sich in den dunklen Höhlen meines Geistes wie ein unruhiges Tier bewegt. - Drohend!
Ich
verstehe nicht. Mulder fürchtete, es doch zu verstehen und
ihm gefiel nicht, was er hinter ihren Worten vermutete.
Sie spülte sich den Schaum von den Händen und richtete sich
endgültig hinter ihm auf. Dann ging sie um ihn herum und stieg
mit einem Bein zu ihm in die Wanne, schaute ihn an. Sie war
wunderschön und sie trug kaum Stoff am Leib. Lediglich einen
schwarzen Spitzen - Slip, und einen dazu passenden BH, welcher
ihre ohnehin perfekten Kurven sehr schön zur Geltung brachte.
Und ein langes, schwarzes, seidenes Nachthemd, welches vorne
herum offen war und den Rest von ihr nur spärlich verhüllte.
Ihre dunkle Kleidung bildete einen klaren Kontrast zu ihren
tiefrot geschminkten Lippen und ihrem tizianfarbenen Haar...und
ihrer blassen Haut.
Strecken Sie die Hand aus und schließen Sie die Augen., bat sie ihn mit fester Stimme. Ich werde Ihnen zeigen, was ich meine, Mulder.
Das war eine seltsame Bitte, aber Mulder kam ihr nach. Er wollte verstehen, was in ihr vorging. Er spürte, wie Scullys Hände sich mit den seinen verschränkten. Ihre Finger waren weich und immer noch feucht vom Badewasser. Er fragte sich, wie es wohl sein würde, ihre Haut zu schmecken, mit der Zunge zwischen ihren Brüsten entlang zu fahren und ihren weiblichen Duft einzuatmen. Er wollte, dass ihre Augen vor Begehren dunkler wurden, wollte ihr erwartungsvolles Seufzen hören. Er stellte sich vor, wie er sie liebte, hier und jetzt. Wie er sie nahm, hier im warmen Wasser der Wanne...er konnte einfach nicht anders und schalt sich selbst gleich darauf für diese Gedanken. Wie konnte er in einer solchen Situation nur an so etwas denken?
Nun?
Nun was?, fragte er heiser.
Woran hast du gedacht?
Diesmal spürte er, wie seine Wangen förmlich zu glühen begannen.
An nichts. Sollte ich an etwas denken?
Noch
einmal sah sie ihn forschend an. Sie hob die Hände, zog sich mit
einer fließenden Bewegung den schwarzen, seidenen Stoff ihres
hauchdünnen Hemdes bis knapp über ihre Schultern. Mulder bekam
kaum mehr Luft. Als nächstes öffnete sie den Klickverschluss
ihres schwarzen Spitzen BHs und ließ ihn achtlos zu Boden
fiel.
Das Blut rauschte in Mulders Ohren, als der Stoff von ihren
weißen Schultern glitt und ihre vollkommenen, kleinen Brüste
entblößte, deren Spitzen fest wie Stein geworden waren.
Mulder war nicht in der Lage, den Blick von Scully abzuwenden, als sie nun mit den Fingerspitzen ihre Brustwarzen umkreiste.
Das war es doch, woran du dachtest, oder?, schnurrte sie mit verführerischer Stimme.
Das förmliche Sie lag ebenso weggeworfen am Boden, wie die schwarze Spitze, die eben noch ihre Blöße bedeckt hatte.
Sein Mund war trocken vor Angst...nicht vor Begierde. Das war nicht Scully.
Wie, woran habe ich denn gedacht?
Auch gut. Das habe ich noch nie zuvor versucht, so herum. Mal was anderes, das macht sicher Spaß. Sie lächelte mit einem viel sagenden Blick in den Augen.
Verflucht,
Scully! Er sprang auf und zog sie mit sich, auf die Beine.
Das Badewasser schwappte über den Wannenrand.
Ihre nackten Brüste streifen das dunkle Haar an seiner Brust,
als er sie festhielt. Er konnte ihre warme Haut spüren. Zorn und
Begehren kämpften in ihm gegeneinander an.
Was glaubst du wohl, wie mir zumute ist?, krächzte er fast wütend.
Sie machte eine Bewegung, als wollte sie sich von ihm los reißen, aber er würde sie nicht gehen lassen. Nicht, solange noch eine Spur von Leben in ihm war.
Schmerz zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, ließ ihre Augen dunkler werden. Ihre Zeit tickte und zwar rückwärts. Wieso war sie ihm nur so fremd und doch gleichzeitig so unwiderstehlich? - Andersartig und gefährlich!
Zu wissen, dass sie gerade eben in seinen Geist eingedrungen war, ärgerte ihn...mal ganz abgesehen davon, dass es eigentlich unmöglich war. War es das wirklich...?
Seine Kehle schnürte sich vor Bitterkeit zu, erstickte seine Stimme beinahe. Scully, hören Sie auf damit! Er schüttelte sie und seine Hände hinterließen rote Abdrücke auf ihrer blassen, erhitzten Haut.
Er sah wie ihre Augen größer wurden, wusste, dass er sie gekränkt hatte und verfluchte sich selbst, denn plötzlich wollte er ihr nicht mehr wehtun. In diesem Augenblick konnte er nur daran denken, wie schön sie trotz des noch immer sichtbaren blauen Fleckes über den Augen war. Er löste seine rechte Hand aus ihren und zeigte auf die noch immer leicht geschwollene Haut an ihrer Stirn. Das wird eine Narbe hinterlassen. Er versuchte, ruhig zu bleiben.
Ich bin lieber interessant als hübsch, entgegnete sie schlicht.
Beim Teufel, sie war beides!
Dennoch wusste er nicht so recht, was er mit dieser Bemerkung anfangen sollte.
Du glaubst es immer noch nicht! zischte sie und riss sich von ihm los, als hätte er sie geschlagen, und stieg wieder ganz aus der Badewanne. Mulder hörte den Hohn und nicht die Verzweiflung in ihrer Stimme. Er wollte nicht hier stehen und mit ihr streiten. Plötzlich zählte nur noch seine Begierde...und seine Leidenschaft. Sie war so anders. Immer noch halbnackt, und wunderschön stand sie vor ihm. Sie hatte ihm schon so lange, so sehr gefehlt. Er sehnte sich danach, in der Nacht neben ihrem warmen, anschmiegsamen Körper einzuschlafen. Verdammt noch Mal und wenn er dafür durch die Hölle gehen müsste.
Als er aus der Wanne stieg, bedeckte er sich mit einem Handtuch, trocknete sich notdürftig ab.
Scully bewunderte seine lang gezogenen Flanken und die Biegung seiner festen Pobacken, als er ihr den Rücken zuwandte, und sie demonstrativ ignorierte. Ihr Blut fing an zu kochen. Sie wollte spüren, wie seine Hände fest über ihre Haut rieben. Sie wollte spüren, wie er sie mit einer Leidenschaft umfing, die sie beide entflammen und alle Angst und jeden Zweifel verbannen würde.
Das Licht tanzte über seine hoch gewachsene Gestalt und beleuchtete das nasse Spiel seiner geschmeidigen Muskeln. Scully sah ihrerseits, wie sein Körper auf sie reagierte. Er wollte sie haben, das war deutlich genug. Der Weg war das Ziel...!
Mulder? hauchte sie und befeuchtete ihre Lippen. Als sie sprach, war ihre Stimme heiser. Sie ließ ihr feines schwarzes Seidennachthemd endgültig zu Boden gleiten. Körperlich wie emotional nackt hielt er die Luft an, hörte ihr rasches atmen und wagte es schließlich, ihrem dunkler werdenden Blick zu begegnen. Was sich darin spiegelte, erschreckte den Agenten und zog ihn doch augenblicklich noch tiefer in ihren Bann hinein. Verlangen, Lust und Leidenschaft. Wahnsinn. Dieselbe Sehnsucht zeichnete sich auch deutlich auf seinen angespannten Zügen ab.
Ihre Augen waren Doppelfeuer dunklen Begehrens. Magisch zog sie seinen Blick an. Dennoch stand er regungslos da, starr vor beherrschtem Drängen.
Sie machte einen Schritt vorwärts und legte ihm zögernd die Hand auf die Brust. Sie spürte das fiebrige Hämmern seines Herzens an ihrer Handfläche.
Mit der rechten Hand packte sie sein Handgelenk und legte seine Hand auf ihr eigenes, rasendes Herz.
Scully...bitte... Es war nur ein Flüstern. Ihr linker Zeigefinger verschloss seine Lippen und sie drückte sich seufzend an ihn.
Mulders Herz sang. Ihm war schwindlig vor Aufregung und köstlicher Erwartung. Hitze summte in all seinen Gliedern. Scully drängte sich weiter an ihn. Er hatte die Hände jetzt um ihre Taille gelegt und zog sie fordernd an sich. Sein fester Oberschenkel drückte gegen ihre Beine, die Glut der Erregung schmolz in seinem Bauch.
Tränen
brannten in seinen Augen. Blind suchte er nach ihren Lippen und
umschloss diese mit einem kehligen Seufzen. Sie erwiderte sein
Verlangen. An diesem Kuss war nichts zögerndes mehr. Er war
völlig besitzergreifend, fordernd. Vernunft spielte keine Rolle
mehr, das hier ging über jedes Denken hinaus. Kam aus der Tiefe
vollkommen urtümlicher, unkontrollierbarer, tödlicher
Empfindungen. Er versank vollkommen im Fühlen.
Sie fuhr mit den Fingern durch sein feuchtes Haar und löste ihre
Lippen keuchend von den seinen. Als sie schließlich sprach,
berührte sie seinen Mund dennoch, ihr Atem streichelte seine
Haut. Es ist wahr!
Wovon sprach sie da? Plötzlicher Schmerz flackerte in ihm auf...zuerst wusste er nicht genau wo...wusste nicht warum...oder wusste er es doch, und wollte es nur nicht wissen? Ihre Lippen lagen an seinem Hals. Zuerst fühlte es sich an, als bekäme er einen Knutschfleck. Doch als sie rücksichtslos und brutal in ihn eindrang...ihre spitzen Eckzähne in sein Fleisch schlug und in ihrer offensichtlichen Unerfahrenheit einen Moment lang zögerte, um sich langsam voran zu tasten, da erfüllte ihn ein Gefühl tiefster Abscheu. Dennoch war er nicht in der Lage, sich von ihr zu lösen. Und der einzige klare Gedanke, dessen er in diesem Moment noch fähig war, durchbohrte seinen Geist wie ein Dolch: Oh Gott...ich habe Recht...es ist wahr...ich komme zu spät.
Nicht willens, sich gegen die Frau, die er über alles liebte zur Wehr zu setzen, ließ er sich von ihr auf den kalten Badezimmerfußboden drücken, wo er ihr schließlich gestattete, sich weiter an ihm zu laben. Sie hockte auf ihm und stützte sich mit den Händen auf seiner schweißnassen Brust ab. Es fühlte sich seltsam an. Es tat nicht einmal weh, obwohl er deutlich spürte, wie sie sich in ihm bewegte...wie sie an ihm saugte und dabei immer wieder leise und genüsslich stöhnte, und seufzte. Er hatte seine Hände währenddessen krampfhaft in ihrem tizianroten Haar vergraben und krallte sich darin förmlich fest. Seine Sinne waren wie betäubt. Er war sich nicht mehr sicher, ob dies hier wirklich geschah...oder ob es nur ein Traum war. Und dann, schließlich traf er seine Entscheidung. Es war nur ein Traum...nur ein Traum!!! Zumindest heute Nacht...war es nur ein Traum...für ihn. Wie in Trance stemmte er sich mit einem Male gegen sie, umfasste ihre schlanken Hüften und drückte sie bestimmend von sich. Als sie gezwungen war, sich von ihm zu lösen, funkelte sie ihn wütend an. Blut rann rechts aus ihrem Mundwinkel...sein Blut! Ihre sonst so weißen Zähne waren ebenfalls blutgetränkt. Er schaute sie nur an und plötzlich entglitten ihr sämtliche Gesichtszüge. Sie schaute ihn entsetzt an, so als käme sie zu sich. Mulder... flüsterte sie zitternd, und eine Träne rann ihr über die rechte Wange und vermischte sich mit dem Blut, welches ihr in einem dünnen Rinnsal am Kinn herunter, und in Richtung ihrer mit schwarzer Spitze verdeckten Brüste lief.
Es ist nur ein Traum...es ist nur ein Traum...nichts weiter...nur ein Traum...ein Traum!
Mit seiner linken Hand strich er ihr eine weitere Träne sanft aus dem Gesicht und schaute sie an. Sie war wunderschön...selbst jetzt noch. Seine rechte Hand gesellte sich ebenfalls zu ihr und er hielt ihr Gesicht in Händen. Lange sahen sie sich an, sich gegenseitig austauschend, und verstehend...wissend.
Es ist nur ein Traum...es ist nur ein Traum...nichts weiter...nur ein Traum...ein Traum!
Wie in Zeitlupe beugte sie sich, vor ihm kniend, zu ihm hinunter, und er hob seinen Kopf, näherte sich ihr seinerseits. Sie versanken in einem Kuss, so leidenschaftlich, dass sie alles um sich herum vergaßen. Er schmeckte sein eigenes Blut in ihrem Mund und kannte kein Halten mehr. Er löste sich von ihr und setzte sich aufrecht hin. Seine Augen lagen auf ihr, er war nicht in der Lage, sie abzuwenden, nicht für eine Sekunde. Sie kam zu ihm, ihre festen Brüste wippten leicht unter ihren Bewegungen. Er spürte, wie er hart wurde und wie sie anfing, sich auf ihm sitzend, langsam zu bewegen. Er wollte sie. Mit einem einzigen, entschlossenen Ruck war er über ihr und sie saß, mit den Händen hinter ihrem Rücken abgestützt, vor ihm. Sie funkelte ihn lustvoll an...leckte sich die Lippen. Vielleicht hätte er sich fragen sollen, ob er es war, der diese Reaktion bei ihr hervor rief, oder ob es sein Blut war, welches immer noch aus der grazilen Punktierung an seinem Hals rann. Aber zu derlei Gedankengängen war er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr fähig...und er wollte es auch nicht sein! Er zog ihr den Slip aus und sie öffnete ihre Beine für ihn, ließ sich mit dem Rücken auf den kalten Fliesenboden sinken. Er küsste sich ihre straffen Brüste hinauf und ließ seine Zunge mit ihrem flachen Bauch spielen. Mit seinen Zähnen nagte er ganz sanft an ihren steinharten Brustwarzen. Und in dem Moment, in dem er seine pochende Härte mit der einen Hand an ihren Eingang führte, und langsam in sie eindrang, senkte er seine Lippen und verschloss ihren Mund mit seinem. Ihre Zungen tanzten umeinander, als er ihre feuchte Hitze spürte, ihr Innerstes in wilder Leidenschaft zu erkunden begann. Gott, wenn dies ein Traum war, dann wünschte er sich, niemals mehr aufzuwachen! Dana bäumte sich unter ihm auf und griff nach seinen Armen, hielt sie fest. Scheinbar mühelos, fast gespenstisch schien sie sich trotz seines Gewichts auf ihr zu erheben, und ehe er sichs versah, lag er wieder auf dem Rücken und sie saß erneut auf ihm. Er wollte sich aufrappeln, doch sie griff seine Schultern, drückte ihn bestimmend zu Boden und hielt ihn dort fest. Die kalten Fliesen schmerzten schon fast an seinem erhitzten Rücken. Er war begierig darauf, wieder in ihr zu sein. Das Verlangen danach war so groß, dass es schon wehtat. Sie hob ihrerseits ihr Becken, und positionierte sich auf seiner Spitze. Dann ließ sie sich langsam und genüsslich auf ihn nieder sinken, nahm ihn vollständig in sich auf, wobei sie leise aufstöhnte. Sie war jetzt über ihm und griff seine Handgelenke, hielt sie eisern fest, während sie seine Arme in einem 90° Winkel weit vom Körper fort schob, um sie in dieser seltsamen Position festzuhalten. Ihre festen Brüste spannten sich unter dieser Anstrengung, und er hob ein wenig seinen Kopf, um mit seiner Zunge an ihnen zu spielen. Dann begann sie, ihn in dieser Position zu reiten. Ihre Knie rieben auf dem kalten Fußboden, während sie ihr Becken auf ihm kreisen ließ und ihn ihre Brüste liebkosen ließ. Sein Atem ging stockend und sein Körper war schweißnass. Er ließ von ihrem Busen ab und stöhnte laut auf, ließ den Kopf kapitulierend nach hinten sinken. So hart wie sie sich auf ihm bewegte, so hart versuchte er seinerseits, sich gegen sie zu stemmen. Sie bewegte sich wellenförmig, als sie immer schneller wurde, ihn immer heftiger nahm. Er wollte sich irgendwo fest halten...wollte Halt suchen, doch unerbittlich hielt sie seine Hände mit unglaublicher, nie gekannter Stärke fest. Als sie schließlich in mehreren heftigen Schüben, leise seufzend und stöhnend auf ihm kam, glaubte er, den Verstand zu verlieren. Noch ein letztes Mal schob sie sich vorwärts und empfing ihn, ehe ein intensiver Höhepunkt ihn förmlich Sterne sehen ließ. Er verlor die Orientierung und kam erst langsam wieder zu sich, als er Danas zarte Lippen an seinem Hals spürte, und ihre Zähne in ihm, wie sie erneut an ihm saugte...wie sie ihn nahm, seine Arme noch immer mit diesem unerbittlichen, schraubstockartigen Griff zu Boden drückend. Er hörte ihr genussvolles Seufzen, wie sie genießerisch von ihm trank. Es war ihm egal...schließlich war ja alles nur ein Traum...
Als Mulder erwachte, wusste er nicht, wie viel Zeit verstrichen
war. Er lag noch immer auf dem kalten Fußboden, direkt neben der
Badewanne in seinem hell erleuchteten Badezimmer. Seine Glieder
waren steif und kalt. Er fühlte sich seltsam. Die Ereignisse des
Abends waren wie Erinnerungen aus einem bösen Traum. Doch
gleichzeitig wusste er, dass dies kein Traum gewesen war. Es war
die Realität. Er setzte sich aufrecht hin, mit dem Rücken gegen
den Körper der Wanne. Er fühlte sich schwach, wie ausgelaugt.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass Dana fort war...spurlos
verschwunden. Er schaute sich angestrengt im Raum um und alles
drehte sich. Ein zuckender Schmerz an seinem Hals machte sich
bemerkbar. Er tastete mit den Fingern danach und spürte, wie
seine Fingerspitzen feucht wurden. Er schaute darauf und starrte
auf sein eigenes, bereits halb geronnenes Blut, und auch der
letzte, verbliebene Schleier über seiner Erinnerung hob
sich...die Erkenntnis flutete sein Bewusstsein wie ein reißender
Fluss, der mit einem Schlag einen Damm durchbricht und ein
kleines Fischerdorf mit aller Gewalt mit sich reißt. Die Welt
vor ihm verschwamm und wurde undeutlich, als sich seine Augen mit
Tränen füllten, und der völlig unterkühlte Agent vor
Erschöpfung, und Blutverlust zusammenbrach.
Gegenwart, etwa eine Woche später, Mulders Apartment.
So kam es dazu...wenn ich nicht so unachtsam gewesen
wäre...meine Augen nicht vor dem offensichtlichen verschlossen
hätte...vielleicht hätte ich sie noch retten können. Hätte
ich doch nur rechtzeitig realisiert, was vor sich geht...ich
hätte einen Weg gefunden, um sie seinen Klauen zu entreißen.
Doch nun muss ich für meine Versäumnisse...für meine
unendliche Dummheit den höchsten Preis bezahlen.
Erneut nahm der am Boden zerstörte Mann einen großen Schluck des goldfarbenen Getränks aus der Flasche in seiner linken Hand. Dann ließ er sie achtlos neben sich auf den Haufen Schmutzwäsche sinken, auf dem er saß. Gedankenverloren fasste er sich an die Bisswunde an seinem Hals, welche bereits dabei war, zu verheilen. In dem annähernd dunklen Wohnzimmer um ihn herum war es totenstill. Hier und da schienen die Schatten seiner inneren Dämonen, die ihn seit jener Nacht immer wieder heimsuchten, umherzuhuschen. Lautlos, verzerrt...nicht wirklich da, aber dennoch allgegenwärtig, und unerbittlich.
Dana, ich liebe dich. Das werde ich immer. Aber nun...oder gerade deshalb, so fürchte ich, bleibt mir nur noch eines zu tun. Und das schmerzt mich mehr, als mein Verstand dies zu beschreiben in der Lage wäre. Die Leere, die dein Verlust in mir hinterlassen hat, mischt sich mit der Verzweiflung und der Abscheu mir selbst gegenüber, der ich nicht imstande war dir beizustehen, als du mich am dringendsten gebraucht hättest. Seit jener Nacht bist du fort...entziehst dich mir. Ich habe dich verloren. Wir haben uns verloren. Den letzten Dienst, den ich dir erweisen kann, werde ich versuchen, nach Kräften zu erfüllen. Ich hoffe, dass ich nicht auch hierbei kläglich versage.
Sein Gesicht war dunkel und gequält, als er mit der rechten Hand hinter seinen Rücken griff. Mit einer Mischung aus Abscheu und Hoffnung betrachtete er das Objekt, welches er nun beinahe krampfhaft in der Hand hielt. Ursprünglich war dies ein Stuhlbein gewesen, vom Couchtisch...welches er jedoch letzte Nacht in seiner Verzweiflung mit einem alten Küchenmesser an einem Ende angespitzt hatte...und welches ihm nun als Waffe dienen sollte. Er starrte darauf und seine spröden, unrasierten Lippen öffneten sich einen Spalt weit, um die ersten Worte seit gut einer Woche leise auszusprechen: Vergib mir. Doch es war mehr eine unsichere, beinahe schüchterne Frage, als eine Bitte im eigentlichen Sinne. Wusste er doch, dass er selbst sich dies alles niemals verzeihen könne...wie sollte sie es dann können...?
ENDE