Titel: „Lux et Veritas“, früheren Lesern als „Per manum vulpis“ bekannt

Autor: VancouverX9

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Kategorie:MSR/Mythologie

Rating: R-16

Disclaimer: Mulder, Scully und alle weiteren Charaktere aus Akte X, die in dieser Geschichte vorkommen, gehören leider nicht mir, sondern Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions. Ich habe sie mir nur ausgeliehen und  ein wenig mit ihnen gespielt und hoffe, mir wird deswegen vergeben ;0)  Desweiteren habe ich nicht vor mich an dieser Story in irgendeiner Form zu bereichern, sie dient lediglich der Unterhaltung.

Short-Cut: Ein alternatives Ende ausgehend von dem Punkt, an dem Scully Mulder gebeten hat, der Vater ihres Kindes zu werden (Szene aus Per Manum), anfangs kommen viele Szenen vor, die auch in der Serie so geschehen sind, aber nach und nach verlassen wir den vertrauten Pfad und Ihr könnt eine spannende Geschichte über Mulders und Scullys Versuch, die Welt vor dem Untergang zu bewahren und die Entwicklung ihrer sooooo süßen Liebesbeziehung lesen.

Anmerkung:  Hier ist viel Durchhaltevermögen gefragt, weil es viel Mythologie gibt, aber wer mit dem Ende der Serie unzufrieden war und  ein Shipper aus tiefstem Herzen ist, der wird hier sicherlich glücklich :0)

 

Lux et Veritas

 

 

 

Freitag 18:00 Uhr

„Wunder soll’s ja immer wieder geben!“ Diese Worte ihres Partners hallten durch ihren ganzen Körper und sie musste sich mit aller Kraft an ihm festhalten, um nicht wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Es war ihre letzte Hoffnung gewesen. Ihre letzte Hoffnung, noch all dem einen Sinn zu geben. Sie hatte schon so vieles geopfert, ihre Medizinerkarriere, ihre Gesundheit, ihr Privatleben, alles. Sie wollte nur diesen einen Wunsch erfüllt haben, sie wollte die eine Hoffnung in ihrem Leben haben. Die Hoffnung, wenigstens ein gesundes Kind großzuziehen, das die Möglichkeiten haben würde, die sie alle verpasst hatte. Ein Kind, das diese Suche nach der Wahrheit, nach einer besseren Welt, nicht so sinnlos erscheinen ließe. Doch mit diesem fehlgeschlagenen Versuch waren all ihre Träume im Sand verlaufen. Ihre Finger krallten sich in seine Schultern und sie bebte am ganzen Körper. „Bitte nur nicht weinen, Dana“, sagte sie sich immer wieder.
Ihr zierlicher Körper bebte voller Kraft und Schmerz und Mulder konnte es kaum aushalten, seine Partnerin so zu sehen. Ihre Verzweiflung schlich sich in sein Herz und hüllte es ein, sein Magen verkrampfte sich. Er hatte es sich so gewünscht. Das war er ihr schuldig gewesen. Seinetwegen hatte sie schon zu viel verloren und so sehr er sich im Innersten dagegen gesträubt hatte, der Vater ihres Kindes zu werden, so sehr hatte er es sich auch gewünscht. Um sie glücklich zu sehen, um ihr etwas von dem zurück zu geben, das seine ewige Suche nach den Wahrheiten ihr genommen hatte. Und um ihr noch näher sein zu können.
Sie standen noch eine Weile so da, eng umschlungen, keiner wagte es, sich aus dieser Umarmung zu lösen. Keiner von beiden hatte die Kraft, dem anderen in die Augen zu sehen. Die Nähe des anderen, die Wärme ihrer Körper brauchten sie beide so sehr.
Schließlich hatte Scully sich gefasst. Er hatte Recht, sie dürfe die Hoffnung niemals aufgeben. Doch so sehr sie sich das einredete, die Ernüchterung war zu groß. Sie legte ihr Gesicht an seine Wange und küsste sie noch einmal flüchtig. Er roch so gut, so vertraut. Aber es war genug, sie musste wieder stark sein. Sie löste sich von ihm, blickte zu Boden, suchte dort ihre Kraft. Sie musste ihn jetzt nach Hause schicken, sie musste jetzt alleine sein, sonst würde sich ihr Verstand noch völlig abschalten.

 

Mulder war froh, dass sie den ersten Schritt gemacht hatte und sich wieder von ihm gelöst hatte. Zugleich war er auch traurig, ihre Wärme und ihre Nähe hatten ihn beruhigt.
Er hob ihr Kinn an, ihre tiefen blauen Augen verschwanden hinter einem Schleier von Tränen, den sie mit aller Kraft versuchte zurückzuhalten. Sie war so verletzlich. Es erschreckte ihn immer wieder, was für eine zarte Seele hinter dieser starken Person verborgen war. Es tat ihm in jeder Faser seines Körpers weh, wenn sie litt. Er hatte ihr helfen wollen, für sie da sein wollen. Aber an diesem Punkt war sie alleine mit ihrer Enttäuschung, er wusste nicht, wie er ihr noch helfen sollte. Er wusste, er würde jetzt gehen müssen.
Eine Träne löste sich von ihren Wimpern und lief über ihre Wange. Sie traf auf ihre kirschroten sanften Lippen. Oh, wie gerne wäre er diese Träne. Wie gerne würde er jede einzelne ihrer Tränen mit seinen Küssen aufnehmen. Er konnte sie doch jetzt nicht verlassen! Was sollte er tun?
Scully sah den hilflosen Blick in seinen Augen. Sie schluckte, eine weitere Träne rollte ihr über die Wange.Ein Schauer überkam sie, dieser Moment schien sich in die Ewigkeit zu ziehen. Ihr wurde schwindelig. Waren das die Hormone, die man ihr verabreicht hatte? Oder war sie einfach nur von ihrem Schmerz überwältigt? Sie wurde nervös.
Etwas an diesem Augenblick hatte sich verändert. Eine Spannung lag in der Luft. Warum schaute er sie so an? In seinem Blick lag nun mehr Sehnsucht als Hilflosigkeit. Sie konnte es nicht hören, aber seine Seele rief nach ihrer. Sie hatte Angst, sie spürte wie in ihr selbst dieselbe Sehnsucht aufkam, die sie in Mulders Augen zu lesen glaubte.

 

Mulder spürte, wie ihn in diesem Moment eine Welle überrollte, die durch seinen ganzen Körper fuhr. Er wollte ihr alles geben, was er hatte. All seine Kraft, seine Gefühle. Er wollte sie damit überschütten in der Hoffnung, ihr zu helfen. Ihre Traurigkeit raubte ihm den Verstand.
Scully konnte seinem Blick nicht mehr standhalten und sah auf seine Brust. Doch Mulder hob Scullys Kinn wieder an, so dass sie ihn ansehen musste und versuchte zu lesen, was ihre Augen ihm sagten, ob sie ihm halfen, hier den richtigen Ausweg zu finden.
Heute waren sie sich schon so nah gekommen und er wusste nicht, ob es klug war, sich noch näher heranzuwagen. Nutzte er die Situation vielleicht aus? Er zögerte.

Scully wusste, das war jetzt der Moment, der Moment, der schon so oft zwischen ihnen in der Luft gelegen hatte. Und dieses Mal war sie zu schwach, um sich ihm zu entziehen. Sie wollte es. Sie wollte sich komplett in diesem Moment verlieren. Ihr ganzer Körper kribbelte, aber sie bewegte sich keinen Millimeter und auch er war wie erstarrt.

Mulder spürte, wie die Welle sich in seinem Herzen überschlug. Er liebte sie in diesem Moment so sehr und er hatte dieses Mal nicht die Kraft sich dagegen zu wehren.

 

Seine Lippen berührten sanft und doch voller Kraft ihre. Sie waren so weich. So voller Leben. Sie duftete so. Er atmete tief ein. Er wollte alles von ihr in sich aufnehmen. Er hatte das Gefühl zu zerspringen.
Seine Lippen schmeckten so süß, sie hatte sich immer gefragt, wie sie sich anfühlen. Es war als würde ihr Mund von einem zarten, warmen Frühlingswind gestreichelt. Sie erwiderte seinen Kuss mit all der Intensität, die sie in diesem Augenblick verspürte.
Die Luft um sie herum knisterte und die Zeit stand still.
Seine Arme hielten sie fest und er drückte sie an sich. Sie wollte jetzt schwach sein. All ihre Stärke, ihre ganzen Hüllen, all das, was sie sich zugelegt hatte, um in der Testosteron-Domäne des FBI zu überleben, es fiel alles von ihr. Sie sank in seinen Armen zusammen, verschmolz mit ihm in diesem Kuss.
Sie beide wollten in diesem Moment alles vergessen, sie brauchten diese Nähe, sie waren beide einsam und es war als explodierten in diesem Moment all die Gefühle, die sich in den letzten Jahren aufgestaut hatten, als sie sich immer leidenschaftlicher in diesem Kuss verloren und er sie schließlich aufhob und in ihr Schlafzimmer trug.

Sein Verstand hatte endgültig kapituliert und Scully hielt ihn nicht auf. Tief in ihrem Inneren rief etwas „HAAALT !“, doch sie verschloss es in ihrer Tiefe und warf den Schlüssel weg. Ihre Sinne waren von all den Ereignissen so verwirrt und ihr Körper fühlte sich nach der heutigen Enttäuschung so leer und fremd an, dass sie Mulders Körper jetzt bei sich brauchte um sich wieder lebendig zu fühlen. Sie ließ sich in diesen Augenblick fallen und um sie herum verschwand alles.

 

Samstag, 2:00 morgens

Der Regen pochte leise gegen das Schlafzimmerfenster. Das Licht einer Straßenlaterne schien durch das Fenster. Es schien direkt auf ihre sanfte seidene Haut. Ihre großen Augen waren geschlossen, ihre Lippen waren leicht geöffnet. Sie lag zusammengerollt neben ihm und schlief. Im Mondschein wirkte sie so zart, so unwirklich.
Mulder war verwirrt. Es war so schnell gegangen und es war so intensiv gewesen. So schön. Er hatte danach kein Auge zugetan. Und er wollte auf keinen Fall da sein, wenn sie aufwachte. Er hasste diese „Am-Morgen-danach-Szenen“. In diesem Fall fürchtete er sich sogar davor. Vorsichtig und leise zog er sich an. An der Schlafzimmertür drehte er sich nochmal um. Die Welt schien perfekt zu sein in diesem Moment. Wer weiß, wie das hier ausgehen würde. Also ging er noch einmal zu ihr hin, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und schlich sich dann aus ihrer Wohnung.
Auf der Fahrt nach Hause schossen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Er hatte es gewollt, aber er hatte nie darüber nachgedacht, was danach sein sollte.
Er wusste, dass es Liebe war. Sie hatten sich immer geliebt. Aber das machte sie beide so viel verletzlicher, angreifbarer. Das konnten sie sich nicht leisten. Das wussten sie beide und es war immer wie eine unausgesprochene Abmachung zwischen ihnen gewesen.
Ihre Freundschaft hatte Scully schon zu viele Opfer gekostet. Deswegen war in seinem Leben nie für mehr Platz gewesen als für seine Suche nach Antworten. Er war immer einsam gewesen.
Doch heute war er so überwältigt gewesen von Scullys Bitte der Vater ihres Kindes zu werden. Und er war ebenso enttäuscht wie sie gewesen, dass es nicht geklappt hatte. Das hatte ihn überrascht.
Es hatte ihn schwach werden lassen, er hatte alle Prinzipien über Bord geworfen und war seinem Impuls gefolgt. Was hatte er sich nur dabei gedacht?
Ihm wurde heiß, er parkte sein Auto halb auf der Straße, rannte durch den strömenden Regen in seine Wohnung, packte dort hastig ein paar Sachen zusammen und rannte zurück in sein Auto. Seine Füße waren klatschnass. Er hatte seine Socken bei ihr vergessen. Allein der Gedanke an sie machte ihn verrückt. Er musste weg hier. Nur für das Wochenende. Den Kopf klar bekommen.

 

Montag, 7:30 Uhr

Scully stieg aus ihrem Wagen aus und ging mit festen Schritten in das FBI-Gebäude, stieg in den Fahrstuhl und fuhr in den Keller. In ihrem Kopf drehte sich alles, ihr Magen wirbelte herum und ihr Mund war trocken.
Sie hasste ihn. Sie hasste ihn dafür, dass er nicht da gewesen war. Sie war aufgewacht ohne ihn bei sich zu haben. Insgeheim hatte sie befürchtet oder vielleicht sogar gehofft, dass sie ihn am Morgen nicht neben sich finden würde. Aber sie hatte sich so verlassen gefühlt. Es war plötzlich so still und leer gewesen. Sie wusste auch nicht, was genau sie eigentlich von ihm wollte, aber sie hätten sich wenigstens wie Erwachsene darüber unterhalten können. Und nachdem sie vierundzwanzigmal versucht hatte, ihn anzurufen, war sie sogar bei ihm vorbeigefahren. Sie hatte sich Sorgen gemacht. In seiner Wohnung waren auch keine Hinweise auf seinen Verbleib gewesen und sie war dort drei Stunden lang herumgewandert und hatte auf ihn gewartet. Dort roch es wenigstens überall nach ihm, doch er war nicht aufgetaucht. Er hatte sich der Verantwortung einfach entzogen.

Das war typisch. Sie war wütend, sie fühlte sich verraten. Sie hatte sich ihm in ihrer ganzen Verletzlichkeit hingegeben, hatte ihm vollkommen vertraut und er schien es ebenso gewollt zu haben wie sie. Es war so schön gewesen.

Und jetzt war es so, als wäre das alles gar nicht passiert und es beschlich sie das Gefühl, diese Nacht wäre ein großer Fehler gewesen. Sie hatte vollkommen die Kontrolle verloren. Am Freitag war es noch schön gewesen, die Zügel einmal vollkommen aus der Hand zu geben, aber mittlerweile war so ein Durcheinander in ihrem Kopf, dass sie richtig wütend wurde. So war sie doch sonst nie! Eine rote Haarsträhne fiel ihr seitlich ins Gesicht. Sie starrte auf ihre Hände.

Sie war vollkommen in Gedanken versunken als sich die Fahrstuhltür öffnete. Unter der Tür des Büros kam ein Lichtschein durch. Er war da! Sie hatte so gehofft, früher als er da zu sein.

Ihre Schritte waren nun nicht mehr so sicher, sie hatte das Gefühl, die Schwerkraft würde sich auflösen und sie würde in den Himmel fallen. Sie stützte sich kurz an der Wand ab, starrte an die Decke und hielt inne. „Reiß dich zusammen! Einer von uns muss hier doch bei Vernunft bleiben,“ dache sie sich, atmete tief durch und ging weiter auf das Kellerbüro zu.

Als sie die Tür vielleicht etwas zu schwungvoll aufriss, saß er hinter seinem Schreibtisch. Er sah so wunderbar aus. So lieb und so sanft! Und sie wäre ihm am liebsten direkt um den Hals gefallen. Er blickte auf – dieser unschuldige Ausdruck lag in seinen Augen.
Sie fühlte, wie sie weich wurde. Das machte sie wütend. Und sie ließ die Tür ein wenig unsanft hinter sich zufallen.
Ein etwas unsicheres und schüchternes „Hey!“ entwich ihm. Hey? Das war alles, was er sagen konnte? Ihre rechte Augenbraue zuckte. „Hey!“ gab sie knapp zurück. Ihre Stimme zitterte leicht. Sie ging näher auf den Schreibtisch zu.
Sie wussten nicht, wo sie hinsehen sollten. Ihre Blicke trafen sich und blieben aneinander kleben. Keiner von Beiden wusste mit dieser Situation umzugehen. Keiner wollte den ersten Schritt wagen, die Stille, die so schwer in der Luft lag, durchschneiden.
Scullys Absätze hallten auf dem Kellerboden laut und hart. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Ich hab’ einige Male angerufen, aber es war niemand da ,“ sagte sie so wenig vorwurfsvoll und so ruhig, wie es ihr möglich war. „Ja, ich – bin übers Wochenende weggefahren. Ich...,“ sagte er verlegen und brach ab, denn er wusste nicht weiter. Er schämte sich für seine Unzulänglichkeit und er war verletzt über die Kälte, die in ihrer Stimme lag. Er fror.

Sie gab nur ein tiefes und kurzes „Hm!“ von sich und blickte dann geistesabwesend auf seinen Schreibtisch. Ihre Lippen presste sie aufeinander, ihr Gesicht war starr. Sie war selbst überrascht, wie abweisend sie war. Das hier lief in die vollkommen falsche Richtung. Aber sie war einfach zu aufgewühlt und er war so still.
Sie griff eine Akte, ihre rechte Augenbraue zuckte kurz und dann setzte sie an: „Das sind die Laborergebnisse von Mr. Woodwards DNA-Analyse. Ich hatte sie schon erwartet.“ Sie blätterte die Akte durch um Zeit zu gewinnen. Hoffentlich merkte er nicht, dass ihre Hände zitterten.
Mulder war erleichtert, dass sie ebenso unsicher war, wie er. Er würde das Thema auch am liebsten ignorieren, aber er sah, dass ihre Gedanken überall waren, nur nicht bei dem Fall, doch sie ließ es sich nicht anmerken.
„Allem Anschein nach stammen die Haare aber nicht von ihm. Hm. Ich denke, wir sollten noch die Ergebnisse abwarten, die die Untersuchung der grünen Fasern, die unter Lisas Absätzen gefunden wurden, ergibt.“ Stille. Sie klammerte sich an der Akte fest. Am besten, sie würden das alles vollkommen ignorieren. Sie beide waren noch nie gut darin gewesen, über so etwas zu reden. Und sie fühlte sich viel zu schutzlos, um jetzt darüber zu sprechen. Es kam ihr vor, als stünde sie nackt vor ihm. Sie fror.

Er sah, dass sie leicht zitterte. Das beruhigte ihn. Er kam sich so dumm vor hinter diesem Schreibtisch zu sitzen und völlig hilflos zu ihr hochzustarren. Das gab ihm Mut, diese unerträgliche Stille zu durchbrechen.
„Scully – ich…,“ setzte er gerade an und wollte das Thema so feinfühlig wie möglich angehen, ohne zu wissen, was er eigentlich sagen wollte.
Sie merkte, dass er vollkommen überfordert war. Wie sie. Doch sie war die Stärkere von beiden, sie wollte ihm entgegenkommen, doch sie war so verletzt. Warum hatte er sich nicht gemeldet? War das nur ein One-Night-Stand für ihn gewesen?
„Schon gut, Mulder. Wir müssen nicht darüber reden. Es…“ Ihre Stimme war so abweisend. Sieh sah ihn nur ganz flüchtig an und starrte dann wieder auf den Laborausdruck in der Akte.

Was sollte das bedeuten? War sie wütend? Er fühlte sich abgelehnt. Und resigniert. Er hatte Angst, vor dem, was sie sagen könnte. Er wollte nicht derjenige sein, der zurückgewiesen wird. Er fiel ihr ins Wort.
„Es war ein Ausrutscher. Vielleicht sollten wir es einfach - - - vergessen,“ beendete er ihren Satz fast fragend. Hilflosigkeit lag in seiner Stimme. Was hatte er gerade gesagt? Sie war doch keiner seiner One-Night-Stands. Sie war Scully und er hatte genau gewusst, was er tat, als er sie ins Bett trug.

Ihr Blick hob sich, traf ihn mitten ins Herz. Ihre blauen Augen waren so dunkel und so tief, wie das Meer. Er konnte zum ersten Mal nicht lesen, was darin stand. War es Wut? Verständnis? Traurigkeit? Glitzerten ihre Augen, weil sie sich mit Tränen füllten? Oder funkelten sie, weil in ihnen Wut flackerte?

Sie spürte wie ihr das Blut in den Adern gefror. Ein Ausrutscher! Sie glaubte nicht, dass er das gesagt hatte. So war er gar nicht. Das war nicht der Mann, den sie gebeten hatte, der Vater ihres Kindes zu werden. Das war nicht der Mann, der am Freitag bei ihr gewesen war.

Sie seufzte. Genau das war der Grund, warum man nichts mit Arbeitskollegen anfangen sollte. Aber Mulder war kein Arbeitskollege. Er war ihr Partner. In jeder Hinsicht.

Ein Ausrutscher! Je mehr sie das Wort durch ihr Gehirn kreisen ließ, desto mehr glaubte sie daran, dass es das für sie auch gewesen war. Sie sah ihn an. Er wirkte klein und verletzlich. Wie ein kleiner Junge saß er da und versteckte sich hinter dem Schreibtisch. Seine Schwäche ließ sie sich stärker fühlen.

„Ein Ausrutscher.“ Sie hielt den Atem an. Ihre Stimme klang nun fest und fiel in das Zimmer wie ein Eisblock. Die Stille gefror zwischen ihnen. Eine Fliege brummte am Kellerfenster. Der Computer im Nebenzimmer surrte.
Sie wusste nicht, wie dieses Gespräch nun noch in die richtige Bahn gelenkt werden sollte. Sie wusste nicht einmal, was richtig war und was falsch. Sie starrten sich an. Aber ihre Seelen waren einander so fremd in diesem Moment.
Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, atmete ihre Wut aus und wendete ihren Blick wieder von ihm auf die Akte. „Ich werde das hier im Labor nochmal checken und bin dann in Quantico. Wir sehen uns morgen.“

Sie warf ihm noch einen flüchtigen Blick zu und klappte die Akte zu. Wenn sie jetzt nochmal in seine traurigen Augen sehen würde, würde sie sich sicherlich weinend um seinen Hals werfen, also wendete sie sich schnell ab, drehte sich um und verließ das Büro. Als sie im Fahrstuhl stand, bemerkte sie, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Was war nur schiefgelaufen?


Sie war weg. Mulder hatte das Gefühl, in sich zusammmen zufallen. Ein Ausrutscher! So eine blöde Wortwahl. Der beste Ausrutscher seines Lebens vielleicht. „Idiot!“ schimpfte er in die Leere des Zimmers. Er stand auf und kickte den Mülleimer voller Wucht gegen die Wand.
Er hatte sie verletzt. Er hätte wissen müssen, dass sie von ihm mehr erwartete. Nach all dem, was am Freitag passiert war. Doch er war einfach verschwunden. Der Kloß in seinem Hals schnürte ihm die Kehle zu. Er versuchte ihn herunter zu schlucken.
Was war nur los mit ihnen? Sie waren Seelenverwandte und plötzlich wegen einer Nacht war die ganze Welt auf den Kopf gestellt, nichts war mehr so wie vorher. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Würden sie jemals darüber hinwegkommen?

Erst einmal mussten sie beide diesen Tag überstehen. Und den morgigen. Und den Rest der Woche. Vielleicht würden sie irgendwann einmal darüber sprechen können. Er starrte noch lange danach auf die Türe, die hinter ihr ins Schloss gefallen war.

Montag, 22:30

 
Den Wagen hatte er angelassen. Mittlerweile waren die Scheiben von innen beschlagen. Seit einer halben Stunde saß er hier draußen in der Dunkelheit und wusste nicht, ob er zu ihrer Tür gehen sollte. Hatte sie ihn vielleicht längst bemerkt und ignorierte ihn? Oder saß sie drinnen und hoffte, dass er vorbei kommen würde? Sonst hatte er immer gewusst, was zu tun war, sonst waren sie ein Team und nun kam es ihm vor, als hätte er in einem Krieg die Seiten gewechselt und müsste gegen seine eigenen Leute kämpfen. Er griff nach neuen Sonnenblumenkernen in der Tüte auf dem Beifahrersitz. Doch sie war leer.

Es hatte endlich aufgehört zu regnen und die letzten Tropfen liefen außen an seiner Autoscheibe hinunter und glitzerten im Licht der Straßenlaterne.
Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde er es dann wieder tun? Wahrscheinlich. Denn auch jetzt würde er am liebsten in ihre Wohnung stürmen und sie in seine Arme nehmen, ihren Duft einatmen, in ihre tiefen Augen sehen - doch es war anders. Er hatte kalte Füße gekriegt und war weggelaufen. Er hoffte so, dass sie ihm das verzeihen würde. Warum hatte sie ihm diese Verantwortung aufgebürdet? Warum hatte sie ihn nur gefragt, ob er ihr bei ihrem Kinderwunsch helfen könne?
Die Antwort wusste er und das war auch der Grund, warum er am Wochenende verschwunden war. Es war einfach zu stark für ihn. Und auch jetzt brachte er den Mut nicht auf, diese Gefühle von ihm Besitz ergreifen zu lassen. Er spuckte die letzte Schale seiner Sonnenblumenkerne aus, wischte das beschlagene Frontfenster frei, knipste das Licht wieder an und fuhr nach einem letzten Blick auf ihr leeres, stummes Fenster endlich nach Hause.

Scully bemerkte, dass es aufgehört hatte zu regnen. Die Stille um sie herum erdrückte sie und sie vermisste ihn. Sie ging aus dem Bad ins Wohnzimmer, strich den Vorhang beiseite und blickte durch die Lamellen ihrer Jalousien nach draußen. Ein Wagen bog gerade um die Ecke und brauste davon.
Wäre er doch nur vorbei gekommen! Warum war sie nur so kühl zu ihm gewesen? Sie kannte ihn doch. Sie hätte wissen müssen, dass er verschwinden würde. Und doch hatte es sie getroffen. Weil sie spürte, dass er dieselben Ängste hatte wie sie. Sie blockte sonst auch immer ab, wenn ein Gefühl so stark wurde, dass es ihr den Verstand zu rauben begann.
Sie liebte ihn, schon so lange. Aber musste sie dann nicht auch die Kraft haben, seine Ängste zu respektieren? Ihre Beziehung so zu akzeptieren, wie sie war?

Es waren die konservativen Ansichten gewesen, die sie in ihrer Familie beigebracht bekommen hatte. Ihr permanentes Schuldbewusstsein gegenüber ihren Eltern, dieses Pflichtgefühl, ihren Eltern gefallen zu müssen. Wie oft hatte ihre Mutter sie gefragt, ob sie und Mulder zusammen seien? Ob sie nicht ans Heiraten denken wolle. Dass sie doch versuchen solle, nach ihrer Krebserkrankung noch ein Kind zu bekommen. Aber hatte sie Mulder da mit hineinziehen müssen? War ihre Partnerschaft nicht gerade schöner und intensiver als je zuvor gewesen, gerade weil sie so unkonventionell war?

Sie hatte sich einmal zu viel von dem Chaos in ihr leiten lassen.
Es war ein Ausrutscher gewesen. Mulder hatte Recht gehabt.
Sie sah noch dem letzten Tropfen nach, der an ihrer Scheibe herunterkullerte und ließ dann mit einem Seufzer den Vorhang zurückfallen.

Dienstag, 6:30 morgens


Scully trocknete sich ab. Der letzte Tag war so unwirklich gewesen. Alles seit Freitag war unwirklich gewesen. Vielleicht war es alles gar nicht passiert? Sie schmunzelte bei dem Gedanken an die Pilzsporen im Jahr davor. Vielleicht war das hier alles nur eine Halluzination.

Sie zog sich an, ihre Hände glitten dabei über ihren Körper, über all die Stellen, die er am Freitag auch berührt hatte. Oh, doch es war alles passiert. Sie hatte jeden Moment in sich aufgenommen, in ihrer Seele eingebrannt. Jede Berührung, jeden Kuss, jeden Blick, sie konnte noch immer seine Lippen schmecken. Seinen Duft riechen.
Sie zog sich weiter an, griff ihre Autoschlüssel und ging zur Wohnungstür. Ihr Blick fiel auf etwas Schwarzes auf dem Boden neben der Couch.
Er hatte seine Socken liegen lassen. Er war offensichtlich hastig aufgebrochen in der Nacht. Wieso hatte sie sie noch nicht gesehen? Es kam ihr albern vor, aber diese Socken lagen da und kamen ihr vor wie ein furchtbares Mahnmal. Sollte sie sie einfach behalten und weiter ignorieren, was passiert war? Oder sie ihm heimlich in die Wohnung legen? „Sei nicht kindisch“, dachte sie sich. Sie hob die Socken auf, rollte sie zusammen und ging mit ihnen aus dem Haus.

Mulder saß an seinem Schreibtisch und spitzte gedankenversunken einen Bleistift an.

Sie würde gleich wieder kommen. Aber heute kam es ihm nicht mehr so verrückt vor. Der Tag, die 24 Stunden Funkstille, die nun zwischen ihnen lagen, hatten das alles in ungreifbare Ferne gerückt. Vielleicht war das alles gar nicht passiert. Er hatte das Gefühl oder zumindest die Hoffnung sie könnten irgendwie wieder zu einander finden.
Die Sonne hatte ihn heute Morgen geweckt. Es war so ein schöner Tag. Er wollte sie heute bei sich haben. Mit ihr zu Mittag essen. Wenn es sein musste auch etwas Gesundes.

Der Bleistift brach ab. Er fing an, ihn nochmal anzuspitzen.

Er hasste es, wenn etwas zwischen ihnen stand. Doch dieses Mal war es ein großes Etwas. Er hörte wie die Aufzugtür aufging und sie auf den Gang trat. Er erkannte Ihre Schritte direkt. Sein Herz schlug im Takt ihrer klappernden Absätze. Er lächelte. Sie trug immer diese hohen Absätze, damit sie neben ihm nicht so klein wirkte. Das war süß. Doch sein Lächeln wich schnell wieder von seinen Lippen.

Ihm wurde mulmig. Gleich würde die Tür aufgehen. Würde sie wieder so kühl sein? War sie noch wütend?

Er hasste sich immer noch für seine Wortwahl. Und er war immer noch verletzt, weil sie so kühl gewesen war. So ganz anders als am Freitag. Die harte Fassade, die sie sonst nur für ihn abbaute, hatte sie wie einen dicken Panzer um sich aufgetürmt und ließ ihn nicht an ihr Herz.

Schließlich gab er es auf, der Bleistift war schon wieder abgebrochen. Er warf ihn in die Schublade zu all den anderen angespitzten Bleistiften und versuchte sich voll und ganz auf sie einzustellen. Egal was kommen würde, heute wäre er in der Lage es zu meistern. Ihre Partnerschaft war ihm zu wichtig, um das hier vollkommen eskalieren zu lassen. Er wusste, irgendwie würden sie hier wieder herauskommen.
Er zupfte an seiner Krawatte - er hatte extra ihre Lieblingskrawatte angezogen, jedenfalls glaubte er, dass sie diese am liebsten mochte - und starrte auf die Tür wie ein scheues Reh in den Lauf eines Gewehres.


Scully klammerte ihre rechte Hand um das zusammengerollte Sockenpaar. Sie fühlte sich heute stärker, sie würde heute alles wegstecken, jede Abweisung, wenn sie nur wieder zu einem normalen Umgang miteinander zurückfänden.
Es lag dieser ganze Tag zwischen ihnen. Sie hatten immerhin darüber gesprochen und wenn das Gespräch auch schlimmer gewesen war als das Wochenende in Ungewissheit, so war sie froh, dass sie nun wenigstens wusste, woran sie bei ihm war. Oder nicht?

Sie war sich inzwischen sicher, dass es ein Fehler gewesen war, so viele Schmerzen wie ihr das im Nachhinein bereitet hatte. Und da er das anscheinend auch so sah, konnten sie vielleicht einfach ihre unsichtbare Grenze wieder hochziehen und weitermachen wie bisher. Sie würde nicht die Kraft haben, ihn weiterhin so abzuweisen wie gestern.

Die Sonne schien draußen und sie hatte heute keine Lust mehr auf ihren Kummer. Ihr Körper kam ihr wieder so fremd vor. Es war so viel mit ihr passiert. Die künstliche Befruchtung war ihr so erniedrigend, so nüchtern vorgekommen. Mulders Berührungen dagegen waren so schön und beruhigend für sie gewesen. Das alles verwirrte und schmerzte sie jetzt und in ihrem Bauch tobten Schmetterlinge.

Sie wollte sich davon ablenken. Sie liebte ihre Arbeit. Sie wollte nicht, dass ihr das auch noch genommen wurde. Sie wollte, dass es wenigstens hier unten wieder so war, wie immer. Nach alldem, was sie schon zusammen durchgemacht hatten, hatten sie hier unten immer ihr Refugium gehabt. Hier waren sie immer abgeschirmt von allem gewesen. Es war ihr gemeinsamer Spielplatz, an dem ganz ungezwungen und behütet ein Leben stattfand, das nichts mit all den Gefahren, Abenteuern und Schmerzen zu tun hatte, mit denen sie in der Welt da draußen konfrontiert wurden.
Ganze Samstage hatte sie hier in ihrem Tofu-Salat herumstochernd damit zugebracht, Mulder von irgendwelchen vollkommen wahnsinnigen Vorhaben abzubringen. Mit ihm hatte sie hier bergeweise Daten vom SETI-Projekt und sämtliche Hirngespinste von den drei einsamen Schützen durchwühlt. Sie schluckte. Wieso hatte sie das alles riskiert? Nur hier unten mit ihm hatte sie sich immer vollkommen sicher gefühlt, sich hunderprozentig auf ihn eingelassen, sich ihm geöffnet und ihm vertraut. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie das nach der Nacht, dem Ausrutscher, nochmal können würde.
Sie zitterte wieder als sie darüber nachdachte, dass er vielleicht doch nur ein Mann gewesen war, der ihre Schwäche ausgenutzt hatte.
Ihr Griff um das Sockenpaar in ihrer Hand verkrampfte sich. Sie steigerte sich schon wieder in etwas hinein, das gar nicht existierte. Sie kannte Mulder.
Und deswegen würde sie jetzt den ersten Schritt wagen. Denn sie hatte auch am Freitag den ersten Schritt gemacht und hatte seine Intimsphäre verletzt. Plötzlich bekam sie Herzrasen, hatte sie tatsächlich von ihm erwartet, der Vater ihres Kindes zu werden? Hatte sie überhaupt eine Minute überlegt, was das für ihn bedeutet hätte? Für sie beide?

Sie hielt eine halbe Sekunde lang inne. Es schien als stockte der Atem der Welt. Die Uhr schien still zu stehen. Dann öffnete die Tür zum Büro. Er war wie immer schon vor ihr da. Sie war nervös. All der Mut, der in ihrem Körper schlummerte, war jetzt nötig, um diesen Tag besser zu beginnen als den vorigen.

Als sie ihn am Schreibtisch sitzen sah und er zu ihr aufblickte bemühte sie sich, ein vollkommen normales „Morgen!“ über ihre Lippen zu bringen. Er sah sie vorsichtig an, wusste nicht so recht, ob er lächeln sollte, ihren Gruß erwidern sollte oder auf Abwehr schalten sollte. Sie wirkte nicht, als wolle sie den gestrigen Kampf weiter austragen und kam direkt auf ihn zu. Ihre Augen war fest auf das „I want to believe“ - Poster hinter ihm fixiert. Sie schien seinen Blicken auszuweichen, als wolle sie nicht, dass er das Gefühlschaos in ihrem Gesichtsausdruck las.

Er freute sich, sie zu sehen. Durch seinen Körper floss ein Gefühl wie warmer Honig als er merkte, dass der kalte Panzer von gestern um sie herum verschwunden war. Sie wirkte beinahe wieder so wie seine Scully. Wie eine von diesen kleinen Porzellanfiguren, die seine Mutter gesammelt hatte: Zwar nach außen kühl, aber zart und wunderschön. Und zerbrechlich.

Vor seinem Schreibtisch blieb sie stehen, löste ihre Augen von dem Poster und senkte den Blick auf etwas Schwarzes in ihren Händen. Mist! Seine Socken! Sein Herz schlug schneller. Sie lagen in ihren Händen wie eine schreckliche Erinnerung an etwas, das er gerade eine Sekunde vergessen hatte.

 

Sie legte die Socken behutsam auf den Tisch zwischen ihnen beiden und atmete tief durch. „Okay, Dana, vermassel das jetzt nicht wieder!“ sagte sie sich im Inneren. Sie setzte sich. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, sie starrte ihre Nägel an. Dann räusperte sie sich fast unmerklich und fing an, am Saum der Socken vor ihr herumzufummeln und starrte vor sich auf den Tisch.

Keiner von beiden sagte etwas, keiner traute sich jetzt. Es war heiß hier unten. Stickig. In dem Büro über ihnen knarzte etwas, ein Stuhl wurde verrückt. Das riss Scully aus ihrer Trance.

Sie befeuchtete mit ihrer Zunge die Lippen, sie waren so trocken. Ihre Augen fanden den Weg weg von den Socken zu seinen wunderschönen Augen und sie sah ihn fest an.
„Mulder –„ ihr Blick verlor den Halt, sie schaute wieder auf die Socken, dann wieder in seine Augen. Ihr Herz war so schwer in ihrer Brust. „Ich hätte Sie nicht fragen sollen, das für mich zu tun.“ Die Stille erdrückte die Luft um sie herum. Sie zitterte, sie musste das jetzt durchziehen. „Ich --- habe die unsichtbare Grenze zwischen uns überschritten. Sie wollten für mich da sein, wie sie es immer gewesen sind und ich habe das ausgenutzt.“
Sie fühlte sich schlecht. Jemand bohrte ihr ein unsichtbares Messer in den Magen. Hatte sie wirklich „ausgenutzt“ gesagt? Warum musste sie eigentlich so übertreiben? Ihr wurde übel.

Ihre Augen wurden von Tränen benetzt. Ihr Blick senkte sich wieder auf ihre Hände. Auf die Socken. Ja, sie hatte ihn wirklich benutzt, sie hatte sich an jede Hoffnung geklammert. Insgeheim hatte sie so sehr gehofft, schwanger zu werden. Dieser Wunsch war stärker als alles gewesen, sie hatte sich davon leiten lassen. „Nicht schon wieder losheulen!“ flehte sie sich an.

Mulder war sprachlos. Sie hatte ihn doch nicht ausgenutzt. Fast musste er lächeln. Im Gegenteil: er fühlte sich schuldig. Und er war dieses Gefühl so leid. Warum mussten sie beide sich mit so vielen Schuldgefühlen plagen wegen einer Sache, die so wunderschön gewesen war?

Sie klang so traurig und doch hatte sie so viel Mut und Kraft, das auszusprechen, was das ganze Wochenende offensichtlich in ihrem Kopf vorgegangen war und ihr den Schlaf geraubt hatte.
Er hatte die Ringe unter ihren Augen bemerkt. Er hatte auch keine Minute in den Schlaf gefunden. Er fühlte wieder das Bedürfnis nach ihrer Nähe, danach, sie wieder zum Lachen zu bringen. Sein Herz hüpfte.
Er nahm seine Hand und legte sie auf ihre. Die Berührung, die Wärme ihrer Hände, ihre sanfte Haut, die Bilder ihres Körpers schossen ihm durch den Kopf. Er würde sie nie wieder vergessen können. Er hatte es gewusst. In dem Moment, als er ihr zugesagt hatte, ihr bei ihrem Kinderwunsch zur Seite zu stehen, hatte er gewusst, dass es irgendwie zwischen sie kommen würde. Er hatte ihren Duft seit Freitag in der Nase gehabt, seine Hände kribbelten noch von all den Berührungen auf ihrer weichen Haut. Ihr weiches, rotes Haar kitzelte noch immer in seiner Nase. Er sah sie an. Eine rote Strähne löste sich hinter ihrem Ohr und fiel ihr ins Gesicht. Legte sich gegen ihre Wange. Wie gerne wäre er diese Strähne...

 

Es war Zeit, dass er etwas sagte, sie hatte sich ihm geöffnet und er musste das endlich auch tun, wenn er sie nicht wieder verletzen wollte. Fast unmerklich zuckte seine Hand auf ihrer.

Sie sah zu ihm auf. Da waren sie wieder, diese unglaublich blauen Augen. Und er konnte endlich wieder darin sehen, was sie fühlte. Er mochte nicht, dass sie sich so quälte, er hatte doch sie geküsst, er hatte in jenem Moment den ersten Schritt gemacht.
„Scully, ich habe Sie geküsst, ich habe die Grenze überschritten! Sie waren so verzweifelt, das habe ich nicht von Ihnen gekannt...ich wusste nicht --- was ich tun sollte und da...“
In seinem Blick lag die Entschuldigung, die er nicht über die Lippen brachte. Er wollte sich nicht entschuldigen, denn es war kein Fehler gewesen. Sie hatten es beide in dem Moment gewollt und es war ihnen als das einzig Richtige erschienen.

Am liebsten würde er jetzt einen Witz machen und sie beide würden darüber lachen und dieses komplizierte Chaos für immer vergessen. Doch es wollte ihm kein Witz einfallen, der diesen Knoten hätte lösen können. Er schaffte es nur, sie anzuschweigen. Doch seine Augen sprachen zu ihrer Seele als er sie direkt ansah: „Bitte, versteh, dass ich es wollte und keine Sekunde bereue“, flehten sie still.

Sie liebte diesen Mulder-Blick, der sie durchdrang. Jeder Muskel in ihrem Körper entspannte sich und die Welt war wie verzaubert, wenn er diesen Ausdruck auf seinem Gesicht hatte. Sie sah auf seine Hand und wie sie auf der ihren lag. Ganz langsam legte sie ihre andere Hand auch noch auf seine. Sie war so warm. Es war dieselbe Hand, die am Freitag ihre Haut so sanft gestreichelt hatte. Die Erinnerung daran ließ sie leicht erröten, und sie blickte verlegen eine Sekunde lang auf den Tisch.
Er bemerkte, wie die Hitze in ihrem Gesicht eine rosige Farbe hinterließ. Anscheinend waren ihr gerade dieselben Erinnerungen durch den Kopf geschossen, wie ihm. Er lächelte, es war süß, dass sie rot wurde.

Sie sahen sich lange an und schwiegen. Sie hatten so viel nachzuholen. Sie ernährten sich von den Blicken des anderen. Es schien, als löste sich die Schwere der Luft und eine sanfte Brise wehte durch den Raum. Die Gewitterwolken über ihren Köpfen verzogen sich.

Für diesen Abend war sie ihm nun einfach nur noch dankbar. Es war ihr egal, ob sie es jemals wiederholen würden. Sie hatten nun mal eine besondere Beziehung und dieses eine Mal würde immer da sein und sie würden es beide nicht vergessen. Ihr Verlust, das Baby, das sie nicht haben sollte, die unangenehme und fehlgeschlagene Prozedur beim Arzt letzte Woche, das alles verschwand nun und sie wusste, es würde irgendwie weitergehen.
Eine unsichtbare Kraft flammte in ihrem Inneren auf. Die Kraft, die ihr seine Nähe am Freitagabend gegeben hatte und die sie nun wieder spürte. Ihr Körper fühlte sich wieder wie der ihre an.

Die Sonne schien durch das Kellerfenster, der Staub flimmerte in ihren Strahlen und wieder summte eine Fliege am Fenster. Ihr Blick hellte sich auf und der Augenblick schmolz sanft in den Sonnenstrahlen dahin.

„Geh’n wir was essen, Mulder. Die Sonne scheint und es ist warm da draußen.“ Sie wollte jetzt weiter. Sie konnte nicht eine Minute länger an dieser Sache festhalten. Ihr Leben ging weiter. Es ging immer weiter.
Hinter all ihrem Schmerz blitzte ein kleines Licht auf und sie lächelte. Mulder liebte es wenn sie lächelte, es vertrieb die Dunkelheit aus seinem Herzen. Ja, mit ihrem Lächeln war gerade die Sonne an seinem Horizont aufgegangen.
„Ja, Scully, die Sonne scheint.“ antwortete er ihr in seinem sanften geheimnisvollen Mulder-Ton und strich die rote Strähne aus ihrem Gesicht beiseite, so dass sich ihre Blicke noch einmal in der Mitte ihrer Herzen trafen.

„Chinesisch oder gute alte Hausmannskost von Uncle Sam, Scully?“ Er grinste. Doch er wusste ihre Antwort als er ihren vergnügten, leicht spöttischen Gesichtsausdruck sah. Er musste also wieder mit ihr in diese Sushibar.

Sie standen schweigend auf und mit einer Hand zwischen ihren Schulterblättern schob er sie leicht - leichter als je zuvor, da er kaum wagte sie nach Freitag wieder dort zu berühren - aus dem Zimmer und verließ mit ihr das dunkle Büro.

Sie schwiegen im Aufzug auf dem Weg nach oben, doch dieses Mal war es eine gute Stille und als sie aus dem FBI-Gebäude heraustraten, und das Licht auf sie schien spürte Scully, dass etwas anders war. Sie fühlte, dass etwas in ihr anders war, doch sie wusste nicht, was.
Sie wusste nicht, dass dort in ihr eine kleine Zelle begonnen hatte, sich zu teilen, zu wachsen.
Ein Auto hupte an der Kreuzung. Unbewusst und fast unmerklich legte sie schützend ihre Hand auf den Bauch und folgte Mulder, der zielsicher den Weg zur Sushibar eingeschlagen hatte und vorsichtig seine Hand nach ihrer ausstreckte und sie dann nicht mehr losließ.


Ein paar Wochen später...

7.55 Uhr, Scullys Appartment


Die Toilettenspülung rauschte und gurgelte und Scully stand vor dem Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Sie sah wirklich nicht besonders gut aus. Sie wurde diese Magenverstimmung nicht los und sie war schrecklich blass. Naja. Vielleicht war sie auch nicht mehr die Allerjüngste...sie seufzte. Die letzten sieben Jahre mit all den Verletzungen, Krankheiten und merkwürdigen Mutanten hatten eben ihre Spuren auf ihrem Körper hinterlassen. Ganz zu schweigen von den Spuren auf ihrer Seele.

Aber heute war sie nicht in der Stimmung melancholisch zu sein. Sie hatte die letzten Wochen oft genug abends allein in ihrer Wohnung gesessen und daran gedacht, wie schön es gewesen wäre, wenn sie in dieser Wohnung ein Kinderzimmer hätte einrichten können. Sie hatte sich schon so oft ausgemalt wie es aussehen würde und manchmal wenn sie in der Stadt gewesen war, hatte sie auch verstohlen in die Schaufenster der Kinderläden geschaut und sich heimlich ihre Lieblingsmöbel und Lieblingskleidchen ausgesucht. Alle ihre früheren Freundinnen und Kolleginnen waren mittlerweile schon Mitglieder im „Club der glücklichen amerikanischen Mamis“. Aber zu dem hatte sie ohnehin nie gehören wollen. Dennoch war sie traurig. Ein Kind hätte ihr so viel bedeutet.

Aber sie schien nicht die Einzige zu sein, die damit noch zu kämpfen hatte. Mulder war die letzten Wochen so liebevoll zu ihr gewesen. Es hatte so viel mehr zufällige Berührungen zwischen ihnen, so viel mehr Nähe gegeben. Sie hatte zwar versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass sie die Sache mit dem Baby noch nicht überwunden hatte, doch er kannte sie anscheinend schon zu gut. Fast jeden Abend hatte er angerufen unter irgendwelchen dussligen Vorwänden...

“Hey, Scully, wie ist die Autopsie verlaufen?“
„Mulder, Sie waren doch die ganze Zeit dabei!“
Er stellte sich dumm.
„Ja, aber wenn Sie dabei in Ihrem Fachchinesisch vor sich hinmurmeln komm ich nie ganz mit.“ Er veräppelte sie.
„Ich zeig Ihnen morgen nochmal den Bericht, Mulder“, versprach sie ihm in einem gespielt genervten Tonfall.
Sie hatte den Hörer schon vom Ohr genommen um aufzulegen.
„Äh, Scully?“
„Was?“
„Soll ich mir lieber Pizza mit Salami oder mit Champignons bestellen?“
Scully hatte damals sehr gegrinst, es war zu offensichtlich gewesen, dass er eigentlich nur mit ihr hatte plaudern wollen.
„Salat, Mulder! Wissen Sie eigentlich-“
Er fiel ihr hörbar grinsend ins Wort „ - wieviele Menschen in den westlichen Nationen jedes Jahr an den Folgen ihrer Fehlernährung sterben, ich weiß, Scully. Wir sehn uns morgen?“
„Wir sehn uns morgen, Mulder.“

Und dann hatte sie weiter im Dunkeln in ihrer Wohnung gesessen und gegrübelt. Aber die Schatten über ihrer Seele hatten sich ein wenig gelichtet und sie war schließlich auf der Couch eingeschlafen. Auf der Couch. In ihrer Wohnung. Im Dunkeln!

Sie lächelte. Wie Mulder, der auch nie Licht in seiner Wohnung hatte und der seit der Sache mit dem geplatzten Wasserbett wieder öfter auf der Couch schlief.
„Mann, das färbt langsam ab“, dachte sie sich und merkte, wie ihr schon wieder übel wurde. Sie beugte sich wieder über die Toilette. Das musste bald aufhören, sie war schon viel zu spät dran. Skinner hatte sie gestern Abend beide noch angerufen und daran erinnert, dass sie heute um 8.30 Uhr ein Gespräch mit jemandem von der Finanzverwaltung hatten. Getrennt. Was das wohl wieder für eine Schikane war?
Scully spülte wieder die Toilette, putzte sich nun schon zum dritten Mal heute Morgen die Zähne, zog sich ihren Blazer an und verließ mit einem angeekelten Blick auf das liegengelassene Marmeladenbrot auf ihrem Küchentisch die Wohnung.

Ca. 15 Stunden später, Bellefleur, Oregon

„Es gibt mehr, für das es sich zu leben lohnt. So viel mehr als das hier. Irgendwann muss Schluss sein.“
Er strich ihr zärtlich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie vorsichtig.

So nah waren sie sich lange nicht mehr gekommen. Sie hatten seit jener Nacht eine unsichtbare Grenze um sich gezogen und wenn es auch seitdem mehr zufällige Berührungen gegeben hatte als je zuvor, so waren sie sich doch in Wahrheit körperlich fern gewesen, vermutlich aus Selbstschutz oder aus Angst, dass es wieder passieren könnte und dieses Mal stärker sein würde.
Sein warmer Atem blies ihr sanft gegen die Wange. Seinen Kuss fühlte sie noch auf ihrer Haut. Ihr war so kalt und so übel und sie fühlte sich merkwürdig, hier mit ihm auf dem Bett zu liegen. Es fühlte sich so vertraut an, so richtig.
Sie war sich mittlerweile auch nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, hier noch einmal herzukommen.

Dieser arrogante Finanzschnösel von heute morgen hatte sie so wütend gemacht, er hatte ihre Arbeit und ihr Leben wie eine alberne Farce erscheinen lassen, hatte alles ins Lächerliche gezogen und sie damit fast zur Weißglut getrieben. Mit dieser Wut im Bauch hatte sie natürlich erst Recht Lust bekommen, das Budget mutwillig zu übersteigen. Sie hatte sich wie ein rebellierender Teenager gefühlt, als sie mit Mulder heimlich aus dem FBI – Büro verschwunden und zum Flughafen gefahren war. Doch seit der Landung hier in Oregon und den Vorkommnissen des heutigen Tages wünschte sie sich, sie wären wieder in Washington.

Hier herrschte eine beklemmende und unruhige Atmosphäre. Irgendeine unheimliche Schwingung lag in der Luft, lies den Wind eisiger erscheinen und die Nacht finsterer.
Die Entführungen, der verschwundene Deputy, sie fühlte sich zu sehr daran erinnert, was ihr selbst vor 5 Jahren geschehen war und dabei hatte es in den letzten Wochen ohnehin keinen Tag gegeben, an dem sie nicht daran gedacht hatte, was diese Entführung mit ihrem Leben angestellt hatte.

Sie würde am liebsten ihre Sachen packen und verschwinden. Doch sie wusste, dass sie seit langer Zeit endlich wieder einmal die Hoffnung hatten, auf ihrer Suche einen winzigen Schritt weiter zu kommen und wie viel das Mulder bedeutete. Erwartete er allen Ernstes jetzt von ihr, dass sie ohne ihn nach Washington zurück reisen würde? Hatte er ihr wirklich gerade einreden wollen, dass für sie die Suche ein Ende finden musste? Wollte er ihre Partnerschaft beenden? Er hatte so endgültig geklungen, so als wolle er seinen Kreuzzug nun alleine fortführen. Es hätte sie fast verletzt, hätte sie nicht gewusst, dass seine Motive alleine in den Sorgen begründet lagen, die er sich um sie machte.
Aber sie waren untrennbar miteinander verbunden, dort wo er war, hielt auch sie die Kampflinie.
Nein, jetzt wollte sie auf keinen Fall aufgeben, sie wollte denen ebenso den Krieg erklären, wie Mulder ihnen einst als Samantha verschwunden war. Jetzt hatte sie auch nichts mehr zu verlieren. Außer Mulder. Sie musste hier bleiben, bei ihm.

„Nein, Mulder. Das hier ist ebenso mein Leben wie Ihres. Ich will verstehen, warum und wie das alles passiert. Ich muss es einfach. Es ist zu spät jetzt noch aufzuhören.“

Mulder sah, wie sich eine kleine Träne aus ihrem Augenwinkel über ihre Sommersprossen schlich und auf ihrer Haut im warmen Licht glänzte und es schmerzte ihn tief in seinem Inneren. Aber er konnte sie verstehen, sie hätte damals vor 2 Jahren gehen sollen als sie schon die Kündigung eingereicht hatte. Hätte er sie doch da nicht aufgehalten. Aber schon zu der Zeit hatte er zu viel für sie empfunden, schon da war seine Liebe zu stark gewesen, waren seine Motive zu egoistisch gewesen, als dass er sie hätte gehen lassen können. Auch damals waren sie der Wahrheit so nah wie nie zuvor gekommen und auch damals hatte sie am meisten leiden müssen.
Heute war seine Liebe noch stärker, heute war sie so stark, dass er sie am liebsten von sich fernhalten würde, weil ihm ihr Leben über seines ging.

„Ich möchte aber, dass Sie mir versprechen, dass Sie mir sagen, wenn Sie das hier zu sehr belastet“, bat er sie eindringlich obwohl er genau wusste, dass sie ihm so etwas nie sagen würde.
Doch um ihn zu beruhigen nickte sie leicht und hielt seine Hand in der ihren noch fester und zog sie noch näher an sich heran, so dass ihre Lippen sich auf seine Fingerknöchel legten. Ihr Atem war so warm und so zart. Er drückte sie fester an sich und schloss die Augen. Wie würde es wohl weitergehen? Welchen Wahrheiten, welchen Lügen waren sie nun wieder auf der Spur? Würden sie es unbeschadet überstehen? Diese Fragen schwebten über ihnen im Zimmer und sie lagen still auf seinem Bett und hielten sich aneinander fest.
Wenige Augenblicke später waren beide eingeschlafen, nicht ahnend, dass sie nicht die e

Einzigen waren, die hier etwas zu finden hofften…

Zur selben Zeit parkte vor dem Motel ein dunkler Wagen zwischen den Bäumen. Drinnen saß eine Gestalt und telefonierte. Von den Motelzimmern aus erhellte ein schwacher Lichtschein das Innere des Autos und gab die fremde Person zu erkennen: Es war Alex Krycek. Er klang ungeduldig und gereizt.
„Ich verstehe immer noch nicht, warum es so wichtig ist, dieses besagte UFO zu finden. Und ich weigere mich, für Sie die Drecksarbeit zu erledigen, wenn ich keinen Sinn darin sehe.“
Die rauchige Stimme an der anderen Leitung atmete laut ein und hustete leicht. Sie klang arrogant und unheimlich ruhig.
„Es ist von großer Bedeutung für das Fortbestehen unserer Spezies, dass dieses UFO mitsamt seiner Technologie in unsere Hände gelangt. Und dass nicht weitere Menschen zu deren Versuchszwecken entführt werden. Die sind nah dran, ihre Pläne auf diesem Planeten in die Tat umzusetzen und wenn wir unser Projekt nicht wieder aufgreifen, dann gibt es keine Abmachung mehr mit denen, die die Kolonialisierung noch aufhalten könnte. Und das ist genau das, was die wollen. In deren Augen hat es nie eine Abmachung gegeben. Die sind nicht so sentimental. Die sind uns millionenfach überlegen und wenn die jetzt mit diesen Menschen verschwinden, dann gnade uns Gott, wenn sie zurückkehren.“ Die Stimme bebte.
„Ich glaube Ihnen kein Wort.Was springt für mich dabei raus?“ Krycek hatte zu oft erlebt, dass andere Menschen nur die hilflosen Spielbälle des Rauchers und seiner kranken Pläne gewesen waren.
Der Krebskandidat klang ernst, sein Tonfall wurde gefährlich und er flüsterte fast. „Für Sie springt dabei raus, dass Sie bei Weiterführen des Projekts unter den wenigen Glücklichen sein werden, die diese Invasion überleben werden und ein neues Zeitalter miterleben dürfen. Also finden Sie das verdammte UFO bevor Mulder und Scully es tun.“ Es klickte.
Die Leitung gab ein schrilles Besetztzeichen von sich und Krycek ließ den Hörer neben seinem Ohr sinken. Er wusste nicht, ob er überhaupt zu den Überlebenden zählen wollte, falls das, was der Raucher ihm da gesagt hatte, wirklich stimmte.

Der Krebskandidat sog mit all der Kraft, die seine kranken Lungen noch hatten, den Rauch ein. Die Zigarette glimmte im Dunkeln dieses Zimmers und er blies den graublauen Qualm gegen die Scheibe seines verregneten Fensters.
Nicht auszudenken, wenn Mulder und Scully vor Krycek am Raumschiff wären. Wenn Mulder in Kontakt mit dem Kraftfeld geraten würde.

Er nahm einen weiteren gierigen Zug von der Zigarette. Asche fiel auf seinen Schoß.

Er wusste, er würde diese Invasion nicht mehr überleben. Doch er wusste auch, Mulder würde es.
Mulder war bisher das einzige gelungene Experiment gewesen. Der Einzige, bei dem die genetische Manipulation funktioniert hatte. Der Einzige, der jetzt immun gegen das mutierte Virus war.
Er war sein einziger Erfolg auf diesem langen Weg gewesen, Alien-Mensch-Hybriden zu schaffen, die imstande sein würden, den Kolonialmächten in einem Krieg die Stirn zu bieten. Allerdings wusste er auch, dass der Preis dafür der schleichende aber sichere Verlust aller Emotionen, aller Hoffnungen und aller Träume war. All dessen, was die Menschheit ausmachte. Er wusste wohin das Projekt des Konsortiums führen würde, wenn es einmal fertiggestellt war: Zu einer kalten neuen Herrenrasse.
Doch sie würden siegen. Sie würden die Herrscher auf diesem Planeten bleiben. Und dafür war er bereit gewesen, alles Gute, das die Menschheit noch besaß, zu opfern, denn das Gute war es auch, das sie schwach machte.
Sobald das UFO in ihren Händen war, war es Zeit an Mulder heranzutreten. Sie mussten den Schlüssel dafür finden, warum er immun war. Er schmunzelte. Es war reine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet er, Mulder, der Retter dieses Projekts sein würde.

Er drückte den abgebrannten Stummel seiner Morley’s auf der Lehne seines Rollstuhls aus und ließ ihn auf den Boden fallen.

 

*

Das goldene Sonnenlicht schien ihr ins Gesicht und die Wärme streichelte ihre Haut. Das Licht kitzelte in ihrer Nase und in der Ferne rauschte ein Auto vorbei. Sie wachte auf. Etwas benommen nahm sie die Umgebung war...Wo war sie? Sie schreckte hoch. Ach, du meine Güte! Sie war doch tatsächlich in Mulders Bett eingenickt und hatte bis jetzt durchgeschlafen! Hastig drehte sie sich um. Doch das Bett neben ihr war leer. Ein Blick durch das Zimmer verriet ihr, dass Mulder mit einer Wolldecke bedeckt auf dem Sessel geschlafen hatte. Sie lächelte, teils erleichtert, teils berührt. Wärme floss durch ihr Herz.
Doch wo war er?
Scully konnte diesen Gedanken aber nicht weiter verfolgen, weil ihre Übelkeit sie zwang, sich eiligst aus dem Bett zu bewegen und ins Badezimmer zu rennen. Sie hatte schon seit Tagen fast nichts mehr gegessen und dennoch wollte das nicht aufhören.
Ihr lief es kalt den Rücken herunter und sie zitterte am ganzen Körper. Sie bekam gar nicht mit, dass jemand zur Türe hereinkam.

„Scully, geht es Ihnen nicht gut?“ Mulders Besorgnis war nicht zu überhören. Er streckte vorsichtig seinen Kopf durch die Tür und sah, dass sie vor der Toilette saß und sich an der Klobrille festklammerte. Ihre Augen waren geschlossen, sie konzentrierte sich darauf, diese Übelkeit aus ihrem Körper zu verdrängen. Doch als sie bemerkte, dass Mulder im Türrahmen stand, schreckte sie hoch und rappelte sich auf. Wenn er jetzt noch sehen würde, dass sie krank war, dann würde er sie garantiert persönlich heim fliegen.
Er näherte sich ihr weil er das Bedürfnis verspürte, sie zu berühren, zu fühlen, ob es ihr gut ging. Doch sie wich vor ihm zurück und wich seinem Blick aus. „Nein Mulder, es ist nur eine leichte Magenverstimmung. Es geht mir gut.“
Er verdrehte die Augen. Ahja! Das kannte er von ihr nicht anders. Aber wenn sie dieses Spiel spielen wollte ging er eben darauf ein. Er schaute unschuldig auf die Tüte in seiner rechten Hand. „Dann nehm ich mal an, dass Sie das hier nicht essen wollen?“ Er schwenkte damit vor ihren Augen herum, lächelte, setzte sich auf den Sessel und begann, die Doughnuts aus der Tüte zu essen. Er krümelte auf die Photos, die vor ihm auf dem Tisch ausgebreitet lagen.
Scully war verstört. Sie fühlte sich ertappt und unwohl. „Ich mach mich kurz in meinem Zimmer frisch. Wann müssen wir los?“ Doch sie wartete die Antwort aus Mulders mit Doughnuts vollgestopftem Mund gar nicht ab, sondern verließ so schnell sie konnte sein Zimmer.
Sobald die Türe ins Schloss gefallen war, drehte Mulder sich nach ihr um.

Irgendetwas stimmte nicht. Mit ihr, mit diesem Ort. Er fürchtete das, was dahinter steckte, er fürchtete sie dieses Mal nicht davor beschützen zu können. Und doch wusste er, dass sie es finden mussten.

 

1 Tag später.

Mulder und Scully standen im Konferenzraum des FBI Gebäudes in Washington D.C.. Neben ihnen standen Skinner, Frohike, Langley und Byers. Und Alex Krycek und Marita Covarrubias. Sie waren an Skinner herangetreten mit angeblichen Informationen über ein UFO und die Entführungen, die in Oregon stattfanden. Sie schienen viel zu wissen, angeblich aus erster Hand.
Doch Scully traute ihnen nicht. Sie hasste Krycek. Wenn er in ihrer Nähe war, drehte sich ihr der Magen um und eine unbändige heiße Wut kochte in ihr hoch. Doch dieses Mal versuchte sie ruhig zu bleiben. Sie wusste, Mulder ging es wie ihr. Sein Atem bebte und er fummelte nervös mit den Fingern an seiner Unterlippe herum.

Was wollten die Beiden? Und was war dran, an ihrer Information, dass der Krebskandidat die Verschwörung reaktivieren wollte? Dass es wichtig war, dass sie das UFO vor ihm fanden.
Und selbst wenn? Was sollten sie dann damit anfangen? Eine Reise zum Mars antreten?

Scully wurde wütend und dieses Mal konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie rauschte aus dem Raum, Mulder einen eindringlichen Blick zuwerfend.
Er verstand sofort und folgte ihr hinaus in den Flur.

(* Immer diese Flurszenen !!! Anm.d. „Autorin“ :0) * )

Es rebellierte in ihr! Nervös ging sie im Kreis. Alles in ihr wehrte sich dagegen, dieser Spur nachzugehen. Sie hatte am Vortag im Wald am eigenen Leib erfahren, was dort zwischen den Bäumen auf einer Lichtung im Verborgenen lag. Sie wusste nicht, was es für eine Kraft gewesen war, die sie zu Boden geworfen hatte, aber sie wusste, sie war zu gefährlich und zu stark um ihr einfach aus Neugier nachzugehen. Mulder schien auch misstrauisch zu sein, doch sie sah die Leidenschaft in seinen Augen flackern, sie wusste, dass er dorthin zurückmusste. Er war vollkommen aufgekratzt und sie kannte ihn: Wenn er so war, konnte ihn niemand aufhalten. Nicht einmal sie.
Sie waren so nah dran, endlich einen Beweis zu haben. Und war das nicht genau das, was dieser Finanzagent ihnen am Anfang der Woche vorgeworfen hatte? Dass sie nichts in der Hand hätten?

Doch neben der Leidenschaft in Mulders Augen sah sie auch seine Angst. Er wollte, dass sie in Washington blieb!
Es fiel ihm schwer und er brachte es kaum über die Lippen, doch er wollte sie dieses Mal endgültig zurücklassen. Als er gesehen hatte, was im Wald mit ihr geschehen war, hatte er für sich beschlossen, dass er ab nun nur noch einen Teil seines Weges mit ihr zusammen gehen durfte. Er würde es nicht ertragen können, wenn sie wieder entführt wurde. Denn dieses Mal schienen die Entführten nicht zurück zu kehren.
Verstand sie das denn nicht? Musste er es ihr noch deutlicher machen?
„Ich möchte nicht riskieren – Sie zu verlieren!“ In seiner Stimmte lag Resignation.

Ihr Herz zersprang in Millionen kleine Teilchen. Das war das stillste und doch tiefste Liebesbekenntnis, das seit Langem über seine Lippen gekommen war.
Wie konnte sie ihn jetzt gehen lassen? In die vollkommene Ungewissheit? Allein?
In ihr stiegen die Tränen hoch. Sie trat einen Schritt auf ihn zu, sie wollte ihn festhalten und nicht mehr loslassen als sie sich sanft an ihn drückte und ihre Arme um seinen Hals schlang. „Ich werde Sie nicht alleine gehen lassen!“ brachte sie ihre Tränen kaum zurückhaltend hervor.

Mulder umarmte sie mit seiner ganzen Seele und schloss die Augen.
Er wusste nicht, wohin ihn die Spur führen würde, zu welchen Gefahren, welchen Wahrheiten. Würde er lebend zurückkehren? Nichts wünschte er sich mehr, als sie auf dieser Reise an seiner Seite zu haben.
Ihr Körper fühlte sich so klein an in seinen Armen. Er wusste, wenn er sie jetzt nicht loslassen würde, würde er nicht die Kraft finden, nach Oregon zurück zu fliegen.
„Ich muss da einfach hin. Ich verspreche: Ich komme zurück“, löste er sich aus ihrer Umarmung und nahm ihr Gesicht in seine warmen Hände. Mit dem Daumen fing er eine Träne auf und wischte sie beiseite. Er sah ihr tief in die Augen, damit sie wusste, dass er sein Versprechen halten würde.

Ihr war in diesem Augenblick egal, was zwischen ihnen im letzten Monat vorgefallen war. Dieser Moment war das einzige, was ihr bleiben würde. Wer wusste schon, als wer er zurückkehren würde? Ob er zurückkehren würde? Dieser Gedanke drang durch sie hindurch wie tausend Scherben. Überwältigt und voller Angst vor dem, was sie beide erwarten würde, voller Hilflosigkeit Mulder gehen lassen zu müssen näherte sie sich ihm und streckte sich zu ihm hinauf. Sie blickte auf seinen Mund, der in verzweifelter Sprachlosigkeit leicht bebte. In diesem Moment legte sie ihre Lippen erst ganz leicht und dann immer fester auf seine. Sie wollte diese Nähe auskosten, wollte dass ihre Seele seinen Körper durchströmte. Sie küsste ihn lange und er bewegte sich nicht. Er atmete nicht, sondern schloss nur die Augen um die Kraft aufzunehmen, die ihm dieser Kuss schenkte. Ihre Hände legten sich vorne auf seine Brust, sie wollte seinen Herzschlag spüren, doch es kam ihr vor, als hätte auch er ausgesetzt um diesen Abschied in der Ewigkeit festzuhalten.

22. 15

Mulder war nun seit vier Stunden in der Luft. Die Maschine würde sicher nicht vor Mitternacht in Portland landen. Scully war schrecklich nervös. Sie wippte den Bleistift zwischen ihren Fingern und seine Mine tippte unentwegt gegen den Tisch, auf dem unzählige Satellitenbilder, Photos, Akten, Laborergebnisse und die neueste Ausgabe des „Einsamen Schützen“ lagen.

„Würde es Sie sehr stören, damit aufzuhören? Ich meine, nicht dass es hier irgendjemanden nerven würde, aber wir sind hier alle mindestens so nervös wie Sie...und wir lieben Mulder doch alle gleichermaßen“, Frohike grinste sie an und schaute entschuldigend zu Byers, der ihm einen strafenden Blick zuwarf. Das zwielichtige Informantenpärchen hatte sich schon längst wieder in sein Rattenloch zurückgezogen und Scully war ihnen gegenüber nicht im geringsten milder eingestimmt, waren sie doch letztlich Schuld daran, dass Mulder noch einmal zurück nach Oregon geflogen war.
Sie starrte vollkommen geistesabwesend auf die Flut von Informationen, die sich vor ihr ausbreitete. Hier lag eine große Weltkarte, die mit schwarzen Kreuzen nur so übersät war. Sie markierten, wo in den letzten Monaten „anomale Magnetfelder“ gemessen wurden, also sogenannte „Beweise“ für „UFO-Erscheinungen“. Sie seufzte. Die Kreuze markierten zahlreiche Städte in den USA, aber nicht Bellefleur, Oregon. Wenn dort ein UFO war, warum hinterließ es dann keine Spuren? Sie befürchtete, dass sie auf der vollkommen falschen Spur waren und all das hier vollkommen umsonst war.

Und doch lief ihr ein Schauer über den Rücken wenn sie an die unheimliche Kraft dachte, die sie da draußen in dem Wald erfasst hatte. Irgendetwas war dort gewesen. Aber hier gab es einfach kein Muster. Kein Hinten und kein Vorne. In ihrem Kopf drehten sich die Bilder und Zahlen und ergaben ein heilloses Durcheinander, von dem ihr lediglich schwindelig wurde.

Warum geschah das mit diesen Menschen? Warum wurden sie entführt? Und von wem? Wie musste das für sie sein? Sie versuchte sich einen Augenblick an ihre eigene Entführung zu erinnern. So würde Mulder es auch tun, er versetzte sich immer so gut er konnte in die Menschen hinein. Vielleicht würde ihr das auch helfen? Doch in ihrer Erinnerung an Skyland Mountain fand sie nichts dergleichen, keine Kraft war damals so stark gewesen, wie die, die sie dort im Wald gespürt hatte. Das hatte sie nur ein einziges Mal vorher erlebt: an der Elfenbeinküste in Afrika. Als sie diese sonderbaren Artefakte untersucht hatte, diese Artefakte, die Mulder vollkommen um den Verstand gebracht hatten.

Wieder lief es ihr kalt den Rücken herunter. Sie hatte so gut verdrängt, was mit Mulder dort passiert war, dabei hatten sie bis heute nicht herausgefunden, was genau eigentlich vorgefallen war. Die neurologischen Tests nachdem sie ihn gerettet hatte, waren alle vollkommen normal ausgefallen. Als ihre Gedanken nun wie schon so oft an diesem Abend, um Mulder kreisten, fiel ihr Blick auf eine medizinische Akte, aus der ein Blatt lose herausschaute. Sie legte den Kopf leicht schief um es besser erkennen zu können. Ihre Augenbraue zuckte unwillkürlich.
„Wessen EEG’s sind das?“ fragte sie laut in die Runde, die von ihrer plötzlichen Wortmeldung erschrocken zusammenfuhr.
„Das sind gesammelte medizinische Tests von früheren Entführten, die im letzten Jahr gemacht wurden, weil sie wegen neurologischer Ausfälle in Krankenhäuser eingeliefert wurden, auch von Teresa Nemman und Billy Miles. Und hier die aus Parker, Arizona, Fallon, Nevada und Alturas, Kalifornien gelten seit vier Wochen wieder als vermisst.“ Langley griff danach und reichte ihr die Akte. „Wenn Sie mich fragen, haben die einfach alle nur das Falsche geraucht.“ Er versuchte, die Spannung ein wenig zu lösen, doch dieses Mal bekam er von Frohike einen bösen Blick zugeworfen.
Scully schlug die Akte auf und blätterte konzentriert darin herum.
„Alle hatten extrem hochfrequente beta- und delta-Wellen...“ Scully dachte laut nach als sie die EEG’s in ihren Händen auswertete. Sie stutzte. „Das ist ungewöhnlich. Normalerweise treten diese Wellen nie zusammen in dieser Form auf. Beta-Wellen treten bei äußerster Erregung und Aufmerksamkeit auf, delta-Wellen jedoch während tiefer Bewusstlosigkeit...“

Scullys Gedanken wanderten. Plötzlich durchzuckte sie ein Blitz und schlug mitten in ihrer Magengrube ein. „Mulder hatte dieselben Anomalien letztes Jahr im Sommer, als er in Kontakt mit diesem Artefakt gekommen war!“ Ihr Hals wurde trocken und sie begann zu zittern. Was bedeutete das? Ihr Gehirn verkrampfte sich vor Anstrengung. Aber warum hatten die Entführten hier in der Akte diese Anomalien? Sie waren im Gegensatz zu Mulder seit ihrer Entführung nie in Kontakt mit irgendetwas Außerirdischem gekommen. Scully war hilflos. Sie sah auf die Karte, auf der die „UFO-Sichtungen“ eingezeichnet waren. Die Namen in den medizinischen Akten noch einmal durchgehend, machte sie grüne Kreuzchen an all den Orten, aus denen die Entführten mit den Gehirnanomalien stammten. Sie seufzte wieder als sie mit einem irritierten Blick von der Karte zurücktrat um einen Überblick zu bekommen. Keiner von ihnen kam aus einem Ort, in dem in letzter Zeit UFO’s gesichtet worden waren. Es machte einfach keinen Sinn. Es war kein Muster erkennbar. Nichts deutete auf UFOs, nur dass die drei Entführten offenbar schon wieder verschwunden waren.
„Byers, könnte es nicht möglich sein, dass nicht alle Ihrer sogenannten UFO-Sichtungen mit Magnetfeldanomalien einhergehen?“ „Was ist z.B. mit diesem Ort, in dem die letzte Person verschwunden ist, Alturas, Kalifornien? Sind da und in Fallon und Parker in letzter Zeit irgendwelche Abweichungen aufgetreten?“ Byers hob die Augenbrauen und zog die Stirn kraus. „Mhhh, mal sehen.“ Er setzte sich an seinen Laptop und hackte darauf ein. „Nennen Sie mir noch die anderen Städte, wo die anderen Entführten wohnen, vielleicht kann der Computer ja ein Muster erkennen.“ Scully drehte sich vom Computer weg und ging zurück zu der Karte. Sie las der Reihe nach jede Stadt mit einem kleinen grünen Kreuz vor, auch Bellefleur, Oregon. Als Byers sie eingetippt hatte, begann der Computer zu arbeiten. Die Festplatte surrte leiste. Wie ein Insekt, das sich die Flügel putzte. Scully schluckte. Ihr war schrecklich heiß. Sie spürte, dass das hier sie endlich weiterbringen würde. Aber sie hatte Angst vor dem, was sie herausfinden würden.
Die Klimaanlage surrte leise und alle vier standen still und wagten kein Wort zu sprechen.
Plötzlich piepste der Computer. Ein Fenster öffnete sich. „Heilige Schei- !“ wollte Frohike gerade rufen als Byers ihn anstupste. Alle vier starrten auf den Bildschirm. In all den Orten, an denen die Entführten der letzten Jahre mit Gehirnanomalien in die Krankenhäuser gekommen waren, waren im letzten Jahr Insektenplagen ausgebrochen und großflächige Stromausfälle an der Tagesordnung gewesen. Es schien fast, als wären diese Orte im letzten Jahr die Zentren sämtlicher Unglücke der vereinigten Staaten gewesen.
Insektenplagen! Das erinnerte Scully an ihr Erlebnis in Afrika. Hatte das Artefakt nicht die merkwürdigsten Ereignisse heraufbeschworen?

„An der Elfenbeinküste hat es in einer Nacht auch eine Insektenplage gegeben als dort dieses – Ding, dieses Raumschiff, im Meer aufgetaucht ist.“ Scully fiel es immer noch schwer, das Wort UFO auszusprechen.
„Das hier, Agent Scully, sind dann aber definitiv nicht die UFO’s, die wir hier sonst immer messen.“ Byers klang für seinen sonst so ruhigen und nüchternen Charakter äußerst aufgeregt und er begann gleich damit, weitere Daten in den Computer einzuhacken.

„Naja. Ein Pick-Up hinterlässt auch andere Reifenspuren als ein Ford und dennoch sind beides Autos.Vielleicht gibt es ja mittlerweile mehrere UFO-Technologien,“ meldete Frohike sich schließlich zu Wort. Er stand hinter Byers und starrte wie gebannt auf den Computer, der die Daten nur so ausspuckte, als Langley sich plötzlich räusperte.

„Ähm...Agent Scully, sehn Sie sich das an!“ Sie drehte sich zu ihm um. Er hielt einen Stift in der Hand und hatte die grünen Kreuzchen miteinander verbunden. Scully neigte den Kopf zur Seite und sah die Linien an, die sich zu einer Figur formten, als ihr plötzlich der Atem stockte. Sie ergaben eindeutig ein Symbol! Sie kannte es irgendwoher! Plötzlich hatte sie eine Idee. Sie rannte aus dem FBI Büro, hämmerte ungeduldig gegen den Aufzugknopf, fuhr unruhig mit den Nägeln gegen die Wand trommelnd in den Keller und kam nach zwei Minuten aufgeregt mit einem dicken braunen Buch in der Hand in den Konferenzraum zurück. Sie klatschte es auf den Tisch und blätterte hastig darin herum. Die drei Schützen sahen sich an. War sie jetzt vollkommen verrückt geworden?

„Das ist es!“ rief sie und zeigte mit dem Zeigefinger auf ein Symbol in dem Buch über die Symbolik der Navajo-Indianer, das Agent Fowley ihr einst gegeben hatte.
Scully erstarrte. Ihre Augen sahen ungläubig auf das Zeichen in dem Buch und dann auf die Linien auf der Karte.
„Das ist das Symbol für die Mächte der Zerstörung. Mann, das ist ganz schön spooky“,nahm Langley ihr das Reden ab und sah hilfesuchend zu den anderen beiden hoch.

„Und die Linie nimmt ihren Ausgang genau hier. In Parker, Arizona, dort ist der Erste mit den EEG-Abweichungen entführt worden, vor vier Wochen.“ In Scully setzten die Puzzle-Teile sich langsam zu einem Gesamtbild zusammen. Das hier waren nicht die Entführungen, mit denen sie vertraut waren. Diese hier folgten einem vollkommen neuen Muster.
Scullys Herz hämmerte und eine düstere Beklemmung kroch in ihr hoch.

„Ich weiß, dass da draußen etwas war. Und ich weiß jetzt, was mit mir dort passiert ist. Dieses Ding in dem Wald hat mich zurückgestoßen, weil es mich nicht wollte! Das hier hat überhaupt nichts mit den Entführungen der letzten Jahre zu tun. Mulder hat sich die ganze Zeit geirrt. Er dachte die Entführungen würden sich nur wiederholen. Aber das hier sind neue Entführungen. Und wenn man der Linie folgt, dann passiert es das nächste Mal - genau hier.“ Sie tippte auf Bellefleur, Oregon. Ihre Stimme zitterte. Sie konnte kaum noch atmen. „Er hat die ganze Zeit gedacht, ich wäre in Gefahr!“
„Doch eigentlich ist er es!“ Frohike beendete ihren Satz, weil er merkte, wie ihre Stimme brach.

Sie drehte sich zu ihm um, sah ihn an und merkte, wie der Raum um sie herum anfing, sich zu drehen. Sie bekam den Gedanken nicht mehr aus dem Kopf, dass sie die ganze Zeit falsch gelegen hatten. Dass sie Mulder hatte gehen lassen! In ihrem Kopf kreisten die Erregungen, eine unermessliche Angst machte sich in ihr breit. Gänsehaut kribbelte auf jedem Zentimeter ihrer Haut. Mulder würde nicht zurückkehren! Sie musste ihn aufhalten! Sie merkte, wie plötzlich ein unsichtbares Band zerriss und wie die Dunkelheit sie einhüllte und sie ins Nichts zu fallen schien.

--

2:15 Uhr morgens, irgendwo in Oregon

Skinner starrte leer und müde durch das Beifahrerfenster. Wenn Agent Scully ihn nicht so eindringlich und mit Tränen in den Augen darum gebeten hätte, hätte er sich nie zu so einer unendlichen Dummheit überreden lassen. Sie waren vor knapp zwei Stunden in Portland gelandet und befanden sich jetzt hier mitten im Nirgendwo auf der Suche nach einem UFO. Er konnte es nicht glauben.

„Sind wir bald da, Agent Mulder? Ich kann langsam nicht mehr sitzen.“

Doch Mulder ignorierte den genervten glatzköpfigen Mann neben sich. Seine Gedanken waren darauf konzentriert, endlich zu der Stelle im Wald zu gelangen, wo Scully von dieser merkwürdigen Kraft zu Boden gestoßen worden war. Der Gedanke an sie schnürte ihm die Kehle zu. Es war für ihn so schmerzhaft gewesen, sie einfach dort zu lassen. Sie hatte seine Hand nicht loslassen wollen und ihre Augen hatten einander festgehalten bis Skinner mit Mulder im Aufzug verschwunden war und die Tür sich zwischen ihnen geschlossen hatte und damit ihren Blickkontakt wie ein Schwert zerschnitten hatte. Er merkte, wie seine Augen feucht wurden. Sie hatte ihn geküsst! Das erste Mal seit der Nacht damals. Er musste sie wieder sehen und er wusste, das würde er auch. Sie war in Washington und dort war sie in Sicherheit. Es war gut so gewesen.

Das Straßenschild am Wegesrand zeigte ihm, dass sie gleich da sein mussten.
Er bog bei der nächsten Abzweigung ab und brachte seinen Wagen am Rande des Waldes zum stehen. Das hier war es! Er schaltete sein Handy aus, jetzt konnte er Scully so oder so nicht mehr anrufen, und holte die Ausrüstung aus dem Kofferraum.
Skinner folgte ihm in den Wald und sah irritiert und zugleich fasziniert zu, wie Mulder in der selbstverständlichsten Routine äußerst seltsame Geräte auspackte und überall im Wald installierte. Nach einer Weile schienen diese absurden Aktivitäten sich jedoch zu einem sinnvollen Gesamtbild zusammenzusetzen. Denn Skinner konnte in der Dunkelheit genau erkennen, dass das Laserlicht, das Mulder überall positioniert hatte, sich in der Ferne merkwürdig brach, während es in allen anderen Richtungen unbeirrt seinem Strahl folgte.
Ein kalter Luftzug fuhr ihm in den Nacken und er fröstelte. Hier war irgendetwas faul. Er hatte selten Angst, dafür hatte er während seiner langjährigen FBI-Tätigkeit zu viel gesehen, aber das hier, das jagte ihm einen gehörigen Schauer über den Rücken.

Doch Mulder ging unbeirrt auf die Lichtbrechungen zu und Skinner folgte ihm. Er hatte Scully versprochen, dass er ihn heil zurückbringen würde.

Plötzlich wurde die Stille des Waldes von einem lauten und schrillen Ton durchbrochen. Mulder zuckte zusammen und er warf Skinner einen anschuldigenden Blick zu. Skinners Handy klingelte. Jetzt? Um 2 Uhr morgens?

Mulder zog die Stirn in Falten und ging weiter auf die Lichtbrechung zu.
Etwas hier in dem Wald zog ihn an. Eine merkwürdige Macht, es kam ihm fast vor, als hörte er ein hohes metallisches Hauchen, das immer lauter wurde, je näher er den Lichtbrechungen kam. Und waren das Stimmen, die zu ihm sprachen? Er fasste sich an die Stirn. Er stand jetzt direkt davor und es sah aus, als träfen die Laserstrahlen auf eine unsichtbare wässrige Oberfläche. Sie traten auf der anderen Seite dieser unsichtbaren Grenze wieder aus, doch sie waren verzerrt, als hätte das Medium sich hinter der Grenze, durch die das Licht brach, verändert. Sein Herz klopfte und er streckte vorsichtig die Hand aus. Ein Finger berührte die unsichtbare Oberfläche und es fühlte sich an, als greife er durch einen Spiegel hindurch. Es war kalt und stechend und dahinter fühlte es sich warm und irgendwie zähflüssig an. Er wollte einen Schritt darauf zumachen, wollte sehen, ob er durch es hindurchgehen konnte, als Skinner nach ihm rief.

„Agent Mulder!“ Er drehte sich um. „Agent Scully...“ Scully? Was war mit Scully? Er wollte gerade wieder einen Schritt zurückmachen um Skinner entgegenzugehen, als er merkte, wie seine Hand hinter der Grenze festgehalten wurde. Er versuchte sie herauszuziehen, doch jeder Zug schien ihn fester in das Medium hineinzusaugen. Er merkte, wie es plötzlich seinen Körper umfloss und wie er mit der Oberfläche verschmolz und ganz von ihr absorbiert wurde. Plötzlich befand er sich auf der anderen Seite des Spiegels und merkte, wie vom Zentrum dieser unsichtbaren Blase, in der er nun stand ein grelles, schmerzhaft weißes Licht ausging. Er drehte sich um, versuchte nach außen zu sehen. Er konnte schemenhaft Skinner erkennen, der direkt vor ihm stand, ihn aber nicht zu sehen schien. Er rief etwas. Mulder versuchte zu hören, was aus seinem Mund kam. Aber es war so laut in seinem Kopf. Das hohe metallische Hauchen schwappte in pulsierenden Wellen durch sein Gehirn. „Agent Scully ist...“ Was? Er konnte es nicht verstehen. Er griff sich an den Kopf, er wollte wieder hier heraus, wollte wissen, was mit Scully war. War ihr etwas zugestoßen? Mit aller Kraft versuchte er sich von dieser Kraft zu lösen, die ihn immer mehr ins Innere dieser Blase zog. Er rief nach Skinner, aber seine Rufe wurden von dem Medium um ihn herum erstickt. Er streckte seine Hand aus, doch sie griff ins Leere. Und dann merkte er, wie das grelle Licht ihn einfing und sein Körper schwerelos und sein Geist kraftlos in sich zusammensanken und er das Gefühl für Raum und Zeit verlor.


 

Am nächsten Morgen

Sie sah vollkommen verloren aus dem Fenster. In ihr regte sich nichts, es herrschte vollkommene Windstille in ihrem Geist, nachdem über ihn seit letzter Nacht die schlimmsten Stürme hereingebrochen waren. Ihre Hände lagen gefaltet auf ihrem Bauch und sie versuchte, mit ihnen dieses Baby zu spüren, das in ihr begonnen hatte zu existieren. Sie versuchte, irgend etwas zu spüren, doch es ging nicht. Sie war leer.
Skinner war gerade fortgegangen nachdem er ihr von Mulders Verschwinden berichtet hatte. Er hatte Tränen in den Augen gehabt, war sichtlich mitgenommen von den Ereignissen gewesen. Doch aus seinem Gesicht hatte auch Überzeugung gesprochen, es schien als hätten sie endlich einen weiteren Mitkämpfer in ihren Reihen gefunden. Er hatte so aufgeregt und so überwältigt gewirkt, von all dem was er in diesem Wald gesehen hatte und er hatte ihr versprochen, dass sie ihn finden würden. Und Mulder? Er hatte ihr versprochen zurückzukehren. Würde er sein Versprechen halten können?
Tränen der Verzweiflung liefen ihr unaufhaltsam über das Gesicht. Tränen aus Glück über dieses neue Leben in ihr, aus Verwirrung und aus Sehnsucht. Sie wollte sich ihrem Kummer gerade vollkommen unterwerfen als der Arzt hineinkam.
„Miss Scully? Ich habe gerade Ihre letzten Testergebnisse gesehen und es gibt überhaupt keinen Grund, Sie länger hier zu behalten. Wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen, können Sie jederzeit nach Hause gehen.“ Er bemerkte Scullys Tränen und setzte sich auf ihr Bett. „Sie haben sicherlich eine Menge durchgemacht und ich weiß, dass Sie auch noch eine Weile brauchen werden, damit fertig zu werden. Doch Sie werden das schaffen. Für Ihr Kind.“ Er berührte behutsam mit seiner linken Hand ihre Schulter und nickte ihr aufmunternd zu.
Doch Scully schien durch ihn hindurch zu sehen und es war, als drangen seine Worte gar nicht zu ihr durch. Er hatte das Gefühl, hier vollkommen unerwünscht zu sein, also stand er schnell wieder auf, und verabschiedete sich mit einem letzten Nicken in ihre Richtung von ihr.

1 Stunde später

Ohne nachzudenken hatte sie dem Taxifahrer, der sie am Krankenhaus abgeholt hatte, Mulders Adresse genannt und stand nun vor seiner Appartmenttür. Die 42 glänzte im Sonnenlicht der frühen Morgenstunde, eine Schraube war nicht ganz hineingedreht und so stand die 4 ein wenig von der Tür ab und warf einen Schatten auf das braune Holz.
Sie nahm den Ersatzschlüssel, den Mulder ihr für den Notfall gegeben hatte, und schloss die Tür vorsichtig auf, so als täte sie etwas Verbotenes. Als sie hineinging war es vollkommen still in der Wohnung und doch sah es so aus, als würde Mulder gleich aus der Küche kommen, sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln in sein Wohnzimmer schieben und sie würden einen seiner sinnlosen Filme ansehen und Popcorn essend den ganzen Abend verbringen. Sie hielt die Luft an. Doch aus der Küche kam niemand, nur das Surren des Kühlschranks.

Sie ging ins Wohnzimmer und starrte auf den Basketball, der auf dem Boden lag, als hätte vor einer Sekunde noch jemand damit gespielt. Das Aquarium blubberte und surrte leise. Auf seinem Fernsehen lag ein Video mit einem ziemlich eindeutigen Titel, der ihr Herz höher schlagen ließ. Er konnte es einfach nicht lassen. Doch in diesem Moment liebte sie ihn auch dafür.
Auf seinem Schreibtisch türmten sich Akten, der Staub tanzte in den Sonnenstrahlen und alles wirkte so geisterhaft still. So als wartete das Zimmer auf etwas. Doch es passierte nichts.

Mit ihren Fingern über die Möbel gleitend, ging sie langsam durch die ganze Wohnung, vollkommen in die Leere starrend und in dem Nichts in ihr verloren. Es war irrational, doch sie hatte das Gefühl, sie könne einen Teil von ihm in sich aufnehmen als sie die Dinge berührte, auf die sich vor wenigen Stunden noch seine Finger gelegt hatten, und indem sie die Luft einatmete, in der noch sein Duft zu liegen schien.
Ihr Weg führte sie in sein Schlafzimmer und ihr Blick fiel sofort auf sein New York Knicks T-Shirt, das auf seinem Bett lag. Sie nahm es auf und fuhr mit den Fingern leicht über den sanften weichen Stoff. Es duftete so nach ihm, doch es war so kalt. Als sie es sich gegen ihre Wangen legte war es für eine Sekunde als streichle er sie. Einen stummen Schrei nach seiner Nähe ausstoßend krallte sie sich daran fest als dicke Tropfen aus ihren traurigen blauen Augen auf den braunen Holzboden fielen. Es war, als hätte der Mensch darin sich in Luft aufgelöst, wäre zu Staub zerfallen und ihre Hände hätten in die Leere gegriffen.

Ihre seit heute Morgen nur mühsam gehaltene Fassade stürzte wie ein Kartenhaus in sich zusammen und ihre Knie gaben unter ihrem Schluchzen nach. Sie glitt auf den Fußboden vor dem Bett und vergoss viele Tränen auf das T-Shirt, während ihre Hände verzweifelt versuchten, an der Bettkante Halt zu finden.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort alleine und weinend gelegen hatte, doch sie musste irgendwann erschöpft davon eingenickt sein und wurde jetzt in der beginnenden Abenddämmerung von etwas geweckt. Sie hob den Kopf. Atmete ein. Roch es etwa nach Zigarettenrauch?
Plötzlich durchdrang sie das unheimliche Gefühl nicht alleine zu sein und sie schreckte hoch, als sie einen Schatten an der Wohnzimmerwand entlang huschen sah.

„Wer ist da?“ rief sie mit so fester Stimme, wie es ihr in diesem verwundbaren Augenblick möglich war. Sie griff intuitiv nach ihrer Waffe, doch da war nichts. Sie fühlte sich schutzlos und paralysiert, wie ein Tier im Scheinwerferlicht eines heranrasenden Autos.
„Hallo? Wer ist da?“ Sie stand auf und ging auf das Wohnzimmer zu als sie merkte, wie der Schatten an der Wand begann sich zu bewegen und sich plötzlich vor ihr im Türrahmen eine große graue Gestalt aufbaute.

--Scully fuhr zusammen.
„Krycek ! Was machen sie hier?“ Scully war zu Tode erschrocken, aber nun fast erleichtert, wen sie vor sich hatte. Dies war immerhin ein alt bekannter Feind.
„Ich könnte Sie genau dasselbe fragen, Agent Scully. Nachdem ich Sie nicht in Ihrer Wohnung angetroffen habe, dachte ich mir aber schon, dass Sie hier sein würden.“ Er starrte sie unverwandt an. Scully spürte wieder die alte Wut auf diese miese Ratte in sich hochsteigen. Sie schluckte sie herunter und fragte leicht gereizt: „Sie waren in meiner Wohnung? Wie zum Teufel...“ Doch sie beendete ihren Satz nicht. Sie fühlte sich ertappt und hasste sich dafür von Krycek in einem ihrer schwächsten Momente erwischt worden zu sein. Doch es war vollkommen unwichtig wie er in ihre Wohnung gekommen war und sie besann sich darauf, das Gespräch in eine sinnvolle Richtung zu lenken.
„Warum haben Sie mich gesucht?“

„Ich habe den Auftrag erhalten, ein Treffen zu arrangieren.“

„Ein Treffen ?“ Scully verstand nicht, konnte er sich nicht ein bisschen weniger kryptisch ausdrücken?

„Er will Sie sehen. Wegen Mulder. Mein Wagen steht draußen vor der Tür, wir haben nicht viel Zeit.“
In Scully rebellierte die Vernunft. „Ich komme überhaupt nirgendwo hin mit, wenn Sie sich weiterhin weigern mir zu sagen, worum es geht.“ Krycek wurde ungeduldig.

„Agent Scully!“ Er hatte fast etwas Bedrohliches an sich und sein Griff war fest und hart, als er ihren Unterarm umfasste. Sie merkte wie sich von diesem Griff ausgehend Unbehagen ihren Arm hochschlich und durch ihren Körper kroch. Aus seinen Augen blitzte schwarze Kälte und seine Miene war absolut regungslos. Doch sie sah ein, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um ihre Wut und ihren Trotz über ihre Vernunft siegen zu lassen. Sie löste in einem kräftigen Ruck ihren Arm aus seinem Griff und willigte ein ihm zu seinem Wagen zu folgen. Als sie gerade eingestiegen waren, machte sie noch einen Versuch und fragte ihn, wohin es denn jetzt gehen sollte. Doch er gab ihr keine Antwort sondern fuhr unbeirrt auf eine Straße, die sie raus aus Washington führte, Richtung Virginia, Richtung Pentagon. Sie fuhren eine ganze Weile und es war schon dunkel geworden, die Sterne standen am Himmel und sahen stumm auf die beiden herab, als sie schließlich in einer großen Einfahrt vor einem grauen unscheinbaren Gebäudeklotz stehen blieben. Er sah aus wie eine dieser Diplomatenvillen in den Washingtoner Vororten, nur dass er um ein Vielfaches hässlicher und klobiger war. Krycek ging mit ihr durch die Büsche zum Hintereingang, er schien sich hier bestens auszukennen, und gab schließlich einen Code in ein Tastenfeld an der Tür ein, so dass ihnen der Zutritt gewährt wurde und sie eine unpersönliche mit grauem Marmor ausgelegte Empfangshalle betraten. Es sah aus, als wäre dieses Gebäude unbewohnt. Nirgends standen Möbel und es war eiskalt. Krycek ging ihr durch das dunkle Haus voraus und lief eine der beiden großen Treppen, die sich rechts und links der Eingangshalle hinaufschlängelten, hoch. Oben angekommen bog er rechts in einen noch dunkleren und endlos scheinenden Flur ab. Scully folgte ihm, sie merkte, wie ihr übel wurde. Sie konnte nun ganz deutlich Zigarettenrauch riechen. Am Ende des Flurs konnte sie plötzlich einen schwachen Lichtschein unter einer Tür durchscheinen sehen, er zerschnitt die Dunkelheit und blendete ihre Augen. Sie wusste nun mit ziemlicher Sicherheit, wen sie hinter der Türe vorfinden würde.

Er lag wie ein Häufchen Asche in einem großen schweren Bett aus Eichenholz. Außer einem Rollstuhl, einem Waschschränkchen und einem alten Holzstuhl standen keine Möbel in dem Raum. Nur eine kleine Lampe erhellte das Dunkel, das ihn umgab.
Doch so winzig und schwach er auch wirkte, der Hass, den Scully für ihn empfand, war zu stark, als dass in ihrem Herz Mitleid für ihn Platz gefunden hätte. Er hatte sie betrogen als er sie vor einem Vierteljahr mit auf eine äußerst merkwürdige Reise genommen hatte. Sie hasste ihn dafür, dass er einen Keil zwischen sie und Mulder getrieben hatte. Mulder hatte nach ihrer Rückkehr zwei Wochen lang nicht richtig mit ihr geredet. Das waren die schlimmsten zwei Wochen ihres Lebens gewesen und sie wollte diese widerliche Schlange dafür umbringen. Doch sie ballte ihre Fäuste still und blieb vor seinem Bett stehen. In ihren Augen jedoch stieg ein Tränenspiegel hoch, den sie mit aller Kraft zurückhielt.

Der Raucher begann mit einem rauen Krächzen zu sprechen. Seine ganze zusammengefallene Gestalt hatte hier im Dunkeln etwas Krähenhaftes.
„Agent Scully! Es ist schön, dass Sie die Zeit gefunden haben, mich hier zu besuchen.“
Scully hatte keine Lust auf Small-Talk.
„Was wollen Sie?“ fragte sie mit vor Wut zitternder Stimme.

„Wer wird denn hier vor einem alten sterbenden Mann so an die Decke gehen? Sie sollten sich erst einmal anhören, was ich zu sagen habe. Bitte Alex, holen Sie ihr einen Stuhl.“

 „Ich will mich nicht setzen, ich will verdammt noch mal wissen, was dieser ganze Zirkus hier soll !“ wehrte sich Scully. Der Raucher blieb vollkommen ruhig und belächelte ihre Wut in seiner gewohnten Arroganz.
„Gut. Ich werde Ihnen sagen, warum Sie hier sind. Sie sind hier, weil ich will, dass Sie Mulder finden. Ich will, dass sie ihn für mich finden, für die Menschheit und - Ihretwegen. Ich weiß, dass Sie denken, ich hätte etwas mit seinem Verschwinden zu tun, so wie ich etwas mit Ihrer Entführung zu tun hatte.“

Scully schluckte. Der Raucher machte eine Pause. Er griff nach einer Zigarette. „Ach, Agent Scully, würden Sie?“ sah er sie an und blickte auf das Feuerzeug auf dem Waschschränkchen. Doch Scully nahm ihm die Zigarette aus der Hand und warf sie mit einem vernichtenden Blick auf den Boden. „Sie rauchen gefälligst nicht in meiner Gegenwart.“

„Agent Scully, haben Sie etwa jetzt schon Muttergefühle? Keine Sorge, Ihr Baby wird gesünder sein, als wir alle zusammen.“ Scullys Herz klopfte so sehr, dass sie dachte, es würde ihr aus der Brust springen. Woher wusste der Raucher von ihrem Geheimnis? Sie hatte es nur Skinner gesagt!
„Wer hat Ihnen-!“ wollte sie ihn gerade fragen, als er ihr ins Wort fiel. „Ich weiß noch viel mehr über Sie als Ihnen lieb ist. Aber Sie lassen mich ja nicht ausreden.“
Scully setzte sich nun doch auf den Stuhl, den Krycek ihr hingestellt hatte. „Also gut. Ich höre!“ sagte sie bissig und wartete angespannt auf die Dinge, die der Raucher ihr zu sagten hatte. „Agent Scully, ich sage Ihnen das jetzt alles nur, weil ich bald sterben werde. Ich möchte, dass Sie ab hier meine Arbeit übernehmen. Sie müssen versuchen, diese Invasion aufzuhalten. Sie müssen in die anderen Städte reisen, in denen es zu Entführungen kommen wird. Sie müssen Mulder finden. Er ist er einzige, der gegen Purity II absolut immun ist. Wir brauchen ihn im Interesse aller. Nur im Moment haben DIE ihn. Wenn sie vor uns die Ursache für seine Immunität herausfinden, dann wird Ihr Kind die Welt, wie Sie sie kennen, nicht mehr zu sehen bekommen. Die Aliens haben sich weiterentwickelt. Sie haben unsere kleine Verschwörung aufgedeckt und wissen nun, dass wir Alien-Mensch-Hybriden haben. Hybriden wie Mulder. Wie Billy Miles und Teresa Nemman....Und Ihr Baby.“

Das reichte. Scully sprang vom Stuhl auf und packte den Raucher an seinem Pyjamakragen. „Was ist mit meinem Baby?!“ schrie sie ihn an. Krycek aber umfasste fest von hinten ihre Schultern und zog sie zurück auf den Stuhl. Der Raucher lächelte milde.
„Ehrlich gesagt. Ich weiß es nicht. Sie sind die erste Frau, die ein Kind von einem immunen Hybriden zur Welt bringt. Ich bin ebenso gespannt auf das Ergebnis wie Sie.“

Scully hätte ihm am liebsten ihre gesamte Wut ins Gesicht gespuckt, doch sie war zu aufgebracht. „Ich habe genug gehört! Sie widern mich an! Ich werde Mulder finden, aber nicht Ihretwegen. Und ich werde alles tun, um zu verhindern, dass Sie Mulder noch einmal in Ihre schmutzigen Finger bekommen und einen Ihrer menschenverachtenden Versuche an ihm durchführen.“
Sie stand ruckartig auf und stieß dabei den Stuhl um. Mit einem hasserfüllten Blick wendete sie sich von ihm ab und wollte zur Tür gehen. „Sie können tun, was Sie wollen Agent Scully, Sie müssen mir nicht glauben. Ich möchte Sie nur warnen, dass Sie auf Ihrer Suche nach Mulder nicht allein sein werden. Die werden verhindern wollen, dass Sie ihn finden. Die haben Soldaten unter uns gemischt. Soldaten, die das neue Virus in sich tragen. Purity II. Mulder ist der Einzige, der immun dagegen ist. Sie nicht, Agent Scully. Sie sind denen hilflos ausgeliefert. Mir persönlich ist das egal, ich werde sterben, Agent Scully. Ich sterbe an demselben Krebs, den Sie nur mit meiner Hilfe besiegt haben. Und sie werden auch sterben, wenn Sie Mulder nicht finden.“

Er machte eine Pause und lächelte sie gönnerhaft an.
„Ich fände es einfach schade, wenn meinem Enkelkind etwas zustoßen würde, verstehen Sie?“ „Fahren Sie zur Hölle!“ zischte Scully ihm zu. Sie stieß Krycek zur Seite und fuhr ihn an: „Und Sie können gleich mit ihm fahren!“ Sie ging mit schnellen Schritten den Flur zurück und die Treppe hinunter, wo sie am Eingang erst merkte, dass Krycek sie ja hergefahren hatte. Während sie dort im Dunkeln stand, fasste sie mit zitternden Händen ihren Bauch an und streichelte ihn, mehr um sich selbst zu beruhigen als das Kind in ihr, von dem sie nun nicht einmal mehr die Gewissheit hatte, was es überhaupt war. Sie hatte zu viel gehört, sie war vollkommen überfordert und merkte, wie sie unter der Last der Informationen zusammen zu brechen drohte. Sie musste Mulder finden. Alleine würde sie diese Suche nach der Wahrheit nicht beenden können. Sie musste zu dem Ort fliegen, an dem die nächste Entführung stattfinden würde.

Krycek wollte gerade ebenfalls den Raum verlassen und Scully zurück zu ihrer Wohnung fahren, als der Raucher ihn zurückrief. „Alex ?!“ Er drehte sich um und ging auf den alten Mann zu. „Alex, ich weiß, was Sie sind.“ Der junge Mann starrte kalt und regungslos in die grauen eingefallenen Augen des Rauchers. „Ach ja? Na, da bin ich ja mal gespannt.“ „Sie sind einer von denen. Ich warne Sie, lassen Sie sie in Ruhe nach Mulder suchen. Die Beiden werden es ohnehin nicht alleine schaffen.“ Krycek beugte sich über den alten Mann. „Wie wollen SIE mich denn aufhalten, sie altes krankes Nichts?“

Er beugte sich tiefer über ihn und erstickte den panikerfüllten Schrei des alten Mannes indem er seinen weit geöffneten Mund auf den des Rauchers presste. Sein ganzer Körper kontrahierte sich, als er das schwarze Öl in den alten Mann hineinwürgte. Eine Weile merkte man, wie der Körper des Rauchers noch in verzweifelter Pein zuckte und sich mit allen Kräften gegen das Virus wehrte, doch schließlich färbten sich seine Augen schwarz, der schwarze Krebs floss aus seinen Ohren und Nasenlöchern und drang in seinen Geist und umhüllte ihn für immer in der Finsternis des Todes.

 

Alex drehte sich weg von der Leiche des Rauchers, strich sich seine Haare glatt, wischte einmal mit einem Taschentuch über seinen Mund und ging hinunter zur Eingangshalle, wo Scully die ganze Zeit nichts ahnend auf ihn gewartet hatte und er sie ohne, dass sie ein Wort wechselten, nach Hause fuhr, wo er sie in ihre Wohnung entließ. Er ahnte, wo sie als nächstes hinreisen würde und er wollte nur noch sicher gehen, dass Mulder nicht lebend zurückkehren würde, dann würde er auch endlich seine Partnerin und ihr ungeborenes Kind beseitigen können. Vor Aufregung spürte er das Virus in seinen Adern kribbeln und sah auf seine Hände, in deren Venen schwarze Flüssigkeit durch sein Gewebe floss.

Als hinter ihr die Tür ins Schloss fiel, ließ Scully sich mit ihrem Rücken dagegen fallen und stöhnte. Sie rieb sich mit der Hand den Nacken, er war verspannt und über der Stelle, wo ihr Implantat saß, juckte es. Sie hasste den Gedanken, dass dieser Chip immer noch in ihr saß, doch sie fürchtete, der Krebs würde ihren Körper zurückerobern, ließe sie es sich entfernen.
Die letzten 24 Stunden waren ihr so unwirklich erschienen. Es kam ihr alles wie ein Traum vor. Sie konnte einfach nicht mehr. Es fiel ihr schwer, sich überhaupt noch darauf zu konzentrieren, was sie als nächstes tun musste und sie ließ sich vollkommen erschöpft und mit einem quälenden Gefühl böser Vorahnungen in ihr Bett fallen und schlief bis in die frühen Morgenstunden durch, bis ihr Wecker sie jäh aus ihren unruhigen Träumen riss.

Doch am Morgen sollte sie all das Erlebte vom Vortag einholen. All die Informationen, die, egal ob sie nun falsch oder wahr waren, sie zutiefst mitgenommen hatten, all die Befürchtungen, die sie hinsichtlich Mulders Verschwinden in sich trug, all die Ängste bezüglich dieses Wunders, das in ihr zu leben begonnen hatte, all das raste durch ihren Kopf und bereitete ihr kräftezehrende Schmerzen.
Ihr war wieder übel und sie konnte nicht einen Bissen ihres langweiligen Frühstücksbrotes bei sich behalten, also fuhr sie direkt ins Büro. Sie würde ein paar Tage frei nehmen müssen um nach Mulder zu suchen. Sie musste Antworten finden, musste durch das verworrene Netz aus Lügen und falschen Wahrheiten, das der Raucher mit seinen Informationen nur noch dichter gesponnen hatte, durchsteigen. Hinzu kam, dass sie sich mit aller Kraft dagegen wehrte, ihren Vormittag in dem Kellerbüro zubringen zu müssen. Allein und umgeben von tausend schmerzenden Erinnerungen an ihn.
Als sie in Skinners Büro stürmte, platzte sie anscheinend mitten in eine geschäftige Diskussionsrunde herein. Die Stimmen verstummten und alle sahen zu ihr auf.
„Ähm, Sir, könnte ich Sie vielleicht einen Moment unter vier Augen sprechen?“ fragte sie ein wenig irritiert in den großen Raum hinein. „Ehrlich gesagt, haben wir die ganze Zeit versucht, Sie auf Ihrem Handy zu erreichen, Agent Scully. Wir sind gerade dabei, die Hinweise, die uns zu Mulder führen könnten, durchzuarbeiten. Sie könnten uns da ehrlich gesagt sehr behilflich sein.“ Scully starrte in die Runde der Krawatten und Anzüge tragenden Männer, die vor sich Laptops und Diaprojektoren aufgebaut hatten und sich hinter Aktennotizen versteckten, und zweifelte ernsthaft daran, dass auch nur einer von denen genug Phantasie besaß um annähernd begreifen zu können, was hier vor sich ging. Es erschien ihr wie ein dummer Scherz, dass diese ganzen Schreibtischtäter hier herumlungerten und über einen Knopf im Ohr den zuständigen FBI-Agenten in Bellefleur Ratschläge erteilten.
„Sir?“ bat sie Skinner noch einmal um eine persönliche Unterredung und er stand endlich auf, entschuldigte sich und führte sie ins Vorzimmer.
„Agent Scully, ich hatte ehrlich gesagt gedacht, Sie würden sich ein paar Tage frei nehmen.“ Er legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Das möchte ich auch, Sir, allerdings nicht um zuhause zu bleiben. Ich würde mich gerne selbst auf die Suche nach Mulder machen.“ Skinner sah ein wenig nervös auf die Tür hinter ihr. Eine schwangere Frau auf der verzweifelten Suche nach ihrem Partner. Ihm war nicht wohl bei diesem Gedanken.
„Sind Sie sicher, dass das in Ihrem Zustand eine gute Idee ist? Sollte ich Ihnen nicht zur Sicherheit einen Begleiter zur Seite stellen?“

„Nein ! Das hier kann ich nur alleine tun. Ich weiß, dass Sie eigentlich verpflichtet sind, mir jemanden zuzuweisen, aber ich möchte, dass das möglichst diskret behandelt wird.“
Skinner sah die kleine viel zu blasse Person vor sich an. So zart und schwach hatte sie lange nicht mehr gewirkt und hätte er sie nicht gekannt, hätte er versucht, sie zu überreden, das nicht alleine anzugehen. Doch er wusste, was für Kräfte in ihr wohnten und nickte schließlich ein wenig widerwillig. „Ich möchte aber, dass Sie mich in regelmäßigen Abständen kontaktieren, damit ich weiß, dass es Ihnen gut geht.“ Scully schluckte und sah zu Boden. Seine Fürsorge berührte sie. Er drückte ihre Hand, so dass Sie zu ihm aufsah. „Ich kann nicht zulassen, dass Ihnen auch noch etwas geschieht. Ich hab es Mulder versprochen“ redete er ihr eindringlich ins Gewissen.
Sie nickte und verließ das Vorzimmer, jedoch nicht, ohne sich kurz vor der Tür noch einmal umzudrehen und Skinner fest in die Augen zu sehen. Sie wollte, dass er merkte, dass sie dem vollkommen gewachsen war, obwohl sie sich dessen selbst nicht so sicher war.

Skinner sah ihr noch eine Weile nach und betete insgeheim, keinen Fehler gemacht zu haben, er würde sich niemals verzeihen können, wenn ihr auch noch etwas zustieß. Er beschloss, sich nicht darauf zu verlassen, dass sie sich bei ihm meldete. Irgendjemand musste auf sie aufpassen.



Ein paar Stunden später, über Nebraska


Scully leerte den mittlerweile 7. Becher Tomatensaft seit das Flugzeug in die Luft gestiegen war. Sie hasste Tomatensaft. Wahrscheinlich waren das die Hormone. Sie sah auf ihren Bauch. Hätte es der Arzt ihr nicht persönlich gesagt, sie hätte niemals geglaubt, dass darin nun ein Kind wuchs. Ihr Kind. Und das von Mulder. Sie zitterte vor Aufregung bei dem Gedanken daran, dass er tatsächlich der Vater ihres Kindes sein sollte. Da sie niemals wieder über dieses eine Mal geredet hatten erschien es ihr heute so als wäre es nie passiert, wären da nicht all die Bilder und Gefühle dieser gemeinsamen Nacht, die sie beide in ihren Herzen trugen und die sich nun in diesem Kind verewigt hatten, wie ein Ausrufezeichen hinter einem Satz, den man lieber zurückgenommen hätte, kaum dass er ausgesprochen war.
Doch sie konnte sich überhaupt nicht auf dieses Wunder in ihr einlassen. Die Welt um sie lag in Trümmern und sie musste Mulder finden.
Sie seufzte. Vor Einbruch der Dunkelheit würden sie sicher nicht in Boise landen. Hier oben konnte sie nichts ausrichten, also sollte sie lieber versuchen, sich ein wenig abzulenken. Sie wusste ohnehin nicht im Geringsten, wo ihre Suche losgehen sollte. Doch sie hoffte, ihre Intuition würde sie lenken. Sie hatte den einsamen Schützen noch einen kurzen Besuch abgestattet und sich vergewissert, dass sie sie jederzeit erreichen konnte, was bei den drei Paranoikern nicht immer einfach war. Sie setzte sich die Kopfhörer auf, die sie der Stewardess gerade abgekauft hatte, und drehte das Bordprogramm etwas lauter. Während sie Tschaikowskys Jahreszeiten lauschte, begannen sich die Informationen in ihrem Kopf zu verselbständigen und verknoteten sich zu Gedanken, die ihr immer, wenn sie sich darauf konzentrieren wollte, einfach entglitten, als wären sie glitschige Fische, die sie in einem reißenden Fluss mit bloßen Händen zu fangen versuchte.
Ihr Blick lag in der Ferne auf den Wolkenbergen, die sich in der langsam untergehenden Sonne rosa zu färben begannen. Ihre Augen trübten sich in dem Schatten, der auf ihrer Seele lag, und sie fuhr fort nachzudenken.
Sie fasste die Informationen der letzten Tage zusammen, so wie sie es schon hundert Mal gemacht hatte.

Wie es aussah, waren Mulder und all die anderen dieses Mal nicht vom Militär entführt worden, sondern es handelte sich um so genannte „echte“ Alien-Entführungen. Das stieß ihr immer noch ziemlich auf und sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Doch wenn sie an den furchtsamen Ausdruck in Skinners Augen und selbst in den Augen des Rauchers dachte und daran, dass diese UFO’s anders als die vorherigen nicht über Magnetfeldanomalien aufgefallen waren, dann erschien ihr das auch merkwürdig. Ihre eigenen Erlebnisse in Afrika hatten sie dieser unheimlichen außerirdischen Macht gegenüber ehrfürchtig werden lassen. Sie ging darüber nun nicht mehr mit ihrer gewohnten naturwissenschaftlichen Arroganz hinweg, sondern war nun selbst der Überzeugung, dass da draußen irgend etwas war.

Eine Sache, die in ihrem Unterbewusstsein jedoch viel heißer brodelte, waren die Aussagen des Rauchers, Mulder und ihr ungeborenes Kind seien beide gleichermaßen nicht nur Ergebnisse von Experimenten, die dazu gedient hatten Alien-Mensch-Hybriden zu schaffen, sondern seien auch beide immun gegen diesen schwarzen Krebs, Purity. Und was hatte das Gerede über Purity II zu bedeuten? Und was für Soldaten hatte der Raucher erwähnt?
Sie spürte, dass das alles viel größer war als sie überhaupt erfassen konnte. Sie musste Mulder finden. Sie alleine war dem nicht gewachsen, sie schaffte es nicht, seinen Platz einzunehmen und all diesen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Es war immer sehr viel leichter gewesen, alles anzuzweifeln und Gegenbeweise finden zu wollen, als plötzlich vor der Aufgabe zu stehen, das Mysterium der Schöpfung klären zu wollen. Ein resignierter Seufzer entwich ihren Lippen. Es machte keinen Sinn sich hier oben weiter den Kopf zu zerbrechen. Und sie war zu müde und zu erschöpft.

Draußen funkelte der erste Stern während die Sonne noch nicht einmal untergegangen war, doch der Horizont färbte sich dunkelrot und violett. Sie schaltete durch die Kanäle des Bordprogramms und blieb an einem Lied hängen. Zwischen ihren vom Denken müden Hirnwindungen breitete sich ein wohliges Gefühl aus. Ein scheues Lächeln huschte über ihr Gesicht, so als wagte sie vor Kummer schon gar nicht mehr sich überhaupt noch eine Sekunde davon auszuruhen.
Dieses Lied hatten sie einmal auf einer CD gefunden, die Mulder für ein Beweismittel gehalten hatte. Es war dabei um irgendein Projekt über künstliche Intelligenz gegangen und anstelle der Beweise hatte diese CD in ihrem Dienstwagen dieses Lied abgespielt. Sie hatten sich die ganze Zeit während des Liedes angeschaut und nicht gewusst, ob sie lachen oder weinen sollten. Es war einer dieser Momente gewesen, die nur sie beide miteinander haben konnten. Einer der Momente, in denen alles um sie herum vergessen schien und sie sich wortlos über all das, was in ihren Seelen vorging, austauschen konnten, mit einem simplen Blick und einem einfachen Lächeln.
Das Lied gehörte eigentlich nicht gerade zu der Art Musik, die sie gerne hörte, doch in diesem Augenblick größter Einsamkeit hüllte es sie in Geborgenheit und sie erlaubte sich, sich einen Augenblick in der Erinnerung an seine warmen Augen, seine sanften Hände und seine starken Schultern zu verlieren und sich einen kurzen Moment nicht vollkommen verlassen zu fühlen. Draußen war der Himmel nun dunkelblau und in der unendlichen Weite des Himmels blitzten viele Sterne auf.

„Heavenly shades of night are falling, it`s twilight time
Out of the mist your voice is calling, `tis twilight time
When purple-colored curtains mark the end of day
I`ll hear you, my dear, at twilight time

Deepening shadows gather splendor as day is done
Fingers of night will soon surrender the setting sun
I count the moments darling till you`re here with me
Together at last at twilight time

Deep in the dark your kiss will thrill me like days of old
Lighting the spark of love that fills me with dreams untold
Each day I pray for evening just to be with you
Together at last at twilight time“

 
:rotate: Als sie so aus dem Fenster sah und sich ein wenig in ihrem Traum verloren hatte, merkte sie, wie das Flugzeug langsam sank und den Flughafen von Boise anflog.
Sie setzte sich aufrecht in ihren Sitz und legte die Kopfhörer weg, ihre gesamte Anspannung erfasste sie wieder und der kleine Moment der Geborgenheit war verflogen.
Plötzlich blieb ihr Blick in der Dunkelheit haften. Sie konnte ganz deutlich in den graublauen Schattierungen der jungen Nacht Umrisse eines nur allzu vertrauten Phänomens unter sich in den Feldern erkennen. Waren das nicht...sie rutsche unruhig in ihrem Sitz hin und her und drückte ihre Stirn gegen das Fenster, um an der Tragfläche vorbei sehen zu können, ob sie sich auch nicht irrte.
Doch sie behielt recht: Dort unten waren geometrische Formen in den Feldern zu sehen. „Ich glaub es einfach nicht“, entwich es ihr in ihrem Staunen. „Kornkreise!“

Sofort als die Motelzimmertür hinter ihr geschlossen war, hastete sie zu ihrem Telefon und tippte die lange fremdartige Nummer ein, die Byers ihr gegeben hatte. Anscheinend eine Telefonzellennummer. Sie hörte ein Freizeichen.

„Carter, Reagan und Bush am Hörer, sprechen wir mit Nancy?“ ertönte eine wohlbekannte Stimme am anderen Ende der Leitung. Scully schmunzelte, ein selten blöder Code! Aber immerhin war sie sich nun sicher, dass die Nummer stimmte. „Nein, hier ist Laura“, bestätigte sie den absurden Code. Es klickte in der Leitung und jemand atmete erleichtert auf. „Agent Scully, Sie sind schon gelandet?“

„Langley, was wissen Sie über Kornkreise in den Regionen, in denen die Entführungen stattfinden?“

„Kornkreise? Meinen Sie das wirklich ernst?“ Frohike klang belustigt. Es war einen Augenblick still als er sich nach endlos erscheinenden vierzig Sekunden - Scully hatte die ganze Zeit die Uhr angestarrt - wieder zu Wort meldete. „Volltreffer! In den letzten vierzehn Monaten sind in allen Städten Kornkreise gesichtet worden. Moment, ich hab gleich die Daten...“ Er diktierte ihr der Reihe nach verschiedenen Kalenderdaten und Scully notierte sie sich in der Eile auf den Unterarm. „Danke, ich meld mich wieder“, warf sie noch knapp in den Hörer und legte wieder auf.

Die Daten ließen sich in zwei Gruppen aufteilen. Die erste Serie von Kornkreisen lag eine Weile zurück, während die zweite gerade wieder begann.
Sie hatte eine ziemlich klare Vermutung, wohin sie das führen würde und als sie die Krankenhausdaten der Entführten mit den Erscheinungsdaten der Kornkreise verglich, bestätigte sich ihr Verdacht: Die ersten Kornkreise waren jeweils in einem Zeitraum von ca. 48 Stunden vor Auftreten der Gehirnanomalien der Entführten aufgetreten und in Fallon, Parker, Alturas und Bellefleur waren vor einigen Tagen von äußerst verärgerten Farmern neue gemeldet worden. Jedoch an anderer Stelle.
Das war es. Die erste Kornkreisserie hatte bei den Entführten die Gehirnanomalien ausgelöst, genau wie das Artefakt damals bei Mulder...
Scullys Verstand weigerte sich noch, das zu begreifen. Es handelte sich also tatsächlich um ein und dieselbe Macht wie damals in Afrika, die hier jetzt gegen sie arbeitete.
Hatte vielleicht in den Worten des Rauchers mehr Wahrheit gesteckt, als sie ihm zugetraut hatte?

Sie setzte sich auf das Bett und rieb ihren Nacken. Das Implantat juckte wieder, sie konnte sogar deutlich fühlen, dass die Haut darüber leicht erwärmt und geschwollen war. Hatte es sich etwa entzündet? Dann würde sie es über kurz oder lang entfernen müssen, wenn sie nicht wollte, dass ihrem Baby etwas passierte. Ihr Baby. Sie konnte immer noch nicht akzeptieren, wie diese eine Nacht der absoluten Unwahrscheinlichkeit dieses Ereignisses zum Trotz dieses Wunder vollbracht hatte.

Mh. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es Zeit wurde, schlafen zu gehen. Doch was würde sie tun, wenn sie aufstand? Wo würde sie nach Mulder suchen? Wie konnte sie das nutzen, was die Kornkreise ihr sagen wollten. Was würde Mulder tun?
Sie lächelte bei dem Gedanken daran, dass er sie wahrscheinlich mitten in der Nacht wecken und mit ihr zu den Kornkreisen fahren würde, um dort in der Dunkelheit mit Geiger-Zählern und Nachtsichtgeräten herumzugeistern. Sie hatte allerdings das Gefühl, dass ihr das nicht helfen würde.
Sie versuchte sich an die Form des Kornkreises, den sie vom Flugzeug aus erspäht hatte, zu erinnern und in dem Katalog geometrischer Formen, der irgendwo in ihrem Kopf in den letzten sieben Jahren angelegt worden war, etwas ähnliches zu finden. Hätte sie Mulder doch besser zugehört bei seinen stundenlangen Vorträgen während ihrer vielen Autofahrten. Sie erinnerte sich jedoch an eine Sache, die sie damals besonders beeindruckt hatte. Sie zerrte ihren Laptop aus der Tasche und loggte sich vier Kabelknoten später ins Netz ein. Nach einigen Klicks erschien vor ihr des Rätsels Lösung: Es waren Maya-Symbole. Maya – Symbole für Sterne und Planeten. Sollten die Kornkreise etwa eine Art Wegweiser darstellen? Oder markierten sie das Gebiet, in dem das UFO landen würde? Ihr Kopf rauchte, doch jetzt würde sie niemals schlafen können.

Man konnte bis spät in die Nach das Klappern ihrer Nägel auf der Computertastatur vernehmen während sie den Kummer in ihrem Herzen vollkommen vergaß. Jetzt hatte sie endlich etwas, woran sie sich festhalten konnte.

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There must be a scientific explanation

 

Zur selben Zeit, irgendwo

Ein greller Blitz schien direkt in sein Gehirn zu leuchten. Er wusste nicht, wo oben, wo unten war. Er spürte die Schwerelosigkeit seines Körpers. Er hing unter einem farblosen und dennoch undurchsichtigen Gewölbe mitten in dem, was er als Luft empfand, an Seilen, deren Enden irgendwo an der Grenze des Raumes, die er nicht erfassen konnte, befestigt waren. Die Seile waren durch Metallstifte, die seine Fingerkuppen und Zehen, sowie seine Ohrmuscheln durchbohrten, an ihm befestigt und hielten ihn so in einer anscheinend waagerechten Position. Er wusste nicht, ob es waagerecht war. Er fühlte schon lange keinen Schwindel mehr, hatte sich an den Verlust von Zeit, Raum und Koordination gewöhnt.
Doch nun begann eine kalte Leere durch ihn hindurchzuwehen. Es fühlte sich an, als rückten sämtliche Dinge, die für ihn immer existiert hatten in ungreifbare Ferne. Er verlor den Verstand. Er konnte nicht einmal mehr mit Sicherheit behaupten, dass er existierte.
Der Metalldorn, der immer näher auf ihn zukam, schoss weiterhin Blitze durch seinen Kopf während er wieder dieses laute metallische Hauchen vernahm.
In ihm verkroch sich die Angst, weil sie sich selbst vor dem Nichts fürchtete, dass sich seines Geistes bemächtigte. Er war so allein. Ihm fehlte etwas. Jemand. Ein verschwommenes Bild erschien vor seinem Kopf. Doch er konnte sich nicht erinnern. Er hatte es einfach vergessen. Und nicht einmal Tränen konnten noch aus seinen trockenen müden Augen entweichen. Nur ein dumpfer kalter Schmerz hielt ihn in jedem Augenblick in jeder Faser seines Körpers in seinen eisigen Händen.

 

8 Stunden später

Der Wecker klingelte aber Scully war schon vor Stunden aus einem tiefen Traum hochgeschreckt. Sie konnte sich nicht mehr an ihn erinnern, aber sie hatte das Gefühl gehabt, ihr wäre die Luft zum Atmen genommen worden und als sie aufgewacht war, hatte sie sich übergeben müssen und sich mit den schlimmsten Gedanken, was Mulder gerade durchmachen mochte, bis in die frühen Morgenstunden gequält. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Partnerschaft war sie vollkommen alleine. Sie waren schon oft getrennt gewesen, doch sie hatte immer gefühlt, dass er in der Not da sein würde. Nun konnte sie nicht einmal mehr fühlen, ob er überhaupt noch lebte und es schien ihr, als sei er ihr zu fern, als dass sie von hier aus irgend etwas bewirken konnte.
Doch es tröstete sie, sich in die Suche nach ihm zu stürzen, sonst würde sie verrückt werden.

Scully verbrachte den ganzen Tag auf den Beinen in der hiesigen Sternwarte und belagerte, nachdem sie ihren FBI-Ausweis gezückt hatte, stundenlang einen kleinen dicken Professor, der jedoch recht froh über die ganze Aufmerksamkeit, die seinem Randprojekt plötzlich geschenkt wurde, mit einer Engelsgeduld auf ihre Fragen einging. Sie hatte sich eine Satellitenaufnahme der Kornkreise, die sie vom Flugzeug aus gesehen hatte, ausdrucken lassen und war zusammen mit Kopien aus einem Universitätsband über die astronomischen Kenntnisse und Kalender der Mayas direkt nach Boise gefahren, wo sie auf einen Professor getroffen war, der zufällig ein unglaublicher Fan antiken Astronomie-Wissens war. Es dauerte einige Computersimulationen und Anrufe und damit einige sehr mühsame Stunden, bis sie endlich etwas fanden, was einen Sinn ergab. Die Kornkreise standen jeweils für bestimmte Planeten- und Fixsternkonstellationen, die natürlich an jedem Ort und zu jeder Tageszeit unterschiedlich waren, so dass man aber, wenn man alle Kornkreise untereinander in Beziehung brachte, einen ziemlich genauen Orts- und Zeitplan erhielt. Für was und warum oblag natürlich noch ihrer Spekulation, doch in Ermangelung anderer Hinweise hoffte Scully darauf, dass es sie irgendwie weiterbringen würde. Trotz ihrer überdurchschnittlichen Physikkenntnisse reichte ihr Wissen anscheinend nicht aus, dem Professor bei seinen Ausführungen wirklich folgen zu können, so dass sie am Ende das Ergebnis, das er ihr ausgedruckte nur mit einem sehr dankbaren Lächeln quittierte.
Am späten Nachmittag machte sie sich nach etlichen erfolglosen Anrufen endlich auf den Weg, den Mann und die zwei Frauen zu suchen, die laut ihrer Akten zu denen gehörten, die entführt werden sollten. Sie hatte die Pflicht als Bundesagentin und als Mensch, sie vor dem zu warnen, was mit ihnen geschehen würde. Doch die drei Personen waren bereits wie vom Erdboden verschluckt. Zwei von ihnen waren seit Wochen nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen und die dritte hatte sich angeblich auf den Weg zu ihrer Schwester nach Denver gemacht, war aber von dort nicht mehr zurückgekehrt und Scully konnte sie auch telefonisch nicht bei ihrer Schwester erreichen. Die drei Personen blieben unauffindbar und das machte Scully schreckliche Angst, weil es ihr das Gefühl vermittelte ein vollkommen hilfloser Zuschauer grausamer und sinnloser Ereignisse sein zu müssen.

11.21 abends

Sie hatte sich bei Einbruch der Dämmerung nach vielen weiteren und ergebnislosen Telefonaten und nachdem sie zahlreiche Nachrichten auf Anrufbeantwortern hinterlassen hatte, endlich mit einem Kompass, diversen Karten und einer Taschenlampe in ihr Auto gesetzt und war nach einigem Umherirren schließlich an dem Ort angekommen, der laut der Kornkreise der Schlüssel zu irgendeinem Ereignis sein musste. Sie hielt mitten auf der Straße an, ließ ihren Wagen mit Standlicht stehen, damit sie ihn auch wieder finden würde und machte sich auf den Weg, immer die Sterne im Auge behaltend, da diese ihr die Richtung wiesen.

Es war sehr kalt hier draußen und die Nacht war so dunkel, dass sie nicht einmal die Grenze zwischen Himmel und Erde erkannte. Der Wind pfiff ihr leise um die Ohren und sie glaubte fast zu spüren, wie die Wolken sich unheilschwanger über ihrem Kopf zusammenbrauten, so dass ihr die Sicht auf die Sterne genommen wurde und sie nun ein wenig hilflos und mit zittrigen Knien in einem Wald an einem felsigen Hang stand und nicht genau wusste, worauf sie eigentlich wartete, das hier war schließlich sonst immer Mulders Erfahrungsgebiet. In ihr breitete sich eine beklemmende Erwartungshaltung aus. Die hohen Tannen standen stumm und schwarz in der Dunkelheit über ihr und es schien fast, als würden sie ihr zusammen mit dem eisigen Wind, der durch ihre Äste fuhr, eine Warnung zu flüstern.

In ihrer Aufregung war ihr nicht einmal aufgefallen, dass ihr die ganze Zeit ein Wagen in sicherem Abstand gefolgt war und eine dunkle Gestalt hundert Meter entfernt vor ihr ebenfalls auf etwas zu warten schien.

Sie leuchtete mit der Taschenlampe auf ihre Uhr als sie plötzlich ein Geräusch zu hören glaubte. Sie fuhr herum, das war sicherlich kein Ast und auch kein Blatt gewesen. Es hatte wie eine Art Hauchen geklungen. Irgendwie metallisch, hohl. Sie schwenkte ihre Taschenlampe in alle Richtungen. In der Ferne konnte sie erkennen, wie sich der Strahl an einer Stelle stärker zu bündeln schien, als gewöhnlich. In ihrer Neugier und weil sie am ganzen Körper fror, bewegte sie sich darauf zu.
Doch plötzlich merkte sie, wie Wind der Wind stärker wurde. Sie drehte sich um und sah den Hang hinauf. Ihre Augen hatten sich etwas an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnte nun erkennen, wie die Wolken, die den Sternenhimmel verhangen hatten, auseinanderstoben, als wären sie vor etwas erschrocken. Ihre Hand zitterte. Sie fühlte sich in diesem Wald nicht sicher, die Baumstämme ringsum sie herum kamen ihr vor wie Gitterstäbe eines riesigen Käfigs und sie rannte intuitiv den Hang weiter hinunter in Richtung Waldesrand. Sie spürte, wie der Wind um sie begann, kleine Zweige von den Bäumen zu brechen und wie sich am Boden vor ihr die Blätter wirbelnd im drohenden Sturm erhoben und ihr ins Gesicht wehten. Das Hauchen schien nun in ihren Ohren einen festen Platz eingenommen zu haben und der metallische Klang, der darin mitschwang, schien bis ins Innerste ihres Gehirns zu dringen. Ihre Taschenlampe begann zu flackern und sie erkannte wie in der Ferne eine Gestalt durch den Lichtstrahl ihrer Taschenlampe huschte.

„Halt! Wer ist da?“ Sie war einerseits fast ein wenig erleichtert, dass in dieser gespenstischen Finsternis anscheinend noch jemand unterwegs war, aber zugleich ergriff sie Panik, ob ihr jemand gefolgt war. Ihre Taschenlampe festklammernd rannte sie mit festen Schritten auf den Punkt zu, wo die Gestalt gewesen war. „Hey! Stehn bleiben!“ rief sie in die Nacht hinein. Doch während sie sich auf diesen Unbekannten konzentrierte, spürte sie, wie der Boden unter ihren Füßen zu vibrieren begann und in ihr eine beißende Kälte aufstieg.

Plötzlich wurde es taghell, so dass sie sogar für eine Hundertstelsekunde ein Gesicht zwischen den Bäumen zu erkennen glaubte und das metallische Hauchen verwandelte sich in ein dumpfes lautes Brummen, das sich hinter ihr zu erheben schien. Sie fuhr herum und schirmte mit ihren Händen die Augen vor dem weißen Licht ab, dass sich vor ihr langsam aufschwang und immer höher zu steigen schien. Ihr Herz raste als sie zu begreifen anfing, was sie vor sich sah. Ihre hellblauen Augen weiteten sich und sahen in das gleißende Licht, nach Antworten suchend. „Muuuuuulder!!!!!“ schrie sie dieses Licht verzweifelt an und rannte darauf zu. Ihr Brustkorb schnürte sich vor Aufregung zu und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

Doch plötzlich spürte sie wie das Herz in ihr die Kontrolle verlor und ihre Beine nachgaben. Sie bekam keine Luft. Und ihr Nacken brannte. Das immer höher steigende Licht verschwamm zu einem weißen Wattefleck vor ihren Augen und sie spürte nur noch den harten Aufprall und den Stein, gegen den sie schlug.
Und wie zwei starke Arme plötzlich an ihrem Körper zogen und eine tiefe Stimme etwas zu ihr sagte. Mit letzter Kraft versuchte sie das Licht zu verfolgen, doch es verschwand im Nichts als sie schließlich das Bewusstsein verlor.


 

Zur selben Zeit in einem heruntergekommenen Appartment in einem Vorort von Washington D.C.

Der junge Mann wusch sich in seiner spartanischen Waschecke seines Appartments mit kaltem Wasser das Gesicht. Dieses Ding in ihm beherrschte seinen Geist und seinen Körper gleichermaßen. Es war heiß und er hatte schreckliche Kopfschmerzen. Doch er würde sich daran gewöhnen müssen. Nur so konnte er die bevorstehende Apokalypse überleben.
Es war ein simpler Tauschhandel gewesen, ein Leben für ein anderes, und während er das kalte Wasser in seinen Händen fühlte, überlegte er eine Sekunde, ob es sich wirklich gelohnt hatte, schüttelte diesen Gedanken aber sofort ab. Der Raucher war eine lästige widerliche Schlange gewesen und es war höchste Zeit gewesen, ihn zu entfernen. Er hob seinen Kopf und wollte sich gerade Zahnpasta aus dem kleinen Spiegelschränkchen über seinem Waschbecken nehmen, um den metallischen Geschmack, den Purity II auf seiner Zunge hinterließ, loszuwerden. Doch er zuckte erschrocken zusammen als er im Spiegel hinter sich eine Person sah. Sein ganzer Körper spannte sich an. Als er herumfuhr und direkt danach erkannte, wer vor ihm stand, beruhigte er sich jedoch sofort wieder und atmete erleichtert auf.
„Verdammt! Du hast mich zu Tode erschreckt. Was machst Du hier in Washington?“ Die attraktive blonde Frau näherte sich ihm und streckte mit besorgtem Blick seine Hand nach ihm aus.
„Du siehst schlecht aus, Alex. Bist Du sicher, dass es Dir gut geht?“ Er schob ihre Hand etwas unsanft beiseite, bevor sie sich auf seine Wange legen konnte.
„Ja, mir geht’s prächtig.“ Marita Covarrubias zog die Stirn leicht in Falten. Er wirkte sehr angespannt. Sie atmete tief durch und sah sich dann in dem dunklen kaum möblierten Zimmer um. „Agent Scully ist in Boise. Sie scheint nach Antworten zu suchen. Doch ich fürchte, sie wird sie nicht finden.“ Eine unangenehme Pause entstand. Marita räusperte sich. „Der Raucher ist in seiner Wohnung tot aufgefunden worden.“
Krycek ließ sich gelangweilt in einen alten Ledersessel fallen. „Ja und?“
„Ich frage mich, was Du damit zu tun haben könntest, Alex. An seinen Lippen wurde ein dünner Film einer schwarzen öligen Substanz gefunden. Ich dachte, Du könntest wissen, wo sie herkam. Immerhin warst Du es doch, der vor drei Wochen in Japan gewesen ist. Und so weit ich weiß sind die Japaner die Einzigen, die schon im Besitz von Purity II sind. Immerhin haben sie den Aliens auch einen hohen Preis gezahlt, indem sie denen sämtliche ihrer Alien-Mensch-Hybriden ausgeliefert haben.“ Sie schwieg.

Nach all den Jahren hatte sie so viele Einblicke in die finsteren Seelen der mächtigsten Politiker erhalten und alles, was sie daraus mitgenommen hatte, war, dass Korruption keine ethischen und irdischen Grenzen kannte. Sie zweifelte ernsthaft daran, dass es einen Unterschied machen würde, ob nun Menschen oder Aliens das Leben auf diesem Planeten regierten. Es war so sinnlos.
Alex starrte auf einen Punkt auf der Wand hinter ihr. „Welchen Nutzen sollte ich aus dem Besitz von Purity II ziehen?“ fragte er sie gereizt. In seinen Augen lag ein unheimlicher und fremder Ausdruck. „Naja, ich denke, es gibt eine Menge Menschen, die Dir dafür recht viel zahlen würden. Für wen hast du es besorgt?“ Krycek stand auf und ging mit langsamen Schritten auf Marita zu. „Zerbrich Dir darüber nicht Deinen hübschen blonden Schädel, ich hab das alles vollkommen im Griff“, sagte er abfällig als er seine Hand nach ihr ausstreckte und ihr einen lieblosen Kuss auf die Lippen presste.
Sie stieß ihn weg, Furcht und Ekel lagen in ihren Augen. „Du bist ja vollkommen übergeschnappt. Was haben Die nur mit Dir angestellt?“ Ein missbilligender Ausdruck lag in ihrem Gesicht und ihre kalten blauen Augen sprühten Funken als sie sich zornig von ihm wendete. „Meld Dich, wenn Du wieder normal bist, ich jedenfalls werde nicht zulassen, dass alles den Bach runtergeht.“ Und mit einem letzten eisigen Blick in seine Richtung verließ sie seine Wohnung.
Alex drehte sich zu dem kleinen Fenster, von dem er auf die Mülltonnen im Hinterhof sehen konnte.

Die Japaner hatten ihm in der Tat die neue Variante von Purity im Tausch gegen die neueste Version amerikanischer Nanobots gegeben. Der Raucher persönlich hatte ihn für diesen Auftrag nach Japan geschickt. Doch er hatte das Angebot der Invasoren als wesentlich verlockender empfunden. So hatte er Purity II zwar auf amerikanischen Boden gebracht, doch anstelle es auszuliefern, hatte er denen nur das alte Purity gegeben und sich mit dem neuen selbst infiziert. Im Tausch dafür hatte er lediglich das triste Leben dieser stinkenden rauchenden Qualle beenden müssen. Als der alte Mann dann letzte Woche mit der Bitte, das UFO zu finden, an ihn herangetreten war, schien die Zeit gekommen.
Diese Variante garantierte ihm wenigstens, dass er auf jeden Fall eine Invasion der Aliens überleben würde. Weil er nun selbst eins war.

Und als einer ihrer Soldaten hatte er eine höchst ehrenvolle Aufgabe: Diese Invasion endgültig voranzutreiben.

Er lächelte mit blitzenden Augen, während Purity II sich in jeder Zelle seines Körpers einnistete und seine Gehirnwindungen umspülte. Es schien, als hätte er zum ersten Mal in seinem kranken einsamen Leben eine Bestimmung gefunden, die seinem widerlichen Naturell entsprach.


Am nächsten Morgen in einem Krankenhauszimmer

Für den Bruchteil einer Sekunde hörte sie Mulders Schrei. Eine riesige Spitze aus Stahl tauchte vor ihren Augen auf und näherte sich ihr unaufhaltsam. Ein lautes metallisches Hauchen ging von ihr aus. Doch bevor sie all das bewusst wahrnehmen konnte, war es wieder verschwunden.
Sie wurde von einem grellen Licht geblendet. Ihr ganzer Körper zuckte kurz zusammen und sie öffnete zwinkernd die Augen.

Es war Morgen und durch ein Fenster schien die Sonne grell und heiß in ihr Gesicht. Ihre Augen zusammenkneifend versuchte sie sich daran zu gewöhnen und sich zu orientieren. Da stand ein Mann an ihrem Fenster. Seine Silhouette wirkte vertraut. Einen winzigen Moment breitete sich Wärme in ihr aus. Sicher! Das alles war nur ein Traum gewesen und Mulder war hier bei ihr, in diesem Zimmer. Sie war vor den drei einsamen Schützen in dem FBI Konferenzraum zusammengebrochen und wachte nun in ihrem Krankenbett auf und er war aus Bellefleur zurückgekehrt um bei ihr zu sein. Erleichterung nahm ihr die ganze Last auf ihrem Herzen ab.

Doch ihr sollte nur eine Sekunde später wieder die Enttäuschung folgen, die die Last danach noch schwerer wirken ließ.

Der Mann bemerkte, dass sie wach wurde und kam auf ihr Bett zu. Als er näher kam und das Gegenlicht schwächer wurde, spürte sie, wie sich die eisigen Krallen, die ihr Herz bald seit einer Woche festhielten, wieder enger schlossen. Es war nicht Mulder. Und das hier war auch nicht das Krankenzimmer in Washington. Sie lag in einem Krankenhaus in Boise. Ihr fiel plötzlich wieder alles ein, ihr sinnloser Alleingang und ihr Erlebnis in dem Wald da draußen. Jemand war dort gewesen. Hatte sie aufgefangen als sie das Bewusstsein verloren hatte. Ihre Finger fühlten die immer noch leicht pochende Wunde an ihrer Schläfe.
Sie sah diesen Jemand nun mit offenem Mund und noch etwas benommen in die Augen. Er war ungefähr in Mulders Alter, jedoch ein ganzes Stück kleiner als er. Und hatte härtere Gesichtszüge. Sein Haar war aschblond und begann an den Schläfen grau zu werden. Seine braunen Augen sahen Scully freundlich an. „Wer sind Sie?“ fragte sie ihn irritiert.
„Entschuldigung, ich hab mich noch nicht vorstellen können“ , lächelte er sie an. Er hielt ihr seine Hand hin. „Ich bin Agent James Morgan. Assistant Director Skinner hat mich geschickt, um...“ „...auf mich aufzupassen.“ Scully beendete in einem kühlen und nüchternen Ton seinen Satz. Sie ließ seine Hand allein vor ihr in der Luft hängen und atmete tief durch.
„Waren Sie das etwa in dem Wald? Sie haben mich fast zu Tode erschreckt!“ Sie wollte ihm direkt zeigen, dass sie keinen Babysitter brauchte, als hoffte sie, er würde davon in die Flucht geschlagen.
Sie war wütend auf ihn. Und auf Skinner. Und auf sich.
Sie hatte diese Chance verpasst. Sie war einfach zusammengebrochen. Skinner hatte Recht gehabt, sie nicht alleine gehen zu lassen. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht?
Der viel zu freundliche Agent vor ihr nahm sich einen Stuhl und setzte sich an ihr Bett.
Warum machte er das? Konnte er nicht einfach gehen? Musste er ihr nun auch noch unter die Nase reiben, dass sie als Frau unbedingt auf die Hilfe eines Mannes angewiesen war?

„Geht es Ihnen wieder besser?“ Er war so nett zu ihr. Das machte sie noch wütender, was ihm offensichtlich leidtat. Er sah betreten auf seine Hände und schien vor irgendetwas Angst zu haben. Schließlich fasste er sich ein Herz.
„Agent Scully, das, was da draußen war...war das...“ Doch er wurde unterbrochen als sich die Tür schwungvoll öffnete und eine Ärztin hereinkam. Sie freute sich, ihre Patientin wach vorzufinden und blickte den Besucher neben Scullys Bett auffordernd an. Agent Morgan verstand und verließ diskret den Raum.
„Miss Scully! Es ist schön, Sie in diesem Zustand zu sehen. Sie haben uns einige Sorgen gemacht.“ Sie lächelte sie an und setzte sich auf die Bettkante. „Ihrem Baby geht es gut. Keine Angst“, beruhigte sie Scully, die erst jetzt wirklich begriff, dass sie in einem Krankenbett lag und instinktiv ihre Hände auf ihren Bauch gelegt hatte. „Um Sie mache ich mir allerdings immer noch ein wenig Sorgen.“
„Was ist mit mir passiert?“ Scully sah die Ärztin auffordernd an. „Sie haben einen starken Eisenmangel. Ihr Hämoglobin ist extrem niedrig.“
Scully war erleichtert. Eisenmangel? Das war alles? „Das ist doch während einer Schwangerschaft normal. Oder nicht ? “ fragte sie die Ärztin irritiert. „Na ja, bei Werten um 9 bis 11. Aber ihr Wert lag gestern Nacht bei 4. Wir haben ihnen mehrere Blutkonserven gegeben. Sie waren vollkommen hypoxisch.“
Scully schluckte, das war allerdings sehr niedrig. „Haben Sie irgendwelche Blutkrankheiten, Geschwüre, die bluten könnten oder irgendwelche bösartigen Erkrankungen oder Infekte, die das verursacht haben könnten?“ Scully erzählte davon, dass sie vor zwei Jahren an Krebs erkrankt gewesen war aber abgesehen davon, wusste sie nicht, woran es liegen konnte. Die Ärztin nickte.
„Miss Scully, da ist noch etwas. Wir haben einen Metallsplitter unter Ihrer Haut gefunden, der sich anscheinend entzündet hat. Wir sollten ihn entfernen. Wenn sie eine Entzündung im Körper haben, kann das ihre Werte zusätzlich verschlechtern.“ Etwas zu heftig setzte sie sich auf. „Nein, das darf auf keinen Fall entfernt werden! Ich werde mich einfach bei meinem Hausarzt noch einmal durchchecken lassen und dann eben Eisenpräparate bis zur Geburt nehmen.“
Die Ärztin lächelte. Ärzte waren die schlechtesten Patienten, doch sie sah ebenfalls keinen Grund, warum sie eine junge schwangere Frau, die ansonsten recht gesund war, nur wegen eines Eisenmangels da behalten sollte. Sie stimmte ihr schließlich zu, verabschiedete sich und verließ das Krankenzimmer.

Scully spürte wieder, wie das Metall in ihrem Nacken juckte. Hatte dieses Ding vielleicht den Eisenmangel hervorgerufen? Sie musste das herausfinden. Wenn sie krank war, würde sie ihre Suche nach Mulder nicht fortsetzen können.
Als Agent Morgan in ihr Zimmer zurückkam lächelte sie ihm tapfer zu und hoffte inständig, Skinner würde diesem blonden Superagenten einen anderen Job zuweisen, sobald sie wieder zurück waren. Doch für die Heimreise hatte sie wenigstens jemanden, der sie auf dem langen Flug von all ihren Ängsten ablenken würde.


Eine Woche später, Scullys Appartment

Scully rollte die Matte vor ihr auf dem Boden wieder zusammen. Ihr Hausarzt hatte ihr ein wenig Bewegung empfohlen in Verbindung mit Eisenpräparaten und Vitaminen. Yoga! Sie hob ihre Augenbraue und stemmte resigniert die Hände in die Hüften. Das war nichts für sie. Dieses spirituelle Gerede ließ ihren von der Wissenschaft immer noch beherrschten Verstand bei jeder dieser Verrenkungen aufschreien und sie bezweifelte, dass das ihr und ihrem Baby gut tun würde. Es half nichts. Sie würde sich wohl eine andere Sportart suchen müssen.

Die Übelkeit, die sie seit Wochen jeden Morgen geweckt hatte, wurde langsam besser und sie hatte sich mit dem Gedanken, doch noch ein Baby zu bekommen vertraut gemacht. Allerdings war ihr dieses Baby immer noch fremd. Nicht weil sie es noch nicht sehen oder fühlen konnte. Sondern weil ihr zwei Dinge fehlten : Die Gewissheit darüber, dass es normal war und – sein Vater.

Nach ihrer Rückkehr von Boise hatte Skinner sie in „ihrem eigenen Interesse“ vom Dienst suspendiert, da sie sich geweigert hatte, sich frei zu nehmen. An ihrer Stelle war Superagent Morgan nun damit beauftragt worden, sich darum zu kümmern, all die Menschen auf ihrer Liste, die in Gefahr schwebten, entführt zu werden, zu erreichen und zu warnen.
Scully seufzte und warf die Yoga-Matte wütend in den Abstellraum und stellte sich unter die Dusche. Doch egal, wie kalt sie das Wasser auch einstellte, ihre Wut kochte heiß in ihr hoch.
Es war absolut lächerlich, wie Skinner sich in dieser Sache verhielt. Offensichtlich war er auch vollkommen verzweifelt. Hier hörte sein Zuständigkeitsbereich auf. Mit Telefonfangschaltungen oder der Suche nach Fingerabdrücken würden sie Mulder nicht finden.
Sie sah gedankenverloren in den Spiegel als sie sich die Haare mit dem Handtuch trocknete. Konnte Sie ihm einen Vorwurf machen? Hatte sie so viel mehr als er erreichen können? Wusste sie denn überhaupt, was sie nun tun sollte? War es nicht vielmehr so, dass sie jede Sekunde ihrer Zeit in Gedanken bei Mulder war, in der verzweifelten Hoffnung irgendeine Verbindung zu ihm herzustellen, weil ihr alle irdischen Instrumente dazu nicht ausreichen würden? Sie war wie so oft seit Beginn ihrer Arbeit bei den X-Akten zwar mit all den Apparaturen, die die Wissenschaft bereitstellte, ausgestattet, doch konnte rein gar nichts damit anfangen.

Sie hatte in einer halben Stunde einen Termin bei ihrem Frauenarzt und würde hoffentlich weitere Ergebnisse über ihren Zustand und den ihres Kindes erfahren. Das war wenigstens etwas, das sie kontrollieren konnte.
Doch ein unheimliches Gefühl in ihrem Inneren schien ihr selbst diese Gewissheit nehmen zu wollen.

 

2 Stunden später, vor Dr.Coopers Praxis

In ihren Gedanken noch auf das Ultraschallbild in ihrer Tasche und die Worte ihres Arztes konzentriert verließ Scully die Praxis. Er hatte ihr nicht weiterhelfen können. Auf dem Ultraschallbild sah alles normal aus. Und neben dem Eisenmangel IN ihren Zellen hatte sie viel zu viel ungebundenes Eisen AUSSERHALB ihrer Zellen, das in ihrem Blut frei zirkulierte und so ihren Körper zusätzlich belastete. Doch alle Tests, die eine Eisenverwertungsstörung nachweisen sollten, waren negativ gewesen. Sie konnten also nur zusehen und abwarten.
Sie sah enttäuscht auf die andere Straßenseite wo gerade ein großer schlanker Mann im Anzug auf dem Bürgersteig entlang lief. Er erinnerte sie an Mulder.

In ihr kämpfte sie gerade gegen die Horrorvisionen, die ihre Phantasie im Geiste kreierte. Würde ihr Kind gesund auf die Welt kommen? Was hatte sie so sicher sein lassen, dass in der Zeit seit ihrer Entführung nicht allerlei Experimente an ihren Eizellen durchgeführt worden waren? Wie hatte sie sich nur darauf einlassen können?
Ihre Schwangerschaft stellte sich einmal mehr nicht als Wunder sondern vielmehr als schreckliche Bedrohung dar. Seit sie davon wusste, hatte sie sich fremd gefühlt. Anfangs hatte sie gehofft, dies wäre nur eine Frage der psychischen Umstellung oder der Hormone. Aber nun mischten sich all die Zweifel und Ängste über das Wie und Warum darunter und dieses Kind lag ihr wie ein schweres unverdauliches Fragezeichen im Magen.

Sie schloss ihren Wagen auf, als sie etwas Weißes an ihrer Windschutzscheibe flattern sah.
Sie ging um das Auto herum und zog eine Seite der „Vancouver Sun“ hinter ihren Scheibenwischern hervor. Wie kam eine Tageszeitung aus Westkanada an ihr Autofenster? Sie schaute sich um. Die Menschen liefen geschäftig und wie im Trance an ihrem Wagen vorbei. Sie hatten keine Zeit. Der Alltag lullte sie vollkommen ein und jeder folgte seiner Bestimmung. Niemand schien an Scully interessiert zu sein.
Sie überflog hastig die Überschriften auf den zwei Doppelseiten, blieb eine Sekunde an einem Artikel über Heuschreckenplagen in den Wäldern Kanadas hängen – das konnte es doch nicht sein – und drehte die Seiten um, bis sie plötzlich auf einen Wissenschafts -Artikel auf der Rückseite stieß.

„Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über sogenannte Junk-DNA“

Junk-DNA. Scully erinnerte sich noch zu gut an den Molekularbiologieprofessor in ihrem Medizinstudium, der ihnen immer wieder eingeredet hatte: „Nur weil wir nicht wissen, warum wir sie in uns tragen, ist sie keineswegs als Müll zu bezeichnen!“ So hallten seine Worte noch heute in ihren Ohren nach. Sie las die Einleitung zu dem Artikel mehr aus wissenschaftlichem Interesse und weil es sonst nichts in dieser Zeitung gab, das in irgendeiner Weise erklären konnte, warum sie dort an ihrem Auto geklemmt hatte.

„In jüngster Zeit haben sich unter den Forschern des Human-Genom-Projektes die Vermutungen gehäuft, dass es sich bei inaktiven DNA-Abschnitten des menschlichen Genoms – Introns oder Junk-DNA, wie sie auch gerne genannt werden – keineswegs um rein repetitive und lediglich rein chemisch bedeutsame Abschnitte der DNA handelt, sondern diese offensichtlich doch eine Funktion haben. Einen ersten deutlichen Hinweis darauf haben die Forscher erhalten, als vor einem halben Jahr in Red Lake, Winnipeg, ein Mädchen zwei Monate zu früh geboren wurde, das bei der neonatologischen Erstuntersuchung durch überdurchschnittlich frühentwickelte neurologische Funktionen nach der Geburt aufgefallen war. Neben einer abnormen Menge an ungebundenem Eisen im kindlichen Blut waren sämtliche Tests unauffällig gewesen weshalb dieser Fall zunächst zu den Akten gelegt worden war.“

Ungebundenes Eisen? Scully schluckte und klatschte ungeduldig die Zeitung auf die Motorhaube. Sie beugte sich konzentriert über den Artikel, so dass ihr Schatten sich in der grellen Morgensonne über das weiße Papier legte. Hier musste doch noch was darüber stehen.

„Erst ein halbes Jahr später als das Kind mit starken Krampfanfällen erneut in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, begannen Forscher sich eingehender mit dem Blut zu beschäftigen. Hierbei fanden sie heraus, dass neben dem weiterhin viel zu hohen Eisengehalt des Blutes einige Zellen hochaktive Junk-DNA enthielten, die in den Zellen gesunder Menschen normalerweise still und scheinbar funktionslos schlummert. Dies hat unter den Genetikern wahre Begeisterungsstürme ausgelöst...“

Scully las den Text noch zweimal durch und versuchte sich einen Reim daraus zu machen. Ein Neugeborenes mit aktivierter Junk-DNA, das durch hohe Werte ungebundenen Eisens im Blut aufgefallen war.
Vor ihren Augen drehte sich alles und die Buchstaben verschwammen. Das war es, das war ein Hinweis.

Sie sah sich erneut um, ob sie jemanden entdecken konnte, doch das Leben um sie herum schien in seinen gewohnten Bahnen zu verlaufen und niemand schien Notiz von dem Wirbelsturm zu nehmen, der gerade durch ihr Herz fegte.
Sie musste mehr über dieses Mädchen in Kanada herausfinden.

1 Stunde später im Keller des FBI-Gebäudes in Washington

Eigentlich sollte sie hier gar nicht sein, wenn Skinner sie hier entdecken würde, würde sie in arge Erklärungsnot geraten. Doch nur innerhalb des FBI hatte sie Zugriff auf all die Informationen, die sie brauchte. Immerhin musste sie über die Landesgrenze hinweg recherchieren.

Sie kam sich vor, als sei es etwas Verbotenes und wollte gerade die Bürotüre aufschließen, als sie merkte, dass diese bereits offen war. Sie stutzte und ging vorsichtig hinein.
Niemand war da, das Licht brannte jedoch. Sie legte die Stirn leicht in Falten und blieb in der Mitte des Raumes stehen. War hier irgend etwas verändert worden? Es sah aufgeräumter aus. Sauberer. Aber all die Zeitungsberichte und Photos, die Mulder jahrelang gesammelt hatte, hingen noch an ihrem Platz.

Scully sah zur Decke. Jemand hatte allerdings die letzten drei Bleistifte von da oben entfernt. Sie drehte sich auf ihren Absätzen einmal im Kreis, die Arme vor der Brust verschränkt.
Es war merkwürdig.
Hier so allein zu stehen.
Es war so still und so tot hier ohne ihn.
Doch Scully hatte sich mittlerweile an den Schmerz in ihrer Brust gewöhnt und es schien, als habe sie in den ersten Tagen bereits so viele Tränen vergossen, dass sie nun keine mehr übrig hatte.
Sie zog die Luft durch den Mund ein, ging zu Mulders Schreibtisch und setzte sich auf seinen Platz. Ihr Blick fiel auf sein Namensschild, das auf seinem Tisch stand und sie nahm es in ihre Hände und fuhr zärtlich mit ihren Fingern über jeden einzelnen Buchstaben seines Namens. Ein Klingeln weckte sie aus ihren Tagträumen und sie sah erschrocken auf das Telefon. Wer wusste, dass sie hier war? Sollte sie abnehmen? Sie wartete noch ein paar Sekunden, doch als es weiterklingelte, hob sie schließlich ab und hauchte kaum hörbar nach einem kurzen Moment vollkommener Stille ein vorsichtiges „Hallo?“ in den Hörer. Doch in der Leitung knackte es und jemand legte auf.
Der unbekannte Anrufer hatte sie jedoch wieder daran erinnert, warum sie überhaupt hierher gekommen war und sie stürzte sich gleich in ihre Recherche.

Eine Stunde und sieben Telefonate später hatte sie immerhin herausgefunden, dass das kleine Mädchen Sara Fraser hieß und mittlerweile gestorben war. Es war ein Jahr nach seiner Geburt an plötzlichem Kindstod gestorben. Das war ein ungewöhnlich später Zeitpunkt für den plötzlichen Kindstod.
Scully spürte, wie ihr Magen sich verknotete und ihr heiß wurde. Nicht auszudenken, wenn das ihrem Kind zustoßen würde. Ein entfernter Verwandter der Familie des Mädchens hatte Scully am Telefon mitgeteilt, dass sich die Mutter des Kindes nach dessen Tod einer UFO – Sekte angeschlossen habe, weil sie der Überzeugung gewesen war, die Aliens seien Schuld am Tod ihrer Tochter gewesen. Das ließ Scully aufhorchen und sie kontaktierte unter der Vorgabe, die jetzige Ärztin dieser Frau zu sein, deren früheren Frauenarzt. Der Arzt allerdings schien ihr nicht recht glauben zu wollen und hatte ihr lediglich gesagt, dass die Mutter vor Sara während ihrer Schwangerschaft mehrmals Probleme mit ihrem Eisenstoffwechsel gehabt habe. Er fügte noch hinzu, dass die Schwangerschaft nur durch eine Spendereizelle zustande gekommen war, da die Mutter selber eigentlich unfruchtbar gewesen sei. Doch damit war für ihn auch seine Kooperationsbereitschaft beendet und er würgte Scully recht knapp ab.
Diese Informationen reichten ihr aber schon aus, um in schreckliche Unruhe zu geraten. Die Vorgeschichte der Frau kam ihr vor, als sähe sie in einen Spiegel. Es drängte sich ihr die Vermutung auf, dass sie noch mehr mit der Mutter dieses Mädchens gemeinsam hatte. Sie berührte vorsichtig das immer noch leicht brennende Implantat in ihrem Nacken, was sie auf eine Idee brachte.

Waren nicht in einer der zahlreichen X-Akten irgendwo Informationen über Frauen, die dieser MUFON-Gruppe angehört hatten und nach angeblicher Unfruchtbarkeit doch schwanger geworden waren? Mussten da nicht auch Laborwerte vorhanden sein?

Sie stürmte zu den riesigen Aktenschränken, in denen die von Mulder nach dem Brand mühsam rekonstruierten X-Akten lagerten. Leider kannte sie nicht jeden Fall auch nur annähernd so gut wie Mulder und daher würde ihre Suche sicherlich eine Weile dauern. Ihre Finger glitten durch die vielen Hängemappen und ihre Augen flitzten über jede Aktennummer.
Vor lauter Konzentration merkte sie nicht, wie Schritte auf dem Gang näherkamen und jemand das Büro betrat.
„Agent Scully! Schön, Sie hier zu sehen! Ich dachte, Sie hätten sich frei genommen.“
Mit einem Satz fuhr Scully hoch, sprang von den Aktenschränken weg und knallte dabei die Schubladen zu. Sie hatte sich an einer Akte geschnitten und ihr Ringfinger blutete.
„Agent Morgan! Sie schon wieder!“ Ihr Herz pochte noch von dem Schreck, den er ihr eingejagt hatte. Dieser Kerl hatte wirklich ein besonderes Talent sie immer im falschen Augenblick zu überraschen.
Agent Morgan sah, dass sie sich verletzt hatte und holte direkt aus dem Erste-Hilfe-Kasten im Nebenraum, den Scully nie zuvor bemerkt hatte, ein Pflaster, das er ihr gegen ihren starken Widerwillen und lauten Protest über die Wunde klebte. Sie sah ihn dabei die ganze Zeit irritiert an.
Was machte er hier? Er schien den Blick in ihren Augen richtig gedeutet zu haben, denn er antwortete direkt auf ihre nicht gestellte Frage.
„Sie wundern sich bestimmt, was ich hier unten mache. Assistant Director Skinner hat mir Ihr Büro zur Verfügung gestellt, damit ich von hier aus in Ruhe versuchen kann diese Entführungen zu verhindern.“ Er sah sich mit seinem kalifornischen Superlächeln zufrieden um.
Scully spürte eine intensive Abneigung. Er entweihte diesen Ort. Es war ihr Büro. Und Mulders.
„Es ist nett hier unten. Sehr persönlich. Nicht so wie die anderen Büros da oben.“ Scully biss sich auf die Zunge. Er wollte sich hier doch nicht ernsthaft häuslich einrichten. „Haben Sie Erfolg gehabt?“ versuchte sie sich davon abzuhalten diesen Mann aus ihrem Büro herauszuwerfen.
„Erfolg? Womit? – Ach, mit den Leuten auf Ihrer Liste. Nein. Ich konnte bisher keinen einzigen von ihnen erreichen und glauben Sie mir, ich habe es wirklich versucht. Aber sie alle sind schon seit Wochen nirgends mehr gesehen worden.“ Das überraschte Scully nicht. Ihr war es in Boise ja ähnlich ergangen. Sie hatte nun fast ein wenig Mitleid mit dem Agenten. Was hatte er nur verbrochen, dass er hier unten sitzen und den ganzen Tag Phantomen hinterher telefonieren musste?
Der Agent spürte diesen beginnenden Sinneswandel in seinem Gegenüber und fühlte sich ermutigt, das Wort zu ergreifen. „Agent Scully, wir haben noch gar nicht richtig die Zeit gefunden, einander kennenzulernen. Sie haben ja die meiste Zeit im Flugzeug geschlafen.“
Die gerade aufgekeimte Sympathie in Scully verwelkte sofort wieder.
„Wirklich. Naja. Ich wüsste auch ehrlich gesagt nicht, warum es so wichtig ist, dass wir uns kennen.“ Scully wurde wieder ungehalten. Ihr Tonfall war so kalt, dass es nicht verwundert hätte, wenn ihre Worte als Eisklötze zu Boden gefallen wären. Doch Agent Morgan blieb davon unbeeindruckt. „Ich meine nur, dass ich vor diesem Auftrag immer gedacht habe, Sie und Mulder seien bloß so etwas wie die Ghostbusters des FBI.“ Er lächelte unbeholfen. „Doch seit dieser Sache da im Wald. Seit diesem – diesem Licht und diesem Sturm und der Kraft, die alles ringsum lahm gelegt hat...also, Agent Scully, ich weiß nicht genau, was ich da gesehen habe, aber es war wirklich unheimlich. Ich bin von Ihrer und Mulders Arbeit fasziniert. Es ist ein Wunder, dass Sie die finanziellen Mittel für all das gestellt bekommen, während ich mich schon rechtfertigen muss, wenn ich eine Portion Pommes während meiner Arbeitszeit im Drive-Through bestelle.“ In seiner Stimme glaubte Scully neben all der naiven Begeisterung auch ein wenig Verbitterung zu hören.
„Fasziniert, ja ?“ Sie ging auf den Agenten zu. Sie klang als würde sie ihn gleich beißen. „Ich weiß nicht, ob es wirklich so faszinierend ist, wenn der eigene Partner plötzlich spurlos verschwindet und dem FBI nichts besseres einfällt, als einen mittelmäßigen Agenten wie Sie an seiner Stelle in sein Büro zu setzen und irgendwelche haltlosen Nachforschungen anstellt, nur um das Gewissen all dieser korrekten und anscheinend so besorgten Agents da oben zu beruhigen.“
Scullys Blicke schossen wie Blitze durch seinen Körper und ihre Worte hatten schmerzhaft zugebissen. Sie drehte sich um und wollte gerade den Raum verlassen, als Agent Morgan ihr nachlief und seine Hand auf ihre Schulter legte.
„Es tut mir leid, Agent Scully.“ Als ihre blauen Augen zu ihm aufsahen und durch ihn hindurch drangen wurde er verlegen, starrte seine Füße an und suchte nach den richtigen Worten. „Ich bin vielleicht etwas überfordert mit meiner Aufgabe hier. Weil ich eigentlich gar nicht weiß, was ich tun soll. Aber wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, dann wäre ich sehr dankbar, wenn Sie mir das sagen würden.“ Scully sah ihn an. Er wirkte verletzt. Sie war auch nicht gerade freundlich zu ihm gewesen. Doch eigentlich war ihr das vollkommen egal. Sie warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
„Guten Tag, Agent Morgan.“ Sie zog ihre Schulter unter seiner Hand weg und verließ das Büro.

Im Aufzug fiel ihr wieder ein, dass sie nun nicht wirklich weitergekommen war, was ihre Nachforschungen anging und sie verfluchte diesen Agent dafür.
Im Auto versuchte sie sich daran zu erinnern, was sie herausgefunden hatte und wenn es auch nicht viel war, so reichte es, um die Zahnräder in ihrem Geist permanent in Bewegung zu halten. Ihr fiel es wie Schuppen von den Augen und sie machte mitten auf der Straße eine laute quietschende Vollbremsung und fuhr unter dem wütenden Gehupe der Autos hinter ihr vor Aufregung an den Straßenrand um dort anzuhalten. Sie starrte mit offenem Mund auf ihr Lenkrad. Inaktive DNA! Wie hatte sie das vergessen können? Ihr Verstand musste vor Sorge um Mulder vollkommen benebelt gewesen sein!
Sie wendete und fuhr in Mulders Appartment. Sie wusste, dass er Kopien der wichtigsten Akten und Beweisstücke auf seinem Computer gespeichert hatte.

Das halbnackte Pin-up Girl lächelte Scully von Mulders Desktop aus an. Sie war aber zu aufgeregt, um es bewusst wahrzunehmen und klickte sich durch Mulders Datenbank. Sein Passwort hatte er ihr einmal aus Langeweile während einer langen Autofahrt verraten und es schien immer noch dasselbe zu sein.
Sie öffnete die Datei, in der Mulder die Ergebnisse der genetischen Tests an Gibson Praise eingescannt hatte. Und da erschien es direkt vor ihren Augen und brannte sich in ihren Verstand: Gibsons Junk-DNA war ebenfalls aktiviert gewesen. Und noch viel mehr: Es waren diese Junk-DNA Sequenzen gewesen, die sie in exakt derselben Abfolge in dieser Alien-Kralle gefunden hatten. Scully erinnerte sich wieder an den Schauer, den ihr diese Entdeckung damals über den Rücken gejagt hatte. Es fügte sich nun endlich mit ihren Erlebnissen in Afrika und den heutigen Ereignissen zu einem Bild, das wenigstens teilweise sinnvoll erschien.
Es war diese Alien-DNA, die sie alle in sich trugen, die in Gibson und anscheinend auch in Sara Fraser aktiviert gewesen war. Sie musste nun noch herausfinden, was es mit diesen erhöhten Eisenwerten auf sich hatte. Sie musste wissen, ob die DNA ihres Kindes auf ähnliche Weise verändert war.

Am Abend in Scullys Appartment

Der Regen pochte an ihr Fenster und lief in langen glitzernden Spuren das Glas herunter als Scully in ihrer Wohnung auf dem Sofa saß und sich mit Mulders New York Knicks T-Shirt zugedeckt hatte. Sie hatte es sich vorhin aus seiner Wohnung mitgenommen und kam sich nun ein wenig wie ein alberner verliebter Teenager vor. Doch es tat ihr gut etwas, das seinen Körper berührt hatte und noch seinen Duft trug, bei sich zu haben. Es half ihr, sich davon abzulenken, dass er vielleicht längst tot war.
Als ihr dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, war es ihr, als würde in ihr ein Glas zerspringen und seine winzigen Scherben würden durch ihren Körper schießen. Es tat ihr bis zu ihrem Haaransatz weh daran zu denken und sie brauchte alle Kraft, um sich davon abzuhalten, vollkommen zu verzweifeln.
Tagsüber gelang es ihr so gut, all das zu verdrängen, doch abends holte es sie in ihrer Einsamkeit ein. Auf ihrem Gesicht lag ein unerträglicher Ausdruck tiefen Leids, ein Schatten, den kein Licht der Welt erhellen konnte.

Plötzlich zerschnitt ein schriller Ton die einsame Stille. Das Telefon klingelte und riss sie aus ihrem Kummer.
„Scully?“ meldete sie sich etwas müde und das T-Shirt rutschte herunter und fiel zu Boden.
„Agent Scully, hier ist Agent Morgan. Ich hab etwas entdeckt, das Ihnen vielleicht bei Ihrer Suche weiterhelfen könnte.“

Scully fuhr sich mit ihrer Hand über die Stirn. Sie hatte ja sämtliche Notizen in ihrer Wut im Büro liegen lassen. In seiner Langeweile hatte er sicherlich Nachforschungen angestellt. „Was ist es denn?“ fragte sie aus Höflichkeit, doch ihre Lustlosigkeit war kaum zu überhören.
„Ich habe in Ihren Notizen auf dem Tisch etwas von ungebundenem Eisen in irgendwelchen Blutproben gelesen. Ich weiß ja nicht, welche Akte sie gesucht haben, als ich ins Büro gekommen bin und sie so erschreckt habe. Aber ich habe hier etwas gefunden. Und – es...“ Er machte eine Pause. Irgendetwas schien ihn aufzuregen. „Naja, es ist eine Akte, in der es um Assistant Director Skinner geht. Mir sagen die Dinge, die darin stehen allerdings nicht viel, die Akte scheint unvollständig zu sein. Aber vielleicht wissen Sie ja, wovon ich rede.“
Scully konnte sich eigentlich nur an eine handvoll Akten erinnern, in denen Skinner eine Rolle gespielt hatte. Ihr kam es nicht so vor, als könnte irgendeine davon Relevanz für sie haben, immerhin ging es hier um ihr Baby. Sie wollte das jedoch nicht am Telefon klären, also zog sie sich ihren Regenmantel über und fuhr noch einmal in die Innenstadt. Dieser Agent war nicht nur eine Nervensäge, er hatte auch noch kein Privatleben!


Eine halbe Stunde später im Keller des FBI-Gebäudes

Nur die kleine Schreibtischlampe erhellte noch das dunkle Büro während leise der unendliche Regen auf das Kellerfenster prasselte. Agent Morgan saß hinter einem Stapel Akten auf Mulders Platz und aß einen Schokoriegel. Als er Scully hereinkommen sah, lächelte er wieder.
Dieses inflationäre Lächeln machte sie jedes Mal nervös und sie reagierte darauf mit um so grimmigerer Miene. „Hier, das ist die Akte!“ rief er direkt und hielt ihr einen Stapel Blätter hin. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen und sah sich die Papiere nicht an.
Es ging um die Sache mit den Nanobots, die Skinner in sich trug. Scully wusste jedoch nicht, warum Agent Morgan gerade diese Akte herausgekramt hatte.
Sie zog ihre Augenbraue hoch und warf ihrem Gegenüber einen fragenden Blick zu.
„Sehen Sie sich die Laborwerte an!“ Sie blätterte weiter durch und stieß schließlich auf den Laborausdruck des Krankenhauses, in dem Skinner damals stationär behandelt worden war. Sie überflog die Blutwerte. Sie schienen alle normal, abgesehen von den roten Blutkörperchen, dem Hämoglobin und sämtlichen Werten des Eisenstoffwechsels.
Das konnte nicht sein. Das war sicherlich ein dummer Zufall.

Doch sie hatte es vor sich schwarz auf weiß. Skinner hatte exakt das gleiche ungebundene Eisen in seinem Blut gehabt, das sie nun in ihrem trug. Scully musste sich setzen. Sie atmete schnell, doch bekam kaum Luft.
„Ist alles in Ordnung? Hilft Ihnen das irgendwie weiter?“

Scully sah ihn unverwandt an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Sie schien ihn nicht gehört zu haben. Sie stand auf, reichte ihm die Akte und ging auf die Tür des Büros zu.
„Danke, Agent Morgan.“ sagte sie geistesabwesend und bemühte sich, ihm zu zulächeln und wendete sich dann ab. Als sie das Büro verließ, rief er ihr noch nach. „Nennen Sie mich doch James!“
Er verharrte noch einen Moment in der Stille in dem warmen Licht von Mulders Schreibtischlampe und seufzte. Er mochte diese starke Frau, sie war zwar kühl und abweisend ihm gegenüber, doch gerade das machte ihn so verrückt nach ihr.
Er liebte dieses Büro. Zum ersten Mal seit Beginn seiner Arbeit beim FBI hatte er das Gefühl, hinter all diesen sinnlosen Verbrechen einen winzigen Einblick in das zu bekommen, was wirklich in der Welt vor sich ging.
Die ganzen Morde schienen vor dem, was Agent Scully und Agent Mulder jahrelang untersucht hatten, so unwichtig. Und doch waren die Dinge, die er hier gelesen hatte zu surreal als dass er wirklich daran glauben konnte.
Er wollte hier bleiben. Er hoffte, Mulder würde ihm seinen Platz nicht mehr wegnehmen. Seufzend sah er zu seinem Schokoriegelrestchen und aß die letzten Krümel davon auf.

Er hatte offensichtlich keine Ahnung, wo er hier unten gelandet war.

Auf dem Heimweg sah Scully vor sich auf der regennassen Straße in die sich darin reflektierenden Straßenlaternen und verlor sich in Gedanken. Sie wagte sie gar nicht zu Ende zu führen, da sie sich davor fürchtete, welche einzige Schlussfolgerung die Parallele zwischen ihren und Skinners Blutwerten zuließ. Sie musste herausfinden, was da in ihrem Blut war.
Morgen würde sie nach Quantico fahren und dann würde sie diesem Eisen in ihrem Blut auf die Schliche kommen.

 

Zur selben Zeit, irgendwo

Mulder hing noch immer in der Schwerelosigkeit an Seilen befestigt irgendwo in einem riesigen Saal, in dem ununterbrochen neue Geräusche auf seine Sinne einwirkten. Seine Augen waren von all den grellen weißen Blitzen geblendet und er konnte kaum noch die Dinge erkennen, die in und durch seinen Körper fuhren und ihn unaufhörlich stachen. Noch immer zuckten die Blitze und Potentiale durch sein Gehirn, die der Metalldorn in ihm ausgelöst hatte. Sie hatten ihn direkt durch seinen Rachen gebohrt. Doch seine Zunge war zu taub um die Wunde fühlen zu können, die er an seinem Gaumen hinterlassen hatte.
Ein Schlauch wurde in seine Halsvene vorgeschoben. Es war ein hohes schwirrendes Geräusch als es passierte. Er konnte nicht sehen, was es war, doch sie ließen etwas Schwarzes über diesen Schlauch in seinen Körper laufen. Es fühlte sich kalt und hart an und erhitzte sich während es durch seinen Körper floss. Es brannte unter der Haut in seinen Venen und sein Herz schien davon härter und fester zu schlagen, so fest, dass es ihn in den Rippen schmerzte.
Er spürte, wie es langsam in sein Gehirn gepumpt wurde, wie sich seine Sinne davon umspülen ließen. Er sah, wie es in seine Augen floss. Schwarze Schleier schwammen vor seinen Linsen und ein metallischer Geschmack legte sich auf seine Zunge.

Er wollte das hier nicht. Er hatte Angst. Er wollte weg. Wo war sie? Er konnte sich nicht an sie erinnern, aber er fühlte, dass es sie gab.

Diese eine Person, die ihn als einzige hier herausholen konnte. Doch sein lauter Schrei hallte ungehört durch den riesigen Saal, in dem es außer ihm kein Leben zu geben schien.

8 Stunden später

Scully schrie auf. Sie war schweißgebadet und in ihrem Kopf pulsierte ein böser Schmerz. Sie sah auf die Uhr. Es war noch sehr früh am Morgen. Und es war schon wieder einer dieser Träume gewesen, der sie geweckt hatte. Sie konnte sich nie daran erinnern, doch sie war jedes Mal vollkommen ausgelaugt und leer, wenn sie daraus hochschreckte. Sie fasste sich an den Nacken, es juckte wieder.
Das erinnerte sie daran, was sie heute vorhatte. Den Traum tief in ihr Unterbewusstsein zurückdrängend machte sie sich fertig für einen Tag voller Arbeit im Labor in Quantico.

Zwölf Stunden später zog Scully die Latexhandschuhe müde aus und warf sie in den Müll unter der Lab-Bench. Sie atmete erschöpft aus, ihre Augenlider sanken unter der Last ihrer Müdigkeit. Ihr Körper wehrte sich sehr gegen die Anstrengung und die Belastungen und ihr war schwindelig. Doch sie hatte nach einer kleinen Recherche im Labor eine Technik gefunden, mit der sie das ungebundene Eisen mittels magnetischer Trennverfahren aus ihrem Blut hatte isolieren können.

Sie hielt das kleine Röhrchen mit dem Eisen gegen das Licht. Viel konnte man so nicht erkennen. Die gräuliche Flüssigkeit in dem Röhrchen schimmerte lediglich trüb. Also schloss sie den Mikroskopierraum auf und strich einen Tropfen aus ihrem Röhrchen auf einem Objektträger aus. Als sie durch das Mikroskop sah und ihr Finger an der Mikrometerschraube das Bild vor ihren Augen scharf gestellt hatte, setzte ihr Herz aus.
Sie zuckte zurück, stellte eine stärkere Vergrößerung ein und sah in der Hoffnung sich verguckt zu haben, noch einmal hindurch. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf als sie diese Metallpartikel betrachtete.
Die Vergrößerung reichte zwar nicht für Details aus, doch die Struktur, die sie deutlich darauf erkennen konnte, war viel zu regelmäßig und ähnelte einem Computerchip viel zu sehr, als dass es sich um natürliche Eisenverbindungen handeln konnte.
Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf als ihr vor Panik schwindelig wurde und sie sich die Augen schließend in ihrem Stuhl zurücklehnte.
Waren das wirklich Abfallprodukte dieser Nanobots, die man in Skinner gefunden hatte?
Sie legte die Hand über ihre Augen und konzentrierte sich einen Moment. „Bloß nicht durchdrehen!“ beruhigte sie sich immer wieder. Doch sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte.

Irgendjemand musste ihr helfen. Sie konnte nicht zulassen, dass diese Dinger in ihrem Körper blieben. Nicht so lange sie das Baby in sich trug. Die Partikel waren zwar zu groß, um in den Kreislauf ihres Kindes gelangen zu können, doch wer wusste schon, was sonst noch in ihr vor sich ging?

Sie verließ mit dem Röhrchen in ihrer Tasche das Labor und machte sich vollkommen ermattet auf den Heimweg als ihr Handy klingelte. „Agent Scully, hier ist James. Hier ist ein Umschlag für Sie abgegeben worden. Soll ich den eben bei Ihnen vorbeibringen oder holen Sie ihn sich lieber im Büro ab?“
Woher hatte er ihre Handynummer? Sicherlich hatte Skinner sie ihm gegeben. Scully sah gequält auf ihre Uhr. Es war schon spät, sie hatte Hunger, ihr war schwindelig und das FBI- Gebäude lag nicht gerade auf ihrem Nachhauseweg. Für heute hatte sie genug Informationen, die sie verarbeiten musste, noch mehr Neuigkeiten würden sie in den Wahnsinn treiben.
„Nein, ist schon gut Agent Morgan, ich komme morgen früh vorbei.“ „Ich hab aber den Eindruck, dass es etwas Wichtiges sein könnte. Ihr Appartment liegt auf meinem Heimweg. Ich werfe den Umschlag einfach nachher bei Ihnen in den Briefkasten.“ Scully setzte an, sich noch zu wehren, doch er hatte schon aufgelegt. Na schön. Als Sekretär eignete er sich immerhin ganz gut. Sie schmunzelte. “James!“ murmelte sie vergnügt. Doch eine Sekunde später war das Lächeln schon wieder verschwunden und sie fuhr heim, wo sie erst einmal lange duschte, während sie ihre Hände auf ihren Bauch legte und sich und ihrem Baby versuchte Mut zu zureden.

Sie hatte es sich gerade gemütlich gemacht, bequeme Klamotten angezogen und Caddy Shack eingelegt, einen von Mulders Lieblingsfilmen, ein letztes Stück Lasagne aufgewärmt und wollte versuchen, abzuschalten, um eine Nacht nicht von Alpträumen verfolgt zu werden, als es klopfte.
Eine Sekunde war sie irritiert, doch dann hatte sie eine Vermutung: Agent Morgan. Sie ging zur Tür und als sich ihr Verdacht durch den Spion bestätigt hatte, öffnete sie schwungvoll die Tür.

„Agent Morgan! Das wäre doch nicht nötig gewesen“, begrüßte sie ihn frostig. Er reichte ihr den Umschlag und sah sie betreten an, ein nervöser Blick huschte über ihre Schultern auf den Film, der gerade im Fernsehen anlief.
„Oh, Entschuldigung, ich habe Sie gestört. Geht es ihrem Finger wieder besser?“ Scully sah auf ihre Schnittwunde. Was wollte er denn noch von ihr, er hatte ihr doch den Umschlag gegeben?
„Ja, danke. Ähm. Agent Morgan?“ Sie wollte ihn jetzt irgendwie loswerden.
„Caddy Shack, hm? Guter Geschmack! Es kommt selten vor, dass Frauen den Film mögen.“ Er lächelte sie an. Sie war irritiert und sein Lächeln machte sie einmal mehr nervös. Damit er das nicht merkte, drehte sie den Kopf weg und sah ebenfalls zu dem Fernseher hinüber während eine peinliche Stille zwischen ihnen in der Luft lag.
Ihre dampfende Lasagne auf dem Couchtisch erinnerte sie an ihren Hunger und sie wollte sich wieder dem Agent zuwenden, um ihn endlich nach Hause zu schicken als sie plötzlich seine Lippen auf ihren spürte. Sie lagen ganz zart auf ihrem Mund, doch sie hatte nicht damit gerechnet und war von dieser Annäherung vollkommen überrumpelt. Einen winzigen Moment wusste sie nicht, was sie tun sollte, doch dann wich sie einen Schritt zurück und schob seinen Oberkörper mit ihren ausgestreckten Händen bestimmt und ein wenig grob von sich weg. Sie sah ihn mit offenem Mund aufgebracht an und legte die Stirn in Falten. Was bildete sich dieser Grinse-Agent überhaupt ein? Sie war sprachlos! Also presste sie die Lippen aufeinander, hob ihre Augenbrauen auffordernd und verschränkte die Arme vor der Brust immer noch nach Worten suchend. „Agent Morgan, ich denke, Sie sollten jetzt gehen!“ gab sie ihm nach einer endlos erscheinenden Sekunde eindringlich und mit einem klaren Blick zu verstehen.
Der verwirrte Agent murmelte nur ein verschrecktes „Ja, natürlich. Verzeihn Sie!“ und machte auf seinem Absatz kehrt um schnell in der Dunkelheit verschwinden zu können.

Hinter ihm warf Scully die Tür schwungvoll und laut knallend ins Schloss.
Sie atmete erleichtert auf, diese Situation hatte sie vollkommen verstört. Sie sah zum Fernseher und spürte einen Kloß im Hals.

Für die winzige Sekunde, in der er ihr nahegekommen war, hatte sie die Sehnsucht wieder in sich gespürt. Sie war von den Ereignissen der letzten Tage, von all den Ängsten und Entbehrungen zu einem kleinen Funken in ihrer Seele verkommen, doch dieser unerwartete Kuss hatte den Funken wie ein vorbeistreifender Luftzug erneut entzündet und nun brannte das Verlangen nach Mulders Nähe in ihr wie ein Feuer.
Es schmerzte sie so, ihn nicht bei sich zu haben. Und es schmerzte sie noch mehr, dass dieser fremde Agent sich ihr ohne Vorwarnung einfach genähert hatte.
Mit Tränen in den Augen legte sie sich auf das Sofa, schob den Teller mit der Lasagne lustlos von sich und sah sich mit Mulders T-Shirt in den Armen Caddy Shack an, bis sie vollkommen erschöpft einschlief.

 

Drei Stunden später

Ein Geräusch weckte sie plötzlich. Sie setzte sich in der Couch auf und sah sich um. Im Fernseher lief Schneegestöber, sie hatte vergessen, den Fernseher auszustellen. Nachdem sie das Licht angeschaltet hatte, ging sie sich neugierig umblickend durch ihre Wohnung. Wo war das Geräusch hergekommen? Da fiel ihr Blick auf den kleinen ausgebeulten weißen Umschlag, den Agent Morgan ihr vorbeigebracht hatte.
Sie fasste sich mit den Fingerspitzen an die Lippen. Hatte er sie tatsächlich geküsst?
Der Umschlag war von dem kleinen Tisch neben ihrer Tür gefallen. Sie hob ihn hoch und riss ihn auf. Ein Autoschlüssel fiel in ihre Handfläche. Es war ein neuerer Autoschlüssel mit Fernverriegelung. Sie sah durch das Fenster nach draußen. Es regnete nicht. Einen Moment überlegte sie, was sie tun sollte. Dann zog sie sich kurzentschlossen ihren Mantel über, schlüpfte in ein Paar Schuhe und ging mit dem Schlüssel aus dem Haus. Sie entschied sich, einfach rechts den Block hinunter zu gehen und in regelmäßigen Abständen die Fernverriegelung zu benutzen, irgendwann würde sie vielleicht Erfolg haben und wenn nicht, war der Absender des Umschlags selber Schuld. Er hätte sich ja immerhin auch deutlicher ausdrücken können. Sie war ungefähr hundert Meter gegangen und kam sich langsam ziemlich blöd vor, mit diesem Ding herumfuchtelnd mitten in der Nacht durch ihre Nachbarschaft zu laufen. Doch plötzlich zwitscherte etwas auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zwei Scheinwerfer blinkten auf. Scully sah, dass jemand darin saß. Sie konnte nicht erkennen, um wen es sich handelte, war sich aber nicht sicher, ob es so klug gewesen war, ihre Waffe in ihrer Wohnung zu lassen. Sie ignorierte all die Warnungen, die ihr Verstand von sich gab, und ging langsam und wachsam um sich blickend zu dem Wagen. Ihr Rücken versteifte sich vor Angst.
Als sie näher kam, erkannte sie schließlich, wer darin saß, und ging mit klopfendem Herzen zur Beifahrertür, um sich neben die Person zu setzen.

 

„Agent Scully!  Endlich! Ich dachte schon, wir würden uns gar nicht mehr treffen.“
Scully sah die blonde Frau zweifelnd an, sie wirkte ungewöhnlich nervös und starrte dauernd nach irgend etwas suchend aus dem Fenster.
„Was wollen Sie?“ fragte sie in ihrem gewohnten Tonfall, den sie immer dann aufsetzte, wenn sie ihrem Gegenüber nicht traute und nicht wollte, dass es in ihrer Stimme ihre Furcht mitschwingen hören konnte.
„Agent Scully, ich weiß nicht, ob Sie begreifen, was hier vor sich geht! Ich weiß, Sie haben Nachforschungen angestellt. Bezüglich Ihres Babys.“ Scully konnte es einfach nicht fassen. Wusste denn eigentlich jeder in dieser Stadt von ihrer Schwangerschaft?
„Was wissen Sie über mein Baby?“ In ihrer Stimme lag die verzweifelte Bitte nach einer ehrlichen Antwort. „Ich weiß mehr als ich Ihnen sagen kann. Aber es ist wichtig, dass Sie diese Nanobots in Ihrem Körper lassen.“ Scully war wie gelähmt. Tränen stiegen ihr in die Augen, wie schon viel zu oft in den letzten Wochen. „Woher soll ich wissen, dass ich Ihnen vertrauen kann? Woher soll ich die Sicherheit nehmen, dass das nicht alles ein widerliches und krankes Spiel Ihres kettenrauchenden Freundes ist, der mit dieser Technik nur die Kontrolle über mein Kind erreichen will?“ Es brach einfach so aus ihr heraus, sie wollte endlich Antworten, sonst würde sie nicht die Kraft haben, dieses Kind auszutragen.
„Agent Scully, der Raucher ist vor zehn Tagen tot in seinem Zimmer aufgefunden worden und auch ich setze mein Leben aufs Spiel während ich hier neben Ihnen sitze!“
Sie zögerte und sah sich wieder unruhig und gehetzt in der Dunkelheit um. In der Ferne ging jemand mit seinem Hund spazieren.
„Die Nanobots entstehen durch die Teilung des Chips, den der Raucher Ihnen gegen Ihren Krebs gegeben hat. Es ist Teil des Plans der Schattenregierung Alien-Mensch-Hybriden zu züchten. Nur ist von dieser Schattenregierung kaum noch jemand am Leben.“

Marita fühlte sich unwohl, sie hatte schon viel zu viel erzählt. Aber es schien, als ließe es sich nach all den Jahren kaum noch zurückhalten. Als müsse sie es erzählen, um es selbst glauben zu können.
Scully hielt die Luft an. Sie glaubte nicht, was ihr da erzählt wurde. In ihrer verzweifelten Verwirrung schien ihre Rationalität sich zu verselbständigen und führte das Gespräch für sie weiter während sie innerlich die Kontrolle verlor.
„Ist dieses Mädchen, Sara Fraser, auch ein Produkt der Experimente dieser sogenannten Schattenregierung?“
Sie wollte wissen, ob der Artikel von Marita stammte.
„Ja, aber bei diesem Mädchen hat es nicht funktioniert. Die Eizellen, die der Mutter bei der künstlichen Befruchtung eingesetzt wurden, waren manipuliert worden. Die gesamte Alien – DNA in ihnen war aktiviert worden und mit Purity II re-infiziert worden. So wie es auch mit Ihren Eizellen passiert ist. Die Nanobots sollten dazu dienen, den Embryo und seine DNA während der gesamten Entwicklung zu steuern und zu nähren. Das war der Plan. Doch etwas ist schief gegangen. Purity II hat das Baby letztlich getötet.“
Sie schluckte und holte tief Luft.
„Doch wenn in diesem Fall Mulder der Vater ist...“ Sie sah Scully vorsichtig von der Seite an. „...und ich nehme an, dass er es ist, dann könnte es bei Ihrem Baby zum ersten Mal funktionieren. Weil Mulder der Einzige ist, der bisher mittels dieser Nanobots immun geworden ist.“ Marita biss sich auf die Lippen. Das war zu viel gewesen, sie musste nun aufhören.

„Was? Das glaub ich einfach nicht!“ Scully wusste gar nicht, worauf sie zuerst reagieren sollte.
Ihre Gesichtszüge schienen zu entgleisen als Ausdruck des Kampfes, den sie im Inneren austrug, ihre Augen starrten in Fassungslosigkeit in Maritas Augen und um ihren Mund zuckte es in Unglauben während ihre Stirn sich in nie zuvor gesehene Falten legte.
Als sie schließlich wieder die Worte gefunden hatte, noch mehr Fragen zu stellen, wehrte Marita sie mit einem angsterfüllten, fast flehenden Blick ab. „Ich kann Ihnen leider nicht mehr sagen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es Ihrem Kind besser ergehen wird, wenn Sie diese Nanobots ihre Arbeit machen lassen. Dieses Kind ist unsere letzte Chance, Agent Scully. Außer uns gibt es bald niemanden mehr in diesem Land, der daran interessiert ist, diese Invasion irgendwie aufzuhalten. Und ohne die Nanobots kann Ihr Kind nicht wachsen. Bitte versuchen Sie nicht, darauf Einfluss zu nehmen, egal wie sehr es Ihnen widerstrebt. Und als Frau weiß ich, dass es das tut.“

Die sonst so kühle und kontrollierte Frau hatte Tränen in den Augen, das konnte Scully selbst in der absoluten Dunkelheit der Nacht sehen. Sie wendete sich von ihr ab und Scully begriff, dass diese Unterhaltung beendet war. Also gab sie noch ein knappes und schwaches „Danke“ von sich und stieg aus dem Wagen aus, um in ihrer Wohnung eine weitere schlaflose Nacht in ihrem Bett zu verbringen. Sie dachte über diesen Tag und all die Dinge nach, die innerhalb dieser 24 Stunden ihr gesamtes Weltbild verändert hatten. Warum war Marita so offen zu ihr gewesen? Sie hatte so verletzlich gewirkt, so schwach wie nie zuvor. Sie war ihr fast sympathisch gewesen. Und wer hatte den Raucher getötet? Sie war doch gerade bei ihm gewesen! Wo war Krycek? Würde es ihm gefallen, dass Marita Scully in diese Geheimnisse eingeweiht hatte? Oder war er vielleicht derjenige, der Marita zu ihr geschickt hatte?
Was hatte sie da von Mulder gesagt? Dass er auch diese Technologie in sich trug? Sie konnte es nicht fassen. Sie hatte nie davon gewusst.
Und wollte sie wirklich zulassen, dass ihr Baby zu einem dieser Alien-Mensch-Hybriden wurde? Ein Produkt dieser zwielichtigen Regierung, die Mulder und sie seit Jahren bekämpften? War es nicht besser, dieses Kind sterben zu lassen, als es zu einem unnatürlichen von Menschenhand kreierten Wesen heranwachsen zu lassen?
Es kam ihr alles wie ein riesiges Puzzle vor, dessen Teile sich nicht zusammensetzen ließen. Erst als sich der Himmel in der aufgehenden Sonne in zartem Rosa färbte, schlief sie erschöpft und schweißgebadet ein.

 

Zwei Wochen später

Scully war an jenem Morgen nach ihrem Treffen mit Marita und Agent Morgans Kuss am Ende ihrer Kräfte gewesen und hatte sich erst einmal drei Tage bei ihrer Mutter ausgeruht. Sie hatte ihr noch gar nichts von dem Kind erzählt und hatte es auch nur mit sehr gemischten Gefühlen über die Lippen gebracht.

Sie wusste nun gar nicht mehr, ob sie es überhaupt behalten wollte. Ein Kind, das nur mithilfe irgendeiner Technologie, die sie nicht kannte, wachsen konnte. Sie fühlte wieder die merkwürdige Fremde, die sich in ihrem Körper ausbreitete, so als gehöre er mitsamt dem Baby gar nicht zu ihr.

Nach den drei Tagen bei ihrer Mutter hatte sie sich beim FBI zurückgemeldet und Skinner gebeten, sie wieder in ihr Büro zurückkehren zu lassen. Mit einem etwas unwilligen Grummeln hatte Skinner aufgrund des eindringlichen Blicks in ihren Augen letztlich zugestimmt, allerdings musste sie wohl oder übel noch eine Weile mit Agent Morgan als Partner Vorlieb nehmen. Dem war sein plumper Annäherungsversuch an dem einen Abend mittlerweile sehr unangenehm und zum ersten Mal seit sie sich kannten, grinste er sie nicht pausenlos an und gab sich sichtlich Mühe, Scully bei ihren Recherchen zu helfen. Er war in der kurzen Zeit ein äußerst guter Kenner der X-Akten geworden und wusste fast auf jedes Stichwort die passende Fallnummer.
Sie hatte mehrmals versucht mit den Lone Gunmen Kontakt aufzunehmen, doch bisher hatten sie sich nicht gemeldet. Allerdings war sie auch nicht sicher, ob sie die richtigen Schritte befolgt hatte. Mulder hatte ihr nie verraten, wie genau er seine drei Freunde immer kontaktierte.

In ihrem Kopf hatte sie sorgfältig all das geordnet was sie seit Mulders Verschwinden vor über einem Monat herausgefunden hatte und mit dem verglichen, was sie die letzten sieben Jahre in all ihren Fällen erlebt hatte.
Nun war der rationale Widerstand in ihr gebrochen. Wenn es um das Baby ging, das sie sich so sehr gewünscht hatte, verließ sie die Vernunft. Zum ersten Mal seit sie bei den X-Akten war konnte sie daher zumindest teilweise die Dinge aus Mulders Blickwinkel betrachten. Denn sie wollte nun glauben können. Daran, dass alles gut werden würde.

Sie saß in ihrem Stuhl im Kellerbüro und wippte mit dem Fuß. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und stützte den Kopf in die rechte Hand, während sie konzentriert auf die Internetseite vor sich starrte.
Ihre Gedanken bauten gerade eine neue Welt in ihr auf. Es war eine Seite der Navajo-Indianer. Sie hatte sich wieder daran erinnert, dass dieses Volk erstaunlich oft in den X-Akten aufgetaucht war, ihre Schriftzeichen waren es gewesen, die sie damals von dem UFO in Afrika auf Blätter übertragen hatte. Sie las die Schöpfungsgeschichte, die vor ihr auf dem Bildschirm flackerte durch.

„Wir lesen die Navajo-Sage über die Erschaffung ihrer Welt. In dieser Geschichte waren die Insektenmenschen durch vier Welten gegangen, doch in jeder dieser Welten erzürnten sie die Götter und waren gezwungen, über ein Loch im Himmel in die nächste Welt zu fliehen. In der vierten Welt trafen sie auf die Pueblo Indianer und die Insektenmenschen erschufen die ersten Männer und Frauen, die Navajo-Indianer. Wir leben heute in der fünften Welt.“

Loch im Himmel, Insektenmenschen, Erschaffung der Menschen.

Diese drei Dinge wollten ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie hatte auf diesem Raumschiff, wenn es wirklich eins war, und sie musste mittlerweile zugeben, dass ihr die Gegenbeweise ausgingen, Zeichen entschlüsselt, die eindeutig den gesamten genetischen Code des Menschen enthielten.
Die Panspermie-Theorie hatte sie immer als geeigneten Kompromiss gesehen, all denen, die an die Entstehung des irdischen Lebens durch außerirdische Mächte glaubten genau so gerecht werden zu können wie denen, die an die Erschaffung des Menschen durch Gottes Hand glaubten. Doch inzwischen sah sie keinen Unterschied mehr zwischen diesen beiden Gruppen. Vielleicht – und einige Hinweise der letzten Jahre sprachen dafür – waren sie wirklich aus diesem Virus entstanden, das ursprünglich auf diesem Planeten gewohnt hatte. Dann würden sie wirklich Teile dieses Virus heute noch in ihrem Erbgut tragen.

Sie seufzte. Sie konnte sich einfach nicht von all den wissenschaftlichen Lehrmeinungen und Schulweisheiten trennen, die ihr jahrelang in den Verstand gehämmert worden waren. Sie würde nie so frei wie Mulder denken können.

Sie grübelte weiter, in der Hoffnung von dem Virus in ihnen irgendwie den Weg zu den Nanobots in ihrem Körper zu finden, als sie plötzlich von dem lauten, schrillen Klingeln des Telefons aus ihren Gedanken gerissen wurde.
Agent Morgan, den sie die ganze Zeit nicht mehr bemerkt hatte, weil er still an Mulders Platz gesessen und interessiert in der Akte über diesen Tooms-Fall, einen ihrer ersten Fälle, gelesen hatte, nahm den Hörer ab.
„Hallo?“ Er lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung und sah zu Scully. „Agent Scully? Ein junger Mann namens Gibson möchte Sie sprechen.“ Er hielt die Hand über den Hörer. „Er klingt unter uns gesagt ein wenig aufgeregt.“ Als sie den Namen Gibson vernommen hatte, sprang sie auf als hätte sie etwas gestochen und lief schnell zu Agent Morgan um den Hörer in Empfang zu nehmen.
Sie warf dem Agent einen auffordernden Blick zu, sie glaubte nicht, dass dieses Gespräch für seine Ohren bestimmt war. Er nickte und verließ den Raum.

„Hallo Gibson! Wie geht es Dir? Ist alles in Ordnung?“ Sie war aufgeregt, Gibson war ein seltsamer und auch wunderbarer Junge und es tat ihr gut, mit jemandem zu sprechen, der Mulder kannte und mittlerweile auch eine Art Freund geworden war.

„Agent Scully, Sie müssen kommen. Irgendetwas stimmt nicht mit Agent Mulder.“ Scully horchte auf. „Was meinst Du damit? Agent Mulder ist seit Wochen verschwunden.“ „Dann muss er hier in der Nähe sein. Ich kann ihn deutlich hören. Bitte, Sie müssen kommen, es klingt nicht gut. Ich würde Sie sonst nicht anrufen, das können Sie mir glauben.“ „Ich mache mich sofort auf den Weg, Gibson.“ Sie zögerte. Wohin musste sie eigentlich? Sie wusste ja gar nicht, wo sich Gibson zur Zeit aufhielt. Doch Gibson war ihr wie immer einen Schritt voraus.
„Ich bin dort, wo Sie auch gerade waren. Wir sollten aber auflegen, die Leitung ist nicht sicher, Agent Scully.“ Es klickte. Er hatte aufgelegt. Dort, wo ich war? Scully überlegte. Sie war in Gedanken bei dieser Schöpfungsgeschichte der Navajo gewesen. Sicher! Sie setzte sich vor ihren Computer und klickte sich durch die Navajo-Homepage vor ihren Augen.
Es gab doch dieses Dorf in New Mexico. Zwei Klicks später erschien eine Luftaufnahme des Indianer-Dorfes auf dem Bildschirm vor ihr. Es war in Gallup, New Mexico. Sie war sich sicher, dass Gibson das gemeint hatte und rauschte vorbei an dem immer noch draußen wartenden Agent Morgan, der ihr folgte.
„Sie brauchen gar nicht versuchen, mitzukommen, ich werde alleine fliegen“, wies sie ihn ab, bevor er überhaupt etwas sagen konnte. „Wo werden Sie hinfliegen?“ rief er ihr nach als sie in den Aufzug ging. „New Mexico!“ rief sie ihm über die Schulter zu. Mehr brauchte er nicht zu wissen.

--Vier Stunden später über Illinois

Wieder einmal saß sie in einem Flugzeug, biss auf ihren Nägeln herum und starrte in Gedanken auf die Wolkenberge, die so weich und einladend in der Sonne durch die Luft flogen. Als Kind war sie in ihren Träumen immer darin herum gesprungen und hatte ihre Geschwister mit Wolkenbällen beworfen.
Heute ließ sie sich in ihrem Traum hinein fallen und stellte sich vor, wie das Weiß sie beruhigend in sich aufnahm und sie wie eine Feder durch den Himmel trug. Sie wollte sich einmal so leicht fühlen, es schien ihr seit Wochen als läge Blei in ihrem Magen.
Sie hatte abgenommen. Der typische Heißhunger, den andere schwangere Frauen hatten, blieb bei ihr aus.
Sie sah angewidert auf das geleerte Glas Tomatensaft vor sich. Naja. Zumindest fast. Sie wünschte sich, ihr Heißhunger hätte sich in Schokolade oder Pfannkuchen manifestiert.
Vor ihren Hormonen kapitulierend bestellte sie sich noch ein Glas und sank danach wieder müde in ihren Sitz zurück und grübelte über all die Dinge, die Marita ihr in der Nacht vor zwei Wochen verraten hatte.

Weitere vier Stunden später

Scully stieg nach einem ziemlich wackeligen Flug von Albuquerque zum kleinen Regionalflughafen von Gallup mit zittrigen Knien und einem sehr flauen Gefühl in der Magengegend aus.
Die staubige Hitze schlug ihr ins Gesicht und kein Lüftchen regte sich in der Nachmittagssonne. Sie hielt die Hand über die Augen, damit sie in die Ferne sehen konnte.
Ringsum sie herum waren die Canyons und das Colorado Plateau zu sehen. Die Erde war von den Monaten ohne Regen ganz trocken und rissig und die Straßen vom Staub ganz verweht. In all seiner Leere war es jedoch wunderschön. Das Licht schien auf die rote Erde und warf lange Schatten. So hatte Scully es sich immer auf dem Mars vorgestellt.
Sie war aufgeregt, Mulder hatte ihr schon oft davon erzählt, dass er einmal hier her kommen wollte.
Sie ging direkt zur Autovermietung und besorgte sich einen Jeep - mit Klimaanlage - sonst würde sie eingehen.

Eine knappe Stunde später fuhr sie durch den Eingang des Navajo -Indianerreservats. Sie war schon an zahlreichen Indianerskulpturen, Totempfählen und Schildern, die sie zu den Hopi-Indianern und nach Los Alamos geführt hätten, vorbeigekommen und hatte nur mit Mühe widerstehen können, ihnen direkt zu folgen.
Doch zuerst musste sie Gibson finden.
Sie stieg aus dem Wagen aus und ging direkt auf eine Gruppe indianischer Männer zu, die vor einem ihrer einfachen Häuser, die wie Schuhkartons aussahen, saßen und sich unterhielten. Als sie sie sahen, sprangen sie auf, als hätten sie einen Geist gesehen und riefen irgendetwas in ihrer Sprache. Kurz darauf wuselten aus all den anderen Häusern ungefähr zwei Duzend anderer Indianer, die aufgeregt durcheinanderplapperten und Scully neugierig anstarrten. Schließlich löste sich ein älterer Mann von der Menge und näherte sich ihr.
„Ich weiß, warum Sie hier sind. Wir haben Sie schon erwartet. Kommen Sie bitte mit und kümmern Sie sich nicht um die Anderen, die werden sich schon an Ihre roten Haare gewöhnen.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu und rief seinen Leuten etwas in einem recht barschen Tonfall zu und sie wichen langsam in ihre Häuser zurück. Doch ihre Blicke folgten Scully aus ihren Fenstern heraus während sie durch das Dorf ging und sich sehr unbehaglich fühlte.
Der Indianer stellte sich ihr auf dem Weg als Sike vor, was in seiner Sprache so viel wie Stubenhocker hieß. Er lachte laut darüber. Und Scully lächelte mit. Das Unbehagen in ihr löste sich leicht. Am Ende der staubigen Straße bog er mit ihr links in einen kleinen Seitenpfad ab und half ihr ein paar wacklige Stufen aus recht lockeren Holzpfählen hinunterzusteigen. Vor ihr lag ein dunkles, rundes Steinhaus, das anscheinend eines der ältesten in diesem Dorf war. Es hatte keine Tür, sondern nur einen Teppich als Vorhang.
„Warten Sie kurz hier.“ Er ging voraus und Scully konnte hören, wie er zu jemandem sprach. „Mojag, hier ist die Frau, von der Du mir erzählt hast. Soll sie hereinkommen?“ Scully hörte keine Antwort, sondern folgte direkt dem Indianer, der ihr zunickte.

Als sie den Raum betrat staunte sie. Sie stand inmitten eines runden alten Raumes, dessen sandfarbene Wände das Licht golden schimmern ließen. Auf dem Lehmboden lagen Indianerteppiche und an den Wänden hing eine alte Maske, die mit Federn und türkisen Steinen verziert war. Eine kleine Lampe, deren Schirm aus Leder war, stand in einer Ecke auf einem kleinen Holztischchen. In der Ecke saß im Halbdunkeln ein Junge auf einem Korbstuhl und las in einem Spiderman-Comic.

Es war ein absurdes Bild und Scullys Gesicht hellte sich zum ersten Mal seit langem in einem strahlenden Lächeln auf. Sie ging auf Gibson zu und konnte nicht anders als ihn in die Arme zu schließen. Sie war so glücklich ihn zu sehen. Sie hatte endlich die einzige und letzte Verbindung gefunden, die sie zu Mulder hatte.
„Warum heißt Du hier Mojag?“ fragte sie ihn verwundert. Er war älter geworden und sogar ein wenig gewachsen. Doch so jung er immer noch war, aus seinen Augen schienen tausend Jahre gelebten Lebens zu sprechen.
„Das heißt in der Navajo-Sprache so viel wie ‚niemals still’. Ich finde den Namen ziemlich passend, wenn Sie mich fragen.“ Er nickte dem Indianer zu und dann Scully, die er bat, sich zu setzen. „Ich bin froh, dass Sie hier sind. Ich habe dauernd diese Bilder in meinem Kopf.“
Scully wagte kaum nachzufragen. „Welche Bilder?“
„Von grellem Licht, verrückten Geräuschen und Schläuchen. Und Metallspitzen und ich höre ihn immerzu schreien. Es macht mir Angst, ich kann seit Tagen nicht schlafen. Agent Scully, Sie müssen das irgendwie beenden.“
Scullys Stimme brach. Das waren genau die Dinge, die ihr nachts ebenfalls den Schlaf raubten, sie jeden Morgen schweißgebadet aufwachen ließen mit diesem unruhigen Gefühl im Magen. „Aber was kann ich tun, Gibson?“ Sie beugte sich in ihrem Stuhl vor und berührte mit den Fingerspitzen seine Knie, damit er sie ansah. Seine müden Augen trafen auf ihre.
„Ich weiß es nicht, aber es hilft schon, wenn Sie hier sind. Dieses Dorf hier ist sicher.“ Er legte seine Hände auf ihre Fingerspitzen.
Er fühlte den Schmerz in ihr. Es war derselbe, den er seit Wochen in sich fühlte. Es war derselbe, den Mulder seit Wochen durchlitt.

 

Zur selben Zeit, irgendwo

Mulder fühlte es immer noch in sich. Seit Tagen floss dieses pechschwarze Wesen durch seine Adern und ließ ihm keine Sekunde Frieden. Es benetzte seine Gehirnwindungen und flößte ihm schreckliche Gedanken und Bilder ein, die ihm seine Seele auszusaugen schienen. Er fühlte wie die Welt um ihn herum immer dunkler wurde und wie sich ein grauer Schleier über seine Augen gelegt hatte. Seine Wahrnehmung war getrübt und die Geräusche drangen nur noch dumpf und schwirrend an seine Ohren.

Doch je weniger er von der Welt um ihn herum wahrnehmen konnte, umso mehr spürte er die Welt in sich. Er konnte jeden Augenblick, den Purity II durch ihn hindurchfloss, spüren, wo es sich gerade aufhielt. Er fühlte, wie es in seinen Fingerspitzen brannte, wie es sein Herz ausfüllte und wie es in seine Muskeln gepumpt wurde. Aber er war nicht bereit vor diesem Ding zu kapitulieren. Der Widerstand in ihm würde nicht brechen.

Er kämpfte und die Kraft dafür nahm er aus diesem unbestimmten Gefühl in sich, das wie eine winzige Flamme in der Dunkelheit Wärme und Licht durch seinen Geist schickte und ihm die Gewissheit gab, dass er nicht verloren war. Er wusste, dass er dahin zurückkehren würde, woher er kam.
Er hatte vergessen wo das war. Aber dieses Gefühl in ihm wurde von Tag zu Tag stärker und er spürte, dass die Erinnerung wiederkommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Er musste durchhalten

 

23.21 Uhr, Helmsley Hotel, New York City

Marita war den ganzen Tag auf der Suche nach jemandem gewesen. Sie hatte von einem Unbekannten eine Notiz erhalten, dass sich ein Mitglied der Schattenregierung noch hier in der Stadt aufhielt. Sie hatte ihren Termin in der UN-Botschaft genutzt sich danach noch ein wenig in der Stadt umzuhören, doch es fehlte jede Spur von ihm oder ihr. Sie hatte nicht einmal Informationen darüber erhalten wer dieses Mitglied der Schattenregierung war.

Der UN-Beauftragte, mit dem sie sich zum Mittagessen getroffen hatte, hatte größte Besorgnis darüber geäußert, dass die USA mittlerweile die dritte Nation der UN waren, deren Schattenregierung auseinandergefallen war. Mit Russland und Deutschland waren somit die drei wichtigsten Länder praktisch vollkommen schutzlos. Die Invasoren schienen stärker zu werden. Es war die Rede von neuen Sklavenhybriden gewesen, die mittlerweile unter ihnen waren und schon Purity II in sich trugen. Sie sollten den letzten Widerstand bekämpfen, ehe das finale Programm eingeleitet wurde.
Marita fuhr sich mit zitternden Fingern durch die Haare und zündete sich eine Zigarette an, während sie aus ihrem Hotelzimmerfenster auf die blinkenden Lichter der Großstadt unter sich starrte.
In kaum einer Stadt der Welt war man so einsam wie hier in New York. Außer in Tokio vielleicht. Überall herrschte Leben, rannten die Menschen von einem Ort zum anderen, doch ohne Notiz voneinander zu nehmen, ohne die Straßen wirklich mit Leben zu füllen. Es kam ihr vor, als wären hier schon alle längst Sklaven einer seelenlosen Macht.
Sie drückte die Zigarette wieder aus.
Hier war Rauchen nicht erlaubt und so oder so hasste sie sich dafür diese Gewohnheit überhaupt angefangen zu haben. Sie musste wieder einen klaren Kopf bekommen, in letzter Zeit war sie viel zu labil gewesen.
Auf dem Weg ins Bad warf sie ihre Kleider ab und stieg schließlich in die Dusche, wo sie sich mit geschlossenen Augen, all die Bilder in ihrem Kopf verdrängend, das heiße Wasser über ihren Körper laufen ließ. Sie genoss die Hitze und den Dampf, die sie umgaben und sie in Geborgenheit hüllten. Ihre Gedanken lösten sich langsam auf und es existierte nur noch dieser Moment, ihr Gehirn war von dem Dunst benebelt und sie massierte sich den versteiften Nacken mit ihrem Duschöl.

Sie schrie auf. Eine kalte Hand hatte sich ihr in den Nacken gelegt. Sie fuhr herum und sah direkt in seine Augen. Sie stachen kalt und schwarz zu.
Sie erkannte ihn kaum. Er hatte einen so kalten und harten Gesichtsausdruck. Wie eine Maschine.
„Raus hier!“ schrie sie Krycek an und versuchte an das Handtuch zu kommen, das an der Wand hing, um sich bedecken zu können. Doch er griff mit der Hand in ihr Gesicht und zog sie daran zu sich, so dass ihr nackter nasser Körper gegen seinen gedrückt wurde. Er fühlte sich an wie der Panzer eines Insekts. Sein Griff lähmte sie und sie sah ihm direkt und voller Hass in seine toten Augen.
„Lass mich sofort los, Alex!“
„Sonst was? Denkst Du, Deine neue Freundin kommt und rettet Dich? Ich weiß, dass Du ihr alles erzählt hast. Du hast nur eine Kleinigkeit vergessen. Du hast ihr nicht verraten, dass das Baby, das sie in sich trägt, auch nur ein Sklave sein wird. Das war gar nicht fair. Doch sie wird es herausfinden und dann wird sie dieses Baby nicht bekommen wollen.“
Marita zitterte, es war so kalt und ihre Seele schrie vor Zorn auf diesen Mann, den sie einst geliebt hatte.
„Sie wird es bekommen. Und lieber ist es ein Sklave dieser Rasse, die noch einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, als dass es Kreaturen wie Dir dient.“
Kryceks Griff um ihren Unterkiefer wurde fester und es schien ihr, als würde er ihn zerquetschen wollen. Sie krallte ihre Hände um seinen Unterarm, wollte ihn weg ziehen, als er sie voller Kraft zurück in die Dusche warf. Sie schlug mit dem Kopf gegen die Armaturen und rutschte an den glitschigen Kacheln ab. Einen Moment schien sie das Bewusstsein zu verlieren, doch ihr Körper wehrte sich dagegen. Sie musste wach bleiben, sonst würde sie sterben. Doch Alex ließ ihr keine Zeit sich aufzurichten. Er kam auf sie zu, beugte sich über sie und gab ihr einen letzten, langen Kuss, während er das schwarze Öl in sie hineinwürgte und sie langsam spürte, wie ihre Sinne sich schwarz färbten und die Welt um sie herum im Dunkeln versank.

 

Am nächsten Morgen, Gallup, New Mexico

Die Sonnenstrahlen legten sich weich auf ihre Augen und küssten sie sanft wach. Es war die erste Nacht gewesen, die sie in vollkommener Ruhe durchgeschlafen hatte. Sie fühlte sich voller Kraft und richtete sich auf ihrer Liege auf. Ihr Rücken war verspannt von der harten Unterlage, doch sie war den Indianern für ihre Unterkunft dankbar. Hier fühlte sie sich seit Wochen zum ersten Mal sicher.
Sie sah sich um.
Es war still. Eine Biene summte leise vor dem kleinen verlassenen Häuschen, das man ihr zur Verfügung gestellt hatte und die Grillen zirpten in der Ferne. Es musste noch früh am Morgen sein, doch die Hitze hatte schon den Steinboden vor ihrem Bett erwärmt und sie schwitzte. Sie wischte sich den dünnen Film Schweiß von ihrer Oberlippe und stand auf. Lediglich ein Vorhang trennte das winzige Bad vom übrigen Raum, doch sie war froh, dass sie sich überhaupt mit klarem, frischem Wasser waschen konnte. Sie zog sich ihre Jeans an. Sie hatte viel zu warme Sachen mitgenommen. Und einen Sonnenbrand spürte sie auch schon auf ihren Schultern. Also nahm sie ein weißes Leinenhemd aus ihrem Koffer, das ihre Schultern bedecken würde, und verließ ihr kleines Häuschen.
Als sie den Teppich vor ihrem Eingang beiseite hielt und in das helle Licht zwinkerte, zuckte sie zusammen.
Eine alte Indianer-Frau stand vor ihr.
Sie staunte immer noch über die roten Haare und die Sommersprossen, die die fremde Frau hatte. Sie hatte noch nie solche blauen Augen und so eine weiße Haut gesehen. Im Dorf hatte man ihr schon den Namen Yepa, Schneefrau, gegeben.
Scully sah sie etwas zurückhaltend an. Doch die alte Frau lächelte freundlich und gab Scully zu verstehen, dass sie ihr folgen sollte. Fünf Minuten später wurde sie von der alten Frau in einen Gemeinschaftsraum geführt, in dem um diese Zeit allerdings niemand war. Nur in der Ecke saß ein Mann. Er war alt und hatte langes, schütteres weißes Haar. Er rauchte Pfeife und saß schweigend auf einem Kissen auf einer Holzbank.
Scully sah sich um. Alles hier drin war aus Holz. Die Planken auf dem Boden knarzten leise und ihre Schuhe klopften hohl bei jedem ihrer Schritte. Staub lag in der Luft und reflektierte die Sonnenstrahlen. Es roch süßlich nach Pfeifentabak. Scully wurde von der alten Frau zu einem Stuhl gegenüber dem alten Mann geführt.
Sie sah ihn erwartungsvoll an und hielt die Hände in ihrem Schoß gefaltet. Erwartete er von ihr, dass sie etwas sagte? Doch bevor sie sich darüber den Kopf zerbrechen konnte, sprach er zuerst.
„Die nennen Sie hier Yepa.“ Er schmunzelte. „Jetzt weiß ich warum, Sie sind wirklich weiß wie Schnee. Aber keine Sorge, in ein paar Tagen werden Sie fast so braun sein wie die Steine in diesem Canyon. Haben Sie gut geschlafen?“
Scully war erleichtert. Der Mann ihr gegenüber war gar nicht so entrückt, wie sie zunächst vermutet hatte. Sie bedankte sich höflich bei ihm für seine Gastfreundschaft. Sie nahm an er sei der Dorfälteste.
„Die Leute hier im Dorf sind in großer Sorge. Seit der Junge hier ist, sagen sie, sei ein böser Geist über dem Tal. Sie wissen, dass es nicht der Junge selbst ist, aber sie haben Angst. Ich weiß nicht, wer Sie sind, doch ich weiß, dass Sie diesen bösen Geist auch kennen und dass Sie auch Angst vor ihm haben.“
Er schwieg und zog an seiner Pfeife während er an Scully vorbei aus dem Fenster sah. Scully wagte kaum zu atmen, sie war überrascht, dass der alte Mann sie so offen angesprochen hatte und wusste nicht, wie sie darauf antworten sollte.
„Mein Volk lebt schon lange in Frieden mit diesen Mächten. Es ist lange her und ich weiß es nur aus Erzählungen, doch wir haben einst denselben Krieg gekämpft. Und nun scheint es, als seien sie zurückgekommen. Der Junge muss sehr schlau sein, dass er sich hier bei uns versteckt.“
Scully wusste nicht genau, worauf er hinauswollte, sie erinnerte sich an die Navajo-Schöpfungs-Geschichte über die Insektenmenschen. Doch sie traute sich nicht, ihre Frage auszusprechen, sie war noch zu befangen und zu rational, um sich schon so weit auf all diese Dinge einlassen zu können. Er schien diese Schwingung in ihr zu bemerken.
„Ich weiß, dass Sie zweifeln. Doch Sie müssen sich diesen Dingen in ihrem Herzen öffnen, wenn Sie Ihren Freund finden wollen. Hier auf der Welt kann Sie sonst nichts zu ihm führen.“
Er nahm die Pfeife aus seinem Mund und sah sie lange an. „Fühlen Sie sich bitte eingeladen unserer Zeremonie heute Abend beizuwohnen.“
Damit schob er sich die Pfeife wieder zwischen seine Lippen und sah wieder aus dem Fenster hinter ihr. Sie verstand dies als Aufforderung zu gehen, bedankte sich bei ihm und der alten Frau und machte sich auf den Weg zu Gibson. Dieses Gespräch hatte sie über so vieles im Unklaren gelassen und sie fühlte sich unwohl. Nun schien es ihr fast, als könne sie den bösen Geist, von dem der Mann gesprochen hatte, selber spüren.

Als sie Gibsons Haus betrat, fand sie es leer vor. Der Spiderman-Comic lag aufgeschlagen auf dem Boden und ein halbleeres Glas Eistee stand daneben. Scully hob es auf. Der Eistee war schon ganz warm. Panik machte sich in ihr breit. Er schien plötzlich aufgebrochen zu sein, und zwar schon vor einer Weile.
War er vor irgendetwas geflohen? War er entführt worden? Sie rannte zu ihrem Haus, griff sich eine Landkarte der Region und verließ das Dorf.
Wo konnte er sein?
Er war noch fast ein Kind, also konnte er nicht weit gekommen sein.


Sie war eine ganze Stunde durch das Reservat gelaufen. Zu dieser Jahreszeit war es anscheinend zu heiß für die meisten Touristen. Selbst die Indianer hatten sich alle in ihre Häuser zurückgezogen.
Fast überall liefen die Fernseher in den Häusern und Ventilatoren summten und die Autos in den Straßen standen still und eingestaubt herum. Es schien, als stünde das Leben still.

Allerdings war es auch fast Mittag und Scully war selbst schon ganz schwindlig von der Hitze. Sie musste etwas trinken.

Als sie eine Viertelstunde später wieder das kleine Dorf, in dem sie sich in einem Postkartenladen ein Wasser gekauft hatte, verließ, fiel ihr Blick auf Steinruinen, die in der diesigen Luft grau und verschwommen, fast wie eine Fata Morgana vor dem Horizont standen. Es war ihr, als würde der Wind, der von ihnen über das Tal zu ihr wehte, ihr zuflüstern, dass sie dorthin gehen müsse.
Sie sah auf die Karte in ihren Händen. Direkt dort drüben im Chaco Canyon befanden sich die alten Anasazi Ruinen. Es war von hier aus aber zu weit dort zu Fuß hinzugehen. Außerdem spürte sie, wie ihre Haut brannte und ihr Kopf schwer wurde. Sie musste weg aus der Mittagshitze.

Sobald die Nachmittagssonne lange Schatten über das Tal warf und Scully in ihrem Zimmer merkte, dass es ihr besser ging, machte sie sich auf den Weg zu den Anasazi Ruinen. Sie setzte sich in ihren Jeep, drehte die Klimaanlage auf die höchste Stufe und hoffte, sie würde Gibson dort oben finden.

Eine halbe Stunde später hielt sie an den Touristenschildern, die mitten in dieser unwirklichen Mondlandschaft standen und ihr mitteilten, dass sie ab jetzt zu Fuß gehen musste. Also ließ sie den Wagen stehen und ging auf die Ruinen zu. Es war ruhig.
Die kleine Geisterstadt mit ihren leeren, schwarzen Höhlen und grauen staubigen Ruinen jagte Scully einen leichten Schauer über den Rücken.
„Gibson?“ Ihre Stimme hallte unwirklich durch die schwere heiße Luft. Wind fegte ihr durch das rote Haar, das in der Sonne in den Farben des Canyons glänzte.
Die Grillen um sie herum verstummten kurz. Doch einen Moment später zirpten sie wieder munter weiter.
Scully spürte wie ein Gefühl in ihrem Bauch sie in eine Richtung zog. Sie folgte dieser Intuition und kletterte vorsichtig durch die Ruinen in das Dorf hinein. Für Touristen war es eigentlich verboten sich auf dem Gelände frei zu bewegen, doch Scully fürchtete sich nicht vor den Tieren und den unbefestigten Steinen. Sie musste Gibson finden.
„Gibson!“ rief sie wieder, doch wieder antwortete ihr nur das geisterhafte Schweigen dieser uralten Steine. Staub wirbelte ihr ins Gesicht und sie blinzelte. Die Sonne war noch immer so intensiv und brannte heiß auf ihren Wangen.
Sie stemmte die Hände in die Hüften und hielt einen Moment inne. Sie drehte sich einmal im Kreis und sah sich um als ein Stein unter ihren Füßen wegrutschte und sie das Gleichgewicht verlor. Dem lockeren Stein folgten weitere und schließlich rutschte der halbe Boden unter ihren Füßen weg, so dass sie in ein schwarzes Loch, das sich darunter auftat, fiel. Sie landete mit ganzer Wucht auf sandigem Boden und ihre Schulter durchfuhr ein beißender Schmerz. Hoffentlich war ihrem Baby nichts passiert. Sie stand, sich die schmerzende Schulter reibend, auf und sah hoch. Zwei Meter über ihr schien das goldene Sonnenlicht durch die Öffnung, durch die sie hinuntergestürzt war. Es erhellte die Höhle, in der sie nun stand gerade so, dass sie sich umsehen konnte. Sie konnte jedoch außer den honigfarbenen und leicht rötlichen Steinen und dem Sand, der im Licht glitzerte, nicht viel erkennen. Doch dann fiel ihr Blick auf ein dunkles Loch. Es schien eine weitere Höhle oder ein Gang zu sein. Sie ging darauf zu. Es war stockdunkel darin und bei dem Gedanken an all die Schlangen und Skorpione, die hier in der Wildnis hausten, wehrte sich jede Faser ihres Körpers dagegen dieser Spur nachzugehen.

Doch sie war noch nie feige gewesen und ihre Neugierde gewann die Oberhand, so dass sie sich schließlich vorsichtig bückte und auf allen Vieren kriechend in den Gang hineinkletterte. Als sie ein paar Meter sich zaghaft vortastend durch die vollkommene Finsternis gekrabbelt war, machte der Gang einen starken Knick nach links und sie konnte einen leicht erhellten Punkt am Ende erkennen. Sie konnte es kaum glauben, aber es war tatsächlich ein unterirdischer Gang, in dem sie sich befand. Erleichtert, dass es einen Ausweg gab, folgte sie dem Licht und kletterte am Ende heraus.
--

Wo war sie nun?
Sie klopfte sich den Staub von den Kleidern und sah sich um. An den Wänden dieser kaum erhellten Höhle konnte sie deutlich Wandmalereien sehen. Es waren merkwürdige Zeichen in die Felsen geritzt, vermutlich irgendwelche Symbole der Anasazi.
Sie fragte sich, ob jemand davon wusste und wurde ganz aufgeregt bei dem Gedanken, dass sie die Entdeckerin dieses einzigartigen Fundstücks war, als sie plötzlich im Dunkeln ein schwaches Licht flackern sah, das auf etwas schien, das auf der Erde lag.
Sie zuckte zusammen. Gibson!
Er lag in einem Winkel dieser Höhle zusammengerollt auf dem Boden. Das Licht seiner Taschenlampe schien noch ganz schwach neben ihm und Scully fragte sich, wie er hierher gekommen war. Über ihnen schien nur durch ein paar Risse im Gestein und ein paar kleine Löcher das Sonnenlicht und warf bizarre Lichtfiguren auf den Sandboden, die durch den Staub, der über ihnen über die Steine fegte und das Licht zeitweise abschwächte, zu tanzen schienen.
Ihr Blick fiel auch auf einen weiteren Eingang in einen Tunnel, den Gibson wahrscheinlich benutzt hatte. Als sie nun die Frage geklärt hatte, wie er hierher gekommen war, erinnerte sie sich wieder an den erschreckenden Anblick vor ihr und wachte aus ihrer Starre auf.
Der Junge lag fiebernd und zitternd vor ihr auf dem Boden und schien nicht einmal gemerkt zu haben, dass sie ihn gefunden hatte. Sie warf sich neben ihn und fasste ihm an die Stirn. Er glühte und war ganz nassgeschwitzt.
„Gibson! Kannst Du mich hören?“ Sie rüttelte leicht an seinen Schultern und seine Augen schienen einen Moment in Erkenntnis ihrer Stimme aufzublinken und sahen sie an. Sie spürte, wie sich sein ausdrucksloser Blick in ihr Herz bohrte. Er versuchte ihr etwas zu sagen, doch brachte kein Wort über seine Lippen.
Doch in ihrem Inneren fühlte sie, dass es um Mulder ging. Es ging Gibson so schlecht, weil Mulders Zustand sich auf diesen Jungen übertrug. Dieser Gedanke weckte in ihr alle Kräfte, die sie hatte, und sie hob den Jungen von der Erde auf und zog ihn langsam und vorsichtig durch den Gang, durch den er offensichtlich hereingekommen war. Denn sie wusste nicht, wie sie aus der Höhle, in die sie hineingefallen war, hätten herauskommen sollen und hoffte aus Gibsons Tunnel gäbe es auch einen Ausgang, der sie an die Oberfläche bringen würde.

Sie hatten Glück. Der Tunnel war zwar ein ganzes Stück länger und ziemlich steil, doch da Scully die ganze Zeit in Gedanken bei Mulder war, schaffte sie es, den schweren Jungen so lange vorsichtig hinter sich her zu schleifen, bis sie schließlich schweißgebadet und vollkommen am Ende ihrer Kräfte ein Licht direkt über sich sah.
Sie nahm noch einmal ihre letzte Kraft zusammen und zog sich und danach Gibson aus dem Tunnel heraus und blieb vollkommen erschöpft neben dem Eingang liegen. Ihr Bauch schmerzte sie, es schien ihrem Baby nicht zu gefallen, dass sie ihm so wenig Ruhe gönnte. Doch sie musste noch ein wenig durchhalten. Als ihre Augen sich wieder an das helle Tageslicht gewöhnt hatten, orientierte sie sich und suchte nach ihrem Wagen. Sie brachte Gibson so schnell sie konnte zurück ins Dorf.

Voller Sorge wurden sie beide dort von den Indianern aufgenommen. In ihren Gesichtern schien die Anstrengung, die sie hinter sich hatten, sichtbar zu sein und Scully war dankbar über die kalten Tücher und den Tee, den man ihr reichte und die Ruhe, die sie danach in ihrem Haus fand.
Doch in ihrem Herzen hatte sie keine Minute Ruhe und sie hoffte, Mulder würde noch am Leben sein. Doch nach dem verlorenen Blick in Gibsons Augen, die wie durch sie hindurch in eine weite, ihr unbekannte Ferne gesehen hatten, war sie sich dessen nicht mehr so sicher.
Hoffentlich würde sie wenigstens das Kind behalten. Der Schmerz in ihrem Unterleib warnte sie, sich nicht noch einmal auf ein solches Abenteuer einzulassen.

Am Abend

Scully war nach ein paar Stunden Schlaf ohne Bauchschmerzen wieder aufgewacht und war sehr erleichtert darüber gewesen, dass sie und ihr Baby diesen Ausflug ohne Probleme überstanden hatten.
Sie lächelte. Es schien, als sei das Kleine in ihr eine Kämpfernatur und sie fühlte, wie in ihr Liebe für dieses Wesen aufkeimte. Doch zugleich mischte sich Furcht darunter.
Sie wusste noch gar nicht, ob sie es wirklich behalten wollte, sie sollte sich lieber nicht zu sehr daran gewöhnen, dass es da war. Eine Stimme in ihr erinnerte sie aber im selben Moment daran, dass sie ihre Entscheidung für dieses Kind schon längst getroffen hatte. Sie musste nur noch herausfinden, wie sie diese Nanobots deaktivieren konnte. Sie weigerte sich daran zu glauben, dass das Kind ohne die Technologie sterben würde.

Sie sah auf die Uhr. Der Mann heute Morgen hatte sie zu einer Zeremonie eingeladen. Bestimmt würde sie draußen vor dem Dorf stattfinden. Sie hatte in ihrem Reiseführer für New Mexico, den sie sich in Albuquerque in der Wartezeit auf den Flug nach Gallup gekauft hatte, gelesen, dass es hier im Canyon einen besonderen Ort gab, an dem oft Zeremonien stattfanden. Dort stand ein Felsen, dessen Spitze, wenn man sie in Gedanken verlängerte, genau auf den Polarstern zeigte. Die Indianer sahen diesen Ort also als Verbindung zum Himmel an und hielten ihn deshalb für heilig. Scully glaubte aber nicht daran, sie dachte, dass sie den Ort eher aus dem Grund ausgewählt hatten, weil er auf einem erhöhten Plateau lag und man von dort aus nur schlecht angegriffen werden konnte, weil man in jede Himmelsrichtung freien Blick über das Tal hatte.

Was auch immer der Grund war, sie musste sich beeilen, wenn sie dort rechtzeitig sein wollte. Sie war sich beinahe sicher, dass die Indianer Gibson in ihre Zeremonie einschließen würden und sie wollte dabei sein. Sie war Ärztin, wenn es Gibson schlechter ging, würde sie vielleicht da sein können, um ihm zu helfen.

Die Feier hatte gerade begonnen und sie setzte sich schweigend und ganz still auf einen Stein, der etwas versetzt hinter der Gemeinschaft lag. Er war noch warm von der Sonne, die gerade am Horizont hinter den Bergen versank. Scully atmete tief durch und sog die warme Luft durch ihre Lippen ein. Hier oben herrschte ein wunderbarer Frieden und sie fühlte sich in der Dämmerung unter dem Himmel, der am Horizont ein tiefes Rot trug und über ihr die ersten Sterne preisgab, wohl. Der Indianergesang brummte leise und tief und Gibson lag auf einer Trage in ihrer Mitte. Sie hatten bunte Muster in den Sand gemalt und ein Feuer brannte neben Gibson.
Scully verstand warum diese Zeremonie dazu dienen sollte böse Geister zu vertreiben. Es war ihr selbst für eine Weile, als lösten sich die bösen Geister in ihr und ihre Seele könne für ein paar Minuten frei durch die Lüfte fliegen und dort oben in den Sternen nach Mulders Seele suchen.

Sie merkte wie in der Dunkelheit ein leichter Wind aufkam und sie begann zu frieren. Die Zeremonie dauerte lange und ihr war vor Hunger und Durst schon schummrig. Schließlich erhob sie sich und entfernte sich mit einem entschuldigenden Blick in Richtung des Dorfältesten, der ihr zunickte, von der geschlossenen Gemeinschaft. Sie fand in ihrem Häuschen ein kleines Abendessen und dankte im Stillen dem unbekannten Koch dafür, denn nun konnte sie sich bald schlafen legen, so lange sie den Frieden, den sie seit der Zeremonie in sich trug, noch fühlte.

--Zur selben Zeit irgendwo

Seine Augen waren geschlossen. Zum ersten Mal – wie es schien -  seit Wochen.
Er brauchte sie nicht mehr, denn das, was er noch sehen konnte, konnte ihm nicht helfen. Er sah nun auf das Licht in seinem Inneren, das immer heller wurde und konzentrierte sich darauf. Er musste wissen, was die Ursache dieser Kraft war. Die Quelle dieser Macht, die die schwarze Kreatur in ihm seit Stunden in einem Winkel seines Körpers gefangen hielt. Er versuchte sich das Bild in Erinnerung zu rufen, das er vor langer Zeit noch vor seinen Augen gesehen hatte. Seine Seele suchte verzweifelt nach dieser anderen Seele und er fühlte, sie war nah. In seinem Herzen tobte eine Welle und sein Verstand zerschlug all die grausamen Gedanken, die Purity II ihm seit Wochen eingab.
Er fühlte wie das Ding in seinen Lungen saß und sich keinen Millimeter bewegte. Bei jedem Atemzug waberte es und ein metallisches Hauchen entwich seiner Kehle.

Plötzlich sah er es vor seinem inneren Auge. Es hatte eine Hunderstelsekunde aufgeblinkt und war dann wieder in den Tiefen seines Geistes verschwunden. Doch er hatte es gesehen: Das war sie, die Energie, die das Licht in ihm heller und stärker werden ließ. Er umklammerte es mit jedem Funken seines Verstandes.

Mit einem lauten Schrei der Befreiung kontrahierte sich sein Brustkorb und mit ihm jeder Muskel seines Körpers und er rief ihren Namen so lange, bis das schwarze Öl sich in seinen Lungen nicht mehr halten konnte und aus seinem Körper ausgespien wurde und sich über ihm in einer grauen Wolke verlor und als Staub über seinen Körper herabrieselte.

„SCUUUUUUUUUUULLYYYYYY !“

Er fühlte wie sich die Metallspitzen mit einem lauten Zischen aus seinen Fingerspitzen und Zehen lösten und er schwerelos durch den Raum taumelte als er von einem Sog erfasst wurde und einen Strudel hinunterwirbelte.

Ein hohes schrilles Kreischen, wie verstimmte Geigen, durchfuhr den Raum und er fiel.

--Mitternacht, Gallup, New Mexico

„Agent Scully!“ Jemand rüttelte sie an der Schulter, auf die sie heute Nachmittag gefallen war, und sie wachte von dem Schmerz auf. Vor ihr stand Gibson. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und er war außer Atem. Scully setzte sich ruckartig auf. „Was ist  Musst Du ins Krankenhaus?“ Sie stieg sofort aus dem Bett und zog sich ihre Jeans an.
„Es ist Agent Mulder. In meinem Kopf. Er ist hier.“
Scully starrte mit aufgerissenen Augen auf den Jungen vor ihr.
„Was? Wo?“
„Ich weiß es nicht. Aber er muss hier irgendwo sein.“
Scully standen Tränen in den Augen. Ihr Herz klopfte laut und sie nahm Gibson an der Hand. „Los, wir nehmen das Auto.“
Als sie das Haus verließen, spürte sie den kalten Wind, der durch das Tal fegte. Der Friede, den sie während der Zeremonie verspürt hatte, hatte das Dorf offensichtlich verlassen und eine kalte bedrohliche Dunkelheit lag nun vor ihr. Die Grillen zirpten laut und der Himmel stand schwarz über ihnen. Die Sterne funkelten sie so zahlreich und hell an, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Die Stadtlichter und der Smog in Washington erlaubten einem diesen Anblick nicht.
Sie wusste nicht, wo sie hinfahren sollten, doch Gibson zeigte stumm mit dem Zeigefinger in eine Richtung. Scully wusste im Dunkeln nicht genau, was in der Richtung lag, also fuhr sie darauf los, ihren Blick immer am Horizont haftend, in der Hoffnung irgendetwas sehen zu können, was ihr Gewissheit gab, dass Gibson Recht hatte.

Plötzlich ging ihr Wagen aus und rollte stumm auf der holprigen Straße aus. Das Radio sprang an und sie hörte ein schrilles Pfeifen.
Ihr Herz blieb stehen.
„Komm mit, Gibson!“ Sie half dem Jungen wachsam um sich blickend aus dem Wagen und rannte mit ihm auf einen Felsen zu, von dem aus man mehr sehen würde. Als sie dort anhielten und im fahlen Mondlicht die weißen Felsen unter sich sahen, erstarrte Scully. Sie waren direkt über dem Anasazi – Dorf, wo sie Gibson am Nachmittag gefunden hatte. Das konnte nicht sein. War er deswegen hierher gelaufen? Sie kletterte vorsichtig die Felsen hinunter, immer auf Gibson achtend, der ihr wie im Trance folgte.
Als sie am Fuße des Felsens ankamen und nach Luft rangen, fühlte Scully wie der Wind anschwoll und die Erde leicht vibrierte. Die Grillen hörten auf zu zirpen und das Tal versank in stillem Schweigen.

Das erinnerte sie an ihr Erlebnis im Wald in Boise. Ihre Knie zitterten und sie hielt Gibsons Hand fest. Sie starrte in die Dunkelheit und hatte das Gefühl, zwischen ihre Augen und die Welt um sie herum würde sich ein Prisma legen, durch das sie die Ruinen nur noch verzerrt erkennen konnte. Ihr wurde schwindelig und sie musste sich abstützen um nicht hinzufallen, als plötzlich aus der Mitte dieses Prismas vor ihren Augen ein Blitz aus weißem Licht durch die Nacht fuhr und sie blendete. Eine Stoßwelle fuhr durch den Boden unter ihren Füßen und ein dumpfes Brummen hallte durch die Finsternis.
Sie hielten sich die Hände schützend vor das Gesicht als Scully merkte, wie ihre Augen sich von dem Blitz erholten und sie sah, wie das Licht sich vor ihnen wieder erhob. Das Prisma, das selbst das Sternenlicht verzerrt hatte, erhob sich mit diesem Licht vor ihr und sie spürte wie die Vibration unter ihren Füßen schwächer wurde. Sie hielt immer noch Gibsons Hand, der wie zur Salzsäule erstarrt und vollkommen abwesend in die Leere blickte. Sie drehte sich zu ihm.
„Gibson?“ Sie rüttelte ihn und rief in Panik immer wieder seinen Namen, bis er schließlich in ihren Armen zusammensank. Sie beugte sich über ihn und hielt ihn fest in ihren Armen, in der Hoffnung, er würde aus seiner Bewusstlosigkeit erwachen. Sie brauchte ihn jetzt!
Nach einer halben Ewigkeit öffnete er wieder die Augen und sah sie an. In seinem Blick lag Resignation. Scully wagte fast nicht, ihn anzusprechen, doch er wusste wie immer die Frage bevor sie sie stellen konnte.
„Es ist weg, Agent Scully. Das Gefühl. Es ist weg.“
„Was?“ Tränen der Verzweiflung flossen nun aus ihren Augen. Hieß das, Mulder war nicht zurückgekehrt? Hieß das, er war tot? Sie konnte das nicht glauben. Sie legte Gibsons Kopf auf die Erde und rannte, blind von den Tränen, durch die Dunkelheit in die Anasazi Ruinen hinein. Er musste hier sein. Was sonst hatte Gibson hierher geführt? Sie knipste die Taschenlampe an, die sie aus dem Wagen mitgenommen hatte und versuchte den Ort wieder zu finden, an dem sie am Nachmittag auch Gibson gefunden hatte. Ihre Füße stolperten und sie stürzte mehrmals, doch sie gab nicht auf und fand schließlich den Eingang zu dem dunklen Tunnel.

Als sie ihn entlangkrabbelte fürchtete sie ihr Herz würde aufhören zu schlagen, so schnell hämmerte es in ihrer Brust, doch als sie schließlich aus dem Tunnel in die Höhle fiel, war es als löste sich der Knoten in ihrer Seele mit einem Mal in Luft auf.
Im Lichtkegel ihrer Taschenlampe konnte sie ganz deutlich seine Silhouette erkennen. Sie leuchtete blass wie das Mondlicht und er lag nackt und regungslos im Sand.

„Mulder!“ In ihr brachen und überschlugen sich die Wellen und eine Flut voller Angst und Glück überrollte sie.
Sie ließ sich neben ihm fallen und legte ihre Hände auf seine Brust. Sein Körper war kühl und seine Haut war ganz trocken. Sie konnte an seinem Handgelenk keinen Puls fühlen.
Eine schreckliche Angst kroch in ihr hoch. Sie suchte nach einem Puls an seinem Hals und nach zehn langen Sekunden schrecklicher Ungewissheit konnte sie ihn endlich ganz schwach fühlen und legte ihr Ohr auf seine Brust um seinen Herzschlag hören zu können.
Er war ganz schwach, doch es beruhigte sie so sehr, dass er lebte. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und ihre Tränen fielen auf seine geschlossenen Augen und sie küsste seine kalten blassen Lippen und legte ihre Wange sanft an seine und schluchzte leise in sein Ohr.
Ein leichter Atemzug blies durch ihre Haare. Sie musste ihn hier herausbringen. Doch sie alleine konnte ihn nicht durch ihren Tunnel zerren. Sie musste auch an das Baby denken. Aber sie würde es nicht übers Herz bringen, ihn hier noch einmal auf der Suche nach Hilfe alleine in der Dunkelheit liegen zu lassen.

Doch sie musste! Sie wischte mit dem Daumen ihre Tränen aus seinem Gesicht und wollte sich gerade aufraffen zu gehen, als sie sich furchtbar erschreckte. Aus dem Tunnel sprang jemand heraus. Doch ihr Schreck wich einer wunderbaren Erleichterung als sie erkannte, dass es Sike war. Sie war nicht mehr alleine, Gibson hatte Hilfe geholt! Sie wendete sich widerwillig von Mulder ab, es war so schwer, ihn jetzt noch einmal loszulassen und krabbelte wieder in den Tunnel hinein.
Als sie an der Erdoberfläche ankam erkannte sie jedoch, dass es nicht Gibson gewesen sein konnte,der Hilfe geholt hatte, da er immer noch vollkommen erschöpft in den Armen einer alten Indianerfrau lag, die seine Stirn mit einem Balsam einrieb und ihm beruhigende Worte zumurmelte. Scully ging auf die Beiden zu.

„Wie haben Sie uns gefunden?“ Die alte Frau sah zu ihr hoch, antwortete ihr etwas auf Navajo und zeigte mit dem Finger nach oben. „Jemand ist von einem Beben geweckt worden und hat das Licht über dem Tal gesehen.“ Sike näherte sich Scully von hinten und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Er lächelte sie an und in seinem Blick lag eine tiefe Ruhe, die sich auf Scully übertrug. „Ihr Freund wird von ein paar Männern ins Krankenhaus gebracht und ich denke, wir sollten auch Gibson dorthin bringen.“

Scully nickte und wollte sich gerade umdrehen, als sie merkte, wie ihr selbst schwindelig wurde und sie nach hinten kippte und kraftlos in Sikes Arme fiel.


--Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie an die Decke ihres Jeeps, der sie auf den unbefestigten Straßen des Tals durchrüttelte.
Sie setzte sich auf, vor ihr fuhren Sike und ein anderer Indianer ihren Wagen.
Schlagartig fiel ihr ein, was passiert war. Wo war Mulder? Warum war sie nicht bei ihm?
Doch Sike beruhigte sie. Er war froh, dass sie wieder zu sich gefunden hatte. Mulder war bereits längst auf dem Weg ins nächste Krankenhaus in Gallup und sie fuhren gerade ebenfalls dorthin.
Scully atmete auf, sie sah noch ein wenig benommen aus dem Fenster in die Dunkelheit und ließ ihren Blick über die mondbeschienenen Felsen schweifen. Er war wieder zurück!
Doch der Knoten, der sich vorhin in ihr gelöst hatte, begann bereits wieder sich festzuziehen. Es ging ihm nicht gut und sie konnte nicht sicher sein, dass er derselbe Mann sein würde, den sie vor vier Wochen in den Wäldern Oregons verloren hatte.

Gefühle der Erleichterung, der Furcht, des Schmerzes und der Hoffnung vermischten sich in ihrem Herz zu einem unbestimmten Schmerz, der mit jedem Herzschlag anschwoll, als sie sich nervös mit den Fingern an der Unterlippe entlangfuhr und sich schließlich mit einem tiefen Atemzug dazu zwang einen klaren Kopf zu bekommen.
Sie konnte nicht noch einmal einfach so das Bewusstsein verlieren. Sie musste dabei bleiben.

Aber weder die Ärzte in dem Krankenhaus, noch ihre eigenen medizinischen Fähigkeiten konnten an Mulders Zustand etwas ändern. Er war am Leben, er brauchte keinerlei Hilfsmittel, musste nicht beatmet werden, schien keine Schmerzen zu haben und auch sein Herz war vollkommen gesund.

Aber er schlief. Und das EEG, das über viele kleine Elektroden an seiner Stirn abgeleitet wurde, war merkwürdig stumm. Er war nur einen winzigen kleinen Ausschlag der Kurve vom sicheren Hirntod entfernt.
Er lag zwar hier in einem Bett vor ihr, doch in Wirklichkeit war er weit weg. Sie nahm seine Hand und spürte wie all die Wunden, die durch seine Fingerspitzen gebohrt worden waren, auch ihr Herz durchspießten. Was hatten sie ihm angetan? Warum hatte er so leiden müssen? Warum hatte sie ihm nicht helfen können?

Sie hielt seine Hand ganz fest und drückte sie gegen ihre Lippen und bat ihn immer und immer wieder in Stille zu ihr zurückzukommen. Doch ihr alle paar Sekunden auf das EEG fallende Blick versetzte ihr jedes Mal erneut einen Stich, weil sich nichts regte. „Bitte, komm zurück!“ flehte sie ihn mit gebrochener Stimme an und legte ihren Kopf auf seine Brust, die sich langsam mit Leben und Wärme füllte. Wenigstens sein Herz sprach zu ihr in ruhigen, sanften Tönen, bis sie schließlich einschlief, ihre Hand fest auf seiner ruhend und sein Herzschlag stetig an ihrer Schläfe pochend.

Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulter und sie wachte auf. „Agent Scully?“ Skinners Stimme drang wie durch Watte an ihre Ohren. Sie blinzelte gegen das Licht und hob ihren Kopf von Mulders Brust, nicht ohne einen Blick auf das EEG zu werfen, auf dem sich immer noch nichts tat. Als sie Skinner erkannte, stand sie auf und vergrub ihren Kopf in seiner Schulter. Ein lautes Schluchzen entfuhr ihr und ihr Körper zitterte, als sie sich leise weinend an ihn drückte und er sie schließlich in seine Arme nahm. Über ihren Kopf hinweg sah er auf Mulder und spürte wie sich ihm die Kehle zuschnürte.
Er sah schlecht aus. So blass und leblos.
Er konnte sich bis heute nicht verzeihen, dass er ihn in diesem Wald verloren hatte und er würde es nicht akzeptieren können, wenn er ihn jetzt hier in diesem Krankenhaus wieder verlor. Er schuldete es Agent Scully, er hatte ihr versprochen, dass er heil zurückkommen würde.
Die Agentin in seinen Armen hörte langsam auf zu weinen und wurde still.
Sie mochte es nicht, wenn sie vor Fremden schwach wurde und riss sich nun zusammen. Skinner war den weiten Weg nach New Mexico sicherlich nicht gereist, nur um sie zu trösten.
„Danke, dass Sie gekommen sind“, brachte sie schließlich wieder vollkommen gefasst hervor und nahm dankend das Taschentuch an, das er ihr reichte.
„Ich bin hier, um Sie abzulösen. Sie sind einfach aus Washington verschwunden und es hat eine Weile gedauert, bis ich auf die Idee mit den Navajo-Indianern gekommen bin. Sie hätten Agent Morgan ruhig ein paar präzisere Angaben über Ihren Verbleib geben können.“
Er sah zur Seite. Das war nicht der richtige Zeitpunkt um ihr Vorhaltungen zu machen.
„Agent Scully, Sie müssen sich schonen. Sie haben schon zu viel durchgemacht und ich kann nicht zulassen, dass Sie das Leben Ihres Kindes gefährden. Ich möchte, dass Sie sich ausruhen. Ich werde bei Mulder bleiben und aufpassen, dass ihm nichts geschieht. Aber bitte, versprechen Sie mir, dass Sie sich ausschlafen.“
Scullys blaue Augen sahen fragend zu ihm auf.
„Das kann ich aber nicht.“
Skinner sah, dass sie es ernst meinte und erklärte sich schließlich zu einem Kompromiss bereit, so wie er es immer tat, wenn sie ihn um einen Gefallen bat. „Nun, dann werde ich dafür sorgen, dass Sie ein Bett in diesem Krankenhaus zur Verfügung gestellt bekommen.“ Auf diese Forderung ging sie glücklicherweise ein, die Erschöpfung der letzten Wochen stand ihr ins Gesicht geschrieben und sie sah ein, dass sie offensichtlich Kraft tanken musste.
Als sie sich schließlich von Skinner in ihr Zimmer, das eine nette Schwester auf demselben Flur für sie bereitgestellt hatte, bringen ließ, fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf.
„Was ist mit Gibson?“ „Keine Sorge. Es geht ihm gut, er war nur sehr erschöpft. Die Ärzte konnten nichts finden und die Navajo-Indianer haben ihn wieder mitgenommen. Er schläft jetzt und das sollten Sie auch tun, Agent Scully.“

Er öffnete ihr die Tür und zog die Vorhänge zu um sich dann mit einem letzten aufmunternden Blick von ihr zu verabschieden.
Sie legte sich langsam auf das Bett und während sie mit ihren Gedanken noch bei Mulder war, fielen ihr schließlich die Augen zu und sie sank in einen tiefen Schlaf.

 

Zur selben Zeit, vor den Ruinen der Anasazi

Ein fremder Mann stand auf dem Felsen über den Ruinen, auf dem Scully und Gibson in der Nacht zuvor auch gestanden hatten. Er blickte auf die Steinwüste, die sich ihm zu Füßen erstreckte und spürte wie die Kraft in ihm anschwoll.
Sein Auftrag war es, Mulder zu finden. Er war von dem Raumschiff abgestoßen worden, irgendetwas war schief gegangen. Er musste nun herausfinden was. Er wendete sich von den Ruinen ab und stieg in seinen schwarzen Ford und fuhr auf der staubigen Straße in Richtung des Rehoboth McKinley Hospitals, in dem Mulder lag.

Zwei Stunden später, im Krankenhaus

Assistant Director Skinner stand am Kaffeeautomaten und wartete geduldig auf die wässrige Brühe, die ihm das Gerät unter lautem Surren und Knurren zubereitete. Er war schrecklich müde, seit seinem Abflug gestern hatte er nicht geschlafen und in Washington war es schon Nachmittag. Mit dem heißen Kaffeebecher in seiner Hand machte er sich auf den Weg zurück in Mulders Krankenzimmer. Er machte sich ernsthaft Sorgen um ihn.

Er schien überhaupt keine Reaktionen auf seine Umgebung zu zeigen. Und es tat ihm in der Seele weh zu sehen, wie Agent Scully darunter litt. Als er mit seinem Kaffee um die Ecke bog und Mulders Zimmer betrat, sah er wie ein fremder Mann in schwarzer Kleidung an seinem Bett stand.
Als er Skinner bemerkte, fuhr er erschrocken hoch und flüchtete an ihm vorbei aus dem Raum. Skinner sah das mit Flüssigkeit gefüllte Röhrchen, dass der Mann an Mulders Bett hatte liegenlassen und ließ vor Schreck seinen Kaffee fallen.
Er rannte so schnell er konnte den Flur hinunter und stieß dabei gegen mindestens eine Krankenschwester und zwei Ultraschallgeräte, die auf seinem Weg herumstanden.
Er griff nach seiner Waffe als er die Tür zum Treppenhaus öffnete und dem Mann die Treppen hinunter nachlief.
„Stehenbleiben! FBI!“ schrie er in gewohnter Manier hinter dem Mann her. Es trennten ihn nur zwei Treppen von diesem Unbekannten und er übersprang ein paar Stufen, gleich würde er ihn haben.
Der Mann sah sich ohne mit der Wimper zu zucken nach ihm um und blieb plötzlich stehen. Er sah Skinner direkt in die Augen. Sein Ausdruck war tot und leer.
Doch Skinner hatte schon vieles in seinem Beruf gesehen. Er kannte diese Art Mensch. Deshalb drückte er gnadenlos ab und schoss seinem Gegenüber zweimal in die Brust.
Doch der Mann vor ihm zuckte nur einmal kurz mit dem linken Augenlid und lächelte, worunter sich sein Gesicht zu einer grausamen Fratze verzog. Skinner starrte ihn fassungslos an.
Er sah eine schwarze Flüssigkeit aus den Wunden des Fremden über dessen Jacke laufen.
Innerhalb einer Sekunde begriff er, was das war und nun war er es, der vor diesem Unbekannten davonrannte. Er musste Mulder hier rausbringen. Und Scully. Sie waren alle in Gefahr!

Der Mann folgte Skinner nicht. Er lief seelenruhig die letzten Stufen ins Parkhaus hinunter und kontaktierte den nächsten Soldaten, der schon in Washington bereitstand.
Die Fuchsjagd war eröffnet.

Skinner stürmte in Scullys Zimmer, doch sie war nicht in ihrem Bett. Er lief hastig weiter zu Mulders Zimmer und fand sie erleichtert auf seiner Bettkante sitzend. Sie sah gedankenverloren auf den Bildschirm, auf dem immer noch Mulders stilles EEG flimmerte und hielt seine Hand gegen ihre Brust, während sie seinen Handrücken mit ihren Fingern streichelte.

Es war ein wunderschöner und doch trauriger Anblick und Skinner hätte sie zu jedem anderen Zeitpunkt dort alleine gelassen und den beiden diesen Augenblick in Stille gewährt.
Doch sie mussten hier raus. Er betrat das Zimmer und ging auf Scully zu, die aus ihren Gedanken hochschreckend zu ihm aufsah und sofort von der Bettkante sprang. Sie konnte die Erregung in seinem Gesicht lesen.
„Was ist passiert?“ Skinner klärte sie auf über den Mann, den er an Mulders Bett mit der Substanz in dem Röhrchen erwischt hatte. Er blickte sich verdutzt um. Das Röhrchen war verschwunden! Doch das bestärkte ihn nur in seinem Vorhaben, Mulder hier wegzuschaffen. Aber Scully schob sich vor ihn mit einem fassungslosen Ausdruck in ihren Augen.
„Sir, Mulder ist nicht transportfähig, er kann hier auf keinen Fall weg!“ „Das muss er aber. Wir müssen ihn in Sicherheit bringen.“ Scully kannte Skinner so aufgebracht nicht und der dringliche Tonfall, den sie aus seinen Worten heraushörte, machte ihr klar, dass er es ernst meinte.
„Gut, aber ich werde mit ihm fliegen. Ich lasse ihn nicht noch einmal alleine.“ Sie klang sehr entschlossen und er wusste, dagegen würde er nicht ankommen. Also bereiteten sie alles darauf vor, Mulder so schnell wie möglich in das Universitätskrankenhaus von Washington D.C. fliegen zu lassen

 

Vier Tage später, 5 Uhr morgens

Mulder fühlte jeden Punkt seines Körpers, der auf der Matratze auflag. Seine Augen waren geschlossen und sein Geist war in Dunkelheit gehüllt. Er wartete.
Sie war jeden Tag bei ihm gewesen, das hatte er gefühlt, aber er hatte es ihr nicht zeigen können. Sein Verstand schien den Kontakt zur Außenwelt nicht herstellen zu können.
Nur wenn sie bei ihm war, schien es ihm, als wisse sie, dass er da war. Sie sah ihn immerzu an und ihre großen, wunderschönen Augen blickten voller Kummer und immer zart mit Tränen benetzt den ganzen Tag durch ihn hindurch in die Mitte seines Herzens.

Manchmal schien es ihm, als würde sie all die Gedanken wahrnehmen, die Bilder sehen, als würde sie die Schreie hören, die er in seinem Geiste produzierte.
Er wusste, sie würde auch heute wieder kommen. Und heute würde er die Kraft finden ihr endlich ein Zeichen zu geben. Ein Zeichen, das ihr die Gewissheit gab, dass er bei ihr war.
Wo war sie nur?


Zur selben Zeit, Scullys Appartment

Scully drehte sich unruhig um, sie wälzte sich seit Stunden in ihrem Bett hin und her. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es gerade erst 5 Uhr war. Die Besuchszeit im Krankenhaus hatte noch lange nicht begonnen.
Aber das war ihr jetzt egal. Sie setzte sich schließlich auf, zog sich an und fuhr so schnell sie konnte in das Krankenhaus, wo Mulder seit ihrer Rückkehr von New Mexico in unverändertem Zustand gelegen hatte. Jedoch hatte sie in den vergangenen Tagen, in all den Stunden, in denen sie an seinem Bett gesessen und seine Hand gehalten hatte, sein Gesicht gewaschen und den Blumen neues Wasser gegeben hatte, hin und wieder für einen Bruchteil einer Sekunde das Gefühl gehabt, er sei wach. Doch ein Blick auf sein EEG hatte sie jedes Mal wieder enttäuscht. Und doch war da diese Schwingung, diese Gewissheit in ihrem tiefen Inneren, dass er wusste, dass sie bei ihm war. Und das war auch der Grund, warum sie jetzt zu ihm musste.
Er brauchte sie. Und sie brauchte ihn genauso.

--

Sie hatte sich nach einer kurzen Diskussion mit der Nachtschwester durchsetzen können und betrat nun das Zimmer, in dem er so friedlich und sanft zu schlafen schien. Der Stuhl, auf dem sie immer den ganzen Tag saß, stand noch vor seinem Bett als warte er auf sie. Sie setzte sich, wie so oft in den letzten Tagen, vor sein Bett und schwieg ihn an.
Wie gerne würde sie ihm von diesem Wunder in ihr erzählen. Was würde sie dafür geben in seine wachen, sanften Augen sehen zu können. Sie erhob sich wieder von ihrem Stuhl und beugte sich leicht über ihn, während sie immer noch seine Hand festhielt. Mit der anderen Hand streichelte sie ihm über den Kopf, ließ ihre Finger durch sein weiches Haar gleiten und über seine duftende Haut. Seine Stoppeln kitzelten ihre Handflächen und ihr Daumen verharrte eine Weile auf seiner Unterlippe. Sie küsste seine Augenlider sanft.
„Bitte, wach auf, Mulder. Für mich. Für unser Baby,“ flüsterte sie kaum hörbar.
Plötzlich spürte sie ein Zucken in der Hand, die sie immer noch fest umschlossen hielt. Hatte sie es sich nur eingebildet? Sie sah auf das EEG.
Nein. Sie konnte ganz deutlich einen Ausschlag darauf sehen. Sie sah ihn an.
„Mulder?“ Sie wich ein Stück von ihm zurück und starrte voller Aufregung auf sein Gesicht, in der Hoffnung ein winziges Zeichen zu sehen.
Ihr Atem stand still. Seine Hand lag nun wieder regungslos in ihrer, doch plötzlich glaubte sie zu sehen wie seine Augenlider leicht zitterten. Sie wagte sich nicht zu bewegen.
Um sie herum herrschte vollkommene Stille, nur das entfernte Piepsen der Intensivstation drang leise ins Zimmer.
In ihrem Augenwinkel bemerkte Scully wie sich auf dem EEG etwas tat.

Es war als explodierten die Linien in alle Richtungen und als er endlich seine Augen öffnete, war es als ginge in der ewigen Nacht, die Scully seit fast sechs Wochen umgab, endlich die Sonne auf. Sie merkte wie sie vor Glück zersprang und wie es in ihrem Herzen warme Lichtstrahlen regnete. Einen Seufzer der Erleichterung ausstoßend, beugte sie sich über ihn und legte ihren Kopf auf seine Brust, während sie ihre Arme um ihn legte und sich an seinem Hemd festkrallte.
Er war zurück. Sie spürte, wie all der Kummer mit einem Mal von ihr fiel und wie ihr ganzer Körper vor Erleichterung zitterte, während sie sich fest an seine warme Brust klammerte und seine Nähe in sich aufnahm, es war als würde ihre Seele mit seiner verschmelzen.

Mulder konnte noch gar nichts erkennen. Die Welt rückte nur langsam in sein Bewusstsein, die Gegenstände waren noch verschwommen und es war so hell.

Etwas lag auf seiner Brust. Er hob seinen Kopf ein wenig an und konnte nur ihr rotes Haar sehen, doch er spürte sofort das wohlige Gefühl, dass sich in ihm ausbreitete.
Er hatte gewusst, dass sie da sein würde, wenn er aufwachte. Seine Seele hatte durch die ganze Stadt nach ihr gerufen und er konnte sich wieder daran erinnern  wie einsam er ohne sie da draußen gewesen war. Die kalte Leere, die er ohne sie durchgemacht hatte, war das Einzige, an das er sich erinnern konnte und es erfüllte ihn jetzt mit Wärme und Hoffnung, dass sie hier war und endlich wusste, dass er zurückgekehrt war.

Er legte seine Arme auf ihren Rücken und spürte wie sie unter seiner Berührung ruhiger wurde und langsam aufhörte zu zittern. Nach einer Weile hob sie ihren Kopf und beugte sich über ihn, während sie liebevoll seine Wange streichelte.
Als sie in seine grünen wunderschönen Augen sah, merkte sie, wie sie bei ihrem Anblick aufflackerten und wie er sich zu einem leichten Lächeln bemühte. Sie lächelte zurück und es war als lachten alle Sterne des Himmels zu ihm hinunter.
Nur sie konnte ihn so anlächeln.
Er verzog den Mund leicht und fragte unter einem verschmitzen Grinsen kaum hörbar: „Und? Haben die Knicks die Saison gewonnen?“
Sie lachte und weinte darüber zugleich, weil sie nun sicher sein konnte, dass er derselbe Mann war, der sie vor sechs Wochen verlassen hatte und sie hielt seinen Kopf in ihren Händen, während sie seine Wange unter Tränen der Freude zart küsste und seinen Duft einsog und er immer noch seine Arme um sie legte und sie mit all der Kraft, die er noch in sich trug, festhielt.

 

Am nächsten Abend

Scully lächelte als sie mit ihrer Tüte voller Fast Food in der Tür von Mulders Zimmer stehenblieb und drei wohlbekannte Gestalten vor seinem Bett aufgereiht sah.
Mulder hatte schon Recht, sie sahen aus wie drei Comicfiguren. Als Frohike sie bemerkte, drehte er sich mit einem breiten Grinsen um und ging auf sie zu. Sie befürchtete schon wieder einmal von ihm angebaggert zu werden und legte sich gerade eine Abfuhr in Gedanken parat, als er vor ihr stehenblieb und gierig auf die Tüte starrte. „Ist da auch was für uns mit dabei?“

Sie schüttelte in gespielter Bedauerung den Kopf und ging an ihm geradewegs vorbei um Mulder seine Bestellung auf die Brust zu legen.
„Drei Cheeseburger, eine extra große Portion Pommes, sechs Chicken McNuggets und eine große Cola. Mulder?“ Sie machte ein gequältes Gesicht. „Sin Sie sicher, dass Sie das essen wollen?“
„Klar, Sie haben es doch selbst gehört, der Arzt will, dass ich wieder zu Kräften komme.“
„Muskelaufbau, Mulder. Nicht Fett!“ ermahnte sie ihn unter einem leichten Lächeln und sah liebevoll auf ihn herab, während er sie mit seinen Blicken zu streicheln schien.

Langley räusperte sich. „Ähm. Also wenn da ohnehin nichts für uns dabei ist, dann sollten wir vielleicht gehen, was?“
Die beiden anderen sahen etwas verlegen auf ihre Füße und es schien, als nickte Byers Scully fast unmerklich zu, als sie sich von Mulder verabschiedeten und den Raum verließen.
Scully gab Mulder zu verstehen, dass sie ihn kurz mit seinem Essen alleine lassen würde und folgte den Lone Gunmen nach draußen.
„Agent Scully, wir sind so froh, dass Sie hier so gesund vor uns stehen“, setzte Byers gerade an als er unterbrochen wurde. „Und so schlank noch dazu, haben Sie abgenommen? Oder sind ihre Haare länger?“ Frohike grinste sie schmierig an. Er wusste, dass er sie damit verlegen machen konnte und nutzte das nach all den Jahren immer noch aus. Langley stupste ihn in die Seite, es war nicht der richtige Zeitpunkt für Witze. Byers sah sich ängstlich nach Mulder um, er wollte nicht, dass er mitbekam, was er seiner Partnerin zu sagen hatte. „Marita Covarrubias ist in einem Hotelzimmer in New York tot aufgefunden worden.“
„Was?“ Scullys Augen weiteten sich in Entsetzen. „Wir wissen auch nicht mehr, aber wir machen uns ziemliche Sorgen, dass es nicht bei diesem einen Mord bleiben wird.“
„Nein, Marita hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass der Raucher ebenfalls tot sei.“ Ihre Stimme klang abwesend, so als spräche sie automatisch während ihre Gedanken sich mit etwas ganz anderem beschäftigten. Sie sah die drei an.
„Sie hat mir Informationen über diese Nanobots gegeben.“ Einen Augenblick überlegte sie, ob sie den Lone Gunmen von ihrem Baby und der Entdeckung der Nanobots in ihrem eigenen Blut erzählen sollte, aber nicht einmal Mulder wusste davon, sie konnte es ihnen nicht zuerst sagen.
„Nanobots, klar!“ Langley schien überhaupt nicht überrascht. „Die Regierung spritzt sie seit Jahren unschuldigen Mitbürgern anstelle der sogenannten alljährlichen ‚Grippeimpfungen’. Sie sollen angeblich die Gedanken aufzeichnen. Die Russen haben sie im kalten Krieg entwickelt.“ Scully sah ihn ungläubig an. Das war wieder eine Variante der Wahrheit, die ihr noch überhaupt nicht vertraut war. „Naja. Ich habe darüberhinaus noch ein paar andere Informationen erhalten.“ Sie blickte ein wenig verlegen um sich.

Überall rannte Pflegepersonal herum, es war hier nicht sicher, hier konnten sie sich nicht ungestört unterhalten. „Was können Sie über diese Nanobots noch in Erfahrung bringen? Haben Sie jemals etwas von Nanobots in Zusammenhang mit der Züchtung von Alien-Mensch-Hybriden gehört “ „Phew!“ Frohike pfiff laut und sah sie neckend an.
„Aber hallo, hat man Ihnen irgendwelche Drogen gespritzt?“ Scully wehrte seine Albernheiten mit einem müden Lächeln ab und sah fragend die beiden Anderen an, die sich irritierte Blicke zuwarfen. Es schien, als wollten sie hier vor ihr nicht so recht mit der Sprache herausrücken. „Hören Sie, wir finden heraus, was wir können und melden uns in ein paar Tagen bei Ihnen. Das ist zu heiß, um hier darüber ein Kaffeekränzchen zu halten.“ Langley blickte wachsam um sich und die Drei nickten ihr zum Abschied noch einmal zu, bevor sie am Ende des Flurs um die Ecke bogen und wieder in ihre eigene Welt verschwanden.

Scully kehrte in Mulders Zimmer zurück, der zu ihrer Bestürzung schon fast alles verputzt hatte, so dass sie ihm nur noch die letzten zwei Chicken McNuggets entreißen konnte und sie sich mit einem triumphierenden Blick selber in den Mund schieben konnte. Sie setzte sich, nachdem sie den ganzen Müll beseitigt hatte, wieder auf ihren Stuhl neben seinem Bett und lehnte sich nach vorne, ihre Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet.

Sie sahen sich an und schwiegen. In ihrem Kopf hallten noch die Worte, die sie draußen im Flur gewechselt hatten, nach. Und in seinem Kopf war noch immer ein Teil dieser unendlichen Leere zu spüren, die ihn die letzten Wochen in ihrer kalten Umarmung gehalten hatte.
Zwischen ihnen lag so vieles, so viele einsam verbrachte Stunden, so viel Unausgesprochenes. Sie waren sich so nah und doch schien es, als wären sie selbst jetzt in diesem Augenblick weit voneinander entfernt, während über ihnen eine bittere Stille schwebte und keiner von ihnen wusste, wo er anfangen sollte um die Wochen, die zwischen ihnen lagen, aufzuarbeiten.

--Zwei Wochen später

Scully saß in dem dunklen Kellerbüro und starrte schweigend Agent Morgan an. Warum war er immer noch hier? Mulder war doch zurück. Er konnte zwar noch nicht arbeiten, aber warum hatte Skinner noch keinen anderen Arbeitsplatz für Agent Morgan gefunden? Noch dazu besaß dieser Agent immer noch die Dreistigkeit auf Mulders Platz zu sitzen.

Verstohlen und ganz vorsichtig legte Scully die Hand auf ihren Bauch und wendete sich wieder der Akte zu, die vor ihr lag. Sie konnte die leichte Wölbung langsam fühlen und musste immer wieder ihre Hand darüber streifen lassen, um es glauben zu können.
Sie hatte Mulder immer noch nichts davon erzählt.
Er war so merkwürdig. Obwohl er wieder gesund war und bereits seit einer Woche wieder bei sich zuhause war, fand sie keinen Zugang zu ihm. Er wirkte distanziert und konnte sich ihr nicht öffnen. Oder vielleicht wollte er es auch nicht.

Es hatte nicht einen Moment der Nähe, der altbekannten Vertrautheit zwischen ihnen gegeben, seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, irgendetwas schien ihn zu bedrücken, doch sie traute sich nicht ihn darauf anzusprechen und so lag es weiterhin wie das Schweigen, das sie seit zwei Wochen verband, in der Luft.
Lange würde sie aber nicht mehr warten können, in ein paar Wochen würde selbst Mulder ihren Bauch sehen können.


Mulder bog in seinem Wagen um die Ecke. Vor ihm tat sich das J.Edgar Hoover Building auf und so vertraut es ihm war, so schien es nicht wirklich da zu sein. Oder vielleicht war er es, der nicht wirklich da war. Alles um ihn herum, all das Vertraute, Gute und Schöne in seinem Leben, auf das er sich so gefreut hatte, war in merkwürdige Ferne von ihm gerückt und anstelle der Gefühle für all diese Dinge trug er nur eine kalte Leere in sich.
Und das tat ihm weh. Er sah auch in ihren Augen, wie es ihr wehtat. Doch er konnte nichts dagegen tun, es war, als läge noch immer ein schwarzer Schleier dieses Öls über seiner Seele. Er hoffte mit seiner Rückkehr zu den X-Akten würde sich auf die Dauer wieder Normalität einschleichen und er würde wieder lernen können zu leben und zu fühlen. Vielleicht war das alles nur eine posttraumatische Reaktion. Er lächelte bitter. Das würde zumindest Scully sagen.
Als er den Aufzug im Keller des Gebäudes verließ und auf ihr gemeinsames Büro zuging, hörte er plötzlich leise Stimmen. Die Eine kam ihm sehr vertraut vor, er hatte sie in den letzten Wochen oft in seinem Kopf eingefangen und immer wieder im Geiste abgespielt.
Doch die andere Stimme, eine tiefe männliche Stimme, kam ihm vollkommen fremd vor.
Etwas gereizt und überrumpelt stieß er die Tür auf und erblickte einen Agent, der sich lässig auf seinem Stuhl breit gemacht hatte und in seinem Büro mit seiner Partnerin redete. Er stand fassungslos im Türrahmen und versuchte die fremden Bilder vor seinen Augen einzuordnen. Scully sah überrascht zu ihm hoch und stand direkt auf, um ihm entgegenzukommen.
„Mulder! Sie sollten noch gar nicht hier sein! Weiß Skinner, dass Sie hier unten sind?“ Doch Mulder reagierte nicht auf sie, er hatte nur Augen für diesen Mann, der seinen Platz eingenommen hatte.
Er setzte ein unschuldiges Lächeln auf, ging auf den Agent zu und sprach ihn direkt an. „Hallo! Ich glaube, wir kennen uns nicht, Sie sind...“ und er hob sein eigenes Namensschild vom Tisch hoch und las den Namen darauf vor: „...Agent Fox Mulder, schön, Sie mal kennenzulernen!“ Und er hielt ihm unschuldig lächelnd seine Hand hin, während Agent Morgan ihn nur irritiert und sprachlos ansah.
„Mulder!“ Scully trat von hinten an ihn heran und legte fest ihre Hand auf seinen Arm, als wolle sie ihn zurückhalten. Agent Morgan war von Mulders bissiger Begrüßung verunsichert und sprang etwas verzögert von seinem Stuhl auf. Er war sichtlich froh über den Schreibtisch, der zwischen ihm und dem großen dunkelhaarigen Agenten stand.
„Agent Mulder! Es tut mir leid, ich...“ Er wusste nicht mit dieser Situation umzugehen, fasste sich dann jedoch wieder und streckte seinerseits Mulder die Hand entgegen.
„Ich bin Agent Morgan. Ihre Partnerin hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Ich bin froh, dass Sie wieder gesund unter uns weilen.“ Ein ehrliches aber etwas verlegenes Lächeln legte sich auf seine Lippen und er sah hilflos zu Scully, die seinem Blick schüchtern auswich und zu Boden blickte.
Mulder bemerkte den Blickwechsel zwischen den Beiden und es war ihm, als läge da ein klein wenig mehr zwischen ihr und diesem Agent Morgan in der Luft, als ihm in diesem Augenblick Recht war.
Der Blick, den Agent Morgan Scully zugeworfen hatte, hatte noch einen Beigeschmack gehabt, den er nicht richtig zu deuten wusste, doch irgendetwas in ihm war alarmiert.

Er lächelte Agent Morgan sarkastisch zu. „Tja, das ist doch nett, dass Sie mich so kompetent vertreten haben, aber wie Sie sehen, bin ich ja wieder hier und daher danke ich Ihnen für Ihre Hilfe und hoffe, wir treffen uns mal auf einen Kaffee.“ In seiner Stimme lag eine sehr deutliche Abneigung und der einen ganzen Kopf kleinere Agent wagte kaum dem zu widersprechen, so dass er sich entschuldigte und – so vermutete es Scully – sich gleich auf den Weg in Skinners Büro machte.

Scully war, das musste sie zugeben, recht vergnügt über diesen Hahnenkampf gewesen, hatte sie doch die Eifersucht in Mulders Blicken bemerkt, doch sie war Agent Morgan während der letzten Wochen in einer Hinsicht dankbar gewesen: Sie hatte hier unten nicht alleine sitzen müssen und er hatte nicht eine Sekunde den im FBI sonst so allgegenwärtigen Zynismus an den Tag gelegt und nicht einen Augenblick daran gezweifelt, dass sie einer sehr wichtigen Wahrheit auf der Spur waren. Es war erfrischend gewesen.
„Mulder! War das wirklich nötig?“ „Ja! Sehen Sie sich doch an, was er mit meinem Schreibtisch angestellt hat!“ Und er zeigte mit einem Kopfschütteln auf den vollkommen kahlen und aufgeräumten Tisch, auf dem nur zwei stumpfe Bleistifte neben seinem Namensschild herumlagen. Er ging direkt zu seinem Stuhl, ließ sich achtlos darauf fallen, faltete die Hände im Nacken und lehnte sich zurück. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Was denn, kein Willkommensständchen, Scully?“
Scully stand schweigend vor ihm, die Arme vor der Brust verschränkt. Was war nur mit ihm los? Was machte ihn so aggressiv?
Als Mulder den verletzten Blick in seinem Gegenüber wahrnahm, tat es ihm leid, dass er hier wie ein Wirbelsturm hereingefegt war, doch er konnte sich nicht helfen. Er war nicht Herr seiner Handlungen, sie verselbständigten sich und in Wahrheit war er froh darüber, denn dieses Chaos verdeckte das, was eigentlich viel schlimmer war: Das dunkle Loch tief in seinem Innern, das nicht verschwinden wollte und seine Seele bei jedem Herzschlag ein wenig mehr einzusaugen schien.

Scully schien es, als könne sie in seinem Gesicht erkennen, dass Mulders Auftritt nur Show gewesen war. Doch in den letzten zwei Wochen war sie sich nicht sicher gewesen, ob nicht alles, was passiert war, Show gewesen war. Er hatte überhaupt nicht wie er selbst gewirkt, er hatte nur sich selbst gespielt, doch sie spürte ganz deutlich, dass er irgendeinen Kummer mit sich herumtrug.
Sie wusste, sie musste es irgendwann einmal ansprechen.
Als sie so vor ihm stand, immer noch die Arme vor der Brust verschränkt und ihre vor widersprüchlichen Gefühlen für diesen Mann glitzernden Augen durch den Raum wandern ließ um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen, versuchte sie der eigentlichen Atmosphäre zwischen ihnen gewahr zu werden. Sie versuchte tief in sich hineinzuhorchen, was sie eigentlich so verwirrte.
Wenn sie sich konzentrierte würde sie vielleicht sogar hören können, was Mulder ihr zwischen seinem Sarkasmus und seinem Clowns-Theater mitzuteilen versuchte.
Schließlich löste sie ihre Arme und machte einen Schritt auf seinen Schreibtisch zu, ging um ihn herum und stellte sich direkt vor ihn. Sie fuhr ihm ganz vorsichtig mit der Hand durch sein Haar und fühlte, dass er tief in seinem Herzen danach gerufen hatte.
„Ich weiß, dass Sie etwas bedrückt. Sie müssen sich mir anvertrauen!“, sprach sie ganz leise und bedacht zu ihm, während sie ihm tief in die Augen sah, damit ihre Worte auch ganz bestimmt seine Seele erreichten. Doch in seinen Augen konnte sie nichts lesen. Nichts außer einem traurigen Schatten und der Hilflosigkeit, mit der er zu ihr aufsah. Er legte seine Hand um ihre Hüfte und zog sie näher zu sich heran. Sein Kopf berührte ihren Bauch. Scully hielt eine Sekunde die Luft an. Hoffentlich merkte er nichts so nah an ihrem Bauch.
Doch Mulder war viel zu weit weg, um das zu bemerken. In ihm ergoss sich die Leere über seine Sinne und sein Herz war kalt wie Stein. Doch er wollte fühlen und konnte es nicht.

 

20.25 Uhr, Scullys Appartment

Sie legte den Hörer auf. Er war nicht ans Telefon gegangen und sie war es langsam Leid ihn immer wieder anzurufen. Immer wieder den ersten Schritt zu wagen, in der Hoffnung, er würde sich ihr endlich öffnen. Es tat ihr nur so weh, ihn jetzt nach all den schrecklichen Erlebnissen wieder zu haben und ihn doch weiterhin entbehren zu müssen.
Sie schüttelte die Sorgen von sich ab und ging in die Küche.

Langsam merkte sie wie das Baby in ihr wuchs, sie hatte dauernd Hunger und sie wollte gerade über eine Tiefkühlpizza herfallen, die in ihrem Ofen knusprig vor sich hinbriet, als es an der Tür klopfte. Sie sah durch den Spion und musste ein lautes Lachen unterdrücken.
Vor ihrer Tür standen definitiv die Zeugen Jehovas, allerdings hielten sie die neueste Ausgabe des Einsamen Schützen in ihren Händen und sie wusste sofort, wer sich hinter dieser albernen Verkleidung verbarg. Sie öffnete die Tür.

„Ich dachte, Sie drei wüssten, dass ich überzeugte Christin bin“, versuchte sie mit einem Scherz das lang erhoffte Treffen mit den Dreien zu eröffnen. Doch die waren anscheinend überhaupt nicht humorvoll eingestimmt und schoben sich ungeduldig an ihr vorbei. Sie schwärmten direkt in ihrer Wohnung aus um hastig die Jalousien in ihrem Wohnzimmer zu schließen.
„Macht es Sie nicht verrückt, den ganzen Tag beobachtet zu werden?“ Frohike fühlte sich angesichts der Fenster in ihrem Wohnzimmer offensichtlich äußerst unwohl. Auf so viel Paranoia wusste sie keine Antwort und sah die drei erwartungsvoll an, während sie ihnen Eistee einschenkte.
„Ist der auch ohne Konservierungsstoffe?“ Als Scully Langley irritiert anstarrte, erklärte er ihr, dass Konservierungsstoffe in Wahrheit biogene Amine waren, die durch den körpereigenen Stoffwechsel nach Aufnahme mit der Nahrung zu halluzinogenen Nervengiften aktiviert wurden.
„Offensichtlich haben Sie schon eine ganze Menge Konservierungsstoffe zu sich genommen, Langley!“ Sie war über diese neue Erkenntnis eher belustigt als beunruhigt.

Was sie aber wirklich beunruhigte war, dass Byers die ganze Zeit geschwiegen hatte und auch die anderen Beiden jetzt betreten und wie Falschgeld in ihrer Küche standen.
„Also was führt Sie hierher? Haben Sie etwas über diese Nanobots herausgefunden?“ brach sie schließlich das Schweigen.
 „Setzen Sie sich lieber, das wird Sie sicherlich umhauen! Unser Informant, der gute Verbindungen zur UN hat, hat uns da einige heiße Geschichten geliefert.“ Frohike setzte sich hin während Byers seine Ausführungen fortsetzte.
„Die Regierng hat, wie Sie ja selber schon lange wissen, während des Kalten Krieges eine Technologie entwickelt mittels derer sich der Mensch willkürlich steuern lässt. Aber so weit ist das ja nichts Neues, weder für Sie noch für uns.“

„Doch jetzt kommt`s, passen Sie auf!“ Frohike rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her während Byers tief durchatmete.

„Diese Nanobots wurden aufgrund der Mutation dieses Alien-Virus weiterentwickelt und sind nun in der Lage sich zu vervielfältigen und Protein-Partikel abzuspalten, die sogar in die Zellen eindringen können. So wie unser Informant sich ausgedrückt hat, sind sie dadurch dazu in der Lage gezielt DNA-Abschnitte an- und auszuknipsen.“
Scully erinnerte sich an das Gespräch mit Marita und war überrascht die Informationen, die sie von ihr erhalten hatte, jetzt bestätigt zu bekommen.

„Ja, das ist mir auch bekannt, dadurch lassen sich auch die aktivierten Junk-DNA Sequenzen inaktivieren.“ Es machte bis hier Sinn und sie bemerkte, wie sich die drei Schützen anerkennende Blicke zuwarfen. Sie waren verwundert, dass die sonst so skeptische Scully die Sache mit der Außerirdischen-DNA, die in jedem Menschen zu schlummern schien, so einfach akzeptierte.

Sie wussten ja nicht, wie schwer es ihr immer noch trotz aller Beweise fiel, so selbstverständlich darüber zu sprechen. Der Gedanke, dass sie der Ursache für die allen Forschern noch Rätsel aufgebende Junk-DNA auf die Spur gekommen war, raubte ihr noch immer den Atem.

„Allerdings verstehe ich immer noch nicht, was dieses schwarze Öl damit zu tun haben soll.“ Sie stützte angestrengt ihren Kopf in die Hand und sah Langley an, der darauf eine Antwort zu suchen schien. „Mh, soweit Mulder herausfinden konnte, soll es doch bei Kontakt mit dem Wirt die Junk-DNA reaktivieren und so den Wirt transformieren.“
An diesem Punkt merkte Scully wieder wie ihr Verstand rebellierte. So etwas war einfach nicht möglich und es klang wie in einem schlechten Science-Fiction-Film. Doch sie schluckte den Widerspruch runter und sah die Lone Gunmen weiterhin auffordernd an. Jetzt wollte sie alles wissen.

Frohike zögerte. Dann sah er sie an. „Und dieser Chip, Agent Scully. Sie haben doch diesen Chip in Ihrem Nacken, nicht wahr?“ Byers sah sie interessiert an. Und Scully wagte kaum, zu nicken.
„Ihr Chip dient diesen Nanobots als Matrize. Jede Frau, die von der Regierung entführt wurde, hat so einen Chip, der zu jedem Zeitpunkt ihren Bewusstseinszustand abspeichern kann und diese Information auf die Nanobots übertragen kann. Der Plan ist - und jetzt halten Sie sich fest ...“ Byers dämpfte seine Stimme und alle drei rückten näher zusammen und der Tisch zwischen ihnen schien zu schrumpfen „...dass all diese Frauen eine Sklavenrasse gebären sollen. Aber nicht eine Alien-Sklavenrasse, wie es die Invasoren von uns zur Durchführung ihrer Pläne verlangen, sondern eine Rasse von immunen Alien-Mensch-Hybriden, die allein unserer Regierung im Kampf gegen die Außerirdischen dienen soll.“

Byers schluckte und lehnte sich zurück. Er hatte es ausgesprochen und war selbst noch ganz fasziniert von diesen Neuigkeiten.
Die Frau ihm gegenüber sah ihn nur unverwandt an. Sie schien die Informationen zu ordnen und zu verarbeiten und rang nach Worten. Sie konnte es sich nicht leisten, jetzt die Beherrschung zu verlieren, denn die Drei wussten nichts von dem Geheimnis, dass sie in ihrem Körper mit sich herumtrug.

„Also, die Nanobots stellen sich selbst aus diesen Chips her um die Junk-DNA zu inaktivieren? Wozu soll das gut sein? Und wozu speichern sie die Bewusstseinszustände all dieser Frauen ab?“

In Scully drehte sich alles und sie fühlte sich wieder sehr unbehaglich, selbst so einen Chip in sich zu tragen.

Langley sah Frohike vorsichtig an. „Naja. Dieses schwarze Öl aktiviert die Alien-DNA in uns und wenn die Nanobots fleißig ihre Arbeit erledigen, dann können sie diese Aktivierung eben verhindern, aber ohne dass die ganzen praktischen Eigenschaften, die das Alien-Dasein so mit sich bringt,wie telepathische Fähigkeiten, Unverwundbarkeit und die ganzen anderen Gimmicks, verloren gehen. Und das wäre dann der Schlüssel zur Immunität gegen dieses widerliche Zeug. Was die Bewusstseinsabspeicherung angeht, so ist das eigentlich eine Verlegenheit der Entwickler dieser Technologie gewesen. Denn man hat herausgefunden, dass die Nanobots sich gar nicht teilen, wenn sie diese Informationen nicht auch übernehmen können. Aber da tappt man anscheinend noch ein wenig im Dunkeln.“ Byers unterbrach Langley in seinem Redeschwall. Er wollte auch etwas dazu beitragen.

„Der Punkt ist doch der, Agent Scully: Wir selbst würden unsere Evolution einen großen Schritt mit dieser Technologie vorantreiben. Wir würden die seit Millionen von Jahren in uns herumdümpelnde Junk-DNA zu allen möglichen zwielichigen Zwecken einsetzen. Außerdem wären die Menschen, die daraus entstehen, willenlose Sklaven von Uncle Sam. Das klingt doch alles nach einem richtig durchdachten Plan.“
Alle drei sahen sie begeistert an. Sie schienen durch die neuen Informationen vollkommen aufgeputscht zu sein. Ihre Paranoia sah sich seit langer Zeit einmal wieder mehr als je zuvor bestätigt.

Scully stöhnte leise. Das war alles sehr verwirrend.
„Warum sind Sie damit zu mir gekommen? Und nicht direkt zu Mulder gegangen?“
Sie sah die betreten auf den Tisch starrenden Lone Gunmen an.

„Frohike?“ versuchte sie wenigstens einen von ihnen zum Sprechen zu motivieren. Frohike druckste herum.
„Die sagen, dass die Aliens ihn und all die anderen zu sich geholt haben, weil sie spitz gekriegt haben, dass unsere Regierung den ersten immunen Alien-Mensch-Hybriden erschaffen hat.“ Scully war schon von Marita darauf vorbereitet worden und daher fiel es ihr nun leichter, den Dreien vorzugreifen.

„Mulder!“ Als die Drei weiterhin schwiegen hakte sie wieder nach. „Glauben Sie etwa auch, dass er der erste immune ---“ Sie brachte es nicht über die Lippen.

„---Alien-Mensch-Hybrid ist? Es sieht ganz so aus, fürchten wir. Und nun ist er zurückgekehrt. Und er ist noch am Leben, wenn er auch noch ein bisschen durchgeknallter ist als vorher.“ Frohike ärgerte sich über diesen Seitenhieb als er Scullys ernstes Gesicht sah. Er druckste wieder herum.
“Also, wir wissen nicht, was er da draußen erlebt hat, aber anscheinend haben die ihm nichts antun können. Also entweder wollten die ihn nicht, weil er gar nicht immun ist, oder der Schlüssel zur Immunität muss immer noch in ihm sein.“

„Haben Sie sein Blut untersuchen lassen, Agent Scully?“ schaltete sich Byers wieder ein. Scully stand von ihrem Stuhl auf und drehte sich weg, um sich dann mit dem Rücken gegen ihren Küchenschrank zu lehnen.
„Bis jetzt noch nicht. Ich bin froh, dass er überhaupt wieder aufgewacht ist! Und wonach sollte ich auch in seinem Blut suchen?“ fragte sie sichtlich überfordert und verwirrt von all den Informationen, als ihr einfiel, dass Marita ihr verraten hatte, dass auch Mulder irgendwann mit diesen Nanobots in Berührung gekommen sein musste. Sie schien aber nicht die Einzige zu sein, die darüber etwas wusste, weil im selben Moment Langley einen Zettel aus seiner Hose kramte und ihn Frohike unterschob, der ihn kopfschüttelnd an Byers weiterreichte.
Byers zögerte einen Augenblick und reichte ihn dann Scully.

Sie entfaltete ihn und starrte auf eine Liste von 51 US-Städten. „Was ist das?“
„Diese Liste hat uns jemand gegeben, der in den Siebzigern in einem Labor Blutproben untersucht hat, von Kindern. Von Kindern, denen im Rahmen ihrer Grundimpfungen zusätzlich Cocktails aus Gen-Abschnitten des schwarzen Krebses und kleine Proben dieses Vakzins, das im übrigen nur eine Nährlösung für die später entwickelten Nanobots sein sollte, gespritzt wurden. Zusätzlich zu Masern, Mumps und Röteln sind diese Kinder also auch noch gegen Aliens geimpft worden. Bis man ihnen dann mit der letzten Kinderlähmungs-Impfung während der Pubertät die gerade entwickelten Nanobots verabreicht hat. Die meisten der Kinder auf dieser Liste sind allerdings jetzt gerade verschwunden oder tot.“ Byers sah sie an und wartete darauf, dass sie es entdeckte.

Und schließlich tat sie es auch. Ihr Blick überflog die 51 Städtenamen, von denen ihr höchstens ein Duzend etwas sagte. Und da sah sie es.
Auf dieser Liste waren Alturas, Bellefleur, Fallon und Chilmark aufgelistet. „Chilmark, Massachussetts“ murmelte sie grübelnd. „Das ist da, wo Mulder aufgewachsen ist!“

Plötzlich setzte sich alles in ihrem Kopf zusammen, die losen Puzzleteile, die die letzen Wochen verloren in ihrem Verstand herumgeflogen waren, ergaben endlich ein Bild.

Mulder hatte auch zu einem Programm gehört, wie Billy Miles, nur war er bis zum jetzigen Zeitpunkt aus irgendeinem Grund nie entführt worden. Aber an ihm waren Experimente durchgeführt worden und er hat nie davon gewusst. Sie fuhr sich aufgeregt mit der Hand durchs Gesicht und ließ sich erschöpft wieder auf den Küchenstuhl fallen.

„Wow.“ Entfuhr es ihr tonlos. Es war alles gesagt. Scully glaubte nicht, dass sie jemals zuvor in ihrem Leben in so kurzer Zeit alles verloren hatte, woran sie je zu glauben gewagt hatte. Ihr Weltbild hatte eine 180 Grad Drehung vollzogen und zum ersten Mal konnte sie sich nicht mit dem Einwand mangelnder Wissenschaftlichkeit wehren, da sie für fast alles eigenhändig Beweise gesammelt und gesehen hatte.
Sie hatte die Alien-DNA mit der Junk-DNA von Gibson verglichen. Sie hatte die Nanobots in ihrem eigenen Blut gefunden. Sie hatte dieses Licht am Abend von Mulders Rückkehr gesehen und sie wusste, dass das keine Hirngespinste waren.

Doch was sollte sie jetzt mit all diesen Informationen tun? Es gab einen Grund, warum die Drei zu ihr gekommen waren. Sie hatten auch gespürt, dass mit Mulder etwas nicht stimmte. Sie wusste, sie würde nicht drumherum kommen, ihn auch noch einmal zu untersuchen. Wenn das bedeutete, dass sie vielleicht in seinem Blut die Lösung für all die Probleme, die ihre Existenz bedrohten, finden konnten.

--

 

Drei Tage später, im Kellerbüro des FBI, 7.55 Uhr morgens


Der Basketball titschte auf und ab, es war ein wohlklingendes Geräusch in seinen Ohren und er konnte damit die Stille in seinem Kopf füllen. Er hatte gehofft, seine Rückkehr in dieses Büro, wo er versuchen konnte, mit Scully zusammen in den Alltag zurückzufinden, würde diese Leere in ihm vertreiben. Doch er hatte die letzten drei Tage kein Auge zugetan, hatte sämtliche schlechten Filme der Geschichte Hollywoods im Fernsehen gesehen und wenn ihn dann mal für ein paar Sekunden der Schlaf überfallen hatte, dann waren es schreckliche Sekunden in einer grauschwarzen Zwischenwelt gewesen, aus der er jedes Mal schreiend aufgewacht war.
Dieses Gefühl verfolgte ihn, es war das einzige, was er von seinem Erlebnis mit dem schwarzen Öl in Erinnerung behalten hatte und es kam ihm vor, als würde es seinen Geist besitzen. Es war, als wäre ein Teil von ihm nicht mehr er selbst, als würde seine Seele seinen Verstand abstoßen oder sein Körper sein Herz. Er fühlte sich nicht ganz. Und er wusste nicht, wie er dieses Gefühl loswerden konnte.

Hoffentlich würde sie bald kommen, sie konnte ihn wenigstens ablenken.

Und da war sie auch schon. Die Tür öffnete sich und zu seiner Überraschung stand sie vor ihm mit zwei Bechern in der Hand. Sie hatte noch nie Kaffee für ihn mitgebracht. Er ließ den Basketball noch ein letztes Mal auf den Boden fallen, so dass er noch einmal auftitschte und dann in die Ecke rollte und schließlich liegen blieb.
Sie waren seit ihrer Entführung damals nicht mehr so lange voneinander getrennt gewesen, sie sahen sich sonst ja jeden Tag und nicht selten auch noch an den Wochenenden. Jetzt, wo er sie so lange nicht gesehen hatte, kam sie ihm so fremd vor, irgendwie verändert.
Man konnte die Spuren der letzten Wochen in ihrem Gesicht sehen, sie sah blass und angespannt aus. Die Sonne New Mexicos hatte viele kleine Sommersprossen auf ihrem Gesicht hinterlassen und sie hatte abgenommen.
Er wusste nicht, was es war, vielleicht trug sie ihr Haar länger, aber irgendetwas an ihrer Erscheinung war anders, trotz der sichtbaren Zeichen ihres Kummers.
Irgendetwas war schöner. Lebendiger.

Er lächelte sie an und sie wusste in diesem Moment, dass dieses Lächeln es wert gewesen war mit dem Auto extra einen Umweg gefahren zu sein, um diesen Kaffee für ihn mitzubringen. Für sich hatte sie nur Milch mitgenommen, sie war der Ansicht, dass ihr Kind schon mit genug Störfaktoren belastet wurde, da würde es sich nicht auch mit noch Koffein rumschlagen müssen.
Sie hoffte der Kaffee würde ihn ein wenig milde auf das einstimmen, was sie ihn gleich fragen wollte. Eigentlich hatte sie heute auch vorgehabt, ihm das mit dem Baby zu erzählen, weil sie heute Morgen vor dem Spiegel gesehen hatte, wie sich langsam eine kleine Wölbung unter ihrer Bluse bemerkbar machte.

Aber er war gerade seit drei Tagen wieder beim FBI und zwischen ihnen war noch immer diese unvertraute Distanz zu spüren und sie wollte dieses zarte Band, das sie gerade wieder neu knüpften, nicht schon so früh mit so einer Verantwortung belasten.

Sie setzte sich langsam auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und nippte an ihrer Milch, während sie ihn verstohlen ansah. Ging es ihm heute gut? Er hatte sich seit seiner Rückkehr sehr schnell erholt. Seine lebendige Gesichtsfarbe war zurückgekehrt und seine Muskeln schienen sich von der Schwerelosigkeit langsam zu erholen. Er sah wieder kräftiger aus. Nur die Wunden an seinen Fingerspitzen waren noch sichtbar. Und jedes Mal, wenn ihr Blick darauf fiel, musste sie schlucken. Es war eine grausame Erinnerung für sie und sie hasste das Bild, das sich ihre Phantasie beim Anblick dieser Verletzungen ausmalte. Was hatten sie ihm nur angetan?
Es war genau diese Frage und die darauf fehlende Antwort, die seit seiner Rückkehr diese unwirkliche Stille zwischen ihnen auslöste.
Sie stellte ihre Milch vor sich auf dem Schreibtisch ab und dabei strichen ihre Fingerrücken ganz sanft und nur so leicht, dass seine Haare sie ein kleines bisschen kitzelten, an seinen Händen entlang, die vor ihm auf dem Tisch lagen und den Kaffeebecher umfassten. Dieses kleine Bisschen Nähe war alles, was sie im Moment von ihm erwarten konnte.
Er war so zurückhaltend ihr gegenüber. Nicht abweisend, aber eben unnahbar und so verletzlich.

Sie atmete schließlich tief durch und sah ihn dann vorsichtig an. „Mulder ?“ Er sah überrascht in ihre Augen, als hätte sie ihn aus einem Tagtraum gerissen.
„Wir – das heißt ich würde das in diesem Fall tun – sollten noch einmal überlegen, ob wir nicht doch eine Probe von Ihrem Blut in Quantico untersuchen. Ich meine, nur um ganz sicher zu gehen.“ Sie merkte, wie sein Gesicht zu Stein erstarrte und wagte kaum, ihren Satz zu beenden. Aber sie musste das jetzt zu Ende ausführen, nun da sie endlich den Mut gefunden hatte es anzusprechen. Und sie wollte ehrlich zu ihm sein, wenigstens daran sollte sich zwischen ihnen nichts ändern.
„Diese Nanobots, von denen ich Ihnen erzählt habe, die auch Skinner in sich trägt.“ Sie machte eine kurze Pause und sah ihn an.
Doch seine traurigen Augen starrten teilnahmslos auf den Kaffeebecher vor ihr.
„Es besteht Grund zu der Annahme, dass die auch in Ihrem Körper sind. Und ich möchte einfach nichts übersehen, ich möchte ganz sicher sein, dass Sie gesund sind.“ Bei den letzten Worten hatte sie fast flehend gewirkt, da sie die Anspannung, die sich in ihm ausgebreitet hatte, nicht übersehen konnte.

Als er schwieg tippte sie leicht mit ihrem Zeigefinger gegen seinen Handrücken, damit er sie wenigstens ansah. Doch der Blick, den er darauf in seinen Augen hatte, erschreckte sie. Er sah kalt und hart durch sie hindurch, so dass es sie fast schmerzte.
Mit einem heftigen „Das können Sie vergessen!“ stand er von seinem Stuhl auf, warf den Kaffeebecher quer durch den Raum, bis dieser, einen hässlichen braunen Fleck an der Wand hinterlassend, zu Boden fiel und trat dann wütend gegen einen der Aktenschränke, in dem die X-Akten gelagert wurden.

Scully seufzte und sah genervt auf das „I want to believe“- Poster.

In Mulder wehrte sich etwas wie ein Tier und er erkannte sich selbst kaum wieder, als er fast blind vor Zorn durch das Büro wütete und den Basketball mit einem weiteren wütenden Tritt ins Nebenzimmer kickte und er schließlich mit der flachen Hand auf den Schreibtisch schlug, so dass Scullys Augenbraue vor Schreck leicht zuckte und sie irritiert, aber als Ausgleich zu seinem Wutanfall, vollkommen ruhig zu ihm aufsah.

„Nein! Ich lass mich nicht untersuchen, ich bin keins von Ihren Versuchsobjekten, Scully!“ wehrte er sich und seine Stimme hatte einen gefährlichen Unterton.

Doch Scully zeigte sich wenig beeindruckt, solche Wutausbrüche hatte er schon einmal in ihrer Vergangenheit gehabt, nur dass sie sich jetzt in den letzten Tagen häuften.
Sie guckte ihn ein wenig mitleidig an. „Sind Sie fertig?“

Mulder murmelte noch etwas vor sich hin, als er sich schließlich wieder in seinen Stuhl fallen ließ und sich ein wenig zur Seite drehte, um sie nicht ansehen zu müssen.

Es war ihm peinlich. Warum war er so an die Decke gegangen? Warum nur wehrte sich sein Innerstes so sehr gegen eine kleine Untersuchung, die ihm vielleicht selbst die Gewissheit geben konnte, dass er wirklich nur unter posttraumatischem Stress litt? Vielleicht weil er insgeheim sicher war, dass da doch mehr war? Weil er Angst vor der Wahrheit hatte, die sich in seinem Blut verbergen könnte?

Er hatte den Ellbogen auf den Schreibtisch rechts gestützt und biss sich auf die Unterlippe, während er betreten auf den Boden sah. Scully konnte manchmal so kühl sein, dass es ihn verrückt machte. Wenn andere wütend und aufgebracht tobten, wurde sie immer vollkommen ruhig und hatte damit jedes Mal den Sieg auf ihrer Seite. Und das machte ihn dann meistens nur noch wütender.

Doch nun tat es ihm leid, dass er die Beherrschung verloren hatte und er konnte sie gar nicht ansehen, als sie schließlich weitersprach als wäre nichts gewesen. Sie hatte ihm noch einen Moment Ruhe gegönnt, damit sich das Gewitter in ihm wieder verziehen konnte. Und als sie merkte, dass sein Atem wieder ruhiger wurde und sich die Anspannung in seinem Oberkörper wieder löste, übersprang sie das Thema einfach.
„Skinner hat mir erzählt, dass Agent Morgan gekündigt hat.“ Vielleicht war es nicht klug gewesen gerade dieses Thema anzuschneiden, aber es hatte ihr am Herzen gelegen, darüber zu sprechen. Agent Morgan tat ihr im Nachhinein leid. Doch letztlich schien die Arbeit beim FBI ohnehin nie das Richtige für ihn gewesen zu sein. Es überraschte sie, dass Mulder überhaupt nicht darauf einging. Also redete sie weiter.

„Skinner ist im Übrigen auch nicht sonderlich begeistert über Ihre Rückkehr, es wäre also gut, wenn Sie ihm noch eine Weile aus dem Weg gingen. Wenn es nach ihm und den FBI - Richtlinien gegangen wäre, hätten Sie sich erst einmal ein paar Wochen frei nehmen müssen. Aber ich habe ihm versprochen, dass es zu keinen Zwischenfällen kommen wird...Mulder?!“ Sie merkte, dass er ihr gar nicht zuzuhören schien.

Es hatte ja doch keinen Sinn. Sie stand auf, drehte sich zur Tür um und wollte gerade gehen als das Telefon klingelte. Mulder schien keine Anstalten zu machen es zu beantworten, er saß immer noch auf dem zur Seite gedrehten Stuhl und sah gedankenverloren auf den Boden.
„Scully?“ beantwortete sie schließlich mit einem wütenden Blick in seine Richtung das Telefon.
Was sie dann hörte verschlug ihr die Sprache. Ihre Augen weiteten sich und sie suchte Mulders Blick, um sich an etwas festhalten zu können.
Der hatte sich nun endlich wieder gefangen und zeigte geweckt von Scullys erschrockenem Schweigen auch wieder Interesse an der Gegenwart und sah sie auffordernd an.
„Ich werde mich sofort darum kümmern, Sir“, waren ihre letzten Worte und sie legte auf. Sie traute sich kaum es Mulder zu sagen, doch sie konnte nicht anders.
„Das war Skinner. Man hat die ersten beiden Entführten aus Fallon und Alturas tot im Wald aufgefunden. Ich fahre sofort zum Flughafen. Ich muss sichergehen, dass die in den Autopsien alles berücksichtigen.“
Mulder sprang auf. Die taube Gefühllosigkeit in ihm hatte zwar nicht zugelassen, dass diese Nachricht sein Herz erreichen konnte, doch auch er wollte wissen, was mit den Menschen, die ein paar Wochen dasselbe Schicksal geteilt hatten wie er, getötet hatte. Vielleicht würde er dann auch der Veränderung in seinem eigenen Körper auf die Schliche kommen.
Doch als er auf Scully zuging und ihr zu verstehen geben wollte, dass er mitkommen wollte, legte sie ihre Hände auf seine Brust und hielt ihn an.
„Nein, Sie können auf keinen Fall mitkommen, Mulder. Sie müssen hier bleiben. Sie sind noch nicht gesund.“
Ihre Stimme klang sicher und entschlossen und er wusste dagegen würde er nicht ankommen. Er hatte sich heute schon zu viel geleistet, um jetzt erneut seinen Aggressionen freien Lauf lassen zu können.
Also nickte er nur ein wenig eingeschnappt und Scully konnte die Gereiztheit darin sehr deutlich erkennen.
Es war sicherlich das Beste, wenn sie einander noch eine Weile aus dem Weg gingen, sie wusste ohnehin nicht mehr wie sie mit ihm umgehen sollte. Bevor sie sich umdrehte, um zu gehen, griff er noch einmal nach ihrer Hand und sie sah erwartungsvoll in seine Augen.

Etwas in ihm schrie auf, wollte, dass sie bei ihm blieb, doch er brachte kein Wort über seine Lippen. Er konnte es nicht, er konnte seine Gefühle nicht in Worte fassen, der graue Schleier überzog seinen Verstand, stattdessen schwieg er sie ratlos an, bis er schließlich wieder ihre Hand losließ und sie sich auf den Weg machte.
Als sie die Tür hinter sich zuzog, warf sie ihm noch einen letzten Blick zu, doch zu diesem Zeitpunkt lagen zu viele Missverständnisse in der Luft.
Er sah traurig auf die Tür, die hinter ihr ins Schloss fiel und entschied sich dann sein Spiel mit dem Basketball wieder aufzunehmen.
Er war einfach nicht er selbst, irgendetwas war noch in ihm, doch er konnte es nicht erfassen.

Am selben Tag, 17.29 Uhr, Fallon, Nevada

Der Monitor auf dem Schreibtisch flackerte leicht und der Rechner surrte und brummte. Er schien die Daten, die aus dem Laborgerät kamen, nur mit Mühe verarbeiten zu können.
Aber das hier war nun mal nicht das Labor in Quantico, hier konnte man froh sein, wenn man die DNA-Sequenzen nicht von Hand ablesen musste.
Scully massierte sich den Nacken, das Jucken des Implantats störte sie mittlerweile kaum noch, sie hatte sich daran gewöhnt.

Woran sie sich allerdings immer noch nicht gewöhnt hatte war ihr Heißhunger auf Tomatensaft. Während sie sich mit aller Gewalt Bilder von Heringen, riesigen Sahnetorten und massenweise Fast Food vor Augen führte, um nicht wieder an Tomatensaft denken zu müssen, erschienen langsam die ersten Daten auf dem Bildschirm vor ihren Augen.

Viel sagten ihr diese Kurven nicht, gaben sie ihr doch lediglich Auskunft über die DNA – Sequenzen, die sie in den verschiedenen Gewebezellen der Opfer untersuchte. Es war eine endlose Abfolge von G,A,T und C und die ganzen Buchstaben vor ihren Augen hatten eine hypnotisierende Wirkung auf sie. Sie hatte bei der Autopsie nur vermatschtes Gewebe im Inneren dieser Menschen finden können und hoffte nun, in der DNA der Zellen aus all diesen zerstörten Geweben noch irgendwelche Hinweise finden zu können. Es war eine äußerst unorthodoxe Methode und man hatte sie hier ein wenig schräg angesehen, doch nach alldem, was sie bisher gehört hatte, schien der Schlüssel nunmal in der DNA zu liegen.

Sie seufzte mit einem genervten Blick auf den langsam surrenden Computer.

Sie wendete sich vom PC ab, um nicht noch müder zu werden, als sie ohnehin schon war und wollte noch einmal dem Fax-Gerät einen Besuch abstatten, ob mittlerweile ein Ergebnis aus dem FBI-Labor in Phoenix eigetroffen war. Sie hatte dort genaue Angaben zur Isolierung des ungebundenen Eisens aus Blut hinterlassen und erwartete ungeduldig das Ergebnis. Am liebsten hätte sie es selber erledigt, aber dieses Labor war nur mit den Standardgeräten ausgerüstet und sie wollte das Ergebnis unbedingt heute noch.

Doch als sie sich gerade erhob, spürte sie ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Ihr wurde schwindelig und sie musste sich wieder hinsetzen. In den letzten Tagen war ihr das immer wieder passiert und auch wenn sie es immer erfolgreich verdrängt hatte, so begann es langsam ihr Sorgen zu machen. Sie schluckte noch immer diese ganzen Vitamin- und Eisenpräparate, doch sie schienen nicht zu wirken. Sie würde in Washington ihren Arzt aufsuchen müssen.

Als sie sich ein Glas Wasser geholt hatte und wieder zu ihrem Arbeitsplatz zurückgekehrt war, hatte der Computer seine Arbeit endlich erledigt und sie begann damit sich die Sequenzen der einzelnen Zellen anzuschauen. Doch schon beim Anblick der ersten Probe stutzte sie. Sie hatte doch ganz sicher Leberzellen aus beiden Leichen entnommen und die DNA-Analyse daran durchgeführt, doch vor sich sah sie einen leeren Bildschirm. War die Messung schiefgegangen? Genervt klickte sie sich durch weitere Messungen.
In den Nervenzellen, sowie in den Haut- und Schleimhautzellen fand sie ebenfalls keine Daten. Sie befürchtete schon die gesamte Untersuchung wiederholen zu müssen, als ihr Blick erleichtert auf Messungen der Blutproben fiel. Hier spuckte der Computer endlich Daten aus und sie konnte sich die DNA-Sequenzen der im Blut gefundenen DNA ansehen. Doch als sie ein paar Minuten durch die Ergebnisse gescrollt war, stutze sie wieder und stand schließlich wütend auf. Sie würde die gesamte Untersuchung noch einmal machen müssen.
Diese billigen Geräte hier in dem kleinen Labor hatten offensichtlich versagt.
Sie stöhnte und zog sich wieder Latex-Handschuhe über. „Also noch einmal von vorne!“ meckerte sie genervt, als sie wieder in den Gen-Laborräumen verschwand.

Als sie jedoch zwei Stunden später wieder vor demselben Ergebnis saß, traute sie ihren Augen kaum und nachdem sie eine halbe Stunde lang versucht hatte sämtliche anderen Fehlerquellen auszuschließen, musste sie das Ergebnis akzeptieren.

Mit zitternden Händen griff sie sofort zum Telefon. Egal, was zwischen ihr und Mulder war, das musste er einfach wissen.

Zur selben Zeit in Washington

Er hatte sich gerade auf die Couch gelegt nachdem er stundenlang Basketball auf dem Platz um die Ecke gespielt hatte und starrte in sein Aquarium. Scully hatte ihm einen neuen Fisch geschenkt. Sie hatte ihm nichts davon gesagt, wahrscheinlich weil es so banal war, dass sie es vor lauter Aufregung vergessen hatte, aber es war der schönste Fisch, den er jemals gesehen hatte.

Und nicht nur wegen seiner Farbe – es war ein leuchtend blauer ganz kleiner Fisch – sondern weil er von ihr war. Es war eine liebevolle und stille Geste gewesen. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht wirklich darüber freuen.
Und er litt auch nicht darunter, dass sie seit zwei Wochen kaum miteinander gesprochen hatten.

Denn ihm fehlte die Fähigkeit dazu. Es war immer noch dieser graue Schleier in ihm und er wusste nicht, wie er ihn loswerden sollte, doch auf die Dauer würde er so nicht leben können.

Nicht ohne wieder fühlen zu können, nicht ohne für etwas leidenschaftlich eintreten zu können, nicht ohne einen wahrhaften Glauben empfinden zu können, nicht ohne sich freuen zu können, nicht ohne Schmerz fühlen zu können und auch nicht ohne Liebe.
Denn all das war es doch, was das Leben ausmachte und weil ihm all das fehlte, fühlte er sich tot und leer.

Als das Telefon klingelte, schreckte er aus seinem Tagtraum hoch. „Hallo?“ „Mulder, ich bin’s.“
Stille. Sie schien abzuwarten, ob er etwas zu sagen hatte. Doch er wusste nicht was. Sie atmete leise und fuhr dann fort.
„Ich habe an Zellen aus verschiedenen Geweben der beiden Entführten DNA – Sequenzierungen durchgeführt. Und – Mulder, es ist unglaublich, aber sämtliche DNA dieser Männer muss sich bereits vor ihrem Tod ausschließlich in ihrem Blut befunden haben. Ich konnte kein einziges DNA – Molekül mehr in ihren Zellen finden. Und in ihrem Blut fand ich nur noch zerfallene Bruchstücke des gesamten vollkommen zerstörten Genoms.“

Mulder setzte sich auf. Das war selbst zu ihm durchgedrungen und es klang einfach unglaublich. „Was soll das heißen?“
„Das heißt, dass entweder die Männer selbst oder irgend etwas Anderes ihre ganze DNA abgestoßen hat und sie fein säuberlich in exakt gleich lange Stückchen zerhackt hat. Mulder, das ist das Verrückteste, das ich jemals gesehen habe.“

Sie pausierte. Plötzlich war sie wieder da. Diese Funkstille zwischen ihnen. Und er spürte sie auch. Doch er wollte diesen einen Moment, in dem er sie an seinen Ohren hielt noch nutzen, er wollte sie noch nicht loslassen. Sie gab ihm wenigstens das Gefühl noch am Leben zu sein.
„Wann fliegen Sie wieder zurück?“ war jedoch das Einzige, was er sagen konnte. Doch sie hatte den traurigen Klang seiner Stimme nicht überhört. „Ich bin morgen wieder in Washington“, antwortete sie so sanft wie möglich und nach einem weiteren kurzen Moment der Stille fügte sie besorgt hinzu: „Ist alles okay, Mulder?“ Doch er wusste nicht einmal eine Antwort darauf, so dass sie sich schließlich von ihm verabschiedete und jeder der Beiden an seinem Ende der Leitung das Gespräch wieder wegdrückte und die Verbindung zwischen ihnen wieder unterbrochen war.

23.21 Uhr, Cheshire Motel, Fallon, Nevada

Es klingelte. Scully schaltete den Fernseher leise, in dem gerade die Late Night Show lief und hoffte sie würde endlich ein Ergebnis der Blutuntersuchung auf das ungebundene Eisen aus Quantico bekommen.
„Scully?“ hauchte sie aufgeregt in den Hörer. „Agent Scully, hier ist Dr. Barnes, ich hab endlich die Resultate! Es hat ein wenig lange gedauert, aber ich kann Ihnen jetzt mit Sicherheit sagen, dass tatsächlich, wie Sie vermutet haben, unheimlich hohe Mengen ungebundenen Eisens aus dem Blut dieser Opfer isoliert werden konnten. Ich habe so etwas noch nie gesehen! Ist das irgendeine Schwermetallvergiftung?“
„Nein, ich denke nicht, aber vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben!“ Scully verabschiedete sich und entließ den emsigen Labormediziner in seinen wohlverdienten längst überfälligen Feierabend, während sie schon wieder mit einer Theorie beschäftigt war, die diese Ergebnisse erklären konnte.

Sie lehnte sich zurück. Woran waren diese Menschen gestorben? Waren sie tatsächlich von den Entführern getötet worden? Oder waren es diese Nanobots selbst gewesen, die diesen totalen genetischen Black-Out hervorgerufen hatten? Immerhin wusste sie ja jetzt, dass die Nanobots sehr wohl selbst auf DNA Ebene wirkten. Es lag also recht nahe, dass diese Menschen daran gestorben waren.
Bis auf Mulder. Und bei dem Gedanken daran bekam sie das Gefühl jemand schnüre ihr ein Korsett um die Brust. Was, wenn in Mulder längst derselbe Prozess eingesetzt hatte? Sie musste ihn dazu bringen, sich so schnell wie möglich untersuchen zu lassen, vielleicht erklärte das auch sein merkwürdiges Verhalten seit seiner Rückkehr. Sie seufzte.
Sie vermisste ihn, er war so lange weg gewesen und seit er aus dem Krankenhaus gekommen war, waren sie sich nicht mehr nahe gekommen. Sie legte die Hand auf ihren Bauch und starrte geistesabwesend auf den flimmernden Fernseher, jedoch ohne den Ton wieder lauterzustellen.

Am nächsten Tag, 12:30 Uhr, Mulders Appartment

Heute Morgen war es schlimmer geworden. Er war nicht ins Büro gefahren, er wusste ohnehin, dass Scully erst gegen Nachmittag ins Büro kommen würde und so lange würde ihn da unten im Kellerbüro auch niemand vermissen.

In ihm durchwühlten Krämpfe in immer wiederkehrenden Wellen seine Eingeweide. Seine Muskeln taten ihm weh, als hätte jemand Glasscherben darin versteckt und in seinem Kopf hämmerte ein lauter und stechender Schmerz. Er fühlte, dass er Fieber hatte und er zitterte am ganzen Körper. Aber all das drang überhaupt nicht zu ihm durch, denn das, was das Schlimmste an seinem Zustand war, war die geistige, formlose und eiskalte Leere.

Er starrte unentwegt in sie hinein und sie schien wie ein schwarzes Loch allen Lebenswillen aus ihm herauszusaugen. Es war fast, als könne er seine Seele schreien hören, während sie seinen Körper verließ. Wieder brach eine Welle dieser lähmenden alles um ihn herum in Dunkel hüllenden Schmerzen über ihn herein, begrub ihn unter sich und riss ihn mit sich, um ihn dann als sie vorüber war, wieder völlig erschöpft in der Leere treibend, zurückzulassen.
Sie musste ihm helfen. Er griff nach dem Telefon und wählte ihre Nummer, doch ihr Handy war noch ausgeschaltet.
Also raffte er sich auf, warf sich zwei Schmerztabletten auf einmal in den Mund und machte sich langsam auf den Weg zu ihrem Appartment. Er würde dort auf sie warten.


 

Zur selben Zeit, Scullys Appartment

Ihr Termin beim Arzt war erst in zwei Stunden, sie hatte glücklicherweise einen früheren Flug erwischt und da Mulder nicht vor heute Nachmittag mit ihrer Rückkehr rechnete, konnte sie unbemerkt beim Arzt nachsehen lassen, ob es ihrem Baby gut ging.
Sie schloss ihre Wohnungstür auf und ging, ohne sich auch nur eine Sekunde in ihrem Wohnzimmer aufzuhalten, direkt in ihr Schlafzimmer, wo sie ihren Mantel auf den Boden fallen ließ, sich den engen Blazer auszog und die Bluse aufknöpfte. Es war viel zu heiß für diese Jahreszeit und ihre Anziehsachen wurden langsam zu eng für die kleine Rundung, die sie jetzt langsam immer mehr voller Stolz und Liebe wahrnahm.
Trotz all der Zweifel und verwirrenden Entdeckungen hoffte sie doch insgeheim, dass sie ein gesundes und vollkommen normales Baby zur Welt bringen würde.

Ein normales Baby...bei dem Gedanken daran, dass ein normales Baby genau wie sie selbst Alien-DNA in sich tragen würde, wurde ihr übel. Sie hatte die wissenschaftlichen Fakten längst akzeptiert, aber das Ausmaß dieser Erkenntnis, dass tatsächlich alle Menschen dieses fremde außerirdische genetische Material in sich schlummern hatten, schien ihr den Verstand zu rauben. Wäre sie nicht so involviert und könnte es mehr aus wissenschaftlicher Sicht betrachten, sie würde kein Auge mehr zutun, war dies doch das Geheimnis der menschlichen Schöpfung und all der Rätsel, die die Menschheit und sie selbst seit Ewigkeiten erforschten.

Sie musste sich vor ihrem Termin noch ein wenig ausruhen, da sie in der Nacht kein Auge zugetan hatte. Und sie wusste, wenn sie jetzt Mulder anrufen würde, würde es sie wieder zu sehr aufregen, um danach noch schlafen zu können. Also öffnete sie ihr Fenster, um ein wenig die Hitze in ihrem Schlafzimmer zu vertreiben und legte sich auf ihr Bett. Sie sah eine Weile gedankenlos auf die Sonnenstrahlen, die an ihrer Wand goldene Lichtspiele vollführten, und schlief dann erschöpft ein.

Eine halbe Stunde später

Mulder fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und rieb sich die Augen, während er sich gegen den Türrahmen ihres Appartments lehnte und in der Hosentasche nach ihrem Schlüssel kramte. Die Schmerzmittel zeigten ihre Wirkung und er hatte sich auf dem Weg schon ein wenig besser gefühlt. Dennoch stand ihm der Schweiß auf der Stirn und sein Hemd war ganz nass.
Er schloss ihre Wohnung auf und sammelte sich einen Augenblick, während er sich auf den Weg ins Schlafzimmer machte. Hier überall roch es nach ihr und er fühlte sich schon viel wohler, da er ihre Nähe fast spüren konnte. Er würde sich hinlegen bis sie kam und dann würde er ihr auch zustimmen sich untersuchen zu lassen.
Er war so ein dummer Narr gewesen, gestern deswegen so durchzudrehen.
Aber er war nicht Herr seiner selbst. Seine Gedanken waren das Einzige, das er noch beherrschte.

Als er jedoch durch die offene Tür in ihr Schlafzimmer ging, blieb er überrascht stehen. Sie lag auf ihrem Bett und schlief.

War sie schon früher heimgekehrt? Warum hatte sie ihm das nicht gesagt?
Doch dann sah er auf die kleine Person auf diesem großen Bett herab und als sie so friedlich in dem warmen Sonnenlicht schlief, verstummten für einen Augenblick all die Gedanken, die ihn seit Wochen quälten.
Einen winzigen Moment verschwand die Leere in ihm und machte dem kleinen Licht Platz, das ihm dort oben Kraft gegeben hatte durchzuhalten.

Sie schien vollkommen erschöpft zu sein und hatte ihre Kleidung und Schuhe achtlos von sich geworfen, so dass sie nun auf dem Boden verteilt herum lagen. Ein frischer Wind wehte durch das offene Fenster durch ihr Haar und der weiße Kragen ihrer Bluse flatterte leicht. Das goldene Kreuz, das sie immer um den Hals trug, glitzerte im Licht. Sie hatte eine Hand unter ihren Kopf geschoben und die andere lag auf ihrem Bauch, der sich unter der halboffenen Bluse ein klein wenig wölbte.

Er stutzte und ließ seine Augen einen Moment länger darauf verweilen. Er wusste wie flach ihr Bauch eigentlich war, er hatte keines der Bilder dieser einen Nacht aus seinem Kopf löschen können und auch die schrecklichen Ereignisse, die hinter ihm lagen, hatten die Erinnerung nicht trüben können. Es war in demselben Bett passiert, in dem sie nun so friedlich schlief. Seine Gedanken wanderten weiter. Am liebsten würde er sich neben sie legen und ihre Wärme spüren. Würde ihre Haut berühren und sie in seine Arme nehmen, damit sie geschützt war.

Vielleicht würde dann, wenn sie dort einfach lagen und die Welt um sie herum vergaßen auch alles andere in ihm wieder besser werden. Er wünschte, es wäre so einfach. Doch seine zitternden Knie erinnerten ihn daran, dass es das nicht war.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er wendete sich, die Türe zu ihrem Schlafzimmer leise schließend, ab und beschloss so lange die Schmerzmittel noch wirkten einfach darauf zu warten, dass sie wach wurde. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes den Schweiß von der Oberlippe.
Durst! Mit diesem Gedanken wanderte er in ihre Küche und öffnete ihren Kühlschrank. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, musste er sich fast übergeben: Dort standen vier Flaschen Tomatensaft! Seit wann mochte sie Tomatensaft? Und außer den Fertigsalaten, zwei Schachteln mit Vitamin- und Eisenpräparaten und einem kleinen Rest Nudelauflauf fand er nichts. In dieser Hinsicht war sie wirklich wie alle anderen Frauen.
Aber eben auch nur in dieser Hinsicht.

Er hielt seinen Kopf unter das kühle Wasser aus dem Hahn und trank in großen Schlucken, als könne er damit die Hitze in seinem Kopf vertreiben. Danach legte er sich auf ihr Sofa und starrte an die Decke, während er spürte wie mit jeder Minute, die verstrich, der Schmerz wieder erwachte.
Er schloss die Augen. Doch vor Entsetzen, was er dort sah, riss er sie sofort wieder auf und bemühte sich seine schweren Lider geöffnet zu halten, und weiterhin einen Punkt an der Decke zu fixieren.
Wenn er die Augen schloss, war es als würde das schwarze Loch wie ein Vakuum in ihm ihn von außen in sich einsaugen. Er fühlte sich als würde sich sein Körper in sich selbst stülpen und zu einem winzigen Punkt zusammenschrumpfen. Wie eine Implosion.

Doch irgendwann konnte er nicht mehr und verlor unter den Schmerzen, die sich seiner wieder vollkommen bemächtigt hatten, und dem hohen Fieber das Bewusstsein und fiel in das schwarze Loch in seinem Inneren.

Scully schreckte hoch! Ihr Arzttermin! Sie sah auf die Uhr, doch sie hatte nicht einmal eine ganze Stunde geschlafen und es war noch Zeit. Ihr Blick fiel auf die Tür. Sie hatte sie doch offen gelassen!
Etwas verwundert stand sie auf und öffnete sie wieder, drehte sich dann um, um den Mantel und ihren Blazer vom Boden aufzuheben und verschwand dann im Bad, wo sie sich frisch machte.
Ihr Magen knurrte. Von ihrem unstillbaren Heißhunger in die Küche getrieben, tapste sie barfuß über den kühlen Fußboden, als sie in etwas Nasses trat. Angeekelt hob sie ihre Füße und stellte fest, dass jemand die Spüle benutzt hatte. Überall waren Wasserspritzer und der Hahn tropfte noch.
Eine Sekunde überlegte sie noch und dann fuhr sie erschrocken herum um sich von dem unheimlichen Gefühl, jemand würde hinter ihr stehen, zu befreien. Doch da war niemand. Sie ließ ihren Blick etwas erleichtert aber immer noch skeptisch über das Wohnzimmer zur Spüle gleiten, als sie plötzlich jemanden auf ihrem Sofa liegen sah.
Mulder? Sie lief besorgt aus der Küche und erschrak bei dem Anblick, der sich ihr bot, als sie auf das Sofa zuging.
Er war ganz blass und schweißgebadet! Sie warf sich auf die Knie und legte ihre Hände auf seinen Oberkörper. Sein Hemd war ganz durchnässt und er atmete schwer. Sie versuchte ihn wachzurütteln, während sie seinen Namen immer wieder wiederholte, in der Hoffnung ihre Stimme würde zu ihm durchdringen. Er reagierte nicht. Sein Puls raste und seine Pupillen waren vollkommen lichtstarr.
Panik ergriff sie und sie rief sofort einen Krankenwagen.

Als die Sanitäter ihn in den Rettungswagen hoben, hielt sie seine Hand fest und wollte nicht loslassen. Sie musste in dem Wagen mitfahren. Sie konnte ihn nicht alleine lassen. Was, wenn er auf dem Weg sterben würde? Und sie würde nicht bei ihm sein können?
„Ich muss mitfahren!“ flehte sie den riesigen Sanitäter an, der ihre Hand von Mulders lösen wollte. Doch der Sanitäter lehnte vehement ab und als sie sich ihm widersetzen wollte und einfach in den Wagen mit hineinklettern wollte, stieß ein anderer Sanitäter sie zurück. „Miss! Bitte! Sie können ja nachkommen. Es wird schon alles gut gehen!“
Und mit diesen Worten ließ man sie alleine stehen, während sie wie erstarrt dem davonbrausenden Rettungswagen nachsah. Sie rannte zu ihrem Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen los, um so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu kommen.

--Zwei Stunden später saß sie an seinem Bett, seine Hand fest in ihrer haltend. Sie hatte sich bei den Ärzten durchsetzen können und man hatte ihm nach langer Diskussion und als die Ärzte schließlich selbst ratlos vor Mulder gestanden hatten, Blut abgenommen und Gewebeproben von seinen Haut- und Schleimhautzellen, so wie eine Leberbiopsie entnommen und sie wartete nun auf das Ergebnis aus Quantico.

Ein Beatmungsschlauch steckte ihn seinem Hals, seine Augen waren geschlossen und vollkommen still. Das Piepsen der Maschine, die seine Vitalzeichen registrierte, brannte sich in ihr Gehirn ein.

Was sollte sie nur tun? Es war so schrecklich ihm nicht helfen zu können! Im Nachhinein tat es ihr leid, dass sie beide die letzten zwei Wochen so distanziert gewesen waren.
Was, wenn das die letzten zwei Wochen gewesen waren, die sie zusammen gehabt hatten? Sie wagte gar nicht, diesen Gedanken zu beenden und betete stattdessen mit zitternden Händen, dass er nicht dasselbe hatte, wie die Entführten, deren Leichen sie gestern noch untersucht hatte.

Sie wusste nicht wie lange sie da gesessen hatte, doch sie erschrak, als plötzlich eine bekannte Stimme hinter ihr zu ihr sprach. Sie drehte sich sofort um und sah Assistant Director Skinner vor sich stehen. Woher wusste er nur immer direkt Bescheid, wenn einer von ihnen beiden im Krankenhaus lag?

Er hielt einen Umschlag in der Hand, den er ihr hinhielt. „Das hab ich in Quantico für Sie abgeholt, man hat mich direkt angerufen als die Ergebnisse da waren, daher wusste ich auch, dass Sie beide hier sind.“
Mit einem besorgten Blick zu Mulder fragte er sie ernst: „Was ist mit ihm passiert?“
„Ich weiß es nicht. Aber vielleicht hilft uns das hier weiter“, antwortete sie ihm und zog die Laborergebnisse aus dem Umschlag.

Ihre Vermutung, dass auch in Mulder hohe Konzentrationen an Eisen im Blut gemessen wurden, bestätigte sich und sie spürte wie sich dabei ihr Herz verdrehte. Dennoch war sie überrascht, denn man hatte in seinem Blut kein ungebundenes Eisen gefunden. Das Eisen in seinem Blut war an Proteine gekoppelt. Das war merkwürdig.
Als ihr Blick danach auf die DNA-Analyse fiel, schien sich ihre schlimmste Befürchtung, Mulder könnte an der selben Ursache sterben, wie die beiden Männer, zu bestätigen und sie spürte wie ihre Knie weich wurden, doch als sie weiterlas, war sie sprachlos.
Man hatte auch in Mulders Blut DNA-Fragmente gefunden. Aber im Gegensatz zu den anderen Zellen aus seinem Gewebe, die bei beiden Leichen vollkommen frei von DNA gewesen waren, konnte man in Mulders Haut-, Schleimhaut- und Leberzellen noch reichlich DNA finden.
Hatten sie Glück gehabt? War der Prozess der DNA-Abstoßung bei ihm noch nicht so weit fortgeschritten? Wie ließ er sich aufhalten?
Skinner bemerkte Scullys Ratlosigkeit und legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Ich möchte, dass Sie mich informieren, sobald Sie wissen, was mit ihm los ist. Und ich möchte, dass Sie auch an sich denken. Sie können sich nicht ewig diesen ganzen Stress zumuten. Ihre Gesundheit ist für all das ebenso wichtig wie seine.“
Sie presste die Lippen aufeinander und nickte ihm zu, was ihm offensichtlich schon zur Beruhigung reichte. Mit einem letzten Blick auf Mulder verschwand er schließlich wieder und Scully setzte sich mit den Laborergebnissen in ihren Händen wieder hin.

Sie war überfordert mit der Fülle von Daten. Sie hatte nicht einmal vierundzwanzig Stunden Zeit gehabt die Ergebnisse von gestern zu verarbeiten und nun sah sie sich mit Mulders noch verwirrenderen Ergebnissen konfrontiert.
Sie versuchte rein wissenschaftlich an die Sache heranzugehen, was ihr beim Anblick seines regungslosen, an diese ganzen Schläuche angeschlossenen Körpers jedoch sehr schwer fiel. Sie senkte den Blick, um ihrem Herz nicht immer und immer wieder Stiche zu versetzen und dachte nach.
Was immer da in Mulders Körper passierte, es würde ihn über kurz oder lang töten.
Waren das vielleicht doch diese Nanobots? Hatten sie nur seine Organe noch nicht angegriffen? Oder waren es vielleicht auch die DNA-Fragmente, die in seinem Blut frei herumschwammen...

Vielleicht verstopften sie seine Gefäße und lösten so auf Dauer Organversagen aus. Die letzte Theorie erschien ihr als Ärztin am plausibelsten und sie überlegte weiter. Würde sich der Prozess aufhalten lassen, wenn man sein Blut einfach austauschte? Das konnte es sein! Ihr Gesicht hellte sich auf und die Anspannung, die ihr Falten auf die Stirn getrieben hatte, ließ ein wenig nach. In ihrem Kopf fiel ihr nur eine Methode ein, die man sonst nur bei sehr seltenen Blutkrankheiten anwendete: Aderlass! Sie musste Mulders Blut durch Spenderblut ersetzen! Das war es! Wenn sie sich beeilten, dann würden seine Organe vielleicht verschont bleiben!

Ihr Herz hüpfte vor Aufregung und sie rannte zu Mulders Arzt, dem sie so sachlich und wissenschaftlich wie möglich erklärte, was er tun musste. Es kostete sie einige Zeit und sie unterschlug einige Informationen, um nicht wie eine vollkommen durchgeknallte Wunderheilerin da zu stehen, doch letztlich stimmte der Doktor in Ermangelung anderer Therapieansätze zu und eine Stunde später trafen die Schwestern die ersten Vorbereitungen während Scully unruhig vor seinem Zimmer auf und ablief.

Zweieinhalb Stunden später

Es piepste ruhig und gleichmäßig und die letzten Beutel Spenderbluts ergossen sich in dunklem, leuchtendem Rot in seine Venen. Bald würde auch der letzte Rest seines Blutes durch das neue ersetzt worden sein. Sie hatte das Gefühl die Schweißperlen auf seiner Stirn wären schon weniger geworden und sein Fieber wäre gesunken. Sie sah auf die Uhr. Es war bereits Abend und Hunger machte sich in ihr breit. Doch sie wollte weiter bei ihm bleiben. Und so legte sie ihren Kopf auf seine Hand, während sie sich mit der anderen Hand den schmerzenden Bauch streichelte. Sie hatte den Arzt Termin verstreichen lassen und wusste nun wieder nicht, was mit ihrem Baby nicht stimmte.

Eine Bewegung weckte sie aus ihrem Halbschlaf und sie sah, wie sich Mulders Brustkorb anspannte. Er verkrampfte sich und würgte und sie begriff sofort, was los war. Sie löste den Pflasterstreifen vom Beatmungsschlauch und zog ihn aus seiner Luftröhre, wofür er ihr mit einem lauten und kräftigen Luftholen dankte. Doch kaum hatte er eine Sekunde durchgeatmet, fing er wieder an zu würgen. Scully konnte gerade noch rechtzeitig eine Nierenschale aus dem Bettschränkchen holen als er begann sich schwallartig zu erbrechen.
Es tat ihr in der Seele weh, ihn so schwach zu sehen. Doch er war aufgewacht!

 

In der Nacht.

Sie konnte nicht nach Hause gehen. Sie hatte immer noch nichts gegessen, doch sie wollte sicher gehen, dass der Blutaustausch wirklich geholfen hatte. Wenn sie jetzt gehen würde, und es würde ihm doch über Nacht wieder schlechter gehen, würde sie sich das niemals verzeihen können.
Sie sah ihn mit müden Augen an. Er hatte sich den ganzen Abend immer wieder übergeben müssen und Weinkrämpfe hatten ihn dazwischen durchgeschüttelt und ihn kraftlos und wie ein kleines Kind in sich zusammensacken lassen.
Sie war mit den Nierenschalen und Taschentüchern, die sie ihm abwechselnd hatte besorgen müssen, gar nicht mehr nachgekommen, doch der dankbare Blick in seinen dunkel umrandeten Augen hatte ihr gezeigt, dass es ihm half, wenn sie bei ihm war. Sie hatte ihm geholfen, sich aufzurichten, jedes Mal, wenn er sich übergeben musste und ihm immer wieder Wasser zu trinken gegeben. Und wenn die Tränen dieses inneren Kampfes über seine Wangen gelaufen waren, hatte sie sich auf sein Bett gesetzt und ihn so fest gehalten, wie es ihre möglich gewesen war. Sein Kopf hatte schwer auf ihren zarten Schultern gelegen und seine Arme hatten sich so fest um ihren Körper geklammert, dass sie manchmal kaum noch hatte atmen können.
Ihr war nicht klar woher sie die Kraft genommen hatte all das durchzuhalten, mit dem permanenten Hungergefühl und dem Ziehen in ihrem Bauch und den Schmerzen, die ihr sein verzweifeltes Schluchzen jedes Mal bereitet hatte, doch sie wünschte sich auf der Welt nichts sehnlicher als dass er wieder gesund wurde.

Ihre Augen fielen ihr langsam zu als sie so in dem Stuhl saß und sie legte ihren Kopf wieder auf seine Bettkante und gönnte sich ein paar Minuten Ruhe.

Mulder wachte auf, das Piepsen seines eigenen Herzschlags an dem Monitor beruhigte ihn. Er war also noch am Leben. Die Krämpfe waren weg und die Übelkeit hatte sich auch verflüchtigt. Übrig war jetzt nur wieder diese Leere.
Doch dieses Mal war es eine andere Leere. Während es die letzten Wochen eine alles verdrängende, bedrückende, schwarze Leere gewesen war, so fühlte er nun, dass sie irgendwie weiß und frisch war. Er fühlte sich so rein. Als wäre er neu geboren worden.
Der Schatten in seinem Kopf verzog sich langsam und seine Muskeln fühlten sich wieder kräftiger an. Sein Körper gehörte wieder ihm, er war ihm nicht mehr fremd. In seinem Herzen fühlte er wieder etwas. Er hatte in seiner Seele plötzlich wieder so viel Platz für all die Gefühle, die sein Leben erfüllten. Es war als hätte er endlich all das ausgestoßen, was die letzten Wochen seinen Geist vergiftet hatte.
Er drehte den Kopf vorsichtig zur Seite. Sie war den ganzen Tag bei ihm gewesen und schlief nun erschöpft, den Kopf auf seine Bettkante gelegt.
Er hob seine Hand und fuhr ihr ganz sanft damit durch ihre weichen roten Haare. Er ließ die Wärme, die er endlich wieder in sich fühlen konnte, ganz langsam durch seinen Körper fließen und seinen Verstand umspülen.
Sie wurde unter seiner Berührung wach und war sichtlich erleichtert zu sehen, dass er wach war. Sie hatte nun schon zum zweiten Mal während der letzten drei Wochen um sein Leben kämpfen müssen und sie war sichtlich erschöpft und ausgezehrt.

„Beim nächsten Mal gibt’s gratis Popcorn dazu“, versuchte er sie noch schwach lächelnd aufzuheitern und es funktionierte anscheinend auch ein wenig. Sie legte ihre Hand leicht an seine Wange und er schmiegte sich daran, sie war so klein und so weich. Er nahm ihre Hand in seine und küsste sie sanft auf die Innenfläche und legte sie dann auf seine Brust, in der sein Herz nun kräftiger und voller Leben schlug.
„Mulder - “ begann sie, doch ihre Stimme brach und sie versuchte ihre Tränen zurückzuhalten.
„Ich war ein ganz schöner Kotzbrocken, was?“ versuchte er sich zu entschuldigen.
Unter erleichtertem Nicken lächelte sie ihn an, während eine kleine Träne, die sich nicht zurückhalten ließ, aus ihrem Auge fiel und ihre Wange herunterlief.
Sie sah so blass aus. Es machte ihm Sorgen und er ließ ihre Hand, die immer noch auf seiner Brust lag, los.
„Scully, Sie müssen nach Hause gehen und sich ausschlafen!“ Wieder brachte sie nur ein erleichtertes Nicken zustande und drehte sich, nachdem sie ihm noch einen Abschiedskuss auf die Stirn gehaucht hatte, weg, um endlich mit befreiter Seele den Schlaf nachholen zu können, den sie in den letzten Wochen so oft entbehrt hatte.
Bevor sie die Tür hinter sich zuzog, rief er ihr noch hinterher: „Und danke für den Fisch! Er hat sich schon mit Molly angefreundet.“ Sie lächelte und als sich ihre Blicke trafen, wussten beide, dass ihre Seelen nun endlich wieder zueinander gefunden hatten.

--

Eine Woche später, im Kellerbüro des FBI-Gebäudes

Mulder sah sich die Akten, die vor ihm lagen an.
Mittlerweile waren fünf der Entführten tot aufgefunden worden. Warum hatte es ihn nicht erwischt? Warum war er lebend abgestoßen worden und nicht gestorben? Scully hatte ihn in der letzten Woche über alles, was sie während seiner Abwesenheit herausgefunden hatte, informiert. Es hatte ihn schlichtweg umgehauen, was sie alles erfahren hatte. Und noch vielmehr hatte es ihn überrascht, dass sie die meisten Erkenntnisse einfach so akzeptierte.

Er sah auf die Uhr. Es war schon halb elf. Sie hatte gestern irgendetwas von einem Arzttermin gefaselt.
Warum dauerte das so lange? War sie krank? Er griff nach der Tüte mit den Sonnenblumenkernen.
Sie verheimlichte ihm schon die ganze Zeit irgendetwas. Manchmal, wenn er sie ansah und sie es bemerkte, wurde sie plötzlich nervös, wich seinem Blick aus, fing an an ihren Kleidern herumzuzupfen oder lenkte ihn mit irgendeinem Gesprächsthema ab. Was hatte sie nur?
Es war typisch für sie, dass sie ihn ausschloss, wenn sie etwas beschäftigte. Doch sie hatte ihn in seinem tiefsten Tal erlebt und war für ihn da gewesen, er wollte die Chance haben, ihr dasselbe geben zu können.

Er sah verträumt vor sich auf den Schreibtisch. Genau da hatten seine Socken vor drei Monaten gelegen. Nach dieser einen Nacht.

Wo standen sie beide nun? Er war sich damals sicher gewesen, dass es nur ein Ausrutscher gewesen war und es auch bei diesem einen Mal bleiben würde.
Doch nach all dem, was sie durchgemacht hatten und nachdem er jetzt zurückgekehrt war und das Gefühl hatte noch einmal von vorne anfangen zu können, wusste er nicht, ob er sein Herz wirklich weiterhin dieser einen Möglichkeit verschließen wollte.

Wollte er nicht eigentlich viel mehr? Hatte er nicht dort oben in den schlimmsten Momenten seines Lebens nur deswegen durchgehalten, weil er die ganze Zeit gewusst hatte, dass es sie gab?
Er fühlte sich jetzt so anders, so viel klarer und lebendiger. Und er wollte mehr vom Leben.


Zur selben Zeit in Dr. Coopers Praxis

Der Arzt lächelte Scully an, während er den Ultraschallkopf auf ihrem Bauch entlangfahren ließ.

Scully war erleichtert endlich den Termin bei ihrem Arzt wahrnehmen zu können. Sie war mittlerweile in der 13. Woche und wollte endlich, jetzt wo es Mulder wieder gut ging, herausfinden, was sie da unter ihrem Herzen trug.
Sie hatte es Mulder immer noch nicht gesagt.
Viele Gründe sprachen dagegen.
Zum einen weil sie sich in den letzten drei Wochen zunehmend schwächer und unwohler gefühlt hatte. Wenn sie das Baby verlieren würde, hätte sie ihn nur unnötig mit dieser Neuigkeit behelligt.
Zum anderen wusste sie überhaupt nicht was aus ihnen werden sollte, wenn sie das Kind bekam. Sie hatten vor der künstlichen Befruchtung damals überhaupt nicht darüber geredet. Würde er wollen, dass das Kind weiß, dass er sein Vater ist?
Wo standen sie beide überhaupt? Nach der gemeinsamen Nacht waren sie in aller Stille übereingekommen, dass sie es bei dem einen Mal belassen wollten, doch da waren sie auch davon ausgegangen, dass sie nicht schwanger war.
Würde dieses Kind vielleicht alles ändern?
Sie hatte Angst vor Veränderungen. Es war endlich nach einem Vierteljahr wieder ein wenig Ruhe in ihr Leben eingekehrt, sie konnte endlich wieder durchschlafen und sie und Mulder hatten endlich wieder zueinander gefunden. Die Neuigkeit mit dem Baby konnte das alles wieder auf den Kopf stellen.
Ihr Entschluss stand fest. So lange sie nicht sicher sein konnte, dass dieses Baby gesund und menschlich werden würde, würde sie es Mulder nicht sagen. Nur musste sie das alles schnell herausfinden, es ließ sich kaum noch verbergen und er hatte sie schon einige Male so komisch angesehen als hätte er etwas geahnt.

Sie blickte erwartungsvoll auf den Bildschirm, doch konnte außer dem Schneegestöber kaum etwas darauf erkennen.
„Miss Scully, Sie müssen sich überhaupt keine Sorgen machen. Ihr Baby entwickelt sich prächtig. Nicht nur das, es ist sogar schon ein wenig frühreif für seine 13 Wochen. Sie tragen da also einen kleinen Überflieger in ihrem Bauch. Sehen Sie?“
Und er zeigte mit dem Finger auf die Bewegungen des Kindes. „Es scheint gerade zu träumen. Es bewegt sich schon sehr lebhaft für sein zartes Alter und das obwohl es schläft. Das ist für die 13. Woche äußerst ungewöhnlich. Meistens fangen die Babys erst 8 Wochen später an zu träumen.“
Scully lächelte schwach, denn eigentlich beunruhigte sie diese Beobachtung eher. Der Arzt schien diese Unruhe zu bemerken und auch er war sichtlich überrascht über die gemachte Entdeckung.
„Wir sollten angesichts Ihres Alters überlegen, ob wir nicht eine Amniozentese durchführen, Miss Scully. Als Ärztin sind Ihnen die Risiken wie auch der Nutzen dieser Untersuchung ja bestens bekannt. Wenn Sie also einverstanden sind, dass wir Ihr Kind auf mögliche genetische Störungen untersuchen, dann können sie draußen einen Termin für den nächsten Monat machen.“

Dabei wischte er ihr das Ultraschallgel vom Bauch und reichte ihr mit einem Lächeln den Ausdruck des Ultraschallbildes. „Das wollen Sie doch sicher mitnehmen, fürs Familienalbum.“

Scully zögerte noch. Die Worte des Arztes über die Frühentwicklung ihres Kindes hatten sie an Sara Fraser erinnert. Zusammen mit den Nanobots in ihrem Blut drängte sich ihr der Verdacht auf, dass ihr Kind dasselbe Schicksal wie dieses arme Mädchen haben würde. Und diese Fruchtwasseruntersuchung war die Chance herauszufinden, ob es stimmte.
Aber es war IHR Kind, nicht das irgendeiner Frau. Und sie wusste nicht, ob sie es verkraften würde, wenn irgendetwas nicht mit ihm stimmte. Nicht nach allem, was sie durchgemacht hatte, um schwanger zu werden.

Als sie die Praxis schließlich mit dem Termin auf dem Zettel in ihrer Hand und dem Ultraschallbild in der Tasche verließ, war sie sich sicher, dass es eine gute Entscheidung war Mulder noch nichts zu erzählen.
Sie war einfach noch nicht so weit. Sie musste sich nun, da er wieder zurück war, erst einmal darüber klar werden, was sie von ihm erwartete. Was sie für ihn empfand.

Doch tief in ihrem Inneren wusste sie es längst. Sie wollte es nur noch nicht wahrhaben.

 

Eine halbe Stunde später im Keller des FBI-Büros

„Hey, ich dachte schon, Sie hätten sich heute ganz frei genommen!“ Mulder stand bei ihrem Anblick vom Stuhl auf, ging um seinen Tisch herum und setzte sich dann mit verschränkten Armen auf die Tischkante. Er grinste sie verschmitzt an und ließ seinen Blick einen Moment lang auf ihr ruhen.

Amüsiert merkte er wie sie das sofort verunsicherte und sie ihn etwas pikiert ansah.
Was war denn nun schon wieder mit ihm los? Sie zupfte sich an ihrer Bluse herum als sie ihren Blazer über ihren Stuhl hängte und sich dann an ihren Schreibtisch setzte.
„Wie war’s denn beim Arzt? Alles in Ordnung?“ versuchte er so beiläufig wie möglich zu fragen, doch ihr war nur ein „Ja, alles in bester Ordnung“ zu entlocken und sie lenkte schon wieder irritiert vom Thema ab, denn ihr Blick war auf die Akten hinter ihm gefallen.
„Sind das die Ergebnisse der anderen Entführten, die man gefunden hat?“ Er lächelte und griff hinter sich, um die Akten einsehen zu können. „Ja, und so wie es hier steht, haben die in Quantico, nachdem sie peinlichst genau Ihre Angaben befolgt hatten, exakt dasselbe herausgefunden wie Sie in Fallon. Alle sind an einer Art Abstoßungsreaktion ihrer eigenen DNA gestorben.“ Er hielt inne und sah sie schließlich an.

„Warum hat es mich eigentlich nicht erwischt?“ Das schien sie zu überraschen. Sie zog ihre Augenbraue hoch und druckste ein wenig herum. Schließlich riss sie sich aber zusammen. Das war das Einzige, was sie ihm noch nicht erzählt hatte. Doch sie waren Partner, Freunde, und sie schuldete ihm die Wahrheit, er vertraute ihr. Sie holte tief Luft.
„Die Einsamen Schützen waren bei mir. Und sie sind der Ansicht gewesen, dass Sie nur deswegen entführt worden sind, weil Sie immun sind. Und vermutlich ist das auch die Wahrheit.“

Sie schluckte. Wieviel Wahrheit würde er verkraften zu diesem Zeitpunkt? Sie entschied sich, ihm nicht zu erzählen, dass er bereits in seiner Kindheit Opfer von Experimenten gewesen ist.

„Das protein-gebundene Eisen in Ihrem Blut ist ein Hinweis darauf, dass die Nanobots in Ihrem Körper irgendwie anders als in den Organismen der anderen gearbeitet haben. Vielleicht ist das der Schlüssel zu Ihrer Immunität. Jedenfalls haben Sie Ihre DNA noch. Gott sei Dank!“
Doch Mulder stellte das nicht zufrieden. „Und wie meinen Sie sind diese Nanobots in meinen Körper gelangt?“ Sie schwieg. Sie konnte es ihm noch nicht sagen.
„Ich weiß nur, dass die DNA, die Ihr Körper abgestoßen hat, anders ausgesehen hat als die, die von den Opfern abgestoßen wurde, bevor sie daran gestorben sind. Mehr kann ich auch nicht aus dem Hut zaubern, Mulder. Ich bin selbst vollkommen ratlos.“ Der Ausdruck in ihrem Gesicht war ehrlich und er glaubte ihr.

Doch er war unzufrieden damit. Es musste sich doch klären lassen, was da genau mit ihm passiert war.
„Scully, irgendetwas hatte von mir Besitz ergriffen in den letzten Wochen. Irgendetwas hat mein Körper abgestoßen. Ich habe es gespürt und ich spüre jetzt, dass es nicht mehr in mir ist. Ich möchte, dass Sie meine Zellen noch einmal untersuchen. Ich möchte, dass Sie meine DNA Base für Base mit denen der Opfer noch einmal vergleichen. Und wenn Sie nichts finden, dann vergleichen Sie meine DNA mit Ihrer oder mit der irgendeines Menschen, ich bin sicher, irgendetwas ist anders in mir. Ich will wissen, was der Unterschied ist, der die das Leben gekostet hat und der mich gerettet hat.“
Er ging auf sie zu und legte seine Hand flach auf ihren Schreibtisch. „Verstehen Sie, wir sind so dicht dran etwas herauszufinden, was uns helfen könnte und der Schlüssel ist so nah! Er ist vielleicht in mir.“
Scully hätte am liebsten ergänzt ‚und in mir genauso’, doch sie konnte es nicht, sie konnte ihm nicht anvertrauen, was sie die ganze Zeit so beschäftigte.
Er war noch zu sehr damit beschäftigt zu verarbeiten, was er selbst durchgemacht hatte. Er brauchte noch Zeit.

Sie stand auf. „Gut, dann gehen wir.“ Er war überrascht, dass sie so widerstandslos darauf einging.
„Jetzt gleich?“ „Ich will ebenso Gewissheit haben wie Sie.“ Sie griff nach ihrem Blazer und warf ihn sich über den Arm als ein Zettel unbemerkt herausflog und zu Boden segelte. Doch sie hatte den Raum schon verlassen und er hob den Zettel schnell auf und warf einen winzigen Blick darauf, bevor er sein Jackett vom Haken nahm und ihr folgte.

„20.7. 9.30 Uhr, Termin Praxis Dr.Cooper, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe“  konnte er darauf lesen. Mulder ließ den Zettel in seiner Tasche verschwinden und grübelte im Stillen während der ganzen Fahrt nach, was sie ihm verschwieg.
Doch in seinem Hinterkopf hatte sich ihm längst ein Verdacht aufgedrängt, der einiges erklären würde, was ihn in den letzten Wochen verwundert hatte.
Er sah immer wieder während der Fahrt verstohlen auf ihre Hände, die sich ruhig auf ihren Bauch legten. Sie schien es überhaupt nicht wahrzunehmen, doch sie ließ ihre Hände während der ganzen Fahrt schützend darauf liegen.
In Mulder kribbelte es und er wurde nervös.
Doch als sie in die Einfahrt zur Tiefgarage der Labors in Quantico einbogen, vergaß er seine Tagträumereien sofort wieder und konzentrierte sich voll und ganz auf die Untersuchungen, die vor ihnen lagen.

 

Zur selben Zeit am Abraham Lincoln Memorial, Washington D.C.

Der große und viel zu dünne Mann mit den grauen Haaren und den Spinnenfingern lehnte sich an die Säulen des Lincoln Memorials und sah sich die Tauben auf Abraham Lincolns Schultern an.

Er fummelte ungeduldig an dem Röhrchen mit der klaren Flüssigkeit in seiner Hosentasche herum. Wo blieb seine Kontaktperson?
Er hatte dieses Röhrchen von seinem Partner in New Mexico geschickt bekommen, der offenbar versagt hatte. Nun war es an der Zeit, dass Krycek dieses Röhrchen in die Finger bekam.
Sie mussten endlich an den immunen Hybriden herankommen. An diesen FBI-Agenten, der Purity II dort oben abgestoßen hatte. Es durfte nicht passieren, dass dieser Hybrid weiterhin existierte. Er musste inaktiviert werden.
Er legte seine Hand noch fester um das Röhrchen als er in der Ferne einen Jogger erkannte, der auf ihn zugerannt kam. Endlich war er da.

Die beiden Männer begrüßten sich mit einem Nicken und wechselten kurz ein paar knappe Worte, während der Mann mit den dürren Fingern dem Jogger das Röhrchen in die Hand drückte. Kurz darauf drehten sich beide mit einem weiteren Nicken wieder voneinander weg und jeder ging wieder seiner Wege, als wäre nichts geschehen.

Alex sah auf seine Uhr. Es wurde Zeit. Seit seiner Rückkehr aus Russland vor einer Woche hatte er noch keine Möglichkeit gesehen an Mulder heranzutreten. Er war ständig im Büro gewesen und sie hatte die meiste Zeit mit ihm dort verbracht.

Ein hinterhältiges Blitzen erschien eine Sekunde lang in seinen Augen, während er nassgeschwitzt vor einer Parkbank anhielt und die Hände in die Knie stützte, um einen Augenblick auszuruhen.

Ein schwarzer Schleier zog sich über sein Blickfeld und er schüttelte sanft den Kopf. Langsam hatte er sich an Purity gewöhnt. Mittlerweile genoss er die gefühllose, taube Leere in seinem Inneren. Er fühlte keinen Schmerz mehr, keinen Hass, keine Wut, keine Verbitterung.
Das war angenehm. Er war unverwundbar.

Er wollte ihm nicht nur das Konzentrat spritzen. Er wollte viel mehr von ihm. Sein Auftrag war es dafür zu sorgen, dass er vollkommen von der Bildfläche verschwand. Es wäre eine Katastrophe für die Weiterführung der Invasion, wenn er am Leben blieb und seine Immunität womöglich noch an weitere Generationen vererbte. Oder wenn er zu diesem Mann in New York Kontakt aufnehmen würde. Marita hatte zwar keinen Erfolg gehabt, doch Mulder war um einiges hartnäckiger, er würde ihn bestimmt aufspüren.

Er musste ihn endlich erwischen. Und er hatte auch schon einen Plan wie er an ihn herankommen konnte.
Er wischte sich mit dem Handrücken die Stirn und rannte weiter, das Röhrchen fest in seiner Hand umschlossen.

 

 

20.38 Uhr, Scullys Appartment

Die Wärme ihres ausgedehnten Schaumbads umhüllte noch ihren Körper, als sie sich wieder anzog, um sich einen gemütlichen Abend zu machen. Die schwarze Hose und der lavendelfarbene dünne Pullover waren die letzten Sachen, die ihren Bauch noch verdeckten. Sie musste dringend weitere Klamotten kaufen.

Sie hatten den ganzen Tag im Labor verbracht, wo sie jedoch die meiste Zeit gewartet hatten. Die Computer hatten eine Weile gebraucht die ganzen Daten der anderen fünf Entführten aus den zuständigen FBI-Labors zu laden und es würde sicherlich bis spät in die Nacht dauern bis die Ergebnisse vorlagen. Sie würde gleich morgen früh nach Quantico fahren und sie auswerten. Sie lächelte. Es war schön, dass die Computer in Quantico die meiste Arbeit für sie erledigen konnten. Das war moderne Technologie.

Morgen früh würde sie die sämtliche Vergleiche aller DNA-Fragmente untereinander vorliegen haben. Sie hatten alle DNA-Daten der Entführten, die DNA, die Mulder zum jetzigen Zeitpunkt in seinen Zellen trug, sowie die DNA, die er vor einer Woche im Krankenhaus ausgestoßen hatte und die beim Blutaustausch mit den Blutzellen zusammen aus seinem Körper entfernt worden war, zusammengeworfen und sie war sich nicht so sicher, ob irgendein sinnvolles Ergebnis daraus resultieren würde. Aber es war nun mal ein Anfang und es war beruhigend für sie gewesen Mulders Blut noch einmal nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus persönlich untersuchen zu können. Sie hatte heimlich eine Probe zur Messung des Eisens in ein anderes Labor gebracht, weil sie sicher gehen wollte, dass er wirklich keine Nanobots mehr in sich trug.

Sie stand vor ihrem offenen Kühlschrank und starrte auf die Eisen- und Vitaminpräparate. Die Untersuchung heute Morgen hatte sie beunruhigt. Sie wollte nicht, dass sich die Tragödie wie die der kleinen Sara Fraser gerade in ihrem Fall wiederholte. Den Tod ihres eigenen Kindes würde sie nicht mitansehen können.
Sie machte alles von der Untersuchung in zwei Wochen abhängig. Wenn sich herausstellen sollte, dass das Kind genetisch vollkommen normal war, keine aktivierte Junk-DNA in sich trug und offenbar nicht unter den Nanobots in ihrem Blut gelitten hatte, dann würde sie erst aufatmen können.
Bevor sie die Eisentablette auf ihre Zunge legte, überlegte sie einen Moment, ob es das Risiko wert wäre die Präparate einfach abzusetzen, doch es war ihr in den letzten Wochen ohnehin nicht besonders gut gegangen. Wenn sie die Zusatzstoffe nicht einnahm, würden sich die Nanobots wieder an ihren körpereigenen Eisen-Reserven vergreifen. Das würde ihr sicherlich genauso wie dem Baby schaden. Also fütterte sie Technologie in sich mit den Tabletten und schloss den Kühlschrank wieder.

Sie sah an sich herunter. In ein paar Monaten würde sie ihre Füße nicht mehr sehen können. Das war eine Vorstellung, die ihr Angst einjagte. Es war komisch so ein neu entstehendes Lebewesen in sich herumzutragen. Jetzt, wo sie es schon unter ihrem Pullover erahnen konnte und es, wenn sie ihre Hand darauf legte, ganz deutlich spürte, fand sie diese Einrichtung der Natur unheimlich. Wie würde es sich anfühlen, wenn sie seine Bewegungen zum ersten Mal spüren würde?
Es wäre so schön, wenn sie all diese Erlebnisse endlich mit jemandem teilen könnte. Wenn er es auch wüsste.

Es klopfte und sie drehte sich überrascht zur Tür. Sie stellte ihr Wasserglas auf dem Küchentisch ab und öffnete nach einem Blick durch den Spion verwundert die Tür.

--„Mulder! Was machen Sie hier? Ich dachte, Sie wollten ins Kino gehen.“
Er hielt eine Plastiktüte hoch und lächelte schelmisch. „Ach, da kam nur Mist. Sie haben doch bestimmt Hunger!“ Und als er das sagte, schwenkte er die Tüte einmal vor ihrem Kopf hin und her und ging an ihr vorbei geradewegs in die Küche, während sie ungläubig die Türe schloss und ihm folgte.
Es duftete nach chinesischem Essen. „Peking-Ente! Und Mexican Beer!“ rief er ihr zu und breitete sein Festmahl vor ihren erstaunten Augen auf dem Tisch aus.

Das Bier hatte er mit einem kleinen Hintergedanken gekauft. Er wollte sicher gehen. Dieser kleine Verdacht in seinem Hinterkopf hatte sich den ganzen Tag nicht mehr vertreiben lassen. Sie war so zierlich und hatte seit seinem Verschwinden auch noch abgenommen. Wovon also sollte ihr Bauch sonst so rundlich geworden sein? Der Zettel, den er heute Morgen gefunden hatte, hatte ihn dann schließlich überzeugt. Er wusste es war ihr Lieblingsbier. Wenn sie es ablehnte, war er sich sicher, dass er Recht hatte.
Doch warum sagte sie es ihm nicht einfach? Er hielt ihr die Flasche hin und machte sich dann mit den Stäbchen über die Peking-Ente her. Doch sie ignorierte es und lief stattdessen immer noch ein wenig irritiert über seinen unerwarteten Besuch zum Kühlschrank, um sich ein alkoholfreies Getränk daraus zu nehmen.

„Das ist ein bisschen viel Tomatensaft, finden Sie nicht?“ fragte er sie und blickte ihr über die Schulter. Daraufhin griff sie demonstrativ nach einer Flasche und goss sich ein Glas davon ein. Sie bot ihm angriffslustig auch etwas davon an, doch er verzog das Gesicht und wich vor ihr zurück. Er lehnte sich gegen ihre Küchenzeile und sah sie an, während er genüsslich die Ente in sich hineinschob.
Sie hatte das Bier tatsächlich abgelehnt.

Stattdessen nahm sie einen Schluck Tomatensaft, stellte dann das Glas ab und wollte sich gerade etwas von der Peking-Ente nehmen, als sie bemerkte wie er sie immer noch ansah.
„Was ist?“ „Nichts. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen!“ entgegnete er so scheinheilig wie möglich und sah sie weiter an.
„Wollen Sie sich nicht setzen?“ fragte sie irritiert. Sie war langsam von seinem Verhalten verunsichert. Sie wusste, dass er etwas vorhatte, doch ihr war nicht klar was. Er spielte mit ihr und sie hasste das.

In seinem Kopf verknoteten sich die Gedanken. Es war eigentlich unmöglich, dass er Recht hatte. Andererseits war es ziemlich offensichtlich und alle Hinweise sprachen dafür. Doch was bedeutete das für ihn? Sagte sie ihm deswegen nichts davon? Weil sie ihn da raushalten wollte? Wollte sie nicht, dass er es wusste? War es vielleicht gar nicht sein Kind? Hatte sie eine weitere künstliche Befruchtung nach seinem Verschwinden durchführen lassen? Es gab genügend anonyme Spender.
Sein Magen schnürte sich bei diesen Gedanken zu und er stellte das Essen hinter sich neben die Spüle.

Scully hatte ihrerseits ähnliche Befürchtungen. Sie hatte sich an ihren Küchentisch gesetzt und aß gierig aus der Pappschachtel heraus. Sie hatte solchen Hunger gehabt und war ihm insgeheim sehr dankbar dafür, dass er mit etwas zu Essen vorbeigekommen war. Sie hätte sich sonst wieder selbst was kochen müssen und darauf hätte sie heute Abend keine Lust gehabt.

Aber was war mit ihm los? Sie war unter seinen Blicken ganz nervös geworden, das kannte sie von sich überhaupt nicht. Warum sah er sie immerzu an? Ahnte er etwas? War sie naiv, es ihm weiterhin zu verheimlichen?
Oh, sie wollte, dass er es wusste! Sie wünschte, sie hätte jemanden, der mit ihr dieses Wunder erleben konnte. Der sie in den Arm nehmen würde, wenn es sich doch nur als Enttäuschung herausstellen würde. Aber es wäre egoistisch ihn nur deswegen darüber in Kenntnis zu setzen, weil sie diese Ängste nicht mehr alleine ausstehen wollte. Er war gerade wieder gesund geworden und sie konnte ihn doch jetzt nicht mit einer Vaterschaft belasten, die er vielleicht gar nicht wollte! Sie musste noch durchhalten. Sonst würde sie alles zerstören, was so besonders zwischen ihnen war.
Ihr Magen verkrampfte sich und sie stellte das Essen ebenfalls vor sich ab.

Sie schwiegen, jeder ging seinen Gedanken nach während der Kühlschrank leise summte und draußen ein Auto vorbeifuhr. Die Sonne ging unter und das rote Abendlicht tauchte die Welt um sie herum in ein leuchtendes Orange. Er fand sie in diesem Licht wunderschön und konnte seine Augen nicht von ihrem Gesicht abwenden, in dem er lesen konnte, dass sie sich auch Sorgen machte.

Sie sah ihn einen Augenblick von ihrem Stuhl aus an. Seine Arme waren wieder kräftiger geworden und sie vermisste seinen Duft. Doch so viel Nähe konnte sie nicht zulassen. Nicht so lange er nichts von ihrem gemeinsamen Kind wusste. Er merkte, dass sie ihn beobachtete und blickte tief in ihre Augen. Vollkommen unerwartet durchbrach er die friedliche aber auch spannungsgeladene Stille dieses frühen Sommerabends.

„Ich weiß, dass Sie mir etwas verschweigen, Scully. Wenn es etwas Persönliches ist und Sie es mir nicht erzählen wollen, dann muss ich das respektieren. Aber ich habe immer gedacht, dass wir einander alles erzählen können. Und wenn etwas mit Ihnen nicht stimmt, dann will ich das wissen, es wäre nicht fair, das vor mir geheim zuhalten.“ Einer musste ja den ersten Schritt wagen und er wollte es ihr leichter machen, da sie sich offensichtlich quälte. Wenn sie es ihm wirklich nicht sagen wollte, dann würde sie es auch nicht tun. Dazu war sie zu dickköpfig.

Doch seine Worte hatten sie erreicht. Die Sorge in seiner Stimme hatte sie berührt. Sie konnte nicht zulassen, dass er sich ihretwegen schlecht fühlte.

Sie stand von ihrem Stuhl auf und ging auf ihn zu. Ihr Herz klopfte und ihr war heiß. Das war der Augenblick, von dem sie wusste, dass er alles verändern konnte. Doch er verdiente ihre Ehrlichkeit, sie musste es ihm sagen. Sie hohlte tief Luft während ihr Herz ihr fast aus der Brust hüpfte.

„Sie haben Recht, Mulder, ich verschweige Ihnen etwas.“ Es fiel ihr schwer ihre Gedanken in Worte zu fassen und sie blieb vor ihm stehen und sammelte sich, bevor sie langsam fortfuhr. „Ich fange gerade erst an, es selbst zu begreifen und – ich verstehe es immer noch nicht. Es macht mir Angst. Und ich möchte nicht, dass Sie dieselbe Angst durchleben müssen.“
Sie legte ihre Hand vorsichtig auf seine, die sich auf der Küchentheke abstützte. Er sah auf ihre zarten Finger, die so warm auf seiner Hand lagen und sah dann sie an. Sein Herz klopfte und er wollte endlich Gewissheit. Doch das Zittern in ihrer Stimme bedrückte ihn.
Wovor sollte er Angst haben? Stimmte irgend etwas nicht? Sie war verlegen und wich seinem Blick aus, doch er bewegte seine Hand unter ihrer, damit sie ihn wieder ansah.

„Wenn es Ihnen Kummer bereitet, möchte ich erst recht, dass Sie sich mir anvertrauen. Ich möchte für Sie da sein, so wie Sie es für mich waren. Bitte, schließen Sie mich nicht aus.“ Er flehte sie förmlich an, der Klang seiner Stimme brach ihr fast das Herz.
Seine Augen hatten diesen unwiderstehlichen Blick, der sie immer schwach machte und seine Stirn war vor Sorge ganz angespannt.

Und während ihre Blicke miteinander verschmolzen und ihre Seelen sich darin küssten, nahm sie schließlich seine Hand und zog sie langsam an sich heran, um sie auf die nun deutlich spürbare, feste kleine Wölbung zu legen, die ihr Pullover so geschickt verdeckt hatte.
Als seine Hand auf ihren Bauch traf und er es zum ersten Mal fühlte, war es als überkäme ihn ein wohliger Schauer vollkommenen Glücks. Ihre Stimme klang in seinen Ohren wie klingelnde Schneekristalle. „Es ist das Wunder, an das wir beide glauben wollten. Es ist unser Wunder, Mulder.“ Und ihre Augen füllten sich mit Tränen der Erleichterung.

Er sah sie voller Liebe an und spürte wie sich ein Lächeln auf seine Lippen schlich und seine grünen Augen vor Freude strahlten. Dieses Lächeln erfüllte Scully mit so viel Wärme und Glück. Sie war nun nicht mehr mit all ihren Sorgen um dieses Kind alleine und auch sie lächelte ihn an.
Es war ein verlegenes Lächeln und er merkte wie sie rot wurde und eine Sekunde zur Seite sah, bevor sie zu ihm aufschaute.

Ihre blauen Augen funkelten und das warme Abendlicht umspielte ihre weiche Haut golden und leuchtend. Ihr Bauch war so warm und der warme Regen in seinem Herzen nährte seine Seele. Sie standen ganz still im warmen Rot der Dämmerung und bewegten sich nicht.

In diesem Moment wussten beide die Antworten auf all die Fragen, die sie sich heute so oft gestellt hatten. Er nahm seine Hand und legte sie an ihre Wange, während die andere Hand sich langsam an ihrem Bauch entlang um ihre Hüfte legte und sie ganz sanft näher an sicher heranzog. Unter dieser Berührung schien es endlich als falle alle Last von ihr und er spürte wie sie die Nähe, die er ihr gab, in sich aufnahm, als hätte sie seit Ewigkeiten darauf gewartet. Er sah auf ihre Lippen, die voller Leben in der Sonne glitzerten.

Sie fühlte wie die Hitze ihr in den Kopf stieg als seine kräftigen Arme sie zu sich zogen und sich ihre Körper berührten. Ihr Atem ging schnell und sie war aufgeregt wie ein Teenager. Sie sah auf seine weichen, sanften Lippen. Sie sehnte sich danach, sie auf ihren zu spüren, sie zu schmecken und sich ihm hinzugeben. Sie wusste, wenn es jetzt geschah, dann würde es kein Zurück mehr geben.
Das war der eine Moment, der endlich offenbaren würde, was sie beide füreinander empfanden. Es ließ sich nicht mehr aufhalten und sie näherten einander in diesem Moment verzauberter Stille, während das rote Licht sie sanft umspielte. Ihre Hände lagen auf seinem Bauch und fühlten, wie sein Atem ebenfalls schneller wurde, während seine Hand ihre Wange noch immer sanft und ganz zart berührte und ihr Haar seine Finger kitzelte. Er fühlte, dass sie aufgehört hatte zu atmen und er wusste, wenn es jetzt passierte, war es um sie beide geschehen.

 

In diesem Moment, der anscheinend ewig währte, wählte Dr. Barnes im FBI-Labor in Quantico Scullys Nummer. Er hatte ein paar Überstunden gemacht und hatte gerade das Labor abschließen wollen, als er bemerkt hatte, dass der Computer, der seit heute Mittag Agent Scullys und Agent Mulders Daten bearbeitete, mit seinen Berechnungen fertig war. Er kannte Agent Scully und wusste, dass diese Ergebnisse außerordentlich wichtig für sie waren, also wählte er ihre Privatnummer.

Sie fuhren wie zwei Kinder, die bei etwas Verbotenem erwischt wurden, auseinander bevor sich ihre Lippen treffen konnten.

Sie beide schmunzelten verlegen und ein wenig erleichtert darüber, der unerträglichen Spannung dieses Augenblicks entkommen zu sein. Doch in ihrem Inneren waren sie beide zutiefst enttäuscht über diese Unterbrechung.
Der Funke zwischen ihnen war schon längst übergesprungen und das Feuer in ihren Herzen war längst entfacht und beide waren schrecklich heiß vor Erregung. Sie hatten es beide gewollt.

Doch es schien, als habe jemand heute Abend etwas Anderes mit ihnen vor. Scully beantwortete das ungeduldig klingelnde Telefon, während Mulder sich mit einem Schluck von seinem mexikanischen Bier abkühlte und versuchte der Lage wieder Herr zu werden. Er hatte sich entschieden, dass er diesen Schritt gehen wollte.
War das nun ein Zeichen? Waren sie doch noch nicht so weit? Doch er konnte gar nicht darüber ins Grübeln geraten, weil Scully aufgeregt zur Garderobe lief und sich ihren Mantel überwarf.
Der Zauber, der in dieser Wohnung gelegen hatte, war verflogen. Es war, als hätte es diesen Moment vor dem Klingeln des Telefons gar nicht gegeben.
„Das war Dr.Barnes, die Ergebnisse sind da!“ „Was? Wir sollen jetzt dorthin fahren? Es ist nach Neun. Bis die Ergebnisse ausgewertet sind, ist es nach Mitternacht!“ Mulder wollte nicht wahrhaben, dass dieser Abend so weitergehen sollte.
„Es reicht ja auch, wenn ich alleine dorthin fahre, Sie können dort ohnehin nichts ausrichten Mulder.“

Er schluckte. Sie siezten sich also immer noch. War sie vielleicht froh, dass es nicht zu dem Kuss gekommen war? Doch ihr scheuer Blick und ihre Verlegenheit, als er aus Versehen gegen ihre Schulter stieß, als sie beide die Wohnung verließen, gab ihm das Gefühl, dass sie es auch bedauerte, dass der Anruf sie gestört hatte.
Bevor sie sich in ihr Auto setzte, um alleine nach Quantico zu fahren, blickte sie ihn noch einmal über die Schulter an und vertröstete ihn. „Ich ruf an, wenn ich was rausgefunden habe.“

Es waren vollkommen belanglose Worte gewesen, doch in ihrem Tonfall hatte etwas gelegen, das ihm Hoffnung machte, dass dies nicht nur ein weiterer Ausrutscher gewesen war und dass sie es genau so gewollt hatte wie er.

3.00 morgens, FBI-Labor, Quantico, Virginia

Ihr rauchte der Kopf. Sie hatte seit Stunden die Daten im Computer untereinander verglichen und hatte vor lauter Kurven und Zahlen schreckliche Kopfschmerzen. Sie konnte sich kaum noch konzentrieren und eine schwere Müdigkeit hatte sich in ihrem Kopf breitgemacht.
Die Vergleiche von Mulders DNA mit der der anderen hatten bisher überhaupt keinen Sinn ergeben. Egal, wie sie es drehte und was sie untereinander verglich. Es zeigte sich kein Muster. Es gab nur eine Sache, die sie über alle Maßen verwunderte und ängstigte.
Die Entführten, die gestorben waren, hatten sämtliche DNA abgestoßen, doch Mulder nur Teile davon, während ein winziger Bruchteil seiner Gene wohlbehalten in seinen Zellen geblieben war. Wie konnte er mit dem winzigen Rest DNA, den er noch in sich trug überhaupt weiterleben? Wie konnte der Körper diesen Verlust kompensieren? Sie überlegte angestrengt, ihre Finger gegen die Lippen gelegt und ihren Daumen unter ihr Kinn gestützt. Sie sah durch den Bildschirm vor ihren Augen hindurch und in der logischen Schlussfolgerung ihrer Überlegungen hatte sie plötzlich eine unglaubliche Idee, die ihr den Atem verschlug.
Wenn das wirklich stimmte war es einfach unfassbar.

Vor Aufregung holte sie laut Luft und stieß einen erregten Seufzer aus. Es wäre ein absolutes Wunder und sie wagte gar nicht an das Ausmaß dieser Entwicklung zu denken. Es wäre die Lösung ihrer Probleme und zugleich ein wissenschaftlicher Durchbruch, von dem jeder Forscher in seinem Leben nur zu träumen wagte.
Sie ermahnte sich einen Moment nicht vollkommen die Beherrschung zu verlieren. Machte das überhaupt Sinn? Doch als sie an Mulder dachte und daran, was er ihr gesagt hatte, dann schien das ihre Vermutung nur zu bestätigten. Er hatte ihr gesagt, dass er sich seit der Bluttransfusion und der schrecklichen Nacht, in der er tausend Tode in ihren Armen gestorben war, lebendiger als je zuvor fühlte.

Sie wurde nervös. Wie konnte sie ihre Vermutung nur bestätigen? Plötzlich war all ihre Müdigkeit wie weggeblasen und sie erinnerte sich an die DNA-Analysen, die sie an dieser „Alien“-Kralle ( in ihren Gedanken nannte sie es immer noch die „Kreatur“, weil sich ihr rationaler Geist wohl für immer gegen alles wehren würde, was mit „Alien“ und „UFO“ assoziiert war) und an Gibson Praise durchgeführt hatte. Die Ergebnisse lagen im FBI – Büro in Washington.
Sie sah auf die Uhr. Es war fast vier. Doch sie musste nun weitermachen. Das hier war einfach zu groß und zu bedeutend um jetzt schlafen zu gehen.
Sie ließ alles im Labor liegen, warf sich nur ihren dünnen Mantel über und ging so schnell sie konnte zu ihrem Auto.

Die Luft war lau und der schwarze Nachthimmel löste sich langsam in das heller werdende tiefe Blau der frühen Morgenstunden auf. Sie suchte noch ihren Autoschlüssel in ihrer Tasche, als ihr vor Schreck das Herz stehen blieb.

„Krycek!“ rief sie gereizt durch die Stille der Nacht. Er lehnte sich lässig gegen ihren Wagen und hatte sie offensichtlich erwartet.
„Endlich, ich dachte schon, ich würde hier Wurzeln schlagen. Fahrn wir los“, ignorierte er tonlos ihre Überraschung. Scully wurde wütend. Dieser Widerling regte sie jedes Mal so sehr auf, dass ihr die Galle hochkam. Sie hatte ihn seit der Begegnung mit dem Raucher nicht mehr gesehen und hatte ihn auch nicht im Geringsten vermisst.
„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie ihn barsch. Sie ließ sich von ihm niemals einschüchtern und es machte sie nicht ein bisschen nervös, dass sie hier vollkommen allein auf einem verlassenen Parkplatz in der Dunkelheit einem gewissenlosen Mörder gegenüber stand. Denn sie war viel zu wütend.
„Wollen Sie wissen, was mit Ihrem Kind los ist?“ „Was können SIE mir schon darüber verraten? Sie bluffen doch nur wieder um eines von ihren kranken Spielchen zu spielen!“

Krycek war amüsiert zu sehen wie sie sich wehrte, doch er wusste, sie würde letztlich doch einsteigen und mit ihm fahren. Es dauerte ihm nur viel zu lange und er wurde ungeduldig.
„Agent Scully, ich hab keine Lust mit Ihnen zu diskutieren. Also steigen Sie ein und ich werde Ihnen zeigen, was ich weiß.“ Etwas in seiner Stimme beunruhigte sie.
Es klang so hohl und metallisch. Sie traute ihm nicht. Was sollte sie tun, wenn das nur eine Falle war? Was konnte er ihr über ihr Baby sagen, was sie nicht auch selbst herausfinden konnte? Sie griff nach dem Handy in ihrer Manteltasche. Wenigstens das hatte sie mitgenommen! Es gab ihr ein wenig Sicherheit und sie entschied sich schließlich, sich auf dieses Abenteuer einzulassen und stieg mit einem bösen Blick auf den jungen Mann ihr Gegenüber in den Wagen.

„Wo fahren wir hin?“ fragte sie ihn genervt, als sie den Parkplatz verließen. „Nach rechts, ich führe Sie hin.“ Nach einer Viertelstunde überkamen sie Zweifel. Sie hielt am Straßenrand an und weigerte sich weiterzufahren so lange er ihr nicht verriet wo sie hinfuhren. Seine Geduld war langsam am Ende und er zog seine Waffe und hielt sie auf sie gerichtet.

„Agent Scully, das hier kann vollkommen glimpflich für Sie und das Baby auslaufen oder aber auch extrem tragisch. Das liegt ganz bei Ihnen. Und jetzt fahren Sie weiter bis ich Ihnen sage, dass Sie anhalten sollen. Haben Sie das verstanden?“

Na prima. Scully verfluchte sich für ihre naive Dummheit diesem skrupellosen Kranken vertraut zu haben. In Gedanken versuchte sie sich eine Strategie zu überlegen, sich aus dieser Situation zu befreien, doch während der ganzen Fahrt beherrschte sie die Angst vor dieser Waffe, die unaufhörlich auf ihr Baby gerichtet war.

Als sie eine Stunde später in der Nähe von Baltimore ein verlassenes Fabrikgelände ansteuerten, erwachte in ihr wieder die Hoffnung, dass er sie doch an einen Ort führen würde, an dem sie Informationen erhalten würde.

Doch als sie an dem Eingang des dunklen riesigen Geländes anhielten und ausstiegen, zerschlug sich diese Hoffnung wieder. Es war vollkommen finster auf dem Gelände, hier war überhaupt nichts. Und sie spürte einen harten Schlag auf ihren Kopf, bevor sie bewusstlos zusammensackte.

 

Sechs Stunden später, Skinners Büro

Mulder biss sich nervös auf die Unterlippe. Wo war sie nur? Er hatte überall nach ihr gesucht. Sie hatte ihn nicht angerufen und sie war auch nicht in ihrer Wohnung gewesen. Ihre Sachen lagen noch in Quantico und sie hatte dort alles anscheinend recht kurzfristig und überstürzt verlassen.

Ihr Auto war verschwunden. Es musste etwas passiert sein.

Seine Finger fühlten sich taub an vor Sorge um sie. Wäre er doch mit ihr ins Labor gefahren! Warum hatte er sich von ihr davon abhalten lassen?
Skinner machte ebenfalls einen sehr besorgten Eindruck. „Ihr Handy scheint ausgeschaltet zu sein, doch das letzte Mal, dass wir es mittels GPRS orten können, ist sie im Norden Washingtons gewesen. Das hier sind Ausdrucke der Bilder, die die Überwachungskameras des FBI-Labors auf dem Parkplatz geschossen haben. Wir versuchen gerade herauszufinden, ob ihr Wagen irgendwo aufgetaucht ist.“
Mulder sah sich die Bilder an. Es war dunkel gewesen und man konnte nicht einmal sicher erkennen, ob es sich bei der einen Person um Scully handelte, wie sollte man dann die andere Person erkennen, die neben ihr stand? Er konnte nur sehen, dass sie um einiges größer war als Scully, also war es sicherlich ein Mann. Aber das war nicht gerade hilfreich.
In Mulders Augen lag der Ausdruck verzweifelter Hilflosigkeit und Wut als er schließlich aufstand und aus dem Büro stürmte, so dass die Tür hinter ihm laut ins Schloss fiel. Er konnte nicht einfach nur dasitzen und warten. Er musste etwas tun, er musste sie finden!
Er verließ mit schnellen Schritten das FBI-Gebäude und ging zu seinem Wagen. Er wusste nicht, wo er hinfahren sollte, aber er musste in Bewegung bleiben, sonst würde er wahnsinnig werden. Als er seine Wagentür aufschloss, bemerkte er, dass jemand einen weißen Umschlag auf seinen Beifahrersitz gelegt hatte. Er drehte sich um und sah wie ein aufgescheuchtes Tier um sich. Doch niemand schien da zu sein.
Voller Neugier auf den Inhalt des Umschlags setzte er sich in sein Auto und riss das Kuvert auf. Eine Visitenkarte fiel heraus. Auf ihr war nur in grauen feinen Buchstaben eine Adresse in New York abgedruckt.
Kein Name, keine Telefonnummer, nichts. Warum sollte sie dort sein? Er warf die Visitenkarte enttäuscht in sein Handschuhfach und schmiss es kraftvoll zu. Das war eine Spur, die er ein anderes Mal verfolgen würde. Jetzt musste er sie finden.

Zur selben Zeit auf dem alten Fabrikgelände der Firma Datacore in der Nähe von Baltimore

Scully wachte auf. Sie hatte einen trockenen Mund und ihre Augen tränten und ihren Hinterkopf durchbohrten stechende Schmerzen. Sie richtete sich vom Boden auf und sah sich um. Sie saß in einem alten Büro, wie es schien. Überall hingen Kabel aus den alten schmutzigen, ehemals grauen Wänden. Der Fußboden war kalt und mit dunkelgrauem Linoleum bedeckt. Sie fröstelte.
In der Ecke stand ein alter Schreibtisch aus hellem billigem Holz. Ein paar lose vergilbte Notizblätter flogen herum. Die Lampe über ihrem Kopf flackerte und ihre Kopfschmerzen wurden in dem trüben schummrigen Licht nur noch schlimmer.

Rasende Wut kochte in ihr hoch. Sie hatte keine Ahnung wo sie war. Und ihr Handy hatte ihr Krycek offensichtlich weggenommen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich wieder auf den kalten Fußboden zu setzen und zu warten während die eiskalte Wut auf sich selbst in ihr rumorte. Wieso hatte sie sich bloß auf Kryceks Spiel eingelassen? Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch und lehnte den Kopf gegen die schmutzige Wand. Es würde einen Ausweg geben. Sie würde hier lebend herauskommen.

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Krycek verließ das Labor unter dem Büro in dem Scully sich befand. Es befand sich auf einer niedrigen Zwischenetage und lief vorbei an den unzähligen Türen, die alle durch Sicherheitscodes blockiert waren.
Außer ihm war hier niemand auf dem Flur, sie alle befanden sich jenseits dieser schweren Türen. Es war eine ehemalige Forschungseinrichtung der Regierung. Hier waren in den Siebzigern die ersten Vorläufer der Nanobots entwickelt worden, die an Kindern in verschiedenen Staaten getestet worden waren.

An Kindern in fast jedem US-Bundesstaat. Auch an dreizehn Kindern in Massachussetts. Es war kein Zufall gewesen, dass Mulder eines dieser Kinder war. Sein Vater hatte es so gewollt. Und als der damalige Chef dieser Laboreinheit hatte er schließlich die Berechtigung dazu gehabt.

Es war die blanke Ironie, dass ausgerechnet in diesen Labors, in denen die Alien-Invasion so tapfer aufzuhalten versucht worden war, nun dieses Konzentrat in seinen Händen vervielfältigt wurde. In Kanada hatten sie es bereits vor kurzem erfolgreich bei einem kleinen Mädchen eingesetzt. Sara war sein Name gewesen. Es war das erste Kind gewesen, das nach einer erfolgreichen Nanobot-Beimpfung gesund zur Welt gekommen war. Zum damaligen Zeitpunkt hatte er noch auf der anderen Seite im Auftrag der Schattenregierung gearbeitet. Er selbst hatte damals das Geld auf das Konto des Gynäkologen überwiesen, der der Mutter diese Eisenpräparate verschrieben hatte, damit die Nanobots sich teilen konnten.
Ihm war es aber gleich, dass das Kind schließlich doch gestorben war. Es war sowieso nicht immun gewesen. Seine Ermordung war nur eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen.

Er nickte dem merkwürdig stillen Labormediziner, der ihm die Türe von einem Raum hinter Glas aus öffnete, ausdruckslos zu und verließ die Etage. Es war Zeit, dass Mulder herkam. Die Aufregung unter den anderen hier unten war kaum noch zu ertragen. Sie wollten endlich den einen Menschen vor sich haben, der Purity dort oben so hartnäckig getrotzt hatte.

Sobald Mulders Nanobots inaktiviert waren, würde er wie ein Kartenhaus vor ihnen zusammenfallen. Und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er sterben würde und sie ihn endlich untersuchen konnten. Er drückte auf den Knopf des Fahrstuhls, fuhr eine halbe Etage höher aus dem High-Tech-Labor zurück in diese Büro-Geisterstadt. Wenn das Kind in ihr Mulders Kind war, würde es auch sterben müssen.

Scully hörte wie sich ihr Schritte näherten. Krycek schloss die Türe auf und betrat den Raum. Hier stank es nach Rattengift. Scully sprang als sie seine Umrisse vor dem grellen Licht, das aus dem Flur hereinschien, erkannte, auf und funkelte ihn zornig an.
„Was wollen Sie?“ fragte sie ihn eindringlich und ein bedrohlicher Unterton lag in ihrer Stimme. Er fragte sich woher sie in diesem Augenblick all die Selbstsicherheit und Ruhe hatte, ihn in diesem Ton anzusprechen. Doch Scully war längst nicht so sicher und ruhig wie sie nach außen hin wirkte. Im Stillen betete sie, dass Mulder sie finden würde und jeden Moment mit seiner Waffe in den Händen hereinstürmen würde. Doch ihr Verstand machte ihr klar, dass er gar nicht wissen konnte wo sie war. Sie sah Krycek fest in die Augen. Doch sie sah in zwei tiefe, schwarze, leere Löcher, denn kein Funken Menschlichkeit schien sich hinter diesen Augen zu befinden und ihr wurde kalt.
„Ich möchte Ihnen einen Handel vorschlagen. Wir kriegen Mulder und Sie dürfen Ihr Baby behalten.“
Ihr Kind würde er ein anderes Mal verschwinden lassen. Doch er wusste einer von beiden würde auf diesen Handel eingehen.

„Darauf wird er nicht eingehen, das können Sie vergessen!“ „Das werden wir gleich herausfinden!“ Er fischte ihr Handy aus seiner Tasche und hielt es ihr hin. „Rufen Sie ihn an.“ Sie riss mit einem abfälligen Blick in seine Richtung das Handy aus seinen knochigen feuchten Fingern und schaltete es an.
Sobald sie den Pincode eingegeben hatte, nahm er es ihr wieder ab und rief ihr Telefonbuch auf um Mulder selbst anzurufen. Daraufhin ließ er Scully wieder alleine in ihrem Zimmer und wartete auf das Freizeichen.

„Scully?“ Sein Handy hatte geklingelt, als er gerade wieder den Zapfhahn in die Tanksäule eingehängt hatte. Als er auf dem Display Scullys Nummer gesehen hatte, war er voller Hoffnung, dass es ihr gut ging, dran gegangen. Doch die Stimme am anderen Ende der Leitung beruhigte ihn nicht im Geringsten, im Gegenteil, eine beißende Übelkeit kroch in ihm hoch, als er erkannte wer da am anderen Ende von ihrem Telefon aus anrief.

Angst kroch ihm den Nacken hoch. Krycek hatte sie? Was wollte er von ihr?
„Agent Mulder, schön, dass Sie wieder wohlbehalten zurück sind.“ „Hörn Sie auf mit dem Quatsch, sie widerliche Qualle, was wolln Sie?“ schrie Mulder blass vor Wut in sein Handy. „Ich will, dass es Scully gut geht, das wollen Sie sicher auch. Sie wollen doch ihrem Mutterglück sicher nicht im Wege stehen, oder?“ Mulder wusste, dass das hier auf einen Handel hinauslaufen würde. Doch er war bereit alles dafür zu geben, so dass sie und ihr Kind wohlbehütet da rauskamen. Und dann würde er – das schwor er sich in diesem Moment – nie wieder einen Millimeter von ihrer Seite weichen. „Also, Alex, jetzt schießen Sie schon los!“ „Ich will Sie, Agent Mulder!“

Diesen Handel hatte er nicht erwartet! Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und versuchte, zu verarbeiten, was da gerade von ihm gefordert wurde. Doch schließlich hatte er keine Wahl. Er musste darauf eingehen.
„Also schön, sie seelenlose kleine Ratte, wo soll ich hinkommen?“ Er würde schon irgendwie einen Ausweg finden, das wusste er. „Datacore-Gelände, 22:00 Uhr. Alleine versteht sich.“

Mulder legte auf und fuhr in seine Wohnung zurück. Datacore! Das hatte er schon einmal gehört. Er setzte sich an seinen Computer und schickte eine e-Mail an seine drei verrückten Freunde. Eine Stunde später saßen sie in seiner Wohnung und sahen ihn fassungslos an.
„Man, Du siehst ja besser aus als vorher! Haben die Dir da oben noch ein Lifting verpasst?“ Sie waren alle drei sichtlich erleichtert, dass er zurück war. Doch irgendetwas bedrückte ihn. Und nachdem er gnädig über ihre Scherze mitgelacht hatte, wurde er ernst und erzählte ihnen, was passiert war.
„Dieses lästige Ungeziefer“, brummte Frohike unter seinem Dreitagebart hervor. In Mulder vibrierte der Hass, doch er schluckte ihn hinunter und schlug gegen den Türrahmen um nicht verrückt zu werden.
Würde das denn nie enden? Würde er für immer gejagt werden? Als Scully ihm vom Tod des Rauchers erzählt hatte, war er tatsächlich so naiv gewesen darauf zu hoffen, dass es nun besser werden würde.
„Was wisst Ihr über Datacore?“ lenkte er sich schließlich von seiner Wut ab. Die Lone Gunmen warfen sich Blicke zu. Hatte Scully ihm schon von den Experimenten erzählt, die man an ihm seit seiner Kindheit durchgeführt hatte? Sie wollten sich nicht verplappern und erzählten die Geschichte daher so, dass sie diese winzige Information einfach ausließen.

„...aber seit letztem Jahr stehen die Labors angeblich leer. Niemand arbeitet da noch an dem Projekt. Hält diese glitschige Schlange sie dort etwa versteckt?“ Mulder fuhr sich durch die Haare. Er war sich sicher, dass dort im Herzen dieses Komplexes Labors waren. Warum sonst wollte Krycek ihn dort? Für welche Seite arbeitete dieser Schweinehund nur?
Doch es schien ohnehin einerlei. Kryceks Methoden kannten den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht. Mulder war nicht einmal mehr sicher, ob er ihn kannte.
„Könnt Ihr mir einen Plan des Geländes besorgen?“ Irgendwie musste er dort wieder wegkommen. Er würde den Handel durchziehen, er wollte mit eigenen Augen sehen, was dort vor sich ging. Doch vorher musste er sicher sein, dass Scully frei kam.

22:00 Uhr

Scully saß auf dem Boden und fror. Sie hatte Hunger und Durst und zitterte vor Kälte. Ihr Hass auf Krycek war grenzenlos und sie schwor sich ihn bei der nächsten Gelegenheit umzubringen. Wieder hörte sie seine festen, harten Schritte näher kommen und sah wie im Flur das Licht anging.

Mulder hatte sich von den Lone Gunmen und Skinner, der darauf bestanden hatte mitzukommen, getrennt. Sie warteten in ihrem VW-Bus ein paar hundert Meter entfernt und würden Scully in Empfang nehmen, wenn sie mit ihrem Wagen an ihnen vorbei fahren würde.
Er hatte sich verkabeln lassen und durch eine kleine Mikrokamera ging er sicher, dass seine vier Begleiter zumindest visuell bei ihm waren und er nicht vollkommen verloren diesem Handel ausgeliefert war.
Er sah wie in der Ferne hinter dem rostigen Tor, auf das er zuging, ein kleines Licht anging und zwei Personen aus einer Tür heraustraten. Er wusste sofort, dass die kleine Person Scully war und war froh zu sehen, dass es ihr gut zu gehen schien.

Krycek ging sehr dicht hinter ihr und setzte sich mit ihr ins Auto. Sie fuhren direkt auf Mulder zu, der mittlerweile vor dem rostigen Tor wartete. Es öffnete sich quietschend und Scullys Wagen hielt an. Krycek stieg aus und ging direkt auf Mulder zu, der jedoch nur Augen für Scully hatte, die ihn durch ihr Autofenster ansah.

Ihre Blicke trafen sich und es war als würden ihre gerade verschmolzenen Seelen schmerzlich auseinander gerissen.
Sie begriff nun endlich, was der Hintergrund dieser ganzen Aktion gewesen war. Mulder lieferte sich an Krycek aus, damit sie frei kam. Als sie langsam weiterfuhr und Mulder von Krycek mit schnellen Schritten auf das Gelände mitnahm, war es ihr als hätte sie ihr Herz dort bei ihm gelassen. Sie fühlte sich kraftlos und es fiel ihr schwer überhaupt von ihm weg zu fahren. Doch sie wusste, eine falsche Bewegung und Krycek würde Mulder erschießen.
Sie traute diesem gewissenlosen Widerling alles zu. Er hatte seine Seele schon lange verkauft.
Inständig betete sie, dass sie irgendwie einen Weg finden würde ihn da raus zu holen. Es konnte einfach nicht sein, dass sie ihn wieder verlor! Würde das denn nie ein Ende finden?

Als sie um die Ecke bog, sah sie überrascht einen blinkenden VW-Bus, der an der Straßenseite stand. Er kam ihr irgendwie bekannt vor und der untersetzte kleine Mann mit dem komischen Cowboyhut, der davor kniete und scheinbar einen Reifen wechselte, der überhaupt nicht platt war, kam ihr ebenfalls sehr bekannt vor. Sie war erleichtert. Sie hatten ihn nicht im Stich gelassen. Sie hielt ebenfalls rechts an und begrüßte Frohike.

Mulder lief neben Krycek durch den langen Flur des alten geisterhaften Komplexes. Das Gebäude war offensichtlich lange nicht mehr benutzt worden, die Wände waren schmutzig und grau und in den Ecken breitete sich Schimmel aus, von den tropfenden Rohren in den Wänden. Kabel hingen überall aus den Wänden und Rattenfallen standen fast in jedem Raum. An einigen Stellen stand noch ein leeres Regal oder ein alter Stuhl. Hier und da flogen vergilbte Blätter herum. Es war offenbar ein vollkommen normales Büro gewesen. Er war gespannt wohin Krycek ihn führte.

Als der Aufzug sich vor seinen Augen öffnete, staunte er nicht schlecht über die moderne Ausstattung darin. Er trug sie sanft und vollkommen geräuschlos ein paar Stockwerke höher und als sie schließlich in einer Art Zwischenetage, an die sich Mulder vom Geländeplan als „Maschinenräume“ erinnern konnte, ankamen, verschlug es ihm die Sprache. Ein langer greller, weißer Flur erstreckte sich in beide Richtungen scheinbar endlos. An der Decke lief eine grelle Neonlichtleiste entlang und an den Türen, die sich an der Innenseite aneinander reihten, waren merkwürdige farblose und doch irgendwie metallische Boxen angebracht, die rot blinkten. Mulders Augen konnten sie kaum erfassen, sie schienen aus einer Art Plexiglas zu sein und doch schimmerten sie wie Aluminium. Alex ging direkt mit ihm auf eine der Türen zu und legte seine Hand auf ein Feld in der Mitte einer der Boxen. Ein tiefes dumpfes Surren erklang und das Licht blinkte blau. Die Türe schob sich vor ihnen geräuschlos auf und sie glitten hindurch in eine Art Schleuse.

Hier war es ein paar Grade kälter und es roch nach Plastik und Desinfektionsmitteln. Was würde nun passieren? Mulder wurde nervös. Vor ihnen öffnete sich eine weitere Tür. Sie glitt ebenfalls geräuschlos auf und dahinter stand ein Schrank, der sich öffnete sobald Krycek seine Finger darüber gleiten ließ. Er holte ein weißes Hemd heraus und warf es Mulder zu. Links von ihnen öffnete sich wieder eine Tür und eine Art Bad mit Aluminiumverkleidung tat sich vor ihm auf. Krycek sah ihn gefühllos an. „Ausziehn!“ sagte er ohne jegliche Betonung und sah auf das weiße Hemd in Mulders Armen.
Mulder stutzte. Würden sie ihn jetzt einfach so hier in Stücke zerlegen? „Was denn, gar kein Vorspiel?“ versuchte er seine Angst mit einem Witz zu überspielen. Doch Krycek sah ihn nur stumm an und die Tür zwischen ihnen glitt wieder zu.
Mulder sah sich um, gab es hier nirgends einen Ausweg? Er drehte sich, so dass seine heimlichen Begleiter durch die Kamera alles sehen konnten. Doch der Raum schien nicht einmal Ecken zu haben. Er schien formlos zu sein, wie eine Gummizelle. Nur war er komplett mit Metall verkleidet. Das Licht schien von den Fußleisten aus nach oben und über seinem Kopf waren Düsen, die jederzeit Wasser auszuspeien bereit schienen. Vier Türen befanden sich an jeder Wand und er ging auf jede zu, doch sie hatten weder Griffe, noch Knöpfe, noch öffneten sie sich wenn er sich ihnen näherte. Es blieb ihm nichts anderes übrig als seine Sachen wirklich auszuziehen und sich dieses weiße Hemd überzuziehen. Mit einem resignierten Seufzer legte er die Klamotten mit der Mikrokamera zusammen ab.

Eine Minute später glitt eine der Türen wieder auf. Mulder hatte bereits die Orientierung verloren durch welche er hinein gekommen war. Ein Labormediziner kam herein und nickte ihm zu. Er folgte dem merkwürdig stillen Mann durch eine weitere Schleuse, als er plötzlich durch einen weißen, grellen Lichtblick, der auf sie zugerollt kam, geblendet wurde. Ihm wurde schwindelig und sein Magen drehte sich. Er verlor die Orientierung und fiel zu Boden. Ein hohes Kreischen durchfuhr seinen Kopf und lähmte ihn, so dass er einen Augenblick das Bewusstsein verlor.

 

Ungefähr vierhundert Meter entfernt bekamen es seine heimlichen Begleiter mit der Angst zu tun. Scully sah kreidebleich und voller Schreck zu Skinner hoch, der sichtlich beunruhigt und überhaupt nicht amüsiert über die Vorkommnisse war.

„Sir, Sie müssen da rein! Er kommt dort nicht mehr lebend heraus!“ Sie klang aufgebracht und legte ihre Hand auf seinen Arm, damit er spürte wie ernst ihr es war.
So weit war ihm das ebenfalls klar. Doch er hatte keine Ahnung wie er Mulder dort herausholen sollte. Die Labors schienen hermetisch abgeriegelt zu sein. Er könnte den gesamten Komplex mit Hubschraubern und einer riesigen Einsatztruppe umstellen lassen. Doch er wusste überhaupt nicht mit wem sie es dort zu tun hatten. Das hier sah alles aus, als würde eine große Lobby hinter diesem Labor stehen. Wer wusste schon, in was für ein Regierungskomplott Mulder da nun wieder hereingerutscht war?

Er sah hilfesuchend die Lone Gunmen an, die bereits begonnen hatten ihre Laptops einzupacken und sich gegenseitig zu verkabeln. Für sie war es klar, dass sie dort hinein mussten und Mulder retten mussten. Und wenn es sie ihr Leben kosten würde.

Scully machte sich bereit ihnen ebenfalls zu folgen und griff zu Mulders Waffe, die er in dem Bus hatte lassen müssen. Doch Skinner hielt sie auf.
„Agent Scully, das hier ist nichts für Sie. Sie müssen hier bleiben. Sie müssen Verstärkung holen, wenn das in die Hose geht. Ich werde mit den Dreien mitgehen.“ Sie wusste dieses Mal musste sie wirklich zurückbleiben. Der Ausdruck in Skinners Augen zeigte ihr die Endgültigkeit dieses Beschlusses. Er legte seine Hände auf ihre Schultern. „Wir werden ihn da raus holen!“ versicherte er ihr eindringlich und folgte dann mit einem sehr unguten Gefühl den drei Schützen in die dunkle Nacht. Scully starrte auf den Bildschirm, der seit einer halben Stunde nur noch die dunkle, graue Decke dieses merkwürdigen Badezimmers zeigte, in dem der Kontakt zu Mulder abgebrochen war. Sie wusste, wenn das hier glimpflich ausgehen würde, dann würde sie ihn nie wieder alleine gehen lassen. Sie würde all diese immer wiederkehrenden Bedrohungen und Verlustängste nicht noch einmal durchmachen können. Es würde ihr den Verstand rauben.
Hätten sie doch gestern Abend nur dieses Telefon ignoriert!


Als er wieder erwachte, lag er auf einem kreisrunden Metalltisch. Weißes Licht schien von oben auf ihn herab. Es wirkte wie ein OP-Saal auf ihn. Die Wände waren in demselben Metall verkleidet wie dieses Badezimmer, in dem er sich umgezogen hatte. Das übrige Licht im Raum schien ebenfalls aus Fußleisten nach oben zu scheinen und es wirkte als gäbe es nach oben hin keine Begrenzung des Raumes. Er konnte keine Decke sehen. Er starrte auf den Beistelltisch aus weißem Kunststoff neben sich. Metallstifte und Röhrchen, so wie eine Menge Tupfer lagen darauf herum. Sie würden anscheinend tatsächlich anfangen ihn lebend auseinander zu pflücken. Um seine Füße und seine Arme hatten sich kalte Metallschnallen gelegt, die ihn auf dem Tisch festhielten. Im Raum standen fünf Labormediziner. Sie schienen alle gleich auszusehen. Waren das Klone?

Da erkannte er Krycek, ganz ungewohnt ebenfalls in Weiß gekleidet, der mit einer Spritze in der Hand auf ihn zukam. Eine klare Flüssigkeit war darin erkennbar. Panik zuckte durch seinen Körper und sein Herz begann schneller zu schlagen.

Was würde man ihm spritzen? Würde es ihn töten? War das das Ende? Er fühlte wie ihn Todesangst überkam und er schreien wollte, doch der Schrei erstickte in seiner Kehle.
Er musste daran denken, dass sie wenigstens frei war. Sie würde leben und ihr Baby bekommen.
Das war das Einzige, was ihm in dieser Sekunde Hoffnung gab und er klammerte sich mit jeder Faser seines Körpers daran fest, als er den kleinen Einstich der Kanüle in seinen Oberarm spürte. Die Versammlung im Raum sah eine Minute gebannt auf ihn und verließ dann nach gegenseitigem Zunicken den Saal.

Krycek starrte ihn noch einen Augenblick an und drehte sich dann ebenfalls ohne ein Wort zu verlieren von ihm weg.

Es war so unwirklich. Es schien als hätte etwas aus all diesen Menschen das Leben ausgesaugt und sie würden nur noch von einer inneren Maschinerie bewegt werden. Mulder sah in das grelle Licht über sich. Warteten sie jetzt darauf, dass er an diesem Zeug sterben würde?
Er konnte überhaupt nichts fühlen. Es brannte ein wenig in seiner Schulter. Doch es hatte ihn nicht getötet. Noch nicht. Er wusste von Scully, dass die Substanzen, die man in die Muskeln spritzte, eigentlich recht schnell wirken. Er wartete.
Doch nichts geschah. Vielleicht merkte er überhaupt nicht, dass mit ihm etwas passierte. Nervosität überkam ihn langsam. Wenn es ihn töten würde, warum musste er dann so lange darauf warten? Warum war es so eine Qual? Was immer es war, er wünschte, es würde schnell vorbei gehen.
Doch wieder geschah nichts. Und Mulder beschloss seine Augen einfach selbst vor diesem grellen Licht zu schließen und sich auf sein Innerstes zu konzentrieren. Dann würde es vielleicht einfach geschehen und er würde es gar nicht merken. Er fühlte wie eine Träne seine Wange benetzte und die kühle Luft darüber strich.

Langley hackte auf dem Laptop herum. Die Drei saßen alle in dem Aufzug, den sie mittlerweile deaktiviert hatten, und überlegten fieberhaft wie sie den Code knacken konnten, so dass der Fahrstuhl sie in diese Zwischenetage bringen würde. Skinner durchsuchte gerade das Gebäude nach einem alternativen Zugang, nach Treppen. Dem Plan zufolge musste irgendwo ein Treppenhaus sein. Doch dann musste das nicht heißen, dass es darüber auch einen Zugang zu der Zwischenetage geben würde.

Die Köpfe der Drei rauchten. Sie hatten es hier mit einer hochentwickelten, vollkommen computergesteuerten Technologie zu tun. Und sie hatten keine Ahnung wie sie diesen Aufzug dorthin bewegen sollten, wo sie hinwollten. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Wenn es in den nächsten Minuten nicht weiterging, würden sie überlegen müssen sich mit Gewalt Zugang zu verschaffen.

Sie gaben Scully ein Zeichen über die Kameras, so dass sie wusste, dass es in fünf Minuten Zeit für Plan B werden würde.

Scully sah das resignierte Kopfschütteln Frohikes auf dem Bildschirm vor ihren Augen. Skinner hatte ihr eine Nummer hinterlassen, die sie anrufen sollte, falls irgendetwas schief gehen würde. Sie wusste, das hier war das Zeichen, dass es langsam ernst wurde. Sie hasste es hier so inaktiv und hilflos vor den Bildschirmen in diesem kleinen Bus sitzen zu müssen. Mulders Bildschirm zeigte noch immer stumm die farblose Decke des Badezimmers. Warum passierte denn nichts?

 

Warum passierte nichts...

Genau diese Frage stellte sich Mulder zum selben Zeitpunkt. Er öffnete wieder die Augen, als er ein Geräusch wahrnahm. Krycek betrat zusammen mit zwei dieser seltsamen Klon-Laboranten den Saal. Er schien sichtlich irritiert als er Mulder wach und lebendig vorfand.
Das gab Mulder Kraft. Er grinste leicht.

„Ganz schön billigen Stoff haben sie Dir da verkauft, Alex. Ich würde an Deiner Stelle mal ein Wörtchen mit dem Dealer reden.“ Kryceks Faust, die voller Wucht seine Wange traf, machte ihm deutlich, dass er keinen Spaß zu verstehen schien. Einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen, doch er hielt sie aufgerissen und sog tief die Luft durch die Nase ein, um den brennenden Schmerz auf seiner Wange zu vertreiben. Immerhin wusste er nun, dass Krycek nicht damit gerechnet hatte ihn in diesem Zustand vorzufinden.
Er spürte wie sein Gegenüber sich anspannte. Sein Blick fror ein und es schien als würde der Tod persönlich an Kryceks Füßen hochkriechen. Das Blut staute sich in seinen Adern und er bebte leicht. Er machte einen Schritt auf Mulder zu, der das Gefühl hatte, eine unsichtbare Kraft würde ihn zu Krycek ziehen.

Mulders Brust hob sich vom Tisch, er konnte es nicht kontrollieren und er hatte das Gefühl Krycek würde ihn einsaugen wollen. Der leblose Körper dieses plötzlich vollkommen fremden Wesens, das in Krycek hervorquoll, beugte sich über ihn und seine Augen sahen ihm schwarz und ausdruckslos ins Gesicht.

Mulder glaubte diese Schwärze schon einmal gesehen zu haben. In sich selbst, vor sehr kurzer Zeit. Er hielt diesem Blick mit aller Kraft stand während seine Gedanken sich an die Hoffnung klammerten, die er nun in Scully und seine anderen Begleiter setzte. Er vertraute ihnen, er wusste sie würden alles in ihrer Macht stehende tun um ihn zu retten. Und er wusste er würde durchhalten.
In ihm rebellierten seine Kräfte, er fühlte wie das Blut in seinen Adern kochte und brodelte und wie das Leben durch ihn hindurchpulsierte je näher Krycek ihm kam.

Er hörte ein metallisches Hauchen und seine Trommelfelle vibrierten dumpf und dröhnend, dass es sein Hirn darin eintauchte. Plötzlich schien er nur noch Weiß zu sehen und es war ihm als reiße seine Brust auf und ein greller Blitz schieße daraus zur Decke um alles um ihn herum im Licht zu ertränken. Er fühlte nur noch die Kraft, die ihn überkam.

Krycek beugte sich immer näher über Mulder und spürte das Würgen, das in ihm heraufkroch, das immer stärker wurde und seinen Körper nun fast ganz beherrschte. Doch er fühlte auch etwas anderes: den Sog, der von Mulder ausging. Es war als ziehe eine unsichtbare Kraft an seinem Körper. Angst überkam ihn.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er die Furcht vor dem Tod.
Purity kroch durch seine Adern und er fühlte die zähe Hitze, die unter seiner Haut wie Lava brannte. Er riss seinen Mund auf und ihm entfuhr ein gellender grausamer Schrei tiefster Furcht, als er fühlte wie Purity aus ihm herausschoss.

Das schwarze Öl floß in Strömen aus Krycek während sich sein Körper vor Schmerz über Mulder krümmte und er sich mit aller Kraft am Tisch festklammerte. Es war als durchbohrten tausende von Nägeln seinen Körper und als löse sich sein Herz auf.

Die unsichtbare Kraft saugte ihn über Mulder gebeugt fest und er spürte das Öl, das sich durch seine Ohren und durch seine Augen den Weg in die Freiheit suchte. Seine Kräfte verließen ihn und die schwarze Leere, die aus seinem Körper glitt, schien dort, wo andere eine Seele hatten, nur eine graue Wüste zu hinterlassen.

Die Metallbügel, die sich um Mulder klammerten, öffneten sich in dem Augenblick größter Kraft, in dem Mulders Körper sich aufbäumte und sein Kopf von der Wucht des Schreis, der ihm entfuhr, nach hinten geworfen wurde und gegen den Tisch schlug. Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Pupillen waren fast verschlossen, so hell war das Weiß, das ihn umgab. Es fühlte sich an als würde sein Herz auf das Vierfache anschwellen.

Ein anderer gellender Schrei, der aus der Ferne kam und wie Eis durch den Raum schnitt, schien wie Glas in der Mitte des Raumes über ihm zu zerspringen. Das metallische Hauchen schwebte nun über seinem Kopf.

Es war Purity, das aus Krycek herausgespien wurde und sich über Mulder wie ein schwarzes Loch zusammenballte und alle Energie um sich herum einsog.

Er hatte das Gefühl die unsichtbare Kraft in ihm würde ihn zerreißen. Doch in dem Moment, in dem das Weiß Mulders Sinne vollkommen umhüllt hatten, zog sich das schwarze Loch noch einmal zusammen und explodierte dann über Mulders Körper mit einem lauten grässlichen Kreischen wie tausend verstimmte Geigen, die aus dem Licht zu fallen schienen. Finsternis breitete sich aus. Über Mulder ergoss sich heißer grauer Regen wie stumpfes Quecksilber, der auf seiner glühenden Haut verdampfte und eine schreckliche Totenstille hinterließ.

Mulder sank benommen und kraftlos auf den Tisch zurück und jede Muskelfaser in ihm schien zu zittern. Er hatte kein Zeitgefühl, doch als seine Sinne zurückkehrten und seine Augen wieder Schatten wahrzunehmen begannen, richtete er sich langsam auf und sah Krycek im Schein der noch leicht flackernden Lampe über ihm neben seinem Tisch liegen. Er hatte die Augen geöffnet und starrte an die Decke. Er lebte. Doch die Anderen waren verschwunden. Mulder kletterte von dem Metalltisch.

Das Licht zuckte und warf unheimliche Schatten auf den Boden. Es war still. Er beugte sich über Krycek, der noch immer benommen in die Leere sah. Mulder versuchte seine Beine in den Boden zu stemmen. Seine Knie zitterten noch. Er sah die Metallstifte auf dem Plastiktisch liegen.
Ein Bild von einem glänzenden Edelstahldorn, der sich seinem Gesicht näherte, durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er konnte förmlich den Schmerz spüren, den die Spitze ausgelöst hatte, als sie sich in seinen Kopf gebohrt hatte. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Narbe an seinem Gaumen. Seine zitternden Hände griffen nach dem größten Dorn und er sah hinunter zu Krycek, der langsam wieder zu begreifen schien wo er war.

Krycek fühlte den Tod in sich. Purity hatte ihn verlassen und sein Herz schlug nun nur noch, weil sein Gehirn es von ihm verlangte. Er bestand nur noch aus seinem Körper und das einzige Gefühl, das ihn erfüllte, war der kalte zähe Fluss des Bluts in seinen Adern. Doch als er den Ausdruck auf Mulders Gesicht erkannte, packte ihn das Grauen, das er in seinem Leben schon so vielen Leuten angetan hatte. Seine Gliedmaßen waren gelähmt, er konnte sich nicht wehren und fühlte wie sich sein Herz vor Panik verkrampfte.

Doch der Blick des Mannes, der sich über ihn beugte und die Metallspitze voller Kraft in sein Herz bohrte war endgültig und voller Hass.

Dieser ganze Hass ergoss sich durch diesen Dorn über seinen Körper und füllte jede Zelle in ihm mit der grausamen Finsternis und Leere des Todes, aus dem es für ihn kein Entrinnen mehr gab. In dem Moment als seine Sinne ihn verließen und er die schwarze Stille in sich fühlte, sah er in die Hölle, die er all den Menschen in seinem Leben auf Erden bereitet hatte.

Mulder erhob sich und sah auf den sterbenden Körper Kryceks herab. Erleichterung schlich sich langsam und noch schüchtern in sein Herz. Seine Muskeln hörten auf zu zittern und er atmete tief durch.

 

In diesem Augenblick fuhren die drei einsamen Schützen gerade im Aufzug in die Zwischenetage. Sie hatten gerade den Computer resigniert zuklappen wollen und hatten sich bereit gemacht, Scully das Zeichen zu geben, als das Licht über ihren Köpfen ausgegangen war. Einen brummenden Ton später war es wieder angegangen und der Aufzug hatte sich in Bewegung gesetzt. Allerdings war er mit ihnen in den Keller gefahren, wo er sich erneut abgeschaltet hatte. Doch mit Taschenlampe und Byers Genialität hatten sie dieses Mal ein leichteres Spiel gehabt das System anzuzapfen. Sie hatten vermutet, dass sich nach dem kurzen Stromausfall eine Art Notsystem eingeschaltet hatte, das wesentlich leichter zu überwinden gewesen war als das Hochsicherheitssystem, dessen Funktionsweise sie nicht einmal hatten durchschauen können. Nun würden sie gleich in der Zwischenetage ankommen.

Skinner hatte den Stromausfall ebenfalls mitbekommen. Er hatte sich gerade wieder auf den Rückweg zu den Aufzügen gemacht. Nirgends auf dem Gelände befand sich ein Treppenhaus, das ihm den Zugang zu den Labors hätte verschaffen können. Nach dem Stromausfall hatte er seine Schritte beschleunigt und über sein Funkgerät versucht  Kontakt mit den anderen Drei aufzunehmen, doch die Verbindung war unterbrochen. Er wusste er konnte alleine nichts ausrichten. Zu Scully konnte er ebenfalls keinen Kontakt aufnehmen und entschied sich daher sich auf den Weg zurück zum Van zu machen. Er würde wohl doch ein Einsatzkommando rufen müssen.

Scully hatte von alledem nichts bemerkt. Das Gebäude hatte nach außen hin ohnehin die ganze Zeit den Eindruck gemacht, es würde leer stehen. Kein einziger Lichtstrahl drang aus seinem Kern nach außen. Doch sie hatte voller Bestürzung den Zusammenbruch der Funkverbindung registriert als sämtliche Bildschirme vor ihr schwarz geworden waren.
Dieser Zusammenbruch hatte sie endlich von ihrer Hilflosigkeit befreit, denn nun musste sie das Gelände betreten um herauszufinden, was dort vor sich ging. Sie rannte gerade, so schnell es ihr möglich war, den Hügel hinunter auf den Zaun zu, durch den sich die anderen Zutritt auf das Gelände verschafft hatten und kletterte zwischen dem verbogenen, rostigen Stacheldraht durch, während sich die Stacheln in ihre Arme bohrten. Doch sie war so aufgeregt, dass sie davon nichts bemerkte.

Mulder versuchte die Orientierung zu finden. Hier sah alles gleich aus und nun war es vollkommen dunkel. Er wusste nicht, wo er den Ausgang finden würde, also ging er auf eine Tür zu, die ihm die Richtige zu sein schien und tippte sie an. Er war sich sicher, sie würde verschlossen bleiben, doch zu seiner Überraschung ließ sie sich ohne Mühe aufschieben. Sie war inaktiviert worden. Der Raum dahinter stand unter Wasser. Offensichtlich hatten sich die Düsen im Schwall entladen. Er tappte durch die Pfützen auf dem Boden und fand seine Sachen unberührt dort liegen. Doch sie waren durchnässt und er hob mit einem genervten Blick die kleine Mikrokamera auf, die nun Schrott war. Er drehte sich um, wo würde er hinauskommen? Er stupste jede Tür vorsichtig an, doch hinter jeder entlud sich der Raum vor ihm in Form eines langen Flurs in die Unendlichkeit.
Es war dunkel. Und still. Wie in einer Geisterstadt. Was war passiert?

Er entschied sich für einen der vier Flure und schlich sich vorsichtig durch die Dunkelheit ins Ungewisse. Die Kälte richtete die Haare auf seinen Armen auf und ein leichter Luftzug streifte ihn. Er fuhr herum, doch ihm folgte niemand. Niemand außer der Dunkelheit.

Die Lone Gunmen betraten voller Verwunderung den Hauptgang der Zwischenetage. Vor kurzem noch hatten hier sämtliche Lämpchen geblinkt, waren hier alle Sicherheitssysteme in höchster Alarmbereitschaft gewesen.
Nun wirkte es wie ausgestorben. „Durch welche dieser verdammten Türen ist er denn nun verschwunden?“ versuchte Frohike sich zu erinnern. Sie hatten Mulders Weg schließlich im Fernsehen mitverfolgt. Doch nun da sie hier im Dunkeln vor all den Türen standen, von der einer der anderen exakt glich, waren sie ratlos. „Es war die fünfte auf der rechten Seite, glaube ich.“ Doch das hätte Langley nicht sagen sollen, denn es brach eine hitzige Diskussion los bis sie sich schließlich doch für die fünfte Tür auf der rechten Seite entschieden. Sie leuchteten mit ihren Taschenlampen in die Finsternis.
Die Türen ließen sich mit einem leichten Druck aufschieben und leisteten nicht den geringsten Widerstand. Byers ging mit der Lampe voran. Das hier war nichts für ihn. Er war nicht gerne in Aktion. Er bevorzugte es die Kopfarbeit zu machen und anderen dabei zuzusehen wie sie sich in die Abenteuer stürzten.
Sie drangen weiter ins Innere dieses merkwürdigen Laborfriedhofs vor.

Es schien ihm als wäre er eine Ewigkeit durch die Nacht gewandert und er fragte sich langsam, ob er auf dem richtigen Weg war, als er plötzlich einen Lichtschein hinter einer Tür bemerkte. Er war schwach und unstet. Ein leichtes Flackern. Mulder tastete sich an der Wand entlang zu der Tür und schob sie auf. Das schummrige Licht blendete seine an die Dunkelheit längst gewöhnten Augen. Wo kam es her? Er hielt die Hand vor die Augen und glaubte verrückt geworden zu sein.
Er kannte die Stimmen, die von dem winzigen Lichtschein, der aus der Ferne auf ihn zukam, ausgingen.

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„Nimm Deine Hände von meinem Hintern!“ beschwerte sich Langley. Doch Frohike wehrte sich vehement. „Die Dunkelheit scheint Dein Gehirn zu vernebeln. Ich hab meine Hände da, wo sie hingehören und das ist ganz bestimmt nicht auf Deinem Hintern.“

Sie gingen weiter den endlosen Flur entlang, als sie im Schein ihrer Lampe eine Gestalt sahen. Sie zuckten zusammen. Keiner von ihnen war bewaffnet. Allerdings fiel ihnen das jetzt recht spät ein. Alle drei hielten ihre Taschenlampen nun auf das Objekt in der Ferne.
„Hey!“ rief Frohike den Flur hinunter. Die Gestalt ging auf sie zu. Sie wurde schneller. Doch sie konnten immer noch nicht erkennen, wer oder was es war.
Mulder war sich sicher, dass er sich nicht geirrt hatte. So schnell er es in dem schwachen Licht ihrer Taschenlampen konnte lief er auf sie zu. Sie alle drei hatten ihre Lichter auf ihn gerichtet und die Lampen starrten ihn nun durch die Dunkelheit an.
„Langley?“ rief er in die Ferne als er einen blonden Schopf zu sehen glaubte. Seine Stimme hallte unwirklich von den metallischen Wänden wider. Doch die Drei schienen ihn gehört zu haben, denn der Schein ihrer Lampen kam näher. Er war so froh, dass er sie gefunden hatte!

Scully war gerade auf den Eingang dieses riesigen Bürobunkers zugegangen, als die Türe Skinner ausspuckte und er mit besorgter Miene auf sie zulief.
„Sie sollten doch im Wagen bleiben!“ mahnte er sie aufgeregt, als er ihren Arm griff und sie wegzog. „Was ist denn passiert?“
„Die drei Schützen sind verschwunden und es gab einen Stromausfall. Das dauert mit zu lange und irgendetwas stimmt da drin nicht. Wir müssen Verstärkung anfordern.“
Scully merkte wieder wie die Angst in ihr wuchs. Sie wollte da hinein und ihn selbst suchen. Doch dieses Gelände war so unvorstellbar riesig. Widerwillig ließ sie sich von Skinner vom Eingang wegschieben und sah über ihre Schulter zurück, als sie sah wie ein dünner Lichtstrahl aus der Mitte des Gebäudes nach außen drang.
„Sir, sagten Sie nicht, es hätte einen Stromausfall gegeben?“ „Ja, aber eine Sekunde später ist die Notbeleuchtung angesprungen“ antwortete er gereizt und ohne sich umzusehen.

„Das ist ein ziemlich grelles Licht für eine Notbeleuchtung“, entgegnete sie ihm sachlich und blieb stehen. Sein fester Griff um ihren Oberarm löste sich etwas und er drehte sich um. Der dünne Lichtstrahl war mittlerweile zu einem klaren weißen Leuchten, das fast aus jeder Fuge des Gebäudes zu dringen schien, angewachsen. Sie spürten wie der Boden unter ihren Füßen vibrierte.

Scully ahnte etwas. Von Panik ergriffen riss sie sich von Skinner los und rannte so schnell sie konnte auf den Eingang zu. Der Boden vibrierte dabei immer stärker und sie merkte wie das helle Licht die Nacht durchbrach und die Farben um sie herum inmitten der nächtlichen Dunkelheit in Erscheinung traten. Skinner war ihr nachgelaufen und sie rissen die Türe auf, die sie wieder ins Innere des Gebäudes führte, in das Zentrum der Lichtquelle. Es war jedoch düster hinter der Türe, das Licht schien von weiter innen zu kommen.
Sie rannten auf die Aufzüge zu, sie waren die einzige Möglichkeit sich hier vertikal zu bewegen und drückten aufgeregt auf die Knöpfe, während das Beben unter ihnen weiter anschwoll. Als der Aufzug sich ihnen endlich öffnete, fuhren sie so schnell es ging hoch. Sie wussten nicht genau, wo sich diese Zwischenetage befand, Scully konnte sich nicht mehr erinnern, was sie auf dem Bildschirm von Mulders Mikrokamera gesehen hatte. Verzweiflung schlich sich ihr in den Kopf.
Doch sie wusste es war irgendwo unter der Etage, auf der sie den ganzen Tag in diesem stinkenden Loch gesessen hatte. Also fuhren sie der Reihe nach die ersten vier Etagen hoch. Als sich die Türe vor ihnen zum vierten Mal öffnete, war sie sich sicher, dass sie richtig waren.
Das Licht schien von dieser Etage zu kommen, denn hinter den Türen, die sich nach rechts und links endlos den Flur entlang aneinanderreihten, strahlte das Licht wie ein geisterhafter Schein nach draußen.

Plötzlich wurde eine der Türen aufgeschoben und das grelle Leuchten überflutete den Flur, während Scully vier Gestalten zwischen dem hellen Weiß erahnen konnte. Sie hielt sich die Hände vor die Augen und blinzelte.

Mulder und die drei Gunmen waren losgerannt so schnell sie konnten, als das Licht plötzlich um sie herum angesprungen war.
Eine bebende Welle hatte sie fast von ihren Füßen gerissen und sie wussten, sie mussten so schnell sie konnten diesen Trakt verlassen. Als sie endlich den endlos langen Flur erreicht hatten und sie fast blind vor Helligkeit aus der Tür taumelten, entdeckte Mulder plötzlich im weißen Licht ihre roten Haare und die Hand, die sie vor das blitzende Blau ihrer Augen hielt.

Sie hatte ihn im selben Moment entdeckt und stürmte auf ihn zu. Doch es blieb keine Zeit, sie mussten hier raus. Der Aufzug wehrte sich gegen das Beben, das nun den gesamten Komplex erfüllte und sie erreichten in letzter Sekunde die Türe nach draußen, die Skinner voller Kraft aufstieß, damit sie in die Nacht fliehen konnten. Als sie vollkommen außer Atem an der frischen Luft waren, merkten sie wie das Gelände um sie herum taghell war. Das Gras, das zwischen den alten Pflastersteinen hervorbrach, leuchtete in falschem, unwirklichem Grün und das gesamte Gebäude schien zu zittern, als sie sahen wie sich das grelle Licht aus dem Gebäude herausstülpte und in die Nacht hinaufstieg. Unter einem lauten tiefen Brummen, das sich in ihre Ohren schlich und ihre Sinnesfaser vibrieren ließ, schien es eine Sekunde über dem Komplex zu schweben während der Wind um sie herum zu toben begann. Rauch stieg aus der Mitte des Gebäudes aus, Elektrizität knisterte und Funken sprühten. Es würde zusammenstürzen.

Sie sahen die Hände schützend an ihre Stirn gelegt gegen das Licht und in den Himmel hinauf, an dem es schien als läge ein Prisma vor den Sternen, das alles verzerrte. Das dumpfe Brummen erfasste ihre Körper und sie sahen wie erstarrt zu dem Licht hoch, das sich plötzlich über ihren Köpfen weiter in die Lüfte hinaufschwang und nach einem letzten pulsierenden grellen Aufblitzen der Welt die Nacht zurückgab.

Scully hatte während des ganzen Ereignisses Mulders Handgelenk fest umfasst gehalten, so als hatte sie mit aller Kraft verhindern wollen, dass dieses Licht ihn mitnahm. Als die Aufregung sich wie der Wind um sie herum wieder langsam legte und das Brummen in ihren Köpfen verstummte und ihre Herzen wieder in ihren normalen Rhythmus zurückfanden, sah Mulder zu ihr hinunter. Er war erschöpft und sein Lächeln war müde. Doch es galt ihr, denn er war ihretwegen durch diese Hölle gegangen, die sich in seinem Gesicht abzeichnete.

Er sah die Erleichterung in ihren Augen. Ihre Blicke schienen ihn in sich aufnehmen zu wollen und er fühlte die Kraft, die ihr dieser Moment gab. Ihre Lippen waren leicht geöffnet als würde sie die Worte für das, was ihre Seele ihm bereits sagte, nicht finden und sie hielt den Atem an. Doch ihre Augen glitzerten von den Tränen, die sich darin festhielten. Er griff nach ihrer Hand, die sich noch immer um sein Handgelenk krallte und schmunzelte.
„Sehen Sie, ich wusste die Lasershow wäre ne gute Anmache.“ Sie lächelte erleichtert. „Wir sollten gehen, Mulder“, zog sie leicht an seiner Hand während er den Arm um ihre Schultern legte und sich leicht auf sie stützte, als die sonderbare Truppe aus drei FBI-Agenten und drei höchst merkwürdigen Figuren erschöpft das Gelände verließen, auf dem sich in dieser Nacht Dinge ereignet hatten, von denen keiner von ihnen je zu träumen gewagt hatte.

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19 Stunden später, Mulders Appartment

Mulder zog sich gerade wieder ein T-Shirt über den Kopf und genoss die warme Abendluft, die durch sein Fenster hereinwehte.

Er hatte den ganzen Tag draußen dem Spiel des High-School-Baseballteams der Schule um die Ecke zugesehen. Das war die einzige Möglichkeit gewesen diese Bilder in seinem Kopf für eine Weile zu vergessen. Sein Verstand war noch zu mitgenommen von den Ereignissen der vorigen Nacht, als dass er schon all das hätte begreifen, geschweige denn verarbeiten können. Nach dem Spiel war er selbst noch eine halbe Stunde auf dem Feld herumgelaufen und hatte Bälle durch die Gegend geschlagen.
Auf seinem Heimweg war er an einem Geschäft vorbeigekommen und hatte etwas in dem Schaufenster entdeckt, das er ihr gekauft hatte. Er war nun ganz aufgeregt, dass sie vorbeikommen würde. Es war Samstag und sie hatten sich seit die Lone Gunmen sie beide vor ihren jeweiligen Haustüren abgesetzt hatten nicht mehr gesehen. Sie hatte den Tag bei ihrer Mutter verbracht und ihn auf dem Nachhauseweg angerufen.
Sie würde gleich da sein.

Scully hielt eine Sekunde vor seiner Tür inne und sah einen Moment auf die 42, die im frühen Abendlicht schimmerte. Dann klopfte sie leise mit ihren Fingerknöcheln gegen das Holz.
Als hätte er auf sie gewartet, öffnete er ihr sofort die Tür und strahlte sie schelmisch an.
„Sie sehen gar nicht aus wie auf der Anzeige in der Zeitung“, grinste er vielsagend und tippte gegen die Werbeanzeige einer Vermittlung für SM-Stripperinnen. Dieser Blick durchströmte ihren Körper bis in die Haarspitzen und ihr Herz hüpfte als sie die Wohnung betrat. Doch sie lachte nicht, denn es gab noch eine Sache, die sie auf dem ganzen Weg bis hierher in ihrem Auto beschäftigt hatte. Eine Sache, die sie bedrückte und sie schluckte als sie in sein Wohnzimmer kam und sich ein wenig unbehaglich umsah.

Das goldene Licht schien durch die Jalousien hindurch und das Blau seines Aquariums schimmerte an der Wand. Es blubberte leise. Jetzt, wo er hier war, war es hier wieder so wundervoll lebendig. Es duftete nach ihm. Und die Luft war warm und eine sanfte Brise kam zum Fenster herein und wehte durch ihre Bluse.

Er hatte die Last, die auf ihren Schultern lag, bemerkt und sah sie besorgt an. „Scully ? Ist alles in Ordnung?“
Doch ihr zitterndes Kinn, Ausdruck der Kraft, die sie brauchte um sich zusammenzureißen, zeigte ihm, dass es nicht so war. „Hey!“ rief er leise aus als er merkte wie aufgewühlt sie war und legte seine Hände sanft auf ihre Schultern. Sie sah ihn nicht an, sondern es platzte direkt unvermittelt aus ihr heraus.
„Ich war so unglaublich dumm, Mulder!“ Ihr Blick lag in der Ferne, sah durch das Aquarium hindurch ins Nichts. „Ich bin ihm einfach gefolgt ohne nachzudenken.“ Es fiel ihr schwer die richtigen Worte für die Schuld, die sie fühlte zu finden und ihre Stimme bebte.
„Ich hätte mir nie verzeihen können, wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre.“ Dieser Gedanke brachte sie fast um den Verstand und es brach ihm das Herz, zu sehen wie sie sich quälte. Eine Träne kullerte ihre Wange herunter und blitzte kurz im Sonnenlicht auf. Sie traute sich nicht ihm in die Augen zu sehen und das schmerzte ihn noch viel mehr als der Kummer, den sie in sich trug. Er wusste nicht wie er ihr diese Last abnehmen sollte und stand vollkommen hilflos vor ihr. Er hatte nicht erwartet, dass sie hier hereinspazieren und zusammenbrechen würde, doch sie schien in letzter Zeit viel zerbrechlicher und verwundbarer. Vielleicht durch das Baby oder aber auch weil sie einfach nicht mehr konnte, weil es in den letzten drei Monaten zu viel gegeben hatte, das sie hatte verkraften müssen.

Wenn sie weinte wusste er nie, was er tun sollte, es war dann als gerate die Welt aus den Fugen. Er hielt ihre Schultern fest und sah sie durchdringend an, so dass sie ihm in die Augen blicken musste. „Es war nicht Ihre Schuld. Sie sind ihm gefolgt, weil Sie die Wahrheit wissen wollten, Scully. Über Ihr Baby. Ich hätte dasselbe getan.“ Sie sah ihn an, doch die Worte schienen sie noch nicht erreicht zu haben, denn sie hielt seinem Blick nicht stand. Sie schloss ihre Augen vor ihm und senkte das Kinn. Mulder versuchte gegen seine Hilflosigkeit anzugehen indem er einfach weiterredete und all das, was er fühlte, aus ihm heraussprudelte.

„Sie haben mich immer unterstützt bei meiner Suche, Scully. Egal, was Sie dafür opfern mussten. Ich schulde Ihnen mein Leben. Und ich hätte es auch für Sie geopfert. Für Sie-“ und er machte eine kleine Pause und warf einen flüchtigen Blick auf ihren Bauch „-und für das Baby.“
Er ließ ihre Schultern los um ihr Kinn anzuheben, weil sie ihn noch immer nicht ansah. Er hob die Augenbrauen und sah sie auffordernd an.

Er hatte diesen Schritt getan und ihr all das einfach so gesagt. Würde sie es erwidern? Er wusste, was sie für ihn empfand, doch er wollte es fühlen. Er hatte es schon einmal in ihren Augen gesehen, vor weniger als zwei Tagen als sie in ihrer Küche gestanden hatten.

Weil sie sah, dass ihn ihr Gefühlsausbruch vollkommen aus der Bahn geworfen hatte, biss sie die Zähne zusammen, damit sie die Tränen, die ihre hellblauen Augen noch immer benetzten, zurückhalten konnte.

Sie ertrug tapfer seinen durchdringenden, tiefen Blick, der ihr Herz erweichte und sich in ihre Seele schlich. Sie konnte nicht glauben, dass er das wirklich gesagt hatte. Doch sie wusste er hatte es ernst gemeint und es machte sie nervös, weil sie auch wusste, was es bedeutete. Sie ging einen winzigen Schritt auf ihn zu. Ihre Hände legten sich an seine Oberarme und sie hielt sich daran fest. Sie waren so kräftig und seine Haut war so warm und weich. Ihr Kopf legte sich seitlich gegen seine Brust und sie atmete leise aus und sah auf die Fische, die im Wasser des Aquariums vor sich hin schwebten. Was sollte sie jetzt tun? Es war nun an ihr den nächsten Schritt zu wagen. Sein Brustkorb hob sich und sie atmete mit ihm zusammen wieder ein.

Als sie merkte, dass er vollkommen regungslos da stand und auf etwas zu warten schien, ging sie wieder ein Stück von ihm weg und ließ seine Arme los. Sie war verunsichert. Sie fürchtete sich davor in seine Augen zu sehen und sah vor sich noch immer auf seine Brust.
Ihre Stimme brach als sie leise sagte, was sie in ihrem Inneren wirklich bewegte, denn sie wusste, das war der Moment, in dem sie die Gefühle erwiderte, die er ihr gerade offenbart hatte.

Sie hatten vor nicht ganz zwei Tagen schon einmal so voreinander gestanden und es ließ sich nicht mehr aufhalten. Sie beide fühlten es und es lag wie eine Schwingung in der Luft, die auf die Resonanz ihrer Seelen wartete.

„Ich könnte es nicht noch einmal verkraften Sie zu verlieren.“ Sie atmete laut aus, endlich hatte sie es über ihre Lippen gebracht und sie sah ihn erwartungsvoll an. Würde er jetzt verstehen, was sie für ihn empfand? Sie begann in diesem Moment selbst erst es zu begreifen und spürte wieder wie ihr Atem schneller ging und wie es in ihrem Bauch kribbelte.
Sie hatte Angst. Seit sie ihn kannte war sie ihm gefolgt, angezogen von der unglaublichen Kraft seines Glaubens an etwas. Sie liebte ihn für all die Leidenschaft und sie hatte in jedem Augenblick, den sie in den letzten Jahren zusammen verbracht hatten, diese Energie in sich aufgenommen. Sie fühlte sich nur lebendig, wenn er bei ihr war. Jetzt wusste er das. Sie hatte es in seinen Augen gesehen. Und sie wusste es auch und es raubte ihr die Luft zum Atmen, weil sie fühlte wie stark es war.

Er sah sprachlos auf sie hinunter. Was sie gesagt hatte, hatte ihn mitten ins Herz getroffen. Die Verzweiflung und die Angst, die in ihrer Stimme gelegen hatten, gaben ihm nun die Gewissheit. All die Jahre war sie ihm bedingungslos auf seinem Weg gefolgt. Sie war immer da gewesen. Und er war diesen Weg nur noch gegangen, weil er wusste, dass sie ihm folgte. Weil er sie bei sich haben wollte.
Weil jeder Augenaufschlag, jeder Atemzug, jeder Schlag seines Herzens ihr galten. Nichts in der Welt schien ihm in diesem Moment wichtiger als diese Frau, die vor ihm stand und die er so schmerzlich vermisst hatte.

Er ging einen winzigen Schritt auf sie zu. Egal, was jetzt passierte, er wusste, dieses Mal würde sie nichts aufhalten können. Sie waren schon so oft an diesem Punkt gewesen, hatten es schon so viele Male gefühlt. Sie beide trugen diese Gewissheit seit einer halben Ewigkeit mit sich herum und sie hatten nie den Mut gehabt sich endlich fallen zu lassen.
Weil sie beide spürten wie stark es war, wie es sie hundertprozentig ausfüllen und einnehmen würde. Er wartete bis ihre Augen wieder den Weg zu seinen fanden.
Wie oft hatte er in diese wunderschönen Spiegel ihrer so starken und doch zerbrechlichen Seele gesehen, wie sehr wünschte er sich in diesen meerblauen Augen zu ertrinken. Wie sehr fühlte er sich geborgen, wenn er sie ansah.

„Sie werden mich nicht verlieren. Ich verspreche es. Ich werde für immer da sein.“ Der Glanz in seinen Augen als er ihr das sagte war voller Licht und Wärme und betäubte ihre Sinne. Sein Blick sagte ihr so viel mehr als diese Worte und sie begriff, dass er von diesem Gefühl ebenso überwältigt war wie sie.

Sie schien zu schweben und sich in Luft aufzulösen als sie fühlte wie seine Hände an ihren Armen entlang, über die Innenseite ihrer Unterarme und um ihre Hüften glitten und sich um ihren Oberkörper legten, während er sie immer weiter ansah und seine Augen sie in sich aufnahmen. Sie bekam Gänsehaut.

Er zog sie langsam zu sich hin bis die kleine Rundung ihres Bauches sich gegen seinen Körper schmiegte und sie nur noch durch einen winzigen Luftspalt zwischen ihren Lippen voneinander getrennt waren. Doch als er sie weiterhin mit diesen tiefen, grünen Augen ansah und das Sonnenlicht das Zimmer wärmte und sie seinen Duft einatmete und seinen Atem an ihrer Oberlippe fühlte, verlor sie schließlich die Kontrolle und fiel in das Gefühl hinein, das ihren ganzen Geist erfüllte.

Sie schloss ihre Augen um die Berührung seiner sanften Lippen auf ihren vollkommen aufnehmen zu können. Sie schmeckten so süß. Sie ließ ihre Hände an seiner Brust hoch in seinen Nacken gleiten und fuhr ihm durch sein volles weiches Haar. Als sie seinen Kopf festhielt, damit dieser Kuss nie mehr enden würde, verlor er ebenfalls die Kontrolle über seine Sinne. Er fühlte unter der Bluse ihre warme glatte Haut und sog die Nähe ihres Körpers, der an seinen gepresst wurde, in sich auf.
Das Feuer in ihnen brannte lichterloh.

Sie standen im zarten Licht der langsam untergehenden Sonne in diesem Zimmer und es schien als wären sie die einzigen Menschen auf der Welt, während ihr Kuss sich in die Ewigkeit ausdehnte und sie sich aneinander festhielten bis ihre Seelen sich für immer vereinten.

Irgendwann begann das Gefühl sie fort zu tragen und während sie sich davon mitreißen ließen, tauchte die Sonne am Horizont in die Nacht hinein und warf einen dunkelroten warmen Schleier über ihre Körper, der sie vor der Welt, die in dieser Nacht zu ruhen schien, beschützte.

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In der Nacht

Scully wachte auf und sah wie das Licht durch die Jalousien Schatten auf das Bett warf. Eine Sekunde lang wusste sie nicht wo sie war, doch dann fühlte sie die warme Hand, die auf ihrem Bauch ruhte und seinen Atem, der ruhig und gleichmäßig in ihren Nacken blies. Sie hatte nicht geträumt, es war wirklich passiert. Sie schmiegte ihren Körper noch ein wenig enger an ihn und ließ die Wärme, die von ihm ausging, durch ihren Körper strömen. Sie schloss die Augen wieder und versuchte jeden Zentimeter ihrer Haut, die seinen Körper berührte, zu fühlen. In tiefer Geborgenheit schlief sie wieder ein, während seine Hand weiterhin auf ihrem Bauch lag. Sie wollte alles um sich herum vergessen und es schien ihr zumindest in dieser Nacht zu gelingen.

Am Morgen

Es war noch sehr früh. Das zarte rosafarbene Licht kitzelte in seiner Nase und er wachte auf. Er holte tief Luft bevor er die Augen öffnete. Der Duft ihrer Haare lag in dieser Luft. War es etwa wirklich geschehen?
Seine grünen Augen sahen nachdenklich auf die helle und weiche Haut der Frau, die in seinem Bett neben ihm lag. Sie schlief mit dem Rücken zu ihm und ihre Schulter glänzte zart im Licht. Ihre Haare leuchteten im frühen Morgenrot und sie atmete ruhig. Die ersten Vögel vor dem Fenster zwitscherten und alles schien vollkommen friedlich.
Sein Herz schlug vor Aufregung schneller. Er berührte mit seiner Hand vorsichtig seine Lippen, die sich ganz taub anfühlten von all den Küssen und Berührungen ihrer Haut.
Sein Blick fiel wieder auf Scully. Sie war so weit weg. Er wollte ihr nah sein. Sie hatten noch so viel Nähe aufzuholen. Er rückte näher an sie heran und legte seine Hand ganz leicht auf ihre Schulter und hauchte einen Kuss darauf. Ihre Haut duftete nach Frühling.

Sein Atem kitzelte sie. Ein Lächeln überflog ihr Gesicht und sie atmete voller Wonne tief aus. Sie schlug die Augen auf und drehte sich zu ihm. Einen Moment lang schwiegen sie sich an und versuchten, dieses Gefühl zu erfassen, das über ihnen in der Luft lag.
Es war komisch. Und sie wussten nicht, wie es nun weitergehen sollte. So vieles lag noch vor ihnen. So viele Ängste und Fragen lagen ihnen noch schwer auf der Seele.
Doch sie beide waren so erschöpft davon immer nur Durchreisende in ihrem eigenen Leben zu sein, die nie Ruhe fanden, sie wollten es einfach nur vergessen, wollten einfach nur zusammen sein. Nur für eine Weile.

„Ich hab was für Dich.“ Er rollte sich mit einem geheimnisvollen Ausdruck auf seinem Gesicht auf seine Seite zurück und rannte ins Wohnzimmer, um mit einem großen Paket mit zwei dicken Schleifen, einer hellblauen und einer rosafarbenen, wiederzukommen. Sie sah ihn erwartungsvoll an und stützte den Kopf in ihre Hand.
Sie lächelte scheu. Es war alles so fremd. Und unwirklich. Sie waren doch Partner, Freunde. Was waren sie jetzt? Sie fühlte die Hitze, die ihr ins Gesicht stieg.

Er warf sich mit dem Päckchen wieder auf das Bett und stützte ebenfalls den Kopf in die Hand, während er das Geschenk zwischen sie legte. Er schaute sie aufgeregt an. Ein komisches Gefühl mischte sich unter diese scheinbare Unbeschwertheit. Das Gefühl, dass dieser Friede nicht von Dauer sein würde.

„Na los, mach es auf!“ forderte er sie auf um sich abzulenken. Sie sah auf die beiden Schleifen. Er blickte sie entschuldigend an. „Naja, ich weiß ja noch nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.“ Sie lächelte.
„Ich weiß es auch noch nicht, also hoffe ich, dass der Rest da drin auch zweifarbig ist.“ Sie warf ihm einen skeptischen aber leicht amüsierten Blick zu und versuchte zu überspielen wie sehr sie dieses Geschenk berührte. Sie öffnete die Verpackung vorsichtig, doch Mulder konnte kaum mit ansehen wie sie so zaghaft den Tesafilm löste und räusperte sich ein wenig ungeduldig, während er dabei an seiner Seite das Geschenkpapier einfach aufriss, damit es etwas schneller ging.
„Mulder?“ Sie ermahnte ihn und er zuckte mit den Schultern als wäre nichts geschehen, während sie nun endlich das Geschenk schneller auspackte. Sie holte es aus der Schachtel heraus und starrte es an. Ihr Stand der Mund vor Erstaunen offen und ein Lächeln machte sich gleichzeitig darauf breit.

„Du hast mir Kopfhörer gekauft?“ Er setzte sich aufgeregt hin. „Nein, das sind nicht irgendwelche Kopfhörer. Die sind für das Baby, guck!“ Und er steckte sich das Kopfkissen unter das T-Shirt und klemmte die Kopfhörer darüber und machte eine Grimasse. Sie lächelte. Es war so süß.
„So kann es schon vor der Geburt entscheiden, ob es lieber Elvis oder lieber Jimi Hendrix hören will.“ Sie zog die Kopfhörer von seinem „Bauch“ und piekste mit ihrem Finger in das Kissen unter seinem T-Shirt, während sie immer noch scheu lächelte und ihn ansah.
„Danke, Mulder“, war jedoch das Einzige, was sie sagen konnte, da sie im Inneren zu gerührt war um die richtigen Worte zu finden. Und zu überfordert um der Situation gerecht zu werden.

Er fühlte das und es ging ihm genau so. Er nahm das Kissen wieder unter seinem T-Shirt weg und legte sich darauf. Seinen Kopf wieder in die Hand gestützt, sah er sie an und legte seine andere Hand auf ihre, die noch mit den Kopfhörern spielte. Sie sah ihn an. Sie wussten nicht, was jetzt aus ihnen werden sollte. Es machte ihnen Angst, was sie in diesem Augenblick fühlten, wonach ihre Seelen riefen. Die jahrelang aufgestaute Leidenschaft überforderte sie. Sie waren immer schon so viel mehr als nur Partner gewesen. Aber diese Seite ihrer Beziehung war noch so neu für sie, machte alles noch so viel komplizierter.
Doch dann schien er sich zu fassen, weil er nicht wollte, dass diese Unsicherheit sie überfiel und den Moment zerstörte. Er sah sie fest an und konzentrierte sich auf das eine Gefühl, auf das es ankam, das alle Zweifel und Ängste unscheinbar wirken ließ.

„Ich liebe Dich“ brach es durch die Stille hindurch und traf sie vollkommmen unerwartet. Seine Stimme hatte so zart geklungen und der Ausdruck auf seinem Gesicht war so wahrhaftig und offen.

Ein neuer Tag war angebrochen und alles war anders. Nichts würde von nun an mehr so sein wie zuvor. Sie hatten nun beschlossen diesen Weg einzuschlagen und sie spürten wie dieses Gefühl ihnen bereits den Boden unter den Füßen wegzog und sie zu fliegen begannen.

Ihr Herz setzte aus als seine Worte durch sie hindurch gedrungen waren und ihre Bedeutung jeden Winkel ihrer Seele erreicht hatte.
Sie streckte sich zu ihm hinüber um ihm einen zarten Kuss auf die Lippen zu geben, doch das genügte ihm nicht. Er legte seine Hand auf ihren noch ganz warmen Rücken und zog sie an sich, so dass sich ihre Lippen fest auf seine drückten und sie sich ihm ohne Widerstand hingab.

Sie beide gingen in diesem Moment erneut verloren, bis die Sonne schon hoch am Himmel stand und die Welt um sie herum wieder unbeirrt weiterlief, doch die Zeit in ihren Herzen war stehen geblieben. Es würde ewig dauern.
Zumindest wollten sie das in diesem Moment glauben.

 

Eine Woche später, 9.00 FBI-Hauptquartier, Kellerbüro

Nervös trommelten seine Finger auf die Akte vor ihm. Er versuchte seit einer halben Stunde, darin zu lesen. Doch er las ein und dieselbe Zeile immer und immer wieder und die Wörter verschwammen in seinem Kopf und lösten sich in Buchstabenfetzen vor seinen Augen auf.
Wo war sie? Sie hatte nicht angerufen, dass sie später kommen würde. Und ihr Handy war aus.

Die letzte Woche war berauschend gewesen und sie beide waren durch Raum und Zeit getaumelt, verwirrt von den Gefühlen, die Besitz von ihnen ergriffen hatten, von all den Ängsten, die in ihrer Vergangenheit lagen und von der Zukunft, die vor ihnen in der Ungewissheit schwebte.

Sie hatten noch nicht einmal darüber geredet. Über das, was jetzt kam. Über das, was sie dort auf dem Datacore-Gelände erlebt hatten, über das, was er gesehen hatte, über das, was sie wusste über diese Wahrheit, die er nun, da er fühlte, dass er sie in sich trug, nicht mehr verstand. Und sie hatten auch nicht über dieses Kind geredet, sie hatten es ignoriert, weil er wusste, dass es sie belastete.
Doch er wusste nicht warum, sie hatte nicht mit ihm über das geredet, was sie beunruhigte.

Sie hatten sich die ganze Woche freigenommen.
Weil sie diese eine Woche nur für sich hatten haben wollen. Weil sie all die Nähe gebraucht hatten und in ihren Herzen kein Platz für irgendetwas Anderes gewesen war.

Doch es wurde Zeit aus diesem Koma zu erwachen. Sie konnten nicht ewig die Zukunft verneinen. Es musste weitergehen, das hier war noch nicht vorbei, der Kampf fing gerade erst an.

Die Akte, die vor ihm lag, die all die Namen der mittlerweile 11 tot zurückgekehrten Entführten enthielt, diese Akte erinnerte ihn daran, dass er weitersuchen musste.
Sie musste ihre Untersuchung, die sie in der Nacht, als Krycek sie mitgenommen hatte, unterbrochen hatte, zu Ende bringen.
Und er hatte noch immer diese Visitenkarte mit der New Yorker Adresse. Sie war ihm heute Morgen aufgefallen, als er in seinem Handschuhfach nach seiner Sonnenbrille gesucht hatte. Nun lag sie wie ein stummes Ausrufezeichen vor ihm auf dem Tisch. Er hob sie hoch und flippte sie zwischen den Fingern herum, weiter vor sich hin in die Leere blickend.

Seine Sorgen fanden ein Ende, als er endlich den Aufzug hörte und ihre Schritte auf dem Gang erkannte. Sie öffnete die Tür und sein Herz klopfte, weil er sie seit 14 Stunden nicht gesehen hatte. Doch als sie das Büro betrat, erschrak er.

Sie war blass und sah müde aus. Ihre sonst so rosige Haut hatte einen gräulichen Schimmer und ihre blauen Augen schienen stumpf und getrübt.
„Was ist mit Dir?“ fielen seine erschrockenen Worte in den Raum als er aufsprang um sie zu stützen, denn sie schwankte ein wenig. Er umfasste ihren Rücken von hinten und schob sie vor sich her auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er wusste sie hasste es, wenn sie vor ihm schwach war. Also gab er ihr die Distanz, die sie zu brauchen schien und ließ sie los. Er wartete.
„Als ich heute Morgen aufgestanden bin, hat es angefangen. Ich weiß nicht, was es ist. Mir ist schwindlig und irgendwie...“, sie schien die richtigen Worte zu suchen „...fühlt sich mein Körper so fremd an, als gehöre er nicht mir.“
Sie sah ihn fragend an, doch sie erwartete nicht, dass er es wirklich verstand. Umso überraschter war sie, als er ihr zustimmend und voller Sorge in die Augen sah. Ohne ein Wort zu verlieren drehte er sich um, griff nach seinem Jackett und griff ihr unter den Arm, um ihr aufzuhelfen.

„Ich fahr Dich ins Krankenhaus!“ Sie wehrte sich.
„Ist das nicht ein wenig übertrieben?“ Doch der Blick in seinen Augen widersprach ihr. „Ich kenne dieses Gefühl. Und Du hast mich damals auch ins Krankenhaus gebracht.“ „Mulder, das war etwas Anderes, ich bin schwanger, es liegt mit Sicherheit nur daran!“ „Ja, aber das wissen wir nicht genau. Und um das herauszufinden, fahren wir jetzt ins Krankenhaus. Kommst Du?“

Sie wusste er konnte in solchen Momenten sehr stur sein. Also ließ sie sich von ihm widerwillig aus dem Büro schieben und ins Krankenhaus fahren.
Doch auf der Hälfte der Fahrt war sie ihm dankbar für seinen Entschluss, denn sie fühlte wie ihr schrecklich heiß wurde und sich alles um sie herum zu drehen anfing.
Sie hatte das Gefühl ihr Blut würde kochen und das Baby in ihr würde sich ebenso gegen die Schmerzen in jeder Faser ihres Körpers wehren wie sie.
Mulder warf ihr während der viel zu schnellen Fahrt durch die Innenstadt immer wieder besorgte Blicke zu. In diesen Minuten spürte er was ihm am meisten Sorgen bereitete.
Er freute sich so auf das Kind und er hatte furchtbare Angst, dass sie es verlieren würde. Oder dass er vielleicht sogar sie beide verlieren würde. Doch daran wagte er gar nicht zu denken.

Als er ihr aus dem Auto helfen wollte, war sie schon nicht mehr fähig ihn überhaupt noch wahrzunehmen und er trug sie schließlich durch den Hintereingang der Notaufnahme des George Washington University Hospitals.

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Eine Stunde später

Dieses Mal war er es, der vor ihrem Bett saß und vor Angst um sie fast den Verstand verlor. Er traute sich gar nicht ihre Hand anzufassen. Sie war so kalt und so kraftlos. In der letzten Woche hatte er sie so oft berührt und immer war ihre Haut warm und weich gewesen, hatte ihr Körper vor Leben vibriert. Es machte ihm Angst sie so zu sehen.

Sie schlug die Augen auf und wartete bis sie das verschwommene Leuchten über ihrem Kopf als die Neonröhre ihres Krankenhauszimmers erkannte. Sie konnte sich an nichts erinnern. Sie wusste nur, dass es ihr nicht gut gegangen war als sie heute Morgen ihre Wohnung verlassen hatte. Warum war sie hier?

Sie drehte den Kopf zur Seite und sah direkt in seine Augen, in denen sie die Sorge um sie erkannte. Er war froh, dass sie wach war. Ein leises und hilfloses „Hey!“ war alles, was er hervorbrachte, doch die Fürsorge und Zärtlichkeit in seiner Stimme reichten aus, mehr musste er nicht sagen.

„Was ist passiert?“ fragte sie ihn überrascht über die Angst, die er zu haben schien. In diesem Moment durchfuhr sie dieselbe Angst. Sie riss die Augen auf, doch er wusste was sie dachte und legte beruhigend seine große warme Hand auf ihren Bauch. „Keine Sorge, dem Baby geht es gut... Aber Dir nicht.“
„Was stimmt denn nicht?“
Mulder zuckte resigniert mit den Achseln. „Die haben überhaupt keine Ahnung. Die haben irgendwas von Eisenmangel gesagt und Dir ein paar Blutkonserven gegeben.“
Sein Blick deutete auf die leeren Beutel, aus denen die letzten Tropfen Rot in ihre Venen flossen. Sie sah folgte seinem Blick und sah auch auf die Beutel als ihr Verstand sich einschaltete.

Doch das war viel schwieriger als sonst, jetzt da sie selbst die Patientin war. Eisenmangel!
Wenn es wieder diese Nanobots waren, dann musste das feststellbar sein.
„Mulder, ich möchte, dass Du etwas für mich herausfindest.“ Sie räusperte sich leise, er wusste noch überhaupt nichts von den Nanobots in ihrem Körper. Wie sollte sie ihm das jetzt sagen? Es würde ihn sicherlich verletzen, dass sie es nicht schon längst getan hatte. Sie streckte ihre Hand nach seiner aus und er zögerte keine Sekunde sie mit seinen Fingern zu umschließen und zu wärmen.
„Ich hätte Dir das schon viel früher sagen müssen...“
Nun war er neugierig. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie ihm etwas über das Kind verschwieg. Er wartete darauf, dass sie es ihm jetzt endlich sagte.
„In meinem Blut sind ebenfalls Hinweise auf Nanobots gefunden worden. Marita Covarrubias hat mir nahegelegt nichts dagegen zu unternehmen.“ Sie schwieg und merkte, dass er nicht verstand. „Ich wollte nicht riskieren, dass etwas schief geht, also habe ich auf sie gehört. Aber vielleicht war das ein Fehler. Du musst herausfinden was mit meinem Blut nicht stimmt. Vielleicht haben sie sich ja vermehrt. Oder...“

Sie wusste nicht was diesem „Oder“ folgen sollte. Sie wusste ja nicht einmal welchen Ursprungs diese Technologie in ihr war. Diente sie dem Leben oder der Zerstörung? Marita schien sicher gewesen zu sein, dass sie dem Leben diente, doch sie war sich nun nicht mehr so sicher. Sie hatte zu viele verwirrende Hinweise gesehen.
„Was muss ich tun?“ fragte er, still diese Information in sich aufnehmend und verarbeitend. In ihm bäumte sich Wut auf, doch er ließ sich nichts anmerken.
Er war so ruhig, war er enttäuscht von ihr? Sie sah ihn besorgt an.
„Mulder?“ Er blickte auf und wich ihrem Blick aus. Schließlich ließ er ihre Hand los und stand auf. Er drehte sich weg und legte den Kopf in den Nacken. Wieder einmal war ihr Leben bedroht von dieser widerlichen nicht enden wollenden Verschwörung. Die Neuigkeit, dass diese Technologie, deren Wirkung er an Skinner gesehen hatte, in ihr war, dass sie nicht nur Scully, sondern auch ihr gemeinsames Baby, dieses einzigartige Wunder, bedrohte, erschreckte ihn.
Sie hatte das die ganze Zeit mit sich herumgetragen und kein Wort darüber verloren? Es machte IHN schon verrückt und er war nur der Vater. Wie musste es sich für sie anfühlen? Er fasste sich wieder und drehte sich zu ihr um und sah, auf seine Unterlippe beißend auf sie herunter.

„Wieso glaubst Du, dass sie sich vermehrt haben?“ fragte er sie nachdenklich.
„Anscheinend entstehen sie durch Teilung aus diesem Chip. Deswegen nehme ich die Eisenpräparate. Sie leben parasitär. Sie würden sich an meinen eigenen Eisenvorräten bedienen, wenn ich diese Medikamente nicht einnehmen würde.“ Er sah sie verständnislos an. Wo war ihre sonst so ausgeprägte Skepsis? Sie saß dort und erzählte ihm all diese Dinge, ohne mit der Wimper zu zucken und er konnte es nicht glauben, dass sie diese Tatsachen einfach so hingenommen hatte und nichts dagegen getan hatte.

Sie kam sich nun selbst schrecklich dumm vor als sie seinen fassungslosen Blick sah. Warum hatte sie sich überhaupt darauf eingelassen diese Präparate zu nehmen? Doch sie wusste die Antwort längst.
Der Mutterinstinkt war schon zu stark gewesen, als dass sie es hätte riskieren können dieses Baby zu verlieren. Es war das Einzige gewesen, was sie damals noch von Mulder gehabt hatte.

„Mulder, es hätte mich umgebracht, wenn ich das Eisen nicht eingenommen hätte. Mich – oder das Baby. Bitte, fahr nach Quantico und bringe mein Blut zu Dr. Barnes. Finde heraus, ob es mehr geworden sind. Oder ob sich irgendetwas verändert hat.“
Er sah, dass es keinen Sinn machte sich nun darüber zu streiten. Sie hatte offensichtlich selbst mit sich lange genug im Zwiespalt darüber gelegen, er musste ihre Entscheidung nicht in Frage stellen, er musste ihr vertrauen.
„Gut, aber zur Amniozentese bin ich zurück.“ Er wollte sich umdrehen um zu gehen, als sie ihm nachrief.
„Amniozentese? Wann?“ „Um fünf Uhr, sie sagen angesichts der Umstände wäre es höchste Zeit zu überprüfen, ob alles stimmt.“

Er bemühte sich zu einem Lächeln. „Außerdem will ich endlich wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.“
Sie war erleichtert den Glanz zu sehen, der in seine Augen zurückgekehrt war und sie erwiderte sein Lächeln.

Da merkte er, dass er nicht so einfach gehen konnte. Er ging zu ihr zurück und beugte sich über sie. Seine rechte Hand auf ihren Bauch legend gab er ihr einen sanften Kuss auf die Wange.
„Wir werden es herausfinden. Wir zusammen. Du musst da jetzt nicht mehr allein durch.“ Und mit diesen Worten, die noch eine ganze Weile in der Luft lagen und ihr Kraft gaben, verließ er endgültig den Raum, um mit einer Blutprobe von ihr nach Quantico zu fahren.

Vier Stunden später stand er wieder mit einem Ausdruck von Dr.Barnes` Ergebnissen in ihrem Zimmer. Sie lag auf der Seite und schlief und er traute sich fast nicht sie zu wecken. Doch er wusste sie wollte es wissen, also ging er zu ihrem Bett und strich ihr leicht über sie gebeugt, sanft die rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
So konnte nur er sie wecken und sie wusste daher sofort, dass er wieder da war. „Was hast Du herausgefunden?“ Sie setzte sich auf, den Schmerz in ihrem Unterleib ignorierend. Die Angst vermischte sich mit Neugierde. Sie streckte die Hand nach den Papieren aus, denn Mulder schien nichts von dem, was darauf stand, wirklich zu verstehen. Sie las sich die Resultate durch und ihre Gedanken fingen an verwirrt herumzustottern.
Protein-gebundenes Eisen? Hatte sie richtig gelesen? Sie las es noch einmal durch. „Das kann nicht stimmen“, murmelte sie vor sich hin während Mulder sie nur fragend ansah. „Was kann nicht stimmen?“ „Dr. Barnes schreibt, er habe kein ungebundenes Eisen nachweisen können, lediglich eine extrem hohe Konzentration an Protein-gebundenem Eisen. So wie bei Dir!“
Sie sah ungläubig zu ihm hoch. Sie hoffte täglich die Informationen, die permanent über sie hereinbrachen, würden irgendwann in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben, doch jedes Mal, wenn sie etwas Neues erfuhr, wurde sie enttäuscht.
Mit diesem Ergebnis konnte sie nichts anfangen. Aber sicherlich war diese Veränderung in ihrem Blut die Ursache dafür, dass es ihr plötzlich so schlecht gegangen war. Sie legte sich wieder auf ihren Rücken.
„Wie spät ist es?“ „Gleich fünf“, antwortete er ihr seinen Gedanken nachgehend. Doch er wusste noch so viel weniger als sie. Sie hatte all diese Dinge herausgefunden und er war noch immer nicht nachgekommen diese Flut an Informationen zu verinnerlichen. Er wusste nicht welche Wahrheit die richtige war.
Vielleicht würde diese Adresse in New York ihm ja doch irgendwie weiterhelfen.

 

 

Eine Stunde später

„Wollen Sie das Geschlecht wissen, denn wir haben hier gerade einen recht guten Einblick.“ Der Arzt sah sie fragend an. Mulder wollte es eigentlich unbedingt wissen, doch bevor er sich dazu äußern konnte, hörte er ein vehementes „Nein!“ aus ihrem Mund.
Er wollte noch Widerspruch einlegen, doch in diesem Punkt schien sie sich sicher zu sein und ließ überhaupt nicht zu, dass er seine Meinung äußerte. Also beugte er sich ein wenig enttäuscht ihrem Entschluss und sah schmollend auf das Ultraschallbild. Vielleicht würde er es ja selber erkennen können. Allerdings sah er nur Schneegestöber und erkannte nur mit Mühe diesen kleinen Wurm, der sich unbeholfen und noch überhaupt nicht menschlich unter dem Ultraschallkopf bewegte.

„Doktor, wäre es Ihnen vielleicht möglich eines dieser Röhrchen nach Quantico zu schicken?“ Der Arzt sah sie irritiert an, als er die Punktionsstelle auf ihrem Bauch noch einmal steril abwischte und die Röhrchen mit dem Fruchtwasser der Schwester reichte. „Ja, natürlich, aber darf ich fragen, warum?“
„Es ist schwierig zu erklären, aber es ist wirklich ziemlich wichtig“, griff Mulder ein, als der Scullys Verlegenheit bemerkte. „Gut, ich sorge dafür, dass das so schnell wie möglich in die Wege geleitet wird.“
Der Arzt merkte, dass in diesem Punkt Diskretion gefragt war und hakte nicht mehr nach.
„Sie müssen sich jetzt den Rest des Tages strikt im Bett ausruhen, aber das werden Sie ja ohnehin tun, denn bis morgen werden wir Sie sicherlich noch hier behalten.“ Der Arzt nickte dem merkwürdigen Elternpaar, das ihm überhaupt nicht wie eines dieser glücklichen Pärchen vorkam, die er sonst immer vor sich mit aufgerissenen Augen sitzen hatte, zu und verließ dann den Raum. Die Ergebnisse würden noch eine Weile auf sich warten lassen.
Sie sahen sich an. Es fühlte sich sonderbar an. Alles. Dass er hier neben ihr in seinem Anzug saß. Und dass sie beide Eltern wurden. Und dass er ihre Hand die ganze Zeit vor Aufregung nicht losgelassen hatte. Dass es ihn so mitriss und er sich so voller Leidenschaft auf diese Rolle vorbereitete, hatte sie nicht erwartet und es verwirrte sie, weil sie sich selbst noch so fremd und unwohl fühlte. Aber so kannte sie ihn, das war Mulder. Und das war der Grund warum sie ihn liebte.

Aber auch er spürte diese Irritation zwischen ihnen. Es war noch immer ungewohnt. Sie waren nicht eines dieser Pärchen, die einander im Sommer auf Parkbänken Emily-Dickinson-Gedichte vorlasen und dabei Vanilleeis und Erdbeeren aus einem Picknickkorb aßen. Sie waren irgendwie überhaupt kein Pärchen. Doch sie wurden überall so behandelt und in diese Rolle hineingezwängt. Er wusste warum sie all die Jahre nie diesen Schritt gewagt hatten. Weil es eben so viel mehr war, als dass es in diesem Leben, auf dieser Erde, in dieser Gesellschaft Platz hatte. Es war viel stärker und viel größer und ließ sich in keine Rollen, Normen oder Stereotype pressen. Als sie einander in die Augen sahen, wussten sie, dass sie dasselbe dachten. Er stand auf und zwinkerte ihr fast unmerklich zu. „Ich hol uns mal was Anständiges zu essen. Von dem Fraß hier kann man ja nicht gesund werden!“

Zwei Tage später

Scullys Zustand hatte sich noch immer nicht gebessert. Sie fieberte immer wieder auf und die Schmerzen wurden nachts immer so schlimm, dass sie die Höchstmenge an Schmerzmitteln brauchte. Doch er konnte nicht den ganzen Tag an ihrem Bett sitzen, es trieb ihn in den Wahnsinn, tatenlos zuzusehen wie es ihr immer wieder schlechter ging. Und er hasste dieses Krankenhaus, in dem ihnen all die Intimität und Nähe genommen wurden, die sie sonst immer teilten. Scully wusste das und sie verstand es. Sie schlief tagsüber ohnehin die meiste Zeit, weil sie sich von den Nächten erholen musste.

Auf seinem Weg ins Krankenhaus wurde ihm mulmig. Er sah neben sich auf den Beifahrersitz: Dort lagen die Untersuchungsergebnisse ihres Bluts und des Fruchtwassers aus Quantico und die Visitenkarte. Er hatte über diese Adresse vom FBI-Büro aus nichts herausfinden können. Er musste dort einfach selbst hinfliegen. Sobald es ihr besser ging.

Die rote Ampel leuchtete vor dem grauen, regenausspeienden Himmel intensiv und grell.

Irgendwie lief das alles falsch. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er träumte und das alles überhaupt nicht passierte. Eine Woche lang hatten sie sich beide in dieses Gefühl geflüchtet, hatten versucht all diese Fragen in ihren Köpfen zu ignorieren. Doch sie beide wussten, dass sie niemals eine Familie sein würden, ein Paar.
Sie waren in das Zentrum einer unvorstellbaren Wahrheit vorgedrungen, die sie nun, da sie beide selbst mitten drinstanden, nicht mehr von außen wahrnehmen konnten. Sie hatten sich darin verloren und er wusste, wenn sie nun nicht versuchen würden, da herauszukommen, dann würde es sie umbringen. Ihn hatte es schon fast getötet und nun war sie es, die dort in diesem Zimmer lag. Sie und das Baby.
Das Baby, das überhaupt nicht in diese Welt gehörte. Das eigentlich gar nicht hätte entstehen dürfen. Er sah, dass sie sich nicht darauf freuen konnte, weil sie fürchtete, dass dieses Kind keine Ablenkung von der kranken Realität, die sie durch die X-Akten kennengelernt hatten, war, sondern ein Produkt dieser Welt voller Lügen und Grausamkeiten. Und weil sie wie er fühlte, dass dieses Kind keinen Platz in ihrem Leben hatte. Es würde niemals aufhören, sie würden niemals ein Leben führen wie all die anderen Menschen da draußen. Wie sollten sie da ein Kind großziehen?
Doch er wollte es so sehr. Er freute sich so auf das neue Leben, das in ihrem Körper, den er so liebte, heranwuchs und wollte nicht wahrhaben, dass sie beide noch gar nicht wussten wie sie damit umgehen sollten. Alles war noch so neu. Und es war so viel. Er hatte Angst, dass es für sie beide zu viel werden würde. Und dabei hatten sie endlich zu einander gefunden.

Doch vor dem riesigen Horizont, der sich vor ihnen beiden in ihrer ungewissen Zukunft auftat, schien all das zu verblassen. Er fürchtete, dass das, was sie gerade endlich aufzudecken schienen, noch viel größer als ihre Liebe war. Würde es sie zerstören? Würde es sie schwach machen?
Er hatte noch nie jemanden so geliebt, sein Glaube war immer das einzige gewesen, das sein Fühlen und Denken geleitet hatte. Sie waren nun verwundbar. Und das konnten sie sich nicht leisten.

In ihm beschlich ihn ein Gefühl, dass ihm furchtbare Schmerzen bereitete, doch er wusste es war die einzige Lösung. Der einzige Weg, dass wenigstens sie und ihr Baby ein normales Leben führen würden.

Er bog um die Ecke und fuhr auf den Parkplatz des George Washington University Hospitals.


„Miss Scully?“ Der Arzt steckte den Kopf zu ihrer Tür hinein. Scully setzte sich auf. Hatte er die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung? Er machte ein betretenes Gesicht, was sie beunruhigte.
Der Arzt kam herein und blieb in sicherer Entfernung vor ihrem Bett stehen.
„Wir können die Untersuchung leider nicht auswerten. Es...“

Er schwieg und suchte nach der richtigen Formulierung um die werdende Mutter nicht vollkommen aus der Ruhe zu bringen. Doch wie er es auch drehte, es war nun einmal eine Tatsache und das musste er ihr mitteilen.
„Es ist schwer zu erklären, vermutlich ist irgendetwas bei der Punktion oder beim Transport schief gegangen, aber wir können das Ergebnis nicht auswerten. Die Chromosomen, die wir in den Zellen ihres Kindes gefunden haben, scheinen bei der Bearbeitung im Labor kaputt gegangen zu sein, jedenfalls können wir nichts mit den Bildern anfangen. Wir müssen die Untersuchung in ein paar Wochen wiederholen. Es tut mir furchtbar leid, Miss Scully. Ich weiß wie wichtig das Ergebnis gewesen wäre.“

Er sah sie beschämt an, da er den Fehler ganz sicher auf seiner Seite fühlte, denn das Chromosomenbild, das die Labormedizinerin ihm mit einem riesigen Fragezeichen auf dem Ausdruck zurückgeschickt hatte, sah vollkommen verändert aus. Es glich in keiner Weise dem Bild eines normalen Kindes. Weder in Anzahl noch in Form der Chromosomen. Derartige Veränderungen wären nicht mit dem Leben vereinbar, da das Kind aber äußerst gut entwickelt zu sein schien, musste der Fehler im Labor liegen.

Er sah betreten auf die junge Frau vor ihm im Krankenbett, die die Nachricht noch verarbeitete. Die Tatsachen schienen für den Arzt nur ein alltäglicher kleiner Fehler in einer Reihe von vielen Fehlern, die nunmal bei Labormessungen passierten, zu sein.
Doch sie befürchtete, dass das alles andere als ein Fehler war. Sie fühlte sich in all ihren Ängsten auf grausame Art und Weise bestätigt: Dass das Kind in ihr nicht menschlich war.

Ekel und Furcht überkamen sie, ihr ganzer Körper begann sich dagegen zu wehren und sie spürte wie eine konzentrierte Schmerzwelle in ihrem Bauch explodierte und wie eine Welle durch ihren ganzen Körper schwappte. Sie setzte sich auf und fühlte wie ihr übel wurde.
Der Arzt rief eine Schwester, die ihr eine Nierenschale reichte und entschuldigte sich erneut, während er ihr eine Infusion mit einem Mittel gegen Übelkeit in die Vene laufen ließ.

Sie sah nicht gut aus und er wusste immer noch nicht was diese Patientin so schwach machte. Ihre Blutwerte waren nach wie vor schlecht, ihr ganzer Körper schien sich gegen etwas zu wehren, doch er wusste nicht was. Mit einem verzweifelten Blick in Richtung der Schwester verdrückte er sich aus dem Raum, während Scully sich noch immer über die Nierenschale beugte. Doch die Übelkeit ließ schon wieder nach und sie sank zurück auf ihr Kissen und sah die Decke an.
Das alles hier lief so falsch. Sie wünschte sie könne aus diesem Traum erwachen.

Als Mulder hereinkam, fiel ihr Blick sofort auf die Resultate, die er vom Labor in Quantico mitbrachte. Doch sie tat als hätte sie den Umschlag nicht gesehen. Sie hatte jetzt nicht die Kraft, noch mehr schlechte Nachrichten zu erfahren.
Sein Blick verriet ihr allerdings, dass er sehr aufgewühlt war und es schien nicht, als würde er ihr den Gefallen tun, das alles eine Minute zu vergessen.

Er erschrak als er sie sah. Sie sah so blass aus. Selbst ihre sonst so schönen roten Lippen waren weiß. Eine unendliche Wut kochte in ihm hoch. Er wollte, dass es endete, dass man sie endlich in Ruhe lassen würde.
Doch er riss sich zusammen und lächelte sie tapfer an. Er setzte sich auf ihre Bettkante und stützte seine Hände neben ihren Hüften auf der Matratze ab. Er beugte sich hinunter und küsste sie zart auf die Stirn. Dann sah er zu dem Umschlag auf, den er neben ihrem Bett abgelegt hatte, und in dem die Ergebnisse aus Quantico waren. Sie schien die Ergebnisse nicht sehen zu wollen, denn sie ignorierte den Umschlag vollkommen. Einen Augenblick wanderten seine Blicke zwischen ihr und dem Umschlag hin und her. Und dann stupste er sie leicht an, indem er mit seinem Daumen gegen ihre Hüfte tippte.

Er holte tief Luft und richtete sich auf. Er wusste wie stur sie sein konnte, doch dieses Mal würde sie nachgeben müssen.

„Dana, so kann es nicht weitergehen. Ich weiß, dass es viel leichter wäre all das zu verdrängen, aber so bist Du nicht. Du gehst den Dingen mit Deiner gnadenlos ehrlichen Wissenschaftlichkeit immer auf den Grund und das solltest Du auch jetzt tun. Wir können nicht zulassen, dass die gewinnen. Wir müssen da jetzt durch.“

Er sah wie sie sich abwendete und aus dem Fenster sah. Er hatte Recht, das wusste sie. Sie mussten weitermachen. Aber sie brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen was der Arzt ihr gerade mitgeteilt hatte. Und wie sollte sie jetzt noch die Ergebnisse in dem Umschlag verarbeiten?
Die Übelkeit kroch wieder in ihr hoch. Und sie presste die Lippen aufeinander und sah ihn wieder an. Seine Augen glühten. Sie legte ihre Hand auf seine.

„Und wie soll es dann weitergehen? Wird es nicht immer wieder so sein, dass uns irgendeine Wahrheit einholt?“ Sie schluckte und hielt inne. Ihr Blick senkte sich und sie sah auf ihren Bauch.
„Ich weiß manchmal einfach nicht, ob ich nicht besser mit den Lügen leben könnte.“

Es traf ihn all diese Worte aus ihrem Mund zu hören. Sie klang so resigniert. So erschöpft. So kannte er sie überhaupt nicht.

Aber es bestätigte das, was ihm vorhin im Auto schon durch den Kopf gegangen war. Er musste sie verlassen und alleine weitermachen. Irgendwann würde es einen von ihnen zerstören und er würde nicht zusehen wie sie vor ihm zerbrach.
Aber dieses eine Stück Weg mussten sie noch zusammen gehen. Sie mussten herausfinden, was mit ihrem Kind war. Er würde sie nicht so zurücklassen können wie sie hier nun lag. Er wollte sie so schön und stark in Erinnerung behalten wie er sie immer gekannt hatte.
„Das hier ist eine Wahrheit, die uns beide betrifft und wir können uns nicht vor ihr verschließen.“ Er sah auf ihren Bauch. „Spätestens in fünf Monaten werden wir sie akzeptieren müssen.“ Er drückte ihre Hand und nahm den Umschlag um ihn ihr zu reichen. Sie nahm ihn zögernd an und öffnete ihn um die Papiere herauszuziehen, auf denen das Ergebnis ihrer Tests ausgedruckt war.

Sie blickte auf die Ausdrucke und der Mund blieb ihr offen stehen vor Erstaunen. Man hatte in ihrem Blut DNA-Fragmente gefunden. Wie in Mulders Blut. Und wie in dem Blut all der Entführten, die tot zurückgekehrt waren.
Sie brauchte eine Sekunde um das zu verarbeiten.

Aber warum? Warum begann sie ebenfalls ihre DNA auszustoßen?
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf und sie hielt sich die Hand auf den Bauch, der sie so schmerzte.
Vielleicht war es gar nicht sie, die ihre DNA abstieß. Vielleicht war es das Baby.
Das würde erklären, warum die Chromosomen ihres Kindes so anders aussahen: weil es Teile seiner DNA ausgestoßenen hatte. Ihr Herz schlug und sie merkte wie sie sich schrecklich aufregte und die Gedanken in ihrem Kopf rasten. Ihrem Kind passierte dasselbe wie Mulder vor ein paar Wochen. Sie zitterte.
Je mehr sie sich aufregte, desto mehr verkrampfte sich ihr Unterleib und sie richtete sich vor Schmerz auf und hielt sich an Mulder fest, der überhaupt nicht verstand, was vor sich ging.

Die Ausdrucke segelten von ihrem Bett zu Boden und sie spürte wie ihr der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Ihre Finger krallten sich in seine Arme und er fühlte was für Schmerzen sie haben musste. Mit Panik in der Stimme rief er nach der Schwester. Er war vollkommen hilflos und wusste nicht was passiert war. Sie legte ihren Kopf gegen seine Schulter als die nächste Schmerzwelle sie überrollte und flüsterte leise in sein Ohr.
„Irgendetwas stimmt nicht, Mulder. Die haben DNA-Fragmente in meinem Blut gefunden, wie bei Dir.“ Er zog sie von sich weg und sah ihr in die Augen. „Was?“ „Mein Körper fühlt sich so fremd an. Ich glaube, es ist das Baby. Es wehrt sich gegen irgendetwas.“ Sie drückte sich wieder fester an ihn, als die Schmerzen erneut in ihr anwuchsen. Er konnte es kaum ertragen und hielt sie fest bis die Schmerzen wieder abebbten. „Aber wir müssen doch etwas dagegen tun. So ein Blutaustausch wie bei mir müsste doch auch Dir helfen!“ Mulder hatte keine bessere Idee in diesem Moment, er konnte nicht klar denken, ihre Schmerzen konsumierten jegliche Kraft in seinem Geist. Doch sie nickte, während sie ihren Kopf in seiner Schulter vergrub.

Sie wusste, dass das in ihrem Zustand sehr gefährlich werden würde. Doch es war ihre letzte Chance sie und dieses Baby zu retten.

Er ließ sie in ihr Bett zurückgleiten als er merkte, dass sie das Bewusstsein verlor und rannte an der irritierten Schwester vorbei so schnell er konnte auf den Flur um nach dem Arzt zu sehen. Er war in Rage. Endlich konnte er etwas tun. Sie würde diese Bluttransfusionen bekommen. Und wenn er sein eigenes Blut dafür hergeben musste.

 

24 Stunden später

Es regnete und der Himmel hing grau und wolkenverhangen über der Stadt. Mulder sah aus dem Fenster und drehte die Visitenkarte zwischen seinen Händen immer wieder herum und herum. Er sah zu ihr hinüber. Sie schlief noch immer, es war eine schreckliche Nacht für sie beide gewesen, doch sie war endlich eingeschlafen und es ging ihr besser.
Er lehnte seinen Kopf zurück und schloss einen Moment die Augen. In dieser Nacht hätte er beinahe alles verloren, was er liebte. Sie und das Baby.
Das gab ihm die Gewissheit, dass er sie verlassen musste, wenn er diese Suche beenden wollte. Es war nunmal sein Kreuzzug und es war wichtig, dass er versuchen würde eine Zukunft aufzuhalten, von der er nicht wollte, dass sein Kind darin aufwachsen muss.
Zärtlich blickte er sie an. Ihre Lippen färbten sich langsam wieder rot und ihre Sommersprossen leuchteten wie Sterne auf ihrem blassen Gesicht. Ihre Brust hob sich gleichmäßig und ihre Hand lag leicht auf dem kleinen Bäuchlein, das man nun ganz deutlich erkennen konnte.
Er sah auf die Uhr und machte sich auf den Weg ins FBI.

Eine halbe Stunde später, Assistant Director Skinners Büro

„Sie wollen was?“
Walter Skinner stand mit entsetztem Blick hinter seinem Schreibtisch auf und starrte entgeistert Mulder an.
Er hatte ihm gerade eröffnet, dass er für eine Weile verschwinden würde und er nicht wisse wann und ob er zurückkomme.
Skinner holte aus als er vor seinem Schreibtisch hervorkam um sich vor Mulder aufzubauen.
„Agent Mulder, das hier ist kein Abenteuerspielplatz! Das hier ist immer noch das FBI und Sie sind ein Bundesbeamter. Ich kann nicht einfach eine ganze Abteilung verwaisen lassen, wenn Sie weggehen und Agent Scully in ein paar Monaten ebenfalls ausfällt. Wie soll ich denen da oben erklären, dass Sie so einfach im Nichts verschwinden? Die wollen die X-Akten ohnehin schließen. Haben Sie dabei überhaupt eine Minute an Agent Scully gedacht?“ Skinner fielen die Worte nur so aus dem Kopf heraus und prasselten auf Mulder nieder.

Mulder biss fest die Zähne zusammen. Ob er an Scully gedacht hatte? Er tat nichts anderes als das. Deswegen wollte er ja gehen. Er blaffte Skinner an.
„Dann reiche ich eben übermorgen meine Kündigung ein, wenn Ihnen die Bürokratie solche Sorgen bereitet!“
„Es geht hier nicht um die Bürokratie, Agent Mulder. Es geht darum, dass Sie sich schutzlos auf irgendein Abenteuer begeben, von dem Sie irgendwann erwarten, dass Agent Scully und ich Sie wieder da herausholen. Doch wenn Sie dieses Mal gehen, dann werde ich nicht den Babysitter spielen. Meinetwegen können Sie so lange verschwinden, wie Sie wollen, aber dann ist das Ihre Privatangelegenheit.“ Mulder sah ihm fest in die Augen, er schien entschlossen zu sein wie immer. Und Skinner wusste er würde ihn nicht aufhalten können. Also nahm er sich zusammen und senkte seine Stimme.
„Sie gehen ohne Ihre Dienstwaffe und ohne Ihren Ausweis. Um die Bürokratie werde ich mich kümmern, so lange Sie mir versprechen, dass wenigstens Agent Scully dieses Mal da rausgehalten wird!“

Mulder ballte die Fäuste. Hielt Skinner ihn wirklich für so egoistisch und aufbrausend? Glaubte er allen Ernstes, dass er Scully da mit hineinziehen würde? In ihrem Zustand? Er stieß absichtlich hart gegen Skinners Schulter als er sich an ihm vorbeiwand und seine Dienstmarke auf den Tisch warf. Er sah ihm in die Augen und hatte einen gefährlich ruhigen Ausdruck im Gesicht.

„Keine Sorge, Assistant Director Skinner. Agent Scullys Wohl liegt mir mehr am Herzen als irgendjemand anderem.“
Als er aus dem Büro rauschen wollte, hielt ihn Skinner einen Moment zurück.
„Bitte, passen Sie auf sich auf, Agent Mulder.“ Und ein besorgtes Funkeln blitzte eine Sekunde in seinen Augen auf. „Und wenn es irgend etwas gibt, was ich nicht in meiner Position hier sondern als Privatmann für Sie tun kann, dann lassen Sie es mich wissen.“
Damit ließ er seine Hand von Mulder ab, der ihm zwar dankbar aber immer noch gereizt zunickte und schließlich aus dem Büro verschwand.

 

 

Zwei Tage später

Die Tür des FBI-Kellerbüros ging auf und er sah überrascht von seinem kleinen Projekt bestehend aus einer Schachtel und einer großen roten Schleife hoch.
„Dana! Ich wollte gerade losfahren um Dich abzuholen!“
Er sprang auf und verdeckte schnell den flachen grauen Karton, an dem er gerade gesessen hatte, die rote Schleife stopfte er hastig in seine Hosentasche. Sie warf einen skeptischen Blick von seinem unschuldigen Gesicht auf den Karton, doch entschied sich dann sich nicht damit aufzuhalten, was er da vor ihr verstecken wollte.
„Ich konnte schon früher gehen und da wollte ich Dich nicht extra anrufen.“ Er nickte. Aber in Gedanken schien er bei irgendetwas anderem zu sein.
„Geht’s Dir gut?“ Sie nickte ebenfalls. Und er sah es ihr an. Ihr Gesicht wirkte viel entspannter und rosiger. Ihre Lippen glänzten wieder rot und die Schatten unter ihren schönen Augen waren verschwunden.
Sie ging auf den Schreibtisch zu. Es war still um sie herum und nur der anhaltende Regen draußen klopfte unaufhörlich ans Fenster. Je näher sie dem Schreibtisch kam, desto mehr bemühte er sich diese Schachtel darauf zu verbergen. Er rutschte immer mehr zwischen sie und den Schreibtisch, doch sie hatte etwas gewittert. Sie sah nun unaufhörlich auf die stümperhaft unter Akten und Papiernotizen versteckte Schachtel und es schien, als wolle sie ihn damit necken.
„Was hast Du denn gerade gemacht, als ich reinkam?“ „Was, ich? Öh...“ Er fühlte sich ertappt und wich ihrem Blick aus. Sie hob auffordernd die Augenbrauen und genoss seine Nervosität. Ein amüsiertes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie ging noch einen Schritt näher an den Schreibtisch heran, doch er schob sich direkt in die Lücke, die sie noch vom Tisch trennte und warf einen Seitenblick auf den kleinen Karton. Die Hand hinter seinem Rücken schob er vorsichtig die Schachtel ein wenig weiter weg von ihr. Sie schaute zu ihm hoch. Er wollte also mit ihr spielen! Aber so leicht würde sie es ihm nicht machen. Blitzschnell duckte sie sich an ihm vorbei und griff nach der Schachtel hinter ihm, während er noch versuchte sie vor ihr wegzuziehen. Sie rangelten einen kurzen Augenblick, doch schließlich ließ er los, weil er sie nicht verletzen wollte.

Triumphierend hob sie den Karton in die Höhe und ihre Augen strahlten ihn an. Er funkelte zurück. Doch dann ließ er sie die Schachtel öffnen und sah sie gespannt an. „Ich wollt noch ne Schleife drummachen“, entschuldigte er sich und zog das rote Band aus seiner Tasche.
Als sie den Deckel hob, sah sie einen winzigen Silberrahmen in dem sich ein Bild befand. Aber das war nicht irgendein Bild.
Es war ein Ultraschallbild von ihrem Baby.
„Mulder!“ Der Mund stand ihr vor Erstaunen und Freude offen und sie sah auf das glänzende Silber in der Schachtel und wie es die Morgensonne reflektierte. Er überraschte sie immer wieder.
Er beugte sich zu ihr herunter.
„Für’s Familienalbum. Noch hat es schließlich Deine Nase.“ Er lächelte sie an als er sah, dass sie sich freute. Er kannte sie, sie gehörte nicht zu den Menschen, die viel lachten. Wenn sie glücklich war, dann sah er das in ihren Augen und an ihrem Schweigen. Sie wusste dann nie, was sie sagen sollte. Und auch jetzt sah sie noch immer mit offenem Mund auf das Ultraschallbild und fuhr mit den Fingern vorsichtig über den Silberrahmen. Endlich sah sie zu ihm auf und da war es: dieses warme Leuchten auf ihrem Gesicht.
Er nutzte diesen Moment ihrer Freude und hoffte sie würde schwach werden. „Ist da vielleicht irgendein winziges Detail auf diesem Bild, das Du mir noch verraten willst? Ich meine, es wäre doch hilfreich zu wissen...wegen der Tapetenfarbe und so...“ Er sah sie mit seinem zuckersüßen Unschuldsblick an. Denn er wusste damit kriegte er sie immer.
Doch sie presste die Lippen aufeinander und gab ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zu verstehen, dass sie über dieses Thema kein Wort verlieren würde. „Tja, da wirst Du noch eine Weile warten müssen.“ Sie ging ein Stück auf ihn zu und neigte sich zu ihm hoch. „Aber ich werde das Zimmer ohnehin nicht neu streichen, also mach Dir keine Sorgen wegen der Tapete.“ Ein vergnügtes Lächeln umspielte ihre Lippen, doch sie bemühte sich ernst zu bleiben. Er grinste glücklich zu ihr herunter, während er mit den Fingern leicht gegen ihren Bauch tippte und ihre Augen einander einen stillen Moment lang fixierten.

In diesem Moment fiel ihm ein, dass dies das vorerst letzte Mal war, dass sie in diesem Büro zusammen standen.
Denn er hatte sich entschieden, dass er heute noch nach New York fliegen würde. Er wollte es ihr nicht sagen, er wollte sich heute Nacht davonschleichen, wenn sie schlief.

Doch eine Sache lag ihm sehr am Herzen und er wollte, dass sie sich so schnell wie möglich darum kümmerte, also durchbrach er diesen kleinen Augenblick, in dem sie wieder einmal fast die Zeit vergessen hätten und drehte sich wieder seinem Schreibtisch zu.

„Wir sollten Chuck anrufen.“
Sie legte die Schachtel auf den Tisch zurück und zog die Augenbraue hoch.
„Chuck Burks? Warum?“ „Ich denke, er ist der Richtige, um sich noch einmal meine DNA-Analysen anzusehen. Du hast doch gesagt, Du hättest da etwas entdeckt.“
Scully war das nicht recht, sie hatte Mulder nichts davon erzählt, was sie vermutete und wollte eigentlich auch nicht, dass irgendjemand anderes als sie diese Ergebnisse von Mulders Zellen aber auch nicht die ihres Kindes in die Finger bekam. „Naja, das stimmt schon, aber eigentlich wollte ich nicht, dass jemand anderes davon erfährt.“ In ihrer Stimme lag Unwille. Er war enttäuscht. „Na, dann eben nicht.“
Er drehte sich ein wenig beleidigt weg und ging zum Aktenschrank, um in die Akte über Skinners Nanobots einen Blick zu werfen. Er rollte seine Unterlippe nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger. Er versuchte es noch einmal.

„Aber Chuck könnte uns auch helfen in Bezug auf diese Nanotechnologie. Er ist doch DER Physikexperte. Und ich bin sicher, dass auf diesen Minirobotern irgendeine Information gespeichert ist, die wir anzapfen müssen. Da ist vielleicht der Schlüssel drauf, warum ich diese Dinger abgestoßen habe. Die und diese DNA-Fragmente.“ Er sah fragend zu Scully, die sich immer noch nicht so wohl dabei fühlte. Die Lone Gunmen hatten ihr zwar gesagt, dass der Bewusstseinszustand jedes Menschen theoretisch auf diesen Nanobots gespeichert werden sollte, aber sie bezweifelte, dass das überhaupt möglich war. Das hier war Nanotechnologie, es handelte sich um extrem kleine Roboter, wie sollte der gesamte Bewusstseinszustand darauf Platz finden?

„Mulder, Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass auf diesen winzigen Partikeln tatsächlich Informationen gespeichert werden. Ich meine, hast Du gesehen wie fein die konstruiert sind? Dass das Nanoroboter sind, die irgendeine mechanische Funktion erfüllen, das glaube ich auch. Aber dass sie wirklich Speichermedien für etwas sind, das wage ich noch immer zu bezweifeln. Und selbst wenn: Wie sollten wir auf die Informationen darauf Zugriff bekommen?“ Damit hatte er sie. „Siehst Du? Und deswegen brauchen wir eben Chuck.“

Resigniert warf sie ihm einen skeptischen Blick zu und drehte sich dann zu ihrem Tisch um, um sich zu setzen. Sie wollte nicht, dass noch jemand anderes mit den Proben in Berührung kam. Sie traute niemandem und es war ihr schon sehr unangenehm gewesen, die Labormediziner in Quantico mit den Proben unter falschen Namen zu beauftragen. Außerdem war ihr Chuck ein wenig zu abgedreht, er war zweifellos brillant, aber seine Ideen waren einfach zu phantastisch, zu sehr wie Mulders Ideen. Das war nicht gerade die Art Wissenschaft, die sie im Moment brauchte. Aber sie wusste auch, dass die Grenzen der konventionellen Wissenschaft längst erreicht waren.
Während sie noch im Raum stand und nachdachte kontaktierte Mulder schon Chuck und verabredete sich mit ihm für den Nachmittag des folgenden Tages, wohlwissend, dass dann nur Scully da sein würde, um sich mit Chuck zu treffen.

Doch das wollte er niemandem sagen. Es war genug, dass Skinner es wusste.

In der darauffolgenden Nacht

Immer noch regnete es und die Tropfen liefen in langen Bahnen an ihrem Fenster herunter um dann mit einem leisen Pochen auf die Fensterbank zu fallen. Sie lag auf seiner Schulter und schlief, ihre Hand auf seiner Brust ruhend. Doch er lag hellwach in ihrem Bett und sah die Decke an, während er über das nachdachte, was er vorhatte.
Er blickte auf die zarte Hand auf seiner Brust und darauf wie sie friedlich und vollkommen erschöpft an seiner Seite schlief. Es war als hätte jemand einen Schalter in ihr umgelegt. Seit sie wusste, dass das Kind dasselbe wie er durchgemacht hatte, schien es ihr nicht mehr so unwirklich. Sie war zwar immer noch verunsichert und machte sich Sorgen, doch nun schien es ihr vertrauter. Sie fühlte sich nicht mehr so fremd in ihrem Körper, jetzt wo die Nanotechnologie aus ihrem Körper verschwunden war und er sah ihr das an.

Wenn sie ihn jetzt ansah wirkte es viel frischer und freier. Er fühlte, dass sie sich nun auch ein wenig auf das Baby freute. Er hatte es gemerkt, als sie in dieser Nacht zusammen gewesen waren. Sie hatte sich vollkommen fallen lassen. Es war nun schön mit ihr zusammen zu sein, das Kind in ihrem Bauch heranwachsen zu sehen und er hatte heute Abend fast das Gefühl gehabt, sie wären ein ganz normales Paar.

Er wusste das war jetzt der Zeitpunkt alleine weiterzumachen. Er würde sie verlassen müssen.
Eine winzige Träne löste sich von seinen Wimpern und lief über seine Wange um als winziger Tropfen auf das Kissen zu fallen.

Hatte er ihr nicht versprochen, sie nie wieder alleine zu lassen? Für immer bei ihr zu sein?
Doch er konnte das Versprechen nicht halten, zu ihrem eigenen Schutz.

Seine Sachen lagen bereits im Kofferraum seines Autos vor ihrer Haustür. Er sah noch einmal voller Wärme auf sie herab und wand sich dann vorsichtig aus ihrer Umarmung um sich leise anzuziehen. (Anm.d.Autorin: Sein Knackarsch schimmerte im Mondschein!!!)
Als er in der Küche noch einen Schluck Wasser getrunken hatte, sah er noch einmal wehmütig durch den Spalt in der Schlafzimmertür auf ihr Gesicht. Eine Sekunde überlegte er, ob er nicht einen anderen Weg fand. Doch er drehte sich resigniert von ihr weg, weil er wusste, das war die einzige Lösung für sie und das Kind. Er zog sich vorsichtig seine Jacke an und wartete still im Wohnzimmer auf der Couch sitzend, bis der Regen ein wenig nachgelassen hatte. Als er nur noch leise auf die Blätter vor dem Fenster niederfiel und die Luft nach nassen Steinen roch stand er auf, um zur Tür zu gehen. Da hörte er eine Stimme, die die Nacht erhellte.

„Mulder?“ Er drehte sich schuldbewusst um. „Was machst Du?“ Sie hatte sich die Bettdecke umgewickelt und stand mit zerzaustem Haar und noch ganz benommen im Wohnzimmer und sah in verwirrt an. Etwas hatte sie geweckt und sie war erschrocken, ihn nicht neben sich zu haben. Also war sie leise ins Wohnzimmer getappt und hatte ihn nun offenbar dabei erwischt, wie er sich aus der Wohnung schleichen wollte.
Doch warum? Sie sah ihn auffordernd an, während sie sich ihr Haar glatt strich und merkte wie sie wacher wurde. Er wand sich und überlegte, was er tun konnte, doch er wusste, er musste die Wahrheit sagen.
Er ging vorsichtig auf sie zu. Er würde es nicht übers Herz bringen ihr zu sagen, dass er sie verlassen wollte. Also entschied er sich für einen Teil der Wahrheit.

„Ich muss nach New York.“ „New York?“ sie verstand nicht. „Die Adresse auf der Visitenkarte, von der ich Dir erzählt hab? Ich muss dahin.“ „Jetzt?“ Sie begriff langsam.
Sie spürte, dass er nicht die volle Wahrheit sagte. Da war noch mehr. Er hatte so einen schuldbewussten, traurigen Blick. Sie merkte wie ihr Herz zu schmerzen begann, wie sich ein Netz darum immer enger zog. Sie zog die Decke fester um ihren Körper und verschränkte die Arme davor, während sie ihre Bestürzung herunter schluckte und sich mit der Zunge die trockenen Lippen befeuchtete.
„Und wann hattest Du vorgehabt mir das zu sagen?“ Doch sein betroffenes Schweigen verriet ihr die Antwort und sie wurde wütend.
Er sah das zornige Funkeln in ihren Augen und ging einen Schritt auf sie zu. „Ich konnte es nicht sagen. Aber ich muss ohne Dich gehen. Ich muss herausfinden, wie wir alldem endlich ein Ende bereiten können.“ Er sah auf ihren Bauch, den man unter der dicken Bettdecke, die noch immer um sie gewickelt war, kaum erkennen konnte. „Du hast jetzt ganz andere Sorgen als mit mir da draußen nach Verschwörungen und Aliens zu suchen.“
Scully fühlte die Tränen der Wut in sich aufsteigen und sie sah ihn mit leerem Blick an.

Sie kannte ihn, sie hätte wissen müssen, dass seine Suche noch nicht beendet war. Und dass er sie von den Gefahren fernhalten wollte. Wie damals in Oregon.
Doch zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass sie ihn verstand.
Sie selbst suchte dieselben Antworten und wäre sie nicht schwanger, würde sie mitkommen, egal ob er wollte oder nicht.

Doch sie wusste wie sehr er sie liebte. Und so wenig wie sie ihn verlieren wollte, so sehr war er um sie besorgt und sie musste respektieren, dass er sie in Sicherheit wissen wollte. Sie biss die Zähne zusammen und schluckte die Tränen hinunter.

„Wirst Du wiederkommen, wenn das Baby kommt?“ Sie fragte ganz zaghaft mit einem leichten Zittern in der Stimme. Sie wusste sie würde ihn gehen lassen müssen.
Er war erleichtert, dass sie ihn verstand und einmal mehr wusste er, warum er sie so liebte.

„Wann soll es denn kommen?“ fragte er leise während sie in der Dunkelheit stand und nur schwarz-weiße Schatten durch ihre Jalousien ins Wohnzimmer auf ihre samtweiche Haut fielen. Der Regen pochte noch immer leise gegen die Fenster und ein leichter Wind fegte durch die Bäume.
„Das errechnete Datum ist der 26. Dezember“, antwortete sie stumpf vor sich hinblickend, als stünde er gar nicht vor ihr.

Sie wollte ihn nicht gehen lassen. Aber sie wollte auch Antworten. Sie ging auf ihn zu und ließ sich von ihm in den Arm nehmen. Sie sahen sich lange in die Augen. Es waren vielleicht die letzten Blicke, die sie für immer austauschen würden. Zumindest waren es die letzten für eine lange Zeit.

Sie würde seine wunderschönen Lippen vermissen, seine duftenden Haare, seine starken Arme, seine Augen, die nur für sie diesen einen Blick auflegten.
Er beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen letzten langen Kuss, während sie ihre Decke hinunterfallen ließ und ihn mit der ganzen Kraft ihrer Arme an sich drückte. Er umarmte sie ebenfalls und sie hielten sich eine ganze Weile fest.

Immer wieder küssten sie sich und sogen die Nähe und den Duft des anderen ein, um diese Erinnerung ganz fest zu halten.

Doch irgendwann ließ sie ihn los, wofür er ihr im Stillen dankte, und er hob die Decke vom Boden auf und legte sie ihr behutsam wieder um. Bevor er sich umdrehte, drückte er ihr noch einen letzten, langen und sanften Kuss auf die Lippen während sie seine Ellbogen ganz sanft mit ihren Händen berührte und ihre Augen schloss. Die Luft flimmerte um sie herum und ihr wurde warm. Sie hatte das Gefühl, es wäre das letzte Mal, dass sie sich so nah sein würden. Seine Seele schien es ihr zu flüstern.

„Ich komme zurück“, versprach er ihr als er die Tür hinter sich schloss und wusste dabei nicht einmal, ob er das Versprechen halten könnte.

Sie blieb noch lange danach im Wohnzimmer stehen, in dem noch seine sanfte Stimme in der Luft zu schweben schien. Sie hüllte sich in die warme Decke, die noch nach ihm roch und schluckte die Tränen hinunter, die sich immer wieder in ihren Augen bildeten und den Schmerz hinaustragen wollten.

Doch sie wollte nicht weinen. Er würde wiederkommen.

 

/ Omnium finis imminet /

Drei Tage später, New York City

Wütend faltete er den Sportteil der New York Times zusammen und warf sie in den Mülleimer.
Mulder war immer wieder zu dieser Adresse gegangen. 116 W / 36. –Bryant. Das stand zumindest auf der Visitenkarte und Mulder war sich sicher, es musste irgendwo hier in der West Side sein. Doch er hatte kein Appartmengebäude mit der Nummer 116 gefunden. Er war mindestens schon 100 Mal diese Straße abgelaufen, hatte jedes Haus genauestens von außen inspiziert, überall nach dem Namen Bryant gesucht und auf jede Person geachtet, die hier auf der Straße mehr als einmal aufgetaucht war. Mittlerweile kannte er sämtliche Reklameschilder auf dieser Straße auswendig und der Hot Dog Verkäufer an der Ecke 36./7.Avenue grüsste ihn jedes Mal lauthals, wenn er ihn von weitem kommen sah. Das hier führte ihn zu gar nichts und er war wütend. Wieso ließ man ihn wie einen Volltrottel hier auf der Straße herumirren?

Er saß im Schatten der Hochhäuser auf einer Bank am Madison Square Garden und starrte auf die Visitenkarte in seinen Händen.

War das vielleicht gar keine Adresse? War es ein Code? Wieso kam ihm der Name Bryant so bekannt vor?
Die Zahlen hatte er auch schon einmal irgendwo gesehen. Nur in einem anderen Kontext. Er dachte nach während er an seiner Unterlippe zupfte. Was sagten sie ihm? Die erste Zahl sagte ihm die horizontale Richtung und die zweite die vertikale Richtung des Ortes, den er aufsuchen sollte.
Es war genial. New York war wie ein Atlas strukturiert. Das erhärtete seinen Verdacht. Er musste nun noch einen Ort finden, um zu bestätigen, was ihm gerade in den Sinn gekommen war. Er brauchte einen Atlas. Eine öffentliche Bibliothek. Doch so gut kannte er sich in New York auch wieder nicht aus, er kam hier schließlich meistens hin, um die NBA Spiele oder die Spiele der Yankees anzusehen. Er stand auf und kaufte sich einen Hot Dog, vermutlich den zehnten seit er in dieser Stadt war. Als er dem Hot Dog Verkäufer das Geld hinhielt, fragte er ihn schließlich wo die nächste Bibliothek sei.
„Fifth Avenue, 42., Public Library“ schmiss ihm der Inder in dem schrecklichsten Akzent, den er je gehört hatte, entgegen. Mulder verlor keine Zeit, er stopfte sich den Hot Dog in den Mund während er die zehn Blocks nach Norden lief.
Als er auf die Fifth Avenue zuging, schloss er die Augen in Erkenntnis seiner eigenen Dummheit. Bryant! Das war der Park, in dem sich die Public Library befand. Darauf hätte er auch selber kommen können!
Mulder rauschte durch die große Eingangstür hinein und nahm zwei Stufen auf dem Weg in den zweiten Stock, wo sich die Atlanten und Weltkarten befanden. Er suchte hastig und immer noch am letzten Bissen seines Hot Dogs kauend die Koordinaten 36 °N / 116 ° W auf. Sein Finger landete punktgenau auf einem Gebiet nordwestlich von Las Vegas.
Ha! Er triumphierte. Scully wäre einmal mehr über seine Intuition erstaunt gewesen hätte sie das gesehen. Dort befand sich die Groom Lake Airforce Base auch bekannt als Area 51.
Gut. Bisher war es also eine lustige Schnitzeljagd für denjenigen gewesen, wer auch immer er war, der ihn kontaktiert hatte.
Doch was sollte er damit anfangen? Warum hatte man ihn nach New York City gelotst, wenn er doch nur hier in einer Bibliothek einen Blick auf die Landkarte Amerikas werfen sollte? Das hätte er auch in Washington tun können. Also wischte er sich mit der kleinen Serviette in seiner Hand die letzten Krümel und Ketchupreste vom Mundwinkel und verließ die Public Library wieder. Als er wieder hinaustrat, sah er im grauen Schatten des Empire Statebuildings auf einer Bank einen Mann sitzen, der noch grauer und unscheinbarer schien als all der Beton um ihn herum. Er trug einen Anzug und hatte eine Zeitung neben sich liegen. Er starrte vollkommen leer und ausdruckslos auf die Straße, auf der das Leben der Stadt wie das Blut in den Adern eines Körpers pulsierte.

Irgendetwas an ihm war merkwürdig. Mulder ging auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Er sah nach rechts und starrte nachdenklich das Chrysler Building an, das von der Sonne, die schon seit Stunden gegen die dunklen Regenwolke kämpfte, immer wieder golden angestrahlt wurde und majestätisch funkelte.
„Waren Sie schon einmal in Las Vegas? Das ist wirklich einen Ausflug wert.“ Die Stimme kam von der Seite und riss ihn aus seinen Gedanken und er fuhr erschrocken herum. Er blickte direkt in die grauen wässrigen Augen dieses Mannes um die fünfzig, der neben ihm auf der Bank saß und ihn aus dem Nichts angesprochen hatte. Also war sein Instinkt richtig gewesen und dieser Mann wollte etwas von ihm. Er hatte ihn jedoch noch nie zuvor gesehen. Doch Mulder war nicht leicht einzuschüchtern und reagierte gelassen auf den fremden Mann neben ihm auf der Bank. Sie waren hier umringt von Leuten in einer riesigen Großstadt, nirgendwo war es so sicher und nirgendwo war man zugleich so ungestört und anonym. „Also schön, Sie haben Ihren Spaß gehabt. Was soll dieses alberne Versteckspiel?“ fragte er genervt. Der Mann mit den grauen wässrigen Augen stellte sich ihm nicht vor, sondern sprach leise weiter, während sein Blick die ganze Zeit einen Wagen fixierte, der auf der anderen Straßenseite stand. „Wenn Sie mehr über Purity Control herausfinden wollen, dann würde ich Sie gerne einladen mich nach Nevada zu begleiten. Sicher wollen Sie wissen, was es mit diesen Nanobots auf sich hat und ich verspreche Ihnen, wenn Sie mir vertrauen, dann wird das den Lauf der Welt verändern. Und das ist es doch, was Sie wollen, Mr. Mulder.“

Er drückte Mulder die Zeitung neben sich in die Hand und stand schließlich auf.
„Die kommen näher, Mr.Mulder und es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten sie aufzuhalten.“ Seine Stimme vibrierte und der Unterton klang rauh, düster und kalt wie der Beton unter ihren Füßen. Er drehte sich mit einem letzten Nicken um um wieder mit der anonymen Masse Menschen dieser Stadt zu verschmilzen.
Mulder faltete die Zeitung auf. Es war die Times. Die Ausgabe, deren Sportteil er zuvor in den Müll geworfen hatte.
„Die Ausgabe hab ich schon gelesen!“ rief Mulder ihm noch nach als sein Blick auf eine kleine Anzeige fiel, die auf der Titelseite der Times, die er zuvor gelesen hatte, nicht gedruckt gewesen war. Sie stand in normal großen Buchstaben unter einem Artikel, den er schon kannte. „Morgen. JFK Delta 2251. 143 - 11.15 a.m.“ Das war alles, doch es enthielt genug Informationen für ihn. Ein leichter Schauer lief Mulder über den Rücken. Was für ein Mann war das, der einfach eine Anzeige auf ein Exemplar einer der größten Zeitungen der Welt drucken lassen konnte? Die Worte dieses Mannes hallten noch in ihm nach und jagten ihm Angst ein. Doch er riss sich zusammen, derart zwielichtige Gestalten hatte er schon zu oft getroffen, als dass er sich davon einschüchtern lassen sollte. Es war eine Spur und er würde ihr folgen. Es waren die Bedrohung und die Dringlichkeit gewesen, die von diesem grauen Mann ausgegangen waren. Das Gefühl, dass das, was er ihm gesagt hatte, wirklich von Bedeutung war.

Die Sonne hatte ihren Kampf gegen die Wolken verloren und das Chrysler Building seinen goldenen Glanz. Es wurde dunkel und ein kühler Wind fuhr laut raschelnd durch die Blätter des Parks. Er würde also morgen nach Nevada fliegen. Dessen war er sich ziemlich sicher. Er wusste nicht wohin in das führen wuerde. Er wusste nicht, ob er jemals lebend zurückkommen würde oder ob er hier der richtigen Person folgte. Doch diese Visitenkarte hatte ihn in den letzten Wochen immer wieder beschäftigt und es war alles, was ihm noch blieb. Jetzt, wo fast alle Personen, die er in dieser verdammten Verschwörung gekannt hatte, tot waren. Es war die letzte Verbindung.
Und es war vielleicht der letzte Tag des Lebens, das er jetzt kannte. Die letzte Möglichkeit, sie anzurufen. Ihr zu sagen, dass er verschwinden würde.

„Mulder?“ Sie hatte die New Yorker Nummer auf dem Display des Telefons in ihrem gemeinsamen FBI Büro erkannt und sofort abgenommen. Doch es kam keine Antwort. Denn der Mann am anderen Ende der Leitung war sich nicht sicher, was er ihr sagen sollte. Allein der Klang ihrer Stimme brach ihm fast das Herz. „Hallo?“ Scully fühlte, wie Enttäuschung in ihr hochkroch. Und Angst.

Stimmte etwas nicht? War Mulder in Gefahr? Doch schließlich drang seine sanfte Stimme durch die Stille. „Dana? Ich bins.“ Die Erleichterung in ihrer Stimme kroch durch den Hörer an sein Ohr. „Wo bist Du? Geht’s Dir gut?“ Sie klang so besorgt und er hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Aber er wusste dieses Gespraech würde anders enden.
Scully hatte eine unangenehme Ahnung, doch sie wartete und gab ihm Zeit, offensichtlich musste er etwas loswerden, was ihm sehr schwer fiel. Im Hintergrund konnte sie lautes Hupen und Rauschen hören.
„Ich bin in New York City. Aber ich werde morgen nach Nevada fliegen.“
So etwas hatte sie befürchtet. Sie schnappte nach Luft, weil sie genau wusste, dass es nur einen Ort in Nevada gab, der Mulder interessieren konnte.
„Mulder, sag mir bitte nicht, dass Du vorhast zur Groom Lake Air Force Base zu fahren!“ In ihrer Stimme schwang mit, dass sie kurz davor war ihn für verrückt zu erklären. Doch an seinem Schweigen merkte sie, dass sie Recht hatte. Und sie kannte ihn, sie wusste er würde sich nicht aufhalten lassen. Aber sie befürchtete auch, dass er ihr nicht alles erzählte.
„Fliegst Du allein dorthin?“ „Nein.“ Er zögerte, er wusste sie würde nicht mögen, was er ihr erzählte. „Ich bin dort mit jemandem, den ich hier in New York getroffen habe. Ich weiß nicht, ob ich ihm vertrauen kann, aber er ist unsere einzige Spur.“
Als sie schwieg fuhr er fort, er wusste ohnehin, dass sie gegen sein Vorhaben sein würde, doch sie würde ihn nicht aufhalten können und das wusste sie auch.
„Hör zu, Dana! Ich kann Dir nicht mehr sagen aber ich weiss nicht, was ich dort vorfinden werde.“ Er hielt inne, aber nicht lange genug um sie zu Wort kommen zu lassen. „Es ist vielleicht besser, wenn Du Dich darauf einstellst, dass ich nicht nach Washington zurückkehre, jedenfalls nicht so lange ich nicht weiß wie sich diese Invasion aufhalten lässt.“

Er hatte es gesagt. Der Lärm um ihn herum, das drohende Gewitter und die Begegnung mit dem grauen Mann hatten eine Atmosphäre heraufbeschworen, die ihn vollkommen eingelullt hatte. Er hatte die Bedrohung gefühlt, die über ihnen schwebte. Die Zukunft, die er und sie kennenlernen würden, wenn er nichts dagegen tat. Sie hatten es lange genug ignorieren können, doch er wusste dies war der Punkt, an dem es groößer wurde als sie, an dem es nicht um persönliche Schicksale ging. Es ging um das Überleben aller und darum, ob sein Kind überhaupt noch diese Welt kennenlernen würde.

Scully schluckte am anderen Ende der Leitung. Ihre Kehle war trocken und sie hatte einen Kloß im Hals, doch sie atmete leise ein und nahm sich zusammen. Sie wusste wozu er fähig war und wie leicht er seinen Kopf verlor, wenn er glaubte der Wahrheit auf der Spur zu sein. Sie würde ihn ohnehin nicht aufhalten können. Aber sie hatte nicht mit so viel Offenheit von ihm gerechnet. Es tat weh. Und sie fühlte wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.

„Wie kannst Du das einfach so sagen? Zu mir? Am Telefon? Was glaubst Du denn wie es für mich weitergehen soll? Ich suche doch ebenso nach Antworten wie Du! Du kannst mich doch jetzt nicht so einfach ausschließen. Mulder?“ Es war aus ihr herausgebrochen, weil sie wütend war, dass er sie angerufen hatte um ihr solche Schmerzen zuzufügen.
Er war solche Gefühlsausbrüche nicht von ihr gewohnt und er spürte wie aufgebracht sie war. Es überraschte ihn kaum, schlug ihm doch selbst das Herz bis zum Hals. Der Gedanke daran sie alleine zu lassen, sie vielleicht nie wieder sehen zu können, zerriss ihm fast die Seele, doch er hatte sich entschieden, vor langer Zeit schon, dass er den Weg ohne sie zu Ende gehen musste.
„Dana, Du bekommst ein Baby, unser Baby. Ich muss Dich an diesem Punkt verlassen. Ich muss Antworten finden, FUER dieses Baby. Das hier ist meine Suche und ich muss sie jetzt alleine zu Ende bringen.“
Er klang verzweifelt und sie wusste es ohnehin. Sie hatten es schon so oft besprochen, schon so oft hatte er ihr klargemacht, dass sich ihre Wege trennen mussten. Dass er sie nicht wie Samantha verlieren wollte, vor allem nicht an diese Verschwörung. Sie biss sich auf die Lippen und ermahnte sich ruhig zu bleiben.
„Ich weiß und ich versuche es ja zu verstehen. Aber ich werde hier nicht tatenlos herumsitzen, ich werde auch weiterhin nach Antworten suchen. Es ist ebenso meine Suche wie Deine geworden. Ich werde nicht zulassen, dass Du mich ausschließt. Wenn ich auch nicht verhindern kann, dass Du mich verlässt.“ Die letzten Worte waren ihr schwer gefallen und sie kämpfte gegen die Tränen in ihren Augen.
Er hörte das Zittern in ihrer Stimme und krallte seine Finger um das Metall der Telefonanlage. Es tat weh. Und er fühlte wie es sie auch schmerzte. Doch es war alles gesagt, er würde sie verlassen.

„Mulder?“ „Ja?“ Sie wollte ihm diese eine Sache noch mit auf den Weg geben, für einen Augenblick der Nähe bevor sie sich vielleicht für immer trennen würden. Sie hatte es selbst erst am Tag zuvor erfahren.

„Es ist ein Junge.“

Die Zärtlichkeit, die trotz der Distanz all diese Meilen durch dieses Telefon mitten in Manhatten in sein Herz strömte, wärmte ihn einen Augenblick und er fühlte wieder die Vertrautheit zwischen ihnen. Es war ein so persönlicher Moment, der nur ihnen gehörte und sowohl um ihn, als auch um sie herum verschwanden die Mauern, der Verkehrslärm, all die hektischen Menschen und das Grau der Stadt für eine Sekunde. Es war als schwebten sie in einer kleinen Seifenblase über all der anonymen Kälte um sie herum. Er hörte das Hupen hinter sich auf der Straße nicht und auch der Regen, der aus den schweren grauen Wolken auf ihn herabzutropfen begann, fühlte sich nicht nass auf seiner Haut an. Er lächelte in den Hörer hinein, doch er wusste nicht, was er sagen sollte und schwieg stattdessen. Doch selbst über diese Entfernung hinweg bedurfte es keiner Worte. Sie beide verstanden sich in diesem Augenblick und es bereitete ihnen zu viele Schmerzen, diesen Moment noch weiter hinauszuzögern. Sie saß vor seinem Schreibtisch und hielt kaum atmend inne, während ihr Tränen über die Wangen liefen und sie die Bewegungen ihres Kindes in ihrem Bauch fühlte. Ihre Hände klammerten sich an den Hörer an ihrem Ohr und sie versuchte jeden seiner Atemzüge zu hören.
Er schloss schließlich die Augen als der erste Donner aus den Wolken herunterrollte und hängte den Hörer in das Telefon. Die Münzen fielen klingelnd durch den Apparat hindurch und der Regen begann auf ihn herniederzuprasseln, als er in die Bibliothek zurueckrannte um vor dem Gewitter zu fliehen. Seine Gedanken und Gefühle vermischten sich zu einem Sturm, der in ihm wütete und seinen Magen verdrehte, während die Welt draußen um ihn herum genau so wie in seinem Inneren im Dunkeln versank. Nun war er allein. Und er wusste nicht, was auf ihn zukommen würde.

--

Scully legte den Hörer auf, in dem es schon lange tutete und verharrte einen Moment. Ihr Blick fiel in die Leere, auf die Wand ihr gegenüber.

Das Ufo auf dem „I want to believe“-Poster schien sich hinter ihrem Tränenfilm über den Bäumen zu bewegen, doch sobald die nächste Träne aus ihrem Auge über ihre Wange lief und ihr Blick wieder klar wurde, stand es wieder still und stumm am grauweißen Horizont auf dem Papier. Zwischen diesem Poster und dem Schreibtisch und dem Baby, auf das sie sich nun endlich zu freuen begann, lagen so viele Momente, so viele Ereignisse und so viele Gefühle, dass es ihr oft wie ein Traum vorkam.
Die meisten Menschen mit ihrer Geschichte hätten sich längst in psychiatrische Behandlung gegeben, doch sie trug all diese Dinge mit sich herum, sicher in ihrer Seele verschlossen und auf ihrem Herz lastend sie wie Blei.
Seit dem Moment, an dem sie dieses Poster zum ersten Mal erblickt hatte und dem heutigen Tag hatte sich so vieles verändert.

Während es in ihr damals Protest hervorgerufen hatte, Protest gegen die dumme Pseudowissenschaft von Spooky Mulder, war es für sie heute vertraut und weckte all die Erinnerungen der letzten Jahre in ihr, die guten, wie die schlechten. Es war wie ein altes Familienmitglied, das alles schweigend miterlebt hatte.
Es war so naiv und so schrecklich peinlich, dass sie Mulder noch mehr dafür liebte, dass er es in seinem offiziellen Büro aufgehängt hatte.

Sie hatte damals gedacht sie hätte besseres verdient, als einem pubertierenden FBI – Agenten auf die Finger zu sehen. Aber sie hatte sich auch geschmeichelt gefühlt, dass man gerade ihr einen Spezialauftrag erteilt hatte. Doch in weniger als einem Jahr hatte sie gemerkt, in welche Tiefen des Universums ihr Partner da einzudringen versuchte und es hatte begonnen sie zu faszinieren.

Nun war ein normales Leben nicht mehr möglich.

Sie hatte dieses neue Leben mit Mulder auf der Suche nach Etwas, sei es die Wahrheit ihrer Existenz oder auch nur die größte aller Lügen, erkauft zu dem hohen Preis all der Sicherheiten und kleinbürgerlichen Träume, die sie in ihrer Familie beigebracht bekommen hatte. All das, was sie beide gesehen hatten, machte es unmöglich dem Alltag da draußen noch begegnen zu können, während in  ihren Köpfen eine Welt entstanden war, die zu unwirklich und zu phantastisch war um wirklich wahr zu sein. Doch sie wusste, dass sie wirklicher war als das, was dort draußen passierte und das war eine Erkenntnis, die sie sehr einsam gemacht hatte.
Vielleicht war es nur dieser Aspekt der Einsamkeit gewesen, dass sie beide im selben Boot saßen, als einzige Vertraute. Aber vielleicht war es auch mehr gewesen. Vielleicht waren es ehrliche Gefühle gewesen.

Seit sie ihre Krankheit überwunden hatte, hatte sie bemerkt wie Mulder immer öfter bei ihr zuhause vorbeigeschaut hatte, wie er sich Schritt für Schritt immer näher in ihr Privatleben vorgetastet hatte, wie er sie immer öfter scheinbar zufällig berührt hatte und wie seine Augen, wenn er sie ansah plötzlich so ein warmes Leuchten ausstrahlten. All die Jahre zuvor hatte sie sich insgeheim wie ein Teenager oft vorgestellt, sie und Mulder könnten ein Paar werden, doch diese unschuldigen Schwärmereien waren durch die Ernsthaftigkeit ihrer gemeinsamen Erfahrungen verschwunden und wahrer Sorge umeinander gewichen und plötzlich hatte sie gefühl, wie sie immer mehr und mehr in etwas Anderes umzuschlagen schienen. Doch weder er noch sie hatten sich je getraut es beim Namen zu nennen.

Es hatte allerdings immer wieder Momente gegeben, in denen die Welt um sie herum so verwirrend und so unwirklich schien und sie so überforderte, dass diese zaghaften vagen Gefühle in ihnen manchmal aus ihnen herauszubrechen schienen und in solchen Momenten war es nicht nur einmal fast passiert, dass sie die unsichtbare Barriere zwischen ihnen überschritten hatten. In solchen Momenten hatte dieses Gefühl so sehr Besitz von ihnen ergriffen, dass die Nähe des anderen ihnen Gänsehaut bereitete. Es war unerträglich gewesen, den anderen nicht anzufassen und genauso unerträglich ihm nahe zu sein.

Doch immer wieder hatten sie sich im letzten Augenblick von der Welt um sie herum ablenken lassen, hatte die Vernunft in einem von ihnen diese Momente schlagartig beendet oder hatten sie beide zu viel Angst gehabt sich so weit vorzuwagen.

Wäre es direkt in seinem Flur zu diesem Kuss gekommen, bevor die Biene sie gestochen hatte, sie wusste nicht wie es dann weitergegangen wäre. Die Spannung zwischen ihnen war damals so unerträglich gewesen, dass sie das Gefühl gehabt hatte es würde einen Kurzschluss geben, wenn sie sich küssten. Es hätte sie körperlich überfordert, so sehr hatte dieses Gefühl von ihr Besitz ergriffen. Doch von diesem Moment in seinem Flur an hatte es sich nicht mehr aufhalten lassen. Sie hatten einmal diesen Gedanken ins Rollen gebracht, diesen Gedanken, dass da wirklich mehr war, was sie für einander empfanden. Sie hatten es beide erstmals in des anderen Augen gesehen und sich beide selbst erstmals diesen Wunsch nach mehr eingestanden. Und danach war es immer mehr zu einem Verlangen geworden. Sie hatten angefangen zu flirten, hatten Abende miteinander verbracht. Immer waren es irgendwelche fadenscheinige berufliche Vorwände gewesen, doch insgeheim hatten beide gewusst, dass sie einander nur nahe sein wollten.

Mulder war es schließlich gewesen, der es ihr gesagt hatte. Nicht nur einmal, sondern mehrmals. Beim ersten Mal als er von seinem Ausflug aus dem Bermudadreieck im Krankenhaus gelegen hatte, hatte sie es nicht ernstgenommen, als er ihr seine Liebe gestanden hatte, weil er desorientiert gewesen war und womöglich unter Psychopharmaka oder Halluzinogenen gestanden hatte, aber dennoch hatte der Blick in seinen Augen ihr auch damals schon gesagt, dass es wahr war und sie hatte es tief im Inneren nicht wirklich als eines seiner Hirngespinste angesehen, sondern noch Tage danach Herzklopfen bekommen, wenn sie daran gedacht hatte.
Dass er es wirklich ernst gemeint hatte war ihr klar geworden, als sie ihn am Tag von Diana Fowleys Tod bei ihm zuhause besucht hatte. Sie hatte erwartet, dass er über ihren Tod bestürzt sein würde, doch stattdessen hatte er ihr die Wahrheit gesagt, die sie selbst nicht fähig war, zuzugeben. Dass, egal wie die Welt um sie beide herum war, egal, wer sie verfolgte und egal, welche Naturgesetze außer Kraft gesetzt zu sein schienen, sie immer als die Konstante seines eigenen Universums in seinem Leben stand. Es hatte ihr damals den Boden unter den Füssen weggerissen als sie verstanden hatte, was er ihr damit gesagt hatte.

Es war ein so überwältigender Augenblick gewesen, dass sie nicht die Kraft gehabt hatte, sich ihm so zu nähern, wie sie es sich beide gewünscht hätten. Ihr war schwindelig geworden und Tränen waren in ihren Augen aufgestiegen. Sie hatte innerlich am ganzen Körper gezittert und ihr Hals hatte sich zugeschnürt und ihr Herz hatte so schnell geschlagen, dass sie Angst gehabt hatte es würde aufhören zu schlagen, wenn sie diese wunderbaren Lippen geküsst hätte, ihre Daumen hatten stattdessen seine Lippen sanft berührt und es war ihr vorgekommen als wären winzige Stromstöße von dort aus durch ihren Körper gefahren. Von dem Moment an hatten sie es beide gewusst, hatten es einander endlich gesagt und es war zu besonders, zu heilig gewesen, als dass ihre körperlichen Bedürfnisse darin Platz gefunden hätten.

Doch den Kuss, den sie an diesem Tag nicht fähig gewesen war ihm zu geben, hatte er sich in der Nacht des Millenniumswechsels dennoch geholt. Sie hatte nie den Mut gehabt sich ihm zu nähern, stets war er es gewesen, der auf sie zukommen musste. Denn sie hatte immer respektiert, dass seine eine Leidenschaft seiner Suche galt, dass er einer von den Männern war, die jede Frau bekommen konnten und sich für Karrierefrauen wie sie nie wirklich interessierten. Doch wie falsch hatte sie ihn eingeschätzt!

Als er sich zu ihr gebeugt hatte um ihr diesen langen, sanften fast freundschaftlichen Kuss auf ihre Lippen zu geben, waren die Sekunden eingefroren. Sie beide hatten die Augen geschlossen und den Augenblick, den Moment, den alle als das Ende der Welt gefürchtet hatten, in sich aufgenommen als hätte er für die Ewigkeit halten müssen. Es war ein unausgesprochenes Geständnis gewesen, dass sie die eine Person war, die er in diesem besonderen Moment spüren wollte. Wäre die Welt in diesen Sekunden wirklich untergegangen, wären sie beide in diesem Kuss mituntergegangen und nun, da alles gut ausgegangen war – zumindest bis jetzt – hatte es doch eine neue Zeit eingeläutet. War diese unsichtbare Barriere zwischen ihnen damit ein ganzes Stück schmaler geworden.

Sie konnte sich gut daran erinnern was dieser Kuss mit ihr angestellt hatte. Sie hatte danach immer wieder diesen Traum gehabt, der sie nächtelang verfolgte. Die Welt hatte sich in diesem letzten Jahr des alten Millenniums für sie verändert. Die gesamte Wissenschaft, aber auch die Religion, an die sie immer so voller Inbrunst geglaubt hatte, waren zerschlagen und sie hatte zum ersten Mal verstanden, was das „I want to believe“-Poster wirklich bedeutete.

Nach dieser Zerstörung dieses Universums, das sie in sich getragen hatte und an das sie geglaubt hatte, keimte dieses neue Gefühl in ihr auf. Es füllte die Leere, die die Wahrheit, der sie auf der Spur waren, in ihr hinterlassen hatte, aus. Und es hatte so viel Platz in ihrem Herzen, war so mächtig und kam ihr beängstigend vor, weil es so stark wurde und sie schwach machte. Sie war kein leidenschaftlicher Mensch wie Mulder und es war für sie neu so viel und so intensiv zu fühlen, doch der Verstand war ihr keine Hilfe mehr angesichts der Ereignisse um sie herum. Sie war verloren.

Und erst als Daniel gestorben war während Mulder in England nach Kornkreisen forschte, hatte sie wieder zu sich gefunden. Sie hatte einen Kompromiss in ihrer Mitte gefunden und die Entscheidung gefasst ihre Zukunft wieder in die Hand zu nehmen und diesen unheimlichen Wahrheiten zu trotzen, so lange sie noch keine eindeutigen Beweise in der Hand hatte. Sie hatte ihren Verstand wieder zurückerobert und all die alten Gefühle und Vorstellungen ließen sich wieder in ihr neues Weltbild einfügen. Der Wunsch, ein Kind zu bekommen, war ein Teil davon gewesen und ihre Mutter hatte sie darin bestätigt, dass es ihr helfen könne ihre Einsamkeit und Verwirrung zu beenden, wenn sie ein Kind bekäme. Ihre Mutter war es auch, die sie immer wieder nach Mulder gefragt hatte, da sie nicht verstehen konnte, warum er und sie noch immer kein Paar waren, wo es doch „so offensichtlich“ war.
Scully schmunzelte. Sie und ihre Mutter hatten sich eines Sonntags, als sie nicht mit in die Kirche gekommen war, darüber sehr gestritten.

Und so war es nicht verwunderlich, dass sie es war, die von da an die Initiative ergriffen hatte. Eine Neuerung, auf die Mulder mit Überraschung aber nicht mit Ablehnung reagiert hatte.

Als sie bei ihm auf der Couch an jenem Wochenende eingeschlafen war und er sie auf sein Bett legen wollte, war sie wach geworden als er sie in die Kissen gleiten lassen wollte. Und es hatte nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert zu begreifen, dass das der Moment war. Er hatte sie den ganzen Abend so liebevoll angesehen und sie war von den Ereignissen des Wochenendes so überwältigt gewesen, dass sie ihn einfach festhielt anstatt sich in sein Bett fallen zu lassen. Ihre Blicke hatten sich getroffen und er war dem Zug ihrer Arme wortlos in einen sanften Kuss gefolgt und hatte sich zu ihr ins Bett ziehen lassen. Doch als die Leidenschaft sie immer stärker in ihren festen Griff nahm, hatte sie Angst bekommen und erkannt, dass es kein Zurück mehr gab.

Sie hatte sich aus Mulders Umarmungen herausgewunden und es war ein schrecklicher Moment von Peinlichkeit und Sprachlosigkeit gefolgt, der vielleicht schmerzhafter gewesen war als so manches, was sie danach noch erlebt hatten. Sie war ins Bad gelaufen, um sich mit kaltem Wasser das Gesicht zu waschen, damit ihr Verstand wieder arbeiten konnte. Mulder hatte sie ratlos angesehen und sich entschuldigt, doch dadurch hatte sie sich noch schlechter gefühlt, war sie es doch gewesen, die dieses Mal die Schuld gehabt hatte, die sich dieses Mal die Kontrolle verloren hatte. Doch irgendwie schien es Mulder auch befriedigt zu haben, dass sie diese Schwäche gezeigt hatte, dass sie ihn so nah an sich herangelassen hatte wie nie zuvor und es sie so überwältigt hatte.
Und so waren sie letztlich schweigend nebeneinander in seinem Bett eingeschlafen, denn keiner von beiden hatte die richtigen Worte dafür finden können.
Es war von da an nur eine Frage der Zeit gewesen, bis es doch passieren musste.

Doch es schien nun alles einen Sinn zu ergeben. Wäre es in dieser Nacht schon passiert, wäre es vielleicht wie eine Affäre zu Ende gegangen. Doch so hatte es sich schließlich so ergeben, dass erst ihr Kinderwunsch ihr klar gemacht hatte, dass sie mehr von Mulder wollte als ihr körperliches Verlangen nach ihm zu stillen. Sie wollte ein Teil von ihm sein, wollte ihn in ihrem Universum so aufnehmen wie er sie schon längst in seines eingefügt hatte.
Als sie den Mut aufgebracht hatte ihn zu bitten, der Vater ihres Kindes zu werden, war ihr das noch nicht klar gewesen, aber heute verstand sie, dass sie ihn damals wirklich zu lieben begonnen hatte. So sehr, dass sie neues Leben in diese verwirrte Welt setzen wollte, das in ihr aus einem Teil von ihm entstehen sollte.

Es war als habe sie Teil an der Schöpfung, indem sie dieses Leben in die Welt setzte.
All das wäre nie passiert wäre es schon früher so weit gekommen. Das Schicksal, oder wer immer hinter diesem Plan, der ihr Leben lenkte, stehen mochte, schien genau gewusst zu haben, dass dieses Kind auf die Welt kommen musste.
Es war als hätten Gott und sie und Mulder eine geheime Absprache getroffen, die Schöpfung auf dieser Erde in neue Bahnen zu lenken, indem sie dieses Kind in die Welt setzten. Dieses Kind, das in irgendeiner Form so anders war. Weil es allen Naturgesetzen getrotzt hatte und weil es ein Wunder war, dass Mulders Zelle und ihre eigene sich vereint hatten und damit ein Teil von ihnen beiden in die Ewigkeit übergegangen war.

Nicht nur ihre Zellen waren in diesem Augenblick in ihrem Schlafzimmer miteinander verschmolzen, sondern auch ihre Seelen waren nach jahrelangem verzweifeltem Suchen nacheinander ineinander übergegangen und Scully erinnerte sich nun genau wie sie im Moment, in dem es geschah, weder Tod noch Schmerz gefürchtet hatte, wie sie weder Schwere noch Zeit hatte fühlen können. In ihr waren alle Sinne ausgeschaltet worden, nur dieses eine Gefühl hatte sich in ihr breitgemacht. Es war, als wären Materie und Antimaterie nach jahrelangem Umzingeln aufeinandergetroffen und in einer Explosion verschmolzen. Und übriggeblieben war reine Energie, die sich von den Hüllen und Grenzen der Materie befreit hatte.

Nur Liebe hatte all diese Feuerwerke in ihr gezündet. Und es hatte 7 Jahre gedauert, bis diese Liebe so stark geworden war, dass sie allen Umständen zum Trotz neues Leben in eine Welt setzen konnte, die keine Zukunft zu haben schien. Nun war sie so stark geworden, dass sie größer zu sein schien als all das, wofür sie kämpften.

Aber würde sie auch dem Tod trotzen können? Scully fühlte wie neue Tränen wieder in ihr hochstiegen, während die alten schon seit langem auf ihren Wangen getrocknet waren.

 

Sie schluckte die Tränen herunter und wendete sich schnell ab, weil sie nicht daran denken wollte, dass sie Mulder vielleicht nie wieder sehen würde. Sie verließ das Büro, um so schnell aus dem FBI Gebäude zu gelangen wie sie konnte. Sie brauchte frische Luft und Licht, um diesem Gedankenkreisel entrinnen zu können.

Als sie vor die Türe trat und die Pennsylvania Avenue hinunterblickte, in der ein warmer Sommertag in vollem Gange war, holte sie tief Luft und wischte sich eine letzte Träne von den Wangen.

Sie fühlte, dass die Liebe zwischen ihnen beiden nun größer als sie war, dass sie diesen Gefühlen nicht gewachsen war und dass es ein Gefühl war, das sich verselbständigte. Doch auch die Wahrheit, der sie auf der Spur waren, war größer als alles, was sie erfassen und verstehen konnten. Und deswegen wollte sie glauben, dass es auch die Liebe war, die dieser Wahrheit als letzte Konstante der Natur des Menschen gewachsen war. Das gab ihr Kraft.

Ein kühler Wind fuhr ihr durch die Haare und streifte die Narbe auf ihrem Nacken, unter der das Implantat saß. Die Sonne wurde von einer dunklen Wolke verdeckt und das goldene Leuchten der Regierungsgebäude um sie herum wurde von fahlem Grau verschluckt. Sie schauderte.

Sie wusste, egal wie sehr sie Mulder liebte, er war allein dort draußen und ihr Verstand sagte ihr, dass die Dinge, die dort im Verborgenen vor sich gingen, das Resultat seelenloser Mächte waren. Und die Vernichtung, die davon ausging, war gnadenlos und würde vor nichts halt machen auch nicht vor ihr oder Mulder, oder ihrem Kind.

Sie verstand, dass Mulder wieder einmal die bessere Intuition bewiesen hatte. Er hatte sich von ihr getrennt, damit es ihnen beiden wieder möglich war ihren Verstand zu nutzen, denn Wissen und Macht waren ihre einzigen Chancen der Bedrohung zu begegnen. Beides war hier überall um sie herum. Sie sah in die dunkle Wolke, deren Konturen durch die dahinter verborgene Sonne grell leuchteten. Es war dieselbe Sonne, die auf Mulder in Nevada scheinen würde und das beruhigte sie.

Sie drehte sich um und sah all die einschüchternden Regierungsgebäude an.
Sie war in Washington D.C. Wo, wenn nicht hier, würde sie Antworten finden können? Sie hatte sich etwas beruhigt, denn sie hatte wieder einen Plan. Voll neuer Kraft ging sie wieder zurück in das FBI Gebäude, die graue Kälte der Innenstadt und ihre Ängste hinter sich lassend.

So konnte sie nicht sehen wie am Horizont immer mehr dunkle Wolken aufkamen und sich vor den blauen Himmel schoben und den Tag in düstres Zwielicht tauchten.

Zur selben Zeit in New York City

Mulder hatte sich, sobald der Regen nachgelassen hatte, auf den Weg gemacht in seinem Hotelzimmer seine Koffer zu packen. Als der die Public Library verlassen hatte, hatte ein letzter Regentropfen sein Gesicht benetzt und die Tränen ersetzt, die er mit so viel Kraft zurückgehalten hatte. Er wollte nicht weinen, er wollte nicht darüber nachdenken, dass er sie vielleicht nie wieder sehen würde. Doch es war der einzige Weg und er wusste, sie würde das verstehen. Sie verstand ihn immer. Und er liebte sie so sehr, dass der Tod ihm kein wirkliches Hindernis zu sein schien.

Doch obwohl er anders als Scully schon immer voller Leidenschaft und Intensität gewesen war und daher an die Stärke seiner Gefühle gewöhnt war, so war es doch dieses Mal etwas anderes. Es war noch größer als alles, was er bisher gekannt hatte und es erfüllte ihn mit so viel Kraft, dass es ihn körperlich schwächte.

Es war als reiche seine materielle Hülle nicht aus so viel Energie zusammenzuhalten. Seit dieser Nacht, in der ihr Sohn entstanden war, hatte dieses Gefühl ihn beherrscht. Es hatte ihn gerettet aus der verlorenen Leere dieses Raumschiffes. Und es würde ihn auch wieder retten. Das und dieses Etwas in seinem Körper, das ihn vor den Aliens beschützt hatte. Er war voller seelischer Kraft, doch er konnte seine Suche nicht beenden, wenn er in ständiger Sorge um Scully leben musste. Es war gut so gewesen. Und er verdrängte das beklemmende Gefühl, das sein Herz durchstach, weil sie sich gerade vielleicht für immer getrennt hatten.

Es war schwül und er fühlte wie das Hemd hinten zwischen seinen Schulterblättern auf seiner Haut klebte als er durch die Straßen lief. Er hasste den Subway. Von allen Häusern fielen schwere dicke Regentropfen auf ihn herab und es roch nach nassem Stein. Die Wolken wurden von Sonnenlicht durchbrochen und das Licht war unwirklich und grau. Mulder genoss den Spaziergang, weil er frei war. So frei wie man nur in dieser anonymen Großstadt sein konnte, in der jeder seinen eigenen Weg ging. Und sein Weg führte ihn zurück in sein Hotel.
Als er seine Magnetkarte durch den Türöffner des Zimmers 925 zog und eintrat, spürte er direkt, dass etwas nicht stimmte. Es roch anders. Irgendwie nach feuchter Erde. Und es war kalt. Er sah sich um, in der festen Überzeugung etwas zu finden, doch alles war sauber, so wie es das Zimmermädchen in den letzten Tagen immer hinterlassen hatte. Er schüttelte sein Unbehagen ab und versuchte sich klar zu machen, dass er sich alles nur einbildete.

Ein Griff in die Minibar nach der Dose mit den Erdnüssen und er ließ sich schwungvoll auf das Bett fallen, von dem aus er sich mit der Fernbedienung durch die Kanäle zu einer Simpsons Folge durcharbeitete. Eine Minute lang fühlte er sich wohl und entspannte sich, seine Augen wurden klein und sein Atem flach, als es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. Er warf die Nussdose auf das Bett und sprang auf, um hastig zum Kleiderschrank zu rennen.

Sein Verdacht bestätigte sich. Jemand war hier gewesen.
Dort hing eine Militäruniform. Mulder durchsuchte sie. Sie hatte exakt seine Größe und war frisch gesäubert, die Taschen waren leer. Das sah nicht nach einem Irrtum des Zimmermädchens aus.
Er checkte das Namensschild auf der linken Brusttasche, doch der Name half ihm nicht weiter. „Tanner“ stand dort in Großbuchstaben. Er verstand. Es war ihm klar gewesen, dass er nicht als FBI Agent Mulder die Area 51 betreten würde.

Und damit war die Entspannung verflogen. Ein lautes Hupen aus den Straßen, 8 Stockwerte unter ihm, riss ihn aus seinem Erstarren und er setzte sich wieder auf das Bett, den Blick auf die Uniform geheftet, die dort in dem offenen Kleiderschrank wie eine Drohung hing. Er würde seine Identität aufgeben müssen und ein unheimliches Gefühl sagte ihm, dass er vielleicht noch viel mehr aufgeben müssen würde, wenn er wirklich bis zum Kern vorstoßen wollte. Doch es gab kein Zurück mehr. Er musste den Weg zu Ende gehen und wenn es ihn das Leben kostete. Und zum ersten Mal begriff er, dass der Tod nicht das unwahrscheinlichste Ereignis war, das seinen langen Weg kreuzen würde. Er sah auf das Telefon und musste sich zusammenreißen nicht zum Hörer zu greifen und sie anzufrufen, es hätte ihn so beruhigt. Doch er musste durchhalten, das war er ihr schuldig. Sie musste in Sicherheit bleiben.

Er war nun allein und er musste sich der Wahrheit stellen.

 

Welche Funktion haben diese Nanobots? Sind sie gut oder schlecht? Warum gibt es welche, die an Proteine gebunden sind und warum welche, die frei im Blut vorliegen? Was machen diese Nanobots mit der DNA und warum haben Mulder und Scullys Baby sich der Nanobots entledigt? Wie sind diese Technologien in ihre Körper gekommen und wer steckt wirklich dahinter?
Was hat es mit der ausgestoßenen DNA auf sich?
Und wo ist der Schlüssel zur Wahrheit? In der DNA? In den Nanobots?

Wen es interessiert, der liest jetzt weiter, wen es nicht interessiert, der wartet einfach auf den nächsten Shipper - Post, der allerdings ne Weile auf sich warten lassen wird...


Am nächsten Tag, Quantico Virginia, 12 Uhr mittags

Scully streifte sich den weißen Kittel über und knöpfte ihn über ihrem Bauch zu, doch verstecken konnte sie die Rundung nicht mehr. Es war ihr irgendwie unangenehm, sie wollte noch nicht, dass es jeder wusste.

Chuck Burks und sie waren am Nachmittag im Kellerbüro verabredet. Er war überrascht gewesen, dass sie heute Morgen mit ihm telefoniert hatte, um ihm noch die mittlerweile recht vielen Röhrchen mit den Nanobots zukommen zu lassen. Normalerweise war es immer Mulder, der ihm das Material lieferte. Zur Zeit schien sie viele Leute zu überraschen, sie hatte die Blicke, die Mulder ihr in den letzten Wochen immer zugeworfen hatte, wenn sie ihm von ihren Entdeckungen berichtet hatte, sehr wohl registriert. Doch sie konnte sich dieses Mal, so sehr sie es sich auch wünschte, nicht gegen die Fakten wehren, die ihre eigene Wissenschaft ihr präsentierte.

Als sie sich damit angefreundet hatte, dass sie Chuck in diese Geschichte mit einbeziehen würden, war sie zu der Einsicht gekommen, dass es eine gute Idee gewesen war.
Sie war sicher er konnte herausfinden, was die Bindung der ausgestoßenen Nanobots an Proteine zu bedeuten hatte. Er war ein brillanter Tüftler und war ihr in jeder Hinsicht weit überlegen, was diese Fragen anging, die vor ihr lagen. Sie hatte einfach nicht die Kreativität, die Offenheit, die nun gefragt waren. Hinzu kam, dass ihr Kopf müde und schwer war von den Ereignissen, der Informationsflut und von den Veränderungen in ihrem Körper. Sie konnte nicht mehr objektiv an diese Dinge herangehen.

Sie öffnete die Tür zum Medienraum, in dem sich zu dieser Zeit nur wenige andere befanden und lud sämtliche DNA-Sequenzierungen, die von ihrem Baby, ihren eigenen Zellen und von Mulder existierten, hoch um sie auf CD zu brennen. Leider hatte sie von den Sequenzierungen der Alien-DNA aus der Kralle von damals nur die Ausdrucke in ihrem Büro. Doch sie wusste, mit Chucks Hilfe würde sie diese riesige Flut von Daten sicherlich bald bewältigt bekommen.
Ihre Lippen waren trocken als sie sich vor Aufregung mit der Zunge darüberfuhr. Sie konnte es kaum erwarten herauszufinden, ob sich ihr zugegebenermaßen sehr exotischer Verdacht bestätigen würde. Seit der Nacht als Krycek sie entführt hatte, hatte sie diese Idee nicht mehr aus dem Kopf verdrängen können.

Sie wusste, dass es unmöglich war, doch Mulder hatte ihr beigebracht sich dem Unmöglichen zu öffnen und sie wollte es versuchen. Es war wenigstens ein Ansatz. Sie trommelte aufgeregt mit den Nägeln auf den Tisch während der Computer die Daten auf CD brannte.


15 Uhr, Kellerbüro des FBI – Gebäudes

Der dickliche Mann mit der kreisrunden Brille saß schon an Mulders Schreibtisch und baute seinen Laptop auf als sie hereinkam und sich ihr Gesicht aufhellte. „Chuck!“ Sie ging auf ihn zu während sie ihn anlächelte. Er sprang auf und sah sie ebenfalls freudig überrascht an. „Agent Scully!“ Er sah auf den Bauch, der sich verdächtig unter ihrem Blazer vorwölbte und zögerte einen Augenblick. Sie bemerkte den Blick und nickte ihm fast unmerklich bestätigend zu. „Ich wusste ja gar nicht…ich freue mich für Sie!“ Ihm war die Situation ein wenig peinlich. Er hatte schon längere Zeit vermutet, dass zwischen ihr und Mulder etwas in der Luft lag. Doch das war nur eine Vermutung gewesen. „Wann ist es denn so weit?“ Sie fühlte sich unwohl, es wurde ihr ein wenig zu persönlich und sie wollte schnell das Thema wechseln. „Im Dezember“ antwortete sie, den Blick abwendend und versuchte nicht zu abweisend zu klingen. Aber Chuck war ihr recht dankbar, da er sich wünschte er hätte gar nicht davon angefangen. Er räusperte sich.
„Also, Agent Scully, was kann ich für Sie tun? Ich war überrascht, dass Agent Mulder dieses Mal nicht dabei ist. Ist alles in Ordnung mit ihm?“ „Ja, er ist nur zurzeit nicht in der Stadt.“ Sie pausierte. Sie wusste nicht wie sicher das Büro war und wollte nicht, dass irgendjemand erfuhr wo Mulder sich aufhielt. Sie wollte ihn nicht unnötig in Gefahr bringen. Doch Chuck schien diese Information bereits zu reichen. Er war ganz aufgeregt und wartete bis sein Computer vollständig hochgefahren war.

„Das, was Sie mir da zugeschickt haben, Agent Scully. Wo hatten Sie das her?“ Scully verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte ihre Hüften leicht gegen den Schreibtisch vor ihr.
Sie zögerte noch ein wenig. „Das habe ich im Blut von...Entführten gefunden.“ Sie wollte ihre Informationen erst einmal mit Vorsicht zurückhalten, sie wusste nicht wohin dieser Nachmittag sie führen würde und sie wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Chuck warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Aaah. Von „Entführten“, ja? Naja, dann macht das alles schon mehr Sinn für mich.“ Seine Augen blitzten auf und er schmunzelte. Er sah, dass sie sich wand und sich sichtlich unwohl in der Rolle fühlte, die sonst immer Mulder einnahm wenn sie sich trafen.
„Also, Agent Scully, ich habe diese Partikel unter einem hochauflösenden Mikroskop mit verschiedenen Farbfiltern angesehen. Danach habe ich noch ein Elektronenmikroskop hinzugezogen und Bilder davon geschossen.“ Er drehte den Computer zu ihr um, so dass sie die Fotos sehen konnte.

Ihr blieb der Mund offen stehen. Sie hatte die Strukturen bereits unter dem Lichtmikroskop erkennen können, doch nun da sie die Details sah, stockte ihr der Atem. Diese winzigen Nanobots waren extremst komplex und trugen auf ihrer Oberfläche feinste Vernetzungen und Strukturen, die sie an die Oberfläche eines Computerchips erinnerten. Komplexe Moleküle an der Oberfläche dieser Partikel standen wie die Fühler von Insekten ab und schienen sich ihrerseits wieder in kleinere Strukturen aufzuzweigen. Sie sahen aus wie Fraktale.
Selbst unter dieser maximalen Vergrößerung konnte man noch nicht alle Feinheiten erkennen, die diese winzigen Roboter zu haben schienen.
„Das hier sind die Partikel, die Sie frei aus dem Blut isoliert hatten. Und jetzt….“ Er klickte sich durch eine kleine Datenbank und vergrößerte direkt daneben ein weiteres Bild. „….jetzt sehen Sie die Partikel, die an Proteine gekoppelt vorlagen.“

Auf diesem Bild konnte man kaum noch etwas von den feinen Strukturen erkennen, die auf dem anderen Bild noch sichtbar gewesen waren. Die Partikel waren mit einem feinen Rasen aus winzigen Proteinen übersäht. Scully erinnerte dieses Bild spontan an etwas und sie sprach es aus. „Mh. Das sieht ganz so aus, als hätten sich Albumine oder andere Plasmaproteine einfach an die Partikel angeheftet und wären untereinander aggregiert. Wie bei einer Art Abwehrreaktion.“

Sie sah fragend zu Chuck hinunter. „Ganz Recht, genau das ist auch mein Verdacht. Es sieht aus als hätte der Körper gegen diese Partikel in seinem Blut reagiert und sie inaktiviert. Allerdings ist das ja auch ziemlich logisch. Es ist schließlich ein Fremdkörper. Die Frage ist eher, warum der eine Entführte eine Abwehrreaktion hatte und der andere nicht.“

Er sah sie fragend an, er brauchte mehr Informationen, wenn er diese Bilder für sie auswerten sollte, doch sie rückte nicht damit heraus.
Scully erinnerte sich daran, was die Lone Gunmen ihr über die Experimente verraten hatten, die an Kinder im Rahmen von Impfungen durchgeführt worden waren und sprach ihre Überlegung aus. „Naja, vielleicht hatte der Entführte im ersten Bild ja irgendeine Substanz, eine Art Impfung bekommen, die diese Abwehrreaktion unterdrückt hat.“ Chuck spürte, dass sie ihm Informationen vorenthielt. Er mochte es nicht, dass sie ihm nicht vertraute, aber er respektierte es, sie kannte ihn schließlich noch nicht so lange wie Mulder.

„Ja, das ist möglich…aber die Frage ist doch: Was macht diese Technologie überhaupt im Blut eines Menschen und warum befindet sie sich dort? Ich nehme mal an, dass diese Menschen tot sind, denn damit kann man sicherlich unmöglich weiterleben, aber das brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen.“ „Ja, in der Tat sind diejenigen gestorben, die diese Abwehrreaktion nicht in sich trugen, während die anderen noch leben. Aber warten Sie, es wird noch besser.“

Sie begann ihm langsam zu vertrauen, denn sie genoss es endlich mit jemandem darüber reden zu können, der ihr weiterhelfen konnte und daher hielt sie nun keine Informationen mehr zurück, sie musste herausfinden, was mit Mulder und ihr und dem Baby vor sich ging.

Sie griff nach der CD in ihrer Tasche, die sie aus Quantico mitgebracht hatte. „Diese Abstoßungsreaktion ist nicht die einzige Veränderung, die ich in dem Blut dieser Entführten gefunden habe.“ Diese Formulierung half ihr nun selbst zu ignorieren, dass es sich bei diesen Proben um Mulders, ihre eigenen und die ihres Babys handelte. So konnte sie an das Thema wesentlich objektiver herangehen, auch wenn es sie eine Menge Kraft kostete und ihre Stimme ganz wackelig war.

„Hier.“ Sie hielt Chuck die CD hin. „Darauf sind die Basenabfolgen von ausgestoßenen DNA-Fragmenten, die sich im Blut der Entführten gefunden haben. Und von der DNA, die noch im Körper der Patienten verblieben ist. Es bestehen erhebliche Unterschiede zwischen denen, die die Protein-gekoppelten Nanobots in sich trugen und denen mit den freien Nanobots. Es ist sehr viel Material, aber ich hoffe, Sie können mir dennoch helfen. --- Es ist ziemlich wichtig, Chuck.“
Der funkelnde Blick in ihren tiefen blauen Augen verriet ihm, dass sie sich große Sorgen machte und er bezweifelte, dass es sich bei den Proben um irgendwelche Proben aus einer beliebigen X-Akte handelte. Aber abgesehen davon war er neugierig, der Anblick der Nanopartikel hatte ihn überwältigt und nun kam sie noch mit DNA-Fragmenten!

Er legte die CD ein, er wibbelte unruhig hin und her und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Und hier…“ Sie zögerte noch, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte, als sie eine Akte aus einem Ordner herausholte. „Hier ist noch eine andere DNA-Sequenz, die wir vor einiger Zeit aus einer Lebensform isolieren konnten, die…“ Sie schluckte und sah hilfesuchend zu ihm hinunter. „….die wir nicht mit Sicherheit einordnen konnten. Vielleicht erkennen Sie ja einen Zusammenhang.“

Chuck amüsierte sich im Stillen köstlich über ihre Verlegenheit. Er wünschte, Mulder wäre nun hier bei ihnen um diesen inneren Kampf seiner Partnerin mitanzusehen. Bei der Menge an Daten, die vor ihm auf dem Bildschirm erschien, pfiff er leise.
„Agent Scully, als Sie sagten, Sie würden sich allein mit mir treffen, hatte ich nicht vermutet, dass Sie das Wochenende mit mir verbringen wollen.“ Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht so richtig.

„Ich werde hierfür sicherlich eine Weile brauchen, ist es in Ordnung, wenn ich das mitnehme und wir uns wiedertreffen?“ Scully war nicht wohl dabei und er merkte es ihrem Blick an. „Sehen Sie, ich werde dafür sicherlich noch mehr brauchen, als diesen Computer hier.“ Und er zeigte auf seinen kleinen Laptop.
„In Ordnung, Chuck, rufen Sie mich unter dieser Nummer an, wenn Sie was rausgefunden haben. Und – vielen Dank, Sie wissen gar nicht wie sehr Sie mir damit helfen!“ Chuck nickte und sah schüchtern auf den Schreibtisch, auf den Scully ein kleines Notizblatt mit ihrer Handynummer gelegt hatte.
Er nahm all das Material an sich und verließ ihr Büro, wo sie nun wieder auf sich allein gestellt war.

Dabei versuchte sie die ganze Zeit nicht daran zu denken, was Mulder wohl gerade tat.

 

Etwa zur selben Zeit in der Nähe von Las Vegas, Nevada

Mulder saß in dem Militärjeep und sah noch immer unbehaglich an sich herunter. Er fühlte sich in der Uniform sehr unsicher und die merkwürdigen Soldaten, die ihn am Flughafen abgeholt hatten, konnten dieses Gefühl nicht gerade vertreiben. Sie hatten seit er in den Jeep gestiegen war kein Wort gesprochen. Sie starrten apathisch vor sich in die Leere während sie durch die trockene staubige Wüste Nevadas fuhren. Es war heiß hier und die Sonne brannte erbarmungslos auf die braun gelben Felder um ihn herum. Hoffentlich würden sie bald da sein. Er sah in die Ferne und versuchte eine Weile die Schönheit dieser trockenen Wüstenei um ihn herum wahrzunehmen und all die Ängste aus seinem Kopf zu verdrängen.

Er konnte den Schmerz kaum ertragen, den ihn die Vermutung bereitete, dass er Scully nicht wieder sehen würde. Und seinen Sohn niemals kennenlernen würde. Denn das Begrüßungskomitee am Flughafen hatte ihm ziemlich deutlich gemacht, dass er auf höchster Geheimhaltungsstufe in die dunkelsten Geheimnisse der Regierung eingeführt werden würde. Niemand hatte bisher die Area 51 so verlassen, wie er sie betreten hatte.

Man starb oder verlor seine Identität. Beides war für ihn gleichwertig.

Was für ein Leben wäre das, in dem er ohne Scully sein müsste?
Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? Warum hatte er zugelassen, dass er sich so in sie verliebte?
Es machte ihn schwach und alles andere schien so unwichtig zu sein. Es war als würden sie beide in ihrem eigenen kleinen Universum leben, das keine Grenzen kannte und außerhalb dessen weder Raum noch Zeit, noch irdische Regeln und Bedrohungen existierten.
Wie hatte ihm das passieren können? Er hatte immer die Kontrolle behalten wenn es um Frauen ging, war immer der Überlegene gewesen, der ungebundene Freigeist.
Und nun war es als wäre ein Teil von ihm mit dem Abschied von ihr gestorben, als wäre er flügellahm.
Er hätte nie gedacht, dass es ihn so vollkommen einnehmen würde.

Und doch, selbst wenn er es gewusst hätte, hätte er sich dennoch dazu entschieden, sie zu küssen. Immer und immer wieder. Denn allein für die wenigen Nächte, die sie bis jetzt zusammen verbracht hatten, hatten sich all die Schmerzen gelohnt.

Was hatten sie die sieben Jahre zuvor verschwendet! Warum hatten sie sich nicht schon früher das eingestanden, was sie die ganzen Jahre immer verdrängt hatten? Warum hatten sie nie den Mut gehabt aus den ewigen Flirts mehr zu machen?
Wo sie doch von Anfang an diese unheimliche intensive Spannung zwischen sich gespürt hatten, so als würde die Luft, wo immer sie beide in einem Raum waren, vibrieren. Manchmal war es so unerträglich gewesen, dass sie angefangen hatten sich zu streiten, um einen Teil dieser Energien abzubauen. Und manchmal hatte er sie einfach berührt oder versucht, sie zum Lachen zu bringen, für die eine Sekunde knisternder Elektrizität, die dann jedes Mal durch seine Seele schoss.

Er wollte sie wieder sehen, doch er wusste es würde nur ein Traum bleiben. Nun konnte er nur noch versuchen die Zukunft so zu verändern, dass sie und ihr Sohn wenigstens ein Leben haben würden.

Er wusste nicht, ob es eine Träne oder eine Schweißperle war, als ihm etwas in der Sonne Glitzerndes über die Wange lief.


Zur selben Zeit in einem Zimmer 50 Meter unter der Erde

Der Mann mit den wässrigen grauen Augen saß schweigend in seinem unbequemen Sessel hinter dem schweren Schreibtisch aus dunklem Holz. Es war ein kleines Zimmer verglichen mit dem Dienstgrad, den er trug. Doch er gehörte nun einmal nicht zur selben Lobby wie die meisten hier. Also war er schon zufrieden damit überhaupt ein Büro zu haben. Es war dunkel hier unten in dem Zimmer mit den grauen Wänden und dem alten dunkelgrünen Linoleum, aber es war eine Zuflucht vor der gnadenlosen heißen Sonne da oben. Er hörte Rachmaninov’s „Fels“. Wie er es immer tat, wenn er nervös war.

Mulder würde gleich da sein. Hier hatten sie nichts bemerkt, sie hielten ihn tatsächlich für Tanner. Obwohl Tanner seit drei Monaten tot war. Aber so weit hatte er sein Verschwinden immer gut vertuschen können und nun war er in Form von Mulder ja zurückgekehrt und niemand würde Verdacht schöpfen. Tanner war ein guter Soldat gewesen, aber er hatte auch nicht verhindern können, dass der Raucher letztlich doch sterben musste. Krycek hatte Tanner getötet, weil er erkannt hatte, dass dieser die Seiten gewechselt hatte und nun gegen die Invasion arbeitete. Und Mulder hatte Krycek umgebracht. Und genau das war der Grund, warum er nun heute hierher kommen sollte.

Sie waren umzingelt und Mulder war seine einzige Hoffnung, er selbst war nun der Einzige, der noch ernsthaft an die Verschwörung glaubte und noch den Mut und den Willen hatte die ganze Sache aufzuhalten.

Der Mann atmete tief durch und ließ dann einen Seufzer in den Raum hineinfahren. Er schaltete die Musik aus und wartete in der Dunkelheit, das kleine Röhrchen mit den winzigen Metallpartikeln in seinen Fingern hin- und herrollend. Seine wässrigen grauen Augen schienen mit dem Grau in seiner Umgebung zu verschmelzen. Er wirkte fast transparent, so farblos und nichtssagend war seine Erscheinung.


1 km entfernt

Mulder merkte wie er langsam müde wurde und sein Kopf immer wieder nach vorne auf seine Brust fiel, so dass er jedes Mal erschrocken zusammenzuckte und wieder wach wurde. Er sah wie einer der steinernen Soldaten nach etwas in seiner Tasche kramte und Blicke mit den anderen austauschte. Ehe er begriff was der Soldat schließlich hervorholte, spürte er wie er von beiden Seiten plötzlich festgehalten wurde und ihm der Soldat mit einer blitzschnellen Bewegung eine kalte Nadel durch die Uniform in die Schulter bohrte. Er fühlte etwas Kaltes unter seiner Haut und ein Brennen und schrie auf, aus Wut und vor Schreck über diesen unerwarteten feindlichen Angriff. Er wollte sich losreißen, doch ihm brach kalter Schweiß auf der Stirn aus und die Welt begann sich vor ihm in rasenden Kreisen zu drehen. Die Farben verblassten und er merkte wie sein Kopf immer schwerer wurde und schließlich auch das letzte Licht vor seinen Augen erlosch und er das Bewusstsein verlor

 

Washington D.C., Kellerbüro des FBI

Scully trank noch den letzten Schluck Tomatensaft aus dem Becher. Der Computer surrte leise und sie sah auf das kleine Geschenk, das Mulder ihr gemacht hatte, bevor er sie verlassen hatte: Das eingerahmte Ultraschallbild ihres Babys.

Zärtlich fuhr sie mit den Fingern darüber und versuchte selbst zu erkennen, dass es ein Junge werden würde, doch auf diesem Bild war das nicht zu sehen. Je länger sie darauf starrte, desto weniger erkannte sie, desto mehr löste sich das Bild in weiße Punkte auf schwarzem Untergrund auf.

Genau so ging es ihr zurzeit mit ihrem gesamten Leben. Es war alles aufgelöst, hatte keine Formen mehr und sie konnte nicht erkennen, worauf das hinauslaufen sollte. Mulder war weg, die Welt geriet aus den Fugen und seit Tagen hatte sie so ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, dass etwas Schlimmes passieren würde.

Sie warf einen letzten Blick auf das Bild, fuhr all die Konturen des Kindes ab, die kleinen Fingerchen und Zehen, die winzigen Arme und Beine, die trotz ihrer Größe einfach nur perfekt waren, das kleine Herz, dessen vier Hohlräume man schon deutlich erkennen konnte und die winzige Stupsnase. Es schien ein vollkommen gesundes Baby zu sein.

Doch plötzlich blieb ihr Blick an etwas hängen, das sie bisher noch nicht bemerkt hatte. War sie nun von ihren eigenen Nachforschungen schon selbst so benebelt und paranoid oder erkannte sie darauf wirklich etwas? Sie holte eine Lupe aus ihrer Schreibtischschublade und sah sich die Stelle genauer an. Ihr Herz hörte auf zu schlagen und ihr Magen drehte sich um als sie erkannte, dass direkt unter der Haut ihres Babys im Nacken eine winzige weiße längliche Struktur zu erkennen war.
Es sah aus wie ein kleiner Knochensplitter unter der Nackenhaut.

Oder wie ein Chip.

Scully schluckte als sie spürte wie ihr der Tomatensaft hochkam. Sie sprang auf, riss die Türe auf und rannte so schnell sie konnte zur Toilette, doch wurde von einer großen Gestalt, die sie im Halbdunkel des Kellerflurs nicht sofort erkannte, gebremst.

„Ist alles in Ordnung, Agent Scully?“ Assistant Director Skinner sah besorgt auf die Agentin herab.
Sie wirkte aufgebracht und schien am ganzen Körper zu zittern. Doch als sie ihn erkannt hatte, riss sie sich zusammen und versteifte sich.
„Ja Sir, mir geht es gut.“ Sie versuchte ihm mit festem Blick in die Augen zu sehen, doch er konnte an ihrer bebenden Augenbraue sehen, dass sie nicht die Wahrheit sagte.

„Ich weiß, dass Agent Mulder weg ist und ich bin gekommen um nach Ihnen zu sehen, weil mir nicht wohl dabei ist, dass Sie hier unten den ganzen Tag alleine sind.“ Er griff ihr unter den Arm und zog sie sanft aber bestimmt in das Büro. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ließ er sie los und sie wich irritiert ein paar Schritte vor ihm davon.

„Ist sonst alles in Ordnung, Sir?“ In ihrer Stimme schwang Ärger darüber mit, dass er sie so überrumpelt hatte. Sie hasste es, wenn man sie bevormundete und besonders, wenn man sie anfasste und einfach irgendwohin zog oder schob. Nur weil sie so klein war hatte niemand das Recht sie umherzuschieben und sie hatte das schon bei ihren Brüdern gehasst.
Sie verschränkte instinktiv die Arme vor der Brust als Skinner wieder ein wenig auf sie zuging und sich etwas zu ihr hinunterneigte. Er hielt ihr ein Stück Papier hin und senkte seine Stimme.

„Die sind überhaupt nicht erfreut darüber, dass die Entführungsopfer bisher alle tot zurückgekehrt sind. In einer Konferenz wurde heute Morgen das Thema X-Akten angesprochen und außer mir gab es keinen einzigen Anderen, der der Meinung war, Sie und Mulder würden hier unten auch nur in irgendeiner Form zur Aufklärung irgendwelcher Fälle beitragen. Aber ich habe hier eine Nachricht erhalten, dass nicht alle Entführungsopfer tot zurückgekehrt sind. Sie müssen herausfinden, ob diese Information verlässlich ist. Denn wenn Sie einen Beweis dafür finden, dass Ihre Ermittlungen diese Person gerettet haben oder die letzten paar Entführungsopfer lebendig zurückkehren, dann kann Sie das dieses Mal vielleicht auch noch retten.“

Er drückte Scully den Zettel in die Hand und hielt sie fest. Ihr Blick fiel auf seine Hand, die ihre umfasste und dann wieder hinauf in seine Augen, aus denen tiefste Sorge sprach.
„Und dann möchte ich, dass Sie so schnell Sie können in Mutterschutz gehen, Agent Scully, wir können es uns nicht leisten, dass sie bei der Arbeit mit den X-Akten gesundheitlichen Schaden erleiden. Das wäre für die ein gefundenes Fressen. Und abgesehen davon würde ich es mir selbst nicht verzeihen können. Versprechen Sie mir das?“
Scully biss sich auf die Zunge, denn sie konnte ihm dieses Versprechen nicht geben, doch sie gab einen leisen Ton von sich, den er als Zustimmung deutete.

Er sah sie durchdringend an.
Er hatte die rothaarige Agentin vom ersten Tag an besonders gemocht, doch seine Stellung hatte ihm immer verboten, sich ihr in irgendeiner unangemessenen Form zu nähern und nun war ihm Mulder zuvorgekommen. Das Baby machte sie nur noch hübscher in seinen Augen, ihre Haare leuchteten wie Seide und sie strahlte so viel Leben aus. Wäre sie nicht so blass, würde man ihr all die Sorgen der letzten Jahre nicht ansehen können.

Doch er riss sich zusammen und ließ ihre Hand schließlich los, um sich wieder in sein Büro über der Erdoberfläche zurückzuziehen.

Scully war froh, dass Skinner ihre Hand losgelassen hatte, sie hatte begonnen sich unwohl zu fühlen, irgendetwas in seinem Blick hatte ihr Gänsehaut bereitet. Doch eine Frage brannte ihr noch auf der Seele. „Sir?“ Er drehte sich um, froh ihr noch einmal in die blauen Augen sehen zu dürfen. „Was ist noch, Agent Scully?“ „Darf ich fragen, woher Sie diese Information hier haben?“ „James Morgan hat mich angerufen und mir einen Zeitungsartikel eines Lokalblatts per e-Mail zukommen lassen. Es sieht fast so aus als hätten wir ihm Unrecht getan.“ Scully war überrascht über diese Antwort und nickte, während sie erneut den sauren Geschmack des Tomatensafts herunterschluckte.

Sie hatte eindeutig genug von Tomatensaft!

Sie blickte wieder zurück zu ihrem Schreibtisch, den Zettel noch immer fest in der Hand haltend. Doch bevor sie diese Person auf dem Zettel kontaktieren konnte, musste sie noch eine Sache klären.

Sie kramte in ihrer Tasche nach der Telefonnummer ihres Frauenarztes und vereinbarte sofort einen Ultraschalltermin. Sie musste Gewissheit haben, auch wenn es ihr wie ein Alptraum vorkam.

In Nevada, 2 Stunden später

Mulders Kopf dröhnte und pochte als er wieder zu sich kam und die grau-silberne Decke mit Belüftungslöchern über sich erblickte. Er lag auf einer sehr harten Pritsche und war offenbar allein. Er sprang auf, wobei er bemerkte, dass der Arm, in den man ihm dieses Zeug gespritzt hatte, noch sehr wehtat. Er nahm Schwung und trat wütend gegen eine Metalltür, bereute es jedoch sofort, da sie ziemlich massiv war und sein Fuß sich anfühlte als wolle er abfallen.
Er sah sich um während er sich auf die Zähne biss und den Schmerz versuchte zu ignorieren. Der kleine Raum hatte keine Fenster und außer der Pritsche stand nur ein einfacher Schreibtisch in der Ecke. Eine Glühbirne hing von der Decke und warf ein trübes Licht in den unpersönlichen durch und durch mit Metall ausgekleideten Raum. Immerhin waren die Wände nicht aus Gummi, was Mulder irgendwie beruhigte.
„Hey, ist da draußen jemand???“ rief er mit einer gehörigen Portion Zorn in der Stimme durch die dicke Metalltür hinaus, in der Hoffnung jemand würde ihn hören.
Da ihm niemand antwortete, drehte er sich um, die Hände hinter dem Kopf verschränkend. Wo war er hier überhaupt? Er vermutete, dass er irgendwo in der Area 51 war, aber er hatte überhaupt keine Orientierung ob er über der Erde, unter der Erde, nördlich, südlich, westlich oder östlich von dort war, wo er das Bewusstsein verloren hatte.

Plötzlich ging die Tür auf und zwei Soldaten kamen herein, die ihn sofort unter den Armen packten und aus dem Zimmer heraus in einen langen dunklen Gang schleiften bis sie an einen Aufzug kamen.
„Na, das ist ja mal ein Service!“ entfuhr es Mulder bissig, der versuchte sich aus dem harten Griff der Soldaten zu lösen, doch diese ließen nicht locker. Erst als die Aufzugtüre ein paar Stockwerke tiefer wieder aufging, ließen sie ihn los. Einer lief ihm voraus und der andere folgte ihm, während sie nun einen vollkommen anderen Gang entlangliefen. Dieser Gang war hell erleuchtet, die Wände waren glänzend weiß und am Boden waren alle 5 Meter leuchtend blaue „Exit“-Markierungen angebracht. Mulder fragte sich wo hier mehrere Meter unter der Erde ein Notausgang hinführen sollte.
Über ihren Köpfen waren überall Kameras und Rauchmelder angebracht und die glänzenden und vollkommen glatten weißen Wände wurden von Milchglaseinsätzen durchbrochen. Man konnte nicht hindurchsehen, aber es sah aus als wären es Türen, die Konferenzräume verbargen. Denn neben jedem Glas hing ein kleines Infrarotfeld, vermutlich für die biometrische Identifikation desjenigen, der durch diese Tür eintreten wollte. Einige Milchglasfronten waren dicker, vermutlich befanden sich weitere Gänge oder Labors dahinter.
Doch die Soldaten marschierten so schnell voran, dass Mulder keine Zeit blieb sich näher umzusehen. Am Ende des Ganges öffnete sich eine weitere Milchglastür und sie stiegen eine Stein-Treppe hinauf, die hinter einer schweren Betontür in einen neuen wieder dunkleren Gang führte, der Mulder an einen Bürokomplex aus den 50er Jahren erinnerte. Es war als wäre dieses Gebäude im Laufe der Jahrzehnte ständig erneuert und durch Anbauten vergrößert worden, denn jeder Flur sah hier vollkommen anders aus. Hier waren die Wände aus hellbraunem Holz und der Boden war aus dunkelgrünem Linoleum und es roch muffig.

Doch sie waren schließlich am Ende angekommen und die Soldaten öffneten Mulder eine Tür und zogen sich dann zurück. Mulders Augen mussten sich an das düstere Licht in diesem Zimmer gewöhnen. Er konnte außer einem schweren massiven Schreibtisch nicht viel sehen, denn nur eine kleine Schreibtischlampe aus Glas mit dunkelgrünem Schliff erhellte den großen Raum. Zwei dunkelbraune Ledersessel standen vor dem Schreibtisch und an der grauen Wand dahinter hing ein Plasmabildschirm, auf dem ein Bildschirmschoner hin und herflimmerte.
Es war ein groteskes Bild mitten in dieser muffigen Umgebung ein High Tech Gerät zu sehen. Denn sonst war hier alles dunkel und bedrückend.

„Schön, dass Sie hier sind, Agent Mulder!“

Mulder fuhr herum, er hatte niemanden sehen können, doch nun erkannte er in der Ecke einen grauen Mann, der immer näher auf ihn zukam. Als der schwache Lichtschein der kleinen Lampe auf ihn fiel, erkannte Mulder den Mann aus New York wieder.
„Ich dachte, ich hätte 1.Klasse gebucht, aber bisher war dieser Urlaub wenig entspannend für mich“, warf er dem grauen Mann vor.

„Ich weiß Agent Mulder, aber die Umstände erlaubten kein anderes Prozedere, ich hoffe, Sie sind immer noch interessiert an dem, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Noch können Sie wählen, denn nach unserem Gespräch wird es für Sie keine Welt mehr da draußen geben.“

Mulder war überrascht, dass der Graue direkt mit der Tür ins Haus fiel. „Sie denken wohl, dieses CIA-Gequatsche schüchtert mich ein!“ Er konnte ebenso direkt sein wie dieser fremde Mann vor ihm. Aber in Wahrheit fühlte er sich unwohl, denn seine Befürchtungen, diese Reise wäre für ihn eine Einbahnstraße, schienen sich nun zu bestätigen. Im Inneren krampfte sich sein Magen zusammen und seine Knie wurden weich.

„Bitte Agent Mulder, lassen Sie doch den Zynismus, es gibt weiß Gott genug davon in unseren Kreisen.“
Der Mann wirkte vollkommen unbeeindruckt von Mulders Aggressivität und wirkte fast flehend, als er mit dem Arm auf einen der Sessel deutete, die vor dem Schreibtisch standen. Doch Mulder war nicht zu bremsen. Er war nicht den ganzen Weg gereist und hatte sich eine Metallspitze in den Arm bohren lassen um hier diplomatische Verhandlungen zu führen. Er war hier um endlich Antworten zu finden.

Er stürzte auf den Mann zu und packte ihn am Hemdkragen. „Nein, Sie hören verdammt noch mal mit Ihrem Spielchen auf, es ist nämlich nicht besonders komisch. Sagen Sie mir gefälligst, was Sie von mir wollen und mit wem Sie zusammenarbeiten!" Er fügte etwas resigniert hinzu:"Ich hab keine Lust auf ein nettes Pläuschchen!“
Der Graue blieb noch immer ruhig, wenn auch Mulders Impulsivität überraschend für ihn war.
„Agent Mulder, bitte, wir sind doch beide erwachsen. Ich habe überhaupt nicht vor Sie zu belügen, ich möchte nur sicher gehen, dass Sie das hier auch wirklich wollen. Sie werden dieses Gelände nämlich nicht als der verlassen, als der Sie gekommen sind.“ „Na prima, ich finde nämlich nicht, dass der Name Tanner sehr zu mir passt!“ blaffte Mulder erneut zurück. Doch er merkte, dass er so nicht weit kommen würde und versuchte sich zu beruhigen. Sein Griff lockerte sich und er ließ den Mann mit den wässrigen grauen Augen schließlich los. Der klopfte sich etwas betreten die Falten aus seinem Hemd, die Mulders Griff dort hinterlassen hatte und atmete auf. Nun konnte es endlich losgehen!

Mulder warf sich wie ein rebellischer Teenager in den Sessel, er hatte eingesehen, dass er mit seinem Temperament zu weit gegangen war und dieser graue Herr nicht im Geringsten vom selben Kaliber war wie der Rest dieses ekelerregenden Regierungs-Vereins. Er war nicht hierher gekommen, um Unruhe zu stiften, er wollte Antworten.

Doch er wusste nicht wieviel Unruhe er in Wirklichkeit schon längst gestiftet hatte. Er wusste nicht, dass viele Stockwerke über ihm in einem kleinen Hochsicherheitslabor ein winziger Alarm losgegangen war, der nach und nach jeden Computer auf der Area 51 über die Gefahr informierte und schleichend eine Katastrophe einleitete, von der nicht einmal der graue Mann etwas ahnte.

 

Der graue Mann atmete auf.
„Na endlich, jetzt können wir uns wie zivilisierte Menschen unterhalten. Ich wurde schon vor ihrem Temperament gewarnt, aber so hatte ich es nicht eingeschätzt.“ Mulder sah ihn irritiert an.
„Von wem? Mit wem haben Sie gesprochen? Sind Sie etwa auch einer aus diesem Altherren-Club?“ Mulder spürte wieder die Wut in sich hoch kochen als er darüber nachdachte, dass dieser Mann ihm gegenüber wahrscheinlich zu dem Konsortium gehörte, das seine Schwester auf dem Gewissen hatte, das ihn entführt hatte und Scully all das angetan hatte und er wollte sich schon wieder aus dem Sessel erheben als der graue Mann ihm sanft seine Hand auf die Schulter legte. „Bitte, Mr. Mulder! Schenken Sie mir eine Minute.“ Als er sah, dass Mulder sich dazu bereiterklärte und ihn auffordernd ansah, ging er hinter seinen Schreibtisch und setzte sich hin. Er holte tief Luft. (Ihr solltet das jetzt auch tun...)

„Ich gebe zu, ich habe mit diesen Männern lange zusammengearbeitet und ihre Mittel, mit gewissen Bedrohungen umzugehen, waren sicherlich nicht immer – optimal. Aber eines ist mir seit dem Ende dieser Interessengemeinschaft klargeworden: Wenn wir nichts dagegen unternehmen, tut es keiner und wir laufen ins offene Messer. Und eine Sklavenrasse, die von den Menschen geleitet wird, ist noch immer besser als eine von Aliens kreierte, finden Sie nicht, Mr. Mulder?“

Mulders Gesichtsausdruck war kalt und unbewegt. Seine Hände waren zu Fäusten in seinem Schoß geballt und seine Kaumuskeln waren angespannt.
Der Mann ihm gegenüber schlug die Augen nieder und sah auf seine Hände. „Nun ja, ich sehe, ie sehen das anders. Sie sind Idealist. Und das ist auch der Grund, warum Sie heute hier sind. Aber die Sache ist die: Wenn wir jetzt nichts unternehmen und nicht die letzten Kooperationen mit Japan und Kanada wiederaufnehmen, dann wird das, wovor Sie sich genauso fürchten wie ich, wesentlich früher eintreten als vermutet.“
Mulder biss sich auf die Lippen. Er riss sich zusammen und wollte sich zuerst anhören, was dieser Graue ihm zu sagen hatte, bevor er sein Angebot ablehnte. Der Mann holte aus einem Schrank in seinem Schreibtisch zwei Gläser hervor, ließ Eiswürfel hineinklirren und goss sich aus einer Flasche Gin etwas ein. Er nickte Mulder zu und bot ihm ebenfalls etwas an.
„Nein, trinken Sie ohne mich, Sie werden es nötiger haben als ich", antwortete er bissig. Die Wut bebte noch immer in seiner Stimme mit.
„Ich habe Sie und Miss Scully schon eine ganze Weile im Visier, weil mir der Raucher vor seinem Tod anvertraut hat, dass Sie uns eines Tages noch eine große Hilfe sein würden. Ich weiß, Sie und der Raucher hatten einige Differenzen. Aber sie müssen wissen, dass er immer einer der überzeugtesten Kämpfer für das Gute gewesen ist, die ganze Zeit. Nur – wenn man so lange in der Regierung arbeitet, ist es schwer für das Gute einzustehen, ohne letztlich die Mittel des Bösen einzusetzen.“

Mulder grinste. „Ja, das ist mir seit Präsident Bush auch klargeworden.“
„Lassen Sie doch bitte die Witze, Agent Mulder. Was ich sagen will ist, dass der Raucher Sie und Miss Scully immer in Schutz genommen hat, weil er und Ihr Vater vor langer Zeit eine Abmachung getroffen hatten." Er hielt kurz inne um einen Schluck zu trinken und sah Mulder über den Glasrand prüfend an.
"Sie waren Teil einer Gruppe von Kindern, an denen in den 60ern Experimente durchgeführt wurden. Sie und Ihre Schwester. Weil Sie aber besser auf die Impfungen reagiert haben, hat man schließlich Ihre Schwester den Invasoren als Pfand übergeben um Ihre weitere Entwicklung beobachten und steuern zu können….“

Mulder stand auf. Er konnte nicht sitzen bleiben bei der Richtung, die das Gespräch nun plötzlich einschlug. Er atmete tief durch um nicht wieder die Beherrschung zu verlieren und fragte geduldig aber dennoch ziemlich gereizt nach. „Woher weiß ich, dass Sie mir hier nicht irgendwelche Märchen auftischen um mich auf Ihre Seite zu ziehen?“ Der Graue hatte auf diese Frage gewartet und holte das Röhrchen mit den Metallpartikeln hervor. Er sah Mulder mit seinen nun fast silbern schimmernden Augen fest an. „Sind Sie sicher, dass Sie der Wahrheit Ihre Freiheit opfern wollen?“ Doch Mulder war es in diesem Augenblick egal, was nach diesem Gespräch mit ihm geschah, er war so nah dran, das spürte er, also nickte er fast unmerklich und hielt dem durchdringenden Blick des Mannes stand.
Also klappte dieser aus seiner Schreibtischschublade ein Keyboard heraus und aktivierte den Bildschirm, über den er auf ein riesiges Informationsarchiv zugreifen konnte. Er fuhr mit einem Laserpointer über eingescannte Formulare, die auf dem Bildschirm erschienen und alle zwischen 1965 und 1975 ausgestellt worden waren.

„Das hier, Mr. Mulder, sind die Impfformulare, die die Regierung damals den Ärzten zur Durchführung der Kinderimpfungen zur Verfügung gestellt hat. Sie sehen alle Impfungen darauf, die jedes Kind auch heute noch erhält. Mit dem Unterschied, dass in der untersten Zeile noch ein weiterer Vermerk mit einem Stempel und einer Seriennummer steht. ‚PC beta 2/65’ Die Eltern wurden damals darüber aufgeklärt, dass es sich um eine Studie zur Pockenimpfung handelte, doch in Wahrheit war das das erste Purity Control Programm, das die Regierung in jedem Bundesstaat in ausgewählten Städten an randomisierten, gleichgroßen Versuchsgruppen durchgeführt hat. Sie, Mr. Mulder waren eines der Kinder in diesen Versuchsgruppen. Sie bekamen damals im Rahmen ihrer Kinderimpfungen noch einen weiteren Cocktail gespritzt.“

Er griff nach dem Röhrchen mit den Metallpartikeln.

„Einen Cocktail, der Nährlösungen sowie eine inaktive Form des schwarzen Krebs enthielt. Ziel war es den Körper langfristig gegen das Alien-Virus zu immunisieren. Jedes Kind, das damals in dieses Programm aufgenommen wurde, wurde sorgfältig ausgesucht und bekam kurz nach der Geburt einen Chip implantiert, der später Nanobots produzieren sollte, die bei Kontakt mit Purity den Körper schützen sollten. So wäre es möglich gewesen, Purity auf DNA-Ebene innerhalb unseres Körpers zu steuern und für unsere eigenen Zwecke zu nutzen. Die Technologie hat sich ständig verbessert und während des Kalten Krieges hat sie wahrlich einen Boom erlebt, der letztlich zu einer Perfektion der Chiptechnologie geführt hat. Es sah fast so aus, als würde der Plan, den fast alle Länder der NATO unterzeichnet hatten, funktionieren: Dass auf lange Sicht eine neue Menschenrasse kreiert wird. Ein Alien-Mensch-Hybrid, mit all den genetischen Vorteilen eines Aliens, der von unserer Regierung jederzeit gesteuert werden kann um letztlich die Invasoren in einem finalen Kampf zu besiegen. Um die Invasoren bei Laune zu halten, forschten wir selbstverständlich, wie es die Abmachung mit ihnen vorschrieb, auch daran herum eine Sklavenrasse für sie zu erschaffen, doch zugleich konnten wir die daraus gewonnenen Erkenntnisse dafür nutzen, unsere eigene Sklavenrasse zu schöpfen, die niemandem gehorchen sollte, außer uns selbst. Und dafür brauchten wir eine Generation junger Männer und Frauen, die immun gegen Purity war.
Doch so vielversprechend die Experimente in den 70ern angefangen hatten, so herber war die Enttäuschung, als letztlich doch mit dem Erwachsenenalter all dieser Kinder auch die Immunität verloren ging. Sämtliche Probanden sind an den Folgen der Tests gestorben oder haben schwere Krankheiten erlitten. Und dann kamen Sie. Sie wurden nicht nur in Russland mit Purity infiziert, sondern Sie hatten auch direkten Kontakt mit Ausserirdischen und dennoch sitzen Sie heute lebendig vor mir. Wir haben Ihre Immunität natürlich in dem Chip vermutet, den wir Ihnen als Kind eingepflanzt haben, doch als der Raucher ihn letztes Jahr entfernen ließ, mussten wir feststellen, dass er inaktiviert war. Auch die Nanobots in Ihrem Blut waren damals inaktiv. Und da stellt sich uns nun die Frage: Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, dass Sie ohne diesen Chip, ohne die Nanotechnologie gegen Purity II immun sind?“

Mulder schluckte, versuchte jedoch unbeeindruckt auszusehen. Er wollte nicht schwach erscheinen, wollte nicht, dass sein Gegenüber sah wie sehr ihn all diese Neuigkeiten, die er zwar immer irgendwo vermutet hatte, aber nie hatte beweisen können, aus der Bahn warfen. Zweifel kamen auf. Köderte ihn der Graue nur mit diesen Informationen? Waren sie alle gefälscht? Die Welt in seinem Kopf schien zusammenzustürzen und er fühlte den Wirbelsturm, der in seinem Inneren alles, was ihm bisher vertraut gewesen war, verwehte und zerstörte. Sein Körper wollte ihm nicht gehorchen, doch er riss sich zusammen, als er aufstand und sich über den Tisch lehnte und diesem Mann, der ihm all diese Dinge erzählte, als säßen sie bei einem Kaffekränzchen, die Worte nahezu ins Gesicht spie.
„Ich glaube Ihnen kein Wort! Für einen Mann wie Sie sind solche Beweise doch leicht zu fälschen. Nennen Sie mir einen Grund, warum ich Ihnen vertrauen sollte!“
Aber eigentlich schauderte ihm bei dem Gedanken noch mehr Wahrheiten herauszufinden. Er merkte plötzlich wie herrlich bequem Unwissenheit sein konnte. Doch er hatte diesen Kurs eingeschlagen und musste nun weitermachen.

„Weil Sie keine andere Wahl haben. Vor zehn Jahren war das vielleicht noch ein nettes Katz-und-Maus-Spiel für Sie und die Herren des Konsortiums, doch heute ist die Bedrohung Realität geworden. Fox, begreifen Sie endlich, dass der Feind, den Sie all die Jahre bekämpft haben, derselbe ist, dem wir ebenfalls trotzen wollen! Begreifen Sie denn nicht, dass es in diesem Kampf nicht um Gut und Böse geht, sondern um das blanke Überleben unserer Spezies?“ Mulder trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist eben genau das, was Sie nicht begreifen wollen. Wir beide kämpfen nicht für dieselbe Sache. Denn der Feind, den Sie so fürchten, ist nicht der Feind, den ich fürchte. Ich fürchte nicht den Sieg der Invasoren auf diesem Planeten. Was ich fürchte, ist der Verrat der Menschheit an sich selbst. Ich fürchte die Lügen, die Sie und Ihr Diplomatenclub den unschuldigen Menschen da draußen über fünfzig Jahre lang aufgetischt haben. Ich fürchte das Böse, das in uns wohnt, nicht das, was uns von da draußen bedroht. Eine Welt, in der Männer wie Sie Menschen züchten, um sie militärisch einzusetzen, in welchem Krieg auch immer, ist keine Welt - wie ich sie meinem Sohn hinterlassen will!“

Mulders Stimme war während der letzten Sätze so laut geworden, dass der Raum nun, da er vollkommen außer Atem schwieg, still und unheimlich schien wie die Natur nach einem lauten Gewitter. Der graue Herr am Schreibtisch rutschte auf seinem Sitz hin und her, Mulders Ausbruch hatte ihn sichtlich aus der Fassung gebracht, doch er war zu lange in diesen Gemäuern gewesen, als dass er sich das allzu sehr zu Herzen nehmen konnte. Er stand langsam auf und funkelte Mulder an.

„Mr. Mulder, glauben Sie etwa, ich hätte vor 25 Jahren meine Verlobte auf dem College sitzen lassen um den Lügen zu dienen? Glauben Sie, ich hätte meinen Eltern für immer Lebwohl gesagt, meinen Namen abgelegt und meine Freunde vergessen, mitten im Kalten Krieg, nur um dem Bösen zu dienen? Glauben Sie, ich wäre nicht ebenso idealistisch gewesen wie Sie? Doch ich habe tausendmal mehr Wahrheiten erfahren, habe sehr viel mehr über die Menschen gelernt, um zu wissen, dass es ein sinnloses Unterfangen ist für das Gute zu kämpfen, denn es wird immer dem Bösen unterlegen sein, wenn es um Macht geht. Doch was ich auch gesehen habe, ist diese Macht da draußen, die mit ihren Heerscharen nur darauf wartet auf unserem Planeten eine tödliche schwarze Vernichtung einzuleiten, um uns hier bis in die Ewigkeit in Sklaverei zu halten. Woran immer Sie geglaubt haben, Mulder, ich habe daran auch geglaubt. Doch ich musste erkennen, dass der Gott, von dem ich gedacht hatte, er hätte uns erschaffen und sei die gute Kraft, die durch alles hindurchsegnet, dass dieser Gott in Wahrheit das Grauen ist, das uns von dort oben bedroht, dass uns zwar erschaffen hat, uns aber auch zu jeder Zeit auslöschen kann. Und heute ist mir klar, dass kein menschlicher Plan so vernichtend und grausam ist, wie der Plan dieser Invasoren dort draußen.“

Er stand direkt vor Mulder und umfasste mit seiner kalten Hand sein Handgelenk. „Bitte, Fox, Sie müssen uns helfen, Sie sind unsere letzte Hoffnung.“
Mulder schluckte, diese Worte hatten ihn mitten in sein Herz getroffen und er fühlte wie sein Kinn leicht zitterte. Er biss die Zähne aufeinander und schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Ein vorsichtiger Augenschlag löste den feuchten Film, der sich vor Aufregung über seine brennenden Augen gelegt hatte und er fühlte wie die Tränen in seinen Wimpern hingen und nicht hinabzufallen wagten. Er war am Ende seines Kreuzzugs angekommen und nun musste er sich entscheiden.

„Sagen Sie mir, was ich tun muss!“ Er löste seine Hand aus dem Griff des Mannes und ließ sich von den Soldaten, die der Graue über das Keyboard auf seinem Schreibtisch orderte, abholen und durch endlose Flure in eine neue Welt begleiten. In eine Welt, in der es unmöglich wurde, noch an die Wirklichkeit, wie die Menschen da draußen sie kannten, zu glauben.

 

Zwei Stunden später in Washington D.C.

Scully saß im Auto und war auf dem Nachhauseweg, als sie sich entschied Mulders Fische zu füttern. Die hatte sie fast vergessen!

Ihr Kopf platzte fast von all den Gedanken, die sie sich während der vergangenen 24 Stunden gemacht hatte. Ihr Arzt hatte für sie noch einen Termin vereinbaren können, doch ihr Verdacht im Nacken ihres Babys könne ein Chip sein hatte sich nicht bestätigt. Allerdings war da tatsächlich eine Auffälligkeit in seinem Nacken. Eine Verdickung direkt über der Wirbelsäule. Aber anhand des Ultraschallbildes konnte man nur Vermutungen anstellen. Es konnte eine Missbildung sein, ein Neuralrohrdefekt, eine Kleinhirnfehlbildung, ein Tumor. Sie würden es erst herausfinden, wenn das Baby ersteinmal da war.
Sie seufzte und schluckte schwer. Wie gerne würde sie dieses Baby lieben, ihm all die Zärtlichkeiten zeigen, die sie für es empfand! Wie gerne würde sie mit ihm reden, sich abends hinlegen und sich dabei wohlfühlen, wenn es sich in ihr bewegte. Doch stattdessen fühlte sie Angst bei jeder Bewegung. Sie versuchte so sehr Muttergefühle zu entwickeln, dass es wahrscheinlich gerade deswegen nicht klappte. Vielleicht sollte sie einfach akzeptieren, dass es nicht ging und hoffen, dass sie das Baby lieben würde, wenn es in ihren Armen lag.

Sie stieg aus dem Wagen aus und ging auf das Gebäude zu, in dem Mulders Wohnung war.
Sie merkte nicht, dass ihr die ganze Zeit in sicherem Abstand ein dunkelgrüner Ford gefolgt war, der nun an ihr vorbeirauschte als sie zu Mulders Appartment ging. Hinter den getönten Scheiben erkannte man einen jungen Mann, der ausdruckslos hinter der rothaarigen Frau hersah. Dicke schwere Regentropfen fielen aus dem Himmel, der so schwarz war als gäbe es keine Sonne.

Als sie die Tür mit der 42 öffnete, strömte ihr der wohlbekannte süßliche, sanfte Mulder-Duft in die Nase und ihr Herz klopfte in ihrer Brust. Aber sie wusste sie würde ihn hier nicht vorfinden und ignorierte all die Schmetterlinge in ihrem Bauch während sie zielstrebig nach dem Fischfutter griff. Als sie den Deckel abgeschraubt hatte, spürte sie wie ihr Herz wieder stärker klopfte.

Da war ein Zettel zusammengefaltet zwischen dem Fischpulver.

Scully zog ihn vorsichtig heraus, klopfte das Futter ab und entfaltete das Papier.

„Dana, ich wusste, dass Du meine Fische nicht im Stich lassen würdest!
Bitte verzeih mir, dass ich Dich nun allein lasse, aber Du wirst sehen, dass es die einzige Möglichkeit ist, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Wo immer ich auch sein werde und was immer die Wahrheit mich kosten wird, ich möchte, dass Du weißt, dass ich Dich immer lieben werde.
Die Zeit mit Dir war die einzige Zeit in meinem Leben, die bisher nicht verschwendet war und es schmerzt mich so sehr, nicht bei Dir und unserem Kind sein zu können, doch ich werde alles dafür tun, dass Ihr beide eine sichere Zukunft habt. Bitte verzeih mir, dass ich Euch verlassen muss,
Mulder.
P.S. Und achte darauf, dass es, wenn es ein Junge wird, ein Knicks – Fan wird!“

Scully lachte bei dem letzten Satz, während ihr eine Träne über das Gesicht lief und salzig schmeckend ihre Lippen benetzte. Er hatte gewusst, dass er nicht zurückkehren würde! Er hatte es so geplant! Warum war er nicht ehrlich zu ihr gewesen? Ihre Seele schrie stumm durch ihren hohlen Körper hindurch und in ihrem Herzen hallte der Schrei anklagend wider.

Sie hielt die Hand vor den Mund um nicht laut aufzuschluchzen, denn dieser Brief gab ihr nun Gewissheit, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Er hatte sich klar entschieden zu gehen und all das hier hinter sich zu lassen. Sie wusste, er hatte dafür einen Grund, doch sie wollte ihn nicht einsehen, wollte nicht wahrhaben, dass er diesen Weg wirklich ohne sie gehen wollte. Ihre Hände stützten sich am kühlen Glas des Aquariums ab und sie lehnte den Kopf gegen das Regal, in dem das Aquarium stand, damit sie nicht umfiel. Sie schloss die Augen und versuchte ein Gesicht vor sich zu sehen, versuchte an ihren Fingerspitzen seine Haut zu fühlen und seinen Duft einzuatmen. Ihre Zunge versuchte auf ihren Lippen noch seinen Geschmack zu spüren und sie versuchte sich vorzustellen, wie er sie in den Arm nahm und an sich zog. Sie wollte all diese Dinge für immer in ihrer Erinnerung behalten, wollte, dass ihr ungeborenes Kind es fühlte so lange es noch ein Teil von ihr war.
Doch zwischen all den Schmerzen und der Liebe keimte auch Zorn in ihr auf. Der egoistische Zorn eines liebenden Menschen, der den Anderen so sehr vermisste, dass alles andere verblasste und seinen Wert verlor. Sie biss sich auf die Lippen und klammerte ihre Hände um die Stangen des Regals, denn sie wollte nicht weinen, sie hatte seinetwegen schon so viele Tränen vergossen und sie musste seine Entscheidung akzeptieren und weitermachen.

Aber trotz all der Wut auf ihn, der sie mit ihrem Kind und all den Fragen und Ungewissheiten alleine gelassen hatte, konnte sie nicht alle Tränen zurückhalten und so blieb sie vor dem Aquarium stehen, in dem die Fische unbeeindruckt vor sich hindümpelten, und hielt ihren Kopf gegen sein Regal gestützt, während ihr Herz zerbrach, weil sie das verloren hatte, was sie gerade erst vor so kurzer Zeit gewonnen hatte.

Zwei Tage später irgendwo in Nevada

Mulder schlug seinen Kopf immer wieder ganz leicht gegen die Wand. Das monotone Geräusch beruhigte ihn. Denn es vertrieb die quälenden Gedanken, die ihn seit nunmehr 24 Stunden wachhielten.

Der Graue, der sich ihm immer noch nicht vorgestellt hatte, hatte ihn durch einen Teil der Area 51 geführt und ihm Dokumente und Laboratorien gezeigt, die all die Beweise enthielten, die Mulder schon seit seiner Kindheit irgendwo hinter verschlossenen Türen vermutet hatte. Es waren Beweise, die nur im Zusammenhang einen Sinn ergaben und er, der nur Bruchstücke in den ganzen Jahren zu Gesicht bekommen hatte, hatte sich nie einen Reim daraus machen können.

Doch nun verstand er. Er verstand, dass die Regierungsverschwörung, die er seit seiner Zeit beim FBI versucht hatte zu bekämpfen, tatsächlich schon seit dem Ende des zweiten Weltkrieges mit Außerirdischen Geschäfte gemacht hatte um sich selbst freizukaufen, um der Menschheit einen Ausweg zu schaffen. Er hatte erfahren wozu die Raumfahrtprogramme der Sechziger wirklich genutzt worden waren, was hinter all den Phänomenen steckte, die er jahrelang zu begreifen versucht hatte. Er hatte den Ursprung der Nazcar – Linien verstanden, hatte die Versuchsergebnisse sämtlicher Tests mit eigenen Augen gesehen, hatte Dokumente gesichtet, die eine Zusammenarbeit der Nationalsozialisten mit Außerirdischen Siedlern belegten, er hatte die chemische Zusammensetzung von Purity gesehen, so weit sie mit irdischen Formeln beschrieben werden konnte, er hatte Einsicht in die kleinste Informationseinheit eines dieser Chips erhalten, er hatte die zahlreichen internationalen Verträge gesehen, die zum Austausch verschiedenster Forschungsergebnisse unter den G7 und später auch mit Russland abgeschlossen worden waren. Und er hatte die Datenbank gesehen, in der sich die DNA-Proben aller jemals von der Regierung entführten Menschen befanden. Sie war unsagbar riesig.

Es war unvorstellbar wie viel man ihm gezeigt hatte. Und doch war es möglich gewesen. Weil er hier nie wieder herauskommen würde. Und weil man ihm alles in kleinen Häppchen zubereitet hatte. Es waren ohnehin zu viele Beweise an diesem Ort, als dass er wirklich verstehen konnte welch großes Ausmaß diese Sache hatte.

Es war mehr als eine globale Bedrohung. Diese außerirdische Macht war das ‘lpha und das Omega der Menschheit.

Er war vollkommen überfordert, so unsagbar groß hatte er sich diese Zwischenwelt nicht vorgestellt. Die Wahrheit, die sogenannte Realität, die er und all die Menschen da draußen die letzten Jahre gesehen hatten, waren nichts als Ablenkungsmanöver gewesen. Die gesamte Geschichte der Neuzeit war ein einziges Täuschungsmanöver um die Öffentlichkeit abzulenken von dem, was im Kern vor sich ging. Es war paranoid, doch zum ersten Mal wusste Mulder, dass er nicht verrückt war. Er hatte es die ganze Zeit gewusst, von dem Moment an, als man ihm Samantha genommen hatte und es war seit diesem Augenblick sein einziges Ziel gewesen und nun war sein einziges Ziel die beiden Menschen zu retten, die er am meisten liebte.

Die ganze Nacht hatte er wach gelegen und darüber nachgedacht, was nun auf ihn zukam. Denn der Graue verlangte mehr als nur seine Identität von ihm. Um an den Schlüssel für seine Immunität zu kommen würden Experimente an ihm nötig sein. Experimente, die ihn unter Umständen das Leben kosten würden. Doch er wusste, er musste sich opfern, denn sonst kannte er nur einen anderen Menschen auf der Welt, der seine Immunität vermutlich ebenfalls in sich trug und das war ihr Kind und so lange Scully es noch in sich trug war auch sie in Gefahr.
Er wusste, der Schlüssel zu seiner Immunität würde denen auch zugleich ein Mittel liefern, die menschliche Sklavenrasse zu perfektionieren, doch es war zu diesem Zeitpunkt der einzige Ausweg.

Denn niemand wusste genau, was sie alle erwarten würde, wenn die Invasoren erst einmal da waren. Sicherlich hatten sie sich nicht fünfzig Jahre lang die Arbeit gemacht mit den Menschen zu verhandeln, wenn sie sie letztlich nur auslöschen wollten.

Hinzu kam, dass die noch gar nicht wussten, dass er die Nanobots längst abgestoßen hatte. Und Teile seiner DNA. Er war immun, aber er war nicht steuerbar. Er war frei. Er wusste, er trug in sich eine Wahrheit, die hier unten alle fürchteten. Denn nicht nur einmal war ihm aufgefallen wie die Soldaten, die hier unten alles bewachten, fast unmerklich vor ihm zurückgezuckt waren, wenn er ihnen zu nahe gekommen war.
Doch er war sich dieser Wahrheit in ihm selbst so unsicher, dass er nicht wusste, ob sie ihm das Genick brechen würde oder ihm das Leben retten würde.

 

12.45 Uhr am selben Tag, Washington D.C.

Scully schlürfte gerade den Milchschaum von ihrem koffeinfreien Cappuchino und setzte sich ins Fenster. Sie liebte ihre Mittagspausen. Auch wenn sie sie sonst mit Mulder verbrachte, konnte sie sie auch alleine genießen. Sie blickte aus dem Fenster des kleinen Starbucks Coffee’s auf die Wisconsin Avenue in Georgetown. Auch wenn sie immer quer durch die halbe Innenstadt fahren musste, kam sie so oft sie konnte hierher. Sie liebte Georgetown. Immerhin hatte sie hier eine Weile studiert und sie liebte das europäische Flair.

Doch heute war etwas anders. Das Licht war nicht so wie sonst. Es war unwirklich. Die Sonne schien, doch es war als schien sie durch einen grauen Schleier hindurch und doch war keine Wolke am Himmel.

Scully zuckte mit den Achseln. Smog, dachte sie sich und nippte wieder an ihrem Cappuchino. Sie sah den Studenten zu, die vor dem Fenster vorbeiliefen und scherzten oder auf ihren Handys herumtippten. Sie war neidisch. Sie wäre selbst so gerne noch einmal so unbeschwert und frei. Doch bevor ihr Unglück und ihr Liebeskummer sie wieder in den Bann ziehen konnten, riss ihr eigenes Handy sie aus den Gedanken. „Scully?“ „Agent Scully? Hier ist Chuck! Ich hab endlich was! Wann können Sie hier sein?“ Er klang so aufgeregt, dass sie keine Sekunde länger sitzen bleiben konnte. Sie schnappte sich ihren Pappbecher und setzte sich in ihr Auto um sofort zu Chuck ins Labor zu fahren.

Eine Viertelstunde später stand sie vor seinem Schreibtisch. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch Chuck sah an ihrer glänzenden Haut und den zerzausten Haaren, dass sie sich sehr beeilt hatte und darauf brannte Antworten zu hören. Und er konnte es ihr nicht verübeln, wusste er jetzt, was es mit diesen Proben auf sich hatte.

„Was haben Sie herausgefunden?“ platzte es schließlich aus ihr heraus. Chuck hatte nur darauf gewartet loslegen zu können. Seine Augen glänzten und er lief hastig ins Nebenzimmer, wo drei Computer nebeneinander standen und laut summten. Scully folgte ihm.

„Agent Scully, wenn Sie das sehen, werden Sie Ihren Glauben an alles verlieren! Es ist einfach phantastisch!“ Er hackte auf die Tastatur ein, so dass auf den drei Bildschirmen vor ihnen eine Datei nach der anderen geöffnet wurde. Scully trat näher heran und kniff die Augen leicht zusammen. Chuck starrte darauf und schüttelte den Kopf. „Es ist immer noch unfassbar“, murmelte er begeistert, riss sich aber zusammen als er merkte, dass Scully ihm einen ungeduldigen Blick zuwarf. Er begann also zu eklären, was er herausgefunden hatte.
„Ich habe diese Alien-DNA…“ Scully warf ihm einen irritierten Blick zu, musste er das so laut sagen? „…also die DNA aus der Kralle dieses unidentifizierten Organismus habe ich mit Ihren Proben verglichen. Einmal mit den DNA-Fragmenten, die IN den Zellen dieser beiden Opfer waren und einmal mit den DNA-Fragmenten, die sich im Blut also AUSSERHALB der Zellen dieser Opfer gefunden hatten. Und es ist eigentlich relativ simpel, denn wenn man die Sequenzen erst einmal in Kurven transformiert hat und übereinander legt, dann kommt das heraus.“ Er war ganz aufgeregt und seine Hände zitterten, als er mit den Fingern über das Touchpad fuhr und die Kurven übereinander legte.
Nun konnte selbst Scully erkennen, was ihn so in Aufruhr versetzte und sie musste sich am Tisch festhalten, während ihr der Mund offenstand und sie das Gefühl hatte ihr Herz würde aus ihr herausfallen.

„Das kann nicht sein! Sind sie sicher, dass das stimmt?“ Sie wusste, es stimmte. Denn es war ihre eigene Idee gewesen, die sie nun vor ihren Augen bestätigt sah. Sie hatte wirklich Recht gehabt! Ihr wurde schwindelig. Sie starrte auf die Kurven der Alien-DNA-Sequenzen, die über den Sequenzen der ausgestoßenen Fragmente lagen, die in Mulders Blut und in ihrem Fruchtwasser gefunden worden waren. Sie lagen perfekt übereinander. „Soll das heißen, dass die DNA, die diese Opfer abgestoßen haben, außerirdische DNA war?“ „Exakt, das meine ich Agent Scully. Aber der eigentliche Knaller kommt noch. Hier…“ Er tippte wieder etwas ein, loggte sich in ein Netz hinein und lud sich in einer endlos erscheinenden Minute eine Datei herunter. „…sehen Sie: Das hier…“ und er zeigte mit dem Finger auf die Kurven dieser neuen Datei. „….das hier sind die DNA-Sequenzen eines gesunden, normalen Erwachsenen, die ich gerade aus dem Archiv des Human Genome Projects geladen habe. Und nun passen Sie mal auf…“ Er legte die Alien-DNA-Fragmente darüber. Scully sah was er ihr damit sagen wollte, sie hatte es bereits bei Gibson Praise gesehen.

„Sie wollen darauf hinaus, dass die inaktive Junk-DNA jedes normalen Menschen mit dieser Sequenz der Alien-DNA übereinstimmt.“ Chuck fielt ihr fast ins Wort. „Ja, und diese Opfer hier haben die Junk-DNA einfach abgestoßen, so als wäre sie Müll.“ Chuck räusperte sich und sah aufgeregt zu Scully hoch. Seine Stimme vibrierte. „Agent Scully. Diese Menschen sind fast vollkommen frei von Junk-DNA. Lediglich einige repetitive Sequenzen und Transposons sind übrig. Und wir dachten jahrelang die Junk-DNA hätte eine wichtige Funktion, ohne die wir nicht leben können! Ha! Und sehen Sie?“

Er zeigte auf die Kurven. „Stattdessen hat sich an dieser Stelle neue DNA repliziert. Ist Ihnen klar, was wir hier vor uns haben?“ Scully war es klar, aber sie wollte es noch nicht wahrhaben. Es war zu fantastisch. Sie vergaß vor Aufregung zu atmen. Sie sah Chuck an.
„Sie meinen, dass die Junk-DNA, die in uns seit Jahrmillionen schlummert, nichts weiter ist als Außerirdische DNA? Wissen Sie, wie verrückt das ist?“
In Scullys Stimme schwang leichte Hysterie mit, es überstieg ihren Verstand. Chuck nickte. Sie stützte sich noch immer am Tisch ab, weil ihre Knie weich waren. Er fing an zu schwitzen. „Das, Agent Scully, ist eine Entdeckung, mit der wir an die Öffentlichkeit müssen. Ist Ihnen klar, was das bedeutet? Wir haben hier gerade vielleicht das Mysterium der Schöpfung gelöst! Denn sehen Sie hier!“ Seine Augen waren weit aufgerissen und er schien anzuschwillen während er eine weitere Datei öffnete.

„In diesen Zellen hier“ und er zeigte auf die Zellen ihres Babys, „in diesen Zellen hier konnte ich nicht einmal mehr mitochondriale DNA finden, während sie in den anderen Zellen noch vorhanden war.“ Scully griff nach einem Stuhl und setzte sich. Ihr Kind hatte keine Mitochondrien in seinen Zellen? Mitochondrien waren doch das Kraftwerk jeder Zelle, ohne sie konnte kein höher entwickelter Organismus leben!

„Sind Sie sich da sicher?“ „Tausend Prozent, ich hab jede einzelne Zelle nach Mitochondrien untersucht. Nada!“ Er schlug überdreht auf den Tisch, so dass Scully unmerklich zuckte.

„Chuck, wir dürfen damit nicht an die Öffentlichkeit. Denn…“ Sie stutze einen Moment, doch entschied sich dann, die Wahrheit zu sagen. „…diese Menschen sind nicht tot. Sie leben und sind gesund.“ Chuck starrte sie ungläubig an. „Wer? Wo sind sie?“ Scully sah zu Boden. Sie stand vorsichtig auf und ging näher an Chuck heran, so dass sie ihm fast ins Ohr flüstern konnte. „Es sind Mulders Zellen. Und die meines Sohnes.“
Chuck sah sie entgeistert an. Nun musste ER sich setzen. „Waren das auch die Proben, in deren Blut ich neulich diese Nanotechnologie gesehen habe?“ Scully nickte. „Die Chips, die von Proteinen inaktiviert waren, befanden sich sowohl in meinem als auch in Mulders Blut.“ Scully war überrascht wie ruhig sie blieb, denn ihr war in Wahrheit sehr mulmig und um sie herum drehte sich alles. Chuck wurde es mittlerweile zu viel. Er stand auf und drehte sich einmal im Kreis, um dann die Hände in die Taille zu stützen während ihm Schweiß die Schläfen herunterlief. „Agent Scully, was untersuchen wir hier eigentlich? Wie ist das alles passiert?“ Scully wünschte, sie wüsste das.

„Ich weiß nicht zwischen Ursache und Wirkung zu differenzieren. Ich hatte gehofft, Sie würden mir weiterhelfen können, ob die Abstoßung der Junk-DNA eine Folge der Nanotechnologie ist oder umgekehrt. Aber die Erkenntnis mit den Mitochondrien ist nun selbst für mich ein Schock. Die Frage ist doch: Warum gibt es Menschen wie Mulder und meinen Sohn und warum gibt es auch Opfer, die gestorben sind?“

Scullys Verstand begann zu arbeiten, sie tippte sich mit ihren Fingern nachdenklich auf die Unterlippe während ihre Augenbraue zuckte. Doch es machte keinen Sinn. Sie wusste zwar, dass die Nanotechnologie den Zweck hatte, die DNA in der Zelle zu regulieren. Sie wusste auch, dass es ohne einen Chip keine Nanobots geben konnte. Aber Mulder und ihr Sohn hatten die Nanotechnologie ausgestoßen, hatten sie inaktiviert. Woher kamen dann die Veränderungen an ihrer DNA? Und wie konnte ihr Kind ohne Mitochondrien leben?
Scully schwankte, doch Chuck sprang schnell an ihre Seite und half ihr sich wieder zu setzen. Er sah sie einen Moment an, bis ihr Kreislauf sich offensichtlich gebessert hatte und fuhr dann fort. „Agent Scully, das, was wir hier vor uns haben, ist gigantisch und ich bin damit definitiv überfordert. Aber ich wüsste niemanden, mit dem wir das hier vertraulich weiterverfolgen könnten. Ich schäme mich fast es zu sagen, aber ich bin zum ersten Mal in meiner Laufbahn wirklich am Ende meines Lateins.“
Scully sah zu ihm auf als sie ihre Hand gegen ihre Schläfe legte und versuchte ihm ein Lächeln zu schenken. „Chuck, Sie haben mir bisher mehr geholfen als sonst irgendjemand hier. Ich muss jetzt sehen, wie ich mit diesen Informationen weiterkomme. Wenn Sie irgendeine Idee haben, wie wir hier weiterkommen, rufen Sie mich bitte jederzeit an."

Sie stand auf und bedankte sich bei ihm. Als sie sein Labor mit allen Beweisen in ihrer Tasche verließ, sah er ihr noch lange nach und starrte auf die Türe, die hinter ihr ins Schloss fiel, in Gedanken bei der phantastischen Entdeckung, die ihm fast den Verstand raubte.

Eine Stunde später, St. Dominic’s Catholic Church

Scully saß auf der Bank der kühlen schattigen Kirche. Das Licht tanzte durch die Kirchenfenster wie bunte Blumen durch den Raum. Sie sah gedankenverloren in die Kerzen, die vor einer Marienstatue brannten. Das, was sie eben erfahren hatte, war zu unglaublich.
Die Welt schien sich vor ihren Augen neu zu ordnen. Das, was sie immer als Gott akzeptiert hatte, als die eine Macht, die alles Leben erschaffen hatte, erschien nun nicht mehr in dieses Bild zu passen. Sie sah auf das Kreuz, das um ihren Hals hing. In diesem Augenblick war es ihr unmöglich an einen Gott zu glauben.

Sie war heute Zeugin der Schöpfung einer neuen Art Mensch geworden und nichts daran war in irgendeiner Weise göttlich gewesen. Es hatte sie verstört, verwirrt und verloren auf einer Welt zurückgelassen, auf der sie sich plötzlich nicht mehr zu hause fühlte. Auf einer Welt, auf der sie nun selbst sich als Gast fühlte, da sie nun auch daran glauben musste, dass ein Teil von ihr außerirdisch war. Die Tatsache, dass Mulder aber vor allem ihr eigenes Kind die ersten Zeichen einer evolutionären Revolution waren, raubte ihr fast den Verstand und eine Frage ließ sich nicht mehr aus ihrem Kopf verdrängen: Wie?

Als sie auf die Kerzen zuging und sich auf der Bank davor niederkniete, nahm sie die goldene Kette, die ihr um den Hals hing, ab und hielt sie eine Weile in der geschlossenen Hand. Das Kerzenlicht verschwamm vor ihrem leeren Blick und sie ließ die Kette schließlich in ihre Tasche fallen. Sie stand langsam auf und ging wieder auf den Kirchenausgang zu, sie war hier nicht mehr aufgehoben.

Ein letzter Blick zurück zu dem goldenen Kreuz über dem Altar ließ nur noch Leere in ihrem Herzen zurück. Sie war verloren, denn nun war ihr Glaube an alles gebrochen. Nun war alles offen. Und alles war möglich.

Die Statue der Maria mit dem Jesuskind auf ihrem Arm sah aus ihren schwarzen Augen hinter Scully her, doch selbst das Schicksal dieser Frau, die vor über 2000 Jahren wie sie durch ein Wunder ein Kind zur Welt gebracht hatte, das ein neues Zeitalter eingeläutet hatte, konnte Scully nicht zurückhalten.

Über ihren roten Haaren schien noch immer die Sonne wie durch einen grauen Schleier hindurch und am Horizont kündigten schwarze Wolken erneute Dunkelheit an, während ein Mann sich in einiger Entfernung an einen Laternenmast gelehnt eine Zigarette anzündete und sein leerer Blick Scully zu ihrem Wagen folgte. Seine Finger rollten ein kleines Röhrchen mit einer klaren Flüssigkeit in seiner Jackentasche hin und her.

Zur selben Zeit, Area 51

Mulder lag auf einer Art Zahnarztstuhl, der Raum war so weiß, dass er seine Augen schließen musste. Der Graue stand neben ihm und sah zu wie eine Krankenschwester alles für die Experimente vorbereitete.
„Was genau geschieht jetzt mit mir?“ fragte Mulder in die konzentrierte Stille, die nur durch das Summen einer Zentrifuge durchbrochen wurde. „ Wir werden Ihr Blut untersuchen. Wir müssen herausfinden in welchem Aktivitätsstadium ihre Nanobots sich befinden, wir müssen eine Lumbalpunktion machen um etwas über Ihren Gehirnstoffwechsel herauszubekommen. Wir werden genetische Untersuchungen an Ihnen durchführen und eine Reihe neurologischer Tests werden folgen. Sie können jederzeit Bescheid sagen, wenn es Ihnen zu viel wird, bedenken Sie nur, dass wir nicht viel Zeit haben, es kann jeden Tag zu spät sein.“ „Und wenn Sie nichts herausfinden ?“ Mulder wusste, er hatte keine Nanobots in seinem Blut, doch er hatte es noch niemandem hier gesagt.
Der Graue schwieg auf diese Frage und trat zurück als die Krankenschwester mit einer Kanüle auf Mulders Arm zusteuerte. Mulder sah sie an, sie hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, ihre Augen waren so dunkel und ausdruckslos. Sie war ihm unsympathisch und er traute ihr nicht. Er traute hier im Grunde niemandem, weil ihn alle außer dem Grauen merkwürdig anstarrten.
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, schreckte sie zurück als ihre Hand seinen Arm berührte. Ihre leeren Augen trafen Mulders durchdringenden Blick und sie ließ die Kanüle fallen und wich einen Schritt zurück. Der Graue und die beiden Ärzte im Raum sahen überrascht zu ihr hinüber. „Ist alles in Ordnung?“ fragte der Graue, doch die Krankenschwester gab keinen Ton von sich und verließ den Raum. Ein Arzt rannte ihr nach während der andere Arzt und der Graue sich leise aber irrtiert und mit besorgtem Gesichtsausdruck unterhielten.

Mulder konnte nichts hören, doch er spürte, dass etwas Fremdes in diesem Raum war, etwas, das nicht stimmte. Der Arzt, der der Schwester nachgerannt war, kam zurück, nickte den beiden anderen zu und legte Mulder die Kanüle selbst in den Arm. Mulder glaubte in der Ferne einen leisen Alarm zu hören und spürte ein unbehagliches Kribbeln. Diesen Blick in den Augen der Krankenschwester hatte er zuvor schon einmal gesehen, es erinnerte ihn an ein Geräusch. Ein Geräusch, das er vor gar nicht so langer Zeit an einem sehr merkwürdigen Ort schoneinmal gehört hatte. Es hatte metallisch geklungen. Wie ein Hauchen. Mulders Haare stellten sich auf und er zwang sich an Scully zu denken und daran, wie sie aussah, wie sie sich anfühlte und wie sie duftete.

In kurzer Zeit war der Zwischenfall vergessen, die Ärzte arbeiteten konzentriert und standen hinter ihren Computern, von wo aus die Tests gesteuert wurden und die Untersuchungen lenkten Mulder davon ab weiter darüber nachzudenken, was diese Schwester in ihm ausgelöst hatte, doch in seinem Inneren spürte er, dass etwas Merkwürdiges in Gang gesetzt worden war und er fürchtete sich vor den Ergebnissen, die diese Tests liefern würden und davor, was danach mit ihm geschehen würde.

 

Am selben Tag, 18.45 Uhr vor Scullys Apartment

Scully schloss ihren Wagen ab und ging die Straße hinunter zu ihrer Wohnungstür. Sie hielt die Hand vor die Augen und sah nach oben. Die Sonne schien noch tief am Horizont, überall waren dunkle Wolken am Himmel und das Licht war noch immer so verschleiert und trüb. Sie war der festen Überzeugung so ein Licht wie diesen Sommer hätte sie noch nie zuvor bemerkt, doch so wie andere Frauen während der Schwangerschaft besser riechen konnten, so war sie vielleicht in ihrer visuellen Wahrnehmung sensibilisiert. Sie sah wieder auf den Fußboden. Ihr Schatten war kaum zu sehen, und doch sollte er um diese Uhrzeit bei so starker Sonneneinstrahlung doch scharf und kontrastreich sein.

Sie blieb stehen und drehte sich um. Auch die Bäume und Autos warfen nahezu keine Schatten auf den grauen Asphalt. Sie schüttelte irritiert den Kopf und wollte weiter auf ihre Wohnungstür zugehen, als sie eine Gestalt im Gebüsch zu sehen glaubte. Reflexartig griff sie unter ihr Jackett zu ihrer Waffe um sich jederzeit verteidigen zu können und ging auf das Gebüsch zu.
„Hallo?“ fragte sie das Gebüsch als sie es vorsichtig zur Seite hielt um zu sehen, ob sich dahinter jemand versteckte. Doch niemand war dort. Sie schüttelte wieder den Kopf. Anscheinend spielte ihr ihre Phantasie schon die ganze Zeit einen Streich. Sie ließ die Äste des Strauchs wieder los und suchte nach dem richtigen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Doch als sie sich wieder zur Türe drehte, griff wie aus dem Nichts eine Hand um ihren Hals und zog sie in das Gebüsch, wo man ihr den Mund zuhielt, damit sie nicht aufschrie. Ihr Herz setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus und sie war wie gelähmt vor Schreck. So viele Male war ihr das schon passiert und immer wieder versetzte es ihr einen Schock.
Sie konnte das Leder des Handschuhs ihres Angreifers riechen und spürte die Kraft, mit der er sie an sich drückte. Sie versuchte durchzuatmen und sich nicht zu wehren, was immer dieser Mann von ihr wollte, sie würde es überleben.
Plötzlich merkte sie einen schmerzhaften scharfen Stich in ihrem Nacken. Ihr wurde für den Bruchteil einer Sekunde schwarz vor Augen und sie merkte nur noch, wie der Angreifer sie losließ, ehe sie taumelnd und nach Halt suchend das Bewusstsein verlor und an der Wand ihres Apartmenthauses abrutschte und zu Boden fiel.

 

„Agent Scully!“ Jemand tätschelte ihr die Wange und schüttelte ihre Schulter unbeholfen. Als sie wieder zu sich kam, konnte sie ihren Augen nicht trauen. Agent Morgan hatte sich über sie gebeugt und sah besorgt auf sie herab. „James!“
Sie rappelte sich in Windeseile auf und ließ sich von ihm helfen aufzustehen, ehe sie sich den Staub von den Klamotten klopfte und sich ihr Haar zurechtstrich. „Da Sie sich nicht gemeldet haben, dachte ich, ich sollte einmal vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist und wie ich sehe ist es das nicht. Was ist denn passiert?“ Panik starrte aus seinen Augen und sein Herz klopfte so sehr, dass Scully es sehen konnte.
Sie hatte ihn nie gemocht, obwohl sie überhaupt keinen Anlass dazu hatte, hatte er sich doch bis auf diesen ziemlich plumpen Annäherungsversuch stets zuvorkommend verhalten. Doch dass er sie für hilflos hielt, passte ihr nicht.
Sie suchte nach ihrem Hausschlüssel und stieg die Stufen zu ihrer Wohnungstür hinauf. „Danke James, aber es ist alles in bester Ordnung. Mir geht es gut.“ „Und was war das dann gerade?“ Er lächelte und sah sie unschuldig an, in der Hoffnung sie nicht noch mehr zu verärgern. Sie drehte sich zu ihm um und seufzte. „Kommen Sie rein!“
Sie hatte jetzt keine Lust sich mit ihm zu streiten. Doch ein Lächeln konnte sie sich noch immer nicht abringen. Zu tief saß noch der Schreck in ihren Gliedern. Als die Tür hinter den beiden ins Schloss fiel und sie einen Augenblick hatte um sich wieder zu sammeln, fiel ihr ein, was ihr passiert war und sie griff mit aufgerissenen Augen nach dem Stich, den man ihr in den Nacken versetzt hatte.
Als sie ihre Hand zurückzog sah sie, dass es blutete. Panik breitete sich in ihr aus und erhitzte ihr Blut bis es kribbelte. Ihr wurde schwindelig. „James?“
Er sah sie besorgt an und zog die Augenbrauen hoch.
„Sie müssen mich ins Krankenhaus fahren!“


24 Stunden später

Es klingelte an der Tür. Scully sah auf die Uhr. Sie hatte sich gerade einen frischen Yoghurt mit Müsli zubereitet und sie hasste es, wenn man sie beim Essen unterbrach. Er war noch viel zu früh, doch dann würde er hoffentlich auch bald wieder verschwinden. Sie öffnete ihm die Tür und ließ ihn herein. Er setzte sich brav auf einen Stuhl in der Küche und wartete ab, bis Scully sich ebenfalls gesetzt hatte und begann ihren Yoghurt zu essen.
„Ich freue mich, dass alles in Ordnung ist. Und wenn ich damals von Ihrem – Zustand gewusst hätte, dann hätte ich mich auf jeden Fall zurückgehalten. Ich wusste ja nicht, dass Sie und Mulder…“
Scully unterbrach ihn als sie merkte, dass sie rot wurde. „Kommen Sie zur Sache, James, worum geht es?“ „Die Tests im Krankenhaus haben nichts ergeben?“ Er ließ sich nicht vom Thema abbringen. Doch Scully wollte diesen Schrecken schnellstens vergessen, sie war froh, dass James, Skinner und ihre Mom seit diesem Angriff sich immer darin abgewechselt hatten sie abzulenken.
„Nein, was immer man mir gespritzt hat, es hatte keine Wirkung auf mich und auch nicht auf mein Baby. So und nun haben Sie ihre Fragen beantwortet, jetzt klären Sie bitte auch meine.“ Sie war wieder so kühl und distanziert wie man es von ihr gewohnt war.
Doch das war beruhigend, denn dann ging es ihr wirklich gut.
„Hat Skinner Ihnen von diesem Entführungsopfer erzählt, das lebendig zurückgekehrt ist?“ Sie nickte. „Wann war das?“ „Vor etwa zwei Wochen. Der junge Mann ist aus dem Haus seiner Eltern entführt worden und vor zwei Wochen zurückgekehrt. Er ist schreiend in der Nachbarschaft herumgeirrt, mitten in der Nacht um halb zwei. Aber abgesehen davon fehlt ihm nichts. Er lebt in Chilmark, Massachussetts.“

Scully fiel fast der Löffel aus der Hand. Das war die Kleinstadt, in der Mulder als Kind eine Weile gelebt hatte. Sie sah James erwartungsvoll an. „Und Sie sind sicher, dass mit ihm alles in Ordnung ist?“ James reichte ihr ein Blatt Papier mit einer Adresse. „Überzeugen Sie sich doch selbst, Agent Scully. Ich kann leider in meiner Funktion als Normalsterblicher nicht mehr unternehmen.“

Scully war betreten, wusste sie doch, dass sie nicht ganz unbeteiligt daran war, dass Agent Morgan sich entschieden hatte das FBI zu verlassen. Sie verschränkte die Arme und stützte sich vor sich auf dem Tisch auf. „Warum machen Sie das eigentlich, James?“ fragte sie ihn schließlich gerade heraus. James sah sie an, er wirkte verletzt. „Sie und Agent Mulder sind dort unten in diesem Kellerbüro inmitten all der Bürokratie und Vernunft wohl vollkommen blind dafür geworden, dass es auch noch andere Menschen gibt, die Fragen stellen. Denen die Antworten, die die Medien und die Regierungen geben, nicht reichen. Die glauben wollen, dass es mehr gibt als das hier. Agent Scully, ich war von Anfang an bereit Ihnen bedingungslos zu folgen und ich bin es noch immer. Sie brauchen nur ein Wort zu sagen.“

Scully bekam eine Gänsehaut von der Ehrlichkeit und Leidenschaft, die sie in seinen Augen sah. Er erinnerte sie an Mulder. „Warum sind Sie dann vom FBI weggegangen?“ versuchte sie ihre Erschütterung zu überspielen, doch ihre Stimme wirkte wackelig als sie das fragte. „Ich konnte nicht für eine Regierung arbeiten, der ich nicht vertraue. Von meinem Nachtwächtergehalt kann ich zwar gerade so leben, aber ich bin wenigstens ein unbedeutender Niemand, der frei ist. Agent Mulder ist schließlich auch nicht mehr beim FBI, wie ich gehört habe. Also müssten Sie das doch verstehen.“
Scully sprang auf, ihre Augen durchstachen jeden Zentimeter seiner Haut, auf den sich ihre Blicke legten. Er konnte fast fühlen wie es schmerzte, so scharf war ihr Blick. „Sie verstehen doch überhaupt nicht was hier vorgeht, James! Vergleichen Sie nicht Ihre kleinbürgerliche Schwäche mit dem Mut und der Hingabe Mulders. Und er hat das FBI nicht verlassen, er ist auf der Suche nach handfesten Beweisen. Während Sie hier in meiner Küche sitzen und sich sicher fühlen können.“ Scullys Stimme wurde wieder leiser, denn sie merkte wie sie sich wieder beruhigte und wie sehr das, was sie sagte, James traf. „Weil Sie wirklich nur ein unbedeutener Niemand sind.“
James sah betreten auf Scullys Bauch, weil er nicht wusste, wohin er sonst sehen sollte, denn er hatte Angst davor ihr in die Augen zu sehen. Er war wieder einmal in ein Fettnäpfchen getreten, hatte wieder einmal die Grenze überschritten und war über dieses feste Band gestolpert, dass zwischen Mulder und seiner Partnerin zu existieren schien und war auf die Nase gefallen.
„Es tut mir leid, es lag mir vollkommen fern mich mit Agent Mulder zu vergleichen.“ Er druckste herum. „Aber ich möchte, dass Sie mir vertrauen, dass Sie mich miteinbeziehen. Ich könnte doch helfen.“

Scully schüttelte den Kopf und ging auf James zu. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Glauben Sie mir, diese Sache ist viel zu groß, als dass es irgendjemand wirklich begreifen könnte. Und sowohl Sie als auch ich können hier fast überhaupt nichts tun. Aber während es für mich das einzige ist, was mich am Leben hält, weil es zu meinem Leben geworden ist, so haben Sie noch all die Möglichkeiten ein Leben zu führen, mit allem, was dazu gehört, verschwenden Sie es nicht auf eine Suche, die niemals enden wird.“ Als er ihr nun in die Augen sah war der Zorn in ihrem Ausdruck verschwunden und tiefer Traurigkeit gewichen.
In ihrem Blick lag keine Hoffnung, er sah nur die Verzweiflung und die tiefe Einsamkeit, die sie umgab und er erahnte vielleicht zum ersten Mal wie tief die Gewässer reichten, in die er gerade mit seinen Zehenspitzen eingetaucht war. Er drückte ihre Hand, die noch immer auf seinem Arm lag.
„Passen Sie gut auf sich auf, Agent Scully. Und wenn Sie mich doch einmal brauchen, dann haben Sie ja meine Nummer.“ Scully wusste nicht, was James in ihren Augen gesehen hatte, doch sie fühlte, dass es ihn sehr mitgenommen hatte und sie fragte sich, wie sie auf ihn gewirkt haben musste, dass er nun so eingeschüchtert und kleinlaut ihr Apartment verließ. Sie fühlte sich schlecht als er gegangen war, aber sie hatte sich und ihrem Baby versprochen auch ohne Mulder weiterzumachen und daher legte sie sich schlafen, um am nächsten Tag nach Chilmark zu fahren.

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Zwei Tage später in Boston

Der Himmel war wolkenverhangen und ein ungewöhnlich kühler Wind fegte durch die Straßen. Scully verließ gerade die psychiatrische Einheit des Boston Medical Centers und knöpfte sich mit einem skeptischen Blick gen Himmel den Blazer zu. Warum regnete es nicht? Seit Tagen schon standen diese schwarzen Wolken über der gesamten Ostküste der USA und wollten ihre regenreiche Last nicht abwerfen. Es wurde immer kühler und dunkler, doch kein einziger Tropfen fiel vom Himmel. Wahrscheinlich würde es genau dann regnen, wenn sie ihren Schirm einmal im Auto liegen lassen würde. Scully entschied sich, sofort zum Hotel zurückzufahren und so schnell wie möglich einen Rückflug zu bekommen. Langsam merkte sie, wie das Baby immer schwerer wurde. Es bewegte sich fast die ganze Nacht, so dass sie kaum noch durchschlief. Doch je mehr es sich bewegte, desto leichter fiel es ihr zu verstehen, dass sie Mutter wurde und es erfüllte sie mit Glück auch wenn sie nicht wusste, was sie erwarten würde. Und auch wenn sie sich einsam fühlte und voller Angst. Es war immerhin ein kleiner Mulder, der dort in ihr heranwuchs und sie hoffte, ihr Sohn würde ihm ähnlich sehen. Aber eigentlich hoffte sie vor allem, ihr Sohn würde überhaupt wie irgendein Mensch aussehen.

Als sie in ihrem Hotel ihre Sachen lieblos in den Koffer warf, ging ihr das Gespräch, das sie einen Tag zuvor in einem der Krankenzimmer des Boston Medical Centers geführt hatte, durch den Kopf. Es war merkwürdig gewesen. Sie hatte so schnell sie konnte die Adresse des überlebenden Entführten ausfindig gemacht. Sein Name war Walter Harland und er war exakt vier Tage jünger als Mulder. Als Scully herausgefunden hatte, dass Walter bei seinen Eltern wohnte, war sie stutzig geworden. Seine Eltern hatten sich am Telefon relativ schnell überreden lassen mit ihr zu reden, allerdings mussten sie sich in Boston treffen, da Walter seit einigen Tagen wegen psychischer Auffälligkeiten in medizinischer Behandlung war. Dass er aber insgesamt eine ziemliche psychische Auffälligkeit war, war Scully erst bewusst geworden als sie sein Krankenzimmer betreten hatte. Ein Blick in seine stumpfen, kindlichen Augen und sie hatte gewusst, dass Walter ein Autist war. Er hatte sich an nichts erinnern können, was er erlebt hatte, außer an ein grelles Licht und ein lautes Geräusch, von dem er noch immer Alpträume bekam. Seine Mutter hatte Scully danach erzählt, dass er seit seiner Rückkehr eine panische Angst vor Dunkelheit und allem hatte, was schwarz war. Doch im Prinzip war dieses Treffen reine Zeitverschwendung gewesen. Denn Walter war nicht fähig, irgendwelche ernsthaft verwertbaren Aussagen zu machen. Sie hatte die Erlaubnis erhalten sein Blut zu untersuchen und hatte es gestern Abend nach Washington geschickt, die Ergebnisse würden da sein, wenn sie am Flughafen ankam. Doch eine Sache hatte sie beeindruckt, etwas, das sie an den Ausdruck in Mulders Augen erinnerte, als er nach der Entführung zum ersten Mal die Augen aufgeschlagen hatte. Walter hatte ihr davon berichtet, wie er sich nach seiner Rückkehr fühle. Seine Worte hallten in ihren Ohren nach.

„In meinem Kopf ist alles ganz schwarz. Es ist als würde jemand in meinem Kopf wohnen. Jemand, der schwarz und leer ist. Deswegen kann ich nicht schlafen nachts. Und weil ich dauernd von lauten Geräuschen in meinem Kopf geweckt werde. Ich mag das nicht, ich will, dass man das wieder abstellt, so dass ich wieder zeichnen kann.“

Diese Worte waren für einen Autisten außergewöhnlich gewesen, weil sie so präzise und klar das wiedergaben, was Walter fühlte. Zusammen mit dem verzweifelten, dunklen Blick in Walters Augen hatte diese Aussage Scully Gänsehaut bereitet. Seine Mutter hatte ihr danach die Bilder gezeigt, die Walter vor seiner Entführung gemalt hatte. Es waren überdurchschnittlich schöne Kohle-Zeichnungen von Pflanzen und Tieren, doch seit seiner Rückkehr hatte er nur noch endlose Buchstabenabfolgen auf unendlich viele Seiten Papier gezeichnet.

Scully hatte einige der Seiten mitgenommen, da ihr sofort klar geworden war, dass es sich hier nicht bloß um Aneinanderreihungen von willkürlichen Buchstaben handelte. Als sie ihren Koffer schloss, zog sie eines der Blätter unter dem Koffer hervor und starrte nachdenklich darauf. Für einen gewöhnlichen Menschen machte das keinen Sinn, doch sie wusste, es bedeutete etwas. Ihre Augen verweilten auf dem Papier: „ATTGCACCGTAAGTTCACTGGA…“


Einen Tag später, Nevada

Der Himmel war zum ersten Mal in diesem erbarmungslosen trockenen Sommer von Wolken verhangen. Doch sie waren nicht grau, wie bei jedem gewöhnlichen Sommergewitter. Sie waren von einer unbeschreiblichen Konsistenz und Farbe. Ein menschliches Auge war versucht, sie als schwarz zu bezeichnen und doch konnte man durch sie hindurch die Sonne sehen. Auch wirkten sie nicht trüb und hingen nicht wie dicke Watte schwer in den Bergen, sondern sie schienen fast zu glänzen, sie wirkten transparent, flüssig und leicht. Seit Tagen überschlugen sich die Meteorologen Nevadas in den Wetterberichten bei ihren Versuchen dieses Phänomen zu erklären. Die einen sagten Tornados voraus, die anderen schoben es auf die Umweltverschmutzung, andere beschuldigten El Nino, es war nahezu lächerlich wie ratlos man war. Doch die Unwetter blieben aus, es gab keine Überschwemmungen, keine Wolkenbrüche, nichteinmal Blitze zuckten durch die merkwürdigen Wolken. Nur das Sonnenlicht war nicht mehr golden und hell. Und der Sand, der hier in Nevada auf jedem Autodach einen gelbbraunen Film hinterließ, schien in dem fahlen, toten Licht grau. Und die Haut der Menschen, die seit Tagen aus Angst vor Unwettern die Supermärkte leerkauften, sah blasser und ungesünder aus als je zuvor. Doch nichts passierte. Es war weiterhin heiß und trocken.

Mulder lag in einem weißen Krankenzimmer, in dem künstliches, weißes Licht auf ihn hinabschien und schlief. Er träumte von ihr. Wie jede Nacht seit er sie verlassen hatte. Sein Wunsch sie wiederzusehen wurde von Tag zu Tag größer und er verzehrte sich danach, sie zu spüren. Doch jedes Mal, wenn er aufwachte, erinnerte er sich daran, dass sie sicherlich mittlerweile von seiner endgültigen Entscheidung wusste und es damit kein Zurück gab.
Und auch dieses Mal schlug er seine Augen auf, die im Augenblick des Erwachens noch voller Leben glänzten und bei Erkenntnis der Realität ihr Feuer verloren und seinen Blick abstumpften. Er versuchte sich zu bewegen, doch ihm taten alle Glieder weh. Er sah an sich herunter. Außer einer Kanüle, über die Kochsalzlösung und Zucker in seinen Körper strömten, spürte er noch die Elektroden des EKGs und des EEGs auf seiner Haut. Er war verkabelt. Und er erinnerte sich an nichts. Aber er lebte und er fühlte sich gesund. Er atmete erleichtert auf und schloss wieder die Augen, als er hörte, wie jemand das Zimmer betrat.

„Na wie geht es Ihnen?“ fragte der Graue als er hereinkam und hinter ihm eine Krankenschwester mit einem riesigen Tablett mit einem fürstlichen Mahl auftauchte. „Ich hoffe, das ist nicht meine Henkersmahlzeit“, antwortete Mulder, dessen Stimme sich noch sehr heiser anhörte. Der Graue schwieg und holte sich einen Stuhl neben das Bett, während Mulder sich, nachdem er von den EEG Kabeln befreit worden war, auf das Essen stürzte. „Woher wussten Sie, dass ich das hier so gerne mag?“ fragte er, ohne jedoch eine Antwort hören zu wollen und stopfte sich den Hamburger vor sich auf dem Teller in den Mund. Zum ersten Mal seit Tagen lächelte der Graue ihn an. „Fox, ich bin Mitglied einer Regierungsverschwörung. Ich weiß noch viel mehr über Sie, glauben Sie mir.“ Doch Mulder hatte für diese unerwünschte Antwort nur einen abfälligen Blick parat. Zu gerne hätte er diesen Mann jetzt  mit seinem Essen beworfen, aber dazu war er zu hungrig. „Also, dann legen Sie mal los. Was wissen Sie denn jetzt noch über mich? Oder waren die Experimente nur ein Vorwand ihre sexuellen Phantasien an jemandem auszuleben?“ Damit hatte er seinen Wunsch mit Essen um sich zu werfen kompensieren können und er nahm zufrieden einen weiteren Bissen von seinem Hamburger. Der Graue hatte sich mittlerweile an Mulders Zynismus gewöhnt, ebenso wie an sein Temperament und ignorierte diese Bemerkung, während er tief Luft holte. „Wir haben in der Tat etwas entdeckt, etwas, das Sie uns allerdings auch selbst hätten sagen können. Als wir Ihnen damals diesen Chip entfernt haben, konnten wir keine Nanobots in Ihrem Blut finden. Doch die Untersuchungen haben dieses Mal ergeben, dass Sie welche in sich getragen haben müssen, auch wenn nun keine Spur mehr von ihnen zu finden ist. Fox, es hilft nichts, wenn Sie mir nicht vertrauen! Warum haben Sie mir nichts davon erzählt, was mit Ihnen nach der Entführung passiert ist? Sie wussten doch sicher vor den Experimenten schon; dass Sie keine außerirdische DNA in sich tragen!“ Mulder brummte und nickte unbeeindruckt, während er die Sauce von seinen Fingern leckte. Er warf die Serviette, mit der er sich den Mund abwischte, auf das Bett und zeigte mit dem Finger auf den Grauen, während er den letzten Bissen seines Hamburgers hinunterschluckte.

„Ja, aber jetzt erzählen Sie mir doch, was das bedeutet!“ Er war aufgedreht, weil er froh war, dass er lebte und weil er das Gefühl hatte, er sei in diesem Moment stärker als dieser Fremde an seinem Bett, der offensichtlich überrascht von den Testergebnissen war. „Es bedeutet, dass Sie zwar immun sind, aber in einer Form, in der es uns nichts nützen wird. Sie haben die gesamte Technologie, die seit Ihrer Kindheit in Ihrem Körper geschlummert hat, ausgestoßen und die inaktive DNA gleich mit ihr.“ Er räusperte sich. Sollte er Mulder die ganze Wahrheit erzählen? Er entschied sich, dass es dafür noch zu früh war. Doch Mulder ließ nicht locker. „Was wissen Sie über diese inaktive DNA?“ Doch die Frage war rein rhetorisch gewesen und Mulder wartete die Antwort gar nicht erst ab. Er schob das Tablett von sich weg und setzte sich auf die Bettkante. Nun war der Zeitpunkt gekommen, das zu sagen, was er schon die ganze Zeit loswerden wollte.

„Ist es nicht so, dass diese inaktive, diese sogenannte Junk-DNA in Wahrheit das Urvirus ist, das seit Menschengedenken in unserem Erbgut nur darauf wartet, reaktiviert zu werden? Ist es nicht so, dass Sie mit Ihrer Nanotechnologie genau das auch wollten? Eine kontrollierte Reaktivierung der Alien-DNA, die jeden von uns immun gegen Purity machen würde, weil es uns vor den tödlichen Effekten Puritys schützen würde mit der gleichzeitigen Garantie, unverwundbare, kontrollierbare Sklaven unserer Regierung zu werden, so wie diese Außerirdischen es für ihre Regierung sind? Haben Sie wirklich geglaubt, ich sei einer von diesen Soldatenmenschen, die Sie da heranzüchten wollen?“

Mulder war richtig in Fahrt gekommen, doch er vergaß dabei, dass der Graue in Wahrheit sein einziger Freund im Umkreis von vielen Meilen war. Der Graue sog scharf die kühle Luft des Krankenzimmers ein. Mulder wusste noch viel mehr, als er ihm erzählt hatte und wieder einmal war er von diesem faszinierenden Mann überrascht worden. Er entschied sich, nun doch die Wahrheit preiszugeben, war es doch so, dass Mulder wahrscheinlich der letzte Mann in dieser Gegend war, dem er trauen konnte. „Sie sind ein wahrer Hitzkopf Fox, aber so falsch liegen sie in der Tat nicht. Unsere Nanobots sollen tatsächlich gezielt die Teile der Alien-DNA nutzen, die uns einen evolutionären Vorteil bringen und dabei die Abschnitte deaktivieren und aus der Zelle ausschleusen, die Purity bei einer Re-Infektion zur Teilung und Vermehrung braucht. Gleichzeitig ist aber die Seele Puritys, die in den Mitochondrien schlummert und mit der Zelle so wie den Invasoren kommuniziert auch Energielieferant der Nanobots. Somit besteht eine symbiotische Beziehung zwischen den beiden. Es war geplant, dass durch die Nanotechnologie die Zellen immun werden gegen die Zerstörung durch das Alienvirus. Der Chip, der jedem Kind, das Teil dieses Programms war, eingepflanzt wurde, bezog seine Energie zunächst während der Speicherphase aus dem Hirnstoffwechsel und hat zugleich das Bewusstsein, das Funktionieren der Gefühlswelt oder wenn Sie es so sagen wollen, die Seele des jeweiligen Menschen gelernt und abgespeichert, so dass es der Regierung später möglich gewesen wäre zu jedem Zeitpunkt, Handeln und Denken dieses Menschen zu kontrollieren, ohne dass dieser es als Kontrolle bemerken würde. Mit Reinfektion mit Purity hätte es dann zur Teilung der Nanobots aus dem Chip kommen sollen, doch aus irgendeinem Grund hat das bei Ihnen nur bis zu einem gewissen Punkt funktioniert. Ihre DNA ist frei von Purity DNA und kann selbst bei Re-Infektion die Alien-DNA nicht mehr einbauen, aber die Nanobots sind eben auch verschwunden. Damit haben Sie sich jeder Kontrolle entzogen, durch die Regierung genau so wie der Kontrolle durch die Aliens. Das heißt fast! Sie Seele Puritys befindet sich noch immer in Ihren Mitochondrien, daher sind zwar nicht Ihre Zellen immun, doch aus irgendeinem Grund ist Ihr Körper als Ganzes immun.“ Wieder schwieg der Graue und dachte über das nach, was er Mulder gerade gesagt hatte. Und über das, was er noch immer nicht herausgefunden hatte.

Mulder war trotz seiner Wut über all die Tests, die man an ihm durchgefüht hatte, dem Mann dankbar für die Offenheit, er hatte ihn wieder einmal falsch eingeschätzt und sein permanentes Misstrauen hatte ihm im Weg gestanden, denn der Graue schien es tatsächlich ernst zu meinen. Mulder biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, denn eine Tatsache stieß ihm noch auf. „Puritys Kommunikationszentrum ist also noch immer in meinen Mitochondrien, ja?“

Der Graue nickte. „Deswegen sind Ihre Zellen nicht immun. Allerdings könnten Sie ohne Ihre Mitochondrien auch nicht leben, daher ist uns das keine große Hilfe, denn wir wissen schon lange, dass die Entfernung der Mitochondrien eine weitestgehende Immunität gegen Purity bewirkt. Somit sind Ihre Spermien auch allesamt frei von Purity, da sie ihre Mitochondrien bei der Befruchtung abwerfen. Mit Ihren Spermien könnte man also eine Eizelle befruchten, die ebenfalls von Purity befreit wurde. Wenn ich mich nicht irre, ist genau das mit den Eizellen Ihrer Partnerin gemacht worden, allerdings nützt uns das nichts, da wir einen Impfstoff brauchen, der uns sofort vor Purity schützt, nicht erst unsere Kinder. Denn in normalen Körperzellen lässt sich die Entfernung der Mitochondrien nicht mit dem Leben vereinbaren.“ Der Graue schwieg resigniert, während diese Informationen noch in Mulder arbeiteten. Endlich hatte er einen Hinweis darauf, warum sein Sohn offenbar auch immun war. Weil Scullys Eizellen ebenfalls manipuliert worden waren.

„Sie haben also gar nichts?!“ stellte er doch schließlich fest und sah ihn fragend an. „Nun ja, wir wissen, dass unsere Technologie offenbar nur teilweise funktioniert hat. Und wir wissen, dass Sie immun sind. Aber ansonsten sind wir ratlos.“ Der Graue schwieg wieder und seine wässrigen Augen verloren sich in der Leere. Er war sichtlich enttäuscht, denn er hatte sich mehr von den Tests an Mulder erhofft. Immerhin wäre er beinahe während der neurologischen Experimente gestorben, doch das würde er Mulder nicht erzählen.

 

Mulder riss sich wütend über das Schweigen und die offensichtliche Ratlosigkeit seines Gegenübers die EKG Elektroden von seiner Brust und stand auf. Er ging an dem Grauen vorbei und blieb kurz an seiner Seite stehen. „Sie wollen mir doch nicht ernsthaft sagen, dass Sie keinen Plan B vorbereitet haben!“ Er wartete wieder keine Antwort ab, sondern ging zur Tür und drückte den blau leuchtenden Knopf daneben. Sofort kamen zwei Soldaten herein, die Mulder in sein richtiges Zimmer zurückbrachten, wo er sich auf seiner Pritsche hinlegte und sich zusammenrollte wie ein Embryo, denn in seinem Kopf kreisten die Gedanken bis zur Schmerzgrenze. Er biss sich in die geballte Faust, um nicht laut aufzuschreien. Warum brachte ihn all das hier nicht weiter?

Ein Stockwerk über ihm war der gesamte Flur in Aufruhr. Schuld war ein Notsignal, das seit Stunden laut schellte und aufleuchtete. Sämtliche Labortüren hatten die automatische Verriegelung eingeschaltet und ließen sich nicht mehr öffnen. Hinter den Milchglastüren hämmerten verzweifelte Forscher und Assistenten gegen die Türen während die Flure überflutet waren von Soldaten und Männern und Frauen in Anzügen, die alle denselben entrückten Gesichtsausdruck hatten und die Wissenschaftler hinter den Milchglastüren ignorierten. Sie schritten eilig den Flur hinunter während die eingesperrten Menschen laut um Hilfe schrien. Denn die Brutschränke, in denen Purity – Proben und –Kulturen bei 42°C inaktiviert gelagert wurden, hatten sich geöffnet und durch die eindringende kühle Luft der Labors war das Virus aktiviert worden und begann nun langsam über den glänzend weißen Boden zu kriechen und sich seinen Weg zu den Menschen zu bahnen, die in diesen Labors um ihr Leben fürchteten. Draußen schritten weiterhin die seelenlosen Soldaten und Beamten vorbei, wie eine Armee, im Gleichschritt ihrer klirrend kalt schlagenden Herzen.

Und niemand tat etwas.

 

Am selben Tag in Washington D.C.

Als Scully das Kellerbüro betrat, roch sie sofort, dass jemand dort war. Es war ein billiger Herrenduft, der ihr bekannt vorkam und als sie um die Ecke bog und in das kleine Zimmer neben ihrem Hauptbüro sehen konnte, wusste sie, dass ihre Nase sie nicht getäuscht hatte. Chuck saß dort und hatte wie immer ein halbes Rechenzentrum vor sich aufgebaut. Als er sie bemerkte, sprang er direkt auf und lief auf sie zu. Er legte seine Hand zwischen ihre Schulterblätter, so wie Mulder es sonst immer tat, und schob sie auf einen Stuhl, der vor den Computern stand.
„Agent Scully, Agent Scully! Sie werden mich noch den Verstand kosten!“ Scully ließ sich von Chuck anstecken und merkte, wie sie selber schon ganz nervös wurde und mit den Fingern unruhig gegen den Tisch klopfte als sie sich setzte. Ihre Augenbraue zuckte als sie sich zu Chuck drehte, der sich neben ihr niederließ, doch ständig auf seinem Stuhl umherrutschte. „Hat das Blut von Walter Harland etwas ergeben?“ „Nun ja, nicht direkt. In seinem Blut selbst habe ich keine Spuren einer DNA-Veränderung gefunden. Aber der hohe Eisenanteil hat mich vermuten lassen, dass auch hier wieder Nanotechnologie im Spiel ist, was sich bestätigte. Doch ich war ja schließlich nicht untätig und habe in den letzten Tagen ununterbrochen daran gearbeitet, mit diesen winzigen Robotern herumzuspielen und ich habe einige der Moleküle an der Oberfläche dieser Teilchen identifizieren können. Unter anderem befinden sich ATP-Moleküle sowie Serotonin-Rezeptoren an diesen Robotern. Und Agent Scully, diese winzigen Schaltkreise, die man darauf erkennen kann! Sehen Sie!“ Er zeigte ihr fasziniert ein elektronenmikroskopisches Bild der Nanobotoberfläche. Scullys Mund stand offen und ihr Augenlid zuckte, als sie es erkannte. Es war ein Wunder, dass Menschen solch eine Technologie geschaffen hatten.

Chuck fuhr fort. „Die Nanobots in Mulders Blut, die mit Proteinen überzogen waren, waren in der Tat tot, eingefroren. Die Nanobots im Blut der gestorbenen Opfer hatten eine elektrische Restaktivität, die sich mit enstprechend sensitiven Geräten nachweisen lässt und obwohl diese Nanobots in Walters Blut in tadellosem Zustand sind, also ganz anders als in Mulders Blut, sind sie vollkommen inaktiv und tot. Haben Sie eine Erklärung dafür?“ Scully schwieg während ihr Gehirn arbeitete wie ein Uhrwerk. „Hm. Walter ist Autist. Demnach werden seine Serotonin-Spiegel eher höher sein als bei Menschen mit normalen Emotionen und Affekten. Das könnte sich auf die Rezeptoren auf diesen Nanobots auswirken. Aber das erklärt nicht, wieso die Technologie nicht aktiviert war.“ „Naja, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Aktivierung der Nanobots irgendwie über den Serotoninspiegel gesteuert wird, da dies die einzigen Rezeptoren sind, die ich identifizieren konnte.“ Chuck pausierte. „Interessant“, murmelte er daraufhin leise vor sich hin.
Scully hatte eine Idee. Sie sprang auf und lief zum Aktenschrank. Ihr Baby strampelte und wehrte sich gegen die Aufregung, die diese Neuigkeiten in ihr hervorriefen. Es kitzelte und sie musste sich zusammenreißen, damit sie sich auf ihre Suche konzentrieren konnte. In wenigen Sekunden hatte sie die Akte gefunden, an die sie sich erinnerte. Es waren die medizinischen Unterlagen von Mulders neurologischen Untersuchungen, als er im Vorjahr wegen seiner Gehirnerkrankung im Krankenhaus gelegen hatte. Und sie hatte sich richtig erinnert. Seine Serotoninspiegel waren damals ebenfalls sehr hoch gewesen. Allerdings war Mulder einer der emotionalsten und leidenschaftlichsten Menschen, die sie kannte und somit war diese Beobachtung nicht mit der bei Walter zu vergleichen, Mulder war kein Autist. Doch war Mulder damals nicht wegen generell äußerst auffälligen Gehirnaktivitäten untersucht worden? Sie legte die Akte vor Chuck auf den Tisch und sie beide schwiegen überfordert von den Informationen.

Scully fiel noch etwas Anderes ein und sie war froh über die Ablenkung.
„Was ist mit der Basensequenz auf den Blättern, die ich Ihnen gegeben habe? Haben sie ein Korrelat auf der DNA dafür entdecken können?“ Chuck rieb sich die Hände. „In der Tat, in der Tat!“ Seine Augen leuchteten. Scully lächelte, es war schön seine kindliche Begeisterung zu sehen, war er anscheinend von sehr naiver Natur, dass ihn all die Entdeckungen nicht so aus der Bahn warfen wie sie.
Er hatte die Sequenz, die Walter auf Papier geschrieben hatte, in den Computer eingetippt und im menschlichen Genom nach dem passenden Äquivalent gesucht. Als Scully jedoch auf dem Bildschirm sah, was für eine DNA – Sequenz Walter da aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte, verschlug es ihr einmal mehr die Sprache.
„Chuck, das ist nicht möglich!“ „Doch Agent Scully, dieser autistische Mann hat tatsächlich die DNA-Sequenz dieses Alien-Virus, das Sie untersuchen, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben!“ Doch Chuck schien das nicht so sehr zu beeindrucken wie Scully, die mit aufgerissenen Augen aufstand. Sie wusste, was es bedeutete. Eine Stimme tief in ihrem Inneren sagte ihr, dass Walter das Virus in sich trug. Dass es das Virus war, das in seinen schlaflosen Nächten mit ihm kommunizierte. Dass es durch ihn auch mit ihr kommuniziert hatte, weil sein Gehirn nicht wie das normaler Menschen durch Emotionen und komplexe Gedankengänge zu dicht war, um von Purity durchdrungen zu werden. Und sein Autismus war auch der Grund, warum die Nanotechnologie nicht funktioniert hatte.

Er würde sterben und das Virus freisetzen! Als Scully das begriff, bekam sie Angst. Er musste in Quarantäne! Nicht auszudenken, wenn Purity in diesem Jungen ausbrach und nach außen drang, um andere zu infizieren. Sie wusste, das hier würde sie nicht alleine veranlassen können. Sie entschuldigte sich bei Chuck und verließ ohne weitere Worte das Büro und rannte zum Aufzug, um Skinner zu suchen.

 

"Sir -" Sie platzte in sein Büro und wurde von zwei Augenpaaren indigniert angestarrt. Sie verschluckte ihre Worte und starrte unverwandt zurück in das fremde Augenpaar gegenüber Skinner. Der Agent war offensichtlich einer ihrer Vorgesetzten, doch der feste Blick in Scullys Augen machte ihm unmissverständlich klar, dass er hier der Eindringling war und er stand auf. Doch Skinner hielt ihn zurück. "Agent Scully, möchten Sie uns vielleicht verraten, was der Anlass dafür ist, dass Sie hier einfach so hereinplatzen?" Doch Scully schwieg und sah nun auch Skinner unverwandt an. Sie hob auffordernd die Augenbrauen. "Sir, kann ich Sie eine Minute allein sprechen?" "Agent Scully!" Skinner war immer wieder überrascht, wie aufbrausend Scully sein konnte, wenn es um etwas Ernstes ging. Hatte sie das von Mulder? "Sir?" Sie sah ihn immer noch erwartungsvoll an und schließlich entschuldigte er sich bei dem anderen Agenten und schob sie sanft an ihrer Schulter vor sein Büro. Seine Sekretärin verstand sofort, sie kannte diese Situationen und verzog sich diskret in Skinners Büro, um den Agenten darin mit einem Glas Wasser abzulenken.

Bevor Skinner sich noch weiter über Scullys Benehmen aufregen konnte, redete sie schon auf ihn ein. "Sir, ich habe den dringenden Verdacht, dass Walter Harland, das Entführungsopfer, das James Morgan ausfindig gemacht hat, mit dem schwarzen Krebs infiziert ist." Skinner sah sich einen Augenblick um, ob sie auch wirklich allein waren und beugte sich dann ein wenig zu ihr hinab. "Was?" Scully ignorierte sein Erstaunen. "Egal wie, Sie müssen ihn umgehend isolieren lassen, Sir. Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, er darf keine Sekunde länger in diesem Krankenhaus in Boston bleiben." "Agent Scully, das ist keine einfache Sache, für solche Dinge braucht man Genehmigungen, das Seuchenkontrollzentrum muss informiert werden -" Scully unterbrach ihn. "Sir, die Bürokratie muss in diesem Falle außen vor bleiben. Wählen Sie einen inoffiziellen Weg, was auch immer, Sie müssen Walter Harland von dort wegschaffen." Die Aufregung war ihr ins Gesicht geschrieben und Skinner begriff. "Also gut, ich sehe, was ich tun kann, aber was geschieht dann mit ihm?" "Isolieren Sie ihn, mehr können wir zu diesem Zeitpunkt nicht für ihn tun. Es gibt kein Heilmittel. Noch nicht." Sie wurde unsicher, denn sie wusste, dass das hier, wenn es auch nur irgendwie an die Öffentlichkeit drang, eine Panik auslösen konnte. Und sie hatte noch nie einen Menschen behandelt, der mit Purity infiziert war und noch bei Bewusstsein war. Wie würde er auf das Virus reagieren? Welche Symptome würden als nächstes auftreten? Sie war ratlos, ließ es sich aber nicht anmerken.

Skinner verstand, die Dringlichkeit in ihrer Stimme kannte er und er wusste, er musste sie ernstnehmen. Also versicherte er ihr einen reibungslosen und diskreten Ablauf. "In Ordnung, Agent Scully. Ich werde Sie wissen lassen, wo wir ihn hinbringen. Aber was sage ich seiner Familie?" "Darum werde ich mich kümmern." Scully war mit ihren Gedanken bereits einen Schritt weiter und verließ Skinners Vorzimmer ohne ihm noch einmal in die Augen zu sehen, denn sie mussten schnell handeln, auch wenn sie nicht wussten, wie.


23.21 Uhr, Area 51

Mulder war endlich vor Erschöpfung eingeschlafen. Doch lange sollte er nichts von seinen Träumen haben, denn mitten in der beruhigenden Dunkelheit öffnete sich die Tür plötzlich und ein greller Lichtstrahl schnitt durch die Nacht und weckte ihn. Er setzte sich sofort auf und hielt die Hand schützend vor die Augen, bis er sich an das Licht gewöhnt hatte. Er erkannte eine dunkle, hagere Gestalt. Er atmete erleichtert auf.
„Sie hätten sich wohl nicht bis zum Morgen gedulden können, was?“ Die Tür schloss sich so lautlos wie sie geöffnet worden war und der Graue blieb direkt vor ihr stehen und sah Mulder an. Seine Augen waren wässrig und farblos wie immer, doch ein unruhiges Feuer brannte in ihnen. Seine Finger spielten nervös mit einem Glasröhrchen herum, sein Inhalt reflektierte das schummrige Licht, das Mulder neben seinem Bett angeknipst hatte.
„Es tut mir leid, Agent Mulder, aber es ereignen sich hier unerwartete Dinge, die uns wertvolle Zeit stehlen.“ Sein Blick wirkte gehetzt, Mulders Herz klopfte. Er hatte sich also all das nicht eingebildet. All die Stimmen und Sirenen, die er gehört hatte, die merkwürdigen Blicke und das Flüstern hinter seinem Rücken. Sein Instinkt hatte ihn wieder einmal nicht getäuscht. Irgendetwas stimmte nicht hier unten und er hatte es die ganze Zeit gewusst und er war die Geheimniskrämerei des Grauen leid.
„Reden Sie schon mit mir!“ rief er aufgebracht aus, da ihn die Spannung langsam um den Verstand brachte.
„Die Purity – Bestände sind außer Kontrolle geraten. Irgendjemand oder irgendetwas hat es aktiviert und es hat sämtliche Mitarbeiter hier infiziert. Wir haben seit Monaten eine kleine Gruppe von Alpha-Hybriden unter uns. Das ist eine Gruppe Alien-Mensch-Hybriden, die wir für die Invasoren entwickelt haben und die von denen gesteuert wird, sie sind hier um unsere Arbeit zu überwachen. Sie alle tragen das Virus in sich, aber keine Nanotechnologie. Sie sind außer Kontrolle geraten. Seit Ihrer Ankunft sind sie wie verwandelt. Und nun da Purity freigesetzt ist, beginnen sie sich zu vermehren. Ich weiß nicht mehr, wer Freund oder Feind ist. Ich weiß nicht einmal mehr, was Sie sind!“
Er wirkte fahrig und vollkommen wirr. Mulder sah ihn irritiert an. Er konnte die Schweißperlen auf der Stirn des Mannes erkennen, die im dunklen Licht glitzerten. Mulder blieb jedoch vollkommen ruhig.
„Im Moment bin ich mir auch nicht sicher, was Sie sind! Sie müssen schon Klartext mit mir sprechen!“ Das brachte den Grauen wieder ein wenig zur Vernunft. Er sah auf das Glasröhrchen zwischen seinen Fingern. „Fox, ich weiß nicht, was hier vor sich geht, aber Sie sollten schnellstens bei Tagesanbruch von hier verschwinden. Nachts ist es zu gefährlich, weil die Sicherheitseinstellungen auf dem Gelände erhöht sind. Ich weiß nicht einmal, wie Sie hier herauskommen können, doch ich weiß, ich werde diesen Ort nicht lebend verlassen. Auf diesem Chip hier sind sämtliche Beweise gespeichert, Sie müssen sich in Kanada mit jemandem in Verbindung setzen. Mit einer Freundin. Und ich werde Ihnen Ihre Testergebnisse auf diesem Chip mitgeben. Denn ich weiß, der Schlüssel ist irgendwo zwischen diesen Experimenten, die wir an Ihnen durchgeführt haben, uns bleibt nur nicht die Zeit, das hier herauszufinden.“
Er schwieg und horchte auf. Hatte sich etwas auf dem Flur bewegt? Sie verharrten eine Weile in Stille. Doch als sie nichts hörten, fuhr der Graue fort.
„Ihr EEG ist nach wie vor wie letztes Jahr, als Sie deswegen in der Psychiatrie waren, verändert. Sie können zwar nicht mehr Gedanken lesen, denn das war der aktivierten Alien-DNA in Ihnen zuzuschreiben, aber noch immer spielt Ihr Hirnstoffwechsel verrückt. Irgendetwas in Ihrer Hirnchemie ist es, was diese Nanotechnologie inaktiviert hat, weswegen all das nicht bei Ihnen funktioniert. Und vielleicht ist genau das auch der Grund dafür, dass auch Purity in Ihrem Körper keine Chance hat. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was mit Ihrem Körper geschieht, wenn man ihn in Kontakt mit dem Virus oder den Nanobots bringt. Er reagierte mit einer heftigen Abwehrreaktion und Sie sind in einen epileptischen Anfall gerutscht. Es ist Ihr Gehirn, Agent Mulder. Wir haben deswegen auf diesem Chip auch eine Rekonstruktion des Chips gespeichert, den man Ihnen letztes Jahr aus Ihrem Rückenmark entfernt hat. Agent Mulder, ich hoffe, Sie verstehen wie wichtig dieser Chip ist, er enthält alle Informationen über ihr Bewusstsein. Er darf nicht in falsche Hände gelangen! Sie müssen in Kanada eine Kopie davon anfertigen lassen, hier haben wir keine Zeit mehr dafür. Ich habe Ihnen weit mehr gesagt, als ich es hätte tun sollen, aber ich weiß, ich werde es ohnehin nicht schaffen, daher müssen Sie hier unbedingt verschwinden.“
Mulder glaubte eine leichte Panik in seiner Stimme mitschwingen zu hören. Doch er wirkte auch müde und erschöpft. Er stellte das Glasröhrchen mit dem Chip auf den kleinen Tisch, auf dem die Lampe brannte, drückte ihm einen Konstruktionsplan des Gebäudes in die Hand. „Das ist alles, was ich für Sie tun kann.“ Seine grauen Augen waren stumpf und trüb, seine Gesichtszüge waren schlaff und ausdruckslos. Resigniert.
„Es war mir eine Ehre, Sie gekannt zu haben, Mr. Mulder.“ Damit wendete er sich ab, doch Mulder griff nach seinem Handgelenk und hielt ihn zurück. Als sei es die erste menschliche Berührung seit Jahrzehnten, drehte sich der Graue um und sah ihn verwundert an. Mulder begriff nicht, wer dieser Graue war und auf wessen Seite er stand.
„Warum tun Sie das alles? Warum riskieren Sie Ihr Leben dafür? Sie sind nie einer von denen gewesen, oder?“ Der Graue blinzelte fast unmerklich. „Doch, Fox, ich war einer von den zahlreichen Schattenmännern, die Sie die letzten Jahre immer wieder auf Ihrer Suche getroffen haben. Aber ich war nie wichtig genug, um wirklich in deren Liga mitspielen zu können. Und nun bin ich der einzige, der überlebt hat, weil ich immer zu menschlich für diesen Job war. Und weil ich fest daran glaube, dass wir eine Chance haben. Ich glaube an die Menschheit und ich will, dass sie das um jeden Preis überlebt. Auch um den Preis der Freiheit. Alle Hoffnungen ruhen auf Ihnen, Fox. Und auf Ihrem Sohn, also sorgen Sie dafür, dass er lebend zur Welt kommt.“

Mulder ließ ihn los, denn er erschauderte bei dem kalten durchdringenden Blick seines Gegenübers. Er spürte, dass etwas geschehen würde.
Denn er fühlte die Vibration des Bodens, er hörte die Alarmsirenen, die in dieser Nacht immer lauter zu werden schienen. Und er spürte es. Dieses schwarze, leere Nichts, das er schon so gut kannte. Es war überall.

 

8 Stunden später

Mulder kannte mittlerweile den Komplex auswendig, so oft hatte er den Konstruktionsplan nach Fluchtwegen untersucht. Doch er hatte keinen Zugriff auf das System, sein Fingerabdruck wurde nicht erkannt, ebenso wenig der Scan seiner Netzhaut. Er konnte seinen Flur nicht verlassen. Bisher war er ja auch immer von seinen eigenen Bodyguards abgeholt worden. Der Aufzug, sämtliche Türen und Schränke ließen sich nur mittels Fingerabdruck oder Netzhauterkennung bedienen. Er musste aber irgendeinen Weg finden, um heraus zu kommen. Doch heute hatten ihn keine Soldaten abgeholt und ins Büro des Grauen gebracht, so wie sonst. Seit einigen Stunden war es überhaupt ungewöhnlich still geworden.
Auf dem langen Flur, der von seinem Zimmer aus zu verschiedenen Aufzügen und schweren Türen führte, war er niemandem begegnet. Er war hier eingesperrt. Er legte sich auf den Boden und hörte, was unter ihm vorging. Ein lautes, metallisches Hauchen schoss durch seine Ohren und drang in die Tiefe seines Geistes. Es war ihm so vertraut, dieses Geräusch, es weckte die schlimmsten Erinnerungen. Hastig sprang er auf und rannte zur nächsten Tür. Wieder hielt er sein Ohr dagegen.

Stille. So rannte er weiter, von Tür zu Tür den gesamten Flur entlang, doch hinter keiner Tür konnte er ein Geräusch hören. Keine Tür ließ sich öffnen. Und die Aufzüge blieben ihm unbarmherzig verschlossen. Er wurde zornig. Wie sollte er hier herauskommen, wenn der Graue ihm nicht gesagt hatte, wie? Er trat gegen die Wand und fluchte verzweifelt. Plötzlich hörte er, wie jemand von der anderen Seite der Wand dagegenklopfte. Da war also doch jemand!
Mulder trat noch einmal dagegen, damit die Person hörte, wo er sich befand, während er sich der nächsten Türe näherte, nicht ohne alle 2 Meter gegen die Wand zu schlagen. Immer kam ein Schlag zurück, jedes Mal war er ein wenig schwächer. Und zwei Meter vor der Tür kam keine Antwort mehr. Mulder hämmerte auf die schwere Tür ein. „Hey! Ist da drin jemand???“ brüllte er so laut er konnte.
Er hatte schon wieder aufgegeben, von der Person hinter der Wand noch ein Zeichen zu bekommen und wandte sich enttäuscht ab, als er ein Klicken in der Tür hörte und wieder herumfuhr. Sie öffnete sich fast lautlos. Mulder ging hindurch. Er stand in einem Labor. Es war unfassbar wie viele es davon hier gab. Er hatte schon zahlreiche medizinische und physikalische Laboratorien gesehen. Unendlich viele Ingenieure, Informatiker, Astronomen, Physiker und Ärzte arbeiteten hier auf der Area 51, doch das hier schien das Labor von Biologen zu sein. Allerdings war das Chaos ausgebrochen. Es sah aus, als hätte es gebrannt, alles war schwarz und verkohlt, die Brutschränke standen offen und piepsten leise, Laborstühle waren umgestürzt, als wären die Forscher hier drin während der Arbeit von etwas überrascht worden und geflohen. „Hallo? Ist hier jemand?“ Mulder rief durch das Labor und es hallte unwirklich wieder.
Doch die Person, die ihm geöffnet hatte, war nicht zu sehen. Also ging er weiter in das Labor hinein, als er merkte, dass auch der Boden voll von dem schwarzen Ruß war, der an seinen Schuhsohlen haftete. Er sah sich um und ging näher an die Zentrifugen und offen stehenden Brutschränke heran. Es hatte hier nicht gebrannt. Das war kein Ruß, es war ein schwarzer, öliger, hauchdünner Film, der alles überzog. Mulder zuckte zurück. Er wusste, was das war. Doch warum war hier niemand? Er schlich weiterhin durch das Labor, als er plötzlich hinter einem Regal zwei Füße sah.
Sein Herz klopfte, er wusste, er würde eine Leiche vorfinden, doch wie würde sie aussehen? Er näherte sich vorsichtig, in der Bemühung nicht auf dem Öl auszurutschen.
„Oh mein Gott!“ enfuhr es ihm, als der den Wissenschaftler am Boden liegen sah. Er hatte seine Konsistenz vollkommen verloren. Sein Gesicht, seine Körperformen waren zerflossen, als wären sie aus Wachs, das in der Hitze geschmolzen war. Das Gesicht des Mannes war zerfressen und ein schwarzer öliger See in der Mitte des früheren Gesichts war alles, was zu sehen war. Aus seinen Ohren floss ebenfalls schwarzes Öl und sein Brustkorb war aufgebrochen. Die Rippen standen blutig wie Stacheln in die Luft. In seiner Bauchhöhle stand ebenfalls nur ein schwarzer See. Keine Organe waren mehr zu sehen, nur noch das Herz konnte Mulder erkennen. Das Blut, das sich mit dem öligen Film vermischte, schimmerte silbern, wie Metall.
Mulder hielt sich die Hand vor den Mund. Es stank, aber nicht wie Verwesung. Es roch nicht organisch. Nicht nach Mensch oder Tier. Es war ein fremdartiger Geruch und Mulder erinnerte sich, es schon einmal gerochen zu haben. Er starrte entgeistert auf die Leiche.

Eine schwere Hand packte plötzlich von hinten seine Schulter. Etwas zerrte an ihm. Mulder fuhr herum. Ein Mann versuchte sich, an ihm festzuhalten. Seine Augen waren schwarz, man konnte keine Iris, keine Pupillen erkennen, nur einen schwarzen Schleier. Schwarzes Öl lief ihm aus der Nase und als er versuchte, zu sprechen, erbrach er ebenfalls schwarzes Öl. Er spuckte es direkt auf Mulders Uniform, der noch versuchte, sich aus dem Griff des Mannes zu lösen. Doch nachdem dieser sich erbrochen hatte, sank er kraftlos vor Mulder zu Boden und blieb liegen. Seine schwarzen Augen offen in den Tod starrend.

Mulder sah an sich herunter. Das Öl verharrte eine Sekunde auf seiner Uniform, dann kontrahierte es sich und vibrierte. Es bewegte sich keinen Millimeter in irgendeine Richtung, es schien zu kämpfen. Mulder war wie erstarrt, er traute sich nicht, es sich von der Brust zu wischen, doch in einem Reflex tat er es doch. Es blieb an seiner Hand kleben und er spürte, wie es kalt und stechend auf seiner Haut entlangkroch. Es umkreiste seine Finger in sich immer wiederholenden Zuckungen, pulsierend, wie schwarze Adern. Mulder versuchte es abzuschütteln, doch es kroch unter seinen Ärmeln hinauf zu seinen Schultern, über seinen Hals in sein Gesicht. Durch seine Nasenlöcher, in seine Augen hinein. Es wand sich in seine Ohren hinein und legte sich zwischen seine Lippen um in seinen Mund hineinzusickern. Mulder versuchte es auszuspucken, schüttelte sich und schrie. Er wollte nicht, dass es in ihn hineinfuhr. Doch plötzlich merkte er, wie die Kälte sich in seinem Körper in Hitze verwandelte. Es brannte, ihm wurde heiß und seine Augen tränten. Seine Haut juckte am ganzen Körper. Er schrie, weil es die einzige Erleichterung war. Sein Herz schien sich zu verkrampfen als das Öl in seinen Blutkreislauf gelangte und er zu Boden stürzte. Doch er stützte sich am Boden ab, stemmte sich mit aller Kraft hoch und verharrte auf allen Vieren. Er würde sterben! Er war nicht immun, das hatte der Graue ihm selbst gesagt. Er spürte die Leere in sich, die Dunkelheit. Er fühlte, wie alle Gedanken, alle Gefühle, alle Erinnerungen ausgelöscht wurden, wie die Dunkelheit sie einlullte.

Doch bevor in seinem Geist die Nacht einbrach, sah er ein letztes Bild vor sich und er schrie laut auf. Er durfte nicht sterben. Er hatte ihr versprochen, dass er eine Lösung finden würde. Wenn er nun starb, würden sie und ihr Baby es auch nicht schaffen. Der Schmerz bei dem Gedanken daran war so stark, dass ihm das Brennen von Purity in seinem Körper im Vergleich dazu nichts ausmachte.
Da plötzlich fühlte er, wie eine Welle ihn durchfuhr. Sein Körper zuckte und wollte ihm nicht mehr gehorchen. Ihm wurde schwarz vor Augen, doch in seinem Herzen fühlte er ein Licht, das immer heller wurde. Er merkte, wie es durch seinen Körper glitt und wie das Schwarz in ihm immer kleiner wurde. In einer letzten Welle, die ihn fast zu zerreissen schien, bäumte er sich auf und spie Purity in einem erstickten Schrei in die Luft, wo es sich zu einer schwarzen Wolke verdichtete und schließlich zu Staub hinabrieselte und über der Erde verdampfte.

Mulder fiel erschöpft zurück. Er fühlte sich elend, verlassen und verzweifelt. Er hatte sich noch nie so alleine gefühlt. In diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als die Gewissheit, dass ganz in der Nähe Scully durch das Gelände rannte um ihn zu suchen und ihn finden würde. Er wünschte sich, er könne sich in ihren Armen zusammenrollen und endlich Ruhe finden. Doch er wusste, sie würde nicht kommen. Er hatte sie verlassen. Tränen füllten seine Augen. Er wünschte, er könne nur einmal seinen Sohn in den Armen halten.
Warum war ausgerechnet er es, der die Welt retten sollte?
Er hatte keine Kraft mehr, er war geschwächt und leer.

 

Der ölige Film wich zurück als sein Körper den Boden berührte. Er atmete in schnellen, kurzen Zügen, während er fühlte, wie seine Muskeln am ganzen Körper unwillkürlich zuckten und zitterten.

Schließlich fiel sein Blick auf den Mann, der ihn angegriffen hatte. Er lag reglos auf dem Boden. Mulder begriff, was das bedeutete. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder würde aus diesem Mann in Kürze eine Alien-Kreatur herausbrechen oder er würde sich in einen dieser seelenlosen Alien-Hybriden verwandeln. Er wusste nicht, wie man beeinflussen oder erkennen konnte, was davon eintreten würde. Also hatte er nur wenige Sekunden Zeit. Er sah sich um und hackte mit dem nächstbesten Gegenstand, den er fand, einen Zeigefinger des Mannes ab. Somit würde er zumindest die meisten Türen nutzen können. Er sprang auf und rannte so schnell er konnte aus dem Labor. Er wollte diese grausame Entdeckung schnell hinter sich lassen. Er wollte weg von hier. Der Untergang hatte begonnen.

Auf allen Fluren in seiner Umgebung tönten die Alarmsignale. Doch niemand war noch da, sie zu bemerken. In sämtlichen Labors lagen tote, leere Körper, aus denen längst Alien-Mensch-Hybriden geschlüpft waren um die Gestalt ihres toten Wirts anzunehmen. Denn ihre wahre Gestalt überstieg die menschliche Vorstellungskraft. Sie liefen alle ausdruckslos durch die Flure, alles, was nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde infiziert und war dem Untergang geweiht. Doch die Hybriden liefen weiter unbeeindruckt in eine Richtung. Sie hörten nichts, sie sahen nichts, sie fühlten nichts. Sie hatten keine Sinne und keine Seele, denn diese Attribute waren ineffizient und nutzlos in der Welt, aus der sie kamen. Ihre Gehirne nutzten andere Möglichkeiten der Wahrnehmung. Sie alle orientierten sich am Magnetfeld und wussten, dass sie ins Zentrum mussten. Dort, wo ihr Mutterschiff wartete. Sie mussten weg, denn etwas war in der Nähe, etwas, das in ihre Gehirne eindrang und sie verwirrte. Etwas, das ihre Wahrnehmung irritierte. Sie hatten den Befehl erhalten, sich zu entfernen. Und sie gehorchten.

 

Einen Monat später, Scullys Apartment 19.42 Uhr

Die Welt war still. Die Vögel hatten vor Wochen schon aufgehört zu zwitschern und waren in Scharen gen Süden geflogen. Die Insekten summten nicht mehr vor ihrem Fenster und die Sonnenstrahlen schienen nicht mehr golden durch ihre Wohnung. Sie schienen überhaupt nicht mehr. Es war seit Wochen trüb und grau und es wollte nicht regnen. Doch die Menschen sprachen schon nicht mehr darüber, sie nahmen es hin, so wie sie immer alles hinnahmen.

Scully schaltete den Fernseher ein, doch wie so oft in den letzten Tagen konnte sie ihre Sender nicht empfangen. Die digitale Übertragung war angeblich durch besonders starken Sonnenwind gestört. Das war zumindest die offizielle Meldung der Medien, doch Scully war sich nicht so sicher, dass sie die Wahrheit sagten.

Denn sie hatte es auch gehört. Doch für sie hatte es etwas bedeutet. Die meisten Menschen hatten es für einen Sender gehalten, der als einziger noch ausstrahlen konnte, für eine Fehlfunktion, die im allgemeinen Chaos nichts bedeutete. Doch Scully wusste, dass es ein Zeichen war. Statt der Nachrichten oder der zahlreichen Radiosender lief seit zwei Tagen nur noch ein Sender, wenn man das Radio einschaltete. Und nur ein Stück wurde gespielt. Scully kannte es gut, denn Mulder hatte es ihr mit einem schelmischen Grinsen zum letzten Geburtstag auf CD geschenkt.
Es war das Brandenburgische Konzert Nr. 2 von Bach. Es war das Stück, das auf der Voyager Raumsonde seit über 10 Jahren durch das Weltall flog, um irgendwann vielleicht von einer Zivilisation abgefangen zu werden. Sie beschlich ein Gefühl, dass das schon längst eingetreten war. Und dass das nun ein Zeichen war. Doch ihr Verstand wehrte sich. Versuchte wie immer die offensichtlichen Fakten, die offiziellen Meldungen und die rationalen Erklärungen zu bevorzugen. Sie schaltete den Fernseher wieder aus. Dann eben nicht, dachte sie sich und genoss die unheimliche Stille.

Sie legte ihre Hand auf den Bauch, mehr um sich selbst zu beruhigen. Er war in den letzten Wochen so groß geworden, nun merkte sie, dass wirklich ein Baby darin war und es fühlte sich merkwürdig an. Und sie konnte es mit niemandem teilen.
Sie fragte sich, wo Mulder gerade war. Ob er noch lebte?

 

Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah auf die Uhr. Wer konnte das sein? Ein Blick durch den Spion und sie lächelte. Frohike stand vor ihr, mit einer Pizza in der Hand. Sie öffnete ihm und begrüßte ihn in gespielter Herzlichkeit, denn eigentlich hatte sie die Einsamkeit heute Abend ein wenig genossen. Zu viel war in den letzten Wochen passiert, zu oft hatte sie im Keller Akten durchwühlt, hatte sie in Quantico an DNA-Proben experimentiert oder mit Chuck über ihren Daten gesessen, ohne Erfolge.

„Frohike! Sie haben Pizza mitgebracht!“ Frohike schüttelte bedauernd den Kopf und klappte die Pizzaschachtel auf. Anstelle von Peperoni und Tomaten sah Scully auf einen Laptop. Sie sah hinter Frohike auf die Tür. „Wo sind die anderen beiden?“ „Kommen später, es ist zu auffällig, wenn wir hier immer zu dritt auftauchen“, antwortete Frohike und riss sich den falschen Bart von der Haut. „Mh, fühlte sich gut an, so ein Pelz im Gesicht“, brummelte er und Scully sah ihn ein wenig angeekelt an. „Ich warte schon seit Ewigkeiten darauf, dass Sie sich melden. Was war denn los?“ Scully ging zum Kühlschrank und holte drei Bierflaschen für die Jungs heraus. Frohike griff sich voller Freude direkt eine. „Ich sag gar nichts, wir warten noch. Das wäre doch nicht fair. Wir könnten uns in der Zwischenzeit anderweitig vergnügen,“ bot er ihr in gewohnt schlüpfrigem Ton an und zwinkerte ihr schmierig zu. Scully legte demonstrativ ihre Hand auf den Bauch und hob die Augenbrauen an, während sie ihm einen spöttischen Blick zuwarf. Frohike seufzte. „Ich weiß ja, ich seh eben nicht aus wie Mulder, nicht wahr?“
Scully bemühte sich zu lächeln, doch da klopfte es schon wieder an der Tür und sie ging erneut hin, um zu öffnen. Vor ihr standen eine blonde Frau und ein Mann, der entgegen seiner Gewohnheit ein Sweatshirt trug. „Der Anzug wurde zu auffällig“ versuchte Byers sein Outfit zu entschuldigen. Langley hatte das Bier schon gesichtet und steuerte zielsicher darauf zu, sich den Lippenstift mit dem Handrücken verwischend. „Dämliche Idee, nächstes Mal geht Frohike als Frau, diese Schminkerei ist ja tödlich!“ fluchte er. Scully bemerkte, dass sein Arm sich in einem Gipsverband befand. „Langley, Sie sind ja verletzt!“ „Mh, nur ein kleiner Unfall mit einem Telegrafenmast. Nichts besonderes, die Informationen, die wir haben, waren den Einsatz wert!“ Er lächelte stolz in die Runde und nahm einen Schluck Bier. „Na, da bin ich jetzt aber gespannt.“ Scully setzte sich und sah die Drei erwartungsvoll an.

Byers machte den Anfang, obwohl er sich sichtlich unwohl in seinem Sweatshirt fühlte. Frohike griff nach Langleys unechten Brüsten, was Scully jedoch ignorierte. „Die Störungen in unseren Medien sind – das dürfte eigentlich jeder noch so gutgläubige Amerikaner mittlerweile eingesehen haben – nicht nur auf den Sonnenwind zurückzuführen. Keine Sonnen-Protuberanz in der Geschichte hat jemals so lange andauernde, so starke Störungen hervorgerufen. Unsere Quellen und Nachforschungen haben uns ziemlich genaue Hinweise gegeben, dass es mit diesem merkwürdigen Wetter zusammenhängt. Die dunkle Wolkendecke, die sich seit nun fast einem Monat über unsere Stadt legt, ist, wie Sie sicherlich trotz der mangelhaften Nachrichtenmeldungen mitbekommen haben, kein Einzelfall. In vielen Gebieten der USA scheint die Sonne seit Wochen nur noch durch die dunklen Wolkenschichten. Und nicht nur in unserem Land ist das so. Die Meteorologen sind sich sicher, dass es sich nicht um bloße Regenwolken handelt, doch das verschweigen sie natürlich der Öffentlichkeit. Sie enthalten Schwermetalle und es wird vermutet, dass evtl. ein militärischer Test oder ein geheimes Militärmanöver diese Schwermetalle in die Luft getragen hat.“
Langley schaltete sich ein. „Allerdings ist UNSERE Theorie viel plausibler. Wir sind der Meinung, dass das irgendeine organische Substanz ist, es ist jedenfalls kein normales Wetterphänomen. Diese Wolken stören unseren Ergebnissen nach das Magnetfeld, wodurch es zu diesen Ausfällen der Satellitenübertragung kommt. Uns ist allerdings nicht klar, wo das hinführen soll.“ Byers stand auf und lehnte sich direkt vor Scully gegen den Tisch. Er wirkte sehr beunruhigt. „Agent Scully, hier sind unglaubliche Veränderungen im Gange. Zahlreiche unserer Quellen sind verstummt. Da die meisten von ihnen mit Mitarbeitern der Area 51 in Kontakt stehen oder selbst welche sind, vermuten wir, dass da etwas nicht stimmt. Wir haben Satellitenbilder…“ Er nickte Frohike zu, der seinen Laptop zu Scully drehte. Scully sah auf die schwarz-weiß Luftaufnahme eines trockenen, leeren Gebietes. Sie konnte Strukturen erkennen, die sie an die Kornkreise erinnerten, die sie gesehen hatte. Sie sah Rauch an verschiedenen Stellen des Gebietes aufsteigen.

„Was ist das?“ Langley sah Scully irritiert an, als wäre es viel zu offensichtlich, was auf dem Foto zu sehen war. Doch Scully war eben nicht Mulder, also erklärte er ihr bereitwillig, was man dort sah. „Das sind Luftaufnahmen der Area 51 von vor drei Wochen. Die UFO-Sekten drehen seit einigen Wochen vollkommen durch, weil sie glauben, ihre Herrscher würden nun kommen, um sie mit in eine bessere Welt zu nehmen.“ „Von mir aus, sollen die die doch mitnehmen, die zahlen eh keine Steuern!“ brummte Frohike und Langley grinste ihn an. „Jedenfalls sind dort in der Gegend in der letzten Zeit immer mehr merkwürdige Dinge passiert. Stromausfälle, Nordlichter, dieselben Wolken, Agent Scully, die hier überall zu sehen sind, Flugzeuge sind abgestürzt…“ „Kurz gesagt: Irgendwas ist das schief gegangen!“ schloss Byers Langleys Ausschweifungen schließlich ab. Stille breitete sich aus. Die Drei sahen sich unruhig an.

„Wissen Sie was von Mulder?“ Scully schwieg und sah zu Frohike auf. Ihre Augen glänzten, als hätte sie sich das nicht selbst schon viele hundert Male gefragt. Als gälte nicht jeder Gedanke vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen ihm. Die Luftaufnahmen der Area 51 ließen nichts Gutes vermuten, es sah aus als sei die gesamte Militärbasis in vollkommenem Chaos versunken. Sie räusperte sich und lenkte vom Thema ab, bevor sie sich zu sehr in ihrer Sorge um Mulder verlor.

„Ich habe auch nachgeforscht und eine Menge erfahren…haben Sie Zeit?“ „Alle Zeit der Welt!“ sagte Frohike und machte es sich gemütlich. Langley und Byers setzten sich ebenfalls an den Küchentisch und sahen wie kleine Hunde auf ihre leeren Bierflaschen. Als Scully ihnen neues Bier aus dem Kühlschrank holte, begann sie mit ihren Ausführungen.

Sie erzählte ihnen von Walter Harland und davon, dass sein Autismus offenbar die Ursache dafür gewesen war, dass Purity in ihm ausgebrochen war und man ihn gerade noch rechtzeitig aus dem Krankenhaus in Boston in einen Militärhubschrauber hatte transportieren können. Doch der Hubschrauber war nie auf der Basis angekommen, wo Walter in Quarantäne untergebracht worden wäre. Er und die Hubschrauberbesatzung waren vom Erdboden verschluckt. Skinner war extra nach Boston geflogen, doch bis heute fehlte jede Spur. Scully hatte das damals keineswegs überrascht, wenn es sie auch bestürzt hatte, denn sie war es schließlich gewesen, die es seinen verzweifelten Eltern hatte beibringen müssen. Sie, die sie selbst gerade Mutter wurde, hatte es kaum übers Herz gebracht. Wo immer Walter war, sie wusste nun, er war tot, oder zumindest war er nicht mehr derselbe, der er vorher gewesen war. Doch aus irgendeinem Grund ließ es sie mittlerweile unbeeindruckt. Vielleicht war sie abgestumpft, oder müde und überfordert. Oder sie war ausgebrannt, weil ihr eigener Kummer sie bereits all die Tränen gekostet hatte, die sie vergießen konnte.

Sie schwieg und sah Mulders Freunde an, es war tragisch, dass Menschen einfach verschwanden als wären sie nichts.

Langley brach die Stille und versuchte die Spannung zu lösen. „Es dürfte wohl ziemlich klar sein, dass er sich nicht heimlich nach Südamerika abgesetzt hat.“ Frohike warf ihm einen genervten Blick zu. Doch Langley hatte Scully damit sehr geholfen, denn sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und erzählte weiter. Weil sie es endlich konnte. Weil all das, was sie wochenlang nur mit Chuck hatte teilen können, endlich wieder Gehör fand. Sie konnte es kaum zurückhalten. Sie berichtete ihnen von den fehlenden Mitochondrien ihres Babys, von den Entdeckungen über die Junk-DNA, von der Erkenntnis, dass offenbar der Hirnstoffwechsel irgendwie wichtig für das Überleben Puritys und für die Aktivität der Nanotechnologie war. Sie erzählte alles, was sie wusste und die Drei einsamen Schützen nahmen jedes Wort gierig und mit staunenden und anerkennenden Blicken auf. Hin und wieder schüttelte einer von ihnen ungläubig den Kopf, oder sie nickten sich wissend zu. Frohike jedoch sah Scully die ganze Zeit irritiert an, es verwirrte ihn, wie offen und unbeeindruckt sie über all das redete. Sie, die Skeptikerin vor dem Herrn! Aber nicht nur er hatte bemerkt, dass das Kreuz um ihren Hals verschwunden war. War das ein Ausdruck dessen, was in ihr vorging? Oder hatte sie es nur vergessen anzulegen?

 

Als sie ihre Ausführungen beendet hatte, herrschte Stille in ihrer kleinen Küche, nur das Summen des Kühlschranks war hörbar. Wind fuhr draußen raschelnd durch die Blätter eines Baumes und ein kühler Luftzug wehte hinein, so dass Scully ans Fenster ging und es schloss, ihr Blick gen Himmel gerichtet auf den einzigen Stern, den man seit Wochen zwischen den düsteren Wolkendecken sehen konnte.

Langley unterbrach die Stille. „Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon durch den Kopf gegangen ist, aber als Wissenschaftlerin sollten Sie damit vetraut sein.“ Scully drehte sich um und sah ihn erwartungsvoll an. „Haben Sie schon einmal was von der Endosymbiontenhypothese gehört?“ Scully nickte. „Natürlich, aber ich habe sie nicht hiermit in Verbindung gebracht.“ Doch in dem Moment, als sie diesen Satz beendet hatte, wurde ihr klar, was Langley ihr damit sagen wollte. Sie starrte ihn an, ihre Augen in Unglauben weit aufgerissen, warum waren sie und Chuck nicht längst auch darauf gekommen? Doch schließlich lächelte sie, als ihre Vernunft sie wieder eingeholt hatte.

„Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass….“ Doch das Lächeln brach und sie senkte ihren Blick auf ihren Bauch. Es waren keine wissenschaftlichen Spekulationen, über die sie hier sprachen, es war Realität. Byers führte die Überlegungen zu Ende.
„Doch, ich habe darüber vor langer Zeit etwas gelesen. Die Theorie besagt, dass die Mitochondrien in unseren Zellen in geraumer Vorzeit eigenständige primitive Organismen waren, die von den Einzellern aufgenommen wurden, so dass es zu einer Symbiose kam. Vor dem Hintergrund dieser ganzen Alien-Virus-Geschichte bekommt das allerdings eine neue Dimension.“ Scully sponn den Gedanken weiter, denn zum ersten Mal seit langem schien das einen Sinn zu ergeben, einen Sinn, den sie akzeptieren konnte, weil er nicht vollkommen abstrus war, nur neu.
„Natürlich! Es wäre doch möglich, dass ein außerirdischer Organismus auf dieser Erde – eine Art Virus oder Virusträger – durch Endozytose von den damaligen Lebensformen aufgenommen wurde und dabei seine DNA oder RNA in das Genom des Wirts eingeschleust hat. So etwas tut jedes gewöhnliche Retrovirus auch. Das ist nicht einmal Science-Fiction, es ist vollkommen natürlich. Ein rationaler Mechanismus, Evolution.“
Frohike starrte angeekelt auf den Tisch. „Soll das heißen, diese Alien-Viecher sind in jeder meiner Zellen? Nicht genug, dass die sich in meiner DNA eingenistet haben, jetzt sind sie auch noch der Grund, warum ich überhaupt atmen kann? Agent Scully, ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber Sie machen mir Angst!“

Langley grübelte noch darüber. Doch Scully atmete auf, seit langem schienen die Erklärungen endlich einmal nicht so phantastisch und verrückt zu sein, sie konnte die Panspermie – Theorie akzeptieren, ebenso diese Idee der Endosymbiose. Es war wissenschaftlich und öffnete eine Tür zu einer Wahrheit, die vielleicht nicht so erschreckend war wie die Möglichkeit, dass alles, was bisher geschehen war, von dieser außerirdischen Macht gesteuert worden war. Es gab ihr Hoffnung, dass die Welt sich doch nicht so auf den Kopf gestellt hatte.

Doch tief in ihrem Inneren keimte Zweifel auf. Sie hatte immer an eine intelligente Macht geglaubt, weil ihre Wissenschaft sie gelehrt hatte, dass es einen Gott geben musste. Nun, da sie Gott aus ihrem Herzen gestoßen hatte, war sie allerdings nicht weniger überzeugt, dass eine intelligente Macht hinter diesem Plan stand. Und es ließ sich nicht leugnen, dass sie das in diesem Moment weiterhin fühlte. Und dass sie fühlte, dass Mulder all die Jahre Recht gehabt hatte. Warum hatte sie ihm nicht früher geglaubt? Sie drehte sich weg und stützte sich an ihrer Küchenzeile ab.
Dennoch war die Vorstellung, dass all das hier nur existierte, weil ein Alien-Organismus sich in ihren Zellen eingenistet hatte und das eventuell auch noch mit einem Plan, diese Vorstellung war unheimlich und jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Das Baby war wach geworden und bewegte sich. Sie legte ihre Hand schützend auf den Bauch und schloss die Augen eine Sekunde, fühlte jedoch die Blicke der drei Einsamen Schützen auf sie gerichtet.

Sie drehte sich wieder zu ihnen um und sie saßen dort noch eine ganze Weile, in ehrfürchtiger Stille, erschlagen von dem, was sie wussten und verzweifelt wegen ihrer eigenen Unfähigkeit etwas zu tun.
Sie verabschiedeten sich mit dem gegenseitigen Versprechen, so viel wie möglich über die bevorstehenden Veränderungen herauszufinden.

Doch anhand der Bedrohungen, die nun überall sichtbar wurden und selbst die Öffentlichkeit zu ängstigen begannen, war das zu wenig, was sie zur Zeit tun konnten. Und wo war Mulder?
Scully blieb noch bis spät in die Nacht vor ihrem Fernseher sitzen und schaltete sich durch die zahlreichen verzerrten Programme. Immer und immer wieder flimmerte zwischen den Fernsehsendungen Schneegestöber über den Bildschirm und es ertönte das Brandenburgische Konzert.
Erschöpft fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf.

 

Sie wurde wenige Stunden später vom lauten schrillen Klingeln ihres Telefons geweckt.
„Scully?“ raunte sie, noch ein wenig verschlafen, aber sichtlich verärgert darüber, dass man sie an einem Samstagmorgen um sechs nach einer Nacht wie dieser weckte.
„Agent Scully, hier ist Walter Skinner.“ Er schwieg, offensichtlich hatte er sie geweckt. Scully spürte, wie ihre Brust schwer wurde. Rief er an, um ihr Neuigkeiten über Mulder mitzuteilen?
„Was ist?“ fragte sie schließlich aufgebracht und setzte sich in ihrem Sofa auf. Die Spannung in ihrem Herzen war unerträglich. Skinner räusperte sich am anderen Ende der Leitung.
„Haben Sie schon einmal einen Blick aus dem Fenster geworfen?“
Scully sah auf die Uhr. Es war sechs Uhr morgens im Spätsommer. Und es war stockfinster. Sie stand auf, ihr Rücken schmerzte von ihrem unbequemen Nachtlager und ging zu ihrem Fenster, um die Jalousien mit den Fingern auseinanderzubiegen.
Was sie sah war vollkommen surreal und sie streckte ihren Kopf ungläubig näher an das Fenster. „Was ist das?“ fragte sie atemlos ins Telefon. Der Himmel war sonnig, zum ersten Mal seit Wochen, doch es schien, als hätten die schwarzen Wolken sich abgesenkt und schwebten nun über dem Boden, als dünner schwarz-grauer Schleier.

„Ich wurde vor einer Stunde von einem lauten Klopfen auf meinem Dach geweckt und als ich zum Fenster heraussah, dachte ich, ich würde den Regen sehen, auf den wir so lange schon warten, doch stattdessen sah ich schwarze dicke Tropfen, die aus dem Himmel herabfielen, schwer wie Öl. Und nun das hier. Agent Scully, was geht hier vor?“
Scully wusste es nicht, ihre Augen waren in den Bann dieses unglaublichen Phänomens gezogen und sie hielt den Atem an. Sie konnte erkennen, dass der graue Nebel, der über den Dingen schwebte, sich in sich kräuselte. Er bewegte sich, nicht wie Wolken, die der Wind antreibt, sondern er bewegte sich in sich selbst. Sie schluckte.

Sie wusste, nun hatte es begonnen, nun wusste jeder auf dieser Welt, dass etwas nicht stimmte. „Sir, ich weiß es nicht. Auf keinen Fall dürfen die Menschen ihre Häuser verlassen.“ „Die Medien haben, sofern sie das noch können, schon vor einer Stunde eine dringende Warnung durch alle Fernsehkanäle und Radiosender geschickt. Allerdings ist der Empfang noch immer stark gestört. Ich weiß nicht, was jetzt geschieht, was sollen wir tun? Wo ist Mulder?“
Skinner war aufgebracht und Scully war überfordert, sie kannte ihren Vorgesetzten nicht so verzweifelt. In ihrem Kopf dröhnte es.

„Ich weiß es nicht, Sir, es tut mir leid. Wir können nur abwarten und sehen, was passiert, ich habe von so etwas noch nie gehört“, antwortete sie leise und resigniert in den Hörer. Doch insgeheim nahm sie sich vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Skinner hatte bemerkt wie merkwürdig ihr Tonfall geklungen hatte. Er kannte sie viel zu gut, als dass er ihr glauben konnte, dass sie zuhause bleiben und zusehen würde, was als nächstes geschah. Er wusste, sie würde nicht in ihrer Wohnung bleiben, doch er konnte nicht riskieren, dass sie in diese Welt da draußen ging, in der die Zeit stillstand und alle in erstarrter Spannung erwarteten, was aus diesem Nebel werden würde, der die Vorgärten mit dem grauschwarzen Film überzog.

Als Skinner aufgelegt hatte, öffnete sie eines der Fenster und lehnte sich heraus. Sie sah zum Himmel hinauf und kniff die Augen zusammen. Die Sonne schien dort oben an einem Himmel, der so blau war, als wäre nichts geschehen. Doch das Licht traf nicht auf die Erde, es schien hundert Meter über der Erde zu stoppen, so als fürchtete es sich vor dem dunklen Schleier, der die Welt bedeckte. Es war dunkel hier unten und dort oben war es Tag. Die Luft war ungewöhnlich kühl und trocken, doch das Atmen fiel schwer, so als würde man den grauen Dunst einatmen. Aber der schwebte still und bedrohlich wenige Zentimeter über dem Boden. Überall auf den Dächern, auf den Autos, den Straßenlaternen sah man einen dünnen öligen schwarzen Überzug. Überall. Nur nicht auf den Bäumen, nicht auf den Blättern und Blumen. Sie standen grau und trist inmitten der Dunkelheit und ihre Farben wirkten verblasst. Scully sah wie der Nebel über der Wiese in ihrem Vorgarten sich weiter kräuselte. Hörte sie ein Flüstern? Es schien, als würde er sich lichten. Sie strich vorsichtig über den Film, der sich auf ihre Fensterbank gelegt hatte und verrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Es brannte auf der Haut, wie tausend kleine Nadelstiche. Und es war eiskalt. Sie fröstelte. War das Purity?

Sie sah wieder auf und fuhr erschrocken zusammen. Ihr Blick traf in die leeren, toten Augen eines Mannes, der plötzlich aus dem Nichts vor ihrem offenen Fenster erschienen war. Ihr Schrei erstickte in ihrer Kehle, so sehr erschrak sie, als der Mann sie packte und herauszog.

Sie hielt sich mit aller Kraft an den Fensterrahmen fest, ihr Bauch blieb hängen, und die Fensterbank bohrte sich hinein. Es schmerzte und ihr Baby wehrte sich. Sein harter Griff bohrte sich in ihre Schultern als er weiter an ihr zerrte und begann, sie zu würgen. Sie erkannte den Geruch seiner Lederhandschuhe wieder. Beendete er nun das, was er bei seinem letzten Angriff begonnen hatte?
Seine Augen blieben ausdruckslos und stumpf. Wie zwei schwarze Knöpfe, die jemand der Vollständigkeit halber in sein Gesicht genäht hatte. Scully konnte nicht einmal schreien, als der Mann sie schließlich weit genug an sich herangezogen hatte, um seinen Mund weit aufzureißen. Er spie ihr etwas ins Gesicht, etwas Kaltes, das ihr den Atem raubte. Sie fühlte, wie es eindrang in sie. Sie merkte wie die Kälte durch ihre Augen und Ohren, durch ihre Nase, die Kehle hinunter in ihre Lungen floss. Wie ihr Blut sich damit füllte und wie ihre Adern zu gefrieren schienen. Es fühlte sich hohl an, leer und tot. Sie fühlte, wie die Kraft aus ihren Armen wich und der Griff des Mannes sich langsam um sie lockerte.
Plötzlich hörte sie in der Ferne einen Schuss und zuckte zusammen, auch wenn alles um sie herum in Zeitlupe und wie durch ein Prisma zu geschehen schien.
Das Schwarze in ihr betäubte ihre Sinne, doch sie konnte noch erkennen, dass jemand plötzlich hinter ihrem Angreifer stand, der zwar von dem Schuss direkt in der Brust getroffen worden war, jedoch nicht im Geringsten darauf reagierte. Sie erkannte im letzten Augenblick, wer ihren Angreifer angeschossen hatte.
Doch Purity legte sich über ihre Stimmbänder und sie konnte James nicht mehr warnen, der Angreifer drehte sich blitzschnell zu ihm um und warf James zu Boden, wo er ihm dasselbe antat wie Scully.

Scully stolperte von ihrem Fenster zurück in ihre Wohnung und fiel orientierungslos zu Boden, wo sie sich langsam dem Tod, der durch ihren Körper kroch, hingab. Die Lichter in ihrem Geist gingen aus und sie fühlte die Kälte, die durch sie hindurchwehte wie der Atem der Hölle.

Doch in ihr lebte noch etwas. Die Kälte hielt alles in ihrem klirrenden harten Griff, alles bis auf dieses warme liebliche Gefühl in ihrem Bauch. Es war, als hätte jemand darin ein Licht angezündet, das durch ihren Körper hindurch schien und die kalte Finsternis vertrieb. Sie versuchte sich mit aller Kraft auf diese Wärme zu konzentrieren, versuchte, die Bewegungen ihres Sohnes zu fühlen, der sich lebhaft mit seinen Füßen gegen das wehrte, was mit seiner Mutter geschah. Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie kaum zu atmen wagte. Sie schloss die Augen und wartete, wartete darauf, dass die Wärme in ihr, dass das Leben diesen Kampf für sich entschied.

Sie wachte wieder auf, als sie eine vertraute Stimme hörte. Sie fühlte, wie jemand sie anhob und festhielt. Es fühlte sich schön an, geborgen und warm. Sie schlug die Augen auf, doch sie sah nicht in die Augen des Mannes, den sie schon so lange so schmerzlich vermisste.

Es war Skinner, der sie besorgt ansah. Sie konnte an ihrer Wand schemenhaft die Reflektion eines roten und blauen Lichtes erkennen. Ein Krankenwagen war hier. Was war mit ihr passiert? Als zwei Sanitäter hineinstürmten und Skinner sie losließ, damit man sie ins Krankenhaus bringen konnte, merkte sie, wie die Lichter vor ihren Augen wieder verschwanden und sie in tiefe Bewusstlosigkeit fiel.

 

Zwei Tage später, 200 km nordöstlich von Vancouver, Kanada

Mulder sprang aus dem Jeep, die Hand ruhte dabei auf seiner Brust, wo er in einer kleinen Tasche den Chip bei sich trug, den Chip, der all die Informationen enthielt, all seine Untersuchungsergebnisse. Er sah auf den Zettel in seiner Hand. Er war mittlerweile zerknittert und die Tinte war verschmiert. Doch er konnte den Namen noch erkennen. Es war der Zettel gewesen, den er in der Faust des Grauen gefunden hatte.
An dem Morgen, an dem er von der Area 51 geflohen war, hatte er den Grauen tot in seinem Büro gefunden, inmitten des heillosen Chaos, das dort vor sich gegangen war. Er hatte in seiner Faust einen Zettel gefunden mit einer kanadischen „Addresse“ und einem Namen darauf. Dr.Amber Gatewater. Mulder sah sich um. Er war mitten in den Rocky Mountains, umgeben von Wäldern. Wo sollte er diese Person finden? Er rieb sich seine Schulter, die noch immer schmerzte, seit er sie sich bei seiner Flucht aus Nevada verletzt hatte und warf die Tür seines Jeeps zu. Er hielt seinen Kompass in die Höhe und sah auf den Zettel, wo sich diese Dr. Gatewater befinden sollte. Doch er kannte die Koordinaten längst auswendig und steckte den Zettel wieder in seine Hosentasche, während er sich auf den Weg machte.

Er hatte es tatsächlich geschafft. Inmitten der Explosion, die fast die gesamten unterirdischen Komplexe der Area 51 in die Luft gejagt hatte, und damit alle Beweise vernichtete hatte, war er mit einem Militärhubschrauber geflohen. Er war jedoch nur wenige Meilen damit gekommen. Als ein gleißendes Licht die dunklen Wolken über der Area 51 zerfetzt hatte und ein schwarzer undurchdringlicher Regen begonnen hatte niederzuprasseln, hatte er den Hubschrauber so schnell wie möglich zu Boden bringen müssen. Dort hatte er zwei Tage zusammengekauert verbracht, bis der Regen aufgehört hatte und der graue Nebel, den er übrig gelassen hatte, sich verzogen hatte. Der Hubschrauber war danach nicht mehr funktionsfähig gewesen und so war er tagelang mit den wenigen Wasservorräten, die er in dem Hubschrauber gefunden hatte, durch Nevada geirrt, bis er schließlich in einem Dorf auf Menschen getroffen war, die ihm weitergeholfen hatten. Diese Menschen hatten verwirrt, verängstigt und verstört gewirkt. Die Veränderungen, die in der Welt vor sich gingen, waren nun offensichtlich geworden und niemand hatte diese Veränderungen deutlicher zu spüren bekommen als diese Menschen, deren Erde bei der Selbstzerstörung der Area 51 vibriert hatte. Sie hatten mit eigenen Augen die Lichter gesehen, die daraufhin über der Militärbasis gen Himmel gestoben waren, sie selbst hatten die Rauchschwaden bemerkt und die Asche von ihren Autos gewaschen, die von den Explosionen herübergeweht worden war. Und nach dem schwarzen Regen hatten sie sich ohne weitere Fragen bereiterklärt, Mulder mit einem Jeep und reichlich Benzin auszustatten.

Denn er hatte diese unfassbare Zerstörung überlebt, er musste wichtig sein, das hatten sie gespürt wenn sie in seine Augen sahen, die eine tiefe Traurigkeit ausstrahlten, so als habe er selbst der Wahrheit der Schöpfung ins Antlitz geblickt. Und daher waren sie froh gewesen, ihm geholfen zu haben, waren aber ebenso froh gewesen, dass er sie wieder verließ, sobald er wieder zu Kräften gekommen war.

Mulder war ihrer Diskretion unendlich dankbar gewesen, doch vermutlich waren sie als direkte Nachbarn einer der geheimsten Militärstützpunkte der Welt Diskretion gewohnt. Sie hatten ihm wortlos Proviant und Kleidung zur Verfügung gestellt, doch ihre grimmigen Blicke hatten ihm verraten, dass sie zu viel erlebt und gesehen hatten, um ernsthaft daran zu glauben, dass er die Welt noch retten konnte.

Nun stapfte er über den feuchten Waldboden Kanadas in der Hoffnung diese Kontaktperson zu treffen, wer immer sie war.


Am nächsten Morgen

Ein grelles Licht zerriss den Himmel und sie fiel in das schwarze Meer hinein, dessen Tentakel sie in die Tiefe zogen.
Scully schreckte hoch. Es dauerte einen Moment bis sie begriff, dass sie nur wieder geträumt hatte. Sie sah sich um. Sie war noch immer in ihrem Krankenzimmer. Neben ihrem Bett saß jemand. Als sie erkannte, wer es war, senkte sich ihr Herz und klopfte ruhig und langsam weiter.

„Mom! Wie lange bist Du schon hier?“ „Ich war die letzten drei Tage ununterbrochen hier, ich habe mich mit Bill abgewechselt“, lächelte Margaret Scully ihre Tochter tapfer an, doch hinter dem Lächeln konnte Scully die Angst und Traurigkeit bemerken, die ihre Mutter mit sich herumtrug. Scully hielt diesem Blick stand und es schien, als tauschten Mutter und Tochter in diesen stillen Sekunden all die Dinge aus, für die andere viele Worte brauchten. Margaret wusste, dass ihre Tochter stur war. Sie hatte in den letzten Jahren, in denen sie all diese Dinge getan hatte, die sie nicht verstand, gelernt es zu akzeptieren. Sie war eben schon immer anders gewesen. Immer schon hatte sie ihren eigenen Kopf gehabt und noch nie hatte sie auf ihre Eltern gehört. Doch in den letzten zwei Jahren war so viel zwischen sie und ihre Tochter getreten, dass sie sie nun überhaupt nicht mehr zu verstehen schien. Sie verstand nicht diese merkwürdige Beziehung, die Scully und Mulder teilten, sie verstand nicht, warum sie nicht längst geheiratet hatten oder wenigstens offiziell eine Beziehung führten, wie andere. Und sie verstand nicht, wieso ihre Tochter trotzdem sein Kind in sich trug. Was war es, das ihre Tochter so faszinierte, dass sie ihre Karriere, ihre Gesundheit, ihre gesamte Zukunft, ja sogar ihre Schwester dafür geopfert hatte? Wieso musste sie immer wieder diese Todesängste um ihre letzte lebende Tochter ausstehen? Warum passierte all das mit ihr?
Doch ein Blick auf die Welt vor dem Fenster, die seit Wochen zum ersten Mal wieder von goldenem Sonnenlicht erhellt wurde, verriet ihr heute zum ersten Mal, dass es etwas Ernstes sein musste. Und Margaret war zu ihrer eigenen Überraschung beruhigt, denn es zeigte ihr, dass ihr blindes Vertrauen darauf, dass ihre Tochter immer richtig handeln würde, berechtigt war. Das merkwürdige Leben, dass Scully jahrelang gelebt hatte, schien vor den jüngsten Ereignissen, denen sich selbst Margaret nicht mehr entziehen konnte, nicht mehr so unlogisch.

Doch sie war weit davon entfernt zu begreifen, was im Kern dieser Sache steckte. Sie hatte lediglich einen winzigen Einblick bekommen in das, was ihre Tochter schon so lange zu wissen schien. Sie hatte selbst den schwarzen Regen gehört, hatte den grauen Nebel gesehen. Sie hatte gesehen, wie er sich über den Pflanzen schwebend, sich in sich kräuselnd in Nichts aufgelöst hatte und wie das Sonnenlicht unschuldig, als wäre nichts passiert, seit Wochen zum ersten Mal in den Wassertropfen auf den Pflanzen reflektiert wurde, deren Farben so kräftig strahlten, als wolle die Natur mit ihnen prahlen. Doch sie hatte nicht gesehen, dass der Nebel sich in Wahrheit nicht in Nichts aufgelöst hatte, sondern in jeden einzelnen Grashalm, jedes Blatt und jede Blüte geschlüpft war. Lediglich auf den Autodächern, den Häusern und Straßen war er wie ein öliger grauer Film zurückgeblieben, den der nächste Regen ins Grundwasser waschen würde. Doch in jeder einzelnen Zelle und sei sie auch noch so primitiv breitete sich in diesem Augenblick neues Leben aus, während die Sonne auf die Welt herab schien und die Menschen aufatmend ihre Häuser verließen und zur Arbeit gingen.
Margaret drückte Scullys Hand und sah an ihrer Tochter herab. Ihr Blick blieb auf dem kleinen runden Bauch liegen.
„Bitte sag mir, dass mein Enkelkind gesund sein wird!" Dies schien ihre größte Sorge zu sein, doch Scully konnte sie nicht zerstreuen. Sie wusste nicht einmal, was da in ihrer Wohnung geschehen war.

War sie nun mit Purity infiziert? Hatte es ihr Kind infiziert? Sie schwieg. Sie konnte ihrer Mutter nichts von dem sagen, was sie wusste. Sie war alleine mit diesen Wahrheiten. Sie sah ihr in die Augen. „Das kann ich nicht, Mom.“ Ihre Stimme zitterte, während ein Tränenfilm ihr die Sicht trübte. „Es tut mir so leid, ich würde selbst gerne wissen, was mit mir geschieht.“
Die Worte, die all die Ereignisse erklären würden, fehlten ihr und so schwieg sie ihre Mutter mit einem durchdringenden Flehen in ihren Augen an.
„Ach Dana, Du weißt, ich vertraue Dir, aber es wird mir einfach zu viel. Ich verstehe einfach nicht, was hier vor sich geht.“ Margarets Augen füllten sich ebenfalls mit Tränen und Scully setzte sich auf, um ihre Mutter an sich zu drücken. Ihre Finger drückten sich in ihre Schultern, die verglichen mit denen Mulders so schwach und verletzlich schienen.

Scully sog den Duft der Haare ihrer Mutter ein, er war so vertraut und es schenkte ihr kindliche Geborgenheit inmitten all dieser Verwirrung. „Es tut mir so leid, Mom. Aber ich kann es Dir dieses Mal nicht erklären, es ist selbst für mich zu viel.“ In ihrem Unvermögen einander wirklich die Wahrheit sagen zu können, verharrten sie in Stille in dieser Umarmung und genossen die Nähe des anderen. Doch in beiden tobte ein Kampf, der kraftvolle, bedingungslose Kampf jeder Mutter, wenn es um das Leben ihres Kindes ging, und er war nun auch in Scully zum Leben erweckt und ihre Mutter fühlte die Kraft ihrer Tochter und es beruhigte sie.

 

Am selben Tag in der Außenstelle des Science and Research Centres of British Columbia

Mulder kippte die Kaffeetasse zu sich und sah angewidert auf den schwarzen Belag am Boden. „Es ist ein Wunder, wie Sie bei der Ernährung hier leben können!“ Sein Blick wich von seinem Gegenüber und glitt durch den Raum, überall lag Unrat herum, die Steckdosen baumelten aus den Wänden heraus, anstelle der grellen Neonröhren hingen lose Glühbirnen von der Decke und die Klimaanlage funktionierte auch nur sporadisch. Der Kühlschrank brummte so laut, dass Mulder die ganze Nacht zwei Türen weiter wachgelegen hatte. Das Labor in der Außenstelle war ein Witz. Mulder hatte dieses sogenannte „Science and Research Centre“, das aus drei flachen Betonbauten bestand, die über schmale Gänge miteinander verbunden waren und bei denen man sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, ihnen einen anständigen Anstrich zu verpassen, mitten in den Wäldern der Rocky Mountains auf einem Plateau gefunden. Hier stand ein kleines Radioteleskop, von dessen Existenz Mulder nie etwas gewusst hatte und ein kleines gentechnisches Labor mit ein paar Zentrifugen, Kühlschränken und einem PCR-Gerät, sowie ca. 10 Computer und eine Maschine, die er bisher nicht kannte. Die Schlafunterkünfte waren schäbig und heruntergekommen, es sah aus, als hätte die Regierung Kanadas diese Anlage schon vor 15 Jahren von ihrem Budget gestrichen. Und so war es auch.
Dr. Amber Gatewater war eine Biologin in ihren späten Fünfzigern, die man vor über 20 Jahren angestellt hatte, um an einem Projekt zu arbeiten, das sich mit der Erforschung von Mikroorganismen des Bodens beschäftigte. Sie war Teil eines Teams gewesen, aber nur sie hatte für dieses eine „besondere“ Regierungsprojekt gearbeitet. Nun war sie seit 15 Jahren hier oben, isoliert von der Außenwelt. Gelder flossen schon seitdem man das Forschungsteam von hier abgezogen hatte, nicht mehr und dementsprechend sah die Anlage aus.

Was mache ich hier eigentlich, fragte sich Mulder. Doch als hätte sie seine Gedanken lesen können, antwortete die Biologin auf seine nicht gestellte Frage. „Sie wollen sicher wissen, warum er Sie ausgerechnet zu mir geschickt hat, nicht wahr?“ Mulder schob den Kaffeebecher von sich. Er setzte sich zurück, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und sah sie erwartungsvoll mit seinen warmen, braungrünen Augen an. Er nickte vage, damit sie fortfuhr. „Wir waren Freunde, als unsere Regierungen noch zusammengearbeitet haben und bevor die Korruption und Machtbesessenheit dieses ganze Projekt buchstäblich zum Teufel gejagt haben. Ich hab lange Zeit auch für die gearbeitet und ich weiß, dass die auch nach Ihnen suchen. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, was Sie sind.“ Mulder lächelte süffisant. „Ach ja? Was bin ich denn?“ „Immun. Und daher sind Sie der einzige Mensch, der die da drüben in Afrika aufhalten kann.“ Mulder lehnte sich nach vorne. „Afrika? Was hat das denn mit Afrika zu tun?“ Amber holte sich eine Zigarette und legte sie sich zwischen die Lippen, doch nachdem sie Mulders Seitenblick auf die Packung Morley’s bemerkt hatte, legte sie sie beiseite und beschloss zum tausendsten Mal, mit dieser Angewohnheit aufzuhören, doch dieser Beschluss hielt nur eine Sekunde an, denn sie nahm die Zigarette wieder auf und zündete sie sich an. Sie nahm einen tiefen Zug, während Mulder die Arme vor der Brust verschränkte und darauf wartete, dass sie ihm antwortete.

„Irgendwo in der Sahara ist deren Kommunikationszentrum. Es kann nicht von Radar erfasst werden, aber hin und wieder sendet es Radiowellen aus, die Störungen im Flugverkehr und mit den Satellitenverbindungen bewirken. Nur, weil es in der Sahara ist, ist es bisher im Allgemeinen unbemerkt geblieben. Ich dachte, Sie wüssten das.“ Mulder hatte in der Tat schon einmal davon gehört, aber letztlich nie schlüssige Hinweise oder gar Beweise für die Existenz dieses Kommunikationszentrums gefunden und seine Suche daher schleifen lassen. Nun war er aufgeregt. Sollte es doch noch eine Möglichkeit geben, das hier aufzuhalten? Auch wenn es bereits zu spät schien? Er hatte in den Zeitungen von dem schwarzen Regen gelesen, der nicht nur in Washington D.C. und Nevada sondern auch über anderen Städten der Welt vom Himmel gefallen war. Und seit er das wusste, hatte er nahezu in krankhafter Sorge um Scully jede Nacht wachgelegen. Wenn er doch nur wüsste, wie es ihr ging. Wenn sie starb, würde all das ohnehin keinen Sinn für ihn ergeben. Er schüttelte die Ängste, die bei diesen Gedanken in ihm hochkrochen und sich um seine Brust legten wie Ketten, von sich und schloss eine Sekunde die Augen um sich wieder konzentrieren zu können.

„Und was muss ich tun?“ Amber sah den Mann ihr gegenüber an. Wäre sie 20 Jahre jünger gewesen, hätte sie sich aus ihrer Einsamkeit heraus ihm wahrscheinlich um den Hals geworfen. Er sah gut aus, war schlank und groß und trieb offensichtlich Sport. Er hatte eine sanfte Stimme und um seine Mundwinkel spielte immer ein leichtes Lächeln wenn er sprach, ein verschmitztes Lächeln, das seinen Augen einen honigsüßen tiefen Glanz verlieh. Sein Haar war noch kräftig und voll und seine Finger waren lang und zart. Sie seufzte, sie war schon viel zu lange hier oben. Sie nahm wieder einen tiefen Zug von ihrer Morley’s. Ihr konnte man das Alter ansehen, obwohl man auch sah, dass ihre grünen Augen selbst einmal voller Leben gewesen sein mussten, dass ihre dunkelblonden Haare auch einmal voll und glänzend gewesen waren, während sie nun stumpf vor sich hin ergrauten, so wie ihre Seele schon vor langer Zeit.
„Sie haben doch von den Anasazi-Indianern gehört, oder nicht?“ Mulder sah Amber skeptisch an, nun wurde es interessant und er wartete gespannt darauf wie es weiterging. „Was Sie sicherlich nicht wissen ist, dass die Anasazi Indianer die ersten Alien-Mensch-Hybriden waren, die es je gab. Die Invasoren hatten sie selbst geschaffen, doch Ihnen war ein Fehler unterlaufen, der sich über die Generationen verstärkte und letztlich zur vollkommenen Auslöschung dieser neuen Rasse führte. Doch das Wissen dieser Indianer konnte zumindest teilweise überliefert werden und so gibt es eine kleine Untergruppe der Navajo-Indianer, die sich selbst als die Nachfahren der Anasazi betrachten, die im Besitz einer Waffe war, die sie den Japanern vor 46 Jahren gegen eine große Summe Geld verkauft hat. Es handelt sich um eine radioaktive Substanz, die bei Kontakt mit dem Alien-Organismus dessen Wahrnehmungszentrum direkt zerstört. Sie wissen sicher, dass deren Wahrnehmung der unseren überlegen ist und auf völlig anderen Prinzipien beruht als die unsere.“
Mulder zuckte mit den Achseln. „Radioaktivität ist für uns auch nicht gerade ein Wellnessartikel.“ Er war nicht gerade beeindruckt von diesem Ansatz. „Ja, aber es geht hierbei nicht um Radioaktivität wie wir sie von Atomkraftwerken oder der Hiroshima-Bombe kennen. Es geht hier nicht um die Dosis der Strahlung, die bei uns nicht einmal das Krebsrisiko nennenswert erhöht, es geht um die Art der Strahlung, die für uns Menschen in der Dosis nahezu ungefährlich ist, während es deren empfindliches Kommunikationssystem innerhalb einer Sekunde vollkommen zerstört. Es verbrutzelt deren Gehirne. Und wir brauchen Sie, um diese Substanz in deren System zu bringen.“ Sie drückte ihre Zigarette aus, als wolle sie damit selbst einen Außerirdischen töten. Mulder war nicht überzeugt von diesem Plan.
„Und ich soll also dort einfach so hineinspazieren und meine Pandora-Box vor deren Nasen öffnen. Das ist ja ein netter Plan, vor allem, weil niemand außer mir etwas tun muss.“ Mulders Tonfall war bissig und er war sehr gereizt. Er stand auf und stieß dabei den Stuhl um. Seine Hände schlugen flach auf den Tisch. „Ist das etwa alles, was unsere Regierungen in 50 Jahren Forschung zustande bringen konnten?“ Er fasste sich an den Kopf und lief ein paar Schritte durch den Raum, um sich abzureagieren, während er die Hände in die Seiten stemmte und zu Boden starrte. Amber war zusammengezuckt, als der Stuhl auf den Boden gefallen war und sah ihn erschrocken an. So viel Impulsivität hatte sie lange nicht mehr gesehen und sie war dem überhaupt nicht mehr gewachsen. „So primitiv wie Sie denken ist das nicht, Mr. Mulder. Sie selbst wissen doch, dass das hier kein gewöhnlicher Feind ist. Sie spazieren da nicht in einen Raum hinein, öffnen das Ding und die Welt ist gerettet. Sie selbst wissen, dass die ihre eigene Zwischenwelt auf diesem Planeten errichtet haben. Sie sind so viel größer als wir, deren Zivilisation ist der unsrigen haushoch überlegen. Es wird schwierig werden, das Zentrum mitten in der Wüste überhaupt zu finden und nur jemand wie Sie kann das tun, weil wir schnell und direkt handeln müssen. Wir können uns nur mit Pfeil und Bogen wehren, denn wenn wir unsere größeren Waffen einsetzen, löschen die uns in einem Wimpernschlag aus.“

Mulder verstand, denn er hatte in der Tat am eigenen Leib erlebt, was es bedeutete denen näher zu kommen. Es bedeutete, dass man sich auf etwas einlassen musste, was der Verstand überhaupt nicht fassen konnte. Es bedeutete, dass man seinen Instinkten folgen musste, weil einen die Sinne irreführten. „Wir müssen es versuchen, denn wir haben nicht mehr viele Optionen! Und letztlich ist es Ihre Immunität, die uns das hier eingebrockt hat, vor 2020 hatten wir gar nicht mit einer Invasion gerechnet!“ Ihre Augen funkelten als sie das sagte und Mulder erstarrte, denn so hatte er es noch nicht betrachtet, auch wenn es wie eine Anschuldigung klang. Ihre Blicke trafen sich in der Mitte des Raumes und sie sahen einander eine Weile schweigend an. Mulder hatte das Gefühl, auf dem falschen Weg zu sein, doch er musste nehmen, was er bekam und vielleicht würde er auf seinem Weg irgendwie weiterkommen.
„Also schön, wie komme ich an diese Waffe?“ lenkte er schließlich resigniert ein. Doch er konnte sie dazu überreden, dass sie ihm eine Kopie dieses Chips erstellte. Denn das war es doch, was der Graue ihm geraten hatte, bevor er gestorben war. Sie ging auf den Handel ein und während sie die Geräte dafür konfigurierte erzählte sie ihm, was zu tun war. Er schwieg und hörte aufmerksam zu, während er die ganze Zeit seine Unterlippe massierte und seine Augen düster auf die Narbe auf ihrem Nacken starrten.

Langsam begriff er, was es wirklich bedeutete, sich der Wahrheit zu stellen. Denn er würde sich dort Gott persönlich stellen. Und es war mit großer Wahrscheinlichkeit das Letzte, was er für die Menschheit tun würde.

 

 

Zwei Wochen später, Washington D.C., FBI-Kellerbüro


Sie legte eine letzte Plane über Mulders Schreibtisch und fuhr zärtlich mit den Händen darüber um sie glattzustreichen. Skinner hatte sie sehr eindringlich nach James Morgans Tod dazu aufgefordert, endlich ihren Urlaub zu nehmen und sich auf die Geburt ihres Sohnes vorzubereiten. Nachdem Walter Harland weiterhin spurlos verschwunden blieb, hatte man im Aufsichtsrat des FBI keinen weiteren Grund darin gesehen, die X-Akten weiterhin zu unterstützen, so dass sie nun endgültig geschlossen worden waren. Dennoch hatte Scully sich geweigert, das Kellerbüro zu räumen, da es immer noch Mulders Büro sei und bis zum Beweis seines Todes sein Eigentum nicht angerührt werden sollte. Sie war mit diesem Anliegen voller Zorn direkt in die Aufsichtsratsitzung geplatzt, nachdem Skinner ihr in einer Pause von der Schließung der X-Akten berichtet hatte und hatte durchgesetzt, dass man zumindest bis zu ihrer Rückkehr aus ihrem Urlaub das Kellerbüro in Ruhe lassen würde. Das zornige Blitzen in ihren Augen, aus denen die pure Überzeugung sprach und die Tatsache, dass sie hochschwanger war, hatten letztlich die Mitglieder des Aufsichtsrats überzeugt oder zumindest überredet und sie hatten unter Brummen und bürokratischem Blabla schließlich eingewilligt. Als ob sie nicht selbst an dem Verschwinden Walter Harlands beteiligt gewesen waren!

Nun musste sie diesen Raum für eine ganze Weile verlassen und in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Allein. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, für die letzten zweieinhalb Monate bei ihr zu bleiben. Sie blieb bei ihrer Umrundung des Schreibtischs noch einmal vor dem "I want to believe"- Poster stehen und betrachtete all die Artikel, die rundherum an die Wand geheftet waren. Sie seufzte. Wie sehr sie Mulder vermisste. Ihre Gedanken trugen sie fort zu all den Erinnerungen, die sie an die Stunden in diesem Büro hatte. Wie oft hatten sie hier gestritten! Wie viele Stunden hatten sie hier mit müßigen Recherchen und Bürokratie-Papierkriegen verbracht. Und wie oft hatten sie hier gelacht und zu Mittag gegessen und einander fernab von all ihren Sorgen Dinge erzählt, die sie niemand anderem anvertrauen konnten.
Einmal hätten sie sich hier unten vor vier Jahren fast geküsst, spät abends nach einem langen Tag. Sie hatte an derselben Stelle gestanden und zornig das Poster angestarrt, nachdem sie sich über einen Fall gestritten hatten und Mulders Sturkopf und ihrer aneinander geraten waren. Er hatte sich versöhnlich neben sie gestellt und ihr erzählt, wie er an dieses Poster gekommen war. Sie hatte ihm damals gestanden, dass sie ihn immer für den Mut, dieses Poster dort für jeden sichtbar hinzuhängen, bewundert hatte und plötzlich war die Stimmung umgeschlagen. Die Atmosphäre, die eine Minute zuvor noch vor Aggressionen gezittert hatte, hatte nun von der Spannung die zwischen ihren Blicken gelegen hatte, geknistert. Er hatte vorsichtig mit seinen Fingern ihre Hand gestreift, so zart, dass sie eine Gänsehaut bekommen hatte und war auf sie zugegangen, doch sie hatte damals entschieden, dass es nur die Müdigkeit und die Anspannung gewesen waren und hatte sie beide aus dieser Situation befreit, in dem sie einfach ganz langsam einen Schritt vor ihm zurückgewichen war und mit einem Blick auf den Boden schnell das Thema gewechselt hatte.

Es war so knapp gewesen und heute wünschte sie, sie wäre nicht so feige gewesen, denn um wie viele schöne Stunden hatte sie sich und ihn damit betrogen! Wieviel Zeit sie gehabt hätten, hätte sie schon damals den Mut gehabt, sich ihren Gefühlen zu stellen. Sie zog die Nase leise hoch, denn sie hatte wieder einmal begonnen, still eine Träne über ihren schmerzlichen Verlust zu vergießen. Wieviele Tränen hatte sie noch übrig und wie viele davon würde sie noch weinen müssen ehe sie wieder aufatmen konnte?

Ein Geräusch weckte sie aus ihrem Tagtraum und sie drehte sich um. „Agent Scully?“ Es war Skinner. „Ja, Sir?“ Er kam bis an die Plane, die über Mulders Schreibtisch hing, heran und sah sie ernst an.
„Was wissen Sie über die Vorfälle in der Grooms Lake Air Force Base?“ Scully erschrak. Was wusste er, dass er sie das fragte? Sie zögerte eine Sekunde ehe sie antwortete. „Ich weiß, dass es dort vor ein paar Wochen einige Explosionen gegeben hat. Und ich weiß, dass es auch dort diesen schwarzen Niederschlag gegeben hat.“
Letzteres hatten die Lone Gunmen herausgefunden, die ihr voller Aufregung eine Liste all der Orte, an denen dieser schwarze Regen aufgetreten war, per e-Mail zugeschickt hatten als sie vor einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Es hatte nahezu in jedem Land der Welt Beobachtungen von schwarzem Nebel, grauen Dunstschleiern, wochenlanger Dunkelheit oder öligem Regen gegeben und Scully war bis heute nicht klar, was es damit auf sich hatte. Doch bisher hatte sie kaum Zeit dafür gehabt, hatten sich die Ereignisse mit James’ Tod, der Schließung der X-Akten, ihrem Krankenhausaufenthalt und diesem schwarzen Regen und dem Chaos in den Medien in den letzten zwei Wochen geradezu überschlagen. Die ganze Welt hatte ihren Atem angehalten, zahlreiche Umweltschützer sahen ihre Stunde in diesen Wochen gekommen und die Regierungen und Medien hatten alle Hände voll zu tun, die Menschen zu beruhigen. Und das bei weiterhin gestörten Satellitenübertragungen.
Skinner sah sie auffordernd an, als erwarte er noch ein wenig mehr von ihr. Doch sie sah unschuldig zurück und hob die Augenbraue.

„Das ist alles, was ich weiß, Sir.“ Skinner glaubte ihr und wartete bis sie einen Schritt von der Wand auf ihn zuging und an der Kante von Mulders Schreibtisch direkt ihr gegenüber zum Stehen kam. Er konnte fast ihr Parfum riechen. Er senkte seine Stimme.
„Es ist mittlerweile unter Regierungsangehörigen kein Geheimnis mehr, dass dort in einer riesigen Explosion die gesamte Militärbasis in die Luft gesprengt wurde. Es gab keine Überlebenden. Mit dieser Basis sind über fünfzig Jahre Militärforschung zerstört worden. Sämtliche technischen Daten, Dokumente, Entwicklungen, sämtliche Waffen und Maschinen sind dort mitzerstört worden. Und es fehlt jede Spur, wie es dazu kam. Aber alles deutet auf einen terroristischen Anschlag hin.“

Scully hatte von den Lone Gunmen eine andere Geschichte hört, die ihr angesichts dessen, was sie wusste, wesentlich wahrscheinlicher erschien: dass dies Teil dieser Invasion war, dass nicht Menschen die Area 51 zerstört hatten. Und sie war überrascht, wie plötzlich Science-Fiction Phantasien realistischer erschienen, als die angebliche Wahrheit. So hatte Mulder vermutlich die Welt immer gesehen!
„Sir, ist es nicht unplausibel, dass Terroristen ausgerechnet eine geheime Militärbasis angreifen, deren Existenz seit Jahrzehnten geleugnet wird? Ist das Ziel von Terroristen nicht auch immer die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre Anliegen zu richten? Welchen Sinn hätte es also etwas zu vernichten, von dem niemand etwas weiß?“
Skinner senkte den Blick, er gab ihr Recht, ihm war es ähnlich ergangen, als man ihm diese Neuigkeiten mitgeteilt hatte. „Nun, was ist denn dann Ihre Theorie zu der Sache, Agent Scully?“ Scully bemühte sich bei ihren Ausführungen auf eine Wortwahl zu achten, die so sachlich wirkte wie möglich, sie wollte nicht, dass Skinner sie wie Mulder für paranoid und verklärt hielt. Doch Skinner schluckte ihre Seite der Wahrheit und stemmte die Hände in die Hüften. Er nickte und sprach leise weiter.
„Es gibt noch weitere Informationen. Die Verbindung zur Raumstation ISS ist seit Tagen abgebrochen. Es wird mittlerweile mit dem Schlimmsten gerechnet.“ Das war auch für Scully neu. Ihre Augen wurden groß und sie sah Skinner entsetzt an. „Hat man keine Hinweise, wie es dazu gekommen ist? Vielleicht ist es ja nur irgendein technisches Problem, so etwas passiert schließlich häufig.“ Skinner schüttelte den Kopf. „Man hat vor Abbrechen der Verbindung Schreie gehört.“ Scully schluckte und ging um den Schreibtisch herum, um sich neben Skinner zu stellen. Die feinen Haare auf ihren Armen stellten sich auf und sie bekam Gänsehaut. In der letzten Zeit passierte zuviel, als dass sie es emotional noch erfassen konnte. Sie wusste nicht einmal, was mit ihrem eigenen Körper geschehen war, seit sie von diesem Alien angegriffen worden war. Und sie wusste auch nicht, wohin dieser schwarze Regen verschwunden war und wozu er dienen sollte. Es gab noch so vieles herauszufinden und dabei jagte eine Schreckensmeldung die nächste.

Sie sah zu Skinner auf, Verzweiflung sprach aus ihren Augen als sie eine Hand auf seine Schulter legte. „Für mich sind all diese Ereignisse ebenso neu und verstörend wie für Sie und all die Menschen da draußen. Ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten, Sir.“ Skinner griff seinerseits nach ihrer Hand, die auf seiner Schulter lag und sah sie an. Er war sich nicht einmal sicher, ob Mulder noch lebte, doch das konnte er dieser Frau nicht sagen, war doch die Hoffnung, den Vater ihres Kindes wiederzusehen, offensichtlich ihr größter Antrieb.
„Ich möchte auch nicht, dass Sie sich darüber weiter den Kopf zerbrechen. Ihre Aufgabe ist es jetzt, gesund zu bleiben. Ich dachte nur, dass Sie das wissen sollten, weil Sie sich sicherlich ebenso wie ich um Mulder sorgen.“ Er sah auf ihren Bauch, der sich unter ihrem Pullover rund vorwölbte. Er bereute es, sie überhaupt damit behelligt zu haben. Sie sah ihn ebenfalls durchdringend an. Warum hatte er ihr das gesagt, wenn er ihr doch das Versprechen abgenommen hatte, sich um ihr Baby zu kümmern und ihr Leben in ruhige Bahnen zu lenken?
Sie entschied sich allerdings, als sie den hilflosen Ausdruck in Skinners Augen sah, dass sie es sich nicht leisten konnte, dieses Versprechen zu halten. Sie verabschiedete sich von Skinner und ließ ihn in dem Kellerbüro stehen, das so lange ihr zuhause gewesen war. Skinner sah ihr nach. Offensichtlich wusste sie wirklich nicht mehr als er. Und das ließ die Situation noch auswegsloser erscheinen. Er sah zu dem "I want to believe"- Poster und seufzte leise auf.

Zuhause merkte Scully, als sie das Blinken ihres Anrufbeantworters sah, dass es überhaupt nicht möglich war, diesen Dingen zu entgehen, weil es überall war. Als sie die Nachricht abgehört hatte, wählte sie aufgeregt die Nummer von Chucks Labor.

„Agent Scully! Das ging aber schnell, ich habe vor zwei Minuten angerufen! Ich habe etwas herausgefunden, das Ihnen die Sprache verschlägt. Haben Sie Zeit zu mir zu kommen?“ Scully zögerte keine Sekunde und fuhr durch den schweren, monsunartigen Regen zurück in die Innenstadt. Ihr Scheibenwischer kämpfte gegen die Wassermassen, die unheilvoll aus dem grauen Himmel auf ihr Auto prasselten. Noch immer hinterließen die Regentropfen einen dünnen schmierigen gräulichen Film, obwohl der schwarze Regen schon 2 Wochen zurücklag.

 

Am selben Tag in einem kleinen Sushi-Lokal in Tokio, 21.28 Uhr

Mulder kippte sich die warme wohltuende Miso-Suppe den Rachen hinunter, als hätte er seit Monaten nichts gegessen. Sie tat so gut. Er drehte den Chip, den er noch immer mit sich herumtrug, nachdenklich zwischen seinen Fingern herum. Der Japaner, den er hier getroffen hatte, hatte sehr verschreckt gewirkt. Irgendetwas hatte nicht gestimmt, er hatte herumgedruckst und hatte ihm nie direkt in die Augen gesehen. Und bisher war niemand an diesem Chip interessiert gewesen. Wenn doch auf diesem Chip alle Erkenntnisse über seine Immunität waren und alle nach dem Schlüssel der Immunität suchten, warum wollte ihn dann niemand sehen? Eine freundliche Kellnerin stellte Mulder das Brettchen mit seinem Sushi auf den Tisch. Er griff nach den Stäbchen und stürzte sich gierig auf den Lachs. Dabei musste er insgeheim lächeln, verdankte er doch Scully, dass er Sushi mittlerweile so gerne mochte. Der Gedanke an sie wärmte ihn für eine Sekunde in dieser großen überfüllten Stadt.

Er hatte genaue Anweisungen bekommen, wo er das Paket mit der Waffe abholen sollte, er sollte es auf Gepäckband Nr. 9 am Flughafen in Tunis abholen und musste dann so schnell wie möglich nach Algerien kommen. Er hatte die genauen Daten, wo zuletzt Aktivitäten verzeichnet worden waren, die Aufschluss über die Lokalisation der außerirdischen Kommunikationszentrale gaben. Es war nur ca. 200 km von der Grenze nach Mali entfernt. Warum musste man ihn dann ausgerechnet zuerst nach Tunesien schicken? Er stöhnte leise auf. Es würde eine ungeheuer lange Reise werden. Und letztlich war es aussichtslos, oder nicht? Diese Macht, der sie praktisch wehrlos gegenüberstanden, kam buchstäblich von einer anderen Welt, wie konnten sie so naiv sein und sich auf ihren menschlichen Verstand verlassen, wenn sie gegen ihre Schöpfer kämpften?

Doch der tiefe Glaube in ihm, der Glaube an die Menschheit, wollte nicht zulassen, dass er sich diesen Zweifeln beugte. Er wollte glauben, dass es eine Zukunft gäbe. Eine Zukunft ohne Sklaverei und fernab der perversen Visionen, die ihre Regierungen hatten.
Er schlang weiter sein Sushi hinunter und versuchte sich zu entspannen, sonst würde sein Kopf explodieren. Doch er wusste, er würde ohnehin seinen Kopf nicht mehr zur Ruhe bringen, denn nun, da er begriff, dass dieser Krieg beginnen würde, wurde ihm klar, dass dies noch viel größer war, als er je angenommen hatte. Mulder verstand nicht, worum es in diesem Krieg wirklich gehen würde. Doch er war sich sicher, das tat niemand.

Als er durch die kühle Abendluft die Straße hinuntermarschierte, hielt ein Taxi an seiner Seite. Die Türe ging auf und Mulder hörte nur, wie jemand in einem starken britischen Akzent aus dem Inneren des Taxis seinen Namen herausbellte. Er stieg ein und fand zu seiner Überraschung einen jungen, knapp 30jährigen Engländer vor, der dem Taxifahrer auf Japanisch Anweisungen zukläffte. Es war offensichtlich kein sehr höflicher Engländer.
Sie hielten in einer Seitenstraße fernab vom Stadtrummel und auch fernab der guten Gegenden. Es war düster hier und es huschten immer wieder schattenhafte Gestalten durch die Straßen. Der Engländer zog einen kleinen silbernen Block aus seiner Jackentasche, der aussah wie ein silbernes Feuerzeug und drückte auf einen Knopf.
Der Taxifahrer vor Mulder erstarrte und schien wie eingefroren vor sich in die Leere zu starren. Mulder sah mit offenem Mund zu.

„Haben Sie den jetzt auf Stand-by geschaltet, oder was war das?“ fragte er den Engländer gereizt. Er konnte es nicht leiden, wenn jemand vor ihm eine Geheimagenten - Show abzuziehen versuchte. Aber nun fragte er sich, mit wem er es zu tun hatte, erinnerte ihn das hier doch zu sehr an jene Sklavenhybriden, von denen er in den letzten Wochen so oft gehört hatte. Der Engländer reichte ihm die Hand. „Darf ich mich vorstellen, Mr. Mulder?“ Mulder ignorierte die Hand und starrte weiter geradeaus in die Augen seines Gegenübers. „Lassen Sie nur, es ist ja sowieso nicht Ihr richtiger Name.“ Der Engländer zog seine Hand indigniert zurück und zog genervt an seiner Krawatte. „Ich hasse diese Dinger!“ fluchte er und lockerte den Knoten.

Mulder wartete ab, bis sich die Spannung zwischen ihnen ein wenig gelegt hatte und brach dann das Eis. „Also gut, was wollen Sie?“ „Sie warnen, Mr. Mulder.“ „Warnen? Wovor? Davor, dass man mit mir dasselbe vor hat wie mit dem da?“ fragte er und zeigte dabei auf den immer noch erstarrten Taxifahrer.

„Sie sollten nicht nach Afrika reisen. Lassen Sie die auflaufen, fliegen Sie nach Hause. Sie werden dort in Afrika nichts erreichen.“ „Woher wollen Sie das wissen?“ Der Engländer schluckte. Mulder war aggressiv. Doch er konnte es ihm nicht verdenken, angesichts dessen, was er in den letzten Monaten erlebt haben musste.
„Sie erinnern sich doch, was in Nevada geschehen ist, als Sie dort aufgetaucht sind! Sie erinnern sich an den Regen, der danach eingesetzt hat, nicht wahr?“ Mulder nickte. „Und Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen Ihrem Auftauchen in Nevada und dem Zusammenbruch der Militärbasis sowie den merkwürdigen Wetterphänomenen?“
Mulder schüttelte den Kopf. Er sah in der Tat nicht wirklich, worin der Zusammenhang zwischen ihm und den Vorkommnissen bestand, denn er stand im Zentrum dieses Orkans, er merkte nichts davon.

„Mr. Mulder, Sie sind es, der diese Phänomene auslöst. Wo immer Sie auftauchen kommt es zu Interferenzen zwischen Ihnen und denen, mit globalen Konsequenzen. Und keiner weiß, was dieses Mal geschehen wird. Dort, wo Sie beabsichtigen hinzureisen, herrschen viel stärkere Kräfte als in Nevada. Es ist die Schaltstelle ihrer Kommunikation, die einzige. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ihr menschlicher Körper und Geist dem gewachsen sind, niemand hat diesen Ort jemals betreten, jeder wurde bisher von ihm abgestoßen und die meisten haben schon das nicht überlebt.“ Mulder verdrehte die Augen. „Nur weil sie mir, einem Hobby-Paranoiker, den die FBI Schreibtischarbeit langweilt, irgendwelche James-Bond-MI-6-Spielchen mit Ihrem Spielzeugtaxifahrer vorführen, soll ich Ihnen glauben, dass Sie darüber bescheid wissen?“ „Nein, ich weiß durchaus, dass Sie mehr sind als nur ein gelangweilter Bundespolizist. Ich sehe mir Ihre Arbeit schon seit Jahren an, seit ich selbst mich auf die Suche begeben habe.“
Mulder war noch immer skeptisch. „Den schwarzen Regen gab es überall auf der Welt, das war in jeder Zeitung zu lesen. Das hat überhaupt nichts mit mir zu tun.“ „Oh doch, Ihre Anwesenheit auf der Area 51 hat alles ins Wanken gebracht. Die Regierungskonsortien, die noch mit den Invasoren zusammen arbeiten, sind nahezu vollständig ausgelöscht worden in derselben Nacht. Nur wenige haben überlebt. Die Invasoren haben Ihr Auftauchen auf der Militärbasis als direkten Angriff gewertet. Sie wissen ja gar nicht, wie viele Hybriden sich zum Zeitpunkt Ihres Eintreffens dort befanden, es ist seit Jahren eine Kolonie, in der Menschen und Außerirdische nebeneinander an der Invasion arbeiten. Und mit Ihrer Ankunft geriet das gesamte System durcheinander. So wie dieses kleine Artefakt vor einiger Zeit Sie aus der Bahn gelenkt hat, so haben Sie nun einen ähnlichen Einfluss auf die. Bitte glauben Sie mir, es ist zu gefährlich dorthin zu gehen. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn Ihr Auftauchen dort die Invasion einleitet. Sehen Sie nicht, dass das eine Falle ist?“

Mulder fand die Unterhaltung langsam interessanter und lehnte sich zurück. Wer war dieser Kerl? Und was hatte er mit dem Taxifahrer angestellt? Er verschränkte die Arme und hörte dem Fremden weiterhin zu. „Ich weiß, dass Sie diesen Chip bei sich tragen.“ Aha, das war des Pudels Kern! Er wollte die Daten haben. Mulder blieb cool.
„Was für ein Interesse haben Sie an dem Chip, da sind doch nur meine Privatvideos drauf gespeichert.“ Er lächelte amüsiert und versuchte überhaupt nicht darauf einzugehen, was ihm gerade alles gesagt worden war, denn er merkte, dass sein Gegenüber unsicher und aufgebracht war.

„Mr. Mulder, ich weiß, Sie kennen mich nicht. Sie kennen nur meinen Vater. Und er war auch nicht gerade ein guter Vater, muss ich zugeben. Aber ich kann Ihnen versichern, ich will bei diesem Krieg auf der richtigen Seite kämpfen und das, was die Kanadier und die Japaner mit Ihnen vorhaben, wird Sie nicht nach Hause bringen zu Ihrer Freundin und Ihrem Kind. Und das Kind ist es doch, um das es hier letztlich geht, oder nicht?“ Mulder merkte, dass er diesem Mann wirklich zuhörte, denn etwas war an ihm, das ehrlich wirkte. Er war so emotional. Fast  ein wenig wie er selbst.
Es war unwirklich hier mitten in Tokio in einer gottverlassenen Gegend in einem Taxi zu sitzen, dessen Fahrer zur Salzsäule erstarrt vor sich hin glotzte und mit einem Engländer über all diese Dinge zu reden, doch es machte irgendwie Sinn. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er das Gefühl mit jemandem zu sprechen, der an der Wahrheit so interessiert war wie er selbst.
„Wer ist Ihr Vater?“ „Erinnern Sie sich daran, dass Sie vor einigen Jahren mit einem anderen Engländer ebenfalls in einem Auto auf der Rückbank gesessen haben und über ähnliche Dinge gesprochen haben?“ Mulder brauchte keine Sekunde nachzudenken, denn nun, da er es sagte, bemerkte er selbst die Ähnlichkeit des jungen Mannes mit dem Well-Manicured Man. „Wie kommt es, dass Sie in Japan sind, doch kaum um mich hier zu treffen!“ „Meine Mutter ist Japanerin, doch sie ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben. An dem Krebs, von dem Ihre Freundin mittels des Chips, den der Raucher aus den Labors entwendet hat, geheilt werden konnte. Es war die Schuld des Rauchers, dass er den Chip nicht vorher kopierte und damit unzählige andere Frauen sterben ließ. Doch es war allgemein bekannt, dass der Raucher schon immer eine Schwäche für Ihre Freundin gehabt hat.“
Offensichtlich hatte das Thema einen wunden Punkt erwischt und Mulder versuchte schnell davon abzulenken, denn er wollte Scully aus dem Gespräch heraushalten.
„Also, was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“ „Geben Sie mir eine Kopie des Chips, lassen Sie mich und meine Forscher in England herausfinden, was Sie immun macht. Ich habe von den Spekulationen gehört, dass es etwas in Ihrem Gehirnstoffwechsel ist, das die Immunität bewirkt. Und kommen Sie mit nach England.“ „Wozu? Damit Sie Tests an mir durchführen? Das Vergnügen hatte ich schon in Nevada und es hat nichts gebracht. Außer gehörigen Kopfschmerzen auf die ich gerne verzichte.“
Er legte seine Hand auf seine Brusttasche, in der er den Chip bei sich trug und überlegte. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie nehmen eine Kopie des Chips mit nach England und ich fahre nach Tunesien ohne die Bombe in Empfang zu nehmen. Ich möchte mich nur selbst davon überzeugen, dass dort wirklich etwas in der Wüste ist.“

Der Engländer wirkte nicht überzeugt, doch er sah in Mulders Augen eine Entschlossenheit, dass das alles war, was er bereit war ihm zu geben. Also willigte er ein.
Der junge Engländer reaktivierte seinen persönlichen ferngesteuerten Taxifahrer, der weiterfuhr, als sei nichts gewesen. Mulder war bei der gesamten Rückfahrt unwohl deswegen und er starrte dem Taxifahrer die ganze Zeit auf den Nacken, wo er eine winzige Narbe erkennen konnte, dort, wo auch Scully eine Narbe hatte. Und er selbst.

 

5 Tage später

Es war Mitte September und der Sommer neigte sich ungewöhnlich früh seinem Ende zu. Die Tage wurden kürzer und die Sonne ließ sich nur noch selten blicken. Die Blätter an den Bäumen hatten ihr saftiges Grün längst verloren und leuchteten gelb und orange vor dem grauen Himmel. Doch sie leuchteten stärker als je zuvor, so als wäre es das letzte Mal, dass sie der Welt zeigen konnten, wie schön sie waren.

Scullys Gefühle, wenn sie diese Blätter ansah, waren gemischt. Ihre und die von Chuck, denn sie beide waren die einzigen, die wussten, dass in diesen Blättern seit dem schwarzen Regen Purity schlummerte. Chuck war es gewesen, der herausgefunden hatte, was dieser schwarze Regen zu bedeuten hatte, doch Scully war es, die die wahre Tragweite dieser Entdeckung langsam begriff. Sie war die Person, die von allen am meisten wusste, die den Überblick hatte. Sie wusste von den Astronauten auf der ISS, die nach wie vor ohne Funkkontakt zur Erde vermutlich tot dort oben im All schwebten, sie wusste all diese Dinge über die Alien-DNA in ihnen, sie wusste von den Chips und den Nanobots, mittlerweile hatte sie eine ungefähre Ahnung wie sie funktionierten und sie wusste nun auch, was der schwarze Regen bedeutet hatte und die gestörten Fernsehübertragungen, die weiterhin anhielten. Doch die Menschen in der Stadt waren Unregelmäßigkeiten gewöhnt, es wurde zum Small-Talk-Thema und da die Fernsehsender schnellstens darauf mit dem Verkauf von DVDs ihrer Serien reagiert hatten, gab es kaum noch Menschen, die sich über diese Veränderung beschwerten. Die offizielle Erklärung der Regierung, es handle sich weiterhin um Sonnenwind, reichte den meisten Menschen. Und seit dem Regen war nichts Ungewöhnliches mehr geschehen. Keine Zeitung hatte auch nur den kleinsten Bericht über die toten Astronauten der ISS veröffentlicht und niemand wusste etwas von den Vorkommnissen auf der Area 51.
Es war beunruhigend still um sie herum geworden.

Scully saß bei ihrer Mutter am Küchentisch und stocherte in ihrem Salat herum, den sie seit einer halben Stunde vor sich stehen hatte. „Dana, was ist, Du bist schon die ganze Woche so abwesend!“ Ihre Mutter versuchte schon die ganze Zeit, sie abzulenken. Weil sie nicht verstand, was in ihrer Tochter vorging. Und Scully hatte es aufgegeben ihrer Mutter die Tragweite ihrer Gedanken zu erklären.
Da klingelte es an der Tür. Scully hörte, als ihre Mutter öffnete, dass es Skinner war und sie sprang sofort auf, um ihn zu empfangen. Sie teilte ihrer Mutter wortlos aber unmissverständlich mit, dass sie alleine mit ihrem Vorgesetzten sein wollte und zog Skinner vor die Haustür. Sie fröstelte und verschränkte die Arme über ihrem Bauch. Skinner sah sich misstrauisch um, doch sie waren alleine. „Agent Scully, es tut mir leid, dass ich Sie hier aufsuchen muss, aber ich habe beunruhigende Informationen über den Verbleib von Mulder.“
Er hatte lange überlegt, ob er damit wirklich zu ihr gehen sollte, doch nach seinen neuesten Erkenntnissen war Mulder seit einer Woche in einem arabischen Land untergetaucht und es konnte kein Zufall sein, dass am Tag seiner Ankunft ein herrenloser Koffer an einem Gepäckband einen Bombenalarm am Flughafen von Tunis ausgelöst hatte. Und das in diesen Zeiten! Was immer Mulder tat, es nahm politische Ausmaße an, die Skinner ängstigten. Er erzählte Scully, was er herausgefunden hatte und sah sie hilfesuchend an. „Können Sie mir erklären, was das zu bedeuten hat?“
Scully war ratlos. Die Freude und Erleichterung darüber, dass Mulder noch lebte dominierten in ihrem Kopf und machten jeden rationalen Gedanken unmöglich. Sie wusste nicht, was er dort in Afrika tat, doch es machte ihr Angst, dass er so alleine und schutzlos so weit weg war. Ging es ihm gut? Es machte sie wütend, dass Skinner so hilflos vor ihr stand. Er war ihr Vorgesetzter, warum bat er SIE um Hilfe? Ihre tiefblauen Augen starrten ihn kalt an.
„Vielleicht können Sie MIR zuerst erklären, warum Sie nichts unternehmen? Warum lassen Sie zu, dass er dort vollkommen auf sich gestellt ist?“ Skinner trat näher an sie heran, er wollte nicht, dass jemand ihre Konversation mitbekam. „Agent Scully, Sie wissen, dass ich nichts tun kann. Ich stecke in dieser Sache viel zu tief drin, die haben mich vollkommen unter Kontrolle, ich wäre Mulder keine Hilfe.“ Er sah sie eindringlich an. Scully war irritiert. „Was meinen Sie mit‚ die haben Sie unter Kontrolle?“ Skinner schlug die Augen nieder. „Diese Nanotechnologie, Agent Scully. Ich glaube, die haben Zugriff auf meine Gedanken.“ Scullys Herz raste, sie sah ihn besorgt an und legte ihre Hand auf seinen Ellbogen. „Seit wann?“ „Es begann vor drei Wochen. Mit Alpträumen und nun gibt es immer wieder Momente, in denen ich Blackouts habe, ich kann mich manchmal nicht mehr erinnern, was ich kurz zuvor getan oder gesagt habe.“ Er riss sich zusammen, Schwäche war nicht das, was er Scully zeigen wollte, nicht ihr, die selbst so viel Stärke in sich trug wie kein männlicher Agent im FBI. „Verstehen Sie, Agent Scully, ich bin unter Umständen unberechenbar, ich kann in dieser Sache nichts unternehmen. Aber Sie können es, Sie müssen es.“ Er reichte ihr einen kleinen Brief. „Der lag heute Morgen auf meinem Schreibtisch, er stammt aus England."
Scully starrte ungläubig zwischen dem Brief und Skinner hin und her. Hatte er ihr nicht persönlich das Versprechen abgenommen, sich und das Baby zu schonen? Doch sie sah das Flehen in seinen Augen, sie wusste, er wollte handeln, aber ihm waren die Hände gebunden. Sie riss ihm den Umschlag aus der Hand. „Ich werde etwas unternehmen, das garantiere ich Ihnen, Sir!“ Der kalte Tonfall in ihrer Stimme fuhr durch die warme Sommerluft wie Eiszapfen. Skinner konnte es ihr nicht verdenken und drehte sich um. Doch Scully tat es in diesem Moment leid, wusste sie, dass er nicht er selbst war. „Sir?“ Er blieb stehen und drehte sich auf seinem Absatz noch einmal zu ihr um. Sie strotzte vor Lebenskraft und ihre blauen Augen flackerten lebendig wie Feuer. „Wir werden einen Weg finden, diese Technologie aus Ihrem Körper zu entfernen. Das versichere ich Ihnen!“ Skinner bemühte sich sie anzulächeln, doch insgeheim schämte er sich dafür, dass er sie die Arbeit erledigen lassen musste, die für ihn bestimmt war. „Passen Sie auf sich auf, Agent Scully.“ Er würde sich niemals verzeihen können, wenn ihr etwas zustieß, oder wenn sie und Mulder beide dabei umkommen würden. Doch er konnte nichts tun. Er konnte nur dafür sorgen, dass sie auf ihren Wegen beschützt war.

Scully ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und atmete laut aus. Sie drehte den Umschlag in ihrer Hand um und öffnete ihn. Eine schwarze Karte war darin. Mit einem Metallstreifen und einem Chip. Sie sah aus wie eine Bankkarte, nur dass sie schwarz war. „Was wollte Director Skinner von Dir?“ durchfuhr die Stimme ihrer Mutter den Raum. Scully ließ die Karte schnell in den Umschlag gleiten. „Nichts, er wollte mir nur persönlich alles Gute wünschen und mir meinen Gehaltsscheck vorbeibringen.“ Scully hoffte, ihre Mutter würde die Lüge akzeptieren und sie tat es, auch wenn sie die schwarze Karte in den Händen ihrer Tochter bemerkt hatte. Doch sie wusste, ihre Tochter hatte Geheimnisse vor ihr. Sie legte ihr ihre Hand auf die Wange und sah sie traurig an. Es war so viel Distanz zwischen ihnen, das tat ihr weh, doch sie konnte ihre Tochter nicht zwingen, sie kannte sie dafür zu gut. Sie musste sie laufen lassen, irgendwann würde es wieder mehr Nähe zwischen ihnen geben. Scully sah unter der Berührung ihrer Mutter betreten auf den Umschlag in ihren Händen. Sie hob den Blick und versuchte ihrer Mutter dabei fest in die Augen zu sehen, als diese die Hand wieder von ihrer Wange nahm. „Mom, ich fahre kurz zur Bank um den Scheck hier einzulösen!“ Sie wich dem Blick ihrer Mutter beschämt über ihre Lüge aus und zog sich ihren Mantel über. Ein schuldbewusstes Lächeln huschte über ihr Gesicht bevor sie das Haus verließ und sie hoffte, sie würde ihrer Mutter eines Tages all das erzählen können, was sie mit sich herumtrug.

Drei Stunden später in Mulders Apartment

Das Aquarium blubberte leise und beruhigend und Scully genoss auf Mulders Couch die letzten Sonnenstrahlen des Sommers, die spärlich durch das Wohnzimmer fielen und den Staub in der Luft glitzern ließen. Endlich klopfte es an der Tür. Ein Werbeflyer für eine Fast Food Kette wurde hindurch geschoben. Scully schmunzelte. Die Drei hatten immer wieder andere ausgefallene Ideen. Sie hob den Flyer auf und suchte darin nach einem Hinweis. Ihr Blick fiel sofort auf eine handschriftliche Anmerkung auf der Rückseite des Flyers und sie schnappte sich ihren Mantel und verließ Mulders Apartment.

 

Eine Viertelstunde später im Park von Dumbarton Oaks, Georgetown

Es war windig, doch Scully zog den Mantel zu  so gut es über dem Bauch noch ging und wartete in dem kleinen Fotopavillon im Dumbarton Oaks Park auf die Einsamen Schützen. Nach und nach trudelten sie als Touristen „verkleidet“ ein. Frohike erspähte direkt ein Foto aus den Zwanzigern, auf dem junge Mädchen vor dem Swimming Pool des Anwesens in Badebekleidung posierten und ging näher an das Foto heran, während die beiden anderen direkt zur Sache kamen.

„Agent Scully, wir schlafen keine Nacht mehr durch, glauben Sie uns. Seit Mulder weg ist, überstürzen sich die Ereignisse. Und was Mulder in Nordafrika zu suchen hat ist doch vollkommen klar.“ „Nun, wenn es so klar ist, dann spucken Sie’s endlich aus, machen Sie’s nicht so spannend“, entgegnete Scully unbeeindruckt.
„Unter UFOlogen kursiert seit Jahren das Gerücht, dass sich in der algerischen Sahara ein Kraftfeld befindet. Eine Art Kommunikationszentrum, das dort seit langer Zeit ruht und über seine elektromagnetischen Wellen die Aliens, die auf der Erde unter uns sind, kontaktiert und steuert. So richtig wissen wir allerdings nicht, was es ist, oder wo. Man kann es nämlich nicht sehen. Uns würde also nicht wundern, wenn Mulder versuchen würde es zu finden.“ Langley löste Byers aufgeregt ab. "Sie erinnern sich doch an diese Sache in Tunguska, wo 1908 angeblich ein Meteorit in die Atmosphäre gestürzt ist. Also wir glauben ja, dass es dieses Kraftfeld war, das sich damals hier auf der Erde niedergelassen hat. Ein Kraftfeld, das in regelmäßigen Abständen zu Schwankungen des Magnetfelds führt. Und laut unseres japanischen Freundes Mirashi, der früher für das japanische Militär gearbeitet hat, bevor wir denen Fat Man und Little Boy vorbeigeschickt haben, haben die Japaner den Navajo-Indianern eine Technik abgekauft, die angeblich die Kommunkation innerhalb dieses Zentrums stören kann. Zumindest konnte der Prototyp, von dessen Ersttestung in den Achtzigern wir ein Videoband haben, einen einzelnen Alien-Soldaten vollkommen von der Wahrnehmung seiner Außenwelt abschirmen."
Scully zog die Stirn in Falten. „Was soll denn das für ein Kraftfeld sein?" Als Physikerin hatte sie nicht den blassesten Schimmer, wovon die Lone Gunmen redeten. "Keine Ahnung. Ein Magnetfeld oder ein anderes Feld, das elektromagnetische Wellen aussendet." "Und Ihr denkt, Mulder will mit dieser Waffe dorthin?" Langley zuckte mit den Achseln. "Was sollte er sonst dort machen? Er steht ja nicht offensichtlich nicht auf arabische Frauen." Frohike sah von dem Foto zu Langley rüber und warf ihm einen strafenden Blick zu.
Scullys Augen öffneten sich weit, als sie begriff. „Der Koffer am Flughafen von Tunis! Da war die Waffe drin! Aber das Bodenpersonal hat den Koffer sichergestellt.“
Frohike löste sich endlich von seinem voyeuristischen Exzess und drehte sich zu Scully um. „Genau das ist es, was wir nicht verstehen. Mulder hat diese Waffe überhaupt nicht bei sich. Was macht er also dort in der Wüste?“ Byers meldete sich wieder zu Wort. "Egal wie immun Mulder ist, sich dort schutzlos hinzubegeben kann keine gute Idee sein."

Scully schüttelte aufgebracht den Kopf. Sie war wütend, weil ihr die Hände gebunden waren. Sie kannte Mulder und wusste, er würde versuchen in diese Zentrale einzudringen. Auch ohne diese Waffe. Sie sprang auf und hielt Langley den Umschlag mit der Chipkarte hin.

„Ich will, dass ihr für mich herausfindet, was das hier ist.“ Langley pfiff laut als er die Karte sah. „Mann, Scully, Sie sind auch für jede Überraschung gut, wo haben Sie DIE denn her? So eine habe ich ja seit Jahren nicht mehr gesehen.“ Scully war überrascht. „Was? Sie wissen, was das ist?“ Byers warf einen Blick darauf. „Natürlich. Sie ist eine der Chipkarten, die man innerhalb des Pentagons benutzt um sich Zugang zu bestimmten Räumen zu verschaffen. Allerdings müssen wir erst einmal herausfinden, welche Informationen auf diesem Chip da gespeichert sind, um zu wissen welchen Raum Sie damit betreten können.“
Scully presste die Lippen aufeinander und stemmte die Hände in die Hüften. Sie sah aus dem Pavillon heraus in die Ferne, wo zwei Touristen sich näherten. „Ihr habt ja meine Nummer“, verabschiedete sie sich von den Dreien und ließ sie zurück. Frohike sah ihr nach.
„Die Kleine wird von Tag zu Tag heißer…“
Byers und Langley schwiegen. Es war, als würden ihre kühnsten Träume wahr, endlich passierte etwas. Doch ihnen entging keineswegs, dass das, was passierte, bedrohlich war und umso aufgeregter waren sie, dass sie versuchen konnten, etwas dagegen zu tun. Zum ersten Mal waren sie nicht nur Freaks, sie waren plötzlich wichtig. Selbst Scully nahm sie ernst.

Doch Scully ballte die Fäuste als sie den Park zwischen den golden leuchtenden Bäumen hoch zur Dumbarton Oaks Villa lief. Wie konnte Mulder nur so verrückt sein und in Afrika alleine und schutzlos nach einem höchst zweifelhaften Kraftfeld, noch dazu mitten in der Sahara suchen?

 

Am nächsten Morgen 22 km südwestlich von Adrar, Algerien

Mulder war von der stundenlangen Schaukelei auf seinem Kamel übel und seine Beine fühlten sich taub an. Er hatte eine Gruppe von Händlern gefunden, die ihn auf einem ihrer Kamele bis zum nächsten Ort mitnahmen. Von dort würde er allerdings alleine zu dem Raumschiff finden müssen. Doch er war sich sicher, dass er es finden würde, es hatte ihn auch damals in Bellefleur im Wald gefunden. Er schien eine Verbindung zu den Aliens zu haben und er war sicher es war, weil er immun war. Weil sie Angst vor dem hatten, was ihn immun machte. Vor dem, was in seinem Kopf vorging, was der Engländer in diesem Moment in England versuchte, herauszufinden. Er hatte diese Waffe am Flughafen zurückgelassen, denn er vertraute ihrer Quelle nicht. Der Engländer hatte ihn überzeugt, dass es eine Falle gewesen war. Doch er hatte ihn nicht davon abhalten können, sich dieses Ding in der Wüste anzusehen. Ohne die Waffe.

Er musste herausfinden, was dort vor sich ging. Er wollte auf eigene Faust versuchen in dieses Raumschiff einzudringen. Er wusste nun, wie es sich anfühlte, wenn sie ihn zu sich holten, wenn sie in seinen Kopf eindrangen, wenn dieses Öl sich durch seinen Körper wand, um von seinem Geist ausgestoßen zu werden. Er war nicht schutzlos, denn er hatte Purity besiegt und er wusste, wenn er wirklich für die Ereignisse auf der Area 51 verantwortlich war, dann würde sein Erscheinen hier einen noch größeren Effekt haben. Nur welchen, das wusste selbst Mulder nicht.
Er rieb sich mit dem Ärmel seines weißen Hemds den Schweiß von der Stirn und versuchte zu verstehen, was die Händler untereinander beredeten, doch bis auf ein paar Brocken Französisch sprachen sie Arabisch und er verstand nichts. Die Wüste lag vor ihm und war so endlos und weit, dass er das Gefühl hatte, in den Raum hineinzufallen.


Am Abend im Haus von Margaret Scully

Wieder einmal stocherte Scully in ihrem Salat herum, als das Radio wie so oft in den letzten Tagen ansprang und in voller Lautstärke die ersten Takte von Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 2 ertönten. Scully stand auf und schaltete es aus. Sie hatte sich daran gewöhnt, doch in den letzten Tagen hatte sie immer wieder ein ungutes Gefühl in der Magengegend gehabt, so als würde die nächste grausame Erkenntnis nicht lange auf sich warten lassen. Oft wachte sie morgens auf und glaubte, Schreie zu hören, doch jedes Mal musste sie feststellen, dass sie nur geträumt hatte. Und doch hinterließ der Klang der verzweifelten Schreie jedes Mal einen Schatten auf ihrem Herzen, der ihren Tag trübte.
Als sie das Radio ausgeschaltete hatte, hörte sie ein Klopfen an der Tür. Vermutlich einer der Nachbarn, der neugierig darauf ist, wie es der schwangeren Tochter von Margaret geht, dachte sich Scully, die solche Begegnungen seit ihrer Ankunft im Haus ihrer Mutter schon öfter gehabt hatte. Doch als sie die Tür öffnete stand niemand anderes als Frohike vor ihr. Sie zog ihn hinein, damit ihn niemand erkannte, denn er trug dieses Mal keine Verkleidung.
„Hey, nicht so stürmisch, Agent Scully“, warnte er sie grinsend und rieb sich den Arm, an dem sie ihn gegriffen und hineingezerrt hatte. Er hielt ihr unbeholfen ein kleines Päckchen hin. „Das hier hab ich übrigens für Ihr Baby mitgebracht.“ Scully war gerührt. Es war sehr stümperhaft in hässliches Geschenkpapier eingewickelt, doch sie freute sich. „Frohike, das war doch nicht nötig.“ Sie schenkte ihm eines ihrer seltenen Lächeln und er fühlte, wie die Sonne in seinem Herzen aufging. „Aber noch nicht öffnen, erst in drei Monaten!“ „Ich verspreche es!“ sicherte sie ihm pflichtbewusst zu.
Sie setzten sich in die Küche und redeten leise darüber, wo diese Chipkarte sie hinführen sollte. Scully hoffte, ihre Mutter würde nichts mitbekommen und hörte Frohike aufmerksam zu.


Zur selben Zeit in einer anderen Zeitzone, in der Sahara

Mulder drehte sich unruhig auf seiner Pritsche um. Der Sandsturm am Nachmittag hatte seine Spuren überall an ihm hinterlassen. Der feine Sand war selbst in seinen Haaren und Ohren und bei jedem Bissen seines spärlichen Abendessens, das er sich mit seinen Begleitern und einem Lastwagenfahrer geteilt hatte, hatte es geknirscht. Es war heiß und laut und er hatte seit Tagen nicht richtig geduscht. Und immer wieder, wenn er kurz davor war einzuschlafen, hörte er dieses leise säuselnde Flüstern in seinem Kopf.

Doch in zwei Tagen, das wusste er, würde er dort sein, wo er das UFO vermutete. Er hatte es heute bereits gespürt, hatte dieses metallische Hauchen gehört, das der Sandsturm, der von Süden gekommen war, mit sich getragen hatte. Es konnte nicht mehr weit sein und die Angst vor dem, was dann geschehen würde, war es, was ihm eigentlich den Schlaf raubte. Doch er brauchte seinen Verstand, brauchte all seine Kraft um das durchzustehen. In Gedanken hielt er sich immer und immer wieder an Scully fest und hoffte, dass es ihr gut ging. Sein Blick haftete gedankenverloren auf dem weißen Tanklaster, dessen Beschriftung durch das kleine Fenster seines Berberzelts sichtbar war. Es war ein Lastwagen der Firma Exxon. Mit diesem Bild vor Augen schlief er endlich ein.


Am frühen Morgen in Skinners Büro

Skinner war tief in seine Gedanken versunken und sah aus dem Fenster auf die Pennsylvania Avenue hinunter. Die Menschen dort unten rannten zu den Orten ihrer Bestimmung, als wäre nie etwas geschehen. Sahen sie denn nicht, was vor sich ging? Spürten sie nicht, dass der eisige Griff einer ungewissen, grausamen Zukunft sich um die Welt gelegt hatte? Oder fühlte nur er es, weil er diese Dinger in seinem Blut trug? Doch er hatte in Scullys Augen gesehen, dass sie dasselbe fühlte.

Er hatte Angst um die Agentin. Man hatte nach dem Angriff dieses Unbekannten auf sie, der James Morgan getötet hatte und dann spurlos verschwunden war, nichts in ihrem Blut feststellen können und doch war sie fast 10 Stunden lang bewusstlos gewesen. Was hatte man ihr angetan? Er bewunderte sie dafür, dass sie trotz der Ungewissheit, was da in ihr heranwuchs, so klar bei Verstand blieb. Doch was blieb ihr anderes übrig? Versuchte er nicht ebenfalls, sich mit seinem Alltag abzulenken?
Er zuckte zusammen, als es an der Tür klopfte und seine Sekretärin Scully hineinführte.
„Sir, Sie müssen mir Zutritt zum Pentagon verschaffen!“ Skinner musste unwillkürlich schmunzeln. Sie überraschte ihn immer wieder. Doch dieses Mal konnte er ihr wenigstens helfen. Er griff zum Telefon und wählte die Nummer des Mannes, der ihm Scullys Wunsch erfüllen konnte.
Zwei Stunden später fuhr er persönlich die Agentin nach Virginia, in seiner Tasche trug er den Besucherausweis, der ihr die Berechtigung geben würde, das Gelände zu betreten. Von da an war sie auf sich allein gestellt, denn mehr konnte er nicht für sie tun.


Am nächsten Tag, 13.42 Uhr, im FBI - Informatikzentrum von Quantico, Virginia


Scully saß vor dem Bildschirm im Medienraum und gab dem Informatiker durch die Glasscheibe zu verstehen, dass sie die Daten empfing. Sie hatte mittels der Chipkarte Zugang zu einem winzigen Lagerraum des Pentagons erhalten, in dem in meterhohen, eng aneinandergestellten Regalen kleine metallene Schatullen gelagert gewesen waren. Es hatte eine Weile gedauert bis sie innerhalb des winzigen Zeitfensters, in dem sie die Zutrittsberechtigung für diesen Raum hatte, herausgefunden hatte, wie man die richtige Schatulle fand und öffnete. Als sie die richtige Box gefunden hatte, war sie schnellstens mit dem Inhalt in ihrer Jackentasche wieder verschwunden und hatte sich von Skinner nach Quantico fahren lassen. Denn sie hatte in der Box ein Glasröhrchen gefunden, mit einem Chip darin. Aber es war keiner von den Chips gewesen, die sie bisher immer untersucht hatte. Es war ein Computerchip und der Informatiker in Quantico war hellauf begeistert gewesen, eine Aufgabe wie diese gestellt zu bekommen und hatte sofort begonnen die Daten auf dem Chip auf die Festplatte zu übertragen.

Doch es hatte einen ganzen Tag gedauert und Scully hatte ihrer Mutter den Gefallen erwiesen Babyeinkäufe zu erledigen, war jedoch keine Sekunde bei der Sache gewesen und hatte dauernd nervös auf ihr Handy gesehen.
Nun erschienen die Daten endlich der Reihe nach vor ihren Augen. Viele waren korrumpiert oder durch eine Codierung nicht verwertbar. Aber ebenso viele waren einsehbar und raubten ihr den Atem, als sie sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild zusammensetzten.

Es dauerte Stunden bis sie die Flut von Informationen durchgearbeitet hatte. Die Lichter um sie herum gingen bereits aus, die anderen Angestellten verließen ihre Arbeitsplätze und auch der Informatiker verabschiedete sich von Scully. Seine Arbeit war getan, für die Daten interessierte er sich nie. Doch hätte er gewusst, was auf diesem Chip gespeichert war, hätte er Scully nicht so leichtfertig dort mit den Informationen sitzen lassen.

 

 

Scullys Mund war trocken, sie hatte seit Stunden vor dem Bildschirm gesessen. Ihr Nacken war steif, sie hatte Durst und schreckliche Kopfschmerzen. Doch sie konnte ihre Augen nicht vom Bildschirm abwenden. Wer immer ihr diese Daten hatte zukommen lassen, musste mit Mulder irgendwie in Kontakt gestanden haben, denn auf dem Chip befanden sich Ergebnisse von Tests, die an Mulder erst kürzlich vorgenommen worden waren. Man hatte ihm offenbar unendliche Schmerzen zugefügt und Scully fühlte den Zorn gegen diese menschenverachtende Verschwörung in sich hochkochen. Sie biss die Zähne festzusammen und stützte ihr Kinn vor dem Bildschirm ab. Ihre Finger tippten auf ihre Lippen, als sie sich weiter durch die Daten klickte.

Das Meiste davon war ihr nicht neu, vieles hatte Mulder ihr selbst oft schon erzählt, doch hier lagen erstmals Beweise vor ihr. Eingescannte Dokumente, die all die Regierungsexperimente belegten, die sie und Mulder immer wieder bemüht gewesen waren zu entlarven. Dokumente über die Entführungen von Frauen, die Namen der Frauen aus der MUFON-Gruppe, ihr eigener Name, erschienen vor ihr auf dem Bildschirm. Zum ersten Mal hatte sie Beweise dafür, was wirklich mit ihr während ihrer Entführung durch das Konsortium angestellt worden war. Es stand dort schwarz auf weiß, dass man Experimente an ihr und ihren Eizellen durchgeführt hatte. Ein Name trieb ihr Tränen in die Augen, weil sie sich wieder daran erinnerte, was diese Tests mit ihrem Leben angestellt hatten. Emily Sims. Ihre kleine Tochter, von der sie nur so kurz etwas gehabt hatte und die Opfer dieser Experimente gewesen war, wie sie selbst.

Sie hatte endlich die Beweise, die sie all die Jahre gesucht hatten. Die immer zwischen ihrem Zweifel und Mulders Glauben gestanden hatten. Aber es war alles nicht neu für sie. Sie hatte in den letzten Monaten selbst so viel gesehen, dass sie keine Beweise mehr gebraucht hatte, um Mulder endlich zu glauben. Sie erfuhr gerade am eigenen Leib, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab, als sie jemals vermutet hätte. All die Dinge, die ihr und ihm geschehen waren, waren für sie Beweis genug gewesen.
Diese Beweise kamen eindeutig zu spät. Was sie nun vielmehr bestürzte war das Ausmaß. Die Systematik und die menschenverachtende Seelenlosigkeit, die hinter diesen Machenschaften steckten. Es war so unmenschlich gewesen, so gewissenlos. All die Bürger dort draußen, die die dieser Regierung der Lügen vertrauten und ihren gewohnten Lebensabläufen nachgingen, sie alle waren verraten worden von einer grauen, düsteren Schattenregierung, die nur an Macht und Kontrolle interessiert war.

Endlich verstand sie wieso Mulder dieser Suche sein Leben gewidmet hatte.

Doch wozu hatte sie diese Daten jetzt geschickt bekommen? Von wem?
Eine Antwort befand sich in dem Ordner, in dem Mulders gesamte Testergebnisse gespeichert waren, vom Zeitpunkt seiner U1-Untersuchung nach seiner Geburt bis vor einigen Wochen.

Sie holte tief Luft und klickte sich konzentriert durch die Dateien.
Vor ihr lagen klare Beweise dafür, dass etwas mit Mulders Gehirn nicht stimmte. Etwas, das den Schlüssel für die Immunität in sich trug. Auf diesem Chip befand sich offenbar eine Kopie des Chips, der Mulders Bewusstseinszustand, einen elektronischen Fingerabdruck seiner Seele, wenn man es so wollte, gespeichert hatte. So, wie es angeblich auch auf dem Chip in ihrem Nacken gespeichert war. Aber was Scully vor allem auffiel waren die Veränderungen in Mulders Gehirn, die über Jahre hinweg immer wieder mittels des Chips von den Wissenschaftlern dieses kranken Projekts aufgezeichnet worden waren, in regelmäßigen Abständen. Sie fuhr sich mit dem Finger über die Narbe in ihrem Nacken. Lag irgendwo auch eine Kopie ihres Chips, ein Abdruck ihrer Seele, ihrer Erinnerungen, in einem Archiv?

Sie klickte sich durch Mulders EEGs und Hirnaktivitäten, die im Verlauf der Jahre vor ihr auf dem Bildschirm erschienen. Sie sah praktisch das genaue Gegenteil von dem vor sich, was in Walter Harlands Gehirn vor sich gegangen war: Mulders limbisches System, der Bereich des Gehirns, den man heutzutage mit der Seele gleichsetzte, war hyperaktiv gewesen, seine Neurotransmitterspiegel hatten verrückt gespielt. All das hatte eingesetzt mit Verschwinden seiner Schwester. Ab diesem Zeitpunkt hatte Mulders limbisches System unentwegt abnorme Impulse durch sein Gehirn gefeuert, die alle auf dem Chip gespeichert worden waren. Das war keine normale emotionale Stressreaktion mehr!

Was aber noch viel interessanter war, waren Mulders Blutergebnisse, die hier ebenfalls vor ihr lagen. Sämtliche Arztbesuche, inklusive seiner Einstellungsuntersuchung beim FBI 1984 waren hier verzeichnet und von jeder Blutprobe, die ihm je entnommen worden war, war offenbar immer ein Teil in einem Regierungslabor auf Mulders DNA-Regulation untersucht worden. Und es gab einen klaren Zusammenhang zwischen Mulders Hirnaktivität und der DNA-Regulation. Je emotionaler und unbalancierter Mulder gewesen war, desto inaktiver war die Alien-DNA in ihm gewesen. In anderen Phasen seines Lebens war die außerirdische DNA so aktiv gewesen wie in Gibsons Fall. Das erklärte Scully vieles, denn waren es nicht Mulders fast schon telepathische Fähigkeiten gewesen, die sie immer so fasziniert hatten? War er nicht gerade deswegen beim FBI anfangs so angesehen gewesen? War das wirklich nur die aktivierte Alien-DNA in ihm gewesen?

Sein Geist hatte anscheinend sein Leben lang einen ständigen Kampf gegen die außerirdische Macht in seinem Körper geführt, in dem immer wieder er und dann wieder sein Gegner die Oberhand gehabt hatten. Aber warum? Scully klickte sich zurück. Vor Samanthas Verschwinden hatte Mulder sich vollkommen normal entwickelt. War etwas mit ihm geschehen, als seine Schwester entführt worden war? Hatte man an ihm in dieser Nacht auch Experimente durchgeführt? Oder war es tatsächlich nur das emotionale Trauma gewesen, das sein limbisches System so überstimuliert hatte? Oder war es durch die Nähe dieser außerirdischen Macht ausgelöst worden? Lag die Immunität Mulders gegen den schwarzen Krebs in seiner Seele?
In der Seele, die sie so aus tiefstem Herzen zu lieben gelernt hatte ?

Doch die Daten, die man mittels des Chips in Mulders Nacken erhalten hatte, endeten abrupt mit seiner merkwürdigen Erkrankung, die nach seinem Kontakt mit dem außerirdischen Artefakt aufgetreten war. Scully grübelte nach. Man hatte ihm den Chip entfernt damals. Doch selbst ohne Chip war Mulder immun. Es konnte also nicht an dem winzigen Stück Metall liegen.

Sie stutzte, als sie eine seiner Kernspintomographien aus der Zeit seiner Krankheit sah. Warum hatte sie das damals nicht entdeckt? Hatten die Ärzte sie angelogen? Sie konnte ganz deutlich einen Tumor sehen, den Mulder in seinem Gehirn hatte. Sie klickte sich weiter durch die Daten und verglich das Bild mit einer Aufnahme, die man anscheinend vor ein paar Wochen während der Tests an ihm gemacht hatte. Der Tumor war auch in diesem Bild zu sehen und er war noch genau so winzig.
Wodurch war dieser Tumor entstanden? War er die Konsequenz dieses jahrelangen Kampfes in Mulders Körper gegen die Alien-DNA in seinem Körper? War er durch den Chip ausgelöst worden wie bei ihr?

Dennoch erklärte auch der Tumor nicht, warum er immun war, denn er war schon vor dem Tumor immun gewesen. Scully sah einen Moment zur Seite, um ihre Augen eine Weile auf dem dunklen Holz ihres Tisches ruhen zu lassen. Es flimmerte überall in ihrem Blickfeld, sie hatte schon Stunden hier gesessen.

Als sie auf das Holz sah wurde es ihr klar. Sie alle suchten nach physiologischen, chemischen oder physikalischen Ursachen von Mulders Immunität. Aber was, wenn der Schlüssel zu seiner Immunität wirklich spiritueller Natur war? Was, wenn Mulders einzigartiger Geist, seine Seele, die genau in dem Areal des Tumors saß, damit in Zusammenhang stand? War es nicht Telepathie, über die die Außerirdischen kommunizierten? War diese außerirdische Macht nicht vollkommen anders in ihrer ganzen Natur und Wahrnehmung? Vielleicht reagierte der Alien-Organismus auf irgendetwas, irgendeine feine Schwingung oder Kraft, die von Mulders Seele ausging. Das Gehirn war noch so unerforscht, vielleicht sendeten seine Hirnimpulse irgendwelche Signale aus, die dieses Alien wahrnehmen konnte. Und vielleicht verstärkte der Tumor diese Signale nur.
Waren es Mulders einzigartige Sensibilität und Emotionalität, die irgendwie damit interferierten? Oder gab es doch eine wissenschaftliche Erklärung?

Scully wusste es nicht, es waren zu viele Informationen für sie. Aber sie fühlte, dass sie der Wahrheit ein ganzes Stück näher gekommen war. Sie war sich sicher, dass der Tumor und Mulders eigene Natur etwas damit zu tun hatten.

Doch Scully fand in diesen Dateien auch das, was sie und Chuck bereits wussten. Dass seine Mitochondrien nicht frei von Alien-DNA waren. Dass sie noch immer in seinem Körper waren und dass sie unter dem Einfluss der außerirdischen Macht standen. Und so lange Mulder dies noch in sich trug, war er keineswegs vollkommen immun gegen das Virus. Wusste er das? Wenn sie es wusste, war es wahrscheinlich, dass es auch ihm bekannt war, warum also war er dann doch nach Afrika geflogen? Hatte es ihn vielleicht bereits unter Kontrolle, so dass er nicht mehr sein eigenes Handeln steuern konnte?

Sie hatte Angst um ihn, denn sie wusste nicht, in welchem Zustand er war. Sie wusste nicht, wer er war oder was. Hatte sie ihn nicht schon längst verloren? Oder ließ es sich noch aufhalten?

 

Sie hatte genug gesehen. Sie brannte die Daten auf CD’s, die sie in einen Umschlag packte und ließ sich von einem Taxi ins FBI-Hauptquartier bringen. Es war spät, doch sie wusste, Skinner würde noch dort sein. Wie schon zuvor stürmte sie in sein Büro, ignorierte Skinners entsetzten Ausruf und warf ihm die CD’s auf den Schreibtisch.

„Das hier sind die Beweise, Sir, die man immer von uns verlangt hat. Es ist mir vollkommen egal, was Sie damit anstellen, da sie uns zu diesem Zeitpunkt nichts mehr nützen. Ich werde ab morgen in Afrika sein, ich kann nicht länger zusehen, wie nichts wegen Mulder unternommen wird!“

Damit drehte sie sich wieder um, um sein Büro zu verlassen, als Skinner sie überholte und sich ihr in den Weg stellte. Es beunruhigte ihn, wie aufgebracht sie war. „Halt, Agent Scully. So kann ich Sie nicht gehen lassen! Ich werde Sie zum Flughafen bringen lassen und in Tunis wird Sie jemand abholen. Ich kann eine Frau in Ihrem Zustand nicht alleine in einem arabischen Land nach einem verloren gegangenen FBI Agenten suchen lassen. Sie müssen mir Zeit geben für Ihre Sicherheit zu sorgen!“ Scully war keineswegs so aufgebracht, wie sie auf Skinner wirkte. Sie war ruhig, denn sie wusste endlich, was dieses chaotische Puzzle im Ganzen ergab. Sie hatte endlich den Überblick, den sie brauchte um handeln zu können. Sie war voller Tatendrang und Hoffnung. „Tun Sie, was Sie für richtig halten, Sir. Ich werde in einer Stunde für meine Abreise bereit sein.“ Sie schob sich mit einem klaren Blick an ihm vorbei und verließ sein Büro, nicht ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen und ihm fest und sicher in die Augen zu sehen. Ihre Blicke trafen sich und sie wusste, dass er ihr vertraute und dass die Beweise in guten Händen waren, auch wenn sie tatsächlich nicht mehr davon überzeugt war, dass sie ihr von nun an etwas nützen würden. Sie war die ganzen Jahre so naiv gewesen zu glauben, dass wissenschaftliche Beweise etwas daran ändern würden, wie man über Mulders Arbeit dachte. Doch heute wusste sie, dass niemand jemals Interesse an Beweisen gezeigt hatte. Die Menschen, die in all den hohen Positionen saßen, hatten diese Beweise selbst angefertigt, wussten längst all die Dinge, die Scully immer zu belegen versucht hatte. Aber um all diese Schattenmänner in der Regierung ging es gar nicht, sie waren längst Opfer ihrer eigenen falschen Geschäfte geworden.
Doch der Feind, den sie nun bekämpften, konnte nicht vor ein Gericht gestellt werden.



Am nächsten Tag in der Mittagshitze, Algerien

Mulders Begleiter hatten ihn im letzten Dorf verlassen wollen, doch er hatte einen verschlagenen halbstarken Jungen mit einer Menge Geld, seinem Taschenmesser und einem Kugelschreiber davon überzeugen können ihn noch ein Stück des Wegs zu begleiten. Alle anderen hatten mit Furcht in den Augen abgelehnt, als er ihnen die Gegend auf der Karte gezeigt hatte, in die er vordringen wollte. Überall hatte man ihm düstere Blicke zugeworfen, hatten die Männer auf ihn gezeigt und über ihn geredet. Frauen hatten ihre Kinder in ihre Hauseingänge gezogen, als er an ihnen vorbei gegangen war. Mulder fragte sich, woher all diese Menschen diese Angst hatten. Die Blicke in ihren Augen erinnerten ihn an die Furcht, die auch den Bewohnern des Dorfes in der Nähe der Area 51 in die Gesichter geschrieben gewesen war. Was wussten diese Leute über das, was er in der Wüste vorfinden würde?

Er hatte Glück gehabt, denn dieses Mal ritt er auf einem Pferd und ließ sich von seinem Begleiter, der auf einem Esel neben ihm herzottelte, auf unverständlichem Kauderwelsch seit Beginn ihrer Reise berieseln. Das Gerede lenkte ihn wenigstens davon ab zu sehr ins Grübeln zu geraten und zugleich hielt es seinen Geist wach, der in der glühenden Sonne wie zähflüssige Melasse schwerfällig und träge war.
Ein leichter Wind kam auf und trug die Stille der Wüste mit sich fort nach Norden, doch Mulder hörte auch etwas Anderes, lauter und intensiver als je zuvor, es nistete sich in seinem Kopf ein und hallte nach. Es war ein Flüstern.
Er hielt die Hand vor seine Augen und sah in die Ferne, doch es war ein diesiger Tag, weit und breit war nur Sand zu sehen, honigfarbener, samtweicher Sand und Dünen. Er kramte in dem Beutel, den er am Sattel befestigt hatte, nach seinem Nachtsichtgerät. Denn er war sich sicher, dass es auch die Dinge aufspüren konnte, die bei Tageslicht im Verborgenen lagen. Er hatte nicht Unrecht gehabt. Durch das Nachtsichtgerät konnte er deutlich erkennen, dass im Osten an einer Stelle die Luft begann sich zu wölben, so als träfen verschiedene Luftschichten aufeinander. Er konnte Bewegungen erkennen. Er war nicht sicher, ob es sich um eine Fata Morgana handelte oder ob es wirklich da war. Doch er glaubte, eine sphärische, im Nachtsichtgerät dunkelrote Wölbung, wahrzunehmen, die über dem Boden schwebte. Sie nahm die Hälfte des in der Ferne liegenden Horizonts ein. Mulders Herz schlug schneller als er das erkannte und er nahm das Nachtsichtgerät wieder ab und schloss einen Moment die Augen. Wenn er genau hinhörte, konnte er tief in seinem Inneren ein Säuseln wahrnehmen, dieses Flüstern, doch er konnte nicht verstehen, was es ihm sagte.

In einer Stunde würden sie dort sein. Er nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche und hielt seinen Blick starr auf sein Ziel gerichtet, das er nun auch mit bloßem Auge erahnen konnte. Der Junge auf dem Esel neben ihm hatte auch bemerkt, was ihn beunruhigte und war still geworden. Sie ritten von da an schweigend ihrem bedrohlichen Ziel entgegen.

 

Zur selben Zeit in Frankfurt, Deutschland


Das kalte Wasser tat gut und sie drückte sich ein feuchtes Papiertuch gegen den Nacken und den Hals. Würde sie die Augen schließen, schliefe sie sofort ein. Sie drehte den Hahn zu, trocknete sich ab und strich sich ihr Haar hinter die Ohren. Es war seit Beginn ihrer Schwangerschaft ziemlich lang geworden und lag nun auf ihren Schultern. Doch sie hatte keine Zeit gehabt sich um solche Dinge zu kümmern. Und irgendwie gefiel es ihr, es ließ sie weiblicher wirken, es betonte einen Aspekt an ihr, den sie während ihrer Arbeit beim FBI immer hatte unterdrücken müssen. Doch nun passte es zu ihr. Dennoch sah sie furchtbar übermüdet aus und ihr Rücken schmerzte sie. Wie würde das erst werden, wenn sie im achten oder neunten Monat war? Sie verließ das WC wieder und machte sich auf die Suche nach ihrem Gate. Der Verbindungsflug nach Tunis würde in einer Stunde erst starten, wie sollte sie es so lange aushalten hier an diesem fremden unruhigen Ort, während Mulder irgendwo da draußen vielleicht in größter Gefahr schwebte? Sie ließ sich erschöpft auf einem Stuhl nieder und blendete die fremden Stimmen und Klänge um sich herum aus, in der Hoffnung tief in sich die kleine Stimme hören zu können, die sie beruhigen und ihr sagen würde, dass alles in Ordnung war. Doch sie hörte nichts.


Eineinhalb Stunden später

Der Wind war stärker geworden und der Sand fegte über den Dünen gen Norden. Mulder kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob sie schon dort waren. Aber es waren die falschen Sinne, die er bemühte. Denn in seinem Inneren fühlte er, dass er da war. Dass es da war. Er hielt sein Pferd an und stieg ab. Der Junge sah mit großen Augen zu ihm und schüttelte, laut auf Arabisch schimpfend den Kopf. Er schien Angst zu haben. Mulder wusste, er würde ihn fortschicken müssen, denn er konnte nicht das Leben dieses Jungen, der fast noch ein Kind war, riskieren. Er kramte aus seinem Beutel noch ein wenig Geld und drückte es ihm in die Hand. Er gab seinem Esel einen Klaps und hoffte, der Junge würde so verstehen, dass er umkehren sollte.

Der Esel blieb stehen, doch der Junge hatte verstanden und wehrte ab. Er zeigte mit dem Finger in die Richtung, in der Mulder das Raumschiff vermutete und fuchtelte mit seinen Armen in der Luft herum, als wolle er Mulder davon abhalten dort hinzugehen. Doch Mulder kratzte seine letzten Brocken Französisch zusammen um ihm zu erklären, dass er umkehren solle. Aber der Junge wehrte weiterhin ab und seine dunklen Augen wurden vor Aufregung riesig groß. Schließlich gab Mulder auf und drehte sich weg von dem Jungen. Er zog sein Pferd vorwärts und ging auf die merkwürdige Lichtbrechung vor seinen Augen zu.
Er hatte genug Wasservorräte um hier ein oder zwei Tage zu überleben, also würde er es auf jeden Fall auch alleine zurückschaffen. Er hatte einen Kompass und ein Handy dabei, das zwar überhaupt keinen Empfang hatte, aber es beruhigte ihn, dass es da war. Denn Scullys Nummer war darin gespeichert und das war momentan seine einzige Verbindung zu ihr. Als er mit seinem Pferd ein paar Schritte gegangen war, merkte er, dass das Zetern des Jungen verstummt war. Als er sich umdrehte, sah er, dass auch der Junge verschwunden war. Sein Herz setzte aus. Sein Pferd blieb stehen und selbst als er an ihm zog, weigerte es sich weiterzugehen. Als ein erneuter Windstoß den Sand über die Ebene wehte, wieherte es laut und bäumte sich vor ihm auf. „Hey! Ganz ruhig!“ Er versuchte sich ihm zu nähern und nahm seine Vorräte vom Sattel, um sich die Tasche selbst umzuschnallen. Wenn das Pferd davonlaufen würde, wäre er verloren. Er hatte den Beutel noch nicht einmal ganz an sich befestigt, da scheute das Pferd erneut und galoppierte nach einem großen Satz nach hinten davon.

Mulder rief ihm noch hinterher. Was hatte es so erschreckt, dass es plötzlich so reagiert hatte? Er sah dem Pferd nach und drehte sich dann in alle Himmelsrichtungen um. Der Junge war tatsächlich verschwunden. Und auch von seinem Esel war nichts zu sehen.

Nun stand mitten in der Sahara ein einzelner Amerikaner in tunesische Tücher gehüllt, ohne Pferd, umgeben von nichts als Sand und Himmel. Und einem hohen schrillen Pfeifen, das aus der Richtung kam, in der die Luftschichten sich zu trennen schienen und ein verzerrtes Bild der Sahara hinterließen. Es war ein Ton, der sich in die Windungen seines Gehirns zu bohren schien. Hatten sie den Jungen zu sich geholt? Mulder sah noch einmal hinauf zu der erbarmungslosen Sonne, die mittlerweile tief am Horizont stand und lange Schatten über die Dünen warf. Er zog das Tuch von seinem Kopf, das er zum Schutz vor der Mittagshitze zu einem unbeholfenen Turban gewickelt hatte und wischte sich damit das Gesicht ab, bevor er weiter auf das schrille Pfeifen zuging.

Und keine vier Meter weiter fühlte er es. Er hörte wieder das Flüstern in seinem Kopf und er spürte, wie mitten in der trockenen Hitze der Wüste klirrende Kälte aufkam. Er streckte seine Hand vorsichtig aus. Sie traf auf die unsichtbare Oberfläche, die die Kälte um sich herum verbreitete. Er erinnerte sich an das, was in Bellefleur mit ihm geschehen war. Es war wieder so als greife er durch einen Spiegel hindurch, als er seinen Arm weiterschob und fühlte, wie er jenseits dieser kalten Oberfläche in etwas warmes Zähflüssiges einzutauschen schien. Es war, als zöge eine unsichtbare Macht an seinem Körper und ehe er sich versah, befand er sich im Inneren dieser Zwischenwelt.

Doch nicht alles war so wie beim letzten Mal. Er fühlte, dass es in seinem Kopf war. Aber es war kein Licht um ihn herum, kein Geräusch zu hören. Er konnte nichts sehen. Seine Augen waren geblendet und versanken zugleich in Dunkelheit. Er konnte nicht sagen ob das, was er über seine Netzhaut wahrnahm, Schwarz oder Weiß war. Und alles, was er hörte, schien nicht über seine Ohren in sein Gehirn zu kommen. Er folgte seinem Instinkt und setzte einen Fuß vor den anderen, ohne wirklichen Boden darunter zu fühlen, doch irgendetwas trug sein Gewicht und so folgte er dem Flüstern in seinem Kopf. Ihm war schwindelig und sein Verstand schien benebelt, doch er wollte nicht das Bewusstsein verlieren. Er wollte es dieses Mal schaffen. Er wollte SEHEN, was mit ihm geschah. Wollte wissen, wie dieser Feind aussah.

 

Am Abend in der amerikanischen Botschaft in Tunis

Der weißhaarige Mann mit der gebräunten Haut und den funkelnden grünen Augen sah Scully nachdenklich an. In seiner gesamten Laufbahn hatte er noch nie solch eine Frau getroffen. Sie war intelligent, das stand außer Frage, aber offensichtlich war sie vollkommen wahnsinnig. Sie wollte im hochschwangeren Zustand nach über 15 Stunden Flug in die Sahara, um dort in dieser riesigen Wüste nach ihrem Partner zu suchen. Alle Anhaltspunkte, wo er sich befinden könnte, hatte sie vor ihm in Form einer Liste mit zusammenhangslosen, willkürlichen Lokalisationen ausgebreitet. „Miss Scully, diese Orte sind vollkommen ohne Zusammenhang. Dort ist nichts. Abgesehen von vielen Tonnen Sand! Sie wollen nicht allen Ernstes überall dorthin, denn die sind alle mehr als eine Tagesreise voneinander entfernt.“
Scully wusste, wie irrwitzig es war und was für einen fanatischen Eindruck sie machen musste. Andere Frauen in ihrem Zustand saßen zuhause und strickten Strampelanzüge oder bemalten die Wände ihres Hauses hellblau und rosa. Und sie saß hier in Tunesien in der trockenen Hitze in einem Büro, in dem nur die Klimaanlage angenehm war und wollte ohne seit 24 Stunden geschlafen zu haben in die Wüste reisen.

Und sie selbst wusste auch nicht, an welchem dieser Orte Mulder wirklich war. Warum hatte sie nicht seine Instinkte? Sie sah ein, dass es unvernünftig wäre ohne einen Plan direkt aufzubrechen. Also lenkte sie ein. „Nein, Sir. Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass dieses Vorgehen sinnlos wäre. Ich werde mir einen Tag Zeit nehmen müssen, mehr über den Verbleib meines Partners herauszufinden und morgen aufbrechen. Ich würde es allerdings begrüßen, wenn sich jemand dazu bereiterklären würde mich ein Stück des Wegs zu begleiten. Und wenn ich bei meiner Reise nicht auf Kamele und Pferde angewiesen wäre.“ Scully forderte viel, doch sie wusste, sie würde es bekommen, dafür hatte Skinner per Telefon gesorgt. Der Mann stand auf, als Scully sich erhob und reichte ihr die Hand. „Das ist überhaupt kein Problem. Eine hübsche junge Frau bei einer Jeep-Safari durch die Wüste zu begleiten dürfte hier für jeden eine willkommene Abwechslung sein. Und es erscheint mir äußerst sinnvoll, dass Sie sich mehr Informationen darüber beschaffen, wo die Reise hingehen soll.“
Er lächelte, Scully mochte seine Arroganz nicht, doch angesichts seines Alters und seiner offensichtlichen Erfahrenheit ignorierte sie es und schüttelte ihm mit einem kühlen, aber höflichen Lächeln die Hand zum Abschied. „Sir, das wird durchaus keine Safari, ich hoffe mein Begleiter wird sich dieser Tatsache bewusst sein.“ Der Mann nickte und ließ sie zu ihrem Zimmer bringen, in dem sie sich von den Strapazen des Fluges erholen sollte.
Sie hatte unterschätzt, welche Belastung eine Schwangerschaft für ihren Körper darstellte und war vollkommen erschöpft, als sie sich auf das Bett legte und aus dem leicht geöffneten Fenster sah. Sie konnte den tiefblauen Himmel über den kalkweißen Gebäuden sehen. Kein Wind regte sich und sie konnte nur den Verkehr der Straßen von Tunis hören und die Hitze fühlen, die durch das Fenster zu ihr drang und ihre Haut wärmte. Doch sie konnte nicht schlafen, sie war zu aufgeregt und zu besorgt. Wo nur sollte sie Mulder suchen? Wo hielt er sich auf?

Doch letztlich siegte die Erschöpfung doch und sie fiel in einen tiefen Schlaf.


Eine Stunde später

Scully drehte sich unruhig hin und her. Das Baby gluckste und strampelte und dennoch war sie so erschöpft, dass sie nicht davon wach wurde. Sie träumte nichts, sie sah nur immer wieder dieses eine Bild vor ihren Augen und hörte ein leises Flüstern in ihrem Kopf. Das Bild zeigte eine Oase in der Wüste. Es war Nacht. Durch kleine künstliche Kanäle floss das schlammige braune Wasser, das hier die Lebensgrundlage für die vielen Palmen und die wenigen Menschen war, die hier auf der Durchreise waren. Sie hörte es leise rauschen. Ein Tanklastwagen fuhr laut krachend auf der sandigen Straße mitten in der Nacht in die Oase hinein und Scully konnte durch das Fenster eines Zeltes die großen Buchstaben auf dem Lastwagen erkennen. E-X-X-O-N. Wind fuhr durch das Zelt und wehte durch ihr Haar. Ein Esel schrie in der Ferne. Und damit riss der Film vor ihrem inneren Auge ab und sie versank wieder in der Dunkelheit ihres Schlafes. Plötzlich schreckte sie hoch.
„Mulder!“ Sie wusste, irgendetwas stimmte nicht. Sie griff zum Telefon und ließ sich mit dem Botschafter verbinden, mit dem sie zuvor gesprochen hatte. Sie musste sofort aufbrechen, ihr blieb keine Zeit.

 

Zur selben Zeit ungefähr 1600 km südwestlich von Tunis


Mulders Gefühl für die Zeit war verloren, er taumelte im Nichts. Seine Augen waren blind, doch er brauchte sie nicht. Er sah in seinem Kopf wo er war. Das heißt, er sah keine Farben oder Formen. Aber er fühlte, dass es groß war und stark. Und dass es kalt war. Grau und leblos. Hier waren keine Lebewesen, es war tatsächlich nur eine Zentrale, eine Art riesiges Gehirn, in dessen Mitte er nun schwebte. Es war als schössen elektrische Impulse durch ihn hindurch, als sei er Teil des Schaltkreises dieses riesigen Nervensystems. Mit jedem Impuls verlor sein Körper Kraft, in der Tiefe seines Gehirns wurde eine kleine Saite zum Schwingen gebracht, die einen schrillen pfeifenden Ton durch seinen Körper hindurchschickte und in jeder seiner Zellen etwas aktivierte, das zum Leben erwachte. Es raubte ihm Energie. Er konnte seinen Körper nicht mehr fühlen. Wo waren seine Arme? Seine Füße?
Überall um ihn herum hörte er ein Wispern, ein säuselndes Flüstern wie das Züngeln einer Schlange. Lichtblitze zuckten vor seinen Augen auf, doch er konnte sie nicht wirklich sehen. Er konnte sie nur in seinem Kopf spüren. Und er konnte nichts tun, ohne seinen Körper war er machtlos. Stattdessen versuchte er seinen Geist festzuhalten und wach, denn er drohte ihm immer mehr zu entgleiten, um dem riesigen Geist Platz zu machen, der Besitz von ihm ergriff und ihn mit seinen zahlreichen unsichtbaren, aber fühlbaren Verschaltungen umwob wie eine Spinne eine Fliege in ihrem Netz einsponn.

Doch er wusste, über kurz oder lang würde er kapitulieren müssen. Denn es war stärker als er und es war in jeder seiner Zellen. Er hatte es die ganze Zeit über gespürt, dass es in ihm nur darauf wartete, aktiviert zu werden und nun entfalteten diese winzigen kleinen Elemente seiner Zellen sich zu der einzigen Macht, der sein Körper und seine Seele zu gehorchen schienen. Er sah vor seinem inneren Auge Bilder aus seinem Leben vorüberziehen. So als spiele dieses Wesen, in dessen Gehirn er sich nun befand, sie ihm zum Abschied noch einmal vor. Doch sie rasten so schnell vorbei, dass er sie kaum wahrnehmen konnte.
Er hörte das Lachen seiner Schwester, er hörte die Stimme seines Vaters, er sah das Haus seiner Eltern in Massachussetts, er sah die 42 seiner Wohnungstür in Washington vor sich vorbeirauschen und er sah ein Gesicht. Ein Gesicht in dessen tiefblauen Augen er jedes Mal, wenn er sie sah, versank. Doch auch sie huschten vorbei und sein Geist griff ins Leere als er versuchte, sie zurückzuhalten. Seine Stimme wollte ihren Namen rufen, doch er hatte sie nicht mehr unter Kontrolle. Stattdessen verblassten die Erinnerungen, die vor ihm vorbeizogen mit jeder Sekunde ein wenig mehr, bis seine Seele haltlos und nach sich selbst suchend in seinem Kopf herumtaumelte und darauf wartete, endgültig ausgelöscht zu werden. Die Mitochondrien in seinen Zellen pulsierten und wuchsen, bald nahmen sie fast den ganzen Raum in seinen Zellen ein und warteten darauf, seinen Körper und seinen Verstand zu besiegen. Doch noch leistete er Widerstand, noch war sein Wille zu überleben ungebrochen. Noch erinnerte er sich an sie.


Am nächsten Morgen (Mensch, Scully mach hinne!!!)


Scully war am Abend nach ihrem merkwürdigen Traum in das Zimmer des Botschafters gestürmt und hatte ihn so lange belagert, bis man ihr die Listen aller Tanklastzüge von Exxon vorlegte, die zurzeit in Algerien unterwegs waren. Es waren eine ganze Reihe gewesen, doch nur drei waren in der Sahara unterwegs. Sie hatte sich für den Tanklastwagen entschieden, der zum Militärflughafen nach Reggane gefahren war, denn er hatte in einer Oase über Nacht einen Zwischenstop eingelegt. Außerdem war das der Ort, der am weitesten weg und am tiefsten in der Wüste war. Und er passte in etwa zu einem der Orte auf der Liste, die die Einsamen Schützen ihr gegeben hatten. Mulder musste dort gewesen sein, zu viel deutete darauf hin! Doch sie hatte gewusst, dass es unvernünftig und unmöglich war noch in der Nacht in die Wüste aufzubrechen. Also hatte sie dem Botschafter das Versprechen abgenommen, bis zum Morgen eine Transportmöglichkeit für sie zu arrangieren und hatte sich mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend wieder schlafen gelegt.

Nun stand sie nach einem kurzen Flug mit einer alten Cessna mitten in der Wüste auf dem Boden der Militärbasis in Reggane und wartete darauf, dass ihr Begleiter, ein junger Franzose, dessen Englisch sie kaum verstand, den Jeep startklar machte, so dass sie endlich aufbrechen konnten. Die Sonne brannte schon auf ihrer hellen Haut und sie hielt die Hand vor ihre Augen um in die Ferne zu sehen, dorthin, wo sie in Kürze aufbrechen würden. Die Straße der Militärbasis verlor sich am Horizont im Sand und sie wusste, es würde eine anstrengende Fahrt werden. Sie setzte sich ihr Baseballcap auf und zupfte ihr helles Leinenoberteil zu Recht. Es legte sich geschmeidig über ihren Bauch und seine langen Ärmel bedeckten ihre empfindliche Haut. Ihre schwarze Leinenhose wehte im Wind um ihre Beine und ihre Knöchel wurden vom feinen Sand gestreift. Es kitzelte und fühlte sich warm und sanft an. Es war so still hier und so frei. Doch in ihrem Herzen herrschte große Unruhe und sie sah immer wieder zu dem Jeep und seinem Fahrer hinüber, der mit einem Soldaten auf Französisch etwas auszuhandeln schien.
Endlich ging es los und Scully sah auf die Karte, auf der sie den Ort markiert hatte, an dem sich ihrer Meinung nach dieses Raumschiff, oder was immer es auch war, aufhalten musste. Mulder war dort, dessen war sie sich sicher. Aber es war noch eine weite Fahrt, denn sie mussten immer wieder in der Hitze sobald sie an einer Palme vorbeikamen eine Pause einlegen und Scully wusste, sie würden nicht vor Nachmittag dort sein. Und was würde sie dort finden?

 

Zur selben Zeit überall auf der Welt


Es waren die Blätter an den Bäumen, die zuerst begannen. Die wenigen Vögel, die noch auf den Ästen saßen, waren laut kreischend aufgestoben und im Himmel verschwunden. Und auch alle anderen Tiere, die Rehe in den Wäldern, die Fische in den Flüssen und Seen, die Kaninchen in den Feldern, sie alle hatten die Unruhe bemerkt. Denn es passierte auch in ihnen. Während die Blätter innerhalb weniger Stunden ihre goldene Farbe verloren und welk und braun zur Erde fielen, während die Blumen auf den Wiesen ihre Blüten abwarfen, begannen die Zellen in den Tieren und Pflanzen zu platzen und nach und nach löste sich das Innere eines jeden Tieres auf und wurde ersetzt durch das Schwarz, das sich darin Platz geschaffen hatte.

Es wurde merkwürdig still in den Wäldern. Doch in den Städten merkte man nichts. Dort ging das Leben weiter in seinen gewohnten Bahnen, alles war wie immer hektisch, laut und lebendig. Das Hupen der Autos und die Lautsprecher in den Kaufhäusern waren zu schrill, als dass die Menschen das leise Säuseln, das der Wind mit sich trug, hätten wahrnehmen können. In den Städten war die Welt in Ordnung. Noch.

 

Fünf Stunden später in der Sahara, 240 km südwestlich von Reggane


„Hier ist es!“ rief Scully plötzlich laut aus und der Fahrer machte vor Schreck so abrupt halt, dass sie sich fast übergeben hätte. Ihr war von der Schaukelei der Fahrt schon seit Stunden schrecklich übel und sie war dankbar, dass sie nun endlich wieder aussteigen konnte. Ihre Knie waren wie Gummi und in ihr Magen war flau. Ihr Kopf war schwer und träge, ihr war schwindelig und heiß. Die Sonne brannte auf den rötlich schimmernden Wüstensand, der sich vor ihr wie ein Meer ausbreitete und unter ihren Füßen zart wie Sahne zerfloss. Doch Scullys Augen waren starr auf etwas gerichtet, das sie in der Ferne sehen konnte.
War es eine Fata Morgana? Oder wölbte sich die Luft vor ihren Augen linsenförmig? Doch ihr Begleiter sah es auch. Aber er hörte nicht das Flüstern, das Scully hörte, das Flüstern, das sie so erschreckt hatte, dass sie sofort den Jeep hatte anhalten lassen. Es war ganz plötzlich aufgetreten, doch es klang so vertraut. Es war in ihrem Kopf. Und es floss kalt durch ihre Adern, so kalt, dass sie trotz der sengenden Saharasonne Gänsehaut bekam.

„Hier muss es sein, sehen Sie das?“ Sie zeigte auf die eigenartige Wölbung der Landschaft, als halte jemand eine Linse davor und ging darauf zu. Ihr Begleiter, der mehr Erfahrung mit Reisen durch die Sahara hatte als sie, setzte einen Funkspruch ab, damit man wusste, wo sie waren und schulterte eine Wasserflasche, die in einem Beutel steckte. Wenn man durch die Wüste lief, verlor man das Gefühl für Zeit und Entfernungen und er wollte verhindern, dass eine schwangere, weiße Frau seinetwegen in der Wüste den Hitzetod erlitt. Er hatte den Befehl erhalten, ihr zu folgen und sich um ihre Sicherheit zu bemühen und das tat er, auch wenn irgendetwas an diesem Ort ihm eine Gänsehaut bereitete. Er fuhr erschrocken herum als er einen Schrei hörte.

Scully hatte den Schrei ebenfalls gehört. Inmitten der Stille der Sahara hatte er so nah geklungen, als wäre seine Quelle direkt hinter ihr. Doch als sie sich erschrocken umdrehte, sah sie einen Esel neben dem Jeep stehen. Sie sah fragend zu dem Franzosen, der mit den Achseln zuckte und sich nach dem Besitzer des Esels umsah, während er dem Tier von dem Wasser, das es in einem Beutel um den Hals trug, etwas gab. Wie lange war er Esel schon hier und woher war er gekommen?
Scully drehte sich wieder zurück zu dem eigenartigen Etwas, das ihre Reise so plötzlich beendet hatte, als sie etwas Dunkles zwischen den Dünen sah. Es war vom Sande verweht, aber dort war etwas. Ein furchtbarer Verdacht machte sich in ihr breit, als sie darauf zurannte. Je näher sie kam, desto näher kam auch die schreckliche Gewissheit, dass sie den Besitzer des Esels gefunden hatte. Sie rief aufgeregt über ihre Schulter nach ihrem Begleiter, während sie vor dem leblosen, von der Sonne verbrannten Körper des Jungen auf die Knie in den Sand fiel. Er war wie ausgedörrt und Scully wusste sofort, dass er tot war. „Oh mein Gott!“ entfuhr es ihr, als sie bei den Sachen des Jungen Mulders Taschenmesser wiederfand. Verzweiflung stand in ihren Augen, als sie versuchte die Fassung zu bewahren.
Der Franzose hob den Leichnam des Jungen auf und trug ihn zum Jeep, wo er einen erneuten Funkspruch absetzte. Solche Vorfälle waren in der Wüste nicht selten, daher tat er, was die Routine verlangte und verschwendete keinen weiteren Gedanken darüber, wieso der Junge tot in der Wüste gelegen hatte. Aber die Gänsehaut auf seinen Armen blieb.
Scullys Finger fuhren über das Taschenmesser, bis es wie neu in der Sonne schimmerte und glänzte. Ihr Griff klammerte sich darum als sie ihren Blick hob und ratlos in die Ferne sah. Ihre Augen ruhten auf dem Sandmeer und auf der Luftverzerrung. Es flüsterte ihr zu. Fast wie ferngesteuert setzte sie einen Fuß vor den anderen und ging weiter darauf zu. Sie hatte nur noch einen Gedanken, sie musste Mulder finden, auch wenn er längst tot war. Sie musste seinen Körper noch einmal in ihren Armen halten, noch einmal sein wunderschönes Gesicht sehen und mit ihren Fingern durch sein weiches Haar fahren.
Sie merkte überhaupt nicht, wie sie sich immer weiter und weiter von dem Jeep entfernte. Sie merkte auch nicht, dass ihr Begleiter, der ihr mit der Wasserflasche nach seinem Funkspruch gefolgt war, plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Sie hörte nur noch dieses eigenartige Flüstern und fühlte die klirrende Kälte in ihren Adern, als sie immer weiter auf diese Wölbung zuging. Schützend hielt sie die Hand auf ihren Bauch als sie plötzlich vor etwas stand, dessen physikalische Kraft die Luft zu elektrisieren schien.
Sie streckte vorsichtig den Arm aus und hatte das Gefühl, durch eine unsichtbare Wand zu greifen, hinter der sich eine warme zähflüssige Masse befand. Erschrocken wollte sie die Hand zurückziehen, doch stattdessen zog sie diese unsichtbare Kraft weiter hinein, bis ihr ganzer Körper von der Flüssigkeit umspült war. Sie drehte ihren Kopf um und wollte nach dem Franzosen um Hilfe rufen, aber die Wüste konnte sie nur noch verschwommen wahrnehmen, alles begann sich zu drehen und das Sonnenlicht schwirrte wie durch dicke Schichten von Zellophan über ihr im Kreis, doch seine Hitze erreichte sie nicht mehr. Schließlich gingen die Lichter aus und alles in ihr wurde von einem metallischen Gefühl erfüllt, das ihr den Atem raubte und die Stimme nahm. Doch ihre Panik löste sich plötzlich in Wärme auf und sie ließ sich tragen von dem Netz aus Elektrizität, das sie umgab.
Sie wusste es nicht, doch das schwarze Öl, mit dem sie vor Wochen infiziert worden war, das nur wegen ihres Kindes nicht ausgebrochen war, wurde in diesem Moment stärker und floss durch ihren Körper, dessen Zellen anschwollen und zu platzen drohten. Ihr Verstand löste sich von der Umgebung, ebenso wie ihre Sinne. Bilder flogen vor ihrem inneren Auge durch das Nichts, sie blitzten für den Bruchteil einer Sekunde auf, sie konnte sie kaum greifen.
Sie hörte das Lachen ihrer Brüder in ihrem Kopf, sie hörte die Musik, die ihre Mutter immer beim Kochen eingeschaltet hatte, sie sah Melissa und sich wie sie sich heimlich als Teenager geschminkt hatten, sie sah das Ultraschallbild ihres Babys mit der eigenartigen Verdichtung in seinem Nacken. Doch alles schien aus einer Welt zu stammen, der ihr Körper offenbar nicht mehr angehörte. Es war alles so fremd. Alles bis auf das letzte Bild, das vor ihrem Auge erschien, bevor diese Macht ihr die Seele entriss. Es war das Bild von Mulders Lächeln, das Lächeln, dem sie so viele Tausend Male schon verfallen war, das Lächeln, dessen Erinnerung sie sich nicht nehmen lassen wollte. Ihr Körper wehrte sich mit aller Kraft, auch wenn er ihr nicht mehr gehorchte. Sie fühlte nicht, was mit ihr geschah, doch sie wirbelte in schnellen Spiralen durch das riesige Netzwerk unsichtbarer Impulse in die Höhe, einem anderen Körper entgegen, der dort oben seit unzählbaren Augenblicken gegen das Nichts in seinem Geiste kämpfte.

Scully hatte die Kontrolle verloren über sich und ihren Verstand, sie ließ sich forttragen, während ihr Herz sich noch immer an das letzte Bild klammerte. Doch sie wusste nicht, dass es gar nicht sie war, die die Kontrolle verloren hatte. Sie wusste nichts von dem Aufruhr, der in diesem Moment durch das eigenartige unsichtbare aber irgendwie fühlbare Gewebe um sie herum zuckte. Sie sah nicht, wie plötzlich mitten in der Wüste Blitze aus dem Nichts in den Himmel fuhren, wie die Luft unruhig knisterte und flimmerte und wie der Sand von einem unsichtbaren Sturm kilometerweit in alle Richtungen geschleudert wurde.
Die schwarze Masse in ihr pulsierte durch ihren Körper und schüttelte ihn, doch er konnte nicht vollständig von ihm Besitz ergreifen, er drang nicht durch bis zu dem neuen Leben in ihr. Und er drang nicht durch in den kleinen Winkel ihres Geistes, in dem sie sich diese eine Erinnerung bewahrte, mit all ihrer Lebenskraft. Denn sie wusste, würde sie das loslassen, würde sie versinken in der unkontrollierbaren Tiefe dieses Schattenreichs.

Zeit und Raum existierten hier nicht und daher können es Sekunden oder aber auch Stunden gewesen sein, in denen zwei scheinbar leblose Körper in einem Netwerk schwebten, das man weder sehen noch tasten konnte. Man konnte es nur fühlen in seinem Geiste, man konnte fühlen, wie es einem den Lebensfunken entziehen wollte und durch seine scharfe, beißende Elektrizität ersetzen wollte. Doch inmitten der Taubheit, der Körperlosigkeit, in der sich die beiden befanden, konnten sie plötzlich etwas fühlen. Sie konnten fühlen, dass sie nicht mehr allein waren, dass die Nähe eines anderen existierte. Die Bilder vor ihren Augen, die ihnen die Kraft gegeben hatten bei Sinnen zu bleiben, wuchsen an zu einem warmen Gefühl, das das Schwarz aus ihren Seelen vertrieb.
Als ihre Finger sich im Vorbeiziehen für einen winzigen Moment berührten, konnten sie plötzlich ihre Körper wieder fühlen und schlugen ihre Augen auf, die plötzlich wieder das Schwarz um sie herum wahrnehmen konnten. Sie holten Luft, die sie wieder in ihre Lungen eindringen fühlten und stießen Schreie aus, die sie wieder hören konnten.

 

In diesem Moment vibrierte der Boden laut donnernd und sie spürten wie ihre Körper herumgewirbelt wurden in einer Kontraktion des Kraftfelds, das sie umgab. Die Luft wurde heiß, das Schwarz um sie herum verwandelte sich in dunkelrotes Glühen. Sie hörten Donner und sahen zuckende Blitze. Ihre Haut wurde von Milliarden feinen umherwirbelnden Sandkörnern wie durch unendlich viele winzige Peitschenhiebe zerkratzt. Und ihre Zellen kontrahierten sich zusammen mit dem Kraftfeld, in dem sie noch immer festgehalten wurden. Sie konnten sich nicht bewegen und wurden wie Puppen durch die Luft geschleudert. Der Donner krachte laut durch die Wüste und das Medium waberte um ihre Körper herum, warm und kalt im Wechsel.

Doch plötzlich fühlten sie einen harten Schlag, der ihnen das Bewusstsein raubte und ihre Körper hart auf den noch immer bebenden Boden fallen ließ. Um sie herum schoss der Sand in die Höhe und es war als würde der Himmel aufreißen, als ein lautes Donnern durch die Wüste stürmte und das Kraftfeld, den Sand hinter sich her in den Himmel mitreißend, über ihren erschöpften Körpern explodierte. Über den gesamten Himmel über ihnen rollte eine Stoßwelle unsichtbarer Kraft, die das Sonnenlicht für einen Moment verschluckte und die Wüste für den Bruchteil einer Sekunde in Schatten tauchte. Der Lärm war unvorstellbar und die Kraft war so stark, dass der Boden noch Minuten danach fein vibrierte. Der Sand, den das Kraftfeld mit sich gezogen hatte, rieselte wie trockener Regen minutenlang zurück auf den Boden und bedeckte ihre Körper mit einem dünnen Film.

Stille breitete sich aus. Stille, als wäre der Schall verloren gegangen.

Doch überall auf der Welt geschah in diesem Moment dasselbe. Die Blätter und Blüten, die die Natur am Morgen leblos abgeworfen hatte, wirbelten in den Himmel hinauf, wo sie hinter den Wolken verschwanden und über den Städten als dicker öliger Regen hinabfielen. Die Vögel fielen vom Himmel und die Fische wurden von meterhohen Wellen tot an die Küsten und Ufer der Kontinente gespült, als wolle das Meer sie ausspucken. Und in den Wäldern rannten verlorene Rehkitze und Bärenkinder durch den beißenden Gestank des toten Fleisches ihrer Eltern. Schwarzes öliges Blut war es, das aus den Tierkörpern austrat und wie Wasser verdampfte, so dass graue Wolkenschleier über den Tälern und Feldern zu den Küsten zogen, wo sie herabregneten, als gäben sie dem Meer die Schuld an dem Tod, der an Land gewütet hatte.
Und dieses Mal merkten auch die Menschen in den Städten etwas, auch wenn die Fernsehübertragungen, die Radiosender und Funkverbindungen gestört waren. Überall mussten Flugzeuge notlanden, warteten vergeblich auf Start- oder Landeerlaubnis. Und auf den Straßen stießen Wagen zusammen, deren Räder in dem öligen Film auf den Straßen keinen Halt mehr gefunden hatten. In den Häuserschluchten der Großstädte war es Nacht geworden und überall schwebte der dunkelgraue sich kräuselnde Dunst durch die Straßen.

Die Menschen rannten in Panik in ihre Häuser, wo sie mit großen, angsterfüllten Augen die öligen Regentropfen anstarrten, die wie schon einige Wochen zuvor aus schwarzen Wolken über ihren Dächern fielen.
Die Regierungen waren in Alarmbereitschaft, die alten Herren in ihren grauen Anzügen wussten, woher all diese Dinge kamen, doch sie bewahrten Ruhe und niemand ließ sich etwas von der Panik anmerken, die überall in den Gesichtern der Bevölkerung zu lesen war.
Und niemand tat etwas, denn die Regierungen waren noch nicht bereit, sie waren überrascht worden von dieser Katastrophe und mussten mit allen Mitteln durchgreifen, um die Journalisten, die ihnen die Gebäude einrannten, mit den richtigen Informationen zu versorgen.

Mit allen Informationen außer der Wahrheit.

 

Zur selben Zeit in der Sahara bewegte sich einer der beiden leblosen Körper. Er fühlte wieder das Leben in seinen Muskeln, die ihm wieder gehorchten. Das Flüstern, das seit Tagen in seinem Kopf alle Gedanken verwirrt hatte, war verschwunden. Sein Geist gehörte wieder ihm. Er schlug die Augen auf und sah in das goldene Licht, das tief über der Sahara noch immer heiß auf ihn herabschien. Sein ganzer Körper war mit Sand bedeckt. Und der Wind fegte leise und zart über seine Haut. Es dauerte einen Augenblick bis er wusste, wo er war. Wer er war und was geschehen war. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Außer daran, dass er hier mit einem Jungen auf einem Esel hergekommen war um dieses Ding zu suchen. Er bewegte sich, seine Muskeln schmerzten und seine Haut brannte.
Etwas berührte ihn, ein anderer Körper, der gegen seine Beine drückte. Er war regungslos. Mulder drehte sich um und blickte auf einen Kopf, dessen rotes Haar im Licht wie Kupfer leuchtete.

Plötzlich war seine Benommenheit verflogen. Er setzte sich auf und rollte den Körper auf den Rücken. Panik stand in seinen Augen, Panik vor der Entdeckung, die er vielleicht machen musste. Doch seine Finger tasteten zitternd einen festen und starken Puls. Ihm wurde schlecht vor Erleichterung als er seinen Blick aufgeregt über ihren Körper gleiten ließ. War alles in Ordnung mit ihr? War sie verletzt? Wie war sie hierher gekommen? Ging es dem Baby gut? Er legte seine Hand auf ihren Bauch. Wie oft hatte er davon geträumt, das tun zu können. Er war prall und warm und sein Herz hüpfte als er eine Bewegung darin fühlten konnte. Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht, dessen zarte helle Haut vom Sand winzige Kratzer davongetragen hatte.

Tränen der Erleichterung rollten über seine Wange und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er einen stummen Schrei ausstieß und seinen Kopf auf ihre Brust legte. Es war alles zu unwirklich, zu überwältigend für ihn, er hatte das Gefühl zu zerbrechen und er schluchzte ein paar Mal still auf ihrer Brust den Schmerz hinaus, bevor er wieder atmen konnte. Ihr Herzschlag drang in sein Ohr im Rhythmus seines eigenen Herzens. Seine Hände glitten an ihrem zierlichen Körper entlang und er umarmte sie, so fest ihr Bauch es zuließ. Ihre Haut war so weich und warm und es tat so gut ihren Körper zu fühlen.
Als er plötzlich merkte, wie sich ihre Arme langsam und noch zögerlich, aber dann immer fester um seinen Körper legten, war es als würde er neugeboren.

Scully war von einem Kitzeln auf ihrer Haut wachgeworden, doch ihr Geist war weit weg gewesen, weit weg von diesem Ort, sie hatte Mulder nur in der Ferne wahrgenommen. Doch als sich sein schwerer Kopf auf ihre Brust gelegt hatte, hatte sie ihn ganz nah bei sich gefühlt, es hatte sie zurückgeholt aus der Dämmerung, in der sie noch geschwebt war. Sie hatte die Augen aufgeschlagen und in den blauen Himmel gesehen, bis ihre Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Und dann hatte sie langsam ihre Arme, die ihr wieder gehorchten, um seinen Körper gelegt. In diesem Moment war es gewesen, als hätte jemand das fehlende Puzzleteil, das ihr seit Wochen zum Leben gefehlt hatte, endlich ersetzt. Als könnte sie erst jetzt wieder atmen und als würde erst jetzt ihr Herz wieder richtig schlagen. Sie hatte die Augen wieder geschlossen und am ganzen Körper gezittert, es hatte sie so sehr überwältigt, dass sie nicht sprechen konnte.
Tränen des Glücks waren aus ihren Augenwinkeln geflossen und in den trockenen weichen Sand gefallen.

Sie hielten sich wortlos fest mit all ihrer Kraft, als würde das Loslassen den sicheren Tod bedeuten, als würden sie sonst in den Himmel hinaufstürzen und für immer verloren sein.

Mulder fühlte jeden Millimeter, den sich ihre Körper berührten, so als gäbe es keine Trennung mehr zwischen ihnen. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und löste die Umarmung ein wenig, nur um ihr endlich wieder nach so langer Zeit in die himmelblauen Augen sehen zu können. In die Augen, die ihm jedes Mal, wenn er sie sah, das Herz brachen.
Als sich ihre Blicke trafen, stand der Wind still und die Welt lauschte dem zarten Flüstern ihrer Seelen, die nach so langer Trennung endlich wieder zueinander gefunden hatten.

Sie beide hörten auf zu atmen und verloren sich in den Augen des anderen, während sich ihre Lippen näher kamen und in einem Kuss verschmolzen, der süßer und himmlischer schmeckte als Honig und der ihre Körper elektrisierte, so dass sie beide Gänsehaut bekamen. Doch dieses Mal war es zarte Wärme in ihrem Blut, die die Gänsehaut ausgelöst hatte.
Sie küssten sich sanft und lange bis ihnen schwindelig wurde. Sie holten sich in diesem Kuss die ganze Nähe wieder, die sie die letzten Wochen hatten entbehren müssen. Mulder strich immer wieder ihr rotes Haar, das der Wind ihr ins Gesicht blies, zur Seite und sie hielt sich noch immer ein wenig zitternd an seinen Schultern fest und nahm mit jedem Atemzug seinen Duft auf um ihn nie wieder vergessen zu können.
Ihre Herzen schlugen im selben Takt und ein Schauer nach dem anderen fuhr durch ihre Körper und elektrisierte die Luft um sie herum.

Sie hielten einander fest umschlungen als gäbe es weder Raum noch Zeit um sie herum, bis die rote Sonne den glühenden goldenen Sand am Horizont berührte und ein kühler Abendwind durch ihre Kleider fegte.

 

Sie wussten, sie mussten hier weg, denn in der Dunkelheit würden sie niemals alleine nach Reggane finden. Aber Mulder hatte nicht die Kraft sich von ihr zu lösen, zu lange hatte er ihren Duft nicht einatmen können, als dass er nun schon von ihr hätte ablassen können.

Es war Scully, die mit ihrer Hand sanft über seine Wange strich und das minutenlange Schweigen zum ersten Mal brach. „Es wird bald dunkel, wir müssen aufbrechen.“ Er legte seine Finger auf ihre Lippen und gab ihr noch einen zarten Kuss. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er sanft, bevor er sie losließ. Doch sie antwortete nicht. Stattdessen strich sie mit einem müden, erschöpften Lächeln mit ihrer Hand liebevoll durch sein Haar und sah ihm tief in die Augen, in denen sie am liebsten versunken wäre. Es war nichts in Ordnung, ihr Herz brannte, es schmerzte so sehr ihn loszulassen. Sie war überfordert von alledem um sie herum und ihre Glieder schmerzten. Sie hatte Angst, weil sie sich nicht erinnern konnte, was passiert war. Und weil ihr Bauch schmerzte.
Er fühlte, dass es ihr nicht gut ging und half ihr auf. Noch mit beiden Händen aneinander festhaltend sahen sie sich nach dem Jeep um, der ein ganzes Stück entfernt stand und überall voller Sand war. Mulder half ihr sich hineinzusetzen und griff nach dem Funkgerät, nicht ohne auch nur eine Sekunde den Blick von ihr zu wenden.
In holprigstem Französisch funkte er die Militärbasis an, doch erhielt erst nach Sekunden unerträglichen Wartens eine kaum hörbare Antwort. Sie klangen aufgeregt und wütend. Doch Französisch klang für Mulder immer wütend. Sie würden ihnen entgegenkommen, damit sie in der Dunkelheit zurückfanden. Mulder breitete den Plan aus und wischte den Sand davon weg. Er sah auf den Kompass und versuchte sich zu orientieren, als er merkte, dass Scully unruhig wurde.
Sie sah ihn aufgeregt an. „Wo ist die Leiche des Jungen? Und wo ist Jean?“ Mulder sah fragend zurück. „Jean? Bist Du etwa mit einem Franzosen durchgebrannt?“ Sie war allerdings überhaupt nicht zu Scherzen aufgelegt und sah voller Sorge um sich. „Jean ist mein Begleiter, er hatte die Leiche eines Jungen zum Jeep getragen und dann…“ Sie brach ab, denn sie wusste nicht, was dann passiert war. „Mulder, wir können ihn hier nicht zurücklassen! Wir müssen ihn suchen!“ Doch Mulder schüttelte den Kopf und sah besorgt zu dem roten Feuerball, der schon zur Hälfte in den goldenen Sand eingetaucht war. „Wir können nicht warten, wir müssen jetzt losfahren. Es ist ein weiter Weg mitten durch die Sahara und bald wird es dunkel sein. Wasser ist auch nicht gerade im Überfluss vorhanden. Wir müssen an uns drei denken, Jean ist vermutlich längst weg oder….“ Scully beendete seinen Satz. „Oder tot, meinst Du?“
Das Licht über den Dünen verblasste langsam und die Wüste färbte sich graublau. Mulder hatte Recht, sie mussten hier wirklich schnellstens weg. Aber es widerstrebte ihr dennoch einfach fort zu fahren.

Mit den Metern, die sie hinter sich ließen, wurde sie allerdings wieder ruhiger. Denn es musste etwas Schlimmes passiert sein, sonst hätte Jean sich niemals so weit vom Jeep entfernt. Er war seit Jahren in Algerien, er wusste, wie man in der Wüste überlebte. Und warum sollte er zusammen mit der Leiche des Jungen und einem Esel verschwunden sein? Sie lehnte sich zurück und hielt ihren Bauch, der noch immer ein wenig schmerzte. Mulder hatte von ihnen als „uns drei“ gesprochen. Sie sah ihn von der Seite an und fühlte die Ruhe, die seine Nähe ihr gab. Sie legte ihre Hand vorsichtig auf sein Bein und er lächelte sie an.
Es war das Lächeln, das ihr das Leben gerettet hatte. Doch sie beide wussten es nicht, sie fühlten, dass etwas mit ihnen geschehen war, doch sie erinnerten sich nicht und sie hatten keine Ahnung, was dort draußen fernab dieser unvorstellbar weiten Leere der Wüste vor sich ging. Sie schwiegen, denn sie waren überfordert und überwältigt von den Ereignissen der letzten Tage. Und es gab nichts, wofür sie jetzt hier die richtigen Worte gefunden hätten. Das musste warten. Sie mussten erst in Sicherheit sein.


In der Nacht, Oase bei Reggane

Mulder wachte auf. Etwas hatte sich bewegt. Er drehte sich auf seiner Pritsche um und sah nach Scully. Doch ihr Nachtlager war leer. Er setzte sich ruckartig auf und schob die Plane des Berberzelts beiseite. Die Männer, die ihnen von der Militärbasis aus mit ihren Jeeps durch die Nacht entgegengekommen waren, hatten sie hier untergebracht, damit sie am nächsten Morgen nach Tunis zurückfliegen konnten.

Wo war sie hin? Doch Mulder riss sich zusammen, vermutlich war sie nur kurz zu den Waschräumen verschwunden und würde gleich zurück sein. Er lehnte sich gegen die Wand des Zelts, die ein wenig unter seinem Gewicht nachgab. Jeder, der behauptet hatte, nachts würde es in der Wüste kalt, hatte gelogen! Er konnte kaum atmen, so stickig war es. Kein Lüftchen regte sich und es war hier viel stiller als in der Oase, wo er bei seiner Hinreise genächtigt hatte. Doch die Minuten verstrichen und sie kam nicht wieder. Er wurde unruhig und beschloss schließlich doch nach ihr zu suchen. Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Die Waschräume waren dunkel und leer, nur das kostbare Wasser tropfte aus dem einzigen Wasserhahn und verursachte ein hohles, plätscherndes Geräusch.
Mulder sah sich um und biss nervös von innen auf seine Unterlippe. Alles schlief, die Palmen standen still und reckten ihre prächtigen Kronen zu den Sternen hinauf. Es war fast Vollmond und Mulder hatte noch nie so viele Krater auf der Mondoberfläche erkennen können. Das fahle Licht hüllte die Oase in kühles dunkles Blau. Es würde ihm helfen Scully zu finden. Ihr weißes Oberteil würde im Mondlicht leuchten. Aber wo war sie hin? Langsam bekam Mulder Angst. Er versuchte flüsternd nach ihr zu rufen und zischte ihren Namen in die Stille hinein. „Dana! Wo steckst Du?“ Doch es kam keine Antwort.
Plötzlich sah er etwas zwischen den Palmen in der Wüste aufblitzen. Er rannte darauf zu und je näher er dem weißen Schimmern kam, desto sicher war er sich, dass er sie gefunden hatte.
Aber irgendetwas stimmte nicht.

 

Sie war in die Wüste hineingelaufen und stand nun 50 Meter von ihm entfernt im Mondlicht im Sand und regte sich nicht. Als sie plötzlich auf die Knie fiel, setzte Mulders Herz aus und er lief so schnell er konnte durch den kühlen Wüstensand auf sie zu. Seine Füße sanken bei jedem Schritt ein und es kam ihm vor, als würde er sich kaum von der Stelle bewegen.
„Dana, was ist?“ Doch sie antwortete nicht, sie krümmte sich über ihren Bauch und hatte den Mund wie in einem erstarrten Schmerzensschrei geöffnet. „Dana, ist was mit dem Baby?“ Mulders Stimme zitterte vor Panik. Warum sagte sie denn nichts? Sie sah ihn nicht einmal an, als nähme sie ihn gar nicht wahr. „Dana!“ Er legte seine Hand auf ihren Bauch und strich mit der anderen Hand ihr Haar beiseite. Erst jetzt blickte sie zu ihm auf.

Doch er sah nicht in ihre wunderschönen klaren Augen. Er sah in zwei schwarze dunkle Schatten hinein.

In ihren Augen schlängelte sich ein schwarzer Schleier unter ihrer Hornhaut entlang. Und aus ihrem linken Nasenloch floss schwarzes Öl. Mulder packte sie an den Schultern, als ihre Augenlider schwer wurden und sie wie im Trance nach hinten zu fallen drohte. „Nein, bleib bei mir!“ Er schüttelte sie verzweifelt in der Hoffnung, das schwarze Gift aus ihr zu vertreiben, doch er wusste, nur sie konnte das. Eine Träne lief ihm über sein Gesicht.

Scully spürte von alledem kaum etwas. Sie war von einem Schmerz geweckt worden, der durch ihr Rückenmark bis in ihr Gehirn geklettert war. Der Schmerz hatte sie aus dem Bett getrieben und sie hatte sich mit dem lauwarmen Wasser im Waschraum das Gesicht gewaschen, in der Hoffnung, es würde von dem Schmerz ablenken. Doch in ihrem Körper war dieses pulsierende schwarze Zeug zum Leben erweckt worden und hatte sich kalt durch ihre Adern gewunden. Vor Schmerz war sie immer weitergelaufen und schließlich zusammengesackt, als ihre Sinne von dem Schwarz benebelt worden waren. Sie hörte Mulder in der Ferne mit ihr sprechen, aber dieses Flüstern in ihrem Kopf wollte nicht aufhören. Sie fühlte seine Berührungen wie Fremdkörper unter ihrer Haut. Was geschah mit ihr?
Da merkte sie, wie das Wesen in ihr plötzlich wieder zu zucken begann, wie es sich in ihrem Körper wand und unter ihrer Haut entlang schlängelte. Nacht brach über ihrem Herzen herein und sie fühlte den kalten Hauch des Todes in ihrem Nacken. Es kroch ihr die Kehle hinauf und durch ihren Gehörgang. Sie konnte nicht mehr atmen und ihre Hände krallten sich reflexartig an Mulder fest, der sie mit aller Kraft in den Armen hielt, weil es das einzige war, was er tun konnte.

Doch da fühlte er, wie eine Welle durch ihren Körper fuhr und sie sich wie von einer inneren Kraft getrieben, aufbäumte und nach vorne überbeugte. Das schwarze Öl floss in Strömen aus ihr heraus. Es floss aus ihrem Mund, aus ihrer Nase und aus ihren Ohren. Scully spürte, wie es von ihr abließ, wie es sie befreite und ihren Körper verließ. Es hatte seit dem Angriff in ihrer Wohnung in ihr gelauert und nun hatte es doch den Kampf verloren. Es floss in dunklen Rinnsalen die Düne hinunter um langsam im Wüstensand zu versickern um lediglich einen schwarzen Schatten im Mondschein zu hinterlassen.

Sie fiel erschöpft in seine Arme zurück. Er schloss die Augen als ihr Körper in seinen Armen nach Halt suchte und ihre Augen müde in die Nacht hinausblickten. Er konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Er hätte sie um ein Haar verloren und er hätte nichts tun können. So viel war seine Immunität also wert!
Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste ihr die Stirn. „Es tut mir so leid“, konnte er nur unter Tränen der Erleichterung flüstern und wiederholte es immer wieder, in der Hoffnung, er könne sich selbst für seine Hilflosigkeit verzeihen.
Sie drückte seine Hände, die sich um ihren Körper geschlungen hatten um sie festzuhalten und sah zu ihm auf. „Es ist alles okay, Mulder. Mir geht es gut.“ Ihre Stimme klang jedoch müde und matt und Mulder wusste, dass es ihr nicht gut ging. Aber ihre Augen leuchteten lebendig und sahen ihn fest an. Sie senkte wieder ihren Kopf und lehnte ihn gegen seine Brust. Sie war so müde. Er küsste sie auf ihr Haar und strich mit seinen Fingern darüber.
Es reichte. Er brachte ihr nur Unglück. Ihr Bruder hatte immer Recht gehabt, er war nicht gut für sie. Er wollte, dass diese Welt all das überstand und er wollte, dass sie glücklich würde. Er sah auf zu den Sternen, die unschuldig neben dem Mond auf die leere Wüste schienen und entschied sich den Engländer zu suchen. Er würde ihm vielleicht erklären können, was heute passiert war. Und was er tun konnte, damit all das endlich zu Ende war.

Als er ihren regelmäßigen Atem auf seinem Arm fühlte, wusste er, dass sie eingeschlafen war.
„Hey!“ weckte er sie sanft, in dem er mit seinem Finger leicht gegen ihre Wange tippte. „Das hier ist nicht gerade der ideale Ort für ein Nickerchen.“ Als sie ihre Augen öffnete, war er froh, dass sie wieder klar und blau in seine sahen. Der schwarze Schleier, der ihm vorhin einen grauenvollen Schrecken eingejagt hatte, war verschwunden. Er nahm sie auf dem Weg zurück in die Oase in den Arm und rückte ihre Liegen im Zelt zusammen, damit er ganz nah bei ihr sein konnte. Sie legte sich hin und war dankbar, dass er sich zu ihr legte und sie in den Arm nahm. Sie brauchte all seine Kraft und Nähe jetzt so sehr. Um die finstere Leere wieder aufzufüllen, die dieses Monster in ihr hinterlassen hatte.

Einen Augenblick schwiegen sie und ließen ihre Seelen dort draußen in der Einsamkeit zur Ruhe kommen. Mulders Herz schlug noch immer schnell und der Schreck saß ihm noch in den Gliedern. Wieder einmal hatte er sie fast verloren und dieses Mal schwor er sich, war es das letzte Mal gewesen.

Ihre Hand ruhte auf seiner Brust, in der sie seinen Herzschlag fühlte. Er war schnell und sein Atem war noch kurz und gehetzt.
Doch es war vorbei und die Nacht hüllte sie ein wie ein warmer Mantel. Sie wurde ruhig und war entspannt, weil er bei ihr war. Zum ersten Mal seit vielen Nächten hatte sie keine Angst einzuschlafen. Aber die Ereignisse wollten sie noch nicht loslassen, sie wollten ihr den Schlaf noch nicht gönnen. Sie strich zart mit ihrer Hand über seinen Oberkörper und sah zu ihm auf.

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Seine Augen waren im Dunkel der Nacht braun und schienen endlos tief zu sein. Sein Blick lag in der Ferne, während er fast schon wie automatisch mit seinen Fingerspitzen über ihren Arm streichelte. Es kitzelte sie, doch sie genoss es trotzdem. Sie konnte die Traurigkeit in seinem Blick sehen, dass es ihn sehr mitgenommen hatte, was dort draußen zwischen den Dünen passiert war. Sie wünschte, sie könne seine Gedanken lesen, wünschte, sie könne all das fühlen, was er in den letzten Wochen ohne sie erlebt hatte.

Als hätte er IHRE Gedanken gelesen, holte er plötzlich Luft und durchbrach mit einem starren Blick in die Dunkelheit die Stille.
„Ich war so dumm. Ich habe die ganze Zeit dort draußen nach der Wahrheit gesucht. Und dabei ist sie immer schon in mir gewesen.“ Scully zog die Stirn in Falten. „Wie meinst Du das?“
Er neigte seinen Kopf zu ihr. „All die Experimente, die an mir durchgeführt wurden, mein ganzes Leben lang. Und als ob ich es immer gewusst hätte, habe ich nach den Antworten gesucht, die diese Experimente ergeben hatten. Aber ich habe immer an den falschen Stellen gesucht. Das, was da draußen passiert ist, es ist nur passiert, weil irgendetwas in meinem Kopf ist, irgendetwas, das denen Angst einjagt. Ich habe die Angst dieses Wesens gefühlt. In meinem Geist.“

Er schien weit weit weg zu sein, als er zu ihr sprach, so als versuche er die Erinnerung, die da so blass und schwach aus der Ferne zu ihm zurückkam, im Dunkeln zu erkennen und festzuhalten. Scully küsste seine Brust und sog dabei seinen Duft ein bevor sie sprach. Sie verstand, was er gesagt hatte auch wenn sie ebenso wie er keine Ahnung hatte, was dort draußen wirklich passiert war. „Ich weiß, was Du meinst. Ich habe es auch gefühlt. Es war wie ein Flüstern, das immer lauter wurde und aus der Tiefe meines Gehirns zu kommen schien. Es hat sich so kalt angefühlt.“ Doch was konnte das gewesen sein? Mulder war es doch, der diesen Tumor in sich trug. Er war derjenige, der immun war. Oder war es vielleicht gar nicht sie, die das alles fühlte und hörte? War es in Wahrheit das Baby? Sie legte unwillkürlich ihre Hand auf den Bauch, in dem es seit ein paar Minuten endlich still geworden war.
Mulder legte seine Hand auf ihre. Es war so fremd für ihn, dass sie dieses Baby darin trug. Aber es lenkte ihn von seinen Gedanken ab und er war froh darüber, denn es machte ihm Angst. Seine fehlende Erinnerung machte ihm Angst, da er fühlte, dass sie dort draußen mit einer unheimlichen, unvorstellbar großen Macht in Berührung gekommen waren, die Kräfte freigesetzt haben musste, deren Auswirkungen sie sicherlich noch zu spüren bekommen würden. Deren Auswirkungen er gerade erst an Scully gesehen hatte.
Sein Blick ruhte auf der runden Wölbung unter der sein Sohn so friedlich zu schlummern schien, dass auch Scully langsam schläfrig wurde. „Wie fühlt es sich an?“ fragte er schließlich und Scully war darüber verwundert. Es hatte sie wieder aus ihrem Dämmerzustand geweckt. Mit so einer Frage hatte sie heute Nacht nicht gerechnet. Sie stutzte einen Moment.
Doch dann lächelte sie und reckte ihren Kopf nach oben. Sie legte ihre Hand auf seine Wange und gab ihm einen sanften Kuss, fast als wären ihre Lippen aus Seide, die nur wie Schmetterlingsflügel über seinen Mund strichen. „So fühlt es sich an“, war ihre Antwort und er lächelte zurück. „Mh…das ist ziemlich gut.“ Doch dann wurde sie ernst und legte ihren Kopf wieder zurück auf seine Schulter. „Und es fühlt sich fremd an“, setzte sie nach einer Weile hinzu. Sie hatte es die ganze Zeit mit sich herumgetragen und nun war er endlich da, nun wollte sie auch, dass er verstand, wie es ihr ergangen war, was sie durchmachte, jeden Morgen, wenn sie mit dieser quälenden Ungewissheit aufstand. „Es ist eigenartig, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Weil ich es nicht verstehe. Es macht mir Angst.“ Mulders Umarmung wurde fester, denn er wusste genau wovon sie sprach. Es war in diesem Augenblick jedoch zu viel und er versuchte, das merkwürdige Gefühl in seinem Herzen zu vertreiben.
„Hey, das Schlimmste, was Dich erwartet ist, dass er vermutlich meine Nase erbt.“ Sie schloss die Augen über diesen albernen Scherz und tat ihn mit einem Seufzer ab. Es lag so viel Ungesagtes zwischen ihnen. Wo sollten sie anfangen?
Doch Scully wusste es, sie kuschelte sich näher an ihn heran, auch wenn ihr schon warm genug in der heißen, trockenen Luft war und grub ihren Kopf in seine Schulter. „Erzähl mir, was Dir passiert ist nachdem Du mich von New York aus angerufen hast.“ „Die ganze Geschiche?“ Diesmal war es Scully, die einen Scherz versuchte. „Lass die Frauengeschichten raus, okay?“ Mulder seufzte in gespielter Enttäuschung. „Dann wird die Geschichte aber ihrer wichtigsten Spannungsmomente beraubt.“ Sie knuffte ihn leicht mit ihrer Faust in die Rippen und er begann. Er begann ihr all das zu erzählen, was ihm widerfahren war, in der Hoffnung es nun selbst zu verstehen. Und sie redeten in die Stille hinein bis der Morgen sich ankündigte und die Sonne ihre ersten Strahlen in ihr Zelt scheinen ließ.
Irgendwann im frühen Morgengrauen schliefen sie dann noch immer aneinandergeschmiegt ein, nicht ahnend, dass diese unheimliche Macht, die sie dort draußen gefühlt hatten, sie von oben beobachtete.
Wie ein gescheuchtes Tier, das vor seinem Feind geflüchtet ist. Doch war sie nicht eigentlich der Feind?

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In der gleichen Nacht überall auf der Erde


Der Atem der Welt stand still. Und die Sterne sahen wie stumme Zeugen herab auf das, was dort vor sich ging. Es regnete. In jeder Stadt, jedem Wald, jedem Gebirge und jedem Tal.
Aber es regnete in die falsche Richtung. Für jeden, der in dieser Nacht draußen unterwegs war, sah es aus wie der schwarze Regen, der auch vorher schon hinabgestürzt war.
Doch jeder, der durch diesen Regen lief, merkte, dass er nicht von oben auf ihn herniederprasselte. Er stieg aufwärts. Wie Pfeile schossen die Tropfen aus der Erde, aus jedem einzelnen Grashalm, jedem Tierkadaver und jedem Gewässer der Welt hinauf in den Himmel.

Dorthin, wo die letzten Vögel, die nicht wie Steine vom Himmel gefallen waren, verschwanden. Dorthin, wo die Sterne funkelten und dorthin, wo weit weit über den feinen Wolkenfetzen, die wie ein zarter Schleier den Mond überzogen, eine Macht über allem schwebte. Eine Macht, die zusammengefallen und konzentriert, langsam pulsierend über die Erde wachte und nicht wusste, wie ihr an diesem Tag auf diesem Planeten, der ihr schon so lange gehörte, geschehen war. Eine Macht, die sich ihrer selbst plötzlich gar nicht mehr sicher war. Sie war in die Ecke gedrängt und geschwächt worden. Von diesen zwei Menschen, die sie selbst erschaffen hatte. Es war ein Angriff gewesen. Und es hatte sie tief getroffen.
Sie sog all das, was von der Erde aus der Natur zu ihr hinaufströmte in sich auf, wie ein gigantischer Strudel am Himmel. Und niemand auf diesem Planeten begriff, was dort geschah.

Und die Macht verharrte still und bedrohlich über allem und wartete darauf zurückzukehren.


Am nächsten Nachmittag in der US- Botschaft in Tunis


Mulder sah auf die Uhr über der Tür. Es war die erste Uhr, die er seit Tagen sah. Und er verglich sie mit seiner Armbanduhr. Seine Uhr ging 43 Minuten nach. Er sah zu Scully hinüber und gab ihr mit einem Blick auf die Uhr zu verstehen, worauf er hinauswollte. Sie sah auf ihre eigene Uhr. Sie ging ebenfalls 43 Minuten nach. Sie hob die Augenbrauen und sah Mulder verständnislos an. Was wollte er ihr damit sagen? Aber dann begriff sie und gab ihm mit einem unmissverständlichen Blick zu verstehen, dass sie immer noch nicht an seine Theorie mit dem Zeitverlust glaubte. Mulder schüttelte lächelnd den Kopf. Sie würde immer die Selbe bleiben. Egal, wie viele Beweise man ihr vorlegen würde, einige Prinzipien würde sie niemals über Bord werfen.
Der Botschafter hatte die Blicke der Beiden bemerkt und hielt sie für äußerst merkwürdig und verstörend. Er sah auf seine Armbanduhr und verstand nicht, was an der Uhr in seinem Zimmer so aufregend sein sollte. Stattdessen räusperte er sich ziemlich offensichtlich.
Er schob den Beiden ihre Pässe und Flugtickets nach London zu. „Von dort aus müssen sie den Anschlussflug nach Washington D.C. nehmen. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrer Reise.“
Der Mann war sehr froh die beiden FBI – Agenten wieder los zu sein. Sie hatten inmitten des Chaos, das um ihn herum ausgebrochen war, noch zusätzlich für Unruhe gesorgt. Sie waren der Grund dafür, dass einer seiner Mitarbeiter nun irgendwo vermutlich tot in der Wüste lag. Doch er hatte zurzeit noch ganz andere Dinge im Kopf. Er musste sich um die Sicherheit der anderen Amerikaner in diesem Land kümmern. Und dabei hatte er selbst im Stillen große Angst, so wie alle um ihn herum seit dieser Regen wieder aufgetreten war. Und seit die Vögel verschwunden waren. Und die Fische tot an die Küsten Tunesiens und Djerbas gespült worden waren. Er lächelte den Beiden bemüht zu und atmete auf, als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war.


7 Stunden später, London Heathrow


Überall um sie herum quollen die Zeitschriftenläden des Flughafens fast über vor Menschen. Seit das Fernsehen und das Radio nicht mehr richtig funktionierten, stürzte sich die geängstigte Öffentlichkeit auf die Zeitungen, die auf ihren Titelseiten versuchten die Panik im Griff zu halten. Immer andere Theorien über das Warum dieser Ereignisse wurden veröffentlicht und heute war einer der Tage, an dem das Massensterben all der Tiere in den Wäldern und Nationalparks einmal mehr dem Treibhauseffekt zugeschrieben wurde.
Mulder sah auf einen Zeitungsartikel der New York Times. Nun hatte es also begonnen. Nun merkten endlich auch alle anderen, dass etwas nicht stimmte. Nur sie wussten nicht, welchen Ausmaßes dieses Etwas war. Begriffen das die Menschen denn nicht? Oder wollten sie es nicht wahrhaben?
Scully hatte den Blick in Mulders Augen bemerkt. Sie griff nach seiner Hand mit einem sehr ernsten Ausdruck in ihrem Gesicht. Er war die ganze Zeit schon so nachdenklich gewesen. Was trug er nur mit sich herum?
„Mulder? Wir sollten gehen, Boarding Time ist in 10 Minuten.“ Sie hob ihre Augenbrauen und sah ihn auffordernd an. Doch Mulder ließ sich von ihr nicht fortziehen. Unverwandt drehte er sich zu ihr um und sah ihr in die Augen, doch es war, als sähe sein Blick in Wahrheit in die Ferne. Sie hielt noch immer seine Hand und zog die Stirn in Falten. „Was ist?“ Mulder wollte es ihr nicht sagen, er wollte nicht die Enttäuschung in ihrem Gesicht sehen müssen, doch er wusste, er musste jetzt gehen.
„Ich kann nicht.“ Scullys Mund stand offen, sie hatte es die ganze Zeit befürchtet. „Was soll das heißen?“ Sie wurde ungeduldig, weil er nicht endlich sagte, was mit ihm los war. „Mulder, jetzt sag mir bitte, was Du vorhast!“ Sie ließ seine Hand los und es schmerzte ihn, denn es war, als wäre das Band zwischen ihnen einmal mehr von der Realität um sie herum durchtrennt worden. „Dana, glaub mir, ich würde alles darum geben, jetzt mit Dir in dieses Flugzeug nach Washington zu steigen, aber ich kann nicht. Ich muss diesen Engländer hier finden. Ich muss wissen, was dort draußen in der Wüste passiert ist.“
Scullys Blick war fest, auch wenn ihre Seele wackelte und zu stürzen drohte. Ihre Stimme brach und ihre Augen klagten ihn stumm an. Nur langsam verstand sie wirklich, dass er sie wieder einmal alleine lassen würde. Nun senkte sie ihren Blick zu Boden, um nicht weinen zu müssen. Hatte sie wirklich daran geglaubt, dass er mit ihr nach Hause fliegen würde? Nachdem, was dort in Algerien geschehen war? „Warum tust Du mir das immer und immer wieder an?“ Ihr Blick war wieder fest geworden, als sie wieder zu ihm aufgesehen hatte. So fest, dass es ihn schmerzte. Denn er wusste, er hatte sie verletzt.

Sie hatten sich nach so langer Zeit entschieden diese Beziehung zu beginnen und er hatte gewusst, dass es schwer werden würde, dass er seinem und ihrem Wunsch nach Nähe nicht immer gerecht werden könne. Aber er hatte nicht gewusst, dass es so schwer werden würde. Dass sie einander so sehr brauchten, dass ihre Liebe so intensiv werden würde. Dass er so wenig für sie da sein konnte. Und dennoch hatten sie sich nach so vielen Jahren des endlosen Zögerns für diese Beziehung entschieden und er wusste, sie verstand im Inneren, dass er nur aus einem Grund nicht mit ihr mit kam. Sein flehender Blick suchte nach diesem Verständnis in ihren Augen, doch fand es dieses Mal nicht. Er versuchte es zu erklären.
„Weil ich keine Wahl habe. Weil ich nicht frei bin. Ich bin Teil der Wahrheit, Teil der Zukunft, die wir aufzuhalten versuchen. Bitte! Du musst mich gehen lassen, nur noch dieses eine Mal.“ Warum machte sie es ihm noch schwerer, als es ohnehin schon für ihn war?
Sie trat näher an ihn heran und legte ihren Kopf gegen seine Brust. Konnte es sein, dass wirklich alles von ihm abhing? Konnte er es wirklich noch aufhalten? Scully biss sich auf die Lippen, als sie ihren Kopf wieder anhob und zu ihm aufsah. Seine Lippen bebten leicht und sein Blick war so tief und finster wie der sternenlose Nachthimmel. Sie wollte gar nicht daran denken, dass es das letzte Mal sein konnte, dass sie einander sahen.
„Nur noch dieses eine Mal? Und wenn es das letzte Mal ist, was dann?“ Sein Herz hüpfte stechend auf und ab in seiner Brust und der Schmerz, sie wieder zurücklassen zu müssen überwältigte ihn und er konnte nichts tun, er war wie gelähmt. Er strich ihr die langen roten Haare beiseite und legte seine Hand an ihre Wange. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was dann passiert. Aber ich weiß, dass ich, egal wo ich bin, immer wieder nur aus einem Grund weiterkämpfe. Dass ich nur wegen einer Sache weiteratme. Dass jeder meiner Herzschläge nur dieser einen Wahrheit gilt.“ Er sah ihr tief in die Augen, damit sie es verstand. „Dir! Dir allein. Und deswegen werden wir es schaffen.“
Sie presste die Lippen aufeinander, die ihr nicht mehr gehorchen wollten und senkte ihren Blick. Doch er hob ihr Kinn an und beugte sich vorsichtig zu ihr hinunter um ihr einen letzten, liebevollen Kuss zu geben. Aber als die Ansage für ihren Weiterflug durch den Lautsprecher kam, löste sie den Kuss und entzog sich Mulders Umarmung.
„Ich kann nicht. Ich muss jetzt gehen, sonst kann ich Dich nicht alleine zurücklassen.“ Sie konnte seinem Blick nicht mehr standhalten, sie merkte, wie es ihr die Kraft raubte.
Sie wendete sich von ihm ab und entfernte sich mit schnellen Schritten von ihm. Sie konnte sich nicht umdrehen. Sie wusste, wenn sie ihn dort so allein in der unruhigen Menge stehen sehen würde, würde sie zurücklaufen und ihn nie mehr loslassen. Ihre Lippen zitterten und sie bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie versprach sich, dass dies die letzten Tränen waren, die sie vergießen würde. Sie kämpfte gegen dieses erschütternde Gefühl in ihrer Brust, dass sie ihn vielleicht nie wieder sehen würde. Ihre Knie wurden weich, doch sie ging festen Schrittes immer weiter von ihm weg, während es war als würde eine Kraft sie immer stärker zu ihm zurückziehen.
Als sie endlich in ihrem Flieger am Fenster saß und seinen leeren Platz neben sich sah, schloss sie die Augen und schluckte schwer. Ihr Blick richtete sich leer nach Halt suchend auf die Startbahn, wo eine große Maschine sich wie eine Feder in die Luft schwang. Wie oft hatte sie das schon durch gestanden und wie oft war er dennoch zurückgekehrt?

Er stand still und sah ihr so lange nach, bis ihre kleine Silhouette zwischen den vielen unruhigen Menschen um ihn herum in der Menge verschwand und der Geschmack ihrer Lippen auf seinen das Letzte war, was er von ihr zurückbehielt. Und die Erinnerung an ihre tiefen, blauen Augen. Tief in seinem Inneren schloss er diese Erinnerung ein und wusste, es würde das letzte Bild sein, das er vor Augen haben würde, wenn er auf diesem Weg sterben würde.

 

Zwei Wochen später

Die Macht stand noch immer wartend am Himmel und verharrte stumm. Nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man erkennen, dass dort, wo sie über den Häusern vorüberzog, das Leuchten der Sterne für einen Augenblick verzerrt wurde und aufblinkte, ehe sie wieder still und klar weiterfunkelten. Sie war wieder stärker geworden, doch das, was sie so geschwächt hatte, ebenfalls. Denn es war aufgetrennt in verschiedene Teile und so hatte sie eine Chance.

Es war Zeit. Zeit, die nächste Phase einzuleiten.
Und damit verstummte für einen Moment das Leben auf der Welt dort unten und der Schall wagte für eine Sekunde nicht, sich auszubreiten. Es war als ginge ein winziger feiner Riss durch das Raum-Zeit-Kontinuum, der sich sofort wieder schloss.
Das Licht des Mondes flackerte einen Augenblick und ein leises Grollen donnerte durch die Wolken am Horizont. Wolken, die erneut den schwarzen Krebs über der Welt abwerfen würden.


Morgens in Margaret Scullys Haus

Dana Scully strich zärtlich über ihren Bauch und sah aus dem Fenster auf die kahlen Bäume, die ihre toten Äste traurig in den Himmel streckten als suchten sie nach ihren Blättern. Ihr Blick war so leer und fern wie er in den letzten Wochen seit ihrer Rückkehr aus Afrika oft gewesen war. Margaret Scully wusste dann immer, dass ihre Tochter in Gedanken weit weg war, meistens bei dem Vater ihres Kindes. Bei diesem Mann, den sie selbst schätzte aber nicht verstand. Verstand ihre Tochter ihn wirklich?
Das Klingeln des Telefons durchfuhr die Stille und Scully sah erwartungsvoll auf. Doch so oft hatte sie in den letzten Tagen schon gehofft, es wäre ein Lebenszeichen von Mulder und immer wieder war sie enttäuscht worden. Sie beschloss, sich endlich von dieser Illusion zu lösen und ignorierte das Klingeln. Margaret stand stattdessen auf und ging ran. „Dana? Es ist Director Kersh.“ Scullys Blick fror ein. Sie griff aufgeregt nach dem Telefon und betete, dass er keine schlechten Nachrichten für sie hatte. „Scully.“ „Agent Scully, ich weiß, dass Sie bereits Ihren Urlaub angetreten haben, aber Sie müssen dringend herausfinden, was mit Assistant Director Skinner passiert ist. Er liegt seit gestern Abend auf der Intensivstation des Georgetown University Hospitals.“ Scullys Augen weiteten sich und sie sah ihre Mutter aufgeregt an. „Was? Ist ihm etwas passiert?“ „Genau deswegen brauchen wir Sie, Agent Scully. Die Ärzte wissen nicht, was mit ihm ist. Treffen wir uns dort in einer Stunde?“
Scully konnte Kersh nicht leiden, doch sie mochte Skinner und er hatte bei ihrem letzten Treffen vor zwei Wochen sehr verängstigt gewirkt. Sie versprach ihrer Mutter zum Abendessen zurück zu sein und fuhr so schnell sie konnte nach Georgetown.


Am nächsten Tag in London, England

Mulder hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah durch das Glasfenster der Gerichtsmedizin hindurch auf die Leiche. Er kaute nachdenklich auf seinen Sonnenblumenkernen herum. John, der Engländer, den er in Tokio kennen gelernt hatte, stellte sich neben ihn. „Es gibt noch mehr solcher Fälle.“ Doch Mulder reagierte nicht, er war in Gedanken gar nicht da. Er war bei Scully. Sie trug auch einen Chip in ihrem Nacken. So wie die tote junge Frau, die dort auf dem Tisch lag.
„Fox ?“ Das weckte Mulder aus seinen Gedanken und er sah ihn fragend an. „Wie viele?“ fragte er, als kenne er die Antwort schon längst.
John hatte darauf nur gewartet und drückte Mulder eine Akte in die Hand. „Neun. In den letzten zwei Tagen. Allein in England. Alles Frauen.“
In Mulder war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Er schob John unsanft beiseite, drückte ihm die Akte gegen die Brust und stürmte aus dem Raum. Er lief das Treppenhaus hinunter bis zu den öffentlichen Toiletten und warf hastig ein paar Münzen in das öffentliche Telefon neben dem Herren-WC. Als er das Freizeichen hörte, schloss er die Augen. Seine Kaumuskulatur spannte sich vor Angst an.
„Scully?“ertönte endlich eine Stimme am anderen Ende.
Doch es war nicht Dana, die dort ans Telefon gegangen war. Es war ihre Mutter. Mulder wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte nur wissen, ob es ihr gut ging, ob sie lebte. Was sollte er tun? Er schwieg und verharrte einen Moment.
Am anderen Ende der Leitung kam Scully die Treppe herunter. Sie hatte das Telefon gehört und hoffte, Neuigkeiten über Skinner zu hören. Doch ihre Mutter hielt stumm den Hörer an ihr Ohr und sah sie fragend an. „Wer ist das? – Mom?“ Als ihre Mutter noch immer schwieg und mit den Achseln zuckte, begriff Scully. Sie hechtete hinüber, nahm ihrer Mutter das Telefon aus der Hand und rief hinein:
„Mulder?“

 

Mulder wagte kaum zu atmen als er Scullys Stimme hörte. Er schloss erleichtert die Augen und lauschte einen Moment ihrem Atem. Ihre Stimme hing noch in der Luft neben seinem Ohr und er wünschte, er könne ihr sagen, dass er auf dem Rückweg wäre. Doch das konnte er nicht. Er schickte ihr in Gedanken all die zärtlichen und liebevollen Worte, die er ihr in diesem Augenblick nicht sagen durfte, über die Entfernung, die zwischen ihnen lag, bevor er leise den Hörer absinken ließ und einhängte.

Er konnte es ihr nicht schon wieder antun. Es wäre egoistisch. Denn er würde ihr nur wieder und wieder damit wehtun, dass er sich doch am Ende verabschieden musste und jedes Mal wäre es vielleicht das letzte Mal. Nein, dieses Mal musste er stark bleiben und sie zurücklassen mit ihrem eigenen Leben. So würde sie vielleicht eines Tages wieder glücklich werden. So hätte er es schon viel früher tun sollen.
So lange er nicht wusste, wie das hier ausging, musste er ihr fernbleiben. Er brachte sie nur in Gefahr, so wie die letzten sieben Jahre. Und er hoffte, sie würde ihn eines Tages vergessen können, wenn er das hier nicht überlebte. So würde sie ihn vielleicht eines Tages vergessen, wie einen schönen Traum, der immer mehr verblasst. Vielmehr Zeit hatten sie in ihrer jungen Beziehung auch nicht füreinander gehabt. Nur wenige Stunden hatten sie ihrer gemeinsamen Liebe bisher widmen können.
Für ihn war es bereits wie ein verblasster Traum.

Doch er wusste, es würde nichts daran ändern, egal ob er sie anrief oder nicht, sie würde ihn nie vergessen, so wenig wie er sie. Denn die sieben Jahre, die hinter ihnen lagen, waren kein Traum, sie waren Realität und die Erinnerung an sie schmerzte in seiner Brust. Sie war sein ständiger Wegbegleiter gewesen, sein Polarstern, der ihm immer die Richtung gewiesen hatte, sie hatten so viele Dinge zusammen erlebt und gesehen, so viele gemeinsame Erfahrungen gemacht, die ihn zum ersten Mal in seinem Leben nicht wie einen Spinner hatten da stehen lassen. Sie hatten so oft gestritten und ihre ewigen Diskussionen um Glauben und Vernunft hatten ihn aufrechterhalten, bestärkt und immer wach gehalten. Sie war immer für ihn da gewesen, in jeder Sekunde, an jedem Samstagabend, an dem er alleine und angetrunken in einer Bar versackt war und sie ihn dort abgeholt und heimgefahren hatte. Jede Krankheit hatten sie besiegt und immer wieder hatte ihnen ihre gemeinsame Arbeit den Boden unter den Füßen entrissen und doch hatten sie nie den Halt verloren, weil sie einander gehabt hatten. Es war sein größtes Bedürfnis, ihr nahe zu sein. Es gehörte einfach dazu. Es war wie die Luft zum Atmen, die ihm fehlte. Und nun war es als würde er ersticken.

Er holte tief Luft und ging zurück ins Treppenhaus zu John.


Zur selben Zeit in Washington D.C.


Scully wusste, dass es Mulder gewesen war und sie war ihm dankbar dafür gewesen, dass er aufgelegt hatte. Sie wollte keinen neuen Abschied. Sie wollte ihn für sich haben, ganz oder gar nicht. Es war besser so, auch wenn ihr Herz das anders sah. Sie seufzte und sah ihre Mutter tapfer an um sich abzulenken.
Margaret Scully sah den Schmerz ihrer Tochter in ihren Augen und ging auf sie zu, um sie ganz sanft in den Arm zu nehmen. Sie spürte, wie Scullys Anspannung in den Armen ihrer Mutter nachließ und sie ihre Nähe in sich aufnahm. Da klingelte das Telefon erneut.
Diesmal ging Scully direkt ran auch wenn sie wusste, dass es nicht Mulder war. Es war Kersh.
„Agent Scully? Ich muss Sie dringend sprechen. Wann können Sie in meinem Büro sein?“ Scully erstarrte als sie Kersh’s dringlichen Tonfall wahrnahm. „Geht es um Assistant Director Skinner?“ „Ich würde darüber ungerne am Telefon sprechen, Agent Scully.“ Sie verstand. In den letzten sieben Jahren hatte sie auch gelernt, dem Telefon zu misstrauen. „Sir, ich bin in zwanzig Minuten dort.“ Daraufhin legte sie mit einem lauten Klappern das Telefon auf den kleinen Tisch neben dem Sofa und stürmte aus dem Haus zu ihrem Auto, die besorgten Blicke ihrer Mutter ignorierend.
Doch Margaret Scully hatte aufgegeben, sich um ihre Tochter zu sorgen. Sie hatte offensichtlich unvorstellbar viel Kraft und so lange es dem Baby nicht schadete, konnte sie sie ohnehin nicht aufhalten. Ihr besorgter Blick galt vielmehr den schwarzen Wolken am Horizont, die unentwegt näher kamen und die Sonne zu verschlucken drohten. Sie zog ihre Wolljacke zu und verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. Was würde als nächstes geschehen? Und was hatte ihre Tochter mit all diesen Ereignissen zu tun?



Eine halbe Stunde später in Director Kershs Büro im J.Edgar Hoover FBI Building


Scully war es komisch vorgekommen nach so langer Zeit wieder hier zu sein. Es war sicherlich nur Einbildung gewesen, aber es war ihr vorgekommen, als hätten sie alle angestarrt. Es war unangenehm und sie hatte sich fremd gefühlt. So wie sie sich in ihrem ganzen Leben zurzeit fremd fühlte.
Nun saß sie vor Director Kershs Schreibtisch und war beunruhigt von dem ernsten Ausdruck in seinen Augen. „Sir, wollen Sir mir denn nun den Grund für Ihren Anruf verraten?“ versuchte sie das Schweigen zu brechen. Denn es schien, als wüsste ihr sonst so strenger und professioneller Vorgesetzter dieses Mal nicht so recht, wie er anfangen sollte. Er starrte stattdessen auf eine dünne Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag. Er schob sie ganz vorsichtig zu Scully hinüber und nickte sie an, ohne ihr in die Augen zu sehen. Scullys Augenbraue hob sich wie immer, wenn sie etwas Neues interessierte.
„Was ist das?“ doch sie erwartete keine Antwort und schlug stattdessen die Akte auf. Als ihr Blick auf das Deckblatt und die ersten gerichtsmedizinischen Fotos einer jungen afroamerikanischen Frauenleiche fiel, sah sie erschrocken auf. „Sir, ich verstehe nicht. Ist das- ?“ Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte und sie wollte nicht glauben, was sie vor sich sah. Doch Kersh machte es ihr zur Abwechslung einmal leichter und kam ihr entgegen, auch wenn es ihm sehr schwerfiel.
„Sie sehen richtig, Agent Scully. Das ist meine jüngere Schwester, Deondra. Sie ist vorgestern an ihrem Arbeitsplatz einfach umgefallen.“ Er machte eine Pause. „Und nicht wieder aufgestanden.“
Er war sehr aufgewühlt und hatte Mühe nicht die Fassung zu verlieren. Doch dazu war er zu professionell und so nahm er sich wieder zusammen und sah Scully ernst und starr in die Augen. Aber in seinem Inneren löste sich alles auf, als hätte jemand sein Blut durch Säure ersetzt. Er verstand nicht, was vor sich ging und es war für ihn fast unerträglich, ausgerechnet Agent Scully von den X-Akten, die er selbst gerade geschlossen hatte, damit zu beauftragen. Doch er wusste nicht weiter. Und sie war nunmal eine hervorragende Agentin.

Scully war es offensichtlich genau so unangenehm, mit diesem Fall konfrontiert zu werden. Sie beugte sich nach vorne zu ihm und sah in vorsichtig an. Sie konnte ebenso professionell sein wie er und da er es in diesem Augenblick kaum zustande brachte, war sie es umso mehr. Fast ein wenig unterkühlt fuhr sie fort.
„Sir, das tut mir aufrichtig leid. Aber – sie müssen verstehen - mir ist nicht klar, warum Sie gerade mich deswegen kontaktiert haben.“
In Wahrheit hatten sie die Bilder von Kershs toter Schwester weit mehr mitgenommen als sie sich anmerken ließ. Sie schob es auf die Hormone, doch bei dem Anblick der blassen toten Frau, die ungefähr in ihrem Alter war, wurde ihr flau und ihr Herz begann schneller zu klopfen. Sie hatte Mühe ihren klaren, ruhigen Gesichtsausdruck zu beherrschen.
Kersh sah sich auf ihre Frage hin unruhig um und ordnete seine Gedanken. Schließlich beugte er sich ebenfalls zu ihr über den Tisch und senkte seine Stimme. „Der Gerichtsmediziner in Quantico konnte keine natürliche Ursache für ihren Tod finden. Jedoch hat er das hier gefunden.“ Und damit nahm er ein metallenes Röhrchen, das die ganze Zeit in Scullys Augenwinkel das Licht der Bürolampe reflektiert hatte, und stellte es direkt zwischen ihnen auf den Schreibtisch.
„Darf ich?“ fragte Scully vorsichtig und öffnete das Röhrchen als Kersh ihr zunickte.
Auf ihre Handfläche fiel ein kleiner, nicht ganz 4 mm langer Metallchip. Scullys Mund erstarrte vor Schreck, als sie begriff, was sie vor sich hatte und sie sah Kersh ungläubig an. Sie wagte überhaupt nicht, weiter nach zu fragen, als er ihr schon die Antworten gab, die sie suchte.
„Ich weiß nicht, wie das in den Nacken meiner Schwester geraten ist. Ich weiß nur, dass dieses Ding sie ziemlich sicher umgebracht hat und ich will denjenigen, der dafür verantwortlich ist, zur Rechenschaft ziehen. Und Sie sollen mir dabei helfen, Agent Scully.“

Scully fasste es nicht. Hatte Kersh so wenig zugehört? Hatte er tatsächlich so wenig von dem verstanden, was sie und Mulder all die Jahre dort unten versucht haben aufzudecken?
„Sir, ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist, aber das hier hat nicht irgendein wahnsinniger Psychopath zu verantworten. Das hier ist ein Verbrechen viel größeren Ausmaßes. Das hier ist ….“ Doch Kersh ließ sie überhaupt nicht ausreden. „Wenn es Ihnen darum geht, dass Sie Ihre X-Akten wiederbekommen, so sollen Sie sie meinetwegen für die Bearbeitung dieser Sache haben. So lange Sie herausfinden, wer meiner Schwester das angetan hat.“ Scully war noch immer sprachlos über Kershs Ignoranz. Doch sie hatte eine Idee. Sie versprach ihrem Vorgesetzten, sich um seine Schwester zu kümmern und wollte gerade aufstehen und sein Büro verlassen, als er sie zurückrief. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn fragend an.
„Haben Sie schon etwas über Assistant Director Skinners Erkrankung herausfinden können?“ „Nein, Sir noch nicht, aber sein Zustand ist glücklicherweise stabil.“ Es tat ihr leid, dass sie Skinner noch nicht hatte helfen können, doch sie würde gleich zu ihm nach Georgetown fahren, denn auch hier hatte sie eine Idee.

 

Zur selben Zeit in London, England


Mulder lehnte sich gegen den Schreibtisch in Johns Büro. Um ihn herum war das gesamte Team versammelt, das er in der letzten Woche kennen gelernt hatte.
Er hatte über eine Woche in Europa nach John gesucht. Letztlich hatte er ihn in einem Gefängnis in Lettland ausfindig gemacht. Wie Mulder daraufhin erfuhr, war John ursprünglich einmal eine Art Botschafter gewesen. Er hatte zwischen den unterschiedlichen Purity Control Projekten in Japan, Kanada, Russland, Großbritannien und den USA vermittelt. Auch wenn Purity Control nicht vergleichbar war mit dem Manhattan – Projekt oder dem Wettlauf zum Mond, so ging es auch in diesem Fall letztlich doch nur um das eine: Macht und Geld. Und nach dem Kalten Krieg war den verschiedenen Staaten nichts wichtiger gewesen, als einen weiteren Kalten Krieg zu vermeiden, denn das hier war immer schon zu groß gewesen, als dass einzelne Länder daraus ihre Privatprojekte hätten machen können. Und dennoch war es letztlich nur darum gegangen, wer am meisten Profit aus seinen Entwicklungen schlagen konnte. John hatte zehn Jahre lang die Verhandlungen zwischen all den Ländern durchgeführt, die sicherstellen sollten, dass alle Beteiligten jederzeit auf dem gleichen Stand waren und kein Ungleichgewicht und keine heimlichen Koalitionen entstanden. Der Austausch von Purity- Proben, Impfstoffen, Nanobots, ja sogar der Austausch der Bienenrassen, die in den Tests verwendet wurden, all das war seiner Vermittlung zu verdanken. Doch in den letzten Jahren hatte John mehr und mehr verstanden, dass es bei dem Projekt weniger um die Rettung der Menschheit als um eben jenen Kalten Krieg um Macht ging, den er immer versucht hatte, zu verhindern. Und so hatte er sich immer mehr aus diesem Geschäft zurückgezogen und der Austausch war letztlich verstummt. Jedes Land versuchte nun selbst so schnell wie möglich seine eigene Armee an Alien-Mensch-Hybriden aufzustellen.

Da er Mulder vor der Waffe gewarnt hatte, die die Japaner zusammen mit Mulder den Aliens hatten ausliefern wollen, war sein Leben nun in Gefahr gewesen und die Japaner hatten versucht, ihn umzubringen. Doch John war in Lettland untergetaucht und hatte seine Kontaktpersonen damit beauftragt, Mulder zu ihm zu führen, falls der ihn suchte.
In London war Mulder das brillante Forscherteam, dessen Mitglieder allesamt verrückter als die Lone Gunmen waren, vorgestellt worden. Sie hatten sich den Chip, auf dem all die Beweise und Mulders Bewusstsein abgespeichert waren, angesehen und werteten die Ergebnisse darauf seit mehr als einer Woche aus. Sie hatten die Technologie selbst diesen Bewusstseins-Chip zu steuern und abzulesen, was Mulder zunächst sehr beunruhigt hatte, denn es hatte ihn an diesen merkwürdigen ferngesteuerten Taxifahrer in Tokio erinnert. Aber schließlich war John jahrelang an der Quelle gewesen, warum also sollte er nicht all die Technologien selbst besitzen, die er über so lange Zeit vermittelt hatte?
Und John hatte Mulder nicht ein einziges Mal gebeten, noch mehr Experimente an sich durchführen zu lassen. Er hatte lediglich zusammen mit den anderen die Tests ausgewertet, die man in Nevada an ihm durchgeführt hatte. Und die Tests aus seiner Kindheit.

Nun saßen sie in Johns Zimmer in einem großen modernen Hochsicherheits-Laborkomplex außerhalb von London, der Beamer warf das Bild der Windows XP Oberfläche an die Wand. Durch die Jalousien drang das graue kalte Tageslicht hinein und warf bizarre Schatten auf den Boden. Sie sahen gespannt auf die Projektion an der Wand.
Die Konzentration war fast spürbar, so dicht war die Atmosphäre und so angespannt die Gemüter. Sie wussten, es war alles auf diesem Chip, alles, wovon ihr Leben vielleicht abhing.

Endlich meldete sich räuspernd Colin, der Informatiker, zu Wort. Er öffnete eine Datei auf dem Desktop und erklärte die Grafik, die er offensichtlich mit großer Mühe erstellt hatte. Die Anderen hörten ihm angespannt und unbeweglich vor Konzentration zu.

„Wie Ihr ja alle selber mitbekommen habt, kann man eigentlich nicht gerade viel aus den Ergebnissen ableiten. Das Einzige, was wir nun in der Übersicht ganz klar erkennen können und was uns damit vielleicht einen Hinweis für Fox’ Immunität liefert, ist das hier.“ Er umkringelte mit dem Laserpointer den Peak einer schwankenden Kurve auf der Grafik. „ Das hier sind Fox’ elektrische Potentiale, die der Chip gespeichert hat. Seine emotionalen Erregungszustände. Und das hier….“ Und er legte eine andere Kurve darüber. „….das hier sind die Blutergebnisse diverser medizinischer Untersuchungen. Und selbst ein Fünfjähriger kann erkennen, dass je höher Fox' emotionale Erregung war, desto niedriger war die Aktivität der Alien-DNA in seinen Zellen. Da man auf den Kurven, die seine Hirnaktivität wiederspiegeln, sieht, dass die Amplituden immer höher wurden, vermuten wir, dass sich irgendwelche Bewusstseinsinhalte, seien es Erinnerungen oder Emotionen, sich immer mehr aufgeschaukelt und potenziert haben, bis ihre Impulse so stark waren, dass sie den Schwellenwert erreicht hatten, der anscheinend nötig war, ihn zu immunisieren. Vermutlich ist genau zu dem Zeitpunkt der Tumor entstanden“ Greg, der Biologe, fiel Colin ins Wort und sah Mulder dabei an.

„Ich würde allerdings nicht immer so leichtfertig von Immunität sprechen. Denn was wir bisher übersehen haben, sind Deine Mitochondrien, in denen alles wie beim Alten ist und sich die Alien-DNA bester Gesundheit erfreut.“ Mulder horchte auf, hatte ihm Scully nicht auch etwas darüber erzählt? Hatte sie ihn nicht gesagt, dass er durch die Mitochondrien noch immer angreifbar war? Dass sie darüber noch immer auf ihn Zugriff hatten? „Ja, die Mitochondrien sind doch der Knackpunkt an der ganzen Sache, nicht wahr?“ Die Anderen nickten. Und John ergriff das Wort. „Und dennoch ist alles, was Purity in Deinem Körper auslöst, eine Temporallappenepilepsie, die wahrscheinlich auch eher auf den Tumor zurückzuführen ist. Das ist immer noch mehr Immunität, als wir alle zu bieten haben.“
Nun schaltete sich Christopher ein, der Mediziner, der sich die ganze Zeit mit Mulders Gesundheitszustand befasst hatte. „Aber Dein Tumor, Fox, der ist kein Tumor in dem Sinn, wie es der Volksmund versteht. Es ist zwar eine Neoplasie – eine Neubildung – aber eine gutartige wie es aussieht. Er wächst nicht, er metastasiert nicht, er produziert lediglich fleißig Neurotransmitter. Neurotransmitter und Proteine. Und es sieht so aus, als hätte der Tumor den Nanobots in Deinem Körper den Garaus gemacht. Aber er hat definitiv nicht die Immunität ausgelöst, er ist vielmehr die Folge davon, welche Funktion er über die Inaktivierung der Nanobots hinaus hat, das wissen wir immer noch nicht. Ach ja…und außerdem ist er symmetrisch.“
Das war Mulder neu. Scully hatte ihm zwar von dem Tumor in seinem Gehirn erzählt, aber er wusste auch nicht mehr darüber, als dass er in seinem Mandelkern, dem Teil seines Bewusstseins lag, in dem unter anderem emotionale Inhalte verschaltet wurden.
„Was meinst Du mit symmetrisch?“ fragte er daher irritiert. „Nun ja, man kann es auf dem MRT wirklich kaum erkennen, aber es sieht so aus, als würde dort auf der anderen Seite genau an derselben Stelle ebenfalls so eine Zellwucherung stattfinden. Da müsste man vielleicht mal eine neue Aufnahme machen.“ Doch John unterbrach ihn und sah ihn ernst an. „Nein, wir hatten abgemacht, dass wir Mulder nicht als Versuchskaninchen benutzen.“ Mulder wehrte ab. „Lass nur John, ich würde schon ganz gerne wissen, was für ein Tumor das ist. Immerhin wächst er ja in meinem Kopf. So was hat man nicht alle Tage.“ Die Anderen warfen sich Blicke zu und John willigte schließlich ein, dennoch war es ihm nicht recht. Er wollte Mulder nicht das Gefühl geben, dass sie ihn benutzten. Mulder bemerkte die unangenehme Situation und brach das Schweigen.

„Also schön Leute, was machen wir jetzt mit den Ergebnissen? Oder kommt jetzt noch Rocky IV im Anschluss?“ Und er nickte zu dem Beamer hinüber. „Denn dann muss ich mir noch Popcorn holen.“ Greg, der Biologe des Teams, schmunzelte.
„Ehrlich gesagt, wissen wir es nicht, wir sind quasi genauso schlau wie vor zwei Wochen. Der Schlüssel zur Immunität liegt offensichtlich im Bewusstsein, ausgerechnet in dem Teil des Menschen, der fast noch vollkommen rätselhaft und unerforscht ist.“

John fuhr fort. „Der Punkt ist nur der, dass das Bewusstsein eben gerade das ist, was die Regierung ausschalten muss, um die Alien-Mensch-Hybriden mittels der Chips steuern zu können.“ „Du meinst so, wie Du den Taxifahrer gesteuert hast?“ Mulder kam offensichtlich darüber nicht hinweg. John nickte. „Ja, genau so. Und daher ist bisher von keiner Regierung daran gedacht worden, die Information über das Bewusstsein, die auf den Chips gespeichert ist, für etwas anderes als für die Steuerung der Hybriden zu nutzen. Denn das Bewusstsein hatten sie dabei die ganze Zeit inaktiviert. Und wahrscheinlich ist das genau der Grund, warum unsere Alien-Mensch-Hybriden zwar steuerbar aber nicht immun sind. Und das ist auch der Grund, warum ich mich von meinem Vater abgewendet habe. Weil ich nicht an eine Zukunft geglaubt habe, in der die Menschen ihr kostbarstes Gut, ihren Verstand, von so einem winzigen Chip steuern lassen." Mulder legte die Stirn in Falten. "Klar, deswegen hast Du auch so einen Spielzeugtaxifahrer, weil Du diese Technologie ablehnst. Ganz schön inkonsequent, meinst Du nicht?" John hob die Augenbrauen. Er war mit der Technologie aufgewachsen, er kannte es gar nicht anders, doch das konnte Mulder nicht verstehen. „Wie kommt es eigentlich, dass Du mir immer noch nicht vertraust, Fox?“ versuchte John sich zu wehren und stand gekränkt auf, um auf Mulder zu zu gehen. Doch bevor Mulder etwas entgegnen konnte, versuchte Walter, ein anderes Team-Mitglied, den aufkeimenden Streit zu schlichten.

„Hey Leute. Ganz locker bleiben, ja? Was John damit sagen will ist, dass wir zwar über alle Technologien verfügen, den Chip als Steuerelement zu nutzen, aber dass noch niemand daran gedacht hat, dass er auch zur Immunisierung genutzt werden kann. Ohne diesen ganzen Science-Fiction-Kram wie ferngesteuerten Soldaten oder seelenlosen Marionetten. Wir hatten die Nanobots und die Impfstoffe dafür vorgesehen, doch die haben ja offensichtlich alle nur mangelhaft funktioniert, weil dieses widerliche schwarze Zeug so dermaßen resistent ist, dass selbst das HI-Virus daneben wie ein Anfänger wirkt. Es ist der reine Zufall, dass ausgerechnet diese Steuerchips die Information tragen, die die Pläne der Purity Control Projekte komplett über den Haufen wirft, aber zugleich auch die Lösung für unser Überleben liefert. Nun müssen wir herausfinden, wie man das, was auf Deinem Bewusstseins-Chip gespeichert ist, vervielfältigen und nutzen kann. Wie man es jedem anderen einsetzen kann. Wie man daraus einen ‚Impfchip’ herstellt, wenn die herkömmliche Impfung schon nicht funktioniert.“
Mulder klatschte in die Hände und pfiff, endlich hatten sie ein Ziel, eine Idee. „Na, das ist doch mal ein Anfang. Stellt den Chip serienmäßig her. ‚Der Fox 2000 Advanced'. Ich will aber mindestens 30 Prozent Gewinnbeteiligung.“ Die Anderen sahen ihn verärgert an, nur Greg verkniff sich wieder ein Grinsen.

Es erschreckte Mulder immer wieder, wie wenig die Regierungen in Wahrheit über diese Alien-Macht herausgefunden hatten und wie wenig sie gegen die in der Hand hatten. Er war deren einziger Anhaltspunkt. Und warum hatte die US-Regierung, die seit über einem Jahr seinen Chip in ihren Händen hatte, nicht längst dieselben Erkenntnisse gewonnen? Warum hatten sie nicht längst Impfchips daraus hergestellt?
Und war nicht selbst ihre neue Hoffnung ein verlorenes Spiel? Hatten sie überhaupt eine Chance gegen eine Macht, die ihnen offensichtlich so überlegen war?

 

John wechselte das Thema, denn es war nun klar, was ihr nächster Schritt sein sollte. Also klickte er sich nun auf dem Desktop zu einer Datei durch, die die Photos der Frauenleichen auf die Wand projizierte. Mulder tat es weh, all die jungen Frauen in Großformat sehen zu müssen. Denn jede dieser Frauen hätte Scully sein können.
„John, muss das denn sein? Wir wissen doch, wie viele es mittlerweile sind. Und wir wissen auch, was sie getötet hat. --- Und wer.“ John nahm Rücksicht auf Mulder und schloss die Bilderserie, jedoch nicht ohne ihm noch seine Meinung dazu zu verkünden. „Ja, in der Tat war das offenbar deren Antwort auf Deine Aktion in der Wüste, wie ich es Dir in Japan prophezeit hatte. Damit sind nahezu all die Frauen tot, die die Schattenregierungen für die Erschaffung der Alien-Mensch-Hybriden vorgesehen hatten. Es sieht also so aus, als hätten die Regierungen verloren. Und wir haben damit einen Vorsprung. Dennoch war es wirklich mutig von Dir dort einfach so hineinzuspazieren. Wir könnten jetzt alle tot sein!“ Colin fiel ihm fast ins Wort, da er nicht schon wieder wollte, dass Mulder und John sich stritten.

„Ja, wir sind zwar den anderen einen Schritt voraus, doch denen da oben hinken wir noch immer nach und genau das kann uns unseren Kopf kosten. Also sollten wir uns jetzt an die Arbeit machen.“ Colin fuhr den Computer herunter und die zehn anderen Männer des Teams sprangen auf, als hätte man einen Knopf gedrückt und verzogen sich in ihre Labors, während Mulder auf John zuging.
„Und dabei willst Du es belassen? Willst Du den Familien dieser Frauen überhaupt nicht sagen, was los ist? Warum sie gestorben sind? Und was ist mit denen, die noch nicht tot sind? Willst Du die nicht warnen?“ John hielt Mulders Blick stand. „Und was sollen wir Deiner Meinung nach mit den Frauen tun? Ihnen die Chips entfernen, so dass sie an Krebs erkranken? Diese Frauen waren doch schon dem Tode geweiht in dem Moment, in dem die Regierungen sie in die Finger bekommen haben. Sie sollten die Gebärmaschinen für deren kranke Kreaturen werden, sie haben ohnehin keine Chance." Doch John begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte, in dem Moment, in dem er es gesagt hatte. Denn Mulders Blick war so scharf und finster, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Er biss sich auf die Lippen.

Mulder trat näher an ihn heran und sah auf ihn herab. „Wenn Du willst, dass ich Dir vertraue, solltest Du vielleicht das nächste Mal nachdenken, bevor Du sprichst.“ Und er drehte sich wütend von ihm weg, damit er nicht der Versuchung erlag, ihm den Hals umzudrehen und verließ den Raum, nicht ohne die Türe laut krachend ins Schloss fallen zu lassen.

Scully war eine von diesen Frauen. Und erst wenn sein Sohn gesund auf der Welt war und Scully das überlebt hatte, würde er wieder ruhig schlafen können. Doch bis dahin war es noch ein ungewisser, langer Weg.

Auf dem Weg zurück in die Stadt zu seinem Hotelzimmer konnte er die ganze Zeit ein leises Flüstern wahrnehmen. Es war dasselbe Flüstern, das die letzten zwei Wochen endlich verstummt gewesen war, doch nun, mitten in London, kam es plötzlich wieder. Ganz leise, fast unmerklich. So wie das Zittern der Erde unter seinen Füßen, das auch nur die wenigen Tiere, die noch durch die Städte huschten, und die Seismographen in den Labors wahrnahmen.


Zwei Tage später, Georgetown University Hospital


Scully drückte Skinners Hand und atmete leise aus. Sie hatte vor Anspannung die ganze Zeit die Luft angehalten, doch nun war sie sich sicher, dass ihre Idee seine einzige Chance war. Sie ließ Skinners Hand mit einem letzten Blick auf sein EEG los und machte sich auf den Weg zu seinem Neurologen Dr.Williams.

„Sie wollen WAS??“ Der Arzt nahm irritiert seine Brille ab, schmiss sie auf die Papiere auf seinem Schreibtisch und sah Scully entgeistert an. Scully kannte diesen Blick zu gut, doch nur ihr zuckendes Augenlid verriet, dass es ihr noch immer etwas ausmachte, wenn man sie für verrückt erklärte. Ihre Stimme blieb fest und ihr Blick blieb starr.
„Ich weiß, dass es kontraindiziert ist, MAO-Hemmer und Paroxetin zu kombinieren. Ich bin mir darüber durchaus im Klaren, dass die Komplikationen, die daraus erwachsen können, ihn umbringen könnten. Aber sehen Sie sich seine Nierenwerte an.“
Der Arzt fühlte sich in seiner Autorität verletzt und in seinem Stolz. Er hasste weibliche Kollegen. Aber diese Kollegin hatte ihm unter dem Mikroskop auch das gezeigt, was in dem Blut seines Patienten war. Und er hatte sich eingestehen müssen, dass er sprachlos war, denn so etwas hatte er bislang immer für Science-Fiction gehalten.

Doch war zurzeit nicht alles etwas merkwürdig? Waren nicht die gestörten Fernsehübertragungen, die Flugzeugabstürze und das komische Wetter, so wie die sich anbahnende Öko-Katastrophe Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte? Passte dieser Patient nicht besser in dieses sonderbare Bild der Realität um ihn herum als alle anderen, die zurzeit in seiner Obhut waren? Er räusperte sich und lenkte ein, denn er wusste, Walter Skinner würde nicht mehr lange in diesem Zustand überleben. Diese Metallpartikel schienen sich jedes Mal, wenn er eine frische Bluttransfusion erhalten hatte, direkt wieder zu teilen, so lange bis sein Blut wieder so dick war, dass es in den Blutabnahmeröhrchen fast grau statt rot schimmerte. Er war dem nicht gewachsen, das musste er sich nach über 20 Jahren Berufserfahrung zum ersten Mal eingestehen. Also lenkte er ein.
„In der Tat. Sein Kreatinin ist enorm hoch und ich weiß nicht, wie viele Aderlässe er noch verkraftet. Ich weiß eigentlich überhaupt nichts über diesen Fall, und da das FBI mich über meinen eigenen Patienten ebenfalls nicht aufklären will, kann ich ihm auch nicht die optimale Therapie bieten. Also wenn Sie der Ansicht sind, dass ihn diese Art der Therapie nicht umbringt, dann ist das schön. Allerdings werde ich ihm diese Medikamente nicht verabreichen, das müssen Sie tun.“
Und damit stand er auf und gab ihr unmissverständlich zu verstehen, dass ihr Gespräch beendet war. Scully kannte diesen Blick, sie war schon oft männlichen Kollegen auf den Schlips getreten, denn von einer Frau Ratschläge anzunehmen fiel ihnen allen schwer. Sie bedankte sich und verließ den Raum um sich die Substanzen, die sie benötigte, zu besorgen.



Am nächsten Morgen


Ein hohes lautes Piepsen riss Scully aus ihren Träumen. Sie hatte gar keine Zeit sich darüber klar zu werden, dass sie tatsächlich die ganze Nacht an Skinners Bett gesessen hatte, denn sie wurde unsanft von einer Schwester zur Seite gestoßen, die hereinstürmte und direkt Alarm schlug. Scully sah Skinner an, als sie noch ganz schlaftrunken begriffen hatte, was los war und erkannte sofort, dass er einen Anfall hatte. Ihre und Dr.Williams Befürchtungen bezüglich der Medikamentenkombination hatten sich bestätigt. Als der Neurologe hineingelaufen kam, funkelte er Scully wütend an.
Es wurde unruhig um sie herum, Pflegepersonal zappelte überall durch die Gegend, hastig wurden irgendwelche Befehle in den Raum gerufen und aufgeregte Assistenten rannten dauernd auf den Flur um Materialien zu holen.
Doch Scully erkannte auf dem EEG-Monitor zwischen all den unkoordinierten Zacken, die Skinners Muskelzuckungen auslösten, auch jene Wellen, die sie schon seit zwei Wochen darauf vermisst hatte. Sie packte Dr.Williams’ Arm bevor er Skinner ein Medikament gegen den Anfall spritzen konnte und sah zu dem Monitor auf.
„Doktor, er hat alpha-Wellen.“ Der Arzt folgte ihrem Blick ungläubig und während er noch begriff, dass sein Patient nach zwei Wochen endlich aus dem Koma erwacht war, beruhigte Skinner sich und seine Muskelzuckungen wurden immer schwächer, bis er schließlich ganz ruhig und erschöpft in seinem Bett lag. Der Arzt ließ von Skinner ab und atmete erleichtert auf, während er noch immer ein wenig skeptisch auf das EEG sah, auf dem eindeutig zu erkennen war, dass Skinner nun wach war, wenn auch seine Augen geschlossen waren. Als er sah, dass sich Skinners Herzfrequenz und Blutdruck normalisierten, warf er Scully einen strengen Blick zu.
„Na, da haben Sie aber nochmal Glück gehabt, Frau Kollegin.“ Er sah abschätzend zu ihr hinunter und verließ, nachdem er der Schwester noch ein paar Anweisungen gegeben hatte, den Raum. Scully war nicht minder erleichtert und ließ sich erschöpft wieder auf den Stuhl fallen, auf dem sie die Nacht verbracht hatte. Sie atmete leise aus und nahm wieder Skinners Hand in ihre. Geistesabwesend blickte sie auf sein Gesicht, in der Hoffnung seine Augen würden sich bald öffnen. Doch in Gedanken war sie weit weg, jenseits des Atlantischen Ozeans.

 

Zwei Wochen später in einem kleinen Apartment in Tokio


Der weißhaarige Japaner zündete sich eine Zigarette an. Seine Letzte.

Er sah aus dem Fenster hoch über der Stadt. Der Himmel war golden von der untergehenden Sonne, die die schwarze Wolkenschicht, die unheilvoll über der Stadt hing, anstrahlte. Der schwarze Regen hatte vor Wochen aufgehört und noch immer warteten sie auf den nächsten, doch es war still in den Parks geworden ohne das vergnügte Zwitschern der Vögel. Und die Küsten Japans waren von den Schwärmen toter Fische, die angespült worden waren, in stinkende Massengräber verwandelt worden. Was würde als nächstes kommen?

Mulder hatte die Waffe am Flughafen gelassen. Ihr Handel war somit schiefgegangen. Die Invasoren hatten die Waffe der Anasazi verlangt. Die Waffe und Mulder, im Tausch gegen wertvolle Zeit, einen weiteren Aufschub der Invasion um kostbare Jahre, die die Vollendung ihrer Pläne noch gebraucht hätte. Mulder hatte die Waffe nicht mitgenommen und stattdessen war er alleine in dieses Kraftfeld eingebrochen, hatte dieses riesige Ungetüm, dieses Spannungsfeld dunkler Materie betreten, als wäre es nichts anderes gewesen als ein Bürogebäude. Und er hatte es überlebt. Er und seine Partnerin. Es hatte sie beide nicht töten können. Stattdessen hatte ihre Anwesenheit, ihre Präsenz in diesem Kraftfeld, ungeahnte Konsequenzen gehabt. Das riesige Kommunikationsfeld hatte sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten bewegt. Es hatte sich zurückgezogen, war stumm kreischend aufgefahren in den Himmel, aus dem es vor langer Zeit über Sibirien hinabgetaucht war. Es hatte wabernd über der Wüste gezuckt und pulsiert. Wie in einer Art Todesschrei hatte es elektromagnetische Impulse ausgesandt, Impulse, die man selbst hier in Tokio hatte messen können. Die Erde hatte gebebt. Und seitdem waren sämtliche Aliensoldaten wie vom Erdboden verschluckt. Warteten sie irgendwo auf den Befehl, die Invasion zu beginnen?

Es war klar, dass er und all die Mitglieder dieser Verschwörung es nicht überleben würden, weil sie ihre Abmachung nicht eingehalten hatten. Die würden ihre Arbeit schrittweise vernichten, so wie sie diese Frauen getötet hatten, und sobald sie wieder stark genug waren, würde die Invasion beginnen. Deren Warnung war sichtbar, für jeden auf diesem Planeten. Unzählbare Tierarten waren für immer von der Erde verschwunden. Eine Katastrophe bahnte sich an, ihr Ökosystem drohte zu kollabieren.
Und nun verharrte es dort oben. Still und voller Unheil wachte es über ihren Planeten, sammelte es die Energien, die ihm diese beiden Amerikaner geraubt hatten.

Doch warum? Was machte diese Menschen so stark, dass sie dieser Macht hatten trotzen können?
Er hob das Röhrchen mit ihren Chips in die Höhe und sah im goldenen Abendlicht auf das schwache Schimmern der Metalloberfläche. Konnten die Abdrücke zweier Seelen tatsächlich auf diesen Chips sein? Hatten diese Chips all das erfasst, was diese Menschen mit sich herumtrugen, was dieses Kraftfeld in der Wüste, dieses außerirdische Wesen in den Himmel gejagt hatte? Warum hatten seine Wissenschaftler dann nichts über diese beiden Menschen herausfinden können? Warum verstanden sie die Ursache der Immunität nicht? Weil sie nicht in chemischer oder biologischer Form auf den Chips zu finden war? War der Schlüssel zu dieser Macht, die die beiden besaßen, von derselben Natur wie dieses außerirdische Wesen, das über ihnen über den Himmel zog? War es Energie? Eine spirituelle Kraft? War es dunkle Materie? Wenn es so war, wieso trugen ausgerechnet diese beiden Menschen es in sich? Und was würde es der Menschheit nützen?

Sie hatten auf der ganzen Linie versagt, hatten ihre wertvolle Arbeit binnen Sekunden verloren. Und nun drangen die in seinen Kopf ein. Und er konnte nichts dagegen tun.
Er drückte die Zigarette aus und schloss seine Faust um das Röhrchen mit den beiden Chips, bevor er es in einen weichen Umschlag, der an eine Adresse in England geschickt werden würde, fallen ließ. Er wählte eine Nummer in Tokio, ließ es dreimal klingeln und legte auf, während er das Fenster über der Stadt öffnete um sich mit einem letzten Blick in den Himmel die vielen Meter hinunter durch die Häuserschlucht in den Tod zu stürzen.

So konnte er wenigstens über sein eigenes Ende entscheiden.


Zwei Wochen später, London England 10:03 morgens


Der Kernspintomograph dröhnte und summte laut, als Mulder versuchte ganz still darin zu liegen und sich zu beruhigen. Doch das Herz schlug ihm bis zum Hals. Es wurde immer enger. Das Flüstern in seinem Kopf war nun dauerhaft da, es wollte überhaupt nicht mehr aufhören. Nur nachts verstummte es für einige Stunden um ihn in qualvolle Alpträume zu entlassen. Seit Wochen schien keine Sonne mehr und es war kalt geworden. Die Bäume reckten sich kahl und schwarz in die Höhe und die Straßen und Häuser wirkten tot und grau. Die Nachrichten über Massensterben sämtlicher Tierarten häuften sich und die Strände an den Mittelmeerküsten hatten sich von Touristen geleert, die schreiend ihre Kinder von den Bergen toter Fische weggezogen hatten. Und nachts war es heller geworden über den Städten. Die schwarzen Wolken schienen ein dunkelrotes Glühen zu verbergen, das den Nachthimmel diffus erhellte. Doch die Menschen waren wie gelähmt. Die Regierungen sahen tatenlos zu und versuchten die geängstigte Bevölkerung zu beruhigen.
Sie mussten endlich etwas tun. Mulder wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie eine Chance hatten. Und er würde alles dafür tun und wenn er sein Leben dafür opfern musste.

Als er wieder auf der Trage herausgefahren wurde, setzte er sich auf und lief zu John und Christopher, die vor dem Monitor saßen, auf dem sein MRT erschien. Als Mulder sich hinter sie stellte zeigte Christopher auf einen Bereich in seinem Gehirn. „Hier ist der Tumor, den Du schon seit über einem Jahr hast. Und nun sieh mal hier.“ Und er zeigte mit der Spitze eines Bleistifts auf eine winzige helle Verdichtung in demselben Gebiet auf der anderen Seite seines Gehirns. „Also für mich sieht das klar nach dem kleinen Bruder von Nummer 1 aus“, schloss John aus dem Bild. Mulder hatte sich mittlerweile an Johns Mangel an Empathie und Sensibilität gewöhnt und ignorierte seinen Kommentar. Stattdessen sah er auffordernd zu Christopher, der ihm mit einem bedauernden Nicken Johns Entdeckung bestätigte. Mulder setzte sich.
„Und was heißt das? Was geschieht nun mit mir?“ Christopher zuckte mit den Achseln. „Deine neurologischen Tests sind alle normal, zumindest sind sie unauffällig. Und die Symmetrie, die haarfeine Abgrenzung der Neubildung und die Form lassen vermuten, dass es sich hier keineswegs um etwas Bösartiges handelt, was mir aus der Literatur bekannt wäre. Wir könnten natürlich noch eine PET und andere Untersuchungen anschließen. Aber ich bezweifle, dass uns das weiterbringen wird. Wir sollten das einfach beobachten. Schließlich produziert der Tumor die Proteine, die diese Nanotechnologie in Deinem Blut inaktiviert haben. Das ist jetzt sicher. Das einzige Problem könnte sein, dass die Neurotransmitter, die der Tumor auch noch produziert, eine Psychose oder andere Veränderungen bei Dir auslösen.“ Mulder überlegte noch, ob er es sagen sollte, aber schließlich entschied er sich, offen zu sein. Sie hatten ohnehin nichts zu verlieren. „Was ist mit den Stimmen in meinem Kopf, könnten die daher kommen?“ John sah ihn überrascht an. „Stimmen?“ „Ja, ich höre seit Wochen ein merkwürdiges Flüstern. Erst dachte ich, es hinge mit dem Kraftfeld in der Wüste zusammen. Aber ich höre es jetzt dauernd. Ich kann nichts verstehen, es sind keine Worte, es ist nur ein Wispern.“ Christopher sah nachdenklich auf das MRT-Bild. „Mh…Akustische Halluzinationen treten allerdings eher bei Schädigungen der Großhirnrinde auf. Aber vielleicht senkt der Tumor einfach Deine Wahrnehmungsschwelle. Immerhin ist er in einem sehr sensiblen Gebiet Deines Gehirns. Was, wenn Du durch den Tumor einen Funktionsgewinn hast und Dinge wahrnimmst, die unsere Gehirne unbewusst ausblenden? Wir sollten vielleicht doch noch eine PET anschließen, dann können wir sehen, was in diesem Tumor vor sich geht und wo die Neurotransmitter hinspazieren, die das Ding produziert.“
John schüttelte den Kopf, doch Mulder willigte ein, er wollte wissen, warum er diesen Tumor hatte und was er ihm nützte. Er sah die Beiden an. „Wie weit seid Ihr mit dem Chip? Habt Ihr schon eine Möglichkeit gefunden ihn für andere nutzbar zu machen?“ Christopher und John sahen sich an und nickten Mulder schließlich schweigend zu. Christopher ging in den Nebenraum um Colin anzurufen und es dauerte keine fünf Minuten und das halbe Team befand sich in dem kleinen Raum, durch dessen Glasfenster man auf den noch immer leise summenden Kernspintomographen sehen konnte. Colin war aufgeregt als er sprach.

„Wir haben heute morgen den Chip, den Du in Deinem Nacken hattest, kopiert und übertragen auf einen dünnen Film aus verschiedenen isoelektrischen Substanzen. Wir haben in der letzten Woche einen Trägerchip entwickelt, wenn wir nun den dünnen Film und deine Chipkopie darauf setzen und das ganze Paket jemandem direkt über dem Rückenmarkskanal einsetzen, müssten wir in der Lage sein, Dein Bewusstsein auf diese Person zu übertragen. So fantastisch es klingt, aber theoretisch ist es möglich. Allerdings haben wir es bisher noch nicht an jemandem versuchen können, der ein eigenes Bewusstsein hat und genau das könnte das Problem sein. Wir wissen nicht, was Dein Chip auslöst. Und ob die Immunität wirklich übertragbar ist. Denn unsere Labormäuse können wir dafür nicht nutzen, dafür sind die elektrischen Potentiale auf dem Chip zu stark, ihre Gehirne würden der Spannung nicht standhalten und so lange wissen wir nicht, ob es tatsächlich funktioniert.“ John stand auf. „Doch genau das werden wir herausfinden. Denn ich werde mich als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen.“
Damit hatte niemand gerechnet und Christopher schoss aus seinem Sitz ebenfalls in die Höhe und griff Johns Arm. „John! Wir haben überhaupt keine Ahnung, was das mit Dir anstellt. Bist Du Dir darüber im Klaren, was das vielleicht bedeutet?“ Doch John sah ihm direkt in die Augen. Ohne mit der Wimper zu zucken entgegnete er: „Ja, und haben wir eine Wahl? Müssen nicht ohnehin Opfer gebracht werden? Wer soll sich denn sonst zur Verfügung stellen? Wir haben keine Zeit mehr, das vorher an 100 Affen zu testen, wir müssen schnell handeln, seht doch hinaus in den Himmel! Wie lange glaubt Ihr wohl wird es noch dauern, bis dieser Regen wieder einsetzt? Und was wissen wir schon, was danach kommt?" Alle sahen betreten auf den Boden. In der Tat hatten sie nicht daran gedacht, dass es jemanden geben würde, an dem der erste Chip getestet werden musste.
Selbst Mulder wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte Angst vor den Tests. Denn es war sein Chip, der da kopiert worden war. Was war darauf gespeichert? Was würde es mit John anstellen? Walter brach schließlich das Schweigen und sah auf die Uhr.
„Heute Nachmittag müssten wir so weit sein. Also wenn Du Dir wirklich sicher bist, könnten wir heute noch herausfinden, ob es funktioniert.“ John lächelte, doch seine Zweifel waren für Mulder unübersehbar, er konnte die Angst in seinen Augen sehen. Und doch blieb er standhaft. „Gut, worauf warten wir dann noch?“

Damit brachen alle schweigend wieder auf und kehrten in ihre Labors zurück, um alles für den Test vorzubereiten. Einer der Ärzte des Teams griff sich John und ging mit ihm das Prozedere in einem Nebenzimmer durch, denn John würde dafür eine Narkose brauchen, da sie ihm den Chip unter die Rückenmarkshaut setzen mussten.
Mulder ließ sich neben Christopher nieder und starrte auf sein MRT. Er stützte den Kopf in die Hände und schloss die Augen. In was für einem Alptraum war er hier nur gelandet?

Irgendetwas sagte ihm, dass es nicht funktionieren würde. Denn die Immunität war in ihm über Jahre entstanden zusammen mit so vielen absurden und außergewöhnlichen Begleitumständen und er bezweifelte, dass es allein die elektrischen Impulse und Informationen waren, die dort auf dem Chip waren, die seine Immunität ausmachten.

 

Sieben Stunden später im OP-Trakt desselben Forschungszentrums

Mulder sah aus dem Fenster. Das Gras im Innenhof war gelb-braun und die Bäume standen kahl um den kleinen Park herum, wie Soldaten im Spalier. Das gesamte Forschungszentrum war voller Labors, in denen unbeteiligte Menschen Routinetests für die umliegenden Londoner Krankenhäuser durchführten, wie konnten sie ausgerechnet in so einem belebten Zentrum, inmitten all der Ärzte und Wissenschaftler, solche Experimente durchführen? Wem gehörte dieses Zentrum? Wer erlaubte John und seinem Team hier den Zugriff auf die Labors und OP-Säle? Er vermutete, dass John selbst der Besitzer dieses Zentrums war. Und genau das war der Grund, warum er ihm nicht traute. Er war ihm so ähnlich in seinen Überzeugungen und Zielen auf der einen Seite und auf der anderen Seite hatte er so viel Macht und all diese Technologien um sich herum, die ihn so wenig von diesen Regierungsmitgliedern unterschieden, die Mulder nun seit über zehn Jahren verabscheute und bekämpfte. Es war paradox. Denn Mulder wusste nicht, ob er hier auf der guten oder auf der bösen Seite stand. Gab es in einem Kampf gegen einer außerirdische Macht überhaupt noch ein Gut und ein Böse?

Jemand riss ihn aus seinen Gedanken indem er gegen die Tür klopfte, der er den Rücken zugewandt hatte. Er drehte sich um und erkannte Gregs Augenpaar über dem Mundschutz durch das Glasfenster der Tür. Er zog sich seinen eigenen Mundschutz über und ging hinein. „Es geht gleich los, aber bevor wir in den OP gehen, solltest Du Dir das hier ansehen!“ Und er hob einen weichen Umschlag in die Höhe. Ein japanischer Poststempel war darauf zu erkennen und Mulder sah Greg fragend an. „Das lag heute Morgen auf Johns Schreibtisch. Und sieh mal, was drin ist.“ Er ließ ein Glasröhrchen mit zwei Metallchips darin auf seine Handfläche fallen und hielt es gegen das Licht, so dass Mulder es auch sehen konnte.
„Wessen Chips sind das?“ „Der eine ist von Dir. Und der andere…tja, vielleicht siehst Du dir das am besten selbst an. Wir haben nur eine Vermutung.“ „Jetzt? Aber – es geht doch gleich los!“ Greg griff Mulder unter den Arm und zog ihn zur Tür. „Ja, aber es dauert eine Weile bis die den Chip einsetzen, eine Stunde bleibt uns noch mindestens, die müssen sich erst einmal bis zu den Rückenmarkshäuten vorarbeiten.“
Als Greg und Mulder in den Informatikraum kamen, hatte Colin bereits die Informationen auf dem zweiten Chip in eine seiner Grafiken verwandelt und rieb sich aufgeregt die kalten Hände an seiner Jeans warm. „Fox, endlich! Sieh Dir das mal an!“ Er öffnete zwei Grafiken und legte sie übereinander.
„Die grüne Grafik ist die elektrische Aktivität auf Deinem Chip und die rote ist die Aktivität des anderen Chips. Und was würdest Du nun sagen, wessen Chip das hier ist?“ Er sah Greg aufgeregt an und schwieg. Mulder überlegte und sah sich die Kurven an. Sie waren vollkommen verschieden, er wusste nicht genau, worauf die beiden anderen hinauswollten, doch da fiel sein Blick auf das Datum, ab dem der andere Chip registriert worden war.
Nicht eine Sekunde musste er überlegen, denn diesen Tag würde er niemals vergessen. Es war der Tag, an dem er Scully den Chip besorgt hatte, der ihr gegen ihre Krebserkrankung eingesetzt wurde. Er hatte damals dem Himmel dafür gedankt, dass sie nicht seinetwegen hatte sterben müssen.
War das die Kopie dieses Chips, die er vor sich hatte? Sah er gerade die elektrischen Signale vor Augen, die dieser Chipscanner auf ihrem Chip gemessen hatte? Sah er den Abdruck ihrer Bewusstseinsveränderungen vor sich? Greg konnte das Flackern in Mulders Augen sehen und wusste, dass er nicht falsch gelegen hatte mit seiner Vermutung, dass es Scullys Chip war, den sie dort aus Japan geschickt bekommen hatten. Er legte seine Hand auf die Maus neben dem Keyboard und zeigte Mulder, warum er zu dieser Vermutung gekommen war.
„Hier, siehst Du? Anfangs sind die beiden Kurven vollkommen verschieden, doch hier hinten sieht man deutlich, dass sie gemeinsame Peaks und Verläufe haben. Immer nur über wenige Augenblicke. Wie kann man sich das erklären außer darüber, dass die beiden Personen, die diese Chips in sich trugen, zur selben Zeit, dasselbe gefühlt und erlebt haben?“
Mulder nickte und sein Herz klopfte. War das hier der Abdruck der Seele, die er so schmerzlich vermisste? Konnte es tatsächlich sein, dass er nicht nur das Gefühl gehabt hatte, sie beide wären im tiefsten Inneren miteinander über all die Jahre verschmolzen, hatte sich das so stark auf ihr Bewusstsein ausgewirkt, dass sie tatsächlich über die elektrischen Signale, die sie aussandten verbunden waren?
Aber konnte ihre zarte wunderbare Seele, die er so von Herzen liebte, tatsächlich so banal aussehen, wie rote Kurven, die sich unregelmäßig hoben und senkten? War eine Seele nicht vielmehr als eine Linie mit Hoch- und Tiefpunkten? War es wirklich so simpel?

 „Ich weiß, was Du denkst, Fox.“ Greg hatte dasselbe empfunden. Das Bewusstsein war viel komplizierter als das, was sie vor sich sahen, es war zu vereinfacht. Colin bemerkte die merkwürdige Spannung, die in der Luft lag und versuchte die Lage zu entspannen.

„Aber immerhin ist dieser Chipscanner auch nur in der Lage die Informationen auf diesen Chips zu verrechnen. Er zeigt lediglich die Schwankungen des gesamten elektrischen Potentials auf dem Chip. Er zeigt keine feinen Unterschiede, keine Erinnerungen oder einzelnen Gefühle. Die sind zwar da drauf gespeichert, aber wir können sie nicht ablesen. Was Du hier vor Dir siehst ist also lediglich eine elektromagnetische Momentaufnahme, tatsächlich nur der Abdruck, den Eure Hirnströme in ihrer Summe in einem elektrischen Feld hinterlassen. Und dennoch ist es frappierend, wie ähnlich sie sind.“

Mulder war sprachlos und scrollte sich weiter durch die Zeitleiste, am unteren Rand der Grafik. Die beiden Kurven hatten in der Tat immer wieder gemeinsame Verläufe. Er scrollte sich durch die Jahre 1997, 1998,1999 und gelangte immer näher bis in die Gegenwart. Er hatte fast Angst davor, welches das aktuelleste Datum war, das hier gespeichert war.
Er schämte sich fast diesen Chip und die tanzende rote Linie anzusehen, ermöglichte es ihm doch einen Einblick in Scullys tiefstes Inneres. Einen verschlüsselten, rätselhaften Einblick und doch war es mehr, als sie ihn jemals hat wissen lassen. Die rote Kurve war voller Leben und Veränderung. All die Momente, in denen sie so unberührt und unbeeindruckt gewirkt hatte, all die Jahre, in denen sie zusammen gearbeitet hatten, hatte sich so vieles in ihr getan. Warum war er nicht Teil davon gewesen? Warum hatte er nur einen Bruchteil all dieser Bewegungen in ihrem Inneren wahrgenommen?

Greg stand auf und warf Colin einen Blick zu. Sie zogen sich langsam aus dem Raum zurück, denn sie selbst kamen sich plötzlich wie Eindringlinge vor. Eindringlinge in das Innere zweier Menschen, die sich sehr nahe standen. Es war absurd, denn die Kurven hätten ebenso gut die Temperaturschwankungen einer bestimmten Stadt über 5 Jahre sein können. Und doch war so viel mehr Information darin versteckt, aber nur Mulder konnte damit etwas anfangen und so verließen sie den Raum.

Mulder hielt inne, als er an einem Tag ankam, an dem ihr Chip offenbar einen Ausfall gehabt hatte. Es war ein Tag jenseits des Tages, an dem ihm sein Chip entfernt worden war. Es war ein Tag, der ziemlich genau 7 ½ Monate zurücklag. An diesem Tag hörte Scullys rote Linie plötzlich auf. Doch schon kurz danach setzte sie wieder ein und nahm einen unregelmäßigen, hochfrequenten Verlauf mit vielen Peaks, nur um dann vier Monate später wieder aufzuhören.
Mulder stockte der Atem und ihm wurde heiß. Die Erinnerung an den Tag, an dem der Chip offenbar für wenige Augenblicke ausgesetzt hatte, ließ sein Herz schneller schlagen und er wurde unruhig. Es war der Tag gewesen, an dem zwei ihrer Zellen zu einer verschmolzen waren. An dem sie dieses neue Leben geschaffen hatten. Der Tag, an dem sie einander endlich das offenbart hatten, was sie beide so lange mit sich herumgetragen hatten. Mulder schluckte.

Konnten diese aufgestauten Gefühle in diesem Moment, als das Kind gezeugt wurde, einen Kurzschluss verursacht haben? Und was hatte dann letztlich die Inaktivierung des Chips vier Monate später ausgelöst? Ihr Kuss in seiner Wohnung? Der Moment, in dem sie sich entschieden hatten, diese Liebe endgültig zuzulassen? Oder war es der Moment gewesen, in dem das Kind in ihrem Bauch angefangen hatte zu träumen? In dem seine Hirnströme zusammen mit denen seiner Mutter diesen Chip inaktiviert hatten?
Wenn er darüber nachdachte, was diese Gefühle in ihm auslösten, war es überhaupt nicht abwegig, dass sie auch die Ursache der Störungen auf dem Chip waren. Was waren Gefühle anderes als freigesetzte Botenstoffe in seinem Gehirn, die elektrische Erregung in seinen Nervenzellen verbreiteten?

In Mulder überschlugen sich die Gedanken, er fühlte das Bedürfnis, sofort zu ihr zu fliegen und sie in seine Arme zu nehmen und seine Nase in ihrem duftenden weichen Haar, das immer so rot in der Sonne leuchtete, zu vergraben.
Doch er schloss die Grafik und stand auf. Er musste sich wieder beruhigen, musste wieder einen klaren Gedanken fassen. Wie viele Kopien von ihrem Chip gab es? Wie konnte es sein, dass andere Zugriff darauf hatten? Es war so falsch. Er fühlte, dass er sie beschützen wollte, dass er nicht wollte, dass andere in ihre verletzliche Seele Einblick hatten. Er wollte diesen Chip vernichten. Und er wusste nun, warum sie nicht wie die anderen Frauen mit den Chips in ihrem Nacken gestorben war.
Weil der Chip in ihrem Nacken seit Monaten inaktiviert war. Er stürmte aus dem Zimmer und packte Colin an der Schulter.
„Wie machen die das? Wie kommen die an die Daten auf dem Chip in ihrem Nacken? Gibt es irgendwo eine Zentrale, in der alle Chipsignale eingehen und gespeichert werden? Was für eine kranke Welt ist das eigentlich?“ brüllte er Colin schließlich an, nachdem er sich immer mehr in seine Fassungslosigkeit hineingesteigert hatte und drückte ihn gegen die Wand. Colin umgriff Mulders Handgelenke und schob ihn von sich weg. Greg half ihm dabei und redete beruhigend auf Mulder ein. „Fox, reiß Dich verdammt nochmal zusammen!“ „Ich reiß mich erst dann zusammen, wenn Ihr mir Antworten gebt, wenn Ihr mir sagt, wo ich diese Leute finde, die einfach so in das Bewusstsein anderer Menschen eindringen. Und wer seid Ihr eigentlich, dass Euch diese Leute per Post solche Chips schicken?“ „Sie sind schon längst tot!“ rief Greg um ihn endlich zur Ruhe zu bringen und es hatte seine Wirkung, denn Mulder ließ endlich von Colin ab und drehte sich zu Greg um. „Und woher kam dann diese Post?“ Greg war erleichtert, dass Mulder sich wieder gefasst hatte. Er war unberechenbar, wenn er wütend wurde.
„Ebenfalls von einem Toten. Er war das letzte Mitglied der japanischen Schattenregierung. Und das Labor in Tokio, in dem diese Chipsignale aller Frauen und Männer auf der Welt, die solch einen Chip in sich tragen, eingehen und verarbeitet werden, dieses Labor ist vor vier Wochen in einem Brand zerstört worden. Wir haben dieses Feuer selbst gelegt. Und wir haben alle Chips, die dort noch gelagert waren, mitgenommen und zerstört als wir auf der Suche nach Deinem Chip waren. Sie waren ohnehin alle wertlos. Nur diese beiden Chips hatten wir dort nicht finden können. Und offenbar hat das letzte Mitglied dieses Projektes, kurz vor seinem Harakiri noch einen lichten Moment gehabt und uns die Chips zugeschickt. Aber nun sind sie auch für uns wertlos, wir werden sie vernichten. Wir dachten nur, Du würdest vielleicht gerne einen Blick darauf werfen...aber anscheinend war das ein Fehler?“ Greg war sich nicht sicher, ob er Mulder einen Gefallen damit getan hatte oder nicht und nun hatte er das Gefühl, er müsse sich für etwas entschuldigen.
Doch Mulder winkte ab, denn er hatte sich beruhigt. „Nein, es ist schon gut. Ich möchte nur sichergehen, dass ihr Chip zerstört wird. Was Ihr mit meinem macht, ist mir egal. Setzt ihn von mir aus Eurem Premierminister ein.“ Und damit lehnte er sich gegen die Wand und sah an die Decke bis sein Atem sich ebenfalls beruhigt hatte. Colin sah ihn noch immer etwas verängstigt an und rieb sich die Schulter, an der Mulder ihn gepackt hatte. Da klingelte plötzlich das Telefon im Nebenzimmer. Colin war froh, dieser unangenehmen Situation entrinnen zu können und ging ran.
Aufgeregt stürmte er eine Minute später wieder aus dem Zimmer in den Flur. „Der Chip wird jetzt eingesetzt. Sie werden gleich testen, ob es funktioniert.“ Greg zögerte keine Sekunde und machte sich sofort auf den Weg in den OP-Trakt. Mulder folgte ihm.
„Wie wollen sie testen, ob es funktioniert, wenn sie überhaupt kein Alien-Virus haben, um ihn damit zu infizieren?“ Greg sah sich irritiert zu ihm um. „Wie kommst Du darauf, dass wir das nicht haben? Womit sollen wir ihn denn sonst testen?“ Mulder schluckte. Einmal mehr war er sich nicht sicher, auf wessen Seite er gerade stand. „Na, dann bin ich ja beruhigt“, antwortete er zynisch, doch ohne dass Greg davon Notiz nahm. Aufgeregt stiegen sie in den Aufzug zum OP, während Colin im Informatikzimmer Scullys und Mulders Chip in einen neuen Umschlag steckte und eine kanadische Adresse darauf schrieb.

 

Zur selben Zeit in Washington D.C., Dr.Coopers Praxis


Der Arzt verteilte das kühle Ultraschallgel auf Scullys Bauch. Scully fühlte sich sehr unwohl bei diesem Routinetermin. Noch immer wusste sie nicht mehr über diese Verdickung im Nacken ihres Kindes. Und so viele andere Dinge waren ungeklärt. Seit sie diese Praxis betreten hatte, hatte sie außerdem ein merkwürdiges Gefühl in ihrem Kopf. Und ihr Baby war außergewöhnlich unruhig. Doch sie versuchte sich einzureden, dass es wieder einmal nur die Hormone waren, die ihr nun schon seit einigen Wochen Streiche spielten. Als der Schallkopf über ihren Bauch glitt und sie den Kopf ihres Kindes erkennen konnte, griff sie instinktiv nach der Hand ihres Arztes, der seine Untersuchung unterbrach und innehielt. „Da! Sehen Sie das? Was ist das?“ Der Arzt drückte den Schallkopf fester in ihren Bauch und näherte sich dem Bildschirm. Er zuckte mit den Achseln. „Was meinen Sie? Ich sehe da nichts.“ Scully stutzte. Wie konnte er das denn nicht sehen?
„Dort, über dem 6.Halswirbel, diese echoreiche Struktur. Was ist das?“ „Das ist nur ein Artefakt. Eine Störung im Bild. Ich kann gerne mal die Ebene wechseln, dann sehen Sie, dass da nichts ist.“
Doch Scully beruhigte das nicht gerade. Und als der Arzt den Schallkopf schwenkte und sie das Gehirn ihres Babys sah, weiteten sich ihre Augen und sie griff erneut nach der Hand ihres Arztes. „Bitte, Miss Scully, wollen Sie, dass ich Ihr Kind untersuche oder wollen Sie das selber tun?“ Dr.Cooper war sichtlich gereizt, er war angespannt und überhaupt nicht so freundlich und hilfsbereit, wie Scully es von ihm gewohnt war. Doch sie ließ sich nicht irritieren. „Sehen Sie denn nicht, dass da noch eine weitere Verdichtung im Gehirn ist? Soll das etwa auch ein Artefakt sein?“ Doch der Arzt schüttelte wieder nur den Kopf. „Ich kann mir nicht erklären, was das sein soll. So etwas hab ich noch nie gesehen, das kann nur eine Störung sein. Der Kleine ist ja sonst putzmunter und daher denke ich nicht, dass wir uns darüber Sorgen machen müssen. Er ist kerngesund.“
Daraufhin brach er die Untersuchung ab und wischte mit einem Papiertuch das Gel von Scullys Bauch. Die sah ihn nur erstaunt an und konnte nicht fassen, dass ihr Arzt sie förmlich rauswarf. Sie setzte sich auf und sah ihm in die Augen, die stumpf und leer wirkten. Ihre Stimme klang streng und unterkühlt. „Ich möchte eine Kopie der Bilder haben.“ Der Arzt nickte wortlos, druckte die Bilder erneut für sie aus und reichte sie ihr. „Machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“
Doch Scullys Instinkt verriet ihr, dass etwas nicht stimmte, und zwar nicht nur mit ihrem Baby. Sie riss ihm die Bilder aus der Hand. „Dessen bin ich mir nicht so sicher, Dr.Cooper.“ Und verließ mit einem vernichtenden Blick in seine Richtung das Behandlungszimmer. Sie würde eine zweite Meinung einholen, denn es war keineswegs alles in Ordnung.
Als sie aus der Praxis ins Freie trat, wehte ihr ein kühler Wind durch das Haar und sie zog sich den Mantel über dem Bauch zu.
Wann würden sie endlich wieder einmal die Sonne sehen?


In der Nacht in London, England

Tom, der Arzt, der die Anästhesie an John durchgeführt hatte, saß neben Mulder und kaute nervös auf seinem Kaugummi herum. Mulder war in seinem Stuhl tief hineingesunken und hatte seinen Kopf in den Nacken gelegt. Noch immer war er aufgewühlt und verwirrt wegen Scullys Chip. Doch nun saß er schon seit Stunden hinter einer Glasscheibe vor Johns Bett und starrte auf die Monitore. Nachdem man John über eine Kanüle das schwarze Öl in den Körper gepumpt hatte, hatte er einen kurzen epileptischen Anfall erlitten, doch seitdem – und das war nun schon 7 Stunden her – war nichts passiert. Doch schlafen konnte Mulder nicht. Die Tatsache, dass John seinen Chip in seinem Nacken trug machte ihn automatisch zu einer Art Seelenverwandten und Mulder wollte unbedingt wissen, was geschehen würde. Alle anderen hatten sich schon vor Stunden verabschiedet und nur er leistete noch Tom, der die ganze Zeit über Johns Vitalfunktionen wachte, Gesellschaft. Doch langsam merkte er, wie er in den Schlaf abdriftete und immer wieder für Sekunden einnickte.

Niemand ahnte etwas von dem Kampf, der in John vor sich ging. Keiner der beiden Beobachter konnte sehen, dass Johns Bewusstsein durch die vielen Sinneseindrücke aus Mulders Erinnerungen, die über den Chip in sein Gehirn schossen, vollkommen zerfahren und durchwoben wurde und er in schwindelerregender Geschwindigkeit Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sah, die er gar nicht kannte, die ihm aber als seine eigene Erinnerung verkauft wurden. In seiner Brust schlug sein Herz unregelmäßig im Takt der fremden Eindrücke in seinem Kopf. Die Gefühle, die er in sich aufkeimen spürte, waren nicht seine und das schwarze Wesen in seinen Adern huschte vor diesen fremden Erinnerungen und Emotionen genauso scheu durch seinen Körper wie sein eigenes Bewusstsein.
Es war, als verdränge Mulders Chip nicht nur das Virus sondern auch ihn selbst. Aber er merkte, dass der Chip stärker wurde und es nur noch eine Weile dauern würde, bis die schwarze eisige Leere in seinem Blut vor dieser Kraft fliehen würde, die dort in seinem Nacken pulsierte und sein Nervensystem steuerte. Nur was würde von ihm übrig bleiben? Johns Angst trieb ihm den Schweiß auf die Stirn und jemand wischte ihn immer wieder weg. Jemand, der gar nicht da sein konnte, den er gar nicht kannte, den er aber anscheinend liebte. Eine Frau mit roten Haaren und tiefen blauen Augen, die besorgt und voller Liebe auf ihn herabsah bevor sie plötzlich vom Schwarz um sie herum verschlungen wurde. Das letzte, was er von dieser Frau sah, waren ihre Augen, die voller Angst in seine Seele starrten.
John wehrte sich mit der ganzen Kraft seines Geistes gegen die fremden Eingebungen, indem er sich immer wieder Erinnerungen aus seiner Kindheit ins Gedächtnis rief, doch stattdessen sah er die Bilder einer Kindheit in Massachusetts, die er nicht gehabt hatte, mit einer Schwester, die er nie gehabt hatte und mit Eltern, die ihm fremd waren. Er hoffte inständig, dieser Kampf würde bald vorübergehen und sein Verstand würde ihm wieder gehorchen.
Doch er ahnte nicht, dass es noch viel schlimmer kommen würde.

 

Am späten Nachmittag


Ihre Wohnung erschien ihr vollkommen fremd als sie sie betrat und sich umsah. Sie war lange nicht mehr hier gewesen und jetzt, da sie in ihrer vertrauten Umgebung war, vermisste sie ihr Leben. Doch sie war hergekommen um all die Geschenke, die die Nachbarn ihrer Mutter für das Baby vorbeigebracht hatten, abzuladen und um ein paar Stunden in Ruhe zu verbringen ehe ihr Bruder Bill das Babybettchen lieferte.
Sie ging durch das Wohnzimmer und warf dabei ihren Mantel auf das Sofa. Sie löste ihren hellblauen Schal um ihren Hals und warf ihn hinterher. Doch so entspannt sie auch in dem schummrigen Licht ihrer Stehlampe wirkte, so war sie doch die ganze Zeit in Gedanken.

Sie hatte lange nichts mehr von den Einsamen Schützen gehört. Hatte Mulder schon etwas erreicht in England? Wenn nicht bald etwas geschah, würden die Hamsterkäufe wieder losgehen. Die Menschen hatten in den letzten Wochen immer wieder je nach Wetter und Nachrichten die Supermärkte in wahnhafter Panik leergekauft. Immer wieder normalisierte sich das Leben bis erneut eine Nachricht um die Welt ging.
Morgen hatte sie einen Termin bei einem anderen Arzt, der noch eine Ultraschalluntersuchung machen würde. So lange musste sie also noch mit diesem quälenden Gedanken durch die Gegend laufen, dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmte. Sie schüttelte den Gedanken ab, sie hatte keine Lust mehr darüber nachzudenken, so lange sie nichts tun konnte und entschied sich, ein Bad zu nehmen. Bill würde sicherlich in der Rush-Hour stecken bleiben und nicht vor einer Stunde hier sein. Sie wählte die Nummer ihres Pizzataxis und drehte den Wasserhahn in der Badewanne auf als es an der Tür klopfte. Konnte das schon Bill sein? Sie sah auf die Uhr und blickte dann verwundert durch den Spion.

Doch es war Dr.Cooper, der dort vor ihr stand. Irritiert öffnete sie ihm die Tür. „Dr. Cooper!“ Ihre Stimme klang unterkühlt, dabei hatte sie sich vorgenommen, ihm keine Vorwürfe zu machen. „Was führt Sie zu mir?“ Er wirkte verstört und angespannt, so wie am Morgen schon in der Praxis. „Darf ich reinkommen?“ Scully sah ihr Bad und ihr Pizza vor ihren Augen verblassen, doch war ihr das egal, denn es beunruhigte sie, dass ihr Arzt persönlich bei ihr vorbei kam.
„Ist etwas mit meinem Baby?“ fragte sie noch ehe sie die Tür hinter ihm schließen konnte. Er lief in ihr Wohnzimmer hinein und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen. Doch er antwortete nicht. Scully ging näher an ihn heran. „Dr. Cooper?“
Da drehte er sich völlig unerwartet ruckartig um und hielt ihr eine Waffe vor das Gesicht, die er langsam aber sicher vor ihr hinabgleiten ließ um auf ihren Bauch zu zielen. Scullys Herz schlug bis zum Hals. Sie schluckte und versuchte, einen Ausweg zu finden. Sie wagte kaum zu sprechen, so wahnsinnig und entrückt war der Blick in den Augen ihres Arztes. „Was haben Sie vor?“ brachte sie schließlich doch vorsichtig über die Lippen und hielt den Atem an. Er öffnete seinen Mund um etwas zu sagen, doch es kam nur ein säuselndes Flüstern heraus, ein Flüstern, das sie in ihrem Kopf hörte und das so klang, wie das, was sie in der Sahara gehört hatte. Sie begriff als sie den schwarzen Schleier sah, der sich über seine Augen zog und seinen Geist zu vernebeln schien.
Ihr Verstand blieb klar, sie war FBI - Agentin, sie würde aus dieser Situation einen Ausweg finden.
Sie hatte das schon einmal überlebt, sie war diesem Alien-Virus gewachsen, eher als der Waffe in seiner Hand. Die Luft flimmerte vor ihren Augen als er auf sie zukam bis die Pistole gegen ihren Bauch stieß und eine leichte Delle hineindrückte.
Er entsicherte sie und legte den Finger an den Abzug. Scully schloss die Augen. Sie war verloren. Nein, dieses Mal gab es kein Entrinnen.
Da klingelte das Telefon und Scully fuhr vor Schreck zusammen. Selbst Dr. Cooper, oder zumindest seine menschliche Hülle, erschraken und Scully nutzte den Augenblick um seine Waffe von ihrem Bauch wegzustoßen, wobei sich ein Schuss löste, der Dr.Coopers Bein streifte. Sie beide starrten auf die Wunde, aus der schwarzes Öl auf ihren Teppich tropfte. Der Anrufbeantworter beendete das Klingeln des Telefons und es war Bill, der sich in den nächsten zwanzig Minuten ankündigte.
Dr. Cooper sah aus seinen schwarzen ausdruckslosen Augen von seiner Wunde am Bein auf zu Scully und stieß sie mit einem festen Schlag von sich weg. Sie stürzte gegen ihren Kleiderschrank und rutschte daran ab, als ihr für einen Augenblick schwarz vor Augen wurde. Doch sie blieb bei Bewusstsein. Der Kampf hatte begonnen und sie würde nicht aufgeben. Sie riss ihre Augen weit auf und spannte ihren Körper an, um seinen nächsten Angriff abzuwehren. Da fiel der Mann auch schon über sie her und drückte sie an der Kehle zu Boden, so dass sie nicht mehr atmen konnte. Sie wehrte sich mit ihrem ganzen Körper und versuchte ihn von sich zu lösen.
Doch er spie das schwarze Virus über ihr aus und schlug sie so, dass sie sich nicht mehr wehren konnte und schließlich doch das Bewusstsein verlor. Das schwarze Öl kräuselte sich einen Augenblick auf ihrer Haut und pulsierte schwarz schimmernd, ehe es in sie hineinkroch. Es war, als hätte es überlegen müssen, es kannte diese Frau schon. Doch dieses Mal war sie außer Gefecht gesetzt, dieses Mal würde es sie umbringen.

Der Angreifer merkte, wie ihr Widerstand vollkommen nachließ und sie kraftlos und schlapp liegenblieb als er von ihr abließ. Sie atmete nicht und er verharrte wie ein wildes Tier über seiner Beute um sicherzugehen, dass er diesen Kampf für sich entschieden hatte. Das schwarze Öl würde den Rest erledigen. Zufrieden erhob er sich schließlich während sich der Schleier über seinen Augen verzog und wieder in den Tiefen seiner Hirnwindungen verschwand.

Doch Scully war nicht tot. Noch nicht. Ihr Bewusstsein war verschwunden, doch ihr Geist war wach und kämpfte gegen den Eindringling, der ihm mittlerweile schon vertraut war. So oft hatte sie schon diese kalte dunkle Finsternis in sich gefühlt. Und es jagte ihr immer wieder Todesangst durch jede Faser ihres Körpers. Bilder blitzten vor ihrem Auge auf. Bilder von ihr und Mulder in der Wüste. Bilder von einer gewaltigen Explosion über dem Sand, einem wabernden Impuls, der den Himmel erschütterte und Bilder, die sie nicht wieder erkannte. Ein Mann lag in einem Krankenbett und sie hatte sich über ihn gebeugt. War es Mulder? Er schien im Koma zu liegen. Ein Foto schoss durch ihren Kopf. Ein Foto einer toten Frau. Und noch eins. Sie hatte diese Frauen noch nie zuvor gesehen. Und ein Bild nach dem anderen tauchte in ihrem Kopf auf. Sie sah ein Labor, einen OP vor ihrem inneren Auge. Und eine Uhr, auf der die Zeit 4.21 anzeigte, sie tickte in ihrem Kopf wie eine Zeitbombe. Ein Asiate, der aus einem Hochhaus stürzte, schrie in ihrem Kopf und eine furchtbare Vernichtungsangst erklomm ihre Seele. Sie fürchtete sich vor dem Kind in ihrem Bauch und sie bekam keine Luft mehr. Sie wusste nicht mehr, wer sie war, oder wo. Sie sah immer wieder diesen Mann in dem Bett liegen und der verzweifelte Verdacht, dass es Mulder war, raubte ihr den Verstand. Diese fremden Bilder, die dort aus der Tiefe ihres Gehirns auftauchten machten ihr angst. Das Flüstern wurde mit jedem der Bilder lauter und schien sie einzulullen bis ihr Geist den Kampf schließlich aufgab und sie in der Dunkelheit ertrank.

 

Zur selben Zeit in London, England


Mulder erwachte aus seinem dösenden Halbschlaf als Tom neben ihm aufgeregt aufsprang und durch die Tür in das Krankenzimmer stürmte. Noch ein wenig benommen versuchte er, die Lage zu verstehen, als er begriff, dass John aufgehört hatte zu atmen. „Was ist mit ihm?“ fragte er und folgte Tom ins Krankenzimmer. „Er hat plötzlich aufgehört zu atmen, ich weiß nicht warum. Und seine Sauerstoffsättigung ist unter 60 % abgefallen. Ich muss ihn sofort intubieren, sonst stirbt er.“
Mulder biss sich aufgeregt auf die Unterlippe und seine müden Augen folgten nervös Toms routinierten Bewegungen. Doch selbst unter der Sauerstoffbeatmung ging es John nicht besser. Seine Sättigung rutschte weiter ab und er fiel in einen Kreislaufstillstand.
Mulder rannte aus dem Zimmer und rief nach der Nachtschwester des ansonsten vollkommen leeren OP-Trakts. Sie kam sofort herbeigeeilt und begann zusammen mit Tom John zu reanimieren. Doch es half nichts. Sein Körper war schlapp und leblos.

Mulder jedoch sah hinter der Glasscheibe aus seinem Augenwinkel, wie eine schwarze Flüssigkeit rückwärts aus Johns Vene in den Infusionsschlauch lief. „Tom!“ Er deutete auf den Schlauch und schlug gegen die Scheibe und Tom begriff. „Ach Du Scheiße!“ fluchte er, denn er wusste nicht, wie er nun reagieren sollte. Es gab nur eine Möglichkeit. Sie mussten es rauslassen. In Windeseile brachte die Schwester Blutkonserven herbei und sie begannen, das schwarze Zeug aus Johns Venen hinausfließen zu lassen und durch frisches Blut zu ersetzen. Es dauerte keine zehn Minuten und das Blut, das aus Johns Arm floss, entfärbte sich, bis es erst gräulich und dann wieder klar und dunkelrot in der Nachtbeleuchtung schimmerte. Johns Werte besserten sich rasant.
Tom atmete auf und wischte sich den Schweiß mit seinem Ärmel von der Stirn, doch offensichtlich war John noch immer nicht über den Berg. Sie konnten noch nicht darüber jubeln, dass der Impfchip gewirkt hatte. Denn Johns Sauerstoffsättigung blieb niedrig und seine Muskeln vibrierten und zuckten fein und unaufhörlich.
Mulder hatte die ganze Zeit seine Unterlippe knetend vor dem Krankenzimmer gestanden und darüber nachgedacht, was mit John geschah. Nun, da das schwarze Öl aus ihm herausgeflossen war, hatte sein Körper doch gesiegt, hatte sich doch erwiesen, dass die Immunität übertragbar war. Aber warum erholte er sich dann nicht? Warum sank seine Sauerstoffsättigung weiterhin? Was lief schief?
Tom sah Mulder ernst durch die Scheibe an und schüttelte den Kopf. Er war offenbar ratlos. Doch Mulder hatte eine Idee, sie keimte vage, mehr wie eine Intuition, in ihm auf und er überlegte, ob es möglich war.

Sie mussten schnell handeln wenn es stimmte. Er und Scully hatten Purity besiegt, doch die Chips waren in ihnen beiden nicht aktiv. Sein Chip war vor langer Zeit entfernt worden und ihr Chip war offenbar seit ihrer Schwangerschaft inaktiviert. Was, wenn der Chip zu stark wurde, nun da Purity aus Johns Körper entfernt war? Mulder sah mit aufgerissenen Augen zu Tom, als er begriff, dass er womöglich Recht hatte. Und als seine Gedanken sich von selbst zu einem Bild zusammensetzten. All die Entführungsopfer, die ihre gesamte DNA abgestoßen hatten, die Tatsache, dass er und Scully Purity immer und immer wieder überlebten und das ohne funktionierende Chips, er verstand es nun. Er griff nach dem Telefon und wählte Christophers Nummer. Tom sah ihn an. „Was tust Du da?“ „Wir müssen dieses Ding wieder aus ihm herausholen. Es bringt ihn um.“ Tom schüttelte den Kopf, er glaubte, sich verhört zu haben. „Was meinst Du damit? Es hat ihm gerade das Leben gerettet!“ „Nein, Du verstehst nicht. Dieser Chip, er tötet nicht nur das Alien-Virus, er tötet alles Außerirdische in ihm. Er tötet seine Zellen. Denn das Alien ist überall in ihm, denk doch mal drüber nach!“

Nun weiteten sich auch Toms Augen, denn das, was Mulder sagte, machte tatsächlich Sinn. Er rannte aus dem Zimmer und warf sich OP-Klamotten über, denn sie mussten John so schnell wie möglich wieder von dem Chip befreien. Mulder rief das halbe Team wach und es dauerte keine halbe Stunde bis John wieder in Narkose auf dem OP-Tisch lag und die Ärzte seine frische Wunde wieder eröffneten. Mulder sah mit klopfendem Herzen aus sicherer Entfernung zu. Die Ereignisse überstürzten sich und Mulder versuchte zu verstehen, was es mit seiner Immunität wirklich auf sich hatte.

Hatte der Raucher ihm diesen Chip vor einem Jahr zu seinem eigenen Schutz entfernt? Hatte er ihn einmal mehr vollkommen falsch eingeschätzt? Hätte der Chip ihn sonst womöglich umgebracht? Er war sich nicht mehr sicher, wo die Manipulation durch die Regierung ihm geschadet und wo sie ihm das Leben gerettet hatte. War seine gesamte Immunität lediglich Produkt dieser ganzen Experimente? Oder war es einfach nur ein Wunder, ein Sprung in der Evolution, dass er die Resistenz gegen das Virus entwickelt hatte?

Es schien fast, als gingen die Regierungsmanipulationen und die Zufälle der Natur Hand in Hand in dieser Geschichte. Hatten sich all die aufgestauten Gefühle seit seiner Kindheit zu einem elektrischen Knotenpunkt in seinem Bewusstsein geballt, der durch den Chip in seinem Nacken potenziert und vervielfacht worden war? Hatten die elektrischen Impulse sich gegenseitig verstärkt? Hatte dies die Kräfte seines Bewusstseins konzentrieren können, bis sie so stark geworden waren, dass sie ihn vor dem Eindringen dieses Aliens in seinen Geist beschützten? Waren die Kräfte so stark gewesen, dass sie auch seine Zellen von diesem seelenlosen Wesen befreit und es damit getötet hatten? War es der Tumor in seinem Kopf, der nun diese Kraft konzentrierte und ihn immun machte, anstelle des Chips? War es vielleicht gar kein Tumor, sondern vielmehr ein neuer Funktionsbereich seines Gehirns? War es das Baby, das genau dieselbe Kraft in Scully aktivierte? Seine Augen sahen immer wieder die rote Kurve vor sich, wie sie an diesem einen Tag, in dieser einen Nacht plötzlich unterbrochen wurde, wie ein Riss in der Zeit. Als hätte für diese wenigen Momente alles ausgesetzt. Hatte sein Herz nicht in der Tat für einen Augenblick aufgehört zu schlagen? Welch ein Feuerwerk musste das in ihren Köpfen gewesen sein, dass ihr Chip in diesen Minuten tatsächlich außer Kraft gesetzt worden war. Welche Kräfte mussten das sein! Kräfte, die das, was in der Wüste geschehen war, erklärten und möglich machten. Kräfte wie die, die vor Millionen von Jahren aus ein paar Molekülen im Wasser ein Lebewesen geschaffen haben. Kräfte, die sie vielleicht retten würden, weil sie dieser unheimlichen Macht über ihren Dächern vielleicht gewachsen waren. Weil sie nicht mit dem Verstand zu begreifen waren.

Es war 4.21 Uhr und es sah nicht aus, als würde einer von ihnen in dieser Nacht noch zum Schlafen kommen. Und niemand hörte das leise Pochen des schwarzen Regens, der in dicken öligen Tropfen aus dem wolkenverhangenen dunkelroten Himmel auf die Welt hinabstürzte wie eine Horde Krähen.

Als John vier Stunden später wieder in seinem Krankenzimmer lag, schwenkte Mulder völlig übermüdet den Styroporbecher mit dem letzten Kaffeerest in seiner Hand und spuckte die Hülse eines Sonnenblumenkerns hinein. Er sah durch die Glasscheibe wieder auf John und nahm beruhigt zur Kenntnis, dass alles in Ordnung war. Er lehnte sich zurück und sah zu Christopher hinüber, der Tom nach der OP abgelöst hatte und nun über Johns Körper wachte. Das künstliche Licht flackerte, es gab weit und breit in diesem Trakt kein Fenster und Mulder wusste nicht, wie spät es war, denn Christophers Uhr war vor Stunden auf 4.21 Uhr stehen geblieben. So wie die Uhr im OP-Saal. Mulder hatte eine vage Ahnung, was das bedeuten konnte, doch er war zu müde, um es wirklich zu begreifen. Sein Kopf wurde schwer und er war kurz davor wieder einzuschlafen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm und sofort wieder wach war. Er warf den Kaffeebecher in Richtung des Mülleimers, den er natürlich verfehlte und rüttelte Christopher wach, der ebenfalls eingenickt war. Sie beide brannten darauf, mit John zu sprechen. Doch als John die Augen aufschlug, sah er nur Mulder voller Sorge und Angst in seinem Blick an.

Er griff mit seiner Hand noch schwach nach Mulders Arm und seine Finger bohrten sich wie Vogelklauen in sein Fleisch. Er riss die Augen auf und Mulder glaubte für einen Augenblick in den Spiegel seiner eigenen Seele zu sehen, denn er konnte fühlen, was John fühlte. Er hatte Todesangst. Und er wusste auch warum, bevor Johns Lippen sich bewegten und es für alle hörbar in den Raum aufstieg: „Scully!“ Mulder griff nun seinerseits nach Johns Hand und drückte sie fest. „Was ist mit ihr? Was hast Du gesehn?“ Aber John musste nicht antworten. Mulder ließ seine Hand los und ging an Christopher vorbei, der ihm verständnislos nachlief.
„Was ist los? Wer ist Scully?“ Mulder drehte sich um. „Sie ist….“ Mulder stutzte. Es kam ihm so banal vor, sie war nicht nur seine Freundin, sie war so viel mehr. Er hielt inne und suchte nach dem richtigen Wort. Doch es fiel ihm nicht ein. „Ich muss zu ihr. Ich muss nach Washington.“ Christopher hatte in Mulders Gesicht lesen können, wer Scully war, doch er hielt Mulder an der Schulter zurück. „Kommst Du zurück?“ Mulder wusste es nicht, waren seine Fragen nicht geklärt? Hatten sie nicht einen Ansatz, wie sie Purity besiegen konnten? Kamen sie von nun an nicht ohne ihn zurecht? Er sah Christopher ernst an. „Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was bis dahin geschieht. Aber Ihr habt mir sehr geholfen! Danke, Chris.“ Mulders Worte waren ernst, doch sie waren ehrlich und Christopher wusste nicht, womit er ihn hätte zurückhalten können. Er sah zu Boden als Mulder den Raum verließ und drehte sich zu John, der langsam wieder ins Reich der Lebenden zurück zu kehren schien.

 

Zwei Tage später, Dulles International Airport, Washington D.C.


Kaum hatte er den Flieger verlassen und die Zollkontrolle hinter sich gelassen, schaltete er sein Handy ein und stellte irritiert fest, dass er selbst hier in seiner Heimat keinen Empfang mehr hatte. Also suchte er nach dem nächsten öffentlichen Telefon und wählte der Reihe nach alle Nummern, die er kannte. Doch weder bei Scully daheim noch bei ihrer Mutter ging jemand ans Telefon. Ihr Handy war ausgeschaltet, selbst Skinner war nicht erreichbar und das grausame Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert war, kroch wieder in ihm hoch und stellte seine Nackenhaare auf. Er hatte über 24 Stunden am Flughafen Heathrow darauf gewartet, dass die Flugzeuge wieder starteten. Mit Beginn des schwarzen Regens, der in den frühen Morgenstunden nachgelassen hatte und erneut schwarze Nebelschwaden über dem Boden zwischen den Häusern hinterlassen hatte, war der Flugverkehr eingestellt worden. Doch Mulder war durch den dunklen Nebel gelaufen und er hatte ihm nichts anhaben können. Und dennoch waren die Menschen panisch in ihre Häuser geflohen und hatten sich bis zum nächsten Morgen nicht mehr nach draußen gewagt. Es war unvorstellbar still am Flughafen gewesen und Mulder hatte durch die großen Fenster sehen können, wie sich der Nebel über der Landebahn langsam über das Gras abgesenkt hatte und sich schließlich wie von Geisterhand aufgelöst hatte, ohne eine Spur zu hinterlassen. Doch Mulder wusste, wohin sich die schwarze Substanz verzogen hatte. Sie hatte sich niedergelassen über den Wiesen rechts und links des Rollfeldes und war dort in der Erde verschwunden um das Leben dort heimzusuchen und mit seinem Geist zu durchfließen. Keines der Lebewesen auf diesem Planeten würde dieser Kreatur entkommen.

Hier in Washington lag ebenfalls überall auf den Straßen noch ein hauchdünner schwarzer Film, die weißen Tragflächen der Flugzeuge waren grau und ölig. Doch der Himmel erstrahlte dieses Mal nicht wie sonst in einem gesunden, klaren unschuldigen Blau. Er war wieder von denselben schwarzen Wolken verdeckt und ließ nur einen schwachen blassen Schein der Sonne hindurch. Es war, als hätte die Sonne ihr Interesse an der Erde verloren und hätte sich anderen Planeten zugewandt.
Es war gerade Anfang Oktober und es war eiskalt und stürmisch.

Mulder rief sich ein Taxi und ließ sich zum FBI Hauptquartier auf der Pennsylvania Avenue fahren.

Dort angekommen hechtete er durch die Eingangshalle zur Sicherheitskontrolle, wo er aufgrund seines unpassenden Outfits erst einmal aufgehalten wurde. Doch Mulder war nach über drei Tagen Schlaflosigkeit nicht in der Stimmung für bürokratische Feinheiten und so kam es, dass die Security-Guards schließlich Director Kersh anrufen mussten, der ihnen persönlich die Erlaubnis erteilen musste, Mulder durchzulassen. Mit einem siegessicheren Grinsen ging er an ihnen vorbei und fuhr direkt zu Skinners Büro. Doch es war verschlossen. Dann eben die nächste Stufe. Mulder fuhr mit dem Aufzug in den Verwaltungstrakt und lief schnurstracks zu Alvin Kershs Zimmer, wo er sich nicht einmal die Mühe machte, anzuklopfen, sondern direkt in sein Vorzimmer platzte.
„Sir!“ Die Sekretärin sprang auf und stellte sich schützend vor Kershs Bürotür. „Ich muss mit ihm sprechen, sofort!“ ließ Mulder sich nicht abwimmeln und blieb nervös vor der zierlichen kleinen Sekretärin stehen, die sich tapfer weiterhin in den Weg stellte. Doch anscheinend hatte Kersh schon längst von der Unruhe in seinem Vorzimmer mitbekommen, denn hinter der Sekretärin öffnete sich die Tür und Kersh sah irritiert heraus.
„Agent Mulder! Welch seltener Gast in unserem Hause, ich dachte schon, es sei ein Aprilscherz, als mich die Sicherheitsleute angerufen haben.“
Die Sekretärin zog sich eingeschüchtert zwischen den beiden Männern zurück und setzte sich an ihren Tisch, nicht ohne ihre Ohren neugierig zu spitzen. Mulder musste sich zusammenreißen, er konnte Kersh nicht leiden und es war für ihn immer wieder eine unglaubliche Überwindung, ihm gegenüber nicht vollkommen die Fassung zu verlieren.
„Wo ist Scully?“ Mulder verzichtete vollkommen auf Höflichkeitsfloskeln und Einleitung, er war aufgeregt, weil er in dieser Stadt nichts so vorfand, wie er es zurückgelassen hatte. Weil sich die ganze Welt um ihn herum umgekehrt zu haben schien. Er kam sich vor, als würde er in einer Parallelwelt umherlaufen.
Kersh sah ihn mit steinerner Miene an. „Wollen Sie sich nicht erst einmal beruhigen, Agent Mulder?“ Doch Mulder stand vor seinem Vorgesetzten und blaffte ihn an. „Ich will mich erst dann beruhigen, wenn ich weiß, dass es ihr gut geht.“
Mit Mulder war offensichtlich kein vernünftiges Gespräch möglich, Kersh seufzte und hielt ihm seine Bürotür mit einem ernsten Blick zu seiner Sekretärin auf. „Also schön. Aber kommen Sie bitte in mein Büro, dieses Gezeter muss ja nicht gleich das ganze Haus mitbekommen.“ Mulder stürmte an ihm vorbei und blieb in der Mitte des Zimmers stehen.

„Setzen Sie sich doch bitte.“ Mulder lief jedoch nervös im Büro herum wie ein Tiger im Käfig. „Ich will mich nicht setzen, verdammt noch mal.“ Kershs Geduld war am Ende. „Agent Mulder, Sie kommen gerade von einem höchst zweifelhaften Ausflug nach Europa zurück, nachdem Sie sich in diesem Jahr recht selten in diesen Räumen haben blicken lassen, stürmen in diesem Aufzug hier in mein Büro und verlangen ernsthaft von mir, dass ich Ihnen in Ihrem Zustand und Ihrem Mangel an Respekt auch nur irgendeine Information geben werde? Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich Ihnen längst Ihren Job hätte kündigen müssen?“
Mulder schloss die Augen und legte sich die Hand auf die Stirn. Okay, offensichtlich musste er sich beruhigen. Er ging auf Kersh zu und atmete tief durch.
„In Ordnung. Ich bin sicher, dass wir all das irgendwann einmal bei Kaffee und Kuchen klären können, aber können Sie mir bitte verraten, was Sie über Agent Scully wissen? Ich kann sie und ihre Familie seit Tagen nicht erreichen und ich mache mir ernsthaft Sorgen.“ Mulder war fast stolz auf sich, dass er die Beherrschung wieder erlangt hatte und sah Kersh mit angespannter Kiefermuskulatur an, während er die Hände in die Taille stützte und versuchte, ruhig weiterzuatmen. Kersh sah Mulder noch immer mit steinerner Miene direkt in die Augen. Wie brechendes Eis klang seine Stimme als er ihm tonlos antwortete. „Agent Scully wurde angegriffen in ihrer Wohnung. Sie liegt seit zwei Tagen im Anne Arundel General Hospital in Annapolis. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, da ich noch keine Zeit gefunden habe, sie dort zu besuchen. Ich weiß nur, dass ihr Zustand stabil ist und es ihrem Baby gut geht.“
Kersh sah ihn streng an während er in Gedanken versuchte zu begreifen, was um sie beide herum geschah. Was mit seiner Agentin passiert war und was das da draußen mit dem Tod seiner Schwester zu tun hatte.
Mulder hatte sich bei seinen Worten in den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen lassen und den Kopf in die Hände gestützt. Seine Augen waren geschlossen und Kersh wusste nicht, was er tun sollte.

Seine Professionalität bröckelte, hatte er nicht selbst vor wenigen Tagen als er vom Tod seiner Schwester erfahren hatte, ebenso in einem Stuhl gesessen? Er ging auf Mulder zu und blieb direkt vor ihm stehen. Vorsichtig hob er seine flache Hand und senkte sie über Mulders Schulter ab, hielt jedoch kurz darüber inne und entschied sich, dass es doch keine so gute Idee war, ihm so nahe zu kommen. Stattdessen holte er tief Luft und bemühte sich, seine Stimme wieder fest und sicher klingen zu lassen.

„Agent Mulder, ich weiß nicht, in welcher Beziehung Sie zu Agent Scully oder ihrem Baby stehen, zumindest verlasse ich mich da sehr ungerne auf den FBI-Cafeteria-Smalltalk, aber ich weiß, dass dieses Jahr sehr hart für sie war und sie Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit jetzt bräuchte. Es ist Ihre Pflicht für sie da zu sein und nicht in der Weltgeschichte herumzukurven, um nach Aliens zu suchen. Ihre Pflicht zumindest als ihr Partner.“
Mulder sah zu ihm auf. Kersh sah, dass er müde war, erschöpft und blass. Mulder erhob sich und ging schweigend auf die Tür zu. Bevor er Kershs Büro verließ, drehte er sich noch einmal zu ihm um.
„Es ist mein Sohn und das können Sie gerne als Bereicherung für Ihren Cafeteria – Smalltalk verwenden. Und alles, was ich da draußen in den letzten Wochen getan habe, war für ihn. Dafür dass er und all die anderen Kinder eine Zukunft haben. Oder halten Sie das da draußen etwa auch nur für El Nino?“ Er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den grauen Tag, der draußen in ungewohnter Stille an ihnen vorbeizog.

Kersh folgte Mulders Blick zu seinem Fenster. Es war Mittag und doch sah die Welt aus als würde die Dämmerung bereits hereinbrechen. Die Straßen waren seit dem letzten schwarzen Regen wie leergefegt. Die Menschen liefen nicht mehr ohne Regenschirme durch die Stadt und auf jedem der bunten Schirme war ein schwarzer hauchdünner Film, der sich nicht mehr abwaschen ließ. Kersh senkte den Blick und sah wieder zu Mulder. Anscheinend wusste der Agent doch viel mehr, als er bisher immer angenommen hatte.
„Gehen Sie zu Scully. Denn auch darüber können wir ein anderes Mal bei Kaffee und Kuchen plaudern.“
Er hatte fast resigniert geklungen neben all seiner Verbitterung und seiner Kälte und Mulder war überrascht gewesen, dass er plötzlich einen Funken Sympathie für diesen Mann empfand, der so weich und verletzlich in seinem Büro stand und sich mit Veränderungen konfrontiert sah, die er nicht mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, in den Griff bekommen würde. Eine Tatsache, der er nicht gewachsen war.

 

Auf einer Farm in Montana


Das kleine Mädchen mit den blonden Locken spielte draußen auf der Veranda, obwohl seine Eltern es ihm verboten hatten. Es verstand nicht, warum die Erwachsenen seit Wochen schon so merkwürdig waren. Das Feuer auf den Feldern war längst gelöscht und der komische ölige Regen hatte sich verzogen. Was also war jetzt so schlimm daran draußen zu sein?

Es summte vor sich hin und kämmte seinem hellblauen Spielzeugpferd das rosafarbene Haar als ein dicker Käfer plötzlich aus der Luft vor seinen Fuß geweht wurde. Das Mädchen erschrak, es hatte seit Wochen keine Tiere mehr gesehen und es sprang auf. Das Spielzeugpferd landete im Gras vor der Veranda und das Mädchen starrte erschrocken auf den schwarzen dicken Käfer, der auf dem Rücken lag und mit den Beinen strampelte. Als das Mädchen begriffen hatte, wer dieser ungebetene Gast war, atmete es erleichtert auf und kniete sich vor den Käfer, um ihn mit einem Holzstöckchen wieder auf den Bauch zu drehen. Doch der Käfer klammerte sich an dem Holzstöckchen fest und krabbelte daran hinauf auf die kleine Kinderhand. Es kitzelte und das Mädchen lachte und schüttelte seine Hand um das Tier loszuwerden.
Das Lachen verstummte jedoch und wich einer verstörten, schmerzverzerrten Grimasse als der Käfer sich in der Hand verbiss und das Mädchen fühlte, wie es unter seiner Haut kalt brannte. Irgendetwas kroch seinen Arm hinauf. Es lief schreiend ins Haus.
„Mom! Mom, ein Käfer hat mich gebissen! Mommy!!!“ Die Mutter lief schimpfend die Treppe hinunter. „Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst nicht draußen spielen! Das hast Du nun davon!“
Doch in dem Moment als sie im Wohnzimmer ankam, erschrak sie.

Ihr kleines Mädchen stand mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Mitte des Raumes und war wie erstarrt. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein Kopf war wie im Schrei nach oben gerichtet. Es streckte die Hände von sich und dicke schwarze Tropfen fielen von dem Biss auf seiner rechten Hand auf den Holzboden, wo sie sich kräuselten und auf der Stelle pulsierten. Die Mutter rannte zu ihrer Tochter und schüttelte sie an den Schultern. Ihr Kopf fiel schlapp nach vorne und ihre Augen fielen zu. Panik breitete sich in der Mutter aus. „Leah! Was ist mit Dir!“ Da öffneten sich die Augen der Kleinen und sie starrte ihre Mutter an, die sie schreiend losließ und panisch rückwärts stürzte bis sie gegen den Wandschrank stieß. Sie hielt sich die Hände vor den Mund um nicht noch lauter zu schreien als sie sah, wie sich der schwarze Schleier über den schönen blauen Augen ihrer Tochter zuckend bewegte und der Körper ihres kleinen Mädchens schließlich den Kampf gegen das schwarze Wesen verlor und auf dem Wohnzimmerboden zusammenbrach.


Zur selben Zeit in Ottawa, Kanada

Er fuhr sich mit der Hand durch das strubbelige Haar und gähnte. Er hasste diese Nachtdienste. Ein Blick in den Kühlschrank verriet ihm, dass er jedoch noch viele Nachtdienste schieben musste, bis er endlich wieder anständige Nahrung zu sich nehmen konnte. Er holte sich eine Tasse aus dem Schrank und drehte den Wasserhahn auf. Er stutzte. Hatten sie ihm das Wasser abgestellt? Die Rechnungen waren doch alle bezahlt! Es gluckste in den Leitungen und er drehte den Hahn wieder zu. Es gurgelte und gluckste weiter. Offenbar war ja doch Wasser in den Rohren. Er stellte seine Tasse ab und ging ins Bad um dort den Wasserhahn aufzudrehen. Wieder gluckste es kurz, doch dieses Mal lief es. Wie jeden Morgen seit Wochen kam erst ein gräulicher Strahl, den er auf diesen schwarzen Regen zurückführte, doch er entfärbte sich schnell und das Wasser floss klar in sein Waschbecken. Er wusch sich das Gesicht und füllte seine Hände mit dem kalten erfrischenden Nass um einen großen Schluck zu nehmen. Doch er spie es sofort aus.
Es schmeckte widerlich. Metallisch. Er würde sich bei seinem Vermieter beschweren, denn seine Nebenkosten waren ohnehin viel zu hoch.

Er sparte sich das Duschen und zog sich zerknirscht seine Jeans an.
Das würde ja ein toller Tag werden.
Der metallische Geschmak lag noch immer auf seiner Zunge als er die Wohnung laut fluchend verließ und nicht merkte, wie es unter der Haut in seinem Nacken zu kribbeln anfing.


Zur selben Zeit in derselben Stadt

Es schmeckte in der Tat metallisch. Die Frau in dem weißen Kittel stellte das Glas auf den Tisch vor sich und seufzte. Die Menschen waren durch die Ereignisse da draußen skeptisch, sie waren in Alarmbereitschaft. Sie würden dieses Wasser nicht akzeptieren. Nicht, wenn sie nicht diesen metallischen Geschmack herausbekämen. Aber wie sonst sollten sie breite Massen der Bevölkerung mit diesen Nanobots ausstatten, wenn nicht über das Wasser? Sie strich sich eine hellbraune Haarsträhne hinter das Ohr und kippte das Wasser in den Ausguss. Sie konnte schon fühlen, wie es in ihrem Nacken kribbelte. Dieser neue Chip funktionierte hoffentlich, ansonsten waren sie alle verloren.
Oder waren sie das ohnehin?
Bevor sie diesen Gedanken weiterdenken konnte, klopfte es an der Tür ihres Labors. Sie öffnete sie einen Spalt und streckte ihren Kopf heraus, damit niemand ins Innere des Labors sehen konnte. „Ja? Was kann ich für Sie tun?“
Der Bote hielt ihr wortlos einen dünnen Umschlag hin. Sie zog die Stirn kraus und nahm dann die Post entgegen. Als sie die Türe wieder hinter sich geschlossen hatte, drehte sie den Umschlag um und sah wo er her kam. Erleichtert atmete sie auf. Endlich waren sie da!

Sie musste sofort oben anrufen. Ernst blickte sie den jungen Mann im Anzug an, der die ganze Zeit am Fenster gestanden hatte und nickte ihm zu. Sie wählte eine hausinterne Nummer und wartete aufgeregt auf das Freizeichen.
Am anderen Ende meldete sich eine ernste Männerstimme. Die Wissenschaftlerin schluckte und versuchte ihrer Stimme wieder einen festen Klang zu verleihen. „Robert? Die Chips sind gekommen. Wir können also loslegen.“ Der Mann schwieg. Schließlich hatte er die Nachricht verarbeitet und räusperte sich bevor er ihr antwortete. „Wir sind gleich unten!“

 

Zur selben Zeit in Annapolis


Die Aufzugtür öffnete sich und vor Mulder stand Bill Scully jr.
Mulder stöhnte auf. Musste er heute eigentlich jedem auf seiner Most-Unwanted-Liste begegnen? Das würde eine schwierige Konversation werden, dessen war er sich sicher. Als Bill Mulder erkannt hatte, hatte er Mühe seine Fäuste zu beherrschen. Doch er hatte seiner Schwester schon vor langer Zeit versprochen, sich Mulder gegenüber zurückzuhalten. Aber wie konnte er das? Wie konnte er einen Mann gesund herumlaufen lassen, der Schuld an allem war, was Unglück über seine Familie gebracht hatte? Der dann auch noch die Dreistigkeit besessen hatte, seine Schwester zu schwängern und der sie dann nicht einmal heiratete, sondern sie mit dieser schwierigen Schwangerschaft alleine ließ! Was fand seine Schwester an diesem schlacksigen Spinner? Sie waren ja nicht einmal offiziell ein Paar. Warum also sollte er ihm nicht endlich das zukommen lassen, was er verdiente?
Doch er sog laut und scharf die Luft durch die Nase ein und presste die Lippen aufeinander. Mulder sah ihn an, er fühlte sich unsicher, denn er wusste, Scullys Bruder hasste ihn. Und nicht zu Unrecht. Aus seiner Sicht musste er tatsächlich der wahre Antichrist sein. Er entschied sich, in die Offensive zu gehen.
„Bill, ich weiß, dass wir beide nie Freunde werden können. Aber ich muss sie sehen, bitte halten Sie mich nicht auf. Ich will wissen, wie es ihr geht. Und unserem Baby.“ Bill widerte der Gedanke an, dass dieser Mann der Vater seines zukünftigen Neffen war. „'Unser Baby', ja? Dafür haben Sie sich aber in der letzten Zeit reichlich selten in ihrem Leben blicken lassen.“
Mulder sah zur Seite, warum hielten sich die Menschen nicht einfach aus dieser ganzen Geschichte heraus? „Hören Sie, ich weiß, dass das alles einen vollkommen falschen Eindruck macht. Aber sehen Sie doch mal nach draußen! Meinen Sie wirklich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, darüber zu streiten? Finden Sie nicht, dass es jetzt wichtigere Dinge als unseren ewigen Hahnenkampf gibt?“ Bill lächelte zynisch. „Ach ja richtig, in Ihren Augen ist das da draußen sicherlich die Rückkehr der Jedi-Ritter, nicht wahr?“ Mulder sah wieder zur Seite und diesmal war er es, der sich beherrschen musste, seine Fäuste bei sich zu behalten. Er biss die Zähne zusammen und versuchte sich zu entspannen.

Schließlich schaffte er es und lächelte genau so zynisch zurück „Richtig. Und ich bin Darth Vader und würde gerne endlich zu Prinzessin Amidala.“ Damit hatte er Bill genug gereizt. Er packte Mulder am Hemd und drückte ihn mit seiner ganzen Kraft gegen die geschlossene Aufzugtür. „Jetzt hören Sie mir mal zu, Fox! Sie haben schon Melissa auf dem Gewissen und ich garantiere Ihnen, ich werde Sie eigenhändig umbringen, wenn Dana auch nur noch ein Haar gekrümmt wird.“ Mulder stieß Bill von sich und riss sich aus seinem Griff los, als plötzlich Margaret Scully um die Ecke des Flurs bog und erschrocken auf die beiden sah. Offensichtlich war sie mitten in einen Kampf hineingeplatzt. Ihre Augen weiteten sich und sie sah entsetzt zu ihrem Sohn.
„Bill!“ Mulder atmete auf, er sah schuldbewusst zu Margaret Scully und ging auf sie zu. Doch Bill kam ihm zuvor und schob sich zwischen sie. „Mom, lass nicht zu, dass dieser Bastard Dana noch einmal sieht. Ich will nicht, dass er ihr immer wieder wehtut!“ Doch Margaret Scully ignorierte ihren Sohn und sah an ihm vorbei, direkt in Mulders Augen.
„Fox! Sie sehen furchtbar aus! Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Sie sah besorgt aus und doch klang ihre Stimme kühl. Mulder war sprachlos, er wusste nicht, wie er reagieren sollte, denn Bills böser Blick hing ihm immer noch im Nacken. Er gab ihnen Recht, er würde ebenfalls jeden Mann, der Scully wehtat, so hassen wie Bill ihn hasste.
Er näherte sich Margaret und sah ihr tief in die Augen, in der Hoffnung sie könne erkennen, dass er es ehrlich meinte. „Bitte, ich muss zu ihr!“

Margaret war überfordert. Einerseits konnte ihr Zorn auf diesen Mann nicht größer sein, andererseits liebte ihre Tochter ihn, sie trug sein Kind unter ihrem Herzen und wenn sie ihre Tochter nicht für immer verlieren wollte, musste sie diese Beziehung akzeptieren. Sie hatte Fox immer in Schutz genommen und sie wusste, es war auch nun ihre Pflicht, so schwer es ihr fiel. Sie senkte den Blick und wich zur Seite um mit Bill zum Aufzug zu gehen. Resigniert sah sie Mulder an, bevor sie sich abwendete. „Sie liegt in Zimmer 38.“ Mulders Blick wurde weich und Erleichterung breitete sich in ihm aus. „Danke!“ Er drehte sich weg und wollte um die Ecke den Flur zu ihrem Zimmer betreten, als Margaret ihn zurückrief. „Fox?“ Er hielt inne und drehe sich zu ihr um. „Bitte, tun Sie ihr nicht noch mehr weh. Sie hat genug gelitten!“
Mulder presste die Lippen aufeinander und nickte ihr fast unmerklich zu. Als ob er sie absichtlich verletzte! Er hasste sich selbst für all die Dinge, die ihr seinetwegen widerfahren waren, sahen sie das denn nicht? Seine sanften grünbraunen Augen blickten direkt in ihr Herz und sie wusste, sie hatte richtig gehandelt, auch wenn ihr Verstand ihr etwas Anderes sagte. „Komm Bill, lass uns gehen!“ Sie hakte sich bei ihrem Sohn unter und zog ihn zum Aufzug. Er sah Mulder noch lange mit funkelndem Zorn in den Augen nach und seine Fäuste ballten sich, dass die Haut über seinen Fingerknöcheln weiß wurde.

 

Mulder stand vor Zimmer 38 und holte tief Luft, bevor er die Tür öffnete. Sein Blick fiel sofort auf ihren Bauch, der sich unter der Decke vorwölbte. Er schloss erleichtert die Augen. Sie hatte nicht gehört, dass er hineingekommen war, offensichtlich schlief sie. Ihr Kopf ruhte auf dem weißen Kissen und ihre Haare leuchteten auf dem hellen Untergrund wie Kupfer. Ihre Hand ruhte über ihrem Bauch und ihr Atem war ruhig. Er näherte sich ihr leise und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl neben ihrem Bett. Sein Herz raste bei ihrem Anblick und er musste sich daran erinnern, weiter zu atmen.

Er war endlich zuhause. Erschöpft ließ er seinen Kopf auf ihre Matratze sinken und griff nach ihrer Hand. Er war viel zu müde, als dass er jetzt die Kraft gehabt hätte all den Gefühlen in seiner Brust standzuhalten. Er hätte es nun nicht ertragen können, in ihre klaren blauen Augen zu sehen, es hätte ihn zu sehr überwältigt und so war er froh, dass sie schlief. Er schloss seine Augen und sein Atem beruhigte sich bis sein Herz so ruhig schlug wie ihres. Sein Kopf war so schwer als er ihre weiche Haut sanft küsste und mit dem Gesicht an ihrer Hand und ihrem Duft in seiner Nase nach drei Tagen zum ersten Mal einschlief.

Ein dumpfes Donnergrollen draußen vor dem Fenster weckte sie. Sie hatte wieder von diesem Mann geträumt, den sie in ihrer Wohnung vor ihrem inneren Auge gesehen hatte. Wer war es gewesen? Wie war diese Erinnerung in ihren Kopf gekommen? Sie strich mit ihrer Hand über den Bauch, der sie noch so schmerzte und sah zur Seite auf die Infusionsflasche, die bald leer sein würde. Sie war ruhig. Denn es sah aus, als hätte sich ihr Baby endlich entschieden, noch eine Weile in ihr wohnen zu bleiben. Bill hatte sie blutend und bewusstlos in ihrer Wohnung gefunden, nachdem Dr.Cooper sie dort hatte liegen lassen. Es war pures Glück gewesen, dass Bill schon früher hatte kommen können, sonst hätte sie diesen Angriff mit Sicherheit nicht überlebt. Und nun hatte sie es wieder einmal geschafft. Wie oft hatte sie schon die Augen aufgeschlagen und erkannt, dass sie einmal mehr dem Tod entronnen war?
Jemand hielt ihre Hand. Sie fühlte seinen Atem auf ihrer Haut. Langsam drehte sie ihren Kopf zur anderen Seite und wagte kaum hinzusehen, weil sie die tiefe Hoffnung in sich trug, es könnte Mulder sein und weil sie nicht wieder enttäuscht werden wollte. Ihr Herz setzte aus, als sie sah, dass sie dieses Mal nicht enttäuscht wurde. War er wirklich zurückgekommen? Zitternd vor Aufregung zog sie ihre Hand unter ihm weg und legte sie auf seinen Kopf, der erschöpft und regungslos auf ihrer Matratze lag. Sie strich sanft durch sein Haar und ließ ihre Hand darauf liegen. Sie wollte ihn nicht wecken, aber zugleich konnte sie es kaum aushalten, ihm nicht in die Augen sehen zu können. Kaum hörbar öffnete sie ihren Mund und flüsterte durch die Stille. „Mulder?“ Dabei strich sie wieder mit der Hand über seinen Kopf und wieder setzte ihr Herz aus, als er sich regte. Als er sah, dass sie wach war und ihre wunderschönen Augen ihn lebendig und voller Liebe ansahen, schäumte er über vor Glück. Er schenkte ihr sein herzerweichendes Lächeln und sein Blick legte sich auf sie wie warme Sonnenstrahlen.

„Hey, mein Lieblingsmensch ist wieder wach!“ Scully lächelte zart zurück und antwortete mit leuchtenden Augen: „Meiner jetzt auch!"
Er erhob sich von seinem Stuhl und stürzte sich auf sie. Vor Erleichterung seufzten sie beide laut auf, sie hatten nicht damit gerechnet, einander so schnell so lebendig wiederzusehen und ihr Glück war unfassbar.
Er legte seinen Kopf an ihren Hals und sog ihren zarten Duft ein. Seine Hände klammerten sich um ihren kleinen Körper und er hätte sie fast erdrückt, so sehr überwältigten ihn seine Gefühle. Sie strahlte und konnte kaum glauben, dass er tatsächlich heil zurückgekehrt war. Eine Träne lief ihr über die Wange, als ihre Brust zu zerspringen drohte.
Als sein Kopf an ihrer Brust zur Ruhe kam, schloss sie die Augen vor Erlösung und legte ihre Arme um seinen Oberkörper, der schief über sie gebeugt auf ihrem Bett hing. Sie drückte ihn fest und küsste immer und immer wieder seine Haare. Er wirkte so müde und sah schlecht aus, doch er war am Leben.
Sie hielten eine Weile aneinander fest und warteten, bis ihre Herzen wieder zur Ruhe kamen. Sie waren beide so aufgeregt als sähen sie einander zum ersten Mal.
Schließlich hob er den Kopf und strich ihr mit seiner Hand die Haare aus dem Gesicht. Sie lächelte ihn an und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er legte seine Lippen auf ihre und küsste sie. Sie schloss die Augen und verlor sich vollkommen in ihrem Glück, ihn endlich bei sich zu haben. Er versuchte sich ihre leuchtenden Augen in die Seele einzubrennen, als er seine Lippen wieder von ihren nahm und sich ihre Augen wieder öffneten und in seine sahen. Daraufhin gab er ihr noch einen Kuss ehe er sich wieder aufrichtete und sich auf ihre Bettkante setzte. Es war schwer für ihn, seinen Blick von ihren Augen abzuwenden. Und von ihren kirschroten Lippen, die jetzt, wo sie noch blasser als sonst war, umso voller wirkten. Doch seine Augen wanderten an ihrem Körper hinab zu der Kugel unter der Decke.
„Ist mit Fox junior alles in Ordnung?“ fragte er wieder gefasster und tappte mit seiner flachen Hand vorsichtig und unbeholfen darauf herum. Scully lächelte, doch hinter ihrem Lächeln konnte Mulder den Schmerz sehen, den sie noch immer zu fühlen schien.
„Ja, er hat nur nicht verkraftet, dass die Knicks die Saison verloren haben.“ Mulders Augen weiteten sich in gespieltem Entsetzen und er lächelte sie an.
Doch der Anblick vor ihm war zu ernst, als dass er wirklich darüber hätte lachen können. Sie lag im Krankenhaus und eine Nadel steckte in ihrem Arm. Sie hatte eine schlimme Prellung an ihrer Wange, die ihn wütend machte auf denjenigen, der ihr das angetan hatte. Er legte seine Hand ganz vorsichtig auf ihre Wange und sah sie ernst an. „Was ist denn passiert?“
Scully schloss die Augen und wollte es abtun, sie wollte ihn in diesem wunderschönen Moment nicht damit belasten. Doch er sah sie auffordernd an und so setzte sie sich vorsichtig auf, um ihm in Ruhe all das zu erzählen, was sie während seiner Abwesenheit erlebt hatte.

Als sie ihm alles gesagt hatte, schluckte er. Sein Hals war ganz trocken geworden und seine Hände ganz feucht. Es tat ihm leid und er hasste sich dafür, dass er nicht für sie da gewesen war. Sein Blick fiel wieder auf ihren Bauch und er holte tief Luft.
„Ich glaube, ich weiß, was das für Veränderungen auf dem Ultraschallbild sind. Und ich glaube, ich weiß auch, wer der Mann ist, den Du in Deinem Traum gesehen hast.“ Scullys Augenbraue hob sich und sie sah ihn verdutzt an.
„Was? Woher willst Du das wissen? ---Mulder?“ Als er ihr nicht direkt antwortete, legte sie ihre Hand auf seine und drückte sie. „Hey, willst Du es mir nun sagen, oder nicht?“
Mulder wusste nicht, was er ihr sagen sollte. Er wollte nicht, dass sie alles erfuhr, was er in England erlebt hatte. Er wollte nicht, dass sie von dem Chip wusste, den er gesehen hatte, auf dem er so vieles über ihr emotionales Innenleben erfahren hatte. Er wusste, es lag noch so vieles zwischen ihnen, es war nicht der Zeitpunkt um über all das zu reden, was sie im Innersten bewegte. Es war jetzt wichtig, dass sie weiterkämpften, dass sie überlebten, was immer auf sie zukam.

Als er seine Gedanken geordnet hatte, erzählte er ihr von seinem Tumor, der sich exakt dort befand, wo auch das Baby im Ultraschall etwas zeigte. Er erzählte ihr von John und dass er mit Purity infiziert worden war und dass er es John verdankte, dass er nun bei ihr saß. Weil John ihn zu ihr geschickt hatte. Als er wieder schwieg, sah sie auf ihre Hände und schüttelte den Kopf. So viele Fragen türmten sich vor ihr auf und sie konnte sie nicht zurückhalten.
„Aber ich verstehe das nicht. Was für ein Tumor ist das? Und wieso hat unser Sohn ihn auch? Wie ist das möglich? Und wie konnte John von dem Angriff in meiner Wohnung gewusst haben? Wie sind die Bilder von ihm in meinen Kopf gekommen?“ Als er Scully ansah und über ihre Fragen nachdachte, dämmerte es ihm.
„Vielleicht ist dieses schwarze Öl mehr, als wir immer dachten. Vielleicht hat es ebenfalls ein Bewusstsein, vielleicht hat es Erinnerungen.Vielleicht dringt es in die verschiedenen Körper ein und ist in Wahrheit nur ein einziges großes Wesen, das die Körper, die es befällt, untereinander verbindet über sein Bewusstsein.“

Scully runzelte die Stirn. „Du meinst so wie eine Art kollektives Bewusstsein?“ „Ja! Und sieh mich dabei nicht so an, ich meine das Ernst.“ Scully verkniff sich ein Grinsen. „Mulder, Du denkst doch nicht allen Ernstes, dass dieses schwarze Öl so etwas wie die 'Borg' ist?“ Mulder verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Denk doch mal darüber nach, hefte das doch nicht direkt wieder in die Science-Fiction-Kategorie ab. Was ist denn Deiner Meinung nach die naheliegendste Erklärung dafür?“
Scully zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Vielleicht sind es unterbewusste Gedächtnisinhalte, die durch den Stress, den der Angriff ausgelöst hat, in mein Bewusstsein verschoben wurden.“ Mulder fasste es nicht. War es tatsächlich möglich, dass sie nun tatsächlich darüber diskutierten? „Und wie erklärst Du Dir dann, dass John wusste, dass Du es bist, die er vor sich gesehen hat? Obwohl er Dich gar nicht kannte?“ Scully schwieg. Sie hatte in der Tat keine plausible Erklärung für das, was sie erlebt hatte. Aber ihr fehlten sämtliche plausiblen Erklärungen für das, was ihr widerfahren war und so gab sie schließlich auf und sah auf ihre Hand, die sich um Mulders Finger geschlossen hatte. Er sah ebenfalls auf ihre beiden Hände und lächelte sie schüchtern an. Sie hatte Recht, wozu sollten sie jetzt darüber streiten?

Er war zurück. Was würde nun geschehen?
„Wann lassen die Dich hier raus?“ „Der Arzt sagte, wenn der Ultraschall heute in Ordnung ist, dann vielleicht schon morgen. Allerdings muss ich auch zuhause bis zur Geburt das Bett hüten, wenn ich nicht will, dass das Baby zu früh kommt.“ Das machte Mulder Angst. Offensichtlich ging es ihr schlechter, als sie ihn wissen lassen wollte. Doch er lächelte tapfer und strich ihr über die Wange. „Noch 6 Wochen im Bett? Mhhh…da fallen mir ne Menge Dinge ein, die man in dieser Zeit dort tun könnte.“ Sie lächelte und stieß seine Hand spielerisch weg. „Witzbold!“

Wieder schwiegen sie sich schüchtern an. Schwere, graue Luft hing über der Stadt und sie beide sahen besorgt aus dem Fenster, beide in dieselben Gedanken versunken über die Zukunft, die dort draußen auf sie wartete. Und was sie dagegen tun konnten.
Schließlich brach Scully das Schweigen und Mulder sah voller Bestürzung, dass sie Tränen in den Augen hatte. Sie atmete laut ein und unterdrückte ein leises Schluchzen.
„Ich habe Angst, Mulder.“
Das aus ihrem Mund zu hören, wo sie die ganze Zeit versucht hatte, tapfer zu sein, bedeutete ihm sehr viel. Denn es bedeutete, dass sie ihm mehr als je zuvor vertraute. Und es bedeutete, dass es ihr wirklich ernst war. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und drückte ihre Hand, als er mit dem Kopf zaghaft nickte und auf die kleine Grube zwischen ihren Schlüsselbeinen sah, wo er ihr goldenes Kreuz vermisste. „Ich auch, Dana, ich auch.“

 

Zwei Tage später in Scullys Apartment, 11.21 morgens


Bill hatte das Babybett schon aufgestellt und es war ein komischer Anblick, wie es so mitten zwischen all ihren Sachen stand und auf seinen Besitzer wartete. Die ganze Wohnung füllte sich langsam immer mehr mit Kinderspielzeug und kleinen Fläschchen, Schnullern, Teddybären und Strampelanzügen. Jeden Tag brachte ihre Mutter neue Sachen vorbei, die die Nachbarn ihr schenken wollten. Dabei fühlte sie sich noch gar nicht vorbereitet auf das Kind. Sie hatte noch überhaupt keine Zeit für sich und ihren Sohn gehabt. Und noch weniger Zeit hatte sie für Mulder gehabt. All diese Dinge mussten angesichts der bevorstehenden Bedrohung warten.
Aber warten worauf?

Als sie den Schlüssel im Schloss ihrer Wohnungstür hörte, legte sie schnell die kleinen Kissen, die sie gerade mit hellblauer Wäsche bezogen hatte, in das Bettchen und legte sich auf ihr eigenes Bett, wo Mulder sie vor einer Stunde alleine gelassen hatte. Er hatte ihr das Versprechen abgenommen, dass sie dort liegen bleiben würde, aber sie hatte es nicht gehalten. Als er hereinkam, konnte Scully sehen, dass hinter seinem warmen Lächeln die Anspannung verborgen lag, die ihn die ganze Nacht neben ihr wach gehalten hatte. Aber sie war ebenso wach geblieben, sie hatte sich schlafend gestellt, aber in Wahrheit hatte sie schon lange keinen erholsamen Schlaf mehr finden können. Denn inzwischen regnete es jede Nacht diese dicken schwarzen Tropfen, die auf ihr Dach klopften wie unheimliche Besucher, die sich in der Dunkelheit ankündigten. Er stellte beruhigt fest, dass sie im Bett lag, nahm jedoch auch die frisch bezogenen Kissen im Kinderbett wahr und hob seine Augenbraue strafend, als er sie ansah.
„Es sieht ganz so aus, als hättest Du Dich nicht an unsere Abmachung gehalten. Das ist aber schade, dann muss ich das hier wohl alleine aufessen!“ Und er zauberte ein Paket Schokoladenmuffins und zwei Dunkin-Donuts-Becher hinter seinem Rücken hervor. „Vanille-Milch für Euch beide und Kaffee für mich“, reichte er ihr den einen Becher und ließ sich mit dem Schokoladenmuffin in der Hand auf das Bett fallen. Scully sah ihn scheinbar unbeeindruckt an, doch in ihrem Herzen war sie sehr glücklich ihn zu sehen und liebte ihn einfach für alles, was er tat. Selbst die rücksichtslose Art, wie er sich mit Schuhen und Schokokrümeln auf seinem Hemd auf ihr Bett warf, war liebenswürdig.
„Wo bist Du so lange gewesen?“
Mulder sah sie an. Ihr entging aber auch nichts. Er hatte Skinner zu Hause besucht. Scully hatte ihm erzählt, was mit ihm passiert war, doch auch wenn die Nanobots noch immer in seinem Blut waren, so hatte Scully mit ihrer Therapie bewirken können, dass es ihm wieder wie vor diesem Zusammenbruch ging. Er würde in einer Woche wieder ins FBI zurückkehren und Mulder überlegte, was er selbst nun tun sollte. Scully sah ihm an, dass er nachdachte. Er drehte sich zu ihr und sah zu ihr auf. Er musste überhaupt nichts sagen, denn sie fühlte genau wie er dieses ungute, unheimliche Gefühl der Hilflosigkeit. Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und legte ihn auf ihren Schoß. Sie hingen beide ihren Gedanken nach und schwiegen.
„Au! Er hat mich getreten!“ Er tappte fast streichelnd auf ihren Bauch und strahlte verliebt zu ihr hinauf. Scully schmunzelte. Wenn man alles um sie herum ausblendete, hätten sie eine glückliche Familie an einem Sonntagmorgen sein können. Doch es war Montag. Und sie waren alles andere als glücklich. Und sie wusste nicht einmal, ob sie eine Familie waren.
Scully wusste, sie war die Realistin, sie war der Kopfmensch und daher musste sie endlich das Thema aufgreifen, das schon die ganze Zeit zwischen ihnen in der Luft lag. „Mulder, wir müssen etwas tun. Du musst ins FBI zurück, es sind so viele Dinge ungeklärt.“ Er erhob seinen Kopf von ihrem Schoß, drehte sich auf die Seite und stützte sich auf seinem Ellbogen ab. Zwischen zwei Muffinbissen antwortete er ihr. „Und was schwebt Dir vor? Was sollen wir Deiner Meinung nach tun?“ Scully setzte sich auf. „Was meinst Du damit? Mulder, wir können doch nicht einfach aufgeben und Däumchen drehen. Sieh doch nur aus dem Fenster. Sieh Dir das graue Leitungswasser an, geh an die Strände Neuenglands, sieh die Bäume an. Geh in den Park. Die Welt ist vollkommen aus den Fugen geraten!“ Aber Mulder blieb seelenruhig, eine Reaktion, die Scully von ihm kannte und noch nie verstanden hatte. Wegen so vieler Albernheiten konnte er vollkommen ausflippen und wenn es um wirklich wichtige Dinge ging, konnte er die Lässigkeit in Person sein. Endlich legte er den Rest seines Muffins beiseite und sah sie mit dem Ernst an, den sie von ihmr erwartete.
„Dana, es ist zu groß für uns. Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich weiß nur, dass wir beide dieses Ding dort draußen in der Wüste abgeschreckt haben. Und ich weiß, dass wir das auch wieder tun können. Aber weder kann ich einen Kampf mit denen heraufbeschwören noch kann ich dort rausgehen und der Bevölkerung einen Impfstoff verpassen. Die spielen nach ihren eigenen Regeln und ohne Hilfe sind wir verloren. Wenn die uns umbringen wollen, dann werden die das tun. Und wenn die mit uns spielen wollen, dann haben wir vielleicht eine Chance. Aber ich weiß es nicht. Wir können nichts Anderes tun als zusehen.“ Scully wollte sich wehren, aber ihr fehlten die Worte. Sie wusste selbst nicht, was sie tun sollten. „Kershs Schwester ist tot. Sie ist wie die Frauen in England durch den Chip in ihrem Nacken gestorben. Ich konnte meine Nachforschungen nicht beenden, aber alleine in Maryland und Virginia sind es über 30 Frauen, die ebenso gestorben sind. Wir können doch wenigstens versuchen, so lange es noch geht, weitere Tode zu verhindern. Das wäre doch immerhin ein Anfang.“
Mulder legte seine Hand auf ihre. „WIR können gar nichts. Du musst auf Dich aufpassen. Du kannst nicht mehr dort draußen nach Antworten suchen. Wenn, dann muss ich das tun. Und ich habe mir selbst das Versprechen abgenommen, Dich nicht mehr aus den Augen zu lassen. Die wollten Dich umbringen und die werden es wieder versuchen. Oder denkst Du, Dr.Cooper war nur zufällig einer von diesen außerirdischen Ölspuckern?“
Scully sah aus dem Fenster, wo der Wind die grauen Nebelschwaden über den Boden fegte. „Ich komme schon klar, Mulder. Aber Du musst fort. Du musst nach England zurück. Was ist mit den Schützen? Haben die etwas herausgefunden? Und was ist mit Kersh? Wenn er erst einmal die Beweise sieht, die ich auf dieser CD gespeichert habe, vielleicht kann er uns helfen! Mulder, so viele Fragen sind ungeklärt! Und ich kann nichts tun! Bitte, gib uns nicht auf.“
Mulder setzte sich auf. Der Ausdruck in ihren Augen sagte ihm, dass sie es ernst meinte und es berührte ihn. Denn er fühlte die Kraft, die aus ihrer Seele zu ihm sprach. Es steckte ihn an und weckte seinen Geist, der müde und erschöpft von all den Verwirrungen war. Einen Moment lang schwiegen sie sich an und Mulder sammelte sich bis er wieder in ihre Augen sah und wusste, dass er ihr schuldig war, weiterzumachen.

„Du hast Recht. Aber ich werde Dich nicht hier zurücklassen.“ Er stand vom Bett auf und öffnete ihren Kleiderschrank um einen Koffer hinaus zu zerren. Scully rutschte auf die Bettkante und sah ihn verwundert an. „Was hast Du vor?“ Mulder kämpfte mit den Reisetaschen, die sich in ihrem Schrank verhakt hatten. „Ich bringe Dich nach New Mexico.“ Scully sah ihn mit einer Mischung aus Belustigung über seinen Kampf mit den Koffern und Verwunderung über seinen Vorschlag an. „Was?“

Was sollte sie in New Mexico? Doch dann verstand sie, denn sie erinnerte sich daran, wie sie Mulder dort gefunden hatte. Es war der einzige Ort, der immer unberührt blieb. Es war auch einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen kein schwarzer Regen niedergegangen war. Scully wusste nicht, was oder wer die Navajo wirklich waren, aber sie wusste, dass eine Kraft von ihnen ausging. Eine Kraft, die diese stummen Beobachter dort oben abwies. Auf dieselbe merkwürdige Art, wie sie und Mulder dieses Ding in der Wüste abgestoßen hatten.

Sie stand vom Bett auf und half Mulder dabei ihren Koffer aus dem Schrank zu holen und packte ihn so schnell sie konnte. Mulder half ihr so gut er konnte und sah ihr nachdenklich zu, wie sie einen Koffer für das Baby packte, falls es in New Mexico zur Welt kam.
Er wusste nicht so recht, was sie taten. Er hatte das Gefühl, sie würden vor ihrer eigenen Angst nichts tun zu können davonlaufen.

 

In der Nähe von Gallup, New Mexico

Ahiga sah über das Land bis zum Horizont. Die Sonne strahlte warm und golden vom tiefblauen Himmel herab. Doch ihn konnte das nicht über die Bedrohung hinwegtäuschen, die vom Horizont ausging und seit Wochen dort still verharrte. Die schwarzen Wolken hatten, als sie zum ersten Mal von hier oben sichtbar geworden waren, Unruhe und Panik unter den anderen Indianern im Dorf ausgelöst. Und der Junge, der Gedanken lesen konnte, saß seit Wochen wortlos in seinem Zimmer und aß kaum noch etwas. Ahiga atmete tief durch und genoss die warme Luft, die in seine Lungen strömte. Er wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie kommen würden.
Sie waren schon einmal da gewesen und hatten sie hier unten zurück gelassen. Was würden sie dieses Mal tun? Würden sie alles zerstören? Waren sie gekommen, um ihn und sein Volk zu holen? Oder waren sie gekommen um das Kind zu holen, das die weiße Frau mit den Haaren, die so rot waren wie der Canyon vor seinen Augen, in wenigen Wochen zur Welt bringen würde? Er wusste es nicht, doch er spürte, dass der Wind seine Richtung wechselte und er hörte das leise Flüstern, das von den schwarzen Wolken am Horizont kam.



Vier Tage später in der Nähe von Albuquerque


Der Wagen hielt viel Staub aufwirbelnd an einer verlassenen, ebenfalls sehr staubigen Tankstelle an. Mulder sah zu Scully hinüber, die seit Stunden schlief. Er war froh darüber, denn er wusste, es ging ihr nicht sehr gut und diese Reise war eine Zumutung für sie und das Baby. Doch in Washington waren fast alle Inlandsflüge wegen des Regens und der Wolken ausgefallen, ganz zu schweigen von internationalen Verbindungen. Sie hätten 24 Stunden warten müssen bis das nächste Flugzeug wieder hätte starten dürfen und daher hatten sie sich zu einem „Road Trip“ entschieden und waren bis auf eine Übernachtung in einem Motel in der Nähe von Kansas City durchgefahren.
Er stieg aus und streckte sich. Sein Blick richtete sich wie so oft in den letzten vier Tagen zum Himmel hinauf und es war wie eine Erlösung dort seit Wochen zum ersten Mal die Sonne zu sehen und das Blau, das nun, da er es seit so langer Zeit zum ersten Mal sah, so unwirklich und tief schien, dass es ihm Angst machte. Die schwarzen Wolken konnte er überall am Horizont sehen, sie kesselten das Gebiet geradezu ein.
Als er aus der Tankstelle mit einem Root Beer in der Hand zurückkam sah er, dass auch Scully aus dem Wagen gestiegen war und ihre Hand vor Augen hielt um in den Himmel hinauf zu blicken. Ihr Haar wehte im leisen Wind wie Flammen und ihre helle Haut leuchtete wie Elfenbein. Mulder merkte gar nicht, wie lange er sie angesehen hatte als sie plötzlich mit ihren Augen, die so hell wie der Himmel über ihnen leuchteten, zu ihm hinüberschaute und ihn irritiert fragte: „Was ist?“
Er schüttelte den Kopf und lächelte sie an. „Root Beer?“ hielt er ihr statt einer Antwort die Flasche hin, doch sie verzog angeekelt das Gesicht und ging an ihm vorbei um sich etwas „Vernünftiges“ in der Tankstelle zu holen.
Mulder sah ihr nach und lächelte noch immer.
Er versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass ihr Glück, genau wie der blaue Himmel über ihnen, nur eine Illusion war und nicht von Dauer sein würde. Denn er konnte das säuselnde Flüstern in der Ferne mit jedem Windhauch, der seinen Nacken streifte, hören und befürchtete auch über diesem Tal würden sich irgendwann die schwarzen Wolken schließen. Dass sie es bisher nicht getan hatten, konnte nur an den Navajo-Indianern liegen, deren Geheimnis er bis heute nicht verstand. Aber genau deswegen waren sie ja hier. Als Scully wieder hinauskam, lief er ihr entgegen und führte sie mit seiner Hand beschützend zwischen ihre Schulterblätter gelegt wieder zum Wagen. Als er ihr die Tür aufhielt, sah sie ihn wieder irritiert an. „Ist wirklich alles in Ordnung mit Dir?“
Mulder nickte geistesabwesend und schloss ihre Tür, um sich wieder hinter das Steuer zu setzen. Scully zog die Stirn in Falten. Er war ihr manchmal noch immer ein Rätsel und sie hätte zu gerne gewusst, was in ihm vorging. Aber Scully hatte in den letzten Monaten noch nicht einmal Zeit gefunden, sich um ihr eigenes Seelenleben zu kümmern, wie sollte sie da nun die Ruhe finden, sich Mulder zu nähern? Sie hatten so wenige Augenblicke für einander in Ruhe gehabt und es war fast, als wären sie wieder nur Partner, als fürchteten sie sich vor der Nähe des anderen.

Seit dieser Nacht in der Wüste hatte sie Angst vor der Liebe zwischen ihnen, doch sie wusste nicht warum. Vielleicht weil sie so stark war und sie diesen Gefühlen noch immer nicht gewachsen war, weil sie daran gewöhnt war, eine allein stehende, emanzipierte Frau zu sein? Aber sie vermisste ihn, er war so weit weg und seine Augen schienen bei jedem Blick in ihre nach ihrer Seele zu rufen und dennoch konnte sie sich ihm ebenfalls nicht so sehr nähern, wie ihr Herz es gewollt hätte.
Weil die Dinge um sie herum sie beide ängstigten und in die Ecke drängten. Weil sie beide um ihr Leben fürchteten und weil keiner dem anderen zeigen wollte, wie wenig Hoffnung er noch im Herzen trug. Weil sie sich beide ständig selbst belogen und sich schämten, dem anderen diese Lügen zu offenbaren. Keiner wollte dem anderen wirklich sagen, was er fühlte, weil keiner dem anderen die Kraft rauben wollte. Die Kraft, die sie beide nur aus dem Glauben an die Stärke des Anderen schöpften. Als Scully darüber nachdachte und erkannte, was die Ursache für diese verschwiegene Distanz zwischen ihnen war, schluckte sie. Und zuckte fast unmerklich zusammen, als Mulder ihre Haare zur Seite strich und ihre Wange zart berührte. Es war, als hätte er ihre Gedanken gelesen, denn als sie ihn ansah, schien er genau zu wissen, was sie fühlte, denn seine Augen glänzten und sein Lächeln war traurig und ehrlich. Er hatte das leichte Zucken unter seiner Berührung gemerkt und wagte sich nicht weiter vor, also zog er seine Hand wieder zurück und ließ den Wagen an. Sie drehte den Kopf zur Seite und sah auf die trockene sandfarbene Landschaft, während sie schweigend zu dem Dorf der Navajos fuhren.

 

Am nächsten Morgen im Indianerreservat der Navajos, 9.13 Uhr


Hier im Tal hatte Mulder das Flüstern, das von so weit her zu kommen schien, endlich einmal für ein paar Stunden ausblenden können und war in einen tiefen traumlosen Schlaf gesunken. Doch mit dem ersten Sonnenstrahl war er wach geworden und lag seitdem regungslos im Bett. Er traute sich nicht, sich zu bewegen, da er sie nicht wecken wollte. Sie hatte wie er endlich einmal durchgeschlafen und er genoss die Stille und ihre Nähe. Das merkwürdige Gefühl von Angst vor dieser Nähe, das er gestern noch verspürt hatte, war an diesem Morgen für ihn unbegreiflich, denn nun war es gerade ihre Anwesenheit neben ihm, die ihn beruhigte. Ihr warmer Atem blies sanft gegen die Haare auf seinem Arm.

Sie war so still gewesen in den letzten Tagen und er wusste nicht, wie nahe er ihr kommen durfte, sie schien unter jeder seiner Berührungen zusammen zu zucken. Es trieb ihn fast zur Verzweiflung, dass sie nicht die Zeit hatten, sich um einander zu kümmern, denn sie hätten diese Zeit so dringend gebraucht.
Es war alles so kompliziert geworden und er wünschte sich manchmal in sein FBI –Büro in alte Zeiten zurück, als sie noch ausschließlich Partner gewesen waren und ihre größte Sorge fast immer nur das Budget gewesen war, das bei ihnen chronisch überstrapaziert worden war. Es war trotz all der Gefahren und Erlebnisse verglichen mit dem, was jetzt geschah, unbeschwert gewesen und er hatte die Arbeit mit ihr genossen. Er hatte sie immer extra lange im Büro aufgehalten, hatte sie an Samstagen wegen Schreibarbeit versucht ins FBI zu locken und hatte sie, wenn sie für Ermittlungen in andere Städte gereist waren, immer abends noch zum Essen eingeladen.
Aber niemals hätte er sich selbst erlaubt, sie zu lieben. Genau so wenig wie sie es sich erlaubt hätte. Und dabei war es doch all die Jahre wie ein unausgesprochenes Geständnis zwischen ihnen gewesen.
Sie waren beide stur und beide waren sie einsame Menschen, die es gewohnt gewesen waren, allein und stark zu sein, sich nicht auf jemand anderen einzulassen.
Und dennoch war es passiert, ohne dass sie es hätten steuern können. Er hatte immer wieder kleine Zeichen gesetzt, in der Hoffnung sie würde auch mal einen Schritt auf ihn zu kommen. Der Kuss in der Neujahrsnacht! Hatte ihr Blick ihm nicht genau die Antwort auf diesen Kuss gegeben, die er von ihr hatte haben wollen? Und dennoch war nie ein Zeichen von ihr ausgegangen, oder hatte er es nur nicht gemerkt?
Bis sie eines Tages diesen Schritt doch auf ziemlich drastische Weise gewagt hatte und ihn ohne Vorwarnungen um die Vaterschaft ihres Kindes gebeten hatte. Er war damals vollkommen überrumpelt gewesen - und berührt. Es hatte ihm so viel bedeutet.
Damals hatte er lange Zeit zum Nachdenken gehabt und er war an dem Tag stundenlang mit seinem Baseballschläger auf dem Feld gewesen, ohne einen einzigen Ball zu schlagen. Denn er hatte damals gewusst, dass sie ihm damit gesagt hatte, dass sie mehr wollte. Dass sie es nicht mehr unterdrücken wollte.
Denn unterdrückt hatten sie beide es jahrelang, sonst wäre es nicht immer wieder zwischen ihnen zu diesen Augenblicken gekommen, in denen diese Spannung sie fast zerrissen hätte.
Und von da an war alles schiefgelaufen. Wäre er nicht von diesem Raumschiff in Oregon mitgenommen worden, hätte er von Anfang an dabei sein können, hätte gesehen, wie das Baby in ihr wuchs, er hätte es verstehen können und hätte sich darauf einlassen können, all diese jahrelang unterdrückten Gefühle endlich zuzulassen.
Doch nun war alles so fragmentartig, so unvollständig und durcheinander.
Und wieder musste er seine Gefühle unterdrücken und sich von ihr verabschieden. Würde es ewig so weitergehen? Konnte er überhaupt seine Gefühle herauslassen, in der Intensität und mit all der Kraft, mit der er sie verspürte?

Aber vor dem, was er da draußen näher kommen spürte, schien alles zu verblassen, alle menschlichen Schicksale, alle Gefühle und Ängste. Denn mit einem einzigen Schlag konnte all das, was die Menschheit ausmachte, ausgelöscht sein. Und doch waren es eben diese vergänglichen, auslöschbaren Gefühle, die ihn noch am Leben hielten und ihm überhaupt noch die Kraft gaben, morgens seine Augen aufzuschlagen.
Und das war es zugleich, was ihm solche Angst machte, denn er hatte in der Wüste erlebt, wie stark diese Kraft in ihnen werden konnte. Und er hatte es mit eigenen Augen gesehen, als sein Chip John fast umgebracht hätte.

Mulders Magen knurrte und riss ihn aus seiner Grübelei. Er sah auf die Uhr neben dem Bett und entschied sich, dass es Zeit war, den schlafenden Rotschopf neben sich zu wecken. Er schloss einen Augenblick die Augen, atmete tief durch und versuchte seinen Geist von all den quälenden Gedanken zu befreien.
Er beugte seinen Kopf zu ihr und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die Wange, nicht ohne an ihrer weichen Haut zu riechen und sich den Duft ins Gedächtnis einzuprägen. Er hätte am liebsten in ihre rosige Wange hineingebissen, doch da öffnete sie schon ihre Augen und sah ihn groß an, als hätte sie nicht mit ihm gerechnet. Er fühlte wie er, wie jedes Mal wenn sie ihm direkt in seine Augen sah, zu atmen aufhörte und lächelte sie verschmitzt an, während er sich von der Seite an sie schmiegte.
„Hey, Sonnenschein, hast Du den Mond verschluckt?“ Und er sah belustigt auf ihren kugeligen Bauch.
Sie lächelte und merkte erleichtert, dass sein Kuss sie nicht verschreckt hatte, wie an den Tagen zuvor, und dass es eigentlich keine schönere Art auf der Welt gab, geweckt zu werden.
„Den Mond nicht, aber Dein Frühstück“ antwortete sie unbeeindruckt auf seine freche Frage und warf einen Seitenblick auf das Tablett, das ihnen jemand heimlich schon vor Stunden leise in den Raum gestellt hatte. Mulders Mund stand offen und er sah entrüstet über ihren Körper hinweg auf die leeren Teller, auf denen die letzten Krümel einen leckeren Apfelkuchen vermissen ließen.
„Wann ist das denn gewesen?“ Scully setzte sich mit einem siegessicheren Lächeln auf. „Vor zwei Stunden als Du noch friedlich geschlafen hast und ich mir draußen den Sonnenaufgang angesehen habe.“ Mulder kniff die Augen zusammen und funkelte sie böse an. „Das schreit nach Bestrafung, das ist Dir doch klar, oder?“
Sie wich seinem Blick aus und grinste in sich hinein, doch ihr Lächeln fror ein und sie sah ihn ernst an.
„Die Flugzeuge fliegen wieder, Du solltest also heute noch fliegen. Wer weiß, wann der nächste schwarze Regen kommt.“ Mulder küsste ihren runden Bauch und strich mit seiner Hand darüber. Dann stand er mit einem Ruck auf und sah aus dem Fenster. „Mann, Du kannst aber wirklich ungemütlich sein. Aber Du hast Recht. Ich werde versuchen einen Flug von Albuquerque zu erwischen.“ „Soll ich Dich zum Flughafen fahren?“ „Nichts da, Du bleibst hier liegen, ich lass doch nicht eine schwangere Frau alleine von Albuquerque zurück in die Wildnis fahren. Du musst, egal was passiert, hier bleiben und Dich und das Baby schonen.“ Er ging auf sie zu und kniete sich vor ihrer Seite des Bettes hin. „Versprichst Du mir das?“
Scully sah in seine grün-braunen Augen, die sie treu und liebevoll ansahen und ihr Herz erwärmten, wie sie es vom ersten Augenblick ihrer Partnerschaft an immer getan hatten. Sie seufzte. „Du weißt, dass ich mein Bestes geben werde.“
Das schien ihn einigermaßen zu beruhigen und er stand auf, packte seine Sachen zusammen und ging zu Sikes Haus, um sich von ihm zu verabschieden.

 

Sike nickte ihm schon von weitem zu und klopfte ihm zum Abschied aufmunternd auf die Schulter, während er die Augen zusammenkniff und argwöhnisch die dunklen Wolken am Horizont musterte. Doch sie hatten sich nicht genähert, trotz der Ankunft von Gibsons Freunden.

Mulder blickte ihm tief in die Augen und sah zu Scully hinüber, die mit verschränkten Armen im Eingang ihrer Unterkunft stand und mit gerunzelter Stirn ebenfalls in den blauen Himmel sah. „Passen Sie gut auf sie auf.“ „Ich werde tun, was ich kann“, versprach ihm Sike und sah zu Gibsons Haus hinüber. Er hatte am Abend ihrer Ankunft schon geschlafen und Mulder wollte ihn noch einmal sehen. Als er schon auf halbem Wege zu Gibson war, rief Sike ihm hinterher.
„Es wird bald losgehen, Fox. Sie sollten sich also beeilen.“ Mulder nickte und überlegte, was Sike wusste, was er ihm nicht sagen wollte. Er drehte sich wieder um und klopfte vorsichtig an Gibsons Tür.

Es war dunkel in seinem Zimmer und er lag still auf seiner Matratze mit dem Rücken zur Tür. Ohne sich umzudrehen, sprach er Mulder in seinem für sein Alter viel zu ernsten und tiefen Tonfall an.
„Sie denken, Sie können die noch aufhalten, oder? Sie wollen Ihren Freund in England besuchen. Aber eigentlich tun sie das doch nur, um sich selbst zu beruhigen.“ Mulder ging näher an Gibson heran, der Junge hatte ihm schon immer leid getan, für die Kindheit, die man ihm genommen hatte und für all die Dinge, die er in seinem jungen Leben schon gesehen und gefühlt hatte. Er hob eines der Spiderman – Comics vom Boden auf und sah es sich an. „Hey Gibson, ich wusste gar nicht, dass Du ein Marvel-Fan bist. Ich war immer Fan von Rick Jones und seiner Schicksalsmacht. Wer ist Dein Lieblingsheld?“ Mulder machte eine Bewegung, die, wie er fand, täuschende Ähnlichkeit mit Spiderman hatte, in der Hoffnung Gibson würde sich zu ihm umdrehen. Ohne sich jedoch zu bewegen schien Gibson auf den Small Talk einzugehen, wenn auch lustlos. „Soldier!“ „Ah! Der Kerl mit den telepathischen Fähigkeiten.“ Mulder nickte und war froh, dass Gibson ihm nicht mehr so feindselig gegenüber stand, wie bei seinem Eintritt in sein Zimmer.
Darauf drehte der Junge sich auf seiner Matratze endlich zu ihm um.

Mulder erschrak bei seinem Anblick. Er hatte tiefe dunkle Ränder unter den Augen und konnte seine Augen nicht stillhalten, sie schienen seinem Gehirn nicht zu gehorchen und zuckten unaufhörlich hin und her. „Ganz schön spukig, was?“ Gibson hatte offenbar bemerkt, wie sehr sein Äußeres Mulder erschreckt hatte. „Ich kann nichts dagegen tun, ich kann diesen Teil meines Gehirns nicht mehr beeinflussen. Ich kann außer meinen Gedanken gar nichts mehr beeinflussen. Die sind viel zu nah und ich höre sie. Ständig.“ Es brach aus ihm heraus, als hätte er schon seit Wochen darauf gewartet, dieses Gefühl jemandem mitteilen zu können. Mulder setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber. „Dieses Flüstern, nicht wahr? Das höre ich auch.“ „Ja, aber Sie hören es wegen diesem Tumor in Ihrem Kopf und weil es langsam auch alle anderen Menschen hören. Aber ich höre es weil DIE in meinem Kopf sind.“ Mulder streckte seinen Kopf neugierig nach vorne. „Woher weißt Du von meinem Tumor?“ „Ich kann ihn fühlen. Wenn Sie oder Agent Scully in meiner Nähe sind, wird das Flüstern leiser. Und dann kann ich ihn fast sehen, den Tumor. Ich kann dann die Elektrizität sehen, wie sie in Ihrem Kopf knistert. Und in Agent Scully’s Bauch.“
Mulder war aufgeregt. Dieser Junge war ein unglaubliches Wunder, er war wie eine Art Sprachrohr zwischen den beiden Welten, die in Kürze aufeinander treffen würden. Er beugte sich weiter nach vorne zu Gibson.
„Was kannst du sonst noch fühlen? Bezüglich denen da draußen? Oder bezüglich dessen, was hier auf der Erde geschehen wird?“ Gibson schloss die Augen und legte sich auf den Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Die verraten mir nichts. Aber ich glaube, dass sie sich vor etwas fürchten. Und ich weiß, dass es noch immer Menschen gibt, die wie Sie versuchen, das aufzuhalten. Aber es lässt sich nicht aufhalten. Denn die sind nicht an Körper gebunden wie wir. Diese Soldaten mit dem schwarzen Öl sind nur Jäger, die uns ablenken sollen. Gegen diese Macht selbst können wir gar nichts tun. Nicht mir unseren irdischen Mitteln. Wir können nur warten.“
Mulder schüttelte den Kopf. „Nein, das akzeptiere ich aber nicht. Wie können wir denn hier sitzen und warten, wenn wir alle sterben werden?“ Gibson öffnete wieder die Augen und sah Mulder an. „Wir können mehr tun, wenn wir uns auf uns konzentrieren, als wenn wir dort draußen die falschen Feinde jagen.“ „Was meinst Du damit?“ „Die Welt dreht vollkommen durch. Jeder misstraut jedem, überall fühle ich diese Panik, die Angst und die Hilflosigkeit. Und es führt die Menschen in die Irre. Sie machen alles falsch.“
Mulder schwieg, seine Augen sahen durch ihn hindurch ins Leere. „Du kennst die Wahrheit, oder? Und es macht Dich krank zu sehen, wie weit wir alle davon entfernt sind, nicht wahr?“ Gibson schwieg und starrte an die Decke. Doch Mulder wusste, er hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen.
Er verstand, dass das Gespräch für Gibson beendet war und er stand auf um ihm die Hand auf die Schulter zu legen. „Ich werde nicht lange weg sein, Gibson. Ich verspreche es. Ich werde da sein, wenn die kommen. Aber ich muss vorher noch ein paar Antworten finden. Auf das Warum und das Wie. Das verstehst Du doch!“ Gibson sah aus seinen Augenwinkeln zu ihm auf, ohne seinen Kopf zur Seite zu drehen. „Ja, und es ist trotzdem sinnlos“, murmelte er in die Dunkelheit hinein. Mulder gab es auf. Es machte ihn wütend, dass Gibson ihn nicht unterstützte und ihm so wenig half. Aber er konnte es ihm nicht verdenken, denn der Junge war ausgebrannt und leer. Und er war nicht er selbst.

 

Eine Viertelstunde später

Die Sonne schien hoch über ihnen golden auf sie herab und der kühle Novemberwind wehte durch ihre Haare. Als er in ihre Augen sah, war es als fiele er in den Himmel hinein, so blau leuchteten sie. Sie hielt ihn an der Hand und sah an ihm vorbei auf den Mietwagen, mit dem sie hergekommen waren. „Bist Du sicher, dass Du alleine nach Albuquerque fahren willst?“ Ihr war unwohl bei dem Gedanken ihn allein in die sonnenlose, graue Welt zurückgehen zu lassen. Aber sie hatte keine Wahl. Mit seinen Fingern zärtlich auf ihren Bauch trommelnd sah er zu ihr hinunter und lächelte sie mit seinen grünbraunen Augen an, dass ihr die Knie weich wurden. „Ich bin mir ehrlich gesagt im Moment nur einer Sache wirklich sicher!“
Sie sah ihn fragend an und hob die Augenbraue. „Und welche Sache wäre das?“ Er beantwortete ihre Frage, indem er sich zu ihr hinunterbeugte und seine Lippen ein letztes Mal weich auf ihre legte. Seine Hand streichelte dabei ihren Bauch und fühlte die Bewegungen ihres Kindes, während sie sich ihm auf Zehenspitzen entgegenstreckte und ihre Arme sanft um seinen Hals schlang. Seine Haut war so weich und er schmeckte so gut. Sie fühlte sich in seiner Nähe geborgen und genoss die Berührung ihrer Lippen und seinen warmen duftenden Atem, der dabei über ihr Gesicht blies. Als seine Arme sich um sie legten und über ihren Rücken strichen, merkte sie, wie ihr kalt wurde und sie Gänsehaut bekam. Es war zu viel für sie und so löste sie sich aus seiner Umarmung und legte ihre Hände auf seine Brust, wo sein Herz gegen ihre Fingerspitzen schlug. Ihr Blick haftete an seinen Lippen und sie schien den Moment nicht beenden zu wollen, denn sie schwieg und rührte sich nicht, während der Wind ihr immer wieder eine Haarsträhne ins Gesicht wehte.

Er musste unwillkürlich lächeln, als er ihr diese Strähne aus dem Gesicht hinter ihr Ohr strich. In den letzten sieben Jahren hätte er niemals für möglich gehalten, dass sich hinter dieser kühlen, distanzierten ruhigen Frau, die oft härter als die meisten ihrer männlichen Kollegen sein konnte, so eine zärtliche und weiche und vor allem verschmuste Person verbarg. Er hatte es eigentlich bis zu dem Tag nicht verstanden, als er auf ihrem Chip erahnt hatte, was all die Jahre in ihr vorgegangen war. Es hatte Tage gegeben, an denen hatte er sich regelrecht vor ihrem Eispanzer gefürchtet und nun konnte er die wahre Dana Scully vor sich sehen und es fiel ihm schwer, das zu begreifen. Selbst außerhalb des FBI – Gebäudes wenn sie beide im Auto oder im Flugzeug oder abends unterwegs gewesen waren, hatte sie sich in den letzten sieben Jahren nur selten und unter außergewöhnlichen Umständen von ihrer sensiblen Seite gezeigt. Erst als sie sich damals den Ouruboros auf den Rücken hatte tätowieren lassen und mit diesem fremden Kerl in seine Wohnung gegangen war, hatte er zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, dass sie vielleicht wesentlich sensibler und verletzlicher war, als sie ihn immer hatte glauben lassen. Es hatte ihn daran erinnert, dass sie eine Frau war, mit Bedürfnissen, Gefühlen und Träumen und es hatte ihn verletzt, dass sie einem wildfremden Mann offenbar mehr vertraut hatte als ihm. Als sie danach krank geworden war, hatte er jede Minute genutzt, diese zarte Persönlichkeit hinter ihrer hohen Mauer aus kaltem Stein kennen zu lernen, doch sie hatte es ihm wirklich nicht sehr leicht gemacht. Während er bei allen anderen Frauen mit seinem Charme immer direkt Erfolg gehabt hatte, hatte er bei ihr niemals weiter als bis zu einem ruhigen Lächeln von ihr vordringen können. Und nun war es endlich so, dass sie ihren Panzer für ihn abgelegt hatte. Ein Zeichen dafür, wie nahe sie sich in all den Jahren gekommen waren. Aber wieso hatte es nur so lange gedauert? Und wieso mussten sie jetzt all die Gefühle nach so langer Zeit wieder auf Eis legen? Nicht wissend, ob sie in diesem Leben noch einmal die Chance bekommen würden, all das auszuleben, was sie fühlten.

Mit diesem Gedanken ließ er sie los und hielt ihr eine kleine Schachtel hin, die er in seiner Hosentasche versteckt hatte. Sie sah überrascht von der kleinen Box zu ihm auf. „Was ist das?“ „Wonach sieht es denn für Dich aus?“ Sie sah auf die Schachtel. Er hatte ihr schon so viele unkonventionelle Geschenke gemacht. Sie lächelte. „Naja...es könnte ein Schlüsselanhänger sein oder ein neuer Chip für meinen Nacken, ein Alien-Impfstoff in einem eleganten Parfumflakon, eine tote Biene…“ Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Er schmunzelte und sah gespannt zu, wie sie die Schachtel öffnete. Als sie sah, was es war, war sie überrascht und ihr entfuhr ein staunender Seufzer.
Sie sah ihn mit offenem Mund an und hob die weißgoldene Kette, die in der Schachtel lag, vor ihm in die Höhe um sie sich zu betrachten. An der Kette war ein kleiner Anhänger, er war ebenfalls weißgold und umfasste einen geschliffenen länglichen dunkelblauen Stein. Doch als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass der Stein mit einer Flüssigkeit gefüllt war, in der etwas Dunkles zu sehen war.
Er sah sie schüchtern an, denn er war sich nicht sicher, ob ihr das Geschenk gefiel. Er zeigte mit dem Finger beiläufig auf ihren Hals. „Ich hab Dein Kreuz vermisst und ich dachte, das hier hat sogar einen praktischen Wert.“ Sie sah ihn fragend an. „Einen praktischen Wert?“ Er umfasste ihre Hand, in der sie die Kette hielt und hielt sie ins Licht. „Ja, siehst Du, das, was da in dem Stein herumschwimmt? Das ist meine DNA.“ Er hob die Augenbrauen neckisch. „Wer weiß, wozu Du die noch gebrauchen kannst.“ Und er sah dabei auf ihren Bauch und lächelte wissend. Sie sah ein wenig irritiert zu ihm auf und gab ihm den "Mulder- du - bist- verrückt-Blick", aber es schien ihr schließlich zu gefallen und sie presste tapfer die Lippen aufeinander, um nicht wieder von ihren Hormonen überwältigt in Tränen auszubrechen.
Stattdessen sah sie wieder zu seinem Auto hinüber und nickte leicht in seine Richtung. „Ich denke, Du musst jetzt gehen.“ Ihre Stimme klang rau und ihre Augen glänzten feucht, und er verstand. Er nickte ebenfalls, küsste noch einmal ihre Hand, die die Kette fest umschloss, und stieg in den Wagen, ohne den Blick von ihr zu wenden.
Ihre Finger schlossen sich um die Kette in ihrer Hand, auf der sein Kuss noch kühl vom Wind verweht wurde, und sie sah ihm als er fortfuhr mit der anderen Hand schützend auf ihrem Bauch so lange nach, bis sich der Staub, den der Wagen aufgewirbelt hatte, wieder gelegt hatte und sie alleine unter dem blauen Himmel stand.

Sie seufzte und sah auf die Kette in ihrer Hand, die tiefblau im Licht glitzerte. Als sie sich umdrehte, um auf ihr Zimmer zurückzukehren, sah sie seine Fußabdrücke im sandigen Boden vor sich. Nocheinmal drehte sich sich nach der Staubwolke am Horizont um, die von seinem Wagen stammte und verdrängte den Gedanken, dass ihm etwas zustoßen könnte ein letztes Mal. Denn sie war es leid, sich immer und immer wieder um ihn zu sorgen. Ihre Augen blitzten auf.
Was war nur aus der einsamen, unabhängigen Frau geworden, die sie einst gewesen war?
Doch die Antwort gab ihr ihr klopfendes Herz bei den Bewegungen ihres Babys.
Sie ging mit einem selbstsicheren Lächeln zu ihrem Zimmer zurück, ohne die Wolken am Horizont eines Blickes zu würdigen.

 

London, England 23.48 Uhr

Die Tür des Pubs fiel laut hinter ihm zu als Colin vom Alkohol benebelt hinausstolperte und sich an der nächsten Häuserwand einen Augenblick abstützte, bis die frische Luft ihm den Kopf etwas klarer gepustet hatte. Die letzten Tage waren die Hölle gewesen und er hatte diese Drinks gebraucht, und dennoch ging es ihm elend und er wünschte, diese Invasion wäre schon vorbei. Als die Welt sich nicht mehr im Kreis um ihn herum drehte, richtete er sich auf und ging wankend die Straße hinunter, durch den dunklen, schmierigen Film, den der letzte schwarze Regen hinterlassen hatte.
Er merkte nicht, dass ihm jemand aus dem Pub gefolgt war.

Der Mann, der dem Informatiker gefolgt war, schwitzte aus jeder seiner Poren. Seit Tagen befand er sich in diesem Zustand, hatte nicht mehr geschlafen, nicht mehr gegessen. In seinem Kopf schwirrten Erinnerungen herum, die er nicht erkannte, er empfand Gefühle, die ihm fremd waren und vor seinen Augen zuckten permanent grelle Lichtblitze durch sein Blickfeld. Um ihn herum hörte und fühlte sich alles taub an. Als würde er durch Watte hindurch greifen und hören. Im Gegensatz dazu roch er alles viel stärker und die Farben waren so grell, dass er Kopfschmerzen davon hatte. Er wusste nicht mehr, wer er war und woher er kam. Er wusste nur eins. Er war verloren und er musste handeln. Sie waren alle verraten worden. Und er musste sie alle umbringen.
Musste ihr Blut auf seiner Haut spüren, wie es warm darüber lief und sich seine Kleidung damit vollsog. Dann würde er sich vielleicht wieder lebendig fühlen, denn das Blut in seinen Adern war bereits seit Tagen gefroren. Sein Griff um die Waffe in seiner Hand verkrampfte sich und er wartete ab, bis Colin sich vor einem fremden Hauseingang stehen bleibend eine Zigarette anzündete.
Er packte ihn an der Schulter und Colin drehte sich zu ihm um. Seine Augen weiteten sich in Entsetzen, bevor er sich bemühte ein Lächeln aufzusetzen, das aufgrund seiner Angst eher wie eine Grimasse wirkte. „John! Ich hab Dich gar nicht kommen hören!“ Noch während er diese Worte sprach begriff er, dass diese Nacht noch viel schlimmer werden würde, denn John drückte ihm seine Pistole in den Bauch und drückte ohne mit der Wimper zu zucken ab. Ihm wurde schwarz vor Augen und er krümmte sich vor Schmerz, während sein Angreifer ihn in den Hauseingang hineinfallen ließ.

Das Blut floss warm über seine Haut und er sah sich um. Sein Herz raste und in seinem Kopf schwirrten noch immer Bilder aus einer Vergangenheit umher, die er nie gehabt hatte. Ein Mädchen, das er noch nie gesagt hatte, rief in seinem Kopf immer wieder nach ihm. „Fox! Fox!“
John konnte es nicht mehr hören und hielt sich den Lauf der Pistole mit einem Blick auf den blutenden Leichnam seines alten Freundes in den Mund, um noch einmal abzudrücken.
Das Bild des Mädchens mit den langen dunklen Haaren und der Stratego-Figur in seinen Händen war das Letzte, was er sah. Und auch das war eine Erinnerung an ein Leben, das er nie geführt hatte.

 

Einen Tag später in derselben Stadt, 23.12 Uhr


Mulder rannte wütend vor dem Gebäudetrakt wie Falschgeld herum. Hier war es doch gewesen!
Doch als er den Flur des Laborkomplexes am Nachmittag betreten hatte, in dem er wochenlang mit Johns Team nach dem Grund für seine Immunität gesucht hatte, hatte sich ihm ein großer dürrer Mann in weißem Kittel mit buschigen schwarzen Augenbrauen in den Weg gestellt und ihn abgefangen. Er hatte ihn unverwandt und kühl danach gefragt, was er suche.
Mulder hatte es kaum fassen können. Wie oft hatte er so etwas schon erlebt! Wie oft war er schon an Orten gewesen, an denen in der einen Minute noch zwielichtige Geschäfte floriert waren und unzählige Menschen ihrer Arbeit nachgegangen waren, und an denen er in der nächsten Minute nur noch auf Menschen gestoßen war, die offenbar überhaupt nicht viel von Informationsverbreitung hielten.
Heute hatte er sich wieder so einem Menschen gegenüber befunden und er hatte es für überflüssig gehalten, diesem kühlen, riesigen Mann mitzuteilen, dass er vor wenigen Tagen erst in dem selben Gebäude mit einem Forscherteam Chips entwickelt hatte, die sie vielleicht alle vor dem Untergang retten würden.
Der Mann hatte nicht so ausgesehen, als wäre er durch irgendetwas zu beeindrucken gewesen. Er hatte Mulder unmissverständlich klar gemacht, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht war und er sich in einem Hochsicherheitstrakt befände.
Mulder hatte ihn angesehen und mit einem vielsagenden Blick und ziemlich bissigem Tonfall geantwortet: „Mann, das müssen ja unheimlich geheime Experimente sein, dass die soviel Sicherheit brauchen!“
Damit hatte er sich einen weiteren eisigen Blick von seinem Gegenüber eingefangen und hatte sich umgedreht, nicht ohne sich beim Verlassen des Gebäudes noch ein-, zweimal zu "verlaufen" um genau seine nächtliche Rückkehr zu planen.

Doch auch in der Nacht war das Gebäude umstellt. Mulder konnte sich nicht erinnern, dass hier so viel Security gewesen war, als er hier vor kurzem noch ganz selbstverständlich wie ein Angestellter ein- und ausgegangen war. Es war wieder, als befände er sich in einer Parallelwelt. Überall, wohin er zurückkehrte, schien sich im Moment alles jedes Mal um 180° zu verändern. Aus schwarz wurde weiß und umgekehrt.
Er gab es schließlich auf. So abgesichert, wie das Gebäude war, konnte er ohne die ausgeklügelten High-Tech-Tricks der Lone Gunmen nichts anrichten. Er war hier fertig. Was immer dort hinter diesen Gemäuern - von wem auch immer - durchgeführt wurde, es würde die Welt sicher nicht retten. Und er hatte weder die Zeit noch die Lust, dort seinen Kopf zu riskieren, nur um wieder auf weitere Netze aus Lügen und Verwirrungen zu treffen.

Was sie retten würde, das musste er jedoch finden. Er musste John finden. Und die Anderen.

Das weiße Gebäude leuchtete in der Dunkelheit gespenstisch und leblos durch die Nacht. Er sah auf die Uhr. Der schwarze Regen würde bald wieder losgehen. Wie jede Nacht. Also sollte er sich besser beeilen. Und er schlich sich an den Wachen und Scheinwerfern vorbei, um das Gelände unbemerkt zu verlassen.

 

Doch als er gerade hinter der weißen Mauer des Hauptgebäudes um die Ecke sah um nach dem Wachposten, der dort hin und herwanderte Ausschau zu halten, durchfuhr ihn ein hohes zischendes Flüstern, das sich durch jede Faser seines Gehirns zu bohren schien. Sein Kopf wurde von den Schmerzen fast zerrissen und seine Hände klammerten sich um seine Schläfen in der Angst sein Schädel würde platzen. Er fiel zurück hinter die Mauer und rutschte an der Wand ab.
Als der Schmerz nach unerträglichen zehn Sekunden endlich nachließ, erhob er sich vorsichtig und schnappte nach Luft. Er war gewarnt. Und er musste schnellstens verschwinden.
Ein Blick durch die Dunkelheit verriet ihm einen anderen Ausweg aus dem Gelände und er schlich sich durch einen Kiesweg an einem Gebüsch vorbei zu einer Hecke, von der aus er über eine Mauer ebenfalls zur Hauptstraße gelangen würde. Das Flüstern jedoch kam langsam und immer lauter wieder zurück in seinen Kopf und er merkte, wie er immer unruhiger wurde. Schließlich begann er zu rennen ohne noch darauf zu achten, ob ihn jemand bemerkte. Einer der Wachposten wurde auf ihn aufmerksam und schrie ihm hinterher. „Hey! Stehenbleiben!“ Doch Mulder hörte nur noch das Zischen in seinem Kopf und rannte so schnell er konnte auf die Mauer zu und sprang hinauf.
Aber bevor er auf der anderen Seite wieder hinunter springen konnte, packte ihn jemand an seinem Unterschenkel und das Flüstern schien zu einem gellenden Schrei anzuschwellen. Einem Schrei, den er schon oft gehört hatte. Einem Schrei, der an den Klang verstimmter Geigen in einem Raum aus Metall erinnerte.
Mulder hatte nur noch einen Gedanken, er musste weg. Der Griff um sein Bein war hart und kalt. Mulder drehte sich nach seinem Angreifer um und sah in zwei leere, schwarze tote Augen, die wie dunkle Schatten in der Augenhöhle lagen.
„Oh nein, mich kriegt Ihr nicht. Nicht jetzt! Und nicht hier!“ Sein Zorn beim Anblick des Alien-Soldaten schien keine Grenzen zu kennen und er nahm all seine Kräfte zusammen, als der Soldat ihn von der Mauer zog und sich auf ihn stürzte. Er hatte eine Waffe und Mulder wusste, dass er diesem Alien-Soldaten mit seiner Immunität allein nicht entkommen würde. Der Wachposten war hinterher gelaufen und stand nun mit erstarrtem Blick vor den beiden. Er wusste nicht, was er tun sollte. Wer waren die beiden Fremden? Er rief in seinem Funkgerät nach Verstärkung, als der größere und stärkere der beiden Fremden mit den unheimlichen schwarzen Augen sich plötzlich aufbäumte und einen Schrei von sich gab, wie ihn der Wachmann noch nie in seinem Leben zuvor gehört hatte.
Es hatte etwas Unmenschliches an sich. Etwas Metallisches. Ein Schuss fiel und der Wachmann spürte, noch ehe er begriff was vor ihm geschah, wie sich eine schwarze Wolke über ihm niederließ und etwas Kaltes in ihn hineinfloss und alles um ihn herum schwarz wurde.
Als die anderen Wachmänner herbeieilten, konnten sie nur noch die Leiche ihres Kollegen finden, der mit einer schmerzverzerrten Grimasse und offenen, schwarzen Augen tot in den sternlosen Himmel starrte.

 

Mulder rannte so schnell er konnte. Er rannte bis er nicht mehr wusste, wie er hieß und wo er war. Nach ein paar Blocks gelangte er endlich in eine lebhaftere Gegend und sah sich schnaufend nach einem Taxi um. Offenbar war ihm niemand gefolgt.
Er wischte sich mit seiner schwarzen, verschmierten Hand den Schweiß von der Stirn und bemerkte, dass er blutete. Völlig benommen stieg er in das Taxi ein, um sich zum Hotel fahren zu lassen. Er hatte keine Ahnung, was gerade passiert war. Und alles, woran er sich erinnern konnte, war der eisige Griff um sein Bein, als er auf die Mauer gesprungen war. Doch offenbar hatte er es wieder einmal geschafft und alles andere war ihm egal, denn er war viel zu müde und in seinem Kopf dröhnte ein pochender Schmerz. Sein T-Shirt war zerfetzt und sein Stoff war von dem Blut, das aus einer Wunde an seiner Schulter floss, durchtränkt. Es brannte und pochte während der ganzen Fahrt. Doch noch bevor er aus dem Taxi stieg, hatte die Blutung aufgehört.

Als er in seinem schäbigen Hotelzimmer in der Londoner Innenstadt eine kurze beruhigende Dusche genommen hatte, wickelte er sich das Handtuch, das vom Wasser ganz grau war, um und betrachtete sich die Wunde im Spiegel. Er hatte Glück gehabt, denn die Kugel hatte ihn nur gestreift. Was war passiert? Was war mit seinem außerirdischen Angreifer? Er zerriss sein T-Shirt und wickelte sich einen Verband daraus. Dabei dachte er daran, dass er sich in diesem Moment wesentlich lieber von seiner privaten Leibärztin behandeln lassen würde und merkte, wie sehr er sie vermisste.
Seufzend ließ er sich mit einem Snickers aus der Minibar auf das Bett fallen, dass es laut krachte. Sein Bein zierte ein dicker blauer Fleck, doch das war alles, was neben dem Streifschuss von seinem nächtlichen Ausflug übrig geblieben war. Seine Schmerzen ließen nach der vierten Schmerztablette endlich nach und auch diese nervöse Unruhe, die ihn im Taxi noch fast verrückt gemacht hatte.
Er schaltete den Fernseher ein. Doch der zeigte nur eine rauschende Version von BBC und alle anderen Sender waren tot. Überreizt schaltete er den Fernseher wieder aus und warf die Fernbedienung achtlos auf den Boden.
Was für eine Zeitverschwendung.
Er setzte sich ruckartig auf und wählte die Nummer der Informationshotline des Flughafens. Aber die Flugzeuge würden vor Nachmittag des nächsten Tages ohnehin nicht fliegen und so musste er notgedrungen warten. Er reservierte sich den nächstmöglichen Flug und legte sich wieder hin, um in der Times zu blättern.
Nie war Zeitunglesen spannender gewesen als in den letzten Monaten.
Es war, als würde die Welt endlich zugeben, dass er all die Jahre nicht verrückt gewesen war. Denn nun waren die Zeitungen voll von wahnwitzigen Meldungen und Spekulationen über das Ende der Welt, über Naturkatastrophen, kosmische Bedrohungen und Wetterphänomene sowie rätselhafte Tode. Die toten Frauen waren offenbar überall auf der Welt aufgetaucht, doch irgendjemand schien sich konsequent darum zu kümmern, dass niemand davon erfuhr, dass all diese Frauen dieser kleine Chip in ihrem Nacken verband.

Wer war dieser Jemand? Mulder verstand noch immer nicht, auf wessen Seite er nun selbst stand. Und in wessen Händen nun die Vertuschung all dieser Machenschaften lag und wozu es noch vertuscht wurde. Hatten nicht die Aliens selbst diese Frauen getötet? Als Warnung? Als Antwort auf das, was er in der Wüste ausgelöst hatte? Wer also hatte Interesse daran, jetzt noch zu verheimlichen, woran diese Frauen gestorben waren? Sorgten die Regierungen sich tatsächlich jetzt noch darum, dass jemand von ihren geheimen Experimenten und Abmachungen mit diesen Invasoren erfuhr?

Massenpanik war längst ausgebrochen. Sperrstunden waren aufgrund des Regens längst eingeführt worden. Und die Supermärkte waren chronisch überfüllt mit Menschen, die sich literweise Wasservorräte und Dosenfutter kauften und sich offenbar auf einen schlimmen Krieg vorbereiteten. Es war schlimmer als vor dem vermuteten Y2K-Crash. Sie waren alle vollkommen paranoid. Und sie hatten Recht. Bei diesem Gedanken schüttelte er den Kopf. Es war absurd.

Wie viele Sekten hatten in den letzten Wochen neue Mitglieder bekommen! Wie viele hatten sich in den kollektiven Selbstmord gestürzt! Es stand alles schwarz auf weiß vor seinen Augen in der Times. Er blätterte sich durch und musste unweigerlich anfangen zu schmunzeln. „Willkommen in Spooky Mulders Alien - Apokalypse!“ sagte er zu sich selbst und blätterte weiter, bis sein Blick auf einen winzigen Zeitungsartikel fiel, der ihn nachdenklich machte.
Es ging um eine anscheinend zusammenhangslose Mordserie in verschiedenen kanadischen Städten, in denen unterschiedlichste Menschen in Calgary, Thunder Bay, Ottawa und Montreal auf die unterschiedlichsten Weisen getötet worden waren. Und die Täter hatten alle danach Selbstmord begangen. Mulder schluckte den letzten Bissen seines Snickers hinunter und überlegte.
War das wieder irgendeine amoklaufende Sekte? Oder steckte da mehr dahinter? Er faltete die Zeitung zusammen und knipste das Licht aus. Er würde ohnehin nicht schlafen können, aber so konnte er sehen, wie das Schwarz vor seinem Fenster aus dem Himmel auf ihre Welt hinunterprasselte und über dem Boden stundenlang in Stille verharrte, ehe es sich scheinbar wieder in Luft auflöste.

 

Am nächsten Tag

„Skinner?“
Scully atmete am anderen Ende der Telefonleitung erleichtert auf, endlich war er wieder in seinem Büro.
„Sir?“ „Agent Scully, sind Sie das?“
„Sir, Sie müssen Director Kersh die CD geben, von der ich Ihnen eine Kopie gemacht habe.“
Skinner war überrumpelt. Es war sein erster Tag und er hatte ohnehin schon die Übersicht verloren, auch ohne seine beiden Chaos-Agenten, von denen die eine schwanger war und der andere geradezu phantomartig dauernd in der Versenkung verschwand.
„Agent Scully, ich glaube nicht, dass das was ….“ versuchte er abzuwehren, doch Scully fiel ihm ins Wort.
„Director Kersh hat mich gebeten den Tod seiner Schwester aufzuklären. Und es gibt keine härteren Beweise als die auf dieser CD. Sie müssen sie ihm geben. Bitte, es ist wichtig.“
Scully hatte sich entschieden, Kersh einzuweihen, da sie jemanden im FBI brauchte, der auf ihrer Seite war und sie sich nicht mehr auf Skinner verlassen konnte. Wer weiß, was mit diesen Nanobots in seinem Blut noch geschehen würde. Und sie wollte sicher sein, dass Mulder von irgendeiner offiziellen Seite geschützt würde, wenn ihm irgendetwas zustieße. Ob Kersh die Beweise annahm und akzeptierte war eine andere Sache, aber es war wenigstens einen Versuch wert. Aber Skinner war nicht überzeugt.
„Agent Scully, Sie kennen Kersh. Halten Sie es wirklich für eine gute Idee, ihm diese Daten vorzulegen?“
Doch Scully wich seiner Frage aus.
„Sir, Sie wissen, ich würde sie ihm persönlich geben, wenn ich in Washington wäre. Ich übernehme die volle Verantwortung dafür, wie auch immer Director Kersh darauf reagieren wird.“ Skinner schwieg.
„Ja, und ich habe die volle Verantwortung für Sie, Agent Scully. Und für Agent Mulder…- Wo ist er überhaupt? Kersh hat mir von seinem Auftritt in seinem Büro erzählt und ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von alldem halten soll.“
Diesmal schwieg Scully. Skinner verstand. Sie deckte ihren Partner. Wie so oft. Dann wusste er es eben nicht und damit musste er es auch nicht Kersh berichten. Also lenkte er ein, denn vor seinen Augen türmten sich stapelweise liegen gebliebene Akten.
„In Ordnung, Agent Scully. Ich kümmere mich darum.“
Sein Tonfall klang geschäftig als er auflegte, doch in Wahrheit war er sehr bewegt. Die Agentin hatte ihm das Leben gerettet, er war ihr im Grunde noch viel mehr schuldig, als Kersh nur diese CD zu geben. Und er machte sich große Sorgen um sie, denn er wusste, wie instabil ihr Gesundheitszustand war. Doch er wusste auch, dass sie sehr stark war.

Er holte grübelnd einen Schlüssel aus seiner Schreibtischschublade und ging zu den Sicherheitsschließfächern in der Abteilung, in der Beweismittel gelagert wurden, um die CD zu holen und Kersh zu bringen. Er hatte sie dort ruhigen Gewissens lagern können.
Denn was für einen Wert hatte die Wahrheit schon, wenn die Menschen sie gar nicht wissen wollten?
Die Frage war nun, ob Kersh auch einer dieser Menschen war.


Wenige Minuten später in Kershs Büro


Skinner hatte Kersh die CD auf den Schreibtisch gelegt und sah ihn von oben herab an. Kersh saß auf seinem Stuhl und sah von der CD zu Skinner auf und wieder zurück zu der CD.
„Was soll das sein, Mr. Skinner?“ fragte er ihn in seinem gewohnt arroganten Tonfall.
„Das ist eine CD, auf der Beweismaterial enthalten ist, welches Agent Scully mir bereits vor einigen Wochen hat zukommen lassen.“ Kersh stand auf. „So, und darf man fragen, was das für Beweise sind?“ Skinner räusperte sich verlegen.
„Ich habe selbst noch keinen Blick darauf werfen können, Sir. Aber laut Agent Scully befinden sich dort jene Beweise, die wir von ihr und Agent Mulder immer schon verlangt haben. Angeblich enthält die CD wissenschaftliche Dokumente, die belegen, dass geheime Regierungsprojekte an Bürgern durchgeführt worden sind um eine neue Menschenart zu kreieren, die…“ Skinner hielt inne. Es klang nun, da er vor Kersh stand, so unglaublich lächerlich und unwahrscheinlich. Hätte er nicht am eigenen Leib erfahren, dass es damit tatsächlich etwas auf sich hatte, hätte er sich in Grund und Boden geschämt damit an Kersh heranzutreten. Er entschloss sich daher, seinen Satz nicht zu beenden und fügte lediglich hinzu: “Es sind Informationen darauf, die Hinweise auf den Tod Ihrer Schwester liefern. Und das ist es doch, was Sie von Agent Scully verlangt haben. Offensichtlich hat sie ihre Arbeit gewissenhaft erledigt.“
Im Stillen ergänzte er, dass sie das eigentlich immer getan hatte. Sie und Mulder waren definitiv zwei der besten Agenten, die das FBI zurzeit beschäftigte.
Kershs Nasenflügel bebten leicht als er seine Stimme hob. „Mr. Skinner, wollen Sie damit andeuten, dass Sie diese kranken Ideen, denen Mulder nachgeeifert ist, nun selbst glauben?“ Skinner blieb vollkommen ruhig, als er sah wie Kersh sich immer mehr aufblähte.
„Sir, ich habe lediglich die Funktion des Boten. Ich gebe Ihnen diese CD mit Beweisen und es liegt nun an Ihnen, daraus etwas zu machen. Ich selbst brauche diese Beweise nicht mehr, denn ich habe bereits genug gesehen um Mulder und Scully zu glauben. Es wird vielleicht langsam Zeit, dass Sie das auch tun.“
Kershs Schläfen zuckten als sein Kiefer sich anspannte.
„Mr. Skinner, ich weiß, dass Sie Mulder und Scully immer schon beschützt haben und dass Sie auch eine gewisse Sympathie für die beiden hegen. Aber mir geht es nun mal um die Wahrheit. Paranoide Lügenmärchen kann diese Welt nicht gebrauchen. Schon gar nicht angesichts dessen, was dort draußen vor sich geht.“
Skinners Blick blieb hart und durchdringend, die Anspannung war ihm deutlich anzusehen und die Atmosphäre im Raum war so konzentriert und gespannt, dass es nicht verwunderlich gewesen wäre, wenn der Raum wie in ein schwarzes Loch in sich zusammengefallen wäre und sie verschlungen hätte. Skinners Augenbraue hob sich schließlich und er entgegnete dem Mann vor ihm kalt:
„Die Wahrheit, Sir, ist genau das, was mich vor ein paar Wochen fast umgebracht hat. Und es sind dieselben Männer, die auch hinter dem Tod Ihrer Schwester stecken. Vielleicht wird es nun endlich einmal Zeit, dass Sie Mulder und Scully Gehör schenken.“
Kershs Zähne knirschten, als er sich auf die CD blickend über den Schreibtisch beugte und versuchte, nicht vollkommen aus der Haut zu fahren. Er nickte schließlich, als er sich wieder im Griff hatte und beendete die Konversation mit rauer Stimme.
„Gut, ich werde einen Blick auf diese Daten werfen. Aber ich warne Sie: Sollte das wieder so ein Alien-Schwachsinn sein, dann garantiere ich dafür, dass es das letzte Mal gewesen ist, dass das FBI Sie oder Agent Mulder in irgendeiner Form noch weiterhin unterstützt. Haben Sie mich verstanden?“
Skinner war schon zu lange Assistant Director, als dass ihm das wirklich Angst hätte einjagen können und so sah er Kersh klar in die Augen und nickte. „Jedes einzelne Wort, Sir.“
Damit wendete er sich mit einem angewiderten Blick von ihm ab und ging zur Tür. Kersh wälzte die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, hin und her. Es war endgültig an der Zeit, inmitten dieses Chaos, etwas zu tun. Und das Einzige, was er tun konnte, das Einzige, was ihm schon seit sehr langer Zeit ein Dorn im Auge war, waren diese Menschen, die ihn regelmäßig vor den Regierungsausschüssen wie einen Idioten dastehen ließen, weil er es noch immer zu ließ, dass sie unter seiner Leitung arbeiteten und Regierungsgelder verschwendeten.
Tief im Inneren wusste er natürlich, dass es nichts an dem Durcheinander außerhalb dieser Gemäuer ändern würde, aber es würde ihn beruhigen, denn er hätte dann wenigstens etwas unternommen, wenn er Mulder, Scully und Skinner ein für alle mal aus dem FBI entfernte. Dabei schlich ihm noch ein weiterer kleiner Gedanke durch den Kopf, er hob seinen Blick und hielt Skinner auf.
„Sagen Sie, wie lange läuft diese ‚Beziehung’“ und dabei bemühte er sich, all seine Arroganz auf dieses eine Wort zu konzentrieren, „zwischen Agent Mulder und Scully eigentlich schon?“

Skinners Mund verzog sich unwillkürlich. Dass Kersh nun so tief sinken würde und das als Grund für eine Kündigung der beiden Agenten verwenden würde, hätte er nicht gedacht.
Aber die Frage hatte ihn auch verwirrt, denn er hatte sie sich selbst schon oft gestellt. Innerhalb einer Sekunde ging er all die Jahre in seinem Gedächtnis durch und rief sich in Erinnerung, wie oft die beiden wie ein eingeschworenes Team vor ihm gesessen hatten und sich scheinbar wortlos vor seinen Augen ganze Unterhaltungen zwischen den beiden abgespielt hatten. Zwischen diesen beiden Menschen hatte schon immer eine unsichtbare Verbindung existiert, vom ersten Tag an, an dem er die Aufsicht über die beiden übernommen hatte.
Er triumphierte lächelnd, als er antwortete. „Diese ‚Beziehung’, Sir? Sie hat nie NICHT existiert. Und jetzt entschuldigen Sie mich.“
Damit ließ er die Tür etwas unsanft hinter sich ins Schloss fallen und ließ einen ziemlich irritierten Kersh vor seinem Mahagoni-Schreibtisch stehen und zerknirscht auf die CD starren.

 

Einen Tag später, London Heathrow, 16:24 Uhr

Mulder wusch sich mit dem klaren, kalten Wasser das Gesicht. Er hatte schon wieder schreckliche Kopfschmerzen. Angesichts der Träume, die ihn die ganze Nacht verfolgt hatten, war das auch kein Wunder. Immer und immer wieder war er durch das Flüstern um ihn herum hoch geschreckt, hatte das Gefühl gehabt, Sand in seinen Augen zu haben und hatte dann dieses Bild vor sich im Dunkeln gesehen. Das Bild von Scullys Augen, über deren klares, helles Blau sich ein schwarzer Schleier legte. Er konnte es einfach nicht vergessen und es raubte ihm immer und immer wieder den Schlaf, weil ihn die Angst um sie und das Kind nicht loslassen wollte. Als er die Flughafentoilette verließ, rieb er sich mit der Hand die Augen und versuchte seine Gedanken abzuschütteln.

Wer waren diese armen Menschen, die in Kanada Opfer dieser mysteriösen Mordserie geworden waren? Was hatte die Täter dazu bewegt? Waren sie vielleicht von dem schwarzen Öl besessen gewesen?
Eine Sache begriff er ebenfalls nicht, als er die Toilette verließ und durch das Fenster den dunkelgrauen Nebel auf der Landebahn sehen konnte. Warum griff dieser schwarze Regen nie jemanden an? Warum regnete er nur still und heimlich jede Nacht über ihnen herab, nur um sich in der Natur niederzulassen und dann als Wolke wieder zu verschwinden?

Ein Blick auf die Informationsbildschirme des Flughafens verriet ihm, dass er noch eine ganze Weile auf seinen Flug nach Washington warten musste. Er hoffte, dort die Lone Gunmen mit Neuigkeiten antreffen zu können, aber ansonsten war er völlig ratlos, was er nun tun sollte. Sein gesamter Plan hatte von Johns Team abgehangen und nun waren sie alle wie vom Erdboden verschluckt.
Als er sich von den Bildschirmen wegdrehte, zuckte er erschrocken zusammen.
Greg stand vor ihm. Und er sah schrecklich aus. Mulder packte ihn fast reflexartig an der Schulter und zog ihn mit einem irritierten Blick auf sein zerrissenes Äußeres zur Seite. Weg von den Menschenmengen, die sich durch den Flughafen wälzten.
„Greg! Ich suche schon seit Tagen nach Euch. Was ist aus dem Forschungsgelände geworden? Wo seid ihr gewesen? Und wieso siehst Du aus, als hätte man Dich aus der Altkleidersammlung gezogen?“
Gregs Augenlid vibrierte im Takt seines zuckenden Mundwinkels. Er schien sehr nervös zu sein, doch er fasste sich ein Herz und antwortete Mulder leise.
„Ich weiß, ich hab schon seit Ewigkeiten darauf gewartet, dass Du endlich wieder auftauchst. Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe. Denn Du musst wissen, dass irgendwas mächtig schiefgelaufen ist.“ Mulder ließ seine Schulter los und beugte sich zu ihm hinunter.
„Wie meinst Du das?“ Greg sah sich um und senkte seine Stimme.
„John ist nach diesen Experimenten vollkommen durchgedreht. Und einen Tag nach Deiner Abreise konnten wir morgens plötzlich unsere eigenen Labors nicht mehr betreten. Diese Regierungsheinis dort haben uns nicht mehr hineingelassen und all unsere Daten und Ergebnisse sind noch immer da drin. Doch wir hatten keine Chance. Du hast ja gesehen, das Gelände ist besser bewacht als die Kronjuwelen der Queen.“
Mulder hing noch an seinem ersten Satz fest. „Was meinst Du mit durchgedreht? Was hat John denn gemacht?“
Greg sah zu Boden und holte tief Luft. Seine Finger knibbelten nervös aneinander herum. Er schluckte und seine Stimme war wackelig.
„Er hat alle umgebracht.“
Mulder glaubte, sich verhört zu haben. „WAS?“
„Ja, alle, Christopher, Colin, Walter…alle. Bis auf mich. Ich bin ihm entwischt. Und am Ende hat er sich selbst ne Kugel in den Kopf gejagt.“
Mulder warf sich fassungslos gegen die Wand und starrte an die Decke. „Warum?“
„Ich weiß es nicht. Anscheinend hatte Colin uns verraten, er hat Kopien der Chips verkauft. Und als John so vollkommen durchgedreht ist, hat er ihn dann einfach getötet, als er davon erfahren hat. So etwas hätte er niemals unter normalen Umständen getan. Aber er war wie ausgewechselt. Wie besessen. Wir haben ihn überhaupt nicht wieder erkannt. Es war wirklich unheimlich.“ Seine Stimme versagte und er sah nervös zur Seite.
Mulder biss sich auf die Lippen. „Wem hat Colin die Chips verkauft?“ „Keine Ahung. Das hat er nicht gesagt. Und von dem Geld, was er dafür gekriegt hat, kann er sich jetzt auch nichts kaufen. So eine verdammte Scheiße!“
Greg sah wieder zu Boden und biss auf seinen Fingernägeln herum. Mulder fasste ihn an den Schultern.
„Habt ihr das Experiment mit meinem Chip wiederholt, oder war John der einzige?“ „Er war der Einzige. Nachdem, was mit ihm passiert ist, war es schließlich viel zu riskant, das zu wiederholen. Und genau das ist es, Fox. Wer immer diese Kopien jetzt hat, wird ähnliche Versuche damit machen und Du musst es aufhalten. Du musst verhindern, dass noch mehr Leute sterben. Denn Dein Chip macht zweifellos immun. Aber eben auch wahnsinnig. Und was bringt es uns, wenn wir alle diese Invasion überleben und uns dann selbst gegenseitig umbringen?“
Mulder versuchte ihn zu beruhigen und schmunzelte. „Hey, das machen wir doch sowieso schon seit Jahrhunderten.“
Doch Greg war zu nervös um über Mulders Witze lachen zu können. Als Mulder ihn darauf hin besorgt ansah und über das nachdachte, was Greg ihm gesagt hatte, wurde es ihm klar.
Er zog einen Zeitungsartikel aus der Hosentasche und faltete ihn auseinander.
„Ich fürchte allerdings, dass wir zu spät sind, Greg. Jemand hat schon längst Versuche mit den Chips gemacht, wie es aussieht.“
Gregs Augen weiteten sich vor Entsetzen und es war, als würden sie aus seinem Gesicht fallen.
„Was? Wo?“ Mulder tippte mit dem Finger auf den Artikel. „In Kanada. Dem Land wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen.“
Gregs Lippen bebten und er biss sich endgültig einen Fingernagel ab.
„Fox, Du musst da hin!“ „Und was machst Du?“
Greg zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Warten?“
Mulder nickte geistesabwesend. „Ja, warten. Das hab ich schon mal gehört.“
Er tappte ihm behutsam auf die Schulter und wand sich ab um zu seinem Terminal zu gehen. „Machs gut, Greg und pass auf Dich auf.“

Greg nickte und trottete in die andere Richtung. Er wirkte verloren zwischen all den Menschen um ihn herum, die anscheinend genau wussten, wo sie hin wollten und sich offensichtlich hervorragend mit all diesen kleinen Zielen von dem ablenkten, was draußen vor sich ging. Verblüfft über die allgemeine Ignoranz schüttelte Mulder wieder nur den Kopf und hoffte, sie würden es alle irgendwie noch schaffen.

 

In der folgenden Nacht in New Mexico

Scully wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Sie hatte Alpträume. Seit zwei Tagen schon, seit Mulder fort war. Immer und immer wieder wachte sie nachts schweißgebadet auf mit einem Kribbeln in den Augen, als hätte sie Sand darin. Und immer wieder raste ihr Herz dabei so sehr, dass sie das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können.
Sie stand auf und ging ins Bad um sich das Gesicht zu waschen. Es war warm in dem kleinen Bungalow, nur durch das offene Fenster kam kühle Herbstluft hinein. Sie hielt die Vorhänge beiseite und sah hinauf zu den Sternen, die wie Diamanten auf dunkelblauem Samt leuchteten und funkelten. Nur am Horizont wurden sie vom schwarzen Nichts verschluckt. Aber dieses Nichts war so weit weg, dass es ihr keine Angst machte. Angst machten ihr nur diese Alpträume und Gibson, der fast jeden Tag bei ihr vorbeikam, nur um eine Stunde still an ihrem Bett zu sitzen und immer wieder seine Hand ehrfürchtig auf ihren Bauch zu legen. Er war vollkommen verstört und es war unheimlich in seine unruhigen Augen zu sehen.
Aber sie ließ ihn dennoch jeden Tag bei sich sitzen, da sie fühlte, dass es ihm nicht gut ging. Und sie vertraute ihm. Sie spürte, dass er ihre Nähe brauchte und sie brauchte seine Nähe genauso, denn sie fühlte sich sehr fremd und verlassen, trotz der Gastfreundlichkeit der Navajo-Indianer.
Als sie sich hinlegte und die Augen wieder erschöpft schloss, sah sie jedoch wieder dieses Bild vor sich.
Es war surreal. Das, was sie sah, war wie das Innere eines riesigen elektrischen Netzwerkes. Als befände sie sich im Inneren eines Gehirns. Es kam ihr irgendwie bekannt vor. Und es löste Panik in ihr aus. Aber sie war zu erschöpft, als dass sie sich gegen diesen Alptraum hätte wehren können und fiel erneut in einen tiefen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Tag, Washington D.C.

Mulder saß in seinem Tretboot im Tidal Basin und starrte gedankenversunken auf das Jefferson Memorial. Er hatte in den amerikanischen Zeitungen noch keine Hinweise auf Morde in den USA gefunden, die nach dem klangen, was in Kanada geschehen war. Das beruhigte ihn allerdings auch nicht. Denn die Vorstellung, dass jemand Scullys und seinen Chip hatte und offensichtlich vollkommen gewissenlos damit an unschuldigen Menschen experimentierte, war grauenvoll. Die Angst in Gregs Augen war unbeschreiblich gewesen und er fragte sich, was das für ein Mechanismus war, der John zu diesen Taten bewegt hatte. War es etwas, was auf seinem Chip gespeichert gewesen war? Trug er die Fähigkeit zu solchen Grausamkeiten selbst in seiner Seele mit sich herum? Oder hatte lediglich die Kopplung seines Chips an Johns Bewusstsein eine Fehlfunktion, eine Psychose oder etwas in der Art ausgelöst?
Egal, was es war, es war bereits mehr als einmal passiert und er hoffte, in diesen Minuten, in denen er auf seine drei Freunde wartete, würden nicht weitere Menschen diesen kranken Experimenten zum Opfer fallen.
Er sah ungeduldig auf die Uhr und spuckte die Schale eines Sonnenblumenkerns ins Wasser. Ein erneutes Donnergrollen rollte durch den grauen Himmel über ihm. Es war dunkel und obwohl es erst Mittag war, waren sämtliche Lichter der Stadt bereits erhellt.
Als ob die Menschen damit versuchten diese Bedrohung, die sie nicht verstanden, vertreiben zu können.
Endlich konnte er ein Boot mit drei Gestalten erkennen, das sich ihm vom Ufer her näherte. Er atmete erleichtert auf und strampelte den Dreien entgegen.

 

„Mulder! Endlich! Wir hatten schon befürchtet mit einem Hologramm von Dir Vorlieb nehmen zu müssen, so oft, wie Du Dich in der letzten Zeit verdrückt hast!“
Er lächelte seine drei Freunde an, wenigstens sie waren so wie immer. Abgesehen von Frohikes neuem gewöhnungsbedürftigen Haarschnitt. Mulder sah ihn streng an. „Hey Frohike, mit Deinem Friseur würde ich gerne mal ein ernstes Wörtchen reden!“
Langley stieß Frohike vergnügt in die Rippen. „Lass nur, Mulder, er hat ne Midlife Crisis.“ Frohike grunzte und sah griesgrämig zu Langley auf. „Halt Du bloß die Klappe, Blondie!“

Mulder freute sich sie zu sehen, doch sie hatten keine Zeit und er fühlte sich unwohl auf dem schwarzen Wasser, über dem diese dunklen Wolken viel zu tief schwebten. Je später es wurde, desto tiefer sanken sie und ab den frühen Abendstunden hüllten sie bereits die Spitze des Washington Monuments ein, das schon ganz grau war.
„Hey, ich muss dringend mit Euch reden. Es gibt ein paar Dinge, die ihr für mich rausfinden müsst.“ „Mann, das klingt ja Ernst, welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen?“ Mulder sah sie an und deutete mit einem leichten Nicken in den Himmel hinauf. Die Drei folgten seinem Blick und verstanden. „Du willst doch nicht etwa noch immer versuchen das aufzuhalten, oder?“
Mulder sah sie irritiert an. „Was würdet ihr denn lieber tun? Ne Willkommensparty organisieren?“ „Naja, ich meine, hast Du schon mal die Nachrichten gelesen in den letzten Wochen? Und das ist ja nur das, was die den Medien offiziell mitteilen. Was wirklich da draußen geschieht, davon weiß ja kaum jemand etwas. Aber so wie wir das sehen, ist es ohnehin schon zu spät. Und auf uns wollte ja die letzten fünfzig Jahre nie jemand hören.“ Trotzig verschränkte Frohike die Arme vor der Brust und lehnte sich im Tretboot zurück.
„Ja, aber das ist doch kein Spiel. Versteht ihr denn nicht, was das bedeutet?“ „Doch, natürlich verstehen wir das. Aber was haben wir denn für eine Wahl?“
Mulder konnte es nicht fassen. War denn die ganze Welt verrückt geworden? Gaben sie einfach alle so auf?
„Na gut, wenn ihr unbedingt demnächst den Aliens die UFOs polieren wollt, dann bitte. Aber ich würde gerne versuchen noch was zu retten. Ich hab nämlich im Gegensatz zu Euch noch ne Zukunft auf dieser Welt zu verlieren.“ „Hey, jetzt werd mal nicht fies, ja? Nur weil Du endlich ne Frau gefunden hast, musst Du ja nicht gleich gehässig werden.“ Frohike protestierte laut, doch Langley und Byers schwiegen betreten.
Natürlich hatten sie auch Angst, wie Mulder. Und natürlich wollen sie es aufhalten. Aber das wollten schließlich alle. Doch wenn selbst die Staatsoberhäupter so taten, als würde nichts geschehen, wie sollten sie dann etwas ausrichten? Die Regierungen versicherten den Menschen dort draußen jeden Tag nur immer und immer wieder, sie hätten alles unter Kontrolle. Und die Menschen glaubten es, weil sie es glauben wollten.
„Tut mir leid, Frohike, ich weiß, Du hast Dir noch immer ernsthaft Chancen bei Scully ausgerechnet.“ Mulder tat es wirklich leid, denn das Gespräch verlief vollkommen falsch. Sie waren alle gereizt und in Angst. Er besann sich wieder darauf, was er eigentlich wollte.
„Ich möchte auch nur, dass Ihr mir weiterhelft. Denn ich hab das hier gefunden.“
Er zeigte den Lone Gunmen den Zeitungsartikel über die Mordserie in Kanada und erzählte ihnen von seinem und Scullys Chip, auf denen die elektronischen Abdrücke ihrer beider Seelen gespeichert waren. In dem Moment, in dem Langley den Zeitungsartikel erblickte, fluchte er.

„Heilige Scheiße, dann war das doch kein Fehler!“
Mulder sah ihn überrascht an. „Du wusstest schon was darüber?“
Byers meldete sich erstmals zu Wort und klärte Mulder auf. „Nein, wir haben letzte Woche von einem Freund eine Mail bekommen, dass das Grund- und Trinkwasser an der US-Kanadischen Grenze extrem erhöhte Werte an Eisen aufgewiesen hat. Unser Freund, der jahrelang in einem Wasserwerk in der Nähe von Buffalo gearbeitet hat, hat sogar eine Probe davon genommen und untersuchen lassen. Und angeblich hätten die sogar Metallpartikel darin gefunden, die verfluchte Ähnlichkeit mit Nanorobotern hatten. Uns hat das natürlich an Dich erinnert, aber wir konnten uns überhaupt keinen Reim daraus machen, wozu die Kanadier Nanoroboter ins Trinkwasser mischen. Wir hatten gedacht, das wäre vielleicht Resultat eines Unfalls in einem ihrer Labors, oder so.“
Frohike fügte zerknirscht über ihre eigene Naivität hinzu. „Dabei müssten wir ja eigentlich wissen, dass es so was wie Unfälle gar nicht gibt.“
Mulder spuckte erneut einen Sonnenblumenkern ins Wasser und starrte nachdenklich auf die Kreise, die der Kern auf der Wasseroberfläche hinterließ. „Ich brauch die Leichen“, beendete er schließlich seine Überlegungen und die Drei sahen ihn verstört an.
„Bist du jetzt unter die Perversen gegangen?“ Mulder rutschte in seinem Boot unruhig umher. „Nein, ich brauch die Täter, die diese Morde begangen haben. Ich muss wissen, ob die diese Chips im Nacken hatten. Ich brauche Beweise.“
„Wozu? Dafür interessiert sich doch jetzt eh keine Sau.“
„Ja, aber nur wenn ich es verstehe, kann ich etwas dagegen tun.“
„Und was willst Du dagegen tun? Wenn das die kanadische Regierung verbrochen hat, dann müsstest Du schon gute Verbindungen haben, um die davon abzuhalten.“
„Und genau deswegen brauche ich Beweise. Was könnt ihr sonst noch darüber rausfinden, was die Regierungen im Moment so anstellen?“

Endlich war Byers’ Augenblick gekommen. Er zog einen Hefter aus seinem kleinen Koffer und zeigte Mulder verschiedene Papiere mit merkwürdigen Daten und handschriftlichem Gekritzel. Mulder sah darauf und verstand nichts.
„Was soll das sein?“
„Das hat eine unserer Lieblingsquellen abgefangen.“ Langley hatte Byers seinen großen Moment gestohlen, ließ ihn jedoch dann den Rest erzählen.
„Wie es aussieht, ist unsere Schattenregierung gar nicht so mausetot, wie Du dachtest. Jedenfalls ist das hier die Mitschrift eines Gespräches zwischen einem Mitglied unserer Regierung mit einem Mitglied der russischen Regierung. Die Russen haben anscheinend die Waffe, die die Japaner den Navajos abgekauft haben, weiterentwickelt. Angeblich soll sie auf einer Technologie basieren, die sich dunkle Materie zunutze macht. Und angeblich soll sie unsere einzige Chance im Kampf gegen die da oben sein.“ Byers machte eine Pause und sah Mulder an.
„Dir ist schon klar, dass diese Waffe Zerstörungskräfte ungeahnten Ausmaßes hat, oder?“ Mulder nickte.
„Ja, und wenn die wirklich so wahnsinnig sind und die einsetzen, werden wir ohnehin draufgehen.“
Er legte sein Gesicht in die Hände und schloss einen Moment die Augen. Doch alles was er da vor sich sah, war wieder dieses Bild von Scully in der Wüste und er öffnete seine Augen schnell wieder.
„Das ist doch Wahnsinn.“

Er dachte weiterhin nach und merkte, wie ihm alles entglitt. Es war viel zu viel für ihn alleine. Wieso interessierte sich sonst niemand dafür, das aufzuhalten? Oder lag es daran, dass es keinen organisierten gemeinsamen Widerstand gab? Warum unterdrückten die Regierungen das? Warum wurden die Menschen nicht informiert? Was für eine Abmachung hatten die Regierungen mit den Invasoren getroffen, dass sie sich noch immer weigerten, die Menschen, die ihnen ihr Leben anvertrauen, aufzuklären?

Schließlich sah er die drei Männer in dem Boot neben sich an und schloss resigniert: “Eins ist klar, wir haben diese Aliens offensichtlich überhaupt nicht nötig. Zerstören können wir uns anscheinend am besten selbst. Und wir nehmen denen dabei auch noch eine ganze Menge Arbeit ab.“ Frohike dachte den Gedanken zu Ende.
„Vielleicht ist das ja genau das, was die wollen. Vielleicht wollen die uns ja gegeneinander ausspielen, dann müssen die nachher nur noch den ganzen Dreck aufräumen.“
Da verstand Mulder endlich, was Gibson gemeint hatte. Sie mussten warten!
Denn die da oben warteten ebenfalls. Nur wenn sie nicht zuerst angriffen, hatten sie eine Chance. Aber war sein Auftauchen in der Wüste nicht der erste Angriff auf die da oben gewesen? War es nicht zu spät, jetzt noch einen Rückzieher zu machen? Was auch immer, er wusste, er musste die Kanadier mit ihrem wahnsinnigen Plan aufhalten und musste verhindern, dass diese Menschen sich dort alle gegenseitig umbrachten. Aber wie?
Er sah die Drei noch einmal ernst an, dankte ihnen und versprach ihnen, sich in den nächsten zwei Wochen wieder bei ihnen zu melden. Sie verabredeten ein Zeichen und gingen schweigend und betreten auseinander. Mulder hörte noch, wie Frohike unglücklich im Boot vor sich hingrummelte.
„Na, das ist ja eine schöne Scheiße. Da kommen wir doch nie wieder lebend raus. Und ich hab noch nicht mal die Novemberausgabe des Playboy lesen können.“ Langley tappte ihm auf die Schulter. „Als ob Du die LESEN würdest!“

Mulder folgte ihnen nach einer Weile in seinem Boot ans Ufer zurück und fuhr vollkommen übermüdet in seine Wohnung. Ohne Schlaf würde er überhaupt nichts ausrichten können und er hatte seit über 24 Stunden nicht mehr geschlafen. Doch alles, was ihm der Schlaf brachte, waren Alpträume.
Der schwarze Schleier in Scullys Augen wich jedoch mehr und mehr einem leuchtenden Blau, das plötzlich in ein Licht umschlug und anstelle ihrer Augen sah er leuchtende Knotenpunkte, die wie Elektrizität knisterten und blitzten. Es war, als stünde er in der Mitte eines riesigen Nervennetzwerks. Und es kam ihm so bekannt vor…

 

 

Zur selben Zeit in einem Regierungsgebäude in Ottawa, Kanada


Die Frau in dem dunkelblauen Kostüm und dem weißen Laborkittel darüber stürmte den Flur hinunter, riss die Tür ihres Kollegen auf und knallte ihm die Zeitungen auf den Schreibtisch.
„Ist Dir klar, dass das der absolute Supergau ist? Ist Dir klar, was wir getan haben?“
Der Mann blieb vollkommen ruhig und nippte an seinem Kaffee, bevor er wieder zu ihr aufsah.
„Ja, das ist mir glasklar. Aber warum beruhigst Du Dich nicht. Setz Dich doch.“
„Ich will mich verdammt nochmal nicht setzen. Habt ihr das etwa alle gewusst?“
„Naja, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und wir haben keine Zeit, das vorher noch monatelang in Studien auszutesten. Diese Menschen sind nun mal nicht geeignet gewesen. Aber es ist bereits im Trinkwasser. Und es gibt genügend Leute da draußen, die nicht durchdrehen, da scheint es doch zu funktionieren. Wir werden nächste Woche einige davon in unsere Labors holen und sehen, ob unsere Nanobots diesen Mulder-Chip korrekt installiert haben. Also beruhige Dich endlich. Was sind schon ein paar Dutzend Menschen gemessen an den 6 Milliarden, die dann gerettet werden.“
„Gerettet? Hm! Wenn es denn so wäre! Ich hab von dieser Waffe gehört. Und die sieht mir überhaupt nicht nach Rettung aus!“

Der Mann bemühte sich seine Ruhe zu bewahren, doch seine Finger krallten sich in seiner grauen Anzughose fest und seine Gesichtsmuskeln spannten sich an, so dass seine Gelassenheit nun mehr wie eine Fratze wirkte.
„Hör zu. Wenn Dir diese Politik nicht passt, steig doch aus. Jetzt ist Deine Arbeit ohnehin erledigt.“
Die Frau sprang auf und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, so dass der Kaffee in der Tasse ihres Gegenübers überschwappte und das Geschirr leise klirrte.
„Darauf kannst Du Dich verlassen.“
Sie griff nach der Tasse und holte kräftig aus um ihm den Kaffee direkt ins Gesicht zu schütten. Daraufhin verließ sie das Büro und ließ die Tür laut ins Schloss knallen. Der Mann zog die Serviette unter seiner Untertasse hervor, wischte sich damit seelenruhig die Stirn und wählte eine Telefonnummer. Seine Augen durchzog ein schwarzer Schleier.

„Ja, hier ist Melvin. Michelle ist durchgedreht. Vielleicht solltet ihr dafür sorgen, dass sie sich beruhigt. Wenn ihr versteht, was ich meine.“
Sein Gesprächspartner hatte offenbar verstanden. Denn noch bevor Michelle von ihrem Büro aus Assistant Director Skinners Nummer in Washington D.C. wählen konnte, traf eine Kugel sie zielsicher von hinten ins Herz, welches nach fünf letzten sinnlosen Schlägen zur Ruhe kam und sie für immer in Sicherheit vor jenen Mächten war, deren Grausamkeit sie erst in den letzten fünf Minuten ihres jungen Lebens durchschaut hatte.


Am nächsten Morgen


Mulder wurde von einem lauten Klopfen an seiner Appartmenttür geweckt und sprang auf, als er die neueste Ausgabe der Washington Post unter seinem Türschlitz erahnen konnte. Er blätterte sich noch ziemlich verschlafen hindurch und überlegte, was so wichtig sein konnte, dass ihn jemand dafür geweckt hatte.
Da las er in einer kleinen Sparte etwas von einem Mann, der mitten am helllichten Tag die Hälfte seiner Mitarbeiter in einem kleinen Büro in Erie, Pennsylvania umgebracht  und sich danach selbst erschossen hatte.

Mulder überlegte nur eine Sekunde, doch seine Intuition war noch viel schneller. Erie lag direkt am See. Und verdammt nah an der Grenze zu Kanada. Das war kein Zufall. Aber es war der erste Amerikaner, es ging offensichtlich nun auch schon hier los. Das reichte.
Er wechselte sein Hemd, zog sich eine Anzughose an und kramte eine seiner hässlichsten Krawatten aus dem Schrank um ins FBI zu fahren. Seine Dienstmarke hatte er zwar bei Skinner gelassen, aber ihm war nicht offiziell gekündigt worden, so lange durfte er also dort noch ein- und ausgehen.

Eine halbe Stunde später öffnete er stürmisch die Tür zu Skinners Büro.
„Sir! Ich muss diesen Fall in Erie haben. Ich brauche meine Dienstmarke.“
Skinner holte tief Luft und stand auf. Mit den Händen in die Hüften gestützt stellte er sich vor ihn und sah ihn ruhig aber fragend an. Er hielt es für überflüssig Mulder zu fragen, wo er war, was er gemacht hatte und warum er jetzt in sein Büro platzte, als ginge es um Leben und Tod. Er kannte es ja nicht anders von ihm. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Wesentliche.
„Was für ein Fall?“
Mulder hielt ihm den Zeitungsartikel vor die Nase, Skinner verzog das Gesicht. „Was soll denn das sein?“
Mulder verdrehte die Augen. Er war die Unwissenheit um sich herum so leid, er hatte keine Lust mehr, sich immer und immer wieder erklären und rechtfertigen zu müssen.
„Es ist ein Fall, bei dem es um tödliche und vor allem menschenverachtende Experimente geht. Dieser Mann war Opfer dieser Experimente, die von der kanadischen Regierung unterstützt worden sind, auf der Basis der Nanotechnologie, mit der Sie ja bestens vertraut sein dürften. Ich muss diese Leiche mit eigenen Augen sehen. Ich muss herausfinden, ob ich Recht habe. Sir, Sie müssen mir vertrauen.“ „Das tue ich, Agent Mulder, das wissen Sie, auch wenn ich überhaupt keine Ahnung habe, wovon Sie gerade reden!“
Er seufzte und öffnete eine Schublade. Offenbar hatte er Mulders Dienstmarke die ganze Zeit darin aufbewahrt, denn er schob sie ihm nun wortlos über den Tisch.
„Ihre Waffe bekommen Sie allerdings nicht. Ich habe keine Lust nachher wieder irgendeinen unberechtigten Todesfall vor denen da oben verteidigen zu müssen. Sie müssen auch ohne Waffe klarkommen.“
„Keine Sorge. Waffen können mir bei diesem Fall überhaupt nicht weiterhelfen.“ Mulder lächelte. „Außer wenn das FBI demnächst ihre Agenten mit Laserschwertern ausstattet.“
Skinner lachte überhaupt nicht darüber. Sein Blick war vollkommen ausdruckslos. Weil er müde war und weil er die Kraft, die offenbar noch immer in Mulder wie ein Feuer brannte, nicht verstand. Er konnte diese Stärke, die in ihm wohnte, nicht nachvollziehen. Aber er konnte sie unterstützen und er wusste, dass sein Agent jetzt ohnehin nichts mehr anrichten würde, was schlimmer sein konnte als das, was da draußen auf sie wartete.

 

Zur selben Zeit im Pentagon


Kersh saß einem älteren Herrn in Uniform gegenüber. Der Mann war sein alter Vorgesetzter aus seiner Zeit beim Militär und Kersh vertraute ihm. Das, was er auf dieser CD gefunden hatte, hatte ihn zutiefst verwirrt. In den ersten Minuten hatte er mit äußerster Skepsis und fast schon aus Prinzip alles ablehnend auf diese Daten geblickt und versucht, sie als Fälschungen abzutun. Doch je weiter er vorgestoßen war, je mehr er gelesen hatte, desto unbehaglicher hatte er sich gefühlt.
Denn es gab eine Sache, die ihn verwundbar machte. Seine Schwester.

Und ein Ereignis, das er längst vergessen hatte, wurde durch die Daten vor seinen Augen plötzlich in ein vollkommen anderes Licht gerückt: Es war die Entführung seiner Schwester gewesen, als er acht gewesen war und sie noch ein kleines Baby war. Doch nach einer Woche war sie damals wieder aufgetaucht und in seiner Familie hatte nie wieder jemand ein Wort darüber verloren. Seine Schwester selbst hatte nie etwas davon gewusst. Auch er hatte es beinahe vergessen. Aber ihr rätselhafter Tod und der Chip in ihrem Nacken, ihre Entführung, ihre merkwürdige Krankheit vor ein paar Jahren, ihre Unfruchtbarkeit. Es klang verrückt, aber es fügte sich plötzlich anhand dieser Daten zu einem kompletten Bild zusammen.
War er nun schon genau so paranoid wie Mulder, oder war da etwas dran? Er hätte sich niemals die Blöße gegeben seine Zweifel öffentlich zuzugeben, daher hatte er sich entschieden, das Thema diskret an anderer Stelle zu klären und war mit den Daten, die er sich vorher ausgedruckt hatte, zu seinem alten Bekannten gegangen.
Der blätterte sich nun durch die Fülle an angeblichen Beweisen und machte ein sehr ernstes Gesicht. Es war genau genommen zu ernst. Denn offensichtlich schienen diese Daten ein gewisses Unbehagen in ihm auszulösen, ein Unbehagen, das Kersh nicht entging und das ihn beunruhigte, denn es deutete darauf hin, dass an den Daten etwas dran war.
Nach langem Schweigen legte der Mann die Blätter wieder zusammen, rückte sie zu einem ordentlichen Stapel zurecht und legte seine gefalteten Hände darauf, als wolle er beten.

„Woher haben Sie das, Alvin?“
„Von einem meiner Agenten beim FBI.“
Der Mann kniff die Augen zusammen und sah ihn prüfend an. „Doch nicht etwa von diesem Mulder, oder?“
Doch Kersh nickte betreten. „Was halten Sie davon? Hat irgendetwas davon Bestand?“
Der Mann lachte, doch sein Lachen wirkte aufgesetzt, angestrengt und grotesk. „Das ist der größte Quatsch, der mir jemals unter die Augen gekommen ist. Ehrlich gesagt, beunruhigt es mich ein wenig, dass Sie mit so etwas zu mir kommen. Sie haben doch alles unter Kontrolle, oder?“

Kersh hasste sich plötzlich für seine Schwäche. Er hasste es, wenn man seine Autorität untergrub und jemand seine Fähigkeiten in Zweifel zog.
„Natürlich habe ich das im Griff, Sir. Ich dachte lediglich, es würde Sie interessieren, was für Gerüchte dort draußen kursieren und an was die Menschen, die Sie in diesen schwierigen Zeiten zu regieren versuchen, glauben. Das ist alles.“
Der Mann kniff wieder seine Augen zusammen. „Das ist alles, ja? Haben Sie die CD dabei?“
Kersh nickte und legte sie ihm auf den Schreibtisch.
„Und es gibt keine Kopie davon?“
In diesem Moment wurde Kersh klar, dass etwas nicht stimmte. Die Daten hatten diesen Mann definitiv irritiert und er war nun überzeugt, dass nicht alles auf dieser CD Unsinn war. Es passte alles viel zu gut zusammen und vor allem erklärte es einige Dinge, die ihm in den letzten Monaten permanent den Schlaf geraubt hatten. Daher schüttelte er den Kopf. „Nein, Sir, ich habe keine Kopien davon.“
Er wusste, dass das nicht stimmte und er wusste auch, dass sein Gegenüber das wusste. Dafür war der Mann schon viel zu lange in der Regierung. Doch offenbar blufften sie hier beide. Er stand auf und reichte seinem alten Vorgesetzten die Hand.
„Vielen Dank, General. Sie haben mir sehr geholfen.“ Der alte Herr hielt seine Hand in eisigem Griff und in seinem Blick lag etwas Totes, Unverwandtes. Schließlich ließ er Kersh los. Der drehte sich um um zu gehen, als der General ihm noch hinterherrief.
„Ich wünsche Ihnen alles Gute, Alvin, wer weiß, was noch auf uns zukommt.“ Kersh drehte sich um und sah ihn starr an.
„Ja, General. Wer weiß das schon.“ Er verließ den Raum und ließ sich von zwei Sicherheitsleuten zum Ausgang führen, während er die ganze Zeit überlegte, was er nun tun sollte. Denn es war ganz offensichtlich, dass etwas getan werden musste. Aber der General war schließlich nicht sein einziger Kontakt innerhalb der Regierung. Er seufzte. Es würde ein sehr langer Tag werden.

 

Einen Tag später, Erie, Pennsylvania, Gerichtsmedizin der städtischen Leichenhalle

Die Gerichtsmedizinerin sah Mulder entgeistert an. „Was soll das heißen, Sie trauen meinem Bericht nicht?“
Mulder seufzte und verdrehte beinahe unmerklich die Augen. Frauen als Minderheiten waren doch alle gleich. Kaum wollte man ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter sehen, reagierten sie so gereizt, als hätte man ihnen gesagt, sie würden ihren Job nicht beherrschen. Diesen Blick hatte er in Scullys Augen schon so oft gesehen.
Lernten sie das in der Akademie? Gab es einen Kurs für „Misstrauen gegenüber männlichen Kollegen“? Er versuchte, seine Stimme sanfter und vorsichtiger klingen zu lassen. Denn schließlich wollte er etwas durchsetzen, das sicherlich nicht gerade der üblichen Vorgehensweise entsprach.
„Ich habe nie gesagt, dass ich Ihrem Bericht nicht traue. Ich würde nur gerne noch einmal eine Röntgenaufnahme dieser Leiche machen lassen.“ „Agent – wie war noch Ihr Name? Mulder? Agent Mulder, ich habe die Leiche bereits ins Krematorium geschickt, die Beweisführung ist abgeschlossen. Der Fall ist erledigt.“
„Können Sie die nicht noch einmal zurückfordern? Sie kann doch unmöglich schon verbrannt sein.“ Er versuchte seinen Charme spielen zu lassen. Die Ärztin stütze die Hände in die Hüften und sah ihn indigniert an.
„Sie wollen allen Ernstes von mir, dass ich da anrufe und die Leiche zurückbringen lasse? Und was ist die Begründung dafür?“
Mulder war genervt. „Hören Sie, wenn es Ihnen zu viel Arbeit ist, kann ich das gerne erledigen, es ist nur wirklich wichtig für unsere Ermittlungen, verstehn Sie?“
Damit hatte er sie. Den Trick hatte er bei Scully anfangs auch angewandt und er hatte immer funktioniert.
„Nein, es ist mir nicht zu viel. Ich mach das schon.“ Sie musterte ihn von oben bis unten und rang sich ein Lächeln ab. „Allerdings – was springt für mich dabei raus?“ Sie zwinkerte ihm zu und drehte sich von ihm weg um zum Telefon zu gehen.
Mulder lächelte ihr nach. Als sie wieder zurückkam und ihm zusicherte, sie würde ihn anrufen, sobald die Leiche da war, gab er ihr die Nummer seines Telefons im Hotel und verließ sie wieder.
Sie sah ihm noch immer ein wenig verzückt nach, doch verfiel dann schnell wieder in ihren alten Trott und kehrte zu ihrem nächsten Fall zurück.

Mulder jedoch ließ es sich nicht nehmen aus der Wohnung, in der der Tote gelebt hatte, eine Wasserprobe auf höchst unorthodoxe und un-FBI-artige Weise zu gewinnen und in ein Proberöhrchen zu füllen, das er in Quantico untersuchen lassen würde.

Als er danach im Hotel ankam, warf er sich aufs Bett und wählte eine Nummer in New Mexico. Scullys Handy war unerreichbar. Doch schon seit Tagen funktionierten die Handynetze ohnehin nicht mehr und er wartete bis man Scully das schnurlose Telefon in ihr Zimmer gebracht hatte. Er strahlte über das ganze Gesicht als er ihre Stimme hörte.

„Hey, offensichtlich bleibst Du ganz artig im Bett liegen.“ Scullys Augen blitzten auf als sie erkannte, wer da am Telefon war.
„Naja, meistens jedenfalls. Wo bist Du?“
„Erie!“ Er jaulte den Namen der Stadt wie ein Cowboy auf der Büffeljagd.
„Was zum Teufel machst Du in Erie? Ich dachte, Du wärst noch in London. Ist was passiert?“ Sie klang aufgebracht.
„Mh, lange Geschichte. Aber lassen wir doch das Kollegen-Gequatsche. Wie geht es Dir? Ist alles in Ordnung? Was macht der kleine Mulder?“

Seine Stimme klang so süß, dass es ihr fast das Herz brach. Sie lächelte und schloss die Augen, während sie zärtlich über ihren Bauch strich.

„Ich glaube, dem geht es ganz gut. Er mag Deine Kopfhörer.“
„Was legt DJ Dana denn so auf?“ „Chopin.“
Mulder machte ein angeekeltes Gesicht.
„Willst Du, dass er depressiv auf die Welt kommt?“

Scully hielt inne und ihr Lächeln verflog. Es war komisch mit ihm zu reden. Es fühlte sich falsch an. Er war so weit weg und das, worüber sie redeten, entsprach nicht dem, was sie fühlte. Sie hatte Angst, sie wollte ihn bei sich haben, sie wollte, dass sie alle in Sicherheit waren und sie hasste es, untätig auf etwas warten zu müssen. Es kostete sie Kraft weiterzureden als sie das Thema wechselte und ernster wurde.

„Gibson ist sehr merkwürdig, Mulder. Ich weiß nicht, was er hat. Aber ich glaube, uns bleibt nicht mehr viel Zeit.“
Mulder hatte die Angst in ihrer Stimme gehört, auch wenn sie sich bemüht hatte, ruhig zu klingen. Er merkte plötzlich, dass sein Anruf keine so gute Idee gewesen war. Denn er konnte ihr nichts sagen, was sie beruhigt hätte. Oder was ihn beruhigte.
„Dana, ich bin bald zurück, versprochen.“
Scully antwortete nicht, sondern nickte nur stumm.
„Sei vorsichtig!“ Sie wollte das Gespräch beenden und hoffte, er würde es verstehen. Er tat es und fügte sanft hinzu: „Ich verspreche es.“

Damit nahm sie das Telefon vom Ohr und legte auf. Sie holte tief Luft. Sie hasste es so abhängig von einem anderen Menschen zu sein. Es raubte ihr mehr Kraft als es ihr schenkte.
Zumindest so lange er fort war. Sie hielt sich den Bauch schützend fest, als wieder einmal, wie so oft in den letzten vier Tagen, die Erde leise bebte und die Fenster klirrend mitschwangen. Als es vorüber war, stand sie vom Bett auf und entschied sich trotz ihrer Bauchschmerzen, ein wenig spazieren zu gehen. Sie musste auf andere Gedanken kommen.

Als sie eine halbe Stunde später auf dem Hügel angekommen war, auf dem damals diese Indianerzeremonie stattgefunden hatte, sah sie in das Tal hinunter. Die schwarzen Wolken in der Ferne warfen bizarre Schatten auf die Berge und die grelle Sonne über ihr tauchte das Land in ein unwirkliches leuchtendes Rot. Sie stutzte einen Moment als sie sah, wie Blitze in den schwarzen Wolken aufleuchteten und zuckten. Kühler Wind fegte durch ihr Haar und sie bemerkte, was für eine unheimliche Stille um sie herum lag. Kein Vogel, keine Grille, kein Käfer, keine Fliege. Nicht ein einziges Tier war um sie herum. Die wenigen Bäume waren kahl. Und die Gebirgsflüsse in der Ferne leuchteten nicht in frischem Türkis, sondern zogen sich wie schwarze Adern durch die Landschaft.
Sie würden bald ernstere Probleme mit der Wasserversorgung bekommen als graue Waschbecken und Handtücher.
Es wirkte alles wie die Ruhe vor dem großen Sturm. Sie entschied sich mit Sike in den nächsten Ort zu fahren, um sich ein paar Zeitungen zu kaufen, um sich etwas abzulenken. Sie konnte unmöglich untätig weiterhin herumsitzen und warten.

 

Zur selben Zeit in Mulders Hotel in Eerie


Das Telefon klingelte wieder und riss Mulder aus seinen Gedanken. Er konnte Scullys Stimme nicht aus dem Kopf bekommen, die so bedrückt und geängstigt gewirkt hatte. Niemals würde sie es zugeben, aber er hatte gespürt, dass sie ihn bei sich brauchte. Es schien ihr wirklich nicht sehr gut zu gehen.
„Mulder?“ nahm er noch ziemlich mitgenommen ab.
„Agent Mulder? Hier ist Dr. Rowland, wollen Sie bei der Röntgenaufnahme dabei sein?“ Es war die Gerichtsmedizinerin.
Mulder hatte kaum geantwortet, da hatte er sich schon sein Jackett übergeworfen und das Hotelzimmer verlassen.
Eine halbe Stunde später betrachtete er sich zusammen mit der Ärztin das Röntgenbild, das vor ihnen an einem Leuchtfeld hing. Die Ärztin war verblüfft und vor allem erstaunte sie die vollkommene Gelassenheit des Agenten neben ihr, der offenbar damit gerechnet hatte, dass sich in Höhe des sechsten Halswirbels einige Metallsplitter befanden.
„Was ist das? Das sieht aus wie Granatsplitter. Aber der Tote war nicht einmal beim Militär.“
Mulder nahm den Zahnstocher aus dem Mund, auf dem er schon seit Verlassen des Hotelzimmers herumgenagt hatte und schüttelte den Kopf.
„Nein, das sind keine Granatsplitter. Das ist leider etwas vollkommen Anderes. Hören Sie, könnten Sie das entfernen und mir nach Washington mitgeben?“
Die Ärztin zog die Augenbrauen hoch. „Äh, wir haben hier auch Labors, also wir können das hier genau so gut untersuchen.“
Sie war offenbar etwas pikiert, dass man die Qualität ihres Instituts in Zweifel zu ziehen schien.
„Nein, nein, darum geht es nicht, es ist nur, dass ich einen Spezialisten in Quantico habe, dem ich das gerne zeigen würde.“
Mulder wollte der Gerichtsmedizinerin nicht unnötig wieder auf den Schlips treten. Das schien sie auch zu beruhigen und sie machte sich bereit, das Präparationsbesteck für die Entfernung des Materials zu holen. Mulder folgte ihr. „Was dagegen, wenn ich zusehe?“
„Nein, nein, bleiben Sie ruhig hier.“
Sie musterte ihn und schien belustigt davon, wie er ein wenig schüchtern im Eingang des Sektionsraums stand und skeptisch zu der Leiche hinübersah.
Es verging keine Viertelstunde und sie reichte Mulder eine kleine Flasche, in der die Metallsplitter in einer Flüssigkeit aufbewahrt wurden. Sie hielt die Flasche vor ihm gegen das Licht und zog die Stirn in Falten.
„Darf ich fragen, wofür Sie das halten? Das sieht nämlich aus wie eine Art Computerchip. Ein zerbrochener zwar, aber man kann ganz deutlich die Strukturen im Licht erkennen.“
„Ja, so etwas in der Art ist es.“
Mulder wollte ihr nicht mehr sagen als er musste und er streckte die Hand ungeduldig nach der Flasche aus.
Als er sich bei ihr bedankte und zum Gehen von ihr abwendete, sprang sie über ihren Schatten.
„Ach, Agent Mulder. Wann fliegen Sie eigentlich zurück nach Washintgon?“
Mulder drehte sich überrascht um und hob die Augenbrauen. „Heute Abend. Wenn der Regen losgeht, komme ich sonst vor morgen Mittag nicht zurück, warum?“
Die Ärztin druckste verlegen herum. „Naja, ich dachte, vielleicht hätten wir noch was zu Mittag essen können, es ist zwar schon etwas spät dafür, aber ich hatte noch keine Pause, weil ich mich um Ihre Leiche kümmern musste…“ Sie pausierte, sie fühlte sich verunsichert, denn der Agent schien darauf überhaupt nicht einzugehen. Sie hoffte, er würde zumindest aus schlechtem Gewissen über ihre verpasste Mittagspause zustimmen.
Doch er schenkte ihr nur ein Lächeln, von dem ihre Knie ganz weich wurden und schüttelte bedauernd den Kopf.
„Es tut mir leid, Doktor, aber Ihnen ist bereits eine andere Gerichtsmedizinerin zuvor gekommen.“

Er ließ die Tür leise hinter sich zufallen und ging mit den Beweisen in der Hand zu seinem Mietwagen zurück, während er daran dachte, wie Scully ihn zum Essen eingeladen hatte, nachdem er sich bei einer besonders ekelhaften Autopsie, bei der er ihr zugesehen hatte, übergeben hatte. Sie hatte ihm damals mit einem bedauernden Blick auf die Schulter geklopft und ihn danach triumphierend zum ersten Mal in ein Sushi-Restaurant geschleppt mit dem Versprechen, es würde schon nicht schlimmer als die von Maden zerfressene Leiche werden.
Er hatte ihr das tagelang nicht verziehen und sich bei ihr eine Woche später zu ihrem Geburtstag mit Karten für ein Redsox – Spiel in Boston gerächt, zu dem sie ihn tatsächlich begleitet hatte und das ihr offenbar besser gefallen hatte, als sie beide vermutet hätten.


Als er am nächsten Morgen aufstand und zwischen den Jalousien seines Apartments hindurchsah, war der schwarze Nebel dichter als je zuvor und kein Auto fuhr auf der Straße. Es machte ihm Angst. Was, wenn sie irgendwann alle festsaßen?
Trotzig holte er seine Regenstiefel aus dem Abstellraum und entschloss sich, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

 

Es dauerte allerdings eine ganze Stunde, bis er langsam durch die Schwaden schleichend endlich in die Tiefgarage des FBI-Gebäudes fahren konnte. Er hatte seinem Büro noch keinen einzigen Besuch abgestattet und das wollte er nun tun, ehe er in Quantico die Ergebnisse des Vergleichs dieser Metallpartikel mit seinem Chip bekommen würde. Als er jedoch an der Tür seines Büros ankam, merkte er, dass sie nur angelehnt war. Vorsichtig stieß er sie auf und lugte hinein.
Es war ein gespenstischer Anblick, denn alle Möbel waren mit Plastikplanen zugedeckt und alles sah so still und leblos aus, dass es ihm einen Stich versetzte. Es war wie der Rest seines Lebens, auf Eis gelegt und nicht wieder zu erkennen. Aus dem Nebenraum seines Büros kam plötzlich eine Gestalt heraus und Mulder hasste Skinner plötzlich dafür, ihn ohne Waffe durch die Gegend rennen zu lassen. Als er jedoch sah, wer diese Gestalt war, war er überrascht, denn damit hatte er nicht gerechnet.
„Na, das ist ja eine Überraschung, dass Sie mich hier unten besuchen. Womit habe ich diese außerordentliche Ehre verdient?“
Kersh sah ihn durchdringend und kühl an.
„Agent Mulder, lassen Sie diesen Sarkasmus, der ist jetzt vollkommen unangebracht. Ich bin hier, weil ich mit Ihnen reden will, also setzen Sie sich.“
Er zog mit einem kräftigen Ruck die Plastikplane von Mulders Möbeln und schloss die Tür hinter ihm. Er verwies auf den Stuhl, auf dem Scully so oft gesessen hatte, und setzte sich selbst an Mulders Platz.
„Sir, soll das jetzt ein Rollenspiel werden? Ich weiß, dass das in einigen Partnerschaften Wunder bewirkt, aber ich bezweifle, dass uns das weiterbringen wird.“ Er grinste und genoss Kershs Wut über seine dämlichen Bemerkungen.
Doch der schwieg darauf nur und ignorierte den Witz vollkommen. Er holte einen Umschlag aus seiner Jackentasche und legte ihn zwischen sie auf den Schreibtisch. Mulder sah den Umschlag an und hob die Augenbrauen.
„Liefern Sie die Gehaltsschecks jetzt persönlich ab?“ Er war von Kershs Verhalten verunsichert und gemäß seiner bewährten Strategie wählte er den Angriff als Verteidigungsmaßnahme. Kersh verharrte schweigend in der Hoffnung, Mulder würde sein süffisantes Lächeln endlich abstellen. Schließlich holte er tief Luft und begann zu erklären, was er vorhatte.
„Agent Mulder, Mr. Skinner hat mir diese CD gegeben. Die Ihre Partnerin weiß Gott wo aufgestöbert hat. Aber ungeachtet der Tatsache, dass ich weder Ihre noch die Methoden Ihrer Partnerin besonders schätze, habe ich einige Antworten auf Fragen erhalten, die ich mir schon eine ganze Weile gestellt habe. Und daher habe ich das hier mitgebracht. Denn offensichtlich wollen Sie und ich dasselbe erreichen, wenn auch auf unterschiedliche Weise.“
Mulder verstand überhaupt nichts. „Können Sie vielleicht auch Klartext mit mir reden, Sir? Was ist in diesem Umschlag?“
„Ein Computervirus. Auf einem Datenträger.“
Mulder zog die Stirn kraus. „Bitte?“
Kerhs senkte seine Stimme und stand auf. Er holte ein Gerät aus der Tasche, das er auf einem der Aktenschränke platzierte und anschaltete. Es sendete ein rotes Leuchtsignal durch den Raum und gab ein hohes, durchdringendes Pfeifen von sich. Mulder sah das Ding an und zog die Stirn noch mehr in Falten.
„Und was ist das? Ein Störgerät?“
Kersh nickte. „Selbst ich weiß, dass überall jemand zuhört und hier unten ganz besonders. Dafür muss man nicht einmal paranoid sein.“
Er setzte sich wieder an Mulders Schreibtisch und beugte sich zu ihm. „Sie müssen diesen Computervirus in der Hauptschaltstelle dieser Regierungsgruppe in Ottawa einschleusen und den Zentralrechner damit infizieren.“
Mulder sprang vom Stuhl auf. Es war zu irrwitzig gerade so etwas aus Kershs Mund zu hören. „Was? Hat man Ihnen irgendwelche bewusstseinserweiternden Drogen gegeben?“
„Bitte, setzen Sie sich wieder und hören Sie mir zu.“ Kersh sah ihn so lange streng an, bis er ihm gehorchte und sich wieder auf den Stuhl fallen ließ.
„Diese Daten auf der CD haben mich neugierig gemacht und an etwas erinnert, mit dem ich während meiner Zeit beim Militär einmal Kontakt hatte. Es hat mich einige Freundschaften gekostet und eine Menge Telefonate, die richtige Kontaktperson zu finden, also vermasseln Sie das jetzt nicht. Die Kanadier haben ein Projekt, das dem sehr ähnelt, das laut den Daten auf Ihrer CD auch die US-Regierung durchgeführt hat. Mit dem Unterschied, dass die Kanadier es offensichtlich gerade in die Tat umsetzen. Und es geht offenbar ziemlich schief. Dieser neue Chip, den die Kanadier entwickelt haben, scheint viel zu starke Signale auszusenden, diese Menschen drehen vollkommen durch. Und was immer der Hintergrund dieses Projektes ist, es gefährdet unsere nationale Sicherheit. Mehr als dieser Regen da draußen. Wenn Sie diesen Virus in deren Hauptcomputer bringen können, wird binnen 24 Stunden jeder einzelne dieser Chips ebenfalls mit diesem Virus infiziert sein und das gesamte Projekt wird sich in Luft auflösen wie dieser schwarze Nebel da draußen. Agent Mulder, ich bin weit davon entfernt, daran zu glauben, dass das das Werk von Aliens ist. Wir Menschen sind auch schon alleine fähig uns gegenseitig den Weltuntergang zu bereiten und ich würde ungerne unsere Nation als erste untergehen sehen. Also sehen Sie zu, dass Sie diesen Virus dorthin bringen, bevor die Russen die Technologie ebenfalls nutzen können. Und bevor diese Chiptechnologie noch größere Ausmaße annimmt.“
Mulders Mund stand offen. Er konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte und dass Kersh noch immer so wenig Ahnung von alledem hatte. Doch sein Verstand arbeitete ungeachtet seines Gefühlschaos scharf und klar weiter.
„Sir, die Sache hat aber einen Haken. Das sind Menschen, die diese Chips in sich tragen. Ist Ihnen klar, was dieser Virus eventuell mit denen anstellen kann?“
Kersh nickte. Seine eigene Schwester war deswegen gestorben, natürlich wusste er das. Mulder sah ihn irritiert an, denn er wusste, was Kersh dachte und konnte nicht fassen, dass der Mann so kalt sein konnte, dieses Leid mutwillig auch anderen zuzufügen. Doch er sah auch den traurigen Blick in Kershs Augen. Und er verstand ihn, so merkwürdig es schien. Denn was war die Alternative?
Kersh erhob sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Mulder ließ noch nicht locker.
„Woher haben Sie dieses Virus?“
Kersh schien darauf keine rechte Antwort zu wissen.
„Wir wissen es nicht. Er hat etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie und Agent Scully in Tunesien unterwegs waren, unsere eigenen Computer befallen. Woher er kommt ist unbekannt, aber das tut auch überhaupt nichts zur Sache.“
Er sah ihn ernst an und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Sie müssen heute noch dorthin, im Handschuhfach ihres Wagens finden Sie alle Unterlagen wie Sie dort hinkommen und Zugriff auf das System erhalten. Ich verlasse mich auf Sie, Agent Mulder.“
Mulder stieß seine Hand von seiner Schulter. Er war vollkommen verwirrt. Auf wessen Seite stand Kersh nun?

Kersh wusste es selbst nicht. Die Beweise auf der CD hatten ihm den Schlaf geraubt und ihm das Urvertrauen in seine Regierung genommen. Die Menschen, die er bisher immer als seine unfehlbaren Vorgesetzten akzeptiert hatte, schienen sich für die Daten auf der CD überhaupt nicht zu interessieren, so wenig, dass es ihn beunruhigte. Er merkte, wie die Säulen, auf denen sein gesamtes Weltbild stand, zusammen zu brechen drohten und er wusste nicht mehr, was schwarz und was weiß war. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er verstehen wie Mulder sich fühlte. Er hatte keine Ahnung welcher Natur dieser Computervirus war, den er Mulder gegeben hatte. Oder dass er außerirdischer Herkunft war. Aber er wollte ebenso wenig wie Mulder, dass weitere Menschen an den Folgen dieser gewissenlosen Chipexperimente starben. Auch wenn diese Hilfe für viele schon zu spät kam.
Mit gesenktem Kopf ging er zum Aufzug und fuhr in seine Etage zurück, wo er auf dem Weg zu seinem Büro über den Flur an all den anderen Verwaltungsbüros entlang ging und die stechenden Blicke seiner neu gewonnenen Feinde förmlich spürte.

Mulder seufzte und sah auf den weißen Umschlag, der wie eine Drohung auf seinem Schreibtisch lag. Was würde passieren, wenn er diesen Virus in den Computer einschleuste? Würden dann all die Menschen, die diese Technologie bereits in sich trugen, wirklich sterben? Wie konnte er das verantworten? Wie konnte Kersh ihm das antun?
Er schloss die Augen und sah wehmütig zu Scullys kleinem Schreibtisch hinüber. Er hatte ihn nach dem Brand in ihrem Büro dorthin stellen lassen und erst heute war ihm klar, wie sehr er sie damit verletzt haben musste, dass er das nicht viel früher getan hatte. Sie war doch vom ersten Tag an so viel mehr gewesen als nur eine stille, beobachtende Begleiterin seiner Ermittlungen. Sie war der einzige Mensch auf der Welt gewesen, die so einen tiefen Einblick in seine Arbeit, seine Leidenschaft und damit auch sein Innerstes gehabt hatte und nicht davor zurückgeschreckt war. Sie hatte ihn klar und offen immer wie einen vollkommen vernünftigen Menschen behandelt, hatte ihn mit ihrer Wissenschaftlichkeit immer und immer wieder vor dem Rausschmiss bewahrt und vor dem sicheren Verrücktwerden. Sie war all die Jahre für ihn da gewesen, hatte ihm zur Überraschung sonntags Frühstück ins Büro gebracht, in dem Wissen, dass er ohnehin kaum ein Wochenende außerhalb des Büros verbrachte und hatte ihn abgelenkt. Davon sich vollkommen zu verlieren.
Und genau das musste sie nun auch tun. Denn er war ausgebrannt. Er wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Wo er selbst in diesem Chaos stand und was seine Aufgabe in dieser Welt war, die mit jedem Wimpernschlag ihrem Untergang ein wenig näher zu kommen schien. Er wusste nicht mehr, was richtig und was falsch war. Und sie war der einzige Mensch, der ihm die Wahrheit sagen würde.

Er verließ das Büro mit dem Umschlag in seiner Tasche und machte sich so schnell er konnte mit den Unterlagen in seinem Handschuhfach auf dem Weg zum Flughafen.

 

Vier Stunden später über Indianapolis


Mulder hatte die Augen geschlossen und eine Schlafmaske übergezogen. Er wollte nicht ständig aus dem Fenster sehen, wo er nur in die dichten grauen Wolken sah. Denn es machte ihm Angst denen so nahe zu kommen. Es war für ihn ohnehin unerklärlich, wieso die die Flugzeuge vollkommen in Ruhe durch ihre Wolkenfelder gleiten ließen. Und wie die Piloten überhaupt noch fliegen konnten.
Er versuchte diese Gedanken zu verdrängen und stellte die Musik in seinen Kopfhörern lauter, in der Hoffnung sie könne sein Gehirn betäuben. Kaum zwei Minuten war er trotz des Krachs, den das Gejaule von 'Muse' in seinen Ohren machte, eingeschlafen.
Er war wieder inmitten dieses zuckenden Netzwerks, dessen blaues Licht er weniger sehen als fühlen konnte. Es schien sich in seinem Gehirn zu manifestieren, denn er wusste einfach nur, dass dieses Netzwerk da war. Es pulsierte und elektrisierte das wabernde Kraftfeld um ihn herum, das ihn scheinbar schwerelos durch das Nichts trug. Es kam ihm so bekannt vor. Und es machte ihm solche Angst, es raubte ihm die Luft zum Atmen und die Tränen, über seinen Schmerz zu weinen.
Inmitten dieses Alptraums hörte er plötzlich eine Melodie, die ein Licht in diese Dunkelheit trug. Er kannte das Lied, doch er verband nichts damit. Aber es half ihm diesen Alptraum durchzustehen. Ein Bild erschien verschwommen und dann immer klarer vor seinen Augen und er fühlte, es war das Bild, das ihm schon so oft das Leben gerettet hatte. Mit einem sonderbaren Lächeln wachte er erschrocken auf, als sein Herz für einen Augenblick aussetzte.


Zur selben Zeit in New Mexico


Scully hatte sich eine CD gekauft, die sie vor Jahren schon einmal gehört hatte und hatte sie in den CD-Player eingelegt. Die Babybauchhörer waren zwar für ihren Kopf viel zu groß, doch sie genoss die Musik, die ihre Gedanken und die Stille um sie herum abtöteten.
Das Lied beruhigte sie und sie schloss die Augen und dachte an Mulder. Sie hoffte, ihm damit, wo immer er gerade war, ein wenig von der Kraft zu senden, die das Kind in ihrem Bauch ihr mit jeder seiner lebendigen Bewegungen gab. Sie wünschte sich, es wäre schon da. Sie wünschte sich, all das um sie herum wäre schon vorbei.

Endlich schlief sie ein und hatte wieder diesen Traum von dem zuckenden Netwerk um sie herum, das sie wie eine Feder durch das Nichts tanzen ließ und ihr die Brust zuschnürte. Sie verlor die Orientierung im Raum und alles, was sie noch fühlen konnte, waren die elektrisierenden Berührungen der Masse, die sie umgab. Und das Gefühl etwas würde ihr die Seele aussaugen. Sie klammerte sich an dem Gedanken fest, der ihr schon einmal das Leben gerettet hatte und wurde den Gedanken nicht los, dass ihr all das bekannt vorkam. Wieder wachte sie auf und es fühlte sich an als hätte sie Sand in den Augen.

Weitere vier Stunden später


Die Kinder lachten unbeschwert, als würden sie all die Veränderungen um sie herum überhaupt nicht wahrnehmen. Sie tollten um Scully herum und zupften immer wieder an ihrem roten Haar, das sie mit einer selbstgebastelten „Krone“ aus Lederriemen, Perlen und fünf Federn geschmückt hatten. Sie fanden die weiße Frau mit den blauen Augen und dem Haar, das so rot war wie die Felsen im Tal, wunderschön und aufregend. Vor allem weil sie den ganzen Tag Zeit für sie hatte und immer irgendwo saß oder lag.
Sie hatten ja keine Ahnung, wie viel Kraft es Scully kostete so ruhig zu bleiben. Lediglich der Schmerz und die leichten Wehen, die immer wieder einsetzten, hielten sie ruhig. Denn sie wusste, sie musste dieses Kind noch ein paar Wochen in ihrem Bauch behalten. Scully lächelte den Kindern zu, als sie mit ihren kleinen Händen auf ihrem Bauch herumpatschten und rutschte auf ihrer Bank im Gemeinschaftsraum des Dorfes beiseite, so dass sich die Kleinen neben sie setzen konnten.

„Erzählst Du uns jetzt, wie das Baby da rein gekommen ist?“ Scully schmunzelte und sah Hastin, einen der Indianer, der in der Ecke neben Ahiga saß und sich leise mit ihm unterhielt, an. Die beiden Männer lächelten zurück und sie schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist eine Geschichte, die eure Eltern Euch erzählen. Ich kann Euch aber eine andere Geschichte erzählen.“
„Welche denn?“
„Die von einem großen weißen Wal und einem alten Kapitän auf einem Schiff.“
„Was ist ein Wal?“
Scully seufzte. Sie musste offensichtlich ganz von vorne anfangen und setzte gerade an, als sich die Gemeindetür öffnete und Sike hereintrat.

Das orangefarbene Abendlicht fiel herein und blendete Scully. Staub wirbelte hinein und flimmerte golden im Licht. Hinter Sike erschien noch jemand anderes im Türrahmen und Scully fühlte, wie ihr Herz so schnell zu schlagen begann, dass ihr schwindelig wurde. Sie stand auf und sah ins Licht, bis ihre Augen sich daran gewöhnt hatten.
Mulder glaubte fast einen Engel zu sehen. Ihre ganze Erscheinung leuchtete im Licht der untergehenden Sonne und der Schmuck in ihrem Haar ließ sie so fremd wirken, überhaupt nicht wie die Scully, die immer so streng aus ihren schwarzen Kostümen zu ihm aufsah. Oder wie die Scully, die mit einem Skalpell in der Hand über eine Leiche gebeugt schroffe Bemerkungen durch den Raum zu ihm warf.
Ihre Augen glänzten grünlich und sie hatte Sommersprossen von der Sonne. Unter ihrem beigefarbenen Pullover wölbte sich ihr Bauch glatt und rund. Es war als stünde die Zeit still.
Sie vergaßen vollkommen zu atmen und nahmen das Kichern der Kinder um sie herum überhaupt nicht wahr. Erst als sich Sike räusperte und den anderen beiden Indianern einen Blick zuwarf, liefen die Uhren wie gewohnt weiter. Hastin gab den Kindern ein Zeichen, die ihm noch immer kichernd nach draußen folgten und Mulder und Scully standen plötzlich alleine im Raum, nur durch den flimmernden Staub in der Luft zwischen ihnen getrennt.
Scully konnte es nicht glauben ihn zu sehen und hielt noch immer den Atem an. Doch ihre Lippen wurden trocken und erst als sie sie sich mit der Zunge vorsichtig benetzte, atmete sie wieder aus und schloss erleichtert einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war Mulder bereits einen Schritt näher gekommen. Sie ging ebenfalls einen Schritt auf ihn zu. Damit war das Eis wieder gebrochen und sie näherten sich einander bis sie sich erst noch ganz vorsichtig und ihr Glück kaum fassend, dann aber fest und leidenschaftlich in die Arme fielen.
Mulder legte seinen Kopf auf ihre Schulter und drückte sie an sich, während er die Augen schloss und die Kraft aufnahm, die ihre Wärme ihm schenkte.
„Ich brauche Deine Hilfe, Dana“, brachte er mit Verzweiflung in der Stimme hervor und sie löste die Umarmung und sah ihn besorgt an.
Sie hielt seinen Kopf sanft in ihren Händen und versuchte in seinen Augen zu lesen, was ihn so bewegte. Er sah ihren fragenden Blick und nahm ihre Hände von seinem Gesicht, um sie mit Küssen zu bedecken und an sein Herz zu legen. Dann lächelte er sie an und spielte an einer Feder herum, die an ihrem Kopfschmuck baumelte.
Sie erinnerte sich wieder an ihre „Krone“ und nahm sie etwas schüchtern ab.
Als sie ihm dann wieder in die Augen sah, sah sie so viel Schmerz und Verzweiflung darin, dass es ihr fast das Herz brach. Sie konnte nicht anders, als ihn zu sich hinunter zu ziehen und ihm einen langen Kuss zu geben.
So viel Kraft und Leidenschaft waren noch nie von ihr ausgegangen und er war überrascht, doch er ließ sich in diesen Kuss hineinfallen, während sie die Arme um ihn legte und den Indianerschmuck zu Boden gleiten ließ.
Sie küsste sich von seinem Mund weiter über seine Wange zu seinem Ohr und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Sie hatte sich den Schmerz, den sein Anblick in ihr ausgelöst hatte, aus der Seele geküsst und sie hatte das Gefühl, ihm tatsächlich etwas von ihrer Kraft übertragen zu haben. Denn als sie ihm danach wieder in die Augen sah, wirkte sein Blick fester.
Sie warteten eine Weile, ihre Stirn gegen seine gestützt, bis die Welle, die über sie hereingebrochen war, vorübergezogen war und sich ihre Herzen beruhigt hatten.
Der Anhänger, den er ihr geschenkt hatte, glitzerte dunkelblau im letzten Lichtstrahl des Tages, der über den Hügel blitzte.

 

„Komm, wir gehen, die brauchen den Raum gleich noch“, unterbrach sie schließlich die Stille und fasste ihn an der Hand um ihn in ihr Zimmer zu führen, wo er ihr erzählte, was Kersh ihm an diesem Tag aufgetragen hatte.
Scully schluckte, denn sie war es schließlich gewesen, die Kersh diese CD über Skinner gegeben hatte. Hätte sie geahnt, wie sich das entwickeln würde, hätte sie das nie getan. Sie beichtete es Mulder, denn sie konnte nicht ertragen dieses Geheimnis vor ihm zu haben. Er schien überrascht zu sein, doch er akzeptierte es ohne ihr einen Vorwurf zu machen. Denn er wusste, wie sehr sie es hasste, hilflos und untätig zuzusehen.
Er sah sie stattdessen ratlos an und schüttelte den Kopf resigniert, während er fortfuhr. „Wenn ich das tue, wird das Blut dieser Menschen an meinen Händen kleben. Wie kann ich das verantworten?“
Scully hielt seine Hand fest und antwortet ihm ernst.
„Wie kannst Du es verantworten es nicht zu tun? Es ist Dein Chip, den diese Menschen in ihren Körpern tragen, Dein Bewusstsein, das mit deren Verstand interferiert. Du hast keine Wahl. Wenn Du nichts tust, werden noch viel mehr unschuldige Menschen sterben.“
Mulders Stimme war leise und heiser als er weiterredete.
„Aber das werden sie doch ohnehin. Wir werden alle sterben. Es gibt keinen Ausweg, Dana. Wir haben eine Waffe. Es ist nur eine Frage von Wochen und es ist alles vorbei.“
Doch das konnte Scully sich nicht anhören. Sie drückte Mulders Hand so fest, dass es ihn fast schmerzte.
„Nein, das ist es nicht! Verdammt, Mulder, Du kannst jetzt nicht verzweifeln. Diesen Luxus kannst Du Dir nicht leisten. Du musst da jetzt hinfliegen und diesen Computervirus dort einschleusen.“
„Und wofür?“
Scully nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. „Dafür und für uns. Für all die anderen – Familien da draußen.“ Sie hielt einen Augenblick inne, denn es fiel ihr immer noch schwer Mulder, sie und das Baby als eine Familie anzusehen. Denn sie waren noch weit davon entfernt eine Familie zu sein, waren sie doch noch nicht einmal ein richtiges Paar!
Mulder entzog ihr seine Hand und stand vom Bett auf um ans Fenster zu gehen. Er drehte sich nach einem Blick zu dem klaren Abendhimmel wieder zu ihr um.
„Aber ich verstehe nicht, was das noch bringen soll. Siehst Du denn nicht, dass es für uns zu groß ist? Dass die Regierungen da draußen, aus welchen Gründen auch immer, überhaupt keine Ahnung haben, wie sie das Ganze zum Guten wenden sollen? Dass diese Aliens nur mit dem Finger schnippen müssen und uns innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde auslöschen?“
„Und warum sollten Sie das tun, Mulder?“
Nun stand auch Scully auf und stellte sich vor ihn. Seine Verzweiflung machte sie wütend.
„Warum sollten sie, nachdem sie offenbar die gesamte Evolution der Menschheit, ja vermutlich aller höheren Organismen auf diesem Planeten, kontrolliert haben, einfach hier einfallen und uns vernichten? Das entbehrt doch jeder Logik!“
„Ha, Logik ist nicht der Maßstab, dessen die sich bedienen. Deren Macht existiert auf einer vollkommen anderen Ebene. Deren gesamte Existenz ist nicht wie die unsere an Körperlichkeit, an Gefühle oder die Funktion des Verstandes gebunden. Hast Du das denn nicht gefühlt, da draußen in der Wüste? Die nutzen das schwarze Öl nur als Transportmedium, doch deren Existenz ist losgelöst von materieller Substanz. Wie sollten wir da auch nur die geringste Chance haben?“
Resigniert wendete er sich wieder ab und sah aus dem Fenster bevor er ruhiger fortfuhr.
„Und selbst wenn die uns nicht angreifen, das Chaos, das mittlerweile hier auf der Erde existiert, reicht auch aus, dass wir uns alle selbst ins Jenseits befördern.“
Scully trat von hinten an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Woher nimmst Du nur all diese Resignation und diesen Zynismus? So kenne ich Dich überhaupt nicht.“
Er zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich bin einfach müde. Und ich bin es Leid für eine Menschheit zu kämpfen, die überhaupt nicht gerettet werden will. Oder für eine Wahrheit, die uns alle negiert und uns alles nehmen will!“
„Du denkst, das sei schon die ganze Wahrheit? Mulder, wo ist Dein Misstrauen geblieben? Wo Deine Zweifel?“
Er drehte den Kopf zu ihr und sah auf sie hinunter. „Und woher nimmst Du all die Kraft und den Glauben?“
Er zeigte auf die Kette um ihren Hals. „Du hast doch schon alles verloren, woran Du geglaubt hast, Du müsstest mich doch verstehen.“
Ihre Stimme blieb fest und klar. „Ich habe aber nicht meine Überzeugung verloren, dass das, was unsere Menschlichkeit ausmacht, unser Verstand und unsere Emotionen, vollkommen nutzlos sind. Die mögen eine andere Kraftquelle haben als wir, aber wir sind auch nicht machtlos.“
Sie drehte ihn am Arm zu sich und hielt seine Hand fest in ihrer, während ihr klarer Blick in ihn eindrang und seine Seele zum Schwingen brachte.
„Sieh uns an, Mulder. Sieh an, was wir geschafft haben. Wie wir der Wahrheit getrotzt haben. Sieh mir einmal in die Augen und sag mir, dass Du nicht mehr an ein Wunder glauben willst.“
Mulder sah ihr in ihre saphirblauen Augen und fühlte, wie es ihn durchströmte. Es fühlte sich zart und warm an und er konnte es nicht definieren, aber es half ihm sich nicht mehr so grau und leer zu fühlen.
Er legte seine Hand leicht gegen ihre Wange und strich mit dem Daumen über ihre Lippen und ihre zarte Haut. Er fühlte, dass sie Recht hatte, denn das Baby war der eindeutige Beweis dafür, dass es niemals zu spät war an ein Wunder zu glauben. Es war der Beweis dafür, dass trotz all der irdischen und außerirdischen Machenschaften eine elementare, urmenschliche Kraft gesiegt hatte.

Eine Träne rollte ihm über die Wange, als er sie dabei ansah und nicht wagte ihr noch näher zu kommen. Er konnte sie nicht berühren, konnte sie nicht küssen, selbst sie weiterhin anzusehen war für ihn unerträglich. Denn alles, was in diesem Moment zwischen ihnen geschah, war so viel stärker als ihre Körper ertragen konnten. Es geschah jenseits ihrer menschlichen, sterblichen Hüllen und elektrisierte die Luft zwischen ihnen, so dass sie fast sichtbar wurde.

Sie spürte noch immer seine Hand auf ihrer Wange und sah plötzlich die pulsierenden elektrischen Netzwerke wieder vor sich. Seine Berührung brannte auf ihrer Haut und sie hatte das Gefühl der Moment würde zu intensiv werden, als dass ihr Körper dem hätte standhalten können. Das Netzwerk schien sie vollkommen einzuhüllen und es war als stünden sie inmitten eines riesigen zuckenden Gehirns. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen. Sie hatte Angst, wenn sie ihn berührte, würden sie verbrennen. Stattdessen senkte sie ihren Blick, doch das elektrische Netz konnte sie immer noch sehen.
Sie merkte wie sie das Gefühl für oben und unten verlor und es war als würde sie schwerelos im Nichts stehen. Alles, was sie noch spüren konnte, war seine Hand, die sich immer zarter werdend und ganz langsam von ihrer Wange zurückzog.
Mulder war hin- und hergerissen. Er konnte sich kaum zurückhalten sie zu küssen und an sich zu drücken, um ihr so nahe sein zu können wie möglich. Und zugleich war es für seinen Körper zu viel und er fühlte das Brennen ihrer Haut auf seiner und er hatte Angst, er würde seinen Gefühlen nicht mehr standhalten können und daran zerbrechen.
Er zog seine Hand zurück und versuchte ihr weiterhin in die Augen zu sehen.
Doch ihr Blick hatte sich gesenkt und als sie nun wieder zu ihm aufsah, wirkte sie so fern und unnahbar, als wäre sie überhaupt nicht da. Sein Herz schlug so schnell und hart, dass ihm schwindelig wurde und er hatte seine Hand gerade von ihrer Wange gelöst, als sie plötzlich danach griff und ihm mit einem Ausdruck tiefster Angst vornüber in die Arme fiel um bewusstlos zusammenzusinken.
Das Netzwerk vor ihren Augen war plötzlich in einem gleißenden weißen Licht ertrunken und hatte sich vollkommen aufgelöst. Alles, was sie dann noch wahrnehmen konnte, waren seine Augen, die in der Dunkelheit tief wie das Meer geleuchtet hatten und eine Saite in ihrer Seele zum Schwingen gebracht hatten, bis ihr Herz so schnell geschlagen hatte, dass sie die Kontrolle über ihren Kreislauf verloren hatte und der Spannung zwischen ihnen nachgekommen war und ihm in die Arme gefallen war.

 

Am nächsten Morgen

Eine Hand legte sich auf ihren Bauch und Scully schreckte hoch. Ihre Augen weiteten sich als sie Gibson an ihrem Bett sitzen sah, der wie immer mit unruhig kreisenden Augen still auf ihren Bauch starrte und wirkte, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen.
„Wo ist Mulder?“ fragte sie ihn, doch ohne eine Antwort zu erwarten. Sie war umso überraschter als Gibson von ihrem Bauch zu ihr sah.
„Er ist gegangen, als es Ihnen wieder besser ging. Er ist nach Kanada geflogen.“ Scully schloss erleichtert die Augen und lehnte sich zurück. Also hatte sie nicht geträumt. Und er hatte auf sie gehört. Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch und atmete auf.
„Das Baby wird bald kommen, es redet mit mir.“
Irritiert, fast angewidert, öffnete Scully wieder die Augen und sah Gibson an. „Was meinst Du damit? Kannst Du es in Deinem Kopf fühlen?“ Scully war der Junge noch immer ein Rätsel, doch nach allem, was sie gesehen hatte, musste sie sich der Möglichkeit öffnen, dass er tatsächlich Dinge wahrnahm, denen ihre Sinne verschlossen waren.

Gibson nickte. „Es hat Angst.“ Scully starrte ihn noch immer irritiert an. Der Gedanke, dass Gibson mehr über ihr Kind wusste als sie, dass er Kontakt zu etwas hatte, das in ihrem Körper war, beunruhigte sie.
„Angst? Die haben wir doch alle, Gibson.“ Sie versuchte Gibsons Worten nicht allzu viel Bedeutung beizumessen.
Über die vorgeburtlichen Erfahrungen eines Kindes im Mutterleib wusste man noch so wenig, es war sehr wahrscheinlich, dass ihr Kind durch ihre Hormone beeinflusst ähnlich fühlte wie sie. Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft viel Stress hatten, neigten oft in ihrem späteren Leben zu Aggressionen und Depressionen. Dabei fiel Scully auf, wie viel Stress sie in ihrer Schwangerschaft gehabt hatte und sie wollte den Gedanken, was das für die Psyche ihres Babys bedeuten konnte, überhaupt nicht zu Ende denken. Doch Gibson hatte ihren Gedanken längst mitbekommen.
„Ich glaube, die mütterliche Fürsorge kann das wieder gutmachen. Keine Sorge.“
Er klang so alt, dass Scully sich ihm gegenüber fast wie ein Kind vorkam. Aber sie war froh, dass er endlich mit ihr redete und nicht nur stumm auf ihren Bauch starrte.
„Hast Du das die ganze Zeit gemacht? Mit dem Baby geredet?“
Gibson nickte wieder. „Es spürt, dass mit seiner Ankunft Veränderungen eintreten werden. Davor hat es Angst. Aber heute geht es ihm besser als sonst, es hat geschlafen als ich vorhin gekommen bin.“
Scully konnte sich vorstellen, dass Mulders Nähe nicht nur ihr gut getan hatte, sondern auch ihrem Sohn. Sie sah Gibson an und wechselte das Thema, denn es behagte ihr nicht, wenn man über ihr Baby sprach.
„Was weißt Du, Gibson? Warum versteckst Du Dich hier? Und was denkst Du, wird passieren?“
Gibson zuckte mit den Achseln. „Ich weiß weniger als Sie glauben. Ich warte lediglich.“
Scullys Augenbraue zuckte. „Worauf?“
„Auf das Baby.“
Damit stand er auf. „Soll ich Frühstück holen?“
Scully setzte sich auf, ehe sie ihrer Verwunderung über seine Worte Ausdruck verleihen konnte. „Nein, lass nur, ich stehe auf und werde mich selbst darum kümmern."
„Der Arzt hat aber gesagt, Sie sollen liegen bleiben. Tehya hat schon was vorbereitet, ich hol das Tablett eben rüber. Wenn ich was von den Muffins abkriege.“
Scully nickte widerstandslos, denn sie war viel zu sehr damit beschäftigt sich zu fragen, warum Gibson auf einmal wieder so lebendig war. Dann fiel ihr Blick auf die Wolken, die sich über dem Tal zusammengebraut hatten. Waren das normale Regenwolken? Oder war es ein Zeichen? Dass der schwarze Regen nun auch hier losgehen würde?


Zwei Tage später, Ottawa, Kanada 0:59 Uhr

Langley und Byers saßen in einem gemieteten Van drei Blocks weiter und funkten Mulder ins Ohr, dass die Luft rein war. Er atmete auf. Er hatte es fast geschafft. Kersh hatte ganze Arbeit geleistet. Und dennoch hatte Mulder einige Tricks seiner drei Freunde benutzt, um nahezu vollkommen unbemerkt in den Komplex des ziemlich abgesicherten Regierungsgebäudes in Ottawa zu kommen.
Aber die Kanadier waren offenbar nur halb so paranoid wie die Amerikaner und die Engländer, denn verglichen mit dem Pentagon war es direkt einfach gewesen bis zum Hauptrechner vorzudringen, in den Mulder mittels Byers’ Hilfe über Kamera innerhalb weniger Minuten, noch bevor der Alarm losgehen konnte, den Virus eingeschleust hatte. Wesentlich schwieriger gestaltete es sich nun das Gebäude unbemerkt zu verlassen. Die Chipkarte, die Kersh ihm gegeben hatte, hatte ihm nur eine fünfzehnminütige Aufenthaltsberechtigung geben können, so dass sie für sie unbrauchbar gewesen war, denn sie hatten Ewigkeiten gebraucht innerhalb des riesigen Komplexes zum Rechner vorzudringen. Frohike wartete am Aufzug im Erdgeschoss auf ihn, um ihn von dort durch das Gebäude zurück hinauszulotsen, aber bis dort hin musste er es alleine schaffen.
Er stutzte, als die Klinke der Tür, die ihn noch vom Hauptflur trennte, sich nicht hinunterdrücken ließ. „Verdammt!“ zischte es in seinem Ohr. Er drückte den Knopf besser in seine Ohrmuschel und zischte zurück. „Was ist, warum geht die Tür nicht auf?“ „Keine Ahnung, irgendein Sicherheitsystem hat sich aktiviert. Moment, beweg Dich nicht von der Stelle, wir kriegen das geknackt.“ „Wo soll ich auch hin, ihr Scherzkekse!“ brummte Mulder ins Mikrofon.
Er versuchte die Angst, die schleichend über seinen Rücken in ihm hochkroch, zu ignorieren. Es dauerte fast eine Ewigkeit, ehe Langley sich wieder meldete. „Mulder, das ist offensichtlich ein ziemlich harter Brocken, wir schlagen vor, wir machen es auf die unorthodoxe Tour.“ „Und die wäre?“ Mulder wollte nur aus dem Gebäude heraus, ihm war egal, ob sie dabei Spuren hinterließen. Ihre Hauptarbeit war getan. „Naja…“ zögerte Langley noch, ehe sich Byers einschaltete. „Frohike wird Dich rausholen, allerdings wird das den Alarm auslösen und die gesamte Wachmannschaft wird euch auf den Fersen sein, ihr solltet also keine Zeit verlieren. Wir sagen Dir jetzt wo Du lang musst, denn durch diese Tür kommst Du nicht raus.“
Mulder war nicht sicher, ob es ihn beruhigen sollte, dass ein Leben nun von Frohike abhing, doch er folgte den Anweisungen der beiden Anderen und ging die halbe Strecke, die er gerade hergekommen war, zurück. Ein leises Flüstern näherte sich ihm von allen Seiten und das war für ihn der Moment, in dem er begriff, dass es eng werden würde. So eine Wachmannschaft war das also!
Doch da er wusste, dass ihm dieses schwarze Öl nichts anhaben konnte, war er um seine eigene Gesundheit nicht so besorgt. Er drängte daher die beiden anderen dazu, Frohike von seinem Posten abzuziehen und ihm irgendwie anders aus dem Gebäude zu helfen.
Ihm war ganz schwindelig als seine Schritte immer schneller wurden und er versuchte Ruhe zu bewahren, während die Lone Gunmen ihn scheinbar im Kreis aus dem Gebäudekomplex hinausführten.
Doch da ging der Alarm los. Nun hatten sie ohnehin nichts mehr zu verlieren. Mulder begann zu rennen, als er das Flüstern immer lauter zu hören begann und rief den Anderen über sein Mikrofon Anweisungen zu, ihm den Weg notfalls frei zusprengen.
Kersh würde ihm dafür die Ohren lang ziehen, wenn er überhaupt wieder lebend herauskam, doch das kümmerte ihn nicht. Er hatte mit Kersh nach diesem Erlebnis ohnehin noch ein Wörtchen zu reden.

Plötzlich hörte er ein Jubeln in seinem Ohr und merkte wie sich die Türen vor ihm entriegelten und er durch die Flure rennen konnte, ohne noch weiter aufgehalten zu werden. Doch nun stellten sich ihm von allen Seiten Wachmänner in den Weg. Wachmänner mit schwarzen Augen und ausdruckslosen Gesichtern.
Mulder jagten sie immer wieder einen Schauer über den Rücken. Er stürmte die Flure hinunter während die Lone Gunmen hitzig versuchten ihn in dem ausgebrochenen Chaos noch einen Ausweg zu nennen.
Schließlich hatte Mulder es bis ins Treppenhaus geschafft, das eine Hintertür hatte und stolperte und fiel fast abwechselnd die Stufen hinunter, bis er eine verschlossene Hintertür vorfand und seine Verfolger im Nacken näher kommen spürte.
„Was mach ich jetzt? Schnell! Ich brauch ne Lösung!“ rief er in das Mikrofon. Langley rief ihm über seinen Ohrstöpsel gerade noch rechtzeitig zu „Geh von der Tür weg!“ als es schon laut donnerte und knallte und eine Explosion die Tür auf höchst ungalante Weise geöffnet hatte.
Frohike stand wie ein gerupftes Huhn davor und griff nach Mulders Arm, um ihn vor seinen Verfolgern ins Freie zu ziehen. Sie rannten so schnell sie konnten auf den Van zu, der etwa 300 Meter entfernt auf sie wartete als sie Schüsse hörten. Mulder spürte einen harten Schlag in seinem Rücken, der ihm für einen Moment das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihm wurde schwarz vor Augen, doch Frohike ließ ihm keine Möglichkeit, sich auszuruhen.
„Mulder, nicht schlappmachen! So gerne ich Scully für mich allein hätte, ich lass Dich jetzt nicht zurück. Also komm, reiß Dich zusammen.“
Was Mulder nicht sehen konnte, war die Panik in Frohikes Gesicht, der die schwarzen Augen ihrer Verfolger in dem Moment, in dem er Mulder aus dem Gebäude ins Freie gezogen hatte, zum ersten Mal selbst gesehen hatte.
Langley war aus dem Van gesprungen, um Frohike zu Hilfe zu eilen und gemeinsam schafften sie es Mulder die letzten hundert Meter zum Wagen zu ziehen.
Seine Kraft ließ immer mehr nach und er wurde mit jedem Schritt schlapper und versank immer mehr in der Dämmerung, während ihm das Blut in Strömen über den Rücken lief und er gegen das Schwarz vor seinen Augen zu kämpfen versuchte. Am Ende waren es nur noch seine beiden Freunde, die ihn unter größten Mühen in den Van hievten, denn er hatte das Bewusstsein verloren.
Sie rauschten unter dem Kugelhagel der Wachmänner holpernd davon und fuhren so schnell sie konnten aus der Stadt heraus in die Richtung der US-Grenze zum erstbesten Krankenhaus auf amerikanischem Boden.

 

Am nächsten Morgen

Trotz der Schmerzen war Scully aufgestanden. Sie saß nun im Gemeinderaum der Indianer und sah zu wie drei Frauen mit ihren Perlen und Lederriemen Schmuck herstellten, der den Touristen auf den Märkten verkauft wurde. Sie redeten kein Wort miteinander, denn das, was sich über ihren Köpfen zusammenbraute, beunruhigte alle im Dorf. Die Kinder waren heute nicht zum Spielen oder in die Schulen herausgelassen worden und nur wenige der Männer waren in die umliegenden Orte zu ihrer Arbeit gefahren. Sike war einer von ihnen, er war nach Gallup gefahren, vor allem weil er die unerträgliche Spannung, die seit der Ankunft der schwarzen Wolken im Dorf lag, nicht ertragen konnte.
Scully ging es ähnlich. Es kam ihr fast vor als würden die Frauen im Dorf ihr die Schuld an den Veränderungen geben, auch wenn sich alle bemühten sehr freundlich zu ihr zu sein. Doch die skeptischen Blicke einiger konnte Scully nicht übersehen. Sie sah auf die Zeitung, die fein säuberlich zusammengefaltet auf ihrem Schoß lag. Wollte sie wirklich darin wieder etwas über die Schreckensmeldungen überall auf der Welt lesen? Hatte sie nicht davon genug?
Sie legte die Zeitung weg und entschloss sich ihre Hilfe in der Küche anzubieten, als sie plötzlich ein merkwürdiges Gefühl überkam. Es war das unheimliche und unbestimmte Gefühl, dass etwas Schlimmes geschehen war. Es war wie eine Ahnung. Kälte streifte ihren Nacken.
Sie drehte sich um und ihr Blick fiel wieder auf die Zeitung, die vom Wind, der durch die offenen Fenster hineinblies, aufgeblättert worden war.
Sie ging zurück zu ihrem Stuhl, hob die Zeitung auf und faltete sie wieder zusammen, als ihre Augen beim Überfliegen der Nachrichten etwas wahrnahmen, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie las die Überschrift des Artikels, der ihr aufgefallen war.
„Rätselhafte Explosion in Regierungsgebäude – Täter auf der Flucht – vermutlich terroristischer Anschlag“ Sie überflog den Artikel schnell. Es ging um eine Explosion in Ottawa!
Scullys Herz schien durch ihren Körper vor ihre Füße zu fallen als sie begriff, was das bedeutete. Sie ließ die Zeitung fallen, rauschte an den Indianerinnen vorbei, die sie etwas verängstigt ansahen, und griff nach dem nächstbesten Telefon, das sie auftreiben konnte.

Zur selben Zeit, Washington D.C., FBI-Gebäude


Die Tür wurde stürmisch aufgerissen und ein vor Wut zitternder Walter Skinner stürmte hinein. „Was zum Teufel haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?“
Kersh sprang hinter seinem Schreibtisch auf und sah ihn erschrocken und verärgert an.
„Mr. Skinner, was fällt Ihnen überhaupt ein auf diese Weise in mein Büro hereinzuplatzen?“
„Kommen Sie mir nicht mit Ihrem Autoritätsgeplänkel, SIR.“ Dabei betonte Skinner jeden Buchstaben mit all der Kraft, die in seiner Stimme lag. „Als ich Ihnen die CD gegeben habe, habe ich nicht von Ihnen erwartet, dass Sie Mulder und Scully in noch größere Gefahr bringen. Verdammt nochmal!“ Er war außer sich vor Wut und er wäre Kersh am liebsten an die Gurgel gegangen, doch er konnte sich beherrschen.
Kersh wusste, wovon Skinner sprach, er war selbst am frühen Morgen über Agent Mulders Verletzung sowie über die Explosion in Ottawa informiert worden. Außer ihm und Skinner vermutete jedoch noch niemand einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen. Er fühlte sich dafür verantwortlich, dass es schief gegangen war, doch das würde er vor niemandem zugeben. Außerdem hatte Mulder erreicht, was nötig gewesen war. Sein Job war damit erfüllt und selbst wenn er nun sterben sollte, hatte er der Menschheit einen größeren Dienst erwiesen als mit dem Rest seiner Arbeit bei den X-Akten. Doch das waren Gedanken, von denen Kersh wusste, dass er sie lieber für sich behielt.

„Mr. Skinner, ich habe Agent Mulder lediglich Hinweise darauf gegeben, wo er in seinen Nachforschungen über die Natur dieser Regierungsexperimente neue Erkenntnisse gewinnen könne. Mir lag es fern ihn in irgendeine Gefahr zu bringen, das hat Agent Mulder selbst zu verantworten.“
Skinner trat näher an ihn heran und blinzelte ihn durch seine zusammengekniffenen Augen an. „Wie kann man nur so ein gewissenloser Lügner sein! Ich kann nur hoffen, dass die Wahrheit über diese Affäre bis ganz nach oben getragen wird und dann werden Sie Ihren Arsch nicht mehr so einfach retten können, denn ich werde persönlich gegen Sie aussagen. Ich weiß, dass Sie es waren, der Mulder den Zugang zu diesem Gebäude verschafft hat. Ich weiß auch, dass sie ihn dazu ermutigt haben dorthin zu gehen.“
Kersh versuchte wie immer ruhig zu bleiben, doch das Herz schlug ihm bis zum Hals.
„Sir, Sie verkennen die Situation. Ich habe in diesem Fall auf derselben Seite wie Sie gekämpft. Ich habe versucht, dieser Regierungsverschwörung, der Mulder auf der Spur war, ein Ende zu setzen! Und wie es aussieht ist es uns auch gelungen. Das ist es doch, was Sie damit bezwecken wollten, als Sie mir die CD gaben. Dass ich Mulder endlich glaube und ihn unterstütze. Nun, das habe ich getan. Also verstehe ich überhaupt nicht woher Sie die Dreistigkeit nehmen und mir das nun zum Vorwurf machen.“
Skinners Zähne knirschten vor Anspannung, doch er atmete aus und wendete sich von Kersh ab. „Offenbar haben Sie überhaupt nichts von dem verstanden, was da wirklich vor sich geht.“ Sein Blick schweifte über die dunklen Straßenschluchten, die sich vor Kershs Fenster wie gähnende schwarze Mäuler öffneten und er sah Kersh noch einmal an, bevor er sich zur Tür umdrehte und den Raum verließ.
„Gegen das da draußen werden Sie mehr als irgendeinen Computervirus einsetzen müssen. Die eigentliche Bedrohung geht doch überhaupt nicht von unserer Regierung aus, sondern von etwas, das viel größer ist!“
Kershs Augenlid zuckte als er ihm tonlos antwortete. „Da wäre ich mir nicht so sicher, Mr. Skinner. Ich glaube eher, dass sich die wahren Feinde gerade in unseren eigenen Reihen befinden.“
Daraufhin lächelte Skinner ihn nur zynisch an. „Hm. Was Sie nicht sagen. Und das aus Ihrem Mund!“ Er ließ die Türe wütend hinter sich ins Schloss fallen und fragte sich auf dem Weg in sein Büro, woran Kersh in Wirklichkeit glaubte.

Kersh seinerseits lehnte sich seufzend einen Moment gegen die Tür, ehe er wieder zu seinem Schreibtisch ging und auf das Foto seiner Schwester blickte. Er glaubte nur an eines: Daran, dass Verbrechen an Mitmenschen, egal welcher Natur, falsch waren. Und deswegen war er beim FBI. Er musste nicht an irgendwelche Aliens glauben, um sich das Böse um sie herum erklären zu können. Er wusste, dass es in allen Menschen gleichermaßen wohnte und dass offenbar auch seine Regierung, von der er immer geglaubt hatte, sie wolle wie er für Recht und Ordnung unter dieser wilden Horde von Menschen sorgen, von dem gleichen Bösen gelenkt wurde, das seine Schwester getötet hatte. Doch sein Verstand war zu engstirnig, zu begrenzt, um wirklich zu begreifen wie groß dieses Böse war und dass es in Wahrheit über den Städten dieser Welt, die er so unbedingt beschützen wollte, auf den großen Tag wartete, der nun immer näher zu rücken schien. Er lehnte sich in vollkommener Verkennung der Sitation beruhigt zurück in dem tiefen Vertrauen, wirklich etwas Gutes getan zu haben.
Und er hatte damit Recht. Denn er hatte zusammen mit Mulder etwas aufgehalten, das viele Menschen das Leben gekostet hätte und Mulders und Scullys Sicherheit ernsthaft gefährdet hätte. Aber das wusste er nicht. Denn er hatte keinen blassen Schimmer, was er wirklich getan hatte, er kannte nur die Spitze des Eisbergs.

Skinner hatte sich gerade hinter seinen eigenen Schreibtisch gesetzt und sein Puls war gerade wieder zur Ruhe gekommen, als das Telefon klingelte. „Skinner?“
Noch bevor er seinen Namen zu Ende ausgesprochen hatte, hörte er eine bekannte und sehr aufgeregte Stimme. „Wo ist Mulder?“
Skinner schloss die Augen und stützte seinen Kopf in seine freie Hand. Er konnte Scully doch nicht die Wahrheit sagen. So wie er sie kannte, würde sie sich sofort in ein Flugzeug setzen und nach Burlington fliegen um Mulder im Krankenhaus zu besuchen. Und das konnte er nicht verantworten.
„Agent Scully, wie geht es Ihnen?“ versuchte er sich noch ein wenig Zeit zu verschaffen.
Doch Scully ließ ihm dazu keine Gelegenheit. „Sir, wo ist er  Ist ihm etwas zugestoßen?“
„Bitte beruhigen Sie sich, Agent Scully. Agent Mulder geht es schon wieder besser.“
Er hoffte damit die schlimmste Aufregung besänftigt zu haben, doch Scully bewies ihm das Gegenteil, als sie laut ins Telefon hineinrief. „Sir, ich frage Sie zum letzten Mal: Was ist mit Mulder?“
Er bekam fast Angst vor ihr, auch wenn sie etliche Meilen weit weg war und schließlich lenkte er ein, um sie nicht noch mehr aufzuregen. Dabei bemühte er sich vollkommen ruhig und gelassen zu klingen und sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn die ganze Sache selbst aufgeregt hatte.
„Er wurde angeschossen bei dem Versuch aus diesem Gebäude zu flüchten. Er liegt jetzt in Burlington im Krankenhaus und sein Zustand ist stabil. Die Kugel ist in seiner Muskulatur stecken geblieben und hat ihn nicht ernsthaft verletzt. Er hat auf der Fahrt über die Grenze nur viel Blut verloren, aber dafür ist er in Sicherheit. Ihre Freunde haben ganze Arbeit geleistet. Und jetzt beruhigen Sie sich hoffentlich endlich.“
Scully atmete auf. Jetzt hatte sie wenigstens Gewissheit. „Die Einsamen Schützen waren bei ihm?“ fragte sie noch immer ein wenig atemlos.
„Ja, und das sind sie auch jetzt. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen.“
Nun war es Scully fast peinlich, dass sie so aufbrausend gewesen war. Sie sorgte sich noch immer um Mulder, weil sie nicht bei ihm sein konnte. Und sie war sonst immer an seinem Krankenbett gewesen. Dass er nun zum ersten Mal seit so langer Zeit alleine war, bereitete ihr Kummer und nur der Gedanke, dass die drei Clowns bei ihm waren, half ihr. Ihre Angst wich wachsender Wut auf Kersh und seine Nutzlosigkeit in dieser Sache. Er hatte Mulder benutzt, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen. Er widerte sie an.
Doch Skinner konnte nichts dafür, sie wusste, er war auf ihrer Seite. Als sie sich beruhigt hatte, fuhr sie fort.
„Hat es wenigstens funktioniert?“
„Das wissen wir noch nicht, die 24 Stunden sind noch nicht um, aber anscheinend hat der Virus innerhalb des Gebäudes das gesamte System lahmgelegt, also gehen wir davon aus, dass es geklappt hat. Ein Glück! Das verleiht dem Ganzen wenigstens noch einen Sinn.“
Scully stimmte ihm leise zu und verabschiedete sich von ihm, um sich wieder etwas beruhigter auf ihr Zimmer zu begeben. Doch mittlerweile konnte sie die leichten Wehen, die sie immer häufiger verspürte, kaum noch ignorieren. Sie wusste, es würde bald losgehen und dieses Mal konnten sie es nicht mehr aufhalten. Das Baby würde früher kommen.

 

Am nächsten Tag, 11.36 Uhr, Fletcher Allens Health Center


Die Erde hatte die ganze Nacht leicht vibriert. Mulder hatte es gespürt und kaum geschlafen. Es war ein merkwürdiges Beben. Nicht so wie ein richtiges Erdbeben, das vom Inneren der Erde kam, es war eher eine Vibration in der Luft, in deren Takt die Fenster mitklirrten und das Licht unruhig flackerte.
Mulders Rücken schmerzte noch immer, doch er bekam starke Schmerzmittel und er hatte schon wesentlich schlimmere Verletzungen überstanden. Sein einziger Gedanke, als er aus der Narkose erwacht war, hatte Scully gegolten. Er hoffte, sie wusste nichts von seiner Verletzung. Und er hoffte, es ging ihr gut, denn er hatte sie zurücklassen müssen, nach diesem Schwächeanfall in ihrem Zimmer an dem Abend, an dem diese merkwürdige Spannung zwischen ihnen aufgekommen war. Der Arzt, nach dem er hatte schicken lassen, hatte ihm versichert, dass es ihr gut gehen würde und das Baby noch ein wenig auf sich warten ließe, aber er war trotzdem unruhig. Er wusste, allzu lange würde es nicht mehr dauern.
Er erschrak, als die Tür plötzlich ohne Vorwarnung geöffnet wurde und ein Blondschopf durch den Spalt lugte um zu sehen ob er noch schlief. „Hey, unser Dornröschen ist wach, ihr könnt kommen“, zischte Langley den anderen beiden zu.
Mulder lächelte sie an. „Legolas, Frodo und Gimli! Schön, dass ihr der Macht des Rings entkommen konntet.“ „Oh Gott, womit haben die DEN denn abgeschossen?“ Langley drehte sich zu den anderen beiden um. Frohike ging zu Mulders Bett und drückte zu seiner Überraschung seine Hand. „Mann, bin ich froh, dass Du am Leben bist.“ Mulder war ebenso froh darüber und guckte zufrieden in die Runde, merkte jedoch an den betretenen Gesichtern seiner Besucher, dass sie nicht nur hergekommen waren, um Händchen zu halten.
„Los, raus mit der Sprache, ihr steht ja rum wie drei Schuljungen, die was verbrochen haben.“
Byers nahm sich zusammen und räusperte sich. Er klappte sein Laptop vor Mulder auf dem Nachttisch auf und fuhr es hoch. „Wir haben uns nen Überblick über die Ereignisse in Ottawa verschaffen wollen und haben uns durch eine Webcam-Datenbank geklickt. Jetzt sieh Dir einmal an, was wir da gefunden haben.“ Mulder sah auf das Bild, das langsam geladen wurde.
„Das ist Sand“, stellte er ruhig fest. „Ne Menge Sand. Moment, ist das in der Sahara?“
„Du hasts erfasst. Und nun sieh Dir mal diese Bilder an.“
Mulders Augen weiteten sich als er sah, wie sich über der Wüste eine Art Prisma, das um sich herum alles verzerrte in die Höhe schraubte, das immer höher und höher schoss bis das Satellitenbild schwarz wurde. Ihm war klar, dass das Aufnahmen von dem Tag waren, an dem er und Scully dort gewesen waren. Offenbar hatten sie dort nicht so alleine im Sand gelegen wie sie gedacht hatten, denn man konnte wenn man sehr nahe heranzoomte, Scullys weiße Kleidung als hellen Punkt erkennen.
„Mh, das sind vielleicht nette Bilder fürs Familienalbum, aber was wollt Ihr mir damit zeigen?“ fragte er die Drei schließlich. „Es gibt im Moment nur noch sehr wenige Satellitenaufnahmen von der Erde, wie Dir ja sicherlich bekannt sein dürfte. Und einer der wenigen Orte ohne diese schwarzen Wolken war Gallup, New Mexico.“
Mulder stockte der Atem. „War? Wieso war?“
„Seit zwei Tagen gibt es keine neuen Satellitenbilder mehr, das Letzte, was man sehen konnte, war das hier.“
Und Byers öffnete eine neue Bilderserie, auf der Mulder die rotbraune, trockene Landschaft New Mexicos erkannte. Als er sich hindurchklickte, begriff er die Angst, die er in den Augen der Drei sehen konnte. Sie bemächtigte sich seines Verstandes und legte sich wie eine Eisenkette um sein Herz.
Man konnte sehen wie sich eine unsichtbare Schicht, genau wie in der Sahara, wie eine Art Prisma zwischen Himmel und Erde schob und die Landschaft New Mexicos bizarr verzerrte. Und auf dem letzten Bild, das vor genau 18 Stunden geschossen worden war, konnte man außer Schwarz gar nichts mehr sehen. Abgesehen von einem dunkelroten Restleuchten. Mulder starrte Byers an.
„Soll das heißen, dort geht es jetzt auch schon los?“
„Nicht nur das. Dieses Ding, das sich dazwischen schiebt, ist irgendeine Art Kraftfeld, es sendet elektromagnetische Strahlung aus. Wie Sonnenprotuberanzen. Es pulsiert. So etwas hat es das letzte Mal über der Sahara gegeben als Du da warst. Und davor hat es das nur in Tunguska gegeben. Verstehst Du jetzt, worauf wir hinauswollen?“ Mulder starrte von Byers wieder fassungslos auf die Bilder.
„Das ist eines dieser Kommunikationsfelder“, überlegte er.
Langley nickte und zuckte zugleich mit den Achseln. „Keine Ahung, was das genau ist, aber es ist da und es ist sehr groß.“
Mulder schob den Tisch beiseite und erhob sich. Frohike sah ihn irritiert an. „Was soll denn das jetzt werden?“
Mulder stand auf, riss sich die Kabel und die Kanüle aus dem Arm und marschierte zu seinem Schrank. Ihm war schwindelig und sein Rücken schmerzte, doch das war ihm egal. „Ihr glaubt doch nicht, dass ich hier liegen bleibe und krankfeiere, während Scully dort schutzlos diesem Kraftfeld ausgeliefert ist. Ich hab in dem Ding schon einmal drin gesteckt, genau wie sie. Es kennt uns jetzt. Und ich weiß auch, was es ist.“
Die Drei sahen ihn erstaunt und voller Neugier an. Während er sich anzog, erklärte er ihnen, woran er sich von seinem Ausflug in die Wüste erinnern konnte. Dass es nicht nur ein Kommunikationszentrum war, sondern vielmehr die große Schaltstelle, das Gehirn dieser Invasion war. Es war der Dreh- und Angelpunkt und dass es sich ausgerechnet über dem Land der Navajos, wo Scully UND Gibson sich aufhielten und wo er vor wenigen Monaten in dieser Höhle in dem Anasazi-Dorf gefunden worden war, das war kein Zufall mehr.
Er bat sie ihn heimlich aus dem Krankenhaus hinauszuschleusen und verschwand aus seinem Krankenzimmer, ohne dass jemand es bemerkt hätte.
Am Flughafen verabschiedete er sich und umarmte jeden von ihnen, denn er wusste nicht, ob sie einander wieder sehen würden.

Es gab keine Flüge mehr bis Albuquerque, also musste er bis Amarillo, Texas fliegen und von dort mit dem Auto fahren.

 

Zur selben Zeit in New Mexico

Scully war von einem leisen, säuselnden Flüstern geweckt worden und hatte sich auf den Weg hinaus aus dem Dorf gemacht, zurück zu dem Aussichtsplatz, an dem die Indianerzeremonien sonst immer stattfanden.
Der Aufstieg war ihr sehr schwer gefallen, doch sie hatte die Zähne zusammengebissen und hoffte sie würde es auch wieder hinunter ins Dorf zurückschaffen. Als sie oben angekommen war, hörte sie, dass das Flüstern von allen Seiten zu kommen schien.
Sie sah sich um und merkte wie sie fröstelte. Es regte sich kein Lüftchen, die Welt wirkte wie erstarrt. Sie hatten seit zwei Tagen kein frisches Wasser mehr. Zum Glück hatten die Indianer in weiser Voraussicht vorgesorgt und etliche Kanister vorher schon zur Seite gestellt. Aber lange würden sie es in der staubigen Trockenheit nicht mit diesen Vorräten aushalten.
Die schwarzen Flüsse regten sich nicht, der Staub lag matt auf dem Boden und ließ sich nicht einmal durch ihre Füße aufwirbeln.Die Welt war ihrer Farben beraubt, sie war so grau und wüst, als hätte sie keine Lust mehr, weiterzuexistieren. Die dunklen Wolken kräuselten sich über ihrem Kopf als braue sich ein gewaltiges Unwetter zusammen und dahinter zuckte es dunkelrot und bedrohlich. Doch ohne einen Ton von sich zu geben. Das einzige, was man hörte, war dieses Flüstern. Scully drehte sich im Kreis um das Tal überblicken zu können, als sie stutzte. In der Ferne aus der Richtung des Anasazi-Dorfes schien etwas Schwarzes näherzukommen. Sie kniff die Augen zusammen.
Waren das Menschen? Ihre Augen öffneten sich voller Angst als sie erkannte, dass es in der Tat Menschen waren, die sich zu Hunderten wie eine Armee durch das Tal vorwärts wälzten und anscheinend alle ihre Augen gen Himmel gerichtet hatten. Wer waren diese Leute? Scully hatte aufgrund des Flüsterns eine furchtbare Ahnung, die ihr die Nackenhaare aufstellte. Doch ihr Verstand fegte die Angst wie gewohnt beiseite.
Sie war vollkommen fertig und reizbar, sicherlich irrte sie sich. Und dennoch, das Flüstern kannte sie und es war immer ein schlechtes Zeichen. Und die Windstille beunruhigte sie. Totenstille.
Sie sah von den Armeen weg und sah wie die Tausend Gesichter im Tal ebenfalls zum Himmel hinauf, wo sie einen unsichtbaren Schleier erkennen konnte, der sich wie flimmernde Luft zwischen Wolken und Erde gelegt hatte. Es war da. Diese Macht, deren Existenz sie tief in ihrem Inneren fühlte, dessen Pnräsenz die Luft so elektrisierte, dass ihre Haare knisterten. Es fühlte sich an wie an jenem Tag in der Wüste.

Ihre Gestalt wirkte in dem düsteren Grau und der absoluten unerträglichen Geräuschlosigkeit unwirklich und sie wurde sich dessen bewusst, dass sie vollkommen alleine unter dieser unfassbaren Bedrohung, fast wie eine Einladung anzugreifen, herumstand. Als hätte dieses Wesen über ihr am Himmel ihre Gedanken gelesen, passierte es.

Ein plötzlich wie aus dem Nichts auftauchender Schmerz in ihrem Bauch zwang sie sich auf einen Felsvorsprung zu setzen, um nicht mitten auf dem Plateau auf die Knie zu sinken. Sie hielt sich den Bauch und biss die Zähne zusammen, um den Schwindel zu vertreiben, der die Welt um sie herum im Kreis zu drehen schien. Sie fühlte aber, dass es ein anderer Schmerz war als zuvor.
Sie fühlte, dass die Wehen eingesetzt hatten.

Sechs Stunden später, in der Nähe

Das Radio im Auto sprang immer wieder von selbst an und spielte, wie so oft in den letzten Wochen, Bach während das Auto sich zunehmend weigerte weiter zu fahren. Der Himmel über ihm war dunkel wie noch nie zuvor und Mulder konnte in der Ferne die linsenartige Wölbung über dem Horizont erkennen, die wie eine Fata Morgana über dem trockenen Land flimmerte. Er war nicht mehr weit entfernt vom Navajo-Dorf. Doch ohne Auto würde er es nicht vor Mitternacht dorthin schaffen. Und bei dem, was um ihn herum geschah, war ihm nicht wohl bei dem Gedanken in der vollkommenen Finsternis durch die Wildnis mit einem Wagen zu fahren, der nur alle fünf Minuten funktionierte. Wütend stieg er aus und trat laut fluchend gegen die Reifen. Sein Handy war ebenfalls tot und krachend und kratzend schepperte Bachs Brandenburgisches Konzert durch die Stille, wie eine Drohung. Doch das Auto blieb stumm.
Er musste offenbar einfach warten, bis es wieder ansprang. Als er vor seinem Wagen stand und innehielt, fühlte er es plötzlich. Die absolute Windstille. Und er hörte das entfernte Flüstern und das elektrische Knistern in der Luft.
Er wusste, es hatte begonnen.

 

Zur selben Zeit, im Indianerdorf

Scullys Finger krallten sich in der Matratze fest, als eine Schmerzwelle sie wieder überrollte und sie schloss die Augen und atmete tief durch. Sie hatte schon aufgehört mitzuzählen und wollte nur noch, dass das Baby kam.
„Dana, Sike ist auf dem Weg um den Arzt zu holen, aber sie schaffen es vielleicht nicht rechtzeitig. Wir müssen jetzt also zusammen arbeiten, in Ordnung?“ Sikes Frau legte Scully ein feuchtes Tuch auf die Stirn und redete ihr beruhigend zu. Sie wusste, es würde eine schwere Geburt werden und sie fühlte sich alleine überfordert. Was, wenn Scully etwas passierte? Und das bei dem Chaos dort draußen! Sie hatten viel zu wenig Wasser, sie hatten keine Telefonverbindungen mehr, sie waren vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten und es sah aus, als würde in der kommenden Nacht noch wesentlich mehr geschehen als diese Geburt.
Die Gläser im Küchenschrank klirrten leise mit dem Beben der Erde und um sie herum war es absolut still. Fast alle Dorfbewohner hatten sich betend in den Gemeinderaum zurückgezogen, wo man versuchte die bösen Geister, die sich über ihr Tal gelegt hatten, zu vertreiben.
Doch sie alle hatten die Prophezeiungen gelesen. Sie alle hatten von der Geburt des weißhaarigen Indianerkindes im Dorf der Hopi – Indianer gehört.
Einer Prophezeiung nach war die Geburt eines weißhaarigen Kindes mit Zähnen, das bei der Geburt bereits sprechen konnte, das letzte von vier Zeichen, dass das Ende gekommen war. Die Nachricht von der Geburt dieses Kindes vor drei Tagen hatte für Aufruhr gesorgt und sie war Scully direkt dankbar dafür, dass diese Geburt sie nun davon ablenkte, sich zu sehr in die allgemeine Panik hinein zu steigern. Denn sie wusste, es war das Ende der Welt, in der sie lebten und wie würden, wie schon so oft zuvor die Welt verlassen müssen, um in der nächsten wieder von vorne anzufangen. So war es immer schon gewesen und so erzählten es die Legenden.
Sie lächelte die junge Frau mit den roten Haaren tapfer an und legte sich alles zurecht, was sie für die Geburt brauchten. Sie holte einen Cognac aus dem Schrank und hielt Scully ein Glas davon hin.
„Das wird Ihnen ein wenig helfen.“ Doch Scully schob das Glas bestimmt beiseite. „Nein, es geht schon. Das schaffe ich auch so.“
Wieder hatte sie eine Wehe hinter sich und fiel erschöpft in ihr Kissen zurück. Sie war froh, dass sie es trotz der Wehen von dem Hügel wieder hinunter ins Dorf zu Sikes Haus geschafft hatte.
Aber sie hatte Angst. Denn das Flüstern schien immer näher zu kommen. Und sie war allein.


Eine Stunde später

Im Tal war es stockfinster geworden. Alle Lichter waren ringsum ausgegangen. Doch Mulders Wagen hatte sich immer wieder dazu überreden lassen noch ein paar weitere Meter zu fahren, so dass er es endlich geschafft hatte.
Er konnte das schwache Leuchten von Kerzen und Fackeln erkennen, das das Indianerdorf in ein warmes Gold tauchte. Das Flüstern war lauter geworden und ließ die Luft mit jedem Zischen erzittern.
Mulder sah auf die Uhr, als er den Wagen endgültig stehenließ und die letzten 150 Meter zum Dorf zu Fuß zurücklegte. Sie war stehengeblieben.
Ein Blick nach oben verriet ihm warum.
Die schwarzen Wolken, die nun deutlich rot aufblitzten, kräuselten sich und waberten pulsierend über dem Tal, als warteten sie auf etwas.
Er fühlte sich beobachtet und er wusste, dieses Mal war es keine Einbildung. Als legten sich eisige kleine Hände auf seine Schultern, kribbelte es in ihm, als er gegen eine unsichtbare Spannung weiterlief. Immer wieder drehte er sich um, doch niemand folgte ihm. Das Flüstern schien aus dem Nichts zu kommen.
Da rannten plötzlich zwei Männer aus dem Dunkeln vor ihm ins Dorf. Der eine sah sich irritiert nach ihm um, doch konnte in der Dunkelheit nicht erkennen, wer er war. Mulder hatte sie überhaupt nicht kommen hören. Der größere von ihnen kam ihm, als er im Lichterschein der Fackeln ins Dorf hineinlief, bekannt vor.
Er kniff die Augen zusammen und sah, dass sie in Sikes Haus verschwanden. Sein Instinkt verriet ihm, dass er ihnen folgen sollte und er begann zu rennen.
Sein Herz schlug schnell, als er an der Türschwelle ankam und anklopfte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ihm jemand öffnete. Er hatte die Frau noch nie gesehen, aber sie riss die Augen bei seinem Anblick auf als hätte sie einen Geist gesehen und rannte aufgeregt in das Haus zurück. Er spähte durch einen Türspalt hinein, als ihm Sikes Frau entgegenkam und ihn ohne Worte am Arm packte und hineinzog.


Es war warm im Haus und überall waren Kerzen aufgestellt, weil der Strom ausgefallen war. Mulder war nervös, er hatte ein unbestimmtes Gefühl, als wisse er wohin die Indianerin ihn führen würde.
Als er ins Schlafzimmer kam, bestätigte sich sein Gefühl. Sein Herz überschlug sich vor Aufregung und er merkte wie ihn seine Schusswunde im Rücken zu stechen begann.
Er fühlte sich plötzlich von unerträglicher Hilflosigkeit überrumpelt als er sah, dass Scully im Begriff war ihr Baby zu bekommen.

Sie wirkte erschöpft und ihre Haut glänzte im Kerzenschein, als sie von dem Arzt, den Sike offenbar extra aus Gallup geholt hatte, aufsah und Mulder erkannte.
Ihr Blick erstarrte und fror an ihm fest, als sich ihre Lippen sprachlos öffneten und sie außer einem lauten Atmen nichts hervorbrachte als eine Träne, die ihr vor Erleichterung über die Wange kullerte. Die junge Frau, die Mulder die Türe geöffnet hatte, bemerkte, dass ihr Platz nun jemand anderem gehörte und wich Scully von ihrer Seite.
Mulder stürmte zu Scully und kniete an ihrem Bett nieder, denn er fühlte wie seine Knie vor Panik weich wurden und er den Boden unter den Füßen verlor.
Sie griff nach seiner Hand. „Ich bin so froh, dass Du hier bist!“ brachte sie mit zitternder Stimme hervor und er schloss die Augen und nahm ihren Kopf in seine Hände, um sie behutsam auf die feuchte Stirn zu küssen. Als er sie ansah lächelte er erleichtert darüber, dass es ihr gut ging. „Ich wäre ja früher gekommen, Schatz, aber ich steckte in einem wichtigen Meeting mit Hongkong fest.“
Sie schloss die Augen und lächelte matt, während ihre Hand ihn schlapp zur Strafe über diesen schlechten Witz schlug, um sich sogleich an ihm festzukrallen als die nächste Wehe anrollte. Mulder holte tief Luft und biss die Zähne aufeinander. Er stützte seinen Kopf gegen ihren. Teils, weil er selbst solche Schmerzen hatte, von denen er sich allerdings nichts anmerken ließ und teils, weil er es kaum ertragen konnte, wenn sie litt. Er wünschte sich, er könne ihr das abnehmen und hielt vor Angst über diese Naturgewalt die Luft an, während ihre Brust sich unter ihren tiefen Atemzügen schnell auf- und absenkte. Ihre Schultern waren angespannt und zitterten unter ihrer Anstrenung und das Leinenoberteil, das sie trug, klebte an ihrer Haut.

Mitten in der Wehe merkten sie wie ein metallisches Grollen und Klirren durch den Himmel fuhr und die Luft um sie herum einen Moment vibrierte. Dann hörten sie wie es ganz leise und dann immer lauter zu rauschen anfing.
Sike hielt die Vorhänge beiseite und sie konnten alle die dicken schwarzen Tropfen sehen, die aus dem Himmel fielen. Einige davon verirrten sich und krochen durch undichte Stellen zum Fenster hinein und wanden sich auf der Fensterbank wie Blutegel. Sie alle hielten den Atem an, nur der Arzt war zu sehr beschäftigt mit dem CTG, das er ableitete. Er sah beunruhigt aus.
„Ich muss etwas nachhelfen, das Baby muss schnell kommen, wir haben nicht viel Zeit.“ Scullys Augen fixierten ihn und sie zog die Stirn in Falten. „Was soll das heißen? Gib es Dezelerationen?“ „Nein, nicht direkt, aber das CTG ist nicht gerade ein Lehrbuchexemplar und wenn wir vermeiden wollen, dass es zu Komplikationen kommt, dann sollten wir etwas nachhelfen.“
Damit holte er aus seinem Koffer ein paar Kanülen und Fläschchen und zog eine Spritze auf.
Mulder musste wegsehen, als der Arzt Scully die Spritze gab, was Scully schmunzelnd zur Kenntnis nahm. Sie hielt seine Hand fest in ihrer, dankbar, dass er sie das nicht alleine durchmachen ließ.

 

Eine halbe Stunde später

Offensichtlich hatte die Spritze ihre Wirkung nicht verfehlt, denn nun gab es für Scully keine ruhige Minute mehr. Es ging nur noch um wenige Sekunden, bis der Kopf des kleinen Babys endlich draußen war und Mulder biss sich nervös auf den Lippen rum.
Er hatte seine Faust zusammengeballt, um den Schmerz zu unterdrücken, den ihm Scully konstant zufügte, indem sie seine freie Hand fast zerquetschte. Sie unterdrückte die Schmerzschreie, die sich mit jeder Wehe durch ihren Körper, den Weg nach draußen suchten, denn es war unruhig genug um sie herum und sie wollte dieses Baby in Stille bekommen.
Der schwarze Regen wurde immer stärker und man konnte vor der Tür die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Niemand jedoch wagte sich jetzt noch vor die Tür. Denn die schwarzen Rinnsale bahnten sich nun fast überall ihren Weg ins Haus, sie krochen unter der Türschwelle hinein und stiegen in schwarzen Nebelschwaden in die Luft, um über den Boden zu wabern. Sie kräuselten sich an den Fenstern entlang bis sie einen Spalt fanden, durch den sie hineinschlüpften konnten. Und die Erde bebte nun beinahe unaufhörlich. Sie hatten die meisten Kerzen löschen müssen aus Angst, sie könnten umstürzen. Bis auf den Arzt und Mulder hatten sich alle zurückgezogen.
Der Arzt schwitzte und Mulder wischte sich ebenfalls den Schweiß von der Stirn. Seinen Pullover hatte er schon nach fünf Minuten ausgezogen und sein T-Shirt war ebenfalls verschwitzt.
Er setzte sich auf Scullys Kopfhöhe neben ihr auf das Bett und unterstützte sie, als sie sich mit der nächsten Schmerzwelle aufsetzte und erschöpft in seine Arme zurückfiel, um sich an ihm festzukrallen. Er atmete jedes Mal mit ihr auf, wenn es vorbei war und konnte es kaum noch ertragen, dabei zuzusehen wie sie sich quälte.

Scully schloss die Augen. Sie konnte nicht mehr. Sie würde keine zehn Minuten mehr durchhalten. Ihre Reserven waren alle aufgebraucht und sie merkte wie ihr schwindelig wurde und der Raum ihr zu entgleiten drohte.
Sie bekam von den Unruhen außerhalb der vier Wände nichts mit und auch Mulders beruhigende Worte, hörte sie nur in der Entfernung. Es war als wäre sie vollkommen alleine. Ihr Kopf dröhnte und sie hörte nur noch wie der Arzt sie wieder und wieder aufforderte weiterzumachen, aber sie wollte nicht mehr.
Da fühlte sie wie Mulder sie an der Schulter packte und ihr einen Kuss aufs Haar drückte. "Noch einmal, dann hast Du's geschafft", flehte er sie förmlich an. Er krallte sich verzweifelt vor Sorge in ihre Schulter und sie griff mit ihrer Hand nach seiner und drückte sie in einem letzten Akt größter Kraftanstrengung so fest, dass Mulder vor Schmerz und Aufregung einen Augenblick schwarz vor Augen wurde.
Es war als würden sich alle Fasern ihres Körpers anspannen, als sie spürte wie der Druck in ihrem Becken plötzlich nachließ und sie vollkommen außer Atem wieder zurück in Mulders Arme sank.

Der Stoff ihres Hemdes war vollkommen durchnässt und ihre Haut war feucht. Ihr Herz raste und das Atmen war ihr kaum möglich. Ihr war schwindelig, doch in ihr machte sich ganz langsam und winzig ein Gefühl breit, das sie mit unglaublichem Glück erfüllte.
Sie zitterte am ganzen Körper und fühlte, dass Mulder ebenso zitterte.

Da ging ein Ruck durch das Haus und es donnerte laut. Das schwarze Öl, das in das Haus eingedrungen war, begann bedrohlich zu pulsieren und als Mulder aus dem Fenster sah, erkannte er plötzlich im Dunkeln, dass unzählige schwarze Augenpaare aus toten, ausdruckslosen Gesichtern zu ihnen hineinstarrten. Das Flüstern war zu einem schrillen leisen Kreischen angeschwollen, das die Luft über ihnen erfüllte wie eine große Violinensaite, die durch den Raum gespannt war und unaufhörlich in Schwingung blieb.
Aber was sie beide nicht hörten, war das Schreien eines Kindes. Scully setzte sich wieder auf und Mulder beugte sich ebenfalls nach vorne. Da lag ihr kleiner Sohn, doch sie konnten ihn zwischen all den Tüchern und Laken und all dem Blut kaum erkennen.
„Warum weint er nicht?“ fragten Mulder und Scully fast zeitgleich mit Panik in der Stimme. Der Arzt bekam ebenfalls Angst, Geburten waren nicht gerade an der Tagesordnung für ihn. „Ich glaube, es ist eine Asphyxie. Aber er scheint auch zu krampfen.“ Der Arzt sah ratlos, offenbar ebenfalls in Panik zu ihnen auf. Das Kreischen ihrer stummen Beobachter war auch ihm nicht entgangen und er sah verstört zum Fenster, während er das Baby versuchte zum Atmen zu bringen.

Mulder hatte nichts begriffen, er sah hilfesuchend zu Scully, doch die war zu aufgebracht, um ihm erklären zu können, was vor sich ging. Das Baby öffnete seine winzigen Augen und schien nach Luft zu ringen, während seine Fingerchen und Füße wie in einem Kampf gegen unsichtbare Feinde strampelten und sich verkrampften. Sein Brustkorb versteifte sich, als würde es ersticken und die beiden jungen Eltern hielten einander mit erstarrten Blicken fest, um nicht beide den Verstand zu verlieren.
In ihren Köpfen war alles wie ausradiert, sie wurden vollkommen von Angst dominiert, von der alles erfassenden Sorge um ihr kleines Wunder, das Produkt der Liebe, die sie beide für einander so tief in ihren Herzen trugen.

 

Da gellte ein lauter kreischender Schrei durch den Raum, die Fensterscheiben zersprangen, ein stürmischer, tosender Wind fegte Staub von draußen hinein und Mulder, Scully und der Arzt beugten sich schützend über das Baby, um es vor den Scherben zu bewahren, die wie Tausende Diamanten klirrend auf den Boden fielen.
Die Luft konzentrierte sich und der Raum schien sich für einen Augenblick zu krümmen als plötzlich ein grelles weißes Licht das gesamte Tal wie bei einer Atomwaffenexplosion in Tageslicht hüllte und eine gewaltige Stoßwelle aus Energie durch die Luft schoss. Es blendete sie alle, so dass sie für einige Sekunden nichts sehen konnten und es raubte ihnen allen einen Augenblick den Atem.
Ein laut schreiender Knall dröhnte durch den Himmel über ihnen, wo unzählige zuckende Lichter zu schweben schienen. Der schwarze Film, der überall lag, erhob sich wie ein dicker dunkler Mantel, kräuselte sich zu einem dichten Nebel zusammen und wurde von der Erde in die Höhe gespien, als hätte die Welt nur darauf gewartet sich dieser Last zu entledigen. Die Erde bebte weiter, als man in dem unwirklichen Licht erkennen konnte, wie Figuren in den Himmel stoben wie Puppen, wie schwarze ölige Perlen pfeilgleich in den Himmel schossen und sich über den vibrierenden Dächern in einem riesigen Strudel aus Staub, schwarzem Öl und Kraft, der zu der Lichtquelle führte, vereinten. Der Lärm war unvorstellbar, es klang als würde die gesamte Erdkugel in unendlich viele Stücke auseinanderbrechen. Mulder und Scully saßen festumschlungen über das Baby gebeugt auf dem Bett und wussten, dass das das Ende war. Der Wind wirbelte den Staub um sie herum und peitschte ihre Haut, die Elektrizität entlud sich in winzigen Blitzen, die wie Risse im Raum erschienen und die Luft wurde so scharf, dass sie nicht mehr atmen konnten.

Mitten in diesem apokalyptischen Chaos zerriss ein weiterer Schrei die Luft. Doch es war ein anderer Schrei, ein menschlicher. Es war ein dünnes, hohes Klagen und mit dem Ende des Schreis schien alles um sie herum plötzlich zu verstummen.
Es war wie ein Riss in der Raumzeit, die Zeit stand einen Moment still und der Raum war dimensionslos. Es war als würde alles für einen Augenblick in der Luft schweben und verharren, ehe es sich noch einmal zusammenzog und mit einem letzten lauten Donnergrollen laut und mit einem erneuten gleißenden Blitzen, das der Welt für einen Moment ihre Farben und Formen stahl, im Himmel verschwand.
Das grelle Licht erstarb und hinterließ nach einem letzten zerfetzenden Kreischen metallischer Stimmen der Luft die Welt in toter Stille.

Mulder und Scully schienen noch immer vor Schreck erstarrt, als die Welt vollkommen friedlich – als wäre nichts gewesen – wieder verstummte und das Licht um sie herum ausging. Mulder war der erste, der zu sich kam zum Fenster stürmte. Er streckte seinen Kopf hinaus, wo es wild stürmte und ihm der Sand ins Gesicht geblasen wurde, und sah in den Himmel, in dem er noch deutlich das riesige flimmernde Feld sehen konnte, das sich mit einem schwachen, bläulichen Leuchten von ihnen entfernte und über den gesamten Himmel zog wie ein Schleier aus tausend und abertausend kleinen Prismen. Die Wolken stoben dort, wo das Feld in die Höhe stieg, wild auseinander und gaben den Mond preis, der kalt und bläulich auf die Welt herabschien. Die Luft war elektrisiert, so sehr, dass die Haare auf seinen Armen sich aufstellten und leise knisterten. Funken aus Licht fielen vom Himmel und verglühten im Nichts und unsichtbare Felder waberten noch durch die Luft wie Seifenblasen aus Energie.
Ein Wimmern riss ihn aus seiner Trance und er drehte sich um.

Scully hatte das Baby, dessen erster Schrei, der alles lahmgelegt hatte, noch immer in ihren Ohren nachhallte, schützend zu sich auf die Brust gelegt. Sie hatte sich erschöpft zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Ein paar Glassplitter glitzerten in ihrem Haar und ein dünnes blutiges Rinnsal lief ihr die Schläfe hinunter.

Es war, als würde sein Herz zum ersten Mal wirklich schlagen, als er dieses Bild zu begreifen begann.
Inmitten des heillosen Chaos von umgestürzten Möbeln, zerbrochenem Glas, Blut, nassen Tüchern und schwarzem Staub, der alles war, was von dem Regen übrig geblieben war, lag die Liebe seines Lebens, friedlich als wäre nichts geschehen und hielt seinen Sohn in ihren Armen, der leise und klagend über diese stürmische Begrüßung in ihren Busen hineinwimmerte.
Außer dem Wimmern und Scullys leisem ermattetem Atmen hörte er nichts. Er ging langsam auf sie zu, als sie ihre Augen wieder öffnete und zu ihm aufsah. Sie holte tief Luft. Sie hatte von alledem nur das Licht und den Krach mitbekommen, denn sie war so erschöpft, dass sie kaum noch die Kraft zum Atmen fand. Aber als sie Mulders Blick sah, der sie und das Baby mit so viel Liebe ansah und auf sie zukam, durchströmte sie das Glück wie eine unerschöpfliche Kraft und entflammte in ihr ein Feuer, von dem sie wusste, dass es nie wieder ausgehen würde.

Zum zweiten Mal an diesem Abend kniete er sich vor ihr Bett, die Scherben, die sich dabei in seine Knie bohrten, vollkommen ignorierend, und beugte sich mit bebenden Lippen über sie und ihren Sohn, während ihm vor Glück die Tränen in die Augen stiegen und sein Herz vor Liebe schmerzte.
Der winzige Neuankömmling sah mit seinen großen dunkelblauen Augen zu ihnen auf, als hätte er all das verstanden, was um sie herum geschehen war. Er nieste leise und schien fast zu lächeln als Mulder mit seinem Finger seine winzige Wange zart berührte.
Die beiden Eltern empfanden beim Anblick des kleinen Bündels in ihren Armen so viel Glück, dass ihre Herzen überhaupt nicht schnell genug schlagen konnten.

Mulder sah Scully an, die ihn noch ganz schüchtern anstrahlte, wie er es bisher nur einmal in ihren Augen gesehen hatte, als er sie zum ersten Mal in der Millenniumsnacht geküsst hatte und sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
Doch sie war in seinen Augen nie schöner gewesen als in diesem Moment mit ihrem gemeinsamen Kind in den Armen und er legte ihr zum Schweigen den Finger zart auf die Lippen während er sie ansah. Die Spannung zwischen ihnen schwoll an.
Der Mond schien wie ein stiller Beobachter dieses Wunders durch das offene Fenster hinein und streichelte mit seinem Licht ihre zarte Haut. Ihre Augen leuchteten geheimnisvoll in sein Herz hinein und ihre weichen Lippen schmeckten so voll und süß, wie Früchte aus dem Paradies als er sich zu ihr beugte und sie lange und zärtlich küsste.
Sie schloss die Augen und fühlte, während sie das leise Atmen ihres Babys auf ihrer Haut spürte, wie seine Liebe durch sie hindurchsegnete und sie die Wahrheit verstand, die sie die ganzen Monate gefürchtet hatte.

 

 

Ein paar Stunden später

Ein neuer Tag begann langsam und zögerlich, als hätte ihm das, was in der Nacht geschehen war, Angst eingejagt. Der Himmel, der noch immer verzerrt zu vibrieren schien, färbte sich langsam in einem zarten Violett und Mulder konnte über den Hügeln in der Ferne das rotgoldene Leuchten der Sonne erahnen. Es war keine Wolke am Himmel und noch immer fegte ein kräftiger reinigender Sturm über das Land. Das Dorf war verlassen wie eine Geisterstadt.
Die Navajo-Indianer waren verschwunden. Und Gibson. Mulder würde sich niemals verzeihen können, dass er ihn nicht beschützt hatte. Dass er vor lauter Aufregung um Scully und das Baby nicht an Gibson gedacht hatte. Es war ein unausgesprochenes Versprechen gewesen, dass er Gibson immer beschützen würde und er hatte versagt. Doch wohin waren all diese Menschen verschwunden? Würden sie jemals wiederkehren? Mulder wusste es nicht.
Er sah besorgt nach hinten, wo Scully auf der Rückbank erschöpft mit dem Baby im Arm schlief. Sie hatte sehr viel Blut verloren und sie würden, bevor sie sich auf die Heimreise begaben, erst einmal ins Krankenhaus fahren müssen. Denn er konnte nur erahnen wie schlecht es Scully wirklich ging, da sie ihm wie immer nicht die Wahrheit gesagt hatte, bis sie vollkommen erschöpft im Wagen eingeschlafen war. Jetzt konnte er es sehen wie blass sie war und wie selbst ihre dunkelroten Lippen an Farbe verloren hatten.

Er konzentrierte sich auf den Weg, den tiefe Risse, umgestürzte Bäume und Felsbrocken säumten. Tief in seinem Inneren spürte er, ab jetzt würde alles gut werden. Aber er verstand es nicht. Und es fühlte sich zu unwirklich an, um wahr zu sein.

 

Sechs Wochen später, 20.16 Uhr


Mulder sah durch das Wohnzimmerfenster hindurch zu dem blauen Licht hinauf, das dort oben seit sieben Wochen am Himmel neben all den Sternen funkelte. War das das letzte, was diese Invasoren von sich zurück ließen? Oder hatten sie sich lediglich dorthin zurückgezogen, um auf etwas zu warten? Würden sie es jetzt für immer wie eine Erinnerung an diesen einen Tag sehen, oder würde es irgendwann einfach wieder verschwinden? Er fühlte sich von diesem Licht beobachtet und es war ihm unbehaglich, so dass er hoffte es würde eines Tages verschwinden.
Mulder hatte noch so viele Fragen, die nicht beantwortet waren. Er wusste, dass die Antwort darauf, was in dieser Nacht wirklich passiert war, in ihm selbst lag. In ihm und Scully. Und in ihrem Kind.
Aber es gab noch so viele andere Dinge, die ungeklärt blieben und er befürchtete, er würde die Antworten niemals finden.
Die Welt da draußen stellte sich dieselben Fragen und alles, was dabei herumkam, waren neue Umweltschutzprogramme, vollere Kirchen und eine Menge leeres Gerede. Und ein glückliches Leuchten in den Gesichtern der meisten Menschen, die begriffen hatten, dass sie eine zweite Chance erhalten hatten, dass das, was immer sie dort draußen bedroht hatte, sich von ihnen abgewendet hatte. Dass sie noch mehr Zeit auf dieser Oase mitten in der wüsten Einöde des Weltalls verbringen durften. Aber sie verstanden nicht warum und so war es nur eine Frage von Wochen, bis sie in ihren alten Trott zurück verfallen würden.

Ein leises Glucksen aus dem Schlafzimmer signalisierte ihm, dass Scully fertig mit der Fütterung des kleinen Sonnenscheins war.

David Jeremy Mulder. Oder David Jeremy Scully. Ehrlich gesagt, hatten sie sich über den Nachnamen noch gar keine Gedanken gemacht. Genau so wenig wie sie sich Gedanken über ihre gemeinsame Zukunft gemacht hatten. Sie passten nicht in irgendein Schema. Sie brauchten das auch gar nicht und er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie sich mit all den lästigen bürokratischen Einzelheiten von Nachnamen, Heiratsurkunden und alledem auseinandersetzten. Es wirkte so profan. So trivial. Es passte überhaupt nicht in ihre kleine, besondere Welt, die sie seit sieben Wochen in aller Stille genossen.
Mit einem glücklichen Funkeln in seinen Augen ging er zu seinen beiden Lieblingsmenschen ins Schlafzimmer und legte sich auf das Bett, auf dem Scully neben David lag und sich die Bluse zuknöpfte. Als Mulder sich neben sie und das Baby legte, drehte sie sich zu ihm auf die Seite, legte ihre Hand schützend an Davids kleines Köpfchen und sah glücklich auf ihr Wunder hinab, das, vollkommen erschöpft von seinem Abendessen, die Augen geschlossen hatte und an seiner kleinen Faust nuckelte.
Scully strahlte Mulder an und schenkte ihm eines ihrer seltenen Lächeln. Mulder merkte wie gut es ihr ging, wie all die Last der letzten Zeit von ihr genommen war. Ihre Gesichtszüge hatten den besorgten Ausdruck höchster innerer Spannung endlich verloren und sie wirkte lebendiger und leuchtender als je zuvor. Sie hatte wieder Kraft und hatte sogar ein wenig zugenommen, nachdem sie in der Schwangerschaft durch den ganzen Stress so viel Gewicht verloren hatte. Ihr Lächeln wirkte jetzt fast befreit, wenngleich Mulder trotzdem noch immer diesen leichten Schatten sah, der manchmal über ihr Gesicht huschte, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Er wusste, es gab eine Menge Dinge, die zwischen ihnen in der Luft lagen und durch all die Ablenkung der letzten sieben Wochen niemals angesprochen worden waren.
Sie hatten nach der Geburt fast zwei Wochen nur geschlafen und sich um das Baby gekümmert. Sie waren beide am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte gewesen und hatten jede freie Minute genutzt um zu schlafen. Doch nun merkte er, wie er wieder wacher wurde, wie er langsam begriff, dass sie überlebt hatten. Dass das alles kein Traum gewesen war. Er merkte jetzt erst wie viele Dinge in seinem Leben geschehen waren, Dinge von so elementarer Bedeutung. Und er konnte sie noch gar nicht fassen. Wenn er Scully ansah, raubte es ihm oft den Atem. Wenn er sie mit seinem Sohn in ihren Armen sah, hörte sein Herz jedes Mal auf zu schlagen, weil er es noch gar nicht verstand. Er hatte gerade erst begonnen, sie als Frau zu lieben, jetzt war sie plötzlich Mutter. Und er war Vater.

Er sah verliebt auf seinen Sohn herab, dessen kleiner Körper unter seiner großen Hand, die sich sanft auf seinen Bauch legte, noch winziger wirkte, und strich Scully dann eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht hinters Ohr.
„Ihr Zwei macht mich sehr glücklich, das weißt Du, oder?“ fragte er sanft in die Stille hinein. Sie nickte und rutschte näher an ihn heran, ihre Hand noch immer schützend an Davids Köpfchen ruhend. Ihre andere Hand streckte sie nach Mulder aus, der ebenfalls näher an sie heranrutschte, bis Davids kleine strampelnde Beinchen gegen seinen Bauch stupsten. Er berührte ihre Hand behutsam und sie hielten einander daran fest und versuchten all ihre Zärtlichkeit über diese simple Berührung ihrer Hände auszudrücken. Er streichelte ihre zarten schlanken Finger und sie falteten sie ineinander und sahen sich dabei so tief in die Augen, dass sie beinahe darin versanken und schwerelos im Raum zu hingen schienen.
Sie hatten noch immer so viel Kraft aufzutanken, dass sie ganz still in ihrem Bett lagen und das, was hinter ihnen lag, zumindest zu verarbeiten versuchten. Denn verstehen würden sie es wahrscheinlich niemals.
Aber sie wussten, sie würden irgendwann darüber reden müssen. Bisher waren sie zu sehr abgelenkt gewesen, aber nun schien es wie eine Regenwolke über ihren Köpfen in der Luft zu hängen und ihnen zu folgen.
Scullys Augen blitzten ihn müde aber liebevoll an und sie begann leise zu sprechen, während der kleine David zwischen ihnen immer ruhiger zu atmen begann und offenbar ins Land der Träume entschwand.

„Wie soll es jetzt weitergehen? Mit uns? Und den X-Akten? Was wirst Du denen nächsten Monat in den Verhandlungen sagen?“
Mulder hatte die Frage schon länger erwartet und er wusste sich auch keine Antwort darauf. Er wusste auch nicht, wo sie beide nun standen und wie sie weitermachen sollten. Das Baby ließ ihnen so wenig Zeit sich um einander zu kümmern. Er holte tief Luft und versuchte die leichtere der beiden Fragen zu beantworten.
„Ich werde denen sagen, dass die mit den X-Akten machen sollen, was sie wollen.“
Scully hob überrascht ihren Kopf und sah ihn fragend an. „Was? Du willst die X-Akten aufgeben?“
Er zuckte mit den Achseln. „Du bist doch jetzt ohnehin wieder in Quantico. Was soll ich denn ohne dich dort unten in dem Keller?“
„Aber Mulder, Du hast doch auch vor mir schon alleine da unten gearbeitet.“
„Und Du meinst, mir würde es ohne Dich in dem Keller da unten mehr Spaß machen, ja?“
Er schloss die Augen und schüttelte lächelnd den Kopf. Als er seine Augen wieder öffnete und ihre Blicke sich trafen, spürte sie wie Elektrizität durch ihren Körper fuhr. Sie zuckte unmerklich zusammen und wich diesem Blick aus, der sie so tief berührte, dass es ihr Angst machte.
David war eingeschlafen und sie hob ihn sachte auf, gab ihm einen zarten Kuss auf die Stirn und legte ihn in seine Wiege, während sie leise weitersprach. „Ja, aber was willst Du stattdessen tun?“
Wieder zuckte er mit den Achseln. „Ich bin doch jetzt Vater. Ich muss mir was Ruhigeres suchen. Mal sehen, was die mir anbieten, wenn die mich nicht rausschmeißen.“
Scullys Augen sahen ihn groß an, warum war er so gleichgültig?
„Ich verstehe das nicht. Wie kannst Du nach allem, was passiert ist, so ruhig an die Sache herangehen?“
Sie legte setzte sich wieder aufs Bett und sah auf ihn herab. Er setzte sich ebenfalls auf um mit ihr auf einer Augenhöhe zu sein.
„Gerade weil das alles passiert ist, kann ich das. Die X-Akten können mir die Fragen, die ich jetzt noch habe, nicht mehr beantworten. Diese Wahrheiten sind immer noch dort draußen, aber die kann ich auch ohne das FBI finden, ohne die ganze Bürokratie, ohne mich dauernd vor irgendeinem Krawattenträger rechtfertigen zu müssen. Ich möchte weitersuchen. Aber auf einer anderen Ebene.“
Das schien sie zu verstehen, denn ihr Atem wurde wieder ruhiger.
„Denkst Du denn, die werden Dich wieder zu den Profilern schicken?“
„Warum nicht? Vielleicht bekomme ich ja jetzt da oben meinen eigenen Schreibtisch mit nem neuen glänzenden Namensschild darauf. ‚Spooky Mulder’. Klingt doch eh besser als Fox, findest Du nicht?“
Sie schnaubte und verdrehte die Augen. Es wirkte wie Resignation in ihren Augen, doch offenbar war es das für ihn nicht. Die Unruhe, die ihn jahrelang dort unten in dem Kellerzimmer Tag und Nacht festgehalten hatte und ihn wie einen Besessenen nach Antworten hatte suchen lassen, schien verflogen. Er schien so befreit und von einer neuen Leidenschaft erfüllt, die viel tiefer lag als die fanatische Suche nach irdischen Beweisen für außerirdisches Leben.
Skeptisch zog sie die Augenbrauen zusammen. „Bist Du damit denn glücklich? Nach allem, was wir gesehen haben?“
Er sah auf ihre Hände und hob dann den Blick wieder um ihr in die Augen zu sehen. „Bist Du es denn?“
Sie antwortete darauf nicht, sondern gab ihm schweigend mit ihren großen, durchdringenden Augen zu verstehen, dass sie es war. Sie griff nach seiner Hand. „Ich möchte nur nicht, dass Du Dich selbst unsertwillen belügst. Ich habe niemals von Dir erwartet, dass Du für mich oder das Baby alles aufgibst und ich tue das auch jetzt nicht. Ich möchte, dass Du die Antworten findest, die Dir noch fehlen.“

Er schüttelte den Kopf und legte seine Hand an ihre Wange.
„Ich hab eine Antwort gefunden, auf die wichtigste meiner Fragen.“
Sie sah ihn fragend an und hob unwillkürlich ihre Augenbraue.
„Dich. Ich hab Dich gefunden.“
Sein Blick traf ihr Innerstes und ergoss sich in ihr wie ein warmer Sommerregen. Sie lächelte gerührt und senkte schüchtern den Blick, während sie merkte wie ihr Herz schneller zu schlagen begann.
Sollte tatsächlich ein Mann ihre Seele berührt haben? Sollte es tatsächlich jemand geschafft haben ihre Mauer zu durchbrechen und hinter all den Abwehrmechanismen ihr wahres Ich zu sehen? Sie war so viel Nähe und Intimität nicht gewohnt und es verunsicherte sie. Als sie wieder aufsah, hatte er sich schon zu ihr gebeugt und sah ihr fest in die Augen, jedoch nicht ohne seinen Blick über ihren ganzen Körper wandern zu lassen, den er so begeherte.
Die Luft zwischen ihnen wurde von seinem Atem ganz warm. Sie waren sich aufgrund ihrer Erschöpfung und Angst vor der Kraft, die diese Liebe mit sich brachte, so lange nicht mehr so nahe gekommen und sie fühlte wie ihr schwindelig wurde, als sie seinen Duft einatmete und seine grünlich glühenden Augen direkt vor sich sah, wie seine Blicke sich wie Sonnenstrahlen überall auf ihren Körper legten und sie wärmten.
Eine zitternde und zarte Spannung lag zwischen ihnen, sie hatte sie schon so oft gefühlt und wusste, sie würde sich brennend und voller Kraft entladen, wenn sie sich noch näher kamen. Es war kaum auszuhalten, es war, als würde ihre Seele stärker als ihr Körper, der dieser Kraft nicht standzuhalten und sich in Luft aufzulösen schien, während es auf jedem Millimeter ihrer Haut prickelte.
Der Raum begann sich um sie herum zu verlieren und in immer weitere Ferne zu rücken, als sie die Augen schlossen um nicht inmitten dieser schwindelerregenden Sinnestäuschungen den Halt zu verlieren.

Er küsste sie ganz leicht und zart, wie eine Feder, die ihr über die Lippen strich. Es war so zart, als hätte auch er Angst, dass sein Herz zerspringen würde. Sie erwiderte den Kuss liebevoll um ihm Halt zu geben, weil sie spürte wie er zitterte. Seine Finger legten sich wie Feuer auf ihre Haut, glitten an ihrer Wange entlang und legten sich warm an ihren Hals, so dass er ihren Kopf zu sich ziehen konnte, damit sie nicht aufhörte, ihn zu küssen. Seine freie Hand umschlang die ihre und ihre Finger falteten sich fest ineinander als Ausdruck der leidenschaftlichen Kraft, die sie noch versuchten zu kontrollieren.

In ihren Köpfen drehte sich alles und sie hatten beide angst sich fallen zu lassen, weil sie den Boden unter den Füßen verloren hatten.
Bis sie merkte wie der Kuss in ihr ein warmes Glühen entfachte und sie, während sie einander näher zogen und umschlangen, in einem immer leidenschaftlicheren Kuss auf ihrem Bett in die Kissen sanken.
Dabei verloren sie ihre Wahrnehmung vollkommen und ihnen wurde immer schwindeliger, bis es ihnen nichts mehr ausmachte, weil ihre Körper sich verselbständigt hatten und ihre Seelen raum- und zeitlos umeinander tanzten.
Die Luft vibrierte und das Licht ging aus, während die Fensterscheiben leise klirrten wie zarte Melodien. Der Mond schien hell auf den weißen Schnee, der leise vor ihrem Fenster auf die Welt rieselte und ein helles blaues Licht in ihr Zimmer warf.

Es war nach so langer Zeit das erste Mal, dass ihre Seelen miteinander verschmolzen. Dieses Gefühl, das ihnen so häufig in letzter Zeit so stark vorgekommen war, dass sie nicht gewusst hatten wie sie es ausdrücken sollten, überwältigte sie und fand endlich wieder einen Weg sich zu offenbaren, während sie immer tiefer und tiefer fielen und immer mehr begriffen, was diese Wahrheit war, die sie gerettet hatte.

 

Zwei Wochen später, FBI – Gebäude im Konferenzraum

Mulder und Scully saßen nebeneinander an der schmalen Seite eines riesigen Rechtecks aus Tischen. Auf der gegenüberliegenden schmalen Seite saßen die zwei Männer, die über ihre Zukunft zu entscheiden hatten, links davon saßen Kersh und Skinner und eine Reihe anderer grauer Personen, die wie Schatten ihrer selbst wirkten und leer und kühl auf die beiden Problemkinder des FBI starrten.
Diese Anhörung lief bereits seit einer Stunde und Scully merkte wie sie immer ungeduldiger und vor allem hungriger wurde. Ihr war überhaupt nicht klar, was eigentlich die Vorwürfe gegen sie und Mulder sein sollten. Es kam ihr vor wie ein albernes, vollkommen absurdes Theaterstück. Und sie bemerkte mit jedem Seitenblick nach rechts, wie Mulders Anspannung wuchs und er immer mehr Schwierigkeiten hatte, sich unter Kontrolle zu halten. Sie hoffte, die Anhörung würde bald enden, denn sie wusste nicht wie lange Mulder noch so ruhig bleiben konnte. Sie sah seine Kaumuskeln, die im Takt seines Zähneknirschens bebten.
Schließlich nahm der alte spinnenfingrige Direktor mit dem schütteren Haar seine Brille ab, nachdem er sie nun schon fast seit einer Stunde über ihre Rechten, Pflichten, Verstöße, über finanzielle Budgets, Überstunden und – was am schlimmsten von allem war – über die unangemessene Annäherung zweier FBI-Agenten derselben Abteilung, aufgeklärt hatte.
„Ihnen dürfte also klar sein, dass wir Ihre weitere Zusammenarbeit in einer Abteilung unter keinen Umständen weiterhin tolerieren können und dürfen. Ich dachte eigentlich, die Bedeutung rein professioneller Beziehungen am Arbeitsplatz würde in der Akademie ziemlich deutlich betont, aber offensichtlich“- und er lächelte sie milde aber arrogant an –„ist das eine der Regeln, die zu befolgen am allerschwierigsten ist, besonders wenn man unter derart außergewöhnlichen Umständen zusammenarbeitet. Daher will ich diesen Punkt als den unwichtigsten und am ehesten zu vernachlässigenden ansehen.“ Er warf Kersh einen strengen Blick zu, denn er war es gewesen, der Mulders und Scullys Verhältnis ausgeplaudert hatte. Nach diesem strafenden Seitenblick fuhr er mit scharfer Stimme, die die Luft wie Rasierklingen durchschnitt fort: „Was ich allerdings nicht einfach so übersehen kann, sind die etlichen anderen Verstöße. Und die Kosten, die Ihre Abteilung verursacht hat. In den sieben Jahren Ihrer Zusammenarbeit gab es eine Menge äußerst exotischer, wissenschaftlich fast nie eindeutig erwiesener Lösungsansätze für ihre Fälle, aber nur ein Bruchteil dieser Fälle ist tatsächlich geklärt worden. Ich sehe daher keinen Grund, diese Abteilung weiterhin zu unterstützen, zumal sie uns weit mehr gekostet hat als so manch größerer Mordfall. Director Kershs Antrag auf fristlose Kündigung muss ich jedoch mit Vorsicht behandeln. Agent Scully?“

Scully räusperte sich und setzte sich mit unbeweglicher Miene unwillkürlich gerade in ihrem Stuhl auf, um ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.
„Sie haben auf Ihren Erziehungsurlaub verzichtet, haben mich jedoch darum gebeten, Sie an Ihren alten Arbeitsplatz in der Akademie zu versetzen, so dass Sie das mit Ihren persönlichen Planungen besser vereinbaren können, sehe ich das richtig ?“
Scullys Stimme konnte offenbar genauso kühl die Luft zerschneiden, Mulder zuckte fast zusammen, als sie dem Director antwortete und so hart und frostig klang, wie er es schon gar nicht mehr von ihr gewohnt war. „Ja, Sir, das wäre mein einziges Anliegen und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diesem Wunsch entgegenkommen könnten.“
Sie wusste, die Forderung war angesichts der Tatsache, dass sie sich während ihrer Schwangerschaft nur sehr sporadisch am Arbeitsplatz hatte blicken lassen, mutig, doch sie brachte sie ohne mit der Wimper zu zucken klar zum Ausdruck und wusste, der alte Director würde ihr den Wunsch nicht abschlagen können. Junge Mütter und schwangere Frauen schützte der Staat so gut, dass sie zumindest momentan praktisch unkündbar war.
Der Director jedoch blinzelte sie prüfend an. „Agent Scully, Ihnen ist klar, dass Sie während der letzten Monate auch ohne nachgewiesene gesundheitliche Probleme Ihrem Arbeitsplatz oft ferngeblieben sind und bei den Ermittlungen rundum Agent Mulders ‚Verschwinden’ eine relativ unorthodoxe und kostspielige Verhaltensweise an den Tag gelegt haben!“ Er blätterte in einer Akte. „Sie haben sehr teure Verfahren in Quantico, teilweise ohne Assistant Director Skinners Anweisung und oft auf eigene Faust, durchgeführt und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wozu diese notwendig waren.“
Scullys Augenlid zuckte nun ein wenig als sie ansetzte um sich zu rechtfertigen. „Sir, um weitere Todesfälle unter den Vermissten zu verhindern, musste ich herausfinden, was diese Menschen getötet hat. Es steht damit wohl außer Frage, dass die Laboruntersuchungen an den Gewebeproben der Opfer definitiv notwendig waren um….“ Der alte Herr winkte ab, er war Regierungsmitglied, er wusste, woran sie gearbeitet hatte und nachdem diese Invasion nicht eingetreten war, wollte er es einfach nur noch als düsteres Kapitel der Geschichte hinter sich lassen. Er hatte sowieso nie wirklich daran geglaubt. Und er hatte nie viel von diesen Chipexperimenten gehalten. Er hatte keine Lust darauf sich damit auseinanderzusetzen. „Ja ja, verschonen Sie mich mit dem ganzen forensischen Tamtam. Ich denke, wir können darüber aufgrund Ihrer durchaus soliden Fähigkeiten als Gerichtsmedizinerin und Dozentin hinwegsehen. Sie werden Ihre Dienstwaffe abgeben müssen, denn sie werden von nun an ausschließlich in der Gerichtsmedizin in Quantico eingesetzt. Ihren Lehrplan erhalten Sie ebenfalls in Kürze. Ich erwarte eine gute Lehre von Ihnen, Agent Scully. Und ich werde innerhalb einer 6-monatigen Probezeit regelmäßig Ihre Ausgaben prüfen, damit Sie mir nicht wieder mit den exotischsten Labortests unsere Budgets sprengen. Haben wir uns verstanden?“

Scully schluckte. In ihr rebellierte es, doch sie riss sich zusammen und schluckte ihren Zorn herunter. Außer einem unterkühlten und arroganten „Ja, Sir“ brachte sie jedoch nicht mehr hervor und war froh, dass das Gewitter über sie hinweggezogen war. Sie wusste allerdings, wen es nun treffen würde und wagte sich kaum Mulder anzusehen, der sich in Erwartung dessen, was nun kommen würde, ebenfalls aufsetzte und nervös seine Finger knetete.

 

Der Mann schloss die Akte wieder und sah zu Mulder hinüber. Er seufzte. Er wusste eigentlich nicht, was er mit diesem Querdenker tun sollte. Denn es gab noch immer, auch wenn die Invasoren offenbar nur noch als leuchtender Punkt am Himmel über ihnen standen, genügend Dinge, in denen Fox Mulder herumstöbern konnte. Es gab noch viele Geheimnisse, die die Regierung mit aller Mühe unter Verschluss hielt. Wollten sie wirklich weiterhin zulassen, dass Mulders unablässiges, penetrantes Herumschnüffeln ihre Arbeit gefährdete? Er faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und sah griesgrämig zu Kersh hinüber. Es war Kershs Schuld, dass er Mulder nicht längst gefeuert hatte. Und es war auch Kersh zu verdanken, dass er Mulder damals mit diesem Virus nach Ottawa geschickt hatte. Es war im Grunde genommen Kersh, der verschwinden musste. Denn einen Mann wie ihn konnten sie oben an der Spitze nicht gebrauchen. Mulder war nur ein Agent, den niemand innerhalb des FBI wirklich ernstnahm. Die Beweise, die Scully Skinner auf CD hatte zukommen lassen, mussten lediglich unter Verschluss gehalten werden, denn sie durften auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen. Aber er wusste, Mulder war nicht bestechlich. Er würde vermutlich ohnehin mit diesen Beweisen an die Öffentlichkeit gehen, jetzt, wo sie alle überlebt hatten. Doch es war einen Versuch wert Mulder im FBI zu behalten. Der Hund würde schon nicht die Hand, die ihn fütterte, beißen und so holte der Mann tief Luft und begann.

„Agent Mulder, nun zu Ihnen. Sie haben die Vorwürfe gehört. Um die Sache in Ottawa machen wir uns ehrlich gesagt keine Gedanken, die lassen wir außen vor, auch wenn unter anderem durch Ihr Mitwirken 22 Menschen zu Tode gekommen sind.“ Dabei warf er Kersh wieder einen strengen Blick zu, denn Kersh hatte zugegeben, dass er selbst Mulder mit diesem Virus nach Ottawa geschickt hatte und Mulder somit nicht die Hauptschuld am Tod dieser Menschen trug.
„Aber abgesehen davon habe ich mehr Gründe, Sie aus dem FBI zu entfernen, als ich an zwei Händen abzählen kann. Also was haben Sie dazu noch zu sagen?“
Mulder hatte sich das Theaterstück angehört und versuchte ruhig zu bleiben. Er hatte es Scully versprochen und er würde sein Bestes geben.
Den zynischen Unterton mit aller Mühe unterdrückend war jedoch trotzdem alles, was er hervorbrachte: „Ich weiß nicht, was würden Sie denn gerne hören?“
Der ältere Herr hatte damit gerechnet und räusperte sich, um Mulder noch eine weitere Chance zu geben sich vernünftig zu äußern.
„Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie mich nun endlich loswerden müssen, dann tun Sie sich keinen Zwang an. Meine Arbeit bei den X-Akten ist beendet und dieser Verein geht mir gehörig auf die Nerven.“ Scully sah zu ihm und verkrampfte sich. „Mulder!“ zischte sie ihm zu und stieß ihn unter dem Tisch mit dem Bein an. Doch Mulder war noch nicht fertig. Er ignorierte Scully und fuhr fort.
„Sie sollten sich allerdings fragen, ob Sie es wirklich mit Ihrem Gewissen vereinbaren können. Ob diese Regierung wirklich so tief gesunken und würdelos ist, dass sie die Wahrheit nach allem, was passiert ist, noch immer so voller Inbrunst leugnet und diejenigen, die versuchen, diesem ganzen Theater noch einen Sinn zu verleihen, damit bestraft sie aus ihren Reihen auszustoßen.“
Mulder pausierte, er merkte wie er sich langsam in Rage redete und gab den Menschen im Raum einen Augenblick über seine Worte nachzudenken. Der Direktor beugte sich nach vorne und zog die Stirn in Falten.
„Agent Mulder, mir ist nicht ganz klar, was Sie uns damit sagen wollen. Wollen Sie oder wollen Sie nicht weiterhin für das FBI arbeiten?“ Mulder stand auf und beugte sich ebenfalls über den Tisch nach vorne.
„Ich will damit sagen, dass ich nicht eine Regierung unterstützen will, die den Menschen da draußen, die Ihnen blind vertrauen, in den Rücken fällt und sie nach Strich und Faden belügt. Sie haben die Beweise auf dieser CD gesehen, Sie kennen Sie und Sie wissen, dass sie wahr sind, weil Sie selbst Teil dieser Maschinerie sind, die dort offen gelegt wird. Alles, was ich von Ihnen verlange ist, dass Sie es sich wenigstens selbst eingestehen, dass alles, was ich in den letzten Jahren herausgefunden habe, nichts als die Wahrheit ist. Dass Sie an mir und Agent Scully, sowie an hunderten anderer Menschen inklusive meiner und Director Kershs Schwester, Verbrechen verübt haben, Verbrechen, die absurderweise weit krimineller und unmoralischer sind als jene Vergehen, die Sie innerhalb dieser Mauern versuchen zu verfolgen und zu bestrafen. Und dass es diese außerirdische Bedrohung gegeben hat und Sie keinen blassen Schimmer haben, warum die vor sieben Wochen einfach wieder abgezogen sind, während Sie mit ihren Armeen und High-Tech-Waffen im Anschlag für einen apokalyptischen Krieg gerüstet waren und nicht eine Sekunde davor zurückgeschreckt hätten, all das hier aufs Spiel zu setzen. Um Ihre eigenen Ärsche zu retten.“

Scully schluckte als sie die Gesichter der Männer um sie herum sah und hörte wie Mulder vollkommen ausrastete und seine Stimme durch den Raum hallte und über ihren Köpfen wie ein Donnerwetter hinabstürzte. Sie griff nach Mulders Arm, um ihn zurückzuziehen. Sie wollte ihm ein Zeichen geben, dass es genug war, dass es Zeit war, zum Ende zu kommen. Denn er hatte ohnehin verloren. Mulder spürte ihre Hand auf seinem Arm und schüttelte sie ab, während er seine Stimme senkte und sich wieder beruhigte.
„Alles, was ich von Ihnen will, ist ein Funken Menschlichkeit! Denn Sie können mich für die überzogenen Konten oder Sachschäden zur Rechenschaft ziehen, aber nicht für die Antworten, die ich geliefert habe und die Sie nicht anzuhören bereit sind. Sie können mich nicht dafür bestrafen, dass ich als einziger Agent in diesem Verein die wahren und einzigen wirklichen Verbrechen in diesem Land zu verfolgen bemüht war. Sie können mir nicht Ihre eigenen Fehler in die Schuhe schieben. Es ist alles auf Ihrem Mist gewachsen und Sie wissen ganz genau, dass nicht ich es bin, der in Ihrer Schuld steht! Und es macht mich krank Ihre ignorante verlogene Arroganz ertragen zu müssen, während da draußen Menschen an den Folgen Ihrer Experimente sterben.“
Mulder sah Skinner an, denn er wusste, er war der einzige neben Scully in diesem Raum, der auf seiner Seite stand. Skinner war bewegt, er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber seine Augen flackerten und sein Kinn bebte als er Mulders Blick versuchte standzuhalten. Kersh rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er fühlte sich schuldig und wusste überhaupt nicht warum, denn er hatte von all diesen Dingen immer nur einen winzigen irreführenden Ausschnitt gesehen und war erst jetzt im Begriff es alles im Gesamtbild zu verstehen.

Mulders Herzschlag beruhigte sich und er spürte wie trocken sein Hals geworden war und wie ihn alle wie gebannt anstarrten. Die meisten Blicke waren tot und kalt, von Zweifeln geprägt oder von Zynismus.
Der Direktor ließ Mulders Worte noch einen Augenblick auf sich wirken und lehnte sich dann mit einem Seitenblick zu den beiden Männern an seiner Seite, die die ganze Zeit über geschwiegen und protokolliert hatten, in seinem Stuhl zurück. Die Männer hatten verstanden und brachen die Protokolle ab, um die Stifte mit einem lauten Klicken auf die Tische zu legen.
„Ist das alles, Agent Mulder?“ fragte der Direktor schließlich steinern und ohne jegliche Mimik.
Mulder stand noch immer, entspannter und erschöpft mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Ich weiß nicht, sagen Sie es mir!“ war seine Antwort und er sah dem Direktor lange und schweigend in die Augen. Sein Blick war finster, als wolle er damit all den Hass und die Dunkelheit ausdrücken, die er in den letzten Jahren in seinem Herzen mit sich hatte herumtragen müssen.
Er drehte sich um ohne eine Antwort abzuwarten, um zur Tür zu gehen und verließ mit einem letzten verächtlichen Blick in die Runde den Raum.
Als er fort war, atmeten alle leise auf und der Direktor sah Scully erleichtert an. „Nun, nachdem auch das geklärt wäre, werden wir uns zurückziehen und Ihnen in Kürze unseren Beschluss in dieser Sache mitteilen.“
Er sah noch einmal zu den anderen Anwesenden, die ihm zunickten und wandte sich noch einmal an Scully.
„Agent Scully, wann können Sie in Quantico anfangen?“

 

Als Scully kurz danach ebenfalls den Raum verließ und auf dem Flur Mulder auf dem Boden hocken sah, den Kopf in die Hände gestützt, ging sie auf ihn zu und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Sie wusste nicht, was sie ihm sagen sollte, denn sie hatte jedes seiner Worte tief mit ihm gefühlt und verstanden und sie wusste, dass er keine Perspektiven hatte und vollkommen verloren zu sein schien.
Mulder griff nach ihrer Hand und erhob sich vom Boden. Er ließ sich gegen die Wand fallen und blickte mit leeren Augen in die Deckenleuchte.
Sie schwiegen und Scully suchte nach etwas, das sie Mulder sagen konnte. Sollte sie ihm einen Vorwurf machen? Sollte sie ihn unterstützen? Als seine Partnerin war sie anfangs dazu da gewesen, ihn zu kontrollieren und zu beobachten, doch daraus war mittlerweile etwas ganz Anderes geworden. Nun kämpfte sie mit ihm an seiner Seite und war dazu da, ihn auf dem rechten Weg entlang zu führen und ihm Halt zu geben. Aber sie fühlte sich seinem Weg so fern und wusste nicht, wie es für ihn weitergehen sollte.
Schließlich nahm er es ihr ab, die richtigen Worte zu finden. „Denkst Du, die schmeißen mich raus?“ fragte er sie leise mit einem Seitenblick, ohne dabei den Kopf von der Deckenleuchte abzuwenden.
„Nach Deinem Auftritt wäre das ehrlich gesagt kein Wunder, Mulder. Du hast denen da gerade praktisch den Entlassungsbrief diktiert. Was wolltest Du denn damit erreichen?“
Sie sah ihn mit ihrer gnadenlosen Ernsthaftigkeit offen an und wartete auf eine Antwort. Wenn sie das tat, wusste er immer, dass er ehrlich sein musste, es war einer dieser Blicke, die ihm von Anfang an bei ihr Angst gemacht hatten, weil ihre Augen dann so durchdringend und starr waren und direkt in ihn hinein zu sehen schienen.

„Ich weiß es nicht. Ich konnte in diesem Raum nur einfach nicht mehr sitzen und mir diesen Schwachsinn anhören.“ Er senkte seinen Blick zu ihr und sah sie hilfesuchend an. Sie drückte seine Hand, doch näher kam sie ihm nicht, sondern sah ihn fast strafend an, wie sie es auch schon früher immer getan hatte, wenn seine Impulsivität sie beide in Schwierigkeiten gebracht hatte.
Noch bevor sie einander wirklich sagen konnten, was sie vom anderen eigentlich verlangten, kam Skinner aus dem Konferenzraum und merkte, dass er sie offensichtlich störte, denn sie stoben erschrocken auseinander und zuckten beide fast unmerklich zusammen als sie ihn mit fragenden Gesichtern ansahen. Skinner kam ernst auf sie zu, sichtlich angespannt. „Agent Mulder, ich hoffe Sie wissen, dass ich und auch Director Kersh gerade versuchen da drinnen Ihren Arsch zu retten. Sie hätten uns allerdings gerne ein wenig helfen können, denn ich weiß ehrlich gesagt nicht, wofür wir gerade in diesem Raum zu kämpfen versuchen, wenn Sie offensichtlich überhaupt kein Interesse mehr daran haben beim FBI zu bleiben.“
Mulder sah gereizt zu ihm hinüber. „Sie langweilen mich.“
Skinner wurde wütend. „Mulder! Ich riskiere da gerade meinen Job für Sie und ich würde ihn im Gegensatz zu Ihnen gerne behalten, auch wenn ich mittlerweile dieselben Zweifel und Überzeugungen habe wie Sie. Aber verstehen Sie denn nicht, dass die noch immer Interesse daran haben Sie hier zu behalten? So lange Sie hier offiziell für die arbeiten sind Sie eine kontrollierbare Gefahr, bewegen Sie sich innerhalb der Legalität. Zumindest meistens. Die wollen überhaupt nicht, dass Sie zum Untergrundkämpfer werden. Und ich bezweifle ehrlich gesagt, dass Sie das wollen.“
Dabei sah er hilfesuchend zu Scully, die nach Mulders Hand griff und Skinner zunickte. Skinner wandte noch einmal an Mulder, bevor er sich umdrehte und wieder in den Konferenzraum ging.

„Gießen Sie nicht noch mehr Öl ins Feuer, zeigen Sie denen, dass Sie sich wie ein normaler Mensch verhalten können. Auch wenn das gegen Ihre Überzeugungen geht.“ Er hielt inne bevor er zu Ende sprach. „Sie ahnen gar nicht, wie viele Menschen hier gegen ihre Überzeugungen Dinge tun. Und die tun das alles, um das Netz aus Lügen und Dunkelheit immer dichter zu spinnen, während Sie für ehrliche Antworten kämpfen. Also geben Sie sich einen Ruck und flippen Sie einmal nicht aus, wenn Sie in diesen Raum zurückgerufen werden!“ Mulder zuckte mit den Schultern. „Und wofür? Nur um immer und immer wieder von denen als kompletter Idiot, als Paranoiker stigmatisiert zu werden? Um nach deren verlogenen Regeln zu spielen und kleine Brötchen zu backen? Wie kann ich das tun, nach allem, was ich gesehen habe, nach allem, was Sie gesehen haben? Diese Beweise sind doch da, die Menschen müssen nur aufgeweckt werden. Und jemand muss das tun. Ich kann das nicht, wenn ich hier weiterhin nach Ladendieben fahnden muss und für immer nach deren Pfeife tanze.“ Skinner schüttelte resigniert den Kopf. „Sie sind ein gnadenloser Idealist, Mulder. Aber die Menschen da draußen sind bequem. Es ist nicht ganz zwei Monate her und die Kirchen sind schon wieder so leer wie vor diesem – Ereignis. Die Menschen wollen belogen werden, weil die Wahrheit viel zu anstrengend ist. Und wenn es eine so allumfassende Wahrheit ist wie Sie glauben, dann wird sie sich ohnehin nicht aufhalten lassen. Wenn Sie das also schon Ihretwegen nicht einsehen, dann vielleicht für jemand anderen.“
Damit ließ er die beiden endgültig alleine im Flur zurück und warf Scully einen letzten Blick zu. Scully war ihm dankbar, er hatte all das gesagt, was sie ebenfalls empfunden hatte. Sie wusste, sie hatte nicht das Recht Mulder zu bitten bei ihr zu bleiben und seine Suche für sie und David aufzugeben. Aber genau das war es, was sie sich im tiefsten Inneren wünschte. Sie umfasste Mulders Arm von hinten als sie endlich die Worte gefunden hatte, die sie die ganze Zeit im Herzen mit sich herumgetragen hatte. Sie hatte endlich begriffen, was ihr kühler und von obrigkeitshörigen Richtlinien geprägter Verstand die ganze Zeit versucht hatte zu unterdrücken. Es kostete sie viel Überwindung und war so gegen ihre rationalen Überzeugungen, aber es kam aus dem tiefsten Inneren ihrer Seele.

„Mulder, Du weißt, ich werde Dir auf Deinem Weg folgen, egal wofür Du Dich entscheidest. Und wenn Du Deine Suche außerhalb dieser Mauern fortsetzen willst, dann werde ich Dir auch dabei helfen und wenn es bedeutet, dass wir all die Sicherheiten und Bequemlichkeiten aufgeben müssen, die unser Leben uns bietet. Ich glaube an dasselbe wie Du und ich will nicht, dass Du aufgibst und Dein inneres Licht sich im Dunkeln dieser Selbstlüge verliert. Ich liebe Dich genau für das, was Du da drin vorhin getan hast, für Deine kompromiss- und respektlose Ehrlichkeit und Impulsivität, für Deinen Gerechtigkeitssinn und Deine gnadenlose Moral." Sie verstummte und sah ihm in die traurigen Augen bevor sie zu Ende sprach. "Ich möchte diesen Menschen nicht verlieren.“

Mulder hatte sich immer schlechter und unwohler gefühlt, als er ihre Worte, die so klar und ehrlich durch die Luft in seine Ohren getragen worden waren, verstanden hatte. Sollte sie ihn wirklich so sehr lieben?
Sein Mund stand offen vor Sprachlosigkeit und Entsetzen über ihre Stärke und er wusste nicht wie er darauf reagieren sollte, denn es überforderte seine Seele und seinen Geist. Als er in ihre tiefblauen Augen sah, verstand er, dass er ihr das nicht antun konnte. Dass es überhaupt nur eine einzige Möglichkeit für ihn gab und er keine Wahl hatte. Wieso hatte er das vergessen? War er wirklich so egoistisch? Er schämte sich und hasste sich dafür, dass er bei seinem Anfall in dem Konferenzraum offensichtlich überhaupt nicht an sie gedacht hatte.
Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Es tat ihm leid.
Doch ehe er ihr das sagen konnte, kam Skinner wieder aus dem Konferenzraum hinaus und nickte Mulder zu.
Scully ließ von ihm ab und drehte sich weg, um zu den Aufzügen zu gehen, denn sie musste David abholen, ihre Mutter wartete schon seit einer Stunde auf sie.
Als die Aufzugtür sich schloss und Scullys und Mulders Blicke dadurch getrennt wurden, atmete sie laut die gesamte Spannung aus und sah zu ihren Füßen hinunter. Sie konnte Mulder seinen Egoismus überhaupt nicht vorwerfen. Sie waren beide Einzelgänger und sie wusste, es würde noch eine Weile dauern, ehe sie begriffen hatten, dass sie nun nicht mehr alleine gegen all die Alpträume in ihrem Leben kämpften.

 

Einen Monat später

Scully stand erstmals seit langer Zeit wieder vor einem vollen Hörsaal und genoss das erhabene Gefühl, dass alle Augen auf sie gerichtet waren und ihr mehr oder weniger zuhörten. Sie genoss die Aura der Autorität, die sie umgab und die Bestätigung, aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung von den jüngeren Kollegen respektiert zu werden. Doch in Gedanken war sie auch bei ihrem kleinen Sohn, den sie heute zum zweiten Mal in die Obhut ihrer Mutter gegeben hatte, was ihr so schwer gefallen war, dass sie noch einmal zurückgefahren war um ihm noch einen Kuss zu geben.
Außerdem würde sie heute mit Mulder und David noch zu seiner kinderärztlichen Untersuchung gehen. Immerhin wussten sie noch immer nicht, was es mit diesem Tumor und der Verdickung in Davids Nacken auf sich hatte. Sie und Mulder hatten sich endlich darauf geeinigt, dass sie wissen wollten, ob es für David irgendwelche Konsequenzen haben würde. Mulder war zunächst dagegen gewesen. Vermutlich, weil er selbst diesen Tumor in seinem Gehirn trug.
Sie merkte wie ihre Gedanken sie von ihrer Vorlesung ablenkten und sie unkonzentriert war, denn auch ihre Studenten schienen unkonzentriert zu werden.
Sie räusperte sich und nahm sich zusammen, sie hatte noch fünf Minuten Zeit den Leuten etwas über die sicheren Todeszeichen zu erklären und ratterte sie schnell herunter. „Der Rigor mortis beginnt innerhalb der ersten drei Stunden meist ausgehend vom Kiefergelenk und erreicht seinen Höhepunkt am ganzen Körper nach ca. 9 Stunden. Nach zwei Tagen...“
Sie hielt inne, als sie sah wie ein großer, schlanker Mann den Hörsaal betrat. Als sie erkannte, dass es Mulder war, spürte sie wie ihr Herz zu klopfen anfing und sie nervös wurde. Er hatte sie aus dem Konzept gebracht und als er sich frech grinsend und wie ein Idiot winkend in die letzte Reihe neben einen Studenten setzte, hatte er gewonnen. Sie unterdrückte ein strafendes Lächeln und wandte sich von den Studenten ab, um hinter ihrem Pult vor Mulders Blicken, die über ihren Körper wanderten, in Deckung zu gehen und ihre Vorlesung zu beenden. Sie stellte sich immer hinter ihr Pult, wenn sie unsicher wurde. Mulder wusste das und er genoss es sie mit seinem Erscheinen so verwirrt zu haben.
Als sie fortfuhr war ihre Stimme so laut und kühl, dass Mulder hörte, wie sich einige Studenten in den Reihen vor ihm anstupsten und sich irgendetwas über die „Ice Queen“ zuzischten. Er schmunzelte. Wenn sie wüssten, dass Dr. Dana Scully alles andere als eine Ice Queen war.

Doch auch das war nur einer ihrer Abwehrmechanismen und er wartete geduldig ab, bis sie den letzten Satz ihrer Ausführungen über die Totenstarre gesprochen hatte, um ihr dann brav zu applaudieren und sich entgegen den Studentenströmen, die alle zum Ausgang spazierten, zu ihr nach unten vorarbeitete.
„Hey, Dr. Scully. Geben Sie eigentlich auch Nachhilfestunden bei Versteifungen in ganz anderen Körperregionen?“
Er legte seine Hand um ihre Taille auf den weichen schwarzen Stoff ihres Blazers und zog sie an sich. Doch sie stieß ihn bestimmt und mit einem strengen Blick weg. „Mulder, meine Studenten sind noch nicht alle weg“, zischte sie ihn schroff an, als sich ihr einer der Studenten näherte und ihr noch eine Frage stellte, die sie ausführlich und Mulder vollkommen ignorierend beantwortete.
Als der Student sich bei ihr bedankt hatte und wie die anderen den Saal verlassen hatte, wackelte Mulder mit den Augenbrauen. „Dr.Scully, nicht, dass Sie mir mit einem Jüngeren durchbrennen.“ Dabei legte er den Arm um ihre Schulter und zog sie verliebt an sich. Sie wehrte sich noch immer ein wenig, weil es ihr nicht gefiel, wenn sie innerhalb des FBI's mit Mulder gesehen wurde.
Sie hasste Tratsch und noch mehr hasste sie es, wenn jemand sah, dass sie vielleicht überhaupt keine unnahbare Ice Queen war. Sie war stolz auf diesen Ruf, denn dadurch wagte niemand sich ihr zu nähern. Nur einer hatte es gewagt. Sie sah verliebt zu ihm auf und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
Er zog die Augenbraue wieder hoch. „Oh, Dr. Scully, sagt mir dieser Blick, dass Sie noch etwas mit mir vorhaben?“ „Ich habe lediglich daran gedacht, was ich einem Studenten, der so frech wie Du ist, antworten würde.“ Er lachte. „Als ob Du mir jemals eine Abfuhr erteilt hättest.“ „Als ob Du Dich jemals getraut hättest, mir Avancen zu machen“, kam prompt ihre Antwort und darauf fiel ihm nichts mehr ein außer sie verschmitzt anzugrinsen und etwas von „Ice Queen“ hinter ihr herzumurmeln.
Er gewöhnte sich langsam daran, dass sie ein Paar waren und es gefiel ihm von Tag zu Tag besser.
Dabei hätten sie das schon früher haben können, wenn es nach ihm gegangen war. Er hatte sie doch vom ersten Tag an umgarnt, wie er das immer getan hatte, wenn ihm eine Frau gefallen hatte. Nur sie hatte nicht angebissen und das hatte ihn umso mehr gereizt. Bis es irgendwann ein Spiel geworden war, ein Spiel, das so selbstverständlich geworden war, dass sie es überhaupt nicht mehr bemerkt hatten. Ihre Diskussionen und Streitereien waren oft Teil dieses Spiels gewesen und ohne dass sie es vor lauter Spielerei gemerkt hatten, hatten sie sich ineinander verliebt und aus Partnern war mehr geworden. Bis es sich verselbständigt hatte. Bis es durch all die gemeinsamen Erlebnisse zu Liebe geworden war.
Ihm war diese Tatsache erst bewusst geworden, als er aus dem Bermuda Dreieck zurückgekehrt war. Doch ihr Eispanzer hatte ihn wie üblich daran gehindert, dieses Gefühl greifbar zu machen und sich ihr vorsichtig auf der Suche nach dem Gegenstück in ihrem Herzen zu nähern.
Hatte sie es tatsächlich nicht gemerkt? Trotz all seiner Versuche? Trotz des Baseballunterrichts, der gemeinsamen Essen und Videoabende? Oder hatte sie es gemerkt und nur Angst davor gehabt?
Denn diese Liebe war mittlerweile so stark geworden, dass es ihm selbst manchmal unerträglich schien und ängstigte. Sie war so stark, dass selbst ihre körperliche Nähe nicht mehr ausreichte, dass er sie vollkommen absorbieren wollte und nicht von ihr lassen konnte, wenn sie zusammen waren. Aber die Blicke, die sie ihm zuwarf, schienen ihm zu signalisieren, dass es ihr ähnlich ging.
Und es ging ihr ähnlich. Während ihres Wegs zum Auto spürte sie immer wieder diese elektrisierenden Berührungen seiner Hand auf ihren Schultern und sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals so tief und so intensiv für jemanden empfunden zu haben. Es machte ihr angst, denn sie war es nicht gewohnt lediglich der eine Teil von einem Ganzen zu sein. Und sie wachte oft nachts neben ihm auf, mit dem Gefühl nicht atmen zu können, weil es sie so sehr überwältigte. Würde das wieder vergehen? Oder würde es noch stärker werden?
Sie wussten es beide nicht, doch sie genossen es trotz all der Ängste. Denn sie waren nicht mehr nur zwei Menschen, die miteinander einen Weg beschritten. Sie waren eins.

 

 

Zwei Stunden später

Dr. Young saß den beiden gegenüber und sah der besorgten Mutter, die ihr Kind schützend im Arm hielt in die Augen. Sein Blick sprang zwischen Mulder und Scully hin und her während er sprach. „Mr.und Mrs. Mulder, ich….“ Mulder unterbrach ihn. „Mr. Mulder und Ms. Scully, wir sind nicht verheiratet.“
Scully lächelte verlegen, sie fragte sich warum Mulder das unbedingt so betonen musste. Mulder hatte es betont, weil er eine Reaktion von ihr wollte, weil er sich langsam vortasten wollte, weil er ihre Beziehung endlich definieren wollte. Eine Sache, der sie nun schon über zwei Monate aus dem Weg gingen. Aber die Tatsache, dass sie ihren Sohn als David Jeremy Mulder beim Empfang der Klinik angemeldet hatte, hatte sein Herz einmal auf- und abhüpfen lassen.
Beide wurden in ihren Gedanken unterbrochen als Dr.Young fortfuhr. „Nun, Sie haben mich auf diesen Tumor angesprochen. Wir können natürlich bei so einem kleinen Kind wegen der Strahlendosis nicht mehr untersuchen als mit dem Ultraschallgerät. Aber so wie ich das sehe ist dieser Tumor, den man eindeutig bilateral auf dem Schallbild sehen kann, nicht symptomatisch. Er ist zwar da, genau wie die Verdickung in seinem Nacken. Doch Ihr Baby ist neurologisch absolut prächtig entwickelt. Er liegt sogar ein wenig über dem Durchschnitt. Aber ich rate Ihnen dringend davon ab sonst noch irgendetwas daran zu tun. Denn der Tumor ist seit der U1 Untersuchung weder gewachsen, noch hat David irgendwelche Ausfälle oder Krämpfe. Und eine Biopsie dieser Nackenverdickung können wir gerne einmal machen, wenn sie sich nicht spontan innerhalb des ersten Lebensjahres zurückbildet. Nur, wenn man bei solchen Sachen einmal anfängt, herumzumurksen bei so kleinen Kindern, dann geht das oft wesentlich schlimmer aus, als wenn man einfach erst einmal die ganze Sache beobachtet."
Scully war nicht gerade beruhigt, doch sie sah ein, dass Dr. Young Recht hatte und immerhin war der Arzt ihr noch aus ihrer Studienzeit als eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kinderneurologie bekannt. Sie vertraute ihm. Und das bedeutete viel, denn sie musste zugeben, dass sie in Bezug auf das Baby einen ausgeprägten Beschützerinstinkt entwickelt hatte und sie hatte noch keine einzige genetische Routineuntersuchung an David durchführen lassen, aus Angst, dass jemand herausfinden könnte, dass ihr Kind anders war.
Sie griff nach Mulders Hand und sie verließen gemeinsam die Praxis, mit denselben Zweifeln in ihren Köpfen wie zuvor.

Scully sah wie ihr Atem in der kühlen Januarluft beschlug. Die Welt war fast wieder so wie früher. Alle warteten gespannt auf den Frühling und darauf, ob die Vögel zurückkehren würden und ob die Pflanzen blühen würden. Noch ragten die Bäume ihre Äste jedoch tot in den Himmel, nur vom zarten weißen Schleier des letzten Schnees bedeckt. Und noch war es still in den Städten, ohne Vogelzwitschern.
Es wäre ein ganz gewöhnlicher Winter, wenn nicht alle in jener Nacht den Atem anhaltend vor ihre Häuser gelaufen waren und zu diesem gleißenden Licht emporgeblickt hätten, das sich über den Himmel erstreckt hatte. Wenn nicht alle gesehen hätten, was mit der Natur um sie herum geschehen war und wenn nicht so viele Menschen ihre Freunde und Verwandten an den schwarzen Krebs verloren hätten. Sie alle wussten es und hofften darauf, dass die Welt bald wieder in voller Blüte stehen würde und dieser stummen blau am Himmel leuchtenden Macht dort oben trotzen würde und ihre Schönheit offenbaren würde.

Als Scully David in seiner Wippe im Auto festgeschnallt hatte und sich neben Mulder auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, trafen sich ihre Blicke. Sie wussten, sie mussten darüber reden. Sie hatten es vermieden und waren sich schweigend einig gewesen, dass David ein Wunder war, aber dass sie es dabei belassen würden es zu akzeptieren.
Sie beide wussten die Wahrheit über das Wie und Warum, über den Grund, warum diese Invasion nicht stattgefunden hatte. Aber was sie beide bedrückte war weniger die Vergangenheit als die Zukunft.
Scully sprach es schließlich endlich laut aus, als hätten sie bereits tief in einer lautlosen Konversation gesteckt.
„Was, wenn er einmal krank wird?“
Mulder schwieg, er hatte genau dasselbe gedacht. Bisher hatte Scully sich um Davids Gesundheit gekümmert, doch sie wusste, es würde der Tag kommen, an dem ihre medizinischen Kenntnisse nicht ausreichen würden, dann würden sie zu einem Arzt gehen müssen.
Scully fuhr fort.
„Was, wenn eines Tages herauskommt, dass er anders ist? Seine gesamte Molekularbiologie ist anders als die anderer Menschen. Er ist ein Knick in der Evolution, der Beginn eines neuen Zweigs. Er wird irgendwann auf uns zukommen und uns fragen, warum er anders ist. Was, wenn er niemals Kinder bekommen kann? Was, wenn er Medikamente anders verstoffwechselt? Wenn er auf bestimmte Dinge anders reagiert? Was, wenn er andere Krankheiten hat, als andere Kinder? Und wenn dieses Ding in seinem Gehirn irgendwann einmal beginnt sich zu verändern?“ Die Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus und ihre Augen blitzten aufgeregt.
Mulder schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Dana. Ich mache mir darüber genau die gleichen Gedanken. Aber siehst Du jetzt, warum ich nicht aufhören kann weiter zu suchen? Denn ich suche da draußen nach Antworten auf genau diese Fragen. Was, wenn David nicht der Einzige ist?“
Scully runzelte die Stirn, auf diese Idee war sie noch überhaupt nicht gekommen und es schien ihr sehr unwahrscheinlich, dass das möglich war.
„Mulder, David war das Produkt von Millionen kleinen Zufällen. Es ist wahrscheinlicher, dass man eine Nadel im Heuhaufen findet, als noch ein anderes Kind, das genau wie David ist.“
Mulder zuckte mit den Schultern und ließ den Wagen an.
„Jede Befruchtung ist doch das Produkt von Millionen von Zufällen. Nur in diesem Fall waren es eben andere Zufälle, die zu diesem Wunder geführt haben.“ Als sie das Gelände verließen und auf die Hauptstraße in Richtung Scullys’ Wohnung fuhren, beschloss er, dass er seine Suche fortführen musste. Und das intensiver als je zuvor.

Als sie abends im Bett lagen und David eingeschlafen war, kroch Mulder von hinten an Scully heran, die auf der Seite lag und aus dem Fenster zum Mond aufsah. Sie dachte nach.
Mulder war seit Davids Geburt keine Nacht ferngeblieben. Er wohnte praktisch bei ihr und sie spürte wie dieses Gefühl, sie würde an seiner Nähe ersticken, immer größer würde. Es war nicht so, dass sie ihn nicht in ihrer Nähe haben wollte, im Gegenteil. Wenn er fort war, verzehrte sich jede Zelle ihres Körpers nach ihm, während ihre Seele sich unvollständig und unruhig fühlte und sie erst dann wieder komplett war, wenn er abends von seinem Job in der Profiler-Abteilung des FBI heimkam und sie David bei ihrer Mutter abholen konnten. Aber genauso wenig, wie sie ohne ihn sein konnte, konnte sie diese Nähe ertragen.

Es war zu stark für sie und absorbierte sie vollkommen, so als würde ihre körperliche Hülle nicht ausreichen um diese Liebe in sich zu tragen.
Sie drehte sich zu ihm um, nachdem er ihre Schulter mit seinen zarten Küssen überhäuft hatte und ließ sich von ihm auf ihre Lippen küssen, während sie ihre Arme um seinen Hals schlang.
Die Körperlichkeit war nahezu die einzige Möglichkeit, diese Spannung zwischen ihnen zu lösen. Die Tiefe ihrer Gefühle war einfach zu groß und sie wusste nicht, wie lange es noch gut gehen würde und sie wusste nicht, wie es dann weitergehen sollte.
Sie konnte nicht mit ihm und nicht ohne ihn sein.

Als seine Küsse auf ihrer Haut immer leidenschaftlicher brannten, kam in ihr plötzlich wieder die Angst auf, die sie auch schon damals verspürt hatte, als sie nach seiner Rückkehr von den Kornkreisen in England auf seiner Couch eingeschlafen war und es beinahe in seinem Schlafzimmer passiert wäre. Die Gewalt dieser Welle, die durch ihren Körper fuhr hatte ihr damals schon den Atem geraubt und sie hatte in letzter Minute den Notschalter gefunden und tat es auch jetzt als sie fühlte, wie ihr schwindelig wurde und die Luft vor ihren Augen flimmerte.
„Halt!“ rief sie in die Stille zwischen ihnen hinein und legte ihm ihre Finger auf die Lippen. Er sah sie verwundert und besorgt an. „Ich kann nicht“, hauchte sie vollkommen verdattert über ihr eigenes Handeln in die Luft und stand hastig auf um David, der zur selben Zeit wie jede Nacht hungrig wach geworden war, aus seinem Bett zu holen und in die Küche mitzunehmen, um ihn zu füttern.
Mulder setzte sich auf und sah ihr besorgt nach. Hatte sie dasselbe gefühlt wie er? Hatte sie Angst bekommen vor der Kraft, die zwischen ihnen, immer wenn sie sich näher kamen, die Luft elektrisierte und die Fenster leise zum Vibrieren brachte?
Er bekam jedes Mal selbst Angst, doch bisher war es ihm immer gelungen sich davon abzulenken, wenn er mit ihr geschlafen hatte. Er legte sich zurück und schloss die Augen. Sie zuckte in letzter Zeit immer häufiger unter seinen Berührungen zusammen. Entfremdeten sie sich? Oder waren sie immer noch im Begriff einander zu nähern? Er seufzte laut und dachte wie einfach es gewesen war, als sie diese Gefühle noch unterdrückt hatten.
Wie einfach und wie leer.

 

Zwei Monate später, 19.42 Uhr

Mulder saß vor dem Computer seines Schreibtisches und winkte dem letzten Agenten, der nach Hause ging, noch gleichgültig zu, ohne von seinem Bildschirm aufzusehen. Er war mit seinem Job gar nicht so unzufrieden, denn nachdem man ihn anfangs noch durchgehend belächelt hatte, so hatten die Agenten binnen kürzester Zeit gemerkt, dass er ihnen auf diesem Gebiet haushoch überlegen war und seine Profile bisher jede Ermittlung nahezu rekordartig beschleunigt hatten. Es machte ihm Spaß, wenn es auch keine besondere Herausforderung war.
Was ihn jedoch herausforderte, waren die neuesten Informationen, die die Lone Gunmen ihm über das Intranet des FBI-Computers über einen gewitzten Hacker-Trick immer auf seinen Bildschirm luden. Mulders Appartment, in dem er bereits seit Monaten nicht mehr wohnte, war nun zu einer Art Lager verkommen, in dem Mulder sämtliche Hinweise auf andere Fälle wie ihren eigenen gestapelt und mehr oder weniger sortiert hatte. Er und die Schützen arbeiteten fieberhaft an allem, was sie finden konnten. Es hatte nach dem Chaos rundum Davids Geburt eine Menge Sicherheitslecks in sämtlichen Informationsquellen und offiziellen Institutionen gegeben und sie würden lange brauchen die Zusammenhänge zwischen all den Dingen, die offenbar in dieser Zeit geschehen waren, herauszufinden.
Doch es war für ihn und die Schützen mehr zu einem Hobby geworden als zu einem Kreuzzug. Mulder verstand jetzt, dass die Regierung nicht sein größter Feind war, da sie genau so im Dunkeln tappten bezüglich des blauen Lichts am Himmel. So lange das Licht aber stumm in derselben Position verharrte, wussten sie wenigstens, wo die Bedrohung saß. Zumindest die außerirdische. Über die irdischen Bedrohungen versuchten sie sich jetzt Klarheit zu verschaffen, wenngleich sie auch angesichts dieser Macht dort draußen im All an Bedeutung verloren hatten.
Mulder sprang aufgeregt auf, als er endlich die Datei mit den medizinischen Dokumenten heruntergeladen hatte, die ihm die Schützen mit drei Ausrufezeichen in der Betreffzeile zugeschickt hatten. Die Dokumente waren aus einem tasmanischen Krankenhaus entfernt worden und enthielten laut Langley endlich Hinweise, mit denen sie etwas anfangen konnten.
Als Mulder die Datei nervös öffnete, fiel sein Blick auf einen Laborausdruck der Blutergebnisse einer 33 – jährigen Frau namens Hannah Robinson. Er hätte beinahe laut aufgeschrien als er etwas darauf sah, dass ihm sehr bekannt vorkam. Er klickte sich durch die restlichen medizinischen Daten, doch abgesehen von der Patientenvorgeschichte, die ihn sehr an Scullys medizinische Akte erinnerte, enthielt die Datei kaum Informationen.
Aber das reichte. Es war die erste richtige Spur, das fühlte er einfach.
Er packte die Daten auf seinen USB-Stick und fuhr so schnell er konnte zu Scully nach Hause. Auf dem Heimweg hielt er beim Chinesen an um etwas zu Essen mitzunehmen, da er wusste wie sehr sie es hasste, unter der Woche nach der Arbeit noch kochen zu müssen.

Sie stand in der Küche und wischte gerade David, der im Strampelanzug auf ihrem Arm hing und strahlte, als sein Daddy zur Tür hereinkam, den Brei vom Mund. Als sie Mulder hereinkommen sah, lächelte sie und versuchte das aufgeregte Herzklopfen zu ignorieren, das seine Ankunft bei ihr auslöste. Sie sah auf die Tüten mit dem Essen in seinen Händen.
„Mulder, Du bist mir unheimlich und langsam glaube ich wirklich, dass Du Gedanken lesen kannst.“ Er nickte geheimnisvoll und nahm ihr David ab um ihn ins Bett zu bringen. Sie war ihm dankbar dafür und wischte sich die Reste von Davids Essen von ihrer Bluse, um sich dann daran zu machen das chinesische Essen auszupacken.

Als sie auf ihrer Couch mit der Peking-Ente fertig waren und erschöpft vom Tag auf den schwarzen Bildschirm des ausgeschalteten Fernsehers starrten, hielt Mulder den Augenblick für günstig. Als sie nach dem mitgelieferten Glückskeks griff und schweigend an seiner Plastikverpackung herumfummelte, holte Mulder tief Luft und hielt ihr den USB-Stick vor die Nase. Sie zog den Kopf zurück und runzelte die Stirn.
„Was ist das?“
„Ein USB-Stick. Darauf speichert man neuerdings Daten.“
Scully sah ihn strafend an. Er lächelte entschuldigend.
„Das hier sind die medizinischen Dokumente von Hannah Robinson.“
Sie hob die Augenbrauen und sah auffordernd zu ihm hinauf. Ein wenig mehr Informationen würde sie schon brauchen um seine Begeisterung teilen zu können.
„Hannah Robinson ist eine 33-jährige verheiratete Frau, die in Tasmanien vor genau 8 Jahren für einen Monat spurlos verschwunden war. Als sie aus dem Nichts wieder aufgetaucht ist, lag sie im Koma, für drei Wochen! Alles, was über dieses Koma in ihren medizinischen Akten steht ist, dass es aufgrund einer idiopathischen Stoffwechselanomalie aufgetreten war. Und Du hast mir selbst erklärt, dass idiopathisch nichts anderes bedeutet, als dass die Ärzte überhaupt keine Ahnung haben, was passiert ist.“
Er war aufgeregt und Scully mochte es nicht, wenn er so war, denn sie wusste, dann hatte er immer irgendwelche irrationalen Dummheiten vor. Ihr skeptischer Blick entging ihm jedoch vollkommen, als er fortfuhr und seinen Laptop aufklappte, um ihr die Daten selbst zu zeigen.
„Diese Frau ist jetzt im 7. Monat schwanger und ist seit vier Monaten in medizinischer Behandlung wegen ihrer Anämie. Anämie, Dana! Klingelts da nicht bei Dir?“
Er klickte sich durch die Daten und öffnete die Laborergebnisse vor ihren Augen. Sie konzentrierte sich ruhig auf den Bildschirm und versuchte Mulders Unruhe und Begeisterung durch ihre eigene Gelassenheit ein wenig abzufangen und auszugleichen. Ihr Blick wanderte skeptisch über die Blutwerte und medizinischen Unterlagen. „Ihr Eisen ist hoch. Und dennoch hat sie Anämie. Hm. Das sagt doch aber gar nichts. Sie könnte eine Eisenverwertungsstörung haben.“
Mulder rollte mit den Augen. „Jetzt sei doch mal realistisch, Dana. Bei der Vorgeschichte?“
Scully lachte auf und sah ihn an. „Realistisch? Mulder, was ist daran realistisch, lediglich aufgrund einiger Parallelen in unserer Vorgeschichte direkt darauf zu schließen, dass mit dieser Frau das gleiche geschieht wie mit mir? Es gibt etliche andere Erklärungen dafür.“
„Und was ist mit der künstlichen Befruchtung? Die Frau ist durch künstliche Befruchtung schwanger geworden. Klingelts da auch nicht?“ Scully schüttelte den Kopf ungeduldig.
„Nein. Weil ich mich nicht in eine unsinnige Hoffnung hineinsteigern will. Künstliche Befruchtung ist heutzutage kein Kolibri mehr, es gibt zahlreiche Paare, die ihren Kinderwunsch so erfüllt bekommen." Sie ließ sich ein wenig genervt gegen die Rückenlehne des Sofas fallen und sah ihn resigniert an."Mulder, warum siehst Du nicht endlich ein, dass so etwas nicht zweimal passiert?“
Mulder sprang vom Sofa auf und starrte aufgebracht zu ihr hinunter. „Warum siehst DU nicht endlich ein, dass ich das nicht akzeptieren kann? Dass es mich wahnsinnig macht, nicht zu wissen, was wir tun sollen, wenn irgendwann einmal etwas mit David passiert und ihm die Medizin nicht helfen kann? Was macht das Ganze überhaupt für einen Sinn, wenn David der Einzige ist? War das dann nur eine Einbahnstraße der Evolution?“
Scully warf ihren Glückskeks wütend auf den Tisch vor ihnen, dass er zerbrach und stand auf.
„Ich weiß es ja auch nicht!“ antwortete sie ihm fast schreiend und merkte noch, wie sie mitten in ihrem Schrei wieder ruhiger wurde und bereute so ausgeflippt zu sein. Aber sie hatten diese Diskussion schon so oft geführt und Mulder hatte bisher unzählige Dokumente angeschleppt, mit irgendwelchen Namen, medizinischen Akten und jedes Mal war es eine falsche Fährte gewesen. Jedes Mal enttäuschte es sie, dass sie alleine waren und diese Ungewissheit über das Schicksal ihres Kindes machte sie ebenso verrückt wie Mulder.
Sie drehte sich von ihm weg zu dem zerbrochenen Glückskeks und sammelte die Krümel auf, die sich über die Tastatur des Laptops verteilt hatten, während sie wieder gefasster weitersprach.
„Ich will, dass Du damit aufhörst, danach zu suchen. Wir müssen akzeptieren lernen, dass wir damit alleine sind. Ich will nicht, dass das jetzt immer so weitergeht. Ich will, dass David eine ganz normale Kindheit hat.“
Sie schwieg und bemühte sich, sich wieder zu beruhigen, weil ihr aufgefallen war wie sehr sie Mulder mit ihrer Wut erschreckt hatte. Das war er nicht von ihr gewohnt und offensichtlich konnte er es noch immer nicht verstehen.
Ihr Blick fiel auf den kleinen Zettel, der aus dem Glückskeks gefallen war. Sie musste fast ein Lächeln unterdrücken und schüttelte den Kopf. „Ich möchte einmal einen Zettel in einem Glückskeks finden, der hilfreicher ist als das hier.“
Sie hielt ihm das Sprüchlein hin und Mulder las es und verstand, warum sie gelächelt hatte. „Hören Sie auf Ihren Freund, er kann Ihnen vielleicht die Augen öffnen.“
Er hielt den Zettel mit einem triumphierenden Grinsen hoch und lief ihr in die Küche nach, wo sie anfing, aufzuräumen. „Siehst Du? Die Wahrheit ist auf meiner Seite.“
Sie hielt inne und ließ ihre Hand, die den Küchentisch von Davids Brei säuberte, einen Moment ruhen.
„Mulder, ich meine es Ernst. Ich will endlich ein normales Leben führen. Es ist alles schon kompliziert genug. Auch ohne diese ständige Suche nach anderen Menschen mit denselben Problemen.“
Er verstand nicht und sah sie an. „Was meinst Du mit kompliziert?“
Ihr ernster Blick traf sein Herz, das plötzlich aufgeregt schneller schlug. Es ging hier gar nicht nur um David, es ging um viel mehr, das war ihm plötzlich auch klar. Fast traute er sich nicht weiterzufragen und seine Stimme klang traurig. „Bist Du denn nicht glücklich?“
Sie sah nach unten auf den Lappen in ihren Händen und legte ihn anschließend beiseite um ihm wieder fest in die Augen zu sehen. „Das ist es nicht und das weißt Du auch.“
Sie wandte ihren Blick wieder zur Seite und stützte die Hände resigniert in die Hüften, während sie fühlte wie ihr nach langer Zeit zum ersten Mal wieder Tränen in die Augen stiegen.
Mulder spürte einen Stich in seiner Brust. Er wusste, was sie meinte.
Sie ertrug diese Spannung nicht mehr, er merkte es ihr seit Wochen an, wie sie ihm immer wieder unter seinen Berührungen entglitt und zusammenzuckte.
„Du hast Angst, nicht wahr?“ Als hätte er sie bei etwas Verbotenem ertappt sah sie überrascht zu ihm auf und nickte kaum sichtbar. Warum wusste er immer genau, was in ihr vorging?
Er wusste es, weil er dieselbe Angst hatte. Sie mussten es sich eingestehen. Ihre Liebe überforderte sie. Sie überstieg ihre körperlichen und seelischen Fähigkeiten, damit umzugehen und machte einen normalen Alltag fast unmöglich, weil sie viel zu intensiv und bedingungslos war.
Sie hatte viel besser in diese intensive X-Akten – Welt gepasst, in der fast jeder Tag ein Abenteuer gewesen war, in denen sie regelmäßig ihr Leben auf der Suche nach etwas Großem riskiert hatten. Und in der überhaupt kein Platz für mehr als eine Partnerschaft gewesen war, in der diese Liebe sich gar nie richtig entfaltet hatte.
Doch jetzt, wo die Welt um sie herum bis auf das blaue Licht am Himmel wieder normal war, war diese Liebe das einzig Phantastische und Überirdische, was von diesem unfassbaren Ereignis übrig geblieben war. Sie war so intensiv, dass sie all den Raum, den die X-Akten in ihrem Leben hinterlassen hatten, vollkommen auffraß.
Aber was war die Alternative?
Er seufzte. „Vielleicht ist es heute Nacht keine so gute Idee, wenn ich hier bleibe. Ich glaube ein wenig Abstand täte uns gut.“ Er klang enttäuscht und müde und sie wusste, dass er der Situation nur entfliehen wollte, weil er keine Antworten wusste. Und bevor sie ansetzen konnte, um ihn aufzuhalten, war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen und sie stand alleine in der Küche und schloss unglücklich die Augen, in der Hoffnung es wäre nur ein Alptraum gewesen. Doch als sie sie wieder öffnete und dabei merkte, wie ihr eine Träne in den Wimpern hing, war sie noch immer allein.

 

Diese Nacht wurde die schlimmste ihres Lebens. Während er stundenlang wachlag und gedankenverloren alte Filme im Spätprogramm ansah, wälzte sie sich unruhig in ihrem halbleeren Bett umher und dachte nach. Als sie morgens vollkommen erschöpft und fertig mit den Nerven zur Arbeit fuhren, hatten sie jedoch keine neue Erkenntnis gewonnen.
Ihre Liebe war unausweichlich und hatte sich sieben Jahre lang in aller Ruhe zu dem entwickelt, was sie heute war. Aus ihr war David entstanden und diese unfassbare Kraft, die sie so unendlich stark verband und alles um sie herum unwichtig werden ließ.
Sie mussten lernen, dies als Segen und nicht als Fluch zu betrachten. Sie mussten lernen, sich diesem Gefühl hinzugeben und sich vollkommen davon einnehmen zu lassen.
Sie mussten akzeptieren, dass sie davon überwältigt wurden und die Kontrolle verloren, dass ihre Seelen nur in Verbindung existieren konnten und dass ihr Leben niemals einfach und normal sein würde. Diese Liebe war die Antwort auf die eine Wahrheit, die sie beide gesucht hatten und nun mussten sie mit ihr zurechtkommen.

Am nächsten Tag, 20.19 Uhr

Margaret hatte verstanden, dass Mulder und Scully einmal einen Abend nur füreinander brauchten und so schwer es Scully gefallen war ihr kleines Baby für eine ganze Nacht wegzugeben, so sehr wusste sie auch wie wichtig es war. Sie seufzte bei dem Gedanken an dieses Kind, das ihr so viel bedeutete, und das sie über alles liebte, als sie den Wagen vor Mulders Appartment zum Stehen kommen ließ und mit Herzklopfen ausstieg.
Sie lief im dunkelblauen Licht der Abenddämmerung in das Gebäude hinein, fuhr mit dem Aufzug hoch und ging mit festen Schritten den Flur entlang um vor der 42 stehen zu bleiben und noch einmal tief durchzuatmen.
Sie musste sich ihren Gefühlen stellen, denn sie hatten sich dazu entschieden, sie zuzulassen und nun mussten sie auch die Stärke entwickeln dem standzuhalten. Sie wusste, ohne ihn konnte sie nicht weitermachen, also war das hier der einzige Weg.
Sie senkte den Kopf und fummelte an ihrem Schlüsselbund herum, als die Tür plötzlich vor ihr aufgerissen wurde und sie erschrocken einen leichten Satz nach hinten machte.
Als ihre Blicke sich überrascht trafen, war es um sie geschehen. Sie fielen einander ohne Worte mit stürmisch in die Arme und küssten sich als wäre es das erste Mal.
Sie ignorierten, dass ihnen dabei der Boden unter den Füßen weggerissen wurde und die Lichter um sie herum ausgingen, sie fühlten nur noch den Atem des anderen auf ihrer Haut und die gegenseitigen Berührungen. Sie ließen sich von der gebündelten Energie in ihren Herzen überwältigen und fielen taumelnd auf seine Couch, wo sie sich vollkommen von der Umgebung loslösten und sich mitreißen ließen von der tobenden Kraft, die ihnen solche Angst gemacht hatte, während das Wasser im Aquarium leicht vibrierte und die Luft leise knisterte.
Sie schwebten körperlos durch den Raum und schienen nur noch aus diesem einen Gefühl zu existieren, das ihre Körper warm und leuchtend durchströmte und ihnen die Sinne betäubte und sie miteinander verschmolzen, wie ihre Seelen es schon längst getan hatten.

Eine Stunde später


Es war dunkel und still, denn noch immer war kein Vogel in den Lüften oder auf den Bäumen gesehen worden. Scully fühlte Mulders Atem an ihrer Schulter und genoss die Stille. Ihre Angst war verflogen und sie fühlte sich glücklich, seine Finger streichelten leicht ihren Oberarm und sie musste lächeln, weil es sie kitzelte. Er schlang seine Arme um sie und drückte sie fest an sich. Schließlich gab sie es vor sich selbst zu und begriff, sie musste sich eben daran gewöhnen, einmal in ihrem Leben nicht alles unter Kontrolle zu haben. Leise flüsterte sie in die Stille hinein: „Ich liebe Dich.“
Seine Antwort darauf war ein zärtlicher weicher Kuss auf ihre Wange und ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht ehe sie beide erschöpft einschliefen und die Luft sich um sie herum entspannte und die Energie in unsichtbaren Funken über ihnen im Nichts verpuffte.

 

Vier Wochen später in Quantico

Scully sah alle fünf Minuten auf die Uhr und konnte sich kaum auf ihre Vorlesung konzentrieren. Das ging schon seit zwei Wochen so und sie sah ihren Studenten an, dass es ihnen ebenso auf die Nerven ging wie ihr. Doch sie biss sich jedes Mal durch und versuchte sich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen.
David ließ ihr und Mulder seit zwei Wochen nachts keine Ruhe mehr, sie hatte kaum geschlafen, weil er fast jede Nacht durchweinte. Nach zwei Tagen war sie morgens zum Arzt mit ihm gegangen, doch Dr. Young hatte mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nichts herausfinden können. Scully hatte befürchtet, dass Davids Hirnanomalie ihm vielleicht Schmerzen bereitete, doch die Schmerzmittel wirkten überhaupt nicht. Sie wusste sich keinen Rat mehr.
Es war das eingetreten, wovor sie und Mulder sich so gefürchtet hatten, denn ihr Baby brauchte Hilfe, die ihm keiner geben konnte und das brachte sie fast um den Verstand. Ihr Herz brach jedes Mal, wenn sein verzweifeltes Weinen durch das Schlafzimmer hallte. Mulder nahm es genauso mit und nur weil sie die Sache zusammen durchstehen konnten, hatte sie es überhaupt bis jetzt ausgehalten. Sie sah wieder auf die Uhr, denn sie würde Mulder im FBI abholen und dann direkt zu ihrer Mom fahren um den Kleinen wieder abzuholen.

Zur selben Zeit im FBI Hauptgebäude

Der Kaffee schmeckte langweilig und bitter und es fiel Mulder schwer, ihn nicht direkt wieder auszuspeien. Es war der fünfte innerhalb von zwei Stunden und sein Kopf dröhnte.
David war um fünf Uhr morgens erst erschöpft auf seiner Schulter hängend eingeschlafen und er wusste nicht, wie Scully es schaffte noch immer so fit zu bleiben, während er wie ein Untoter durch die Gegend wandelte und kaum noch etwas von seinem Umfeld mitbekam.
Er beendete gerade seinen Abschlussbericht über einen Serientäter als ihn eine kleine Notiz auf seinem Bildschirm darüber informierte, dass er Mail bekommen hatte. Weil sie nur von den Lone Gunmen oder von Scully kommen konnte, klickte er sofort darauf um zu lesen, dass die Drei sich mit ihm treffen wollten. Sofort, wie sie schrieben. Er sah auf die Uhr. Scully würde in einer Stunde da sein, er hoffte, er würde es bis dahin schaffen und schlich sich früher als sonst aus dem Büro, um sich wie in der Mail angegeben am Skulpturgarten an der Mall mit den Dreien zu treffen. Dabei hatte er Scully versprochen diese Suche nach anderen Paaren mit derselben Geschichte aufzugeben. Aber vielleicht sah sie es jetzt, wo es David schlecht ging, ja anders.

 

Als Scully mit ihm eine Stunde später zu ihrer Mom fuhr, knetete er nachdenklich seine Unterlippe und sie sah immer wieder irritiert zu ihm hinüber. Sie wusste, dass ihn etwas beschäftigte, doch er wollte ihr nicht sagen, was es war. Sie hatte den Umschlag in seinen Händen bemerkt und fragte sich, was darin war. Erst als sie vor dem Haus ihrer Mom aus dem Auto stiegen, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie rannte hinter ihm her und hielt ihn von hinten am Arm fest, damit er nicht schon zur Haustüre hinauflief.
„Mulder, was ist eigentlich los? Warum sagst Du mir nicht, was Dich beschäftigt?“ „Nicht jetzt, Dana, ich muss noch darüber nachdenken“, wehrte er abweisend ab und sie gingen schweigend zum Haus während Scully ihm finstere Blicke zuwarf.

Erst in den frühen Morgenstunden, als David einmal mehr auf Mulders Arm nach stundenlangem Weinen eingeschlafen war und sie erschöpft nebeneinander lagen und auf das blaue flackernde Licht in der Ferne am Himmel starrten, begann Mulder endlich darüber zu reden, was ihn den ganzen Abend beschäftigt hatte.
„Es hat etwas damit zu tun“, begann er und nickte in die Richtung des Lichts vor dem Fenster, als würde er voraussetzen, dass Scully seine Gedanken gelesen hatte.
Sie wusste, dass er von dem blauen Licht sprach, denn es schien in den letzten Wochen heller und unruhiger geworden zu sein. Allerdings nur so schwach, dass man es nur bemerkte, wenn man wie sie jede Nacht dort hinaufsah, was sie seit Davids Geburt taten. Die meisten Menschen um sie herum hatten es als den kleinen ungefährlichen Asteroiden akzeptiert, zu dem es die Medien offiziell mithilfe der NASA und der ESA erklärt hatten. Wie lange die Menschen diese Lüge glauben würden, war ihnen nicht klar, denn irgendwann verschwand jeder Asteroid und Mulder und Scully überkam die unheimliche Ahnung, dass dieses Leuchten nicht so bald verschwinden würde.
Als sie Mulders Worte hörte, stockte ihr der Atem und sie stutzte.
„Was hast Du herausgefunden?“
„Die drei Schützen haben sich mit mir getroffen und sie haben mir irgendetwas von einer versauten Gen-Mais-Ernte in Tasmanien erzählt.“ Scully hob die Augenbrauen. „Was?“
Mulder grinste, so ähnlich hatte er Langley auch angesehen, als er ihm das erzählt hatte.
„Ein Farmer hat dort die Firma verklagt, die seinen Mais genetisch manipuliert hatte um die Erträge zu erhöhen, weil er in diesem Jahr nichts als vertrocknete, kümmerliche Stängel auf seinem Feld vorgefunden hatte. Das alleine ist jetzt nicht so spannend, ich weiß. Aber Byers hat mir noch etwas Anderes gezeigt.“
Scully setzte sich auf. „Mulder, wenn diese Geschichte mich morgens um vier Uhr wach halten soll, dann solltest Du jetzt ne ziemlich ausgefallene Pointe parat haben.“
Damit stand er leise auf und schaltete in der Küche das Licht ein. Sie folgte ihm widerwillig und setzte sich mit einem knatschigen lustlosen Blick an den Tisch. Er breitete zwei Dokumente vor ihr aus und drei Satellitenphotos und sah sie aufgeregt an.
Sie nahm sich eine Sekunde, merkte, dass sie zu müde war, um klar denken zu können und sah auffordernd zu Mulder hinauf. „Kornkreise, Mulder? Für Kornkreise hältst Du mich wach?“
„Nein, nein. Die Kornkreise sind in den letzten Wochen in regelmäßigen Abständen dort von dem Farmer gemeldet worden. Aber sieh Dir die DNA-Analysen der Gentechnologie-Firma an, die in dieser Zeit den Mais immer wieder kontrolliert hat.“
Scullys Blick wanderte widerwillig zurück zu den Dokumenten und sie merkte, wie langsam aber sicher ihr Gehirn wieder wach wurde und wie ein versandetes Zahnradwerk holpernd und schwerfällig zu arbeiten begann. „Mh, einige Genabschnitte sind offenbar in der Zeit vor dem Auftreten der Kornkreise bis zum letzten Untersuchungstermin aktiviert worden. Genaugenommen alle Genabschnitte. Und das obwohl die Firma überhaupt keine Veränderungen mehr an dem Mais vorgenommen hat, denn das hier sind nur Kontrollen. Mulder?“
Sie hatte einen Verdacht und der jagte ihr angst ein. Denn sie meinte, sich daran erinnern zu können, dass die Blätter an den Bäumen nach dem schwarzen Regen ein ähnliches Genaktivitätsmuster aufgewiesen hatten. Chuck und sie hatten es selbst untersucht und je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie sich, dass das hier dasselbe war. Mulder merkte, dass sie langsam begriff, worauf er hinauswollte und nickte zufrieden.
„Ja, aber Mulder, das könnte theoretisch auch eine Spätfolge dieses schwarzen Regens sein, wieso ist das gerade jetzt so bedeutend?“ Darauf hatte er gewartet.
„Weil ich nach meinen eigenen Nachforschungen noch das hier herausgefunden habe.“
Und er zog eine Liste aus dem Umschlag. „Das sind Protokolle. Aus einem Elektrizitätswerk in der Nähe von Launceston, Nordtasmanien, also ganz in der Nähe dieser Mais-Farm.“
Sie überflog das Papier, um einen Überblick zu bekommen, doch sie gab auf, als die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen und sie merkte wie die Müdigkeit sie wieder überfiel. Er half ihr.
„Das sind Stromausfälle der letzten zwei Wochen. Und sie häufen sich. Und sie folgen einem Muster. Sieh mal.“
Er holte einen Ausdruck einer Region in Tasmanien aus seinem Aktenkoffer und faltete ihn vor ihr auseinander.
„Das hier ist die Gegend rund um Launceston. Hier war der erste große Stromausfall. Und hier, siehst Du? Es bildet einen Kreis, einen Kreis, der sich immer mehr auf ein Zentrum zu bewegt.“
Scully folgte seinem Finger über die Karte. „Lass mich raten, Du hast irgendwas in diesem Zentrum gefunden, nicht wahr?“
„Nein, nicht irgendwas. Ich habe Hannah Robinson in diesem Zentrum gefunden.“
Scullys Müdigkeit war wie weggeblasen und ihre Augen weiteten sich. „Was? Dort wohnt sie?“
Mulder nickte. „Sie wohnt zwischen Scottsdale und Launceston in einem kleinen Städtchen namens Nunamara.“
Scully atmete tief durch und lehnte sich zurück, den Kopf müde in die Hand gestützt.
„Gut, also irgendwas scheint Deiner Meinung nach dort unten vor sich zu gehen, aber was hast Du vor?“
„Ich glaube, dass Hannah ihr Kind bekommt. Und ich bin ziemlich sicher, dass mein Riecher vor einigen Wochen nicht verkehrt war und dieses Kind doch nicht so unbedeutend und normal ist wie Du dachtest. Das wären wirklich ein paar Zufälle zu viel, meinst Du nicht auch?“
So müde Scully war, sie musste ihm wohl oder übel Recht geben, dass in der Tat etwas daran nicht stimmte.
Mulder hatte den Gedanken längst noch weiter gedacht. „Es geht wieder los, Dana. Und vielleicht ist das der Grund, warum David seit zwei Wochen so viel weint.Weil er es spürt.“
Scully hob skeptisch die Augenbraue in die Höhe, seine Worte hatten ihr angst gemacht und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. „Das ist doch vollkommen verrückt, wieso sollte das da unten in irgendeiner Form Einfluss auf David nehmen können? Und wieso bist Du Dir so sicher, dass das wirklich etwas Ernstes ist?“
Er zuckte mit den Schultern. „Weil es zusammenpasst. Es ergibt einen Sinn. Davids Weinen, die Stromausfälle, die genetischen Veränderungen in der Natur, die Vorgeschichte von Hannah Robinson, ihre Schwangerschaft. Es ergibt ein Bild. Irgendwas geschieht da unten.“

Scully spürte die Angst immer weiter in ihr hochkriechen und sie schüttelte ablehnend den Kopf. „Nein Mulder, das geht zu weit. Wir sollten das in Ruhe besprechen und nicht morgens um vier. Ich bin mir sicher, dass es einfachere Erklärungen dafür gibt. Und ich werde jetzt ins Bett gehen und Du solltest das auch tun, sonst geht Deine Phantasie noch mit Dir durch.“
Er merkte, dass sie müde war und verstand, dass es nun wenig Sinn machte um diese Zeit einen Streit vom Zaun zu brechen. Sie griff nach seiner Hand und er wackelte mit den Augenbrauen.
„Na ja, es gibt da jetzt schon die ein oder andere Phantasie, wenn ich daran denke, dass es sich gar nicht mehr lohnt, noch zu schlafen.“
„Und das wird auch eine Phantasie bleiben, jedenfalls heute“, lächelte sie ihn an und warf ihm einen zärtlichen Blick zu, denn es war nur die reine Vernunft, dass sie jede Minute Schlaf nötig hatten, die sie davon abhielt, auf seinen Vorschlag einzugehen.
Er sah bedauernd zu ihr herab und legte den Arm um sie um mit ihr ins Bett zu gehen, wo sie eng umschlungen die letzten beiden Stunden Schlaf genossen ehe sie wieder arbeiten mussten.
Scully war glücklich, dass sie es mittlerweile schafften mit dieser Liebe umzugehen und sie zu akzeptieren. Sie war immer präsent und immer so intensiv und stark, dass sie sie mit jedem Herzschlag fühlen konnten, aber sie hatten sich daran gewöhnt und schöpften daraus ihre gesamte Kraft, all das, was hinter ihnen und vor ihnen lag, verarbeiten zu können.
Bevor sie die Augen schloss, sah sie mit einem unguten Gefühl in der Magengegend zu dem blauen Licht auf, das einmal kurz aufblitzte bevor sie einschlief, als wolle es ihr sagen, dass Mulder Recht gehabt hatte.

 

Sieben Stunden später stand Scully im Labor und sah durch das Mikroskop auf eine Gewebeprobe herab, jedoch ohne auch nur eine Sekunde wirklich bei der Sache zu sein.
In ihrem Kopf war ein heilloses Durcheinander, seit sie sich von Hannah Robinsons Arzt die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung hatte schicken lassen. Sie hatte ihn anhand der Unterlagen, die Mulder vor einigen Wochen auf seinem USB-Stick mit sich herumgetragen hatte, ausfindig gemacht. Die Fruchtwasseruntersuchung, auf der vermerkt war, dass die Chromosomenanalyse des Babys aufgrund eines technischen Fehlers undurchführbar war, hatte sie schließlich überzeugt.
Der merkwürdige Wind, der draußen durch ihr Haar geweht hatte, hatte ein leises, kaum hörbares Flüstern an ihr Ohr getragen und sie hatte sich den ganzen Tag komisch gefühlt. Doch sie war sich sicher, dass sie sich da nur hineinsteigerte und schüttelte das Gefühl, das ihr als Gänsehaut in immer wiederkehrenden Wellen über den ganzen Körper fuhr, ab.

Eine weitere Stunde später fuhr sie mit zwei Flugtickets nach Tasmanien in ihrer Tasche aufgeregt nach Hause.
Sie nahm etwas von ihrem Stammchinesen mit und schloss die Tür auf, als sich ihr ein herzerweichendes Bild präsentierte.
Der Fernseher lief laut und zeigte ein altes Spiel der Mets auf Video und Mulder lag auf dem Sofa, mit seinem Sohn auf der Brust und einem Baseballhandschuh an der neben dem Sofa herabhängenden Hand. Seine andere Hand hielt den kleinen Winzling auf seiner Brust umklammert und beide schliefen tief und fest.
Über Scullys Gesicht huschte ein liebendes Lächeln als sie zum Fernseher ging und ihn ausschaltete und sich dann vorsichtig an die beiden heranschlich, um David einen Kuss auf das kleine blonde Köpfchen zu drücken, während sie den zarten Duft von Babyhaar einatmete und die Augen schloss.
„Hey! Und ich?“ Scully erschrak als Mulder sie von der Seite ansprach und ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Doch sein Wehklagen verstummte, als er das chinesische Essen witterte und sich, nachdem sie den noch immer schlafenden David auf den Arm genommen hatte, auf die Tüten stürzte.
Sie verschwand mit dem Kleinen im Schlafzimmer, wo er wach wurde und sich lauthals darüber beschwerte geweckt worden zu sein, und er packte das Essen aus, als sein Blick auf ihre Tasche fiel, die neben dem Sofa lag und aus der zwei Flugtickets herausragten.
Eine Minute später stand er neben ihr im Schlafzimmer, wo sie noch immer versuchte David auf ihrem Arm wieder zu beruhigen und eine schmutzige Windel in den Mülleimer neben dem Wickeltisch fallen ließ.
Er wimmerte noch leise und gluckste unglücklich, während er seinen kleinen Kopf müde gegen Scullys Schulter fallen ließ und seine winzige Hand nach der Kette um ihren Hals griff.
Mulder liebte diesen Anblick und hielt einen Moment mit einem warmen Blick in seinen grünlichen Augen inne, bevor er sich wieder daran erinnerte, dass er über die beiden Flugtickets nach Tasmanien äußerst überrascht gewesen war. Er wedelte damit vor Scullys Nase herum.
„Hast Du mir irgendwas zu sagen?“ fragte er sie mit einem unschuldigen Lächeln.
Sie ging an ihm vorbei wieder in die Küche, um für David ein Fläschchen warm zu machen. Sie hasste es, zugeben zu müssen, dass sie im Unrecht gewesen war.
„Ich habe heute mit Hannah Robinsons Arzt telefoniert“, gestand sie ihm dann plötzlich ganz beiläufig und setzte sich mit der Flasche und David im Arm hin um ihn zu füttern.
„Du hast was?“ starrte er sie entgeistert an.
Sie schluckte und sah zu David hinunter. „Ja, ich gebe zu, dass das ein paar zu viele Zufälle sind. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wirklich etwas nicht stimmt.“
Sie sah ernst zu ihm auf. Er verstand ihren Blick, denn er hatte es auch gefühlt und war erleichtert, dass es nicht wieder nur seine allgemeine Paranoia war. Oder waren sie beide einander schon so nah, dass es sich um eine Folie à Deux handelte?
Als hätte Scully diesen Gedanken gelesen, schüttelte sie den Kopf. „Nein, es stimmt objektiv etwas nicht, das sind nicht nur wir beide. Hast Du nicht die Funkstörungen bemerkt? Mein Handy hat den ganzen Tag verrückt gespielt und im Radio ließ sich kein Sender einstellen.“
Mulder nickte. „Deswegen hab ich mir mit David das alte Spiel der Mets auf Video angesehen, die Sender waren alle gestört.“
Scully spürte wieder die Gänsehaut auf ihrem Körper kribbeln. Sie sahen sich an und keiner von ihnen wagte, die Angst beim Namen zu nennen.

Scully räusperte sich schließlich und fragte mit wackeliger Stimme: “Glaubst Du wirklich, es geht wieder los?“
Mulder wich ihrem Blick aus und schluckte. Er ignorierte ihre Frage, weil sie ihm Angst machte und lenkte stattdessen ab.
„Was machen wir mit David? Wir können ihn unmöglich mitnehmen.“ Scully nickte und sah besorgt auf ihren kleinen Sonnenschein hinab. Mulder sah wie erschöpft sie aussah und ging zu ihr, ihr Kopf lehnte sich gegen seine Hüfte und sie schloss die Augen, während er sich zu ihr beugte und ihr weiches duftendes Haar zart küsste.
„Ich bring ihn ins Bett, ruh Dich aus, Du siehst blass aus.“

Er lächelte und nahm ihr David vorsichtig ab. Sie knackte lustlos den Glückskeks in ihrer Schachtel. Als sie sich den Spruch laut vorlas, schüttelte sie den Kopf.
„’Die beste Brücke zwischen dem Ufer der Verzweiflung und dem Ufer neuer Hoffnung ist eine gut durchschlafene Nacht’ – Ich glaub’s einfach nicht, diese Dinger haben sich tatsächlich gegen mich verschworen!“, schloss sie daraus und warf den Keks zurück in die Schachtel. Sie war so müde.
Mulder sah sie verliebt an, als ihm eine Idee kam, die er jedoch sofort wieder vergaß als er das Flüstern aus der Ferne hörte, das er am Morgen in seinem Wagen auch schon plötzlich so laut wahrgenommen hatte, dass er einen Moment an die Seite herangefahren war.
"Hey kleiner Mann, Du spürst es auch, oder?" Er wünschte sich, sein Sohn könne ihm sagen, was ihn so unruhig machte, denn Mulder merkte, wie der Kleine sich unwillig auf seinem Arm hin- und herwand und mit der ausgestreckten Hand auf das blaue Licht deutete, das in der Abenddämmerung über dem Horizont aufging.
Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie beobachtet wurden.

 

24 Stunden später

Sie saßen im Flugzeug und Scully krallte sich anhand der Turbulenzen an ihrer Sitzlehne fest, während Mulder vollkommen ruhig und gelassen in seinem Sitz lümmelte und seine Musik lauter stellte. Als er sah, dass sie Angst hatte, lächelte er. „Ganz wie in alten Zeiten, was?“ Sie nickte unentspannt und beschloss sich ein Glas Wein zur Beruhigung zu bestellen.
Als sie jedoch die Hälfte davon getrunken hatte und die Luftlöcher vorbei waren, merkte sie, wie ihr schwindelig davon wurde und sie sich elend fühlte.
Sie wurde blass und zittrig und stand auf, um zur Toilette zu gehen. Mulder hatte davon nichts mitbekommen, er starrte die ganze Zeit wie gebannt auf das blaue Leuchten in der Ferne, das man von hier oben noch viel deutlicher erkennen konnte.
Beobachteten sie sie? Waren sie näher gekommen? Mulder verspürte den Drang mit diesem Licht Kontakt aufzunehmen, sich ihm zu nähern. Es übte eine fremdartige Faszination von Unendlichkeit und Weisheit aber auch von unheimlicher Bedrohung auf ihn aus und er grübelte still vor sich hin, während Scully in der Toilette merkte, wie ihr immer schwindeliger wurde und sie sich schließlich übergeben musste.
Sie wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht und die Hände und stützte sich am Becken ab, während sie am ganzen Körper zitterte.

Nach fünf unerträglichen Minuten glaubte sie endlich, sich besser zu fühlen und öffnete die Toilette. Doch als sie heraustrat und das Flugzeug wieder ein wenig zu schaukeln begann, verlor sie plötzlich den Gleichgewichtssinn und schwankte bis ihr schwarz vor Augen wurde und sie das Gefühl hatte umzufallen, als ein Flugbegleiter sie stützte und am Fallen hinderte.
„Hey, Ma’am. Ist alles in Ordnung?“ Scully strich sich peinlich berührt eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ja, ja, es ist alles bestens, danke!“ Sie bemühte sich zu lächeln, aber es ging ihr immer noch elend.
Als sie zu ihrem Platz zurückkehrte, sah Mulder sie besorgt an.
„Geht’s Dir gut? Du siehst furchtbar aus!“ „Danke, sehr charmant von Dir“, war darauf ihre Antwort und sie ließ sich in den Sitz zurückfallen.

Als er ihre Hand nahm und sie weiterhin sorgenvoll ansah, entgegnete sie ihm etwas gereizter, als es ihre Absicht gewesen war. „Es geht mir gut.“
Daraufhin brummte er nur und ließ ihre Hand wieder los. Wenn sie nicht darüber sprechen wollte, konnte er ihr nicht helfen, aber es tat ihm weh, denn sie war blass und ihre Haut glänzte von dem kalten Schweiß auf ihrer Stirn.


Drei Tage später im Best Western Riverside Motel, Launceston, Tasmanien

Das Besteck fiel klirrend auf den Teller, als Scully plötzlich aufsprang und zu den Toiletten rannte.
Mulder begann sich ernsthaft Sorgen zu machen, seit Tagen konnte sie fast nichts, was sie aß, bei sich behalten.
Belastete sie das alles zu sehr? War es ein Fehler gewesen hierher zu kommen?
Hannah und ihr Mann Frank waren sehr nette Leute und er und Scully hatten nicht lange gebraucht um herauszufinden, dass sie nicht umsonst hergekommen waren. Hannah hatte Scully versichert, dass es ihnen helfen würde, wenn jemand bei ihnen war, der etwas Ähnliches durchgemacht hatte, doch Mulder hatte das Gefühl es würde in Scully alte Wunden aufreißen und unverarbeitete Erlebnisse unnötigerweise wieder aufleben lassen. Sie hatten gerade erst Ruhe gefunden und nun waren sie hier und durchlebten das offensichtlich alles noch einmal. Außerdem telefonierte sie jede Stunde mit ihrer Mutter und war besorgt, weil David noch immer die Nächte durchweinte.
Er stand auf und verließ ebenfalls den Frühstücksraum, um ihr zur Toilette zu folgen. Er klopfte gegen die Tür. „Dana, ist alles in Ordnung mit Dir?“
Da kam sie auch schon wieder heraus, kreidebleich und mit dunklen Rändern unter den Augen.
Sie nickte ohne ihn anzusehen und ging an ihm vorbei in Richtung ihres Motelzimmers. Er folgte ihr und legte seinen Arm beschützend um sie, was sie dankbar jedoch ohne Regung zur Kenntnis nahm.
Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er nun immer für sie da war und sie genoss still die Liebe, die er ihr schenkte, in jeder Sekunde, die sie zusammen verbrachten.
Die letzten Tage waren aufregend gewesen und sie schrieb es der Reise, der Zeitverschiebung und den aufwühlenden Erlebnissen zu, dass ihr dauernd übel und schwindlig war.
Hannah war körperlich sehr geschwächt und es sah so aus, als würde das Kind in den nächsten Tagen zur Welt kommen, daher hatten Mulder und Scully ihr, trotz ihrer eigenen Sorgen um David, versprochen noch bis zur Geburt bei ihr zu bleiben, zumal die Flüge aufgrund einiger Probleme mit dem Funk und angeblichem Sonnenwind gestrichen waren.
Doch Scully und Mulder waren sich wortlos einig darüber, dass etwas nicht stimmte. Es war anders als bei der Geburt von David, aber die Atmosphäre war dennoch bedrohlich und das Licht war irgendwie verändert. So als läge ein unsichtbarer düsterer Schleier über der Sonne, der nur einen Teil der Strahlen durchließ.
Die Stromausfälle häuften sich und Scully spürte, dass Mulder unruhig schlief und von heftigen Kopfschmerzen geplagt wurde. Denn wenn er auch nicht darüber sprach, so fühlte sie seine Anspannung und merkte, wie er nachts immer wieder aufstand und durch die Gegend lief. Sie lagen beide nachts wach und hörten das Flüstern in der Ferne, doch ohne darüber offen zu sprechen. Sie glaubten, es wäre nur halb so real, wenn sie darüber schwiegen.
Scully war sich sicher, dass all die unheimlichen Veränderungen um sie herum Schuld an ihrer Übelkeit waren.
Nur ein winzig kleines, dünnes Stimmchen in ihrem Hinterkopf sagte ihr, dass ihr plötzlich auftretender Appetit auf Tomatensaft auf eine andere Ursache hindeuten konnte.

Als Mulder sich später im Krankenhaus einen Kaffee holte, schlich sie sich heimlich den Flur entlang und besorgte sich bei den Schwestern gegen ein kleines Bestechungsgeld und ein verzweifeltes Lächeln einen Schwangerschaftstest, nur um sicherzugehen, dass sich dieses kleine dünne Stimmchen in ihrem Kopf irrte. Sie ließ den Test heimlich in ihre Tasche gleiten als sie Mulder mit dem Kaffee zurückkommen sah und er sie fragend anschaute.
Sie hob die Augenbrauen, zuckte mit den Achseln und ging mit ihm zurück zur Geburtsstation. Da es Hannah so schlecht ging, hatte man sich entschieden ihre Geburt einzuleiten, obwohl es noch vier Wochen zu früh war. Sie hatte auf eine natürliche Geburt bestanden und die Wehen setzten langsam ein, während es draußen immer dunkler wurde.

Denn über der Stadt braute sich ein Sturm zusammen und Mulder hatte das Gefühl, die Luft würde um sie herum dichter und dichter werden, denn das Atmen fiel ihm schwer und die Geräusche schienen wie durch wabernde Schichten in sein Ohr zu kriechen. In seinem Kopf knisterte es und er sah Scully an, dass sie dasselbe fühlte. Er drückte auf dem Weg ihre Hand und sah sie besorgt an.

Hannah stand die Panik in den Augen als Scully zu ihr hineinging und ihre Hand nahm. Sie hatte Angst vor der Geburt und erzählte Scully immer und immer wieder von dem Flüstern in ihrem Kopf, was Scully mit einem Knoten im Hals und einem nervös zuckenden Augenlid schweigend zur Kenntnis nahm.
„Es wird alles gut, Hannah“, versuchte Scully sie zu beruhigen, doch der Blick nach draußen, wo der Himmel sich langsam merkwürdig verfärbte und aus dem Nichts plötzlich Wolken auftauchten und sich zu einem dunklen Vorhang verdichteten, machte ihr ebenfalls Angst und sie wusste, dass Hannah das auch merkte.

Mulder und Scully warfen sich einen ernsten und vielsagenden Blick zu, als er den Saal wieder verließ, um draußen vor der Tür auf den Sitzbänken zu warten. Dabei umklammerte er nervös den leeren Kaffeebecher in seinen Händen bis dieser zusammenfiel und versuchte das leichte Beben unter seinen Füßen zu ignorieren und nicht an seinen kleinen Sohn zu denken, der am anderen Ende der Welt vielleicht das selbe fühlte und Höllenqualen litt, weil er zu klein war es zu begreifen.

 

Zwölf Stunden später

Mulder rieb sich die Augen und sah auf die Uhr, doch sie war stehengeblieben, wie alle anderen Uhren um ihn herum. Sein Herz klopfte und seine Brust fühlte sich eng und schwer an.
Er wusste, es musste bald Mitternacht sein und das Baby war noch immer nicht da.
Die Luft war noch immer dicht und wabernd und schien leicht zu flimmern, denn sein Blickfeld war auf seltsame Art und Weise verschwommen. Er versuchte sich mit der Erinnerung an Davids Geburt abzulenken und merkte dabei, dass Scully schon sehr lange auf der Toilette verschwunden war. Er machte sich Sorgen und stand schließlich auf, um nach ihr zu sehen. Dabei meinte er ein dumpfes Grollen von draußen zu hören und spürte wie sich seine Nackenhaare aurichteten.

Zur selben Zeit saß Scully mit offenem Mund vor ihrem Schwangerschaftstest und starrte irritiert wie ein Kaninchen in die Scheinwerfer eines heranfahrenden Autos auf das Testfeld, ohne das leichte Vibrieren des Bodens unter ihren Füßen zu bemerken.
Ihre Gesichtsmuskulatur zuckte unwillkürlich, während sie zu begreifen versuchte, dass der Test positiv war.
Sie überschlug in ihrem Kopf die Statistiken über falsch positive Schwangerschaftstests, fand das Ergebnis aber nicht sehr beruhigend. Sie schloss die Augen um einen Moment nachzudenken und ihre innere Ruhe wiederzufinden, als es plötzlich an der Tür klopfte und sie erschrocken zusammenfuhr.
„Dana, bist Du da drin?“
Hastig griff sie nach dem Test und ließ ihn in den Mülleimer fallen.
„Ja, ich komme sofort!“ rief sie nach draußen.
Als sie die Tür aufstieß, warf er einen neugierigen Blick in die Damentoilette und glaubte einen Augenblick im Mülleimer die Packung eines Schwangerschaftstests zu erspähen, doch bevor er genauer hinsehen konnte, hatte sie sich in sein Blickfeld geschoben und sah ihn an als wäre nichts geschehen.
„Ist alles okay?“
„Ja, natürlich. Mir geht es prächtig“, antwortete sie atemlos, aufgesetzt und überhaupt nicht überzeugend.
Mulder funkelte sie skeptisch an und sie zog ihn am Arm weg von der Damentoilette. „Wir sollten zu Hannah und Frank zurück. Ich glaube, es ist gleich so weit.“
Mulder blieb jedoch stehen und hielt sie fest. „Hey, bist Du sicher, dass es Dir gut geht?“
Scully sah ihm ernst in die Augen und versuchte zu nicken, was ihr jedoch nicht gelang. Sie wich seinem Blick zur Seite aus und schüttelte schließlich zaghaft den Kopf, sie konnte ihm jetzt noch nichts von ihrer Entdeckung sagen und in ihr vermischten sich die Gefühle zu einem riesigen Durcheinander.
„Hast du keine Angst?“ fragte sie ihn schließlich, als er nach ihrer Hand griff und ihre Finger küsste. Er schüttelte den Kopf, obwohl er sie damit belog. „Du bist bei mir! Wir haben das schon einmal durchgestanden und ich bin sicher, dass es auch dieses Mal vorübergehen wird.“
Dabei nahm er ihren Kopf in seine Hände und sie trat auf ihn zu, um sich sanft gegen seinen Körper zu lehnen, der ihr so viel Halt gab. Sie schloss die Augen für einen Moment und sammelte Kraft. „Ich hoffe nur, David geht es gut.“ Mulder legte seine Arme um sie während sein Herz zu schmerzen begann. „Ich hab vorhin mit Deiner Mom telefoniert. Er ist zwar wach, aber seit Wochen weint er zum ersten Mal nicht, sondern liegt in seinem Bettchen und gluckst vor sich hin. Deine Mom meinte, er würde sich mit dem Mond unterhalten.“ Doch Mulder befürchtete, dass sich David mit einem ganz anderen Licht am Himmel unterhielt.
Scully sah aus dem Fenster als sie ihren Kopf gegen Mulders Brust legte und zur Seite über den Flur des Krankenhauses über die Stadt blickte, über der Blitze zuckten und donnerten. Hinter den schweren Wolken sah sie ein blaues Licht düster schimmern. Sie atmete tief durch und schloss wieder die Augen, als Mulder sie von sich zog und ihr einen Kuss auf die Stirn gab.
„Komm, sehen wir nach was Fox macht.“ Scully sah ihn irritiert an. „Fox?“
Mulder schmunzelte. „Ja, Hannah und Frank gefällt der Name, sie wollen das Baby Fox nennen.“
Scully schnaubte. „Oh Mann, wir sind hier wirklich Down-Under!“
Er lachte erleichtert auf und sie gingen nebeneinander in Richtung Kreißsaal, während die Welt außerhalb der Krankenhausgemäuer immer mehr im Dunkeln versank und die Luft sich erhitzte.

 

Eine Stunde später tobte ein grausamer Sturm über der Stadt, die Lichter waren alle ausgegangen und die Fenster vibrierten unter den wütenden Windstößen. Regen peitschte gegen die Scheiben.
Aber er war klar und wässrig und Mulder und Scully hatten beide aufgeatmet, als sie das gesehen hatten.
Und dennoch waren sie sicher, dass etwas nicht stimmte, denn die Luft war noch immer aufgeladen und schien an ihnen zu kleben.
Mulder knabberte nervös an seinen Fingernägeln und Scully ging aufgeregt hin und her, in Gedanken mehr bei ihrem eigenen kleinen neuen Problem als bei Hannah und Frank. Die Erde schwankte unter ihren unruhigen Schritten und sie betete die ganze Zeit, dass nicht plötzlich alles um sie herum zusammenstürzen würde oder etwas anderes Unerwartetes eintreten würde.

Plötzlich zerriss ein gleißender Blitz aus purem Licht die Luft, und ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem grollenden Beben der Erde, warf Scully zu Boden. Die Fenster zersprangen und klirrten laut, als der peitschende Regen hineinprasselte und Mulder sich über Scully auf den Flur warf, um sie zu beschützen. Sie schlossen die Augen und rechneten mit dem Schlimmsten, als es plötzlich so schnell wie es gekommen war, wieder verstummte. Das weiße grelle Licht, das alles um sie herum für einen Augenblick überstrahlt hatte, dämmerte und zog sich zu einem bläulichen Leuchten zurück, das sich über den gesamten Himmel ausbreitete, wie eine Stoßwelle aus reiner Energie. Scully atmete auf und Mulder half ihr wieder hoch. "Ist alles in Ordnung?" fragte er sie mit Angst in seinen Augen. Sie nickte und strich sich ihren Pullover glatt, nicht ohne eine winzige Sekunde länger mit ihrer Hand auf ihrem Bauch zu verweilen um zu begreifen, dass dort ein neues Leben begonnen hatte während sie alle um ein Haar in diesen Minuten ihres verloren hatten.

Da stürmte endlich die Hebamme aus Hannahs Zimmer und sah die beiden schockiert aber mit einem leichten Anflug von Erleichterung an.
„Das Baby ist da", brachte sie nur atemlos hervor und Mulder und Scully sahen, wie sie am ganzen Körper angesichts der Umstände dieser Geburt zitterte.
Mulder und Scully ließen sich von ihr ins Zimmer führen und sahen auf das kleine Wunder herab, das von seinen überglücklichen und verschreckten Eltern im Arm gehalten wurde.
Hannahs Mann küsste abwechselnd voller Liebe sie und ihren Sohn und sie strahlten einander erleichtert an, während Mulder und Scully fast zeitgleich bemerkten, wie das blaue Licht hinter den Wolken am Himmel noch einmal aufzublitzen schien und einen Moment das Licht im Raum aufflackerte. Der Himmel krümmte sich eigenartig und schickte ein erneutes lautes Grollen durch die Atmosphäre bevor der Strom plötzlich zurückkehrte und die Lichter in der Stadt unter ihnen wieder aufblitzten.
Scullys Hand suchte zitternd nach der von Mulder als sie das sah und sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.
Sie sahen stumm dem neuen noch vollkommen aufgelösten Elternpaar dabei zu, wie es langsam begriff, wie besonders das kleine Wunder in ihren Armen war.
Dabei hielt Mulder Scullys Hand fest in seiner, während ihnen schwindlig wurde und ihre Herzen im Gleichtakt immer schneller schlugen. Sie sahen sich lange und wissend in die Augen und rührten sich nicht in stiller Ehrfurcht und Erinnerung an ihr eigenes Wunder.
Es war, als sähen sie in einen Spiegel, denn das Gefühl, das Hannah und Frank verband, schien geradezu über ihnen in der Luft zu schweben und alle in den Bann zu ziehen. Es war voller Kraft und Intensität und Mulder und Scully wussten, dass es von derselben Natur wie ihre eigene Liebe war.
Dabei hatten sie die ganze Zeit das beglückende, brennende Gefühl schwerelos durch den Raum zu taumeln, doch daran hatten sie sich mittlerweile gewöhnt und sie ließen sich schweigend und bewegungslos hineinfallen während die Welt vor den zerbrochenen Fenstern leise aufzuatmen schien und der Wind sich erhob um die elektrisierte, dichte Luft hinwegzufegen. Ein paar dünne Regentropfen wurden hineingeweht und die Glasscherben auf dem Boden funkelten wie Diamanten.

 

Vier Tage später, 16.32 Uhr, Scullys Appartment

David schlief friedlich in seinem Gitterbettchen und Scully war froh, dass seine Weinphasen vorbei waren. Sie musste sich eingestehen, dass sie offenbar doch mit diesem seltsamen Ereignis am anderen Ende der Welt in Zusammenhang gestanden hatten und das verunsicherte sie nur noch mehr in Bezug auf die Wahrheit, die in ihrem kleinen Söhnchen steckte.
Was würden sie noch alles herausfinden? Sie und Mulder hatten sich entschieden seine Suche nun gemeinsam fortzusetzen. Sie würden zusammen mit Hannah und Frank nach anderen Paaren suchen. Es musste noch mehr geben, denn nur so machte dieser unfassbare Sprung in der Evolution, der ihr David und dieses neue Baby in ihr geschenkt hatte, einen Sinn.
Sie hielt sich die Hand auf ihren Bauch und merkte, wie ihr Herz aufgeregt hüpfte und sie Schmetterlinge im Bauch bekam. Seit der Arzt ihr die Schwangerschaft bestätigt hatte, hatte sie begonnen es zu akzeptieren und sich ein wenig darauf zu freuen, egal, was dieses Baby nun wieder mit sich bringen würde.
Sie atmete tief durch und öffnete das Fenster, um den Frühlingswind hineinzulassen.
Die Luft duftete nach den zarten Kirschblüten und Magnolien, doch noch immer war es still. Die Vögel waren nicht zurückgekehrt und Scully hielt jeden Morgen nach ihnen Ausschau, in der Hoffnung einen von ihnen als erste unter den Wolken entlanggleiten zu sehen.
Die Welt hatte sich verändert, alle Farben waren prächtiger und bunter, alle Düfte aromatischer und die Geräusche klangen melodischer. Es war, als würde die Natur übermütig mir ihrer Schönheit prahlen. Als würde die Erde ihre Schätze jedem Beobachter, der ihren Planeten mitten in dieser toten Finsternis aus vereinsamten weit von einander entfernten Sonnen erblickte, voller Stolz präsentieren.
Als sie träumend am Fenster stand, sah sie plötzlich die schwarzen Augen ihres Angreifers wieder vor sich, der sie damals an demselben Fenster mit dem schwarzen Krebs infiziert hatte. Sie zuckte zusammen als ihr Atem stehenblieb und stolperte erschrocken von dem Fenster zurück ins Zimmer. Solche Flashbacks hatte sie oft und sie wusste, sie würden für immer ein Bestandteil ihres Lebens sein, auch wenn ihr heute dieser schwarze Regen, die Bedrohungen und all diese Ängste wie böse Träume vorkamen. Doch sie waren real gewesen und sie wusste, dass all das noch immer existierte. Es versteckte sich lediglich.

Sie ging zurück in die Küche. Es war Freitag und wie jedes Wochenende würden sie sich auf die Suche nach neuen Antworten begeben. Sie war froh, dass sie das nun fernab des FBI-Budgets und anderer Regulierungen konnten. Es ließ ihnen so viel mehr Freiheit in ihren Ermittlungen auch wenn ihr gesamtes Gehalt dabei draufging.

Sie lächelte, als sie die Einkaufstüten voller Tomatensaft in der Küche stehen sah. Mulder hatte ihr erzählt, dass er damals so auf die Idee gekommen war, dass sie schwanger sein könnte und sie wollte ihm nun auf diese Weise von dem neuen Baby erzählen.
Sie fühlte sich unfähig, es ihm direkt zu sagen, weil sie in solchen Dingen noch nie sehr gut gewesen war. Sie sah sich, während sie den Kühlschrank füllte in ihrer Wohnung um. Sie würde definitiv zu klein werden für vier Personen. Als sie gerade den Kühlschrank geschlossen hatte und die Tüten weggepackt hatte, erschrak sie.
Die Tür öffnete sich. Sie sah auf die Uhr. Mulder war viel zu früh.
Doch er schien seinerseits ebenfalls nicht mit ihr gerechnet zu haben und sah sie verdattert an.
Sein gesamter Plan drohte zu kippen!

 

Der heutige Tag war einer der wichtigsten in seinem Leben abgesehen von dem Moment, an dem er erkannt hatte, dass er sie liebte.
Ein Gefühl wie warmer Honig floss in Strömen durch seine Sinne, als er sich daran erinnerte, was diese Erkenntnis damals in ihm ausgelöst hatte.
Er war von seiner Zeitreise und den Psychopharmaka vollkommen benebelt gewesen, doch einer Sache war er sich sicher gewesen: dass der Gedanke auf diesem Schiff, dass die Welt einen anderen Lauf nehmen könnte und er sie vielleicht nie wieder sehen würde, ihn damals fast seinen Verstand gekostet hatte. Er hatte auf diesem wahnwitzigen Trip erstmals wirklich verstanden, dass sein Leben nur durch sie einen tieferen Sinn bekam. Dass sie die unbekannte Variable in seiner Gleichung war, die Konstante in seinem Universum, dass sie die Kraft war, die ihn vor der Resignation bewahrte. Und das alles nur indem sie ihn eines Tages aus ihren tiefblauen, wunderschönen Augen angesehen hatte und er es darin gesehen hatte.
Sie waren so dumm gewesen, sich so sehr davor zu fürchten und es jahrelang aufzuhalten, anstatt sich diesem Gefühl direkt hinzugeben und sich davon leiten zu lassen. Denn seit sie einander hatten, schien alles zu stimmen.
Alles war nun möglich, weil die Dinge um sie herum vor der Stärke ihrer gegenseitigen Liebe jedes Mal, wenn sie einander näherten, verblassten wie die Sterne, die vom Licht der Sonne tagsüber überstrahlt wurden.
So konnten sie nun all das ausblenden, was sie bedrohte und ängstigte, weil sie wussten, dass sie es gemeinsam schaffen würden.
Denn die Bedrohung war da und sie sahen sie jede Nacht, wenn der kleine David vor dem Einschlafen, aus seinen großen blauen Augen, die er zweifellos von seiner Mutter geerbt hatte, hinaufschaute und sie geheimnisvoll und sehr unbabyhaft anlächelte. Das blaue Licht schien dort oben unerlässlich und gnadenlos auf sie herab in der ständigen Erinnerung daran, dass sie niemals allein sein würden.

Scully riss Mulder aus seinen Gedanken als sie auf ihn zukam und ihn erstaunt fragte, was er um diese Zeit schon zu Hause machte. Er lächelte nur vielsagend und wand sich um sie herum, um die Tüten mit dem chinesischen Essen auf den Tisch zu stellen.
Sie mussten in einer ganz bestimmten Reihenfolge dort stehen, damit sein Plan aufging. Sie legte die Stirn in Falten und eilte ihm hinterher, um sich vor den Kühlschrank zu stellen, damit ihr Plan ebenfalls aufging.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie begann ihre Nervosität am Schlawittchen zu packen und direkt an der Wurzel zu packen. „Mulder, ich muss mit Dir reden.“
Er war irritiert darüber, dass sie ihm offenbar kaum Zeit lassen wollte, sich auszuruhen und ihn direkt mit einem Problem überfiel. Sie brachte ihn aus dem Konzept und sein Herz raste wild in seiner Brust, als er befürchtete er würde seinen gesamten Plan wegen ihr umstürzen müssen. Aber so leicht wollte er es ihr nicht machen, sein Anliegen war wichtiger, egal was ihr Problem war. Und so fiel er ihr triumphierend und stürmisch ins Wort. „So ein Zufall, ich muss ebenfalls mit Dir reden.“ Doch sie blieb standhaft, ihr Anliegen war auf jeden Fall wichtiger als seins und sie sah ihn ernst an.
„Nein Mulder, wirklich. Es ist wichtig. Wir müssen uns Gedanken über unsere Zukunft machen.“
Er war verdutzt. Ahnte sie, was er vorhatte? Es verschlug ihm die Sprache und seine Stimme klang wesentlich unsicherer, als er sie dieses Mal unterbrach. „Ja, darüber wollte ich eigentlich auch mit Dir sprechen.“
Er seufzte leise, als sein Plan endgültig wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Doch dann warf er einen nervösen Seitenblick zu dem duftenden China-Essen und sah sie unsicher an. „Wollen wir das nicht auf nachher verschieben und erstmal was essen?“ versuchte er die Situation noch zu retten.
Sie sahen einander einen Augenblick schweigend in die Augen, keiner von ihnen schien willens seine Taktik für den anderen aufzugeben.
Doch dann schien sie sich zu entspannen und Mulder atmete ebenfalls auf.
Das schien offensichtlich ein vernünftiger Vorschlag in ihren Augen gewesen zu sein, denn ihr war der Wind aus den Segeln genommen und sie ging auf die Tüten zu, während er siegessicher seinen Plan neuaufbaute. Widerwillig stimmte sie schließlich zu. „Na gut, wenn Du so hungrig bist.“
Er sah ihre Enttäuschung und spürte, dass es sie verletzte, dass ihm offenbar sein Essen wichtiger schien als ihre Zukunft.
Wenn sie nur wüsste! dachte er verzweifelt. Er griff nach ihrer Hand und drehte sie zu sich. „Nein, wenn Dir was auf dem Herzen liegt, dann sollten wir es gleich besprechen.“
Doch nun war der Moment zerstört und ihre Stimmung, es ihm zu sagen war verflogen. Sie presste die Lippen aufeinander und sah an ihrem Pullover herunter. „Ist schon gut. Das kann warten. Hast Du auch ein Tofu-Gericht mitgebracht?“ fragte sie stattdessen und lugte neugierig an ihm vorbei in die Plastiktüte.
Er grinste und merkte, wie er wieder nervös wurde. „Ja, aber heute solltest Du mit dem Glückskeks anfangen.“ Ihr kam sein Verhalten merkwürdig vor und sie sah ihn an, als würde sie ihn gleich für verrückt erklären. Was war mit ihm los?
Er kramte in der Tüte herum und holte einen ganz bestimmten Keks für sie heraus. Danach holte er eine der chinesischen Schachteln mit dem Essen hervor und stellte sie behutsam auf den Tisch. Wortlos forderte er sie auf, den Keks zu öffnen.

 

Ihr Herz schlug plötzlich aufgeregt, sie spürte, dass er etwas vorhatte. Zögerlich und mit einem skeptischen Blick öffnete sie den Keks und zog das Zettelchen hervor, das darin steckte, um es vorzulesen.
„Die richtige Antwort lautet ‚Ja’“
Sie sah fragend zu ihm auf. „Was soll das bedeuten?“
Er lächelte wissend und warf einen verschmitzten Seitenblick auf die kleine Schachtel mit dem Essen. Ihr war ganz schwindlig vor Aufregung und sie hob die Schachtel auf, um sie zu öffnen. Sie merkte wie leicht sie war und als sich die weiße Pappe entfaltete, erkannte sie, dass sie nicht mit Tofu, sondern mit roten Rosenblättern gefüllt war.
Ihre Lippen öffneten sich, als sie langsam begriff, was geschah und sie hielt den Atem an, als sie zwischen den Rosenblättern einen Ring im Abendlicht glitzern sah. „Oh mein Gott! Mulder?!“ entfuhr es ihr aufgeregt als ihre Blicke sich trafen und einen Augenblick ihre Seelen einander direkt ins Antlitz schauten, bevor sie den Blick errötet wieder senkte und fassungslos auf den Ring zwischen den Rosenblättern starrte.
Er brauchte überhaupt nichts mehr zu sagen, denn sie legte ihm die Hand vorsichtig auf die Lippen und näherte sich ihm vor Überwältigung am ganzen Körper zitternd und frierend. Ihre Augen sahen noch vollkommen verwirrt auf seine Lippen oder vielmehr auf einen Punkt im Nichts irgendwo hinter seinen Lippen.
Sie befürchtete, ohnmächtig zu werden, weil ihre Knie weich wurden und schwarze Punkte vor ihren Augen tanzten. Selbst der Wind draußen vor dem Fenster stand still, um auf ihre Antwort zu warten und die Sonne wartete ebenfalls bevor sie unterging und leuchtete mit ihrem letzten rotgoldenen Strahl in Scullys Herz hinein um sie zu stärken.
Beide waren vor Aufregung taub und merkten, wie die Luft unter der Intensität dieses Augenblicks zu flimmern begann. Mulder befürchtete, sie würde vor ihm umfallen, so zerbrechlich wirkte sie plötzlich, als sie auf ihn zukam und ihre Hand, die sich gerade noch so weich und zitternd auf seine Lippen gelegt hatte, auf seiner Schulter liegend plötzlich nach Halt zu suchen schien.
Er wusste nicht, was geschehen würde und umgriff ihre Taille stützend während er seine freie Hand an ihre Wange legte und dabei den Blick nicht von ihr abwendete.
Durch seine Berührung schien sie wieder vollkommen in die Gegenwart zurück zu kehren, denn ihr Blick wurde plötzlich wieder mit Leben gefüllt und sie schlang ihre beiden Arme um seinen Nacken und streckte sich zu ihm hoch, um ihn erst noch ganz vorsichtig, um das Kribbeln in ihrem Bauch loszuwerden, und dann leidenschaftlich zu küssen. Ihre Lippen bebten und waren so weich, dass er bei diesem Kuss beinahe die Besinnung verlor. Sie schlossen die Augen und umarmten sich fest, bis sie nicht mehr wussten, wo ihr eigener Körper aufhörte und der Körper des anderen anfing.
Als sie merkte, dass sie keine Luft mehr bekam, löste sie sich und sah ihn mit glitzernden Augen an. Er schenkte ihr sein herzerweichendes Lächeln und fragte schelmisch. „Und? Heißt das ‚Ja’?“
Sie lachte auf als ihr eine Träne über das Gesicht kullerte und sie ihn wieder umarmte. Sie zitterte noch immer am ganzen Körper und er hielt sie fest an sich gedrückt, bis er merkte, dass sie sich beruhigte und diese Gefühlswelle über sie hinweggezogen war.

Dann löste er sich von ihr und fragte ganz sanft, als ob er Angst hätte, mit seiner Stimme den Augenblick zu entweihen: “Und was wolltest DU mit mir besprechen?“ Ihr Magen schien sich plötzlich umzudrehen und in ihrem Körper wie ein Flummi auf und abzuspringen, er hatte ihre fein säuberlich zu recht gelegten Worte, ihr ganzes Konzept vollkommen durcheinander gebracht und genau so sah sie ihn auch an.
Dann fasste sie sich ein Herz und warf einen Seitenblick auf den Kühlschrank. Er folgte ihrem Blick und bewegte die Lippen irritiert in einer Art wortloser Frage. Dann sah er sie zweifelnd an und als sie ihm zunickte und wieder zum Kühlschrank hinübersah, lief er zum Kühlschrank und musterte ihn ratlos, als würde er ihn zum ersten Mal sehen, dann drehte er sich mit wackelnden Augenbrauen um und sah sie an. "Du brauchst einen neuen Kühlschrank?" Er veräppelte sie und sie sah ihn genervt an, während ihr das Herz bis zum Halse schlug.

Schließlich riss er sich zusammen und öffnete die Kühlschranktür als sein Mund offen stehen blieb. Ein leises „Äh.“ war das einzige, was er zustande brachte und er verstummte danach wieder, weil er keine Worte fand, die diesen Neuigkeiten gerecht werden konnten. Sein Herz überschlug sich und durch seine Adern schien Licht statt Blut zu strömen als er sich zu ihr langsam umdrehte und sie anblinzelte. Doch er wollte es aus ihrem Mund hören und stellte sich dumm, während er sie leuchtend angrinste.
„Du hast also Tomatensaft gekauft. Naja, ich gebe zu, so ein Fan bin ich nicht davon, aber das wird doch von nun an nicht zwischen uns stehen, oder?“ Er genoss es, sie aus dem Takt zu bringen. Sie atmete tief durch und ging mit gespielter Genervtheit auf ihn zu, obwohl sie kaum stehen konnte, weil ihre Knie so weich waren. Sie blieb neben ihm stehen, sah ihm streng in die Augen und warf die Kühlschranktür neben ihnen zu, als wolle sie ihm damit drohen. Er hob die Augenbrauen und wartete.
Sie senkte den Blick während ihre Gesichtszüge sich nach einem inneren Kampf mit ihren Gefühlen langsam entspannten und plötzlich einem glücklichen Strahlen wichen als sie wieder aufsah, mit leicht erröteten Wangen und es schüchtern in den Raum fallen ließ, als würden weiße Brieftauben mit der Nachricht aus ihrem Mund in die Luft emporflattern.

„Wir bekommen noch ein Baby“, sagte sie endlich mit fester Stimme und einem leichten Anflug von Stolz. Es war ihr peinlich, sie war ungeübt in solchen Dingen, doch als sie es gesagt hatte, war es als fiele eine Last von ihr, dieses Geheimnis nicht länger mit sich herumtragen zu müssen. Die Worte schienen Mulder kaum zu erreichen, so entrückte ihm auf einmal die Welt auf der sie standen und er spürte wieder diese Kraft zwischen ihnen, die ihn überrannte und sich seines Körpers bemächtigte.
Das Blau in ihren Augen leuchtete ihn so intensiv an, dass seine Sinne sich in seinem Kopf drehten und er nicht mehr auseinanderhalten konnte, was er hörte und was er sah. Er traute sich fast nicht, sie zu berühren, weil ihr Körper ihm so kostbar war und zog sie ganz sanft zu sich, während er den Blick nicht von ihr weichen ließ und noch immer nach Worten suchte, die dem gerecht wurden, was er fühlte. Auch sie war so überwältigt von den Gefühlen, dass sie nicht mehr die Kontrolle über sich hatte und sich widerstandslos von ihm zu sich ziehen ließ.
Als sie endlich in seinen Armen landete und ihn mit aller Kraft an sich festhielt, sah sie Funken aus Energie vor sich in der Luft herabregnen, ihren Kopf Halt suchend auf seiner Schulter ruhend, schloss sie die Augen und atmete aus.
Sie waren eine Einheit als sie sich in den Armen lagen und nicht mehr sagen konnten, was sie dachten und fühlten, weil es sich von dem, was der andere dachte und fühlte, nicht mehr unterschied.

Als sie die Augen wieder öffnete und starr durch die Luft hindurchsah, nahm sie ihren Mut zusammen und gestand ihre Zweifel. „Ich versteh das nicht. Es geht weit über meinen Verstand hinaus und ängstigt mich."
Sie fühlte Mulders Nicken an ihrer Schulter als er sie noch fester drückte und in ihr Haar hineinmurmelte. „Das können wir auch nicht verstehen. Es ist größer als wir.“
Er löste sich von ihr und sah ihr tief in die Augen, als wären sie der saphirblaue Himmel ihrer Seele.
„Aber wir sind Teil davon und wir müssen daran glauben, dass es uns retten wird. Das hat es schon so oft getan. Und so lange ich Dich an meiner Seite habe, werde ich diesen Glauben nicht verlieren.
Du bist meine einzige Wahrheit, mein einziges Licht. Und ich glaube, dass die das dort oben auch wissen.“

Diese Worte hüllten ihren Verstand einen Moment lang in glänzendes Weiß und dieses Gefühl in ihr schien sich von ihrem Körper zu lösen und sich unendlich auszudehnen, während sie ihrem Körper willenlos folgte und ihn voller Verständnis und Zärtlichkeit ansah, während ihre Lippen sich weich und samtig wie rote Rosenblätter auf seine legten und all das Licht durch ihn hindurchströmen ließen, was sie im Inneren trug und von dem sie beide wussten, dass es sie immer und immer wieder retten würde, so lange sie es zuließen und sich davon tragen ließen.

Keiner von beiden hörte den kleinen Vogel, der draußen auf einem Ast saß und das kleine Mädchen, das in Scully heranwuchs, zwitschernd begrüßte.

Und keiner von ihnen sah den merkwürdigen unsichtbaren Schleier, der sich über den Himmel zog und für einen Augenblick die Wolken verzerrte wie unendlich viele kleine Prismen. Die Luft erbebte und die Natur erzitterte während eine schwarze zähe Flüssigkeit aus einem Blütenblatt vor ihrem Fenster herauskroch um in der Luft zu verdunsten und das blaue Licht, das am frühen Abendhimmel erschien, für einen Augenblick aufflackern zu lassen.

 

*******EPILOG********

Zur selben Zeit 2 Millionen Kilometer über ihren Köpfen

Die Besucher umkreisten die Erde in unsichtbaren Feldern während ihr blaues Licht als ständige Warnung an dem winzigen Ausschnitt des Himmels der Menschen dort unten durch die ankommende Nacht strahlte.

Sie waren nach so vielen Millionen Jahren endlich dieser einen Macht begegnet, dieser Kraft, die anscheinend auf diesem einzigartigen Planeten durch alles hindurchsegnete. Dieser Kraft, die ihre eigene noch um ein Vielfaches überragte.

Sie waren es gewesen, die damals diesen einen Funken gezündet hatten, der dem leblosen Planeten Leben eingehaucht hatte, der aus den toten Molekülen jenes Wunder des Lebens geschaffen hatte, das sich von da an unablässig weiterentwickelt und allen Umständen getrotzt hatte.
Und nun hatte es sich gegen sie gewendet. Sie waren von ihrem eigenen Planeten verstoßen worden, von ihrem menschlichen Gegenstück, das aus der Natur entsprungen war, die sie selbst geschaffen hatten. Die Menschen hatten sich weit über das hinausentwickelt, was sie ursprünglich mit ihnen vorgehabt hatten.
Und sie hatten Fähigkeiten entwickelt, die den ihren zwar nicht überlegen aber vollkommen verschieden waren. Und sie hatten diese eine Macht, die ihnen Angst machte, die so viel stärker war, als alles, was sie mit ihren zerstörerischen Kräften ausrichten konnten.

Sie war durch und durch ganz, umspannte die Erde wie ein zartes Netz und funkelte nur für die stillen Beobachter sichtbar durch die Finsternis des unendlichen Alls.
Es war eine Macht, die dem Leben innewohnte, die von irgendwoher plötzlich zu solcher Größe angeschwollen war, in einer zerstörerischen Zeit, in der nahezu nichts unmöglicher schien als Liebe. Kein Zeitpunkt war den Besuchern für ihre Invasion besser erschienen, zu keiner Zeit waren die Menschen einsamer, egoistischer und angreifbarer gewesen und plötzlich wie durch ein Wunder, wie durch den Plan einer anderen außerirdischen Macht war diese Kraft plötzlich aufgetaucht und hatte sie in die Flucht geschlagen mit dem kleinen Schrei eines menschlichen Säuglings, der das Produkt tiefer Liebe und vollkommener Seelenverbundenheit gewesen war.

Er war der erste Mensch, der dieser zerstörerischen bösen Macht, die seit Beginn der Evolution das Leben durchströmt hatte, entkommen war. Und das alles nur, weil eines Tages so unendlich viele Zufälle aufeinander getroffen waren, dass die Liebe zweier Menschen plötzlich mehr geworden war als eine bloße chemische Reaktion. Es war eine schöpferische Kraft geworden.

Es war geradezu ein genialer Plan. Ehrfürchtig schwebten sie nun viele Meilen über ihnen am Himmel und starrten stumm auf diese Welt hinab, die einst ihr Zuhause gewesen war, und auf der nun nach so vielen Millionen Jahren Dinge passierten, die sie erstmals nicht beeinflussen konnten.
Sie sahen zu wie der blaue riesige Ball scheinbar im Nichts auf seiner gewohnten Bahn entlangtaumelte, während das Leben auf ihm fast als wäre nichts geschehen tief Luft holte und den ersten Atemzug in einer neuen Welt nahm und der Frühling lebendiger als je zuvor erblühte.
Es war als würde Gott auf sein eigenes Abbild sehen, das sich von ihm abgewendet hatte, um die Schöpfung in die eigenen Hände zu nehmen.

Doch sie fragten sich, wer in Wahrheit hinter diesem Plan steckte, der auf der Erde diese Veränderungen in Gang gesetzt hatte.

Waren es wirklich die Menschen selbst gewesen? War es nur durch Zufall die Kraft dieser unendlich tiefen Liebe gewesen?
Oder war es eine andere noch höhere außerirdische Macht, die ihnen allen überlegen war und die Fäden in der Hand hielt?

Sie alle würden die Wahrheit vermutlich niemals erkennen.
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Then there are those who care not about extraterrestrials, searching for meaning in other human beings. Rare or lucky are those who find it. For although we may not be alone in the universe, in our own separate ways on this planet, we are all... alone. (
JOSE CHUNG)

 

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*******THE END*******

 

 

*schnüff* *nach Taschentuch greif* Eine Ära geht für mich zu ende, doch meine zweite FF ist in Arbeit und ich werde sie in Kürze hier starten ;) (Anm. WoD: Sie ist schon online, siehe Ex Solitudine J )

Hoffe, es hat euch gefallen und ich habe nicht das ganze Ende versaut  :)