Titel: Lux et Veritas, früheren Lesern als Per
manum vulpis bekannt
Autor: VancouverX9
Kontakt oder Feedback: scullyx9@aol.com
Kategorie:MSR/Mythologie
Rating: R-16
Disclaimer: Mulder, Scully und alle weiteren Charaktere aus
Akte X, die in dieser Geschichte vorkommen, gehören leider nicht
mir, sondern Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions.
Ich habe sie mir nur ausgeliehen und ein wenig mit ihnen
gespielt und hoffe, mir wird deswegen vergeben ;0) Desweiteren
habe ich nicht vor mich an dieser Story in irgendeiner Form zu
bereichern, sie dient lediglich der Unterhaltung.
Short-Cut: Ein alternatives Ende ausgehend von dem Punkt, an
dem Scully Mulder gebeten hat, der Vater ihres Kindes zu werden
(Szene aus Per Manum), anfangs kommen viele Szenen vor, die auch
in der Serie so geschehen sind, aber nach und nach verlassen wir
den vertrauten Pfad und Ihr könnt eine spannende Geschichte
über Mulders und Scullys Versuch, die Welt vor dem Untergang zu
bewahren und die Entwicklung ihrer sooooo süßen Liebesbeziehung
lesen.
Anmerkung: Hier ist viel Durchhaltevermögen gefragt,
weil es viel Mythologie gibt, aber wer mit dem Ende der Serie
unzufrieden war und ein Shipper aus tiefstem Herzen ist,
der wird hier sicherlich glücklich :0)
Lux et Veritas
Freitag 18:00 Uhr
Wunder solls ja immer wieder
geben! Diese Worte ihres Partners hallten durch ihren
ganzen Körper und sie musste sich mit aller Kraft an ihm
festhalten, um nicht wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Es war
ihre letzte Hoffnung gewesen. Ihre letzte Hoffnung, noch all dem
einen Sinn zu geben. Sie hatte schon so vieles geopfert, ihre
Medizinerkarriere, ihre Gesundheit, ihr Privatleben, alles. Sie
wollte nur diesen einen Wunsch erfüllt haben, sie wollte die
eine Hoffnung in ihrem Leben haben. Die Hoffnung, wenigstens ein
gesundes Kind großzuziehen, das die Möglichkeiten haben würde,
die sie alle verpasst hatte. Ein Kind, das diese Suche nach der
Wahrheit, nach einer besseren Welt, nicht so sinnlos erscheinen
ließe. Doch mit diesem fehlgeschlagenen Versuch waren all ihre
Träume im Sand verlaufen. Ihre Finger krallten sich in seine
Schultern und sie bebte am ganzen Körper. Bitte nur nicht
weinen, Dana, sagte sie sich immer wieder.
Ihr zierlicher Körper bebte voller Kraft und Schmerz und Mulder
konnte es kaum aushalten, seine Partnerin so zu sehen. Ihre
Verzweiflung schlich sich in sein Herz und hüllte es ein, sein
Magen verkrampfte sich. Er hatte es sich so gewünscht. Das war
er ihr schuldig gewesen. Seinetwegen hatte sie schon zu viel
verloren und so sehr er sich im Innersten dagegen gesträubt
hatte, der Vater ihres Kindes zu werden, so sehr hatte er es sich
auch gewünscht. Um sie glücklich zu sehen, um ihr etwas von dem
zurück zu geben, das seine ewige Suche nach den Wahrheiten ihr
genommen hatte. Und um ihr noch näher sein zu können.
Sie standen noch eine Weile so da, eng umschlungen, keiner wagte
es, sich aus dieser Umarmung zu lösen. Keiner von beiden hatte
die Kraft, dem anderen in die Augen zu sehen. Die Nähe des
anderen, die Wärme ihrer Körper brauchten sie beide so sehr.
Schließlich hatte Scully sich gefasst. Er hatte Recht, sie
dürfe die Hoffnung niemals aufgeben. Doch so sehr sie sich das
einredete, die Ernüchterung war zu groß. Sie legte ihr Gesicht
an seine Wange und küsste sie noch einmal flüchtig. Er roch so
gut, so vertraut. Aber es war genug, sie musste wieder stark
sein. Sie löste sich von ihm, blickte zu Boden, suchte dort ihre
Kraft. Sie musste ihn jetzt nach Hause schicken, sie musste jetzt
alleine sein, sonst würde sich ihr Verstand noch völlig
abschalten.
Mulder war froh, dass sie den ersten Schritt
gemacht hatte und sich wieder von ihm gelöst hatte. Zugleich war
er auch traurig, ihre Wärme und ihre Nähe hatten ihn beruhigt.
Er hob ihr Kinn an, ihre tiefen blauen Augen verschwanden hinter
einem Schleier von Tränen, den sie mit aller Kraft versuchte
zurückzuhalten. Sie war so verletzlich. Es erschreckte ihn immer
wieder, was für eine zarte Seele hinter dieser starken Person
verborgen war. Es tat ihm in jeder Faser seines Körpers weh,
wenn sie litt. Er hatte ihr helfen wollen, für sie da sein
wollen. Aber an diesem Punkt war sie alleine mit ihrer
Enttäuschung, er wusste nicht, wie er ihr noch helfen sollte. Er
wusste, er würde jetzt gehen müssen.
Eine Träne löste sich von ihren Wimpern und lief über ihre
Wange. Sie traf auf ihre kirschroten sanften Lippen. Oh, wie
gerne wäre er diese Träne. Wie gerne würde er jede einzelne
ihrer Tränen mit seinen Küssen aufnehmen. Er konnte sie doch
jetzt nicht verlassen! Was sollte er tun?
Scully sah den hilflosen Blick in seinen Augen. Sie schluckte,
eine weitere Träne rollte ihr über die Wange.Ein Schauer
überkam sie, dieser Moment schien sich in die Ewigkeit zu
ziehen. Ihr wurde schwindelig. Waren das die Hormone, die man ihr
verabreicht hatte? Oder war sie einfach nur von ihrem Schmerz
überwältigt? Sie wurde nervös.
Etwas an diesem Augenblick hatte sich verändert. Eine Spannung
lag in der Luft. Warum schaute er sie so an? In seinem Blick lag
nun mehr Sehnsucht als Hilflosigkeit. Sie konnte es nicht hören,
aber seine Seele rief nach ihrer. Sie hatte Angst, sie spürte
wie in ihr selbst dieselbe Sehnsucht aufkam, die sie in Mulders
Augen zu lesen glaubte.
Mulder spürte, wie ihn in diesem Moment
eine Welle überrollte, die durch seinen ganzen Körper fuhr. Er
wollte ihr alles geben, was er hatte. All seine Kraft, seine
Gefühle. Er wollte sie damit überschütten in der Hoffnung, ihr
zu helfen. Ihre Traurigkeit raubte ihm den Verstand.
Scully konnte seinem Blick nicht mehr standhalten und sah auf
seine Brust. Doch Mulder hob Scullys Kinn wieder an, so dass sie
ihn ansehen musste und versuchte zu lesen, was ihre Augen ihm
sagten, ob sie ihm halfen, hier den richtigen Ausweg zu finden.
Heute waren sie sich schon so nah gekommen und er wusste nicht,
ob es klug war, sich noch näher heranzuwagen. Nutzte er die
Situation vielleicht aus? Er zögerte.
Scully wusste, das war jetzt der Moment, der Moment, der schon so
oft zwischen ihnen in der Luft gelegen hatte. Und dieses Mal war
sie zu schwach, um sich ihm zu entziehen. Sie wollte es. Sie
wollte sich komplett in diesem Moment verlieren. Ihr ganzer
Körper kribbelte, aber sie bewegte sich keinen Millimeter und
auch er war wie erstarrt.
Mulder spürte, wie die Welle sich in seinem Herzen überschlug.
Er liebte sie in diesem Moment so sehr und er hatte dieses Mal
nicht die Kraft sich dagegen zu wehren.
Seine Lippen berührten sanft und doch
voller Kraft ihre. Sie waren so weich. So voller Leben. Sie
duftete so. Er atmete tief ein. Er wollte alles von ihr in sich
aufnehmen. Er hatte das Gefühl zu zerspringen.
Seine Lippen schmeckten so süß, sie hatte sich immer gefragt,
wie sie sich anfühlen. Es war als würde ihr Mund von einem
zarten, warmen Frühlingswind gestreichelt. Sie erwiderte seinen
Kuss mit all der Intensität, die sie in diesem Augenblick
verspürte.
Die Luft um sie herum knisterte und die Zeit stand still.
Seine Arme hielten sie fest und er drückte sie an sich. Sie
wollte jetzt schwach sein. All ihre Stärke, ihre ganzen Hüllen,
all das, was sie sich zugelegt hatte, um in der
Testosteron-Domäne des FBI zu überleben, es fiel alles von ihr.
Sie sank in seinen Armen zusammen, verschmolz mit ihm in diesem
Kuss.
Sie beide wollten in diesem Moment alles vergessen, sie brauchten
diese Nähe, sie waren beide einsam und es war als explodierten
in diesem Moment all die Gefühle, die sich in den letzten Jahren
aufgestaut hatten, als sie sich immer leidenschaftlicher in
diesem Kuss verloren und er sie schließlich aufhob und in ihr
Schlafzimmer trug.
Sein Verstand hatte endgültig kapituliert und Scully hielt ihn
nicht auf. Tief in ihrem Inneren rief etwas HAAALT !,
doch sie verschloss es in ihrer Tiefe und warf den Schlüssel
weg. Ihre Sinne waren von all den Ereignissen so verwirrt und ihr
Körper fühlte sich nach der heutigen Enttäuschung so leer und
fremd an, dass sie Mulders Körper jetzt bei sich brauchte um
sich wieder lebendig zu fühlen. Sie ließ sich in diesen
Augenblick fallen und um sie herum verschwand alles.
Samstag, 2:00 morgens
Der Regen pochte leise gegen das
Schlafzimmerfenster. Das Licht einer Straßenlaterne schien durch
das Fenster. Es schien direkt auf ihre sanfte seidene Haut. Ihre
großen Augen waren geschlossen, ihre Lippen waren leicht
geöffnet. Sie lag zusammengerollt neben ihm und schlief. Im
Mondschein wirkte sie so zart, so unwirklich.
Mulder war verwirrt. Es war so schnell gegangen und es war so
intensiv gewesen. So schön. Er hatte danach kein Auge zugetan.
Und er wollte auf keinen Fall da sein, wenn sie aufwachte. Er
hasste diese Am-Morgen-danach-Szenen. In diesem Fall
fürchtete er sich sogar davor. Vorsichtig und leise zog er sich
an. An der Schlafzimmertür drehte er sich nochmal um. Die Welt
schien perfekt zu sein in diesem Moment. Wer weiß, wie das hier
ausgehen würde. Also ging er noch einmal zu ihr hin, hauchte ihr
einen Kuss auf die Wange und schlich sich dann aus ihrer Wohnung.
Auf der Fahrt nach Hause schossen ihm tausend Gedanken durch den
Kopf. Er hatte es gewollt, aber er hatte nie darüber
nachgedacht, was danach sein sollte.
Er wusste, dass es Liebe war. Sie hatten sich immer geliebt. Aber
das machte sie beide so viel verletzlicher, angreifbarer. Das
konnten sie sich nicht leisten. Das wussten sie beide und es war
immer wie eine unausgesprochene Abmachung zwischen ihnen gewesen.
Ihre Freundschaft hatte Scully schon zu viele Opfer gekostet.
Deswegen war in seinem Leben nie für mehr Platz gewesen als für
seine Suche nach Antworten. Er war immer einsam gewesen.
Doch heute war er so überwältigt gewesen von Scullys Bitte der
Vater ihres Kindes zu werden. Und er war ebenso enttäuscht wie
sie gewesen, dass es nicht geklappt hatte. Das hatte ihn
überrascht.
Es hatte ihn schwach werden lassen, er hatte alle Prinzipien
über Bord geworfen und war seinem Impuls gefolgt. Was hatte er
sich nur dabei gedacht?
Ihm wurde heiß, er parkte sein Auto halb auf der Straße, rannte
durch den strömenden Regen in seine Wohnung, packte dort hastig
ein paar Sachen zusammen und rannte zurück in sein Auto. Seine
Füße waren klatschnass. Er hatte seine Socken bei ihr
vergessen. Allein der Gedanke an sie machte ihn verrückt. Er
musste weg hier. Nur für das Wochenende. Den Kopf klar bekommen.
Montag, 7:30 Uhr
Scully stieg aus ihrem Wagen aus und ging mit festen
Schritten in das FBI-Gebäude, stieg in den Fahrstuhl und fuhr in
den Keller. In ihrem Kopf drehte sich alles, ihr Magen wirbelte
herum und ihr Mund war trocken.
Sie hasste ihn. Sie hasste ihn dafür, dass er nicht da gewesen
war. Sie war aufgewacht ohne ihn bei sich zu haben. Insgeheim
hatte sie befürchtet oder vielleicht sogar gehofft, dass sie ihn
am Morgen nicht neben sich finden würde. Aber sie hatte sich so
verlassen gefühlt. Es war plötzlich so still und leer gewesen.
Sie wusste auch nicht, was genau sie eigentlich von ihm wollte,
aber sie hätten sich wenigstens wie Erwachsene darüber
unterhalten können. Und nachdem sie vierundzwanzigmal versucht
hatte, ihn anzurufen, war sie sogar bei ihm vorbeigefahren. Sie
hatte sich Sorgen gemacht. In seiner Wohnung waren auch keine
Hinweise auf seinen Verbleib gewesen und sie war dort drei
Stunden lang herumgewandert und hatte auf ihn gewartet. Dort roch
es wenigstens überall nach ihm, doch er war nicht aufgetaucht.
Er hatte sich der Verantwortung einfach entzogen.
Das war typisch. Sie war wütend, sie fühlte sich verraten. Sie
hatte sich ihm in ihrer ganzen Verletzlichkeit hingegeben, hatte
ihm vollkommen vertraut und er schien es ebenso gewollt zu haben
wie sie. Es war so schön gewesen.
Und jetzt war es so, als wäre das alles gar nicht passiert und
es beschlich sie das Gefühl, diese Nacht wäre ein großer
Fehler gewesen. Sie hatte vollkommen die Kontrolle verloren. Am
Freitag war es noch schön gewesen, die Zügel einmal vollkommen
aus der Hand zu geben, aber mittlerweile war so ein Durcheinander
in ihrem Kopf, dass sie richtig wütend wurde. So war sie doch
sonst nie! Eine rote Haarsträhne fiel ihr seitlich ins Gesicht.
Sie starrte auf ihre Hände.
Sie war vollkommen in Gedanken versunken als sich die
Fahrstuhltür öffnete. Unter der Tür des Büros kam ein
Lichtschein durch. Er war da! Sie hatte so gehofft, früher als
er da zu sein.
Ihre Schritte waren nun nicht mehr so sicher, sie hatte das
Gefühl, die Schwerkraft würde sich auflösen und sie würde in
den Himmel fallen. Sie stützte sich kurz an der Wand ab, starrte
an die Decke und hielt inne. Reiß dich zusammen! Einer von
uns muss hier doch bei Vernunft bleiben, dache sie sich,
atmete tief durch und ging weiter auf das Kellerbüro zu.
Als sie die Tür vielleicht etwas zu schwungvoll aufriss, saß er
hinter seinem Schreibtisch. Er sah so wunderbar aus. So lieb und
so sanft! Und sie wäre ihm am liebsten direkt um den Hals
gefallen. Er blickte auf dieser unschuldige Ausdruck lag
in seinen Augen.
Sie fühlte, wie sie weich wurde. Das machte sie wütend. Und sie
ließ die Tür ein wenig unsanft hinter sich zufallen.
Ein etwas unsicheres und schüchternes Hey! entwich
ihm. Hey? Das war alles, was er sagen konnte? Ihre rechte
Augenbraue zuckte. Hey! gab sie knapp zurück. Ihre
Stimme zitterte leicht. Sie ging näher auf den Schreibtisch zu.
Sie wussten nicht, wo sie hinsehen sollten. Ihre Blicke trafen
sich und blieben aneinander kleben. Keiner von Beiden wusste mit
dieser Situation umzugehen. Keiner wollte den ersten Schritt
wagen, die Stille, die so schwer in der Luft lag, durchschneiden.
Scullys Absätze hallten auf dem Kellerboden laut und hart. Ihr
Herz schlug ihr bis zum Hals.
Ich hab einige Male angerufen, aber es war niemand da
, sagte sie so wenig vorwurfsvoll und so ruhig, wie es ihr
möglich war. Ja, ich bin übers Wochenende
weggefahren. Ich..., sagte er verlegen und brach ab, denn
er wusste nicht weiter. Er schämte sich für seine
Unzulänglichkeit und er war verletzt über die Kälte, die in
ihrer Stimme lag. Er fror.
Sie gab nur ein tiefes und kurzes Hm! von sich und
blickte dann geistesabwesend auf seinen Schreibtisch. Ihre Lippen
presste sie aufeinander, ihr Gesicht war starr. Sie war selbst
überrascht, wie abweisend sie war. Das hier lief in die
vollkommen falsche Richtung. Aber sie war einfach zu aufgewühlt
und er war so still.
Sie griff eine Akte, ihre rechte Augenbraue zuckte kurz und dann
setzte sie an: Das sind die Laborergebnisse von Mr.
Woodwards DNA-Analyse. Ich hatte sie schon erwartet. Sie
blätterte die Akte durch um Zeit zu gewinnen. Hoffentlich merkte
er nicht, dass ihre Hände zitterten.
Mulder war erleichtert, dass sie ebenso unsicher war, wie er. Er
würde das Thema auch am liebsten ignorieren, aber er sah, dass
ihre Gedanken überall waren, nur nicht bei dem Fall, doch sie
ließ es sich nicht anmerken.
Allem Anschein nach stammen die Haare aber nicht von ihm.
Hm. Ich denke, wir sollten noch die Ergebnisse abwarten, die die
Untersuchung der grünen Fasern, die unter Lisas Absätzen
gefunden wurden, ergibt. Stille. Sie klammerte sich an der
Akte fest. Am besten, sie würden das alles vollkommen
ignorieren. Sie beide waren noch nie gut darin gewesen, über so
etwas zu reden. Und sie fühlte sich viel zu schutzlos, um jetzt
darüber zu sprechen. Es kam ihr vor, als stünde sie nackt vor
ihm. Sie fror.
Er sah, dass sie leicht zitterte. Das beruhigte ihn. Er kam sich
so dumm vor hinter diesem Schreibtisch zu sitzen und völlig
hilflos zu ihr hochzustarren. Das gab ihm Mut, diese
unerträgliche Stille zu durchbrechen.
Scully ich
, setzte er gerade an und
wollte das Thema so feinfühlig wie möglich angehen, ohne zu
wissen, was er eigentlich sagen wollte.
Sie merkte, dass er vollkommen überfordert war. Wie sie. Doch
sie war die Stärkere von beiden, sie wollte ihm entgegenkommen,
doch sie war so verletzt. Warum hatte er sich nicht gemeldet? War
das nur ein One-Night-Stand für ihn gewesen?
Schon gut, Mulder. Wir müssen nicht darüber reden. Es
Ihre Stimme war so abweisend. Sieh sah ihn nur ganz flüchtig an
und starrte dann wieder auf den Laborausdruck in der Akte.
Was sollte das bedeuten? War sie wütend? Er fühlte sich
abgelehnt. Und resigniert. Er hatte Angst, vor dem, was sie sagen
könnte. Er wollte nicht derjenige sein, der zurückgewiesen
wird. Er fiel ihr ins Wort.
Es war ein Ausrutscher. Vielleicht sollten wir es einfach -
- - vergessen, beendete er ihren Satz fast fragend.
Hilflosigkeit lag in seiner Stimme. Was hatte er gerade gesagt?
Sie war doch keiner seiner One-Night-Stands. Sie war Scully und
er hatte genau gewusst, was er tat, als er sie ins Bett trug.
Ihr Blick hob sich, traf ihn mitten ins Herz. Ihre blauen Augen
waren so dunkel und so tief, wie das Meer. Er konnte zum ersten
Mal nicht lesen, was darin stand. War es Wut? Verständnis?
Traurigkeit? Glitzerten ihre Augen, weil sie sich mit Tränen
füllten? Oder funkelten sie, weil in ihnen Wut flackerte?
Sie spürte wie ihr das Blut in den Adern gefror. Ein
Ausrutscher! Sie glaubte nicht, dass er das gesagt hatte. So war
er gar nicht. Das war nicht der Mann, den sie gebeten hatte, der
Vater ihres Kindes zu werden. Das war nicht der Mann, der am
Freitag bei ihr gewesen war.
Sie seufzte. Genau das war der Grund, warum man nichts mit
Arbeitskollegen anfangen sollte. Aber Mulder war kein
Arbeitskollege. Er war ihr Partner. In jeder Hinsicht.
Ein Ausrutscher! Je mehr sie das Wort durch ihr Gehirn kreisen
ließ, desto mehr glaubte sie daran, dass es das für sie auch
gewesen war. Sie sah ihn an. Er wirkte klein und verletzlich. Wie
ein kleiner Junge saß er da und versteckte sich hinter dem
Schreibtisch. Seine Schwäche ließ sie sich stärker fühlen.
Ein Ausrutscher. Sie hielt den Atem an. Ihre Stimme
klang nun fest und fiel in das Zimmer wie ein Eisblock. Die
Stille gefror zwischen ihnen. Eine Fliege brummte am
Kellerfenster. Der Computer im Nebenzimmer surrte.
Sie wusste nicht, wie dieses Gespräch nun noch in die richtige
Bahn gelenkt werden sollte. Sie wusste nicht einmal, was richtig
war und was falsch. Sie starrten sich an. Aber ihre Seelen waren
einander so fremd in diesem Moment.
Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, atmete
ihre Wut aus und wendete ihren Blick wieder von ihm auf die Akte.
Ich werde das hier im Labor nochmal checken und bin dann in
Quantico. Wir sehen uns morgen.
Sie warf ihm noch einen flüchtigen Blick zu und klappte die Akte
zu. Wenn sie jetzt nochmal in seine traurigen Augen sehen würde,
würde sie sich sicherlich weinend um seinen Hals werfen, also
wendete sie sich schnell ab, drehte sich um und verließ das
Büro. Als sie im Fahrstuhl stand, bemerkte sie, wie ihr die
Tränen über die Wangen liefen. Was war nur schiefgelaufen?
Sie war weg. Mulder hatte das Gefühl, in
sich zusammmen zufallen. Ein Ausrutscher! So eine blöde
Wortwahl. Der beste Ausrutscher seines Lebens vielleicht. Idiot!
schimpfte er in die Leere des Zimmers. Er stand auf und kickte
den Mülleimer voller Wucht gegen die Wand.
Er hatte sie verletzt. Er hätte wissen müssen, dass sie von ihm
mehr erwartete. Nach all dem, was am Freitag passiert war. Doch
er war einfach verschwunden. Der Kloß in seinem Hals schnürte
ihm die Kehle zu. Er versuchte ihn herunter zu schlucken.
Was war nur los mit ihnen? Sie waren Seelenverwandte und
plötzlich wegen einer Nacht war die ganze Welt auf den Kopf
gestellt, nichts war mehr so wie vorher. So hatte er sich das
nicht vorgestellt. Würden sie jemals darüber hinwegkommen?
Erst einmal mussten sie beide diesen Tag überstehen. Und den
morgigen. Und den Rest der Woche. Vielleicht würden sie
irgendwann einmal darüber sprechen können. Er starrte noch
lange danach auf die Türe, die hinter ihr ins Schloss gefallen
war.
Montag, 22:30
Den Wagen hatte er angelassen. Mittlerweile waren die Scheiben
von innen beschlagen. Seit einer halben Stunde saß er hier
draußen in der Dunkelheit und wusste nicht, ob er zu ihrer Tür
gehen sollte. Hatte sie ihn vielleicht längst bemerkt und
ignorierte ihn? Oder saß sie drinnen und hoffte, dass er vorbei
kommen würde? Sonst hatte er immer gewusst, was zu tun war,
sonst waren sie ein Team und nun kam es ihm vor, als hätte er in
einem Krieg die Seiten gewechselt und müsste gegen seine eigenen
Leute kämpfen. Er griff nach neuen Sonnenblumenkernen in der
Tüte auf dem Beifahrersitz. Doch sie war leer.
Es hatte endlich aufgehört zu regnen und die letzten Tropfen
liefen außen an seiner Autoscheibe hinunter und glitzerten im
Licht der Straßenlaterne.
Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde er es dann wieder tun?
Wahrscheinlich. Denn auch jetzt würde er am liebsten in ihre
Wohnung stürmen und sie in seine Arme nehmen, ihren Duft
einatmen, in ihre tiefen Augen sehen - doch es war anders. Er
hatte kalte Füße gekriegt und war weggelaufen. Er hoffte so,
dass sie ihm das verzeihen würde. Warum hatte sie ihm diese
Verantwortung aufgebürdet? Warum hatte sie ihn nur gefragt, ob
er ihr bei ihrem Kinderwunsch helfen könne?
Die Antwort wusste er und das war auch der Grund, warum er am
Wochenende verschwunden war. Es war einfach zu stark für ihn.
Und auch jetzt brachte er den Mut nicht auf, diese Gefühle von
ihm Besitz ergreifen zu lassen. Er spuckte die letzte Schale
seiner Sonnenblumenkerne aus, wischte das beschlagene
Frontfenster frei, knipste das Licht wieder an und fuhr nach
einem letzten Blick auf ihr leeres, stummes Fenster endlich nach
Hause.
Scully bemerkte, dass es aufgehört hatte zu regnen. Die Stille
um sie herum erdrückte sie und sie vermisste ihn. Sie ging aus
dem Bad ins Wohnzimmer, strich den Vorhang beiseite und blickte
durch die Lamellen ihrer Jalousien nach draußen. Ein Wagen bog
gerade um die Ecke und brauste davon.
Wäre er doch nur vorbei gekommen! Warum war sie nur so kühl zu
ihm gewesen? Sie kannte ihn doch. Sie hätte wissen müssen, dass
er verschwinden würde. Und doch hatte es sie getroffen. Weil sie
spürte, dass er dieselben Ängste hatte wie sie. Sie blockte
sonst auch immer ab, wenn ein Gefühl so stark wurde, dass es ihr
den Verstand zu rauben begann.
Sie liebte ihn, schon so lange. Aber musste sie dann nicht auch
die Kraft haben, seine Ängste zu respektieren? Ihre Beziehung so
zu akzeptieren, wie sie war?
Es waren die konservativen Ansichten gewesen, die sie in ihrer
Familie beigebracht bekommen hatte. Ihr permanentes
Schuldbewusstsein gegenüber ihren Eltern, dieses Pflichtgefühl,
ihren Eltern gefallen zu müssen. Wie oft hatte ihre Mutter sie
gefragt, ob sie und Mulder zusammen seien? Ob sie nicht ans
Heiraten denken wolle. Dass sie doch versuchen solle, nach ihrer
Krebserkrankung noch ein Kind zu bekommen. Aber hatte sie Mulder
da mit hineinziehen müssen? War ihre Partnerschaft nicht gerade
schöner und intensiver als je zuvor gewesen, gerade weil sie so
unkonventionell war?
Sie hatte sich einmal zu viel von dem Chaos in ihr leiten lassen.
Es war ein Ausrutscher gewesen. Mulder hatte Recht gehabt.
Sie sah noch dem letzten Tropfen nach, der an ihrer Scheibe
herunterkullerte und ließ dann mit einem Seufzer den Vorhang
zurückfallen.
Dienstag, 6:30 morgens
Scully trocknete sich ab. Der letzte Tag war so unwirklich
gewesen. Alles seit Freitag war unwirklich gewesen. Vielleicht
war es alles gar nicht passiert? Sie schmunzelte bei dem Gedanken
an die Pilzsporen im Jahr davor. Vielleicht war das hier alles
nur eine Halluzination.
Sie zog sich an, ihre Hände glitten dabei über ihren Körper,
über all die Stellen, die er am Freitag auch berührt hatte. Oh,
doch es war alles passiert. Sie hatte jeden Moment in sich
aufgenommen, in ihrer Seele eingebrannt. Jede Berührung, jeden
Kuss, jeden Blick, sie konnte noch immer seine Lippen schmecken.
Seinen Duft riechen.
Sie zog sich weiter an, griff ihre Autoschlüssel und ging zur
Wohnungstür. Ihr Blick fiel auf etwas Schwarzes auf dem Boden
neben der Couch.
Er hatte seine Socken liegen lassen. Er war offensichtlich hastig
aufgebrochen in der Nacht. Wieso hatte sie sie noch nicht
gesehen? Es kam ihr albern vor, aber diese Socken lagen da und
kamen ihr vor wie ein furchtbares Mahnmal. Sollte sie sie einfach
behalten und weiter ignorieren, was passiert war? Oder sie ihm
heimlich in die Wohnung legen? Sei nicht kindisch,
dachte sie sich. Sie hob die Socken auf, rollte sie zusammen und
ging mit ihnen aus dem Haus.
Mulder saß an seinem Schreibtisch und
spitzte gedankenversunken einen Bleistift an.
Sie würde gleich wieder kommen. Aber heute kam es ihm nicht mehr
so verrückt vor. Der Tag, die 24 Stunden Funkstille, die nun
zwischen ihnen lagen, hatten das alles in ungreifbare Ferne
gerückt. Vielleicht war das alles gar nicht passiert. Er hatte
das Gefühl oder zumindest die Hoffnung sie könnten irgendwie
wieder zu einander finden.
Die Sonne hatte ihn heute Morgen geweckt. Es war so ein schöner
Tag. Er wollte sie heute bei sich haben. Mit ihr zu Mittag essen.
Wenn es sein musste auch etwas Gesundes.
Der Bleistift brach ab. Er fing an, ihn nochmal anzuspitzen.
Er hasste es, wenn etwas zwischen ihnen stand. Doch dieses Mal
war es ein großes Etwas. Er hörte wie die Aufzugtür aufging
und sie auf den Gang trat. Er erkannte Ihre Schritte direkt. Sein
Herz schlug im Takt ihrer klappernden Absätze. Er lächelte. Sie
trug immer diese hohen Absätze, damit sie neben ihm nicht so
klein wirkte. Das war süß. Doch sein Lächeln wich schnell
wieder von seinen Lippen.
Ihm wurde mulmig. Gleich würde die Tür aufgehen. Würde sie
wieder so kühl sein? War sie noch wütend?
Er hasste sich immer noch für seine Wortwahl. Und er war immer
noch verletzt, weil sie so kühl gewesen war. So ganz anders als
am Freitag. Die harte Fassade, die sie sonst nur für ihn
abbaute, hatte sie wie einen dicken Panzer um sich aufgetürmt
und ließ ihn nicht an ihr Herz.
Schließlich gab er es auf, der Bleistift war schon wieder
abgebrochen. Er warf ihn in die Schublade zu all den anderen
angespitzten Bleistiften und versuchte sich voll und ganz auf sie
einzustellen. Egal was kommen würde, heute wäre er in der Lage
es zu meistern. Ihre Partnerschaft war ihm zu wichtig, um das
hier vollkommen eskalieren zu lassen. Er wusste, irgendwie
würden sie hier wieder herauskommen.
Er zupfte an seiner Krawatte - er hatte extra ihre
Lieblingskrawatte angezogen, jedenfalls glaubte er, dass sie
diese am liebsten mochte - und starrte auf die Tür wie ein
scheues Reh in den Lauf eines Gewehres.
Scully klammerte ihre rechte Hand um das zusammengerollte
Sockenpaar. Sie fühlte sich heute stärker, sie würde heute
alles wegstecken, jede Abweisung, wenn sie nur wieder zu einem
normalen Umgang miteinander zurückfänden.
Es lag dieser ganze Tag zwischen ihnen. Sie hatten immerhin
darüber gesprochen und wenn das Gespräch auch schlimmer gewesen
war als das Wochenende in Ungewissheit, so war sie froh, dass sie
nun wenigstens wusste, woran sie bei ihm war. Oder nicht?
Sie war sich inzwischen sicher, dass es ein Fehler gewesen war,
so viele Schmerzen wie ihr das im Nachhinein bereitet hatte. Und
da er das anscheinend auch so sah, konnten sie vielleicht einfach
ihre unsichtbare Grenze wieder hochziehen und weitermachen wie
bisher. Sie würde nicht die Kraft haben, ihn weiterhin so
abzuweisen wie gestern.
Die Sonne schien draußen und sie hatte heute keine Lust mehr auf
ihren Kummer. Ihr Körper kam ihr wieder so fremd vor. Es war so
viel mit ihr passiert. Die künstliche Befruchtung war ihr so
erniedrigend, so nüchtern vorgekommen. Mulders Berührungen
dagegen waren so schön und beruhigend für sie gewesen. Das
alles verwirrte und schmerzte sie jetzt und in ihrem Bauch tobten
Schmetterlinge.
Sie wollte sich davon ablenken. Sie liebte ihre Arbeit. Sie
wollte nicht, dass ihr das auch noch genommen wurde. Sie wollte,
dass es wenigstens hier unten wieder so war, wie immer. Nach
alldem, was sie schon zusammen durchgemacht hatten, hatten sie
hier unten immer ihr Refugium gehabt. Hier waren sie immer
abgeschirmt von allem gewesen. Es war ihr gemeinsamer Spielplatz,
an dem ganz ungezwungen und behütet ein Leben stattfand, das
nichts mit all den Gefahren, Abenteuern und Schmerzen zu tun
hatte, mit denen sie in der Welt da draußen konfrontiert wurden.
Ganze Samstage hatte sie hier in ihrem Tofu-Salat herumstochernd
damit zugebracht, Mulder von irgendwelchen vollkommen
wahnsinnigen Vorhaben abzubringen. Mit ihm hatte sie hier
bergeweise Daten vom SETI-Projekt und sämtliche Hirngespinste
von den drei einsamen Schützen durchwühlt. Sie schluckte. Wieso
hatte sie das alles riskiert? Nur hier unten mit ihm hatte sie
sich immer vollkommen sicher gefühlt, sich hunderprozentig auf
ihn eingelassen, sich ihm geöffnet und ihm vertraut. Sie war
sich immer noch nicht sicher, ob sie das nach der Nacht, dem
Ausrutscher, nochmal können würde.
Sie zitterte wieder als sie darüber nachdachte, dass er
vielleicht doch nur ein Mann gewesen war, der ihre Schwäche
ausgenutzt hatte.
Ihr Griff um das Sockenpaar in ihrer Hand verkrampfte sich. Sie
steigerte sich schon wieder in etwas hinein, das gar nicht
existierte. Sie kannte Mulder.
Und deswegen würde sie jetzt den ersten Schritt wagen. Denn sie
hatte auch am Freitag den ersten Schritt gemacht und hatte seine
Intimsphäre verletzt. Plötzlich bekam sie Herzrasen, hatte sie
tatsächlich von ihm erwartet, der Vater ihres Kindes zu werden?
Hatte sie überhaupt eine Minute überlegt, was das für ihn
bedeutet hätte? Für sie beide?
Sie hielt eine halbe Sekunde lang inne. Es schien als stockte der
Atem der Welt. Die Uhr schien still zu stehen. Dann öffnete die
Tür zum Büro. Er war wie immer schon vor ihr da. Sie war
nervös. All der Mut, der in ihrem Körper schlummerte, war jetzt
nötig, um diesen Tag besser zu beginnen als den vorigen.
Als sie ihn am Schreibtisch sitzen sah und er zu ihr aufblickte
bemühte sie sich, ein vollkommen normales Morgen!
über ihre Lippen zu bringen. Er sah sie vorsichtig an, wusste
nicht so recht, ob er lächeln sollte, ihren Gruß erwidern
sollte oder auf Abwehr schalten sollte. Sie wirkte nicht, als
wolle sie den gestrigen Kampf weiter austragen und kam direkt auf
ihn zu. Ihre Augen war fest auf das I want to believe
- Poster hinter ihm fixiert. Sie schien seinen Blicken
auszuweichen, als wolle sie nicht, dass er das Gefühlschaos in
ihrem Gesichtsausdruck las.
Er freute sich, sie zu sehen. Durch seinen Körper floss ein
Gefühl wie warmer Honig als er merkte, dass der kalte Panzer von
gestern um sie herum verschwunden war. Sie wirkte beinahe wieder
so wie seine Scully. Wie eine von diesen kleinen
Porzellanfiguren, die seine Mutter gesammelt hatte: Zwar nach
außen kühl, aber zart und wunderschön. Und zerbrechlich.
Vor seinem Schreibtisch blieb sie stehen, löste ihre Augen von
dem Poster und senkte den Blick auf etwas Schwarzes in ihren
Händen. Mist! Seine Socken! Sein Herz schlug schneller. Sie
lagen in ihren Händen wie eine schreckliche Erinnerung an etwas,
das er gerade eine Sekunde vergessen hatte.
Sie legte die Socken behutsam auf den Tisch
zwischen ihnen beiden und atmete tief durch. Okay, Dana,
vermassel das jetzt nicht wieder! sagte sie sich im
Inneren. Sie setzte sich. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, sie
starrte ihre Nägel an. Dann räusperte sie sich fast unmerklich
und fing an, am Saum der Socken vor ihr herumzufummeln und
starrte vor sich auf den Tisch.
Keiner von beiden sagte etwas, keiner traute sich jetzt. Es war
heiß hier unten. Stickig. In dem Büro über ihnen knarzte
etwas, ein Stuhl wurde verrückt. Das riss Scully aus ihrer
Trance.
Sie befeuchtete mit ihrer Zunge die Lippen, sie waren so trocken.
Ihre Augen fanden den Weg weg von den Socken zu seinen
wunderschönen Augen und sie sah ihn fest an.
Mulder ihr Blick verlor den Halt, sie schaute
wieder auf die Socken, dann wieder in seine Augen. Ihr Herz war
so schwer in ihrer Brust. Ich hätte Sie nicht fragen
sollen, das für mich zu tun. Die Stille erdrückte die
Luft um sie herum. Sie zitterte, sie musste das jetzt
durchziehen. Ich --- habe die unsichtbare Grenze zwischen
uns überschritten. Sie wollten für mich da sein, wie sie es
immer gewesen sind und ich habe das ausgenutzt.
Sie fühlte sich schlecht. Jemand bohrte ihr ein unsichtbares
Messer in den Magen. Hatte sie wirklich ausgenutzt
gesagt? Warum musste sie eigentlich so übertreiben? Ihr wurde
übel.
Ihre Augen wurden von Tränen benetzt. Ihr Blick senkte sich
wieder auf ihre Hände. Auf die Socken. Ja, sie hatte ihn
wirklich benutzt, sie hatte sich an jede Hoffnung geklammert.
Insgeheim hatte sie so sehr gehofft, schwanger zu werden. Dieser
Wunsch war stärker als alles gewesen, sie hatte sich davon
leiten lassen. Nicht schon wieder losheulen! flehte
sie sich an.
Mulder war sprachlos. Sie hatte ihn doch nicht ausgenutzt. Fast
musste er lächeln. Im Gegenteil: er fühlte sich schuldig. Und
er war dieses Gefühl so leid. Warum mussten sie beide sich mit
so vielen Schuldgefühlen plagen wegen einer Sache, die so
wunderschön gewesen war?
Sie klang so traurig und doch hatte sie so viel Mut und Kraft,
das auszusprechen, was das ganze Wochenende offensichtlich in
ihrem Kopf vorgegangen war und ihr den Schlaf geraubt hatte.
Er hatte die Ringe unter ihren Augen bemerkt. Er hatte auch keine
Minute in den Schlaf gefunden. Er fühlte wieder das Bedürfnis
nach ihrer Nähe, danach, sie wieder zum Lachen zu bringen. Sein
Herz hüpfte.
Er nahm seine Hand und legte sie auf ihre. Die Berührung, die
Wärme ihrer Hände, ihre sanfte Haut, die Bilder ihres Körpers
schossen ihm durch den Kopf. Er würde sie nie wieder vergessen
können. Er hatte es gewusst. In dem Moment, als er ihr zugesagt
hatte, ihr bei ihrem Kinderwunsch zur Seite zu stehen, hatte er
gewusst, dass es irgendwie zwischen sie kommen würde. Er hatte
ihren Duft seit Freitag in der Nase gehabt, seine Hände
kribbelten noch von all den Berührungen auf ihrer weichen Haut.
Ihr weiches, rotes Haar kitzelte noch immer in seiner Nase. Er
sah sie an. Eine rote Strähne löste sich hinter ihrem Ohr und
fiel ihr ins Gesicht. Legte sich gegen ihre Wange. Wie gerne
wäre er diese Strähne...
Es war Zeit, dass er etwas sagte, sie hatte
sich ihm geöffnet und er musste das endlich auch tun, wenn er
sie nicht wieder verletzen wollte. Fast unmerklich zuckte seine
Hand auf ihrer.
Sie sah zu ihm auf. Da waren sie wieder, diese unglaublich blauen
Augen. Und er konnte endlich wieder darin sehen, was sie fühlte.
Er mochte nicht, dass sie sich so quälte, er hatte doch sie
geküsst, er hatte in jenem Moment den ersten Schritt gemacht.
Scully, ich habe Sie geküsst, ich habe die Grenze
überschritten! Sie waren so verzweifelt, das habe ich nicht von
Ihnen gekannt...ich wusste nicht --- was ich tun sollte und da...
In seinem Blick lag die Entschuldigung, die er nicht über die
Lippen brachte. Er wollte sich nicht entschuldigen, denn es war
kein Fehler gewesen. Sie hatten es beide in dem Moment gewollt
und es war ihnen als das einzig Richtige erschienen.
Am liebsten würde er jetzt einen Witz machen und sie beide
würden darüber lachen und dieses komplizierte Chaos für immer
vergessen. Doch es wollte ihm kein Witz einfallen, der diesen
Knoten hätte lösen können. Er schaffte es nur, sie
anzuschweigen. Doch seine Augen sprachen zu ihrer Seele als er
sie direkt ansah: Bitte, versteh, dass ich es wollte und
keine Sekunde bereue, flehten sie still.
Sie liebte diesen Mulder-Blick, der sie durchdrang. Jeder Muskel
in ihrem Körper entspannte sich und die Welt war wie verzaubert,
wenn er diesen Ausdruck auf seinem Gesicht hatte. Sie sah auf
seine Hand und wie sie auf der ihren lag. Ganz langsam legte sie
ihre andere Hand auch noch auf seine. Sie war so warm. Es war
dieselbe Hand, die am Freitag ihre Haut so sanft gestreichelt
hatte. Die Erinnerung daran ließ sie leicht erröten, und sie
blickte verlegen eine Sekunde lang auf den Tisch.
Er bemerkte, wie die Hitze in ihrem Gesicht eine rosige Farbe
hinterließ. Anscheinend waren ihr gerade dieselben Erinnerungen
durch den Kopf geschossen, wie ihm. Er lächelte, es war süß,
dass sie rot wurde.
Sie sahen sich lange an und schwiegen. Sie hatten so viel
nachzuholen. Sie ernährten sich von den Blicken des anderen. Es
schien, als löste sich die Schwere der Luft und eine sanfte
Brise wehte durch den Raum. Die Gewitterwolken über ihren
Köpfen verzogen sich.
Für diesen Abend war sie ihm nun einfach nur noch dankbar. Es
war ihr egal, ob sie es jemals wiederholen würden. Sie hatten
nun mal eine besondere Beziehung und dieses eine Mal würde immer
da sein und sie würden es beide nicht vergessen. Ihr Verlust,
das Baby, das sie nicht haben sollte, die unangenehme und
fehlgeschlagene Prozedur beim Arzt letzte Woche, das alles
verschwand nun und sie wusste, es würde irgendwie weitergehen.
Eine unsichtbare Kraft flammte in ihrem Inneren auf. Die Kraft,
die ihr seine Nähe am Freitagabend gegeben hatte und die sie nun
wieder spürte. Ihr Körper fühlte sich wieder wie der ihre an.
Die Sonne schien durch das Kellerfenster, der Staub flimmerte in
ihren Strahlen und wieder summte eine Fliege am Fenster. Ihr
Blick hellte sich auf und der Augenblick schmolz sanft in den
Sonnenstrahlen dahin.
Gehn wir was essen, Mulder. Die Sonne scheint und es
ist warm da draußen. Sie wollte jetzt weiter. Sie konnte
nicht eine Minute länger an dieser Sache festhalten. Ihr Leben
ging weiter. Es ging immer weiter.
Hinter all ihrem Schmerz blitzte ein kleines Licht auf und sie
lächelte. Mulder liebte es wenn sie lächelte, es vertrieb die
Dunkelheit aus seinem Herzen. Ja, mit ihrem Lächeln war gerade
die Sonne an seinem Horizont aufgegangen.
Ja, Scully, die Sonne scheint. antwortete er ihr in
seinem sanften geheimnisvollen Mulder-Ton und strich die rote
Strähne aus ihrem Gesicht beiseite, so dass sich ihre Blicke
noch einmal in der Mitte ihrer Herzen trafen.
Chinesisch oder gute alte Hausmannskost von Uncle Sam,
Scully? Er grinste. Doch er wusste ihre Antwort als er
ihren vergnügten, leicht spöttischen Gesichtsausdruck sah. Er
musste also wieder mit ihr in diese Sushibar.
Sie standen schweigend auf und mit einer Hand zwischen ihren
Schulterblättern schob er sie leicht - leichter als je zuvor, da
er kaum wagte sie nach Freitag wieder dort zu berühren - aus dem
Zimmer und verließ mit ihr das dunkle Büro.
Sie schwiegen im Aufzug auf dem Weg nach oben, doch dieses Mal
war es eine gute Stille und als sie aus dem FBI-Gebäude
heraustraten, und das Licht auf sie schien spürte Scully, dass
etwas anders war. Sie fühlte, dass etwas in ihr anders war, doch
sie wusste nicht, was.
Sie wusste nicht, dass dort in ihr eine kleine Zelle begonnen
hatte, sich zu teilen, zu wachsen.
Ein Auto hupte an der Kreuzung. Unbewusst und fast unmerklich
legte sie schützend ihre Hand auf den Bauch und folgte Mulder,
der zielsicher den Weg zur Sushibar eingeschlagen hatte und
vorsichtig seine Hand nach ihrer ausstreckte und sie dann nicht
mehr losließ.
Ein paar Wochen später...
7.55 Uhr, Scullys Appartment
Die Toilettenspülung rauschte und gurgelte und Scully stand vor
dem Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Sie sah wirklich
nicht besonders gut aus. Sie wurde diese Magenverstimmung nicht
los und sie war schrecklich blass. Naja. Vielleicht war sie auch
nicht mehr die Allerjüngste...sie seufzte. Die letzten sieben
Jahre mit all den Verletzungen, Krankheiten und merkwürdigen
Mutanten hatten eben ihre Spuren auf ihrem Körper hinterlassen.
Ganz zu schweigen von den Spuren auf ihrer Seele.
Aber heute war sie nicht in der Stimmung melancholisch zu sein.
Sie hatte die letzten Wochen oft genug abends allein in ihrer
Wohnung gesessen und daran gedacht, wie schön es gewesen wäre,
wenn sie in dieser Wohnung ein Kinderzimmer hätte einrichten
können. Sie hatte sich schon so oft ausgemalt wie es aussehen
würde und manchmal wenn sie in der Stadt gewesen war, hatte sie
auch verstohlen in die Schaufenster der Kinderläden geschaut und
sich heimlich ihre Lieblingsmöbel und Lieblingskleidchen
ausgesucht. Alle ihre früheren Freundinnen und Kolleginnen waren
mittlerweile schon Mitglieder im Club der glücklichen
amerikanischen Mamis. Aber zu dem hatte sie ohnehin nie
gehören wollen. Dennoch war sie traurig. Ein Kind hätte ihr so
viel bedeutet.
Aber sie schien nicht die Einzige zu sein, die damit noch zu
kämpfen hatte. Mulder war die letzten Wochen so liebevoll zu ihr
gewesen. Es hatte so viel mehr zufällige Berührungen zwischen
ihnen, so viel mehr Nähe gegeben. Sie hatte zwar versucht sich
nicht anmerken zu lassen, dass sie die Sache mit dem Baby noch
nicht überwunden hatte, doch er kannte sie anscheinend schon zu
gut. Fast jeden Abend hatte er angerufen unter irgendwelchen
dussligen Vorwänden...
Hey, Scully, wie ist die Autopsie verlaufen?
Mulder, Sie waren doch die ganze Zeit dabei!
Er stellte sich dumm.
Ja, aber wenn Sie dabei in Ihrem Fachchinesisch vor sich
hinmurmeln komm ich nie ganz mit. Er veräppelte sie.
Ich zeig Ihnen morgen nochmal den Bericht, Mulder,
versprach sie ihm in einem gespielt genervten Tonfall.
Sie hatte den Hörer schon vom Ohr genommen um aufzulegen.
Äh, Scully?
Was?
Soll ich mir lieber Pizza mit Salami oder mit Champignons
bestellen?
Scully hatte damals sehr gegrinst, es war zu offensichtlich
gewesen, dass er eigentlich nur mit ihr hatte plaudern wollen.
Salat, Mulder! Wissen Sie eigentlich-
Er fiel ihr hörbar grinsend ins Wort - wieviele Menschen
in den westlichen Nationen jedes Jahr an den Folgen ihrer
Fehlernährung sterben, ich weiß, Scully. Wir sehn uns morgen?
Wir sehn uns morgen, Mulder.
Und dann hatte sie weiter im Dunkeln in ihrer Wohnung gesessen
und gegrübelt. Aber die Schatten über ihrer Seele hatten sich
ein wenig gelichtet und sie war schließlich auf der Couch
eingeschlafen. Auf der Couch. In ihrer Wohnung. Im Dunkeln!
Sie lächelte. Wie Mulder, der auch nie Licht in seiner Wohnung
hatte und der seit der Sache mit dem geplatzten Wasserbett wieder
öfter auf der Couch schlief.
Mann, das färbt langsam ab, dachte sie sich und
merkte, wie ihr schon wieder übel wurde. Sie beugte sich wieder
über die Toilette. Das musste bald aufhören, sie war schon viel
zu spät dran. Skinner hatte sie gestern Abend beide noch
angerufen und daran erinnert, dass sie heute um 8.30 Uhr ein
Gespräch mit jemandem von der Finanzverwaltung hatten. Getrennt.
Was das wohl wieder für eine Schikane war?
Scully spülte wieder die Toilette, putzte sich nun schon zum
dritten Mal heute Morgen die Zähne, zog sich ihren Blazer an und
verließ mit einem angeekelten Blick auf das liegengelassene
Marmeladenbrot auf ihrem Küchentisch die Wohnung.
Ca. 15 Stunden später, Bellefleur, Oregon
Es gibt mehr, für das es sich zu leben lohnt. So viel mehr
als das hier. Irgendwann muss Schluss sein.
Er strich ihr zärtlich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht
und küsste sie vorsichtig.
So nah waren sie sich lange nicht mehr gekommen. Sie hatten seit
jener Nacht eine unsichtbare Grenze um sich gezogen und wenn es
auch seitdem mehr zufällige Berührungen gegeben hatte als je
zuvor, so waren sie sich doch in Wahrheit körperlich fern
gewesen, vermutlich aus Selbstschutz oder aus Angst, dass es
wieder passieren könnte und dieses Mal stärker sein würde.
Sein warmer Atem blies ihr sanft gegen die Wange. Seinen Kuss
fühlte sie noch auf ihrer Haut. Ihr war so kalt und so übel und
sie fühlte sich merkwürdig, hier mit ihm auf dem Bett zu
liegen. Es fühlte sich so vertraut an, so richtig.
Sie war sich mittlerweile auch nicht mehr so sicher, ob es eine
gute Idee gewesen war, hier noch einmal herzukommen.
Dieser arrogante Finanzschnösel von heute morgen hatte sie so
wütend gemacht, er hatte ihre Arbeit und ihr Leben wie eine
alberne Farce erscheinen lassen, hatte alles ins Lächerliche
gezogen und sie damit fast zur Weißglut getrieben. Mit dieser
Wut im Bauch hatte sie natürlich erst Recht Lust bekommen, das
Budget mutwillig zu übersteigen. Sie hatte sich wie ein
rebellierender Teenager gefühlt, als sie mit Mulder heimlich aus
dem FBI Büro verschwunden und zum Flughafen gefahren war.
Doch seit der Landung hier in Oregon und den Vorkommnissen des
heutigen Tages wünschte sie sich, sie wären wieder in
Washington.
Hier herrschte eine beklemmende und unruhige Atmosphäre.
Irgendeine unheimliche Schwingung lag in der Luft, lies den Wind
eisiger erscheinen und die Nacht finsterer.
Die Entführungen, der verschwundene Deputy, sie fühlte sich zu
sehr daran erinnert, was ihr selbst vor 5 Jahren geschehen war
und dabei hatte es in den letzten Wochen ohnehin keinen Tag
gegeben, an dem sie nicht daran gedacht hatte, was diese
Entführung mit ihrem Leben angestellt hatte.
Sie würde am liebsten ihre Sachen packen und verschwinden. Doch
sie wusste, dass sie seit langer Zeit endlich wieder einmal die
Hoffnung hatten, auf ihrer Suche einen winzigen Schritt weiter zu
kommen und wie viel das Mulder bedeutete. Erwartete er allen
Ernstes jetzt von ihr, dass sie ohne ihn nach Washington zurück
reisen würde? Hatte er ihr wirklich gerade einreden wollen, dass
für sie die Suche ein Ende finden musste? Wollte er ihre
Partnerschaft beenden? Er hatte so endgültig geklungen, so als
wolle er seinen Kreuzzug nun alleine fortführen. Es hätte sie
fast verletzt, hätte sie nicht gewusst, dass seine Motive
alleine in den Sorgen begründet lagen, die er sich um sie
machte.
Aber sie waren untrennbar miteinander verbunden, dort wo er war,
hielt auch sie die Kampflinie.
Nein, jetzt wollte sie auf keinen Fall aufgeben, sie wollte denen
ebenso den Krieg erklären, wie Mulder ihnen einst als Samantha
verschwunden war. Jetzt hatte sie auch nichts mehr zu verlieren.
Außer Mulder. Sie musste hier bleiben, bei ihm.
Nein, Mulder. Das hier ist ebenso mein Leben wie Ihres. Ich
will verstehen, warum und wie das alles passiert. Ich muss es
einfach. Es ist zu spät jetzt noch aufzuhören.
Mulder sah, wie sich eine kleine Träne aus ihrem Augenwinkel
über ihre Sommersprossen schlich und auf ihrer Haut im warmen
Licht glänzte und es schmerzte ihn tief in seinem Inneren. Aber
er konnte sie verstehen, sie hätte damals vor 2 Jahren gehen
sollen als sie schon die Kündigung eingereicht hatte. Hätte er
sie doch da nicht aufgehalten. Aber schon zu der Zeit hatte er zu
viel für sie empfunden, schon da war seine Liebe zu stark
gewesen, waren seine Motive zu egoistisch gewesen, als dass er
sie hätte gehen lassen können. Auch damals waren sie der
Wahrheit so nah wie nie zuvor gekommen und auch damals hatte sie
am meisten leiden müssen.
Heute war seine Liebe noch stärker, heute war sie so stark, dass
er sie am liebsten von sich fernhalten würde, weil ihm ihr Leben
über seines ging.
Ich möchte aber, dass Sie mir versprechen, dass Sie mir
sagen, wenn Sie das hier zu sehr belastet, bat er sie
eindringlich obwohl er genau wusste, dass sie ihm so etwas nie
sagen würde.
Doch um ihn zu beruhigen nickte sie leicht und hielt seine Hand
in der ihren noch fester und zog sie noch näher an sich heran,
so dass ihre Lippen sich auf seine Fingerknöchel legten. Ihr
Atem war so warm und so zart. Er drückte sie fester an sich und
schloss die Augen. Wie würde es wohl weitergehen? Welchen
Wahrheiten, welchen Lügen waren sie nun wieder auf der Spur?
Würden sie es unbeschadet überstehen? Diese Fragen schwebten
über ihnen im Zimmer und sie lagen still auf seinem Bett und
hielten sich aneinander fest.
Wenige Augenblicke später waren beide eingeschlafen, nicht
ahnend, dass sie nicht die e
Einzigen waren, die hier etwas zu finden hofften
Zur selben Zeit parkte vor dem Motel ein
dunkler Wagen zwischen den Bäumen. Drinnen saß eine Gestalt und
telefonierte. Von den Motelzimmern aus erhellte ein schwacher
Lichtschein das Innere des Autos und gab die fremde Person zu
erkennen: Es war Alex Krycek. Er klang ungeduldig und gereizt.
Ich verstehe immer noch nicht, warum es so wichtig ist,
dieses besagte UFO zu finden. Und ich weigere mich, für Sie die
Drecksarbeit zu erledigen, wenn ich keinen Sinn darin sehe.
Die rauchige Stimme an der anderen Leitung atmete laut ein und
hustete leicht. Sie klang arrogant und unheimlich ruhig.
Es ist von großer Bedeutung für das Fortbestehen unserer
Spezies, dass dieses UFO mitsamt seiner Technologie in unsere
Hände gelangt. Und dass nicht weitere Menschen zu deren
Versuchszwecken entführt werden. Die sind nah dran, ihre Pläne
auf diesem Planeten in die Tat umzusetzen und wenn wir unser
Projekt nicht wieder aufgreifen, dann gibt es keine Abmachung
mehr mit denen, die die Kolonialisierung noch aufhalten könnte.
Und das ist genau das, was die wollen. In deren Augen hat es nie
eine Abmachung gegeben. Die sind nicht so sentimental. Die sind
uns millionenfach überlegen und wenn die jetzt mit diesen
Menschen verschwinden, dann gnade uns Gott, wenn sie
zurückkehren. Die Stimme bebte.
Ich glaube Ihnen kein Wort.Was springt für mich dabei
raus? Krycek hatte zu oft erlebt, dass andere Menschen nur
die hilflosen Spielbälle des Rauchers und seiner kranken Pläne
gewesen waren.
Der Krebskandidat klang ernst, sein Tonfall wurde gefährlich und
er flüsterte fast. Für Sie springt dabei raus, dass Sie
bei Weiterführen des Projekts unter den wenigen Glücklichen
sein werden, die diese Invasion überleben werden und ein neues
Zeitalter miterleben dürfen. Also finden Sie das verdammte UFO
bevor Mulder und Scully es tun. Es klickte.
Die Leitung gab ein schrilles Besetztzeichen von sich und Krycek
ließ den Hörer neben seinem Ohr sinken. Er wusste nicht, ob er
überhaupt zu den Überlebenden zählen wollte, falls das, was
der Raucher ihm da gesagt hatte, wirklich stimmte.
Der Krebskandidat sog mit all der Kraft, die seine kranken Lungen
noch hatten, den Rauch ein. Die Zigarette glimmte im Dunkeln
dieses Zimmers und er blies den graublauen Qualm gegen die
Scheibe seines verregneten Fensters.
Nicht auszudenken, wenn Mulder und Scully vor Krycek am
Raumschiff wären. Wenn Mulder in Kontakt mit dem Kraftfeld
geraten würde.
Er nahm einen weiteren gierigen Zug von der Zigarette. Asche fiel
auf seinen Schoß.
Er wusste, er würde diese Invasion nicht mehr überleben. Doch
er wusste auch, Mulder würde es.
Mulder war bisher das einzige gelungene Experiment gewesen. Der
Einzige, bei dem die genetische Manipulation funktioniert hatte.
Der Einzige, der jetzt immun gegen das mutierte Virus war.
Er war sein einziger Erfolg auf diesem langen Weg gewesen,
Alien-Mensch-Hybriden zu schaffen, die imstande sein würden, den
Kolonialmächten in einem Krieg die Stirn zu bieten. Allerdings
wusste er auch, dass der Preis dafür der schleichende aber
sichere Verlust aller Emotionen, aller Hoffnungen und aller
Träume war. All dessen, was die Menschheit ausmachte. Er wusste
wohin das Projekt des Konsortiums führen würde, wenn es einmal
fertiggestellt war: Zu einer kalten neuen Herrenrasse.
Doch sie würden siegen. Sie würden die Herrscher auf diesem
Planeten bleiben. Und dafür war er bereit gewesen, alles Gute,
das die Menschheit noch besaß, zu opfern, denn das Gute war es
auch, das sie schwach machte.
Sobald das UFO in ihren Händen war, war es Zeit an Mulder
heranzutreten. Sie mussten den Schlüssel dafür finden, warum er
immun war. Er schmunzelte. Es war reine Ironie des Schicksals,
dass ausgerechnet er, Mulder, der Retter dieses Projekts sein
würde.
Er drückte den abgebrannten Stummel seiner Morleys auf der
Lehne seines Rollstuhls aus und ließ ihn auf den Boden fallen.
*
Das goldene Sonnenlicht schien ihr ins
Gesicht und die Wärme streichelte ihre Haut. Das Licht kitzelte
in ihrer Nase und in der Ferne rauschte ein Auto vorbei. Sie
wachte auf. Etwas benommen nahm sie die Umgebung war...Wo war
sie? Sie schreckte hoch. Ach, du meine Güte! Sie war doch
tatsächlich in Mulders Bett eingenickt und hatte bis jetzt
durchgeschlafen! Hastig drehte sie sich um. Doch das Bett neben
ihr war leer. Ein Blick durch das Zimmer verriet ihr, dass Mulder
mit einer Wolldecke bedeckt auf dem Sessel geschlafen hatte. Sie
lächelte, teils erleichtert, teils berührt. Wärme floss durch
ihr Herz.
Doch wo war er?
Scully konnte diesen Gedanken aber nicht weiter verfolgen, weil
ihre Übelkeit sie zwang, sich eiligst aus dem Bett zu bewegen
und ins Badezimmer zu rennen. Sie hatte schon seit Tagen fast
nichts mehr gegessen und dennoch wollte das nicht aufhören.
Ihr lief es kalt den Rücken herunter und sie zitterte am ganzen
Körper. Sie bekam gar nicht mit, dass jemand zur Türe
hereinkam.
Scully, geht es Ihnen nicht gut? Mulders Besorgnis
war nicht zu überhören. Er streckte vorsichtig seinen Kopf
durch die Tür und sah, dass sie vor der Toilette saß und sich
an der Klobrille festklammerte. Ihre Augen waren geschlossen, sie
konzentrierte sich darauf, diese Übelkeit aus ihrem Körper zu
verdrängen. Doch als sie bemerkte, dass Mulder im Türrahmen
stand, schreckte sie hoch und rappelte sich auf. Wenn er jetzt
noch sehen würde, dass sie krank war, dann würde er sie
garantiert persönlich heim fliegen.
Er näherte sich ihr weil er das Bedürfnis verspürte, sie zu
berühren, zu fühlen, ob es ihr gut ging. Doch sie wich vor ihm
zurück und wich seinem Blick aus. Nein Mulder, es ist nur
eine leichte Magenverstimmung. Es geht mir gut.
Er verdrehte die Augen. Ahja! Das kannte er von ihr nicht anders.
Aber wenn sie dieses Spiel spielen wollte ging er eben darauf
ein. Er schaute unschuldig auf die Tüte in seiner rechten Hand.
Dann nehm ich mal an, dass Sie das hier nicht essen wollen?
Er schwenkte damit vor ihren Augen herum, lächelte, setzte sich
auf den Sessel und begann, die Doughnuts aus der Tüte zu essen.
Er krümelte auf die Photos, die vor ihm auf dem Tisch
ausgebreitet lagen.
Scully war verstört. Sie fühlte sich ertappt und unwohl. Ich
mach mich kurz in meinem Zimmer frisch. Wann müssen wir los?
Doch sie wartete die Antwort aus Mulders mit Doughnuts
vollgestopftem Mund gar nicht ab, sondern verließ so schnell sie
konnte sein Zimmer.
Sobald die Türe ins Schloss gefallen war, drehte Mulder sich
nach ihr um.
Irgendetwas stimmte nicht. Mit ihr, mit diesem Ort. Er fürchtete
das, was dahinter steckte, er fürchtete sie dieses Mal nicht
davor beschützen zu können. Und doch wusste er, dass sie es
finden mussten.
1 Tag später.
Mulder und Scully standen im Konferenzraum des FBI Gebäudes in
Washington D.C.. Neben ihnen standen Skinner, Frohike, Langley
und Byers. Und Alex Krycek und Marita Covarrubias. Sie waren an
Skinner herangetreten mit angeblichen Informationen über ein UFO
und die Entführungen, die in Oregon stattfanden. Sie schienen
viel zu wissen, angeblich aus erster Hand.
Doch Scully traute ihnen nicht. Sie hasste Krycek. Wenn er in
ihrer Nähe war, drehte sich ihr der Magen um und eine unbändige
heiße Wut kochte in ihr hoch. Doch dieses Mal versuchte sie
ruhig zu bleiben. Sie wusste, Mulder ging es wie ihr. Sein Atem
bebte und er fummelte nervös mit den Fingern an seiner
Unterlippe herum.
Was wollten die Beiden? Und was war dran, an ihrer Information,
dass der Krebskandidat die Verschwörung reaktivieren wollte?
Dass es wichtig war, dass sie das UFO vor ihm fanden.
Und selbst wenn? Was sollten sie dann damit anfangen? Eine Reise
zum Mars antreten?
Scully wurde wütend und dieses Mal konnte sie sich nicht mehr
zurückhalten. Sie rauschte aus dem Raum, Mulder einen
eindringlichen Blick zuwerfend.
Er verstand sofort und folgte ihr hinaus in den Flur.
(* Immer diese Flurszenen !!! Anm.d. Autorin :0) * )
Es rebellierte in ihr! Nervös ging sie im Kreis. Alles in ihr
wehrte sich dagegen, dieser Spur nachzugehen. Sie hatte am Vortag
im Wald am eigenen Leib erfahren, was dort zwischen den Bäumen
auf einer Lichtung im Verborgenen lag. Sie wusste nicht, was es
für eine Kraft gewesen war, die sie zu Boden geworfen hatte,
aber sie wusste, sie war zu gefährlich und zu stark um ihr
einfach aus Neugier nachzugehen. Mulder schien auch misstrauisch
zu sein, doch sie sah die Leidenschaft in seinen Augen flackern,
sie wusste, dass er dorthin zurückmusste. Er war vollkommen
aufgekratzt und sie kannte ihn: Wenn er so war, konnte ihn
niemand aufhalten. Nicht einmal sie.
Sie waren so nah dran, endlich einen Beweis zu haben. Und war das
nicht genau das, was dieser Finanzagent ihnen am Anfang der Woche
vorgeworfen hatte? Dass sie nichts in der Hand hätten?
Doch neben der Leidenschaft in Mulders Augen sah sie auch seine
Angst. Er wollte, dass sie in Washington blieb!
Es fiel ihm schwer und er brachte es kaum über die Lippen, doch
er wollte sie dieses Mal endgültig zurücklassen. Als er gesehen
hatte, was im Wald mit ihr geschehen war, hatte er für sich
beschlossen, dass er ab nun nur noch einen Teil seines Weges mit
ihr zusammen gehen durfte. Er würde es nicht ertragen können,
wenn sie wieder entführt wurde. Denn dieses Mal schienen die
Entführten nicht zurück zu kehren.
Verstand sie das denn nicht? Musste er es ihr noch deutlicher
machen?
Ich möchte nicht riskieren Sie zu verlieren!
In seiner Stimmte lag Resignation.
Ihr Herz zersprang in Millionen kleine Teilchen. Das war das
stillste und doch tiefste Liebesbekenntnis, das seit Langem über
seine Lippen gekommen war.
Wie konnte sie ihn jetzt gehen lassen? In die vollkommene
Ungewissheit? Allein?
In ihr stiegen die Tränen hoch. Sie trat einen Schritt auf ihn
zu, sie wollte ihn festhalten und nicht mehr loslassen als sie
sich sanft an ihn drückte und ihre Arme um seinen Hals schlang.
Ich werde Sie nicht alleine gehen lassen! brachte sie
ihre Tränen kaum zurückhaltend hervor.
Mulder umarmte sie mit seiner ganzen Seele und schloss die Augen.
Er wusste nicht, wohin ihn die Spur führen würde, zu welchen
Gefahren, welchen Wahrheiten. Würde er lebend zurückkehren?
Nichts wünschte er sich mehr, als sie auf dieser Reise an seiner
Seite zu haben.
Ihr Körper fühlte sich so klein an in seinen Armen. Er wusste,
wenn er sie jetzt nicht loslassen würde, würde er nicht die
Kraft finden, nach Oregon zurück zu fliegen.
Ich muss da einfach hin. Ich verspreche: Ich komme zurück,
löste er sich aus ihrer Umarmung und nahm ihr Gesicht in seine
warmen Hände. Mit dem Daumen fing er eine Träne auf und wischte
sie beiseite. Er sah ihr tief in die Augen, damit sie wusste,
dass er sein Versprechen halten würde.
Ihr war in diesem Augenblick egal, was zwischen ihnen im letzten
Monat vorgefallen war. Dieser Moment war das einzige, was ihr
bleiben würde. Wer wusste schon, als wer er zurückkehren
würde? Ob er zurückkehren würde? Dieser Gedanke drang durch
sie hindurch wie tausend Scherben. Überwältigt und voller Angst
vor dem, was sie beide erwarten würde, voller Hilflosigkeit
Mulder gehen lassen zu müssen näherte sie sich ihm und streckte
sich zu ihm hinauf. Sie blickte auf seinen Mund, der in
verzweifelter Sprachlosigkeit leicht bebte. In diesem Moment
legte sie ihre Lippen erst ganz leicht und dann immer fester auf
seine. Sie wollte diese Nähe auskosten, wollte dass ihre Seele
seinen Körper durchströmte. Sie küsste ihn lange und er
bewegte sich nicht. Er atmete nicht, sondern schloss nur die
Augen um die Kraft aufzunehmen, die ihm dieser Kuss schenkte.
Ihre Hände legten sich vorne auf seine Brust, sie wollte seinen
Herzschlag spüren, doch es kam ihr vor, als hätte auch er
ausgesetzt um diesen Abschied in der Ewigkeit festzuhalten.
22. 15
Mulder war nun seit vier Stunden in der Luft. Die Maschine würde
sicher nicht vor Mitternacht in Portland landen. Scully war
schrecklich nervös. Sie wippte den Bleistift zwischen ihren
Fingern und seine Mine tippte unentwegt gegen den Tisch, auf dem
unzählige Satellitenbilder, Photos, Akten, Laborergebnisse und
die neueste Ausgabe des Einsamen Schützen lagen.
Würde es Sie sehr stören, damit aufzuhören? Ich meine,
nicht dass es hier irgendjemanden nerven würde, aber wir sind
hier alle mindestens so nervös wie Sie...und wir lieben Mulder
doch alle gleichermaßen, Frohike grinste sie an und
schaute entschuldigend zu Byers, der ihm einen strafenden Blick
zuwarf. Das zwielichtige Informantenpärchen hatte sich schon
längst wieder in sein Rattenloch zurückgezogen und Scully war
ihnen gegenüber nicht im geringsten milder eingestimmt, waren
sie doch letztlich Schuld daran, dass Mulder noch einmal zurück
nach Oregon geflogen war.
Sie starrte vollkommen geistesabwesend auf die Flut von
Informationen, die sich vor ihr ausbreitete. Hier lag eine große
Weltkarte, die mit schwarzen Kreuzen nur so übersät war. Sie
markierten, wo in den letzten Monaten anomale Magnetfelder
gemessen wurden, also sogenannte Beweise für UFO-Erscheinungen.
Sie seufzte. Die Kreuze markierten zahlreiche Städte in den USA,
aber nicht Bellefleur, Oregon. Wenn dort ein UFO war, warum
hinterließ es dann keine Spuren? Sie befürchtete, dass sie auf
der vollkommen falschen Spur waren und all das hier vollkommen
umsonst war.
Und doch lief ihr ein Schauer über den Rücken wenn sie an die
unheimliche Kraft dachte, die sie da draußen in dem Wald erfasst
hatte. Irgendetwas war dort gewesen. Aber hier gab es einfach
kein Muster. Kein Hinten und kein Vorne. In ihrem Kopf drehten
sich die Bilder und Zahlen und ergaben ein heilloses
Durcheinander, von dem ihr lediglich schwindelig wurde.
Warum geschah das mit diesen Menschen? Warum wurden sie
entführt? Und von wem? Wie musste das für sie sein? Sie
versuchte sich einen Augenblick an ihre eigene Entführung zu
erinnern. So würde Mulder es auch tun, er versetzte sich immer
so gut er konnte in die Menschen hinein. Vielleicht würde ihr
das auch helfen? Doch in ihrer Erinnerung an Skyland Mountain
fand sie nichts dergleichen, keine Kraft war damals so stark
gewesen, wie die, die sie dort im Wald gespürt hatte. Das hatte
sie nur ein einziges Mal vorher erlebt: an der Elfenbeinküste in
Afrika. Als sie diese sonderbaren Artefakte untersucht hatte,
diese Artefakte, die Mulder vollkommen um den Verstand gebracht
hatten.
Wieder lief es ihr kalt den Rücken herunter. Sie hatte so gut
verdrängt, was mit Mulder dort passiert war, dabei hatten sie
bis heute nicht herausgefunden, was genau eigentlich vorgefallen
war. Die neurologischen Tests nachdem sie ihn gerettet hatte,
waren alle vollkommen normal ausgefallen. Als ihre Gedanken nun
wie schon so oft an diesem Abend, um Mulder kreisten, fiel ihr
Blick auf eine medizinische Akte, aus der ein Blatt lose
herausschaute. Sie legte den Kopf leicht schief um es besser
erkennen zu können. Ihre Augenbraue zuckte unwillkürlich.
Wessen EEGs sind das? fragte sie laut in die
Runde, die von ihrer plötzlichen Wortmeldung erschrocken
zusammenfuhr.
Das sind gesammelte medizinische Tests von früheren
Entführten, die im letzten Jahr gemacht wurden, weil sie wegen
neurologischer Ausfälle in Krankenhäuser eingeliefert wurden,
auch von Teresa Nemman und Billy Miles. Und hier die aus Parker,
Arizona, Fallon, Nevada und Alturas, Kalifornien gelten seit vier
Wochen wieder als vermisst. Langley griff danach und
reichte ihr die Akte. Wenn Sie mich fragen, haben die
einfach alle nur das Falsche geraucht. Er versuchte, die
Spannung ein wenig zu lösen, doch dieses Mal bekam er von
Frohike einen bösen Blick zugeworfen.
Scully schlug die Akte auf und blätterte konzentriert darin
herum.
Alle hatten extrem hochfrequente beta- und delta-Wellen...
Scully dachte laut nach als sie die EEGs in ihren Händen
auswertete. Sie stutzte. Das ist ungewöhnlich.
Normalerweise treten diese Wellen nie zusammen in dieser Form
auf. Beta-Wellen treten bei äußerster Erregung und
Aufmerksamkeit auf, delta-Wellen jedoch während tiefer
Bewusstlosigkeit...
Scullys Gedanken wanderten. Plötzlich durchzuckte sie ein Blitz
und schlug mitten in ihrer Magengrube ein. Mulder hatte
dieselben Anomalien letztes Jahr im Sommer, als er in Kontakt mit
diesem Artefakt gekommen war! Ihr Hals wurde trocken und
sie begann zu zittern. Was bedeutete das? Ihr Gehirn verkrampfte
sich vor Anstrengung. Aber warum hatten die Entführten hier in
der Akte diese Anomalien? Sie waren im Gegensatz zu Mulder seit
ihrer Entführung nie in Kontakt mit irgendetwas Außerirdischem
gekommen. Scully war hilflos. Sie sah auf die Karte, auf der die
UFO-Sichtungen eingezeichnet waren. Die Namen in den
medizinischen Akten noch einmal durchgehend, machte sie grüne
Kreuzchen an all den Orten, aus denen die Entführten mit den
Gehirnanomalien stammten. Sie seufzte wieder als sie mit einem
irritierten Blick von der Karte zurücktrat um einen Überblick
zu bekommen. Keiner von ihnen kam aus einem Ort, in dem in
letzter Zeit UFOs gesichtet worden waren. Es machte einfach
keinen Sinn. Es war kein Muster erkennbar. Nichts deutete auf
UFOs, nur dass die drei Entführten offenbar schon wieder
verschwunden waren.
Byers, könnte es nicht möglich sein, dass nicht alle
Ihrer sogenannten UFO-Sichtungen mit Magnetfeldanomalien
einhergehen? Was ist z.B. mit diesem Ort, in dem die
letzte Person verschwunden ist, Alturas, Kalifornien? Sind da und
in Fallon und Parker in letzter Zeit irgendwelche Abweichungen
aufgetreten? Byers hob die Augenbrauen und zog die Stirn
kraus. Mhhh, mal sehen. Er setzte sich an seinen
Laptop und hackte darauf ein. Nennen Sie mir noch die
anderen Städte, wo die anderen Entführten wohnen, vielleicht
kann der Computer ja ein Muster erkennen. Scully drehte
sich vom Computer weg und ging zurück zu der Karte. Sie las der
Reihe nach jede Stadt mit einem kleinen grünen Kreuz vor, auch
Bellefleur, Oregon. Als Byers sie eingetippt hatte, begann der
Computer zu arbeiten. Die Festplatte surrte leiste. Wie ein
Insekt, das sich die Flügel putzte. Scully schluckte. Ihr war
schrecklich heiß. Sie spürte, dass das hier sie endlich
weiterbringen würde. Aber sie hatte Angst vor dem, was sie
herausfinden würden.
Die Klimaanlage surrte leise und alle vier standen still und
wagten kein Wort zu sprechen.
Plötzlich piepste der Computer. Ein Fenster öffnete sich.
Heilige Schei- ! wollte Frohike gerade rufen als
Byers ihn anstupste. Alle vier starrten auf den Bildschirm. In
all den Orten, an denen die Entführten der letzten Jahre mit
Gehirnanomalien in die Krankenhäuser gekommen waren, waren im
letzten Jahr Insektenplagen ausgebrochen und großflächige
Stromausfälle an der Tagesordnung gewesen. Es schien fast, als
wären diese Orte im letzten Jahr die Zentren sämtlicher
Unglücke der vereinigten Staaten gewesen.
Insektenplagen! Das erinnerte Scully an ihr Erlebnis in Afrika.
Hatte das Artefakt nicht die merkwürdigsten Ereignisse
heraufbeschworen?
An der Elfenbeinküste hat es in einer
Nacht auch eine Insektenplage gegeben als dort dieses
Ding, dieses Raumschiff, im Meer aufgetaucht ist. Scully
fiel es immer noch schwer, das Wort UFO auszusprechen.
Das hier, Agent Scully, sind dann aber definitiv nicht die
UFOs, die wir hier sonst immer messen. Byers klang
für seinen sonst so ruhigen und nüchternen Charakter äußerst
aufgeregt und er begann gleich damit, weitere Daten in den
Computer einzuhacken.
Naja. Ein Pick-Up hinterlässt auch
andere Reifenspuren als ein Ford und dennoch sind beides
Autos.Vielleicht gibt es ja mittlerweile mehrere
UFO-Technologien, meldete Frohike sich schließlich zu
Wort. Er stand hinter Byers und starrte wie gebannt auf den
Computer, der die Daten nur so ausspuckte, als Langley sich
plötzlich räusperte.
Ähm...Agent Scully, sehn Sie sich das an! Sie drehte
sich zu ihm um. Er hielt einen Stift in der Hand und hatte die
grünen Kreuzchen miteinander verbunden. Scully neigte den Kopf
zur Seite und sah die Linien an, die sich zu einer Figur formten,
als ihr plötzlich der Atem stockte. Sie ergaben eindeutig ein
Symbol! Sie kannte es irgendwoher! Plötzlich hatte sie eine
Idee. Sie rannte aus dem FBI Büro, hämmerte ungeduldig gegen
den Aufzugknopf, fuhr unruhig mit den Nägeln gegen die Wand
trommelnd in den Keller und kam nach zwei Minuten aufgeregt mit
einem dicken braunen Buch in der Hand in den Konferenzraum
zurück. Sie klatschte es auf den Tisch und blätterte hastig
darin herum. Die drei Schützen sahen sich an. War sie jetzt
vollkommen verrückt geworden?
Das ist es! rief sie und zeigte mit dem Zeigefinger
auf ein Symbol in dem Buch über die Symbolik der
Navajo-Indianer, das Agent Fowley ihr einst gegeben hatte.
Scully erstarrte. Ihre Augen sahen ungläubig auf das Zeichen in
dem Buch und dann auf die Linien auf der Karte.
Das ist das Symbol für die Mächte der Zerstörung. Mann,
das ist ganz schön spooky,nahm Langley ihr das Reden ab
und sah hilfesuchend zu den anderen beiden hoch.
Und die Linie nimmt ihren Ausgang genau hier. In Parker,
Arizona, dort ist der Erste mit den EEG-Abweichungen entführt
worden, vor vier Wochen. In Scully setzten die Puzzle-Teile
sich langsam zu einem Gesamtbild zusammen. Das hier waren nicht
die Entführungen, mit denen sie vertraut waren. Diese hier
folgten einem vollkommen neuen Muster.
Scullys Herz hämmerte und eine düstere Beklemmung kroch in ihr
hoch.
Ich weiß, dass da draußen etwas war.
Und ich weiß jetzt, was mit mir dort passiert ist. Dieses Ding
in dem Wald hat mich zurückgestoßen, weil es mich nicht wollte!
Das hier hat überhaupt nichts mit den Entführungen der letzten
Jahre zu tun. Mulder hat sich die ganze Zeit geirrt. Er dachte
die Entführungen würden sich nur wiederholen. Aber das hier
sind neue Entführungen. Und wenn man der Linie folgt, dann
passiert es das nächste Mal - genau hier. Sie tippte auf
Bellefleur, Oregon. Ihre Stimme zitterte. Sie konnte kaum noch
atmen. Er hat die ganze Zeit gedacht, ich wäre in Gefahr!
Doch eigentlich ist er es! Frohike beendete ihren
Satz, weil er merkte, wie ihre Stimme brach.
Sie drehte sich zu ihm um, sah ihn an und merkte, wie der Raum um
sie herum anfing, sich zu drehen. Sie bekam den Gedanken nicht
mehr aus dem Kopf, dass sie die ganze Zeit falsch gelegen hatten.
Dass sie Mulder hatte gehen lassen! In ihrem Kopf kreisten die
Erregungen, eine unermessliche Angst machte sich in ihr breit.
Gänsehaut kribbelte auf jedem Zentimeter ihrer Haut. Mulder
würde nicht zurückkehren! Sie musste ihn aufhalten! Sie merkte,
wie plötzlich ein unsichtbares Band zerriss und wie die
Dunkelheit sie einhüllte und sie ins Nichts zu fallen schien.
--
2:15 Uhr morgens, irgendwo in Oregon
Skinner starrte leer und müde durch das Beifahrerfenster. Wenn
Agent Scully ihn nicht so eindringlich und mit Tränen in den
Augen darum gebeten hätte, hätte er sich nie zu so einer
unendlichen Dummheit überreden lassen. Sie waren vor knapp zwei
Stunden in Portland gelandet und befanden sich jetzt hier mitten
im Nirgendwo auf der Suche nach einem UFO. Er konnte es nicht
glauben.
Sind wir bald da, Agent Mulder? Ich
kann langsam nicht mehr sitzen.
Doch Mulder ignorierte den genervten glatzköpfigen Mann neben
sich. Seine Gedanken waren darauf konzentriert, endlich zu der
Stelle im Wald zu gelangen, wo Scully von dieser merkwürdigen
Kraft zu Boden gestoßen worden war. Der Gedanke an sie schnürte
ihm die Kehle zu. Es war für ihn so schmerzhaft gewesen, sie
einfach dort zu lassen. Sie hatte seine Hand nicht loslassen
wollen und ihre Augen hatten einander festgehalten bis Skinner
mit Mulder im Aufzug verschwunden war und die Tür sich zwischen
ihnen geschlossen hatte und damit ihren Blickkontakt wie ein
Schwert zerschnitten hatte. Er merkte, wie seine Augen feucht
wurden. Sie hatte ihn geküsst! Das erste Mal seit der Nacht
damals. Er musste sie wieder sehen und er wusste, das würde er
auch. Sie war in Washington und dort war sie in Sicherheit. Es
war gut so gewesen.
Das Straßenschild am Wegesrand zeigte ihm, dass sie gleich da
sein mussten.
Er bog bei der nächsten Abzweigung ab und brachte seinen Wagen
am Rande des Waldes zum stehen. Das hier war es! Er schaltete
sein Handy aus, jetzt konnte er Scully so oder so nicht mehr
anrufen, und holte die Ausrüstung aus dem Kofferraum.
Skinner folgte ihm in den Wald und sah irritiert und zugleich
fasziniert zu, wie Mulder in der selbstverständlichsten Routine
äußerst seltsame Geräte auspackte und überall im Wald
installierte. Nach einer Weile schienen diese absurden
Aktivitäten sich jedoch zu einem sinnvollen Gesamtbild
zusammenzusetzen. Denn Skinner konnte in der Dunkelheit genau
erkennen, dass das Laserlicht, das Mulder überall positioniert
hatte, sich in der Ferne merkwürdig brach, während es in allen
anderen Richtungen unbeirrt seinem Strahl folgte.
Ein kalter Luftzug fuhr ihm in den Nacken und er fröstelte. Hier
war irgendetwas faul. Er hatte selten Angst, dafür hatte er
während seiner langjährigen FBI-Tätigkeit zu viel gesehen,
aber das hier, das jagte ihm einen gehörigen Schauer über den
Rücken.
Doch Mulder ging unbeirrt auf die Lichtbrechungen zu und Skinner
folgte ihm. Er hatte Scully versprochen, dass er ihn heil
zurückbringen würde.
Plötzlich wurde die Stille des Waldes von einem lauten und
schrillen Ton durchbrochen. Mulder zuckte zusammen und er warf
Skinner einen anschuldigenden Blick zu. Skinners Handy klingelte.
Jetzt? Um 2 Uhr morgens?
Mulder zog die Stirn in Falten und ging weiter auf die
Lichtbrechung zu.
Etwas hier in dem Wald zog ihn an. Eine merkwürdige Macht, es
kam ihm fast vor, als hörte er ein hohes metallisches Hauchen,
das immer lauter wurde, je näher er den Lichtbrechungen kam. Und
waren das Stimmen, die zu ihm sprachen? Er fasste sich an die
Stirn. Er stand jetzt direkt davor und es sah aus, als träfen
die Laserstrahlen auf eine unsichtbare wässrige Oberfläche. Sie
traten auf der anderen Seite dieser unsichtbaren Grenze wieder
aus, doch sie waren verzerrt, als hätte das Medium sich hinter
der Grenze, durch die das Licht brach, verändert. Sein Herz
klopfte und er streckte vorsichtig die Hand aus. Ein Finger
berührte die unsichtbare Oberfläche und es fühlte sich an, als
greife er durch einen Spiegel hindurch. Es war kalt und stechend
und dahinter fühlte es sich warm und irgendwie zähflüssig an.
Er wollte einen Schritt darauf zumachen, wollte sehen, ob er
durch es hindurchgehen konnte, als Skinner nach ihm rief.
Agent Mulder! Er drehte sich um. Agent
Scully... Scully? Was war mit Scully? Er wollte gerade
wieder einen Schritt zurückmachen um Skinner entgegenzugehen,
als er merkte, wie seine Hand hinter der Grenze festgehalten
wurde. Er versuchte sie herauszuziehen, doch jeder Zug schien ihn
fester in das Medium hineinzusaugen. Er merkte, wie es plötzlich
seinen Körper umfloss und wie er mit der Oberfläche verschmolz
und ganz von ihr absorbiert wurde. Plötzlich befand er sich auf
der anderen Seite des Spiegels und merkte, wie vom Zentrum dieser
unsichtbaren Blase, in der er nun stand ein grelles, schmerzhaft
weißes Licht ausging. Er drehte sich um, versuchte nach außen
zu sehen. Er konnte schemenhaft Skinner erkennen, der direkt vor
ihm stand, ihn aber nicht zu sehen schien. Er rief etwas. Mulder
versuchte zu hören, was aus seinem Mund kam. Aber es war so laut
in seinem Kopf. Das hohe metallische Hauchen schwappte in
pulsierenden Wellen durch sein Gehirn. Agent Scully ist...
Was? Er konnte es nicht verstehen. Er griff sich an den Kopf, er
wollte wieder hier heraus, wollte wissen, was mit Scully war. War
ihr etwas zugestoßen? Mit aller Kraft versuchte er sich von
dieser Kraft zu lösen, die ihn immer mehr ins Innere dieser
Blase zog. Er rief nach Skinner, aber seine Rufe wurden von dem
Medium um ihn herum erstickt. Er streckte seine Hand aus, doch
sie griff ins Leere. Und dann merkte er, wie das grelle Licht ihn
einfing und sein Körper schwerelos und sein Geist kraftlos in
sich zusammensanken und er das Gefühl für Raum und Zeit verlor.
Am nächsten Morgen
Sie sah vollkommen verloren aus dem Fenster. In ihr regte sich
nichts, es herrschte vollkommene Windstille in ihrem Geist,
nachdem über ihn seit letzter Nacht die schlimmsten Stürme
hereingebrochen waren. Ihre Hände lagen gefaltet auf ihrem Bauch
und sie versuchte, mit ihnen dieses Baby zu spüren, das in ihr
begonnen hatte zu existieren. Sie versuchte, irgend etwas zu
spüren, doch es ging nicht. Sie war leer.
Skinner war gerade fortgegangen nachdem er ihr von Mulders
Verschwinden berichtet hatte. Er hatte Tränen in den Augen
gehabt, war sichtlich mitgenommen von den Ereignissen gewesen.
Doch aus seinem Gesicht hatte auch Überzeugung gesprochen, es
schien als hätten sie endlich einen weiteren Mitkämpfer in
ihren Reihen gefunden. Er hatte so aufgeregt und so überwältigt
gewirkt, von all dem was er in diesem Wald gesehen hatte und er
hatte ihr versprochen, dass sie ihn finden würden. Und Mulder?
Er hatte ihr versprochen zurückzukehren. Würde er sein
Versprechen halten können?
Tränen der Verzweiflung liefen ihr unaufhaltsam über das
Gesicht. Tränen aus Glück über dieses neue Leben in ihr, aus
Verwirrung und aus Sehnsucht. Sie wollte sich ihrem Kummer gerade
vollkommen unterwerfen als der Arzt hineinkam.
Miss Scully? Ich habe gerade Ihre letzten Testergebnisse
gesehen und es gibt überhaupt keinen Grund, Sie länger hier zu
behalten. Wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen, können Sie
jederzeit nach Hause gehen. Er bemerkte Scullys Tränen und
setzte sich auf ihr Bett. Sie haben sicherlich eine Menge
durchgemacht und ich weiß, dass Sie auch noch eine Weile
brauchen werden, damit fertig zu werden. Doch Sie werden das
schaffen. Für Ihr Kind. Er berührte behutsam mit seiner
linken Hand ihre Schulter und nickte ihr aufmunternd zu.
Doch Scully schien durch ihn hindurch zu sehen und es war, als
drangen seine Worte gar nicht zu ihr durch. Er hatte das Gefühl,
hier vollkommen unerwünscht zu sein, also stand er schnell
wieder auf, und verabschiedete sich mit einem letzten Nicken in
ihre Richtung von ihr.
1 Stunde später
Ohne nachzudenken hatte sie dem Taxifahrer, der sie am
Krankenhaus abgeholt hatte, Mulders Adresse genannt und stand nun
vor seiner Appartmenttür. Die 42 glänzte im Sonnenlicht der
frühen Morgenstunde, eine Schraube war nicht ganz hineingedreht
und so stand die 4 ein wenig von der Tür ab und warf einen
Schatten auf das braune Holz.
Sie nahm den Ersatzschlüssel, den Mulder ihr für den Notfall
gegeben hatte, und schloss die Tür vorsichtig auf, so als täte
sie etwas Verbotenes. Als sie hineinging war es vollkommen still
in der Wohnung und doch sah es so aus, als würde Mulder gleich
aus der Küche kommen, sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln
in sein Wohnzimmer schieben und sie würden einen seiner
sinnlosen Filme ansehen und Popcorn essend den ganzen Abend
verbringen. Sie hielt die Luft an. Doch aus der Küche kam
niemand, nur das Surren des Kühlschranks.
Sie ging ins Wohnzimmer und starrte auf den Basketball, der auf
dem Boden lag, als hätte vor einer Sekunde noch jemand damit
gespielt. Das Aquarium blubberte und surrte leise. Auf seinem
Fernsehen lag ein Video mit einem ziemlich eindeutigen Titel, der
ihr Herz höher schlagen ließ. Er konnte es einfach nicht
lassen. Doch in diesem Moment liebte sie ihn auch dafür.
Auf seinem Schreibtisch türmten sich Akten, der Staub tanzte in
den Sonnenstrahlen und alles wirkte so geisterhaft still. So als
wartete das Zimmer auf etwas. Doch es passierte nichts.
Mit ihren Fingern über die Möbel gleitend, ging sie langsam
durch die ganze Wohnung, vollkommen in die Leere starrend und in
dem Nichts in ihr verloren. Es war irrational, doch sie hatte das
Gefühl, sie könne einen Teil von ihm in sich aufnehmen als sie
die Dinge berührte, auf die sich vor wenigen Stunden noch seine
Finger gelegt hatten, und indem sie die Luft einatmete, in der
noch sein Duft zu liegen schien.
Ihr Weg führte sie in sein Schlafzimmer und ihr Blick fiel
sofort auf sein New York Knicks T-Shirt, das auf seinem Bett lag.
Sie nahm es auf und fuhr mit den Fingern leicht über den sanften
weichen Stoff. Es duftete so nach ihm, doch es war so kalt. Als
sie es sich gegen ihre Wangen legte war es für eine Sekunde als
streichle er sie. Einen stummen Schrei nach seiner Nähe
ausstoßend krallte sie sich daran fest als dicke Tropfen aus
ihren traurigen blauen Augen auf den braunen Holzboden fielen. Es
war, als hätte der Mensch darin sich in Luft aufgelöst, wäre
zu Staub zerfallen und ihre Hände hätten in die Leere
gegriffen.
Ihre seit heute Morgen nur mühsam gehaltene Fassade stürzte wie
ein Kartenhaus in sich zusammen und ihre Knie gaben unter ihrem
Schluchzen nach. Sie glitt auf den Fußboden vor dem Bett und
vergoss viele Tränen auf das T-Shirt, während ihre Hände
verzweifelt versuchten, an der Bettkante Halt zu finden.
Sie wusste nicht, wie lange sie dort alleine und weinend gelegen
hatte, doch sie musste irgendwann erschöpft davon eingenickt
sein und wurde jetzt in der beginnenden Abenddämmerung von etwas
geweckt. Sie hob den Kopf. Atmete ein. Roch es etwa nach
Zigarettenrauch?
Plötzlich durchdrang sie das unheimliche Gefühl nicht alleine
zu sein und sie schreckte hoch, als sie einen Schatten an der
Wohnzimmerwand entlang huschen sah.
Wer ist da? rief sie mit so
fester Stimme, wie es ihr in diesem verwundbaren Augenblick
möglich war. Sie griff intuitiv nach ihrer Waffe, doch da war
nichts. Sie fühlte sich schutzlos und paralysiert, wie ein Tier
im Scheinwerferlicht eines heranrasenden Autos.
Hallo? Wer ist da? Sie stand auf und ging auf das
Wohnzimmer zu als sie merkte, wie der Schatten an der Wand begann
sich zu bewegen und sich plötzlich vor ihr im Türrahmen eine
große graue Gestalt aufbaute.
--Scully fuhr zusammen.
Krycek ! Was machen sie hier? Scully war zu Tode
erschrocken, aber nun fast erleichtert, wen sie vor sich hatte.
Dies war immerhin ein alt bekannter Feind.
Ich könnte Sie genau dasselbe fragen, Agent Scully.
Nachdem ich Sie nicht in Ihrer Wohnung angetroffen habe, dachte
ich mir aber schon, dass Sie hier sein würden. Er starrte
sie unverwandt an. Scully spürte wieder die alte Wut auf diese
miese Ratte in sich hochsteigen. Sie schluckte sie herunter und
fragte leicht gereizt: Sie waren in meiner Wohnung? Wie zum
Teufel... Doch sie beendete ihren Satz nicht. Sie fühlte
sich ertappt und hasste sich dafür von Krycek in einem ihrer
schwächsten Momente erwischt worden zu sein. Doch es war
vollkommen unwichtig wie er in ihre Wohnung gekommen war und sie
besann sich darauf, das Gespräch in eine sinnvolle Richtung zu
lenken.
Warum haben Sie mich gesucht?
Ich habe den Auftrag erhalten, ein Treffen zu arrangieren.
Ein Treffen ? Scully verstand nicht, konnte er sich nicht ein bisschen weniger kryptisch ausdrücken?
Er will Sie sehen. Wegen Mulder. Mein
Wagen steht draußen vor der Tür, wir haben nicht viel Zeit.
In Scully rebellierte die Vernunft. Ich komme überhaupt
nirgendwo hin mit, wenn Sie sich weiterhin weigern mir zu sagen,
worum es geht. Krycek wurde ungeduldig.
Agent Scully! Er hatte fast etwas Bedrohliches an sich und sein Griff war fest und hart, als er ihren Unterarm umfasste. Sie merkte wie sich von diesem Griff ausgehend Unbehagen ihren Arm hochschlich und durch ihren Körper kroch. Aus seinen Augen blitzte schwarze Kälte und seine Miene war absolut regungslos. Doch sie sah ein, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um ihre Wut und ihren Trotz über ihre Vernunft siegen zu lassen. Sie löste in einem kräftigen Ruck ihren Arm aus seinem Griff und willigte ein ihm zu seinem Wagen zu folgen. Als sie gerade eingestiegen waren, machte sie noch einen Versuch und fragte ihn, wohin es denn jetzt gehen sollte. Doch er gab ihr keine Antwort sondern fuhr unbeirrt auf eine Straße, die sie raus aus Washington führte, Richtung Virginia, Richtung Pentagon. Sie fuhren eine ganze Weile und es war schon dunkel geworden, die Sterne standen am Himmel und sahen stumm auf die beiden herab, als sie schließlich in einer großen Einfahrt vor einem grauen unscheinbaren Gebäudeklotz stehen blieben. Er sah aus wie eine dieser Diplomatenvillen in den Washingtoner Vororten, nur dass er um ein Vielfaches hässlicher und klobiger war. Krycek ging mit ihr durch die Büsche zum Hintereingang, er schien sich hier bestens auszukennen, und gab schließlich einen Code in ein Tastenfeld an der Tür ein, so dass ihnen der Zutritt gewährt wurde und sie eine unpersönliche mit grauem Marmor ausgelegte Empfangshalle betraten. Es sah aus, als wäre dieses Gebäude unbewohnt. Nirgends standen Möbel und es war eiskalt. Krycek ging ihr durch das dunkle Haus voraus und lief eine der beiden großen Treppen, die sich rechts und links der Eingangshalle hinaufschlängelten, hoch. Oben angekommen bog er rechts in einen noch dunkleren und endlos scheinenden Flur ab. Scully folgte ihm, sie merkte, wie ihr übel wurde. Sie konnte nun ganz deutlich Zigarettenrauch riechen. Am Ende des Flurs konnte sie plötzlich einen schwachen Lichtschein unter einer Tür durchscheinen sehen, er zerschnitt die Dunkelheit und blendete ihre Augen. Sie wusste nun mit ziemlicher Sicherheit, wen sie hinter der Türe vorfinden würde.
Er lag wie ein Häufchen Asche in einem
großen schweren Bett aus Eichenholz. Außer einem Rollstuhl,
einem Waschschränkchen und einem alten Holzstuhl standen keine
Möbel in dem Raum. Nur eine kleine Lampe erhellte das Dunkel,
das ihn umgab.
Doch so winzig und schwach er auch wirkte, der Hass, den Scully
für ihn empfand, war zu stark, als dass in ihrem Herz Mitleid
für ihn Platz gefunden hätte. Er hatte sie betrogen als er sie
vor einem Vierteljahr mit auf eine äußerst merkwürdige Reise
genommen hatte. Sie hasste ihn dafür, dass er einen Keil
zwischen sie und Mulder getrieben hatte. Mulder hatte nach ihrer
Rückkehr zwei Wochen lang nicht richtig mit ihr geredet. Das
waren die schlimmsten zwei Wochen ihres Lebens gewesen und sie
wollte diese widerliche Schlange dafür umbringen. Doch sie
ballte ihre Fäuste still und blieb vor seinem Bett stehen. In
ihren Augen jedoch stieg ein Tränenspiegel hoch, den sie mit
aller Kraft zurückhielt.
Der Raucher begann mit einem rauen Krächzen zu sprechen. Seine
ganze zusammengefallene Gestalt hatte hier im Dunkeln etwas
Krähenhaftes.
Agent Scully! Es ist schön, dass Sie die Zeit gefunden
haben, mich hier zu besuchen.
Scully hatte keine Lust auf Small-Talk.
Was wollen Sie? fragte sie mit vor Wut zitternder
Stimme.
Wer wird denn hier vor einem alten sterbenden Mann so an die Decke gehen? Sie sollten sich erst einmal anhören, was ich zu sagen habe. Bitte Alex, holen Sie ihr einen Stuhl.
Ich will mich nicht setzen, ich
will verdammt noch mal wissen, was dieser ganze Zirkus hier soll
! wehrte sich Scully. Der Raucher blieb vollkommen ruhig
und belächelte ihre Wut in seiner gewohnten Arroganz.
Gut. Ich werde Ihnen sagen, warum Sie hier sind. Sie sind
hier, weil ich will, dass Sie Mulder finden. Ich will, dass sie
ihn für mich finden, für die Menschheit und - Ihretwegen. Ich
weiß, dass Sie denken, ich hätte etwas mit seinem Verschwinden
zu tun, so wie ich etwas mit Ihrer Entführung zu tun hatte.
Scully schluckte. Der Raucher machte eine Pause. Er griff nach
einer Zigarette. Ach, Agent Scully, würden Sie? sah
er sie an und blickte auf das Feuerzeug auf dem
Waschschränkchen. Doch Scully nahm ihm die Zigarette aus der
Hand und warf sie mit einem vernichtenden Blick auf den Boden.
Sie rauchen gefälligst nicht in meiner Gegenwart.
Agent Scully, haben Sie etwa jetzt
schon Muttergefühle? Keine Sorge, Ihr Baby wird gesünder sein,
als wir alle zusammen. Scullys Herz klopfte so sehr, dass
sie dachte, es würde ihr aus der Brust springen. Woher wusste
der Raucher von ihrem Geheimnis? Sie hatte es nur Skinner gesagt!
Wer hat Ihnen-! wollte sie ihn gerade fragen, als er
ihr ins Wort fiel. Ich weiß noch viel mehr über Sie als
Ihnen lieb ist. Aber Sie lassen mich ja nicht ausreden.
Scully setzte sich nun doch auf den Stuhl, den Krycek ihr
hingestellt hatte. Also gut. Ich höre! sagte sie
bissig und wartete angespannt auf die Dinge, die der Raucher ihr
zu sagten hatte. Agent Scully, ich sage Ihnen das jetzt
alles nur, weil ich bald sterben werde. Ich möchte, dass Sie ab
hier meine Arbeit übernehmen. Sie müssen versuchen, diese
Invasion aufzuhalten. Sie müssen in die anderen Städte reisen,
in denen es zu Entführungen kommen wird. Sie müssen Mulder
finden. Er ist er einzige, der gegen Purity II absolut immun ist.
Wir brauchen ihn im Interesse aller. Nur im Moment haben DIE ihn.
Wenn sie vor uns die Ursache für seine Immunität herausfinden,
dann wird Ihr Kind die Welt, wie Sie sie kennen, nicht mehr zu
sehen bekommen. Die Aliens haben sich weiterentwickelt. Sie haben
unsere kleine Verschwörung aufgedeckt und wissen nun, dass wir
Alien-Mensch-Hybriden haben. Hybriden wie Mulder. Wie Billy Miles
und Teresa Nemman....Und Ihr Baby.
Das reichte. Scully sprang vom Stuhl auf und packte den Raucher
an seinem Pyjamakragen. Was ist mit meinem Baby?!
schrie sie ihn an. Krycek aber umfasste fest von hinten ihre
Schultern und zog sie zurück auf den Stuhl. Der Raucher
lächelte milde.
Ehrlich gesagt. Ich weiß es nicht. Sie sind die erste
Frau, die ein Kind von einem immunen Hybriden zur Welt bringt.
Ich bin ebenso gespannt auf das Ergebnis wie Sie.
Scully hätte ihm am liebsten ihre gesamte Wut ins Gesicht
gespuckt, doch sie war zu aufgebracht. Ich habe genug
gehört! Sie widern mich an! Ich werde Mulder finden, aber nicht
Ihretwegen. Und ich werde alles tun, um zu verhindern, dass Sie
Mulder noch einmal in Ihre schmutzigen Finger bekommen und einen
Ihrer menschenverachtenden Versuche an ihm durchführen.
Sie stand ruckartig auf und stieß dabei den Stuhl um. Mit einem
hasserfüllten Blick wendete sie sich von ihm ab und wollte zur
Tür gehen. Sie können tun, was Sie wollen Agent Scully,
Sie müssen mir nicht glauben. Ich möchte Sie nur warnen, dass
Sie auf Ihrer Suche nach Mulder nicht allein sein werden. Die
werden verhindern wollen, dass Sie ihn finden. Die haben Soldaten
unter uns gemischt. Soldaten, die das neue Virus in sich tragen.
Purity II. Mulder ist der Einzige, der immun dagegen ist. Sie
nicht, Agent Scully. Sie sind denen hilflos ausgeliefert. Mir
persönlich ist das egal, ich werde sterben, Agent Scully. Ich
sterbe an demselben Krebs, den Sie nur mit meiner Hilfe besiegt
haben. Und sie werden auch sterben, wenn Sie Mulder nicht finden.
Er machte eine Pause und lächelte sie gönnerhaft an.
Ich fände es einfach schade, wenn meinem Enkelkind etwas
zustoßen würde, verstehen Sie? Fahren Sie zur
Hölle! zischte Scully ihm zu. Sie stieß Krycek zur Seite
und fuhr ihn an: Und Sie können gleich mit ihm fahren!
Sie ging mit schnellen Schritten den Flur zurück und die Treppe
hinunter, wo sie am Eingang erst merkte, dass Krycek sie ja
hergefahren hatte. Während sie dort im Dunkeln stand, fasste sie
mit zitternden Händen ihren Bauch an und streichelte ihn, mehr
um sich selbst zu beruhigen als das Kind in ihr, von dem sie nun
nicht einmal mehr die Gewissheit hatte, was es überhaupt war.
Sie hatte zu viel gehört, sie war vollkommen überfordert und
merkte, wie sie unter der Last der Informationen zusammen zu
brechen drohte. Sie musste Mulder finden. Alleine würde sie
diese Suche nach der Wahrheit nicht beenden können. Sie musste
zu dem Ort fliegen, an dem die nächste Entführung stattfinden
würde.
Krycek wollte gerade ebenfalls den Raum verlassen und Scully
zurück zu ihrer Wohnung fahren, als der Raucher ihn zurückrief.
Alex ?! Er drehte sich um und ging auf den alten Mann
zu. Alex, ich weiß, was Sie sind. Der junge Mann
starrte kalt und regungslos in die grauen eingefallenen Augen des
Rauchers. Ach ja? Na, da bin ich ja mal gespannt.
Sie sind einer von denen. Ich warne Sie, lassen Sie sie in
Ruhe nach Mulder suchen. Die Beiden werden es ohnehin nicht
alleine schaffen. Krycek beugte sich über den alten Mann.
Wie wollen SIE mich denn aufhalten, sie altes krankes
Nichts?
Er beugte sich tiefer über ihn und erstickte den panikerfüllten
Schrei des alten Mannes indem er seinen weit geöffneten Mund auf
den des Rauchers presste. Sein ganzer Körper kontrahierte sich,
als er das schwarze Öl in den alten Mann hineinwürgte. Eine
Weile merkte man, wie der Körper des Rauchers noch in
verzweifelter Pein zuckte und sich mit allen Kräften gegen das
Virus wehrte, doch schließlich färbten sich seine Augen
schwarz, der schwarze Krebs floss aus seinen Ohren und
Nasenlöchern und drang in seinen Geist und umhüllte ihn für
immer in der Finsternis des Todes.
Alex drehte sich weg von der Leiche des
Rauchers, strich sich seine Haare glatt, wischte einmal mit einem
Taschentuch über seinen Mund und ging hinunter zur
Eingangshalle, wo Scully die ganze Zeit nichts ahnend auf ihn
gewartet hatte und er sie ohne, dass sie ein Wort wechselten,
nach Hause fuhr, wo er sie in ihre Wohnung entließ. Er ahnte, wo
sie als nächstes hinreisen würde und er wollte nur noch sicher
gehen, dass Mulder nicht lebend zurückkehren würde, dann würde
er auch endlich seine Partnerin und ihr ungeborenes Kind
beseitigen können. Vor Aufregung spürte er das Virus in seinen
Adern kribbeln und sah auf seine Hände, in deren Venen schwarze
Flüssigkeit durch sein Gewebe floss.
Als hinter ihr die Tür ins Schloss fiel, ließ Scully sich mit
ihrem Rücken dagegen fallen und stöhnte. Sie rieb sich mit der
Hand den Nacken, er war verspannt und über der Stelle, wo ihr
Implantat saß, juckte es. Sie hasste den Gedanken, dass dieser
Chip immer noch in ihr saß, doch sie fürchtete, der Krebs
würde ihren Körper zurückerobern, ließe sie es sich
entfernen.
Die letzten 24 Stunden waren ihr so unwirklich erschienen. Es kam
ihr alles wie ein Traum vor. Sie konnte einfach nicht mehr. Es
fiel ihr schwer, sich überhaupt noch darauf zu konzentrieren,
was sie als nächstes tun musste und sie ließ sich vollkommen
erschöpft und mit einem quälenden Gefühl böser Vorahnungen in
ihr Bett fallen und schlief bis in die frühen Morgenstunden
durch, bis ihr Wecker sie jäh aus ihren unruhigen Träumen riss.
Doch am Morgen sollte sie all das Erlebte vom Vortag einholen.
All die Informationen, die, egal ob sie nun falsch oder wahr
waren, sie zutiefst mitgenommen hatten, all die Befürchtungen,
die sie hinsichtlich Mulders Verschwinden in sich trug, all die
Ängste bezüglich dieses Wunders, das in ihr zu leben begonnen
hatte, all das raste durch ihren Kopf und bereitete ihr
kräftezehrende Schmerzen.
Ihr war wieder übel und sie konnte nicht einen Bissen ihres
langweiligen Frühstücksbrotes bei sich behalten, also fuhr sie
direkt ins Büro. Sie würde ein paar Tage frei nehmen müssen um
nach Mulder zu suchen. Sie musste Antworten finden, musste durch
das verworrene Netz aus Lügen und falschen Wahrheiten, das der
Raucher mit seinen Informationen nur noch dichter gesponnen
hatte, durchsteigen. Hinzu kam, dass sie sich mit aller Kraft
dagegen wehrte, ihren Vormittag in dem Kellerbüro zubringen zu
müssen. Allein und umgeben von tausend schmerzenden Erinnerungen
an ihn.
Als sie in Skinners Büro stürmte, platzte sie anscheinend
mitten in eine geschäftige Diskussionsrunde herein. Die Stimmen
verstummten und alle sahen zu ihr auf.
Ähm, Sir, könnte ich Sie vielleicht einen Moment unter
vier Augen sprechen? fragte sie ein wenig irritiert in den
großen Raum hinein. Ehrlich gesagt, haben wir die ganze
Zeit versucht, Sie auf Ihrem Handy zu erreichen, Agent Scully.
Wir sind gerade dabei, die Hinweise, die uns zu Mulder führen
könnten, durchzuarbeiten. Sie könnten uns da ehrlich gesagt
sehr behilflich sein. Scully starrte in die Runde der
Krawatten und Anzüge tragenden Männer, die vor sich Laptops und
Diaprojektoren aufgebaut hatten und sich hinter Aktennotizen
versteckten, und zweifelte ernsthaft daran, dass auch nur einer
von denen genug Phantasie besaß um annähernd begreifen zu
können, was hier vor sich ging. Es erschien ihr wie ein dummer
Scherz, dass diese ganzen Schreibtischtäter hier herumlungerten
und über einen Knopf im Ohr den zuständigen FBI-Agenten in
Bellefleur Ratschläge erteilten.
Sir? bat sie Skinner noch einmal um eine persönliche
Unterredung und er stand endlich auf, entschuldigte sich und
führte sie ins Vorzimmer.
Agent Scully, ich hatte ehrlich gesagt gedacht, Sie würden
sich ein paar Tage frei nehmen. Er legte ihr seine Hand auf
die Schulter. Das möchte ich auch, Sir, allerdings nicht
um zuhause zu bleiben. Ich würde mich gerne selbst auf die Suche
nach Mulder machen. Skinner sah ein wenig nervös auf die
Tür hinter ihr. Eine schwangere Frau auf der verzweifelten Suche
nach ihrem Partner. Ihm war nicht wohl bei diesem Gedanken.
Sind Sie sicher, dass das in Ihrem Zustand eine gute Idee
ist? Sollte ich Ihnen nicht zur Sicherheit einen Begleiter zur
Seite stellen?
Nein ! Das hier kann ich nur alleine
tun. Ich weiß, dass Sie eigentlich verpflichtet sind, mir
jemanden zuzuweisen, aber ich möchte, dass das möglichst
diskret behandelt wird.
Skinner sah die kleine viel zu blasse Person vor sich an. So zart
und schwach hatte sie lange nicht mehr gewirkt und hätte er sie
nicht gekannt, hätte er versucht, sie zu überreden, das nicht
alleine anzugehen. Doch er wusste, was für Kräfte in ihr
wohnten und nickte schließlich ein wenig widerwillig. Ich
möchte aber, dass Sie mich in regelmäßigen Abständen
kontaktieren, damit ich weiß, dass es Ihnen gut geht.
Scully schluckte und sah zu Boden. Seine Fürsorge berührte sie.
Er drückte ihre Hand, so dass Sie zu ihm aufsah. Ich kann
nicht zulassen, dass Ihnen auch noch etwas geschieht. Ich hab es
Mulder versprochen redete er ihr eindringlich ins Gewissen.
Sie nickte und verließ das Vorzimmer, jedoch nicht, ohne sich
kurz vor der Tür noch einmal umzudrehen und Skinner fest in die
Augen zu sehen. Sie wollte, dass er merkte, dass sie dem
vollkommen gewachsen war, obwohl sie sich dessen selbst nicht so
sicher war.
Skinner sah ihr noch eine Weile nach und betete insgeheim, keinen
Fehler gemacht zu haben, er würde sich niemals verzeihen
können, wenn ihr auch noch etwas zustieß. Er beschloss, sich
nicht darauf zu verlassen, dass sie sich bei ihm meldete.
Irgendjemand musste auf sie aufpassen.
Ein paar Stunden später, über Nebraska
Scully leerte den mittlerweile 7. Becher Tomatensaft seit das
Flugzeug in die Luft gestiegen war. Sie hasste Tomatensaft.
Wahrscheinlich waren das die Hormone. Sie sah auf ihren Bauch.
Hätte es der Arzt ihr nicht persönlich gesagt, sie hätte
niemals geglaubt, dass darin nun ein Kind wuchs. Ihr Kind. Und
das von Mulder. Sie zitterte vor Aufregung bei dem Gedanken
daran, dass er tatsächlich der Vater ihres Kindes sein sollte.
Da sie niemals wieder über dieses eine Mal geredet hatten
erschien es ihr heute so als wäre es nie passiert, wären da
nicht all die Bilder und Gefühle dieser gemeinsamen Nacht, die
sie beide in ihren Herzen trugen und die sich nun in diesem Kind
verewigt hatten, wie ein Ausrufezeichen hinter einem Satz, den
man lieber zurückgenommen hätte, kaum dass er ausgesprochen
war.
Doch sie konnte sich überhaupt nicht auf dieses Wunder in ihr
einlassen. Die Welt um sie lag in Trümmern und sie musste Mulder
finden.
Sie seufzte. Vor Einbruch der Dunkelheit würden sie sicher nicht
in Boise landen. Hier oben konnte sie nichts ausrichten, also
sollte sie lieber versuchen, sich ein wenig abzulenken. Sie
wusste ohnehin nicht im Geringsten, wo ihre Suche losgehen
sollte. Doch sie hoffte, ihre Intuition würde sie lenken. Sie
hatte den einsamen Schützen noch einen kurzen Besuch abgestattet
und sich vergewissert, dass sie sie jederzeit erreichen konnte,
was bei den drei Paranoikern nicht immer einfach war. Sie setzte
sich die Kopfhörer auf, die sie der Stewardess gerade abgekauft
hatte, und drehte das Bordprogramm etwas lauter. Während sie
Tschaikowskys Jahreszeiten lauschte, begannen sich die
Informationen in ihrem Kopf zu verselbständigen und verknoteten
sich zu Gedanken, die ihr immer, wenn sie sich darauf
konzentrieren wollte, einfach entglitten, als wären sie
glitschige Fische, die sie in einem reißenden Fluss mit bloßen
Händen zu fangen versuchte.
Ihr Blick lag in der Ferne auf den Wolkenbergen, die sich in der
langsam untergehenden Sonne rosa zu färben begannen. Ihre Augen
trübten sich in dem Schatten, der auf ihrer Seele lag, und sie
fuhr fort nachzudenken.
Sie fasste die Informationen der letzten Tage zusammen, so wie
sie es schon hundert Mal gemacht hatte.
Wie es aussah, waren Mulder und all die anderen dieses Mal nicht
vom Militär entführt worden, sondern es handelte sich um so
genannte echte Alien-Entführungen. Das stieß ihr
immer noch ziemlich auf und sie wusste nicht so recht, was sie
davon halten sollte. Doch wenn sie an den furchtsamen Ausdruck in
Skinners Augen und selbst in den Augen des Rauchers dachte und
daran, dass diese UFOs anders als die vorherigen nicht
über Magnetfeldanomalien aufgefallen waren, dann erschien ihr
das auch merkwürdig. Ihre eigenen Erlebnisse in Afrika hatten
sie dieser unheimlichen außerirdischen Macht gegenüber
ehrfürchtig werden lassen. Sie ging darüber nun nicht mehr mit
ihrer gewohnten naturwissenschaftlichen Arroganz hinweg, sondern
war nun selbst der Überzeugung, dass da draußen irgend etwas
war.
Eine Sache, die in ihrem Unterbewusstsein jedoch viel heißer
brodelte, waren die Aussagen des Rauchers, Mulder und ihr
ungeborenes Kind seien beide gleichermaßen nicht nur Ergebnisse
von Experimenten, die dazu gedient hatten Alien-Mensch-Hybriden
zu schaffen, sondern seien auch beide immun gegen diesen
schwarzen Krebs, Purity. Und was hatte das Gerede über Purity II
zu bedeuten? Und was für Soldaten hatte der Raucher erwähnt?
Sie spürte, dass das alles viel größer war als sie überhaupt
erfassen konnte. Sie musste Mulder finden. Sie alleine war dem
nicht gewachsen, sie schaffte es nicht, seinen Platz einzunehmen
und all diesen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Es war immer
sehr viel leichter gewesen, alles anzuzweifeln und Gegenbeweise
finden zu wollen, als plötzlich vor der Aufgabe zu stehen, das
Mysterium der Schöpfung klären zu wollen. Ein resignierter
Seufzer entwich ihren Lippen. Es machte keinen Sinn sich hier
oben weiter den Kopf zu zerbrechen. Und sie war zu müde und zu
erschöpft.
Draußen funkelte der erste Stern während die Sonne noch nicht
einmal untergegangen war, doch der Horizont färbte sich
dunkelrot und violett. Sie schaltete durch die Kanäle des
Bordprogramms und blieb an einem Lied hängen. Zwischen ihren vom
Denken müden Hirnwindungen breitete sich ein wohliges Gefühl
aus. Ein scheues Lächeln huschte über ihr Gesicht, so als wagte
sie vor Kummer schon gar nicht mehr sich überhaupt noch eine
Sekunde davon auszuruhen.
Dieses Lied hatten sie einmal auf einer CD gefunden, die Mulder
für ein Beweismittel gehalten hatte. Es war dabei um irgendein
Projekt über künstliche Intelligenz gegangen und anstelle der
Beweise hatte diese CD in ihrem Dienstwagen dieses Lied
abgespielt. Sie hatten sich die ganze Zeit während des Liedes
angeschaut und nicht gewusst, ob sie lachen oder weinen sollten.
Es war einer dieser Momente gewesen, die nur sie beide
miteinander haben konnten. Einer der Momente, in denen alles um
sie herum vergessen schien und sie sich wortlos über all das,
was in ihren Seelen vorging, austauschen konnten, mit einem
simplen Blick und einem einfachen Lächeln.
Das Lied gehörte eigentlich nicht gerade zu der Art Musik, die
sie gerne hörte, doch in diesem Augenblick größter Einsamkeit
hüllte es sie in Geborgenheit und sie erlaubte sich, sich einen
Augenblick in der Erinnerung an seine warmen Augen, seine sanften
Hände und seine starken Schultern zu verlieren und sich einen
kurzen Moment nicht vollkommen verlassen zu fühlen. Draußen war
der Himmel nun dunkelblau und in der unendlichen Weite des
Himmels blitzten viele Sterne auf.
Heavenly shades of night are falling, it`s twilight time
Out of the mist your voice is calling, `tis twilight time
When purple-colored curtains mark the end of day
I`ll hear you, my dear, at twilight time
Deepening shadows gather splendor as day is done
Fingers of night will soon surrender the setting sun
I count the moments darling till you`re here with me
Together at last at twilight time
Deep in the dark your kiss will thrill me like days of old
Lighting the spark of love that fills me with dreams untold
Each day I pray for evening just to be with you
Together at last at twilight time
:rotate: Als sie so aus dem Fenster sah und sich ein wenig in
ihrem Traum verloren hatte, merkte sie, wie das Flugzeug langsam
sank und den Flughafen von Boise anflog. Sie setzte sich aufrecht
in ihren Sitz und legte die Kopfhörer weg, ihre gesamte
Anspannung erfasste sie wieder und der kleine Moment der
Geborgenheit war verflogen.
Plötzlich blieb ihr Blick in der Dunkelheit haften. Sie konnte
ganz deutlich in den graublauen Schattierungen der jungen Nacht
Umrisse eines nur allzu vertrauten Phänomens unter sich in den
Feldern erkennen. Waren das nicht...sie rutsche unruhig in ihrem
Sitz hin und her und drückte ihre Stirn gegen das Fenster, um an
der Tragfläche vorbei sehen zu können, ob sie sich auch nicht
irrte.
Doch sie behielt recht: Dort unten waren geometrische Formen in
den Feldern zu sehen. Ich glaub es einfach nicht,
entwich es ihr in ihrem Staunen. Kornkreise!
Sofort als die Motelzimmertür hinter ihr geschlossen war,
hastete sie zu ihrem Telefon und tippte die lange fremdartige
Nummer ein, die Byers ihr gegeben hatte. Anscheinend eine
Telefonzellennummer. Sie hörte ein Freizeichen.
Carter, Reagan und Bush am Hörer, sprechen wir mit Nancy?
ertönte eine wohlbekannte Stimme am anderen Ende der Leitung.
Scully schmunzelte, ein selten blöder Code! Aber immerhin war
sie sich nun sicher, dass die Nummer stimmte. Nein, hier
ist Laura, bestätigte sie den absurden Code. Es klickte in
der Leitung und jemand atmete erleichtert auf. Agent
Scully, Sie sind schon gelandet?
Langley, was wissen Sie über Kornkreise in den Regionen, in denen die Entführungen stattfinden?
Kornkreise? Meinen Sie das wirklich
ernst? Frohike klang belustigt. Es war einen Augenblick
still als er sich nach endlos erscheinenden vierzig Sekunden -
Scully hatte die ganze Zeit die Uhr angestarrt - wieder zu Wort
meldete. Volltreffer! In den letzten vierzehn Monaten sind
in allen Städten Kornkreise gesichtet worden. Moment, ich hab
gleich die Daten... Er diktierte ihr der Reihe nach
verschiedenen Kalenderdaten und Scully notierte sie sich in der
Eile auf den Unterarm. Danke, ich meld mich wieder,
warf sie noch knapp in den Hörer und legte wieder auf.
Die Daten ließen sich in zwei Gruppen aufteilen. Die erste Serie
von Kornkreisen lag eine Weile zurück, während die zweite
gerade wieder begann.
Sie hatte eine ziemlich klare Vermutung, wohin sie das führen
würde und als sie die Krankenhausdaten der Entführten mit den
Erscheinungsdaten der Kornkreise verglich, bestätigte sich ihr
Verdacht: Die ersten Kornkreise waren jeweils in einem Zeitraum
von ca. 48 Stunden vor Auftreten der Gehirnanomalien der
Entführten aufgetreten und in Fallon, Parker, Alturas und
Bellefleur waren vor einigen Tagen von äußerst verärgerten
Farmern neue gemeldet worden. Jedoch an anderer Stelle.
Das war es. Die erste Kornkreisserie hatte bei den Entführten
die Gehirnanomalien ausgelöst, genau wie das Artefakt damals bei
Mulder...
Scullys Verstand weigerte sich noch, das zu begreifen. Es
handelte sich also tatsächlich um ein und dieselbe Macht wie
damals in Afrika, die hier jetzt gegen sie arbeitete.
Hatte vielleicht in den Worten des Rauchers mehr Wahrheit
gesteckt, als sie ihm zugetraut hatte?
Sie setzte sich auf das Bett und rieb ihren Nacken. Das Implantat
juckte wieder, sie konnte sogar deutlich fühlen, dass die Haut
darüber leicht erwärmt und geschwollen war. Hatte es sich etwa
entzündet? Dann würde sie es über kurz oder lang entfernen
müssen, wenn sie nicht wollte, dass ihrem Baby etwas passierte.
Ihr Baby. Sie konnte immer noch nicht akzeptieren, wie diese eine
Nacht der absoluten Unwahrscheinlichkeit dieses Ereignisses zum
Trotz dieses Wunder vollbracht hatte.
Mh. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es Zeit wurde,
schlafen zu gehen. Doch was würde sie tun, wenn sie aufstand? Wo
würde sie nach Mulder suchen? Wie konnte sie das nutzen, was die
Kornkreise ihr sagen wollten. Was würde Mulder tun?
Sie lächelte bei dem Gedanken daran, dass er sie wahrscheinlich
mitten in der Nacht wecken und mit ihr zu den Kornkreisen fahren
würde, um dort in der Dunkelheit mit Geiger-Zählern und
Nachtsichtgeräten herumzugeistern. Sie hatte allerdings das
Gefühl, dass ihr das nicht helfen würde.
Sie versuchte sich an die Form des Kornkreises, den sie vom
Flugzeug aus erspäht hatte, zu erinnern und in dem Katalog
geometrischer Formen, der irgendwo in ihrem Kopf in den letzten
sieben Jahren angelegt worden war, etwas ähnliches zu finden.
Hätte sie Mulder doch besser zugehört bei seinen stundenlangen
Vorträgen während ihrer vielen Autofahrten. Sie erinnerte sich
jedoch an eine Sache, die sie damals besonders beeindruckt hatte.
Sie zerrte ihren Laptop aus der Tasche und loggte sich vier
Kabelknoten später ins Netz ein. Nach einigen Klicks erschien
vor ihr des Rätsels Lösung: Es waren Maya-Symbole. Maya
Symbole für Sterne und Planeten. Sollten die Kornkreise etwa
eine Art Wegweiser darstellen? Oder markierten sie das Gebiet, in
dem das UFO landen würde? Ihr Kopf rauchte, doch jetzt würde
sie niemals schlafen können.
Man konnte bis spät in die Nach das Klappern ihrer Nägel auf
der Computertastatur vernehmen während sie den Kummer in ihrem
Herzen vollkommen vergaß. Jetzt hatte sie endlich etwas, woran
sie sich festhalten konnte.
--
There must be a scientific explanation
Zur selben Zeit, irgendwo
Ein greller Blitz schien direkt in sein Gehirn zu leuchten. Er
wusste nicht, wo oben, wo unten war. Er spürte die
Schwerelosigkeit seines Körpers. Er hing unter einem farblosen
und dennoch undurchsichtigen Gewölbe mitten in dem, was er als
Luft empfand, an Seilen, deren Enden irgendwo an der Grenze des
Raumes, die er nicht erfassen konnte, befestigt waren. Die Seile
waren durch Metallstifte, die seine Fingerkuppen und Zehen, sowie
seine Ohrmuscheln durchbohrten, an ihm befestigt und hielten ihn
so in einer anscheinend waagerechten Position. Er wusste nicht,
ob es waagerecht war. Er fühlte schon lange keinen Schwindel
mehr, hatte sich an den Verlust von Zeit, Raum und Koordination
gewöhnt.
Doch nun begann eine kalte Leere durch ihn hindurchzuwehen. Es
fühlte sich an, als rückten sämtliche Dinge, die für ihn
immer existiert hatten in ungreifbare Ferne. Er verlor den
Verstand. Er konnte nicht einmal mehr mit Sicherheit behaupten,
dass er existierte.
Der Metalldorn, der immer näher auf ihn zukam, schoss weiterhin
Blitze durch seinen Kopf während er wieder dieses laute
metallische Hauchen vernahm.
In ihm verkroch sich die Angst, weil sie sich selbst vor dem
Nichts fürchtete, dass sich seines Geistes bemächtigte. Er war
so allein. Ihm fehlte etwas. Jemand. Ein verschwommenes Bild
erschien vor seinem Kopf. Doch er konnte sich nicht erinnern. Er
hatte es einfach vergessen. Und nicht einmal Tränen konnten noch
aus seinen trockenen müden Augen entweichen. Nur ein dumpfer
kalter Schmerz hielt ihn in jedem Augenblick in jeder Faser
seines Körpers in seinen eisigen Händen.
8 Stunden später
Der Wecker klingelte aber Scully war schon vor Stunden aus einem
tiefen Traum hochgeschreckt. Sie konnte sich nicht mehr an ihn
erinnern, aber sie hatte das Gefühl gehabt, ihr wäre die Luft
zum Atmen genommen worden und als sie aufgewacht war, hatte sie
sich übergeben müssen und sich mit den schlimmsten Gedanken,
was Mulder gerade durchmachen mochte, bis in die frühen
Morgenstunden gequält. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer
Partnerschaft war sie vollkommen alleine. Sie waren schon oft
getrennt gewesen, doch sie hatte immer gefühlt, dass er in der
Not da sein würde. Nun konnte sie nicht einmal mehr fühlen, ob
er überhaupt noch lebte und es schien ihr, als sei er ihr zu
fern, als dass sie von hier aus irgend etwas bewirken konnte.
Doch es tröstete sie, sich in die Suche nach ihm zu stürzen,
sonst würde sie verrückt werden.
Scully verbrachte den ganzen Tag auf den Beinen in der hiesigen
Sternwarte und belagerte, nachdem sie ihren FBI-Ausweis gezückt
hatte, stundenlang einen kleinen dicken Professor, der jedoch
recht froh über die ganze Aufmerksamkeit, die seinem Randprojekt
plötzlich geschenkt wurde, mit einer Engelsgeduld auf ihre
Fragen einging. Sie hatte sich eine Satellitenaufnahme der
Kornkreise, die sie vom Flugzeug aus gesehen hatte, ausdrucken
lassen und war zusammen mit Kopien aus einem Universitätsband
über die astronomischen Kenntnisse und Kalender der Mayas direkt
nach Boise gefahren, wo sie auf einen Professor getroffen war,
der zufällig ein unglaublicher Fan antiken Astronomie-Wissens
war. Es dauerte einige Computersimulationen und Anrufe und damit
einige sehr mühsame Stunden, bis sie endlich etwas fanden, was
einen Sinn ergab. Die Kornkreise standen jeweils für bestimmte
Planeten- und Fixsternkonstellationen, die natürlich an jedem
Ort und zu jeder Tageszeit unterschiedlich waren, so dass man
aber, wenn man alle Kornkreise untereinander in Beziehung
brachte, einen ziemlich genauen Orts- und Zeitplan erhielt. Für
was und warum oblag natürlich noch ihrer Spekulation, doch in
Ermangelung anderer Hinweise hoffte Scully darauf, dass es sie
irgendwie weiterbringen würde. Trotz ihrer
überdurchschnittlichen Physikkenntnisse reichte ihr Wissen
anscheinend nicht aus, dem Professor bei seinen Ausführungen
wirklich folgen zu können, so dass sie am Ende das Ergebnis, das
er ihr ausgedruckte nur mit einem sehr dankbaren Lächeln
quittierte.
Am späten Nachmittag machte sie sich nach etlichen erfolglosen
Anrufen endlich auf den Weg, den Mann und die zwei Frauen zu
suchen, die laut ihrer Akten zu denen gehörten, die entführt
werden sollten. Sie hatte die Pflicht als Bundesagentin und als
Mensch, sie vor dem zu warnen, was mit ihnen geschehen würde.
Doch die drei Personen waren bereits wie vom Erdboden
verschluckt. Zwei von ihnen waren seit Wochen nicht mehr am
Arbeitsplatz erschienen und die dritte hatte sich angeblich auf
den Weg zu ihrer Schwester nach Denver gemacht, war aber von dort
nicht mehr zurückgekehrt und Scully konnte sie auch telefonisch
nicht bei ihrer Schwester erreichen. Die drei Personen blieben
unauffindbar und das machte Scully schreckliche Angst, weil es
ihr das Gefühl vermittelte ein vollkommen hilfloser Zuschauer
grausamer und sinnloser Ereignisse sein zu müssen.
11.21 abends
Sie hatte sich bei Einbruch der Dämmerung nach vielen
weiteren und ergebnislosen Telefonaten und nachdem sie zahlreiche
Nachrichten auf Anrufbeantwortern hinterlassen hatte, endlich mit
einem Kompass, diversen Karten und einer Taschenlampe in ihr Auto
gesetzt und war nach einigem Umherirren schließlich an dem Ort
angekommen, der laut der Kornkreise der Schlüssel zu irgendeinem
Ereignis sein musste. Sie hielt mitten auf der Straße an, ließ
ihren Wagen mit Standlicht stehen, damit sie ihn auch wieder
finden würde und machte sich auf den Weg, immer die Sterne im
Auge behaltend, da diese ihr die Richtung wiesen.
Es war sehr kalt hier draußen und die Nacht war so dunkel, dass
sie nicht einmal die Grenze zwischen Himmel und Erde erkannte.
Der Wind pfiff ihr leise um die Ohren und sie glaubte fast zu
spüren, wie die Wolken sich unheilschwanger über ihrem Kopf
zusammenbrauten, so dass ihr die Sicht auf die Sterne genommen
wurde und sie nun ein wenig hilflos und mit zittrigen Knien in
einem Wald an einem felsigen Hang stand und nicht genau wusste,
worauf sie eigentlich wartete, das hier war schließlich sonst
immer Mulders Erfahrungsgebiet. In ihr breitete sich eine
beklemmende Erwartungshaltung aus. Die hohen Tannen standen stumm
und schwarz in der Dunkelheit über ihr und es schien fast, als
würden sie ihr zusammen mit dem eisigen Wind, der durch ihre
Äste fuhr, eine Warnung zu flüstern.
In ihrer Aufregung war ihr nicht einmal aufgefallen, dass ihr die
ganze Zeit ein Wagen in sicherem Abstand gefolgt war und eine
dunkle Gestalt hundert Meter entfernt vor ihr ebenfalls auf etwas
zu warten schien.
Sie leuchtete mit der Taschenlampe auf ihre
Uhr als sie plötzlich ein Geräusch zu hören glaubte. Sie fuhr
herum, das war sicherlich kein Ast und auch kein Blatt gewesen.
Es hatte wie eine Art Hauchen geklungen. Irgendwie metallisch,
hohl. Sie schwenkte ihre Taschenlampe in alle Richtungen. In der
Ferne konnte sie erkennen, wie sich der Strahl an einer Stelle
stärker zu bündeln schien, als gewöhnlich. In ihrer Neugier
und weil sie am ganzen Körper fror, bewegte sie sich darauf zu.
Doch plötzlich merkte sie, wie Wind der Wind stärker wurde. Sie
drehte sich um und sah den Hang hinauf. Ihre Augen hatten sich
etwas an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnte nun erkennen, wie
die Wolken, die den Sternenhimmel verhangen hatten,
auseinanderstoben, als wären sie vor etwas erschrocken. Ihre
Hand zitterte. Sie fühlte sich in diesem Wald nicht sicher, die
Baumstämme ringsum sie herum kamen ihr vor wie Gitterstäbe
eines riesigen Käfigs und sie rannte intuitiv den Hang weiter
hinunter in Richtung Waldesrand. Sie spürte, wie der Wind um sie
begann, kleine Zweige von den Bäumen zu brechen und wie sich am
Boden vor ihr die Blätter wirbelnd im drohenden Sturm erhoben
und ihr ins Gesicht wehten. Das Hauchen schien nun in ihren Ohren
einen festen Platz eingenommen zu haben und der metallische
Klang, der darin mitschwang, schien bis ins Innerste ihres
Gehirns zu dringen. Ihre Taschenlampe begann zu flackern und sie
erkannte wie in der Ferne eine Gestalt durch den Lichtstrahl
ihrer Taschenlampe huschte.
Halt! Wer ist da? Sie war einerseits fast ein wenig
erleichtert, dass in dieser gespenstischen Finsternis anscheinend
noch jemand unterwegs war, aber zugleich ergriff sie Panik, ob
ihr jemand gefolgt war. Ihre Taschenlampe festklammernd rannte
sie mit festen Schritten auf den Punkt zu, wo die Gestalt gewesen
war. Hey! Stehn bleiben! rief sie in die Nacht
hinein. Doch während sie sich auf diesen Unbekannten
konzentrierte, spürte sie, wie der Boden unter ihren Füßen zu
vibrieren begann und in ihr eine beißende Kälte aufstieg.
Plötzlich wurde es taghell, so dass sie sogar für eine
Hundertstelsekunde ein Gesicht zwischen den Bäumen zu erkennen
glaubte und das metallische Hauchen verwandelte sich in ein
dumpfes lautes Brummen, das sich hinter ihr zu erheben schien.
Sie fuhr herum und schirmte mit ihren Händen die Augen vor dem
weißen Licht ab, dass sich vor ihr langsam aufschwang und immer
höher zu steigen schien. Ihr Herz raste als sie zu begreifen
anfing, was sie vor sich sah. Ihre hellblauen Augen weiteten sich
und sahen in das gleißende Licht, nach Antworten suchend. Muuuuuulder!!!!!
schrie sie dieses Licht verzweifelt an und rannte darauf zu. Ihr
Brustkorb schnürte sich vor Aufregung zu und ihr Herz schlug ihr
bis zum Hals.
Doch plötzlich spürte sie wie das Herz in ihr die Kontrolle
verlor und ihre Beine nachgaben. Sie bekam keine Luft. Und ihr
Nacken brannte. Das immer höher steigende Licht verschwamm zu
einem weißen Wattefleck vor ihren Augen und sie spürte nur noch
den harten Aufprall und den Stein, gegen den sie schlug.
Und wie zwei starke Arme plötzlich an ihrem Körper zogen und
eine tiefe Stimme etwas zu ihr sagte. Mit letzter Kraft versuchte
sie das Licht zu verfolgen, doch es verschwand im Nichts als sie
schließlich das Bewusstsein verlor.
Zur selben Zeit in einem
heruntergekommenen Appartment in einem Vorort von Washington D.C.
Der junge Mann wusch sich in seiner spartanischen Waschecke
seines Appartments mit kaltem Wasser das Gesicht. Dieses Ding in
ihm beherrschte seinen Geist und seinen Körper gleichermaßen.
Es war heiß und er hatte schreckliche Kopfschmerzen. Doch er
würde sich daran gewöhnen müssen. Nur so konnte er die
bevorstehende Apokalypse überleben.
Es war ein simpler Tauschhandel gewesen, ein Leben für ein
anderes, und während er das kalte Wasser in seinen Händen
fühlte, überlegte er eine Sekunde, ob es sich wirklich gelohnt
hatte, schüttelte diesen Gedanken aber sofort ab. Der Raucher
war eine lästige widerliche Schlange gewesen und es war höchste
Zeit gewesen, ihn zu entfernen. Er hob seinen Kopf und wollte
sich gerade Zahnpasta aus dem kleinen Spiegelschränkchen über
seinem Waschbecken nehmen, um den metallischen Geschmack, den
Purity II auf seiner Zunge hinterließ, loszuwerden. Doch er
zuckte erschrocken zusammen als er im Spiegel hinter sich eine
Person sah. Sein ganzer Körper spannte sich an. Als er herumfuhr
und direkt danach erkannte, wer vor ihm stand, beruhigte er sich
jedoch sofort wieder und atmete erleichtert auf.
Verdammt! Du hast mich zu Tode erschreckt. Was machst Du
hier in Washington? Die attraktive blonde Frau näherte
sich ihm und streckte mit besorgtem Blick seine Hand nach ihm
aus.
Du siehst schlecht aus, Alex. Bist Du sicher, dass es Dir
gut geht? Er schob ihre Hand etwas unsanft beiseite, bevor
sie sich auf seine Wange legen konnte.
Ja, mir gehts prächtig. Marita Covarrubias zog
die Stirn leicht in Falten. Er wirkte sehr angespannt. Sie atmete
tief durch und sah sich dann in dem dunklen kaum möblierten
Zimmer um. Agent Scully ist in Boise. Sie scheint nach
Antworten zu suchen. Doch ich fürchte, sie wird sie nicht
finden. Eine unangenehme Pause entstand. Marita räusperte
sich. Der Raucher ist in seiner Wohnung tot aufgefunden
worden.
Krycek ließ sich gelangweilt in einen alten Ledersessel fallen.
Ja und?
Ich frage mich, was Du damit zu tun haben könntest, Alex.
An seinen Lippen wurde ein dünner Film einer schwarzen öligen
Substanz gefunden. Ich dachte, Du könntest wissen, wo sie
herkam. Immerhin warst Du es doch, der vor drei Wochen in Japan
gewesen ist. Und so weit ich weiß sind die Japaner die Einzigen,
die schon im Besitz von Purity II sind. Immerhin haben sie den
Aliens auch einen hohen Preis gezahlt, indem sie denen sämtliche
ihrer Alien-Mensch-Hybriden ausgeliefert haben. Sie
schwieg.
Nach all den Jahren hatte sie so viele Einblicke in die finsteren
Seelen der mächtigsten Politiker erhalten und alles, was sie
daraus mitgenommen hatte, war, dass Korruption keine ethischen
und irdischen Grenzen kannte. Sie zweifelte ernsthaft daran, dass
es einen Unterschied machen würde, ob nun Menschen oder Aliens
das Leben auf diesem Planeten regierten. Es war so sinnlos.
Alex starrte auf einen Punkt auf der Wand hinter ihr. Welchen
Nutzen sollte ich aus dem Besitz von Purity II ziehen?
fragte er sie gereizt. In seinen Augen lag ein unheimlicher und
fremder Ausdruck. Naja, ich denke, es gibt eine Menge
Menschen, die Dir dafür recht viel zahlen würden. Für wen hast
du es besorgt? Krycek stand auf und ging mit langsamen
Schritten auf Marita zu. Zerbrich Dir darüber nicht Deinen
hübschen blonden Schädel, ich hab das alles vollkommen im Griff,
sagte er abfällig als er seine Hand nach ihr ausstreckte und ihr
einen lieblosen Kuss auf die Lippen presste.
Sie stieß ihn weg, Furcht und Ekel lagen in ihren Augen. Du
bist ja vollkommen übergeschnappt. Was haben Die nur mit Dir
angestellt? Ein missbilligender Ausdruck lag in ihrem
Gesicht und ihre kalten blauen Augen sprühten Funken als sie
sich zornig von ihm wendete. Meld Dich, wenn Du wieder
normal bist, ich jedenfalls werde nicht zulassen, dass alles den
Bach runtergeht. Und mit einem letzten eisigen Blick in
seine Richtung verließ sie seine Wohnung.
Alex drehte sich zu dem kleinen Fenster, von dem er auf die
Mülltonnen im Hinterhof sehen konnte.
Die Japaner hatten ihm in der Tat die neue Variante von Purity im
Tausch gegen die neueste Version amerikanischer Nanobots gegeben.
Der Raucher persönlich hatte ihn für diesen Auftrag nach Japan
geschickt. Doch er hatte das Angebot der Invasoren als wesentlich
verlockender empfunden. So hatte er Purity II zwar auf
amerikanischen Boden gebracht, doch anstelle es auszuliefern,
hatte er denen nur das alte Purity gegeben und sich mit dem neuen
selbst infiziert. Im Tausch dafür hatte er lediglich das triste
Leben dieser stinkenden rauchenden Qualle beenden müssen. Als
der alte Mann dann letzte Woche mit der Bitte, das UFO zu finden,
an ihn herangetreten war, schien die Zeit gekommen.
Diese Variante garantierte ihm wenigstens, dass er auf jeden Fall
eine Invasion der Aliens überleben würde. Weil er nun selbst
eins war.
Und als einer ihrer Soldaten hatte er eine höchst ehrenvolle
Aufgabe: Diese Invasion endgültig voranzutreiben.
Er lächelte mit blitzenden Augen, während Purity II sich in
jeder Zelle seines Körpers einnistete und seine Gehirnwindungen
umspülte. Es schien, als hätte er zum ersten Mal in seinem
kranken einsamen Leben eine Bestimmung gefunden, die seinem
widerlichen Naturell entsprach.
Am nächsten Morgen in einem Krankenhauszimmer
Für den Bruchteil einer Sekunde hörte sie Mulders Schrei. Eine
riesige Spitze aus Stahl tauchte vor ihren Augen auf und näherte
sich ihr unaufhaltsam. Ein lautes metallisches Hauchen ging von
ihr aus. Doch bevor sie all das bewusst wahrnehmen konnte, war es
wieder verschwunden.
Sie wurde von einem grellen Licht geblendet. Ihr ganzer Körper
zuckte kurz zusammen und sie öffnete zwinkernd die Augen.
Es war Morgen und durch ein Fenster schien die Sonne grell und
heiß in ihr Gesicht. Ihre Augen zusammenkneifend versuchte sie
sich daran zu gewöhnen und sich zu orientieren. Da stand ein
Mann an ihrem Fenster. Seine Silhouette wirkte vertraut. Einen
winzigen Moment breitete sich Wärme in ihr aus. Sicher! Das
alles war nur ein Traum gewesen und Mulder war hier bei ihr, in
diesem Zimmer. Sie war vor den drei einsamen Schützen in dem FBI
Konferenzraum zusammengebrochen und wachte nun in ihrem
Krankenbett auf und er war aus Bellefleur zurückgekehrt um bei
ihr zu sein. Erleichterung nahm ihr die ganze Last auf ihrem
Herzen ab.
Doch ihr sollte nur eine Sekunde später wieder die Enttäuschung
folgen, die die Last danach noch schwerer wirken ließ.
Der Mann bemerkte, dass sie wach wurde und kam auf ihr Bett zu.
Als er näher kam und das Gegenlicht schwächer wurde, spürte
sie, wie sich die eisigen Krallen, die ihr Herz bald seit einer
Woche festhielten, wieder enger schlossen. Es war nicht Mulder.
Und das hier war auch nicht das Krankenzimmer in Washington. Sie
lag in einem Krankenhaus in Boise. Ihr fiel plötzlich wieder
alles ein, ihr sinnloser Alleingang und ihr Erlebnis in dem Wald
da draußen. Jemand war dort gewesen. Hatte sie aufgefangen als
sie das Bewusstsein verloren hatte. Ihre Finger fühlten die
immer noch leicht pochende Wunde an ihrer Schläfe.
Sie sah diesen Jemand nun mit offenem Mund und noch etwas
benommen in die Augen. Er war ungefähr in Mulders Alter, jedoch
ein ganzes Stück kleiner als er. Und hatte härtere
Gesichtszüge. Sein Haar war aschblond und begann an den
Schläfen grau zu werden. Seine braunen Augen sahen Scully
freundlich an. Wer sind Sie? fragte sie ihn
irritiert.
Entschuldigung, ich hab mich noch nicht vorstellen können
, lächelte er sie an. Er hielt ihr seine Hand hin. Ich bin
Agent James Morgan. Assistant Director Skinner hat mich
geschickt, um... ...auf mich aufzupassen.
Scully beendete in einem kühlen und nüchternen Ton seinen Satz.
Sie ließ seine Hand allein vor ihr in der Luft hängen und
atmete tief durch.
Waren Sie das etwa in dem Wald? Sie haben mich fast zu Tode
erschreckt! Sie wollte ihm direkt zeigen, dass sie keinen
Babysitter brauchte, als hoffte sie, er würde davon in die
Flucht geschlagen.
Sie war wütend auf ihn. Und auf Skinner. Und auf sich.
Sie hatte diese Chance verpasst. Sie war einfach
zusammengebrochen. Skinner hatte Recht gehabt, sie nicht alleine
gehen zu lassen. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht?
Der viel zu freundliche Agent vor ihr nahm sich einen Stuhl und
setzte sich an ihr Bett.
Warum machte er das? Konnte er nicht einfach gehen? Musste er ihr
nun auch noch unter die Nase reiben, dass sie als Frau unbedingt
auf die Hilfe eines Mannes angewiesen war?
Geht es Ihnen wieder besser? Er war so nett zu ihr.
Das machte sie noch wütender, was ihm offensichtlich leidtat. Er
sah betreten auf seine Hände und schien vor irgendetwas Angst zu
haben. Schließlich fasste er sich ein Herz.
Agent Scully, das, was da draußen war...war das...
Doch er wurde unterbrochen als sich die Tür schwungvoll öffnete
und eine Ärztin hereinkam. Sie freute sich, ihre Patientin wach
vorzufinden und blickte den Besucher neben Scullys Bett
auffordernd an. Agent Morgan verstand und verließ diskret den
Raum.
Miss Scully! Es ist schön, Sie in diesem Zustand zu sehen.
Sie haben uns einige Sorgen gemacht. Sie lächelte sie an
und setzte sich auf die Bettkante. Ihrem Baby geht es gut.
Keine Angst, beruhigte sie Scully, die erst jetzt wirklich
begriff, dass sie in einem Krankenbett lag und instinktiv ihre
Hände auf ihren Bauch gelegt hatte. Um Sie mache ich mir
allerdings immer noch ein wenig Sorgen.
Was ist mit mir passiert? Scully sah die Ärztin
auffordernd an. Sie haben einen starken Eisenmangel. Ihr
Hämoglobin ist extrem niedrig.
Scully war erleichtert. Eisenmangel? Das war alles? Das ist
doch während einer Schwangerschaft normal. Oder nicht ?
fragte sie die Ärztin irritiert. Na ja, bei Werten um 9
bis 11. Aber ihr Wert lag gestern Nacht bei 4. Wir haben ihnen
mehrere Blutkonserven gegeben. Sie waren vollkommen hypoxisch.
Scully schluckte, das war allerdings sehr niedrig. Haben
Sie irgendwelche Blutkrankheiten, Geschwüre, die bluten könnten
oder irgendwelche bösartigen Erkrankungen oder Infekte, die das
verursacht haben könnten? Scully erzählte davon, dass sie
vor zwei Jahren an Krebs erkrankt gewesen war aber abgesehen
davon, wusste sie nicht, woran es liegen konnte. Die Ärztin
nickte.
Miss Scully, da ist noch etwas. Wir haben einen
Metallsplitter unter Ihrer Haut gefunden, der sich anscheinend
entzündet hat. Wir sollten ihn entfernen. Wenn sie eine
Entzündung im Körper haben, kann das ihre Werte zusätzlich
verschlechtern. Etwas zu heftig setzte sie sich auf. Nein,
das darf auf keinen Fall entfernt werden! Ich werde mich einfach
bei meinem Hausarzt noch einmal durchchecken lassen und dann eben
Eisenpräparate bis zur Geburt nehmen.
Die Ärztin lächelte. Ärzte waren die schlechtesten Patienten,
doch sie sah ebenfalls keinen Grund, warum sie eine junge
schwangere Frau, die ansonsten recht gesund war, nur wegen eines
Eisenmangels da behalten sollte. Sie stimmte ihr schließlich zu,
verabschiedete sich und verließ das Krankenzimmer.
Scully spürte wieder, wie das Metall in ihrem Nacken juckte.
Hatte dieses Ding vielleicht den Eisenmangel hervorgerufen? Sie
musste das herausfinden. Wenn sie krank war, würde sie ihre
Suche nach Mulder nicht fortsetzen können.
Als Agent Morgan in ihr Zimmer zurückkam lächelte sie ihm
tapfer zu und hoffte inständig, Skinner würde diesem blonden
Superagenten einen anderen Job zuweisen, sobald sie wieder
zurück waren. Doch für die Heimreise hatte sie wenigstens
jemanden, der sie auf dem langen Flug von all ihren Ängsten
ablenken würde.
Eine Woche später, Scullys Appartment
Scully rollte die Matte vor ihr auf dem Boden wieder zusammen.
Ihr Hausarzt hatte ihr ein wenig Bewegung empfohlen in Verbindung
mit Eisenpräparaten und Vitaminen. Yoga! Sie hob ihre Augenbraue
und stemmte resigniert die Hände in die Hüften. Das war nichts
für sie. Dieses spirituelle Gerede ließ ihren von der
Wissenschaft immer noch beherrschten Verstand bei jeder dieser
Verrenkungen aufschreien und sie bezweifelte, dass das ihr und
ihrem Baby gut tun würde. Es half nichts. Sie würde sich wohl
eine andere Sportart suchen müssen.
Die Übelkeit, die sie seit Wochen jeden Morgen geweckt hatte,
wurde langsam besser und sie hatte sich mit dem Gedanken, doch
noch ein Baby zu bekommen vertraut gemacht. Allerdings war ihr
dieses Baby immer noch fremd. Nicht weil sie es noch nicht sehen
oder fühlen konnte. Sondern weil ihr zwei Dinge fehlten : Die
Gewissheit darüber, dass es normal war und sein Vater.
Nach ihrer Rückkehr von Boise hatte Skinner sie in ihrem
eigenen Interesse vom Dienst suspendiert, da sie sich
geweigert hatte, sich frei zu nehmen. An ihrer Stelle war
Superagent Morgan nun damit beauftragt worden, sich darum zu
kümmern, all die Menschen auf ihrer Liste, die in Gefahr
schwebten, entführt zu werden, zu erreichen und zu warnen.
Scully seufzte und warf die Yoga-Matte wütend in den Abstellraum
und stellte sich unter die Dusche. Doch egal, wie kalt sie das
Wasser auch einstellte, ihre Wut kochte heiß in ihr hoch.
Es war absolut lächerlich, wie Skinner sich in dieser Sache
verhielt. Offensichtlich war er auch vollkommen verzweifelt. Hier
hörte sein Zuständigkeitsbereich auf. Mit
Telefonfangschaltungen oder der Suche nach Fingerabdrücken
würden sie Mulder nicht finden.
Sie sah gedankenverloren in den Spiegel als sie sich die Haare
mit dem Handtuch trocknete. Konnte Sie ihm einen Vorwurf machen?
Hatte sie so viel mehr als er erreichen können? Wusste sie denn
überhaupt, was sie nun tun sollte? War es nicht vielmehr so,
dass sie jede Sekunde ihrer Zeit in Gedanken bei Mulder war, in
der verzweifelten Hoffnung irgendeine Verbindung zu ihm
herzustellen, weil ihr alle irdischen Instrumente dazu nicht
ausreichen würden? Sie war wie so oft seit Beginn ihrer Arbeit
bei den X-Akten zwar mit all den Apparaturen, die die
Wissenschaft bereitstellte, ausgestattet, doch konnte rein gar
nichts damit anfangen.
Sie hatte in einer halben Stunde einen Termin bei ihrem
Frauenarzt und würde hoffentlich weitere Ergebnisse über ihren
Zustand und den ihres Kindes erfahren. Das war wenigstens etwas,
das sie kontrollieren konnte.
Doch ein unheimliches Gefühl in ihrem Inneren schien ihr selbst
diese Gewissheit nehmen zu wollen.
2 Stunden später, vor Dr.Coopers Praxis
In ihren Gedanken noch auf das Ultraschallbild in ihrer Tasche
und die Worte ihres Arztes konzentriert verließ Scully die
Praxis. Er hatte ihr nicht weiterhelfen können. Auf dem
Ultraschallbild sah alles normal aus. Und neben dem Eisenmangel
IN ihren Zellen hatte sie viel zu viel ungebundenes Eisen
AUSSERHALB ihrer Zellen, das in ihrem Blut frei zirkulierte und
so ihren Körper zusätzlich belastete. Doch alle Tests, die eine
Eisenverwertungsstörung nachweisen sollten, waren negativ
gewesen. Sie konnten also nur zusehen und abwarten.
Sie sah enttäuscht auf die andere Straßenseite wo gerade ein
großer schlanker Mann im Anzug auf dem Bürgersteig entlang
lief. Er erinnerte sie an Mulder.
In ihr kämpfte sie gerade gegen die Horrorvisionen, die ihre
Phantasie im Geiste kreierte. Würde ihr Kind gesund auf die Welt
kommen? Was hatte sie so sicher sein lassen, dass in der Zeit
seit ihrer Entführung nicht allerlei Experimente an ihren
Eizellen durchgeführt worden waren? Wie hatte sie sich nur
darauf einlassen können?
Ihre Schwangerschaft stellte sich einmal mehr nicht als Wunder
sondern vielmehr als schreckliche Bedrohung dar. Seit sie davon
wusste, hatte sie sich fremd gefühlt. Anfangs hatte sie gehofft,
dies wäre nur eine Frage der psychischen Umstellung oder der
Hormone. Aber nun mischten sich all die Zweifel und Ängste über
das Wie und Warum darunter und dieses Kind lag ihr wie ein
schweres unverdauliches Fragezeichen im Magen.
Sie schloss ihren Wagen auf, als sie etwas Weißes an ihrer
Windschutzscheibe flattern sah.
Sie ging um das Auto herum und zog eine Seite der Vancouver
Sun hinter ihren Scheibenwischern hervor. Wie kam eine
Tageszeitung aus Westkanada an ihr Autofenster? Sie schaute sich
um. Die Menschen liefen geschäftig und wie im Trance an ihrem
Wagen vorbei. Sie hatten keine Zeit. Der Alltag lullte sie
vollkommen ein und jeder folgte seiner Bestimmung. Niemand schien
an Scully interessiert zu sein.
Sie überflog hastig die Überschriften auf den zwei
Doppelseiten, blieb eine Sekunde an einem Artikel über
Heuschreckenplagen in den Wäldern Kanadas hängen das
konnte es doch nicht sein und drehte die Seiten um, bis
sie plötzlich auf einen Wissenschafts -Artikel auf der
Rückseite stieß.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über sogenannte
Junk-DNA
Junk-DNA. Scully erinnerte sich noch zu gut an den
Molekularbiologieprofessor in ihrem Medizinstudium, der ihnen
immer wieder eingeredet hatte: Nur weil wir nicht wissen,
warum wir sie in uns tragen, ist sie keineswegs als Müll zu
bezeichnen! So hallten seine Worte noch heute in ihren
Ohren nach. Sie las die Einleitung zu dem Artikel mehr aus
wissenschaftlichem Interesse und weil es sonst nichts in dieser
Zeitung gab, das in irgendeiner Weise erklären konnte, warum sie
dort an ihrem Auto geklemmt hatte.
In jüngster Zeit haben sich unter den Forschern des
Human-Genom-Projektes die Vermutungen gehäuft, dass es sich bei
inaktiven DNA-Abschnitten des menschlichen Genoms Introns
oder Junk-DNA, wie sie auch gerne genannt werden
keineswegs um rein repetitive und lediglich rein chemisch
bedeutsame Abschnitte der DNA handelt, sondern diese
offensichtlich doch eine Funktion haben. Einen ersten deutlichen
Hinweis darauf haben die Forscher erhalten, als vor einem halben
Jahr in Red Lake, Winnipeg, ein Mädchen zwei Monate zu früh
geboren wurde, das bei der neonatologischen Erstuntersuchung
durch überdurchschnittlich frühentwickelte neurologische
Funktionen nach der Geburt aufgefallen war. Neben einer abnormen
Menge an ungebundenem Eisen im kindlichen Blut waren sämtliche
Tests unauffällig gewesen weshalb dieser Fall zunächst zu den
Akten gelegt worden war.
Ungebundenes Eisen? Scully schluckte und klatschte ungeduldig die
Zeitung auf die Motorhaube. Sie beugte sich konzentriert über
den Artikel, so dass ihr Schatten sich in der grellen Morgensonne
über das weiße Papier legte. Hier musste doch noch was darüber
stehen.
Erst ein halbes Jahr später als das Kind mit starken
Krampfanfällen erneut in ein Krankenhaus eingeliefert wurde,
begannen Forscher sich eingehender mit dem Blut zu beschäftigen.
Hierbei fanden sie heraus, dass neben dem weiterhin viel zu hohen
Eisengehalt des Blutes einige Zellen hochaktive Junk-DNA
enthielten, die in den Zellen gesunder Menschen normalerweise
still und scheinbar funktionslos schlummert. Dies hat unter den
Genetikern wahre Begeisterungsstürme ausgelöst...
Scully las den Text noch zweimal durch und versuchte sich einen
Reim daraus zu machen. Ein Neugeborenes mit aktivierter Junk-DNA,
das durch hohe Werte ungebundenen Eisens im Blut aufgefallen war.
Vor ihren Augen drehte sich alles und die Buchstaben
verschwammen. Das war es, das war ein Hinweis.
Sie sah sich erneut um, ob sie jemanden entdecken konnte, doch
das Leben um sie herum schien in seinen gewohnten Bahnen zu
verlaufen und niemand schien Notiz von dem Wirbelsturm zu nehmen,
der gerade durch ihr Herz fegte.
Sie musste mehr über dieses Mädchen in Kanada herausfinden.
1 Stunde später im Keller des
FBI-Gebäudes in Washington
Eigentlich sollte sie hier gar nicht sein, wenn Skinner sie hier
entdecken würde, würde sie in arge Erklärungsnot geraten. Doch
nur innerhalb des FBI hatte sie Zugriff auf all die
Informationen, die sie brauchte. Immerhin musste sie über die
Landesgrenze hinweg recherchieren.
Sie kam sich vor, als sei es etwas Verbotenes und wollte gerade
die Bürotüre aufschließen, als sie merkte, dass diese bereits
offen war. Sie stutzte und ging vorsichtig hinein.
Niemand war da, das Licht brannte jedoch. Sie legte die Stirn
leicht in Falten und blieb in der Mitte des Raumes stehen. War
hier irgend etwas verändert worden? Es sah aufgeräumter aus.
Sauberer. Aber all die Zeitungsberichte und Photos, die Mulder
jahrelang gesammelt hatte, hingen noch an ihrem Platz.
Scully sah zur Decke. Jemand hatte allerdings die letzten drei
Bleistifte von da oben entfernt. Sie drehte sich auf ihren
Absätzen einmal im Kreis, die Arme vor der Brust verschränkt.
Es war merkwürdig.
Hier so allein zu stehen.
Es war so still und so tot hier ohne ihn.
Doch Scully hatte sich mittlerweile an den Schmerz in ihrer Brust
gewöhnt und es schien, als habe sie in den ersten Tagen bereits
so viele Tränen vergossen, dass sie nun keine mehr übrig hatte.
Sie zog die Luft durch den Mund ein, ging zu Mulders Schreibtisch
und setzte sich auf seinen Platz. Ihr Blick fiel auf sein
Namensschild, das auf seinem Tisch stand und sie nahm es in ihre
Hände und fuhr zärtlich mit ihren Fingern über jeden einzelnen
Buchstaben seines Namens. Ein Klingeln weckte sie aus ihren
Tagträumen und sie sah erschrocken auf das Telefon. Wer wusste,
dass sie hier war? Sollte sie abnehmen? Sie wartete noch ein paar
Sekunden, doch als es weiterklingelte, hob sie schließlich ab
und hauchte kaum hörbar nach einem kurzen Moment vollkommener
Stille ein vorsichtiges Hallo? in den Hörer. Doch in
der Leitung knackte es und jemand legte auf.
Der unbekannte Anrufer hatte sie jedoch wieder daran erinnert,
warum sie überhaupt hierher gekommen war und sie stürzte sich
gleich in ihre Recherche.
Eine Stunde und sieben Telefonate später hatte sie immerhin
herausgefunden, dass das kleine Mädchen Sara Fraser hieß und
mittlerweile gestorben war. Es war ein Jahr nach seiner Geburt an
plötzlichem Kindstod gestorben. Das war ein ungewöhnlich
später Zeitpunkt für den plötzlichen Kindstod.
Scully spürte, wie ihr Magen sich verknotete und ihr heiß
wurde. Nicht auszudenken, wenn das ihrem Kind zustoßen würde.
Ein entfernter Verwandter der Familie des Mädchens hatte Scully
am Telefon mitgeteilt, dass sich die Mutter des Kindes nach
dessen Tod einer UFO Sekte angeschlossen habe, weil sie
der Überzeugung gewesen war, die Aliens seien Schuld am Tod
ihrer Tochter gewesen. Das ließ Scully aufhorchen und sie
kontaktierte unter der Vorgabe, die jetzige Ärztin dieser Frau
zu sein, deren früheren Frauenarzt. Der Arzt allerdings schien
ihr nicht recht glauben zu wollen und hatte ihr lediglich gesagt,
dass die Mutter vor Sara während ihrer Schwangerschaft mehrmals
Probleme mit ihrem Eisenstoffwechsel gehabt habe. Er fügte noch
hinzu, dass die Schwangerschaft nur durch eine Spendereizelle
zustande gekommen war, da die Mutter selber eigentlich
unfruchtbar gewesen sei. Doch damit war für ihn auch seine
Kooperationsbereitschaft beendet und er würgte Scully recht
knapp ab.
Diese Informationen reichten ihr aber schon aus, um in
schreckliche Unruhe zu geraten. Die Vorgeschichte der Frau kam
ihr vor, als sähe sie in einen Spiegel. Es drängte sich ihr die
Vermutung auf, dass sie noch mehr mit der Mutter dieses Mädchens
gemeinsam hatte. Sie berührte vorsichtig das immer noch leicht
brennende Implantat in ihrem Nacken, was sie auf eine Idee
brachte.
Waren nicht in einer der zahlreichen X-Akten irgendwo
Informationen über Frauen, die dieser MUFON-Gruppe angehört
hatten und nach angeblicher Unfruchtbarkeit doch schwanger
geworden waren? Mussten da nicht auch Laborwerte vorhanden sein?
Sie stürmte zu den riesigen Aktenschränken, in denen die von
Mulder nach dem Brand mühsam rekonstruierten X-Akten lagerten.
Leider kannte sie nicht jeden Fall auch nur annähernd so gut wie
Mulder und daher würde ihre Suche sicherlich eine Weile dauern.
Ihre Finger glitten durch die vielen Hängemappen und ihre Augen
flitzten über jede Aktennummer.
Vor lauter Konzentration merkte sie nicht, wie Schritte auf dem
Gang näherkamen und jemand das Büro betrat.
Agent Scully! Schön, Sie hier zu sehen! Ich dachte, Sie
hätten sich frei genommen.
Mit einem Satz fuhr Scully hoch, sprang von den Aktenschränken
weg und knallte dabei die Schubladen zu. Sie hatte sich an einer
Akte geschnitten und ihr Ringfinger blutete.
Agent Morgan! Sie schon wieder! Ihr Herz pochte noch
von dem Schreck, den er ihr eingejagt hatte. Dieser Kerl hatte
wirklich ein besonderes Talent sie immer im falschen Augenblick
zu überraschen.
Agent Morgan sah, dass sie sich verletzt hatte und holte direkt
aus dem Erste-Hilfe-Kasten im Nebenraum, den Scully nie zuvor
bemerkt hatte, ein Pflaster, das er ihr gegen ihren starken
Widerwillen und lauten Protest über die Wunde klebte. Sie sah
ihn dabei die ganze Zeit irritiert an.
Was machte er hier? Er schien den Blick in ihren Augen richtig
gedeutet zu haben, denn er antwortete direkt auf ihre nicht
gestellte Frage.
Sie wundern sich bestimmt, was ich hier unten mache.
Assistant Director Skinner hat mir Ihr Büro zur Verfügung
gestellt, damit ich von hier aus in Ruhe versuchen kann diese
Entführungen zu verhindern. Er sah sich mit seinem
kalifornischen Superlächeln zufrieden um.
Scully spürte eine intensive Abneigung. Er entweihte diesen Ort.
Es war ihr Büro. Und Mulders.
Es ist nett hier unten. Sehr persönlich. Nicht so wie die
anderen Büros da oben. Scully biss sich auf die Zunge. Er
wollte sich hier doch nicht ernsthaft häuslich einrichten.
Haben Sie Erfolg gehabt? versuchte sie sich davon
abzuhalten diesen Mann aus ihrem Büro herauszuwerfen.
Erfolg? Womit? Ach, mit den Leuten auf Ihrer Liste.
Nein. Ich konnte bisher keinen einzigen von ihnen erreichen und
glauben Sie mir, ich habe es wirklich versucht. Aber sie alle
sind schon seit Wochen nirgends mehr gesehen worden. Das
überraschte Scully nicht. Ihr war es in Boise ja ähnlich
ergangen. Sie hatte nun fast ein wenig Mitleid mit dem Agenten.
Was hatte er nur verbrochen, dass er hier unten sitzen und den
ganzen Tag Phantomen hinterher telefonieren musste?
Der Agent spürte diesen beginnenden Sinneswandel in seinem
Gegenüber und fühlte sich ermutigt, das Wort zu ergreifen.
Agent Scully, wir haben noch gar nicht richtig die Zeit
gefunden, einander kennenzulernen. Sie haben ja die meiste Zeit
im Flugzeug geschlafen.
Die gerade aufgekeimte Sympathie in Scully verwelkte sofort
wieder.
Wirklich. Naja. Ich wüsste auch ehrlich gesagt nicht,
warum es so wichtig ist, dass wir uns kennen. Scully wurde
wieder ungehalten. Ihr Tonfall war so kalt, dass es nicht
verwundert hätte, wenn ihre Worte als Eisklötze zu Boden
gefallen wären. Doch Agent Morgan blieb davon unbeeindruckt.
Ich meine nur, dass ich vor diesem Auftrag immer gedacht
habe, Sie und Mulder seien bloß so etwas wie die Ghostbusters
des FBI. Er lächelte unbeholfen. Doch seit dieser
Sache da im Wald. Seit diesem diesem Licht und diesem
Sturm und der Kraft, die alles ringsum lahm gelegt hat...also,
Agent Scully, ich weiß nicht genau, was ich da gesehen habe,
aber es war wirklich unheimlich. Ich bin von Ihrer und Mulders
Arbeit fasziniert. Es ist ein Wunder, dass Sie die finanziellen
Mittel für all das gestellt bekommen, während ich mich schon
rechtfertigen muss, wenn ich eine Portion Pommes während meiner
Arbeitszeit im Drive-Through bestelle. In seiner Stimme
glaubte Scully neben all der naiven Begeisterung auch ein wenig
Verbitterung zu hören.
Fasziniert, ja ? Sie ging auf den Agenten zu. Sie
klang als würde sie ihn gleich beißen. Ich weiß nicht,
ob es wirklich so faszinierend ist, wenn der eigene Partner
plötzlich spurlos verschwindet und dem FBI nichts besseres
einfällt, als einen mittelmäßigen Agenten wie Sie an seiner
Stelle in sein Büro zu setzen und irgendwelche haltlosen
Nachforschungen anstellt, nur um das Gewissen all dieser
korrekten und anscheinend so besorgten Agents da oben zu
beruhigen.
Scullys Blicke schossen wie Blitze durch seinen Körper und ihre
Worte hatten schmerzhaft zugebissen. Sie drehte sich um und
wollte gerade den Raum verlassen, als Agent Morgan ihr nachlief
und seine Hand auf ihre Schulter legte.
Es tut mir leid, Agent Scully. Als ihre blauen Augen
zu ihm aufsahen und durch ihn hindurch drangen wurde er verlegen,
starrte seine Füße an und suchte nach den richtigen Worten.
Ich bin vielleicht etwas überfordert mit meiner Aufgabe
hier. Weil ich eigentlich gar nicht weiß, was ich tun soll. Aber
wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, dann wäre ich
sehr dankbar, wenn Sie mir das sagen würden. Scully sah
ihn an. Er wirkte verletzt. Sie war auch nicht gerade freundlich
zu ihm gewesen. Doch eigentlich war ihr das vollkommen egal. Sie
warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
Guten Tag, Agent Morgan. Sie zog ihre Schulter unter
seiner Hand weg und verließ das Büro.
Im Aufzug fiel ihr wieder ein, dass sie nun nicht wirklich
weitergekommen war, was ihre Nachforschungen anging und sie
verfluchte diesen Agent dafür.
Im Auto versuchte sie sich daran zu erinnern, was sie
herausgefunden hatte und wenn es auch nicht viel war, so reichte
es, um die Zahnräder in ihrem Geist permanent in Bewegung zu
halten. Ihr fiel es wie Schuppen von den Augen und sie machte
mitten auf der Straße eine laute quietschende Vollbremsung und
fuhr unter dem wütenden Gehupe der Autos hinter ihr vor
Aufregung an den Straßenrand um dort anzuhalten. Sie starrte mit
offenem Mund auf ihr Lenkrad. Inaktive DNA! Wie hatte sie das
vergessen können? Ihr Verstand musste vor Sorge um Mulder
vollkommen benebelt gewesen sein!
Sie wendete und fuhr in Mulders Appartment. Sie wusste, dass er
Kopien der wichtigsten Akten und Beweisstücke auf seinem
Computer gespeichert hatte.
Das halbnackte Pin-up Girl lächelte Scully von Mulders Desktop
aus an. Sie war aber zu aufgeregt, um es bewusst wahrzunehmen und
klickte sich durch Mulders Datenbank. Sein Passwort hatte er ihr
einmal aus Langeweile während einer langen Autofahrt verraten
und es schien immer noch dasselbe zu sein.
Sie öffnete die Datei, in der Mulder die Ergebnisse der
genetischen Tests an Gibson Praise eingescannt hatte. Und da
erschien es direkt vor ihren Augen und brannte sich in ihren
Verstand: Gibsons Junk-DNA war ebenfalls aktiviert gewesen. Und
noch viel mehr: Es waren diese Junk-DNA Sequenzen gewesen, die
sie in exakt derselben Abfolge in dieser Alien-Kralle gefunden
hatten. Scully erinnerte sich wieder an den Schauer, den ihr
diese Entdeckung damals über den Rücken gejagt hatte. Es fügte
sich nun endlich mit ihren Erlebnissen in Afrika und den heutigen
Ereignissen zu einem Bild, das wenigstens teilweise sinnvoll
erschien.
Es war diese Alien-DNA, die sie alle in sich trugen, die in
Gibson und anscheinend auch in Sara Fraser aktiviert gewesen war.
Sie musste nun noch herausfinden, was es mit diesen erhöhten
Eisenwerten auf sich hatte. Sie musste wissen, ob die DNA ihres
Kindes auf ähnliche Weise verändert war.
Am Abend in Scullys Appartment
Der Regen pochte an ihr Fenster und lief in langen glitzernden
Spuren das Glas herunter als Scully in ihrer Wohnung auf dem Sofa
saß und sich mit Mulders New York Knicks T-Shirt zugedeckt
hatte. Sie hatte es sich vorhin aus seiner Wohnung mitgenommen
und kam sich nun ein wenig wie ein alberner verliebter Teenager
vor. Doch es tat ihr gut etwas, das seinen Körper berührt hatte
und noch seinen Duft trug, bei sich zu haben. Es half ihr, sich
davon abzulenken, dass er vielleicht längst tot war.
Als ihr dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, war es ihr, als
würde in ihr ein Glas zerspringen und seine winzigen Scherben
würden durch ihren Körper schießen. Es tat ihr bis zu ihrem
Haaransatz weh daran zu denken und sie brauchte alle Kraft, um
sich davon abzuhalten, vollkommen zu verzweifeln.
Tagsüber gelang es ihr so gut, all das zu verdrängen, doch
abends holte es sie in ihrer Einsamkeit ein. Auf ihrem Gesicht
lag ein unerträglicher Ausdruck tiefen Leids, ein Schatten, den
kein Licht der Welt erhellen konnte.
Plötzlich zerschnitt ein schriller Ton die einsame Stille. Das
Telefon klingelte und riss sie aus ihrem Kummer.
Scully? meldete sie sich etwas müde und das T-Shirt
rutschte herunter und fiel zu Boden.
Agent Scully, hier ist Agent Morgan. Ich hab etwas
entdeckt, das Ihnen vielleicht bei Ihrer Suche weiterhelfen
könnte.
Scully fuhr sich mit ihrer Hand über die Stirn. Sie hatte ja
sämtliche Notizen in ihrer Wut im Büro liegen lassen. In seiner
Langeweile hatte er sicherlich Nachforschungen angestellt. Was
ist es denn? fragte sie aus Höflichkeit, doch ihre
Lustlosigkeit war kaum zu überhören.
Ich habe in Ihren Notizen auf dem Tisch etwas von
ungebundenem Eisen in irgendwelchen Blutproben gelesen. Ich weiß
ja nicht, welche Akte sie gesucht haben, als ich ins Büro
gekommen bin und sie so erschreckt habe. Aber ich habe hier etwas
gefunden. Und es... Er machte eine Pause.
Irgendetwas schien ihn aufzuregen. Naja, es ist eine Akte,
in der es um Assistant Director Skinner geht. Mir sagen die
Dinge, die darin stehen allerdings nicht viel, die Akte scheint
unvollständig zu sein. Aber vielleicht wissen Sie ja, wovon ich
rede.
Scully konnte sich eigentlich nur an eine handvoll Akten
erinnern, in denen Skinner eine Rolle gespielt hatte. Ihr kam es
nicht so vor, als könnte irgendeine davon Relevanz für sie
haben, immerhin ging es hier um ihr Baby. Sie wollte das jedoch
nicht am Telefon klären, also zog sie sich ihren Regenmantel
über und fuhr noch einmal in die Innenstadt. Dieser Agent war
nicht nur eine Nervensäge, er hatte auch noch kein Privatleben!
Eine halbe Stunde später im Keller des
FBI-Gebäudes
Nur die kleine Schreibtischlampe erhellte noch das dunkle Büro
während leise der unendliche Regen auf das Kellerfenster
prasselte. Agent Morgan saß hinter einem Stapel Akten auf
Mulders Platz und aß einen Schokoriegel. Als er Scully
hereinkommen sah, lächelte er wieder.
Dieses inflationäre Lächeln machte sie jedes Mal nervös und
sie reagierte darauf mit um so grimmigerer Miene. Hier, das
ist die Akte! rief er direkt und hielt ihr einen Stapel
Blätter hin. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen und sah sich
die Papiere nicht an.
Es ging um die Sache mit den Nanobots, die Skinner in sich trug.
Scully wusste jedoch nicht, warum Agent Morgan gerade diese Akte
herausgekramt hatte.
Sie zog ihre Augenbraue hoch und warf ihrem Gegenüber einen
fragenden Blick zu.
Sehen Sie sich die Laborwerte an! Sie blätterte
weiter durch und stieß schließlich auf den Laborausdruck des
Krankenhauses, in dem Skinner damals stationär behandelt worden
war. Sie überflog die Blutwerte. Sie schienen alle normal,
abgesehen von den roten Blutkörperchen, dem Hämoglobin und
sämtlichen Werten des Eisenstoffwechsels.
Das konnte nicht sein. Das war sicherlich ein dummer Zufall.
Doch sie hatte es vor sich schwarz auf weiß. Skinner hatte exakt
das gleiche ungebundene Eisen in seinem Blut gehabt, das sie nun
in ihrem trug. Scully musste sich setzen. Sie atmete schnell,
doch bekam kaum Luft.
Ist alles in Ordnung? Hilft Ihnen das irgendwie weiter?
Scully sah ihn unverwandt an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Sie schien ihn nicht gehört zu haben. Sie stand auf, reichte ihm
die Akte und ging auf die Tür des Büros zu.
Danke, Agent Morgan. sagte sie geistesabwesend und
bemühte sich, ihm zu zulächeln und wendete sich dann ab. Als
sie das Büro verließ, rief er ihr noch nach. Nennen Sie
mich doch James!
Er verharrte noch einen Moment in der Stille in dem warmen Licht
von Mulders Schreibtischlampe und seufzte. Er mochte diese starke
Frau, sie war zwar kühl und abweisend ihm gegenüber, doch
gerade das machte ihn so verrückt nach ihr.
Er liebte dieses Büro. Zum ersten Mal seit Beginn seiner Arbeit
beim FBI hatte er das Gefühl, hinter all diesen sinnlosen
Verbrechen einen winzigen Einblick in das zu bekommen, was
wirklich in der Welt vor sich ging.
Die ganzen Morde schienen vor dem, was Agent Scully und Agent
Mulder jahrelang untersucht hatten, so unwichtig. Und doch waren
die Dinge, die er hier gelesen hatte zu surreal als dass er
wirklich daran glauben konnte.
Er wollte hier bleiben. Er hoffte, Mulder würde ihm seinen Platz
nicht mehr wegnehmen. Seufzend sah er zu seinem
Schokoriegelrestchen und aß die letzten Krümel davon auf.
Er hatte offensichtlich keine Ahnung, wo er hier unten gelandet
war.
Auf dem Heimweg sah Scully vor sich auf der regennassen Straße
in die sich darin reflektierenden Straßenlaternen und verlor
sich in Gedanken. Sie wagte sie gar nicht zu Ende zu führen, da
sie sich davor fürchtete, welche einzige Schlussfolgerung die
Parallele zwischen ihren und Skinners Blutwerten zuließ. Sie
musste herausfinden, was da in ihrem Blut war.
Morgen würde sie nach Quantico fahren und dann würde sie diesem
Eisen in ihrem Blut auf die Schliche kommen.
Zur selben Zeit, irgendwo
Mulder hing noch immer in der Schwerelosigkeit an Seilen
befestigt irgendwo in einem riesigen Saal, in dem ununterbrochen
neue Geräusche auf seine Sinne einwirkten. Seine Augen waren von
all den grellen weißen Blitzen geblendet und er konnte kaum noch
die Dinge erkennen, die in und durch seinen Körper fuhren und
ihn unaufhörlich stachen. Noch immer zuckten die Blitze und
Potentiale durch sein Gehirn, die der Metalldorn in ihm
ausgelöst hatte. Sie hatten ihn direkt durch seinen Rachen
gebohrt. Doch seine Zunge war zu taub um die Wunde fühlen zu
können, die er an seinem Gaumen hinterlassen hatte.
Ein Schlauch wurde in seine Halsvene vorgeschoben. Es war ein
hohes schwirrendes Geräusch als es passierte. Er konnte nicht
sehen, was es war, doch sie ließen etwas Schwarzes über diesen
Schlauch in seinen Körper laufen. Es fühlte sich kalt und hart
an und erhitzte sich während es durch seinen Körper floss. Es
brannte unter der Haut in seinen Venen und sein Herz schien davon
härter und fester zu schlagen, so fest, dass es ihn in den
Rippen schmerzte.
Er spürte, wie es langsam in sein Gehirn gepumpt wurde, wie sich
seine Sinne davon umspülen ließen. Er sah, wie es in seine
Augen floss. Schwarze Schleier schwammen vor seinen Linsen und
ein metallischer Geschmack legte sich auf seine Zunge.
Er wollte das hier nicht. Er hatte Angst. Er wollte weg. Wo war
sie? Er konnte sich nicht an sie erinnern, aber er fühlte, dass
es sie gab.
Diese eine Person, die ihn als einzige hier
herausholen konnte. Doch sein lauter Schrei hallte ungehört
durch den riesigen Saal, in dem es außer ihm kein Leben zu geben
schien.
8 Stunden später
Scully schrie auf. Sie war schweißgebadet und in ihrem Kopf
pulsierte ein böser Schmerz. Sie sah auf die Uhr. Es war noch
sehr früh am Morgen. Und es war schon wieder einer dieser
Träume gewesen, der sie geweckt hatte. Sie konnte sich nie daran
erinnern, doch sie war jedes Mal vollkommen ausgelaugt und leer,
wenn sie daraus hochschreckte. Sie fasste sich an den Nacken, es
juckte wieder.
Das erinnerte sie daran, was sie heute vorhatte. Den Traum tief
in ihr Unterbewusstsein zurückdrängend machte sie sich fertig
für einen Tag voller Arbeit im Labor in Quantico.
Zwölf Stunden später zog Scully die Latexhandschuhe müde aus
und warf sie in den Müll unter der Lab-Bench. Sie atmete
erschöpft aus, ihre Augenlider sanken unter der Last ihrer
Müdigkeit. Ihr Körper wehrte sich sehr gegen die Anstrengung
und die Belastungen und ihr war schwindelig. Doch sie hatte nach
einer kleinen Recherche im Labor eine Technik gefunden, mit der
sie das ungebundene Eisen mittels magnetischer Trennverfahren aus
ihrem Blut hatte isolieren können.
Sie hielt das kleine Röhrchen mit dem Eisen gegen das Licht.
Viel konnte man so nicht erkennen. Die gräuliche Flüssigkeit in
dem Röhrchen schimmerte lediglich trüb. Also schloss sie den
Mikroskopierraum auf und strich einen Tropfen aus ihrem Röhrchen
auf einem Objektträger aus. Als sie durch das Mikroskop sah und
ihr Finger an der Mikrometerschraube das Bild vor ihren Augen
scharf gestellt hatte, setzte ihr Herz aus.
Sie zuckte zurück, stellte eine stärkere Vergrößerung ein und
sah in der Hoffnung sich verguckt zu haben, noch einmal hindurch.
Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf als sie diese
Metallpartikel betrachtete.
Die Vergrößerung reichte zwar nicht für Details aus, doch die
Struktur, die sie deutlich darauf erkennen konnte, war viel zu
regelmäßig und ähnelte einem Computerchip viel zu sehr, als
dass es sich um natürliche Eisenverbindungen handeln konnte.
Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf als ihr vor Panik
schwindelig wurde und sie sich die Augen schließend in ihrem
Stuhl zurücklehnte.
Waren das wirklich Abfallprodukte dieser Nanobots, die man in
Skinner gefunden hatte?
Sie legte die Hand über ihre Augen und konzentrierte sich einen
Moment. Bloß nicht durchdrehen! beruhigte sie sich
immer wieder. Doch sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte.
Irgendjemand musste ihr helfen. Sie konnte nicht zulassen, dass
diese Dinger in ihrem Körper blieben. Nicht so lange sie das
Baby in sich trug. Die Partikel waren zwar zu groß, um in den
Kreislauf ihres Kindes gelangen zu können, doch wer wusste
schon, was sonst noch in ihr vor sich ging?
Sie verließ mit dem Röhrchen in ihrer Tasche das Labor und
machte sich vollkommen ermattet auf den Heimweg als ihr Handy
klingelte. Agent Scully, hier ist James. Hier ist ein
Umschlag für Sie abgegeben worden. Soll ich den eben bei Ihnen
vorbeibringen oder holen Sie ihn sich lieber im Büro ab?
Woher hatte er ihre Handynummer? Sicherlich hatte Skinner sie ihm
gegeben. Scully sah gequält auf ihre Uhr. Es war schon spät,
sie hatte Hunger, ihr war schwindelig und das FBI- Gebäude lag
nicht gerade auf ihrem Nachhauseweg. Für heute hatte sie genug
Informationen, die sie verarbeiten musste, noch mehr Neuigkeiten
würden sie in den Wahnsinn treiben.
Nein, ist schon gut Agent Morgan, ich komme morgen früh
vorbei. Ich hab aber den Eindruck, dass es etwas
Wichtiges sein könnte. Ihr Appartment liegt auf meinem Heimweg.
Ich werfe den Umschlag einfach nachher bei Ihnen in den
Briefkasten. Scully setzte an, sich noch zu wehren, doch er
hatte schon aufgelegt. Na schön. Als Sekretär eignete er sich
immerhin ganz gut. Sie schmunzelte. James! murmelte
sie vergnügt. Doch eine Sekunde später war das Lächeln schon
wieder verschwunden und sie fuhr heim, wo sie erst einmal lange
duschte, während sie ihre Hände auf ihren Bauch legte und sich
und ihrem Baby versuchte Mut zu zureden.
Sie hatte es sich gerade gemütlich gemacht, bequeme Klamotten
angezogen und Caddy Shack eingelegt, einen von Mulders
Lieblingsfilmen, ein letztes Stück Lasagne aufgewärmt und
wollte versuchen, abzuschalten, um eine Nacht nicht von
Alpträumen verfolgt zu werden, als es klopfte.
Eine Sekunde war sie irritiert, doch dann hatte sie eine
Vermutung: Agent Morgan. Sie ging zur Tür und als sich ihr
Verdacht durch den Spion bestätigt hatte, öffnete sie
schwungvoll die Tür.
Agent Morgan! Das wäre doch nicht nötig gewesen,
begrüßte sie ihn frostig. Er reichte ihr den Umschlag und sah
sie betreten an, ein nervöser Blick huschte über ihre Schultern
auf den Film, der gerade im Fernsehen anlief.
Oh, Entschuldigung, ich habe Sie gestört. Geht es ihrem
Finger wieder besser? Scully sah auf ihre Schnittwunde. Was
wollte er denn noch von ihr, er hatte ihr doch den Umschlag
gegeben?
Ja, danke. Ähm. Agent Morgan? Sie wollte ihn jetzt
irgendwie loswerden.
Caddy Shack, hm? Guter Geschmack! Es kommt selten vor, dass
Frauen den Film mögen. Er lächelte sie an. Sie war
irritiert und sein Lächeln machte sie einmal mehr nervös. Damit
er das nicht merkte, drehte sie den Kopf weg und sah ebenfalls zu
dem Fernseher hinüber während eine peinliche Stille zwischen
ihnen in der Luft lag.
Ihre dampfende Lasagne auf dem Couchtisch erinnerte sie an ihren
Hunger und sie wollte sich wieder dem Agent zuwenden, um ihn
endlich nach Hause zu schicken als sie plötzlich seine Lippen
auf ihren spürte. Sie lagen ganz zart auf ihrem Mund, doch sie
hatte nicht damit gerechnet und war von dieser Annäherung
vollkommen überrumpelt. Einen winzigen Moment wusste sie nicht,
was sie tun sollte, doch dann wich sie einen Schritt zurück und
schob seinen Oberkörper mit ihren ausgestreckten Händen
bestimmt und ein wenig grob von sich weg. Sie sah ihn mit offenem
Mund aufgebracht an und legte die Stirn in Falten. Was bildete
sich dieser Grinse-Agent überhaupt ein? Sie war sprachlos! Also
presste sie die Lippen aufeinander, hob ihre Augenbrauen
auffordernd und verschränkte die Arme vor der Brust immer noch
nach Worten suchend. Agent Morgan, ich denke, Sie sollten
jetzt gehen! gab sie ihm nach einer endlos erscheinenden
Sekunde eindringlich und mit einem klaren Blick zu verstehen.
Der verwirrte Agent murmelte nur ein verschrecktes Ja,
natürlich. Verzeihn Sie! und machte auf seinem Absatz
kehrt um schnell in der Dunkelheit verschwinden zu können.
Hinter ihm warf Scully die Tür schwungvoll und laut knallend ins
Schloss.
Sie atmete erleichtert auf, diese Situation hatte sie vollkommen
verstört. Sie sah zum Fernseher und spürte einen Kloß im Hals.
Für die winzige Sekunde, in der er ihr nahegekommen war, hatte
sie die Sehnsucht wieder in sich gespürt. Sie war von den
Ereignissen der letzten Tage, von all den Ängsten und
Entbehrungen zu einem kleinen Funken in ihrer Seele verkommen,
doch dieser unerwartete Kuss hatte den Funken wie ein
vorbeistreifender Luftzug erneut entzündet und nun brannte das
Verlangen nach Mulders Nähe in ihr wie ein Feuer.
Es schmerzte sie so, ihn nicht bei sich zu haben. Und es
schmerzte sie noch mehr, dass dieser fremde Agent sich ihr ohne
Vorwarnung einfach genähert hatte.
Mit Tränen in den Augen legte sie sich auf das Sofa, schob den
Teller mit der Lasagne lustlos von sich und sah sich mit Mulders
T-Shirt in den Armen Caddy Shack an, bis sie vollkommen
erschöpft einschlief.
Drei Stunden später
Ein Geräusch weckte sie plötzlich. Sie setzte sich in der Couch
auf und sah sich um. Im Fernseher lief Schneegestöber, sie hatte
vergessen, den Fernseher auszustellen. Nachdem sie das Licht
angeschaltet hatte, ging sie sich neugierig umblickend durch ihre
Wohnung. Wo war das Geräusch hergekommen? Da fiel ihr Blick auf
den kleinen ausgebeulten weißen Umschlag, den Agent Morgan ihr
vorbeigebracht hatte.
Sie fasste sich mit den Fingerspitzen an die Lippen. Hatte er sie
tatsächlich geküsst?
Der Umschlag war von dem kleinen Tisch neben ihrer Tür gefallen.
Sie hob ihn hoch und riss ihn auf. Ein Autoschlüssel fiel in
ihre Handfläche. Es war ein neuerer Autoschlüssel mit
Fernverriegelung. Sie sah durch das Fenster nach draußen. Es
regnete nicht. Einen Moment überlegte sie, was sie tun sollte.
Dann zog sie sich kurzentschlossen ihren Mantel über, schlüpfte
in ein Paar Schuhe und ging mit dem Schlüssel aus dem Haus. Sie
entschied sich, einfach rechts den Block hinunter zu gehen und in
regelmäßigen Abständen die Fernverriegelung zu benutzen,
irgendwann würde sie vielleicht Erfolg haben und wenn nicht, war
der Absender des Umschlags selber Schuld. Er hätte sich ja
immerhin auch deutlicher ausdrücken können. Sie war ungefähr
hundert Meter gegangen und kam sich langsam ziemlich blöd vor,
mit diesem Ding herumfuchtelnd mitten in der Nacht durch ihre
Nachbarschaft zu laufen. Doch plötzlich zwitscherte etwas auf
der gegenüberliegenden Straßenseite und zwei Scheinwerfer
blinkten auf. Scully sah, dass jemand darin saß. Sie konnte
nicht erkennen, um wen es sich handelte, war sich aber nicht
sicher, ob es so klug gewesen war, ihre Waffe in ihrer Wohnung zu
lassen. Sie ignorierte all die Warnungen, die ihr Verstand von
sich gab, und ging langsam und wachsam um sich blickend zu dem
Wagen. Ihr Rücken versteifte sich vor Angst.
Als sie näher kam, erkannte sie schließlich, wer darin saß,
und ging mit klopfendem Herzen zur Beifahrertür, um sich neben
die Person zu setzen.
Agent Scully! Endlich! Ich
dachte schon, wir würden uns gar nicht mehr treffen.
Scully sah die blonde Frau zweifelnd an, sie wirkte ungewöhnlich
nervös und starrte dauernd nach irgend etwas suchend aus dem
Fenster.
Was wollen Sie? fragte sie in ihrem gewohnten
Tonfall, den sie immer dann aufsetzte, wenn sie ihrem Gegenüber
nicht traute und nicht wollte, dass es in ihrer Stimme ihre
Furcht mitschwingen hören konnte.
Agent Scully, ich weiß nicht, ob Sie begreifen, was hier
vor sich geht! Ich weiß, Sie haben Nachforschungen angestellt.
Bezüglich Ihres Babys. Scully konnte es einfach nicht
fassen. Wusste denn eigentlich jeder in dieser Stadt von ihrer
Schwangerschaft?
Was wissen Sie über mein Baby? In ihrer Stimme lag
die verzweifelte Bitte nach einer ehrlichen Antwort. Ich
weiß mehr als ich Ihnen sagen kann. Aber es ist wichtig, dass
Sie diese Nanobots in Ihrem Körper lassen. Scully war wie
gelähmt. Tränen stiegen ihr in die Augen, wie schon viel zu oft
in den letzten Wochen. Woher soll ich wissen, dass ich
Ihnen vertrauen kann? Woher soll ich die Sicherheit nehmen, dass
das nicht alles ein widerliches und krankes Spiel Ihres
kettenrauchenden Freundes ist, der mit dieser Technik nur die
Kontrolle über mein Kind erreichen will? Es brach einfach
so aus ihr heraus, sie wollte endlich Antworten, sonst würde sie
nicht die Kraft haben, dieses Kind auszutragen.
Agent Scully, der Raucher ist vor zehn Tagen tot in seinem
Zimmer aufgefunden worden und auch ich setze mein Leben aufs
Spiel während ich hier neben Ihnen sitze!
Sie zögerte und sah sich wieder unruhig und gehetzt in der
Dunkelheit um. In der Ferne ging jemand mit seinem Hund
spazieren.
Die Nanobots entstehen durch die Teilung des Chips, den der
Raucher Ihnen gegen Ihren Krebs gegeben hat. Es ist Teil des
Plans der Schattenregierung Alien-Mensch-Hybriden zu züchten.
Nur ist von dieser Schattenregierung kaum noch jemand am Leben.
Marita fühlte sich unwohl, sie hatte schon viel zu viel
erzählt. Aber es schien, als ließe es sich nach all den Jahren
kaum noch zurückhalten. Als müsse sie es erzählen, um es
selbst glauben zu können.
Scully hielt die Luft an. Sie glaubte nicht, was ihr da erzählt
wurde. In ihrer verzweifelten Verwirrung schien ihre
Rationalität sich zu verselbständigen und führte das Gespräch
für sie weiter während sie innerlich die Kontrolle verlor.
Ist dieses Mädchen, Sara Fraser, auch ein Produkt der
Experimente dieser sogenannten Schattenregierung?
Sie wollte wissen, ob der Artikel von Marita stammte.
Ja, aber bei diesem Mädchen hat es nicht funktioniert. Die
Eizellen, die der Mutter bei der künstlichen Befruchtung
eingesetzt wurden, waren manipuliert worden. Die gesamte Alien
DNA in ihnen war aktiviert worden und mit Purity II
re-infiziert worden. So wie es auch mit Ihren Eizellen passiert
ist. Die Nanobots sollten dazu dienen, den Embryo und seine DNA
während der gesamten Entwicklung zu steuern und zu nähren. Das
war der Plan. Doch etwas ist schief gegangen. Purity II hat das
Baby letztlich getötet.
Sie schluckte und holte tief Luft.
Doch wenn in diesem Fall Mulder der Vater ist... Sie
sah Scully vorsichtig von der Seite an. ...und ich nehme
an, dass er es ist, dann könnte es bei Ihrem Baby zum ersten Mal
funktionieren. Weil Mulder der Einzige ist, der bisher mittels
dieser Nanobots immun geworden ist. Marita biss sich auf
die Lippen. Das war zu viel gewesen, sie musste nun aufhören.
Was? Das glaub ich einfach nicht! Scully wusste gar
nicht, worauf sie zuerst reagieren sollte.
Ihre Gesichtszüge schienen zu entgleisen als Ausdruck des
Kampfes, den sie im Inneren austrug, ihre Augen starrten in
Fassungslosigkeit in Maritas Augen und um ihren Mund zuckte es in
Unglauben während ihre Stirn sich in nie zuvor gesehene Falten
legte.
Als sie schließlich wieder die Worte gefunden hatte, noch mehr
Fragen zu stellen, wehrte Marita sie mit einem angsterfüllten,
fast flehenden Blick ab. Ich kann Ihnen leider nicht mehr
sagen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es Ihrem Kind besser
ergehen wird, wenn Sie diese Nanobots ihre Arbeit machen lassen.
Dieses Kind ist unsere letzte Chance, Agent Scully. Außer uns
gibt es bald niemanden mehr in diesem Land, der daran
interessiert ist, diese Invasion irgendwie aufzuhalten. Und ohne
die Nanobots kann Ihr Kind nicht wachsen. Bitte versuchen Sie
nicht, darauf Einfluss zu nehmen, egal wie sehr es Ihnen
widerstrebt. Und als Frau weiß ich, dass es das tut.
Die sonst so kühle und kontrollierte Frau hatte Tränen in den
Augen, das konnte Scully selbst in der absoluten Dunkelheit der
Nacht sehen. Sie wendete sich von ihr ab und Scully begriff, dass
diese Unterhaltung beendet war. Also gab sie noch ein knappes und
schwaches Danke von sich und stieg aus dem Wagen aus,
um in ihrer Wohnung eine weitere schlaflose Nacht in ihrem Bett
zu verbringen. Sie dachte über diesen Tag und all die Dinge
nach, die innerhalb dieser 24 Stunden ihr gesamtes Weltbild
verändert hatten. Warum war Marita so offen zu ihr gewesen? Sie
hatte so verletzlich gewirkt, so schwach wie nie zuvor. Sie war
ihr fast sympathisch gewesen. Und wer hatte den Raucher getötet?
Sie war doch gerade bei ihm gewesen! Wo war Krycek? Würde es ihm
gefallen, dass Marita Scully in diese Geheimnisse eingeweiht
hatte? Oder war er vielleicht derjenige, der Marita zu ihr
geschickt hatte?
Was hatte sie da von Mulder gesagt? Dass er auch diese
Technologie in sich trug? Sie konnte es nicht fassen. Sie hatte
nie davon gewusst.
Und wollte sie wirklich zulassen, dass ihr Baby zu einem dieser
Alien-Mensch-Hybriden wurde? Ein Produkt dieser zwielichtigen
Regierung, die Mulder und sie seit Jahren bekämpften? War es
nicht besser, dieses Kind sterben zu lassen, als es zu einem
unnatürlichen von Menschenhand kreierten Wesen heranwachsen zu
lassen?
Es kam ihr alles wie ein riesiges Puzzle vor, dessen Teile sich
nicht zusammensetzen ließen. Erst als sich der Himmel in der
aufgehenden Sonne in zartem Rosa färbte, schlief sie erschöpft
und schweißgebadet ein.
Zwei Wochen später
Scully war an jenem Morgen nach ihrem Treffen mit Marita und
Agent Morgans Kuss am Ende ihrer Kräfte gewesen und hatte sich
erst einmal drei Tage bei ihrer Mutter ausgeruht. Sie hatte ihr
noch gar nichts von dem Kind erzählt und hatte es auch nur mit
sehr gemischten Gefühlen über die Lippen gebracht.
Sie wusste nun gar nicht mehr, ob sie es überhaupt behalten
wollte. Ein Kind, das nur mithilfe irgendeiner Technologie, die
sie nicht kannte, wachsen konnte. Sie fühlte wieder die
merkwürdige Fremde, die sich in ihrem Körper ausbreitete, so
als gehöre er mitsamt dem Baby gar nicht zu ihr.
Nach den drei Tagen bei ihrer Mutter hatte sie sich beim FBI
zurückgemeldet und Skinner gebeten, sie wieder in ihr Büro
zurückkehren zu lassen. Mit einem etwas unwilligen Grummeln
hatte Skinner aufgrund des eindringlichen Blicks in ihren Augen
letztlich zugestimmt, allerdings musste sie wohl oder übel noch
eine Weile mit Agent Morgan als Partner Vorlieb nehmen. Dem war
sein plumper Annäherungsversuch an dem einen Abend mittlerweile
sehr unangenehm und zum ersten Mal seit sie sich kannten, grinste
er sie nicht pausenlos an und gab sich sichtlich Mühe, Scully
bei ihren Recherchen zu helfen. Er war in der kurzen Zeit ein
äußerst guter Kenner der X-Akten geworden und wusste fast auf
jedes Stichwort die passende Fallnummer.
Sie hatte mehrmals versucht mit den Lone Gunmen Kontakt
aufzunehmen, doch bisher hatten sie sich nicht gemeldet.
Allerdings war sie auch nicht sicher, ob sie die richtigen
Schritte befolgt hatte. Mulder hatte ihr nie verraten, wie genau
er seine drei Freunde immer kontaktierte.
In ihrem Kopf hatte sie sorgfältig all das geordnet was sie seit
Mulders Verschwinden vor über einem Monat herausgefunden hatte
und mit dem verglichen, was sie die letzten sieben Jahre in all
ihren Fällen erlebt hatte.
Nun war der rationale Widerstand in ihr gebrochen. Wenn es um das
Baby ging, das sie sich so sehr gewünscht hatte, verließ sie
die Vernunft. Zum ersten Mal seit sie bei den X-Akten war konnte
sie daher zumindest teilweise die Dinge aus Mulders Blickwinkel
betrachten. Denn sie wollte nun glauben können. Daran, dass
alles gut werden würde.
Sie saß in ihrem Stuhl im Kellerbüro und wippte mit dem Fuß.
Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und stützte den
Kopf in die rechte Hand, während sie konzentriert auf die
Internetseite vor sich starrte.
Ihre Gedanken bauten gerade eine neue Welt in ihr auf. Es war
eine Seite der Navajo-Indianer. Sie hatte sich wieder daran
erinnert, dass dieses Volk erstaunlich oft in den X-Akten
aufgetaucht war, ihre Schriftzeichen waren es gewesen, die sie
damals von dem UFO in Afrika auf Blätter übertragen hatte. Sie
las die Schöpfungsgeschichte, die vor ihr auf dem Bildschirm
flackerte durch.
Wir lesen die Navajo-Sage über die Erschaffung ihrer Welt.
In dieser Geschichte waren die Insektenmenschen durch vier Welten
gegangen, doch in jeder dieser Welten erzürnten sie die Götter
und waren gezwungen, über ein Loch im Himmel in die nächste
Welt zu fliehen. In der vierten Welt trafen sie auf die Pueblo
Indianer und die Insektenmenschen erschufen die ersten Männer
und Frauen, die Navajo-Indianer. Wir leben heute in der fünften
Welt.
Loch im Himmel, Insektenmenschen, Erschaffung der Menschen.
Diese drei Dinge wollten ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie
hatte auf diesem Raumschiff, wenn es wirklich eins war, und sie
musste mittlerweile zugeben, dass ihr die Gegenbeweise ausgingen,
Zeichen entschlüsselt, die eindeutig den gesamten genetischen
Code des Menschen enthielten.
Die Panspermie-Theorie hatte sie immer als geeigneten Kompromiss
gesehen, all denen, die an die Entstehung des irdischen Lebens
durch außerirdische Mächte glaubten genau so gerecht werden zu
können wie denen, die an die Erschaffung des Menschen durch
Gottes Hand glaubten. Doch inzwischen sah sie keinen Unterschied
mehr zwischen diesen beiden Gruppen. Vielleicht und einige
Hinweise der letzten Jahre sprachen dafür waren sie
wirklich aus diesem Virus entstanden, das ursprünglich auf
diesem Planeten gewohnt hatte. Dann würden sie wirklich Teile
dieses Virus heute noch in ihrem Erbgut tragen.
Sie seufzte. Sie konnte sich einfach nicht von all den
wissenschaftlichen Lehrmeinungen und Schulweisheiten trennen, die
ihr jahrelang in den Verstand gehämmert worden waren. Sie würde
nie so frei wie Mulder denken können.
Sie grübelte weiter, in der Hoffnung von dem Virus in ihnen
irgendwie den Weg zu den Nanobots in ihrem Körper zu finden, als
sie plötzlich von dem lauten, schrillen Klingeln des Telefons
aus ihren Gedanken gerissen wurde.
Agent Morgan, den sie die ganze Zeit nicht mehr bemerkt hatte,
weil er still an Mulders Platz gesessen und interessiert in der
Akte über diesen Tooms-Fall, einen ihrer ersten Fälle, gelesen
hatte, nahm den Hörer ab.
Hallo? Er lauschte der Stimme am anderen Ende der
Leitung und sah zu Scully. Agent Scully? Ein junger Mann
namens Gibson möchte Sie sprechen. Er hielt die Hand über
den Hörer. Er klingt unter uns gesagt ein wenig aufgeregt.
Als sie den Namen Gibson vernommen hatte, sprang sie auf als
hätte sie etwas gestochen und lief schnell zu Agent Morgan um
den Hörer in Empfang zu nehmen.
Sie warf dem Agent einen auffordernden Blick zu, sie glaubte
nicht, dass dieses Gespräch für seine Ohren bestimmt war. Er
nickte und verließ den Raum.
Hallo Gibson! Wie geht es Dir? Ist alles in Ordnung?
Sie war aufgeregt, Gibson war ein seltsamer und auch wunderbarer
Junge und es tat ihr gut, mit jemandem zu sprechen, der Mulder
kannte und mittlerweile auch eine Art Freund geworden war.
Agent Scully, Sie müssen kommen. Irgendetwas stimmt nicht
mit Agent Mulder. Scully horchte auf. Was meinst Du
damit? Agent Mulder ist seit Wochen verschwunden. Dann
muss er hier in der Nähe sein. Ich kann ihn deutlich hören.
Bitte, Sie müssen kommen, es klingt nicht gut. Ich würde Sie
sonst nicht anrufen, das können Sie mir glauben. Ich
mache mich sofort auf den Weg, Gibson. Sie zögerte. Wohin
musste sie eigentlich? Sie wusste ja gar nicht, wo sich Gibson
zur Zeit aufhielt. Doch Gibson war ihr wie immer einen Schritt
voraus.
Ich bin dort, wo Sie auch gerade waren. Wir sollten aber
auflegen, die Leitung ist nicht sicher, Agent Scully. Es
klickte. Er hatte aufgelegt. Dort, wo ich war? Scully überlegte.
Sie war in Gedanken bei dieser Schöpfungsgeschichte der Navajo
gewesen. Sicher! Sie setzte sich vor ihren Computer und klickte
sich durch die Navajo-Homepage vor ihren Augen.
Es gab doch dieses Dorf in New Mexico. Zwei Klicks später
erschien eine Luftaufnahme des Indianer-Dorfes auf dem Bildschirm
vor ihr. Es war in Gallup, New Mexico. Sie war sich sicher, dass
Gibson das gemeint hatte und rauschte vorbei an dem immer noch
draußen wartenden Agent Morgan, der ihr folgte.
Sie brauchen gar nicht versuchen, mitzukommen, ich werde
alleine fliegen, wies sie ihn ab, bevor er überhaupt etwas
sagen konnte. Wo werden Sie hinfliegen? rief er ihr
nach als sie in den Aufzug ging. New Mexico! rief sie
ihm über die Schulter zu. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
--Vier Stunden später über Illinois
Wieder einmal saß sie in einem Flugzeug, biss auf ihren Nägeln
herum und starrte in Gedanken auf die Wolkenberge, die so weich
und einladend in der Sonne durch die Luft flogen. Als Kind war
sie in ihren Träumen immer darin herum gesprungen und hatte ihre
Geschwister mit Wolkenbällen beworfen.
Heute ließ sie sich in ihrem Traum hinein fallen und stellte
sich vor, wie das Weiß sie beruhigend in sich aufnahm und sie
wie eine Feder durch den Himmel trug. Sie wollte sich einmal so
leicht fühlen, es schien ihr seit Wochen als läge Blei in ihrem
Magen.
Sie hatte abgenommen. Der typische Heißhunger, den andere
schwangere Frauen hatten, blieb bei ihr aus.
Sie sah angewidert auf das geleerte Glas Tomatensaft vor sich.
Naja. Zumindest fast. Sie wünschte sich, ihr Heißhunger hätte
sich in Schokolade oder Pfannkuchen manifestiert.
Vor ihren Hormonen kapitulierend bestellte sie sich noch ein Glas
und sank danach wieder müde in ihren Sitz zurück und grübelte
über all die Dinge, die Marita ihr in der Nacht vor zwei Wochen
verraten hatte.
Weitere vier Stunden später
Scully stieg nach einem ziemlich wackeligen Flug von Albuquerque
zum kleinen Regionalflughafen von Gallup mit zittrigen Knien und
einem sehr flauen Gefühl in der Magengegend aus.
Die staubige Hitze schlug ihr ins Gesicht und kein Lüftchen
regte sich in der Nachmittagssonne. Sie hielt die Hand über die
Augen, damit sie in die Ferne sehen konnte.
Ringsum sie herum waren die Canyons und das Colorado Plateau zu
sehen. Die Erde war von den Monaten ohne Regen ganz trocken und
rissig und die Straßen vom Staub ganz verweht. In all seiner
Leere war es jedoch wunderschön. Das Licht schien auf die rote
Erde und warf lange Schatten. So hatte Scully es sich immer auf
dem Mars vorgestellt.
Sie war aufgeregt, Mulder hatte ihr schon oft davon erzählt,
dass er einmal hier her kommen wollte.
Sie ging direkt zur Autovermietung und besorgte sich einen Jeep -
mit Klimaanlage - sonst würde sie eingehen.
Eine knappe Stunde später fuhr sie durch den Eingang des Navajo
-Indianerreservats. Sie war schon an zahlreichen
Indianerskulpturen, Totempfählen und Schildern, die sie zu den
Hopi-Indianern und nach Los Alamos geführt hätten,
vorbeigekommen und hatte nur mit Mühe widerstehen können, ihnen
direkt zu folgen.
Doch zuerst musste sie Gibson finden.
Sie stieg aus dem Wagen aus und ging direkt auf eine Gruppe
indianischer Männer zu, die vor einem ihrer einfachen Häuser,
die wie Schuhkartons aussahen, saßen und sich unterhielten. Als
sie sie sahen, sprangen sie auf, als hätten sie einen Geist
gesehen und riefen irgendetwas in ihrer Sprache. Kurz darauf
wuselten aus all den anderen Häusern ungefähr zwei Duzend
anderer Indianer, die aufgeregt durcheinanderplapperten und
Scully neugierig anstarrten. Schließlich löste sich ein
älterer Mann von der Menge und näherte sich ihr.
Ich weiß, warum Sie hier sind. Wir haben Sie schon
erwartet. Kommen Sie bitte mit und kümmern Sie sich nicht um die
Anderen, die werden sich schon an Ihre roten Haare gewöhnen.
Er lächelte ihr aufmunternd zu und rief seinen Leuten etwas in
einem recht barschen Tonfall zu und sie wichen langsam in ihre
Häuser zurück. Doch ihre Blicke folgten Scully aus ihren
Fenstern heraus während sie durch das Dorf ging und sich sehr
unbehaglich fühlte.
Der Indianer stellte sich ihr auf dem Weg als Sike vor, was in
seiner Sprache so viel wie Stubenhocker hieß. Er lachte laut
darüber. Und Scully lächelte mit. Das Unbehagen in ihr löste
sich leicht. Am Ende der staubigen Straße bog er mit ihr links
in einen kleinen Seitenpfad ab und half ihr ein paar wacklige
Stufen aus recht lockeren Holzpfählen hinunterzusteigen. Vor ihr
lag ein dunkles, rundes Steinhaus, das anscheinend eines der
ältesten in diesem Dorf war. Es hatte keine Tür, sondern nur
einen Teppich als Vorhang.
Warten Sie kurz hier. Er ging voraus und Scully
konnte hören, wie er zu jemandem sprach. Mojag, hier ist
die Frau, von der Du mir erzählt hast. Soll sie hereinkommen?
Scully hörte keine Antwort, sondern folgte direkt dem Indianer,
der ihr zunickte.
Als sie den Raum betrat staunte sie. Sie stand inmitten eines
runden alten Raumes, dessen sandfarbene Wände das Licht golden
schimmern ließen. Auf dem Lehmboden lagen Indianerteppiche und
an den Wänden hing eine alte Maske, die mit Federn und türkisen
Steinen verziert war. Eine kleine Lampe, deren Schirm aus Leder
war, stand in einer Ecke auf einem kleinen Holztischchen. In der
Ecke saß im Halbdunkeln ein Junge auf einem Korbstuhl und las in
einem Spiderman-Comic.
Es war ein absurdes Bild und Scullys Gesicht hellte sich zum
ersten Mal seit langem in einem strahlenden Lächeln auf. Sie
ging auf Gibson zu und konnte nicht anders als ihn in die Arme zu
schließen. Sie war so glücklich ihn zu sehen. Sie hatte endlich
die einzige und letzte Verbindung gefunden, die sie zu Mulder
hatte.
Warum heißt Du hier Mojag? fragte sie ihn
verwundert. Er war älter geworden und sogar ein wenig gewachsen.
Doch so jung er immer noch war, aus seinen Augen schienen tausend
Jahre gelebten Lebens zu sprechen.
Das heißt in der Navajo-Sprache so viel wie niemals
still. Ich finde den Namen ziemlich passend, wenn Sie mich
fragen. Er nickte dem Indianer zu und dann Scully, die er
bat, sich zu setzen. Ich bin froh, dass Sie hier sind. Ich
habe dauernd diese Bilder in meinem Kopf.
Scully wagte kaum nachzufragen. Welche Bilder?
Von grellem Licht, verrückten Geräuschen und Schläuchen.
Und Metallspitzen und ich höre ihn immerzu schreien. Es macht
mir Angst, ich kann seit Tagen nicht schlafen. Agent Scully, Sie
müssen das irgendwie beenden.
Scullys Stimme brach. Das waren genau die Dinge, die ihr nachts
ebenfalls den Schlaf raubten, sie jeden Morgen schweißgebadet
aufwachen ließen mit diesem unruhigen Gefühl im Magen. Aber
was kann ich tun, Gibson? Sie beugte sich in ihrem Stuhl
vor und berührte mit den Fingerspitzen seine Knie, damit er sie
ansah. Seine müden Augen trafen auf ihre.
Ich weiß es nicht, aber es hilft schon, wenn Sie hier
sind. Dieses Dorf hier ist sicher. Er legte seine Hände
auf ihre Fingerspitzen.
Er fühlte den Schmerz in ihr. Es war derselbe, den er seit
Wochen in sich fühlte. Es war derselbe, den Mulder seit Wochen
durchlitt.
Zur selben Zeit, irgendwo
Mulder fühlte es immer noch in sich. Seit Tagen floss dieses
pechschwarze Wesen durch seine Adern und ließ ihm keine Sekunde
Frieden. Es benetzte seine Gehirnwindungen und flößte ihm
schreckliche Gedanken und Bilder ein, die ihm seine Seele
auszusaugen schienen. Er fühlte wie die Welt um ihn herum immer
dunkler wurde und wie sich ein grauer Schleier über seine Augen
gelegt hatte. Seine Wahrnehmung war getrübt und die Geräusche
drangen nur noch dumpf und schwirrend an seine Ohren.
Doch je weniger er von der Welt um ihn herum wahrnehmen konnte,
umso mehr spürte er die Welt in sich. Er konnte jeden
Augenblick, den Purity II durch ihn hindurchfloss, spüren, wo es
sich gerade aufhielt. Er fühlte, wie es in seinen Fingerspitzen
brannte, wie es sein Herz ausfüllte und wie es in seine Muskeln
gepumpt wurde. Aber er war nicht bereit vor diesem Ding zu
kapitulieren. Der Widerstand in ihm würde nicht brechen.
Er kämpfte und die Kraft dafür nahm er aus diesem unbestimmten
Gefühl in sich, das wie eine winzige Flamme in der Dunkelheit
Wärme und Licht durch seinen Geist schickte und ihm die
Gewissheit gab, dass er nicht verloren war. Er wusste, dass er
dahin zurückkehren würde, woher er kam.
Er hatte vergessen wo das war. Aber dieses Gefühl in ihm wurde
von Tag zu Tag stärker und er spürte, dass die Erinnerung
wiederkommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Er musste
durchhalten
23.21 Uhr, Helmsley Hotel, New York City
Marita war den ganzen Tag auf der Suche nach jemandem gewesen.
Sie hatte von einem Unbekannten eine Notiz erhalten, dass sich
ein Mitglied der Schattenregierung noch hier in der Stadt
aufhielt. Sie hatte ihren Termin in der UN-Botschaft genutzt sich
danach noch ein wenig in der Stadt umzuhören, doch es fehlte
jede Spur von ihm oder ihr. Sie hatte nicht einmal Informationen
darüber erhalten wer dieses Mitglied der Schattenregierung war.
Der UN-Beauftragte, mit dem sie sich zum Mittagessen getroffen
hatte, hatte größte Besorgnis darüber geäußert, dass die USA
mittlerweile die dritte Nation der UN waren, deren
Schattenregierung auseinandergefallen war. Mit Russland und
Deutschland waren somit die drei wichtigsten Länder praktisch
vollkommen schutzlos. Die Invasoren schienen stärker zu werden.
Es war die Rede von neuen Sklavenhybriden gewesen, die
mittlerweile unter ihnen waren und schon Purity II in sich
trugen. Sie sollten den letzten Widerstand bekämpfen, ehe das
finale Programm eingeleitet wurde.
Marita fuhr sich mit zitternden Fingern durch die Haare und
zündete sich eine Zigarette an, während sie aus ihrem
Hotelzimmerfenster auf die blinkenden Lichter der Großstadt
unter sich starrte.
In kaum einer Stadt der Welt war man so einsam wie hier in New
York. Außer in Tokio vielleicht. Überall herrschte Leben,
rannten die Menschen von einem Ort zum anderen, doch ohne Notiz
voneinander zu nehmen, ohne die Straßen wirklich mit Leben zu
füllen. Es kam ihr vor, als wären hier schon alle längst
Sklaven einer seelenlosen Macht.
Sie drückte die Zigarette wieder aus.
Hier war Rauchen nicht erlaubt und so oder so hasste sie sich
dafür diese Gewohnheit überhaupt angefangen zu haben. Sie
musste wieder einen klaren Kopf bekommen, in letzter Zeit war sie
viel zu labil gewesen.
Auf dem Weg ins Bad warf sie ihre Kleider ab und stieg
schließlich in die Dusche, wo sie sich mit geschlossenen Augen,
all die Bilder in ihrem Kopf verdrängend, das heiße Wasser
über ihren Körper laufen ließ. Sie genoss die Hitze und den
Dampf, die sie umgaben und sie in Geborgenheit hüllten. Ihre
Gedanken lösten sich langsam auf und es existierte nur noch
dieser Moment, ihr Gehirn war von dem Dunst benebelt und sie
massierte sich den versteiften Nacken mit ihrem Duschöl.
Sie schrie auf. Eine kalte Hand hatte sich ihr in den Nacken
gelegt. Sie fuhr herum und sah direkt in seine Augen. Sie stachen
kalt und schwarz zu.
Sie erkannte ihn kaum. Er hatte einen so kalten und harten
Gesichtsausdruck. Wie eine Maschine.
Raus hier! schrie sie Krycek an und versuchte an das
Handtuch zu kommen, das an der Wand hing, um sich bedecken zu
können. Doch er griff mit der Hand in ihr Gesicht und zog sie
daran zu sich, so dass ihr nackter nasser Körper gegen seinen
gedrückt wurde. Er fühlte sich an wie der Panzer eines Insekts.
Sein Griff lähmte sie und sie sah ihm direkt und voller Hass in
seine toten Augen.
Lass mich sofort los, Alex!
Sonst was? Denkst Du, Deine neue Freundin kommt und rettet
Dich? Ich weiß, dass Du ihr alles erzählt hast. Du hast nur
eine Kleinigkeit vergessen. Du hast ihr nicht verraten, dass das
Baby, das sie in sich trägt, auch nur ein Sklave sein wird. Das
war gar nicht fair. Doch sie wird es herausfinden und dann wird
sie dieses Baby nicht bekommen wollen.
Marita zitterte, es war so kalt und ihre Seele schrie vor Zorn
auf diesen Mann, den sie einst geliebt hatte.
Sie wird es bekommen. Und lieber ist es ein Sklave dieser
Rasse, die noch einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, als
dass es Kreaturen wie Dir dient.
Kryceks Griff um ihren Unterkiefer wurde fester und es schien
ihr, als würde er ihn zerquetschen wollen. Sie krallte ihre
Hände um seinen Unterarm, wollte ihn weg ziehen, als er sie
voller Kraft zurück in die Dusche warf. Sie schlug mit dem Kopf
gegen die Armaturen und rutschte an den glitschigen Kacheln ab.
Einen Moment schien sie das Bewusstsein zu verlieren, doch ihr
Körper wehrte sich dagegen. Sie musste wach bleiben, sonst
würde sie sterben. Doch Alex ließ ihr keine Zeit sich
aufzurichten. Er kam auf sie zu, beugte sich über sie und gab
ihr einen letzten, langen Kuss, während er das schwarze Öl in
sie hineinwürgte und sie langsam spürte, wie ihre Sinne sich
schwarz färbten und die Welt um sie herum im Dunkeln versank.
Am nächsten Morgen, Gallup, New Mexico
Die Sonnenstrahlen legten sich weich auf ihre Augen und küssten
sie sanft wach. Es war die erste Nacht gewesen, die sie in
vollkommener Ruhe durchgeschlafen hatte. Sie fühlte sich voller
Kraft und richtete sich auf ihrer Liege auf. Ihr Rücken war
verspannt von der harten Unterlage, doch sie war den Indianern
für ihre Unterkunft dankbar. Hier fühlte sie sich seit Wochen
zum ersten Mal sicher.
Sie sah sich um.
Es war still. Eine Biene summte leise vor dem kleinen verlassenen
Häuschen, das man ihr zur Verfügung gestellt hatte und die
Grillen zirpten in der Ferne. Es musste noch früh am Morgen
sein, doch die Hitze hatte schon den Steinboden vor ihrem Bett
erwärmt und sie schwitzte. Sie wischte sich den dünnen Film
Schweiß von ihrer Oberlippe und stand auf. Lediglich ein Vorhang
trennte das winzige Bad vom übrigen Raum, doch sie war froh,
dass sie sich überhaupt mit klarem, frischem Wasser waschen
konnte. Sie zog sich ihre Jeans an. Sie hatte viel zu warme
Sachen mitgenommen. Und einen Sonnenbrand spürte sie auch schon
auf ihren Schultern. Also nahm sie ein weißes Leinenhemd aus
ihrem Koffer, das ihre Schultern bedecken würde, und verließ
ihr kleines Häuschen.
Als sie den Teppich vor ihrem Eingang beiseite hielt und in das
helle Licht zwinkerte, zuckte sie zusammen.
Eine alte Indianer-Frau stand vor ihr.
Sie staunte immer noch über die roten Haare und die
Sommersprossen, die die fremde Frau hatte. Sie hatte noch nie
solche blauen Augen und so eine weiße Haut gesehen. Im Dorf
hatte man ihr schon den Namen Yepa, Schneefrau, gegeben.
Scully sah sie etwas zurückhaltend an. Doch die alte Frau
lächelte freundlich und gab Scully zu verstehen, dass sie ihr
folgen sollte. Fünf Minuten später wurde sie von der alten Frau
in einen Gemeinschaftsraum geführt, in dem um diese Zeit
allerdings niemand war. Nur in der Ecke saß ein Mann. Er war alt
und hatte langes, schütteres weißes Haar. Er rauchte Pfeife und
saß schweigend auf einem Kissen auf einer Holzbank.
Scully sah sich um. Alles hier drin war aus Holz. Die Planken auf
dem Boden knarzten leise und ihre Schuhe klopften hohl bei jedem
ihrer Schritte. Staub lag in der Luft und reflektierte die
Sonnenstrahlen. Es roch süßlich nach Pfeifentabak. Scully wurde
von der alten Frau zu einem Stuhl gegenüber dem alten Mann
geführt.
Sie sah ihn erwartungsvoll an und hielt die Hände in ihrem
Schoß gefaltet. Erwartete er von ihr, dass sie etwas sagte? Doch
bevor sie sich darüber den Kopf zerbrechen konnte, sprach er
zuerst.
Die nennen Sie hier Yepa. Er schmunzelte. Jetzt
weiß ich warum, Sie sind wirklich weiß wie Schnee. Aber keine
Sorge, in ein paar Tagen werden Sie fast so braun sein wie die
Steine in diesem Canyon. Haben Sie gut geschlafen?
Scully war erleichtert. Der Mann ihr gegenüber war gar nicht so
entrückt, wie sie zunächst vermutet hatte. Sie bedankte sich
höflich bei ihm für seine Gastfreundschaft. Sie nahm an er sei
der Dorfälteste.
Die Leute hier im Dorf sind in großer Sorge. Seit der
Junge hier ist, sagen sie, sei ein böser Geist über dem Tal.
Sie wissen, dass es nicht der Junge selbst ist, aber sie haben
Angst. Ich weiß nicht, wer Sie sind, doch ich weiß, dass Sie
diesen bösen Geist auch kennen und dass Sie auch Angst vor ihm
haben.
Er schwieg und zog an seiner Pfeife während er an Scully vorbei
aus dem Fenster sah. Scully wagte kaum zu atmen, sie war
überrascht, dass der alte Mann sie so offen angesprochen hatte
und wusste nicht, wie sie darauf antworten sollte.
Mein Volk lebt schon lange in Frieden mit diesen Mächten.
Es ist lange her und ich weiß es nur aus Erzählungen, doch wir
haben einst denselben Krieg gekämpft. Und nun scheint es, als
seien sie zurückgekommen. Der Junge muss sehr schlau sein, dass
er sich hier bei uns versteckt.
Scully wusste nicht genau, worauf er hinauswollte, sie erinnerte
sich an die Navajo-Schöpfungs-Geschichte über die
Insektenmenschen. Doch sie traute sich nicht, ihre Frage
auszusprechen, sie war noch zu befangen und zu rational, um sich
schon so weit auf all diese Dinge einlassen zu können. Er schien
diese Schwingung in ihr zu bemerken.
Ich weiß, dass Sie zweifeln. Doch Sie müssen sich diesen
Dingen in ihrem Herzen öffnen, wenn Sie Ihren Freund finden
wollen. Hier auf der Welt kann Sie sonst nichts zu ihm führen.
Er nahm die Pfeife aus seinem Mund und sah sie lange an. Fühlen
Sie sich bitte eingeladen unserer Zeremonie heute Abend
beizuwohnen.
Damit schob er sich die Pfeife wieder zwischen seine Lippen und
sah wieder aus dem Fenster hinter ihr. Sie verstand dies als
Aufforderung zu gehen, bedankte sich bei ihm und der alten Frau
und machte sich auf den Weg zu Gibson. Dieses Gespräch hatte sie
über so vieles im Unklaren gelassen und sie fühlte sich unwohl.
Nun schien es ihr fast, als könne sie den bösen Geist, von dem
der Mann gesprochen hatte, selber spüren.
Als sie Gibsons Haus betrat, fand sie es leer vor. Der
Spiderman-Comic lag aufgeschlagen auf dem Boden und ein
halbleeres Glas Eistee stand daneben. Scully hob es auf. Der
Eistee war schon ganz warm. Panik machte sich in ihr breit. Er
schien plötzlich aufgebrochen zu sein, und zwar schon vor einer
Weile.
War er vor irgendetwas geflohen? War er entführt worden? Sie
rannte zu ihrem Haus, griff sich eine Landkarte der Region und
verließ das Dorf.
Wo konnte er sein?
Er war noch fast ein Kind, also konnte er nicht weit gekommen
sein.
Sie war eine ganze Stunde durch das Reservat
gelaufen. Zu dieser Jahreszeit war es anscheinend zu heiß für
die meisten Touristen. Selbst die Indianer hatten sich alle in
ihre Häuser zurückgezogen.
Fast überall liefen die Fernseher in den Häusern und
Ventilatoren summten und die Autos in den Straßen standen still
und eingestaubt herum. Es schien, als stünde das Leben still.
Allerdings war es auch fast Mittag und Scully war selbst schon
ganz schwindlig von der Hitze. Sie musste etwas trinken.
Als sie eine Viertelstunde später wieder das kleine Dorf, in dem
sie sich in einem Postkartenladen ein Wasser gekauft hatte,
verließ, fiel ihr Blick auf Steinruinen, die in der diesigen
Luft grau und verschwommen, fast wie eine Fata Morgana vor dem
Horizont standen. Es war ihr, als würde der Wind, der von ihnen
über das Tal zu ihr wehte, ihr zuflüstern, dass sie dorthin
gehen müsse.
Sie sah auf die Karte in ihren Händen. Direkt dort drüben im
Chaco Canyon befanden sich die alten Anasazi Ruinen. Es war von
hier aus aber zu weit dort zu Fuß hinzugehen. Außerdem spürte
sie, wie ihre Haut brannte und ihr Kopf schwer wurde. Sie musste
weg aus der Mittagshitze.
Sobald die Nachmittagssonne lange Schatten über das Tal warf und
Scully in ihrem Zimmer merkte, dass es ihr besser ging, machte
sie sich auf den Weg zu den Anasazi Ruinen. Sie setzte sich in
ihren Jeep, drehte die Klimaanlage auf die höchste Stufe und
hoffte, sie würde Gibson dort oben finden.
Eine halbe Stunde später hielt sie an den Touristenschildern,
die mitten in dieser unwirklichen Mondlandschaft standen und ihr
mitteilten, dass sie ab jetzt zu Fuß gehen musste. Also ließ
sie den Wagen stehen und ging auf die Ruinen zu. Es war ruhig.
Die kleine Geisterstadt mit ihren leeren, schwarzen Höhlen und
grauen staubigen Ruinen jagte Scully einen leichten Schauer über
den Rücken.
Gibson? Ihre Stimme hallte unwirklich durch die
schwere heiße Luft. Wind fegte ihr durch das rote Haar, das in
der Sonne in den Farben des Canyons glänzte.
Die Grillen um sie herum verstummten kurz. Doch einen Moment
später zirpten sie wieder munter weiter.
Scully spürte wie ein Gefühl in ihrem Bauch sie in eine
Richtung zog. Sie folgte dieser Intuition und kletterte
vorsichtig durch die Ruinen in das Dorf hinein. Für Touristen
war es eigentlich verboten sich auf dem Gelände frei zu bewegen,
doch Scully fürchtete sich nicht vor den Tieren und den
unbefestigten Steinen. Sie musste Gibson finden.
Gibson! rief sie wieder, doch wieder antwortete ihr
nur das geisterhafte Schweigen dieser uralten Steine. Staub
wirbelte ihr ins Gesicht und sie blinzelte. Die Sonne war noch
immer so intensiv und brannte heiß auf ihren Wangen.
Sie stemmte die Hände in die Hüften und hielt einen Moment
inne. Sie drehte sich einmal im Kreis und sah sich um als ein
Stein unter ihren Füßen wegrutschte und sie das Gleichgewicht
verlor. Dem lockeren Stein folgten weitere und schließlich
rutschte der halbe Boden unter ihren Füßen weg, so dass sie in
ein schwarzes Loch, das sich darunter auftat, fiel. Sie landete
mit ganzer Wucht auf sandigem Boden und ihre Schulter durchfuhr
ein beißender Schmerz. Hoffentlich war ihrem Baby nichts
passiert. Sie stand, sich die schmerzende Schulter reibend, auf
und sah hoch. Zwei Meter über ihr schien das goldene Sonnenlicht
durch die Öffnung, durch die sie hinuntergestürzt war. Es
erhellte die Höhle, in der sie nun stand gerade so, dass sie
sich umsehen konnte. Sie konnte jedoch außer den honigfarbenen
und leicht rötlichen Steinen und dem Sand, der im Licht
glitzerte, nicht viel erkennen. Doch dann fiel ihr Blick auf ein
dunkles Loch. Es schien eine weitere Höhle oder ein Gang zu
sein. Sie ging darauf zu. Es war stockdunkel darin und bei dem
Gedanken an all die Schlangen und Skorpione, die hier in der
Wildnis hausten, wehrte sich jede Faser ihres Körpers dagegen
dieser Spur nachzugehen.
Doch sie war noch nie feige gewesen und ihre Neugierde gewann die
Oberhand, so dass sie sich schließlich vorsichtig bückte und
auf allen Vieren kriechend in den Gang hineinkletterte. Als sie
ein paar Meter sich zaghaft vortastend durch die vollkommene
Finsternis gekrabbelt war, machte der Gang einen starken Knick
nach links und sie konnte einen leicht erhellten Punkt am Ende
erkennen. Sie konnte es kaum glauben, aber es war tatsächlich
ein unterirdischer Gang, in dem sie sich befand. Erleichtert,
dass es einen Ausweg gab, folgte sie dem Licht und kletterte am
Ende heraus.
--
Wo war sie nun?
Sie klopfte sich den Staub von den Kleidern und sah sich um. An
den Wänden dieser kaum erhellten Höhle konnte sie deutlich
Wandmalereien sehen. Es waren merkwürdige Zeichen in die Felsen
geritzt, vermutlich irgendwelche Symbole der Anasazi.
Sie fragte sich, ob jemand davon wusste und wurde ganz aufgeregt
bei dem Gedanken, dass sie die Entdeckerin dieses einzigartigen
Fundstücks war, als sie plötzlich im Dunkeln ein schwaches
Licht flackern sah, das auf etwas schien, das auf der Erde lag.
Sie zuckte zusammen. Gibson!
Er lag in einem Winkel dieser Höhle zusammengerollt auf dem
Boden. Das Licht seiner Taschenlampe schien noch ganz schwach
neben ihm und Scully fragte sich, wie er hierher gekommen war.
Über ihnen schien nur durch ein paar Risse im Gestein und ein
paar kleine Löcher das Sonnenlicht und warf bizarre Lichtfiguren
auf den Sandboden, die durch den Staub, der über ihnen über die
Steine fegte und das Licht zeitweise abschwächte, zu tanzen
schienen.
Ihr Blick fiel auch auf einen weiteren Eingang in einen Tunnel,
den Gibson wahrscheinlich benutzt hatte. Als sie nun die Frage
geklärt hatte, wie er hierher gekommen war, erinnerte sie sich
wieder an den erschreckenden Anblick vor ihr und wachte aus ihrer
Starre auf.
Der Junge lag fiebernd und zitternd vor ihr auf dem Boden und
schien nicht einmal gemerkt zu haben, dass sie ihn gefunden
hatte. Sie warf sich neben ihn und fasste ihm an die Stirn. Er
glühte und war ganz nassgeschwitzt.
Gibson! Kannst Du mich hören? Sie rüttelte leicht
an seinen Schultern und seine Augen schienen einen Moment in
Erkenntnis ihrer Stimme aufzublinken und sahen sie an. Sie
spürte, wie sich sein ausdrucksloser Blick in ihr Herz bohrte.
Er versuchte ihr etwas zu sagen, doch brachte kein Wort über
seine Lippen.
Doch in ihrem Inneren fühlte sie, dass es um Mulder ging. Es
ging Gibson so schlecht, weil Mulders Zustand sich auf diesen
Jungen übertrug. Dieser Gedanke weckte in ihr alle Kräfte, die
sie hatte, und sie hob den Jungen von der Erde auf und zog ihn
langsam und vorsichtig durch den Gang, durch den er
offensichtlich hereingekommen war. Denn sie wusste nicht, wie sie
aus der Höhle, in die sie hineingefallen war, hätten
herauskommen sollen und hoffte aus Gibsons Tunnel gäbe es auch
einen Ausgang, der sie an die Oberfläche bringen würde.
Sie hatten Glück. Der Tunnel war zwar ein ganzes Stück länger
und ziemlich steil, doch da Scully die ganze Zeit in Gedanken bei
Mulder war, schaffte sie es, den schweren Jungen so lange
vorsichtig hinter sich her zu schleifen, bis sie schließlich
schweißgebadet und vollkommen am Ende ihrer Kräfte ein Licht
direkt über sich sah.
Sie nahm noch einmal ihre letzte Kraft zusammen und zog sich und
danach Gibson aus dem Tunnel heraus und blieb vollkommen
erschöpft neben dem Eingang liegen. Ihr Bauch schmerzte sie, es
schien ihrem Baby nicht zu gefallen, dass sie ihm so wenig Ruhe
gönnte. Doch sie musste noch ein wenig durchhalten. Als ihre
Augen sich wieder an das helle Tageslicht gewöhnt hatten,
orientierte sie sich und suchte nach ihrem Wagen. Sie brachte
Gibson so schnell sie konnte zurück ins Dorf.
Voller Sorge wurden sie beide dort von den Indianern aufgenommen.
In ihren Gesichtern schien die Anstrengung, die sie hinter sich
hatten, sichtbar zu sein und Scully war dankbar über die kalten
Tücher und den Tee, den man ihr reichte und die Ruhe, die sie
danach in ihrem Haus fand.
Doch in ihrem Herzen hatte sie keine Minute Ruhe und sie hoffte,
Mulder würde noch am Leben sein. Doch nach dem verlorenen Blick
in Gibsons Augen, die wie durch sie hindurch in eine weite, ihr
unbekannte Ferne gesehen hatten, war sie sich dessen nicht mehr
so sicher.
Hoffentlich würde sie wenigstens das Kind behalten. Der Schmerz
in ihrem Unterleib warnte sie, sich nicht noch einmal auf ein
solches Abenteuer einzulassen.
Am Abend
Scully war nach ein paar Stunden Schlaf ohne Bauchschmerzen
wieder aufgewacht und war sehr erleichtert darüber gewesen, dass
sie und ihr Baby diesen Ausflug ohne Probleme überstanden
hatten.
Sie lächelte. Es schien, als sei das Kleine in ihr eine
Kämpfernatur und sie fühlte, wie in ihr Liebe für dieses Wesen
aufkeimte. Doch zugleich mischte sich Furcht darunter.
Sie wusste noch gar nicht, ob sie es wirklich behalten wollte,
sie sollte sich lieber nicht zu sehr daran gewöhnen, dass es da
war. Eine Stimme in ihr erinnerte sie aber im selben Moment
daran, dass sie ihre Entscheidung für dieses Kind schon längst
getroffen hatte. Sie musste nur noch herausfinden, wie sie diese
Nanobots deaktivieren konnte. Sie weigerte sich daran zu glauben,
dass das Kind ohne die Technologie sterben würde.
Sie sah auf die Uhr. Der Mann heute Morgen hatte sie zu einer
Zeremonie eingeladen. Bestimmt würde sie draußen vor dem Dorf
stattfinden. Sie hatte in ihrem Reiseführer für New Mexico, den
sie sich in Albuquerque in der Wartezeit auf den Flug nach Gallup
gekauft hatte, gelesen, dass es hier im Canyon einen besonderen
Ort gab, an dem oft Zeremonien stattfanden. Dort stand ein
Felsen, dessen Spitze, wenn man sie in Gedanken verlängerte,
genau auf den Polarstern zeigte. Die Indianer sahen diesen Ort
also als Verbindung zum Himmel an und hielten ihn deshalb für
heilig. Scully glaubte aber nicht daran, sie dachte, dass sie den
Ort eher aus dem Grund ausgewählt hatten, weil er auf einem
erhöhten Plateau lag und man von dort aus nur schlecht
angegriffen werden konnte, weil man in jede Himmelsrichtung
freien Blick über das Tal hatte.
Was auch immer der Grund war, sie musste sich beeilen, wenn sie
dort rechtzeitig sein wollte. Sie war sich beinahe sicher, dass
die Indianer Gibson in ihre Zeremonie einschließen würden und
sie wollte dabei sein. Sie war Ärztin, wenn es Gibson schlechter
ging, würde sie vielleicht da sein können, um ihm zu helfen.
Die Feier hatte gerade begonnen und sie setzte sich schweigend
und ganz still auf einen Stein, der etwas versetzt hinter der
Gemeinschaft lag. Er war noch warm von der Sonne, die gerade am
Horizont hinter den Bergen versank. Scully atmete tief durch und
sog die warme Luft durch ihre Lippen ein. Hier oben herrschte ein
wunderbarer Frieden und sie fühlte sich in der Dämmerung unter
dem Himmel, der am Horizont ein tiefes Rot trug und über ihr die
ersten Sterne preisgab, wohl. Der Indianergesang brummte leise
und tief und Gibson lag auf einer Trage in ihrer Mitte. Sie
hatten bunte Muster in den Sand gemalt und ein Feuer brannte
neben Gibson.
Scully verstand warum diese Zeremonie dazu dienen sollte böse
Geister zu vertreiben. Es war ihr selbst für eine Weile, als
lösten sich die bösen Geister in ihr und ihre Seele könne für
ein paar Minuten frei durch die Lüfte fliegen und dort oben in
den Sternen nach Mulders Seele suchen.
Sie merkte wie in der Dunkelheit ein leichter Wind aufkam und sie
begann zu frieren. Die Zeremonie dauerte lange und ihr war vor
Hunger und Durst schon schummrig. Schließlich erhob sie sich und
entfernte sich mit einem entschuldigenden Blick in Richtung des
Dorfältesten, der ihr zunickte, von der geschlossenen
Gemeinschaft. Sie fand in ihrem Häuschen ein kleines Abendessen
und dankte im Stillen dem unbekannten Koch dafür, denn nun
konnte sie sich bald schlafen legen, so lange sie den Frieden,
den sie seit der Zeremonie in sich trug, noch fühlte.
--Zur selben Zeit irgendwo
Seine Augen waren geschlossen. Zum ersten Mal wie es
schien - seit Wochen.
Er brauchte sie nicht mehr, denn das, was er noch sehen konnte,
konnte ihm nicht helfen. Er sah nun auf das Licht in seinem
Inneren, das immer heller wurde und konzentrierte sich darauf. Er
musste wissen, was die Ursache dieser Kraft war. Die Quelle
dieser Macht, die die schwarze Kreatur in ihm seit Stunden in
einem Winkel seines Körpers gefangen hielt. Er versuchte sich
das Bild in Erinnerung zu rufen, das er vor langer Zeit noch vor
seinen Augen gesehen hatte. Seine Seele suchte verzweifelt nach
dieser anderen Seele und er fühlte, sie war nah. In seinem
Herzen tobte eine Welle und sein Verstand zerschlug all die
grausamen Gedanken, die Purity II ihm seit Wochen eingab.
Er fühlte wie das Ding in seinen Lungen saß und sich keinen
Millimeter bewegte. Bei jedem Atemzug waberte es und ein
metallisches Hauchen entwich seiner Kehle.
Plötzlich sah er es vor seinem inneren Auge. Es hatte eine
Hunderstelsekunde aufgeblinkt und war dann wieder in den Tiefen
seines Geistes verschwunden. Doch er hatte es gesehen: Das war
sie, die Energie, die das Licht in ihm heller und stärker werden
ließ. Er umklammerte es mit jedem Funken seines Verstandes.
Mit einem lauten Schrei der Befreiung kontrahierte sich sein
Brustkorb und mit ihm jeder Muskel seines Körpers und er rief
ihren Namen so lange, bis das schwarze Öl sich in seinen Lungen
nicht mehr halten konnte und aus seinem Körper ausgespien wurde
und sich über ihm in einer grauen Wolke verlor und als Staub
über seinen Körper herabrieselte.
SCUUUUUUUUUUULLYYYYYY !
Er fühlte wie sich die Metallspitzen mit einem lauten Zischen
aus seinen Fingerspitzen und Zehen lösten und er schwerelos
durch den Raum taumelte als er von einem Sog erfasst wurde und
einen Strudel hinunterwirbelte.
Ein hohes schrilles Kreischen, wie verstimmte Geigen, durchfuhr
den Raum und er fiel.
--Mitternacht, Gallup, New Mexico
Agent Scully! Jemand rüttelte sie an der Schulter,
auf die sie heute Nachmittag gefallen war, und sie wachte von dem
Schmerz auf. Vor ihr stand Gibson. Schweißperlen standen auf
seiner Stirn und er war außer Atem. Scully setzte sich ruckartig
auf. Was ist Musst Du ins Krankenhaus? Sie
stieg sofort aus dem Bett und zog sich ihre Jeans an.
Es ist Agent Mulder. In meinem Kopf. Er ist hier.
Scully starrte mit aufgerissenen Augen auf den Jungen vor ihr.
Was? Wo?
Ich weiß es nicht. Aber er muss hier irgendwo sein.
Scully standen Tränen in den Augen. Ihr Herz klopfte laut und
sie nahm Gibson an der Hand. Los, wir nehmen das Auto.
Als sie das Haus verließen, spürte sie den kalten Wind, der
durch das Tal fegte. Der Friede, den sie während der Zeremonie
verspürt hatte, hatte das Dorf offensichtlich verlassen und eine
kalte bedrohliche Dunkelheit lag nun vor ihr. Die Grillen zirpten
laut und der Himmel stand schwarz über ihnen. Die Sterne
funkelten sie so zahlreich und hell an, wie sie es noch nie zuvor
gesehen hatte. Die Stadtlichter und der Smog in Washington
erlaubten einem diesen Anblick nicht.
Sie wusste nicht, wo sie hinfahren sollten, doch Gibson zeigte
stumm mit dem Zeigefinger in eine Richtung. Scully wusste im
Dunkeln nicht genau, was in der Richtung lag, also fuhr sie
darauf los, ihren Blick immer am Horizont haftend, in der
Hoffnung irgendetwas sehen zu können, was ihr Gewissheit gab,
dass Gibson Recht hatte.
Plötzlich ging ihr Wagen aus und rollte stumm auf der holprigen
Straße aus. Das Radio sprang an und sie hörte ein schrilles
Pfeifen.
Ihr Herz blieb stehen.
Komm mit, Gibson! Sie half dem Jungen wachsam um sich
blickend aus dem Wagen und rannte mit ihm auf einen Felsen zu,
von dem aus man mehr sehen würde. Als sie dort anhielten und im
fahlen Mondlicht die weißen Felsen unter sich sahen, erstarrte
Scully. Sie waren direkt über dem Anasazi Dorf, wo sie
Gibson am Nachmittag gefunden hatte. Das konnte nicht sein. War
er deswegen hierher gelaufen? Sie kletterte vorsichtig die Felsen
hinunter, immer auf Gibson achtend, der ihr wie im Trance folgte.
Als sie am Fuße des Felsens ankamen und nach Luft rangen,
fühlte Scully wie der Wind anschwoll und die Erde leicht
vibrierte. Die Grillen hörten auf zu zirpen und das Tal versank
in stillem Schweigen.
Das erinnerte sie an ihr Erlebnis im Wald in Boise. Ihre Knie
zitterten und sie hielt Gibsons Hand fest. Sie starrte in die
Dunkelheit und hatte das Gefühl, zwischen ihre Augen und die
Welt um sie herum würde sich ein Prisma legen, durch das sie die
Ruinen nur noch verzerrt erkennen konnte. Ihr wurde schwindelig
und sie musste sich abstützen um nicht hinzufallen, als
plötzlich aus der Mitte dieses Prismas vor ihren Augen ein Blitz
aus weißem Licht durch die Nacht fuhr und sie blendete. Eine
Stoßwelle fuhr durch den Boden unter ihren Füßen und ein
dumpfes Brummen hallte durch die Finsternis.
Sie hielten sich die Hände schützend vor das Gesicht als Scully
merkte, wie ihre Augen sich von dem Blitz erholten und sie sah,
wie das Licht sich vor ihnen wieder erhob. Das Prisma, das selbst
das Sternenlicht verzerrt hatte, erhob sich mit diesem Licht vor
ihr und sie spürte wie die Vibration unter ihren Füßen
schwächer wurde. Sie hielt immer noch Gibsons Hand, der wie zur
Salzsäule erstarrt und vollkommen abwesend in die Leere blickte.
Sie drehte sich zu ihm.
Gibson? Sie rüttelte ihn und rief in Panik immer
wieder seinen Namen, bis er schließlich in ihren Armen
zusammensank. Sie beugte sich über ihn und hielt ihn fest in
ihren Armen, in der Hoffnung, er würde aus seiner
Bewusstlosigkeit erwachen. Sie brauchte ihn jetzt!
Nach einer halben Ewigkeit öffnete er wieder die Augen und sah
sie an. In seinem Blick lag Resignation. Scully wagte fast nicht,
ihn anzusprechen, doch er wusste wie immer die Frage bevor sie
sie stellen konnte.
Es ist weg, Agent Scully. Das Gefühl. Es ist weg.
Was? Tränen der Verzweiflung flossen nun aus ihren
Augen. Hieß das, Mulder war nicht zurückgekehrt? Hieß das, er
war tot? Sie konnte das nicht glauben. Sie legte Gibsons Kopf auf
die Erde und rannte, blind von den Tränen, durch die Dunkelheit
in die Anasazi Ruinen hinein. Er musste hier sein. Was sonst
hatte Gibson hierher geführt? Sie knipste die Taschenlampe an,
die sie aus dem Wagen mitgenommen hatte und versuchte den Ort
wieder zu finden, an dem sie am Nachmittag auch Gibson gefunden
hatte. Ihre Füße stolperten und sie stürzte mehrmals, doch sie
gab nicht auf und fand schließlich den Eingang zu dem dunklen
Tunnel.
Als sie ihn entlangkrabbelte fürchtete sie
ihr Herz würde aufhören zu schlagen, so schnell hämmerte es in
ihrer Brust, doch als sie schließlich aus dem Tunnel in die
Höhle fiel, war es als löste sich der Knoten in ihrer Seele mit
einem Mal in Luft auf.
Im Lichtkegel ihrer Taschenlampe konnte sie ganz deutlich seine
Silhouette erkennen. Sie leuchtete blass wie das Mondlicht und er
lag nackt und regungslos im Sand.
Mulder! In ihr brachen und überschlugen sich die
Wellen und eine Flut voller Angst und Glück überrollte sie.
Sie ließ sich neben ihm fallen und legte ihre Hände auf seine
Brust. Sein Körper war kühl und seine Haut war ganz trocken.
Sie konnte an seinem Handgelenk keinen Puls fühlen.
Eine schreckliche Angst kroch in ihr hoch. Sie suchte nach einem
Puls an seinem Hals und nach zehn langen Sekunden schrecklicher
Ungewissheit konnte sie ihn endlich ganz schwach fühlen und
legte ihr Ohr auf seine Brust um seinen Herzschlag hören zu
können.
Er war ganz schwach, doch es beruhigte sie so sehr, dass er
lebte. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und ihre Tränen
fielen auf seine geschlossenen Augen und sie küsste seine kalten
blassen Lippen und legte ihre Wange sanft an seine und schluchzte
leise in sein Ohr.
Ein leichter Atemzug blies durch ihre Haare. Sie musste ihn hier
herausbringen. Doch sie alleine konnte ihn nicht durch ihren
Tunnel zerren. Sie musste auch an das Baby denken. Aber sie
würde es nicht übers Herz bringen, ihn hier noch einmal auf der
Suche nach Hilfe alleine in der Dunkelheit liegen zu lassen.
Doch sie musste! Sie wischte mit dem Daumen ihre Tränen aus
seinem Gesicht und wollte sich gerade aufraffen zu gehen, als sie
sich furchtbar erschreckte. Aus dem Tunnel sprang jemand heraus.
Doch ihr Schreck wich einer wunderbaren Erleichterung als sie
erkannte, dass es Sike war. Sie war nicht mehr alleine, Gibson
hatte Hilfe geholt! Sie wendete sich widerwillig von Mulder ab,
es war so schwer, ihn jetzt noch einmal loszulassen und krabbelte
wieder in den Tunnel hinein.
Als sie an der Erdoberfläche ankam erkannte sie jedoch, dass es
nicht Gibson gewesen sein konnte,der Hilfe geholt hatte, da er
immer noch vollkommen erschöpft in den Armen einer alten
Indianerfrau lag, die seine Stirn mit einem Balsam einrieb und
ihm beruhigende Worte zumurmelte. Scully ging auf die Beiden zu.
Wie haben Sie uns gefunden? Die alte Frau sah zu ihr
hoch, antwortete ihr etwas auf Navajo und zeigte mit dem Finger
nach oben. Jemand ist von einem Beben geweckt worden und
hat das Licht über dem Tal gesehen. Sike näherte sich
Scully von hinten und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Er
lächelte sie an und in seinem Blick lag eine tiefe Ruhe, die
sich auf Scully übertrug. Ihr Freund wird von ein paar
Männern ins Krankenhaus gebracht und ich denke, wir sollten auch
Gibson dorthin bringen.
Scully nickte und wollte sich gerade umdrehen, als sie merkte,
wie ihr selbst schwindelig wurde und sie nach hinten kippte und
kraftlos in Sikes Arme fiel.
--Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie an die Decke ihres
Jeeps, der sie auf den unbefestigten Straßen des Tals
durchrüttelte.
Sie setzte sich auf, vor ihr fuhren Sike und ein anderer Indianer
ihren Wagen.
Schlagartig fiel ihr ein, was passiert war. Wo war Mulder? Warum
war sie nicht bei ihm?
Doch Sike beruhigte sie. Er war froh, dass sie wieder zu sich
gefunden hatte. Mulder war bereits längst auf dem Weg ins
nächste Krankenhaus in Gallup und sie fuhren gerade ebenfalls
dorthin.
Scully atmete auf, sie sah noch ein wenig benommen aus dem
Fenster in die Dunkelheit und ließ ihren Blick über die
mondbeschienenen Felsen schweifen. Er war wieder zurück!
Doch der Knoten, der sich vorhin in ihr gelöst hatte, begann
bereits wieder sich festzuziehen. Es ging ihm nicht gut und sie
konnte nicht sicher sein, dass er derselbe Mann sein würde, den
sie vor vier Wochen in den Wäldern Oregons verloren hatte.
Gefühle der Erleichterung, der Furcht, des Schmerzes und der
Hoffnung vermischten sich in ihrem Herz zu einem unbestimmten
Schmerz, der mit jedem Herzschlag anschwoll, als sie sich nervös
mit den Fingern an der Unterlippe entlangfuhr und sich
schließlich mit einem tiefen Atemzug dazu zwang einen klaren
Kopf zu bekommen.
Sie konnte nicht noch einmal einfach so das Bewusstsein
verlieren. Sie musste dabei bleiben.
Aber weder die Ärzte in dem Krankenhaus, noch ihre eigenen
medizinischen Fähigkeiten konnten an Mulders Zustand etwas
ändern. Er war am Leben, er brauchte keinerlei Hilfsmittel,
musste nicht beatmet werden, schien keine Schmerzen zu haben und
auch sein Herz war vollkommen gesund.
Aber er schlief. Und das EEG, das über viele kleine Elektroden
an seiner Stirn abgeleitet wurde, war merkwürdig stumm. Er war
nur einen winzigen kleinen Ausschlag der Kurve vom sicheren
Hirntod entfernt.
Er lag zwar hier in einem Bett vor ihr, doch in Wirklichkeit war
er weit weg. Sie nahm seine Hand und spürte wie all die Wunden,
die durch seine Fingerspitzen gebohrt worden waren, auch ihr Herz
durchspießten. Was hatten sie ihm angetan? Warum hatte er so
leiden müssen? Warum hatte sie ihm nicht helfen können?
Sie hielt seine Hand ganz fest und drückte sie gegen ihre Lippen
und bat ihn immer und immer wieder in Stille zu ihr
zurückzukommen. Doch ihr alle paar Sekunden auf das EEG fallende
Blick versetzte ihr jedes Mal erneut einen Stich, weil sich
nichts regte. Bitte, komm zurück! flehte sie ihn mit
gebrochener Stimme an und legte ihren Kopf auf seine Brust, die
sich langsam mit Leben und Wärme füllte. Wenigstens sein Herz
sprach zu ihr in ruhigen, sanften Tönen, bis sie schließlich
einschlief, ihre Hand fest auf seiner ruhend und sein Herzschlag
stetig an ihrer Schläfe pochend.
Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulter und sie wachte auf.
Agent Scully? Skinners Stimme drang wie durch Watte
an ihre Ohren. Sie blinzelte gegen das Licht und hob ihren Kopf
von Mulders Brust, nicht ohne einen Blick auf das EEG zu werfen,
auf dem sich immer noch nichts tat. Als sie Skinner erkannte,
stand sie auf und vergrub ihren Kopf in seiner Schulter. Ein
lautes Schluchzen entfuhr ihr und ihr Körper zitterte, als sie
sich leise weinend an ihn drückte und er sie schließlich in
seine Arme nahm. Über ihren Kopf hinweg sah er auf Mulder und
spürte wie sich ihm die Kehle zuschnürte.
Er sah schlecht aus. So blass und leblos.
Er konnte sich bis heute nicht verzeihen, dass er ihn in diesem
Wald verloren hatte und er würde es nicht akzeptieren können,
wenn er ihn jetzt hier in diesem Krankenhaus wieder verlor. Er
schuldete es Agent Scully, er hatte ihr versprochen, dass er heil
zurückkommen würde.
Die Agentin in seinen Armen hörte langsam auf zu weinen und
wurde still.
Sie mochte es nicht, wenn sie vor Fremden schwach wurde und riss
sich nun zusammen. Skinner war den weiten Weg nach New Mexico
sicherlich nicht gereist, nur um sie zu trösten.
Danke, dass Sie gekommen sind, brachte sie
schließlich wieder vollkommen gefasst hervor und nahm dankend
das Taschentuch an, das er ihr reichte.
Ich bin hier, um Sie abzulösen. Sie sind einfach aus
Washington verschwunden und es hat eine Weile gedauert, bis ich
auf die Idee mit den Navajo-Indianern gekommen bin. Sie hätten
Agent Morgan ruhig ein paar präzisere Angaben über Ihren
Verbleib geben können.
Er sah zur Seite. Das war nicht der richtige Zeitpunkt um ihr
Vorhaltungen zu machen.
Agent Scully, Sie müssen sich schonen. Sie haben schon zu
viel durchgemacht und ich kann nicht zulassen, dass Sie das Leben
Ihres Kindes gefährden. Ich möchte, dass Sie sich ausruhen. Ich
werde bei Mulder bleiben und aufpassen, dass ihm nichts
geschieht. Aber bitte, versprechen Sie mir, dass Sie sich
ausschlafen.
Scullys blaue Augen sahen fragend zu ihm auf.
Das kann ich aber nicht.
Skinner sah, dass sie es ernst meinte und erklärte sich
schließlich zu einem Kompromiss bereit, so wie er es immer tat,
wenn sie ihn um einen Gefallen bat. Nun, dann werde ich
dafür sorgen, dass Sie ein Bett in diesem Krankenhaus zur
Verfügung gestellt bekommen. Auf diese Forderung ging sie
glücklicherweise ein, die Erschöpfung der letzten Wochen stand
ihr ins Gesicht geschrieben und sie sah ein, dass sie
offensichtlich Kraft tanken musste.
Als sie sich schließlich von Skinner in ihr Zimmer, das eine
nette Schwester auf demselben Flur für sie bereitgestellt hatte,
bringen ließ, fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf.
Was ist mit Gibson? Keine Sorge. Es geht ihm
gut, er war nur sehr erschöpft. Die Ärzte konnten nichts finden
und die Navajo-Indianer haben ihn wieder mitgenommen. Er schläft
jetzt und das sollten Sie auch tun, Agent Scully.
Er öffnete ihr die Tür und zog die Vorhänge zu um sich dann
mit einem letzten aufmunternden Blick von ihr zu verabschieden.
Sie legte sich langsam auf das Bett und während sie mit ihren
Gedanken noch bei Mulder war, fielen ihr schließlich die Augen
zu und sie sank in einen tiefen Schlaf.
Zur selben Zeit, vor den Ruinen der
Anasazi
Ein fremder Mann stand auf dem Felsen über den Ruinen, auf dem
Scully und Gibson in der Nacht zuvor auch gestanden hatten. Er
blickte auf die Steinwüste, die sich ihm zu Füßen erstreckte
und spürte wie die Kraft in ihm anschwoll.
Sein Auftrag war es, Mulder zu finden. Er war von dem Raumschiff
abgestoßen worden, irgendetwas war schief gegangen. Er musste
nun herausfinden was. Er wendete sich von den Ruinen ab und stieg
in seinen schwarzen Ford und fuhr auf der staubigen Straße in
Richtung des Rehoboth McKinley Hospitals, in dem Mulder lag.
Zwei Stunden später, im Krankenhaus
Assistant Director Skinner stand am Kaffeeautomaten und wartete
geduldig auf die wässrige Brühe, die ihm das Gerät unter
lautem Surren und Knurren zubereitete. Er war schrecklich müde,
seit seinem Abflug gestern hatte er nicht geschlafen und in
Washington war es schon Nachmittag. Mit dem heißen Kaffeebecher
in seiner Hand machte er sich auf den Weg zurück in Mulders
Krankenzimmer. Er machte sich ernsthaft Sorgen um ihn.
Er schien überhaupt keine Reaktionen auf seine Umgebung zu
zeigen. Und es tat ihm in der Seele weh zu sehen, wie Agent
Scully darunter litt. Als er mit seinem Kaffee um die Ecke bog
und Mulders Zimmer betrat, sah er wie ein fremder Mann in
schwarzer Kleidung an seinem Bett stand.
Als er Skinner bemerkte, fuhr er erschrocken hoch und flüchtete
an ihm vorbei aus dem Raum. Skinner sah das mit Flüssigkeit
gefüllte Röhrchen, dass der Mann an Mulders Bett hatte
liegenlassen und ließ vor Schreck seinen Kaffee fallen.
Er rannte so schnell er konnte den Flur hinunter und stieß dabei
gegen mindestens eine Krankenschwester und zwei
Ultraschallgeräte, die auf seinem Weg herumstanden.
Er griff nach seiner Waffe als er die Tür zum Treppenhaus
öffnete und dem Mann die Treppen hinunter nachlief.
Stehenbleiben! FBI! schrie er in gewohnter Manier
hinter dem Mann her. Es trennten ihn nur zwei Treppen von diesem
Unbekannten und er übersprang ein paar Stufen, gleich würde er
ihn haben.
Der Mann sah sich ohne mit der Wimper zu zucken nach ihm um und
blieb plötzlich stehen. Er sah Skinner direkt in die Augen. Sein
Ausdruck war tot und leer.
Doch Skinner hatte schon vieles in seinem Beruf gesehen. Er
kannte diese Art Mensch. Deshalb drückte er gnadenlos ab und
schoss seinem Gegenüber zweimal in die Brust.
Doch der Mann vor ihm zuckte nur einmal kurz mit dem linken
Augenlid und lächelte, worunter sich sein Gesicht zu einer
grausamen Fratze verzog. Skinner starrte ihn fassungslos an.
Er sah eine schwarze Flüssigkeit aus den Wunden des Fremden
über dessen Jacke laufen.
Innerhalb einer Sekunde begriff er, was das war und nun war er
es, der vor diesem Unbekannten davonrannte. Er musste Mulder hier
rausbringen. Und Scully. Sie waren alle in Gefahr!
Der Mann folgte Skinner nicht. Er lief seelenruhig die letzten
Stufen ins Parkhaus hinunter und kontaktierte den nächsten
Soldaten, der schon in Washington bereitstand.
Die Fuchsjagd war eröffnet.
Skinner stürmte in Scullys Zimmer, doch sie war nicht in ihrem
Bett. Er lief hastig weiter zu Mulders Zimmer und fand sie
erleichtert auf seiner Bettkante sitzend. Sie sah
gedankenverloren auf den Bildschirm, auf dem immer noch Mulders
stilles EEG flimmerte und hielt seine Hand gegen ihre Brust,
während sie seinen Handrücken mit ihren Fingern streichelte.
Es war ein wunderschöner und doch trauriger Anblick und Skinner
hätte sie zu jedem anderen Zeitpunkt dort alleine gelassen und
den beiden diesen Augenblick in Stille gewährt.
Doch sie mussten hier raus. Er betrat das Zimmer und ging auf
Scully zu, die aus ihren Gedanken hochschreckend zu ihm aufsah
und sofort von der Bettkante sprang. Sie konnte die Erregung in
seinem Gesicht lesen.
Was ist passiert? Skinner klärte sie auf über den
Mann, den er an Mulders Bett mit der Substanz in dem Röhrchen
erwischt hatte. Er blickte sich verdutzt um. Das Röhrchen war
verschwunden! Doch das bestärkte ihn nur in seinem Vorhaben,
Mulder hier wegzuschaffen. Aber Scully schob sich vor ihn mit
einem fassungslosen Ausdruck in ihren Augen.
Sir, Mulder ist nicht transportfähig, er kann hier auf
keinen Fall weg! Das muss er aber. Wir müssen ihn in
Sicherheit bringen. Scully kannte Skinner so aufgebracht
nicht und der dringliche Tonfall, den sie aus seinen Worten
heraushörte, machte ihr klar, dass er es ernst meinte.
Gut, aber ich werde mit ihm fliegen. Ich lasse ihn nicht
noch einmal alleine. Sie klang sehr entschlossen und er
wusste, dagegen würde er nicht ankommen. Also bereiteten sie
alles darauf vor, Mulder so schnell wie möglich in das
Universitätskrankenhaus von Washington D.C. fliegen zu lassen
Vier Tage später, 5 Uhr morgens
Mulder fühlte jeden Punkt seines Körpers, der auf der Matratze
auflag. Seine Augen waren geschlossen und sein Geist war in
Dunkelheit gehüllt. Er wartete.
Sie war jeden Tag bei ihm gewesen, das hatte er gefühlt, aber er
hatte es ihr nicht zeigen können. Sein Verstand schien den
Kontakt zur Außenwelt nicht herstellen zu können.
Nur wenn sie bei ihm war, schien es ihm, als wisse sie, dass er
da war. Sie sah ihn immerzu an und ihre großen, wunderschönen
Augen blickten voller Kummer und immer zart mit Tränen benetzt
den ganzen Tag durch ihn hindurch in die Mitte seines Herzens.
Manchmal schien es ihm, als würde sie all die Gedanken
wahrnehmen, die Bilder sehen, als würde sie die Schreie hören,
die er in seinem Geiste produzierte.
Er wusste, sie würde auch heute wieder kommen. Und heute würde
er die Kraft finden ihr endlich ein Zeichen zu geben. Ein
Zeichen, das ihr die Gewissheit gab, dass er bei ihr war.
Wo war sie nur?
Zur selben Zeit, Scullys Appartment
Scully drehte sich unruhig um, sie wälzte sich seit Stunden
in ihrem Bett hin und her. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr,
dass es gerade erst 5 Uhr war. Die Besuchszeit im Krankenhaus
hatte noch lange nicht begonnen.
Aber das war ihr jetzt egal. Sie setzte sich schließlich auf,
zog sich an und fuhr so schnell sie konnte in das Krankenhaus, wo
Mulder seit ihrer Rückkehr von New Mexico in unverändertem
Zustand gelegen hatte. Jedoch hatte sie in den vergangenen Tagen,
in all den Stunden, in denen sie an seinem Bett gesessen und
seine Hand gehalten hatte, sein Gesicht gewaschen und den Blumen
neues Wasser gegeben hatte, hin und wieder für einen Bruchteil
einer Sekunde das Gefühl gehabt, er sei wach. Doch ein Blick auf
sein EEG hatte sie jedes Mal wieder enttäuscht. Und doch war da
diese Schwingung, diese Gewissheit in ihrem tiefen Inneren, dass
er wusste, dass sie bei ihm war. Und das war auch der Grund,
warum sie jetzt zu ihm musste.
Er brauchte sie. Und sie brauchte ihn genauso.
--
Sie hatte sich nach einer kurzen Diskussion
mit der Nachtschwester durchsetzen können und betrat nun das
Zimmer, in dem er so friedlich und sanft zu schlafen schien. Der
Stuhl, auf dem sie immer den ganzen Tag saß, stand noch vor
seinem Bett als warte er auf sie. Sie setzte sich, wie so oft in
den letzten Tagen, vor sein Bett und schwieg ihn an.
Wie gerne würde sie ihm von diesem Wunder in ihr erzählen. Was
würde sie dafür geben in seine wachen, sanften Augen sehen zu
können. Sie erhob sich wieder von ihrem Stuhl und beugte sich
leicht über ihn, während sie immer noch seine Hand festhielt.
Mit der anderen Hand streichelte sie ihm über den Kopf, ließ
ihre Finger durch sein weiches Haar gleiten und über seine
duftende Haut. Seine Stoppeln kitzelten ihre Handflächen und ihr
Daumen verharrte eine Weile auf seiner Unterlippe. Sie küsste
seine Augenlider sanft.
Bitte, wach auf, Mulder. Für mich. Für unser Baby,
flüsterte sie kaum hörbar.
Plötzlich spürte sie ein Zucken in der Hand, die sie immer noch
fest umschlossen hielt. Hatte sie es sich nur eingebildet? Sie
sah auf das EEG.
Nein. Sie konnte ganz deutlich einen Ausschlag darauf sehen. Sie
sah ihn an.
Mulder? Sie wich ein Stück von ihm zurück und
starrte voller Aufregung auf sein Gesicht, in der Hoffnung ein
winziges Zeichen zu sehen.
Ihr Atem stand still. Seine Hand lag nun wieder regungslos in
ihrer, doch plötzlich glaubte sie zu sehen wie seine Augenlider
leicht zitterten. Sie wagte sich nicht zu bewegen.
Um sie herum herrschte vollkommene Stille, nur das entfernte
Piepsen der Intensivstation drang leise ins Zimmer.
In ihrem Augenwinkel bemerkte Scully wie sich auf dem EEG etwas
tat.
Es war als explodierten die Linien in alle Richtungen und als er
endlich seine Augen öffnete, war es als ginge in der ewigen
Nacht, die Scully seit fast sechs Wochen umgab, endlich die Sonne
auf. Sie merkte wie sie vor Glück zersprang und wie es in ihrem
Herzen warme Lichtstrahlen regnete. Einen Seufzer der
Erleichterung ausstoßend, beugte sie sich über ihn und legte
ihren Kopf auf seine Brust, während sie ihre Arme um ihn legte
und sich an seinem Hemd festkrallte.
Er war zurück. Sie spürte, wie all der Kummer mit einem Mal von
ihr fiel und wie ihr ganzer Körper vor Erleichterung zitterte,
während sie sich fest an seine warme Brust klammerte und seine
Nähe in sich aufnahm, es war als würde ihre Seele mit seiner
verschmelzen.
Mulder konnte noch gar nichts erkennen. Die Welt rückte nur
langsam in sein Bewusstsein, die Gegenstände waren noch
verschwommen und es war so hell.
Etwas lag auf seiner Brust. Er hob seinen Kopf ein wenig an und
konnte nur ihr rotes Haar sehen, doch er spürte sofort das
wohlige Gefühl, dass sich in ihm ausbreitete.
Er hatte gewusst, dass sie da sein würde, wenn er aufwachte.
Seine Seele hatte durch die ganze Stadt nach ihr gerufen und er
konnte sich wieder daran erinnern wie einsam er ohne sie da
draußen gewesen war. Die kalte Leere, die er ohne sie
durchgemacht hatte, war das Einzige, an das er sich erinnern
konnte und es erfüllte ihn jetzt mit Wärme und Hoffnung, dass
sie hier war und endlich wusste, dass er zurückgekehrt war.
Er legte seine Arme auf ihren Rücken und spürte wie sie unter
seiner Berührung ruhiger wurde und langsam aufhörte zu zittern.
Nach einer Weile hob sie ihren Kopf und beugte sich über ihn,
während sie liebevoll seine Wange streichelte.
Als sie in seine grünen wunderschönen Augen sah, merkte sie,
wie sie bei ihrem Anblick aufflackerten und wie er sich zu einem
leichten Lächeln bemühte. Sie lächelte zurück und es war als
lachten alle Sterne des Himmels zu ihm hinunter.
Nur sie konnte ihn so anlächeln.
Er verzog den Mund leicht und fragte unter einem verschmitzen
Grinsen kaum hörbar: Und? Haben die Knicks die Saison
gewonnen?
Sie lachte und weinte darüber zugleich, weil sie nun sicher sein
konnte, dass er derselbe Mann war, der sie vor sechs Wochen
verlassen hatte und sie hielt seinen Kopf in ihren Händen,
während sie seine Wange unter Tränen der Freude zart küsste
und seinen Duft einsog und er immer noch seine Arme um sie legte
und sie mit all der Kraft, die er noch in sich trug, festhielt.
Am nächsten Abend
Scully lächelte als sie mit ihrer Tüte voller Fast Food in der
Tür von Mulders Zimmer stehenblieb und drei wohlbekannte
Gestalten vor seinem Bett aufgereiht sah.
Mulder hatte schon Recht, sie sahen aus wie drei Comicfiguren.
Als Frohike sie bemerkte, drehte er sich mit einem breiten
Grinsen um und ging auf sie zu. Sie befürchtete schon wieder
einmal von ihm angebaggert zu werden und legte sich gerade eine
Abfuhr in Gedanken parat, als er vor ihr stehenblieb und gierig
auf die Tüte starrte. Ist da auch was für uns mit dabei?
Sie schüttelte in gespielter Bedauerung den Kopf und ging an ihm
geradewegs vorbei um Mulder seine Bestellung auf die Brust zu
legen.
Drei Cheeseburger, eine extra große Portion Pommes, sechs
Chicken McNuggets und eine große Cola. Mulder? Sie machte
ein gequältes Gesicht. Sin Sie sicher, dass Sie das essen
wollen?
Klar, Sie haben es doch selbst gehört, der Arzt will, dass
ich wieder zu Kräften komme.
Muskelaufbau, Mulder. Nicht Fett! ermahnte sie ihn
unter einem leichten Lächeln und sah liebevoll auf ihn herab,
während er sie mit seinen Blicken zu streicheln schien.
Langley räusperte sich. Ähm. Also wenn da ohnehin nichts
für uns dabei ist, dann sollten wir vielleicht gehen, was?
Die beiden anderen sahen etwas verlegen auf ihre Füße und es
schien, als nickte Byers Scully fast unmerklich zu, als sie sich
von Mulder verabschiedeten und den Raum verließen.
Scully gab Mulder zu verstehen, dass sie ihn kurz mit seinem
Essen alleine lassen würde und folgte den Lone Gunmen nach
draußen.
Agent Scully, wir sind so froh, dass Sie hier so gesund vor
uns stehen, setzte Byers gerade an als er unterbrochen
wurde. Und so schlank noch dazu, haben Sie abgenommen? Oder
sind ihre Haare länger? Frohike grinste sie schmierig an.
Er wusste, dass er sie damit verlegen machen konnte und nutzte
das nach all den Jahren immer noch aus. Langley stupste ihn in
die Seite, es war nicht der richtige Zeitpunkt für Witze. Byers
sah sich ängstlich nach Mulder um, er wollte nicht, dass er
mitbekam, was er seiner Partnerin zu sagen hatte. Marita
Covarrubias ist in einem Hotelzimmer in New York tot aufgefunden
worden.
Was? Scullys Augen weiteten sich in Entsetzen. Wir
wissen auch nicht mehr, aber wir machen uns ziemliche Sorgen,
dass es nicht bei diesem einen Mord bleiben wird.
Nein, Marita hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass der
Raucher ebenfalls tot sei. Ihre Stimme klang abwesend, so
als spräche sie automatisch während ihre Gedanken sich mit
etwas ganz anderem beschäftigten. Sie sah die drei an.
Sie hat mir Informationen über diese Nanobots gegeben.
Einen Augenblick überlegte sie, ob sie den Lone Gunmen von ihrem
Baby und der Entdeckung der Nanobots in ihrem eigenen Blut
erzählen sollte, aber nicht einmal Mulder wusste davon, sie
konnte es ihnen nicht zuerst sagen.
Nanobots, klar! Langley schien überhaupt nicht
überrascht. Die Regierung spritzt sie seit Jahren
unschuldigen Mitbürgern anstelle der sogenannten alljährlichen
Grippeimpfungen. Sie sollen angeblich die Gedanken
aufzeichnen. Die Russen haben sie im kalten Krieg entwickelt.
Scully sah ihn ungläubig an. Das war wieder eine Variante der
Wahrheit, die ihr noch überhaupt nicht vertraut war. Naja.
Ich habe darüberhinaus noch ein paar andere Informationen
erhalten. Sie blickte ein wenig verlegen um sich.
Überall rannte Pflegepersonal herum, es war hier nicht sicher,
hier konnten sie sich nicht ungestört unterhalten. Was
können Sie über diese Nanobots noch in Erfahrung bringen? Haben
Sie jemals etwas von Nanobots in Zusammenhang mit der Züchtung
von Alien-Mensch-Hybriden gehört Phew!
Frohike pfiff laut und sah sie neckend an.
Aber hallo, hat man Ihnen irgendwelche Drogen gespritzt?
Scully wehrte seine Albernheiten mit einem müden Lächeln ab und
sah fragend die beiden Anderen an, die sich irritierte Blicke
zuwarfen. Es schien, als wollten sie hier vor ihr nicht so recht
mit der Sprache herausrücken. Hören Sie, wir finden
heraus, was wir können und melden uns in ein paar Tagen bei
Ihnen. Das ist zu heiß, um hier darüber ein Kaffeekränzchen zu
halten. Langley blickte wachsam um sich und die Drei
nickten ihr zum Abschied noch einmal zu, bevor sie am Ende des
Flurs um die Ecke bogen und wieder in ihre eigene Welt
verschwanden.
Scully kehrte in Mulders Zimmer zurück, der zu ihrer Bestürzung
schon fast alles verputzt hatte, so dass sie ihm nur noch die
letzten zwei Chicken McNuggets entreißen konnte und sie sich mit
einem triumphierenden Blick selber in den Mund schieben konnte.
Sie setzte sich, nachdem sie den ganzen Müll beseitigt hatte,
wieder auf ihren Stuhl neben seinem Bett und lehnte sich nach
vorne, ihre Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet.
Sie sahen sich an und schwiegen. In ihrem Kopf hallten noch die
Worte, die sie draußen im Flur gewechselt hatten, nach. Und in
seinem Kopf war noch immer ein Teil dieser unendlichen Leere zu
spüren, die ihn die letzten Wochen in ihrer kalten Umarmung
gehalten hatte.
Zwischen ihnen lag so vieles, so viele einsam verbrachte Stunden,
so viel Unausgesprochenes. Sie waren sich so nah und doch schien
es, als wären sie selbst jetzt in diesem Augenblick weit
voneinander entfernt, während über ihnen eine bittere Stille
schwebte und keiner von ihnen wusste, wo er anfangen sollte um
die Wochen, die zwischen ihnen lagen, aufzuarbeiten.
--Zwei Wochen später
Scully saß in dem dunklen Kellerbüro und starrte schweigend
Agent Morgan an. Warum war er immer noch hier? Mulder war doch
zurück. Er konnte zwar noch nicht arbeiten, aber warum hatte
Skinner noch keinen anderen Arbeitsplatz für Agent Morgan
gefunden? Noch dazu besaß dieser Agent immer noch die
Dreistigkeit auf Mulders Platz zu sitzen.
Verstohlen und ganz vorsichtig legte Scully die Hand auf ihren
Bauch und wendete sich wieder der Akte zu, die vor ihr lag. Sie
konnte die leichte Wölbung langsam fühlen und musste immer
wieder ihre Hand darüber streifen lassen, um es glauben zu
können.
Sie hatte Mulder immer noch nichts davon erzählt.
Er war so merkwürdig. Obwohl er wieder gesund war und bereits
seit einer Woche wieder bei sich zuhause war, fand sie keinen
Zugang zu ihm. Er wirkte distanziert und konnte sich ihr nicht
öffnen. Oder vielleicht wollte er es auch nicht.
Es hatte nicht einen Moment der Nähe, der altbekannten
Vertrautheit zwischen ihnen gegeben, seit er aus dem Krankenhaus
entlassen worden war, irgendetwas schien ihn zu bedrücken, doch
sie traute sich nicht ihn darauf anzusprechen und so lag es
weiterhin wie das Schweigen, das sie seit zwei Wochen verband, in
der Luft.
Lange würde sie aber nicht mehr warten können, in ein paar
Wochen würde selbst Mulder ihren Bauch sehen können.
Mulder bog in seinem Wagen um die Ecke. Vor ihm tat sich das
J.Edgar Hoover Building auf und so vertraut es ihm war, so schien
es nicht wirklich da zu sein. Oder vielleicht war er es, der
nicht wirklich da war. Alles um ihn herum, all das Vertraute,
Gute und Schöne in seinem Leben, auf das er sich so gefreut
hatte, war in merkwürdige Ferne von ihm gerückt und anstelle
der Gefühle für all diese Dinge trug er nur eine kalte Leere in
sich.
Und das tat ihm weh. Er sah auch in ihren Augen, wie es ihr
wehtat. Doch er konnte nichts dagegen tun, es war, als läge noch
immer ein schwarzer Schleier dieses Öls über seiner Seele. Er
hoffte mit seiner Rückkehr zu den X-Akten würde sich auf die
Dauer wieder Normalität einschleichen und er würde wieder
lernen können zu leben und zu fühlen. Vielleicht war das alles
nur eine posttraumatische Reaktion. Er lächelte bitter. Das
würde zumindest Scully sagen.
Als er den Aufzug im Keller des Gebäudes verließ und auf ihr
gemeinsames Büro zuging, hörte er plötzlich leise Stimmen. Die
Eine kam ihm sehr vertraut vor, er hatte sie in den letzten
Wochen oft in seinem Kopf eingefangen und immer wieder im Geiste
abgespielt.
Doch die andere Stimme, eine tiefe männliche Stimme, kam ihm
vollkommen fremd vor.
Etwas gereizt und überrumpelt stieß er die Tür auf und
erblickte einen Agent, der sich lässig auf seinem Stuhl breit
gemacht hatte und in seinem Büro mit seiner Partnerin redete. Er
stand fassungslos im Türrahmen und versuchte die fremden Bilder
vor seinen Augen einzuordnen. Scully sah überrascht zu ihm hoch
und stand direkt auf, um ihm entgegenzukommen.
Mulder! Sie sollten noch gar nicht hier sein! Weiß
Skinner, dass Sie hier unten sind? Doch Mulder reagierte
nicht auf sie, er hatte nur Augen für diesen Mann, der seinen
Platz eingenommen hatte.
Er setzte ein unschuldiges Lächeln auf, ging auf den Agent zu
und sprach ihn direkt an. Hallo! Ich glaube, wir kennen uns
nicht, Sie sind... und er hob sein eigenes Namensschild vom
Tisch hoch und las den Namen darauf vor: ...Agent Fox
Mulder, schön, Sie mal kennenzulernen! Und er hielt ihm
unschuldig lächelnd seine Hand hin, während Agent Morgan ihn
nur irritiert und sprachlos ansah.
Mulder! Scully trat von hinten an ihn heran und legte
fest ihre Hand auf seinen Arm, als wolle sie ihn zurückhalten.
Agent Morgan war von Mulders bissiger Begrüßung verunsichert
und sprang etwas verzögert von seinem Stuhl auf. Er war
sichtlich froh über den Schreibtisch, der zwischen ihm und dem
großen dunkelhaarigen Agenten stand.
Agent Mulder! Es tut mir leid, ich... Er wusste nicht
mit dieser Situation umzugehen, fasste sich dann jedoch wieder
und streckte seinerseits Mulder die Hand entgegen.
Ich bin Agent Morgan. Ihre Partnerin hat mir schon viel von
Ihnen erzählt. Ich bin froh, dass Sie wieder gesund unter uns
weilen. Ein ehrliches aber etwas verlegenes Lächeln legte
sich auf seine Lippen und er sah hilflos zu Scully, die seinem
Blick schüchtern auswich und zu Boden blickte.
Mulder bemerkte den Blickwechsel zwischen den Beiden und es war
ihm, als läge da ein klein wenig mehr zwischen ihr und diesem
Agent Morgan in der Luft, als ihm in diesem Augenblick Recht war.
Der Blick, den Agent Morgan Scully zugeworfen hatte, hatte noch
einen Beigeschmack gehabt, den er nicht richtig zu deuten wusste,
doch irgendetwas in ihm war alarmiert.
Er lächelte Agent Morgan sarkastisch zu. Tja, das ist doch
nett, dass Sie mich so kompetent vertreten haben, aber wie Sie
sehen, bin ich ja wieder hier und daher danke ich Ihnen für Ihre
Hilfe und hoffe, wir treffen uns mal auf einen Kaffee. In
seiner Stimme lag eine sehr deutliche Abneigung und der einen
ganzen Kopf kleinere Agent wagte kaum dem zu widersprechen, so
dass er sich entschuldigte und so vermutete es Scully
sich gleich auf den Weg in Skinners Büro machte.
Scully war, das musste sie zugeben, recht vergnügt über diesen
Hahnenkampf gewesen, hatte sie doch die Eifersucht in Mulders
Blicken bemerkt, doch sie war Agent Morgan während der letzten
Wochen in einer Hinsicht dankbar gewesen: Sie hatte hier unten
nicht alleine sitzen müssen und er hatte nicht eine Sekunde den
im FBI sonst so allgegenwärtigen Zynismus an den Tag gelegt und
nicht einen Augenblick daran gezweifelt, dass sie einer sehr
wichtigen Wahrheit auf der Spur waren. Es war erfrischend
gewesen.
Mulder! War das wirklich nötig? Ja! Sehen Sie
sich doch an, was er mit meinem Schreibtisch angestellt hat!
Und er zeigte mit einem Kopfschütteln auf den vollkommen kahlen
und aufgeräumten Tisch, auf dem nur zwei stumpfe Bleistifte
neben seinem Namensschild herumlagen. Er ging direkt zu seinem
Stuhl, ließ sich achtlos darauf fallen, faltete die Hände im
Nacken und lehnte sich zurück. Ein zufriedenes Grinsen breitete
sich auf seinem Gesicht aus. Was denn, kein
Willkommensständchen, Scully?
Scully stand schweigend vor ihm, die Arme vor der Brust
verschränkt. Was war nur mit ihm los? Was machte ihn so
aggressiv?
Als Mulder den verletzten Blick in seinem Gegenüber wahrnahm,
tat es ihm leid, dass er hier wie ein Wirbelsturm hereingefegt
war, doch er konnte sich nicht helfen. Er war nicht Herr seiner
Handlungen, sie verselbständigten sich und in Wahrheit war er
froh darüber, denn dieses Chaos verdeckte das, was eigentlich
viel schlimmer war: Das dunkle Loch tief in seinem Innern, das
nicht verschwinden wollte und seine Seele bei jedem Herzschlag
ein wenig mehr einzusaugen schien.
Scully schien es, als könne sie in seinem Gesicht erkennen, dass
Mulders Auftritt nur Show gewesen war. Doch in den letzten zwei
Wochen war sie sich nicht sicher gewesen, ob nicht alles, was
passiert war, Show gewesen war. Er hatte überhaupt nicht wie er
selbst gewirkt, er hatte nur sich selbst gespielt, doch sie
spürte ganz deutlich, dass er irgendeinen Kummer mit sich
herumtrug.
Sie wusste, sie musste es irgendwann einmal ansprechen.
Als sie so vor ihm stand, immer noch die Arme vor der Brust
verschränkt und ihre vor widersprüchlichen Gefühlen für
diesen Mann glitzernden Augen durch den Raum wandern ließ um ihm
nicht ins Gesicht sehen zu müssen, versuchte sie der
eigentlichen Atmosphäre zwischen ihnen gewahr zu werden. Sie
versuchte tief in sich hineinzuhorchen, was sie eigentlich so
verwirrte.
Wenn sie sich konzentrierte würde sie vielleicht sogar hören
können, was Mulder ihr zwischen seinem Sarkasmus und seinem
Clowns-Theater mitzuteilen versuchte.
Schließlich löste sie ihre Arme und machte einen Schritt auf
seinen Schreibtisch zu, ging um ihn herum und stellte sich direkt
vor ihn. Sie fuhr ihm ganz vorsichtig mit der Hand durch sein
Haar und fühlte, dass er tief in seinem Herzen danach gerufen
hatte.
Ich weiß, dass Sie etwas bedrückt. Sie müssen sich mir
anvertrauen!, sprach sie ganz leise und bedacht zu ihm,
während sie ihm tief in die Augen sah, damit ihre Worte auch
ganz bestimmt seine Seele erreichten. Doch in seinen Augen konnte
sie nichts lesen. Nichts außer einem traurigen Schatten und der
Hilflosigkeit, mit der er zu ihr aufsah. Er legte seine Hand um
ihre Hüfte und zog sie näher zu sich heran. Sein Kopf berührte
ihren Bauch. Scully hielt eine Sekunde die Luft an. Hoffentlich
merkte er nichts so nah an ihrem Bauch.
Doch Mulder war viel zu weit weg, um das zu bemerken. In ihm
ergoss sich die Leere über seine Sinne und sein Herz war kalt
wie Stein. Doch er wollte fühlen und konnte es nicht.
20.25 Uhr, Scullys Appartment
Sie legte den Hörer auf. Er war nicht ans Telefon gegangen und
sie war es langsam Leid ihn immer wieder anzurufen. Immer wieder
den ersten Schritt zu wagen, in der Hoffnung, er würde sich ihr
endlich öffnen. Es tat ihr nur so weh, ihn jetzt nach all den
schrecklichen Erlebnissen wieder zu haben und ihn doch weiterhin
entbehren zu müssen.
Sie schüttelte die Sorgen von sich ab und ging in die Küche.
Langsam merkte sie wie das Baby in ihr wuchs, sie hatte dauernd
Hunger und sie wollte gerade über eine Tiefkühlpizza herfallen,
die in ihrem Ofen knusprig vor sich hinbriet, als es an der Tür
klopfte. Sie sah durch den Spion und musste ein lautes Lachen
unterdrücken.
Vor ihrer Tür standen definitiv die Zeugen Jehovas, allerdings
hielten sie die neueste Ausgabe des Einsamen Schützen in ihren
Händen und sie wusste sofort, wer sich hinter dieser albernen
Verkleidung verbarg. Sie öffnete die Tür.
Ich dachte, Sie drei wüssten, dass ich überzeugte
Christin bin, versuchte sie mit einem Scherz das lang
erhoffte Treffen mit den Dreien zu eröffnen. Doch die waren
anscheinend überhaupt nicht humorvoll eingestimmt und schoben
sich ungeduldig an ihr vorbei. Sie schwärmten direkt in ihrer
Wohnung aus um hastig die Jalousien in ihrem Wohnzimmer zu
schließen.
Macht es Sie nicht verrückt, den ganzen Tag beobachtet zu
werden? Frohike fühlte sich angesichts der Fenster in
ihrem Wohnzimmer offensichtlich äußerst unwohl. Auf so viel
Paranoia wusste sie keine Antwort und sah die drei erwartungsvoll
an, während sie ihnen Eistee einschenkte.
Ist der auch ohne Konservierungsstoffe? Als Scully
Langley irritiert anstarrte, erklärte er ihr, dass
Konservierungsstoffe in Wahrheit biogene Amine waren, die durch
den körpereigenen Stoffwechsel nach Aufnahme mit der Nahrung zu
halluzinogenen Nervengiften aktiviert wurden.
Offensichtlich haben Sie schon eine ganze Menge
Konservierungsstoffe zu sich genommen, Langley! Sie war
über diese neue Erkenntnis eher belustigt als beunruhigt.
Was sie aber wirklich beunruhigte war, dass Byers die ganze Zeit
geschwiegen hatte und auch die anderen Beiden jetzt betreten und
wie Falschgeld in ihrer Küche standen.
Also was führt Sie hierher? Haben Sie etwas über diese
Nanobots herausgefunden? brach sie schließlich das
Schweigen.
Setzen Sie sich lieber, das wird Sie sicherlich
umhauen! Unser Informant, der gute Verbindungen zur UN hat, hat
uns da einige heiße Geschichten geliefert. Frohike setzte
sich hin während Byers seine Ausführungen fortsetzte.
Die Regierng hat, wie Sie ja selber schon lange wissen,
während des Kalten Krieges eine Technologie entwickelt mittels
derer sich der Mensch willkürlich steuern lässt. Aber so weit
ist das ja nichts Neues, weder für Sie noch für uns.
Doch jetzt kommt`s, passen Sie auf! Frohike rutschte
ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her während Byers tief
durchatmete.
Diese Nanobots wurden aufgrund der Mutation dieses
Alien-Virus weiterentwickelt und sind nun in der Lage sich zu
vervielfältigen und Protein-Partikel abzuspalten, die sogar in
die Zellen eindringen können. So wie unser Informant sich
ausgedrückt hat, sind sie dadurch dazu in der Lage gezielt
DNA-Abschnitte an- und auszuknipsen.
Scully erinnerte sich an das Gespräch mit Marita und war
überrascht die Informationen, die sie von ihr erhalten hatte,
jetzt bestätigt zu bekommen.
Ja, das ist mir auch bekannt, dadurch lassen sich auch die
aktivierten Junk-DNA Sequenzen inaktivieren. Es machte bis
hier Sinn und sie bemerkte, wie sich die drei Schützen
anerkennende Blicke zuwarfen. Sie waren verwundert, dass die
sonst so skeptische Scully die Sache mit der Außerirdischen-DNA,
die in jedem Menschen zu schlummern schien, so einfach
akzeptierte.
Sie wussten ja nicht, wie schwer es ihr immer noch trotz aller
Beweise fiel, so selbstverständlich darüber zu sprechen. Der
Gedanke, dass sie der Ursache für die allen Forschern noch
Rätsel aufgebende Junk-DNA auf die Spur gekommen war, raubte ihr
noch immer den Atem.
Allerdings verstehe ich immer noch nicht, was dieses
schwarze Öl damit zu tun haben soll. Sie stützte
angestrengt ihren Kopf in die Hand und sah Langley an, der darauf
eine Antwort zu suchen schien. Mh, soweit Mulder
herausfinden konnte, soll es doch bei Kontakt mit dem Wirt die
Junk-DNA reaktivieren und so den Wirt transformieren.
An diesem Punkt merkte Scully wieder wie ihr Verstand
rebellierte. So etwas war einfach nicht möglich und es klang wie
in einem schlechten Science-Fiction-Film. Doch sie schluckte den
Widerspruch runter und sah die Lone Gunmen weiterhin auffordernd
an. Jetzt wollte sie alles wissen.
Frohike zögerte. Dann sah er sie an. Und dieser Chip,
Agent Scully. Sie haben doch diesen Chip in Ihrem Nacken, nicht
wahr? Byers sah sie interessiert an. Und Scully wagte kaum,
zu nicken.
Ihr Chip dient diesen Nanobots als Matrize. Jede Frau, die
von der Regierung entführt wurde, hat so einen Chip, der zu
jedem Zeitpunkt ihren Bewusstseinszustand abspeichern kann und
diese Information auf die Nanobots übertragen kann. Der Plan ist
- und jetzt halten Sie sich fest ... Byers dämpfte seine
Stimme und alle drei rückten näher zusammen und der Tisch
zwischen ihnen schien zu schrumpfen ...dass all diese
Frauen eine Sklavenrasse gebären sollen. Aber nicht eine
Alien-Sklavenrasse, wie es die Invasoren von uns zur
Durchführung ihrer Pläne verlangen, sondern eine Rasse von
immunen Alien-Mensch-Hybriden, die allein unserer Regierung im
Kampf gegen die Außerirdischen dienen soll.
Byers schluckte und lehnte sich zurück. Er hatte es
ausgesprochen und war selbst noch ganz fasziniert von diesen
Neuigkeiten.
Die Frau ihm gegenüber sah ihn nur unverwandt an. Sie schien die
Informationen zu ordnen und zu verarbeiten und rang nach Worten.
Sie konnte es sich nicht leisten, jetzt die Beherrschung zu
verlieren, denn die Drei wussten nichts von dem Geheimnis, dass
sie in ihrem Körper mit sich herumtrug.
Also, die Nanobots stellen sich selbst aus diesen Chips her
um die Junk-DNA zu inaktivieren? Wozu soll das gut sein? Und wozu
speichern sie die Bewusstseinszustände all dieser Frauen ab?
In Scully drehte sich alles und sie fühlte sich wieder sehr
unbehaglich, selbst so einen Chip in sich zu tragen.
Langley sah Frohike vorsichtig an. Naja. Dieses schwarze
Öl aktiviert die Alien-DNA in uns und wenn die Nanobots fleißig
ihre Arbeit erledigen, dann können sie diese Aktivierung eben
verhindern, aber ohne dass die ganzen praktischen Eigenschaften,
die das Alien-Dasein so mit sich bringt,wie telepathische
Fähigkeiten, Unverwundbarkeit und die ganzen anderen Gimmicks,
verloren gehen. Und das wäre dann der Schlüssel zur Immunität
gegen dieses widerliche Zeug. Was die Bewusstseinsabspeicherung
angeht, so ist das eigentlich eine Verlegenheit der Entwickler
dieser Technologie gewesen. Denn man hat herausgefunden, dass die
Nanobots sich gar nicht teilen, wenn sie diese Informationen
nicht auch übernehmen können. Aber da tappt man anscheinend
noch ein wenig im Dunkeln. Byers unterbrach Langley in
seinem Redeschwall. Er wollte auch etwas dazu beitragen.
Der Punkt ist doch der, Agent Scully: Wir selbst würden
unsere Evolution einen großen Schritt mit dieser Technologie
vorantreiben. Wir würden die seit Millionen von Jahren in uns
herumdümpelnde Junk-DNA zu allen möglichen zwielichigen Zwecken
einsetzen. Außerdem wären die Menschen, die daraus entstehen,
willenlose Sklaven von Uncle Sam. Das klingt doch alles nach
einem richtig durchdachten Plan.
Alle drei sahen sie begeistert an. Sie schienen durch die neuen
Informationen vollkommen aufgeputscht zu sein. Ihre Paranoia sah
sich seit langer Zeit einmal wieder mehr als je zuvor bestätigt.
Scully stöhnte leise. Das war alles sehr verwirrend.
Warum sind Sie damit zu mir gekommen? Und nicht direkt zu
Mulder gegangen?
Sie sah die betreten auf den Tisch starrenden Lone Gunmen an.
Frohike? versuchte sie wenigstens einen von ihnen zum
Sprechen zu motivieren. Frohike druckste herum.
Die sagen, dass die Aliens ihn und all die anderen zu sich
geholt haben, weil sie spitz gekriegt haben, dass unsere
Regierung den ersten immunen Alien-Mensch-Hybriden erschaffen
hat. Scully war schon von Marita darauf vorbereitet worden
und daher fiel es ihr nun leichter, den Dreien vorzugreifen.
Mulder! Als die Drei weiterhin schwiegen hakte sie
wieder nach. Glauben Sie etwa auch, dass er der erste
immune --- Sie brachte es nicht über die Lippen.
---Alien-Mensch-Hybrid ist? Es sieht ganz so aus, fürchten
wir. Und nun ist er zurückgekehrt. Und er ist noch am Leben,
wenn er auch noch ein bisschen durchgeknallter ist als vorher.
Frohike ärgerte sich über diesen Seitenhieb als er Scullys
ernstes Gesicht sah. Er druckste wieder herum.
Also, wir wissen nicht, was er da draußen erlebt hat, aber
anscheinend haben die ihm nichts antun können. Also entweder
wollten die ihn nicht, weil er gar nicht immun ist, oder der
Schlüssel zur Immunität muss immer noch in ihm sein.
Haben Sie sein Blut untersuchen lassen, Agent Scully?
schaltete sich Byers wieder ein. Scully stand von ihrem Stuhl auf
und drehte sich weg, um sich dann mit dem Rücken gegen ihren
Küchenschrank zu lehnen.
Bis jetzt noch nicht. Ich bin froh, dass er überhaupt
wieder aufgewacht ist! Und wonach sollte ich auch in seinem Blut
suchen? fragte sie sichtlich überfordert und verwirrt von
all den Informationen, als ihr einfiel, dass Marita ihr verraten
hatte, dass auch Mulder irgendwann mit diesen Nanobots in
Berührung gekommen sein musste. Sie schien aber nicht die
Einzige zu sein, die darüber etwas wusste, weil im selben Moment
Langley einen Zettel aus seiner Hose kramte und ihn Frohike
unterschob, der ihn kopfschüttelnd an Byers weiterreichte.
Byers zögerte einen Augenblick und reichte ihn dann Scully.
Sie entfaltete ihn und starrte auf eine Liste von 51 US-Städten.
Was ist das?
Diese Liste hat uns jemand gegeben, der in den Siebzigern
in einem Labor Blutproben untersucht hat, von Kindern. Von
Kindern, denen im Rahmen ihrer Grundimpfungen zusätzlich
Cocktails aus Gen-Abschnitten des schwarzen Krebses und kleine
Proben dieses Vakzins, das im übrigen nur eine Nährlösung für
die später entwickelten Nanobots sein sollte, gespritzt wurden.
Zusätzlich zu Masern, Mumps und Röteln sind diese Kinder also
auch noch gegen Aliens geimpft worden. Bis man ihnen dann mit der
letzten Kinderlähmungs-Impfung während der Pubertät die gerade
entwickelten Nanobots verabreicht hat. Die meisten der Kinder auf
dieser Liste sind allerdings jetzt gerade verschwunden oder tot.
Byers sah sie an und wartete darauf, dass sie es entdeckte.
Und schließlich tat sie es auch. Ihr Blick überflog die 51
Städtenamen, von denen ihr höchstens ein Duzend etwas sagte.
Und da sah sie es.
Auf dieser Liste waren Alturas, Bellefleur, Fallon und Chilmark
aufgelistet. Chilmark, Massachussetts murmelte sie
grübelnd. Das ist da, wo Mulder aufgewachsen ist!
Plötzlich setzte sich alles in ihrem Kopf zusammen, die losen
Puzzleteile, die die letzen Wochen verloren in ihrem Verstand
herumgeflogen waren, ergaben endlich ein Bild.
Mulder hatte auch zu einem Programm gehört, wie Billy Miles, nur
war er bis zum jetzigen Zeitpunkt aus irgendeinem Grund nie
entführt worden. Aber an ihm waren Experimente durchgeführt
worden und er hat nie davon gewusst. Sie fuhr sich aufgeregt mit
der Hand durchs Gesicht und ließ sich erschöpft wieder auf den
Küchenstuhl fallen.
Wow. Entfuhr es ihr tonlos. Es war alles gesagt.
Scully glaubte nicht, dass sie jemals zuvor in ihrem Leben in so
kurzer Zeit alles verloren hatte, woran sie je zu glauben gewagt
hatte. Ihr Weltbild hatte eine 180 Grad Drehung vollzogen und zum
ersten Mal konnte sie sich nicht mit dem Einwand mangelnder
Wissenschaftlichkeit wehren, da sie für fast alles eigenhändig
Beweise gesammelt und gesehen hatte.
Sie hatte die Alien-DNA mit der Junk-DNA von Gibson verglichen.
Sie hatte die Nanobots in ihrem eigenen Blut gefunden. Sie hatte
dieses Licht am Abend von Mulders Rückkehr gesehen und sie
wusste, dass das keine Hirngespinste waren.
Doch was sollte sie jetzt mit all diesen Informationen tun? Es
gab einen Grund, warum die Drei zu ihr gekommen waren. Sie hatten
auch gespürt, dass mit Mulder etwas nicht stimmte. Sie wusste,
sie würde nicht drumherum kommen, ihn auch noch einmal zu
untersuchen. Wenn das bedeutete, dass sie vielleicht in seinem
Blut die Lösung für all die Probleme, die ihre Existenz
bedrohten, finden konnten.
--
Drei Tage später, im Kellerbüro des
FBI, 7.55 Uhr morgens
Der Basketball titschte auf und ab, es war ein wohlklingendes
Geräusch in seinen Ohren und er konnte damit die Stille in
seinem Kopf füllen. Er hatte gehofft, seine Rückkehr in dieses
Büro, wo er versuchen konnte, mit Scully zusammen in den Alltag
zurückzufinden, würde diese Leere in ihm vertreiben. Doch er
hatte die letzten drei Tage kein Auge zugetan, hatte sämtliche
schlechten Filme der Geschichte Hollywoods im Fernsehen gesehen
und wenn ihn dann mal für ein paar Sekunden der Schlaf
überfallen hatte, dann waren es schreckliche Sekunden in einer
grauschwarzen Zwischenwelt gewesen, aus der er jedes Mal
schreiend aufgewacht war.
Dieses Gefühl verfolgte ihn, es war das einzige, was er von
seinem Erlebnis mit dem schwarzen Öl in Erinnerung behalten
hatte und es kam ihm vor, als würde es seinen Geist besitzen. Es
war, als wäre ein Teil von ihm nicht mehr er selbst, als würde
seine Seele seinen Verstand abstoßen oder sein Körper sein
Herz. Er fühlte sich nicht ganz. Und er wusste nicht, wie er
dieses Gefühl loswerden konnte.
Hoffentlich würde sie bald kommen, sie konnte ihn wenigstens
ablenken.
Und da war sie auch schon. Die Tür öffnete sich und zu seiner
Überraschung stand sie vor ihm mit zwei Bechern in der Hand. Sie
hatte noch nie Kaffee für ihn mitgebracht. Er ließ den
Basketball noch ein letztes Mal auf den Boden fallen, so dass er
noch einmal auftitschte und dann in die Ecke rollte und
schließlich liegen blieb.
Sie waren seit ihrer Entführung damals nicht mehr so lange
voneinander getrennt gewesen, sie sahen sich sonst ja jeden Tag
und nicht selten auch noch an den Wochenenden. Jetzt, wo er sie
so lange nicht gesehen hatte, kam sie ihm so fremd vor, irgendwie
verändert.
Man konnte die Spuren der letzten Wochen in ihrem Gesicht sehen,
sie sah blass und angespannt aus. Die Sonne New Mexicos hatte
viele kleine Sommersprossen auf ihrem Gesicht hinterlassen und
sie hatte abgenommen.
Er wusste nicht, was es war, vielleicht trug sie ihr Haar
länger, aber irgendetwas an ihrer Erscheinung war anders, trotz
der sichtbaren Zeichen ihres Kummers.
Irgendetwas war schöner. Lebendiger.
Er lächelte sie an und sie wusste in diesem Moment, dass dieses
Lächeln es wert gewesen war mit dem Auto extra einen Umweg
gefahren zu sein, um diesen Kaffee für ihn mitzubringen. Für
sich hatte sie nur Milch mitgenommen, sie war der Ansicht, dass
ihr Kind schon mit genug Störfaktoren belastet wurde, da würde
es sich nicht auch mit noch Koffein rumschlagen müssen.
Sie hoffte der Kaffee würde ihn ein wenig milde auf das
einstimmen, was sie ihn gleich fragen wollte. Eigentlich hatte
sie heute auch vorgehabt, ihm das mit dem Baby zu erzählen, weil
sie heute Morgen vor dem Spiegel gesehen hatte, wie sich langsam
eine kleine Wölbung unter ihrer Bluse bemerkbar machte.
Aber er war gerade seit drei Tagen wieder beim FBI und zwischen
ihnen war noch immer diese unvertraute Distanz zu spüren und sie
wollte dieses zarte Band, das sie gerade wieder neu knüpften,
nicht schon so früh mit so einer Verantwortung belasten.
Sie setzte sich langsam auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und
nippte an ihrer Milch, während sie ihn verstohlen ansah. Ging es
ihm heute gut? Er hatte sich seit seiner Rückkehr sehr schnell
erholt. Seine lebendige Gesichtsfarbe war zurückgekehrt und
seine Muskeln schienen sich von der Schwerelosigkeit langsam zu
erholen. Er sah wieder kräftiger aus. Nur die Wunden an seinen
Fingerspitzen waren noch sichtbar. Und jedes Mal, wenn ihr Blick
darauf fiel, musste sie schlucken. Es war eine grausame
Erinnerung für sie und sie hasste das Bild, das sich ihre
Phantasie beim Anblick dieser Verletzungen ausmalte. Was hatten
sie ihm nur angetan?
Es war genau diese Frage und die darauf fehlende Antwort, die
seit seiner Rückkehr diese unwirkliche Stille zwischen ihnen
auslöste.
Sie stellte ihre Milch vor sich auf dem Schreibtisch ab und dabei
strichen ihre Fingerrücken ganz sanft und nur so leicht, dass
seine Haare sie ein kleines bisschen kitzelten, an seinen Händen
entlang, die vor ihm auf dem Tisch lagen und den Kaffeebecher
umfassten. Dieses kleine Bisschen Nähe war alles, was sie im
Moment von ihm erwarten konnte.
Er war so zurückhaltend ihr gegenüber. Nicht abweisend, aber
eben unnahbar und so verletzlich.
Sie atmete schließlich tief durch und sah ihn dann vorsichtig
an. Mulder ? Er sah überrascht in ihre Augen, als
hätte sie ihn aus einem Tagtraum gerissen.
Wir das heißt ich würde das in diesem Fall tun
sollten noch einmal überlegen, ob wir nicht doch eine
Probe von Ihrem Blut in Quantico untersuchen. Ich meine, nur um
ganz sicher zu gehen. Sie merkte, wie sein Gesicht zu Stein
erstarrte und wagte kaum, ihren Satz zu beenden. Aber sie musste
das jetzt zu Ende ausführen, nun da sie endlich den Mut gefunden
hatte es anzusprechen. Und sie wollte ehrlich zu ihm sein,
wenigstens daran sollte sich zwischen ihnen nichts ändern.
Diese Nanobots, von denen ich Ihnen erzählt habe, die auch
Skinner in sich trägt. Sie machte eine kurze Pause und sah
ihn an.
Doch seine traurigen Augen starrten teilnahmslos auf den
Kaffeebecher vor ihr.
Es besteht Grund zu der Annahme, dass die auch in Ihrem
Körper sind. Und ich möchte einfach nichts übersehen, ich
möchte ganz sicher sein, dass Sie gesund sind. Bei den
letzten Worten hatte sie fast flehend gewirkt, da sie die
Anspannung, die sich in ihm ausgebreitet hatte, nicht übersehen
konnte.
Als er schwieg tippte sie leicht mit ihrem Zeigefinger gegen
seinen Handrücken, damit er sie wenigstens ansah. Doch der
Blick, den er darauf in seinen Augen hatte, erschreckte sie. Er
sah kalt und hart durch sie hindurch, so dass es sie fast
schmerzte.
Mit einem heftigen Das können Sie vergessen! stand
er von seinem Stuhl auf, warf den Kaffeebecher quer durch den
Raum, bis dieser, einen hässlichen braunen Fleck an der Wand
hinterlassend, zu Boden fiel und trat dann wütend gegen einen
der Aktenschränke, in dem die X-Akten gelagert wurden.
Scully seufzte und sah genervt auf das I want to believe-
Poster.
In Mulder wehrte sich etwas wie ein Tier und er erkannte sich
selbst kaum wieder, als er fast blind vor Zorn durch das Büro
wütete und den Basketball mit einem weiteren wütenden Tritt ins
Nebenzimmer kickte und er schließlich mit der flachen Hand auf
den Schreibtisch schlug, so dass Scullys Augenbraue vor Schreck
leicht zuckte und sie irritiert, aber als Ausgleich zu seinem
Wutanfall, vollkommen ruhig zu ihm aufsah.
Nein! Ich lass mich nicht untersuchen, ich bin keins von
Ihren Versuchsobjekten, Scully! wehrte er sich und seine
Stimme hatte einen gefährlichen Unterton.
Doch Scully zeigte sich wenig beeindruckt, solche Wutausbrüche
hatte er schon einmal in ihrer Vergangenheit gehabt, nur dass sie
sich jetzt in den letzten Tagen häuften.
Sie guckte ihn ein wenig mitleidig an. Sind Sie fertig?
Mulder murmelte noch etwas vor sich hin, als er sich schließlich
wieder in seinen Stuhl fallen ließ und sich ein wenig zur Seite
drehte, um sie nicht ansehen zu müssen.
Es war ihm peinlich. Warum war er so an die Decke gegangen? Warum
nur wehrte sich sein Innerstes so sehr gegen eine kleine
Untersuchung, die ihm vielleicht selbst die Gewissheit geben
konnte, dass er wirklich nur unter posttraumatischem Stress litt?
Vielleicht weil er insgeheim sicher war, dass da doch mehr war?
Weil er Angst vor der Wahrheit hatte, die sich in seinem Blut
verbergen könnte?
Er hatte den Ellbogen auf den Schreibtisch rechts gestützt und
biss sich auf die Unterlippe, während er betreten auf den Boden
sah. Scully konnte manchmal so kühl sein, dass es ihn verrückt
machte. Wenn andere wütend und aufgebracht tobten, wurde sie
immer vollkommen ruhig und hatte damit jedes Mal den Sieg auf
ihrer Seite. Und das machte ihn dann meistens nur noch wütender.
Doch nun tat es ihm leid, dass er die Beherrschung verloren hatte
und er konnte sie gar nicht ansehen, als sie schließlich
weitersprach als wäre nichts gewesen. Sie hatte ihm noch einen
Moment Ruhe gegönnt, damit sich das Gewitter in ihm wieder
verziehen konnte. Und als sie merkte, dass sein Atem wieder
ruhiger wurde und sich die Anspannung in seinem Oberkörper
wieder löste, übersprang sie das Thema einfach.
Skinner hat mir erzählt, dass Agent Morgan gekündigt hat.
Vielleicht war es nicht klug gewesen gerade dieses Thema
anzuschneiden, aber es hatte ihr am Herzen gelegen, darüber zu
sprechen. Agent Morgan tat ihr im Nachhinein leid. Doch letztlich
schien die Arbeit beim FBI ohnehin nie das Richtige für ihn
gewesen zu sein. Es überraschte sie, dass Mulder überhaupt
nicht darauf einging. Also redete sie weiter.
Skinner ist im Übrigen auch nicht sonderlich begeistert
über Ihre Rückkehr, es wäre also gut, wenn Sie ihm noch eine
Weile aus dem Weg gingen. Wenn es nach ihm und den FBI -
Richtlinien gegangen wäre, hätten Sie sich erst einmal ein paar
Wochen frei nehmen müssen. Aber ich habe ihm versprochen, dass
es zu keinen Zwischenfällen kommen wird...Mulder?! Sie
merkte, dass er ihr gar nicht zuzuhören schien.
Es hatte ja doch keinen Sinn. Sie stand auf, drehte sich zur Tür
um und wollte gerade gehen als das Telefon klingelte. Mulder
schien keine Anstalten zu machen es zu beantworten, er saß immer
noch auf dem zur Seite gedrehten Stuhl und sah gedankenverloren
auf den Boden.
Scully? beantwortete sie schließlich mit einem
wütenden Blick in seine Richtung das Telefon.
Was sie dann hörte verschlug ihr die Sprache. Ihre Augen
weiteten sich und sie suchte Mulders Blick, um sich an etwas
festhalten zu können.
Der hatte sich nun endlich wieder gefangen und zeigte geweckt von
Scullys erschrockenem Schweigen auch wieder Interesse an der
Gegenwart und sah sie auffordernd an.
Ich werde mich sofort darum kümmern, Sir, waren ihre
letzten Worte und sie legte auf. Sie traute sich kaum es Mulder
zu sagen, doch sie konnte nicht anders.
Das war Skinner. Man hat die ersten beiden Entführten aus
Fallon und Alturas tot im Wald aufgefunden. Ich fahre sofort zum
Flughafen. Ich muss sichergehen, dass die in den Autopsien alles
berücksichtigen.
Mulder sprang auf. Die taube Gefühllosigkeit in ihm hatte zwar
nicht zugelassen, dass diese Nachricht sein Herz erreichen
konnte, doch auch er wollte wissen, was mit den Menschen, die ein
paar Wochen dasselbe Schicksal geteilt hatten wie er, getötet
hatte. Vielleicht würde er dann auch der Veränderung in seinem
eigenen Körper auf die Schliche kommen.
Doch als er auf Scully zuging und ihr zu verstehen geben wollte,
dass er mitkommen wollte, legte sie ihre Hände auf seine Brust
und hielt ihn an.
Nein, Sie können auf keinen Fall mitkommen, Mulder. Sie
müssen hier bleiben. Sie sind noch nicht gesund.
Ihre Stimme klang sicher und entschlossen und er wusste dagegen
würde er nicht ankommen. Er hatte sich heute schon zu viel
geleistet, um jetzt erneut seinen Aggressionen freien Lauf lassen
zu können.
Also nickte er nur ein wenig eingeschnappt und Scully konnte die
Gereiztheit darin sehr deutlich erkennen.
Es war sicherlich das Beste, wenn sie einander noch eine Weile
aus dem Weg gingen, sie wusste ohnehin nicht mehr wie sie mit ihm
umgehen sollte. Bevor sie sich umdrehte, um zu gehen, griff er
noch einmal nach ihrer Hand und sie sah erwartungsvoll in seine
Augen.
Etwas in ihm schrie auf, wollte, dass sie bei ihm blieb, doch er
brachte kein Wort über seine Lippen. Er konnte es nicht, er
konnte seine Gefühle nicht in Worte fassen, der graue Schleier
überzog seinen Verstand, stattdessen schwieg er sie ratlos an,
bis er schließlich wieder ihre Hand losließ und sie sich auf
den Weg machte.
Als sie die Tür hinter sich zuzog, warf sie ihm noch einen
letzten Blick zu, doch zu diesem Zeitpunkt lagen zu viele
Missverständnisse in der Luft.
Er sah traurig auf die Tür, die hinter ihr ins Schloss fiel und
entschied sich dann sein Spiel mit dem Basketball wieder
aufzunehmen.
Er war einfach nicht er selbst, irgendetwas war noch in ihm, doch
er konnte es nicht erfassen.
Am selben Tag, 17.29 Uhr, Fallon, Nevada
Der Monitor auf dem Schreibtisch flackerte leicht und der
Rechner surrte und brummte. Er schien die Daten, die aus dem
Laborgerät kamen, nur mit Mühe verarbeiten zu können.
Aber das hier war nun mal nicht das Labor in Quantico, hier
konnte man froh sein, wenn man die DNA-Sequenzen nicht von Hand
ablesen musste.
Scully massierte sich den Nacken, das Jucken des Implantats
störte sie mittlerweile kaum noch, sie hatte sich daran
gewöhnt.
Woran sie sich allerdings immer noch nicht gewöhnt hatte war ihr
Heißhunger auf Tomatensaft. Während sie sich mit aller Gewalt
Bilder von Heringen, riesigen Sahnetorten und massenweise Fast
Food vor Augen führte, um nicht wieder an Tomatensaft denken zu
müssen, erschienen langsam die ersten Daten auf dem Bildschirm
vor ihren Augen.
Viel sagten ihr diese Kurven nicht, gaben sie ihr doch lediglich
Auskunft über die DNA Sequenzen, die sie in den
verschiedenen Gewebezellen der Opfer untersuchte. Es war eine
endlose Abfolge von G,A,T und C und die ganzen Buchstaben vor
ihren Augen hatten eine hypnotisierende Wirkung auf sie. Sie
hatte bei der Autopsie nur vermatschtes Gewebe im Inneren dieser
Menschen finden können und hoffte nun, in der DNA der Zellen aus
all diesen zerstörten Geweben noch irgendwelche Hinweise finden
zu können. Es war eine äußerst unorthodoxe Methode und man
hatte sie hier ein wenig schräg angesehen, doch nach alldem, was
sie bisher gehört hatte, schien der Schlüssel nunmal in der DNA
zu liegen.
Sie seufzte mit einem genervten Blick auf den langsam surrenden
Computer.
Sie wendete sich vom PC ab, um nicht noch müder zu werden, als
sie ohnehin schon war und wollte noch einmal dem Fax-Gerät einen
Besuch abstatten, ob mittlerweile ein Ergebnis aus dem FBI-Labor
in Phoenix eigetroffen war. Sie hatte dort genaue Angaben zur
Isolierung des ungebundenen Eisens aus Blut hinterlassen und
erwartete ungeduldig das Ergebnis. Am liebsten hätte sie es
selber erledigt, aber dieses Labor war nur mit den
Standardgeräten ausgerüstet und sie wollte das Ergebnis
unbedingt heute noch.
Doch als sie sich gerade erhob, spürte sie ein unangenehmes
Ziehen im Bauch. Ihr wurde schwindelig und sie musste sich wieder
hinsetzen. In den letzten Tagen war ihr das immer wieder passiert
und auch wenn sie es immer erfolgreich verdrängt hatte, so
begann es langsam ihr Sorgen zu machen. Sie schluckte noch immer
diese ganzen Vitamin- und Eisenpräparate, doch sie schienen
nicht zu wirken. Sie würde in Washington ihren Arzt aufsuchen
müssen.
Als sie sich ein Glas Wasser geholt hatte und wieder zu ihrem
Arbeitsplatz zurückgekehrt war, hatte der Computer seine Arbeit
endlich erledigt und sie begann damit sich die Sequenzen der
einzelnen Zellen anzuschauen. Doch schon beim Anblick der ersten
Probe stutzte sie. Sie hatte doch ganz sicher Leberzellen aus
beiden Leichen entnommen und die DNA-Analyse daran durchgeführt,
doch vor sich sah sie einen leeren Bildschirm. War die Messung
schiefgegangen? Genervt klickte sie sich durch weitere Messungen.
In den Nervenzellen, sowie in den Haut- und Schleimhautzellen
fand sie ebenfalls keine Daten. Sie befürchtete schon die
gesamte Untersuchung wiederholen zu müssen, als ihr Blick
erleichtert auf Messungen der Blutproben fiel. Hier spuckte der
Computer endlich Daten aus und sie konnte sich die DNA-Sequenzen
der im Blut gefundenen DNA ansehen. Doch als sie ein paar Minuten
durch die Ergebnisse gescrollt war, stutze sie wieder und stand
schließlich wütend auf. Sie würde die gesamte Untersuchung
noch einmal machen müssen.
Diese billigen Geräte hier in dem kleinen Labor hatten
offensichtlich versagt.
Sie stöhnte und zog sich wieder Latex-Handschuhe über. Also
noch einmal von vorne! meckerte sie genervt, als sie wieder
in den Gen-Laborräumen verschwand.
Als sie jedoch zwei Stunden später wieder vor demselben Ergebnis
saß, traute sie ihren Augen kaum und nachdem sie eine halbe
Stunde lang versucht hatte sämtliche anderen Fehlerquellen
auszuschließen, musste sie das Ergebnis akzeptieren.
Mit zitternden Händen griff sie sofort zum Telefon. Egal, was
zwischen ihr und Mulder war, das musste er einfach wissen.
Zur selben Zeit in Washington
Er hatte sich gerade auf die Couch gelegt nachdem er stundenlang
Basketball auf dem Platz um die Ecke gespielt hatte und starrte
in sein Aquarium. Scully hatte ihm einen neuen Fisch geschenkt.
Sie hatte ihm nichts davon gesagt, wahrscheinlich weil es so
banal war, dass sie es vor lauter Aufregung vergessen hatte, aber
es war der schönste Fisch, den er jemals gesehen hatte.
Und nicht nur wegen seiner Farbe es war ein leuchtend
blauer ganz kleiner Fisch sondern weil er von ihr war. Es
war eine liebevolle und stille Geste gewesen. Doch so sehr er
sich auch bemühte, er konnte sich nicht wirklich darüber
freuen.
Und er litt auch nicht darunter, dass sie seit zwei Wochen kaum
miteinander gesprochen hatten.
Denn ihm fehlte die Fähigkeit dazu. Es war immer noch dieser
graue Schleier in ihm und er wusste nicht, wie er ihn loswerden
sollte, doch auf die Dauer würde er so nicht leben können.
Nicht ohne wieder fühlen zu können, nicht ohne für etwas
leidenschaftlich eintreten zu können, nicht ohne einen
wahrhaften Glauben empfinden zu können, nicht ohne sich freuen
zu können, nicht ohne Schmerz fühlen zu können und auch nicht
ohne Liebe.
Denn all das war es doch, was das Leben ausmachte und weil ihm
all das fehlte, fühlte er sich tot und leer.
Als das Telefon klingelte, schreckte er aus seinem Tagtraum hoch.
Hallo? Mulder, ich bins.
Stille. Sie schien abzuwarten, ob er etwas zu sagen hatte. Doch
er wusste nicht was. Sie atmete leise und fuhr dann fort.
Ich habe an Zellen aus verschiedenen Geweben der beiden
Entführten DNA Sequenzierungen durchgeführt. Und
Mulder, es ist unglaublich, aber sämtliche DNA dieser Männer
muss sich bereits vor ihrem Tod ausschließlich in ihrem Blut
befunden haben. Ich konnte kein einziges DNA Molekül mehr
in ihren Zellen finden. Und in ihrem Blut fand ich nur noch
zerfallene Bruchstücke des gesamten vollkommen zerstörten
Genoms.
Mulder setzte sich auf. Das war selbst zu ihm durchgedrungen und
es klang einfach unglaublich. Was soll das heißen?
Das heißt, dass entweder die Männer selbst oder irgend
etwas Anderes ihre ganze DNA abgestoßen hat und sie fein
säuberlich in exakt gleich lange Stückchen zerhackt hat.
Mulder, das ist das Verrückteste, das ich jemals gesehen habe.
Sie pausierte. Plötzlich war sie wieder da. Diese Funkstille
zwischen ihnen. Und er spürte sie auch. Doch er wollte diesen
einen Moment, in dem er sie an seinen Ohren hielt noch nutzen, er
wollte sie noch nicht loslassen. Sie gab ihm wenigstens das
Gefühl noch am Leben zu sein.
Wann fliegen Sie wieder zurück? war jedoch das
Einzige, was er sagen konnte. Doch sie hatte den traurigen Klang
seiner Stimme nicht überhört. Ich bin morgen wieder in
Washington, antwortete sie so sanft wie möglich und nach
einem weiteren kurzen Moment der Stille fügte sie besorgt hinzu:
Ist alles okay, Mulder? Doch er wusste nicht einmal
eine Antwort darauf, so dass sie sich schließlich von ihm
verabschiedete und jeder der Beiden an seinem Ende der Leitung
das Gespräch wieder wegdrückte und die Verbindung zwischen
ihnen wieder unterbrochen war.
23.21 Uhr, Cheshire Motel, Fallon, Nevada
Es klingelte. Scully schaltete den Fernseher leise, in dem gerade
die Late Night Show lief und hoffte sie würde endlich ein
Ergebnis der Blutuntersuchung auf das ungebundene Eisen aus
Quantico bekommen.
Scully? hauchte sie aufgeregt in den Hörer. Agent
Scully, hier ist Dr. Barnes, ich hab endlich die Resultate! Es
hat ein wenig lange gedauert, aber ich kann Ihnen jetzt mit
Sicherheit sagen, dass tatsächlich, wie Sie vermutet haben,
unheimlich hohe Mengen ungebundenen Eisens aus dem Blut dieser
Opfer isoliert werden konnten. Ich habe so etwas noch nie
gesehen! Ist das irgendeine Schwermetallvergiftung?
Nein, ich denke nicht, aber vielen Dank, dass Sie sich die
Mühe gemacht haben! Scully verabschiedete sich und
entließ den emsigen Labormediziner in seinen wohlverdienten
längst überfälligen Feierabend, während sie schon wieder mit
einer Theorie beschäftigt war, die diese Ergebnisse erklären
konnte.
Sie lehnte sich zurück. Woran waren diese Menschen gestorben?
Waren sie tatsächlich von den Entführern getötet worden? Oder
waren es diese Nanobots selbst gewesen, die diesen totalen
genetischen Black-Out hervorgerufen hatten? Immerhin wusste sie
ja jetzt, dass die Nanobots sehr wohl selbst auf DNA Ebene
wirkten. Es lag also recht nahe, dass diese Menschen daran
gestorben waren.
Bis auf Mulder. Und bei dem Gedanken daran bekam sie das Gefühl
jemand schnüre ihr ein Korsett um die Brust. Was, wenn in Mulder
längst derselbe Prozess eingesetzt hatte? Sie musste ihn dazu
bringen, sich so schnell wie möglich untersuchen zu lassen,
vielleicht erklärte das auch sein merkwürdiges Verhalten seit
seiner Rückkehr. Sie seufzte.
Sie vermisste ihn, er war so lange weg gewesen und seit er aus
dem Krankenhaus gekommen war, waren sie sich nicht mehr nahe
gekommen. Sie legte die Hand auf ihren Bauch und starrte
geistesabwesend auf den flimmernden Fernseher, jedoch ohne den
Ton wieder lauterzustellen.
Am nächsten Tag, 12:30 Uhr, Mulders Appartment
Heute Morgen war es schlimmer geworden. Er war nicht ins Büro
gefahren, er wusste ohnehin, dass Scully erst gegen Nachmittag
ins Büro kommen würde und so lange würde ihn da unten im
Kellerbüro auch niemand vermissen.
In ihm durchwühlten Krämpfe in immer wiederkehrenden Wellen
seine Eingeweide. Seine Muskeln taten ihm weh, als hätte jemand
Glasscherben darin versteckt und in seinem Kopf hämmerte ein
lauter und stechender Schmerz. Er fühlte, dass er Fieber hatte
und er zitterte am ganzen Körper. Aber all das drang überhaupt
nicht zu ihm durch, denn das, was das Schlimmste an seinem
Zustand war, war die geistige, formlose und eiskalte Leere.
Er starrte unentwegt in sie hinein und sie schien wie ein
schwarzes Loch allen Lebenswillen aus ihm herauszusaugen. Es war
fast, als könne er seine Seele schreien hören, während sie
seinen Körper verließ. Wieder brach eine Welle dieser
lähmenden alles um ihn herum in Dunkel hüllenden Schmerzen
über ihn herein, begrub ihn unter sich und riss ihn mit sich, um
ihn dann als sie vorüber war, wieder völlig erschöpft in der
Leere treibend, zurückzulassen.
Sie musste ihm helfen. Er griff nach dem Telefon und wählte ihre
Nummer, doch ihr Handy war noch ausgeschaltet.
Also raffte er sich auf, warf sich zwei Schmerztabletten auf
einmal in den Mund und machte sich langsam auf den Weg zu ihrem
Appartment. Er würde dort auf sie warten.
Zur selben Zeit, Scullys Appartment
Ihr Termin beim Arzt war erst in zwei Stunden, sie hatte
glücklicherweise einen früheren Flug erwischt und da Mulder
nicht vor heute Nachmittag mit ihrer Rückkehr rechnete, konnte
sie unbemerkt beim Arzt nachsehen lassen, ob es ihrem Baby gut
ging.
Sie schloss ihre Wohnungstür auf und ging, ohne sich auch nur
eine Sekunde in ihrem Wohnzimmer aufzuhalten, direkt in ihr
Schlafzimmer, wo sie ihren Mantel auf den Boden fallen ließ,
sich den engen Blazer auszog und die Bluse aufknöpfte. Es war
viel zu heiß für diese Jahreszeit und ihre Anziehsachen wurden
langsam zu eng für die kleine Rundung, die sie jetzt langsam
immer mehr voller Stolz und Liebe wahrnahm.
Trotz all der Zweifel und verwirrenden Entdeckungen hoffte sie
doch insgeheim, dass sie ein gesundes und vollkommen normales
Baby zur Welt bringen würde.
Ein normales Baby...bei dem Gedanken daran, dass ein normales
Baby genau wie sie selbst Alien-DNA in sich tragen würde, wurde
ihr übel. Sie hatte die wissenschaftlichen Fakten längst
akzeptiert, aber das Ausmaß dieser Erkenntnis, dass tatsächlich
alle Menschen dieses fremde außerirdische genetische Material in
sich schlummern hatten, schien ihr den Verstand zu rauben. Wäre
sie nicht so involviert und könnte es mehr aus
wissenschaftlicher Sicht betrachten, sie würde kein Auge mehr
zutun, war dies doch das Geheimnis der menschlichen Schöpfung
und all der Rätsel, die die Menschheit und sie selbst seit
Ewigkeiten erforschten.
Sie musste sich vor ihrem Termin noch ein wenig ausruhen, da sie
in der Nacht kein Auge zugetan hatte. Und sie wusste, wenn sie
jetzt Mulder anrufen würde, würde es sie wieder zu sehr
aufregen, um danach noch schlafen zu können. Also öffnete sie
ihr Fenster, um ein wenig die Hitze in ihrem Schlafzimmer zu
vertreiben und legte sich auf ihr Bett. Sie sah eine Weile
gedankenlos auf die Sonnenstrahlen, die an ihrer Wand goldene
Lichtspiele vollführten, und schlief dann erschöpft ein.
Eine halbe Stunde später
Mulder fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und rieb sich die
Augen, während er sich gegen den Türrahmen ihres Appartments
lehnte und in der Hosentasche nach ihrem Schlüssel kramte. Die
Schmerzmittel zeigten ihre Wirkung und er hatte sich auf dem Weg
schon ein wenig besser gefühlt. Dennoch stand ihm der Schweiß
auf der Stirn und sein Hemd war ganz nass.
Er schloss ihre Wohnung auf und sammelte sich einen Augenblick,
während er sich auf den Weg ins Schlafzimmer machte. Hier
überall roch es nach ihr und er fühlte sich schon viel wohler,
da er ihre Nähe fast spüren konnte. Er würde sich hinlegen bis
sie kam und dann würde er ihr auch zustimmen sich untersuchen zu
lassen.
Er war so ein dummer Narr gewesen, gestern deswegen so
durchzudrehen.
Aber er war nicht Herr seiner selbst. Seine Gedanken waren das
Einzige, das er noch beherrschte.
Als er jedoch durch die offene Tür in ihr Schlafzimmer ging,
blieb er überrascht stehen. Sie lag auf ihrem Bett und schlief.
War sie schon früher heimgekehrt? Warum hatte sie ihm das nicht
gesagt?
Doch dann sah er auf die kleine Person auf diesem großen Bett
herab und als sie so friedlich in dem warmen Sonnenlicht schlief,
verstummten für einen Augenblick all die Gedanken, die ihn seit
Wochen quälten.
Einen winzigen Moment verschwand die Leere in ihm und machte dem
kleinen Licht Platz, das ihm dort oben Kraft gegeben hatte
durchzuhalten.
Sie schien vollkommen erschöpft zu sein und hatte ihre Kleidung
und Schuhe achtlos von sich geworfen, so dass sie nun auf dem
Boden verteilt herum lagen. Ein frischer Wind wehte durch das
offene Fenster durch ihr Haar und der weiße Kragen ihrer Bluse
flatterte leicht. Das goldene Kreuz, das sie immer um den Hals
trug, glitzerte im Licht. Sie hatte eine Hand unter ihren Kopf
geschoben und die andere lag auf ihrem Bauch, der sich unter der
halboffenen Bluse ein klein wenig wölbte.
Er stutzte und ließ seine Augen einen Moment länger darauf
verweilen. Er wusste wie flach ihr Bauch eigentlich war, er hatte
keines der Bilder dieser einen Nacht aus seinem Kopf löschen
können und auch die schrecklichen Ereignisse, die hinter ihm
lagen, hatten die Erinnerung nicht trüben können. Es war in
demselben Bett passiert, in dem sie nun so friedlich schlief.
Seine Gedanken wanderten weiter. Am liebsten würde er sich neben
sie legen und ihre Wärme spüren. Würde ihre Haut berühren und
sie in seine Arme nehmen, damit sie geschützt war.
Vielleicht würde dann, wenn sie dort einfach lagen und die Welt
um sie herum vergaßen auch alles andere in ihm wieder besser
werden. Er wünschte, es wäre so einfach. Doch seine zitternden
Knie erinnerten ihn daran, dass es das nicht war.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er wendete sich, die Türe zu
ihrem Schlafzimmer leise schließend, ab und beschloss so lange
die Schmerzmittel noch wirkten einfach darauf zu warten, dass sie
wach wurde. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes den
Schweiß von der Oberlippe.
Durst! Mit diesem Gedanken wanderte er in ihre Küche und
öffnete ihren Kühlschrank. Bei dem Anblick, der sich ihm bot,
musste er sich fast übergeben: Dort standen vier Flaschen
Tomatensaft! Seit wann mochte sie Tomatensaft? Und außer den
Fertigsalaten, zwei Schachteln mit Vitamin- und Eisenpräparaten
und einem kleinen Rest Nudelauflauf fand er nichts. In dieser
Hinsicht war sie wirklich wie alle anderen Frauen.
Aber eben auch nur in dieser Hinsicht.
Er hielt seinen Kopf unter das kühle Wasser aus dem Hahn und
trank in großen Schlucken, als könne er damit die Hitze in
seinem Kopf vertreiben. Danach legte er sich auf ihr Sofa und
starrte an die Decke, während er spürte wie mit jeder Minute,
die verstrich, der Schmerz wieder erwachte.
Er schloss die Augen. Doch vor Entsetzen, was er dort sah, riss
er sie sofort wieder auf und bemühte sich seine schweren Lider
geöffnet zu halten, und weiterhin einen Punkt an der Decke zu
fixieren.
Wenn er die Augen schloss, war es als würde das schwarze Loch
wie ein Vakuum in ihm ihn von außen in sich einsaugen. Er
fühlte sich als würde sich sein Körper in sich selbst stülpen
und zu einem winzigen Punkt zusammenschrumpfen. Wie eine
Implosion.
Doch irgendwann konnte er nicht mehr und verlor unter den
Schmerzen, die sich seiner wieder vollkommen bemächtigt hatten,
und dem hohen Fieber das Bewusstsein und fiel in das schwarze
Loch in seinem Inneren.
Scully schreckte hoch! Ihr Arzttermin! Sie sah auf die Uhr, doch
sie hatte nicht einmal eine ganze Stunde geschlafen und es war
noch Zeit. Ihr Blick fiel auf die Tür. Sie hatte sie doch offen
gelassen!
Etwas verwundert stand sie auf und öffnete sie wieder, drehte
sich dann um, um den Mantel und ihren Blazer vom Boden aufzuheben
und verschwand dann im Bad, wo sie sich frisch machte.
Ihr Magen knurrte. Von ihrem unstillbaren Heißhunger in die
Küche getrieben, tapste sie barfuß über den kühlen Fußboden,
als sie in etwas Nasses trat. Angeekelt hob sie ihre Füße und
stellte fest, dass jemand die Spüle benutzt hatte. Überall
waren Wasserspritzer und der Hahn tropfte noch.
Eine Sekunde überlegte sie noch und dann fuhr sie erschrocken
herum um sich von dem unheimlichen Gefühl, jemand würde hinter
ihr stehen, zu befreien. Doch da war niemand. Sie ließ ihren
Blick etwas erleichtert aber immer noch skeptisch über das
Wohnzimmer zur Spüle gleiten, als sie plötzlich jemanden auf
ihrem Sofa liegen sah.
Mulder? Sie lief besorgt aus der Küche und erschrak bei dem
Anblick, der sich ihr bot, als sie auf das Sofa zuging.
Er war ganz blass und schweißgebadet! Sie warf sich auf die Knie
und legte ihre Hände auf seinen Oberkörper. Sein Hemd war ganz
durchnässt und er atmete schwer. Sie versuchte ihn
wachzurütteln, während sie seinen Namen immer wieder
wiederholte, in der Hoffnung ihre Stimme würde zu ihm
durchdringen. Er reagierte nicht. Sein Puls raste und seine
Pupillen waren vollkommen lichtstarr.
Panik ergriff sie und sie rief sofort einen Krankenwagen.
Als die Sanitäter ihn in den Rettungswagen hoben, hielt sie
seine Hand fest und wollte nicht loslassen. Sie musste in dem
Wagen mitfahren. Sie konnte ihn nicht alleine lassen. Was, wenn
er auf dem Weg sterben würde? Und sie würde nicht bei ihm sein
können?
Ich muss mitfahren! flehte sie den riesigen
Sanitäter an, der ihre Hand von Mulders lösen wollte. Doch der
Sanitäter lehnte vehement ab und als sie sich ihm widersetzen
wollte und einfach in den Wagen mit hineinklettern wollte, stieß
ein anderer Sanitäter sie zurück. Miss! Bitte! Sie
können ja nachkommen. Es wird schon alles gut gehen!
Und mit diesen Worten ließ man sie alleine stehen, während sie
wie erstarrt dem davonbrausenden Rettungswagen nachsah. Sie
rannte zu ihrem Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen los, um
so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu kommen.
--Zwei Stunden später saß sie an seinem Bett, seine Hand fest
in ihrer haltend. Sie hatte sich bei den Ärzten durchsetzen
können und man hatte ihm nach langer Diskussion und als die
Ärzte schließlich selbst ratlos vor Mulder gestanden hatten,
Blut abgenommen und Gewebeproben von seinen Haut- und
Schleimhautzellen, so wie eine Leberbiopsie entnommen und sie
wartete nun auf das Ergebnis aus Quantico.
Ein Beatmungsschlauch steckte ihn seinem Hals, seine Augen waren
geschlossen und vollkommen still. Das Piepsen der Maschine, die
seine Vitalzeichen registrierte, brannte sich in ihr Gehirn ein.
Was sollte sie nur tun? Es war so schrecklich ihm nicht helfen zu
können! Im Nachhinein tat es ihr leid, dass sie beide die
letzten zwei Wochen so distanziert gewesen waren.
Was, wenn das die letzten zwei Wochen gewesen waren, die sie
zusammen gehabt hatten? Sie wagte gar nicht, diesen Gedanken zu
beenden und betete stattdessen mit zitternden Händen, dass er
nicht dasselbe hatte, wie die Entführten, deren Leichen sie
gestern noch untersucht hatte.
Sie wusste nicht wie lange sie da gesessen hatte, doch sie
erschrak, als plötzlich eine bekannte Stimme hinter ihr zu ihr
sprach. Sie drehte sich sofort um und sah Assistant Director
Skinner vor sich stehen. Woher wusste er nur immer direkt
Bescheid, wenn einer von ihnen beiden im Krankenhaus lag?
Er hielt einen Umschlag in der Hand, den er ihr hinhielt. Das
hab ich in Quantico für Sie abgeholt, man hat mich direkt
angerufen als die Ergebnisse da waren, daher wusste ich auch,
dass Sie beide hier sind.
Mit einem besorgten Blick zu Mulder fragte er sie ernst: Was
ist mit ihm passiert?
Ich weiß es nicht. Aber vielleicht hilft uns das hier
weiter, antwortete sie ihm und zog die Laborergebnisse aus
dem Umschlag.
Ihre Vermutung, dass auch in Mulder hohe Konzentrationen an Eisen
im Blut gemessen wurden, bestätigte sich und sie spürte wie
sich dabei ihr Herz verdrehte. Dennoch war sie überrascht, denn
man hatte in seinem Blut kein ungebundenes Eisen gefunden. Das
Eisen in seinem Blut war an Proteine gekoppelt. Das war
merkwürdig.
Als ihr Blick danach auf die DNA-Analyse fiel, schien sich ihre
schlimmste Befürchtung, Mulder könnte an der selben Ursache
sterben, wie die beiden Männer, zu bestätigen und sie spürte
wie ihre Knie weich wurden, doch als sie weiterlas, war sie
sprachlos.
Man hatte auch in Mulders Blut DNA-Fragmente gefunden. Aber im
Gegensatz zu den anderen Zellen aus seinem Gewebe, die bei beiden
Leichen vollkommen frei von DNA gewesen waren, konnte man in
Mulders Haut-, Schleimhaut- und Leberzellen noch reichlich DNA
finden.
Hatten sie Glück gehabt? War der Prozess der DNA-Abstoßung bei
ihm noch nicht so weit fortgeschritten? Wie ließ er sich
aufhalten?
Skinner bemerkte Scullys Ratlosigkeit und legte ihr seine Hand
auf die Schulter. Ich möchte, dass Sie mich informieren,
sobald Sie wissen, was mit ihm los ist. Und ich möchte, dass Sie
auch an sich denken. Sie können sich nicht ewig diesen ganzen
Stress zumuten. Ihre Gesundheit ist für all das ebenso wichtig
wie seine.
Sie presste die Lippen aufeinander und nickte ihm zu, was ihm
offensichtlich schon zur Beruhigung reichte. Mit einem letzten
Blick auf Mulder verschwand er schließlich wieder und Scully
setzte sich mit den Laborergebnissen in ihren Händen wieder hin.
Sie war überfordert mit der Fülle von Daten. Sie hatte nicht
einmal vierundzwanzig Stunden Zeit gehabt die Ergebnisse von
gestern zu verarbeiten und nun sah sie sich mit Mulders noch
verwirrenderen Ergebnissen konfrontiert.
Sie versuchte rein wissenschaftlich an die Sache heranzugehen,
was ihr beim Anblick seines regungslosen, an diese ganzen
Schläuche angeschlossenen Körpers jedoch sehr schwer fiel. Sie
senkte den Blick, um ihrem Herz nicht immer und immer wieder
Stiche zu versetzen und dachte nach.
Was immer da in Mulders Körper passierte, es würde ihn über
kurz oder lang töten.
Waren das vielleicht doch diese Nanobots? Hatten sie nur seine
Organe noch nicht angegriffen? Oder waren es vielleicht auch die
DNA-Fragmente, die in seinem Blut frei herumschwammen...
Vielleicht verstopften sie seine Gefäße und lösten so auf
Dauer Organversagen aus. Die letzte Theorie erschien ihr als
Ärztin am plausibelsten und sie überlegte weiter. Würde sich
der Prozess aufhalten lassen, wenn man sein Blut einfach
austauschte? Das konnte es sein! Ihr Gesicht hellte sich auf und
die Anspannung, die ihr Falten auf die Stirn getrieben hatte,
ließ ein wenig nach. In ihrem Kopf fiel ihr nur eine Methode
ein, die man sonst nur bei sehr seltenen Blutkrankheiten
anwendete: Aderlass! Sie musste Mulders Blut durch Spenderblut
ersetzen! Das war es! Wenn sie sich beeilten, dann würden seine
Organe vielleicht verschont bleiben!
Ihr Herz hüpfte vor Aufregung und sie rannte zu Mulders Arzt,
dem sie so sachlich und wissenschaftlich wie möglich erklärte,
was er tun musste. Es kostete sie einige Zeit und sie unterschlug
einige Informationen, um nicht wie eine vollkommen durchgeknallte
Wunderheilerin da zu stehen, doch letztlich stimmte der Doktor in
Ermangelung anderer Therapieansätze zu und eine Stunde später
trafen die Schwestern die ersten Vorbereitungen während Scully
unruhig vor seinem Zimmer auf und ablief.
Zweieinhalb Stunden später
Es piepste ruhig und gleichmäßig und die letzten Beutel
Spenderbluts ergossen sich in dunklem, leuchtendem Rot in seine
Venen. Bald würde auch der letzte Rest seines Blutes durch das
neue ersetzt worden sein. Sie hatte das Gefühl die
Schweißperlen auf seiner Stirn wären schon weniger geworden und
sein Fieber wäre gesunken. Sie sah auf die Uhr. Es war bereits
Abend und Hunger machte sich in ihr breit. Doch sie wollte weiter
bei ihm bleiben. Und so legte sie ihren Kopf auf seine Hand,
während sie sich mit der anderen Hand den schmerzenden Bauch
streichelte. Sie hatte den Arzt Termin verstreichen lassen und
wusste nun wieder nicht, was mit ihrem Baby nicht stimmte.
Eine Bewegung weckte sie aus ihrem Halbschlaf und sie sah, wie
sich Mulders Brustkorb anspannte. Er verkrampfte sich und würgte
und sie begriff sofort, was los war. Sie löste den
Pflasterstreifen vom Beatmungsschlauch und zog ihn aus seiner
Luftröhre, wofür er ihr mit einem lauten und kräftigen
Luftholen dankte. Doch kaum hatte er eine Sekunde durchgeatmet,
fing er wieder an zu würgen. Scully konnte gerade noch
rechtzeitig eine Nierenschale aus dem Bettschränkchen holen als
er begann sich schwallartig zu erbrechen.
Es tat ihr in der Seele weh, ihn so schwach zu sehen. Doch er war
aufgewacht!
In der Nacht.
Sie konnte nicht nach Hause gehen. Sie hatte immer noch nichts
gegessen, doch sie wollte sicher gehen, dass der Blutaustausch
wirklich geholfen hatte. Wenn sie jetzt gehen würde, und es
würde ihm doch über Nacht wieder schlechter gehen, würde sie
sich das niemals verzeihen können.
Sie sah ihn mit müden Augen an. Er hatte sich den ganzen Abend
immer wieder übergeben müssen und Weinkrämpfe hatten ihn
dazwischen durchgeschüttelt und ihn kraftlos und wie ein kleines
Kind in sich zusammensacken lassen.
Sie war mit den Nierenschalen und Taschentüchern, die sie ihm
abwechselnd hatte besorgen müssen, gar nicht mehr nachgekommen,
doch der dankbare Blick in seinen dunkel umrandeten Augen hatte
ihr gezeigt, dass es ihm half, wenn sie bei ihm war. Sie hatte
ihm geholfen, sich aufzurichten, jedes Mal, wenn er sich
übergeben musste und ihm immer wieder Wasser zu trinken gegeben.
Und wenn die Tränen dieses inneren Kampfes über seine Wangen
gelaufen waren, hatte sie sich auf sein Bett gesetzt und ihn so
fest gehalten, wie es ihre möglich gewesen war. Sein Kopf hatte
schwer auf ihren zarten Schultern gelegen und seine Arme hatten
sich so fest um ihren Körper geklammert, dass sie manchmal kaum
noch hatte atmen können.
Ihr war nicht klar woher sie die Kraft genommen hatte all das
durchzuhalten, mit dem permanenten Hungergefühl und dem Ziehen
in ihrem Bauch und den Schmerzen, die ihr sein verzweifeltes
Schluchzen jedes Mal bereitet hatte, doch sie wünschte sich auf
der Welt nichts sehnlicher als dass er wieder gesund wurde.
Ihre Augen fielen ihr langsam zu als sie so in dem Stuhl saß und
sie legte ihren Kopf wieder auf seine Bettkante und gönnte sich
ein paar Minuten Ruhe.
Mulder wachte auf, das Piepsen seines eigenen Herzschlags an dem
Monitor beruhigte ihn. Er war also noch am Leben. Die Krämpfe
waren weg und die Übelkeit hatte sich auch verflüchtigt. Übrig
war jetzt nur wieder diese Leere.
Doch dieses Mal war es eine andere Leere. Während es die letzten
Wochen eine alles verdrängende, bedrückende, schwarze Leere
gewesen war, so fühlte er nun, dass sie irgendwie weiß und
frisch war. Er fühlte sich so rein. Als wäre er neu geboren
worden.
Der Schatten in seinem Kopf verzog sich langsam und seine Muskeln
fühlten sich wieder kräftiger an. Sein Körper gehörte wieder
ihm, er war ihm nicht mehr fremd. In seinem Herzen fühlte er
wieder etwas. Er hatte in seiner Seele plötzlich wieder so viel
Platz für all die Gefühle, die sein Leben erfüllten. Es war
als hätte er endlich all das ausgestoßen, was die letzten
Wochen seinen Geist vergiftet hatte.
Er drehte den Kopf vorsichtig zur Seite. Sie war den ganzen Tag
bei ihm gewesen und schlief nun erschöpft, den Kopf auf seine
Bettkante gelegt.
Er hob seine Hand und fuhr ihr ganz sanft damit durch ihre
weichen roten Haare. Er ließ die Wärme, die er endlich wieder
in sich fühlen konnte, ganz langsam durch seinen Körper
fließen und seinen Verstand umspülen.
Sie wurde unter seiner Berührung wach und war sichtlich
erleichtert zu sehen, dass er wach war. Sie hatte nun schon zum
zweiten Mal während der letzten drei Wochen um sein Leben
kämpfen müssen und sie war sichtlich erschöpft und ausgezehrt.
Beim nächsten Mal gibts gratis Popcorn dazu,
versuchte er sie noch schwach lächelnd aufzuheitern und es
funktionierte anscheinend auch ein wenig. Sie legte ihre Hand
leicht an seine Wange und er schmiegte sich daran, sie war so
klein und so weich. Er nahm ihre Hand in seine und küsste sie
sanft auf die Innenfläche und legte sie dann auf seine Brust, in
der sein Herz nun kräftiger und voller Leben schlug.
Mulder - begann sie, doch ihre Stimme brach und sie
versuchte ihre Tränen zurückzuhalten.
Ich war ein ganz schöner Kotzbrocken, was? versuchte
er sich zu entschuldigen.
Unter erleichtertem Nicken lächelte sie ihn an, während eine
kleine Träne, die sich nicht zurückhalten ließ, aus ihrem Auge
fiel und ihre Wange herunterlief.
Sie sah so blass aus. Es machte ihm Sorgen und er ließ ihre
Hand, die immer noch auf seiner Brust lag, los.
Scully, Sie müssen nach Hause gehen und sich ausschlafen!
Wieder brachte sie nur ein erleichtertes Nicken zustande und
drehte sich, nachdem sie ihm noch einen Abschiedskuss auf die
Stirn gehaucht hatte, weg, um endlich mit befreiter Seele den
Schlaf nachholen zu können, den sie in den letzten Wochen so oft
entbehrt hatte.
Bevor sie die Tür hinter sich zuzog, rief er ihr noch hinterher:
Und danke für den Fisch! Er hat sich schon mit Molly
angefreundet. Sie lächelte und als sich ihre Blicke
trafen, wussten beide, dass ihre Seelen nun endlich wieder
zueinander gefunden hatten.
--
Eine Woche später, im Kellerbüro des
FBI-Gebäudes
Mulder sah sich die Akten, die vor ihm lagen an.
Mittlerweile waren fünf der Entführten tot aufgefunden worden.
Warum hatte es ihn nicht erwischt? Warum war er lebend
abgestoßen worden und nicht gestorben? Scully hatte ihn in der
letzten Woche über alles, was sie während seiner Abwesenheit
herausgefunden hatte, informiert. Es hatte ihn schlichtweg
umgehauen, was sie alles erfahren hatte. Und noch vielmehr hatte
es ihn überrascht, dass sie die meisten Erkenntnisse einfach so
akzeptierte.
Er sah auf die Uhr. Es war schon halb elf. Sie hatte gestern
irgendetwas von einem Arzttermin gefaselt.
Warum dauerte das so lange? War sie krank? Er griff nach der
Tüte mit den Sonnenblumenkernen.
Sie verheimlichte ihm schon die ganze Zeit irgendetwas. Manchmal,
wenn er sie ansah und sie es bemerkte, wurde sie plötzlich
nervös, wich seinem Blick aus, fing an an ihren Kleidern
herumzuzupfen oder lenkte ihn mit irgendeinem Gesprächsthema ab.
Was hatte sie nur?
Es war typisch für sie, dass sie ihn ausschloss, wenn sie etwas
beschäftigte. Doch sie hatte ihn in seinem tiefsten Tal erlebt
und war für ihn da gewesen, er wollte die Chance haben, ihr
dasselbe geben zu können.
Er sah verträumt vor sich auf den Schreibtisch. Genau da hatten
seine Socken vor drei Monaten gelegen. Nach dieser einen Nacht.
Wo standen sie beide nun? Er war sich damals sicher gewesen, dass
es nur ein Ausrutscher gewesen war und es auch bei diesem einen
Mal bleiben würde.
Doch nach all dem, was sie durchgemacht hatten und nachdem er
jetzt zurückgekehrt war und das Gefühl hatte noch einmal von
vorne anfangen zu können, wusste er nicht, ob er sein Herz
wirklich weiterhin dieser einen Möglichkeit verschließen
wollte.
Wollte er nicht eigentlich viel mehr? Hatte er nicht dort oben in
den schlimmsten Momenten seines Lebens nur deswegen
durchgehalten, weil er die ganze Zeit gewusst hatte, dass es sie
gab?
Er fühlte sich jetzt so anders, so viel klarer und lebendiger.
Und er wollte mehr vom Leben.
Zur selben Zeit in Dr. Coopers Praxis
Der Arzt lächelte Scully an, während er den Ultraschallkopf auf
ihrem Bauch entlangfahren ließ.
Scully war erleichtert endlich den Termin bei ihrem Arzt
wahrnehmen zu können. Sie war mittlerweile in der 13. Woche und
wollte endlich, jetzt wo es Mulder wieder gut ging, herausfinden,
was sie da unter ihrem Herzen trug.
Sie hatte es Mulder immer noch nicht gesagt.
Viele Gründe sprachen dagegen.
Zum einen weil sie sich in den letzten drei Wochen zunehmend
schwächer und unwohler gefühlt hatte. Wenn sie das Baby
verlieren würde, hätte sie ihn nur unnötig mit dieser
Neuigkeit behelligt.
Zum anderen wusste sie überhaupt nicht was aus ihnen werden
sollte, wenn sie das Kind bekam. Sie hatten vor der künstlichen
Befruchtung damals überhaupt nicht darüber geredet. Würde er
wollen, dass das Kind weiß, dass er sein Vater ist?
Wo standen sie beide überhaupt? Nach der gemeinsamen Nacht waren
sie in aller Stille übereingekommen, dass sie es bei dem einen
Mal belassen wollten, doch da waren sie auch davon ausgegangen,
dass sie nicht schwanger war.
Würde dieses Kind vielleicht alles ändern?
Sie hatte Angst vor Veränderungen. Es war endlich nach einem
Vierteljahr wieder ein wenig Ruhe in ihr Leben eingekehrt, sie
konnte endlich wieder durchschlafen und sie und Mulder hatten
endlich wieder zueinander gefunden. Die Neuigkeit mit dem Baby
konnte das alles wieder auf den Kopf stellen.
Ihr Entschluss stand fest. So lange sie nicht sicher sein konnte,
dass dieses Baby gesund und menschlich werden würde, würde sie
es Mulder nicht sagen. Nur musste sie das alles schnell
herausfinden, es ließ sich kaum noch verbergen und er hatte sie
schon einige Male so komisch angesehen als hätte er etwas
geahnt.
Sie blickte erwartungsvoll auf den Bildschirm, doch konnte außer
dem Schneegestöber kaum etwas darauf erkennen.
Miss Scully, Sie müssen sich überhaupt keine Sorgen
machen. Ihr Baby entwickelt sich prächtig. Nicht nur das, es ist
sogar schon ein wenig frühreif für seine 13 Wochen. Sie tragen
da also einen kleinen Überflieger in ihrem Bauch. Sehen Sie?
Und er zeigte mit dem Finger auf die Bewegungen des Kindes.
Es scheint gerade zu träumen. Es bewegt sich schon sehr
lebhaft für sein zartes Alter und das obwohl es schläft. Das
ist für die 13. Woche äußerst ungewöhnlich. Meistens fangen
die Babys erst 8 Wochen später an zu träumen.
Scully lächelte schwach, denn eigentlich beunruhigte sie diese
Beobachtung eher. Der Arzt schien diese Unruhe zu bemerken und
auch er war sichtlich überrascht über die gemachte Entdeckung.
Wir sollten angesichts Ihres Alters überlegen, ob wir
nicht eine Amniozentese durchführen, Miss Scully. Als Ärztin
sind Ihnen die Risiken wie auch der Nutzen dieser Untersuchung ja
bestens bekannt. Wenn Sie also einverstanden sind, dass wir Ihr
Kind auf mögliche genetische Störungen untersuchen, dann
können sie draußen einen Termin für den nächsten Monat
machen.
Dabei wischte er ihr das Ultraschallgel vom Bauch und reichte ihr
mit einem Lächeln den Ausdruck des Ultraschallbildes. Das
wollen Sie doch sicher mitnehmen, fürs Familienalbum.
Scully zögerte noch. Die Worte des Arztes über die
Frühentwicklung ihres Kindes hatten sie an Sara Fraser erinnert.
Zusammen mit den Nanobots in ihrem Blut drängte sich ihr der
Verdacht auf, dass ihr Kind dasselbe Schicksal wie dieses arme
Mädchen haben würde. Und diese Fruchtwasseruntersuchung war die
Chance herauszufinden, ob es stimmte.
Aber es war IHR Kind, nicht das irgendeiner Frau. Und sie wusste
nicht, ob sie es verkraften würde, wenn irgendetwas nicht mit
ihm stimmte. Nicht nach allem, was sie durchgemacht hatte, um
schwanger zu werden.
Als sie die Praxis schließlich mit dem Termin auf dem Zettel in
ihrer Hand und dem Ultraschallbild in der Tasche verließ, war
sie sich sicher, dass es eine gute Entscheidung war Mulder noch
nichts zu erzählen.
Sie war einfach noch nicht so weit. Sie musste sich nun, da er
wieder zurück war, erst einmal darüber klar werden, was sie von
ihm erwartete. Was sie für ihn empfand.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie es längst. Sie wollte es
nur noch nicht wahrhaben.
Eine halbe Stunde später im Keller des
FBI-Büros
Hey, ich dachte schon, Sie hätten sich heute ganz frei
genommen! Mulder stand bei ihrem Anblick vom Stuhl auf,
ging um seinen Tisch herum und setzte sich dann mit
verschränkten Armen auf die Tischkante. Er grinste sie
verschmitzt an und ließ seinen Blick einen Moment lang auf ihr
ruhen.
Amüsiert merkte er wie sie das sofort verunsicherte und sie ihn
etwas pikiert ansah.
Was war denn nun schon wieder mit ihm los? Sie zupfte sich an
ihrer Bluse herum als sie ihren Blazer über ihren Stuhl hängte
und sich dann an ihren Schreibtisch setzte.
Wie wars denn beim Arzt? Alles in Ordnung?
versuchte er so beiläufig wie möglich zu fragen, doch ihr war
nur ein Ja, alles in bester Ordnung zu entlocken und
sie lenkte schon wieder irritiert vom Thema ab, denn ihr Blick
war auf die Akten hinter ihm gefallen.
Sind das die Ergebnisse der anderen Entführten, die man
gefunden hat? Er lächelte und griff hinter sich, um die
Akten einsehen zu können. Ja, und so wie es hier steht,
haben die in Quantico, nachdem sie peinlichst genau Ihre Angaben
befolgt hatten, exakt dasselbe herausgefunden wie Sie in Fallon.
Alle sind an einer Art Abstoßungsreaktion ihrer eigenen DNA
gestorben. Er hielt inne und sah sie schließlich an.
Warum hat es mich eigentlich nicht erwischt? Das
schien sie zu überraschen. Sie zog ihre Augenbraue hoch und
druckste ein wenig herum. Schließlich riss sie sich aber
zusammen. Das war das Einzige, was sie ihm noch nicht erzählt
hatte. Doch sie waren Partner, Freunde, und sie schuldete ihm die
Wahrheit, er vertraute ihr. Sie holte tief Luft.
Die Einsamen Schützen waren bei mir. Und sie sind der
Ansicht gewesen, dass Sie nur deswegen entführt worden sind,
weil Sie immun sind. Und vermutlich ist das auch die Wahrheit.
Sie schluckte. Wieviel Wahrheit würde er verkraften zu diesem
Zeitpunkt? Sie entschied sich, ihm nicht zu erzählen, dass er
bereits in seiner Kindheit Opfer von Experimenten gewesen ist.
Das protein-gebundene Eisen in Ihrem Blut ist ein Hinweis
darauf, dass die Nanobots in Ihrem Körper irgendwie anders als
in den Organismen der anderen gearbeitet haben. Vielleicht ist
das der Schlüssel zu Ihrer Immunität. Jedenfalls haben Sie Ihre
DNA noch. Gott sei Dank!
Doch Mulder stellte das nicht zufrieden. Und wie meinen Sie
sind diese Nanobots in meinen Körper gelangt? Sie schwieg.
Sie konnte es ihm noch nicht sagen.
Ich weiß nur, dass die DNA, die Ihr Körper abgestoßen
hat, anders ausgesehen hat als die, die von den Opfern
abgestoßen wurde, bevor sie daran gestorben sind. Mehr kann ich
auch nicht aus dem Hut zaubern, Mulder. Ich bin selbst vollkommen
ratlos. Der Ausdruck in ihrem Gesicht war ehrlich und er
glaubte ihr.
Doch er war unzufrieden damit. Es musste sich doch klären
lassen, was da genau mit ihm passiert war.
Scully, irgendetwas hatte von mir Besitz ergriffen in den
letzten Wochen. Irgendetwas hat mein Körper abgestoßen. Ich
habe es gespürt und ich spüre jetzt, dass es nicht mehr in mir
ist. Ich möchte, dass Sie meine Zellen noch einmal untersuchen.
Ich möchte, dass Sie meine DNA Base für Base mit denen der
Opfer noch einmal vergleichen. Und wenn Sie nichts finden, dann
vergleichen Sie meine DNA mit Ihrer oder mit der irgendeines
Menschen, ich bin sicher, irgendetwas ist anders in mir. Ich will
wissen, was der Unterschied ist, der die das Leben gekostet hat
und der mich gerettet hat.
Er ging auf sie zu und legte seine Hand flach auf ihren
Schreibtisch. Verstehen Sie, wir sind so dicht dran etwas
herauszufinden, was uns helfen könnte und der Schlüssel ist so
nah! Er ist vielleicht in mir.
Scully hätte am liebsten ergänzt und in mir genauso,
doch sie konnte es nicht, sie konnte ihm nicht anvertrauen, was
sie die ganze Zeit so beschäftigte.
Er war noch zu sehr damit beschäftigt zu verarbeiten, was er
selbst durchgemacht hatte. Er brauchte noch Zeit.
Sie stand auf. Gut, dann gehen wir. Er war
überrascht, dass sie so widerstandslos darauf einging.
Jetzt gleich? Ich will ebenso Gewissheit haben
wie Sie. Sie griff nach ihrem Blazer und warf ihn sich
über den Arm als ein Zettel unbemerkt herausflog und zu Boden
segelte. Doch sie hatte den Raum schon verlassen und er hob den
Zettel schnell auf und warf einen winzigen Blick darauf, bevor er
sein Jackett vom Haken nahm und ihr folgte.
20.7. 9.30 Uhr, Termin Praxis Dr.Cooper, Facharzt für
Frauenheilkunde und Geburtshilfe konnte er darauf
lesen. Mulder ließ den Zettel in seiner Tasche verschwinden und
grübelte im Stillen während der ganzen Fahrt nach, was sie ihm
verschwieg.
Doch in seinem Hinterkopf hatte sich ihm längst ein Verdacht
aufgedrängt, der einiges erklären würde, was ihn in den
letzten Wochen verwundert hatte.
Er sah immer wieder während der Fahrt verstohlen auf ihre
Hände, die sich ruhig auf ihren Bauch legten. Sie schien es
überhaupt nicht wahrzunehmen, doch sie ließ ihre Hände
während der ganzen Fahrt schützend darauf liegen.
In Mulder kribbelte es und er wurde nervös.
Doch als sie in die Einfahrt zur Tiefgarage der Labors in
Quantico einbogen, vergaß er seine Tagträumereien sofort wieder
und konzentrierte sich voll und ganz auf die Untersuchungen, die
vor ihnen lagen.
Zur selben Zeit am Abraham Lincoln
Memorial, Washington D.C.
Der große und viel zu dünne Mann mit den
grauen Haaren und den Spinnenfingern lehnte sich an die Säulen
des Lincoln Memorials und sah sich die Tauben auf Abraham
Lincolns Schultern an.
Er fummelte ungeduldig an dem Röhrchen mit der klaren
Flüssigkeit in seiner Hosentasche herum. Wo blieb seine
Kontaktperson?
Er hatte dieses Röhrchen von seinem Partner in New Mexico
geschickt bekommen, der offenbar versagt hatte. Nun war es an der
Zeit, dass Krycek dieses Röhrchen in die Finger bekam.
Sie mussten endlich an den immunen Hybriden herankommen. An
diesen FBI-Agenten, der Purity II dort oben abgestoßen hatte. Es
durfte nicht passieren, dass dieser Hybrid weiterhin existierte.
Er musste inaktiviert werden.
Er legte seine Hand noch fester um das Röhrchen als er in der
Ferne einen Jogger erkannte, der auf ihn zugerannt kam. Endlich
war er da.
Die beiden Männer begrüßten sich mit einem Nicken und
wechselten kurz ein paar knappe Worte, während der Mann mit den
dürren Fingern dem Jogger das Röhrchen in die Hand drückte.
Kurz darauf drehten sich beide mit einem weiteren Nicken wieder
voneinander weg und jeder ging wieder seiner Wege, als wäre
nichts geschehen.
Alex sah auf seine Uhr. Es wurde Zeit. Seit seiner Rückkehr aus
Russland vor einer Woche hatte er noch keine Möglichkeit gesehen
an Mulder heranzutreten. Er war ständig im Büro gewesen und sie
hatte die meiste Zeit mit ihm dort verbracht.
Ein hinterhältiges Blitzen erschien eine Sekunde lang in seinen
Augen, während er nassgeschwitzt vor einer Parkbank anhielt und
die Hände in die Knie stützte, um einen Augenblick auszuruhen.
Ein schwarzer Schleier zog sich über sein Blickfeld und er
schüttelte sanft den Kopf. Langsam hatte er sich an Purity
gewöhnt. Mittlerweile genoss er die gefühllose, taube Leere in
seinem Inneren. Er fühlte keinen Schmerz mehr, keinen Hass,
keine Wut, keine Verbitterung.
Das war angenehm. Er war unverwundbar.
Er wollte ihm nicht nur das Konzentrat spritzen. Er wollte viel
mehr von ihm. Sein Auftrag war es dafür zu sorgen, dass er
vollkommen von der Bildfläche verschwand. Es wäre eine
Katastrophe für die Weiterführung der Invasion, wenn er am
Leben blieb und seine Immunität womöglich noch an weitere
Generationen vererbte. Oder wenn er zu diesem Mann in New York
Kontakt aufnehmen würde. Marita hatte zwar keinen Erfolg gehabt,
doch Mulder war um einiges hartnäckiger, er würde ihn bestimmt
aufspüren.
Er musste ihn endlich erwischen. Und er hatte auch schon einen
Plan wie er an ihn herankommen konnte.
Er wischte sich mit dem Handrücken die Stirn und rannte weiter,
das Röhrchen fest in seiner Hand umschlossen.
20.38 Uhr, Scullys Appartment
Die Wärme ihres ausgedehnten Schaumbads umhüllte noch ihren
Körper, als sie sich wieder anzog, um sich einen gemütlichen
Abend zu machen. Die schwarze Hose und der lavendelfarbene dünne
Pullover waren die letzten Sachen, die ihren Bauch noch
verdeckten. Sie musste dringend weitere Klamotten kaufen.
Sie hatten den ganzen Tag im Labor verbracht, wo sie jedoch die
meiste Zeit gewartet hatten. Die Computer hatten eine Weile
gebraucht die ganzen Daten der anderen fünf Entführten aus den
zuständigen FBI-Labors zu laden und es würde sicherlich bis
spät in die Nacht dauern bis die Ergebnisse vorlagen. Sie würde
gleich morgen früh nach Quantico fahren und sie auswerten. Sie
lächelte. Es war schön, dass die Computer in Quantico die
meiste Arbeit für sie erledigen konnten. Das war moderne
Technologie.
Morgen früh würde sie die sämtliche Vergleiche aller
DNA-Fragmente untereinander vorliegen haben. Sie hatten alle
DNA-Daten der Entführten, die DNA, die Mulder zum jetzigen
Zeitpunkt in seinen Zellen trug, sowie die DNA, die er vor einer
Woche im Krankenhaus ausgestoßen hatte und die beim
Blutaustausch mit den Blutzellen zusammen aus seinem Körper
entfernt worden war, zusammengeworfen und sie war sich nicht so
sicher, ob irgendein sinnvolles Ergebnis daraus resultieren
würde. Aber es war nun mal ein Anfang und es war beruhigend für
sie gewesen Mulders Blut noch einmal nach seiner Entlassung aus
dem Krankenhaus persönlich untersuchen zu können. Sie hatte
heimlich eine Probe zur Messung des Eisens in ein anderes Labor
gebracht, weil sie sicher gehen wollte, dass er wirklich keine
Nanobots mehr in sich trug.
Sie stand vor ihrem offenen Kühlschrank und starrte auf die
Eisen- und Vitaminpräparate. Die Untersuchung heute Morgen hatte
sie beunruhigt. Sie wollte nicht, dass sich die Tragödie wie die
der kleinen Sara Fraser gerade in ihrem Fall wiederholte. Den Tod
ihres eigenen Kindes würde sie nicht mitansehen können.
Sie machte alles von der Untersuchung in zwei Wochen abhängig.
Wenn sich herausstellen sollte, dass das Kind genetisch
vollkommen normal war, keine aktivierte Junk-DNA in sich trug und
offenbar nicht unter den Nanobots in ihrem Blut gelitten hatte,
dann würde sie erst aufatmen können.
Bevor sie die Eisentablette auf ihre Zunge legte, überlegte sie
einen Moment, ob es das Risiko wert wäre die Präparate einfach
abzusetzen, doch es war ihr in den letzten Wochen ohnehin nicht
besonders gut gegangen. Wenn sie die Zusatzstoffe nicht einnahm,
würden sich die Nanobots wieder an ihren körpereigenen
Eisen-Reserven vergreifen. Das würde ihr sicherlich genauso wie
dem Baby schaden. Also fütterte sie Technologie in sich mit den
Tabletten und schloss den Kühlschrank wieder.
Sie sah an sich herunter. In ein paar Monaten würde sie ihre
Füße nicht mehr sehen können. Das war eine Vorstellung, die
ihr Angst einjagte. Es war komisch so ein neu entstehendes
Lebewesen in sich herumzutragen. Jetzt, wo sie es schon unter
ihrem Pullover erahnen konnte und es, wenn sie ihre Hand darauf
legte, ganz deutlich spürte, fand sie diese Einrichtung der
Natur unheimlich. Wie würde es sich anfühlen, wenn sie seine
Bewegungen zum ersten Mal spüren würde?
Es wäre so schön, wenn sie all diese Erlebnisse endlich mit
jemandem teilen könnte. Wenn er es auch wüsste.
Es klopfte und sie drehte sich überrascht zur Tür. Sie stellte
ihr Wasserglas auf dem Küchentisch ab und öffnete nach einem
Blick durch den Spion verwundert die Tür.
--Mulder! Was machen Sie hier? Ich dachte, Sie wollten ins
Kino gehen.
Er hielt eine Plastiktüte hoch und lächelte schelmisch. Ach,
da kam nur Mist. Sie haben doch bestimmt Hunger! Und als er
das sagte, schwenkte er die Tüte einmal vor ihrem Kopf hin und
her und ging an ihr vorbei geradewegs in die Küche, während sie
ungläubig die Türe schloss und ihm folgte.
Es duftete nach chinesischem Essen. Peking-Ente! Und
Mexican Beer! rief er ihr zu und breitete sein Festmahl vor
ihren erstaunten Augen auf dem Tisch aus.
Das Bier hatte er mit einem kleinen Hintergedanken gekauft. Er
wollte sicher gehen. Dieser kleine Verdacht in seinem Hinterkopf
hatte sich den ganzen Tag nicht mehr vertreiben lassen. Sie war
so zierlich und hatte seit seinem Verschwinden auch noch
abgenommen. Wovon also sollte ihr Bauch sonst so rundlich
geworden sein? Der Zettel, den er heute Morgen gefunden hatte,
hatte ihn dann schließlich überzeugt. Er wusste es war ihr
Lieblingsbier. Wenn sie es ablehnte, war er sich sicher, dass er
Recht hatte.
Doch warum sagte sie es ihm nicht einfach? Er hielt ihr die
Flasche hin und machte sich dann mit den Stäbchen über die
Peking-Ente her. Doch sie ignorierte es und lief stattdessen
immer noch ein wenig irritiert über seinen unerwarteten Besuch
zum Kühlschrank, um sich ein alkoholfreies Getränk daraus zu
nehmen.
Das ist ein bisschen viel Tomatensaft, finden Sie nicht?
fragte er sie und blickte ihr über die Schulter. Daraufhin griff
sie demonstrativ nach einer Flasche und goss sich ein Glas davon
ein. Sie bot ihm angriffslustig auch etwas davon an, doch er
verzog das Gesicht und wich vor ihr zurück. Er lehnte sich gegen
ihre Küchenzeile und sah sie an, während er genüsslich die
Ente in sich hineinschob.
Sie hatte das Bier tatsächlich abgelehnt.
Stattdessen nahm sie einen Schluck Tomatensaft, stellte dann das
Glas ab und wollte sich gerade etwas von der Peking-Ente nehmen,
als sie bemerkte wie er sie immer noch ansah.
Was ist? Nichts. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen!
entgegnete er so scheinheilig wie möglich und sah sie weiter an.
Wollen Sie sich nicht setzen? fragte sie irritiert.
Sie war langsam von seinem Verhalten verunsichert. Sie wusste,
dass er etwas vorhatte, doch ihr war nicht klar was. Er spielte
mit ihr und sie hasste das.
In seinem Kopf verknoteten sich die Gedanken. Es war eigentlich
unmöglich, dass er Recht hatte. Andererseits war es ziemlich
offensichtlich und alle Hinweise sprachen dafür. Doch was
bedeutete das für ihn? Sagte sie ihm deswegen nichts davon? Weil
sie ihn da raushalten wollte? Wollte sie nicht, dass er es
wusste? War es vielleicht gar nicht sein Kind? Hatte sie eine
weitere künstliche Befruchtung nach seinem Verschwinden
durchführen lassen? Es gab genügend anonyme Spender.
Sein Magen schnürte sich bei diesen Gedanken zu und er stellte
das Essen hinter sich neben die Spüle.
Scully hatte ihrerseits ähnliche Befürchtungen. Sie hatte sich
an ihren Küchentisch gesetzt und aß gierig aus der
Pappschachtel heraus. Sie hatte solchen Hunger gehabt und war ihm
insgeheim sehr dankbar dafür, dass er mit etwas zu Essen
vorbeigekommen war. Sie hätte sich sonst wieder selbst was
kochen müssen und darauf hätte sie heute Abend keine Lust
gehabt.
Aber was war mit ihm los? Sie war unter seinen Blicken ganz
nervös geworden, das kannte sie von sich überhaupt nicht. Warum
sah er sie immerzu an? Ahnte er etwas? War sie naiv, es ihm
weiterhin zu verheimlichen?
Oh, sie wollte, dass er es wusste! Sie wünschte, sie hätte
jemanden, der mit ihr dieses Wunder erleben konnte. Der sie in
den Arm nehmen würde, wenn es sich doch nur als Enttäuschung
herausstellen würde. Aber es wäre egoistisch ihn nur deswegen
darüber in Kenntnis zu setzen, weil sie diese Ängste nicht mehr
alleine ausstehen wollte. Er war gerade wieder gesund geworden
und sie konnte ihn doch jetzt nicht mit einer Vaterschaft
belasten, die er vielleicht gar nicht wollte! Sie musste noch
durchhalten. Sonst würde sie alles zerstören, was so besonders
zwischen ihnen war.
Ihr Magen verkrampfte sich und sie stellte das Essen ebenfalls
vor sich ab.
Sie schwiegen, jeder ging seinen Gedanken nach während der
Kühlschrank leise summte und draußen ein Auto vorbeifuhr. Die
Sonne ging unter und das rote Abendlicht tauchte die Welt um sie
herum in ein leuchtendes Orange. Er fand sie in diesem Licht
wunderschön und konnte seine Augen nicht von ihrem Gesicht
abwenden, in dem er lesen konnte, dass sie sich auch Sorgen
machte.
Sie sah ihn einen Augenblick von ihrem Stuhl aus an. Seine Arme
waren wieder kräftiger geworden und sie vermisste seinen Duft.
Doch so viel Nähe konnte sie nicht zulassen. Nicht so lange er
nichts von ihrem gemeinsamen Kind wusste. Er merkte, dass sie ihn
beobachtete und blickte tief in ihre Augen. Vollkommen unerwartet
durchbrach er die friedliche aber auch spannungsgeladene Stille
dieses frühen Sommerabends.
Ich weiß, dass Sie mir etwas verschweigen, Scully. Wenn es
etwas Persönliches ist und Sie es mir nicht erzählen wollen,
dann muss ich das respektieren. Aber ich habe immer gedacht, dass
wir einander alles erzählen können. Und wenn etwas mit Ihnen
nicht stimmt, dann will ich das wissen, es wäre nicht fair, das
vor mir geheim zuhalten. Einer musste ja den ersten Schritt
wagen und er wollte es ihr leichter machen, da sie sich
offensichtlich quälte. Wenn sie es ihm wirklich nicht sagen
wollte, dann würde sie es auch nicht tun. Dazu war sie zu
dickköpfig.
Doch seine Worte hatten sie erreicht. Die Sorge in seiner Stimme
hatte sie berührt. Sie konnte nicht zulassen, dass er sich
ihretwegen schlecht fühlte.
Sie stand von ihrem Stuhl auf und ging auf ihn zu. Ihr Herz
klopfte und ihr war heiß. Das war der Augenblick, von dem sie
wusste, dass er alles verändern konnte. Doch er verdiente ihre
Ehrlichkeit, sie musste es ihm sagen. Sie hohlte tief Luft
während ihr Herz ihr fast aus der Brust hüpfte.
Sie haben Recht, Mulder, ich verschweige Ihnen etwas.
Es fiel ihr schwer ihre Gedanken in Worte zu fassen und sie blieb
vor ihm stehen und sammelte sich, bevor sie langsam fortfuhr.
Ich fange gerade erst an, es selbst zu begreifen und
ich verstehe es immer noch nicht. Es macht mir Angst. Und ich
möchte nicht, dass Sie dieselbe Angst durchleben müssen.
Sie legte ihre Hand vorsichtig auf seine, die sich auf der
Küchentheke abstützte. Er sah auf ihre zarten Finger, die so
warm auf seiner Hand lagen und sah dann sie an. Sein Herz klopfte
und er wollte endlich Gewissheit. Doch das Zittern in ihrer
Stimme bedrückte ihn.
Wovor sollte er Angst haben? Stimmte irgend etwas nicht? Sie war
verlegen und wich seinem Blick aus, doch er bewegte seine Hand
unter ihrer, damit sie ihn wieder ansah.
Wenn es Ihnen Kummer bereitet, möchte ich erst recht, dass
Sie sich mir anvertrauen. Ich möchte für Sie da sein, so wie
Sie es für mich waren. Bitte, schließen Sie mich nicht aus.
Er flehte sie förmlich an, der Klang seiner Stimme brach ihr
fast das Herz.
Seine Augen hatten diesen unwiderstehlichen Blick, der sie immer
schwach machte und seine Stirn war vor Sorge ganz angespannt.
Und während ihre Blicke miteinander verschmolzen und ihre Seelen
sich darin küssten, nahm sie schließlich seine Hand und zog sie
langsam an sich heran, um sie auf die nun deutlich spürbare,
feste kleine Wölbung zu legen, die ihr Pullover so geschickt
verdeckt hatte.
Als seine Hand auf ihren Bauch traf und er es zum ersten Mal
fühlte, war es als überkäme ihn ein wohliger Schauer
vollkommenen Glücks. Ihre Stimme klang in seinen Ohren wie
klingelnde Schneekristalle. Es ist das Wunder, an das wir
beide glauben wollten. Es ist unser Wunder, Mulder. Und
ihre Augen füllten sich mit Tränen der Erleichterung.
Er sah sie voller Liebe an und spürte wie sich ein Lächeln auf
seine Lippen schlich und seine grünen Augen vor Freude
strahlten. Dieses Lächeln erfüllte Scully mit so viel Wärme
und Glück. Sie war nun nicht mehr mit all ihren Sorgen um dieses
Kind alleine und auch sie lächelte ihn an.
Es war ein verlegenes Lächeln und er merkte wie sie rot wurde
und eine Sekunde zur Seite sah, bevor sie zu ihm aufschaute.
Ihre blauen Augen funkelten und das warme Abendlicht umspielte
ihre weiche Haut golden und leuchtend. Ihr Bauch war so warm und
der warme Regen in seinem Herzen nährte seine Seele. Sie standen
ganz still im warmen Rot der Dämmerung und bewegten sich nicht.
In diesem Moment wussten beide die Antworten auf all die Fragen,
die sie sich heute so oft gestellt hatten. Er nahm seine Hand und
legte sie an ihre Wange, während die andere Hand sich langsam an
ihrem Bauch entlang um ihre Hüfte legte und sie ganz sanft
näher an sicher heranzog. Unter dieser Berührung schien es
endlich als falle alle Last von ihr und er spürte wie sie die
Nähe, die er ihr gab, in sich aufnahm, als hätte sie seit
Ewigkeiten darauf gewartet. Er sah auf ihre Lippen, die voller
Leben in der Sonne glitzerten.
Sie fühlte wie die Hitze ihr in den Kopf stieg als seine
kräftigen Arme sie zu sich zogen und sich ihre Körper
berührten. Ihr Atem ging schnell und sie war aufgeregt wie ein
Teenager. Sie sah auf seine weichen, sanften Lippen. Sie sehnte
sich danach, sie auf ihren zu spüren, sie zu schmecken und sich
ihm hinzugeben. Sie wusste, wenn es jetzt geschah, dann würde es
kein Zurück mehr geben.
Das war der eine Moment, der endlich offenbaren würde, was sie
beide füreinander empfanden. Es ließ sich nicht mehr aufhalten
und sie näherten einander in diesem Moment verzauberter Stille,
während das rote Licht sie sanft umspielte. Ihre Hände lagen
auf seinem Bauch und fühlten, wie sein Atem ebenfalls schneller
wurde, während seine Hand ihre Wange noch immer sanft und ganz
zart berührte und ihr Haar seine Finger kitzelte. Er fühlte,
dass sie aufgehört hatte zu atmen und er wusste, wenn es jetzt
passierte, war es um sie beide geschehen.
In diesem Moment, der anscheinend ewig
währte, wählte Dr. Barnes im FBI-Labor in Quantico Scullys
Nummer. Er hatte ein paar Überstunden gemacht und hatte gerade
das Labor abschließen wollen, als er bemerkt hatte, dass der
Computer, der seit heute Mittag Agent Scullys und Agent Mulders
Daten bearbeitete, mit seinen Berechnungen fertig war. Er kannte
Agent Scully und wusste, dass diese Ergebnisse außerordentlich
wichtig für sie waren, also wählte er ihre Privatnummer.
Sie fuhren wie zwei Kinder, die bei etwas Verbotenem erwischt
wurden, auseinander bevor sich ihre Lippen treffen konnten.
Sie beide schmunzelten verlegen und ein wenig erleichtert
darüber, der unerträglichen Spannung dieses Augenblicks
entkommen zu sein. Doch in ihrem Inneren waren sie beide zutiefst
enttäuscht über diese Unterbrechung.
Der Funke zwischen ihnen war schon längst übergesprungen und
das Feuer in ihren Herzen war längst entfacht und beide waren
schrecklich heiß vor Erregung. Sie hatten es beide gewollt.
Doch es schien, als habe jemand heute Abend etwas Anderes mit
ihnen vor. Scully beantwortete das ungeduldig klingelnde Telefon,
während Mulder sich mit einem Schluck von seinem mexikanischen
Bier abkühlte und versuchte der Lage wieder Herr zu werden. Er
hatte sich entschieden, dass er diesen Schritt gehen wollte.
War das nun ein Zeichen? Waren sie doch noch nicht so weit? Doch
er konnte gar nicht darüber ins Grübeln geraten, weil Scully
aufgeregt zur Garderobe lief und sich ihren Mantel überwarf.
Der Zauber, der in dieser Wohnung gelegen hatte, war verflogen.
Es war, als hätte es diesen Moment vor dem Klingeln des Telefons
gar nicht gegeben.
Das war Dr.Barnes, die Ergebnisse sind da! Was?
Wir sollen jetzt dorthin fahren? Es ist nach Neun. Bis die
Ergebnisse ausgewertet sind, ist es nach Mitternacht!
Mulder wollte nicht wahrhaben, dass dieser Abend so weitergehen
sollte.
Es reicht ja auch, wenn ich alleine dorthin fahre, Sie
können dort ohnehin nichts ausrichten Mulder.
Er schluckte. Sie siezten sich also immer noch. War sie
vielleicht froh, dass es nicht zu dem Kuss gekommen war? Doch ihr
scheuer Blick und ihre Verlegenheit, als er aus Versehen gegen
ihre Schulter stieß, als sie beide die Wohnung verließen, gab
ihm das Gefühl, dass sie es auch bedauerte, dass der Anruf sie
gestört hatte.
Bevor sie sich in ihr Auto setzte, um alleine nach Quantico zu
fahren, blickte sie ihn noch einmal über die Schulter an und
vertröstete ihn. Ich ruf an, wenn ich was rausgefunden
habe.
Es waren vollkommen belanglose Worte gewesen, doch in ihrem
Tonfall hatte etwas gelegen, das ihm Hoffnung machte, dass dies
nicht nur ein weiterer Ausrutscher gewesen war und dass sie es
genau so gewollt hatte wie er.
3.00 morgens, FBI-Labor, Quantico,
Virginia
Ihr rauchte der Kopf. Sie hatte seit Stunden die Daten im
Computer untereinander verglichen und hatte vor lauter Kurven und
Zahlen schreckliche Kopfschmerzen. Sie konnte sich kaum noch
konzentrieren und eine schwere Müdigkeit hatte sich in ihrem
Kopf breitgemacht.
Die Vergleiche von Mulders DNA mit der der anderen hatten bisher
überhaupt keinen Sinn ergeben. Egal, wie sie es drehte und was
sie untereinander verglich. Es zeigte sich kein Muster. Es gab
nur eine Sache, die sie über alle Maßen verwunderte und
ängstigte.
Die Entführten, die gestorben waren, hatten sämtliche DNA
abgestoßen, doch Mulder nur Teile davon, während ein winziger
Bruchteil seiner Gene wohlbehalten in seinen Zellen geblieben
war. Wie konnte er mit dem winzigen Rest DNA, den er noch in sich
trug überhaupt weiterleben? Wie konnte der Körper diesen
Verlust kompensieren? Sie überlegte angestrengt, ihre Finger
gegen die Lippen gelegt und ihren Daumen unter ihr Kinn
gestützt. Sie sah durch den Bildschirm vor ihren Augen hindurch
und in der logischen Schlussfolgerung ihrer Überlegungen hatte
sie plötzlich eine unglaubliche Idee, die ihr den Atem
verschlug.
Wenn das wirklich stimmte war es einfach unfassbar.
Vor Aufregung holte sie laut Luft und stieß einen erregten
Seufzer aus. Es wäre ein absolutes Wunder und sie wagte gar
nicht an das Ausmaß dieser Entwicklung zu denken. Es wäre die
Lösung ihrer Probleme und zugleich ein wissenschaftlicher
Durchbruch, von dem jeder Forscher in seinem Leben nur zu
träumen wagte.
Sie ermahnte sich einen Moment nicht vollkommen die Beherrschung
zu verlieren. Machte das überhaupt Sinn? Doch als sie an Mulder
dachte und daran, was er ihr gesagt hatte, dann schien das ihre
Vermutung nur zu bestätigten. Er hatte ihr gesagt, dass er sich
seit der Bluttransfusion und der schrecklichen Nacht, in der er
tausend Tode in ihren Armen gestorben war, lebendiger als je
zuvor fühlte.
Sie wurde nervös. Wie konnte sie ihre Vermutung nur bestätigen?
Plötzlich war all ihre Müdigkeit wie weggeblasen und sie
erinnerte sich an die DNA-Analysen, die sie an dieser Alien-Kralle
( in ihren Gedanken nannte sie es immer noch die Kreatur,
weil sich ihr rationaler Geist wohl für immer gegen alles wehren
würde, was mit Alien und UFO assoziiert
war) und an Gibson Praise durchgeführt hatte. Die Ergebnisse
lagen im FBI Büro in Washington.
Sie sah auf die Uhr. Es war fast vier. Doch sie musste nun
weitermachen. Das hier war einfach zu groß und zu bedeutend um
jetzt schlafen zu gehen.
Sie ließ alles im Labor liegen, warf sich nur ihren dünnen
Mantel über und ging so schnell sie konnte zu ihrem Auto.
Die Luft war lau und der schwarze Nachthimmel löste sich langsam
in das heller werdende tiefe Blau der frühen Morgenstunden auf.
Sie suchte noch ihren Autoschlüssel in ihrer Tasche, als ihr vor
Schreck das Herz stehen blieb.
Krycek! rief sie gereizt durch die Stille der Nacht.
Er lehnte sich lässig gegen ihren Wagen und hatte sie
offensichtlich erwartet.
Endlich, ich dachte schon, ich würde hier Wurzeln
schlagen. Fahrn wir los, ignorierte er tonlos ihre
Überraschung. Scully wurde wütend. Dieser Widerling regte sie
jedes Mal so sehr auf, dass ihr die Galle hochkam. Sie hatte ihn
seit der Begegnung mit dem Raucher nicht mehr gesehen und hatte
ihn auch nicht im Geringsten vermisst.
Was wollen Sie von mir? fragte sie ihn barsch. Sie
ließ sich von ihm niemals einschüchtern und es machte sie nicht
ein bisschen nervös, dass sie hier vollkommen allein auf einem
verlassenen Parkplatz in der Dunkelheit einem gewissenlosen
Mörder gegenüber stand. Denn sie war viel zu wütend.
Wollen Sie wissen, was mit Ihrem Kind los ist? Was
können SIE mir schon darüber verraten? Sie bluffen doch nur
wieder um eines von ihren kranken Spielchen zu spielen!
Krycek war amüsiert zu sehen wie sie sich wehrte, doch er
wusste, sie würde letztlich doch einsteigen und mit ihm fahren.
Es dauerte ihm nur viel zu lange und er wurde ungeduldig.
Agent Scully, ich hab keine Lust mit Ihnen zu diskutieren.
Also steigen Sie ein und ich werde Ihnen zeigen, was ich weiß.
Etwas in seiner Stimme beunruhigte sie.
Es klang so hohl und metallisch. Sie traute ihm nicht. Was sollte
sie tun, wenn das nur eine Falle war? Was konnte er ihr über ihr
Baby sagen, was sie nicht auch selbst herausfinden konnte? Sie
griff nach dem Handy in ihrer Manteltasche. Wenigstens das hatte
sie mitgenommen! Es gab ihr ein wenig Sicherheit und sie
entschied sich schließlich, sich auf dieses Abenteuer
einzulassen und stieg mit einem bösen Blick auf den jungen Mann
ihr Gegenüber in den Wagen.
Wo fahren wir hin? fragte sie ihn genervt, als sie
den Parkplatz verließen. Nach rechts, ich führe Sie hin.
Nach einer Viertelstunde überkamen sie Zweifel. Sie hielt am
Straßenrand an und weigerte sich weiterzufahren so lange er ihr
nicht verriet wo sie hinfuhren. Seine Geduld war langsam am Ende
und er zog seine Waffe und hielt sie auf sie gerichtet.
Agent Scully, das hier kann vollkommen glimpflich für Sie
und das Baby auslaufen oder aber auch extrem tragisch. Das liegt
ganz bei Ihnen. Und jetzt fahren Sie weiter bis ich Ihnen sage,
dass Sie anhalten sollen. Haben Sie das verstanden?
Na prima. Scully verfluchte sich für ihre naive Dummheit diesem
skrupellosen Kranken vertraut zu haben. In Gedanken versuchte sie
sich eine Strategie zu überlegen, sich aus dieser Situation zu
befreien, doch während der ganzen Fahrt beherrschte sie die
Angst vor dieser Waffe, die unaufhörlich auf ihr Baby gerichtet
war.
Als sie eine Stunde später in der Nähe von Baltimore ein
verlassenes Fabrikgelände ansteuerten, erwachte in ihr wieder
die Hoffnung, dass er sie doch an einen Ort führen würde, an
dem sie Informationen erhalten würde.
Doch als sie an dem Eingang des dunklen riesigen Geländes
anhielten und ausstiegen, zerschlug sich diese Hoffnung wieder.
Es war vollkommen finster auf dem Gelände, hier war überhaupt
nichts. Und sie spürte einen harten Schlag auf ihren Kopf, bevor
sie bewusstlos zusammensackte.
Sechs Stunden später, Skinners Büro
Mulder biss sich nervös auf die Unterlippe. Wo war sie nur?
Er hatte überall nach ihr gesucht. Sie hatte ihn nicht angerufen
und sie war auch nicht in ihrer Wohnung gewesen. Ihre Sachen
lagen noch in Quantico und sie hatte dort alles anscheinend recht
kurzfristig und überstürzt verlassen.
Ihr Auto war verschwunden. Es musste etwas passiert sein.
Seine Finger fühlten sich taub an vor Sorge um sie. Wäre er
doch mit ihr ins Labor gefahren! Warum hatte er sich von ihr
davon abhalten lassen?
Skinner machte ebenfalls einen sehr besorgten Eindruck. Ihr
Handy scheint ausgeschaltet zu sein, doch das letzte Mal, dass
wir es mittels GPRS orten können, ist sie im Norden Washingtons
gewesen. Das hier sind Ausdrucke der Bilder, die die
Überwachungskameras des FBI-Labors auf dem Parkplatz geschossen
haben. Wir versuchen gerade herauszufinden, ob ihr Wagen irgendwo
aufgetaucht ist.
Mulder sah sich die Bilder an. Es war dunkel gewesen und man
konnte nicht einmal sicher erkennen, ob es sich bei der einen
Person um Scully handelte, wie sollte man dann die andere Person
erkennen, die neben ihr stand? Er konnte nur sehen, dass sie um
einiges größer war als Scully, also war es sicherlich ein Mann.
Aber das war nicht gerade hilfreich.
In Mulders Augen lag der Ausdruck verzweifelter Hilflosigkeit und
Wut als er schließlich aufstand und aus dem Büro stürmte, so
dass die Tür hinter ihm laut ins Schloss fiel. Er konnte nicht
einfach nur dasitzen und warten. Er musste etwas tun, er musste
sie finden!
Er verließ mit schnellen Schritten das FBI-Gebäude und ging zu
seinem Wagen. Er wusste nicht, wo er hinfahren sollte, aber er
musste in Bewegung bleiben, sonst würde er wahnsinnig werden.
Als er seine Wagentür aufschloss, bemerkte er, dass jemand einen
weißen Umschlag auf seinen Beifahrersitz gelegt hatte. Er drehte
sich um und sah wie ein aufgescheuchtes Tier um sich. Doch
niemand schien da zu sein.
Voller Neugier auf den Inhalt des Umschlags setzte er sich in
sein Auto und riss das Kuvert auf. Eine Visitenkarte fiel heraus.
Auf ihr war nur in grauen feinen Buchstaben eine Adresse in New
York abgedruckt.
Kein Name, keine Telefonnummer, nichts. Warum sollte sie dort
sein? Er warf die Visitenkarte enttäuscht in sein Handschuhfach
und schmiss es kraftvoll zu. Das war eine Spur, die er ein
anderes Mal verfolgen würde. Jetzt musste er sie finden.
Zur selben Zeit auf dem alten Fabrikgelände der Firma
Datacore in der Nähe von Baltimore
Scully wachte auf. Sie hatte einen trockenen Mund und ihre
Augen tränten und ihren Hinterkopf durchbohrten stechende
Schmerzen. Sie richtete sich vom Boden auf und sah sich um. Sie
saß in einem alten Büro, wie es schien. Überall hingen Kabel
aus den alten schmutzigen, ehemals grauen Wänden. Der Fußboden
war kalt und mit dunkelgrauem Linoleum bedeckt. Sie fröstelte.
In der Ecke stand ein alter Schreibtisch aus hellem billigem
Holz. Ein paar lose vergilbte Notizblätter flogen herum. Die
Lampe über ihrem Kopf flackerte und ihre Kopfschmerzen wurden in
dem trüben schummrigen Licht nur noch schlimmer.
Rasende Wut kochte in ihr hoch. Sie hatte keine Ahnung wo sie
war. Und ihr Handy hatte ihr Krycek offensichtlich weggenommen.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich wieder auf den kalten
Fußboden zu setzen und zu warten während die eiskalte Wut auf
sich selbst in ihr rumorte. Wieso hatte sie sich bloß auf
Kryceks Spiel eingelassen? Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch
und lehnte den Kopf gegen die schmutzige Wand. Es würde einen
Ausweg geben. Sie würde hier lebend herauskommen.
--
Krycek verließ das Labor unter dem Büro in
dem Scully sich befand. Es befand sich auf einer niedrigen
Zwischenetage und lief vorbei an den unzähligen Türen, die alle
durch Sicherheitscodes blockiert waren.
Außer ihm war hier niemand auf dem Flur, sie alle befanden sich
jenseits dieser schweren Türen. Es war eine ehemalige
Forschungseinrichtung der Regierung. Hier waren in den Siebzigern
die ersten Vorläufer der Nanobots entwickelt worden, die an
Kindern in verschiedenen Staaten getestet worden waren.
An Kindern in fast jedem US-Bundesstaat. Auch an dreizehn Kindern
in Massachussetts. Es war kein Zufall gewesen, dass Mulder eines
dieser Kinder war. Sein Vater hatte es so gewollt. Und als der
damalige Chef dieser Laboreinheit hatte er schließlich die
Berechtigung dazu gehabt.
Es war die blanke Ironie, dass ausgerechnet in diesen Labors, in
denen die Alien-Invasion so tapfer aufzuhalten versucht worden
war, nun dieses Konzentrat in seinen Händen vervielfältigt
wurde. In Kanada hatten sie es bereits vor kurzem erfolgreich bei
einem kleinen Mädchen eingesetzt. Sara war sein Name gewesen. Es
war das erste Kind gewesen, das nach einer erfolgreichen
Nanobot-Beimpfung gesund zur Welt gekommen war. Zum damaligen
Zeitpunkt hatte er noch auf der anderen Seite im Auftrag der
Schattenregierung gearbeitet. Er selbst hatte damals das Geld auf
das Konto des Gynäkologen überwiesen, der der Mutter diese
Eisenpräparate verschrieben hatte, damit die Nanobots sich
teilen konnten.
Ihm war es aber gleich, dass das Kind schließlich doch gestorben
war. Es war sowieso nicht immun gewesen. Seine Ermordung war nur
eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen.
Er nickte dem merkwürdig stillen Labormediziner, der ihm die
Türe von einem Raum hinter Glas aus öffnete, ausdruckslos zu
und verließ die Etage. Es war Zeit, dass Mulder herkam. Die
Aufregung unter den anderen hier unten war kaum noch zu ertragen.
Sie wollten endlich den einen Menschen vor sich haben, der Purity
dort oben so hartnäckig getrotzt hatte.
Sobald Mulders Nanobots inaktiviert waren, würde er wie ein
Kartenhaus vor ihnen zusammenfallen. Und dann war es nur noch
eine Frage der Zeit, bis er sterben würde und sie ihn endlich
untersuchen konnten. Er drückte auf den Knopf des Fahrstuhls,
fuhr eine halbe Etage höher aus dem High-Tech-Labor zurück in
diese Büro-Geisterstadt. Wenn das Kind in ihr Mulders Kind war,
würde es auch sterben müssen.
Scully hörte wie sich ihr Schritte näherten. Krycek schloss die
Türe auf und betrat den Raum. Hier stank es nach Rattengift.
Scully sprang als sie seine Umrisse vor dem grellen Licht, das
aus dem Flur hereinschien, erkannte, auf und funkelte ihn zornig
an.
Was wollen Sie? fragte sie ihn eindringlich und ein
bedrohlicher Unterton lag in ihrer Stimme. Er fragte sich woher
sie in diesem Augenblick all die Selbstsicherheit und Ruhe hatte,
ihn in diesem Ton anzusprechen. Doch Scully war längst nicht so
sicher und ruhig wie sie nach außen hin wirkte. Im Stillen
betete sie, dass Mulder sie finden würde und jeden Moment mit
seiner Waffe in den Händen hereinstürmen würde. Doch ihr
Verstand machte ihr klar, dass er gar nicht wissen konnte wo sie
war. Sie sah Krycek fest in die Augen. Doch sie sah in zwei
tiefe, schwarze, leere Löcher, denn kein Funken Menschlichkeit
schien sich hinter diesen Augen zu befinden und ihr wurde kalt.
Ich möchte Ihnen einen Handel vorschlagen. Wir kriegen
Mulder und Sie dürfen Ihr Baby behalten.
Ihr Kind würde er ein anderes Mal verschwinden lassen. Doch er
wusste einer von beiden würde auf diesen Handel eingehen.
Darauf wird er nicht eingehen, das können Sie vergessen!
Das werden wir gleich herausfinden! Er fischte ihr
Handy aus seiner Tasche und hielt es ihr hin. Rufen Sie ihn
an. Sie riss mit einem abfälligen Blick in seine Richtung
das Handy aus seinen knochigen feuchten Fingern und schaltete es
an.
Sobald sie den Pincode eingegeben hatte, nahm er es ihr wieder ab
und rief ihr Telefonbuch auf um Mulder selbst anzurufen.
Daraufhin ließ er Scully wieder alleine in ihrem Zimmer und
wartete auf das Freizeichen.
Scully? Sein Handy hatte geklingelt, als er gerade
wieder den Zapfhahn in die Tanksäule eingehängt hatte. Als er
auf dem Display Scullys Nummer gesehen hatte, war er voller
Hoffnung, dass es ihr gut ging, dran gegangen. Doch die Stimme am
anderen Ende der Leitung beruhigte ihn nicht im Geringsten, im
Gegenteil, eine beißende Übelkeit kroch in ihm hoch, als er
erkannte wer da am anderen Ende von ihrem Telefon aus anrief.
Angst kroch ihm den Nacken hoch. Krycek hatte sie? Was wollte er
von ihr?
Agent Mulder, schön, dass Sie wieder wohlbehalten zurück
sind. Hörn Sie auf mit dem Quatsch, sie widerliche
Qualle, was wolln Sie? schrie Mulder blass vor Wut in sein
Handy. Ich will, dass es Scully gut geht, das wollen Sie
sicher auch. Sie wollen doch ihrem Mutterglück sicher nicht im
Wege stehen, oder? Mulder wusste, dass das hier auf einen
Handel hinauslaufen würde. Doch er war bereit alles dafür zu
geben, so dass sie und ihr Kind wohlbehütet da rauskamen. Und
dann würde er das schwor er sich in diesem Moment
nie wieder einen Millimeter von ihrer Seite weichen. Also,
Alex, jetzt schießen Sie schon los! Ich will Sie,
Agent Mulder!
Diesen Handel hatte er nicht erwartet! Er fuhr sich mit der Hand
über die Stirn und versuchte, zu verarbeiten, was da gerade von
ihm gefordert wurde. Doch schließlich hatte er keine Wahl. Er
musste darauf eingehen.
Also schön, sie seelenlose kleine Ratte, wo soll ich
hinkommen? Er würde schon irgendwie einen Ausweg finden,
das wusste er. Datacore-Gelände, 22:00 Uhr. Alleine
versteht sich.
Mulder legte auf und fuhr in seine Wohnung zurück. Datacore! Das
hatte er schon einmal gehört. Er setzte sich an seinen Computer
und schickte eine e-Mail an seine drei verrückten Freunde. Eine
Stunde später saßen sie in seiner Wohnung und sahen ihn
fassungslos an.
Man, Du siehst ja besser aus als vorher! Haben die Dir da
oben noch ein Lifting verpasst? Sie waren alle drei
sichtlich erleichtert, dass er zurück war. Doch irgendetwas
bedrückte ihn. Und nachdem er gnädig über ihre Scherze
mitgelacht hatte, wurde er ernst und erzählte ihnen, was
passiert war.
Dieses lästige Ungeziefer, brummte Frohike unter
seinem Dreitagebart hervor. In Mulder vibrierte der Hass, doch er
schluckte ihn hinunter und schlug gegen den Türrahmen um nicht
verrückt zu werden.
Würde das denn nie enden? Würde er für immer gejagt werden?
Als Scully ihm vom Tod des Rauchers erzählt hatte, war er
tatsächlich so naiv gewesen darauf zu hoffen, dass es nun besser
werden würde.
Was wisst Ihr über Datacore? lenkte er sich
schließlich von seiner Wut ab. Die Lone Gunmen warfen sich
Blicke zu. Hatte Scully ihm schon von den Experimenten erzählt,
die man an ihm seit seiner Kindheit durchgeführt hatte? Sie
wollten sich nicht verplappern und erzählten die Geschichte
daher so, dass sie diese winzige Information einfach ausließen.
...aber seit letztem Jahr stehen die Labors angeblich leer.
Niemand arbeitet da noch an dem Projekt. Hält diese glitschige
Schlange sie dort etwa versteckt? Mulder fuhr sich durch
die Haare. Er war sich sicher, dass dort im Herzen dieses
Komplexes Labors waren. Warum sonst wollte Krycek ihn dort? Für
welche Seite arbeitete dieser Schweinehund nur?
Doch es schien ohnehin einerlei. Kryceks Methoden kannten den
Unterschied zwischen Gut und Böse nicht. Mulder war nicht einmal
mehr sicher, ob er ihn kannte.
Könnt Ihr mir einen Plan des Geländes besorgen?
Irgendwie musste er dort wieder wegkommen. Er würde den Handel
durchziehen, er wollte mit eigenen Augen sehen, was dort vor sich
ging. Doch vorher musste er sicher sein, dass Scully frei kam.
22:00 Uhr
Scully saß auf dem Boden und fror. Sie hatte Hunger und Durst
und zitterte vor Kälte. Ihr Hass auf Krycek war grenzenlos und
sie schwor sich ihn bei der nächsten Gelegenheit umzubringen.
Wieder hörte sie seine festen, harten Schritte näher kommen und
sah wie im Flur das Licht anging.
Mulder hatte sich von den Lone Gunmen und Skinner, der darauf
bestanden hatte mitzukommen, getrennt. Sie warteten in ihrem
VW-Bus ein paar hundert Meter entfernt und würden Scully in
Empfang nehmen, wenn sie mit ihrem Wagen an ihnen vorbei fahren
würde.
Er hatte sich verkabeln lassen und durch eine kleine Mikrokamera
ging er sicher, dass seine vier Begleiter zumindest visuell bei
ihm waren und er nicht vollkommen verloren diesem Handel
ausgeliefert war.
Er sah wie in der Ferne hinter dem rostigen Tor, auf das er
zuging, ein kleines Licht anging und zwei Personen aus einer Tür
heraustraten. Er wusste sofort, dass die kleine Person Scully war
und war froh zu sehen, dass es ihr gut zu gehen schien.
Krycek ging sehr dicht hinter ihr und setzte sich mit ihr ins
Auto. Sie fuhren direkt auf Mulder zu, der mittlerweile vor dem
rostigen Tor wartete. Es öffnete sich quietschend und Scullys
Wagen hielt an. Krycek stieg aus und ging direkt auf Mulder zu,
der jedoch nur Augen für Scully hatte, die ihn durch ihr
Autofenster ansah.
Ihre Blicke trafen sich und es war als würden ihre gerade
verschmolzenen Seelen schmerzlich auseinander gerissen.
Sie begriff nun endlich, was der Hintergrund dieser ganzen Aktion
gewesen war. Mulder lieferte sich an Krycek aus, damit sie frei
kam. Als sie langsam weiterfuhr und Mulder von Krycek mit
schnellen Schritten auf das Gelände mitnahm, war es ihr als
hätte sie ihr Herz dort bei ihm gelassen. Sie fühlte sich
kraftlos und es fiel ihr schwer überhaupt von ihm weg zu fahren.
Doch sie wusste, eine falsche Bewegung und Krycek würde Mulder
erschießen.
Sie traute diesem gewissenlosen Widerling alles zu. Er hatte
seine Seele schon lange verkauft.
Inständig betete sie, dass sie irgendwie einen Weg finden würde
ihn da raus zu holen. Es konnte einfach nicht sein, dass sie ihn
wieder verlor! Würde das denn nie ein Ende finden?
Als sie um die Ecke bog, sah sie überrascht einen blinkenden
VW-Bus, der an der Straßenseite stand. Er kam ihr irgendwie
bekannt vor und der untersetzte kleine Mann mit dem komischen
Cowboyhut, der davor kniete und scheinbar einen Reifen wechselte,
der überhaupt nicht platt war, kam ihr ebenfalls sehr bekannt
vor. Sie war erleichtert. Sie hatten ihn nicht im Stich gelassen.
Sie hielt ebenfalls rechts an und begrüßte Frohike.
Mulder lief neben Krycek durch den langen Flur des alten
geisterhaften Komplexes. Das Gebäude war offensichtlich lange
nicht mehr benutzt worden, die Wände waren schmutzig und grau
und in den Ecken breitete sich Schimmel aus, von den tropfenden
Rohren in den Wänden. Kabel hingen überall aus den Wänden und
Rattenfallen standen fast in jedem Raum. An einigen Stellen stand
noch ein leeres Regal oder ein alter Stuhl. Hier und da flogen
vergilbte Blätter herum. Es war offenbar ein vollkommen normales
Büro gewesen. Er war gespannt wohin Krycek ihn führte.
Als der Aufzug sich vor seinen Augen öffnete, staunte er nicht
schlecht über die moderne Ausstattung darin. Er trug sie sanft
und vollkommen geräuschlos ein paar Stockwerke höher und als
sie schließlich in einer Art Zwischenetage, an die sich Mulder
vom Geländeplan als Maschinenräume erinnern konnte,
ankamen, verschlug es ihm die Sprache. Ein langer greller,
weißer Flur erstreckte sich in beide Richtungen scheinbar
endlos. An der Decke lief eine grelle Neonlichtleiste entlang und
an den Türen, die sich an der Innenseite aneinander reihten,
waren merkwürdige farblose und doch irgendwie metallische Boxen
angebracht, die rot blinkten. Mulders Augen konnten sie kaum
erfassen, sie schienen aus einer Art Plexiglas zu sein und doch
schimmerten sie wie Aluminium. Alex ging direkt mit ihm auf eine
der Türen zu und legte seine Hand auf ein Feld in der Mitte
einer der Boxen. Ein tiefes dumpfes Surren erklang und das Licht
blinkte blau. Die Türe schob sich vor ihnen geräuschlos auf und
sie glitten hindurch in eine Art Schleuse.
Hier war es ein paar Grade kälter und es roch nach Plastik und
Desinfektionsmitteln. Was würde nun passieren? Mulder wurde
nervös. Vor ihnen öffnete sich eine weitere Tür. Sie glitt
ebenfalls geräuschlos auf und dahinter stand ein Schrank, der
sich öffnete sobald Krycek seine Finger darüber gleiten ließ.
Er holte ein weißes Hemd heraus und warf es Mulder zu. Links von
ihnen öffnete sich wieder eine Tür und eine Art Bad mit
Aluminiumverkleidung tat sich vor ihm auf. Krycek sah ihn
gefühllos an. Ausziehn! sagte er ohne jegliche
Betonung und sah auf das weiße Hemd in Mulders Armen.
Mulder stutzte. Würden sie ihn jetzt einfach so hier in Stücke
zerlegen? Was denn, gar kein Vorspiel? versuchte er
seine Angst mit einem Witz zu überspielen. Doch Krycek sah ihn
nur stumm an und die Tür zwischen ihnen glitt wieder zu.
Mulder sah sich um, gab es hier nirgends einen Ausweg? Er drehte
sich, so dass seine heimlichen Begleiter durch die Kamera alles
sehen konnten. Doch der Raum schien nicht einmal Ecken zu haben.
Er schien formlos zu sein, wie eine Gummizelle. Nur war er
komplett mit Metall verkleidet. Das Licht schien von den
Fußleisten aus nach oben und über seinem Kopf waren Düsen, die
jederzeit Wasser auszuspeien bereit schienen. Vier Türen
befanden sich an jeder Wand und er ging auf jede zu, doch sie
hatten weder Griffe, noch Knöpfe, noch öffneten sie sich wenn
er sich ihnen näherte. Es blieb ihm nichts anderes übrig als
seine Sachen wirklich auszuziehen und sich dieses weiße Hemd
überzuziehen. Mit einem resignierten Seufzer legte er die
Klamotten mit der Mikrokamera zusammen ab.
Eine Minute später glitt eine der Türen wieder auf. Mulder
hatte bereits die Orientierung verloren durch welche er hinein
gekommen war. Ein Labormediziner kam herein und nickte ihm zu. Er
folgte dem merkwürdig stillen Mann durch eine weitere Schleuse,
als er plötzlich durch einen weißen, grellen Lichtblick, der
auf sie zugerollt kam, geblendet wurde. Ihm wurde schwindelig und
sein Magen drehte sich. Er verlor die Orientierung und fiel zu
Boden. Ein hohes Kreischen durchfuhr seinen Kopf und lähmte ihn,
so dass er einen Augenblick das Bewusstsein verlor.
Ungefähr vierhundert Meter entfernt bekamen
es seine heimlichen Begleiter mit der Angst zu tun. Scully sah
kreidebleich und voller Schreck zu Skinner hoch, der sichtlich
beunruhigt und überhaupt nicht amüsiert über die Vorkommnisse
war.
Sir, Sie müssen da rein! Er kommt dort nicht mehr lebend
heraus! Sie klang aufgebracht und legte ihre Hand auf
seinen Arm, damit er spürte wie ernst ihr es war.
So weit war ihm das ebenfalls klar. Doch er hatte keine Ahnung
wie er Mulder dort herausholen sollte. Die Labors schienen
hermetisch abgeriegelt zu sein. Er könnte den gesamten Komplex
mit Hubschraubern und einer riesigen Einsatztruppe umstellen
lassen. Doch er wusste überhaupt nicht mit wem sie es dort zu
tun hatten. Das hier sah alles aus, als würde eine große Lobby
hinter diesem Labor stehen. Wer wusste schon, in was für ein
Regierungskomplott Mulder da nun wieder hereingerutscht war?
Er sah hilfesuchend die Lone Gunmen an, die bereits begonnen
hatten ihre Laptops einzupacken und sich gegenseitig zu
verkabeln. Für sie war es klar, dass sie dort hinein mussten und
Mulder retten mussten. Und wenn es sie ihr Leben kosten würde.
Scully machte sich bereit ihnen ebenfalls zu folgen und griff zu
Mulders Waffe, die er in dem Bus hatte lassen müssen. Doch
Skinner hielt sie auf.
Agent Scully, das hier ist nichts für Sie. Sie müssen
hier bleiben. Sie müssen Verstärkung holen, wenn das in die
Hose geht. Ich werde mit den Dreien mitgehen. Sie wusste
dieses Mal musste sie wirklich zurückbleiben. Der Ausdruck in
Skinners Augen zeigte ihr die Endgültigkeit dieses Beschlusses.
Er legte seine Hände auf ihre Schultern. Wir werden ihn da
raus holen! versicherte er ihr eindringlich und folgte dann
mit einem sehr unguten Gefühl den drei Schützen in die dunkle
Nacht. Scully starrte auf den Bildschirm, der seit einer halben
Stunde nur noch die dunkle, graue Decke dieses merkwürdigen
Badezimmers zeigte, in dem der Kontakt zu Mulder abgebrochen war.
Sie wusste, wenn das hier glimpflich ausgehen würde, dann würde
sie ihn nie wieder alleine gehen lassen. Sie würde all diese
immer wiederkehrenden Bedrohungen und Verlustängste nicht noch
einmal durchmachen können. Es würde ihr den Verstand rauben.
Hätten sie doch gestern Abend nur dieses Telefon ignoriert!
Als er wieder erwachte, lag er auf einem
kreisrunden Metalltisch. Weißes Licht schien von oben auf ihn
herab. Es wirkte wie ein OP-Saal auf ihn. Die Wände waren in
demselben Metall verkleidet wie dieses Badezimmer, in dem er sich
umgezogen hatte. Das übrige Licht im Raum schien ebenfalls aus
Fußleisten nach oben zu scheinen und es wirkte als gäbe es nach
oben hin keine Begrenzung des Raumes. Er konnte keine Decke
sehen. Er starrte auf den Beistelltisch aus weißem Kunststoff
neben sich. Metallstifte und Röhrchen, so wie eine Menge Tupfer
lagen darauf herum. Sie würden anscheinend tatsächlich anfangen
ihn lebend auseinander zu pflücken. Um seine Füße und seine
Arme hatten sich kalte Metallschnallen gelegt, die ihn auf dem
Tisch festhielten. Im Raum standen fünf Labormediziner. Sie
schienen alle gleich auszusehen. Waren das Klone?
Da erkannte er Krycek, ganz ungewohnt ebenfalls in Weiß
gekleidet, der mit einer Spritze in der Hand auf ihn zukam. Eine
klare Flüssigkeit war darin erkennbar. Panik zuckte durch seinen
Körper und sein Herz begann schneller zu schlagen.
Was würde man ihm spritzen? Würde es ihn töten? War das das
Ende? Er fühlte wie ihn Todesangst überkam und er schreien
wollte, doch der Schrei erstickte in seiner Kehle.
Er musste daran denken, dass sie wenigstens frei war. Sie würde
leben und ihr Baby bekommen.
Das war das Einzige, was ihm in dieser Sekunde Hoffnung gab und
er klammerte sich mit jeder Faser seines Körpers daran fest, als
er den kleinen Einstich der Kanüle in seinen Oberarm spürte.
Die Versammlung im Raum sah eine Minute gebannt auf ihn und
verließ dann nach gegenseitigem Zunicken den Saal.
Krycek starrte ihn noch einen Augenblick an und drehte sich dann
ebenfalls ohne ein Wort zu verlieren von ihm weg.
Es war so unwirklich. Es schien als hätte etwas aus all diesen
Menschen das Leben ausgesaugt und sie würden nur noch von einer
inneren Maschinerie bewegt werden. Mulder sah in das grelle Licht
über sich. Warteten sie jetzt darauf, dass er an diesem Zeug
sterben würde?
Er konnte überhaupt nichts fühlen. Es brannte ein wenig in
seiner Schulter. Doch es hatte ihn nicht getötet. Noch nicht. Er
wusste von Scully, dass die Substanzen, die man in die Muskeln
spritzte, eigentlich recht schnell wirken. Er wartete.
Doch nichts geschah. Vielleicht merkte er überhaupt nicht, dass
mit ihm etwas passierte. Nervosität überkam ihn langsam. Wenn
es ihn töten würde, warum musste er dann so lange darauf
warten? Warum war es so eine Qual? Was immer es war, er
wünschte, es würde schnell vorbei gehen.
Doch wieder geschah nichts. Und Mulder beschloss seine Augen
einfach selbst vor diesem grellen Licht zu schließen und sich
auf sein Innerstes zu konzentrieren. Dann würde es vielleicht
einfach geschehen und er würde es gar nicht merken. Er fühlte
wie eine Träne seine Wange benetzte und die kühle Luft darüber
strich.
Langley hackte auf dem Laptop herum. Die Drei saßen alle in dem
Aufzug, den sie mittlerweile deaktiviert hatten, und überlegten
fieberhaft wie sie den Code knacken konnten, so dass der
Fahrstuhl sie in diese Zwischenetage bringen würde. Skinner
durchsuchte gerade das Gebäude nach einem alternativen Zugang,
nach Treppen. Dem Plan zufolge musste irgendwo ein Treppenhaus
sein. Doch dann musste das nicht heißen, dass es darüber auch
einen Zugang zu der Zwischenetage geben würde.
Die Köpfe der Drei rauchten. Sie hatten es hier mit einer
hochentwickelten, vollkommen computergesteuerten Technologie zu
tun. Und sie hatten keine Ahnung wie sie diesen Aufzug dorthin
bewegen sollten, wo sie hinwollten. Viel Zeit blieb ihnen nicht
mehr. Wenn es in den nächsten Minuten nicht weiterging, würden
sie überlegen müssen sich mit Gewalt Zugang zu verschaffen.
Sie gaben Scully ein Zeichen über die Kameras, so dass sie
wusste, dass es in fünf Minuten Zeit für Plan B werden würde.
Scully sah das resignierte Kopfschütteln Frohikes auf dem
Bildschirm vor ihren Augen. Skinner hatte ihr eine Nummer
hinterlassen, die sie anrufen sollte, falls irgendetwas schief
gehen würde. Sie wusste, das hier war das Zeichen, dass es
langsam ernst wurde. Sie hasste es hier so inaktiv und hilflos
vor den Bildschirmen in diesem kleinen Bus sitzen zu müssen.
Mulders Bildschirm zeigte noch immer stumm die farblose Decke des
Badezimmers. Warum passierte denn nichts?
Warum passierte nichts...
Genau diese Frage stellte sich Mulder zum selben Zeitpunkt. Er
öffnete wieder die Augen, als er ein Geräusch wahrnahm. Krycek
betrat zusammen mit zwei dieser seltsamen Klon-Laboranten den
Saal. Er schien sichtlich irritiert als er Mulder wach und
lebendig vorfand.
Das gab Mulder Kraft. Er grinste leicht.
Ganz schön billigen Stoff haben sie Dir da verkauft, Alex.
Ich würde an Deiner Stelle mal ein Wörtchen mit dem Dealer
reden. Kryceks Faust, die voller Wucht seine Wange traf,
machte ihm deutlich, dass er keinen Spaß zu verstehen schien.
Einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen, doch er hielt sie
aufgerissen und sog tief die Luft durch die Nase ein, um den
brennenden Schmerz auf seiner Wange zu vertreiben. Immerhin
wusste er nun, dass Krycek nicht damit gerechnet hatte ihn in
diesem Zustand vorzufinden.
Er spürte wie sein Gegenüber sich anspannte. Sein Blick fror
ein und es schien als würde der Tod persönlich an Kryceks
Füßen hochkriechen. Das Blut staute sich in seinen Adern und er
bebte leicht. Er machte einen Schritt auf Mulder zu, der das
Gefühl hatte, eine unsichtbare Kraft würde ihn zu Krycek
ziehen.
Mulders Brust hob sich vom Tisch, er konnte es nicht
kontrollieren und er hatte das Gefühl Krycek würde ihn
einsaugen wollen. Der leblose Körper dieses plötzlich
vollkommen fremden Wesens, das in Krycek hervorquoll, beugte sich
über ihn und seine Augen sahen ihm schwarz und ausdruckslos ins
Gesicht.
Mulder glaubte diese Schwärze schon einmal gesehen zu haben. In
sich selbst, vor sehr kurzer Zeit. Er hielt diesem Blick mit
aller Kraft stand während seine Gedanken sich an die Hoffnung
klammerten, die er nun in Scully und seine anderen Begleiter
setzte. Er vertraute ihnen, er wusste sie würden alles in ihrer
Macht stehende tun um ihn zu retten. Und er wusste er würde
durchhalten.
In ihm rebellierten seine Kräfte, er fühlte wie das Blut in
seinen Adern kochte und brodelte und wie das Leben durch ihn
hindurchpulsierte je näher Krycek ihm kam.
Er hörte ein metallisches Hauchen und seine Trommelfelle
vibrierten dumpf und dröhnend, dass es sein Hirn darin
eintauchte. Plötzlich schien er nur noch Weiß zu sehen und es
war ihm als reiße seine Brust auf und ein greller Blitz schieße
daraus zur Decke um alles um ihn herum im Licht zu ertränken. Er
fühlte nur noch die Kraft, die ihn überkam.
Krycek beugte sich immer näher über Mulder und spürte das
Würgen, das in ihm heraufkroch, das immer stärker wurde und
seinen Körper nun fast ganz beherrschte. Doch er fühlte auch
etwas anderes: den Sog, der von Mulder ausging. Es war als ziehe
eine unsichtbare Kraft an seinem Körper. Angst überkam ihn.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er die Furcht vor dem
Tod.
Purity kroch durch seine Adern und er fühlte die zähe Hitze,
die unter seiner Haut wie Lava brannte. Er riss seinen Mund auf
und ihm entfuhr ein gellender grausamer Schrei tiefster Furcht,
als er fühlte wie Purity aus ihm herausschoss.
Das schwarze Öl floß in Strömen aus Krycek während sich sein
Körper vor Schmerz über Mulder krümmte und er sich mit aller
Kraft am Tisch festklammerte. Es war als durchbohrten tausende
von Nägeln seinen Körper und als löse sich sein Herz auf.
Die unsichtbare Kraft saugte ihn über Mulder gebeugt fest und er
spürte das Öl, das sich durch seine Ohren und durch seine Augen
den Weg in die Freiheit suchte. Seine Kräfte verließen ihn und
die schwarze Leere, die aus seinem Körper glitt, schien dort, wo
andere eine Seele hatten, nur eine graue Wüste zu hinterlassen.
Die Metallbügel, die sich um Mulder klammerten, öffneten sich
in dem Augenblick größter Kraft, in dem Mulders Körper sich
aufbäumte und sein Kopf von der Wucht des Schreis, der ihm
entfuhr, nach hinten geworfen wurde und gegen den Tisch schlug.
Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Pupillen waren fast
verschlossen, so hell war das Weiß, das ihn umgab. Es fühlte
sich an als würde sein Herz auf das Vierfache anschwellen.
Ein anderer gellender Schrei, der aus der Ferne kam und wie Eis
durch den Raum schnitt, schien wie Glas in der Mitte des Raumes
über ihm zu zerspringen. Das metallische Hauchen schwebte nun
über seinem Kopf.
Es war Purity, das aus Krycek herausgespien wurde und sich über
Mulder wie ein schwarzes Loch zusammenballte und alle Energie um
sich herum einsog.
Er hatte das Gefühl die unsichtbare Kraft in ihm würde ihn
zerreißen. Doch in dem Moment, in dem das Weiß Mulders Sinne
vollkommen umhüllt hatten, zog sich das schwarze Loch noch
einmal zusammen und explodierte dann über Mulders Körper mit
einem lauten grässlichen Kreischen wie tausend verstimmte
Geigen, die aus dem Licht zu fallen schienen. Finsternis breitete
sich aus. Über Mulder ergoss sich heißer grauer Regen wie
stumpfes Quecksilber, der auf seiner glühenden Haut verdampfte
und eine schreckliche Totenstille hinterließ.
Mulder sank benommen und kraftlos auf den Tisch zurück und jede
Muskelfaser in ihm schien zu zittern. Er hatte kein Zeitgefühl,
doch als seine Sinne zurückkehrten und seine Augen wieder
Schatten wahrzunehmen begannen, richtete er sich langsam auf und
sah Krycek im Schein der noch leicht flackernden Lampe über ihm
neben seinem Tisch liegen. Er hatte die Augen geöffnet und
starrte an die Decke. Er lebte. Doch die Anderen waren
verschwunden. Mulder kletterte von dem Metalltisch.
Das Licht zuckte und warf unheimliche Schatten auf den Boden. Es
war still. Er beugte sich über Krycek, der noch immer benommen
in die Leere sah. Mulder versuchte seine Beine in den Boden zu
stemmen. Seine Knie zitterten noch. Er sah die Metallstifte auf
dem Plastiktisch liegen.
Ein Bild von einem glänzenden Edelstahldorn, der sich seinem
Gesicht näherte, durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er konnte
förmlich den Schmerz spüren, den die Spitze ausgelöst hatte,
als sie sich in seinen Kopf gebohrt hatte. Er fuhr sich mit der
Zungenspitze über die Narbe an seinem Gaumen. Seine zitternden
Hände griffen nach dem größten Dorn und er sah hinunter zu
Krycek, der langsam wieder zu begreifen schien wo er war.
Krycek fühlte den Tod in sich. Purity hatte ihn verlassen und
sein Herz schlug nun nur noch, weil sein Gehirn es von ihm
verlangte. Er bestand nur noch aus seinem Körper und das einzige
Gefühl, das ihn erfüllte, war der kalte zähe Fluss des Bluts
in seinen Adern. Doch als er den Ausdruck auf Mulders Gesicht
erkannte, packte ihn das Grauen, das er in seinem Leben schon so
vielen Leuten angetan hatte. Seine Gliedmaßen waren gelähmt, er
konnte sich nicht wehren und fühlte wie sich sein Herz vor Panik
verkrampfte.
Doch der Blick des Mannes, der sich über ihn beugte und die
Metallspitze voller Kraft in sein Herz bohrte war endgültig und
voller Hass.
Dieser ganze Hass ergoss sich durch diesen Dorn über seinen
Körper und füllte jede Zelle in ihm mit der grausamen
Finsternis und Leere des Todes, aus dem es für ihn kein
Entrinnen mehr gab. In dem Moment als seine Sinne ihn verließen
und er die schwarze Stille in sich fühlte, sah er in die Hölle,
die er all den Menschen in seinem Leben auf Erden bereitet hatte.
Mulder erhob sich und sah auf den sterbenden Körper Kryceks
herab. Erleichterung schlich sich langsam und noch schüchtern in
sein Herz. Seine Muskeln hörten auf zu zittern und er atmete
tief durch.
In diesem Augenblick fuhren die drei
einsamen Schützen gerade im Aufzug in die Zwischenetage. Sie
hatten gerade den Computer resigniert zuklappen wollen und hatten
sich bereit gemacht, Scully das Zeichen zu geben, als das Licht
über ihren Köpfen ausgegangen war. Einen brummenden Ton später
war es wieder angegangen und der Aufzug hatte sich in Bewegung
gesetzt. Allerdings war er mit ihnen in den Keller gefahren, wo
er sich erneut abgeschaltet hatte. Doch mit Taschenlampe und
Byers Genialität hatten sie dieses Mal ein leichteres Spiel
gehabt das System anzuzapfen. Sie hatten vermutet, dass sich nach
dem kurzen Stromausfall eine Art Notsystem eingeschaltet hatte,
das wesentlich leichter zu überwinden gewesen war als das
Hochsicherheitssystem, dessen Funktionsweise sie nicht einmal
hatten durchschauen können. Nun würden sie gleich in der
Zwischenetage ankommen.
Skinner hatte den Stromausfall ebenfalls mitbekommen. Er hatte
sich gerade wieder auf den Rückweg zu den Aufzügen gemacht.
Nirgends auf dem Gelände befand sich ein Treppenhaus, das ihm
den Zugang zu den Labors hätte verschaffen können. Nach dem
Stromausfall hatte er seine Schritte beschleunigt und über sein
Funkgerät versucht Kontakt mit den anderen Drei
aufzunehmen, doch die Verbindung war unterbrochen. Er wusste er
konnte alleine nichts ausrichten. Zu Scully konnte er ebenfalls
keinen Kontakt aufnehmen und entschied sich daher sich auf den
Weg zurück zum Van zu machen. Er würde wohl doch ein
Einsatzkommando rufen müssen.
Scully hatte von alledem nichts bemerkt. Das Gebäude hatte nach
außen hin ohnehin die ganze Zeit den Eindruck gemacht, es würde
leer stehen. Kein einziger Lichtstrahl drang aus seinem Kern nach
außen. Doch sie hatte voller Bestürzung den Zusammenbruch der
Funkverbindung registriert als sämtliche Bildschirme vor ihr
schwarz geworden waren.
Dieser Zusammenbruch hatte sie endlich von ihrer Hilflosigkeit
befreit, denn nun musste sie das Gelände betreten um
herauszufinden, was dort vor sich ging. Sie rannte gerade, so
schnell es ihr möglich war, den Hügel hinunter auf den Zaun zu,
durch den sich die anderen Zutritt auf das Gelände verschafft
hatten und kletterte zwischen dem verbogenen, rostigen
Stacheldraht durch, während sich die Stacheln in ihre Arme
bohrten. Doch sie war so aufgeregt, dass sie davon nichts
bemerkte.
Mulder versuchte die Orientierung zu finden. Hier sah alles
gleich aus und nun war es vollkommen dunkel. Er wusste nicht, wo
er den Ausgang finden würde, also ging er auf eine Tür zu, die
ihm die Richtige zu sein schien und tippte sie an. Er war sich
sicher, sie würde verschlossen bleiben, doch zu seiner
Überraschung ließ sie sich ohne Mühe aufschieben. Sie war
inaktiviert worden. Der Raum dahinter stand unter Wasser.
Offensichtlich hatten sich die Düsen im Schwall entladen. Er
tappte durch die Pfützen auf dem Boden und fand seine Sachen
unberührt dort liegen. Doch sie waren durchnässt und er hob mit
einem genervten Blick die kleine Mikrokamera auf, die nun Schrott
war. Er drehte sich um, wo würde er hinauskommen? Er stupste
jede Tür vorsichtig an, doch hinter jeder entlud sich der Raum
vor ihm in Form eines langen Flurs in die Unendlichkeit.
Es war dunkel. Und still. Wie in einer Geisterstadt. Was war
passiert?
Er entschied sich für einen der vier Flure und schlich sich
vorsichtig durch die Dunkelheit ins Ungewisse. Die Kälte
richtete die Haare auf seinen Armen auf und ein leichter Luftzug
streifte ihn. Er fuhr herum, doch ihm folgte niemand. Niemand
außer der Dunkelheit.
Die Lone Gunmen betraten voller Verwunderung den Hauptgang der
Zwischenetage. Vor kurzem noch hatten hier sämtliche Lämpchen
geblinkt, waren hier alle Sicherheitssysteme in höchster
Alarmbereitschaft gewesen.
Nun wirkte es wie ausgestorben. Durch welche dieser
verdammten Türen ist er denn nun verschwunden? versuchte
Frohike sich zu erinnern. Sie hatten Mulders Weg schließlich im
Fernsehen mitverfolgt. Doch nun da sie hier im Dunkeln vor all
den Türen standen, von der einer der anderen exakt glich, waren
sie ratlos. Es war die fünfte auf der rechten Seite,
glaube ich. Doch das hätte Langley nicht sagen sollen,
denn es brach eine hitzige Diskussion los bis sie sich
schließlich doch für die fünfte Tür auf der rechten Seite
entschieden. Sie leuchteten mit ihren Taschenlampen in die
Finsternis.
Die Türen ließen sich mit einem leichten Druck aufschieben und
leisteten nicht den geringsten Widerstand. Byers ging mit der
Lampe voran. Das hier war nichts für ihn. Er war nicht gerne in
Aktion. Er bevorzugte es die Kopfarbeit zu machen und anderen
dabei zuzusehen wie sie sich in die Abenteuer stürzten.
Sie drangen weiter ins Innere dieses merkwürdigen Laborfriedhofs
vor.
Es schien ihm als wäre er eine Ewigkeit durch die Nacht
gewandert und er fragte sich langsam, ob er auf dem richtigen Weg
war, als er plötzlich einen Lichtschein hinter einer Tür
bemerkte. Er war schwach und unstet. Ein leichtes Flackern.
Mulder tastete sich an der Wand entlang zu der Tür und schob sie
auf. Das schummrige Licht blendete seine an die Dunkelheit
längst gewöhnten Augen. Wo kam es her? Er hielt die Hand vor
die Augen und glaubte verrückt geworden zu sein.
Er kannte die Stimmen, die von dem winzigen Lichtschein, der aus
der Ferne auf ihn zukam, ausgingen.
--
Nimm Deine Hände von meinem Hintern!
beschwerte sich Langley. Doch Frohike wehrte sich vehement.
Die Dunkelheit scheint Dein Gehirn zu vernebeln. Ich hab
meine Hände da, wo sie hingehören und das ist ganz bestimmt
nicht auf Deinem Hintern.
Sie gingen weiter den endlosen Flur entlang, als sie im Schein
ihrer Lampe eine Gestalt sahen. Sie zuckten zusammen. Keiner von
ihnen war bewaffnet. Allerdings fiel ihnen das jetzt recht spät
ein. Alle drei hielten ihre Taschenlampen nun auf das Objekt in
der Ferne.
Hey! rief Frohike den Flur hinunter. Die Gestalt ging
auf sie zu. Sie wurde schneller. Doch sie konnten immer noch
nicht erkennen, wer oder was es war.
Mulder war sich sicher, dass er sich nicht geirrt hatte. So
schnell er es in dem schwachen Licht ihrer Taschenlampen konnte
lief er auf sie zu. Sie alle drei hatten ihre Lichter auf ihn
gerichtet und die Lampen starrten ihn nun durch die Dunkelheit
an.
Langley? rief er in die Ferne als er einen blonden
Schopf zu sehen glaubte. Seine Stimme hallte unwirklich von den
metallischen Wänden wider. Doch die Drei schienen ihn gehört zu
haben, denn der Schein ihrer Lampen kam näher. Er war so froh,
dass er sie gefunden hatte!
Scully war gerade auf den Eingang dieses riesigen Bürobunkers
zugegangen, als die Türe Skinner ausspuckte und er mit besorgter
Miene auf sie zulief.
Sie sollten doch im Wagen bleiben! mahnte er sie
aufgeregt, als er ihren Arm griff und sie wegzog. Was ist
denn passiert?
Die drei Schützen sind verschwunden und es gab einen
Stromausfall. Das dauert mit zu lange und irgendetwas stimmt da
drin nicht. Wir müssen Verstärkung anfordern.
Scully merkte wieder wie die Angst in ihr wuchs. Sie wollte da
hinein und ihn selbst suchen. Doch dieses Gelände war so
unvorstellbar riesig. Widerwillig ließ sie sich von Skinner vom
Eingang wegschieben und sah über ihre Schulter zurück, als sie
sah wie ein dünner Lichtstrahl aus der Mitte des Gebäudes nach
außen drang.
Sir, sagten Sie nicht, es hätte einen Stromausfall
gegeben? Ja, aber eine Sekunde später ist die
Notbeleuchtung angesprungen antwortete er gereizt und ohne
sich umzusehen.
Das ist ein ziemlich grelles Licht für eine Notbeleuchtung,
entgegnete sie ihm sachlich und blieb stehen. Sein fester Griff
um ihren Oberarm löste sich etwas und er drehte sich um. Der
dünne Lichtstrahl war mittlerweile zu einem klaren weißen
Leuchten, das fast aus jeder Fuge des Gebäudes zu dringen
schien, angewachsen. Sie spürten wie der Boden unter ihren
Füßen vibrierte.
Scully ahnte etwas. Von Panik ergriffen riss sie sich von Skinner
los und rannte so schnell sie konnte auf den Eingang zu. Der
Boden vibrierte dabei immer stärker und sie merkte wie das helle
Licht die Nacht durchbrach und die Farben um sie herum inmitten
der nächtlichen Dunkelheit in Erscheinung traten. Skinner war
ihr nachgelaufen und sie rissen die Türe auf, die sie wieder ins
Innere des Gebäudes führte, in das Zentrum der Lichtquelle. Es
war jedoch düster hinter der Türe, das Licht schien von weiter
innen zu kommen.
Sie rannten auf die Aufzüge zu, sie waren die einzige
Möglichkeit sich hier vertikal zu bewegen und drückten
aufgeregt auf die Knöpfe, während das Beben unter ihnen weiter
anschwoll. Als der Aufzug sich ihnen endlich öffnete, fuhren sie
so schnell es ging hoch. Sie wussten nicht genau, wo sich diese
Zwischenetage befand, Scully konnte sich nicht mehr erinnern, was
sie auf dem Bildschirm von Mulders Mikrokamera gesehen hatte.
Verzweiflung schlich sich ihr in den Kopf.
Doch sie wusste es war irgendwo unter der Etage, auf der sie den
ganzen Tag in diesem stinkenden Loch gesessen hatte. Also fuhren
sie der Reihe nach die ersten vier Etagen hoch. Als sich die
Türe vor ihnen zum vierten Mal öffnete, war sie sich sicher,
dass sie richtig waren.
Das Licht schien von dieser Etage zu kommen, denn hinter den
Türen, die sich nach rechts und links endlos den Flur entlang
aneinanderreihten, strahlte das Licht wie ein geisterhafter
Schein nach draußen.
Plötzlich wurde eine der Türen aufgeschoben und das grelle
Leuchten überflutete den Flur, während Scully vier Gestalten
zwischen dem hellen Weiß erahnen konnte. Sie hielt sich die
Hände vor die Augen und blinzelte.
Mulder und die drei Gunmen waren losgerannt so schnell sie
konnten, als das Licht plötzlich um sie herum angesprungen war.
Eine bebende Welle hatte sie fast von ihren Füßen gerissen und
sie wussten, sie mussten so schnell sie konnten diesen Trakt
verlassen. Als sie endlich den endlos langen Flur erreicht hatten
und sie fast blind vor Helligkeit aus der Tür taumelten,
entdeckte Mulder plötzlich im weißen Licht ihre roten Haare und
die Hand, die sie vor das blitzende Blau ihrer Augen hielt.
Sie hatte ihn im selben Moment entdeckt und stürmte auf ihn zu.
Doch es blieb keine Zeit, sie mussten hier raus. Der Aufzug
wehrte sich gegen das Beben, das nun den gesamten Komplex
erfüllte und sie erreichten in letzter Sekunde die Türe nach
draußen, die Skinner voller Kraft aufstieß, damit sie in die
Nacht fliehen konnten. Als sie vollkommen außer Atem an der
frischen Luft waren, merkten sie wie das Gelände um sie herum
taghell war. Das Gras, das zwischen den alten Pflastersteinen
hervorbrach, leuchtete in falschem, unwirklichem Grün und das
gesamte Gebäude schien zu zittern, als sie sahen wie sich das
grelle Licht aus dem Gebäude herausstülpte und in die Nacht
hinaufstieg. Unter einem lauten tiefen Brummen, das sich in ihre
Ohren schlich und ihre Sinnesfaser vibrieren ließ, schien es
eine Sekunde über dem Komplex zu schweben während der Wind um
sie herum zu toben begann. Rauch stieg aus der Mitte des
Gebäudes aus, Elektrizität knisterte und Funken sprühten. Es
würde zusammenstürzen.
Sie sahen die Hände schützend an ihre Stirn gelegt gegen das
Licht und in den Himmel hinauf, an dem es schien als läge ein
Prisma vor den Sternen, das alles verzerrte. Das dumpfe Brummen
erfasste ihre Körper und sie sahen wie erstarrt zu dem Licht
hoch, das sich plötzlich über ihren Köpfen weiter in die
Lüfte hinaufschwang und nach einem letzten pulsierenden grellen
Aufblitzen der Welt die Nacht zurückgab.
Scully hatte während des ganzen Ereignisses Mulders Handgelenk
fest umfasst gehalten, so als hatte sie mit aller Kraft
verhindern wollen, dass dieses Licht ihn mitnahm. Als die
Aufregung sich wie der Wind um sie herum wieder langsam legte und
das Brummen in ihren Köpfen verstummte und ihre Herzen wieder in
ihren normalen Rhythmus zurückfanden, sah Mulder zu ihr
hinunter. Er war erschöpft und sein Lächeln war müde. Doch es
galt ihr, denn er war ihretwegen durch diese Hölle gegangen, die
sich in seinem Gesicht abzeichnete.
Er sah die Erleichterung in ihren Augen. Ihre Blicke schienen ihn
in sich aufnehmen zu wollen und er fühlte die Kraft, die ihr
dieser Moment gab. Ihre Lippen waren leicht geöffnet als würde
sie die Worte für das, was ihre Seele ihm bereits sagte, nicht
finden und sie hielt den Atem an. Doch ihre Augen glitzerten von
den Tränen, die sich darin festhielten. Er griff nach ihrer
Hand, die sich noch immer um sein Handgelenk krallte und
schmunzelte.
Sehen Sie, ich wusste die Lasershow wäre ne gute Anmache.
Sie lächelte erleichtert. Wir sollten gehen, Mulder,
zog sie leicht an seiner Hand während er den Arm um ihre
Schultern legte und sich leicht auf sie stützte, als die
sonderbare Truppe aus drei FBI-Agenten und drei höchst
merkwürdigen Figuren erschöpft das Gelände verließen, auf dem
sich in dieser Nacht Dinge ereignet hatten, von denen keiner von
ihnen je zu träumen gewagt hatte.
--
19 Stunden später, Mulders Appartment
Mulder zog sich gerade wieder ein T-Shirt über den Kopf und
genoss die warme Abendluft, die durch sein Fenster hereinwehte.
Er hatte den ganzen Tag draußen dem Spiel des
High-School-Baseballteams der Schule um die Ecke zugesehen. Das
war die einzige Möglichkeit gewesen diese Bilder in seinem Kopf
für eine Weile zu vergessen. Sein Verstand war noch zu
mitgenommen von den Ereignissen der vorigen Nacht, als dass er
schon all das hätte begreifen, geschweige denn verarbeiten
können. Nach dem Spiel war er selbst noch eine halbe Stunde auf
dem Feld herumgelaufen und hatte Bälle durch die Gegend
geschlagen.
Auf seinem Heimweg war er an einem Geschäft vorbeigekommen und
hatte etwas in dem Schaufenster entdeckt, das er ihr gekauft
hatte. Er war nun ganz aufgeregt, dass sie vorbeikommen würde.
Es war Samstag und sie hatten sich seit die Lone Gunmen sie beide
vor ihren jeweiligen Haustüren abgesetzt hatten nicht mehr
gesehen. Sie hatte den Tag bei ihrer Mutter verbracht und ihn auf
dem Nachhauseweg angerufen.
Sie würde gleich da sein.
Scully hielt eine Sekunde vor seiner Tür inne und sah einen
Moment auf die 42, die im frühen Abendlicht schimmerte. Dann
klopfte sie leise mit ihren Fingerknöcheln gegen das Holz.
Als hätte er auf sie gewartet, öffnete er ihr sofort die Tür
und strahlte sie schelmisch an.
Sie sehen gar nicht aus wie auf der Anzeige in der Zeitung,
grinste er vielsagend und tippte gegen die Werbeanzeige einer
Vermittlung für SM-Stripperinnen. Dieser Blick durchströmte
ihren Körper bis in die Haarspitzen und ihr Herz hüpfte als sie
die Wohnung betrat. Doch sie lachte nicht, denn es gab noch eine
Sache, die sie auf dem ganzen Weg bis hierher in ihrem Auto
beschäftigt hatte. Eine Sache, die sie bedrückte und sie
schluckte als sie in sein Wohnzimmer kam und sich ein wenig
unbehaglich umsah.
Das goldene Licht schien durch die Jalousien hindurch und das
Blau seines Aquariums schimmerte an der Wand. Es blubberte leise.
Jetzt, wo er hier war, war es hier wieder so wundervoll lebendig.
Es duftete nach ihm. Und die Luft war warm und eine sanfte Brise
kam zum Fenster herein und wehte durch ihre Bluse.
Er hatte die Last, die auf ihren Schultern lag, bemerkt und sah
sie besorgt an. Scully ? Ist alles in Ordnung?
Doch ihr zitterndes Kinn, Ausdruck der Kraft, die sie brauchte um
sich zusammenzureißen, zeigte ihm, dass es nicht so war. Hey!
rief er leise aus als er merkte wie aufgewühlt sie war und legte
seine Hände sanft auf ihre Schultern. Sie sah ihn nicht an,
sondern es platzte direkt unvermittelt aus ihr heraus.
Ich war so unglaublich dumm, Mulder! Ihr Blick lag in
der Ferne, sah durch das Aquarium hindurch ins Nichts. Ich
bin ihm einfach gefolgt ohne nachzudenken. Es fiel ihr
schwer die richtigen Worte für die Schuld, die sie fühlte zu
finden und ihre Stimme bebte.
Ich hätte mir nie verzeihen können, wenn Ihnen etwas
zugestoßen wäre. Dieser Gedanke brachte sie fast um den
Verstand und es brach ihm das Herz, zu sehen wie sie sich
quälte. Eine Träne kullerte ihre Wange herunter und blitzte
kurz im Sonnenlicht auf. Sie traute sich nicht ihm in die Augen
zu sehen und das schmerzte ihn noch viel mehr als der Kummer, den
sie in sich trug. Er wusste nicht wie er ihr diese Last abnehmen
sollte und stand vollkommen hilflos vor ihr. Er hatte nicht
erwartet, dass sie hier hereinspazieren und zusammenbrechen
würde, doch sie schien in letzter Zeit viel zerbrechlicher und
verwundbarer. Vielleicht durch das Baby oder aber auch weil sie
einfach nicht mehr konnte, weil es in den letzten drei Monaten zu
viel gegeben hatte, das sie hatte verkraften müssen.
Wenn sie weinte wusste er nie, was er tun sollte, es war dann als
gerate die Welt aus den Fugen. Er hielt ihre Schultern fest und
sah sie durchdringend an, so dass sie ihm in die Augen blicken
musste. Es war nicht Ihre Schuld. Sie sind ihm gefolgt,
weil Sie die Wahrheit wissen wollten, Scully. Über Ihr Baby. Ich
hätte dasselbe getan. Sie sah ihn an, doch die Worte
schienen sie noch nicht erreicht zu haben, denn sie hielt seinem
Blick nicht stand. Sie schloss ihre Augen vor ihm und senkte das
Kinn. Mulder versuchte gegen seine Hilflosigkeit anzugehen indem
er einfach weiterredete und all das, was er fühlte, aus ihm
heraussprudelte.
Sie haben mich immer unterstützt bei meiner Suche, Scully.
Egal, was Sie dafür opfern mussten. Ich schulde Ihnen mein
Leben. Und ich hätte es auch für Sie geopfert. Für Sie-
und er machte eine kleine Pause und warf einen flüchtigen Blick
auf ihren Bauch -und für das Baby.
Er ließ ihre Schultern los um ihr Kinn anzuheben, weil sie ihn
noch immer nicht ansah. Er hob die Augenbrauen und sah sie
auffordernd an.
Er hatte diesen Schritt getan und ihr all das einfach so gesagt.
Würde sie es erwidern? Er wusste, was sie für ihn empfand, doch
er wollte es fühlen. Er hatte es schon einmal in ihren Augen
gesehen, vor weniger als zwei Tagen als sie in ihrer Küche
gestanden hatten.
Weil sie sah, dass ihn ihr Gefühlsausbruch vollkommen aus der
Bahn geworfen hatte, biss sie die Zähne zusammen, damit sie die
Tränen, die ihre hellblauen Augen noch immer benetzten,
zurückhalten konnte.
Sie ertrug tapfer seinen durchdringenden, tiefen Blick, der ihr
Herz erweichte und sich in ihre Seele schlich. Sie konnte nicht
glauben, dass er das wirklich gesagt hatte. Doch sie wusste er
hatte es ernst gemeint und es machte sie nervös, weil sie auch
wusste, was es bedeutete. Sie ging einen winzigen Schritt auf ihn
zu. Ihre Hände legten sich an seine Oberarme und sie hielt sich
daran fest. Sie waren so kräftig und seine Haut war so warm und
weich. Ihr Kopf legte sich seitlich gegen seine Brust und sie
atmete leise aus und sah auf die Fische, die im Wasser des
Aquariums vor sich hin schwebten. Was sollte sie jetzt tun? Es
war nun an ihr den nächsten Schritt zu wagen. Sein Brustkorb hob
sich und sie atmete mit ihm zusammen wieder ein.
Als sie merkte, dass er vollkommen regungslos da stand und auf
etwas zu warten schien, ging sie wieder ein Stück von ihm weg
und ließ seine Arme los. Sie war verunsichert. Sie fürchtete
sich davor in seine Augen zu sehen und sah vor sich noch immer
auf seine Brust.
Ihre Stimme brach als sie leise sagte, was sie in ihrem Inneren
wirklich bewegte, denn sie wusste, das war der Moment, in dem sie
die Gefühle erwiderte, die er ihr gerade offenbart hatte.
Sie hatten vor nicht ganz zwei Tagen schon einmal so voreinander
gestanden und es ließ sich nicht mehr aufhalten. Sie beide
fühlten es und es lag wie eine Schwingung in der Luft, die auf
die Resonanz ihrer Seelen wartete.
Ich könnte es nicht noch einmal verkraften Sie zu
verlieren. Sie atmete laut aus, endlich hatte sie es über
ihre Lippen gebracht und sie sah ihn erwartungsvoll an. Würde er
jetzt verstehen, was sie für ihn empfand? Sie begann in diesem
Moment selbst erst es zu begreifen und spürte wieder wie ihr
Atem schneller ging und wie es in ihrem Bauch kribbelte.
Sie hatte Angst. Seit sie ihn kannte war sie ihm gefolgt,
angezogen von der unglaublichen Kraft seines Glaubens an etwas.
Sie liebte ihn für all die Leidenschaft und sie hatte in jedem
Augenblick, den sie in den letzten Jahren zusammen verbracht
hatten, diese Energie in sich aufgenommen. Sie fühlte sich nur
lebendig, wenn er bei ihr war. Jetzt wusste er das. Sie hatte es
in seinen Augen gesehen. Und sie wusste es auch und es raubte ihr
die Luft zum Atmen, weil sie fühlte wie stark es war.
Er sah sprachlos auf sie hinunter. Was sie gesagt hatte, hatte
ihn mitten ins Herz getroffen. Die Verzweiflung und die Angst,
die in ihrer Stimme gelegen hatten, gaben ihm nun die Gewissheit.
All die Jahre war sie ihm bedingungslos auf seinem Weg gefolgt.
Sie war immer da gewesen. Und er war diesen Weg nur noch
gegangen, weil er wusste, dass sie ihm folgte. Weil er sie bei
sich haben wollte.
Weil jeder Augenaufschlag, jeder Atemzug, jeder Schlag seines
Herzens ihr galten. Nichts in der Welt schien ihm in diesem
Moment wichtiger als diese Frau, die vor ihm stand und die er so
schmerzlich vermisst hatte.
Er ging einen winzigen Schritt auf sie zu. Egal, was jetzt
passierte, er wusste, dieses Mal würde sie nichts aufhalten
können. Sie waren schon so oft an diesem Punkt gewesen, hatten
es schon so viele Male gefühlt. Sie beide trugen diese
Gewissheit seit einer halben Ewigkeit mit sich herum und sie
hatten nie den Mut gehabt sich endlich fallen zu lassen.
Weil sie beide spürten wie stark es war, wie es sie
hundertprozentig ausfüllen und einnehmen würde. Er wartete bis
ihre Augen wieder den Weg zu seinen fanden.
Wie oft hatte er in diese wunderschönen Spiegel ihrer so starken
und doch zerbrechlichen Seele gesehen, wie sehr wünschte er sich
in diesen meerblauen Augen zu ertrinken. Wie sehr fühlte er sich
geborgen, wenn er sie ansah.
Sie werden mich nicht verlieren. Ich verspreche es. Ich
werde für immer da sein. Der Glanz in seinen Augen als er
ihr das sagte war voller Licht und Wärme und betäubte ihre
Sinne. Sein Blick sagte ihr so viel mehr als diese Worte und sie
begriff, dass er von diesem Gefühl ebenso überwältigt war wie
sie.
Sie schien zu schweben und sich in Luft aufzulösen als sie
fühlte wie seine Hände an ihren Armen entlang, über die
Innenseite ihrer Unterarme und um ihre Hüften glitten und sich
um ihren Oberkörper legten, während er sie immer weiter ansah
und seine Augen sie in sich aufnahmen. Sie bekam Gänsehaut.
Er zog sie langsam zu sich hin bis die kleine Rundung ihres
Bauches sich gegen seinen Körper schmiegte und sie nur noch
durch einen winzigen Luftspalt zwischen ihren Lippen voneinander
getrennt waren. Doch als er sie weiterhin mit diesen tiefen,
grünen Augen ansah und das Sonnenlicht das Zimmer wärmte und
sie seinen Duft einatmete und seinen Atem an ihrer Oberlippe
fühlte, verlor sie schließlich die Kontrolle und fiel in das
Gefühl hinein, das ihren ganzen Geist erfüllte.
Sie schloss ihre Augen um die Berührung seiner sanften Lippen
auf ihren vollkommen aufnehmen zu können. Sie schmeckten so
süß. Sie ließ ihre Hände an seiner Brust hoch in seinen
Nacken gleiten und fuhr ihm durch sein volles weiches Haar. Als
sie seinen Kopf festhielt, damit dieser Kuss nie mehr enden
würde, verlor er ebenfalls die Kontrolle über seine Sinne. Er
fühlte unter der Bluse ihre warme glatte Haut und sog die Nähe
ihres Körpers, der an seinen gepresst wurde, in sich auf.
Das Feuer in ihnen brannte lichterloh.
Sie standen im zarten Licht der langsam untergehenden Sonne in
diesem Zimmer und es schien als wären sie die einzigen Menschen
auf der Welt, während ihr Kuss sich in die Ewigkeit ausdehnte
und sie sich aneinander festhielten bis ihre Seelen sich für
immer vereinten.
Irgendwann begann das Gefühl sie fort zu tragen und während sie
sich davon mitreißen ließen, tauchte die Sonne am Horizont in
die Nacht hinein und warf einen dunkelroten warmen Schleier über
ihre Körper, der sie vor der Welt, die in dieser Nacht zu ruhen
schien, beschützte.
--
In der Nacht
Scully wachte auf und sah wie das Licht durch die Jalousien
Schatten auf das Bett warf. Eine Sekunde lang wusste sie nicht wo
sie war, doch dann fühlte sie die warme Hand, die auf ihrem
Bauch ruhte und seinen Atem, der ruhig und gleichmäßig in ihren
Nacken blies. Sie hatte nicht geträumt, es war wirklich
passiert. Sie schmiegte ihren Körper noch ein wenig enger an ihn
und ließ die Wärme, die von ihm ausging, durch ihren Körper
strömen. Sie schloss die Augen wieder und versuchte jeden
Zentimeter ihrer Haut, die seinen Körper berührte, zu fühlen.
In tiefer Geborgenheit schlief sie wieder ein, während seine
Hand weiterhin auf ihrem Bauch lag. Sie wollte alles um sich
herum vergessen und es schien ihr zumindest in dieser Nacht zu
gelingen.
Am Morgen
Es war noch sehr früh. Das zarte rosafarbene Licht kitzelte in
seiner Nase und er wachte auf. Er holte tief Luft bevor er die
Augen öffnete. Der Duft ihrer Haare lag in dieser Luft. War es
etwa wirklich geschehen?
Seine grünen Augen sahen nachdenklich auf die helle und weiche
Haut der Frau, die in seinem Bett neben ihm lag. Sie schlief mit
dem Rücken zu ihm und ihre Schulter glänzte zart im Licht. Ihre
Haare leuchteten im frühen Morgenrot und sie atmete ruhig. Die
ersten Vögel vor dem Fenster zwitscherten und alles schien
vollkommen friedlich.
Sein Herz schlug vor Aufregung schneller. Er berührte mit seiner
Hand vorsichtig seine Lippen, die sich ganz taub anfühlten von
all den Küssen und Berührungen ihrer Haut.
Sein Blick fiel wieder auf Scully. Sie war so weit weg. Er wollte
ihr nah sein. Sie hatten noch so viel Nähe aufzuholen. Er
rückte näher an sie heran und legte seine Hand ganz leicht auf
ihre Schulter und hauchte einen Kuss darauf. Ihre Haut duftete
nach Frühling.
Sein Atem kitzelte sie. Ein Lächeln überflog ihr Gesicht und
sie atmete voller Wonne tief aus. Sie schlug die Augen auf und
drehte sich zu ihm. Einen Moment lang schwiegen sie sich an und
versuchten, dieses Gefühl zu erfassen, das über ihnen in der
Luft lag.
Es war komisch. Und sie wussten nicht, wie es nun weitergehen
sollte. So vieles lag noch vor ihnen. So viele Ängste und Fragen
lagen ihnen noch schwer auf der Seele.
Doch sie beide waren so erschöpft davon immer nur Durchreisende
in ihrem eigenen Leben zu sein, die nie Ruhe fanden, sie wollten
es einfach nur vergessen, wollten einfach nur zusammen sein. Nur
für eine Weile.
Ich hab was für Dich. Er rollte sich mit einem
geheimnisvollen Ausdruck auf seinem Gesicht auf seine Seite
zurück und rannte ins Wohnzimmer, um mit einem großen Paket mit
zwei dicken Schleifen, einer hellblauen und einer rosafarbenen,
wiederzukommen. Sie sah ihn erwartungsvoll an und stützte den
Kopf in ihre Hand.
Sie lächelte scheu. Es war alles so fremd. Und unwirklich. Sie
waren doch Partner, Freunde. Was waren sie jetzt? Sie fühlte die
Hitze, die ihr ins Gesicht stieg.
Er warf sich mit dem Päckchen wieder auf das Bett und stützte
ebenfalls den Kopf in die Hand, während er das Geschenk zwischen
sie legte. Er schaute sie aufgeregt an. Ein komisches Gefühl
mischte sich unter diese scheinbare Unbeschwertheit. Das Gefühl,
dass dieser Friede nicht von Dauer sein würde.
Na los, mach es auf! forderte er sie auf um sich
abzulenken. Sie sah auf die beiden Schleifen. Er blickte sie
entschuldigend an. Naja, ich weiß ja noch nicht, ob es ein
Junge oder ein Mädchen wird. Sie lächelte.
Ich weiß es auch noch nicht, also hoffe ich, dass der Rest
da drin auch zweifarbig ist. Sie warf ihm einen skeptischen
aber leicht amüsierten Blick zu und versuchte zu überspielen
wie sehr sie dieses Geschenk berührte. Sie öffnete die
Verpackung vorsichtig, doch Mulder konnte kaum mit ansehen wie
sie so zaghaft den Tesafilm löste und räusperte sich ein wenig
ungeduldig, während er dabei an seiner Seite das Geschenkpapier
einfach aufriss, damit es etwas schneller ging.
Mulder? Sie ermahnte ihn und er zuckte mit den
Schultern als wäre nichts geschehen, während sie nun endlich
das Geschenk schneller auspackte. Sie holte es aus der Schachtel
heraus und starrte es an. Ihr Stand der Mund vor Erstaunen offen
und ein Lächeln machte sich gleichzeitig darauf breit.
Du hast mir Kopfhörer gekauft? Er setzte sich
aufgeregt hin. Nein, das sind nicht irgendwelche
Kopfhörer. Die sind für das Baby, guck! Und er steckte
sich das Kopfkissen unter das T-Shirt und klemmte die Kopfhörer
darüber und machte eine Grimasse. Sie lächelte. Es war so
süß.
So kann es schon vor der Geburt entscheiden, ob es lieber
Elvis oder lieber Jimi Hendrix hören will. Sie zog die
Kopfhörer von seinem Bauch und piekste mit ihrem
Finger in das Kissen unter seinem T-Shirt, während sie immer
noch scheu lächelte und ihn ansah.
Danke, Mulder, war jedoch das Einzige, was sie sagen
konnte, da sie im Inneren zu gerührt war um die richtigen Worte
zu finden. Und zu überfordert um der Situation gerecht zu
werden.
Er fühlte das und es ging ihm genau so. Er nahm das Kissen
wieder unter seinem T-Shirt weg und legte sich darauf. Seinen
Kopf wieder in die Hand gestützt, sah er sie an und legte seine
andere Hand auf ihre, die noch mit den Kopfhörern spielte. Sie
sah ihn an. Sie wussten nicht, was jetzt aus ihnen werden sollte.
Es machte ihnen Angst, was sie in diesem Augenblick fühlten,
wonach ihre Seelen riefen. Die jahrelang aufgestaute Leidenschaft
überforderte sie. Sie waren immer schon so viel mehr als nur
Partner gewesen. Aber diese Seite ihrer Beziehung war noch so neu
für sie, machte alles noch so viel komplizierter.
Doch dann schien er sich zu fassen, weil er nicht wollte, dass
diese Unsicherheit sie überfiel und den Moment zerstörte. Er
sah sie fest an und konzentrierte sich auf das eine Gefühl, auf
das es ankam, das alle Zweifel und Ängste unscheinbar wirken
ließ.
Ich liebe Dich brach es durch die Stille hindurch und
traf sie vollkommmen unerwartet. Seine Stimme hatte so zart
geklungen und der Ausdruck auf seinem Gesicht war so wahrhaftig
und offen.
Ein neuer Tag war angebrochen und alles war anders. Nichts würde
von nun an mehr so sein wie zuvor. Sie hatten nun beschlossen
diesen Weg einzuschlagen und sie spürten wie dieses Gefühl
ihnen bereits den Boden unter den Füßen wegzog und sie zu
fliegen begannen.
Ihr Herz setzte aus als seine Worte durch sie hindurch gedrungen
waren und ihre Bedeutung jeden Winkel ihrer Seele erreicht hatte.
Sie streckte sich zu ihm hinüber um ihm einen zarten Kuss auf
die Lippen zu geben, doch das genügte ihm nicht. Er legte seine
Hand auf ihren noch ganz warmen Rücken und zog sie an sich, so
dass sich ihre Lippen fest auf seine drückten und sie sich ihm
ohne Widerstand hingab.
Sie beide gingen in diesem Moment erneut verloren, bis die Sonne
schon hoch am Himmel stand und die Welt um sie herum wieder
unbeirrt weiterlief, doch die Zeit in ihren Herzen war stehen
geblieben. Es würde ewig dauern.
Zumindest wollten sie das in diesem Moment glauben.
Eine Woche später, 9.00
FBI-Hauptquartier, Kellerbüro
Nervös trommelten seine Finger auf die Akte vor ihm. Er
versuchte seit einer halben Stunde, darin zu lesen. Doch er las
ein und dieselbe Zeile immer und immer wieder und die Wörter
verschwammen in seinem Kopf und lösten sich in Buchstabenfetzen
vor seinen Augen auf.
Wo war sie? Sie hatte nicht angerufen, dass sie später kommen
würde. Und ihr Handy war aus.
Die letzte Woche war berauschend gewesen und sie beide waren
durch Raum und Zeit getaumelt, verwirrt von den Gefühlen, die
Besitz von ihnen ergriffen hatten, von all den Ängsten, die in
ihrer Vergangenheit lagen und von der Zukunft, die vor ihnen in
der Ungewissheit schwebte.
Sie hatten noch nicht einmal darüber geredet. Über das, was
jetzt kam. Über das, was sie dort auf dem Datacore-Gelände
erlebt hatten, über das, was er gesehen hatte, über das, was
sie wusste über diese Wahrheit, die er nun, da er fühlte, dass
er sie in sich trug, nicht mehr verstand. Und sie hatten auch
nicht über dieses Kind geredet, sie hatten es ignoriert, weil er
wusste, dass es sie belastete.
Doch er wusste nicht warum, sie hatte nicht mit ihm über das
geredet, was sie beunruhigte.
Sie hatten sich die ganze Woche freigenommen.
Weil sie diese eine Woche nur für sich hatten haben wollen. Weil
sie all die Nähe gebraucht hatten und in ihren Herzen kein Platz
für irgendetwas Anderes gewesen war.
Doch es wurde Zeit aus diesem Koma zu erwachen. Sie konnten nicht
ewig die Zukunft verneinen. Es musste weitergehen, das hier war
noch nicht vorbei, der Kampf fing gerade erst an.
Die Akte, die vor ihm lag, die all die Namen der mittlerweile 11
tot zurückgekehrten Entführten enthielt, diese Akte erinnerte
ihn daran, dass er weitersuchen musste.
Sie musste ihre Untersuchung, die sie in der Nacht, als Krycek
sie mitgenommen hatte, unterbrochen hatte, zu Ende bringen.
Und er hatte noch immer diese Visitenkarte mit der New Yorker
Adresse. Sie war ihm heute Morgen aufgefallen, als er in seinem
Handschuhfach nach seiner Sonnenbrille gesucht hatte. Nun lag sie
wie ein stummes Ausrufezeichen vor ihm auf dem Tisch. Er hob sie
hoch und flippte sie zwischen den Fingern herum, weiter vor sich
hin in die Leere blickend.
Seine Sorgen fanden ein Ende, als er endlich den Aufzug hörte
und ihre Schritte auf dem Gang erkannte. Sie öffnete die Tür
und sein Herz klopfte, weil er sie seit 14 Stunden nicht gesehen
hatte. Doch als sie das Büro betrat, erschrak er.
Sie war blass und sah müde aus. Ihre sonst so rosige Haut hatte
einen gräulichen Schimmer und ihre blauen Augen schienen stumpf
und getrübt.
Was ist mit Dir? fielen seine erschrockenen Worte in
den Raum als er aufsprang um sie zu stützen, denn sie schwankte
ein wenig. Er umfasste ihren Rücken von hinten und schob sie vor
sich her auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er wusste sie
hasste es, wenn sie vor ihm schwach war. Also gab er ihr die
Distanz, die sie zu brauchen schien und ließ sie los. Er
wartete.
Als ich heute Morgen aufgestanden bin, hat es angefangen.
Ich weiß nicht, was es ist. Mir ist schwindlig und irgendwie...,
sie schien die richtigen Worte zu suchen ...fühlt sich
mein Körper so fremd an, als gehöre er nicht mir.
Sie sah ihn fragend an, doch sie erwartete nicht, dass er es
wirklich verstand. Umso überraschter war sie, als er ihr
zustimmend und voller Sorge in die Augen sah. Ohne ein Wort zu
verlieren drehte er sich um, griff nach seinem Jackett und griff
ihr unter den Arm, um ihr aufzuhelfen.
Ich fahr Dich ins Krankenhaus! Sie wehrte sich.
Ist das nicht ein wenig übertrieben? Doch der Blick
in seinen Augen widersprach ihr. Ich kenne dieses Gefühl.
Und Du hast mich damals auch ins Krankenhaus gebracht.
Mulder, das war etwas Anderes, ich bin schwanger, es liegt
mit Sicherheit nur daran! Ja, aber das wissen wir
nicht genau. Und um das herauszufinden, fahren wir jetzt ins
Krankenhaus. Kommst Du?
Sie wusste er konnte in solchen Momenten sehr stur sein. Also
ließ sie sich von ihm widerwillig aus dem Büro schieben und ins
Krankenhaus fahren.
Doch auf der Hälfte der Fahrt war sie ihm dankbar für seinen
Entschluss, denn sie fühlte wie ihr schrecklich heiß wurde und
sich alles um sie herum zu drehen anfing.
Sie hatte das Gefühl ihr Blut würde kochen und das Baby in ihr
würde sich ebenso gegen die Schmerzen in jeder Faser ihres
Körpers wehren wie sie.
Mulder warf ihr während der viel zu schnellen Fahrt durch die
Innenstadt immer wieder besorgte Blicke zu. In diesen Minuten
spürte er was ihm am meisten Sorgen bereitete.
Er freute sich so auf das Kind und er hatte furchtbare Angst,
dass sie es verlieren würde. Oder dass er vielleicht sogar sie
beide verlieren würde. Doch daran wagte er gar nicht zu denken.
Als er ihr aus dem Auto helfen wollte, war sie schon nicht mehr
fähig ihn überhaupt noch wahrzunehmen und er trug sie
schließlich durch den Hintereingang der Notaufnahme des George
Washington University Hospitals.
--
Eine Stunde später
Dieses Mal war er es, der vor ihrem Bett saß und vor Angst um
sie fast den Verstand verlor. Er traute sich gar nicht ihre Hand
anzufassen. Sie war so kalt und so kraftlos. In der letzten Woche
hatte er sie so oft berührt und immer war ihre Haut warm und
weich gewesen, hatte ihr Körper vor Leben vibriert. Es machte
ihm Angst sie so zu sehen.
Sie schlug die Augen auf und wartete bis sie das verschwommene
Leuchten über ihrem Kopf als die Neonröhre ihres
Krankenhauszimmers erkannte. Sie konnte sich an nichts erinnern.
Sie wusste nur, dass es ihr nicht gut gegangen war als sie heute
Morgen ihre Wohnung verlassen hatte. Warum war sie hier?
Sie drehte den Kopf zur Seite und sah direkt in seine Augen, in
denen sie die Sorge um sie erkannte. Er war froh, dass sie wach
war. Ein leises und hilfloses Hey! war alles, was er
hervorbrachte, doch die Fürsorge und Zärtlichkeit in seiner
Stimme reichten aus, mehr musste er nicht sagen.
Was ist passiert? fragte sie ihn überrascht über
die Angst, die er zu haben schien. In diesem Moment durchfuhr sie
dieselbe Angst. Sie riss die Augen auf, doch er wusste was sie
dachte und legte beruhigend seine große warme Hand auf ihren
Bauch. Keine Sorge, dem Baby geht es gut... Aber Dir nicht.
Was stimmt denn nicht?
Mulder zuckte resigniert mit den Achseln. Die haben
überhaupt keine Ahnung. Die haben irgendwas von Eisenmangel
gesagt und Dir ein paar Blutkonserven gegeben.
Sein Blick deutete auf die leeren Beutel, aus denen die letzten
Tropfen Rot in ihre Venen flossen. Sie sah folgte seinem Blick
und sah auch auf die Beutel als ihr Verstand sich einschaltete.
Doch das war viel schwieriger als sonst, jetzt da sie selbst die
Patientin war. Eisenmangel!
Wenn es wieder diese Nanobots waren, dann musste das feststellbar
sein.
Mulder, ich möchte, dass Du etwas für mich herausfindest.
Sie räusperte sich leise, er wusste noch überhaupt nichts von
den Nanobots in ihrem Körper. Wie sollte sie ihm das jetzt
sagen? Es würde ihn sicherlich verletzen, dass sie es nicht
schon längst getan hatte. Sie streckte ihre Hand nach seiner aus
und er zögerte keine Sekunde sie mit seinen Fingern zu
umschließen und zu wärmen.
Ich hätte Dir das schon viel früher sagen müssen...
Nun war er neugierig. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie
ihm etwas über das Kind verschwieg. Er wartete darauf, dass sie
es ihm jetzt endlich sagte.
In meinem Blut sind ebenfalls Hinweise auf Nanobots
gefunden worden. Marita Covarrubias hat mir nahegelegt nichts
dagegen zu unternehmen. Sie schwieg und merkte, dass er
nicht verstand. Ich wollte nicht riskieren, dass etwas
schief geht, also habe ich auf sie gehört. Aber vielleicht war
das ein Fehler. Du musst herausfinden was mit meinem Blut nicht
stimmt. Vielleicht haben sie sich ja vermehrt. Oder...
Sie wusste nicht was diesem Oder folgen sollte. Sie
wusste ja nicht einmal welchen Ursprungs diese Technologie in ihr
war. Diente sie dem Leben oder der Zerstörung? Marita schien
sicher gewesen zu sein, dass sie dem Leben diente, doch sie war
sich nun nicht mehr so sicher. Sie hatte zu viele verwirrende
Hinweise gesehen.
Was muss ich tun? fragte er, still diese Information
in sich aufnehmend und verarbeitend. In ihm bäumte sich Wut auf,
doch er ließ sich nichts anmerken.
Er war so ruhig, war er enttäuscht von ihr? Sie sah ihn besorgt
an.
Mulder? Er blickte auf und wich ihrem Blick aus.
Schließlich ließ er ihre Hand los und stand auf. Er drehte sich
weg und legte den Kopf in den Nacken. Wieder einmal war ihr Leben
bedroht von dieser widerlichen nicht enden wollenden
Verschwörung. Die Neuigkeit, dass diese Technologie, deren
Wirkung er an Skinner gesehen hatte, in ihr war, dass sie nicht
nur Scully, sondern auch ihr gemeinsames Baby, dieses
einzigartige Wunder, bedrohte, erschreckte ihn.
Sie hatte das die ganze Zeit mit sich herumgetragen und kein Wort
darüber verloren? Es machte IHN schon verrückt und er war nur
der Vater. Wie musste es sich für sie anfühlen? Er fasste sich
wieder und drehte sich zu ihr um und sah, auf seine Unterlippe
beißend auf sie herunter.
Wieso glaubst Du, dass sie sich vermehrt haben?
fragte er sie nachdenklich.
Anscheinend entstehen sie durch Teilung aus diesem Chip.
Deswegen nehme ich die Eisenpräparate. Sie leben parasitär. Sie
würden sich an meinen eigenen Eisenvorräten bedienen, wenn ich
diese Medikamente nicht einnehmen würde. Er sah sie
verständnislos an. Wo war ihre sonst so ausgeprägte Skepsis?
Sie saß dort und erzählte ihm all diese Dinge, ohne mit der
Wimper zu zucken und er konnte es nicht glauben, dass sie diese
Tatsachen einfach so hingenommen hatte und nichts dagegen getan
hatte.
Sie kam sich nun selbst schrecklich dumm vor als sie seinen
fassungslosen Blick sah. Warum hatte sie sich überhaupt darauf
eingelassen diese Präparate zu nehmen? Doch sie wusste die
Antwort längst.
Der Mutterinstinkt war schon zu stark gewesen, als dass sie es
hätte riskieren können dieses Baby zu verlieren. Es war das
Einzige gewesen, was sie damals noch von Mulder gehabt hatte.
Mulder, es hätte mich umgebracht, wenn ich das Eisen nicht
eingenommen hätte. Mich oder das Baby. Bitte, fahr nach
Quantico und bringe mein Blut zu Dr. Barnes. Finde heraus, ob es
mehr geworden sind. Oder ob sich irgendetwas verändert hat.
Er sah, dass es keinen Sinn machte sich nun darüber zu streiten.
Sie hatte offensichtlich selbst mit sich lange genug im Zwiespalt
darüber gelegen, er musste ihre Entscheidung nicht in Frage
stellen, er musste ihr vertrauen.
Gut, aber zur Amniozentese bin ich zurück. Er wollte
sich umdrehen um zu gehen, als sie ihm nachrief.
Amniozentese? Wann? Um fünf Uhr, sie sagen
angesichts der Umstände wäre es höchste Zeit zu überprüfen,
ob alles stimmt.
Er bemühte sich zu einem Lächeln. Außerdem will ich
endlich wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.
Sie war erleichtert den Glanz zu sehen, der in seine Augen
zurückgekehrt war und sie erwiderte sein Lächeln.
Da merkte er, dass er nicht so einfach gehen konnte. Er ging zu
ihr zurück und beugte sich über sie. Seine rechte Hand auf
ihren Bauch legend gab er ihr einen sanften Kuss auf die Wange.
Wir werden es herausfinden. Wir zusammen. Du musst da jetzt
nicht mehr allein durch. Und mit diesen Worten, die noch
eine ganze Weile in der Luft lagen und ihr Kraft gaben, verließ
er endgültig den Raum, um mit einer Blutprobe von ihr nach
Quantico zu fahren.
Vier Stunden später stand er wieder mit einem Ausdruck von
Dr.Barnes` Ergebnissen in ihrem Zimmer. Sie lag auf der Seite und
schlief und er traute sich fast nicht sie zu wecken. Doch er
wusste sie wollte es wissen, also ging er zu ihrem Bett und
strich ihr leicht über sie gebeugt, sanft die rote Haarsträhne
aus ihrem Gesicht.
So konnte nur er sie wecken und sie wusste daher sofort, dass er
wieder da war. Was hast Du herausgefunden? Sie setzte
sich auf, den Schmerz in ihrem Unterleib ignorierend. Die Angst
vermischte sich mit Neugierde. Sie streckte die Hand nach den
Papieren aus, denn Mulder schien nichts von dem, was darauf
stand, wirklich zu verstehen. Sie las sich die Resultate durch
und ihre Gedanken fingen an verwirrt herumzustottern.
Protein-gebundenes Eisen? Hatte sie richtig gelesen? Sie las es
noch einmal durch. Das kann nicht stimmen, murmelte
sie vor sich hin während Mulder sie nur fragend ansah. Was
kann nicht stimmen? Dr. Barnes schreibt, er habe kein
ungebundenes Eisen nachweisen können, lediglich eine extrem hohe
Konzentration an Protein-gebundenem Eisen. So wie bei Dir!
Sie sah ungläubig zu ihm hoch. Sie hoffte täglich die
Informationen, die permanent über sie hereinbrachen, würden
irgendwann in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben, doch jedes
Mal, wenn sie etwas Neues erfuhr, wurde sie enttäuscht.
Mit diesem Ergebnis konnte sie nichts anfangen. Aber sicherlich
war diese Veränderung in ihrem Blut die Ursache dafür, dass es
ihr plötzlich so schlecht gegangen war. Sie legte sich wieder
auf ihren Rücken.
Wie spät ist es? Gleich fünf,
antwortete er ihr seinen Gedanken nachgehend. Doch er wusste noch
so viel weniger als sie. Sie hatte all diese Dinge herausgefunden
und er war noch immer nicht nachgekommen diese Flut an
Informationen zu verinnerlichen. Er wusste nicht welche Wahrheit
die richtige war.
Vielleicht würde diese Adresse in New York ihm ja doch irgendwie
weiterhelfen.
Eine Stunde später
Wollen Sie das Geschlecht wissen, denn wir haben hier
gerade einen recht guten Einblick. Der Arzt sah sie fragend
an. Mulder wollte es eigentlich unbedingt wissen, doch bevor er
sich dazu äußern konnte, hörte er ein vehementes Nein!
aus ihrem Mund.
Er wollte noch Widerspruch einlegen, doch in diesem Punkt schien
sie sich sicher zu sein und ließ überhaupt nicht zu, dass er
seine Meinung äußerte. Also beugte er sich ein wenig
enttäuscht ihrem Entschluss und sah schmollend auf das
Ultraschallbild. Vielleicht würde er es ja selber erkennen
können. Allerdings sah er nur Schneegestöber und erkannte nur
mit Mühe diesen kleinen Wurm, der sich unbeholfen und noch
überhaupt nicht menschlich unter dem Ultraschallkopf bewegte.
Doktor, wäre es Ihnen vielleicht möglich eines dieser
Röhrchen nach Quantico zu schicken? Der Arzt sah sie
irritiert an, als er die Punktionsstelle auf ihrem Bauch noch
einmal steril abwischte und die Röhrchen mit dem Fruchtwasser
der Schwester reichte. Ja, natürlich, aber darf ich
fragen, warum?
Es ist schwierig zu erklären, aber es ist wirklich
ziemlich wichtig, griff Mulder ein, als der Scullys
Verlegenheit bemerkte. Gut, ich sorge dafür, dass das so
schnell wie möglich in die Wege geleitet wird.
Der Arzt merkte, dass in diesem Punkt Diskretion gefragt war und
hakte nicht mehr nach.
Sie müssen sich jetzt den Rest des Tages strikt im Bett
ausruhen, aber das werden Sie ja ohnehin tun, denn bis morgen
werden wir Sie sicherlich noch hier behalten. Der Arzt
nickte dem merkwürdigen Elternpaar, das ihm überhaupt nicht wie
eines dieser glücklichen Pärchen vorkam, die er sonst immer vor
sich mit aufgerissenen Augen sitzen hatte, zu und verließ dann
den Raum. Die Ergebnisse würden noch eine Weile auf sich warten
lassen.
Sie sahen sich an. Es fühlte sich sonderbar an. Alles. Dass er
hier neben ihr in seinem Anzug saß. Und dass sie beide Eltern
wurden. Und dass er ihre Hand die ganze Zeit vor Aufregung nicht
losgelassen hatte. Dass es ihn so mitriss und er sich so voller
Leidenschaft auf diese Rolle vorbereitete, hatte sie nicht
erwartet und es verwirrte sie, weil sie sich selbst noch so fremd
und unwohl fühlte. Aber so kannte sie ihn, das war Mulder. Und
das war der Grund warum sie ihn liebte.
Aber auch er spürte diese Irritation zwischen ihnen. Es war noch
immer ungewohnt. Sie waren nicht eines dieser Pärchen, die
einander im Sommer auf Parkbänken Emily-Dickinson-Gedichte
vorlasen und dabei Vanilleeis und Erdbeeren aus einem
Picknickkorb aßen. Sie waren irgendwie überhaupt kein Pärchen.
Doch sie wurden überall so behandelt und in diese Rolle
hineingezwängt. Er wusste warum sie all die Jahre nie diesen
Schritt gewagt hatten. Weil es eben so viel mehr war, als dass es
in diesem Leben, auf dieser Erde, in dieser Gesellschaft Platz
hatte. Es war viel stärker und viel größer und ließ sich in
keine Rollen, Normen oder Stereotype pressen. Als sie einander in
die Augen sahen, wussten sie, dass sie dasselbe dachten. Er stand
auf und zwinkerte ihr fast unmerklich zu. Ich hol uns mal
was Anständiges zu essen. Von dem Fraß hier kann man ja nicht
gesund werden!
Zwei Tage später
Scullys Zustand hatte sich noch immer nicht gebessert. Sie
fieberte immer wieder auf und die Schmerzen wurden nachts immer
so schlimm, dass sie die Höchstmenge an Schmerzmitteln brauchte.
Doch er konnte nicht den ganzen Tag an ihrem Bett sitzen, es
trieb ihn in den Wahnsinn, tatenlos zuzusehen wie es ihr immer
wieder schlechter ging. Und er hasste dieses Krankenhaus, in dem
ihnen all die Intimität und Nähe genommen wurden, die sie sonst
immer teilten. Scully wusste das und sie verstand es. Sie schlief
tagsüber ohnehin die meiste Zeit, weil sie sich von den Nächten
erholen musste.
Auf seinem Weg ins Krankenhaus wurde ihm mulmig. Er sah neben
sich auf den Beifahrersitz: Dort lagen die
Untersuchungsergebnisse ihres Bluts und des Fruchtwassers aus
Quantico und die Visitenkarte. Er hatte über diese Adresse vom
FBI-Büro aus nichts herausfinden können. Er musste dort einfach
selbst hinfliegen. Sobald es ihr besser ging.
Die rote Ampel leuchtete vor dem grauen, regenausspeienden Himmel
intensiv und grell.
Irgendwie lief das alles falsch. Er hatte das unbestimmte
Gefühl, dass er träumte und das alles überhaupt nicht
passierte. Eine Woche lang hatten sie sich beide in dieses
Gefühl geflüchtet, hatten versucht all diese Fragen in ihren
Köpfen zu ignorieren. Doch sie beide wussten, dass sie niemals
eine Familie sein würden, ein Paar.
Sie waren in das Zentrum einer unvorstellbaren Wahrheit
vorgedrungen, die sie nun, da sie beide selbst mitten
drinstanden, nicht mehr von außen wahrnehmen konnten. Sie hatten
sich darin verloren und er wusste, wenn sie nun nicht versuchen
würden, da herauszukommen, dann würde es sie umbringen. Ihn
hatte es schon fast getötet und nun war sie es, die dort in
diesem Zimmer lag. Sie und das Baby.
Das Baby, das überhaupt nicht in diese Welt gehörte. Das
eigentlich gar nicht hätte entstehen dürfen. Er sah, dass sie
sich nicht darauf freuen konnte, weil sie fürchtete, dass dieses
Kind keine Ablenkung von der kranken Realität, die sie durch die
X-Akten kennengelernt hatten, war, sondern ein Produkt dieser
Welt voller Lügen und Grausamkeiten. Und weil sie wie er
fühlte, dass dieses Kind keinen Platz in ihrem Leben hatte. Es
würde niemals aufhören, sie würden niemals ein Leben führen
wie all die anderen Menschen da draußen. Wie sollten sie da ein
Kind großziehen?
Doch er wollte es so sehr. Er freute sich so auf das neue Leben,
das in ihrem Körper, den er so liebte, heranwuchs und wollte
nicht wahrhaben, dass sie beide noch gar nicht wussten wie sie
damit umgehen sollten. Alles war noch so neu. Und es war so viel.
Er hatte Angst, dass es für sie beide zu viel werden würde. Und
dabei hatten sie endlich zu einander gefunden.
Doch vor dem riesigen Horizont, der sich vor ihnen beiden in
ihrer ungewissen Zukunft auftat, schien all das zu verblassen. Er
fürchtete, dass das, was sie gerade endlich aufzudecken
schienen, noch viel größer als ihre Liebe war. Würde es sie
zerstören? Würde es sie schwach machen?
Er hatte noch nie jemanden so geliebt, sein Glaube war immer das
einzige gewesen, das sein Fühlen und Denken geleitet hatte. Sie
waren nun verwundbar. Und das konnten sie sich nicht leisten.
In ihm beschlich ihn ein Gefühl, dass ihm furchtbare Schmerzen
bereitete, doch er wusste es war die einzige Lösung. Der einzige
Weg, dass wenigstens sie und ihr Baby ein normales Leben führen
würden.
Er bog um die Ecke und fuhr auf den Parkplatz des George
Washington University Hospitals.
Miss Scully? Der Arzt steckte den Kopf zu ihrer Tür
hinein. Scully setzte sich auf. Hatte er die Ergebnisse der
Fruchtwasseruntersuchung? Er machte ein betretenes Gesicht, was
sie beunruhigte.
Der Arzt kam herein und blieb in sicherer Entfernung vor ihrem
Bett stehen.
Wir können die Untersuchung leider nicht auswerten. Es...
Er schwieg und suchte nach der richtigen Formulierung um die
werdende Mutter nicht vollkommen aus der Ruhe zu bringen. Doch
wie er es auch drehte, es war nun einmal eine Tatsache und das
musste er ihr mitteilen.
Es ist schwer zu erklären, vermutlich ist irgendetwas bei
der Punktion oder beim Transport schief gegangen, aber wir
können das Ergebnis nicht auswerten. Die Chromosomen, die wir in
den Zellen ihres Kindes gefunden haben, scheinen bei der
Bearbeitung im Labor kaputt gegangen zu sein, jedenfalls können
wir nichts mit den Bildern anfangen. Wir müssen die Untersuchung
in ein paar Wochen wiederholen. Es tut mir furchtbar leid, Miss
Scully. Ich weiß wie wichtig das Ergebnis gewesen wäre.
Er sah sie beschämt an, da er den Fehler ganz sicher auf seiner
Seite fühlte, denn das Chromosomenbild, das die Labormedizinerin
ihm mit einem riesigen Fragezeichen auf dem Ausdruck
zurückgeschickt hatte, sah vollkommen verändert aus. Es glich
in keiner Weise dem Bild eines normalen Kindes. Weder in Anzahl
noch in Form der Chromosomen. Derartige Veränderungen wären
nicht mit dem Leben vereinbar, da das Kind aber äußerst gut
entwickelt zu sein schien, musste der Fehler im Labor liegen.
Er sah betreten auf die junge Frau vor ihm im Krankenbett, die
die Nachricht noch verarbeitete. Die Tatsachen schienen für den
Arzt nur ein alltäglicher kleiner Fehler in einer Reihe von
vielen Fehlern, die nunmal bei Labormessungen passierten, zu
sein.
Doch sie befürchtete, dass das alles andere als ein Fehler war.
Sie fühlte sich in all ihren Ängsten auf grausame Art und Weise
bestätigt: Dass das Kind in ihr nicht menschlich war.
Ekel und Furcht überkamen sie, ihr ganzer Körper begann sich
dagegen zu wehren und sie spürte wie eine konzentrierte
Schmerzwelle in ihrem Bauch explodierte und wie eine Welle durch
ihren ganzen Körper schwappte. Sie setzte sich auf und fühlte
wie ihr übel wurde.
Der Arzt rief eine Schwester, die ihr eine Nierenschale reichte
und entschuldigte sich erneut, während er ihr eine Infusion mit
einem Mittel gegen Übelkeit in die Vene laufen ließ.
Sie sah nicht gut aus und er wusste immer noch nicht was diese
Patientin so schwach machte. Ihre Blutwerte waren nach wie vor
schlecht, ihr ganzer Körper schien sich gegen etwas zu wehren,
doch er wusste nicht was. Mit einem verzweifelten Blick in
Richtung der Schwester verdrückte er sich aus dem Raum, während
Scully sich noch immer über die Nierenschale beugte. Doch die
Übelkeit ließ schon wieder nach und sie sank zurück auf ihr
Kissen und sah die Decke an.
Das alles hier lief so falsch. Sie wünschte sie könne aus
diesem Traum erwachen.
Als Mulder hereinkam, fiel ihr Blick sofort auf die Resultate,
die er vom Labor in Quantico mitbrachte. Doch sie tat als hätte
sie den Umschlag nicht gesehen. Sie hatte jetzt nicht die Kraft,
noch mehr schlechte Nachrichten zu erfahren.
Sein Blick verriet ihr allerdings, dass er sehr aufgewühlt war
und es schien nicht, als würde er ihr den Gefallen tun, das
alles eine Minute zu vergessen.
Er erschrak als er sie sah. Sie sah so blass aus. Selbst ihre
sonst so schönen roten Lippen waren weiß. Eine unendliche Wut
kochte in ihm hoch. Er wollte, dass es endete, dass man sie
endlich in Ruhe lassen würde.
Doch er riss sich zusammen und lächelte sie tapfer an. Er setzte
sich auf ihre Bettkante und stützte seine Hände neben ihren
Hüften auf der Matratze ab. Er beugte sich hinunter und küsste
sie zart auf die Stirn. Dann sah er zu dem Umschlag auf, den er
neben ihrem Bett abgelegt hatte, und in dem die Ergebnisse aus
Quantico waren. Sie schien die Ergebnisse nicht sehen zu wollen,
denn sie ignorierte den Umschlag vollkommen. Einen Augenblick
wanderten seine Blicke zwischen ihr und dem Umschlag hin und her.
Und dann stupste er sie leicht an, indem er mit seinem Daumen
gegen ihre Hüfte tippte.
Er holte tief Luft und richtete sich auf. Er wusste wie stur sie
sein konnte, doch dieses Mal würde sie nachgeben müssen.
Dana, so kann es nicht weitergehen. Ich weiß, dass es viel
leichter wäre all das zu verdrängen, aber so bist Du nicht. Du
gehst den Dingen mit Deiner gnadenlos ehrlichen
Wissenschaftlichkeit immer auf den Grund und das solltest Du auch
jetzt tun. Wir können nicht zulassen, dass die gewinnen. Wir
müssen da jetzt durch.
Er sah wie sie sich abwendete und aus dem Fenster sah. Er hatte
Recht, das wusste sie. Sie mussten weitermachen. Aber sie brachte
es nicht übers Herz, ihm zu sagen was der Arzt ihr gerade
mitgeteilt hatte. Und wie sollte sie jetzt noch die Ergebnisse in
dem Umschlag verarbeiten?
Die Übelkeit kroch wieder in ihr hoch. Und sie presste die
Lippen aufeinander und sah ihn wieder an. Seine Augen glühten.
Sie legte ihre Hand auf seine.
Und wie soll es dann weitergehen? Wird es nicht immer
wieder so sein, dass uns irgendeine Wahrheit einholt? Sie
schluckte und hielt inne. Ihr Blick senkte sich und sie sah auf
ihren Bauch.
Ich weiß manchmal einfach nicht, ob ich nicht besser mit
den Lügen leben könnte.
Es traf ihn all diese Worte aus ihrem Mund zu hören. Sie klang
so resigniert. So erschöpft. So kannte er sie überhaupt nicht.
Aber es bestätigte das, was ihm vorhin im Auto schon durch den
Kopf gegangen war. Er musste sie verlassen und alleine
weitermachen. Irgendwann würde es einen von ihnen zerstören und
er würde nicht zusehen wie sie vor ihm zerbrach.
Aber dieses eine Stück Weg mussten sie noch zusammen gehen. Sie
mussten herausfinden, was mit ihrem Kind war. Er würde sie nicht
so zurücklassen können wie sie hier nun lag. Er wollte sie so
schön und stark in Erinnerung behalten wie er sie immer gekannt
hatte.
Das hier ist eine Wahrheit, die uns beide betrifft und wir
können uns nicht vor ihr verschließen. Er sah auf ihren
Bauch. Spätestens in fünf Monaten werden wir sie
akzeptieren müssen. Er drückte ihre Hand und nahm den
Umschlag um ihn ihr zu reichen. Sie nahm ihn zögernd an und
öffnete ihn um die Papiere herauszuziehen, auf denen das
Ergebnis ihrer Tests ausgedruckt war.
Sie blickte auf die Ausdrucke und der Mund blieb ihr offen stehen
vor Erstaunen. Man hatte in ihrem Blut DNA-Fragmente gefunden.
Wie in Mulders Blut. Und wie in dem Blut all der Entführten, die
tot zurückgekehrt waren.
Sie brauchte eine Sekunde um das zu verarbeiten.
Aber warum? Warum begann sie ebenfalls ihre DNA auszustoßen?
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf und sie hielt sich die Hand
auf den Bauch, der sie so schmerzte.
Vielleicht war es gar nicht sie, die ihre DNA abstieß.
Vielleicht war es das Baby.
Das würde erklären, warum die Chromosomen ihres Kindes so
anders aussahen: weil es Teile seiner DNA ausgestoßenen hatte.
Ihr Herz schlug und sie merkte wie sie sich schrecklich aufregte
und die Gedanken in ihrem Kopf rasten. Ihrem Kind passierte
dasselbe wie Mulder vor ein paar Wochen. Sie zitterte.
Je mehr sie sich aufregte, desto mehr verkrampfte sich ihr
Unterleib und sie richtete sich vor Schmerz auf und hielt sich an
Mulder fest, der überhaupt nicht verstand, was vor sich ging.
Die Ausdrucke segelten von ihrem Bett zu Boden und sie spürte
wie ihr der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Ihre Finger
krallten sich in seine Arme und er fühlte was für Schmerzen sie
haben musste. Mit Panik in der Stimme rief er nach der Schwester.
Er war vollkommen hilflos und wusste nicht was passiert war. Sie
legte ihren Kopf gegen seine Schulter als die nächste
Schmerzwelle sie überrollte und flüsterte leise in sein Ohr.
Irgendetwas stimmt nicht, Mulder. Die haben DNA-Fragmente
in meinem Blut gefunden, wie bei Dir. Er zog sie von sich
weg und sah ihr in die Augen. Was? Mein Körper
fühlt sich so fremd an. Ich glaube, es ist das Baby. Es wehrt
sich gegen irgendetwas. Sie drückte sich wieder fester an
ihn, als die Schmerzen erneut in ihr anwuchsen. Er konnte es kaum
ertragen und hielt sie fest bis die Schmerzen wieder abebbten.
Aber wir müssen doch etwas dagegen tun. So ein
Blutaustausch wie bei mir müsste doch auch Dir helfen!
Mulder hatte keine bessere Idee in diesem Moment, er konnte nicht
klar denken, ihre Schmerzen konsumierten jegliche Kraft in seinem
Geist. Doch sie nickte, während sie ihren Kopf in seiner
Schulter vergrub.
Sie wusste, dass das in ihrem Zustand sehr gefährlich werden
würde. Doch es war ihre letzte Chance sie und dieses Baby zu
retten.
Er ließ sie in ihr Bett zurückgleiten als er merkte, dass sie
das Bewusstsein verlor und rannte an der irritierten Schwester
vorbei so schnell er konnte auf den Flur um nach dem Arzt zu
sehen. Er war in Rage. Endlich konnte er etwas tun. Sie würde
diese Bluttransfusionen bekommen. Und wenn er sein eigenes Blut
dafür hergeben musste.
24 Stunden später
Es regnete und der Himmel hing grau und wolkenverhangen über der
Stadt. Mulder sah aus dem Fenster und drehte die Visitenkarte
zwischen seinen Händen immer wieder herum und herum. Er sah zu
ihr hinüber. Sie schlief noch immer, es war eine schreckliche
Nacht für sie beide gewesen, doch sie war endlich eingeschlafen
und es ging ihr besser.
Er lehnte seinen Kopf zurück und schloss einen Moment die Augen.
In dieser Nacht hätte er beinahe alles verloren, was er liebte.
Sie und das Baby.
Das gab ihm die Gewissheit, dass er sie verlassen musste, wenn er
diese Suche beenden wollte. Es war nunmal sein Kreuzzug und es
war wichtig, dass er versuchen würde eine Zukunft aufzuhalten,
von der er nicht wollte, dass sein Kind darin aufwachsen muss.
Zärtlich blickte er sie an. Ihre Lippen färbten sich langsam
wieder rot und ihre Sommersprossen leuchteten wie Sterne auf
ihrem blassen Gesicht. Ihre Brust hob sich gleichmäßig und ihre
Hand lag leicht auf dem kleinen Bäuchlein, das man nun ganz
deutlich erkennen konnte.
Er sah auf die Uhr und machte sich auf den Weg ins FBI.
Eine halbe Stunde später, Assistant Director Skinners Büro
Sie wollen was?
Walter Skinner stand mit entsetztem Blick hinter seinem
Schreibtisch auf und starrte entgeistert Mulder an.
Er hatte ihm gerade eröffnet, dass er für eine Weile
verschwinden würde und er nicht wisse wann und ob er
zurückkomme.
Skinner holte aus als er vor seinem Schreibtisch hervorkam um
sich vor Mulder aufzubauen.
Agent Mulder, das hier ist kein Abenteuerspielplatz! Das
hier ist immer noch das FBI und Sie sind ein Bundesbeamter. Ich
kann nicht einfach eine ganze Abteilung verwaisen lassen, wenn
Sie weggehen und Agent Scully in ein paar Monaten ebenfalls
ausfällt. Wie soll ich denen da oben erklären, dass Sie so
einfach im Nichts verschwinden? Die wollen die X-Akten ohnehin
schließen. Haben Sie dabei überhaupt eine Minute an Agent
Scully gedacht? Skinner fielen die Worte nur so aus dem
Kopf heraus und prasselten auf Mulder nieder.
Mulder biss fest die Zähne zusammen. Ob er an Scully gedacht
hatte? Er tat nichts anderes als das. Deswegen wollte er ja
gehen. Er blaffte Skinner an.
Dann reiche ich eben übermorgen meine Kündigung ein, wenn
Ihnen die Bürokratie solche Sorgen bereitet!
Es geht hier nicht um die Bürokratie, Agent Mulder. Es
geht darum, dass Sie sich schutzlos auf irgendein Abenteuer
begeben, von dem Sie irgendwann erwarten, dass Agent Scully und
ich Sie wieder da herausholen. Doch wenn Sie dieses Mal gehen,
dann werde ich nicht den Babysitter spielen. Meinetwegen können
Sie so lange verschwinden, wie Sie wollen, aber dann ist das Ihre
Privatangelegenheit. Mulder sah ihm fest in die Augen, er
schien entschlossen zu sein wie immer. Und Skinner wusste er
würde ihn nicht aufhalten können. Also nahm er sich zusammen
und senkte seine Stimme.
Sie gehen ohne Ihre Dienstwaffe und ohne Ihren Ausweis. Um
die Bürokratie werde ich mich kümmern, so lange Sie mir
versprechen, dass wenigstens Agent Scully dieses Mal da
rausgehalten wird!
Mulder ballte die Fäuste. Hielt Skinner ihn wirklich für so
egoistisch und aufbrausend? Glaubte er allen Ernstes, dass er
Scully da mit hineinziehen würde? In ihrem Zustand? Er stieß
absichtlich hart gegen Skinners Schulter als er sich an ihm
vorbeiwand und seine Dienstmarke auf den Tisch warf. Er sah ihm
in die Augen und hatte einen gefährlich ruhigen Ausdruck im
Gesicht.
Keine Sorge, Assistant Director Skinner. Agent Scullys Wohl
liegt mir mehr am Herzen als irgendjemand anderem.
Als er aus dem Büro rauschen wollte, hielt ihn Skinner einen
Moment zurück.
Bitte, passen Sie auf sich auf, Agent Mulder. Und ein
besorgtes Funkeln blitzte eine Sekunde in seinen Augen auf.
Und wenn es irgend etwas gibt, was ich nicht in meiner
Position hier sondern als Privatmann für Sie tun kann, dann
lassen Sie es mich wissen.
Damit ließ er seine Hand von Mulder ab, der ihm zwar dankbar
aber immer noch gereizt zunickte und schließlich aus dem Büro
verschwand.
Zwei Tage später
Die Tür des FBI-Kellerbüros ging auf und er sah überrascht von
seinem kleinen Projekt bestehend aus einer Schachtel und einer
großen roten Schleife hoch.
Dana! Ich wollte gerade losfahren um Dich abzuholen!
Er sprang auf und verdeckte schnell den flachen grauen Karton, an
dem er gerade gesessen hatte, die rote Schleife stopfte er hastig
in seine Hosentasche. Sie warf einen skeptischen Blick von seinem
unschuldigen Gesicht auf den Karton, doch entschied sich dann
sich nicht damit aufzuhalten, was er da vor ihr verstecken
wollte.
Ich konnte schon früher gehen und da wollte ich Dich nicht
extra anrufen. Er nickte. Aber in Gedanken schien er bei
irgendetwas anderem zu sein.
Gehts Dir gut? Sie nickte ebenfalls. Und er sah
es ihr an. Ihr Gesicht wirkte viel entspannter und rosiger. Ihre
Lippen glänzten wieder rot und die Schatten unter ihren schönen
Augen waren verschwunden.
Sie ging auf den Schreibtisch zu. Es war still um sie herum und
nur der anhaltende Regen draußen klopfte unaufhörlich ans
Fenster. Je näher sie dem Schreibtisch kam, desto mehr bemühte
er sich diese Schachtel darauf zu verbergen. Er rutschte immer
mehr zwischen sie und den Schreibtisch, doch sie hatte etwas
gewittert. Sie sah nun unaufhörlich auf die stümperhaft unter
Akten und Papiernotizen versteckte Schachtel und es schien, als
wolle sie ihn damit necken.
Was hast Du denn gerade gemacht, als ich reinkam?
Was, ich? Öh... Er fühlte sich ertappt und wich
ihrem Blick aus. Sie hob auffordernd die Augenbrauen und genoss
seine Nervosität. Ein amüsiertes Lächeln huschte über ihr
Gesicht. Sie ging noch einen Schritt näher an den Schreibtisch
heran, doch er schob sich direkt in die Lücke, die sie noch vom
Tisch trennte und warf einen Seitenblick auf den kleinen Karton.
Die Hand hinter seinem Rücken schob er vorsichtig die Schachtel
ein wenig weiter weg von ihr. Sie schaute zu ihm hoch. Er wollte
also mit ihr spielen! Aber so leicht würde sie es ihm nicht
machen. Blitzschnell duckte sie sich an ihm vorbei und griff nach
der Schachtel hinter ihm, während er noch versuchte sie vor ihr
wegzuziehen. Sie rangelten einen kurzen Augenblick, doch
schließlich ließ er los, weil er sie nicht verletzen wollte.
Triumphierend hob sie den Karton in die Höhe und ihre Augen
strahlten ihn an. Er funkelte zurück. Doch dann ließ er sie die
Schachtel öffnen und sah sie gespannt an. Ich wollt noch
ne Schleife drummachen, entschuldigte er sich und zog das
rote Band aus seiner Tasche.
Als sie den Deckel hob, sah sie einen winzigen Silberrahmen in
dem sich ein Bild befand. Aber das war nicht irgendein Bild.
Es war ein Ultraschallbild von ihrem Baby.
Mulder! Der Mund stand ihr vor Erstaunen und Freude
offen und sie sah auf das glänzende Silber in der Schachtel und
wie es die Morgensonne reflektierte. Er überraschte sie immer
wieder.
Er beugte sich zu ihr herunter.
Fürs Familienalbum. Noch hat es schließlich Deine
Nase. Er lächelte sie an als er sah, dass sie sich freute.
Er kannte sie, sie gehörte nicht zu den Menschen, die viel
lachten. Wenn sie glücklich war, dann sah er das in ihren Augen
und an ihrem Schweigen. Sie wusste dann nie, was sie sagen
sollte. Und auch jetzt sah sie noch immer mit offenem Mund auf
das Ultraschallbild und fuhr mit den Fingern vorsichtig über den
Silberrahmen. Endlich sah sie zu ihm auf und da war es: dieses
warme Leuchten auf ihrem Gesicht.
Er nutzte diesen Moment ihrer Freude und hoffte sie würde
schwach werden. Ist da vielleicht irgendein winziges Detail
auf diesem Bild, das Du mir noch verraten willst? Ich meine, es
wäre doch hilfreich zu wissen...wegen der Tapetenfarbe und so...
Er sah sie mit seinem zuckersüßen Unschuldsblick an. Denn er
wusste damit kriegte er sie immer.
Doch sie presste die Lippen aufeinander und gab ihm mit
hochgezogenen Augenbrauen zu verstehen, dass sie über dieses
Thema kein Wort verlieren würde. Tja, da wirst Du noch
eine Weile warten müssen. Sie ging ein Stück auf ihn zu
und neigte sich zu ihm hoch. Aber ich werde das Zimmer
ohnehin nicht neu streichen, also mach Dir keine Sorgen wegen der
Tapete. Ein vergnügtes Lächeln umspielte ihre Lippen,
doch sie bemühte sich ernst zu bleiben. Er grinste glücklich zu
ihr herunter, während er mit den Fingern leicht gegen ihren
Bauch tippte und ihre Augen einander einen stillen Moment lang
fixierten.
In diesem Moment fiel ihm ein, dass dies das vorerst letzte Mal
war, dass sie in diesem Büro zusammen standen.
Denn er hatte sich entschieden, dass er heute noch nach New York
fliegen würde. Er wollte es ihr nicht sagen, er wollte sich
heute Nacht davonschleichen, wenn sie schlief.
Doch eine Sache lag ihm sehr am Herzen und er wollte, dass sie
sich so schnell wie möglich darum kümmerte, also durchbrach er
diesen kleinen Augenblick, in dem sie wieder einmal fast die Zeit
vergessen hätten und drehte sich wieder seinem Schreibtisch zu.
Wir sollten Chuck anrufen.
Sie legte die Schachtel auf den Tisch zurück und zog die
Augenbraue hoch.
Chuck Burks? Warum? Ich denke, er ist der
Richtige, um sich noch einmal meine DNA-Analysen anzusehen. Du
hast doch gesagt, Du hättest da etwas entdeckt.
Scully war das nicht recht, sie hatte Mulder nichts davon
erzählt, was sie vermutete und wollte eigentlich auch nicht,
dass irgendjemand anderes als sie diese Ergebnisse von Mulders
Zellen aber auch nicht die ihres Kindes in die Finger bekam.
Naja, das stimmt schon, aber eigentlich wollte ich nicht,
dass jemand anderes davon erfährt. In ihrer Stimme lag
Unwille. Er war enttäuscht. Na, dann eben nicht.
Er drehte sich ein wenig beleidigt weg und ging zum Aktenschrank,
um in die Akte über Skinners Nanobots einen Blick zu werfen. Er
rollte seine Unterlippe nachdenklich zwischen Daumen und
Zeigefinger. Er versuchte es noch einmal.
Aber Chuck könnte uns auch helfen in Bezug auf diese
Nanotechnologie. Er ist doch DER Physikexperte. Und ich bin
sicher, dass auf diesen Minirobotern irgendeine Information
gespeichert ist, die wir anzapfen müssen. Da ist vielleicht der
Schlüssel drauf, warum ich diese Dinger abgestoßen habe. Die
und diese DNA-Fragmente. Er sah fragend zu Scully, die sich
immer noch nicht so wohl dabei fühlte. Die Lone Gunmen hatten
ihr zwar gesagt, dass der Bewusstseinszustand jedes Menschen
theoretisch auf diesen Nanobots gespeichert werden sollte, aber
sie bezweifelte, dass das überhaupt möglich war. Das hier war
Nanotechnologie, es handelte sich um extrem kleine Roboter, wie
sollte der gesamte Bewusstseinszustand darauf Platz finden?
Mulder, Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass auf
diesen winzigen Partikeln tatsächlich Informationen gespeichert
werden. Ich meine, hast Du gesehen wie fein die konstruiert sind?
Dass das Nanoroboter sind, die irgendeine mechanische Funktion
erfüllen, das glaube ich auch. Aber dass sie wirklich
Speichermedien für etwas sind, das wage ich noch immer zu
bezweifeln. Und selbst wenn: Wie sollten wir auf die
Informationen darauf Zugriff bekommen? Damit hatte er sie.
Siehst Du? Und deswegen brauchen wir eben Chuck.
Resigniert warf sie ihm einen skeptischen Blick zu und drehte
sich dann zu ihrem Tisch um, um sich zu setzen. Sie wollte nicht,
dass noch jemand anderes mit den Proben in Berührung kam. Sie
traute niemandem und es war ihr schon sehr unangenehm gewesen,
die Labormediziner in Quantico mit den Proben unter falschen
Namen zu beauftragen. Außerdem war ihr Chuck ein wenig zu
abgedreht, er war zweifellos brillant, aber seine Ideen waren
einfach zu phantastisch, zu sehr wie Mulders Ideen. Das war nicht
gerade die Art Wissenschaft, die sie im Moment brauchte. Aber sie
wusste auch, dass die Grenzen der konventionellen Wissenschaft
längst erreicht waren.
Während sie noch im Raum stand und nachdachte kontaktierte
Mulder schon Chuck und verabredete sich mit ihm für den
Nachmittag des folgenden Tages, wohlwissend, dass dann nur Scully
da sein würde, um sich mit Chuck zu treffen.
Doch das wollte er niemandem sagen. Es war genug, dass Skinner es
wusste.
In der darauffolgenden Nacht
Immer noch regnete es und die Tropfen liefen in langen Bahnen
an ihrem Fenster herunter um dann mit einem leisen Pochen auf die
Fensterbank zu fallen. Sie lag auf seiner Schulter und schlief,
ihre Hand auf seiner Brust ruhend. Doch er lag hellwach in ihrem
Bett und sah die Decke an, während er über das nachdachte, was
er vorhatte.
Er blickte auf die zarte Hand auf seiner Brust und darauf wie sie
friedlich und vollkommen erschöpft an seiner Seite schlief. Es
war als hätte jemand einen Schalter in ihr umgelegt. Seit sie
wusste, dass das Kind dasselbe wie er durchgemacht hatte, schien
es ihr nicht mehr so unwirklich. Sie war zwar immer noch
verunsichert und machte sich Sorgen, doch nun schien es ihr
vertrauter. Sie fühlte sich nicht mehr so fremd in ihrem
Körper, jetzt wo die Nanotechnologie aus ihrem Körper
verschwunden war und er sah ihr das an.
Wenn sie ihn jetzt ansah wirkte es viel frischer und freier. Er
fühlte, dass sie sich nun auch ein wenig auf das Baby freute. Er
hatte es gemerkt, als sie in dieser Nacht zusammen gewesen waren.
Sie hatte sich vollkommen fallen lassen. Es war nun schön mit
ihr zusammen zu sein, das Kind in ihrem Bauch heranwachsen zu
sehen und er hatte heute Abend fast das Gefühl gehabt, sie
wären ein ganz normales Paar.
Er wusste das war jetzt der Zeitpunkt alleine weiterzumachen. Er
würde sie verlassen müssen.
Eine winzige Träne löste sich von seinen Wimpern und lief über
seine Wange um als winziger Tropfen auf das Kissen zu fallen.
Hatte er ihr nicht versprochen, sie nie wieder alleine zu lassen?
Für immer bei ihr zu sein?
Doch er konnte das Versprechen nicht halten, zu ihrem eigenen
Schutz.
Seine Sachen lagen bereits im Kofferraum seines Autos vor ihrer
Haustür. Er sah noch einmal voller Wärme auf sie herab und wand
sich dann vorsichtig aus ihrer Umarmung um sich leise anzuziehen.
(Anm.d.Autorin: Sein Knackarsch schimmerte im Mondschein!!!)
Als er in der Küche noch einen Schluck Wasser getrunken hatte,
sah er noch einmal wehmütig durch den Spalt in der
Schlafzimmertür auf ihr Gesicht. Eine Sekunde überlegte er, ob
er nicht einen anderen Weg fand. Doch er drehte sich resigniert
von ihr weg, weil er wusste, das war die einzige Lösung für sie
und das Kind. Er zog sich vorsichtig seine Jacke an und wartete
still im Wohnzimmer auf der Couch sitzend, bis der Regen ein
wenig nachgelassen hatte. Als er nur noch leise auf die Blätter
vor dem Fenster niederfiel und die Luft nach nassen Steinen roch
stand er auf, um zur Tür zu gehen. Da hörte er eine Stimme, die
die Nacht erhellte.
Mulder? Er drehte sich schuldbewusst um. Was
machst Du? Sie hatte sich die Bettdecke umgewickelt und
stand mit zerzaustem Haar und noch ganz benommen im Wohnzimmer
und sah in verwirrt an. Etwas hatte sie geweckt und sie war
erschrocken, ihn nicht neben sich zu haben. Also war sie leise
ins Wohnzimmer getappt und hatte ihn nun offenbar dabei erwischt,
wie er sich aus der Wohnung schleichen wollte.
Doch warum? Sie sah ihn auffordernd an, während sie sich ihr
Haar glatt strich und merkte wie sie wacher wurde. Er wand sich
und überlegte, was er tun konnte, doch er wusste, er musste die
Wahrheit sagen.
Er ging vorsichtig auf sie zu. Er würde es nicht übers Herz
bringen ihr zu sagen, dass er sie verlassen wollte. Also
entschied er sich für einen Teil der Wahrheit.
Ich muss nach New York. New York? sie
verstand nicht. Die Adresse auf der Visitenkarte, von der
ich Dir erzählt hab? Ich muss dahin. Jetzt?
Sie begriff langsam.
Sie spürte, dass er nicht die volle Wahrheit sagte. Da war noch
mehr. Er hatte so einen schuldbewussten, traurigen Blick. Sie
merkte wie ihr Herz zu schmerzen begann, wie sich ein Netz darum
immer enger zog. Sie zog die Decke fester um ihren Körper und
verschränkte die Arme davor, während sie ihre Bestürzung
herunter schluckte und sich mit der Zunge die trockenen Lippen
befeuchtete.
Und wann hattest Du vorgehabt mir das zu sagen? Doch
sein betroffenes Schweigen verriet ihr die Antwort und sie wurde
wütend.
Er sah das zornige Funkeln in ihren Augen und ging einen Schritt
auf sie zu. Ich konnte es nicht sagen. Aber ich muss ohne
Dich gehen. Ich muss herausfinden, wie wir alldem endlich ein
Ende bereiten können. Er sah auf ihren Bauch, den man
unter der dicken Bettdecke, die noch immer um sie gewickelt war,
kaum erkennen konnte. Du hast jetzt ganz andere Sorgen als
mit mir da draußen nach Verschwörungen und Aliens zu suchen.
Scully fühlte die Tränen der Wut in sich aufsteigen und sie sah
ihn mit leerem Blick an.
Sie kannte ihn, sie hätte wissen müssen, dass seine Suche noch
nicht beendet war. Und dass er sie von den Gefahren fernhalten
wollte. Wie damals in Oregon.
Doch zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass sie
ihn verstand.
Sie selbst suchte dieselben Antworten und wäre sie nicht
schwanger, würde sie mitkommen, egal ob er wollte oder nicht.
Doch sie wusste wie sehr er sie liebte. Und so wenig wie sie ihn
verlieren wollte, so sehr war er um sie besorgt und sie musste
respektieren, dass er sie in Sicherheit wissen wollte. Sie biss
die Zähne zusammen und schluckte die Tränen hinunter.
Wirst Du wiederkommen, wenn das Baby kommt? Sie
fragte ganz zaghaft mit einem leichten Zittern in der Stimme. Sie
wusste sie würde ihn gehen lassen müssen.
Er war erleichtert, dass sie ihn verstand und einmal mehr wusste
er, warum er sie so liebte.
Wann soll es denn kommen? fragte er leise während
sie in der Dunkelheit stand und nur schwarz-weiße Schatten durch
ihre Jalousien ins Wohnzimmer auf ihre samtweiche Haut fielen.
Der Regen pochte noch immer leise gegen die Fenster und ein
leichter Wind fegte durch die Bäume.
Das errechnete Datum ist der 26. Dezember, antwortete
sie stumpf vor sich hinblickend, als stünde er gar nicht vor
ihr.
Sie wollte ihn nicht gehen lassen. Aber sie wollte auch
Antworten. Sie ging auf ihn zu und ließ sich von ihm in den Arm
nehmen. Sie sahen sich lange in die Augen. Es waren vielleicht
die letzten Blicke, die sie für immer austauschen würden.
Zumindest waren es die letzten für eine lange Zeit.
Sie würde seine wunderschönen Lippen vermissen, seine duftenden
Haare, seine starken Arme, seine Augen, die nur für sie diesen
einen Blick auflegten.
Er beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen letzten langen
Kuss, während sie ihre Decke hinunterfallen ließ und ihn mit
der ganzen Kraft ihrer Arme an sich drückte. Er umarmte sie
ebenfalls und sie hielten sich eine ganze Weile fest.
Immer wieder küssten sie sich und sogen die Nähe und den Duft
des anderen ein, um diese Erinnerung ganz fest zu halten.
Doch irgendwann ließ sie ihn los, wofür er ihr im Stillen
dankte, und er hob die Decke vom Boden auf und legte sie ihr
behutsam wieder um. Bevor er sich umdrehte, drückte er ihr noch
einen letzten, langen und sanften Kuss auf die Lippen während
sie seine Ellbogen ganz sanft mit ihren Händen berührte und
ihre Augen schloss. Die Luft flimmerte um sie herum und ihr wurde
warm. Sie hatte das Gefühl, es wäre das letzte Mal, dass sie
sich so nah sein würden. Seine Seele schien es ihr zu flüstern.
Ich komme zurück, versprach er ihr als er die Tür
hinter sich schloss und wusste dabei nicht einmal, ob er das
Versprechen halten könnte.
Sie blieb noch lange danach im Wohnzimmer stehen, in dem noch
seine sanfte Stimme in der Luft zu schweben schien. Sie hüllte
sich in die warme Decke, die noch nach ihm roch und schluckte die
Tränen hinunter, die sich immer wieder in ihren Augen bildeten
und den Schmerz hinaustragen wollten.
Doch sie wollte nicht weinen. Er würde wiederkommen.
/ Omnium finis imminet /
Drei Tage später, New York City
Wütend faltete er den Sportteil der New York Times zusammen und
warf sie in den Mülleimer.
Mulder war immer wieder zu dieser Adresse gegangen. 116 W / 36.
Bryant. Das stand zumindest auf der Visitenkarte und Mulder
war sich sicher, es musste irgendwo hier in der West Side sein.
Doch er hatte kein Appartmengebäude mit der Nummer 116 gefunden.
Er war mindestens schon 100 Mal diese Straße abgelaufen, hatte
jedes Haus genauestens von außen inspiziert, überall nach dem
Namen Bryant gesucht und auf jede Person geachtet, die hier auf
der Straße mehr als einmal aufgetaucht war. Mittlerweile kannte
er sämtliche Reklameschilder auf dieser Straße auswendig und
der Hot Dog Verkäufer an der Ecke 36./7.Avenue grüsste ihn
jedes Mal lauthals, wenn er ihn von weitem kommen sah. Das hier
führte ihn zu gar nichts und er war wütend. Wieso ließ man ihn
wie einen Volltrottel hier auf der Straße herumirren?
Er saß im Schatten der Hochhäuser auf einer Bank am Madison
Square Garden und starrte auf die Visitenkarte in seinen Händen.
War das vielleicht gar keine Adresse? War es ein Code? Wieso kam
ihm der Name Bryant so bekannt vor?
Die Zahlen hatte er auch schon einmal irgendwo gesehen. Nur in
einem anderen Kontext. Er dachte nach während er an seiner
Unterlippe zupfte. Was sagten sie ihm? Die erste Zahl sagte ihm
die horizontale Richtung und die zweite die vertikale Richtung
des Ortes, den er aufsuchen sollte.
Es war genial. New York war wie ein Atlas strukturiert. Das
erhärtete seinen Verdacht. Er musste nun noch einen Ort finden,
um zu bestätigen, was ihm gerade in den Sinn gekommen war. Er
brauchte einen Atlas. Eine öffentliche Bibliothek. Doch so gut
kannte er sich in New York auch wieder nicht aus, er kam hier
schließlich meistens hin, um die NBA Spiele oder die Spiele der
Yankees anzusehen. Er stand auf und kaufte sich einen Hot Dog,
vermutlich den zehnten seit er in dieser Stadt war. Als er dem
Hot Dog Verkäufer das Geld hinhielt, fragte er ihn schließlich
wo die nächste Bibliothek sei.
Fifth Avenue, 42., Public Library schmiss ihm der
Inder in dem schrecklichsten Akzent, den er je gehört hatte,
entgegen. Mulder verlor keine Zeit, er stopfte sich den Hot Dog
in den Mund während er die zehn Blocks nach Norden lief.
Als er auf die Fifth Avenue zuging, schloss er die Augen in
Erkenntnis seiner eigenen Dummheit. Bryant! Das war der Park, in
dem sich die Public Library befand. Darauf hätte er auch selber
kommen können!
Mulder rauschte durch die große Eingangstür hinein und nahm
zwei Stufen auf dem Weg in den zweiten Stock, wo sich die
Atlanten und Weltkarten befanden. Er suchte hastig und immer noch
am letzten Bissen seines Hot Dogs kauend die Koordinaten 36 °N /
116 ° W auf. Sein Finger landete punktgenau auf einem Gebiet
nordwestlich von Las Vegas.
Ha! Er triumphierte. Scully wäre einmal mehr über seine
Intuition erstaunt gewesen hätte sie das gesehen. Dort befand
sich die Groom Lake Airforce Base auch bekannt als Area 51.
Gut. Bisher war es also eine lustige Schnitzeljagd für
denjenigen gewesen, wer auch immer er war, der ihn kontaktiert
hatte.
Doch was sollte er damit anfangen? Warum hatte man ihn nach New
York City gelotst, wenn er doch nur hier in einer Bibliothek
einen Blick auf die Landkarte Amerikas werfen sollte? Das hätte
er auch in Washington tun können. Also wischte er sich mit der
kleinen Serviette in seiner Hand die letzten Krümel und
Ketchupreste vom Mundwinkel und verließ die Public Library
wieder. Als er wieder hinaustrat, sah er im grauen Schatten des
Empire Statebuildings auf einer Bank einen Mann sitzen, der noch
grauer und unscheinbarer schien als all der Beton um ihn herum.
Er trug einen Anzug und hatte eine Zeitung neben sich liegen. Er
starrte vollkommen leer und ausdruckslos auf die Straße, auf der
das Leben der Stadt wie das Blut in den Adern eines Körpers
pulsierte.
Irgendetwas an ihm war merkwürdig. Mulder ging auf ihn zu und
setzte sich neben ihn. Er sah nach rechts und starrte
nachdenklich das Chrysler Building an, das von der Sonne, die
schon seit Stunden gegen die dunklen Regenwolke kämpfte, immer
wieder golden angestrahlt wurde und majestätisch funkelte.
Waren Sie schon einmal in Las Vegas? Das ist wirklich einen
Ausflug wert. Die Stimme kam von der Seite und riss ihn aus
seinen Gedanken und er fuhr erschrocken herum. Er blickte direkt
in die grauen wässrigen Augen dieses Mannes um die fünfzig, der
neben ihm auf der Bank saß und ihn aus dem Nichts angesprochen
hatte. Also war sein Instinkt richtig gewesen und dieser Mann
wollte etwas von ihm. Er hatte ihn jedoch noch nie zuvor gesehen.
Doch Mulder war nicht leicht einzuschüchtern und reagierte
gelassen auf den fremden Mann neben ihm auf der Bank. Sie waren
hier umringt von Leuten in einer riesigen Großstadt, nirgendwo
war es so sicher und nirgendwo war man zugleich so ungestört und
anonym. Also schön, Sie haben Ihren Spaß gehabt. Was soll
dieses alberne Versteckspiel? fragte er genervt. Der Mann
mit den grauen wässrigen Augen stellte sich ihm nicht vor,
sondern sprach leise weiter, während sein Blick die ganze Zeit
einen Wagen fixierte, der auf der anderen Straßenseite stand.
Wenn Sie mehr über Purity Control herausfinden wollen,
dann würde ich Sie gerne einladen mich nach Nevada zu begleiten.
Sicher wollen Sie wissen, was es mit diesen Nanobots auf sich hat
und ich verspreche Ihnen, wenn Sie mir vertrauen, dann wird das
den Lauf der Welt verändern. Und das ist es doch, was Sie
wollen, Mr. Mulder.
Er drückte Mulder die Zeitung neben sich in die Hand und stand
schließlich auf.
Die kommen näher, Mr.Mulder und es gibt nicht mehr viele
Möglichkeiten sie aufzuhalten. Seine Stimme vibrierte und
der Unterton klang rauh, düster und kalt wie der Beton unter
ihren Füßen. Er drehte sich mit einem letzten Nicken um um
wieder mit der anonymen Masse Menschen dieser Stadt zu
verschmilzen.
Mulder faltete die Zeitung auf. Es war die Times. Die Ausgabe,
deren Sportteil er zuvor in den Müll geworfen hatte.
Die Ausgabe hab ich schon gelesen! rief Mulder ihm
noch nach als sein Blick auf eine kleine Anzeige fiel, die auf
der Titelseite der Times, die er zuvor gelesen hatte, nicht
gedruckt gewesen war. Sie stand in normal großen Buchstaben
unter einem Artikel, den er schon kannte. Morgen. JFK Delta
2251. 143 - 11.15 a.m. Das war alles, doch es enthielt
genug Informationen für ihn. Ein leichter Schauer lief Mulder
über den Rücken. Was für ein Mann war das, der einfach eine
Anzeige auf ein Exemplar einer der größten Zeitungen der Welt
drucken lassen konnte? Die Worte dieses Mannes hallten noch in
ihm nach und jagten ihm Angst ein. Doch er riss sich zusammen,
derart zwielichtige Gestalten hatte er schon zu oft getroffen,
als dass er sich davon einschüchtern lassen sollte. Es war eine
Spur und er würde ihr folgen. Es waren die Bedrohung und die
Dringlichkeit gewesen, die von diesem grauen Mann ausgegangen
waren. Das Gefühl, dass das, was er ihm gesagt hatte, wirklich
von Bedeutung war.
Die Sonne hatte ihren Kampf gegen die Wolken verloren und das
Chrysler Building seinen goldenen Glanz. Es wurde dunkel und ein
kühler Wind fuhr laut raschelnd durch die Blätter des Parks. Er
würde also morgen nach Nevada fliegen. Dessen war er sich
ziemlich sicher. Er wusste nicht wohin in das führen wuerde. Er
wusste nicht, ob er jemals lebend zurückkommen würde oder ob er
hier der richtigen Person folgte. Doch diese Visitenkarte hatte
ihn in den letzten Wochen immer wieder beschäftigt und es war
alles, was ihm noch blieb. Jetzt, wo fast alle Personen, die er
in dieser verdammten Verschwörung gekannt hatte, tot waren. Es
war die letzte Verbindung.
Und es war vielleicht der letzte Tag des Lebens, das er jetzt
kannte. Die letzte Möglichkeit, sie anzurufen. Ihr zu sagen,
dass er verschwinden würde.
Mulder? Sie hatte die New Yorker Nummer auf dem
Display des Telefons in ihrem gemeinsamen FBI Büro erkannt und
sofort abgenommen. Doch es kam keine Antwort. Denn der Mann am
anderen Ende der Leitung war sich nicht sicher, was er ihr sagen
sollte. Allein der Klang ihrer Stimme brach ihm fast das Herz.
Hallo? Scully fühlte, wie Enttäuschung in ihr
hochkroch. Und Angst.
Stimmte etwas nicht? War Mulder in Gefahr? Doch schließlich
drang seine sanfte Stimme durch die Stille. Dana? Ich bins.
Die Erleichterung in ihrer Stimme kroch durch den Hörer an sein
Ohr. Wo bist Du? Gehts Dir gut? Sie klang so
besorgt und er hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Aber
er wusste dieses Gespraech würde anders enden.
Scully hatte eine unangenehme Ahnung, doch sie wartete und gab
ihm Zeit, offensichtlich musste er etwas loswerden, was ihm sehr
schwer fiel. Im Hintergrund konnte sie lautes Hupen und Rauschen
hören.
Ich bin in New York City. Aber ich werde morgen nach Nevada
fliegen.
So etwas hatte sie befürchtet. Sie schnappte nach Luft, weil sie
genau wusste, dass es nur einen Ort in Nevada gab, der Mulder
interessieren konnte.
Mulder, sag mir bitte nicht, dass Du vorhast zur Groom Lake
Air Force Base zu fahren! In ihrer Stimme schwang mit, dass
sie kurz davor war ihn für verrückt zu erklären. Doch an
seinem Schweigen merkte sie, dass sie Recht hatte. Und sie kannte
ihn, sie wusste er würde sich nicht aufhalten lassen. Aber sie
befürchtete auch, dass er ihr nicht alles erzählte.
Fliegst Du allein dorthin? Nein. Er
zögerte, er wusste sie würde nicht mögen, was er ihr
erzählte. Ich bin dort mit jemandem, den ich hier in New
York getroffen habe. Ich weiß nicht, ob ich ihm vertrauen kann,
aber er ist unsere einzige Spur.
Als sie schwieg fuhr er fort, er wusste ohnehin, dass sie gegen
sein Vorhaben sein würde, doch sie würde ihn nicht aufhalten
können und das wusste sie auch.
Hör zu, Dana! Ich kann Dir nicht mehr sagen aber ich weiss
nicht, was ich dort vorfinden werde. Er hielt inne, aber
nicht lange genug um sie zu Wort kommen zu lassen. Es ist
vielleicht besser, wenn Du Dich darauf einstellst, dass ich nicht
nach Washington zurückkehre, jedenfalls nicht so lange ich nicht
weiß wie sich diese Invasion aufhalten lässt.
Er hatte es gesagt. Der Lärm um ihn herum, das drohende Gewitter
und die Begegnung mit dem grauen Mann hatten eine Atmosphäre
heraufbeschworen, die ihn vollkommen eingelullt hatte. Er hatte
die Bedrohung gefühlt, die über ihnen schwebte. Die Zukunft,
die er und sie kennenlernen würden, wenn er nichts dagegen tat.
Sie hatten es lange genug ignorieren können, doch er wusste dies
war der Punkt, an dem es groößer wurde als sie, an dem es nicht
um persönliche Schicksale ging. Es ging um das Überleben aller
und darum, ob sein Kind überhaupt noch diese Welt kennenlernen
würde.
Scully schluckte am anderen Ende der Leitung. Ihre Kehle war
trocken und sie hatte einen Kloß im Hals, doch sie atmete leise
ein und nahm sich zusammen. Sie wusste wozu er fähig war und wie
leicht er seinen Kopf verlor, wenn er glaubte der Wahrheit auf
der Spur zu sein. Sie würde ihn ohnehin nicht aufhalten können.
Aber sie hatte nicht mit so viel Offenheit von ihm gerechnet. Es
tat weh. Und sie fühlte wie sich ihre Augen mit Tränen
füllten.
Wie kannst Du das einfach so sagen? Zu mir? Am Telefon? Was
glaubst Du denn wie es für mich weitergehen soll? Ich suche doch
ebenso nach Antworten wie Du! Du kannst mich doch jetzt nicht so
einfach ausschließen. Mulder? Es war aus ihr
herausgebrochen, weil sie wütend war, dass er sie angerufen
hatte um ihr solche Schmerzen zuzufügen.
Er war solche Gefühlsausbrüche nicht von ihr gewohnt und er
spürte wie aufgebracht sie war. Es überraschte ihn kaum, schlug
ihm doch selbst das Herz bis zum Hals. Der Gedanke daran sie
alleine zu lassen, sie vielleicht nie wieder sehen zu können,
zerriss ihm fast die Seele, doch er hatte sich entschieden, vor
langer Zeit schon, dass er den Weg ohne sie zu Ende gehen musste.
Dana, Du bekommst ein Baby, unser Baby. Ich muss Dich an
diesem Punkt verlassen. Ich muss Antworten finden, FUER dieses
Baby. Das hier ist meine Suche und ich muss sie jetzt alleine zu
Ende bringen.
Er klang verzweifelt und sie wusste es ohnehin. Sie hatten es
schon so oft besprochen, schon so oft hatte er ihr klargemacht,
dass sich ihre Wege trennen mussten. Dass er sie nicht wie
Samantha verlieren wollte, vor allem nicht an diese
Verschwörung. Sie biss sich auf die Lippen und ermahnte sich
ruhig zu bleiben.
Ich weiß und ich versuche es ja zu verstehen. Aber ich
werde hier nicht tatenlos herumsitzen, ich werde auch weiterhin
nach Antworten suchen. Es ist ebenso meine Suche wie Deine
geworden. Ich werde nicht zulassen, dass Du mich ausschließt.
Wenn ich auch nicht verhindern kann, dass Du mich verlässt.
Die letzten Worte waren ihr schwer gefallen und sie kämpfte
gegen die Tränen in ihren Augen.
Er hörte das Zittern in ihrer Stimme und krallte seine Finger um
das Metall der Telefonanlage. Es tat weh. Und er fühlte wie es
sie auch schmerzte. Doch es war alles gesagt, er würde sie
verlassen.
Mulder? Ja? Sie wollte ihm diese eine
Sache noch mit auf den Weg geben, für einen Augenblick der Nähe
bevor sie sich vielleicht für immer trennen würden. Sie hatte
es selbst erst am Tag zuvor erfahren.
Es ist ein Junge.
Die Zärtlichkeit, die trotz der Distanz all diese Meilen durch
dieses Telefon mitten in Manhatten in sein Herz strömte, wärmte
ihn einen Augenblick und er fühlte wieder die Vertrautheit
zwischen ihnen. Es war ein so persönlicher Moment, der nur ihnen
gehörte und sowohl um ihn, als auch um sie herum verschwanden
die Mauern, der Verkehrslärm, all die hektischen Menschen und
das Grau der Stadt für eine Sekunde. Es war als schwebten sie in
einer kleinen Seifenblase über all der anonymen Kälte um sie
herum. Er hörte das Hupen hinter sich auf der Straße nicht und
auch der Regen, der aus den schweren grauen Wolken auf ihn
herabzutropfen begann, fühlte sich nicht nass auf seiner Haut
an. Er lächelte in den Hörer hinein, doch er wusste nicht, was
er sagen sollte und schwieg stattdessen. Doch selbst über diese
Entfernung hinweg bedurfte es keiner Worte. Sie beide verstanden
sich in diesem Augenblick und es bereitete ihnen zu viele
Schmerzen, diesen Moment noch weiter hinauszuzögern. Sie saß
vor seinem Schreibtisch und hielt kaum atmend inne, während ihr
Tränen über die Wangen liefen und sie die Bewegungen ihres
Kindes in ihrem Bauch fühlte. Ihre Hände klammerten sich an den
Hörer an ihrem Ohr und sie versuchte jeden seiner Atemzüge zu
hören.
Er schloss schließlich die Augen als der erste Donner aus den
Wolken herunterrollte und hängte den Hörer in das Telefon. Die
Münzen fielen klingelnd durch den Apparat hindurch und der Regen
begann auf ihn herniederzuprasseln, als er in die Bibliothek
zurueckrannte um vor dem Gewitter zu fliehen. Seine Gedanken und
Gefühle vermischten sich zu einem Sturm, der in ihm wütete und
seinen Magen verdrehte, während die Welt draußen um ihn herum
genau so wie in seinem Inneren im Dunkeln versank. Nun war er
allein. Und er wusste nicht, was auf ihn zukommen würde.
--
Scully legte den Hörer auf, in dem es schon
lange tutete und verharrte einen Moment. Ihr Blick fiel in die
Leere, auf die Wand ihr gegenüber.
Das Ufo auf dem I want to believe-Poster schien sich
hinter ihrem Tränenfilm über den Bäumen zu bewegen, doch
sobald die nächste Träne aus ihrem Auge über ihre Wange lief
und ihr Blick wieder klar wurde, stand es wieder still und stumm
am grauweißen Horizont auf dem Papier. Zwischen diesem Poster
und dem Schreibtisch und dem Baby, auf das sie sich nun endlich
zu freuen begann, lagen so viele Momente, so viele Ereignisse und
so viele Gefühle, dass es ihr oft wie ein Traum vorkam.
Die meisten Menschen mit ihrer Geschichte hätten sich längst in
psychiatrische Behandlung gegeben, doch sie trug all diese Dinge
mit sich herum, sicher in ihrer Seele verschlossen und auf ihrem
Herz lastend sie wie Blei.
Seit dem Moment, an dem sie dieses Poster zum ersten Mal erblickt
hatte und dem heutigen Tag hatte sich so vieles verändert.
Während es in ihr damals Protest hervorgerufen hatte, Protest
gegen die dumme Pseudowissenschaft von Spooky Mulder, war es für
sie heute vertraut und weckte all die Erinnerungen der letzten
Jahre in ihr, die guten, wie die schlechten. Es war wie ein altes
Familienmitglied, das alles schweigend miterlebt hatte.
Es war so naiv und so schrecklich peinlich, dass sie Mulder noch
mehr dafür liebte, dass er es in seinem offiziellen Büro
aufgehängt hatte.
Sie hatte damals gedacht sie hätte besseres verdient, als einem
pubertierenden FBI Agenten auf die Finger zu sehen. Aber
sie hatte sich auch geschmeichelt gefühlt, dass man gerade ihr
einen Spezialauftrag erteilt hatte. Doch in weniger als einem
Jahr hatte sie gemerkt, in welche Tiefen des Universums ihr
Partner da einzudringen versuchte und es hatte begonnen sie zu
faszinieren.
Nun war ein normales Leben nicht mehr möglich.
Sie hatte dieses neue Leben mit Mulder auf der Suche nach Etwas,
sei es die Wahrheit ihrer Existenz oder auch nur die größte
aller Lügen, erkauft zu dem hohen Preis all der Sicherheiten und
kleinbürgerlichen Träume, die sie in ihrer Familie beigebracht
bekommen hatte. All das, was sie beide gesehen hatten, machte es
unmöglich dem Alltag da draußen noch begegnen zu können,
während in ihren Köpfen eine Welt entstanden war, die zu
unwirklich und zu phantastisch war um wirklich wahr zu sein. Doch
sie wusste, dass sie wirklicher war als das, was dort draußen
passierte und das war eine Erkenntnis, die sie sehr einsam
gemacht hatte.
Vielleicht war es nur dieser Aspekt der Einsamkeit gewesen, dass
sie beide im selben Boot saßen, als einzige Vertraute. Aber
vielleicht war es auch mehr gewesen. Vielleicht waren es ehrliche
Gefühle gewesen.
Seit sie ihre Krankheit überwunden hatte, hatte sie bemerkt wie
Mulder immer öfter bei ihr zuhause vorbeigeschaut hatte, wie er
sich Schritt für Schritt immer näher in ihr Privatleben
vorgetastet hatte, wie er sie immer öfter scheinbar zufällig
berührt hatte und wie seine Augen, wenn er sie ansah plötzlich
so ein warmes Leuchten ausstrahlten. All die Jahre zuvor hatte
sie sich insgeheim wie ein Teenager oft vorgestellt, sie und
Mulder könnten ein Paar werden, doch diese unschuldigen
Schwärmereien waren durch die Ernsthaftigkeit ihrer gemeinsamen
Erfahrungen verschwunden und wahrer Sorge umeinander gewichen und
plötzlich hatte sie gefühl, wie sie immer mehr und mehr in
etwas Anderes umzuschlagen schienen. Doch weder er noch sie
hatten sich je getraut es beim Namen zu nennen.
Es hatte allerdings immer wieder Momente gegeben, in denen die
Welt um sie herum so verwirrend und so unwirklich schien und sie
so überforderte, dass diese zaghaften vagen Gefühle in ihnen
manchmal aus ihnen herauszubrechen schienen und in solchen
Momenten war es nicht nur einmal fast passiert, dass sie die
unsichtbare Barriere zwischen ihnen überschritten hatten. In
solchen Momenten hatte dieses Gefühl so sehr Besitz von ihnen
ergriffen, dass die Nähe des anderen ihnen Gänsehaut bereitete.
Es war unerträglich gewesen, den anderen nicht anzufassen und
genauso unerträglich ihm nahe zu sein.
Doch immer wieder hatten sie sich im letzten Augenblick von der
Welt um sie herum ablenken lassen, hatte die Vernunft in einem
von ihnen diese Momente schlagartig beendet oder hatten sie beide
zu viel Angst gehabt sich so weit vorzuwagen.
Wäre es direkt in seinem Flur zu diesem Kuss gekommen, bevor die
Biene sie gestochen hatte, sie wusste nicht wie es dann
weitergegangen wäre. Die Spannung zwischen ihnen war damals so
unerträglich gewesen, dass sie das Gefühl gehabt hatte es
würde einen Kurzschluss geben, wenn sie sich küssten. Es hätte
sie körperlich überfordert, so sehr hatte dieses Gefühl von
ihr Besitz ergriffen. Doch von diesem Moment in seinem Flur an
hatte es sich nicht mehr aufhalten lassen. Sie hatten einmal
diesen Gedanken ins Rollen gebracht, diesen Gedanken, dass da
wirklich mehr war, was sie für einander empfanden. Sie hatten es
beide erstmals in des anderen Augen gesehen und sich beide selbst
erstmals diesen Wunsch nach mehr eingestanden. Und danach war es
immer mehr zu einem Verlangen geworden. Sie hatten angefangen zu
flirten, hatten Abende miteinander verbracht. Immer waren es
irgendwelche fadenscheinige berufliche Vorwände gewesen, doch
insgeheim hatten beide gewusst, dass sie einander nur nahe sein
wollten.
Mulder war es schließlich gewesen, der es ihr gesagt hatte.
Nicht nur einmal, sondern mehrmals. Beim ersten Mal als er von
seinem Ausflug aus dem Bermudadreieck im Krankenhaus gelegen
hatte, hatte sie es nicht ernstgenommen, als er ihr seine Liebe
gestanden hatte, weil er desorientiert gewesen war und womöglich
unter Psychopharmaka oder Halluzinogenen gestanden hatte, aber
dennoch hatte der Blick in seinen Augen ihr auch damals schon
gesagt, dass es wahr war und sie hatte es tief im Inneren nicht
wirklich als eines seiner Hirngespinste angesehen, sondern noch
Tage danach Herzklopfen bekommen, wenn sie daran gedacht hatte.
Dass er es wirklich ernst gemeint hatte war ihr klar geworden,
als sie ihn am Tag von Diana Fowleys Tod bei ihm zuhause besucht
hatte. Sie hatte erwartet, dass er über ihren Tod bestürzt sein
würde, doch stattdessen hatte er ihr die Wahrheit gesagt, die
sie selbst nicht fähig war, zuzugeben. Dass, egal wie die Welt
um sie beide herum war, egal, wer sie verfolgte und egal, welche
Naturgesetze außer Kraft gesetzt zu sein schienen, sie immer als
die Konstante seines eigenen Universums in seinem Leben stand. Es
hatte ihr damals den Boden unter den Füssen weggerissen als sie
verstanden hatte, was er ihr damit gesagt hatte.
Es war ein so überwältigender Augenblick gewesen, dass sie
nicht die Kraft gehabt hatte, sich ihm so zu nähern, wie sie es
sich beide gewünscht hätten. Ihr war schwindelig geworden und
Tränen waren in ihren Augen aufgestiegen. Sie hatte innerlich am
ganzen Körper gezittert und ihr Hals hatte sich zugeschnürt und
ihr Herz hatte so schnell geschlagen, dass sie Angst gehabt hatte
es würde aufhören zu schlagen, wenn sie diese wunderbaren
Lippen geküsst hätte, ihre Daumen hatten stattdessen seine
Lippen sanft berührt und es war ihr vorgekommen als wären
winzige Stromstöße von dort aus durch ihren Körper gefahren.
Von dem Moment an hatten sie es beide gewusst, hatten es einander
endlich gesagt und es war zu besonders, zu heilig gewesen, als
dass ihre körperlichen Bedürfnisse darin Platz gefunden
hätten.
Doch den Kuss, den sie an diesem Tag nicht fähig gewesen war ihm
zu geben, hatte er sich in der Nacht des Millenniumswechsels
dennoch geholt. Sie hatte nie den Mut gehabt sich ihm zu nähern,
stets war er es gewesen, der auf sie zukommen musste. Denn sie
hatte immer respektiert, dass seine eine Leidenschaft seiner
Suche galt, dass er einer von den Männern war, die jede Frau
bekommen konnten und sich für Karrierefrauen wie sie nie
wirklich interessierten. Doch wie falsch hatte sie ihn
eingeschätzt!
Als er sich zu ihr gebeugt hatte um ihr diesen langen, sanften
fast freundschaftlichen Kuss auf ihre Lippen zu geben, waren die
Sekunden eingefroren. Sie beide hatten die Augen geschlossen und
den Augenblick, den Moment, den alle als das Ende der Welt
gefürchtet hatten, in sich aufgenommen als hätte er für die
Ewigkeit halten müssen. Es war ein unausgesprochenes Geständnis
gewesen, dass sie die eine Person war, die er in diesem
besonderen Moment spüren wollte. Wäre die Welt in diesen
Sekunden wirklich untergegangen, wären sie beide in diesem Kuss
mituntergegangen und nun, da alles gut ausgegangen war
zumindest bis jetzt hatte es doch eine neue Zeit
eingeläutet. War diese unsichtbare Barriere zwischen ihnen damit
ein ganzes Stück schmaler geworden.
Sie konnte sich gut daran erinnern was dieser Kuss mit ihr
angestellt hatte. Sie hatte danach immer wieder diesen Traum
gehabt, der sie nächtelang verfolgte. Die Welt hatte sich in
diesem letzten Jahr des alten Millenniums für sie verändert.
Die gesamte Wissenschaft, aber auch die Religion, an die sie
immer so voller Inbrunst geglaubt hatte, waren zerschlagen und
sie hatte zum ersten Mal verstanden, was das I want to
believe-Poster wirklich bedeutete.
Nach dieser Zerstörung dieses Universums, das sie in sich
getragen hatte und an das sie geglaubt hatte, keimte dieses neue
Gefühl in ihr auf. Es füllte die Leere, die die Wahrheit, der
sie auf der Spur waren, in ihr hinterlassen hatte, aus. Und es
hatte so viel Platz in ihrem Herzen, war so mächtig und kam ihr
beängstigend vor, weil es so stark wurde und sie schwach machte.
Sie war kein leidenschaftlicher Mensch wie Mulder und es war für
sie neu so viel und so intensiv zu fühlen, doch der Verstand war
ihr keine Hilfe mehr angesichts der Ereignisse um sie herum. Sie
war verloren.
Und erst als Daniel gestorben war während Mulder in England nach
Kornkreisen forschte, hatte sie wieder zu sich gefunden. Sie
hatte einen Kompromiss in ihrer Mitte gefunden und die
Entscheidung gefasst ihre Zukunft wieder in die Hand zu nehmen
und diesen unheimlichen Wahrheiten zu trotzen, so lange sie noch
keine eindeutigen Beweise in der Hand hatte. Sie hatte ihren
Verstand wieder zurückerobert und all die alten Gefühle und
Vorstellungen ließen sich wieder in ihr neues Weltbild
einfügen. Der Wunsch, ein Kind zu bekommen, war ein Teil davon
gewesen und ihre Mutter hatte sie darin bestätigt, dass es ihr
helfen könne ihre Einsamkeit und Verwirrung zu beenden, wenn sie
ein Kind bekäme. Ihre Mutter war es auch, die sie immer wieder
nach Mulder gefragt hatte, da sie nicht verstehen konnte, warum
er und sie noch immer kein Paar waren, wo es doch so
offensichtlich war.
Scully schmunzelte. Sie und ihre Mutter hatten sich eines
Sonntags, als sie nicht mit in die Kirche gekommen war, darüber
sehr gestritten.
Und so war es nicht verwunderlich, dass sie es war, die von da an
die Initiative ergriffen hatte. Eine Neuerung, auf die Mulder mit
Überraschung aber nicht mit Ablehnung reagiert hatte.
Als sie bei ihm auf der Couch an jenem Wochenende eingeschlafen
war und er sie auf sein Bett legen wollte, war sie wach geworden
als er sie in die Kissen gleiten lassen wollte. Und es hatte nur
den Bruchteil einer Sekunde gedauert zu begreifen, dass das der
Moment war. Er hatte sie den ganzen Abend so liebevoll angesehen
und sie war von den Ereignissen des Wochenendes so überwältigt
gewesen, dass sie ihn einfach festhielt anstatt sich in sein Bett
fallen zu lassen. Ihre Blicke hatten sich getroffen und er war
dem Zug ihrer Arme wortlos in einen sanften Kuss gefolgt und
hatte sich zu ihr ins Bett ziehen lassen. Doch als die
Leidenschaft sie immer stärker in ihren festen Griff nahm, hatte
sie Angst bekommen und erkannt, dass es kein Zurück mehr gab.
Sie hatte sich aus Mulders Umarmungen herausgewunden und es war
ein schrecklicher Moment von Peinlichkeit und Sprachlosigkeit
gefolgt, der vielleicht schmerzhafter gewesen war als so manches,
was sie danach noch erlebt hatten. Sie war ins Bad gelaufen, um
sich mit kaltem Wasser das Gesicht zu waschen, damit ihr Verstand
wieder arbeiten konnte. Mulder hatte sie ratlos angesehen und
sich entschuldigt, doch dadurch hatte sie sich noch schlechter
gefühlt, war sie es doch gewesen, die dieses Mal die Schuld
gehabt hatte, die sich dieses Mal die Kontrolle verloren hatte.
Doch irgendwie schien es Mulder auch befriedigt zu haben, dass
sie diese Schwäche gezeigt hatte, dass sie ihn so nah an sich
herangelassen hatte wie nie zuvor und es sie so überwältigt
hatte.
Und so waren sie letztlich schweigend nebeneinander in seinem
Bett eingeschlafen, denn keiner von beiden hatte die richtigen
Worte dafür finden können.
Es war von da an nur eine Frage der Zeit gewesen, bis es doch
passieren musste.
Doch es schien nun alles einen Sinn zu ergeben. Wäre es in
dieser Nacht schon passiert, wäre es vielleicht wie eine Affäre
zu Ende gegangen. Doch so hatte es sich schließlich so ergeben,
dass erst ihr Kinderwunsch ihr klar gemacht hatte, dass sie mehr
von Mulder wollte als ihr körperliches Verlangen nach ihm zu
stillen. Sie wollte ein Teil von ihm sein, wollte ihn in ihrem
Universum so aufnehmen wie er sie schon längst in seines
eingefügt hatte.
Als sie den Mut aufgebracht hatte ihn zu bitten, der Vater ihres
Kindes zu werden, war ihr das noch nicht klar gewesen, aber heute
verstand sie, dass sie ihn damals wirklich zu lieben begonnen
hatte. So sehr, dass sie neues Leben in diese verwirrte Welt
setzen wollte, das in ihr aus einem Teil von ihm entstehen
sollte.
Es war als habe sie Teil an der Schöpfung, indem sie dieses
Leben in die Welt setzte.
All das wäre nie passiert wäre es schon früher so weit
gekommen. Das Schicksal, oder wer immer hinter diesem Plan, der
ihr Leben lenkte, stehen mochte, schien genau gewusst zu haben,
dass dieses Kind auf die Welt kommen musste.
Es war als hätten Gott und sie und Mulder eine geheime Absprache
getroffen, die Schöpfung auf dieser Erde in neue Bahnen zu
lenken, indem sie dieses Kind in die Welt setzten. Dieses Kind,
das in irgendeiner Form so anders war. Weil es allen
Naturgesetzen getrotzt hatte und weil es ein Wunder war, dass
Mulders Zelle und ihre eigene sich vereint hatten und damit ein
Teil von ihnen beiden in die Ewigkeit übergegangen war.
Nicht nur ihre Zellen waren in diesem Augenblick in ihrem
Schlafzimmer miteinander verschmolzen, sondern auch ihre Seelen
waren nach jahrelangem verzweifeltem Suchen nacheinander
ineinander übergegangen und Scully erinnerte sich nun genau wie
sie im Moment, in dem es geschah, weder Tod noch Schmerz
gefürchtet hatte, wie sie weder Schwere noch Zeit hatte fühlen
können. In ihr waren alle Sinne ausgeschaltet worden, nur dieses
eine Gefühl hatte sich in ihr breitgemacht. Es war, als wären
Materie und Antimaterie nach jahrelangem Umzingeln
aufeinandergetroffen und in einer Explosion verschmolzen. Und
übriggeblieben war reine Energie, die sich von den Hüllen und
Grenzen der Materie befreit hatte.
Nur Liebe hatte all diese Feuerwerke in ihr gezündet. Und es
hatte 7 Jahre gedauert, bis diese Liebe so stark geworden war,
dass sie allen Umständen zum Trotz neues Leben in eine Welt
setzen konnte, die keine Zukunft zu haben schien. Nun war sie so
stark geworden, dass sie größer zu sein schien als all das,
wofür sie kämpften.
Aber würde sie auch dem Tod trotzen können? Scully fühlte wie
neue Tränen wieder in ihr hochstiegen, während die alten schon
seit langem auf ihren Wangen getrocknet waren.
Sie schluckte die Tränen herunter und
wendete sich schnell ab, weil sie nicht daran denken wollte, dass
sie Mulder vielleicht nie wieder sehen würde. Sie verließ das
Büro, um so schnell aus dem FBI Gebäude zu gelangen wie sie
konnte. Sie brauchte frische Luft und Licht, um diesem
Gedankenkreisel entrinnen zu können.
Als sie vor die Türe trat und die Pennsylvania Avenue
hinunterblickte, in der ein warmer Sommertag in vollem Gange war,
holte sie tief Luft und wischte sich eine letzte Träne von den
Wangen.
Sie fühlte, dass die Liebe zwischen ihnen beiden nun größer
als sie war, dass sie diesen Gefühlen nicht gewachsen war und
dass es ein Gefühl war, das sich verselbständigte. Doch auch
die Wahrheit, der sie auf der Spur waren, war größer als alles,
was sie erfassen und verstehen konnten. Und deswegen wollte sie
glauben, dass es auch die Liebe war, die dieser Wahrheit als
letzte Konstante der Natur des Menschen gewachsen war. Das gab
ihr Kraft.
Ein kühler Wind fuhr ihr durch die Haare und streifte die Narbe
auf ihrem Nacken, unter der das Implantat saß. Die Sonne wurde
von einer dunklen Wolke verdeckt und das goldene Leuchten der
Regierungsgebäude um sie herum wurde von fahlem Grau
verschluckt. Sie schauderte.
Sie wusste, egal wie sehr sie Mulder liebte, er war allein dort
draußen und ihr Verstand sagte ihr, dass die Dinge, die dort im
Verborgenen vor sich gingen, das Resultat seelenloser Mächte
waren. Und die Vernichtung, die davon ausging, war gnadenlos und
würde vor nichts halt machen auch nicht vor ihr oder Mulder,
oder ihrem Kind.
Sie verstand, dass Mulder wieder einmal die bessere Intuition
bewiesen hatte. Er hatte sich von ihr getrennt, damit es ihnen
beiden wieder möglich war ihren Verstand zu nutzen, denn Wissen
und Macht waren ihre einzigen Chancen der Bedrohung zu begegnen.
Beides war hier überall um sie herum. Sie sah in die dunkle
Wolke, deren Konturen durch die dahinter verborgene Sonne grell
leuchteten. Es war dieselbe Sonne, die auf Mulder in Nevada
scheinen würde und das beruhigte sie.
Sie drehte sich um und sah all die einschüchternden
Regierungsgebäude an.
Sie war in Washington D.C. Wo, wenn nicht hier, würde sie
Antworten finden können? Sie hatte sich etwas beruhigt, denn sie
hatte wieder einen Plan. Voll neuer Kraft ging sie wieder zurück
in das FBI Gebäude, die graue Kälte der Innenstadt und ihre
Ängste hinter sich lassend.
So konnte sie nicht sehen wie am Horizont immer mehr dunkle
Wolken aufkamen und sich vor den blauen Himmel schoben und den
Tag in düstres Zwielicht tauchten.
Zur selben Zeit in New York City
Mulder hatte sich, sobald der Regen nachgelassen hatte, auf den
Weg gemacht in seinem Hotelzimmer seine Koffer zu packen. Als der
die Public Library verlassen hatte, hatte ein letzter
Regentropfen sein Gesicht benetzt und die Tränen ersetzt, die er
mit so viel Kraft zurückgehalten hatte. Er wollte nicht weinen,
er wollte nicht darüber nachdenken, dass er sie vielleicht nie
wieder sehen würde. Doch es war der einzige Weg und er wusste,
sie würde das verstehen. Sie verstand ihn immer. Und er liebte
sie so sehr, dass der Tod ihm kein wirkliches Hindernis zu sein
schien.
Doch obwohl er anders als Scully schon immer voller Leidenschaft
und Intensität gewesen war und daher an die Stärke seiner
Gefühle gewöhnt war, so war es doch dieses Mal etwas anderes.
Es war noch größer als alles, was er bisher gekannt hatte und
es erfüllte ihn mit so viel Kraft, dass es ihn körperlich
schwächte.
Es war als reiche seine materielle Hülle nicht aus so viel
Energie zusammenzuhalten. Seit dieser Nacht, in der ihr Sohn
entstanden war, hatte dieses Gefühl ihn beherrscht. Es hatte ihn
gerettet aus der verlorenen Leere dieses Raumschiffes. Und es
würde ihn auch wieder retten. Das und dieses Etwas in seinem
Körper, das ihn vor den Aliens beschützt hatte. Er war voller
seelischer Kraft, doch er konnte seine Suche nicht beenden, wenn
er in ständiger Sorge um Scully leben musste. Es war gut so
gewesen. Und er verdrängte das beklemmende Gefühl, das sein
Herz durchstach, weil sie sich gerade vielleicht für immer
getrennt hatten.
Es war schwül und er fühlte wie das Hemd hinten zwischen seinen
Schulterblättern auf seiner Haut klebte als er durch die
Straßen lief. Er hasste den Subway. Von allen Häusern fielen
schwere dicke Regentropfen auf ihn herab und es roch nach nassem
Stein. Die Wolken wurden von Sonnenlicht durchbrochen und das
Licht war unwirklich und grau. Mulder genoss den Spaziergang,
weil er frei war. So frei wie man nur in dieser anonymen
Großstadt sein konnte, in der jeder seinen eigenen Weg ging. Und
sein Weg führte ihn zurück in sein Hotel.
Als er seine Magnetkarte durch den Türöffner des Zimmers 925
zog und eintrat, spürte er direkt, dass etwas nicht stimmte. Es
roch anders. Irgendwie nach feuchter Erde. Und es war kalt. Er
sah sich um, in der festen Überzeugung etwas zu finden, doch
alles war sauber, so wie es das Zimmermädchen in den letzten
Tagen immer hinterlassen hatte. Er schüttelte sein Unbehagen ab
und versuchte sich klar zu machen, dass er sich alles nur
einbildete.
Ein Griff in die Minibar nach der Dose mit den Erdnüssen und er
ließ sich schwungvoll auf das Bett fallen, von dem aus er sich
mit der Fernbedienung durch die Kanäle zu einer Simpsons Folge
durcharbeitete. Eine Minute lang fühlte er sich wohl und
entspannte sich, seine Augen wurden klein und sein Atem flach,
als es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. Er warf
die Nussdose auf das Bett und sprang auf, um hastig zum
Kleiderschrank zu rennen.
Sein Verdacht bestätigte sich. Jemand war hier gewesen.
Dort hing eine Militäruniform. Mulder durchsuchte sie. Sie hatte
exakt seine Größe und war frisch gesäubert, die Taschen waren
leer. Das sah nicht nach einem Irrtum des Zimmermädchens aus.
Er checkte das Namensschild auf der linken Brusttasche, doch der
Name half ihm nicht weiter. Tanner stand dort in
Großbuchstaben. Er verstand. Es war ihm klar gewesen, dass er
nicht als FBI Agent Mulder die Area 51 betreten würde.
Und damit war die Entspannung verflogen. Ein lautes Hupen aus den
Straßen, 8 Stockwerte unter ihm, riss ihn aus seinem Erstarren
und er setzte sich wieder auf das Bett, den Blick auf die Uniform
geheftet, die dort in dem offenen Kleiderschrank wie eine Drohung
hing. Er würde seine Identität aufgeben müssen und ein
unheimliches Gefühl sagte ihm, dass er vielleicht noch viel mehr
aufgeben müssen würde, wenn er wirklich bis zum Kern vorstoßen
wollte. Doch es gab kein Zurück mehr. Er musste den Weg zu Ende
gehen und wenn es ihn das Leben kostete. Und zum ersten Mal
begriff er, dass der Tod nicht das unwahrscheinlichste Ereignis
war, das seinen langen Weg kreuzen würde. Er sah auf das Telefon
und musste sich zusammenreißen nicht zum Hörer zu greifen und
sie anzufrufen, es hätte ihn so beruhigt. Doch er musste
durchhalten, das war er ihr schuldig. Sie musste in Sicherheit
bleiben.
Er war nun allein und er musste sich der Wahrheit stellen.
Welche Funktion haben diese Nanobots?
Sind sie gut oder schlecht? Warum gibt es welche, die an Proteine
gebunden sind und warum welche, die frei im Blut vorliegen? Was
machen diese Nanobots mit der DNA und warum haben Mulder und
Scullys Baby sich der Nanobots entledigt? Wie sind diese
Technologien in ihre Körper gekommen und wer steckt wirklich
dahinter?
Was hat es mit der ausgestoßenen DNA auf sich?
Und wo ist der Schlüssel zur Wahrheit? In der DNA? In den
Nanobots?
Wen es interessiert, der liest jetzt weiter, wen es nicht
interessiert, der wartet einfach auf den nächsten Shipper -
Post, der allerdings ne Weile auf sich warten lassen wird...
Am nächsten Tag, Quantico Virginia, 12 Uhr mittags
Scully streifte sich den weißen Kittel über und knöpfte ihn
über ihrem Bauch zu, doch verstecken konnte sie die Rundung
nicht mehr. Es war ihr irgendwie unangenehm, sie wollte noch
nicht, dass es jeder wusste.
Chuck Burks und sie waren am Nachmittag im Kellerbüro
verabredet. Er war überrascht gewesen, dass sie heute Morgen mit
ihm telefoniert hatte, um ihm noch die mittlerweile recht vielen
Röhrchen mit den Nanobots zukommen zu lassen. Normalerweise war
es immer Mulder, der ihm das Material lieferte. Zur Zeit schien
sie viele Leute zu überraschen, sie hatte die Blicke, die Mulder
ihr in den letzten Wochen immer zugeworfen hatte, wenn sie ihm
von ihren Entdeckungen berichtet hatte, sehr wohl registriert.
Doch sie konnte sich dieses Mal, so sehr sie es sich auch
wünschte, nicht gegen die Fakten wehren, die ihre eigene
Wissenschaft ihr präsentierte.
Als sie sich damit angefreundet hatte, dass sie Chuck in diese
Geschichte mit einbeziehen würden, war sie zu der Einsicht
gekommen, dass es eine gute Idee gewesen war.
Sie war sicher er konnte herausfinden, was die Bindung der
ausgestoßenen Nanobots an Proteine zu bedeuten hatte. Er war ein
brillanter Tüftler und war ihr in jeder Hinsicht weit
überlegen, was diese Fragen anging, die vor ihr lagen. Sie hatte
einfach nicht die Kreativität, die Offenheit, die nun gefragt
waren. Hinzu kam, dass ihr Kopf müde und schwer war von den
Ereignissen, der Informationsflut und von den Veränderungen in
ihrem Körper. Sie konnte nicht mehr objektiv an diese Dinge
herangehen.
Sie öffnete die Tür zum Medienraum, in dem sich zu dieser Zeit
nur wenige andere befanden und lud sämtliche
DNA-Sequenzierungen, die von ihrem Baby, ihren eigenen Zellen und
von Mulder existierten, hoch um sie auf CD zu brennen. Leider
hatte sie von den Sequenzierungen der Alien-DNA aus der Kralle
von damals nur die Ausdrucke in ihrem Büro. Doch sie wusste, mit
Chucks Hilfe würde sie diese riesige Flut von Daten sicherlich
bald bewältigt bekommen.
Ihre Lippen waren trocken als sie sich vor Aufregung mit der
Zunge darüberfuhr. Sie konnte es kaum erwarten herauszufinden,
ob sich ihr zugegebenermaßen sehr exotischer Verdacht
bestätigen würde. Seit der Nacht als Krycek sie entführt
hatte, hatte sie diese Idee nicht mehr aus dem Kopf verdrängen
können.
Sie wusste, dass es unmöglich war, doch Mulder hatte ihr
beigebracht sich dem Unmöglichen zu öffnen und sie wollte es
versuchen. Es war wenigstens ein Ansatz. Sie trommelte aufgeregt
mit den Nägeln auf den Tisch während der Computer die Daten auf
CD brannte.
15 Uhr, Kellerbüro des FBI Gebäudes
Der dickliche Mann mit der kreisrunden Brille saß schon an
Mulders Schreibtisch und baute seinen Laptop auf als sie
hereinkam und sich ihr Gesicht aufhellte. Chuck! Sie
ging auf ihn zu während sie ihn anlächelte. Er sprang auf und
sah sie ebenfalls freudig überrascht an. Agent Scully!
Er sah auf den Bauch, der sich verdächtig unter ihrem Blazer
vorwölbte und zögerte einen Augenblick. Sie bemerkte den Blick
und nickte ihm fast unmerklich bestätigend zu. Ich wusste
ja gar nicht
ich freue mich für Sie! Ihm war die
Situation ein wenig peinlich. Er hatte schon längere Zeit
vermutet, dass zwischen ihr und Mulder etwas in der Luft lag.
Doch das war nur eine Vermutung gewesen. Wann ist es denn
so weit? Sie fühlte sich unwohl, es wurde ihr ein wenig zu
persönlich und sie wollte schnell das Thema wechseln. Im
Dezember antwortete sie, den Blick abwendend und versuchte
nicht zu abweisend zu klingen. Aber Chuck war ihr recht dankbar,
da er sich wünschte er hätte gar nicht davon angefangen. Er
räusperte sich.
Also, Agent Scully, was kann ich für Sie tun? Ich war
überrascht, dass Agent Mulder dieses Mal nicht dabei ist. Ist
alles in Ordnung mit ihm? Ja, er ist nur zurzeit
nicht in der Stadt. Sie pausierte. Sie wusste nicht wie
sicher das Büro war und wollte nicht, dass irgendjemand erfuhr
wo Mulder sich aufhielt. Sie wollte ihn nicht unnötig in Gefahr
bringen. Doch Chuck schien diese Information bereits zu reichen.
Er war ganz aufgeregt und wartete bis sein Computer vollständig
hochgefahren war.
Das, was Sie mir da zugeschickt haben, Agent Scully. Wo
hatten Sie das her? Scully verschränkte die Arme vor der
Brust und lehnte ihre Hüften leicht gegen den Schreibtisch vor
ihr.
Sie zögerte noch ein wenig. Das habe ich im Blut
von...Entführten gefunden. Sie wollte ihre Informationen
erst einmal mit Vorsicht zurückhalten, sie wusste nicht wohin
dieser Nachmittag sie führen würde und sie wollte nicht gleich
mit der Tür ins Haus fallen. Chuck warf ihr einen vielsagenden
Blick zu. Aaah. Von Entführten, ja? Naja, dann
macht das alles schon mehr Sinn für mich. Seine Augen
blitzten auf und er schmunzelte. Er sah, dass sie sich wand und
sich sichtlich unwohl in der Rolle fühlte, die sonst immer
Mulder einnahm wenn sie sich trafen.
Also, Agent Scully, ich habe diese Partikel unter einem
hochauflösenden Mikroskop mit verschiedenen Farbfiltern
angesehen. Danach habe ich noch ein Elektronenmikroskop
hinzugezogen und Bilder davon geschossen. Er drehte den
Computer zu ihr um, so dass sie die Fotos sehen konnte.
Ihr blieb der Mund offen stehen. Sie hatte die Strukturen bereits
unter dem Lichtmikroskop erkennen können, doch nun da sie die
Details sah, stockte ihr der Atem. Diese winzigen Nanobots waren
extremst komplex und trugen auf ihrer Oberfläche feinste
Vernetzungen und Strukturen, die sie an die Oberfläche eines
Computerchips erinnerten. Komplexe Moleküle an der Oberfläche
dieser Partikel standen wie die Fühler von Insekten ab und
schienen sich ihrerseits wieder in kleinere Strukturen
aufzuzweigen. Sie sahen aus wie Fraktale.
Selbst unter dieser maximalen Vergrößerung konnte man noch
nicht alle Feinheiten erkennen, die diese winzigen Roboter zu
haben schienen.
Das hier sind die Partikel, die Sie frei aus dem Blut
isoliert hatten. Und jetzt
. Er klickte sich durch
eine kleine Datenbank und vergrößerte direkt daneben ein
weiteres Bild.
.jetzt sehen Sie die Partikel, die an
Proteine gekoppelt vorlagen.
Auf diesem Bild konnte man kaum noch etwas von den feinen
Strukturen erkennen, die auf dem anderen Bild noch sichtbar
gewesen waren. Die Partikel waren mit einem feinen Rasen aus
winzigen Proteinen übersäht. Scully erinnerte dieses Bild
spontan an etwas und sie sprach es aus. Mh. Das sieht ganz
so aus, als hätten sich Albumine oder andere Plasmaproteine
einfach an die Partikel angeheftet und wären untereinander
aggregiert. Wie bei einer Art Abwehrreaktion.
Sie sah fragend zu Chuck hinunter. Ganz Recht, genau das
ist auch mein Verdacht. Es sieht aus als hätte der Körper gegen
diese Partikel in seinem Blut reagiert und sie inaktiviert.
Allerdings ist das ja auch ziemlich logisch. Es ist schließlich
ein Fremdkörper. Die Frage ist eher, warum der eine Entführte
eine Abwehrreaktion hatte und der andere nicht.
Er sah sie fragend an, er brauchte mehr Informationen, wenn er
diese Bilder für sie auswerten sollte, doch sie rückte nicht
damit heraus.
Scully erinnerte sich daran, was die Lone Gunmen ihr über die
Experimente verraten hatten, die an Kinder im Rahmen von
Impfungen durchgeführt worden waren und sprach ihre Überlegung
aus. Naja, vielleicht hatte der Entführte im ersten Bild
ja irgendeine Substanz, eine Art Impfung bekommen, die diese
Abwehrreaktion unterdrückt hat. Chuck spürte, dass sie
ihm Informationen vorenthielt. Er mochte es nicht, dass sie ihm
nicht vertraute, aber er respektierte es, sie kannte ihn
schließlich noch nicht so lange wie Mulder.
Ja, das ist möglich
aber die Frage ist doch: Was
macht diese Technologie überhaupt im Blut eines Menschen und
warum befindet sie sich dort? Ich nehme mal an, dass diese
Menschen tot sind, denn damit kann man sicherlich unmöglich
weiterleben, aber das brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen.
Ja, in der Tat sind diejenigen gestorben, die diese
Abwehrreaktion nicht in sich trugen, während die anderen noch
leben. Aber warten Sie, es wird noch besser.
Sie begann ihm langsam zu vertrauen, denn sie genoss es endlich
mit jemandem darüber reden zu können, der ihr weiterhelfen
konnte und daher hielt sie nun keine Informationen mehr zurück,
sie musste herausfinden, was mit Mulder und ihr und dem Baby vor
sich ging.
Sie griff nach der CD in ihrer Tasche, die sie aus Quantico
mitgebracht hatte. Diese Abstoßungsreaktion ist nicht die
einzige Veränderung, die ich in dem Blut dieser Entführten
gefunden habe. Diese Formulierung half ihr nun selbst zu
ignorieren, dass es sich bei diesen Proben um Mulders, ihre
eigenen und die ihres Babys handelte. So konnte sie an das Thema
wesentlich objektiver herangehen, auch wenn es sie eine Menge
Kraft kostete und ihre Stimme ganz wackelig war.
Hier. Sie hielt Chuck die CD hin. Darauf sind
die Basenabfolgen von ausgestoßenen DNA-Fragmenten, die sich im
Blut der Entführten gefunden haben. Und von der DNA, die noch im
Körper der Patienten verblieben ist. Es bestehen erhebliche
Unterschiede zwischen denen, die die Protein-gekoppelten Nanobots
in sich trugen und denen mit den freien Nanobots. Es ist sehr
viel Material, aber ich hoffe, Sie können mir dennoch helfen.
--- Es ist ziemlich wichtig, Chuck.
Der funkelnde Blick in ihren tiefen blauen Augen verriet ihm,
dass sie sich große Sorgen machte und er bezweifelte, dass es
sich bei den Proben um irgendwelche Proben aus einer beliebigen
X-Akte handelte. Aber abgesehen davon war er neugierig, der
Anblick der Nanopartikel hatte ihn überwältigt und nun kam sie
noch mit DNA-Fragmenten!
Er legte die CD ein, er wibbelte unruhig hin und her und wischte
sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Und hier
Sie zögerte noch, weil sie nicht
wusste, was sie sagen sollte, als sie eine Akte aus einem Ordner
herausholte. Hier ist noch eine andere DNA-Sequenz, die wir
vor einiger Zeit aus einer Lebensform isolieren konnten, die
Sie schluckte und sah hilfesuchend zu ihm hinunter.
.die
wir nicht mit Sicherheit einordnen konnten. Vielleicht erkennen
Sie ja einen Zusammenhang.
Chuck amüsierte sich im Stillen köstlich über ihre
Verlegenheit. Er wünschte, Mulder wäre nun hier bei ihnen um
diesen inneren Kampf seiner Partnerin mitanzusehen. Bei der Menge
an Daten, die vor ihm auf dem Bildschirm erschien, pfiff er
leise.
Agent Scully, als Sie sagten, Sie würden sich allein mit
mir treffen, hatte ich nicht vermutet, dass Sie das Wochenende
mit mir verbringen wollen. Sie versuchte zu lächeln, doch
es gelang ihr nicht so richtig.
Ich werde hierfür sicherlich eine Weile brauchen, ist es
in Ordnung, wenn ich das mitnehme und wir uns wiedertreffen?
Scully war nicht wohl dabei und er merkte es ihrem Blick an.
Sehen Sie, ich werde dafür sicherlich noch mehr brauchen,
als diesen Computer hier. Und er zeigte auf seinen kleinen
Laptop.
In Ordnung, Chuck, rufen Sie mich unter dieser Nummer an,
wenn Sie was rausgefunden haben. Und vielen Dank, Sie
wissen gar nicht wie sehr Sie mir damit helfen! Chuck
nickte und sah schüchtern auf den Schreibtisch, auf den Scully
ein kleines Notizblatt mit ihrer Handynummer gelegt hatte.
Er nahm all das Material an sich und verließ ihr Büro, wo sie
nun wieder auf sich allein gestellt war.
Dabei versuchte sie die ganze Zeit nicht daran zu denken, was
Mulder wohl gerade tat.
Etwa zur selben Zeit in der Nähe von Las
Vegas, Nevada
Mulder saß in dem Militärjeep und sah noch immer
unbehaglich an sich herunter. Er fühlte sich in der Uniform sehr
unsicher und die merkwürdigen Soldaten, die ihn am Flughafen
abgeholt hatten, konnten dieses Gefühl nicht gerade vertreiben.
Sie hatten seit er in den Jeep gestiegen war kein Wort
gesprochen. Sie starrten apathisch vor sich in die Leere während
sie durch die trockene staubige Wüste Nevadas fuhren. Es war
heiß hier und die Sonne brannte erbarmungslos auf die braun
gelben Felder um ihn herum. Hoffentlich würden sie bald da sein.
Er sah in die Ferne und versuchte eine Weile die Schönheit
dieser trockenen Wüstenei um ihn herum wahrzunehmen und all die
Ängste aus seinem Kopf zu verdrängen.
Er konnte den Schmerz kaum ertragen, den ihn die Vermutung
bereitete, dass er Scully nicht wieder sehen würde. Und seinen
Sohn niemals kennenlernen würde. Denn das Begrüßungskomitee am
Flughafen hatte ihm ziemlich deutlich gemacht, dass er auf
höchster Geheimhaltungsstufe in die dunkelsten Geheimnisse der
Regierung eingeführt werden würde. Niemand hatte bisher die
Area 51 so verlassen, wie er sie betreten hatte.
Man starb oder verlor seine Identität. Beides war für ihn
gleichwertig.
Was für ein Leben wäre das, in dem er ohne Scully sein müsste?
Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? Warum hatte er
zugelassen, dass er sich so in sie verliebte?
Es machte ihn schwach und alles andere schien so unwichtig zu
sein. Es war als würden sie beide in ihrem eigenen kleinen
Universum leben, das keine Grenzen kannte und außerhalb dessen
weder Raum noch Zeit, noch irdische Regeln und Bedrohungen
existierten.
Wie hatte ihm das passieren können? Er hatte immer die Kontrolle
behalten wenn es um Frauen ging, war immer der Überlegene
gewesen, der ungebundene Freigeist.
Und nun war es als wäre ein Teil von ihm mit dem Abschied von
ihr gestorben, als wäre er flügellahm.
Er hätte nie gedacht, dass es ihn so vollkommen einnehmen
würde.
Und doch, selbst wenn er es gewusst hätte, hätte er sich
dennoch dazu entschieden, sie zu küssen. Immer und immer wieder.
Denn allein für die wenigen Nächte, die sie bis jetzt zusammen
verbracht hatten, hatten sich all die Schmerzen gelohnt.
Was hatten sie die sieben Jahre zuvor verschwendet! Warum hatten
sie sich nicht schon früher das eingestanden, was sie die ganzen
Jahre immer verdrängt hatten? Warum hatten sie nie den Mut
gehabt aus den ewigen Flirts mehr zu machen?
Wo sie doch von Anfang an diese unheimliche intensive Spannung
zwischen sich gespürt hatten, so als würde die Luft, wo immer
sie beide in einem Raum waren, vibrieren. Manchmal war es so
unerträglich gewesen, dass sie angefangen hatten sich zu
streiten, um einen Teil dieser Energien abzubauen. Und manchmal
hatte er sie einfach berührt oder versucht, sie zum Lachen zu
bringen, für die eine Sekunde knisternder Elektrizität, die
dann jedes Mal durch seine Seele schoss.
Er wollte sie wieder sehen, doch er wusste es würde nur ein
Traum bleiben. Nun konnte er nur noch versuchen die Zukunft so zu
verändern, dass sie und ihr Sohn wenigstens ein Leben haben
würden.
Er wusste nicht, ob es eine Träne oder eine Schweißperle war,
als ihm etwas in der Sonne Glitzerndes über die Wange lief.
Zur selben Zeit in einem Zimmer 50 Meter unter der Erde
Der Mann mit den wässrigen grauen Augen saß schweigend in
seinem unbequemen Sessel hinter dem schweren Schreibtisch aus
dunklem Holz. Es war ein kleines Zimmer verglichen mit dem
Dienstgrad, den er trug. Doch er gehörte nun einmal nicht zur
selben Lobby wie die meisten hier. Also war er schon zufrieden
damit überhaupt ein Büro zu haben. Es war dunkel hier unten in
dem Zimmer mit den grauen Wänden und dem alten dunkelgrünen
Linoleum, aber es war eine Zuflucht vor der gnadenlosen heißen
Sonne da oben. Er hörte Rachmaninovs Fels. Wie
er es immer tat, wenn er nervös war.
Mulder würde gleich da sein. Hier hatten sie nichts bemerkt, sie
hielten ihn tatsächlich für Tanner. Obwohl Tanner seit drei
Monaten tot war. Aber so weit hatte er sein Verschwinden immer
gut vertuschen können und nun war er in Form von Mulder ja
zurückgekehrt und niemand würde Verdacht schöpfen. Tanner war
ein guter Soldat gewesen, aber er hatte auch nicht verhindern
können, dass der Raucher letztlich doch sterben musste. Krycek
hatte Tanner getötet, weil er erkannt hatte, dass dieser die
Seiten gewechselt hatte und nun gegen die Invasion arbeitete. Und
Mulder hatte Krycek umgebracht. Und genau das war der Grund,
warum er nun heute hierher kommen sollte.
Sie waren umzingelt und Mulder war seine einzige Hoffnung, er
selbst war nun der Einzige, der noch ernsthaft an die
Verschwörung glaubte und noch den Mut und den Willen hatte die
ganze Sache aufzuhalten.
Der Mann atmete tief durch und ließ dann einen Seufzer in den
Raum hineinfahren. Er schaltete die Musik aus und wartete in der
Dunkelheit, das kleine Röhrchen mit den winzigen Metallpartikeln
in seinen Fingern hin- und herrollend. Seine wässrigen grauen
Augen schienen mit dem Grau in seiner Umgebung zu verschmelzen.
Er wirkte fast transparent, so farblos und nichtssagend war seine
Erscheinung.
1 km entfernt
Mulder merkte wie er langsam müde wurde und sein Kopf immer
wieder nach vorne auf seine Brust fiel, so dass er jedes Mal
erschrocken zusammenzuckte und wieder wach wurde. Er sah wie
einer der steinernen Soldaten nach etwas in seiner Tasche kramte
und Blicke mit den anderen austauschte. Ehe er begriff was der
Soldat schließlich hervorholte, spürte er wie er von beiden
Seiten plötzlich festgehalten wurde und ihm der Soldat mit einer
blitzschnellen Bewegung eine kalte Nadel durch die Uniform in die
Schulter bohrte. Er fühlte etwas Kaltes unter seiner Haut und
ein Brennen und schrie auf, aus Wut und vor Schreck über diesen
unerwarteten feindlichen Angriff. Er wollte sich losreißen, doch
ihm brach kalter Schweiß auf der Stirn aus und die Welt begann
sich vor ihm in rasenden Kreisen zu drehen. Die Farben
verblassten und er merkte wie sein Kopf immer schwerer wurde und
schließlich auch das letzte Licht vor seinen Augen erlosch und
er das Bewusstsein verlor
Washington D.C., Kellerbüro des FBI
Scully trank noch den letzten Schluck Tomatensaft aus dem Becher.
Der Computer surrte leise und sie sah auf das kleine Geschenk,
das Mulder ihr gemacht hatte, bevor er sie verlassen hatte: Das
eingerahmte Ultraschallbild ihres Babys.
Zärtlich fuhr sie mit den Fingern darüber und versuchte selbst
zu erkennen, dass es ein Junge werden würde, doch auf diesem
Bild war das nicht zu sehen. Je länger sie darauf starrte, desto
weniger erkannte sie, desto mehr löste sich das Bild in weiße
Punkte auf schwarzem Untergrund auf.
Genau so ging es ihr zurzeit mit ihrem gesamten Leben. Es war
alles aufgelöst, hatte keine Formen mehr und sie konnte nicht
erkennen, worauf das hinauslaufen sollte. Mulder war weg, die
Welt geriet aus den Fugen und seit Tagen hatte sie so ein
merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, dass etwas Schlimmes
passieren würde.
Sie warf einen letzten Blick auf das Bild, fuhr all die Konturen
des Kindes ab, die kleinen Fingerchen und Zehen, die winzigen
Arme und Beine, die trotz ihrer Größe einfach nur perfekt
waren, das kleine Herz, dessen vier Hohlräume man schon deutlich
erkennen konnte und die winzige Stupsnase. Es schien ein
vollkommen gesundes Baby zu sein.
Doch plötzlich blieb ihr Blick an etwas hängen, das sie bisher
noch nicht bemerkt hatte. War sie nun von ihren eigenen
Nachforschungen schon selbst so benebelt und paranoid oder
erkannte sie darauf wirklich etwas? Sie holte eine Lupe aus ihrer
Schreibtischschublade und sah sich die Stelle genauer an. Ihr
Herz hörte auf zu schlagen und ihr Magen drehte sich um als sie
erkannte, dass direkt unter der Haut ihres Babys im Nacken eine
winzige weiße längliche Struktur zu erkennen war.
Es sah aus wie ein kleiner Knochensplitter unter der Nackenhaut.
Oder wie ein Chip.
Scully schluckte als sie spürte wie ihr der Tomatensaft hochkam.
Sie sprang auf, riss die Türe auf und rannte so schnell sie
konnte zur Toilette, doch wurde von einer großen Gestalt, die
sie im Halbdunkel des Kellerflurs nicht sofort erkannte,
gebremst.
Ist alles in Ordnung, Agent Scully? Assistant
Director Skinner sah besorgt auf die Agentin herab.
Sie wirkte aufgebracht und schien am ganzen Körper zu zittern.
Doch als sie ihn erkannt hatte, riss sie sich zusammen und
versteifte sich.
Ja Sir, mir geht es gut. Sie versuchte ihm mit festem
Blick in die Augen zu sehen, doch er konnte an ihrer bebenden
Augenbraue sehen, dass sie nicht die Wahrheit sagte.
Ich weiß, dass Agent Mulder weg ist und ich bin gekommen
um nach Ihnen zu sehen, weil mir nicht wohl dabei ist, dass Sie
hier unten den ganzen Tag alleine sind. Er griff ihr unter
den Arm und zog sie sanft aber bestimmt in das Büro. Als die
Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ließ er sie los und
sie wich irritiert ein paar Schritte vor ihm davon.
Ist sonst alles in Ordnung, Sir? In ihrer Stimme
schwang Ärger darüber mit, dass er sie so überrumpelt hatte.
Sie hasste es, wenn man sie bevormundete und besonders, wenn man
sie anfasste und einfach irgendwohin zog oder schob. Nur weil sie
so klein war hatte niemand das Recht sie umherzuschieben und sie
hatte das schon bei ihren Brüdern gehasst.
Sie verschränkte instinktiv die Arme vor der Brust als Skinner
wieder ein wenig auf sie zuging und sich etwas zu ihr
hinunterneigte. Er hielt ihr ein Stück Papier hin und senkte
seine Stimme.
Die sind überhaupt nicht erfreut darüber, dass die
Entführungsopfer bisher alle tot zurückgekehrt sind. In einer
Konferenz wurde heute Morgen das Thema X-Akten angesprochen und
außer mir gab es keinen einzigen Anderen, der der Meinung war,
Sie und Mulder würden hier unten auch nur in irgendeiner Form
zur Aufklärung irgendwelcher Fälle beitragen. Aber ich habe
hier eine Nachricht erhalten, dass nicht alle Entführungsopfer
tot zurückgekehrt sind. Sie müssen herausfinden, ob diese
Information verlässlich ist. Denn wenn Sie einen Beweis dafür
finden, dass Ihre Ermittlungen diese Person gerettet haben oder
die letzten paar Entführungsopfer lebendig zurückkehren, dann
kann Sie das dieses Mal vielleicht auch noch retten.
Er drückte Scully den Zettel in die Hand und hielt sie fest. Ihr
Blick fiel auf seine Hand, die ihre umfasste und dann wieder
hinauf in seine Augen, aus denen tiefste Sorge sprach.
Und dann möchte ich, dass Sie so schnell Sie können in
Mutterschutz gehen, Agent Scully, wir können es uns nicht
leisten, dass sie bei der Arbeit mit den X-Akten gesundheitlichen
Schaden erleiden. Das wäre für die ein gefundenes Fressen. Und
abgesehen davon würde ich es mir selbst nicht verzeihen können.
Versprechen Sie mir das?
Scully biss sich auf die Zunge, denn sie konnte ihm dieses
Versprechen nicht geben, doch sie gab einen leisen Ton von sich,
den er als Zustimmung deutete.
Er sah sie durchdringend an.
Er hatte die rothaarige Agentin vom ersten Tag an besonders
gemocht, doch seine Stellung hatte ihm immer verboten, sich ihr
in irgendeiner unangemessenen Form zu nähern und nun war ihm
Mulder zuvorgekommen. Das Baby machte sie nur noch hübscher in
seinen Augen, ihre Haare leuchteten wie Seide und sie strahlte so
viel Leben aus. Wäre sie nicht so blass, würde man ihr all die
Sorgen der letzten Jahre nicht ansehen können.
Doch er riss sich zusammen und ließ ihre Hand schließlich los,
um sich wieder in sein Büro über der Erdoberfläche
zurückzuziehen.
Scully war froh, dass Skinner ihre Hand losgelassen hatte, sie
hatte begonnen sich unwohl zu fühlen, irgendetwas in seinem
Blick hatte ihr Gänsehaut bereitet. Doch eine Frage brannte ihr
noch auf der Seele. Sir? Er drehte sich um, froh ihr
noch einmal in die blauen Augen sehen zu dürfen. Was ist
noch, Agent Scully? Darf ich fragen, woher Sie diese
Information hier haben? James Morgan hat mich
angerufen und mir einen Zeitungsartikel eines Lokalblatts per
e-Mail zukommen lassen. Es sieht fast so aus als hätten wir ihm
Unrecht getan. Scully war überrascht über diese Antwort
und nickte, während sie erneut den sauren Geschmack des
Tomatensafts herunterschluckte.
Sie hatte eindeutig genug von Tomatensaft!
Sie blickte wieder zurück zu ihrem Schreibtisch, den Zettel noch
immer fest in der Hand haltend. Doch bevor sie diese Person auf
dem Zettel kontaktieren konnte, musste sie noch eine Sache
klären.
Sie kramte in ihrer Tasche nach der Telefonnummer ihres
Frauenarztes und vereinbarte sofort einen Ultraschalltermin. Sie
musste Gewissheit haben, auch wenn es ihr wie ein Alptraum
vorkam.
In Nevada, 2 Stunden später
Mulders Kopf dröhnte und pochte als er wieder zu sich kam und
die grau-silberne Decke mit Belüftungslöchern über sich
erblickte. Er lag auf einer sehr harten Pritsche und war offenbar
allein. Er sprang auf, wobei er bemerkte, dass der Arm, in den
man ihm dieses Zeug gespritzt hatte, noch sehr wehtat. Er nahm
Schwung und trat wütend gegen eine Metalltür, bereute es jedoch
sofort, da sie ziemlich massiv war und sein Fuß sich anfühlte
als wolle er abfallen.
Er sah sich um während er sich auf die Zähne biss und den
Schmerz versuchte zu ignorieren. Der kleine Raum hatte keine
Fenster und außer der Pritsche stand nur ein einfacher
Schreibtisch in der Ecke. Eine Glühbirne hing von der Decke und
warf ein trübes Licht in den unpersönlichen durch und durch mit
Metall ausgekleideten Raum. Immerhin waren die Wände nicht aus
Gummi, was Mulder irgendwie beruhigte.
Hey, ist da draußen jemand??? rief er mit einer
gehörigen Portion Zorn in der Stimme durch die dicke Metalltür
hinaus, in der Hoffnung jemand würde ihn hören.
Da ihm niemand antwortete, drehte er sich um, die Hände hinter
dem Kopf verschränkend. Wo war er hier überhaupt? Er vermutete,
dass er irgendwo in der Area 51 war, aber er hatte überhaupt
keine Orientierung ob er über der Erde, unter der Erde,
nördlich, südlich, westlich oder östlich von dort war, wo er
das Bewusstsein verloren hatte.
Plötzlich ging die Tür auf und zwei Soldaten kamen herein, die
ihn sofort unter den Armen packten und aus dem Zimmer heraus in
einen langen dunklen Gang schleiften bis sie an einen Aufzug
kamen.
Na, das ist ja mal ein Service! entfuhr es Mulder
bissig, der versuchte sich aus dem harten Griff der Soldaten zu
lösen, doch diese ließen nicht locker. Erst als die Aufzugtüre
ein paar Stockwerke tiefer wieder aufging, ließen sie ihn los.
Einer lief ihm voraus und der andere folgte ihm, während sie nun
einen vollkommen anderen Gang entlangliefen. Dieser Gang war hell
erleuchtet, die Wände waren glänzend weiß und am Boden waren
alle 5 Meter leuchtend blaue Exit-Markierungen
angebracht. Mulder fragte sich wo hier mehrere Meter unter der
Erde ein Notausgang hinführen sollte.
Über ihren Köpfen waren überall Kameras und Rauchmelder
angebracht und die glänzenden und vollkommen glatten weißen
Wände wurden von Milchglaseinsätzen durchbrochen. Man konnte
nicht hindurchsehen, aber es sah aus als wären es Türen, die
Konferenzräume verbargen. Denn neben jedem Glas hing ein kleines
Infrarotfeld, vermutlich für die biometrische Identifikation
desjenigen, der durch diese Tür eintreten wollte. Einige
Milchglasfronten waren dicker, vermutlich befanden sich weitere
Gänge oder Labors dahinter.
Doch die Soldaten marschierten so schnell voran, dass Mulder
keine Zeit blieb sich näher umzusehen. Am Ende des Ganges
öffnete sich eine weitere Milchglastür und sie stiegen eine
Stein-Treppe hinauf, die hinter einer schweren Betontür in einen
neuen wieder dunkleren Gang führte, der Mulder an einen
Bürokomplex aus den 50er Jahren erinnerte. Es war als wäre
dieses Gebäude im Laufe der Jahrzehnte ständig erneuert und
durch Anbauten vergrößert worden, denn jeder Flur sah hier
vollkommen anders aus. Hier waren die Wände aus hellbraunem Holz
und der Boden war aus dunkelgrünem Linoleum und es roch muffig.
Doch sie waren schließlich am Ende angekommen und die Soldaten
öffneten Mulder eine Tür und zogen sich dann zurück. Mulders
Augen mussten sich an das düstere Licht in diesem Zimmer
gewöhnen. Er konnte außer einem schweren massiven Schreibtisch
nicht viel sehen, denn nur eine kleine Schreibtischlampe aus Glas
mit dunkelgrünem Schliff erhellte den großen Raum. Zwei
dunkelbraune Ledersessel standen vor dem Schreibtisch und an der
grauen Wand dahinter hing ein Plasmabildschirm, auf dem ein
Bildschirmschoner hin und herflimmerte.
Es war ein groteskes Bild mitten in dieser muffigen Umgebung ein
High Tech Gerät zu sehen. Denn sonst war hier alles dunkel und
bedrückend.
Schön, dass Sie hier sind, Agent Mulder!
Mulder fuhr herum, er hatte niemanden sehen können, doch nun
erkannte er in der Ecke einen grauen Mann, der immer näher auf
ihn zukam. Als der schwache Lichtschein der kleinen Lampe auf ihn
fiel, erkannte Mulder den Mann aus New York wieder.
Ich dachte, ich hätte 1.Klasse gebucht, aber bisher war
dieser Urlaub wenig entspannend für mich, warf er dem
grauen Mann vor.
Ich weiß Agent Mulder, aber die Umstände erlaubten kein
anderes Prozedere, ich hoffe, Sie sind immer noch interessiert an
dem, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Noch können Sie wählen,
denn nach unserem Gespräch wird es für Sie keine Welt mehr da
draußen geben.
Mulder war überrascht, dass der Graue direkt mit der Tür ins
Haus fiel. Sie denken wohl, dieses CIA-Gequatsche
schüchtert mich ein! Er konnte ebenso direkt sein wie
dieser fremde Mann vor ihm. Aber in Wahrheit fühlte er sich
unwohl, denn seine Befürchtungen, diese Reise wäre für ihn
eine Einbahnstraße, schienen sich nun zu bestätigen. Im Inneren
krampfte sich sein Magen zusammen und seine Knie wurden weich.
Bitte Agent Mulder, lassen Sie doch den Zynismus, es gibt
weiß Gott genug davon in unseren Kreisen.
Der Mann wirkte vollkommen unbeeindruckt von Mulders
Aggressivität und wirkte fast flehend, als er mit dem Arm auf
einen der Sessel deutete, die vor dem Schreibtisch standen. Doch
Mulder war nicht zu bremsen. Er war nicht den ganzen Weg gereist
und hatte sich eine Metallspitze in den Arm bohren lassen um hier
diplomatische Verhandlungen zu führen. Er war hier um endlich
Antworten zu finden.
Er stürzte auf den Mann zu und packte ihn am Hemdkragen. Nein,
Sie hören verdammt noch mal mit Ihrem Spielchen auf, es ist
nämlich nicht besonders komisch. Sagen Sie mir gefälligst, was
Sie von mir wollen und mit wem Sie zusammenarbeiten!" Er
fügte etwas resigniert hinzu:"Ich hab keine Lust auf ein
nettes Pläuschchen!
Der Graue blieb noch immer ruhig, wenn auch Mulders Impulsivität
überraschend für ihn war.
Agent Mulder, bitte, wir sind doch beide erwachsen. Ich
habe überhaupt nicht vor Sie zu belügen, ich möchte nur sicher
gehen, dass Sie das hier auch wirklich wollen. Sie werden dieses
Gelände nämlich nicht als der verlassen, als der Sie gekommen
sind. Na prima, ich finde nämlich nicht, dass der
Name Tanner sehr zu mir passt! blaffte Mulder erneut
zurück. Doch er merkte, dass er so nicht weit kommen würde und
versuchte sich zu beruhigen. Sein Griff lockerte sich und er
ließ den Mann mit den wässrigen grauen Augen schließlich los.
Der klopfte sich etwas betreten die Falten aus seinem Hemd, die
Mulders Griff dort hinterlassen hatte und atmete auf. Nun konnte
es endlich losgehen!
Mulder warf sich wie ein rebellischer Teenager in den Sessel, er
hatte eingesehen, dass er mit seinem Temperament zu weit gegangen
war und dieser graue Herr nicht im Geringsten vom selben Kaliber
war wie der Rest dieses ekelerregenden Regierungs-Vereins. Er war
nicht hierher gekommen, um Unruhe zu stiften, er wollte
Antworten.
Doch er wusste nicht wieviel Unruhe er in Wirklichkeit schon
längst gestiftet hatte. Er wusste nicht, dass viele Stockwerke
über ihm in einem kleinen Hochsicherheitslabor ein winziger
Alarm losgegangen war, der nach und nach jeden Computer auf der
Area 51 über die Gefahr informierte und schleichend eine
Katastrophe einleitete, von der nicht einmal der graue Mann etwas
ahnte.
Der graue Mann atmete auf.
Na endlich, jetzt können wir uns wie zivilisierte Menschen
unterhalten. Ich wurde schon vor ihrem Temperament gewarnt, aber
so hatte ich es nicht eingeschätzt. Mulder sah ihn
irritiert an.
Von wem? Mit wem haben Sie gesprochen? Sind Sie etwa auch
einer aus diesem Altherren-Club? Mulder spürte wieder die
Wut in sich hoch kochen als er darüber nachdachte, dass dieser
Mann ihm gegenüber wahrscheinlich zu dem Konsortium gehörte,
das seine Schwester auf dem Gewissen hatte, das ihn entführt
hatte und Scully all das angetan hatte und er wollte sich schon
wieder aus dem Sessel erheben als der graue Mann ihm sanft seine
Hand auf die Schulter legte. Bitte, Mr. Mulder! Schenken
Sie mir eine Minute. Als er sah, dass Mulder sich dazu
bereiterklärte und ihn auffordernd ansah, ging er hinter seinen
Schreibtisch und setzte sich hin. Er holte tief Luft. (Ihr
solltet das jetzt auch tun...)
Ich gebe zu, ich habe mit diesen Männern lange
zusammengearbeitet und ihre Mittel, mit gewissen Bedrohungen
umzugehen, waren sicherlich nicht immer optimal. Aber
eines ist mir seit dem Ende dieser Interessengemeinschaft
klargeworden: Wenn wir nichts dagegen unternehmen, tut es keiner
und wir laufen ins offene Messer. Und eine Sklavenrasse, die von
den Menschen geleitet wird, ist noch immer besser als eine von
Aliens kreierte, finden Sie nicht, Mr. Mulder?
Mulders Gesichtsausdruck war kalt und unbewegt. Seine Hände
waren zu Fäusten in seinem Schoß geballt und seine Kaumuskeln
waren angespannt.
Der Mann ihm gegenüber schlug die Augen nieder und sah auf seine
Hände. Nun ja, ich sehe, ie sehen das anders. Sie sind
Idealist. Und das ist auch der Grund, warum Sie heute hier sind.
Aber die Sache ist die: Wenn wir jetzt nichts unternehmen und
nicht die letzten Kooperationen mit Japan und Kanada
wiederaufnehmen, dann wird das, wovor Sie sich genauso fürchten
wie ich, wesentlich früher eintreten als vermutet.
Mulder biss sich auf die Lippen. Er riss sich zusammen und wollte
sich zuerst anhören, was dieser Graue ihm zu sagen hatte, bevor
er sein Angebot ablehnte. Der Mann holte aus einem Schrank in
seinem Schreibtisch zwei Gläser hervor, ließ Eiswürfel
hineinklirren und goss sich aus einer Flasche Gin etwas ein. Er
nickte Mulder zu und bot ihm ebenfalls etwas an.
Nein, trinken Sie ohne mich, Sie werden es nötiger haben
als ich", antwortete er bissig. Die Wut bebte noch immer in
seiner Stimme mit.
Ich habe Sie und Miss Scully schon eine ganze Weile im
Visier, weil mir der Raucher vor seinem Tod anvertraut hat, dass
Sie uns eines Tages noch eine große Hilfe sein würden. Ich
weiß, Sie und der Raucher hatten einige Differenzen. Aber sie
müssen wissen, dass er immer einer der überzeugtesten Kämpfer
für das Gute gewesen ist, die ganze Zeit. Nur wenn man so
lange in der Regierung arbeitet, ist es schwer für das Gute
einzustehen, ohne letztlich die Mittel des Bösen einzusetzen.
Mulder grinste. Ja, das ist mir seit Präsident Bush auch
klargeworden.
Lassen Sie doch bitte die Witze, Agent Mulder. Was ich
sagen will ist, dass der Raucher Sie und Miss Scully immer in
Schutz genommen hat, weil er und Ihr Vater vor langer Zeit eine
Abmachung getroffen hatten." Er hielt kurz inne um einen
Schluck zu trinken und sah Mulder über den Glasrand prüfend an.
"Sie waren Teil einer Gruppe von Kindern, an denen in den
60ern Experimente durchgeführt wurden. Sie und Ihre Schwester.
Weil Sie aber besser auf die Impfungen reagiert haben, hat man
schließlich Ihre Schwester den Invasoren als Pfand übergeben um
Ihre weitere Entwicklung beobachten und steuern zu können
.
Mulder stand auf. Er konnte nicht sitzen bleiben bei der
Richtung, die das Gespräch nun plötzlich einschlug. Er atmete
tief durch um nicht wieder die Beherrschung zu verlieren und
fragte geduldig aber dennoch ziemlich gereizt nach. Woher
weiß ich, dass Sie mir hier nicht irgendwelche Märchen
auftischen um mich auf Ihre Seite zu ziehen? Der Graue
hatte auf diese Frage gewartet und holte das Röhrchen mit den
Metallpartikeln hervor. Er sah Mulder mit seinen nun fast silbern
schimmernden Augen fest an. Sind Sie sicher, dass Sie der
Wahrheit Ihre Freiheit opfern wollen? Doch Mulder war es in
diesem Augenblick egal, was nach diesem Gespräch mit ihm
geschah, er war so nah dran, das spürte er, also nickte er fast
unmerklich und hielt dem durchdringenden Blick des Mannes stand.
Also klappte dieser aus seiner Schreibtischschublade ein Keyboard
heraus und aktivierte den Bildschirm, über den er auf ein
riesiges Informationsarchiv zugreifen konnte. Er fuhr mit einem
Laserpointer über eingescannte Formulare, die auf dem Bildschirm
erschienen und alle zwischen 1965 und 1975 ausgestellt worden
waren.
Das hier, Mr. Mulder, sind die Impfformulare, die die
Regierung damals den Ärzten zur Durchführung der
Kinderimpfungen zur Verfügung gestellt hat. Sie sehen alle
Impfungen darauf, die jedes Kind auch heute noch erhält. Mit dem
Unterschied, dass in der untersten Zeile noch ein weiterer
Vermerk mit einem Stempel und einer Seriennummer steht. PC
beta 2/65 Die Eltern wurden damals darüber aufgeklärt,
dass es sich um eine Studie zur Pockenimpfung handelte, doch in
Wahrheit war das das erste Purity Control Programm, das die
Regierung in jedem Bundesstaat in ausgewählten Städten an
randomisierten, gleichgroßen Versuchsgruppen durchgeführt hat.
Sie, Mr. Mulder waren eines der Kinder in diesen Versuchsgruppen.
Sie bekamen damals im Rahmen ihrer Kinderimpfungen noch einen
weiteren Cocktail gespritzt.
Er griff nach dem Röhrchen mit den Metallpartikeln.
Einen Cocktail, der Nährlösungen sowie eine inaktive Form
des schwarzen Krebs enthielt. Ziel war es den Körper langfristig
gegen das Alien-Virus zu immunisieren. Jedes Kind, das damals in
dieses Programm aufgenommen wurde, wurde sorgfältig ausgesucht
und bekam kurz nach der Geburt einen Chip implantiert, der
später Nanobots produzieren sollte, die bei Kontakt mit Purity
den Körper schützen sollten. So wäre es möglich gewesen,
Purity auf DNA-Ebene innerhalb unseres Körpers zu steuern und
für unsere eigenen Zwecke zu nutzen. Die Technologie hat sich
ständig verbessert und während des Kalten Krieges hat sie
wahrlich einen Boom erlebt, der letztlich zu einer Perfektion der
Chiptechnologie geführt hat. Es sah fast so aus, als würde der
Plan, den fast alle Länder der NATO unterzeichnet hatten,
funktionieren: Dass auf lange Sicht eine neue Menschenrasse
kreiert wird. Ein Alien-Mensch-Hybrid, mit all den genetischen
Vorteilen eines Aliens, der von unserer Regierung jederzeit
gesteuert werden kann um letztlich die Invasoren in einem finalen
Kampf zu besiegen. Um die Invasoren bei Laune zu halten,
forschten wir selbstverständlich, wie es die Abmachung mit ihnen
vorschrieb, auch daran herum eine Sklavenrasse für sie zu
erschaffen, doch zugleich konnten wir die daraus gewonnenen
Erkenntnisse dafür nutzen, unsere eigene Sklavenrasse zu
schöpfen, die niemandem gehorchen sollte, außer uns selbst. Und
dafür brauchten wir eine Generation junger Männer und Frauen,
die immun gegen Purity war.
Doch so vielversprechend die Experimente in den 70ern angefangen
hatten, so herber war die Enttäuschung, als letztlich doch mit
dem Erwachsenenalter all dieser Kinder auch die Immunität
verloren ging. Sämtliche Probanden sind an den Folgen der Tests
gestorben oder haben schwere Krankheiten erlitten. Und dann kamen
Sie. Sie wurden nicht nur in Russland mit Purity infiziert,
sondern Sie hatten auch direkten Kontakt mit Ausserirdischen und
dennoch sitzen Sie heute lebendig vor mir. Wir haben Ihre
Immunität natürlich in dem Chip vermutet, den wir Ihnen als
Kind eingepflanzt haben, doch als der Raucher ihn letztes Jahr
entfernen ließ, mussten wir feststellen, dass er inaktiviert
war. Auch die Nanobots in Ihrem Blut waren damals inaktiv. Und da
stellt sich uns nun die Frage: Wie ist das möglich? Wie ist es
möglich, dass Sie ohne diesen Chip, ohne die Nanotechnologie
gegen Purity II immun sind?
Mulder schluckte, versuchte jedoch unbeeindruckt auszusehen. Er
wollte nicht schwach erscheinen, wollte nicht, dass sein
Gegenüber sah wie sehr ihn all diese Neuigkeiten, die er zwar
immer irgendwo vermutet hatte, aber nie hatte beweisen können,
aus der Bahn warfen. Zweifel kamen auf. Köderte ihn der Graue
nur mit diesen Informationen? Waren sie alle gefälscht? Die Welt
in seinem Kopf schien zusammenzustürzen und er fühlte den
Wirbelsturm, der in seinem Inneren alles, was ihm bisher vertraut
gewesen war, verwehte und zerstörte. Sein Körper wollte ihm
nicht gehorchen, doch er riss sich zusammen, als er aufstand und
sich über den Tisch lehnte und diesem Mann, der ihm all diese
Dinge erzählte, als säßen sie bei einem Kaffekränzchen, die
Worte nahezu ins Gesicht spie.
Ich glaube Ihnen kein Wort! Für einen Mann wie Sie sind
solche Beweise doch leicht zu fälschen. Nennen Sie mir einen
Grund, warum ich Ihnen vertrauen sollte!
Aber eigentlich schauderte ihm bei dem Gedanken noch mehr
Wahrheiten herauszufinden. Er merkte plötzlich wie herrlich
bequem Unwissenheit sein konnte. Doch er hatte diesen Kurs
eingeschlagen und musste nun weitermachen.
Weil Sie keine andere Wahl haben. Vor zehn Jahren war das
vielleicht noch ein nettes Katz-und-Maus-Spiel für Sie und die
Herren des Konsortiums, doch heute ist die Bedrohung Realität
geworden. Fox, begreifen Sie endlich, dass der Feind, den Sie all
die Jahre bekämpft haben, derselbe ist, dem wir ebenfalls
trotzen wollen! Begreifen Sie denn nicht, dass es in diesem Kampf
nicht um Gut und Böse geht, sondern um das blanke Überleben
unserer Spezies? Mulder trat einen Schritt zurück und
verschränkte die Arme vor der Brust. Das ist eben genau
das, was Sie nicht begreifen wollen. Wir beide kämpfen nicht
für dieselbe Sache. Denn der Feind, den Sie so fürchten, ist
nicht der Feind, den ich fürchte. Ich fürchte nicht den Sieg
der Invasoren auf diesem Planeten. Was ich fürchte, ist der
Verrat der Menschheit an sich selbst. Ich fürchte die Lügen,
die Sie und Ihr Diplomatenclub den unschuldigen Menschen da
draußen über fünfzig Jahre lang aufgetischt haben. Ich
fürchte das Böse, das in uns wohnt, nicht das, was uns von da
draußen bedroht. Eine Welt, in der Männer wie Sie Menschen
züchten, um sie militärisch einzusetzen, in welchem Krieg auch
immer, ist keine Welt - wie ich sie meinem Sohn hinterlassen
will!
Mulders Stimme war während der letzten Sätze so laut geworden,
dass der Raum nun, da er vollkommen außer Atem schwieg, still
und unheimlich schien wie die Natur nach einem lauten Gewitter.
Der graue Herr am Schreibtisch rutschte auf seinem Sitz hin und
her, Mulders Ausbruch hatte ihn sichtlich aus der Fassung
gebracht, doch er war zu lange in diesen Gemäuern gewesen, als
dass er sich das allzu sehr zu Herzen nehmen konnte. Er stand
langsam auf und funkelte Mulder an.
Mr. Mulder, glauben Sie etwa, ich hätte vor 25 Jahren
meine Verlobte auf dem College sitzen lassen um den Lügen zu
dienen? Glauben Sie, ich hätte meinen Eltern für immer Lebwohl
gesagt, meinen Namen abgelegt und meine Freunde vergessen, mitten
im Kalten Krieg, nur um dem Bösen zu dienen? Glauben Sie, ich
wäre nicht ebenso idealistisch gewesen wie Sie? Doch ich habe
tausendmal mehr Wahrheiten erfahren, habe sehr viel mehr über
die Menschen gelernt, um zu wissen, dass es ein sinnloses
Unterfangen ist für das Gute zu kämpfen, denn es wird immer dem
Bösen unterlegen sein, wenn es um Macht geht. Doch was ich auch
gesehen habe, ist diese Macht da draußen, die mit ihren
Heerscharen nur darauf wartet auf unserem Planeten eine tödliche
schwarze Vernichtung einzuleiten, um uns hier bis in die Ewigkeit
in Sklaverei zu halten. Woran immer Sie geglaubt haben, Mulder,
ich habe daran auch geglaubt. Doch ich musste erkennen, dass der
Gott, von dem ich gedacht hatte, er hätte uns erschaffen und sei
die gute Kraft, die durch alles hindurchsegnet, dass dieser Gott
in Wahrheit das Grauen ist, das uns von dort oben bedroht, dass
uns zwar erschaffen hat, uns aber auch zu jeder Zeit auslöschen
kann. Und heute ist mir klar, dass kein menschlicher Plan so
vernichtend und grausam ist, wie der Plan dieser Invasoren dort
draußen.
Er stand direkt vor Mulder und umfasste mit seiner kalten Hand
sein Handgelenk. Bitte, Fox, Sie müssen uns helfen, Sie
sind unsere letzte Hoffnung.
Mulder schluckte, diese Worte hatten ihn mitten in sein Herz
getroffen und er fühlte wie sein Kinn leicht zitterte. Er biss
die Zähne aufeinander und schluckte den Kloß in seinem Hals
herunter. Ein vorsichtiger Augenschlag löste den feuchten Film,
der sich vor Aufregung über seine brennenden Augen gelegt hatte
und er fühlte wie die Tränen in seinen Wimpern hingen und nicht
hinabzufallen wagten. Er war am Ende seines Kreuzzugs angekommen
und nun musste er sich entscheiden.
Sagen Sie mir, was ich tun muss! Er löste seine Hand
aus dem Griff des Mannes und ließ sich von den Soldaten, die der
Graue über das Keyboard auf seinem Schreibtisch orderte, abholen
und durch endlose Flure in eine neue Welt begleiten. In eine
Welt, in der es unmöglich wurde, noch an die Wirklichkeit, wie
die Menschen da draußen sie kannten, zu glauben.
Zwei Stunden später in Washington D.C.
Scully saß im Auto und war auf dem Nachhauseweg, als sie
sich entschied Mulders Fische zu füttern. Die hatte sie fast
vergessen!
Ihr Kopf platzte fast von all den Gedanken, die sie sich während
der vergangenen 24 Stunden gemacht hatte. Ihr Arzt hatte für sie
noch einen Termin vereinbaren können, doch ihr Verdacht im
Nacken ihres Babys könne ein Chip sein hatte sich nicht
bestätigt. Allerdings war da tatsächlich eine Auffälligkeit in
seinem Nacken. Eine Verdickung direkt über der Wirbelsäule.
Aber anhand des Ultraschallbildes konnte man nur Vermutungen
anstellen. Es konnte eine Missbildung sein, ein Neuralrohrdefekt,
eine Kleinhirnfehlbildung, ein Tumor. Sie würden es erst
herausfinden, wenn das Baby ersteinmal da war.
Sie seufzte und schluckte schwer. Wie gerne würde sie dieses
Baby lieben, ihm all die Zärtlichkeiten zeigen, die sie für es
empfand! Wie gerne würde sie mit ihm reden, sich abends hinlegen
und sich dabei wohlfühlen, wenn es sich in ihr bewegte. Doch
stattdessen fühlte sie Angst bei jeder Bewegung. Sie versuchte
so sehr Muttergefühle zu entwickeln, dass es wahrscheinlich
gerade deswegen nicht klappte. Vielleicht sollte sie einfach
akzeptieren, dass es nicht ging und hoffen, dass sie das Baby
lieben würde, wenn es in ihren Armen lag.
Sie stieg aus dem Wagen aus und ging auf das Gebäude zu, in dem
Mulders Wohnung war.
Sie merkte nicht, dass ihr die ganze Zeit in sicherem Abstand ein
dunkelgrüner Ford gefolgt war, der nun an ihr vorbeirauschte als
sie zu Mulders Appartment ging. Hinter den getönten Scheiben
erkannte man einen jungen Mann, der ausdruckslos hinter der
rothaarigen Frau hersah. Dicke schwere Regentropfen fielen aus
dem Himmel, der so schwarz war als gäbe es keine Sonne.
Als sie die Tür mit der 42 öffnete, strömte ihr der
wohlbekannte süßliche, sanfte Mulder-Duft in die Nase und ihr
Herz klopfte in ihrer Brust. Aber sie wusste sie würde ihn hier
nicht vorfinden und ignorierte all die Schmetterlinge in ihrem
Bauch während sie zielstrebig nach dem Fischfutter griff. Als
sie den Deckel abgeschraubt hatte, spürte sie wie ihr Herz
wieder stärker klopfte.
Da war ein Zettel zusammengefaltet zwischen dem Fischpulver.
Scully zog ihn vorsichtig heraus, klopfte das Futter ab und
entfaltete das Papier.
Dana, ich wusste, dass Du meine Fische nicht im Stich
lassen würdest!
Bitte verzeih mir, dass ich Dich nun allein lasse, aber Du wirst
sehen, dass es die einzige Möglichkeit ist, dass alles ein gutes
Ende nehmen wird. Wo immer ich auch sein werde und was immer die
Wahrheit mich kosten wird, ich möchte, dass Du weißt, dass ich
Dich immer lieben werde.
Die Zeit mit Dir war die einzige Zeit in meinem Leben, die bisher
nicht verschwendet war und es schmerzt mich so sehr, nicht bei
Dir und unserem Kind sein zu können, doch ich werde alles dafür
tun, dass Ihr beide eine sichere Zukunft habt. Bitte verzeih mir,
dass ich Euch verlassen muss,
Mulder.
P.S. Und achte darauf, dass es, wenn es ein Junge wird, ein
Knicks Fan wird!
Scully lachte bei dem letzten Satz, während ihr eine Träne
über das Gesicht lief und salzig schmeckend ihre Lippen
benetzte. Er hatte gewusst, dass er nicht zurückkehren würde!
Er hatte es so geplant! Warum war er nicht ehrlich zu ihr
gewesen? Ihre Seele schrie stumm durch ihren hohlen Körper
hindurch und in ihrem Herzen hallte der Schrei anklagend wider.
Sie hielt die Hand vor den Mund um nicht laut aufzuschluchzen,
denn dieser Brief gab ihr nun Gewissheit, dass sie ihn nie wieder
sehen würde. Er hatte sich klar entschieden zu gehen und all das
hier hinter sich zu lassen. Sie wusste, er hatte dafür einen
Grund, doch sie wollte ihn nicht einsehen, wollte nicht
wahrhaben, dass er diesen Weg wirklich ohne sie gehen wollte.
Ihre Hände stützten sich am kühlen Glas des Aquariums ab und
sie lehnte den Kopf gegen das Regal, in dem das Aquarium stand,
damit sie nicht umfiel. Sie schloss die Augen und versuchte ein
Gesicht vor sich zu sehen, versuchte an ihren Fingerspitzen seine
Haut zu fühlen und seinen Duft einzuatmen. Ihre Zunge versuchte
auf ihren Lippen noch seinen Geschmack zu spüren und sie
versuchte sich vorzustellen, wie er sie in den Arm nahm und an
sich zog. Sie wollte all diese Dinge für immer in ihrer
Erinnerung behalten, wollte, dass ihr ungeborenes Kind es fühlte
so lange es noch ein Teil von ihr war.
Doch zwischen all den Schmerzen und der Liebe keimte auch Zorn in
ihr auf. Der egoistische Zorn eines liebenden Menschen, der den
Anderen so sehr vermisste, dass alles andere verblasste und
seinen Wert verlor. Sie biss sich auf die Lippen und klammerte
ihre Hände um die Stangen des Regals, denn sie wollte nicht
weinen, sie hatte seinetwegen schon so viele Tränen vergossen
und sie musste seine Entscheidung akzeptieren und weitermachen.
Aber trotz all der Wut auf ihn, der sie mit ihrem Kind und all
den Fragen und Ungewissheiten alleine gelassen hatte, konnte sie
nicht alle Tränen zurückhalten und so blieb sie vor dem
Aquarium stehen, in dem die Fische unbeeindruckt vor sich
hindümpelten, und hielt ihren Kopf gegen sein Regal gestützt,
während ihr Herz zerbrach, weil sie das verloren hatte, was sie
gerade erst vor so kurzer Zeit gewonnen hatte.
Zwei Tage später irgendwo in Nevada
Mulder schlug seinen Kopf immer wieder ganz leicht gegen die
Wand. Das monotone Geräusch beruhigte ihn. Denn es vertrieb die
quälenden Gedanken, die ihn seit nunmehr 24 Stunden wachhielten.
Der Graue, der sich ihm immer noch nicht vorgestellt hatte, hatte
ihn durch einen Teil der Area 51 geführt und ihm Dokumente und
Laboratorien gezeigt, die all die Beweise enthielten, die Mulder
schon seit seiner Kindheit irgendwo hinter verschlossenen Türen
vermutet hatte. Es waren Beweise, die nur im Zusammenhang einen
Sinn ergaben und er, der nur Bruchstücke in den ganzen Jahren zu
Gesicht bekommen hatte, hatte sich nie einen Reim daraus machen
können.
Doch nun verstand er. Er verstand, dass die
Regierungsverschwörung, die er seit seiner Zeit beim FBI
versucht hatte zu bekämpfen, tatsächlich schon seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges mit Außerirdischen Geschäfte gemacht
hatte um sich selbst freizukaufen, um der Menschheit einen Ausweg
zu schaffen. Er hatte erfahren wozu die Raumfahrtprogramme der
Sechziger wirklich genutzt worden waren, was hinter all den
Phänomenen steckte, die er jahrelang zu begreifen versucht
hatte. Er hatte den Ursprung der Nazcar Linien verstanden,
hatte die Versuchsergebnisse sämtlicher Tests mit eigenen Augen
gesehen, hatte Dokumente gesichtet, die eine Zusammenarbeit der
Nationalsozialisten mit Außerirdischen Siedlern belegten, er
hatte die chemische Zusammensetzung von Purity gesehen, so weit
sie mit irdischen Formeln beschrieben werden konnte, er hatte
Einsicht in die kleinste Informationseinheit eines dieser Chips
erhalten, er hatte die zahlreichen internationalen Verträge
gesehen, die zum Austausch verschiedenster Forschungsergebnisse
unter den G7 und später auch mit Russland abgeschlossen worden
waren. Und er hatte die Datenbank gesehen, in der sich die
DNA-Proben aller jemals von der Regierung entführten Menschen
befanden. Sie war unsagbar riesig.
Es war unvorstellbar wie viel man ihm gezeigt hatte. Und doch war
es möglich gewesen. Weil er hier nie wieder herauskommen würde.
Und weil man ihm alles in kleinen Häppchen zubereitet hatte. Es
waren ohnehin zu viele Beweise an diesem Ort, als dass er
wirklich verstehen konnte welch großes Ausmaß diese Sache
hatte.
Es war mehr als eine globale Bedrohung. Diese außerirdische
Macht war das lpha und das Omega der Menschheit.
Er war vollkommen überfordert, so unsagbar groß hatte er sich
diese Zwischenwelt nicht vorgestellt. Die Wahrheit, die
sogenannte Realität, die er und all die Menschen da draußen die
letzten Jahre gesehen hatten, waren nichts als Ablenkungsmanöver
gewesen. Die gesamte Geschichte der Neuzeit war ein einziges
Täuschungsmanöver um die Öffentlichkeit abzulenken von dem,
was im Kern vor sich ging. Es war paranoid, doch zum ersten Mal
wusste Mulder, dass er nicht verrückt war. Er hatte es die ganze
Zeit gewusst, von dem Moment an, als man ihm Samantha genommen
hatte und es war seit diesem Augenblick sein einziges Ziel
gewesen und nun war sein einziges Ziel die beiden Menschen zu
retten, die er am meisten liebte.
Die ganze Nacht hatte er wach gelegen und darüber nachgedacht,
was nun auf ihn zukam. Denn der Graue verlangte mehr als nur
seine Identität von ihm. Um an den Schlüssel für seine
Immunität zu kommen würden Experimente an ihm nötig sein.
Experimente, die ihn unter Umständen das Leben kosten würden.
Doch er wusste, er musste sich opfern, denn sonst kannte er nur
einen anderen Menschen auf der Welt, der seine Immunität
vermutlich ebenfalls in sich trug und das war ihr Kind und so
lange Scully es noch in sich trug war auch sie in Gefahr.
Er wusste, der Schlüssel zu seiner Immunität würde denen auch
zugleich ein Mittel liefern, die menschliche Sklavenrasse zu
perfektionieren, doch es war zu diesem Zeitpunkt der einzige
Ausweg.
Denn niemand wusste genau, was sie alle erwarten würde, wenn die
Invasoren erst einmal da waren. Sicherlich hatten sie sich nicht
fünfzig Jahre lang die Arbeit gemacht mit den Menschen zu
verhandeln, wenn sie sie letztlich nur auslöschen wollten.
Hinzu kam, dass die noch gar nicht wussten, dass er die Nanobots
längst abgestoßen hatte. Und Teile seiner DNA. Er war immun,
aber er war nicht steuerbar. Er war frei. Er wusste, er trug in
sich eine Wahrheit, die hier unten alle fürchteten. Denn nicht
nur einmal war ihm aufgefallen wie die Soldaten, die hier unten
alles bewachten, fast unmerklich vor ihm zurückgezuckt waren,
wenn er ihnen zu nahe gekommen war.
Doch er war sich dieser Wahrheit in ihm selbst so unsicher, dass
er nicht wusste, ob sie ihm das Genick brechen würde oder ihm
das Leben retten würde.
12.45 Uhr am selben Tag, Washington D.C.
Scully schlürfte gerade den Milchschaum von ihrem koffeinfreien
Cappuchino und setzte sich ins Fenster. Sie liebte ihre
Mittagspausen. Auch wenn sie sie sonst mit Mulder verbrachte,
konnte sie sie auch alleine genießen. Sie blickte aus dem
Fenster des kleinen Starbucks Coffees auf die Wisconsin
Avenue in Georgetown. Auch wenn sie immer quer durch die halbe
Innenstadt fahren musste, kam sie so oft sie konnte hierher. Sie
liebte Georgetown. Immerhin hatte sie hier eine Weile studiert
und sie liebte das europäische Flair.
Doch heute war etwas anders. Das Licht war nicht so wie sonst. Es
war unwirklich. Die Sonne schien, doch es war als schien sie
durch einen grauen Schleier hindurch und doch war keine Wolke am
Himmel.
Scully zuckte mit den Achseln. Smog, dachte sie sich und nippte
wieder an ihrem Cappuchino. Sie sah den Studenten zu, die vor dem
Fenster vorbeiliefen und scherzten oder auf ihren Handys
herumtippten. Sie war neidisch. Sie wäre selbst so gerne noch
einmal so unbeschwert und frei. Doch bevor ihr Unglück und ihr
Liebeskummer sie wieder in den Bann ziehen konnten, riss ihr
eigenes Handy sie aus den Gedanken. Scully? Agent
Scully? Hier ist Chuck! Ich hab endlich was! Wann können Sie
hier sein? Er klang so aufgeregt, dass sie keine Sekunde
länger sitzen bleiben konnte. Sie schnappte sich ihren
Pappbecher und setzte sich in ihr Auto um sofort zu Chuck ins
Labor zu fahren.
Eine Viertelstunde später stand sie vor seinem Schreibtisch. Sie
versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch Chuck sah an ihrer
glänzenden Haut und den zerzausten Haaren, dass sie sich sehr
beeilt hatte und darauf brannte Antworten zu hören. Und er
konnte es ihr nicht verübeln, wusste er jetzt, was es mit diesen
Proben auf sich hatte.
Was haben Sie herausgefunden? platzte es schließlich
aus ihr heraus. Chuck hatte nur darauf gewartet loslegen zu
können. Seine Augen glänzten und er lief hastig ins
Nebenzimmer, wo drei Computer nebeneinander standen und laut
summten. Scully folgte ihm.
Agent Scully, wenn Sie das sehen, werden Sie Ihren Glauben
an alles verlieren! Es ist einfach phantastisch! Er hackte
auf die Tastatur ein, so dass auf den drei Bildschirmen vor ihnen
eine Datei nach der anderen geöffnet wurde. Scully trat näher
heran und kniff die Augen leicht zusammen. Chuck starrte darauf
und schüttelte den Kopf. Es ist immer noch unfassbar,
murmelte er begeistert, riss sich aber zusammen als er merkte,
dass Scully ihm einen ungeduldigen Blick zuwarf. Er begann also
zu eklären, was er herausgefunden hatte.
Ich habe diese Alien-DNA
Scully warf ihm einen
irritierten Blick zu, musste er das so laut sagen?
also
die DNA aus der Kralle dieses unidentifizierten Organismus habe
ich mit Ihren Proben verglichen. Einmal mit den DNA-Fragmenten,
die IN den Zellen dieser beiden Opfer waren und einmal mit den
DNA-Fragmenten, die sich im Blut also AUSSERHALB der Zellen
dieser Opfer gefunden hatten. Und es ist eigentlich relativ
simpel, denn wenn man die Sequenzen erst einmal in Kurven
transformiert hat und übereinander legt, dann kommt das heraus.
Er war ganz aufgeregt und seine Hände zitterten, als er mit den
Fingern über das Touchpad fuhr und die Kurven übereinander
legte.
Nun konnte selbst Scully erkennen, was ihn so in Aufruhr
versetzte und sie musste sich am Tisch festhalten, während ihr
der Mund offenstand und sie das Gefühl hatte ihr Herz würde aus
ihr herausfallen.
Das kann nicht sein! Sind sie sicher, dass das stimmt?
Sie wusste, es stimmte. Denn es war ihre eigene Idee gewesen, die
sie nun vor ihren Augen bestätigt sah. Sie hatte wirklich Recht
gehabt! Ihr wurde schwindelig. Sie starrte auf die Kurven der
Alien-DNA-Sequenzen, die über den Sequenzen der ausgestoßenen
Fragmente lagen, die in Mulders Blut und in ihrem Fruchtwasser
gefunden worden waren. Sie lagen perfekt übereinander. Soll
das heißen, dass die DNA, die diese Opfer abgestoßen haben,
außerirdische DNA war? Exakt, das meine ich Agent
Scully. Aber der eigentliche Knaller kommt noch. Hier
Er tippte wieder etwas ein, loggte sich in ein Netz hinein und
lud sich in einer endlos erscheinenden Minute eine Datei
herunter.
sehen Sie: Das hier
und er
zeigte mit dem Finger auf die Kurven dieser neuen Datei.
.das hier sind die DNA-Sequenzen eines gesunden,
normalen Erwachsenen, die ich gerade aus dem Archiv des Human
Genome Projects geladen habe. Und nun passen Sie mal auf
Er legte die Alien-DNA-Fragmente darüber. Scully sah was er ihr
damit sagen wollte, sie hatte es bereits bei Gibson Praise
gesehen.
Sie wollen darauf hinaus, dass die inaktive Junk-DNA jedes
normalen Menschen mit dieser Sequenz der Alien-DNA
übereinstimmt. Chuck fielt ihr fast ins Wort. Ja,
und diese Opfer hier haben die Junk-DNA einfach abgestoßen, so
als wäre sie Müll. Chuck räusperte sich und sah
aufgeregt zu Scully hoch. Seine Stimme vibrierte. Agent
Scully. Diese Menschen sind fast vollkommen frei von Junk-DNA.
Lediglich einige repetitive Sequenzen und Transposons sind
übrig. Und wir dachten jahrelang die Junk-DNA hätte eine
wichtige Funktion, ohne die wir nicht leben können! Ha! Und
sehen Sie?
Er zeigte auf die Kurven. Stattdessen hat sich an dieser
Stelle neue DNA repliziert. Ist Ihnen klar, was wir hier vor uns
haben? Scully war es klar, aber sie wollte es noch nicht
wahrhaben. Es war zu fantastisch. Sie vergaß vor Aufregung zu
atmen. Sie sah Chuck an.
Sie meinen, dass die Junk-DNA, die in uns seit
Jahrmillionen schlummert, nichts weiter ist als Außerirdische
DNA? Wissen Sie, wie verrückt das ist?
In Scullys Stimme schwang leichte Hysterie mit, es überstieg
ihren Verstand. Chuck nickte. Sie stützte sich noch immer am
Tisch ab, weil ihre Knie weich waren. Er fing an zu schwitzen.
Das, Agent Scully, ist eine Entdeckung, mit der wir an die
Öffentlichkeit müssen. Ist Ihnen klar, was das bedeutet? Wir
haben hier gerade vielleicht das Mysterium der Schöpfung
gelöst! Denn sehen Sie hier! Seine Augen waren weit
aufgerissen und er schien anzuschwillen während er eine weitere
Datei öffnete.
In diesen Zellen hier und er zeigte auf die Zellen
ihres Babys, in diesen Zellen hier konnte ich nicht einmal
mehr mitochondriale DNA finden, während sie in den anderen
Zellen noch vorhanden war. Scully griff nach einem Stuhl
und setzte sich. Ihr Kind hatte keine Mitochondrien in seinen
Zellen? Mitochondrien waren doch das Kraftwerk jeder Zelle, ohne
sie konnte kein höher entwickelter Organismus leben!
Sind Sie sich da sicher? Tausend Prozent, ich
hab jede einzelne Zelle nach Mitochondrien untersucht. Nada!
Er schlug überdreht auf den Tisch, so dass Scully unmerklich
zuckte.
Chuck, wir dürfen damit nicht an die Öffentlichkeit. Denn
Sie stutze einen Moment, doch entschied sich dann, die Wahrheit
zu sagen.
diese Menschen sind nicht tot. Sie leben
und sind gesund. Chuck starrte sie ungläubig an. Wer?
Wo sind sie? Scully sah zu Boden. Sie stand vorsichtig auf
und ging näher an Chuck heran, so dass sie ihm fast ins Ohr
flüstern konnte. Es sind Mulders Zellen. Und die meines
Sohnes.
Chuck sah sie entgeistert an. Nun musste ER sich setzen. Waren
das auch die Proben, in deren Blut ich neulich diese
Nanotechnologie gesehen habe? Scully nickte. Die
Chips, die von Proteinen inaktiviert waren, befanden sich sowohl
in meinem als auch in Mulders Blut. Scully war überrascht
wie ruhig sie blieb, denn ihr war in Wahrheit sehr mulmig und um
sie herum drehte sich alles. Chuck wurde es mittlerweile zu viel.
Er stand auf und drehte sich einmal im Kreis, um dann die Hände
in die Taille zu stützen während ihm Schweiß die Schläfen
herunterlief. Agent Scully, was untersuchen wir hier
eigentlich? Wie ist das alles passiert? Scully wünschte,
sie wüsste das.
Ich weiß nicht zwischen Ursache und Wirkung zu
differenzieren. Ich hatte gehofft, Sie würden mir weiterhelfen
können, ob die Abstoßung der Junk-DNA eine Folge der
Nanotechnologie ist oder umgekehrt. Aber die Erkenntnis mit den
Mitochondrien ist nun selbst für mich ein Schock. Die Frage ist
doch: Warum gibt es Menschen wie Mulder und meinen Sohn und warum
gibt es auch Opfer, die gestorben sind?
Scullys Verstand begann zu arbeiten, sie tippte sich mit ihren
Fingern nachdenklich auf die Unterlippe während ihre Augenbraue
zuckte. Doch es machte keinen Sinn. Sie wusste zwar, dass die
Nanotechnologie den Zweck hatte, die DNA in der Zelle zu
regulieren. Sie wusste auch, dass es ohne einen Chip keine
Nanobots geben konnte. Aber Mulder und ihr Sohn hatten die
Nanotechnologie ausgestoßen, hatten sie inaktiviert. Woher kamen
dann die Veränderungen an ihrer DNA? Und wie konnte ihr Kind
ohne Mitochondrien leben?
Scully schwankte, doch Chuck sprang schnell an ihre Seite und
half ihr sich wieder zu setzen. Er sah sie einen Moment an, bis
ihr Kreislauf sich offensichtlich gebessert hatte und fuhr dann
fort. Agent Scully, das, was wir hier vor uns haben, ist
gigantisch und ich bin damit definitiv überfordert. Aber ich
wüsste niemanden, mit dem wir das hier vertraulich
weiterverfolgen könnten. Ich schäme mich fast es zu sagen, aber
ich bin zum ersten Mal in meiner Laufbahn wirklich am Ende meines
Lateins.
Scully sah zu ihm auf als sie ihre Hand gegen ihre Schläfe legte
und versuchte ihm ein Lächeln zu schenken. Chuck, Sie
haben mir bisher mehr geholfen als sonst irgendjemand hier. Ich
muss jetzt sehen, wie ich mit diesen Informationen weiterkomme.
Wenn Sie irgendeine Idee haben, wie wir hier weiterkommen, rufen
Sie mich bitte jederzeit an."
Sie stand auf und bedankte sich bei ihm. Als sie sein Labor mit
allen Beweisen in ihrer Tasche verließ, sah er ihr noch lange
nach und starrte auf die Türe, die hinter ihr ins Schloss fiel,
in Gedanken bei der phantastischen Entdeckung, die ihm fast den
Verstand raubte.
Eine Stunde später, St. Dominics
Catholic Church
Scully saß auf der Bank der kühlen schattigen Kirche. Das Licht
tanzte durch die Kirchenfenster wie bunte Blumen durch den Raum.
Sie sah gedankenverloren in die Kerzen, die vor einer
Marienstatue brannten. Das, was sie eben erfahren hatte, war zu
unglaublich.
Die Welt schien sich vor ihren Augen neu zu ordnen. Das, was sie
immer als Gott akzeptiert hatte, als die eine Macht, die alles
Leben erschaffen hatte, erschien nun nicht mehr in dieses Bild zu
passen. Sie sah auf das Kreuz, das um ihren Hals hing. In diesem
Augenblick war es ihr unmöglich an einen Gott zu glauben.
Sie war heute Zeugin der Schöpfung einer neuen Art Mensch
geworden und nichts daran war in irgendeiner Weise göttlich
gewesen. Es hatte sie verstört, verwirrt und verloren auf einer
Welt zurückgelassen, auf der sie sich plötzlich nicht mehr zu
hause fühlte. Auf einer Welt, auf der sie nun selbst sich als
Gast fühlte, da sie nun auch daran glauben musste, dass ein Teil
von ihr außerirdisch war. Die Tatsache, dass Mulder aber vor
allem ihr eigenes Kind die ersten Zeichen einer evolutionären
Revolution waren, raubte ihr fast den Verstand und eine Frage
ließ sich nicht mehr aus ihrem Kopf verdrängen: Wie?
Als sie auf die Kerzen zuging und sich auf der Bank davor
niederkniete, nahm sie die goldene Kette, die ihr um den Hals
hing, ab und hielt sie eine Weile in der geschlossenen Hand. Das
Kerzenlicht verschwamm vor ihrem leeren Blick und sie ließ die
Kette schließlich in ihre Tasche fallen. Sie stand langsam auf
und ging wieder auf den Kirchenausgang zu, sie war hier nicht
mehr aufgehoben.
Ein letzter Blick zurück zu dem goldenen Kreuz über dem Altar
ließ nur noch Leere in ihrem Herzen zurück. Sie war verloren,
denn nun war ihr Glaube an alles gebrochen. Nun war alles offen.
Und alles war möglich.
Die Statue der Maria mit dem Jesuskind auf ihrem Arm sah aus
ihren schwarzen Augen hinter Scully her, doch selbst das
Schicksal dieser Frau, die vor über 2000 Jahren wie sie durch
ein Wunder ein Kind zur Welt gebracht hatte, das ein neues
Zeitalter eingeläutet hatte, konnte Scully nicht zurückhalten.
Über ihren roten Haaren schien noch immer die Sonne wie durch
einen grauen Schleier hindurch und am Horizont kündigten
schwarze Wolken erneute Dunkelheit an, während ein Mann sich in
einiger Entfernung an einen Laternenmast gelehnt eine Zigarette
anzündete und sein leerer Blick Scully zu ihrem Wagen folgte.
Seine Finger rollten ein kleines Röhrchen mit einer klaren
Flüssigkeit in seiner Jackentasche hin und her.
Zur selben Zeit, Area 51
Mulder lag auf einer Art Zahnarztstuhl, der Raum war so weiß,
dass er seine Augen schließen musste. Der Graue stand neben ihm
und sah zu wie eine Krankenschwester alles für die Experimente
vorbereitete.
Was genau geschieht jetzt mit mir? fragte Mulder in
die konzentrierte Stille, die nur durch das Summen einer
Zentrifuge durchbrochen wurde. Wir werden Ihr Blut
untersuchen. Wir müssen herausfinden in welchem
Aktivitätsstadium ihre Nanobots sich befinden, wir müssen eine
Lumbalpunktion machen um etwas über Ihren Gehirnstoffwechsel
herauszubekommen. Wir werden genetische Untersuchungen an Ihnen
durchführen und eine Reihe neurologischer Tests werden folgen.
Sie können jederzeit Bescheid sagen, wenn es Ihnen zu viel wird,
bedenken Sie nur, dass wir nicht viel Zeit haben, es kann jeden
Tag zu spät sein. Und wenn Sie nichts herausfinden ?
Mulder wusste, er hatte keine Nanobots in seinem Blut, doch er
hatte es noch niemandem hier gesagt.
Der Graue schwieg auf diese Frage und trat zurück als die
Krankenschwester mit einer Kanüle auf Mulders Arm zusteuerte.
Mulder sah sie an, sie hatte einen merkwürdigen
Gesichtsausdruck, ihre Augen waren so dunkel und ausdruckslos.
Sie war ihm unsympathisch und er traute ihr nicht. Er traute hier
im Grunde niemandem, weil ihn alle außer dem Grauen merkwürdig
anstarrten.
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, schreckte sie zurück als
ihre Hand seinen Arm berührte. Ihre leeren Augen trafen Mulders
durchdringenden Blick und sie ließ die Kanüle fallen und wich
einen Schritt zurück. Der Graue und die beiden Ärzte im Raum
sahen überrascht zu ihr hinüber. Ist alles in Ordnung?
fragte der Graue, doch die Krankenschwester gab keinen Ton von
sich und verließ den Raum. Ein Arzt rannte ihr nach während der
andere Arzt und der Graue sich leise aber irrtiert und mit
besorgtem Gesichtsausdruck unterhielten.
Mulder konnte nichts hören, doch er spürte, dass etwas Fremdes
in diesem Raum war, etwas, das nicht stimmte. Der Arzt, der der
Schwester nachgerannt war, kam zurück, nickte den beiden anderen
zu und legte Mulder die Kanüle selbst in den Arm. Mulder glaubte
in der Ferne einen leisen Alarm zu hören und spürte ein
unbehagliches Kribbeln. Diesen Blick in den Augen der
Krankenschwester hatte er zuvor schon einmal gesehen, es
erinnerte ihn an ein Geräusch. Ein Geräusch, das er vor gar
nicht so langer Zeit an einem sehr merkwürdigen Ort schoneinmal
gehört hatte. Es hatte metallisch geklungen. Wie ein Hauchen.
Mulders Haare stellten sich auf und er zwang sich an Scully zu
denken und daran, wie sie aussah, wie sie sich anfühlte und wie
sie duftete.
In kurzer Zeit war der Zwischenfall vergessen, die Ärzte
arbeiteten konzentriert und standen hinter ihren Computern, von
wo aus die Tests gesteuert wurden und die Untersuchungen lenkten
Mulder davon ab weiter darüber nachzudenken, was diese Schwester
in ihm ausgelöst hatte, doch in seinem Inneren spürte er, dass
etwas Merkwürdiges in Gang gesetzt worden war und er fürchtete
sich vor den Ergebnissen, die diese Tests liefern würden und
davor, was danach mit ihm geschehen würde.
Am selben Tag, 18.45 Uhr vor Scullys
Apartment
Scully schloss ihren Wagen ab und ging die Straße hinunter zu
ihrer Wohnungstür. Sie hielt die Hand vor die Augen und sah nach
oben. Die Sonne schien noch tief am Horizont, überall waren
dunkle Wolken am Himmel und das Licht war noch immer so
verschleiert und trüb. Sie war der festen Überzeugung so ein
Licht wie diesen Sommer hätte sie noch nie zuvor bemerkt, doch
so wie andere Frauen während der Schwangerschaft besser riechen
konnten, so war sie vielleicht in ihrer visuellen Wahrnehmung
sensibilisiert. Sie sah wieder auf den Fußboden. Ihr Schatten
war kaum zu sehen, und doch sollte er um diese Uhrzeit bei so
starker Sonneneinstrahlung doch scharf und kontrastreich sein.
Sie blieb stehen und drehte sich um. Auch die Bäume und Autos
warfen nahezu keine Schatten auf den grauen Asphalt. Sie
schüttelte irritiert den Kopf und wollte weiter auf ihre
Wohnungstür zugehen, als sie eine Gestalt im Gebüsch zu sehen
glaubte. Reflexartig griff sie unter ihr Jackett zu ihrer Waffe
um sich jederzeit verteidigen zu können und ging auf das
Gebüsch zu.
Hallo? fragte sie das Gebüsch als sie es vorsichtig
zur Seite hielt um zu sehen, ob sich dahinter jemand versteckte.
Doch niemand war dort. Sie schüttelte wieder den Kopf.
Anscheinend spielte ihr ihre Phantasie schon die ganze Zeit einen
Streich. Sie ließ die Äste des Strauchs wieder los und suchte
nach dem richtigen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Doch als sie sich
wieder zur Türe drehte, griff wie aus dem Nichts eine Hand um
ihren Hals und zog sie in das Gebüsch, wo man ihr den Mund
zuhielt, damit sie nicht aufschrie. Ihr Herz setzte für den
Bruchteil einer Sekunde aus und sie war wie gelähmt vor Schreck.
So viele Male war ihr das schon passiert und immer wieder
versetzte es ihr einen Schock.
Sie konnte das Leder des Handschuhs ihres Angreifers riechen und
spürte die Kraft, mit der er sie an sich drückte. Sie versuchte
durchzuatmen und sich nicht zu wehren, was immer dieser Mann von
ihr wollte, sie würde es überleben.
Plötzlich merkte sie einen schmerzhaften scharfen Stich in ihrem
Nacken. Ihr wurde für den Bruchteil einer Sekunde schwarz vor
Augen und sie merkte nur noch, wie der Angreifer sie losließ,
ehe sie taumelnd und nach Halt suchend das Bewusstsein verlor und
an der Wand ihres Apartmenthauses abrutschte und zu Boden fiel.
Agent Scully! Jemand tätschelte
ihr die Wange und schüttelte ihre Schulter unbeholfen. Als sie
wieder zu sich kam, konnte sie ihren Augen nicht trauen. Agent
Morgan hatte sich über sie gebeugt und sah besorgt auf sie
herab. James!
Sie rappelte sich in Windeseile auf und ließ sich von ihm helfen
aufzustehen, ehe sie sich den Staub von den Klamotten klopfte und
sich ihr Haar zurechtstrich. Da Sie sich nicht gemeldet
haben, dachte ich, ich sollte einmal vorbeischauen, ob alles in
Ordnung ist und wie ich sehe ist es das nicht. Was ist denn
passiert? Panik starrte aus seinen Augen und sein Herz
klopfte so sehr, dass Scully es sehen konnte.
Sie hatte ihn nie gemocht, obwohl sie überhaupt keinen Anlass
dazu hatte, hatte er sich doch bis auf diesen ziemlich plumpen
Annäherungsversuch stets zuvorkommend verhalten. Doch dass er
sie für hilflos hielt, passte ihr nicht.
Sie suchte nach ihrem Hausschlüssel und stieg die Stufen zu
ihrer Wohnungstür hinauf. Danke James, aber es ist alles
in bester Ordnung. Mir geht es gut. Und was war das
dann gerade? Er lächelte und sah sie unschuldig an, in der
Hoffnung sie nicht noch mehr zu verärgern. Sie drehte sich zu
ihm um und seufzte. Kommen Sie rein!
Sie hatte jetzt keine Lust sich mit ihm zu streiten. Doch ein
Lächeln konnte sie sich noch immer nicht abringen. Zu tief saß
noch der Schreck in ihren Gliedern. Als die Tür hinter den
beiden ins Schloss fiel und sie einen Augenblick hatte um sich
wieder zu sammeln, fiel ihr ein, was ihr passiert war und sie
griff mit aufgerissenen Augen nach dem Stich, den man ihr in den
Nacken versetzt hatte.
Als sie ihre Hand zurückzog sah sie, dass es blutete. Panik
breitete sich in ihr aus und erhitzte ihr Blut bis es kribbelte.
Ihr wurde schwindelig. James?
Er sah sie besorgt an und zog die Augenbrauen hoch.
Sie müssen mich ins Krankenhaus fahren!
24 Stunden später
Es klingelte an der Tür. Scully sah auf die Uhr. Sie hatte sich
gerade einen frischen Yoghurt mit Müsli zubereitet und sie
hasste es, wenn man sie beim Essen unterbrach. Er war noch viel
zu früh, doch dann würde er hoffentlich auch bald wieder
verschwinden. Sie öffnete ihm die Tür und ließ ihn herein. Er
setzte sich brav auf einen Stuhl in der Küche und wartete ab,
bis Scully sich ebenfalls gesetzt hatte und begann ihren Yoghurt
zu essen.
Ich freue mich, dass alles in Ordnung ist. Und wenn ich
damals von Ihrem Zustand gewusst hätte, dann hätte ich
mich auf jeden Fall zurückgehalten. Ich wusste ja nicht, dass
Sie und Mulder
Scully unterbrach ihn als sie merkte, dass sie rot wurde. Kommen
Sie zur Sache, James, worum geht es? Die Tests im
Krankenhaus haben nichts ergeben? Er ließ sich nicht vom
Thema abbringen. Doch Scully wollte diesen Schrecken schnellstens
vergessen, sie war froh, dass James, Skinner und ihre Mom seit
diesem Angriff sich immer darin abgewechselt hatten sie
abzulenken.
Nein, was immer man mir gespritzt hat, es hatte keine
Wirkung auf mich und auch nicht auf mein Baby. So und nun haben
Sie ihre Fragen beantwortet, jetzt klären Sie bitte auch meine.
Sie war wieder so kühl und distanziert wie man es von ihr
gewohnt war.
Doch das war beruhigend, denn dann ging es ihr wirklich gut.
Hat Skinner Ihnen von diesem Entführungsopfer erzählt,
das lebendig zurückgekehrt ist? Sie nickte. Wann war
das? Vor etwa zwei Wochen. Der junge Mann ist aus dem
Haus seiner Eltern entführt worden und vor zwei Wochen
zurückgekehrt. Er ist schreiend in der Nachbarschaft
herumgeirrt, mitten in der Nacht um halb zwei. Aber abgesehen
davon fehlt ihm nichts. Er lebt in Chilmark, Massachussetts.
Scully fiel fast der Löffel aus der Hand. Das war die
Kleinstadt, in der Mulder als Kind eine Weile gelebt hatte. Sie
sah James erwartungsvoll an. Und Sie sind sicher, dass mit
ihm alles in Ordnung ist? James reichte ihr ein Blatt
Papier mit einer Adresse. Überzeugen Sie sich doch selbst,
Agent Scully. Ich kann leider in meiner Funktion als
Normalsterblicher nicht mehr unternehmen.
Scully war betreten, wusste sie doch, dass sie nicht ganz
unbeteiligt daran war, dass Agent Morgan sich entschieden hatte
das FBI zu verlassen. Sie verschränkte die Arme und stützte
sich vor sich auf dem Tisch auf. Warum machen Sie das
eigentlich, James? fragte sie ihn schließlich gerade
heraus. James sah sie an, er wirkte verletzt. Sie und Agent
Mulder sind dort unten in diesem Kellerbüro inmitten all der
Bürokratie und Vernunft wohl vollkommen blind dafür geworden,
dass es auch noch andere Menschen gibt, die Fragen stellen. Denen
die Antworten, die die Medien und die Regierungen geben, nicht
reichen. Die glauben wollen, dass es mehr gibt als das hier.
Agent Scully, ich war von Anfang an bereit Ihnen bedingungslos zu
folgen und ich bin es noch immer. Sie brauchen nur ein Wort zu
sagen.
Scully bekam eine Gänsehaut von der Ehrlichkeit und
Leidenschaft, die sie in seinen Augen sah. Er erinnerte sie an
Mulder. Warum sind Sie dann vom FBI weggegangen?
versuchte sie ihre Erschütterung zu überspielen, doch ihre
Stimme wirkte wackelig als sie das fragte. Ich konnte nicht
für eine Regierung arbeiten, der ich nicht vertraue. Von meinem
Nachtwächtergehalt kann ich zwar gerade so leben, aber ich bin
wenigstens ein unbedeutender Niemand, der frei ist. Agent Mulder
ist schließlich auch nicht mehr beim FBI, wie ich gehört habe.
Also müssten Sie das doch verstehen.
Scully sprang auf, ihre Augen durchstachen jeden Zentimeter
seiner Haut, auf den sich ihre Blicke legten. Er konnte fast
fühlen wie es schmerzte, so scharf war ihr Blick. Sie
verstehen doch überhaupt nicht was hier vorgeht, James!
Vergleichen Sie nicht Ihre kleinbürgerliche Schwäche mit dem
Mut und der Hingabe Mulders. Und er hat das FBI nicht verlassen,
er ist auf der Suche nach handfesten Beweisen. Während Sie hier
in meiner Küche sitzen und sich sicher fühlen können.
Scullys Stimme wurde wieder leiser, denn sie merkte wie sie sich
wieder beruhigte und wie sehr das, was sie sagte, James traf.
Weil Sie wirklich nur ein unbedeutener Niemand sind.
James sah betreten auf Scullys Bauch, weil er nicht wusste, wohin
er sonst sehen sollte, denn er hatte Angst davor ihr in die Augen
zu sehen. Er war wieder einmal in ein Fettnäpfchen getreten,
hatte wieder einmal die Grenze überschritten und war über
dieses feste Band gestolpert, dass zwischen Mulder und seiner
Partnerin zu existieren schien und war auf die Nase gefallen.
Es tut mir leid, es lag mir vollkommen fern mich mit Agent
Mulder zu vergleichen. Er druckste herum. Aber ich
möchte, dass Sie mir vertrauen, dass Sie mich miteinbeziehen.
Ich könnte doch helfen.
Scully schüttelte den Kopf und ging auf James zu. Sie legte ihre
Hand auf seinen Arm. Glauben Sie mir, diese Sache ist viel
zu groß, als dass es irgendjemand wirklich begreifen könnte.
Und sowohl Sie als auch ich können hier fast überhaupt nichts
tun. Aber während es für mich das einzige ist, was mich am
Leben hält, weil es zu meinem Leben geworden ist, so haben Sie
noch all die Möglichkeiten ein Leben zu führen, mit allem, was
dazu gehört, verschwenden Sie es nicht auf eine Suche, die
niemals enden wird. Als er ihr nun in die Augen sah war der
Zorn in ihrem Ausdruck verschwunden und tiefer Traurigkeit
gewichen.
In ihrem Blick lag keine Hoffnung, er sah nur die Verzweiflung
und die tiefe Einsamkeit, die sie umgab und er erahnte vielleicht
zum ersten Mal wie tief die Gewässer reichten, in die er gerade
mit seinen Zehenspitzen eingetaucht war. Er drückte ihre Hand,
die noch immer auf seinem Arm lag.
Passen Sie gut auf sich auf, Agent Scully. Und wenn Sie
mich doch einmal brauchen, dann haben Sie ja meine Nummer.
Scully wusste nicht, was James in ihren Augen gesehen hatte, doch
sie fühlte, dass es ihn sehr mitgenommen hatte und sie fragte
sich, wie sie auf ihn gewirkt haben musste, dass er nun so
eingeschüchtert und kleinlaut ihr Apartment verließ. Sie
fühlte sich schlecht als er gegangen war, aber sie hatte sich
und ihrem Baby versprochen auch ohne Mulder weiterzumachen und
daher legte sie sich schlafen, um am nächsten Tag nach Chilmark
zu fahren.
__________________
Zwei Tage später in Boston
Der Himmel war wolkenverhangen und ein ungewöhnlich kühler Wind
fegte durch die Straßen. Scully verließ gerade die
psychiatrische Einheit des Boston Medical Centers und knöpfte
sich mit einem skeptischen Blick gen Himmel den Blazer zu. Warum
regnete es nicht? Seit Tagen schon standen diese schwarzen Wolken
über der gesamten Ostküste der USA und wollten ihre regenreiche
Last nicht abwerfen. Es wurde immer kühler und dunkler, doch
kein einziger Tropfen fiel vom Himmel. Wahrscheinlich würde es
genau dann regnen, wenn sie ihren Schirm einmal im Auto liegen
lassen würde. Scully entschied sich, sofort zum Hotel
zurückzufahren und so schnell wie möglich einen Rückflug zu
bekommen. Langsam merkte sie, wie das Baby immer schwerer wurde.
Es bewegte sich fast die ganze Nacht, so dass sie kaum noch
durchschlief. Doch je mehr es sich bewegte, desto leichter fiel
es ihr zu verstehen, dass sie Mutter wurde und es erfüllte sie
mit Glück auch wenn sie nicht wusste, was sie erwarten würde.
Und auch wenn sie sich einsam fühlte und voller Angst. Es war
immerhin ein kleiner Mulder, der dort in ihr heranwuchs und sie
hoffte, ihr Sohn würde ihm ähnlich sehen. Aber eigentlich
hoffte sie vor allem, ihr Sohn würde überhaupt wie irgendein
Mensch aussehen.
Als sie in ihrem Hotel ihre Sachen lieblos in den Koffer warf,
ging ihr das Gespräch, das sie einen Tag zuvor in einem der
Krankenzimmer des Boston Medical Centers geführt hatte, durch
den Kopf. Es war merkwürdig gewesen. Sie hatte so schnell sie
konnte die Adresse des überlebenden Entführten ausfindig
gemacht. Sein Name war Walter Harland und er war exakt vier Tage
jünger als Mulder. Als Scully herausgefunden hatte, dass Walter
bei seinen Eltern wohnte, war sie stutzig geworden. Seine Eltern
hatten sich am Telefon relativ schnell überreden lassen mit ihr
zu reden, allerdings mussten sie sich in Boston treffen, da
Walter seit einigen Tagen wegen psychischer Auffälligkeiten in
medizinischer Behandlung war. Dass er aber insgesamt eine
ziemliche psychische Auffälligkeit war, war Scully erst bewusst
geworden als sie sein Krankenzimmer betreten hatte. Ein Blick in
seine stumpfen, kindlichen Augen und sie hatte gewusst, dass
Walter ein Autist war. Er hatte sich an nichts erinnern können,
was er erlebt hatte, außer an ein grelles Licht und ein lautes
Geräusch, von dem er noch immer Alpträume bekam. Seine Mutter
hatte Scully danach erzählt, dass er seit seiner Rückkehr eine
panische Angst vor Dunkelheit und allem hatte, was schwarz war.
Doch im Prinzip war dieses Treffen reine Zeitverschwendung
gewesen. Denn Walter war nicht fähig, irgendwelche ernsthaft
verwertbaren Aussagen zu machen. Sie hatte die Erlaubnis erhalten
sein Blut zu untersuchen und hatte es gestern Abend nach
Washington geschickt, die Ergebnisse würden da sein, wenn sie am
Flughafen ankam. Doch eine Sache hatte sie beeindruckt, etwas,
das sie an den Ausdruck in Mulders Augen erinnerte, als er nach
der Entführung zum ersten Mal die Augen aufgeschlagen hatte.
Walter hatte ihr davon berichtet, wie er sich nach seiner
Rückkehr fühle. Seine Worte hallten in ihren Ohren nach.
In meinem Kopf ist alles ganz schwarz. Es ist als würde
jemand in meinem Kopf wohnen. Jemand, der schwarz und leer ist.
Deswegen kann ich nicht schlafen nachts. Und weil ich dauernd von
lauten Geräuschen in meinem Kopf geweckt werde. Ich mag das
nicht, ich will, dass man das wieder abstellt, so dass ich wieder
zeichnen kann.
Diese Worte waren für einen Autisten außergewöhnlich gewesen,
weil sie so präzise und klar das wiedergaben, was Walter
fühlte. Zusammen mit dem verzweifelten, dunklen Blick in Walters
Augen hatte diese Aussage Scully Gänsehaut bereitet. Seine
Mutter hatte ihr danach die Bilder gezeigt, die Walter vor seiner
Entführung gemalt hatte. Es waren überdurchschnittlich schöne
Kohle-Zeichnungen von Pflanzen und Tieren, doch seit seiner
Rückkehr hatte er nur noch endlose Buchstabenabfolgen auf
unendlich viele Seiten Papier gezeichnet.
Scully hatte einige der Seiten mitgenommen, da ihr sofort klar
geworden war, dass es sich hier nicht bloß um
Aneinanderreihungen von willkürlichen Buchstaben handelte. Als
sie ihren Koffer schloss, zog sie eines der Blätter unter dem
Koffer hervor und starrte nachdenklich darauf. Für einen
gewöhnlichen Menschen machte das keinen Sinn, doch sie wusste,
es bedeutete etwas. Ihre Augen verweilten auf dem Papier: ATTGCACCGTAAGTTCACTGGA
Einen Tag später, Nevada
Der Himmel war zum ersten Mal in diesem erbarmungslosen trockenen
Sommer von Wolken verhangen. Doch sie waren nicht grau, wie bei
jedem gewöhnlichen Sommergewitter. Sie waren von einer
unbeschreiblichen Konsistenz und Farbe. Ein menschliches Auge war
versucht, sie als schwarz zu bezeichnen und doch konnte man durch
sie hindurch die Sonne sehen. Auch wirkten sie nicht trüb und
hingen nicht wie dicke Watte schwer in den Bergen, sondern sie
schienen fast zu glänzen, sie wirkten transparent, flüssig und
leicht. Seit Tagen überschlugen sich die Meteorologen Nevadas in
den Wetterberichten bei ihren Versuchen dieses Phänomen zu
erklären. Die einen sagten Tornados voraus, die anderen schoben
es auf die Umweltverschmutzung, andere beschuldigten El Nino, es
war nahezu lächerlich wie ratlos man war. Doch die Unwetter
blieben aus, es gab keine Überschwemmungen, keine Wolkenbrüche,
nichteinmal Blitze zuckten durch die merkwürdigen Wolken. Nur
das Sonnenlicht war nicht mehr golden und hell. Und der Sand, der
hier in Nevada auf jedem Autodach einen gelbbraunen Film
hinterließ, schien in dem fahlen, toten Licht grau. Und die Haut
der Menschen, die seit Tagen aus Angst vor Unwettern die
Supermärkte leerkauften, sah blasser und ungesünder aus als je
zuvor. Doch nichts passierte. Es war weiterhin heiß und trocken.
Mulder lag in einem weißen Krankenzimmer, in dem künstliches,
weißes Licht auf ihn hinabschien und schlief. Er träumte von
ihr. Wie jede Nacht seit er sie verlassen hatte. Sein Wunsch sie
wiederzusehen wurde von Tag zu Tag größer und er verzehrte sich
danach, sie zu spüren. Doch jedes Mal, wenn er aufwachte,
erinnerte er sich daran, dass sie sicherlich mittlerweile von
seiner endgültigen Entscheidung wusste und es damit kein Zurück
gab.
Und auch dieses Mal schlug er seine Augen auf, die im Augenblick
des Erwachens noch voller Leben glänzten und bei Erkenntnis der
Realität ihr Feuer verloren und seinen Blick abstumpften. Er
versuchte sich zu bewegen, doch ihm taten alle Glieder weh. Er
sah an sich herunter. Außer einer Kanüle, über die
Kochsalzlösung und Zucker in seinen Körper strömten, spürte
er noch die Elektroden des EKGs und des EEGs auf seiner Haut. Er
war verkabelt. Und er erinnerte sich an nichts. Aber er lebte und
er fühlte sich gesund. Er atmete erleichtert auf und schloss
wieder die Augen, als er hörte, wie jemand das Zimmer betrat.
Na wie geht es Ihnen? fragte der Graue als er
hereinkam und hinter ihm eine Krankenschwester mit einem riesigen
Tablett mit einem fürstlichen Mahl auftauchte. Ich hoffe,
das ist nicht meine Henkersmahlzeit, antwortete Mulder,
dessen Stimme sich noch sehr heiser anhörte. Der Graue schwieg
und holte sich einen Stuhl neben das Bett, während Mulder sich,
nachdem er von den EEG Kabeln befreit worden war, auf das Essen
stürzte. Woher wussten Sie, dass ich das hier so gerne
mag? fragte er, ohne jedoch eine Antwort hören zu wollen
und stopfte sich den Hamburger vor sich auf dem Teller in den
Mund. Zum ersten Mal seit Tagen lächelte der Graue ihn an.
Fox, ich bin Mitglied einer Regierungsverschwörung. Ich
weiß noch viel mehr über Sie, glauben Sie mir. Doch
Mulder hatte für diese unerwünschte Antwort nur einen
abfälligen Blick parat. Zu gerne hätte er diesen Mann jetzt
mit seinem Essen beworfen, aber dazu war er zu hungrig. Also,
dann legen Sie mal los. Was wissen Sie denn jetzt noch über
mich? Oder waren die Experimente nur ein Vorwand ihre sexuellen
Phantasien an jemandem auszuleben? Damit hatte er seinen
Wunsch mit Essen um sich zu werfen kompensieren können und er
nahm zufrieden einen weiteren Bissen von seinem Hamburger. Der
Graue hatte sich mittlerweile an Mulders Zynismus gewöhnt,
ebenso wie an sein Temperament und ignorierte diese Bemerkung,
während er tief Luft holte. Wir haben in der Tat etwas
entdeckt, etwas, das Sie uns allerdings auch selbst hätten sagen
können. Als wir Ihnen damals diesen Chip entfernt haben, konnten
wir keine Nanobots in Ihrem Blut finden. Doch die Untersuchungen
haben dieses Mal ergeben, dass Sie welche in sich getragen haben
müssen, auch wenn nun keine Spur mehr von ihnen zu finden ist.
Fox, es hilft nichts, wenn Sie mir nicht vertrauen! Warum haben
Sie mir nichts davon erzählt, was mit Ihnen nach der Entführung
passiert ist? Sie wussten doch sicher vor den Experimenten schon;
dass Sie keine außerirdische DNA in sich tragen! Mulder
brummte und nickte unbeeindruckt, während er die Sauce von
seinen Fingern leckte. Er warf die Serviette, mit der er sich den
Mund abwischte, auf das Bett und zeigte mit dem Finger auf den
Grauen, während er den letzten Bissen seines Hamburgers
hinunterschluckte.
Ja, aber jetzt erzählen Sie mir doch, was das bedeutet!
Er war aufgedreht, weil er froh war, dass er lebte und weil er
das Gefühl hatte, er sei in diesem Moment stärker als dieser
Fremde an seinem Bett, der offensichtlich überrascht von den
Testergebnissen war. Es bedeutet, dass Sie zwar immun sind,
aber in einer Form, in der es uns nichts nützen wird. Sie haben
die gesamte Technologie, die seit Ihrer Kindheit in Ihrem Körper
geschlummert hat, ausgestoßen und die inaktive DNA gleich mit
ihr. Er räusperte sich. Sollte er Mulder die ganze
Wahrheit erzählen? Er entschied sich, dass es dafür noch zu
früh war. Doch Mulder ließ nicht locker. Was wissen Sie
über diese inaktive DNA? Doch die Frage war rein
rhetorisch gewesen und Mulder wartete die Antwort gar nicht erst
ab. Er schob das Tablett von sich weg und setzte sich auf die
Bettkante. Nun war der Zeitpunkt gekommen, das zu sagen, was er
schon die ganze Zeit loswerden wollte.
Ist es nicht so, dass diese inaktive, diese sogenannte
Junk-DNA in Wahrheit das Urvirus ist, das seit Menschengedenken
in unserem Erbgut nur darauf wartet, reaktiviert zu werden? Ist
es nicht so, dass Sie mit Ihrer Nanotechnologie genau das auch
wollten? Eine kontrollierte Reaktivierung der Alien-DNA, die
jeden von uns immun gegen Purity machen würde, weil es uns vor
den tödlichen Effekten Puritys schützen würde mit der
gleichzeitigen Garantie, unverwundbare, kontrollierbare Sklaven
unserer Regierung zu werden, so wie diese Außerirdischen es für
ihre Regierung sind? Haben Sie wirklich geglaubt, ich sei einer
von diesen Soldatenmenschen, die Sie da heranzüchten wollen?
Mulder war richtig in Fahrt gekommen, doch er vergaß dabei, dass
der Graue in Wahrheit sein einziger Freund im Umkreis von vielen
Meilen war. Der Graue sog scharf die kühle Luft des
Krankenzimmers ein. Mulder wusste noch viel mehr, als er ihm
erzählt hatte und wieder einmal war er von diesem faszinierenden
Mann überrascht worden. Er entschied sich, nun doch die Wahrheit
preiszugeben, war es doch so, dass Mulder wahrscheinlich der
letzte Mann in dieser Gegend war, dem er trauen konnte. Sie
sind ein wahrer Hitzkopf Fox, aber so falsch liegen sie in der
Tat nicht. Unsere Nanobots sollen tatsächlich gezielt die Teile
der Alien-DNA nutzen, die uns einen evolutionären Vorteil
bringen und dabei die Abschnitte deaktivieren und aus der Zelle
ausschleusen, die Purity bei einer Re-Infektion zur Teilung und
Vermehrung braucht. Gleichzeitig ist aber die Seele Puritys, die
in den Mitochondrien schlummert und mit der Zelle so wie den
Invasoren kommuniziert auch Energielieferant der Nanobots. Somit
besteht eine symbiotische Beziehung zwischen den beiden. Es war
geplant, dass durch die Nanotechnologie die Zellen immun werden
gegen die Zerstörung durch das Alienvirus. Der Chip, der jedem
Kind, das Teil dieses Programms war, eingepflanzt wurde, bezog
seine Energie zunächst während der Speicherphase aus dem
Hirnstoffwechsel und hat zugleich das Bewusstsein, das
Funktionieren der Gefühlswelt oder wenn Sie es so sagen wollen,
die Seele des jeweiligen Menschen gelernt und abgespeichert, so
dass es der Regierung später möglich gewesen wäre zu jedem
Zeitpunkt, Handeln und Denken dieses Menschen zu kontrollieren,
ohne dass dieser es als Kontrolle bemerken würde. Mit
Reinfektion mit Purity hätte es dann zur Teilung der Nanobots
aus dem Chip kommen sollen, doch aus irgendeinem Grund hat das
bei Ihnen nur bis zu einem gewissen Punkt funktioniert. Ihre DNA
ist frei von Purity DNA und kann selbst bei Re-Infektion die
Alien-DNA nicht mehr einbauen, aber die Nanobots sind eben auch
verschwunden. Damit haben Sie sich jeder Kontrolle entzogen,
durch die Regierung genau so wie der Kontrolle durch die Aliens.
Das heißt fast! Sie Seele Puritys befindet sich noch immer in
Ihren Mitochondrien, daher sind zwar nicht Ihre Zellen immun,
doch aus irgendeinem Grund ist Ihr Körper als Ganzes immun.
Wieder schwieg der Graue und dachte über das nach, was er Mulder
gerade gesagt hatte. Und über das, was er noch immer nicht
herausgefunden hatte.
Mulder war trotz seiner Wut über all die Tests, die man an ihm
durchgefüht hatte, dem Mann dankbar für die Offenheit, er hatte
ihn wieder einmal falsch eingeschätzt und sein permanentes
Misstrauen hatte ihm im Weg gestanden, denn der Graue schien es
tatsächlich ernst zu meinen. Mulder biss sich nachdenklich auf
die Unterlippe, denn eine Tatsache stieß ihm noch auf. Puritys
Kommunikationszentrum ist also noch immer in meinen
Mitochondrien, ja?
Der Graue nickte. Deswegen sind Ihre Zellen nicht immun.
Allerdings könnten Sie ohne Ihre Mitochondrien auch nicht leben,
daher ist uns das keine große Hilfe, denn wir wissen schon
lange, dass die Entfernung der Mitochondrien eine weitestgehende
Immunität gegen Purity bewirkt. Somit sind Ihre Spermien auch
allesamt frei von Purity, da sie ihre Mitochondrien bei der
Befruchtung abwerfen. Mit Ihren Spermien könnte man also eine
Eizelle befruchten, die ebenfalls von Purity befreit wurde. Wenn
ich mich nicht irre, ist genau das mit den Eizellen Ihrer
Partnerin gemacht worden, allerdings nützt uns das nichts, da
wir einen Impfstoff brauchen, der uns sofort vor Purity schützt,
nicht erst unsere Kinder. Denn in normalen Körperzellen lässt
sich die Entfernung der Mitochondrien nicht mit dem Leben
vereinbaren. Der Graue schwieg resigniert, während diese
Informationen noch in Mulder arbeiteten. Endlich hatte er einen
Hinweis darauf, warum sein Sohn offenbar auch immun war. Weil
Scullys Eizellen ebenfalls manipuliert worden waren.
Sie haben also gar nichts?! stellte er doch
schließlich fest und sah ihn fragend an. Nun ja, wir
wissen, dass unsere Technologie offenbar nur teilweise
funktioniert hat. Und wir wissen, dass Sie immun sind. Aber
ansonsten sind wir ratlos. Der Graue schwieg wieder und
seine wässrigen Augen verloren sich in der Leere. Er war
sichtlich enttäuscht, denn er hatte sich mehr von den Tests an
Mulder erhofft. Immerhin wäre er beinahe während der
neurologischen Experimente gestorben, doch das würde er Mulder
nicht erzählen.
Mulder riss sich wütend über das Schweigen
und die offensichtliche Ratlosigkeit seines Gegenübers die EKG
Elektroden von seiner Brust und stand auf. Er ging an dem Grauen
vorbei und blieb kurz an seiner Seite stehen. Sie wollen
mir doch nicht ernsthaft sagen, dass Sie keinen Plan B
vorbereitet haben! Er wartete wieder keine Antwort ab,
sondern ging zur Tür und drückte den blau leuchtenden Knopf
daneben. Sofort kamen zwei Soldaten herein, die Mulder in sein
richtiges Zimmer zurückbrachten, wo er sich auf seiner Pritsche
hinlegte und sich zusammenrollte wie ein Embryo, denn in seinem
Kopf kreisten die Gedanken bis zur Schmerzgrenze. Er biss sich in
die geballte Faust, um nicht laut aufzuschreien. Warum brachte
ihn all das hier nicht weiter?
Ein Stockwerk über ihm war der gesamte Flur in Aufruhr. Schuld
war ein Notsignal, das seit Stunden laut schellte und
aufleuchtete. Sämtliche Labortüren hatten die automatische
Verriegelung eingeschaltet und ließen sich nicht mehr öffnen.
Hinter den Milchglastüren hämmerten verzweifelte Forscher und
Assistenten gegen die Türen während die Flure überflutet waren
von Soldaten und Männern und Frauen in Anzügen, die alle
denselben entrückten Gesichtsausdruck hatten und die
Wissenschaftler hinter den Milchglastüren ignorierten. Sie
schritten eilig den Flur hinunter während die eingesperrten
Menschen laut um Hilfe schrien. Denn die Brutschränke, in denen
Purity Proben und Kulturen bei 42°C inaktiviert
gelagert wurden, hatten sich geöffnet und durch die eindringende
kühle Luft der Labors war das Virus aktiviert worden und begann
nun langsam über den glänzend weißen Boden zu kriechen und
sich seinen Weg zu den Menschen zu bahnen, die in diesen Labors
um ihr Leben fürchteten. Draußen schritten weiterhin die
seelenlosen Soldaten und Beamten vorbei, wie eine Armee, im
Gleichschritt ihrer klirrend kalt schlagenden Herzen.
Und niemand tat etwas.
Am selben Tag in Washington D.C.
Als Scully das Kellerbüro betrat, roch sie sofort, dass jemand
dort war. Es war ein billiger Herrenduft, der ihr bekannt vorkam
und als sie um die Ecke bog und in das kleine Zimmer neben ihrem
Hauptbüro sehen konnte, wusste sie, dass ihre Nase sie nicht
getäuscht hatte. Chuck saß dort und hatte wie immer ein halbes
Rechenzentrum vor sich aufgebaut. Als er sie bemerkte, sprang er
direkt auf und lief auf sie zu. Er legte seine Hand zwischen ihre
Schulterblätter, so wie Mulder es sonst immer tat, und schob sie
auf einen Stuhl, der vor den Computern stand.
Agent Scully, Agent Scully! Sie werden mich noch den
Verstand kosten! Scully ließ sich von Chuck anstecken und
merkte, wie sie selber schon ganz nervös wurde und mit den
Fingern unruhig gegen den Tisch klopfte als sie sich setzte. Ihre
Augenbraue zuckte als sie sich zu Chuck drehte, der sich neben
ihr niederließ, doch ständig auf seinem Stuhl umherrutschte.
Hat das Blut von Walter Harland etwas ergeben? Nun
ja, nicht direkt. In seinem Blut selbst habe ich keine Spuren
einer DNA-Veränderung gefunden. Aber der hohe Eisenanteil hat
mich vermuten lassen, dass auch hier wieder Nanotechnologie im
Spiel ist, was sich bestätigte. Doch ich war ja schließlich
nicht untätig und habe in den letzten Tagen ununterbrochen daran
gearbeitet, mit diesen winzigen Robotern herumzuspielen und ich
habe einige der Moleküle an der Oberfläche dieser Teilchen
identifizieren können. Unter anderem befinden sich ATP-Moleküle
sowie Serotonin-Rezeptoren an diesen Robotern. Und Agent Scully,
diese winzigen Schaltkreise, die man darauf erkennen kann! Sehen
Sie! Er zeigte ihr fasziniert ein elektronenmikroskopisches
Bild der Nanobotoberfläche. Scullys Mund stand offen und ihr
Augenlid zuckte, als sie es erkannte. Es war ein Wunder, dass
Menschen solch eine Technologie geschaffen hatten.
Chuck fuhr fort. Die Nanobots in Mulders Blut, die mit
Proteinen überzogen waren, waren in der Tat tot, eingefroren.
Die Nanobots im Blut der gestorbenen Opfer hatten eine
elektrische Restaktivität, die sich mit enstprechend sensitiven
Geräten nachweisen lässt und obwohl diese Nanobots in Walters
Blut in tadellosem Zustand sind, also ganz anders als in Mulders
Blut, sind sie vollkommen inaktiv und tot. Haben Sie eine
Erklärung dafür? Scully schwieg während ihr Gehirn
arbeitete wie ein Uhrwerk. Hm. Walter ist Autist. Demnach
werden seine Serotonin-Spiegel eher höher sein als bei Menschen
mit normalen Emotionen und Affekten. Das könnte sich auf die
Rezeptoren auf diesen Nanobots auswirken. Aber das erklärt
nicht, wieso die Technologie nicht aktiviert war. Naja,
ich bin mir ziemlich sicher, dass die Aktivierung der Nanobots
irgendwie über den Serotoninspiegel gesteuert wird, da dies die
einzigen Rezeptoren sind, die ich identifizieren konnte.
Chuck pausierte. Interessant, murmelte er daraufhin
leise vor sich hin.
Scully hatte eine Idee. Sie sprang auf und lief zum Aktenschrank.
Ihr Baby strampelte und wehrte sich gegen die Aufregung, die
diese Neuigkeiten in ihr hervorriefen. Es kitzelte und sie musste
sich zusammenreißen, damit sie sich auf ihre Suche konzentrieren
konnte. In wenigen Sekunden hatte sie die Akte gefunden, an die
sie sich erinnerte. Es waren die medizinischen Unterlagen von
Mulders neurologischen Untersuchungen, als er im Vorjahr wegen
seiner Gehirnerkrankung im Krankenhaus gelegen hatte. Und sie
hatte sich richtig erinnert. Seine Serotoninspiegel waren damals
ebenfalls sehr hoch gewesen. Allerdings war Mulder einer der
emotionalsten und leidenschaftlichsten Menschen, die sie kannte
und somit war diese Beobachtung nicht mit der bei Walter zu
vergleichen, Mulder war kein Autist. Doch war Mulder damals nicht
wegen generell äußerst auffälligen Gehirnaktivitäten
untersucht worden? Sie legte die Akte vor Chuck auf den Tisch und
sie beide schwiegen überfordert von den Informationen.
Scully fiel noch etwas Anderes ein und sie war froh über die
Ablenkung.
Was ist mit der Basensequenz auf den Blättern, die ich
Ihnen gegeben habe? Haben sie ein Korrelat auf der DNA dafür
entdecken können? Chuck rieb sich die Hände. In der
Tat, in der Tat! Seine Augen leuchteten. Scully lächelte,
es war schön seine kindliche Begeisterung zu sehen, war er
anscheinend von sehr naiver Natur, dass ihn all die Entdeckungen
nicht so aus der Bahn warfen wie sie.
Er hatte die Sequenz, die Walter auf Papier geschrieben hatte, in
den Computer eingetippt und im menschlichen Genom nach dem
passenden Äquivalent gesucht. Als Scully jedoch auf dem
Bildschirm sah, was für eine DNA Sequenz Walter da aus
dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte, verschlug es ihr einmal
mehr die Sprache.
Chuck, das ist nicht möglich! Doch Agent
Scully, dieser autistische Mann hat tatsächlich die DNA-Sequenz
dieses Alien-Virus, das Sie untersuchen, aus dem Gedächtnis
aufgeschrieben! Doch Chuck schien das nicht so sehr zu
beeindrucken wie Scully, die mit aufgerissenen Augen aufstand.
Sie wusste, was es bedeutete. Eine Stimme tief in ihrem Inneren
sagte ihr, dass Walter das Virus in sich trug. Dass es das Virus
war, das in seinen schlaflosen Nächten mit ihm kommunizierte.
Dass es durch ihn auch mit ihr kommuniziert hatte, weil sein
Gehirn nicht wie das normaler Menschen durch Emotionen und
komplexe Gedankengänge zu dicht war, um von Purity durchdrungen
zu werden. Und sein Autismus war auch der Grund, warum die
Nanotechnologie nicht funktioniert hatte.
Er würde sterben und das Virus freisetzen! Als Scully das
begriff, bekam sie Angst. Er musste in Quarantäne! Nicht
auszudenken, wenn Purity in diesem Jungen ausbrach und nach
außen drang, um andere zu infizieren. Sie wusste, das hier
würde sie nicht alleine veranlassen können. Sie entschuldigte
sich bei Chuck und verließ ohne weitere Worte das Büro und
rannte zum Aufzug, um Skinner zu suchen.
"Sir -" Sie platzte in sein Büro
und wurde von zwei Augenpaaren indigniert angestarrt. Sie
verschluckte ihre Worte und starrte unverwandt zurück in das
fremde Augenpaar gegenüber Skinner. Der Agent war offensichtlich
einer ihrer Vorgesetzten, doch der feste Blick in Scullys Augen
machte ihm unmissverständlich klar, dass er hier der
Eindringling war und er stand auf. Doch Skinner hielt ihn
zurück. "Agent Scully, möchten Sie uns vielleicht
verraten, was der Anlass dafür ist, dass Sie hier einfach so
hereinplatzen?" Doch Scully schwieg und sah nun auch Skinner
unverwandt an. Sie hob auffordernd die Augenbrauen. "Sir,
kann ich Sie eine Minute allein sprechen?" "Agent
Scully!" Skinner war immer wieder überrascht, wie
aufbrausend Scully sein konnte, wenn es um etwas Ernstes ging.
Hatte sie das von Mulder? "Sir?" Sie sah ihn immer noch
erwartungsvoll an und schließlich entschuldigte er sich bei dem
anderen Agenten und schob sie sanft an ihrer Schulter vor sein
Büro. Seine Sekretärin verstand sofort, sie kannte diese
Situationen und verzog sich diskret in Skinners Büro, um den
Agenten darin mit einem Glas Wasser abzulenken.
Bevor Skinner sich noch weiter über Scullys Benehmen aufregen
konnte, redete sie schon auf ihn ein. "Sir, ich habe den
dringenden Verdacht, dass Walter Harland, das Entführungsopfer,
das James Morgan ausfindig gemacht hat, mit dem schwarzen Krebs
infiziert ist." Skinner sah sich einen Augenblick um, ob sie
auch wirklich allein waren und beugte sich dann ein wenig zu ihr
hinab. "Was?" Scully ignorierte sein Erstaunen.
"Egal wie, Sie müssen ihn umgehend isolieren lassen, Sir.
Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, er darf keine Sekunde länger
in diesem Krankenhaus in Boston bleiben." "Agent
Scully, das ist keine einfache Sache, für solche Dinge braucht
man Genehmigungen, das Seuchenkontrollzentrum muss informiert
werden -" Scully unterbrach ihn. "Sir, die Bürokratie
muss in diesem Falle außen vor bleiben. Wählen Sie einen
inoffiziellen Weg, was auch immer, Sie müssen Walter Harland von
dort wegschaffen." Die Aufregung war ihr ins Gesicht
geschrieben und Skinner begriff. "Also gut, ich sehe, was
ich tun kann, aber was geschieht dann mit ihm?"
"Isolieren Sie ihn, mehr können wir zu diesem Zeitpunkt
nicht für ihn tun. Es gibt kein Heilmittel. Noch nicht."
Sie wurde unsicher, denn sie wusste, dass das hier, wenn es auch
nur irgendwie an die Öffentlichkeit drang, eine Panik auslösen
konnte. Und sie hatte noch nie einen Menschen behandelt, der mit
Purity infiziert war und noch bei Bewusstsein war. Wie würde er
auf das Virus reagieren? Welche Symptome würden als nächstes
auftreten? Sie war ratlos, ließ es sich aber nicht anmerken.
Skinner verstand, die Dringlichkeit in ihrer Stimme kannte er und
er wusste, er musste sie ernstnehmen. Also versicherte er ihr
einen reibungslosen und diskreten Ablauf. "In Ordnung, Agent
Scully. Ich werde Sie wissen lassen, wo wir ihn hinbringen. Aber
was sage ich seiner Familie?" "Darum werde ich mich
kümmern." Scully war mit ihren Gedanken bereits einen
Schritt weiter und verließ Skinners Vorzimmer ohne ihm noch
einmal in die Augen zu sehen, denn sie mussten schnell handeln,
auch wenn sie nicht wussten, wie.
23.21 Uhr, Area 51
Mulder war endlich vor Erschöpfung eingeschlafen. Doch lange
sollte er nichts von seinen Träumen haben, denn mitten in der
beruhigenden Dunkelheit öffnete sich die Tür plötzlich und ein
greller Lichtstrahl schnitt durch die Nacht und weckte ihn. Er
setzte sich sofort auf und hielt die Hand schützend vor die
Augen, bis er sich an das Licht gewöhnt hatte. Er erkannte eine
dunkle, hagere Gestalt. Er atmete erleichtert auf.
Sie hätten sich wohl nicht bis zum Morgen gedulden
können, was? Die Tür schloss sich so lautlos wie sie
geöffnet worden war und der Graue blieb direkt vor ihr stehen
und sah Mulder an. Seine Augen waren wässrig und farblos wie
immer, doch ein unruhiges Feuer brannte in ihnen. Seine Finger
spielten nervös mit einem Glasröhrchen herum, sein Inhalt
reflektierte das schummrige Licht, das Mulder neben seinem Bett
angeknipst hatte.
Es tut mir leid, Agent Mulder, aber es ereignen sich hier
unerwartete Dinge, die uns wertvolle Zeit stehlen. Sein
Blick wirkte gehetzt, Mulders Herz klopfte. Er hatte sich also
all das nicht eingebildet. All die Stimmen und Sirenen, die er
gehört hatte, die merkwürdigen Blicke und das Flüstern hinter
seinem Rücken. Sein Instinkt hatte ihn wieder einmal nicht
getäuscht. Irgendetwas stimmte nicht hier unten und er hatte es
die ganze Zeit gewusst und er war die Geheimniskrämerei des
Grauen leid.
Reden Sie schon mit mir! rief er aufgebracht aus, da
ihn die Spannung langsam um den Verstand brachte.
Die Purity Bestände sind außer Kontrolle geraten.
Irgendjemand oder irgendetwas hat es aktiviert und es hat
sämtliche Mitarbeiter hier infiziert. Wir haben seit Monaten
eine kleine Gruppe von Alpha-Hybriden unter uns. Das ist eine
Gruppe Alien-Mensch-Hybriden, die wir für die Invasoren
entwickelt haben und die von denen gesteuert wird, sie sind hier
um unsere Arbeit zu überwachen. Sie alle tragen das Virus in
sich, aber keine Nanotechnologie. Sie sind außer Kontrolle
geraten. Seit Ihrer Ankunft sind sie wie verwandelt. Und nun da
Purity freigesetzt ist, beginnen sie sich zu vermehren. Ich weiß
nicht mehr, wer Freund oder Feind ist. Ich weiß nicht einmal
mehr, was Sie sind!
Er wirkte fahrig und vollkommen wirr. Mulder sah ihn irritiert
an. Er konnte die Schweißperlen auf der Stirn des Mannes
erkennen, die im dunklen Licht glitzerten. Mulder blieb jedoch
vollkommen ruhig.
Im Moment bin ich mir auch nicht sicher, was Sie sind! Sie
müssen schon Klartext mit mir sprechen! Das brachte den
Grauen wieder ein wenig zur Vernunft. Er sah auf das
Glasröhrchen zwischen seinen Fingern. Fox, ich weiß
nicht, was hier vor sich geht, aber Sie sollten schnellstens bei
Tagesanbruch von hier verschwinden. Nachts ist es zu gefährlich,
weil die Sicherheitseinstellungen auf dem Gelände erhöht sind.
Ich weiß nicht einmal, wie Sie hier herauskommen können, doch
ich weiß, ich werde diesen Ort nicht lebend verlassen. Auf
diesem Chip hier sind sämtliche Beweise gespeichert, Sie müssen
sich in Kanada mit jemandem in Verbindung setzen. Mit einer
Freundin. Und ich werde Ihnen Ihre Testergebnisse auf diesem Chip
mitgeben. Denn ich weiß, der Schlüssel ist irgendwo zwischen
diesen Experimenten, die wir an Ihnen durchgeführt haben, uns
bleibt nur nicht die Zeit, das hier herauszufinden.
Er schwieg und horchte auf. Hatte sich etwas auf dem Flur bewegt?
Sie verharrten eine Weile in Stille. Doch als sie nichts hörten,
fuhr der Graue fort.
Ihr EEG ist nach wie vor wie letztes Jahr, als Sie deswegen
in der Psychiatrie waren, verändert. Sie können zwar nicht mehr
Gedanken lesen, denn das war der aktivierten Alien-DNA in Ihnen
zuzuschreiben, aber noch immer spielt Ihr Hirnstoffwechsel
verrückt. Irgendetwas in Ihrer Hirnchemie ist es, was diese
Nanotechnologie inaktiviert hat, weswegen all das nicht bei Ihnen
funktioniert. Und vielleicht ist genau das auch der Grund dafür,
dass auch Purity in Ihrem Körper keine Chance hat. Ich habe mit
eigenen Augen gesehen, was mit Ihrem Körper geschieht, wenn man
ihn in Kontakt mit dem Virus oder den Nanobots bringt. Er
reagierte mit einer heftigen Abwehrreaktion und Sie sind in einen
epileptischen Anfall gerutscht. Es ist Ihr Gehirn, Agent Mulder.
Wir haben deswegen auf diesem Chip auch eine Rekonstruktion des
Chips gespeichert, den man Ihnen letztes Jahr aus Ihrem
Rückenmark entfernt hat. Agent Mulder, ich hoffe, Sie verstehen
wie wichtig dieser Chip ist, er enthält alle Informationen über
ihr Bewusstsein. Er darf nicht in falsche Hände gelangen! Sie
müssen in Kanada eine Kopie davon anfertigen lassen, hier haben
wir keine Zeit mehr dafür. Ich habe Ihnen weit mehr gesagt, als
ich es hätte tun sollen, aber ich weiß, ich werde es ohnehin
nicht schaffen, daher müssen Sie hier unbedingt verschwinden.
Mulder glaubte eine leichte Panik in seiner Stimme mitschwingen
zu hören. Doch er wirkte auch müde und erschöpft. Er stellte
das Glasröhrchen mit dem Chip auf den kleinen Tisch, auf dem die
Lampe brannte, drückte ihm einen Konstruktionsplan des Gebäudes
in die Hand. Das ist alles, was ich für Sie tun kann.
Seine grauen Augen waren stumpf und trüb, seine Gesichtszüge
waren schlaff und ausdruckslos. Resigniert.
Es war mir eine Ehre, Sie gekannt zu haben, Mr. Mulder.
Damit wendete er sich ab, doch Mulder griff nach seinem
Handgelenk und hielt ihn zurück. Als sei es die erste
menschliche Berührung seit Jahrzehnten, drehte sich der Graue um
und sah ihn verwundert an. Mulder begriff nicht, wer dieser Graue
war und auf wessen Seite er stand.
Warum tun Sie das alles? Warum riskieren Sie Ihr Leben
dafür? Sie sind nie einer von denen gewesen, oder? Der
Graue blinzelte fast unmerklich. Doch, Fox, ich war einer
von den zahlreichen Schattenmännern, die Sie die letzten Jahre
immer wieder auf Ihrer Suche getroffen haben. Aber ich war nie
wichtig genug, um wirklich in deren Liga mitspielen zu können.
Und nun bin ich der einzige, der überlebt hat, weil ich immer zu
menschlich für diesen Job war. Und weil ich fest daran glaube,
dass wir eine Chance haben. Ich glaube an die Menschheit und ich
will, dass sie das um jeden Preis überlebt. Auch um den Preis
der Freiheit. Alle Hoffnungen ruhen auf Ihnen, Fox. Und auf Ihrem
Sohn, also sorgen Sie dafür, dass er lebend zur Welt kommt.
Mulder ließ ihn los, denn er erschauderte bei dem kalten
durchdringenden Blick seines Gegenübers. Er spürte, dass etwas
geschehen würde.
Denn er fühlte die Vibration des Bodens, er hörte die
Alarmsirenen, die in dieser Nacht immer lauter zu werden
schienen. Und er spürte es. Dieses schwarze, leere Nichts, das
er schon so gut kannte. Es war überall.
8 Stunden später
Mulder kannte mittlerweile den Komplex auswendig, so oft hatte er
den Konstruktionsplan nach Fluchtwegen untersucht. Doch er hatte
keinen Zugriff auf das System, sein Fingerabdruck wurde nicht
erkannt, ebenso wenig der Scan seiner Netzhaut. Er konnte seinen
Flur nicht verlassen. Bisher war er ja auch immer von seinen
eigenen Bodyguards abgeholt worden. Der Aufzug, sämtliche Türen
und Schränke ließen sich nur mittels Fingerabdruck oder
Netzhauterkennung bedienen. Er musste aber irgendeinen Weg
finden, um heraus zu kommen. Doch heute hatten ihn keine Soldaten
abgeholt und ins Büro des Grauen gebracht, so wie sonst. Seit
einigen Stunden war es überhaupt ungewöhnlich still geworden.
Auf dem langen Flur, der von seinem Zimmer aus zu verschiedenen
Aufzügen und schweren Türen führte, war er niemandem begegnet.
Er war hier eingesperrt. Er legte sich auf den Boden und hörte,
was unter ihm vorging. Ein lautes, metallisches Hauchen schoss
durch seine Ohren und drang in die Tiefe seines Geistes. Es war
ihm so vertraut, dieses Geräusch, es weckte die schlimmsten
Erinnerungen. Hastig sprang er auf und rannte zur nächsten Tür.
Wieder hielt er sein Ohr dagegen.
Stille. So rannte er weiter, von Tür zu Tür den gesamten Flur
entlang, doch hinter keiner Tür konnte er ein Geräusch hören.
Keine Tür ließ sich öffnen. Und die Aufzüge blieben ihm
unbarmherzig verschlossen. Er wurde zornig. Wie sollte er hier
herauskommen, wenn der Graue ihm nicht gesagt hatte, wie? Er trat
gegen die Wand und fluchte verzweifelt. Plötzlich hörte er, wie
jemand von der anderen Seite der Wand dagegenklopfte. Da war also
doch jemand!
Mulder trat noch einmal dagegen, damit die Person hörte, wo er
sich befand, während er sich der nächsten Türe näherte, nicht
ohne alle 2 Meter gegen die Wand zu schlagen. Immer kam ein
Schlag zurück, jedes Mal war er ein wenig schwächer. Und zwei
Meter vor der Tür kam keine Antwort mehr. Mulder hämmerte auf
die schwere Tür ein. Hey! Ist da drin jemand???
brüllte er so laut er konnte.
Er hatte schon wieder aufgegeben, von der Person hinter der Wand
noch ein Zeichen zu bekommen und wandte sich enttäuscht ab, als
er ein Klicken in der Tür hörte und wieder herumfuhr. Sie
öffnete sich fast lautlos. Mulder ging hindurch. Er stand in
einem Labor. Es war unfassbar wie viele es davon hier gab. Er
hatte schon zahlreiche medizinische und physikalische
Laboratorien gesehen. Unendlich viele Ingenieure, Informatiker,
Astronomen, Physiker und Ärzte arbeiteten hier auf der Area 51,
doch das hier schien das Labor von Biologen zu sein. Allerdings
war das Chaos ausgebrochen. Es sah aus, als hätte es gebrannt,
alles war schwarz und verkohlt, die Brutschränke standen offen
und piepsten leise, Laborstühle waren umgestürzt, als wären
die Forscher hier drin während der Arbeit von etwas überrascht
worden und geflohen. Hallo? Ist hier jemand? Mulder
rief durch das Labor und es hallte unwirklich wieder.
Doch die Person, die ihm geöffnet hatte, war nicht zu sehen.
Also ging er weiter in das Labor hinein, als er merkte, dass auch
der Boden voll von dem schwarzen Ruß war, der an seinen
Schuhsohlen haftete. Er sah sich um und ging näher an die
Zentrifugen und offen stehenden Brutschränke heran. Es hatte
hier nicht gebrannt. Das war kein Ruß, es war ein schwarzer,
öliger, hauchdünner Film, der alles überzog. Mulder zuckte
zurück. Er wusste, was das war. Doch warum war hier niemand? Er
schlich weiterhin durch das Labor, als er plötzlich hinter einem
Regal zwei Füße sah.
Sein Herz klopfte, er wusste, er würde eine Leiche vorfinden,
doch wie würde sie aussehen? Er näherte sich vorsichtig, in der
Bemühung nicht auf dem Öl auszurutschen.
Oh mein Gott! enfuhr es ihm, als der den
Wissenschaftler am Boden liegen sah. Er hatte seine Konsistenz
vollkommen verloren. Sein Gesicht, seine Körperformen waren
zerflossen, als wären sie aus Wachs, das in der Hitze
geschmolzen war. Das Gesicht des Mannes war zerfressen und ein
schwarzer öliger See in der Mitte des früheren Gesichts war
alles, was zu sehen war. Aus seinen Ohren floss ebenfalls
schwarzes Öl und sein Brustkorb war aufgebrochen. Die Rippen
standen blutig wie Stacheln in die Luft. In seiner Bauchhöhle
stand ebenfalls nur ein schwarzer See. Keine Organe waren mehr zu
sehen, nur noch das Herz konnte Mulder erkennen. Das Blut, das
sich mit dem öligen Film vermischte, schimmerte silbern, wie
Metall.
Mulder hielt sich die Hand vor den Mund. Es stank, aber nicht wie
Verwesung. Es roch nicht organisch. Nicht nach Mensch oder Tier.
Es war ein fremdartiger Geruch und Mulder erinnerte sich, es
schon einmal gerochen zu haben. Er starrte entgeistert auf die
Leiche.
Eine schwere Hand packte plötzlich von hinten seine Schulter.
Etwas zerrte an ihm. Mulder fuhr herum. Ein Mann versuchte sich,
an ihm festzuhalten. Seine Augen waren schwarz, man konnte keine
Iris, keine Pupillen erkennen, nur einen schwarzen Schleier.
Schwarzes Öl lief ihm aus der Nase und als er versuchte, zu
sprechen, erbrach er ebenfalls schwarzes Öl. Er spuckte es
direkt auf Mulders Uniform, der noch versuchte, sich aus dem
Griff des Mannes zu lösen. Doch nachdem dieser sich erbrochen
hatte, sank er kraftlos vor Mulder zu Boden und blieb liegen.
Seine schwarzen Augen offen in den Tod starrend.
Mulder sah an sich herunter. Das Öl verharrte eine Sekunde auf
seiner Uniform, dann kontrahierte es sich und vibrierte. Es
bewegte sich keinen Millimeter in irgendeine Richtung, es schien
zu kämpfen. Mulder war wie erstarrt, er traute sich nicht, es
sich von der Brust zu wischen, doch in einem Reflex tat er es
doch. Es blieb an seiner Hand kleben und er spürte, wie es kalt
und stechend auf seiner Haut entlangkroch. Es umkreiste seine
Finger in sich immer wiederholenden Zuckungen, pulsierend, wie
schwarze Adern. Mulder versuchte es abzuschütteln, doch es kroch
unter seinen Ärmeln hinauf zu seinen Schultern, über seinen
Hals in sein Gesicht. Durch seine Nasenlöcher, in seine Augen
hinein. Es wand sich in seine Ohren hinein und legte sich
zwischen seine Lippen um in seinen Mund hineinzusickern. Mulder
versuchte es auszuspucken, schüttelte sich und schrie. Er wollte
nicht, dass es in ihn hineinfuhr. Doch plötzlich merkte er, wie
die Kälte sich in seinem Körper in Hitze verwandelte. Es
brannte, ihm wurde heiß und seine Augen tränten. Seine Haut
juckte am ganzen Körper. Er schrie, weil es die einzige
Erleichterung war. Sein Herz schien sich zu verkrampfen als das
Öl in seinen Blutkreislauf gelangte und er zu Boden stürzte.
Doch er stützte sich am Boden ab, stemmte sich mit aller Kraft
hoch und verharrte auf allen Vieren. Er würde sterben! Er war
nicht immun, das hatte der Graue ihm selbst gesagt. Er spürte
die Leere in sich, die Dunkelheit. Er fühlte, wie alle Gedanken,
alle Gefühle, alle Erinnerungen ausgelöscht wurden, wie die
Dunkelheit sie einlullte.
Doch bevor in seinem Geist die Nacht einbrach, sah er ein letztes
Bild vor sich und er schrie laut auf. Er durfte nicht sterben. Er
hatte ihr versprochen, dass er eine Lösung finden würde. Wenn
er nun starb, würden sie und ihr Baby es auch nicht schaffen.
Der Schmerz bei dem Gedanken daran war so stark, dass ihm das
Brennen von Purity in seinem Körper im Vergleich dazu nichts
ausmachte.
Da plötzlich fühlte er, wie eine Welle ihn durchfuhr. Sein
Körper zuckte und wollte ihm nicht mehr gehorchen. Ihm wurde
schwarz vor Augen, doch in seinem Herzen fühlte er ein Licht,
das immer heller wurde. Er merkte, wie es durch seinen Körper
glitt und wie das Schwarz in ihm immer kleiner wurde. In einer
letzten Welle, die ihn fast zu zerreissen schien, bäumte er sich
auf und spie Purity in einem erstickten Schrei in die Luft, wo es
sich zu einer schwarzen Wolke verdichtete und schließlich zu
Staub hinabrieselte und über der Erde verdampfte.
Mulder fiel erschöpft zurück. Er fühlte sich elend, verlassen
und verzweifelt. Er hatte sich noch nie so alleine gefühlt. In
diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als die
Gewissheit, dass ganz in der Nähe Scully durch das Gelände
rannte um ihn zu suchen und ihn finden würde. Er wünschte sich,
er könne sich in ihren Armen zusammenrollen und endlich Ruhe
finden. Doch er wusste, sie würde nicht kommen. Er hatte sie
verlassen. Tränen füllten seine Augen. Er wünschte, er könne
nur einmal seinen Sohn in den Armen halten.
Warum war ausgerechnet er es, der die Welt retten sollte?
Er hatte keine Kraft mehr, er war geschwächt und leer.
Der ölige Film wich zurück als sein
Körper den Boden berührte. Er atmete in schnellen, kurzen
Zügen, während er fühlte, wie seine Muskeln am ganzen Körper
unwillkürlich zuckten und zitterten.
Schließlich fiel sein Blick auf den Mann, der ihn angegriffen
hatte. Er lag reglos auf dem Boden. Mulder begriff, was das
bedeutete. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder würde aus
diesem Mann in Kürze eine Alien-Kreatur herausbrechen oder er
würde sich in einen dieser seelenlosen Alien-Hybriden
verwandeln. Er wusste nicht, wie man beeinflussen oder erkennen
konnte, was davon eintreten würde. Also hatte er nur wenige
Sekunden Zeit. Er sah sich um und hackte mit dem nächstbesten
Gegenstand, den er fand, einen Zeigefinger des Mannes ab. Somit
würde er zumindest die meisten Türen nutzen können. Er sprang
auf und rannte so schnell er konnte aus dem Labor. Er wollte
diese grausame Entdeckung schnell hinter sich lassen. Er wollte
weg von hier. Der Untergang hatte begonnen.
Auf allen Fluren in seiner Umgebung tönten die Alarmsignale.
Doch niemand war noch da, sie zu bemerken. In sämtlichen Labors
lagen tote, leere Körper, aus denen längst
Alien-Mensch-Hybriden geschlüpft waren um die Gestalt ihres
toten Wirts anzunehmen. Denn ihre wahre Gestalt überstieg die
menschliche Vorstellungskraft. Sie liefen alle ausdruckslos durch
die Flure, alles, was nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde
infiziert und war dem Untergang geweiht. Doch die Hybriden liefen
weiter unbeeindruckt in eine Richtung. Sie hörten nichts, sie
sahen nichts, sie fühlten nichts. Sie hatten keine Sinne und
keine Seele, denn diese Attribute waren ineffizient und nutzlos
in der Welt, aus der sie kamen. Ihre Gehirne nutzten andere
Möglichkeiten der Wahrnehmung. Sie alle orientierten sich am
Magnetfeld und wussten, dass sie ins Zentrum mussten. Dort, wo
ihr Mutterschiff wartete. Sie mussten weg, denn etwas war in der
Nähe, etwas, das in ihre Gehirne eindrang und sie verwirrte.
Etwas, das ihre Wahrnehmung irritierte. Sie hatten den Befehl
erhalten, sich zu entfernen. Und sie gehorchten.
Einen Monat später, Scullys Apartment
19.42 Uhr
Die Welt war still. Die Vögel hatten vor Wochen schon aufgehört
zu zwitschern und waren in Scharen gen Süden geflogen. Die
Insekten summten nicht mehr vor ihrem Fenster und die
Sonnenstrahlen schienen nicht mehr golden durch ihre Wohnung. Sie
schienen überhaupt nicht mehr. Es war seit Wochen trüb und grau
und es wollte nicht regnen. Doch die Menschen sprachen schon
nicht mehr darüber, sie nahmen es hin, so wie sie immer alles
hinnahmen.
Scully schaltete den Fernseher ein, doch wie so oft in den
letzten Tagen konnte sie ihre Sender nicht empfangen. Die
digitale Übertragung war angeblich durch besonders starken
Sonnenwind gestört. Das war zumindest die offizielle Meldung der
Medien, doch Scully war sich nicht so sicher, dass sie die
Wahrheit sagten.
Denn sie hatte es auch gehört. Doch für sie hatte es etwas
bedeutet. Die meisten Menschen hatten es für einen Sender
gehalten, der als einziger noch ausstrahlen konnte, für eine
Fehlfunktion, die im allgemeinen Chaos nichts bedeutete. Doch
Scully wusste, dass es ein Zeichen war. Statt der Nachrichten
oder der zahlreichen Radiosender lief seit zwei Tagen nur noch
ein Sender, wenn man das Radio einschaltete. Und nur ein Stück
wurde gespielt. Scully kannte es gut, denn Mulder hatte es ihr
mit einem schelmischen Grinsen zum letzten Geburtstag auf CD
geschenkt.
Es war das Brandenburgische Konzert Nr. 2 von Bach. Es war das
Stück, das auf der Voyager Raumsonde seit über 10 Jahren durch
das Weltall flog, um irgendwann vielleicht von einer Zivilisation
abgefangen zu werden. Sie beschlich ein Gefühl, dass das schon
längst eingetreten war. Und dass das nun ein Zeichen war. Doch
ihr Verstand wehrte sich. Versuchte wie immer die
offensichtlichen Fakten, die offiziellen Meldungen und die
rationalen Erklärungen zu bevorzugen. Sie schaltete den
Fernseher wieder aus. Dann eben nicht, dachte sie sich und genoss
die unheimliche Stille.
Sie legte ihre Hand auf den Bauch, mehr um sich selbst zu
beruhigen. Er war in den letzten Wochen so groß geworden, nun
merkte sie, dass wirklich ein Baby darin war und es fühlte sich
merkwürdig an. Und sie konnte es mit niemandem teilen.
Sie fragte sich, wo Mulder gerade war. Ob er noch lebte?
Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Sie
sah auf die Uhr. Wer konnte das sein? Ein Blick durch den Spion
und sie lächelte. Frohike stand vor ihr, mit einer Pizza in der
Hand. Sie öffnete ihm und begrüßte ihn in gespielter
Herzlichkeit, denn eigentlich hatte sie die Einsamkeit heute
Abend ein wenig genossen. Zu viel war in den letzten Wochen
passiert, zu oft hatte sie im Keller Akten durchwühlt, hatte sie
in Quantico an DNA-Proben experimentiert oder mit Chuck über
ihren Daten gesessen, ohne Erfolge.
Frohike! Sie haben Pizza mitgebracht! Frohike
schüttelte bedauernd den Kopf und klappte die Pizzaschachtel
auf. Anstelle von Peperoni und Tomaten sah Scully auf einen
Laptop. Sie sah hinter Frohike auf die Tür. Wo sind die
anderen beiden? Kommen später, es ist zu auffällig,
wenn wir hier immer zu dritt auftauchen, antwortete Frohike
und riss sich den falschen Bart von der Haut. Mh, fühlte
sich gut an, so ein Pelz im Gesicht, brummelte er und
Scully sah ihn ein wenig angeekelt an. Ich warte schon seit
Ewigkeiten darauf, dass Sie sich melden. Was war denn los?
Scully ging zum Kühlschrank und holte drei Bierflaschen für die
Jungs heraus. Frohike griff sich voller Freude direkt eine.
Ich sag gar nichts, wir warten noch. Das wäre doch nicht
fair. Wir könnten uns in der Zwischenzeit anderweitig
vergnügen, bot er ihr in gewohnt schlüpfrigem Ton an und
zwinkerte ihr schmierig zu. Scully legte demonstrativ ihre Hand
auf den Bauch und hob die Augenbrauen an, während sie ihm einen
spöttischen Blick zuwarf. Frohike seufzte. Ich weiß ja,
ich seh eben nicht aus wie Mulder, nicht wahr?
Scully bemühte sich zu lächeln, doch da klopfte es schon wieder
an der Tür und sie ging erneut hin, um zu öffnen. Vor ihr
standen eine blonde Frau und ein Mann, der entgegen seiner
Gewohnheit ein Sweatshirt trug. Der Anzug wurde zu
auffällig versuchte Byers sein Outfit zu entschuldigen.
Langley hatte das Bier schon gesichtet und steuerte zielsicher
darauf zu, sich den Lippenstift mit dem Handrücken verwischend.
Dämliche Idee, nächstes Mal geht Frohike als Frau, diese
Schminkerei ist ja tödlich! fluchte er. Scully bemerkte,
dass sein Arm sich in einem Gipsverband befand. Langley,
Sie sind ja verletzt! Mh, nur ein kleiner Unfall mit
einem Telegrafenmast. Nichts besonderes, die Informationen, die
wir haben, waren den Einsatz wert! Er lächelte stolz in
die Runde und nahm einen Schluck Bier. Na, da bin ich jetzt
aber gespannt. Scully setzte sich und sah die Drei
erwartungsvoll an.
Byers machte den Anfang, obwohl er sich sichtlich unwohl in
seinem Sweatshirt fühlte. Frohike griff nach Langleys unechten
Brüsten, was Scully jedoch ignorierte. Die Störungen in
unseren Medien sind das dürfte eigentlich jeder noch so
gutgläubige Amerikaner mittlerweile eingesehen haben
nicht nur auf den Sonnenwind zurückzuführen. Keine
Sonnen-Protuberanz in der Geschichte hat jemals so lange
andauernde, so starke Störungen hervorgerufen. Unsere Quellen
und Nachforschungen haben uns ziemlich genaue Hinweise gegeben,
dass es mit diesem merkwürdigen Wetter zusammenhängt. Die
dunkle Wolkendecke, die sich seit nun fast einem Monat über
unsere Stadt legt, ist, wie Sie sicherlich trotz der mangelhaften
Nachrichtenmeldungen mitbekommen haben, kein Einzelfall. In
vielen Gebieten der USA scheint die Sonne seit Wochen nur noch
durch die dunklen Wolkenschichten. Und nicht nur in unserem Land
ist das so. Die Meteorologen sind sich sicher, dass es sich nicht
um bloße Regenwolken handelt, doch das verschweigen sie
natürlich der Öffentlichkeit. Sie enthalten Schwermetalle und
es wird vermutet, dass evtl. ein militärischer Test oder ein
geheimes Militärmanöver diese Schwermetalle in die Luft
getragen hat.
Langley schaltete sich ein. Allerdings ist UNSERE Theorie
viel plausibler. Wir sind der Meinung, dass das irgendeine
organische Substanz ist, es ist jedenfalls kein normales
Wetterphänomen. Diese Wolken stören unseren Ergebnissen nach
das Magnetfeld, wodurch es zu diesen Ausfällen der
Satellitenübertragung kommt. Uns ist allerdings nicht klar, wo
das hinführen soll. Byers stand auf und lehnte sich direkt
vor Scully gegen den Tisch. Er wirkte sehr beunruhigt. Agent
Scully, hier sind unglaubliche Veränderungen im Gange.
Zahlreiche unserer Quellen sind verstummt. Da die meisten von
ihnen mit Mitarbeitern der Area 51 in Kontakt stehen oder selbst
welche sind, vermuten wir, dass da etwas nicht stimmt. Wir haben
Satellitenbilder
Er nickte Frohike zu, der seinen
Laptop zu Scully drehte. Scully sah auf die schwarz-weiß
Luftaufnahme eines trockenen, leeren Gebietes. Sie konnte
Strukturen erkennen, die sie an die Kornkreise erinnerten, die
sie gesehen hatte. Sie sah Rauch an verschiedenen Stellen des
Gebietes aufsteigen.
Was ist das? Langley sah Scully irritiert an, als
wäre es viel zu offensichtlich, was auf dem Foto zu sehen war.
Doch Scully war eben nicht Mulder, also erklärte er ihr
bereitwillig, was man dort sah. Das sind Luftaufnahmen der
Area 51 von vor drei Wochen. Die UFO-Sekten drehen seit einigen
Wochen vollkommen durch, weil sie glauben, ihre Herrscher würden
nun kommen, um sie mit in eine bessere Welt zu nehmen.
Von mir aus, sollen die die doch mitnehmen, die zahlen eh
keine Steuern! brummte Frohike und Langley grinste ihn an.
Jedenfalls sind dort in der Gegend in der letzten Zeit
immer mehr merkwürdige Dinge passiert. Stromausfälle,
Nordlichter, dieselben Wolken, Agent Scully, die hier überall zu
sehen sind, Flugzeuge sind abgestürzt
Kurz
gesagt: Irgendwas ist das schief gegangen! schloss Byers
Langleys Ausschweifungen schließlich ab. Stille breitete sich
aus. Die Drei sahen sich unruhig an.
Wissen Sie was von Mulder? Scully schwieg und sah zu
Frohike auf. Ihre Augen glänzten, als hätte sie sich das nicht
selbst schon viele hundert Male gefragt. Als gälte nicht jeder
Gedanke vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen ihm. Die
Luftaufnahmen der Area 51 ließen nichts Gutes vermuten, es sah
aus als sei die gesamte Militärbasis in vollkommenem Chaos
versunken. Sie räusperte sich und lenkte vom Thema ab, bevor sie
sich zu sehr in ihrer Sorge um Mulder verlor.
Ich habe auch nachgeforscht und eine Menge erfahren
haben
Sie Zeit? Alle Zeit der Welt! sagte Frohike und
machte es sich gemütlich. Langley und Byers setzten sich
ebenfalls an den Küchentisch und sahen wie kleine Hunde auf ihre
leeren Bierflaschen. Als Scully ihnen neues Bier aus dem
Kühlschrank holte, begann sie mit ihren Ausführungen.
Sie erzählte ihnen von Walter Harland und davon, dass sein
Autismus offenbar die Ursache dafür gewesen war, dass Purity in
ihm ausgebrochen war und man ihn gerade noch rechtzeitig aus dem
Krankenhaus in Boston in einen Militärhubschrauber hatte
transportieren können. Doch der Hubschrauber war nie auf der
Basis angekommen, wo Walter in Quarantäne untergebracht worden
wäre. Er und die Hubschrauberbesatzung waren vom Erdboden
verschluckt. Skinner war extra nach Boston geflogen, doch bis
heute fehlte jede Spur. Scully hatte das damals keineswegs
überrascht, wenn es sie auch bestürzt hatte, denn sie war es
schließlich gewesen, die es seinen verzweifelten Eltern hatte
beibringen müssen. Sie, die sie selbst gerade Mutter wurde,
hatte es kaum übers Herz gebracht. Wo immer Walter war, sie
wusste nun, er war tot, oder zumindest war er nicht mehr
derselbe, der er vorher gewesen war. Doch aus irgendeinem Grund
ließ es sie mittlerweile unbeeindruckt. Vielleicht war sie
abgestumpft, oder müde und überfordert. Oder sie war
ausgebrannt, weil ihr eigener Kummer sie bereits all die Tränen
gekostet hatte, die sie vergießen konnte.
Sie schwieg und sah Mulders Freunde an, es war tragisch, dass
Menschen einfach verschwanden als wären sie nichts.
Langley brach die Stille und versuchte die Spannung zu lösen.
Es dürfte wohl ziemlich klar sein, dass er sich nicht
heimlich nach Südamerika abgesetzt hat. Frohike warf ihm
einen genervten Blick zu. Doch Langley hatte Scully damit sehr
geholfen, denn sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und
erzählte weiter. Weil sie es endlich konnte. Weil all das, was
sie wochenlang nur mit Chuck hatte teilen können, endlich wieder
Gehör fand. Sie konnte es kaum zurückhalten. Sie berichtete
ihnen von den fehlenden Mitochondrien ihres Babys, von den
Entdeckungen über die Junk-DNA, von der Erkenntnis, dass
offenbar der Hirnstoffwechsel irgendwie wichtig für das
Überleben Puritys und für die Aktivität der Nanotechnologie
war. Sie erzählte alles, was sie wusste und die Drei einsamen
Schützen nahmen jedes Wort gierig und mit staunenden und
anerkennenden Blicken auf. Hin und wieder schüttelte einer von
ihnen ungläubig den Kopf, oder sie nickten sich wissend zu.
Frohike jedoch sah Scully die ganze Zeit irritiert an, es
verwirrte ihn, wie offen und unbeeindruckt sie über all das
redete. Sie, die Skeptikerin vor dem Herrn! Aber nicht nur er
hatte bemerkt, dass das Kreuz um ihren Hals verschwunden war. War
das ein Ausdruck dessen, was in ihr vorging? Oder hatte sie es
nur vergessen anzulegen?
Als sie ihre Ausführungen beendet hatte,
herrschte Stille in ihrer kleinen Küche, nur das Summen des
Kühlschranks war hörbar. Wind fuhr draußen raschelnd durch die
Blätter eines Baumes und ein kühler Luftzug wehte hinein, so
dass Scully ans Fenster ging und es schloss, ihr Blick gen Himmel
gerichtet auf den einzigen Stern, den man seit Wochen zwischen
den düsteren Wolkendecken sehen konnte.
Langley unterbrach die Stille. Ich weiß nicht, ob Ihnen
das schon durch den Kopf gegangen ist, aber als Wissenschaftlerin
sollten Sie damit vetraut sein. Scully drehte sich um und
sah ihn erwartungsvoll an. Haben Sie schon einmal was von
der Endosymbiontenhypothese gehört? Scully nickte. Natürlich,
aber ich habe sie nicht hiermit in Verbindung gebracht.
Doch in dem Moment, als sie diesen Satz beendet hatte, wurde ihr
klar, was Langley ihr damit sagen wollte. Sie starrte ihn an,
ihre Augen in Unglauben weit aufgerissen, warum waren sie und
Chuck nicht längst auch darauf gekommen? Doch schließlich
lächelte sie, als ihre Vernunft sie wieder eingeholt hatte.
Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass
. Doch
das Lächeln brach und sie senkte ihren Blick auf ihren Bauch. Es
waren keine wissenschaftlichen Spekulationen, über die sie hier
sprachen, es war Realität. Byers führte die Überlegungen zu
Ende.
Doch, ich habe darüber vor langer Zeit etwas gelesen. Die
Theorie besagt, dass die Mitochondrien in unseren Zellen in
geraumer Vorzeit eigenständige primitive Organismen waren, die
von den Einzellern aufgenommen wurden, so dass es zu einer
Symbiose kam. Vor dem Hintergrund dieser ganzen
Alien-Virus-Geschichte bekommt das allerdings eine neue
Dimension. Scully sponn den Gedanken weiter, denn zum
ersten Mal seit langem schien das einen Sinn zu ergeben, einen
Sinn, den sie akzeptieren konnte, weil er nicht vollkommen
abstrus war, nur neu.
Natürlich! Es wäre doch möglich, dass ein
außerirdischer Organismus auf dieser Erde eine Art Virus
oder Virusträger durch Endozytose von den damaligen
Lebensformen aufgenommen wurde und dabei seine DNA oder RNA in
das Genom des Wirts eingeschleust hat. So etwas tut jedes
gewöhnliche Retrovirus auch. Das ist nicht einmal
Science-Fiction, es ist vollkommen natürlich. Ein rationaler
Mechanismus, Evolution.
Frohike starrte angeekelt auf den Tisch. Soll das heißen,
diese Alien-Viecher sind in jeder meiner Zellen? Nicht genug,
dass die sich in meiner DNA eingenistet haben, jetzt sind sie
auch noch der Grund, warum ich überhaupt atmen kann? Agent
Scully, ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde,
aber Sie machen mir Angst!
Langley grübelte noch darüber. Doch Scully atmete auf, seit
langem schienen die Erklärungen endlich einmal nicht so
phantastisch und verrückt zu sein, sie konnte die Panspermie
Theorie akzeptieren, ebenso diese Idee der Endosymbiose.
Es war wissenschaftlich und öffnete eine Tür zu einer Wahrheit,
die vielleicht nicht so erschreckend war wie die Möglichkeit,
dass alles, was bisher geschehen war, von dieser außerirdischen
Macht gesteuert worden war. Es gab ihr Hoffnung, dass die Welt
sich doch nicht so auf den Kopf gestellt hatte.
Doch tief in ihrem Inneren keimte Zweifel auf. Sie hatte immer an
eine intelligente Macht geglaubt, weil ihre Wissenschaft sie
gelehrt hatte, dass es einen Gott geben musste. Nun, da sie Gott
aus ihrem Herzen gestoßen hatte, war sie allerdings nicht
weniger überzeugt, dass eine intelligente Macht hinter diesem
Plan stand. Und es ließ sich nicht leugnen, dass sie das in
diesem Moment weiterhin fühlte. Und dass sie fühlte, dass
Mulder all die Jahre Recht gehabt hatte. Warum hatte sie ihm
nicht früher geglaubt? Sie drehte sich weg und stützte sich an
ihrer Küchenzeile ab.
Dennoch war die Vorstellung, dass all das hier nur existierte,
weil ein Alien-Organismus sich in ihren Zellen eingenistet hatte
und das eventuell auch noch mit einem Plan, diese Vorstellung war
unheimlich und jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Das Baby war wach geworden und bewegte sich. Sie legte ihre Hand
schützend auf den Bauch und schloss die Augen eine Sekunde,
fühlte jedoch die Blicke der drei Einsamen Schützen auf sie
gerichtet.
Sie drehte sich wieder zu ihnen um und sie saßen dort noch eine
ganze Weile, in ehrfürchtiger Stille, erschlagen von dem, was
sie wussten und verzweifelt wegen ihrer eigenen Unfähigkeit
etwas zu tun.
Sie verabschiedeten sich mit dem gegenseitigen Versprechen, so
viel wie möglich über die bevorstehenden Veränderungen
herauszufinden.
Doch anhand der Bedrohungen, die nun überall sichtbar wurden und
selbst die Öffentlichkeit zu ängstigen begannen, war das zu
wenig, was sie zur Zeit tun konnten. Und wo war Mulder?
Scully blieb noch bis spät in die Nacht vor ihrem Fernseher
sitzen und schaltete sich durch die zahlreichen verzerrten
Programme. Immer und immer wieder flimmerte zwischen den
Fernsehsendungen Schneegestöber über den Bildschirm und es
ertönte das Brandenburgische Konzert.
Erschöpft fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf.
Sie wurde wenige Stunden später vom lauten
schrillen Klingeln ihres Telefons geweckt.
Scully? raunte sie, noch ein wenig verschlafen, aber
sichtlich verärgert darüber, dass man sie an einem
Samstagmorgen um sechs nach einer Nacht wie dieser weckte.
Agent Scully, hier ist Walter Skinner. Er schwieg,
offensichtlich hatte er sie geweckt. Scully spürte, wie ihre
Brust schwer wurde. Rief er an, um ihr Neuigkeiten über Mulder
mitzuteilen?
Was ist? fragte sie schließlich aufgebracht und
setzte sich in ihrem Sofa auf. Die Spannung in ihrem Herzen war
unerträglich. Skinner räusperte sich am anderen Ende der
Leitung.
Haben Sie schon einmal einen Blick aus dem Fenster
geworfen?
Scully sah auf die Uhr. Es war sechs Uhr morgens im Spätsommer.
Und es war stockfinster. Sie stand auf, ihr Rücken schmerzte von
ihrem unbequemen Nachtlager und ging zu ihrem Fenster, um die
Jalousien mit den Fingern auseinanderzubiegen.
Was sie sah war vollkommen surreal und sie streckte ihren Kopf
ungläubig näher an das Fenster. Was ist das? fragte
sie atemlos ins Telefon. Der Himmel war sonnig, zum ersten Mal
seit Wochen, doch es schien, als hätten die schwarzen Wolken
sich abgesenkt und schwebten nun über dem Boden, als dünner
schwarz-grauer Schleier.
Ich wurde vor einer Stunde von einem lauten Klopfen auf
meinem Dach geweckt und als ich zum Fenster heraussah, dachte
ich, ich würde den Regen sehen, auf den wir so lange schon
warten, doch stattdessen sah ich schwarze dicke Tropfen, die aus
dem Himmel herabfielen, schwer wie Öl. Und nun das hier. Agent
Scully, was geht hier vor?
Scully wusste es nicht, ihre Augen waren in den Bann dieses
unglaublichen Phänomens gezogen und sie hielt den Atem an. Sie
konnte erkennen, dass der graue Nebel, der über den Dingen
schwebte, sich in sich kräuselte. Er bewegte sich, nicht wie
Wolken, die der Wind antreibt, sondern er bewegte sich in sich
selbst. Sie schluckte.
Sie wusste, nun hatte es begonnen, nun wusste jeder auf dieser
Welt, dass etwas nicht stimmte. Sir, ich weiß es nicht.
Auf keinen Fall dürfen die Menschen ihre Häuser verlassen.
Die Medien haben, sofern sie das noch können, schon vor
einer Stunde eine dringende Warnung durch alle Fernsehkanäle und
Radiosender geschickt. Allerdings ist der Empfang noch immer
stark gestört. Ich weiß nicht, was jetzt geschieht, was sollen
wir tun? Wo ist Mulder?
Skinner war aufgebracht und Scully war überfordert, sie kannte
ihren Vorgesetzten nicht so verzweifelt. In ihrem Kopf dröhnte
es.
Ich weiß es nicht, Sir, es tut mir leid. Wir können nur
abwarten und sehen, was passiert, ich habe von so etwas noch nie
gehört, antwortete sie leise und resigniert in den Hörer.
Doch insgeheim nahm sie sich vor, der Sache auf den Grund zu
gehen.
Skinner hatte bemerkt wie merkwürdig ihr Tonfall geklungen
hatte. Er kannte sie viel zu gut, als dass er ihr glauben konnte,
dass sie zuhause bleiben und zusehen würde, was als nächstes
geschah. Er wusste, sie würde nicht in ihrer Wohnung bleiben,
doch er konnte nicht riskieren, dass sie in diese Welt da
draußen ging, in der die Zeit stillstand und alle in erstarrter
Spannung erwarteten, was aus diesem Nebel werden würde, der die
Vorgärten mit dem grauschwarzen Film überzog.
Als Skinner aufgelegt hatte, öffnete sie eines der Fenster und
lehnte sich heraus. Sie sah zum Himmel hinauf und kniff die Augen
zusammen. Die Sonne schien dort oben an einem Himmel, der so blau
war, als wäre nichts geschehen. Doch das Licht traf nicht auf
die Erde, es schien hundert Meter über der Erde zu stoppen, so
als fürchtete es sich vor dem dunklen Schleier, der die Welt
bedeckte. Es war dunkel hier unten und dort oben war es Tag. Die
Luft war ungewöhnlich kühl und trocken, doch das Atmen fiel
schwer, so als würde man den grauen Dunst einatmen. Aber der
schwebte still und bedrohlich wenige Zentimeter über dem Boden.
Überall auf den Dächern, auf den Autos, den Straßenlaternen
sah man einen dünnen öligen schwarzen Überzug. Überall. Nur
nicht auf den Bäumen, nicht auf den Blättern und Blumen. Sie
standen grau und trist inmitten der Dunkelheit und ihre Farben
wirkten verblasst. Scully sah wie der Nebel über der Wiese in
ihrem Vorgarten sich weiter kräuselte. Hörte sie ein Flüstern?
Es schien, als würde er sich lichten. Sie strich vorsichtig
über den Film, der sich auf ihre Fensterbank gelegt hatte und
verrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Es brannte auf der
Haut, wie tausend kleine Nadelstiche. Und es war eiskalt. Sie
fröstelte. War das Purity?
Sie sah wieder auf und fuhr erschrocken zusammen. Ihr Blick traf
in die leeren, toten Augen eines Mannes, der plötzlich aus dem
Nichts vor ihrem offenen Fenster erschienen war. Ihr Schrei
erstickte in ihrer Kehle, so sehr erschrak sie, als der Mann sie
packte und herauszog.
Sie hielt sich mit aller Kraft an den Fensterrahmen fest, ihr
Bauch blieb hängen, und die Fensterbank bohrte sich hinein. Es
schmerzte und ihr Baby wehrte sich. Sein harter Griff bohrte sich
in ihre Schultern als er weiter an ihr zerrte und begann, sie zu
würgen. Sie erkannte den Geruch seiner Lederhandschuhe wieder.
Beendete er nun das, was er bei seinem letzten Angriff begonnen
hatte?
Seine Augen blieben ausdruckslos und stumpf. Wie zwei schwarze
Knöpfe, die jemand der Vollständigkeit halber in sein Gesicht
genäht hatte. Scully konnte nicht einmal schreien, als der Mann
sie schließlich weit genug an sich herangezogen hatte, um seinen
Mund weit aufzureißen. Er spie ihr etwas ins Gesicht, etwas
Kaltes, das ihr den Atem raubte. Sie fühlte, wie es eindrang in
sie. Sie merkte wie die Kälte durch ihre Augen und Ohren, durch
ihre Nase, die Kehle hinunter in ihre Lungen floss. Wie ihr Blut
sich damit füllte und wie ihre Adern zu gefrieren schienen. Es
fühlte sich hohl an, leer und tot. Sie fühlte, wie die Kraft
aus ihren Armen wich und der Griff des Mannes sich langsam um sie
lockerte.
Plötzlich hörte sie in der Ferne einen Schuss und zuckte
zusammen, auch wenn alles um sie herum in Zeitlupe und wie durch
ein Prisma zu geschehen schien.
Das Schwarze in ihr betäubte ihre Sinne, doch sie konnte noch
erkennen, dass jemand plötzlich hinter ihrem Angreifer stand,
der zwar von dem Schuss direkt in der Brust getroffen worden war,
jedoch nicht im Geringsten darauf reagierte. Sie erkannte im
letzten Augenblick, wer ihren Angreifer angeschossen hatte.
Doch Purity legte sich über ihre Stimmbänder und sie konnte
James nicht mehr warnen, der Angreifer drehte sich blitzschnell
zu ihm um und warf James zu Boden, wo er ihm dasselbe antat wie
Scully.
Scully stolperte von ihrem Fenster zurück in ihre Wohnung und
fiel orientierungslos zu Boden, wo sie sich langsam dem Tod, der
durch ihren Körper kroch, hingab. Die Lichter in ihrem Geist
gingen aus und sie fühlte die Kälte, die durch sie
hindurchwehte wie der Atem der Hölle.
Doch in ihr lebte noch etwas. Die Kälte hielt alles in ihrem
klirrenden harten Griff, alles bis auf dieses warme liebliche
Gefühl in ihrem Bauch. Es war, als hätte jemand darin ein Licht
angezündet, das durch ihren Körper hindurch schien und die
kalte Finsternis vertrieb. Sie versuchte sich mit aller Kraft auf
diese Wärme zu konzentrieren, versuchte, die Bewegungen ihres
Sohnes zu fühlen, der sich lebhaft mit seinen Füßen gegen das
wehrte, was mit seiner Mutter geschah. Ihr Herz klopfte so
schnell, dass sie kaum zu atmen wagte. Sie schloss die Augen und
wartete, wartete darauf, dass die Wärme in ihr, dass das Leben
diesen Kampf für sich entschied.
Sie wachte wieder auf, als sie eine vertraute Stimme hörte. Sie
fühlte, wie jemand sie anhob und festhielt. Es fühlte sich
schön an, geborgen und warm. Sie schlug die Augen auf, doch sie
sah nicht in die Augen des Mannes, den sie schon so lange so
schmerzlich vermisste.
Es war Skinner, der sie besorgt ansah. Sie konnte an ihrer Wand
schemenhaft die Reflektion eines roten und blauen Lichtes
erkennen. Ein Krankenwagen war hier. Was war mit ihr passiert?
Als zwei Sanitäter hineinstürmten und Skinner sie losließ,
damit man sie ins Krankenhaus bringen konnte, merkte sie, wie die
Lichter vor ihren Augen wieder verschwanden und sie in tiefe
Bewusstlosigkeit fiel.
Zwei Tage später, 200 km nordöstlich
von Vancouver, Kanada
Mulder sprang aus dem Jeep, die Hand ruhte dabei auf seiner
Brust, wo er in einer kleinen Tasche den Chip bei sich trug, den
Chip, der all die Informationen enthielt, all seine
Untersuchungsergebnisse. Er sah auf den Zettel in seiner Hand. Er
war mittlerweile zerknittert und die Tinte war verschmiert. Doch
er konnte den Namen noch erkennen. Es war der Zettel gewesen, den
er in der Faust des Grauen gefunden hatte.
An dem Morgen, an dem er von der Area 51 geflohen war, hatte er
den Grauen tot in seinem Büro gefunden, inmitten des heillosen
Chaos, das dort vor sich gegangen war. Er hatte in seiner Faust
einen Zettel gefunden mit einer kanadischen Addresse
und einem Namen darauf. Dr.Amber Gatewater. Mulder sah sich um.
Er war mitten in den Rocky Mountains, umgeben von Wäldern. Wo
sollte er diese Person finden? Er rieb sich seine Schulter, die
noch immer schmerzte, seit er sie sich bei seiner Flucht aus
Nevada verletzt hatte und warf die Tür seines Jeeps zu. Er hielt
seinen Kompass in die Höhe und sah auf den Zettel, wo sich diese
Dr. Gatewater befinden sollte. Doch er kannte die Koordinaten
längst auswendig und steckte den Zettel wieder in seine
Hosentasche, während er sich auf den Weg machte.
Er hatte es tatsächlich geschafft. Inmitten der Explosion, die
fast die gesamten unterirdischen Komplexe der Area 51 in die Luft
gejagt hatte, und damit alle Beweise vernichtete hatte, war er
mit einem Militärhubschrauber geflohen. Er war jedoch nur wenige
Meilen damit gekommen. Als ein gleißendes Licht die dunklen
Wolken über der Area 51 zerfetzt hatte und ein schwarzer
undurchdringlicher Regen begonnen hatte niederzuprasseln, hatte
er den Hubschrauber so schnell wie möglich zu Boden bringen
müssen. Dort hatte er zwei Tage zusammengekauert verbracht, bis
der Regen aufgehört hatte und der graue Nebel, den er übrig
gelassen hatte, sich verzogen hatte. Der Hubschrauber war danach
nicht mehr funktionsfähig gewesen und so war er tagelang mit den
wenigen Wasservorräten, die er in dem Hubschrauber gefunden
hatte, durch Nevada geirrt, bis er schließlich in einem Dorf auf
Menschen getroffen war, die ihm weitergeholfen hatten. Diese
Menschen hatten verwirrt, verängstigt und verstört gewirkt. Die
Veränderungen, die in der Welt vor sich gingen, waren nun
offensichtlich geworden und niemand hatte diese Veränderungen
deutlicher zu spüren bekommen als diese Menschen, deren Erde bei
der Selbstzerstörung der Area 51 vibriert hatte. Sie hatten mit
eigenen Augen die Lichter gesehen, die daraufhin über der
Militärbasis gen Himmel gestoben waren, sie selbst hatten die
Rauchschwaden bemerkt und die Asche von ihren Autos gewaschen,
die von den Explosionen herübergeweht worden war. Und nach dem
schwarzen Regen hatten sie sich ohne weitere Fragen
bereiterklärt, Mulder mit einem Jeep und reichlich Benzin
auszustatten.
Denn er hatte diese unfassbare Zerstörung überlebt, er musste
wichtig sein, das hatten sie gespürt wenn sie in seine Augen
sahen, die eine tiefe Traurigkeit ausstrahlten, so als habe er
selbst der Wahrheit der Schöpfung ins Antlitz geblickt. Und
daher waren sie froh gewesen, ihm geholfen zu haben, waren aber
ebenso froh gewesen, dass er sie wieder verließ, sobald er
wieder zu Kräften gekommen war.
Mulder war ihrer Diskretion unendlich dankbar gewesen, doch
vermutlich waren sie als direkte Nachbarn einer der geheimsten
Militärstützpunkte der Welt Diskretion gewohnt. Sie hatten ihm
wortlos Proviant und Kleidung zur Verfügung gestellt, doch ihre
grimmigen Blicke hatten ihm verraten, dass sie zu viel erlebt und
gesehen hatten, um ernsthaft daran zu glauben, dass er die Welt
noch retten konnte.
Nun stapfte er über den feuchten Waldboden Kanadas in der
Hoffnung diese Kontaktperson zu treffen, wer immer sie war.
Am nächsten Morgen
Ein grelles Licht zerriss den Himmel und sie fiel in das schwarze
Meer hinein, dessen Tentakel sie in die Tiefe zogen.
Scully schreckte hoch. Es dauerte einen Moment bis sie begriff,
dass sie nur wieder geträumt hatte. Sie sah sich um. Sie war
noch immer in ihrem Krankenzimmer. Neben ihrem Bett saß jemand.
Als sie erkannte, wer es war, senkte sich ihr Herz und klopfte
ruhig und langsam weiter.
Mom! Wie lange bist Du schon hier? Ich war die
letzten drei Tage ununterbrochen hier, ich habe mich mit Bill
abgewechselt, lächelte Margaret Scully ihre Tochter tapfer
an, doch hinter dem Lächeln konnte Scully die Angst und
Traurigkeit bemerken, die ihre Mutter mit sich herumtrug. Scully
hielt diesem Blick stand und es schien, als tauschten Mutter und
Tochter in diesen stillen Sekunden all die Dinge aus, für die
andere viele Worte brauchten. Margaret wusste, dass ihre Tochter
stur war. Sie hatte in den letzten Jahren, in denen sie all diese
Dinge getan hatte, die sie nicht verstand, gelernt es zu
akzeptieren. Sie war eben schon immer anders gewesen. Immer schon
hatte sie ihren eigenen Kopf gehabt und noch nie hatte sie auf
ihre Eltern gehört. Doch in den letzten zwei Jahren war so viel
zwischen sie und ihre Tochter getreten, dass sie sie nun
überhaupt nicht mehr zu verstehen schien. Sie verstand nicht
diese merkwürdige Beziehung, die Scully und Mulder teilten, sie
verstand nicht, warum sie nicht längst geheiratet hatten oder
wenigstens offiziell eine Beziehung führten, wie andere. Und sie
verstand nicht, wieso ihre Tochter trotzdem sein Kind in sich
trug. Was war es, das ihre Tochter so faszinierte, dass sie ihre
Karriere, ihre Gesundheit, ihre gesamte Zukunft, ja sogar ihre
Schwester dafür geopfert hatte? Wieso musste sie immer wieder
diese Todesängste um ihre letzte lebende Tochter ausstehen?
Warum passierte all das mit ihr?
Doch ein Blick auf die Welt vor dem Fenster, die seit Wochen zum
ersten Mal wieder von goldenem Sonnenlicht erhellt wurde, verriet
ihr heute zum ersten Mal, dass es etwas Ernstes sein musste. Und
Margaret war zu ihrer eigenen Überraschung beruhigt, denn es
zeigte ihr, dass ihr blindes Vertrauen darauf, dass ihre Tochter
immer richtig handeln würde, berechtigt war. Das merkwürdige
Leben, dass Scully jahrelang gelebt hatte, schien vor den
jüngsten Ereignissen, denen sich selbst Margaret nicht mehr
entziehen konnte, nicht mehr so unlogisch.
Doch sie war weit davon entfernt zu begreifen, was im Kern dieser
Sache steckte. Sie hatte lediglich einen winzigen Einblick
bekommen in das, was ihre Tochter schon so lange zu wissen
schien. Sie hatte selbst den schwarzen Regen gehört, hatte den
grauen Nebel gesehen. Sie hatte gesehen, wie er sich über den
Pflanzen schwebend, sich in sich kräuselnd in Nichts aufgelöst
hatte und wie das Sonnenlicht unschuldig, als wäre nichts
passiert, seit Wochen zum ersten Mal in den Wassertropfen auf den
Pflanzen reflektiert wurde, deren Farben so kräftig strahlten,
als wolle die Natur mit ihnen prahlen. Doch sie hatte nicht
gesehen, dass der Nebel sich in Wahrheit nicht in Nichts
aufgelöst hatte, sondern in jeden einzelnen Grashalm, jedes
Blatt und jede Blüte geschlüpft war. Lediglich auf den
Autodächern, den Häusern und Straßen war er wie ein öliger
grauer Film zurückgeblieben, den der nächste Regen ins
Grundwasser waschen würde. Doch in jeder einzelnen Zelle und sei
sie auch noch so primitiv breitete sich in diesem Augenblick
neues Leben aus, während die Sonne auf die Welt herab schien und
die Menschen aufatmend ihre Häuser verließen und zur Arbeit
gingen.
Margaret drückte Scullys Hand und sah an ihrer Tochter herab.
Ihr Blick blieb auf dem kleinen runden Bauch liegen.
Bitte sag mir, dass mein Enkelkind gesund sein wird!"
Dies schien ihre größte Sorge zu sein, doch Scully konnte sie
nicht zerstreuen. Sie wusste nicht einmal, was da in ihrer
Wohnung geschehen war.
War sie nun mit Purity infiziert? Hatte es ihr Kind infiziert?
Sie schwieg. Sie konnte ihrer Mutter nichts von dem sagen, was
sie wusste. Sie war alleine mit diesen Wahrheiten. Sie sah ihr in
die Augen. Das kann ich nicht, Mom. Ihre Stimme
zitterte, während ein Tränenfilm ihr die Sicht trübte. Es
tut mir so leid, ich würde selbst gerne wissen, was mit mir
geschieht.
Die Worte, die all die Ereignisse erklären würden, fehlten ihr
und so schwieg sie ihre Mutter mit einem durchdringenden Flehen
in ihren Augen an.
Ach Dana, Du weißt, ich vertraue Dir, aber es wird mir
einfach zu viel. Ich verstehe einfach nicht, was hier vor sich
geht. Margarets Augen füllten sich ebenfalls mit Tränen
und Scully setzte sich auf, um ihre Mutter an sich zu drücken.
Ihre Finger drückten sich in ihre Schultern, die verglichen mit
denen Mulders so schwach und verletzlich schienen.
Scully sog den Duft der Haare ihrer Mutter ein, er war so
vertraut und es schenkte ihr kindliche Geborgenheit inmitten all
dieser Verwirrung. Es tut mir so leid, Mom. Aber ich kann
es Dir dieses Mal nicht erklären, es ist selbst für mich zu
viel. In ihrem Unvermögen einander wirklich die Wahrheit
sagen zu können, verharrten sie in Stille in dieser Umarmung und
genossen die Nähe des anderen. Doch in beiden tobte ein Kampf,
der kraftvolle, bedingungslose Kampf jeder Mutter, wenn es um das
Leben ihres Kindes ging, und er war nun auch in Scully zum Leben
erweckt und ihre Mutter fühlte die Kraft ihrer Tochter und es
beruhigte sie.
Am selben Tag in der Außenstelle des
Science and Research Centres of British Columbia
Mulder kippte die Kaffeetasse zu sich und sah angewidert auf den
schwarzen Belag am Boden. Es ist ein Wunder, wie Sie bei
der Ernährung hier leben können! Sein Blick wich von
seinem Gegenüber und glitt durch den Raum, überall lag Unrat
herum, die Steckdosen baumelten aus den Wänden heraus, anstelle
der grellen Neonröhren hingen lose Glühbirnen von der Decke und
die Klimaanlage funktionierte auch nur sporadisch. Der
Kühlschrank brummte so laut, dass Mulder die ganze Nacht zwei
Türen weiter wachgelegen hatte. Das Labor in der Außenstelle
war ein Witz. Mulder hatte dieses sogenannte Science and
Research Centre, das aus drei flachen Betonbauten bestand,
die über schmale Gänge miteinander verbunden waren und bei
denen man sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, ihnen einen
anständigen Anstrich zu verpassen, mitten in den Wäldern der
Rocky Mountains auf einem Plateau gefunden. Hier stand ein
kleines Radioteleskop, von dessen Existenz Mulder nie etwas
gewusst hatte und ein kleines gentechnisches Labor mit ein paar
Zentrifugen, Kühlschränken und einem PCR-Gerät, sowie ca. 10
Computer und eine Maschine, die er bisher nicht kannte. Die
Schlafunterkünfte waren schäbig und heruntergekommen, es sah
aus, als hätte die Regierung Kanadas diese Anlage schon vor 15
Jahren von ihrem Budget gestrichen. Und so war es auch.
Dr. Amber Gatewater war eine Biologin in ihren späten
Fünfzigern, die man vor über 20 Jahren angestellt hatte, um an
einem Projekt zu arbeiten, das sich mit der Erforschung von
Mikroorganismen des Bodens beschäftigte. Sie war Teil eines
Teams gewesen, aber nur sie hatte für dieses eine besondere
Regierungsprojekt gearbeitet. Nun war sie seit 15 Jahren hier
oben, isoliert von der Außenwelt. Gelder flossen schon seitdem
man das Forschungsteam von hier abgezogen hatte, nicht mehr und
dementsprechend sah die Anlage aus.
Was mache ich hier eigentlich, fragte sich Mulder. Doch als
hätte sie seine Gedanken lesen können, antwortete die Biologin
auf seine nicht gestellte Frage. Sie wollen sicher wissen,
warum er Sie ausgerechnet zu mir geschickt hat, nicht wahr?
Mulder schob den Kaffeebecher von sich. Er setzte sich zurück,
faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und sah sie
erwartungsvoll mit seinen warmen, braungrünen Augen an. Er
nickte vage, damit sie fortfuhr. Wir waren Freunde, als
unsere Regierungen noch zusammengearbeitet haben und bevor die
Korruption und Machtbesessenheit dieses ganze Projekt
buchstäblich zum Teufel gejagt haben. Ich hab lange Zeit auch
für die gearbeitet und ich weiß, dass die auch nach Ihnen
suchen. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, was Sie sind.
Mulder lächelte süffisant. Ach ja? Was bin ich denn?
Immun. Und daher sind Sie der einzige Mensch, der die da
drüben in Afrika aufhalten kann. Mulder lehnte sich nach
vorne. Afrika? Was hat das denn mit Afrika zu tun?
Amber holte sich eine Zigarette und legte sie sich zwischen die
Lippen, doch nachdem sie Mulders Seitenblick auf die Packung
Morleys bemerkt hatte, legte sie sie beiseite und beschloss
zum tausendsten Mal, mit dieser Angewohnheit aufzuhören, doch
dieser Beschluss hielt nur eine Sekunde an, denn sie nahm die
Zigarette wieder auf und zündete sie sich an. Sie nahm einen
tiefen Zug, während Mulder die Arme vor der Brust verschränkte
und darauf wartete, dass sie ihm antwortete.
Irgendwo in der Sahara ist deren Kommunikationszentrum. Es
kann nicht von Radar erfasst werden, aber hin und wieder sendet
es Radiowellen aus, die Störungen im Flugverkehr und mit den
Satellitenverbindungen bewirken. Nur, weil es in der Sahara ist,
ist es bisher im Allgemeinen unbemerkt geblieben. Ich dachte, Sie
wüssten das. Mulder hatte in der Tat schon einmal davon
gehört, aber letztlich nie schlüssige Hinweise oder gar Beweise
für die Existenz dieses Kommunikationszentrums gefunden und
seine Suche daher schleifen lassen. Nun war er aufgeregt. Sollte
es doch noch eine Möglichkeit geben, das hier aufzuhalten? Auch
wenn es bereits zu spät schien? Er hatte in den Zeitungen von
dem schwarzen Regen gelesen, der nicht nur in Washington D.C. und
Nevada sondern auch über anderen Städten der Welt vom Himmel
gefallen war. Und seit er das wusste, hatte er nahezu in
krankhafter Sorge um Scully jede Nacht wachgelegen. Wenn er doch
nur wüsste, wie es ihr ging. Wenn sie starb, würde all das
ohnehin keinen Sinn für ihn ergeben. Er schüttelte die Ängste,
die bei diesen Gedanken in ihm hochkrochen und sich um seine
Brust legten wie Ketten, von sich und schloss eine Sekunde die
Augen um sich wieder konzentrieren zu können.
Und was muss ich tun? Amber sah den Mann ihr
gegenüber an. Wäre sie 20 Jahre jünger gewesen, hätte sie
sich aus ihrer Einsamkeit heraus ihm wahrscheinlich um den Hals
geworfen. Er sah gut aus, war schlank und groß und trieb
offensichtlich Sport. Er hatte eine sanfte Stimme und um seine
Mundwinkel spielte immer ein leichtes Lächeln wenn er sprach,
ein verschmitztes Lächeln, das seinen Augen einen honigsüßen
tiefen Glanz verlieh. Sein Haar war noch kräftig und voll und
seine Finger waren lang und zart. Sie seufzte, sie war schon viel
zu lange hier oben. Sie nahm wieder einen tiefen Zug von ihrer
Morleys. Ihr konnte man das Alter ansehen, obwohl man auch
sah, dass ihre grünen Augen selbst einmal voller Leben gewesen
sein mussten, dass ihre dunkelblonden Haare auch einmal voll und
glänzend gewesen waren, während sie nun stumpf vor sich hin
ergrauten, so wie ihre Seele schon vor langer Zeit.
Sie haben doch von den Anasazi-Indianern gehört, oder
nicht? Mulder sah Amber skeptisch an, nun wurde es
interessant und er wartete gespannt darauf wie es weiterging.
Was Sie sicherlich nicht wissen ist, dass die Anasazi
Indianer die ersten Alien-Mensch-Hybriden waren, die es je gab.
Die Invasoren hatten sie selbst geschaffen, doch Ihnen war ein
Fehler unterlaufen, der sich über die Generationen verstärkte
und letztlich zur vollkommenen Auslöschung dieser neuen Rasse
führte. Doch das Wissen dieser Indianer konnte zumindest
teilweise überliefert werden und so gibt es eine kleine
Untergruppe der Navajo-Indianer, die sich selbst als die
Nachfahren der Anasazi betrachten, die im Besitz einer Waffe war,
die sie den Japanern vor 46 Jahren gegen eine große Summe Geld
verkauft hat. Es handelt sich um eine radioaktive Substanz, die
bei Kontakt mit dem Alien-Organismus dessen Wahrnehmungszentrum
direkt zerstört. Sie wissen sicher, dass deren Wahrnehmung der
unseren überlegen ist und auf völlig anderen Prinzipien beruht
als die unsere.
Mulder zuckte mit den Achseln. Radioaktivität ist für uns
auch nicht gerade ein Wellnessartikel. Er war nicht gerade
beeindruckt von diesem Ansatz. Ja, aber es geht hierbei
nicht um Radioaktivität wie wir sie von Atomkraftwerken oder der
Hiroshima-Bombe kennen. Es geht hier nicht um die Dosis der
Strahlung, die bei uns nicht einmal das Krebsrisiko nennenswert
erhöht, es geht um die Art der Strahlung, die für uns Menschen
in der Dosis nahezu ungefährlich ist, während es deren
empfindliches Kommunikationssystem innerhalb einer Sekunde
vollkommen zerstört. Es verbrutzelt deren Gehirne. Und wir
brauchen Sie, um diese Substanz in deren System zu bringen.
Sie drückte ihre Zigarette aus, als wolle sie damit selbst einen
Außerirdischen töten. Mulder war nicht überzeugt von diesem
Plan.
Und ich soll also dort einfach so hineinspazieren und meine
Pandora-Box vor deren Nasen öffnen. Das ist ja ein netter Plan,
vor allem, weil niemand außer mir etwas tun muss. Mulders
Tonfall war bissig und er war sehr gereizt. Er stand auf und
stieß dabei den Stuhl um. Seine Hände schlugen flach auf den
Tisch. Ist das etwa alles, was unsere Regierungen in 50
Jahren Forschung zustande bringen konnten? Er fasste sich
an den Kopf und lief ein paar Schritte durch den Raum, um sich
abzureagieren, während er die Hände in die Seiten stemmte und
zu Boden starrte. Amber war zusammengezuckt, als der Stuhl auf
den Boden gefallen war und sah ihn erschrocken an. So viel
Impulsivität hatte sie lange nicht mehr gesehen und sie war dem
überhaupt nicht mehr gewachsen. So primitiv wie Sie denken
ist das nicht, Mr. Mulder. Sie selbst wissen doch, dass das hier
kein gewöhnlicher Feind ist. Sie spazieren da nicht in einen
Raum hinein, öffnen das Ding und die Welt ist gerettet. Sie
selbst wissen, dass die ihre eigene Zwischenwelt auf diesem
Planeten errichtet haben. Sie sind so viel größer als wir,
deren Zivilisation ist der unsrigen haushoch überlegen. Es wird
schwierig werden, das Zentrum mitten in der Wüste überhaupt zu
finden und nur jemand wie Sie kann das tun, weil wir schnell und
direkt handeln müssen. Wir können uns nur mit Pfeil und Bogen
wehren, denn wenn wir unsere größeren Waffen einsetzen,
löschen die uns in einem Wimpernschlag aus.
Mulder verstand, denn er hatte in der Tat am eigenen Leib erlebt,
was es bedeutete denen näher zu kommen. Es bedeutete, dass man
sich auf etwas einlassen musste, was der Verstand überhaupt
nicht fassen konnte. Es bedeutete, dass man seinen Instinkten
folgen musste, weil einen die Sinne irreführten. Wir
müssen es versuchen, denn wir haben nicht mehr viele Optionen!
Und letztlich ist es Ihre Immunität, die uns das hier
eingebrockt hat, vor 2020 hatten wir gar nicht mit einer Invasion
gerechnet! Ihre Augen funkelten als sie das sagte und
Mulder erstarrte, denn so hatte er es noch nicht betrachtet, auch
wenn es wie eine Anschuldigung klang. Ihre Blicke trafen sich in
der Mitte des Raumes und sie sahen einander eine Weile schweigend
an. Mulder hatte das Gefühl, auf dem falschen Weg zu sein, doch
er musste nehmen, was er bekam und vielleicht würde er auf
seinem Weg irgendwie weiterkommen.
Also schön, wie komme ich an diese Waffe? lenkte er
schließlich resigniert ein. Doch er konnte sie dazu überreden,
dass sie ihm eine Kopie dieses Chips erstellte. Denn das war es
doch, was der Graue ihm geraten hatte, bevor er gestorben war.
Sie ging auf den Handel ein und während sie die Geräte dafür
konfigurierte erzählte sie ihm, was zu tun war. Er schwieg und
hörte aufmerksam zu, während er die ganze Zeit seine Unterlippe
massierte und seine Augen düster auf die Narbe auf ihrem Nacken
starrten.
Langsam begriff er, was es wirklich bedeutete, sich der Wahrheit
zu stellen. Denn er würde sich dort Gott persönlich stellen.
Und es war mit großer Wahrscheinlichkeit das Letzte, was er für
die Menschheit tun würde.
Zwei Wochen später, Washington D.C.,
FBI-Kellerbüro
Sie legte eine letzte Plane über Mulders Schreibtisch und fuhr
zärtlich mit den Händen darüber um sie glattzustreichen.
Skinner hatte sie sehr eindringlich nach James Morgans Tod dazu
aufgefordert, endlich ihren Urlaub zu nehmen und sich auf die
Geburt ihres Sohnes vorzubereiten. Nachdem Walter Harland
weiterhin spurlos verschwunden blieb, hatte man im Aufsichtsrat
des FBI keinen weiteren Grund darin gesehen, die X-Akten
weiterhin zu unterstützen, so dass sie nun endgültig
geschlossen worden waren. Dennoch hatte Scully sich geweigert,
das Kellerbüro zu räumen, da es immer noch Mulders Büro sei
und bis zum Beweis seines Todes sein Eigentum nicht angerührt
werden sollte. Sie war mit diesem Anliegen voller Zorn direkt in
die Aufsichtsratsitzung geplatzt, nachdem Skinner ihr in einer
Pause von der Schließung der X-Akten berichtet hatte und hatte
durchgesetzt, dass man zumindest bis zu ihrer Rückkehr aus ihrem
Urlaub das Kellerbüro in Ruhe lassen würde. Das zornige Blitzen
in ihren Augen, aus denen die pure Überzeugung sprach und die
Tatsache, dass sie hochschwanger war, hatten letztlich die
Mitglieder des Aufsichtsrats überzeugt oder zumindest überredet
und sie hatten unter Brummen und bürokratischem Blabla
schließlich eingewilligt. Als ob sie nicht selbst an dem
Verschwinden Walter Harlands beteiligt gewesen waren!
Nun musste sie diesen Raum für eine ganze Weile verlassen und in
eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Allein. Sie hatte ihrer Mutter
versprochen, für die letzten zweieinhalb Monate bei ihr zu
bleiben. Sie blieb bei ihrer Umrundung des Schreibtischs noch
einmal vor dem "I want to believe"- Poster stehen und
betrachtete all die Artikel, die rundherum an die Wand geheftet
waren. Sie seufzte. Wie sehr sie Mulder vermisste. Ihre Gedanken
trugen sie fort zu all den Erinnerungen, die sie an die Stunden
in diesem Büro hatte. Wie oft hatten sie hier gestritten! Wie
viele Stunden hatten sie hier mit müßigen Recherchen und
Bürokratie-Papierkriegen verbracht. Und wie oft hatten sie hier
gelacht und zu Mittag gegessen und einander fernab von all ihren
Sorgen Dinge erzählt, die sie niemand anderem anvertrauen
konnten.
Einmal hätten sie sich hier unten vor vier Jahren fast geküsst,
spät abends nach einem langen Tag. Sie hatte an derselben Stelle
gestanden und zornig das Poster angestarrt, nachdem sie sich
über einen Fall gestritten hatten und Mulders Sturkopf und ihrer
aneinander geraten waren. Er hatte sich versöhnlich neben sie
gestellt und ihr erzählt, wie er an dieses Poster gekommen war.
Sie hatte ihm damals gestanden, dass sie ihn immer für den Mut,
dieses Poster dort für jeden sichtbar hinzuhängen, bewundert
hatte und plötzlich war die Stimmung umgeschlagen. Die
Atmosphäre, die eine Minute zuvor noch vor Aggressionen
gezittert hatte, hatte nun von der Spannung die zwischen ihren
Blicken gelegen hatte, geknistert. Er hatte vorsichtig mit seinen
Fingern ihre Hand gestreift, so zart, dass sie eine Gänsehaut
bekommen hatte und war auf sie zugegangen, doch sie hatte damals
entschieden, dass es nur die Müdigkeit und die Anspannung
gewesen waren und hatte sie beide aus dieser Situation befreit,
in dem sie einfach ganz langsam einen Schritt vor ihm
zurückgewichen war und mit einem Blick auf den Boden schnell das
Thema gewechselt hatte.
Es war so knapp gewesen und heute wünschte sie, sie wäre nicht
so feige gewesen, denn um wie viele schöne Stunden hatte sie
sich und ihn damit betrogen! Wieviel Zeit sie gehabt hätten,
hätte sie schon damals den Mut gehabt, sich ihren Gefühlen zu
stellen. Sie zog die Nase leise hoch, denn sie hatte wieder
einmal begonnen, still eine Träne über ihren schmerzlichen
Verlust zu vergießen. Wieviele Tränen hatte sie noch übrig und
wie viele davon würde sie noch weinen müssen ehe sie wieder
aufatmen konnte?
Ein Geräusch weckte sie aus ihrem Tagtraum und sie drehte sich
um. Agent Scully? Es war Skinner. Ja, Sir?
Er kam bis an die Plane, die über Mulders Schreibtisch hing,
heran und sah sie ernst an.
Was wissen Sie über die Vorfälle in der Grooms Lake Air
Force Base? Scully erschrak. Was wusste er, dass er sie das
fragte? Sie zögerte eine Sekunde ehe sie antwortete. Ich
weiß, dass es dort vor ein paar Wochen einige Explosionen
gegeben hat. Und ich weiß, dass es auch dort diesen schwarzen
Niederschlag gegeben hat.
Letzteres hatten die Lone Gunmen herausgefunden, die ihr voller
Aufregung eine Liste all der Orte, an denen dieser schwarze Regen
aufgetreten war, per e-Mail zugeschickt hatten als sie vor einer
Woche aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Es hatte nahezu
in jedem Land der Welt Beobachtungen von schwarzem Nebel, grauen
Dunstschleiern, wochenlanger Dunkelheit oder öligem Regen
gegeben und Scully war bis heute nicht klar, was es damit auf
sich hatte. Doch bisher hatte sie kaum Zeit dafür gehabt, hatten
sich die Ereignisse mit James Tod, der Schließung der
X-Akten, ihrem Krankenhausaufenthalt und diesem schwarzen Regen
und dem Chaos in den Medien in den letzten zwei Wochen geradezu
überschlagen. Die ganze Welt hatte ihren Atem angehalten,
zahlreiche Umweltschützer sahen ihre Stunde in diesen Wochen
gekommen und die Regierungen und Medien hatten alle Hände voll
zu tun, die Menschen zu beruhigen. Und das bei weiterhin
gestörten Satellitenübertragungen.
Skinner sah sie auffordernd an, als erwarte er noch ein wenig
mehr von ihr. Doch sie sah unschuldig zurück und hob die
Augenbraue.
Das ist alles, was ich weiß, Sir. Skinner glaubte
ihr und wartete bis sie einen Schritt von der Wand auf ihn zuging
und an der Kante von Mulders Schreibtisch direkt ihr gegenüber
zum Stehen kam. Er konnte fast ihr Parfum riechen. Er senkte
seine Stimme.
Es ist mittlerweile unter Regierungsangehörigen kein
Geheimnis mehr, dass dort in einer riesigen Explosion die gesamte
Militärbasis in die Luft gesprengt wurde. Es gab keine
Überlebenden. Mit dieser Basis sind über fünfzig Jahre
Militärforschung zerstört worden. Sämtliche technischen Daten,
Dokumente, Entwicklungen, sämtliche Waffen und Maschinen sind
dort mitzerstört worden. Und es fehlt jede Spur, wie es dazu
kam. Aber alles deutet auf einen terroristischen Anschlag hin.
Scully hatte von den Lone Gunmen eine andere Geschichte hört,
die ihr angesichts dessen, was sie wusste, wesentlich
wahrscheinlicher erschien: dass dies Teil dieser Invasion war,
dass nicht Menschen die Area 51 zerstört hatten. Und sie war
überrascht, wie plötzlich Science-Fiction Phantasien
realistischer erschienen, als die angebliche Wahrheit. So hatte
Mulder vermutlich die Welt immer gesehen!
Sir, ist es nicht unplausibel, dass Terroristen
ausgerechnet eine geheime Militärbasis angreifen, deren Existenz
seit Jahrzehnten geleugnet wird? Ist das Ziel von Terroristen
nicht auch immer die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre
Anliegen zu richten? Welchen Sinn hätte es also etwas zu
vernichten, von dem niemand etwas weiß?
Skinner senkte den Blick, er gab ihr Recht, ihm war es ähnlich
ergangen, als man ihm diese Neuigkeiten mitgeteilt hatte. Nun,
was ist denn dann Ihre Theorie zu der Sache, Agent Scully?
Scully bemühte sich bei ihren Ausführungen auf eine Wortwahl zu
achten, die so sachlich wirkte wie möglich, sie wollte nicht,
dass Skinner sie wie Mulder für paranoid und verklärt hielt.
Doch Skinner schluckte ihre Seite der Wahrheit und stemmte die
Hände in die Hüften. Er nickte und sprach leise weiter.
Es gibt noch weitere Informationen. Die Verbindung zur
Raumstation ISS ist seit Tagen abgebrochen. Es wird mittlerweile
mit dem Schlimmsten gerechnet. Das war auch für Scully
neu. Ihre Augen wurden groß und sie sah Skinner entsetzt an.
Hat man keine Hinweise, wie es dazu gekommen ist?
Vielleicht ist es ja nur irgendein technisches Problem, so etwas
passiert schließlich häufig. Skinner schüttelte den
Kopf. Man hat vor Abbrechen der Verbindung Schreie gehört.
Scully schluckte und ging um den Schreibtisch herum, um sich
neben Skinner zu stellen. Die feinen Haare auf ihren Armen
stellten sich auf und sie bekam Gänsehaut. In der letzten Zeit
passierte zuviel, als dass sie es emotional noch erfassen konnte.
Sie wusste nicht einmal, was mit ihrem eigenen Körper geschehen
war, seit sie von diesem Alien angegriffen worden war. Und sie
wusste auch nicht, wohin dieser schwarze Regen verschwunden war
und wozu er dienen sollte. Es gab noch so vieles herauszufinden
und dabei jagte eine Schreckensmeldung die nächste.
Sie sah zu Skinner auf, Verzweiflung sprach aus ihren Augen als
sie eine Hand auf seine Schulter legte. Für mich sind all
diese Ereignisse ebenso neu und verstörend wie für Sie und all
die Menschen da draußen. Ich weiß nicht, was Sie von mir
erwarten, Sir. Skinner griff seinerseits nach ihrer Hand,
die auf seiner Schulter lag und sah sie an. Er war sich nicht
einmal sicher, ob Mulder noch lebte, doch das konnte er dieser
Frau nicht sagen, war doch die Hoffnung, den Vater ihres Kindes
wiederzusehen, offensichtlich ihr größter Antrieb.
Ich möchte auch nicht, dass Sie sich darüber weiter den
Kopf zerbrechen. Ihre Aufgabe ist es jetzt, gesund zu bleiben.
Ich dachte nur, dass Sie das wissen sollten, weil Sie sich
sicherlich ebenso wie ich um Mulder sorgen. Er sah auf
ihren Bauch, der sich unter ihrem Pullover rund vorwölbte. Er
bereute es, sie überhaupt damit behelligt zu haben. Sie sah ihn
ebenfalls durchdringend an. Warum hatte er ihr das gesagt, wenn
er ihr doch das Versprechen abgenommen hatte, sich um ihr Baby zu
kümmern und ihr Leben in ruhige Bahnen zu lenken?
Sie entschied sich allerdings, als sie den hilflosen Ausdruck in
Skinners Augen sah, dass sie es sich nicht leisten konnte, dieses
Versprechen zu halten. Sie verabschiedete sich von Skinner und
ließ ihn in dem Kellerbüro stehen, das so lange ihr zuhause
gewesen war. Skinner sah ihr nach. Offensichtlich wusste sie
wirklich nicht mehr als er. Und das ließ die Situation noch
auswegsloser erscheinen. Er sah zu dem "I want to
believe"- Poster und seufzte leise auf.
Zuhause merkte Scully, als sie das Blinken ihres
Anrufbeantworters sah, dass es überhaupt nicht möglich war,
diesen Dingen zu entgehen, weil es überall war. Als sie die
Nachricht abgehört hatte, wählte sie aufgeregt die Nummer von
Chucks Labor.
Agent Scully! Das ging aber schnell, ich habe vor zwei
Minuten angerufen! Ich habe etwas herausgefunden, das Ihnen die
Sprache verschlägt. Haben Sie Zeit zu mir zu kommen?
Scully zögerte keine Sekunde und fuhr durch den schweren,
monsunartigen Regen zurück in die Innenstadt. Ihr
Scheibenwischer kämpfte gegen die Wassermassen, die unheilvoll
aus dem grauen Himmel auf ihr Auto prasselten. Noch immer
hinterließen die Regentropfen einen dünnen schmierigen
gräulichen Film, obwohl der schwarze Regen schon 2 Wochen
zurücklag.
Am selben Tag in einem kleinen
Sushi-Lokal in Tokio, 21.28 Uhr
Mulder kippte sich die warme wohltuende Miso-Suppe den Rachen
hinunter, als hätte er seit Monaten nichts gegessen. Sie tat so
gut. Er drehte den Chip, den er noch immer mit sich herumtrug,
nachdenklich zwischen seinen Fingern herum. Der Japaner, den er
hier getroffen hatte, hatte sehr verschreckt gewirkt. Irgendetwas
hatte nicht gestimmt, er hatte herumgedruckst und hatte ihm nie
direkt in die Augen gesehen. Und bisher war niemand an diesem
Chip interessiert gewesen. Wenn doch auf diesem Chip alle
Erkenntnisse über seine Immunität waren und alle nach dem
Schlüssel der Immunität suchten, warum wollte ihn dann niemand
sehen? Eine freundliche Kellnerin stellte Mulder das Brettchen
mit seinem Sushi auf den Tisch. Er griff nach den Stäbchen und
stürzte sich gierig auf den Lachs. Dabei musste er insgeheim
lächeln, verdankte er doch Scully, dass er Sushi mittlerweile so
gerne mochte. Der Gedanke an sie wärmte ihn für eine Sekunde in
dieser großen überfüllten Stadt.
Er hatte genaue Anweisungen bekommen, wo er das Paket mit der
Waffe abholen sollte, er sollte es auf Gepäckband Nr. 9 am
Flughafen in Tunis abholen und musste dann so schnell wie
möglich nach Algerien kommen. Er hatte die genauen Daten, wo
zuletzt Aktivitäten verzeichnet worden waren, die Aufschluss
über die Lokalisation der außerirdischen Kommunikationszentrale
gaben. Es war nur ca. 200 km von der Grenze nach Mali entfernt.
Warum musste man ihn dann ausgerechnet zuerst nach Tunesien
schicken? Er stöhnte leise auf. Es würde eine ungeheuer lange
Reise werden. Und letztlich war es aussichtslos, oder nicht?
Diese Macht, der sie praktisch wehrlos gegenüberstanden, kam
buchstäblich von einer anderen Welt, wie konnten sie so naiv
sein und sich auf ihren menschlichen Verstand verlassen, wenn sie
gegen ihre Schöpfer kämpften?
Doch der tiefe Glaube in ihm, der Glaube an die Menschheit,
wollte nicht zulassen, dass er sich diesen Zweifeln beugte. Er
wollte glauben, dass es eine Zukunft gäbe. Eine Zukunft ohne
Sklaverei und fernab der perversen Visionen, die ihre Regierungen
hatten.
Er schlang weiter sein Sushi hinunter und versuchte sich zu
entspannen, sonst würde sein Kopf explodieren. Doch er wusste,
er würde ohnehin seinen Kopf nicht mehr zur Ruhe bringen, denn
nun, da er begriff, dass dieser Krieg beginnen würde, wurde ihm
klar, dass dies noch viel größer war, als er je angenommen
hatte. Mulder verstand nicht, worum es in diesem Krieg wirklich
gehen würde. Doch er war sich sicher, das tat niemand.
Als er durch die kühle Abendluft die Straße
hinuntermarschierte, hielt ein Taxi an seiner Seite. Die Türe
ging auf und Mulder hörte nur, wie jemand in einem starken
britischen Akzent aus dem Inneren des Taxis seinen Namen
herausbellte. Er stieg ein und fand zu seiner Überraschung einen
jungen, knapp 30jährigen Engländer vor, der dem Taxifahrer auf
Japanisch Anweisungen zukläffte. Es war offensichtlich kein sehr
höflicher Engländer.
Sie hielten in einer Seitenstraße fernab vom Stadtrummel und
auch fernab der guten Gegenden. Es war düster hier und es
huschten immer wieder schattenhafte Gestalten durch die Straßen.
Der Engländer zog einen kleinen silbernen Block aus seiner
Jackentasche, der aussah wie ein silbernes Feuerzeug und drückte
auf einen Knopf.
Der Taxifahrer vor Mulder erstarrte und schien wie eingefroren
vor sich in die Leere zu starren. Mulder sah mit offenem Mund zu.
Haben Sie den jetzt auf Stand-by geschaltet, oder was war
das? fragte er den Engländer gereizt. Er konnte es nicht
leiden, wenn jemand vor ihm eine Geheimagenten - Show abzuziehen
versuchte. Aber nun fragte er sich, mit wem er es zu tun hatte,
erinnerte ihn das hier doch zu sehr an jene Sklavenhybriden, von
denen er in den letzten Wochen so oft gehört hatte. Der
Engländer reichte ihm die Hand. Darf ich mich vorstellen,
Mr. Mulder? Mulder ignorierte die Hand und starrte weiter
geradeaus in die Augen seines Gegenübers. Lassen Sie nur,
es ist ja sowieso nicht Ihr richtiger Name. Der Engländer
zog seine Hand indigniert zurück und zog genervt an seiner
Krawatte. Ich hasse diese Dinger! fluchte er und
lockerte den Knoten.
Mulder wartete ab, bis sich die Spannung zwischen ihnen ein wenig
gelegt hatte und brach dann das Eis. Also gut, was wollen
Sie? Sie warnen, Mr. Mulder. Warnen?
Wovor? Davor, dass man mit mir dasselbe vor hat wie mit dem da?
fragte er und zeigte dabei auf den immer noch erstarrten
Taxifahrer.
Sie sollten nicht nach Afrika reisen. Lassen Sie die
auflaufen, fliegen Sie nach Hause. Sie werden dort in Afrika
nichts erreichen. Woher wollen Sie das wissen?
Der Engländer schluckte. Mulder war aggressiv. Doch er konnte es
ihm nicht verdenken, angesichts dessen, was er in den letzten
Monaten erlebt haben musste.
Sie erinnern sich doch, was in Nevada geschehen ist, als
Sie dort aufgetaucht sind! Sie erinnern sich an den Regen, der
danach eingesetzt hat, nicht wahr? Mulder nickte. Und
Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen Ihrem Auftauchen in Nevada
und dem Zusammenbruch der Militärbasis sowie den merkwürdigen
Wetterphänomenen?
Mulder schüttelte den Kopf. Er sah in der Tat nicht wirklich,
worin der Zusammenhang zwischen ihm und den Vorkommnissen
bestand, denn er stand im Zentrum dieses Orkans, er merkte nichts
davon.
Mr. Mulder, Sie sind es, der diese Phänomene auslöst. Wo
immer Sie auftauchen kommt es zu Interferenzen zwischen Ihnen und
denen, mit globalen Konsequenzen. Und keiner weiß, was dieses
Mal geschehen wird. Dort, wo Sie beabsichtigen hinzureisen,
herrschen viel stärkere Kräfte als in Nevada. Es ist die
Schaltstelle ihrer Kommunikation, die einzige. Sie glauben doch
nicht ernsthaft, dass ihr menschlicher Körper und Geist dem
gewachsen sind, niemand hat diesen Ort jemals betreten, jeder
wurde bisher von ihm abgestoßen und die meisten haben schon das
nicht überlebt. Mulder verdrehte die Augen. Nur weil
sie mir, einem Hobby-Paranoiker, den die FBI Schreibtischarbeit
langweilt, irgendwelche James-Bond-MI-6-Spielchen mit Ihrem
Spielzeugtaxifahrer vorführen, soll ich Ihnen glauben, dass Sie
darüber bescheid wissen? Nein, ich weiß durchaus,
dass Sie mehr sind als nur ein gelangweilter Bundespolizist. Ich
sehe mir Ihre Arbeit schon seit Jahren an, seit ich selbst mich
auf die Suche begeben habe.
Mulder war noch immer skeptisch. Den schwarzen Regen gab es
überall auf der Welt, das war in jeder Zeitung zu lesen. Das hat
überhaupt nichts mit mir zu tun. Oh doch, Ihre
Anwesenheit auf der Area 51 hat alles ins Wanken gebracht. Die
Regierungskonsortien, die noch mit den Invasoren zusammen
arbeiten, sind nahezu vollständig ausgelöscht worden in
derselben Nacht. Nur wenige haben überlebt. Die Invasoren haben
Ihr Auftauchen auf der Militärbasis als direkten Angriff
gewertet. Sie wissen ja gar nicht, wie viele Hybriden sich zum
Zeitpunkt Ihres Eintreffens dort befanden, es ist seit Jahren
eine Kolonie, in der Menschen und Außerirdische nebeneinander an
der Invasion arbeiten. Und mit Ihrer Ankunft geriet das gesamte
System durcheinander. So wie dieses kleine Artefakt vor einiger
Zeit Sie aus der Bahn gelenkt hat, so haben Sie nun einen
ähnlichen Einfluss auf die. Bitte glauben Sie mir, es ist zu
gefährlich dorthin zu gehen. Nicht auszudenken, was geschieht,
wenn Ihr Auftauchen dort die Invasion einleitet. Sehen Sie nicht,
dass das eine Falle ist?
Mulder fand die Unterhaltung langsam interessanter und lehnte
sich zurück. Wer war dieser Kerl? Und was hatte er mit dem
Taxifahrer angestellt? Er verschränkte die Arme und hörte dem
Fremden weiterhin zu. Ich weiß, dass Sie diesen Chip bei
sich tragen. Aha, das war des Pudels Kern! Er wollte die
Daten haben. Mulder blieb cool.
Was für ein Interesse haben Sie an dem Chip, da sind doch
nur meine Privatvideos drauf gespeichert. Er lächelte
amüsiert und versuchte überhaupt nicht darauf einzugehen, was
ihm gerade alles gesagt worden war, denn er merkte, dass sein
Gegenüber unsicher und aufgebracht war.
Mr. Mulder, ich weiß, Sie kennen mich nicht. Sie kennen
nur meinen Vater. Und er war auch nicht gerade ein guter Vater,
muss ich zugeben. Aber ich kann Ihnen versichern, ich will bei
diesem Krieg auf der richtigen Seite kämpfen und das, was die
Kanadier und die Japaner mit Ihnen vorhaben, wird Sie nicht nach
Hause bringen zu Ihrer Freundin und Ihrem Kind. Und das Kind ist
es doch, um das es hier letztlich geht, oder nicht? Mulder
merkte, dass er diesem Mann wirklich zuhörte, denn etwas war an
ihm, das ehrlich wirkte. Er war so emotional. Fast ein
wenig wie er selbst.
Es war unwirklich hier mitten in Tokio in einer gottverlassenen
Gegend in einem Taxi zu sitzen, dessen Fahrer zur Salzsäule
erstarrt vor sich hin glotzte und mit einem Engländer über all
diese Dinge zu reden, doch es machte irgendwie Sinn. Zum ersten
Mal seit Wochen hatte er das Gefühl mit jemandem zu sprechen,
der an der Wahrheit so interessiert war wie er selbst.
Wer ist Ihr Vater? Erinnern Sie sich daran,
dass Sie vor einigen Jahren mit einem anderen Engländer
ebenfalls in einem Auto auf der Rückbank gesessen haben und
über ähnliche Dinge gesprochen haben? Mulder brauchte
keine Sekunde nachzudenken, denn nun, da er es sagte, bemerkte er
selbst die Ähnlichkeit des jungen Mannes mit dem Well-Manicured
Man. Wie kommt es, dass Sie in Japan sind, doch kaum um
mich hier zu treffen! Meine Mutter ist Japanerin,
doch sie ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben. An dem Krebs,
von dem Ihre Freundin mittels des Chips, den der Raucher aus den
Labors entwendet hat, geheilt werden konnte. Es war die Schuld
des Rauchers, dass er den Chip nicht vorher kopierte und damit
unzählige andere Frauen sterben ließ. Doch es war allgemein
bekannt, dass der Raucher schon immer eine Schwäche für Ihre
Freundin gehabt hat.
Offensichtlich hatte das Thema einen wunden Punkt erwischt und
Mulder versuchte schnell davon abzulenken, denn er wollte Scully
aus dem Gespräch heraushalten.
Also, was soll ich Ihrer Meinung nach tun? Geben
Sie mir eine Kopie des Chips, lassen Sie mich und meine Forscher
in England herausfinden, was Sie immun macht. Ich habe von den
Spekulationen gehört, dass es etwas in Ihrem Gehirnstoffwechsel
ist, das die Immunität bewirkt. Und kommen Sie mit nach England.
Wozu? Damit Sie Tests an mir durchführen? Das Vergnügen
hatte ich schon in Nevada und es hat nichts gebracht. Außer
gehörigen Kopfschmerzen auf die ich gerne verzichte.
Er legte seine Hand auf seine Brusttasche, in der er den Chip bei
sich trug und überlegte. Ich mache Ihnen einen Vorschlag:
Sie nehmen eine Kopie des Chips mit nach England und ich fahre
nach Tunesien ohne die Bombe in Empfang zu nehmen. Ich möchte
mich nur selbst davon überzeugen, dass dort wirklich etwas in
der Wüste ist.
Der Engländer wirkte nicht überzeugt, doch er sah in Mulders
Augen eine Entschlossenheit, dass das alles war, was er bereit
war ihm zu geben. Also willigte er ein.
Der junge Engländer reaktivierte seinen persönlichen
ferngesteuerten Taxifahrer, der weiterfuhr, als sei nichts
gewesen. Mulder war bei der gesamten Rückfahrt unwohl deswegen
und er starrte dem Taxifahrer die ganze Zeit auf den Nacken, wo
er eine winzige Narbe erkennen konnte, dort, wo auch Scully eine
Narbe hatte. Und er selbst.
5 Tage später
Es war Mitte September und der Sommer neigte sich ungewöhnlich
früh seinem Ende zu. Die Tage wurden kürzer und die Sonne ließ
sich nur noch selten blicken. Die Blätter an den Bäumen hatten
ihr saftiges Grün längst verloren und leuchteten gelb und
orange vor dem grauen Himmel. Doch sie leuchteten stärker als je
zuvor, so als wäre es das letzte Mal, dass sie der Welt zeigen
konnten, wie schön sie waren.
Scullys Gefühle, wenn sie diese Blätter ansah, waren gemischt.
Ihre und die von Chuck, denn sie beide waren die einzigen, die
wussten, dass in diesen Blättern seit dem schwarzen Regen Purity
schlummerte. Chuck war es gewesen, der herausgefunden hatte, was
dieser schwarze Regen zu bedeuten hatte, doch Scully war es, die
die wahre Tragweite dieser Entdeckung langsam begriff. Sie war
die Person, die von allen am meisten wusste, die den Überblick
hatte. Sie wusste von den Astronauten auf der ISS, die nach wie
vor ohne Funkkontakt zur Erde vermutlich tot dort oben im All
schwebten, sie wusste all diese Dinge über die Alien-DNA in
ihnen, sie wusste von den Chips und den Nanobots, mittlerweile
hatte sie eine ungefähre Ahnung wie sie funktionierten und sie
wusste nun auch, was der schwarze Regen bedeutet hatte und die
gestörten Fernsehübertragungen, die weiterhin anhielten. Doch
die Menschen in der Stadt waren Unregelmäßigkeiten gewöhnt, es
wurde zum Small-Talk-Thema und da die Fernsehsender schnellstens
darauf mit dem Verkauf von DVDs ihrer Serien reagiert hatten, gab
es kaum noch Menschen, die sich über diese Veränderung
beschwerten. Die offizielle Erklärung der Regierung, es handle
sich weiterhin um Sonnenwind, reichte den meisten Menschen. Und
seit dem Regen war nichts Ungewöhnliches mehr geschehen. Keine
Zeitung hatte auch nur den kleinsten Bericht über die toten
Astronauten der ISS veröffentlicht und niemand wusste etwas von
den Vorkommnissen auf der Area 51.
Es war beunruhigend still um sie herum geworden.
Scully saß bei ihrer Mutter am Küchentisch und stocherte in
ihrem Salat herum, den sie seit einer halben Stunde vor sich
stehen hatte. Dana, was ist, Du bist schon die ganze Woche
so abwesend! Ihre Mutter versuchte schon die ganze Zeit,
sie abzulenken. Weil sie nicht verstand, was in ihrer Tochter
vorging. Und Scully hatte es aufgegeben ihrer Mutter die
Tragweite ihrer Gedanken zu erklären.
Da klingelte es an der Tür. Scully hörte, als ihre Mutter
öffnete, dass es Skinner war und sie sprang sofort auf, um ihn
zu empfangen. Sie teilte ihrer Mutter wortlos aber
unmissverständlich mit, dass sie alleine mit ihrem Vorgesetzten
sein wollte und zog Skinner vor die Haustür. Sie fröstelte und
verschränkte die Arme über ihrem Bauch. Skinner sah sich
misstrauisch um, doch sie waren alleine. Agent Scully, es
tut mir leid, dass ich Sie hier aufsuchen muss, aber ich habe
beunruhigende Informationen über den Verbleib von Mulder.
Er hatte lange überlegt, ob er damit wirklich zu ihr gehen
sollte, doch nach seinen neuesten Erkenntnissen war Mulder seit
einer Woche in einem arabischen Land untergetaucht und es konnte
kein Zufall sein, dass am Tag seiner Ankunft ein herrenloser
Koffer an einem Gepäckband einen Bombenalarm am Flughafen von
Tunis ausgelöst hatte. Und das in diesen Zeiten! Was immer
Mulder tat, es nahm politische Ausmaße an, die Skinner
ängstigten. Er erzählte Scully, was er herausgefunden hatte und
sah sie hilfesuchend an. Können Sie mir erklären, was das
zu bedeuten hat?
Scully war ratlos. Die Freude und Erleichterung darüber, dass
Mulder noch lebte dominierten in ihrem Kopf und machten jeden
rationalen Gedanken unmöglich. Sie wusste nicht, was er dort in
Afrika tat, doch es machte ihr Angst, dass er so alleine und
schutzlos so weit weg war. Ging es ihm gut? Es machte sie
wütend, dass Skinner so hilflos vor ihr stand. Er war ihr
Vorgesetzter, warum bat er SIE um Hilfe? Ihre tiefblauen Augen
starrten ihn kalt an.
Vielleicht können Sie MIR zuerst erklären, warum Sie
nichts unternehmen? Warum lassen Sie zu, dass er dort vollkommen
auf sich gestellt ist? Skinner trat näher an sie heran, er
wollte nicht, dass jemand ihre Konversation mitbekam. Agent
Scully, Sie wissen, dass ich nichts tun kann. Ich stecke in
dieser Sache viel zu tief drin, die haben mich vollkommen unter
Kontrolle, ich wäre Mulder keine Hilfe. Er sah sie
eindringlich an. Scully war irritiert. Was meinen Sie mit
die haben Sie unter Kontrolle? Skinner schlug die Augen
nieder. Diese Nanotechnologie, Agent Scully. Ich glaube,
die haben Zugriff auf meine Gedanken. Scullys Herz raste,
sie sah ihn besorgt an und legte ihre Hand auf seinen Ellbogen.
Seit wann? Es begann vor drei Wochen. Mit
Alpträumen und nun gibt es immer wieder Momente, in denen ich
Blackouts habe, ich kann mich manchmal nicht mehr erinnern, was
ich kurz zuvor getan oder gesagt habe. Er riss sich
zusammen, Schwäche war nicht das, was er Scully zeigen wollte,
nicht ihr, die selbst so viel Stärke in sich trug wie kein
männlicher Agent im FBI. Verstehen Sie, Agent Scully, ich
bin unter Umständen unberechenbar, ich kann in dieser Sache
nichts unternehmen. Aber Sie können es, Sie müssen es. Er
reichte ihr einen kleinen Brief. Der lag heute Morgen auf
meinem Schreibtisch, er stammt aus England."
Scully starrte ungläubig zwischen dem Brief und Skinner hin und
her. Hatte er ihr nicht persönlich das Versprechen abgenommen,
sich und das Baby zu schonen? Doch sie sah das Flehen in seinen
Augen, sie wusste, er wollte handeln, aber ihm waren die Hände
gebunden. Sie riss ihm den Umschlag aus der Hand. Ich werde
etwas unternehmen, das garantiere ich Ihnen, Sir! Der kalte
Tonfall in ihrer Stimme fuhr durch die warme Sommerluft wie
Eiszapfen. Skinner konnte es ihr nicht verdenken und drehte sich
um. Doch Scully tat es in diesem Moment leid, wusste sie, dass er
nicht er selbst war. Sir? Er blieb stehen und drehte
sich auf seinem Absatz noch einmal zu ihr um. Sie strotzte vor
Lebenskraft und ihre blauen Augen flackerten lebendig wie Feuer.
Wir werden einen Weg finden, diese Technologie aus Ihrem
Körper zu entfernen. Das versichere ich Ihnen! Skinner
bemühte sich sie anzulächeln, doch insgeheim schämte er sich
dafür, dass er sie die Arbeit erledigen lassen musste, die für
ihn bestimmt war. Passen Sie auf sich auf, Agent Scully.
Er würde sich niemals verzeihen können, wenn ihr etwas
zustieß, oder wenn sie und Mulder beide dabei umkommen würden.
Doch er konnte nichts tun. Er konnte nur dafür sorgen, dass sie
auf ihren Wegen beschützt war.
Scully ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und atmete
laut aus. Sie drehte den Umschlag in ihrer Hand um und öffnete
ihn. Eine schwarze Karte war darin. Mit einem Metallstreifen und
einem Chip. Sie sah aus wie eine Bankkarte, nur dass sie schwarz
war. Was wollte Director Skinner von Dir? durchfuhr
die Stimme ihrer Mutter den Raum. Scully ließ die Karte schnell
in den Umschlag gleiten. Nichts, er wollte mir nur
persönlich alles Gute wünschen und mir meinen Gehaltsscheck
vorbeibringen. Scully hoffte, ihre Mutter würde die Lüge
akzeptieren und sie tat es, auch wenn sie die schwarze Karte in
den Händen ihrer Tochter bemerkt hatte. Doch sie wusste, ihre
Tochter hatte Geheimnisse vor ihr. Sie legte ihr ihre Hand auf
die Wange und sah sie traurig an. Es war so viel Distanz zwischen
ihnen, das tat ihr weh, doch sie konnte ihre Tochter nicht
zwingen, sie kannte sie dafür zu gut. Sie musste sie laufen
lassen, irgendwann würde es wieder mehr Nähe zwischen ihnen
geben. Scully sah unter der Berührung ihrer Mutter betreten auf
den Umschlag in ihren Händen. Sie hob den Blick und versuchte
ihrer Mutter dabei fest in die Augen zu sehen, als diese die Hand
wieder von ihrer Wange nahm. Mom, ich fahre kurz zur Bank
um den Scheck hier einzulösen! Sie wich dem Blick ihrer
Mutter beschämt über ihre Lüge aus und zog sich ihren Mantel
über. Ein schuldbewusstes Lächeln huschte über ihr Gesicht
bevor sie das Haus verließ und sie hoffte, sie würde ihrer
Mutter eines Tages all das erzählen können, was sie mit sich
herumtrug.
Drei Stunden später in Mulders Apartment
Das Aquarium blubberte leise und beruhigend und Scully genoss auf
Mulders Couch die letzten Sonnenstrahlen des Sommers, die
spärlich durch das Wohnzimmer fielen und den Staub in der Luft
glitzern ließen. Endlich klopfte es an der Tür. Ein Werbeflyer
für eine Fast Food Kette wurde hindurch geschoben. Scully
schmunzelte. Die Drei hatten immer wieder andere ausgefallene
Ideen. Sie hob den Flyer auf und suchte darin nach einem Hinweis.
Ihr Blick fiel sofort auf eine handschriftliche Anmerkung auf der
Rückseite des Flyers und sie schnappte sich ihren Mantel und
verließ Mulders Apartment.
Eine Viertelstunde später im Park von
Dumbarton Oaks, Georgetown
Es war windig, doch Scully zog den Mantel zu so gut es
über dem Bauch noch ging und wartete in dem kleinen Fotopavillon
im Dumbarton Oaks Park auf die Einsamen Schützen. Nach und nach
trudelten sie als Touristen verkleidet ein. Frohike
erspähte direkt ein Foto aus den Zwanzigern, auf dem junge
Mädchen vor dem Swimming Pool des Anwesens in Badebekleidung
posierten und ging näher an das Foto heran, während die beiden
anderen direkt zur Sache kamen.
Agent Scully, wir schlafen keine Nacht mehr durch, glauben
Sie uns. Seit Mulder weg ist, überstürzen sich die Ereignisse.
Und was Mulder in Nordafrika zu suchen hat ist doch vollkommen
klar. Nun, wenn es so klar ist, dann spucken Sies
endlich aus, machen Sies nicht so spannend,
entgegnete Scully unbeeindruckt.
Unter UFOlogen kursiert seit Jahren das Gerücht, dass sich
in der algerischen Sahara ein Kraftfeld befindet. Eine Art
Kommunikationszentrum, das dort seit langer Zeit ruht und über
seine elektromagnetischen Wellen die Aliens, die auf der Erde
unter uns sind, kontaktiert und steuert. So richtig wissen wir
allerdings nicht, was es ist, oder wo. Man kann es nämlich nicht
sehen. Uns würde also nicht wundern, wenn Mulder versuchen
würde es zu finden. Langley löste Byers aufgeregt ab.
"Sie erinnern sich doch an diese Sache in Tunguska, wo 1908
angeblich ein Meteorit in die Atmosphäre gestürzt ist. Also wir
glauben ja, dass es dieses Kraftfeld war, das sich damals hier
auf der Erde niedergelassen hat. Ein Kraftfeld, das in
regelmäßigen Abständen zu Schwankungen des Magnetfelds führt.
Und laut unseres japanischen Freundes Mirashi, der früher für
das japanische Militär gearbeitet hat, bevor wir denen Fat Man
und Little Boy vorbeigeschickt haben, haben die Japaner den
Navajo-Indianern eine Technik abgekauft, die angeblich die
Kommunkation innerhalb dieses Zentrums stören kann. Zumindest
konnte der Prototyp, von dessen Ersttestung in den Achtzigern wir
ein Videoband haben, einen einzelnen Alien-Soldaten vollkommen
von der Wahrnehmung seiner Außenwelt abschirmen."
Scully zog die Stirn in Falten. Was soll denn das für ein
Kraftfeld sein?" Als Physikerin hatte sie nicht den
blassesten Schimmer, wovon die Lone Gunmen redeten. "Keine
Ahnung. Ein Magnetfeld oder ein anderes Feld, das
elektromagnetische Wellen aussendet." "Und Ihr denkt,
Mulder will mit dieser Waffe dorthin?" Langley zuckte mit
den Achseln. "Was sollte er sonst dort machen? Er steht ja
nicht offensichtlich nicht auf arabische Frauen." Frohike
sah von dem Foto zu Langley rüber und warf ihm einen strafenden
Blick zu.
Scullys Augen öffneten sich weit, als sie begriff. Der
Koffer am Flughafen von Tunis! Da war die Waffe drin! Aber das
Bodenpersonal hat den Koffer sichergestellt.
Frohike löste sich endlich von seinem voyeuristischen Exzess und
drehte sich zu Scully um. Genau das ist es, was wir nicht
verstehen. Mulder hat diese Waffe überhaupt nicht bei sich. Was
macht er also dort in der Wüste? Byers meldete sich wieder
zu Wort. "Egal wie immun Mulder ist, sich dort schutzlos
hinzubegeben kann keine gute Idee sein."
Scully schüttelte aufgebracht den Kopf. Sie war wütend, weil
ihr die Hände gebunden waren. Sie kannte Mulder und wusste, er
würde versuchen in diese Zentrale einzudringen. Auch ohne diese
Waffe. Sie sprang auf und hielt Langley den Umschlag mit der
Chipkarte hin.
Ich will, dass ihr für mich herausfindet, was das hier
ist. Langley pfiff laut als er die Karte sah. Mann,
Scully, Sie sind auch für jede Überraschung gut, wo haben Sie
DIE denn her? So eine habe ich ja seit Jahren nicht mehr gesehen.
Scully war überrascht. Was? Sie wissen, was das ist?
Byers warf einen Blick darauf. Natürlich. Sie ist eine der
Chipkarten, die man innerhalb des Pentagons benutzt um sich
Zugang zu bestimmten Räumen zu verschaffen. Allerdings müssen
wir erst einmal herausfinden, welche Informationen auf diesem
Chip da gespeichert sind, um zu wissen welchen Raum Sie damit
betreten können.
Scully presste die Lippen aufeinander und stemmte die Hände in
die Hüften. Sie sah aus dem Pavillon heraus in die Ferne, wo
zwei Touristen sich näherten. Ihr habt ja meine Nummer,
verabschiedete sie sich von den Dreien und ließ sie zurück.
Frohike sah ihr nach.
Die Kleine wird von Tag zu Tag heißer
Byers und Langley schwiegen. Es war, als würden ihre kühnsten
Träume wahr, endlich passierte etwas. Doch ihnen entging
keineswegs, dass das, was passierte, bedrohlich war und umso
aufgeregter waren sie, dass sie versuchen konnten, etwas dagegen
zu tun. Zum ersten Mal waren sie nicht nur Freaks, sie waren
plötzlich wichtig. Selbst Scully nahm sie ernst.
Doch Scully ballte die Fäuste als sie den Park zwischen den
golden leuchtenden Bäumen hoch zur Dumbarton Oaks Villa lief.
Wie konnte Mulder nur so verrückt sein und in Afrika alleine und
schutzlos nach einem höchst zweifelhaften Kraftfeld, noch dazu
mitten in der Sahara suchen?
Am nächsten Morgen 22 km südwestlich
von Adrar, Algerien
Mulder war von der stundenlangen Schaukelei auf seinem Kamel
übel und seine Beine fühlten sich taub an. Er hatte eine Gruppe
von Händlern gefunden, die ihn auf einem ihrer Kamele bis zum
nächsten Ort mitnahmen. Von dort würde er allerdings alleine zu
dem Raumschiff finden müssen. Doch er war sich sicher, dass er
es finden würde, es hatte ihn auch damals in Bellefleur im Wald
gefunden. Er schien eine Verbindung zu den Aliens zu haben und er
war sicher es war, weil er immun war. Weil sie Angst vor dem
hatten, was ihn immun machte. Vor dem, was in seinem Kopf
vorging, was der Engländer in diesem Moment in England
versuchte, herauszufinden. Er hatte diese Waffe am Flughafen
zurückgelassen, denn er vertraute ihrer Quelle nicht. Der
Engländer hatte ihn überzeugt, dass es eine Falle gewesen war.
Doch er hatte ihn nicht davon abhalten können, sich dieses Ding
in der Wüste anzusehen. Ohne die Waffe.
Er musste herausfinden, was dort vor sich ging. Er wollte auf
eigene Faust versuchen in dieses Raumschiff einzudringen. Er
wusste nun, wie es sich anfühlte, wenn sie ihn zu sich holten,
wenn sie in seinen Kopf eindrangen, wenn dieses Öl sich durch
seinen Körper wand, um von seinem Geist ausgestoßen zu werden.
Er war nicht schutzlos, denn er hatte Purity besiegt und er
wusste, wenn er wirklich für die Ereignisse auf der Area 51
verantwortlich war, dann würde sein Erscheinen hier einen noch
größeren Effekt haben. Nur welchen, das wusste selbst Mulder
nicht.
Er rieb sich mit dem Ärmel seines weißen Hemds den Schweiß von
der Stirn und versuchte zu verstehen, was die Händler
untereinander beredeten, doch bis auf ein paar Brocken
Französisch sprachen sie Arabisch und er verstand nichts. Die
Wüste lag vor ihm und war so endlos und weit, dass er das
Gefühl hatte, in den Raum hineinzufallen.
Am Abend im Haus von Margaret Scully
Wieder einmal stocherte Scully in ihrem Salat herum, als das
Radio wie so oft in den letzten Tagen ansprang und in voller
Lautstärke die ersten Takte von Bachs Brandenburgischem Konzert
Nr. 2 ertönten. Scully stand auf und schaltete es aus. Sie hatte
sich daran gewöhnt, doch in den letzten Tagen hatte sie immer
wieder ein ungutes Gefühl in der Magengegend gehabt, so als
würde die nächste grausame Erkenntnis nicht lange auf sich
warten lassen. Oft wachte sie morgens auf und glaubte, Schreie zu
hören, doch jedes Mal musste sie feststellen, dass sie nur
geträumt hatte. Und doch hinterließ der Klang der verzweifelten
Schreie jedes Mal einen Schatten auf ihrem Herzen, der ihren Tag
trübte.
Als sie das Radio ausgeschaltete hatte, hörte sie ein Klopfen an
der Tür. Vermutlich einer der Nachbarn, der neugierig darauf
ist, wie es der schwangeren Tochter von Margaret geht, dachte
sich Scully, die solche Begegnungen seit ihrer Ankunft im Haus
ihrer Mutter schon öfter gehabt hatte. Doch als sie die Tür
öffnete stand niemand anderes als Frohike vor ihr. Sie zog ihn
hinein, damit ihn niemand erkannte, denn er trug dieses Mal keine
Verkleidung.
Hey, nicht so stürmisch, Agent Scully, warnte er sie
grinsend und rieb sich den Arm, an dem sie ihn gegriffen und
hineingezerrt hatte. Er hielt ihr unbeholfen ein kleines
Päckchen hin. Das hier hab ich übrigens für Ihr Baby
mitgebracht. Scully war gerührt. Es war sehr stümperhaft
in hässliches Geschenkpapier eingewickelt, doch sie freute sich.
Frohike, das war doch nicht nötig. Sie schenkte ihm
eines ihrer seltenen Lächeln und er fühlte, wie die Sonne in
seinem Herzen aufging. Aber noch nicht öffnen, erst in
drei Monaten! Ich verspreche es! sicherte sie
ihm pflichtbewusst zu.
Sie setzten sich in die Küche und redeten leise darüber, wo
diese Chipkarte sie hinführen sollte. Scully hoffte, ihre Mutter
würde nichts mitbekommen und hörte Frohike aufmerksam zu.
Zur selben Zeit in einer anderen Zeitzone, in der Sahara
Mulder drehte sich unruhig auf seiner Pritsche um. Der Sandsturm
am Nachmittag hatte seine Spuren überall an ihm hinterlassen.
Der feine Sand war selbst in seinen Haaren und Ohren und bei
jedem Bissen seines spärlichen Abendessens, das er sich mit
seinen Begleitern und einem Lastwagenfahrer geteilt hatte, hatte
es geknirscht. Es war heiß und laut und er hatte seit Tagen
nicht richtig geduscht. Und immer wieder, wenn er kurz davor war
einzuschlafen, hörte er dieses leise säuselnde Flüstern in
seinem Kopf.
Doch in zwei Tagen, das wusste er, würde er dort sein, wo er das
UFO vermutete. Er hatte es heute bereits gespürt, hatte dieses
metallische Hauchen gehört, das der Sandsturm, der von Süden
gekommen war, mit sich getragen hatte. Es konnte nicht mehr weit
sein und die Angst vor dem, was dann geschehen würde, war es,
was ihm eigentlich den Schlaf raubte. Doch er brauchte seinen
Verstand, brauchte all seine Kraft um das durchzustehen. In
Gedanken hielt er sich immer und immer wieder an Scully fest und
hoffte, dass es ihr gut ging. Sein Blick haftete gedankenverloren
auf dem weißen Tanklaster, dessen Beschriftung durch das kleine
Fenster seines Berberzelts sichtbar war. Es war ein Lastwagen der
Firma Exxon. Mit diesem Bild vor Augen schlief er endlich ein.
Am frühen Morgen in Skinners Büro
Skinner war tief in seine Gedanken versunken und sah aus dem
Fenster auf die Pennsylvania Avenue hinunter. Die Menschen dort
unten rannten zu den Orten ihrer Bestimmung, als wäre nie etwas
geschehen. Sahen sie denn nicht, was vor sich ging? Spürten sie
nicht, dass der eisige Griff einer ungewissen, grausamen Zukunft
sich um die Welt gelegt hatte? Oder fühlte nur er es, weil er
diese Dinger in seinem Blut trug? Doch er hatte in Scullys Augen
gesehen, dass sie dasselbe fühlte.
Er hatte Angst um die Agentin. Man hatte nach dem Angriff dieses
Unbekannten auf sie, der James Morgan getötet hatte und dann
spurlos verschwunden war, nichts in ihrem Blut feststellen
können und doch war sie fast 10 Stunden lang bewusstlos gewesen.
Was hatte man ihr angetan? Er bewunderte sie dafür, dass sie
trotz der Ungewissheit, was da in ihr heranwuchs, so klar bei
Verstand blieb. Doch was blieb ihr anderes übrig? Versuchte er
nicht ebenfalls, sich mit seinem Alltag abzulenken?
Er zuckte zusammen, als es an der Tür klopfte und seine
Sekretärin Scully hineinführte.
Sir, Sie müssen mir Zutritt zum Pentagon verschaffen!
Skinner musste unwillkürlich schmunzeln. Sie überraschte ihn
immer wieder. Doch dieses Mal konnte er ihr wenigstens helfen. Er
griff zum Telefon und wählte die Nummer des Mannes, der ihm
Scullys Wunsch erfüllen konnte.
Zwei Stunden später fuhr er persönlich die Agentin nach
Virginia, in seiner Tasche trug er den Besucherausweis, der ihr
die Berechtigung geben würde, das Gelände zu betreten. Von da
an war sie auf sich allein gestellt, denn mehr konnte er nicht
für sie tun.
Am nächsten Tag, 13.42 Uhr, im FBI - Informatikzentrum von
Quantico, Virginia
Scully saß vor dem Bildschirm im Medienraum und gab dem
Informatiker durch die Glasscheibe zu verstehen, dass sie die
Daten empfing. Sie hatte mittels der Chipkarte Zugang zu einem
winzigen Lagerraum des Pentagons erhalten, in dem in meterhohen,
eng aneinandergestellten Regalen kleine metallene Schatullen
gelagert gewesen waren. Es hatte eine Weile gedauert bis sie
innerhalb des winzigen Zeitfensters, in dem sie die
Zutrittsberechtigung für diesen Raum hatte, herausgefunden
hatte, wie man die richtige Schatulle fand und öffnete. Als sie
die richtige Box gefunden hatte, war sie schnellstens mit dem
Inhalt in ihrer Jackentasche wieder verschwunden und hatte sich
von Skinner nach Quantico fahren lassen. Denn sie hatte in der
Box ein Glasröhrchen gefunden, mit einem Chip darin. Aber es war
keiner von den Chips gewesen, die sie bisher immer untersucht
hatte. Es war ein Computerchip und der Informatiker in Quantico
war hellauf begeistert gewesen, eine Aufgabe wie diese gestellt
zu bekommen und hatte sofort begonnen die Daten auf dem Chip auf
die Festplatte zu übertragen.
Doch es hatte einen ganzen Tag gedauert und Scully hatte ihrer
Mutter den Gefallen erwiesen Babyeinkäufe zu erledigen, war
jedoch keine Sekunde bei der Sache gewesen und hatte dauernd
nervös auf ihr Handy gesehen.
Nun erschienen die Daten endlich der Reihe nach vor ihren Augen.
Viele waren korrumpiert oder durch eine Codierung nicht
verwertbar. Aber ebenso viele waren einsehbar und raubten ihr den
Atem, als sie sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild
zusammensetzten.
Es dauerte Stunden bis sie die Flut von Informationen
durchgearbeitet hatte. Die Lichter um sie herum gingen bereits
aus, die anderen Angestellten verließen ihre Arbeitsplätze und
auch der Informatiker verabschiedete sich von Scully. Seine
Arbeit war getan, für die Daten interessierte er sich nie. Doch
hätte er gewusst, was auf diesem Chip gespeichert war, hätte er
Scully nicht so leichtfertig dort mit den Informationen sitzen
lassen.
Scullys Mund war trocken, sie hatte seit
Stunden vor dem Bildschirm gesessen. Ihr Nacken war steif, sie
hatte Durst und schreckliche Kopfschmerzen. Doch sie konnte ihre
Augen nicht vom Bildschirm abwenden. Wer immer ihr diese Daten
hatte zukommen lassen, musste mit Mulder irgendwie in Kontakt
gestanden haben, denn auf dem Chip befanden sich Ergebnisse von
Tests, die an Mulder erst kürzlich vorgenommen worden waren. Man
hatte ihm offenbar unendliche Schmerzen zugefügt und Scully
fühlte den Zorn gegen diese menschenverachtende Verschwörung in
sich hochkochen. Sie biss die Zähne festzusammen und stützte
ihr Kinn vor dem Bildschirm ab. Ihre Finger tippten auf ihre
Lippen, als sie sich weiter durch die Daten klickte.
Das Meiste davon war ihr nicht neu, vieles hatte Mulder ihr
selbst oft schon erzählt, doch hier lagen erstmals Beweise vor
ihr. Eingescannte Dokumente, die all die Regierungsexperimente
belegten, die sie und Mulder immer wieder bemüht gewesen waren
zu entlarven. Dokumente über die Entführungen von Frauen, die
Namen der Frauen aus der MUFON-Gruppe, ihr eigener Name,
erschienen vor ihr auf dem Bildschirm. Zum ersten Mal hatte sie
Beweise dafür, was wirklich mit ihr während ihrer Entführung
durch das Konsortium angestellt worden war. Es stand dort schwarz
auf weiß, dass man Experimente an ihr und ihren Eizellen
durchgeführt hatte. Ein Name trieb ihr Tränen in die Augen,
weil sie sich wieder daran erinnerte, was diese Tests mit ihrem
Leben angestellt hatten. Emily Sims. Ihre kleine Tochter, von der
sie nur so kurz etwas gehabt hatte und die Opfer dieser
Experimente gewesen war, wie sie selbst.
Sie hatte endlich die Beweise, die sie all die Jahre gesucht
hatten. Die immer zwischen ihrem Zweifel und Mulders Glauben
gestanden hatten. Aber es war alles nicht neu für sie. Sie hatte
in den letzten Monaten selbst so viel gesehen, dass sie keine
Beweise mehr gebraucht hatte, um Mulder endlich zu glauben. Sie
erfuhr gerade am eigenen Leib, dass es mehr zwischen Himmel und
Erde gab, als sie jemals vermutet hätte. All die Dinge, die ihr
und ihm geschehen waren, waren für sie Beweis genug gewesen.
Diese Beweise kamen eindeutig zu spät. Was sie nun vielmehr
bestürzte war das Ausmaß. Die Systematik und die
menschenverachtende Seelenlosigkeit, die hinter diesen
Machenschaften steckten. Es war so unmenschlich gewesen, so
gewissenlos. All die Bürger dort draußen, die die dieser
Regierung der Lügen vertrauten und ihren gewohnten
Lebensabläufen nachgingen, sie alle waren verraten worden von
einer grauen, düsteren Schattenregierung, die nur an Macht und
Kontrolle interessiert war.
Endlich verstand sie wieso Mulder dieser Suche sein Leben
gewidmet hatte.
Doch wozu hatte sie diese Daten jetzt geschickt bekommen? Von
wem?
Eine Antwort befand sich in dem Ordner, in dem Mulders gesamte
Testergebnisse gespeichert waren, vom Zeitpunkt seiner
U1-Untersuchung nach seiner Geburt bis vor einigen Wochen.
Sie holte tief Luft und klickte sich konzentriert durch die
Dateien.
Vor ihr lagen klare Beweise dafür, dass etwas mit Mulders Gehirn
nicht stimmte. Etwas, das den Schlüssel für die Immunität in
sich trug. Auf diesem Chip befand sich offenbar eine Kopie des
Chips, der Mulders Bewusstseinszustand, einen elektronischen
Fingerabdruck seiner Seele, wenn man es so wollte, gespeichert
hatte. So, wie es angeblich auch auf dem Chip in ihrem Nacken
gespeichert war. Aber was Scully vor allem auffiel waren die
Veränderungen in Mulders Gehirn, die über Jahre hinweg immer
wieder mittels des Chips von den Wissenschaftlern dieses kranken
Projekts aufgezeichnet worden waren, in regelmäßigen
Abständen. Sie fuhr sich mit dem Finger über die Narbe in ihrem
Nacken. Lag irgendwo auch eine Kopie ihres Chips, ein Abdruck
ihrer Seele, ihrer Erinnerungen, in einem Archiv?
Sie klickte sich durch Mulders EEGs und Hirnaktivitäten, die im
Verlauf der Jahre vor ihr auf dem Bildschirm erschienen. Sie sah
praktisch das genaue Gegenteil von dem vor sich, was in Walter
Harlands Gehirn vor sich gegangen war: Mulders limbisches System,
der Bereich des Gehirns, den man heutzutage mit der Seele
gleichsetzte, war hyperaktiv gewesen, seine
Neurotransmitterspiegel hatten verrückt gespielt. All das hatte
eingesetzt mit Verschwinden seiner Schwester. Ab diesem Zeitpunkt
hatte Mulders limbisches System unentwegt abnorme Impulse durch
sein Gehirn gefeuert, die alle auf dem Chip gespeichert worden
waren. Das war keine normale emotionale Stressreaktion mehr!
Was aber noch viel interessanter war, waren Mulders
Blutergebnisse, die hier ebenfalls vor ihr lagen. Sämtliche
Arztbesuche, inklusive seiner Einstellungsuntersuchung beim FBI
1984 waren hier verzeichnet und von jeder Blutprobe, die ihm je
entnommen worden war, war offenbar immer ein Teil in einem
Regierungslabor auf Mulders DNA-Regulation untersucht worden. Und
es gab einen klaren Zusammenhang zwischen Mulders Hirnaktivität
und der DNA-Regulation. Je emotionaler und unbalancierter Mulder
gewesen war, desto inaktiver war die Alien-DNA in ihm gewesen. In
anderen Phasen seines Lebens war die außerirdische DNA so aktiv
gewesen wie in Gibsons Fall. Das erklärte Scully vieles, denn
waren es nicht Mulders fast schon telepathische Fähigkeiten
gewesen, die sie immer so fasziniert hatten? War er nicht gerade
deswegen beim FBI anfangs so angesehen gewesen? War das wirklich
nur die aktivierte Alien-DNA in ihm gewesen?
Sein Geist hatte anscheinend sein Leben lang einen ständigen
Kampf gegen die außerirdische Macht in seinem Körper geführt,
in dem immer wieder er und dann wieder sein Gegner die Oberhand
gehabt hatten. Aber warum? Scully klickte sich zurück. Vor
Samanthas Verschwinden hatte Mulder sich vollkommen normal
entwickelt. War etwas mit ihm geschehen, als seine Schwester
entführt worden war? Hatte man an ihm in dieser Nacht auch
Experimente durchgeführt? Oder war es tatsächlich nur das
emotionale Trauma gewesen, das sein limbisches System so
überstimuliert hatte? Oder war es durch die Nähe dieser
außerirdischen Macht ausgelöst worden? Lag die Immunität
Mulders gegen den schwarzen Krebs in seiner Seele?
In der Seele, die sie so aus tiefstem Herzen zu lieben gelernt
hatte ?
Doch die Daten, die man mittels des Chips in Mulders Nacken
erhalten hatte, endeten abrupt mit seiner merkwürdigen
Erkrankung, die nach seinem Kontakt mit dem außerirdischen
Artefakt aufgetreten war. Scully grübelte nach. Man hatte ihm
den Chip entfernt damals. Doch selbst ohne Chip war Mulder immun.
Es konnte also nicht an dem winzigen Stück Metall liegen.
Sie stutzte, als sie eine seiner Kernspintomographien aus der
Zeit seiner Krankheit sah. Warum hatte sie das damals nicht
entdeckt? Hatten die Ärzte sie angelogen? Sie konnte ganz
deutlich einen Tumor sehen, den Mulder in seinem Gehirn hatte.
Sie klickte sich weiter durch die Daten und verglich das Bild mit
einer Aufnahme, die man anscheinend vor ein paar Wochen während
der Tests an ihm gemacht hatte. Der Tumor war auch in diesem Bild
zu sehen und er war noch genau so winzig.
Wodurch war dieser Tumor entstanden? War er die Konsequenz dieses
jahrelangen Kampfes in Mulders Körper gegen die Alien-DNA in
seinem Körper? War er durch den Chip ausgelöst worden wie bei
ihr?
Dennoch erklärte auch der Tumor nicht, warum er immun war, denn
er war schon vor dem Tumor immun gewesen. Scully sah einen Moment
zur Seite, um ihre Augen eine Weile auf dem dunklen Holz ihres
Tisches ruhen zu lassen. Es flimmerte überall in ihrem
Blickfeld, sie hatte schon Stunden hier gesessen.
Als sie auf das Holz sah wurde es ihr klar. Sie alle suchten nach
physiologischen, chemischen oder physikalischen Ursachen von
Mulders Immunität. Aber was, wenn der Schlüssel zu seiner
Immunität wirklich spiritueller Natur war? Was, wenn Mulders
einzigartiger Geist, seine Seele, die genau in dem Areal des
Tumors saß, damit in Zusammenhang stand? War es nicht
Telepathie, über die die Außerirdischen kommunizierten? War
diese außerirdische Macht nicht vollkommen anders in ihrer
ganzen Natur und Wahrnehmung? Vielleicht reagierte der
Alien-Organismus auf irgendetwas, irgendeine feine Schwingung
oder Kraft, die von Mulders Seele ausging. Das Gehirn war noch so
unerforscht, vielleicht sendeten seine Hirnimpulse irgendwelche
Signale aus, die dieses Alien wahrnehmen konnte. Und vielleicht
verstärkte der Tumor diese Signale nur.
Waren es Mulders einzigartige Sensibilität und Emotionalität,
die irgendwie damit interferierten? Oder gab es doch eine
wissenschaftliche Erklärung?
Scully wusste es nicht, es waren zu viele Informationen für sie.
Aber sie fühlte, dass sie der Wahrheit ein ganzes Stück näher
gekommen war. Sie war sich sicher, dass der Tumor und Mulders
eigene Natur etwas damit zu tun hatten.
Doch Scully fand in diesen Dateien auch das, was sie und Chuck
bereits wussten. Dass seine Mitochondrien nicht frei von
Alien-DNA waren. Dass sie noch immer in seinem Körper waren und
dass sie unter dem Einfluss der außerirdischen Macht standen.
Und so lange Mulder dies noch in sich trug, war er keineswegs
vollkommen immun gegen das Virus. Wusste er das? Wenn sie es
wusste, war es wahrscheinlich, dass es auch ihm bekannt war,
warum also war er dann doch nach Afrika geflogen? Hatte es ihn
vielleicht bereits unter Kontrolle, so dass er nicht mehr sein
eigenes Handeln steuern konnte?
Sie hatte Angst um ihn, denn sie wusste nicht, in welchem Zustand
er war. Sie wusste nicht, wer er war oder was. Hatte sie ihn
nicht schon längst verloren? Oder ließ es sich noch aufhalten?
Sie hatte genug gesehen. Sie brannte die
Daten auf CDs, die sie in einen Umschlag packte und ließ
sich von einem Taxi ins FBI-Hauptquartier bringen. Es war spät,
doch sie wusste, Skinner würde noch dort sein. Wie schon zuvor
stürmte sie in sein Büro, ignorierte Skinners entsetzten Ausruf
und warf ihm die CDs auf den Schreibtisch.
Das hier sind die Beweise, Sir, die man immer von uns
verlangt hat. Es ist mir vollkommen egal, was Sie damit
anstellen, da sie uns zu diesem Zeitpunkt nichts mehr nützen.
Ich werde ab morgen in Afrika sein, ich kann nicht länger
zusehen, wie nichts wegen Mulder unternommen wird!
Damit drehte sie sich wieder um, um sein Büro zu verlassen, als
Skinner sie überholte und sich ihr in den Weg stellte. Es
beunruhigte ihn, wie aufgebracht sie war. Halt, Agent
Scully. So kann ich Sie nicht gehen lassen! Ich werde Sie zum
Flughafen bringen lassen und in Tunis wird Sie jemand abholen.
Ich kann eine Frau in Ihrem Zustand nicht alleine in einem
arabischen Land nach einem verloren gegangenen FBI Agenten suchen
lassen. Sie müssen mir Zeit geben für Ihre Sicherheit zu
sorgen! Scully war keineswegs so aufgebracht, wie sie auf
Skinner wirkte. Sie war ruhig, denn sie wusste endlich, was
dieses chaotische Puzzle im Ganzen ergab. Sie hatte endlich den
Überblick, den sie brauchte um handeln zu können. Sie war
voller Tatendrang und Hoffnung. Tun Sie, was Sie für
richtig halten, Sir. Ich werde in einer Stunde für meine Abreise
bereit sein. Sie schob sich mit einem klaren Blick an ihm
vorbei und verließ sein Büro, nicht ohne sich noch einmal nach
ihm umzudrehen und ihm fest und sicher in die Augen zu sehen.
Ihre Blicke trafen sich und sie wusste, dass er ihr vertraute und
dass die Beweise in guten Händen waren, auch wenn sie
tatsächlich nicht mehr davon überzeugt war, dass sie ihr von
nun an etwas nützen würden. Sie war die ganzen Jahre so naiv
gewesen zu glauben, dass wissenschaftliche Beweise etwas daran
ändern würden, wie man über Mulders Arbeit dachte. Doch heute
wusste sie, dass niemand jemals Interesse an Beweisen gezeigt
hatte. Die Menschen, die in all den hohen Positionen saßen,
hatten diese Beweise selbst angefertigt, wussten längst all die
Dinge, die Scully immer zu belegen versucht hatte. Aber um all
diese Schattenmänner in der Regierung ging es gar nicht, sie
waren längst Opfer ihrer eigenen falschen Geschäfte geworden.
Doch der Feind, den sie nun bekämpften, konnte nicht vor ein
Gericht gestellt werden.
Am nächsten Tag in der Mittagshitze, Algerien
Mulders Begleiter hatten ihn im letzten Dorf verlassen wollen,
doch er hatte einen verschlagenen halbstarken Jungen mit einer
Menge Geld, seinem Taschenmesser und einem Kugelschreiber davon
überzeugen können ihn noch ein Stück des Wegs zu begleiten.
Alle anderen hatten mit Furcht in den Augen abgelehnt, als er
ihnen die Gegend auf der Karte gezeigt hatte, in die er
vordringen wollte. Überall hatte man ihm düstere Blicke
zugeworfen, hatten die Männer auf ihn gezeigt und über ihn
geredet. Frauen hatten ihre Kinder in ihre Hauseingänge gezogen,
als er an ihnen vorbei gegangen war. Mulder fragte sich, woher
all diese Menschen diese Angst hatten. Die Blicke in ihren Augen
erinnerten ihn an die Furcht, die auch den Bewohnern des Dorfes
in der Nähe der Area 51 in die Gesichter geschrieben gewesen
war. Was wussten diese Leute über das, was er in der Wüste
vorfinden würde?
Er hatte Glück gehabt, denn dieses Mal ritt er auf einem Pferd
und ließ sich von seinem Begleiter, der auf einem Esel neben ihm
herzottelte, auf unverständlichem Kauderwelsch seit Beginn ihrer
Reise berieseln. Das Gerede lenkte ihn wenigstens davon ab zu
sehr ins Grübeln zu geraten und zugleich hielt es seinen Geist
wach, der in der glühenden Sonne wie zähflüssige Melasse
schwerfällig und träge war.
Ein leichter Wind kam auf und trug die Stille der Wüste mit sich
fort nach Norden, doch Mulder hörte auch etwas Anderes, lauter
und intensiver als je zuvor, es nistete sich in seinem Kopf ein
und hallte nach. Es war ein Flüstern.
Er hielt die Hand vor seine Augen und sah in die Ferne, doch es
war ein diesiger Tag, weit und breit war nur Sand zu sehen,
honigfarbener, samtweicher Sand und Dünen. Er kramte in dem
Beutel, den er am Sattel befestigt hatte, nach seinem
Nachtsichtgerät. Denn er war sich sicher, dass es auch die Dinge
aufspüren konnte, die bei Tageslicht im Verborgenen lagen. Er
hatte nicht Unrecht gehabt. Durch das Nachtsichtgerät konnte er
deutlich erkennen, dass im Osten an einer Stelle die Luft begann
sich zu wölben, so als träfen verschiedene Luftschichten
aufeinander. Er konnte Bewegungen erkennen. Er war nicht sicher,
ob es sich um eine Fata Morgana handelte oder ob es wirklich da
war. Doch er glaubte, eine sphärische, im Nachtsichtgerät
dunkelrote Wölbung, wahrzunehmen, die über dem Boden schwebte.
Sie nahm die Hälfte des in der Ferne liegenden Horizonts ein.
Mulders Herz schlug schneller als er das erkannte und er nahm das
Nachtsichtgerät wieder ab und schloss einen Moment die Augen.
Wenn er genau hinhörte, konnte er tief in seinem Inneren ein
Säuseln wahrnehmen, dieses Flüstern, doch er konnte nicht
verstehen, was es ihm sagte.
In einer Stunde würden sie dort sein. Er nahm einen Schluck
Wasser aus seiner Flasche und hielt seinen Blick starr auf sein
Ziel gerichtet, das er nun auch mit bloßem Auge erahnen konnte.
Der Junge auf dem Esel neben ihm hatte auch bemerkt, was ihn
beunruhigte und war still geworden. Sie ritten von da an
schweigend ihrem bedrohlichen Ziel entgegen.
Zur selben Zeit in Frankfurt, Deutschland
Das kalte Wasser tat gut und sie drückte sich ein feuchtes
Papiertuch gegen den Nacken und den Hals. Würde sie die Augen
schließen, schliefe sie sofort ein. Sie drehte den Hahn zu,
trocknete sich ab und strich sich ihr Haar hinter die Ohren. Es
war seit Beginn ihrer Schwangerschaft ziemlich lang geworden und
lag nun auf ihren Schultern. Doch sie hatte keine Zeit gehabt
sich um solche Dinge zu kümmern. Und irgendwie gefiel es ihr, es
ließ sie weiblicher wirken, es betonte einen Aspekt an ihr, den
sie während ihrer Arbeit beim FBI immer hatte unterdrücken
müssen. Doch nun passte es zu ihr. Dennoch sah sie furchtbar
übermüdet aus und ihr Rücken schmerzte sie. Wie würde das
erst werden, wenn sie im achten oder neunten Monat war? Sie
verließ das WC wieder und machte sich auf die Suche nach ihrem
Gate. Der Verbindungsflug nach Tunis würde in einer Stunde erst
starten, wie sollte sie es so lange aushalten hier an diesem
fremden unruhigen Ort, während Mulder irgendwo da draußen
vielleicht in größter Gefahr schwebte? Sie ließ sich
erschöpft auf einem Stuhl nieder und blendete die fremden
Stimmen und Klänge um sich herum aus, in der Hoffnung tief in
sich die kleine Stimme hören zu können, die sie beruhigen und
ihr sagen würde, dass alles in Ordnung war. Doch sie hörte
nichts.
Eineinhalb Stunden später
Der Wind war stärker geworden und der Sand fegte über den
Dünen gen Norden. Mulder kniff die Augen zusammen und versuchte
zu erkennen, ob sie schon dort waren. Aber es waren die falschen
Sinne, die er bemühte. Denn in seinem Inneren fühlte er, dass
er da war. Dass es da war. Er hielt sein Pferd an und stieg ab.
Der Junge sah mit großen Augen zu ihm und schüttelte, laut auf
Arabisch schimpfend den Kopf. Er schien Angst zu haben. Mulder
wusste, er würde ihn fortschicken müssen, denn er konnte nicht
das Leben dieses Jungen, der fast noch ein Kind war, riskieren.
Er kramte aus seinem Beutel noch ein wenig Geld und drückte es
ihm in die Hand. Er gab seinem Esel einen Klaps und hoffte, der
Junge würde so verstehen, dass er umkehren sollte.
Der Esel blieb stehen, doch der Junge hatte verstanden und wehrte
ab. Er zeigte mit dem Finger in die Richtung, in der Mulder das
Raumschiff vermutete und fuchtelte mit seinen Armen in der Luft
herum, als wolle er Mulder davon abhalten dort hinzugehen. Doch
Mulder kratzte seine letzten Brocken Französisch zusammen um ihm
zu erklären, dass er umkehren solle. Aber der Junge wehrte
weiterhin ab und seine dunklen Augen wurden vor Aufregung riesig
groß. Schließlich gab Mulder auf und drehte sich weg von dem
Jungen. Er zog sein Pferd vorwärts und ging auf die merkwürdige
Lichtbrechung vor seinen Augen zu.
Er hatte genug Wasservorräte um hier ein oder zwei Tage zu
überleben, also würde er es auf jeden Fall auch alleine
zurückschaffen. Er hatte einen Kompass und ein Handy dabei, das
zwar überhaupt keinen Empfang hatte, aber es beruhigte ihn, dass
es da war. Denn Scullys Nummer war darin gespeichert und das war
momentan seine einzige Verbindung zu ihr. Als er mit seinem Pferd
ein paar Schritte gegangen war, merkte er, dass das Zetern des
Jungen verstummt war. Als er sich umdrehte, sah er, dass auch der
Junge verschwunden war. Sein Herz setzte aus. Sein Pferd blieb
stehen und selbst als er an ihm zog, weigerte es sich
weiterzugehen. Als ein erneuter Windstoß den Sand über die
Ebene wehte, wieherte es laut und bäumte sich vor ihm auf.
Hey! Ganz ruhig! Er versuchte sich ihm zu nähern und
nahm seine Vorräte vom Sattel, um sich die Tasche selbst
umzuschnallen. Wenn das Pferd davonlaufen würde, wäre er
verloren. Er hatte den Beutel noch nicht einmal ganz an sich
befestigt, da scheute das Pferd erneut und galoppierte nach einem
großen Satz nach hinten davon.
Mulder rief ihm noch hinterher. Was hatte es so erschreckt, dass
es plötzlich so reagiert hatte? Er sah dem Pferd nach und drehte
sich dann in alle Himmelsrichtungen um. Der Junge war
tatsächlich verschwunden. Und auch von seinem Esel war nichts zu
sehen.
Nun stand mitten in der Sahara ein einzelner Amerikaner in
tunesische Tücher gehüllt, ohne Pferd, umgeben von nichts als
Sand und Himmel. Und einem hohen schrillen Pfeifen, das aus der
Richtung kam, in der die Luftschichten sich zu trennen schienen
und ein verzerrtes Bild der Sahara hinterließen. Es war ein Ton,
der sich in die Windungen seines Gehirns zu bohren schien. Hatten
sie den Jungen zu sich geholt? Mulder sah noch einmal hinauf zu
der erbarmungslosen Sonne, die mittlerweile tief am Horizont
stand und lange Schatten über die Dünen warf. Er zog das Tuch
von seinem Kopf, das er zum Schutz vor der Mittagshitze zu einem
unbeholfenen Turban gewickelt hatte und wischte sich damit das
Gesicht ab, bevor er weiter auf das schrille Pfeifen zuging.
Und keine vier Meter weiter fühlte er es. Er hörte wieder das
Flüstern in seinem Kopf und er spürte, wie mitten in der
trockenen Hitze der Wüste klirrende Kälte aufkam. Er streckte
seine Hand vorsichtig aus. Sie traf auf die unsichtbare
Oberfläche, die die Kälte um sich herum verbreitete. Er
erinnerte sich an das, was in Bellefleur mit ihm geschehen war.
Es war wieder so als greife er durch einen Spiegel hindurch, als
er seinen Arm weiterschob und fühlte, wie er jenseits dieser
kalten Oberfläche in etwas warmes Zähflüssiges einzutauschen
schien. Es war, als zöge eine unsichtbare Macht an seinem
Körper und ehe er sich versah, befand er sich im Inneren dieser
Zwischenwelt.
Doch nicht alles war so wie beim letzten Mal. Er fühlte, dass es
in seinem Kopf war. Aber es war kein Licht um ihn herum, kein
Geräusch zu hören. Er konnte nichts sehen. Seine Augen waren
geblendet und versanken zugleich in Dunkelheit. Er konnte nicht
sagen ob das, was er über seine Netzhaut wahrnahm, Schwarz oder
Weiß war. Und alles, was er hörte, schien nicht über seine
Ohren in sein Gehirn zu kommen. Er folgte seinem Instinkt und
setzte einen Fuß vor den anderen, ohne wirklichen Boden darunter
zu fühlen, doch irgendetwas trug sein Gewicht und so folgte er
dem Flüstern in seinem Kopf. Ihm war schwindelig und sein
Verstand schien benebelt, doch er wollte nicht das Bewusstsein
verlieren. Er wollte es dieses Mal schaffen. Er wollte SEHEN, was
mit ihm geschah. Wollte wissen, wie dieser Feind aussah.
Am Abend in der amerikanischen Botschaft
in Tunis
Der weißhaarige Mann mit der gebräunten Haut und den funkelnden
grünen Augen sah Scully nachdenklich an. In seiner gesamten
Laufbahn hatte er noch nie solch eine Frau getroffen. Sie war
intelligent, das stand außer Frage, aber offensichtlich war sie
vollkommen wahnsinnig. Sie wollte im hochschwangeren Zustand nach
über 15 Stunden Flug in die Sahara, um dort in dieser riesigen
Wüste nach ihrem Partner zu suchen. Alle Anhaltspunkte, wo er
sich befinden könnte, hatte sie vor ihm in Form einer Liste mit
zusammenhangslosen, willkürlichen Lokalisationen ausgebreitet.
Miss Scully, diese Orte sind vollkommen ohne Zusammenhang.
Dort ist nichts. Abgesehen von vielen Tonnen Sand! Sie wollen
nicht allen Ernstes überall dorthin, denn die sind alle mehr als
eine Tagesreise voneinander entfernt.
Scully wusste, wie irrwitzig es war und was für einen
fanatischen Eindruck sie machen musste. Andere Frauen in ihrem
Zustand saßen zuhause und strickten Strampelanzüge oder
bemalten die Wände ihres Hauses hellblau und rosa. Und sie saß
hier in Tunesien in der trockenen Hitze in einem Büro, in dem
nur die Klimaanlage angenehm war und wollte ohne seit 24 Stunden
geschlafen zu haben in die Wüste reisen.
Und sie selbst wusste auch nicht, an welchem dieser Orte Mulder
wirklich war. Warum hatte sie nicht seine Instinkte? Sie sah ein,
dass es unvernünftig wäre ohne einen Plan direkt aufzubrechen.
Also lenkte sie ein. Nein, Sir. Ich bin mir durchaus dessen
bewusst, dass dieses Vorgehen sinnlos wäre. Ich werde mir einen
Tag Zeit nehmen müssen, mehr über den Verbleib meines Partners
herauszufinden und morgen aufbrechen. Ich würde es allerdings
begrüßen, wenn sich jemand dazu bereiterklären würde mich ein
Stück des Wegs zu begleiten. Und wenn ich bei meiner Reise nicht
auf Kamele und Pferde angewiesen wäre. Scully forderte
viel, doch sie wusste, sie würde es bekommen, dafür hatte
Skinner per Telefon gesorgt. Der Mann stand auf, als Scully sich
erhob und reichte ihr die Hand. Das ist überhaupt kein
Problem. Eine hübsche junge Frau bei einer Jeep-Safari durch die
Wüste zu begleiten dürfte hier für jeden eine willkommene
Abwechslung sein. Und es erscheint mir äußerst sinnvoll, dass
Sie sich mehr Informationen darüber beschaffen, wo die Reise
hingehen soll.
Er lächelte, Scully mochte seine Arroganz nicht, doch angesichts
seines Alters und seiner offensichtlichen Erfahrenheit ignorierte
sie es und schüttelte ihm mit einem kühlen, aber höflichen
Lächeln die Hand zum Abschied. Sir, das wird durchaus
keine Safari, ich hoffe mein Begleiter wird sich dieser Tatsache
bewusst sein. Der Mann nickte und ließ sie zu ihrem Zimmer
bringen, in dem sie sich von den Strapazen des Fluges erholen
sollte.
Sie hatte unterschätzt, welche Belastung eine Schwangerschaft
für ihren Körper darstellte und war vollkommen erschöpft, als
sie sich auf das Bett legte und aus dem leicht geöffneten
Fenster sah. Sie konnte den tiefblauen Himmel über den
kalkweißen Gebäuden sehen. Kein Wind regte sich und sie konnte
nur den Verkehr der Straßen von Tunis hören und die Hitze
fühlen, die durch das Fenster zu ihr drang und ihre Haut
wärmte. Doch sie konnte nicht schlafen, sie war zu aufgeregt und
zu besorgt. Wo nur sollte sie Mulder suchen? Wo hielt er sich
auf?
Doch letztlich siegte die Erschöpfung doch und sie fiel in einen
tiefen Schlaf.
Eine Stunde später
Scully drehte sich unruhig hin und her. Das Baby gluckste und
strampelte und dennoch war sie so erschöpft, dass sie nicht
davon wach wurde. Sie träumte nichts, sie sah nur immer wieder
dieses eine Bild vor ihren Augen und hörte ein leises Flüstern
in ihrem Kopf. Das Bild zeigte eine Oase in der Wüste. Es war
Nacht. Durch kleine künstliche Kanäle floss das schlammige
braune Wasser, das hier die Lebensgrundlage für die vielen
Palmen und die wenigen Menschen war, die hier auf der Durchreise
waren. Sie hörte es leise rauschen. Ein Tanklastwagen fuhr laut
krachend auf der sandigen Straße mitten in der Nacht in die Oase
hinein und Scully konnte durch das Fenster eines Zeltes die
großen Buchstaben auf dem Lastwagen erkennen. E-X-X-O-N. Wind
fuhr durch das Zelt und wehte durch ihr Haar. Ein Esel schrie in
der Ferne. Und damit riss der Film vor ihrem inneren Auge ab und
sie versank wieder in der Dunkelheit ihres Schlafes. Plötzlich
schreckte sie hoch.
Mulder! Sie wusste, irgendetwas stimmte nicht. Sie
griff zum Telefon und ließ sich mit dem Botschafter verbinden,
mit dem sie zuvor gesprochen hatte. Sie musste sofort aufbrechen,
ihr blieb keine Zeit.
Zur selben Zeit ungefähr 1600 km
südwestlich von Tunis
Mulders Gefühl für die Zeit war verloren, er taumelte im
Nichts. Seine Augen waren blind, doch er brauchte sie nicht. Er
sah in seinem Kopf wo er war. Das heißt, er sah keine Farben
oder Formen. Aber er fühlte, dass es groß war und stark. Und
dass es kalt war. Grau und leblos. Hier waren keine Lebewesen, es
war tatsächlich nur eine Zentrale, eine Art riesiges Gehirn, in
dessen Mitte er nun schwebte. Es war als schössen elektrische
Impulse durch ihn hindurch, als sei er Teil des Schaltkreises
dieses riesigen Nervensystems. Mit jedem Impuls verlor sein
Körper Kraft, in der Tiefe seines Gehirns wurde eine kleine
Saite zum Schwingen gebracht, die einen schrillen pfeifenden Ton
durch seinen Körper hindurchschickte und in jeder seiner Zellen
etwas aktivierte, das zum Leben erwachte. Es raubte ihm Energie.
Er konnte seinen Körper nicht mehr fühlen. Wo waren seine Arme?
Seine Füße?
Überall um ihn herum hörte er ein Wispern, ein säuselndes
Flüstern wie das Züngeln einer Schlange. Lichtblitze zuckten
vor seinen Augen auf, doch er konnte sie nicht wirklich sehen. Er
konnte sie nur in seinem Kopf spüren. Und er konnte nichts tun,
ohne seinen Körper war er machtlos. Stattdessen versuchte er
seinen Geist festzuhalten und wach, denn er drohte ihm immer mehr
zu entgleiten, um dem riesigen Geist Platz zu machen, der Besitz
von ihm ergriff und ihn mit seinen zahlreichen unsichtbaren, aber
fühlbaren Verschaltungen umwob wie eine Spinne eine Fliege in
ihrem Netz einsponn.
Doch er wusste, über kurz oder lang würde er kapitulieren
müssen. Denn es war stärker als er und es war in jeder seiner
Zellen. Er hatte es die ganze Zeit über gespürt, dass es in ihm
nur darauf wartete, aktiviert zu werden und nun entfalteten diese
winzigen kleinen Elemente seiner Zellen sich zu der einzigen
Macht, der sein Körper und seine Seele zu gehorchen schienen. Er
sah vor seinem inneren Auge Bilder aus seinem Leben
vorüberziehen. So als spiele dieses Wesen, in dessen Gehirn er
sich nun befand, sie ihm zum Abschied noch einmal vor. Doch sie
rasten so schnell vorbei, dass er sie kaum wahrnehmen konnte.
Er hörte das Lachen seiner Schwester, er hörte die Stimme
seines Vaters, er sah das Haus seiner Eltern in Massachussetts,
er sah die 42 seiner Wohnungstür in Washington vor sich
vorbeirauschen und er sah ein Gesicht. Ein Gesicht in dessen
tiefblauen Augen er jedes Mal, wenn er sie sah, versank. Doch
auch sie huschten vorbei und sein Geist griff ins Leere als er
versuchte, sie zurückzuhalten. Seine Stimme wollte ihren Namen
rufen, doch er hatte sie nicht mehr unter Kontrolle. Stattdessen
verblassten die Erinnerungen, die vor ihm vorbeizogen mit jeder
Sekunde ein wenig mehr, bis seine Seele haltlos und nach sich
selbst suchend in seinem Kopf herumtaumelte und darauf wartete,
endgültig ausgelöscht zu werden. Die Mitochondrien in seinen
Zellen pulsierten und wuchsen, bald nahmen sie fast den ganzen
Raum in seinen Zellen ein und warteten darauf, seinen Körper und
seinen Verstand zu besiegen. Doch noch leistete er Widerstand,
noch war sein Wille zu überleben ungebrochen. Noch erinnerte er
sich an sie.
Am nächsten Morgen (Mensch, Scully mach hinne!!!)
Scully war am Abend nach ihrem merkwürdigen Traum in das Zimmer
des Botschafters gestürmt und hatte ihn so lange belagert, bis
man ihr die Listen aller Tanklastzüge von Exxon vorlegte, die
zurzeit in Algerien unterwegs waren. Es waren eine ganze Reihe
gewesen, doch nur drei waren in der Sahara unterwegs. Sie hatte
sich für den Tanklastwagen entschieden, der zum
Militärflughafen nach Reggane gefahren war, denn er hatte in
einer Oase über Nacht einen Zwischenstop eingelegt. Außerdem
war das der Ort, der am weitesten weg und am tiefsten in der
Wüste war. Und er passte in etwa zu einem der Orte auf der
Liste, die die Einsamen Schützen ihr gegeben hatten. Mulder
musste dort gewesen sein, zu viel deutete darauf hin! Doch sie
hatte gewusst, dass es unvernünftig und unmöglich war noch in
der Nacht in die Wüste aufzubrechen. Also hatte sie dem
Botschafter das Versprechen abgenommen, bis zum Morgen eine
Transportmöglichkeit für sie zu arrangieren und hatte sich mit
einem mulmigen Gefühl in der Magengegend wieder schlafen gelegt.
Nun stand sie nach einem kurzen Flug mit einer alten Cessna
mitten in der Wüste auf dem Boden der Militärbasis in Reggane
und wartete darauf, dass ihr Begleiter, ein junger Franzose,
dessen Englisch sie kaum verstand, den Jeep startklar machte, so
dass sie endlich aufbrechen konnten. Die Sonne brannte schon auf
ihrer hellen Haut und sie hielt die Hand vor ihre Augen um in die
Ferne zu sehen, dorthin, wo sie in Kürze aufbrechen würden. Die
Straße der Militärbasis verlor sich am Horizont im Sand und sie
wusste, es würde eine anstrengende Fahrt werden. Sie setzte sich
ihr Baseballcap auf und zupfte ihr helles Leinenoberteil zu
Recht. Es legte sich geschmeidig über ihren Bauch und seine
langen Ärmel bedeckten ihre empfindliche Haut. Ihre schwarze
Leinenhose wehte im Wind um ihre Beine und ihre Knöchel wurden
vom feinen Sand gestreift. Es kitzelte und fühlte sich warm und
sanft an. Es war so still hier und so frei. Doch in ihrem Herzen
herrschte große Unruhe und sie sah immer wieder zu dem Jeep und
seinem Fahrer hinüber, der mit einem Soldaten auf Französisch
etwas auszuhandeln schien.
Endlich ging es los und Scully sah auf die Karte, auf der sie den
Ort markiert hatte, an dem sich ihrer Meinung nach dieses
Raumschiff, oder was immer es auch war, aufhalten musste. Mulder
war dort, dessen war sie sich sicher. Aber es war noch eine weite
Fahrt, denn sie mussten immer wieder in der Hitze sobald sie an
einer Palme vorbeikamen eine Pause einlegen und Scully wusste,
sie würden nicht vor Nachmittag dort sein. Und was würde sie
dort finden?
Zur selben Zeit überall auf der Welt
Es waren die Blätter an den Bäumen, die zuerst begannen. Die
wenigen Vögel, die noch auf den Ästen saßen, waren laut
kreischend aufgestoben und im Himmel verschwunden. Und auch alle
anderen Tiere, die Rehe in den Wäldern, die Fische in den
Flüssen und Seen, die Kaninchen in den Feldern, sie alle hatten
die Unruhe bemerkt. Denn es passierte auch in ihnen. Während die
Blätter innerhalb weniger Stunden ihre goldene Farbe verloren
und welk und braun zur Erde fielen, während die Blumen auf den
Wiesen ihre Blüten abwarfen, begannen die Zellen in den Tieren
und Pflanzen zu platzen und nach und nach löste sich das Innere
eines jeden Tieres auf und wurde ersetzt durch das Schwarz, das
sich darin Platz geschaffen hatte.
Es wurde merkwürdig still in den Wäldern. Doch in den Städten
merkte man nichts. Dort ging das Leben weiter in seinen gewohnten
Bahnen, alles war wie immer hektisch, laut und lebendig. Das
Hupen der Autos und die Lautsprecher in den Kaufhäusern waren zu
schrill, als dass die Menschen das leise Säuseln, das der Wind
mit sich trug, hätten wahrnehmen können. In den Städten war
die Welt in Ordnung. Noch.
Fünf Stunden später in der Sahara, 240
km südwestlich von Reggane
Hier ist es! rief Scully plötzlich laut aus und der
Fahrer machte vor Schreck so abrupt halt, dass sie sich fast
übergeben hätte. Ihr war von der Schaukelei der Fahrt schon
seit Stunden schrecklich übel und sie war dankbar, dass sie nun
endlich wieder aussteigen konnte. Ihre Knie waren wie Gummi und
in ihr Magen war flau. Ihr Kopf war schwer und träge, ihr war
schwindelig und heiß. Die Sonne brannte auf den rötlich
schimmernden Wüstensand, der sich vor ihr wie ein Meer
ausbreitete und unter ihren Füßen zart wie Sahne zerfloss. Doch
Scullys Augen waren starr auf etwas gerichtet, das sie in der
Ferne sehen konnte.
War es eine Fata Morgana? Oder wölbte sich die Luft vor ihren
Augen linsenförmig? Doch ihr Begleiter sah es auch. Aber er
hörte nicht das Flüstern, das Scully hörte, das Flüstern, das
sie so erschreckt hatte, dass sie sofort den Jeep hatte anhalten
lassen. Es war ganz plötzlich aufgetreten, doch es klang so
vertraut. Es war in ihrem Kopf. Und es floss kalt durch ihre
Adern, so kalt, dass sie trotz der sengenden Saharasonne
Gänsehaut bekam.
Hier muss es sein, sehen Sie das? Sie zeigte auf die
eigenartige Wölbung der Landschaft, als halte jemand eine Linse
davor und ging darauf zu. Ihr Begleiter, der mehr Erfahrung mit
Reisen durch die Sahara hatte als sie, setzte einen Funkspruch
ab, damit man wusste, wo sie waren und schulterte eine
Wasserflasche, die in einem Beutel steckte. Wenn man durch die
Wüste lief, verlor man das Gefühl für Zeit und Entfernungen
und er wollte verhindern, dass eine schwangere, weiße Frau
seinetwegen in der Wüste den Hitzetod erlitt. Er hatte den
Befehl erhalten, ihr zu folgen und sich um ihre Sicherheit zu
bemühen und das tat er, auch wenn irgendetwas an diesem Ort ihm
eine Gänsehaut bereitete. Er fuhr erschrocken herum als er einen
Schrei hörte.
Scully hatte den Schrei ebenfalls gehört. Inmitten der Stille
der Sahara hatte er so nah geklungen, als wäre seine Quelle
direkt hinter ihr. Doch als sie sich erschrocken umdrehte, sah
sie einen Esel neben dem Jeep stehen. Sie sah fragend zu dem
Franzosen, der mit den Achseln zuckte und sich nach dem Besitzer
des Esels umsah, während er dem Tier von dem Wasser, das es in
einem Beutel um den Hals trug, etwas gab. Wie lange war er Esel
schon hier und woher war er gekommen?
Scully drehte sich wieder zurück zu dem eigenartigen Etwas, das
ihre Reise so plötzlich beendet hatte, als sie etwas Dunkles
zwischen den Dünen sah. Es war vom Sande verweht, aber dort war
etwas. Ein furchtbarer Verdacht machte sich in ihr breit, als sie
darauf zurannte. Je näher sie kam, desto näher kam auch die
schreckliche Gewissheit, dass sie den Besitzer des Esels gefunden
hatte. Sie rief aufgeregt über ihre Schulter nach ihrem
Begleiter, während sie vor dem leblosen, von der Sonne
verbrannten Körper des Jungen auf die Knie in den Sand fiel. Er
war wie ausgedörrt und Scully wusste sofort, dass er tot war.
Oh mein Gott! entfuhr es ihr, als sie bei den Sachen
des Jungen Mulders Taschenmesser wiederfand. Verzweiflung stand
in ihren Augen, als sie versuchte die Fassung zu bewahren.
Der Franzose hob den Leichnam des Jungen auf und trug ihn zum
Jeep, wo er einen erneuten Funkspruch absetzte. Solche Vorfälle
waren in der Wüste nicht selten, daher tat er, was die Routine
verlangte und verschwendete keinen weiteren Gedanken darüber,
wieso der Junge tot in der Wüste gelegen hatte. Aber die
Gänsehaut auf seinen Armen blieb.
Scullys Finger fuhren über das Taschenmesser, bis es wie neu in
der Sonne schimmerte und glänzte. Ihr Griff klammerte sich darum
als sie ihren Blick hob und ratlos in die Ferne sah. Ihre Augen
ruhten auf dem Sandmeer und auf der Luftverzerrung. Es flüsterte
ihr zu. Fast wie ferngesteuert setzte sie einen Fuß vor den
anderen und ging weiter darauf zu. Sie hatte nur noch einen
Gedanken, sie musste Mulder finden, auch wenn er längst tot war.
Sie musste seinen Körper noch einmal in ihren Armen halten, noch
einmal sein wunderschönes Gesicht sehen und mit ihren Fingern
durch sein weiches Haar fahren.
Sie merkte überhaupt nicht, wie sie sich immer weiter und weiter
von dem Jeep entfernte. Sie merkte auch nicht, dass ihr
Begleiter, der ihr mit der Wasserflasche nach seinem Funkspruch
gefolgt war, plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Sie
hörte nur noch dieses eigenartige Flüstern und fühlte die
klirrende Kälte in ihren Adern, als sie immer weiter auf diese
Wölbung zuging. Schützend hielt sie die Hand auf ihren Bauch
als sie plötzlich vor etwas stand, dessen physikalische Kraft
die Luft zu elektrisieren schien.
Sie streckte vorsichtig den Arm aus und hatte das Gefühl, durch
eine unsichtbare Wand zu greifen, hinter der sich eine warme
zähflüssige Masse befand. Erschrocken wollte sie die Hand
zurückziehen, doch stattdessen zog sie diese unsichtbare Kraft
weiter hinein, bis ihr ganzer Körper von der Flüssigkeit
umspült war. Sie drehte ihren Kopf um und wollte nach dem
Franzosen um Hilfe rufen, aber die Wüste konnte sie nur noch
verschwommen wahrnehmen, alles begann sich zu drehen und das
Sonnenlicht schwirrte wie durch dicke Schichten von Zellophan
über ihr im Kreis, doch seine Hitze erreichte sie nicht mehr.
Schließlich gingen die Lichter aus und alles in ihr wurde von
einem metallischen Gefühl erfüllt, das ihr den Atem raubte und
die Stimme nahm. Doch ihre Panik löste sich plötzlich in Wärme
auf und sie ließ sich tragen von dem Netz aus Elektrizität, das
sie umgab.
Sie wusste es nicht, doch das schwarze Öl, mit dem sie vor
Wochen infiziert worden war, das nur wegen ihres Kindes nicht
ausgebrochen war, wurde in diesem Moment stärker und floss durch
ihren Körper, dessen Zellen anschwollen und zu platzen drohten.
Ihr Verstand löste sich von der Umgebung, ebenso wie ihre Sinne.
Bilder flogen vor ihrem inneren Auge durch das Nichts, sie
blitzten für den Bruchteil einer Sekunde auf, sie konnte sie
kaum greifen.
Sie hörte das Lachen ihrer Brüder in ihrem Kopf, sie hörte die
Musik, die ihre Mutter immer beim Kochen eingeschaltet hatte, sie
sah Melissa und sich wie sie sich heimlich als Teenager
geschminkt hatten, sie sah das Ultraschallbild ihres Babys mit
der eigenartigen Verdichtung in seinem Nacken. Doch alles schien
aus einer Welt zu stammen, der ihr Körper offenbar nicht mehr
angehörte. Es war alles so fremd. Alles bis auf das letzte Bild,
das vor ihrem Auge erschien, bevor diese Macht ihr die Seele
entriss. Es war das Bild von Mulders Lächeln, das Lächeln, dem
sie so viele Tausend Male schon verfallen war, das Lächeln,
dessen Erinnerung sie sich nicht nehmen lassen wollte. Ihr
Körper wehrte sich mit aller Kraft, auch wenn er ihr nicht mehr
gehorchte. Sie fühlte nicht, was mit ihr geschah, doch sie
wirbelte in schnellen Spiralen durch das riesige Netzwerk
unsichtbarer Impulse in die Höhe, einem anderen Körper
entgegen, der dort oben seit unzählbaren Augenblicken gegen das
Nichts in seinem Geiste kämpfte.
Scully hatte die Kontrolle verloren über sich und ihren
Verstand, sie ließ sich forttragen, während ihr Herz sich noch
immer an das letzte Bild klammerte. Doch sie wusste nicht, dass
es gar nicht sie war, die die Kontrolle verloren hatte. Sie
wusste nichts von dem Aufruhr, der in diesem Moment durch das
eigenartige unsichtbare aber irgendwie fühlbare Gewebe um sie
herum zuckte. Sie sah nicht, wie plötzlich mitten in der Wüste
Blitze aus dem Nichts in den Himmel fuhren, wie die Luft unruhig
knisterte und flimmerte und wie der Sand von einem unsichtbaren
Sturm kilometerweit in alle Richtungen geschleudert wurde.
Die schwarze Masse in ihr pulsierte durch ihren Körper und
schüttelte ihn, doch er konnte nicht vollständig von ihm Besitz
ergreifen, er drang nicht durch bis zu dem neuen Leben in ihr.
Und er drang nicht durch in den kleinen Winkel ihres Geistes, in
dem sie sich diese eine Erinnerung bewahrte, mit all ihrer
Lebenskraft. Denn sie wusste, würde sie das loslassen, würde
sie versinken in der unkontrollierbaren Tiefe dieses
Schattenreichs.
Zeit und Raum existierten hier nicht und daher können es
Sekunden oder aber auch Stunden gewesen sein, in denen zwei
scheinbar leblose Körper in einem Netwerk schwebten, das man
weder sehen noch tasten konnte. Man konnte es nur fühlen in
seinem Geiste, man konnte fühlen, wie es einem den Lebensfunken
entziehen wollte und durch seine scharfe, beißende Elektrizität
ersetzen wollte. Doch inmitten der Taubheit, der
Körperlosigkeit, in der sich die beiden befanden, konnten sie
plötzlich etwas fühlen. Sie konnten fühlen, dass sie nicht
mehr allein waren, dass die Nähe eines anderen existierte. Die
Bilder vor ihren Augen, die ihnen die Kraft gegeben hatten bei
Sinnen zu bleiben, wuchsen an zu einem warmen Gefühl, das das
Schwarz aus ihren Seelen vertrieb.
Als ihre Finger sich im Vorbeiziehen für einen winzigen Moment
berührten, konnten sie plötzlich ihre Körper wieder fühlen
und schlugen ihre Augen auf, die plötzlich wieder das Schwarz um
sie herum wahrnehmen konnten. Sie holten Luft, die sie wieder in
ihre Lungen eindringen fühlten und stießen Schreie aus, die sie
wieder hören konnten.
In diesem Moment vibrierte der Boden laut
donnernd und sie spürten wie ihre Körper herumgewirbelt wurden
in einer Kontraktion des Kraftfelds, das sie umgab. Die Luft
wurde heiß, das Schwarz um sie herum verwandelte sich in
dunkelrotes Glühen. Sie hörten Donner und sahen zuckende
Blitze. Ihre Haut wurde von Milliarden feinen umherwirbelnden
Sandkörnern wie durch unendlich viele winzige Peitschenhiebe
zerkratzt. Und ihre Zellen kontrahierten sich zusammen mit dem
Kraftfeld, in dem sie noch immer festgehalten wurden. Sie konnten
sich nicht bewegen und wurden wie Puppen durch die Luft
geschleudert. Der Donner krachte laut durch die Wüste und das
Medium waberte um ihre Körper herum, warm und kalt im Wechsel.
Doch plötzlich fühlten sie einen harten Schlag, der ihnen das
Bewusstsein raubte und ihre Körper hart auf den noch immer
bebenden Boden fallen ließ. Um sie herum schoss der Sand in die
Höhe und es war als würde der Himmel aufreißen, als ein lautes
Donnern durch die Wüste stürmte und das Kraftfeld, den Sand
hinter sich her in den Himmel mitreißend, über ihren
erschöpften Körpern explodierte. Über den gesamten Himmel
über ihnen rollte eine Stoßwelle unsichtbarer Kraft, die das
Sonnenlicht für einen Moment verschluckte und die Wüste für
den Bruchteil einer Sekunde in Schatten tauchte. Der Lärm war
unvorstellbar und die Kraft war so stark, dass der Boden noch
Minuten danach fein vibrierte. Der Sand, den das Kraftfeld mit
sich gezogen hatte, rieselte wie trockener Regen minutenlang
zurück auf den Boden und bedeckte ihre Körper mit einem dünnen
Film.
Stille breitete sich aus. Stille, als wäre der Schall verloren
gegangen.
Doch überall auf der Welt geschah in diesem Moment dasselbe. Die
Blätter und Blüten, die die Natur am Morgen leblos abgeworfen
hatte, wirbelten in den Himmel hinauf, wo sie hinter den Wolken
verschwanden und über den Städten als dicker öliger Regen
hinabfielen. Die Vögel fielen vom Himmel und die Fische wurden
von meterhohen Wellen tot an die Küsten und Ufer der Kontinente
gespült, als wolle das Meer sie ausspucken. Und in den Wäldern
rannten verlorene Rehkitze und Bärenkinder durch den beißenden
Gestank des toten Fleisches ihrer Eltern. Schwarzes öliges Blut
war es, das aus den Tierkörpern austrat und wie Wasser
verdampfte, so dass graue Wolkenschleier über den Tälern und
Feldern zu den Küsten zogen, wo sie herabregneten, als gäben
sie dem Meer die Schuld an dem Tod, der an Land gewütet hatte.
Und dieses Mal merkten auch die Menschen in den Städten etwas,
auch wenn die Fernsehübertragungen, die Radiosender und
Funkverbindungen gestört waren. Überall mussten Flugzeuge
notlanden, warteten vergeblich auf Start- oder Landeerlaubnis.
Und auf den Straßen stießen Wagen zusammen, deren Räder in dem
öligen Film auf den Straßen keinen Halt mehr gefunden hatten.
In den Häuserschluchten der Großstädte war es Nacht geworden
und überall schwebte der dunkelgraue sich kräuselnde Dunst
durch die Straßen.
Die Menschen rannten in Panik in ihre Häuser, wo sie mit
großen, angsterfüllten Augen die öligen Regentropfen
anstarrten, die wie schon einige Wochen zuvor aus schwarzen
Wolken über ihren Dächern fielen.
Die Regierungen waren in Alarmbereitschaft, die alten Herren in
ihren grauen Anzügen wussten, woher all diese Dinge kamen, doch
sie bewahrten Ruhe und niemand ließ sich etwas von der Panik
anmerken, die überall in den Gesichtern der Bevölkerung zu
lesen war.
Und niemand tat etwas, denn die Regierungen waren noch nicht
bereit, sie waren überrascht worden von dieser Katastrophe und
mussten mit allen Mitteln durchgreifen, um die Journalisten, die
ihnen die Gebäude einrannten, mit den richtigen Informationen zu
versorgen.
Mit allen Informationen außer der Wahrheit.
Zur selben Zeit in der Sahara bewegte sich
einer der beiden leblosen Körper. Er fühlte wieder das Leben in
seinen Muskeln, die ihm wieder gehorchten. Das Flüstern, das
seit Tagen in seinem Kopf alle Gedanken verwirrt hatte, war
verschwunden. Sein Geist gehörte wieder ihm. Er schlug die Augen
auf und sah in das goldene Licht, das tief über der Sahara noch
immer heiß auf ihn herabschien. Sein ganzer Körper war mit Sand
bedeckt. Und der Wind fegte leise und zart über seine Haut. Es
dauerte einen Augenblick bis er wusste, wo er war. Wer er war und
was geschehen war. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Außer
daran, dass er hier mit einem Jungen auf einem Esel hergekommen
war um dieses Ding zu suchen. Er bewegte sich, seine Muskeln
schmerzten und seine Haut brannte.
Etwas berührte ihn, ein anderer Körper, der gegen seine Beine
drückte. Er war regungslos. Mulder drehte sich um und blickte
auf einen Kopf, dessen rotes Haar im Licht wie Kupfer leuchtete.
Plötzlich war seine Benommenheit verflogen. Er setzte sich auf
und rollte den Körper auf den Rücken. Panik stand in seinen
Augen, Panik vor der Entdeckung, die er vielleicht machen musste.
Doch seine Finger tasteten zitternd einen festen und starken
Puls. Ihm wurde schlecht vor Erleichterung als er seinen Blick
aufgeregt über ihren Körper gleiten ließ. War alles in Ordnung
mit ihr? War sie verletzt? Wie war sie hierher gekommen? Ging es
dem Baby gut? Er legte seine Hand auf ihren Bauch. Wie oft hatte
er davon geträumt, das tun zu können. Er war prall und warm und
sein Herz hüpfte als er eine Bewegung darin fühlten konnte. Er
strich ihr das Haar aus dem Gesicht, dessen zarte helle Haut vom
Sand winzige Kratzer davongetragen hatte.
Tränen der Erleichterung rollten über seine Wange und sein
Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er einen stummen
Schrei ausstieß und seinen Kopf auf ihre Brust legte. Es war
alles zu unwirklich, zu überwältigend für ihn, er hatte das
Gefühl zu zerbrechen und er schluchzte ein paar Mal still auf
ihrer Brust den Schmerz hinaus, bevor er wieder atmen konnte. Ihr
Herzschlag drang in sein Ohr im Rhythmus seines eigenen Herzens.
Seine Hände glitten an ihrem zierlichen Körper entlang und er
umarmte sie, so fest ihr Bauch es zuließ. Ihre Haut war so weich
und warm und es tat so gut ihren Körper zu fühlen.
Als er plötzlich merkte, wie sich ihre Arme langsam und noch
zögerlich, aber dann immer fester um seinen Körper legten, war
es als würde er neugeboren.
Scully war von einem Kitzeln auf ihrer Haut wachgeworden, doch
ihr Geist war weit weg gewesen, weit weg von diesem Ort, sie
hatte Mulder nur in der Ferne wahrgenommen. Doch als sich sein
schwerer Kopf auf ihre Brust gelegt hatte, hatte sie ihn ganz nah
bei sich gefühlt, es hatte sie zurückgeholt aus der Dämmerung,
in der sie noch geschwebt war. Sie hatte die Augen aufgeschlagen
und in den blauen Himmel gesehen, bis ihre Augen sich an das
Licht gewöhnt hatten. Und dann hatte sie langsam ihre Arme, die
ihr wieder gehorchten, um seinen Körper gelegt. In diesem Moment
war es gewesen, als hätte jemand das fehlende Puzzleteil, das
ihr seit Wochen zum Leben gefehlt hatte, endlich ersetzt. Als
könnte sie erst jetzt wieder atmen und als würde erst jetzt ihr
Herz wieder richtig schlagen. Sie hatte die Augen wieder
geschlossen und am ganzen Körper gezittert, es hatte sie so sehr
überwältigt, dass sie nicht sprechen konnte.
Tränen des Glücks waren aus ihren Augenwinkeln geflossen und in
den trockenen weichen Sand gefallen.
Sie hielten sich wortlos fest mit all ihrer Kraft, als würde das
Loslassen den sicheren Tod bedeuten, als würden sie sonst in den
Himmel hinaufstürzen und für immer verloren sein.
Mulder fühlte jeden Millimeter, den sich ihre Körper
berührten, so als gäbe es keine Trennung mehr zwischen ihnen.
Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und löste die Umarmung ein
wenig, nur um ihr endlich wieder nach so langer Zeit in die
himmelblauen Augen sehen zu können. In die Augen, die ihm jedes
Mal, wenn er sie sah, das Herz brachen.
Als sich ihre Blicke trafen, stand der Wind still und die Welt
lauschte dem zarten Flüstern ihrer Seelen, die nach so langer
Trennung endlich wieder zueinander gefunden hatten.
Sie beide hörten auf zu atmen und verloren sich in den Augen des
anderen, während sich ihre Lippen näher kamen und in einem Kuss
verschmolzen, der süßer und himmlischer schmeckte als Honig und
der ihre Körper elektrisierte, so dass sie beide Gänsehaut
bekamen. Doch dieses Mal war es zarte Wärme in ihrem Blut, die
die Gänsehaut ausgelöst hatte.
Sie küssten sich sanft und lange bis ihnen schwindelig wurde.
Sie holten sich in diesem Kuss die ganze Nähe wieder, die sie
die letzten Wochen hatten entbehren müssen. Mulder strich immer
wieder ihr rotes Haar, das der Wind ihr ins Gesicht blies, zur
Seite und sie hielt sich noch immer ein wenig zitternd an seinen
Schultern fest und nahm mit jedem Atemzug seinen Duft auf um ihn
nie wieder vergessen zu können.
Ihre Herzen schlugen im selben Takt und ein Schauer nach dem
anderen fuhr durch ihre Körper und elektrisierte die Luft um sie
herum.
Sie hielten einander fest umschlungen als gäbe es weder Raum
noch Zeit um sie herum, bis die rote Sonne den glühenden
goldenen Sand am Horizont berührte und ein kühler Abendwind
durch ihre Kleider fegte.
Sie wussten, sie mussten hier weg, denn in
der Dunkelheit würden sie niemals alleine nach Reggane finden.
Aber Mulder hatte nicht die Kraft sich von ihr zu lösen, zu
lange hatte er ihren Duft nicht einatmen können, als dass er nun
schon von ihr hätte ablassen können.
Es war Scully, die mit ihrer Hand sanft über seine Wange strich
und das minutenlange Schweigen zum ersten Mal brach. Es
wird bald dunkel, wir müssen aufbrechen. Er legte seine
Finger auf ihre Lippen und gab ihr noch einen zarten Kuss. Ist
alles in Ordnung? fragte er sanft, bevor er sie losließ.
Doch sie antwortete nicht. Stattdessen strich sie mit einem
müden, erschöpften Lächeln mit ihrer Hand liebevoll durch sein
Haar und sah ihm tief in die Augen, in denen sie am liebsten
versunken wäre. Es war nichts in Ordnung, ihr Herz brannte, es
schmerzte so sehr ihn loszulassen. Sie war überfordert von
alledem um sie herum und ihre Glieder schmerzten. Sie hatte
Angst, weil sie sich nicht erinnern konnte, was passiert war. Und
weil ihr Bauch schmerzte.
Er fühlte, dass es ihr nicht gut ging und half ihr auf. Noch mit
beiden Händen aneinander festhaltend sahen sie sich nach dem
Jeep um, der ein ganzes Stück entfernt stand und überall voller
Sand war. Mulder half ihr sich hineinzusetzen und griff nach dem
Funkgerät, nicht ohne auch nur eine Sekunde den Blick von ihr zu
wenden.
In holprigstem Französisch funkte er die Militärbasis an, doch
erhielt erst nach Sekunden unerträglichen Wartens eine kaum
hörbare Antwort. Sie klangen aufgeregt und wütend. Doch
Französisch klang für Mulder immer wütend. Sie würden ihnen
entgegenkommen, damit sie in der Dunkelheit zurückfanden. Mulder
breitete den Plan aus und wischte den Sand davon weg. Er sah auf
den Kompass und versuchte sich zu orientieren, als er merkte,
dass Scully unruhig wurde.
Sie sah ihn aufgeregt an. Wo ist die Leiche des Jungen? Und
wo ist Jean? Mulder sah fragend zurück. Jean? Bist
Du etwa mit einem Franzosen durchgebrannt? Sie war
allerdings überhaupt nicht zu Scherzen aufgelegt und sah voller
Sorge um sich. Jean ist mein Begleiter, er hatte die Leiche
eines Jungen zum Jeep getragen und dann
Sie brach ab,
denn sie wusste nicht, was dann passiert war. Mulder, wir
können ihn hier nicht zurücklassen! Wir müssen ihn suchen!
Doch Mulder schüttelte den Kopf und sah besorgt zu dem roten
Feuerball, der schon zur Hälfte in den goldenen Sand eingetaucht
war. Wir können nicht warten, wir müssen jetzt losfahren.
Es ist ein weiter Weg mitten durch die Sahara und bald wird es
dunkel sein. Wasser ist auch nicht gerade im Überfluss
vorhanden. Wir müssen an uns drei denken, Jean ist vermutlich
längst weg oder
. Scully beendete seinen Satz. Oder
tot, meinst Du?
Das Licht über den Dünen verblasste langsam und die Wüste
färbte sich graublau. Mulder hatte Recht, sie mussten hier
wirklich schnellstens weg. Aber es widerstrebte ihr dennoch
einfach fort zu fahren.
Mit den Metern, die sie hinter sich ließen, wurde sie allerdings
wieder ruhiger. Denn es musste etwas Schlimmes passiert sein,
sonst hätte Jean sich niemals so weit vom Jeep entfernt. Er war
seit Jahren in Algerien, er wusste, wie man in der Wüste
überlebte. Und warum sollte er zusammen mit der Leiche des
Jungen und einem Esel verschwunden sein? Sie lehnte sich zurück
und hielt ihren Bauch, der noch immer ein wenig schmerzte. Mulder
hatte von ihnen als uns drei gesprochen. Sie sah ihn
von der Seite an und fühlte die Ruhe, die seine Nähe ihr gab.
Sie legte ihre Hand vorsichtig auf sein Bein und er lächelte sie
an.
Es war das Lächeln, das ihr das Leben gerettet hatte. Doch sie
beide wussten es nicht, sie fühlten, dass etwas mit ihnen
geschehen war, doch sie erinnerten sich nicht und sie hatten
keine Ahnung, was dort draußen fernab dieser unvorstellbar
weiten Leere der Wüste vor sich ging. Sie schwiegen, denn sie
waren überfordert und überwältigt von den Ereignissen der
letzten Tage. Und es gab nichts, wofür sie jetzt hier die
richtigen Worte gefunden hätten. Das musste warten. Sie mussten
erst in Sicherheit sein.
In der Nacht, Oase bei Reggane
Mulder wachte auf. Etwas hatte sich bewegt. Er drehte sich auf
seiner Pritsche um und sah nach Scully. Doch ihr Nachtlager war
leer. Er setzte sich ruckartig auf und schob die Plane des
Berberzelts beiseite. Die Männer, die ihnen von der
Militärbasis aus mit ihren Jeeps durch die Nacht
entgegengekommen waren, hatten sie hier untergebracht, damit sie
am nächsten Morgen nach Tunis zurückfliegen konnten.
Wo war sie hin? Doch Mulder riss sich zusammen, vermutlich war
sie nur kurz zu den Waschräumen verschwunden und würde gleich
zurück sein. Er lehnte sich gegen die Wand des Zelts, die ein
wenig unter seinem Gewicht nachgab. Jeder, der behauptet hatte,
nachts würde es in der Wüste kalt, hatte gelogen! Er konnte
kaum atmen, so stickig war es. Kein Lüftchen regte sich und es
war hier viel stiller als in der Oase, wo er bei seiner Hinreise
genächtigt hatte. Doch die Minuten verstrichen und sie kam nicht
wieder. Er wurde unruhig und beschloss schließlich doch nach ihr
zu suchen. Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Die
Waschräume waren dunkel und leer, nur das kostbare Wasser
tropfte aus dem einzigen Wasserhahn und verursachte ein hohles,
plätscherndes Geräusch.
Mulder sah sich um und biss nervös von innen auf seine
Unterlippe. Alles schlief, die Palmen standen still und reckten
ihre prächtigen Kronen zu den Sternen hinauf. Es war fast
Vollmond und Mulder hatte noch nie so viele Krater auf der
Mondoberfläche erkennen können. Das fahle Licht hüllte die
Oase in kühles dunkles Blau. Es würde ihm helfen Scully zu
finden. Ihr weißes Oberteil würde im Mondlicht leuchten. Aber
wo war sie hin? Langsam bekam Mulder Angst. Er versuchte
flüsternd nach ihr zu rufen und zischte ihren Namen in die
Stille hinein. Dana! Wo steckst Du? Doch es kam keine
Antwort.
Plötzlich sah er etwas zwischen den Palmen in der Wüste
aufblitzen. Er rannte darauf zu und je näher er dem weißen
Schimmern kam, desto sicher war er sich, dass er sie gefunden
hatte.
Aber irgendetwas stimmte nicht.
Sie war in die Wüste hineingelaufen und
stand nun 50 Meter von ihm entfernt im Mondlicht im Sand und
regte sich nicht. Als sie plötzlich auf die Knie fiel, setzte
Mulders Herz aus und er lief so schnell er konnte durch den
kühlen Wüstensand auf sie zu. Seine Füße sanken bei jedem
Schritt ein und es kam ihm vor, als würde er sich kaum von der
Stelle bewegen.
Dana, was ist? Doch sie antwortete nicht, sie
krümmte sich über ihren Bauch und hatte den Mund wie in einem
erstarrten Schmerzensschrei geöffnet. Dana, ist was mit
dem Baby? Mulders Stimme zitterte vor Panik. Warum sagte
sie denn nichts? Sie sah ihn nicht einmal an, als nähme sie ihn
gar nicht wahr. Dana! Er legte seine Hand auf ihren
Bauch und strich mit der anderen Hand ihr Haar beiseite. Erst
jetzt blickte sie zu ihm auf.
Doch er sah nicht in ihre wunderschönen klaren Augen. Er sah in
zwei schwarze dunkle Schatten hinein.
In ihren Augen schlängelte sich ein schwarzer Schleier unter
ihrer Hornhaut entlang. Und aus ihrem linken Nasenloch floss
schwarzes Öl. Mulder packte sie an den Schultern, als ihre
Augenlider schwer wurden und sie wie im Trance nach hinten zu
fallen drohte. Nein, bleib bei mir! Er schüttelte
sie verzweifelt in der Hoffnung, das schwarze Gift aus ihr zu
vertreiben, doch er wusste, nur sie konnte das. Eine Träne lief
ihm über sein Gesicht.
Scully spürte von alledem kaum etwas. Sie war von einem Schmerz
geweckt worden, der durch ihr Rückenmark bis in ihr Gehirn
geklettert war. Der Schmerz hatte sie aus dem Bett getrieben und
sie hatte sich mit dem lauwarmen Wasser im Waschraum das Gesicht
gewaschen, in der Hoffnung, es würde von dem Schmerz ablenken.
Doch in ihrem Körper war dieses pulsierende schwarze Zeug zum
Leben erweckt worden und hatte sich kalt durch ihre Adern
gewunden. Vor Schmerz war sie immer weitergelaufen und
schließlich zusammengesackt, als ihre Sinne von dem Schwarz
benebelt worden waren. Sie hörte Mulder in der Ferne mit ihr
sprechen, aber dieses Flüstern in ihrem Kopf wollte nicht
aufhören. Sie fühlte seine Berührungen wie Fremdkörper unter
ihrer Haut. Was geschah mit ihr?
Da merkte sie, wie das Wesen in ihr plötzlich wieder zu zucken
begann, wie es sich in ihrem Körper wand und unter ihrer Haut
entlang schlängelte. Nacht brach über ihrem Herzen herein und
sie fühlte den kalten Hauch des Todes in ihrem Nacken. Es kroch
ihr die Kehle hinauf und durch ihren Gehörgang. Sie konnte nicht
mehr atmen und ihre Hände krallten sich reflexartig an Mulder
fest, der sie mit aller Kraft in den Armen hielt, weil es das
einzige war, was er tun konnte.
Doch da fühlte er, wie eine Welle durch ihren Körper fuhr und
sie sich wie von einer inneren Kraft getrieben, aufbäumte und
nach vorne überbeugte. Das schwarze Öl floss in Strömen aus
ihr heraus. Es floss aus ihrem Mund, aus ihrer Nase und aus ihren
Ohren. Scully spürte, wie es von ihr abließ, wie es sie
befreite und ihren Körper verließ. Es hatte seit dem Angriff in
ihrer Wohnung in ihr gelauert und nun hatte es doch den Kampf
verloren. Es floss in dunklen Rinnsalen die Düne hinunter um
langsam im Wüstensand zu versickern um lediglich einen schwarzen
Schatten im Mondschein zu hinterlassen.
Sie fiel erschöpft in seine Arme zurück. Er schloss die Augen
als ihr Körper in seinen Armen nach Halt suchte und ihre Augen
müde in die Nacht hinausblickten. Er konnte nicht fassen, was
gerade passiert war. Er hätte sie um ein Haar verloren und er
hätte nichts tun können. So viel war seine Immunität also
wert!
Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste ihr die Stirn. Es
tut mir so leid, konnte er nur unter Tränen der
Erleichterung flüstern und wiederholte es immer wieder, in der
Hoffnung, er könne sich selbst für seine Hilflosigkeit
verzeihen.
Sie drückte seine Hände, die sich um ihren Körper geschlungen
hatten um sie festzuhalten und sah zu ihm auf. Es ist alles
okay, Mulder. Mir geht es gut. Ihre Stimme klang jedoch
müde und matt und Mulder wusste, dass es ihr nicht gut ging.
Aber ihre Augen leuchteten lebendig und sahen ihn fest an. Sie
senkte wieder ihren Kopf und lehnte ihn gegen seine Brust. Sie
war so müde. Er küsste sie auf ihr Haar und strich mit seinen
Fingern darüber.
Es reichte. Er brachte ihr nur Unglück. Ihr Bruder hatte immer
Recht gehabt, er war nicht gut für sie. Er wollte, dass diese
Welt all das überstand und er wollte, dass sie glücklich
würde. Er sah auf zu den Sternen, die unschuldig neben dem Mond
auf die leere Wüste schienen und entschied sich den Engländer
zu suchen. Er würde ihm vielleicht erklären können, was heute
passiert war. Und was er tun konnte, damit all das endlich zu
Ende war.
Als er ihren regelmäßigen Atem auf seinem Arm fühlte, wusste
er, dass sie eingeschlafen war.
Hey! weckte er sie sanft, in dem er mit seinem Finger
leicht gegen ihre Wange tippte. Das hier ist nicht gerade
der ideale Ort für ein Nickerchen. Als sie ihre Augen
öffnete, war er froh, dass sie wieder klar und blau in seine
sahen. Der schwarze Schleier, der ihm vorhin einen grauenvollen
Schrecken eingejagt hatte, war verschwunden. Er nahm sie auf dem
Weg zurück in die Oase in den Arm und rückte ihre Liegen im
Zelt zusammen, damit er ganz nah bei ihr sein konnte. Sie legte
sich hin und war dankbar, dass er sich zu ihr legte und sie in
den Arm nahm. Sie brauchte all seine Kraft und Nähe jetzt so
sehr. Um die finstere Leere wieder aufzufüllen, die dieses
Monster in ihr hinterlassen hatte.
Einen Augenblick schwiegen sie und ließen ihre Seelen dort
draußen in der Einsamkeit zur Ruhe kommen. Mulders Herz schlug
noch immer schnell und der Schreck saß ihm noch in den Gliedern.
Wieder einmal hatte er sie fast verloren und dieses Mal schwor er
sich, war es das letzte Mal gewesen.
Ihre Hand ruhte auf seiner Brust, in der sie seinen Herzschlag
fühlte. Er war schnell und sein Atem war noch kurz und gehetzt.
Doch es war vorbei und die Nacht hüllte sie ein wie ein warmer
Mantel. Sie wurde ruhig und war entspannt, weil er bei ihr war.
Zum ersten Mal seit vielen Nächten hatte sie keine Angst
einzuschlafen. Aber die Ereignisse wollten sie noch nicht
loslassen, sie wollten ihr den Schlaf noch nicht gönnen. Sie
strich zart mit ihrer Hand über seinen Oberkörper und sah zu
ihm auf.
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Seine Augen waren im Dunkel der Nacht braun und schienen endlos
tief zu sein. Sein Blick lag in der Ferne, während er fast schon
wie automatisch mit seinen Fingerspitzen über ihren Arm
streichelte. Es kitzelte sie, doch sie genoss es trotzdem. Sie
konnte die Traurigkeit in seinem Blick sehen, dass es ihn sehr
mitgenommen hatte, was dort draußen zwischen den Dünen passiert
war. Sie wünschte, sie könne seine Gedanken lesen, wünschte,
sie könne all das fühlen, was er in den letzten Wochen ohne sie
erlebt hatte.
Als hätte er IHRE Gedanken gelesen, holte er plötzlich Luft und
durchbrach mit einem starren Blick in die Dunkelheit die Stille.
Ich war so dumm. Ich habe die ganze Zeit dort draußen nach
der Wahrheit gesucht. Und dabei ist sie immer schon in mir
gewesen. Scully zog die Stirn in Falten. Wie meinst
Du das?
Er neigte seinen Kopf zu ihr. All die Experimente, die an
mir durchgeführt wurden, mein ganzes Leben lang. Und als ob ich
es immer gewusst hätte, habe ich nach den Antworten gesucht, die
diese Experimente ergeben hatten. Aber ich habe immer an den
falschen Stellen gesucht. Das, was da draußen passiert ist, es
ist nur passiert, weil irgendetwas in meinem Kopf ist,
irgendetwas, das denen Angst einjagt. Ich habe die Angst dieses
Wesens gefühlt. In meinem Geist.
Er schien weit weit weg zu sein, als er zu ihr sprach, so als
versuche er die Erinnerung, die da so blass und schwach aus der
Ferne zu ihm zurückkam, im Dunkeln zu erkennen und festzuhalten.
Scully küsste seine Brust und sog dabei seinen Duft ein bevor
sie sprach. Sie verstand, was er gesagt hatte auch wenn sie
ebenso wie er keine Ahnung hatte, was dort draußen wirklich
passiert war. Ich weiß, was Du meinst. Ich habe es auch
gefühlt. Es war wie ein Flüstern, das immer lauter wurde und
aus der Tiefe meines Gehirns zu kommen schien. Es hat sich so
kalt angefühlt. Doch was konnte das gewesen sein? Mulder
war es doch, der diesen Tumor in sich trug. Er war derjenige, der
immun war. Oder war es vielleicht gar nicht sie, die das alles
fühlte und hörte? War es in Wahrheit das Baby? Sie legte
unwillkürlich ihre Hand auf den Bauch, in dem es seit ein paar
Minuten endlich still geworden war.
Mulder legte seine Hand auf ihre. Es war so fremd für ihn, dass
sie dieses Baby darin trug. Aber es lenkte ihn von seinen
Gedanken ab und er war froh darüber, denn es machte ihm Angst.
Seine fehlende Erinnerung machte ihm Angst, da er fühlte, dass
sie dort draußen mit einer unheimlichen, unvorstellbar großen
Macht in Berührung gekommen waren, die Kräfte freigesetzt haben
musste, deren Auswirkungen sie sicherlich noch zu spüren
bekommen würden. Deren Auswirkungen er gerade erst an Scully
gesehen hatte.
Sein Blick ruhte auf der runden Wölbung unter der sein Sohn so
friedlich zu schlummern schien, dass auch Scully langsam
schläfrig wurde. Wie fühlt es sich an? fragte er
schließlich und Scully war darüber verwundert. Es hatte sie
wieder aus ihrem Dämmerzustand geweckt. Mit so einer Frage hatte
sie heute Nacht nicht gerechnet. Sie stutzte einen Moment.
Doch dann lächelte sie und reckte ihren Kopf nach oben. Sie
legte ihre Hand auf seine Wange und gab ihm einen sanften Kuss,
fast als wären ihre Lippen aus Seide, die nur wie
Schmetterlingsflügel über seinen Mund strichen. So fühlt
es sich an, war ihre Antwort und er lächelte zurück.
Mh
das ist ziemlich gut. Doch dann wurde sie
ernst und legte ihren Kopf wieder zurück auf seine Schulter.
Und es fühlt sich fremd an, setzte sie nach einer
Weile hinzu. Sie hatte es die ganze Zeit mit sich herumgetragen
und nun war er endlich da, nun wollte sie auch, dass er verstand,
wie es ihr ergangen war, was sie durchmachte, jeden Morgen, wenn
sie mit dieser quälenden Ungewissheit aufstand. Es ist
eigenartig, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Weil ich es
nicht verstehe. Es macht mir Angst. Mulders Umarmung wurde
fester, denn er wusste genau wovon sie sprach. Es war in diesem
Augenblick jedoch zu viel und er versuchte, das merkwürdige
Gefühl in seinem Herzen zu vertreiben.
Hey, das Schlimmste, was Dich erwartet ist, dass er
vermutlich meine Nase erbt. Sie schloss die Augen über
diesen albernen Scherz und tat ihn mit einem Seufzer ab. Es lag
so viel Ungesagtes zwischen ihnen. Wo sollten sie anfangen?
Doch Scully wusste es, sie kuschelte sich näher an ihn heran,
auch wenn ihr schon warm genug in der heißen, trockenen Luft war
und grub ihren Kopf in seine Schulter. Erzähl mir, was Dir
passiert ist nachdem Du mich von New York aus angerufen hast.
Die ganze Geschiche? Diesmal war es Scully, die einen
Scherz versuchte. Lass die Frauengeschichten raus, okay?
Mulder seufzte in gespielter Enttäuschung. Dann wird die
Geschichte aber ihrer wichtigsten Spannungsmomente beraubt.
Sie knuffte ihn leicht mit ihrer Faust in die Rippen und er
begann. Er begann ihr all das zu erzählen, was ihm widerfahren
war, in der Hoffnung es nun selbst zu verstehen. Und sie redeten
in die Stille hinein bis der Morgen sich ankündigte und die
Sonne ihre ersten Strahlen in ihr Zelt scheinen ließ.
Irgendwann im frühen Morgengrauen schliefen sie dann noch immer
aneinandergeschmiegt ein, nicht ahnend, dass diese unheimliche
Macht, die sie dort draußen gefühlt hatten, sie von oben
beobachtete.
Wie ein gescheuchtes Tier, das vor seinem Feind geflüchtet ist.
Doch war sie nicht eigentlich der Feind?
__________________
In der gleichen Nacht überall auf der
Erde
Der Atem der Welt stand still. Und die Sterne sahen wie stumme
Zeugen herab auf das, was dort vor sich ging. Es regnete. In
jeder Stadt, jedem Wald, jedem Gebirge und jedem Tal.
Aber es regnete in die falsche Richtung. Für jeden, der in
dieser Nacht draußen unterwegs war, sah es aus wie der schwarze
Regen, der auch vorher schon hinabgestürzt war.
Doch jeder, der durch diesen Regen lief, merkte, dass er nicht
von oben auf ihn herniederprasselte. Er stieg aufwärts. Wie
Pfeile schossen die Tropfen aus der Erde, aus jedem einzelnen
Grashalm, jedem Tierkadaver und jedem Gewässer der Welt hinauf
in den Himmel.
Dorthin, wo die letzten Vögel, die nicht wie Steine vom Himmel
gefallen waren, verschwanden. Dorthin, wo die Sterne funkelten
und dorthin, wo weit weit über den feinen Wolkenfetzen, die wie
ein zarter Schleier den Mond überzogen, eine Macht über allem
schwebte. Eine Macht, die zusammengefallen und konzentriert,
langsam pulsierend über die Erde wachte und nicht wusste, wie
ihr an diesem Tag auf diesem Planeten, der ihr schon so lange
gehörte, geschehen war. Eine Macht, die sich ihrer selbst
plötzlich gar nicht mehr sicher war. Sie war in die Ecke
gedrängt und geschwächt worden. Von diesen zwei Menschen, die
sie selbst erschaffen hatte. Es war ein Angriff gewesen. Und es
hatte sie tief getroffen.
Sie sog all das, was von der Erde aus der Natur zu ihr
hinaufströmte in sich auf, wie ein gigantischer Strudel am
Himmel. Und niemand auf diesem Planeten begriff, was dort
geschah.
Und die Macht verharrte still und bedrohlich über allem und
wartete darauf zurückzukehren.
Am nächsten Nachmittag in der US- Botschaft in Tunis
Mulder sah auf die Uhr über der Tür. Es war die erste Uhr, die
er seit Tagen sah. Und er verglich sie mit seiner Armbanduhr.
Seine Uhr ging 43 Minuten nach. Er sah zu Scully hinüber und gab
ihr mit einem Blick auf die Uhr zu verstehen, worauf er
hinauswollte. Sie sah auf ihre eigene Uhr. Sie ging ebenfalls 43
Minuten nach. Sie hob die Augenbrauen und sah Mulder
verständnislos an. Was wollte er ihr damit sagen? Aber dann
begriff sie und gab ihm mit einem unmissverständlichen Blick zu
verstehen, dass sie immer noch nicht an seine Theorie mit dem
Zeitverlust glaubte. Mulder schüttelte lächelnd den Kopf. Sie
würde immer die Selbe bleiben. Egal, wie viele Beweise man ihr
vorlegen würde, einige Prinzipien würde sie niemals über Bord
werfen.
Der Botschafter hatte die Blicke der Beiden bemerkt und hielt sie
für äußerst merkwürdig und verstörend. Er sah auf seine
Armbanduhr und verstand nicht, was an der Uhr in seinem Zimmer so
aufregend sein sollte. Stattdessen räusperte er sich ziemlich
offensichtlich.
Er schob den Beiden ihre Pässe und Flugtickets nach London zu.
Von dort aus müssen sie den Anschlussflug nach Washington
D.C. nehmen. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrer Reise.
Der Mann war sehr froh die beiden FBI Agenten wieder los
zu sein. Sie hatten inmitten des Chaos, das um ihn herum
ausgebrochen war, noch zusätzlich für Unruhe gesorgt. Sie waren
der Grund dafür, dass einer seiner Mitarbeiter nun irgendwo
vermutlich tot in der Wüste lag. Doch er hatte zurzeit noch ganz
andere Dinge im Kopf. Er musste sich um die Sicherheit der
anderen Amerikaner in diesem Land kümmern. Und dabei hatte er
selbst im Stillen große Angst, so wie alle um ihn herum seit
dieser Regen wieder aufgetreten war. Und seit die Vögel
verschwunden waren. Und die Fische tot an die Küsten Tunesiens
und Djerbas gespült worden waren. Er lächelte den Beiden
bemüht zu und atmete auf, als die Tür hinter ihnen ins Schloss
gefallen war.
7 Stunden später, London Heathrow
Überall um sie herum quollen die Zeitschriftenläden des
Flughafens fast über vor Menschen. Seit das Fernsehen und das
Radio nicht mehr richtig funktionierten, stürzte sich die
geängstigte Öffentlichkeit auf die Zeitungen, die auf ihren
Titelseiten versuchten die Panik im Griff zu halten. Immer andere
Theorien über das Warum dieser Ereignisse wurden veröffentlicht
und heute war einer der Tage, an dem das Massensterben all der
Tiere in den Wäldern und Nationalparks einmal mehr dem
Treibhauseffekt zugeschrieben wurde.
Mulder sah auf einen Zeitungsartikel der New York Times. Nun
hatte es also begonnen. Nun merkten endlich auch alle anderen,
dass etwas nicht stimmte. Nur sie wussten nicht, welchen
Ausmaßes dieses Etwas war. Begriffen das die Menschen denn
nicht? Oder wollten sie es nicht wahrhaben?
Scully hatte den Blick in Mulders Augen bemerkt. Sie griff nach
seiner Hand mit einem sehr ernsten Ausdruck in ihrem Gesicht. Er
war die ganze Zeit schon so nachdenklich gewesen. Was trug er nur
mit sich herum?
Mulder? Wir sollten gehen, Boarding Time ist in 10 Minuten.
Sie hob ihre Augenbrauen und sah ihn auffordernd an. Doch Mulder
ließ sich von ihr nicht fortziehen. Unverwandt drehte er sich zu
ihr um und sah ihr in die Augen, doch es war, als sähe sein
Blick in Wahrheit in die Ferne. Sie hielt noch immer seine Hand
und zog die Stirn in Falten. Was ist? Mulder wollte
es ihr nicht sagen, er wollte nicht die Enttäuschung in ihrem
Gesicht sehen müssen, doch er wusste, er musste jetzt gehen.
Ich kann nicht. Scullys Mund stand offen, sie hatte
es die ganze Zeit befürchtet. Was soll das heißen?
Sie wurde ungeduldig, weil er nicht endlich sagte, was mit ihm
los war. Mulder, jetzt sag mir bitte, was Du vorhast!
Sie ließ seine Hand los und es schmerzte ihn, denn es war, als
wäre das Band zwischen ihnen einmal mehr von der Realität um
sie herum durchtrennt worden. Dana, glaub mir, ich würde
alles darum geben, jetzt mit Dir in dieses Flugzeug nach
Washington zu steigen, aber ich kann nicht. Ich muss diesen
Engländer hier finden. Ich muss wissen, was dort draußen in der
Wüste passiert ist.
Scullys Blick war fest, auch wenn ihre Seele wackelte und zu
stürzen drohte. Ihre Stimme brach und ihre Augen klagten ihn
stumm an. Nur langsam verstand sie wirklich, dass er sie wieder
einmal alleine lassen würde. Nun senkte sie ihren Blick zu
Boden, um nicht weinen zu müssen. Hatte sie wirklich daran
geglaubt, dass er mit ihr nach Hause fliegen würde? Nachdem, was
dort in Algerien geschehen war? Warum tust Du mir das immer
und immer wieder an? Ihr Blick war wieder fest geworden,
als sie wieder zu ihm aufgesehen hatte. So fest, dass es ihn
schmerzte. Denn er wusste, er hatte sie verletzt.
Sie hatten sich nach so langer Zeit entschieden diese Beziehung
zu beginnen und er hatte gewusst, dass es schwer werden würde,
dass er seinem und ihrem Wunsch nach Nähe nicht immer gerecht
werden könne. Aber er hatte nicht gewusst, dass es so schwer
werden würde. Dass sie einander so sehr brauchten, dass ihre
Liebe so intensiv werden würde. Dass er so wenig für sie da
sein konnte. Und dennoch hatten sie sich nach so vielen Jahren
des endlosen Zögerns für diese Beziehung entschieden und er
wusste, sie verstand im Inneren, dass er nur aus einem Grund
nicht mit ihr mit kam. Sein flehender Blick suchte nach diesem
Verständnis in ihren Augen, doch fand es dieses Mal nicht. Er
versuchte es zu erklären.
Weil ich keine Wahl habe. Weil ich nicht frei bin. Ich bin
Teil der Wahrheit, Teil der Zukunft, die wir aufzuhalten
versuchen. Bitte! Du musst mich gehen lassen, nur noch dieses
eine Mal. Warum machte sie es ihm noch schwerer, als es
ohnehin schon für ihn war?
Sie trat näher an ihn heran und legte ihren Kopf gegen seine
Brust. Konnte es sein, dass wirklich alles von ihm abhing? Konnte
er es wirklich noch aufhalten? Scully biss sich auf die Lippen,
als sie ihren Kopf wieder anhob und zu ihm aufsah. Seine Lippen
bebten leicht und sein Blick war so tief und finster wie der
sternenlose Nachthimmel. Sie wollte gar nicht daran denken, dass
es das letzte Mal sein konnte, dass sie einander sahen.
Nur noch dieses eine Mal? Und wenn es das letzte Mal ist,
was dann? Sein Herz hüpfte stechend auf und ab in seiner
Brust und der Schmerz, sie wieder zurücklassen zu müssen
überwältigte ihn und er konnte nichts tun, er war wie gelähmt.
Er strich ihr die langen roten Haare beiseite und legte seine
Hand an ihre Wange. Er schüttelte den Kopf. Ich weiß es
nicht, ich weiß nicht, was dann passiert. Aber ich weiß, dass
ich, egal wo ich bin, immer wieder nur aus einem Grund
weiterkämpfe. Dass ich nur wegen einer Sache weiteratme. Dass
jeder meiner Herzschläge nur dieser einen Wahrheit gilt.
Er sah ihr tief in die Augen, damit sie es verstand. Dir!
Dir allein. Und deswegen werden wir es schaffen.
Sie presste die Lippen aufeinander, die ihr nicht mehr gehorchen
wollten und senkte ihren Blick. Doch er hob ihr Kinn an und
beugte sich vorsichtig zu ihr hinunter um ihr einen letzten,
liebevollen Kuss zu geben. Aber als die Ansage für ihren
Weiterflug durch den Lautsprecher kam, löste sie den Kuss und
entzog sich Mulders Umarmung.
Ich kann nicht. Ich muss jetzt gehen, sonst kann ich Dich
nicht alleine zurücklassen. Sie konnte seinem Blick nicht
mehr standhalten, sie merkte, wie es ihr die Kraft raubte.
Sie wendete sich von ihm ab und entfernte sich mit schnellen
Schritten von ihm. Sie konnte sich nicht umdrehen. Sie wusste,
wenn sie ihn dort so allein in der unruhigen Menge stehen sehen
würde, würde sie zurücklaufen und ihn nie mehr loslassen. Ihre
Lippen zitterten und sie bemühte sich, ihre Tränen
zurückzuhalten. Sie versprach sich, dass dies die letzten
Tränen waren, die sie vergießen würde. Sie kämpfte gegen
dieses erschütternde Gefühl in ihrer Brust, dass sie ihn
vielleicht nie wieder sehen würde. Ihre Knie wurden weich, doch
sie ging festen Schrittes immer weiter von ihm weg, während es
war als würde eine Kraft sie immer stärker zu ihm
zurückziehen.
Als sie endlich in ihrem Flieger am Fenster saß und seinen
leeren Platz neben sich sah, schloss sie die Augen und schluckte
schwer. Ihr Blick richtete sich leer nach Halt suchend auf die
Startbahn, wo eine große Maschine sich wie eine Feder in die
Luft schwang. Wie oft hatte sie das schon durch gestanden und wie
oft war er dennoch zurückgekehrt?
Er stand still und sah ihr so lange nach, bis ihre kleine
Silhouette zwischen den vielen unruhigen Menschen um ihn herum in
der Menge verschwand und der Geschmack ihrer Lippen auf seinen
das Letzte war, was er von ihr zurückbehielt. Und die Erinnerung
an ihre tiefen, blauen Augen. Tief in seinem Inneren schloss er
diese Erinnerung ein und wusste, es würde das letzte Bild sein,
das er vor Augen haben würde, wenn er auf diesem Weg sterben
würde.
Zwei Wochen später
Die Macht stand noch immer wartend am Himmel und verharrte stumm.
Nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man erkennen, dass dort,
wo sie über den Häusern vorüberzog, das Leuchten der Sterne
für einen Augenblick verzerrt wurde und aufblinkte, ehe sie
wieder still und klar weiterfunkelten. Sie war wieder stärker
geworden, doch das, was sie so geschwächt hatte, ebenfalls. Denn
es war aufgetrennt in verschiedene Teile und so hatte sie eine
Chance.
Es war Zeit. Zeit, die nächste Phase einzuleiten.
Und damit verstummte für einen Moment das Leben auf der Welt
dort unten und der Schall wagte für eine Sekunde nicht, sich
auszubreiten. Es war als ginge ein winziger feiner Riss durch das
Raum-Zeit-Kontinuum, der sich sofort wieder schloss.
Das Licht des Mondes flackerte einen Augenblick und ein leises
Grollen donnerte durch die Wolken am Horizont. Wolken, die erneut
den schwarzen Krebs über der Welt abwerfen würden.
Morgens in Margaret Scullys Haus
Dana Scully strich zärtlich über ihren Bauch und sah aus dem
Fenster auf die kahlen Bäume, die ihre toten Äste traurig in
den Himmel streckten als suchten sie nach ihren Blättern. Ihr
Blick war so leer und fern wie er in den letzten Wochen seit
ihrer Rückkehr aus Afrika oft gewesen war. Margaret Scully
wusste dann immer, dass ihre Tochter in Gedanken weit weg war,
meistens bei dem Vater ihres Kindes. Bei diesem Mann, den sie
selbst schätzte aber nicht verstand. Verstand ihre Tochter ihn
wirklich?
Das Klingeln des Telefons durchfuhr die Stille und Scully sah
erwartungsvoll auf. Doch so oft hatte sie in den letzten Tagen
schon gehofft, es wäre ein Lebenszeichen von Mulder und immer
wieder war sie enttäuscht worden. Sie beschloss, sich endlich
von dieser Illusion zu lösen und ignorierte das Klingeln.
Margaret stand stattdessen auf und ging ran. Dana? Es ist
Director Kersh. Scullys Blick fror ein. Sie griff aufgeregt
nach dem Telefon und betete, dass er keine schlechten Nachrichten
für sie hatte. Scully. Agent Scully, ich
weiß, dass Sie bereits Ihren Urlaub angetreten haben, aber Sie
müssen dringend herausfinden, was mit Assistant Director Skinner
passiert ist. Er liegt seit gestern Abend auf der Intensivstation
des Georgetown University Hospitals. Scullys Augen weiteten
sich und sie sah ihre Mutter aufgeregt an. Was? Ist ihm
etwas passiert? Genau deswegen brauchen wir Sie,
Agent Scully. Die Ärzte wissen nicht, was mit ihm ist. Treffen
wir uns dort in einer Stunde?
Scully konnte Kersh nicht leiden, doch sie mochte Skinner und er
hatte bei ihrem letzten Treffen vor zwei Wochen sehr verängstigt
gewirkt. Sie versprach ihrer Mutter zum Abendessen zurück zu
sein und fuhr so schnell sie konnte nach Georgetown.
Am nächsten Tag in London, England
Mulder hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah durch das
Glasfenster der Gerichtsmedizin hindurch auf die Leiche. Er kaute
nachdenklich auf seinen Sonnenblumenkernen herum. John, der
Engländer, den er in Tokio kennen gelernt hatte, stellte sich
neben ihn. Es gibt noch mehr solcher Fälle. Doch
Mulder reagierte nicht, er war in Gedanken gar nicht da. Er war
bei Scully. Sie trug auch einen Chip in ihrem Nacken. So wie die
tote junge Frau, die dort auf dem Tisch lag.
Fox ? Das weckte Mulder aus seinen Gedanken und er
sah ihn fragend an. Wie viele? fragte er, als kenne
er die Antwort schon längst.
John hatte darauf nur gewartet und drückte Mulder eine Akte in
die Hand. Neun. In den letzten zwei Tagen. Allein in
England. Alles Frauen.
In Mulder war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Er
schob John unsanft beiseite, drückte ihm die Akte gegen die
Brust und stürmte aus dem Raum. Er lief das Treppenhaus hinunter
bis zu den öffentlichen Toiletten und warf hastig ein paar
Münzen in das öffentliche Telefon neben dem Herren-WC. Als er
das Freizeichen hörte, schloss er die Augen. Seine Kaumuskulatur
spannte sich vor Angst an.
Scully?ertönte endlich eine Stimme am anderen Ende.
Doch es war nicht Dana, die dort ans Telefon gegangen war. Es war
ihre Mutter. Mulder wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte
nur wissen, ob es ihr gut ging, ob sie lebte. Was sollte er tun?
Er schwieg und verharrte einen Moment.
Am anderen Ende der Leitung kam Scully die Treppe herunter. Sie
hatte das Telefon gehört und hoffte, Neuigkeiten über Skinner
zu hören. Doch ihre Mutter hielt stumm den Hörer an ihr Ohr und
sah sie fragend an. Wer ist das? Mom? Als ihre
Mutter noch immer schwieg und mit den Achseln zuckte, begriff
Scully. Sie hechtete hinüber, nahm ihrer Mutter das Telefon aus
der Hand und rief hinein:
Mulder?
Mulder wagte kaum zu atmen als er Scullys
Stimme hörte. Er schloss erleichtert die Augen und lauschte
einen Moment ihrem Atem. Ihre Stimme hing noch in der Luft neben
seinem Ohr und er wünschte, er könne ihr sagen, dass er auf dem
Rückweg wäre. Doch das konnte er nicht. Er schickte ihr in
Gedanken all die zärtlichen und liebevollen Worte, die er ihr in
diesem Augenblick nicht sagen durfte, über die Entfernung, die
zwischen ihnen lag, bevor er leise den Hörer absinken ließ und
einhängte.
Er konnte es ihr nicht schon wieder antun. Es wäre egoistisch.
Denn er würde ihr nur wieder und wieder damit wehtun, dass er
sich doch am Ende verabschieden musste und jedes Mal wäre es
vielleicht das letzte Mal. Nein, dieses Mal musste er stark
bleiben und sie zurücklassen mit ihrem eigenen Leben. So würde
sie vielleicht eines Tages wieder glücklich werden. So hätte er
es schon viel früher tun sollen.
So lange er nicht wusste, wie das hier ausging, musste er ihr
fernbleiben. Er brachte sie nur in Gefahr, so wie die letzten
sieben Jahre. Und er hoffte, sie würde ihn eines Tages vergessen
können, wenn er das hier nicht überlebte. So würde sie ihn
vielleicht eines Tages vergessen, wie einen schönen Traum, der
immer mehr verblasst. Vielmehr Zeit hatten sie in ihrer jungen
Beziehung auch nicht füreinander gehabt. Nur wenige Stunden
hatten sie ihrer gemeinsamen Liebe bisher widmen können.
Für ihn war es bereits wie ein verblasster Traum.
Doch er wusste, es würde nichts daran ändern, egal ob er sie
anrief oder nicht, sie würde ihn nie vergessen, so wenig wie er
sie. Denn die sieben Jahre, die hinter ihnen lagen, waren kein
Traum, sie waren Realität und die Erinnerung an sie schmerzte in
seiner Brust. Sie war sein ständiger Wegbegleiter gewesen, sein
Polarstern, der ihm immer die Richtung gewiesen hatte, sie hatten
so viele Dinge zusammen erlebt und gesehen, so viele gemeinsame
Erfahrungen gemacht, die ihn zum ersten Mal in seinem Leben nicht
wie einen Spinner hatten da stehen lassen. Sie hatten so oft
gestritten und ihre ewigen Diskussionen um Glauben und Vernunft
hatten ihn aufrechterhalten, bestärkt und immer wach gehalten.
Sie war immer für ihn da gewesen, in jeder Sekunde, an jedem
Samstagabend, an dem er alleine und angetrunken in einer Bar
versackt war und sie ihn dort abgeholt und heimgefahren hatte.
Jede Krankheit hatten sie besiegt und immer wieder hatte ihnen
ihre gemeinsame Arbeit den Boden unter den Füßen entrissen und
doch hatten sie nie den Halt verloren, weil sie einander gehabt
hatten. Es war sein größtes Bedürfnis, ihr nahe zu sein. Es
gehörte einfach dazu. Es war wie die Luft zum Atmen, die ihm
fehlte. Und nun war es als würde er ersticken.
Er holte tief Luft und ging zurück ins Treppenhaus zu John.
Zur selben Zeit in Washington D.C.
Scully wusste, dass es Mulder gewesen war und sie war ihm dankbar
dafür gewesen, dass er aufgelegt hatte. Sie wollte keinen neuen
Abschied. Sie wollte ihn für sich haben, ganz oder gar nicht. Es
war besser so, auch wenn ihr Herz das anders sah. Sie seufzte und
sah ihre Mutter tapfer an um sich abzulenken.
Margaret Scully sah den Schmerz ihrer Tochter in ihren Augen und
ging auf sie zu, um sie ganz sanft in den Arm zu nehmen. Sie
spürte, wie Scullys Anspannung in den Armen ihrer Mutter
nachließ und sie ihre Nähe in sich aufnahm. Da klingelte das
Telefon erneut.
Diesmal ging Scully direkt ran auch wenn sie wusste, dass es
nicht Mulder war. Es war Kersh.
Agent Scully? Ich muss Sie dringend sprechen. Wann können
Sie in meinem Büro sein? Scully erstarrte als sie Kershs
dringlichen Tonfall wahrnahm. Geht es um Assistant Director
Skinner? Ich würde darüber ungerne am Telefon
sprechen, Agent Scully. Sie verstand. In den letzten sieben
Jahren hatte sie auch gelernt, dem Telefon zu misstrauen. Sir,
ich bin in zwanzig Minuten dort. Daraufhin legte sie mit
einem lauten Klappern das Telefon auf den kleinen Tisch neben dem
Sofa und stürmte aus dem Haus zu ihrem Auto, die besorgten
Blicke ihrer Mutter ignorierend.
Doch Margaret Scully hatte aufgegeben, sich um ihre Tochter zu
sorgen. Sie hatte offensichtlich unvorstellbar viel Kraft und so
lange es dem Baby nicht schadete, konnte sie sie ohnehin nicht
aufhalten. Ihr besorgter Blick galt vielmehr den schwarzen Wolken
am Horizont, die unentwegt näher kamen und die Sonne zu
verschlucken drohten. Sie zog ihre Wolljacke zu und verschränkte
fröstelnd die Arme vor der Brust. Was würde als nächstes
geschehen? Und was hatte ihre Tochter mit all diesen Ereignissen
zu tun?
Eine halbe Stunde später in Director Kershs Büro im J.Edgar
Hoover FBI Building
Scully war es komisch vorgekommen nach so langer Zeit wieder hier
zu sein. Es war sicherlich nur Einbildung gewesen, aber es war
ihr vorgekommen, als hätten sie alle angestarrt. Es war
unangenehm und sie hatte sich fremd gefühlt. So wie sie sich in
ihrem ganzen Leben zurzeit fremd fühlte.
Nun saß sie vor Director Kershs Schreibtisch und war beunruhigt
von dem ernsten Ausdruck in seinen Augen. Sir, wollen Sir
mir denn nun den Grund für Ihren Anruf verraten? versuchte
sie das Schweigen zu brechen. Denn es schien, als wüsste ihr
sonst so strenger und professioneller Vorgesetzter dieses Mal
nicht so recht, wie er anfangen sollte. Er starrte stattdessen
auf eine dünne Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag. Er schob sie
ganz vorsichtig zu Scully hinüber und nickte sie an, ohne ihr in
die Augen zu sehen. Scullys Augenbraue hob sich wie immer, wenn
sie etwas Neues interessierte.
Was ist das? doch sie erwartete keine Antwort und
schlug stattdessen die Akte auf. Als ihr Blick auf das Deckblatt
und die ersten gerichtsmedizinischen Fotos einer jungen
afroamerikanischen Frauenleiche fiel, sah sie erschrocken auf.
Sir, ich verstehe nicht. Ist das- ? Sie wusste nicht,
was sie damit anfangen sollte und sie wollte nicht glauben, was
sie vor sich sah. Doch Kersh machte es ihr zur Abwechslung einmal
leichter und kam ihr entgegen, auch wenn es ihm sehr schwerfiel.
Sie sehen richtig, Agent Scully. Das ist meine jüngere
Schwester, Deondra. Sie ist vorgestern an ihrem Arbeitsplatz
einfach umgefallen. Er machte eine Pause. Und nicht
wieder aufgestanden.
Er war sehr aufgewühlt und hatte Mühe nicht die Fassung zu
verlieren. Doch dazu war er zu professionell und so nahm er sich
wieder zusammen und sah Scully ernst und starr in die Augen. Aber
in seinem Inneren löste sich alles auf, als hätte jemand sein
Blut durch Säure ersetzt. Er verstand nicht, was vor sich ging
und es war für ihn fast unerträglich, ausgerechnet Agent Scully
von den X-Akten, die er selbst gerade geschlossen hatte, damit zu
beauftragen. Doch er wusste nicht weiter. Und sie war nunmal eine
hervorragende Agentin.
Scully war es offensichtlich genau so unangenehm, mit diesem Fall
konfrontiert zu werden. Sie beugte sich nach vorne zu ihm und sah
in vorsichtig an. Sie konnte ebenso professionell sein wie er und
da er es in diesem Augenblick kaum zustande brachte, war sie es
umso mehr. Fast ein wenig unterkühlt fuhr sie fort.
Sir, das tut mir aufrichtig leid. Aber sie müssen
verstehen - mir ist nicht klar, warum Sie gerade mich deswegen
kontaktiert haben.
In Wahrheit hatten sie die Bilder von Kershs toter Schwester weit
mehr mitgenommen als sie sich anmerken ließ. Sie schob es auf
die Hormone, doch bei dem Anblick der blassen toten Frau, die
ungefähr in ihrem Alter war, wurde ihr flau und ihr Herz begann
schneller zu klopfen. Sie hatte Mühe ihren klaren, ruhigen
Gesichtsausdruck zu beherrschen.
Kersh sah sich auf ihre Frage hin unruhig um und ordnete seine
Gedanken. Schließlich beugte er sich ebenfalls zu ihr über den
Tisch und senkte seine Stimme. Der Gerichtsmediziner in
Quantico konnte keine natürliche Ursache für ihren Tod finden.
Jedoch hat er das hier gefunden. Und damit nahm er ein
metallenes Röhrchen, das die ganze Zeit in Scullys Augenwinkel
das Licht der Bürolampe reflektiert hatte, und stellte es direkt
zwischen ihnen auf den Schreibtisch.
Darf ich? fragte Scully vorsichtig und öffnete das
Röhrchen als Kersh ihr zunickte.
Auf ihre Handfläche fiel ein kleiner, nicht ganz 4 mm langer
Metallchip. Scullys Mund erstarrte vor Schreck, als sie begriff,
was sie vor sich hatte und sie sah Kersh ungläubig an. Sie wagte
überhaupt nicht, weiter nach zu fragen, als er ihr schon die
Antworten gab, die sie suchte.
Ich weiß nicht, wie das in den Nacken meiner Schwester
geraten ist. Ich weiß nur, dass dieses Ding sie ziemlich sicher
umgebracht hat und ich will denjenigen, der dafür verantwortlich
ist, zur Rechenschaft ziehen. Und Sie sollen mir dabei helfen,
Agent Scully.
Scully fasste es nicht. Hatte Kersh so wenig zugehört? Hatte er
tatsächlich so wenig von dem verstanden, was sie und Mulder all
die Jahre dort unten versucht haben aufzudecken?
Sir, ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist, aber das hier
hat nicht irgendein wahnsinniger Psychopath zu verantworten. Das
hier ist ein Verbrechen viel größeren Ausmaßes. Das hier ist
. Doch Kersh ließ sie überhaupt nicht ausreden.
Wenn es Ihnen darum geht, dass Sie Ihre X-Akten
wiederbekommen, so sollen Sie sie meinetwegen für die
Bearbeitung dieser Sache haben. So lange Sie herausfinden, wer
meiner Schwester das angetan hat. Scully war noch immer
sprachlos über Kershs Ignoranz. Doch sie hatte eine Idee. Sie
versprach ihrem Vorgesetzten, sich um seine Schwester zu kümmern
und wollte gerade aufstehen und sein Büro verlassen, als er sie
zurückrief. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn fragend an.
Haben Sie schon etwas über Assistant Director Skinners
Erkrankung herausfinden können? Nein, Sir noch
nicht, aber sein Zustand ist glücklicherweise stabil. Es
tat ihr leid, dass sie Skinner noch nicht hatte helfen können,
doch sie würde gleich zu ihm nach Georgetown fahren, denn auch
hier hatte sie eine Idee.
Zur selben Zeit in London, England
Mulder lehnte sich gegen den Schreibtisch in Johns Büro. Um ihn
herum war das gesamte Team versammelt, das er in der letzten
Woche kennen gelernt hatte.
Er hatte über eine Woche in Europa nach John gesucht. Letztlich
hatte er ihn in einem Gefängnis in Lettland ausfindig gemacht.
Wie Mulder daraufhin erfuhr, war John ursprünglich einmal eine
Art Botschafter gewesen. Er hatte zwischen den unterschiedlichen
Purity Control Projekten in Japan, Kanada, Russland,
Großbritannien und den USA vermittelt. Auch wenn Purity Control
nicht vergleichbar war mit dem Manhattan Projekt oder dem
Wettlauf zum Mond, so ging es auch in diesem Fall letztlich doch
nur um das eine: Macht und Geld. Und nach dem Kalten Krieg war
den verschiedenen Staaten nichts wichtiger gewesen, als einen
weiteren Kalten Krieg zu vermeiden, denn das hier war immer schon
zu groß gewesen, als dass einzelne Länder daraus ihre
Privatprojekte hätten machen können. Und dennoch war es
letztlich nur darum gegangen, wer am meisten Profit aus seinen
Entwicklungen schlagen konnte. John hatte zehn Jahre lang die
Verhandlungen zwischen all den Ländern durchgeführt, die
sicherstellen sollten, dass alle Beteiligten jederzeit auf dem
gleichen Stand waren und kein Ungleichgewicht und keine
heimlichen Koalitionen entstanden. Der Austausch von Purity-
Proben, Impfstoffen, Nanobots, ja sogar der Austausch der
Bienenrassen, die in den Tests verwendet wurden, all das war
seiner Vermittlung zu verdanken. Doch in den letzten Jahren hatte
John mehr und mehr verstanden, dass es bei dem Projekt weniger um
die Rettung der Menschheit als um eben jenen Kalten Krieg um
Macht ging, den er immer versucht hatte, zu verhindern. Und so
hatte er sich immer mehr aus diesem Geschäft zurückgezogen und
der Austausch war letztlich verstummt. Jedes Land versuchte nun
selbst so schnell wie möglich seine eigene Armee an
Alien-Mensch-Hybriden aufzustellen.
Da er Mulder vor der Waffe gewarnt hatte, die die Japaner
zusammen mit Mulder den Aliens hatten ausliefern wollen, war sein
Leben nun in Gefahr gewesen und die Japaner hatten versucht, ihn
umzubringen. Doch John war in Lettland untergetaucht und hatte
seine Kontaktpersonen damit beauftragt, Mulder zu ihm zu führen,
falls der ihn suchte.
In London war Mulder das brillante Forscherteam, dessen
Mitglieder allesamt verrückter als die Lone Gunmen waren,
vorgestellt worden. Sie hatten sich den Chip, auf dem all die
Beweise und Mulders Bewusstsein abgespeichert waren, angesehen
und werteten die Ergebnisse darauf seit mehr als einer Woche aus.
Sie hatten die Technologie selbst diesen Bewusstseins-Chip zu
steuern und abzulesen, was Mulder zunächst sehr beunruhigt
hatte, denn es hatte ihn an diesen merkwürdigen ferngesteuerten
Taxifahrer in Tokio erinnert. Aber schließlich war John
jahrelang an der Quelle gewesen, warum also sollte er nicht all
die Technologien selbst besitzen, die er über so lange Zeit
vermittelt hatte?
Und John hatte Mulder nicht ein einziges Mal gebeten, noch mehr
Experimente an sich durchführen zu lassen. Er hatte lediglich
zusammen mit den anderen die Tests ausgewertet, die man in Nevada
an ihm durchgeführt hatte. Und die Tests aus seiner Kindheit.
Nun saßen sie in Johns Zimmer in einem großen modernen
Hochsicherheits-Laborkomplex außerhalb von London, der Beamer
warf das Bild der Windows XP Oberfläche an die Wand. Durch die
Jalousien drang das graue kalte Tageslicht hinein und warf
bizarre Schatten auf den Boden. Sie sahen gespannt auf die
Projektion an der Wand.
Die Konzentration war fast spürbar, so dicht war die Atmosphäre
und so angespannt die Gemüter. Sie wussten, es war alles auf
diesem Chip, alles, wovon ihr Leben vielleicht abhing.
Endlich meldete sich räuspernd Colin, der Informatiker, zu Wort.
Er öffnete eine Datei auf dem Desktop und erklärte die Grafik,
die er offensichtlich mit großer Mühe erstellt hatte. Die
Anderen hörten ihm angespannt und unbeweglich vor Konzentration
zu.
Wie Ihr ja alle selber mitbekommen habt, kann man
eigentlich nicht gerade viel aus den Ergebnissen ableiten. Das
Einzige, was wir nun in der Übersicht ganz klar erkennen können
und was uns damit vielleicht einen Hinweis für Fox
Immunität liefert, ist das hier. Er umkringelte mit dem
Laserpointer den Peak einer schwankenden Kurve auf der Grafik.
Das hier sind Fox elektrische Potentiale, die der
Chip gespeichert hat. Seine emotionalen Erregungszustände. Und
das hier
. Und er legte eine andere Kurve darüber.
.das hier sind die Blutergebnisse diverser
medizinischer Untersuchungen. Und selbst ein Fünfjähriger kann
erkennen, dass je höher Fox' emotionale Erregung war, desto
niedriger war die Aktivität der Alien-DNA in seinen Zellen. Da
man auf den Kurven, die seine Hirnaktivität wiederspiegeln,
sieht, dass die Amplituden immer höher wurden, vermuten wir,
dass sich irgendwelche Bewusstseinsinhalte, seien es Erinnerungen
oder Emotionen, sich immer mehr aufgeschaukelt und potenziert
haben, bis ihre Impulse so stark waren, dass sie den
Schwellenwert erreicht hatten, der anscheinend nötig war, ihn zu
immunisieren. Vermutlich ist genau zu dem Zeitpunkt der Tumor
entstanden Greg, der Biologe, fiel Colin ins Wort und sah
Mulder dabei an.
Ich würde allerdings nicht immer so leichtfertig von
Immunität sprechen. Denn was wir bisher übersehen haben, sind
Deine Mitochondrien, in denen alles wie beim Alten ist und sich
die Alien-DNA bester Gesundheit erfreut. Mulder horchte
auf, hatte ihm Scully nicht auch etwas darüber erzählt? Hatte
sie ihn nicht gesagt, dass er durch die Mitochondrien noch immer
angreifbar war? Dass sie darüber noch immer auf ihn Zugriff
hatten? Ja, die Mitochondrien sind doch der Knackpunkt an
der ganzen Sache, nicht wahr? Die Anderen nickten. Und John
ergriff das Wort. Und dennoch ist alles, was Purity in
Deinem Körper auslöst, eine Temporallappenepilepsie, die
wahrscheinlich auch eher auf den Tumor zurückzuführen ist. Das
ist immer noch mehr Immunität, als wir alle zu bieten haben.
Nun schaltete sich Christopher ein, der Mediziner, der sich die
ganze Zeit mit Mulders Gesundheitszustand befasst hatte. Aber
Dein Tumor, Fox, der ist kein Tumor in dem Sinn, wie es der
Volksmund versteht. Es ist zwar eine Neoplasie eine
Neubildung aber eine gutartige wie es aussieht. Er wächst
nicht, er metastasiert nicht, er produziert lediglich fleißig
Neurotransmitter. Neurotransmitter und Proteine. Und es sieht so
aus, als hätte der Tumor den Nanobots in Deinem Körper den
Garaus gemacht. Aber er hat definitiv nicht die Immunität
ausgelöst, er ist vielmehr die Folge davon, welche Funktion er
über die Inaktivierung der Nanobots hinaus hat, das wissen wir
immer noch nicht. Ach ja
und außerdem ist er symmetrisch.
Das war Mulder neu. Scully hatte ihm zwar von dem Tumor in seinem
Gehirn erzählt, aber er wusste auch nicht mehr darüber, als
dass er in seinem Mandelkern, dem Teil seines Bewusstseins lag,
in dem unter anderem emotionale Inhalte verschaltet wurden.
Was meinst Du mit symmetrisch? fragte er daher
irritiert. Nun ja, man kann es auf dem MRT wirklich kaum
erkennen, aber es sieht so aus, als würde dort auf der anderen
Seite genau an derselben Stelle ebenfalls so eine Zellwucherung
stattfinden. Da müsste man vielleicht mal eine neue Aufnahme
machen. Doch John unterbrach ihn und sah ihn ernst an.
Nein, wir hatten abgemacht, dass wir Mulder nicht als
Versuchskaninchen benutzen. Mulder wehrte ab. Lass
nur John, ich würde schon ganz gerne wissen, was für ein Tumor
das ist. Immerhin wächst er ja in meinem Kopf. So was hat man
nicht alle Tage. Die Anderen warfen sich Blicke zu und John
willigte schließlich ein, dennoch war es ihm nicht recht. Er
wollte Mulder nicht das Gefühl geben, dass sie ihn benutzten.
Mulder bemerkte die unangenehme Situation und brach das
Schweigen.
Also schön Leute, was machen wir jetzt mit den
Ergebnissen? Oder kommt jetzt noch Rocky IV im Anschluss?
Und er nickte zu dem Beamer hinüber. Denn dann muss ich
mir noch Popcorn holen. Greg, der Biologe des Teams,
schmunzelte.
Ehrlich gesagt, wissen wir es nicht, wir sind quasi genauso
schlau wie vor zwei Wochen. Der Schlüssel zur Immunität liegt
offensichtlich im Bewusstsein, ausgerechnet in dem Teil des
Menschen, der fast noch vollkommen rätselhaft und unerforscht
ist.
John fuhr fort. Der Punkt ist nur der, dass das Bewusstsein
eben gerade das ist, was die Regierung ausschalten muss, um die
Alien-Mensch-Hybriden mittels der Chips steuern zu können.
Du meinst so, wie Du den Taxifahrer gesteuert hast?
Mulder kam offensichtlich darüber nicht hinweg. John nickte.
Ja, genau so. Und daher ist bisher von keiner Regierung
daran gedacht worden, die Information über das Bewusstsein, die
auf den Chips gespeichert ist, für etwas anderes als für die
Steuerung der Hybriden zu nutzen. Denn das Bewusstsein hatten sie
dabei die ganze Zeit inaktiviert. Und wahrscheinlich ist das
genau der Grund, warum unsere Alien-Mensch-Hybriden zwar
steuerbar aber nicht immun sind. Und das ist auch der Grund,
warum ich mich von meinem Vater abgewendet habe. Weil ich nicht
an eine Zukunft geglaubt habe, in der die Menschen ihr
kostbarstes Gut, ihren Verstand, von so einem winzigen Chip
steuern lassen." Mulder legte die Stirn in Falten.
"Klar, deswegen hast Du auch so einen Spielzeugtaxifahrer,
weil Du diese Technologie ablehnst. Ganz schön inkonsequent,
meinst Du nicht?" John hob die Augenbrauen. Er war mit der
Technologie aufgewachsen, er kannte es gar nicht anders, doch das
konnte Mulder nicht verstehen. Wie kommt es eigentlich,
dass Du mir immer noch nicht vertraust, Fox? versuchte John
sich zu wehren und stand gekränkt auf, um auf Mulder zu zu
gehen. Doch bevor Mulder etwas entgegnen konnte, versuchte
Walter, ein anderes Team-Mitglied, den aufkeimenden Streit zu
schlichten.
Hey Leute. Ganz locker bleiben, ja? Was John damit sagen
will ist, dass wir zwar über alle Technologien verfügen, den
Chip als Steuerelement zu nutzen, aber dass noch niemand daran
gedacht hat, dass er auch zur Immunisierung genutzt werden kann.
Ohne diesen ganzen Science-Fiction-Kram wie ferngesteuerten
Soldaten oder seelenlosen Marionetten. Wir hatten die Nanobots
und die Impfstoffe dafür vorgesehen, doch die haben ja
offensichtlich alle nur mangelhaft funktioniert, weil dieses
widerliche schwarze Zeug so dermaßen resistent ist, dass selbst
das HI-Virus daneben wie ein Anfänger wirkt. Es ist der reine
Zufall, dass ausgerechnet diese Steuerchips die Information
tragen, die die Pläne der Purity Control Projekte komplett über
den Haufen wirft, aber zugleich auch die Lösung für unser
Überleben liefert. Nun müssen wir herausfinden, wie man das,
was auf Deinem Bewusstseins-Chip gespeichert ist,
vervielfältigen und nutzen kann. Wie man es jedem anderen
einsetzen kann. Wie man daraus einen Impfchip
herstellt, wenn die herkömmliche Impfung schon nicht
funktioniert.
Mulder klatschte in die Hände und pfiff, endlich hatten sie ein
Ziel, eine Idee. Na, das ist doch mal ein Anfang. Stellt
den Chip serienmäßig her. Der Fox 2000 Advanced'. Ich
will aber mindestens 30 Prozent Gewinnbeteiligung. Die
Anderen sahen ihn verärgert an, nur Greg verkniff sich wieder
ein Grinsen.
Es erschreckte Mulder immer wieder, wie wenig die Regierungen in
Wahrheit über diese Alien-Macht herausgefunden hatten und wie
wenig sie gegen die in der Hand hatten. Er war deren einziger
Anhaltspunkt. Und warum hatte die US-Regierung, die seit über
einem Jahr seinen Chip in ihren Händen hatte, nicht längst
dieselben Erkenntnisse gewonnen? Warum hatten sie nicht längst
Impfchips daraus hergestellt?
Und war nicht selbst ihre neue Hoffnung ein verlorenes Spiel?
Hatten sie überhaupt eine Chance gegen eine Macht, die ihnen
offensichtlich so überlegen war?
John wechselte das Thema, denn es war nun
klar, was ihr nächster Schritt sein sollte. Also klickte er sich
nun auf dem Desktop zu einer Datei durch, die die Photos der
Frauenleichen auf die Wand projizierte. Mulder tat es weh, all
die jungen Frauen in Großformat sehen zu müssen. Denn jede
dieser Frauen hätte Scully sein können.
John, muss das denn sein? Wir wissen doch, wie viele es
mittlerweile sind. Und wir wissen auch, was sie getötet hat. ---
Und wer. John nahm Rücksicht auf Mulder und schloss die
Bilderserie, jedoch nicht ohne ihm noch seine Meinung dazu zu
verkünden. Ja, in der Tat war das offenbar deren Antwort
auf Deine Aktion in der Wüste, wie ich es Dir in Japan
prophezeit hatte. Damit sind nahezu all die Frauen tot, die die
Schattenregierungen für die Erschaffung der
Alien-Mensch-Hybriden vorgesehen hatten. Es sieht also so aus,
als hätten die Regierungen verloren. Und wir haben damit einen
Vorsprung. Dennoch war es wirklich mutig von Dir dort einfach so
hineinzuspazieren. Wir könnten jetzt alle tot sein! Colin
fiel ihm fast ins Wort, da er nicht schon wieder wollte, dass
Mulder und John sich stritten.
Ja, wir sind zwar den anderen einen Schritt voraus, doch
denen da oben hinken wir noch immer nach und genau das kann uns
unseren Kopf kosten. Also sollten wir uns jetzt an die Arbeit
machen. Colin fuhr den Computer herunter und die zehn
anderen Männer des Teams sprangen auf, als hätte man einen
Knopf gedrückt und verzogen sich in ihre Labors, während Mulder
auf John zuging.
Und dabei willst Du es belassen? Willst Du den Familien
dieser Frauen überhaupt nicht sagen, was los ist? Warum sie
gestorben sind? Und was ist mit denen, die noch nicht tot sind?
Willst Du die nicht warnen? John hielt Mulders Blick stand.
Und was sollen wir Deiner Meinung nach mit den Frauen tun?
Ihnen die Chips entfernen, so dass sie an Krebs erkranken? Diese
Frauen waren doch schon dem Tode geweiht in dem Moment, in dem
die Regierungen sie in die Finger bekommen haben. Sie sollten die
Gebärmaschinen für deren kranke Kreaturen werden, sie haben
ohnehin keine Chance." Doch John begriff, dass er einen
Fehler gemacht hatte, in dem Moment, in dem er es gesagt hatte.
Denn Mulders Blick war so scharf und finster, dass es ihm einen
Schauer über den Rücken jagte. Er biss sich auf die Lippen.
Mulder trat näher an ihn heran und sah auf ihn herab. Wenn
Du willst, dass ich Dir vertraue, solltest Du vielleicht das
nächste Mal nachdenken, bevor Du sprichst. Und er drehte
sich wütend von ihm weg, damit er nicht der Versuchung erlag,
ihm den Hals umzudrehen und verließ den Raum, nicht ohne die
Türe laut krachend ins Schloss fallen zu lassen.
Scully war eine von diesen Frauen. Und erst wenn sein Sohn gesund
auf der Welt war und Scully das überlebt hatte, würde er wieder
ruhig schlafen können. Doch bis dahin war es noch ein
ungewisser, langer Weg.
Auf dem Weg zurück in die Stadt zu seinem Hotelzimmer konnte er
die ganze Zeit ein leises Flüstern wahrnehmen. Es war dasselbe
Flüstern, das die letzten zwei Wochen endlich verstummt gewesen
war, doch nun, mitten in London, kam es plötzlich wieder. Ganz
leise, fast unmerklich. So wie das Zittern der Erde unter seinen
Füßen, das auch nur die wenigen Tiere, die noch durch die
Städte huschten, und die Seismographen in den Labors wahrnahmen.
Zwei Tage später, Georgetown University Hospital
Scully drückte Skinners Hand und atmete leise aus. Sie hatte vor
Anspannung die ganze Zeit die Luft angehalten, doch nun war sie
sich sicher, dass ihre Idee seine einzige Chance war. Sie ließ
Skinners Hand mit einem letzten Blick auf sein EEG los und machte
sich auf den Weg zu seinem Neurologen Dr.Williams.
Sie wollen WAS?? Der Arzt nahm irritiert seine Brille
ab, schmiss sie auf die Papiere auf seinem Schreibtisch und sah
Scully entgeistert an. Scully kannte diesen Blick zu gut, doch
nur ihr zuckendes Augenlid verriet, dass es ihr noch immer etwas
ausmachte, wenn man sie für verrückt erklärte. Ihre Stimme
blieb fest und ihr Blick blieb starr.
Ich weiß, dass es kontraindiziert ist, MAO-Hemmer und
Paroxetin zu kombinieren. Ich bin mir darüber durchaus im
Klaren, dass die Komplikationen, die daraus erwachsen können,
ihn umbringen könnten. Aber sehen Sie sich seine Nierenwerte an.
Der Arzt fühlte sich in seiner Autorität verletzt und in seinem
Stolz. Er hasste weibliche Kollegen. Aber diese Kollegin hatte
ihm unter dem Mikroskop auch das gezeigt, was in dem Blut seines
Patienten war. Und er hatte sich eingestehen müssen, dass er
sprachlos war, denn so etwas hatte er bislang immer für
Science-Fiction gehalten.
Doch war zurzeit nicht alles etwas merkwürdig? Waren nicht die
gestörten Fernsehübertragungen, die Flugzeugabstürze und das
komische Wetter, so wie die sich anbahnende Öko-Katastrophe
Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte? Passte dieser Patient
nicht besser in dieses sonderbare Bild der Realität um ihn herum
als alle anderen, die zurzeit in seiner Obhut waren? Er
räusperte sich und lenkte ein, denn er wusste, Walter Skinner
würde nicht mehr lange in diesem Zustand überleben. Diese
Metallpartikel schienen sich jedes Mal, wenn er eine frische
Bluttransfusion erhalten hatte, direkt wieder zu teilen, so lange
bis sein Blut wieder so dick war, dass es in den
Blutabnahmeröhrchen fast grau statt rot schimmerte. Er war dem
nicht gewachsen, das musste er sich nach über 20 Jahren
Berufserfahrung zum ersten Mal eingestehen. Also lenkte er ein.
In der Tat. Sein Kreatinin ist enorm hoch und ich weiß
nicht, wie viele Aderlässe er noch verkraftet. Ich weiß
eigentlich überhaupt nichts über diesen Fall, und da das FBI
mich über meinen eigenen Patienten ebenfalls nicht aufklären
will, kann ich ihm auch nicht die optimale Therapie bieten. Also
wenn Sie der Ansicht sind, dass ihn diese Art der Therapie nicht
umbringt, dann ist das schön. Allerdings werde ich ihm diese
Medikamente nicht verabreichen, das müssen Sie tun.
Und damit stand er auf und gab ihr unmissverständlich zu
verstehen, dass ihr Gespräch beendet war. Scully kannte diesen
Blick, sie war schon oft männlichen Kollegen auf den Schlips
getreten, denn von einer Frau Ratschläge anzunehmen fiel ihnen
allen schwer. Sie bedankte sich und verließ den Raum um sich die
Substanzen, die sie benötigte, zu besorgen.
Am nächsten Morgen
Ein hohes lautes Piepsen riss Scully aus ihren Träumen. Sie
hatte gar keine Zeit sich darüber klar zu werden, dass sie
tatsächlich die ganze Nacht an Skinners Bett gesessen hatte,
denn sie wurde unsanft von einer Schwester zur Seite gestoßen,
die hereinstürmte und direkt Alarm schlug. Scully sah Skinner
an, als sie noch ganz schlaftrunken begriffen hatte, was los war
und erkannte sofort, dass er einen Anfall hatte. Ihre und
Dr.Williams Befürchtungen bezüglich der Medikamentenkombination
hatten sich bestätigt. Als der Neurologe hineingelaufen kam,
funkelte er Scully wütend an.
Es wurde unruhig um sie herum, Pflegepersonal zappelte überall
durch die Gegend, hastig wurden irgendwelche Befehle in den Raum
gerufen und aufgeregte Assistenten rannten dauernd auf den Flur
um Materialien zu holen.
Doch Scully erkannte auf dem EEG-Monitor zwischen all den
unkoordinierten Zacken, die Skinners Muskelzuckungen auslösten,
auch jene Wellen, die sie schon seit zwei Wochen darauf vermisst
hatte. Sie packte Dr.Williams Arm bevor er Skinner ein
Medikament gegen den Anfall spritzen konnte und sah zu dem
Monitor auf.
Doktor, er hat alpha-Wellen. Der Arzt folgte ihrem
Blick ungläubig und während er noch begriff, dass sein Patient
nach zwei Wochen endlich aus dem Koma erwacht war, beruhigte
Skinner sich und seine Muskelzuckungen wurden immer schwächer,
bis er schließlich ganz ruhig und erschöpft in seinem Bett lag.
Der Arzt ließ von Skinner ab und atmete erleichtert auf,
während er noch immer ein wenig skeptisch auf das EEG sah, auf
dem eindeutig zu erkennen war, dass Skinner nun wach war, wenn
auch seine Augen geschlossen waren. Als er sah, dass sich
Skinners Herzfrequenz und Blutdruck normalisierten, warf er
Scully einen strengen Blick zu.
Na, da haben Sie aber nochmal Glück gehabt, Frau Kollegin.
Er sah abschätzend zu ihr hinunter und verließ, nachdem er der
Schwester noch ein paar Anweisungen gegeben hatte, den Raum.
Scully war nicht minder erleichtert und ließ sich erschöpft
wieder auf den Stuhl fallen, auf dem sie die Nacht verbracht
hatte. Sie atmete leise aus und nahm wieder Skinners Hand in
ihre. Geistesabwesend blickte sie auf sein Gesicht, in der
Hoffnung seine Augen würden sich bald öffnen. Doch in Gedanken
war sie weit weg, jenseits des Atlantischen Ozeans.
Zwei Wochen später in einem kleinen
Apartment in Tokio
Der weißhaarige Japaner zündete sich eine Zigarette an. Seine
Letzte.
Er sah aus dem Fenster hoch über der Stadt. Der Himmel war
golden von der untergehenden Sonne, die die schwarze
Wolkenschicht, die unheilvoll über der Stadt hing, anstrahlte.
Der schwarze Regen hatte vor Wochen aufgehört und noch immer
warteten sie auf den nächsten, doch es war still in den Parks
geworden ohne das vergnügte Zwitschern der Vögel. Und die
Küsten Japans waren von den Schwärmen toter Fische, die
angespült worden waren, in stinkende Massengräber verwandelt
worden. Was würde als nächstes kommen?
Mulder hatte die Waffe am Flughafen gelassen. Ihr Handel war
somit schiefgegangen. Die Invasoren hatten die Waffe der Anasazi
verlangt. Die Waffe und Mulder, im Tausch gegen wertvolle Zeit,
einen weiteren Aufschub der Invasion um kostbare Jahre, die die
Vollendung ihrer Pläne noch gebraucht hätte. Mulder hatte die
Waffe nicht mitgenommen und stattdessen war er alleine in dieses
Kraftfeld eingebrochen, hatte dieses riesige Ungetüm, dieses
Spannungsfeld dunkler Materie betreten, als wäre es nichts
anderes gewesen als ein Bürogebäude. Und er hatte es überlebt.
Er und seine Partnerin. Es hatte sie beide nicht töten können.
Stattdessen hatte ihre Anwesenheit, ihre Präsenz in diesem
Kraftfeld, ungeahnte Konsequenzen gehabt. Das riesige
Kommunikationsfeld hatte sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten
bewegt. Es hatte sich zurückgezogen, war stumm kreischend
aufgefahren in den Himmel, aus dem es vor langer Zeit über
Sibirien hinabgetaucht war. Es hatte wabernd über der Wüste
gezuckt und pulsiert. Wie in einer Art Todesschrei hatte es
elektromagnetische Impulse ausgesandt, Impulse, die man selbst
hier in Tokio hatte messen können. Die Erde hatte gebebt. Und
seitdem waren sämtliche Aliensoldaten wie vom Erdboden
verschluckt. Warteten sie irgendwo auf den Befehl, die Invasion
zu beginnen?
Es war klar, dass er und all die Mitglieder dieser Verschwörung
es nicht überleben würden, weil sie ihre Abmachung nicht
eingehalten hatten. Die würden ihre Arbeit schrittweise
vernichten, so wie sie diese Frauen getötet hatten, und sobald
sie wieder stark genug waren, würde die Invasion beginnen. Deren
Warnung war sichtbar, für jeden auf diesem Planeten. Unzählbare
Tierarten waren für immer von der Erde verschwunden. Eine
Katastrophe bahnte sich an, ihr Ökosystem drohte zu kollabieren.
Und nun verharrte es dort oben. Still und voller Unheil wachte es
über ihren Planeten, sammelte es die Energien, die ihm diese
beiden Amerikaner geraubt hatten.
Doch warum? Was machte diese Menschen so stark, dass sie dieser
Macht hatten trotzen können?
Er hob das Röhrchen mit ihren Chips in die Höhe und sah im
goldenen Abendlicht auf das schwache Schimmern der
Metalloberfläche. Konnten die Abdrücke zweier Seelen
tatsächlich auf diesen Chips sein? Hatten diese Chips all das
erfasst, was diese Menschen mit sich herumtrugen, was dieses
Kraftfeld in der Wüste, dieses außerirdische Wesen in den
Himmel gejagt hatte? Warum hatten seine Wissenschaftler dann
nichts über diese beiden Menschen herausfinden können? Warum
verstanden sie die Ursache der Immunität nicht? Weil sie nicht
in chemischer oder biologischer Form auf den Chips zu finden war?
War der Schlüssel zu dieser Macht, die die beiden besaßen, von
derselben Natur wie dieses außerirdische Wesen, das über ihnen
über den Himmel zog? War es Energie? Eine spirituelle Kraft? War
es dunkle Materie? Wenn es so war, wieso trugen ausgerechnet
diese beiden Menschen es in sich? Und was würde es der
Menschheit nützen?
Sie hatten auf der ganzen Linie versagt, hatten ihre wertvolle
Arbeit binnen Sekunden verloren. Und nun drangen die in seinen
Kopf ein. Und er konnte nichts dagegen tun.
Er drückte die Zigarette aus und schloss seine Faust um das
Röhrchen mit den beiden Chips, bevor er es in einen weichen
Umschlag, der an eine Adresse in England geschickt werden würde,
fallen ließ. Er wählte eine Nummer in Tokio, ließ es dreimal
klingeln und legte auf, während er das Fenster über der Stadt
öffnete um sich mit einem letzten Blick in den Himmel die vielen
Meter hinunter durch die Häuserschlucht in den Tod zu stürzen.
So konnte er wenigstens über sein eigenes Ende entscheiden.
Zwei Wochen später, London England 10:03 morgens
Der Kernspintomograph dröhnte und summte laut, als Mulder
versuchte ganz still darin zu liegen und sich zu beruhigen. Doch
das Herz schlug ihm bis zum Hals. Es wurde immer enger. Das
Flüstern in seinem Kopf war nun dauerhaft da, es wollte
überhaupt nicht mehr aufhören. Nur nachts verstummte es für
einige Stunden um ihn in qualvolle Alpträume zu entlassen. Seit
Wochen schien keine Sonne mehr und es war kalt geworden. Die
Bäume reckten sich kahl und schwarz in die Höhe und die
Straßen und Häuser wirkten tot und grau. Die Nachrichten über
Massensterben sämtlicher Tierarten häuften sich und die
Strände an den Mittelmeerküsten hatten sich von Touristen
geleert, die schreiend ihre Kinder von den Bergen toter Fische
weggezogen hatten. Und nachts war es heller geworden über den
Städten. Die schwarzen Wolken schienen ein dunkelrotes Glühen
zu verbergen, das den Nachthimmel diffus erhellte. Doch die
Menschen waren wie gelähmt. Die Regierungen sahen tatenlos zu
und versuchten die geängstigte Bevölkerung zu beruhigen.
Sie mussten endlich etwas tun. Mulder wollte die Hoffnung nicht
aufgeben, dass sie eine Chance hatten. Und er würde alles dafür
tun und wenn er sein Leben dafür opfern musste.
Als er wieder auf der Trage herausgefahren wurde, setzte er sich
auf und lief zu John und Christopher, die vor dem Monitor saßen,
auf dem sein MRT erschien. Als Mulder sich hinter sie stellte
zeigte Christopher auf einen Bereich in seinem Gehirn. Hier
ist der Tumor, den Du schon seit über einem Jahr hast. Und nun
sieh mal hier. Und er zeigte mit der Spitze eines
Bleistifts auf eine winzige helle Verdichtung in demselben Gebiet
auf der anderen Seite seines Gehirns. Also für mich sieht
das klar nach dem kleinen Bruder von Nummer 1 aus, schloss
John aus dem Bild. Mulder hatte sich mittlerweile an Johns Mangel
an Empathie und Sensibilität gewöhnt und ignorierte seinen
Kommentar. Stattdessen sah er auffordernd zu Christopher, der ihm
mit einem bedauernden Nicken Johns Entdeckung bestätigte. Mulder
setzte sich.
Und was heißt das? Was geschieht nun mit mir?
Christopher zuckte mit den Achseln. Deine neurologischen
Tests sind alle normal, zumindest sind sie unauffällig. Und die
Symmetrie, die haarfeine Abgrenzung der Neubildung und die Form
lassen vermuten, dass es sich hier keineswegs um etwas
Bösartiges handelt, was mir aus der Literatur bekannt wäre. Wir
könnten natürlich noch eine PET und andere Untersuchungen
anschließen. Aber ich bezweifle, dass uns das weiterbringen
wird. Wir sollten das einfach beobachten. Schließlich produziert
der Tumor die Proteine, die diese Nanotechnologie in Deinem Blut
inaktiviert haben. Das ist jetzt sicher. Das einzige Problem
könnte sein, dass die Neurotransmitter, die der Tumor auch noch
produziert, eine Psychose oder andere Veränderungen bei Dir
auslösen. Mulder überlegte noch, ob er es sagen sollte,
aber schließlich entschied er sich, offen zu sein. Sie hatten
ohnehin nichts zu verlieren. Was ist mit den Stimmen in
meinem Kopf, könnten die daher kommen? John sah ihn
überrascht an. Stimmen? Ja, ich höre seit
Wochen ein merkwürdiges Flüstern. Erst dachte ich, es hinge mit
dem Kraftfeld in der Wüste zusammen. Aber ich höre es jetzt
dauernd. Ich kann nichts verstehen, es sind keine Worte, es ist
nur ein Wispern. Christopher sah nachdenklich auf das
MRT-Bild. Mh
Akustische Halluzinationen treten
allerdings eher bei Schädigungen der Großhirnrinde auf. Aber
vielleicht senkt der Tumor einfach Deine Wahrnehmungsschwelle.
Immerhin ist er in einem sehr sensiblen Gebiet Deines Gehirns.
Was, wenn Du durch den Tumor einen Funktionsgewinn hast und Dinge
wahrnimmst, die unsere Gehirne unbewusst ausblenden? Wir sollten
vielleicht doch noch eine PET anschließen, dann können wir
sehen, was in diesem Tumor vor sich geht und wo die
Neurotransmitter hinspazieren, die das Ding produziert.
John schüttelte den Kopf, doch Mulder willigte ein, er wollte
wissen, warum er diesen Tumor hatte und was er ihm nützte. Er
sah die Beiden an. Wie weit seid Ihr mit dem Chip? Habt Ihr
schon eine Möglichkeit gefunden ihn für andere nutzbar zu
machen? Christopher und John sahen sich an und nickten
Mulder schließlich schweigend zu. Christopher ging in den
Nebenraum um Colin anzurufen und es dauerte keine fünf Minuten
und das halbe Team befand sich in dem kleinen Raum, durch dessen
Glasfenster man auf den noch immer leise summenden
Kernspintomographen sehen konnte. Colin war aufgeregt als er
sprach.
Wir haben heute morgen den Chip, den Du in Deinem Nacken
hattest, kopiert und übertragen auf einen dünnen Film aus
verschiedenen isoelektrischen Substanzen. Wir haben in der
letzten Woche einen Trägerchip entwickelt, wenn wir nun den
dünnen Film und deine Chipkopie darauf setzen und das ganze
Paket jemandem direkt über dem Rückenmarkskanal einsetzen,
müssten wir in der Lage sein, Dein Bewusstsein auf diese Person
zu übertragen. So fantastisch es klingt, aber theoretisch ist es
möglich. Allerdings haben wir es bisher noch nicht an jemandem
versuchen können, der ein eigenes Bewusstsein hat und genau das
könnte das Problem sein. Wir wissen nicht, was Dein Chip
auslöst. Und ob die Immunität wirklich übertragbar ist. Denn
unsere Labormäuse können wir dafür nicht nutzen, dafür sind
die elektrischen Potentiale auf dem Chip zu stark, ihre Gehirne
würden der Spannung nicht standhalten und so lange wissen wir
nicht, ob es tatsächlich funktioniert. John stand auf.
Doch genau das werden wir herausfinden. Denn ich werde mich
als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen.
Damit hatte niemand gerechnet und Christopher schoss aus seinem
Sitz ebenfalls in die Höhe und griff Johns Arm. John! Wir
haben überhaupt keine Ahnung, was das mit Dir anstellt. Bist Du
Dir darüber im Klaren, was das vielleicht bedeutet? Doch
John sah ihm direkt in die Augen. Ohne mit der Wimper zu zucken
entgegnete er: Ja, und haben wir eine Wahl? Müssen nicht
ohnehin Opfer gebracht werden? Wer soll sich denn sonst zur
Verfügung stellen? Wir haben keine Zeit mehr, das vorher an 100
Affen zu testen, wir müssen schnell handeln, seht doch hinaus in
den Himmel! Wie lange glaubt Ihr wohl wird es noch dauern, bis
dieser Regen wieder einsetzt? Und was wissen wir schon, was
danach kommt?" Alle sahen betreten auf den Boden. In der Tat
hatten sie nicht daran gedacht, dass es jemanden geben würde, an
dem der erste Chip getestet werden musste.
Selbst Mulder wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte Angst
vor den Tests. Denn es war sein Chip, der da kopiert worden war.
Was war darauf gespeichert? Was würde es mit John anstellen?
Walter brach schließlich das Schweigen und sah auf die Uhr.
Heute Nachmittag müssten wir so weit sein. Also wenn Du
Dir wirklich sicher bist, könnten wir heute noch herausfinden,
ob es funktioniert. John lächelte, doch seine Zweifel
waren für Mulder unübersehbar, er konnte die Angst in seinen
Augen sehen. Und doch blieb er standhaft. Gut, worauf
warten wir dann noch?
Damit brachen alle schweigend wieder auf und kehrten in ihre
Labors zurück, um alles für den Test vorzubereiten. Einer der
Ärzte des Teams griff sich John und ging mit ihm das Prozedere
in einem Nebenzimmer durch, denn John würde dafür eine Narkose
brauchen, da sie ihm den Chip unter die Rückenmarkshaut setzen
mussten.
Mulder ließ sich neben Christopher nieder und starrte auf sein
MRT. Er stützte den Kopf in die Hände und schloss die Augen. In
was für einem Alptraum war er hier nur gelandet?
Irgendetwas sagte ihm, dass es nicht funktionieren würde. Denn
die Immunität war in ihm über Jahre entstanden zusammen mit so
vielen absurden und außergewöhnlichen Begleitumständen und er
bezweifelte, dass es allein die elektrischen Impulse und
Informationen waren, die dort auf dem Chip waren, die seine
Immunität ausmachten.
Sieben Stunden später im OP-Trakt
desselben Forschungszentrums
Mulder sah aus dem Fenster. Das Gras im Innenhof war gelb-braun
und die Bäume standen kahl um den kleinen Park herum, wie
Soldaten im Spalier. Das gesamte Forschungszentrum war voller
Labors, in denen unbeteiligte Menschen Routinetests für die
umliegenden Londoner Krankenhäuser durchführten, wie konnten
sie ausgerechnet in so einem belebten Zentrum, inmitten all der
Ärzte und Wissenschaftler, solche Experimente durchführen? Wem
gehörte dieses Zentrum? Wer erlaubte John und seinem Team hier
den Zugriff auf die Labors und OP-Säle? Er vermutete, dass John
selbst der Besitzer dieses Zentrums war. Und genau das war der
Grund, warum er ihm nicht traute. Er war ihm so ähnlich in
seinen Überzeugungen und Zielen auf der einen Seite und auf der
anderen Seite hatte er so viel Macht und all diese Technologien
um sich herum, die ihn so wenig von diesen Regierungsmitgliedern
unterschieden, die Mulder nun seit über zehn Jahren verabscheute
und bekämpfte. Es war paradox. Denn Mulder wusste nicht, ob er
hier auf der guten oder auf der bösen Seite stand. Gab es in
einem Kampf gegen einer außerirdische Macht überhaupt noch ein
Gut und ein Böse?
Jemand riss ihn aus seinen Gedanken indem er gegen die Tür
klopfte, der er den Rücken zugewandt hatte. Er drehte sich um
und erkannte Gregs Augenpaar über dem Mundschutz durch das
Glasfenster der Tür. Er zog sich seinen eigenen Mundschutz über
und ging hinein. Es geht gleich los, aber bevor wir in den
OP gehen, solltest Du Dir das hier ansehen! Und er hob
einen weichen Umschlag in die Höhe. Ein japanischer Poststempel
war darauf zu erkennen und Mulder sah Greg fragend an. Das
lag heute Morgen auf Johns Schreibtisch. Und sieh mal, was drin
ist. Er ließ ein Glasröhrchen mit zwei Metallchips darin
auf seine Handfläche fallen und hielt es gegen das Licht, so
dass Mulder es auch sehen konnte.
Wessen Chips sind das? Der eine ist von Dir.
Und der andere
tja, vielleicht siehst Du dir das am besten
selbst an. Wir haben nur eine Vermutung. Jetzt? Aber
es geht doch gleich los! Greg griff Mulder unter den
Arm und zog ihn zur Tür. Ja, aber es dauert eine Weile bis
die den Chip einsetzen, eine Stunde bleibt uns noch mindestens,
die müssen sich erst einmal bis zu den Rückenmarkshäuten
vorarbeiten.
Als Greg und Mulder in den Informatikraum kamen, hatte Colin
bereits die Informationen auf dem zweiten Chip in eine seiner
Grafiken verwandelt und rieb sich aufgeregt die kalten Hände an
seiner Jeans warm. Fox, endlich! Sieh Dir das mal an!
Er öffnete zwei Grafiken und legte sie übereinander.
Die grüne Grafik ist die elektrische Aktivität auf Deinem
Chip und die rote ist die Aktivität des anderen Chips. Und was
würdest Du nun sagen, wessen Chip das hier ist? Er sah
Greg aufgeregt an und schwieg. Mulder überlegte und sah sich die
Kurven an. Sie waren vollkommen verschieden, er wusste nicht
genau, worauf die beiden anderen hinauswollten, doch da fiel sein
Blick auf das Datum, ab dem der andere Chip registriert worden
war.
Nicht eine Sekunde musste er überlegen, denn diesen Tag würde
er niemals vergessen. Es war der Tag, an dem er Scully den Chip
besorgt hatte, der ihr gegen ihre Krebserkrankung eingesetzt
wurde. Er hatte damals dem Himmel dafür gedankt, dass sie nicht
seinetwegen hatte sterben müssen.
War das die Kopie dieses Chips, die er vor sich hatte? Sah er
gerade die elektrischen Signale vor Augen, die dieser Chipscanner
auf ihrem Chip gemessen hatte? Sah er den Abdruck ihrer
Bewusstseinsveränderungen vor sich? Greg konnte das Flackern in
Mulders Augen sehen und wusste, dass er nicht falsch gelegen
hatte mit seiner Vermutung, dass es Scullys Chip war, den sie
dort aus Japan geschickt bekommen hatten. Er legte seine Hand auf
die Maus neben dem Keyboard und zeigte Mulder, warum er zu dieser
Vermutung gekommen war.
Hier, siehst Du? Anfangs sind die beiden Kurven vollkommen
verschieden, doch hier hinten sieht man deutlich, dass sie
gemeinsame Peaks und Verläufe haben. Immer nur über wenige
Augenblicke. Wie kann man sich das erklären außer darüber,
dass die beiden Personen, die diese Chips in sich trugen, zur
selben Zeit, dasselbe gefühlt und erlebt haben?
Mulder nickte und sein Herz klopfte. War das hier der Abdruck der
Seele, die er so schmerzlich vermisste? Konnte es tatsächlich
sein, dass er nicht nur das Gefühl gehabt hatte, sie beide
wären im tiefsten Inneren miteinander über all die Jahre
verschmolzen, hatte sich das so stark auf ihr Bewusstsein
ausgewirkt, dass sie tatsächlich über die elektrischen Signale,
die sie aussandten verbunden waren?
Aber konnte ihre zarte wunderbare Seele, die er so von Herzen
liebte, tatsächlich so banal aussehen, wie rote Kurven, die sich
unregelmäßig hoben und senkten? War eine Seele nicht vielmehr
als eine Linie mit Hoch- und Tiefpunkten? War es wirklich so
simpel?
Ich weiß, was Du denkst, Fox.
Greg hatte dasselbe empfunden. Das Bewusstsein war viel
komplizierter als das, was sie vor sich sahen, es war zu
vereinfacht. Colin bemerkte die merkwürdige Spannung, die in der
Luft lag und versuchte die Lage zu entspannen.
Aber immerhin ist dieser Chipscanner auch nur in der Lage
die Informationen auf diesen Chips zu verrechnen. Er zeigt
lediglich die Schwankungen des gesamten elektrischen Potentials
auf dem Chip. Er zeigt keine feinen Unterschiede, keine
Erinnerungen oder einzelnen Gefühle. Die sind zwar da drauf
gespeichert, aber wir können sie nicht ablesen. Was Du hier vor
Dir siehst ist also lediglich eine elektromagnetische
Momentaufnahme, tatsächlich nur der Abdruck, den Eure
Hirnströme in ihrer Summe in einem elektrischen Feld
hinterlassen. Und dennoch ist es frappierend, wie ähnlich sie
sind.
Mulder war sprachlos und scrollte sich weiter durch die
Zeitleiste, am unteren Rand der Grafik. Die beiden Kurven hatten
in der Tat immer wieder gemeinsame Verläufe. Er scrollte sich
durch die Jahre 1997, 1998,1999 und gelangte immer näher bis in
die Gegenwart. Er hatte fast Angst davor, welches das aktuelleste
Datum war, das hier gespeichert war.
Er schämte sich fast diesen Chip und die tanzende rote Linie
anzusehen, ermöglichte es ihm doch einen Einblick in Scullys
tiefstes Inneres. Einen verschlüsselten, rätselhaften Einblick
und doch war es mehr, als sie ihn jemals hat wissen lassen. Die
rote Kurve war voller Leben und Veränderung. All die Momente, in
denen sie so unberührt und unbeeindruckt gewirkt hatte, all die
Jahre, in denen sie zusammen gearbeitet hatten, hatte sich so
vieles in ihr getan. Warum war er nicht Teil davon gewesen? Warum
hatte er nur einen Bruchteil all dieser Bewegungen in ihrem
Inneren wahrgenommen?
Greg stand auf und warf Colin einen Blick zu. Sie zogen sich
langsam aus dem Raum zurück, denn sie selbst kamen sich
plötzlich wie Eindringlinge vor. Eindringlinge in das Innere
zweier Menschen, die sich sehr nahe standen. Es war absurd, denn
die Kurven hätten ebenso gut die Temperaturschwankungen einer
bestimmten Stadt über 5 Jahre sein können. Und doch war so viel
mehr Information darin versteckt, aber nur Mulder konnte damit
etwas anfangen und so verließen sie den Raum.
Mulder hielt inne, als er an einem Tag ankam, an dem ihr Chip
offenbar einen Ausfall gehabt hatte. Es war ein Tag jenseits des
Tages, an dem ihm sein Chip entfernt worden war. Es war ein Tag,
der ziemlich genau 7 ½ Monate zurücklag. An diesem Tag hörte
Scullys rote Linie plötzlich auf. Doch schon kurz danach setzte
sie wieder ein und nahm einen unregelmäßigen, hochfrequenten
Verlauf mit vielen Peaks, nur um dann vier Monate später wieder
aufzuhören.
Mulder stockte der Atem und ihm wurde heiß. Die Erinnerung an
den Tag, an dem der Chip offenbar für wenige Augenblicke
ausgesetzt hatte, ließ sein Herz schneller schlagen und er wurde
unruhig. Es war der Tag gewesen, an dem zwei ihrer Zellen zu
einer verschmolzen waren. An dem sie dieses neue Leben geschaffen
hatten. Der Tag, an dem sie einander endlich das offenbart
hatten, was sie beide so lange mit sich herumgetragen hatten.
Mulder schluckte.
Konnten diese aufgestauten Gefühle in diesem Moment, als das
Kind gezeugt wurde, einen Kurzschluss verursacht haben? Und was
hatte dann letztlich die Inaktivierung des Chips vier Monate
später ausgelöst? Ihr Kuss in seiner Wohnung? Der Moment, in
dem sie sich entschieden hatten, diese Liebe endgültig
zuzulassen? Oder war es der Moment gewesen, in dem das Kind in
ihrem Bauch angefangen hatte zu träumen? In dem seine
Hirnströme zusammen mit denen seiner Mutter diesen Chip
inaktiviert hatten?
Wenn er darüber nachdachte, was diese Gefühle in ihm
auslösten, war es überhaupt nicht abwegig, dass sie auch die
Ursache der Störungen auf dem Chip waren. Was waren Gefühle
anderes als freigesetzte Botenstoffe in seinem Gehirn, die
elektrische Erregung in seinen Nervenzellen verbreiteten?
In Mulder überschlugen sich die Gedanken, er fühlte das
Bedürfnis, sofort zu ihr zu fliegen und sie in seine Arme zu
nehmen und seine Nase in ihrem duftenden weichen Haar, das immer
so rot in der Sonne leuchtete, zu vergraben.
Doch er schloss die Grafik und stand auf. Er musste sich wieder
beruhigen, musste wieder einen klaren Gedanken fassen. Wie viele
Kopien von ihrem Chip gab es? Wie konnte es sein, dass andere
Zugriff darauf hatten? Es war so falsch. Er fühlte, dass er sie
beschützen wollte, dass er nicht wollte, dass andere in ihre
verletzliche Seele Einblick hatten. Er wollte diesen Chip
vernichten. Und er wusste nun, warum sie nicht wie die anderen
Frauen mit den Chips in ihrem Nacken gestorben war.
Weil der Chip in ihrem Nacken seit Monaten inaktiviert war. Er
stürmte aus dem Zimmer und packte Colin an der Schulter.
Wie machen die das? Wie kommen die an die Daten auf dem
Chip in ihrem Nacken? Gibt es irgendwo eine Zentrale, in der alle
Chipsignale eingehen und gespeichert werden? Was für eine kranke
Welt ist das eigentlich? brüllte er Colin schließlich an,
nachdem er sich immer mehr in seine Fassungslosigkeit
hineingesteigert hatte und drückte ihn gegen die Wand. Colin
umgriff Mulders Handgelenke und schob ihn von sich weg. Greg half
ihm dabei und redete beruhigend auf Mulder ein. Fox, reiß
Dich verdammt nochmal zusammen! Ich reiß mich erst
dann zusammen, wenn Ihr mir Antworten gebt, wenn Ihr mir sagt, wo
ich diese Leute finde, die einfach so in das Bewusstsein anderer
Menschen eindringen. Und wer seid Ihr eigentlich, dass Euch diese
Leute per Post solche Chips schicken? Sie sind schon
längst tot! rief Greg um ihn endlich zur Ruhe zu bringen
und es hatte seine Wirkung, denn Mulder ließ endlich von Colin
ab und drehte sich zu Greg um. Und woher kam dann diese
Post? Greg war erleichtert, dass Mulder sich wieder gefasst
hatte. Er war unberechenbar, wenn er wütend wurde.
Ebenfalls von einem Toten. Er war das letzte Mitglied der
japanischen Schattenregierung. Und das Labor in Tokio, in dem
diese Chipsignale aller Frauen und Männer auf der Welt, die
solch einen Chip in sich tragen, eingehen und verarbeitet werden,
dieses Labor ist vor vier Wochen in einem Brand zerstört worden.
Wir haben dieses Feuer selbst gelegt. Und wir haben alle Chips,
die dort noch gelagert waren, mitgenommen und zerstört als wir
auf der Suche nach Deinem Chip waren. Sie waren ohnehin alle
wertlos. Nur diese beiden Chips hatten wir dort nicht finden
können. Und offenbar hat das letzte Mitglied dieses Projektes,
kurz vor seinem Harakiri noch einen lichten Moment gehabt und uns
die Chips zugeschickt. Aber nun sind sie auch für uns wertlos,
wir werden sie vernichten. Wir dachten nur, Du würdest
vielleicht gerne einen Blick darauf werfen...aber anscheinend war
das ein Fehler? Greg war sich nicht sicher, ob er Mulder
einen Gefallen damit getan hatte oder nicht und nun hatte er das
Gefühl, er müsse sich für etwas entschuldigen.
Doch Mulder winkte ab, denn er hatte sich beruhigt. Nein,
es ist schon gut. Ich möchte nur sichergehen, dass ihr Chip
zerstört wird. Was Ihr mit meinem macht, ist mir egal. Setzt ihn
von mir aus Eurem Premierminister ein. Und damit lehnte er
sich gegen die Wand und sah an die Decke bis sein Atem sich
ebenfalls beruhigt hatte. Colin sah ihn noch immer etwas
verängstigt an und rieb sich die Schulter, an der Mulder ihn
gepackt hatte. Da klingelte plötzlich das Telefon im
Nebenzimmer. Colin war froh, dieser unangenehmen Situation
entrinnen zu können und ging ran.
Aufgeregt stürmte er eine Minute später wieder aus dem Zimmer
in den Flur. Der Chip wird jetzt eingesetzt. Sie werden
gleich testen, ob es funktioniert. Greg zögerte keine
Sekunde und machte sich sofort auf den Weg in den OP-Trakt.
Mulder folgte ihm.
Wie wollen sie testen, ob es funktioniert, wenn sie
überhaupt kein Alien-Virus haben, um ihn damit zu infizieren?
Greg sah sich irritiert zu ihm um. Wie kommst Du darauf,
dass wir das nicht haben? Womit sollen wir ihn denn sonst testen?
Mulder schluckte. Einmal mehr war er sich nicht sicher, auf
wessen Seite er gerade stand. Na, dann bin ich ja beruhigt,
antwortete er zynisch, doch ohne dass Greg davon Notiz nahm.
Aufgeregt stiegen sie in den Aufzug zum OP, während Colin im
Informatikzimmer Scullys und Mulders Chip in einen neuen Umschlag
steckte und eine kanadische Adresse darauf schrieb.
Zur selben Zeit in Washington D.C.,
Dr.Coopers Praxis
Der Arzt verteilte das kühle Ultraschallgel auf Scullys Bauch.
Scully fühlte sich sehr unwohl bei diesem Routinetermin. Noch
immer wusste sie nicht mehr über diese Verdickung im Nacken
ihres Kindes. Und so viele andere Dinge waren ungeklärt. Seit
sie diese Praxis betreten hatte, hatte sie außerdem ein
merkwürdiges Gefühl in ihrem Kopf. Und ihr Baby war
außergewöhnlich unruhig. Doch sie versuchte sich einzureden,
dass es wieder einmal nur die Hormone waren, die ihr nun schon
seit einigen Wochen Streiche spielten. Als der Schallkopf über
ihren Bauch glitt und sie den Kopf ihres Kindes erkennen konnte,
griff sie instinktiv nach der Hand ihres Arztes, der seine
Untersuchung unterbrach und innehielt. Da! Sehen Sie das?
Was ist das? Der Arzt drückte den Schallkopf fester in
ihren Bauch und näherte sich dem Bildschirm. Er zuckte mit den
Achseln. Was meinen Sie? Ich sehe da nichts. Scully
stutzte. Wie konnte er das denn nicht sehen?
Dort, über dem 6.Halswirbel, diese echoreiche Struktur.
Was ist das? Das ist nur ein Artefakt. Eine Störung
im Bild. Ich kann gerne mal die Ebene wechseln, dann sehen Sie,
dass da nichts ist.
Doch Scully beruhigte das nicht gerade. Und als der Arzt den
Schallkopf schwenkte und sie das Gehirn ihres Babys sah, weiteten
sich ihre Augen und sie griff erneut nach der Hand ihres Arztes.
Bitte, Miss Scully, wollen Sie, dass ich Ihr Kind
untersuche oder wollen Sie das selber tun? Dr.Cooper war
sichtlich gereizt, er war angespannt und überhaupt nicht so
freundlich und hilfsbereit, wie Scully es von ihm gewohnt war.
Doch sie ließ sich nicht irritieren. Sehen Sie denn nicht,
dass da noch eine weitere Verdichtung im Gehirn ist? Soll das
etwa auch ein Artefakt sein? Doch der Arzt schüttelte
wieder nur den Kopf. Ich kann mir nicht erklären, was das
sein soll. So etwas hab ich noch nie gesehen, das kann nur eine
Störung sein. Der Kleine ist ja sonst putzmunter und daher denke
ich nicht, dass wir uns darüber Sorgen machen müssen. Er ist
kerngesund.
Daraufhin brach er die Untersuchung ab und wischte mit einem
Papiertuch das Gel von Scullys Bauch. Die sah ihn nur erstaunt an
und konnte nicht fassen, dass ihr Arzt sie förmlich rauswarf.
Sie setzte sich auf und sah ihm in die Augen, die stumpf und leer
wirkten. Ihre Stimme klang streng und unterkühlt. Ich
möchte eine Kopie der Bilder haben. Der Arzt nickte
wortlos, druckte die Bilder erneut für sie aus und reichte sie
ihr. Machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.
Doch Scullys Instinkt verriet ihr, dass etwas nicht stimmte, und
zwar nicht nur mit ihrem Baby. Sie riss ihm die Bilder aus der
Hand. Dessen bin ich mir nicht so sicher, Dr.Cooper.
Und verließ mit einem vernichtenden Blick in seine Richtung das
Behandlungszimmer. Sie würde eine zweite Meinung einholen, denn
es war keineswegs alles in Ordnung.
Als sie aus der Praxis ins Freie trat, wehte ihr ein kühler Wind
durch das Haar und sie zog sich den Mantel über dem Bauch zu.
Wann würden sie endlich wieder einmal die Sonne sehen?
In der Nacht in London, England
Tom, der Arzt, der die Anästhesie an John durchgeführt hatte,
saß neben Mulder und kaute nervös auf seinem Kaugummi herum.
Mulder war in seinem Stuhl tief hineingesunken und hatte seinen
Kopf in den Nacken gelegt. Noch immer war er aufgewühlt und
verwirrt wegen Scullys Chip. Doch nun saß er schon seit Stunden
hinter einer Glasscheibe vor Johns Bett und starrte auf die
Monitore. Nachdem man John über eine Kanüle das schwarze Öl in
den Körper gepumpt hatte, hatte er einen kurzen epileptischen
Anfall erlitten, doch seitdem und das war nun schon 7
Stunden her war nichts passiert. Doch schlafen konnte
Mulder nicht. Die Tatsache, dass John seinen Chip in seinem
Nacken trug machte ihn automatisch zu einer Art Seelenverwandten
und Mulder wollte unbedingt wissen, was geschehen würde. Alle
anderen hatten sich schon vor Stunden verabschiedet und nur er
leistete noch Tom, der die ganze Zeit über Johns Vitalfunktionen
wachte, Gesellschaft. Doch langsam merkte er, wie er in den
Schlaf abdriftete und immer wieder für Sekunden einnickte.
Niemand ahnte etwas von dem Kampf, der in John vor sich ging.
Keiner der beiden Beobachter konnte sehen, dass Johns Bewusstsein
durch die vielen Sinneseindrücke aus Mulders Erinnerungen, die
über den Chip in sein Gehirn schossen, vollkommen zerfahren und
durchwoben wurde und er in schwindelerregender Geschwindigkeit
Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sah, die er gar nicht
kannte, die ihm aber als seine eigene Erinnerung verkauft wurden.
In seiner Brust schlug sein Herz unregelmäßig im Takt der
fremden Eindrücke in seinem Kopf. Die Gefühle, die er in sich
aufkeimen spürte, waren nicht seine und das schwarze Wesen in
seinen Adern huschte vor diesen fremden Erinnerungen und
Emotionen genauso scheu durch seinen Körper wie sein eigenes
Bewusstsein.
Es war, als verdränge Mulders Chip nicht nur das Virus sondern
auch ihn selbst. Aber er merkte, dass der Chip stärker wurde und
es nur noch eine Weile dauern würde, bis die schwarze eisige
Leere in seinem Blut vor dieser Kraft fliehen würde, die dort in
seinem Nacken pulsierte und sein Nervensystem steuerte. Nur was
würde von ihm übrig bleiben? Johns Angst trieb ihm den Schweiß
auf die Stirn und jemand wischte ihn immer wieder weg. Jemand,
der gar nicht da sein konnte, den er gar nicht kannte, den er
aber anscheinend liebte. Eine Frau mit roten Haaren und tiefen
blauen Augen, die besorgt und voller Liebe auf ihn herabsah bevor
sie plötzlich vom Schwarz um sie herum verschlungen wurde. Das
letzte, was er von dieser Frau sah, waren ihre Augen, die voller
Angst in seine Seele starrten.
John wehrte sich mit der ganzen Kraft seines Geistes gegen die
fremden Eingebungen, indem er sich immer wieder Erinnerungen aus
seiner Kindheit ins Gedächtnis rief, doch stattdessen sah er die
Bilder einer Kindheit in Massachusetts, die er nicht gehabt
hatte, mit einer Schwester, die er nie gehabt hatte und mit
Eltern, die ihm fremd waren. Er hoffte inständig, dieser Kampf
würde bald vorübergehen und sein Verstand würde ihm wieder
gehorchen.
Doch er ahnte nicht, dass es noch viel schlimmer kommen würde.
Am späten Nachmittag
Ihre Wohnung erschien ihr vollkommen fremd als sie sie betrat und
sich umsah. Sie war lange nicht mehr hier gewesen und jetzt, da
sie in ihrer vertrauten Umgebung war, vermisste sie ihr Leben.
Doch sie war hergekommen um all die Geschenke, die die Nachbarn
ihrer Mutter für das Baby vorbeigebracht hatten, abzuladen und
um ein paar Stunden in Ruhe zu verbringen ehe ihr Bruder Bill das
Babybettchen lieferte.
Sie ging durch das Wohnzimmer und warf dabei ihren Mantel auf das
Sofa. Sie löste ihren hellblauen Schal um ihren Hals und warf
ihn hinterher. Doch so entspannt sie auch in dem schummrigen
Licht ihrer Stehlampe wirkte, so war sie doch die ganze Zeit in
Gedanken.
Sie hatte lange nichts mehr von den Einsamen Schützen gehört.
Hatte Mulder schon etwas erreicht in England? Wenn nicht bald
etwas geschah, würden die Hamsterkäufe wieder losgehen. Die
Menschen hatten in den letzten Wochen immer wieder je nach Wetter
und Nachrichten die Supermärkte in wahnhafter Panik leergekauft.
Immer wieder normalisierte sich das Leben bis erneut eine
Nachricht um die Welt ging.
Morgen hatte sie einen Termin bei einem anderen Arzt, der noch
eine Ultraschalluntersuchung machen würde. So lange musste sie
also noch mit diesem quälenden Gedanken durch die Gegend laufen,
dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmte. Sie schüttelte den
Gedanken ab, sie hatte keine Lust mehr darüber nachzudenken, so
lange sie nichts tun konnte und entschied sich, ein Bad zu
nehmen. Bill würde sicherlich in der Rush-Hour stecken bleiben
und nicht vor einer Stunde hier sein. Sie wählte die Nummer
ihres Pizzataxis und drehte den Wasserhahn in der Badewanne auf
als es an der Tür klopfte. Konnte das schon Bill sein? Sie sah
auf die Uhr und blickte dann verwundert durch den Spion.
Doch es war Dr.Cooper, der dort vor ihr stand. Irritiert öffnete
sie ihm die Tür. Dr. Cooper! Ihre Stimme klang
unterkühlt, dabei hatte sie sich vorgenommen, ihm keine
Vorwürfe zu machen. Was führt Sie zu mir? Er wirkte
verstört und angespannt, so wie am Morgen schon in der Praxis.
Darf ich reinkommen? Scully sah ihr Bad und ihr Pizza
vor ihren Augen verblassen, doch war ihr das egal, denn es
beunruhigte sie, dass ihr Arzt persönlich bei ihr vorbei kam.
Ist etwas mit meinem Baby? fragte sie noch ehe sie
die Tür hinter ihm schließen konnte. Er lief in ihr Wohnzimmer
hinein und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen. Doch er
antwortete nicht. Scully ging näher an ihn heran. Dr.
Cooper?
Da drehte er sich völlig unerwartet ruckartig um und hielt ihr
eine Waffe vor das Gesicht, die er langsam aber sicher vor ihr
hinabgleiten ließ um auf ihren Bauch zu zielen. Scullys Herz
schlug bis zum Hals. Sie schluckte und versuchte, einen Ausweg zu
finden. Sie wagte kaum zu sprechen, so wahnsinnig und entrückt
war der Blick in den Augen ihres Arztes. Was haben Sie vor?
brachte sie schließlich doch vorsichtig über die Lippen und
hielt den Atem an. Er öffnete seinen Mund um etwas zu sagen,
doch es kam nur ein säuselndes Flüstern heraus, ein Flüstern,
das sie in ihrem Kopf hörte und das so klang, wie das, was sie
in der Sahara gehört hatte. Sie begriff als sie den schwarzen
Schleier sah, der sich über seine Augen zog und seinen Geist zu
vernebeln schien.
Ihr Verstand blieb klar, sie war FBI - Agentin, sie würde aus
dieser Situation einen Ausweg finden.
Sie hatte das schon einmal überlebt, sie war diesem Alien-Virus
gewachsen, eher als der Waffe in seiner Hand. Die Luft flimmerte
vor ihren Augen als er auf sie zukam bis die Pistole gegen ihren
Bauch stieß und eine leichte Delle hineindrückte.
Er entsicherte sie und legte den Finger an den Abzug. Scully
schloss die Augen. Sie war verloren. Nein, dieses Mal gab es kein
Entrinnen.
Da klingelte das Telefon und Scully fuhr vor Schreck zusammen.
Selbst Dr. Cooper, oder zumindest seine menschliche Hülle,
erschraken und Scully nutzte den Augenblick um seine Waffe von
ihrem Bauch wegzustoßen, wobei sich ein Schuss löste, der
Dr.Coopers Bein streifte. Sie beide starrten auf die Wunde, aus
der schwarzes Öl auf ihren Teppich tropfte. Der Anrufbeantworter
beendete das Klingeln des Telefons und es war Bill, der sich in
den nächsten zwanzig Minuten ankündigte.
Dr. Cooper sah aus seinen schwarzen ausdruckslosen Augen von
seiner Wunde am Bein auf zu Scully und stieß sie mit einem
festen Schlag von sich weg. Sie stürzte gegen ihren
Kleiderschrank und rutschte daran ab, als ihr für einen
Augenblick schwarz vor Augen wurde. Doch sie blieb bei
Bewusstsein. Der Kampf hatte begonnen und sie würde nicht
aufgeben. Sie riss ihre Augen weit auf und spannte ihren Körper
an, um seinen nächsten Angriff abzuwehren. Da fiel der Mann auch
schon über sie her und drückte sie an der Kehle zu Boden, so
dass sie nicht mehr atmen konnte. Sie wehrte sich mit ihrem
ganzen Körper und versuchte ihn von sich zu lösen.
Doch er spie das schwarze Virus über ihr aus und schlug sie so,
dass sie sich nicht mehr wehren konnte und schließlich doch das
Bewusstsein verlor. Das schwarze Öl kräuselte sich einen
Augenblick auf ihrer Haut und pulsierte schwarz schimmernd, ehe
es in sie hineinkroch. Es war, als hätte es überlegen müssen,
es kannte diese Frau schon. Doch dieses Mal war sie außer
Gefecht gesetzt, dieses Mal würde es sie umbringen.
Der Angreifer merkte, wie ihr Widerstand vollkommen nachließ und
sie kraftlos und schlapp liegenblieb als er von ihr abließ. Sie
atmete nicht und er verharrte wie ein wildes Tier über seiner
Beute um sicherzugehen, dass er diesen Kampf für sich
entschieden hatte. Das schwarze Öl würde den Rest erledigen.
Zufrieden erhob er sich schließlich während sich der Schleier
über seinen Augen verzog und wieder in den Tiefen seiner
Hirnwindungen verschwand.
Doch Scully war nicht tot. Noch nicht. Ihr Bewusstsein war
verschwunden, doch ihr Geist war wach und kämpfte gegen den
Eindringling, der ihm mittlerweile schon vertraut war. So oft
hatte sie schon diese kalte dunkle Finsternis in sich gefühlt.
Und es jagte ihr immer wieder Todesangst durch jede Faser ihres
Körpers. Bilder blitzten vor ihrem Auge auf. Bilder von ihr und
Mulder in der Wüste. Bilder von einer gewaltigen Explosion über
dem Sand, einem wabernden Impuls, der den Himmel erschütterte
und Bilder, die sie nicht wieder erkannte. Ein Mann lag in einem
Krankenbett und sie hatte sich über ihn gebeugt. War es Mulder?
Er schien im Koma zu liegen. Ein Foto schoss durch ihren Kopf.
Ein Foto einer toten Frau. Und noch eins. Sie hatte diese Frauen
noch nie zuvor gesehen. Und ein Bild nach dem anderen tauchte in
ihrem Kopf auf. Sie sah ein Labor, einen OP vor ihrem inneren
Auge. Und eine Uhr, auf der die Zeit 4.21 anzeigte, sie tickte in
ihrem Kopf wie eine Zeitbombe. Ein Asiate, der aus einem Hochhaus
stürzte, schrie in ihrem Kopf und eine furchtbare
Vernichtungsangst erklomm ihre Seele. Sie fürchtete sich vor dem
Kind in ihrem Bauch und sie bekam keine Luft mehr. Sie wusste
nicht mehr, wer sie war, oder wo. Sie sah immer wieder diesen
Mann in dem Bett liegen und der verzweifelte Verdacht, dass es
Mulder war, raubte ihr den Verstand. Diese fremden Bilder, die
dort aus der Tiefe ihres Gehirns auftauchten machten ihr angst.
Das Flüstern wurde mit jedem der Bilder lauter und schien sie
einzulullen bis ihr Geist den Kampf schließlich aufgab und sie
in der Dunkelheit ertrank.
Zur selben Zeit in London, England
Mulder erwachte aus seinem dösenden Halbschlaf als Tom neben ihm
aufgeregt aufsprang und durch die Tür in das Krankenzimmer
stürmte. Noch ein wenig benommen versuchte er, die Lage zu
verstehen, als er begriff, dass John aufgehört hatte zu atmen.
Was ist mit ihm? fragte er und folgte Tom ins
Krankenzimmer. Er hat plötzlich aufgehört zu atmen, ich
weiß nicht warum. Und seine Sauerstoffsättigung ist unter 60 %
abgefallen. Ich muss ihn sofort intubieren, sonst stirbt er.
Mulder biss sich aufgeregt auf die Unterlippe und seine müden
Augen folgten nervös Toms routinierten Bewegungen. Doch selbst
unter der Sauerstoffbeatmung ging es John nicht besser. Seine
Sättigung rutschte weiter ab und er fiel in einen
Kreislaufstillstand.
Mulder rannte aus dem Zimmer und rief nach der Nachtschwester des
ansonsten vollkommen leeren OP-Trakts. Sie kam sofort
herbeigeeilt und begann zusammen mit Tom John zu reanimieren.
Doch es half nichts. Sein Körper war schlapp und leblos.
Mulder jedoch sah hinter der Glasscheibe aus seinem Augenwinkel,
wie eine schwarze Flüssigkeit rückwärts aus Johns Vene in den
Infusionsschlauch lief. Tom! Er deutete auf den
Schlauch und schlug gegen die Scheibe und Tom begriff. Ach
Du Scheiße! fluchte er, denn er wusste nicht, wie er nun
reagieren sollte. Es gab nur eine Möglichkeit. Sie mussten es
rauslassen. In Windeseile brachte die Schwester Blutkonserven
herbei und sie begannen, das schwarze Zeug aus Johns Venen
hinausfließen zu lassen und durch frisches Blut zu ersetzen. Es
dauerte keine zehn Minuten und das Blut, das aus Johns Arm floss,
entfärbte sich, bis es erst gräulich und dann wieder klar und
dunkelrot in der Nachtbeleuchtung schimmerte. Johns Werte
besserten sich rasant.
Tom atmete auf und wischte sich den Schweiß mit seinem Ärmel
von der Stirn, doch offensichtlich war John noch immer nicht
über den Berg. Sie konnten noch nicht darüber jubeln, dass der
Impfchip gewirkt hatte. Denn Johns Sauerstoffsättigung blieb
niedrig und seine Muskeln vibrierten und zuckten fein und
unaufhörlich.
Mulder hatte die ganze Zeit seine Unterlippe knetend vor dem
Krankenzimmer gestanden und darüber nachgedacht, was mit John
geschah. Nun, da das schwarze Öl aus ihm herausgeflossen war,
hatte sein Körper doch gesiegt, hatte sich doch erwiesen, dass
die Immunität übertragbar war. Aber warum erholte er sich dann
nicht? Warum sank seine Sauerstoffsättigung weiterhin? Was lief
schief?
Tom sah Mulder ernst durch die Scheibe an und schüttelte den
Kopf. Er war offenbar ratlos. Doch Mulder hatte eine Idee, sie
keimte vage, mehr wie eine Intuition, in ihm auf und er
überlegte, ob es möglich war.
Sie mussten schnell handeln wenn es stimmte. Er und Scully hatten
Purity besiegt, doch die Chips waren in ihnen beiden nicht aktiv.
Sein Chip war vor langer Zeit entfernt worden und ihr Chip war
offenbar seit ihrer Schwangerschaft inaktiviert. Was, wenn der
Chip zu stark wurde, nun da Purity aus Johns Körper entfernt
war? Mulder sah mit aufgerissenen Augen zu Tom, als er begriff,
dass er womöglich Recht hatte. Und als seine Gedanken sich von
selbst zu einem Bild zusammensetzten. All die Entführungsopfer,
die ihre gesamte DNA abgestoßen hatten, die Tatsache, dass er
und Scully Purity immer und immer wieder überlebten und das ohne
funktionierende Chips, er verstand es nun. Er griff nach dem
Telefon und wählte Christophers Nummer. Tom sah ihn an. Was
tust Du da? Wir müssen dieses Ding wieder aus ihm
herausholen. Es bringt ihn um. Tom schüttelte den Kopf, er
glaubte, sich verhört zu haben. Was meinst Du damit? Es
hat ihm gerade das Leben gerettet! Nein, Du verstehst
nicht. Dieser Chip, er tötet nicht nur das Alien-Virus, er
tötet alles Außerirdische in ihm. Er tötet seine Zellen. Denn
das Alien ist überall in ihm, denk doch mal drüber nach!
Nun weiteten sich auch Toms Augen, denn das, was Mulder sagte,
machte tatsächlich Sinn. Er rannte aus dem Zimmer und warf sich
OP-Klamotten über, denn sie mussten John so schnell wie möglich
wieder von dem Chip befreien. Mulder rief das halbe Team wach und
es dauerte keine halbe Stunde bis John wieder in Narkose auf dem
OP-Tisch lag und die Ärzte seine frische Wunde wieder
eröffneten. Mulder sah mit klopfendem Herzen aus sicherer
Entfernung zu. Die Ereignisse überstürzten sich und Mulder
versuchte zu verstehen, was es mit seiner Immunität wirklich auf
sich hatte.
Hatte der Raucher ihm diesen Chip vor einem Jahr zu seinem
eigenen Schutz entfernt? Hatte er ihn einmal mehr vollkommen
falsch eingeschätzt? Hätte der Chip ihn sonst womöglich
umgebracht? Er war sich nicht mehr sicher, wo die Manipulation
durch die Regierung ihm geschadet und wo sie ihm das Leben
gerettet hatte. War seine gesamte Immunität lediglich Produkt
dieser ganzen Experimente? Oder war es einfach nur ein Wunder,
ein Sprung in der Evolution, dass er die Resistenz gegen das
Virus entwickelt hatte?
Es schien fast, als gingen die Regierungsmanipulationen und die
Zufälle der Natur Hand in Hand in dieser Geschichte. Hatten sich
all die aufgestauten Gefühle seit seiner Kindheit zu einem
elektrischen Knotenpunkt in seinem Bewusstsein geballt, der durch
den Chip in seinem Nacken potenziert und vervielfacht worden war?
Hatten die elektrischen Impulse sich gegenseitig verstärkt?
Hatte dies die Kräfte seines Bewusstseins konzentrieren können,
bis sie so stark geworden waren, dass sie ihn vor dem Eindringen
dieses Aliens in seinen Geist beschützten? Waren die Kräfte so
stark gewesen, dass sie auch seine Zellen von diesem seelenlosen
Wesen befreit und es damit getötet hatten? War es der Tumor in
seinem Kopf, der nun diese Kraft konzentrierte und ihn immun
machte, anstelle des Chips? War es vielleicht gar kein Tumor,
sondern vielmehr ein neuer Funktionsbereich seines Gehirns? War
es das Baby, das genau dieselbe Kraft in Scully aktivierte? Seine
Augen sahen immer wieder die rote Kurve vor sich, wie sie an
diesem einen Tag, in dieser einen Nacht plötzlich unterbrochen
wurde, wie ein Riss in der Zeit. Als hätte für diese wenigen
Momente alles ausgesetzt. Hatte sein Herz nicht in der Tat für
einen Augenblick aufgehört zu schlagen? Welch ein Feuerwerk
musste das in ihren Köpfen gewesen sein, dass ihr Chip in diesen
Minuten tatsächlich außer Kraft gesetzt worden war. Welche
Kräfte mussten das sein! Kräfte, die das, was in der Wüste
geschehen war, erklärten und möglich machten. Kräfte wie die,
die vor Millionen von Jahren aus ein paar Molekülen im Wasser
ein Lebewesen geschaffen haben. Kräfte, die sie vielleicht
retten würden, weil sie dieser unheimlichen Macht über ihren
Dächern vielleicht gewachsen waren. Weil sie nicht mit dem
Verstand zu begreifen waren.
Es war 4.21 Uhr und es sah nicht aus, als würde einer von ihnen
in dieser Nacht noch zum Schlafen kommen. Und niemand hörte das
leise Pochen des schwarzen Regens, der in dicken öligen Tropfen
aus dem wolkenverhangenen dunkelroten Himmel auf die Welt
hinabstürzte wie eine Horde Krähen.
Als John vier Stunden später wieder in seinem Krankenzimmer lag,
schwenkte Mulder völlig übermüdet den Styroporbecher mit dem
letzten Kaffeerest in seiner Hand und spuckte die Hülse eines
Sonnenblumenkerns hinein. Er sah durch die Glasscheibe wieder auf
John und nahm beruhigt zur Kenntnis, dass alles in Ordnung war.
Er lehnte sich zurück und sah zu Christopher hinüber, der Tom
nach der OP abgelöst hatte und nun über Johns Körper wachte.
Das künstliche Licht flackerte, es gab weit und breit in diesem
Trakt kein Fenster und Mulder wusste nicht, wie spät es war,
denn Christophers Uhr war vor Stunden auf 4.21 Uhr stehen
geblieben. So wie die Uhr im OP-Saal. Mulder hatte eine vage
Ahnung, was das bedeuten konnte, doch er war zu müde, um es
wirklich zu begreifen. Sein Kopf wurde schwer und er war kurz
davor wieder einzuschlafen, als er aus dem Augenwinkel eine
Bewegung wahrnahm und sofort wieder wach war. Er warf den
Kaffeebecher in Richtung des Mülleimers, den er natürlich
verfehlte und rüttelte Christopher wach, der ebenfalls
eingenickt war. Sie beide brannten darauf, mit John zu sprechen.
Doch als John die Augen aufschlug, sah er nur Mulder voller Sorge
und Angst in seinem Blick an.
Er griff mit seiner Hand noch schwach nach Mulders Arm und seine
Finger bohrten sich wie Vogelklauen in sein Fleisch. Er riss die
Augen auf und Mulder glaubte für einen Augenblick in den Spiegel
seiner eigenen Seele zu sehen, denn er konnte fühlen, was John
fühlte. Er hatte Todesangst. Und er wusste auch warum, bevor
Johns Lippen sich bewegten und es für alle hörbar in den Raum
aufstieg: Scully! Mulder griff nun seinerseits nach
Johns Hand und drückte sie fest. Was ist mit ihr? Was hast
Du gesehn? Aber John musste nicht antworten. Mulder ließ
seine Hand los und ging an Christopher vorbei, der ihm
verständnislos nachlief.
Was ist los? Wer ist Scully? Mulder drehte sich um.
Sie ist
. Mulder stutzte. Es kam ihm so banal
vor, sie war nicht nur seine Freundin, sie war so viel mehr. Er
hielt inne und suchte nach dem richtigen Wort. Doch es fiel ihm
nicht ein. Ich muss zu ihr. Ich muss nach Washington.
Christopher hatte in Mulders Gesicht lesen können, wer Scully
war, doch er hielt Mulder an der Schulter zurück. Kommst
Du zurück? Mulder wusste es nicht, waren seine Fragen
nicht geklärt? Hatten sie nicht einen Ansatz, wie sie Purity
besiegen konnten? Kamen sie von nun an nicht ohne ihn zurecht? Er
sah Christopher ernst an. Ich weiß es nicht, ich weiß
nicht, was bis dahin geschieht. Aber Ihr habt mir sehr geholfen!
Danke, Chris. Mulders Worte waren ernst, doch sie waren
ehrlich und Christopher wusste nicht, womit er ihn hätte
zurückhalten können. Er sah zu Boden als Mulder den Raum
verließ und drehte sich zu John, der langsam wieder ins Reich
der Lebenden zurück zu kehren schien.
Zwei Tage später, Dulles International
Airport, Washington D.C.
Kaum hatte er den Flieger verlassen und die Zollkontrolle hinter
sich gelassen, schaltete er sein Handy ein und stellte irritiert
fest, dass er selbst hier in seiner Heimat keinen Empfang mehr
hatte. Also suchte er nach dem nächsten öffentlichen Telefon
und wählte der Reihe nach alle Nummern, die er kannte. Doch
weder bei Scully daheim noch bei ihrer Mutter ging jemand ans
Telefon. Ihr Handy war ausgeschaltet, selbst Skinner war nicht
erreichbar und das grausame Gefühl, dass etwas Schlimmes
passiert war, kroch wieder in ihm hoch und stellte seine
Nackenhaare auf. Er hatte über 24 Stunden am Flughafen Heathrow
darauf gewartet, dass die Flugzeuge wieder starteten. Mit Beginn
des schwarzen Regens, der in den frühen Morgenstunden
nachgelassen hatte und erneut schwarze Nebelschwaden über dem
Boden zwischen den Häusern hinterlassen hatte, war der
Flugverkehr eingestellt worden. Doch Mulder war durch den dunklen
Nebel gelaufen und er hatte ihm nichts anhaben können. Und
dennoch waren die Menschen panisch in ihre Häuser geflohen und
hatten sich bis zum nächsten Morgen nicht mehr nach draußen
gewagt. Es war unvorstellbar still am Flughafen gewesen und
Mulder hatte durch die großen Fenster sehen können, wie sich
der Nebel über der Landebahn langsam über das Gras abgesenkt
hatte und sich schließlich wie von Geisterhand aufgelöst hatte,
ohne eine Spur zu hinterlassen. Doch Mulder wusste, wohin sich
die schwarze Substanz verzogen hatte. Sie hatte sich
niedergelassen über den Wiesen rechts und links des Rollfeldes
und war dort in der Erde verschwunden um das Leben dort
heimzusuchen und mit seinem Geist zu durchfließen. Keines der
Lebewesen auf diesem Planeten würde dieser Kreatur entkommen.
Hier in Washington lag ebenfalls überall auf den Straßen noch
ein hauchdünner schwarzer Film, die weißen Tragflächen der
Flugzeuge waren grau und ölig. Doch der Himmel erstrahlte dieses
Mal nicht wie sonst in einem gesunden, klaren unschuldigen Blau.
Er war wieder von denselben schwarzen Wolken verdeckt und ließ
nur einen schwachen blassen Schein der Sonne hindurch. Es war,
als hätte die Sonne ihr Interesse an der Erde verloren und
hätte sich anderen Planeten zugewandt.
Es war gerade Anfang Oktober und es war eiskalt und stürmisch.
Mulder rief sich ein Taxi und ließ sich zum FBI Hauptquartier
auf der Pennsylvania Avenue fahren.
Dort angekommen hechtete er durch die Eingangshalle zur
Sicherheitskontrolle, wo er aufgrund seines unpassenden Outfits
erst einmal aufgehalten wurde. Doch Mulder war nach über drei
Tagen Schlaflosigkeit nicht in der Stimmung für bürokratische
Feinheiten und so kam es, dass die Security-Guards schließlich
Director Kersh anrufen mussten, der ihnen persönlich die
Erlaubnis erteilen musste, Mulder durchzulassen. Mit einem
siegessicheren Grinsen ging er an ihnen vorbei und fuhr direkt zu
Skinners Büro. Doch es war verschlossen. Dann eben die nächste
Stufe. Mulder fuhr mit dem Aufzug in den Verwaltungstrakt und
lief schnurstracks zu Alvin Kershs Zimmer, wo er sich nicht
einmal die Mühe machte, anzuklopfen, sondern direkt in sein
Vorzimmer platzte.
Sir! Die Sekretärin sprang auf und stellte sich
schützend vor Kershs Bürotür. Ich muss mit ihm sprechen,
sofort! ließ Mulder sich nicht abwimmeln und blieb nervös
vor der zierlichen kleinen Sekretärin stehen, die sich tapfer
weiterhin in den Weg stellte. Doch anscheinend hatte Kersh schon
längst von der Unruhe in seinem Vorzimmer mitbekommen, denn
hinter der Sekretärin öffnete sich die Tür und Kersh sah
irritiert heraus.
Agent Mulder! Welch seltener Gast in unserem Hause, ich
dachte schon, es sei ein Aprilscherz, als mich die
Sicherheitsleute angerufen haben.
Die Sekretärin zog sich eingeschüchtert zwischen den beiden
Männern zurück und setzte sich an ihren Tisch, nicht ohne ihre
Ohren neugierig zu spitzen. Mulder musste sich zusammenreißen,
er konnte Kersh nicht leiden und es war für ihn immer wieder
eine unglaubliche Überwindung, ihm gegenüber nicht vollkommen
die Fassung zu verlieren.
Wo ist Scully? Mulder verzichtete vollkommen auf
Höflichkeitsfloskeln und Einleitung, er war aufgeregt, weil er
in dieser Stadt nichts so vorfand, wie er es zurückgelassen
hatte. Weil sich die ganze Welt um ihn herum umgekehrt zu haben
schien. Er kam sich vor, als würde er in einer Parallelwelt
umherlaufen.
Kersh sah ihn mit steinerner Miene an. Wollen Sie sich
nicht erst einmal beruhigen, Agent Mulder? Doch Mulder
stand vor seinem Vorgesetzten und blaffte ihn an. Ich will
mich erst dann beruhigen, wenn ich weiß, dass es ihr gut geht.
Mit Mulder war offensichtlich kein vernünftiges Gespräch
möglich, Kersh seufzte und hielt ihm seine Bürotür mit einem
ernsten Blick zu seiner Sekretärin auf. Also schön. Aber
kommen Sie bitte in mein Büro, dieses Gezeter muss ja nicht
gleich das ganze Haus mitbekommen. Mulder stürmte an ihm
vorbei und blieb in der Mitte des Zimmers stehen.
Setzen Sie sich doch bitte. Mulder lief jedoch
nervös im Büro herum wie ein Tiger im Käfig. Ich will
mich nicht setzen, verdammt noch mal. Kershs Geduld war am
Ende. Agent Mulder, Sie kommen gerade von einem höchst
zweifelhaften Ausflug nach Europa zurück, nachdem Sie sich in
diesem Jahr recht selten in diesen Räumen haben blicken lassen,
stürmen in diesem Aufzug hier in mein Büro und verlangen
ernsthaft von mir, dass ich Ihnen in Ihrem Zustand und Ihrem
Mangel an Respekt auch nur irgendeine Information geben werde?
Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich Ihnen längst Ihren Job
hätte kündigen müssen?
Mulder schloss die Augen und legte sich die Hand auf die Stirn.
Okay, offensichtlich musste er sich beruhigen. Er ging auf Kersh
zu und atmete tief durch.
In Ordnung. Ich bin sicher, dass wir all das irgendwann
einmal bei Kaffee und Kuchen klären können, aber können Sie
mir bitte verraten, was Sie über Agent Scully wissen? Ich kann
sie und ihre Familie seit Tagen nicht erreichen und ich mache mir
ernsthaft Sorgen. Mulder war fast stolz auf sich, dass er
die Beherrschung wieder erlangt hatte und sah Kersh mit
angespannter Kiefermuskulatur an, während er die Hände in die
Taille stützte und versuchte, ruhig weiterzuatmen. Kersh sah
Mulder noch immer mit steinerner Miene direkt in die Augen. Wie
brechendes Eis klang seine Stimme als er ihm tonlos antwortete.
Agent Scully wurde angegriffen in ihrer Wohnung. Sie liegt
seit zwei Tagen im Anne Arundel General Hospital in Annapolis.
Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, da ich noch keine Zeit gefunden
habe, sie dort zu besuchen. Ich weiß nur, dass ihr Zustand
stabil ist und es ihrem Baby gut geht.
Kersh sah ihn streng an während er in Gedanken versuchte zu
begreifen, was um sie beide herum geschah. Was mit seiner Agentin
passiert war und was das da draußen mit dem Tod seiner Schwester
zu tun hatte.
Mulder hatte sich bei seinen Worten in den Stuhl vor seinem
Schreibtisch fallen lassen und den Kopf in die Hände gestützt.
Seine Augen waren geschlossen und Kersh wusste nicht, was er tun
sollte.
Seine Professionalität bröckelte, hatte er nicht selbst vor
wenigen Tagen als er vom Tod seiner Schwester erfahren hatte,
ebenso in einem Stuhl gesessen? Er ging auf Mulder zu und blieb
direkt vor ihm stehen. Vorsichtig hob er seine flache Hand und
senkte sie über Mulders Schulter ab, hielt jedoch kurz darüber
inne und entschied sich, dass es doch keine so gute Idee war, ihm
so nahe zu kommen. Stattdessen holte er tief Luft und bemühte
sich, seine Stimme wieder fest und sicher klingen zu lassen.
Agent Mulder, ich weiß nicht, in welcher Beziehung Sie zu
Agent Scully oder ihrem Baby stehen, zumindest verlasse ich mich
da sehr ungerne auf den FBI-Cafeteria-Smalltalk, aber ich weiß,
dass dieses Jahr sehr hart für sie war und sie Ihre ungeteilte
Aufmerksamkeit jetzt bräuchte. Es ist Ihre Pflicht für sie da
zu sein und nicht in der Weltgeschichte herumzukurven, um nach
Aliens zu suchen. Ihre Pflicht zumindest als ihr Partner.
Mulder sah zu ihm auf. Kersh sah, dass er müde war, erschöpft
und blass. Mulder erhob sich und ging schweigend auf die Tür zu.
Bevor er Kershs Büro verließ, drehte er sich noch einmal zu ihm
um.
Es ist mein Sohn und das können Sie gerne als Bereicherung
für Ihren Cafeteria Smalltalk verwenden. Und alles, was
ich da draußen in den letzten Wochen getan habe, war für ihn.
Dafür dass er und all die anderen Kinder eine Zukunft haben.
Oder halten Sie das da draußen etwa auch nur für El Nino?
Er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den grauen Tag, der draußen
in ungewohnter Stille an ihnen vorbeizog.
Kersh folgte Mulders Blick zu seinem Fenster. Es war Mittag und
doch sah die Welt aus als würde die Dämmerung bereits
hereinbrechen. Die Straßen waren seit dem letzten schwarzen
Regen wie leergefegt. Die Menschen liefen nicht mehr ohne
Regenschirme durch die Stadt und auf jedem der bunten Schirme war
ein schwarzer hauchdünner Film, der sich nicht mehr abwaschen
ließ. Kersh senkte den Blick und sah wieder zu Mulder.
Anscheinend wusste der Agent doch viel mehr, als er bisher immer
angenommen hatte.
Gehen Sie zu Scully. Denn auch darüber können wir ein
anderes Mal bei Kaffee und Kuchen plaudern.
Er hatte fast resigniert geklungen neben all seiner Verbitterung
und seiner Kälte und Mulder war überrascht gewesen, dass er
plötzlich einen Funken Sympathie für diesen Mann empfand, der
so weich und verletzlich in seinem Büro stand und sich mit
Veränderungen konfrontiert sah, die er nicht mit allen Mitteln,
die ihm zur Verfügung standen, in den Griff bekommen würde.
Eine Tatsache, der er nicht gewachsen war.
Auf einer Farm in Montana
Das kleine Mädchen mit den blonden Locken spielte draußen auf
der Veranda, obwohl seine Eltern es ihm verboten hatten. Es
verstand nicht, warum die Erwachsenen seit Wochen schon so
merkwürdig waren. Das Feuer auf den Feldern war längst
gelöscht und der komische ölige Regen hatte sich verzogen. Was
also war jetzt so schlimm daran draußen zu sein?
Es summte vor sich hin und kämmte seinem hellblauen
Spielzeugpferd das rosafarbene Haar als ein dicker Käfer
plötzlich aus der Luft vor seinen Fuß geweht wurde. Das
Mädchen erschrak, es hatte seit Wochen keine Tiere mehr gesehen
und es sprang auf. Das Spielzeugpferd landete im Gras vor der
Veranda und das Mädchen starrte erschrocken auf den schwarzen
dicken Käfer, der auf dem Rücken lag und mit den Beinen
strampelte. Als das Mädchen begriffen hatte, wer dieser
ungebetene Gast war, atmete es erleichtert auf und kniete sich
vor den Käfer, um ihn mit einem Holzstöckchen wieder auf den
Bauch zu drehen. Doch der Käfer klammerte sich an dem
Holzstöckchen fest und krabbelte daran hinauf auf die kleine
Kinderhand. Es kitzelte und das Mädchen lachte und schüttelte
seine Hand um das Tier loszuwerden.
Das Lachen verstummte jedoch und wich einer verstörten,
schmerzverzerrten Grimasse als der Käfer sich in der Hand
verbiss und das Mädchen fühlte, wie es unter seiner Haut kalt
brannte. Irgendetwas kroch seinen Arm hinauf. Es lief schreiend
ins Haus.
Mom! Mom, ein Käfer hat mich gebissen! Mommy!!! Die
Mutter lief schimpfend die Treppe hinunter. Ich hab Dir
doch gesagt, Du sollst nicht draußen spielen! Das hast Du nun
davon!
Doch in dem Moment als sie im Wohnzimmer ankam, erschrak sie.
Ihr kleines Mädchen stand mit schmerzverzerrtem Gesicht in der
Mitte des Raumes und war wie erstarrt. Seine Augen waren weit
aufgerissen und sein Kopf war wie im Schrei nach oben gerichtet.
Es streckte die Hände von sich und dicke schwarze Tropfen fielen
von dem Biss auf seiner rechten Hand auf den Holzboden, wo sie
sich kräuselten und auf der Stelle pulsierten. Die Mutter rannte
zu ihrer Tochter und schüttelte sie an den Schultern. Ihr Kopf
fiel schlapp nach vorne und ihre Augen fielen zu. Panik breitete
sich in der Mutter aus. Leah! Was ist mit Dir! Da
öffneten sich die Augen der Kleinen und sie starrte ihre Mutter
an, die sie schreiend losließ und panisch rückwärts stürzte
bis sie gegen den Wandschrank stieß. Sie hielt sich die Hände
vor den Mund um nicht noch lauter zu schreien als sie sah, wie
sich der schwarze Schleier über den schönen blauen Augen ihrer
Tochter zuckend bewegte und der Körper ihres kleinen Mädchens
schließlich den Kampf gegen das schwarze Wesen verlor und auf
dem Wohnzimmerboden zusammenbrach.
Zur selben Zeit in Ottawa, Kanada
Er fuhr sich mit der Hand durch das strubbelige Haar und gähnte.
Er hasste diese Nachtdienste. Ein Blick in den Kühlschrank
verriet ihm, dass er jedoch noch viele Nachtdienste schieben
musste, bis er endlich wieder anständige Nahrung zu sich nehmen
konnte. Er holte sich eine Tasse aus dem Schrank und drehte den
Wasserhahn auf. Er stutzte. Hatten sie ihm das Wasser abgestellt?
Die Rechnungen waren doch alle bezahlt! Es gluckste in den
Leitungen und er drehte den Hahn wieder zu. Es gurgelte und
gluckste weiter. Offenbar war ja doch Wasser in den Rohren. Er
stellte seine Tasse ab und ging ins Bad um dort den Wasserhahn
aufzudrehen. Wieder gluckste es kurz, doch dieses Mal lief es.
Wie jeden Morgen seit Wochen kam erst ein gräulicher Strahl, den
er auf diesen schwarzen Regen zurückführte, doch er entfärbte
sich schnell und das Wasser floss klar in sein Waschbecken. Er
wusch sich das Gesicht und füllte seine Hände mit dem kalten
erfrischenden Nass um einen großen Schluck zu nehmen. Doch er
spie es sofort aus.
Es schmeckte widerlich. Metallisch. Er würde sich bei seinem
Vermieter beschweren, denn seine Nebenkosten waren ohnehin viel
zu hoch.
Er sparte sich das Duschen und zog sich zerknirscht seine Jeans
an.
Das würde ja ein toller Tag werden.
Der metallische Geschmak lag noch immer auf seiner Zunge als er
die Wohnung laut fluchend verließ und nicht merkte, wie es unter
der Haut in seinem Nacken zu kribbeln anfing.
Zur selben Zeit in derselben Stadt
Es schmeckte in der Tat metallisch. Die Frau in dem weißen
Kittel stellte das Glas auf den Tisch vor sich und seufzte. Die
Menschen waren durch die Ereignisse da draußen skeptisch, sie
waren in Alarmbereitschaft. Sie würden dieses Wasser nicht
akzeptieren. Nicht, wenn sie nicht diesen metallischen Geschmack
herausbekämen. Aber wie sonst sollten sie breite Massen der
Bevölkerung mit diesen Nanobots ausstatten, wenn nicht über das
Wasser? Sie strich sich eine hellbraune Haarsträhne hinter das
Ohr und kippte das Wasser in den Ausguss. Sie konnte schon
fühlen, wie es in ihrem Nacken kribbelte. Dieser neue Chip
funktionierte hoffentlich, ansonsten waren sie alle verloren.
Oder waren sie das ohnehin?
Bevor sie diesen Gedanken weiterdenken konnte, klopfte es an der
Tür ihres Labors. Sie öffnete sie einen Spalt und streckte
ihren Kopf heraus, damit niemand ins Innere des Labors sehen
konnte. Ja? Was kann ich für Sie tun?
Der Bote hielt ihr wortlos einen dünnen Umschlag hin. Sie zog
die Stirn kraus und nahm dann die Post entgegen. Als sie die
Türe wieder hinter sich geschlossen hatte, drehte sie den
Umschlag um und sah wo er her kam. Erleichtert atmete sie auf.
Endlich waren sie da!
Sie musste sofort oben anrufen. Ernst blickte sie den jungen Mann
im Anzug an, der die ganze Zeit am Fenster gestanden hatte und
nickte ihm zu. Sie wählte eine hausinterne Nummer und wartete
aufgeregt auf das Freizeichen.
Am anderen Ende meldete sich eine ernste Männerstimme. Die
Wissenschaftlerin schluckte und versuchte ihrer Stimme wieder
einen festen Klang zu verleihen. Robert? Die Chips sind
gekommen. Wir können also loslegen. Der Mann schwieg.
Schließlich hatte er die Nachricht verarbeitet und räusperte
sich bevor er ihr antwortete. Wir sind gleich unten!
Zur selben Zeit in Annapolis
Die Aufzugtür öffnete sich und vor Mulder stand Bill Scully jr.
Mulder stöhnte auf. Musste er heute eigentlich jedem auf seiner
Most-Unwanted-Liste begegnen? Das würde eine schwierige
Konversation werden, dessen war er sich sicher. Als Bill Mulder
erkannt hatte, hatte er Mühe seine Fäuste zu beherrschen. Doch
er hatte seiner Schwester schon vor langer Zeit versprochen, sich
Mulder gegenüber zurückzuhalten. Aber wie konnte er das? Wie
konnte er einen Mann gesund herumlaufen lassen, der Schuld an
allem war, was Unglück über seine Familie gebracht hatte? Der
dann auch noch die Dreistigkeit besessen hatte, seine Schwester
zu schwängern und der sie dann nicht einmal heiratete, sondern
sie mit dieser schwierigen Schwangerschaft alleine ließ! Was
fand seine Schwester an diesem schlacksigen Spinner? Sie waren ja
nicht einmal offiziell ein Paar. Warum also sollte er ihm nicht
endlich das zukommen lassen, was er verdiente?
Doch er sog laut und scharf die Luft durch die Nase ein und
presste die Lippen aufeinander. Mulder sah ihn an, er fühlte
sich unsicher, denn er wusste, Scullys Bruder hasste ihn. Und
nicht zu Unrecht. Aus seiner Sicht musste er tatsächlich der
wahre Antichrist sein. Er entschied sich, in die Offensive zu
gehen.
Bill, ich weiß, dass wir beide nie Freunde werden können.
Aber ich muss sie sehen, bitte halten Sie mich nicht auf. Ich
will wissen, wie es ihr geht. Und unserem Baby. Bill
widerte der Gedanke an, dass dieser Mann der Vater seines
zukünftigen Neffen war. 'Unser Baby', ja? Dafür haben Sie
sich aber in der letzten Zeit reichlich selten in ihrem Leben
blicken lassen.
Mulder sah zur Seite, warum hielten sich die Menschen nicht
einfach aus dieser ganzen Geschichte heraus? Hören Sie,
ich weiß, dass das alles einen vollkommen falschen Eindruck
macht. Aber sehen Sie doch mal nach draußen! Meinen Sie
wirklich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, darüber zu
streiten? Finden Sie nicht, dass es jetzt wichtigere Dinge als
unseren ewigen Hahnenkampf gibt? Bill lächelte zynisch.
Ach ja richtig, in Ihren Augen ist das da draußen
sicherlich die Rückkehr der Jedi-Ritter, nicht wahr?
Mulder sah wieder zur Seite und diesmal war er es, der sich
beherrschen musste, seine Fäuste bei sich zu behalten. Er biss
die Zähne zusammen und versuchte sich zu entspannen.
Schließlich schaffte er es und lächelte genau so zynisch
zurück Richtig. Und ich bin Darth Vader und würde gerne
endlich zu Prinzessin Amidala. Damit hatte er Bill genug
gereizt. Er packte Mulder am Hemd und drückte ihn mit seiner
ganzen Kraft gegen die geschlossene Aufzugtür. Jetzt
hören Sie mir mal zu, Fox! Sie haben schon Melissa auf dem
Gewissen und ich garantiere Ihnen, ich werde Sie eigenhändig
umbringen, wenn Dana auch nur noch ein Haar gekrümmt wird.
Mulder stieß Bill von sich und riss sich aus seinem Griff los,
als plötzlich Margaret Scully um die Ecke des Flurs bog und
erschrocken auf die beiden sah. Offensichtlich war sie mitten in
einen Kampf hineingeplatzt. Ihre Augen weiteten sich und sie sah
entsetzt zu ihrem Sohn.
Bill! Mulder atmete auf, er sah schuldbewusst zu
Margaret Scully und ging auf sie zu. Doch Bill kam ihm zuvor und
schob sich zwischen sie. Mom, lass nicht zu, dass dieser
Bastard Dana noch einmal sieht. Ich will nicht, dass er ihr immer
wieder wehtut! Doch Margaret Scully ignorierte ihren Sohn
und sah an ihm vorbei, direkt in Mulders Augen.
Fox! Sie sehen furchtbar aus! Ist alles in Ordnung mit
Ihnen? Sie sah besorgt aus und doch klang ihre Stimme
kühl. Mulder war sprachlos, er wusste nicht, wie er reagieren
sollte, denn Bills böser Blick hing ihm immer noch im Nacken. Er
gab ihnen Recht, er würde ebenfalls jeden Mann, der Scully
wehtat, so hassen wie Bill ihn hasste.
Er näherte sich Margaret und sah ihr tief in die Augen, in der
Hoffnung sie könne erkennen, dass er es ehrlich meinte. Bitte,
ich muss zu ihr!
Margaret war überfordert. Einerseits konnte ihr Zorn auf diesen
Mann nicht größer sein, andererseits liebte ihre Tochter ihn,
sie trug sein Kind unter ihrem Herzen und wenn sie ihre Tochter
nicht für immer verlieren wollte, musste sie diese Beziehung
akzeptieren. Sie hatte Fox immer in Schutz genommen und sie
wusste, es war auch nun ihre Pflicht, so schwer es ihr fiel. Sie
senkte den Blick und wich zur Seite um mit Bill zum Aufzug zu
gehen. Resigniert sah sie Mulder an, bevor sie sich abwendete.
Sie liegt in Zimmer 38. Mulders Blick wurde weich und
Erleichterung breitete sich in ihm aus. Danke! Er
drehte sich weg und wollte um die Ecke den Flur zu ihrem Zimmer
betreten, als Margaret ihn zurückrief. Fox? Er hielt
inne und drehe sich zu ihr um. Bitte, tun Sie ihr nicht
noch mehr weh. Sie hat genug gelitten!
Mulder presste die Lippen aufeinander und nickte ihr fast
unmerklich zu. Als ob er sie absichtlich verletzte! Er hasste
sich selbst für all die Dinge, die ihr seinetwegen widerfahren
waren, sahen sie das denn nicht? Seine sanften grünbraunen Augen
blickten direkt in ihr Herz und sie wusste, sie hatte richtig
gehandelt, auch wenn ihr Verstand ihr etwas Anderes sagte. Komm
Bill, lass uns gehen! Sie hakte sich bei ihrem Sohn unter
und zog ihn zum Aufzug. Er sah Mulder noch lange mit funkelndem
Zorn in den Augen nach und seine Fäuste ballten sich, dass die
Haut über seinen Fingerknöcheln weiß wurde.
Mulder stand vor Zimmer 38 und holte tief
Luft, bevor er die Tür öffnete. Sein Blick fiel sofort auf
ihren Bauch, der sich unter der Decke vorwölbte. Er schloss
erleichtert die Augen. Sie hatte nicht gehört, dass er
hineingekommen war, offensichtlich schlief sie. Ihr Kopf ruhte
auf dem weißen Kissen und ihre Haare leuchteten auf dem hellen
Untergrund wie Kupfer. Ihre Hand ruhte über ihrem Bauch und ihr
Atem war ruhig. Er näherte sich ihr leise und setzte sich
vorsichtig auf den Stuhl neben ihrem Bett. Sein Herz raste bei
ihrem Anblick und er musste sich daran erinnern, weiter zu atmen.
Er war endlich zuhause. Erschöpft ließ er seinen Kopf auf ihre
Matratze sinken und griff nach ihrer Hand. Er war viel zu müde,
als dass er jetzt die Kraft gehabt hätte all den Gefühlen in
seiner Brust standzuhalten. Er hätte es nun nicht ertragen
können, in ihre klaren blauen Augen zu sehen, es hätte ihn zu
sehr überwältigt und so war er froh, dass sie schlief. Er
schloss seine Augen und sein Atem beruhigte sich bis sein Herz so
ruhig schlug wie ihres. Sein Kopf war so schwer als er ihre
weiche Haut sanft küsste und mit dem Gesicht an ihrer Hand und
ihrem Duft in seiner Nase nach drei Tagen zum ersten Mal
einschlief.
Ein dumpfes Donnergrollen draußen vor dem Fenster weckte sie.
Sie hatte wieder von diesem Mann geträumt, den sie in ihrer
Wohnung vor ihrem inneren Auge gesehen hatte. Wer war es gewesen?
Wie war diese Erinnerung in ihren Kopf gekommen? Sie strich mit
ihrer Hand über den Bauch, der sie noch so schmerzte und sah zur
Seite auf die Infusionsflasche, die bald leer sein würde. Sie
war ruhig. Denn es sah aus, als hätte sich ihr Baby endlich
entschieden, noch eine Weile in ihr wohnen zu bleiben. Bill hatte
sie blutend und bewusstlos in ihrer Wohnung gefunden, nachdem
Dr.Cooper sie dort hatte liegen lassen. Es war pures Glück
gewesen, dass Bill schon früher hatte kommen können, sonst
hätte sie diesen Angriff mit Sicherheit nicht überlebt. Und nun
hatte sie es wieder einmal geschafft. Wie oft hatte sie schon die
Augen aufgeschlagen und erkannt, dass sie einmal mehr dem Tod
entronnen war?
Jemand hielt ihre Hand. Sie fühlte seinen Atem auf ihrer Haut.
Langsam drehte sie ihren Kopf zur anderen Seite und wagte kaum
hinzusehen, weil sie die tiefe Hoffnung in sich trug, es könnte
Mulder sein und weil sie nicht wieder enttäuscht werden wollte.
Ihr Herz setzte aus, als sie sah, dass sie dieses Mal nicht
enttäuscht wurde. War er wirklich zurückgekommen? Zitternd vor
Aufregung zog sie ihre Hand unter ihm weg und legte sie auf
seinen Kopf, der erschöpft und regungslos auf ihrer Matratze
lag. Sie strich sanft durch sein Haar und ließ ihre Hand darauf
liegen. Sie wollte ihn nicht wecken, aber zugleich konnte sie es
kaum aushalten, ihm nicht in die Augen sehen zu können. Kaum
hörbar öffnete sie ihren Mund und flüsterte durch die Stille.
Mulder? Dabei strich sie wieder mit der Hand über
seinen Kopf und wieder setzte ihr Herz aus, als er sich regte.
Als er sah, dass sie wach war und ihre wunderschönen Augen ihn
lebendig und voller Liebe ansahen, schäumte er über vor Glück.
Er schenkte ihr sein herzerweichendes Lächeln und sein Blick
legte sich auf sie wie warme Sonnenstrahlen.
Hey, mein Lieblingsmensch ist wieder wach! Scully
lächelte zart zurück und antwortete mit leuchtenden Augen:
Meiner jetzt auch!"
Er erhob sich von seinem Stuhl und stürzte sich auf sie. Vor
Erleichterung seufzten sie beide laut auf, sie hatten nicht damit
gerechnet, einander so schnell so lebendig wiederzusehen und ihr
Glück war unfassbar.
Er legte seinen Kopf an ihren Hals und sog ihren zarten Duft ein.
Seine Hände klammerten sich um ihren kleinen Körper und er
hätte sie fast erdrückt, so sehr überwältigten ihn seine
Gefühle. Sie strahlte und konnte kaum glauben, dass er
tatsächlich heil zurückgekehrt war. Eine Träne lief ihr über
die Wange, als ihre Brust zu zerspringen drohte.
Als sein Kopf an ihrer Brust zur Ruhe kam, schloss sie die Augen
vor Erlösung und legte ihre Arme um seinen Oberkörper, der
schief über sie gebeugt auf ihrem Bett hing. Sie drückte ihn
fest und küsste immer und immer wieder seine Haare. Er wirkte so
müde und sah schlecht aus, doch er war am Leben.
Sie hielten eine Weile aneinander fest und warteten, bis ihre
Herzen wieder zur Ruhe kamen. Sie waren beide so aufgeregt als
sähen sie einander zum ersten Mal.
Schließlich hob er den Kopf und strich ihr mit seiner Hand die
Haare aus dem Gesicht. Sie lächelte ihn an und ein Schauer lief
ihm über den Rücken. Er legte seine Lippen auf ihre und küsste
sie. Sie schloss die Augen und verlor sich vollkommen in ihrem
Glück, ihn endlich bei sich zu haben. Er versuchte sich ihre
leuchtenden Augen in die Seele einzubrennen, als er seine Lippen
wieder von ihren nahm und sich ihre Augen wieder öffneten und in
seine sahen. Daraufhin gab er ihr noch einen Kuss ehe er sich
wieder aufrichtete und sich auf ihre Bettkante setzte. Es war
schwer für ihn, seinen Blick von ihren Augen abzuwenden. Und von
ihren kirschroten Lippen, die jetzt, wo sie noch blasser als
sonst war, umso voller wirkten. Doch seine Augen wanderten an
ihrem Körper hinab zu der Kugel unter der Decke.
Ist mit Fox junior alles in Ordnung? fragte er wieder
gefasster und tappte mit seiner flachen Hand vorsichtig und
unbeholfen darauf herum. Scully lächelte, doch hinter ihrem
Lächeln konnte Mulder den Schmerz sehen, den sie noch immer zu
fühlen schien.
Ja, er hat nur nicht verkraftet, dass die Knicks die Saison
verloren haben. Mulders Augen weiteten sich in gespieltem
Entsetzen und er lächelte sie an.
Doch der Anblick vor ihm war zu ernst, als dass er wirklich
darüber hätte lachen können. Sie lag im Krankenhaus und eine
Nadel steckte in ihrem Arm. Sie hatte eine schlimme Prellung an
ihrer Wange, die ihn wütend machte auf denjenigen, der ihr das
angetan hatte. Er legte seine Hand ganz vorsichtig auf ihre Wange
und sah sie ernst an. Was ist denn passiert?
Scully schloss die Augen und wollte es abtun, sie wollte ihn in
diesem wunderschönen Moment nicht damit belasten. Doch er sah
sie auffordernd an und so setzte sie sich vorsichtig auf, um ihm
in Ruhe all das zu erzählen, was sie während seiner Abwesenheit
erlebt hatte.
Als sie ihm alles gesagt hatte, schluckte er. Sein Hals war ganz
trocken geworden und seine Hände ganz feucht. Es tat ihm leid
und er hasste sich dafür, dass er nicht für sie da gewesen war.
Sein Blick fiel wieder auf ihren Bauch und er holte tief Luft.
Ich glaube, ich weiß, was das für Veränderungen auf dem
Ultraschallbild sind. Und ich glaube, ich weiß auch, wer der
Mann ist, den Du in Deinem Traum gesehen hast. Scullys
Augenbraue hob sich und sie sah ihn verdutzt an.
Was? Woher willst Du das wissen? ---Mulder? Als er
ihr nicht direkt antwortete, legte sie ihre Hand auf seine und
drückte sie. Hey, willst Du es mir nun sagen, oder nicht?
Mulder wusste nicht, was er ihr sagen sollte. Er wollte nicht,
dass sie alles erfuhr, was er in England erlebt hatte. Er wollte
nicht, dass sie von dem Chip wusste, den er gesehen hatte, auf
dem er so vieles über ihr emotionales Innenleben erfahren hatte.
Er wusste, es lag noch so vieles zwischen ihnen, es war nicht der
Zeitpunkt um über all das zu reden, was sie im Innersten
bewegte. Es war jetzt wichtig, dass sie weiterkämpften, dass sie
überlebten, was immer auf sie zukam.
Als er seine Gedanken geordnet hatte, erzählte er ihr von seinem
Tumor, der sich exakt dort befand, wo auch das Baby im
Ultraschall etwas zeigte. Er erzählte ihr von John und dass er
mit Purity infiziert worden war und dass er es John verdankte,
dass er nun bei ihr saß. Weil John ihn zu ihr geschickt hatte.
Als er wieder schwieg, sah sie auf ihre Hände und schüttelte
den Kopf. So viele Fragen türmten sich vor ihr auf und sie
konnte sie nicht zurückhalten.
Aber ich verstehe das nicht. Was für ein Tumor ist das?
Und wieso hat unser Sohn ihn auch? Wie ist das möglich? Und wie
konnte John von dem Angriff in meiner Wohnung gewusst haben? Wie
sind die Bilder von ihm in meinen Kopf gekommen? Als er
Scully ansah und über ihre Fragen nachdachte, dämmerte es ihm.
Vielleicht ist dieses schwarze Öl mehr, als wir immer
dachten. Vielleicht hat es ebenfalls ein Bewusstsein, vielleicht
hat es Erinnerungen.Vielleicht dringt es in die verschiedenen
Körper ein und ist in Wahrheit nur ein einziges großes Wesen,
das die Körper, die es befällt, untereinander verbindet über
sein Bewusstsein.
Scully runzelte die Stirn. Du meinst so wie eine Art
kollektives Bewusstsein? Ja! Und sieh mich dabei
nicht so an, ich meine das Ernst. Scully verkniff sich ein
Grinsen. Mulder, Du denkst doch nicht allen Ernstes, dass
dieses schwarze Öl so etwas wie die 'Borg' ist? Mulder
verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Denk doch mal
darüber nach, hefte das doch nicht direkt wieder in die
Science-Fiction-Kategorie ab. Was ist denn Deiner Meinung nach
die naheliegendste Erklärung dafür?
Scully zuckte mit den Achseln. Ich weiß es nicht.
Vielleicht sind es unterbewusste Gedächtnisinhalte, die durch
den Stress, den der Angriff ausgelöst hat, in mein Bewusstsein
verschoben wurden. Mulder fasste es nicht. War es
tatsächlich möglich, dass sie nun tatsächlich darüber
diskutierten? Und wie erklärst Du Dir dann, dass John
wusste, dass Du es bist, die er vor sich gesehen hat? Obwohl er
Dich gar nicht kannte? Scully schwieg. Sie hatte in der Tat
keine plausible Erklärung für das, was sie erlebt hatte. Aber
ihr fehlten sämtliche plausiblen Erklärungen für das, was ihr
widerfahren war und so gab sie schließlich auf und sah auf ihre
Hand, die sich um Mulders Finger geschlossen hatte. Er sah
ebenfalls auf ihre beiden Hände und lächelte sie schüchtern
an. Sie hatte Recht, wozu sollten sie jetzt darüber streiten?
Er war zurück. Was würde nun geschehen?
Wann lassen die Dich hier raus? Der Arzt sagte,
wenn der Ultraschall heute in Ordnung ist, dann vielleicht schon
morgen. Allerdings muss ich auch zuhause bis zur Geburt das Bett
hüten, wenn ich nicht will, dass das Baby zu früh kommt.
Das machte Mulder Angst. Offensichtlich ging es ihr schlechter,
als sie ihn wissen lassen wollte. Doch er lächelte tapfer und
strich ihr über die Wange. Noch 6 Wochen im Bett? Mhhh
da
fallen mir ne Menge Dinge ein, die man in dieser Zeit dort tun
könnte. Sie lächelte und stieß seine Hand spielerisch
weg. Witzbold!
Wieder schwiegen sie sich schüchtern an. Schwere, graue Luft
hing über der Stadt und sie beide sahen besorgt aus dem Fenster,
beide in dieselben Gedanken versunken über die Zukunft, die dort
draußen auf sie wartete. Und was sie dagegen tun konnten.
Schließlich brach Scully das Schweigen und Mulder sah voller
Bestürzung, dass sie Tränen in den Augen hatte. Sie atmete laut
ein und unterdrückte ein leises Schluchzen.
Ich habe Angst, Mulder.
Das aus ihrem Mund zu hören, wo sie die ganze Zeit versucht
hatte, tapfer zu sein, bedeutete ihm sehr viel. Denn es
bedeutete, dass sie ihm mehr als je zuvor vertraute. Und es
bedeutete, dass es ihr wirklich ernst war. Er gab ihr einen Kuss
auf die Stirn und drückte ihre Hand, als er mit dem Kopf zaghaft
nickte und auf die kleine Grube zwischen ihren Schlüsselbeinen
sah, wo er ihr goldenes Kreuz vermisste. Ich auch, Dana,
ich auch.
Zwei Tage später in Scullys Apartment,
11.21 morgens
Bill hatte das Babybett schon aufgestellt und es war ein
komischer Anblick, wie es so mitten zwischen all ihren Sachen
stand und auf seinen Besitzer wartete. Die ganze Wohnung füllte
sich langsam immer mehr mit Kinderspielzeug und kleinen
Fläschchen, Schnullern, Teddybären und Strampelanzügen. Jeden
Tag brachte ihre Mutter neue Sachen vorbei, die die Nachbarn ihr
schenken wollten. Dabei fühlte sie sich noch gar nicht
vorbereitet auf das Kind. Sie hatte noch überhaupt keine Zeit
für sich und ihren Sohn gehabt. Und noch weniger Zeit hatte sie
für Mulder gehabt. All diese Dinge mussten angesichts der
bevorstehenden Bedrohung warten.
Aber warten worauf?
Als sie den Schlüssel im Schloss ihrer Wohnungstür hörte,
legte sie schnell die kleinen Kissen, die sie gerade mit
hellblauer Wäsche bezogen hatte, in das Bettchen und legte sich
auf ihr eigenes Bett, wo Mulder sie vor einer Stunde alleine
gelassen hatte. Er hatte ihr das Versprechen abgenommen, dass sie
dort liegen bleiben würde, aber sie hatte es nicht gehalten. Als
er hereinkam, konnte Scully sehen, dass hinter seinem warmen
Lächeln die Anspannung verborgen lag, die ihn die ganze Nacht
neben ihr wach gehalten hatte. Aber sie war ebenso wach
geblieben, sie hatte sich schlafend gestellt, aber in Wahrheit
hatte sie schon lange keinen erholsamen Schlaf mehr finden
können. Denn inzwischen regnete es jede Nacht diese dicken
schwarzen Tropfen, die auf ihr Dach klopften wie unheimliche
Besucher, die sich in der Dunkelheit ankündigten. Er stellte
beruhigt fest, dass sie im Bett lag, nahm jedoch auch die frisch
bezogenen Kissen im Kinderbett wahr und hob seine Augenbraue
strafend, als er sie ansah.
Es sieht ganz so aus, als hättest Du Dich nicht an unsere
Abmachung gehalten. Das ist aber schade, dann muss ich das hier
wohl alleine aufessen! Und er zauberte ein Paket
Schokoladenmuffins und zwei Dunkin-Donuts-Becher hinter seinem
Rücken hervor. Vanille-Milch für Euch beide und Kaffee
für mich, reichte er ihr den einen Becher und ließ sich
mit dem Schokoladenmuffin in der Hand auf das Bett fallen. Scully
sah ihn scheinbar unbeeindruckt an, doch in ihrem Herzen war sie
sehr glücklich ihn zu sehen und liebte ihn einfach für alles,
was er tat. Selbst die rücksichtslose Art, wie er sich mit
Schuhen und Schokokrümeln auf seinem Hemd auf ihr Bett warf, war
liebenswürdig.
Wo bist Du so lange gewesen?
Mulder sah sie an. Ihr entging aber auch nichts. Er hatte Skinner
zu Hause besucht. Scully hatte ihm erzählt, was mit ihm passiert
war, doch auch wenn die Nanobots noch immer in seinem Blut waren,
so hatte Scully mit ihrer Therapie bewirken können, dass es ihm
wieder wie vor diesem Zusammenbruch ging. Er würde in einer
Woche wieder ins FBI zurückkehren und Mulder überlegte, was er
selbst nun tun sollte. Scully sah ihm an, dass er nachdachte. Er
drehte sich zu ihr und sah zu ihr auf. Er musste überhaupt
nichts sagen, denn sie fühlte genau wie er dieses ungute,
unheimliche Gefühl der Hilflosigkeit. Sie nahm seinen Kopf in
ihre Hände und legte ihn auf ihren Schoß. Sie hingen beide
ihren Gedanken nach und schwiegen.
Au! Er hat mich getreten! Er tappte fast streichelnd
auf ihren Bauch und strahlte verliebt zu ihr hinauf. Scully
schmunzelte. Wenn man alles um sie herum ausblendete, hätten sie
eine glückliche Familie an einem Sonntagmorgen sein können.
Doch es war Montag. Und sie waren alles andere als glücklich.
Und sie wusste nicht einmal, ob sie eine Familie waren.
Scully wusste, sie war die Realistin, sie war der Kopfmensch und
daher musste sie endlich das Thema aufgreifen, das schon die
ganze Zeit zwischen ihnen in der Luft lag. Mulder, wir
müssen etwas tun. Du musst ins FBI zurück, es sind so viele
Dinge ungeklärt. Er erhob seinen Kopf von ihrem Schoß,
drehte sich auf die Seite und stützte sich auf seinem Ellbogen
ab. Zwischen zwei Muffinbissen antwortete er ihr. Und was
schwebt Dir vor? Was sollen wir Deiner Meinung nach tun?
Scully setzte sich auf. Was meinst Du damit? Mulder, wir
können doch nicht einfach aufgeben und Däumchen drehen. Sieh
doch nur aus dem Fenster. Sieh Dir das graue Leitungswasser an,
geh an die Strände Neuenglands, sieh die Bäume an. Geh in den
Park. Die Welt ist vollkommen aus den Fugen geraten! Aber
Mulder blieb seelenruhig, eine Reaktion, die Scully von ihm
kannte und noch nie verstanden hatte. Wegen so vieler
Albernheiten konnte er vollkommen ausflippen und wenn es um
wirklich wichtige Dinge ging, konnte er die Lässigkeit in Person
sein. Endlich legte er den Rest seines Muffins beiseite und sah
sie mit dem Ernst an, den sie von ihmr erwartete.
Dana, es ist zu groß für uns. Ich weiß nicht, was wir
tun sollen. Ich weiß nur, dass wir beide dieses Ding dort
draußen in der Wüste abgeschreckt haben. Und ich weiß, dass
wir das auch wieder tun können. Aber weder kann ich einen Kampf
mit denen heraufbeschwören noch kann ich dort rausgehen und der
Bevölkerung einen Impfstoff verpassen. Die spielen nach ihren
eigenen Regeln und ohne Hilfe sind wir verloren. Wenn die uns
umbringen wollen, dann werden die das tun. Und wenn die mit uns
spielen wollen, dann haben wir vielleicht eine Chance. Aber ich
weiß es nicht. Wir können nichts Anderes tun als zusehen.
Scully wollte sich wehren, aber ihr fehlten die Worte. Sie wusste
selbst nicht, was sie tun sollten. Kershs Schwester ist
tot. Sie ist wie die Frauen in England durch den Chip in ihrem
Nacken gestorben. Ich konnte meine Nachforschungen nicht beenden,
aber alleine in Maryland und Virginia sind es über 30 Frauen,
die ebenso gestorben sind. Wir können doch wenigstens versuchen,
so lange es noch geht, weitere Tode zu verhindern. Das wäre doch
immerhin ein Anfang.
Mulder legte seine Hand auf ihre. WIR können gar nichts.
Du musst auf Dich aufpassen. Du kannst nicht mehr dort draußen
nach Antworten suchen. Wenn, dann muss ich das tun. Und ich habe
mir selbst das Versprechen abgenommen, Dich nicht mehr aus den
Augen zu lassen. Die wollten Dich umbringen und die werden es
wieder versuchen. Oder denkst Du, Dr.Cooper war nur zufällig
einer von diesen außerirdischen Ölspuckern?
Scully sah aus dem Fenster, wo der Wind die grauen Nebelschwaden
über den Boden fegte. Ich komme schon klar, Mulder. Aber
Du musst fort. Du musst nach England zurück. Was ist mit den
Schützen? Haben die etwas herausgefunden? Und was ist mit Kersh?
Wenn er erst einmal die Beweise sieht, die ich auf dieser CD
gespeichert habe, vielleicht kann er uns helfen! Mulder, so viele
Fragen sind ungeklärt! Und ich kann nichts tun! Bitte, gib uns
nicht auf.
Mulder setzte sich auf. Der Ausdruck in ihren Augen sagte ihm,
dass sie es ernst meinte und es berührte ihn. Denn er fühlte
die Kraft, die aus ihrer Seele zu ihm sprach. Es steckte ihn an
und weckte seinen Geist, der müde und erschöpft von all den
Verwirrungen war. Einen Moment lang schwiegen sie sich an und
Mulder sammelte sich bis er wieder in ihre Augen sah und wusste,
dass er ihr schuldig war, weiterzumachen.
Du hast Recht. Aber ich werde Dich nicht hier
zurücklassen. Er stand vom Bett auf und öffnete ihren
Kleiderschrank um einen Koffer hinaus zu zerren. Scully rutschte
auf die Bettkante und sah ihn verwundert an. Was hast Du
vor? Mulder kämpfte mit den Reisetaschen, die sich in
ihrem Schrank verhakt hatten. Ich bringe Dich nach New
Mexico. Scully sah ihn mit einer Mischung aus Belustigung
über seinen Kampf mit den Koffern und Verwunderung über seinen
Vorschlag an. Was?
Was sollte sie in New Mexico? Doch dann verstand sie, denn sie
erinnerte sich daran, wie sie Mulder dort gefunden hatte. Es war
der einzige Ort, der immer unberührt blieb. Es war auch einer
der wenigen Orte auf der Welt, an denen kein schwarzer Regen
niedergegangen war. Scully wusste nicht, was oder wer die Navajo
wirklich waren, aber sie wusste, dass eine Kraft von ihnen
ausging. Eine Kraft, die diese stummen Beobachter dort oben
abwies. Auf dieselbe merkwürdige Art, wie sie und Mulder dieses
Ding in der Wüste abgestoßen hatten.
Sie stand vom Bett auf und half Mulder dabei ihren Koffer aus dem
Schrank zu holen und packte ihn so schnell sie konnte. Mulder
half ihr so gut er konnte und sah ihr nachdenklich zu, wie sie
einen Koffer für das Baby packte, falls es in New Mexico zur
Welt kam.
Er wusste nicht so recht, was sie taten. Er hatte das Gefühl,
sie würden vor ihrer eigenen Angst nichts tun zu können
davonlaufen.
In der Nähe von Gallup, New Mexico
Ahiga sah über das Land bis zum Horizont. Die Sonne strahlte
warm und golden vom tiefblauen Himmel herab. Doch ihn konnte das
nicht über die Bedrohung hinwegtäuschen, die vom Horizont
ausging und seit Wochen dort still verharrte. Die schwarzen
Wolken hatten, als sie zum ersten Mal von hier oben sichtbar
geworden waren, Unruhe und Panik unter den anderen Indianern im
Dorf ausgelöst. Und der Junge, der Gedanken lesen konnte, saß
seit Wochen wortlos in seinem Zimmer und aß kaum noch etwas.
Ahiga atmete tief durch und genoss die warme Luft, die in seine
Lungen strömte. Er wusste, es würde nicht mehr lange dauern,
bis sie kommen würden.
Sie waren schon einmal da gewesen und hatten sie hier unten
zurück gelassen. Was würden sie dieses Mal tun? Würden sie
alles zerstören? Waren sie gekommen, um ihn und sein Volk zu
holen? Oder waren sie gekommen um das Kind zu holen, das die
weiße Frau mit den Haaren, die so rot waren wie der Canyon vor
seinen Augen, in wenigen Wochen zur Welt bringen würde? Er
wusste es nicht, doch er spürte, dass der Wind seine Richtung
wechselte und er hörte das leise Flüstern, das von den
schwarzen Wolken am Horizont kam.
Vier Tage später in der Nähe von Albuquerque
Der Wagen hielt viel Staub aufwirbelnd an einer verlassenen,
ebenfalls sehr staubigen Tankstelle an. Mulder sah zu Scully
hinüber, die seit Stunden schlief. Er war froh darüber, denn er
wusste, es ging ihr nicht sehr gut und diese Reise war eine
Zumutung für sie und das Baby. Doch in Washington waren fast
alle Inlandsflüge wegen des Regens und der Wolken ausgefallen,
ganz zu schweigen von internationalen Verbindungen. Sie hätten
24 Stunden warten müssen bis das nächste Flugzeug wieder hätte
starten dürfen und daher hatten sie sich zu einem Road
Trip entschieden und waren bis auf eine Übernachtung in
einem Motel in der Nähe von Kansas City durchgefahren.
Er stieg aus und streckte sich. Sein Blick richtete sich wie so
oft in den letzten vier Tagen zum Himmel hinauf und es war wie
eine Erlösung dort seit Wochen zum ersten Mal die Sonne zu sehen
und das Blau, das nun, da er es seit so langer Zeit zum ersten
Mal sah, so unwirklich und tief schien, dass es ihm Angst machte.
Die schwarzen Wolken konnte er überall am Horizont sehen, sie
kesselten das Gebiet geradezu ein.
Als er aus der Tankstelle mit einem Root Beer in der Hand
zurückkam sah er, dass auch Scully aus dem Wagen gestiegen war
und ihre Hand vor Augen hielt um in den Himmel hinauf zu blicken.
Ihr Haar wehte im leisen Wind wie Flammen und ihre helle Haut
leuchtete wie Elfenbein. Mulder merkte gar nicht, wie lange er
sie angesehen hatte als sie plötzlich mit ihren Augen, die so
hell wie der Himmel über ihnen leuchteten, zu ihm
hinüberschaute und ihn irritiert fragte: Was ist?
Er schüttelte den Kopf und lächelte sie an. Root Beer?
hielt er ihr statt einer Antwort die Flasche hin, doch sie verzog
angeekelt das Gesicht und ging an ihm vorbei um sich etwas Vernünftiges
in der Tankstelle zu holen.
Mulder sah ihr nach und lächelte noch immer.
Er versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass ihr Glück, genau
wie der blaue Himmel über ihnen, nur eine Illusion war und nicht
von Dauer sein würde. Denn er konnte das säuselnde Flüstern in
der Ferne mit jedem Windhauch, der seinen Nacken streifte, hören
und befürchtete auch über diesem Tal würden sich irgendwann
die schwarzen Wolken schließen. Dass sie es bisher nicht getan
hatten, konnte nur an den Navajo-Indianern liegen, deren
Geheimnis er bis heute nicht verstand. Aber genau deswegen waren
sie ja hier. Als Scully wieder hinauskam, lief er ihr entgegen
und führte sie mit seiner Hand beschützend zwischen ihre
Schulterblätter gelegt wieder zum Wagen. Als er ihr die Tür
aufhielt, sah sie ihn wieder irritiert an. Ist wirklich
alles in Ordnung mit Dir?
Mulder nickte geistesabwesend und schloss ihre Tür, um sich
wieder hinter das Steuer zu setzen. Scully zog die Stirn in
Falten. Er war ihr manchmal noch immer ein Rätsel und sie hätte
zu gerne gewusst, was in ihm vorging. Aber Scully hatte in den
letzten Monaten noch nicht einmal Zeit gefunden, sich um ihr
eigenes Seelenleben zu kümmern, wie sollte sie da nun die Ruhe
finden, sich Mulder zu nähern? Sie hatten so wenige Augenblicke
für einander in Ruhe gehabt und es war fast, als wären sie
wieder nur Partner, als fürchteten sie sich vor der Nähe des
anderen.
Seit dieser Nacht in der Wüste hatte sie Angst vor der Liebe
zwischen ihnen, doch sie wusste nicht warum. Vielleicht weil sie
so stark war und sie diesen Gefühlen noch immer nicht gewachsen
war, weil sie daran gewöhnt war, eine allein stehende,
emanzipierte Frau zu sein? Aber sie vermisste ihn, er war so weit
weg und seine Augen schienen bei jedem Blick in ihre nach ihrer
Seele zu rufen und dennoch konnte sie sich ihm ebenfalls nicht so
sehr nähern, wie ihr Herz es gewollt hätte.
Weil die Dinge um sie herum sie beide ängstigten und in die Ecke
drängten. Weil sie beide um ihr Leben fürchteten und weil
keiner dem anderen zeigen wollte, wie wenig Hoffnung er noch im
Herzen trug. Weil sie sich beide ständig selbst belogen und sich
schämten, dem anderen diese Lügen zu offenbaren. Keiner wollte
dem anderen wirklich sagen, was er fühlte, weil keiner dem
anderen die Kraft rauben wollte. Die Kraft, die sie beide nur aus
dem Glauben an die Stärke des Anderen schöpften. Als Scully
darüber nachdachte und erkannte, was die Ursache für diese
verschwiegene Distanz zwischen ihnen war, schluckte sie. Und
zuckte fast unmerklich zusammen, als Mulder ihre Haare zur Seite
strich und ihre Wange zart berührte. Es war, als hätte er ihre
Gedanken gelesen, denn als sie ihn ansah, schien er genau zu
wissen, was sie fühlte, denn seine Augen glänzten und sein
Lächeln war traurig und ehrlich. Er hatte das leichte Zucken
unter seiner Berührung gemerkt und wagte sich nicht weiter vor,
also zog er seine Hand wieder zurück und ließ den Wagen an. Sie
drehte den Kopf zur Seite und sah auf die trockene sandfarbene
Landschaft, während sie schweigend zu dem Dorf der Navajos
fuhren.
Am nächsten Morgen im Indianerreservat
der Navajos, 9.13 Uhr
Hier im Tal hatte Mulder das Flüstern, das von so weit her zu
kommen schien, endlich einmal für ein paar Stunden ausblenden
können und war in einen tiefen traumlosen Schlaf gesunken. Doch
mit dem ersten Sonnenstrahl war er wach geworden und lag seitdem
regungslos im Bett. Er traute sich nicht, sich zu bewegen, da er
sie nicht wecken wollte. Sie hatte wie er endlich einmal
durchgeschlafen und er genoss die Stille und ihre Nähe. Das
merkwürdige Gefühl von Angst vor dieser Nähe, das er gestern
noch verspürt hatte, war an diesem Morgen für ihn
unbegreiflich, denn nun war es gerade ihre Anwesenheit neben ihm,
die ihn beruhigte. Ihr warmer Atem blies sanft gegen die Haare
auf seinem Arm.
Sie war so still gewesen in den letzten Tagen und er wusste
nicht, wie nahe er ihr kommen durfte, sie schien unter jeder
seiner Berührungen zusammen zu zucken. Es trieb ihn fast zur
Verzweiflung, dass sie nicht die Zeit hatten, sich um einander zu
kümmern, denn sie hätten diese Zeit so dringend gebraucht.
Es war alles so kompliziert geworden und er wünschte sich
manchmal in sein FBI Büro in alte Zeiten zurück, als sie
noch ausschließlich Partner gewesen waren und ihre größte
Sorge fast immer nur das Budget gewesen war, das bei ihnen
chronisch überstrapaziert worden war. Es war trotz all der
Gefahren und Erlebnisse verglichen mit dem, was jetzt geschah,
unbeschwert gewesen und er hatte die Arbeit mit ihr genossen. Er
hatte sie immer extra lange im Büro aufgehalten, hatte sie an
Samstagen wegen Schreibarbeit versucht ins FBI zu locken und
hatte sie, wenn sie für Ermittlungen in andere Städte gereist
waren, immer abends noch zum Essen eingeladen.
Aber niemals hätte er sich selbst erlaubt, sie zu lieben. Genau
so wenig wie sie es sich erlaubt hätte. Und dabei war es doch
all die Jahre wie ein unausgesprochenes Geständnis zwischen
ihnen gewesen.
Sie waren beide stur und beide waren sie einsame Menschen, die es
gewohnt gewesen waren, allein und stark zu sein, sich nicht auf
jemand anderen einzulassen.
Und dennoch war es passiert, ohne dass sie es hätten steuern
können. Er hatte immer wieder kleine Zeichen gesetzt, in der
Hoffnung sie würde auch mal einen Schritt auf ihn zu kommen. Der
Kuss in der Neujahrsnacht! Hatte ihr Blick ihm nicht genau die
Antwort auf diesen Kuss gegeben, die er von ihr hatte haben
wollen? Und dennoch war nie ein Zeichen von ihr ausgegangen, oder
hatte er es nur nicht gemerkt?
Bis sie eines Tages diesen Schritt doch auf ziemlich drastische
Weise gewagt hatte und ihn ohne Vorwarnungen um die Vaterschaft
ihres Kindes gebeten hatte. Er war damals vollkommen überrumpelt
gewesen - und berührt. Es hatte ihm so viel bedeutet.
Damals hatte er lange Zeit zum Nachdenken gehabt und er war an
dem Tag stundenlang mit seinem Baseballschläger auf dem Feld
gewesen, ohne einen einzigen Ball zu schlagen. Denn er hatte
damals gewusst, dass sie ihm damit gesagt hatte, dass sie mehr
wollte. Dass sie es nicht mehr unterdrücken wollte.
Denn unterdrückt hatten sie beide es jahrelang, sonst wäre es
nicht immer wieder zwischen ihnen zu diesen Augenblicken
gekommen, in denen diese Spannung sie fast zerrissen hätte.
Und von da an war alles schiefgelaufen. Wäre er nicht von diesem
Raumschiff in Oregon mitgenommen worden, hätte er von Anfang an
dabei sein können, hätte gesehen, wie das Baby in ihr wuchs, er
hätte es verstehen können und hätte sich darauf einlassen
können, all diese jahrelang unterdrückten Gefühle endlich
zuzulassen.
Doch nun war alles so fragmentartig, so unvollständig und
durcheinander.
Und wieder musste er seine Gefühle unterdrücken und sich von
ihr verabschieden. Würde es ewig so weitergehen? Konnte er
überhaupt seine Gefühle herauslassen, in der Intensität und
mit all der Kraft, mit der er sie verspürte?
Aber vor dem, was er da draußen näher kommen spürte, schien
alles zu verblassen, alle menschlichen Schicksale, alle Gefühle
und Ängste. Denn mit einem einzigen Schlag konnte all das, was
die Menschheit ausmachte, ausgelöscht sein. Und doch waren es
eben diese vergänglichen, auslöschbaren Gefühle, die ihn noch
am Leben hielten und ihm überhaupt noch die Kraft gaben, morgens
seine Augen aufzuschlagen.
Und das war es zugleich, was ihm solche Angst machte, denn er
hatte in der Wüste erlebt, wie stark diese Kraft in ihnen werden
konnte. Und er hatte es mit eigenen Augen gesehen, als sein Chip
John fast umgebracht hätte.
Mulders Magen knurrte und riss ihn aus seiner Grübelei. Er sah
auf die Uhr neben dem Bett und entschied sich, dass es Zeit war,
den schlafenden Rotschopf neben sich zu wecken. Er schloss einen
Augenblick die Augen, atmete tief durch und versuchte seinen
Geist von all den quälenden Gedanken zu befreien.
Er beugte seinen Kopf zu ihr und hauchte ihr einen sanften Kuss
auf die Wange, nicht ohne an ihrer weichen Haut zu riechen und
sich den Duft ins Gedächtnis einzuprägen. Er hätte am liebsten
in ihre rosige Wange hineingebissen, doch da öffnete sie schon
ihre Augen und sah ihn groß an, als hätte sie nicht mit ihm
gerechnet. Er fühlte wie er, wie jedes Mal wenn sie ihm direkt
in seine Augen sah, zu atmen aufhörte und lächelte sie
verschmitzt an, während er sich von der Seite an sie schmiegte.
Hey, Sonnenschein, hast Du den Mond verschluckt? Und
er sah belustigt auf ihren kugeligen Bauch.
Sie lächelte und merkte erleichtert, dass sein Kuss sie nicht
verschreckt hatte, wie an den Tagen zuvor, und dass es eigentlich
keine schönere Art auf der Welt gab, geweckt zu werden.
Den Mond nicht, aber Dein Frühstück antwortete sie
unbeeindruckt auf seine freche Frage und warf einen Seitenblick
auf das Tablett, das ihnen jemand heimlich schon vor Stunden
leise in den Raum gestellt hatte. Mulders Mund stand offen und er
sah entrüstet über ihren Körper hinweg auf die leeren Teller,
auf denen die letzten Krümel einen leckeren Apfelkuchen
vermissen ließen.
Wann ist das denn gewesen? Scully setzte sich mit
einem siegessicheren Lächeln auf. Vor zwei Stunden als Du
noch friedlich geschlafen hast und ich mir draußen den
Sonnenaufgang angesehen habe. Mulder kniff die Augen
zusammen und funkelte sie böse an. Das schreit nach
Bestrafung, das ist Dir doch klar, oder?
Sie wich seinem Blick aus und grinste in sich hinein, doch ihr
Lächeln fror ein und sie sah ihn ernst an.
Die Flugzeuge fliegen wieder, Du solltest also heute noch
fliegen. Wer weiß, wann der nächste schwarze Regen kommt.
Mulder küsste ihren runden Bauch und strich mit seiner Hand
darüber. Dann stand er mit einem Ruck auf und sah aus dem
Fenster. Mann, Du kannst aber wirklich ungemütlich sein.
Aber Du hast Recht. Ich werde versuchen einen Flug von
Albuquerque zu erwischen. Soll ich Dich zum Flughafen
fahren? Nichts da, Du bleibst hier liegen, ich lass
doch nicht eine schwangere Frau alleine von Albuquerque zurück
in die Wildnis fahren. Du musst, egal was passiert, hier bleiben
und Dich und das Baby schonen. Er ging auf sie zu und
kniete sich vor ihrer Seite des Bettes hin. Versprichst Du
mir das?
Scully sah in seine grün-braunen Augen, die sie treu und
liebevoll ansahen und ihr Herz erwärmten, wie sie es vom ersten
Augenblick ihrer Partnerschaft an immer getan hatten. Sie
seufzte. Du weißt, dass ich mein Bestes geben werde.
Das schien ihn einigermaßen zu beruhigen und er stand auf,
packte seine Sachen zusammen und ging zu Sikes Haus, um sich von
ihm zu verabschieden.
Sike nickte ihm schon von weitem zu und
klopfte ihm zum Abschied aufmunternd auf die Schulter, während
er die Augen zusammenkniff und argwöhnisch die dunklen Wolken am
Horizont musterte. Doch sie hatten sich nicht genähert, trotz
der Ankunft von Gibsons Freunden.
Mulder blickte ihm tief in die Augen und sah zu Scully hinüber,
die mit verschränkten Armen im Eingang ihrer Unterkunft stand
und mit gerunzelter Stirn ebenfalls in den blauen Himmel sah.
Passen Sie gut auf sie auf. Ich werde tun, was
ich kann, versprach ihm Sike und sah zu Gibsons Haus
hinüber. Er hatte am Abend ihrer Ankunft schon geschlafen und
Mulder wollte ihn noch einmal sehen. Als er schon auf halbem Wege
zu Gibson war, rief Sike ihm hinterher.
Es wird bald losgehen, Fox. Sie sollten sich also beeilen.
Mulder nickte und überlegte, was Sike wusste, was er ihm nicht
sagen wollte. Er drehte sich wieder um und klopfte vorsichtig an
Gibsons Tür.
Es war dunkel in seinem Zimmer und er lag still auf seiner
Matratze mit dem Rücken zur Tür. Ohne sich umzudrehen, sprach
er Mulder in seinem für sein Alter viel zu ernsten und tiefen
Tonfall an.
Sie denken, Sie können die noch aufhalten, oder? Sie
wollen Ihren Freund in England besuchen. Aber eigentlich tun sie
das doch nur, um sich selbst zu beruhigen. Mulder ging
näher an Gibson heran, der Junge hatte ihm schon immer leid
getan, für die Kindheit, die man ihm genommen hatte und für all
die Dinge, die er in seinem jungen Leben schon gesehen und
gefühlt hatte. Er hob eines der Spiderman Comics vom
Boden auf und sah es sich an. Hey Gibson, ich wusste gar
nicht, dass Du ein Marvel-Fan bist. Ich war immer Fan von Rick
Jones und seiner Schicksalsmacht. Wer ist Dein Lieblingsheld?
Mulder machte eine Bewegung, die, wie er fand, täuschende
Ähnlichkeit mit Spiderman hatte, in der Hoffnung Gibson würde
sich zu ihm umdrehen. Ohne sich jedoch zu bewegen schien Gibson
auf den Small Talk einzugehen, wenn auch lustlos. Soldier!
Ah! Der Kerl mit den telepathischen Fähigkeiten.
Mulder nickte und war froh, dass Gibson ihm nicht mehr so
feindselig gegenüber stand, wie bei seinem Eintritt in sein
Zimmer.
Darauf drehte der Junge sich auf seiner Matratze endlich zu ihm
um.
Mulder erschrak bei seinem Anblick. Er hatte tiefe dunkle Ränder
unter den Augen und konnte seine Augen nicht stillhalten, sie
schienen seinem Gehirn nicht zu gehorchen und zuckten
unaufhörlich hin und her. Ganz schön spukig, was?
Gibson hatte offenbar bemerkt, wie sehr sein Äußeres Mulder
erschreckt hatte. Ich kann nichts dagegen tun, ich kann
diesen Teil meines Gehirns nicht mehr beeinflussen. Ich kann
außer meinen Gedanken gar nichts mehr beeinflussen. Die sind
viel zu nah und ich höre sie. Ständig. Es brach aus ihm
heraus, als hätte er schon seit Wochen darauf gewartet, dieses
Gefühl jemandem mitteilen zu können. Mulder setzte sich auf
einen Stuhl ihm gegenüber. Dieses Flüstern, nicht wahr?
Das höre ich auch. Ja, aber Sie hören es wegen
diesem Tumor in Ihrem Kopf und weil es langsam auch alle anderen
Menschen hören. Aber ich höre es weil DIE in meinem Kopf sind.
Mulder streckte seinen Kopf neugierig nach vorne. Woher
weißt Du von meinem Tumor? Ich kann ihn fühlen.
Wenn Sie oder Agent Scully in meiner Nähe sind, wird das
Flüstern leiser. Und dann kann ich ihn fast sehen, den Tumor.
Ich kann dann die Elektrizität sehen, wie sie in Ihrem Kopf
knistert. Und in Agent Scullys Bauch.
Mulder war aufgeregt. Dieser Junge war ein unglaubliches Wunder,
er war wie eine Art Sprachrohr zwischen den beiden Welten, die in
Kürze aufeinander treffen würden. Er beugte sich weiter nach
vorne zu Gibson.
Was kannst du sonst noch fühlen? Bezüglich denen da
draußen? Oder bezüglich dessen, was hier auf der Erde geschehen
wird? Gibson schloss die Augen und legte sich auf den
Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Die
verraten mir nichts. Aber ich glaube, dass sie sich vor etwas
fürchten. Und ich weiß, dass es noch immer Menschen gibt, die
wie Sie versuchen, das aufzuhalten. Aber es lässt sich nicht
aufhalten. Denn die sind nicht an Körper gebunden wie wir. Diese
Soldaten mit dem schwarzen Öl sind nur Jäger, die uns ablenken
sollen. Gegen diese Macht selbst können wir gar nichts tun.
Nicht mir unseren irdischen Mitteln. Wir können nur warten.
Mulder schüttelte den Kopf. Nein, das akzeptiere ich aber
nicht. Wie können wir denn hier sitzen und warten, wenn wir alle
sterben werden? Gibson öffnete wieder die Augen und sah
Mulder an. Wir können mehr tun, wenn wir uns auf uns
konzentrieren, als wenn wir dort draußen die falschen Feinde
jagen. Was meinst Du damit? Die Welt
dreht vollkommen durch. Jeder misstraut jedem, überall fühle
ich diese Panik, die Angst und die Hilflosigkeit. Und es führt
die Menschen in die Irre. Sie machen alles falsch.
Mulder schwieg, seine Augen sahen durch ihn hindurch ins Leere.
Du kennst die Wahrheit, oder? Und es macht Dich krank zu
sehen, wie weit wir alle davon entfernt sind, nicht wahr?
Gibson schwieg und starrte an die Decke. Doch Mulder wusste, er
hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen.
Er verstand, dass das Gespräch für Gibson beendet war und er
stand auf um ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Ich
werde nicht lange weg sein, Gibson. Ich verspreche es. Ich werde
da sein, wenn die kommen. Aber ich muss vorher noch ein paar
Antworten finden. Auf das Warum und das Wie. Das verstehst Du
doch! Gibson sah aus seinen Augenwinkeln zu ihm auf, ohne
seinen Kopf zur Seite zu drehen. Ja, und es ist trotzdem
sinnlos, murmelte er in die Dunkelheit hinein. Mulder gab
es auf. Es machte ihn wütend, dass Gibson ihn nicht
unterstützte und ihm so wenig half. Aber er konnte es ihm nicht
verdenken, denn der Junge war ausgebrannt und leer. Und er war
nicht er selbst.
Eine Viertelstunde später
Die Sonne schien hoch über ihnen golden auf sie herab und der
kühle Novemberwind wehte durch ihre Haare. Als er in ihre Augen
sah, war es als fiele er in den Himmel hinein, so blau leuchteten
sie. Sie hielt ihn an der Hand und sah an ihm vorbei auf den
Mietwagen, mit dem sie hergekommen waren. Bist Du sicher,
dass Du alleine nach Albuquerque fahren willst? Ihr war
unwohl bei dem Gedanken ihn allein in die sonnenlose, graue Welt
zurückgehen zu lassen. Aber sie hatte keine Wahl. Mit seinen
Fingern zärtlich auf ihren Bauch trommelnd sah er zu ihr
hinunter und lächelte sie mit seinen grünbraunen Augen an, dass
ihr die Knie weich wurden. Ich bin mir ehrlich gesagt im
Moment nur einer Sache wirklich sicher!
Sie sah ihn fragend an und hob die Augenbraue. Und welche
Sache wäre das? Er beantwortete ihre Frage, indem er sich
zu ihr hinunterbeugte und seine Lippen ein letztes Mal weich auf
ihre legte. Seine Hand streichelte dabei ihren Bauch und fühlte
die Bewegungen ihres Kindes, während sie sich ihm auf
Zehenspitzen entgegenstreckte und ihre Arme sanft um seinen Hals
schlang. Seine Haut war so weich und er schmeckte so gut. Sie
fühlte sich in seiner Nähe geborgen und genoss die Berührung
ihrer Lippen und seinen warmen duftenden Atem, der dabei über
ihr Gesicht blies. Als seine Arme sich um sie legten und über
ihren Rücken strichen, merkte sie, wie ihr kalt wurde und sie
Gänsehaut bekam. Es war zu viel für sie und so löste sie sich
aus seiner Umarmung und legte ihre Hände auf seine Brust, wo
sein Herz gegen ihre Fingerspitzen schlug. Ihr Blick haftete an
seinen Lippen und sie schien den Moment nicht beenden zu wollen,
denn sie schwieg und rührte sich nicht, während der Wind ihr
immer wieder eine Haarsträhne ins Gesicht wehte.
Er musste unwillkürlich lächeln, als er ihr diese Strähne aus
dem Gesicht hinter ihr Ohr strich. In den letzten sieben Jahren
hätte er niemals für möglich gehalten, dass sich hinter dieser
kühlen, distanzierten ruhigen Frau, die oft härter als die
meisten ihrer männlichen Kollegen sein konnte, so eine
zärtliche und weiche und vor allem verschmuste Person verbarg.
Er hatte es eigentlich bis zu dem Tag nicht verstanden, als er
auf ihrem Chip erahnt hatte, was all die Jahre in ihr vorgegangen
war. Es hatte Tage gegeben, an denen hatte er sich regelrecht vor
ihrem Eispanzer gefürchtet und nun konnte er die wahre Dana
Scully vor sich sehen und es fiel ihm schwer, das zu begreifen.
Selbst außerhalb des FBI Gebäudes wenn sie beide im Auto
oder im Flugzeug oder abends unterwegs gewesen waren, hatte sie
sich in den letzten sieben Jahren nur selten und unter
außergewöhnlichen Umständen von ihrer sensiblen Seite gezeigt.
Erst als sie sich damals den Ouruboros auf den Rücken hatte
tätowieren lassen und mit diesem fremden Kerl in seine Wohnung
gegangen war, hatte er zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen,
dass sie vielleicht wesentlich sensibler und verletzlicher war,
als sie ihn immer hatte glauben lassen. Es hatte ihn daran
erinnert, dass sie eine Frau war, mit Bedürfnissen, Gefühlen
und Träumen und es hatte ihn verletzt, dass sie einem
wildfremden Mann offenbar mehr vertraut hatte als ihm. Als sie
danach krank geworden war, hatte er jede Minute genutzt, diese
zarte Persönlichkeit hinter ihrer hohen Mauer aus kaltem Stein
kennen zu lernen, doch sie hatte es ihm wirklich nicht sehr
leicht gemacht. Während er bei allen anderen Frauen mit seinem
Charme immer direkt Erfolg gehabt hatte, hatte er bei ihr niemals
weiter als bis zu einem ruhigen Lächeln von ihr vordringen
können. Und nun war es endlich so, dass sie ihren Panzer für
ihn abgelegt hatte. Ein Zeichen dafür, wie nahe sie sich in all
den Jahren gekommen waren. Aber wieso hatte es nur so lange
gedauert? Und wieso mussten sie jetzt all die Gefühle nach so
langer Zeit wieder auf Eis legen? Nicht wissend, ob sie in diesem
Leben noch einmal die Chance bekommen würden, all das
auszuleben, was sie fühlten.
Mit diesem Gedanken ließ er sie los und hielt ihr eine kleine
Schachtel hin, die er in seiner Hosentasche versteckt hatte. Sie
sah überrascht von der kleinen Box zu ihm auf. Was ist
das? Wonach sieht es denn für Dich aus? Sie
sah auf die Schachtel. Er hatte ihr schon so viele
unkonventionelle Geschenke gemacht. Sie lächelte. Naja...es
könnte ein Schlüsselanhänger sein oder ein neuer Chip für
meinen Nacken, ein Alien-Impfstoff in einem eleganten
Parfumflakon, eine tote Biene
Sie warf ihm einen
vielsagenden Blick zu. Er schmunzelte und sah gespannt zu, wie
sie die Schachtel öffnete. Als sie sah, was es war, war sie
überrascht und ihr entfuhr ein staunender Seufzer.
Sie sah ihn mit offenem Mund an und hob die weißgoldene Kette,
die in der Schachtel lag, vor ihm in die Höhe um sie sich zu
betrachten. An der Kette war ein kleiner Anhänger, er war
ebenfalls weißgold und umfasste einen geschliffenen länglichen
dunkelblauen Stein. Doch als sie genauer hinsah, erkannte sie,
dass der Stein mit einer Flüssigkeit gefüllt war, in der etwas
Dunkles zu sehen war.
Er sah sie schüchtern an, denn er war sich nicht sicher, ob ihr
das Geschenk gefiel. Er zeigte mit dem Finger beiläufig auf
ihren Hals. Ich hab Dein Kreuz vermisst und ich dachte, das
hier hat sogar einen praktischen Wert. Sie sah ihn fragend
an. Einen praktischen Wert? Er umfasste ihre Hand, in
der sie die Kette hielt und hielt sie ins Licht. Ja, siehst
Du, das, was da in dem Stein herumschwimmt? Das ist meine DNA.
Er hob die Augenbrauen neckisch. Wer weiß, wozu Du die
noch gebrauchen kannst. Und er sah dabei auf ihren Bauch
und lächelte wissend. Sie sah ein wenig irritiert zu ihm auf und
gab ihm den "Mulder- du - bist- verrückt-Blick", aber
es schien ihr schließlich zu gefallen und sie presste tapfer die
Lippen aufeinander, um nicht wieder von ihren Hormonen
überwältigt in Tränen auszubrechen.
Stattdessen sah sie wieder zu seinem Auto hinüber und nickte
leicht in seine Richtung. Ich denke, Du musst jetzt gehen.
Ihre Stimme klang rau und ihre Augen glänzten feucht, und er
verstand. Er nickte ebenfalls, küsste noch einmal ihre Hand, die
die Kette fest umschloss, und stieg in den Wagen, ohne den Blick
von ihr zu wenden.
Ihre Finger schlossen sich um die Kette in ihrer Hand, auf der
sein Kuss noch kühl vom Wind verweht wurde, und sie sah ihm als
er fortfuhr mit der anderen Hand schützend auf ihrem Bauch so
lange nach, bis sich der Staub, den der Wagen aufgewirbelt hatte,
wieder gelegt hatte und sie alleine unter dem blauen Himmel
stand.
Sie seufzte und sah auf die Kette in ihrer Hand, die tiefblau im
Licht glitzerte. Als sie sich umdrehte, um auf ihr Zimmer
zurückzukehren, sah sie seine Fußabdrücke im sandigen Boden
vor sich. Nocheinmal drehte sich sich nach der Staubwolke am
Horizont um, die von seinem Wagen stammte und verdrängte den
Gedanken, dass ihm etwas zustoßen könnte ein letztes Mal. Denn
sie war es leid, sich immer und immer wieder um ihn zu sorgen.
Ihre Augen blitzten auf.
Was war nur aus der einsamen, unabhängigen Frau geworden, die
sie einst gewesen war?
Doch die Antwort gab ihr ihr klopfendes Herz bei den Bewegungen
ihres Babys.
Sie ging mit einem selbstsicheren Lächeln zu ihrem Zimmer
zurück, ohne die Wolken am Horizont eines Blickes zu würdigen.
London, England 23.48 Uhr
Die Tür des Pubs fiel laut hinter ihm zu als Colin vom Alkohol
benebelt hinausstolperte und sich an der nächsten Häuserwand
einen Augenblick abstützte, bis die frische Luft ihm den Kopf
etwas klarer gepustet hatte. Die letzten Tage waren die Hölle
gewesen und er hatte diese Drinks gebraucht, und dennoch ging es
ihm elend und er wünschte, diese Invasion wäre schon vorbei.
Als die Welt sich nicht mehr im Kreis um ihn herum drehte,
richtete er sich auf und ging wankend die Straße hinunter, durch
den dunklen, schmierigen Film, den der letzte schwarze Regen
hinterlassen hatte.
Er merkte nicht, dass ihm jemand aus dem Pub gefolgt war.
Der Mann, der dem Informatiker gefolgt war, schwitzte aus jeder
seiner Poren. Seit Tagen befand er sich in diesem Zustand, hatte
nicht mehr geschlafen, nicht mehr gegessen. In seinem Kopf
schwirrten Erinnerungen herum, die er nicht erkannte, er empfand
Gefühle, die ihm fremd waren und vor seinen Augen zuckten
permanent grelle Lichtblitze durch sein Blickfeld. Um ihn herum
hörte und fühlte sich alles taub an. Als würde er durch Watte
hindurch greifen und hören. Im Gegensatz dazu roch er alles viel
stärker und die Farben waren so grell, dass er Kopfschmerzen
davon hatte. Er wusste nicht mehr, wer er war und woher er kam.
Er wusste nur eins. Er war verloren und er musste handeln. Sie
waren alle verraten worden. Und er musste sie alle umbringen.
Musste ihr Blut auf seiner Haut spüren, wie es warm darüber
lief und sich seine Kleidung damit vollsog. Dann würde er sich
vielleicht wieder lebendig fühlen, denn das Blut in seinen Adern
war bereits seit Tagen gefroren. Sein Griff um die Waffe in
seiner Hand verkrampfte sich und er wartete ab, bis Colin sich
vor einem fremden Hauseingang stehen bleibend eine Zigarette
anzündete.
Er packte ihn an der Schulter und Colin drehte sich zu ihm um.
Seine Augen weiteten sich in Entsetzen, bevor er sich bemühte
ein Lächeln aufzusetzen, das aufgrund seiner Angst eher wie eine
Grimasse wirkte. John! Ich hab Dich gar nicht kommen
hören! Noch während er diese Worte sprach begriff er,
dass diese Nacht noch viel schlimmer werden würde, denn John
drückte ihm seine Pistole in den Bauch und drückte ohne mit der
Wimper zu zucken ab. Ihm wurde schwarz vor Augen und er krümmte
sich vor Schmerz, während sein Angreifer ihn in den Hauseingang
hineinfallen ließ.
Das Blut floss warm über seine Haut und er sah sich um. Sein
Herz raste und in seinem Kopf schwirrten noch immer Bilder aus
einer Vergangenheit umher, die er nie gehabt hatte. Ein Mädchen,
das er noch nie gesagt hatte, rief in seinem Kopf immer wieder
nach ihm. Fox! Fox!
John konnte es nicht mehr hören und hielt sich den Lauf der
Pistole mit einem Blick auf den blutenden Leichnam seines alten
Freundes in den Mund, um noch einmal abzudrücken.
Das Bild des Mädchens mit den langen dunklen Haaren und der
Stratego-Figur in seinen Händen war das Letzte, was er sah. Und
auch das war eine Erinnerung an ein Leben, das er nie geführt
hatte.
Einen Tag später in derselben Stadt,
23.12 Uhr
Mulder rannte wütend vor dem Gebäudetrakt wie Falschgeld herum.
Hier war es doch gewesen!
Doch als er den Flur des Laborkomplexes am Nachmittag betreten
hatte, in dem er wochenlang mit Johns Team nach dem Grund für
seine Immunität gesucht hatte, hatte sich ihm ein großer
dürrer Mann in weißem Kittel mit buschigen schwarzen
Augenbrauen in den Weg gestellt und ihn abgefangen. Er hatte ihn
unverwandt und kühl danach gefragt, was er suche.
Mulder hatte es kaum fassen können. Wie oft hatte er so etwas
schon erlebt! Wie oft war er schon an Orten gewesen, an denen in
der einen Minute noch zwielichtige Geschäfte floriert waren und
unzählige Menschen ihrer Arbeit nachgegangen waren, und an denen
er in der nächsten Minute nur noch auf Menschen gestoßen war,
die offenbar überhaupt nicht viel von Informationsverbreitung
hielten.
Heute hatte er sich wieder so einem Menschen gegenüber befunden
und er hatte es für überflüssig gehalten, diesem kühlen,
riesigen Mann mitzuteilen, dass er vor wenigen Tagen erst in dem
selben Gebäude mit einem Forscherteam Chips entwickelt hatte,
die sie vielleicht alle vor dem Untergang retten würden.
Der Mann hatte nicht so ausgesehen, als wäre er durch
irgendetwas zu beeindrucken gewesen. Er hatte Mulder
unmissverständlich klar gemacht, dass seine Anwesenheit nicht
länger erwünscht war und er sich in einem Hochsicherheitstrakt
befände.
Mulder hatte ihn angesehen und mit einem vielsagenden Blick und
ziemlich bissigem Tonfall geantwortet: Mann, das müssen ja
unheimlich geheime Experimente sein, dass die soviel Sicherheit
brauchen!
Damit hatte er sich einen weiteren eisigen Blick von seinem
Gegenüber eingefangen und hatte sich umgedreht, nicht ohne sich
beim Verlassen des Gebäudes noch ein-, zweimal zu
"verlaufen" um genau seine nächtliche Rückkehr zu
planen.
Doch auch in der Nacht war das Gebäude umstellt. Mulder konnte
sich nicht erinnern, dass hier so viel Security gewesen war, als
er hier vor kurzem noch ganz selbstverständlich wie ein
Angestellter ein- und ausgegangen war. Es war wieder, als
befände er sich in einer Parallelwelt. Überall, wohin er
zurückkehrte, schien sich im Moment alles jedes Mal um 180° zu
verändern. Aus schwarz wurde weiß und umgekehrt.
Er gab es schließlich auf. So abgesichert, wie das Gebäude war,
konnte er ohne die ausgeklügelten High-Tech-Tricks der Lone
Gunmen nichts anrichten. Er war hier fertig. Was immer dort
hinter diesen Gemäuern - von wem auch immer - durchgeführt
wurde, es würde die Welt sicher nicht retten. Und er hatte weder
die Zeit noch die Lust, dort seinen Kopf zu riskieren, nur um
wieder auf weitere Netze aus Lügen und Verwirrungen zu treffen.
Was sie retten würde, das musste er jedoch finden. Er musste
John finden. Und die Anderen.
Das weiße Gebäude leuchtete in der Dunkelheit gespenstisch und
leblos durch die Nacht. Er sah auf die Uhr. Der schwarze Regen
würde bald wieder losgehen. Wie jede Nacht. Also sollte er sich
besser beeilen. Und er schlich sich an den Wachen und
Scheinwerfern vorbei, um das Gelände unbemerkt zu verlassen.
Doch als er gerade hinter der weißen Mauer
des Hauptgebäudes um die Ecke sah um nach dem Wachposten, der
dort hin und herwanderte Ausschau zu halten, durchfuhr ihn ein
hohes zischendes Flüstern, das sich durch jede Faser seines
Gehirns zu bohren schien. Sein Kopf wurde von den Schmerzen fast
zerrissen und seine Hände klammerten sich um seine Schläfen in
der Angst sein Schädel würde platzen. Er fiel zurück hinter
die Mauer und rutschte an der Wand ab.
Als der Schmerz nach unerträglichen zehn Sekunden endlich
nachließ, erhob er sich vorsichtig und schnappte nach Luft. Er
war gewarnt. Und er musste schnellstens verschwinden.
Ein Blick durch die Dunkelheit verriet ihm einen anderen Ausweg
aus dem Gelände und er schlich sich durch einen Kiesweg an einem
Gebüsch vorbei zu einer Hecke, von der aus er über eine Mauer
ebenfalls zur Hauptstraße gelangen würde. Das Flüstern jedoch
kam langsam und immer lauter wieder zurück in seinen Kopf und er
merkte, wie er immer unruhiger wurde. Schließlich begann er zu
rennen ohne noch darauf zu achten, ob ihn jemand bemerkte. Einer
der Wachposten wurde auf ihn aufmerksam und schrie ihm hinterher.
Hey! Stehenbleiben! Doch Mulder hörte nur noch das
Zischen in seinem Kopf und rannte so schnell er konnte auf die
Mauer zu und sprang hinauf.
Aber bevor er auf der anderen Seite wieder hinunter springen
konnte, packte ihn jemand an seinem Unterschenkel und das
Flüstern schien zu einem gellenden Schrei anzuschwellen. Einem
Schrei, den er schon oft gehört hatte. Einem Schrei, der an den
Klang verstimmter Geigen in einem Raum aus Metall erinnerte.
Mulder hatte nur noch einen Gedanken, er musste weg. Der Griff um
sein Bein war hart und kalt. Mulder drehte sich nach seinem
Angreifer um und sah in zwei leere, schwarze tote Augen, die wie
dunkle Schatten in der Augenhöhle lagen.
Oh nein, mich kriegt Ihr nicht. Nicht jetzt! Und nicht
hier! Sein Zorn beim Anblick des Alien-Soldaten schien
keine Grenzen zu kennen und er nahm all seine Kräfte zusammen,
als der Soldat ihn von der Mauer zog und sich auf ihn stürzte.
Er hatte eine Waffe und Mulder wusste, dass er diesem
Alien-Soldaten mit seiner Immunität allein nicht entkommen
würde. Der Wachposten war hinterher gelaufen und stand nun mit
erstarrtem Blick vor den beiden. Er wusste nicht, was er tun
sollte. Wer waren die beiden Fremden? Er rief in seinem
Funkgerät nach Verstärkung, als der größere und stärkere der
beiden Fremden mit den unheimlichen schwarzen Augen sich
plötzlich aufbäumte und einen Schrei von sich gab, wie ihn der
Wachmann noch nie in seinem Leben zuvor gehört hatte.
Es hatte etwas Unmenschliches an sich. Etwas Metallisches. Ein
Schuss fiel und der Wachmann spürte, noch ehe er begriff was vor
ihm geschah, wie sich eine schwarze Wolke über ihm niederließ
und etwas Kaltes in ihn hineinfloss und alles um ihn herum
schwarz wurde.
Als die anderen Wachmänner herbeieilten, konnten sie nur noch
die Leiche ihres Kollegen finden, der mit einer schmerzverzerrten
Grimasse und offenen, schwarzen Augen tot in den sternlosen
Himmel starrte.
Mulder rannte so schnell er konnte. Er
rannte bis er nicht mehr wusste, wie er hieß und wo er war. Nach
ein paar Blocks gelangte er endlich in eine lebhaftere Gegend und
sah sich schnaufend nach einem Taxi um. Offenbar war ihm niemand
gefolgt.
Er wischte sich mit seiner schwarzen, verschmierten Hand den
Schweiß von der Stirn und bemerkte, dass er blutete. Völlig
benommen stieg er in das Taxi ein, um sich zum Hotel fahren zu
lassen. Er hatte keine Ahnung, was gerade passiert war. Und
alles, woran er sich erinnern konnte, war der eisige Griff um
sein Bein, als er auf die Mauer gesprungen war. Doch offenbar
hatte er es wieder einmal geschafft und alles andere war ihm
egal, denn er war viel zu müde und in seinem Kopf dröhnte ein
pochender Schmerz. Sein T-Shirt war zerfetzt und sein Stoff war
von dem Blut, das aus einer Wunde an seiner Schulter floss,
durchtränkt. Es brannte und pochte während der ganzen Fahrt.
Doch noch bevor er aus dem Taxi stieg, hatte die Blutung
aufgehört.
Als er in seinem schäbigen Hotelzimmer in der Londoner
Innenstadt eine kurze beruhigende Dusche genommen hatte, wickelte
er sich das Handtuch, das vom Wasser ganz grau war, um und
betrachtete sich die Wunde im Spiegel. Er hatte Glück gehabt,
denn die Kugel hatte ihn nur gestreift. Was war passiert? Was war
mit seinem außerirdischen Angreifer? Er zerriss sein T-Shirt und
wickelte sich einen Verband daraus. Dabei dachte er daran, dass
er sich in diesem Moment wesentlich lieber von seiner privaten
Leibärztin behandeln lassen würde und merkte, wie sehr er sie
vermisste.
Seufzend ließ er sich mit einem Snickers aus der Minibar auf das
Bett fallen, dass es laut krachte. Sein Bein zierte ein dicker
blauer Fleck, doch das war alles, was neben dem Streifschuss von
seinem nächtlichen Ausflug übrig geblieben war. Seine Schmerzen
ließen nach der vierten Schmerztablette endlich nach und auch
diese nervöse Unruhe, die ihn im Taxi noch fast verrückt
gemacht hatte.
Er schaltete den Fernseher ein. Doch der zeigte nur eine
rauschende Version von BBC und alle anderen Sender waren tot.
Überreizt schaltete er den Fernseher wieder aus und warf die
Fernbedienung achtlos auf den Boden.
Was für eine Zeitverschwendung.
Er setzte sich ruckartig auf und wählte die Nummer der
Informationshotline des Flughafens. Aber die Flugzeuge würden
vor Nachmittag des nächsten Tages ohnehin nicht fliegen und so
musste er notgedrungen warten. Er reservierte sich den
nächstmöglichen Flug und legte sich wieder hin, um in der Times
zu blättern.
Nie war Zeitunglesen spannender gewesen als in den letzten
Monaten.
Es war, als würde die Welt endlich zugeben, dass er all die
Jahre nicht verrückt gewesen war. Denn nun waren die Zeitungen
voll von wahnwitzigen Meldungen und Spekulationen über das Ende
der Welt, über Naturkatastrophen, kosmische Bedrohungen und
Wetterphänomene sowie rätselhafte Tode. Die toten Frauen waren
offenbar überall auf der Welt aufgetaucht, doch irgendjemand
schien sich konsequent darum zu kümmern, dass niemand davon
erfuhr, dass all diese Frauen dieser kleine Chip in ihrem Nacken
verband.
Wer war dieser Jemand? Mulder verstand noch immer nicht, auf
wessen Seite er nun selbst stand. Und in wessen Händen nun die
Vertuschung all dieser Machenschaften lag und wozu es noch
vertuscht wurde. Hatten nicht die Aliens selbst diese Frauen
getötet? Als Warnung? Als Antwort auf das, was er in der Wüste
ausgelöst hatte? Wer also hatte Interesse daran, jetzt noch zu
verheimlichen, woran diese Frauen gestorben waren? Sorgten die
Regierungen sich tatsächlich jetzt noch darum, dass jemand von
ihren geheimen Experimenten und Abmachungen mit diesen Invasoren
erfuhr?
Massenpanik war längst ausgebrochen. Sperrstunden waren aufgrund
des Regens längst eingeführt worden. Und die Supermärkte waren
chronisch überfüllt mit Menschen, die sich literweise
Wasservorräte und Dosenfutter kauften und sich offenbar auf
einen schlimmen Krieg vorbereiteten. Es war schlimmer als vor dem
vermuteten Y2K-Crash. Sie waren alle vollkommen paranoid. Und sie
hatten Recht. Bei diesem Gedanken schüttelte er den Kopf. Es war
absurd.
Wie viele Sekten hatten in den letzten Wochen neue Mitglieder
bekommen! Wie viele hatten sich in den kollektiven Selbstmord
gestürzt! Es stand alles schwarz auf weiß vor seinen Augen in
der Times. Er blätterte sich durch und musste unweigerlich
anfangen zu schmunzeln. Willkommen in Spooky Mulders Alien
- Apokalypse! sagte er zu sich selbst und blätterte
weiter, bis sein Blick auf einen winzigen Zeitungsartikel fiel,
der ihn nachdenklich machte.
Es ging um eine anscheinend zusammenhangslose Mordserie in
verschiedenen kanadischen Städten, in denen unterschiedlichste
Menschen in Calgary, Thunder Bay, Ottawa und Montreal auf die
unterschiedlichsten Weisen getötet worden waren. Und die Täter
hatten alle danach Selbstmord begangen. Mulder schluckte den
letzten Bissen seines Snickers hinunter und überlegte.
War das wieder irgendeine amoklaufende Sekte? Oder steckte da
mehr dahinter? Er faltete die Zeitung zusammen und knipste das
Licht aus. Er würde ohnehin nicht schlafen können, aber so
konnte er sehen, wie das Schwarz vor seinem Fenster aus dem
Himmel auf ihre Welt hinunterprasselte und über dem Boden
stundenlang in Stille verharrte, ehe es sich scheinbar wieder in
Luft auflöste.
Am nächsten Tag
Skinner?
Scully atmete am anderen Ende der Telefonleitung erleichtert auf,
endlich war er wieder in seinem Büro.
Sir? Agent Scully, sind Sie das?
Sir, Sie müssen Director Kersh die CD geben, von der ich
Ihnen eine Kopie gemacht habe.
Skinner war überrumpelt. Es war sein erster Tag und er hatte
ohnehin schon die Übersicht verloren, auch ohne seine beiden
Chaos-Agenten, von denen die eine schwanger war und der andere
geradezu phantomartig dauernd in der Versenkung verschwand.
Agent Scully, ich glaube nicht, dass das was
.
versuchte er abzuwehren, doch Scully fiel ihm ins Wort.
Director Kersh hat mich gebeten den Tod seiner Schwester
aufzuklären. Und es gibt keine härteren Beweise als die auf
dieser CD. Sie müssen sie ihm geben. Bitte, es ist wichtig.
Scully hatte sich entschieden, Kersh einzuweihen, da sie jemanden
im FBI brauchte, der auf ihrer Seite war und sie sich nicht mehr
auf Skinner verlassen konnte. Wer weiß, was mit diesen Nanobots
in seinem Blut noch geschehen würde. Und sie wollte sicher sein,
dass Mulder von irgendeiner offiziellen Seite geschützt würde,
wenn ihm irgendetwas zustieße. Ob Kersh die Beweise annahm und
akzeptierte war eine andere Sache, aber es war wenigstens einen
Versuch wert. Aber Skinner war nicht überzeugt.
Agent Scully, Sie kennen Kersh. Halten Sie es wirklich für
eine gute Idee, ihm diese Daten vorzulegen?
Doch Scully wich seiner Frage aus.
Sir, Sie wissen, ich würde sie ihm persönlich geben, wenn
ich in Washington wäre. Ich übernehme die volle Verantwortung
dafür, wie auch immer Director Kersh darauf reagieren wird.
Skinner schwieg.
Ja, und ich habe die volle Verantwortung für Sie, Agent
Scully. Und für Agent Mulder
- Wo ist er überhaupt? Kersh
hat mir von seinem Auftritt in seinem Büro erzählt und ich
weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von alldem halten soll.
Diesmal schwieg Scully. Skinner verstand. Sie deckte ihren
Partner. Wie so oft. Dann wusste er es eben nicht und damit
musste er es auch nicht Kersh berichten. Also lenkte er ein, denn
vor seinen Augen türmten sich stapelweise liegen gebliebene
Akten.
In Ordnung, Agent Scully. Ich kümmere mich darum.
Sein Tonfall klang geschäftig als er auflegte, doch in Wahrheit
war er sehr bewegt. Die Agentin hatte ihm das Leben gerettet, er
war ihr im Grunde noch viel mehr schuldig, als Kersh nur diese CD
zu geben. Und er machte sich große Sorgen um sie, denn er
wusste, wie instabil ihr Gesundheitszustand war. Doch er wusste
auch, dass sie sehr stark war.
Er holte grübelnd einen Schlüssel aus seiner
Schreibtischschublade und ging zu den Sicherheitsschließfächern
in der Abteilung, in der Beweismittel gelagert wurden, um die CD
zu holen und Kersh zu bringen. Er hatte sie dort ruhigen
Gewissens lagern können.
Denn was für einen Wert hatte die Wahrheit schon, wenn die
Menschen sie gar nicht wissen wollten?
Die Frage war nun, ob Kersh auch einer dieser Menschen war.
Wenige Minuten später in Kershs Büro
Skinner hatte Kersh die CD auf den Schreibtisch gelegt und sah
ihn von oben herab an. Kersh saß auf seinem Stuhl und sah von
der CD zu Skinner auf und wieder zurück zu der CD.
Was soll das sein, Mr. Skinner? fragte er ihn in
seinem gewohnt arroganten Tonfall.
Das ist eine CD, auf der Beweismaterial enthalten ist,
welches Agent Scully mir bereits vor einigen Wochen hat zukommen
lassen. Kersh stand auf. So, und darf man fragen, was
das für Beweise sind? Skinner räusperte sich verlegen.
Ich habe selbst noch keinen Blick darauf werfen können,
Sir. Aber laut Agent Scully befinden sich dort jene Beweise, die
wir von ihr und Agent Mulder immer schon verlangt haben.
Angeblich enthält die CD wissenschaftliche Dokumente, die
belegen, dass geheime Regierungsprojekte an Bürgern
durchgeführt worden sind um eine neue Menschenart zu kreieren,
die
Skinner hielt inne. Es klang nun, da er vor Kersh
stand, so unglaublich lächerlich und unwahrscheinlich. Hätte er
nicht am eigenen Leib erfahren, dass es damit tatsächlich etwas
auf sich hatte, hätte er sich in Grund und Boden geschämt damit
an Kersh heranzutreten. Er entschloss sich daher, seinen Satz
nicht zu beenden und fügte lediglich hinzu: Es sind
Informationen darauf, die Hinweise auf den Tod Ihrer Schwester
liefern. Und das ist es doch, was Sie von Agent Scully verlangt
haben. Offensichtlich hat sie ihre Arbeit gewissenhaft erledigt.
Im Stillen ergänzte er, dass sie das eigentlich immer getan
hatte. Sie und Mulder waren definitiv zwei der besten Agenten,
die das FBI zurzeit beschäftigte.
Kershs Nasenflügel bebten leicht als er seine Stimme hob. Mr.
Skinner, wollen Sie damit andeuten, dass Sie diese kranken Ideen,
denen Mulder nachgeeifert ist, nun selbst glauben? Skinner
blieb vollkommen ruhig, als er sah wie Kersh sich immer mehr
aufblähte.
Sir, ich habe lediglich die Funktion des Boten. Ich gebe
Ihnen diese CD mit Beweisen und es liegt nun an Ihnen, daraus
etwas zu machen. Ich selbst brauche diese Beweise nicht mehr,
denn ich habe bereits genug gesehen um Mulder und Scully zu
glauben. Es wird vielleicht langsam Zeit, dass Sie das auch tun.
Kershs Schläfen zuckten als sein Kiefer sich anspannte.
Mr. Skinner, ich weiß, dass Sie Mulder und Scully immer
schon beschützt haben und dass Sie auch eine gewisse Sympathie
für die beiden hegen. Aber mir geht es nun mal um die Wahrheit.
Paranoide Lügenmärchen kann diese Welt nicht gebrauchen. Schon
gar nicht angesichts dessen, was dort draußen vor sich geht.
Skinners Blick blieb hart und durchdringend, die Anspannung war
ihm deutlich anzusehen und die Atmosphäre im Raum war so
konzentriert und gespannt, dass es nicht verwunderlich gewesen
wäre, wenn der Raum wie in ein schwarzes Loch in sich
zusammengefallen wäre und sie verschlungen hätte. Skinners
Augenbraue hob sich schließlich und er entgegnete dem Mann vor
ihm kalt:
Die Wahrheit, Sir, ist genau das, was mich vor ein paar
Wochen fast umgebracht hat. Und es sind dieselben Männer, die
auch hinter dem Tod Ihrer Schwester stecken. Vielleicht wird es
nun endlich einmal Zeit, dass Sie Mulder und Scully Gehör
schenken.
Kershs Zähne knirschten, als er sich auf die CD blickend über
den Schreibtisch beugte und versuchte, nicht vollkommen aus der
Haut zu fahren. Er nickte schließlich, als er sich wieder im
Griff hatte und beendete die Konversation mit rauer Stimme.
Gut, ich werde einen Blick auf diese Daten werfen. Aber ich
warne Sie: Sollte das wieder so ein Alien-Schwachsinn sein, dann
garantiere ich dafür, dass es das letzte Mal gewesen ist, dass
das FBI Sie oder Agent Mulder in irgendeiner Form noch weiterhin
unterstützt. Haben Sie mich verstanden?
Skinner war schon zu lange Assistant Director, als dass ihm das
wirklich Angst hätte einjagen können und so sah er Kersh klar
in die Augen und nickte. Jedes einzelne Wort, Sir.
Damit wendete er sich mit einem angewiderten Blick von ihm ab und
ging zur Tür. Kersh wälzte die Gedanken, die ihm durch den Kopf
schossen, hin und her. Es war endgültig an der Zeit, inmitten
dieses Chaos, etwas zu tun. Und das Einzige, was er tun konnte,
das Einzige, was ihm schon seit sehr langer Zeit ein Dorn im Auge
war, waren diese Menschen, die ihn regelmäßig vor den
Regierungsausschüssen wie einen Idioten dastehen ließen, weil
er es noch immer zu ließ, dass sie unter seiner Leitung
arbeiteten und Regierungsgelder verschwendeten.
Tief im Inneren wusste er natürlich, dass es nichts an dem
Durcheinander außerhalb dieser Gemäuer ändern würde, aber es
würde ihn beruhigen, denn er hätte dann wenigstens etwas
unternommen, wenn er Mulder, Scully und Skinner ein für alle mal
aus dem FBI entfernte. Dabei schlich ihm noch ein weiterer
kleiner Gedanke durch den Kopf, er hob seinen Blick und hielt
Skinner auf.
Sagen Sie, wie lange läuft diese Beziehung
und dabei bemühte er sich, all seine Arroganz auf dieses eine
Wort zu konzentrieren, zwischen Agent Mulder und Scully
eigentlich schon?
Skinners Mund verzog sich unwillkürlich. Dass Kersh nun so tief
sinken würde und das als Grund für eine Kündigung der beiden
Agenten verwenden würde, hätte er nicht gedacht.
Aber die Frage hatte ihn auch verwirrt, denn er hatte sie sich
selbst schon oft gestellt. Innerhalb einer Sekunde ging er all
die Jahre in seinem Gedächtnis durch und rief sich in
Erinnerung, wie oft die beiden wie ein eingeschworenes Team vor
ihm gesessen hatten und sich scheinbar wortlos vor seinen Augen
ganze Unterhaltungen zwischen den beiden abgespielt hatten.
Zwischen diesen beiden Menschen hatte schon immer eine
unsichtbare Verbindung existiert, vom ersten Tag an, an dem er
die Aufsicht über die beiden übernommen hatte.
Er triumphierte lächelnd, als er antwortete. Diese Beziehung,
Sir? Sie hat nie NICHT existiert. Und jetzt entschuldigen Sie
mich.
Damit ließ er die Tür etwas unsanft hinter sich ins Schloss
fallen und ließ einen ziemlich irritierten Kersh vor seinem
Mahagoni-Schreibtisch stehen und zerknirscht auf die CD starren.
Einen Tag später, London Heathrow, 16:24
Uhr
Mulder wusch sich mit dem klaren, kalten Wasser das Gesicht. Er
hatte schon wieder schreckliche Kopfschmerzen. Angesichts der
Träume, die ihn die ganze Nacht verfolgt hatten, war das auch
kein Wunder. Immer und immer wieder war er durch das Flüstern um
ihn herum hoch geschreckt, hatte das Gefühl gehabt, Sand in
seinen Augen zu haben und hatte dann dieses Bild vor sich im
Dunkeln gesehen. Das Bild von Scullys Augen, über deren klares,
helles Blau sich ein schwarzer Schleier legte. Er konnte es
einfach nicht vergessen und es raubte ihm immer und immer wieder
den Schlaf, weil ihn die Angst um sie und das Kind nicht
loslassen wollte. Als er die Flughafentoilette verließ, rieb er
sich mit der Hand die Augen und versuchte seine Gedanken
abzuschütteln.
Wer waren diese armen Menschen, die in Kanada Opfer dieser
mysteriösen Mordserie geworden waren? Was hatte die Täter dazu
bewegt? Waren sie vielleicht von dem schwarzen Öl besessen
gewesen?
Eine Sache begriff er ebenfalls nicht, als er die Toilette
verließ und durch das Fenster den dunkelgrauen Nebel auf der
Landebahn sehen konnte. Warum griff dieser schwarze Regen nie
jemanden an? Warum regnete er nur still und heimlich jede Nacht
über ihnen herab, nur um sich in der Natur niederzulassen und
dann als Wolke wieder zu verschwinden?
Ein Blick auf die Informationsbildschirme des Flughafens verriet
ihm, dass er noch eine ganze Weile auf seinen Flug nach
Washington warten musste. Er hoffte, dort die Lone Gunmen mit
Neuigkeiten antreffen zu können, aber ansonsten war er völlig
ratlos, was er nun tun sollte. Sein gesamter Plan hatte von Johns
Team abgehangen und nun waren sie alle wie vom Erdboden
verschluckt.
Als er sich von den Bildschirmen wegdrehte, zuckte er erschrocken
zusammen.
Greg stand vor ihm. Und er sah schrecklich aus. Mulder packte ihn
fast reflexartig an der Schulter und zog ihn mit einem
irritierten Blick auf sein zerrissenes Äußeres zur Seite. Weg
von den Menschenmengen, die sich durch den Flughafen wälzten.
Greg! Ich suche schon seit Tagen nach Euch. Was ist aus dem
Forschungsgelände geworden? Wo seid ihr gewesen? Und wieso
siehst Du aus, als hätte man Dich aus der Altkleidersammlung
gezogen?
Gregs Augenlid vibrierte im Takt seines zuckenden Mundwinkels. Er
schien sehr nervös zu sein, doch er fasste sich ein Herz und
antwortete Mulder leise.
Ich weiß, ich hab schon seit Ewigkeiten darauf gewartet,
dass Du endlich wieder auftauchst. Ich bin so froh, dass ich dich
gefunden habe. Denn Du musst wissen, dass irgendwas mächtig
schiefgelaufen ist. Mulder ließ seine Schulter los und
beugte sich zu ihm hinunter.
Wie meinst Du das? Greg sah sich um und senkte seine
Stimme.
John ist nach diesen Experimenten vollkommen durchgedreht.
Und einen Tag nach Deiner Abreise konnten wir morgens plötzlich
unsere eigenen Labors nicht mehr betreten. Diese Regierungsheinis
dort haben uns nicht mehr hineingelassen und all unsere Daten und
Ergebnisse sind noch immer da drin. Doch wir hatten keine Chance.
Du hast ja gesehen, das Gelände ist besser bewacht als die
Kronjuwelen der Queen.
Mulder hing noch an seinem ersten Satz fest. Was meinst Du
mit durchgedreht? Was hat John denn gemacht?
Greg sah zu Boden und holte tief Luft. Seine Finger knibbelten
nervös aneinander herum. Er schluckte und seine Stimme war
wackelig.
Er hat alle umgebracht.
Mulder glaubte, sich verhört zu haben. WAS?
Ja, alle, Christopher, Colin, Walter
alle. Bis auf
mich. Ich bin ihm entwischt. Und am Ende hat er sich selbst ne
Kugel in den Kopf gejagt.
Mulder warf sich fassungslos gegen die Wand und starrte an die
Decke. Warum?
Ich weiß es nicht. Anscheinend hatte Colin uns verraten,
er hat Kopien der Chips verkauft. Und als John so vollkommen
durchgedreht ist, hat er ihn dann einfach getötet, als er davon
erfahren hat. So etwas hätte er niemals unter normalen
Umständen getan. Aber er war wie ausgewechselt. Wie besessen.
Wir haben ihn überhaupt nicht wieder erkannt. Es war wirklich
unheimlich. Seine Stimme versagte und er sah nervös zur
Seite.
Mulder biss sich auf die Lippen. Wem hat Colin die Chips
verkauft? Keine Ahung. Das hat er nicht gesagt. Und
von dem Geld, was er dafür gekriegt hat, kann er sich jetzt auch
nichts kaufen. So eine verdammte Scheiße!
Greg sah wieder zu Boden und biss auf seinen Fingernägeln herum.
Mulder fasste ihn an den Schultern.
Habt ihr das Experiment mit meinem Chip wiederholt, oder
war John der einzige? Er war der Einzige. Nachdem,
was mit ihm passiert ist, war es schließlich viel zu riskant,
das zu wiederholen. Und genau das ist es, Fox. Wer immer diese
Kopien jetzt hat, wird ähnliche Versuche damit machen und Du
musst es aufhalten. Du musst verhindern, dass noch mehr Leute
sterben. Denn Dein Chip macht zweifellos immun. Aber eben auch
wahnsinnig. Und was bringt es uns, wenn wir alle diese Invasion
überleben und uns dann selbst gegenseitig umbringen?
Mulder versuchte ihn zu beruhigen und schmunzelte. Hey, das
machen wir doch sowieso schon seit Jahrhunderten.
Doch Greg war zu nervös um über Mulders Witze lachen zu
können. Als Mulder ihn darauf hin besorgt ansah und über das
nachdachte, was Greg ihm gesagt hatte, wurde es ihm klar.
Er zog einen Zeitungsartikel aus der Hosentasche und faltete ihn
auseinander.
Ich fürchte allerdings, dass wir zu spät sind, Greg.
Jemand hat schon längst Versuche mit den Chips gemacht, wie es
aussieht.
Gregs Augen weiteten sich vor Entsetzen und es war, als würden
sie aus seinem Gesicht fallen.
Was? Wo? Mulder tippte mit dem Finger auf den
Artikel. In Kanada. Dem Land wo Fuchs und Hase sich Gute
Nacht sagen.
Gregs Lippen bebten und er biss sich endgültig einen Fingernagel
ab.
Fox, Du musst da hin! Und was machst Du?
Greg zuckte mit den Achseln. Ich weiß es nicht. Warten?
Mulder nickte geistesabwesend. Ja, warten. Das hab ich
schon mal gehört.
Er tappte ihm behutsam auf die Schulter und wand sich ab um zu
seinem Terminal zu gehen. Machs gut, Greg und pass auf Dich
auf.
Greg nickte und trottete in die andere Richtung. Er wirkte
verloren zwischen all den Menschen um ihn herum, die anscheinend
genau wussten, wo sie hin wollten und sich offensichtlich
hervorragend mit all diesen kleinen Zielen von dem ablenkten, was
draußen vor sich ging. Verblüfft über die allgemeine Ignoranz
schüttelte Mulder wieder nur den Kopf und hoffte, sie würden es
alle irgendwie noch schaffen.
In der folgenden Nacht in New Mexico
Scully wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Sie hatte
Alpträume. Seit zwei Tagen schon, seit Mulder fort war. Immer
und immer wieder wachte sie nachts schweißgebadet auf mit einem
Kribbeln in den Augen, als hätte sie Sand darin. Und immer
wieder raste ihr Herz dabei so sehr, dass sie das Gefühl hatte,
nicht mehr atmen zu können.
Sie stand auf und ging ins Bad um sich das Gesicht zu waschen. Es
war warm in dem kleinen Bungalow, nur durch das offene Fenster
kam kühle Herbstluft hinein. Sie hielt die Vorhänge beiseite
und sah hinauf zu den Sternen, die wie Diamanten auf dunkelblauem
Samt leuchteten und funkelten. Nur am Horizont wurden sie vom
schwarzen Nichts verschluckt. Aber dieses Nichts war so weit weg,
dass es ihr keine Angst machte. Angst machten ihr nur diese
Alpträume und Gibson, der fast jeden Tag bei ihr vorbeikam, nur
um eine Stunde still an ihrem Bett zu sitzen und immer wieder
seine Hand ehrfürchtig auf ihren Bauch zu legen. Er war
vollkommen verstört und es war unheimlich in seine unruhigen
Augen zu sehen.
Aber sie ließ ihn dennoch jeden Tag bei sich sitzen, da sie
fühlte, dass es ihm nicht gut ging. Und sie vertraute ihm. Sie
spürte, dass er ihre Nähe brauchte und sie brauchte seine Nähe
genauso, denn sie fühlte sich sehr fremd und verlassen, trotz
der Gastfreundlichkeit der Navajo-Indianer.
Als sie sich hinlegte und die Augen wieder erschöpft schloss,
sah sie jedoch wieder dieses Bild vor sich.
Es war surreal. Das, was sie sah, war wie das Innere eines
riesigen elektrischen Netzwerkes. Als befände sie sich im
Inneren eines Gehirns. Es kam ihr irgendwie bekannt vor. Und es
löste Panik in ihr aus. Aber sie war zu erschöpft, als dass sie
sich gegen diesen Alptraum hätte wehren können und fiel erneut
in einen tiefen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Tag, Washington D.C.
Mulder saß in seinem Tretboot im Tidal Basin und starrte
gedankenversunken auf das Jefferson Memorial. Er hatte in den
amerikanischen Zeitungen noch keine Hinweise auf Morde in den USA
gefunden, die nach dem klangen, was in Kanada geschehen war. Das
beruhigte ihn allerdings auch nicht. Denn die Vorstellung, dass
jemand Scullys und seinen Chip hatte und offensichtlich
vollkommen gewissenlos damit an unschuldigen Menschen
experimentierte, war grauenvoll. Die Angst in Gregs Augen war
unbeschreiblich gewesen und er fragte sich, was das für ein
Mechanismus war, der John zu diesen Taten bewegt hatte. War es
etwas, was auf seinem Chip gespeichert gewesen war? Trug er die
Fähigkeit zu solchen Grausamkeiten selbst in seiner Seele mit
sich herum? Oder hatte lediglich die Kopplung seines Chips an
Johns Bewusstsein eine Fehlfunktion, eine Psychose oder etwas in
der Art ausgelöst?
Egal, was es war, es war bereits mehr als einmal passiert und er
hoffte, in diesen Minuten, in denen er auf seine drei Freunde
wartete, würden nicht weitere Menschen diesen kranken
Experimenten zum Opfer fallen.
Er sah ungeduldig auf die Uhr und spuckte die Schale eines
Sonnenblumenkerns ins Wasser. Ein erneutes Donnergrollen rollte
durch den grauen Himmel über ihm. Es war dunkel und obwohl es
erst Mittag war, waren sämtliche Lichter der Stadt bereits
erhellt.
Als ob die Menschen damit versuchten diese Bedrohung, die sie
nicht verstanden, vertreiben zu können.
Endlich konnte er ein Boot mit drei Gestalten erkennen, das sich
ihm vom Ufer her näherte. Er atmete erleichtert auf und
strampelte den Dreien entgegen.
Mulder! Endlich! Wir hatten schon
befürchtet mit einem Hologramm von Dir Vorlieb nehmen zu
müssen, so oft, wie Du Dich in der letzten Zeit verdrückt hast!
Er lächelte seine drei Freunde an, wenigstens sie waren so wie
immer. Abgesehen von Frohikes neuem gewöhnungsbedürftigen
Haarschnitt. Mulder sah ihn streng an. Hey Frohike, mit
Deinem Friseur würde ich gerne mal ein ernstes Wörtchen reden!
Langley stieß Frohike vergnügt in die Rippen. Lass nur,
Mulder, er hat ne Midlife Crisis. Frohike grunzte und sah
griesgrämig zu Langley auf. Halt Du bloß die Klappe,
Blondie!
Mulder freute sich sie zu sehen, doch sie hatten keine Zeit und
er fühlte sich unwohl auf dem schwarzen Wasser, über dem diese
dunklen Wolken viel zu tief schwebten. Je später es wurde, desto
tiefer sanken sie und ab den frühen Abendstunden hüllten sie
bereits die Spitze des Washington Monuments ein, das schon ganz
grau war.
Hey, ich muss dringend mit Euch reden. Es gibt ein paar
Dinge, die ihr für mich rausfinden müsst. Mann, das
klingt ja Ernst, welche Laus ist Dir denn über die Leber
gelaufen? Mulder sah sie an und deutete mit einem leichten
Nicken in den Himmel hinauf. Die Drei folgten seinem Blick und
verstanden. Du willst doch nicht etwa noch immer versuchen
das aufzuhalten, oder?
Mulder sah sie irritiert an. Was würdet ihr denn lieber
tun? Ne Willkommensparty organisieren? Naja, ich
meine, hast Du schon mal die Nachrichten gelesen in den letzten
Wochen? Und das ist ja nur das, was die den Medien offiziell
mitteilen. Was wirklich da draußen geschieht, davon weiß ja
kaum jemand etwas. Aber so wie wir das sehen, ist es ohnehin
schon zu spät. Und auf uns wollte ja die letzten fünfzig Jahre
nie jemand hören. Trotzig verschränkte Frohike die Arme
vor der Brust und lehnte sich im Tretboot zurück.
Ja, aber das ist doch kein Spiel. Versteht ihr denn nicht,
was das bedeutet? Doch, natürlich verstehen wir das.
Aber was haben wir denn für eine Wahl?
Mulder konnte es nicht fassen. War denn die ganze Welt verrückt
geworden? Gaben sie einfach alle so auf?
Na gut, wenn ihr unbedingt demnächst den Aliens die UFOs
polieren wollt, dann bitte. Aber ich würde gerne versuchen noch
was zu retten. Ich hab nämlich im Gegensatz zu Euch noch ne
Zukunft auf dieser Welt zu verlieren. Hey, jetzt werd
mal nicht fies, ja? Nur weil Du endlich ne Frau gefunden hast,
musst Du ja nicht gleich gehässig werden. Frohike
protestierte laut, doch Langley und Byers schwiegen betreten.
Natürlich hatten sie auch Angst, wie Mulder. Und natürlich
wollen sie es aufhalten. Aber das wollten schließlich alle. Doch
wenn selbst die Staatsoberhäupter so taten, als würde nichts
geschehen, wie sollten sie dann etwas ausrichten? Die Regierungen
versicherten den Menschen dort draußen jeden Tag nur immer und
immer wieder, sie hätten alles unter Kontrolle. Und die Menschen
glaubten es, weil sie es glauben wollten.
Tut mir leid, Frohike, ich weiß, Du hast Dir noch immer
ernsthaft Chancen bei Scully ausgerechnet. Mulder tat es
wirklich leid, denn das Gespräch verlief vollkommen falsch. Sie
waren alle gereizt und in Angst. Er besann sich wieder darauf,
was er eigentlich wollte.
Ich möchte auch nur, dass Ihr mir weiterhelft. Denn ich
hab das hier gefunden.
Er zeigte den Lone Gunmen den Zeitungsartikel über die Mordserie
in Kanada und erzählte ihnen von seinem und Scullys Chip, auf
denen die elektronischen Abdrücke ihrer beider Seelen
gespeichert waren. In dem Moment, in dem Langley den
Zeitungsartikel erblickte, fluchte er.
Heilige Scheiße, dann war das doch kein Fehler!
Mulder sah ihn überrascht an. Du wusstest schon was
darüber?
Byers meldete sich erstmals zu Wort und klärte Mulder auf.
Nein, wir haben letzte Woche von einem Freund eine Mail
bekommen, dass das Grund- und Trinkwasser an der US-Kanadischen
Grenze extrem erhöhte Werte an Eisen aufgewiesen hat. Unser
Freund, der jahrelang in einem Wasserwerk in der Nähe von
Buffalo gearbeitet hat, hat sogar eine Probe davon genommen und
untersuchen lassen. Und angeblich hätten die sogar
Metallpartikel darin gefunden, die verfluchte Ähnlichkeit mit
Nanorobotern hatten. Uns hat das natürlich an Dich erinnert,
aber wir konnten uns überhaupt keinen Reim daraus machen, wozu
die Kanadier Nanoroboter ins Trinkwasser mischen. Wir hatten
gedacht, das wäre vielleicht Resultat eines Unfalls in einem
ihrer Labors, oder so.
Frohike fügte zerknirscht über ihre eigene Naivität hinzu.
Dabei müssten wir ja eigentlich wissen, dass es so was wie
Unfälle gar nicht gibt.
Mulder spuckte erneut einen Sonnenblumenkern ins Wasser und
starrte nachdenklich auf die Kreise, die der Kern auf der
Wasseroberfläche hinterließ. Ich brauch die Leichen,
beendete er schließlich seine Überlegungen und die Drei sahen
ihn verstört an.
Bist du jetzt unter die Perversen gegangen? Mulder
rutschte in seinem Boot unruhig umher. Nein, ich brauch die
Täter, die diese Morde begangen haben. Ich muss wissen, ob die
diese Chips im Nacken hatten. Ich brauche Beweise.
Wozu? Dafür interessiert sich doch jetzt eh keine Sau.
Ja, aber nur wenn ich es verstehe, kann ich etwas dagegen
tun.
Und was willst Du dagegen tun? Wenn das die kanadische
Regierung verbrochen hat, dann müsstest Du schon gute
Verbindungen haben, um die davon abzuhalten.
Und genau deswegen brauche ich Beweise. Was könnt ihr
sonst noch darüber rausfinden, was die Regierungen im Moment so
anstellen?
Endlich war Byers Augenblick gekommen. Er zog einen Hefter
aus seinem kleinen Koffer und zeigte Mulder verschiedene Papiere
mit merkwürdigen Daten und handschriftlichem Gekritzel. Mulder
sah darauf und verstand nichts.
Was soll das sein?
Das hat eine unserer Lieblingsquellen abgefangen.
Langley hatte Byers seinen großen Moment gestohlen, ließ ihn
jedoch dann den Rest erzählen.
Wie es aussieht, ist unsere Schattenregierung gar nicht so
mausetot, wie Du dachtest. Jedenfalls ist das hier die Mitschrift
eines Gespräches zwischen einem Mitglied unserer Regierung mit
einem Mitglied der russischen Regierung. Die Russen haben
anscheinend die Waffe, die die Japaner den Navajos abgekauft
haben, weiterentwickelt. Angeblich soll sie auf einer Technologie
basieren, die sich dunkle Materie zunutze macht. Und angeblich
soll sie unsere einzige Chance im Kampf gegen die da oben sein.
Byers machte eine Pause und sah Mulder an.
Dir ist schon klar, dass diese Waffe Zerstörungskräfte
ungeahnten Ausmaßes hat, oder? Mulder nickte.
Ja, und wenn die wirklich so wahnsinnig sind und die
einsetzen, werden wir ohnehin draufgehen.
Er legte sein Gesicht in die Hände und schloss einen Moment die
Augen. Doch alles was er da vor sich sah, war wieder dieses Bild
von Scully in der Wüste und er öffnete seine Augen schnell
wieder.
Das ist doch Wahnsinn.
Er dachte weiterhin nach und merkte, wie ihm alles entglitt. Es
war viel zu viel für ihn alleine. Wieso interessierte sich sonst
niemand dafür, das aufzuhalten? Oder lag es daran, dass es
keinen organisierten gemeinsamen Widerstand gab? Warum
unterdrückten die Regierungen das? Warum wurden die Menschen
nicht informiert? Was für eine Abmachung hatten die Regierungen
mit den Invasoren getroffen, dass sie sich noch immer weigerten,
die Menschen, die ihnen ihr Leben anvertrauen, aufzuklären?
Schließlich sah er die drei Männer in dem Boot neben sich an
und schloss resigniert: Eins ist klar, wir haben diese
Aliens offensichtlich überhaupt nicht nötig. Zerstören können
wir uns anscheinend am besten selbst. Und wir nehmen denen dabei
auch noch eine ganze Menge Arbeit ab. Frohike dachte den
Gedanken zu Ende.
Vielleicht ist das ja genau das, was die wollen. Vielleicht
wollen die uns ja gegeneinander ausspielen, dann müssen die
nachher nur noch den ganzen Dreck aufräumen.
Da verstand Mulder endlich, was Gibson gemeint hatte. Sie mussten
warten!
Denn die da oben warteten ebenfalls. Nur wenn sie nicht zuerst
angriffen, hatten sie eine Chance. Aber war sein Auftauchen in
der Wüste nicht der erste Angriff auf die da oben gewesen? War
es nicht zu spät, jetzt noch einen Rückzieher zu machen? Was
auch immer, er wusste, er musste die Kanadier mit ihrem
wahnsinnigen Plan aufhalten und musste verhindern, dass diese
Menschen sich dort alle gegenseitig umbrachten. Aber wie?
Er sah die Drei noch einmal ernst an, dankte ihnen und versprach
ihnen, sich in den nächsten zwei Wochen wieder bei ihnen zu
melden. Sie verabredeten ein Zeichen und gingen schweigend und
betreten auseinander. Mulder hörte noch, wie Frohike
unglücklich im Boot vor sich hingrummelte.
Na, das ist ja eine schöne Scheiße. Da kommen wir doch
nie wieder lebend raus. Und ich hab noch nicht mal die
Novemberausgabe des Playboy lesen können. Langley tappte
ihm auf die Schulter. Als ob Du die LESEN würdest!
Mulder folgte ihnen nach einer Weile in seinem Boot ans Ufer
zurück und fuhr vollkommen übermüdet in seine Wohnung. Ohne
Schlaf würde er überhaupt nichts ausrichten können und er
hatte seit über 24 Stunden nicht mehr geschlafen. Doch alles,
was ihm der Schlaf brachte, waren Alpträume.
Der schwarze Schleier in Scullys Augen wich jedoch mehr und mehr
einem leuchtenden Blau, das plötzlich in ein Licht umschlug und
anstelle ihrer Augen sah er leuchtende Knotenpunkte, die wie
Elektrizität knisterten und blitzten. Es war, als stünde er in
der Mitte eines riesigen Nervennetzwerks. Und es kam ihm so
bekannt vor
Zur selben Zeit in einem
Regierungsgebäude in Ottawa, Kanada
Die Frau in dem dunkelblauen Kostüm und dem weißen Laborkittel
darüber stürmte den Flur hinunter, riss die Tür ihres Kollegen
auf und knallte ihm die Zeitungen auf den Schreibtisch.
Ist Dir klar, dass das der absolute Supergau ist? Ist Dir
klar, was wir getan haben?
Der Mann blieb vollkommen ruhig und nippte an seinem Kaffee,
bevor er wieder zu ihr aufsah.
Ja, das ist mir glasklar. Aber warum beruhigst Du Dich
nicht. Setz Dich doch.
Ich will mich verdammt nochmal nicht setzen. Habt ihr das
etwa alle gewusst?
Naja, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und wir haben
keine Zeit, das vorher noch monatelang in Studien auszutesten.
Diese Menschen sind nun mal nicht geeignet gewesen. Aber es ist
bereits im Trinkwasser. Und es gibt genügend Leute da draußen,
die nicht durchdrehen, da scheint es doch zu funktionieren. Wir
werden nächste Woche einige davon in unsere Labors holen und
sehen, ob unsere Nanobots diesen Mulder-Chip korrekt installiert
haben. Also beruhige Dich endlich. Was sind schon ein paar
Dutzend Menschen gemessen an den 6 Milliarden, die dann gerettet
werden.
Gerettet? Hm! Wenn es denn so wäre! Ich hab von dieser
Waffe gehört. Und die sieht mir überhaupt nicht nach Rettung
aus!
Der Mann bemühte sich seine Ruhe zu bewahren, doch seine Finger
krallten sich in seiner grauen Anzughose fest und seine
Gesichtsmuskeln spannten sich an, so dass seine Gelassenheit nun
mehr wie eine Fratze wirkte.
Hör zu. Wenn Dir diese Politik nicht passt, steig doch
aus. Jetzt ist Deine Arbeit ohnehin erledigt.
Die Frau sprang auf und schlug mit der flachen Hand auf den
Schreibtisch, so dass der Kaffee in der Tasse ihres Gegenübers
überschwappte und das Geschirr leise klirrte.
Darauf kannst Du Dich verlassen.
Sie griff nach der Tasse und holte kräftig aus um ihm den Kaffee
direkt ins Gesicht zu schütten. Daraufhin verließ sie das Büro
und ließ die Tür laut ins Schloss knallen. Der Mann zog die
Serviette unter seiner Untertasse hervor, wischte sich damit
seelenruhig die Stirn und wählte eine Telefonnummer. Seine Augen
durchzog ein schwarzer Schleier.
Ja, hier ist Melvin. Michelle ist durchgedreht. Vielleicht
solltet ihr dafür sorgen, dass sie sich beruhigt. Wenn ihr
versteht, was ich meine.
Sein Gesprächspartner hatte offenbar verstanden. Denn noch bevor
Michelle von ihrem Büro aus Assistant Director Skinners Nummer
in Washington D.C. wählen konnte, traf eine Kugel sie zielsicher
von hinten ins Herz, welches nach fünf letzten sinnlosen
Schlägen zur Ruhe kam und sie für immer in Sicherheit vor jenen
Mächten war, deren Grausamkeit sie erst in den letzten fünf
Minuten ihres jungen Lebens durchschaut hatte.
Am nächsten Morgen
Mulder wurde von einem lauten Klopfen an seiner Appartmenttür
geweckt und sprang auf, als er die neueste Ausgabe der Washington
Post unter seinem Türschlitz erahnen konnte. Er blätterte sich
noch ziemlich verschlafen hindurch und überlegte, was so wichtig
sein konnte, dass ihn jemand dafür geweckt hatte.
Da las er in einer kleinen Sparte etwas von einem Mann, der
mitten am helllichten Tag die Hälfte seiner Mitarbeiter in einem
kleinen Büro in Erie, Pennsylvania umgebracht und sich
danach selbst erschossen hatte.
Mulder überlegte nur eine Sekunde, doch seine Intuition war noch
viel schneller. Erie lag direkt am See. Und verdammt nah an der
Grenze zu Kanada. Das war kein Zufall. Aber es war der erste
Amerikaner, es ging offensichtlich nun auch schon hier los. Das
reichte.
Er wechselte sein Hemd, zog sich eine Anzughose an und kramte
eine seiner hässlichsten Krawatten aus dem Schrank um ins FBI zu
fahren. Seine Dienstmarke hatte er zwar bei Skinner gelassen,
aber ihm war nicht offiziell gekündigt worden, so lange durfte
er also dort noch ein- und ausgehen.
Eine halbe Stunde später öffnete er stürmisch die Tür zu
Skinners Büro.
Sir! Ich muss diesen Fall in Erie haben. Ich brauche meine
Dienstmarke.
Skinner holte tief Luft und stand auf. Mit den Händen in die
Hüften gestützt stellte er sich vor ihn und sah ihn ruhig aber
fragend an. Er hielt es für überflüssig Mulder zu fragen, wo
er war, was er gemacht hatte und warum er jetzt in sein Büro
platzte, als ginge es um Leben und Tod. Er kannte es ja nicht
anders von ihm. Stattdessen konzentrierte er sich auf das
Wesentliche.
Was für ein Fall?
Mulder hielt ihm den Zeitungsartikel vor die Nase, Skinner verzog
das Gesicht. Was soll denn das sein?
Mulder verdrehte die Augen. Er war die Unwissenheit um sich herum
so leid, er hatte keine Lust mehr, sich immer und immer wieder
erklären und rechtfertigen zu müssen.
Es ist ein Fall, bei dem es um tödliche und vor allem
menschenverachtende Experimente geht. Dieser Mann war Opfer
dieser Experimente, die von der kanadischen Regierung
unterstützt worden sind, auf der Basis der Nanotechnologie, mit
der Sie ja bestens vertraut sein dürften. Ich muss diese Leiche
mit eigenen Augen sehen. Ich muss herausfinden, ob ich Recht
habe. Sir, Sie müssen mir vertrauen. Das tue ich,
Agent Mulder, das wissen Sie, auch wenn ich überhaupt keine
Ahnung habe, wovon Sie gerade reden!
Er seufzte und öffnete eine Schublade. Offenbar hatte er Mulders
Dienstmarke die ganze Zeit darin aufbewahrt, denn er schob sie
ihm nun wortlos über den Tisch.
Ihre Waffe bekommen Sie allerdings nicht. Ich habe keine
Lust nachher wieder irgendeinen unberechtigten Todesfall vor
denen da oben verteidigen zu müssen. Sie müssen auch ohne Waffe
klarkommen.
Keine Sorge. Waffen können mir bei diesem Fall überhaupt
nicht weiterhelfen. Mulder lächelte. Außer wenn das
FBI demnächst ihre Agenten mit Laserschwertern ausstattet.
Skinner lachte überhaupt nicht darüber. Sein Blick war
vollkommen ausdruckslos. Weil er müde war und weil er die Kraft,
die offenbar noch immer in Mulder wie ein Feuer brannte, nicht
verstand. Er konnte diese Stärke, die in ihm wohnte, nicht
nachvollziehen. Aber er konnte sie unterstützen und er wusste,
dass sein Agent jetzt ohnehin nichts mehr anrichten würde, was
schlimmer sein konnte als das, was da draußen auf sie wartete.
Zur selben Zeit im Pentagon
Kersh saß einem älteren Herrn in Uniform gegenüber. Der Mann
war sein alter Vorgesetzter aus seiner Zeit beim Militär und
Kersh vertraute ihm. Das, was er auf dieser CD gefunden hatte,
hatte ihn zutiefst verwirrt. In den ersten Minuten hatte er mit
äußerster Skepsis und fast schon aus Prinzip alles ablehnend
auf diese Daten geblickt und versucht, sie als Fälschungen
abzutun. Doch je weiter er vorgestoßen war, je mehr er gelesen
hatte, desto unbehaglicher hatte er sich gefühlt.
Denn es gab eine Sache, die ihn verwundbar machte. Seine
Schwester.
Und ein Ereignis, das er längst vergessen hatte, wurde durch die
Daten vor seinen Augen plötzlich in ein vollkommen anderes Licht
gerückt: Es war die Entführung seiner Schwester gewesen, als er
acht gewesen war und sie noch ein kleines Baby war. Doch nach
einer Woche war sie damals wieder aufgetaucht und in seiner
Familie hatte nie wieder jemand ein Wort darüber verloren. Seine
Schwester selbst hatte nie etwas davon gewusst. Auch er hatte es
beinahe vergessen. Aber ihr rätselhafter Tod und der Chip in
ihrem Nacken, ihre Entführung, ihre merkwürdige Krankheit vor
ein paar Jahren, ihre Unfruchtbarkeit. Es klang verrückt, aber
es fügte sich plötzlich anhand dieser Daten zu einem kompletten
Bild zusammen.
War er nun schon genau so paranoid wie Mulder, oder war da etwas
dran? Er hätte sich niemals die Blöße gegeben seine Zweifel
öffentlich zuzugeben, daher hatte er sich entschieden, das Thema
diskret an anderer Stelle zu klären und war mit den Daten, die
er sich vorher ausgedruckt hatte, zu seinem alten Bekannten
gegangen.
Der blätterte sich nun durch die Fülle an angeblichen Beweisen
und machte ein sehr ernstes Gesicht. Es war genau genommen zu
ernst. Denn offensichtlich schienen diese Daten ein gewisses
Unbehagen in ihm auszulösen, ein Unbehagen, das Kersh nicht
entging und das ihn beunruhigte, denn es deutete darauf hin, dass
an den Daten etwas dran war.
Nach langem Schweigen legte der Mann die Blätter wieder
zusammen, rückte sie zu einem ordentlichen Stapel zurecht und
legte seine gefalteten Hände darauf, als wolle er beten.
Woher haben Sie das, Alvin?
Von einem meiner Agenten beim FBI.
Der Mann kniff die Augen zusammen und sah ihn prüfend an. Doch
nicht etwa von diesem Mulder, oder?
Doch Kersh nickte betreten. Was halten Sie davon? Hat
irgendetwas davon Bestand?
Der Mann lachte, doch sein Lachen wirkte aufgesetzt, angestrengt
und grotesk. Das ist der größte Quatsch, der mir jemals
unter die Augen gekommen ist. Ehrlich gesagt, beunruhigt es mich
ein wenig, dass Sie mit so etwas zu mir kommen. Sie haben doch
alles unter Kontrolle, oder?
Kersh hasste sich plötzlich für seine Schwäche. Er hasste es,
wenn man seine Autorität untergrub und jemand seine Fähigkeiten
in Zweifel zog.
Natürlich habe ich das im Griff, Sir. Ich dachte
lediglich, es würde Sie interessieren, was für Gerüchte dort
draußen kursieren und an was die Menschen, die Sie in diesen
schwierigen Zeiten zu regieren versuchen, glauben. Das ist alles.
Der Mann kniff wieder seine Augen zusammen. Das ist alles,
ja? Haben Sie die CD dabei?
Kersh nickte und legte sie ihm auf den Schreibtisch.
Und es gibt keine Kopie davon?
In diesem Moment wurde Kersh klar, dass etwas nicht stimmte. Die
Daten hatten diesen Mann definitiv irritiert und er war nun
überzeugt, dass nicht alles auf dieser CD Unsinn war. Es passte
alles viel zu gut zusammen und vor allem erklärte es einige
Dinge, die ihm in den letzten Monaten permanent den Schlaf
geraubt hatten. Daher schüttelte er den Kopf. Nein, Sir,
ich habe keine Kopien davon.
Er wusste, dass das nicht stimmte und er wusste auch, dass sein
Gegenüber das wusste. Dafür war der Mann schon viel zu lange in
der Regierung. Doch offenbar blufften sie hier beide. Er stand
auf und reichte seinem alten Vorgesetzten die Hand.
Vielen Dank, General. Sie haben mir sehr geholfen.
Der alte Herr hielt seine Hand in eisigem Griff und in seinem
Blick lag etwas Totes, Unverwandtes. Schließlich ließ er Kersh
los. Der drehte sich um um zu gehen, als der General ihm noch
hinterherrief.
Ich wünsche Ihnen alles Gute, Alvin, wer weiß, was noch
auf uns zukommt. Kersh drehte sich um und sah ihn starr an.
Ja, General. Wer weiß das schon. Er verließ den
Raum und ließ sich von zwei Sicherheitsleuten zum Ausgang
führen, während er die ganze Zeit überlegte, was er nun tun
sollte. Denn es war ganz offensichtlich, dass etwas getan werden
musste. Aber der General war schließlich nicht sein einziger
Kontakt innerhalb der Regierung. Er seufzte. Es würde ein sehr
langer Tag werden.
Einen Tag später, Erie, Pennsylvania,
Gerichtsmedizin der städtischen Leichenhalle
Die Gerichtsmedizinerin sah Mulder entgeistert an. Was soll
das heißen, Sie trauen meinem Bericht nicht?
Mulder seufzte und verdrehte beinahe unmerklich die Augen. Frauen
als Minderheiten waren doch alle gleich. Kaum wollte man ihnen
bei ihrer Arbeit über die Schulter sehen, reagierten sie so
gereizt, als hätte man ihnen gesagt, sie würden ihren Job nicht
beherrschen. Diesen Blick hatte er in Scullys Augen schon so oft
gesehen.
Lernten sie das in der Akademie? Gab es einen Kurs für Misstrauen
gegenüber männlichen Kollegen? Er versuchte, seine Stimme
sanfter und vorsichtiger klingen zu lassen. Denn schließlich
wollte er etwas durchsetzen, das sicherlich nicht gerade der
üblichen Vorgehensweise entsprach.
Ich habe nie gesagt, dass ich Ihrem Bericht nicht traue.
Ich würde nur gerne noch einmal eine Röntgenaufnahme dieser
Leiche machen lassen. Agent wie war noch Ihr
Name? Mulder? Agent Mulder, ich habe die Leiche bereits ins
Krematorium geschickt, die Beweisführung ist abgeschlossen. Der
Fall ist erledigt.
Können Sie die nicht noch einmal zurückfordern? Sie kann
doch unmöglich schon verbrannt sein. Er versuchte seinen
Charme spielen zu lassen. Die Ärztin stütze die Hände in die
Hüften und sah ihn indigniert an.
Sie wollen allen Ernstes von mir, dass ich da anrufe und
die Leiche zurückbringen lasse? Und was ist die Begründung
dafür?
Mulder war genervt. Hören Sie, wenn es Ihnen zu viel
Arbeit ist, kann ich das gerne erledigen, es ist nur wirklich
wichtig für unsere Ermittlungen, verstehn Sie?
Damit hatte er sie. Den Trick hatte er bei Scully anfangs auch
angewandt und er hatte immer funktioniert.
Nein, es ist mir nicht zu viel. Ich mach das schon.
Sie musterte ihn von oben bis unten und rang sich ein Lächeln
ab. Allerdings was springt für mich dabei raus?
Sie zwinkerte ihm zu und drehte sich von ihm weg um zum Telefon
zu gehen.
Mulder lächelte ihr nach. Als sie wieder zurückkam und ihm
zusicherte, sie würde ihn anrufen, sobald die Leiche da war, gab
er ihr die Nummer seines Telefons im Hotel und verließ sie
wieder.
Sie sah ihm noch immer ein wenig verzückt nach, doch verfiel
dann schnell wieder in ihren alten Trott und kehrte zu ihrem
nächsten Fall zurück.
Mulder jedoch ließ es sich nicht nehmen aus der Wohnung, in der
der Tote gelebt hatte, eine Wasserprobe auf höchst unorthodoxe
und un-FBI-artige Weise zu gewinnen und in ein Proberöhrchen zu
füllen, das er in Quantico untersuchen lassen würde.
Als er danach im Hotel ankam, warf er sich aufs Bett und wählte
eine Nummer in New Mexico. Scullys Handy war unerreichbar. Doch
schon seit Tagen funktionierten die Handynetze ohnehin nicht mehr
und er wartete bis man Scully das schnurlose Telefon in ihr
Zimmer gebracht hatte. Er strahlte über das ganze Gesicht als er
ihre Stimme hörte.
Hey, offensichtlich bleibst Du ganz artig im Bett liegen.
Scullys Augen blitzten auf als sie erkannte, wer da am Telefon
war.
Naja, meistens jedenfalls. Wo bist Du?
Erie! Er jaulte den Namen der Stadt wie ein Cowboy
auf der Büffeljagd.
Was zum Teufel machst Du in Erie? Ich dachte, Du wärst
noch in London. Ist was passiert? Sie klang aufgebracht.
Mh, lange Geschichte. Aber lassen wir doch das
Kollegen-Gequatsche. Wie geht es Dir? Ist alles in Ordnung? Was
macht der kleine Mulder?
Seine Stimme klang so süß, dass es ihr fast das Herz brach. Sie
lächelte und schloss die Augen, während sie zärtlich über
ihren Bauch strich.
Ich glaube, dem geht es ganz gut. Er mag Deine Kopfhörer.
Was legt DJ Dana denn so auf? Chopin.
Mulder machte ein angeekeltes Gesicht.
Willst Du, dass er depressiv auf die Welt kommt?
Scully hielt inne und ihr Lächeln verflog. Es war komisch mit
ihm zu reden. Es fühlte sich falsch an. Er war so weit weg und
das, worüber sie redeten, entsprach nicht dem, was sie fühlte.
Sie hatte Angst, sie wollte ihn bei sich haben, sie wollte, dass
sie alle in Sicherheit waren und sie hasste es, untätig auf
etwas warten zu müssen. Es kostete sie Kraft weiterzureden als
sie das Thema wechselte und ernster wurde.
Gibson ist sehr merkwürdig, Mulder. Ich weiß nicht, was
er hat. Aber ich glaube, uns bleibt nicht mehr viel Zeit.
Mulder hatte die Angst in ihrer Stimme gehört, auch wenn sie
sich bemüht hatte, ruhig zu klingen. Er merkte plötzlich, dass
sein Anruf keine so gute Idee gewesen war. Denn er konnte ihr
nichts sagen, was sie beruhigt hätte. Oder was ihn beruhigte.
Dana, ich bin bald zurück, versprochen.
Scully antwortete nicht, sondern nickte nur stumm.
Sei vorsichtig! Sie wollte das Gespräch beenden und
hoffte, er würde es verstehen. Er tat es und fügte sanft hinzu:
Ich verspreche es.
Damit nahm sie das Telefon vom Ohr und legte auf. Sie holte tief
Luft. Sie hasste es so abhängig von einem anderen Menschen zu
sein. Es raubte ihr mehr Kraft als es ihr schenkte.
Zumindest so lange er fort war. Sie hielt sich den Bauch
schützend fest, als wieder einmal, wie so oft in den letzten
vier Tagen, die Erde leise bebte und die Fenster klirrend
mitschwangen. Als es vorüber war, stand sie vom Bett auf und
entschied sich trotz ihrer Bauchschmerzen, ein wenig spazieren zu
gehen. Sie musste auf andere Gedanken kommen.
Als sie eine halbe Stunde später auf dem Hügel angekommen war,
auf dem damals diese Indianerzeremonie stattgefunden hatte, sah
sie in das Tal hinunter. Die schwarzen Wolken in der Ferne warfen
bizarre Schatten auf die Berge und die grelle Sonne über ihr
tauchte das Land in ein unwirkliches leuchtendes Rot. Sie stutzte
einen Moment als sie sah, wie Blitze in den schwarzen Wolken
aufleuchteten und zuckten. Kühler Wind fegte durch ihr Haar und
sie bemerkte, was für eine unheimliche Stille um sie herum lag.
Kein Vogel, keine Grille, kein Käfer, keine Fliege. Nicht ein
einziges Tier war um sie herum. Die wenigen Bäume waren kahl.
Und die Gebirgsflüsse in der Ferne leuchteten nicht in frischem
Türkis, sondern zogen sich wie schwarze Adern durch die
Landschaft.
Sie würden bald ernstere Probleme mit der Wasserversorgung
bekommen als graue Waschbecken und Handtücher.
Es wirkte alles wie die Ruhe vor dem großen Sturm. Sie entschied
sich mit Sike in den nächsten Ort zu fahren, um sich ein paar
Zeitungen zu kaufen, um sich etwas abzulenken. Sie konnte
unmöglich untätig weiterhin herumsitzen und warten.
Zur selben Zeit in Mulders Hotel in Eerie
Das Telefon klingelte wieder und riss Mulder aus seinen Gedanken.
Er konnte Scullys Stimme nicht aus dem Kopf bekommen, die so
bedrückt und geängstigt gewirkt hatte. Niemals würde sie es
zugeben, aber er hatte gespürt, dass sie ihn bei sich brauchte.
Es schien ihr wirklich nicht sehr gut zu gehen.
Mulder? nahm er noch ziemlich mitgenommen ab.
Agent Mulder? Hier ist Dr. Rowland, wollen Sie bei der
Röntgenaufnahme dabei sein? Es war die
Gerichtsmedizinerin.
Mulder hatte kaum geantwortet, da hatte er sich schon sein
Jackett übergeworfen und das Hotelzimmer verlassen.
Eine halbe Stunde später betrachtete er sich zusammen mit der
Ärztin das Röntgenbild, das vor ihnen an einem Leuchtfeld hing.
Die Ärztin war verblüfft und vor allem erstaunte sie die
vollkommene Gelassenheit des Agenten neben ihr, der offenbar
damit gerechnet hatte, dass sich in Höhe des sechsten
Halswirbels einige Metallsplitter befanden.
Was ist das? Das sieht aus wie Granatsplitter. Aber der
Tote war nicht einmal beim Militär.
Mulder nahm den Zahnstocher aus dem Mund, auf dem er schon seit
Verlassen des Hotelzimmers herumgenagt hatte und schüttelte den
Kopf.
Nein, das sind keine Granatsplitter. Das ist leider etwas
vollkommen Anderes. Hören Sie, könnten Sie das entfernen und
mir nach Washington mitgeben?
Die Ärztin zog die Augenbrauen hoch. Äh, wir haben hier
auch Labors, also wir können das hier genau so gut untersuchen.
Sie war offenbar etwas pikiert, dass man die Qualität ihres
Instituts in Zweifel zu ziehen schien.
Nein, nein, darum geht es nicht, es ist nur, dass ich einen
Spezialisten in Quantico habe, dem ich das gerne zeigen würde.
Mulder wollte der Gerichtsmedizinerin nicht unnötig wieder auf
den Schlips treten. Das schien sie auch zu beruhigen und sie
machte sich bereit, das Präparationsbesteck für die Entfernung
des Materials zu holen. Mulder folgte ihr. Was dagegen,
wenn ich zusehe?
Nein, nein, bleiben Sie ruhig hier.
Sie musterte ihn und schien belustigt davon, wie er ein wenig
schüchtern im Eingang des Sektionsraums stand und skeptisch zu
der Leiche hinübersah.
Es verging keine Viertelstunde und sie reichte Mulder eine kleine
Flasche, in der die Metallsplitter in einer Flüssigkeit
aufbewahrt wurden. Sie hielt die Flasche vor ihm gegen das Licht
und zog die Stirn in Falten.
Darf ich fragen, wofür Sie das halten? Das sieht nämlich
aus wie eine Art Computerchip. Ein zerbrochener zwar, aber man
kann ganz deutlich die Strukturen im Licht erkennen.
Ja, so etwas in der Art ist es.
Mulder wollte ihr nicht mehr sagen als er musste und er streckte
die Hand ungeduldig nach der Flasche aus.
Als er sich bei ihr bedankte und zum Gehen von ihr abwendete,
sprang sie über ihren Schatten.
Ach, Agent Mulder. Wann fliegen Sie eigentlich zurück nach
Washintgon?
Mulder drehte sich überrascht um und hob die Augenbrauen. Heute
Abend. Wenn der Regen losgeht, komme ich sonst vor morgen Mittag
nicht zurück, warum?
Die Ärztin druckste verlegen herum. Naja, ich dachte,
vielleicht hätten wir noch was zu Mittag essen können, es ist
zwar schon etwas spät dafür, aber ich hatte noch keine Pause,
weil ich mich um Ihre Leiche kümmern musste
Sie
pausierte, sie fühlte sich verunsichert, denn der Agent schien
darauf überhaupt nicht einzugehen. Sie hoffte, er würde
zumindest aus schlechtem Gewissen über ihre verpasste
Mittagspause zustimmen.
Doch er schenkte ihr nur ein Lächeln, von dem ihre Knie ganz
weich wurden und schüttelte bedauernd den Kopf.
Es tut mir leid, Doktor, aber Ihnen ist bereits eine andere
Gerichtsmedizinerin zuvor gekommen.
Er ließ die Tür leise hinter sich zufallen und ging mit den
Beweisen in der Hand zu seinem Mietwagen zurück, während er
daran dachte, wie Scully ihn zum Essen eingeladen hatte, nachdem
er sich bei einer besonders ekelhaften Autopsie, bei der er ihr
zugesehen hatte, übergeben hatte. Sie hatte ihm damals mit einem
bedauernden Blick auf die Schulter geklopft und ihn danach
triumphierend zum ersten Mal in ein Sushi-Restaurant geschleppt
mit dem Versprechen, es würde schon nicht schlimmer als die von
Maden zerfressene Leiche werden.
Er hatte ihr das tagelang nicht verziehen und sich bei ihr eine
Woche später zu ihrem Geburtstag mit Karten für ein Redsox
Spiel in Boston gerächt, zu dem sie ihn tatsächlich
begleitet hatte und das ihr offenbar besser gefallen hatte, als
sie beide vermutet hätten.
Als er am nächsten Morgen aufstand und zwischen den Jalousien
seines Apartments hindurchsah, war der schwarze Nebel dichter als
je zuvor und kein Auto fuhr auf der Straße. Es machte ihm Angst.
Was, wenn sie irgendwann alle festsaßen?
Trotzig holte er seine Regenstiefel aus dem Abstellraum und
entschloss sich, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.
Es dauerte allerdings eine ganze Stunde, bis
er langsam durch die Schwaden schleichend endlich in die
Tiefgarage des FBI-Gebäudes fahren konnte. Er hatte seinem Büro
noch keinen einzigen Besuch abgestattet und das wollte er nun
tun, ehe er in Quantico die Ergebnisse des Vergleichs dieser
Metallpartikel mit seinem Chip bekommen würde. Als er jedoch an
der Tür seines Büros ankam, merkte er, dass sie nur angelehnt
war. Vorsichtig stieß er sie auf und lugte hinein.
Es war ein gespenstischer Anblick, denn alle Möbel waren mit
Plastikplanen zugedeckt und alles sah so still und leblos aus,
dass es ihm einen Stich versetzte. Es war wie der Rest seines
Lebens, auf Eis gelegt und nicht wieder zu erkennen. Aus dem
Nebenraum seines Büros kam plötzlich eine Gestalt heraus und
Mulder hasste Skinner plötzlich dafür, ihn ohne Waffe durch die
Gegend rennen zu lassen. Als er jedoch sah, wer diese Gestalt
war, war er überrascht, denn damit hatte er nicht gerechnet.
Na, das ist ja eine Überraschung, dass Sie mich hier unten
besuchen. Womit habe ich diese außerordentliche Ehre verdient?
Kersh sah ihn durchdringend und kühl an.
Agent Mulder, lassen Sie diesen Sarkasmus, der ist jetzt
vollkommen unangebracht. Ich bin hier, weil ich mit Ihnen reden
will, also setzen Sie sich.
Er zog mit einem kräftigen Ruck die Plastikplane von Mulders
Möbeln und schloss die Tür hinter ihm. Er verwies auf den
Stuhl, auf dem Scully so oft gesessen hatte, und setzte sich
selbst an Mulders Platz.
Sir, soll das jetzt ein Rollenspiel werden? Ich weiß, dass
das in einigen Partnerschaften Wunder bewirkt, aber ich
bezweifle, dass uns das weiterbringen wird. Er grinste und
genoss Kershs Wut über seine dämlichen Bemerkungen.
Doch der schwieg darauf nur und ignorierte den Witz vollkommen.
Er holte einen Umschlag aus seiner Jackentasche und legte ihn
zwischen sie auf den Schreibtisch. Mulder sah den Umschlag an und
hob die Augenbrauen.
Liefern Sie die Gehaltsschecks jetzt persönlich ab?
Er war von Kershs Verhalten verunsichert und gemäß seiner
bewährten Strategie wählte er den Angriff als
Verteidigungsmaßnahme. Kersh verharrte schweigend in der
Hoffnung, Mulder würde sein süffisantes Lächeln endlich
abstellen. Schließlich holte er tief Luft und begann zu
erklären, was er vorhatte.
Agent Mulder, Mr. Skinner hat mir diese CD gegeben. Die
Ihre Partnerin weiß Gott wo aufgestöbert hat. Aber ungeachtet
der Tatsache, dass ich weder Ihre noch die Methoden Ihrer
Partnerin besonders schätze, habe ich einige Antworten auf
Fragen erhalten, die ich mir schon eine ganze Weile gestellt
habe. Und daher habe ich das hier mitgebracht. Denn
offensichtlich wollen Sie und ich dasselbe erreichen, wenn auch
auf unterschiedliche Weise.
Mulder verstand überhaupt nichts. Können Sie vielleicht
auch Klartext mit mir reden, Sir? Was ist in diesem Umschlag?
Ein Computervirus. Auf einem Datenträger.
Mulder zog die Stirn kraus. Bitte?
Kerhs senkte seine Stimme und stand auf. Er holte ein Gerät aus
der Tasche, das er auf einem der Aktenschränke platzierte und
anschaltete. Es sendete ein rotes Leuchtsignal durch den Raum und
gab ein hohes, durchdringendes Pfeifen von sich. Mulder sah das
Ding an und zog die Stirn noch mehr in Falten.
Und was ist das? Ein Störgerät?
Kersh nickte. Selbst ich weiß, dass überall jemand
zuhört und hier unten ganz besonders. Dafür muss man nicht
einmal paranoid sein.
Er setzte sich wieder an Mulders Schreibtisch und beugte sich zu
ihm. Sie müssen diesen Computervirus in der
Hauptschaltstelle dieser Regierungsgruppe in Ottawa einschleusen
und den Zentralrechner damit infizieren.
Mulder sprang vom Stuhl auf. Es war zu irrwitzig gerade so etwas
aus Kershs Mund zu hören. Was? Hat man Ihnen irgendwelche
bewusstseinserweiternden Drogen gegeben?
Bitte, setzen Sie sich wieder und hören Sie mir zu.
Kersh sah ihn so lange streng an, bis er ihm gehorchte und sich
wieder auf den Stuhl fallen ließ.
Diese Daten auf der CD haben mich neugierig gemacht und an
etwas erinnert, mit dem ich während meiner Zeit beim Militär
einmal Kontakt hatte. Es hat mich einige Freundschaften gekostet
und eine Menge Telefonate, die richtige Kontaktperson zu finden,
also vermasseln Sie das jetzt nicht. Die Kanadier haben ein
Projekt, das dem sehr ähnelt, das laut den Daten auf Ihrer CD
auch die US-Regierung durchgeführt hat. Mit dem Unterschied,
dass die Kanadier es offensichtlich gerade in die Tat umsetzen.
Und es geht offenbar ziemlich schief. Dieser neue Chip, den die
Kanadier entwickelt haben, scheint viel zu starke Signale
auszusenden, diese Menschen drehen vollkommen durch. Und was
immer der Hintergrund dieses Projektes ist, es gefährdet unsere
nationale Sicherheit. Mehr als dieser Regen da draußen. Wenn Sie
diesen Virus in deren Hauptcomputer bringen können, wird binnen
24 Stunden jeder einzelne dieser Chips ebenfalls mit diesem Virus
infiziert sein und das gesamte Projekt wird sich in Luft
auflösen wie dieser schwarze Nebel da draußen. Agent Mulder,
ich bin weit davon entfernt, daran zu glauben, dass das das Werk
von Aliens ist. Wir Menschen sind auch schon alleine fähig uns
gegenseitig den Weltuntergang zu bereiten und ich würde ungerne
unsere Nation als erste untergehen sehen. Also sehen Sie zu, dass
Sie diesen Virus dorthin bringen, bevor die Russen die
Technologie ebenfalls nutzen können. Und bevor diese
Chiptechnologie noch größere Ausmaße annimmt.
Mulders Mund stand offen. Er konnte nicht glauben, was er gerade
gehört hatte und dass Kersh noch immer so wenig Ahnung von
alledem hatte. Doch sein Verstand arbeitete ungeachtet seines
Gefühlschaos scharf und klar weiter.
Sir, die Sache hat aber einen Haken. Das sind Menschen, die
diese Chips in sich tragen. Ist Ihnen klar, was dieser Virus
eventuell mit denen anstellen kann?
Kersh nickte. Seine eigene Schwester war deswegen gestorben,
natürlich wusste er das. Mulder sah ihn irritiert an, denn er
wusste, was Kersh dachte und konnte nicht fassen, dass der Mann
so kalt sein konnte, dieses Leid mutwillig auch anderen
zuzufügen. Doch er sah auch den traurigen Blick in Kershs Augen.
Und er verstand ihn, so merkwürdig es schien. Denn was war die
Alternative?
Kersh erhob sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Mulder
ließ noch nicht locker.
Woher haben Sie dieses Virus?
Kersh schien darauf keine rechte Antwort zu wissen.
Wir wissen es nicht. Er hat etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem
Sie und Agent Scully in Tunesien unterwegs waren, unsere eigenen
Computer befallen. Woher er kommt ist unbekannt, aber das tut
auch überhaupt nichts zur Sache.
Er sah ihn ernst an und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Sie müssen heute noch dorthin, im Handschuhfach ihres
Wagens finden Sie alle Unterlagen wie Sie dort hinkommen und
Zugriff auf das System erhalten. Ich verlasse mich auf Sie, Agent
Mulder.
Mulder stieß seine Hand von seiner Schulter. Er war vollkommen
verwirrt. Auf wessen Seite stand Kersh nun?
Kersh wusste es selbst nicht. Die Beweise auf der CD hatten ihm
den Schlaf geraubt und ihm das Urvertrauen in seine Regierung
genommen. Die Menschen, die er bisher immer als seine unfehlbaren
Vorgesetzten akzeptiert hatte, schienen sich für die Daten auf
der CD überhaupt nicht zu interessieren, so wenig, dass es ihn
beunruhigte. Er merkte, wie die Säulen, auf denen sein gesamtes
Weltbild stand, zusammen zu brechen drohten und er wusste nicht
mehr, was schwarz und was weiß war. Zum ersten Mal in seinem
Leben konnte er verstehen wie Mulder sich fühlte. Er hatte keine
Ahnung welcher Natur dieser Computervirus war, den er Mulder
gegeben hatte. Oder dass er außerirdischer Herkunft war. Aber er
wollte ebenso wenig wie Mulder, dass weitere Menschen an den
Folgen dieser gewissenlosen Chipexperimente starben. Auch wenn
diese Hilfe für viele schon zu spät kam.
Mit gesenktem Kopf ging er zum Aufzug und fuhr in seine Etage
zurück, wo er auf dem Weg zu seinem Büro über den Flur an all
den anderen Verwaltungsbüros entlang ging und die stechenden
Blicke seiner neu gewonnenen Feinde förmlich spürte.
Mulder seufzte und sah auf den weißen Umschlag, der wie eine
Drohung auf seinem Schreibtisch lag. Was würde passieren, wenn
er diesen Virus in den Computer einschleuste? Würden dann all
die Menschen, die diese Technologie bereits in sich trugen,
wirklich sterben? Wie konnte er das verantworten? Wie konnte
Kersh ihm das antun?
Er schloss die Augen und sah wehmütig zu Scullys kleinem
Schreibtisch hinüber. Er hatte ihn nach dem Brand in ihrem Büro
dorthin stellen lassen und erst heute war ihm klar, wie sehr er
sie damit verletzt haben musste, dass er das nicht viel früher
getan hatte. Sie war doch vom ersten Tag an so viel mehr gewesen
als nur eine stille, beobachtende Begleiterin seiner
Ermittlungen. Sie war der einzige Mensch auf der Welt gewesen,
die so einen tiefen Einblick in seine Arbeit, seine Leidenschaft
und damit auch sein Innerstes gehabt hatte und nicht davor
zurückgeschreckt war. Sie hatte ihn klar und offen immer wie
einen vollkommen vernünftigen Menschen behandelt, hatte ihn mit
ihrer Wissenschaftlichkeit immer und immer wieder vor dem
Rausschmiss bewahrt und vor dem sicheren Verrücktwerden. Sie war
all die Jahre für ihn da gewesen, hatte ihm zur Überraschung
sonntags Frühstück ins Büro gebracht, in dem Wissen, dass er
ohnehin kaum ein Wochenende außerhalb des Büros verbrachte und
hatte ihn abgelenkt. Davon sich vollkommen zu verlieren.
Und genau das musste sie nun auch tun. Denn er war ausgebrannt.
Er wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Wo er selbst in
diesem Chaos stand und was seine Aufgabe in dieser Welt war, die
mit jedem Wimpernschlag ihrem Untergang ein wenig näher zu
kommen schien. Er wusste nicht mehr, was richtig und was falsch
war. Und sie war der einzige Mensch, der ihm die Wahrheit sagen
würde.
Er verließ das Büro mit dem Umschlag in seiner Tasche und
machte sich so schnell er konnte mit den Unterlagen in seinem
Handschuhfach auf dem Weg zum Flughafen.
Vier Stunden später über Indianapolis
Mulder hatte die Augen geschlossen und eine Schlafmaske
übergezogen. Er wollte nicht ständig aus dem Fenster sehen, wo
er nur in die dichten grauen Wolken sah. Denn es machte ihm Angst
denen so nahe zu kommen. Es war für ihn ohnehin unerklärlich,
wieso die die Flugzeuge vollkommen in Ruhe durch ihre
Wolkenfelder gleiten ließen. Und wie die Piloten überhaupt noch
fliegen konnten.
Er versuchte diese Gedanken zu verdrängen und stellte die Musik
in seinen Kopfhörern lauter, in der Hoffnung sie könne sein
Gehirn betäuben. Kaum zwei Minuten war er trotz des Krachs, den
das Gejaule von 'Muse' in seinen Ohren machte, eingeschlafen.
Er war wieder inmitten dieses zuckenden Netzwerks, dessen blaues
Licht er weniger sehen als fühlen konnte. Es schien sich in
seinem Gehirn zu manifestieren, denn er wusste einfach nur, dass
dieses Netzwerk da war. Es pulsierte und elektrisierte das
wabernde Kraftfeld um ihn herum, das ihn scheinbar schwerelos
durch das Nichts trug. Es kam ihm so bekannt vor. Und es machte
ihm solche Angst, es raubte ihm die Luft zum Atmen und die
Tränen, über seinen Schmerz zu weinen.
Inmitten dieses Alptraums hörte er plötzlich eine Melodie, die
ein Licht in diese Dunkelheit trug. Er kannte das Lied, doch er
verband nichts damit. Aber es half ihm diesen Alptraum
durchzustehen. Ein Bild erschien verschwommen und dann immer
klarer vor seinen Augen und er fühlte, es war das Bild, das ihm
schon so oft das Leben gerettet hatte. Mit einem sonderbaren
Lächeln wachte er erschrocken auf, als sein Herz für einen
Augenblick aussetzte.
Zur selben Zeit in New Mexico
Scully hatte sich eine CD gekauft, die sie vor Jahren schon
einmal gehört hatte und hatte sie in den CD-Player eingelegt.
Die Babybauchhörer waren zwar für ihren Kopf viel zu groß,
doch sie genoss die Musik, die ihre Gedanken und die Stille um
sie herum abtöteten.
Das Lied beruhigte sie und sie schloss die Augen und dachte an
Mulder. Sie hoffte, ihm damit, wo immer er gerade war, ein wenig
von der Kraft zu senden, die das Kind in ihrem Bauch ihr mit
jeder seiner lebendigen Bewegungen gab. Sie wünschte sich, es
wäre schon da. Sie wünschte sich, all das um sie herum wäre
schon vorbei.
Endlich schlief sie ein und hatte wieder diesen Traum von dem
zuckenden Netwerk um sie herum, das sie wie eine Feder durch das
Nichts tanzen ließ und ihr die Brust zuschnürte. Sie verlor die
Orientierung im Raum und alles, was sie noch fühlen konnte,
waren die elektrisierenden Berührungen der Masse, die sie umgab.
Und das Gefühl etwas würde ihr die Seele aussaugen. Sie
klammerte sich an dem Gedanken fest, der ihr schon einmal das
Leben gerettet hatte und wurde den Gedanken nicht los, dass ihr
all das bekannt vorkam. Wieder wachte sie auf und es fühlte sich
an als hätte sie Sand in den Augen.
Weitere vier Stunden später
Die Kinder lachten unbeschwert, als würden sie all die
Veränderungen um sie herum überhaupt nicht wahrnehmen. Sie
tollten um Scully herum und zupften immer wieder an ihrem roten
Haar, das sie mit einer selbstgebastelten Krone aus
Lederriemen, Perlen und fünf Federn geschmückt hatten. Sie
fanden die weiße Frau mit den blauen Augen und dem Haar, das so
rot war wie die Felsen im Tal, wunderschön und aufregend. Vor
allem weil sie den ganzen Tag Zeit für sie hatte und immer
irgendwo saß oder lag.
Sie hatten ja keine Ahnung, wie viel Kraft es Scully kostete so
ruhig zu bleiben. Lediglich der Schmerz und die leichten Wehen,
die immer wieder einsetzten, hielten sie ruhig. Denn sie wusste,
sie musste dieses Kind noch ein paar Wochen in ihrem Bauch
behalten. Scully lächelte den Kindern zu, als sie mit ihren
kleinen Händen auf ihrem Bauch herumpatschten und rutschte auf
ihrer Bank im Gemeinschaftsraum des Dorfes beiseite, so dass sich
die Kleinen neben sie setzen konnten.
Erzählst Du uns jetzt, wie das Baby da rein gekommen ist?
Scully schmunzelte und sah Hastin, einen der Indianer, der in der
Ecke neben Ahiga saß und sich leise mit ihm unterhielt, an. Die
beiden Männer lächelten zurück und sie schüttelte den Kopf.
Nein, das ist eine Geschichte, die eure Eltern Euch
erzählen. Ich kann Euch aber eine andere Geschichte erzählen.
Welche denn?
Die von einem großen weißen Wal und einem alten Kapitän
auf einem Schiff.
Was ist ein Wal?
Scully seufzte. Sie musste offensichtlich ganz von vorne anfangen
und setzte gerade an, als sich die Gemeindetür öffnete und Sike
hereintrat.
Das orangefarbene Abendlicht fiel herein und blendete Scully.
Staub wirbelte hinein und flimmerte golden im Licht. Hinter Sike
erschien noch jemand anderes im Türrahmen und Scully fühlte,
wie ihr Herz so schnell zu schlagen begann, dass ihr schwindelig
wurde. Sie stand auf und sah ins Licht, bis ihre Augen sich daran
gewöhnt hatten.
Mulder glaubte fast einen Engel zu sehen. Ihre ganze Erscheinung
leuchtete im Licht der untergehenden Sonne und der Schmuck in
ihrem Haar ließ sie so fremd wirken, überhaupt nicht wie die
Scully, die immer so streng aus ihren schwarzen Kostümen zu ihm
aufsah. Oder wie die Scully, die mit einem Skalpell in der Hand
über eine Leiche gebeugt schroffe Bemerkungen durch den Raum zu
ihm warf.
Ihre Augen glänzten grünlich und sie hatte Sommersprossen von
der Sonne. Unter ihrem beigefarbenen Pullover wölbte sich ihr
Bauch glatt und rund. Es war als stünde die Zeit still.
Sie vergaßen vollkommen zu atmen und nahmen das Kichern der
Kinder um sie herum überhaupt nicht wahr. Erst als sich Sike
räusperte und den anderen beiden Indianern einen Blick zuwarf,
liefen die Uhren wie gewohnt weiter. Hastin gab den Kindern ein
Zeichen, die ihm noch immer kichernd nach draußen folgten und
Mulder und Scully standen plötzlich alleine im Raum, nur durch
den flimmernden Staub in der Luft zwischen ihnen getrennt.
Scully konnte es nicht glauben ihn zu sehen und hielt noch immer
den Atem an. Doch ihre Lippen wurden trocken und erst als sie sie
sich mit der Zunge vorsichtig benetzte, atmete sie wieder aus und
schloss erleichtert einen Moment die Augen. Als sie sie wieder
öffnete, war Mulder bereits einen Schritt näher gekommen. Sie
ging ebenfalls einen Schritt auf ihn zu. Damit war das Eis wieder
gebrochen und sie näherten sich einander bis sie sich erst noch
ganz vorsichtig und ihr Glück kaum fassend, dann aber fest und
leidenschaftlich in die Arme fielen.
Mulder legte seinen Kopf auf ihre Schulter und drückte sie an
sich, während er die Augen schloss und die Kraft aufnahm, die
ihre Wärme ihm schenkte.
Ich brauche Deine Hilfe, Dana, brachte er mit
Verzweiflung in der Stimme hervor und sie löste die Umarmung und
sah ihn besorgt an.
Sie hielt seinen Kopf sanft in ihren Händen und versuchte in
seinen Augen zu lesen, was ihn so bewegte. Er sah ihren fragenden
Blick und nahm ihre Hände von seinem Gesicht, um sie mit Küssen
zu bedecken und an sein Herz zu legen. Dann lächelte er sie an
und spielte an einer Feder herum, die an ihrem Kopfschmuck
baumelte.
Sie erinnerte sich wieder an ihre Krone und nahm sie
etwas schüchtern ab.
Als sie ihm dann wieder in die Augen sah, sah sie so viel Schmerz
und Verzweiflung darin, dass es ihr fast das Herz brach. Sie
konnte nicht anders, als ihn zu sich hinunter zu ziehen und ihm
einen langen Kuss zu geben.
So viel Kraft und Leidenschaft waren noch nie von ihr ausgegangen
und er war überrascht, doch er ließ sich in diesen Kuss
hineinfallen, während sie die Arme um ihn legte und den
Indianerschmuck zu Boden gleiten ließ.
Sie küsste sich von seinem Mund weiter über seine Wange zu
seinem Ohr und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Sie hatte
sich den Schmerz, den sein Anblick in ihr ausgelöst hatte, aus
der Seele geküsst und sie hatte das Gefühl, ihm tatsächlich
etwas von ihrer Kraft übertragen zu haben. Denn als sie ihm
danach wieder in die Augen sah, wirkte sein Blick fester.
Sie warteten eine Weile, ihre Stirn gegen seine gestützt, bis
die Welle, die über sie hereingebrochen war, vorübergezogen war
und sich ihre Herzen beruhigt hatten.
Der Anhänger, den er ihr geschenkt hatte, glitzerte dunkelblau
im letzten Lichtstrahl des Tages, der über den Hügel blitzte.
Komm, wir gehen, die brauchen den Raum
gleich noch, unterbrach sie schließlich die Stille und
fasste ihn an der Hand um ihn in ihr Zimmer zu führen, wo er ihr
erzählte, was Kersh ihm an diesem Tag aufgetragen hatte.
Scully schluckte, denn sie war es schließlich gewesen, die Kersh
diese CD über Skinner gegeben hatte. Hätte sie geahnt, wie sich
das entwickeln würde, hätte sie das nie getan. Sie beichtete es
Mulder, denn sie konnte nicht ertragen dieses Geheimnis vor ihm
zu haben. Er schien überrascht zu sein, doch er akzeptierte es
ohne ihr einen Vorwurf zu machen. Denn er wusste, wie sehr sie es
hasste, hilflos und untätig zuzusehen.
Er sah sie stattdessen ratlos an und schüttelte den Kopf
resigniert, während er fortfuhr. Wenn ich das tue, wird
das Blut dieser Menschen an meinen Händen kleben. Wie kann ich
das verantworten?
Scully hielt seine Hand fest und antwortet ihm ernst.
Wie kannst Du es verantworten es nicht zu tun? Es ist Dein
Chip, den diese Menschen in ihren Körpern tragen, Dein
Bewusstsein, das mit deren Verstand interferiert. Du hast keine
Wahl. Wenn Du nichts tust, werden noch viel mehr unschuldige
Menschen sterben.
Mulders Stimme war leise und heiser als er weiterredete.
Aber das werden sie doch ohnehin. Wir werden alle sterben.
Es gibt keinen Ausweg, Dana. Wir haben eine Waffe. Es ist nur
eine Frage von Wochen und es ist alles vorbei.
Doch das konnte Scully sich nicht anhören. Sie drückte Mulders
Hand so fest, dass es ihn fast schmerzte.
Nein, das ist es nicht! Verdammt, Mulder, Du kannst jetzt
nicht verzweifeln. Diesen Luxus kannst Du Dir nicht leisten. Du
musst da jetzt hinfliegen und diesen Computervirus dort
einschleusen.
Und wofür?
Scully nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Dafür
und für uns. Für all die anderen Familien da draußen.
Sie hielt einen Augenblick inne, denn es fiel ihr immer noch
schwer Mulder, sie und das Baby als eine Familie anzusehen. Denn
sie waren noch weit davon entfernt eine Familie zu sein, waren
sie doch noch nicht einmal ein richtiges Paar!
Mulder entzog ihr seine Hand und stand vom Bett auf um ans
Fenster zu gehen. Er drehte sich nach einem Blick zu dem klaren
Abendhimmel wieder zu ihr um.
Aber ich verstehe nicht, was das noch bringen soll. Siehst
Du denn nicht, dass es für uns zu groß ist? Dass die
Regierungen da draußen, aus welchen Gründen auch immer,
überhaupt keine Ahnung haben, wie sie das Ganze zum Guten wenden
sollen? Dass diese Aliens nur mit dem Finger schnippen müssen
und uns innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde auslöschen?
Und warum sollten Sie das tun, Mulder?
Nun stand auch Scully auf und stellte sich vor ihn. Seine
Verzweiflung machte sie wütend.
Warum sollten sie, nachdem sie offenbar die gesamte
Evolution der Menschheit, ja vermutlich aller höheren Organismen
auf diesem Planeten, kontrolliert haben, einfach hier einfallen
und uns vernichten? Das entbehrt doch jeder Logik!
Ha, Logik ist nicht der Maßstab, dessen die sich bedienen.
Deren Macht existiert auf einer vollkommen anderen Ebene. Deren
gesamte Existenz ist nicht wie die unsere an Körperlichkeit, an
Gefühle oder die Funktion des Verstandes gebunden. Hast Du das
denn nicht gefühlt, da draußen in der Wüste? Die nutzen das
schwarze Öl nur als Transportmedium, doch deren Existenz ist
losgelöst von materieller Substanz. Wie sollten wir da auch nur
die geringste Chance haben?
Resigniert wendete er sich wieder ab und sah aus dem Fenster
bevor er ruhiger fortfuhr.
Und selbst wenn die uns nicht angreifen, das Chaos, das
mittlerweile hier auf der Erde existiert, reicht auch aus, dass
wir uns alle selbst ins Jenseits befördern.
Scully trat von hinten an ihn heran und legte ihre Hand auf
seinen Arm. Woher nimmst Du nur all diese Resignation und
diesen Zynismus? So kenne ich Dich überhaupt nicht.
Er zuckte mit den Achseln. Ich weiß es nicht. Ich bin
einfach müde. Und ich bin es Leid für eine Menschheit zu
kämpfen, die überhaupt nicht gerettet werden will. Oder für
eine Wahrheit, die uns alle negiert und uns alles nehmen will!
Du denkst, das sei schon die ganze Wahrheit? Mulder, wo ist
Dein Misstrauen geblieben? Wo Deine Zweifel?
Er drehte den Kopf zu ihr und sah auf sie hinunter. Und
woher nimmst Du all die Kraft und den Glauben?
Er zeigte auf die Kette um ihren Hals. Du hast doch schon
alles verloren, woran Du geglaubt hast, Du müsstest mich doch
verstehen.
Ihre Stimme blieb fest und klar. Ich habe aber nicht meine
Überzeugung verloren, dass das, was unsere Menschlichkeit
ausmacht, unser Verstand und unsere Emotionen, vollkommen nutzlos
sind. Die mögen eine andere Kraftquelle haben als wir, aber wir
sind auch nicht machtlos.
Sie drehte ihn am Arm zu sich und hielt seine Hand fest in ihrer,
während ihr klarer Blick in ihn eindrang und seine Seele zum
Schwingen brachte.
Sieh uns an, Mulder. Sieh an, was wir geschafft haben. Wie
wir der Wahrheit getrotzt haben. Sieh mir einmal in die Augen und
sag mir, dass Du nicht mehr an ein Wunder glauben willst.
Mulder sah ihr in ihre saphirblauen Augen und fühlte, wie es ihn
durchströmte. Es fühlte sich zart und warm an und er konnte es
nicht definieren, aber es half ihm sich nicht mehr so grau und
leer zu fühlen.
Er legte seine Hand leicht gegen ihre Wange und strich mit dem
Daumen über ihre Lippen und ihre zarte Haut. Er fühlte, dass
sie Recht hatte, denn das Baby war der eindeutige Beweis dafür,
dass es niemals zu spät war an ein Wunder zu glauben. Es war der
Beweis dafür, dass trotz all der irdischen und außerirdischen
Machenschaften eine elementare, urmenschliche Kraft gesiegt
hatte.
Eine Träne rollte ihm über die Wange, als er sie dabei ansah
und nicht wagte ihr noch näher zu kommen. Er konnte sie nicht
berühren, konnte sie nicht küssen, selbst sie weiterhin
anzusehen war für ihn unerträglich. Denn alles, was in diesem
Moment zwischen ihnen geschah, war so viel stärker als ihre
Körper ertragen konnten. Es geschah jenseits ihrer menschlichen,
sterblichen Hüllen und elektrisierte die Luft zwischen ihnen, so
dass sie fast sichtbar wurde.
Sie spürte noch immer seine Hand auf ihrer Wange und sah
plötzlich die pulsierenden elektrischen Netzwerke wieder vor
sich. Seine Berührung brannte auf ihrer Haut und sie hatte das
Gefühl der Moment würde zu intensiv werden, als dass ihr
Körper dem hätte standhalten können. Das Netzwerk schien sie
vollkommen einzuhüllen und es war als stünden sie inmitten
eines riesigen zuckenden Gehirns. Sie traute sich nicht, sich zu
bewegen. Sie hatte Angst, wenn sie ihn berührte, würden sie
verbrennen. Stattdessen senkte sie ihren Blick, doch das
elektrische Netz konnte sie immer noch sehen.
Sie merkte wie sie das Gefühl für oben und unten verlor und es
war als würde sie schwerelos im Nichts stehen. Alles, was sie
noch spüren konnte, war seine Hand, die sich immer zarter
werdend und ganz langsam von ihrer Wange zurückzog.
Mulder war hin- und hergerissen. Er konnte sich kaum
zurückhalten sie zu küssen und an sich zu drücken, um ihr so
nahe sein zu können wie möglich. Und zugleich war es für
seinen Körper zu viel und er fühlte das Brennen ihrer Haut auf
seiner und er hatte Angst, er würde seinen Gefühlen nicht mehr
standhalten können und daran zerbrechen.
Er zog seine Hand zurück und versuchte ihr weiterhin in die
Augen zu sehen.
Doch ihr Blick hatte sich gesenkt und als sie nun wieder zu ihm
aufsah, wirkte sie so fern und unnahbar, als wäre sie überhaupt
nicht da. Sein Herz schlug so schnell und hart, dass ihm
schwindelig wurde und er hatte seine Hand gerade von ihrer Wange
gelöst, als sie plötzlich danach griff und ihm mit einem
Ausdruck tiefster Angst vornüber in die Arme fiel um bewusstlos
zusammenzusinken.
Das Netzwerk vor ihren Augen war plötzlich in einem gleißenden
weißen Licht ertrunken und hatte sich vollkommen aufgelöst.
Alles, was sie dann noch wahrnehmen konnte, waren seine Augen,
die in der Dunkelheit tief wie das Meer geleuchtet hatten und
eine Saite in ihrer Seele zum Schwingen gebracht hatten, bis ihr
Herz so schnell geschlagen hatte, dass sie die Kontrolle über
ihren Kreislauf verloren hatte und der Spannung zwischen ihnen
nachgekommen war und ihm in die Arme gefallen war.
Am nächsten Morgen
Eine Hand legte sich auf ihren Bauch und Scully schreckte hoch.
Ihre Augen weiteten sich als sie Gibson an ihrem Bett sitzen sah,
der wie immer mit unruhig kreisenden Augen still auf ihren Bauch
starrte und wirkte, als würde er jeden Augenblick
zusammenbrechen.
Wo ist Mulder? fragte sie ihn, doch ohne eine Antwort
zu erwarten. Sie war umso überraschter als Gibson von ihrem
Bauch zu ihr sah.
Er ist gegangen, als es Ihnen wieder besser ging. Er ist
nach Kanada geflogen. Scully schloss erleichtert die Augen
und lehnte sich zurück. Also hatte sie nicht geträumt. Und er
hatte auf sie gehört. Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch und
atmete auf.
Das Baby wird bald kommen, es redet mit mir.
Irritiert, fast angewidert, öffnete Scully wieder die Augen und
sah Gibson an. Was meinst Du damit? Kannst Du es in Deinem
Kopf fühlen? Scully war der Junge noch immer ein Rätsel,
doch nach allem, was sie gesehen hatte, musste sie sich der
Möglichkeit öffnen, dass er tatsächlich Dinge wahrnahm, denen
ihre Sinne verschlossen waren.
Gibson nickte. Es hat Angst. Scully starrte ihn noch
immer irritiert an. Der Gedanke, dass Gibson mehr über ihr Kind
wusste als sie, dass er Kontakt zu etwas hatte, das in ihrem
Körper war, beunruhigte sie.
Angst? Die haben wir doch alle, Gibson. Sie versuchte
Gibsons Worten nicht allzu viel Bedeutung beizumessen.
Über die vorgeburtlichen Erfahrungen eines Kindes im Mutterleib
wusste man noch so wenig, es war sehr wahrscheinlich, dass ihr
Kind durch ihre Hormone beeinflusst ähnlich fühlte wie sie.
Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft viel Stress
hatten, neigten oft in ihrem späteren Leben zu Aggressionen und
Depressionen. Dabei fiel Scully auf, wie viel Stress sie in ihrer
Schwangerschaft gehabt hatte und sie wollte den Gedanken, was das
für die Psyche ihres Babys bedeuten konnte, überhaupt nicht zu
Ende denken. Doch Gibson hatte ihren Gedanken längst
mitbekommen.
Ich glaube, die mütterliche Fürsorge kann das wieder
gutmachen. Keine Sorge.
Er klang so alt, dass Scully sich ihm gegenüber fast wie ein
Kind vorkam. Aber sie war froh, dass er endlich mit ihr redete
und nicht nur stumm auf ihren Bauch starrte.
Hast Du das die ganze Zeit gemacht? Mit dem Baby geredet?
Gibson nickte wieder. Es spürt, dass mit seiner Ankunft
Veränderungen eintreten werden. Davor hat es Angst. Aber heute
geht es ihm besser als sonst, es hat geschlafen als ich vorhin
gekommen bin.
Scully konnte sich vorstellen, dass Mulders Nähe nicht nur ihr
gut getan hatte, sondern auch ihrem Sohn. Sie sah Gibson an und
wechselte das Thema, denn es behagte ihr nicht, wenn man über
ihr Baby sprach.
Was weißt Du, Gibson? Warum versteckst Du Dich hier? Und
was denkst Du, wird passieren?
Gibson zuckte mit den Achseln. Ich weiß weniger als Sie
glauben. Ich warte lediglich.
Scullys Augenbraue zuckte. Worauf?
Auf das Baby.
Damit stand er auf. Soll ich Frühstück holen?
Scully setzte sich auf, ehe sie ihrer Verwunderung über seine
Worte Ausdruck verleihen konnte. Nein, lass nur, ich stehe
auf und werde mich selbst darum kümmern."
Der Arzt hat aber gesagt, Sie sollen liegen bleiben. Tehya
hat schon was vorbereitet, ich hol das Tablett eben rüber. Wenn
ich was von den Muffins abkriege.
Scully nickte widerstandslos, denn sie war viel zu sehr damit
beschäftigt sich zu fragen, warum Gibson auf einmal wieder so
lebendig war. Dann fiel ihr Blick auf die Wolken, die sich über
dem Tal zusammengebraut hatten. Waren das normale Regenwolken?
Oder war es ein Zeichen? Dass der schwarze Regen nun auch hier
losgehen würde?
Zwei Tage später, Ottawa, Kanada 0:59 Uhr
Langley und Byers saßen in einem gemieteten Van drei Blocks
weiter und funkten Mulder ins Ohr, dass die Luft rein war. Er
atmete auf. Er hatte es fast geschafft. Kersh hatte ganze Arbeit
geleistet. Und dennoch hatte Mulder einige Tricks seiner drei
Freunde benutzt, um nahezu vollkommen unbemerkt in den Komplex
des ziemlich abgesicherten Regierungsgebäudes in Ottawa zu
kommen.
Aber die Kanadier waren offenbar nur halb so paranoid wie die
Amerikaner und die Engländer, denn verglichen mit dem Pentagon
war es direkt einfach gewesen bis zum Hauptrechner vorzudringen,
in den Mulder mittels Byers Hilfe über Kamera innerhalb
weniger Minuten, noch bevor der Alarm losgehen konnte, den Virus
eingeschleust hatte. Wesentlich schwieriger gestaltete es sich
nun das Gebäude unbemerkt zu verlassen. Die Chipkarte, die Kersh
ihm gegeben hatte, hatte ihm nur eine fünfzehnminütige
Aufenthaltsberechtigung geben können, so dass sie für sie
unbrauchbar gewesen war, denn sie hatten Ewigkeiten gebraucht
innerhalb des riesigen Komplexes zum Rechner vorzudringen.
Frohike wartete am Aufzug im Erdgeschoss auf ihn, um ihn von dort
durch das Gebäude zurück hinauszulotsen, aber bis dort hin
musste er es alleine schaffen.
Er stutzte, als die Klinke der Tür, die ihn noch vom Hauptflur
trennte, sich nicht hinunterdrücken ließ. Verdammt!
zischte es in seinem Ohr. Er drückte den Knopf besser in seine
Ohrmuschel und zischte zurück. Was ist, warum geht die
Tür nicht auf? Keine Ahnung, irgendein
Sicherheitsystem hat sich aktiviert. Moment, beweg Dich nicht von
der Stelle, wir kriegen das geknackt. Wo soll ich
auch hin, ihr Scherzkekse! brummte Mulder ins Mikrofon.
Er versuchte die Angst, die schleichend über seinen Rücken in
ihm hochkroch, zu ignorieren. Es dauerte fast eine Ewigkeit, ehe
Langley sich wieder meldete. Mulder, das ist offensichtlich
ein ziemlich harter Brocken, wir schlagen vor, wir machen es auf
die unorthodoxe Tour. Und die wäre? Mulder
wollte nur aus dem Gebäude heraus, ihm war egal, ob sie dabei
Spuren hinterließen. Ihre Hauptarbeit war getan. Naja
zögerte Langley noch, ehe sich Byers einschaltete. Frohike
wird Dich rausholen, allerdings wird das den Alarm auslösen und
die gesamte Wachmannschaft wird euch auf den Fersen sein, ihr
solltet also keine Zeit verlieren. Wir sagen Dir jetzt wo Du lang
musst, denn durch diese Tür kommst Du nicht raus.
Mulder war nicht sicher, ob es ihn beruhigen sollte, dass ein
Leben nun von Frohike abhing, doch er folgte den Anweisungen der
beiden Anderen und ging die halbe Strecke, die er gerade
hergekommen war, zurück. Ein leises Flüstern näherte sich ihm
von allen Seiten und das war für ihn der Moment, in dem er
begriff, dass es eng werden würde. So eine Wachmannschaft war
das also!
Doch da er wusste, dass ihm dieses schwarze Öl nichts anhaben
konnte, war er um seine eigene Gesundheit nicht so besorgt. Er
drängte daher die beiden anderen dazu, Frohike von seinem Posten
abzuziehen und ihm irgendwie anders aus dem Gebäude zu helfen.
Ihm war ganz schwindelig als seine Schritte immer schneller
wurden und er versuchte Ruhe zu bewahren, während die Lone
Gunmen ihn scheinbar im Kreis aus dem Gebäudekomplex
hinausführten.
Doch da ging der Alarm los. Nun hatten sie ohnehin nichts mehr zu
verlieren. Mulder begann zu rennen, als er das Flüstern immer
lauter zu hören begann und rief den Anderen über sein Mikrofon
Anweisungen zu, ihm den Weg notfalls frei zusprengen.
Kersh würde ihm dafür die Ohren lang ziehen, wenn er überhaupt
wieder lebend herauskam, doch das kümmerte ihn nicht. Er hatte
mit Kersh nach diesem Erlebnis ohnehin noch ein Wörtchen zu
reden.
Plötzlich hörte er ein Jubeln in seinem Ohr und merkte wie sich
die Türen vor ihm entriegelten und er durch die Flure rennen
konnte, ohne noch weiter aufgehalten zu werden. Doch nun stellten
sich ihm von allen Seiten Wachmänner in den Weg. Wachmänner mit
schwarzen Augen und ausdruckslosen Gesichtern.
Mulder jagten sie immer wieder einen Schauer über den Rücken.
Er stürmte die Flure hinunter während die Lone Gunmen hitzig
versuchten ihn in dem ausgebrochenen Chaos noch einen Ausweg zu
nennen.
Schließlich hatte Mulder es bis ins Treppenhaus geschafft, das
eine Hintertür hatte und stolperte und fiel fast abwechselnd die
Stufen hinunter, bis er eine verschlossene Hintertür vorfand und
seine Verfolger im Nacken näher kommen spürte.
Was mach ich jetzt? Schnell! Ich brauch ne Lösung!
rief er in das Mikrofon. Langley rief ihm über seinen
Ohrstöpsel gerade noch rechtzeitig zu Geh von der Tür
weg! als es schon laut donnerte und knallte und eine
Explosion die Tür auf höchst ungalante Weise geöffnet hatte.
Frohike stand wie ein gerupftes Huhn davor und griff nach Mulders
Arm, um ihn vor seinen Verfolgern ins Freie zu ziehen. Sie
rannten so schnell sie konnten auf den Van zu, der etwa 300 Meter
entfernt auf sie wartete als sie Schüsse hörten. Mulder spürte
einen harten Schlag in seinem Rücken, der ihm für einen Moment
das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihm wurde schwarz vor
Augen, doch Frohike ließ ihm keine Möglichkeit, sich
auszuruhen.
Mulder, nicht schlappmachen! So gerne ich Scully für mich
allein hätte, ich lass Dich jetzt nicht zurück. Also komm,
reiß Dich zusammen.
Was Mulder nicht sehen konnte, war die Panik in Frohikes Gesicht,
der die schwarzen Augen ihrer Verfolger in dem Moment, in dem er
Mulder aus dem Gebäude ins Freie gezogen hatte, zum ersten Mal
selbst gesehen hatte.
Langley war aus dem Van gesprungen, um Frohike zu Hilfe zu eilen
und gemeinsam schafften sie es Mulder die letzten hundert Meter
zum Wagen zu ziehen.
Seine Kraft ließ immer mehr nach und er wurde mit jedem Schritt
schlapper und versank immer mehr in der Dämmerung, während ihm
das Blut in Strömen über den Rücken lief und er gegen das
Schwarz vor seinen Augen zu kämpfen versuchte. Am Ende waren es
nur noch seine beiden Freunde, die ihn unter größten Mühen in
den Van hievten, denn er hatte das Bewusstsein verloren.
Sie rauschten unter dem Kugelhagel der Wachmänner holpernd davon
und fuhren so schnell sie konnten aus der Stadt heraus in die
Richtung der US-Grenze zum erstbesten Krankenhaus auf
amerikanischem Boden.
Am nächsten Morgen
Trotz der Schmerzen war Scully aufgestanden. Sie saß nun im
Gemeinderaum der Indianer und sah zu wie drei Frauen mit ihren
Perlen und Lederriemen Schmuck herstellten, der den Touristen auf
den Märkten verkauft wurde. Sie redeten kein Wort miteinander,
denn das, was sich über ihren Köpfen zusammenbraute,
beunruhigte alle im Dorf. Die Kinder waren heute nicht zum
Spielen oder in die Schulen herausgelassen worden und nur wenige
der Männer waren in die umliegenden Orte zu ihrer Arbeit
gefahren. Sike war einer von ihnen, er war nach Gallup gefahren,
vor allem weil er die unerträgliche Spannung, die seit der
Ankunft der schwarzen Wolken im Dorf lag, nicht ertragen konnte.
Scully ging es ähnlich. Es kam ihr fast vor als würden die
Frauen im Dorf ihr die Schuld an den Veränderungen geben, auch
wenn sich alle bemühten sehr freundlich zu ihr zu sein. Doch die
skeptischen Blicke einiger konnte Scully nicht übersehen. Sie
sah auf die Zeitung, die fein säuberlich zusammengefaltet auf
ihrem Schoß lag. Wollte sie wirklich darin wieder etwas über
die Schreckensmeldungen überall auf der Welt lesen? Hatte sie
nicht davon genug?
Sie legte die Zeitung weg und entschloss sich ihre Hilfe in der
Küche anzubieten, als sie plötzlich ein merkwürdiges Gefühl
überkam. Es war das unheimliche und unbestimmte Gefühl, dass
etwas Schlimmes geschehen war. Es war wie eine Ahnung. Kälte
streifte ihren Nacken.
Sie drehte sich um und ihr Blick fiel wieder auf die Zeitung, die
vom Wind, der durch die offenen Fenster hineinblies,
aufgeblättert worden war.
Sie ging zurück zu ihrem Stuhl, hob die Zeitung auf und faltete
sie wieder zusammen, als ihre Augen beim Überfliegen der
Nachrichten etwas wahrnahmen, das ihre Aufmerksamkeit auf sich
zog. Sie las die Überschrift des Artikels, der ihr aufgefallen
war.
Rätselhafte Explosion in Regierungsgebäude Täter
auf der Flucht vermutlich terroristischer Anschlag
Sie überflog den Artikel schnell. Es ging um eine Explosion in
Ottawa!
Scullys Herz schien durch ihren Körper vor ihre Füße zu fallen
als sie begriff, was das bedeutete. Sie ließ die Zeitung fallen,
rauschte an den Indianerinnen vorbei, die sie etwas verängstigt
ansahen, und griff nach dem nächstbesten Telefon, das sie
auftreiben konnte.
Zur selben Zeit, Washington D.C., FBI-Gebäude
Die Tür wurde stürmisch aufgerissen und ein vor Wut zitternder
Walter Skinner stürmte hinein. Was zum Teufel haben Sie
sich eigentlich dabei gedacht?
Kersh sprang hinter seinem Schreibtisch auf und sah ihn
erschrocken und verärgert an.
Mr. Skinner, was fällt Ihnen überhaupt ein auf diese
Weise in mein Büro hereinzuplatzen?
Kommen Sie mir nicht mit Ihrem Autoritätsgeplänkel, SIR.
Dabei betonte Skinner jeden Buchstaben mit all der Kraft, die in
seiner Stimme lag. Als ich Ihnen die CD gegeben habe, habe
ich nicht von Ihnen erwartet, dass Sie Mulder und Scully in noch
größere Gefahr bringen. Verdammt nochmal! Er war außer
sich vor Wut und er wäre Kersh am liebsten an die Gurgel
gegangen, doch er konnte sich beherrschen.
Kersh wusste, wovon Skinner sprach, er war selbst am frühen
Morgen über Agent Mulders Verletzung sowie über die Explosion
in Ottawa informiert worden. Außer ihm und Skinner vermutete
jedoch noch niemand einen Zusammenhang zwischen beiden
Ereignissen. Er fühlte sich dafür verantwortlich, dass es
schief gegangen war, doch das würde er vor niemandem zugeben.
Außerdem hatte Mulder erreicht, was nötig gewesen war. Sein Job
war damit erfüllt und selbst wenn er nun sterben sollte, hatte
er der Menschheit einen größeren Dienst erwiesen als mit dem
Rest seiner Arbeit bei den X-Akten. Doch das waren Gedanken, von
denen Kersh wusste, dass er sie lieber für sich behielt.
Mr. Skinner, ich habe Agent Mulder lediglich Hinweise
darauf gegeben, wo er in seinen Nachforschungen über die Natur
dieser Regierungsexperimente neue Erkenntnisse gewinnen könne.
Mir lag es fern ihn in irgendeine Gefahr zu bringen, das hat
Agent Mulder selbst zu verantworten.
Skinner trat näher an ihn heran und blinzelte ihn durch seine
zusammengekniffenen Augen an. Wie kann man nur so ein
gewissenloser Lügner sein! Ich kann nur hoffen, dass die
Wahrheit über diese Affäre bis ganz nach oben getragen wird und
dann werden Sie Ihren Arsch nicht mehr so einfach retten können,
denn ich werde persönlich gegen Sie aussagen. Ich weiß, dass
Sie es waren, der Mulder den Zugang zu diesem Gebäude verschafft
hat. Ich weiß auch, dass sie ihn dazu ermutigt haben dorthin zu
gehen.
Kersh versuchte wie immer ruhig zu bleiben, doch das Herz schlug
ihm bis zum Hals.
Sir, Sie verkennen die Situation. Ich habe in diesem Fall
auf derselben Seite wie Sie gekämpft. Ich habe versucht, dieser
Regierungsverschwörung, der Mulder auf der Spur war, ein Ende zu
setzen! Und wie es aussieht ist es uns auch gelungen. Das ist es
doch, was Sie damit bezwecken wollten, als Sie mir die CD gaben.
Dass ich Mulder endlich glaube und ihn unterstütze. Nun, das
habe ich getan. Also verstehe ich überhaupt nicht woher Sie die
Dreistigkeit nehmen und mir das nun zum Vorwurf machen.
Skinners Zähne knirschten vor Anspannung, doch er atmete aus und
wendete sich von Kersh ab. Offenbar haben Sie überhaupt
nichts von dem verstanden, was da wirklich vor sich geht.
Sein Blick schweifte über die dunklen Straßenschluchten, die
sich vor Kershs Fenster wie gähnende schwarze Mäuler öffneten
und er sah Kersh noch einmal an, bevor er sich zur Tür umdrehte
und den Raum verließ.
Gegen das da draußen werden Sie mehr als irgendeinen
Computervirus einsetzen müssen. Die eigentliche Bedrohung geht
doch überhaupt nicht von unserer Regierung aus, sondern von
etwas, das viel größer ist!
Kershs Augenlid zuckte als er ihm tonlos antwortete. Da
wäre ich mir nicht so sicher, Mr. Skinner. Ich glaube eher, dass
sich die wahren Feinde gerade in unseren eigenen Reihen befinden.
Daraufhin lächelte Skinner ihn nur zynisch an. Hm. Was Sie
nicht sagen. Und das aus Ihrem Mund! Er ließ die Türe
wütend hinter sich ins Schloss fallen und fragte sich auf dem
Weg in sein Büro, woran Kersh in Wirklichkeit glaubte.
Kersh seinerseits lehnte sich seufzend einen Moment gegen die
Tür, ehe er wieder zu seinem Schreibtisch ging und auf das Foto
seiner Schwester blickte. Er glaubte nur an eines: Daran, dass
Verbrechen an Mitmenschen, egal welcher Natur, falsch waren. Und
deswegen war er beim FBI. Er musste nicht an irgendwelche Aliens
glauben, um sich das Böse um sie herum erklären zu können. Er
wusste, dass es in allen Menschen gleichermaßen wohnte und dass
offenbar auch seine Regierung, von der er immer geglaubt hatte,
sie wolle wie er für Recht und Ordnung unter dieser wilden Horde
von Menschen sorgen, von dem gleichen Bösen gelenkt wurde, das
seine Schwester getötet hatte. Doch sein Verstand war zu
engstirnig, zu begrenzt, um wirklich zu begreifen wie groß
dieses Böse war und dass es in Wahrheit über den Städten
dieser Welt, die er so unbedingt beschützen wollte, auf den
großen Tag wartete, der nun immer näher zu rücken schien. Er
lehnte sich in vollkommener Verkennung der Sitation beruhigt
zurück in dem tiefen Vertrauen, wirklich etwas Gutes getan zu
haben.
Und er hatte damit Recht. Denn er hatte zusammen mit Mulder etwas
aufgehalten, das viele Menschen das Leben gekostet hätte und
Mulders und Scullys Sicherheit ernsthaft gefährdet hätte. Aber
das wusste er nicht. Denn er hatte keinen blassen Schimmer, was
er wirklich getan hatte, er kannte nur die Spitze des Eisbergs.
Skinner hatte sich gerade hinter seinen eigenen Schreibtisch
gesetzt und sein Puls war gerade wieder zur Ruhe gekommen, als
das Telefon klingelte. Skinner?
Noch bevor er seinen Namen zu Ende ausgesprochen hatte, hörte er
eine bekannte und sehr aufgeregte Stimme. Wo ist Mulder?
Skinner schloss die Augen und stützte seinen Kopf in seine freie
Hand. Er konnte Scully doch nicht die Wahrheit sagen. So wie er
sie kannte, würde sie sich sofort in ein Flugzeug setzen und
nach Burlington fliegen um Mulder im Krankenhaus zu besuchen. Und
das konnte er nicht verantworten.
Agent Scully, wie geht es Ihnen? versuchte er sich
noch ein wenig Zeit zu verschaffen.
Doch Scully ließ ihm dazu keine Gelegenheit. Sir, wo ist
er Ist ihm etwas zugestoßen?
Bitte beruhigen Sie sich, Agent Scully. Agent Mulder geht
es schon wieder besser.
Er hoffte damit die schlimmste Aufregung besänftigt zu haben,
doch Scully bewies ihm das Gegenteil, als sie laut ins Telefon
hineinrief. Sir, ich frage Sie zum letzten Mal: Was ist mit
Mulder?
Er bekam fast Angst vor ihr, auch wenn sie etliche Meilen weit
weg war und schließlich lenkte er ein, um sie nicht noch mehr
aufzuregen. Dabei bemühte er sich vollkommen ruhig und gelassen
zu klingen und sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn die
ganze Sache selbst aufgeregt hatte.
Er wurde angeschossen bei dem Versuch aus diesem Gebäude
zu flüchten. Er liegt jetzt in Burlington im Krankenhaus und
sein Zustand ist stabil. Die Kugel ist in seiner Muskulatur
stecken geblieben und hat ihn nicht ernsthaft verletzt. Er hat
auf der Fahrt über die Grenze nur viel Blut verloren, aber
dafür ist er in Sicherheit. Ihre Freunde haben ganze Arbeit
geleistet. Und jetzt beruhigen Sie sich hoffentlich endlich.
Scully atmete auf. Jetzt hatte sie wenigstens Gewissheit. Die
Einsamen Schützen waren bei ihm? fragte sie noch immer ein
wenig atemlos.
Ja, und das sind sie auch jetzt. Sie brauchen sich also
keine Sorgen zu machen.
Nun war es Scully fast peinlich, dass sie so aufbrausend gewesen
war. Sie sorgte sich noch immer um Mulder, weil sie nicht bei ihm
sein konnte. Und sie war sonst immer an seinem Krankenbett
gewesen. Dass er nun zum ersten Mal seit so langer Zeit alleine
war, bereitete ihr Kummer und nur der Gedanke, dass die drei
Clowns bei ihm waren, half ihr. Ihre Angst wich wachsender Wut
auf Kersh und seine Nutzlosigkeit in dieser Sache. Er hatte
Mulder benutzt, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen.
Er widerte sie an.
Doch Skinner konnte nichts dafür, sie wusste, er war auf ihrer
Seite. Als sie sich beruhigt hatte, fuhr sie fort.
Hat es wenigstens funktioniert?
Das wissen wir noch nicht, die 24 Stunden sind noch nicht
um, aber anscheinend hat der Virus innerhalb des Gebäudes das
gesamte System lahmgelegt, also gehen wir davon aus, dass es
geklappt hat. Ein Glück! Das verleiht dem Ganzen wenigstens noch
einen Sinn.
Scully stimmte ihm leise zu und verabschiedete sich von ihm, um
sich wieder etwas beruhigter auf ihr Zimmer zu begeben. Doch
mittlerweile konnte sie die leichten Wehen, die sie immer
häufiger verspürte, kaum noch ignorieren. Sie wusste, es würde
bald losgehen und dieses Mal konnten sie es nicht mehr aufhalten.
Das Baby würde früher kommen.
Am nächsten Tag, 11.36 Uhr, Fletcher
Allens Health Center
Die Erde hatte die ganze Nacht leicht vibriert. Mulder hatte es
gespürt und kaum geschlafen. Es war ein merkwürdiges Beben.
Nicht so wie ein richtiges Erdbeben, das vom Inneren der Erde
kam, es war eher eine Vibration in der Luft, in deren Takt die
Fenster mitklirrten und das Licht unruhig flackerte.
Mulders Rücken schmerzte noch immer, doch er bekam starke
Schmerzmittel und er hatte schon wesentlich schlimmere
Verletzungen überstanden. Sein einziger Gedanke, als er aus der
Narkose erwacht war, hatte Scully gegolten. Er hoffte, sie wusste
nichts von seiner Verletzung. Und er hoffte, es ging ihr gut,
denn er hatte sie zurücklassen müssen, nach diesem
Schwächeanfall in ihrem Zimmer an dem Abend, an dem diese
merkwürdige Spannung zwischen ihnen aufgekommen war. Der Arzt,
nach dem er hatte schicken lassen, hatte ihm versichert, dass es
ihr gut gehen würde und das Baby noch ein wenig auf sich warten
ließe, aber er war trotzdem unruhig. Er wusste, allzu lange
würde es nicht mehr dauern.
Er erschrak, als die Tür plötzlich ohne Vorwarnung geöffnet
wurde und ein Blondschopf durch den Spalt lugte um zu sehen ob er
noch schlief. Hey, unser Dornröschen ist wach, ihr könnt
kommen, zischte Langley den anderen beiden zu.
Mulder lächelte sie an. Legolas, Frodo und Gimli! Schön,
dass ihr der Macht des Rings entkommen konntet. Oh
Gott, womit haben die DEN denn abgeschossen? Langley drehte
sich zu den anderen beiden um. Frohike ging zu Mulders Bett und
drückte zu seiner Überraschung seine Hand. Mann, bin ich
froh, dass Du am Leben bist. Mulder war ebenso froh
darüber und guckte zufrieden in die Runde, merkte jedoch an den
betretenen Gesichtern seiner Besucher, dass sie nicht nur
hergekommen waren, um Händchen zu halten.
Los, raus mit der Sprache, ihr steht ja rum wie drei
Schuljungen, die was verbrochen haben.
Byers nahm sich zusammen und räusperte sich. Er klappte sein
Laptop vor Mulder auf dem Nachttisch auf und fuhr es hoch. Wir
haben uns nen Überblick über die Ereignisse in Ottawa
verschaffen wollen und haben uns durch eine Webcam-Datenbank
geklickt. Jetzt sieh Dir einmal an, was wir da gefunden haben.
Mulder sah auf das Bild, das langsam geladen wurde.
Das ist Sand, stellte er ruhig fest. Ne Menge
Sand. Moment, ist das in der Sahara?
Du hasts erfasst. Und nun sieh Dir mal diese Bilder an.
Mulders Augen weiteten sich als er sah, wie sich über der Wüste
eine Art Prisma, das um sich herum alles verzerrte in die Höhe
schraubte, das immer höher und höher schoss bis das
Satellitenbild schwarz wurde. Ihm war klar, dass das Aufnahmen
von dem Tag waren, an dem er und Scully dort gewesen waren.
Offenbar hatten sie dort nicht so alleine im Sand gelegen wie sie
gedacht hatten, denn man konnte wenn man sehr nahe heranzoomte,
Scullys weiße Kleidung als hellen Punkt erkennen.
Mh, das sind vielleicht nette Bilder fürs Familienalbum,
aber was wollt Ihr mir damit zeigen? fragte er die Drei
schließlich. Es gibt im Moment nur noch sehr wenige
Satellitenaufnahmen von der Erde, wie Dir ja sicherlich bekannt
sein dürfte. Und einer der wenigen Orte ohne diese schwarzen
Wolken war Gallup, New Mexico.
Mulder stockte der Atem. War? Wieso war?
Seit zwei Tagen gibt es keine neuen Satellitenbilder mehr,
das Letzte, was man sehen konnte, war das hier.
Und Byers öffnete eine neue Bilderserie, auf der Mulder die
rotbraune, trockene Landschaft New Mexicos erkannte. Als er sich
hindurchklickte, begriff er die Angst, die er in den Augen der
Drei sehen konnte. Sie bemächtigte sich seines Verstandes und
legte sich wie eine Eisenkette um sein Herz.
Man konnte sehen wie sich eine unsichtbare Schicht, genau wie in
der Sahara, wie eine Art Prisma zwischen Himmel und Erde schob
und die Landschaft New Mexicos bizarr verzerrte. Und auf dem
letzten Bild, das vor genau 18 Stunden geschossen worden war,
konnte man außer Schwarz gar nichts mehr sehen. Abgesehen von
einem dunkelroten Restleuchten. Mulder starrte Byers an.
Soll das heißen, dort geht es jetzt auch schon los?
Nicht nur das. Dieses Ding, das sich dazwischen schiebt,
ist irgendeine Art Kraftfeld, es sendet elektromagnetische
Strahlung aus. Wie Sonnenprotuberanzen. Es pulsiert. So etwas hat
es das letzte Mal über der Sahara gegeben als Du da warst. Und
davor hat es das nur in Tunguska gegeben. Verstehst Du jetzt,
worauf wir hinauswollen? Mulder starrte von Byers wieder
fassungslos auf die Bilder.
Das ist eines dieser Kommunikationsfelder, überlegte
er.
Langley nickte und zuckte zugleich mit den Achseln. Keine
Ahung, was das genau ist, aber es ist da und es ist sehr groß.
Mulder schob den Tisch beiseite und erhob sich. Frohike sah ihn
irritiert an. Was soll denn das jetzt werden?
Mulder stand auf, riss sich die Kabel und die Kanüle aus dem Arm
und marschierte zu seinem Schrank. Ihm war schwindelig und sein
Rücken schmerzte, doch das war ihm egal. Ihr glaubt doch
nicht, dass ich hier liegen bleibe und krankfeiere, während
Scully dort schutzlos diesem Kraftfeld ausgeliefert ist. Ich hab
in dem Ding schon einmal drin gesteckt, genau wie sie. Es kennt
uns jetzt. Und ich weiß auch, was es ist.
Die Drei sahen ihn erstaunt und voller Neugier an. Während er
sich anzog, erklärte er ihnen, woran er sich von seinem Ausflug
in die Wüste erinnern konnte. Dass es nicht nur ein
Kommunikationszentrum war, sondern vielmehr die große
Schaltstelle, das Gehirn dieser Invasion war. Es war der Dreh-
und Angelpunkt und dass es sich ausgerechnet über dem Land der
Navajos, wo Scully UND Gibson sich aufhielten und wo er vor
wenigen Monaten in dieser Höhle in dem Anasazi-Dorf gefunden
worden war, das war kein Zufall mehr.
Er bat sie ihn heimlich aus dem Krankenhaus hinauszuschleusen und
verschwand aus seinem Krankenzimmer, ohne dass jemand es bemerkt
hätte.
Am Flughafen verabschiedete er sich und umarmte jeden von ihnen,
denn er wusste nicht, ob sie einander wieder sehen würden.
Es gab keine Flüge mehr bis Albuquerque, also musste er bis
Amarillo, Texas fliegen und von dort mit dem Auto fahren.
Zur selben Zeit in New Mexico
Scully war von einem leisen, säuselnden Flüstern geweckt worden
und hatte sich auf den Weg hinaus aus dem Dorf gemacht, zurück
zu dem Aussichtsplatz, an dem die Indianerzeremonien sonst immer
stattfanden.
Der Aufstieg war ihr sehr schwer gefallen, doch sie hatte die
Zähne zusammengebissen und hoffte sie würde es auch wieder
hinunter ins Dorf zurückschaffen. Als sie oben angekommen war,
hörte sie, dass das Flüstern von allen Seiten zu kommen schien.
Sie sah sich um und merkte wie sie fröstelte. Es regte sich kein
Lüftchen, die Welt wirkte wie erstarrt. Sie hatten seit zwei
Tagen kein frisches Wasser mehr. Zum Glück hatten die Indianer
in weiser Voraussicht vorgesorgt und etliche Kanister vorher
schon zur Seite gestellt. Aber lange würden sie es in der
staubigen Trockenheit nicht mit diesen Vorräten aushalten.
Die schwarzen Flüsse regten sich nicht, der Staub lag matt auf
dem Boden und ließ sich nicht einmal durch ihre Füße
aufwirbeln.Die Welt war ihrer Farben beraubt, sie war so grau und
wüst, als hätte sie keine Lust mehr, weiterzuexistieren. Die
dunklen Wolken kräuselten sich über ihrem Kopf als braue sich
ein gewaltiges Unwetter zusammen und dahinter zuckte es dunkelrot
und bedrohlich. Doch ohne einen Ton von sich zu geben. Das
einzige, was man hörte, war dieses Flüstern. Scully drehte sich
im Kreis um das Tal überblicken zu können, als sie stutzte. In
der Ferne aus der Richtung des Anasazi-Dorfes schien etwas
Schwarzes näherzukommen. Sie kniff die Augen zusammen.
Waren das Menschen? Ihre Augen öffneten sich voller Angst als
sie erkannte, dass es in der Tat Menschen waren, die sich zu
Hunderten wie eine Armee durch das Tal vorwärts wälzten und
anscheinend alle ihre Augen gen Himmel gerichtet hatten. Wer
waren diese Leute? Scully hatte aufgrund des Flüsterns eine
furchtbare Ahnung, die ihr die Nackenhaare aufstellte. Doch ihr
Verstand fegte die Angst wie gewohnt beiseite.
Sie war vollkommen fertig und reizbar, sicherlich irrte sie sich.
Und dennoch, das Flüstern kannte sie und es war immer ein
schlechtes Zeichen. Und die Windstille beunruhigte sie.
Totenstille.
Sie sah von den Armeen weg und sah wie die Tausend Gesichter im
Tal ebenfalls zum Himmel hinauf, wo sie einen unsichtbaren
Schleier erkennen konnte, der sich wie flimmernde Luft zwischen
Wolken und Erde gelegt hatte. Es war da. Diese Macht, deren
Existenz sie tief in ihrem Inneren fühlte, dessen Pnräsenz die
Luft so elektrisierte, dass ihre Haare knisterten. Es fühlte
sich an wie an jenem Tag in der Wüste.
Ihre Gestalt wirkte in dem düsteren Grau und der absoluten
unerträglichen Geräuschlosigkeit unwirklich und sie wurde sich
dessen bewusst, dass sie vollkommen alleine unter dieser
unfassbaren Bedrohung, fast wie eine Einladung anzugreifen,
herumstand. Als hätte dieses Wesen über ihr am Himmel ihre
Gedanken gelesen, passierte es.
Ein plötzlich wie aus dem Nichts auftauchender Schmerz in ihrem
Bauch zwang sie sich auf einen Felsvorsprung zu setzen, um nicht
mitten auf dem Plateau auf die Knie zu sinken. Sie hielt sich den
Bauch und biss die Zähne zusammen, um den Schwindel zu
vertreiben, der die Welt um sie herum im Kreis zu drehen schien.
Sie fühlte aber, dass es ein anderer Schmerz war als zuvor.
Sie fühlte, dass die Wehen eingesetzt hatten.
Sechs Stunden später, in der Nähe
Das Radio im Auto sprang immer wieder von selbst an und spielte,
wie so oft in den letzten Wochen, Bach während das Auto sich
zunehmend weigerte weiter zu fahren. Der Himmel über ihm war
dunkel wie noch nie zuvor und Mulder konnte in der Ferne die
linsenartige Wölbung über dem Horizont erkennen, die wie eine
Fata Morgana über dem trockenen Land flimmerte. Er war nicht
mehr weit entfernt vom Navajo-Dorf. Doch ohne Auto würde er es
nicht vor Mitternacht dorthin schaffen. Und bei dem, was um ihn
herum geschah, war ihm nicht wohl bei dem Gedanken in der
vollkommenen Finsternis durch die Wildnis mit einem Wagen zu
fahren, der nur alle fünf Minuten funktionierte. Wütend stieg
er aus und trat laut fluchend gegen die Reifen. Sein Handy war
ebenfalls tot und krachend und kratzend schepperte Bachs
Brandenburgisches Konzert durch die Stille, wie eine Drohung.
Doch das Auto blieb stumm.
Er musste offenbar einfach warten, bis es wieder ansprang. Als er
vor seinem Wagen stand und innehielt, fühlte er es plötzlich.
Die absolute Windstille. Und er hörte das entfernte Flüstern
und das elektrische Knistern in der Luft.
Er wusste, es hatte begonnen.
Zur selben Zeit, im Indianerdorf
Scullys Finger krallten sich in der Matratze fest, als eine
Schmerzwelle sie wieder überrollte und sie schloss die Augen und
atmete tief durch. Sie hatte schon aufgehört mitzuzählen und
wollte nur noch, dass das Baby kam.
Dana, Sike ist auf dem Weg um den Arzt zu holen, aber sie
schaffen es vielleicht nicht rechtzeitig. Wir müssen jetzt also
zusammen arbeiten, in Ordnung? Sikes Frau legte Scully ein
feuchtes Tuch auf die Stirn und redete ihr beruhigend zu. Sie
wusste, es würde eine schwere Geburt werden und sie fühlte sich
alleine überfordert. Was, wenn Scully etwas passierte? Und das
bei dem Chaos dort draußen! Sie hatten viel zu wenig Wasser, sie
hatten keine Telefonverbindungen mehr, sie waren vollkommen von
der Außenwelt abgeschnitten und es sah aus, als würde in der
kommenden Nacht noch wesentlich mehr geschehen als diese Geburt.
Die Gläser im Küchenschrank klirrten leise mit dem Beben der
Erde und um sie herum war es absolut still. Fast alle
Dorfbewohner hatten sich betend in den Gemeinderaum
zurückgezogen, wo man versuchte die bösen Geister, die sich
über ihr Tal gelegt hatten, zu vertreiben.
Doch sie alle hatten die Prophezeiungen gelesen. Sie alle hatten
von der Geburt des weißhaarigen Indianerkindes im Dorf der Hopi
Indianer gehört.
Einer Prophezeiung nach war die Geburt eines weißhaarigen Kindes
mit Zähnen, das bei der Geburt bereits sprechen konnte, das
letzte von vier Zeichen, dass das Ende gekommen war. Die
Nachricht von der Geburt dieses Kindes vor drei Tagen hatte für
Aufruhr gesorgt und sie war Scully direkt dankbar dafür, dass
diese Geburt sie nun davon ablenkte, sich zu sehr in die
allgemeine Panik hinein zu steigern. Denn sie wusste, es war das
Ende der Welt, in der sie lebten und wie würden, wie schon so
oft zuvor die Welt verlassen müssen, um in der nächsten wieder
von vorne anzufangen. So war es immer schon gewesen und so
erzählten es die Legenden.
Sie lächelte die junge Frau mit den roten Haaren tapfer an und
legte sich alles zurecht, was sie für die Geburt brauchten. Sie
holte einen Cognac aus dem Schrank und hielt Scully ein Glas
davon hin.
Das wird Ihnen ein wenig helfen. Doch Scully schob
das Glas bestimmt beiseite. Nein, es geht schon. Das
schaffe ich auch so.
Wieder hatte sie eine Wehe hinter sich und fiel erschöpft in ihr
Kissen zurück. Sie war froh, dass sie es trotz der Wehen von dem
Hügel wieder hinunter ins Dorf zu Sikes Haus geschafft hatte.
Aber sie hatte Angst. Denn das Flüstern schien immer näher zu
kommen. Und sie war allein.
Eine Stunde später
Im Tal war es stockfinster geworden. Alle Lichter waren ringsum
ausgegangen. Doch Mulders Wagen hatte sich immer wieder dazu
überreden lassen noch ein paar weitere Meter zu fahren, so dass
er es endlich geschafft hatte.
Er konnte das schwache Leuchten von Kerzen und Fackeln erkennen,
das das Indianerdorf in ein warmes Gold tauchte. Das Flüstern
war lauter geworden und ließ die Luft mit jedem Zischen
erzittern.
Mulder sah auf die Uhr, als er den Wagen endgültig stehenließ
und die letzten 150 Meter zum Dorf zu Fuß zurücklegte. Sie war
stehengeblieben.
Ein Blick nach oben verriet ihm warum.
Die schwarzen Wolken, die nun deutlich rot aufblitzten,
kräuselten sich und waberten pulsierend über dem Tal, als
warteten sie auf etwas.
Er fühlte sich beobachtet und er wusste, dieses Mal war es keine
Einbildung. Als legten sich eisige kleine Hände auf seine
Schultern, kribbelte es in ihm, als er gegen eine unsichtbare
Spannung weiterlief. Immer wieder drehte er sich um, doch niemand
folgte ihm. Das Flüstern schien aus dem Nichts zu kommen.
Da rannten plötzlich zwei Männer aus dem Dunkeln vor ihm ins
Dorf. Der eine sah sich irritiert nach ihm um, doch konnte in der
Dunkelheit nicht erkennen, wer er war. Mulder hatte sie
überhaupt nicht kommen hören. Der größere von ihnen kam ihm,
als er im Lichterschein der Fackeln ins Dorf hineinlief, bekannt
vor.
Er kniff die Augen zusammen und sah, dass sie in Sikes Haus
verschwanden. Sein Instinkt verriet ihm, dass er ihnen folgen
sollte und er begann zu rennen.
Sein Herz schlug schnell, als er an der Türschwelle ankam und
anklopfte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ihm jemand öffnete. Er hatte
die Frau noch nie gesehen, aber sie riss die Augen bei seinem
Anblick auf als hätte sie einen Geist gesehen und rannte
aufgeregt in das Haus zurück. Er spähte durch einen Türspalt
hinein, als ihm Sikes Frau entgegenkam und ihn ohne Worte am Arm
packte und hineinzog.
Es war warm im Haus und überall waren Kerzen aufgestellt, weil
der Strom ausgefallen war. Mulder war nervös, er hatte ein
unbestimmtes Gefühl, als wisse er wohin die Indianerin ihn
führen würde.
Als er ins Schlafzimmer kam, bestätigte sich sein Gefühl. Sein
Herz überschlug sich vor Aufregung und er merkte wie ihn seine
Schusswunde im Rücken zu stechen begann.
Er fühlte sich plötzlich von unerträglicher Hilflosigkeit
überrumpelt als er sah, dass Scully im Begriff war ihr Baby zu
bekommen.
Sie wirkte erschöpft und ihre Haut glänzte im Kerzenschein, als
sie von dem Arzt, den Sike offenbar extra aus Gallup geholt
hatte, aufsah und Mulder erkannte.
Ihr Blick erstarrte und fror an ihm fest, als sich ihre Lippen
sprachlos öffneten und sie außer einem lauten Atmen nichts
hervorbrachte als eine Träne, die ihr vor Erleichterung über
die Wange kullerte. Die junge Frau, die Mulder die Türe
geöffnet hatte, bemerkte, dass ihr Platz nun jemand anderem
gehörte und wich Scully von ihrer Seite.
Mulder stürmte zu Scully und kniete an ihrem Bett nieder, denn
er fühlte wie seine Knie vor Panik weich wurden und er den Boden
unter den Füßen verlor.
Sie griff nach seiner Hand. Ich bin so froh, dass Du hier
bist! brachte sie mit zitternder Stimme hervor und er
schloss die Augen und nahm ihren Kopf in seine Hände, um sie
behutsam auf die feuchte Stirn zu küssen. Als er sie ansah
lächelte er erleichtert darüber, dass es ihr gut ging. Ich
wäre ja früher gekommen, Schatz, aber ich steckte in einem
wichtigen Meeting mit Hongkong fest.
Sie schloss die Augen und lächelte matt, während ihre Hand ihn
schlapp zur Strafe über diesen schlechten Witz schlug, um sich
sogleich an ihm festzukrallen als die nächste Wehe anrollte.
Mulder holte tief Luft und biss die Zähne aufeinander. Er
stützte seinen Kopf gegen ihren. Teils, weil er selbst solche
Schmerzen hatte, von denen er sich allerdings nichts anmerken
ließ und teils, weil er es kaum ertragen konnte, wenn sie litt.
Er wünschte sich, er könne ihr das abnehmen und hielt vor Angst
über diese Naturgewalt die Luft an, während ihre Brust sich
unter ihren tiefen Atemzügen schnell auf- und absenkte. Ihre
Schultern waren angespannt und zitterten unter ihrer Anstrenung
und das Leinenoberteil, das sie trug, klebte an ihrer Haut.
Mitten in der Wehe merkten sie wie ein metallisches Grollen und
Klirren durch den Himmel fuhr und die Luft um sie herum einen
Moment vibrierte. Dann hörten sie wie es ganz leise und dann
immer lauter zu rauschen anfing.
Sike hielt die Vorhänge beiseite und sie konnten alle die dicken
schwarzen Tropfen sehen, die aus dem Himmel fielen. Einige davon
verirrten sich und krochen durch undichte Stellen zum Fenster
hinein und wanden sich auf der Fensterbank wie Blutegel. Sie alle
hielten den Atem an, nur der Arzt war zu sehr beschäftigt mit
dem CTG, das er ableitete. Er sah beunruhigt aus.
Ich muss etwas nachhelfen, das Baby muss schnell kommen,
wir haben nicht viel Zeit. Scullys Augen fixierten ihn und
sie zog die Stirn in Falten. Was soll das heißen? Gib es
Dezelerationen? Nein, nicht direkt, aber das CTG ist
nicht gerade ein Lehrbuchexemplar und wenn wir vermeiden wollen,
dass es zu Komplikationen kommt, dann sollten wir etwas
nachhelfen.
Damit holte er aus seinem Koffer ein paar Kanülen und
Fläschchen und zog eine Spritze auf.
Mulder musste wegsehen, als der Arzt Scully die Spritze gab, was
Scully schmunzelnd zur Kenntnis nahm. Sie hielt seine Hand fest
in ihrer, dankbar, dass er sie das nicht alleine durchmachen
ließ.
Eine halbe Stunde später
Offensichtlich hatte die Spritze ihre Wirkung nicht verfehlt,
denn nun gab es für Scully keine ruhige Minute mehr. Es ging nur
noch um wenige Sekunden, bis der Kopf des kleinen Babys endlich
draußen war und Mulder biss sich nervös auf den Lippen rum.
Er hatte seine Faust zusammengeballt, um den Schmerz zu
unterdrücken, den ihm Scully konstant zufügte, indem sie seine
freie Hand fast zerquetschte. Sie unterdrückte die
Schmerzschreie, die sich mit jeder Wehe durch ihren Körper, den
Weg nach draußen suchten, denn es war unruhig genug um sie herum
und sie wollte dieses Baby in Stille bekommen.
Der schwarze Regen wurde immer stärker und man konnte vor der
Tür die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Niemand jedoch wagte
sich jetzt noch vor die Tür. Denn die schwarzen Rinnsale bahnten
sich nun fast überall ihren Weg ins Haus, sie krochen unter der
Türschwelle hinein und stiegen in schwarzen Nebelschwaden in die
Luft, um über den Boden zu wabern. Sie kräuselten sich an den
Fenstern entlang bis sie einen Spalt fanden, durch den sie
hineinschlüpften konnten. Und die Erde bebte nun beinahe
unaufhörlich. Sie hatten die meisten Kerzen löschen müssen aus
Angst, sie könnten umstürzen. Bis auf den Arzt und Mulder
hatten sich alle zurückgezogen.
Der Arzt schwitzte und Mulder wischte sich ebenfalls den Schweiß
von der Stirn. Seinen Pullover hatte er schon nach fünf Minuten
ausgezogen und sein T-Shirt war ebenfalls verschwitzt.
Er setzte sich auf Scullys Kopfhöhe neben ihr auf das Bett und
unterstützte sie, als sie sich mit der nächsten Schmerzwelle
aufsetzte und erschöpft in seine Arme zurückfiel, um sich an
ihm festzukrallen. Er atmete jedes Mal mit ihr auf, wenn es
vorbei war und konnte es kaum noch ertragen, dabei zuzusehen wie
sie sich quälte.
Scully schloss die Augen. Sie konnte nicht mehr. Sie würde keine
zehn Minuten mehr durchhalten. Ihre Reserven waren alle
aufgebraucht und sie merkte wie ihr schwindelig wurde und der
Raum ihr zu entgleiten drohte.
Sie bekam von den Unruhen außerhalb der vier Wände nichts mit
und auch Mulders beruhigende Worte, hörte sie nur in der
Entfernung. Es war als wäre sie vollkommen alleine. Ihr Kopf
dröhnte und sie hörte nur noch wie der Arzt sie wieder und
wieder aufforderte weiterzumachen, aber sie wollte nicht mehr.
Da fühlte sie wie Mulder sie an der Schulter packte und ihr
einen Kuss aufs Haar drückte. "Noch einmal, dann hast Du's
geschafft", flehte er sie förmlich an. Er krallte sich
verzweifelt vor Sorge in ihre Schulter und sie griff mit ihrer
Hand nach seiner und drückte sie in einem letzten Akt größter
Kraftanstrengung so fest, dass Mulder vor Schmerz und Aufregung
einen Augenblick schwarz vor Augen wurde.
Es war als würden sich alle Fasern ihres Körpers anspannen, als
sie spürte wie der Druck in ihrem Becken plötzlich nachließ
und sie vollkommen außer Atem wieder zurück in Mulders Arme
sank.
Der Stoff ihres Hemdes war vollkommen durchnässt und ihre Haut
war feucht. Ihr Herz raste und das Atmen war ihr kaum möglich.
Ihr war schwindelig, doch in ihr machte sich ganz langsam und
winzig ein Gefühl breit, das sie mit unglaublichem Glück
erfüllte.
Sie zitterte am ganzen Körper und fühlte, dass Mulder ebenso
zitterte.
Da ging ein Ruck durch das Haus und es donnerte laut. Das
schwarze Öl, das in das Haus eingedrungen war, begann bedrohlich
zu pulsieren und als Mulder aus dem Fenster sah, erkannte er
plötzlich im Dunkeln, dass unzählige schwarze Augenpaare aus
toten, ausdruckslosen Gesichtern zu ihnen hineinstarrten. Das
Flüstern war zu einem schrillen leisen Kreischen angeschwollen,
das die Luft über ihnen erfüllte wie eine große Violinensaite,
die durch den Raum gespannt war und unaufhörlich in Schwingung
blieb.
Aber was sie beide nicht hörten, war das Schreien eines Kindes.
Scully setzte sich wieder auf und Mulder beugte sich ebenfalls
nach vorne. Da lag ihr kleiner Sohn, doch sie konnten ihn
zwischen all den Tüchern und Laken und all dem Blut kaum
erkennen.
Warum weint er nicht? fragten Mulder und Scully fast
zeitgleich mit Panik in der Stimme. Der Arzt bekam ebenfalls
Angst, Geburten waren nicht gerade an der Tagesordnung für ihn.
Ich glaube, es ist eine Asphyxie. Aber er scheint auch zu
krampfen. Der Arzt sah ratlos, offenbar ebenfalls in Panik
zu ihnen auf. Das Kreischen ihrer stummen Beobachter war auch ihm
nicht entgangen und er sah verstört zum Fenster, während er das
Baby versuchte zum Atmen zu bringen.
Mulder hatte nichts begriffen, er sah hilfesuchend zu Scully,
doch die war zu aufgebracht, um ihm erklären zu können, was vor
sich ging. Das Baby öffnete seine winzigen Augen und schien nach
Luft zu ringen, während seine Fingerchen und Füße wie in einem
Kampf gegen unsichtbare Feinde strampelten und sich verkrampften.
Sein Brustkorb versteifte sich, als würde es ersticken und die
beiden jungen Eltern hielten einander mit erstarrten Blicken
fest, um nicht beide den Verstand zu verlieren.
In ihren Köpfen war alles wie ausradiert, sie wurden vollkommen
von Angst dominiert, von der alles erfassenden Sorge um ihr
kleines Wunder, das Produkt der Liebe, die sie beide für
einander so tief in ihren Herzen trugen.
Da gellte ein lauter kreischender Schrei
durch den Raum, die Fensterscheiben zersprangen, ein
stürmischer, tosender Wind fegte Staub von draußen hinein und
Mulder, Scully und der Arzt beugten sich schützend über das
Baby, um es vor den Scherben zu bewahren, die wie Tausende
Diamanten klirrend auf den Boden fielen.
Die Luft konzentrierte sich und der Raum schien sich für einen
Augenblick zu krümmen als plötzlich ein grelles weißes Licht
das gesamte Tal wie bei einer Atomwaffenexplosion in Tageslicht
hüllte und eine gewaltige Stoßwelle aus Energie durch die Luft
schoss. Es blendete sie alle, so dass sie für einige Sekunden
nichts sehen konnten und es raubte ihnen allen einen Augenblick
den Atem.
Ein laut schreiender Knall dröhnte durch den Himmel über ihnen,
wo unzählige zuckende Lichter zu schweben schienen. Der schwarze
Film, der überall lag, erhob sich wie ein dicker dunkler Mantel,
kräuselte sich zu einem dichten Nebel zusammen und wurde von der
Erde in die Höhe gespien, als hätte die Welt nur darauf
gewartet sich dieser Last zu entledigen. Die Erde bebte weiter,
als man in dem unwirklichen Licht erkennen konnte, wie Figuren in
den Himmel stoben wie Puppen, wie schwarze ölige Perlen
pfeilgleich in den Himmel schossen und sich über den
vibrierenden Dächern in einem riesigen Strudel aus Staub,
schwarzem Öl und Kraft, der zu der Lichtquelle führte,
vereinten. Der Lärm war unvorstellbar, es klang als würde die
gesamte Erdkugel in unendlich viele Stücke auseinanderbrechen.
Mulder und Scully saßen festumschlungen über das Baby gebeugt
auf dem Bett und wussten, dass das das Ende war. Der Wind
wirbelte den Staub um sie herum und peitschte ihre Haut, die
Elektrizität entlud sich in winzigen Blitzen, die wie Risse im
Raum erschienen und die Luft wurde so scharf, dass sie nicht mehr
atmen konnten.
Mitten in diesem apokalyptischen Chaos zerriss ein weiterer
Schrei die Luft. Doch es war ein anderer Schrei, ein
menschlicher. Es war ein dünnes, hohes Klagen und mit dem Ende
des Schreis schien alles um sie herum plötzlich zu verstummen.
Es war wie ein Riss in der Raumzeit, die Zeit stand einen Moment
still und der Raum war dimensionslos. Es war als würde alles
für einen Augenblick in der Luft schweben und verharren, ehe es
sich noch einmal zusammenzog und mit einem letzten lauten
Donnergrollen laut und mit einem erneuten gleißenden Blitzen,
das der Welt für einen Moment ihre Farben und Formen stahl, im
Himmel verschwand.
Das grelle Licht erstarb und hinterließ nach einem letzten
zerfetzenden Kreischen metallischer Stimmen der Luft die Welt in
toter Stille.
Mulder und Scully schienen noch immer vor Schreck erstarrt, als
die Welt vollkommen friedlich als wäre nichts gewesen
wieder verstummte und das Licht um sie herum ausging.
Mulder war der erste, der zu sich kam zum Fenster stürmte. Er
streckte seinen Kopf hinaus, wo es wild stürmte und ihm der Sand
ins Gesicht geblasen wurde, und sah in den Himmel, in dem er noch
deutlich das riesige flimmernde Feld sehen konnte, das sich mit
einem schwachen, bläulichen Leuchten von ihnen entfernte und
über den gesamten Himmel zog wie ein Schleier aus tausend und
abertausend kleinen Prismen. Die Wolken stoben dort, wo das Feld
in die Höhe stieg, wild auseinander und gaben den Mond preis,
der kalt und bläulich auf die Welt herabschien. Die Luft war
elektrisiert, so sehr, dass die Haare auf seinen Armen sich
aufstellten und leise knisterten. Funken aus Licht fielen vom
Himmel und verglühten im Nichts und unsichtbare Felder waberten
noch durch die Luft wie Seifenblasen aus Energie.
Ein Wimmern riss ihn aus seiner Trance und er drehte sich um.
Scully hatte das Baby, dessen erster Schrei, der alles lahmgelegt
hatte, noch immer in ihren Ohren nachhallte, schützend zu sich
auf die Brust gelegt. Sie hatte sich erschöpft zurückgelehnt
und die Augen geschlossen. Ein paar Glassplitter glitzerten in
ihrem Haar und ein dünnes blutiges Rinnsal lief ihr die Schläfe
hinunter.
Es war, als würde sein Herz zum ersten Mal wirklich schlagen,
als er dieses Bild zu begreifen begann.
Inmitten des heillosen Chaos von umgestürzten Möbeln,
zerbrochenem Glas, Blut, nassen Tüchern und schwarzem Staub, der
alles war, was von dem Regen übrig geblieben war, lag die Liebe
seines Lebens, friedlich als wäre nichts geschehen und hielt
seinen Sohn in ihren Armen, der leise und klagend über diese
stürmische Begrüßung in ihren Busen hineinwimmerte.
Außer dem Wimmern und Scullys leisem ermattetem Atmen hörte er
nichts. Er ging langsam auf sie zu, als sie ihre Augen wieder
öffnete und zu ihm aufsah. Sie holte tief Luft. Sie hatte von
alledem nur das Licht und den Krach mitbekommen, denn sie war so
erschöpft, dass sie kaum noch die Kraft zum Atmen fand. Aber als
sie Mulders Blick sah, der sie und das Baby mit so viel Liebe
ansah und auf sie zukam, durchströmte sie das Glück wie eine
unerschöpfliche Kraft und entflammte in ihr ein Feuer, von dem
sie wusste, dass es nie wieder ausgehen würde.
Zum zweiten Mal an diesem Abend kniete er sich vor ihr Bett, die
Scherben, die sich dabei in seine Knie bohrten, vollkommen
ignorierend, und beugte sich mit bebenden Lippen über sie und
ihren Sohn, während ihm vor Glück die Tränen in die Augen
stiegen und sein Herz vor Liebe schmerzte.
Der winzige Neuankömmling sah mit seinen großen dunkelblauen
Augen zu ihnen auf, als hätte er all das verstanden, was um sie
herum geschehen war. Er nieste leise und schien fast zu lächeln
als Mulder mit seinem Finger seine winzige Wange zart berührte.
Die beiden Eltern empfanden beim Anblick des kleinen Bündels in
ihren Armen so viel Glück, dass ihre Herzen überhaupt nicht
schnell genug schlagen konnten.
Mulder sah Scully an, die ihn noch ganz schüchtern anstrahlte,
wie er es bisher nur einmal in ihren Augen gesehen hatte, als er
sie zum ersten Mal in der Millenniumsnacht geküsst hatte und sie
öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
Doch sie war in seinen Augen nie schöner gewesen als in diesem
Moment mit ihrem gemeinsamen Kind in den Armen und er legte ihr
zum Schweigen den Finger zart auf die Lippen während er sie
ansah. Die Spannung zwischen ihnen schwoll an.
Der Mond schien wie ein stiller Beobachter dieses Wunders durch
das offene Fenster hinein und streichelte mit seinem Licht ihre
zarte Haut. Ihre Augen leuchteten geheimnisvoll in sein Herz
hinein und ihre weichen Lippen schmeckten so voll und süß, wie
Früchte aus dem Paradies als er sich zu ihr beugte und sie lange
und zärtlich küsste.
Sie schloss die Augen und fühlte, während sie das leise Atmen
ihres Babys auf ihrer Haut spürte, wie seine Liebe durch sie
hindurchsegnete und sie die Wahrheit verstand, die sie die ganzen
Monate gefürchtet hatte.
Ein paar Stunden später
Ein neuer Tag begann langsam und zögerlich, als hätte ihm das,
was in der Nacht geschehen war, Angst eingejagt. Der Himmel, der
noch immer verzerrt zu vibrieren schien, färbte sich langsam in
einem zarten Violett und Mulder konnte über den Hügeln in der
Ferne das rotgoldene Leuchten der Sonne erahnen. Es war keine
Wolke am Himmel und noch immer fegte ein kräftiger reinigender
Sturm über das Land. Das Dorf war verlassen wie eine
Geisterstadt.
Die Navajo-Indianer waren verschwunden. Und Gibson. Mulder würde
sich niemals verzeihen können, dass er ihn nicht beschützt
hatte. Dass er vor lauter Aufregung um Scully und das Baby nicht
an Gibson gedacht hatte. Es war ein unausgesprochenes Versprechen
gewesen, dass er Gibson immer beschützen würde und er hatte
versagt. Doch wohin waren all diese Menschen verschwunden?
Würden sie jemals wiederkehren? Mulder wusste es nicht.
Er sah besorgt nach hinten, wo Scully auf der Rückbank
erschöpft mit dem Baby im Arm schlief. Sie hatte sehr viel Blut
verloren und sie würden, bevor sie sich auf die Heimreise
begaben, erst einmal ins Krankenhaus fahren müssen. Denn er
konnte nur erahnen wie schlecht es Scully wirklich ging, da sie
ihm wie immer nicht die Wahrheit gesagt hatte, bis sie vollkommen
erschöpft im Wagen eingeschlafen war. Jetzt konnte er es sehen
wie blass sie war und wie selbst ihre dunkelroten Lippen an Farbe
verloren hatten.
Er konzentrierte sich auf den Weg, den tiefe Risse, umgestürzte
Bäume und Felsbrocken säumten. Tief in seinem Inneren spürte
er, ab jetzt würde alles gut werden. Aber er verstand es nicht.
Und es fühlte sich zu unwirklich an, um wahr zu sein.
Sechs Wochen später, 20.16 Uhr
Mulder sah durch das Wohnzimmerfenster hindurch zu dem blauen
Licht hinauf, das dort oben seit sieben Wochen am Himmel neben
all den Sternen funkelte. War das das letzte, was diese Invasoren
von sich zurück ließen? Oder hatten sie sich lediglich dorthin
zurückgezogen, um auf etwas zu warten? Würden sie es jetzt für
immer wie eine Erinnerung an diesen einen Tag sehen, oder würde
es irgendwann einfach wieder verschwinden? Er fühlte sich von
diesem Licht beobachtet und es war ihm unbehaglich, so dass er
hoffte es würde eines Tages verschwinden.
Mulder hatte noch so viele Fragen, die nicht beantwortet waren.
Er wusste, dass die Antwort darauf, was in dieser Nacht wirklich
passiert war, in ihm selbst lag. In ihm und Scully. Und in ihrem
Kind.
Aber es gab noch so viele andere Dinge, die ungeklärt blieben
und er befürchtete, er würde die Antworten niemals finden.
Die Welt da draußen stellte sich dieselben Fragen und alles, was
dabei herumkam, waren neue Umweltschutzprogramme, vollere Kirchen
und eine Menge leeres Gerede. Und ein glückliches Leuchten in
den Gesichtern der meisten Menschen, die begriffen hatten, dass
sie eine zweite Chance erhalten hatten, dass das, was immer sie
dort draußen bedroht hatte, sich von ihnen abgewendet hatte.
Dass sie noch mehr Zeit auf dieser Oase mitten in der wüsten
Einöde des Weltalls verbringen durften. Aber sie verstanden
nicht warum und so war es nur eine Frage von Wochen, bis sie in
ihren alten Trott zurück verfallen würden.
Ein leises Glucksen aus dem Schlafzimmer signalisierte ihm, dass
Scully fertig mit der Fütterung des kleinen Sonnenscheins war.
David Jeremy Mulder. Oder David Jeremy Scully. Ehrlich gesagt,
hatten sie sich über den Nachnamen noch gar keine Gedanken
gemacht. Genau so wenig wie sie sich Gedanken über ihre
gemeinsame Zukunft gemacht hatten. Sie passten nicht in irgendein
Schema. Sie brauchten das auch gar nicht und er konnte sich
überhaupt nicht vorstellen, dass sie sich mit all den lästigen
bürokratischen Einzelheiten von Nachnamen, Heiratsurkunden und
alledem auseinandersetzten. Es wirkte so profan. So trivial. Es
passte überhaupt nicht in ihre kleine, besondere Welt, die sie
seit sieben Wochen in aller Stille genossen.
Mit einem glücklichen Funkeln in seinen Augen ging er zu seinen
beiden Lieblingsmenschen ins Schlafzimmer und legte sich auf das
Bett, auf dem Scully neben David lag und sich die Bluse
zuknöpfte. Als Mulder sich neben sie und das Baby legte, drehte
sie sich zu ihm auf die Seite, legte ihre Hand schützend an
Davids kleines Köpfchen und sah glücklich auf ihr Wunder hinab,
das, vollkommen erschöpft von seinem Abendessen, die Augen
geschlossen hatte und an seiner kleinen Faust nuckelte.
Scully strahlte Mulder an und schenkte ihm eines ihrer seltenen
Lächeln. Mulder merkte wie gut es ihr ging, wie all die Last der
letzten Zeit von ihr genommen war. Ihre Gesichtszüge hatten den
besorgten Ausdruck höchster innerer Spannung endlich verloren
und sie wirkte lebendiger und leuchtender als je zuvor. Sie hatte
wieder Kraft und hatte sogar ein wenig zugenommen, nachdem sie in
der Schwangerschaft durch den ganzen Stress so viel Gewicht
verloren hatte. Ihr Lächeln wirkte jetzt fast befreit,
wenngleich Mulder trotzdem noch immer diesen leichten Schatten
sah, der manchmal über ihr Gesicht huschte, wenn sie sich
unbeobachtet fühlte. Er wusste, es gab eine Menge Dinge, die
zwischen ihnen in der Luft lagen und durch all die Ablenkung der
letzten sieben Wochen niemals angesprochen worden waren.
Sie hatten nach der Geburt fast zwei Wochen nur geschlafen und
sich um das Baby gekümmert. Sie waren beide am Ende ihrer
körperlichen und seelischen Kräfte gewesen und hatten jede
freie Minute genutzt um zu schlafen. Doch nun merkte er, wie er
wieder wacher wurde, wie er langsam begriff, dass sie überlebt
hatten. Dass das alles kein Traum gewesen war. Er merkte jetzt
erst wie viele Dinge in seinem Leben geschehen waren, Dinge von
so elementarer Bedeutung. Und er konnte sie noch gar nicht
fassen. Wenn er Scully ansah, raubte es ihm oft den Atem. Wenn er
sie mit seinem Sohn in ihren Armen sah, hörte sein Herz jedes
Mal auf zu schlagen, weil er es noch gar nicht verstand. Er hatte
gerade erst begonnen, sie als Frau zu lieben, jetzt war sie
plötzlich Mutter. Und er war Vater.
Er sah verliebt auf seinen Sohn herab, dessen kleiner Körper
unter seiner großen Hand, die sich sanft auf seinen Bauch legte,
noch winziger wirkte, und strich Scully dann eine rote
Haarsträhne aus dem Gesicht hinters Ohr.
Ihr Zwei macht mich sehr glücklich, das weißt Du, oder?
fragte er sanft in die Stille hinein. Sie nickte und rutschte
näher an ihn heran, ihre Hand noch immer schützend an Davids
Köpfchen ruhend. Ihre andere Hand streckte sie nach Mulder aus,
der ebenfalls näher an sie heranrutschte, bis Davids kleine
strampelnde Beinchen gegen seinen Bauch stupsten. Er berührte
ihre Hand behutsam und sie hielten einander daran fest und
versuchten all ihre Zärtlichkeit über diese simple Berührung
ihrer Hände auszudrücken. Er streichelte ihre zarten schlanken
Finger und sie falteten sie ineinander und sahen sich dabei so
tief in die Augen, dass sie beinahe darin versanken und
schwerelos im Raum zu hingen schienen.
Sie hatten noch immer so viel Kraft aufzutanken, dass sie ganz
still in ihrem Bett lagen und das, was hinter ihnen lag,
zumindest zu verarbeiten versuchten. Denn verstehen würden sie
es wahrscheinlich niemals.
Aber sie wussten, sie würden irgendwann darüber reden müssen.
Bisher waren sie zu sehr abgelenkt gewesen, aber nun schien es
wie eine Regenwolke über ihren Köpfen in der Luft zu hängen
und ihnen zu folgen.
Scullys Augen blitzten ihn müde aber liebevoll an und sie begann
leise zu sprechen, während der kleine David zwischen ihnen immer
ruhiger zu atmen begann und offenbar ins Land der Träume
entschwand.
Wie soll es jetzt weitergehen? Mit uns? Und den X-Akten?
Was wirst Du denen nächsten Monat in den Verhandlungen sagen?
Mulder hatte die Frage schon länger erwartet und er wusste sich
auch keine Antwort darauf. Er wusste auch nicht, wo sie beide nun
standen und wie sie weitermachen sollten. Das Baby ließ ihnen so
wenig Zeit sich um einander zu kümmern. Er holte tief Luft und
versuchte die leichtere der beiden Fragen zu beantworten.
Ich werde denen sagen, dass die mit den X-Akten machen
sollen, was sie wollen.
Scully hob überrascht ihren Kopf und sah ihn fragend an. Was?
Du willst die X-Akten aufgeben?
Er zuckte mit den Achseln. Du bist doch jetzt ohnehin
wieder in Quantico. Was soll ich denn ohne dich dort unten in dem
Keller?
Aber Mulder, Du hast doch auch vor mir schon alleine da
unten gearbeitet.
Und Du meinst, mir würde es ohne Dich in dem Keller da
unten mehr Spaß machen, ja?
Er schloss die Augen und schüttelte lächelnd den Kopf. Als er
seine Augen wieder öffnete und ihre Blicke sich trafen, spürte
sie wie Elektrizität durch ihren Körper fuhr. Sie zuckte
unmerklich zusammen und wich diesem Blick aus, der sie so tief
berührte, dass es ihr Angst machte.
David war eingeschlafen und sie hob ihn sachte auf, gab ihm einen
zarten Kuss auf die Stirn und legte ihn in seine Wiege, während
sie leise weitersprach. Ja, aber was willst Du stattdessen
tun?
Wieder zuckte er mit den Achseln. Ich bin doch jetzt Vater.
Ich muss mir was Ruhigeres suchen. Mal sehen, was die mir
anbieten, wenn die mich nicht rausschmeißen.
Scullys Augen sahen ihn groß an, warum war er so gleichgültig?
Ich verstehe das nicht. Wie kannst Du nach allem, was
passiert ist, so ruhig an die Sache herangehen?
Sie legte setzte sich wieder aufs Bett und sah auf ihn herab. Er
setzte sich ebenfalls auf um mit ihr auf einer Augenhöhe zu
sein.
Gerade weil das alles passiert ist, kann ich das. Die
X-Akten können mir die Fragen, die ich jetzt noch habe, nicht
mehr beantworten. Diese Wahrheiten sind immer noch dort draußen,
aber die kann ich auch ohne das FBI finden, ohne die ganze
Bürokratie, ohne mich dauernd vor irgendeinem Krawattenträger
rechtfertigen zu müssen. Ich möchte weitersuchen. Aber auf
einer anderen Ebene.
Das schien sie zu verstehen, denn ihr Atem wurde wieder ruhiger.
Denkst Du denn, die werden Dich wieder zu den Profilern
schicken?
Warum nicht? Vielleicht bekomme ich ja jetzt da oben meinen
eigenen Schreibtisch mit nem neuen glänzenden Namensschild
darauf. Spooky Mulder. Klingt doch eh besser als Fox,
findest Du nicht?
Sie schnaubte und verdrehte die Augen. Es wirkte wie Resignation
in ihren Augen, doch offenbar war es das für ihn nicht. Die
Unruhe, die ihn jahrelang dort unten in dem Kellerzimmer Tag und
Nacht festgehalten hatte und ihn wie einen Besessenen nach
Antworten hatte suchen lassen, schien verflogen. Er schien so
befreit und von einer neuen Leidenschaft erfüllt, die viel
tiefer lag als die fanatische Suche nach irdischen Beweisen für
außerirdisches Leben.
Skeptisch zog sie die Augenbrauen zusammen. Bist Du damit
denn glücklich? Nach allem, was wir gesehen haben?
Er sah auf ihre Hände und hob dann den Blick wieder um ihr in
die Augen zu sehen. Bist Du es denn?
Sie antwortete darauf nicht, sondern gab ihm schweigend mit ihren
großen, durchdringenden Augen zu verstehen, dass sie es war. Sie
griff nach seiner Hand. Ich möchte nur nicht, dass Du Dich
selbst unsertwillen belügst. Ich habe niemals von Dir erwartet,
dass Du für mich oder das Baby alles aufgibst und ich tue das
auch jetzt nicht. Ich möchte, dass Du die Antworten findest, die
Dir noch fehlen.
Er schüttelte den Kopf und legte seine Hand an ihre Wange.
Ich hab eine Antwort gefunden, auf die wichtigste meiner
Fragen.
Sie sah ihn fragend an und hob unwillkürlich ihre Augenbraue.
Dich. Ich hab Dich gefunden.
Sein Blick traf ihr Innerstes und ergoss sich in ihr wie ein
warmer Sommerregen. Sie lächelte gerührt und senkte schüchtern
den Blick, während sie merkte wie ihr Herz schneller zu schlagen
begann.
Sollte tatsächlich ein Mann ihre Seele berührt haben? Sollte es
tatsächlich jemand geschafft haben ihre Mauer zu durchbrechen
und hinter all den Abwehrmechanismen ihr wahres Ich zu sehen? Sie
war so viel Nähe und Intimität nicht gewohnt und es
verunsicherte sie. Als sie wieder aufsah, hatte er sich schon zu
ihr gebeugt und sah ihr fest in die Augen, jedoch nicht ohne
seinen Blick über ihren ganzen Körper wandern zu lassen, den er
so begeherte.
Die Luft zwischen ihnen wurde von seinem Atem ganz warm. Sie
waren sich aufgrund ihrer Erschöpfung und Angst vor der Kraft,
die diese Liebe mit sich brachte, so lange nicht mehr so nahe
gekommen und sie fühlte wie ihr schwindelig wurde, als sie
seinen Duft einatmete und seine grünlich glühenden Augen direkt
vor sich sah, wie seine Blicke sich wie Sonnenstrahlen überall
auf ihren Körper legten und sie wärmten.
Eine zitternde und zarte Spannung lag zwischen ihnen, sie hatte
sie schon so oft gefühlt und wusste, sie würde sich brennend
und voller Kraft entladen, wenn sie sich noch näher kamen. Es
war kaum auszuhalten, es war, als würde ihre Seele stärker als
ihr Körper, der dieser Kraft nicht standzuhalten und sich in
Luft aufzulösen schien, während es auf jedem Millimeter ihrer
Haut prickelte.
Der Raum begann sich um sie herum zu verlieren und in immer
weitere Ferne zu rücken, als sie die Augen schlossen um nicht
inmitten dieser schwindelerregenden Sinnestäuschungen den Halt
zu verlieren.
Er küsste sie ganz leicht und zart, wie eine Feder, die ihr
über die Lippen strich. Es war so zart, als hätte auch er
Angst, dass sein Herz zerspringen würde. Sie erwiderte den Kuss
liebevoll um ihm Halt zu geben, weil sie spürte wie er zitterte.
Seine Finger legten sich wie Feuer auf ihre Haut, glitten an
ihrer Wange entlang und legten sich warm an ihren Hals, so dass
er ihren Kopf zu sich ziehen konnte, damit sie nicht aufhörte,
ihn zu küssen. Seine freie Hand umschlang die ihre und ihre
Finger falteten sich fest ineinander als Ausdruck der
leidenschaftlichen Kraft, die sie noch versuchten zu
kontrollieren.
In ihren Köpfen drehte sich alles und sie hatten beide angst
sich fallen zu lassen, weil sie den Boden unter den Füßen
verloren hatten.
Bis sie merkte wie der Kuss in ihr ein warmes Glühen entfachte
und sie, während sie einander näher zogen und umschlangen, in
einem immer leidenschaftlicheren Kuss auf ihrem Bett in die
Kissen sanken.
Dabei verloren sie ihre Wahrnehmung vollkommen und ihnen wurde
immer schwindeliger, bis es ihnen nichts mehr ausmachte, weil
ihre Körper sich verselbständigt hatten und ihre Seelen raum-
und zeitlos umeinander tanzten.
Die Luft vibrierte und das Licht ging aus, während die
Fensterscheiben leise klirrten wie zarte Melodien. Der Mond
schien hell auf den weißen Schnee, der leise vor ihrem Fenster
auf die Welt rieselte und ein helles blaues Licht in ihr Zimmer
warf.
Es war nach so langer Zeit das erste Mal, dass ihre Seelen
miteinander verschmolzen. Dieses Gefühl, das ihnen so häufig in
letzter Zeit so stark vorgekommen war, dass sie nicht gewusst
hatten wie sie es ausdrücken sollten, überwältigte sie und
fand endlich wieder einen Weg sich zu offenbaren, während sie
immer tiefer und tiefer fielen und immer mehr begriffen, was
diese Wahrheit war, die sie gerettet hatte.
Zwei Wochen später, FBI Gebäude
im Konferenzraum
Mulder und Scully saßen nebeneinander an der schmalen Seite
eines riesigen Rechtecks aus Tischen. Auf der gegenüberliegenden
schmalen Seite saßen die zwei Männer, die über ihre Zukunft zu
entscheiden hatten, links davon saßen Kersh und Skinner und eine
Reihe anderer grauer Personen, die wie Schatten ihrer selbst
wirkten und leer und kühl auf die beiden Problemkinder des FBI
starrten.
Diese Anhörung lief bereits seit einer Stunde und Scully merkte
wie sie immer ungeduldiger und vor allem hungriger wurde. Ihr war
überhaupt nicht klar, was eigentlich die Vorwürfe gegen sie und
Mulder sein sollten. Es kam ihr vor wie ein albernes, vollkommen
absurdes Theaterstück. Und sie bemerkte mit jedem Seitenblick
nach rechts, wie Mulders Anspannung wuchs und er immer mehr
Schwierigkeiten hatte, sich unter Kontrolle zu halten. Sie
hoffte, die Anhörung würde bald enden, denn sie wusste nicht
wie lange Mulder noch so ruhig bleiben konnte. Sie sah seine
Kaumuskeln, die im Takt seines Zähneknirschens bebten.
Schließlich nahm der alte spinnenfingrige Direktor mit dem
schütteren Haar seine Brille ab, nachdem er sie nun schon fast
seit einer Stunde über ihre Rechten, Pflichten, Verstöße,
über finanzielle Budgets, Überstunden und was am
schlimmsten von allem war über die unangemessene
Annäherung zweier FBI-Agenten derselben Abteilung, aufgeklärt
hatte.
Ihnen dürfte also klar sein, dass wir Ihre weitere
Zusammenarbeit in einer Abteilung unter keinen Umständen
weiterhin tolerieren können und dürfen. Ich dachte eigentlich,
die Bedeutung rein professioneller Beziehungen am Arbeitsplatz
würde in der Akademie ziemlich deutlich betont, aber
offensichtlich- und er lächelte sie milde aber arrogant an
ist das eine der Regeln, die zu befolgen am
allerschwierigsten ist, besonders wenn man unter derart
außergewöhnlichen Umständen zusammenarbeitet. Daher will ich
diesen Punkt als den unwichtigsten und am ehesten zu
vernachlässigenden ansehen. Er warf Kersh einen strengen
Blick zu, denn er war es gewesen, der Mulders und Scullys
Verhältnis ausgeplaudert hatte. Nach diesem strafenden
Seitenblick fuhr er mit scharfer Stimme, die die Luft wie
Rasierklingen durchschnitt fort: Was ich allerdings nicht
einfach so übersehen kann, sind die etlichen anderen Verstöße.
Und die Kosten, die Ihre Abteilung verursacht hat. In den sieben
Jahren Ihrer Zusammenarbeit gab es eine Menge äußerst
exotischer, wissenschaftlich fast nie eindeutig erwiesener
Lösungsansätze für ihre Fälle, aber nur ein Bruchteil dieser
Fälle ist tatsächlich geklärt worden. Ich sehe daher keinen
Grund, diese Abteilung weiterhin zu unterstützen, zumal sie uns
weit mehr gekostet hat als so manch größerer Mordfall. Director
Kershs Antrag auf fristlose Kündigung muss ich jedoch mit
Vorsicht behandeln. Agent Scully?
Scully räusperte sich und setzte sich mit unbeweglicher Miene
unwillkürlich gerade in ihrem Stuhl auf, um ihm ihre ungeteilte
Aufmerksamkeit zu schenken.
Sie haben auf Ihren Erziehungsurlaub verzichtet, haben mich
jedoch darum gebeten, Sie an Ihren alten Arbeitsplatz in der
Akademie zu versetzen, so dass Sie das mit Ihren persönlichen
Planungen besser vereinbaren können, sehe ich das richtig ?
Scullys Stimme konnte offenbar genauso kühl die Luft
zerschneiden, Mulder zuckte fast zusammen, als sie dem Director
antwortete und so hart und frostig klang, wie er es schon gar
nicht mehr von ihr gewohnt war. Ja, Sir, das wäre mein
einziges Anliegen und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie
diesem Wunsch entgegenkommen könnten.
Sie wusste, die Forderung war angesichts der Tatsache, dass sie
sich während ihrer Schwangerschaft nur sehr sporadisch am
Arbeitsplatz hatte blicken lassen, mutig, doch sie brachte sie
ohne mit der Wimper zu zucken klar zum Ausdruck und wusste, der
alte Director würde ihr den Wunsch nicht abschlagen können.
Junge Mütter und schwangere Frauen schützte der Staat so gut,
dass sie zumindest momentan praktisch unkündbar war.
Der Director jedoch blinzelte sie prüfend an. Agent
Scully, Ihnen ist klar, dass Sie während der letzten Monate auch
ohne nachgewiesene gesundheitliche Probleme Ihrem Arbeitsplatz
oft ferngeblieben sind und bei den Ermittlungen rundum Agent
Mulders Verschwinden eine relativ unorthodoxe und
kostspielige Verhaltensweise an den Tag gelegt haben! Er
blätterte in einer Akte. Sie haben sehr teure Verfahren in
Quantico, teilweise ohne Assistant Director Skinners Anweisung
und oft auf eigene Faust, durchgeführt und ich weiß ehrlich
gesagt nicht, wozu diese notwendig waren.
Scullys Augenlid zuckte nun ein wenig als sie ansetzte um sich zu
rechtfertigen. Sir, um weitere Todesfälle unter den
Vermissten zu verhindern, musste ich herausfinden, was diese
Menschen getötet hat. Es steht damit wohl außer Frage, dass die
Laboruntersuchungen an den Gewebeproben der Opfer definitiv
notwendig waren um
. Der alte Herr winkte ab, er war
Regierungsmitglied, er wusste, woran sie gearbeitet hatte und
nachdem diese Invasion nicht eingetreten war, wollte er es
einfach nur noch als düsteres Kapitel der Geschichte hinter sich
lassen. Er hatte sowieso nie wirklich daran geglaubt. Und er
hatte nie viel von diesen Chipexperimenten gehalten. Er hatte
keine Lust darauf sich damit auseinanderzusetzen. Ja ja,
verschonen Sie mich mit dem ganzen forensischen Tamtam. Ich
denke, wir können darüber aufgrund Ihrer durchaus soliden
Fähigkeiten als Gerichtsmedizinerin und Dozentin hinwegsehen.
Sie werden Ihre Dienstwaffe abgeben müssen, denn sie werden von
nun an ausschließlich in der Gerichtsmedizin in Quantico
eingesetzt. Ihren Lehrplan erhalten Sie ebenfalls in Kürze. Ich
erwarte eine gute Lehre von Ihnen, Agent Scully. Und ich werde
innerhalb einer 6-monatigen Probezeit regelmäßig Ihre Ausgaben
prüfen, damit Sie mir nicht wieder mit den exotischsten
Labortests unsere Budgets sprengen. Haben wir uns verstanden?
Scully schluckte. In ihr rebellierte es, doch sie riss sich
zusammen und schluckte ihren Zorn herunter. Außer einem
unterkühlten und arroganten Ja, Sir brachte sie
jedoch nicht mehr hervor und war froh, dass das Gewitter über
sie hinweggezogen war. Sie wusste allerdings, wen es nun treffen
würde und wagte sich kaum Mulder anzusehen, der sich in
Erwartung dessen, was nun kommen würde, ebenfalls aufsetzte und
nervös seine Finger knetete.
Der Mann schloss die Akte wieder und sah zu
Mulder hinüber. Er seufzte. Er wusste eigentlich nicht, was er
mit diesem Querdenker tun sollte. Denn es gab noch immer, auch
wenn die Invasoren offenbar nur noch als leuchtender Punkt am
Himmel über ihnen standen, genügend Dinge, in denen Fox Mulder
herumstöbern konnte. Es gab noch viele Geheimnisse, die die
Regierung mit aller Mühe unter Verschluss hielt. Wollten sie
wirklich weiterhin zulassen, dass Mulders unablässiges,
penetrantes Herumschnüffeln ihre Arbeit gefährdete? Er faltete
die Hände vor sich auf dem Tisch und sah griesgrämig zu Kersh
hinüber. Es war Kershs Schuld, dass er Mulder nicht längst
gefeuert hatte. Und es war auch Kersh zu verdanken, dass er
Mulder damals mit diesem Virus nach Ottawa geschickt hatte. Es
war im Grunde genommen Kersh, der verschwinden musste. Denn einen
Mann wie ihn konnten sie oben an der Spitze nicht gebrauchen.
Mulder war nur ein Agent, den niemand innerhalb des FBI wirklich
ernstnahm. Die Beweise, die Scully Skinner auf CD hatte zukommen
lassen, mussten lediglich unter Verschluss gehalten werden, denn
sie durften auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen. Aber
er wusste, Mulder war nicht bestechlich. Er würde vermutlich
ohnehin mit diesen Beweisen an die Öffentlichkeit gehen, jetzt,
wo sie alle überlebt hatten. Doch es war einen Versuch wert
Mulder im FBI zu behalten. Der Hund würde schon nicht die Hand,
die ihn fütterte, beißen und so holte der Mann tief Luft und
begann.
Agent Mulder, nun zu Ihnen. Sie haben die Vorwürfe
gehört. Um die Sache in Ottawa machen wir uns ehrlich gesagt
keine Gedanken, die lassen wir außen vor, auch wenn unter
anderem durch Ihr Mitwirken 22 Menschen zu Tode gekommen sind.
Dabei warf er Kersh wieder einen strengen Blick zu, denn Kersh
hatte zugegeben, dass er selbst Mulder mit diesem Virus nach
Ottawa geschickt hatte und Mulder somit nicht die Hauptschuld am
Tod dieser Menschen trug.
Aber abgesehen davon habe ich mehr Gründe, Sie aus dem FBI
zu entfernen, als ich an zwei Händen abzählen kann. Also was
haben Sie dazu noch zu sagen?
Mulder hatte sich das Theaterstück angehört und versuchte ruhig
zu bleiben. Er hatte es Scully versprochen und er würde sein
Bestes geben.
Den zynischen Unterton mit aller Mühe unterdrückend war jedoch
trotzdem alles, was er hervorbrachte: Ich weiß nicht, was
würden Sie denn gerne hören?
Der ältere Herr hatte damit gerechnet und räusperte sich, um
Mulder noch eine weitere Chance zu geben sich vernünftig zu
äußern.
Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie mich nun endlich
loswerden müssen, dann tun Sie sich keinen Zwang an. Meine
Arbeit bei den X-Akten ist beendet und dieser Verein geht mir
gehörig auf die Nerven. Scully sah zu ihm und verkrampfte
sich. Mulder! zischte sie ihm zu und stieß ihn unter
dem Tisch mit dem Bein an. Doch Mulder war noch nicht fertig. Er
ignorierte Scully und fuhr fort.
Sie sollten sich allerdings fragen, ob Sie es wirklich mit
Ihrem Gewissen vereinbaren können. Ob diese Regierung wirklich
so tief gesunken und würdelos ist, dass sie die Wahrheit nach
allem, was passiert ist, noch immer so voller Inbrunst leugnet
und diejenigen, die versuchen, diesem ganzen Theater noch einen
Sinn zu verleihen, damit bestraft sie aus ihren Reihen
auszustoßen.
Mulder pausierte, er merkte wie er sich langsam in Rage redete
und gab den Menschen im Raum einen Augenblick über seine Worte
nachzudenken. Der Direktor beugte sich nach vorne und zog die
Stirn in Falten.
Agent Mulder, mir ist nicht ganz klar, was Sie uns damit
sagen wollen. Wollen Sie oder wollen Sie nicht weiterhin für das
FBI arbeiten? Mulder stand auf und beugte sich ebenfalls
über den Tisch nach vorne.
Ich will damit sagen, dass ich nicht eine Regierung
unterstützen will, die den Menschen da draußen, die Ihnen blind
vertrauen, in den Rücken fällt und sie nach Strich und Faden
belügt. Sie haben die Beweise auf dieser CD gesehen, Sie kennen
Sie und Sie wissen, dass sie wahr sind, weil Sie selbst Teil
dieser Maschinerie sind, die dort offen gelegt wird. Alles, was
ich von Ihnen verlange ist, dass Sie es sich wenigstens selbst
eingestehen, dass alles, was ich in den letzten Jahren
herausgefunden habe, nichts als die Wahrheit ist. Dass Sie an mir
und Agent Scully, sowie an hunderten anderer Menschen inklusive
meiner und Director Kershs Schwester, Verbrechen verübt haben,
Verbrechen, die absurderweise weit krimineller und unmoralischer
sind als jene Vergehen, die Sie innerhalb dieser Mauern versuchen
zu verfolgen und zu bestrafen. Und dass es diese außerirdische
Bedrohung gegeben hat und Sie keinen blassen Schimmer haben,
warum die vor sieben Wochen einfach wieder abgezogen sind,
während Sie mit ihren Armeen und High-Tech-Waffen im Anschlag
für einen apokalyptischen Krieg gerüstet waren und nicht eine
Sekunde davor zurückgeschreckt hätten, all das hier aufs Spiel
zu setzen. Um Ihre eigenen Ärsche zu retten.
Scully schluckte als sie die Gesichter der Männer um sie herum
sah und hörte wie Mulder vollkommen ausrastete und seine Stimme
durch den Raum hallte und über ihren Köpfen wie ein
Donnerwetter hinabstürzte. Sie griff nach Mulders Arm, um ihn
zurückzuziehen. Sie wollte ihm ein Zeichen geben, dass es genug
war, dass es Zeit war, zum Ende zu kommen. Denn er hatte ohnehin
verloren. Mulder spürte ihre Hand auf seinem Arm und schüttelte
sie ab, während er seine Stimme senkte und sich wieder
beruhigte.
Alles, was ich von Ihnen will, ist ein Funken
Menschlichkeit! Denn Sie können mich für die überzogenen
Konten oder Sachschäden zur Rechenschaft ziehen, aber nicht für
die Antworten, die ich geliefert habe und die Sie nicht
anzuhören bereit sind. Sie können mich nicht dafür bestrafen,
dass ich als einziger Agent in diesem Verein die wahren und
einzigen wirklichen Verbrechen in diesem Land zu verfolgen
bemüht war. Sie können mir nicht Ihre eigenen Fehler in die
Schuhe schieben. Es ist alles auf Ihrem Mist gewachsen und Sie
wissen ganz genau, dass nicht ich es bin, der in Ihrer Schuld
steht! Und es macht mich krank Ihre ignorante verlogene Arroganz
ertragen zu müssen, während da draußen Menschen an den Folgen
Ihrer Experimente sterben.
Mulder sah Skinner an, denn er wusste, er war der einzige neben
Scully in diesem Raum, der auf seiner Seite stand. Skinner war
bewegt, er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber seine
Augen flackerten und sein Kinn bebte als er Mulders Blick
versuchte standzuhalten. Kersh rutschte unruhig auf seinem Stuhl
hin und her. Er fühlte sich schuldig und wusste überhaupt nicht
warum, denn er hatte von all diesen Dingen immer nur einen
winzigen irreführenden Ausschnitt gesehen und war erst jetzt im
Begriff es alles im Gesamtbild zu verstehen.
Mulders Herzschlag beruhigte sich und er spürte wie trocken sein
Hals geworden war und wie ihn alle wie gebannt anstarrten. Die
meisten Blicke waren tot und kalt, von Zweifeln geprägt oder von
Zynismus.
Der Direktor ließ Mulders Worte noch einen Augenblick auf sich
wirken und lehnte sich dann mit einem Seitenblick zu den beiden
Männern an seiner Seite, die die ganze Zeit über geschwiegen
und protokolliert hatten, in seinem Stuhl zurück. Die Männer
hatten verstanden und brachen die Protokolle ab, um die Stifte
mit einem lauten Klicken auf die Tische zu legen.
Ist das alles, Agent Mulder? fragte der Direktor
schließlich steinern und ohne jegliche Mimik.
Mulder stand noch immer, entspannter und erschöpft mit einem
leichten Lächeln auf den Lippen. Ich weiß nicht, sagen
Sie es mir! war seine Antwort und er sah dem Direktor lange
und schweigend in die Augen. Sein Blick war finster, als wolle er
damit all den Hass und die Dunkelheit ausdrücken, die er in den
letzten Jahren in seinem Herzen mit sich hatte herumtragen
müssen.
Er drehte sich um ohne eine Antwort abzuwarten, um zur Tür zu
gehen und verließ mit einem letzten verächtlichen Blick in die
Runde den Raum.
Als er fort war, atmeten alle leise auf und der Direktor sah
Scully erleichtert an. Nun, nachdem auch das geklärt
wäre, werden wir uns zurückziehen und Ihnen in Kürze unseren
Beschluss in dieser Sache mitteilen.
Er sah noch einmal zu den anderen Anwesenden, die ihm zunickten
und wandte sich noch einmal an Scully.
Agent Scully, wann können Sie in Quantico anfangen?
Als Scully kurz danach ebenfalls den Raum
verließ und auf dem Flur Mulder auf dem Boden hocken sah, den
Kopf in die Hände gestützt, ging sie auf ihn zu und legte ihm
ihre Hand auf die Schulter. Sie wusste nicht, was sie ihm sagen
sollte, denn sie hatte jedes seiner Worte tief mit ihm gefühlt
und verstanden und sie wusste, dass er keine Perspektiven hatte
und vollkommen verloren zu sein schien.
Mulder griff nach ihrer Hand und erhob sich vom Boden. Er ließ
sich gegen die Wand fallen und blickte mit leeren Augen in die
Deckenleuchte.
Sie schwiegen und Scully suchte nach etwas, das sie Mulder sagen
konnte. Sollte sie ihm einen Vorwurf machen? Sollte sie ihn
unterstützen? Als seine Partnerin war sie anfangs dazu da
gewesen, ihn zu kontrollieren und zu beobachten, doch daraus war
mittlerweile etwas ganz Anderes geworden. Nun kämpfte sie mit
ihm an seiner Seite und war dazu da, ihn auf dem rechten Weg
entlang zu führen und ihm Halt zu geben. Aber sie fühlte sich
seinem Weg so fern und wusste nicht, wie es für ihn weitergehen
sollte.
Schließlich nahm er es ihr ab, die richtigen Worte zu finden.
Denkst Du, die schmeißen mich raus? fragte er sie
leise mit einem Seitenblick, ohne dabei den Kopf von der
Deckenleuchte abzuwenden.
Nach Deinem Auftritt wäre das ehrlich gesagt kein Wunder,
Mulder. Du hast denen da gerade praktisch den Entlassungsbrief
diktiert. Was wolltest Du denn damit erreichen?
Sie sah ihn mit ihrer gnadenlosen Ernsthaftigkeit offen an und
wartete auf eine Antwort. Wenn sie das tat, wusste er immer, dass
er ehrlich sein musste, es war einer dieser Blicke, die ihm von
Anfang an bei ihr Angst gemacht hatten, weil ihre Augen dann so
durchdringend und starr waren und direkt in ihn hinein zu sehen
schienen.
Ich weiß es nicht. Ich konnte in diesem Raum nur einfach
nicht mehr sitzen und mir diesen Schwachsinn anhören. Er
senkte seinen Blick zu ihr und sah sie hilfesuchend an. Sie
drückte seine Hand, doch näher kam sie ihm nicht, sondern sah
ihn fast strafend an, wie sie es auch schon früher immer getan
hatte, wenn seine Impulsivität sie beide in Schwierigkeiten
gebracht hatte.
Noch bevor sie einander wirklich sagen konnten, was sie vom
anderen eigentlich verlangten, kam Skinner aus dem Konferenzraum
und merkte, dass er sie offensichtlich störte, denn sie stoben
erschrocken auseinander und zuckten beide fast unmerklich
zusammen als sie ihn mit fragenden Gesichtern ansahen. Skinner
kam ernst auf sie zu, sichtlich angespannt. Agent Mulder,
ich hoffe Sie wissen, dass ich und auch Director Kersh gerade
versuchen da drinnen Ihren Arsch zu retten. Sie hätten uns
allerdings gerne ein wenig helfen können, denn ich weiß ehrlich
gesagt nicht, wofür wir gerade in diesem Raum zu kämpfen
versuchen, wenn Sie offensichtlich überhaupt kein Interesse mehr
daran haben beim FBI zu bleiben.
Mulder sah gereizt zu ihm hinüber. Sie langweilen mich.
Skinner wurde wütend. Mulder! Ich riskiere da gerade
meinen Job für Sie und ich würde ihn im Gegensatz zu Ihnen
gerne behalten, auch wenn ich mittlerweile dieselben Zweifel und
Überzeugungen habe wie Sie. Aber verstehen Sie denn nicht, dass
die noch immer Interesse daran haben Sie hier zu behalten? So
lange Sie hier offiziell für die arbeiten sind Sie eine
kontrollierbare Gefahr, bewegen Sie sich innerhalb der
Legalität. Zumindest meistens. Die wollen überhaupt nicht, dass
Sie zum Untergrundkämpfer werden. Und ich bezweifle ehrlich
gesagt, dass Sie das wollen.
Dabei sah er hilfesuchend zu Scully, die nach Mulders Hand griff
und Skinner zunickte. Skinner wandte noch einmal an Mulder, bevor
er sich umdrehte und wieder in den Konferenzraum ging.
Gießen Sie nicht noch mehr Öl ins
Feuer, zeigen Sie denen, dass Sie sich wie ein normaler Mensch
verhalten können. Auch wenn das gegen Ihre Überzeugungen geht.
Er hielt inne bevor er zu Ende sprach. Sie ahnen gar nicht,
wie viele Menschen hier gegen ihre Überzeugungen Dinge tun. Und
die tun das alles, um das Netz aus Lügen und Dunkelheit immer
dichter zu spinnen, während Sie für ehrliche Antworten
kämpfen. Also geben Sie sich einen Ruck und flippen Sie einmal
nicht aus, wenn Sie in diesen Raum zurückgerufen werden!
Mulder zuckte mit den Schultern. Und wofür? Nur um immer
und immer wieder von denen als kompletter Idiot, als Paranoiker
stigmatisiert zu werden? Um nach deren verlogenen Regeln zu
spielen und kleine Brötchen zu backen? Wie kann ich das tun,
nach allem, was ich gesehen habe, nach allem, was Sie gesehen
haben? Diese Beweise sind doch da, die Menschen müssen nur
aufgeweckt werden. Und jemand muss das tun. Ich kann das nicht,
wenn ich hier weiterhin nach Ladendieben fahnden muss und für
immer nach deren Pfeife tanze. Skinner schüttelte
resigniert den Kopf. Sie sind ein gnadenloser Idealist,
Mulder. Aber die Menschen da draußen sind bequem. Es ist nicht
ganz zwei Monate her und die Kirchen sind schon wieder so leer
wie vor diesem Ereignis. Die Menschen wollen belogen
werden, weil die Wahrheit viel zu anstrengend ist. Und wenn es
eine so allumfassende Wahrheit ist wie Sie glauben, dann wird sie
sich ohnehin nicht aufhalten lassen. Wenn Sie das also schon
Ihretwegen nicht einsehen, dann vielleicht für jemand anderen.
Damit ließ er die beiden endgültig alleine im Flur zurück und
warf Scully einen letzten Blick zu. Scully war ihm dankbar, er
hatte all das gesagt, was sie ebenfalls empfunden hatte. Sie
wusste, sie hatte nicht das Recht Mulder zu bitten bei ihr zu
bleiben und seine Suche für sie und David aufzugeben. Aber genau
das war es, was sie sich im tiefsten Inneren wünschte. Sie
umfasste Mulders Arm von hinten als sie endlich die Worte
gefunden hatte, die sie die ganze Zeit im Herzen mit sich
herumgetragen hatte. Sie hatte endlich begriffen, was ihr kühler
und von obrigkeitshörigen Richtlinien geprägter Verstand die
ganze Zeit versucht hatte zu unterdrücken. Es kostete sie viel
Überwindung und war so gegen ihre rationalen Überzeugungen,
aber es kam aus dem tiefsten Inneren ihrer Seele.
Mulder, Du weißt, ich werde Dir auf Deinem Weg folgen,
egal wofür Du Dich entscheidest. Und wenn Du Deine Suche
außerhalb dieser Mauern fortsetzen willst, dann werde ich Dir
auch dabei helfen und wenn es bedeutet, dass wir all die
Sicherheiten und Bequemlichkeiten aufgeben müssen, die unser
Leben uns bietet. Ich glaube an dasselbe wie Du und ich will
nicht, dass Du aufgibst und Dein inneres Licht sich im Dunkeln
dieser Selbstlüge verliert. Ich liebe Dich genau für das, was
Du da drin vorhin getan hast, für Deine kompromiss- und
respektlose Ehrlichkeit und Impulsivität, für Deinen
Gerechtigkeitssinn und Deine gnadenlose Moral." Sie
verstummte und sah ihm in die traurigen Augen bevor sie zu Ende
sprach. "Ich möchte diesen Menschen nicht verlieren.
Mulder hatte sich immer schlechter und unwohler gefühlt, als er
ihre Worte, die so klar und ehrlich durch die Luft in seine Ohren
getragen worden waren, verstanden hatte. Sollte sie ihn wirklich
so sehr lieben?
Sein Mund stand offen vor Sprachlosigkeit und Entsetzen über
ihre Stärke und er wusste nicht wie er darauf reagieren sollte,
denn es überforderte seine Seele und seinen Geist. Als er in
ihre tiefblauen Augen sah, verstand er, dass er ihr das nicht
antun konnte. Dass es überhaupt nur eine einzige Möglichkeit
für ihn gab und er keine Wahl hatte. Wieso hatte er das
vergessen? War er wirklich so egoistisch? Er schämte sich und
hasste sich dafür, dass er bei seinem Anfall in dem
Konferenzraum offensichtlich überhaupt nicht an sie gedacht
hatte.
Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Es tat ihm leid.
Doch ehe er ihr das sagen konnte, kam Skinner wieder aus dem
Konferenzraum hinaus und nickte Mulder zu.
Scully ließ von ihm ab und drehte sich weg, um zu den Aufzügen
zu gehen, denn sie musste David abholen, ihre Mutter wartete
schon seit einer Stunde auf sie.
Als die Aufzugtür sich schloss und Scullys und Mulders Blicke
dadurch getrennt wurden, atmete sie laut die gesamte Spannung aus
und sah zu ihren Füßen hinunter. Sie konnte Mulder seinen
Egoismus überhaupt nicht vorwerfen. Sie waren beide
Einzelgänger und sie wusste, es würde noch eine Weile dauern,
ehe sie begriffen hatten, dass sie nun nicht mehr alleine gegen
all die Alpträume in ihrem Leben kämpften.
Einen Monat später
Scully stand erstmals seit langer Zeit wieder vor einem vollen
Hörsaal und genoss das erhabene Gefühl, dass alle Augen auf sie
gerichtet waren und ihr mehr oder weniger zuhörten. Sie genoss
die Aura der Autorität, die sie umgab und die Bestätigung,
aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung von den jüngeren
Kollegen respektiert zu werden. Doch in Gedanken war sie auch bei
ihrem kleinen Sohn, den sie heute zum zweiten Mal in die Obhut
ihrer Mutter gegeben hatte, was ihr so schwer gefallen war, dass
sie noch einmal zurückgefahren war um ihm noch einen Kuss zu
geben.
Außerdem würde sie heute mit Mulder und David noch zu seiner
kinderärztlichen Untersuchung gehen. Immerhin wussten sie noch
immer nicht, was es mit diesem Tumor und der Verdickung in Davids
Nacken auf sich hatte. Sie und Mulder hatten sich endlich darauf
geeinigt, dass sie wissen wollten, ob es für David irgendwelche
Konsequenzen haben würde. Mulder war zunächst dagegen gewesen.
Vermutlich, weil er selbst diesen Tumor in seinem Gehirn trug.
Sie merkte wie ihre Gedanken sie von ihrer Vorlesung ablenkten
und sie unkonzentriert war, denn auch ihre Studenten schienen
unkonzentriert zu werden.
Sie räusperte sich und nahm sich zusammen, sie hatte noch fünf
Minuten Zeit den Leuten etwas über die sicheren Todeszeichen zu
erklären und ratterte sie schnell herunter. Der Rigor
mortis beginnt innerhalb der ersten drei Stunden meist ausgehend
vom Kiefergelenk und erreicht seinen Höhepunkt am ganzen Körper
nach ca. 9 Stunden. Nach zwei Tagen...
Sie hielt inne, als sie sah wie ein großer, schlanker Mann den
Hörsaal betrat. Als sie erkannte, dass es Mulder war, spürte
sie wie ihr Herz zu klopfen anfing und sie nervös wurde. Er
hatte sie aus dem Konzept gebracht und als er sich frech grinsend
und wie ein Idiot winkend in die letzte Reihe neben einen
Studenten setzte, hatte er gewonnen. Sie unterdrückte ein
strafendes Lächeln und wandte sich von den Studenten ab, um
hinter ihrem Pult vor Mulders Blicken, die über ihren Körper
wanderten, in Deckung zu gehen und ihre Vorlesung zu beenden. Sie
stellte sich immer hinter ihr Pult, wenn sie unsicher wurde.
Mulder wusste das und er genoss es sie mit seinem Erscheinen so
verwirrt zu haben.
Als sie fortfuhr war ihre Stimme so laut und kühl, dass Mulder
hörte, wie sich einige Studenten in den Reihen vor ihm
anstupsten und sich irgendetwas über die Ice Queen
zuzischten. Er schmunzelte. Wenn sie wüssten, dass Dr. Dana
Scully alles andere als eine Ice Queen war.
Doch auch das war nur einer ihrer Abwehrmechanismen und er
wartete geduldig ab, bis sie den letzten Satz ihrer Ausführungen
über die Totenstarre gesprochen hatte, um ihr dann brav zu
applaudieren und sich entgegen den Studentenströmen, die alle
zum Ausgang spazierten, zu ihr nach unten vorarbeitete.
Hey, Dr. Scully. Geben Sie eigentlich auch Nachhilfestunden
bei Versteifungen in ganz anderen Körperregionen?
Er legte seine Hand um ihre Taille auf den weichen schwarzen
Stoff ihres Blazers und zog sie an sich. Doch sie stieß ihn
bestimmt und mit einem strengen Blick weg. Mulder, meine
Studenten sind noch nicht alle weg, zischte sie ihn schroff
an, als sich ihr einer der Studenten näherte und ihr noch eine
Frage stellte, die sie ausführlich und Mulder vollkommen
ignorierend beantwortete.
Als der Student sich bei ihr bedankt hatte und wie die anderen
den Saal verlassen hatte, wackelte Mulder mit den Augenbrauen.
Dr.Scully, nicht, dass Sie mir mit einem Jüngeren
durchbrennen. Dabei legte er den Arm um ihre Schulter und
zog sie verliebt an sich. Sie wehrte sich noch immer ein wenig,
weil es ihr nicht gefiel, wenn sie innerhalb des FBI's mit Mulder
gesehen wurde.
Sie hasste Tratsch und noch mehr hasste sie es, wenn jemand sah,
dass sie vielleicht überhaupt keine unnahbare Ice Queen war. Sie
war stolz auf diesen Ruf, denn dadurch wagte niemand sich ihr zu
nähern. Nur einer hatte es gewagt. Sie sah verliebt zu ihm auf
und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
Er zog die Augenbraue wieder hoch. Oh, Dr. Scully, sagt mir
dieser Blick, dass Sie noch etwas mit mir vorhaben? Ich
habe lediglich daran gedacht, was ich einem Studenten, der so
frech wie Du ist, antworten würde. Er lachte. Als ob
Du mir jemals eine Abfuhr erteilt hättest. Als ob Du
Dich jemals getraut hättest, mir Avancen zu machen, kam
prompt ihre Antwort und darauf fiel ihm nichts mehr ein außer
sie verschmitzt anzugrinsen und etwas von Ice Queen
hinter ihr herzumurmeln.
Er gewöhnte sich langsam daran, dass sie ein Paar waren und es
gefiel ihm von Tag zu Tag besser.
Dabei hätten sie das schon früher haben können, wenn es nach
ihm gegangen war. Er hatte sie doch vom ersten Tag an umgarnt,
wie er das immer getan hatte, wenn ihm eine Frau gefallen hatte.
Nur sie hatte nicht angebissen und das hatte ihn umso mehr
gereizt. Bis es irgendwann ein Spiel geworden war, ein Spiel, das
so selbstverständlich geworden war, dass sie es überhaupt nicht
mehr bemerkt hatten. Ihre Diskussionen und Streitereien waren oft
Teil dieses Spiels gewesen und ohne dass sie es vor lauter
Spielerei gemerkt hatten, hatten sie sich ineinander verliebt und
aus Partnern war mehr geworden. Bis es sich verselbständigt
hatte. Bis es durch all die gemeinsamen Erlebnisse zu Liebe
geworden war.
Ihm war diese Tatsache erst bewusst geworden, als er aus dem
Bermuda Dreieck zurückgekehrt war. Doch ihr Eispanzer hatte ihn
wie üblich daran gehindert, dieses Gefühl greifbar zu machen
und sich ihr vorsichtig auf der Suche nach dem Gegenstück in
ihrem Herzen zu nähern.
Hatte sie es tatsächlich nicht gemerkt? Trotz all seiner
Versuche? Trotz des Baseballunterrichts, der gemeinsamen Essen
und Videoabende? Oder hatte sie es gemerkt und nur Angst davor
gehabt?
Denn diese Liebe war mittlerweile so stark geworden, dass es ihm
selbst manchmal unerträglich schien und ängstigte. Sie war so
stark, dass selbst ihre körperliche Nähe nicht mehr ausreichte,
dass er sie vollkommen absorbieren wollte und nicht von ihr
lassen konnte, wenn sie zusammen waren. Aber die Blicke, die sie
ihm zuwarf, schienen ihm zu signalisieren, dass es ihr ähnlich
ging.
Und es ging ihr ähnlich. Während ihres Wegs zum Auto spürte
sie immer wieder diese elektrisierenden Berührungen seiner Hand
auf ihren Schultern und sie konnte sich nicht daran erinnern,
jemals so tief und so intensiv für jemanden empfunden zu haben.
Es machte ihr angst, denn sie war es nicht gewohnt lediglich der
eine Teil von einem Ganzen zu sein. Und sie wachte oft nachts
neben ihm auf, mit dem Gefühl nicht atmen zu können, weil es
sie so sehr überwältigte. Würde das wieder vergehen? Oder
würde es noch stärker werden?
Sie wussten es beide nicht, doch sie genossen es trotz all der
Ängste. Denn sie waren nicht mehr nur zwei Menschen, die
miteinander einen Weg beschritten. Sie waren eins.
Zwei Stunden später
Dr. Young saß den beiden gegenüber und sah der besorgten
Mutter, die ihr Kind schützend im Arm hielt in die Augen. Sein
Blick sprang zwischen Mulder und Scully hin und her während er
sprach. Mr.und Mrs. Mulder, ich
. Mulder
unterbrach ihn. Mr. Mulder und Ms. Scully, wir sind nicht
verheiratet.
Scully lächelte verlegen, sie fragte sich warum Mulder das
unbedingt so betonen musste. Mulder hatte es betont, weil er eine
Reaktion von ihr wollte, weil er sich langsam vortasten wollte,
weil er ihre Beziehung endlich definieren wollte. Eine Sache, der
sie nun schon über zwei Monate aus dem Weg gingen. Aber die
Tatsache, dass sie ihren Sohn als David Jeremy Mulder beim
Empfang der Klinik angemeldet hatte, hatte sein Herz einmal auf-
und abhüpfen lassen.
Beide wurden in ihren Gedanken unterbrochen als Dr.Young
fortfuhr. Nun, Sie haben mich auf diesen Tumor
angesprochen. Wir können natürlich bei so einem kleinen Kind
wegen der Strahlendosis nicht mehr untersuchen als mit dem
Ultraschallgerät. Aber so wie ich das sehe ist dieser Tumor, den
man eindeutig bilateral auf dem Schallbild sehen kann, nicht
symptomatisch. Er ist zwar da, genau wie die Verdickung in seinem
Nacken. Doch Ihr Baby ist neurologisch absolut prächtig
entwickelt. Er liegt sogar ein wenig über dem Durchschnitt. Aber
ich rate Ihnen dringend davon ab sonst noch irgendetwas daran zu
tun. Denn der Tumor ist seit der U1 Untersuchung weder gewachsen,
noch hat David irgendwelche Ausfälle oder Krämpfe. Und eine
Biopsie dieser Nackenverdickung können wir gerne einmal machen,
wenn sie sich nicht spontan innerhalb des ersten Lebensjahres
zurückbildet. Nur, wenn man bei solchen Sachen einmal anfängt,
herumzumurksen bei so kleinen Kindern, dann geht das oft
wesentlich schlimmer aus, als wenn man einfach erst einmal die
ganze Sache beobachtet."
Scully war nicht gerade beruhigt, doch sie sah ein, dass Dr.
Young Recht hatte und immerhin war der Arzt ihr noch aus ihrer
Studienzeit als eine Koryphäe auf dem Gebiet der
Kinderneurologie bekannt. Sie vertraute ihm. Und das bedeutete
viel, denn sie musste zugeben, dass sie in Bezug auf das Baby
einen ausgeprägten Beschützerinstinkt entwickelt hatte und sie
hatte noch keine einzige genetische Routineuntersuchung an David
durchführen lassen, aus Angst, dass jemand herausfinden könnte,
dass ihr Kind anders war.
Sie griff nach Mulders Hand und sie verließen gemeinsam die
Praxis, mit denselben Zweifeln in ihren Köpfen wie zuvor.
Scully sah wie ihr Atem in der kühlen Januarluft beschlug. Die
Welt war fast wieder so wie früher. Alle warteten gespannt auf
den Frühling und darauf, ob die Vögel zurückkehren würden und
ob die Pflanzen blühen würden. Noch ragten die Bäume ihre
Äste jedoch tot in den Himmel, nur vom zarten weißen Schleier
des letzten Schnees bedeckt. Und noch war es still in den
Städten, ohne Vogelzwitschern.
Es wäre ein ganz gewöhnlicher Winter, wenn nicht alle in jener
Nacht den Atem anhaltend vor ihre Häuser gelaufen waren und zu
diesem gleißenden Licht emporgeblickt hätten, das sich über
den Himmel erstreckt hatte. Wenn nicht alle gesehen hätten, was
mit der Natur um sie herum geschehen war und wenn nicht so viele
Menschen ihre Freunde und Verwandten an den schwarzen Krebs
verloren hätten. Sie alle wussten es und hofften darauf, dass
die Welt bald wieder in voller Blüte stehen würde und dieser
stummen blau am Himmel leuchtenden Macht dort oben trotzen würde
und ihre Schönheit offenbaren würde.
Als Scully David in seiner Wippe im Auto festgeschnallt hatte und
sich neben Mulder auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, trafen
sich ihre Blicke. Sie wussten, sie mussten darüber reden. Sie
hatten es vermieden und waren sich schweigend einig gewesen, dass
David ein Wunder war, aber dass sie es dabei belassen würden es
zu akzeptieren.
Sie beide wussten die Wahrheit über das Wie und Warum, über den
Grund, warum diese Invasion nicht stattgefunden hatte. Aber was
sie beide bedrückte war weniger die Vergangenheit als die
Zukunft.
Scully sprach es schließlich endlich laut aus, als hätten sie
bereits tief in einer lautlosen Konversation gesteckt.
Was, wenn er einmal krank wird?
Mulder schwieg, er hatte genau dasselbe gedacht. Bisher hatte
Scully sich um Davids Gesundheit gekümmert, doch sie wusste, es
würde der Tag kommen, an dem ihre medizinischen Kenntnisse nicht
ausreichen würden, dann würden sie zu einem Arzt gehen müssen.
Scully fuhr fort.
Was, wenn eines Tages herauskommt, dass er anders ist?
Seine gesamte Molekularbiologie ist anders als die anderer
Menschen. Er ist ein Knick in der Evolution, der Beginn eines
neuen Zweigs. Er wird irgendwann auf uns zukommen und uns fragen,
warum er anders ist. Was, wenn er niemals Kinder bekommen kann?
Was, wenn er Medikamente anders verstoffwechselt? Wenn er auf
bestimmte Dinge anders reagiert? Was, wenn er andere Krankheiten
hat, als andere Kinder? Und wenn dieses Ding in seinem Gehirn
irgendwann einmal beginnt sich zu verändern? Die Fragen
sprudelten nur so aus ihr heraus und ihre Augen blitzten
aufgeregt.
Mulder schüttelte den Kopf. Ich weiß es nicht, Dana. Ich
mache mir darüber genau die gleichen Gedanken. Aber siehst Du
jetzt, warum ich nicht aufhören kann weiter zu suchen? Denn ich
suche da draußen nach Antworten auf genau diese Fragen. Was,
wenn David nicht der Einzige ist?
Scully runzelte die Stirn, auf diese Idee war sie noch überhaupt
nicht gekommen und es schien ihr sehr unwahrscheinlich, dass das
möglich war.
Mulder, David war das Produkt von Millionen kleinen
Zufällen. Es ist wahrscheinlicher, dass man eine Nadel im
Heuhaufen findet, als noch ein anderes Kind, das genau wie David
ist.
Mulder zuckte mit den Schultern und ließ den Wagen an.
Jede Befruchtung ist doch das Produkt von Millionen von
Zufällen. Nur in diesem Fall waren es eben andere Zufälle, die
zu diesem Wunder geführt haben. Als sie das Gelände
verließen und auf die Hauptstraße in Richtung Scullys
Wohnung fuhren, beschloss er, dass er seine Suche fortführen
musste. Und das intensiver als je zuvor.
Als sie abends im Bett lagen und David eingeschlafen war, kroch
Mulder von hinten an Scully heran, die auf der Seite lag und aus
dem Fenster zum Mond aufsah. Sie dachte nach.
Mulder war seit Davids Geburt keine Nacht ferngeblieben. Er
wohnte praktisch bei ihr und sie spürte wie dieses Gefühl, sie
würde an seiner Nähe ersticken, immer größer würde. Es war
nicht so, dass sie ihn nicht in ihrer Nähe haben wollte, im
Gegenteil. Wenn er fort war, verzehrte sich jede Zelle ihres
Körpers nach ihm, während ihre Seele sich unvollständig und
unruhig fühlte und sie erst dann wieder komplett war, wenn er
abends von seinem Job in der Profiler-Abteilung des FBI heimkam
und sie David bei ihrer Mutter abholen konnten. Aber genauso
wenig, wie sie ohne ihn sein konnte, konnte sie diese Nähe
ertragen.
Es war zu stark für sie und absorbierte sie vollkommen, so als
würde ihre körperliche Hülle nicht ausreichen um diese Liebe
in sich zu tragen.
Sie drehte sich zu ihm um, nachdem er ihre Schulter mit seinen
zarten Küssen überhäuft hatte und ließ sich von ihm auf ihre
Lippen küssen, während sie ihre Arme um seinen Hals schlang.
Die Körperlichkeit war nahezu die einzige Möglichkeit, diese
Spannung zwischen ihnen zu lösen. Die Tiefe ihrer Gefühle war
einfach zu groß und sie wusste nicht, wie lange es noch gut
gehen würde und sie wusste nicht, wie es dann weitergehen
sollte.
Sie konnte nicht mit ihm und nicht ohne ihn sein.
Als seine Küsse auf ihrer Haut immer leidenschaftlicher
brannten, kam in ihr plötzlich wieder die Angst auf, die sie
auch schon damals verspürt hatte, als sie nach seiner Rückkehr
von den Kornkreisen in England auf seiner Couch eingeschlafen war
und es beinahe in seinem Schlafzimmer passiert wäre. Die Gewalt
dieser Welle, die durch ihren Körper fuhr hatte ihr damals schon
den Atem geraubt und sie hatte in letzter Minute den Notschalter
gefunden und tat es auch jetzt als sie fühlte, wie ihr
schwindelig wurde und die Luft vor ihren Augen flimmerte.
Halt! rief sie in die Stille zwischen ihnen hinein
und legte ihm ihre Finger auf die Lippen. Er sah sie verwundert
und besorgt an. Ich kann nicht, hauchte sie
vollkommen verdattert über ihr eigenes Handeln in die Luft und
stand hastig auf um David, der zur selben Zeit wie jede Nacht
hungrig wach geworden war, aus seinem Bett zu holen und in die
Küche mitzunehmen, um ihn zu füttern.
Mulder setzte sich auf und sah ihr besorgt nach. Hatte sie
dasselbe gefühlt wie er? Hatte sie Angst bekommen vor der Kraft,
die zwischen ihnen, immer wenn sie sich näher kamen, die Luft
elektrisierte und die Fenster leise zum Vibrieren brachte?
Er bekam jedes Mal selbst Angst, doch bisher war es ihm immer
gelungen sich davon abzulenken, wenn er mit ihr geschlafen hatte.
Er legte sich zurück und schloss die Augen. Sie zuckte in
letzter Zeit immer häufiger unter seinen Berührungen zusammen.
Entfremdeten sie sich? Oder waren sie immer noch im Begriff
einander zu nähern? Er seufzte laut und dachte wie einfach es
gewesen war, als sie diese Gefühle noch unterdrückt hatten.
Wie einfach und wie leer.
Zwei Monate später, 19.42 Uhr
Mulder saß vor dem Computer seines Schreibtisches und winkte dem
letzten Agenten, der nach Hause ging, noch gleichgültig zu, ohne
von seinem Bildschirm aufzusehen. Er war mit seinem Job gar nicht
so unzufrieden, denn nachdem man ihn anfangs noch durchgehend
belächelt hatte, so hatten die Agenten binnen kürzester Zeit
gemerkt, dass er ihnen auf diesem Gebiet haushoch überlegen war
und seine Profile bisher jede Ermittlung nahezu rekordartig
beschleunigt hatten. Es machte ihm Spaß, wenn es auch keine
besondere Herausforderung war.
Was ihn jedoch herausforderte, waren die neuesten Informationen,
die die Lone Gunmen ihm über das Intranet des FBI-Computers
über einen gewitzten Hacker-Trick immer auf seinen Bildschirm
luden. Mulders Appartment, in dem er bereits seit Monaten nicht
mehr wohnte, war nun zu einer Art Lager verkommen, in dem Mulder
sämtliche Hinweise auf andere Fälle wie ihren eigenen gestapelt
und mehr oder weniger sortiert hatte. Er und die Schützen
arbeiteten fieberhaft an allem, was sie finden konnten. Es hatte
nach dem Chaos rundum Davids Geburt eine Menge Sicherheitslecks
in sämtlichen Informationsquellen und offiziellen Institutionen
gegeben und sie würden lange brauchen die Zusammenhänge
zwischen all den Dingen, die offenbar in dieser Zeit geschehen
waren, herauszufinden.
Doch es war für ihn und die Schützen mehr zu einem Hobby
geworden als zu einem Kreuzzug. Mulder verstand jetzt, dass die
Regierung nicht sein größter Feind war, da sie genau so im
Dunkeln tappten bezüglich des blauen Lichts am Himmel. So lange
das Licht aber stumm in derselben Position verharrte, wussten sie
wenigstens, wo die Bedrohung saß. Zumindest die außerirdische.
Über die irdischen Bedrohungen versuchten sie sich jetzt
Klarheit zu verschaffen, wenngleich sie auch angesichts dieser
Macht dort draußen im All an Bedeutung verloren hatten.
Mulder sprang aufgeregt auf, als er endlich die Datei mit den
medizinischen Dokumenten heruntergeladen hatte, die ihm die
Schützen mit drei Ausrufezeichen in der Betreffzeile zugeschickt
hatten. Die Dokumente waren aus einem tasmanischen Krankenhaus
entfernt worden und enthielten laut Langley endlich Hinweise, mit
denen sie etwas anfangen konnten.
Als Mulder die Datei nervös öffnete, fiel sein Blick auf einen
Laborausdruck der Blutergebnisse einer 33 jährigen Frau
namens Hannah Robinson. Er hätte beinahe laut aufgeschrien als
er etwas darauf sah, dass ihm sehr bekannt vorkam. Er klickte
sich durch die restlichen medizinischen Daten, doch abgesehen von
der Patientenvorgeschichte, die ihn sehr an Scullys medizinische
Akte erinnerte, enthielt die Datei kaum Informationen.
Aber das reichte. Es war die erste richtige Spur, das fühlte er
einfach.
Er packte die Daten auf seinen USB-Stick und fuhr so schnell er
konnte zu Scully nach Hause. Auf dem Heimweg hielt er beim
Chinesen an um etwas zu Essen mitzunehmen, da er wusste wie sehr
sie es hasste, unter der Woche nach der Arbeit noch kochen zu
müssen.
Sie stand in der Küche und wischte gerade David, der im
Strampelanzug auf ihrem Arm hing und strahlte, als sein Daddy zur
Tür hereinkam, den Brei vom Mund. Als sie Mulder hereinkommen
sah, lächelte sie und versuchte das aufgeregte Herzklopfen zu
ignorieren, das seine Ankunft bei ihr auslöste. Sie sah auf die
Tüten mit dem Essen in seinen Händen.
Mulder, Du bist mir unheimlich und langsam glaube ich
wirklich, dass Du Gedanken lesen kannst. Er nickte
geheimnisvoll und nahm ihr David ab um ihn ins Bett zu bringen.
Sie war ihm dankbar dafür und wischte sich die Reste von Davids
Essen von ihrer Bluse, um sich dann daran zu machen das
chinesische Essen auszupacken.
Als sie auf ihrer Couch mit der Peking-Ente fertig waren und
erschöpft vom Tag auf den schwarzen Bildschirm des
ausgeschalteten Fernsehers starrten, hielt Mulder den Augenblick
für günstig. Als sie nach dem mitgelieferten Glückskeks griff
und schweigend an seiner Plastikverpackung herumfummelte, holte
Mulder tief Luft und hielt ihr den USB-Stick vor die Nase. Sie
zog den Kopf zurück und runzelte die Stirn.
Was ist das?
Ein USB-Stick. Darauf speichert man neuerdings Daten.
Scully sah ihn strafend an. Er lächelte entschuldigend.
Das hier sind die medizinischen Dokumente von Hannah
Robinson.
Sie hob die Augenbrauen und sah auffordernd zu ihm hinauf. Ein
wenig mehr Informationen würde sie schon brauchen um seine
Begeisterung teilen zu können.
Hannah Robinson ist eine 33-jährige verheiratete Frau, die
in Tasmanien vor genau 8 Jahren für einen Monat spurlos
verschwunden war. Als sie aus dem Nichts wieder aufgetaucht ist,
lag sie im Koma, für drei Wochen! Alles, was über dieses Koma
in ihren medizinischen Akten steht ist, dass es aufgrund einer
idiopathischen Stoffwechselanomalie aufgetreten war. Und Du hast
mir selbst erklärt, dass idiopathisch nichts anderes bedeutet,
als dass die Ärzte überhaupt keine Ahnung haben, was passiert
ist.
Er war aufgeregt und Scully mochte es nicht, wenn er so war, denn
sie wusste, dann hatte er immer irgendwelche irrationalen
Dummheiten vor. Ihr skeptischer Blick entging ihm jedoch
vollkommen, als er fortfuhr und seinen Laptop aufklappte, um ihr
die Daten selbst zu zeigen.
Diese Frau ist jetzt im 7. Monat schwanger und ist seit
vier Monaten in medizinischer Behandlung wegen ihrer Anämie.
Anämie, Dana! Klingelts da nicht bei Dir?
Er klickte sich durch die Daten und öffnete die Laborergebnisse
vor ihren Augen. Sie konzentrierte sich ruhig auf den Bildschirm
und versuchte Mulders Unruhe und Begeisterung durch ihre eigene
Gelassenheit ein wenig abzufangen und auszugleichen. Ihr Blick
wanderte skeptisch über die Blutwerte und medizinischen
Unterlagen. Ihr Eisen ist hoch. Und dennoch hat sie
Anämie. Hm. Das sagt doch aber gar nichts. Sie könnte eine
Eisenverwertungsstörung haben.
Mulder rollte mit den Augen. Jetzt sei doch mal
realistisch, Dana. Bei der Vorgeschichte?
Scully lachte auf und sah ihn an. Realistisch? Mulder, was
ist daran realistisch, lediglich aufgrund einiger Parallelen in
unserer Vorgeschichte direkt darauf zu schließen, dass mit
dieser Frau das gleiche geschieht wie mit mir? Es gibt etliche
andere Erklärungen dafür.
Und was ist mit der künstlichen Befruchtung? Die Frau ist
durch künstliche Befruchtung schwanger geworden. Klingelts da
auch nicht? Scully schüttelte den Kopf ungeduldig.
Nein. Weil ich mich nicht in eine unsinnige Hoffnung
hineinsteigern will. Künstliche Befruchtung ist heutzutage kein
Kolibri mehr, es gibt zahlreiche Paare, die ihren Kinderwunsch so
erfüllt bekommen." Sie ließ sich ein wenig genervt gegen
die Rückenlehne des Sofas fallen und sah ihn resigniert
an."Mulder, warum siehst Du nicht endlich ein, dass so etwas
nicht zweimal passiert?
Mulder sprang vom Sofa auf und starrte aufgebracht zu ihr
hinunter. Warum siehst DU nicht endlich ein, dass ich das
nicht akzeptieren kann? Dass es mich wahnsinnig macht, nicht zu
wissen, was wir tun sollen, wenn irgendwann einmal etwas mit
David passiert und ihm die Medizin nicht helfen kann? Was macht
das Ganze überhaupt für einen Sinn, wenn David der Einzige ist?
War das dann nur eine Einbahnstraße der Evolution?
Scully warf ihren Glückskeks wütend auf den Tisch vor ihnen,
dass er zerbrach und stand auf.
Ich weiß es ja auch nicht! antwortete sie ihm fast
schreiend und merkte noch, wie sie mitten in ihrem Schrei wieder
ruhiger wurde und bereute so ausgeflippt zu sein. Aber sie hatten
diese Diskussion schon so oft geführt und Mulder hatte bisher
unzählige Dokumente angeschleppt, mit irgendwelchen Namen,
medizinischen Akten und jedes Mal war es eine falsche Fährte
gewesen. Jedes Mal enttäuschte es sie, dass sie alleine waren
und diese Ungewissheit über das Schicksal ihres Kindes machte
sie ebenso verrückt wie Mulder.
Sie drehte sich von ihm weg zu dem zerbrochenen Glückskeks und
sammelte die Krümel auf, die sich über die Tastatur des Laptops
verteilt hatten, während sie wieder gefasster weitersprach.
Ich will, dass Du damit aufhörst, danach zu suchen. Wir
müssen akzeptieren lernen, dass wir damit alleine sind. Ich will
nicht, dass das jetzt immer so weitergeht. Ich will, dass David
eine ganz normale Kindheit hat.
Sie schwieg und bemühte sich, sich wieder zu beruhigen, weil ihr
aufgefallen war wie sehr sie Mulder mit ihrer Wut erschreckt
hatte. Das war er nicht von ihr gewohnt und offensichtlich konnte
er es noch immer nicht verstehen.
Ihr Blick fiel auf den kleinen Zettel, der aus dem Glückskeks
gefallen war. Sie musste fast ein Lächeln unterdrücken und
schüttelte den Kopf. Ich möchte einmal einen Zettel in
einem Glückskeks finden, der hilfreicher ist als das hier.
Sie hielt ihm das Sprüchlein hin und Mulder las es und verstand,
warum sie gelächelt hatte. Hören Sie auf Ihren Freund, er
kann Ihnen vielleicht die Augen öffnen.
Er hielt den Zettel mit einem triumphierenden Grinsen hoch und
lief ihr in die Küche nach, wo sie anfing, aufzuräumen. Siehst
Du? Die Wahrheit ist auf meiner Seite.
Sie hielt inne und ließ ihre Hand, die den Küchentisch von
Davids Brei säuberte, einen Moment ruhen.
Mulder, ich meine es Ernst. Ich will endlich ein normales
Leben führen. Es ist alles schon kompliziert genug. Auch ohne
diese ständige Suche nach anderen Menschen mit denselben
Problemen.
Er verstand nicht und sah sie an. Was meinst Du mit
kompliziert?
Ihr ernster Blick traf sein Herz, das plötzlich aufgeregt
schneller schlug. Es ging hier gar nicht nur um David, es ging um
viel mehr, das war ihm plötzlich auch klar. Fast traute er sich
nicht weiterzufragen und seine Stimme klang traurig. Bist
Du denn nicht glücklich?
Sie sah nach unten auf den Lappen in ihren Händen und legte ihn
anschließend beiseite um ihm wieder fest in die Augen zu sehen.
Das ist es nicht und das weißt Du auch.
Sie wandte ihren Blick wieder zur Seite und stützte die Hände
resigniert in die Hüften, während sie fühlte wie ihr nach
langer Zeit zum ersten Mal wieder Tränen in die Augen stiegen.
Mulder spürte einen Stich in seiner Brust. Er wusste, was sie
meinte.
Sie ertrug diese Spannung nicht mehr, er merkte es ihr seit
Wochen an, wie sie ihm immer wieder unter seinen Berührungen
entglitt und zusammenzuckte.
Du hast Angst, nicht wahr? Als hätte er sie bei
etwas Verbotenem ertappt sah sie überrascht zu ihm auf und
nickte kaum sichtbar. Warum wusste er immer genau, was in ihr
vorging?
Er wusste es, weil er dieselbe Angst hatte. Sie mussten es sich
eingestehen. Ihre Liebe überforderte sie. Sie überstieg ihre
körperlichen und seelischen Fähigkeiten, damit umzugehen und
machte einen normalen Alltag fast unmöglich, weil sie viel zu
intensiv und bedingungslos war.
Sie hatte viel besser in diese intensive X-Akten Welt
gepasst, in der fast jeder Tag ein Abenteuer gewesen war, in
denen sie regelmäßig ihr Leben auf der Suche nach etwas Großem
riskiert hatten. Und in der überhaupt kein Platz für mehr als
eine Partnerschaft gewesen war, in der diese Liebe sich gar nie
richtig entfaltet hatte.
Doch jetzt, wo die Welt um sie herum bis auf das blaue Licht am
Himmel wieder normal war, war diese Liebe das einzig
Phantastische und Überirdische, was von diesem unfassbaren
Ereignis übrig geblieben war. Sie war so intensiv, dass sie all
den Raum, den die X-Akten in ihrem Leben hinterlassen hatten,
vollkommen auffraß.
Aber was war die Alternative?
Er seufzte. Vielleicht ist es heute Nacht keine so gute
Idee, wenn ich hier bleibe. Ich glaube ein wenig Abstand täte
uns gut. Er klang enttäuscht und müde und sie wusste,
dass er der Situation nur entfliehen wollte, weil er keine
Antworten wusste. Und bevor sie ansetzen konnte, um ihn
aufzuhalten, war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen und sie
stand alleine in der Küche und schloss unglücklich die Augen,
in der Hoffnung es wäre nur ein Alptraum gewesen. Doch als sie
sie wieder öffnete und dabei merkte, wie ihr eine Träne in den
Wimpern hing, war sie noch immer allein.
Diese Nacht wurde die schlimmste ihres
Lebens. Während er stundenlang wachlag und gedankenverloren alte
Filme im Spätprogramm ansah, wälzte sie sich unruhig in ihrem
halbleeren Bett umher und dachte nach. Als sie morgens vollkommen
erschöpft und fertig mit den Nerven zur Arbeit fuhren, hatten
sie jedoch keine neue Erkenntnis gewonnen.
Ihre Liebe war unausweichlich und hatte sich sieben Jahre lang in
aller Ruhe zu dem entwickelt, was sie heute war. Aus ihr war
David entstanden und diese unfassbare Kraft, die sie so unendlich
stark verband und alles um sie herum unwichtig werden ließ.
Sie mussten lernen, dies als Segen und nicht als Fluch zu
betrachten. Sie mussten lernen, sich diesem Gefühl hinzugeben
und sich vollkommen davon einnehmen zu lassen.
Sie mussten akzeptieren, dass sie davon überwältigt wurden und
die Kontrolle verloren, dass ihre Seelen nur in Verbindung
existieren konnten und dass ihr Leben niemals einfach und normal
sein würde. Diese Liebe war die Antwort auf die eine Wahrheit,
die sie beide gesucht hatten und nun mussten sie mit ihr
zurechtkommen.
Am nächsten Tag, 20.19 Uhr
Margaret hatte verstanden, dass Mulder und Scully einmal einen
Abend nur füreinander brauchten und so schwer es Scully gefallen
war ihr kleines Baby für eine ganze Nacht wegzugeben, so sehr
wusste sie auch wie wichtig es war. Sie seufzte bei dem Gedanken
an dieses Kind, das ihr so viel bedeutete, und das sie über
alles liebte, als sie den Wagen vor Mulders Appartment zum Stehen
kommen ließ und mit Herzklopfen ausstieg.
Sie lief im dunkelblauen Licht der Abenddämmerung in das
Gebäude hinein, fuhr mit dem Aufzug hoch und ging mit festen
Schritten den Flur entlang um vor der 42 stehen zu bleiben und
noch einmal tief durchzuatmen.
Sie musste sich ihren Gefühlen stellen, denn sie hatten sich
dazu entschieden, sie zuzulassen und nun mussten sie auch die
Stärke entwickeln dem standzuhalten. Sie wusste, ohne ihn konnte
sie nicht weitermachen, also war das hier der einzige Weg.
Sie senkte den Kopf und fummelte an ihrem Schlüsselbund herum,
als die Tür plötzlich vor ihr aufgerissen wurde und sie
erschrocken einen leichten Satz nach hinten machte.
Als ihre Blicke sich überrascht trafen, war es um sie geschehen.
Sie fielen einander ohne Worte mit stürmisch in die Arme und
küssten sich als wäre es das erste Mal.
Sie ignorierten, dass ihnen dabei der Boden unter den Füßen
weggerissen wurde und die Lichter um sie herum ausgingen, sie
fühlten nur noch den Atem des anderen auf ihrer Haut und die
gegenseitigen Berührungen. Sie ließen sich von der gebündelten
Energie in ihren Herzen überwältigen und fielen taumelnd auf
seine Couch, wo sie sich vollkommen von der Umgebung loslösten
und sich mitreißen ließen von der tobenden Kraft, die ihnen
solche Angst gemacht hatte, während das Wasser im Aquarium
leicht vibrierte und die Luft leise knisterte.
Sie schwebten körperlos durch den Raum und schienen nur noch aus
diesem einen Gefühl zu existieren, das ihre Körper warm und
leuchtend durchströmte und ihnen die Sinne betäubte und sie
miteinander verschmolzen, wie ihre Seelen es schon längst getan
hatten.
Eine Stunde später
Es war dunkel und still, denn noch immer war kein Vogel in den
Lüften oder auf den Bäumen gesehen worden. Scully fühlte
Mulders Atem an ihrer Schulter und genoss die Stille. Ihre Angst
war verflogen und sie fühlte sich glücklich, seine Finger
streichelten leicht ihren Oberarm und sie musste lächeln, weil
es sie kitzelte. Er schlang seine Arme um sie und drückte sie
fest an sich. Schließlich gab sie es vor sich selbst zu und
begriff, sie musste sich eben daran gewöhnen, einmal in ihrem
Leben nicht alles unter Kontrolle zu haben. Leise flüsterte sie
in die Stille hinein: Ich liebe Dich.
Seine Antwort darauf war ein zärtlicher weicher Kuss auf ihre
Wange und ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht ehe sie
beide erschöpft einschliefen und die Luft sich um sie herum
entspannte und die Energie in unsichtbaren Funken über ihnen im
Nichts verpuffte.
Vier Wochen später in Quantico
Scully sah alle fünf Minuten auf die Uhr und konnte sich kaum
auf ihre Vorlesung konzentrieren. Das ging schon seit zwei Wochen
so und sie sah ihren Studenten an, dass es ihnen ebenso auf die
Nerven ging wie ihr. Doch sie biss sich jedes Mal durch und
versuchte sich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen.
David ließ ihr und Mulder seit zwei Wochen nachts keine Ruhe
mehr, sie hatte kaum geschlafen, weil er fast jede Nacht
durchweinte. Nach zwei Tagen war sie morgens zum Arzt mit ihm
gegangen, doch Dr. Young hatte mit den ihm zur Verfügung
stehenden Mitteln nichts herausfinden können. Scully hatte
befürchtet, dass Davids Hirnanomalie ihm vielleicht Schmerzen
bereitete, doch die Schmerzmittel wirkten überhaupt nicht. Sie
wusste sich keinen Rat mehr.
Es war das eingetreten, wovor sie und Mulder sich so gefürchtet
hatten, denn ihr Baby brauchte Hilfe, die ihm keiner geben konnte
und das brachte sie fast um den Verstand. Ihr Herz brach jedes
Mal, wenn sein verzweifeltes Weinen durch das Schlafzimmer
hallte. Mulder nahm es genauso mit und nur weil sie die Sache
zusammen durchstehen konnten, hatte sie es überhaupt bis jetzt
ausgehalten. Sie sah wieder auf die Uhr, denn sie würde Mulder
im FBI abholen und dann direkt zu ihrer Mom fahren um den Kleinen
wieder abzuholen.
Zur selben Zeit im FBI Hauptgebäude
Der Kaffee schmeckte langweilig und bitter und es fiel Mulder
schwer, ihn nicht direkt wieder auszuspeien. Es war der fünfte
innerhalb von zwei Stunden und sein Kopf dröhnte.
David war um fünf Uhr morgens erst erschöpft auf seiner
Schulter hängend eingeschlafen und er wusste nicht, wie Scully
es schaffte noch immer so fit zu bleiben, während er wie ein
Untoter durch die Gegend wandelte und kaum noch etwas von seinem
Umfeld mitbekam.
Er beendete gerade seinen Abschlussbericht über einen
Serientäter als ihn eine kleine Notiz auf seinem Bildschirm
darüber informierte, dass er Mail bekommen hatte. Weil sie nur
von den Lone Gunmen oder von Scully kommen konnte, klickte er
sofort darauf um zu lesen, dass die Drei sich mit ihm treffen
wollten. Sofort, wie sie schrieben. Er sah auf die Uhr. Scully
würde in einer Stunde da sein, er hoffte, er würde es bis dahin
schaffen und schlich sich früher als sonst aus dem Büro, um
sich wie in der Mail angegeben am Skulpturgarten an der Mall mit
den Dreien zu treffen. Dabei hatte er Scully versprochen diese
Suche nach anderen Paaren mit derselben Geschichte aufzugeben.
Aber vielleicht sah sie es jetzt, wo es David schlecht ging, ja
anders.
Als Scully mit ihm eine Stunde später zu
ihrer Mom fuhr, knetete er nachdenklich seine Unterlippe und sie
sah immer wieder irritiert zu ihm hinüber. Sie wusste, dass ihn
etwas beschäftigte, doch er wollte ihr nicht sagen, was es war.
Sie hatte den Umschlag in seinen Händen bemerkt und fragte sich,
was darin war. Erst als sie vor dem Haus ihrer Mom aus dem Auto
stiegen, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie rannte
hinter ihm her und hielt ihn von hinten am Arm fest, damit er
nicht schon zur Haustüre hinauflief.
Mulder, was ist eigentlich los? Warum sagst Du mir nicht,
was Dich beschäftigt? Nicht jetzt, Dana, ich muss
noch darüber nachdenken, wehrte er abweisend ab und sie
gingen schweigend zum Haus während Scully ihm finstere Blicke
zuwarf.
Erst in den frühen Morgenstunden, als David einmal mehr auf
Mulders Arm nach stundenlangem Weinen eingeschlafen war und sie
erschöpft nebeneinander lagen und auf das blaue flackernde Licht
in der Ferne am Himmel starrten, begann Mulder endlich darüber
zu reden, was ihn den ganzen Abend beschäftigt hatte.
Es hat etwas damit zu tun, begann er und nickte in
die Richtung des Lichts vor dem Fenster, als würde er
voraussetzen, dass Scully seine Gedanken gelesen hatte.
Sie wusste, dass er von dem blauen Licht sprach, denn es schien
in den letzten Wochen heller und unruhiger geworden zu sein.
Allerdings nur so schwach, dass man es nur bemerkte, wenn man wie
sie jede Nacht dort hinaufsah, was sie seit Davids Geburt taten.
Die meisten Menschen um sie herum hatten es als den kleinen
ungefährlichen Asteroiden akzeptiert, zu dem es die Medien
offiziell mithilfe der NASA und der ESA erklärt hatten. Wie
lange die Menschen diese Lüge glauben würden, war ihnen nicht
klar, denn irgendwann verschwand jeder Asteroid und Mulder und
Scully überkam die unheimliche Ahnung, dass dieses Leuchten
nicht so bald verschwinden würde.
Als sie Mulders Worte hörte, stockte ihr der Atem und sie
stutzte.
Was hast Du herausgefunden?
Die drei Schützen haben sich mit mir getroffen und sie
haben mir irgendetwas von einer versauten Gen-Mais-Ernte in
Tasmanien erzählt. Scully hob die Augenbrauen. Was?
Mulder grinste, so ähnlich hatte er Langley auch angesehen, als
er ihm das erzählt hatte.
Ein Farmer hat dort die Firma verklagt, die seinen Mais
genetisch manipuliert hatte um die Erträge zu erhöhen, weil er
in diesem Jahr nichts als vertrocknete, kümmerliche Stängel auf
seinem Feld vorgefunden hatte. Das alleine ist jetzt nicht so
spannend, ich weiß. Aber Byers hat mir noch etwas Anderes
gezeigt.
Scully setzte sich auf. Mulder, wenn diese Geschichte mich
morgens um vier Uhr wach halten soll, dann solltest Du jetzt ne
ziemlich ausgefallene Pointe parat haben.
Damit stand er leise auf und schaltete in der Küche das Licht
ein. Sie folgte ihm widerwillig und setzte sich mit einem
knatschigen lustlosen Blick an den Tisch. Er breitete zwei
Dokumente vor ihr aus und drei Satellitenphotos und sah sie
aufgeregt an.
Sie nahm sich eine Sekunde, merkte, dass sie zu müde war, um
klar denken zu können und sah auffordernd zu Mulder hinauf.
Kornkreise, Mulder? Für Kornkreise hältst Du mich wach?
Nein, nein. Die Kornkreise sind in den letzten Wochen in
regelmäßigen Abständen dort von dem Farmer gemeldet worden.
Aber sieh Dir die DNA-Analysen der Gentechnologie-Firma an, die
in dieser Zeit den Mais immer wieder kontrolliert hat.
Scullys Blick wanderte widerwillig zurück zu den Dokumenten und
sie merkte, wie langsam aber sicher ihr Gehirn wieder wach wurde
und wie ein versandetes Zahnradwerk holpernd und schwerfällig zu
arbeiten begann. Mh, einige Genabschnitte sind offenbar in
der Zeit vor dem Auftreten der Kornkreise bis zum letzten
Untersuchungstermin aktiviert worden. Genaugenommen alle
Genabschnitte. Und das obwohl die Firma überhaupt keine
Veränderungen mehr an dem Mais vorgenommen hat, denn das hier
sind nur Kontrollen. Mulder?
Sie hatte einen Verdacht und der jagte ihr angst ein. Denn sie
meinte, sich daran erinnern zu können, dass die Blätter an den
Bäumen nach dem schwarzen Regen ein ähnliches
Genaktivitätsmuster aufgewiesen hatten. Chuck und sie hatten es
selbst untersucht und je mehr sie darüber nachdachte, desto
sicherer war sie sich, dass das hier dasselbe war. Mulder merkte,
dass sie langsam begriff, worauf er hinauswollte und nickte
zufrieden.
Ja, aber Mulder, das könnte theoretisch auch eine
Spätfolge dieses schwarzen Regens sein, wieso ist das gerade
jetzt so bedeutend? Darauf hatte er gewartet.
Weil ich nach meinen eigenen Nachforschungen noch das hier
herausgefunden habe.
Und er zog eine Liste aus dem Umschlag. Das sind
Protokolle. Aus einem Elektrizitätswerk in der Nähe von
Launceston, Nordtasmanien, also ganz in der Nähe dieser
Mais-Farm.
Sie überflog das Papier, um einen Überblick zu bekommen, doch
sie gab auf, als die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen und
sie merkte wie die Müdigkeit sie wieder überfiel. Er half ihr.
Das sind Stromausfälle der letzten zwei Wochen. Und sie
häufen sich. Und sie folgen einem Muster. Sieh mal.
Er holte einen Ausdruck einer Region in Tasmanien aus seinem
Aktenkoffer und faltete ihn vor ihr auseinander.
Das hier ist die Gegend rund um Launceston. Hier war der
erste große Stromausfall. Und hier, siehst Du? Es bildet einen
Kreis, einen Kreis, der sich immer mehr auf ein Zentrum zu
bewegt.
Scully folgte seinem Finger über die Karte. Lass mich
raten, Du hast irgendwas in diesem Zentrum gefunden, nicht wahr?
Nein, nicht irgendwas. Ich habe Hannah Robinson in diesem
Zentrum gefunden.
Scullys Müdigkeit war wie weggeblasen und ihre Augen weiteten
sich. Was? Dort wohnt sie?
Mulder nickte. Sie wohnt zwischen Scottsdale und Launceston
in einem kleinen Städtchen namens Nunamara.
Scully atmete tief durch und lehnte sich zurück, den Kopf müde
in die Hand gestützt.
Gut, also irgendwas scheint Deiner Meinung nach dort unten
vor sich zu gehen, aber was hast Du vor?
Ich glaube, dass Hannah ihr Kind bekommt. Und ich bin
ziemlich sicher, dass mein Riecher vor einigen Wochen nicht
verkehrt war und dieses Kind doch nicht so unbedeutend und normal
ist wie Du dachtest. Das wären wirklich ein paar Zufälle zu
viel, meinst Du nicht auch?
So müde Scully war, sie musste ihm wohl oder übel Recht geben,
dass in der Tat etwas daran nicht stimmte.
Mulder hatte den Gedanken längst noch weiter gedacht. Es
geht wieder los, Dana. Und vielleicht ist das der Grund, warum
David seit zwei Wochen so viel weint.Weil er es spürt.
Scully hob skeptisch die Augenbraue in die Höhe, seine Worte
hatten ihr angst gemacht und sie wusste nicht, was sie davon
halten sollte. Das ist doch vollkommen verrückt, wieso
sollte das da unten in irgendeiner Form Einfluss auf David nehmen
können? Und wieso bist Du Dir so sicher, dass das wirklich etwas
Ernstes ist?
Er zuckte mit den Schultern. Weil es zusammenpasst. Es
ergibt einen Sinn. Davids Weinen, die Stromausfälle, die
genetischen Veränderungen in der Natur, die Vorgeschichte von
Hannah Robinson, ihre Schwangerschaft. Es ergibt ein Bild.
Irgendwas geschieht da unten.
Scully spürte die Angst immer weiter in ihr hochkriechen und sie
schüttelte ablehnend den Kopf. Nein Mulder, das geht zu
weit. Wir sollten das in Ruhe besprechen und nicht morgens um
vier. Ich bin mir sicher, dass es einfachere Erklärungen dafür
gibt. Und ich werde jetzt ins Bett gehen und Du solltest das auch
tun, sonst geht Deine Phantasie noch mit Dir durch.
Er merkte, dass sie müde war und verstand, dass es nun wenig
Sinn machte um diese Zeit einen Streit vom Zaun zu brechen. Sie
griff nach seiner Hand und er wackelte mit den Augenbrauen.
Na ja, es gibt da jetzt schon die ein oder andere
Phantasie, wenn ich daran denke, dass es sich gar nicht mehr
lohnt, noch zu schlafen.
Und das wird auch eine Phantasie bleiben, jedenfalls heute,
lächelte sie ihn an und warf ihm einen zärtlichen Blick zu,
denn es war nur die reine Vernunft, dass sie jede Minute Schlaf
nötig hatten, die sie davon abhielt, auf seinen Vorschlag
einzugehen.
Er sah bedauernd zu ihr herab und legte den Arm um sie um mit ihr
ins Bett zu gehen, wo sie eng umschlungen die letzten beiden
Stunden Schlaf genossen ehe sie wieder arbeiten mussten.
Scully war glücklich, dass sie es mittlerweile schafften mit
dieser Liebe umzugehen und sie zu akzeptieren. Sie war immer
präsent und immer so intensiv und stark, dass sie sie mit jedem
Herzschlag fühlen konnten, aber sie hatten sich daran gewöhnt
und schöpften daraus ihre gesamte Kraft, all das, was hinter
ihnen und vor ihnen lag, verarbeiten zu können.
Bevor sie die Augen schloss, sah sie mit einem unguten Gefühl in
der Magengegend zu dem blauen Licht auf, das einmal kurz
aufblitzte bevor sie einschlief, als wolle es ihr sagen, dass
Mulder Recht gehabt hatte.
Sieben Stunden später stand Scully im Labor
und sah durch das Mikroskop auf eine Gewebeprobe herab, jedoch
ohne auch nur eine Sekunde wirklich bei der Sache zu sein.
In ihrem Kopf war ein heilloses Durcheinander, seit sie sich von
Hannah Robinsons Arzt die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung
hatte schicken lassen. Sie hatte ihn anhand der Unterlagen, die
Mulder vor einigen Wochen auf seinem USB-Stick mit sich
herumgetragen hatte, ausfindig gemacht. Die
Fruchtwasseruntersuchung, auf der vermerkt war, dass die
Chromosomenanalyse des Babys aufgrund eines technischen Fehlers
undurchführbar war, hatte sie schließlich überzeugt.
Der merkwürdige Wind, der draußen durch ihr Haar geweht hatte,
hatte ein leises, kaum hörbares Flüstern an ihr Ohr getragen
und sie hatte sich den ganzen Tag komisch gefühlt. Doch sie war
sich sicher, dass sie sich da nur hineinsteigerte und schüttelte
das Gefühl, das ihr als Gänsehaut in immer wiederkehrenden
Wellen über den ganzen Körper fuhr, ab.
Eine weitere Stunde später fuhr sie mit zwei Flugtickets nach
Tasmanien in ihrer Tasche aufgeregt nach Hause.
Sie nahm etwas von ihrem Stammchinesen mit und schloss die Tür
auf, als sich ihr ein herzerweichendes Bild präsentierte.
Der Fernseher lief laut und zeigte ein altes Spiel der Mets auf
Video und Mulder lag auf dem Sofa, mit seinem Sohn auf der Brust
und einem Baseballhandschuh an der neben dem Sofa herabhängenden
Hand. Seine andere Hand hielt den kleinen Winzling auf seiner
Brust umklammert und beide schliefen tief und fest.
Über Scullys Gesicht huschte ein liebendes Lächeln als sie zum
Fernseher ging und ihn ausschaltete und sich dann vorsichtig an
die beiden heranschlich, um David einen Kuss auf das kleine
blonde Köpfchen zu drücken, während sie den zarten Duft von
Babyhaar einatmete und die Augen schloss.
Hey! Und ich? Scully erschrak als Mulder sie von der
Seite ansprach und ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Doch
sein Wehklagen verstummte, als er das chinesische Essen witterte
und sich, nachdem sie den noch immer schlafenden David auf den
Arm genommen hatte, auf die Tüten stürzte.
Sie verschwand mit dem Kleinen im Schlafzimmer, wo er wach wurde
und sich lauthals darüber beschwerte geweckt worden zu sein, und
er packte das Essen aus, als sein Blick auf ihre Tasche fiel, die
neben dem Sofa lag und aus der zwei Flugtickets herausragten.
Eine Minute später stand er neben ihr im Schlafzimmer, wo sie
noch immer versuchte David auf ihrem Arm wieder zu beruhigen und
eine schmutzige Windel in den Mülleimer neben dem Wickeltisch
fallen ließ.
Er wimmerte noch leise und gluckste unglücklich, während er
seinen kleinen Kopf müde gegen Scullys Schulter fallen ließ und
seine winzige Hand nach der Kette um ihren Hals griff.
Mulder liebte diesen Anblick und hielt einen Moment mit einem
warmen Blick in seinen grünlichen Augen inne, bevor er sich
wieder daran erinnerte, dass er über die beiden Flugtickets nach
Tasmanien äußerst überrascht gewesen war. Er wedelte damit vor
Scullys Nase herum.
Hast Du mir irgendwas zu sagen? fragte er sie mit
einem unschuldigen Lächeln.
Sie ging an ihm vorbei wieder in die Küche, um für David ein
Fläschchen warm zu machen. Sie hasste es, zugeben zu müssen,
dass sie im Unrecht gewesen war.
Ich habe heute mit Hannah Robinsons Arzt telefoniert,
gestand sie ihm dann plötzlich ganz beiläufig und setzte sich
mit der Flasche und David im Arm hin um ihn zu füttern.
Du hast was? starrte er sie entgeistert an.
Sie schluckte und sah zu David hinunter. Ja, ich gebe zu,
dass das ein paar zu viele Zufälle sind. Außerdem habe ich das
Gefühl, dass wirklich etwas nicht stimmt.
Sie sah ernst zu ihm auf. Er verstand ihren Blick, denn er hatte
es auch gefühlt und war erleichtert, dass es nicht wieder nur
seine allgemeine Paranoia war. Oder waren sie beide einander
schon so nah, dass es sich um eine Folie à Deux handelte?
Als hätte Scully diesen Gedanken gelesen, schüttelte sie den
Kopf. Nein, es stimmt objektiv etwas nicht, das sind nicht
nur wir beide. Hast Du nicht die Funkstörungen bemerkt? Mein
Handy hat den ganzen Tag verrückt gespielt und im Radio ließ
sich kein Sender einstellen.
Mulder nickte. Deswegen hab ich mir mit David das alte
Spiel der Mets auf Video angesehen, die Sender waren alle
gestört.
Scully spürte wieder die Gänsehaut auf ihrem Körper kribbeln.
Sie sahen sich an und keiner von ihnen wagte, die Angst beim
Namen zu nennen.
Scully räusperte sich schließlich und fragte mit wackeliger
Stimme: Glaubst Du wirklich, es geht wieder los?
Mulder wich ihrem Blick aus und schluckte. Er ignorierte ihre
Frage, weil sie ihm Angst machte und lenkte stattdessen ab.
Was machen wir mit David? Wir können ihn unmöglich
mitnehmen. Scully nickte und sah besorgt auf ihren kleinen
Sonnenschein hinab. Mulder sah wie erschöpft sie aussah und ging
zu ihr, ihr Kopf lehnte sich gegen seine Hüfte und sie schloss
die Augen, während er sich zu ihr beugte und ihr weiches
duftendes Haar zart küsste.
Ich bring ihn ins Bett, ruh Dich aus, Du siehst blass aus.
Er lächelte und nahm ihr David vorsichtig ab. Sie knackte
lustlos den Glückskeks in ihrer Schachtel. Als sie sich den
Spruch laut vorlas, schüttelte sie den Kopf.
Die beste Brücke zwischen dem Ufer der Verzweiflung
und dem Ufer neuer Hoffnung ist eine gut durchschlafene Nacht
Ich glaubs einfach nicht, diese Dinger haben sich
tatsächlich gegen mich verschworen!, schloss sie daraus
und warf den Keks zurück in die Schachtel. Sie war so müde.
Mulder sah sie verliebt an, als ihm eine Idee kam, die er jedoch
sofort wieder vergaß als er das Flüstern aus der Ferne hörte,
das er am Morgen in seinem Wagen auch schon plötzlich so laut
wahrgenommen hatte, dass er einen Moment an die Seite
herangefahren war.
"Hey kleiner Mann, Du spürst es auch, oder?" Er
wünschte sich, sein Sohn könne ihm sagen, was ihn so unruhig
machte, denn Mulder merkte, wie der Kleine sich unwillig auf
seinem Arm hin- und herwand und mit der ausgestreckten Hand auf
das blaue Licht deutete, das in der Abenddämmerung über dem
Horizont aufging.
Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie beobachtet wurden.
24 Stunden später
Sie saßen im Flugzeug und Scully krallte sich anhand der
Turbulenzen an ihrer Sitzlehne fest, während Mulder vollkommen
ruhig und gelassen in seinem Sitz lümmelte und seine Musik
lauter stellte. Als er sah, dass sie Angst hatte, lächelte er.
Ganz wie in alten Zeiten, was? Sie nickte unentspannt
und beschloss sich ein Glas Wein zur Beruhigung zu bestellen.
Als sie jedoch die Hälfte davon getrunken hatte und die
Luftlöcher vorbei waren, merkte sie, wie ihr schwindelig davon
wurde und sie sich elend fühlte.
Sie wurde blass und zittrig und stand auf, um zur Toilette zu
gehen. Mulder hatte davon nichts mitbekommen, er starrte die
ganze Zeit wie gebannt auf das blaue Leuchten in der Ferne, das
man von hier oben noch viel deutlicher erkennen konnte.
Beobachteten sie sie? Waren sie näher gekommen? Mulder
verspürte den Drang mit diesem Licht Kontakt aufzunehmen, sich
ihm zu nähern. Es übte eine fremdartige Faszination von
Unendlichkeit und Weisheit aber auch von unheimlicher Bedrohung
auf ihn aus und er grübelte still vor sich hin, während Scully
in der Toilette merkte, wie ihr immer schwindeliger wurde und sie
sich schließlich übergeben musste.
Sie wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht und die Hände und
stützte sich am Becken ab, während sie am ganzen Körper
zitterte.
Nach fünf unerträglichen Minuten glaubte sie endlich, sich
besser zu fühlen und öffnete die Toilette. Doch als sie
heraustrat und das Flugzeug wieder ein wenig zu schaukeln begann,
verlor sie plötzlich den Gleichgewichtssinn und schwankte bis
ihr schwarz vor Augen wurde und sie das Gefühl hatte umzufallen,
als ein Flugbegleiter sie stützte und am Fallen hinderte.
Hey, Maam. Ist alles in Ordnung? Scully strich
sich peinlich berührt eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ja,
ja, es ist alles bestens, danke! Sie bemühte sich zu
lächeln, aber es ging ihr immer noch elend.
Als sie zu ihrem Platz zurückkehrte, sah Mulder sie besorgt an.
Gehts Dir gut? Du siehst furchtbar aus! Danke,
sehr charmant von Dir, war darauf ihre Antwort und sie
ließ sich in den Sitz zurückfallen.
Als er ihre Hand nahm und sie weiterhin sorgenvoll ansah,
entgegnete sie ihm etwas gereizter, als es ihre Absicht gewesen
war. Es geht mir gut.
Daraufhin brummte er nur und ließ ihre Hand wieder los. Wenn sie
nicht darüber sprechen wollte, konnte er ihr nicht helfen, aber
es tat ihm weh, denn sie war blass und ihre Haut glänzte von dem
kalten Schweiß auf ihrer Stirn.
Drei Tage später im Best Western Riverside Motel, Launceston,
Tasmanien
Das Besteck fiel klirrend auf den Teller, als Scully plötzlich
aufsprang und zu den Toiletten rannte.
Mulder begann sich ernsthaft Sorgen zu machen, seit Tagen konnte
sie fast nichts, was sie aß, bei sich behalten.
Belastete sie das alles zu sehr? War es ein Fehler gewesen
hierher zu kommen?
Hannah und ihr Mann Frank waren sehr nette Leute und er und
Scully hatten nicht lange gebraucht um herauszufinden, dass sie
nicht umsonst hergekommen waren. Hannah hatte Scully versichert,
dass es ihnen helfen würde, wenn jemand bei ihnen war, der etwas
Ähnliches durchgemacht hatte, doch Mulder hatte das Gefühl es
würde in Scully alte Wunden aufreißen und unverarbeitete
Erlebnisse unnötigerweise wieder aufleben lassen. Sie hatten
gerade erst Ruhe gefunden und nun waren sie hier und durchlebten
das offensichtlich alles noch einmal. Außerdem telefonierte sie
jede Stunde mit ihrer Mutter und war besorgt, weil David noch
immer die Nächte durchweinte.
Er stand auf und verließ ebenfalls den Frühstücksraum, um ihr
zur Toilette zu folgen. Er klopfte gegen die Tür. Dana,
ist alles in Ordnung mit Dir?
Da kam sie auch schon wieder heraus, kreidebleich und mit dunklen
Rändern unter den Augen.
Sie nickte ohne ihn anzusehen und ging an ihm vorbei in Richtung
ihres Motelzimmers. Er folgte ihr und legte seinen Arm
beschützend um sie, was sie dankbar jedoch ohne Regung zur
Kenntnis nahm.
Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er nun immer für sie da war
und sie genoss still die Liebe, die er ihr schenkte, in jeder
Sekunde, die sie zusammen verbrachten.
Die letzten Tage waren aufregend gewesen und sie schrieb es der
Reise, der Zeitverschiebung und den aufwühlenden Erlebnissen zu,
dass ihr dauernd übel und schwindlig war.
Hannah war körperlich sehr geschwächt und es sah so aus, als
würde das Kind in den nächsten Tagen zur Welt kommen, daher
hatten Mulder und Scully ihr, trotz ihrer eigenen Sorgen um
David, versprochen noch bis zur Geburt bei ihr zu bleiben, zumal
die Flüge aufgrund einiger Probleme mit dem Funk und angeblichem
Sonnenwind gestrichen waren.
Doch Scully und Mulder waren sich wortlos einig darüber, dass
etwas nicht stimmte. Es war anders als bei der Geburt von David,
aber die Atmosphäre war dennoch bedrohlich und das Licht war
irgendwie verändert. So als läge ein unsichtbarer düsterer
Schleier über der Sonne, der nur einen Teil der Strahlen
durchließ.
Die Stromausfälle häuften sich und Scully spürte, dass Mulder
unruhig schlief und von heftigen Kopfschmerzen geplagt wurde.
Denn wenn er auch nicht darüber sprach, so fühlte sie seine
Anspannung und merkte, wie er nachts immer wieder aufstand und
durch die Gegend lief. Sie lagen beide nachts wach und hörten
das Flüstern in der Ferne, doch ohne darüber offen zu sprechen.
Sie glaubten, es wäre nur halb so real, wenn sie darüber
schwiegen.
Scully war sich sicher, dass all die unheimlichen Veränderungen
um sie herum Schuld an ihrer Übelkeit waren.
Nur ein winzig kleines, dünnes Stimmchen in ihrem Hinterkopf
sagte ihr, dass ihr plötzlich auftretender Appetit auf
Tomatensaft auf eine andere Ursache hindeuten konnte.
Als Mulder sich später im Krankenhaus einen Kaffee holte,
schlich sie sich heimlich den Flur entlang und besorgte sich bei
den Schwestern gegen ein kleines Bestechungsgeld und ein
verzweifeltes Lächeln einen Schwangerschaftstest, nur um
sicherzugehen, dass sich dieses kleine dünne Stimmchen in ihrem
Kopf irrte. Sie ließ den Test heimlich in ihre Tasche gleiten
als sie Mulder mit dem Kaffee zurückkommen sah und er sie
fragend anschaute.
Sie hob die Augenbrauen, zuckte mit den Achseln und ging mit ihm
zurück zur Geburtsstation. Da es Hannah so schlecht ging, hatte
man sich entschieden ihre Geburt einzuleiten, obwohl es noch vier
Wochen zu früh war. Sie hatte auf eine natürliche Geburt
bestanden und die Wehen setzten langsam ein, während es draußen
immer dunkler wurde.
Denn über der Stadt braute sich ein Sturm zusammen und Mulder
hatte das Gefühl, die Luft würde um sie herum dichter und
dichter werden, denn das Atmen fiel ihm schwer und die Geräusche
schienen wie durch wabernde Schichten in sein Ohr zu kriechen. In
seinem Kopf knisterte es und er sah Scully an, dass sie dasselbe
fühlte. Er drückte auf dem Weg ihre Hand und sah sie besorgt
an.
Hannah stand die Panik in den Augen als Scully zu ihr hineinging
und ihre Hand nahm. Sie hatte Angst vor der Geburt und erzählte
Scully immer und immer wieder von dem Flüstern in ihrem Kopf,
was Scully mit einem Knoten im Hals und einem nervös zuckenden
Augenlid schweigend zur Kenntnis nahm.
Es wird alles gut, Hannah, versuchte Scully sie zu
beruhigen, doch der Blick nach draußen, wo der Himmel sich
langsam merkwürdig verfärbte und aus dem Nichts plötzlich
Wolken auftauchten und sich zu einem dunklen Vorhang
verdichteten, machte ihr ebenfalls Angst und sie wusste, dass
Hannah das auch merkte.
Mulder und Scully warfen sich einen ernsten und vielsagenden
Blick zu, als er den Saal wieder verließ, um draußen vor der
Tür auf den Sitzbänken zu warten. Dabei umklammerte er nervös
den leeren Kaffeebecher in seinen Händen bis dieser zusammenfiel
und versuchte das leichte Beben unter seinen Füßen zu
ignorieren und nicht an seinen kleinen Sohn zu denken, der am
anderen Ende der Welt vielleicht das selbe fühlte und
Höllenqualen litt, weil er zu klein war es zu begreifen.
Zwölf Stunden später
Mulder rieb sich die Augen und sah auf die Uhr, doch sie war
stehengeblieben, wie alle anderen Uhren um ihn herum. Sein Herz
klopfte und seine Brust fühlte sich eng und schwer an.
Er wusste, es musste bald Mitternacht sein und das Baby war noch
immer nicht da.
Die Luft war noch immer dicht und wabernd und schien leicht zu
flimmern, denn sein Blickfeld war auf seltsame Art und Weise
verschwommen. Er versuchte sich mit der Erinnerung an Davids
Geburt abzulenken und merkte dabei, dass Scully schon sehr lange
auf der Toilette verschwunden war. Er machte sich Sorgen und
stand schließlich auf, um nach ihr zu sehen. Dabei meinte er ein
dumpfes Grollen von draußen zu hören und spürte wie sich seine
Nackenhaare aurichteten.
Zur selben Zeit saß Scully mit offenem Mund vor ihrem
Schwangerschaftstest und starrte irritiert wie ein Kaninchen in
die Scheinwerfer eines heranfahrenden Autos auf das Testfeld,
ohne das leichte Vibrieren des Bodens unter ihren Füßen zu
bemerken.
Ihre Gesichtsmuskulatur zuckte unwillkürlich, während sie zu
begreifen versuchte, dass der Test positiv war.
Sie überschlug in ihrem Kopf die Statistiken über falsch
positive Schwangerschaftstests, fand das Ergebnis aber nicht sehr
beruhigend. Sie schloss die Augen um einen Moment nachzudenken
und ihre innere Ruhe wiederzufinden, als es plötzlich an der
Tür klopfte und sie erschrocken zusammenfuhr.
Dana, bist Du da drin?
Hastig griff sie nach dem Test und ließ ihn in den Mülleimer
fallen.
Ja, ich komme sofort! rief sie nach draußen.
Als sie die Tür aufstieß, warf er einen neugierigen Blick in
die Damentoilette und glaubte einen Augenblick im Mülleimer die
Packung eines Schwangerschaftstests zu erspähen, doch bevor er
genauer hinsehen konnte, hatte sie sich in sein Blickfeld
geschoben und sah ihn an als wäre nichts geschehen.
Ist alles okay?
Ja, natürlich. Mir geht es prächtig, antwortete sie
atemlos, aufgesetzt und überhaupt nicht überzeugend.
Mulder funkelte sie skeptisch an und sie zog ihn am Arm weg von
der Damentoilette. Wir sollten zu Hannah und Frank zurück.
Ich glaube, es ist gleich so weit.
Mulder blieb jedoch stehen und hielt sie fest. Hey, bist Du
sicher, dass es Dir gut geht?
Scully sah ihm ernst in die Augen und versuchte zu nicken, was
ihr jedoch nicht gelang. Sie wich seinem Blick zur Seite aus und
schüttelte schließlich zaghaft den Kopf, sie konnte ihm jetzt
noch nichts von ihrer Entdeckung sagen und in ihr vermischten
sich die Gefühle zu einem riesigen Durcheinander.
Hast du keine Angst? fragte sie ihn schließlich, als
er nach ihrer Hand griff und ihre Finger küsste. Er schüttelte
den Kopf, obwohl er sie damit belog. Du bist bei mir! Wir
haben das schon einmal durchgestanden und ich bin sicher, dass es
auch dieses Mal vorübergehen wird.
Dabei nahm er ihren Kopf in seine Hände und sie trat auf ihn zu,
um sich sanft gegen seinen Körper zu lehnen, der ihr so viel
Halt gab. Sie schloss die Augen für einen Moment und sammelte
Kraft. Ich hoffe nur, David geht es gut. Mulder legte
seine Arme um sie während sein Herz zu schmerzen begann. Ich
hab vorhin mit Deiner Mom telefoniert. Er ist zwar wach, aber
seit Wochen weint er zum ersten Mal nicht, sondern liegt in
seinem Bettchen und gluckst vor sich hin. Deine Mom meinte, er
würde sich mit dem Mond unterhalten. Doch Mulder
befürchtete, dass sich David mit einem ganz anderen Licht am
Himmel unterhielt.
Scully sah aus dem Fenster als sie ihren Kopf gegen Mulders Brust
legte und zur Seite über den Flur des Krankenhauses über die
Stadt blickte, über der Blitze zuckten und donnerten. Hinter den
schweren Wolken sah sie ein blaues Licht düster schimmern. Sie
atmete tief durch und schloss wieder die Augen, als Mulder sie
von sich zog und ihr einen Kuss auf die Stirn gab.
Komm, sehen wir nach was Fox macht. Scully sah ihn
irritiert an. Fox?
Mulder schmunzelte. Ja, Hannah und Frank gefällt der Name,
sie wollen das Baby Fox nennen.
Scully schnaubte. Oh Mann, wir sind hier wirklich
Down-Under!
Er lachte erleichtert auf und sie gingen nebeneinander in
Richtung Kreißsaal, während die Welt außerhalb der
Krankenhausgemäuer immer mehr im Dunkeln versank und die Luft
sich erhitzte.
Eine Stunde später tobte ein grausamer
Sturm über der Stadt, die Lichter waren alle ausgegangen und die
Fenster vibrierten unter den wütenden Windstößen. Regen
peitschte gegen die Scheiben.
Aber er war klar und wässrig und Mulder und Scully hatten beide
aufgeatmet, als sie das gesehen hatten.
Und dennoch waren sie sicher, dass etwas nicht stimmte, denn die
Luft war noch immer aufgeladen und schien an ihnen zu kleben.
Mulder knabberte nervös an seinen Fingernägeln und Scully ging
aufgeregt hin und her, in Gedanken mehr bei ihrem eigenen kleinen
neuen Problem als bei Hannah und Frank. Die Erde schwankte unter
ihren unruhigen Schritten und sie betete die ganze Zeit, dass
nicht plötzlich alles um sie herum zusammenstürzen würde oder
etwas anderes Unerwartetes eintreten würde.
Plötzlich zerriss ein gleißender Blitz aus purem Licht die
Luft, und ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem
grollenden Beben der Erde, warf Scully zu Boden. Die Fenster
zersprangen und klirrten laut, als der peitschende Regen
hineinprasselte und Mulder sich über Scully auf den Flur warf,
um sie zu beschützen. Sie schlossen die Augen und rechneten mit
dem Schlimmsten, als es plötzlich so schnell wie es gekommen
war, wieder verstummte. Das weiße grelle Licht, das alles um sie
herum für einen Augenblick überstrahlt hatte, dämmerte und zog
sich zu einem bläulichen Leuchten zurück, das sich über den
gesamten Himmel ausbreitete, wie eine Stoßwelle aus reiner
Energie. Scully atmete auf und Mulder half ihr wieder hoch.
"Ist alles in Ordnung?" fragte er sie mit Angst in
seinen Augen. Sie nickte und strich sich ihren Pullover glatt,
nicht ohne eine winzige Sekunde länger mit ihrer Hand auf ihrem
Bauch zu verweilen um zu begreifen, dass dort ein neues Leben
begonnen hatte während sie alle um ein Haar in diesen Minuten
ihres verloren hatten.
Da stürmte endlich die Hebamme aus Hannahs Zimmer und sah die
beiden schockiert aber mit einem leichten Anflug von
Erleichterung an.
Das Baby ist da", brachte sie nur atemlos hervor und
Mulder und Scully sahen, wie sie am ganzen Körper angesichts der
Umstände dieser Geburt zitterte.
Mulder und Scully ließen sich von ihr ins Zimmer führen und
sahen auf das kleine Wunder herab, das von seinen
überglücklichen und verschreckten Eltern im Arm gehalten wurde.
Hannahs Mann küsste abwechselnd voller Liebe sie und ihren Sohn
und sie strahlten einander erleichtert an, während Mulder und
Scully fast zeitgleich bemerkten, wie das blaue Licht hinter den
Wolken am Himmel noch einmal aufzublitzen schien und einen Moment
das Licht im Raum aufflackerte. Der Himmel krümmte sich
eigenartig und schickte ein erneutes lautes Grollen durch die
Atmosphäre bevor der Strom plötzlich zurückkehrte und die
Lichter in der Stadt unter ihnen wieder aufblitzten.
Scullys Hand suchte zitternd nach der von Mulder als sie das sah
und sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.
Sie sahen stumm dem neuen noch vollkommen aufgelösten Elternpaar
dabei zu, wie es langsam begriff, wie besonders das kleine Wunder
in ihren Armen war.
Dabei hielt Mulder Scullys Hand fest in seiner, während ihnen
schwindlig wurde und ihre Herzen im Gleichtakt immer schneller
schlugen. Sie sahen sich lange und wissend in die Augen und
rührten sich nicht in stiller Ehrfurcht und Erinnerung an ihr
eigenes Wunder.
Es war, als sähen sie in einen Spiegel, denn das Gefühl, das
Hannah und Frank verband, schien geradezu über ihnen in der Luft
zu schweben und alle in den Bann zu ziehen. Es war voller Kraft
und Intensität und Mulder und Scully wussten, dass es von
derselben Natur wie ihre eigene Liebe war.
Dabei hatten sie die ganze Zeit das beglückende, brennende
Gefühl schwerelos durch den Raum zu taumeln, doch daran hatten
sie sich mittlerweile gewöhnt und sie ließen sich schweigend
und bewegungslos hineinfallen während die Welt vor den
zerbrochenen Fenstern leise aufzuatmen schien und der Wind sich
erhob um die elektrisierte, dichte Luft hinwegzufegen. Ein paar
dünne Regentropfen wurden hineingeweht und die Glasscherben auf
dem Boden funkelten wie Diamanten.
Vier Tage später, 16.32 Uhr, Scullys
Appartment
David schlief friedlich in seinem Gitterbettchen und Scully war
froh, dass seine Weinphasen vorbei waren. Sie musste sich
eingestehen, dass sie offenbar doch mit diesem seltsamen Ereignis
am anderen Ende der Welt in Zusammenhang gestanden hatten und das
verunsicherte sie nur noch mehr in Bezug auf die Wahrheit, die in
ihrem kleinen Söhnchen steckte.
Was würden sie noch alles herausfinden? Sie und Mulder hatten
sich entschieden seine Suche nun gemeinsam fortzusetzen. Sie
würden zusammen mit Hannah und Frank nach anderen Paaren suchen.
Es musste noch mehr geben, denn nur so machte dieser unfassbare
Sprung in der Evolution, der ihr David und dieses neue Baby in
ihr geschenkt hatte, einen Sinn.
Sie hielt sich die Hand auf ihren Bauch und merkte, wie ihr Herz
aufgeregt hüpfte und sie Schmetterlinge im Bauch bekam. Seit der
Arzt ihr die Schwangerschaft bestätigt hatte, hatte sie begonnen
es zu akzeptieren und sich ein wenig darauf zu freuen, egal, was
dieses Baby nun wieder mit sich bringen würde.
Sie atmete tief durch und öffnete das Fenster, um den
Frühlingswind hineinzulassen.
Die Luft duftete nach den zarten Kirschblüten und Magnolien,
doch noch immer war es still. Die Vögel waren nicht
zurückgekehrt und Scully hielt jeden Morgen nach ihnen Ausschau,
in der Hoffnung einen von ihnen als erste unter den Wolken
entlanggleiten zu sehen.
Die Welt hatte sich verändert, alle Farben waren prächtiger und
bunter, alle Düfte aromatischer und die Geräusche klangen
melodischer. Es war, als würde die Natur übermütig mir ihrer
Schönheit prahlen. Als würde die Erde ihre Schätze jedem
Beobachter, der ihren Planeten mitten in dieser toten Finsternis
aus vereinsamten weit von einander entfernten Sonnen erblickte,
voller Stolz präsentieren.
Als sie träumend am Fenster stand, sah sie plötzlich die
schwarzen Augen ihres Angreifers wieder vor sich, der sie damals
an demselben Fenster mit dem schwarzen Krebs infiziert hatte. Sie
zuckte zusammen als ihr Atem stehenblieb und stolperte
erschrocken von dem Fenster zurück ins Zimmer. Solche Flashbacks
hatte sie oft und sie wusste, sie würden für immer ein
Bestandteil ihres Lebens sein, auch wenn ihr heute dieser
schwarze Regen, die Bedrohungen und all diese Ängste wie böse
Träume vorkamen. Doch sie waren real gewesen und sie wusste,
dass all das noch immer existierte. Es versteckte sich lediglich.
Sie ging zurück in die Küche. Es war Freitag und wie jedes
Wochenende würden sie sich auf die Suche nach neuen Antworten
begeben. Sie war froh, dass sie das nun fernab des FBI-Budgets
und anderer Regulierungen konnten. Es ließ ihnen so viel mehr
Freiheit in ihren Ermittlungen auch wenn ihr gesamtes Gehalt
dabei draufging.
Sie lächelte, als sie die Einkaufstüten voller Tomatensaft in
der Küche stehen sah. Mulder hatte ihr erzählt, dass er damals
so auf die Idee gekommen war, dass sie schwanger sein könnte und
sie wollte ihm nun auf diese Weise von dem neuen Baby erzählen.
Sie fühlte sich unfähig, es ihm direkt zu sagen, weil sie in
solchen Dingen noch nie sehr gut gewesen war. Sie sah sich,
während sie den Kühlschrank füllte in ihrer Wohnung um. Sie
würde definitiv zu klein werden für vier Personen. Als sie
gerade den Kühlschrank geschlossen hatte und die Tüten
weggepackt hatte, erschrak sie.
Die Tür öffnete sich. Sie sah auf die Uhr. Mulder war viel zu
früh.
Doch er schien seinerseits ebenfalls nicht mit ihr gerechnet zu
haben und sah sie verdattert an.
Sein gesamter Plan drohte zu kippen!
Der heutige Tag war einer der wichtigsten in
seinem Leben abgesehen von dem Moment, an dem er erkannt hatte,
dass er sie liebte.
Ein Gefühl wie warmer Honig floss in Strömen durch seine Sinne,
als er sich daran erinnerte, was diese Erkenntnis damals in ihm
ausgelöst hatte.
Er war von seiner Zeitreise und den Psychopharmaka vollkommen
benebelt gewesen, doch einer Sache war er sich sicher gewesen:
dass der Gedanke auf diesem Schiff, dass die Welt einen anderen
Lauf nehmen könnte und er sie vielleicht nie wieder sehen
würde, ihn damals fast seinen Verstand gekostet hatte. Er hatte
auf diesem wahnwitzigen Trip erstmals wirklich verstanden, dass
sein Leben nur durch sie einen tieferen Sinn bekam. Dass sie die
unbekannte Variable in seiner Gleichung war, die Konstante in
seinem Universum, dass sie die Kraft war, die ihn vor der
Resignation bewahrte. Und das alles nur indem sie ihn eines Tages
aus ihren tiefblauen, wunderschönen Augen angesehen hatte und er
es darin gesehen hatte.
Sie waren so dumm gewesen, sich so sehr davor zu fürchten und es
jahrelang aufzuhalten, anstatt sich diesem Gefühl direkt
hinzugeben und sich davon leiten zu lassen. Denn seit sie
einander hatten, schien alles zu stimmen.
Alles war nun möglich, weil die Dinge um sie herum vor der
Stärke ihrer gegenseitigen Liebe jedes Mal, wenn sie einander
näherten, verblassten wie die Sterne, die vom Licht der Sonne
tagsüber überstrahlt wurden.
So konnten sie nun all das ausblenden, was sie bedrohte und
ängstigte, weil sie wussten, dass sie es gemeinsam schaffen
würden.
Denn die Bedrohung war da und sie sahen sie jede Nacht, wenn der
kleine David vor dem Einschlafen, aus seinen großen blauen
Augen, die er zweifellos von seiner Mutter geerbt hatte,
hinaufschaute und sie geheimnisvoll und sehr unbabyhaft
anlächelte. Das blaue Licht schien dort oben unerlässlich und
gnadenlos auf sie herab in der ständigen Erinnerung daran, dass
sie niemals allein sein würden.
Scully riss Mulder aus seinen Gedanken als sie auf ihn zukam und
ihn erstaunt fragte, was er um diese Zeit schon zu Hause machte.
Er lächelte nur vielsagend und wand sich um sie herum, um die
Tüten mit dem chinesischen Essen auf den Tisch zu stellen.
Sie mussten in einer ganz bestimmten Reihenfolge dort stehen,
damit sein Plan aufging. Sie legte die Stirn in Falten und eilte
ihm hinterher, um sich vor den Kühlschrank zu stellen, damit ihr
Plan ebenfalls aufging.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie begann ihre Nervosität
am Schlawittchen zu packen und direkt an der Wurzel zu packen.
Mulder, ich muss mit Dir reden.
Er war irritiert darüber, dass sie ihm offenbar kaum Zeit lassen
wollte, sich auszuruhen und ihn direkt mit einem Problem
überfiel. Sie brachte ihn aus dem Konzept und sein Herz raste
wild in seiner Brust, als er befürchtete er würde seinen
gesamten Plan wegen ihr umstürzen müssen. Aber so leicht wollte
er es ihr nicht machen, sein Anliegen war wichtiger, egal was ihr
Problem war. Und so fiel er ihr triumphierend und stürmisch ins
Wort. So ein Zufall, ich muss ebenfalls mit Dir reden.
Doch sie blieb standhaft, ihr Anliegen war auf jeden Fall
wichtiger als seins und sie sah ihn ernst an.
Nein Mulder, wirklich. Es ist wichtig. Wir müssen uns
Gedanken über unsere Zukunft machen.
Er war verdutzt. Ahnte sie, was er vorhatte? Es verschlug ihm die
Sprache und seine Stimme klang wesentlich unsicherer, als er sie
dieses Mal unterbrach. Ja, darüber wollte ich eigentlich
auch mit Dir sprechen.
Er seufzte leise, als sein Plan endgültig wie ein Kartenhaus
zusammenfiel. Doch dann warf er einen nervösen Seitenblick zu
dem duftenden China-Essen und sah sie unsicher an. Wollen
wir das nicht auf nachher verschieben und erstmal was essen?
versuchte er die Situation noch zu retten.
Sie sahen einander einen Augenblick schweigend in die Augen,
keiner von ihnen schien willens seine Taktik für den anderen
aufzugeben.
Doch dann schien sie sich zu entspannen und Mulder atmete
ebenfalls auf.
Das schien offensichtlich ein vernünftiger Vorschlag in ihren
Augen gewesen zu sein, denn ihr war der Wind aus den Segeln
genommen und sie ging auf die Tüten zu, während er siegessicher
seinen Plan neuaufbaute. Widerwillig stimmte sie schließlich zu.
Na gut, wenn Du so hungrig bist.
Er sah ihre Enttäuschung und spürte, dass es sie verletzte,
dass ihm offenbar sein Essen wichtiger schien als ihre Zukunft.
Wenn sie nur wüsste! dachte er verzweifelt. Er griff nach ihrer
Hand und drehte sie zu sich. Nein, wenn Dir was auf dem
Herzen liegt, dann sollten wir es gleich besprechen.
Doch nun war der Moment zerstört und ihre Stimmung, es ihm zu
sagen war verflogen. Sie presste die Lippen aufeinander und sah
an ihrem Pullover herunter. Ist schon gut. Das kann warten.
Hast Du auch ein Tofu-Gericht mitgebracht? fragte sie
stattdessen und lugte neugierig an ihm vorbei in die
Plastiktüte.
Er grinste und merkte, wie er wieder nervös wurde. Ja,
aber heute solltest Du mit dem Glückskeks anfangen. Ihr
kam sein Verhalten merkwürdig vor und sie sah ihn an, als würde
sie ihn gleich für verrückt erklären. Was war mit ihm los?
Er kramte in der Tüte herum und holte einen ganz bestimmten Keks
für sie heraus. Danach holte er eine der chinesischen Schachteln
mit dem Essen hervor und stellte sie behutsam auf den Tisch.
Wortlos forderte er sie auf, den Keks zu öffnen.
Ihr Herz schlug plötzlich aufgeregt, sie
spürte, dass er etwas vorhatte. Zögerlich und mit einem
skeptischen Blick öffnete sie den Keks und zog das Zettelchen
hervor, das darin steckte, um es vorzulesen.
Die richtige Antwort lautet Ja
Sie sah fragend zu ihm auf. Was soll das bedeuten?
Er lächelte wissend und warf einen verschmitzten Seitenblick auf
die kleine Schachtel mit dem Essen. Ihr war ganz schwindlig vor
Aufregung und sie hob die Schachtel auf, um sie zu öffnen. Sie
merkte wie leicht sie war und als sich die weiße Pappe
entfaltete, erkannte sie, dass sie nicht mit Tofu, sondern mit
roten Rosenblättern gefüllt war.
Ihre Lippen öffneten sich, als sie langsam begriff, was geschah
und sie hielt den Atem an, als sie zwischen den Rosenblättern
einen Ring im Abendlicht glitzern sah. Oh mein Gott!
Mulder?! entfuhr es ihr aufgeregt als ihre Blicke sich
trafen und einen Augenblick ihre Seelen einander direkt ins
Antlitz schauten, bevor sie den Blick errötet wieder senkte und
fassungslos auf den Ring zwischen den Rosenblättern starrte.
Er brauchte überhaupt nichts mehr zu sagen, denn sie legte ihm
die Hand vorsichtig auf die Lippen und näherte sich ihm vor
Überwältigung am ganzen Körper zitternd und frierend. Ihre
Augen sahen noch vollkommen verwirrt auf seine Lippen oder
vielmehr auf einen Punkt im Nichts irgendwo hinter seinen Lippen.
Sie befürchtete, ohnmächtig zu werden, weil ihre Knie weich
wurden und schwarze Punkte vor ihren Augen tanzten. Selbst der
Wind draußen vor dem Fenster stand still, um auf ihre Antwort zu
warten und die Sonne wartete ebenfalls bevor sie unterging und
leuchtete mit ihrem letzten rotgoldenen Strahl in Scullys Herz
hinein um sie zu stärken.
Beide waren vor Aufregung taub und merkten, wie die Luft unter
der Intensität dieses Augenblicks zu flimmern begann. Mulder
befürchtete, sie würde vor ihm umfallen, so zerbrechlich wirkte
sie plötzlich, als sie auf ihn zukam und ihre Hand, die sich
gerade noch so weich und zitternd auf seine Lippen gelegt hatte,
auf seiner Schulter liegend plötzlich nach Halt zu suchen
schien.
Er wusste nicht, was geschehen würde und umgriff ihre Taille
stützend während er seine freie Hand an ihre Wange legte und
dabei den Blick nicht von ihr abwendete.
Durch seine Berührung schien sie wieder vollkommen in die
Gegenwart zurück zu kehren, denn ihr Blick wurde plötzlich
wieder mit Leben gefüllt und sie schlang ihre beiden Arme um
seinen Nacken und streckte sich zu ihm hoch, um ihn erst noch
ganz vorsichtig, um das Kribbeln in ihrem Bauch loszuwerden, und
dann leidenschaftlich zu küssen. Ihre Lippen bebten und waren so
weich, dass er bei diesem Kuss beinahe die Besinnung verlor. Sie
schlossen die Augen und umarmten sich fest, bis sie nicht mehr
wussten, wo ihr eigener Körper aufhörte und der Körper des
anderen anfing.
Als sie merkte, dass sie keine Luft mehr bekam, löste sie sich
und sah ihn mit glitzernden Augen an. Er schenkte ihr sein
herzerweichendes Lächeln und fragte schelmisch. Und?
Heißt das Ja?
Sie lachte auf als ihr eine Träne über das Gesicht kullerte und
sie ihn wieder umarmte. Sie zitterte noch immer am ganzen Körper
und er hielt sie fest an sich gedrückt, bis er merkte, dass sie
sich beruhigte und diese Gefühlswelle über sie hinweggezogen
war.
Dann löste er sich von ihr und fragte ganz sanft, als ob er
Angst hätte, mit seiner Stimme den Augenblick zu entweihen:
Und was wolltest DU mit mir besprechen? Ihr Magen
schien sich plötzlich umzudrehen und in ihrem Körper wie ein
Flummi auf und abzuspringen, er hatte ihre fein säuberlich zu
recht gelegten Worte, ihr ganzes Konzept vollkommen durcheinander
gebracht und genau so sah sie ihn auch an.
Dann fasste sie sich ein Herz und warf einen Seitenblick auf den
Kühlschrank. Er folgte ihrem Blick und bewegte die Lippen
irritiert in einer Art wortloser Frage. Dann sah er sie zweifelnd
an und als sie ihm zunickte und wieder zum Kühlschrank
hinübersah, lief er zum Kühlschrank und musterte ihn ratlos,
als würde er ihn zum ersten Mal sehen, dann drehte er sich mit
wackelnden Augenbrauen um und sah sie an. "Du brauchst einen
neuen Kühlschrank?" Er veräppelte sie und sie sah ihn
genervt an, während ihr das Herz bis zum Halse schlug.
Schließlich riss er sich zusammen und öffnete die
Kühlschranktür als sein Mund offen stehen blieb. Ein leises
Äh. war das einzige, was er zustande brachte und er
verstummte danach wieder, weil er keine Worte fand, die diesen
Neuigkeiten gerecht werden konnten. Sein Herz überschlug sich
und durch seine Adern schien Licht statt Blut zu strömen als er
sich zu ihr langsam umdrehte und sie anblinzelte. Doch er wollte
es aus ihrem Mund hören und stellte sich dumm, während er sie
leuchtend angrinste.
Du hast also Tomatensaft gekauft. Naja, ich gebe zu, so ein
Fan bin ich nicht davon, aber das wird doch von nun an nicht
zwischen uns stehen, oder? Er genoss es, sie aus dem Takt
zu bringen. Sie atmete tief durch und ging mit gespielter
Genervtheit auf ihn zu, obwohl sie kaum stehen konnte, weil ihre
Knie so weich waren. Sie blieb neben ihm stehen, sah ihm streng
in die Augen und warf die Kühlschranktür neben ihnen zu, als
wolle sie ihm damit drohen. Er hob die Augenbrauen und wartete.
Sie senkte den Blick während ihre Gesichtszüge sich nach einem
inneren Kampf mit ihren Gefühlen langsam entspannten und
plötzlich einem glücklichen Strahlen wichen als sie wieder
aufsah, mit leicht erröteten Wangen und es schüchtern in den
Raum fallen ließ, als würden weiße Brieftauben mit der
Nachricht aus ihrem Mund in die Luft emporflattern.
Wir bekommen noch ein Baby, sagte sie endlich mit
fester Stimme und einem leichten Anflug von Stolz. Es war ihr
peinlich, sie war ungeübt in solchen Dingen, doch als sie es
gesagt hatte, war es als fiele eine Last von ihr, dieses
Geheimnis nicht länger mit sich herumtragen zu müssen. Die
Worte schienen Mulder kaum zu erreichen, so entrückte ihm auf
einmal die Welt auf der sie standen und er spürte wieder diese
Kraft zwischen ihnen, die ihn überrannte und sich seines
Körpers bemächtigte.
Das Blau in ihren Augen leuchtete ihn so intensiv an, dass seine
Sinne sich in seinem Kopf drehten und er nicht mehr
auseinanderhalten konnte, was er hörte und was er sah. Er traute
sich fast nicht, sie zu berühren, weil ihr Körper ihm so
kostbar war und zog sie ganz sanft zu sich, während er den Blick
nicht von ihr weichen ließ und noch immer nach Worten suchte,
die dem gerecht wurden, was er fühlte. Auch sie war so
überwältigt von den Gefühlen, dass sie nicht mehr die
Kontrolle über sich hatte und sich widerstandslos von ihm zu
sich ziehen ließ.
Als sie endlich in seinen Armen landete und ihn mit aller Kraft
an sich festhielt, sah sie Funken aus Energie vor sich in der
Luft herabregnen, ihren Kopf Halt suchend auf seiner Schulter
ruhend, schloss sie die Augen und atmete aus.
Sie waren eine Einheit als sie sich in den Armen lagen und nicht
mehr sagen konnten, was sie dachten und fühlten, weil es sich
von dem, was der andere dachte und fühlte, nicht mehr
unterschied.
Als sie die Augen wieder öffnete und starr durch die Luft
hindurchsah, nahm sie ihren Mut zusammen und gestand ihre
Zweifel. Ich versteh das nicht. Es geht weit über meinen
Verstand hinaus und ängstigt mich."
Sie fühlte Mulders Nicken an ihrer Schulter als er sie noch
fester drückte und in ihr Haar hineinmurmelte. Das können
wir auch nicht verstehen. Es ist größer als wir.
Er löste sich von ihr und sah ihr tief in die Augen, als wären
sie der saphirblaue Himmel ihrer Seele.
Aber wir sind Teil davon und wir müssen daran glauben,
dass es uns retten wird. Das hat es schon so oft getan. Und so
lange ich Dich an meiner Seite habe, werde ich diesen Glauben
nicht verlieren.
Du bist meine einzige Wahrheit, mein einziges Licht. Und ich
glaube, dass die das dort oben auch wissen.
Diese Worte hüllten ihren Verstand einen Moment lang in
glänzendes Weiß und dieses Gefühl in ihr schien sich von ihrem
Körper zu lösen und sich unendlich auszudehnen, während sie
ihrem Körper willenlos folgte und ihn voller Verständnis und
Zärtlichkeit ansah, während ihre Lippen sich weich und samtig
wie rote Rosenblätter auf seine legten und all das Licht durch
ihn hindurchströmen ließen, was sie im Inneren trug und von dem
sie beide wussten, dass es sie immer und immer wieder retten
würde, so lange sie es zuließen und sich davon tragen ließen.
Keiner von beiden hörte den kleinen Vogel, der draußen auf
einem Ast saß und das kleine Mädchen, das in Scully heranwuchs,
zwitschernd begrüßte.
Und keiner von ihnen sah den merkwürdigen unsichtbaren Schleier,
der sich über den Himmel zog und für einen Augenblick die
Wolken verzerrte wie unendlich viele kleine Prismen. Die Luft
erbebte und die Natur erzitterte während eine schwarze zähe
Flüssigkeit aus einem Blütenblatt vor ihrem Fenster herauskroch
um in der Luft zu verdunsten und das blaue Licht, das am frühen
Abendhimmel erschien, für einen Augenblick aufflackern zu
lassen.
*******EPILOG********
Zur selben Zeit 2 Millionen Kilometer über
ihren Köpfen
Die Besucher umkreisten die Erde in unsichtbaren Feldern während
ihr blaues Licht als ständige Warnung an dem winzigen Ausschnitt
des Himmels der Menschen dort unten durch die ankommende Nacht
strahlte.
Sie waren nach so vielen Millionen Jahren endlich dieser einen
Macht begegnet, dieser Kraft, die anscheinend auf diesem
einzigartigen Planeten durch alles hindurchsegnete. Dieser Kraft,
die ihre eigene noch um ein Vielfaches überragte.
Sie waren es gewesen, die damals diesen einen Funken gezündet
hatten, der dem leblosen Planeten Leben eingehaucht hatte, der
aus den toten Molekülen jenes Wunder des Lebens geschaffen
hatte, das sich von da an unablässig weiterentwickelt und allen
Umständen getrotzt hatte.
Und nun hatte es sich gegen sie gewendet. Sie waren von ihrem
eigenen Planeten verstoßen worden, von ihrem menschlichen
Gegenstück, das aus der Natur entsprungen war, die sie selbst
geschaffen hatten. Die Menschen hatten sich weit über das
hinausentwickelt, was sie ursprünglich mit ihnen vorgehabt
hatten.
Und sie hatten Fähigkeiten entwickelt, die den ihren zwar nicht
überlegen aber vollkommen verschieden waren. Und sie hatten
diese eine Macht, die ihnen Angst machte, die so viel stärker
war, als alles, was sie mit ihren zerstörerischen Kräften
ausrichten konnten.
Sie war durch und durch ganz, umspannte die Erde wie ein zartes
Netz und funkelte nur für die stillen Beobachter sichtbar durch
die Finsternis des unendlichen Alls.
Es war eine Macht, die dem Leben innewohnte, die von irgendwoher
plötzlich zu solcher Größe angeschwollen war, in einer
zerstörerischen Zeit, in der nahezu nichts unmöglicher schien
als Liebe. Kein Zeitpunkt war den Besuchern für ihre Invasion
besser erschienen, zu keiner Zeit waren die Menschen einsamer,
egoistischer und angreifbarer gewesen und plötzlich wie durch
ein Wunder, wie durch den Plan einer anderen außerirdischen
Macht war diese Kraft plötzlich aufgetaucht und hatte sie in die
Flucht geschlagen mit dem kleinen Schrei eines menschlichen
Säuglings, der das Produkt tiefer Liebe und vollkommener
Seelenverbundenheit gewesen war.
Er war der erste Mensch, der dieser zerstörerischen bösen
Macht, die seit Beginn der Evolution das Leben durchströmt
hatte, entkommen war. Und das alles nur, weil eines Tages so
unendlich viele Zufälle aufeinander getroffen waren, dass die
Liebe zweier Menschen plötzlich mehr geworden war als eine
bloße chemische Reaktion. Es war eine schöpferische Kraft
geworden.
Es war geradezu ein genialer Plan. Ehrfürchtig schwebten sie nun
viele Meilen über ihnen am Himmel und starrten stumm auf diese
Welt hinab, die einst ihr Zuhause gewesen war, und auf der nun
nach so vielen Millionen Jahren Dinge passierten, die sie
erstmals nicht beeinflussen konnten.
Sie sahen zu wie der blaue riesige Ball scheinbar im Nichts auf
seiner gewohnten Bahn entlangtaumelte, während das Leben auf ihm
fast als wäre nichts geschehen tief Luft holte und den ersten
Atemzug in einer neuen Welt nahm und der Frühling lebendiger als
je zuvor erblühte.
Es war als würde Gott auf sein eigenes Abbild sehen, das sich
von ihm abgewendet hatte, um die Schöpfung in die eigenen Hände
zu nehmen.
Doch sie fragten sich, wer in Wahrheit hinter diesem Plan
steckte, der auf der Erde diese Veränderungen in Gang gesetzt
hatte.
Waren es wirklich die Menschen selbst gewesen? War es nur durch
Zufall die Kraft dieser unendlich tiefen Liebe gewesen?
Oder war es eine andere noch höhere außerirdische Macht, die
ihnen allen überlegen war und die Fäden in der Hand hielt?
Sie alle würden die Wahrheit vermutlich niemals erkennen.
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Then there are those who care not about extraterrestrials,
searching for meaning in other human beings. Rare or lucky are
those who find it. For although we may not be alone in the
universe, in our own separate ways on this planet, we are all...
alone. (JOSE CHUNG)
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*******THE
END*******
*schnüff* *nach Taschentuch greif* Eine
Ära geht für mich zu ende, doch meine zweite FF ist in Arbeit
und ich werde sie in Kürze hier starten ;) (Anm. WoD: Sie
ist schon online, siehe Ex Solitudine J )
Hoffe, es hat euch gefallen und ich habe nicht das ganze Ende
versaut :)