Autor:  Chidori
Kontakt/Feedback: kaitokidheiji@yahoo.de
Kategorie:  Mythologie, MSR, DRR
Rating: R-16
Spoiler:  vielleicht The Truth, Existence, alte Eps kurz erwähnt
Disclaimer: Mulder, Scully und all die anderen Agenten, das fiktionale FBI und die Verschwörungsgeschichte sind Eigentum von Chris Carter und stehen unter dem Copyright von 20th Century Fox und 1013 Productions.
Short-Cut: Etwa ein Jahr nach Mulder und Scullys Flucht vor Mulders bevorstehender Hinrichtung, decken sie gemeinsam mit den Agenten Doggett, Reyes und Harrison die Verschwörung auf und kehren als X Unit zum FBI zurück. Doch konnte das schwarze Öl wirklich vollständig ausgelöscht werden? Gibt es denn nicht immer noch finstere Hintergrundgestalten, die an ihren Plänen zur Kolonisation festhalten…?
Kommentar der Autorin: Es ist ein Projekt, riiiiiiiesig schwer zu schreiben, ich bekomme Scullys Verhalten nicht in den Griff und muss in Sachen Schreibstil noch höllisch aufholen :)

 

 

Orcus per lucem

 

 

Prolog

 

Sonntag, 2. Woche

 

16:13 Uhr

Charleston,

Virginia

 

Seine Augen waren geschlossen. Sein Atem ging flach und gleichmäßig. Seine Brust hob sich in dem stetigen Rhythmus seiner Lunge, die den lebenswichtigen Sauerstoff in Kohlendioxid wandelte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt seine eigenen Gedanken zu ordnen, als dass er auf jegliche Geräusche im Raum hätte achten können. Und selbst wenn er bei Bewusstsein gewesen wäre, die Resonanzen, die das Zimmer um ihn herum ausfüllten hätte selbst er nicht einordnen oder kategorisieren können. Sein Wesen, sein ganzes Sein drehte sich momentan um nur eine Person. Er sah sie immer wieder. Wie im Traum. Sie leuchtete, so dass er ihre wahre Gestalt nicht erkennen konnte. Er hatte einen Traum. Allnächtlich suchte ihn die gleiche Vision heim. Allein pathetische, orchestrale Musik fehlte zu der spielfilmreifen Erscheinung. Er verlor seine Konzentration für einen Augenblick, schlug die hellen blauen Augen auf und blickte sich irritiert um. Gerade erst realisierte er, dass es real war. Dass er nicht suggerierte. Dass er sich nichts einzubilden brauchte. Der plötzliche Druck in seiner Brust bestätigte es ihm nunmehr. Augenblicklich war er sich darüber bewusst. Die Bedeutung, die in seinem Traum mitklang. Die er monatelang nicht hatte entschlüsseln können. Ein unendliches Rätsel, das drohte, ihn zu zerfressen, die kühle Berechnung, die Logik und Rationalität aus seinem Wesen zu verbannen und die entstandene Schwäche mit Verzweiflung, Wahnsinn und Angst auszufüllen. Es war elementar. Für ihn wichtiger als alles andere. Er fuhr hoch und stützte seinen Kopf auf die Hände. Er drohte, zu zerbrechen. Die Wahrheit leugnend alles zu beenden war seine einzige Chance. Er war allein. Seine Chance, sie zu retten. Sein Blick fiel auf die Uhr. 16:21 Uhr. Wie lange saß er schon hier? Seine Hände zitterten. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn auf den sonst so korrekt sitzenden Anzug. Die Tür zum Balkon stand offen. Die weißen, beinahe durchsichtigen Vorhänge wehten in den gelegentlichen sanften Brisen frischen Maiwindes. Automatisch erhob er sich - als würde er von einer fremden Macht gesteuert – und steuerte wie programmiert auf den schmalen Strahl klaren Lichts zu, den der kaum nennenswerte Spalt zwischen den verglasten Türen gerade noch zuließ. Ein federartiger Luftzug erfasste seine unordentlich gebundene Krawatte und wehte sie ihm über die Schulter. Doch er achtete nicht auf sie. Er trat weiter vor. Bis seine gewienerten Schuhe an das kunstvoll verzierte Geländer stießen. Er blickte hinab in den kleinen Garten. Das Grün, das sonst so strahlend zu ihm empor leuchtete kam ihm plötzlich gelb und schmutzig vor. Unrein wie sein Gewissen, wie es ihm unvermittelt klar wurde, als er die Hände auf die Brüstung legte und sich hinabstieß. Seinen Aufprall bekam er nicht mit.

„John! JOHN!! Nein, John… bitte…“

Noch Dana Scully und Monica Reyes, die auf ihn zu rannten und die verzweifelten Rufe.

 

 

Kapitel 1

 

Montag, 1.Woche

 

2 Wochen zuvor

8:46 Uhr

FBI Zentrale

Washington D.C.

 

Der Büroraum war abgedunkelt und die helle Leinwand an der Frontseite zeigte ein Foto der Leiche einer jungen, dunkelhaarigen Frau, deren Kehle durch mehrere Dutzend Messerstiche vollkommen durchlöchert und transparent schien. Auf den ungeordnet verstreut im Raum stehenden Bürostühlen saßen drei Frauen und ein Mann. Ein weiterer Mann lief in regelmäßigen Abständen durch den Raum und drückte abwechselnd den Knopf einer kleinen Fernbedienung, um die Diashow fortzusetzen. Es folgten weitere Fotos, derselben Frau aus verschiedenen Perspektiven. Schließlich wurde die Leinwand schwarz, der Mann legte die Fernbedienung aus der Hand und ging zur Tür, um das Licht auszuschalten.

„Also ich denke, es liegt auf der Hand, wie wir des Weiteren vorzugehen haben“, sagte er laut und deutlich, jeden einzelnen von ihnen eindringlich visierend. „Agent Mulder; Sie kümmern sich um den Hauptverdächtigen und nehmen den Jungen mal ins Kreuzverhör.“ Er blieb vor dem attraktiven Agenten mit dem braunen Haar und den ebenso braunen Augen stehen und drückte Fox Mulder eine Aktenmappe in die Hand. Er drehte sich zur Seite und übergab auch Dana Scully einen Aktenordner.

„Agent Scully; Sie gehen in die Gerichtsmedizin, obduzieren Cassie Miles Leichnam und untersuchen sie sorgfältig auf jegliche Art von Giftstoffen oder Rauschmitteln.“ Er ging erneut einen Schritt weiter und gab eine weitere Akte an eine blonde junge Frau.

 „Sie, Agent Harrison, werden mit den zuständigen Deputys sprechen und die erforderlichen Berichte, Zeugen und deren Aussagen schriftlich, so wie eine Verpflichtung zur Aussage vor Gericht besorgen.

Agent Reyes und ich werden derweil mit den Angehörigen sprechen und – um die Beweisaufnahme komplett zu machen – den Gerichtstermin für Rod Pinell anordnen.“ Daraufhin erhob sich Agent Leyla Harrison – vielleicht etwas zu energisch und kippte dadurch ihren Stuhl um. Etwas irritiert starrte der Rest des Einsatzkommandos die schusselige Agentin an, die sich jedoch in keinster Weise aus ihrem Konzept hatte bringen lassen.

„Agent Doggett, das ist Wahnsinn! Wie können Sie schon jetzt einen Gerichtstermin anordnen lassen, wenn wir diesen Kerl noch nicht mal festgenagelt haben? Wir haben keine stichhaltigen Beweise und ohne sämtliches Beweismaterial wird uns kein Gericht glauben schenken!“ Mulder war aufgestanden und hatte sich neben Agent Harrison gestellt. Und auch Scully schien eher überrascht über Agent Doggetts überschnelle Planung.

„Agent Doggett, wir sollten es vielleicht wirklich lieber etwas langsamer angehen. Nichts garantiert uns, dass Agent Mulder oder ich oder einer von Ihnen auch nur einen Beweis finden.“ Sie sah von Doggetts überzeugter Miene in Mulders zustimmend lächelndes Gesicht.

„Natürlich lässt sich anhand einer Autopsie herausfinden, ob Mr Pinell seine Freundin getötet hat, was anhand des Giftes oder der Drogen und den leeren Kanülen der Droge, die in der Wohnung des Verdächtigen sichergestellt werden konnten, bewiesen werden könnte. Aber was, wenn ich nichts finden kann? Dann haben wir einen Gerichtstermin, mit einem Verdächtigen, der ein felsenfestes Alibi hat und der ermittelnden Einheit, der außerdem keine Beweise, die gegen ihn sprechen, vorliegt. Und was erzählen wir dann Skinner? Oder Kersh?“ Agent John Doggett hörte schweigend zu und schloss seine Augen, während Scully sprach.

„Sie wissen ebenso gut wie ich, dass Skinner uns alle Wege freimacht, die wir zu begehen gedenken und Deputy Director Kersh uns ebenfalls seit 6 Monaten kräftig unter die Arme greift, um die X Unit an die Spitze zu bringen.“ Dana Scully seufzte ratlos und fuhr sich mit einer Hand durch das lange rote Haar, das ihr glatt über den Rücken fiel. Wie so oft wanderten ihre Finger auch zu ihrem versilberten Abzeichen, das sie als Co-Staffelführerin der X Unit auswies. Als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, wusste sie, dass es Mulder war, der nun doch beschlossen hatte, ihr beizupflichten.

„Sehen Sie, John, wir sollten das hart erkämpfte Vertrauen unserer Vorgesetzten nicht gefährden. Und keiner von uns hier ist perfekt und kann Ihnen mit absoluter Sicherheit garantieren“

„Aber wir vertrauen Ihnen“, warf Agent Harrison plötzlich enthusiastisch ein und Agent Reyes nickte zustimmend. Aller Blicke lagen auf John Doggett, dessen Miene weiterhin unverändert blieb. Dann stahl sich ein Lächeln auf die harten Gesichtszüge des Agenten. Er schloss die Augen einen Moment und als er sie öffnete strahlten seine Augen mit einem Kampfgeist, der allen unmissverständlich klar machte, auf was sie sich vorzubereiten hatten.

„Enttäuschen Sie uns nicht, Agent Scully; Agent Mulder, Agent Reyes, Monica.“

 

Desert Springs,

Colorado

14:22 Uhr

 

Agent Mulder starrte beharrlich in das Gesicht des jungen Mannes hinter der massiven spiegelgläsernen Scheibe. Rod Pinell hatte ein Alibi, daran gab es nichts zu rütteln. Schon seit 2 Stunden versuchten er und die langsam ungeduldig werdende örtliche Polizei, der Lösung des Rätsels, den Antworten auf ihre Fragen näher zu kommen. Etwas beunruhigte ihn. Er war sich sicher, dass Pinell seine Freundin und 1 Monat zuvor deren Mutter ermordet hatte, alle Indizien sprachen gegen ihn. Er war physisch sowie psychisch instabil, neigte zu Gewalt und Wutausbrüchen und war vorbestraft. Er hatte vor 5 Jahren nachweislich seine damalige Freundin erstochen. 21 Messerstiche in die Kehle. Mit dem Blut hatte er ein riesiges Gemälde gefertigt und in seiner Wohnung aufgehängt, in der man 2 Monate später aufgrund des Gestanks und der fieberhaften Suche nach Luise Jenning deren Leiche unter den Dielen fand. Ihre Haare hatte er zu einer formvollendeten Frisur gesteckt und „rote Strähnen eingefärbt“, wie er es nannte. Alles sprach dafür, dass dieser Mann ein Psychopath war und auch den 1 jährigen Rehabilitationsbesuch in einer Neurotischen Klinik „unbeschadet“ überstanden hatte. Mulder war sich so sicher und dennoch ließ sich dieser Kerl einfach nichts zu Schulden kommen. Zu allem Überfluß hatte ihn Scully vor einer halben Stunde telefonisch über Zeit und Ort des Prozesses informiert, die ihr Agent Doggett ebenfalls per Telefon mitgeteilt hatte.

 

„Scully, was zum Teufel denkt er sich dabei?“, hatte er getobt als sie ihm die Nachricht übermittelt hatte. „Ich bin jetzt fast 2 Stunden ununterbrochen am Fragen stellen, spekulieren und rezitieren und der Bursche grinst mich die ganze Zeit an wie einer dieser nervigen Talkshowmaster. Mir gehen langsam die Ideen aus!“ Scully hatte geseufzt und ihn gebeten einen Moment zu warten, um ihr die Chance zu lassen, sich zu setzen. Mit dem immer draller werdenden Bauch einer schwangeren Frau im 7. Monat traute sie es sich nicht allzu lange zu, stehend vor einem gepeinigten Leichnam zu telefonieren.

„Du musst einfach standhaft bleiben, Mulder. Wenn Pinell merkt, dass du die Lust verlierst sehen er und sein Anwalt doch bestimmt einen Weg, euch loszuwerden.“

Mulder hatte sich nun ebenfalls gesetzt und das Handy an sein anderes Ohr geführt.

„Ich will einfach nur nach Hause und Agent Doggetts Übermut macht mir meine Arbeit auch nicht wirklich angenehmer. Ich seh uns schon vollkommen belämmert im Gerichtssaal: >Anklage: Welche Beweise haben Sie vorzubringen? Oh, tut mir leid, euer Ehren, aber reicht es, wenn ich Ihnen mein Wort gebe, dass er der Böse ist? <

Scully hatte gelacht. „Ach, Mulder, das ist das Schlimme an dir: wieso musst du alles immer noch komplizierter machen, als es sowieso schon ist?“

„Das sagt ausgerechnet Dr. Dana Katherine Scully, hm?“, hatte Mulder sie liebevoll geneckt.

„Also gut, hör zu, Scully. Ich werde alles Menschenmögliche tun, um Agent Doggett da rauszureißen – und ich hoffe, dass du das auch tust – aber auch mein Ideenreichtum und sechster Sinn für wunde Punkte ist erschöpfbar. Also finde lieber du etwas, dass uns hilft und verlass dich nicht auf mich.“

„Ich werd mich hüten“, hatte Scully erwidert und nach einem kurzen, gezischten: „Sieh dich vor“ vom anderen Ende der Leitung aufgelegt. Sie musste schmunzeln, als sie sich schwerfällig erhob und mit desinfizierten Latexhandschuhen und Knochenschere wieder an die Arbeit machte, halluzinogene Gifte in Cassie Miles’ geschundenem Leib zu suchen.

 

Als Mulder sich an das vergangene Telefonat erinnerte, verzogen sich seine Gesichtszüge zu einem wehleidigen Grinsen. „Ach, Scully, ich will nur heim …“, rezitierte er und kehrte zurück zur Spiegelglasscheibe, um den diensthabenden Deputys zuzusehen. Doch als er an das Panoramafenster trat war der Raum dahinter so leer wie sein Energietank.

 

In Sekundenschnelle jagte sein Puls auf 180, er wirbelte herum und wollte gerade nach Verstärkung rufen, als er die Ansammlung Menschen am Eingang des Reviers bemerkte. Er packte sein Jackett, das über der Lehne eines Bürostuhls hing und schritt hastig auf die Personen an der Tür zu. Als er sich in Hörweite befand, verstand er gerade noch die Worte: „könnte Sie verklagen“ und „mir gar nichts anhängen“. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er sich jetzt komplett auf seine Kollegen verlassen musste.

 

Zwei weitere Stunden später traf Mulder in der Gerichtsmedizin Washington ein. Ungeduldig fragte er sich zu Scully durch, die noch immer in Operationssaal 7 beschäftigt war, Agent Doggett nicht zu enttäuschen.

 

„Hey, Scully“, begrüßte er sie und kam mit großen Schritten zum Obduktionstisch. Nach einem raschen Kuss auf den Mund und einem erschöpften aber sanften Lächeln fiel sein Blick auf die Leiche der jungen Frau.

„Was hast du rausgefunden?“, begann er und ließ den Blick zu Scully wandern. Sie sah ihn einen Moment lang schweigend an. Dann zog sie sich den Mundschutz, der zuvor um ihren schlanken Hals gependelt hatte, über den Kopf und entfernte die blutverschmierten Latexhandschuhe. Während sie zum Waschbecken hinüber ging deutete sie mit dem Kopf auf das Alu Beistelltischchen, das neben dem Obduktionstisch stand. Darauf befand sich eine Schale mit allerlei Werkzeug; Knochenschere, Skalpell, verschiedene Tupfmaterialien, Wundwatte, ein Sauger für eventuelle große Blutgerinnungen, eine Lupe, ein weiterer Packen Handschuhe und Scullys Diktiergerät. Daneben lag ein Klemmbrett, auf dem Ort, Datum und der die Autopsie ausführende Arzt vermerkt waren. „Sieh mal in die Kühlbox“, meinte sie schlicht und wusch sich die Hände mit einer starken Kernseife frei vom Blut- und Leichengeruch. Mulder tat wie ihm geheißen, bückte sich und öffnete den Deckel der Box, indem er den Drehgriff entsicherte und um 180 Grad nach rechts drehte. Darin befand sich eine kleine Glasflasche, in deren Innerem eine gelbliche Flüssigkeit das spärliche Licht des halbdunklen Raumes zurückwarf.

„Was ist das?“, fragte Mulder und fasste nach dem zierlichen Gefäß. Mit einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck stellte sie sich neben ihn und sah ihn prüfend an.

„Hast du etwas erreichen können?“

„Hey, Scully, beantworte doch bitte erst mal meine…“

„Es besteht doch vielleicht die Möglichkeit, dass du mit Beweisen aufwarten kannst, die im Grunde stichhaltig sind und die meine bei weitem auszustechen vermögen.“

Mulder brauchte einen Moment bis er verstand, dass sie darauf wartete, dass er ihr Ergebnisse präsentieren sollte.

„Tut mir leid, Scully, aber wie’s aussieht wird sich Agent Doggett momentan wohl ganz und gar auf dich verlassen müssen. Dieser Pinell ist schlimmer als ne Auster, aus dem kriegen wir nichts Brauchbares raus.“ Scully stöhnte und ließ sich auf einen Hocker fallen. Die Hand im Kreuz fuhr sie in leicht genervtem Ton fort: „Mrs. Miles starb nachweislich an den Messerstichen in ihrer Kehle, die mich noch immer stark an den Fall vor 5 Jahren erinnern. Allerdings stieß ich mit der Suche nach Giftstoffen oder Rauschmitteln in ihrem Blutkreislauf auf nichts Ungewöhnliches. Alles sieht so aus wie es soll, bis auf ein paar minimale Abweichungen.“

„Welcher Art?“ Mulder hatte Blut geleckt, das konnte sie an seinen Augen sehen.

„Hör mal, Mulder, wie wäre es, wenn du mich erst ausreden lässt und mich dann mit deiner Theorie beglücken würdest?!“ Sie sah ihn sekundenlang herausfordernd an, bis sie fort fuhr: „Die Abweichungen betreffen ihr Gehirn; die Temporallappen sind leicht angeschwollen, aber das hat meiner Meinung nach nichts zu bedeuten. Das einzige, was mich stutzig macht, ist“ Sie griff nach der Flasche in Mulders Hand „das hier.“ Sie wiegte es leicht hin und her, so dass die Flüssigkeit in winzigen Wellen gegen das Glas wogte. „Und würdest du jetzt meine Frage beantworten?“, flüsterte Mulder, als er sich zu ihr hinüber beugte und sein Gesicht in ihren Haaren vergrub.

„Mulder, lass den Unsinn“, kicherte Scully und schubste ihn weg. „Das … also, das ist – wie ich nach mehreren ausgiebigen Tests herausfinden und wissenschaftlich belegen konnte – der Nektar einer Blüte, die ausschließlich in den Breitengraden des afrikanischen Kontinents beheimatet ist. Was wiederum heißt…“

„…dass sich Mrs. Miles irgendwie–“ Mulder stockte. Er wusste, was er sagen wollte, ergab keinen Sinn. Es war doch vernichtet worden. Das Projekt und das Projekt Büroklammer – es war doch alles beseitigt worden. Dennoch drängte alles in ihm, den Satz zu vollenden; das, was Scully und nun auch er mit Bestimmtheit wussten auszusprechen, um nicht zu sagen: sein Lebenswerk wieder zu erwecken. „…dass sie sich irgendwie mit dem schwarzen Öl infiziert haben muss.“

 

Ein halbes Jahr zuvor

 

Foum Tataouine,

Tunesien

 

Die riesenhaften weißen Dome überragten die Sandwüste dieses Teils von Tunesien und die Morgen auf Morgen Maisfelder, die sich davor und dahinter erstreckten. Selbst in der glühenden Hitze arbeiteten viele hundert Männer in traditioneller weißer, arabischer Tracht, bewässerten die Pflanzen, be- und entluden die weißen Tanklastzüge, die auf einem Gleis gleich neben den Domen standen. Alles wirkte friedlich und still. Bis die Helikopter kamen. Plötzlich und unerwartet erschienen sie am Himmel in nördlicher Richtung, überflogen die Felder und kreisten die Arbeiter ein. Immer mehr von ihnen tauchten auf und schließlich sprangen die Insassen per Fallschirm ab. Bewaffnet mit Maschinengewehren und gekleidet in kugelsichere Westen und Helme mit dem Logo der Einheit, den drei Buchstaben: FBI. Die wenigen, am Rande der Plantage arbeitenden Männer zogen ihre Kapuzen tief ins Gesicht und versuchten zu fliehen. Tief in die tunesische Wüste. Doch keinem von ihnen gelang die Flucht. Als schließlich alle Beschäftigten zusammengetrieben worden waren landete ein letzter Hubschrauber. Ihm entstiegen Dana Scully und Fox Mulder, gefolgt von Assistant Director Skinner und Deputy Director Kersh. Auf ihren Mienen war die pure Genugtuung.

 

2 Wochen später

J. Edgar Hoover Building

Washington D.C.

 

„Meine sehr verehrten Gäste, Damen und Herren, Agents. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, heute hier sein zu dürfen, um zwei unserer Agenten zu ehren, die das FBI seit Jahren in einem vollkommen falschen Licht gesehen und nach außen präsentiert hat. Ich darf behaupten, dass Sie alle wissen, von wem ich spreche. Diese beiden Agenten haben ihren Fähigkeiten, ihren Mut und nicht zuletzt ihre Unerschrockenheit 9 Jahre unter Beweis gestellt, ohne auch nur ein einziges Mal Zustimmung in ihrer Abteilung gefunden zu haben. Sie haben Verschwörungen aufzudecken versucht, die wir stets als Nonsens abgetan und in eine uns allen unangenehme Abteilung abzuschieben pflegten. 9 Jahre suchten sie nach der Wahrheit über eine Verschwörung mit Außerirdischen, die eine Kolonisierung unseres Planeten durch Alien-Mensch Hybriden zum Ziel hatte und von einer Gruppe Reformatoren unterstützt wurden. Doch niemand schenkte ihnen Glauben. Niemand erklärte sich auch nur bereit, ihnen zuzuhören. 9 Jahre haben wir gebraucht, um ihnen die Chance zu geben, es uns zu beweisen. Um nun unsere 9-jährige Blindheit zu bereuen. Wir sind heute hier, um Agent Fox Mulder und Agent Dana Scully zu ehren.“ Stürmischer, ohrenbetäubender Applaus setzte ein, kaum hatte Skinner Mulders Namen genannt. Als sie die Tribüne betraten, auf der an einem langen Pult sämtliche Mitglieder des Ausschuss’ saßen, konnte sich Mulder ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen. Als Walter Skinner aufstand, um ihnen die Hand zu schütteln, standen Tränen in seinen Augen. Er sagte etwas, doch aufgrund des nicht enden wollenden Applauses verstand keiner der beiden ein Wort. Einzig Scully beugte sich vor und umarmte Skinner stürmisch, so weit es ihr eben möglich war, mit einem fülliger werdenden Bauch. Die eigentliche Verleihung der Medaille für besondere Verdienste um das Land dauerte nur wenige Minuten, doch der Jubel, die Schreie und die unendlich scheinende Ovation ließen die feierliche Handlung in ein abendfüllendes Programm ausarten. Schließlich und endlich schafften sie es dann allerdings doch noch – nicht, ohne sich zuvor bei den ausgelassen tanzenden Agenten Reyes und Doggett zu verabschieden – sich einen Weg nach draußen zu erkämpfen und ein Taxi zu erwischen. Müde und erschöpft lehnte Scully ihren Kopf an Mulders Schulter.

„Eins steht fest“, murmelte sie, als sich ihre Atmung etwas beruhigt hatte. „In diesem Monat setze ich keinen Fuß mehr in das Bureau.“ Mulder hob eine Hand und strich ihr durch das lange, rote und am Ansatz leicht verschwitzte Haar.

„Unerträglich diese plötzliche allseitige Zustimmung, findest du nicht auch?“, flüsterte er und sie blickte auf in seine haselnussbraunen Augen.

„So lange, Mulder …“, wisperte sie und ihre Gesichter kamen sich ganz nah. „So lange hab ich auf diesen Moment gewartet …“ Er schnitt ihr das Wort ab und verschloss ihre Lippen mit seinen. „Auf diesen auch“, hauchte sie bevor er sie abermals zum Schweigen brachte.

 

Montag, 1.Woche

 

Gegenwart

18:23 Uhr

Office of Professional Review

FBI Zentrale

Washington D.C.

 

„Abschließend kann ich Ihnen mit vollster Überzeugung versichern, Sir“, erklärte Scully und erhob sich bedächtig von ihrem Stuhl, um dem Aufsichtsrat die Probe aus dem Blut von Cassie Miles auszuhändigen. „dass die Umstände der Todesursache alles andere als normal zu sein scheinen. Wie Sie sehen, habe ich Cassie Miles Leichnam eine Substanz entnehmen können, die Agent Mulder und ich schon des Öfteren bei unserer Arbeit an den X Akten gesehen haben und die Verschwörungsintern „schwarzes Öl“ oder auch „Purity“ genannt wird. Vor vier Jahren wurde ich selbst mit diesem Virus infiziert, worauf ich in die Antarktis transportiert wurde, um dort gewisse Tests mit mir und vielen hundert anderen entführten Amerikanern durchzuführen. Dank Agent Mulders Ermittlungsarbeit und seinem Einsatz in der Antarktis konnte ich gerettet werden und zwar durch ein hochbrisantes und streng geheimes Gegengift, das die Entwicklung eines Organismus in meinem Körper verhinderte und mich aus einer Art künstlichem Koma erwachen ließ.“ Sie blickte der Reihe nach Deputy Director Kersh, Assistant Director Skinner und Assistant Director Jana Cassidy – die bereits vor 4 Jahren dem Untersuchungsausschuss der Antarktis Aktion beigewohnt hatte - an und wandte sich dann Bestätigung suchend zu Mulder um. Als sich ihre Blicke trafen, erhob er sich energisch und trat an ihre Seite.

„Agent Scully konnte zwar entgegen unserer Erwartungen kein Anzeichen für eine Vergiftung in der Leiche der jungen Frau finden, die Infizierung mit dem schwarzen Öl allerdings halte ich für weitaus gefährlicher. Das gerichtsmedizinische Labor, in dem die Autopsie durchgeführt wurde, ist bereits unter Quarantäne gestellt und alle, die Kontakt mit dem Körper hatten, wurden auf sämtliche Symptome untersucht.“ Einige Direktoren lehnten sich zu ihren Nachbarn hinüber und flüsterten unterdrückt miteinander, tauschten Gedanken und Mutmaßungen aus, bis Jana Cassidy ihre Stimme über die allgemeine Unruhe erhob: „Sie wollen damit also sagen, Agent Mulder, dass – obwohl bereits vor sechs Monaten die Angelegenheit, sowohl im Zusammenhang mit dem Konsortium, als auch mit dem mutierten Virus, den Sie „Purity“ nennen, zufrieden stellend abgeschlossen wurde – dieses Virus weiterhin existiert?“ Mulder hielt ihrem Blick stand, aus dem er Trotz und Angst lesen konnte. Im Raum herrschte angespannte Stille. Keiner wagte, das Schweigen zu brechen. Keiner wollte auch nur ein Wort verpassen.

„So leid es mir tut, Ma’am; ja, das will ich.“ Erregtes Murmeln erfüllte den Raum als Mulder wendete und das Konferenzzimmer für Manöverkritik wortlos verließ. Scully blieb einige Sekunden lang stehen. Schließlich legte sie die Kanüle auf der blanken Holzplatte ab, blickte noch einmal unsicher zu ihren Vorgesetzten hinauf und folgte Mulder dann rasch. Er hatte bereits den Fahrstuhl am Ende des Ganges erreicht und da sie schlecht losspurten konnte, rief sie nach ihm: „Fox Mulder, Herrgott noch mal, warte doch!“ Er drehte sich zu ihr um, überlegte kurz, machte dann kehrt und kam auf sie zu. Er zwang sie, sich auf eine der mit schwarzem Leder bezogenen Bänke zu setzen.

 „Scully, das…“

„Ich weiß, Mulder. Das ist es, auf das du seit 6 Monaten wartest und hoffst.“ Er sah sie ungläubig an.

„Hey, Scully, nun nimm das doch nicht gleich so ernst“

„Ich soll es nicht ernst nehmen?“, fuhr sie ihn an und einige Agenten auf den Fluren um sie herum drehten sich neugierig um. Verlegen lächelnd zuckte Mulder mit den Schultern und erntete verhaltenes Lachen einiger Kollegen.

„Mulder, das was du gerade Skinner und dem Rat erzählt hast ist enorm wichtig. Ich mag gar nicht daran denken, was das für Ausmaße haben könnte.“ Mulder schüttelte den Kopf und beugte sich weiter vor.

„Nun sei doch mal ehrlich, Scully; unsere Arbeit in den letzten Monaten war einschläfernd. Ein paar Werwölfe hier, einige Kannibalen dort – nichts, was wir nicht schon gesehen hätten. Aber das hier“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Das hier ist unser Lebenswerk, das ist das, was wir schon seit dem Anfang unserer Partnerschaft gemeinsam verfolgen. Reizt es dich denn kein bisschen, endlich wieder…“

„NEIN, MULDER! Nein, nein, nein! Hier geht es nicht um dich oder um mich; hier geht es um uns alle, um die internationale Sicherheit, unser aller Frieden, Mulder.“ Sie sah ihn aus blauen Augen flehend an. Nun doch leicht verunsichert zog er sie an sich und hielt sie einige Sekunden fest in den Armen.

„Ich hab einfach nur Angst, Mulder – ich will-“ begann sie, doch Worte blieben ihr im Hals stecken und mit heiserer Stimme fuhr sie fort: „…ich will es nicht noch einmal verlieren.“ Mit einem Schluchzen drückte sie ihn fester an sich und auch Mulder musste schlucken. Die Erinnerungen an William, ihren Sohn William, den sie hatten fort geben müssen, waren auch jetzt, nach 2 Jahren noch zu schmerzhaft.

„Ich will doch auch nur…“, sagte Mulder sanft. „dass unser Kind ein friedliches Leben führen kann. Zusammen mit dir und mir.“ Unvermittelt musste Scully lachen. Es war ein leises, von Traurigkeit gezeichnetes Lachen.

„Hätten wir doch schon viel früher…hätten wir doch…oh, Mulder“

„Ich weiß…ich weiß“, flüsterte er, drückte sie noch einmal fest an seine Brust und zwang sie dann, ihn anzusehen. Er lächelte sanft und legte seine Stirn an ihre.

„Wir haben es jetzt, Scully; unser Glück. Und niemand kann das zerstören, was zwischen uns ist.“ Ihre Mundwinkel verzogen sich fast unwillig zu einem leisen Lächeln und sie nickte dankbar.

„Versprich mir…versprich mir, dass wir das hinbekommen“, verlangte sie schließlich mit brüchiger Stimme aber in bestimmtem Ton.

„Wir werden das regeln, Dana, konzentrieren Sie sich lieber auf dringlichere Angelegenheiten.“ Mulder und Scully sahen überrascht auf, als sich Agent Reyes grinsend neben sie setzte und Agent Doggett schweigend vor ihnen stehen blieb.

„John, Monica“, murmelte Scully leicht irritiert und setzte sich gerade auf. „Haben Sie, ich meine wissen Sie schon-?“ Agent Reyes sah zu Doggett hoch und nickte, ihr Gesicht nun wieder ernst.

„John und ich haben noch keinerlei Erfahrung, was diese „Purity“ Substanz angeht. Aber mit Ihrer Hilfe, Agent Mulder und der minimalen aber fundamentalen Unterstützung von Agent Harrison, die diese Akte wohl als Lektüre abgetippt zuhause auf dem Nachttisch liegen hat, dürfte es uns möglich sein, den Grund für das erneute Auftauchen herauszufinden“

„Und das Virus so schnell wie möglich einzudämmen“, setzte Agent Doggett hinzu und nickte aufmunternd.

„Verlassen Sie sich auf uns, Dana“, sagte Agent Reyes, rückte näher an sie heran und legte ihre Hand auf Scullys. „Seien Sie unbesorgt und gehen Sie in Ihren wohlverdienten Mutterschaftsurlaub.“ Auch Doggett schien etwas zu dem Thema beipflichten zu wollen, denn er redete extrem eindringlich auf sie ein, eine schwangere Frau im 7. Monat solle nicht allzu unbedacht agieren. Alles, was sie in dieser Zeit tat konnte ihrem Baby schaden, Mulder solle sich schämen, sie nicht zuhause festzubinden, um sie am Arbeiten zu hindern und so weiter und sofort. Erst als Agent Reyes seine Hand nahm und ihn aus dem Bureau schleifte konnte Scully sich wieder arglos regen. Doch als sie aufzustehen versuchte, hielt Mulder sie zurück. Sie ahnte was jetzt kam. Die etwa 300. Diskussion über eben jene Punkte, die Doggett so eben aufgeführt hatte. Bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, hatte sie seine Hand sanft aber bestimmt weggeschlagen.

„Ich weiß, was du sagen willst und ich will es nicht hören.“ Er setzte zu einer Antwort an, doch sie legte ihm einen Finger auf die Lippen und stieß ein tadelndes „Ah, ah, ah“ aus, bevor sie ihre Aktentasche ergriff und mit hoch erhobenem Haupt zum Fahrstuhl schlenderte.

 

 

21:37 Uhr

2630 Hegal Place

Apartment No 42

Alexandria

23242 Virginia

 

Er steckte den Schlüssel ins Schloss seines Apartments und schaffte es mit einem letzten Kraftaufwand, ihn umzudrehen. Er fühlte sich matt und ausgepowert. Erschöpft warf er seine Jacke auf einen Stuhl am Esstisch und ließ sich aufs Sofa sinken. Er fasste sich mit einer Hand an die Stirn und massierte seine Schläfen. Wenige Sekunden saß er einfach so da, ruhte sich einen Moment aus. Dann raffte er sich auf und visierte sein Schlafzimmer an. Als er die Türklinke vorsichtig nach unten drückte und in den Raum spähen konnte, sah er Scully dort liegen. Sie schlief allem Anschein nach, ein aufgeklapptes Buch lag auf ihrem Bauch und sie trug ihre Lesebrille. So leise wie es ihm möglich war, schlich er zum Bett, entledigte sich seiner Arbeitskleidung und stieg – einzig mit Boxershorts und einem frisch aus dem Schrank gezogenen T-Shirt bekleidet – zu Scully ins Bett. Die verspiegelte Decke zeigte ihm die Szenerie sozusagen aus der Vogelperspektive und er schmunzelte beim Anblick ihres schlafenden Gesichtes. Vorsichtig setzte er sich wieder auf und betrachtete sie eine Weile. Dann beugte er sich hinunter und küsste sie sanft, hauchte ihr ein behutsames „Ich liebe dich“ ins Ohr und kuschelte sich dann unter die Decke.

 

Er war allein. Er lag in der Mitte eines Raumes, dessen Konturen er nicht erkennen konnte. Gefesselt auf einem Steinsockel. Sein Gesicht war von Narben gezeichnet, seine Wangen wurden von spitzen Nadeln eigenartig lang gezogen und durch seine Handgelenke waren metallene Speere gebohrt, die ihn zusätzlich festhielten. Er konnte sich nicht bewegen. Da waren Männer. Viele Männer, mit ein und demselben Gesicht. Sie kamen auf ihn zu, starrten ihn an aus ihren hohlen, ausdruckslosen Augen, kalt wie Stahl. Er versuchte sich zu rühren, aufrecht zu sitzen. Doch es drückte ihn auf den kalten Stein als lägen hunderte von Kilos auf seiner Brust. Je verzweifelter er zerrte und zog, desto fester zogen die Nadeln seine Haut in entgegengesetzte Richtungen. Er schrie, doch kein Laut kam über seine Lippen. Und dennoch schien es ihm so unendlich laut, es musste ihn doch jemand hören. Irgendjemand… „SCULLY!“

 

Er schreckte aus dem Schlaf, als er etwas Kühles, Nasses auf seinem Gesicht spürte. Scully saß auf dem Bett und tupfte den Schweiß, der ihm auf der Stirn stand, mit einem nassen Waschlappen ab. Als sie bemerkte, dass er die Augen geöffnet hatte, lächelte sie ihn beruhigend an.

„Du hast geträumt, Mulder“, sagte sie und strich ihm behutsam über das Gesicht. Mulder brauchte einige Sekunden, bis er realisierte, dass er zuhause war. Zuhause bei Scully und ihrem Kind. Er war außer Gefahr. Und obwohl er versuchte, es sich mit vollster Überzeugung einzureden, gelang es ihm nicht ganz, die nagende Angst in seinem Kopf auszulöschen.

„Habe…habe ich geredet? Im Schlaf, meine ich…“, fragte er verunsichert. Scully sah ihn einen Moment schweigend an.

„Nein“, sagte sie dann bestimmt. Mulder atmete erleichtert auf. Um nichts in der Welt wollte er Scully jetzt auch noch mit seiner Entführungsgeschichte belasten. Natürlich, sie hatte ihn oft gefragt, was mit ihm geschehen war, doch schon bei seinem Erwachen im Krankenhaus hatte er ihr, um sie zu schützen, die Wahrheit verschwiegen. Er konnte sich sogar besser an das Raumschiff und seine Entführer erinnern, als es ihm lieb war. Es gab Tage und Nächte, da halfen Scullys Worte und er schlief seelenruhig in ihren Armen ein, wissend, dass er ihr und nur ihr absolut vertrauen konnte. Doch in Nächten, wie dieser konnte Scully tun, was sie wollte; die Panik und Furcht wollte nicht weichen. Er selbst versuchte es stets als Verfolgungswahn abzutun, doch die Wahrheit blieb. So lange hatte er nach ihr gesucht und nun ließ sie sich nicht mehr leugnen, er wünschte, sie würde verschwinden, damit er endlich ein Leben in Frieden führen konnte. Und zugleich wollte er es nicht aufgeben. Seine Arbeit, sein Lebenswerk, sein einsamer Kreuzzug, der keiner mehr war. Er setzte sich auf und rieb sich die Augen. Scully schwieg. Sie nahm seine Hand und strich mit dem Daumen über die Handfläche. Sie saß einfach nur neben ihm und hielt seine Hand. Sie konnte es ihm nicht sagen. Er wollte sie doch noch immer beschützen, jetzt mehr denn je. Sie konnte ihn nur weiterhin anlügen. Nacht für Nacht, immerfort bis sie beide es überwinden konnten. Falls er seine Erinnerung jemals mit ihr teilen würde, falls er jemals bereit war, zu vergessen.

 

Zur gleichen Zeit

FBI Zentrale

Washington D.C.

 

Monica Reyes lief trotz der späten Stunde geschäftig durch das X Akten Büro im Keller des FBI Gebäudes. Agent Doggett saß am Schreibtisch und studierte konzentriert jede Akte, die ihm Agent Reyes reichte. Sie war besessen gewesen von dem Gedanken, all ihre Rückstände was die Informationen über die Verschwörung, insbesondere das schwarze Öl anging, aufzuarbeiten. Schon seit Stunden hatte sie ihn dazu genötigt, sich Akten anzusehen, Direktorenberichte und –anordnungen zu überfliegen und stundenlang im PC nach Mitgliedern, Verdächtigen und den Drahtziehern zu fahnden. Momentan hatten sie gerade einmal die Hälfte der Mitgliedersteckbriefe des Konsortiums bebildert auf dem Schirm und ausgedruckt auf der Schreibtischplatte. Mulders Büro war zwar ohnehin keines der allgemein „ordentlich“ genannten Sorte, doch gegenwärtig glich es dem Schauplatz einer Detonation.

„John, wie hieß dieser Strughold doch gleich mit Vornamen?“, fragte Monica, während sie versuchte, einen Stapel Akten in ihrer rechten Hand auszubalancieren. Doggett sah kurz auf, musterte seine Partnerin amüsiert, blickte dann wieder auf den Schirm und gab den Namen „Strughold“ in das Suchfenster ein.

„Conrad; Conrad Strughold, Deutscher, einer der „Elder“, wie Mulder sie in diesem Bericht nennt. Scheint einer der Köpfe zu sein. Zufrieden?!“ Durchaus befriedigt nickte sie und legte den Stapel auf einer halbwegs freien Fläche neben dem PC ab. Agent Doggett schaute neben sich und registrierte die Größe des Stapels. Genervt seufzte er und tippte den nächsten Namen ein: Spender, CGB.

„Die Nacht wird lang“, murmelte er, als er auf „Drucken“ klickte.

 

Dienstag, 1.Woche

 

8:37 Uhr

FBI Zentrale

Washington D.C.

 

Scully stolperte ein paar Schritte rückwärts und knallte prompt in Mulder, der gerade um die Ecke bog. Sie hatte eine Hand erhoben und zeigte, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die offen stehende Tür zu seinem Büro. Irritiert drängte er sich an ihr vorbei und betrat das, was noch von seinem Büro übrig war. Das Chaos war vollkommen. Er tat einen Schritt in den Raum und sah sich fassungslos um. Blätter und Akten ausgekippt, verbrannt, Papier auf dem Boden zwischen Bleistiften und allerlei Schreibwerkzeug, ausgelaufene Tintenfässer, die Fotos und Zeitungsartikel an den Wänden...; das Poster mit der Aufschrift „I want to believe“ unwirsch von der Wand gerissen. Auch sein Mund stand nun weit offen, das blanke Entsetzen aus seinem Gesicht lesbar stolperte er vorwärts und fiel auf die Knie. Er saß in dem Haufen aus Papier und verbrannten Akten und kam sich absolut hilflos vor. Nur aus den Augenwinkeln bemerkte er Scullys Schwanken. Er raffte sich auf, ging zu ihr hinüber und legte einen Arm um ihre zitternden Schultern.

„Mulder, was zum-?“, flüsterte sie verstört. Er hatte keine Zeit zu antworten, denn die fröhlich miteinander kabbelnden Stimmen der Agenten Reyes und Doggett unterbrachen die unheilvolle Stille abrupt. Als die beiden die Aktenschränke im Flur passiert hatten und Mulder und Scully still da stehen sahen verstummten sie augenblicklich und ihre Mienen wurden besorgt.

„Alles in Ordnung, Dana; Fox?“ Nun konnte Scully sich nicht mehr beherrschen. Allein schon der Streß verursachte Panik in ihrem Kopf, woran Schwangerschaft nicht unschuldig war und so brach ein unkontrolliertes Schluchzen aus ihr heraus. Bestürzt überbrückte Agent Reyes die Distanz zwischen ihr und den Agenten und sprach beruhigend auf Scully ein. Agent Doggett hingegen zwängte sich durch den winzigen Spalt zwischen den drei Agenten und der Wand und betrat das Büro. Ihm verschlug es den Atem. Noch bevor er etwas sagen konnte, hörte er Reyes mit leiser Stimme sagen: „Wenn es um das Chaos geht, Dana: das waren John und ich. Wir wollten nur unser Wissen über diesen Fall erweitern.“ Nein, sie hatte das doch nicht wirklich gerade gesagt. „Monica, bevor du noch ein Wort sagst: komm hier her!“, befahl er mit scharfer Stimme, die sie aufhorchen ließ. Sie ließ Scully stehen und kam an seine Seite. Auch ihre Reaktion auf das verwüstete Büro war zu erwarten gewesen.

 

10 Minuten später

Büro von Assistant Director Walter Skinner

 

Scully saß in sich zusammengesunken auf einem der schwarzen Ledersessel, Mulder, Doggett und Reyes hinter ihr, den Director hinter dem Schreibpult erwartungsvoll fixierend. „Sie sagen also, Agent Mulders Büro sei vollkommen verwüstet?“ Einstimmiges Nicken unterlegt mit Scullys nervösem Weinen. Mulder trat einen Schritt vor und kniete sich neben sie um ihre Hand zu nehmen.

„Und Sie waren gestern abend noch wie lange in diesem Büro, Agent Reyes? Agent Doggett?“, fuhr Skinner etwas leiser fort.

„Bis kurz nach Mitternacht, Sir“, antwortete Agent Reyes und Doggett nickte affirmativ. Ohne weitere Zeit zu verlieren, hob der Assistant Director den Hörer von der Gabel und verlangte von der FBI Vermittlung, mit Deputy Director Kersh verbunden zu werden. Wenige Minuten später befanden sich Doggett, Reyes und Skinner auf dem Weg in Kershs Büro, während Mulder Scully nach Hause brachte. Der Deputy Director war nicht sonderlich gut bei Laune. Trotz Mulders Erfolg, dem FBI den Wahrheitsgehalt seiner jahrelangen Behauptungen zu beweisen, war Kersh die Zusammenarbeit mit den zuständigen Agenten der X Akten noch immer nicht angenehm und die X Unit – die Sondereinheit des FBI für paranormale Fälle – bildete seinen perfekten Albtraum. Kurz und gut stellte diese Einheit nichts anderes dar als die X Akten, obgleich die Agenten nun Ansehen und Befugnis für beinahe jeden Ort, zu dem sie ihre Ermittlungen führen sollten, genossen. Dennoch musste er sich den neuen Vorschriften des Senats beugen und entgegen seiner Prinzipien der X Unit gegenüber immer ein offenes Ohr haben. So erhob er sich, als sein Kollege Skinner in Begleitung der Agenten Reyes und Doggett sein Büro betraten.

„Nehmen Sie Platz, Agents, AD Skinner“, er wies auf drei Stühle vor seinem Schreibtisch und sie setzten sich rasch. Sofort begann Agent Reyes zu erzählen, was sich seit gestern Nacht ereignet hatte. Kersh nickte mehrmals und als sie nach kurzer Zeit geendet hatte verschränkte er die Hände vor sich auf der Schreibtischplatte.

„Viel scheinen Sie ja nicht zu wissen“, schloss er in einem Ton den alle Anwesenden abgrundtief hassten. „Sir, Agent Mulders Büro wurde verwüstet. Warum, frage ich?“, brauste Reyes auf. „Was für einen Nutzen zieht diese Person daraus? War es jemand, mit einem Auftrag oder jemand, der aus freiem Willen gehandelt hat? Und ich frage wieder: Warum?“ Gespannt blickten Skinner und Doggett von Reyes zu Kersh. Mit einem Grinsen, das Mulder zu Recht als hinterhältig bezeichnet hätte, musterte er die junge Agentin. „Agent Reyes, ich glaube, sie überbewerten ihre Rolle in diesem Team ein wenig. So ungern Sie das auch hören werden, Agent Mulder und Agent Scully sind die Staffelführer dieser Einheit. Es ist ihr Team. Und Sie und Agent Doggett geht Mulders Büro im Grunde genommen gar nichts an.“

„Aber Sir, Agent Scully ist schwanger und wird nicht mehr lange als Co-Staffelführerin tätig sein können. Somit ist das Führungspersonal unserer Einheit schon mal halbiert“, protestierte Doggett. Ohne ein Wort zu sagen, stand Kersh auf und ging zur Tür. Während er sie öffnete warf er einen spöttischen Blick zu Doggett.

„Sie haben die Erlaubnis, den Vorfall im X Akten-Büro zu untersuchen. Einen schönen Tag noch.“

 

„Er wusste genau, dass wir eine Spezialeinheit anfordern wollten.“ Skinner schäumte, als sie in den Fahrstuhl stiegen. „Scully verlässt uns innerhalb der nächsten zwei Wochen, somit sind Sie mit Agent Harrison zu viert. Und ich kann es nur bedingt einrichten, Sie zu unterstützen. Und zu fünft haben wir absolut keine Chance, diese Krise zu bewältigen.“ In seiner Stimme schwang Verzweiflung und Unsicherheit mit, die weder Reyes noch Doggett zu widerlegen vermochten.

 

13:12 Uhr

Praxis von Dr Mecan

Richmond

Virginia

 

Dr Lisa Mecan studierte schon seit einigen Minuten aufmerksam Dana Scullys Krankenblatt, dann legte sie es auf ihren Schreibtisch und lächelte das Paar vor ihr aufmunternd an.

„Ihre Sorgen sind gänzlich unbegründet, Dana“, sagte sie und erhob sich, um zu einer Leinwand hinüberzugehen und einige Ultraschallbilder an die Platte zu heften. Erleichtert stieß Scully die zuvor angehaltene Luft aus und erschöpft blickte sie zu Mulder, der neben ihr saß.

„Es ist zwar nicht falsch, dass sich die Gefühle und besonders der Streß einer schwangeren Frau auf die Entwicklung des Kindes auswirken“, fuhr Dr Mecan fort. „aber bei Ihnen ist es glücklicherweise noch nicht so weit gekommen. Allerdings muss ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, dass Sie so wenig wie möglich arbeiten sollten, auch wenn man Sie noch so dringend in Ihrem Job braucht.“ Mulders verwundertes Gesicht konnte sie nur erahnen und sie kämpfte sich aus dem Stuhl hoch.

„Danke, Dr. Mecan. Sie wissen ja gar nicht, wie sehr mich das beruhigt“, sagte sie und schüttelte ihr die Hand. Dann, ohne einen Blick zurück zu werfen, peilte sie die Tür an und verschwand aus Mulders Blickwinkel. Etwas verdutzt sah er ihr nach, erhob sich dann allerdings ebenfalls, warf Dr Mecan ein Schulterzucken zu, bevor er Scully einzuholen versuchte.

„Wie war das: >wenn man Sie noch so dringend in Ihrem Job braucht<?“, rief er ihr hinterher und sie blieb stehen. Als er sie erreichte legte er eine Hand um sie und drehte sie zu sich um. Das Wartezimmer war voll von wartenden Paaren und es war nicht zu übersehen, dass sie alle die Live Action den Broschüren aus dem Vorjahreswinter vorzogen.

„Du schiebst uns den Schwarzen Peter zu, Scully. Agent Doggett, Agent Reyes und mir, du machst uns zum Sündenbock und das darfst du nicht. Ich verbiete es dir.“ Mulder sah sie ernst an und sie blickte trotzig zurück.

„Du verbietest es mir?“, wiederholte sie in fast spöttisch klingendem Tonfall. Als er, ohne mit der Wimper zu zucken, sie weiterhin fixierend den Griff festigte, schlug sie mit einem Mal ohne Vorwarnung auf ihn ein. Sie riss sich los und holte aus. Als ihre schweißnasse Handfläche seine Wange traf, brauchte er einige Sekunden, um zu verstehen, was gerade passiert war. Ohne sich umzudrehen und mit weit ausholenden Schritten verließ Dana Scully die Praxis.

 

14:59 Uhr

2630 Hegal Place

Apartment No 42

Alexandria

23242 Virginia

 

Als Mulder sein Apartment betrat, wusste er sofort, dass Scully nicht hier war. Kein Licht brannte und es war so eigenartig unordentlich; wie es eigentlich immer gewesen war, zumindest bevor Scully zu ihm gezogen war. Er ging in die Küche, um nachzusehen, ob sie eine Nachricht auf dem Küchentisch hinterlassen hatte. Doch der Tisch war leer. Einzig eine leere Flasche Blutorangensaft lag dort. Unwillkürlich musste er schmunzeln. Scully trank dieses Gesöff schon bevor sie bei ihm eingezogen war. Entweder es war nur eine ihrer Schwangerschaftsvorliebe – er hoffte, dass es so war – oder aber es war die Bestätigung, dass er noch so vieles nicht von ihr wusste und das machte ihm Angst. Einzig die Tatsache, oder besser die reine Mutmaßung, dass auch Scully Geheimnisse hatte, von denen er nichts wusste, ließ ihn erschaudern. Er befürchtete, dass auch sie unangenehme Erinnerungen tief in ihrer Seele versteckt hielt, aus Angst, sie könnte Schwäche zeigen, ihm Anlass geben, sie beschützen zu wollen. Er hätte sich nicht so drastisch ausdrücken dürfen. Scullys Nerven waren ohnehin schon zum zerreißen gespannt und sie wollte sich ihre Arbeit nicht verbieten lassen. Dennoch befand er ihre Ausrede, die die Schuld auf ihn – ihren Geliebten – und Scullys Freunde abwälzte als falsch und einzig das hatte er versucht, ihr klarzumachen. Und jetzt hatten sie sich gestritten. Er konnte sich nicht erinnern, wann sie jemals ernsthaft böse aufeinander gewesen waren und was ihn anging, war der Zorn, der sekundenlang in ihm angeschwollen war, schon längst abgeklungen. Wenn er ehrlich sein sollte, hatte er einfach Angst. Eine lähmende, beklemmende Angst, alleine einschlafen und erwachen zu müssen. Viel zu alltäglich waren die gemeinsamen Nächte geworden. Einen Augenblick lang sah er sich hoffnungslos um. Dann ließ er den Kopf hängen und machte sich auf den Weg in sein Schlafzimmer, wissend, dass er keine Minute schlafen konnte, ohne mit schweißnassem Gesicht zu erwachen; allein.

 

15:47 Uhr

Baltimore

Maryland

 

Das Klopfen an der Tür nahm sie nur schwach wahr. Dennoch legte sie ihr Buch zur Seite, erhob sie sich aus dem Sessel und ging in den Flur. Als sie die Kette zur Seite schob und die Tür öffnete breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Dana“, sagte Margaret Scully von Freude erfüllt, doch als sie die Miene ihrer Tochter sah und diese sich ohne ein Wort an ihr vorbeidrängte, verflog ihre Freude rasch. Sie ließ die Tür ins Schloss fallen und murmelte: „Dir auch einen schönen Tag.“ Dann folgte sie ihrer Tochter kopfschüttelnd die Treppe hinauf in ihr altes Zimmer. Sie saß auf dem, mit einer Tagesdecke abgedeckten Bett und starrte einfach aus dem Fenster. Ohne etwas zu sagen, setzte sich Margaret Scully neben sie. Sie kannte Danas Launen von der vorangegangenen Schwangerschaft nur zu gut und wusste, dass sie besonders in den letzten zwei Monaten vor Temperament zu explodieren drohte. Dennoch streckte sie eine Hand aus, um Scully eine Strähne tizianroten Haares aus dem angespannten Gesicht zu streichen. Sie ließ es geschehen, starrte weiter mit ausdruckslosen Augen aus dem Fenster.

„Was ist passiert?“, fragte Margaret mit leiser Stimme, vorsichtig näher rückend. „Ist etwas mit deinem Baby?“ Aufgebracht wirbelte Scullys Kopf zu ihrer Mutter herum die ihre Frage bereits bereute.

„Vielen Dank, Mom, dass du mich immer wieder in die Vergangenheit schauen lässt“, schrie sie, kämpfte sich von der Matratze in eine halbwegs aufrechte Position und verließ kochend vor Zorn den Raum. Seufzend und kopfschüttelnd strich ihre Mutter die Decke glatt und blieb noch eine Weile nachdenklich sitzen.

 

2 Stunden später folgte sie ihrer Tochter, die sie im Wohnzimmer vermutete. Sie hatte Recht. Scully lag mehr auf dem Sofa, als dass sie saß und über den Bildschirm flimmerte ein alter schwarz-weiß Film mit Doris Day und Rock Hudson. Als sie das Sofa erreicht hatte und es umrundete, bemerkte sie, dass Scully schlief. Lächelnd setzte sie sich neben ihre Tochter und blickte sie eine Weile lang stumm an, bevor sie sie sanft wachrüttelte. „Dana, erzähl mir, was passiert ist“, verlangte sie abermals mit unterdrückter Stimme. Etwas benommen von ihrem Nickerchen blinzelte Scully ihre Mutter an. Dann kehrte ihr Zorn allmählich zurück.

„Lass mich doch einfach in Ruhe, Mom“, sagte sie gepresst. „Bitte“, setzte sie angesichts der unbarmherzigen Miene ihrer Mutter hinzu. Doch Margaret Scully wollte wissen, was ihre Tochter bedrückte und so kam sie ihr ganz nahe, schüttelte sie immernoch leicht. „Dana, erzähl es mir! Seit wann vertraust du mir denn nicht mehr? War ich nicht immer da? Bin ich dir denn kein bisschen mehr wichtig?“ Die Worte trafen Scully hart, durchbohrten ihr schwaches Herz mit tausend und abertausend eiskalten Stichen und setzten die tiefsitzenden Schuldgefühle.

„Oh...Mom...“stotterte sie und ihr Körper begann zu zittern. „Mom, es tut mir leid“, brach es schließlich aus ihr heraus. Sie fiel ihrer Mutter um den Hals und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Trotz ihrer Wut auf Mulder begann sich schon jetzt ihn furchtbar zu vermissen.

„Mom, ich...es ist wegen Mulder“, sagte sie schließlich und Margaret ließ sie los.

„Was ist passiert, Dana?“

 

18:05 Uhr

Aspen Hill

Maryland

 

Die kleine, 50228 Bewohner umfassende Stadt nördlich von Washington war erfüllt von Geräuschen. Trotz der geringen Größe der Stadt, herrschte der Feierabendverkehr auch hier vor. Viele Hundert Menschen versuchten einfach nur, nachhause zu kommen. So auch der 44-jährige Versicherungsvertreter Greg Hussey. Den ganzen Tag hatte er im Büro verbracht, potenzielle Kunden akquiriert und den Kundenstamm gepflegt. Nun, endlich, drehte er den Schlüssel im Schloss und betrat seine Eigentumswohnung im 6. Stock eines Mehrfamilienhauses. Erschöpft lockerte er seine Krawatte und ging zu einem kleinen hellen Kästchen, das gleich neben der Eingangstür an der Wand befestigt war. Ein winziges grünes Licht blinkte ununterbrochen und hektisch, als wollte es jemanden warnen. Doch Greg Hussey schenkte ihm keine sonderliche Beachtung. Er hob lediglich eine Hand um die Klimaanlage aufzudrehen. Der Schweiß rann ihm in Strömen den ohnehin schon schweißnassen Hals hinab in sein Hemd und seinen Anzug. Unterdrückt fluchend bahnte er sich einen Weg durch die dreckige Wäsche, mehrere Kisten Bier und die leeren Jack Daniels-Flaschen. Seit seine Verlobte vor einigen Tagen gestorben war, war nichts in seinem Leben mehr geregelt. Erst heute Morgen war er wieder zu spät zur Arbeit gekommen.

„Mr. Hussey“, hatte Mr Ramsey, sein Vorgesetzter, in gereiztem Ton gesagt. „Wir alle verstehen, was Sie im Augenblick durchmachen müssen und haben vollstes Verständnis für Ihre Trauer. Aber ich kann nicht jedem unserer Kunden Ihre Geschichte erzählen und erwarten, dass auch sie das erforderliche Feingefühl haben. Sie verstehen, worauf ich hinaus will?!“ Oh, ja. Greg begriff. Er verstand es besser, als alle anderen vorgaben. Sie wollten verstehen, was er durchmachte? Er hatte ja nur erfahren, dass seine Frau kaltblütig ermordet worden war – und zwar höchstwahrscheinlich durch ihren heimlichen Geliebten, einen angeblich geheilten, psychopatischen Frauenmörder. Als wäre ihr Tod nicht Schock genug gewesen. Diese lästigen Polizisten hatten ihn stundenlang mit unsinnigen Fragen gelöchert und spätestens seitdem kam er sich beklemmend leer vor. Ohne sie war einfach alles sinnlos. Auch mit der Gewissheit, dass Cassie ihn betrogen hatte, konnte er einfach nicht glauben, dass sie ein Verhältnis gehabt hatte. Ihr wunderbares Lachen aus diesen grünen Augen, ihr engelsgleiches Gesicht, umrahmt von dunklem, vollem Haar. Cassie hatte das nicht verdient, so unglaublich tragisch er sich auch in seiner Rolle als betrogener Verlobter vorkam. Er ersehnte so dringend die Verhaftung des Täters. Er wollte diesen Kerl hinter Gittern sehen. Den Kerl, der Cassie getötet hatte, war es nun ihr heimlicher Geliebter oder sonst wer. Ein ungesühntes Verbrechen dieses Ausmaßes konnte und wollte Greg nicht ertragen. Eine große, teilweise bereits verkümmerte Topfpflanze ungestüm aus dem Weg tretend erreichte er sein Schlafzimmer, der Platz in seiner Wohnung, der längst vollkommen zugemüllt war. Niedergeschlagen ließ er sich auf den schmutzigen Bettbezug der alten Matratze sinken, die unter seinen 71 Kilo nachgab. Den Kopf in die Hände gestützt versuchte er, ihr Gesicht heraufzubeschwören; ihre hohen Wangenknochen, ihre strahlend grünen Augen, ihr schlanker Hals, die ebenso schlanke, betörende Figur, ihr kleines Muttermal unter dem linken Auge. Er wusste all das, doch fiel es ihm unglaublich schwer, ein Bild daraus zu formen. Es kam ihm vor, als hätte er sie monatelang nicht gesehen. Immer wieder meinte er, endlich etwas erkennen zu können, bevor ihre Züge erneut verschwommen und nur eine schwarze Silhouette zurückließen. Schwarz...Ihm wurde schwarz vor Augen. Sein Kopf pendelte ohne Kontrolle. Der Schweiß lief ihm ungehindert die Wangen hinab auf sein Hemd. Sein ganzer Körper zitterte. Schuld. Er fühlte sich plötzlich so unglaublich schuldig. Sein Herz raste vor Aufregung; vor Angst. Sein panisch suchender Blick fiel auf die Balkontür. Zielstrebig schritt er darauf zu, ergriff die Klinke und blieb einen Moment reglos stehen. Eine sanfte Brise erfasste sein spärliches Haar und automatisch hob er die Hand, um es glatt zu streichen, während die andere sicher nach dem Geländer fasste.

 

Mittwoch 1.Woche

 

07:15 Uhr

FBI Zentrale

Washington D.C.

 

Trotz der frühen Morgenstunden befand sich die Spurensicherung, die Agent Doggett angefordert hatte, noch an der Arbeit. Nach Anhaltspunkten suchend, die etwas über den Eindringling in Mulders Büro aussagen zu vermochten. Doch auch als er seine aktuelle Runde beendet hatte – er konnte sie nicht mehr zählen – war er um nichts schlauer. Agent Reyes stand in der Tür, ebenso müde wirkend wie er, mit zwei Bechern in den Händen, aus denen wunderbar klarer Kaffeegeruch eine Pause ankündigte. Dankbar steuerte er auf sie zu, nahm ihr einen Becher aus der Hand und blieb, genüsslich trinkend, stehen. Sie ließ ihn zwei, der Schlucke nehmen und verinnerlichen, bevor sie ihn am Ärmel zog und ihm mit einem spielerischen Lächeln bedeutete, ihr zu folgen. Etwas verwirrt folgte er ihr zum Fahrstuhl, mit dem sie in den dritten Stock fuhren, wo Reyes sich nach links wandte und eine offene Tür ansteuerte. Kaum hatte Agent Doggett hinter ihr den Raum betreten, fuhr sie herum und schlug die Tür zu. Mit einem Klicken verriegelte sie sie und sah Agent Doggett dann herausfordernd an. Grinsend stellte er seinen Becher auf einen Tisch zu seiner rechten und trat nahe zu ihr. Ohne Worte begann er, sie zu küssen. Ihren Hals hinab, ihr Schlüsselbein, das Dekolletee, wieder hinauf bis zu ihrem Mund.  Gerade wollte er sich tieferen Regionen zuwenden, seine Pause genießen, als ein Handy schrill die traute Zweisamkeit durchbrach. Mit einem Augenrollen kramte er in seiner Jacke nach dem Mobiltelefon. Als er endlich den Knopf drückte und das Gespräch annahm, seufzte Reyes enttäuscht.

„Ja?“, meldete er sich mürrisch. Sie konnte nur das weit entfernte, metallisch klingende Rufen einer Männerstimme hören und Agent Doggett fragend das Gesicht verziehen sehen.

„John“, meldete sie sich leise. Sie hörte Doggett noch ein paar weitere Male „Ja“ und „Natürlich, sofort“ sagen hören und wusste, dass etwas passiert sein musste. Als er aufgelegt hatte sahen sie sich einen Moment lang schweigend an. Dann musste sie lachen.

„Entschuldige“, kommentierte sie seinen verdutzten Gesichtsausdruck. „Aber die Situation ist...nun...vergiss es.“ Seine Züge blieben ernst, als er ihr von dem Telefonat erzählte.

„Das war Mulder. Es gibt ein zweites Opfer.“ Reyes blickte ihn forschend an.

„Wer war denn das erste?“ Sie verstand den Zusammenhang nicht. Pinell stand unter ständiger Bewachung, er konnte nicht weiter morden; außer er hatte einen Komplizen, was sie stark bezweifelte.

„Die Leiche eines Mannes wurde gestern Nacht um 23:22 Uhr in Aspen Hill, Maryland von einer Polizeistreife entdeckt. Er hatte sich von seinem Balkon im 6. Stock gestürzt.“ Immernoch sah sie ihn unverständlich an.

„Sag mir John, liegt es an deiner oder meiner Müdigkeit – Wo ist der Zusammenhang?“ Er raufte sich erschöpft das braune Haar und schloss die Augen für einen Moment.

„Der Mann hieß Greg Hussey und er hatte eine Verlobte.“ Einen Moment stutzte Reyes. Dann fragte sie vorsichtig: „Hatte?“ Er nickte und setzte hinzu: „Cassie Miles, die heimliche Geliebte unseres Freundes Pinell.“ Kurz wusste Reyes nicht, was zu sagen war, als Doggett die verlegene Stille durchbrach: „Es fand eine Obduktion in der Gerichtsmedizin von Quantico statt“, erklärte er bestimmt und begann, auf und ab zu gehen.

„Und jetzt rate, was sie in Mr Husseys Blut gefunden haben!“ Monica Reyes brauchte nicht lange zu überlegen, da beantwortete er sich seine Frage bereits selbst: „Das schwarze Öl.“

 

Weniger als 2 Stunden später fuhr Agent Doggett den Mietwagen in den mit gelbem Band abgesperrten Bereich. Als er und Reyes ausstiegen kam Mulder auf sie zu, mit seinen durch Latexhandschuhe geschützten Händen hielt er ein Mobiltelefon an seinem Ohr. Mit leiser Stimme redete er auf jemanden ein, als er jedoch näher kam legte er rasch auf. „Was ist das hier, Mulder?“, fragte Doggett, peinlich darauf berührt, nicht danach zu fragen, mit wem Mulder telefoniert hatte und dennoch zum zerbersten neugierig. Mulder brauchte einen Moment, um sich wieder auf seinen momentanen Aufenthaltsort zu konzentrieren. Dann nickte er kurz, murmelte etwas, das wie: „Mann, Mann, Mann“ klang und bedeutete ihnen, sich ihm anzuschließen. Er führte die beiden zum Fahrstuhl, mit dem sie in den 6. Stock fuhren. Während das monotone Summen die nach oben gleitende Kabine erfüllte, begann er ausführlich zu erzählen.

„Die Obduktion wurde bereits gestern Nacht von einem Gerichtsmediziner in Quantico angeordnet und durchgeführt. Ich sagte Agent Doggett ja bereits, was man fand.“ Sie tauschten vielsagende Blicke bevor Mulder fortfuhr: „Laut den einzigen Augenzeugen, einem älteren Ehepaar in dem Haus gegenüber, das wohl zufällig“ Er betonte das Wort fast spöttisch „am Fenster saß und den Balkon ihres Gegenübers im Blick hatte, ging Mr. Hussey so circa um 18.00 Uhr auf den Balkon, starrte kurz in die Leere und stieß sich dann mit einer Hand vom Geländer ab.“ Etwas an dieser Aussage störte Doggett. „Moment...Sie sagten am Telefon, die Leiche dieses Mannes wurde erst um halb 12 Uhr in der Nacht gefunden. Wenn dieses Paar...“ Mulder ließ ihn nicht aussprechen. Der Fahrstuhl hielt und er hetzte los, auf eine Apartmenttür zu, die ebenfalls mit gelbem Band versperrt war.

„Das haben wir uns auch gefragt und Mr und Mrs Nadler haben einstimmig geantwortet, dass sie kein Telefon haben und daher nach jemandem suchen mussten, der ihnen seines zur Verfügung stellte. Denn Münztelefon konnten sie ebenfalls nicht benutzen, da sie im Nachthemd waren und zu so später Stunde nicht im Nachtgewand auf den nächtlichen Straßen unterwegs sein wollten.“ In seiner Stimme war eine Spur Zynismus, doch die übliche Schlagfertigkeit und der Schalk, der sonst um seine Augen spielte, blieb aus. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, da waren sich sowohl Doggett, als auch Reyes sicher. Schließlich übernahm Reyes das, was Agent Doggett nicht wagen wollte.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Mulder?“ Einige Sekunden vergingen schweigend. Dann blieb Mulder stehen und senkte langsam den Kopf.

„Wir – Scully und ich – haben ein paar, wie soll ich sagen?“

„Probleme“, fiel ihm nun doch Doggett ins Wort.

„Ich würde es eher Meinungsverschiedenheiten nennen“, beendete Mulder unbeirrt seinen Satz und blickte die Agenten vor ihm wartend an.

„Sie sollten ihre Meinungen so schnell wie möglich angleichen, Agent Mulder“, meldete sich jetzt Reyes eindringlich. „Besonders in dieser Zeit müssen Sie versuchen, auf jegliche Stimmungsschwankungen Rücksicht zu nehmen.“ Mulder lauschte ihr schweigsam. Dann nickte er müde und trat einen Schritt vor.

„Reden Sie doch bitte mit dem verantwortlichen Deputy, einem Deputy Gray“, bat Mulder sie mit leiser Stimme, machte dann auf der Ferse kehrt und schritt auf den Flur. Gerade als er den Fahrstuhl betrat, beugte sich Reyes zu ihrem Partner, meinte bittend: „Mach du das, John, ich rede mit ihm“ und hastete dem verlassenen Agenten hinterher. Mulder verließ gerade die kleine Eingangshalle des Wohnhauses, als sie ihn einholte.

„Ich glaube, Sie sollten darüber reden, Fox.“

 

Eine halbe Stunde später betraten Agent Reyes und Mulder seine Wohnung. Er schaltete das Licht ein und bat sie, sich zu setzen.

„Kaffee, Tee?“, fragte er tonlos.

„Wasser“, antwortete sie lächelnd und nickte ihm zu. Leise lächelnd ging er in die Küche, um das bestellte zu holen. Er kehrte zurück mit einem schlanken Glas gefüllt mit der kristallklaren, winzige Sauerstoffbläschen beinhaltenden Flüssigkeit, und einer Dose deutschem Weizenbier. Er sah müde und überarbeitet aus. Sie nahm einen großen Schluck und stellte das Glas dann wieder vor sich auf den Tisch.

„Und jetzt erzählen Sie mal, Fox.“ Er musste unwillkürlich grinsen und auf die Frage, was er so lustig fand, antwortete er schlicht: „Das hab ich Scully auch schon erzählt; ich habe selbst meine Eltern gebeten, mich Mulder zu nennen.“ Jetzt musste auch sie lachen. Die unpersönliche Spannung schien durchbrochen und die gewohnte, freundschaftliche Wärme erfüllte das Wohnzimmer des Apartments. Schon oft hatte er hier eine ebenso freundschaftliche Unterhaltung mit Scully geführt, doch an mehr wollte er sich gar nicht erinnern. Es schmerzte zu sehr, an sie zu denken.

„Es war so lächerlich, ich hab mich so unglaublich dumm benommen“, begann es ohne Vorwarnung aus ihm herauszusprudeln. „Die Ärztin meinte, sie solle sich von niemandem vorschreiben lassen, dass sie arbeiten müsse. Scully hat uns das in die Schuhe geschoben, sie hat ihre Ärztin belogen, um arbeiten zu können und damit sich und das Kind in Gefahr gebracht. Da bin ich ganz einfach wütend geworden.“ Er sah so erbärmlich aus, so hilflos und ohne jeden Zweifel unsterblich verliebt, dass sie sich nicht zurückhalten konnte und ihre Hand auf seine Schulter legte.

„Fox, ich glaube, dass Sie Recht hatten, wütend zu sein. Aber Sie müssen einfach viel mehr als sonst an Dana denken. Sie ist jetzt nicht mehr die, die Sie schon seit neun Jahren kennen. Sie macht eine Veränderung durch und das müssen Sie respektieren.“ Sie machte eine Pause und achtete darauf, dass er sich wieder aufrichtete und sich fasste. „Sie reagiert jetzt ganz einfach anders auf alles, was ihr begegnet. Fox, nichts, absolut nichts Kritisches, das sie in dieser Zeit zu Ihnen sagt, ist ernst gemeint. Die Hormone reagieren einfach über und somit sagt sie Dinge, die sie nicht so meint.“

„Sie hat mich angeschrieen!“, brach es aus ihm heraus und seine Hand schlug verzweifelt auf das Kissen neben ihm. „Mitten im berstend vollen Wartezimmer schreit sie mich an, ich solle ihr nichts vorschreiben! Wir haben uns noch nie gestritten, noch nie ernsthaft. Ich...ich komme damit einfach nicht klar...“

Hoffnungslos ließ er sich wieder zusammensacken und stützte seinen Kopf in die Hände. Einen Moment wusste Reyes nicht, was sie sagen sollte. Dann erhob sie sich, stellte das halbleere Wasserglas ab und rückte ihre Wildlederjacke zurecht. „

Schlafen Sie sich aus, Fox. John und ich werden das hier übernehmen und Sie“, sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu „regeln erst einmal ihr Privatleben.“ Sie wandte sich zum Gehen als Mulder ihr hinterher rief, sie solle warten. Als er sie erreicht hatte war sein Blick klar und entschlossen.

„Agent Reyes...ich weiß nicht, was ich sagen soll aber – würden Sie mir wohl noch einen Gefallen tun?“ Erwartungsvoll blickte er in ihre dunklen Augen, die im spärlichen Licht funkelten.

„Selbstverständlich werde ich mir auch Danas Version anhören und versuchen, zu vermitteln, Fox“, mutmaßte sie und erfüllte seine unausgesprochene Bitte.

 

11:14 Uhr

Baltimore

Maryland

 

Scully lag reglos auf dem Bett in ihrem alten Zimmer. Alles war noch genau so, wie sie es das letzte Mal verlassen hatte. Der Radiowecker auf dem Nachttisch, der viel zu oft bei Mulders nächtlichen Anrufen eine undenkbare Zeit angezeigt hatte, das kleine Bücherregal über dem Bett, der schwere Schrank aus dunklem Kirschbaumholz und die kleinen, gerahmten Stickbilder, die sie in ihrer Jugend geliebt hatte, an den Wänden. Sie hatte sich schon wer weiß wie viele Male umgesehen und sich immer wieder eingeredet, dass dies ihr Zuhause war. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, ein unbehagliches, bekanntes Gefühl blieb; Sehnsucht. Obwohl sie es sich nicht eingestehen wollte, sie vermisste ihn einfach.

„Lass das“, sagte sie sich wieder einmal eindringlich. „Wie stehst du da, wenn du bereits nach einem Tag aufgibst? Er ist im Unrecht, er hat nicht über mich bestimmen zu wollen, das steht ihm nicht zu.“ Doch ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte, ein plötzliches Schuldgefühl spülte all ihre guten Argumente hinfort, genauso wie ihre eiserne Maske der Immunität. Die Hände vor das Gesicht haltend schluchzte sie und kristallene Tränen glitten ihre Wangenknochen hinab, fielen auf das Kissen und den Bezug unter ihr, zeugten von ihrer Verzweiflung. Wieso musste sie auch gleich so überreagieren? Sie täte alles, um nur zu ihm zurückkehren zu können, doch sie hatte Angst. Unheimliche Angst, dass es ihre Glaubwürdigkeit, das unanfechtbare Dogma einer rational denkenden Wissenschaftlerin, beeinträchtigen würde.

 

Zur gleichen Zeit

 

2630 Hegal Place

Apartment No 42

Alexandria

23242 Virginia

 

Der Bildschirm zeigte ihm eine Flut von Bildern, die er nicht kategorisieren oder sonst wie ordnen konnte. Die Nachrichten, eine schwarz-weiß Serie, ein Western, eine Kindersendung...Unwillkürlich flatterten seine Lider und er war sofort hellwach, obgleich er sich matt und todmüde fühlte. Die Gedanken an Scully und ihr Baby waren schmerzhaft. Er konnte es nicht fassen, dass sie erst einen Tag lang fort war. Er langte nach der Fernbedienung und mit einem Klicken wurde das TV Gerät schwarz. Mulder griff nach dem halbleeren Glas Gin auf dem Wohnzimmertisch und leerte es müde. Agent Reyes Glas stand noch immer neben seinem und bei dem Gedanken an sie, musste er lächeln. So sehr er Scully liebte, so gut sie schon seit Ewigkeiten befreundet waren; Agent Reyes war im Begriff, sich zu seiner und Scullys bester Freundin zu entwickeln. Schon seit ihrem ersten Treffen, als sie ihn gebeten hatte, ihr bei der Ermittlung im Fall Agent Doggetts Sohn Luke zu helfen – schon damals hatte er sie ins Herz geschlossen und auch Scully mochte sie seit Beginn ihrer Zusammenarbeit. Und das wichtigste an Monica Reyes war ihre Offenheit. Sie stand weder auf Mulders, noch auf Scullys Seite. Sie hörte sich beide Parteien geduldig an und versuchte stets, jedem zu helfen. Das schien ihr größtes Ziel, ihr Lebenswerk zu sein. Auch hatte die Anwesenheit und Hilfe, die sie Scully bei der Geburt ihres Sohnes geschenkt hatte, die beiden Agentinnen zusammengeschweißt. Mulder war sich sicher, dass Monica Reyes nicht aufgeben würde, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Bis sie ihn und Scully versöhnt und die Geburt des zweiten Wunderkindes miterlebt hatte.

 

9 Monate zuvor

8:21 Uhr

FBI Zentrale

Washington D.C.

 

„Guten Morgen, Agent Scully, Agent Mulder“, begrüßte Agent Doggett die beiden Agenten die bereits im Büro saßen und stillschweigend und hochkonzentriert einige Akten überflogen. Kurz sah Dana Scully von ihrer Beschäftigung auf, warf ihm ein mattes Lächeln zu und fragte, den Blick wieder auf die Akte wendend: „Wo haben Sie Monica gelassen?“ Doggett lockerte seine Krawatte, öffnete das Jackett und hängte es über den Gardarobenständer neben der Tür. Sein Blick fiel, wie so oft auf die Wand hinter dem Schreibtisch, an dem das Agentenpaar angestrengt arbeitend saß und er ließ seine Augen all die kleinen Einzelheiten und Details erfassen, die sich in den letzten Monaten verändert hatten. Neben Mulders geradezu kultverdächtigem Poster mit der Aufschrift „I want to believe“ war ein weiteres Poster an die Pinnwand geheftet worden, das in großen Lettern „The Truth is out there“ verkündete. Mulder hatte zwar auf eine Änderung des „out“ in „in“ plädiert, Scully jedoch hatte ihn auf zahlreiche Äußerungen seiner selbst in den letzten neun Jahren hingewiesen und er hatte kooperieren müssen. Agent Reyes und Doggett verstanden natürlich relativ wenig der Späße der einander so vertrauten Agenten, doch selbst ein Blinder konnte diese innige und allgegenwärtige Liebe nicht dementieren. Als er den Blick von den unzähligen Fotos abwandte, die Mulder und Scully zusammen in Roswell, New Jersey und New York zeigten erinnerte er sich an die Frage, die Scully ihm soeben gestellt hatte.

„Sie ist beim Friseur.“ Augenblicklich sahen die Agenten auf und blickten Doggett fragend an.

„Was ist? Darf sie etwa nicht?“, fragte er leicht amüsiert über die verdutzten Mienen seiner Kollegen. Verneinend schüttelten die beiden die Köpfe und Scullys langes, rotgoldenes Haar legte sich in sanften Wellen um ihr schlankes Gesicht. Agent Doggett nahm Platz auf einem ausrangierten Bürostuhl der Chefetage und schnappte sich eine der unzähligen Akten vom unordentlichen Schreibtisch seines Arbeitskollegen.

„Schwarzes Öl/Purity/Schwarzer Krebs“, las er verwundert. „Akte X-3 795 823; Agent Mulder und ich kommen zu dem Schluss...Macht über die befallene Person übernimmt...durch schwarze Verfärbung der Iris und Bewegungen unterhalb der obersten Hautschicht sichtbar...was soll das?“ Verunsichert blickte er von Scully zu Mulder, die es inzwischen aufgegeben hatten, in seiner Anwesenheit arbeiten zu wollen.

„Wir sind dabei, einen Durchbruch vorzubereiten, John“, erklärte Scully in gemäßigtem Tonfall, der Mulder jegliche Aggression untersagte.

„Und um was geht es?“, fragte Agent Doggett in nun doch interessiertem Tonfall. Scully schob ihm, mit einem Seitenblick zu Mulder, die Mappe zu, die sie gerade studiert hatte. „Sehen Sie sich das an; vor 4 Jahren waren Mulder und ich mitten in der Wildnis, westlich von Dallas und wir entdeckten Hinweise auf Experimente an Bienen und Maispollen mit einem Virus, von dem wir vermuteten, dass es außerirdischen Ursprungs sein könnte.“ Doggett nickte zustimmend. Er hatte den Bericht gelesen; sowohl Scullys objektive Sicht, als  auch Mulders paranormale Einschätzung hatte er sich einverleibt.

“Also“, begann Doggett zögernd. „Was ist jetzt mit dem Durchbruch?“ Scully wollte gerade den Mund aufmachen, als Mulder für sie antwortete: „Wir ließen das Gelände überprüfen und man fand nichts! Ich habe mich Ewigkeiten gefragt, was mit dem Projekt geschehen sein mochte. Und jetzt sind wir kurz davor, diese Antwort endlich zu finden“ Er sah Scully mit einem unglaublich emotionalen Funkeln in den braunen Augen an.

„Laut unseren Quellen befindet sich der aktuelle Testboden in Tunesien!“

 

14 Stunden darauf

22:17 Uhr

2630 Hegal Place

Apartment No 42

Alexandria

23242 Virginia

 

Mulder nahm Scully die Wildlederjacke ab und hängte sie umsichtig über die Garderobe neben der Tür. Dann schälte er sich aus der obersten Schicht seiner Kleidung, entledigte sich seiner Schuhe und ließ sich auf die Couch fallen. Erschöpft beobachtete er Scully, die ebenfalls ihre Schuhe auszog und dann müde lächelnd auf ihn zu kam, ihn leicht zur Seite stieß und sich auf den freien Platz, der vor ihm geblieben war, zwängte. Er legte seine Arme um sie und ohne ein Wort zu sagen, ließen sie in ihrer beider Fantasie so viele Szenen, die sich so und ähnlich zugetragen hatten, Revue passieren. Es tat gut, einfach hier zu liegen und die Nähe des anderen zu spüren. Doch wie jeden Abend sollte es auch heute sein. Scully drehte sich um, so dass sie mit dem Gesicht zu ihm lag und ihn ernst ansehen konnte. Dann schloss sie die Augen, Mulder tat es ihr gleich, und sie sprachen lautlos ihre Wünsche aus. Ihre Lippen bewegten sich flehend und um ihre Augen spielten die Verzweiflung und ein winziger Hoffnungsschimmer. Dann, nach wenigen Sekunden, es hätten auch Minuten sein können, öffnete Mulder seine Augen und drückte Scully fest an sich.

„Es geht ihm gut“, beantwortete er ihre ungestellte, immer wiederkehrende Frage nach ihrem Sohn.

„Er hat es gut, Scully.“

„Ohne uns, ohne seine Eltern“, flüsterte sie und ihre Stimme brach, verlor sich schließlich ganz. Mulder wusste nichts zu sagen und so schwieg er nur nachdenklich.

Scully war eingeschlafen und so löste Mulder sich vorsichtig aus ihrer Umarmung und schlich in die Küche, um sich einen starken Kaffee zu brühen. Er holte zwei bauchige Tassen aus dem verglasten Schrank mit weißem Rahmen, füllte die Kanne mit kaltem Wasser aus dem Wasserhahn und häufte großzügig einige Löffel des braunen Pulvers in einen Kaffeefilter. Als er den Start-Knopf betätigte ließ er sich gegen die Arbeitsplatte sinken und seufzte erschöpft. Er fasste sich zerstreut an die Stirn und dachte über ihre immer wiederkehrenden Gespräche über William nach. Es zeriss ihm ebenso wie ihr das Herz, ihn verloren zu haben, doch sie beide wussten, dass ihnen keine Chance geblieben war, dass es zu dem Zeitpunkt, als Scully die folgenschwere Entscheidung getroffen hatte, ihn zur Adoption freizugeben, keinen anderen Weg gegeben hatte. Sowohl sie als auch Mulder waren damals in akuter Gefahr gewesen und hatten William all den Verschwörungen und fanatischen Sektenanhängern ausgesetzt. Doch nun, da die Gefahr so gut wie gebannt schien, da Scully und Mulder kurz davor waren, all dem ein Ende zu bereiten; da sie zusammen waren und die Idylle und das unendliche Glück so greifbar waren, wünschten sie sich ihren Sohn zurück. Doch selbst, wenn sie die anonyme Adoptivfamilie ausfindig machen könnten, konnten sie nicht einfach anklopfen und ihr Kind zurückverlangen. William war nun Teil einer anderen Familie und daran konnten sie nichts ändern, es würde ihm eher schaden, aus seiner gewohnten Umgebung gerissen zu werden. Mehr als drei Jahre waren seit der anonymen Adoption vergangen und William war jetzt alt genug, seine Eltern zu kennen und sie als solche zu akzeptieren. Mulder bezweifelte, dass er sich an ihn oder Scully erinnern konnte und er zweifelte ebenfalls, ob Williams neue Eltern ihm von der Adoption erzählen würden. Er war jetzt vier Jahre alt. Irgendwo in diesem Staat lebte ein kleiner Junge, der seine wahren Eltern niemals kennen lernen würde, der nie erfahren würde, dass die Personen, die er als Mutter und Vater akzeptiert hatte, nicht verwandt mit ihm waren. Und der unbeschwert aufwachsen würde, ohne von geheimen Mächten oder irgendeiner Schattenregierung belästigt zu werden. Ohne Entführung, Missbrauch oder Tod mehr fürchten zu müssen, als jeder andere kleine Junge auf der Welt. Vollkommen unerwartet und ebenso abrupt ließ ihn das Piepsen der Kaffeemaschine aus seinen Gedanken aufschrecken. Gedankenverloren betätigte er den Kippschalter und goss die brühend heiße Flüssigkeit in die bereitstehenden Tassen. Als er sich um 180° drehte und die Küchentür, die in den Wohnraum führte anvisierte, sah er Scully, die auf die Arme gestützt auf dem Sofa lag. Er lächelte ihr liebevoll zu, hielt dann die Tassen über seinen Kopf und grinste: „Lust auf was heißes?“ Scully schmunzelte müde und nickte zustimmend. Vorsichtig, um nichts der munter machenden Brühe zu verschütten, überquerte er den Flur, setzte sich neben sie und reichte ihr eine der Tassen. Interessiert beobachtete er, wie seine kleine Partnerin genüsslich Schluck für Schluck in sich aufnahm und sich dann zufrieden über die feuchten Lippen leckte.

„Mhhh“, machte sie und schloss die Augen absichtlich halb.

Mulder setzte ein empörtes Gesicht auf und beschwerte sich erzürnt: „Wie soll man denn anständig bleiben; bei so viel Verführungskunst?“ Kurz sahen sie sich herausfordernd an – der Kaffee hatte Scully wohl geweckt – dann konterte sie: „Wie könnte ich jemals deinem Charme widerstehen?“ Sie tauschten vielsagende Blicke; dann griff Mulder nach Scullys Tasse und stellte sie zusammen mit seiner eigenen auf dem Wohnzimmertisch ab. Er beugte sich zu ihr hinunter und legte seine Lippen auf ihre, um nur wenige Sekunden später in einen tiefen, sanften Kuss und einen Wirbel aus aufgewühlten Emotionen einzutauchen. Sie küssten sich ganz einfach nur. Viele, viele Sekunden – oder waren es Minuten? – vergingen. Dann entfernten sich ihre Gesichter voneinander – nur einige Millimeter – um dem anderen in die Augen zu schauen. Im einen Moment waren Scullys Augen klar und voller Temperament, in der nächsten Sekunde wurde das sonst so klare Blau trüb und verklärt und Scully kippte nach hinten.

„Scully!“, rief Mulder sie besorgt. Scully hatte schon mehrmals innerhalb der letzten Monate Schwächeanfälle bekommen, fiel einfach hinten über in einem völlig belanglosen Gespräch. Irgendwie war er vor einigen Wochen langsam bereit gewesen, sich daran zu gewöhnen. Laut Dr Mecan, Scullys Frauenärztin, lag es vielleicht einfach an Schlafmangel und Überarbeitung, was selbst Scully nicht hatte abzustreiten versucht. Besonders in den letzten Wochen hatten sie verzweifelt jeden kleinsten Hinweis auf das Purity-Projekt verfolgt, alle Möglichkeiten geprüft und bis ins winzigste Detail ermittelt. Seit sie vor 4 Jahren vor Mulders bevorstehendem Todesurteil hatten fliehen müssen, Agent Doggett und Agent Reyes, A.D. Skinner - ihre Verbündeten – hatten im Stich lassen müssen, allein um ihr Leben zu bewahren, hatten sie sich versteckt halten müssen. Ihr Glück war die Tatsache, dass A.D. Skinner und D.D. Kersh gemeinsam die Verantwortlichen vor einem Jahr bloßgestellt und somit Mulder und Scullys sichere Rückkehr gewährleistet hatten. Seit sie wieder in der Öffentlichkeit operieren konnten, die X Akten zurück hatten und gemeinsam mit ihren Freunden arbeiten konnten, hatten sie es sich zum Ziel gemacht, auch den letzten Rest der Verschwörung aufzudecken, der gesamten Welt zu zeigen, was ihre Regierungen hinter ihrem Rücken geplant hatten. Und er selbst war enthusiastisch genug, auf jedweden Schlaf zu verzichten, allein um das, was ihnen angetan worden war, bloßzustellen. Deshalb konnte er Scully schlecht verbieten oder abraten, sich allzu sehr an ihren Ermittlungen zu beteiligen. Doch allmählich häuften sich die Ohnmachtsanfälle und Übelkeitsattacken verdächtig und er sorgte sich um Scullys Gesundheit. So hob er sie vorsichtig an, trug sie zum Schlafzimmer und bettete sie auf das frische Laken, mit dem sie selbst noch am Morgen die Doppelmatratze bezogen hatte. Sacht deckte er sie zu und eilte ins Badezimmer, um einen kalten Waschlappen zu holen. Als er das Schlafzimmer wieder betrat, war das Bett leer. Wie erstarrt blieb er im Türrahmen stehen, war einige Sekunden unfähig zu jeglichen Bewegungen oder Gedankengängen. Sein Kopf war leer. Es war einfach zu spät für Probleme. Sein Blick wanderte für Sekundenbruchteile zu seiner Armbanduhr und er hasste sich im gleichen Moment dafür, dass er Scully auch nur eine Sekunde hatte vernachlässigen können. Cholerisch stürzte er zum Bett und griff nach der Decke, ganz so, als hoffte er, Scully befände sich noch darunter. Doch wie erwartet klaffte dort nur der blendend weiße Bezug. Wie Schuppen fiel es ihm plötzlich von den Augen und er hastete um das Bett. Dort, auf der anderen Seite, lag – zusammengerollt und mit panischem Gesichtsausdruck, unkontrolliert zuckend – Scully! „Scully, Scully!!“, rief Mulder und kniete sich neben sie, hob sie an und zurück aufs Bett. Augenblicklich griff er nach dem Lappen und tupfte ihre schweißnasse Stirn mit dem nassen Tuch ab. „Scully“, rief er noch einmal und diesmal klappte sie tatsächlich ihre Lider auf und bedachte ihn mit einem verwirrten Blick. Ihre Augen waren wieder wach und aufmerksam, doch ihr Gesicht wirkte erschöpft und die Gesichtszüge sonderlich entgleist. „Mul...der“, murmelte sie abwesend und ihre Blicke wanderten suchend durch den Raum. Als sie ihn registrierte bildete sich ein höchst seltsames schlaffes Lächeln auf ihren Zügen und sie klammerte sich an ihn.

„Ich bin schwanger“, sagte sie und er spürte Freudentränen über seinen Nacken laufen. Entgeistert starrte er an die Wand ihm gegenüber und hielt Scully einfach nur fest. Endlich konnte er sich aufraffen, sie ein Stück von sich zu schieben und ernst anzusehen. „Scully...was – was soll das heißen?“ Angespannt musterte er die kleine Frau vor ihm. Scully blickte einfach nur in seine braunen Augen und lächelte. So glücklich, so erfüllt, dass er zu weinen beginnen wollte. „Scully“, begann er abermals und strich ihr geistesabwesend eine Strähne rotbraunen Haares aus dem schmalen Gesicht.

„Ich weiß es einfach“, flüsterte sie schließlich und ohne ihm eine Antwort geben zu können, sank sie lächelnd in einen tiefen Schlaf und ließ ihn allein mit seinen Zweifeln, den Fragen und zugleich Hoffungen, die ihr Geständnis ihm gegeben hatten.

 

9 Monate darauf

Mittwoch 1.Woche

 

Baltimore

Maryland

 

Das Telefon klingelte und genervt tastete Scully danach.

„Bei Margaret Scully“, meldete sie sich tonlos und stellte den seit früh morgens kontinuierlich laufenden Fernseher auf lautlos.

„Dana? Hab ich Sie endlich gefunden?“ Die klare Stimme Agent Reyes’ ließ sie unbeabsichtigt lächeln und die ganze Anspannung – es hätte Mulder sein können – war wie weggeblasen.

„Sie haben mich gesucht, Monica?“, fragte sie heiter und setzte sich gemütlich aufs Sofa. Die Aktenberge, die sie sich vom FBI aus dem Büro hatte bringen lassen, lagen bereit zum bearbeiten da. Doch Scully hatte schon seit gestern Nacht ununterbrochen Berichte gelesen, Autopsien geprüft und Röntgenbilder untersucht – ohne großartiges Ergebnis. Und da kam der Anruf einer guten Freundin einfach passend. Doch sobald ihre Freundin begann zu sprechen, lösten sich all ihre Glücksgefühle in Luft auf.

„Ich würde mich gerne mit Ihnen treffen, Dana. Ich muss mit Ihnen reden.“ An ihrem Tonfall erkannte Scully, dass es ernst schien und zog sofort die richtigen Schlüsse.

„Was hat er Ihnen gesagt? Um was hat er Sie gebeten, Monica?“, rief sie aufgebracht, wütend, selbst von Agent Reyes verraten worden zu sein.

„Es ist nicht so, wie Sie das vielleicht vermuten, Dana“, rechtfertigte Agent Reyes sich energisch. „Ich habe mit ihm geredet und er ist ganz aufgelöst. Er vegetiert nur noch so hin ohne Sie, Dana.“ Schulterzuckend richtete Scully sich auf und gab zurück: „Dann sollte er sich demnächst vielleicht etwas zurückhalten, in Punkto Regeln aufstellen.“ Ein Seufzen am anderen Ende der Leitung ließ die Wut in ihr hochkochen.

„Wieso, verdammt noch mal, sind eigentlich alle gegen mich?“, giftete sie und war drauf und dran, den Hörer auf die Gabel zu knallen, als sie ein verlegenes Lachen Monicas vernahm. „Was?“, zischte sie ungehalten und wartete angespannt auf eine Antwort. „Dana, Dana“, lachte Monica und Scully konnte das Knirschen von Stuhlbeinen auf dem Boden hören. „Sie glauben einfach zu überzeugt, dass sich alle gegen Sie verschwören. Dabei wollen wir Ihnen doch nur helfen; John und ich, Agent Harrison – Agent Mulder.“ Scully konnte sie geradezu lächeln spüren. Ohne ein weiteres Wort zu diesem Thema zu sagen schloss Agent Reyes das Gespräch mit einem beruhigenden: „Ich komme jetzt mal bei Ihnen vorbei. Baltimore, nicht wahr?“ Und ohne Scully Zeit zum Antworten zu lassen, legte die dunkelhaarige Agentin auf und machte sich auf den Weg nach Baltimore, Maryland.

 

Der Raum war gefüllt mit milchig weißem Rauch und hüllte die Person, die einsam am Tisch saß in dichte Dunstschleier, die sie unkenntlich machten. Sie nahm einen weiteren tiefen Zug an der Zigarette in ihrer schlanken Hand, die sie schlaff mit ihren Ellenbogen abstützte. Ein Husten erfüllte den teils gekachelten Raum und das Geräusch hallte beunruhigend zu ihr zurück. Wie lange sie schon so dasaß und wartete – sie wusste es nicht. Das einzige, dessen sie sich bewusst war, war ihre Einsamkeit, ihr Frust und ihre Langeweile. Gerade schwelgte sie wieder einmal in Selbstmitleid, als sie das Läuten einer Türglocke vernahm. Sie reagierte nicht. Blieb unbeteiligt sitzen und regte sich – außer um die Zigarette zu ihrem Mund zu führen – nicht. Sie konnte Stimmen an der Tür zum Flur hören und gedämpfte Schritte, die näher kamen. Als die Übergangstür geöffnet wurde, konnte man die Sprachlosigkeit schier spüren. Margaret Scully stand fassungslos im Türrahmen während Monica Reyes neben sie trat und ihr der Mund ebenfalls aufklappte. So schnell, wie Monica durch den Raum geschritten war und ihre kalte Handfläche Scullys Wange getroffen hatte, konnte keiner reagieren. Scully selbst hielt sich verständnislos das Gesicht und blickte Agent Reyes verblüfft nach, die ihr die Zigarette aus der Hand riss und auf den Flur zur Haustür stürmte. Als sie ohne die Zigarette zurückkehrte und Margaret Scully bat, sie alleine zu lassen, konnte Scully bereits erahnen, was sie zu erwarten hatte. Mit unverändert starrer Miene ließ sie sich von ihrer Kollegin aus der Küche in den Wohnraum führen und mit sanfter Gewalt auf die Couch drücken. „Dana, was zum Teufel denken Sie sich eigentlich dabei?“, startete Monica ihre Vernünftigkeitspredigt. „Denken Sie denn gar nicht an ihr Baby? Und Fox? Was würde er-„

„Er würde es mir verbieten, höchst wahrscheinlich“, unterbrach sie Scully und ihre blauen Augen blickten sie eisig an. Monica seufzte, setzte sich neben Scully und legte eine Hand auf ihre Schulter.

„Ach, Dana, Sie wissen doch, dass er es nur gut meint. Das einzige, was Agent Mulder momentan will, ist Sie und Ihr Baby zu beschützen, seine eigene, kleine Familie zu gründen. Ist Ihnen noch nie in den Sinn gekommen, dass er Ihnen die Arbeit verbieten will, um Sie zu schonen?“ Scully saß reglos neben ihrer Freundin und blickte zu Boden. „Dana...“, begann Monica abermals, doch sie stoppte mitten in einem weiteren Versuch, Scully zu überzeugen als sie die Tränen sah. „Ich bin schuld“, schluchzte Scully. Monica wusste bereits aus der vorangegangenen Schwangerschaft, dass Scully impulsiv sein konnte und in manchen Situationen nicht wusste, was sie sagte. Sie war zwar nicht dabei gewesen, als Scully und Mulder sich gestritten hatten, doch konnte sie sich sehr wohl vorstellen, wie es sich abgespielt hatte. Sie fühlte sich überfordert. Sie wusste einfach nichts zu sagen.

 

 

 

Fortsetzung folgt