Titel: Lost Children

Autor: SonjaK

Kontakt: dianalesky79@yahoo.de

Rating: PG-13

Kategorie: Casefile, MSR

Spoiler: keine, aber ihr solltet wissen, wer X ist

Disclaimer: Alle aus der Serie bekannten Personen und Orte gehören nicht mir, aber alle anderen Charaktere sind mein Eigentum. Ich hänge sehr an ihnen, also lasst eure Finger davon. ;-)

Short-Cut: Ein kleines Waisenmädchen bringt Mulder und Scully auf die Spur eines Verbrechens, das sie niemals für möglich gehalten hätten.

Notiz der Autorin: Dies ist meine bisher – und wahrscheinlich für alle Zeiten – längste Fic. Ich habe Jahre damit verbracht, und alle Personen, die darin vorkommen, sind mir in all der Zeit sehr ans Herz gewachsen. Wie immer danke ich Kitty für ihre Unterstützung, da ich ohne sie niemals mit dem Schreiben angefangen hätte, und außerdem hat sie sich den wunderbar passenden Titel ausgedacht.

Da dies ein so arbeitsintensives Werk ist, würde ich mich besonders über Feedback freuen.

 

 

 

 

Lost Children

 

 

Die junge Frau blickte sich gehetzt um. Sie wusste, dass sie hinter ihr her waren, und sie wusste, dass sie sie finden würden, früher oder später. Im Augenblick wähnte sie sich einigermaßen sicher, aber ihr war klar, dass das täuschen konnte. Und selbst wenn ihr eine kleine Atempause vergönnt war, so war ihr klar, dass diese vorbei sein würde, noch ehe sie dreimal tief Luft geholt hätte.

Seit sie sie vor drei Tagen aufgespürt hatten, war sie keine Minute zur Ruhe gekommen. Alles war sehr schnell gegangen: Sie hatte es gefühlt, noch bevor sie auf der Bildfläche erschienen waren, und irgendwie war sie beinahe erleichtert gewesen, dass die ewige Anspannung des versteckten Lebens vorbei war. Nun war es an ihr zu handeln. Sie war erst mit Susie weggelaufen, aber ihr war gleich klar gewesen, dass sie es allein nicht schaffen würden. Es widerstrebte ihr, ihren Patenonkel um Hilfe bitten zu müssen, den sie nur zu bestimmten Zeiten über häufig wechselnde Telefonnummern erreichen konnte. Er hatte ihr nie etwas getan, war im Gegenteil immer freundlich zu ihr gewesen, so selten sie ihn auch gesehen hatte. Trotzdem war er ihr unheimlich, denn sie spürte instinktiv, dass ihn etwas Gefährliches umgab. Sie war sicher, dass er zu allem fähig war. Deshalb hatte sie es auch vermieden, mit ihm Kontakt aufzunehmen, seit sie erwachsen war. Was immer er tat, sie wollte lieber nichts damit zu tun haben. Vor allem nicht, seit Susie da war.

Jetzt, das wusste sie, blieb ihr keine andere Wahl, wenn sie nicht ihre Kleine und ihr Leben verlieren wollte.

Er hatte sich bereit erklärt ihr zu helfen, allerdings hatte er auch erklärt, das nicht selbst zu können. Also hatte er ihr eine Adresse in Georgetown gegeben und gesagt, sie solle dem Mann, der dort wohnte, ihr Problem schildern.

Nun stand sie also hier, in einem Apartmenthaus; ohne Susie, die sie lieber bei einer Freundin versteckt hatte, damit man sie nicht finden konnte, falls man sie verfolgte. Der Flur war dämmrig, denn eine der beiden Lampen, die ihn erleuchten sollten, schien kaputt zu sein. Trotzdem gelang es der Frau, die Nummer des Apartments und den Namen seines Bewohners zu entziffern: Nummer 42, Fox Mulder. Sie holte tief Luft und klopfte dann an die Tür. Als eine Stimme aus dem Innern sie zum Eintreten aufforderte, öffnete sie die Tür und betrat den Flur. Der Mann, dem sie jetzt gegenüberstand, war ziemlich groß, schlank und hatte braunes Haar. Er trug einen grauen Anzug, dessen Jacke er in der Hand hielt. Er sieht gut aus, schoss es ihr flüchtig durch den Sinn.

Der Mann streckte ihr die Hand hin. „Guten Tag, ich bin Fox Mulder.” stellte er sich vor und gab ihr keine Gelegenheit, ihm ihren Namen zu nennen, indem er sie sofort ins Wohnzimmer bat. Dort befand sich eine Couch, die mit allen möglichen Dingen vollgepackt war. In einer Ecke neben dem Fenster stand ein großes Aquarium, in dem einige Fische herumschwammen und offenbar auf ihr Futter warteten. Noch ehe sie sich weiter umsehen konnte, nahm sie aus den Augenwinkeln eine rasche Bewegung wahr. Sie drehte sich um und erkannte entsetzt, dass Mr. Mulder eine Waffe auf sie gerichtet hatte. Sie sah in seinen Augen eine Spur von Bedauern als er sagte: „Sie hätten das nicht tun sollen. Wenn Sie nicht weggelaufen wären, müsste das nicht passieren. Jetzt verlieren Sie nicht nur die Kleine sondern auch Ihr Leben. War es das wirklich wert?”  „Ja!” rief sie verzweifelt in der Hoffnung ihn hinzuhalten, und das war ihr letzter Gedanke bevor er abdrückte und ihr Leben auslöschte, ihr Leben, das durch Susie einen Sinn erhalten hatte und das sie jetzt wegen ihr verlor.

 

 

 

Zwei Tage später

23.00

Eine Bank mit Blick auf den Potomac

 

Agent Dana Scully seufzte genervt und sah sich noch einmal um. Weit und breit keine Spur von einem Menschen. Nur Dunkelheit; die Bäume rauschten im Wind, und ein leichter Nieselregen wurde durch die Luft geweht. Wirklich keine Nacht, um beim Jefferson-Memorial spazieren zu gehen, auch nicht für die hartgesottensten Touristen. Kein Vergleich zu jener Nacht, als sie mit Mulder hier gesessen hatte, zwischen der Schließung und der Wiederöffnung der X-Akten, damals, als sie sich nach einer Zusammenarbeit mit ihm regelrecht gesehnt hatte, obwohl seine Theorien selten ihre Zustimmung fanden.

Nun saß sie wieder hier, aber nicht, um sich mit Mulder zu treffen, sondern um auf einen seiner Freunde zu warten. Da der Mann ungern gesehen wurde, hatte er diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Bisher war er jedoch noch nicht erschienen. Scully schloß nun auch den obersten Knopf ihres inzwischen ziemlich durchnäßten Mantels und stellte sich auf eine längere Wartezeit ein.

Irgendwann sah sie einen Mann aus der Dunkelheit auf sich zu kommen. Er ging so aufreizend vorsichtig, dass Scully den Wunsch unterdrücken musste, ihm entgegen zu gehen. Statt dessen blieb sie auf der Bank sitzen und wartete, bis der Mann neben ihr Platz genommen hatte. Nun konnte sie ihn erkennen. Sie seufzte innerlich. Es war Frohike, derjenige der drei Herausgeber der Paraniokerzeitung „Einsamer Schütze”, der eine Schwäche für sie hatte und der ihr am wenigsten sympathisch war. Es gefiel ihr sowieso nicht besonders, diese Paranoiker, die sie für absolut unglaubwürdig hielt, um Hilfe zu bitten. Aber das war jetzt unwichtig, denn hier ging es um Mulder.

Normalerweise war es gegen Frohikes Gewohnheit, sich mit irgendwelchen Leuten auf deren Bitte hin zu treffen. Er hatte nur aus zwei Gründen zugestimmt, diesmal eine Ausnahme zu machen: Erstens hatte ihn Scully um dieses Treffen gebeten, und zweitens gab er etwas auf Mulders Urteil, und Mulder vertraute ihr. Frohike sah die attraktive, rothaarige Frau von der Seite an und fragte ohne Einleitung: „Was wollen Sie?”

Scully schluckte und fing an zu erzählen. Sie begann damit, dass Mulder sich verfolgt gefühlt hatte, was sie zuerst für einen seiner üblichen Anflüge von Paranoia gehalten, dann jedoch begonnen hatte, ihm zu glauben, nachdem er ihr immer wieder versichert hatte, dass etwas nicht in Ordnung sei. Dann hatte man vor zwei Tagen in Mulders Apartment die Leiche einer jungen Frau gefunden, und der Agent war in Mordverdacht geraten. Mulder hatte auf alle Fragen geantwortet, er habe die Tote niemals gesehen und er wisse nicht, was sie in seiner Wohnung gewollt haben könnte. Scully glaubte ihm, aber sie schien damit eine Ausnahme zu bilden. Sie war vor einen AusSchuss der FBI-Führung zitiert worden in dem, wie sie ahnte, auch ein paar dubiose Herren vertreten waren, die jene Macht repräsentierten, die im Hintergrund die Fäden zog und Mulders und ihre Arbeit genauestens überwachte. Man hatte sie über ihren Partner ausgefragt, und sie hatte sich alle Mühe gegeben ehrlich zu antworten, ohne zu viel zu erzählen oder Mulder zu schaden. Als sie schließlich herausgefunden hatte, worauf der AusSchuss hinauswollte, waren ihre Protestversuche schon vergeblich gewesen. Man hatte sie beauftragt in diesem Fall zu ermitteln, was in den Augen ihrer Vorgesetzten bedeutete, gegen Mulder zu ermitteln. Man hatte sie schließlich gehen lassen, aber ein unangenehmes Gefühl war in ihrem Innern  geblieben. Natürlich hatte sie Mulder von ihrem Auftrag erzählt, und obwohl sie den unausgesprochenen Verdacht ihrer Vorgesetzten nicht erwähnt hatte wusste sie, dass ihrem Partner klar war, welchen Ausgang der Ermittlung diese insgeheim erwarteten. Niemand würde die Ergebnisse von Scullys Ermittlung in Frage stellen, weil sie im FBI den Ruf einer äußerst gründlichen und vor allem fairen Ermittlerin hatte. Zwar erfüllte sie längst nicht mehr ihre ursprüngliche Aufgabe, nämlich Mulder zu überwachen und jeden seiner Übertritte an ihre Vorgesetzten zu melden, aber man war sich dennoch sicher, dass sie niemals etwas zugunsten ihres Partners verschweigen würde. Die Tatsache, dass Mulder ihr vertraute, machte sie zur perfekten Ermittlerin in diesem Fall, der zwar nicht in Scullys sonstiges Gebiet fiel, die Arbeit an paranormalen Phänomenen, der aber als eine FBI- interne Angelegenheit in aller Stille sozusagen nebenbei erledigt werden sollte. Natürlich fühlte sie sich gerade wegen ihrer engen inneren Verbundenheit mit ihrem Partner bei diesem Fall überhaupt nicht wohl in ihrer Haut.

Das allein hätte sie ja noch relativ leicht verkraftet, aber nun war Mulder auch noch spurlos verschwunden, und ihre einzige Hoffnung ihn wiederzufinden waren seine Freunde vom Einsamen Schützen. Sie vermutete nämlich, dass er auf eigene Faust versuchen würde, den Mörder der jungen Frau zu finden und seine Unschuld zu beweisen. Solche Alleingänge waren durchaus typisch für ihn, wie Scully wusste. Möglicherweise hatte er seine drei Freunde um Hilfe gebeten und ihnen gesagt, was er vorhatte.

„Ich muss ihn finden, bevor er etwas unüberlegtes tut!”, schloss sie und hoffte inständig, dass es dafür noch nicht zu spät war. „Das letzte, was wir jetzt brauchen können ist eine seiner Eskapaden. Wir brauchen die Zustimmung unsrer Vorgesetzten, dass ich weiter an dem Fall dranbleiben darf, sonst kann Mulder womöglich nicht mehr mit einer fairen Ermittlung rechnen. Und es gibt keinen sichereren Weg, diese Zustimmung zu verlieren, als ihnen gestehen zu müssen, dass ein Verdächtiger, der noch dazu mein Partner ist, sich quasi in Luft aufgelöst hat.”

Frohike sah sie ernst an. Er war hin- und hergerissen. Einerseits hatte Mulder mit Sicherheit nicht gewollt, dass er ihn verriet, und er hatte sicher seine Gründe, Scully sein Vorhaben zu verschweigen, andererseits war sie seine Partnerin, die nichts anderes wollte als ihm zu helfen. Und sie machte sich offensichtlich Sorgen um ihn. Frohike tat das auch, und er hoffte, nicht zu Recht. Er entschloß sich, Scully die Wahrheit zu sagen: „Mulder hat versucht herauszufinden, was die Ermordete von ihm gewollt haben könnte. Wir haben für ihn ein paar Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass jemand, dessen Identität wir durch keine unsrer Quellen ermitteln konnten, ihr Mulders Adresse gegeben und gesagt haben muss, er könne ihr vielleicht  helfen. Wobei sie seine Hilfe gebraucht hat, kann ich nicht sagen. Jedenfalls wusste Mulder offenbar genau, an wen er sich wenden musste, denn er hat dann einfach aufgelegt. Ich glaube allerdings, dass es eine gute Idee wäre, ihn zu finden.” Scully stimmte ihm im Geiste zu.

 

 

 

0.25

Fox Mulders Apartment

 

In Mulders Apartment herrschte das übliche Chaos; die Unordnung wurde noch verstärkt durch die Tatsache, dass erst vor Kurzem ein Team der Spurensicherung hiergewesen war, begleitet von Sanitätern, die die Leiche der noch immer nicht identifizierten Frau abtransportiert hatten.

Scully achtete allerdings kaum auf die Unordnung und die überall verstreuten Reste von Fingerabdruckpulver. Offenbar hatte niemand es für nötig gehalten, hinterher wieder aufzuräumen. Da Scully die Vorgehensweise ihrer Kollegen in Fällen wie diesem kannte und den Bericht über die Ergebnisse der Tatortuntersuchung gelesen hatte, machte sie sich nicht die Mühe, sich nach weiteren Spuren umzusehen. Statt dessen wollte sie in Mulders Computer und in seinen persönlichen Unterlagen nach Hinweisen auf seinen Aufenthaltsort oder wenigstens sein Vorhaben suchen.

Da es sich nicht um die Wohnung des Opfers handelte und Mulder offiziell nicht unter Verdacht stand, hatte es keinen Grund gegeben, seine privaten Dinge zu durchwühlen. Scully wusste, dass sich das sehr bald ändern konnte, wenn jemand auf die Idee kam, ihren Partner formell zu verdächtigen. Dem war er bisher nur entgangen, weil er FBI-Agent war. Deshalb war er lediglich befragt worden, weil die Leiche in seinem Apartment gefunden worden war. Scully hatte allerdings nicht vor zu warten, bis jemand Mulder beschuldigte und ihr damit die Sache aus der Hand nahm.

Sie war schon an mehr Tatorten gewesen als sie zählen konnte, deshalb machte es ihr nichts aus, hier mitten in der Nacht allein zu arbeiten, auch wenn auf dem Boden noch deutlich die Kreidestriche zu sehen waren, mit denen die Lage der Toten gekennzeichnet worden war.

Scully ignorierte sie und setzte sich an Mulders Schreibtisch, nachdem sie einen Stapel Zeitungen vom Stuhl gesammelt hatte. Die Computertastatur verschwand unter Bergen von Papieren, die Scully nicht sonderlich interessant zu sein schienen. Sie schob sie achtlos beiseite und schaltete entschlossen den Computer an.

 

 

 

2.10

Irgendwo in Washington

 

Die Nacht war dunkler als sonst, da Regenwolken die Sterne verdeckten und in diesem Teil der Stadt die meisten Straßenlaternen kaputt waren. Es war ein düsterer Stadtteil von Washington, D.C., in den sich selbst tagsüber selten ein Streifenwagen verirrte. Nachts war das Viertel gänzlich von der Polizei verlassen, und wenn die Cops doch mal hierher kamen, dann nur mit mehreren Einsatzfahrzeugen und heulenden Sirenen, um ein Mordopfer abzutransportieren.

Die Bewohner der angrenzenden Viertel schärften ihren Kindern ein, sich unter keinen Umständen in dieser Gegend aufzuhalten.

Mulder stand an einer der verwaisten Straßen und wartete. Er hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, aber trotzdem lief ihm kaltes Regenwasser von dem Schauer, der vor ein paar Minuten niedergegangen war, den Rücken hinunter.

Mulder schauderte und sah auf die Uhr. 2.13 . Zwei Minuten noch, dann sollte sein Informant hier sein. Mulder wusste, es würde zwecklos sein darauf zu achten, aus welcher Richtung der Mann kam. Er würde es wie üblich verstehen, aus dem Schatten aufzutauchen und auch wieder dort zu verschwinden. Mulder fröstelte, als ein kalter Windstoß ihm erneut einen Regenschauer in den Nacken wehte. Es war nur ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit, und plötzlich fühlte Mulder, dass jemand hinter ihm stand. Er fuhr herum und erblickte undeutlich die kräftige Gestalt seines geheimnisvollen Informanten, den er nur unter dem Namen X kannte.

Der Mann hielt sich wie üblich im Schatten. Er schien das Licht zu verabscheuen, was angesichts seiner Aktivitäten nicht verwunderlich zu sein schien. Er hatte mehr als einmal erwähnt, dass er sich jedesmal in Lebensgefahr begab, wenn er Mulder aufsuchte. Dieser konnte seinerseits niemals sicher sagen, ob X ihm die Wahrheit sagte oder ob er ihn einfach für seine Zwecke benutzte. Trotzdem wandte er sich immer wieder an ihn, denn dieser geheimnisvolle Mann mit dem finsteren Gesicht war oft seine einzige Möglichkeit, an streng geheimgehaltene Informationen zu gelangen, die zur Aufklärung seiner Fälle unerläßlich waren. Deshalb musste er das Risiko eingehen, von ihm getäuscht oder auch benutzt zu werden.

Die Begrüßung durch X war genau wie immer: Sie fand nicht statt.

„Was wollen Sie?”

Auch Mulder hielt sich nicht mit Höflichkeiten auf. Er kam sofort zur Sache: „In meinem Apartment wurde eine Frau ermordet. Wer ist sie und was wollte sie von mir?”

Ein spöttisches Lächeln erschien auf dem dunklen Gesicht von X. “Wenn sie in Ihrem Apartment war, wird sie Sie wohl gekannt haben. Das führt zu dem Schluß, dass Sie sie ebenfalls gekannt haben.”

„Hätte ich sie gekannt wüßte ich, wo ich anfangen muss zu ermitteln und würde nicht mitten in der Nacht herkommen um Sie nach Dingen zu fragen, die ich längst weiß. Also hören Sie auf mit Ihren Spielchen und sagen Sie mir, was Sie über sie wissen! Ich bin sicher, dass sie meine Adresse von Ihnen oder von jemandem hat, den Sie kennen.”

X zuckte angesichts von Mulders ungewohnt heftigen Worten nicht einmal mit der Wimper. Die Aufregung seines Gegenübers schien ihn nicht im Mindesten zu beeindrucken. Entsprechend kalt fiel seine Antwort aus: „Sie stammt aus New York und hat sich an Sie gewendet, weil sie Ihre Hilfe brauchte.”

„Und irgend jemand wollte offensichtlich ganz dringend verhindern, dass sie mit mir spricht. Ich will wissen, wer das war!”

X blieb weiter ungerührt. „Hätte derjenige, der ihr Ihre Adresse gegeben hat genau gewusst, wer hinter ihr her war, hätte er sie wohl selbst beschützt und nicht erst Sie bemüht, meinen Sie nicht auch? Zumal Sie versagt haben.”

Nach einer längeren Pause fügte X hinzu: „Ihr Name war Judy Benson, und sie hat in einer New Yorker Bank gearbeitet.” Für einen Augenblick schien es Mulder, als habe er zum erstenmal den Hauch einer Gefühlsregung im Gesicht des Anderen gesehen. Er hatte keine Gelegenheit herauszufinden, ob er sich geirrt hatte, denn schon drehte sich X um und verschwand wieder in der Dunkelheit.

Mulder blieb allein auf der regennassen Straße zurück. Langsam drehte auch er sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, während er seine nächsten Schritte plante. Bei seinem Wagen angekommen überlegte er, ob er Scully anrufen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Er wollte seine Partnerin nicht in diese Sache hineinziehen. Außerdem sagte ihm sein Instinkt, dass er auf einer wichtigen Spur war, und er wusste, dass Scully seinem Eifer äußerst skeptisch gegenüberstehen würde. Außerdem war sie mit den Ermittlungen in diesem Fall betraut was indirekt hieß, dass sie auch gegen ihn ermitteln musste. Er vertraute ihr blind, aber er wusste auch, dass er sie in einen tiefen Gewissenskonflikt stürzen würde, wenn er ihr von seinem Vorhaben, nach New York zu fliegen berichtete. Das wollte er auf keinen Fall, also musste er sie im Unklaren lassen, so wenig ihm dieser Gedanke gefiel.

Mulder fuhr zum Flughafen wo er erfuhr, dass er 2 ½ Stunden auf den nächsten Flug nach New York warten musste. Also kaufte er sich eine Tüte Sonnenblumenkerne und setzte sich in die Wartezone.

 

 

 

12.25

Fox Mulders Apartment

 

Das schrille Klingeln des Telefons ließ Scully hochschrecken. Sie sah sich einen Moment lang verwirrt um bis sie begriff, wo sie sich befand. Sie lag auf Mulders Couch. Helles Sonnenlicht drang durch die Vorhänge und ließ das Durcheinander im Wohnzimmer noch fataler erscheinen als es in der Nacht im Licht der Deckenlampe gewirkt hatte.

Scully hatte lange versucht, in Mulders Computer Hinweise auf sein Vorhaben zu finden, musste aber schließlich einsehen, dass sie dort nichts finden würde. Dann hatte sie sich auf die Couch gesetzt, um die handschriftlichen Unterlagen ihres Partners durchzusehen. Dabei musste sie eingeschlafen sein. Scully warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. 12.27 . Sie stand auf und fühlte einen stechenden Schmerz im Nacken und in den Schultern, der sicher eine Folge ihrer unbequemen Lage auf Mulders Couch war. Sie fragte sich zum wiederholten Mal, wie ihr Partner es fertigbrachte, auf dem Ding zu schlafen, als sie plötzlich seine Stimme hörte.

Scully fuhr herum, und es dauerte einen Moment bis sie begriff, dass die Stimme vom Anrufbeantworter kam. Das Gerät hatte sich nach dem zweiten Klingeln des Telefons eingeschaltet und wartete nun auf eine Nachricht des Anrufers.

Diese folgte nach einer kurzen Pause. „Hey Mulder, hier ist Frohike,” ertönte eine Scully wohlbekannte Stimme. „Ich muss dir was sagen. Über deine süße Partnerin. Sie sucht dich; ich denke, das interessiert dich vielleicht. Ich hab ihr gesagt, was ich weiß. Tut mir leid, aber ich kann ihr halt nicht widerstehen...Übrigens, sei vorsichtig.” Scully wusste nicht, ob sie lachen oder wütend sein sollte. Es hätte ihr gleich klar sein müssen, dass er sie an Mulder verraten würde. Trotzdem war sie wenig begeistert von dem Gedanken. Immerhin weiß ich jetzt, dass er mir die Wahrheit gesagt hat, dachte sie. Das war ja auch schon etwas. Trotzdem hielt sie es für besser, die Nachricht zu löschen, da sie nicht wissen konnte, wer als Nächster auf die Idee kommen würde, sich in Mulders Apartment umzusehen. Es musste ja nicht unbedingt jeder wissen, dass sie keine Ahnung hatte, wo sich ihr Partner befand. Auch wenn sie das wahrscheinlich sehr bald selbst würde zugeben müssen.

Nachdem sie das Band des Anrufbeantworters gelöscht hatte, legte sie Mulders Unterlagen wieder auf seinen Schreibtisch und nahm diejenigen mit, die sie noch nicht durchgesehen hatte.

Dann fuhr sie nach Hause, um zu duschen und ihre Kleider zu wechseln.

Als sie 1 ½ Stunden später das Hoverbuilding betrat und die Sicherheitskontrolle passierte hätte ihr niemand angesehen, dass sie die Nacht auf der Couch in einer fremden Wohnung verbracht hatte, noch dazu in ihrer Straßenkleidung.

 

 

 

18.10

FBI-Hauptquartier

 

Nachdem Scully über drei Stunden in Mulders und ihrem Büro im Keller des FBI-Hauptquartiers damit verbracht hatte, Mulders restliche Unterlagen nach Hinweisen auf sein Vorhaben oder auf seinen mysteriösen Informanten durchzugehen, musste sie sich eingestehen, dass es keinen Zweck hatte, weiter zu suchen. Mulder hatte nicht den geringsten Hinweis aufbewahrt. Oder, und der Gedanke erschreckte Scully, jemand hatte vor ihr danach gesucht.

Es klopfte an der Tür. Ohne eine Aufforderung abzuwarten betrat Agent Jones den Raum. Scully kannte die junge Frau flüchtig. Sie war erst vor kurzem von der Akademie in Quantico gekommen und war fürs Erste einem Seniorpartner zugewiesen worden, der sie in die Praxis der FBI-Arbeit einweisen sollte. Dieser musste Jones auch in die geheimen Hierarchien und in die Gerüchteküche des Bureaus eingeweiht haben, denn nachdem Jones Scully bei ihrem ersten Treffen noch gegrüßt hatte, war sie schon am nächsten Tag Scullys Gruß mit einem verlegenen Blick zur Seite ausgewichen. Auch jetzt schien sie sich in Gegenwart der anderen Agentin nicht sonderlich wohl zu fühlen. Sie blieb in der Tür stehen, und Scully fragte sich, ob Agent Jones wieder eines der vielen Gerüchte über ihre und Mulders Arbeit gehört hatte oder ob sie eine schlechte Nachricht brachte.

„Agent Scully,” brach die junge Frau schließlich das Schweigen. „Director Skinner möchte Sie sehen.”

Scully seufzte innerlich. Doch eine schlechte Nachricht, entschied sie stumm. Wahrscheinlich würde Skinner ihr den Fall entziehen, oder er würde ihr einen anderen Agenten zur Kontrolle zuteilen, so wie sie selbst vor über vier Jahren Mulder zugeteilt worden war. Mit absoluter Sicherheit aber würde er unangenehme Fragen stellen und wissen wollen, welche Fortschritte sie gemacht hatte. Das Problem war nur, dass es nichts zu berichten gab und schon gar keine Fortschritte. Scully war sich darüber im Klaren, dass die wenigen Dinge, die sie bisher erfahren hatte nicht zu dem gehörten, was Skinner würde hören wollen. Trotzdem würde sie der Aufforderung ihres direkten Vorgesetzten folgen müssen.

 Scully verließ also das Büro im Keller und machte sich auf den Weg zu Skinners Büro, das im oberen Teil des Gebäudes lag. Mit ihren Gedanken beschäftigt, bemerkte sie nicht einmal, dass Agent Jones sich schon längst erleichtert entfernt hatte.

Als Scully Skinners Vorzimmer betrat, bedachte seine Sekretärin sie mit einem Blick, der sie vermuten ließ, dass sie die Nachricht, die die Agentin erwartete, schon kannte und dass diese mehr als nur schlecht sein musste. Die Sekretärin forderte Scully mit einer Geste auf, gleich in Skinners Büro zu gehen. Dort konnte sie auch im Gesicht des Directors die Schlechtigkeit der Nachricht förmlich ablesen.

Skinner forderte sie mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen. Er wartete, bis sie saß; dann begann er zu sprechen: „Agent Scully, was wissen Sie über den Verbleib von Agent Mulder?”

Sie hatte befürchtet, dass diese Frage kommen würde, hatte aber nicht damit gerechnet, dass er sie sofort und ohne Einleitung stellte. Trotz ihrer leichten Überraschung gelang es ihr, sofort zu antworten.

„Im Augenblick weiß ich nicht, wo er sich aufhält, Sir.” Nur Scully selbst wusste, wie schwer ihr dieses Geständnis fiel.

„Wissen Sie, was er vorhatte?”

„Es tut mir leid, Sir, aber ich kann Ihnen dazu nichts sagen.”

„Können oder wollen Sie mir nicht antworten? Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Ihr Partner Sie nicht über seine Absichten informiert hat?”

„Nein, Sir, ich habe nicht die geringste Ahnung.” Scully fragte sich, wann das Donnerwetter folgen würde. Noch beschränkte Skinner sich aber auf Fragen.

„Was wissen Sie über seinen Aufenthaltsort in den letzten 1 ½ Tagen?”

„Ich weiß nichts darüber, wo Agent Mulder gewesen ist, ich weiß nicht, wo er sich zur Zeit befindet, und ich weiß auch nicht, wo er hingehen könnte oder was er vorhat.”

Skinner schien sich einen inneren Ruck zu geben, bevor er die nächsten Worte aussprach: „Agent Mulder wird nirgendwo hingehen. Agent Mulder ist tot. Er wurde heute morgen gegen vier Uhr in einem Park in Washington erschossen. Sein Mörder war vermutlich ein Drogensüchtiger.”

Die Worte des Assistent Directors hatten auf Scully die gleich Wirkung wie ein Schlag ins Gesicht. Schockiert starrte sie Skinner an, unfähig zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Es konnte und durfte nicht wahr sein. Ihr Partner musste leben. Er konnte doch nicht einfach erschossen worden sein! Was für einen Sinn konnte das haben?

Skinners Stimme riß sie aus ihrer Starre. „Agent Scully, es tut mir leid.”

Es tut mir leid. Wie oft hatte sie diese Worte gesagt, um Angehörigen und Freunden von Mordopfern ihr Beileid auszudrücken, wenn sie ihnen die Nachricht vom gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen überbringen musste. Nun spürte sie selbst, wie leer die Worte klangen, wie wenig sie geeignet waren, Trost zu spenden.

Skinner bemerkte das Entsetzen seiner Agentin. Er hatte Mitleid mit ihr, teilte ihre Gefühls sogar in gewissem Maße. Trotzdem konnte er ihr die nun folgende Prozedur nicht ersparen.

„Wir müssen versuchen, Agent Mulders letzte Tage zu rekonstruieren. Ich muss Sie daher bitten, mir alles zu sagen, was Sie darüber wissen.” Scully schwieg. Sie wusste, dass diese Frage nötig war, aber sie hatte Skinner schon alles gesagt, was sie wusste: So gut wie nichts. Skinner sah sie voll Mitgefühl an. Er konnte nur ahnen, wie tief sie vom Tod ihres Partners berührt wurde, und er konnte nichts tun, um ihr zu helfen.

„Ich will ihn sehen!” brachte Scully schließlich hervor.

„Das geht nicht. Die Autopsie wird vermutlich bereits durchgeführt, und ich werde auf keinen Fall zulassen, dass Sie daran teilnehmen. Sie sind zu sehr persönlich engagiert, und es würde doch nichts ändern. Heute werden Sie auf keinen Fall weiterarbeiten. Agent Jones wird Sie nach Hause fahren. Und... Nehmen Sie sich Zeit, es zu akzeptieren.

Es akzeptieren. Scully wusste, dass sie dazu niemals in der Lage sein würde.

 

 

 

20.00

FBI-Pathologie

Washington, D.C.

 

FBI-Pathologe James White knurrte unwillig, als er ein Paar Latexhandschuhe überzog und die Leiche betrachtete, die im Autopsieraum vor ihm auf einem der Seziertische lag. Es gab Tage, da hasste er seinen Job, und dies war ein solcher Tag. Am Morgen hatte ihn seine Freundin wegen seiner unregelmäßigen Arbeitszeiten verlassen. Das traf ihn hart, denn er liebte Kelly. Aber er verstand auch, dass es eine Frau nicht ewig aushalten konnte mit einem Mann zusammenzuleben, der bis spät in die Nacht an Leichen herumschnippelte und, wenn er doch mal zu Hause war, oft lange brauchte um die schrecklichen Dinge zu verdrängen, die er während seiner Arbeit gesehen hatte. Wenn es ihm überhaupt gelang.

Ohne Kelly hatte es für ihn keinen Sinn, nach Hause zu gehen. Natürlich war sie auch sonst nicht immer da gewesen, aber zu wissen, dass sie nie wiederkommen würde war etwas anderes, als auf ihre Rückkehr warten zu können. Er würde sicher nur rumsitzen und vor sich hin brüten. Also konnte er ebensogut noch die Autopsie durchführen, die er eigentlich für den nächsten Morgen eingeplant hatte.

„Also los, Junge, bringen wir’s hinter uns.” White sah sich den Körper vor ihm auf dem Tisch genauer an. Auch die Leiche war ein Grund, warum er heute seinen Beruf verabscheute. Der Mann war FBI-Agent gewesen, ein Kollege. Man hatte ihm gesagt, sein Name sei Mulder. White hatte ihn nicht persönlich gekannt, aber er kannte seine Partnerin. Dana war eine brillante Pathologin, mit der er schon ein paarmal zusammen gearbeitet hatte. Er mochte sie, und sie tat ihm leid. Jeder im Bureau wusste, dass die Partnerschaft zwischen Agenten tiefer ging als die meisten Liebesbeziehungen. Deshalb gingen auch so viele Ehen der Agenten schief: Dem Lebenspartner wurde irgendwann klar, dass er niemals so wichtig werden würde wie der FBI-Partner. Arme Dana, dachte White. Es würde lange dauern, bis sie über diesen Verlust hinwegkommen würde. Wenn sie es überhaupt schaffte. Auf alle Fälle war White froh, dass irgend jemand sie nach Hause geschickt hatte. Sonst stünde sie sicher schon hier. Das hätte ihm noch gefehlt.

White riss sich aus seinen Gedanken. Wenn es etwas gab das er hasste, dann war es, Kollegen aufzuschneiden. Jede andere Leiche war ihm lieber, sogar wenn sie wochenlang im Wasser gelegen hatte. Trotzdem musste es sein. Er machte sich an die Arbeit, ordnete noch einmal seine Instrumente und begann, Datum, Uhrzeit und die Nummer des Falles in das von der Decke herabhängende Mikrofon zu sprechen, das es den Pathologen ermöglichte, ihre Autopsieberichte sofort festzuhalten.

Abgesehen von Whites Stimme war es im Autopsieraum still, denn außer ihm war niemand mehr da. Der Wachmann hatte sich vor ein paar Minuten verabschiedet und gesagt, in einer halben Stunde sei die Nachtschicht da. Wenn der Doc also so lange allein bleiben würde, könne er selbst zum Geburtstag seiner Tochter nach Hause gehen. White hatte genickt und gescherzt, dass ihn die hier anwesenden Damen und Herren ja wohl kaum überfallen würden. Er gönnte dem Wachmann die Freizeit. Irgend jemand musste ja schließlich ein intaktes Familienleben haben. Er warf einen genaueren Blick auf den Toten und fuhr fort zu diktieren: „Todesursache ist vermutlich eine Schussverletzung am Kopf. Die Kugel ist am Hinterkopf eingetreten, wahrscheinlich aus einer Distanz von höchstens einem Meter. Das Gesicht des Opfers ist sowohl durch den Austritt des Geschosses als auch durch massive Schnittverletzungen vollkommen unkenntlich. Die Autopsie wird zu klären haben, ob diese vor oder nach Eintritt des Todes beigebracht wurden...”

Ein Geräusch ließ White aufsehen. Er wandte den Kopf zur Tür. „Don?” rief er den Namen des Wachmanns der Nachtschicht. „Mike ist schon gegangen, weil seine Tochter Ge...” Der Pathologe stockte mitten im Satz als er erkannte, dass nicht Don den Raum betreten hatte sondern ein ihm völlig unbekannter Mann in einem unauffälligen Anzug. Überhaupt schien alles an dem Fremden unauffällig zu sein: Die Kleidung, die Frisur, die Haarfarbe, ja sogar das Gesicht. White bezweifelte, dass er diesen Mann auf der Straße überhaupt bemerkt haben würde.

Seine Begleiter waren allerdings alles andere als durchschnittlich. Drei Männer in Uniform betraten mit ihm den Autopsieraum.

„Entschuldigen Sie, aber ich glaube, Sie sind hier falsch. Oder kann ich Ihnen helfen?” sprach White den Mann in Zivil an, den er für den Befehlshaber hielt. „Das glaube ich kaum.”, war die kühle Antwort. „Wir wurden angewiesen, die Leiche von Agent Fox Mulder mitzunehmen.” White hob überrascht die Brauen. Erst jetzt bemerkte er, dass die uniformierten Männer eine Art Trage bei sich hatten, groß genug, um einen Menschen darauf zu transportieren.

 „Tut mir leid, aber das geht nicht. Ich habe gerade erst mit der Autopsie begonnen, das heißt, ich habe eben die Fingerabdrücke genommen, und es kann noch dauern, bis ich mit ihm fertig bin. Der Mann war Zivilist, und er hat fürs FBI gearbeitet. Die Autopsie muss also hier stattfinden. Außerdem hat mir niemand etwas von einer Überführung der Leiche gesagt. Ich kann also nicht einfach...”

„Sie können und Sie werden!” unterbrach ihn der Mann mit dem unauffälligen Äußeren kühl, und bevor White reagieren konnte, hatte der Fremde eine Waffe auf ihn gerichtet und abgedrückt.

„Und wenn ich sage, wir nehmen die Leiche mit, dann tun wir das auch.” Dies waren die letzten Worte, die James White in seinem Leben hörte. Dann wurde es dunkel um ihn. Völlig ungerührt betrachtete sein Mörder den sterbenden Pathologen und wandte sich dann seinen Begleitern zu: „Nehmt sie beide mit, und dann laßt uns von hier verschwinden, bevor der Wachmann auftaucht!”

 

 

 

21.00

Dana Scullys Apartment

 

Dana Scully saß wie betäubt in ihrem Sessel. Sie war einfach nicht fähig etwas zu tun, aufzustehen oder auch nur zu denken. So saß sie schon, seit Agent Jones sie im Kellerbüro, in das sie nach ihrer Unterredung mit Skinner geflüchtet war, gefunden und auf Befehl des Section Chief nach Hause gefahren hatte. Ihr Büro. Mulders Büro. Nein, nicht mehr Mulders Büro, denn Mulder war tot. Bei diesem Gedanken zuckte sie schmerzhaft zusammen, denn ihr wurde erst allmählich bewusst, was die Worte Skinners wirklich bedeuteten. Nachdem er sie hatte gehen lassen, war sie in das Büro gegangen, das sie mit Mulder geteilt hatte, unfähig zu glauben, was ihr Vorgesetzter gesagt hatte. Scully hatte sich auf den Stuhl ihres Partners gesetzt und die Wand angestarrt, an der zahlreiche Zeitungsberichte über die unterschiedlichsten paranormalen Phänomene sowie unzählige Fotos von UFOs hingen. Inmitten dieses Durcheinanders befand sich das Poster mit der Aufschrift “I want to believe”. Diese Worte schienen auf Scully einzustürzen, schienen sie verhöhnen zu wollen. Das letzte, was sie jetzt wollte, war glauben. So hatte sie stumm und in ihre Erinnerungen versunken dagesessen, bis Jones den Raum betreten hatte. Die Frau hatte keine überflüssigen Fragen gestellt sondern Scully nach Hause gefahren und ihr sogar noch einen Kaffee gekocht, bevor sie sich verabschiedet hatte, nicht ohne Scully anzubieten, sie solle sie anrufen, wenn sie etwas brauchte.

Nun saß sie also allein in ihrem Apartment. Die Kaffeetasse stand unberührt auf dem Tisch, die Agentin registrierte nicht einmal, dass der Inhalt längst kalt geworden war. Draußen war es allmählich dunkel geworden, aber Scully schaltete nicht das Licht an. Noch immer begriff sie die entsetzliche Wahrheit nicht ganz.

In ihrem Beruf bekam sie es mit vielen Leichen zu tun, und sie selbst hatte schon geliebte Menschen verloren, ihre Schwester sogar durch ein Gewaltverbrechen, aber noch nie hatte sie einen derart tiefen Schmerz gespürt, in ihrem ganzen Leben keine solche Verzweiflung gefühlt. Fox Mulder, der einzige Mensch, dem sie bedingungslos vertraut hatte, lebte nicht mehr, war in einem Washingtoner Park von einem Junkie erschossen worden. Der analytische Verstand der FBI-Agentin schaltete sich unwillkürlich ein. Was hatte Mulder überhaupt in dem Park gewollt? Noch dazu mitten in der Nacht? Eigentlich war die Antwort auf diese Fragen Scully im Moment egal, so wie alles andere auch. Ohne ihren Partner hatte es sowieso keinen Sinn, denn allein konnte sie ihre Arbeit nicht fortführen. Ihr gemeinsames Ziel, die Suche nach der Wahrheit, konnte sie ohne ihn nicht erreichen. Wut mischte sich in ihre entsetzliche Trauer. Wer hatte Mulder das angetan? Scully spürte, dass sie das herausfinden musste. An die Geschichte mit dem Drogensüchtigen konnte sie nicht glauben. Sie musste den wahren Mörder ihres Partners finden, das war sie ihm schuldig. Sie war bereit, sich dafür über alle Vorschriften hinwegzusetzen, denn ihr war klar, dass Skinner sie niemals diesen Fall würde bearbeiten lassen. Er würde niemals einsehen, dass sie das unbedingt tun musste. Schließlich hatte Mulder auch ihr vertraut. Er war nicht nur ihr Partner gewesen, sondern auch ihr Freund. Ihr bester Freund. Sie hatten so vieles zusammen durchgemacht, hatten Fälle bearbeitet, die sie sich noch heute nicht erklären konnte. Scully dachte an die ersten Worte, die Mulder an sie gerichtet hatte, damals, als sie einander vor über vier Jahren zum erstenmal begegnet waren. Sie hatte sein Büro betreten, und er hatte gesagt: „Hier gibt es nichts außer FBI`s most unwanted.” Er hatte ihr genauso misstraut wie sie ihm, denn er hatte gewusst, dass sie ihm an die Seite gestellt worden war, um ihn zu behindern. Trotzdem hatte er ihr die Chance gegeben, seine Sicht der Dinge kennenzulernen und seine Theorien zu überprüfen. Am Anfang war sie der Meinung gewesen, seine Theorien seien blanker Unsinn. Das hatte sich im Laufe ihrer Zusammenarbeit jedoch gründlich geändert. Sie hatte durch Mulder vieles gelernt. Er hatte ihr unzählige Male das Leben gerettet, ebenso wie sie das seine. Aufgrund der Dinge, die sie zusammen gesehen und erlebt hatten, waren sie einander sehr nahe gekommen. Sie war sich nicht mehr sicher, ob der Begriff Freundschaft überhaupt geeignet war, all das zu beschreiben, was er ihr bedeutet hatte. Manchmal war sie beinahe so weit gewesen sich einzugestehen, dass sie mehr empfand. Allerdings hatte ihre eiserne Disziplin und ihre Verbundenheit mit den Regeln des FBI sowie die Angst, seine Freundschaft zu verlieren sie immer wieder diese aufkommenden Gefühle verdrängen lassen. Und nun war es zu spät um herauszufinden, ob sie mit ihrer Ahnung recht gehabt hatte...

Scully zwang sich, nicht daran zu denken, weil ihr klar war, dass diese Gedanken zu nichts führen würden. Sie stand entschlossen auf. Sie war nicht bereit, Mulders Tod einfach so hinzunehmen, ohne dass sie versuchte, den Schuldigen zu finden.

Das Klingeln des Telefons schreckte sie auf. Als sie sich meldete, erwartete sie fast, die Stimme ihres Partners „Scully, ich bin’s” sagen zu hören, wie er das unzählige Male getan hatte, aber natürlich war das nur ein unmöglicher Wunsch. Statt dessen meldete sich Agent Jones: „Agent Scully? Ich bin in der FBI-Pathologie. Ich glaube, Sie sollten herkommen. Wir haben gerade erfahren, dass Agent Mulders Leiche gestohlen worden ist. Director Skinner weiß nicht, dass ich Sie anrufe, aber ich dachte, Sie sollten Bescheid wissen.” Scully unterbrach sie. „Vielen Dank für Ihren Anruf. Ich komme sofort hin!” Bevor Jones etwas erwidern konnte, hatte Scully schon aufgelegt. Sie zog rasch ihren Mantel an, griff nach ihrer Waffe und den Schlüsseln und verließ hastig die Wohnung. In ihr breitete sich dasselbe Gefühl aus, das sie aus ihrer Zusammenarbeit mit Mulder so gut kannte: Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, dass jemand etwas zu verbergen versuchte. Das Gefühl, dass die Jagd begann.  

 

 

 

 

23.00

FBI-Pathologie

Washington, D.C.

 

Obwohl es inzwischen Nacht war, herrschte in der Pathologie reger Betrieb. Die sonst so ruhigen Räume glichen einem Bienenstock zur Sommerzeit. Fotografen machten Aufnahmen von Blutflecken auf dem Boden, von den Geräten und von den Autopsietischen, Beamte der Spurensicherung vermaßen und kennzeichneten die Lage jedes einzelnen Gegenstandes und verstreuten überall Fingerabdruckpulver, ein Agent sprach mit einem Mann in der Uniform des Sicherheitsdienstes, und ein paar Leute standen herum und versuchten sich einen Überblick über alles zu verschaffen. Eine von ihnen war Agent Megan Jones. Sie konnte nicht direkt behaupten sie sei aufgeregt, aber sie war auch nicht so ruhig, wie sie es hätte sein können. Dies war ihr erster eigener Fall, und da ihr Partner mit einer Grippe im Bett lag war sie gezwungen, alles allein anzugehen. Das verursachte ihr Stress, weil sie alles so gut wie möglich machen wollte und eigentlich nicht die geringste Ahnung hatte, was hier passiert war.

Sie wandte sich an einen der anderen Agenten, der schon viel länger fürs Bureau arbeitete, ihr aber jetzt unterstellt war. Noch etwas, das ihr Unbehagen bereitete.

„Sorgen Sie dafür, dass ein Pathologe herkommt und sich umschaut. Ich möchte wissen, wie es hier sonst aussieht und ob die Blutspuren von einer Autopsie stammen können. Vielleicht hat hier einfach nur jemand nicht aufgeräumt.” Noch während sie es aussprach, kam es ihr unwahrscheinlich vor, und sie versuchte, ihre aufkommende Unsicherheit mit einem Lachen zu überspielen. Ihr Gegenüber merkte das natürlich, war aber höflich genug, nicht darauf einzugehen. Schließlich fing jeder mal bei Null an. Statt dessen nickte er einfach und verschwand, um die Anweisung zu befolgen.

Als sie an der Tür energische Stimmen hörte, wandte Jones den Kopf. Agent Scully versuchte gerade, an dem Agenten vorbeizukommen, der Unbefugte draußen halten sollte.

„Entschuldigen Sie, Ma'am, aber Sie können hier jetzt nicht rein.”

„Ich bin FBI-Pathologin und dies ist mein Arbeitsplatz. Also lassen Sie mich durch.” Scully zeigte dem Mann ihren Dienstausweis.

Jones trat hinzu und mischte sich ein. „Schon gut, sie arbeitet an diesem Fall.” Sie ließ der überraschten Scully keine Zeit für eine Erwiderung sondern zog sie mit sich. Dabei erklärte sie: „Gut, dass Sie da sind. Ich glaube, wir können Sie hier brauchen. Sie wissen ja schon, was passiert ist. Vor etwa einer Stunde hat der Wachmann der Nachtschicht seinen Dienst begonnen. Er war auf dem Weg hierher in einen Unfall verwickelt. Deshalb hat er sich verspätet. Er war deswegen nicht allzu beunruhigt weil er annahm, dass der Mann von der Tagschicht auf ihn warten würde. Aber als er hier ankam stellte er fest, dass niemand da war. Er hat sich umgesehen, weil das Licht noch brannte. Dabei hat er auf dem Boden Blutspuren gefunden. Außerdem war eine von den Leichenschubladen geöffnet, und vom Wachmann der Tagschicht fehlt jede Spur. Wir vermuten daher...”

Scully sah sich um. Ihr Blick glitt über die glänzenden Metalltische, die sterilen Instrumente, die Geräte, mit denen Autopsien durchgeführt wurden. Sie kannte jede Einzelheit dieses Raumes, denn sie hatte schon oft hier gearbeitet, hatte Leichen untersucht, die von den seltsamen Phänomenen zeugten, die sie zusammen mit Mulder aufzuklären versucht hatte. Wie oft war er hier unten bei ihr gewesen, hatte versucht, ihr nicht zu genau bei der Arbeit zuzusehen und ihre Ergebnisse mit skurrilen Theorien zu erklären. Sie dachte an die vielen angeblich außerirdischen Leichen, die sie schon für ihn untersucht hatte und von denen sich die meisten als mehr oder weniger guter Schwindel herausgestellt hatten. An die wenigen Ausnahmen mochte sie gar nicht denken. Sie war noch immer überzeugt, dass diese einfach zu gut gefälscht gewesen waren. Mulder hatten diese Fälle jedenfalls immer neuen Anlaß gegeben, zu glauben.

Selbst dieser wenig einladende Ort barg Erinnerungen...

„Agent Scully?”

„Ja?” Scully wandte sich schuldbewusst Agent Jones zu. Sie musste gestehen, dass sie nicht zugehört hatte.

„Ich habe Sie gerade gefragt, ob Sie mir etwas darüber sagen können, was hier geschehen sein könnte. Die Blutflecken auf dem Boden und auf den Instrumenten könnten schließlich von einer Autopsie stammen. Dann ermitteln wir möglicherweise ganz umsonst.”

„Ausgeschlossen.” Scully schüttelte den Kopf. „Die Instrumente werden nach jeder abgeschlossenen Autopsie gereinigt und sterilisiert, und die Menge Blut, die sich auf dem Boden befindet, kann nicht von einer Autopsie stammen. Tote bluten nicht so stark.”

Agent Jones nickte und stellte dann halblaut Vermutungen an, was mit dem Wachmann geschehen sein könnte. Scully ertappte sich dabei, dass sie schon wieder nicht zuhörte. Ihre Gedanken schweiften von ganz allein ab, als sie das rege Durcheinander um sich herum beobachtete, das jede Tatortermittlung mit sich brachte.

Wer konnte daran interessiert sein, eine Leiche aus der gut bewachten Pathologie des FBI-Hauptquartiers zu stehlen? Es sei denn, mit der Leiche stimmte etwas nicht... Ein plötzlicher Gedanke schoß Scully durch den Kopf als ihr klar wurde, was sie gestört hatte, seit sie den Raum  betreten hatte: Warum war die Leiche überhaupt im Autopsieraum gewesen? Warum hatte sie nicht im Kühlraum gelegen? Es konnte auf diese Frage nur eine einzige Antwort geben: Jemand musste eine Autopsie gemacht haben.

Scully trat an einen der Tische und stellte fest, dass die Instrumente nicht in der gewohnten Anordnung bereitlagen. Sie waren benutzt worden. Jemand hatte also angefangen, eine Autopsie durchzuführen. Eine Autopsie an Mulders Leiche? Das war den Angaben des Wachmannes zufolge die einzige Leiche, die fehlte. Aber wer hatte um diese Zeit eine Leiche untersucht, die keinen Dringlichkeitsvermerk hatte? Scully untersuchte den Tisch näher. Einige der Instrumente waren nicht benutzt worden, aber sie waren mit Blut bespritzt. Der Blick der Agentin fiel auf das Mikrofon, das von der Decke hing. Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass jeder routinierte Pathologe seine Beobachtung während einer Autopsie auf Band sprechen würde. Scully bemerkte, dass das Mikrofon angeschaltet war. Sie wandte sich an Agent Jones und teilte dieser ihre Entdeckung mit.

„Wenn wir das Band abhören, finden wir vielleicht heraus, was hier passiert ist.”, schloss sie.

Fünf Minuten später hörten Scully, Agent Jones und drei weitere Agenten das begonnene Autopsieprotokoll von Dr. White ab, beginnend mit Datum und Uhrzeit. Scully achtete besonders auf die von White genannten Merkmale der Leiche und verglich die Fallnummer, die der Arzt diktiert hatte mit derjenigen, die sie aus den Aufnahmeunterlagen kannte. Kein Zweifel, Dr. White hatte um 20.00 eine Autopsie an der Leiche vorgenommen, von der sich Scully inzwischen nicht mehr hundertprozentig sicher war, dass es die ihres Partners war. Aber warum hatte der Pathologe so spät noch gearbeitet?

Die Agenten hörten White mit dem Wachmann sprechen und ihn dann den Mann nach Hause schicken, bevor er mit dem offiziellen Protokoll fortfuhr.

Jones stoppte für einen Moment das Band. „Das Blut auf dem Boden gehört also nicht dem Wachmann.”, folgerte sie.

„Es könnte von Dr. White stammen.”, warf einer der anderen Agenten ein. „Jemand sollte bei ihm zu Hause vorbeischauen und nachsehen, ob es ihm gut geht.” Der Mann, von dem diese Worte stammten erhob sich, um jemanden loszuschicken. Inzwischen ließ Jones das Band weiter laufen. Man hörte die Männer den Autopsieraum betreten, dann folgten ein kurzer Wortwechsel und ein Schuss. Danach waren knappe Befehle zu hören und die Geräusche, die durch den Abtransport der beiden Leichen verursacht wurden. An der Stelle, als die ersten Agenten im Autopsieraum eintrafen, schaltete Jones das Band ab.

„Wer sollte eine Leiche stehlen und vor allem warum?”, dachte einer der Agenten laut. „Und warum erschießt dieser Jemand einen Pathologen?”

„Ich nehme an, dass, wer immer das getan hat, nicht mit der Anwesenheit von Dr. White gerechnet hatte.”, schaltete sich Scully ein. „Um diese Zeit arbeitet gewöhnlich niemand mehr hier unten. Irgend jemand wollte die Leiche, weil man bei der Untersuchung möglicherweise etwas gefunden hätte, was unbedingt verborgen bleiben sollte.”

„Es muss etwas ziemlich Wichtiges sein, wenn jemand dafür das Risiko auf sich nimmt, beim FBI einzubrechen:” ergänzte der erste Agent.

Scully vermutete weiter: „Es handelt sich wahrscheinlich nicht um den Mörder. Der hatte gleich nach der Tat Gelegenheit, die Leiche zu beseitigen, hat es aber nicht getan.”

„Wer außer dem Mörder könnte ein Interesse daran haben, die Leiche verschwinden zu lassen?” gab Jones zu bedenken.

Scully antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mir keinen Junkie vorstellen kann, der mitten in der Nacht mit ein paar Freunden hier einbrechen und eine Leiche stehlen würde. Vor allem nicht, ohne dass es jemand bemerkt.”

Die anderen stimmten Scully zu, nur Jones bedachte sie mit einem nicht allzu freundlichen Blick. Sie hatte die Agentin zwar herbestellt, trotzdem passte es ihr nicht, dass diese den Fall förmlich an sich riss. Insgeheim war sie dankbar, dass jemand die Leitung übernahm, der sich auf diesem Gebiet besser auskannte, aber es musste nicht ausgerechnet Dana Scully sein. Jones wusste, was man beim FBI über diese Agentin und ihren Partner dachte. Sie persönlich hatte nichts gegen Scully, aber sie wollte sich nicht nachsagen lassen, dass sie Hilfe von ihr gebraucht hatte. Jones war noch nicht lange dabei, aber sie wusste schon jetzt, dass sie keine leichte Stellung haben würde, wenn sie mit Scully „sympathisierte”.

Scully kannte sich in der Pathologie besser aus als Jones, und diese wollte ihr vor den anderen Anwesenden klarmachen, dass dies nicht ihr Fall war. Also stellte sie ihr in kühlem Tonfall eine Frage, um die Zuständigkeiten zu klären: „Dr. White hat was von Fingerabdrücken gesagt. Ist es üblich, den Leichen Abdrücke abzunehmen?”

Scully nickte. „Durchaus. Von jeder Leiche, die hierher gebracht wird, werden die Fingerabdrücke genommen. Das kann zur Identifizierung dienen oder auch bei der Aufklärung früherer Verbrechen helfen. Es ist Vorschrift, und jeder Pathologe bzw. meistens sein Assistent macht das vor der eigentlichen Autopsie. Dr. White war allein, also wird er selbst die Abdrücke genommen haben.”

„Gehen wir davon aus, dass Dr. White die Fingerabdrücke wirklich schon genommen hat, als er von den Männern gestört wurde. Wo müssten sich diese befinden?”

„Die Abdruckkarten würden wohl im Autopsieraum liegen, bevor sie zusammen mit dem getippten Autopsieprotokoll abgeheftet werden. Wenn sie nicht gefunden worden sind, müssen wir davon ausgehen, dass diejenigen, die Dr. White erschossen und die beiden Leichen gestohlen haben auch die Fingerabdruckkarten mitgenommen haben.”

„Und zu welchem Zweck?”, erkundigte sich einer der anderen anwesenden Agenten.

Bevor jemand die Möglichkeit hatte zu antworten, öffnete sich die Tür und Assistant Director Skinner betrat den Raum. Er bemerkte Scully und wandte sich sofort ihr zu: „Agent Scully, kann ich Sie einen Moment sprechen?”

Scully entschuldigte sich und folgte ihrem Vorgesetzten auf den Flur, wo nach wie vor viele Leute aus den unterschiedlichen Abteilungen geschäftig herumliefen. Keiner von ihnen nahm jedoch Notiz von Scully und Skinner, die in einer Ecke standen und leise miteinander sprachen.

„Ich dachte, ich hätte Sie deutlich genug darauf hingewiesen, dass dies nicht Ihr Fall ist.” begann Skinner. „Sie sollten zu Hause sein und sich zurückhalten, da Sie vermutlich noch vor Abschluß der Ermittlungen vor einen Untersuchungsausschuss zitiert werden, der Sie über Ihre Zusammenarbeit mit Agent Mulder befragen wird. Ich glaube, dass, ganz gleich was Sie denen sagen, am Ende Mulder für den Mord an der Frau in seiner Wohnung verantwortlich gemacht werden wird. So wird irgend jemand vor allzu neugierigen Fragen bewahrt: Indem die den Ruf eines Toten opfern.”

„Sir”, unterbrach ihn Scully. „Ich habe den Verdacht, dass mehr dahintersteckt als der Wunsch, einem Toten die Schuld an einem ungeklärten Mordfall zu geben. Es gibt noch zu viele offene Fragen: Was hat die Frau in Mulders Wohnung gewollt? Wer hat sie dort erwartet?

Heute abend wurde nicht nur ein FBI-Pathologe ermordet, der gerade die Autopsie an der nicht identifizierbaren Leiche durchgeführt hat, die als die Mulders ausgegeben wurde, es wurden neben den beiden Leichen auch sämtliche Fingerabdruckkarten und eventuell bereits entnommene Gewebeproben und sichergestellte Beweismittel gestohlen. Nach dem, was hier passiert ist, bin ich nicht mehr sicher, dass es sich bei dem Toten um Mulder handelt. Irgend jemand wollte offenbar mit allen Mitteln verhindern, dass wir die Leiche identifizieren.” Sie bemerkte den skeptischen Blick ihres Vorgesetzten und fügte hinzu: „Selbst wenn Mulder tatsächlich tot sein sollte, werde ich nicht zulassen, dass ihm ein Verbrechen angehängt wird, das er niemals begangen hätte! Das hat er nicht verdient.”

„Sie können es nicht verhindern. Ich bin genauso machtlos wie Sie, und obwohl ich es gern leugnen würde sieht es im Moment so aus, als ob Agent Mulder in etwas verwickelt war, das...” Skinner wurde durch das Klingeln von Scullys Handy unterbrochen. Scully murmelte eine Entschuldigung und trat einen Schritt zur Seite, bevor sie sich meldete: „Scully”

„Dana, hier ist deine Mom. Ich habe versucht, dich zu Hause zu erreichen nachdem ich gehört habe, was passiert ist. Aber als du nicht ans Telefon gegangen bist, habe ich mir schon gedacht, dass du unterwegs bist. Wie geht es dir?”

„Ich bin okay, danke, Mom.”

„Bist du sicher? Du musst dich doch furchtbar fühlen. Wenn du möchtest, komm her.”

„Ich bin in Ordnung, wirklich.”     

„Du weißt, dass ich immer für dich da bin. Du solltest wirklich herkommen. Glaub mir, es wird dir guttun.”

„Ich werd’s mir überlegen. Danke.”

Scully schaltete ihr Handy aus und steckte es in die Tasche. Sie spürte das ihr wohlbekannte Gefühl der Spannung, das sie immer dann erfüllte, wenn sie eine Spur hatte, wenn die Jagd begann. Mit dem Anruf ihrer Mutter hatte eindeutig etwas nicht gestimmt. Sie hatte viel zu sehr darauf gedrängt, dass ihre Tochter nach Hause kam. Außerdem konnte ihre Mutter noch gar nicht wissen, was mit Mulder geschehen sein sollte, da nichts darüber in den Nachrichten gewesen war. Das FBI wollte den Fall natürlich so lange wie möglich geheim halten, und Scully konnte sich nicht vorstellen, woher ihre Mutter sonst davon wusste. Sie beschloß, dem Wunsch ihrer Mutter nachzukommen und so schnell wie möglich zu ihr zu fahren um herauszufinden, was diese wollte.

Sie wandte sich wieder Skinner zu: „Sir, ich habe einen Hinweis, dem ich gerne nachgehen würde.”

„Scully, ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass Sie nicht an diesem Fall arbeiten. Erzählen Sie mir nicht, was Sie vorhaben und wohin Sie jetzt gehen, sonst kann mich der Untersuchungsausschuss danach fragen. Ich werde sehen, dass ich Ihnen den Rücken freihalten kann, denn was hier gespielt wird passt auch mir ganz und gar nicht. Sehen Sie aber zu, dass Sie niemandem in die Quere kommen und seien Sie möglichst bis zur Anhörung in einer Woche wieder da. Und... Bringen Sie Ergebnisse mit. Glauben Sie mir, ich wünsche mir, dass Sie finden, wonach Sie suchen.”

„Danke, Sir.”

„Wofür?”, erwiderte Skinner und ließ Scully stehen, um sich bei Agent Jones nach dem vorläufigen Stand der Untersuchung zu erkundigen. 

  

 

 

1.30

Maggie Scullys Wohnung

Baltimore, Maryland

 

Maggie Scully öffnete ihrer Tochter die Tür. Dana trat in die Diele und sah ihre Mutter fragend an.

„Was ist los, Mom, was konntest du mir am Telefon nicht sagen, und woher weißt du überhaupt, was passiert ist? Hast du etwa mit Mulder gesprochen? Wann...”

Maggie unterbrach ihre Tochter mit einer Geste.

„Lass uns später darüber reden, was ich woher weiß. Jetzt komm erst mal mit ins Wohnzimmer.” Mit diesen Worten nahm sie Dana beim Arm und führte sie hinein. Scully warf einen kurzen Blick ins Wohnzimmer ihrer Mutter, blieb dann wie angewurzelt stehen und schnappte nach Luft. Dort... Nein, das war vollkommen unmöglich! Der Mann, der neben der Couch stand, konnte nicht Mulder sein. Nicht, nachdem sie ihn überall gesucht hatte. Er war einfach hier bei ihrer Mutter aufgetaucht! Scully schluckte. Sie hatte zwar nach dem Diebstahl in der Leichenhalle allmählich daran gezweifelt, dass er tot war, aber ihn hier so unerwartet zu sehen... Die Erleichterung darüber, dass es ihm gut ging trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie musste sie erst wegblinzeln und einen Kloß in ihrem Hals herunterschlucken, bevor sie etwas sagen konnte.

„Mulder! Wie...” Plötzlich fehlten ihr die Worte, weil es so vieles zu sagen gegeben hätte. Mulder erlöste sie. Er trat auf sie zu und legte ihr leicht die Hand auf die Schulter. Diese so reale Berührung brachte Scully erst richtig zu Bewusstsein, dass er lebte. Sie fiel ihm um den Hals und legte das Gesicht an seine Schulter, damit er die Tränen nicht sah, die sie jetzt nicht mehr zurückhalten konnte. Mulder legte die Arme um sie, hielt sie einfach fest. Natürlich bemerkte er, dass sie weinte, aber er sagte nichts, sondern strich nur sacht durch ihr weiches Haar, um sie zu beruhigen. Er fragte sich, was sie so sehr aus der Fassung gebracht haben mochte, wollte sie jetzt jedoch noch nicht danach fragen, denn er wünschte sich irgendwie, dieser friedliche Moment könne andauern. Obwohl er nur zu gut wusste, dass das unmöglich war, dass die Realität schon darauf wartete, sich wieder bemerkbar zu machen, wollte er Scully die Zeit geben, sich zu fassen, wollte einfach dastehen, sie festhalten und vergessen, dass es Dinge gab, die sie tun mussten.

Maggie verließ leise das Wohnzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Sie spürte tief in ihrem Innern, dass ihre Tochter jetzt am richtigen Ort war, geborgen und sicher für einen Moment, und mehr wünschte sie sich nicht. Jedenfalls noch nicht. Trotzdem hatte Maggie mit dem sicheren Instinkt einer Mutter längst erkannt, was Dana nicht sah. Sie ging nach oben in ihr Schlafzimmer, um nach dem „Gast” zu sehen, den Mulder mitgebracht hatte.

 

Inzwischen hatten sich Mulder und Scully im Wohnzimmer auf die Couch gesetzt. Scully begann, ihrem Partner zu erzählen, was seit seinem Verschwinden geschehen war. Als sie von Skinners Verdacht berichtete, dass er in irgend etwas verwickelt sein könnte, bedachte er sie mit einem grimmigen Blick.

„Das glaubt der doch selbst nicht. Sonst hätte er Ihnen wohl kaum erlaubt, weiter zu ermitteln, ohne dass er Sie genau unter Kontrolle hat. Ich bin sicher, dass er zu gern wissen will, was da vor sich geht. Aber er will sich auch absichern, falls ihm jemand unangenehme Fragen stellt. Das ist so typisch! Ich wette, dass er am Ende wieder alles anzweifelt, was wir ihm sagen. Der Mann hat einfach zu viel Angst, irgendwem auf die Füße zu treten.”

„Andererseits hat er mir aber erlaubt, weiter zu ermitteln.”, wandte Scully ein.

„Weil er wissen will, wer sich in seine Angelegenheiten einmischt!”

Scully widersprach ihm: „Ich hatte eher den Eindruck, dass er das ganz genau weiß. Es schien ihm klar zu sein, gegen wen diese Ermittlung geht.”

„Natürlich weiß er es, aber er will sich nicht eingestehen, dass auch er nur eine Figur in einem viel größeren Spiel ist.” Er sah seine Partnerin eindringlich an. „Scully, was ich herausgefunden habe, deutet darauf hin, dass irgend jemand den Mörder von Judy Benson deckt. Er soll nicht gefunden werden.”

Scully war irritiert. „Wer ist Judy Benson?”

„Das ist der Name der Frau, die in meiner Wohnung ermordet wurde. Ich habe ihn aus einer sicheren Quelle.” Scully seufzte innerlich. Sie kannte das: Wann immer Mulder mit Informationen aus sogenannten „sicheren Quellen” ankam, standen Schwierigkeiten bevor. Trotzdem sagte sie nichts in der Hoffnung, Mulder würde weitersprechen. Dieser jedoch schwieg. Es war typisch für ihn, mehr zu wissen als er sagte, und Scully wusste, dass das nicht persönlich gemeint war. Es war einfach seine Art, Informationen nur widerwillig preiszugeben. Trotzdem regte es sie im Augenblick auf. Sie hatte in den letzten Tagen einfach zu viel mitgemacht als dass sie bereit wäre zu warten, bis Mulder ihr endlich sagte, was er vermutete. Ihr war klar, dass seine Vermutung ihr wie üblich nicht gefallen würde, aber sie wollte sie hören.

„Mulder, was ist hier los? Woher wissen Sie, wer die Frau war? Was wollte sie von Ihnen? Und wer hat sie umgebracht?”

Mulder sagte noch immer nichts. Es gefiel ihm nach wie vor nicht, dass er Scully da hineinzog, aber er brauchte sie, das wusste er. Nun überlegte er, wie er sie dazu bringen konnte, seine Worte nicht gleich als unmöglich hinzustellen. Sie war fair, das wusste er seit langem. Aber er wusste fast ebenso lange, wann sie gereizt war und nicht allzu bereit, ihm zuzuhören. Das war jetzt der Fall. Mulder konnte es ihr nicht verdenken nachdem er gehört hatte, was in seiner Abwesenheit geschehen war. Trotzdem war es jetzt notwendig, dass sie ihm zuhörte.

„Mulder!” Scullys Stimme hatte einen ungeduldigen Tonfall angenommen.

Mulder wusste, dass es keinen Zweck hatte, auszuweichen. Das würde es nur noch schlimmer machen. Also begann er zu erzählen: „Okay. Aber es wird Ihnen nicht gefallen, das sage ich Ihnen gleich. Mein Informant hat mir gesagt, dass jemand Judy Benson zu mir geschickt hat, weil er selbst ihr nicht helfen konnte. Was sie gewollt hat, konnte oder wollte er mir nicht sagen. Aber jemand hat sie umgebracht, bevor sie mit mir sprechen konnte. Wer das getan hat weiß ich nicht.  Ich habe erfahren, dass sie in New York gearbeitet hat. Ganz schön weit für einen Freundschaftsbesuch bei jemandem, den sie nicht einmal kannte, finden Sie nicht? Es muss schon etwas Wichtiges gewesen sein, das sie zu mir geführt hat. Jedenfalls bin ich nach New York geflogen und habe Judys Arbeitsplatz gefunden. Dort habe ich erfahren, wo sie wohnt. Den Namen ihrer besten Freundin konnte mir ihre Arbeitskollegin auch sagen. Also habe ich versucht, mich mit ihr in Verbindung zu setzen. Und nun halten Sie sich fest: Judy Bensons beste Freundin hatte wenige Stunden nach Judys Tod einen Unfall: Sie wurde auf dem Bürgersteig von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Auf dem Bürgersteig, Scully! Was macht ein Auto in voller Fahrt auf dem Bürgersteig? Hinzu kommt, dass niemand sich an den Wagen erinnern kann. Mitten in New York wird eine Frau überfahren, und niemand kann auch nur die Farbe des Wagens nennen. Das Ganze ist vor den Augen von Judys kleiner Tochter passiert, auf die die Freundin wohl aufgepaßt hat. Jedenfalls hat das die Kollegin gesagt, mit der ich gesprochen habe: Judy sei ziemlich fertig gewesen, habe um Urlaub gebeten und erwähnt, dass sie das Kind bei einer Freundin lassen würde, weil sie selbst es nicht mitnehmen könne. Mehr wusste sie auch nicht. Die Kleine ist nach dem Unfall dem Kinder- und Jugendnotdienst übergeben und in einem Heim untergebracht worden. Ich musste ganz schön viele Tricks anwenden um mit ihr sprechen zu können und noch mehr, um sie da rauszuholen.”

„Sie haben was?” unterbrach ihn Scully entgeistert. „Mulder, Sie wollen mir doch hoffentlich nicht sagen, dass Sie das Kind aus dem Heim geholt und hierher gebracht haben?”

„Was sollte ich denn sonst mit ihr machen? Ihre Mutter ist tot und deren beste Freundin liegt im Koma. Ich bin sicher, dass die Kleine auch in Gefahr ist. Sie war in dem Heim nicht sicher.”

„Dann hätten Sie sie in Polizeigewahrsam gegeben oder nach Quantico gebracht oder was auch immer! Wir können unmöglich auf sie aufpassen während wir ermitteln. Außerdem wird Skinner früher oder später dahinterkommen, dass Sie das Kind mitgenommen haben. Und eins kann ich Ihnen sagen: Er wird nicht begeistert sein. Es gibt Vorschriften, die auch für Sie..." Mulder unterbrach sie, bevor sie mit ihrem Vortrag fortfahren konnte. „Ich bin mir nicht sicher, ob das Mädchen beschützt werden soll. Was ist, wenn die Leute, die ihre Mutter umgebracht haben, von der Regierung gedeckt werden? Dann wäre sie nicht einmal in Quantico sicher. Ich weiß, wo wir sie unterbringen können: Ich habe mit Langley einen Treffpunkt in West Virginia vereinbart, wo er die Kleine abholt. So verwischen wir ihre Spur, und Frohike, Langley und Byers traue ich noch am meisten über den Weg.” Scully bezweifelte, dass die drei geeignete Babysitter für ein Kind waren, dessen Mutter gerade umgebracht worden war, aber sie hielt den Mund. Wenn Mulder diesen Gesichtsausdruck hatte war es zwecklos, ihn an etwas hindern zu wollen. Also nickte sie ergeben als er vorschlug, sie solle nach Hause fahren und ein paar Sachen holen, damit sie aufbrechen konnten. Die Sachen des Mädchens und seine eigenen waren natürlich schon bereit.

Bevor Scully etwas erwidern konnte, kam ihre Mutter ins Zimmer. „Dana, es tut mir leid, wenn ich euch störe, aber Clark hat gerade angerufen. Er wohnt am anderen Ende der Straße und ich kenne ihn von den Nachbarschaftsparties. Er sagt, dass ein ziemlich seltsamer Mann ihn nach meiner Adresse gefragt hat. Es wäre wohl besser, wenn ihr hier verschwindet.”

Sofort sprangen Mulder und Scully auf; Mulder wollte ins Schlafzimmer, um das Kind zu holen, aber Maggie hielt ihn zurück. „Ich werde sie wecken. Sie erschrecken sie nur. Holen Sie den Wagen.”

Mulder gehorchte, und Scully folgte ihrer Mutter in deren Schlafzimmer. Dort saß das Mädchen schon aufrecht im Bett. Scully schauderte, als sie die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit seiner Mutter bemerkte: Die gleichen blonden Haare, die gleichen großen blauen Augen, die die beiden Frauen unter dichten schwarzen Wimpern ängstlich anschauten. Maggie trat ans Bett und hob das Kind hoch. Dabei sprach sie beruhigend mit ihr: „Du musst keine Angst haben, Susie. Das hier ist meine Tochter Dana, und sie wird dich jetzt mitnehmen. Sie wird gut auf dich aufpassen, okay?” Das Mädchen nickte stumm und ließ sich ohne Widerstand von Scully auf den Arm nehmen und nach unten tragen. Mulder wartete schon ungeduldig, da er jeden Moment damit rechnete, dass jemand sie aufhalten würde. Aber sie konnten ungehindert in den Wagen steigen und losfahren. Maggie, die ihnen nachsah, unterdrückte mit Mühe den Impuls, ihrer Tochter zu sagen, sie solle auf sich aufpassen. Sie wird es sowieso tun, versuchte sie sich in Gedanken zu beruhigen. Als der Wagen abfuhr, ging sie zurück ins Haus. So bemerkte sie nicht den unauffälligen Wagen, der dem ihrer Tochter folgte.

 

 

 

5.00

Ein Wohnhaus in Greasewood, Kansas

 

Kimberly Jackson wurde vom leisen, aber eindringlichen Piepen ihres Weckers aus dem Schlaf gerissen. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Es dauerte aber nur einige Sekunden, bis sie völlig klar war: Sie lag zu Hause in ihrem Bett, und sie hatte den Wecker gestern abend selbst gestellt. Sie schlüpfte aus dem Bett und zog sich leise an, was im Dunkeln gar nicht so einfach war. Aber sie wollte kein Licht machen, weil dann ihre Eltern oder ihr kleiner Bruder vielleicht etwas von ihrem Vorhaben bemerkt hätten. Also musste es auch so gehen. Kimberly holte den Zettel unter ihrem Kopfkissen hervor und vergewisserte sich noch einmal, dass sie alles richtig im Kopf hatte:  6.00 am alten Bahnhof. Ja, es stimmte. Dieser Zettel hatte in dem Heft gesteckt, das ihr Vater ihr von ihrer Freundin Ginny gegeben hatte. Kim musste grinsen. Dad hatte keine Ahnung, dass er als Bote benutzt worden war. Und das sollte auch so bleiben. Deshalb steckte Kimberly den Zettel ein, als sie das Haus verließ. Sie rannte, sobald sie die Straße erreicht hatte. Sie hatte zwar noch Zeit, aber sie wollte das hier so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ginny musste ganz schön verzweifelt sein, wenn sie zu solchen Mitteln griff. Natürlich trafen sich die Mädchen immer nur heimlich, weil das Heim, in dem Ginny lebte, keine Freundschaften zu Außenstehenden duldete, aber zu einem Treffen um diese Zeit hatte ihre Freundin sie noch nie gebeten.

Kimberly hatte Ginny kennengelernt, als ihr Vater, der das Heim mit Lebensmitteln belieferte, sie ein paarmal mitgenommen hatte. Die beiden Mädchen hatten sich sofort verstanden, und sie hatten das geheim gehalten. Kims Eltern hatten es irgendwann gemerkt, aber sie hatten nichts gegen die Freundschaft, solange es keinen Ärger gab. Den würde Kim allerdings bekommen, wenn sie rauskriegten, dass ihre Tochter morgens um 5.00 heimlich das Haus verließ um sich mit Ginny zu treffen. Also musste sie zusehen, dass sie spätestens um 7.15 zurück war, wenn ihre Mutter sie gewöhnlich weckte. Für alle Fälle trug sie ihren Trainingsanzug, damit sie notfalls behaupten konnte, sie sei joggen gewesen.

Irgendwie stimmte das ja auch, dachte sie. Immerhin rannte sie doch. Aber es war klar, dass das wieder mal niemand gelten lassen würde.

Sobald Kim die Gleise vor sich hatte, sah sie auf die Uhr. 5.39 . Sie war viel zu früh dran, aber das war ihr egal. Vielleicht kam Ginny ja auch früher, und dann konnten sie auch schneller wieder nach Hause. Um so geringer war die Gefahr, erwischt zu werden. Der Bahnhof lag verlassen in der gerade erst einsetzenden Dämmerung. Ein paar verfallene Schuppen standen zurückgesetzt hinter dem Gebäude, das die Bahnhofshalle darstellte und neben den Büros des Verwalters und des Bahnhofsvorstehers auch eine Wartehalle und einen Fahrkartenschalter beherbergte. Vor der Eingangstür hingen ein Snack- und ein Getränkeautomat. Sie kamen Kimberly vollkommen fehl am Platz vor, weil sowieso jeder, der hier ankam, ins wenige Minuten entfernte Hotel ging. Oder man wohnte hier, und dann ging man nach Hause. Kims Dad konnte sich an eine Zeit erinnern, als noch mehrere Züge am Tag am Bahnhof hielten. Damals hatte die Möbelfabrik noch gestanden, und viele Leute waren zur Arbeit nach Greasewood gekommen. Seit die Fabrik geschlossen worden war, hatten nicht einmal alle Menschen in Greasewood Arbeit; noch weniger würde irgend jemand von Außerhalb herkommen wollen. Also war es auf dem Bahnhof leer geworden, nur noch jeden zweiten Tag hielt gegen Mittag ein Personenzug auf dem ansonsten ungenutzten Bahnsteig. Die anderen Züge, auch Güterzüge, fuhren einfach vorbei. Man konnte sicher sein, dass erst ab 9.00 überhaupt jemand herkam; der ideale Treffpunkt also, wenn man sein Treffen geheim halten wollte. Kimberly schaute sich um, ob sie ihre Freundin schon irgendwo entdecken konnte, sah aber nichts außer Schatten, die von den ausrangierten Güterwaggons geworfen wurden und im Schein der trüben Laternen skurrile Muster auf den Boden malten. In diesen Waggons spielten tagsüber heimlich die Kinder, bis der Bahnhofsvorsteher sie wegjagte. Jetzt standen sie verlassen da, genauso öde wie der gesamte Bahnhof.

„Hey, Kim!” Kimberly fuhr herum. Ginny stand direkt vor ihr.

„Gott, hast Du mich erschreckt! Schleich dich nie wieder so an mich ran!”

Kimberlys Herz schlug wild, und sie musste sich erst fassen. Dann folgte sie der Freundin zu den verfallenen Schuppen. Als sie in einem der Gebäude saßen, sah Kim Ginny auffordernd an.

„Also, was ist los? Es muss was ziemlich Heftiges sein, sonst würdest du nicht so ein Gesicht machen.”

Ginny schwieg. Kimberly wartete einfach ab. Manchmal brauchte Ginny eben Zeit. Sie würde alles erzählen, wenn sie soweit war, das wusste Kim. Sie hatte recht; schließlich brach Ginny das Schweigen: „Warum bin ich im Heim?”

Kim zögerte, überrascht durch diese Frage. Dann sagte sie: „Weil Deine Eltern tot sind?” Über dieses Thema hatten sie nie geredet, und Kim wartete ängstlich die Reaktion ihrer Freundin ab. Diese schien nicht betroffen von ihren Worten.

„Das dachte ich auch immer, sie haben es mir gesagt. Mein Vater sei schon vor meiner Geburt abgehauen und niemand wisse, wo er ist oder wie er heißt, und meine Mom ist ein Jahr nach meiner Geburt gestorben. Weil wir keine näheren Verwandten haben, bin ich eben hier gelandet. Dachte ich. Aber vorgestern habe ich zufällig ein Gespräch unsrer Heimleiterin mit ihrem Stellvertreter gehört. Ich war auf dem Spielplatz, weil ich in der Mittagszeit gern draußen bin, und das Fenster zum Büro war nur angelehnt. Ich hab die beiden genau verstanden.”

„Und, was haben sie gesagt?”, unterbrach Kim sie ungeduldig.

„Mrs. Evans hat etwas von einem Problem gesagt, und dass sie deswegen beunruhigt sei. Floyd wollte sie beruhigen und hat gesagt, das würden sie schon hinkriegen. Schließlich hätten sie es vor 15 Jahren auch geschafft, dann sei es jetzt auch kein Problem. `Solange Virginia selbst nichts davon erfährt, können wir so weitermachen wie bisher. Der Mann hat schließlich gar keinen Beweis für seine Behauptung. Und er wird sich hüten, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Schließlich kann er sich keinen Fehltritt erlauben, auch wenn der schon über 16 Jahre zurückliegt.´

Das hat er gesagt. Also, wonach hört sich das für dich an?”

Kimberly zögerte. Dann erwiderte sie: „Könnte sein, dass die wissen, wer dein Vater ist. Dass sie’s dir nicht sagen, weil du bisher ohne ihn ganz gut klargekommen bist.”

„Da behauptet einer, er sei mein Vater, und sie lassen mich total im Dunkeln. Ich meine, es könnte sein, dass ich einen Vater habe, der sich für mich interessiert, und die sagen’s mir nicht mal!”

„Vielleicht wollen sie dir Kummer ersparen.”, gab Kimberly zu bedenken. „Schließlich hat er sich bisher auch nicht um dich geschert.”

„Mag sein. Trotzdem habe ich ein Recht, es zu wissen. Außerdem, was meinte Floyd mit dem Problem, das sie schon damals gelöst hätten? Kann doch sein, dass er schon früher versucht hat, Kontakt zu mir aufzunehmen, vielleicht nach dem Tod meiner Mutter, und dass sie ihn schon damals haben abblitzen lassen. Aber wieso?”

„Das kommt mir auch komisch vor.”, gestand Kim. „Wenn er dich nach dem Tod deiner Mutter tatsächlich gesucht hätte, dann hätten die Behörden dich ihm geben müssen. Schließlich reden wir von deinem Vater. Der hat ein Recht darauf, sein Kind zu sehen oder zu sich zu nehmen, wenn er das will. Aber vielleicht ist er ja gar nicht dein Vater. Der Typ im Heim hat doch was davon gesagt, dass er keine Beweise hätte.”

„Schon mal was von Blutproben gehört?” warf Ginny ein. „Wenn er wollte, ließe sich das beweisen. Aber ich glaube, da stimmt was nicht. Wenn die mir nichts sagen, werde ich eben selber versuchen, etwas rauszukriegen. Stell dir mal vor, ich hätte einen Vater! Dann könnte ich aus dem Heim raus. Wenn ich nicht zu ihm kann oder will, kann er mich immerhin in ein anderes Heim lassen. Dann könnte ich in eine normale Schule gehen und müsste nicht heimlich abhauen, wenn ich eine Freundin treffen will.”

„Langsam”, bremste Kim sie. „Du weißt ja gar nicht, ob der, um den es geht, wirklich dein Vater ist. Und selbst wenn, er könnte ja auch ein Widerling sein. Und überhaupt, wie willst du ihn finden?”

„Dazu brauche ich deine Hilfe. Ich kann natürlich versuchen, an die Akten ranzukommen, aber vom Heim aus kann ich nichts überprüfen; das merken die sofort. Es muss doch irgendwo drinstehen, wenn die wissen, wer er ist.”

„Es muss irgendein wichtiger Mann sein, wenn er sich keinen “Fehltritt” erlauben darf.” überlegte Kim. „Wenn Du willst, versuche ich meine Schwester dafür zu begeistern. Sie ist auch bestimmt vorsichtig.” Kimberlys Schwester war freie Journalistin und verfügte über alle möglichen Quellen. Ginny nickte. „Okay, aber sie soll’s nicht an die große Glocke hängen. Wenn das rauskommt wissen alle, dass wir befreundet sind, und dann gibt’s Ärger.”

„Stimmt. Ich kann ja mal im Internet versuchen, an Geburtsurkunden und so`n Zeug zu kommen. Und du nimmst dir die Akten vor, wenn du rankommst. Aber laß dich nicht erwischen. Sag mal..., was ist das eigentlich für ein Gefühl, eine Chance zu sehen, dass du deinen Vater kennenlernst?”

„Total komisch,” gab Ginny zu. „Schließlich hab ich bisher keine Ahnung gehabt, dass er überhaupt existiert. Ich weiß auch nicht, was ich mir vorgestellt habe. Vielleicht, dass er tot ist oder in Australien lebt oder so. Jedenfalls nichts Reales. Und jetzt könnte er sogar greifbar werden. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber ich muss es einfach wissen.”

Kimberly nickte. Sie verstand, dass Ginny nicht mit diesem Fragezeichen im Kopf leben wollte, und sie würde ihr helfen. Und sollte sie enttäuscht werden, würde sie sie trösten. Aber sie behielt ihre Zweifel für sich, um der Freundin die Aufregung nicht zu nehmen. Eine Enttäuschung konnte noch früh genug kommen.

„Du, tut mir leid, wenn ich jetzt dränge, aber wir sollten allmählich abhauen. Wenn eine von uns erwischt wird ist’s vorbei mit den Treffen.”

Ginny stimmte ihr zu. Sie verabredeten, sich in drei Tagen wieder hier zu treffen um hoffentlich erste Ergebnisse auszutauschen. „Und bis dahin keine Zettel über deinen Vater. Das Risiko ist zu groß.”

Wenige Minuten später waren die Mädchen in verschiedene Richtungen verschwunden, und der Bahnhof lag wieder still und verlassen in der Dämmerung.

 

 

 

14.25

Ein Highway in West Virginia

 

Der Highway zog sich endlos hin, Meile für Meile. Seit Stunden nichts anderes als Straße. Scully sah zu ihrem Partner hinüber, der sich vollkommen aufs Fahren zu konzentrieren schien. Seit einer halben Stunde hatten sie kein Wort mehr gesprochen, und allmählich breitete sich die Stille so sehr aus, dass sie Scully auf die Nerven ging. Sie dachte darüber nach, was sie vor etwas mehr als zwölf Stunden von ihrem Partner erfahren hatte: Dass das Mordopfer in seiner Wohnung von irgend jemandem zu ihm geschickt worden war, um ihn um Hilfe zu bitten, aber von jemand anderem, dem das nicht gefiel, vorher zum Schweigen gebracht worden war. War die Frau überrascht worden? Hatte jemand gewusst, wohin sie gehen würde und ihr aufgelauert? Wenn ja, woher hatte der Täter gewusst, wo sie hin wollte? War er derselbe, der sie zu Mulder geschickt hatte? Aber das gäbe keinen Sinn. Oder war einfach jemand der Frau gefolgt?

All ihre Überlegungen landeten schließlich bei ein und demselben Punkt: Wie war die Frau in die Wohnung gekommen, und wer hatte sie ohne Kampf oder Fluchtversuch erschießen können? Sie musste doch gewusst haben, dass ihr Gefahr drohte, sonst wäre ihr Aufbruch aus New York nicht so hastig gewesen.

Scully drehte den Kopf und schaute nach dem Mädchen auf dem Rücksitz. Große, blaue Augen erwiderten ihren Blick. Das Kind war erst fünf Jahre alt, aber es hatte niemanden, der sich um es kümmerte. Die Mutter war tot, und von einem Vater war niemandem etwas bekannt. Mulder war der Ansicht, dass die Kleine in Gefahr war, und Scully gab ihm insgeheim recht, dass der Gedanke sich einem aufdrängte: Die Mutter ermordet, und deren beste Freundin, die auf das Kind aufgepaßt hatte, war vor den Augen des Mädchens von einem Auto überfahren und lebensgefährlich verletzt worden. Sicher, das konnte Zufall sein, aber Scully hatte in der Zeit ihrer Zusammenarbeit mit Mulder gelernt, eher an seine Intuition zu glauben als an Zufälle; egal wie abwegig seine Ideen waren, Zufälle waren noch unwahrscheinlicher. Nun sollte das Kind also zu seinen Freunden vom Einsamen Schützen kommen, damit diese es beschützten. Scully überlegte, ob das so eine gute Idee war. Dass die drei Männer mit ihrer ständigen Paranoia perfekte Beschützer waren stand außer Frage. Sie würden sogar dort Gefahren wittern, wo gar keine war. Aber an ihren Qualitäten als Babysitter zweifelte Scully doch ganz gewaltig.

Arme Kleine, dachte sie und lächelte das Mädchen aufmunternd an. Sie bezweifelte, dass Mulder genau wusste, was er tat, aber sie musste ihm einfach vertrauen, so wie sie das immer getan hatte.

Das Mädchen schaute sie immer noch an. Seit sie es aus dem Bett von Scullys Mutter geholt und in den Wagen gesetzt hatten, hatte es kein Wort gesagt. Es hatte Scullys beruhigende Worte an sich vorbei gehen lassen ohne etwas zu erwidern.  Dann hatte es seinen grünen Stoffhasen an sich gedrückt und war eingeschlafen. Scully war sich nicht einmal sicher, ob die Kleine ihren Namen verstanden hatte. Das war vermutlich unter diesen Umständen ganz natürlich, denn sie hatte in den letzten Tagen mehr durchgemacht als für eine Fünfjährige gut sein konnte. Erst der hastige Aufbruch ihrer Mutter, dann der Unfall, den deren beste Freundin vor ihren Augen gehabt hatte, dann hatte ein völlig fremder Mann sie mitgenommen, und sie hatte erfahren, dass ihre Mutter tot war. Es hatte sich nicht vermeiden lassen, obwohl es Mulder und Scully lieber gewesen wäre.

Mulder hatte seinen Dienstausweis zeigen müssen, um Susie mitnehmen zu können, und er war deshalb sicher, dass wer auch immer für den Mord an ihrer Mutter und den Mordversuch an deren Freundin verantwortlich war, sich schon sehr bald an ihre Fersen heften würde. Deshalb hielt er es für besser, sich unauffällig in einem Hotel weit weg von Washington mit Langley zu treffen, der dann auf einem anderen Weg dorthin zurück fahren würde. Jeder würde davon ausgehen, dass die Agenten ihren Schützling weggebracht hatten, und niemand würde in Washington nach dem Mädchen suchen. Er wusste, was Scully von solchen Überlegungen hielt, deshalb war er froh, dass sie mit ihm gekommen war ohne ihren üblichen Vortrag zum Thema Paranoia zu halten. Das schätzte Mulder an ihr: Sie konnte ihm zwar mit ihrer Sturheit den Nerv töten, aber wenn es drauf ankam war sie bereit, ihm zu vertrauen. Sogar, wenn sein Vorhaben, wie jetzt gerade, völlig verrückt aussah.

Die Stimme des Mädchens unterbrach die Stille und riß beide Agenten aus ihren Gedanken: „Dana?”

Überrascht drehte sich Scully wieder nach hinten um. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Kind sich an ihren Namen erinnern würde.

„Was ist, Susie?”

„Können wir anhalten? Ich glaube, Bonny muss zur Toilette.”

Scully sah das Mädchen verwirrt an. „Wer ist Bonny?”, erkundigte sie sich.

„Mein Hase”, erwiderte Susie in einem Tonfall der deutlich machte, für wie dumm sie die Frage hielt.

Mulder lächelte über die Ernsthaftigkeit, mit der das Mädchen behauptete, sein Stoffhase müsse zur Toilette, und fuhr auf den nächsten Parkplatz.

„Dana kann dich und Bonny begleiten. Ich werde uns inzwischen etwas zu essen besorgen. Was möchtest du haben?”

„Schokolade!” kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Scully warf ihrem Partner einen warnenden Blick zu, und dieser verstand, was sie ihm sagen wollte. Er würde Susie trotzdem ihren Wunsch erfüllen. Schließlich war es gut, wenn sie überhaupt etwas aß.

Und überhaupt, dachte er trotzig, Es ist doch immer so, dass der Vater die Kinder zu sehr verwöhnt, während die Mutter vernünftig ist. Warum sollte ich da eine Ausnahme bilden, auch wenn ich nicht ihr Vater bin?

Sie verabredeten, sich beim Wagen wiederzutreffen, und trennten sich dann. Keiner von ihnen bemerkte den Mann in dem unauffälligen hellen Ford, der sie aufmerksam beobachtete.

 

 

 

Gleichzeitig

 

Joe Good stieg aus seinem Wagen und zögerte kurz. Wem sollte er nun folgen? Er entschied sich für die Frau, weil sie das Kind bei sich hatte. Im Laufen zog er sein Handy aus der Tasche und gab eine Nummer ein. Als am anderen Ende der Leitung ein knappes „Ja?” zu hören war, begann er Bericht zu erstatten. „Sie sind auf einem Rastplatz ausgestiegen. Die Frau ist mit dem Mädchen allein. Soll ich die Kleine...”

„Nein!”, unterbrach der Mann am anderen Ende Joe energisch. „Greifen Sie noch nicht ein. Aber lassen Sie das Mädchen unter keinen Umständen aus den Augen. Ich will nicht noch eine Panne erleben!”

„Verstanden, Sir.” Joe hörte, wie sein Gesprächspartner den Hörer auflegte und steckte das Handy wieder in die Tasche seiner ausgebeulten Jeans. Er fühlte sich nicht wohl in den Jeans und dem karierten Baumwollhemd, das er locker darüber trug, um seine Waffe zu verbergen. Er war es gewohnt, perfekt sitzende, faltenlose Uniformen zu tragen, was bei diesem Auftrag allerdings viel zu auffällig gewesen wäre.

Good verstand nicht, warum man ihn beauftragt hatte, die Mutter und den Babysitter eines kleinen Mädchens aus dem Weg zu räumen um das Kind dann zu entführen, und noch viel weniger verstand er, warum man ihm nach dem Scheitern der Mission befohlen hatte dem Kind zu folgen, obwohl es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, die Frau, die es begleitete auszuschalten und den Auftrag doch noch auszuführen. Aber Joe Good war nicht der Typ, der Fragen stellte. Er war mit 17 gegen den Willen seines Vaters, den er für einen Schwächling hielt, in die Army eingetreten und hatte in den 15 Jahren, die er nun schon dabei war gelernt, Befehle nicht in Frage zu stellen, sondern sie zu befolgen. Und genau das würde er tun, auch wenn er einiges von dem nicht verstand, was er in den letzten sechs Monaten gesehen und getan hatte, seit er zu diesem Geheimprojekt abkommandiert worden war. Sie nahmen für dieses Projekt nur die Besten, das wusste er. Er war stolz darauf, dass er dabei sein konnte, und es wurmte ihn, bei einem so einfachen Auftrag wie der Entführung eines Kindes versagt zu haben. Das wollte er um jeden Preis wieder gut machen, und er wusste, dass er dazu in der Lage sein würde.

Joe Good war kein ungeduldiger Mann. Er konnte warten, denn er wusste, früher oder später würde der Befehl zum Zugriff kommen. Dann würde er zuschlagen, und wehe dem, der ihm dann im Weg stand. Aber bis dahin würde er sich als stiller Beobachter unauffällig im Hintergrund halten. Sie würden ihm nicht entkommen, dessen war er sich sicher.

 

 

 

Sieben Minuten später

 

Mulder stand an den Wagen gelehnt auf dem Parkplatz und wartete auf Scully und Susie. Er hatte drei Becher mit Cola, eine Tüte Donuts und eine Tafel Schokolade auf dem Wagendach abgestellt und ließ seinen Blick über den Parkplatz schweifen. Dieser war halb leer, nur die Zone für Trucks war voll besetzt. Neben dem Gebäude, das die Waschräume und das Restaurant beherbergte, befand sich ein kleiner, grasbewachsener Spielplatz, der aus zwei Schaukeln, einer Wippe und einer bunten Rutsche bestand. Mulder überlegte gerade, wer seine Kinder wohl so nah beim Highway auf einen Spielplatz lassen würde, und sei es nur, um schnell eine Tasse Kaffee zu trinken, als die Tür des Restaurants aufging und Scully mit Susie herauskam. Die beiden traten in das grelle Sonnenlicht des Mittags hinaus, und Mulder sah, wie Susie nach Scullys Arm griff. Diese beugte sich zu dem Mädchen hinunter und schien ihm zuzuhören. Dann erwiderte sie etwas. Mulder sah das Kind zum Spielplatz deuten und ahnte, worum es bei dem Wortwechsel ging. Susie tat ihm leid. Sie schien noch nicht ganz begriffen zu haben, dass ihre Mutter tot war, und obwohl er Psychologie studiert hatte wusste er nicht, wie er mit diesem Verhalten umgehen sollte. Es schien ihm nicht sinnvoll, das Kind immer und immer wieder mit der Wahrheit zu konfrontieren und damit zu riskieren, dass es zusammenbrach, bevor es in Sicherheit war. Andererseits konnte es schädlich sein, wenn Susie sich des Todes ihrer Mutter doch bewusst war und nicht darüber sprach.

Mulders Blick war noch immer auf seine Partnerin gerichtet, die unschlüssig zu sein schien, ob sie Susies Wunsch nachgeben sollte.

Lass ihr die Freude, ein paar Minuten einfach ein Kind zu sein und alles zu vergessen! drängte Mulder sie in Gedanken. Fast schien es, als hätte Scully seine Gedanken gehört, denn sie nickte und ging mit Susie zum Spielplatz hinüber.

Diese rannte sofort zur Rutsche und kletterte hinauf. Mulder beobachtete sie lächelnd.

Plötzlich stutzte er. Ein Mann lehnte an der Wand des Restaurantgebäudes und rauchte. Das allein wäre Mulder wohl nicht aufgefallen, aber der Blick des Mannes war genau auf Scully und das Mädchen gerichtet. Mulder war sich sicher, dass derselbe Mann kurz nach ihnen das Restaurant betreten hatte und zu den Waschräumen gegangen war, genau wie Scully und Susie.

Mulder sah kurz zu den Beiden hinüber, die sich jetzt in Richtung des Wagens aufmachten. Als er wieder zu dem Mann blickte, war dieser verschwunden. Mulder schaute sich um, aber der Parkplatz war menschenleer. Keine Spur von einem Mann. Mulder zuckte die Achseln und sagte sich, dass der Mann wohl nur zufällig zum Spielplatz geschaut hatte; schließlich gab es auf dem Parkplatz sonst nichts interessantes zu sehen.

Susie erreichte ihn als Erste und entschuldigte sich gleich: „Bonny wollte unbedingt auf die Rutsche.”

„Das ist schon okay.”

Mulder lächelte das Mädchen an und stellte fest, dass es den Plüschhasen gar nicht mehr im Arm hielt. „Wo ist deine Bonny eigentlich?”, erkundigte er sich. Susie erschrak. „Oh nein, sie muss noch auf der Rutsche sein! Sie wollte einfach nicht mehr weg. Ich hole sie!” Damit rannte sie quer über den Parkplatz zurück zum Spielplatz. Scully und Mulder sahen ihr nach und tauschten einen kurzen Blick. Scully bemerkte einen leicht wehmütigen Ausdruck in den Augen ihres Partners, der ihre eigenen Gefühle widerspiegelte. Ihnen beiden war klar, dass Susie bald nach ihrer Mutter fragen und deren Tod realisieren würde. Wenn es soweit war, würde wahrscheinlich keiner von ihnen da sein, um ihr beizustehen. Außerdem wussten die Agenten, dass sie das Kind in ein Heim würden bringen müssen, wenn der Fall gelöst und die Gefahr, in der es schwebte, vorbei war. Im Augenblick jedoch genossen beide die Atempause, den kleinen Moment des Friedens, obwohl ihnen klar war, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm sein konnte.

Scully brach das Schweigen: „Glauben Sie, dass sie bei Ihren Freunden sicher ist?”

„Sie ist nirgends sicher, solange wir nicht wissen, wer hinter ihrer Mutter her war.” lautete die wenig ermutigende Antwort. „Jeder könnte ihr Feind sein. Wir können sie bei jemandem unterbringen, der mit Sicherheit nicht dazugehört, aber auch sie können nicht gewährleisten, dass ihr nichts passiert. Ich glaube, dass auch offizielle Stellen beteiligt sind. Wir dürfen also niemandem trauen.”

Scully seufzte. Wie oft hatte sie diesen Satz schon von Mulder gehört. Viel schlimmer fand sie allerdings die Tatsache, dass er meistens recht hatte.

Plötzlich zerriß ein schriller Entsetzensschrei das regelmäßige Geräusch fließenden Verkehrs, das vom Highway herüber kam. Scully erkannte Susies Stimme und sprintete los in Richtung Spielplatz. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Mulder ebenfalls zu laufen begann. Dann richtete sie ihre volle Aufmerksamkeit auf das Geschehen, das sich beim Spielplatz abspielte. Ein Mann stand beim Zaun und hielt Susie die Hand auf den Mund gepreßt. Das Mädchen zappelte und strampelte wie wild, schaffte es aber nicht, sich zu befreien. Gegen ihren großen Angreifer hatte sie natürlich keine Chance.

Der Mann - derselbe, den Mulder schon vorher auf dem Parkplatz gesehen hatte - hob Susie hoch und lief in Richtung der geparkten Autos.

Mulder überholte seine Partnerin, aber bevor er den Mann erreichen konnte, drehte sich dieser um und rief seinen Verfolgern zu: „Keinen Schritt weiter, sonst...” Er beendete den Satz, indem er ein Messer aus der Tasche zog und es an Susies Hals drückte. Mulder bremste so abrupt, dass Scully Mühe hatte, nicht in ihn hineinzulaufen.

Da er das Messer festhalten musste, war Joe Good gezwungen, die Hand vom Mund des Kindes zu nehmen. Trotzdem schwieg Susie. Sie hing völlig apathisch im Griff des Mannes. Good fluchte innerlich. Wenn ihn dieses Gör bloß nicht gesehen hätte! Wer konnte auch ahnen, dass sie ihn wiedererkennen würde.

„Lassen Sie das Mädchen gehen, dann passiert Ihnen nichts.” versuchte Mulder an die Vernunft des Mannes zu appellieren.

„Für wie blöd halten Sie mich? Legen Sie Ihre Waffen auf den Boden! Langsam!”

Die Agenten legten ihre Waffen vorsichtig auf den Steinboden. Im selben Moment als sie sich wieder aufrichteten, begann Susie heftig zu zappeln und zu schreien. Sie trat um sich, und ihr Angreifer, von ihrer plötzlichen Gegenwehr überrumpelt, lockerte seinen Griff, so dass  das Mädchen zu Boden fiel. Diesen Moment nutzten die Agenten. Mulder griff sich Susie, und Scully stürzte sich auf den Mann. Mulder hob Susie über den Zaun auf den Spielplatz und befahl ihr, dort zu bleiben, während er seiner Partnerin zu Hilfe kam. Als er sie allerdings erreichte, lag sie schon am Boden, und ihr Gegner rannte in Richtung der geparkten Autos davon. Bevor Mulder eine Chance hatte ihn einzuholen, war er schon in einen Wagen gestiegen und fuhr in halsbrecherischem Tempo auf den Highway.

Mulder drehte sich um und eilte zurück zu Scully. Susie hatte seine Anweisung missachtet. Sie war über den Zaun geklettert und hockte nun neben der Agentin.

Als Mulder die Beiden erreichte blickte das Kind zu ihm auf, den Schock noch in den Augen.

„Sie blutet. Muss sie jetzt sterben, so wie Mommy?” Scully nahm ihm die Antwort ab: „Nein, Susie, ich bin okay.” Erleichtert, ihre Stimme zu hören beugte sich Mulder zu ihr hinunter um ihr aufzuhelfen. Scullys Mantel war am linken Oberarm zerrissen. Offensichtlich hatte das Messer sie dort verletzt, denn sie blutete aus einer Schnittwunde. Sie nahm sich nicht die Zeit, nach ihrer Verletzung zu sehen, sondern hob eine Karte auf, die der Mann bei seiner Flucht verloren haben musste. Mulder nahm das verstörte Mädchen auf den Arm und versuchte, es zu beruhigen.

Inzwischen hatten sich auf dem Parkplatz einige Leute eingefunden, darunter auch die Besatzung eines Streifenwagens, den irgend jemand gerufen haben musste.

Die Polizisten, ein hochgewachsener, wichtig dreinblickender Mann und eine schlanke energisch wirkende Frau, deren blondes Haar von vereinzelten grauen Strähnen durchzogen wurde, kamen auf die beiden Agenten zu.

„Was war hier los?”, wollte die Frau wissen.

„Ich halte es für besser, wenn wir so schnell wie möglich von hier verschwinden, bevor wir einen neuen Verfolger kriegen. Diesen dürften wir los sein.”, flüsterte Mulder Scully zu, die Frage vollkommen ignorierend.

Scully zeigte der Polizistin ihren Dienstausweis und erklärte, sie und ihr Partner seien von einem Unbekannten ohne Grund angegriffen worden. Es fiel ihr nicht leicht zu lügen aber sie wusste, wenn sie erst anfinge, Erklärungen abzugeben würde sich die Sache endlos hinziehen, und wenn sie ehrlich war, hatte sie selber keine.

„Wir sind mitten in einem Fall.”, schloß sie. „Und deshalb müssen wir so schnell wie möglich weiter.” Die Polizistin nickte und machte sich Notizen. Dann schrieb sie sich Scullys Handynummer auf für den Fall, dass sie noch Fragen haben sollte und wandte sich den Umstehenden zu um nach Zeugen zu suchen. Sie wusste aus Erfahrung, dass es keinen Zweck hatte, sich mit dem FBI herumzustreiten. Diese Typen taten sowieso, was sie wollten. Und wenn sie sagten, sie würden gehen, dann konnten sie und ihresgleichen nicht das Geringste dagegen tun. Also ließ sie Mulder und Scully durch und wandte sich wieder dem Mann zu, der gerade behauptet hatte, alles gesehen zu haben.

 

Im Wagen erkundigte sich Mulder besorgt nach Scullys Verletzung.

„Es ist nur ein Kratzer, nicht der Rede wert.”, wehrte sie seine Fürsorge ab. Sie holte die Karte aus der Tasche, die der geheimnisvolle Angreifer verloren hatte. Es schien sich um ein auf weißen Karton geklebtes Foto zu handeln, das ein hübsches Haus mit einem gepflegten Garten zeigte.

St. Mary`s, Greasewood, Kansas, stand mit Bleistift darunter. Ein einziger Blick zu Mulder zeigte Scully, was er dachte. Sie seufzte ergeben. „Wir fliegen nach Kansas, richtig?” Sie erwartete eigentlich gar keine Antwort.

„Yeap. Aber vorher werden wir unseren kleinen Sonnenschein hier bei seinem Babysitter abliefern.” Er wandte sich an die noch immer verstörte Susie: „Pass auf, ich hab drei Freunde, denen ich dich vorstellen möchte. Ich wette, die werden dir gefallen. Du kannst sicher so viel Eiscreme kriegen wie du willst. Du wirst sie mögen.”

Scully bezweifelte das, aber sie hütete sich, etwas zu sagen, da sie Susie nicht noch mehr erschrecken wollte. Und weil Mulder sich auf die Straße konzentrieren musste, entging ihm der genervte Blick seiner Partnerin.

 

 

 

14.00

St. Mary`s Kinderheim,

Greasewood, Kansas      

 

Virginia Tomms, genannt Ginny, saß gelangweilt auf der Schaukel und starrte auf den staubigen Boden. Es hatte seit Wochen nicht geregnet, völlig untypisch für diese Jahreszeit. Inzwischen bekamen die Blätter welke Ränder und das Gras am anderen Ende des Spielplatzes lag schlapp am Boden anstatt wie sonst frisch und knöchelhoch aufzuragen.

Ginny stieß sich mit dem Fuß leicht vom Boden ab. Während die Schaukel sanft zu schwingen begann, ließ Ginny den Blick über den Spielplatz wandern, der ihr seit ihrer frühesten Kindheit vertraut war und der sich seitdem nicht nennenswert verändert hatte. Neben der Schaukel, auf der sie saß gab es noch eine Röhrenrutsche in Form eines Drachen, vor der sie sich früher gefürchtet hatte und deren Farbe allmählich abblätterte, ein Kletternetz aus Seilen, eine hölzerne Wippe und ein eisernes Karussell, das erst im letzten Jahr erneuert worden war.

Ihr Spielplatz. Seit sie denken konnte, lebte Ginny in dem Kinderheim, auf dessen Gelände der Spielplatz stand. Mit ihren sechzehneinhalb Jahren war sie eigentlich zu alt für den Spielplatz, aber dieser Ort gab ihr immer wieder Ruhe, wenn sie allein sein wollte. Vor allem in der Mittagszeit, wenn alle anderen Kinder schliefen oder ihre Hausaufgaben erledigten. Das hätte Ginny zwar auch tun sollen, aber sie hatte sich aus dem Haus geschlichen, weil sie keine Ruhe zum Lernen fand.

Sie war mit Abstand die Älteste im Heim.  Nach ihr kamen erst wieder die 14-jährigen. Die Jüngsten waren fünf Jahre alt. Natürlich langweilte sich Ginny manchmal mit den Kleinen, vor allem, weil sie keine Freunde in ihrem Alter hatte. Das war kein Wunder wenn man bedachte, dass sie nicht in die Schule der nahen Stadt ging sondern privat im Heim unterrichtet wurde wie alle Kinder, die hier lebten. Es ging Ginny auf die Nerven, dass sie keinen Kontakt zur Außenwelt haben durften. Im Heim lebten sie wie auf einer Insel, an der ab und zu ein Boot vorbeikam. Man konnte den Insassen zuwinken oder zurufen und auf Antwort hoffen, und manchmal legte sogar ein Boot an, so dass man für kurze Zeit Gesellschaft hatte, aber eigentlich war man die meiste Zeit isoliert. Den Kleinen fiel das nicht besonders auf; die hatten ja Gleichaltrige, mit denen sie sich beschäftigen konnten. Aber für Ginny wurde das Heim, früher ihr Zuhause, langsam aber sicher zu einem Gefängnis. Wenn sie Kimberly nicht hätte, sie würde verrückt werden, das wusste sie. Aber so hatte sie wenigstens manchmal die Chance, mit jemandem zu reden, der nicht zum Heim gehörte. Seit etwa einem Jahr, als Kim zum ersten Mal ihren Vater zum Heim begleitet hatte, trafen sie sich mehr oder weniger regelmäßig, sooft sich Ginny vom Heimgelände schleichen konnte.

Durch Kimberly hatte sie erfahren, was draußen vor sich ging, wie andere Jugendliche in ihrem Alter lebten und was sie taten. Und Kimberly hatte ihr zuerst die Ahnung gegeben, dass mit dem Heim etwas nicht stimmen konnte. Erst hatte sie Ginny kein Wort von dem geglaubt, was sie über das Heim erzählte: Dass der Kontakt mit Leuten von draußen streng verboten war, dass alle Kinder drinnen unterrichtet wurden, dass es keine Besuche von entfernten Verwandten gab, dass niemand versuchte, die Kinder in Pflegefamilien zu vermitteln...

Kims Cousine hatte eine Zeitlang in einem Heim gelebt, und daher wusste Kim Ginny zu berichten, wie es in anderen Heimen zuging. „Dort sind die Kids ganz normal zur Schule gegangen und haben nachmittags ihre Freunde besucht oder sie eingeladen. Und diejenigen, die keine Verwandten hatten, die sie aufnehmen konnten, wurden in Pflegefamilien untergebracht. Außerdem kamen ständig Neue dazu. So wie meine Cousine, die nur ein halbes Jahr dort bleiben musste, bis ihre Eltern sie nach Spanien nachholen konnten. Es gab dort viele, die nur auf Zeit da waren.”, hatte Kim die Unterschiede zusammengefaßt.

Ginny hatte ungläubig gelauscht und versucht, das Gehörte zu verarbeiten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie geglaubt, es sei in jedem Heim so wie in ihrem. Durch Kimberlys Erzählung taten sich ihr ganz neue Welten auf. Seitdem fiel es ihr noch schwerer, das Heim zu ertragen. Und jetzt hatte sie erfahren, dass sie vielleicht einen Vater hatte, der sie sehen wollte. Dass die Heimleitung das mit allen Mitteln verhindern wollte und ihr nicht mal etwas davon sagte, verwirrte und verärgerte sie. Schließlich war es ihr Leben. Wie sollte sie wohl zurechtkommen, wenn sie ganz erwachsen war und das Heim verließ, wenn sie bis dahin noch immer nicht gelernt hatte zu leben?

Jedenfalls war sie froh, dass sie mit Kim darüber gesprochen hatte. Diese hatte sie darin bestätigt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, mehr noch: Sie hatte versprochen, ihr dabei zu helfen. Ginny konnte es nicht abwarten, die Freundin wiederzusehen und von ihren Ergebnissen zu hören. Sie selbst hatte sich fest vorgenommen, heute nacht in das Büro der Heimleitung zu schleichen und nach einem Hinweis auf ihren Vater zu suchen.

 

 

 

18.15

Ein Highway in West Virginia

 

Mulder und Scully hatten beschlossen, die Nacht in einem Motel zu verbringen und Langley anzurufen, damit er dorthin kam, anstatt die halbe Nacht durchzufahren, bis sie den Treffpunkt erreichten. Schließlich waren sie schon seit fast 20 Stunden unterwegs und noch länger auf den Beinen. Auch wenn sie sich beim Fahren abgewechselt hatten machten sich die Strapazen der letzten beiden Tage doch bemerkbar. Außerdem hatte Susie, die schon wieder auf dem Rücksitz döste, dringend ein Bett nötig.

Und nicht nur sie, dachte Scully bei sich und versuchte, den Schmerz in ihren verspannten Schultern zu ignorieren, der beinah noch schlimmer war als der notdürftig versorgte Schnitt an ihrem Oberarm. Sie hatte die Wunde selbst verbinden müssen, und dementsprechend sah der Verband auch aus. Sie öffnete die Augen und sah zu ihrem Partner hinüber, der wieder ganz auf die Straße konzentriert zu sein schien. Seit dem Überfall hatte er darauf bestanden zu fahren, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu entspannen. Bevor sich Scully Gedanken über das Phänomen eines Déjà-Vu machen konnte, hörte sie Mulder leise und in neckendem Tonfall fragen: „Na, Siebenschläfer, auch wieder munter?”

Sie unterdrückte ein Gähnen. „Munter ist was Anderes. Ansprechbar trifft`s schon eher. Außerdem habe ich gar nicht geschlafen.”

Mulder musste lächeln. In den letzten beiden Stunden hatte sie die Augen geschlossen gehabt und auf kein Wort seinerseits reagiert. Sie hatte es nicht einmal bemerkt, als sie angehalten hatten, damit Susie auf einem Rastplatz zur Toilette gehen konnte. Selbst als Mulder seine zusammengefaltete Jacke zwischen die Tür und ihren Kopf geschoben hatte damit sie bequemer saß, hatte sie sich nicht gerührt. Aber nein, sie hatte nicht geschlafen...

„Wir halten am nächsten Motel, damit wir alle ins Bett kommen.”

Scully gähnte nun doch. „Prima Idee.”

Sie lehnte sich wieder gegen das Fenster und schmiegte die Wange in den Stoff von Mulders Jacke. Sie war viel zu müde um sich zu fragen, wie die Jacke dort hingekommen war. Statt dessen atmete sie tief Mulders Geruch ein, der in dem Stoff haftete. Sie fühlte sich geborgen und trotz der Verletzung und ihrer Erschöpfung gut aufgehoben in seiner Nähe.

„Wenn ich Sie ablösen soll, sagen Sie mir Bescheid.” murmelte sie schläfrig. Mit einem kurzen, aber liebevollen Seitenblick auf seine Partnerin erwiderte er: „Okay, aber wir sind bald da.” Scully hörte ihn nicht mehr, denn sie war schon wieder eingeschlafen.

Eine halbe Stunde später waren sie bei einem richtig gemütlich aussehenden Motel angekommen, das ganz anders aussah als die Unterkünfte, die Mulder sonst immer zu finden pflegte. Sobald der Wagen auf dem Parkplatz hielt, war Susie schon wach. „Sind wir zu Hause?” fragte sie leise. Offensichtlich hatte sie vergessen, was geschehen war. Die Müdigkeit schien ihr Gedächtnis vorübergehend blockiert zu haben.

„Nein”, antwortete Mulder, „aber du kannst trotzdem gleich ins Bett.”

„M-hm” Das Kind döste schon wieder ein. Mulder betrachtete seine schlafende Partnerin. Er berührte sanft ihre Schulter um sie zu wecken, wobei er darauf achtete, nicht an die Wunde zu kommen. „Hey, Scully, aufwachen, wir sind da.! Keine Reaktion. „Dornröschen, die 100 Jahre sind vorbei...”

Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf: Im Märchen wüßte ich, wie ich sie wecken muss. Bei dem Gedanken, wie sich ihre Haut wohl anfühlen würde wenn er sie küsste verspürte er eine gewisse Unruhe.

„Vergiß es!” wies er sich selbst zurecht.

„Was?” Scullys Antwort machte ihm klar, dass er die letzten Worte laut ausgesprochen haben musste. Hastig stieg er aus dem Wagen. „Wir sind da.” „Endlich.” Auch Scully stieg aus und streckte sich. Dann hob sie die vor Müdigkeit schwankende Susie auf den Arm und trug sie in Richtung Anmeldung. Mulder folgte ihnen mit der Tasche, in der Susies Sachen sowie ein paar Dinge von ihm steckten.

Die Drei bekamen ohne Probleme ein Doppelzimmer. Mulder und Scully hatten sich dafür entschieden, weil keiner von ihnen den anderen mit der gefährdeten Susie allein lassen wollte. Zu zweit sollte es leichter sein, auf sie aufzupassen. Schließlich konnte man die Betten ja auseinander schieben, dachten sie. Dachten sie. Das Motel war ein altmodisches Gebäude, und in seinen Zimmern standen altmodische Möbel. Das schloß die Betten mit ein. In den Doppelzimmern standen nicht die sonst üblichen zwei einzelnen Betten; statt dessen gab es ein einziges, große Bett. Auch das noch; eine Nacht im Sessel, fuhr es Mulder durch den Sinn.

Scully setzte Susie auf dem Bett ab und hatte gerade noch Zeit, ihr die Schuhe auszuziehen, bevor das Mädchen einschlief. Scully deckte sie sorgfältig zu und drückte ihr den Stoffhasen in den Arm .

„Schlaf gut, meine Süße.” sagte sie leise und strich dem Kind eine blonde Locke aus dem Gesicht. Dann sah sie zu Mulder hinüber, der gerade sein Schlaf-T-Shirt aus der Tasche kramte. Dabei ging ihr auf, dass sie selbst keine Kleider zum Wechseln dabei hatte. Der Aufbruch von ihrer Mutter war einfach zu hastig gewesen. „Oh Mist!”, knurrte sie.

„Was ist?” Mulder sah sie fragend an.

„Kein Nachtzeug.”

Er nickte und reichte ihr sein T-Shirt. „Nehmen Sie meins. Ich hab noch ein Sweatshirt mitgenommen weil ich dachte, ich könnte vielleicht joggen wollen. Aber ich glaube, darauf kann ich gut verzichten.” Scully nahm das Shirt dankbar an und ging ins Badezimmer, wo sie sich umzog und ihre Zähne putzte. Glücklicherweise stellte dieses Motel wie die meisten anderen auch Zahnbürsten, Zahncreme, Seife und Shampoo.

Als Scully wieder ins Zimmer trat, hatte sich Mulder auch umgezogen. Er saß auf der Bettkante, stand aber auf, als er Scully sah. Sie verschwand beinahe in seinem grauen Shirt mit dem Baseball-Aufdruck. Mulder konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Sie sehen aus wie Alice im Wunderland nach den Schrumpfpilzen. Nur dass da ihre Kleider mitgeschrumpft sind.”

„Vielen Dank. Was kann ich dafür, dass Sie so groß sind?”

„Muss ich doch, sonst nehmen Sie mich womöglich als Mann gar nicht ernst!” Scully schmunzelte. Diese Art von Neckereien hatte ihr in den letzten Tagen gefehlt. Während sie zu Susie unter die Decke schlüpfte wies sie Mulder darauf hin, dass das Bad frei sei.

„Ach? Ich dachte schon, der Poltergeist des Motels wäre gerade drin.” ,flachste er. Scully warf ihm einen strafenden Blick zu und erwiderte: „Pst! Wenn Susie das jetzt gehört hat, dürfen Sie die ganze Nacht aufbleiben und sie beruhigen.” „Wieso?” gab er zurück. „Das wäre doch der ideale Job für Sie; dann könnten Sie endlich mal Ihren Mutterinstinkt nach Herzenslust ausleben, und ich muss nicht wie sonst immer dafür herhalten.” Sie sah den Schalk in seinen Augen aufblitzen und warf ein Kissen nach ihm. „Idiot!”

Mulder flüchtete ins Badezimmer und schloß eilig die Tür hinter sich. Beinahe hätte er Scullys Bluse heruntergeworfen, die auf einem Bügel an einem der Handtuchhalter hing. Scully hatte versucht, die Blutflecken rauszuwaschen, was ihr aber nicht so ganz gelungen war. Um den Riss am linken Ärmel herum waren noch immer bräunliche Spuren getrockneten Blutes zu sehen. Mulder zupfte die Bluse auf dem Bügel zurecht. Er war froh, dass es nur ihren Arm erwischt hatte. Wäre sie schwerer verletzt worden - nicht auszudenken! Mulder putzte sich ebenfalls die Zähne und ging zurück ins Zimmer.

 Scully hatte das Deckenlicht gelöscht. Nur eine kleine Nachttischlampe brannte und warf ihren goldenen Schein auf Scullys rot schimmerndes Haar und auf Susies strohfarbene Locken. Das Mädchen hatte sich an der Bettkante zusammengekuschelt, es lag in sein Kopfkissen vergraben mit dem grünen Stoffhasen im Arm da und schlief wie ein Engel. Scully lag neben ihr, ohne Kissen, da sie das zweite Mulder überlassen wollte, jetzt, da sie es schon nach ihm geworfen hatte.

Sie setzte sich halb auf und sah ihren Partner an. Dieser griff nach seiner Decke und wollte sich auf dem Sessel einrichten.

„Hey, Sie können auch hier schlafen. Vorausgesetzt, Sie schnarchen nicht.” Er lächelte schief. „Bisher hab ich mich noch nicht schnarchen gehört.”

„Okay, dann kommen Sie schon her.”

Mulder legte die Decke zurück ins Bett und kroch darunter. Dann schob er Scully das Kissen zu. Sie schüttelte den Kopf. „Nehmen Sie’s ruhig. Ich weiß doch, wie gern Sie Kissen erwürgen.”

„Aber nur, wenn Sie’s wirklich nicht wollen.”

„Müssen Sie eigentlich ständig den Gentleman rauskehren?”

Er grinste. „Ich dachte immer, Sie stehen drauf.” Scully boxte nach ihm, traf aber nur das Kissen. „Tu ich nicht! Und wenn Sie das blöde Kissen jetzt nicht endlich nehmen, werde ich Sie damit erschlagen!”

„Na gut, geben Sie schon her, bevor Sie zur Mörderin werden oder Ihre ganze angestaute Aggression wieder mal an mir auslassen...” Damit ließ er sich auf das Kissen fallen.

Scully blinzelte in seine Richtung. „Ist Ihnen eigentlich klar, dass wir im Augenblick gegen eine Menge FBI-Regeln verstoßen?” Mulder schenkte ihr ein jungenhaftes Grinsen. „Tun wir das nicht immer?”

„Da haben Sie auch wieder recht.” Mit diesen Worten griff Scully über ihren Partner hinweg und schaltete die Nachttischlampe aus. Die Dunkelheit hüllte sie ein, und Mulder lauschte auf Scullys Atem. Sie bewegte sich leicht, und es erstaunte ihn, mit welcher Leichtigkeit er ihre Geräusche von denen Susies unterscheiden konnte. Na ja, schließlich kannte er sie auch schon seit über vier Jahren. Er drehte sich um und streifte dabei versehentlich ihren Arm. „Autsch!” Mulder zuckte zurück. „Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nicht weh tun.” „Schon gut. Sie sind nur gegen den Schnitt gekommen.”

„Tut mir leid.” Sie wusste, dass er es ehrlich meinte. Seltsam, ging es ihr durch den Kopf. Hier liege ich mit ihm im selben Bett und denke mir gar nichts dabei. Ihr fiel auf, dass es ihr ganz natürlich vorkam, das Bett mit ihrem Partner zu teilen. Sie vertraute ihm völlig, und sie wusste, er würde nicht einmal im Traum daran denken, eine solche Situation auszunutzen. Und seltsam, wie sicher sie sich fühlte, jetzt, wo er wieder in ihrer Nähe war. Mit diesem Gedanken schlief sie ein.

 

Scullys Schlaf war tief und traumlos gewesen, so wie es bei völliger Erschöpfung zu erwarten war. Deshalb konnte sie sich auch nicht erklären, warum sie aufgewacht war. Sie lauschte und versuchte herauszufinden, was sie geweckt hatte. Alles war friedlich. Auf ihrer linken Seite schlief Mulder. Sein Atem ging ganz ruhig. Er schnarcht tatsächlich nicht, dachte sie mit einem Lächeln. Rechts von ihr lag Susie in die Decke gewickelt und tief schlafend. Die Decke... Das war es. Die Kleine hatte die ganze Decke weggezogen und sich so darin eingewickelt, dass es unmöglich war, ein Stück davon zu bekommen ohne sie zu wecken. Scully fröstelte. Sie musste aufgewacht sein, weil ihr kalt war. Keine Decke und kein Kopfkissen, der Rest der Nacht versprach ungemütlich zu werden. Ein Blick in Mulders Richtung überzeugte sie, dass er nur einen Teil seiner Decke benutzte. Ohne zu überlegen schlüpfte sie zu ihm. Die Wärme, die er ausstrahlte, vertrieb die Kälte der Nacht.

„Wenn Sie wollen, können Sie noch ein Stück haben.”

Scully zuckte zusammen. Sie hatte angenommen, Mulder schliefe tief und fest. „Ich... wollte Sie nicht wecken. Tut mir leid. Aber Susie hat sich ganz in meine Decke eingewickelt...”

„Pst.” Er legte ihr kurz den Finger auf die Lippen. „Sie wecken sie noch auf. Ich war schon wach, bevor Sie aufgewacht sind. Sie haben mich getreten.”

„Tut mir leid.” entschuldigte sie sich noch einmal. „Ich will Ihnen nicht die Decke klauen, aber mir ist kalt.”

„Schon gut, kommen Sie her.” Mulder machte ihr Platz, und sie rückte näher an ihn heran. Fast, dass sie einander berührten. „So geht das nicht. Sie müssen schon herkommen, sonst passen wir nicht zusammen drunter. Habe ich Sie jemals gebissen?” Damit legte er leicht den Arm um sie, damit sie beide Platz hatten. Als er sie berührte, fuhr er leicht zusammen. „Sie sind ja eiskalt. Wie haben Sie das nur ausgehalten?”

„Keine Ahnung, das ging im Schlaf.”, versuchte sie zu scherzen. Mulder lachte leise. „Wenn ich an Ihre Wunde komme, müssen Sie mir Bescheid sagen.” „Dann werd‘ ich mich schon beschweren.” Sie kuschelte sich in seinem Arm zurecht. Sein Körper war angenehm warm. Scully legte den Kopf an seine Schulter und schloß die Augen. Fast war sie wieder eingeschlafen, als ihr etwas einfiel. Etwas, das sie ihm unbedingt sofort sagen musste. „Mulder?”, flüsterte sie.

“Hmmm...” kam seine gemurmelte Antwort.

„Ich bin froh, dass Sie da sind.” In diesen Worten lag ihre ganze Erleichterung darüber, dass die Nachricht von seinem Tod falsch gewesen war, dass sie ihn nicht verloren hatte. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Er verstand, was sie ihm damit sagen wollte. Vorsichtig, um nicht wieder an ihre Wunde zu kommen, streckte er die freie Hand aus und strich zart über ihre Wange. Einen Augenblick später hörte er an ihren gleichmäßigen Atemzügen, dass sie wieder schlief. Er fühlte sie in seinem Arm, vertrauensvoll und entspannt. Einen Moment lang gestattete er es sich selbst, sich der Illusion hinzugeben, die durch ihre Nähe hervorgerufen wurde. Dann fielen auch ihm wieder die Augen zu.

 

Am Morgen wurde Mulder vom Fernseher geweckt. Sein erster Blick galt dem Platz neben sich. Scully war nicht mehr da. Trotzdem spürte er noch immer die Wärme ihres Körpers an seinem, den Duft ihrer Haut...

Dann streifte sein Blick durchs Zimmer. Susie saß im Sessel und sah sich Zeichentrickfilme an. Dabei hielt sie den Stoffhasen auf dem Schoß und legte ihm jedesmal die Hand über die Augen, wenn eine der Figuren auf dem Bildschirm geschlagen wurde.

„Hi, Susie. Hast Du gut geschlafen?”

„Ja.” Damit wandte sie die Augen wieder dem Fernseher zu.

„Wo ist Agent Scully?”

„Im Bad. Wäscht sich die Haare.” Diesmal sah Susie ihn nicht einmal an, so sehr faszinierte sie der Film.

Mulder griff nach seinem Handy und rief Langley an. Nachdem dieser ihn wegen der frühen Stunde ausgiebig beschimpft hatte stimmte er zu, herzukommen und das Kind abzuholen, statt zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren. Kaum hatte Mulder aufgelegt, als aus dem Badezimmer ein Fluch zu hören war, der eigentlich gar nicht zu Scully passte. Mulder rief durch die geschlossene Tür: „Hey, Scully, alles okay?”

„Ja. Sie können ruhig reinkommen.” Mulder öffnete die Tür - und fand das Chaos. Scully versuchte, sich über dem Waschbecken die Haare zu waschen, was ihr aber gründlich misslang. Das halbe Badezimmer war nassgespritzt, und auf ihrem Kopf klebte jede Menge Schaum. Mulder konnte bei diesem Anblick einfach nicht den Mund halten: „Warum nehmen Sie nicht die Dusche, wenn Sie schon unbedingt versuchen müssen, sich zu ertränken? Das wäre bestimmt einfacher.” Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Die Dusche ist kaputt, Mr. Schlaumeier. Und wenn ich schon nicht wie gewisse andere Leute in den Genuß frischer Kleider komme, will ich doch wenigstens so annehmbar wie möglich aussehen.”

„Was Ihnen auch gründlich gelungen ist.”, wagte er zu scherzen. „Soll ich Ihnen vielleicht helfen?”

„Nein danke!”, fauchte sie ihn an und drehte sich wütend weg. Dabei fiel ihr Blick in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Sie sah sich selbst, tropfnaß, mit Shampoo im Haar und triefendem T-Shirt, das noch dazu viel zu groß war. Plötzlich musste sie lachen. Sie konnte nicht anders, die ganze Anspannung der letzten Tage floss aus ihr heraus, und sie lachte, bis sie kaum mehr atmen konnte.  Mulders Augen trafen ihre im Spiegel, und er wurde von ihrem Lachen angesteckt. Jeder, der sie so gesehen hätte, hätte sie für verrückt halten müssen: Da standen sie, zwei erwachsene Menschen, sahen einander im Spiegel an und lachten scheinbar ohne jeden Grund.

Als sie wieder Luft bekam, brachte Scully hervor: „Na gut, zur Hölle mit der ewig gepredigten Unabhängigkeit! Könnten Sie mir helfen, bevor hier die zweite Sintflut ausbricht?” Sie beugte sich wieder über das Becken.

„Klar. Einfach ausspülen?”

„M-hm”

Mulder drückte ihren Kopf vorsichtig etwas tiefer hinunter und stellte das Wasser an. Ganz sanft ließ er die Hände über ihren Kopf wandern, ließ ihr nasses Haar durch seine Finger gleiten, bis kein noch so kleiner Shampoorest mehr übrig war. Und noch einen Moment länger. Scully hielt die Augen fest geschlossen, damit kein Wasser hineinlief, und genoss. Fast wünschte sie, der Augenblick würde ewig dauern. Das entspannende, warme Wasser und Mulders sanfte Hände, die ihren Kopf massierten...

„Fertig.”  Mulder reichte ihr ein Handtuch. „Besser, Sie beeilen sich. Ich habe Langley angerufen, damit er Susie hier abholt. Dann müssen wir nicht noch weiter mir dem armen Kind durch die Gegend fahren und können uns an die Ermittlung machen.” Scully stimmte ihm zu, und er verließ das Badezimmer, damit sie sich anziehen konnte.    

 

 

 

0.17

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Ginny Tomms lag in ihrem Bett und lauschte. Seit etwa einer halben Stunde war niemand mehr über den Flur gegangen, und auch im Zimmer der Erzieherin, das über ihrem lag, hatte sich seit 23.15 nichts mehr gerührt. Alle Heimbewohner mussten schlafen, denn nirgends war mehr etwas zu hören. Auch Ginnys Zimmernachbarin, die dreizehnjährige Lucy, schlief schon seit 22.00. Trotzdem zögerte Ginny. Sie wusste, das was sie vorhatte war gravierend. Wenn sie erwischt werden sollte, würde sie nicht nur Riesenärger bekommen, weil sie nachts heimlich ins Büro gegangen war, sondern man würde sie auch fragen, was sie dort gewollt hatte. Und selbst wenn sie schwieg würde sich irgend jemand denken können, was sie gesucht haben könnte. Dann wäre alles vorbei. Ausgehverbot konnten sie nicht verhängen, weil sowieso niemand das Heim verlassen durfte. Aber man würde sie sicher genauer beobachten, und das wäre das Ende der heimlichen Treffen mit Kimberly. Außerdem würde sie nie wieder eine Chance erhalten, in den Akten nach ihrem Vater zu forschen. Ist es das wirklich wert? fragte sich Ginny. Doch dann gewann ihre Neugierde die Überhand. Was hatte sie zu verlieren? Gut, Kims Freundschaft. Allerdings könnte sie auch Erfolg haben. Wenn sie etwas über ihren Vater erfuhr, vielleicht sogar Kontakt zu ihm aufnehmen könnte... Was für Möglichkeiten sich daraus ergeben könnten! Ihre Entscheidung war gefallen. Jetzt oder nie! Ginny stieg entschlossen aus dem Bett.

Sie öffnete leise die Zimmertür. Wegen Lucy brauchte sie sich keine Gedanken zu machen. Wenn die einmal schlief, konnte nichts und niemand sie wecken. Ginny hatte das selbst mehr als einmal versucht, wenn Lucy beharrlich den Wecker ignorierte. Was Ginny Sorge bereitete war der lange Weg über den Flur mit den Schlafräumen und das Treppenhaus. Sollte sie auf ihrer Etage erwischt werden, konnte sie immer noch behaupten, sie sei auf dem Weg zu den Wachräumen gewesen. War sie aber erst im Treppenhaus oder gar im Erdgeschoss, gab es kein Zurück mehr.

Ginny schlich über den Flur und achtete dabei sorgfältig darauf, nicht auf die knarrenden Bodenbretter zu treten. Das Haus war schon über 100 Jahre alt und seit fast 20 Jahren beherbergte es das Kinderheim. Was vorher darin gewesen war, wusste Ginny nicht. Es war ihr auch ziemlich egal gewesen. Jetzt stellte sie sich diese Frage doch, denn ihre Anspannung war zu groß, als dass sie mit ihren Gedanken bei dem sein konnte, was sie gerade tat. Es war nicht einfach, über den dunklen Flur zu gehen, weil dort manchmal Spielzeug von den Kleinen herumlag, aber Ginny konnte natürlich kein Licht machen.

Sie hatte schon fast das Treppenhaus erreicht, als sie eine Bewegung in ihrer Nähe wahrnahm. Sie konnte nicht das Geringste sehen, da der Flur nicht ein einziges Fenster hatte, aber sie nahm instinktiv das leichte Huschen über den Boden wahr. Erschrocken blieb sie stehen und drückte sich gegen die Wand. Wenn sie nichts sehen konnte, konnte derjenige, der mit ihr auf dem Flur war, auch nichts sehen. Das wollte Ginny nutzen, indem sie wartete, bis der andere an ihr vorbei war. Sie wagte kaum zu atmen, so sehr strengte sie sich an, leise zu sein. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit, bemüht, den Aufenthaltsort des Anderen auszumachen. Leider schien dieser dieselbe Idee zu haben, denn von ihm war nicht mehr das kleinste Geräusch zu hören. Die Zeit schien angehalten zu haben; jedenfalls kam es Ginny vor, als stünde sie schon seit Stunden auf dem dunklen Flur, als sie wieder ein Geräusch hörte. Diesmal war es direkt vor ihr. Sie versuchte zurückzuweichen, was aber nicht ging, da sie bereits mit dem Rücken zur Wand stand. Sie erwartete jeden Moment, dass jemand sie am Arm packte. Trotzdem blieb ihr fast das Herz stehen, als sie etwas ihr nacktes Bein streifen fühlte.

Es dauerte einen Moment, bis sich Ginny wieder so weit gefasst hatte, dass sie einigermaßen Luft bekam. Dann musste sie lächeln. Das, was sie berührt hatte, war weich, pelzig und warm gewesen. Eben wie ein Hund. Jemand musste Button, den Heimhund und Liebling aller Kinder, versehentlich im Flur eingesperrt haben, wo er gewartet hatte, bis jemand eine der Türen öffnete. Dann hatte er Anschleichen gespielt, ein Trick, den ihm Ginny selbst in wochenlanger Arbeit beigebracht hatte. Auf dem dichten Teppich hatten seine Krallen kein Geräusch gemacht. Ginny beugte sich zu dem Hund hinunter und kraulte ihn hinter den Ohren. Button, glücklich, dass ihn jemand beachtete, rieb seinen dicken Kopf an ihrem Bein. „Komm mit, mein Süßer,” flüsterte Ginny dem Hund zu. „Du bist mein perfektes Alibi, falls mich jemand unten erwischt. Dann sag ich einfach, ich hab dich rausgebracht, okay? Aber sei ganz still.“

Mit Button auf den Fersen schlich sie sich ins Treppenhaus, froh darüber, dass sie nicht mehr allein war.

Im Büro angekommen, schloss sie die Tür hinter sich ab. Wo der Schlüssel nachts aufbewahrt wurde, wusste sie schon seit Jahren. Die verschlossene Tür sollte sie erstmal vor Entdeckung schützen. Sie befahl Button, sich auf den Boden zu legen und gut aufzupassen, dann ließ sie die Jalousien herunter, damit kein Lichtschein nach draußen dringen konnte. Erst dann wagte sie es, ihre mitgebrachte Taschenlampe anzuschalten.

Ginny war schon oft im Büro von Mrs. Evans gewesen, meistens, wenn sie etwas angestellt hatte oder als freiwillige Bürohilfe von Mrs. Evans‘ Sekretärin Janet. Oder sie hatte für den Unterricht Kreide oder ein Heft holen müssen. Jedenfalls kannte sie sich in dem Büro einigermaßen aus, was ihr jetzt zugute kam. Sie fand sofort die Schränke, in denen sie die Akten der Heiminsassen vermutete. Leider waren sie abgeschlossen. Damit hatte Ginny jedoch gerechnet; also begann sie, den Schlüssel zu suchen. Das Büro bot nicht viele Möglichkeiten, einen Schlüssel unterzubringen. Ginny hoffte, dass niemand den Schlüssel versteckt hatte, aber da bisher noch nie ein Kind auf die Idee gekommen war, im Büro nach den Akten zu suchen, war das wenig wahrscheinlich. Ohne Kim wäre ich auch nie auf diese Idee gekommen, musste sich Ginny eingestehen. Also ist es gar nicht so abwegig, den Schlüssel einfach im Büro zu lassen.

Ginny hatte Glück: Nach nur zehn Minuten entdeckte sie den Schlüssel in der Schale mit Büroklammern, die auf Janets Schreibtisch stand.  Aufgeregt schloss sie den Aktenschrank auf und kramte nach ihrer Akte. Sie war nicht da.

Ginny hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem völligen Fehlen ihrer Akte. Zur Sicherheit sah sie noch alle Notizen, die unter T abgelegt waren, gründlich durch. Nichts. Es gab keine Akte unter dem Namen Virginia Tomms. Ginny suchte nach den Akten von zwei anderen Mädchen, um zu prüfen, ob sie nach dem richtigen System vorging. Die Akten waren an ihrem Platz.

„Das gibt’s doch nicht!”, sagte sie leise zu sich selbst. „Jetzt bin ich so weit gekommen, und dann ist die Akte einfach weg.” Ihr kam der Gedanke, dass das Fehlen der Akte mit dem Auftauchen ihres Vaters zu tun haben könnte. Vielleicht hatte Mrs. Evans die Akte auf ihrem Schreibtisch, um sie durchzusehen? Ginny öffnete leise die Zwischentür, die Janets Büro von dem von Mrs. Evans trennte, und schlüpfte hindurch. Sie fand sich im Allerheiligsten des Heims wieder. In dieses Büro wurde man nur dann gerufen, wenn man etwas wirklich schlimmes angestellt hatte. Sonst begnügte sich Mrs. Evans mit einer Standpauke im Vorzimmer.

Ginny fand, dass dieser Raum etwas höchst Unheimliches an sich hatte. Der große, breite Schreibtisch, hinter dem die Heimleiterin gewöhnlich saß, gab demjenigen, der das Pech hatte, davor stehen zu müssen, ein Gefühl der Verlorenheit. Man kam sich klein und unbedeutend vor, selbst wenn Mrs. Evans sonst immer einigermaßen freundlich war.

Begleitet von Button, der seinen Wachposten verlassen hatte, schlich sich Ginny hinter den Schreibtisch. Bedacht, nichts zu verändern leuchtete sie kurz über die Schriftstücke, die darauf lagen. Sie hoffte, irgendwo auf ihren Namen zu stoßen. Wieder nichts. Doch dann stutzte sie. Einer der Hefter auf dem Schreibtisch trug die Aufschrift Margie Graham. Das war der Name ihrer Mutter gewesen, bevor sie nach ihrer Scheidung ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte. Erst danach hatte sie Ginnys Vater getroffen, dessen Identität sie angeblich niemandem preisgegeben hatte. Da Ginny später geboren worden war, trug sie den Mädchennamen ihrer Mutter, Tomms. Sie konnte sich keinen Grund vorstellen, warum eine Akte mit dem früheren Namen ihrer seit langem verstorbenen Mutter auf dem Schreibtisch der Heimleiterin liegen sollte. Was wollte Mrs. Evans damit? Neugierig geworden, schlug Ginny den Ordner auf. Zuoberst lag eine Geburtsurkunde. Ihre eigene. Darunter war eine Hülle eingeheftet, in der mehrere Disketten lagen. Sonst war der Ordner leer. Ginny wusste, dass sie niemals die Zeit haben würde, die Disketten durchzusehen, ganz abgesehen davon, dass Mrs. Evans es mit Sicherheit merken würde, wenn sie an ihren Computer ging. Was sollte sie also tun? Sie sah sich um, als erwarte sie, dass die Lösung einfach vor ihr im Zimmer auftauchen würde. Als ihr Blick durch die Tür in Janets Büro fiel, kam ihr eine Idee. Sie holte aus der Box mit den leeren Disketten eine heraus und steckte sie in die Hülle im Ordner. Dafür konnte sie eine Diskette mitnehmen und hoffen, dass der Tausch nicht bemerkt würde. Aber welche? Die Disketten waren unbeschriftet, also zog Ginny auf gut Glück eine heraus. Sie würde sie Kimberlys Vater mitgeben, damit Kim sie sich ansah. Sicher würde ihre Freundin schlau genug sein, die Diskette beim nächsten Treffen wieder mitzubringen. Vielleicht konnte Ginny ja sogar eine nach der anderen austauschen. Es war riskant, das wusste sie, aber sie musste einfach erfahren, was auf den Disketten war. Wenn sie schon ihre eigene Akte nicht finden konnte, wollte sie wenigstens wissen, was das Heim mit ihrer Mutter zu schaffen gehabt hatte, die ja nicht mehr gelebt hatte, als Ginny hergebracht worden war. Sie schloß den Ordner und legte ihn an seinen alten Platz zurück, dann verließ sie Mrs. Evans‘ Büro und schloß die Tür hinter sich. Nachdem sie auch im anderen Büro wieder alles in Ordnung gebracht hatte, schlich sie wieder in den Flur und schloß die Tür ab. Den Schlüssel deponierte sie an seinem alten Platz, dann ließ sie Button in den Garten und schlich zurück in ihr Zimmer, wo sie die Diskette unter ihren T-Shirts versteckte, bevor sie wieder ins Bett kroch. Ihr letzter Blick galt Lucy, die sich nicht gerührt zu haben schien. Es dauerte eine ganze Weile, bis auch Ginny schlafen konnte.

 

 

 

10.00

Büro der Staatsanwaltschaft,

Los Angeles

 

John Logan war gerade erst in seinem Büro angekommen, aber schon türmten sich auf seinem Schreibtisch die Anfragen. Der Oberstaatsanwalt wollte mit ihm zu Mittag essen, um den Greyhoundfall zu besprechen. Das war in Logans Augen überflüssig, denn die Strategie, die sie in diesem Fall verfolgten, sollte allmählich allen klar sein. Aber weil das Gerücht umging, dass der Oberstaatsanwalt Logan im nächsten Jahr zu seinem Stellvertreter ernennen würde, hielt Logan es für besser, nichts zu tun, was dem entgegenwirken könnte. Eine weitere Nachricht war von der Anwältin eines Mannes, der wegen mehrfachen schweren Raubes vor Gericht stand. Logan lächelte. Die wollte doch nicht etwa ein Geständnis gegen Strafmilderung anbieten? „Diese Art von Vergleich käme uns ganz gelegen,”, musste Logan sich eingestehen. Sie hatten so gut wie nichts in der Hand, aber sie mussten schon ziemlich gut geblufft haben, wenn die Gegenseite mit einer Einigung kam. „Abwarten”, ermahnte er sich selbst. Gerade wollte Logan die restlichen Notizen durchsehen, als das Telefon auf seinem Schreibtisch zu klingeln begann. Er griff nach dem Hörer und lauschte kurz. Seine Sekretärin teilte ihm mit, dass ein Mann angerufen habe, der sich geweigert hatte, seinen Namen zu nennen. „Ich habe ihm gesagt, dass Sie noch nicht da sind. Da sagte er, er werde es später noch einmal versuchen. Ich hab versucht, seinen Namen oder wenigstens eine Telefonnummer zu kriegen, unter der Sie ihn zurückrufen können. Aber er wollte partout nichts sagen. Ich hoffe, ich hab nichts falsch gemacht.”

„Nein, nein, Sie konnten ihn ja schlecht zwingen, Ihnen seinen Namen zu nennen. Wenn er wieder anruft, stellen Sie ihn bitte durch.”, beruhigte Logan seine Sekretärin. Wahrscheinlich war der Anrufer wieder so ein Spinner von der Presse gewesen, der hoffte, er würde die Sensation schlechthin erfahren, wenn er ihn überrumpelte. Es lohnte nicht, dass sich Carol darüber aufregte. Sie war eine gute Sekretärin, die beste, die er sich wünschen konnte, und er wollte nicht, dass sie sich wegen des Anrufs Sorgen machte. Die weiteren Notizen waren nicht sonderlich interessant: Ein paar Anfragen für Interviews, die er niemals geben würde, ein Bericht der Pressestelle zum Greyhoundfall und ein Anruf von seiner Exfrau, die wissen wollte, ob er in den Ferien Zeit für ihren gemeinsamen Sohn haben würde. Da er wusste, dass dieses Thema wieder in einer endlosen Streiterei enden würde beschloss er, sie erst am Abend anzurufen. Er brauchte für den Tag vor Gericht all seine Konzentration, da fehlte es ihm gerade, dass er sich mit diesem Problem herumschlug.

Logan ging noch einmal seine Notizen zum Greyhoundfall durch, nachdem er sich durch einen Blick in seinen Terminkalender vergewissert hatte, dass er erst um 13.00 bei Gericht sein musste. Dieser Fall lag ihm am Herzen; es war ihm ein persönliches Anliegen, diesen Schweinehund für immer hinter Gitter zu bringen. Der Kerl hatte harmlosen Touristinnen in Greyhoundbussen aufgelauert. Er war ihnen dann gefolgt und hatte sie kaltblütig und auf brutalste Weise ermordet. Logan hatte die Fotos der Opfer gesehen, und er hatte danach nächtelang nicht ruhig schlafen können. So ein Kerl musste einfach aus dem Verkehr gezogen werden! Was Logan Unbehagen bereitete war, dass die Verteidigung offensichtlich auf Sympathien aufbaute. Der Killer war ein glatter Bursche, der die Herzen der Geschworenen im Sturm erobern würde, sobald er den Gerichtssaal zum ersten Mal betrat. Also kam es auf den Ruf des Anklägers an. Logans Ruf war makellos, und ihm war klar, dass das der Grund für seine Ernennung zum Ankläger in diesem Fall war.

Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Carol steckte den Kopf ins Büro und sagte: „Der Anrufer von vorhin ist hier. Er hat wieder nicht seinen Namen gesagt, aber ich bin sicher, dass es derselbe Mann ist. Er sagt, Sie würden ihn sicher empfangen. Ich habe ihm gesagt, dass Sie bald ins Gericht müssen, aber er lässt nicht locker.”

„Sieht er aus wie ein Reporter?”, erkundigte sich Logan.

„Nein, eher nicht. Aber ich kann mich auch irren.” Das bezweifelte er. Carol verfügte über eine großartige Menschenkenntnis, und Journalisten konnte sie zehn Meter gegen den Wind erkennen.

„Er sagte, es geht um Margie Tomms. Wer das auch immer sein mag.”

Logan zuckte innerlich zusammen. Wie lange hatte er diesen Namen nicht mehr gehört. Es musste Jahre her sein. Und ausgerechnet jetzt... Das könnte kein Zufall sein, entschied er und forderte Carol auf: „Schicken Sie ihn rein. Aber wenn er um halb zwölf noch da sein sollte, erfinden Sie irgendeinen wichtigen Termin. Ich muss mich schließlich auf den Gerichtstermin vorbereiten. Die heutige Anhörung ist entscheidend.” Carol nickte und verließ das Büro ihres Chefs. Der Trick mit den wichtigen Terminen hatte schon Tradition. Seit sie für Logan arbeitete, hatte sie ihn wohl schon hundertmal angewendet. Er funktionierte immer, und es war allemal höflicher, als einen Besucher vor die Tür zu setzen.

Der Mann, der Logans Büro betrat, war groß und kräftig gebaut. Er hatte hellblondes Haar, das sich an den Schläfen kräuselte. Sein dunkler Anzug wirkte irgendwie verkehrt an ihm; er schien eher der Jeanstyp zu sein. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, ließ er sich in den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. Logan setzte sich ebenfalls. Der Mann war ihm auf Anhieb unsympathisch. Sein ganzes Auftreten hatte etwas Forderndes, das den Anwalt störte. Aber wenn der Mann etwas über Margie zu sagen wollte, würde er ihn anhören. Auf Logans höflichen Versuch, den Namen seines Gegenübers zu erfahren, reagierte der Mann auf Gangsterart: „Mein Name tut nichts zur Sache. Sie werden mir einfach zuhören. Rütteln Sie nichts auf, was vor Jahren begraben wurde. Das bringt nur Ärger. Sie können die Vergangenheit nicht ändern, also lassen Sie die Finger davon. Sollten Sie sich nicht daran halten, werden Sie die Konsequenzen spüren müssen. Dann sollten Sie besser nicht allzu sehr von dem Posten als stellvertretender Oberstaatsanwalt träumen.” Damit drehte sich der Mann um und verließ das Büro. Zurück blieb ein völlig verwirrter Logan.

 

Als ihr Chef eine Stunde, nachdem der seltsame Besucher gegangen war, immer noch nicht aus seinem Büro gekommen war beschloss Carol, nach ihm zu sehen. Sie betrat vorsichtig sein Büro und stellte eine Tasse Kaffee auf den Schreibtisch. Sie erkannte sofort, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie überlegte, ob sie ihn fragen sollte, was los sei, oder ob das indiskret war. Sie entschied sich zu fragen, denn es war ihr lieber, einmal wegen Indiskretion gerügt zu werden als ihm nicht die Möglichkeit zu geben, vor der Anhörung bei Gericht loszuwerden, was ihn bedrückte. Bevor sie jedoch den Mund aufmachen konnte, begann Logan schon zu sprechen: „Ich werde es Ihnen erzählen. Sie dürfen es ruhig wissen. Man hat mir mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass ich von einer bestimmten Sache die Finger lassen soll, wenn mir meine Ernennung zum stellvertretenden Oberstaatsanwalt am Herzen liegt. Ich nehme an, dass derjenige, der das will, ganz genau weiß, womit er mich diskreditieren kann. Das Problem ist nur, dass mir diese bestimmte Sache sehr am Herzen liegt, also weiß ich nicht, was ich jetzt tun soll.” Carol war erstaunt. Sie kannte ihren Chef schon seit Jahren, und sie hatte ihn nie zuvor so ratlos gesehen. Es überraschte sie, dass ihm an der Ernennung so viel liegen sollte, dass er darüber etwas Wichtiges opferte. Sie versuchte, ihm zu helfen und machte ihrem Erstaunen Luft: „Aber ich hatte immer den Eindruck, dass Ihnen an der Beförderung nichts liegt. Sie haben doch selbst gesagt, dass es sowieso kommt, wie es kommt, ganz gleich, ob Sie nun befördert werden oder noch ein paar Jahre hier in diesem Büro sitzen.” Logan lächelte schwach. „Sie kennen mich zu gut. An der Beförderung liegt mir wirklich nicht so viel. Aber das, womit man mich bedroht, könnte meinem Ruf sehr schaden. Und wir wissen beide, dass es in dem Greyhoundfall nur um die Sympathie der Geschworenen geht. Wenn die meine Vergangenheit offenlegen, könnte es passieren, dass der Mörder mit einer milderen Strafe davonkommt, weil die Geschworenen darauf natürlich reagieren würden. Das darf auf keinen Fall passieren! Trotzdem kann ich nicht einfach so aufgeben.” Carol sah ihn verwirrt an. Sie hatte nie den Eindruck gehabt, dass Logan eine dunkle Vergangenheit haben könnte. Andererseits wusste sie, dass in dieser Branche schon ein Strafzettel wegen Falschparkens über die Sympathie der Geschworenen und somit über die Höhe einer Strafe entscheiden konnte. „Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, lassen Sie es mich wissen.”, bat sie. Er lächelte, froh über ihren Zuspruch. „Vielleicht werde ich das tun. Ich danke Ihnen auf jeden Fall für das Angebot. Und vielleicht kann ich Ihnen sogar irgendwann erzählen, worum es geht. Aber jetzt muss ich mich auf die Anhörung vorbereiten.”

Carol verstand den Wink und verließ sein Büro. 

 

 

 

14.00

St. Mary’s Kinderheim,

Greasewood, Kansas

 

Peter Jackson lenkte seinen kleinen Lieferwagen die Auffahrt zum Kinderheim hinauf. Er war spät dran, und das wusste er auch. Es war allerdings nicht zu ändern gewesen, denn Kimberly hatte ihn aufgehalten. Sie hatte ihn gebeten, ihre Freundin Ginny von ihr zu grüßen. „Aber so, dass es keiner merkt.”, hatte sie ihn noch mehrmals ermahnt. Jackson hatte es versprochen, obwohl ihm nicht wohl dabei war. Die Mädchen hatten ihn schon des öfteren für die Übermittlung kleiner, „geheimer” Nachrichten benutzt, und es hatte ihm nie etwas ausgemacht, weil er nichts gegen die Freundschaft der Beiden hatte. Dass das Heim derartige Freundschaften verbot, hielt er für übertrieben. Er machte sich keine Sorgen, dass er das Heim als Kunden verlieren konnte, wenn herauskam, dass er Nachrichten hin- und herfuhr, denn er war nicht auf diesen Auftrag angewiesen, da er genug andere Kunden hatte. Was ihn störte, war Kims Aufregung gewesen. Sie hatte ihn nie zuvor so oft ermahnt, sich nicht erwischen zu lassen. Peter Jackson spürte, dass etwas zwischen den Mädchen passiert war, von dem er selbst ausgeschlossen war, und er hatte Angst, seine Tochter könnte einen ihrer verrückten Pläne ausgeheckt haben. Nicht nur um Kim machte er sich Sorgen, sondern auch um ihre Freundin. Er mochte Ginny, und er gönnte ihr die kleinen Ausbrüche aus den strengen Regeln des Heims.

Es war nur so ein Gefühl, und Jackson wusste, dass ihn sowohl seine Frau als auch seine Kinder deswegen auslachen würden, aber seine Unruhe verstärkte sich noch, als er Ginny auf den Wagen zu laufen sah. Irgendwie musste sie es geschafft haben, zum Ausladen der Lebensmittel eingeteilt zu werden. Ginny lächelte höflich, aber sie zeigte keine Spur von ihrer sonst so ansteckender, unschuldigen Fröhlichkeit. Nun wusste Jackson bestimmt, dass etwas nicht stimmte. Ginny wartete hinten am Wagen, bis er ausgestiegen war und die Hecktüren geöffnet hatte. Dann, bevor andere Heimbewohner kommen und helfen konnten, steckte sie ihm eine Computerdiskette zu. „Bitte, geben Sie das Kim. Es ist wichtig. Und, sagen Sie bitte niemandem etwas davon.” Mit diesen Worten griff Ginny nach einem Karton und trug ihn in Richtung Küche.

Da war es schon wieder: Diesmal hatte ihn Ginny eindringlich gebeten, niemandem etwas zu sagen. Irgend etwas war da faul. „Unsinn,“ ermahnte er sich selbst. „die Mädchen haben eben Geheimnisse, das ist ganz normal in dem Alter.” Trotzdem blieb ein unangenehmes Gefühl. Und selbst als er die Lebensmittel ausgeladen hatte und längst auf dem Rückweg zu seinem Geschäft war, spürte er den Druck der Diskette unangenehm in seiner Tasche. Ihm war, als läge etwas Böses darauf, vielleicht sogar eine Art Fluch. Auch wenn er sich tadelte, er sähe Gespenster, es war ihm nicht möglich, dieses Gefühl abzuschütteln.  

 

 

 

14.22

Flug von Washington, D.C. nach Wichita, Kansas

 

Dana Scully schaute aus dem Fenster und langweilte sich. Seit sie und Mulder Susie bei Langley abgeliefert hatten, war alles sehr schnell gegangen: Sie waren nach Washington zurückgekehrt, damit sie und Mulder ihre Sachen packen konnten, und waren dann mit dem nächsten Flug nach Wichita gestartet, um von dort nach Greasewood zu fahren, wo Mulder sie schon beim Sheriff angemeldet hatte. Gewöhnlich pflegte Scully auf solchen Flügen Musik zu hören oder die Akte des Falles zu lesen, den sie bearbeiten sollten. Diesmal war jedoch alles anders: Sie hatte nicht genug Zeit gehabt, um eine Kassette und ihren Walkman einzupacken, und da sie diesen Fall nicht offiziell bearbeiten konnten - schließlich gab es eigentlich gar keinen Fall - hatte sie auch keine Akte und deshalb nichts zu tun. Mulder schien dieses Problem nicht zu kennen: Er schlief, wie die meiste Zeit, wenn sie in der Luft waren. Wie schon oft beneidete ihn Scully um diese Gabe. Sie selbst konnte nicht besonders gut schlafen, wenn sie im Flugzeug saß. Sie löste ihren Blick vom Fenster und betrachtete ihren schlafenden Partner. Er sah so friedlich aus. Kein Vergleich zu den unzähligen Malen, wenn sie ihn auf Flügen aus seinen Alpträumen hatte wecken müssen. Er träumte oft von dem Verschwinden seiner Schwester. Dann wachte er vollkommen verstört auf und machte sich nur noch entschlossener auf die Suche nach der Wahrheit in den X-Akten und nach seiner Schwester. Scully wünschte sich oft, sie wäre in der Lage, ihn aus diesem Teufelskreis zu erlösen, sie könnte bei ihm sein, wenn er diese schrecklichen Träume hatte. Sie wollte ihn trösten, ihn halten, bis der Schmerz nachließ und er wieder ruhig schlafen konnte. Und sie wollte noch so viel mehr... Energisch riss sie sich aus diesen Gedanken. Das waren total unrealistische Vorstellungen, und sie sollte sich nicht durch das Mitleid, das sie für ihren Partner wegen seiner Alpträume empfand, zu solch einem Unsinn hinreißen lassen. Aber tief in ihrem Innern spürte sie, dass das, was sie fühlte, viel tiefer ging als Mitleid und dass es wenig mit seinen Träumen zu tun hatte.

Die Stimme des Piloten verkündete über Lautsprecher, dass sie in wenigen Minuten in Wichita landen würden und dass die Passagiere sich wieder anschnallen sollten. Mulder überhörte die Ansage wie üblich, also stieß Scully leicht gegen seine Schulter, um ihn zu wecken. Er sah sie blinzelnd an und gähnte einmal. „Was, wir sind schon da? Ich dachte, nach Kansas fliegt man länger.”

„Es war für meinen Geschmack lang genug.”, versetzte Scully. „Aber dass es Ihnen nicht so vorkommt, ist mir klar. Sie haben schließlich die ganze Zeit geschlafen.”

„Oh, tut mir leid. Wenn Sie den Fall hätten diskutieren wollen, hätten Sie mich einfach wecken sollen.”

„Welchen Fall? Meiner Ansicht nach gibt es bis jetzt gar keinen Fall. Wir wollen uns lediglich das Kinderheim auf dem Foto ansehen und versuchen, den Kerl zu finden, der uns überfallen hat. Da gibt’s nicht viel zu diskutieren. Außerdem wollte ich Ihren Schönheitsschlaf nicht unterbrechen.”

„Glauben Sie, dass ich ihn so nötig habe?” Mulder grinste, und Scully setzte eine undurchdringliche Miene auf.

„Wer weiß?”, erwiderte sie. Für diese Bemerkung erntete sie einen kräftigen Rippenstoß von ihrem Partner.

„Und ich dachte immer, nur Frauen seien eitel. Aber ich glaube, Sie haben mich soeben vom Gegenteil überzeugt.”

„Ach, aber Sie mit Ihren vielen Klamotten! Wenn ich Sie nicht gedrängt hätte, wären Sie jetzt noch beim Kofferpacken.”

„Seien Sie doch einfach froh, dass ich Sie nicht zwinge, meine Tasche zu tragen, anstatt sich zu beschweren.”

Mulder machte ein unschuldiges Gesicht. „Wieso? Ich dachte immer, Sie seien so emanzipiert. Dann dürfte doch eigentlich gar keine Gefahr bestehen.”

Eine Frau, die vor ihnen saß, drehte den Kopf und sah Scully an. „An Ihrer Stelle würde ich mit so einem Kerl nirgendwo hin fliegen. Sie sollten sich von ihm trennen, wenn er immer so mit Ihnen umspringt.” Mulder grinste sie an. „Genau, trennen Sie sich von mir. Dann werden Sie schon sehen, wie es Ihnen ergeht.” Zu der Frau gewandt fügte er hinzu: „Wissen Sie, sie benutzt mich immer als Punchingball für ihre Allüren. Wenn ich nicht wäre, würde sie sicher in wenigen Tagen so viele Aggressionen angesammelt haben, dass sie einen Mord begeht.” Scully fügte hinzu: „Wenn ich ihm nicht mindestens einmal täglich ein paar Gemeinheiten verpassen kann, fehlt mir richtig etwas.”

„Der perfekte Prügelknabe”, fügte Mulder hinzu. „Aber ich liebe sie trotzdem. Weiß nur nicht, warum.” Die beiden Agenten sahen einander an und grinsten, als sich die Frau schockiert wieder nach vorn umdrehte. Scully musste zugeben, dass ihr dieses kleine Spiel Spaß gemacht hatte. So etwas konnte sie nur mit Mulder zusammen tun, und obwohl es eigentlich nicht ihre Art war, genoss sie es, ab und zu jemanden ein wenig zu schockieren.

Nachdem sie auf dem Flughafen ausgecheckt hatten, holte Mulder ihre Taschen, während Scully ihnen einen Mietwagen besorgte. Auf dem Weg in Richtung Greasewood stellte sie fest, dass sie auch gleich eine Karte hätte besorgen sollen, denn es war unmöglich, sich bei den vielen Nebenstraßen und kleinen Städten, durch die sie kamen, nicht zu verfahren. Nachdem sie zum vierten Mal falsch abgebogen waren, hielt Mulder an einer Tankstelle, um nach dem Weg zu fragen. Wieder zurück im Wagen erklärte er Scully, dass sie eigentlich schon längst hätten da sein sollen: „Wenn Sie ein bisschen besser in der Lage wären, die Straßenschilder zu lesen, wären wir seit Stunden da.” Obwohl Scully wusste, dass dieser Vorwurf nur halb ernst gemeint war, war sie drauf und dran, eine kühle Antwort zu geben. Statt dessen erkundigte sie sich, wie lange sie noch unterwegs sein würden. Bloß jetzt keinen Streit anfangen, sagte sie sich. „Etwa eine halbe Stunde.” erwiderte Mulder und sah nach vorn. „Allerdings nicht, wenn wir in den Stau dort geraten." „Welchen Stau?" Aber da sah sie es schon selbst: Ein paar hundert Meter vor ihnen hatte sich der Verkehr gestaut. Es schien gar nichts mehr zu gehen. Scully steckte den Kopf aus dem Fenster und versuchte, die Ursache für die Stockung zu erkennen. Ein Wagen stand quer auf der Straße, und daneben hatten sich zwei Männer aufgebaut, die ganz offensichtlich stritten. Als einer von ihnen ein Gewehr aus dem Auto holte, stiegen Mulder und Scully aus, um die Streithähne zu trennen.

„Hey, was ist denn hier los?” erkundigte sich Mulder und trat zu den Männern. „Das geht Sie gar nichts an!”, war die wütende Antwort. „Machen Sie, dass Sie hier verschwinden, sonst kriegen Sie eine verpaßt!” Der zweite Mann schien sich für einen Moment mit seinem Gegner einig zu sein, denn er streckte drohend die Faust gegen Mulder aus. Dieser blieb gelassen und zückte seinen FBI-Ausweis. Sofort begannen beide Männer, auf ihn einzureden, jeder bemüht, ihn auf seine Seite zu ziehen.

„Endlich passiert mal was! Der glaubt doch, dass er machen kann, was er will. Wird auch Zeit, dass ihm mal jemand zeigt, wo’s langgeht!”, fauchte der eine. Der andere unterbrach ihn sofort: „Die sollen sich lieber um dich kümmern! Deine Köter jagen doch ständig meine Hühner. Und jetzt will er auch noch einen Zaun bauen, damit ich nicht mehr zu meiner Weide komme! Stellen Sie sich das mal vor!”

Scully folgte dem Wortwechsel stumm. Willkommen auf dem Land, sagte sie zu sich selbst. Inzwischen hatten die anderen Autofahrer genug vom Warten und wichen einfach über das angrenzende Feld aus. Scully fragte sich gerade, was der Besitzer dazu sagen würde, als ein Streifenwagen neben ihr hielt und eine junge, schwarzhaarige Polizistin ausstieg. Mit einem Blick erfaßte sie die Situation und wandte sich an Mulder: „Sie hätten nicht anhalten sollen. Die beiden streiten sich ständig, aber wenn man sich einmischt, sind sie plötzlich wieder die dicksten Freunde. Sie haben Glück, dass Sie keins auf die Nase gekriegt haben. Das ist ihre übliche Reaktion, wenn sie beim Streiten gestört werden. Normalerweise werden sie einfach ignoriert.” Das erklärte die Reaktion der Autofahrer.

„Aber der eine hatte ein Gewehr. Da musste ich doch eingreifen.” protestierte Mulder. „Ach, hat’s dir Charles wiedergegeben?”, erkundigte sich die Polizistin bei dem einen Mann. „Dann kann ich’s dir ja gleich wieder abnehmen, wenn Du damit in der Gegend rumfuchtelst.” Ohne auf die Proteste des Mannes zu achten, nahm sie ihm das Gewehr weg und verstaute es im Streifenwagen. Dann wandte sie sich wieder den Beiden zu, die einander noch immer feindselig anstarrten: „Und ihr geht jetzt nach Hause und streitet da zu Ende. Sonst könnt ihr beide die Nacht in der Zelle verbringen wegen Behinderung des Straßenverkehrs.” Die Streithähne gehorchten und stiegen in ihre Autos. Während sie ihnen nachsah, unterdrückte die Polizistin ein Lächeln. Als sie sich wieder Mulder und Scully zuwandte, die die Szene amüsiert beobachtet hatten, entdeckte sie die Waffe, die Mulder unter dem Mantel trug. Ihr Lächeln gefror, und sie trat einen Schritt zurück und zog ihre Pistole. „Geben Sie mir Ihre Waffe, aber ganz ruhig!” Ihr Blick flog von Mulder zu Scully und wieder zurück.

„Hey,” versuchte Scully die Situation zu entschärfen. „Wir sind vom FBI. Sheriff Cooper erwartet uns.” Die Frau zögerte einen Augenblick.

„Ich werde jetzt meinen Ausweis aus der Tasche nehmen, damit Sie sehen, dass ich die Wahrheit sage. Es wäre nett, wenn Sie mich nicht gleich erschießen.” Scully zog ihren Dienstausweis aus der Tasche und reichte ihn der Polizistin. Diese studierte ihn kurz, nickte dann und senkte die Waffe. „Entschuldigen Sie die Begrüßung, aber wenn man als Cop nicht aufpaßt...” Sie ließ den Satz unvollendet, und Mulder scherzte: „Schon gut. Sie müssen sich nicht entschuldigen. Darauf bestehe ich nur, wenn man mich erschießt.” Die Frau lächelte und Scully warf ein: „Wirklich? Das muss ich mir merken.”

„Bei Ihnen ist das was anderes. Sie sind schließlich mein Partner; da muss ich das natürlich etwas enger sehen.” Die Polizistin verfolgte schmunzelnd die Neckerei der beiden FBI-Agenten. Schließlich streckte sie ihnen die Hand hin. „Ich bin Deputy Cynthia Major.” Scully stellte sich und Mulder vor, und Deputy Major fuhr fort: „Sheriff Cooper erwartet Sie schon. Er hat mir gesagt, dass Sie kommen wollten, aber er hat eigentlich schon früher mit Ihnen gerechnet.” „Äh..., unser Flug hatte Verspätung.” erwiderte Mulder, der nicht zugeben wollte, dass er sich verfahren hatte. „Wie auch immer, am Besten folgen Sie einfach meinem Wagen, dann finden Sie am Ehesten zur Wache. Der Weg ist nämlich ein bisschen kompliziert.” Sie stiegen wieder in die Autos und fuhren zur Polizeiwache von Greasewood. Mulder musste sich eingestehen, dass er den Weg trotz der Beschreibung des Tankwarts nicht sofort gefunden hätte und dass es ein Glück war, Deputy Major getroffen zu haben. Ohne ihre Hilfe hätten sie für den Weg nach Greasewood gut noch zwei Stunden gebraucht.

 

Das Polizeirevier von Greasewood war in einem flachen Gebäude in der Hauptstraße untergebracht. Im Vorraum vor den Büros saß ein Polizist mittleren Alters an einem Funktisch und sprach in sein Mikrofon. Ein anderer schrieb etwas auf einem Computer, und am anderen Ende des Raumes nahm eine junge Frau die Aussage von zwei Jugendlichen auf, die sich dauernd gegenseitig unterbrachen und verbesserten. Scully fing ihren Blick auf und lächelte ihr freundlich zu. Die Frau erwiderte kurz ihr Lächeln und wandte sich dann wieder den Jugendlichen zu. Deputy Major nickte den Anwesenden zu und führte die Agenten in Richtung der hinteren Büroräume. „He, Major, was hast du für einen dicken Fang gemacht? Die sehen ja richtig gefährlich aus!”, witzelte ein Cop, der aus einem der Büros kam. „Halt den Mund, Jeffrey! Die zwei sind vom FBI.” Der Polizist wurde rot und machte, dass er weiterkam. Cynthia klopfte kurz an eine Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift „Sheriff Charles Cooper” hing. Ohne eine Antwort abzuwarten trat sie ein und winkte die Agenten mit sich. „Charles, ich hab Ihnen die FBI-Leute mitgebracht. Hab sie auf der Landstraße aufgegabelt. Die sind in einen Streit zwischen Doug Maine und Mitch McGregor geraten. Ich hab Mitch das Gewehr gleich wieder abgenommen.” Der Sheriff, ein großer, drahtiger Mann, der sich beim Eintritt der Drei erhoben hatte, lachte. „Hätte ich mir auch denken können. Ich hab’s ihm auch nur zurückgegeben, weil es nicht mehr legal gewesen wäre, es noch länger zu behalten. Aber es ist mir lieber, wenn es hier bei uns rumsteht. Tu es in die Asservatenkammer und mach mir einen Bericht, okay?” Major nickte und verließ das Büro. Der Sheriff stellte sich den Agenten vor und bot ihnen Plätze an, bevor er sich selbst wieder setzte. Dann fragte er: „Worum geht es also? Ich bin aus Ihrem Anruf nicht so ganz schlau geworden. Was ist mit dem Kinderheim?” Scully gab Mulder mit einem Blick zu verstehen, dass er antworten sollte. Schließlich hatte er mit Cooper telefoniert. Mulder nickte und begann: „Es geht um einen Fall, in dem wir ermitteln. Wir suchen einen Mann, der bei einem Überfall versucht hat, ein kleines Mädchen zu entführen. Das konnte gerade noch verhindert werden, aber der Mann ist flüchtig. Der einzige Hinweis auf ihn ist eine Karte mit der Adresse und dem Foto des St. Mary’s Kinderheims, die am Tatort gefunden wurde. Es besteht der Verdacht, dass der Mann die Mutter des Kindes ermordet hat. Er ist also gefährlich, und wir wollen uns beim Kinderheim nach ihm erkundigen.”

„Ich glaube zwar nicht, dass zwischen dem Kinderheim und einem Killer irgendein Zusammenhang besteht,” unterbrach ihn der Sheriff, „aber wenn Sie meinen...”

„Ja, ich meine.” erwiderte Mulder, und Scully hoffte, dass er sich nicht dazu würde hinreißen lassen, sich mit dem Sheriff zu streiten. In einer kleinen Stadt wie dieser waren sie besonders auf die Hilfe der örtlichen Behörde angewiesen. Mulder hielt sich jedoch mustergültig zurück. Er bat den Sheriff lediglich darum, ihnen ein Hotel zu empfehlen, damit sie ihre Sachen dort unterbringen konnten, bevor sie mit den Ermittlungen begannen. Sheriff Cooper lächelte innerlich. Wenn das FBI unbedingt in einem harmlosen Kinderheim nach einem mutmaßlichen Killer suchen wollte, dann sollten sie das von ihm aus tun. Er würde sie nach Kräften unterstützen, damit es am Ende nicht hieß, er hätte ihnen Steine in den Weg gelegt. Schließlich hing er an seinem Job. Also versprach er den Agenten Unterstützung und stellte ihnen Deputy Major zur Verfügung. „Sie wird Ihnen alles sagen, was Sie wissen wollen. Ich habe dafür keine Zeit, denn wir haben hier auch noch andere Sachen zu tun. Aber wenn Sie was brauchen, wenden Sie sich ruhig an Cynthia. Sie wird mit Ihnen zum Heim rausfahren.”

Der Sheriff rief Cynthia wieder in sein Büro und erklärte ihr, was sie zu tun hatte. Dann verabschiedete er sich von den Agenten.

Mulder und Scully folgten Deputy Major wieder aus dem Gebäude. „Der Sheriff mag Sie.”, stellte diese fest. „Sonst hätte er Sie schon nach drei Minuten wieder rausgeschmissen. Er hat zur Zeit nämlich wirklich Ärger mit ein paar Kids, die unbedingt Großstadtgang spielen wollen. Ein paar von denen sind die Kinder von einflußreichen Leuten, also sägt im Moment jeder an seinem Stuhl. Sie haben sich wirklich keine gute Zeit ausgesucht, um hierher zu kommen.” Sie unterbrach sich selbst: „Ich weiß, ich rede zu viel. Ich bringe Sie erstmal zu Ihrem Hotel. Es ist des Einzige in der Stadt, also haben Sie keine besondere Auswahl. Sie können dann auspacken und sich frisch machen, und ich hole Sie in einer Stunde wieder ab, damit wir zu dem Kinderheim fahren können. Einverstanden?”

 

 

 

16.00

3rd Road No. 21

Greasewood, Kansas

 

Sobald Kimberly aus der Schule kam, warf sie ihre Büchertasche in ihr Zimmer uns rannte zu ihrem Dad in den Laden in der Hoffnung, dass ihr Vater eine Nachricht von Ginny für sie hatte. Sie hatten zwar vereinbart, keine Nachrichten mehr auszutauschen bis sie sich das nächste Mal trafen, aber sie hatte es einfach nicht über sich gebracht, Ginny mit ihren Gedanken allein zu lassen, also hatte sie die Abmachung gebrochen und sie grüßen lassen. Außerdem hoffte Kim, dass es von Ginny etwas Neues gab. Wer weiß, vielleicht hatte sie ja schon das Büro durchsucht? Kimberly brannte vor Neugier, deshalb nahm sie sich auch nicht die Zeit, erst etwas zu essen, sondern ging sofort in den Laden. Dort musste sie aber warten, bevor sie ihren Dad ausfragen konnte, denn Mrs. Fields war gerade beim Einkaufen und tauschte mit Dads Gehilfin Peg den neusten Klatsch aus. Mrs. Fields war bekannt für ihre Klatschsucht, und Kimberly wollte nicht riskieren, dass sie irgend jemandem von ihrer Freundschaft mit Ginny erzählte. Schlimm genug, dass ihr Vater davon wusste, denn wer konnte wissen, ob er nicht irgendwann doch auf die Idee kam, sie zu verbieten?

Kim setzte sich hinter dem Ladentisch in eine Ecke und wartete. Dabei lauschte sie dem Gespräch der beiden Frauen. Sie fragte sich, wie ein Mensch nur so lange für den Einkauf von ein paar Lebensmitteln brauchen konnte. Aber Mrs. Fields war eben eine einsame ältere Dame, die gern im Laden war, weil sie dort Gesellschaft hatte. Normalerweise plauderte Kimberly sehr gern mit ihr, manchmal besuchte sie die Frau auch zu Hause, um ihr ein wenig zuzuhören, aber heute hatte sie überhaupt kein Verständnis für sie.

Als Mrs. Fields nach einer Viertelstunde endlich ihre Waren zusammengesucht und bezahlt hatte, machte sich Kim hinter dem Tresen möglichst unsichtbar, um nicht auch noch aufgefordert zu werden, ihr die Einkäufe nach Hause zu tragen. Das würde ihr heute gerade noch fehlen! Allerdings hatte sie nicht mit ihrem Dad gerechnet, der seine Tochter entdeckte und sie mit Mrs. Fields schickte. „Ich brauche Peg im Laden, wenn gleich die neue Ware kommt.”, begründete er seine Bitte, und Kim blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Bevor sie aus dem Laden ging, steckte ihr Vater ihr etwas zu. „Von Ginny”, flüsterte er verschwörerisch. Kim griff nach der Diskette und steckte sie schnell ein. „Aber dass Du mir erst Mrs. Fields hilfst! Und sei höflich zu ihr.”, ermahnte Mr. Jackson seine Tochter noch. „Bin ich doch immer.” Aber sie wusste, dass es ihr heute sehr schwer fallen würde, der alten Dame zuzuhören, ganz egal, wie spannend ihre Geschichten sein würden.

 

So verabschiedete sich Kimberly bereits nach einer halben Stunde unter dem Vorwand, sie müsse dringend für einen Test lernen. „Mathe, verstehen Sie? Darin bin ich echt mies.” Mrs. Fields verstand Kimberly gut, denn der Mathematikunterricht war auch ihr früher verhasst gewesen. So entließ sie das Mädchen mit der Bitte, sie bald wieder zu besuchen, und steckte ihr noch eine Handvoll Karamellen zu, von denen sie wusste, dass Kim sie sehr gerne aß. „Fürs Lernen.” sagte sie, und Kim bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie so schnell wieder weg wollte. Aber es ging einfach nicht anders, denn das war ein Notfall. Außerdem war für morgen wirklich ein Mathetest angekündigt, also hatte sie nicht einmal gelogen.

Um 19.00 saß sie endlich in ihrem Zimmer am Computer. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass Kimberly erst zu Abend aß, bevor sie sich vor den Bildschirm setzte, denn sie wusste, dass ihre Tochter unter Umständen alles um sich herum vergaß, wenn sie erst einmal am Computer war. Kim hatte eingesehen, dass Widerstand zwecklos war und hastig etwas gegessen. Dann hatte sie sich mit den Bonbons an ihren Schreibtisch gesetzt und den Computer eingeschaltet.

Sie konnte vor Spannung kaum atmen, als sie die Diskette einlegte. Es war ihr klar, dass sie etwas Wichtiges enthalten musste, wenn Ginny so unvorsichtig war, sie Kimberlys Vater mitzugeben. Ob Ginny sie im Büro mitgenommen hatte?

Kim rief die Dateien auf und starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Was sie sah, enttäuschte sie. Sie konnte nicht das Geringste mit den Daten anfangen, die sie nun vor sich sah. Es handelte sich um verschiedene Zahlen, Tabellen und Diagramme, die sie nicht verstand. Die Worte, die dazwischen standen, waren ihr fremd, obwohl sie sicher war, ein paar von ihnen schon einmal irgendwo gehört zu haben. Aber sie konnte sich nicht erinnern, in welchem Zusammenhang. Kimberly überlegte. Es könnte sich um einen Verschlüsslungscode handeln. Aber es war ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand Daten verschlüsselte und sie dann so aufbewahrte, dass jeder Zugang zu ihnen hatte. Wozu dann die Mühe, sie zu verschlüsseln? Kim wusste, dass man mit den richtigen Mitteln heutzutage so gut wie jeden Code entschlüsseln konnte. Außerdem sagte ihr ihre innere Stimme, dass das, was sie hier sah, etwas bedeutete. Sie konnte nur nicht dahinterkommen, was das war, so lange sie auch überlegte. Schließlich machte sie eine Kopie der Daten auf ihre Festplatte, um die Diskette so schnell wie möglich an Ginny zurückgeben zu können. Sollte diese sie tatsächlich gestohlen haben, sollte sie sie besser wieder zurückbringen, bevor jemand entdeckte, dass sie fehlte. Aber die Daten wollte sie für alle Fälle behalten, um sie später noch einmal genauer zu untersuchen oder sie vielleicht ihrer Schwester zu zeigen. Allerdings war sie im Moment noch nicht sicher, ob sie das überhaupt wollte. Kimberly hatte immer alles mit jemandem geteilt, denn das war in ihrer Familie so üblich. Ihrer Schwester die Daten zu zeigen würde bedeuten, dass sie ihr größtes Geheimnis mit ihr teilte, etwas, das nur Ginny und sie etwas anging. Bevor sie sich zu diesem Schritt entschloss, musste sie auf jeden Fall Ginny fragen.

Als es an der Tür klopfte, fuhr Kimberly wie ertappt zusammen, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Genaugenommen stimmte das ja auch. Sie vergewisserte sich, dass die Daten nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen waren, bevor sie „Herein” sagte. Ihr Vater trat ins Zimmer. Er sah seine Tochter am Computer sitzen und lächelte innerlich. Sie hatte schon immer gern mit dem Geschäftscomputer gespielt, und weil er das nicht gern sah, hatte er ihr zum 13. Geburtstag einen eigenen geschenkt.

Mr. Jackson setzte sich auf Kims Bett, damit er sie ansehen konnte. „Kimmy, ich möchte mit dir reden.” Das war ein schlechter Anfang, das wusste er selbst, aber ihm fiel kein besserer ein. Kim ahnte, dass ihr Vater etwas Ernstes zu besprechen hatte, denn sonst hätte er sie nicht bei ihrem Kleinkindernamen genannt. Sie überlegte, um was es gehen könnte. Sie hatte nichts angestellt. Na ja, außer ihrem nächtlichen Ausflug, aber davon konnte niemand etwas bemerkt haben, denn sonst hätte sie schon ein gehöriges Donnerwetter abgekriegt. War vielleicht etwas mit ihrer Mom nicht in Ordnung? Oder erwarteten ihre Eltern noch ein Kind? Kim versuchte sich vorzustellen, was ihr Vater ihr zu sagen hatte; und dieser begann nach ein paar Minuten des Schweigens zu sprechen: „Ich war heute wieder im Heim, wie du ja weißt. Kim, ich habe nichts dagegen, wenn du und Ginny euch durch mich Nachrichten schickt. Du weißt, ich war nie gegen Eure Freundschaft, auch wenn ich durch sie den Auftrag des Heims verlieren könnte. Ich habe diese alberne Vorschrift nie verstanden, und ich war der Meinung, dass junge Leute mit Menschen ihres Alters zusammen sein sollten und dass sie gewisse Freiheiten brauchen. Aber ich mache mir Sorgen. Du bist nicht mehr mit deinen anderen Freunden unterwegs, und du erzählst nichts mehr. Ich habe Angst, dass du dich zu sehr auf Ginny fixierst. Sie ist deine beste Freundin, das ist mir klar, aber es kann nicht gesund sein, nur eine einzige Freundin zu haben, die man noch dazu so gut wie nie und nur heimlich treffen kann. Es mag dir vielleicht komisch vorkommen, aber ich mache mir Sorgen um Euch beide. In der letzten Zeit bist du so still, und seit zwei Tagen redest du gar nicht mehr, wenn man dich nicht förmlich dazu zwingt. Ich bin sicher, dass ihr etwas vorhabt, das nicht gut ist, und ich kann nur hoffen, dass es sich dabei um einen Streich handelt. Ich werde dich nicht fragen, was das für eine Diskette ist, die dir Ginny gegeben hat, aber es gefällt mir ganz und gar nicht, dass sie sie geklaut hat.

Egal was du tust, ich möchte, dass du vorsichtig bist, denn ich will nicht, dass du verletzt wirst, okay? Und du weißt, dass du immer mit mir und Mom reden kannst.” Kimberly nickte. „Danke, Dad, aber es ist alles in Ordnung.”

„Ich habe ein schlechtes Gefühl, was dich und Ginny betrifft. Ich kann es dir nicht erklären, aber es ist da. Also seid bitte vorsichtig, was immer ihr vorhabt.” Er schaute seiner Tochter in die Augen und hoffte auf eine Reaktion. Als sie schwieg, verließ er ihr Zimmer, nachdem er ihr kurz die Hand auf die Schulter gelegt hatte.

Kimberly blieb lange bewegungslos sitzen. Die Worte ihres Vaters hatten ihr Angst gemacht. Sie kannte dieses Gefühl, wenn man eine unangenehme Ahnung hatte und diese nicht erklären konnte. Wenn dann etwas Ähnliches eintraf, konnte man nur schulterzuckend sagen, man habe es kommen sehen. Kim selbst hatte schon oft solche Erlebnisse gehabt, aber sie hatte noch nie darüber gesprochen. Es wäre ihr albern vorgekommen, und jetzt, da sie wusste, dass ihr Dad dieses Gefühl auch kannte, fehlte ihr der Mut dazu. Immerhin hatte er eine unangenehme Ahnung über sie und Ginny. Kim wollte es sich nicht eingestehen, aber es gab ihr ein beklemmendes Gefühl.

 

 

 

18.30

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Im Privatbüro von Charlene Evans herrschte dicke Luft, das konnte Janet förmlich riechen, als sie die Tür öffnete. Sie hoffte, dass das nichts damit zu tun hatte, dass sie gestern früher gegangen war. Sie hatte es zwar mit Floyd abgesprochen, aber der hatte ihr heute früh gestanden, dass er vergessen hatte, es Mrs. Evans zu sagen. Als Janet Floyd sah, der am Schreibtisch ihrer Chefin lehnte, war sie erleichtert. Sollte sie Ärger bekommen, war er da, um die Sache klarzustellen.

„Setzen Sie sich.” Mrs. Evans klang wie Janets eigene High School- Lehrerin, was die Sekretärin ziemlich einschüchterte. Gehorsam nahm sie vor dem Schreibtisch Platz. Als sie feststellen musste, dass Mrs Evans und Floyd stehen blieben, kam sie sich noch unsicherer vor, und sie konnte sich plötzlich sehr gut vorstellen, wie sich die Kinder fühlen mussten, die in ihrem Büro darauf warteten, zur Heimleiterin hineingerufen zu werden.

„Janet, es ist etwas ziemlich Seltsames vorgefallen, und wir möchten gern Ihre Meinung dazu hören. Ich habe bei der Durchsicht der Akten, die ich über Nacht auf meinem Schreibtisch habe liegen lassen, entdeckt, dass eine der Disketten, die in einer dieser Akten aufbewahrt wurde, leer ist. Haben Sie eine Ahnung, wie das passieren konnte?”

Janet war erleichtert. Mit den Akten auf Mrs. Evans‘ Schreibtisch hatte sie nichts zu tun, und sie wusste genau, dass sie nie eine davon angerührt hatte, und schon gar keine, in der Disketten waren. Daran hätte sie sich mit Sicherheit erinnert. So konnte sie absolut ehrlich antworten: „Nein, Ma’am, ich war nicht in Ihrem Büro, und ich habe die Akten auf Ihrem Schreibtisch nicht angerührt.” Mrs. Evans schien mit ihrer Antwort zufrieden zu sein, denn sie schickte Janet mit einer Entschuldigung nach draußen. Dann wandte sie sich an Floyd: „Denken Sie, sie weiß etwas?”

„Das bezweifle ich. Sie ist eine viel zu ehrliche Person als dass sie Ihnen so einfach ins Gesicht lügen könnte. Außerdem, warum sollte sie das tun? Was hätte sie davon, wenn sie das täte? Ich glaube kaum, dass sie die Diskette einfach vertauscht hätte. Sie ist es gewohnt, mit Computern zu arbeiten und hätte eine Kopie machen können. Außerdem war sie gestern schon um 16.00 aus dem Haus und hätte gar keine Gelegenheit gehabt, an die Akte zu kommen.” „Na gut. Aber wer hat dann die Diskette?”

„Vielleicht gar keiner. Wer weiß, ob die Diskette nicht einfach versehentlich gelöscht oder verwechselt wurde? Wie lange liegt die Akte schon hier rum, und niemand hat sie jemals angeschaut?”

„Vielleicht haben Sie recht. Vielleicht aber auch nicht. Ich will kein Risiko eingehen. Wer könnte Zutritt zu den Büros gehabt haben?” Ihre Stimme war lauter geworden. Floyd sah sie scharf an. „Jetzt beruhigen Sie sich! Ich werde mich drum kümmern. Wer hat vor Janet hier gearbeitet? Vielleicht hat derjenige die Diskette, wenn sie überhaupt jemand hat.”

„Janets Vorgängerin hieß Julia,....nein, ihr Name war Judy, glaube ich. An ihren Nachnamen kann ich mich nicht mehr erinnern.”

Floyd verdrehte hinter ihrem Rücken die Augen. Er war sich sicher, dass Mrs Evans sich nicht einmal an Janets Nachnamen erinnern konnte. Die Frau war einfach zu dumm. Sie wurde langsam zu einem Risiko, weil sie sich zu leicht aufregte. Früher war sie ideal für diesen Job gewesen, weil sie nie fragte. Sie war einfach froh gewesen, dass er ihr die Stelle als Heimleiterin verschafft hatte und hatte keine Fragen gestellt. Dieser Vorfall zeigte mehr als eindeutig, dass sie nervös wurde. Er würde sie beruhigen, und dann würde er die Anderen informieren. Sie würden ihm schon sagen, was er mit ihr machen sollte. Aber das musste warten. Erst musste er sie überzeugen, dass die leere Diskette nichts zu bedeuten hatte. Das würde nicht ganz einfach werden,  so viel war ihm klar.

Trotzdem versuchte er es erneut: „Regen Sie sich nicht auf. Wer sollte Ihrer Meinung nach diese verfluchte Diskette gestohlen haben?”

„Woher soll ich das wissen?”, gab sie gereizt zurück. „Irgend jemand wird es schon gewesen sein, sonst wäre sie ja noch da. Aber das ist alles Ihre Schuld! Ich war von Anfang an dagegen, die Akten hier aufzubewahren. Wir können damit sowieso nichts anfangen, und wenn jemand vom Vorstand sie einsehen will, sollen die sie gefälligst selber holen.” Floyd unterbrach sie: „Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass es richtig war, die Akten hier aufzubewahren. Was wäre denn passiert, wenn wir sie nicht hätten? Wir hätten auf den Vorfall niemals so schnell reagieren können!”

„Trotzdem! Ich bleibe dabei: Es ist viel zu gefährlich, solche Unterlagen direkt vor Ort zu haben!”

„Jetzt hören Sie mir aber mal zu!!” Floyd platzte allmählich der Kragen. Wie konnte sie nur so störrisch sein? „Sie haben gar nicht zu bestimmen, wo wir die Unterlagen aufbewahren. Was liegt näher, als sie hier zu behalten?”

„Eben!” Sie schrie fast. „Wenn doch mal jemand dahinter kommt, dann werden sie doch hier zuallererst suchen. Und dann sind wir alle erledigt! Wollen Sie dafür die Verantwortung übernehmen?” „Niemand wird je dahinterkommen. Und solange Sie dafür sorgen, dass Ihre blöden Kinder nicht in den Büros und speziell in diesem Büro herumwühlen, werde ich gern die Verantwortung für die Akten übernehmen.”

„Wollen Sie damit sagen, dass die Kinder für diese Sache verantwortlich sind?” „Ich will damit sagen, dass Sie nachlässig handeln. Sie lassen die Kinder in dieses Büro, wenn Sie ihnen eine Standpauke halten wollen und vergessen dabei, was sich hier befindet. Vergessen Sie nicht, egal wie harmlos sie aussehen, wir wissen nicht, was für ein Potential in ihnen steckt. Das weiß niemand, nicht mal der Vorstand.”

„Das ist es ja, was mir Sorgen macht. Wir wissen nicht, wozu sie fähig sind, und deshalb sollten die Unterlagen nicht hier sein. Stellen Sie sich vor, ein Kind kriegt sie doch versehentlich zu sehen. Was ist, wenn sie verstehen, was sie vor sich haben?”

„Sie müssen eben dafür sorgen, dass das nicht passiert. Halten Sie sie von Ihrem Privatbüro fern, und sorgen Sie dafür, dass sie keine Kontakte nach außen haben. Seit der Sache in Washington müssen wir noch vorsichtiger sein. Der Vorstand wünscht keine weiteren Zwischenfälle mehr, und wir sollten ihn besser nicht enttäuschen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?” Die letzten Sätze waren in einem scharfen Ton gesprochen worden, der jeglichen Widerspruch im Keim erstickte. So nickte Mrs. Evans nur.

Janet, die in ihrem eigenen Büro den größten Teil der Unterhaltung hatte hören können, starrte angestrengt auf den Computerbildschirm, als Floyd das Büro verließ. Er musste ja nicht mitbekommen, dass sie sein Gespräch mit Mrs. Evans gehört hatte. Janet war eine ehrliche Person, und sie hatte nicht die geringste Absicht gehabt zu lauschen, aber die Beiden hatten so laut geredet, dass sie nicht umhin gekommen war, sie zu verstehen. Aber wenn Floyd ihr Gesicht gesehen hätte, es hätte sie verraten.

 

 

 

21.20

3rd Road No. 21

Greasewood, Kansas

 

Gegen halb zehn bekam Kimberly einen Anruf von einer Mitschülerin, deren Eltern das einzige Hotel in Greasewood betrieben. Shelly klang ganz aufgeregt: „Kim, stell dir vor, das FBI ist hier! Heute am späten Nachmittag sind zwei Agenten hier abgestiegen, ein Mann und eine Frau. Meine Eltern waren nicht da, also hab ich sie eingecheckt. Natürlich wollte ich wissen, was sie hier wollen, aber sie haben nichts gesagt. Sie sind aus Washington, so viel hab ich rausgekriegt, und sie haben mich gefragt, wo sie eine Karte der Umgebung kriegen können, und dann sind sie mit Deputy Major weggefahren. Soweit ich weiß, zum Kinderheim. Kannst du dir vorstellen, was die dort wollen? Oh, Kim, ich muss aufhören, meine Mutter kommt, und sie hat es nicht gern, wenn man über die Gäste redet. Also, wir reden morgen in der Schule weiter. Bye.”

Kimberly starrte den Hörer noch eine ganze Weile an, bevor sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Das FBI war zum Kinderheim gefahren. Sie konnte an nichts anderes mehr denken als an Ginny. War etwas mit ihrer Freundin? Sie musste es herausfinden. Kim legte sich mit ihren Kleidern ins Bett. Ihr Entschluss stand fest: Sobald sie sicher sein konnte, dass ihre Familie schlief, würde sie sich aus dem Haus schleichen und zum Heim gehen.

 

 

 

Vorher

Am frühen Abend

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Als Mulder und Scully ihren Mietwagen hinter dem von Deputy Major abgestellt hatten und ausstiegen, sahen sie beide sofort, dass es sich bei dem Kinderheim um das Gebäude auf der Karte handelte, die ihr Angreifer auf dem Parkplatz verloren hatte. Scully hatte die Fingerabdrücke des Mannes von der Karte abgenommen und sie in die Datenbank des FBI eingegeben. Sie hoffte, bei ihrer Rückkehr zum Hotel bereits eine Antwort in ihrem Laptop vorzufinden. „Es lebe die moderne Technik”, hatte Mulder sie aufgezogen. Er zog es vor, so wenig wie möglich mit Computern zu tun zu haben, die er für leicht manipulierbar hielt. Sogar seine Berichte schrieb er mit der Hand.

Deputy Major sah die Agenten fragend an. „Was haben Sie jetzt vor? Wollen Sie einfach reingehen und fragen, ob die Heimleitung einen Killer kennt, von dem Sie nicht einmal den Namen kennen?”

„Eigentlich hatten wir das nicht vor, aber wenn Sie meinen...” Mulder konnte es nicht lassen, er musste die Frau ärgern. Scully kannte diese Stimmung bei ihrem Partner, und sie mochte sie nicht immer. Jetzt war ganz eindeutig ein Zeitpunkt, zu dem sie sie nicht mochte. Sie warf Mulder einen warnenden Blick zu und wandte sich an Deputy Major: „Wir werden uns einfach ein wenig umhören und sehen, ob uns etwas auffällt. Dann werden wir der Situation entsprechend handeln.” Cynthia sah sie mit großen Augen an. Sie schien jedes von Scullys Worten in sich aufsaugen zu wollen. Es war schon immer ihr Traum gewesen, bei einer FBI-Ermittlung dabeizusein, und jetzt, wo es so weit war, wollte sie alles richtig machen und so viel wie möglich lernen. Sie folgte den beiden Agenten zum Tor, das, wie sie feststellen mussten, verschlossen war. Mulder entdeckte einen Klingelknopf und betätigte ihn ausgiebig. „Müssen Sie immer übertreiben?”, zischte Scully, und Mulder bedachte sie mit einem unschuldigen Blick.

„Wieso, es hat doch gewirkt.”, kommentierte er, als ein Mädchen aus der großen Eingangstür trat und die Auffahrt herunter kam. Sie mochte etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein, hatte blondes, halblanges Haar, das ihr in die Augen fiel, und überraschend dunkle Augen. Zu ihren Jeans trug sie ein blaues Shirt, und ein großer Hund folgte ihr auf den Fersen. Als sie das Tor erreichte, drängte sich der Hund vor sie und begann, die drei Besucher anzubellen.

„Sieh mal an, der Hund von Baskerville,”, versuchte Mulder zu scherzen, dem beim Anblick des kräftigen Hundegebisses nicht ganz wohl war.

„Kann ich Ihnen helfen?” Das Mädchen versuchte, gegen den Krach des Hundes anzukommen, sah aber sofort ein, dass das keinen Zweck hatte. Man konnte kein Wort verstehen. Sie legte dem Hund die Hand in den Nacken. „Button, sei jetzt still!”, befahl sie, und überraschenderweise gehorchte der Hund. Er schwieg, ließ die Leute auf der anderen Seite des Tors jedoch nicht aus den Augen.

Das Mädchen versuchte es noch einmal: „Kann ich irgend etwas für Sie tun?”

Scully zog ihren Ausweis aus der Tasche. „Ich bin Agent Scully, und das ist Agent Mulder. Wir sind vom FBI und würden gern für ein paar Minuten hereinkommen.” Ihr ging auf, dass sie vergessen hatte, die Polizistin vorzustellen, also deutete sie in ihre Richtung und fügte hinzu: „Das ist Deputy Major.”

„Ich heiße Virginia Tomms.” entgegnete das Mädchen und machte sich am Tor zu schaffen. „Ich bring Sie zur Heimleiterin.” Sie öffnete das Tor, und sofort drückte sich der Hund hindurch und stürzte auf Mulder zu. Button umkreiste ihn und begann wieder zu bellen. Mulder fühlte sich ganz und gar nicht wohl in seiner Haut, als der Hund an ihm hochsprang. Normalerweise fürchtete er sich nicht vor Hunden, aber normalerweise sprangen sie ihn auch nicht bellend an.

Das Mädchen riss das Tor ganz auf und rief den Hund. Den schien das jedoch nicht im Geringsten zu beeindrucken, denn er sprang nun an Scully hoch und wandte sich dann wieder Mulder zu. Bevor dieser reagieren konnte, hatte Deputy Major den Hund schon am Halsband gepackt und fortgezogen. Sie hielt das Tier gut fest, bis Virginia herangekommen war und ihre Hand ums Halsband des Hundes schloß. Sie schüttelte das Tier und schimpfte mit ihm: „Böser Hund! Wie kannst Du nur?” Die Hand immer noch am Halsband, wandte sie sich an die Agenten: „Das tut mir leid. Normalerweise benimmt er sich nicht so, aber er ist Fremde einfach nicht gewöhnt. Er wollte Sie nur begrüßen, getan hätte er Ihnen nichts.”

„Wie beruhigend.”, bemerkte Mulder trocken und wischte sich staubige Pfotenabdrücke vom Anzug. Dann sah er Cynthia an. „Wo haben Sie das gelernt?”, erkundigte er sich beeindruckt.

„Ich hab selber einen Hund, und als ich klein war, hatten wir auch immer welche. Da lernt man, wie man mit ihnen umgehen muss.”, antwortete sie leichthin, bevor sie zusammen mit Scully dem Mädchen und dem Hund folgte. Mulder warf Button noch einen misstrauischen Blick zu, dann ging er ihnen nach und schloß das Tor hinter sich.

Auf dem Weg zum Büro der Heimleiterin sahen sich die Agenten aufmerksam um. Das Haus war zwar alt, aber es war gut erhalten. Die Eingangshalle war hell und freundlich, überall lagen bunte Teppiche, und an den Wänden hingen Bilder, die wohl von den Heimkindern gemalt worden waren. Sie sahen aus, als stammten sie von kleinen Künstlern aller Altersstufen von Baby bis Teenager. Mulder fiel auf, dass manche von ihnen mit einer Art der Perfektion gestaltet worden waren, die er noch nie bei Kindern gesehen hatte. Aber ich habe ja auch keine Ahnung von Kindern, und wer weiß, wie alt die Heimkinder sind, dachte er.

Scully wandte sich dem Mädchen zu: „Sag mal, Virginia,”

„Sagen Sie doch Ginny, das tun alle. Sonst komm ich mir vor wie meine eigene Urgroßmutter.”

Scully musste lächeln. Dieses Mädchen erinnerte sie an ihre eigene Schwester, die es als Kind auch gehaßt hatte, Melissa genannt zu werden. Alle hatten sie Missy rufen müssen...

„Okay, Ginny. Wie viele Kinder seid ihr im Heim?”

„Siebzehn Mädchen und zwei Jungs.”

„Und wie alt sind die alle?”

„Von fünf bis sechzehn. Ich bin die Älteste. Ist manchmal ganz schön langweilig, das können Sie mir glauben.”

Scully war ohne weiteres bereit, ihr zu glauben. Schließlich hatte sie selbst auch oft nur ihre Geschwister zum Spielen gehabt, wenn ihr Vater wieder einmal versetzt worden war und die ganze Familie hatte folgen müssen. Bis sie neue Freunde gefunden hatte, war sie jedesmal ganz schön einsam gewesen. Damals hatte sie sich vorgenommen, selbst niemals umzuziehen, wenn sie groß war. Und nun sieh dich an. du reist ständig, bist selten zwei Wochen am selben Ort und so gut wie nie zu Hause. Sie fand trotzdem, dass es da einen Unterschied gab. Schließlich hatte sie wenigstens ein Zuhause, in das sie zurückkehren konnte. Und meistens war der einzige Mensch, der ihr wirklich nah war, bei ihren Reisen dabei.

Mulder fragte weiter: „Seit wann bist du im Heim?”

„Eigentlich schon immer. Ich kann mich an nichts Anderes erinnern. Aber so geht es uns allen. Wir sind seit unserer Geburt hier, oder kurz danach. Keiner von uns kann sich an seine Eltern erinnern. Also ist es gar nicht so schlimm; man hat nichts, was man vermissen könnte.”

Mulder sah teilnahmsvoll, aber gelöst aus. Jeder hätte vermutet, dass er Konversation betrieb, aber Scully, die ihn besser kannte, wusste, dass er sehr aufmerksam war und sich jedes Detail seiner Umgebung und gleichzeitig jedes Wort der Unterhaltung mit Ginny einprägte. Später würde er auf diese Informationen zurückgreifen und aus ihnen die Puzzleteile herausfiltern, die für die Lösung ihres Falles von Bedeutung sein konnten. Manchmal beneidete Scully ihren Partner um sein fotografisches Gedächtnis, aber die meiste Zeit war sie froh darüber, denn es erleichterte ihre Arbeit erheblich.

Als sie die Büros erreichten, klopfte Ginny an und trat sofort ein. Sie wandte sich an die Sekretärin, die an ihrem Schreibtisch saß und etwas am Computer schrieb. Sie sah auf, als Ginny mit den Polizisten hereinkam.

„Hi, Janet. Ist Mrs. Evans da? Diese Leute sind vom FBI und würden sie gern sprechen.”

Janet runzelte die Stirn. Das FBI? Was konnten die wollen? Ob es etwas mit der vertauschten Diskette zu tun hatte? Oder mit dem Streit, den sie mit angehört hatte? Sie schüttelte den Kopf. „Nein, im Augenblick ist sie nicht da, aber ich bin sicher, dass sie nachher noch mal wiederkommt. Sie wollte noch einige Briefe unterschreiben, die heute noch raus müssen, also wird sie noch nicht nach Hause gegangen sein. Wenn Sie hier warten wollen...”

Mulder schaltete schnell. „Ich werde warten. Vielleicht kann Ginny inzwischen Agent Scully und Deputy Major das Heimgelände zeigen. Dann sparen wir Zeit.”

„Gute Idee.” Scully reagierte sofort. Ihr war klar, was er vorhatte: Er wollte die Sekretärin unauffällig aushorchen, indem er seinen Charme einsetzte, und sie sollte sich das Heim genauer ansehen, bevor die Heimleiterin das aus irgend einem Grund verbieten konnte. Sie stimmte Mulder so selbstverständlich zu, dass die Sekretärin gar nicht auf die Idee kommen konnte, sie hätten womöglich nicht das Einverständnis von Mrs. Evans. Cynthia Major sah sie zwar ein wenig verblüfft an, schwieg aber, als sie Ginny und der FBI-Agentin aus dem Büro folgte. Die Leute vom FBI würden schon wissen, was sie taten.

 

Mulder blieb mit der Sekretärin allein im Büro zurück. Er hoffte, dass sich die Heimleiterin mit ihrer Rückkehr Zeit lassen würde, denn er wusste aus Erfahrung, dass Büropersonal immer am Besten über alle Vorgänge in einem Betrieb unterrichtet war. Diese Tatsache, die, wie er hoffte, auch auf das St. Mary’s Kinderheim zutraf, gedachte er auszunutzen. Deshalb war er froh, dass Scully und die Anderen gegangen waren. Bei Deputy Major befürchtete er nämlich, dass sie seine Chancen durch eine unbedachte Bemerkung verderben würde. Diese Befürchtung musste er bei Scully nicht haben, trotzdem war es ihm unangenehm, vor ihren Augen seinen Charme auszuspielen. Sie hatte ihn noch nie damit aufgezogen, also gab es eigentlich keinen Grund dafür, aber es war einfach so, dass er ungestört mehr herausfinden konnte.

Mulder schaute der Sekretärin einen Moment lang bei ihrer Arbeit zu, dann fragte er, wie lange sie schon in dem Kinderheim arbeite. Sie sah vom Bildschirm auf und antwortete: „Seit etwa fünf Jahren. Vorher war ich in einer Schule in Kalifornien.” Mulder registrierte erfreut, dass diese Sekretärin von der mitteilungsfreudigen Sorte war. Es sollte nicht allzu schwer werden, Wissenswertes von ihr zu erfahren. „Wie gefällt Ihnen die Arbeit hier? Ist es anders, als in einer normalen Schule zu arbeiten?”

„Ja, es ist schon anders. Die Arbeit hier ist weniger anstrengend. In einer Schule haben Sie hunderte von Kindern und Jugendlichen, die ständig etwas von Ihnen wollen: Sie brauchen Besucherpässe, Genehmigungen zum Verlassen des Schulgeländes, Kreide, Hefte, Papier; dann ist jemand verletzt und die Schulschwester ist nicht da, oder ein Lehrer wird krank und muss ersetzt werden. Zwischendurch muss man Schwänzern hinterhertelefonieren, aufgebrachte Eltern beruhigen und immer da sein, wenn der Rektor jemanden braucht, der seinen Frust abkriegt. Da lernt man die Kids gar nicht erst kennen. Hier mache ich zwar auch die Büroarbeit, aber ich komme mit den Kindern in Berührung. Das ist mir viel lieber. Bei nur neunzehn Kids ist das auch einfacher. Sie kommen auch mal her und helfen mir, wenn sie das wollen. Manchmal sitzt eines der Mädchen einfach hier bei mir im Büro und liest. Ich finde es schön, wenn sie zu mir kommen. Ich habe gehört, dass meine Vorgängerin so etwas wie eine Freundin für manche der Mädchen war. Ginny hat sie wohl als eine Art Mutterersatz gesehen. Eigentlich schade für sie, dass sie dann einfach gegangen ist.”

„Wissen Sie, warum sie gegangen ist?”

„Keine Ahnung. Ich habe sie nicht kennengelernt. Sie war schon weg, bevor ich hier angefangen habe.”

„Ist das nicht ungewöhnlich? Ich dachte immer, es sei üblich, seine Nachfolger einzuarbeiten.”

„Das ist es eigentlich auch. Ich weiß nicht, warum sie so schnell gegangen ist. Vielleicht sollten Sie Ginny fragen, die kann sich sicher noch an sie erinnern. Sie muss sehr an ihr gehangen haben. Ich weiß noch, wie sie in den ersten Wochen immer wieder in mein Büro gekommen ist, um nach ihr zu suchen. Ich wollte ihr erklären, dass ich jetzt hier arbeite, aber sie wollte es einfach nicht glauben. Es hat sehr lange gedauert, bis sie mich überhaupt wahrgenommen hat.”

„Sagen Sie, Ms. ...” Mulder versuchte, das Namensschild auf dem Schreibtisch zu entziffern. „Sagen Sie ruhig Janet. Das tun hier alle. Wenn Sie mit Kindern zu tun haben, verlieren Sie irgendwie Ihren Nachnamen.” Sie lächelte ihn wie entschuldigend an, und er erwiderte ihr Lächeln. Alles lief so, wie er es erwartet hatte. Sie vertraute ihm. „Also, Janet. Können Sie sich an einen Mann erinnern, der hier mal gewesen ist? Ungefähr dreißig, schlank, blondes, sehr kurz geschnittenes Haar, ziemlich groß?” Sie schüttelte den Kopf. „Glauben Sie mir, an so einen Mann könnte ich mich sicher erinnern, zumal hier sehr selten Leute von außerhalb herkommen. Das Heim fördert Kontakte nach draußen nicht gerade, müssen Sie wissen. Ist ja auch verständlich, nach dem Ärger, den sie gehabt haben.” Mulder horchte auf. „Was für Ärger? Hat es irgendwelche Zwischenfälle gegeben?”

„Na ja, Zwischenfälle würde ich es nicht gerade nennen. Es gab halt immer wieder Leute, die gesagt haben, die Kinder seien vom Teufel besessen oder so, und man müsse sie von allen anderen fernhalten, um die Welt vor ihnen zu schützen. Dorfklatsch eben, an sich harmlos; ich bekomme es halt mit, weil ich nicht im Heim wohne.”

„Wissen Sie, wie die Leute auf so etwas kommen?”

„Ich kann nur sagen, was ich gehört habe. Früher sollen die Kinder mal auf eine öffentliche Schule gegangen sein. Da muss es wohl ständig Ärger mit den anderen Schülern gegeben haben, und als man dann die Heimkinder privat zu unterrichten begann, war wieder alles friedlich. So haben sie eben das Nächstliegende angenommen und gesagt, die Kinder von hier seien an allem schuld gewesen. Was genau vorgefallen ist, weiß ich nicht. Das war noch bevor Ginny zur Schule kam. Aber wir sind hier in einer Kleinstadt, die Leute vergessen nicht so schnell. Deshalb gibt es sogar jetzt noch Gerüchte, mit dem Heim stimme etwas nicht. Ich persönlich halte das für Unsinn. Die Leute haben einfach keine Gelegenheit, das Heim kennenzulernen, und darum verbreiten sie alberne Gerüchte.”

„Wissen Sie zufällig, was aus den Kindern geworden ist, die damals hier gelebt haben?”

„Tut mir leid, das weiß ich nicht. Als ich herkam, war Ginny schon die Älteste. Wo die anderen jetzt sind, keine Ahnung. Da müssen Sie Mrs. Evans fragen, die ist schon von Anfang an hier. Sie müsste es eigentlich wissen.” Genau das werde ich tun, dachte Mulder. Er beschloß, noch eine Frage zu stellen: „Ab welchem Alter sind die Kinder im Durchschnitt hier?” „Seit ihrer Geburt. Soweit ich weiß, sind sie alle sofort hergekommen. Das hat mich auch erst gewundert, es kommen auch keine Kinder für kurze Zeit her. Das ist in den meisten Heimen anders, aber Mrs. Evans hat mir erklärt, dass hier eben nur Vollwaisen aufgenommen werden, die noch so jung wie möglich sind, damit sie nicht so sehr unter dem Verlust ihrer Familien leiden. Das hat der Begründer der Stiftung, die dem Heim zu Grunde liegt, so bestimmt. Ich weiß nicht, ob das einen besonderen Grund hat, aber wir halten uns daran. Wer zahlt, bestimmt, auch wenn er, wie in diesem Fall, schon lange tot ist.” Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Unterhaltung. Janet nahm den Hörer ab und lauschte. Dann sagte sie: „Ja, ist schon klar. Sie kommen erst morgen wieder her. Ach, Mrs. Evans, hier sind ein paar Leute vom FBI, die Sie sprechen möchten. Soll ich ihnen für morgen einen Termin geben? Nein?” Sie hörte wieder zu „Ja, verstehe. Ich sag’s ihm. Bis morgen.” Sie legte auf. „Mrs. Evans kommt erst morgen wieder her. Sie kann Sie aber schon heute zu Hause empfangen, wenn es wichtig ist. Sonst sollen Sie übermorgen wiederkommen, da sie morgen den ganzen Tag Konferenzen hat. Soll ich Ihnen ihre Adresse geben?” „Das wäre nett, danke. Wir werden sie wahrscheinlich noch heute aufsuchen. Schließlich wollen wir die Ermittlung so schnell wie möglich abschließen. Wir wollen ja nicht unnötig Steuergelder verschwenden.” Janet lächelte pflichtschuldig, während sie die Adresse der Heimleiterin aufschrieb. Ihr persönlich wäre es lieber gewesen, wenn der gutaussehende, freundliche Agent noch länger geblieben wäre. Aber er war schon auf dem Weg nach draußen. In der Tür drehte er sich noch einmal um. „Sie haben mir sehr geholfen. Eins noch: Wissen Sie zufällig den Namen ihrer Vorgängerin? Vielleicht kann sie uns noch etwas Wichtiges erzählen, das vor Ihrer Zeit hier passiert ist.” Janet dachte einen Augenblick lang nach. „An ihren Nachnamen kann ich mich nicht erinnern, aber ich glaube, ihr Vorname war Judy.”

 

Zur selben Zeit ging Scully mit Deputy Major und Ginny durch das Kinderheim. Sie bemerkte den immer noch ziemlich verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht der jungen Polizistin und hoffte, dass diese sich mit ihren Fragen und Kommentaren über die seltsamen Ermittlungsmethoden des FBI wenigstens so lange zurückhalten würde, bis sie wieder auf der Straße waren. Schließlich bewegten sie und Mulder sich im Augenblick sehr am äußeren Rande jener Grauzone, die die FBI-Arbeit in öffentlichen Einrichtungen regelte. Das letzte, was sie daher brauchen konnten war ein Countydeputy, der diese Ermittlung öffentlich in Frage stellte. Aber Cynthia sagte nichts. Sie hielt sich tapfer zurück, ihr Unbehagen nur durch verstohlene Blicke in Scullys Richtung kundtuend. Die Agentin war ihr dankbar dafür.

Ginny machte es Spaß, die Agentin und die Polizistin herumzuführen und ihnen das Heim zu zeigen. Die beiden Frauen schienen ihr sympathisch, und wenn sie auch sonst nicht viel sein sollten, so war ihr Besuch immerhin eine gute Abwechslung zur sonst jeden Abend wiederkehrenden Eintönigkeit.

Button dicht auf den Fersen, ging sie vor in den Garten. Das war nach wie vor ihr Lieblingsplatz, und nach der Führung durch das Heim fand sie, es sei ein angenehmer Ort, um auf den anderen Agenten zu warten. Hätte Scully ihre Gedanken gekannt, sie hätte ihr zugestimmt. Der Garten mit dem angrenzenden Spielplatz strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, eine Ruhe, die auch durch die leise Unterhaltung der Drei nicht gestört wurde.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, hier zu leben.”, begann Scully vorsichtig. „Ich meine, so abgeschieden und fern von allem anderen. Wird das nicht manchmal langweilig?”

„Und wie”, erwiderte Ginny. „Aber ich bin es ja nicht anders gewöhnt, und so geht’s dem Rest von uns auch. Aber ich find’s trotzdem oft schlimm. Vor allem, wenn Janet morgens von draußen kommt und einfach erzählt, dass sie in einen Stau geraten ist oder dass sie mit jemandem im Laden gestritten hat, der sich vorgedrängt hat. Dann denke ich, dass ich so etwas auch gern erleben würde, so trivial das in Ihren Ohren klingen mag. Die meiste Zeit ist es aber doch okay. Ich meine, wir haben ein Zuhause, jemanden, der sich um uns kümmert, also, so schlecht sind wir nicht dran. Nur diese ständigen Untersuchungen sind echt nicht auszuhalten.” Scully horchte auf. „Was für Untersuchungen?”

„Ach, nichts Besonderes. Ganz normale Gesundheitschecks eben. Nur übertreiben die’s hier mit der Gesundheit. Vor einigen Jahren ist hier mal ein Junge gestorben; ich kann mich fast nicht daran erinnern, so lange ist das schon her, aber seitdem müssen wir alle sechs Monate auf die Krankenstation und uns gründlich ansehen lassen. Die haben einfach Angst, dass wieder jemand eine Krankheit mit sich rumschleppt, ohne dass sie’s merken. Das nervt einfach. Routineuntersuchungen nennen wir das, wie bei Star Trek...” Mulders Auftauchen unterbrach sie. Er kam zu ihnen herüber, eigentlich bedauernd, das friedliche Bild zu stören, das sich ihm bot: Deputy Major saß auf einer Bank, Ginny hockte auf dem Rasen und kraulte den Hund hinter den Ohren, und Scully hatte sich auf der Schaukel niedergelassen. Über allem breitete sich langsam die Abenddämmerung aus.

Mulder widerstand der Versuchung, sich von hinten an Scully anzuschleichen und ihr einen kräftigen Schubs zu geben. Nicht vor den Anderen, ermahnte er sich selbst. Denk dran, dass sie dich dafür umbringen würde. Würdest du diese Demütigung vor einem kleinen Mädchen ertragen?

Scully spürte seinen Blick und drehte sich zu ihm um. „Wagen Sie’s lieber nicht!” Sie hatte seinen Blick richtig gedeutet. Trotzdem war es einen Versuch wert, sein Vorhaben zu leugnen. Deny everything, sagte er sich und setzte seine beste Unschuldsmiene auf. „Was soll ich nicht wagen? - Aber Scully, Sie glauben doch nicht etwa, ich würde...? Sie sollten mich doch inzwischen kennen.”

„Eben!” Ihr Gesicht sprach Bände.

„Wenn Sie mir so etwas zutrauen, dann sollte ich Ihre Erwartung eigentlich bestätigen...” Er grinste sie entwaffnend an und streckte provozierend die Hände aus. Bevor sie protestieren konnte, hatte er sie schon geschubst, und ihr blieb nur, sich mit einem strafenden Blick in seine Richtung, der eine nicht allzu ferne Rache verhieß, festzuhalten. Und so was nennt sich nun erwachsen, dachte Ginny kopfschüttelnd. Bevor Scully ihn in irgendeiner Weise tätlich angreifen konnte, hatte sich Mulder zu dem Mädchen auf den Boden gesetzt.

Er sah sie an und wusste nicht, wie er sie fragen konnte, ohne ihr weh zu tun. Schließlich entschied er sich für den direkten Weg: „Janet hat mir gesagt, du hättest dich mit ihrer Vorgängerin sehr gut verstanden. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht etwas über sie weißt, was uns weiterhelfen könnte. Ihren Nachnamen zum Beispiel.” Ginnys Augen verdunkelten sich; das Lachen über die Neckerei der Agenten, das noch eben darin gestanden hatte, verschwand schlagartig von ihrem Gesicht. So viel zur direkten Methode, dachte Mulder hilflos.

Als Ginny zu sprechen begann, war ihre Stimme leise: „Ich kann mich nicht an ihren Nachnamen erinnern. Für mich war sie immer nur Judy.” Scully bedachte sie mit einem überraschten Blick, aber Mulder bedeutete ihr mit einer unauffälligen Geste zu schweigen, als Ginny fortfuhr: „Sie war immer lieb zu mir. Nur eines Tages, da kam sie zu mir und war traurig. Sie sagte, dass sie mich sehr gern hat, aber dass sie nun ihr eigenes Baby beschützen müsse. Sie hat mich fühlen lassen, wie es sich in ihrem Bauch bewegt hat, und dann war sie weg. Sie ist nie mehr zurückgekommen, obwohl ich so sehr auf sie gewartet habe. Inzwischen ist es mir egal, was aus ihr geworden ist.” Damit stand sie auf und lief in Richtung Haus davon, der Hund wieder hinter ihr. Scully wollte ihr nachlaufen, aber Mulder hielt sie zurück. „Lassen Sie sie. Diesen Schmerz kann ihr niemand nehmen, und schon gar kein Fremder.”, sagte er sanft. Er spürte, wie gern sie das Mädchen trösten wollte, aber sie wusste, dass er recht hatte. Es gab Schmerzen, die konnte niemand lindern, und der von Ginny gehörte dazu; der Schmerz eines kleinen Mädchens, das von der einzigen Person verlassen worden ist, die es jemals geliebt hat.

Stumm und nachdenklich gingen sie zu den Autos und trennten sich von Deputy Major, die noch einen Bericht schreiben wollte, bevor sie nach Hause fuhr.

 

 

 

18.15 (Ortszeit)

Irgendwo

 

Das Büro wirkte steril, obwohl sich offensichtlich jemand Mühe gegeben hatte, es nicht so aussehen zu lassen. An den Wänden hingen zwei gerahmte Drucke moderner Künstler, und in einer Ecke stand auf einem Tisch eine große Zimmerpflanze. Das alles konnte jedoch nicht über die eisige Atmosphäre im Raum hinwegtäuschen. An einem ovalen Konferenztisch saßen drei Männer und zwei Frauen und stritten sich mit gedämpften Stimmen. Ihnen gegenüber saß ein einzelner Mann an einem antiken Schreibtisch, der überhaupt nicht zur übrigen Einrichtung passte, und sah der Debatte mit mäßigem Interesse zu. Nachdem er mehrmals vergeblich versucht hatte, den Streit durch diskretes Räuspern zu beenden, erhob er jetzt die Stimme: „Meine Herrschaften, ich bitte Sie! Wir wollen uns doch wie vernünftige Menschen benehmen.” Was wie eine Bitte klang wirkte auf die anderen Anwesenden wie ein scharfer Befehl. Sie schwiegen augenblicklich und sahen den Sprecher aufmerksam an. Dieser lächelte. „Sehen Sie, so ist es doch gleich viel gemütlicher. Jetzt können wir uns auch anhören, was Mr. Good uns zu sagen hat.”

Alle Augen richteten sich auf den Mann mit den kurzgeschnittenen Haaren, der noch im Sitzen eine militärische Haltung angenommen hatte und sich unter den Blicken der Anderen ganz und gar nicht wohl zu fühlen schien. Er richtete sich noch steifer auf als er ohnehin schon saß und sah dem Älteren gerade ins Gesicht. Dieser schaute auffordernd zurück. Als ihm klar wurde, dass es keine Einleitung geben würde, stand Good auf und baute sich neben seinem Stuhl auf als erwarte er eine Stubenkontrolle.

„Wir haben die Leichen wie befohlen verschwinden lassen.”, begann er, wurde aber sofort von einer der Frauen unterbrochen: „Wieso Leichen? Bisher war doch nur von der Leiche dieses Mannes die Rede. Warum gibt es jetzt plötzlich mehrere Leichen?” „Das stimmt”, mischte sich ein Mann ein. „vorher ging es nur um diesen „Unfall”, und auf einmal sind es schon mindestens zwei.” Der dritte Mann, eine sehr unauffällige Erscheinung, rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum, wohl wissend, dass er jetzt ein paar sehr unangenehme Fragen würde beantworten müssen. Der ältere Mann am Schreibtisch wandte sich an den Unauffälligen: „Sie haben recht. Es dürfte nur eine Leiche geben. Was ist passiert, wovon ich bisher noch nicht unterrichtet worden bin?” Seine Stimme blieb leise, hatte aber einen drohenden Unterton angenommen, der dem Unauffälligen ganz und gar nicht gefiel. Joe Good, froh, der allgemeinen Aufmerksamkeit für einen Moment entgangen zu sein, sich aber gleichzeitig bewusst, dass auch er sich für seinen Fehler noch würde verantworten müssen, entspannte sich ein wenig, während der unauffällige Mann sich immer unbehaglicher zu fühlen schien. „Nun?”

„Also, es gab da einen unbedeutenden Zwischenfall in der Pathologie, als wir die Leiche holen wollten. Einer der Pathologen war gerade dabei, unsere Leiche zu untersuchen, und da blieb uns nichts anderes übrig, als ihn zu erschießen. Er hätte doch sonst Alarm geschlagen, und dann hätten wir die Leiche nicht mehr wegbringen können.” Die ältere der beiden Frauen sog scharf die Luft ein. „Das darf doch einfach nicht wahr sein! Da bringen die mitten im Herzen des FBI-Hauptquartiers einen FBI-Arzt um; dabei sollten sie nur ganz unauffällig da reingehen und eine Leiche rausholen. Und nicht nur, dass sie alles gefährden, indem sie das tun, nein, sie halten es nicht einmal für nötig, uns ungefragt darüber zu informieren. Und zu allem Überfluß haben sie auch noch die Dreistigkeit, es einen harmlosen Zwischenfall zu nennen!” Der Mann am Schreibtisch unterbrach sie mit einer Handbewegung. Er wandte sich an den Unauffälligen, der aufmerksam seine Fingernägel zu betrachten schien. „Ich hätte es zwar nicht so drastisch ausgedrückt wie sie, aber sie hat recht. Warum bin ich nicht darüber informiert worden?”

„Es tut mir leid, Sir, aber ich bin noch nicht dazu gekommen, es Ihnen mitzuteilen. Ich bin nur wenige Minuten vor Beginn der Konferenz hier eingetroffen.” Der andere nickte. „In Ordnung; darüber sprechen wir noch. Jetzt aber zu einem anderen Punkt: Warum war der Arzt überhaupt anwesend? Ich war der Meinung, dass Sie sich vorher genauestens informiert hätten.”

„Laut meiner Informationsquelle beim FBI hätte sich um diese Uhrzeit niemand mehr dort unten aufhalten sollen. Wahrscheinlich hat der Mann Überstunden gemacht oder etwas ähnliches.”

„Gut, das war also nicht zu ändern; ein weiterer bedauerlicher Zwischenfall, den niemand voraussehen konnte.” Er wandte sich wieder Good zu, während sich der unauffällige Mann die größte Mühe gab, möglichst mit seiner Umgebung zu verschmelzen. Diesmal hatte er Glück gehabt, aber er wusste, dass er sich in der nächsten Zeit besser keine Fehler erlauben sollte, wenn ihm sein Job lieb war.

Joe Good, nun wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit, fuhr fort: „Wir haben also die Leichen da rausgeholt und sie wie befohlen beseitigt. Dann bin ich laut Befehl nach New York geflogen - natürlich mit einem Paß, den mir der Vorstand besorgt hatte - und habe dieses Kind aufgespürt, was nicht allzu schwer war, da die Mutter es bei ihrer besten Freundin untergebracht hatte. Bei der Übernahme des Kindes (alle Anwesenden verdrehten innerlich die Augen über seine in ihren Augen maßlos übertriebene militärische Ausdrucksweise) kam es zu einem Zwischenfall. Es war unmöglich, die Frau ohne Aufsehen auf offener Straße außer Gefecht zu setzen, also musste ich einen Verkehrsunfall inszenieren.”

„Mit anderen Worten, Sie haben sie überfahren und konnten dann nicht schnell genug den Wagen loswerden um das Kind zu holen, bevor sich jemand seiner angenommen hat.”, unterbrach ihn der Mann am Schreibtisch. Good nickte. Besser hätte er es nicht ausdrücken können, aber aus dem Mund des Älteren klang es nicht gut. Er wusste, dass er wahrscheinlich großen Ärger bekommen würde, aber das war ihm egal. Was ihn wurmte war sein persönliches Versagen bei gleich zwei Einsätzen.

„Nun, wir werden noch über diesen Vorfall zu reden haben. Aber fahren Sie fort. Was uns vor allem interessiert ist: Warum haben Sie den direkten Befehl missachtet, dem Kind zu folgen, nachdem Sie es wiedergefunden hatten, und haben statt dessen versucht, es doch noch zu bekommen?”

Man durfte Joe Good einiges vorwerfen, aber die Missachtung von Befehlen gehörte nicht dazu. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und erwiderte in zackigem Ton: „Sir, ich hatte nicht die Absicht, den Befehl zu mißachten, aber ich hatte keine andere Wahl. Das Kind hat mich auf dem Parkplatz erkannt und wie am Spieß gebrüllt. Sie muss mitbekommen haben, dass ich in dem Wagen saß, der ihre Begleiterin überfahren hat. Als sie mich dann wieder sah, war sie einfach nicht zum Schweigen zu bringen. Sie hat die Bundesagenten aufmerksam gemacht, so dass mir nichts anderes übrigblieb, als zu versuchen, mit ihr als Geisel zu entkommen. Dass das nicht funktioniert hat, ist allein meine Schuld. Ich hätte mich nicht überraschen lassen dürfen, als sie plötzlich anfing, nach mir zu treten.”

„Und wo ist das Kind jetzt?”, erkundigte sich der Mann, der bisher die meiste Zeit geschwiegen hatte.

„Ihre Spur verliert sich auf dem Parkplatz. Die Agenten müssen sie an einem geheimen Ort untergebracht haben, denn sie sind inzwischen in Greasewood aufgetaucht. Das Kind ist nicht bei ihnen, das haben wir überprüft.”

Nun schien sogar der sonst so gelassen auftretende ältere Mann die Geduld zu verlieren. „Wer zum Teufel macht denn überhaupt noch etwas richtig? Nach fünf Jahren gelingt es uns endlich, die Kleine und ihre Mutter aufzuspüren, dann verpatzt irgend jemand die Observation und sie rennt zu irgend einem FBI-Agenten, der UFOs jagt und der ihrer Geschichte vielleicht geglaubt hätte.” An dieser Stelle zog die jüngere der beiden Frauen kaum merklich den Kopf ein. Dass Judy Benson gemerkt hatte, dass sie beobachtet wurde, ging auf ihr Konto. Sie hatte das Misstrauen und die Angst der Frau einfach unterschätzt. „Und als wir dann diesen Agenten mit einem Trick irgendwo hin locken, wo er garantiert von niemandem gesehen werden kann, damit ihr freie Bahn in seinem Apartment habt, geht so ein Stümper los und erschießt sie bei halb offener Tür. Da hätte er auch gleich die gesamte Nachbarschaft zur Party einladen können. Und damit nicht genug, als nächstes ermordet jemand den Mann, der noch den Ausweis bei sich trägt, den er in der Wohnung des Agenten hat mitgehen lassen! Schon ist die wunderbare Möglichkeit flöten, den FBI-Agenten, der auch anderen Stellen schon lange unbequem ist und von dem wir immer noch nicht wissen, wie viel er weiß, des Mordes anzuklagen und ihn so auf einfache Weise loszuwerden. Gar nicht zu reden von der Frage, wer überhaupt unseren Mann umgebracht hat. Es sah wie eine Hinrichtung aus, habe ich mir sagen lassen. Also frage ich mich, wer sollte den Mann hinrichten wollen und aus welchem Grund? Da er anderweitig sauber war, bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder war er zur falschen Zeit am falschen Ort, was ich bei diesem Mann fast ausschließen möchte, oder es hat jemandem nicht gepaßt, dass er Judy umgebracht hat. Bisher hat mir aber noch niemand gesagt, wer sie zu diesem Agenten geschickt hat. Mir wäre wesentlich wohler, wenn ich wüsste, wer hier ein doppeltes Spiel spielt. Und Ihnen sollte es genauso gehen. Jedenfalls den meisten von Ihnen. Dann können wir endlich entscheiden, welche von den vielen Pannen wirklich nur Pannen waren, und vielleicht kann der Rest von uns dann weitermachen.”

Nachdem er geendet hatte, breitete sich Stille im Raum aus. Alle waren erschrocken über den Ausbruch des Vorsitzenden, und mehr noch spürten sie das gegenseitige Misstrauen, das sich zwischen ihnen breitmachte. Sie sahen sich verstohlen um. Jeder war verdächtig, jeder konnte der Verräter sein, und außerdem gab es noch die Möglichkeit, dass niemand in diesem Raum verantwortlich war. Das erweiterte den Kreis der Verdächtigen und verschlimmerte das Misstrauen, da man nicht wusste, wem man noch trauen durfte.

Das wäre schon im normalen Leben schlimm genug gewesen, aber bei ihrer Arbeit ging es um streng geheime Forschungen und um heikle Experimente. Wenn da ein Verräter auftauchte, konnte das verheerende Folgen für sie alle haben, nicht nur im Beruf, sondern auch im persönlichen Bereich. Jeder von ihnen wollte der Verräter so schnell wie möglich enttarnen, damit alle Pannen behoben werden und sie endlich alles aufräumen konnten, um wieder ihren anderen Tätigkeiten nachgehen zu können.

Der alte Mann bemerkte natürlich die Wirkung seiner Worte und wusste, dass er sein Ziel erreicht hatte. Von nun an würden alle noch vorsichtiger sein und versuchen, jeglichen Zwischenfall zu vermeiden. Sie wussten, dass ihre Arbeit gefährdet war, und sie würden alles tun, um sie und sich selbst zu schützen. Mehr war in seinen Augen nicht nötig, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Bis auf drei Dinge: Das Kind musste gefunden und der neugierige Staatsanwalt unter Kontrolle gebracht werden, und sie mussten die FBI-Agenten in Greasewood loswerden. Aber das dürfte nicht allzu schwer werden, dachte er bei sich, als er die Konferenz schloß, die anderen entließ und allein in seinem Büro zurückblieb.

 

 

 

20.00

Haus von Charlene Evans

Greasewood, Kansas

 

Das Haus wirkte wie ein Familienhaus, freundlich und leicht chaotisch. Für diesen Eindruck war der verwilderte Vorgarten verantwortlich, in dem die bunten Wiesenblumen einfach wuchsen, wie sie wollten. Da sie trotz der Trockenheit frisch und bunt waren, musste jemand sie regelmäßig gießen, was aber dem verwilderten Eindruck des Gartens keinen Abbruch tat. Mulder und Scully traten durch das quietschende Gartentor und gingen den Weg hinauf bis zur Tür, wo sie klingelten. Es dauerte einen Moment, bis geöffnet wurde. Mrs. Evans bat die Agenten herein und schloß schnell die Tür hinter ihnen. „Ich habe einen Welpen zu Besuch.”, erklärte sie. „Und wenn ich die Tür offen lasse, läuft er wieder weg. Aber entschuldigen Sie, ich bin unhöflich. Ich sollte mich erst vorstellen. Mein Name ist Charlene Evans, und Sie müssen die FBI-Agenten sein, von denen mir Janet am Telefon erzählt hat. Kommen Sie doch bitte ins Wohnzimmer, damit wir uns setzen können.” Mulder stellte sich und seine Partnerin vor, und dann folgten sie der Heimleiterin in deren Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa Platz nahmen.

Mrs. Evans war eine Frau etwa Ende 40 mit graubraunem Haar und freundlichen Augen. Sie war groß und schlank und wirkte energisch. Genau der Typ Frau, den man in einem Kinderheim erwarten würde. Sie bot den Agenten etwas zu trinken an, und als sie ablehnten, fragte sie, was sie zu ihr geführt hatte.

„Wir ermitteln in einem Fall von versuchter Kindesentführung und vermuten, dass dieser Fall mit einem Mord zusammenhängt, der in Washington verübt worden ist. Eine Spur führt zu Ihrem Heim.” Mrs. Evans sah Mulder erschrocken an. „Was hat unser Heim mit solchen Dingen zu tun?”

„Das wissen wir noch nicht, aber wir stehen auch noch am Anfang unserer Ermittlungen. Der Täter, der für die versuchte Entführung verantwortlich ist, befindet sich noch auf der Flucht, aber wir haben das hier bei ihm gefunden.” Mulder reichte ihr die Karte mit dem Foto und der Adresse des Heimes. „Kennen Sie diese Karte?” Die Heimleiterin nahm sie ihm aus der Hand und betrachtete sie nachdenklich. Schließlich nickte sie. „Solche Karten wurden früher verteilt, als das Heim gerade erst in diesem Haus untergebracht worden war. Damals war die Stiftung noch aktiv, und ihre Mitglieder haben darauf bestanden, dass ein gewisses Maß an Öffentlichkeitsarbeit stattfindet. Wir haben solche Karten an die Presse geschickt, um auf das Heim aufmerksam zu machen. Insgeheim haben wir wohl manchmal gehofft, dass jemand sich die Mühe macht, über unser Heim zu berichten, was aber nie geschehen ist. Dann veränderte sich die Zusammensetzung des Stiftungsvorstandes, und dieser zog sich immer mehr zurück. Seitdem bekommen wir nur noch das Geld aus der Stiftung, vom Vorstand habe ich schon lange nichts mehr gehört. Ich könnte Ihnen nicht einmal die Namen der momentanen Mitglieder nennen. Seit dieser Zeit habe ich keine solche Karte mehr gesehen. Das muss schon Jahre her sein.” Scully mischte sich ein: „Könnte jeder an diese Karten gelangen?”

„Das dürfte schwierig zu beantworten sein. Wie gesagt, die Karten werden seit Jahren nicht mehr verschickt. Ich weiß nicht, wer damals alles welche erhalten hat, aber ja, es dürften noch ein paar existieren. Wenn Ihr Täter ein Journalist ist oder war, könnte er vermutlich zufällig auf eine Karte gestoßen sein. Aber das bringt ihn noch nicht mit dem Heim in Verbindung.” Während Scully den Mann beschrieb, der sie auf dem Parkplatz angegriffen hatte, schaute sich Mulder aufmerksam im Raum um. Er nahm eine Bewegung bei der Tür wahr, und im nächsten Moment kam ein winziger, flauschiger Hund hereingewackelt. Er tapste auf unsicheren Pfoten, die für den kleinen Körper viel zu groß schienen, auf das Sofa zu, wo er sich vergeblich bemühte, an Mulders Bein hochzuklettern. Mulder beugte sich hinunter und hob den Hund auf seinen Schoß, um ihn genauer ansehen zu können. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie aus diesem kleinen Kerl einmal ein richtiger Hund werden sollte, aber die riesigen Pfoten verrieten, dass der Hund einmal ziemlich groß sein würde. Mulder kraulte das Tier hinter den Ohren, hörte aber weiterhin aufmerksam dem Gespräch zwischen Scully und Mrs. Evans zu, bereit, sich gegebenenfalls einzumischen. Die Heimleiterin erklärte gerade, dass sie im Heim niemals einen Mann gesehen hatte, auf den die Beschreibung des Angreifers passte.

„Vielleicht weiß jemand vom Vorstand etwas über den Mann. Ich kann Ihnen gern die Nummer geben, aber Sie werden nicht viel Glück haben. Ich habe gehört, dass sich der Vorstand nur noch höchstens einmal im Jahr trifft. Es ist also wenig wahrscheinlich, dass Sie jemanden von denen erreichen.”

„Geben Sie uns die Nummer trotzdem. Vielleicht haben wir ja Glück.” Mulder, der noch immer den Hund streichelte, stellte nun seinerseits eine Frage: „Ihre Sekretärin hat uns von einer Vorgängerin erzählt, die vor ungefähr fünf Jahren das Heim verlassen hat. Sie konnte uns aber weder deren Namen noch den Grund für ihre plötzliche Kündigung sagen. Können Sie uns da weiterhelfen?” „Ja, ich weiß noch, wie die Frau hieß. Ihr Name war Judy Anderson, und sie ging vor fünf Jahren ganz plötzlich weg. Den Grund weiß ich auch nicht. Sie hat ihn mir nicht gesagt. Wie ich später erfahren habe, war sie schwanger, und vielleicht hatte es etwas damit zu tun, aber sie hat mir gegenüber diese Schwangerschaft nie erwähnt. Sie hat von einem Tag auf den anderen gekündigt, und als sie gegangen ist, hat sie keine Adresse hinterlassen. Ich fand das nicht richtig, vor allem, weil die Kinder sie sehr gemocht haben. Besonders Ginny hing sehr an ihr, und sie hat unter der Trennung ziemlich gelitten.” Mulder spürte plötzlich eine merkwürdige Aufregung. War es möglich, dass...? Aber nein, das konnte nicht sein, oder etwa doch? Er musste es wissen, also stellte er die Frage: „Mrs. Evans, können Sie uns Ms. Anderson beschreiben?” Scully warf ihrem Partner einen erstaunten Blick zu. Worauf konnte er mit dieser Frage hinauswollen? Mrs. Evans nickte. „Natürlich. Ich weiß zwar nicht, warum Sie das wissen wollen, aber ich erinnere mich noch genau, wie sie aussah. Sie war so ein hübsches Mädchen. Ich glaube, sie war etwa so groß wie Ms. Scully, und schlank. Sie hatte blondes Haar, das sie etwas mehr als schulterlang trug. Und sie hatte blaue Augen. Daran erinnere ich mich genau. Ihre Augen waren von der Art, wie man sie gewöhnlich bei Leuten aus dem Norden findet. So groß und tief blau. Wenn sie verunsichert war, hat sie einen auf eine kindliche Weise angeschaut, so dass man sie einfach beschützen wollte. Sie hatte eine Stupsnase mit Sommersprossen darauf, und über dem einen Auge hatte sie eine feine Narbe. Ich habe sie einmal gefragt, woher sie die Narbe hat, und sie hat etwas von einem Sturz von einer Schaukel als Kind erzählt.” Scully stockte der Atem. Sie hatte diese Narbe gesehen, bei der Frau, die sie vor einer Woche in Washington untersucht hatte. Scully hatte der Narbe keine allzu große Bedeutung beigemessen, da sie nichts mit der Todesursache zu tun haben konnte, hatte sie aber dennoch in ihrem Bericht erwähnt, weil sie immerhin bei der Identifizierung der Leiche helfen konnte. Die Frau, bei der sie diese Narbe gesehen hatte, trug nach Mulders Informationen den Namen Judy Benson. Judy Benson oder Judy Anderson? Egal. Es war auf jeden Fall eine Spur. Scully fragte sich, woher Mulder das gewusst haben mochte. Oder hatte er wie so oft einfach aus einem Instinkt heraus gefragt? Wenn Scully an Judy dachte, kamen ihr sofort Susies große, traurige Augen in den Sinn. Das Kind musste die Augen seiner Mutter haben.

Trotz dieser wichtigen Entdeckung ließen sich die Agenten ihre Aufregung nicht anmerken. Sie hatten in jahrelanger Praxis gelernt, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten und sich nicht das Geringste anmerken zu lassen, egal was geschah.

Mulder, in dessen Schoß der kleine Hund inzwischen selig eingeschlafen war, wechselte das Thema: „Ihre Sekretärin hat erzählt, man hätte vor Jahren mal versucht, die Heimkinder in eine normale Schule im Ort gehen zu lassen, das sei aber letztlich gescheitert. Wissen Sie woran?”

Sie seufzte. „Das lag an den Vorurteilen. Wie ich vorhin schon erwähnt habe, wollten wir, dass die Zeitungen über das Heim berichten. Wir haben gehofft, dadurch Vorurteile abzubauen, aber wie gesagt, daraus ist nichts geworden. Wer weiß, ob es geholfen hätte? Ich weiß nur, dass die Eltern der Schüler ihren Kindern nicht gerade die Vorurteile genommen haben. Es gab ständig Streit, und die meiste Zeit fanden irgendwelche Prügeleien statt. Daraufhin hat die Heimleitung beschlossen, den Versuch einzustellen und die Heimkinder privat zu unterrichten. Das hat sich bewährt.”

„Was ist aus den Kindern geworden, die an diesem Versuch teilgenommen haben? Ihre Sekretärin hat gesagt, sie seien alle älter als Ginny gewesen. Sie müssen also jetzt mindestens 19 Jahre alt sein.”

„Die ehemaligen Heimbewohner gehen nach Beginn ihrer Volljährigkeit eigene Wege. Wenn sie nichts von sich hören lassen, akzeptieren wir das und forschen nicht nach.”

„Sie wollen damit sagen, dass Sie zu keinem ihrer ehemaligen Schützlinge Kontakt haben? Es soll den Kindern im Heim gefallen haben, aber wenn sie es verlassen, melden sie sich nicht mehr? Das klingt für mich ein wenig seltsam.” mischte sich Scully wieder ein.

„Wissen Sie, für die meisten Kinder ist es ein traumatisches Erlebnis, wenn sie im Heim aufwachsen müssen, ganz gleich, ob es ihnen dort gefällt oder nicht. Wenn sie dann erwachsen sind, wollen sie nicht gerne daran erinnert werden, also lassen sie es hinter sich.” Scully wusste, dass das nicht den Tatsachen entsprach. Laut Statistik wussten die staatlichen Heime von den meisten ihrer ehemaligen Bewohner, was sie im späteren Leben taten.

„Vielleicht liegt es daran, dass Ihr Heim eine Zelle ohne Ausgang darstellt.” Mulders Ton war unverändert freundlich, doch Scully wusste, dass er sich gerade in etwas verbiss. „Ich meine, es ist doch nicht normal, dass die Kinder keinerlei Kontakte nach draußen haben dürfen. Ich habe einer Statistik über Ihr Heim entnommen, dass es seit Jahren keine Adoptionen oder Pflegschaften für Kinder gegeben hat, und Sie nehmen offenbar nur Kinder, die schon seit ihrer Geburt Waisen sind. Kein einziges Kind, das nur zeitweise bei Ihnen untergebracht worden ist, keine Hoffnung auf eine Adoption; ich kann verstehen, dass Ihre Schützlinge dieses Leben so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen.”

Mrs. Evans schien verärgert. „Mr. Mulder, ich kann Ihnen versichern, dass wir alles tun, um unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten. Die Kontakte nach außen verbieten wir aus Sicherheitsgründen, denn die Anwohner sind nicht gut auf das Heim zu sprechen, seit der Schulversuch gescheitert ist. Dass wir nur Vollwaisen aufnehmen, die noch sehr jung sind, dient der leichteren Integration der Kinder. Je jünger sie sind, desto leichter gewöhnen sie sich ein und desto weniger werden die anderen Kinder durch Heimweh und Sehnsucht nach den Eltern an ihr eigenes Schicksal erinnert. Wir haben nur begrenzte Mittel zur Verfügung, daher führen wir kein großes Adoptionsprogramm durch. Es ist bedauerlich, dass dadurch kaum adoptionswillige Eltern auf uns zu kommen, aber es lässt sich nicht ändern.”

„Wir brauchen die Unterlagen der ehemaligen Heimkinder. Sollten Sie uns diese nicht zur Verfügung stellen, können wir die Einsicht in die Akten gerichtlich erwirken. Aber das erwähne ich nur der Form halber, denn ich bin sicher, dass wir nicht zu solchen Mitteln greifen müssen.” Scully bemühte sich, die Stimmung zu bessern, um noch ein paar Antworten zu erhalten. Mulder, dessen scharfe Fragen gar nicht zu seinem liebenswürdigen Gesichtsausdruck passten, streichelte abwesend den Welpen in seinem Schoß und sah so aus, als wäre er mit seinen Gedanken in weiter Ferne. Scully wusste, dass das täuschte. Ihr Partner war hellwach und aufmerksam, und er wollte genau das, was sie auch wollte: Antworten. Sein Pokerface würde es ihm erleichtern, diese zu bekommen, und deshalb setzte er es so häufig ein, um sein Gegenüber in Sicherheit zu wiegen.

„Mrs. Evans,” fuhr Scully fort, sich um einen harmlosen Tonfall bemühend. „ich habe gehört, dass sich vor einer Weile ein Todesfall im Heim ereignet hat. Mich würden die näheren Umstände interessieren.”

„Ich verstehe nicht, was das alles mit Ihrem Fall zu tun haben soll.” Scully wusste das auch nicht so genau, aber sie hatte diese Frage einfach stellen müssen. In ihrer jahrelangen Arbeit für das FBI hatte sie gelernt, Zufälle niemals unbesehen als solche anzuerkennen. Sie beobachtete genau das Gesicht der Heimleiterin. Diese schien durch Scullys Frage ein wenig aus der Fassung geraten zu sein. Trotzdem bemühte sie sich um einen neutralen Ton, als sie antwortete: „Einer unserer Jungen ist krank geworden und an seiner Krankheit gestorben. Seitdem untersuchen wir die Kinder regelmäßiger. Das ist alles. Wenn Sie keine Fragen mehr haben, würde ich Sie jetzt bitten zu gehen. Ich habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir, und es wäre gut, wenn ich dafür ausgeruht bin. Sollten Sie noch Fragen haben, wenden Sie sich bitte an Janet, sie wird Ihnen einen Termin geben.” Damit stand sie auf, um die Agenten hinauszubegleiten. Mulder setzte den kleinen Hund vorsichtig auf den Boden und folgte Scully zur Tür. Der Welpe wollte sich aber nicht so einfach abservieren lassen und folgte dem Agenten auf wackligen Beinchen. Scully musste lächeln, als sie das sah.

Nachdem sie das Haus verlassen hatten und in Richtung Wagen gingen, drehte sich Scully noch einmal zum Haus um. Dabei bemerkte sie, dass Mrs. Evans offensichtlich die Tür doch einen Moment zu lange offen gelassen hatte, denn der Hund war entwischt und folgte Mulder, so schnell er konnte. Scully stieß ihren Partner in die Seite. „Ich glaube, Sie haben einen Fan.” neckte sie ihn. Mulder drehte sich um, sah den Hund und lächelte. „Besser kleine Fans als gar keine. Der Kleine scheint keine Lust zu haben, sich den Kontakt zur Außenwelt verbieten zu lassen. Irgendwie verständlich, finden Sie nicht auch?” Damit ging er dem Welpen entgegen und hob ihn hoch. Sofort reckte sich das Tier nach Mulders Gesicht und begann, seine Nase zu lecken. „Muss Liebe schön sein.” seufzte Scully theatralisch und bedauerte es, keinen Fotoapparat dabei zu haben. „Dieser Anblick dürfte nicht nur mir allein vorbehalten bleiben. Wenn die beim FBI das sehen könnten, hätten sie bestimmt gleich noch mal so viel Respekt vor Ihnen, meinen Sie nicht auch?” Mulder ließ sich durch ihre Sticheleien nicht im Geringsten beeindrucken. Er steuerte auf die Tür zu, um Mrs. Evans den Ausreißer zurückzubringen. Diese schien das Fehlen ihres Hundes schon bemerkt zu haben, denn sie öffnete, bevor er klingeln konnte. „Ach, hier ist die Kleine. Sie scheint Sie zu mögen. Wissen Sie nicht jemanden, der sie nehmen könnte? Mein Sohn hat sie hier abgegeben, weil er mit seiner Frau und der Mutter der Kleinen hier völlig ausgelastet ist. Er will den Welpen einschläfern lassen, wenn wir kein Zuhause für ihn finden.” Plötzlich klang Mrs. Evans gar nicht mehr abweisend, sondern beinahe traurig. In diesem Moment konnte sich Mulder sogar vorstellen, dass sie wirklich das Beste für ihre Schützlinge im Heim wollte. Er sah Scully mit einem Blick an, der all ihre inneren Alarmglocken läuten ließ. „Mulder, vergessen Sie’s!“ protestierte sie und fügte zur Sicherheit noch alle Argumente hinzu, die ihr einfielen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen: „Wir können hierbei ganz sicher keinen jungen Hund brauchen. Und abgesehen davon, dass er uns nur im Weg wäre, ist es gegen jede Vernunft. Wohin wollen Sie ihn bringen?” Sie wusste schon bevor er es ausgesprochen hatte, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde. „Ich dachte da an Ihre Mutter. Wenn Sie sie überreden...”

„Meine Mutter? Nie im Leben.”

„Warum nicht? Sie macht mir den Eindruck als könnte sie sich liebevoll um den Kleinen kümmern.”

„Wenn Sie meinen. Aber Sie überreden sie selber.” Scully wusste, dass sie verloren hatte, und sie wusste auch, dass es Mulder ganz leicht fallen würde, ihre Mutter zu beschwatzen, wenn diese auch nur ein bisschen von Danas Art hatte, auf Mulders Überredungskünste hereinzufallen. Scully schwieg ergeben. Er schaffte es einfach jedes Mal. Vor allem dieser spezielle Blick, der eines verletzten Jungen, war immer sehr effektiv.

So kam es, dass Mulder und Scully auf dem Weg zurück zum Hotel einen Korb mit einem kleinen Hund auf dem Rücksitz ihres Wagens stehen hatten und dass sich Scully zum wiederholten Male fragte, warum sie den Überredungskünsten ihres Partners absolut gar nichts entgegensetzen konnte.

 

 

 

20.40

Polizeirevier von Greasewood

Greasewood, Kansas

 

Deputy Cynthia Major saß in dem Büro, das sie mit ihrem Partner, Mark Lane, teilte. Im Moment war Mark draußen auf Streife, und so hatte sie das Büro für sich. Das gefiel ihr ganz gut, denn sie musste noch einen alten Bericht über den vorletzten Streit zwischen Doug Maine und Mitch McGregor korrigieren. Vor drei Wochen hatten die beiden bei einem Gemeindefest eine Schlägerei angefangen und dabei erheblichen Schaden angerichtet, weil ihr Geschrei die Pferde des örtlichen Reitvereins scheu gemacht hatte. Diese waren durchgegangen und hatten die Festwiese in ein Schlachtfeld verwandelt. Jetzt hatten sich endlich Zeugen für die Ursache des Streits gefunden, und Cynthia blieb nichts anderes übrig als ihren schon längst abgehefteten Bericht noch einmal zu überarbeiten. Das gefiel ihr natürlich wenig, denn Berichte hasste sie wie jeder andere Polizist. Außerdem wusste sie, dass sie niemals fertig werden würde, weil die beiden Streithähne immer schon etwas Neues angestellt hatten, wenn der letzte Bericht noch nicht einmal unterschrieben war. Das war verdammt frustrierend, aber es musste sein, und wenn das FBI sie morgen wieder brauchen sollte, würde sie keine Zeit für den Bericht haben. Also musste sie ihn jetzt erledigen, wenn sie dem Sheriff keine Schwierigkeiten machen wollte.

Sie hatte gerade den halben Bericht überarbeitet, als sie die Tür hörte. Ohne sich umzudrehen wusste sie, dass ihr Partner hereinkam. Sie arbeitete schon mit Mark, seit sie hier angefangen hatte, und so kannte sie seine Schritte genau. Sie hob nur kurz den Kopf und sagte: „Hi, Mark. Wie sieht’s draußen aus?” Das war ihre übliche Begrüßung, wenn er ohne sie im Einsatz gewesen war. „Hi, Cynthia, wie läuft’s?” erwiderte er, seine immer wiederkehrende Frage stellend. Sie musste lächeln. Viele der anderen Cops hatten sie schon aufgezogen und als altes Ehepaar bezeichnet, weil sie sich meistens ohne Worte verstanden. Das taten sie wirklich, und jetzt merkte Cynthia, dass er neugierig war. Er brannte darauf, zu erfahren, wie es mit dem FBI gelaufen war, aber er wollte nicht fragen. Sie würde ihm trotzdem nicht den Gefallen tun und es einfach so erzählen. Diese Art Spiele gehörten schon immer zu ihrer Zusammenarbeit, aber heute hatte sie keine Lust, darauf einzugehen, denn sie war müde und gereizt, weil sie diesen uralten Bericht neu schreiben musste. Mark schaltete die Kaffeemaschine ein und beugte sich über den Bericht, an dem seine Kollegin arbeitete. Für ihn würde es eine lange Nacht werden, denn er hatte für einen kranken Kollegen die Nachtschicht übernommen, was bedeutete, dass er eine Doppelschicht einlegen musste. Aber es war ihm schleierhaft, was Cynthia noch hier machte. Soweit er wusste, war sie zur Unterstützung der Agenten aus Washington eingeteilt worden, und die waren weit und breit nicht zu sehen. „Was machst Du?” erkundigte er sich.

„Den Bericht über den Zwischenfall beim Gemeindefest. Sieht so aus, als hätten die Beiden doch keine Schuld, dass die Pferde durchgegangen sind.” „Was für ein Glück, dass wir die haben, was? Da wird unsere Arbeit nie langweilig.”

„Die könnten wenigstens warten, bis wir mit einem Bericht fertig sind, bevor sie wieder anfangen. Im Augenblick hätte ich gegen ein bisschen Langeweile gar nichts einzuwenden, wenn sie sich nur nicht auf diesen blöden Bericht bezieht.” „Wie war’s eigentlich mit dem FBI? Ich hab gehört, die zwei Agenten haben gleich Bekanntschaft mit unseren Streithähnen gemacht.”

„Stimmt. Ich hab sie aufgegabelt, als sie schlichten wollten. Bei der Gelegenheit hab ich gleich Mitchs Gewehr wieder konfisziert.”

„Gut so. Dann leben Dougs Hühner wenigstens wieder für ein paar Wochen sicher.”

Sie lachte. „Stimmt. Ich werde nie vergessen, wie er hier reingestürmt kam und dem Sheriff die beiden Hühner auf den Schreibtisch geknallt hat, die Mitch erschossen hat.” Auch Mark musste lachen. Er nahm sich eine Tasse Kaffee und bot Cynthia auch eine an.

„Nein danke. So lange dauert das hier nicht mehr, und ich will danach gleich ins Bett. Vorausgesetzt, ich komme nach Hause.”

„Streikt dein Wagen schon wieder?”

„Ja, seit gestern. Heute morgen hat mich Jeffrey abgeholt, und der ist jetzt schon zu Hause.”

„Ich muss in einer halben Stunde wieder raus. Wenn du bis dahin fertig bist, nehm ich dich mit. Ist zwar verboten, aber wer will das schon rauskriegen? Len jedenfalls nicht. Der sitzt die Pause im Diner ab und stopft alte Pfannkuchen in sich rein. Aber ein Bedingung hab ich: Du erzählst mir alles vom FBI, damit ich einmal nicht alles als Letzter erfahre.”

„Okay. Hilf mir kurz mit dem Bericht, dann geht’s schneller.” Sie setzten sich zusammen an den Schreibtisch und beugten sich über den Bericht, den sie in wenigen Minuten beendet hatten. Dann begann Cynthia, von ihrer Begegnung mit den Agenten zu erzählen: „Also, der Mann heißt Mulder, seine Kollegin Scully. Er sieht gar nicht so schlecht aus, obwohl diese Sorte Mann mit der Leidensmiene eigentlich überhaupt nicht mein Typ ist. Sie scheinen sich sehr gut zu verstehen; ziehen sich die ganze Zeit über gegenseitig auf und so, aber das scheint ihnen nichts auszumachen. Herablassend sind sie gar nicht, nicht wie unsere örtlichen Fibbies. Die sehen einen doch nur mit Schutzbrille an aus Angst, sie könnten sich `ne Krankheit holen. Bei den Beiden hab ich den Eindruck, dass sie irgendwie am Boden geblieben sind, nicht so abgehoben, verstehst du? Was die hier wollen weiß ich nicht so genau. Sie suchen, glaub ich, einen Killer und verfolgen eine Spur zum St. Mary’s. Aber was der Killer da zu suchen haben soll, konnten sie mir nicht erklären. Als wir im Heim waren, haben die mich ziemlich geschockt. Sind da reingegangen und haben mit der Sekretärin gesprochen. Die Heimleiterin war nicht da, also hat Agent Mulder im Vorzimmer gewartet, und Agent Scully hat sich mit mir zusammen von einem Mädchen das Heim zeigen lassen. Und das ohne Zustimmung der Leiterin. Ich hab mich nur gefragt, ob es in Washington keine Dienstbeschwerden gibt. Aber sie schienen mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Das war’s eigentlich. Was morgen anliegt, weiß ich noch nicht. Vielleicht ermitteln sie alleine und ich mache normalen Streifendienst.”

„Wär schön. Len geht mir mit seinem ewigen Kaugummi kauen auf die Nerven. Oh, da fällt mir ein, wir sollten langsam los. Wenn ich Len zu lange warten lasse, merkt er doch noch was und wird sauer.”

„Okay, dann laß uns fahren, bevor seine Pfannkuchen alle sind.” Lachend verließen sie gemeinsam das Büro und fuhren mit dem Streifenwagen weg.

 

 

 

22.15

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Kimberly schlich an der Mauer des Kinderheimes entlang. Sie fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Haut. Das Heim sah ganz anders aus als am Tag, wenn sie ihren Vater herbegleitet hatte oder mit ihren Schulkameraden auf dem Weg zum Kino hier vorbeifuhr. Sie konnte sich nicht erinnern, dass das Heim jemals so düster auf sie gewirkt hatte. Normalerweise mochte sie diesen Ort, denn er erinnerte sie an Ginny. Heute nacht war Ginny aber nicht bei ihr, und sie war ganz auf sich allein gestellt. Ihre Freundin hatte ihr einen geheimen Eingang zum Heimgelände gezeigt, den sie im Notfall benutzen konnte. Dies war eindeutig ein Notfall, entschied Kimberly. Sie musste Ginny sehen, musste wissen, ob es ihr gut ging. Das Auftauchen des FBI und dessen Interesse am Heim beunruhigte Kim mehr, als sie sich eingestand. Was wollten die hier? Ob es etwas mit Ginny zu tun hatte? Sie machte sich Sorgen um ihre Freundin, vor allem, seit ihr Vater ihr von seinem Gefühl erzählt hatte. Sie hatte es ihm zwar nicht gesagt, aber sie war durch seine Worte sehr unsicher geworden, was die Suche nach Ginnys Vater betraf. Vielleicht wollte er gar nicht, dass sie ihn fanden, oder er war gefährlich? Sie würde Ginny nichts von ihren Zweifeln erzählen, da sie fürchtete, die Freundin könnte sich im Stich gelassen fühlen. Aber sie musste sie zumindest sehen und nach dem FBI fragen. Aber dazu musste sie zuerst auf das Gelände kommen.

Kimberly lief  im Schatten der Mauer entlang, bis sie die Stelle erreichte, die Ginny ihr gezeigt hatte. Hier war die Mauer ganz mit Efeu bewachsen, so dass sie nicht zu sehen war. Mit der Zeit waren die Steine zum Teil zerbrochen und hatten eine Lücke frei gelassen, die groß genug war um hindurch zu kriechen. In dem Loch klemmte ein Brett, das Kim erst herausziehen musste. Ginny hatte erklärt, dass dieses Brett Button am Fortlaufen hindern sollte. Wenn der Hund ihren heimlichen „Notausgang” benutzte und dabei gesehen wurde, war es vorbei mit ihrer seltenen Freiheit. Also stopfte Kim das Brett wieder in das Loch, nachdem sie hindurch gekrochen war. Plötzlich kam ihr ein unangenehmer Gedanke: Was, wenn Button frei im Garten herumlief? Sie bezweifelte, dass der Hund sie von den wenigen Besuchen, die sie mit ihrem Vater hierher unternommen hatte, gut genug kannte um sie in Ruhe zu lassen oder sogar nicht zu bellen. Aber das konnte sie jetzt nicht mehr ändern. Sie musste das Risiko eingehen und hoffen, dass der Hund irgendwo eingesperrt war. Schließlich musste sie Ginny suchen, was sich auch nicht als leicht erweisen würde, da sie das Heim noch nie von innen gesehen hatte und nicht wusste, wo sie anfangen sollte zu suchen. Alles reine Glückssache, dachte sie bei sich und schlich im Schatten der Bäume über den Rasen und auf das Heim zu. Offenbar hatte sie Glück, denn Button war nirgends zu sehen. Kim schlich unter einem Fenster entlang, das wohl zu einem Büro gehörte, und blieb dahinter mit klopfendem Herzen stehen. Sie war so angespannt, dass sie einfach nicht weitergehen konnte, also hockte sie sich einen Moment lang hin, um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Im Raum hinter dem halboffenen Fenster befanden sich mindestens zwei Personen, die sich leise unterhielten. Kimberly konnte die Unterhaltung ohne Mühe mit anhören. Eine Frau sprach. „Ich weiß nicht, was die gewollt haben. Sie haben von einem Mann geredet, der eine von unseren Karten gehabt hat. Er hat wohl ein Kind zu entführen versucht, und er hat die Karte verloren. Jetzt meinen die, dass es eine Verbindung zwischen ihm und dem Heim gibt. Ich hab ihnen erzählt, dass die Karten nicht mehr hergestellt werden und dass ich nicht weiß, woher der Mann die Karte hat. Aber ich bin mir sicher, dass es einer war, der für den Vorstand arbeitet. Woher soll er sonst die Karte haben? Wenn die irgendwelche Aufträge verteilen, sollten sie nicht diese auffälligen Karten verwenden. Ich finde, das Risiko ist zu groß, jetzt wo das FBI hier ist. Ich glaube nämlich, dass die mehr wissen als sie sagen.”

„Sie sollten sich beruhigen. Das FBI weiß gar nichts. Die jagen nur einen Killer oder meinetwegen einen Kidnapper, und mehr nicht. Wir können in aller Ruhe weitermachen.”

„Die haben mich nach dem toten Jungen gefragt. Ich hab mich an die übliche Geschichte gehalten, aber ich weiß nicht, ob die das geschluckt haben.”

„Wir können nicht einfach aufhören! Dann würden noch mehr Kinder sterben müssen, und das wissen Sie ganz genau. Sie haben doch auch nicht schlecht gelebt, seit Sie hier arbeiten. Wenn Sie jetzt Theater machen, werden die doch erst recht aufmerksam. Sie werden also einfach weitermachen und das FBI mir überlassen.” Kimberly hielt den Atem an. Das war ja schlimmer als sie gedacht hatte. Kinder könnten sterben... Was war, wenn Ginny etwas passierte? Sie war entschlossener denn je, sie zu finden und mit ihr zu reden. Sie musste sie warnen! Kim war so durcheinander, dass sie nicht merkte, dass sie in die falsche Richtung lief. Erst als sie das Tor vor sich sah, bemerkte sie ihren Irrtum, und da  war es schon zu spät. Ein Wagen fuhr auf das Tor zu und hielt neben ihr an. Der Fahrer hatte sie natürlich gesehen und sprang nun heraus. Kim versuchte wegzulaufen, aber der Mann holte sie nach wenigen Metern ein. Kim schrie so laut sie konnte, aber niemand kam ihr zu Hilfe. Sie wurde gepackt und in den Kofferraum des Wagens gesteckt. Als der Mann den Deckel zuschlug und es dunkel um sie wurde, spürte sie eine nie gekannte Panik in sich aufsteigen. Sie fühlte deutlich, dass sie sich in Lebensgefahr befand.

 

 

 

23.20

Büro des Einsamen Schützen

Washington, D.C.

 

Das Büro sah aus wie immer: Als hätte ein Tornado darin gewütet. Auf den Tischen mit den Computern lagen leere Pizzakartons - die die drei Herausgeber des Einsamen Schützen selber geholt hatten, schließlich ließen Paranoiker wie sie keinen Pizzaboten ins Haus. Dazwischen befanden sich Berge von Papier: Faxe, Zeitungsartikel, Briefe, Einwickelpapier, Computerausdrucke...

Langley saß an seinem Schreibtisch und versuchte zu arbeiten, was bei dem Lärm, der aus dem Hinterzimmer drang, gar nicht so einfach war. Wenn es nicht ganz unmöglich war. Er drehte sich um und rief Frohike zu, er solle still sein. „Geht nicht!”, kam die prompte Antwort. „Unsere Prinzessin kann nicht schlafen.” Langley stand auf und ging ins Hinterzimmer, wo schon seine beiden Freunde saßen. Ihm bot sich ein seltsamer Anblick: Im einzigen Bett, das in dem Zimmer stand, hockte Susie und schaute ihn mit großen Augen an. Byers und Frohike saßen auf der Bettkante und versuchten, das arme Kind in den Schlaf zu singen, was sich ziemlich schräg anhörte. „Kein Wunder, dass sie nicht schlafen kann. Das könnte ich bei dem Gejaule auch nicht.” stellte Langley fest. „Moment mal! Ich war früher mal im Schulchor.” gab Byers zurück. „War das, bevor der Chor aufgelöst wurde?”

„Was soll das heißen?”

„Wir tun wenigstens was für die Kleine. Im Gegensatz zu dir. Außerdem konnte sie schon vorher nicht schlafen.” verteidigte Frohike ihre Sangeskünste. Langley verzichtete darauf, die beiden Anderen darauf hinzuweisen, dass sie eine neue Ausgabe ihrer Zeitung vorbereiten mussten, denn er sah ein, dass das Wohl des Mädchens im Moment wichtiger war. Sie musste zum Einschlafen gebracht werden. Aber nicht mit Gesang. Er setzte sich auch noch auf die Bettkante und wandte sich Susie zu: „Was ist denn mit dir? Du müsstest doch längst müde sein.”

„Ich will zu meiner Mommy. Aber die ist tot.”

„Das ist ein Argument.” mischte sich Frohike ein, und Byers riet ihm nicht allzu freundlich, den Mund zu halten.

„Du hast ja schon selbst gemerkt, dass du nicht zu deiner Mommy kannst. Hast du auch noch eine zweite Wahl?”

„Dana.”

„Das wird auch schwierig. Dana ist weit weg.” Es folgte ein spöttischer Blick in Richtung Frohike. „Zu weit weg für manche Anwesende. Aber was ist mit uns? Ich dachte, wir wären Freunde.” Er schaute das Mädchen traurig an. Natürlich fiel sie darauf herein. „Sind wir ja auch. Ihr seid nett. Aber meine Mommy ist tot, und Betsy ist auch tot. Also kann ich nicht schlafen, sonst kommen sie und tun mir auch weh.” Die Logik, mit der das Kind Alpträume erklärte, faszinierte die Gunmen. Sie wussten allerdings nicht, was sie darauf erwidern sollten.

„Wenn du Angst vor Träumen hast, müssen wir dir wohl eine Geschichte erzählen, damit du an etwas Schönes denken kannst. Kennst du die Geschichte von Schneewittchen?”

„Spinnst du? Du kannst dem armen Kind doch keine Geschichte erzählen, wo eine böse Frau ständig versucht, ihre Tochter umzubringen. Davon kriegt sie doch erst recht Alpträume.”

„Stieftochter.” korrigierte Susie, und Langley räumte ein: „Du hast recht, die Geschichte ist zu grausam. Was haltet ihr statt dessen vom Froschkönig?” „Au ja!” riefen Susie und Frohike wie aus einem Mund. Byers sah den kleineren Mann spöttisch an. „Für dich wohl die Version mit dem Kuss und einer rothaarigen Prinzessin, was?”

„Wieso?” wollte Susie wissen. „Fox ist doch kein Frosch.”

„Aber Frohike wär gern einer.”

„Nee, das geht doch nicht. Dana mag doch Fox.”

„Sag das ihm.” schlug Langley vor, und Byers erkundigte sich, ob er endlich anfangen könne zu erzählen. Susie nickte und kuschelte sich in ihr Kissen, während die anderen beiden Männer auch endlich den Mund hielten, um die Geschichte zusammen mit ihr anzuhören.

 

 

 

23.30

Green’s Hotel

Greasewood, Kansas

 

Scully saß auf ihrem Bett, die Beine unter den Körper gezogen, und sah ihren Partner an. Mulder hatte es sich am Fußende des Bettes bequem gemacht und blätterte durch ihre Notizen. Nachdem sie Mrs. Evans verlassen hatten, waren sie hierher zurückgekehrt, um über den Fall zu reden. Eigentlich war Scully viel zu müde dazu, aber es musste nun einmal sein. Sie beobachtete Mulder, der vollkommen in seine Lektüre vertieft zu sein schien. Er sah auf, als er zu Ende gelesen hatte. „Was denken Sie?” erkundigte er sich.

„Ich denke, dass sie uns etwas verschweigt. Wenn sie nicht sogar lügt. Es ist doch nicht normal, dass kein einziges der ehemaligen Heimkinder noch Kontakt zum Heim hat. Wir sollten die Unterlagen anfordern und die Kinder suchen. Vielleicht erfahren wir dann etwas mehr über die Gründe, warum sie nicht mehr an ihre Zeit im Heim erinnert werden wollen. Ich glaube außerdem, dass wir versuchen sollten, etwas über den Todesfall vor ein paar Jahren herauszufinden. Ich werde gleich morgen mit dem örtlichen Gerichtsmediziner sprechen. Wenn er sich selber nicht mehr daran erinnert, muss es auch noch Unterlagen darüber geben. Wenn jemand stirbt, kann man die Ursachen dafür nicht einfach unter den Teppich kehren; auch nach so langer Zeit nicht.”

„Gut, dann werde ich versuchen, eine gerichtliche Verfügung über die Akten der ehemaligen Heimkinder zu erwirken. Ich glaube nicht, dass wir da auf anderem Wege dran kommen. Und wir sollten uns beeilen, denn ich fürchte, dass man versuchen wird, uns etwas vorzuenthalten, wenn das irgend geht.” Scully wusste, dass er recht hatte, sie wusste aber auch, dass ihm die gebotene Eile mehr als recht war. Denn trotz allem hasste er es immer noch, sich in Leichenhallen aufzuhalten. Deshalb nutzte er jede Gelegenheit, sich davor zu drücken. So auch diesmal. „Und wir sollten mit jemandem sprechen, der das Projekt mit der Schule miterlebt hat. Vielleicht gibt es da noch einen Lehrer oder einen ehemaligen Schüler, der sich daran erinnert, was damals schiefgelaufen ist. Was wir bisher darüber gehört haben, ist mehr als vage. Deputy Major sollte uns dabei helfen können, jemanden zu finden.”

„Okay, das könnte uns vielleicht wirklich weiterhelfen.” Mulder sah sie gespannt an. Sie hatte sich noch nicht zu der Tatsache geäußert, dass Judy Benson unter dem Namen Judy Anderson als Sekretärin im St. Mary’s Kinderheim gearbeitet hatte, bis sie schwanger geworden war und von einem Tag auf den Anderen gekündigt hatte. Mulder wartete schon die ganze Zeit auf einen Kommentar zu diesem Thema, aber Scully hatte es bisher vermieden, etwas dazu zu sagen. Schließlich hielt Mulder es nicht mehr aus. Er fragte sie ganz direkt danach: „Glauben Sie, dass es ein Zufall ist, dass Judy Benson in dem Kinderheim gearbeitet hat und von dort verschwunden ist, als sie schwanger wurde?” Scully, nun in der Defensive, erwiderte: „Ich weiß nicht, ob es ein Zufall ist, aber es muss nicht zwangsläufig etwas mit dem Fall zu tun haben.” Ihr Tonfall sagte ihm, dass sie selbst nicht so recht glaubte, was sie soeben gesagt hatte. „Und selbst wenn der Mord etwas mit dem Heim zu tun hat, wissen wir noch lange nicht, was.”

„Was ist, wenn Judy Angst um ihr Baby hatte und deshalb so schnell verschwunden ist?”

„Wovor sollte sie Angst gehabt haben? Dass ihr Mrs. Evans das Kind wegnimmt? Mulder, wir leben in einem freien Land, und niemand kann einer Mutter ohne triftigen Grund und ohne richterlichen Beschluss ihr Kind wegnehmen. Judy hätte also keinen Grund gehabt, Angst zu haben.”

„Was ist, wenn sie doch einen hatte? Ginny hat doch erzählt, dass Judy zu ihr gesagt hat, sie müsse jetzt ihr eigenes Baby beschützen.”

„Das sind Worte, an die sich ein Mädchen erinnert, das zu diesem Zeitpunkt knapp 11 Jahre alt war und das seine einzige geliebte Bezugsperson verlor. Außerdem ist das schon über fünf Jahre her. Ich halte Ginnys Aussage nicht unbedingt für glaubwürdig. Vielleicht glaubt sie, sich zu erinnern, dass Judy das zu ihr gesagt hat, aber sie war ein verwirrtes Kind. Sie könnte etwas in Judys Worte hineininterpretiert haben, das gar nicht so gemeint war. Ginny könnte gedacht haben, dass Judy sie nicht mehr lieb hat, weil sie ein eigenes Kind erwartet. Das könnte sie als Zurückweisung erkannt haben, vor der sie sich schützen wollte, indem sie sich ausgedacht hat, Judy würde sie nicht im Stich lassen, wenn sie nicht dazu gezwungen worden wäre. Sie wissen doch genau, wie solche Aussagen zustande kommen.” Mulder wartete, bis sie mit ihrem Vortrag zum Ende gekommen war. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Scully wusste, dass er sich bereits eine Meinung gebildet hatte und dass seine Theorie ihr wie üblich nicht gefallen würde.

„Angenommen, wir glauben Ginny,” begann er, als habe seine Partnerin nicht gerade einige gute Gründe genannt, eben das nicht zu tun. „Sollte Judy tatsächlich Angst um ihr Kind gehabt haben, dann muss sie geglaubt haben, dass die Gefahr vom Kinderheim ausgeht. Sonst hätte sie nicht sofort gekündigt und wäre Hals über Kopf geflüchtet. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie wirklich gekündigt hat.” Scully runzelte die Stirn.

„Was wollen Sie damit sagen?”

„Wenn sie es wirklich so eilig hatte, vom Heim wegzukommen, dann hat sie sich vielleicht nicht die Zeit genommen zu kündigen. Es wäre doch wahrscheinlicher, dass sie einfach gegangen ist, ohne jemandem Bescheid zu sagen. So hatte sie einen Vorsprung und die Garantie, dass niemand versuchen würde, sie aufzuhalten.”

„Sie hat aber Ginny Bescheid gesagt, wenn Ihre Theorie stimmt.” wandte Scully ein.

„Das ist es auch, was mich erstaunt. Warum sollte sie ein solches Risiko eingehen?” Scully wagte schon zu hoffen, dass er erkannt hatte, wie unsinnig seine Theorie klang, aber natürlich hatte Mulder schon eine passende Erklärung parat: „Außer, wenn sie genauso an Ginny gehangen hat wie Ginny an ihr. Wenn sie das Kind gern gehabt hat wäre es logisch, dass sie sich verabschieden wollte.”

„Sehen wir einmal davon ab, wie unwahrscheinlich das Ganze ist. Sollte sich Judy Anderson wirklich vor irgend etwas gefürchtet haben, was ihrer Ansicht nach vom Kinderheim ausging, dann wissen wir noch lange nicht, wovor sie Angst hatte und ob ihre Furcht einen triftigen Grund hatte oder bloße Paranoia war.”

„Sie ist tot. Das deutet doch auf eine durchaus begründete Angst hin.” Scully musste zugeben, dass dieses Argument durchaus Sinn machte. Auch sie war nicht so ohne weiteres bereit zu glauben, dass es ein bloßer Zufall war, dass eine Frau, die früher im St. Mary’s Kinderheim gearbeitet hatte, ermordet worden war und dass sie die Spur eines Mannes, der das Kind eben dieser Frau zu entführen versuchte, bis zum Kinderheim zurückverfolgt hatten. Scully hatte gelernt, solchen Zufällen zu misstrauen, aber das hieß noch lange nicht, dass sie Mulders wilden Theorien ohne weiteres folgen würde. Sie brauchte handfeste Beweise. Mulder schlug vor, er werde versuchen herauszufinden, was Judy gefürchtet haben könnte. Er wusste auch schon, wen er das fragen würde. Nur war es nicht sicher, ob er auch eine Antwort bekommen würde. Er sah Scully mit einem jungenhaften Lächeln an, das ihr zeigte, dass die Besprechung in seinen Augen vorbei war. Für ihn gab es nichts mehr zu besprechen, und so nahm er eine Tüte mit Crackern vom Nachttisch, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Scullys Blick ließ ihn mitten in der Bewegung erstarren. Dieser Blick hätte einen Eisblock anzünden können. Mulder wurde bewusst, dass er sich in ihrem Zimmer befand, und er erkannte, was sie ihm sagen wollte: Sollten Sie es wagen, in meinem Bett Cracker zu essen, sind Sie des Todes! Mulder blickte sie schuldbewusst an. Ein Fiepen des Welpen, der bisher in einer Ecke auf dem Teppich geschlafen hatte, erlöste ihn aus der peinlichen Situation. Er stand auf und ging in Richtung Tür. „Ich glaube, ich sollte sie rauslassen, bevor hier ein Unglück passiert. Wir sehen uns morgen früh. Gute Nacht, Scully.”

„Gute Nacht, Mulder.” erwiderte sie und fügte stumm hinzu: Und träumen Sie nicht. Als er gegangen war, zog sie sich aus und kroch unter die Decke, auf der sie eben noch zusammen gesessen hatten. Sie wusste, er würde sie zum Frühstück abholen. Das tat er immer, ohne dass sie jemals darüber gesprochen hatten. Das war ein beruhigendes Gefühl, dachte Scully, als sie das Licht löschte und sich in ihre Kissen kuschelte.

 

 

 

8.00

Detektei Johnsson

Los Angeles

 

Als John Logan das Büro von Keith Johnsson betrat, war schon Kaffee gekocht. Logan kannte den Detektiv schon lange; er hatte ihn schon oft als privaten Ermittler eingesetzt, wenn die staatlichen Stellen nicht weiterkamen, und Johnsson hatte ihm immer gute Dienste geleistet, indem er brauchbare Informationen beschaffte, die Logan dann vor Gericht verwenden konnte. Er wusste, dass der Detektiv nur aufgrund ihrer langen Bekanntschaft bereit gewesen war, ihn so früh am Morgen zu treffen. Johnsson, ein großer, untersetzter Mann mit klugen Augen, bot dem Staatsanwalt Platz an und reichte ihm eine Tasse Kaffee. „Dachte, Sie könnten um diese Zeit auch einen vertragen.”

„Danke, Keith. Und danke, dass Sie mich so schnell empfangen konnten.”

„Es muss wohl ziemlich dringend sein, wenn Sie so darauf gedrängt haben. Geht es um den Greyhoundfall?”

„Nein, ausnahmsweise nicht. Sonst scheint sich alles in meinem Leben nur noch um diesen verdammten Fall zu drehen. Aber es hat indirekt doch damit zu tun. Am Besten, ich erzähle Ihnen alles von Anfang an. Es geht zurück bis in die Zeit vor 17 Jahren, als ich noch in Kansas gearbeitet habe. Das war, bevor ich hierher berufen worden bin. Ich war Bezirksstaatsanwalt. Nicht viele große Fälle, aber alles hing von meinem Ruf ab, wie das halt in diesem Job so ist. Irgendwann habe ich eine Frau getroffen. Das Problem war nur, dass sie verheiratet war. Sie wollte sich scheiden lassen, aber das hätte niemanden interessiert. Alles, was die Leute gesehen hätten war, dass der Bezirksstaatsanwalt eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat, um deren Scheidung sich die Staatsanwaltschaft kümmert, weil ihr Mann ziemlich brutal gewesen ist und sie bedroht hat. Also mussten wir die Sache geheimhalten. Das war mir nicht recht, aber es ging nicht anders. Kurze Zeit später wurde ich versetzt, und sie wollte erst die Scheidung durchziehen und zur Ruhe kommen, bevor sie sich entschied, was weiter werden sollte. Ich habe nur noch einmal etwas von ihr gehört, als sie mir gesagt hat, dass sie schwanger war. Zu diesem Zeitpunkt saß ich gerade in einem wichtigen Mordfall fest, so dass ich nicht zu ihr konnte. Und als ich dann wieder in ihre Stadt kam, war sie nicht mehr zu finden. Niemand schien zu wissen, wohin sie gegangen war, und ich musste die Suche aufgeben. Fast zwei Jahre, nachdem ich das letzte Mal mit ihr gesprochen habe, war sie tot. Sie hatte sich  umgebracht. Ich weiß nicht, was aus dem Kind geworden ist, ob sie es überhaupt bekommen hat, oder ob sie es weggegeben hat. Vielleicht war es auch bei ihr, bis sie gestorben ist. Vor einiger Zeit habe ich von einem Kinderheim in der Gegend gehört, wo wir uns kennengelernt haben. Ich habe mich mit dem Heim in Verbindung gesetzt, weil ich gehofft habe, dass man mir dort helfen könnte, das Kind zu finden. Ich weiß, dass es feige war, so lange zu warten, aber ich war zwischendurch verheiratet und wollte meine Ehe nicht durch eine alte Geschichte gefährden. Da meine Ehe aber sowieso kaputtgegangen ist, will ich jetzt versuchen, mein Kind zu finden, falls es noch lebt. Vielleicht will ich damit etwas wiedergutmachen, aber ich möchte wissen, was aus dem Kind geworden ist. In dem Heim hat man mir keine Auskunft gegeben, und inzwischen habe ich erfahren, dass der Tod der Frau nie ganz geklärt werden konnte. Erst habe ich dem nicht allzu viel Bedeutung beigemessen, aber gestern ist ein Mann in mein Büro gekommen und hat mir mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass ich die Finger von der Vergangenheit lassen soll. Ansonsten würde er dafür sorgen, dass ich nicht zum stellvertretenden Oberstaatsanwalt ernannt werde. Das würde mich nicht stören, denn ich bin auch mit meinem derzeitigen Posten zufrieden, aber ich fürchte, dass ein Angriff gegen mich Auswirkungen auf den Greyhoundfall haben könnte. Ich will nicht, dass der Scheißkerl davonkommt, weil ich vor 17 Jahren einen Fehler gemacht habe. Aber ich kann die Sache auch nicht auf sich beruhen lassen. Die Begegnung mit dem Mann gestern hat mir gezeigt, dass an der Sache etwas dran sein muss. Sonst hätte man mir doch nicht so offen gedroht.” Johnsson war derselben Meinung. Wozu eine offene Drohung, wenn Logan nicht auf etwas gestoßen war.

„Und jetzt wollen Sie, dass ich für Sie Nachforschungen anstelle, damit Sie nicht mit der Sache in Verbindung gebracht werden können, solange der Greyhoundfall verhandelt wird.” stellte er fest.

„Ja, darum wollte ich Sie bitten. Wenn ich diesen Fall zum Abschluss gebracht habe ist es mir egal, was mit mir passiert. Ich bin bereit, für meine Fehler einzustehen, und wenn sich Margie umgebracht hat, weil ich sie mit dem Kind allein gelassen habe, dann will ich das wissen.” Der Detektiv nickte. „In Ordnung. Ich werde mich mal umhören; kenne da ein paar Typen, die an eine Menge Informationen rankommen. Wenn ich zufällig auf etwas stoßen sollte, geb ich Ihnen Bescheid. Ich brauche aber möglichst genaue Informationen.” „Ich weiß selber nicht viel. Die Frau hieß Margie Graham; ich glaube mich aber zu erinnern, dass sie nach ihrer Scheidung ihren Mädchennamen wieder angenommen hat. Den weiß ich aber nicht, weil ich damals schon keinen Kontakt mehr zu ihr hatte. Sie hat in einer Stadt namens Greasewood gelebt, bevor sie weggegangen ist.

 

 

 

9.10

Green’s Hotel

Greasewood, Kansas

 

Scully war gerade aus der Dusche gekommen und zog sich an, als Mulder an ihre Tür klopfte. Sie schloß rasch ihre Bluse und öffnete die Tür. Ihr Partner sah so übernächtigt aus, dass sie annahm, er habe einen seiner Träume gehabt. Sie bat ihn herein, und er setzte sich aufs Bett, da ihr Stuhl noch mit Kleidern bedeckt war, die sie noch nicht weggeräumt hatte. Scully kämmte sich die Haare und schlüpfte in ihre Schuhe; dann war sie bereit fürs Frühstück. Der kleine Hund, der Mulder ins Zimmer gefolgt war, knabberte an Scullys Mantel, der von der Stuhllehne herabhing. Als Mulder es bemerkte, nahm er den Welpen schnell hoch, damit er nicht noch größeren Schaden anrichten konnte.

„Wir müssen dafür sorgen, dass er etwas zum Anknabbern bekommt, damit er unsere Sachen in Ruhe lässt. Als ich ihn gestern auf dem Schoß hatte, hat er meine Hosen angekaut. Nicht auszudenken, wenn er richtig zugebissen hätte.” Scully musste bei dieser Vorstellung unwillkürlich grinsen. Mulder fand das weniger lustig.

„Ich werde die Tochter des Hotelbesitzers bitten, sich darum zu kümmern, dass der Hund etwas zum Spielen und eine Leine bekommt.” Scully bezweifelte, dass dieser Hund eine Leine brauchen würde, solange Mulder in der Nähe war. Trotzdem hielt sie es für eine gute Idee, dass sich jemand um den Hund kümmerte, solange sie damit beschäftigt waren, Leute zu befragen.

Beim Frühstück besprachen sie, was als Nächstes tun würden. Scully würde sich mit dem Pathologen über den Todesfall im Kinderheim unterhalten, während Mulder nach ehemaligen Schülern suchte, die sich an die Zeit erinnerten, als die Heimkinder in die öffentliche Schule gegangen waren. Dann würden sie sich wieder treffen, um ihre Ergebnisse auszutauschen.

Beim Frühstück machte Mulder den Versuch, die Tochter des Hotelbesitzers für den Hund zu gewinnen. Shelly kam an ihren Tisch, und Mulder fragte, ob sie Lust hätte, eine Leine und ein Spielzeug für den Hund zu kaufen.

„Klar, kann ich machen. Gleich nach der Schule. Aber am Besten nehme ich den Hund dann mit, damit er später keine Angst vor dem Spielzeug hat. Das ist einem Freund meines Vaters mal passiert: Der hat seinem Hund ein Spielzeug gekauft, und am Ende hatte der Hund die totale Panik, wenn er das Teil nur gesehen hat. Ich denke, wenn Sie wollen, können Sie den Hund auch hier lassen. Ich muss nur in der Küche Bescheid sagen, dass sich jemand um ihn kümmert. Ich hätte ja auch gern einen Hund, aber das geht nicht, weil wir hier eine strenge Hygienekontrolle haben. Für ein paar Stunden geht’s aber.” Mulder bedankte sich, und bevor das Mädchen in die Küche gehen konnte, kam ihre Mutter in den Speisesaal. Sie sah sich um und rief halblaut nach ihrer Tochter. „Shelly, kommst du bitte mal? Deputy Major und Deputy Lane sind hier und wollen dich was fragen.” Die Polizisten kamen schon hinter ihr ins Zimmer. Cynthia Major begrüßte die Agenten und wandte sich dann Shelly zu: „Wir müssen dich was fragen. Deine Schulkameradin Kimberly Jackson ist heute nacht verschwunden. Ihr Vater hat uns gesagt, dass du gestern abend noch mit ihr telefoniert hast. Kannst du uns sagen, ob sie da irgendwie anders war als sonst?”

„Ich weiß nicht. Sie ist nicht meine Freundin oder so, darum kenne ich sie nicht so genau, dass ich das sagen könnte. Sie war irgendwie aufgeregt, aber ich glaube nicht, dass das etwas mit meinem Anruf zu tun hat.”

„Wenn sie nicht deine Freundin ist, warum hast du sie dann um diese Zeit noch angerufen?” Shelly sah verlegen zu Boden. Das fehlte ihr noch, dass ihre Mutter erfuhr, dass sie über die Gäste geklatscht hatte. Deputy Lane sah das Mädchen auffordernd an.

„Shelly, alles, was wir über den letzten Abend erfahren können, kann sehr wichtig sein, um Kimberlys Verschwinden aufzuklären. Wenn du also etwas weißt, dann musst du es uns sagen.” Das Mädchen schwieg noch immer. Mulder bemerkte den unsicheren Blick, den Shelly ihrer Mutter zuwarf, und schlug vor: „Vielleicht möchtest du lieber mit uns reden, wenn deine Mutter nicht dabei ist? Ich weiß, dass ich früher nie wollte, dass meine Mutter etwas über meine Gespräche mit meinen Freunden erfuhr.” Shelly nickte dankbar, und ihre Mutter verließ den Raum. Sie verstand, dass ihr Kind Geheimnisse vor ihr hatte, aber dass sich Shelly so anstellte, war ihr neu.

Sobald ihre Mutter aus dem Zimmer gegangen war, richteten sich alle Augen auf Shelly. Diese begann zu erzählen: „Ich hab Kim angerufen, um ihr zu erzählen, dass das FBI bei uns abgestiegen ist. Verstehen Sie, ich wollte es nicht rumerzählen oder so, aber irgend jemandem musste ich es einfach sagen. Also hab ich Kimberly angerufen und ihr gesagt, dass Sie hier sind. Das war alles. Oder...Doch, ich hab noch gesagt, dass Sie mit Deputy Major zum Heim rausfahren wollten. Mehr haben wir nicht gesprochen, weil meine Mutter zurückgekommen ist. Wenn sie rauskriegt, dass ich über die Gäste geredet habe, dann krieg ich ziemlichen Ärger.”

„Schon gut, wir müssen es ihr ja nicht unbedingt sagen. Weißt du, warum Kimberly aufgeregt war?”

„Keine Ahnung, ehrlich. Ich hab sie nicht gefragt, und sie hat nichts dazu gesagt. Sie redet sowieso nicht viel, und keiner von uns ist richtig mit ihr befreundet. Sie ist kein Außenseiter, aber sie ist eher still.”

„Es war richtig, dass du uns das gesagt hast. Wir werden dich jetzt in Ruhe lassen, damit du zur Schule kommst.” Die Polizisten wandten sich zum Gehen, und Mulder und Scully folgten ihnen. Sie wollten mit zu Kimberlys Familie fahren, um herauszufinden, ob ihr Verschwinden etwas mit dem Heim zu tun haben könnte. Schließlich war das eine Kleinstadt, in der nicht viele Verbrechen geschahen, und wenn dies ein Verbrechen war, dann konnte es eigentlich kein Zufall sein.

Shelly sah ihnen nach, dann brachte sie wie versprochen den Hund in die Wäschekammer, wo sich eines von den Mädchen um ihn kümmern konnte, und ging zur Schule. Sie würde zu spät kommen, aber die Neuigkeiten, die sie hatte, würden das dreimal aufwiegen.

 

 

 

8.50

Büro des Einsamen Schützen

Washington, D.C.

 

Es war eine lange Nacht gewesen: Nachdem Susie endlich eingeschlafen war, hatten sich Langley, Byers und Frohike auf diversen Sesseln und Matratzen verteilt, um auch etwas Schlaf zu bekommen. Allerdings hatte Susie sie dreimal geweckt. Einmal hatte sie einen Alptraum gehabt, und zweimal musste sie zur Toilette. Byers hatte etwas von zu viel Limonade in Richtung von Langley geknurrt, aber dieser hatte nur mit den Achseln gezuckt. Schließlich hatte das Kind Durst gehabt...

Die drei Männer waren jedenfalls froh gewesen, als Susie endlich ruhig war und sie schlafen ließ.

Als Susie aufwachte, war alles fremd für sie. Sie sah sich nach ihrer Mommy um, und als sie diese nicht finden konnte, fiel ihr wieder ein, was passiert war. Das Mädchen vergrub sich in ihrem Kissen und den diversen Plüsch-Aliens, die sie im Büro gefunden und mit ins Bett genommen hatte, und begann heftig zu weinen. Irgendwann kam ihr der Gedanke an Dana, die so warm und liebevoll gewesen war, und es ging ihr etwas besser, bis ihr einfiel, dass Dana auch nicht da war. Und ihr lustiger Freund auch nicht, der die ganze Zeit so nett gewesen war und der ihr Schokolade zum Frühstück erlaubt hatte, auch wenn Dana dagegen gewesen war. Susie stand auf und sah sich um. Plötzlich erinnerte sie sich: Fox hatte sie mit seinem Freund mitgeschickt. Der hatte sie hierher gebracht und seinen anderen beiden Freunden vorgestellt. Beim Gedanken an die Drei musste sie trotz ihres Kummers lächeln. Sie waren so lustig und nett. Susie ging ins andere Zimmer, das die Männer Büro nannten, obwohl es gar nicht so aussah wie irgend ein Büro, in dem Susie je gewesen war. In dieser Unordnung konnte man doch nicht arbeiten. Das Mädchen schlich zu den schlafenden Gunmen. Sie überlegte, wen sie wecken sollte, um ihm zu erzählen, was sie geträumt hatte. Sie entschied sich für Langley, der immer so lustige Grimassen gemacht hatte. Ganz vorsichtig zog sie an seinen Haaren, um ihn zu wecken.

„Autsch!” Langley fuhr aus dem Schlaf und rieb sich den Kopf. Er wollte schon Frohike mit etwas Unangenehmem drohen, als sein Blick auf Susie fiel.

„Ach, du bist das. Guten Morgen, Sonnenschein. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.” und bist immer noch müde, fügte er in Gedanken hinzu. Susie strahlte ihn an. „Ich hab Hunger. Und ich hab was Tolles geträumt.”

„Super. Dann sollten wir die anderen wecken. Warum sollten die länger schlafen als wir zwei?” Das erwies sich als überflüssig, denn Byers und Frohike hatten schon die Augen geöffnet.

„Hey, Susie, was hältst du von Frühstück? Du musst schließlich groß und stark werden.”

„Groß vielleicht, aber stark ist sie schon.” Langley strich sich über die Kopfhaut, die noch immer schmerzte.

„Macht nichts. Wenn wir sie nicht ordentlich versorgen, dann reißt uns Mulder den Kopf ab. Stell dir mal vor, wie wir dann aussehen.” Susie bog sich vor Lachen. Als Frohike wissen wollte, was sie zum Frühstück gern hätte, brauchte sie nicht lange zu überlegen: „Schokolade.”

„Äh, ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist. Du musst doch etwas Richtiges essen.”

„Fox hat mir auch Schokolade erlaubt.”

„Ja, aber es ist auch seine Sache, wenn Scully ihn dafür killt. Ich möchte mich nicht so gerne mit ihr anlegen, verstehst du?”

„Wieso, sie ist doch ganz lieb.”

„Wenn man in deinem Alter ist, vielleicht. In unserem muss man schon aufpassen, was man sagt, wenn sie in der Nähe ist. Ich glaube nicht, dass sie begeistert ist, wenn wir dich mit Süßigkeiten füttern. Zumindest nicht zum Frühstück.”

„Wie wär’s mit einem Kompromiß?” schlug Langley vor. „Erst wird ordentlich gefrühstückt, und danach gehen wir einkaufen, und du darfst dir etwas aussuchen, was du gerne haben möchtest.”

„Okay.” Susie war einverstanden, und so konnten sie ohne weitere Zwischenfälle frühstücken. Nach dem Frühstück stellte sich das nächste Problem heraus: Sie hatten jede Menge E-Mails zu beantworten, die sich auf die letzte Ausgabe des Einsamen Schützen bezogen. Normalerweise waren sie immer relativ gewissenhaft bei der Beantwortung der „Leserbriefe”, aber heute musste eine rasche Durchsicht genügen. Währenddessen saß Susie auf einem Stuhl und stellte Fragen: „Woher weiß der Computer eure Adresse? Was ist ein UFO? Was ist Area 51? Woher habt Ihr die Plüschfiguren? Wer ist E.T.? Warum wurde dieser Kennedy ermordet?” usw. Susie hatte zu jedem einzelnen Gegenstand im Büro eine Frage, und die meisten davon wollten die drei Gunmen lieber gar nicht beantworten, weil die Antworten nicht für Kinder geeignet waren. Schließlich stellte Susie eine Frage, die ihnen wieder bewusst machte, wie verletzlich dieses Kind eigentlich war: „Wann kommen Dana und Fox und holen mich ab?” Darauf wusste keiner eine Antwort, denn sie brachten es einfach nicht übers Herz, dem Kind zu sagen, dass sie, wenn das hier vorbei war, mit Sicherheit in einem Heim landen würde. Also mussten sie für Ablenkung sorgen, und sie kamen überein, dass einer von ihnen mit Susie zum Einkaufen gehen würde, während die anderen Beiden sich mit der Post und den Vorbereitungen für die neue Ausgabe befassen würden.

„Du darfst dir aussuchen, mit wem du gerne gehen möchtest.” schlug Byers vor und hoffte insgeheim, dass sie sich nicht für ihn entscheiden würde. Er hatte absolut keine Ahnung, wie man mit Kindern umgehen musste. Trotzdem fühlte er eine leichte Enttäuschung, als sich Susie für Langley entschied. Bevor sie aufbrechen konnten, erregte noch eine E-Mail ihre Aufmerksamkeit. „Hey, hier ist Post von Keith Johnsson.” rief Frohike, und Byers erkundigte sich: „Hat er die letzte Ausgabe nicht bekommen und will sich beschweren? Oder hat er sie gelesen und will sich deshalb beschweren?”

„Nein, er hat eine Frage bezüglich eines Kinderheims in Greasewood, Kansas. Er will dort ein Kind einer Frau namens Margie Graham finden und fragt, ob wir etwas über dieses Heim wissen.”

„Ist Mulder nicht in Kansas? Wie hieß noch gleich der Ort, wo er genau ist?” „Greasewood.” Frohike wusste immer, wo sich sein Freund aufhielt, insbesondere, wenn dieser seine Partnerin dabei hatte. „Vielleicht weiß er was über dieses Heim. Wir sollten ihn anrufen, und dann sollten wir den Auftraggeber von Keith herausfinden. Wer weiß, vielleicht hat das was mit Mulders Fall zu tun?” Byers wählte schon Mulders Handynummer, als Susie an seinem Ärmel zupfte. „Darf ich mit Fox reden?” wollte sie wissen.

„Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Du weißt doch, dass dein Aufenthalt hier streng geheim ist, und es kann sein, dass er belauscht wird. Dann wissen die, dass du in Washington bist und können dich wieder jagen.” Er sah den traurigen Blick des Mädchens und fügte hinzu: „Aber wenn du möchtest, kann ich ihn von dir grüßen, ohne dass es jemand außer ihm merkt. Okay?”

„Und Dana auch?”

„Ich sag ihm, er soll sie grüßen. Aber du darfst keinen Mucks machen, während ich telefoniere, in Ordnung?”

„Versprochen.” Susie sah ihn ernst an, und er glaubte ihr. Also rief er Mulder an und erzählte ihm von der Anfrage des Privatdetektivs. Mulder war erfreut über diese Nachricht, konnte sie doch einen Anhaltspunkt bedeuten. Er bat Byers, dranzubleiben und den Auftraggeber des Detektivs zu ermitteln und versprach dafür, ihnen alles mitzuteilen, was er über eine Margie Graham herausfinden würde. Am Ende sagte Byers noch: „Übrigens, deine Freundin war hier. Sie wollte deine Nummer, aber ich hab sie ihr nicht gegeben. Sie hat gesagt, ich soll dich grüßen. Und deine Partnerin auch. Es sei aus zwischen euch, weil Du weggegangen bist, ohne dich zu verabschieden.” Mulder musste einen Moment überlegen, denn er war sich ziemlich sicher, dass er keine Freundin hatte. Dann wurde ihm klar, von wem Byers sprach. „Grüß sie zurück, wenn sie sich wieder meldet, und ich werde mich bei ihr melden, sobald ich wieder Zeit habe.” Damit legte er auf, und Byers lächelte Susie aufmunternd an. „Er lässt dich auch grüßen.”

Nachdem sie nicht mit Mulder hatte sprechen können, war sie so enttäuscht, dass die drei Gunmen beschlossen, alle zusammen mit ihr in den Zoo zu gehen, um sie aufzumuntern. Schließlich konnten sie sie nicht die ganze Zeit hier einsperren, und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand das Kind zufällig erkannte, war verschwindend gering. Die neue Ausgabe würde warten müssen, denn im Moment war es wichtiger, ein kleines Mädchen zu trösten, das alle Menschen, die es liebte, verloren hatte und seine Hoffnung nun auf Leute setzte, die sie zwangsläufig enttäuschen mussten, auch wenn sie das gar nicht wollten.

 

 

 

 

9.30

3rd Road 21

Greasewood, Kansas

 

Das Haus, in dem Kimberlys Familie lebte, war ziemlich groß, und nebenan befand sich das Lebensmittelgeschäft, das Kims Vater betrieb. Gewöhnlich war es um diese Zeit schon geöffnet, aber heute hatte niemand daran gedacht. Es hatte auch niemand die Kunden nach Hause geschickt, die ungeduldig vor der verschlossenen Tür standen und darauf warteten, endlich hereingelassen zu werden. Peg, die Angestellte, die im Laden arbeitete, hatte sich heute vormittag frei genommen, und so war niemand da, um die Kunden zu betreuen. Diese standen also draußen auf der Straße und verfolgten, wie die Polizei und zwei ihnen unbekannte Personen in Zivil vor dem Haus der Jacksons aus ihren Wagen stiegen und im Innern verschwanden.

Mulder und Scully sahen sich aufmerksam im Haus um, als eine Frau in den Flur trat, um sie und die Deputys zu begrüßen. Sie schien geweint zu haben, denn ihre Augen waren gerötet. „Das ist Kims Mutter.” flüsterte Deputy Major den Agenten zu. Die Frau bat sie ins Wohnzimmer, wo Kimberlys Vater in einem Sessel saß. Er sah verzweifelt und besorgt aus. Als sie eintraten, forderte er sie mit einer Geste auf, Platz zu nehmen.

„Ich weiß zwar nicht, was das FBI damit zu tun hat, aber je mehr Leute nach Kim suchen, desto besser.” sagte er, nachdem Mulder sich und seine Partnerin vorgestellt hatte.

„Wir sind wegen einer anderen Sache hier in der Stadt, aber als wir vom Verschwinden Ihrer Tochter gehört haben, wollten wir sehen, ob wir Ihnen helfen können.” entgegnete Scully, und Mulder fragte behutsam: „Es tut mir leid, dass ich Sie das fragen muss, aber könnte es sein, dass Ihre Tochter freiwillig weggelaufen ist?”

„Nein, das ist völlig unmöglich! Kimberly ist ein sehr verantwortungsbewusstes Mädchen, und sie würde niemals irgendwo hin gehen, ohne jemandem Bescheid zu sagen.”

„Hatten Sie in der letzten Zeit Streit, oder war Kimberly irgendwie anders als sonst?”

„Nein, wir hatten keinen Streit, und sie war wie immer. Hören Sie, wenn Sie andeuten wollen, dass meine Tochter weggelaufen ist, dann liegen Sie falsch. Sie würde so etwas nie tun!” Mulder versuchte, den aufgebrachten Mann zu beruhigen: „Verstehen Sie das nicht falsch; wir müssen solche Fragen stellen, um sicher zu gehen, dass wir nicht in eine falsche Richtung ermitteln oder etwas Wichtiges übersehen. Sie glauben gar nicht, wie viele Kinder von Zuhause weglaufen, weil sie sich mit ihren Eltern oder Freunden gestritten haben oder weil sie Ärger in der Schule haben, von dem die Familie keine Ahnung hat. Aber wenn Sie sicher sind, dass das auf Ihre Tochter nicht zutrifft, dann müssen wir nach anderen Ursachen für ihr Verschwinden suchen. Hat sie irgendwelche Freunde, die wir befragen könnten?”

„Nein, ich glaube nicht, dass sie mit jemandem besonders befreundet war. Außer mit einem Mädchen, das durch diese Freundschaft in Schwierigkeiten kommen würde.”

„Ein Mädchen aus dem St. Mary’s Kinderheim?” Mr. Jackson sah Mulder erstaunt an. „Woher wissen Sie das?” „Die Tochter der Hotelbesitzer, die gestern abend mit Kimberly telefoniert hat, hat uns gesagt, sie hätte ihr erzählt, das FBI wolle sich im Kinderheim umsehen. Ich habe einfach nur vermutet, dass Kimberlys Freundin von dort stammt.”

„Ja, es stimmt. Sie heißt Ginny Tomms, und eigentlich dürften die Beiden gar nicht befreundet sein, denn das Heim verbietet Kontakte nach außen. Ich beliefere das Heim mit Lebensmitteln, und als mich Kim auf diesen Touren begleitet hat, haben die beiden Mädchen sich kennen gelernt. Sie haben sich dann wohl heimlich getroffen. So genau wollte ich das nicht wissen, denn ich wollte sie nicht einengen. Wir hatten nichts gegen die Freundschaft der Beiden, denn wir halten die Regeln des Heims für albern. Also haben wir nicht gefragt, und darum musste Kim uns nicht anlügen. Ich habe auch manchmal Botschaften zwischen den Mädchen hin und her geschmuggelt, wenn sie sich nicht treffen konnten, aber das haben sie nicht oft gewollt. Die meiste Zeit haben sie sich getroffen und mich da rausgehalten. Ich hätte den Auftrag des Heimes verlieren können, wenn  die Freundschaft der beiden rausgekommen wäre, aber das war mir nicht wichtig. Wissen Sie, ich bin auf diesen Vertrag nicht angewiesen; also habe ich die Freundschaft meiner Tochter über den Auftrag stellen können...“ Er zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort: „Jetzt, da Sie es sagen: Es kann sein, dass Kim um ihre Freundin besorgt war, als sie gehört hat, dass Sie sich für das Heim interessieren. Wer weiß, ob sie versucht hat, sie zu erreichen.”

„Wir werden das überprüfen. Fällt Ihnen sonst noch etwas im Zusammenhang mit dem Heim ein?”

„Nicht, dass ich wüßte. Doch, Ginny hat mir gestern etwas für Kimberly gegeben. Eine Diskette. Ich hab mir nichts dabei gedacht und sie meiner Tochter gegeben, und das war alles. Sie hat nichts darüber gesagt, und ich hab auch nicht gefragt. Die Diskette müsste sie noch haben, denn ich habe sie nicht wieder gesehen. Sie müsste also noch hier sein, vielleicht in ihrem Zimmer.”

„Ich würde mir das Zimmer Ihrer Tochter gern einmal ansehen; vielleicht finden wir dabei die Diskette.” bat Scully. Mr. Jackson war einverstanden, entschuldigte sich aber, da er den Laden öffnen müsse.

„Wir sind das einzige Lebensmittelgeschäft in dieser Gegend, und eine Menge Leute, vor allem die älteren, die keine Möglichkeit haben, zu den anderen Läden zu kommen, sind auf uns angewiesen. -Wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie bitte mit in den Laden. Und bitte, sagen Sie mir sofort Bescheid, wenn Sie etwas wissen.” Damit verabschiedete er sich, und seine Frau zeigte Scully Kimberlys Zimmer. „Sehen Sie sich ruhig um, ich muss zur Arbeit. Ich arbeite im Kindergarten, und da kann ich nicht einfach so wegbleiben, weil schon zwei Kolleginnen krank sind. Wenn Sie hier fertig sind, schlagen Sie einfach die Tür fest zu, dann kann niemand ins Haus.” Damit ging sie, und Mulder schlug vor, dass die Polizisten versuchen sollten, von Kimberlys Schulkameraden etwas zu erfahren. „Die kennen Sie, deshalb werden sie Ihnen vielleicht eher etwas sagen als uns. Ich werde inzwischen mit Agent Scully dieses Zimmer durchsuchen. Wenn das Verschwinden des Mädchens etwas mit dem Kinderheim zu tun hat, ist das unser Fall, und es könnte sein, dass wir einen Hinweis finden.” Deputy Major war einverstanden, denn sie sah keine Notwendigkeit, sich mit den Agenten über die Zuständigkeiten in diesem Fall zu streiten, solange sie ihre Ergebnisse austauschten. Sie schob ihren Partner aus dem Zimmer und in Richtung Streifenwagen, bevor er eine Diskussion vom Zaun brechen konnte. Sie wusste, dass er es nicht schätzte, wenn man ihm etwas aus der Hand nahm, womit er betraut worden war, aber jetzt war wirklich keine Zeit, um zu streiten; das Mädchen musste gefunden werden, und je mehr Leute an der Suche beteiligt waren, desto besser. Das wusste Mark auch, also hielt er den Mund und folgte Cynthia.

 

Scully und Mulder waren gerade dabei, sich einen ersten Eindruck über Kimberlys Zimmer zu verschaffen, als Mulders Handy klingelte. Er meldete sich und lauschte aufmerksam. Dann antwortete er auf etwas, das der Anrufer gesagt hatte, und legte auf. Er wandte sich an Scully: „Das war Byers. Er hat gesagt, dass sich ein Detektiv, der den Einsamen Schützen bezieht, per E-Mail bei ihnen gemeldet hat, um sich nach einem Kinderheim zu erkundigen. Raten Sie mal, nach welchem.”

„Da brauche ich nicht lange zu raten. Weiß Byers, wer der Auftraggeber ist?” „Er sagt, er wird’s rausfinden. Aber das ist noch nicht alles: Dieser Auftraggeber sucht offenbar ein Kind, das mit seiner Mutter in Greasewood gelebt hat, bis die Mutter gestorben ist. Er vermutet das Kind wahrscheinlich im Kinderheim, kann aber aus irgendeinem Grund keine Informationen darüber bekommen. Byers hat mir den Namen der Frau durchgegeben. Sie hieß Margie Graham. Könnten Sie sich darum kümmern, wenn Sie mit dem Pathologen sprechen?”

„Ich werde ihn fragen, aber ich weiß nicht, ob das viel Sinn hat. Wenn sie vorher nicht gefunden worden ist, dann wird es wahrscheinlich nicht so einfach sein, sie jetzt zu finden, nachdem schon einige Zeit vergangen ist.”

„Versuchen Sie’s trotzdem. Kommen Sie hier allein klar? Ich will mich um das Heim kümmern. Es scheint, als ob alle Spuren dorthin führen, und es wird Zeit, dass ich jemanden finde, der Antworten hat. Ich will versuchen, in der Schule jemanden aufzutreiben, der sich an das Projekt mit dem gemeinsamen Unterricht erinnert.”

„Okay, gehen Sie ruhig, ich komme hier allein zurecht. Vielleicht finde ich ja einen Hinweis auf das Verschwinden des Mädchens.”

„Achten Sie auf alles, was mit dem Heim zu tun haben könnte. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass es da einen Zusammenhang geben muss.” Bevor sie ihn davor warnen konnte, sich in etwas zu verrennen, war Mulder schon zur Tür hinaus, und sie war allein in dem Zimmer des verschwundenen Mädchens.

 

Scully sah sich frustriert um. Sie hatte das ganze Zimmer durchsucht, ohne auch nur einen einzigen brauchbaren Hinweis zu finden. Das einzige, was sie mit Sicherheit sagen konnte war, dass hier kein Kampf stattgefunden hatte. Entweder war das Mädchen unter einem Vorwand nach draußen gelockt und dort entführt worden, oder sie war tatsächlich freiwillig weggegangen, ohne ihren Eltern etwas davon zu sagen. Scully setzte sich an den Schreibtisch und starrte auf den Computer. Irgend etwas musste sie übersehen haben. Im ganzen Zimmer befand sich keine einzige Diskette, was Scully ziemlich seltsam vorkam, da Kimberly offenbar gern am Computer gearbeitet hatte. Jedenfalls hingen an den Wänden und an einer Pinnwand aus Kork viele computergeschriebene Ausdrucke, und über dem Fenster war eine ganze Galerie von Porträts, die das Mädchen offensichtlich ausgedruckt hatte. Sie alle zeigten Figuren aus einer Science Fiction-Serie, die sogar Scully vertraut war: Star Trek, The Next Generation. Wenn Kimberly so viel am Computer gesessen hatte, mussten doch irgendwo Disketten herumliegen. Es sei denn, sie hatte alles auf der Festplatte gespeichert. Dann war es Zeit, sich diese einmal genauer anzusehen. Scully startete den Computer und suchte in den Dateien nach etwas, das sie gebrauchen konnte. Die meisten Sachen, die sie fand waren Schulaufgaben, Projekte, die nach der Schule angeboten wurden, und private Dateien über Kimberlys offensichtliches Hobby: Außerirdische in allen Variationen. Mulder müsste sich mit diesem Mädchen sehr gut verstehen, dachte sie, als sie die Dateien überflog. Wenn alles unter so seltsamen Namen gespeichert war wie die ersten Dateien, die sie aufrief, konnte die Suche Stunden dauern.

 

Mulder war unterdessen in der örtlichen High School angekommen, wo er versuchte, vom Rektor Informationen über das Kinderheim zu bekommen. Unglücklicherweise wusste dieser gar nichts über das damalige Projekt, weil er zu der Zeit noch nicht hier gearbeitet hatte.

„Das ist schließlich schon über zehn Jahre her, und die meisten unserer Lehrkräfte waren damals auch noch nicht hier. Die Schule ist erst vor neun Jahren in private Trägerschaft übergeben worden, und dabei wurden die meisten Lehrer ersetzt, also werden Sie hier kaum noch jemanden aus der Zeit finden. Aber Sie sollten Mrs. Webber fragen, die ist inzwischen pensioniert worden, und sie müsste zu der Zeit noch hier unterrichtet haben. Warten Sie, ich suche Ihnen ihre Adresse heraus.” Mulder bedankte sich, nahm die Adresse entgegen, ließ sich von der Sekretärin des Rektors eine Wegbeschreibung geben und ging dann, um mit Mrs. Webber zu sprechen.

 

Scully hatte schon seit über einer Stunde an Kimberlys Computer gesessen, als sie endlich fündig wurde. Sie stieß auf eine Datei, die den einfachen Namen „Ginny” trug. Scully erinnerte sich, dass Mr. Jackson gesagt hatte, das sei der Name von Kimberlys Freundin aus dem Kinderheim und schenkte dem Verzeichnis ihre besondere Aufmerksamkeit. Als sie es öffnete, erschienen Daten auf dem Bildschirm, die ihr vertraut waren. Es handelte sich um medizinische Eintragungen. Scully schaute sie konzentriert an und versuchte, einen Sinn in das zu bringen, was sie sah. Das, was vor ihr auf dem Bildschirm zu sehen war, schien nicht zusammenzupassen. Es war absolut unmöglich. Sie musste sich einfach irren. Scully schaltete den Drucker an und begann, die Liste auszudrucken, um sie besser studieren zu können. Als sie das erste Blatt aus dem Drucker nahm, stutzte sie. Das konnte doch nicht wahr sein. Allmählich war sie geneigt, an Mulders Theorien das Heim betreffend zu glauben. Auf der ersten Seite einer Tabelle war der Name der Person eingetragen, über die die Tabelle angelegt worden war. Er lautete Margie Graham.

 

 

 

11.00

Haus von Mrs. Webber

Greasewood, Kansas

 

Mrs Webber war eine freundliche alte Dame, die Mulder an seine eigene Grundschullehrerin erinnerte. Jeder hatte Respekt vor ihr gehabt und alles tun wollen, damit sie zufrieden war, aber gleichzeitig hatte man mit allen Problemen zu ihr kommen können. Mulder erinnerte sich noch genau an ihren Vortrag zum Thema „Erste Liebe”, den sie ihm und seinen Freunden einmal gehalten hatte, nachdem sie ein Mädchen damit aufgezogen hatten, dass es einem Jungen bei den Hausaufgaben geholfen hatte. Damals hatte er gelernt, niemanden wegen seiner Gefühle zu quälen - außer sich selber.

Die ehemalige Lehrerin bat den Agenten freundlich herein. Sie schien sich wirklich über seinen Besuch zu freuen, was selten vorkam, wenn man wie Mulder fürs FBI arbeitete.

„Ich freue mich immer, wenn sich jemand an mich erinnert. Seit mein Sohn weggezogen ist, bekomme ich viel zu wenig Besuch. Ich würde ja selbst die Leute besuchen, aber erstens bin ich nicht mehr so mobil wie früher, und zweitens wüßte ich kaum, wen ich besuchen sollte. Wer will sich schon mit einer alten, verrückten Frau abgeben.” Mulder schwieg höflich, denn er wusste nicht, ob sie ein Kompliment seinerseits zu schätzen wissen würde. Mrs. Webber schien sein Unbehagen zu spüren und lachte.

„So ist es richtig: Sagen Sie bloß nicht, dass ich nicht recht habe. Ich würde Ihnen sowieso nicht glauben. Aber bitte, setzen Sie sich doch.” Sie deutete auf eine Couch, auf deren Kissen eine riesige schwarze Katze thronte, die Mulder wütend anfauchte, sobald er sich ihr näherte.

„Machen Sie sich nichts draus“ beruhigte ihn Mrs. Webber. „das tut sie bei jedem. Sie können sich aber ruhig trotzdem setzen. Sie tut immer nur so furchterregend, aber sie würde niemals jemanden verletzen. Es sei denn, es handelt sich um einen Hund. Die kann sie nicht leiden.” Vorsichtig ging der Agent zur Couch und setzte sich. Mrs. Webber schien recht zu haben: Die Katze ignorierte ihn und rollte sich wieder auf dem Kissen zusammen.

„Was kann ich für Sie tun? Da sie kein ehemaliger Schüler von mir sind, kann ich mir nicht vorstellen, was Sie hierher führt.” Mulder stellte sich noch einmal vor, da er nicht sicher war, ob sie beim erstenmal mitbekommen hatte, dass er vom FBI war. Sie schien es nicht seltsam zu finden, dass ein FBI-Agent sie besuchte, sondern stand auf und bot an, ihm einen Tee zu machen.

„Aber nur, wenn es Ihnen wirklich keine Umstände macht.” Mulder überlegte, dass es möglicherweise leichter sein würde, mit ihr zu reden, wenn sie sich sicher und wohl fühlte, und das schloß bei den meisten älteren Frauen, die er kannte, eine Bewirtung des Gastes mit ein. Also würde er Tee trinken, auch wenn es ihm schwer fallen würde. Aber wer hatte gesagt, dass der Job beim FBI leicht sein sollte?

Mrs. Webber kam zurück und brachte ein Tablett mit Tee und Kuchen mit, ganz so, als habe sie mit Besuch  gerechnet. Als habe sie seine Gedanken gelesen, erklärte sie, als sie die Tassen auf den Tisch stellte: „Ich backe einmal in der Woche, und das war gestern. Sie haben heute wohl Ihren Glückstag.” Mulder schaute in seine Teetasse und fragte sich, ob dies wirklich sein Glückstag war. Nachdem sich auch Mrs. Webber wieder gesetzt hatte, begann er endlich mit seinen Fragen, wobei er es vermied, mehr als einen Höflichkeitsschluck aus der Tasse in seiner Hand zu nehmen. „Mrs. Webber, der Rektor der High School hat mir gesagt, Sie seien eine der wenigen Personen, die schon zu der Zeit an der Schule unterrichtet hat, als die Kinder aus dem St. Mary’s Kinderheim dort versuchsweise zusammen mit den Kindern der Stadtbewohner unterrichtet wurden. Können Sie sich noch daran erinnern?” Die Frage schien die Frau zu überraschen. Gleichzeitig schien sie leicht verärgert.

„Was wollen Sie denn von den armen Kindern? Können Sie sie nicht einfach in Ruhe lassen? Als ob es nach all der Zeit überhaupt noch einen Zweck hätte, die Vergangenheit ändern zu wollen.”

„Ich will die Vergangenheit nicht ändern, und ich will den Kindern nichts tun.” beruhigte Mulder sie, erstaunt über ihren Ausbruch. „Meine Partnerin und ich ermitteln in einem Fall von versuchter Kindesentführung, und eine Spur hat uns zum Kinderheim geführt. Wir müssen einfach mehr erfahren, um den Fall lösen und ein kleines Kind schützen zu können.“ Mrs. Webber wurde sofort wieder freundlicher. „Es tut mir leid, dass ich so unhöflich war. Es ist nur so, dass ich es satt habe, dauernd meine Sorge um die Heimkinder verteidigen zu müssen. Wissen Sie, als dieser Versuch gestartet wurde, ging es darum, die Heimkinder in die normale Welt zu integrieren, um die Leute ruhig zu halten. Es wurde einfach zu viel über das Heim geredet, und ich nehme an, man wollte das Gerede beenden, indem man den Leuten zeigte, dass die Kinder ganz normal waren. Das ist gescheitert, weil der Elternrat von Anfang an dagegen war und die anderen Eltern aufgehetzt hat. Dass das Projekt trotzdem zustande kam, verdanken wir der Schulbehörde, die es gerichtlich durchgesetzt hat. Vielleicht war es ein Fehler, es mit Gewalt zu erzwingen, aber es war sowieso zum Scheitern verurteilt, weil sich die vielen Vorurteile nicht so einfach ausräumen ließen. Und das Schlimmste war, dass man nicht beweisen konnte, dass die Kinder wie alle anderen auch waren, denn sie waren nicht so wie die anderen.” Mulder horchte auf. Als sie nicht weiter sprach, hakte er nach: „Was meinen Sie damit, dass die Kinder nicht wie die anderen waren?”

„Ganz einfach, sie waren anders. Erstens waren sie nicht an das Leben außerhalb des Heims gewöhnt, so dass es immer wieder zu Missverständnissen kam. Ich erinnere mich, wie oft sie einfach nicht in den Speisesaal gehen wollten, weil ihnen die Menge der Schüler und deren Lärm unheimlich waren. Oder sie weigerten sich, zur Toilette zu gehen, weil sie nicht die ausdrückliche Erlaubnis dazu hatten, wie es offenbar im Heim üblich war. Es war nicht immer leicht, vor allem weil sich die anderen Schüler keine Mühe geben wollten. Den meisten war von ihren Eltern der Umgang mit den Heimkindern verboten worden, und das führte natürlich dazu, dass die Außenseiter noch mehr an den Rand gedrängt wurden. Viele waren auch wütend, wenn die Heimkinder etwas besser konnten als sie selber. Es verging kein Tag, an dem es nicht zu einer Schlägerei kam oder zumindest ein Heimkind gedemütigt wurde. Also gab die Schulbehörde irgendwann auf und beendete den Versuch. Es kann auch sein, dass das Heim die Kinder zurückgeholt hat. So genau wurden wir nicht informiert. Eines Tages waren die Kinder weg, und das war alles, was wir zu wissen bekamen. Danach ging der Unterrichtsbetrieb weiter, als sei nichts gewesen.”

„Und was war der zweite Grund, warum die Kinder anders waren?” erkundigte sich Mulder. „Sie sprachen von mindestens zwei Gründen.” Die ehemalige Lehrerin lächelte. „Sie sind ein guter Beobachter, Mr. Mulder. Ja, es gab noch einen Grund. Wenn ich Ihnen den nenne, dann werden Sie mir nicht glauben.” Mulder erwiderte ihr Lächeln. „Lassen Sie’s drauf ankommen. Sie wissen gar nicht, was ich alles glaube.” Mehr, als den meisten Leuten lieb ist, fügte er in Gedanken hinzu.

„In Ordnung, aber ich warne Sie. Die meisten Leute waren der irrigen Meinung, im Kinderheim seien schwer erziehbare Kinder oder soziale Härtefälle untergebracht. Das stimmte nicht. Es waren Kinder, deren Eltern gestorben waren. Aber sie unterschieden sich doch in einer Sache von den anderen Schülern: Die meisten von ihnen waren besonders intelligent. Sie waren viel weiter, als es Kinder in dem Alter gewöhnlich sind. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche; schließlich war ich mein ganzes Leben lang Lehrerin. Diese Kinder waren nicht nur intellektuell ihren Altersgenossen voraus, sie waren auch wesentlich reifer, irgendwie erwachsener. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das Erin hieß. Sie war auch aus dem Heim, und ich hatte sie in meinem Englischkurs. Wenn wir über Literatur geredet haben, dann war sie nie so albern wie der Rest der Klasse. Sie schien sehr viel weiter zu sein als die anderen, und sie interessierte sich wirklich für die Sachen, die sie las. Oft habe ich nach Schulschluß mit ihr über etwas gesprochen, das sie gelesen hatte. Sie kannte so viele Bücher, die für ihr Alter eigentlich viel zu schwer waren, aber ich hatte immer den Eindruck, dass sie sie verstanden hat. Ich habe ähnliches von meinen Kollegen gehört. Es ist nie vorgekommen, dass ein Schüler aus dem Heim beim vorgeschriebenen Aufklärungsunterricht gekichert oder eine alberne Bemerkung gemacht hat. Es war manchmal richtig unheimlich. Verstehen Sie, als ob man Erwachsene in den Körpern von Kindern vor sich hätte.”

Mulder schwieg nachdenklich. Was er soeben gehört hatte, bestärkte ihn noch in seiner Annahme, dass mit dem Heim etwas nicht stimmen konnte.

„Haben Sie nach Ende des Projekts noch etwas von den Kindern gehört?” erkundigte er sich schließlich. Mrs. Webber schüttelte langsam den Kopf. „Nein, wir haben nichts anderes gehört als die Gerüchte, die in der Stadt umgingen. Aber darauf habe ich nie etwas gegeben. Mir taten die Kinder leid, besonders, da ich Erin besser gekannt habe. Sie waren nichts weiter als unglückliche junge Menschen, die ohne Eltern aufwachsen mussten. Sie müssen inzwischen doch längst erwachsen sein. Warum fragen Sie sie nicht selbst, wenn Sie etwas über das Kinderheim wissen wollen?”

„Das würde ich ja gern. Leider wissen wir nicht, wo wir sie finden können. Es gibt scheinbar keinen Kontakt mehr zwischen ihnen und dem Heim. Und bevor wir nicht die Unterlagen der Kinder haben, können wir nichts tun, um sie zu finden. Wir wissen nicht einmal ihre Namen. Sie sehen, eine Suche wäre aussichtslos.”

„Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen. Es gibt in den Akten der Schule Unterlagen über die ehemaligen Schüler, und ich bin sicher, dass das auch für die Kinder aus dem Heim gilt. Wenn Sie wollen, kann ich mich erkundigen. Und einen Namen kann ich Ihnen sofort nennen: Erin Jacobs. Ich werde mich immer an dieses Mädchen erinnern, das können Sie mir glauben. Sie war so traurig, als sie erfuhr, dass sie nicht bleiben durfte. Ich habe ihr zum Abschied ein Buch geschenkt. Niemals werde ich ihre Augen vergessen, als wir uns verabschiedet haben. Sie schien wirklich verzweifelt zu sein. Dabei hatte sie im Heim ihre Freunde und war nicht unglücklich, soweit ich das mitbekommen habe. Aber ich kann sie trotzdem verstehen. Nach dem Scheitern des Projekts hat sich das Heim vollkommen abgeschottet. So weit ich weiß, ist den Kindern heute jeder Kontakt nach außen verboten. Ich finde, das ist...” Das Klingeln von Mulders Handy unterbrach sie. Er entschuldigte sich und nahm den Anruf entgegen. Es war Scully. „Mulder, ich bin’s. Ich habe hier etwas entdeckt, das Sie interessieren dürfte: Die Diskette, von der Kimberlys Vater gesprochen hat, ist nirgends zu finden. Aber ich habe auf ihrer Computerfestplatte eine Datei mit dem Namen „Ginny” gefunden. Und diese Datei enthält medizinische Daten, über deren Bedeutung ich mir noch nicht ganz schlüssig bin. Aber der Name der Person, zu der diese Daten gehören, sollte Ihnen bekannt vorkommen. Er lautet Margie Graham.”

„Was? Sind Sie sicher?”

„So sicher, wie man sein kann, wenn man etwas schwarz auf weiß vor sich sieht. Die Frau, über die diese Datei angelegt worden ist, heißt Margie Graham. Und die Tabellen, die ich hier habe, sind über 15 Jahre alt. Was sie genau betreffen, weiß ich noch nicht, aber ich bin sicher, dass diese Daten nicht in den Besitz eines Mädchens gehören, das selbst gerade so alt ist wie die Daten. Wir können also davon ausgehen, dass es sich bei ihnen um eine Kopie der Daten handelt, die auf der Diskette waren.”

„Dann sollten wir uns mal mit Ginny unterhalten. Wenn diese Daten der Grund für Kimberlys Entführung sind, dann ist Ginny Tomms auch in Gefahr.” Mulder sprach leise, damit Mrs. Webber nicht allzu viel von der Unterhaltung mitbekam.

„Okay. Ich werde die Daten sichern und dann zu meinem Treffen mit dem Gerichtsmediziner gehen. Können wir uns dort treffen, wenn Sie fertig sind?” „Ja. Ich komme hin. Bis dann.”

„Wir sehen uns dort.” Scully legte auf, und Mulder wandte sich an Mrs. Webber: „Das war meine Partnerin. Sie hat neue Informationen. Ich fürchte, ich muss so schnell wie möglich los.”

„Ich konnte nicht umhin, Ihr Gespräch teilweise mit anzuhören. Dafür entschuldige ich mich. Aber Sie haben von einem Mädchen mit dem Namen Tomms gesprochen. Das kam mir bekannt vor.”

„Sie kennen Ginny Tomms?”

„Nein. Ich kannte eine Frau namens Margret Tomms. Ist sie mit Ginny verwandt?”

„Margret Tomms? Woher kennen Sie sie?”

„Sie war mal meine Schülerin. Ein  wirklich intelligentes Mädchen. Der einzige Fehler, den ich sie habe machen sehen war, diesen Mr. Graham zu heiraten. Er war ein ungehobelter, grober Kerl, der eine intelligente Frau wie Margret nicht zu schätzen wusste. Er hat sich vor ihrer Klugheit gefürchtet und versucht, sie mit Gewalt unter der Fuchtel zu halten. Das hat nicht funktioniert, und sie hat sich von ihm getrennt. Dann ist sie fortgegangen, und kurz nachdem sie wiederkam, hat sie sich umgebracht. Eine Schande, das sage ich Ihnen.” Mulder war fasziniert von der Fülle der Informationen, die er von der ehemaligen Lehrerin bekommen hatte. Es schien sogar, dass all diese Neuigkeiten den Tee wert gewesen waren, den er hatte trinken müssen. Er verabschiedete sich so schnell es ihm möglich war, ohne unhöflich zu sein, und fuhr dann zurück in die Stadt, um Scully beim Büro des Pathologen zu treffen. Zumindest hoffte er, dass sie sich im Büro treffen würden, denn eigentlich legte er keinen allzu großen Wert darauf, schon wieder eine Leichenhalle von innen zu sehen. So  gleichgültig Scully diese Umgebung sein mochte, ihm verursachte sie Beklemmungen, denn er konnte nicht umhin sich vorzustellen, er selbst läge auf so einem Tisch und ein Arzt schnitte seine sterblichen Überreste auseinander. Kein besonders erfreulicher Gedanke...

 

 

 

 

 

 

12.00

Leichenhalle

Greasewood, Kansas

 

Als Scully die Leichenhalle betrat, um nach dem örtlichen Pathologen zu suchen, war gerade Mittagspause. Alle Angestellten schienen beim Lunch zu sein, also konnte sie sich nirgendwo anmelden und war gezwungen, einfach hinein zu gehen. Sie hoffte, den Pathologen überhaupt anzutreffen; schließlich konnte sie nicht erwarten, dass jeder seine Pausen ignorierte, wie sie und Mulder das zu tun pflegten. Scully hatte Glück: Der Pathologe arbeitete tatsächlich durch. Er führte gerade an der Leiche eines jungen Mannes einen Y-Schnitt durch, als er Scullys Schritte hörte und aufsah. Er strahlte sie an, als er sich vorstellte: „Hi, ich bin Warren Carlyle, ich bin der Pathologe hier. Und Sie müssen die FBI-Agentin sein, mit der ich telefoniert habe. Kommen Sie, wir gehen in mein Büro. Dieser Ort ist nichts für Leute, die den Umgang mit Leichen nicht gewohnt sind.” Er wollte vorausgehen, aber Scully winkte ab. „Ich bin forensische Pathologin; also bin ich an Tote gewöhnt. Von mir aus können wir uns hier unterhalten. Ich will Sie nicht von der Arbeit abhalten.” Dr. Carlyle strahlte. „Hey, eine Kollegin. Dann können Sie mir sicher sagen, was Sie hiervon halten. Ich wollte sowieso eine zweite Meinung einholen.” Scully warf einen Blick auf die Leiche. „Das sieht mir nach Tod durch Erwürgen aus. Es scheint, als sei er mit bloßen Händen erwürgt worden, nur dass das Muster der Abdrücke auf seiner Haut darauf hindeuten, dass der Täter Gummihandschuhe getragen hat, vielleicht Haushalts - oder Gartenhandschuhe.” „Bingo! Sie sind gut. Mein Vertreter hat für diese Erkenntnis eine halbe Stunde gebraucht, und Sie beten sie mir in fünf Minuten herunter. Sind Sie mit Fällen dieser Art vertraut?” Scully konnte sich des Gefühles nicht erwehren, dass man sie gerade auf die Probe gestellt hatte, antwortete aber trotzdem: „Nicht direkt. Ich arbeite nicht hauptsächlich in der Pathologie. Die meiste Zeit bin ich mit verschiedenen Fällen beschäftigt, und wenn es nötig ist, führe ich Autopsien durch.” Der Pathologe grinste. „Verstehe. Sie gehen gern auf Nummer sicher, wenn Sie was brauchen. Geht mir genauso. In meiner Leichenhalle soll mir keiner nachsagen, dass ich unordentlich gearbeitet habe, darum mache ich fast alles selber.” Scully nickte und kam dann zum Thema, um sich nicht in der Schwatzhaftigkeit ihres Gegenübers zu verlieren. „Ich bin hier, um Ihnen ein paar Fragen bezüglich eines Todesfalles zu stellen, der schon etwas länger zurückliegt.”

„Wenn es nicht mehr als zehn Jahre her ist; da habe ich nämlich hier angefangen. Wie heißt der Tote, und wann war das genau?”

„Ich fürchte, das weiß ich nicht genau. Es handelt sich um den Fall eines Jungen aus dem St. Mary’s Kinderheim. Er soll an einer Krankheit verstorben sein.” Carlyle dachte nach. „Wir hatten in den letzten Jahren nur einen einzigen Fall aus dem Kinderheim. Sie meinen wahrscheinlich den kleinen Sean Chandler. Aber der Junge ist ganz sicher an keiner Krankheit gestorben. Wer immer Ihnen erzählt hat, dass der Junge krank war, der hat ihnen einen gewaltigen Bären aufgebunden.”

„Wieso?” erkundigte sich Scully, als der Mann nicht weitersprach.

„Also, als ich die Autopsie bei diesem Jungen durchgeführt habe, konnte ich keinerlei Anzeichen für eine Krankheit finden. Jedenfalls nicht für eine physische. Über die Psyche kann ich keine Aussagen machen, aber ich würde sagen, dass da etwas ganz und gar nicht gestimmt hat. Der Junge hat sich nämlich umgebracht.”

„Sie meinen, er hat Selbstmord begangen?” Scully konnte es gar nicht fassen. „Wenn Sie es lieber so nennen wollen. Ja, er hat Selbstmord begangen. Ein zwölfjähriger Junge, der sich die Pulsadern aufschneidet und dann zur Sicherheit noch aus dem vierten Stock springt. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Ich habe damals die Polizei eingeschaltet, aber die Ermittlungen sind eingestellt worden. Wegen Mangel an Beweisen. Ich bitte Sie; als ob aufgeschnittene Pulsadern nicht Beweis genug sind, dass etwas nicht stimmt. Wenn Sie mich fragen, dann hat da jemand dran gedreht, der nicht wollte, dass sich die Polizei das Heim genauer ansieht. Aber was kann unsereins schon machen, wenn die Bürokratie sich einmischt? Gar nichts!“ Er unterbrach sich: „Könnten Sie mir mal kurz assistieren? Mein Assistent hat die Grippe, und wenn ich jemanden aus den Büros frage, kriege ich nur wieder Ausreden zu hören.” Scully nahm einen sauberen Kittel vom Haken an der Wand und griff sich ein Paar Latexhandschuhe aus der Box auf dem Tisch. Dann trat sie neben Dr. Carlyle und begann, ihm bei der Autopsie zu helfen. Dabei nutzte sie die Gelegenheit, ihm weitere Fragen zu stellen. „Was haben Sie damals der Polizei gesagt?” „Was ich vermutet habe. Dass der Junge sich selbst umgebracht hat. Ich war mir ziemlich sicher, dass wir Fremdverschulden ausschließen können. Also gab es keine Verdächtigen. Trotzdem hätte ich es für angebracht gehalten, wenn sich mal jemand in dem Heim umgesehen hätte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe keine Vorurteile oder so was, aber wenn ein Kind mit zwölf Jahren schon so verzweifelt ist, dass es sich das Leben nimmt, sollte man sich seine Umgebung doch mal genauer ansehen. Finden Sie nicht auch?” Scully nickte. Sie war froh, einen so redseligen Pathologen vorgefunden zu haben, der über die überraschende Anwesenheit einer Kollegin so erfreut war, dass er wie ein Wasserfall redete. Sie musste das Gespräch nur in die richtige Richtung lenken und konnte sicher sein, alle Informationen zu bekommen, die sie brauchte. Einen Moment arbeiteten sie schweigend, dann erkundigte sich Scully: „Wir sind bei unseren Ermittlungen auf eine Frau namens Margie Graham gestoßen. Sie soll sich auch umgebracht haben. Das kommt mir ein wenig seltsam vor: Zwei Selbstmorde in ein und demselben Fall. Vor allem konnten wir keine Margie Graham in irgendwelchen Akten finden.” Carlyle schüttelte den Kopf. „Das wundert mich nicht. Als sie hier gelandet ist, hieß sie nicht mehr Graham. Sie hatte sich scheiden lassen und ihren Mädchennamen wieder angenommen.” „Wissen Sie zufällig, wie der Mädchenname lautet?”

„Natürlich. Ich habe ihn in den Akten, wenn es Sie beruhigt. Aber ich habe den Namen auch im Kopf.”

„Ich werde in den Akten nachsehen. Ich will ja nicht unhöflich erscheinen, aber in diesem Fall können wir uns keine Irrtümer leisten.” erwiderte Scully ehrlich. Carlyle lächelte. „Sie machen einem nie was vor, was?”

„Gewöhnlich nicht. Nur, wenn es die Arbeit erfordert.”

„Ehrlich bis aufs Blut, und direkt noch dazu. Wie hält es Ihr Partner nur mit Ihnen aus?” Nun war es an Scully, zu lächeln. „Meistens gar nicht. Aber wir arrangieren uns.”

„Alles zum Wohle des FBI, nehme ich an.” Nicht immer, dachte Scully, sagte aber nichts.

„Ich sehe schon, Sie wollen nicht auf Ihre Person eingehen. Macht nichts. Dann werde ich Ihnen etwas über Margie erzählen. Ihr Mädchenname war Tomms, wie Sie gern nachher in den Akten nachlesen können. Aber waschen Sie sich vorher die Hände, sonst kriegt meine Sekretärin Zustände. Sie kann alles ertragen außer Blut. Eigentlich ist sie für die Arbeit hier nicht besonders geeignet, denn sie weigert sich, auch nur einen Fuß über die Schwelle dieses Raumes zu setzen, aber sie ist eine verdammt gute Sekretärin; versteht es, einem die Presse vom Hals zu halten. Jedenfalls, sobald sie Blut zu sehen bekommt, rastet sie aus. Einmal ist sie sogar nach einem harmlosen Halloweenscherz in Ohnmacht gefallen. Einer meiner Mitarbeiter hat ihr eine Gummihand auf den Schreibtisch gelegt, und die Arme hat sie für echt gehalten und ist bewusstlos geworden; wir mussten sie wiederbeleben. Danach war sie drauf und dran zu kündigen, aber nachdem der Mann sich entschuldigt hatte, konnten wir ihr das wieder ausreden. Also, bitte keine Blutflecken auf der Akte.” Scully begann zu erkennen, dass Dr. Carlyle eine seltsame Art von Humor hatte, die vielen seiner Kollegen eigen war. Insgeheim war sie froh, dass sie nicht den ganzen Tag mit Toten zu tun hatte. Obwohl die Lebenden, mit denen sie es oft zu tun hatte, auch alles andere als angenehme Zeitgenossen waren. Sie seufzte und schob den Gedanken beiseite, um sich nur noch auf diesen Fall zu konzentrieren. Der Arzt schien ihre Reaktion als aufkommende Ungeduld zu missdeuten, denn er wurde wieder ernst: „Aber zu Ihrer Skepsis, dass es in einem Fall gleich zwei Selbstmorde gegeben haben soll: Ich bin nicht sicher, dass sich Mrs. Tomms umgebracht hat. Wir konnten es nie beweisen, aber ich glaube bis heute, dass es Mord war. Fragen Sie mich nicht warum; es ist einfach ein Gefühl.” Scully seufzte innerlich. Sie bekam es so oft mit dieser Art von Gefühl zu tun, dass sie davon langsam aber sicher genug hatte. Es reichte ihr schon, wenn Mulder dauernd „nur so ein Gefühl” hatte. Ihm konnte sie das ja noch abnehmen, da er gelegentlich recht damit hatte, - na gut, ein wenig öfter als gelegentlich - aber es war eindeutig zu viel verlangt, dass sie den Gefühlen eines Mannes traute, den sie erstens gerade erst kennen gelernt hatte und der ihr zweitens ein - gelinde gesagt - komischer Kauz zu sein schien. Also erkundigte sie sich in einem Tonfall, den Mulder ganz richtig als Alarmsignal gedeutet hätte: „Gibt es irgendwelche schlüssigen Beweise für Ihr Gefühl?” Diese Frage, die ihr Partner nur zu gut kannte, brachte Dr. Carlyle ein wenig aus dem Konzept. „Nicht direkt Beweise. Aber bei der Autopsie gab es einige Unklarheiten. Wir konnten nicht genau klären, wie sie es geschafft hat, sich aufzuhängen, ohne dabei auf einen Stuhl zu steigen. Außerdem hatte sie Barbiturate im Blut, aber nicht genug, dass wir annehmen können, sie habe es erst mit Schlafmitteln versucht. Also habe ich mir die Frage gestellt, ob ihr jemand ein Schlafmittel verabreicht und sie dann aufgehängt hat. Aber bei der Polizei wollte mir keiner zuhören. Na gut, ich bin bei ein paar Todesfällen etwas voreilig von Mord ausgegangen, aber das ist noch lange kein Grund, meine Theorien grundsätzlich zu ignorieren! In meinen Augen ist es bis heute unklar, wie Margie Graham gestorben ist: Ob durch Mord oder Selbstmord. Wenn Sie den Fall wieder aufrollen wollen, haben Sie meine volle Unterstützung.” Scully war sich nicht sicher, ob sie Wert auf diese Unterstützung legte, aber sie schwieg. Schließlich wollte sie nicht unhöflich sein.

Ein Geräusch an der Tür ließ die beiden Pathologen von ihrer Arbeit aufsehen. Mulder stand im Türrahmen und versuchte, so wenig wie möglich auf die Leiche zu schauen, an der sie arbeiteten.

„Hey, Scully. Haben wir einen Toten?” erkundigte er sich erstaunt.

„Nein, der hier gehört nicht zu unserem Fall. Ich assistiere nur Dr. Carlyle. Doktor, das ist mein Partner, Agent Mulder.”

„Sehr erfreut. Wollen Sie nicht reinkommen?” Mulder blieb nichts anderes übrig als der Einladung zu folgen, obwohl es ihm ganz und gar nicht gefiel.

„Setzen Sie sich ruhig an den Tisch, wenn Sie nicht zusehen wollen. Sie können gern eins von meinen Sandwiches haben.” bot der Pathologe großzügig an, und Scully fragte sich, ob er das bei Jedem machte, der hier hereinkam.

„Nein danke, ich habe schon gegessen.” Mulder war nicht sonderlich scharf darauf, jetzt über das Thema Essen nachzudenken. Er fragte sich, wie Scully auf die Idee gekommen war, dem Gerichtsmediziner zu assistieren. Sollte sie am Ende doch eine sadistische Neigung haben...?

Jedenfalls schien sie Informationen erhalten zu haben, denn sie sah zufrieden aus wie eine Katze, die gerade den Kanarienvogel gefressen hat. Mulder erging es ähnlich; er brannte darauf, ihr seine Neuigkeiten mitzuteilen. Aber nicht, wenn dieser Witzbold dabei war. Gedankenverloren ließ Mulder seinen Blick über den Schreibtisch wandern. Er fragte sich gerade, wie man in einer Leichenhalle einen Schreibtisch aufstellen konnte, als sein Blick auf etwas fiel, das halb unter ein paar Blättern Papier verborgen war. Er hatte nicht besonders viel Erfahrung in solchen Dingen, aber es handelte sich eindeutig um ein menschliches Ohr. Sogar ein silberner Ohrring steckte noch im Ohrläppchen. Mulder fuhr zurück, als hätte ihn eine Schlange gebissen. Er war ja so einiges gewohnt, wenn er mit Pathologen umging, aber das ging eindeutig zu weit. Ein Ohr auf dem Schreibtisch! Carlyle bemerkte die hastige Bewegung des Agenten und erkundigte sich: „Was ist? Ihnen wird doch nicht etwa schlecht werden?” „Nein. Ich bewundere nur gerade Ihre Dekoration. Sehr originell, das muss ich zugeben.” Dr. Carlyle schien überrascht. „Was meinen Sie?”

„Ich rede von dem Ohr auf Ihrem Schreibtisch.”

„Was? Ein Ohr? Ach so, Sie meinen meinen letzten Scherzartikel. Ich hatte mich schon gefragt, wo das blöde Ding geblieben ist. Gut, dass Sie es gefunden haben.” In diesem Moment wurde Mulder endgültig klar, dass dieser Mann verrückt sein musste. Wer würde schon einen derart makaberen Scherzartikel in einer Leichenhalle deponieren? Pathologenhumor, dachte er bei sich. Nur gut, dass Scully nicht auf solche Witze steht. Das wäre ein schreckliches Arbeiten. Scullys Blick verriet ihm, dass auch sie diesen Mann für leicht extrem hielt. Sie zog ihre Latexhandschuhe aus und warf sie in den Mülleimer, bevor sie sich die Hände wusch. Dann bat sie Dr. Carlyle, ihr und Mulder die benötigten Akten herauszusuchen. „Wir wollen nicht mehr von Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen als unbedingt nötig.” Das war, wie Mulder wusste, die höfliche Version von „Ich habe die Nase voll von Ihnen”. Scully war viel zu höflich, als dass sie so etwas sagen würde. Außer man hieß zufällig Mulder...

Es schien zu funktionieren. Dr. Carlyle fühlte sich nicht vor den Kopf gestoßen; er sah sogar richtig geschmeichelt aus, dass jemand seine Arbeit für so wichtig hielt. Er führte die Beiden nach draußen und bat seine Sekretärin, die aus der Mittagspause zurück war, ihnen die gewünschten Akten zu geben. Dann verabschiedete er sich, wobei er seine Hilfe anbot, sollten die Agenten sie brauchen.

Als sie endlich allein waren, wollten beide gleichzeitig ihre Ergebnisse loswerden. Mulder, immer Gentleman, ließ Scully den Vortritt. Sie begann gleich mit dem, was ihr am Wichtigsten schien: „Margie Graham hieß bei ihrem Tod Tomms. Das war ihr Mädchenname, den sie nach ihrer Scheidung wieder angenommen hat. Unter diesem Namen ist sie auch begraben worden.” Mulder sah sie verblüfft an. „Woher wissen Sie das?” Er schien nicht im Mindesten erstaunt über diese Tatsache zu sein; das einzige, was ihn zu überraschen schien war, dass sie es wusste. „Von Dr. Carlyle. Wussten Sie es etwa schon?” „Ja“, gab er zu. „Mrs. Webber hat es mir gesagt. Sie hat auch erwähnt, dass Mrs. Tomms‘ Mann ziemlich gewalttätig gewesen sei.”

„Das passt zu dem Verdacht von Dr. Carlyle, dass sie sich vielleicht gar nicht umgebracht hat. Er vermutet, dass sie ermordet worden ist, hat aber keine schlüssigen Beweise. Ich nehme an, dass der Mann überprüft worden ist; das gehört in solchen Fällen zur Routine, aber wir sollten trotzdem Deputy Major danach fragen.” Mulder stimmte ihr zu. „Schaden kann es nicht. Höchstens unserem Ansehen in dieser Stadt. Aber das ist sowieso ruiniert, sobald jemand unsere Dienstausweise sieht.”

„Wohl eher, sobald Sie mit Ihren Theorien ankommen. Aber ich habe noch etwas erfahren: Mrs. Evans hat uns angelogen. Der Junge, über dessen Tod wir sie befragt haben, ist nicht an einer Krankheit gestorben. Er hat sich umgebracht; der Befund scheint eindeutig gewesen zu sein. Ich werde zur Sicherheit noch die Fallakte und das Autopsieprotokoll durchgehen, aber Dr. Carlyle hat erzählt, dass die Ermittlungen in diesem Fall auf Anordnung von oben ziemlich schnell eingestellt worden sind. Sie können mich ruhig für verrückt erklären, aber langsam gewinne ich den Eindruck, dass mit diesem Kinderheim etwas nicht stimmt.”

„Willkommen im Club.” Sie sah ihn von der Seite an um zu sehen, ob er sie aufzog, aber sein Gesichtsausdruck war völlig neutral, und seine Stimme hatte herzlich und kein bisschen spöttisch geklungen. Also beschloss sie, seine Worte ernst zu nehmen. „Was haben Sie erfahren?” erkundigte sie sich. Er berichtete ihr, was Mrs. Webber ihm erzählt hatte. „Dafür hat es sich fast gelohnt, den Tee getrunken zu haben.” schloss er. Scully musste lächeln. Sie wusste, wie sehr Mulder es hasste, Tee trinken zu müssen, und sie nahm sich vor, ihn irgendwann einmal dazu einzuladen, damit er einmal sah, wie gut Tee auch sein konnte.

„Und was machen wir jetzt?” wollte sie wissen. „Wir haben zwar Einiges erfahren, aber einen richtigen Anhaltspunkt haben wir trotzdem nicht. Das einzige, was uns weiter bringen könnte, ist die Suche nach dieser Erin Jacobs. Ich werde nachher gleich eine Anfrage rausschicken. Der FBI-Computer hat auch nichts über den Mann ausgespuckt, der uns überfallen hat. Wir stehen also wieder am Anfang, nur mit ein paar mehr Vermutungen als vorher. Aber bevor wir irgendetwas Anderes tun, sollten wir etwas essen. Ich finde, wir sollten ausnahmsweise die uns zustehende Mittagspause machen.” Mulder war  natürlich einverstanden, also fuhren sie zum Hotel zurück, um im dortigen Restaurant zu Mittag zu essen.

 

 

 

13.45

Hotelrestaurant Green’s Hotel

Greasewood, Kansas

 

Mulder und Scully hatten den Welpen wieder in Empfang genommen und ihn in Mulders Zimmer gebracht, bevor sie ins Restaurant gegangen waren. Sie hatten gerade ihre Bestellungen aufgegeben, als Mulders Handy klingelte. Er runzelte die Stirn; gewöhnlich wurde er während eines Falles ausschließlich von Scully angerufen. Als er sich meldete, war er mit dem Mercy Hospital in New York verbunden. „Mr. Mulder? Sie hatten darum gebeten, dass man Sie über jede Veränderung des Zustandes der Patientin Elisabeth Shaw informiert. Es ist eine gravierende Änderung eingetreten. Die Patientin ist aus dem Koma aufgewacht und ansprechbar.” Das war eine gute Nachricht. Vielleicht konnten sie jetzt endlich mehr über Judy Benson erfahren.

„Die Patientin ist in Gefahr; sorgen Sie also in jedem Fall dafür, dass niemand sie ohne Aufsicht besucht. Meine Partnerin oder ich selbst werden zu Ihnen kommen, um die Patientin zu befragen.”

Mulder informierte Scully über den Inhalt des Telefonates und erkundigte sich: „Würden Sie nach New York fliegen und die Befragung übernehmen? Ich möchte hier gern noch einige Nachforschungen anstellen.” Scully war einverstanden und rief sofort beim Flughafen in Wichita an, um einen Flug für den späten Nachmittag zu buchen. Sie erfuhr, dass sie um 18.05 fliegen konnte.

Als das Essen kam, sprachen sie wieder über ihren Fall. Mulder eröffnete Scully, dass Margie Tomms wahrscheinlich mit Ginny Tomms verwandt gewesen war. „Vielleicht war sie ihre Mutter. Dann könnte Ginny die verschwundene Tochter sein, die der Klient von diesem Detektiv finden will.” „Dann fragt sich nur noch, wo der Zusammenhang mit unserem Fall ist.”

„Da muss es nicht unbedingt einen geben.” bremste Scully ihren schon wieder vorpreschenden Partner.

„Und was ist, wenn dieser Dr. Carlyle doch recht gehabt hat und Margie Tomms umgebracht worden ist? Dann hätten wir einen Zusammenhang: Zwei Frauen sind ermordet worden, und beide hatten eine Tochter.”

„Wenn Ginny wirklich Margies Tochter ist. Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Und selbst dann ist der Zusammenhang ziemlich weit hergeholt. Ginny wäre beim Tod ihrer Mutter höchstens ein Jahr alt gewesen, und Susie ist schon fünf.” „Ja, aber beide wurden von ihrer Mutter allein versorgt, und beide sind Mädchen, die nach dem Tod ihrer Mutter niemanden haben, der sich um sie kümmert. Was wäre, wenn jemand ihre Mütter umgebracht hat, damit die Kinder ins St. Mary’s Kinderheim kommen?”

„Das ist doch lächerlich! Warum sollte das Heim auf diese Weise Kinder herbeischaffen? Wer hätte einen Vorteil davon? Es gibt wahrlich genug Waisen, die sie in ihrem Heim aufnehmen könnten, ohne erst ihre Eltern umbringen zu müssen.”

„Wahrscheinlich haben Sie Recht und es geht nicht darum irgendwelche Kinder in das Heim zu schaffen, sondern jemand will genau diese Kinder im Heim wissen. Denken Sie doch mal daran, dass es in der Zeit, in der diese Stiftung sich um das Heim kümmert, keine einzige Adoption gegeben hat.”

„Aber warum sollte jemand bestimmte Kinder in dieses Heim bringen wollen? Außerdem funktioniert das so nicht. Das Gesetz sieht vor, dass Kinder, die zu Waisen geworden sind, in ein Kinderheim in ihrer Nähe gebracht werden. Also wäre Susie nach dem Mord an ihrer Mutter niemals ins St. Mary’s Kinderheim gekommen. Es liegt viel zu weit von New York entfernt, und es ist noch nicht einmal im selben Staat.”

„Aber stellen Sie sich doch einmal vor, niemand hätte Susie gefunden. Dann hätte man Betsy Shaw töten und ihr das Kind wegnehmen können, ohne dass irgendjemand gewusst hätte, wo das Kind ist. Es hätte hierher gebracht werden können, ohne dass man es jemals wieder gefunden hätte. Das Heim schottet sich perfekt von der Außenwelt ab. Wem hätte da die Anwesenheit eines weiteren Kindes auffallen sollen?” Scullys Geduld ging langsam zu Ende. Mulder brachte wieder so haarsträubende Theorien hervor, dass sie gar nicht wusste, an welcher Stelle sie diese zuerst angreifen sollte.

„So funktioniert das Recht der Vereinigten Staaten aber nicht.“, begann sie schließlich. „Ein Kinderheim bekommt staatliche Zuschüsse, und es unterliegt der Kontrolle der Behörden. Es ist vollkommen unmöglich, dort ein Kind zu verstecken. Spätestens bei Durchsicht der Abrechnungen würde so etwas auffallen.” Mulder schwieg. Er wusste, wenn sie in dieser Stimmung war, hatte es keinen Zweck, mit ihr über die Wahrscheinlichkeit einer Theorie zu diskutieren. Er würde warten müssen, bis er Beweise hatte; dann würde sie ihm zuhören und seine Meinung objektiv prüfen.

Nach dem Essen rief Mulder bei seinen drei Freunden an um sie über den Stand der Ermittlung zu unterrichten und im Gegenzug die Ergebnisse der Suche nach dem geheimnisvollen Klienten einzufordern. Frohike war am Telefon. Er verkündete, der Klient des Detektivs sei einverstanden, sich mit den Agenten zu treffen, solange das Treffen vertraulich behandelt würde und eine Chance bestand das Kind, nach dem er suchte, zu finden. Als Mulder versicherte, dass diese Chance geboten sei, gab ihm Frohike die Nummer des Detektivs und wies ihn an, selbst mit ihm zu sprechen. „Und grüß mir deine süße Partnerin.“ sagte er noch, bevor er wieder auflegte. Das war nun wirklich nichts, was Mulder gern tat, aber er würde sie trotzdem grüßen, denn Frohike war immerhin sein Freund. Außerdem wusste Mulder, dass Scully Frohike nicht besonders mochte; von dieser Seite bestand also keine Gefahr.

„Schöne Grüße von Frohike.” richtete er seiner Partnerin aus. Diese verzog das Gesicht. „Wann gibt dieser Kerl nur endlich auf?”

„Vermutlich nie. Er ist nicht der Typ, der etwas aufgibt, was er sich in den Kopf gesetzt hat.”

„Dann soll er sich besser in Acht nehmen. Sonst könnte es sein, dass er Ärger mit mir bekommt.”

„Ach, kommen Sie. So schlimm ist er auch wieder nicht. Er gibt sich Mühe.” Mulder konnte nicht anders; er musste seinen alten Freund verteidigen.

„Das ist es ja gerade, was mir Sorgen macht.” entgegnete Scully.

Sie waren zurück in Mulders Zimmer gegangen, um dem Hundebaby seinen Mittagsspaziergang zu gönnen, bevor Mulder Scully nach Wichita fahren musste, wo sie ihren Flug nach New York antreten würde. Sie hatte vorher mit dem Detektiv telefoniert und sich erkundigt, wo und wann sie seinen Klienten treffen könne. Es hatte sich als glückliche Fügung ergeben, dass der Klient, ein Staatsanwalt, am nächsten Tag in New York zu tun haben würde; also konnte Scully ihn dort treffen, wenn sie ihren Besuch bei Judy Bensons Freundin beendet hatte.

Nachdem Mulder seine Partnerin zum Flughafen gebracht hatte, übergab er den kleinen Hund Shelly, die inzwischen aus der Schule zurück war, und ging in sein Zimmer, um dort eine bestimmte Telefonnummer zu wählen, die er nirgends aufgeschrieben hatte und die er in keinem Telefonverzeichnis der Welt finden würde. Da das Kinderheim noch immer tabu war und Scully die einzige Spur verfolgte, die sie noch hatten, hatte er beschlossen, dass es Zeit für ein paar Antworten war, die er von niemandem außer dem Mann erhalten würde, der ihn auf die erste Spur gebracht hatte. Er wusste, dass der Mann ungehalten sein würde, aber das war ihm egal. Mulder hatte bei ihrem letzten Treffen den Eindruck gewonnen, dass sein Informant auf irgendeine Weise persönlich an dem Fall beteiligt war, und er gedachte diesen kleinen Vorteil auszunutzen.

 

 

 

0.00

Alter Bahnhof

Greasewood, Kansas

 

Mulder wartete schon seit einer halben Stunde auf seinen Informanten. Er wusste, dass der Mann erst kommen würde, wenn er absolut sicher war, dass ihm keine Gefahr drohte. Er hielt sich sehr an die Worte, die sein Vorgänger bei seinem Tod zu Scully gesagt hatte: „Vertrauen Sie niemandem.” Trotzdem hielt Mulder es für übertrieben, dass X ihn so lange warten ließ. Schließlich hatte dieser den Treffpunkt und die Uhrzeit selbst ausgesucht.

Es war leichter als sonst gewesen, X zu einem Treffen zu bewegen, und Mulder war sicherer denn je, dass der Mann selbst in den Fall verwickelt war.

Dieser Ort war wirklich perfekt geeignet, um sich mit jemandem zu treffen, wenn die Zusammenkunft geheim bleiben sollte. Die Schatten, die von den herumstehenden Güterzügen geworfen wurden, konnten einen Menschen mühelos verbergen, und weit und breit schien kein Lebewesen zu sein. Außer einer Eule, die gerade aus einer Luke in einem der verlassenen Gebäude geflogen war und nun lautlos über den einzelnen, wartenden Mann hinweg strich. Mulder dachte an die vielen Male, wenn er sich hatte fortschleichen müssen, weil Scully in ihrem Hotelzimmer neben seinem nicht erfahren durfte, dass er sich mit seinem Informanten traf. Er hatte es oft als Hindernis empfunden, dass sie die Zwischentüren zwischen ihren Zimmern nicht ganz schlossen, wenn es denn welche gab. Einerseits erleichterte es jedem von ihnen, dem Anderen im Notfall zu Hilfe zu kommen, es war auch ein Zeichen ihres gegenseitigen Vertrauens, und er genoss es auch, ihre Präsenz im Nebenzimmer spüren zu können, aber es erschwerte ihm die nächtlichen Treffen mit seinen Informanten erheblich. Dieses Mal war es ganz einfach gewesen: Mulder hatte den Hund eingesperrt und war dann aus dem Zimmer gegangen. Kein Verstecken, kein Schleichen. Fast zu einfach, hatte er gedacht, aber jetzt wurde es langsam Zeit, dass X auftauchte. Je länger Mulder wartete, desto mehr Gedanken kamen ihm in den Sinn: Warum war Judy Benson geflohen, als sie schwanger gewesen war? Er war sich fast sicher, dass Ginny sich das nicht eingebildet hatte. Es musste etwas gegeben haben, vor dem sich Judy gefürchtet hatte, eine Gefahr für ihr ungeborenes Kind, die vom Kinderheim ausging. Und offensichtlich war sie nicht paranoid gewesen, denn schließlich war sie tot; sie war in seinem Apartment ermordet worden, und jemand hatte ihm den Mord in die Schuhe schieben wollen. Das wäre fast gelungen, wenn Scully nicht gewesen wäre, die ihm geglaubt hatte. Und diese Parallelen zwischen Judy Benson - er brachte es immer noch nicht fertig, an sie als Judy Anderson zu denken - und Margie Graham bzw. Tomms. Beide Frauen waren schwanger gewesen, als sie verschwunden waren, und sie beide waren tot, auch wenn es bei Margie nicht sicher war, ob sie nicht von eigener Hand gestorben war. Beide hatten  Töchter, wenn es sich bei Ginny Tomms tatsächlich um Margies Tochter handeln sollte, was Mulder für ziemlich wahrscheinlich hielt. Und beide Töchter hatten niemanden, der sich um sie kümmerte. Susie war allein, genau wie Ginny. Mulder musste an das kleine Mädchen denken, das sich so vertrauensvoll in Scullys Arme gekuschelt und ihn selbst mit seinen großen, blauen Augen angesehen hatte. Es war, als hätten sich diese Augen in sein Innerstes gebrannt. Noch nie war Mulder in einem Fall in diesem Maße persönlich engagiert gewesen, außer wenn es um Samantha ging, noch nie hatte er so viel für eine Zeugin empfunden. Und diese spezielle Zeugin war erst fünf Jahre alt und brauchte seine Hilfe. Mulder war sich bewusst, dass er alles tun würde, um dem Mädchen diese Hilfe zu geben.

Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. Mulder fuhr herum und sah sich seinem Informanten gegenüber, der sich wieder einmal beinahe lautlos an ihn heran geschlichen hatte. Wie immer hielt er sich im Schatten, damit Mulder sein Gesicht nicht richtig sehen konnte, und wie immer fragte er ohne Einleitung: „Was wollen Sie?” Mulder gestattete sich nicht den Luxus eines Überraschungsmoments sondern erwiderte: „Was denken Sie wohl? Ich will Antworten. Der Name der Frau aus meinem Apartment hat mich hierher geführt, nachdem man versucht hat, ihre Tochter zu entführen. Nun haben wir erfahren, dass die Frau in Wahrheit nicht Benson, sondern Anderson hieß. Sie ist vor irgendetwas davongelaufen, und als sie das tat, war sie schwanger. Vor ihr hat schon eine Frau dasselbe getan: Sie ist schwanger geworden, davongelaufen, zurückgekehrt und gestorben. Wir vermuten, dass sie eine Tochter hatte, die nun im St. Mary’s Kinderheim lebt, in dem Heim, in dem Judy Anderson als Sekretärin gearbeitet hat, bevor sie weggelaufen ist. Warum haben Sie mir das Heim und den wahren Namen der Frau verschwiegen?” X lächelte kalt. „Was ich Ihnen sage und was nicht, ist ganz und gar meine Sache. Sie hätten mich nicht herbestellen sollen. Vergessen Sie nicht, dass ich Sie benutze, wenn ich Sie brauche, und nicht umgekehrt.” Mulder schwieg, denn er wusste, dass X noch etwas sagen würde. Er wäre nicht hergekommen, nur um ihm zu sagen, dass er ihm nichts sagen würde. Also wartete er ab. Nach einer Weile fuhr X fort: „Ich weiß nichts über eine andere Frau. Aber dass Judy Benson ihren Namen geändert hat, ist irrelevant. Sie ist weggegangen, weil sie schwanger war. Sie wusste, dass man ihr das Kind wegnehmen würde, wenn sie bliebe. Also ist sie gegangen, um sich und ihr Kind zu schützen.”

„Wovor?” wollte Mulder wissen.

„Vor etwa 20 Jahren hat eine Gruppe von Wissenschaftlern sich zusammengetan, um im Auftrag einer Gruppe innerhalb der Regierung Experimente mit dem Erbgut durchzuführen. Zuerst wurde das mit Pflanzen und Tieren gemacht, dann wollten sich die Wissenschaftler nicht mehr damit zufrieden geben. Sie sahen ihre Erfolge und beschlossen, diese auch an menschlichem Erbgut auszuprobieren. Die Gruppe innerhalb der Regierung war damit einverstanden, denn sie sahen die Möglichkeiten, die damit verbunden waren. Erst gab es eine Reihe von Fehlschlägen; dann wurden die ersten lebensfähigen Embryos mit verändertem Erbgut geschaffen. Diese wollte man nicht zerstören, also brauchte man Leihmütter, denen die Föten eingesetzt werden konnten, und die diese austrugen. Den Frauen wurde erzählt, sie trügen ganz einfach die Babys für andere Paare aus, und sie wurden gut dafür bezahlt. Das Verfahren wurde später dahingehend verändert, dass man mit den Eizellen der beteiligten Frauen und fremdem Sperma eine künstliche Befruchtung vornahm und der später manipulierte Fötus einsetzte. Erst später stellte man fest, was für Auswirkungen die Veränderung im Erbgut auf die späteren Kinder hatten: Sie waren vielfach besonders intelligent und schienen schon sehr früh eine große geistige Reife zu erlangen. Leider traten unverhofft Nebenwirkungen auf, die dazu führten, dass man die Kinder nicht in ein normales Leben integrieren konnte. Manche von ihnen wurden besonders gewalttätig, andere waren unfähig, sich sozialen Strukturen zu unterwerfen. Also beschlossen die Verantwortlichen, die Kinder zusammen an einem Ort unterzubringen, an dem sie betreut werden konnten. Man gründete ein Kinderheim, das genau in die Richtlinien einer bereits existierenden Stiftung passte, und brachte die Kinder dort unter. Zwischendurch wurde der Versuch unternommen, die Kinder in eine öffentliche Schule gehen zu lassen, was aber an den Vorurteilen der Bevölkerung scheiterte. Als Judy Benson im Kinderheim als Sekretärin gearbeitet hat, wurde sie als Leihmutter angeworben. Sie stimmte zu, weil sie Geld brauchte, und ihr Erbgut wurde verändert und mit dem eines ihr unbekannten männlichen Spenders vereinigt. Soweit die Prozedur. Aber Judy Benson fand heraus, was mit ihrem Kind geschehen würde, sobald es geboren war. Sie entwickelte Gefühle für ihr Baby, wie sie es zuvor schon für die Kinder im Heim getan hatte. Also lief sie weg und versteckte sich und ihr Baby. Das gelang ihr, bis das Kind fünf Jahre alt war. Dann hat man sie aufgespürt und umgebracht, um das Kind mitzunehmen. Was die Frau getan hat, war ein großes Risiko. Es hätte sein können, dass das Kind zu sehr verändert war, so dass es ohne die Versorgung, die man ihm im Kinderheim hätte geben können, nicht überlebt hätte. Aber offenbar hat der Versuch bei diesem Kind nicht zufrieden stellend funktioniert, denn es benötigte keine derartige Versorgung. Nun sucht man das Kind und würde alles tun, um es zu finden, denn es ist ein Beweis für die Versuche, die um jeden Preis geheim gehalten werden müssen.” X schwieg. Mulder wurde nur langsam klar, welche Dimensionen das, was er gerade erfahren hatte, wirklich einnahm. Versuche mit menschlichen Föten. Und die Regierung deckte das alles. Und Susie war das Ergebnis eines solchen Versuches. Bevor Mulder etwas sagen konnte, fuhr X fort: „Sie sollten sich die Geburtenklinik in Wallside ansehen. Dort werden künstliche Befruchtungen durchgeführt.” Damit drehte sich der große Schwarze um und verschwand in den Schatten, aus denen er gekommen war, einen vollkommen verstörten Mulder zurücklassend.

 

 

Nacht

Irgendwo

 

Kimberly wachte mit heftigen Kopfschmerzen auf. Es war, als habe jemand mit einem Hammer auf ihren Kopf eingeschlagen. Ihr schien, als müsse sie zerplatzen. Und dazu noch diese Dunkelheit. Kimberly versuchte, sie mit den Augen zu durchdringen, doch das war unmöglich. Es gab nur diese Dunkelheit um sie herum, kein noch so kleiner Lichtschimmer war zu sehen. Kim wollte sich aufrichten, doch ihr Kopf drehte sich zu sehr. Erst dachte sie, sie sei in einem Alptraum gefangen, aber dann fiel ihr wieder ein, was passiert war: Der Alptraum war wahr geworden. Man hatte sie entführt. Kimberly konnte sich nicht denken, warum. Sie hatte doch nichts getan außer ihre Freundin zu suchen. Ihr kam die Unterhaltung, die sie belauscht hatte, wieder in den Sinn. Kinder, die sterben könnten? Eine Karte... Was für eine Karte könnte das sein? Kimberly konnte sich an keine Karte erinnern. Nur an eine Diskette. Aber von der hatte keiner gesprochen. Und es konnte niemand wissen, dass sie diese Diskette hatte. Es sei denn, Ginny hatte etwas ausgeplaudert. Aber das würde sie nie tun, das wusste Kim. Schließlich war es ihr viel zu wichtig, ihren Vater zu finden, und sie hatte zu viel Angst, dass jemand etwas von ihrer Freundschaft erfahren könnte. Ginny würde nichts erzählen, auch wenn man ihr drohte, dessen war sich Kimberly sicher. Aber warum hatte man sie dann entführt, wenn die Diskette nach wie vor sicher in dem Geheimfach hinter der Wand ihres Zimmers steckte, wo sie all ihre Disketten versteckte? Ein neuer Gedanke fuhr ihr in den Sinn: Wenn man sie nicht wegen der Diskette entführt hatte, dann gab es keinen Anhaltspunkt für die Polizei oder ihre Eltern, wo sie nach ihr suchen mussten. Sie würden sie nicht finden. Tiefe Verzweiflung erfasste Kim, als ihr bewusst wurde, dass niemand wusste, wo sie gewesen war. Man würde zu Hause nach Spuren suchen, aber nicht beim Kinderheim. Und wenn das, was sie gehört hatte, stimmte, dann würden sie auch dann keine Spuren dort finden, wenn sie  danach suchen würden. Dieser Gedanke erschreckte sie und nahm ihr den letzten Rest Mut, den sie bis eben gehabt hatte. Sie verbarg den Kopf auf den Armen und weinte.

 

 

 

9.00

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Janet war nicht wenig überrascht, als sie an diesem Morgen zur Arbeit fuhr und Mulder vor dem Tor fand. Sie fragte sich, was das FBI schon wieder hier wollen konnte, vor allem, weil gestern schon die Polizei da gewesen war. Aber sie freute sich, ihn zu sehen, besonders, weil er allein gekommen war. Janet mochte Mulder, denn er war sehr freundlich zu ihr gewesen. Sie stieg aus ihrem Wagen und schloss das Tor auf, als Mulder herankam. Er begrüßte Janet freundlich und erkundigte sich, ob er mit ihr hineinkommen dürfe. „Klar, warum nicht? Sie hätten aber doch auch klingeln können.”

„Nein, ich dachte, dass vielleicht noch niemand wach ist, und da wollte ich nicht stören.” In Wirklichkeit hatte er gehofft, dass Janet ihn hereinlassen würde, denn er hatte schon vor zwei Tagen gemerkt, dass sie ihn mochte und ihm deshalb sehr hilfreich sein konnte. Es gefiel ihm nicht, das auszunutzen, aber in manchen Fällen ging es eben nicht anders. Er fragte Janet: „Wissen Sie zufällig, ob hier gestern etwas Ungewöhnliches passiert ist?”

„Ja; die Polizei war da. Sie wollten mit Ginny sprechen, aber warum, wollten sie nicht sagen. Mrs. Evans hat das nicht besonders gefallen. Sie hat versucht, aus Ginny herauszukriegen, um was es bei der Unterredung ging. Aber ich glaube, dass Ginny es ihr nicht gesagt hat. Deshalb hatte sie gestern den ganzen Tag Bürodienst. Zur Strafe, verstehen Sie?”

„Ja, ich verstehe. Aber ist das nicht ziemlich ungerecht?”

„Finde ich auch. Mir hat sie sehr leid getan. Aber ich habe mich zurückgehalten.”

„Gibt es eine Möglichkeit, wie ich mit Ginny reden kann, ohne dass sie noch mehr Schwierigkeiten bekommt? Es ist wirklich sehr wichtig, aber ich möchte nicht, dass sie wieder bestraft wird.” Janet überlegte einen Moment und erwiderte dann: „Ich denke schon, dass ich das einrichten könnte. Aber Sie können nicht hierbleiben, Mrs. Evans wird in einer halben Stunde hier sein. Am Besten, Sie gehen zum Spielplatz; ich schicke Ginny raus. Sie hat um diese Zeit keine Stunden. Das ist das Gute an Privatunterricht.”

„Vielen Dank.” Mulder lächelte sie an und ging nach draußen. Zehn Minuten später kam Ginny. Sie sah den Agenten scheu an, und Mulder deutete neben sich auf die Bank.

„Hallo, Ginny. Setz Dich.” sagte er freundlich und bedachte das Mädchen mit einem aufmunternden Blick. Sie folgte seiner Aufforderung und nahm neben ihm Platz. Sie hatte noch immer kein Wort gesagt, und Mulder konnte ihr ansehen, dass sie Kummer hatte.

„Du weißt, dass Kimberly verschwunden ist, nicht wahr?” begann er behutsam. Ginny nickte. „Wann hast du das erfahren?”

„Gestern. Als die Polizei hier war. Die haben mich befragt und es mir erzählt.” „Und dann hat Mrs. Evans von dir wissen wollen, was die Polizei dich gefragt hat?”

„Ja. Ich habe es ihr nicht gesagt, und zur Strafe musste ich im Büro arbeiten.” „Deshalb wollte ich dich ja hier treffen: Damit du nicht wieder Ärger bekommst. Kannst du mir sagen, was du über Kimberlys Verschwinden weißt?”

„Das hab ich schon der Polizei gesagt.”

„Ich weiß. Aber ich möchte es noch einmal selber hören. Außerdem glaube ich, dass du der Polizei nicht alles gesagt hast. Kann das sein?”

„Ich habe ihnen alles erzählt, was sie wissen wollten.” Sie konnte Mulder nicht in die Augen sehen, und dieser erkannte den Hinweis, der in ihren Worten lag. „Aber du hast ihnen etwas verschwiegen, wonach sie dich nicht gefragt haben, nicht wahr?” Sie nickte zögernd. Sie hatte es nicht erzählen wollen, weil es ihr blöd vorgekommen war, aber sie spürte irgendwie, dass dieser Mann es nicht blöd finden würde. „Ich hab ihnen von der Diskette erzählt, die ich im Büro gefunden habe. Auch von der Akte über meine Mutter. Aber ich hab nicht gesagt, warum ich im Büro gewesen bin.”

„Würdest du es mir erzählen?”

„Aber Sie müssen versprechen, nicht zu lachen.”

„Versprochen.” Mulder hielt ihr die Hand hin, und sie ergriff sie und drückte sie kurz, als wolle sie Halt finden.

„Okay. Ich wollte meinen Vater finden.”

„Im Büro?”

„Nein, natürlich nicht. Ich habe neulich aus Versehen ein Gespräch zwischen Mrs. Evans und Floyd, das ist ihr Assistent, gehört.” Sie erzählte Mulder von dem Gespräch, ihren Schlussfolgerungen und der Vereinbarung, die sie und Kim getroffen hatten. „Ich will hier nicht bleiben, verstehen Sie? Wenn ich meinen Vater finde, habe ich vielleicht eine Chance, dass er mich hier rausholt, selbst  wenn er mich in ein anderes Heim steckt. Ich will endlich mit anderen Leuten Kontakt haben, ohne mich verstecken zu müssen. Und ich dachte, wenn ich diese Diskette an Kimberly weitergebe, dann findet sie vielleicht etwas, das uns weiterbringt. Aber ich wollte nicht, dass sie deswegen entführt wird.” Ginny brach in Tränen aus. Mulder wusste nicht, was er tun sollte, also legte er ihr etwas hilflos den Arm um die Schultern und reichte ihr ein Taschentuch. Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, fragte er weiter: „Sag mal, du hast doch gesagt, die Diskette stammt aus einer Akte über deine Mutter. Wir haben in Kimberlys Zimmer keine Disketten gefunden, aber auf der Festplatte ihres Computers hat meine Partnerin eine Datei mit Angaben über eine Margie Graham gefunden. Ist das der Name deiner Mutter?”

„Ja. So hieß sie, bevor sie sich hat scheiden lassen. Dann hat sie ihren Mädchennamen wieder angenommen, Tomms.”

„Könnte es nicht sein, dass ihr Ex - Mann dein Vater ist?”

„Nie im Leben. Sie hat ihn doch schon ein Jahr vorher verlassen, bevor ich...na ja, entstanden bin.” Das passte zu den Aussagen der Leute, die sie über Margie befragt hatten. Also ließ Mulder die Antwort unkommentiert und fuhr mit einer anderen Frage fort. Er hasste es, Ginny das anzutun, aber es gab keine andere Möglichkeit. „Ginny, ich weiß, dass dir diese Frage wehtun wird, aber sie hilft mir vielleicht, herauszufinden, was hier passiert ist. Also werde ich sie stellen, und ich möchte, dass du darüber nachdenkst, sie zu beantworten, anstatt wegzulaufen. Okay?” Ginny nickte zögernd. „Wie gut kanntest du Judy Anderson?” Wieder begann Ginny zu weinen, aber diesmal blieb sie sitzen und lief nicht weg. Sie starrte auf ihre Schuhe, bevor sie leise antwortete: „Sie war meine Freundin. Ich war jeden Tag bei ihr im Büro, und sie hat mich malen lassen, hat mir Geschichten erzählt und mir zugehört. Sie hat immer gesagt, ich sei ihr kleines Mädchen. Und sie hat mir alles erzählt, was ich über meine Mutter weiß. Aber dann ist sie gegangen und hat uns alle allein gelassen.”

„Weißt du noch, ob sie sich von dir verabschiedet hat, bevor sie wegging?“ 

„Ja. Sie hat gesagt, sie müsse jetzt ihr eigenes Baby beschützen. Dann hat sie mich ihren Bauch fühlen lassen und hat mir erklärt, dass man bald das Baby strampeln fühlen wird. Sie war sehr traurig und hat gesagt, dass sie mich am Liebsten mitnehmen würde. Ich durfte niemandem erzählen, dass sie weggehen würde. Und dann ist sie nicht mehr zur Arbeit gekommen.” „Hat dich jemand nach ihr gefragt?”

„Mrs. Evans wollte wissen, ob sie uns etwas erzählt hat. Wir haben alle nein gesagt, und sie war sehr wütend. Sie und Floyd haben sich viel gestritten, und sie haben gesagt, dass jemand Judy finden würde, wenn sie nur gründlich suchen.”

„Hat in dieser Zeit irgendjemand gesagt, dass Judy einfach abgehauen ist, oder hat sie korrekt gekündigt?”

„Ich weiß es nicht genau. Ich war ja noch klein, aber wenn ich darüber nachdenke, waren alle so überrascht von ihrem Verschwinden, dass ich nicht glaube, dass sie gekündigt hatte. Aber was hat das alles mit Kims Verschwinden zu tun?”

„Vielleicht gar nichts, vielleicht aber auch eine Menge. Ich weiß es selbst noch nicht genau, aber du hast mir trotzdem sehr geholfen. Es tut mir leid, wenn ich dir mit meinen Fragen wehgetan haben sollte. Aber ich habe die Vermutung, dass es nicht umsonst war. Ich muss jetzt gehen, aber wenn ich Recht habe, werden wir uns bald wiedersehen.” Mulder wollte Ginny nichts von dem Verdacht sagen, dass sie ihren Vater gefunden haben könnten. Schließlich war sie oft genug verletzt und enttäuscht worden, und er wollte sie vor einer neuen Enttäuschung bewahren. Er würde ihr erst davon erzählen, wenn sich herausstellte, dass er recht hatte. Scully würde das gar nicht gefallen, aber Mulder war immer mehr davon überzeugt, dass Judy vor den Menschen geflüchtet war, die ihr das Baby wegnehmen wollten, das das Ergebnis von genetischen Versuchen war. Und Margie war Ginnys Mutter, also war es sehr wahrscheinlich, dass der Klient des Privatdetektivs Ginnys Vater war und dass er sie suchte. Das war in Mulders Augen Grund genug, auch in Ginny ein Versuchsopfer zu sehen. Ihre Mutter war auch geflohen, aber man hatte sie gefunden und umgebracht, um ihr das Kind wegzunehmen. Mulder war es egal, ob sie Beweise dafür finden würden; er war jedenfalls fest davon überzeugt.

 

 

 

 

 

 

 

9.30

Mercy Hospital

New York

 

Scully betrat die Eingangshalle des Krankenhauses und sah sich nach einer Schwester um, die sie nach Betsy Shaws Zimmer fragen konnte. Als sie keine fand, wandte sie sich an die Frau am Empfang, die so aussah, als brauche sie dringend eine Tasse Kaffee. „Guten Morgen. Ich suche Betsy Shaw. Können Sie mir sagen, auf welcher Station sie liegt?” Die Frau sah auf und tippte etwas in ihren Computer ein. Dann sagte sie: „Ms. Shaw liegt noch auf der Intensivstation, und sie darf keinen Besuch empfangen. Sie können nicht zu ihr.” „Ich möchte mit ihrem Arzt sprechen. Würden Sie mir bitte ihre Station sagen?” „Sie liegt auf der Intensivstation von Station 5. Aber gehen Sie auf gar keinen Fall zu ihr rein.”

„Schon gut, ich werde mit ihrem Arzt sprechen.”

Scully fand die richtige Station ohne Probleme; schließlich war sie mit Krankenhäusern von Berufs wegen vertraut. Sie suchte nach dem zuständigen Arzt und fand ihn schließlich im Schwesternzimmer, wo er gerade einen Kaffee trank.

„Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Special Agent Scully vom FBI, und ich muss mit Betsy Shaw sprechen. Man hat mir gesagt, ich solle mich an Sie wenden.”

“Ich bin Dr. Stephens. Es tut mir leid, wir haben die Anweisung, niemanden zu Ms. Shaw zu lassen.”

„Diese Anweisung stammt von meinem Partner. Ich muss Ms. Shaw wegen ihres Unfalls befragen.” Scully zeigte dem Arzt ihren Ausweis, aber er schien noch immer nicht gewillt zu sein, sie zu Betsy zu lassen. „Ms. Shaw hat schwere Verletzungen erlitten, und sie darf sich nicht aufregen.”

„Ich bin selber Ärztin, und ich weiß, wie wichtig Ruhe für die Genesung eines Patienten ist. Trotzdem muss ich mit Ms. Shaw reden. Ich werde sie so wenig wie möglich aufregen, aber ich muss unbedingt mit ihr sprechen.” drängte sie. Dr. Stephens gab sich geschlagen. „Gut, aber machen Sie’s kurz.”

Scully betrat die Intensivstation und sah sich nach Betsys Bett um. Sie lag allein in einem Zimmer und schien zu schlafen. Dieser Eindruck täuschte jedoch, denn sie drehte den Kopf, als Scully eintrat. Sie stellte sich vor: „Ms. Shaw? Ich bin Special Agent Dana Scully vom FBI. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen über Ihren Unfall stellen.” Betsy, eine junge Frau mit schwarzem Haar, das ein blasses Gesicht umrahmte, sah Scully erschrocken an. „Was ist mit Susie?” fragte sie mit schwacher Stimme. Scully versuchte sie zu beruhigen. „Keine Angst, ihr geht es gut. Sie ist in Sicherheit.”

„Judy hat gesagt, dass sie in Gefahr ist. Ich habe ihr nicht geglaubt, und nun bin ich schuld, wenn ihr etwas passiert.”

„Susie wird nichts passieren. Sie ist an einem Ort, wo niemand sie finden kann, und man passt gut auf sie auf. Sie müssen sich keine Sorgen um sie machen.” „Kann ich sie sehen?”

„Das ist im Moment leider nicht möglich. Sie muss bleiben, wo sie ist. Aber ich muss mit Ihnen über Ihren Unfall sprechen.”

„Das war kein Unfall. Ich war mit Susie unterwegs, als das Auto plötzlich ohne Grund auf den Bürgersteig fuhr. Es war so schnell, dass ich nicht ausweichen konnte. Ich bin sicher, dass das Absicht war.” Scully verschwieg ihr, dass Mulder derselben Ansicht war, und fragte weiter: „Können Sie sich an irgend ein besonderes Merkmal des Wagens erinnern? Vielleicht eine Aufschrift oder einen Teil des Kennzeichens?” Betsy schüttelte den Kopf.

„Nein. Wie gesagt, es ging alles so schnell, und ich habe nur an Susie gedacht und ob ihr etwas passiert ist.”

„Ich würde Sie das nicht fragen, wenn es nicht wichtig wäre. Wir haben bisher nicht die geringste Spur von dem flüchtigen Fahrer, und Sie waren unsere einzige Hoffnung, denn es scheint keine Augenzeugen zu geben.”

„Aber... Es waren so viele Leute auf der Straße. Da muss doch irgendjemand etwas gesehen haben.”

„Nein, es scheint, dass niemand etwas gesehen hat. Die meisten Leute, die wir befragt haben, sagen aus, dass sie nichts gesehen haben. Und wir haben sowieso nur drei Augenzeugen.”

„Die Straße war aber doch voll.” protestierte die Frau.

„Ms. Shaw, das ist nicht ungewöhnlich. Es hat selten jemand etwas gesehen, wenn ein Verbrechen geschieht. Ich muss Sie noch etwas Anderes fragen: Was wissen Sie über Judy Benson?” Betsy senkte den Kopf, als müsse sie erst überlegen, bevor sie antwortete.

„Wenn ich es mir richtig überlege, weiß ich eigentlich nicht allzu viel von ihr.” „Agent Mulder hat gesagt, Sie seien ihre beste Freundin gewesen.”

„Es kann sein, dass es den Eindruck gemacht hat. Aber ich habe immer geglaubt, dass ich ihre beste Freundin bin, weil sie meine beste Freundin ist, und man bildet sich gern ein, dass das erwidert wird. Sie hat nie viel von sich erzählt, seit ich sie kenne, aber in den letzten Wochen ist es noch schlimmer geworden. Sie schien richtig paranoid zu sein.”

„Inwiefern?” erkundigte sich Scully.

„Sie wollte nicht mehr öfter als unbedingt nötig aus dem Haus gehen. Früher habe ich sie immer mal dazu überreden können, mit mir ins Kino zu gehen oder in ein Museum; oder wir sind zusammen zum Essen gegangen. Vor einem halben Jahr war sie sogar mit auf unserer Betriebsfeier. Da haben alle gestaunt, wie lustig sie sein kann.”

„War es ungewöhnlich, dass sie an solchen Feiern teilgenommen hat?”

„Ja, denn normalerweise ist sie eher zurückhaltend, und sie will Susie niemandem anvertrauen. Ich weiß auch nicht, woran das liegt, aber sie ist sehr besorgt um die Kleine, zu besorgt, wie ich finde. Susie durfte nur in den betriebseigenen Kindergarten gehen, und wenn ich Judy zum Ausgehen überreden konnte, dann nur, wenn ein ganz bestimmter Babysitter frei war. Als ob Susie nicht bei ihrer Nachbarin genauso gut aufgehoben gewesen wäre. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber sie hat offenbar große Angst, ihre Tochter zu verlieren.”

„Wann ist Judy mit dem Kind hierher gekommen?”

„Das muss schon etwa drei Jahre her sein. Jedenfalls hat sie damals in der Bank angefangen, und wir waren sofort in der gleichen Abteilung. Ich weiß noch, dass sie niemanden an sich herangelassen hat; auch ich hatte meine Schwierigkeiten mit ihr. Einmal ist sie ausgerutscht und hat sich die Hand verstaucht; sie musste sofort zum Arzt. Unser stellvertretender Chef wollte sie hinfahren, und ich hatte angeboten, Susie vom Kindergarten abzuholen. Da hat sie sich so sehr aufgeregt, dass wie gedacht haben, sie hätte einen Schock erlitten. Sie wollte auf keinen Fall, dass ich ihre Tochter abhole, und sie hat darauf bestanden zu warten, bis sie Susie selbst geholt hatte und erst dann  zum Arzt zu fahren. Nach einer Weile schien es, als vertraue sie mir, und dann durfte ich auch in die Nähe ihrer Tochter. Aber sie wollte mich nie lange mit ihr allein lassen. Deshalb war ich auch so erstaunt als sie mich bat, Susie für eine Weile zu mir zu nehmen. Sie war richtig verzweifelt und hat gesagt, dass ich das Kind auf keinen Fall aus den Augen lassen dürfe. Es schien mir, als sei sie wirklich in Not. Ich habe sie gefragt was los sei, und sie hat mir erzählt, dass jemand hinter ihr und dem Mädchen her sei. Ich dachte, es sei ihr Exfreund oder sowas ähnliches. Als sie dann sagte, sie wisse nicht, was sie tun solle, habe ich vorgeschlagen, die Polizei einzuschalten, aber davon wollte sie nichts wissen. Sie hat gesagt, die könne ihr nicht helfen, weil sie ihr kein Wort glauben würden. Niemand dürfe wissen, wo sie sich aufhalte, und sie wollte das allein regeln.”

„Hat sie erwähnt, wie sie „es” regeln wollte oder irgendeine Andeutung gemacht, wer sie bedroht hat?”

„Nein, sie hat nur einmal ihren Patenonkel erwähnt, und es sah für mich so aus, als ob sie ihn um Hilfe bitten wollte. Ich glaube, sie hatte Angst vor ihm, aber sie wollte ihn trotzdem treffen. Er sei mit Dingen beschäftigt, die sie nicht verstehe und die ihr Angst machten, hat sie gesagt, und sie würde ihn nicht gern um Hilfe bitten, aber sie habe keine andere Wahl. Mehr weiß ich nicht. Sie hat Susie zu mir gebracht und ist gegangen, ohne mir zu sagen, wo ich sie im Notfall erreichen könnte. Und deshalb weiß ich nicht, wie ich ihr von dem Unfall und von Susies Verschwinden erzählen soll. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wo ich sie erreichen kann?” Scullys Miene verdüsterte sich. Sie hasste es, die Worte auszusprechen, die, wie sie wusste, Betsy Shaw vollkommen aus der Fassung bringen würden, aber ihr war klar, dass es keinen Zweck hatte zu lügen, da sie es früher oder später sowieso erfahren würde, und es war Scully lieber, sie selbst sagte es ihr, als wenn sie es von einem Polizisten oder zufällig aus den Nachrichten erfuhr.

„Ms. Shaw, es tut mir sehr leid, aber Judy Benson ist tot.” Das ohnehin blasse Gesicht der jungen Frau wurde kreideweiß, und ihre Finger verkrampften sich. Scully beobachtete sie alarmiert, jederzeit bereit, einen Arzt zu Hilfe zu rufen, falls sie einen Schock erlitt. Aber Betsy hielt sich überraschend tapfer, wenn man ihren Zustand bedachte. Sie sah Scully an und schüttelte den Kopf. „Nein, das kann nicht sein. Sind Sie ganz sicher?”

„Leider ja. Wir haben die Leiche anhand der Unterlagen bei ihrem Arbeitsplatz identifiziert. Es handelt sich mit Sicherheit um Judy Benson.” Betsy begann zu weinen. „Wie ist das passiert?”

„Sie wurde in einem Apartment in der Nähe von Washington erschossen. Wir wissen nicht, was sie dort gewollt haben könnte und wer davon gewusst hat.”

„Haben Sie den Täter schon gefasst?”

„Wir sind fast sicher, dass es seine Leiche war, die ein paar Tage später in einem Park gefunden wurde.”

„Aber wer kann so etwas gemacht haben? Sie hat doch niemandem etwas getan. Und was soll jetzt aus Susie werden?” Scully legte ihre Hand auf die Hand der verstörten Frau und drückte sie leicht. „Wir wissen es noch nicht. Fürs Erste muss sie bleiben wo sie ist, damit wir sicher sein können, dass niemand sie findet. Was danach mit ihr passiert, weiß niemand. Sie wird vielleicht in ein Heim kommen.”

„Das werde ich nicht zulassen. Lieber werde ich sie zu mir nehmen.”

„Sie verstehen sicher, dass wir jede noch so kleine Einzelheit wissen müssen, die zur Aufklärung des Falles beitragen kann. Es ist äußerst wichtig, dass wir wissen, was Judy in den letzten Tagen vor ihrer Ermordung getan hat. Wissen Sie, ob sie mit jemandem außer Ihnen über ihr Vorhaben gesprochen hat?”

„Ich kann es Ihnen nicht mit Sicherheit sagen, aber ich glaube nicht. Sie hat mir ja fast nichts erzählt, und ich nehme nicht an, dass sie jemand anderem mehr gesagt hat.”

„Sie selbst wissen nur, dass sie ihren Patenonkel treffen wollte, weil sie sich von ihm Hilfe erhoffte?”

„Sie hatte ihn schon vor ihrer Abreise getroffen, da bin ich sicher, denn sie schien zu wissen, was sie zu tun hatte. Es war, als habe ihr jemand einen Rat gegeben, an wen sie sich wenden sollte. Sie hat sogar gesagt, dass nach ihrer Reise alles in Ordnung kommen würde. Dann sei Susie in Sicherheit, und sie müsse nicht mehr weglaufen. Aber nun ist etwas schrecklich schief gegangen, und sie ist tot.” Schluchzend vergrub Betsy ihr Gesicht in den Kissen. Scully streckte die Hand aus um ihr übers Haar zu streichen, als Dr. Stephens das Krankenzimmer betrat. Er warf einen Blick auf die Anzeigen auf den Überwachungsgeräten und bat Scully, zu gehen. Diese verabschiedete sich mit dem Versprechen an Betsy, dass sie sich bei ihr melden würde, sobald Susie in Sicherheit sei und sie sie sehen könne. Die Frau nickte dankbar, und Scully verließ das Zimmer, tief beunruhigt von dem, was sie soeben gehört hatte. Sie wusste, dass Mulder genauso sehr wie sie darauf brennen würde, mit Judy Bensons geheimnisvollen Patenonkel zu sprechen, auch wenn sie kaum eine Chance sah, ihn mit dem Wenigen, was sie wussten, zu finden.

 

 

 

11.00

Washington, D.C.

 

Susie schrie vor Schreck und Vergnügen, als das Riesenrad den höchsten Punkt erreichte und plötzlich stehen blieb. Sie konnte sich nicht beruhigen und winkte heftig, als könne jemand, der unten am Boden stand, sie sehen und zurückwinken. „Da! Da sind sie! Ich bin ganz sicher.” Byers warf einen Blick nach unten und bereute es sofort. Alles um ihn herum schien sich zu drehen. Er wusste, dass es ein Fehler gewesen war, mit einem begeisterungsfähigen kleinen Mädchen in ein Riesenrad zu steigen, aber als Susie ihn gebeten hatte, hatte er glatt seine Höhenangst vergessen. Das hatte er nun davon. Susie stieß ihn an und rief: „Siehst du sie?”

„Ja.” log er, um sie nicht zu enttäuschen. „Sie werden sicher neidisch sein, dass sie nicht mitgefahren sind.”

„Sie sind selber schuld. Es macht Spaß, oder?”

„Ja, das macht es.” Oder würde es zumindest, wenn wir uns etwas näher beim Boden befänden. Byers atmete erleichtert auf, als sich das Riesenrad endlich weiterdrehte und dem Boden wieder näher kam. „Schade, dass es schon vorbei ist.” Susie schaute ihn groß an. „Ist es doch gar nicht. Das war erst die erste Runde. Jedes Riesenrad fährt ganz viele Runden, wusstest du das etwa nicht?” Nein, sonst wäre ich mit Sicherheit nicht in das Ding eingestiegen.

Susie merkte nicht, wie unwohl er sich fühlte, und sie zappelte auf ihrem Sitz herum. „Dreh doch mal die Gondel. Da, an diesem Rad musst Du drehen!” Es war das Letzte, was er wollte, aber er tat ihr den Gefallen. Susie jauchzte und lachte übers ganze Gesicht.

Als die Fahrt endlich zu Ende war, stieg Byers erleichtert aus der Gondel; Susie war schneller gewesen und rannte auf Langley und Frohike zu, die am Boden auf sie gewartet hatten. Langley nahm sie hoch und drehte sie im Kreis. „Na, Prinzessin, wie war’s?”

„Super! Aber dreh mich nicht so schnell, sonst wird mir schwindlig.”

„Ihr hättet sie oben sehen sollen. Die Königin der Lüfte. Und jetzt wird ihr schwindlig. Das passt auch nicht zusammen.”

„Doch. Wenn ich hoch oben bin, geht’s mir gut.”

„Dir auch, was, Byers?” Dieser zog es vor zu schweigen, und Susie nahm ihn bei der Hand, die andere nach Frohike ausstreckend.

„Gehen wir ein Eis essen, oder wollt ihr erst in die Geisterbahn?” erkundigte sich Langley. „Geisterbahn!” riefen die Anderen im Chor, und so liefen sie zielstrebig auf die andere Seite des Jahrmarktes zu.

Vor der Geisterbahn mussten sie ein paar Minuten warten. Susie war still geworden, und bevor sie in einen der kleinen Wagen stiegen, die mit gruseligen Symbolen bemalt waren, zupfte sie Langley an der Jacke und flüsterte: „Du, die Geister sind doch nicht echt, oder?”

„Nein, natürlich nicht. Und wenn sie es wären, würden wir auf dich aufpassen. Versprochen.”

Das schien das Mädchen zu beruhigen, und so stiegen sie ein, und die Fahrt ging los. Da in den Wagen höchstens drei Personen Platz hatten und Susie darauf bestanden hatte, mit ihnen allen zu fahren, saßen sie ziemlich dicht gedrängt, was dem Mädchen ganz gut zu gefallen schien; die Geisterbahn war doch gruseliger, als sie gedacht hatte. Als der Wagen um eine Ecke bog, stürzte ein grausig aussehendes Monster auf sie zu, und Susie schrie erschrocken auf. „Hey, keine Angst. Der ist doch angebunden.” beruhigte sie Frohike und deutete auf das gruselige Wesen. Tatsächlich schien das Monster an einer Art Kette befestigt zu sein. „Hoffentlich ist die Kette auch schön kurz.” unkte Byers.

„Na klar, oder würdest du einen Zombie an der langen Leine halten?” wollte Frohike wissen.

„Ich würde grundsätzlich keinen Zombie halten, weil da die Haftpflichtversicherung so hoch ist.” brummte Byers.

„Was ist eine Haftversicherung?” wollte Susie wissen und vergaß, dass sie Angst hatte.

Nach der Geisterbahn wollte sie auf den Ponys reiten. Aber als sie an der Reihe war, weigerte sie sich, auf das Pferd zu steigen. „Ich möchte lieber auf das Gefleckte, das sieht viel netter aus. Das Graue ist mir zu groß.” Frohike ging zu dem Mann, der die Kinder auf die Pferde hob und erkundigte sich: „Kann sie auch das Gefleckte haben? Sie hat Angst vor dem Grauen.”

„Wenn’s sein muss.” knurrte der Mann und setzte Susie auf das kleine, gefleckte Pferd. Sie jubelte und strahlte die ganze Zeit, und am Ende wollte sie sich gar nicht von „ihrem” Pferd trennen. Byers und Langley gelang es schließlich, sie mit einem Eis zu ködern, und sie ging mit.

„Warum heißt die Geisterbahn eigentlich Geisterbahn?” kam Susie noch einmal auf den Ort des Schreckens zurück. „Da sind doch nur Zombies und Monster und Vampire und so drin. Ich hab keinen einzigen Geist gesehen.”

„Das ist doch klar. Wenn sie Zombie - oder Vampirbahn hieße, würde doch kein Mensch reingehen. Geister klingt viel harmloser.” erklärte Byers.

„Nee, find ich nicht. Geister klingt auch gruselig.”

„Es muss doch auch gruselig klingen, nur eben nicht zu sehr. Wenn’s nicht gruselig wäre, würden doch auch die Angsthasen reingehen, und wenn dann die gruseligen Biester kommen, machen die sich vor Angst in die Hose.”

„Ach so.” Susie war zufrieden und schaute sich nach den weiteren Attraktionen um. Sie entdeckte ein Spiegelkabinett und steuerte darauf zu. „Können wir da reingehen? Meine Mom war mal mit mir da drin, und das ist total lustig!” „Wenn man aussieht wie du vielleicht. Aber bei Langleys Nase...”

„Hey, was soll das denn heißen? Meine Nase ist nicht halb so groß wie die von Mulder.” verteidigte er sich auf die gleiche Art wie immer.

„Fox hat gar keine große Nase. Der ist hübsch, glaub ich. Aber das weiß ich nicht so genau, weil ich für sowas noch zu klein bin, sagt Mom.”

„Und woher weißt du dann, dass er hübsch ist?”

„Weil Dana ihn mag. Und die ist klug. Das weiß ich. Also würde sie keinen hässlichen Mann mögen.” verkündete sie mit kindlicher Logik.

„Wenn Scully auf große Nasen steht, solltest du dir vielleicht eine ankleben.” wandte sich Langley an Frohike, und dieser streckte ihm die Zunge heraus.

„Der Umgang mit diesem Kind ist offenbar ansteckend.” kommentierte Byers trocken und hob Susie hoch, damit sie das Angebot des Eisstandes besser sehen konnte. „Du kannst dir aussuchen, was du willst. Nur kein Schokoladeneis.” „Wieso nicht? Das ist meine Lieblingssorte.”

„Weil wir keine Waschmaschine im Büro haben. Aber weil du kein Schokoladeneis kriegst, ess’ ich auch keins, einverstanden?”

„Okay.” Auch Langley und Frohike schlossen sich dem Boykott aus Solidarität an, und ein paar Minuten später gingen sie alle vier mit ihrem Eis in der Hand weiter.

 

 

 

11.00

Büro der Staatsanwaltschaft

New York

 

Da er an einem Fall arbeitete, der über die Staatsgrenzen hinaus für Aufsehen sorgte, war es für John Logan ein Leichtes gewesen, bei der New Yorker Staatsanwaltschaft ein Büro geliehen zu bekommen, in dem er während seines Aufenthaltes hier arbeiten konnte. Dorthin hatte er auch die FBI-Agentin bestellt, deren Besuch er jetzt mit wachsender Unruhe erwartete.

Logan war sich immer noch nicht sicher, dass es eine gute Idee gewesen war, diesem Treffen zuzustimmen. Schließlich konnte er nicht wissen, ob die FBI-Agentin tatsächlich über Informationen verfügte, die sein Kind betrafen. Und wer sagte ihm, dass sie auch wirklich den Mund hielt, wenn sie mit ihm gesprochen hatte? Es war ein hohes Risiko, das war ihm klar: Wenn über dieses Treffen etwas an die Öffentlichkeit gelangte, dann konnte er einpacken. Sei Ruf wäre ruiniert, und er würde den Greyhoundfall verlieren, oder der Killer würde mit einer milderen Strafe davonkommen. Dasselbe würde passieren, wenn dieser Erpresser Wind von seinem Treffen mit dem FBI bekam. Aber wenn es eine realistische Chance gab, sein Kind zu finden, und andernfalls hätte Keith Johnsson ihm nicht geraten, sich mit der Frau zu treffen, dann musste er sie nutzen.

Also wartete er auf die FBI-Agentin, die um 11.15 hier sein wollte. Er bedauerte es, dass Carol nicht hier war, aber sie war natürlich in L.A. geblieben, wo sie seine Termine verlegte und das Büro in Ordnung hielt. Logan hätte sich wesentlich wohler gefühlt, wenn er seine Sekretärin dabei gehabt hätte, denn ein vertrauter Mensch konnte Wunder wirken. Außerdem hätte er ihr gern von seinen Zweifeln erzählt, wie er es schon oft getan hatte. Carol war verschwiegen und praktisch veranlagt; sie hätte ihn dazu gebracht, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, bis er sich seiner Entscheidung wieder sicher war. Es hätte ihm schon gut getan, wenn sie die Agentin in Empfang genommen und in sein Büro geführt hätte, da sie die Frau gleich hätte einschätzen können. Außerdem war Carol der einzige Mensch, vor dem Logan eingestehen konnte, wenn er nervös war.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Grübeleien. Auf seine Aufforderung betrat eine zierliche, rothaarige Frau den Raum, die er auf den ersten Blick eher für eine Grundschullehrerin als für eine FBI-Agentin gehalten hätte. Aber Logan wusste, dass der erste Eindruck täuschen konnte, und als die Frau sich für ihre geringfügige Verspätung entschuldigte und seine ausgestreckte Hand kurz drückte, revidierte er sein erstes Urteil über sie schon wieder. Sie strahlte etwas aus, das keinen Zweifel daran zuließ, dass sie eine kompetente Polizistin war, die auch vor dem Gebrauch ihrer Waffe nicht zurückschrecken würde. In ihren Augen erkannte er eine ungeheure Energie, und ihr ganzes Auftreten bewirkte, dass er sofort Vertrauen zu ihr fasste. Sie würde sicher nicht leichtfertig mit den Informationen umgehen, die er ihr gab.

„Bitte, Agent Scully, nehmen Sie Platz. Ich bedaure, dass ich Ihnen keinen Kaffee anbieten kann, aber dies ist nicht mein Büro; die Staatsanwaltschaft von New York hat es mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt, und ich kann nicht einfach über die Angestellten verfügen, und selbst weiß ich nicht, wo die Küche ist.”

Scully lächelte freundlich, um den Mann von seiner offensichtlichen Nervosität zu befreien, und erwiderte: „Das macht nichts. Um diese Zeit trinke ich sowieso niemals Kaffee.” Das war eine Lüge, aber sie wollte höflich sein und den Staatsanwalt beruhigen. Sie hatte Artikel über einige seiner Fälle gelesen und war zu dem Schluss gekommen, dass er ein brillanter Ankläger sein musste; zudem hatte es um ihn noch nie einen großen Skandal gegeben, wie sie in der Branche üblich waren. Sie fragte sich, was diesen Mann so nervös machte und entschloss sich, gleich zur Sache zu kommen.

„Mr. Logan, ich bin hier, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen und vielleicht auch ein paar von Ihren zu beantworten. Ich schlage vor, Sie erzählen mir alles, was Sie über das St. Mary’s Kinderheim und Greasewood wissen und warum Sie eine Frau namens Margie Graham suchen, und im Gegenzug beantworte ich Ihre Fragen, sofern ich das im Zuge der laufenden Ermittlung kann.”

Logan nickte. Er hatte sich nicht geirrt: Diese Frau war zielstrebig und offen; sie verheimlichte ihm nicht, dass sie möglicherweise nicht auf alle seine Fragen antworten würde.

„Ich will ganz offen sein: Was ich Ihnen jetzt erzähle, kann mich meine Karriere kosten und, was noch viel schlimmer ist, meinen Ruf. Dann könnte ein Schwerverbrecher mit einer milden Strafe davonkommen.”

„Der Greyhoundfall. Ich habe davon gehört.”

„Dann wissen Sie auch, dass dieser Mann nie wieder auf freien Fuß kommen darf. Ich wurde erpresst, damit ich die Finger von der Vergangenheit lasse, und wenn der Erpresser herausfindet, dass ich mich nicht daran halte, könnte genau das der Fall sein. Damit das nicht passiert, muss ich Sie bitten, mich so weit wie möglich aus der Sache herauszuhalten, bis der Fall entschieden ist.”

„Das werden wir versuchen, aber ich kann Ihnen nichts versprechen, wie Ihnen klar sein dürfte.”

„Ja, dessen bin ich mir bewusst...“ Logan zögerte einen Augenblick lang und begann dann zu erzählen: „Als ich vor einigen Jahren in Kansas gelebt habe, hatte ich eine Beziehung zu einer Frau namens Margie Graham. Weil sie noch nicht rechtskräftig geschieden war, haben wir die Sache geheim gehalten. Ich weiß, dass sie schwanger war, habe aber nichts mehr von ihr gehört, nachdem ich das erfahren hatte. Als ich von ihrem Tod erfuhr, wollte ich das Kind suchen, hatte aber keinen Erfolg. Ich bin nicht einmal sicher, ob das Kind lebt oder ob sie es abgetrieben hat, aber als ich anfing nachzuforschen, wurde ich erpresst. Das legt den Gedanken nahe, dass etwas an der Sache dran ist. Ich habe vermutet, dass man das Kind in ein Heim in der Nähe von Greasewood gebracht hat, aber als ich dort nachgefragt habe, bekam ich keine Auskunft. Das ist eigentlich schon alles, was ich weiß.”

„Mr. Logan, es ist ziemlich wichtig, dass Sie mir das sagen: Wann hatten sie das letzte Mal Kontakt zu Margie Graham?”

„Als sie mir sagte, dass sie schwanger war.”

„Waren Sie sicher, dass das Kind von Ihnen war? Ich muss Ihnen diese Frage stellen; sie kann von großer Bedeutung sein.”

„Ich war mir sicher. Sie hat mich im Mai angerufen, und Ende März haben wir das letzte Mal miteinander geschlafen. Sie sagte, sie sei in der sechsten Woche, und das hätte genau gepasst. Außerdem wollte sie mich gar nicht sehen oder so. Was hätte es also für einen Sinn gehabt, mir ein Kind anhängen zu wollen, wenn sie keine Forderungen stellen wollte?”

Das leuchtete Scully ein. Sie überlegte fieberhaft, denn irgendetwas Wichtiges drängte sich in ihr Unterbewusstsein, aber kam einfach nicht darauf, was es war.

„Hören Sie,” fuhr Logan fort. „Ich bin nicht erst seit gestern bei der Staatsanwaltschaft, und Sie können mir nicht erzählen, dass Sie nur hergekommen sind um mich zu fragen, ob ich der Vater von Margies Kind bin. Da steckt doch mehr dahinter. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir die Wahrheit sagen. Mr. Johnsson hat erwähnt, dass Sie vielleicht Informationen über mein Kind haben.”

„Was Sie mir soeben gesagt haben, lässt mich vermuten, dass der Verdacht meines Partners zutrifft und wir Ihr Kind gefunden haben. Wir können es allerdings noch nicht mit Sicherheit sagen, und da wir mitten in den Ermittlungen stecken, kann ich Ihnen nichts näheres sagen. Nur so viel: Wir haben ein Mädchen gefunden, das Ihre Tochter sein könnte. Solange dies nicht verifiziert ist und solange die Ermittlungen andauern muss ich Sie bitten, nichts zu unternehmen. Ich versichere Ihnen, dass wir Ihnen nach Abschluss der Ermittlungen alle Informationen geben werden, die Ihre Tochter betreffen. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir in der Sache nichts unternehmen, ohne die Ermittlungen und damit Menschenleben zu gefährden. Ich bin sicher, dass Sie als Staatsanwalt Verständnis dafür haben.”

John Logan nickte. Er wusste, dass die Agentin recht hatte, und er glaubte ihr, dass sie ihm die Wahrheit sagen würde, sobald das möglich war. Trotzdem war es nicht leicht für ihn zu akzeptieren, dass er womöglich kurz davor war, seine Tochter zu finden und nichts tun konnte.

Scully spürte seine Enttäuschung und versuchte, ihm eine Möglichkeit zu geben, wie er etwas tun konnte, ohne die Ermittlungen zu gefährden, indem sie vorschlug: „Wir müssen herausfinden, ob Sie der Vater des Mädchens sind. Das ist auch für unseren Fall unerlässlich, auch wenn ich Ihnen nicht sagen kann, warum. Wenn Sie also mit der Entnahme einer Blutprobe einverstanden wären, damit wir eine Möglichkeit haben, das zu verifizieren...”

Logan unterbrach sie: „Natürlich. Was immer Sie wollen, wenn es den Ermittlungen dient. Es ist vielleicht sogar gut, dass ich nichts unternehmen darf, denn ich muss auch einen Fall zum Abschluss bringen, und ich darf meinen Ruf nicht verlieren. Aber es beruhigt mich, dass Sie an dem Fall arbeiten. Ich habe vollstes Vertrauen in das FBI, diesen Fall zu lösen und mein Kind nicht zu gefährden.”

Offensichtlich hat er noch nichts von Mulders und meinem Ruf gehört, sonst würde er wahrscheinlich anders denken...

Aber sie sagte es nicht. Stattdessen schlug sie vor: „Lassen Sie die Blutprobe so schnell wie möglich entnehmen. Wenn Sie wollen, kann ich im hiesigen FBI-Labor Bescheid sagen, dass Sie vorbeikommen. Dort wird das Blut so schnell wie möglich untersucht, und ich kann die Ergebnisse der Analyse haben, sobald sie da sind. Das würde die Sache beschleunigen. Wenn Ihnen allerdings ein Krankenhaus lieber ist...”

Wieder unterbrach er sie: „Nein, das FBI ist schon in Ordnung. Ich will das so schnell wie möglich hinter mich bringen. Würden Sie mir einen Gefallen tun?”

„Wenn ich kann.”

„Sagen Sie mir, ob das Ergebnis der Analyse positiv ist. Ich möchte es sofort wissen, auch wenn Sie mir noch nicht sagen werden, wo sich mein Kind befindet.”

„Ich denke, das lässt sich machen. Sie werden allerdings noch eine Weile warten müssen, denn wir haben noch nicht einmal Vergleichsmaterial. Aber ich werde mich melden, sobald ich etwas weiß.”

Sie sah die Erleichterung im Gesicht des Mannes und fügte hinzu: „Wenn sie wirklich Ihre Tochter ist... Es geht ihr gut, wo sie sich befindet.”

„Danke.” Logan sah sie warm an. „Ich werde Sie hinausbegleiten, wenn Sie keine weiteren Fragen haben. Ich würde Sie gern zum Mittagessen einladen, aber ich habe leider keine Zeit. Dieser Fall hält mich Tag und Nacht auf Trab. Vielleicht können wir das ja nachholen?”

„Vielleicht.” antwortete Scully und verabschiedete sich, erleichtert, dass sie sich nicht hatte entscheiden müssen, ob sie eine Einladung annehmen würde.

 

 

Eine Stunde später

 

Scully war schon wieder auf dem Weg zum Flughafen, denn sie wollte so schnell wie möglich nach Greasewood zurück, um mit Mulder den Fall zu Ende zu bringen. Noch immer nagte etwas in ihrem Unterbewusstsein. Sie spürte, dass es wichtig war, wusste aber, dass es ihr niemals einfallen würde, wenn sie krampfhaft versuchte, darauf zu kommen, was es war. Also versuchte sie sich zu entspannen und nicht darüber nachzudenken. Stattdessen kehrten ihre Gedanken zu Susie zurück, wie sie es in den letzten beiden Tagen oft getan hatten. Sie hatte Mitleid mit dem Mädchen, das seine Mutter verloren hatte, die einzige Person, die ihm nahe war. Aber da war noch mehr. Scully konnte es nicht rational erklären, aber sie fühlte sich diesem Kind auf eine seltsame Weise nahe, eine Weise, die sie nie für möglich gehalten hatte: Sie wollte dieses Kind beschützen und für es da sein. Das war in ihren Augen vollkommen unmöglich, da sie nur ihren Fall bearbeiten und das Mädchen dann in ein sicheres Heim oder zu Betsy Shaw geben würde, aber sie konnte sich nicht gegen diese Gefühle wehren, die Mulder bestimmt spöttisch als „Mutterinstinkt” bezeichnet hatte.

Scully wusste es besser: Sie war gegen solche Dinge immer immun gewesen, und sie wünschte sich auch kein Kind. Aber trotzdem blieb der irrationale Wunsch, Susie zu beschützen und zu trösten.

Plötzlich war es da: Sie wusste, was sie irritiert hatte. Als Mr. Logan gesagt hatte, dass er und Margie Graham zuletzt Ende März zusammen gewesen waren, hatte in ihr ein Alarm losgeschrillt. In den Dateien über Margie Graham hatte sie etwas entdeckt, womit sie zunächst nichts hatte anfangen können. Ein Datum im selben Jahr, in dem Ginny gezeugt worden sein musste. Ein Datum Mitte April. Es bezeichnete den Tag, an dem Margie Graham in einer Klinik gewesen war, um sich eine befruchtete Eizelle einpflanzen zu lassen. Das ergab in Scullys Augen keinen Sinn. Wenn Margie in Scheidung lebte oder die Scheidung gerade hinter sich hatte, warum sollte sie sich dann einer künstlichen Befruchtung unterziehen? Und warum hatte sie dann Logan angerufen und ihm von der Schwangerschaft erzählt, wenn sie doch wusste, dass das Kind nicht von ihm sein konnte? Oder war bei dem Eingriff entdeckt worden, dass Margie bereits schwanger gewesen war - von John Logan?

Scully wusste nicht, wie sie das herausfinden sollte, aber sie wusste, dass Mulder es als eine weitere Bestätigung für seine Theorie ansehen würde. Das war Scully im Augenblick egal. Sie hielt es für eine gute Idee, so schnell wie möglich mit ihrem Partner zu sprechen und dann diese Klinik aufzusuchen, in der der Eingriff durchgeführt worden war. Vielleicht hatte man dort noch Informationen über Margie Grahams Fall.

Scully wusste, dass sie diese Informationen dringend brauchen würden, wenn sie jemals Licht in diese Angelegenheit bringen wollten. Und das war mehr als ratsam. Schließlich ermittelten sie nicht offiziell, und Skinner würde schon jetzt einen Anfall bekommen, wenn er von Mulders neuester Theorie hörte. Außerdem rückte die Anhörung immer näher, und Scully wusste, dass sie spätestens dann Ergebnisse würde vorweisen müssen, um ihr Vorgehen zu erklären. Dieser Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht, aber sie konnte ihn nicht einfach ignorieren. Sie und Mulder hatten wieder einmal gegen alle Regeln verstoßen, die sie sich denken konnte, und sie würden die Konsequenzen dafür tragen müssen, wenn es ihnen nicht gelang, einen wirklich überzeugenden Grund dafür anzugeben.

 

 

 

12.15

Polizeirevier von Greasewood

Greasewood, Kansas

 

Cynthia Major stritt sich selten mit ihrem Partner; meistens waren sie einer Meinung, aber in diesem Fall sah die Sache anders aus: Mark war einfach total verbohrt, was diese Sache mit dem FBI und dem Kinderheim betraf. Er wollte nicht einsehen, dass die Agenten vielleicht recht hatten. Cynthia bereute es schon, sich überhaupt auf eine Diskussion eingelassen zu haben. Sie hätte doch allein ihre Mittagspause machen sollen, wie sie es zuerst vorgehabt hatte. Aber als Mark vorgeschlagen hatte, sich gemeinsam etwas zu Essen zu holen, hatte sie natürlich zugestimmt. Wie hätte sie auch ahnen sollen, dass er über den Fall  Kimberly Jackson würde sprechen wollen?

Er hatte sie gefragt, was sie davon hielt, und sie hatte geantwortet, dass die Erklärung, die die beiden FBI-Agenten vorgeschlagen hatten, sie ziemlich überzeugte. Wenn Kimberly tatsächlich etwas auf der verschwundenen Diskette entdeckt hatte, die sie von ihrer Freundin bekommen hatte, dann würde das ihr -Verschwinden erklären.

„Aber wer sollte denn wissen, dass sie etwas entdeckt hat?” hatte Mark erwidert. „Sie hat sicher nicht mit jemandem darüber gesprochen, dem sie nicht vertraut. Nicht einmal ihre Eltern wissen etwas davon, und sie wird so etwas doch nicht mit jedem diskutieren.”

„Aber was ist, wenn sie gar nicht gewusst hat, was sie da gefunden hat? Dann wäre es doch möglich, dass sie völlig ahnungslos dem Falschen davon erzählt hat, oder nicht?”

„Sie ist eine Einzelgängerin; wem sollte sie also davon erzählen? Was soll sie überhaupt entdeckt haben? Diese ganze Theorie ist doch völliger Unsinn.”

„Wenn sie aber doch etwas entdeckt hat? Wem würde sie davon erzählen? Vermutlich ihrer Freundin im Heim, von der sie die Diskette bekommen hat. Stell dir vor, sie will ihrer Freundin von ihrer Entdeckung erzählen, und jemand belauscht die Beiden. Dann wäre es klar, warum Kimberly entführt worden ist."

„Wenn sie überhaupt entführt worden ist. Nicht einmal das wissen wir mit Sicherheit. Außerdem erklärt deine Theorie nicht, warum diese Ginny nicht auch verschwunden ist. Wenn jemand die Beiden belauscht und Kimberly beseitigt hat, dann wäre es unlogisch, Ginny laufen zu lassen, weil sie doch genauso viel wüsste.”

„Wenn man aber davon ausgeht, dass der oder die Entführer mit dem Kinderheim in Verbindung stehen, dann ergäbe das wieder einen Sinn: Ginny lebt im Heim und ist deshalb leichter unter Kontrolle zu halten. Sie haben Einfluss darauf, mit wem sie spricht.”

„Sie haben sie aber doch mit uns reden lassen. Dieses Risiko würde kein Mensch eingehen, wenn sie etwas zu verraten hätte. Außerdem hast du mir immer noch nicht gesagt, was das deiner Meinung nach sein soll.”

„Wenn ich das wüsste, hätten wir den Fall schon gelöst. Aber es gibt nicht allzu viele Möglichkeiten. Was sollen zwei Mädchen in dem Alter schon herausfinden? Es müsste etwas mit ihrer Umgebung zu tun haben. Und die Umgebung von Kimberlys Freundin ist das Kinderheim. Ich bin davon überzeugt, dass es etwas damit zu tun hat.”

„Du verrennst dich da in eine unhaltbare Theorie. Warum sollte jemand vom Kinderheim etwas zu verbergen haben?”

„Ich weiß es nicht. Aber die FBI-Agenten sind offenbar davon überzeugt. Sonst würden sie sich nicht so sehr für das Heim interessieren.”

Mark verzog das Gesicht. Jetzt kam sie schon wieder mit dem FBI an. Als ob es ihr plötzlich nicht mehr genügte, ein ganz normaler Cop zu sein. Nein, seit diese Agenten da waren, schien sie alles viel ehrgeiziger zu betrachten. So kam es ihm zumindest vor.

„Weißt du, was ich glaube? Du glaubst nur deshalb die billigen Theorien von diesen Agenten, weil du dir davon einen Vorteil erhoffst. War es nicht immer dein Traum, mit dem FBI zu arbeiten? Bitte, ich kann verstehen, dass du diese Chance nutzen willst, aber lass mich mit deinen Ideen in Ruhe. Mir reicht es, hier Polizist zu sein, und wenn dir das nicht mehr genügt, dann will ich Dich nicht aufhalten."

Cynthia wurde blass. Sie hatte nur Mark von ihrem Traum erzählt, weil es ihr albern vorgekommen war und weil sie ihm vertraute. Dass jetzt ausgerechnet er sie damit zu verletzen versuchte, tat ihr beinahe körperlich weh. Sie versuchte, sich zu verteidigen: „Ich bin nicht darauf aus, mich zu profilieren und dann eine Versetzung zu erreichen, auch wenn du das anscheinend denkst. Mir geht es darum, das Mädchen zu finden. Wenn wir dabei die Hilfe des FBI bekommen können, sollten wir das nutzen. Schließlich musst du zugeben, dass wir nicht gerade viel Erfahrung mit Entführungsfällen haben.”

Nun fühlte Mark sich angegriffen.

„Dies ist mein Fall, und ich entscheide, wessen Hilfe ich annehme. Und es wird sicher nicht die von ein paar dahergelaufenen FBI-Agenten sein, die ein oder zwei wilde Theorien aufstellen, sich in alles einmischen und nachher wieder verschwinden, sobald sie hier alles durcheinander gebracht haben.”

Was Mark betraf, hatten die Agenten wirklich alles durcheinander gebracht. Er hatte Cynthia immer als seinen Freund betrachtet, hatte ihr vertraut und es genossen, dass sie ihm auch vertraute. Sie war die einzige Frau gewesen, die er wirklich zu verstehen geglaubt hatte. Sie hatte keine Spielchen mit ihm getrieben, war offen und ehrlich gewesen. Und er hatte sich eingebildet, sie würde seine Freundschaft genauso genießen wie er die ihre. Das war auch der Grund, warum er nie den Versuch unternommen hatte, mehr zu werden als ihr Freund, auch wenn er es sich insgeheim gewünscht hatte. Aber er war glücklich gewesen, ihr Freund zu sein, also hatte er es dabei belassen. Jetzt fürchtete er, seine beste Freundin zu verlieren, weil sie von plötzlichem Ehrgeiz gepackt worden war. Sie schien nicht mehr damit zufrieden zu sein, dass sie Polizistin in Greasewood war, und das weckte in Mark die Angst, sie könne auch nicht mehr zufrieden mit ihm und seiner Freundschaft sein. Also versuchte er, sie zur „Vernunft” zu bringen, indem er auf die Unsinnigkeit der Theorien ihrer neuen Idole hinwies. Er ahnte nicht, dass er sie damit nur wütend machte.

„So sind die gar nicht. Sie sind wirklich nett, und einmischen wollen sie sich schon gar nicht. Sie haben einen eigenen Fall, und den lösen sie hier. Wenn er sich mit unserem überschneidet, um so besser. Dann können wir uns gegenseitig helfen und vielleicht sogar Kimberly schnell finden.”

„Als ob die scharf darauf wären, ein Mädchen aus einer Kleinstadt zu retten. Wenn das FBI auftaucht, geht es um größere Dinge, und ein Kind bringt keine großen Schlagzeilen.”

„Wieso unterstellst du die ganze Zeit, dass es ihnen um Schlagzeilen geht? Vielleicht wollen sie einfach nur helfen. Das FBI ist genauso eine polizeiliche Einrichtung wie wir auch.” versuchte Cynthia, die Agenten zu verteidigen. In Marks Augen machte sie es damit allerdings nur noch schlimmer.

„Ich kriege langsam den Eindruck, als ob du ein mehr als rein berufliches Interesse an dieser Sache hast. Kann es sein, dass dieser Agent Mulder oder wie er auch immer heißt, dir den Kopf verdreht hat?”

„Du weißt genau, dass das Unsinn ist. Ich würde mich nie so unprofessionell verhalten. Er ist ein Agent des FBI, und ich habe den Auftrag, ihm und seiner Partnerin bei den Ermittlungen zu helfen. Und das werde ich tun. Und wenn du mir nicht dabei helfen willst, dann werde ich eben das Heim allein überprüfen.”

„Ja, hilf ihm nur. Möchte nur nicht wissen, wobei er deine Hilfe braucht!”

Das reichte. Cynthia stand ohne ein weiteres Wort auf und verließ das Büro. Sie hätte nie von Mark gedacht, dass er so über sie dachte. Er war der einzige Mann gewesen, bei dem sie sich sicher gefühlt hatte. Nicht einmal die Männer, mit denen sie eine Beziehung gehabt hatte, hatten ihr dieses Gefühl geben können. Und nun warf ihr ausgerechnet ihr bester Freund so etwas an den Kopf. Cynthia versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber es tat doch weh. Sie verließ das Gebäude und beschloss, sich noch einmal mit Kimberlys Eltern zu unterhalten. Vielleicht kam dabei etwas heraus; auf jeden Fall würde es mehr bringen als sich weiter mit Mark zu streiten.

 

 

 

 

17.00

Wichita Airport

Wichita, Kansas

 

Als Scully durch die Kontrolle gekommen war, sah sie sich suchend um. Mulder hatte versprochen, sie abzuholen, obwohl sie auch Cynthia Major hätte bitten können. Aber sie hatte sein Angebot gern angenommen. Leider war bisher nichts von ihm zu sehen.

Scully sah sich noch einmal um und überzeugte sich, dass Mulder auch nicht in der Wartezone für Fluggäste saß, die noch nicht eingecheckt hatten. Nein, auch dort keine Spur von ihm. Scully spürte, wie Frustration in ihr hochstieg. Sie war es gewohnt, dass er sie warten ließ, aber heute passte ihr das ganz und gar nicht. Sie hatte ihm etwas zu sagen, das ihm nicht besonders gefallen würde.

Scully wollte sich in das Krankenhaus begeben, in dem Margie Graham sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen hatte, und sie hatte nicht vor, sofort als FBI-Agentin dort aufzutauchen, sondern sie wollte in einer Rolle auftreten, die ihr die Möglichkeit gab, dieselben Dinge wie Margie zu erfahren: Als Frau, die sich ein Kind wünschte. Mulder würde nicht begeistert sein, denn  ihm würde die Rolle des zukünftigen Vaters zufallen, aber er sollte sich besser nicht anstellen. Schließlich ging es hier um eine verdeckte Ermittlung in seinem Fall.

Der Beratungstermin war für den nächsten Morgen angesetzt, da Scully keine Zeit hatte verlieren wollen. Blieb also eine Nacht, um Mulder zu überzeugen. Das war zu schaffen, wie sie aus Erfahrung wusste. Aber dazu musste er erst einmal auftauchen.

Wie aufs Stichwort hörte Scully plötzlich hinter sich die Stimme ihres Partners. Er schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte, und als sie sich umdrehte, musste sie unwillkürlich lachen.

Mulder rannte hinter dem Welpen her, der so schnell er eben konnte auf sie zu stürmte. Wackelte, wäre der bessere Ausdruck gewesen, aber der kleine Hund war immerhin schneller als Mulder. Dieser musste sich damit begnügen, immer wieder nach dem Tier zu rufen. Da der Hund ihn vollkommen ignorierte, hatte er keine Chance, ihn zu fangen.

„Hey, Hund, kommst du wohl wieder her!! Bei Fuß! Sitz! Platz!”

Mulder rief alle Befehle, die ihm in den Sinn kamen, was bei einem noch nicht dressierten Hund natürlich nicht den geringsten Sinn hatte.

Dass er nicht „Stehen bleiben, FBI!” ruft, ist wohl alles. dachte Scully im Stillen und bückte sich, um den Ausreißer, der gerade gegen ihr Bein gerannt war, schnell auf den Arm zu nehmen, wo er anfing, ihre Nase und die Wangen abzuschlecken.

„Na, das nenn ich eine Begrüßung.” scherzte sie, als Mulder außer Atem angerannt kam und eine Entschuldigung murmelte: „Tut mir leid, dass ich Sie hab warten lassen, aber der Hund musste noch raus. Gut, dass Sie ihn gekriegt haben; ich hab keine Ahnung, was in ihn gefahren ist. Sonst ist er mir den ganzen Tag nachgelaufen, und ich habe gar nicht daran gedacht, ihn an die Leine zu nehmen."

Scully lächelte auf das Fellknäuel hinab, das es sich in ihrem Arm bequem gemacht hatte, und erwiderte: „Vielleicht wollte er durch die stürmische Begrüßung wiedergutmachen, dass Sie wegen ihm zu spät gekommen sind.”

Mit einem reuevollen Blick erkundigte sich Mulder: „Soll ich Ihnen auch die Nase ablecken, oder glauben Sie mir auch so, dass es mir leid tut?”

„Sie sind imstande und tun das tatsächlich. Wagen Sie es lieber nicht.”

„Was wagen?” Mulder war die personifizierte Unschuld, als er seiner Partnerin den Welpen vom Arm nahm und sie angrinste. So nah bei ihr konnte er der Versuchung nicht widerstehen und pustete ihr in den Nacken, als sie sich umdrehte, um ihre Handtasche wieder aufzuheben, die bei der Begrüßung durch den Hund auf den Boden gefallen war. Scully setzte zu einer bissigen Bemerkung über kindische Agenten männlichen Geschlechts an, überlegte es sich dann jedoch anders. Es war wichtiger, Mulder von ihrem Plan zu erzählen. Also ging sie energischen Schrittes zum Ausgang, einen verdutzten Mulder zurücklassend, der gar nicht verstehen konnte, wieso sie nicht auf seine Neckerei reagiert hatte.

„Versteh einer diese Frau.” flüsterte er dem Hund ins flauschige Ohr und folgte Scully, die schon fast beim Wagen angekommen war.

Auf dem Weg zurück nach Greasewood erzählte Scully ihrem Partner, was sie erfahren hatte.

„Ich glaube, dass mit der Behandlung von Margie Graham etwas nicht stimmt. Warum sollte sie sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, nachdem gerade ihre Ehe in die Brüche gegangen ist und sie von Männern derart die Nase voll hatte, dass sie sogar ihren neuen Freund nicht mehr sehen wollte?”

„Vielleicht hat sie sich nach Geborgenheit gesehnt, oder nach einer Aufgabe. Oder sie war es leid, allein zu sein und wollte jemanden, der ihr nicht weglaufen oder ihr weh tun würde.”

„Und deshalb unterzieht sie sich einer künstlichen Befruchtung? Nein, Mulder, das glaube ich nicht. Sie war eine verzweifelte junge Frau, und wenn sie, wie Mr. Logan das angedeutet hat, zur Ruhe kommen wollte, dann war das sicher nicht der erste Weg, der ihr einfiel. Eine solche Prozedur ist nicht nur langwierig und strapaziös, sie ist obendrein auch ziemlich teuer. Nur aus einer Laune heraus würde niemand so etwas tun. Das will lange überlegt werden, und abgesehen davon würde kein Arzt, der die Grundlagen der Ethik kennt, eine Frau in Margies psychischem Zustand als Patientin aufnehmen. Sie war gerade geschieden und emotional gar nicht in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen.”

„Und was ist, wenn sie jemanden getäuscht hat?”

„Das ist ausgeschlossen.”

„Möglich. Tatsache ist aber, dass sie in dieser Klinik behandelt wurde, und aus den Daten, die Sie auf der Festplatte von Kimberly Jacksons Computer gefunden haben geht hervor, dass Margie Graham sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen hat.”

„Das ist zwar richtig, aber es ist auch möglich, dass sie bereits schwanger war, als sie in der Klinik behandelt wurde.”

„Wie ist das möglich? Kann ein Mensch zweimal befruchtet werden?”

„Ich würde es zwar nicht so ausdrücken, aber theoretisch ist das möglich. Allerdings hätte man bei der mir bekannten Methode bemerken müssen, dass die Frau bereits schwanger war und die Behandlung abgebrochen. Was hätte es für einen Zweck, einer Frau, bei der schon eine Schwangerschaft vorliegt, eine befruchtete Eizelle einzusetzen?”

„Vielleicht hat man aber keine Ihnen bekannte Methode angewandt. In der Klinik, in der Margie behandelt wurde, werden Experimente mit verändertem menschlichen Erbgut durchgeführt. Ahnungslose Frauen dienen als Leihmütter für die manipulierten Föten, und wenn die Kinder geboren sind, werden sie den Frauen weggenommen. Was Sie mir gerade erzählt haben, passt genau ins Bild. Die Leihmütter werden gut bezahlt, aber sie dürfen die Babys natürlich nicht behalten. Sie glauben, dass sie als Leihmütter für andere Paare dienen, aber in Wahrheit sind sie Teil eines schrecklichen Versuchs. Ich glaube, dass Margie Graham nach ihrer Scheidung Geld gebraucht und sich deshalb als Leihmutter zur Verfügung gestellt hat. Später wollte sie das Kind nicht mehr weggeben. Das konnten die an dem Projekt beteiligten Ärzte natürlich nicht zulassen, also ist sie geflohen. Deshalb hat sie auch jeden Kontakt zu ihrem Freund abgebrochen. Aber sie war nicht schnell genug, ist nicht weit genug weggelaufen. Man hat sie gefunden und ihr das Kind weggenommen. Dabei musste sie zum Schweigen gebracht werden, also wurde sie ermordet. Das Kind, Ginny, wurde ins St. Mary’s Kinderheim gebracht, um es weiter beobachten zu können. Das Gleiche ist meiner Ansicht nach mit Judy Anderson geschehen: Sie hat Geld gebraucht und hat sich als Leihmutter zur Verfügung gestellt. Durch ihre Arbeit im Kinderheim muss sie etwas erfahren haben, was ihr bewusst machte, was mit ihrem Kind geschehen würde. Dass es nämlich nicht zu einem liebenden, kinderlosen Paar, sondern in ein Heim kommen würde, wo es das Schicksal der Kinder teilen würde, die sie täglich sah. Sie wusste, dass sie das nicht zulassen konnte und ist geflohen. Dann muss sie ihren Namen geändert haben und untergetaucht sein, um unter dem Namen Benson in New York zu arbeiten und mit ihrem Kind dort zu leben. Sie haben doch selbst gesagt, dass ihre Freundin sie als paranoid beschrieben hat, vor allem, was das Kind anging. Sie war nicht paranoid, Scully. Sie hatte Angst, und das völlig zu recht.”

Was Mulder sagte, klang einleuchtend, trotzdem unterbrach ihn Scully. Seine Theorie mochte auf den ersten Blick überzeugend klingen, aber sie konnte unmöglich wahr sein. Sie holte tief Luft und begann, bevor ihr Partner zu einem weiteren Monolog ansetzen konnte: „Mulder, was Sie da sagen ist schlicht unmöglich. Erstens ist die Forschung noch nicht so weit, dass man an menschlichem Erbgut herummanipulieren kann und völlig gesunde Kinder herausbekommt. Zweitens ist es verboten, und drittens gibt es keine Möglichkeit, eine künstliche Befruchtung durchzuführen ohne herauszufinden, ob die betreffende Frau bereits schwanger ist. Versuchen Sie also nicht, irgendeine Erklärung für das zu finden, was Sie zu wissen glauben. Woher haben Sie diesen Unsinn eigentlich?”

„Mein Informant hat es mir gesagt.”

So etwas hatte Scully erwartet. Mulder bekam immer wieder von Leuten Informationen, denen Scully nicht einmal mit ihrer Waffe in der Hand über den Weg trauen würde. Wenn sie schon vorher nicht bereit gewesen war, Mulders Theorie zu glauben, so war das jetzt noch viel weniger der Fall.

„Mulder, Sie wissen, was ich von Ihren Informanten halte. Sie wissen nicht einmal selbst, ob er Ihnen die Wahrheit sagt, wenn Sie mit ihm sprechen. Er benutzt Sie, das hat er selbst mehrmals gesagt, und er spielt ein Spiel mit Ihnen. Sie lassen sich benutzen, lassen es zu, dass er Sie mit Informationsbröckchen füttert, denen Sie hinterherlaufen und die Sie genau dahin führen, wo er Sie haben will. Sie sollten diesem Mann kein einziges Wort glauben, stattdessen legen Sie die Ermittlung in seine Hand.”

„Scully, ich bin sicher, dass er diesmal die Wahrheit sagt. Er ist irgendwie selbst in diesen Fall verwickelt, das fühle ich. Die Aufklärung ist in seinem Sinne, also wird er mich nicht täuschen.”

„Woher wollen Sie das wissen? Umso schlimmer, wenn er selbst beteiligt ist. Für mich ist das eher noch ein Grund, ihm nicht zu trauen. Ich weiß, dass Ihnen das schwer fällt, aber wir werden uns an die Fakten halten müssen. Keine seltsamen Theorien über genetische Experimente, die noch nicht einmal in den Möglichkeiten der heutigen Wissenschaft liegen. Ich bin auch davon überzeugt, dass das alles etwas mit dem Kinderheim zu tun hat, denn darauf deutet Einiges hin. Aber es geht auch um diese seltsame Klinik. Wir müssen versuchen, mehr über die Methoden zu erfahren, mit denen dort gearbeitet wird.”

„Dazu müssen wir erstmal reinkommen. Das wird nicht so leicht sein, wenn die dort tatsächlich etwas verbergen. Wenn wir einfach durch die Vordertür reinspazieren und mit unseren Ausweisen wedeln, werden wir wohl kaum irgendwelche Informationen bekommen.”

„Das ist mir klar. Wir werden trotzdem zur Vordertür reinkommen, aber unsere Ausweise lassen wir schön aus dem Spiel. Ich weiß schon, wie wir alles über die Behandlungsmethoden erfahren, ohne auch nur ein einziges Mal das FBI zu erwähnen.”

Mulder nahm kurz die Augen von der Straße, um seine Partnerin anzusehen. Ihr Blick gefiel ihm ganz und gar nicht. Sie hatte etwas vor, das ihm noch weniger gefallen würde, so viel war ihm klar. Und als sie ihm ihren Plan mitteilte, wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte.

„Nein, Scully, das geht auf keinen Fall.”

„Und warum nicht? Wir haben uns doch schon öfter irgendwo eingeschlichen. Warum also nicht auch hier?”

„Weil das etwas Anderes ist. Sie verlangen von mir, dass ich mich einer Untersuchung unterziehe...”

„Wenn überhaupt müsste ich mich einer Untersuchung unterziehen. Ich weiß in Etwa, wie so etwas läuft: Das Paar geht zu einem Beratungsgespräch, in dem ein Arzt herausfinden will, ob die Leute sich ihren Wunsch auch genau überlegt haben. Dann wird man über die Möglichkeiten und die Risiken aufgeklärt, und schließlich schicken sie einen nach Hause, damit man darüber nachdenken kann. Aber wenn wir das durchziehen, sind wir immerhin schon in der Klinik und können uns ein wenig dort umsehen. Gleichzeitig erfahren wir, über welche Methoden die Klinik verfügt. Was wollen wir also mehr?”

„Können Sie das nicht allein machen?”

„Unmöglich. Wenn eine alleinstehende Frau sich beraten lassen will, wird sie in vielen Fällen von vornherein abgewiesen oder man rät ihr ab oder wird misstrauisch. Ich brauche also einen zukünftigen Vater, und da kommen im Augenblick wohl nur Sie in Frage.”

Mulder seufzte unbehaglich. „Na gut, wenn Sie sowieso schon alles geplant haben, dann bleibt mir wohl nichts Anderes übrig.”

Sie strahlte. „Gut. Ich habe bereits einen Termin für uns ausgemacht. Morgen früh um neun.” Mulder starrte sie fassungslos an. So etwas hatte er nicht von Scully erwartet. Sie hatte ihn nicht nur überredet, etwas zu tun, das gegen jegliche Regeln verstieß, sie hatte noch dazu sein Einverständnis stillschweigend vorausgesetzt und über seinen Kopf hinweg entschieden. Er fragte sich, wie sie so sicher gewesen sein konnte, dass er zustimmen würde. Außerdem passte so ein Trick gar nicht zu ihr. Das war doch eher sein Stil. Scully sah die Verwirrung in Mulders Gesicht, die sich mit stiller Bewunderung mischte und musste lächeln. Manchmal gelang es ihr, ihn zu verblüffen, und das gefiel ihr ganz gut, denn es kam nicht allzu häufig vor.

 

 

 

17.00

Jackson’s Store

Greasewood, Kansas

 

Cynthia Major hatte gewartet, bis Mr. Jackson den Laden für ein paar Minuten allein lassen konnte, bevor sie ihn bat, mir ihr zu sprechen. Es war ihrer Ansicht nach nicht unbedingt nötig, dass jemand ihre Unterhaltung mithörte. Da Peg nicht zur Arbeit erschienen war, musste Jackson sich allein um sein Geschäft kümmern. Das tat ihm eigentlich ganz gut, denn so musste er nicht immer an das Verschwinden seiner Tochter denken, die jetzt schon den zweiten Tag weg war. Er befürchtete das Schlimmste, als die Polizistin ihn bat, mit ihr im Lager zu sprechen. Ängstlich fragte er: „Haben Sie sie gefunden? Ist sie...”

„Nein. Wir haben noch immer keine Spur von Ihrer Tochter. Aber das muss nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein.” versuchte Cynthia den besorgten Vater zu beruhigen.

„Aber es muss auch kein gutes sein, oder?”

Cynthia schwieg, denn diese Frage wollte sie nicht unbedingt beantworten müssen. Natürlich konnte es gut sein, wenn man nichts hörte. Das bedeutete, dass man keine Leiche gefunden hatte oder dass das Kind von zu Hause ausgerissen sein konnte. Aber sie wusste, dass diese Tatsache nicht dazu dienen würde, Mr. Jackson zu beruhigen.

„Ich bin hergekommen, weil ich noch einige Fragen habe. Ich weiß, dass Sie mir und meinen Kollegen schon alle Fragen beantwortet haben, aber ich habe eine neue Theorie, und die können Sie mir vielleicht bestätigen oder auch widerlegen.”

„Haben Sie eine heiße Spur?” Wieder klang Hoffnung in der Stimme des Mannes, und wieder musste Cynthia ihn enttäuschen. „Nein, wir haben zurzeit keine heiße Spur, aber ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, über die ich gerne mit Ihnen sprechen würde. Sie müssen das nicht tun, und ich werde ein andermal wiederkommen, wenn es für Sie jetzt zu belastend ist, aber jeder noch so kleine Hinweis könnte uns vielleicht weiterbringen.”

„Schon gut, fragen Sie nur.”

„Sie haben uns erzählt, dass Kimberly mit einem Mädchen aus dem Kinderheim befreundet ist. Wer weiß außer ihnen noch davon?”

„Ich, meine Frau, die beiden Mädchen natürlich. Sonst wüsste ich niemanden. Obwohl...Ich könnte mir vorstellen, dass sie ihrer Schwester davon erzählt hat. Als Kay noch bei uns gewohnt hat, haben sie einander alles erzählt.”

Cynthia horchte auf. „Sie haben noch eine Tochter?”

„Ja, Kay. Sie ist vierundzwanzig und arbeitet als freie Journalistin. Natürlich lebt sie nicht mehr hier, aber die Beiden schreiben einander manchmal Briefe und telefonieren. Wenn noch jemand von dieser Freundschaft weiß, dann Kay.”

„Könnte es sein, dass Kimberly zu Kay gegangen ist?”

„Das ist unmöglich. Warum sollte sie? Außerdem habe ich Kay angerufen, als Kim verschwunden ist. Sie war in heller Aufregung und hat versprochen, noch heute herzukommen. In etwas einer Stunde wollte sie hier sein. Dann können Sie sie selbst fragen.”

„Das werde ich. Und Sie sind sicher, dass sonst niemand von der Freundschaft der beiden weiß?”

„Natürlich kann ich es nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber meiner Ansicht nach nein. Warum ist das so wichtig für Sie?”

„Weil ich mir nicht sicher bin, ob das Verschwinden Ihrer Tochter nicht etwas mit dem Kinderheim selbst zu tun hat. Wenn Ihre Tochter und diese Ginny etwas entdeckt haben, das besser verborgen bleiben sollte, dann ist es nur logisch, dass jemand Kimberly entführt um herauszufinden, was sie weiß. Aber dazu muss ich wissen, wer Grund zu der Annahme haben könnte, dass die beiden Mädchen befreundet sind. Stellen Sie sich vor, jemand entdeckt das Verschwinden der Diskette, die Ginny gestohlen hat. Man würde doch zuerst im Heim danach suchen und als nächstes das Personal überprüfen. Wer kommt schon auf die Idee, dass eines der Kinder etwas damit zu tun haben könnte? Zuerst niemand. Und dann würde man die Zimmer der Kinder durchsuchen, da sie ja keine Möglichkeit haben, etwas nach draußen zu bringen. Das wäre viel zu auffällig. Also, wenn man die Diskette nicht findet, beginnt man vielleicht damit, nach Möglichkeiten zu suchen, wie jemand sie herausgebracht haben könnte. Und dann erst könnte jemand auf die Idee kommen, Ihre Tochter könnte sie haben. Aber das kann nur jemand sein, der von ihrer Freundschaft zu Ginny weiß. Wenn Sie sich den Zeitraum ansehen, der zwischen dem Verschwinden der Diskette und Kimberlys Entführung liegt, dann werden Sie feststellen, dass er viel zu kurz ist um all die Schritte zu unternehmen, die ich gerade erwähnt habe. Vor zwei Tagen haben Sie ihr am Nachmittag die Diskette gegeben, und am nächsten Morgen war sie schon verschwunden. Das ergibt nur dann einen Sinn, wenn jemand von Anfang an den Verdacht hatte, dass Ginny hinter dem Diebstahl stecken könnte und dass sie eine Freundin außerhalb des Heims hatte. Die Diskette zu Ginny zurückzuverfolgen ist nicht allzu schwer. Sie enthält Daten über ihre Mutter. Und wenn dann noch jemand von Kimberly wusste, musste er nur noch zwei und zwei zusammenzählen. Sie sehen, es ist sehr wichtig zu erfahren, wer noch davon gewusst hat oder auch nur eine Ahnung gehabt haben könnte. Fällt Ihnen dazu vielleicht jemand ein?"

„Ich wüsste nicht, wem sie davon erzählt haben sollte. Sie weiß doch genau, dass ihre Freundschaft geheim bleiben muss, wenn sie Ginny weiterhin sehen will. Kim ist sowieso ziemlich verschlossen anderen Leuten gegenüber. Ich denke nicht, dass sie jemandem davon erzählt hat, denn sie redet nicht gern über sich. Ich kann nur vermuten, dass jemand aus ihrer Schule sich gedacht hat, sie könnte Geheimnis haben und dann nachgeforscht hat. Sie wissen ja, wie Kids in dem Alter sind.”

„Ja, das weiß ich. Schließlich war ich auch mal eins. Aber wer von ihren Freunden könnte etwas weitererzählt haben? Wissen Sie, ob es Gerüchte in der Richtung gab?”

„Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht der Fall ist. Sonst hätte ich es mit Sicherheit gehört. Schließlich führe ich den Laden, und hier werden alle Gerüchte weitererzählt. Wenn etwas über Kim dabei gewesen wäre, hätte ich es entweder selbst mitbekommen, oder Peg hätte es mir erzählt. Sie ist ziemlich interessiert an solchen Dingen.”

„Na gut, ich glaube, auf die Art kommen wir nicht weiter. Sie haben auch gesagt, dass Sie Kimberly mit einer Kundin nach Hause geschickt hätten, um der Frau die Einkäufe zu tragen. Das war, nachdem Sie ihr die Diskette gegeben hatten. Ist es möglich, dass Ihre Tochter der Frau was davon erzählt hat?”

„Unwahrscheinlich. Kim mag Mrs. Fields sehr und hört ihr immer gern zu, wenn sie von früher erzählt, aber sie weiß auch, dass die Frau ziemlich viel klatscht. Das ist ihre einzige Freude, denn sie hat niemanden mehr; also erzählt sie Geschichten von früher und solche von heute. Kim hätte sicher nicht riskiert, ihr von Ginny oder von der Diskette zu erzählen.”

„Trotzdem würde ich gerne mit Mrs. Fields sprechen. Sie haben ihre Adresse?” „Natürlich. Aber bitte erzählen Sie nichts von Ihrem Verdacht das Heim betreffend. Ich möchte nicht, dass jemand denkt, Kim wäre selbst schuld an ihrem Verschwinden.”

Cynthia lächelte. „Ich werde nichts sagen; schließlich kann ich keine Daten weitergeben, die für die Ermittlung von Bedeutung sein können. Ich hoffe, die alte Dame weiß etwas, was uns weiterhilft. Wenn sie so gern klatscht wie Sie gesagt haben, dann ist das durchaus möglich.”

„Ich hoffe es. Aber seinen Sie vorsichtig. Wenn sie Sie erst zum Tee einlädt, dann kommen Sie stundenlang nicht mehr weg.”

„Ich werd mich vorsehen.”

Mr. Jackson suchte die Adresse von Mrs. Fields aus seiner Kundenkartei heraus und schrieb sie auf einen Zettel, den er Cynthia reichte. Diese bedankte sich und schickte sich gerade an den Laden zu verlassen, als eine junge Frau mit blonden Locken zur Tür hereinkam. Sie ging auf Mr. Jackson zu und umarmte ihn kurz. Dann erkundigte sie sich: „Gibt es schon etwas Neues?”

„Nein, mein Mädchen, nichts. Kim ist noch immer verschwunden, und wie mir Deputy Major gerade gesagt hat, gibt es noch keine Spur. Deputy Major, das ist meine Tochter Kay.”

Cynthia reichte der Frau die Hand und musterte sie aufmerksam. Sie sah Kimberly nicht sonderlich ähnlich, glich dafür aber ihrem Vater. Ihr Gesicht mochte sonst hübsch sein, aber jetzt stand Sorge darin. Die Sorge um ihre kleine Schwester. Cynthia ergriff die Gelegenheit und erkundigte sich, ob sie kurz mit ihr sprechen könne. Erstaunt willigte sie ein und folgte der Polizistin nach draußen, da gerade ein paar Kunden den Laden betraten.

Sobald sie außer Hörweite waren, wollte Kay wissen: „Was kann ich Ihnen schon sagen? Ich war schließlich in der letzten Zeit nicht hier und wüsste nicht, wie ich Ihnen helfen könnte.”

„Vielleicht wissen Sie mehr als Ihnen selbst bewusst ist. Wir verfolgen eine Spur, die möglicherweise mit einer Freundin Kimberlys zu tun hat.”

„Sie meinen Ginny Tomms?”

Überrascht nickte Cynthia. „Sie wissen also von der Freundschaft der Beiden?”

„Natürlich. Kim erzählt mir alles. Ich weiß, wer ihre Freunde sind und ich weiß auch, dass ihre Freundschaft zu Ginny geheim bleiben sollte.”

„Sie haben also niemandem davon erzählt?”

„Natürlich nicht! Ich habe aber noch vor ein paar Tagen mit Kim darüber gesprochen.”

„Sie haben mit ihr über ihre Freundschaft zu Ginny Tomms gesprochen?”

„Ja. Na ja, nicht direkt über die Freundschaft. Eher über etwas, das Kim beunruhigt hat. Sie hat mir erzählt, dass sie und Ginny auf der Suche nach Ginnys Vater sind und wollte wissen, wie man so etwas am Besten anfängt. Ich habe durch meinen Job Erfahrung in solchen Dingen, verstehen Sie? Ich habe ihr gesagt, sie soll die Finger davon lassen und mir die Daten geben, die sie auftreiben kann. Dann wollte ich ihr helfen. Sie hatte allerdings nicht den geringsten Anhaltspunkt. Ich bin sicher, dass sich Ginny da einer ziemlich vagen Hoffnung hingegeben hat, aber das wollte ich nicht unbedingt sagen. Schließlich ist das Leben in dem Kinderheim auch so schlimm genug. Wem schadet da eine unbegründete Hoffnung?”

„Als ich mit ihr gesprochen habe hatte ich nicht den Eindruck, dass sie unglücklich ist.”

„Natürlich nicht. Sie ist nicht unglücklich, aber ich glaube auch nicht, dass sie glücklich ist. Stellen Sie sich doch mal vor, Sie müssten Ihre ganze Jugend in diesem Heim verbringen, das jeden Kontakt zu anderen Jugendlichen verbietet.”

„Ich verstehe, was Sie meinen. Sie wollten also den Mädchen helfen?”

„Ich habe es ihnen angeboten, aber ich war sicher, dass sie keine Hinweise finden würden, denen ich nachgehen kann. Wenn sie etwas gefunden hätten... Ich hätte ihnen geholfen, ja.”

Einen Moment lang schwiegen sie beide, dann begann Kay Jackson etwas zögernd: „Da ist noch etwas. Ich weiß nicht, ob es Ihnen hilft; wahrscheinlich nicht.”

„Alles kann wichtig sein.”

„Deshalb erwähne ich es ja, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass es nicht von Nutzen sein wird. Es mag verrückt klingen, aber mein Vater hat...Wie soll ich das jetzt bloß ausdrücken? Er hat so eine Art Gabe, kommende Dinge vorauszuahnen.”

„Sie meinen hellseherische Fähigkeiten?”

„Nein, nicht direkt. Er kann nicht sehen, was passieren wird, aber er hat manchmal so eine Art Gefühl, was bestimmte Sachen betrifft. Ein solches Gefühl hatte er auch, was Kimberly und Ginny betrifft. Er hatte das Gefühl, dass das, was sie vorhatten, gefährlich sein könnte. Er hat Kim gewarnt, aber sie hat nicht auf ihn gehört. Das kann ich allerdings gut verstehen, denn es fällt schwer, ihm zu glauben, aber er hat fast immer recht. Einmal hat er mir gesagt, ich solle nicht ins Schwimmbad fahren. Ich hab’s doch getan und mir auf der Rutsche den Arm gebrochen. So ist das immer. Er hat ein Gefühl, und niemand glaubt ihm, bis etwas passiert ist, das ihm recht gibt.”

„Ich glaube kaum, dass uns das weiterhilft, aber es ist trotzdem gut, dass Sie es mir gesagt haben. Sie haben vorhin gesagt, dass Kimberly Sie angerufen hat. Was hat sie Ihnen gesagt?”

„Na ja, sie sagte, dass sie und ihre Freundin Ginnys Vater suchen wollten und dass sie gern ein paar Tips von mir haben wollte. Das war eigentlich schon alles. Sonst hat sie nichts gesagt; was sie vorhaben oder so. Ich glaube, sie war ein wenig besorgt wegen Ginny, weil sie sich Hoffnung macht und ziemlich viele Gefühle investiert.”

Cynthia nickte. Sie hatte sich schon gedacht, dass Kimberly ihrer Schwester nicht erzählt hatte, was sie vorhatte, weil sie es sehr wahrscheinlich selbst noch nicht gewusst hatte. Trotzdem hatte sie es wissen wollen, weil es zur Routine gehörte. Sie würde auch mit der alten Frau reden, obwohl sie nicht sicher war, dass sie von ihr etwas Sinnvolles erfahren würde. Aber sie wollte nichts unversucht lassen. Sie würde es Mark schon zeigen! Er sollte nicht sagen, dass sie ihre Ermittlungen wegen des FBI vernachlässigte. Er war einfach nur stur. Mark würde nicht einsehen, dass die Theorie von Agent Mulder nicht völlig abwegig war. Sie verabschiedete sich von Kay und machte sich auf den Weg zu Mrs. Fields.

 

 

 

18.00

Irgendwo

 

Im Büro des alten Mannes war es ruhig. Der Mann saß wieder an seinem Schreibtisch und blätterte in den Berichten, die ihn aus den verschiedenen Abteilungen erreicht hatten. Sie waren alles andere als zufriedenstellend. Keiner hatte das Ziel erreicht, von dem sie alle träumten, und es war auch nicht gelungen, den Verräter oder den Mörder des Mannes, der Judy Benson umgebracht hatte, zu identifizieren. Vielleicht handelte es sich sogar um ein- und denselben Mann? Das machte die Sache nur noch erschreckender. Wenn es einer Person gelang, diese Dinge zu bewältigen, ohne dass sie dabei entdeckt wurde, dann war diese Person unter Umständen noch zu viel mehr in der Lage. Möglicherweise konnte sie das gesamte Projekt gefährden. Es wurde Zeit, dass sie sich nach einem anderen Ort umsahen, um ihre Forschung weiterzuführen. Aber zuerst musste der Verräter gefasst werden.

Es klopfte an der Tür. Der alte Mann sah auf und forderte den Besucher zum Eintreten auf. Ein großer Schwarzer betrat das Büro und setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten. So unhöflich, wie X mit Mulder umging, benahm er sich den meisten Menschen gegenüber. Es gab nur wenige Ausnahmen, und das waren Menschen, die er wirklich mochte. Und für die er alles tun würde. So wie für Judy. Ihre Zurückweisung hatte ihm wehgetan, auch wenn er sie verstehen konnte. Trotzdem hatte er sie gern gehabt, und damals, als sie noch kleiner war, hatte sie diese Zuneigung erwidert. Als sie jedoch älter wurde, hatte sie seine Anwesenheit als Belastung empfunden, und sie hatte begonnen, Angst vor ihm zu haben. Trotzdem hatte sie sich an ihn gewandt, und er hatte versucht, ihr zu helfen. Nun war sie tot, weil er ihr nicht genug hatte helfen können. Den Schmerz über ihren Tod ignorierend, zwang sich X, den Mann anzusehen, der dafür verantwortlich war. Er war der Leiter des Projekts, und er war es letztlich gewesen, der den Auftrag gegeben hatte. X billigte das Verhalten seines Patenkindes nicht, aber er hatte ihr dennoch geholfen, so gut er konnte. Jetzt konnte er nichts mehr für sie tun; das einzige, was er hatte tun können war, ihren Mörder zu finden und zu töten. Aber es war nicht genug, sie zu rächen. Er wollte, dass die Verantwortlichen zahlen mussten, und das beschränkte sich nicht nur auf den Mann, der die Waffe auf sie gerichtet und abgedrückt hatte. Nein, er wollte,  dass sie alle zahlten, und deshalb war er hier.

Der alte Mann sah darüber hinweg, dass sein Besucher jede Regel der Höflichkeit überging, auch wenn es ihn störte. Aber er war es von diesem Mann nicht anders gewohnt. Also hielt er selbst sich auch nicht mit Freundlichkeit auf sondern fragte kurz: „Was wollen Sie?”

„Ich habe gehört, dass es bei Ihnen einige Pannen gegeben hat.”

„Wer sagt das?”

„Sie wissen genau, dass ich in der Position bin, solche Dinge zu wissen. Wir werden von derselben Stelle finanziert und gedeckt, und deshalb weiß ich es.”

„Und was wollen Sie von mir?”

„Ich habe gehört, dass es um Ihr Projekt nicht allzu gut steht. Die vielen Pannen in der letzten Zeit haben die Regierung auf uns aufmerksam gemacht. Sie wissen so gut wie ich, dass wir alle derartiges Aufsehen vermeiden sollten. Es ist denen in Washington egal was wir tun, solange sie sich nicht dafür entschuldigen müssen. Aber sobald die Gefahr besteht, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, wenden sie sich von uns ab und streichen uns die Unterstützung. Ich habe Gerüchte gehört, dass es bald soweit sein könnte, wenn Ihre Stelle nicht schleunigst den aufgewirbelten Staub wieder ruhen lässt und die Reste der Pannen beseitigt. Und dass das für uns alle schlecht wäre, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen.”

Der alte Mann nickte. „Mir ist klar, dass Washington uns nur so lange gewähren lässt, wie sie Nutzen von uns erwarten. Sobald sie Unmut in der Bevölkerung befürchten, werden sie uns fallen lassen und so tun, als hätten sie von nichts gewusst. Aber ich kann Ihnen versichern, dass unser Projekt weder in Gefahr ist noch eine Gefahr für die anderen Stellen darstellt. Wir haben alles unter Kontrolle und werden in Kürze eine neue Reihe starten. Dazu werden wir den Standort ändern, und Washington ist alle Sorgen los.”

„Gut. Es gefällt niemandem, wenn auffällig viele Tote auftauchen, und ich glaube, dass wir das in Zukunft vermeiden sollten.”

Damit verließ X das Büro. Er war sicher, dass der Mann seine Botschaft verstanden hatte: Seine Stelle würde alles tun, um sich selbst zu retten. Aber das würden auch andere Stellen versuchen, und es war ihnen gleichgültig, welche Mittel sie dazu anwenden mussten, auch wenn es nötig sein sollte, dafür zu töten.

X lächelte zufrieden. Er hatte erfahren, was er wissen wollte. Jetzt brauchte er nur noch die Details, und dann würde er nicht zögern, seinen Plan auszuführen. Nein, er würde nur die Information geben, die den Prozess in Gang setzten. Ausführen würde seinen Plan ein anderer. Und dieser Mann würde nicht die geringste Ahnung haben, dass er benutzt wurde, wie er schon viele Male zuvor benutzt worden war.

 

 

 

21.00

Stadtarchiv

Greasewood, Kansas

 

Mulder und Scully hatten beschlossen, dass es nicht so wichtig war, schlafen zu gehen. Sie wollten stattdessen versuchen herauszufinden, an welchem Tag Ginny geboren worden war. Da das örtliche Krankenhaus keine Unterlagen darüber besaß war es anzunehmen, dass sie nicht dort auf die Welt gekommen war. Das war Scullys Ansicht nach auch ziemlich wahrscheinlich, da Kliniken, die sich auf künstliche Befruchtung spezialisiert hatten, in der Regel die Kinder selbst auf die Welt holten, da es immer zu gewissen Komplikationen kommen konnte. Also ging sie davon aus, dass Margie Graham in der Klinik entbunden hatte, in der die künstliche Befruchtung vorgenommen worden war. Die einzige Möglichkeit, etwas über Ginnys Geburtstag herauszufinden war, in den Geburtenregistern zu suchen. Mulder hatte die Idee gehabt, gleich noch die Listen der Kinder, die im Heim lebten, mit den Geburten in der Umgebung zu vergleichen. Scully wusste zwar nicht, was er damit beweisen wollte, aber sie sagte nichts, denn sie wollte sich nicht unbedingt vor der sowieso schon schlecht gelaunten Angestellten streiten, die eigentlich Feierabend gehabt hätte, nun aber wegen ihnen Überstunden machen musste, weil sie sie nicht allein im Archiv lassen durfte. Jetzt saß die Frau an ihrem Schreibtisch und las in einer Zeitschrift, und nicht einmal Mulders Charme hatte sie dazu bewegen können, ihnen zu helfen. Scully und Mulder wühlten sich durch Berge von Akten, die noch nicht in den Computer eingegeben worden waren. Langsam wurde es Scully zu viel, aber sie sagte nichts, denn sie wusste genauso gut wie Mulder, dass solche Dinge zum Job gehörten. Sie legte einen weiteren Ordner beiseite und griff nach dem nächsten.

Die Ordner waren nicht geordnet, und so mussten sie in jeden einzelnen hineinsehen, um die Daten, die darin gesammelt waren, zu überprüfen.

„Mulder, ich glaube, ich hab’s.” unterbrach Scully die Stille

Sofort kam Mulder zu ihr und beugte sich mit ihr über den Tisch. Vor ihr lag der Ordner von Ginnys Geburtsjahr. Scully blätterte, bis sie auf den gesuchten Namen stieß: Virginia Tomms. Mulder sah auf einen Blick, dass das Mädchen am 26. Dezember Geburtstag hatte. Er sah Scully fragend an. „Könnte das passen?”

„Ja, das kommt hin. Mr. Logan hat gesagt, dass er und Margie Graham zuletzt Ende März Geschlechtsverkehr hatten. Danach kann es sehr gut sein, dass Ginny seine Tochter ist. Ich halte es sogar für wahrscheinlich. Die Behandlung in der Klinik hat Mitte April stattgefunden. Als sie im Juni bei Mr. Logan angerufen hat um ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen sagte sie, sie sei in der sechsten Woche. Also muss sie gewusst haben, dass das Kind von ihm war. Warum sollte sie ihn sonst überhaupt anrufen? Wäre das Kind das Ergebnis der Behandlung in der Klinik, wäre sie erst in der vierten Woche gewesen. Natürlich ist es nicht möglich, das genau zu beweisen, denn der Zeitraum, der dazwischen liegt, ist mit zwei Wochen einfach zu kurz. Was die Wahrscheinlichkeit betrifft würde ich sagen, dass es nicht möglich ist, bei so einem Eingriff eine bereits vorliegende Schwangerschaft zu übersehen. Aber alles spricht dafür, dass Logan die Wahrheit sagt. Und wenn er das tut, dann muss Ginny sein Kind sein.”

„Aber warum sollte sie dann im Heim leben?”

„Weil man annahm, dass sie Waise ist. Ihre Mutter ist tot, ihren Vater kannte niemand, also war es nahe liegend, sie in einem Heim unterzubringen.”

„Aber warum dieses Heim, Scully? Dort sind Kinder, die in der Klinik geboren worden sind. Ich habe einige der Kinder, die dort wohnen, auf der Liste der Geburten in dieser Gegend wiedergefunden. Keines von ihnen wurde in einem normalen Krankenhaus geboren. Genau wie Ginny. Ich bin sicher, dass die Kinder das Ergebnis von Versuchen sind und dass sie überwacht werden sollen. Ginny könnte versehentlich da hineingeraten sein. Vielleicht hat wirklich niemand gemerkt, dass ihre Mutter schwanger war. Dann ist sie in dem Heim, ohne dass diese Versuche mit ihrem Erbgut durchgeführt wurden. Ich bin ziemlich sicher, dass das St. Mary’s Kinderheim eine Art Auffangstation für die Versuchskinder ist, wo sie betreut und überwacht werden können.”

Scully seufzte. „Das hatten wir doch schon, Mulder. Es ist technisch unmöglich, dass bei einer künstlichen Befruchtung eine vorliegende Schwangerschaft nicht entdeckt wird. Die Ärzte prüfen das sehr sorgfältig, um spätere Komplikationen auszuschließen.”

„Okay, normale Ärzte mögen das ja tun, aber was ist mit denjenigen, die sowieso gegen jeden ethischen Grundsatz verstoßen? Denen kann es doch egal sein, oder sie haben nicht die nötigen Mittel, um jede Frau zu überprüfen. Vielleicht hat Margie auch gelogen. Wer weiß, ob man die Frauen, die an dem Projekt teilnehmen, nicht einfach gefragt hat, wann sie zuletzt mit einem Mann geschlafen haben? Wenn Margie Graham das Geld dringend gebraucht hat, und nach ihrer Scheidung können wir davon ausgehen, dass sie nicht gerade wohlhabend war, dann könnte sie aus Verzweiflung gelogen haben. Und als sie dann schwanger war, hat sie gespürt, dass das Kind von ihrem ehemaligen Lover war. Dann muss sie ihn angerufen haben um ihm zu sagen, dass er Vater wird. Später wollte sie das Kind behalten und ist geflüchtet, damit man es ihr nicht wegnehmen konnte. Als man sie gefunden hatte, wurde sie ermordet und das Kind ins Heim gebracht. Die Kinder brauchen eine bestimmte medizinische Versorgung, um gesund zu bleiben, und die erhalten sie im Kinderheim. Erinnern Sie sich, was Ginny über die häufigen Untersuchungen erzählt hat? Sie könnten dazu dienen, den Kindern bei Bedarf die medizinische Versorgung zukommen zu lassen.”

„Das ergibt keinen Sinn. Wenn die Kinder diese Versorgung brauchen, warum hat dann Susie die ganze Zeit ohne diese Versorgung überleben können? Sie war mit Sicherheit nicht in Behandlung.”

„Diese Versuche sind nicht immer gleich geglückt. Susie könnte ein solcher „missglückter Versuch” sein. Dann braucht sie diese Versorgung nicht. Ich habe aber auch eine andere Theorie: Es könnte sein, dass die Fähigkeiten, die man durch diese Experimente in den Kindern zu wecken hofft, durch bestimmte Medikamente geweckt oder vergrößert werden. Das könnte eine Abhängigkeit der Kinder verursachen, so dass sie nicht mehr normal leben können.”

„Sie können sich doch nicht einfach eine Theorie zurechtbiegen, wenn etwas nicht in Ihre erste Theorie passt. Das ist doch alles nicht zu beweisen.”

Scully schwieg einen Moment. Wie Mulder empfand sie beinahe körperliche Schmerzen bei der Vorstellung, dass Susie das Ergebnis von genetischen Versuchen sein sollte. Sie hatte das blonde Mädchen ins Herz geschlossen, auch wenn sie sich hundertmal sagte, dass sie professionell sein sollte. Das war unmöglich, sobald sie an die großen blauen Augen dachte, die so verletzt und doch voller Vertrauen zu ihr aufgeblickt hatten. Genau wie die von Mulder fuhr es ihr durch den Sinn. Wie Susie war auch ihr Partner sehr oft verletzt worden und vertraute ihr trotzdem. Und wie das Kind hatte er nur sie. Ja, die Parallele war eindeutig. Susie und ihre Mutter hatten niemanden gehabt, der ihnen helfen konnte, und Judy war tot. Scully war entschlossener denn je, das Leben des Kindes zu retten. Wenn sie schon nicht ihre Seele retten konnte...

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Judy hatte doch jemanden gehabt. Sie hatte sich an jemanden gewandt, der sie wahrscheinlich zu Mulder geschickt hatte.

„Mulder? Mir ist gerade etwas eingefallen, das Betsy Shaw erzählt hat. Sie erwähnte einen Mann, an den sich Judy um Hilfe gewandt hat. Er war ihr Pate, wie Betsy gesagt hat. Sie wollte etwas unternehmen, und nachdem sie sich mit diesem Mann getroffen hat, ist sie abgereist und hat Susie bei ihrer Freundin untergebracht. Das war sehr ungewöhnlich, wie mir Betsy versichert hat. Sonst hat sie das Kind niemals aus den Augen gelassen, wenn sie nicht arbeiten musste. Dann war die Kleine im Kindergarten, in dem die Kinder der Mitarbeiter untergebracht werden. Aber nach diesem Treffen hatte sie es sehr eilig. Und sie hat gesagt, dass alles in Ordnung sei, wenn sie wiederkäme. Ich weiß, dass wir so gut wie keine Chance haben, diesen Mann zu finden, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er es war, der sie zu Ihnen geschickt hat.”

Mulder sah grimmig aus. „Ich glaube nicht, dass wir diesen Mann finden werden. Aber ich kann mir schon denken, wer er ist. Ich habe mich schon gewundert, dass er mir plötzlich so bereitwillig Informationen gegeben hat. Kein Wunder, wenn sie sein Patenkind war. Das muss ihn ziemlich hart getroffen haben, dass er plötzlich persönlich betroffen war von all dem Mist, den er mit Vorliebe verschleiert.”

Die letzten Sätze hatte er leise ausgesprochen, beinahe wie im Selbstgespräch. Scully sah ihn verständnislos an. Dann begriff sie. „Sie wollen doch nicht andeuten, dass Ihr Informant der Mann ist, der Judy Benson zu Ihnen geschickt hat? Das hieße ja...” „Dass er ihr Patenonkel ist, richtig. Dieser verdammte Schweinehund hat mich schon wieder benutzt. Er konnte Judy nicht helfen, ohne sich gegen seine eigene Organisation zu stellen, also schickte er sie zu mir und dachte sich, dass der Idiot vom FBI schon alles regeln wird, ohne dass er sich seine eigenen Finger schmutzig machen muss. Zu seinem Unglück ist etwas schief gelaufen, und jemand hat Judy aufgespürt, bevor sie mich um Hilfe bitten konnte. Deshalb musste sie sterben. Die haben nur nicht gewusst, dass sie das Kind nicht bei sich haben würde. Also musste man das Kind später holen. Erst musste Judy aus dem Weg geschafft werden, bevor sie mir etwas erzählen konnte. Leider ist der Mörder dann selber ermordet worden, so dass man mir nicht mehr den Mord an Judy in die Schuhe schieben konnte. Das hätte auch zu gut gepasst.”

„Sie glauben also, es war kein Zufall, dass Judy in Ihrer Wohnung getötet wurde?”

„Ich glaube, dass jemand ihr gefolgt sein muss um die beste Gelegenheit abzuwarten. Dass diese in meiner Wohnung kommen würde mag ein Zufall gewesen sein. Aber ich bin sicher, dass es ihnen gut gefallen hat. Der Mörder muss meinen Ausweis gestohlen haben. Ich habe ihn selten dabei, weil der Dienstausweis genauso gut ist. Deshalb hat man die Leiche des Mannes auch für mich gehalten.”

Scully schluckte einen Kloß in ihrem Hals herunter als sie daran dachte, wie sie geglaubt hatte, Mulder sei tot. Allein der Gedanke daran weckte wieder dieselbe Verzweiflung in ihr. Sie zwang sich, nicht daran zu denken und erkundigte sich: „Wer hat Ihrer Meinung nach den Mörder getötet? Ihr Informant?”

„Ich weiß es natürlich nicht sicher, aber ich denke ja. Er ist skrupellos genug um Judy auf diese Weise zu rächen. Dass er damit meine Unschuld nahelegen würde, war sicher nicht von vornherein geplant. Es mag eine positive Nebenerscheinung gewesen sein, aber es war sicher nicht seine erste Priorität.”

„Ich weiß nicht. Sie behaupten da Dinge, die Sie nicht beweisen können.”

„Aber es passt alles zusammen, sehen Sie das denn nicht? Er will Judy retten, darf sich aber nicht gegen die Leute stellen, die ihn finanzieren. Also sucht er jemanden von dem er weiß, dass er jeder Sache nachrennt, die ein wenig unheimlich klingt und schickt sie zu mir. Er konnte sich nicht persönlich an mich wenden, denn er weiß, dass ich dann misstrauisch geworden wäre. Indem er Judy zu mir schickte, hoffte er, dass ich nicht merke, wie er mich benutzen wollte. Als das dann schief ging und sie ermordet wurde musste er dafür sorgen, dass niemand sie mit ihm in Verbindung bringt. Aber er will sie rächen. Also hat er ihren Mörder erschossen. Allerdings ist er nicht so dumm, diesen Mann für denjenigen zu halten, der das alles initiiert hat. Er weiß ganz genau, von wem das ausgeht, und den will er mir liefern. Ihm ist klar, dass er vorsichtig sein muss. Schließlich muss er aufpassen, dass niemand ihn als Verräter entlarvt. Dann wäre sein Leben keinen Pfifferling mehr wert. Also gibt er mir Hinweise, damit ich die Sache für ihn erledige. Er muss nur dafür sorgen, dass ich nicht merke, dass er mich benutzt. Sein Pech, dass ich es nun doch gemerkt habe.”

Bevor Scully eine Chance hatte, sich zu dieser Theorie zu äußern, kam die Angestellte zu ihnen herüber und erkundigte sich: „Brauchen Sie noch lange? Wenn Sie hier fertig sind, könnten wir vielleicht gehen, damit ich nach Hause kann.”

„Entschuldigen Sie.” Die Agenten kopierten rasch die von ihnen benötigten Seiten aus dem Geburtenregister und verabschiedeten sich. Die Frau sah ihnen kopfschüttelnd nach und murmelte etwas von verschwendeten Steuergeldern vor sich hin, während sie die Tür abschloss.

 

 

21.00

Büro des Staatsanwalts

Greasewood, Kansas

 

Der Staatsanwalt von Greasewood war nicht gerade begeistert, dass er um diese Zeit noch immer keinen Feierabend hatte. Dementsprechend kurz angebunden war er zu Dr. Carlyle, der der Grund für seine Überstunden war. Er sah den Gerichtsmediziner an, als wolle er an seinem Geisteszustand zweifeln.

„Sie wollen WAS?”

„Ich will, dass Sie mir erlauben, die Leiche von Sean Chandler zu exhumieren.”

„Sie meinen den Jungen aus dem Kinderheim, der vor Jahren gestorben ist?”

„Ja. Ich meine diesen Jungen. Er ist nicht einfach gestorben, er hat sich umgebracht.”

„Also, was wollen Sie noch? Wenn Sie die Todesursache schon kennen, was hat es dann für einen Sinn, die Leiche noch einmal zu untersuchen?”

„Ich möchte sichergehen, dass nichts übersehen worden ist.”

„Das hätten Sie gleich tun sollen. Wenn Sie eine Leiche freigeben, dann ist es zu spät, Ihre Ergebnisse noch einmal zu korrigieren. Sind Sie sicher, dass Sie neue Erkenntnisse haben, die eine Exhumierung rechtfertigen?”

„Um ehrlich zu sein habe ich keine neuen Erkenntnisse, aber das FBI interessiert sich für den Fall, und ich möchte einer Spur nachgehen, die ich bei der ersten Autopsie nicht verfolgen konnte, weil Ihr Vorgänger mich auf Drängen der Heimleitung dazu aufgefordert hat, die Untersuchung auf ein Minimum zu beschränken. Ich bin mir aber sicher, dass es noch etwas gibt, das ich übersehen habe. Jemand hat versucht, die Todesursache zu verschleiern, und ich konnte nicht ermitteln, warum. Aber ich weiß, dass es jetzt relevant sein könnte, da sich das FBI für alles interessiert, was mit dem Kinderheim zu tun hat.”

„Ich werde Sie nicht fragen, ob das Ihr Ernst ist, denn ich weiß, dass Sie mir das auch noch bestätigen würden. Da ich aber weiß, dass Sie normalerweise nicht eine solche Sache fordern würden, wenn kein triftiger Grund vorliegt, werde ich Ihnen die Verfügung besorgen. Ich kann für uns beide nur hoffen, dass Sie diesmal keinen blinden Alarm schlagen wie in dem Fall mit der verbrannten Frau, die angeblich durch spontane Selbstentzündung gestorben ist, aber dann doch von ihrem Geliebten angezündet worden ist. Das war eine überaus peinliche Geschichte.”

„Ja, das war ein Fehler.” gab Carlyle zu. „Aber in diesem Fall bin ich mir absolut sicher, dass jemand versucht hat, etwas zu verschleiern. Aber ich weiß nicht, warum.”

„Das werden Sie ja hoffentlich bei der zweiten Autopsie herausfinden. Aber ich möchte, dass Sie das mit äußerster Diskretion behandeln. Kein Wort an die Presse oder an sonst jemanden. Auch nicht ans FBI; es sei denn, Sie finden etwas.”

„Verstanden, Sir. Ich werde schon einmal alles vorbereiten.”

Damit stürmte der Gerichtsmediziner aus dem Büro, bevor es sich der Staatsanwalt noch anders überlegen konnte. Dieser sah ihm kopfschüttelnd nach und fragte sich, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, diesem leicht überdrehten Mann zu glauben, der sich immer voller Begeisterung in jede Autopsie stürzte. Fast schien es, als habe er Freude daran, Leichen aufzuschneiden. Wer konnte schon wissen, ob der Mann nicht die Gelegenheit ergriffen hatte, einfach einmal eine Leiche exhumieren zu können? Der Staatsanwalt seufzte. Er war ziemlich sicher, dass der Mann kompetent war, aber der Rest eines Zweifels blieb doch in ihm.

 

 

 

21.30

Haus von Charlene Evans

Greasewood, Kansas

 

Mrs. Evans war außer sich. Sie wusste, dass es besser war, Floyd ihre Gefühle nicht zu zeigen, weil er alles, was er wusste, ohne Skrupel gegen sie verwenden würde, aber sie konnte nicht anders. Sie war nicht in der Lage, ihren Zorn zurückzuhalten. Außerdem fühlte sie sich in ihrem Haus sicher genug um einem Mann die Stirn zu bieten, vor dem sie sich sonst insgeheim fürchtete.

„Wie können Sie es wagen?” fuhr sie ihn an. „Sie verstoßen damit gegen jede Abmachung, die wir jemals hatten.”

Ihr Gegenüber blieb völlig gelassen, unberührt von ihrem Ausbruch. „Es war notwendig.” entgegnete er schlicht.

„Notwendig! Sie haben ein Kind entführt. Ein Kind, dessen Eltern besorgt um es sind. Ich habe zugesehen, wie Sie Kinder geholt haben, deren Eltern tot waren. Das habe ich noch eingesehen. Schließlich muss sich jemand um sie kümmern, und wenn sie dabei auch noch der Wissenschaft nützen, warum nicht. Auch als Sie diese beiden kleinen Mädchen in allen Staaten gesucht und den Selbstmord von Sean zu vertuschen versucht haben, habe ich geschwiegen, weil es zum Wohl der Kinder war. Aber jetzt sind Sie zu weit gegangen! Ein Kind zu entführen, nur weil es vielleicht etwas gehört hat. Es gibt nichts, was eine solche Tat rechtfertigen könnte. Was wollen Sie überhaupt mit ihr anstellen? Ich wette, darüber hat noch niemand nachgedacht. Sie muss irgendwann wieder freigelassen werden, denn umbringen können Sie sie ja schlecht!”

Floyd schwieg. Er hätte ihr jetzt sagen können, dass er nichts Anderes vorgehabt hatte, dass er auch die Mütter der beiden kleinen Mädchen hatte töten lassen, weil diese ihre Kinder nicht hatten hergeben wollen, dass er sich einen Dreck um das Wohl der Heimkinder scherte, dass es die ganze Zeit nur um die Versuche gegangen war und dass man sie von Anfang an benutzt hatte, um einen Deckmantel für das Projekt zu haben. Sie war mit illegalen Teilwahrheiten abgespeist worden, damit sie nicht auf die Idee kam, irgendwann etwas auszuplaudern, aber sie hatte nicht erfahren, worum es wirklich ging: Um die Erschaffung des perfekten Menschen. Dabei musste man eben gewisse Verluste in Kauf nehmen, und man produzierte eine Menge Überschuss. Dieser Abfall musste beobachtet werden, denn manchmal konnte man aus ihm wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Aber das alles würde er ihr nicht sagen. Er würde sie wie üblich beruhigen und ihr versichern, dass er alles zur Zufriedenheit regeln würde. Dann würde sie wieder für ein paar Tage Ruhe geben. Und ein paar Tage waren genug. Danach waren die Vorbereitungen abgeschlossen, und er konnte sich endgültig um sie kümmern. Aber noch nicht.

„Ich werde mich darum kümmern.” versprach er. „Das Mädchen hat etwas gehört, das sie nicht erfahren durfte. Wir werden sie ein paar Tage lang festhalten, damit wir die Spuren beseitigen können. Danach wird sie wieder auftauchen.”

Mrs. Evans gab sich mit seiner Erklärung zufrieden, wie sie es schon so oft getan hatte. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig, denn sie konnte nichts gegen Floyd ausrichten. Außerdem glaubte sie nach wie vor an den Nutzen des Kinderheims und daran, dass sie für ihre Schützlinge da sein musste. Also würde sie abwarten und später noch einmal darauf beharren, dass das Mädchen freigelassen wurde. Sie ahnte nicht, dass es dann bereits zu spät sein würde.

Floyd bemerkte, wie sie zögerte. Er wusste, dass er gewonnen hatte, aber er wollte ganz sicher gehen.

„Ich werde Sie morgen zu dem Mädchen bringen, damit Sie sehen, dass sie lebt und in Ordnung ist.” schlug er vor.

Mrs. Evans nickte erfreut, nicht ahnend, dass man Kimberly Jackson nur aus diesem Grund bis jetzt am Leben gelassen hatte: Um notfalls Mrs. Evans beruhigen zu können.

 

 

 

Mitten in der Nacht

Irgendwo

 

Es schien fast, als habe der alte Mann sein Büro nie verlassen. Er saß genau in derselben Position an seinem Schreibtisch wie zuvor, als ihn die Anderen verlassen hatten. Das stellte Joe Good sofort fest, als er das Büro betrat. Ihm war nicht sonderlich wohl in seiner Haut, denn er dachte noch immer an den Rüffel, den er beim letzten Mal bekommen hatte.

Aber bei diesem Treffen ging es nicht um ihn oder seine Fehler. Nachdem die Anderen nach und nach eingetroffen waren, ergriff der ältere Mann das Wort: „Ich habe Sie alle hergerufen, um über unser weiteres Vorgehen zu sprechen. Es hat einen weiteren Zwischenfall gegeben, der es dringlich macht, einen anderen Ort für unsere Arbeit zu finden. Das FBI ist noch immer hier, und wir haben noch ein weiteres Problem bekommen.”

„Was ist das für ein Problem?” erkundigte sich eine der Frauen.

„Das tut nichts zur Sache.” entgegnete ein Mann.

„Doch, Mr. Floyd, ich denke, das tut es.” wies ihn der alte Mann zurecht. „Unsere Mitglieder haben ein Recht zu erfahren, was vorgefallen ist. Schließlich betrifft das alle, deren Arbeit in dem Projekt steckt. Würden Sie also bitte berichten, was geschehen ist?”

Widerwillig begann Floyd, nun nicht annähernd so selbstsicher wie bei seinem Streit mit Mrs. Evans.

„Wir waren gezwungen, ein Mädchen mitzunehmen, das meine Unterhaltung mit Charlene Evans mit angehört hat. Sie war heimlich auf das Gelände des Kinderheims gekommen und hatte uns belauscht. Uns blieb keine andere Wahl als sie aus dem Weg zu schaffen.”

„Wollen Sie damit sagen, Sie haben sie umgebracht?” erkundigte sich die jüngere Frau aufgebracht. „Erst wird diese Frau ermordet, dann diese andere Frau, die das Kind nicht einmal bei sich hat. Und jetzt ein Kind. Wer soll noch alles sterben?”

„Beruhigen Sie sich. Sie ist nicht tot. Wir haben sie an einen sicheren Ort gebracht, wo sie nichts von dem Gehörten weitererzählen kann. So haben wir genügend Zeit, um unsere Spuren zu verwischen.”

„Und dann werden Sie sie doch umbringen.” mischte sich Joe Good ein, der es genoss, einmal nicht derjenige zu sein, der die Fehler machte. Floyd zuckte die Achseln. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Sie ist ein Risiko, das wir nicht dulden können, wenn wir nicht alles verlieren wollen. Sie können das natürlich nicht verstehen, weil Sie nicht jahrelang an dem Projekt gearbeitet haben. Aber wir anderen haben etwas zu verlieren. Außerdem müssen Sie sich gerade mokieren. Wer hat denn durch einen dummen Fehler das Kind verloren und dabei vollkommen unnötig eine unbeteiligte Frau ermordet?”

„Ich halte es nicht für klug, von den eigenen Fehlern abzulenken, indem Sie auf denen anderer herumreiten. Das bringt uns nicht weiter.” Der ältere Mann hatte nicht einmal die Stimme erhoben, aber das war auch gar nicht nötig. Seine bloße Präsenz strahlte so viel Autorität aus, dass alle beim Klang seiner Stimme verstummten. Floyd zog den Kopf ein. Es war ihm nicht peinlich, den anderen Mann schlechtgemacht zu haben, um selbst besser dazustehen, aber es war ihm unangenehm, dass er dafür vor den anderen zurechtgewiesen worden war.

„Wir sollten lieber überlegen, wie wir damit fertig werden können. Es wird nicht anders gehen als das Mädchen zu beseitigen, wenn wir mit unserer Arbeit fortfahren wollen.”

„Da ist noch etwas.” meldete sich wieder Floyd zu Wort. „Mrs. Evans. Sie hat davon erfahren, und sie ist empört. Ich habe sie beruhigt und ihr zugesagt, dass sie morgen das Mädchen sehen kann, damit sie sieht, dass sie noch lebt. Das sollte sie für ein paar Tage ruhig stellen, aber ich weiß nicht, für wie lange. Sie wird immer nervöser, und wenn das FBI noch einmal bei ihr auftaucht weiß ich nicht, wie sie reagiert.”

„Wir werden uns zu gegebener Zeit um sie kümmern. Mr. Good kann das erledigen. Und dieses Mal wünsche ich keine Pannen.” Joe nickte. Er würde diesen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit erledigen.

„Jetzt wollen wir über die Verlegung sprechen. Das ist der eigentliche Grund, warum ich Sie hergebeten habe. Sie wissen alle, dass uns keine andere Wahl bleibt als diesen Stützpunkt aufzugeben und einen neuen einzurichten. Wir haben hier über Jahre hinweg in aller Ruhe unserer Aufgabe nachkommen können, aber jetzt ist es besser zu verschwinden, bevor wir entdeckt werden. Wie Sie wissen, sind die Vorbereitungen schon seit langem getroffen worden, weil es abzusehen war, dass dieser Zeitpunkt kommen würde. In den nächsten Tagen werden wir hier unsere Zelte abbrechen und uns an den neuen Standort begeben. Halten Sie sich bereit.”

Alle Anwesenden nickten. Es tat ihnen leid, einen so ergiebigen Ort für ihre Forschungen aufgeben zu müssen, aber es blieb ihnen keine Wahl, wenn sie nicht ihre gesamte Forschung aufgeben wollten. Es würde eine Weile dauern, bis sie am neuen Standort so effektiv arbeiten konnten wie hier. Aber es würde irgendwann möglich sein.

Die Männer und Frauen ahnten nicht, dass es jemanden gab, der alles versuchen würde, ihre Bemühungen zu vereiteln. Dieser Mann befand sich in einem verborgenen Raum mit einer Abhörvorrichtung und hörte heimlich jedes Wort mit, das gesprochen wurde. Ein kaltes Lächeln lag auf dem Gesicht von X, als er sich die Einzelheiten einprägte. Er wusste, wem er sie zu nennen hatte. Dann würden die dort drinnen schon bald merken, dass ihr Spiel aus war.

 

 

 

9.00

Mercy-Privatklinik für Invitrofertilisation und Geburten

Great Falls, Kansas

 

Mulder sah sich unbehaglich um. Das Wartezimmer, in das man ihn und Scully geführt hatte, war hell und freundlich eingerichtet; die Wände waren hellgelb gestrichen, und überall hingen Kunstdrucke in fröhlichen Farben. Vor dem Fenster hingen bunte Vorhänge, und an einer Wand versprach ein Poster, dass die Behandlung hier individuell auf die Frauen abgestimmt werde. An einer anderen Wand war eine Galerie von Fotos, die strahlende Eltern mit Babys auf dem Arm zeigten.

Doch all das konnte Mulder nicht beruhigen. Er fühlte sich zutiefst unbehaglich, denn ihm war klar, dass er hier völlig fehl am Platz war. Er rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum und warf seiner Partnerin ab und zu unsichere Blicke zu. Es war nicht so, dass Mulder Schwangerschaften grundsätzlich für Frauensache hielt; er wäre sicher bereit gewesen, einer werdenden Mutter beizustehen, aber hier lag die Sache eindeutig anders. Erstens war Scully nicht schwanger, und zweitens wollte sie es ganz sicher nicht werden, auch wenn ihr Aufenthalt an diesem Ort das Gegenteil vermuten ließ. Und drittens war sie seine Partnerin; er war also mit Sicherheit der letzte Mann, der als Vater in Frage käme, sollte sie eines Tages doch einmal ein Kind wollen.

Mulder zwang sich, seine Gedanken darauf zu konzentrieren, dass es sich hier um eine Ermittlung handelte, wenn auch nicht unbedingt um eine offizielle. Skinner würde ihnen den Hals umdrehen wenn er wüsste, was sie hier taten, aber Mulder und Scully waren an solche Situationen gewöhnt. Was Mulder trotzdem Probleme bereitete war die Tatsache, dass er mit Scully hier war. Mit jeder anderen Agentin hätte er sich vielleicht sicherer gefühlt. Das war eine Ausnahme, da er sonst nur Scully vertraute, aber in diesem Fall wäre es ihm lieber gewesen, er würde die Frau, mit der er das hier durchziehen musste, nicht so genau kennen. Die Situation war ihm schon unangenehm genug; da musste er nicht auch noch mit einer Frau arbeiten, die ihn in- und auswendig kannte. Allein der Gedanke an ein Baby im Zusammenhang mit ihm und Scully ließ ihn noch unruhiger werden, und er fürchtete, sie könnte das bemerken.

Sogar im professionellen Bereich war er hier vollkommen fehl am Platz. Scully war diejenige, die das Fachwissen hatte; sie würde also wahrscheinlich auch diejenige sein, die der Unterhaltung mit dem Arzt folgen konnte, während er selbst nur daneben sitzen und wie die eine Hälfte eines verzweifelten, kinderlosen Paares aussehen musste. Eines Paares, das er mit Scully bildete...

Bevor er diesen Gedanken weiterführen konnte, betrat eine junge Frau in Jeans und Bluse den Raum. Sie trug einen weißen Kittel über ihrer Kleidung und hatte ihre blonden Locken zusammengebunden.

„Hi,” begrüßte sie ihn und Scully mit ansteckender Fröhlichkeit. „Ich bin Dr. Niles, Ihre beratende Ärztin. Sie können aber ruhig Sharon zu mir sagen. Und Sie müssen Mr. und Mrs. Darins sein. Würden Sie mir bitte folgen?”

Mulder und Scully wechselten einen Blick und folgten der Ärztin dann in ein Büro, das genauso freundlich eingerichtet war wie der Warteraum, wenn es auch wesentlich professioneller aussah. Dr. Niles bot den beiden Agenten mit einer Geste Platz an, dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch, der mit Unterlagen vollgepackt war, von denen Mulder vermutete, dass er kein einziges Wort auf ihnen verstehen würde, sollte er die Gelegenheit bekommen, einen Blick darauf zu werfen.

„Wissen Sie,” begann Dr. Niles nach einem kurzen Schweigen, während dem sie ihren Gästen Zeit gegeben hatte, sich umzusehen und ihrerseits das Paar genauer gemustert hatte, was den geschulten Blicken der Agenten natürlich nicht entgangen war, die nicht umhin konnten, die Taktik der Ärztin zu bewundern.

„Es ist immer ein schwerer Schritt, wenn sich ein Paar entscheidet, zu uns zu kommen. Um Ihnen den Einstieg leichter zu machen möchte ich Sie bitten, mir ein paar anfängliche Fragen zu beantworten. Wie lange sind Sie schon verheiratet?” Scully antwortete ohne zu zögern: „Seit vier Jahren. Wir kennen uns aber schon viel länger.”

Mulder bewunderte sie für ihre Ruhe. Natürlich hatten sie ihre Story eingeübt, bevor sie hergekommen waren, aber er war sich nicht sicher, ob er so leicht darüber hätte sprechen können, wie lange er mit ihr verheiratet war.

„Und Sie hatten von Anfang an den Wunsch nach einem Kind?”

„Nein; im ersten Jahr waren wir uns noch nicht sicher, aber als wir uns dann ein Kind gewünscht haben, hat es einfach nicht funktioniert. Wir haben wirklich alles versucht.”

Beim Gedanken, was man unter „alles” zu verstehen hatte, wurde Mulder beinahe rot. Er bewunderte Scully immer mehr, weil sie so gelassen war. Aber wahrscheinlich gehörte das zu ihrer Ausbildung als Ärztin. Ob sie diese Dinge auch privat so nüchtern betrachtete? Er stellte fest, dass er das gar nicht so genau wissen wollte und zwang sich, wieder der Unterhaltung zu folgen.

Dr. Niles hatte gerade gefragt, wie sie auf diese Klinik gekommen waren. Diese unverfängliche Frage konnte Mulder auch beantworten: „Wir haben uns bei unserem Arzt informiert, und er hat uns an Sie verwiesen. Es ist zwar ein wenig weit von Washington aus, aber dafür soll Ihre Einrichtung die Beste sein.”

„Ja, unser Ruf ist ziemlich gut. Allerdings muss ich dazu sagen, dass wir Ihnen trotzdem keine hundertprozentige Erfolgsgarantie geben können. Es kann immer sein, dass es bei einem Paar nicht auf Anhieb klappt, und es gibt sogar Fälle, in denen wir machtlos sind. Aber ich will Ihnen keine Angst machen. Wir müssen erstmal ein paar Untersuchungen vornehmen um herauszufinden, woran es liegt, dass sich bei Ihnen noch kein Nachwuchs eingestellt hat.” Das kann ich Ihnen auch ohne Untersuchung sagen, schoss es Mulder durch den Kopf, und er wusste, dass ihn Scully umbringen würde, hätte sie diesen Gedanken hören können. Er zwang sich mit aller Macht, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren um derartigen Gedanken keine weitere Chance zu geben.

„...könnte aber auch ganz andere Ursachen haben.” sagte Dr. Niles gerade. „Vielleicht haben Sie es einfach nicht zum richtigen Zeitpunkt versucht. Das ist nach drei Jahren eher unwahrscheinlich, aber es ist schon vorgekommen. Es könnte aber auch sein, dass einer von Ihnen unfruchtbar ist; in diesem Fall können wir ein wenig nachhelfen.”

„Und wie sieht diese Untersuchung aus?” erkundigte sich Scully, die das nach Mulders Einschätzung längst wusste.

„Zuerst werde ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen, und dann werden wir einige Tests durchführen, in denen wir die häufigsten Ursachen für Ihr Problem ausschließen wollen. Beispielsweise müssen wir klären, ob das Sperma Ihres Mannes vielleicht nicht hoch genug konzentriert ist.”

Mulder konnte förmlich das Grinsen in Scullys Gedanken sehen und vermied es, in ihre Richtung zu schauen.

„Oder Ihre Eileiter sind verklebt. So etwas kommt häufiger vor als man denken möchte, und es ist relativ leicht zu beheben. Wenn wir aber feststellen, dass es ein schwerwiegenderes Problem gibt, dann werden wir uns darauf einstellen und versuchen, es zu lösen. Aber wir wollen nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen, nicht wahr? Deshalb möchte ich Ihnen zuerst ein paar Fragen stellen, die mir helfen werden, mir ein Bild zu machen, in Ordnung?”

Mulder und Scully nickten.

„Mrs. Darins, wann hatten Sie zuletzt Ihre Periode?”

Mulder sah angestrengt auf den Boden, während Scully sich nichts anmerken ließ und ein Datum nannte. Mulder konnte nicht umhin sich zu fragen, ob sie die Wahrheit sagte, oder ob sie es sich ausgedacht hatte. Ich an ihrer Stelle hätte es getan, musste er zugeben. Die ganze Sache war ihm äußerst peinlich, und er fragte sich, wie es erst für Scully sein mochte, die gezwungen war, ihre Intimsphäre vor dieser Frau, und noch viel schlimmer, vor ihm auszubreiten. Es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, denn sie blieb äußerlich vollkommen ruhig.

„Kennen Sie Ihre fruchtbaren Tage?”

Das wurde ja immer schlimmer. Mulder wäre am liebsten aufgestanden und aus dem Zimmer gegangen, aber er musste wohl oder übel bleiben und die Tarnung aufrechterhalten.

Scully versicherte, sie zu kennen, und Dr. Niles machte sich eine Notiz. „Haben Sie es während dieser Zeit schon versucht?”

Oh Gott, wie peinlich kann das noch werden?

Scully nickte. „Natürlich. Aber erfolglos.”

„Gut. Ich weiß, dass das ein wenig indiskret ist, aber ich brauche diese Informationen, weil ich sonst nicht herausfinden kann, ob Ihre Kinderlosigkeit vielleicht auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist. Deshalb muss ich auch wissen, wie oft Sie durchschnittlich Geschlechtsverkehr haben, damit ich die Möglichkeiten einigermaßen zuverlässig berechnen kann.”

Mulder wagte es nicht, Scully anzusehen, während sie hoffte, dass er nichts anderes sagte als sie, denn mit so einer Frage hatten sie beide nicht gerechnet und waren dementsprechend nicht darauf vorbereitet.

„In der letzten Zeit nicht mehr so häufig, weil mein Mann viel geschäftlich unterwegs ist. Aber ich verstehe nicht, was das damit zu tun hat, dass wir seit Jahren vergeblich auf ein Kind hoffen. Ich meine, das kann doch nicht statistisch belegbar sein, oder doch?”

Geschickt gekontert, dachte Mulder bewundernd. Er hatte Scully immer respektiert, aber in den letzten Minuten war seine Bewunderung ihrer Gelassenheit ins Uferlose gestiegen.

„Nein,” gab Dr. Niles zu. „Es ist natürlich nicht statistisch zu belegen, aber es ist möglich, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad, und das will ich hier versuchen. Verstehen Sie, wenn ein Paar mir erzählt, dass es einmal in einem halben Jahr Geschlechtsverkehr hat und die Frau ihre fruchtbaren Tage nicht kennt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein natürliches Problem handelt doch relativ groß.”

„Ich verstehe. Aber wissen Sie, so etwas kann man doch nicht genau sagen. Ich könnte Ihnen beim besten Willen keine Auskunft darüber geben, und ich bin sicher, dass es meinem Mann genauso geht. Nicht wahr, Fox?”

Mulder nickte, dankbar, dass sie nicht „Schatz” gesagt hatte. Wenn sie schon diese Peinlichkeiten über sich ergehen lassen mussten, dann wollte er ihre Beziehung nicht auch noch auf ein Klischee reduzieren.

„In Ordnung. Ich würde jetzt gern ein paar kleine Tests mit Ihrer Frau durchführen. Möchten Sie dabei sein, oder wollen Sie lieber hier warten?” Mulder wollte am liebsten weit weg von Scully sein, aber er überließ ihr die Entscheidung.

„Ich glaube, es ist besser, wenn Fox hier wartet. Er ist ein wenig empfindlich, was solche Dinge wie Blut abnehmen angeht.”

Erleichtert nickte Mulder und drückte beim Verlassen des Raumes leicht die Hand seiner „Frau”. Sie gab ihm mit einem Blick zu verstehen, dass er sich umsehen sollte, während die Ärztin mit ihr beschäftigt war.

Sobald die beiden in einem Untersuchungsraum verschwunden waren, begann Mulder, die Unterlagen auf dem Schreibtisch durchzusehen. Wie er geahnt hatte, verstand er kein Wort von dem, was dort stand. Er versuchte aber, sich einiges einzuprägen, um Scully später ein paar Hinweise geben zu können.

 

Scully ließ inzwischen eine Blutentnahme über sich ergehen und bemühte sich, Dr. Niles unauffällig auf das Thema Leihmutterschaft zu bringen.

„Was ist eigentlich, wenn Sie einem Paar nicht auf natürliche Weise oder auf dem Wege der künstlichen Befruchtung zu einem Kind verhelfen können? Gibt es dann keine Hoffnung mehr?”

„Das kommt in den seltensten Fällen vor. Den meisten Paaren können wir auf dem einen oder anderen Weg helfen. Meistens kann sogar der Wunsch berücksichtigt werden, dass das Kind ein Produkt aus dem Erbgut beider Eltern sein soll. Es kann natürlich vorkommen, dass die Frau nicht in der Lage ist, eigene Eizellen zu produzieren oder das Sperma des Mannes nicht zeugungsfähig ist. Dann greifen wir auf Wunsch auf Spenderzellen zurück. Aber meist liegt das Problem so, dass man mit ein wenig Hilfe auch zu einem eigenen Kind kommen kann. Sollte die Frau aber aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sein, ein Kind auszutragen, so besteht immer noch die Möglichkeit einer Adoption.”

„Aber das ist doch nicht dasselbe wie ein eigenes Baby.”

„Nein, aber auch Paare, die ein Kind adoptiert haben, sind in den meisten Fällen sehr glücklich mit ihrem Nachwuchs. Und wenn so etwas für ein Paar überhaupt nicht in Frage kommt, dann gibt es auch noch eine Möglichkeit, ein Kind mit den eigenen Erbanlagen von einer anderen Frau austragen zu lassen.”

„Sie meinen, von einer Leihmutter.”

„Ja. Aber das ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Ich bin mir sicher, dass Sie und Ihr Mann auch so Kinder haben werden. Wir sprechen hier von Extremfällen.”

„Ist so etwas schon vorgekommen; ich meine, hier an dieser Klinik?”

„Ja, wir hatten schon Fälle, in denen wir zu einer Leihmutterschaft verholfen haben. Das ist sehr gut verlaufen, und es gab auch keine Fälle, in denen die Leihmutter das Kind behalten wollte. Wir versuchen alles, um unsere Kunden vor derartigen Enttäuschungen zu bewahren. Es gibt aber keinen Grund zu der Annahme, dass Sie auf so etwas angewiesen sein sollten. Lassen Sie uns doch einfach die Ergebnisse der Bluttests abwarten. Dann werden wir mehr wissen. Sie könnten auch gleich ein paar allgemeine Untersuchungen durchführen lassen, wenn Sie möchten. dann müssten Sie allerdings bis heute Nachmittag hier bleiben, weil der dafür zuständige Arzt nicht im Haus ist.”

„Ich weiß nicht recht. Das würde ich lieber mit meinem Mann besprechen.”

„Natürlich. Ich verstehe das. Schließlich will ich Sie zu nichts drängen. Wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen und Ihrem Mann noch, wie die verschiedenen Verfahren funktionieren, mit denen wir arbeiten.”

„Ich glaube, das wäre gut. Wir sind schließlich noch ein wenig unsicher, was das alles betrifft.”

„Das ist nur natürlich. Wenn Sie möchten, lasse ich Sie beide auch einen Moment allein, damit Sie besprechen können, wie Sie vorgehen wollen.”

Scully nickte und überlegte sich fieberhaft noch ein paar Fragen, mit denen sie die Ärztin aufhalten konnte, um Mulder ein wenig mehr Zeit zu geben. Glücklicherweise war sie selbst Ärztin und wusste, was sie fragen konnte, wenn die Erklärung möglichst lange dauern sollte. Aber noch wollte sie diese Trümpfe nicht ausspielen. Stattdessen bemühte sie sich, etwas mehr über die Leihmutterschaften zu erfahren: „Wenn es zum Äußersten kommen sollte, wäre es dann möglich, mit anderen Patienten zu sprechen, die sich für eine Leihmutterschaft entschieden haben? Das würde mich sehr beruhigen, wissen Sie?”

„Ich weiß nicht, ob das den Eltern recht wäre, aber im Prinzip habe ich nichts dagegen einzuwenden. Man müsste sich halt erkundigen, ob jemand bereit wäre, mit Ihnen zu sprechen. Ich habe den Eindruck, als seien Sie sehr unsicher, was das alles angeht. Könnte es sein, dass Ihr Mann Sie überredet hat, hierher zu kommen?"

Scully überlegte kurz, ob es ihren Nachforschungen dienlich sein könnte, wenn sie etwas derartiges behauptete, sah aber nicht, wie es nützen könnte, also schüttelte sie den Kopf.

„Wissen Sie, ich habe so viele Dinge über das Thema gehört, dass ich schon ein wenig Angst habe. Aber gedrängt hat mich niemand. Im Gegenteil, Fox‘ Mutter war sogar ziemlich dagegen.”

Dr. Niles nickte mitfühlend. „Das ist nicht ungewöhnlich. Es kommt ziemlich häufig vor, dass Verwandte gegen eine solche Entscheidung sind. Aber es ist gut, dass Sie sich aus freien Stücken entschieden haben, sich zu informieren. Wenn eine Frau nur herkommt, um jemandem einen Gefallen zu tun, dann nützt das niemandem. Deshalb habe ich Sie auch gefragt. Ich versuche, die Beweggründe jeder einzelnen Frau zu erfahren, bevor ich mich mit dem Mann befasse. Schließlich sind Sie es, die sich einer anstrengenden Behandlung unterziehen muss, nicht Ihr Mann. Er kann noch so rücksichtsvoll sein, er wird doch nie wissen, was das wirklich bedeutet.”

„Da haben Sie vermutlich recht. Aber könnten Sie mir vielleicht erklären, was auf mich zu kommt?”

„Natürlich. Wir müssen zuerst die Ursachen für Ihre Kinderlosigkeit herausfinden. Das geschieht, indem wir eine Möglichkeit nach der anderen ausschließen. Dann werden wir eine besonders auf Ihren Fall abgestimmte Therapie entwickeln. Wie die aussehen wird, kann ich Ihnen nicht sagen; schließlich wissen wir noch nicht, womit wir es zu tun haben. Aber ich kann Ihnen gern ein paar Beispiele geben.”

 

Inzwischen hatte Mulder sich in dem Büro der Ärztin so gründlich wie möglich umgesehen, aber nichts von Bedeutung entdeckt. Er hatte auch nicht damit gerechnet; schließlich war es äußerst unwahrscheinlich, dass sie, sollte sie an etwas wie dem Projekt, das das Erbgut von Ungeborenen manipulierte, beteiligt sein, ihre Unterlagen einfach offen auf dem Tisch liegen ließ, wo sie jeder finden konnte, der ihr Büro betrat. Die geheimen Unterlagen, von denen Mulder überzeugt war, dass sie existierten, würden mit Sicherheit an einem Ort aufbewahrt werden, der nur bestimmten, an dem Projekt beteiligten Personen zugänglich war. Trotzdem hatte es die Vorsicht verlangt, sich gründlich umzusehen, auch wenn dabei nichts herauskommen sollte.

Dr. Niles hatte ihren Schreibtisch gründlich aufgeräumt. Nirgendwo lag auch nur ein winziger Zettel, der nicht ordentlich abgelegt worden war. Mulder wusste, dass solche Zettel mit rasch hingekritzelten Notizen meist sehr aufschlussreich waren; aber da hier keine zu finden waren, machte er sich an den Kalender, den er in einer Schublade gefunden hatte. Er sah sich das heutige Datum an und fand neben einer Notiz, die einen Beratungstermin mit Mrs. und Mr. Darins betraf, noch ein paar andere Termine am Nachmittag. Mulder prägte sich die Namen der Leute ein, besonders, wenn es sich um einzelne Frauen handelte. Schließlich konnte es sich ja um Leihmütter handeln.

Es kam Mulder seltsam vor, dass diese Ärztin die Namen der Frauen zuerst notierte, eine Vorgehensweise, die soweit ihm bekannt war, nirgends sonst üblich war. Aber andererseits schien es ihr zuerst um die Frauen zu gehen, und erst in zweiter Linie um die Ehemänner. Das erklärte diese etwas eigenwillige Art vielleicht.

Mulder blätterte weiter in dem Kalender und fand unter dem Datum vom Vortag einen Eintrag: 0.00 Treffen. Das war alles, kein Ort, kein Hinweis, mit wem sie sich treffen wollte, nichts. Nur diese eine Notiz. Mit wem hatte sie sich mitten in der Nacht treffen wollen? Worum war es bei diesem Treffen gegangen? Mulder war sich sicher, dass es sich nicht um einen Beratungstermin gehandelt hatte; das würde sogar die ewig skeptische Scully einsehen. Er brannte darauf zu erfahren, was es mit diesem Treffen auf sich hatte, aber ihm war klar, dass das ziemlich aussichtslos war. Es sei denn...

Rasch blätterte er weiter, und tatsächlich: Auf der nächsten Seite fand er einen weiteren Eintrag: 23.30 Treffen.

Sie würde sich auch heute wieder mit dieser geheimnisvollen Person treffen. Nun musste er nur noch abwarten und sie beschatten, dann würde er es genau wissen.

Als er Schritte und Stimmen auf dem Flur hörte, schob er rasch den Kalender zurück in die Schublade und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Scully hatte so laut wie möglich mit der Ärztin gesprochen, damit er sie kommen hörte und nicht überrascht wurde. Dieser Trick war zwar nicht gerade neu, aber er funktionierte immer wieder. Als sie und Dr. Niles das Zimmer betraten, hätte niemand gedacht, dass Mulder vor einer Minute noch in den Unterlagen der Ärztin herumgekramt hatte. Dr. Niles erläuterte Mulder die Möglichkeit, seine Frau bis zum Nachmittag hier zu behalten, damit sie noch ein paar weitere Tests durchführen und ein ausführliches Gespräch mit ihr führen konnte. „Außerdem trifft sich heute um 15.00 eine Gruppe von Müttern, denen wir geholfen haben. Es könnte hilfreich für Ihre Frau sein, mit diesen Frauen zusammenzutreffen. Sie könnten vielleicht ein paar ihrer Fragen beantworten und ihr helfen, ihre Unsicherheit zu überwinden. Ich lasse Sie jetzt einen Moment allein, damit Sie besprechen können, ob Sie dieses Angebot annehmen wollen.”

Damit ging sie wieder hinaus, und Mulder und Scully waren allein. Scully sah ihren Partner fragend an. Dieser nickte und unterrichtete sie flüsternd von seinem Fund. „Mein Gefühl sagt mir, dass dieses Treffen etwas mit unserem Fall zu tun hat. Ich bin sicher, dass wir sie beschatten sollten um zu sehen, mit wem sie sich trifft. Bis um 21.30 hat sie noch Besprechungen in der Klinik.”

Scully war sich nicht so sicher, ob Mulders Gefühl nicht einfach einem Wunschdenken entsprang, aber sie war auch der Meinung, dass es nicht schaden konnte, zu wissen, mit wem sich die Ärztin traf. Also stimmte sie ihrem Partner zu, und sie kamen überein, dass sie sich am Abend vor der Klinik postieren würden.

„Ich habe nicht viel herausgefunden.” musste Scully zugeben.

„Sie war sehr umgänglich, aber sie hat nichts gesagt, was uns weiterbringen könnte. Sie hat versprochen, sich darum zu kümmern, dass wir mit Paaren sprechen können, die sich für eine Leihmutterschaft entschieden haben, vorausgesetzt, dass es bei uns nötig werden sollte und dass die Paare dazu bereit sind. Da das nicht in Frage kommt und da ich sowieso bezweifle, dass sie uns mit Leuten sprechen ließe, die an dem Projekt beteiligt waren, über das wir Nachforschungen anstellen, bringt uns das nichts. Ich verspreche mir allerdings etwas davon, mit Frauen zu sprechen, die hier in Behandlung waren. Vielleicht ist auch unter den Frauen, die sich heute treffen, eine, die ihr Kind auf dem Wege einer Leihmutterschaft bekommen hat. Wenn ich mich dort umhöre, erfahren wir möglicherweise mehr, als wenn ich sie als FBI-Agentin befrage.”

„Gut, dann sollten Sie vielleicht hier bleiben und weitere Nachforschungen anstellen. Ich werde inzwischen versuchen zu erfahren, was Byers über die ehemaligen Schützlinge des Kinderheims herausgefunden hat. Vielleicht hat er ja einen von ihnen ausfindig gemacht, dann könnte ich möglicherweise mehr über das Leben nach dem Heim erfahren. Und dann möchte ich noch einmal mit Deputy Major oder ihrem Partner sprechen. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass die Entführung von Kimberly Jackson etwas mit dem Kinderheim zu tun hat, und ich möchte wissen, ob es etwas Neues gibt.”

„Gut, tun Sie das. Ich werde hier bleiben und mich umsehen.”

„Okay; ich hole Sie dann heute Nachmittag hier ab.”

„In Ordnung.”

Sie teilten der Ärztin mit, dass Scully bis zum Nachmittag hier bleiben würde.

„Ich kann leider nicht bei ihr bleiben, denn wir haben einen kleinen Hund, der raus muss und Futter braucht.” entschuldigte er sich und drückte seiner „Frau” zum Abschied einen Kuss auf die Wange.

„Ich hol dich heute Nachmittag ab, okay?”

„Okay. Bis dann.”

Damit verließ Mulder das Büro, während Scully sich von Dr. Niles durch die Klinik führen ließ.

 

 

 

11.21

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Cynthia Major war noch immer wütend auf ihren Partner. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, wie er sich so unmöglich hatte benehmen können. Sonst war er immer ein verständnisvoller Partner gewesen, mit dem sie alles hatte besprechen können, aber jetzt...

Cynthia verbot sich jeden weiteren Gedanken an den Streit vom Vortag und konzentrierte sich vollkommen auf die vor ihr liegende Aufgabe. Sie hatte vor, die Aufmerksamkeit der auf dem Spielplatz herumlaufenden Kinder auf sich zu lenken, um mit ihnen sprechen zu können, ohne dass die Erzieher oder die Heimleitung etwas davon erfuhren.

Cynthia beobachtete den Spielplatz schon eine Weile, denn sie wollte sicher gehen, dass kein Erzieher in der Nähe war. Nachdem sie sicher war, dass die Kinder allein spielten, versuchte sie, eines von ihnen auf sich aufmerksam zu machen. Sie wollte erfahren, ob eines der Kinder Kimberly auch gekannt hatte, oder ob tatsächlich nur Ginny von ihr gewusst hatte. Es erwies sich als schwierig, die Kinder von ihrem Spiel abzulenken, aber Cynthia hatte Glück: Ein Ball flog zum Zaun, der den Spielplatz umgab, und eines der Kinder, ein Mädchen von vielleicht 13 Jahren, rannte hinterher, um ihn zu holen. Sie lächelte, als sie die Frau auf der anderen Seite des Zaunes im Gras sitzen sah. Cynthia lächelte zurück und sagte: „Hi. Kannst du mir vielleicht helfen?”

„Kommt drauf an.” entgegnete das Mädchen und warf den Ball zu den anderen zurück.

„Ich heiße Cynthia Major, und ich möchte dich etwas fragen.”

„Ich bin Lucy.”

„Okay, Lucy, ich möchte eigentlich nur wissen, ob du ein Mädchen kennst, das Kimberly heißt.”

„Klar; ihr Vater bringt uns die Lebensmittel. Ich hab nie mit ihr gesprochen, aber Ginny kennt sie besser. Soll ich sie holen?”

„Nein, das ist nicht nötig. Woher weißt du, dass Ginny sie kennt?”

„Ich bin mit ihr auf einem Zimmer, da weiß man sowas. Ich weiß auch, dass sich Ginny manchmal heimlich weggeschlichen hat, um sich mit Kimberly zu treffen. Dann ist sie durch ein Loch in der Mauer raus und ein paar Stunden später wieder zurückgekommen.”

„Hast du mit jemandem darüber gesprochen?”

„Wieso sollte ich? Dann hätte Ginny doch Ärger gekriegt, und das wollte ich nicht. Nein, ich hab’s niemandem gesagt.”

„Hast du mal mit Ginny darüber gesprochen?”

„Nein; ich wusste, dass sie sich sonst aufregt. Sie hat doch immer gedacht, es weiß keiner.”

„Und, wusste es außer dir noch jemand? Einer von den Erziehern vielleicht, oder Mrs. Evans?”

„Nein, ganz sicher nicht. Sonst hätte es einen Riesenärger gegeben. Das hätte jeder mitgekriegt.”

„Hast du in der letzten Zeit etwas gesehen oder gehört, das dir seltsam vorgekommen ist? Etwas, das mit Kimberly zu tun haben könnte?”

„Ich weiß nicht genau. Vor ein paar Tagen ist Ginny nachts aus dem Zimmer geschlichen, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen ist. Mit Kimberly hat sie sich nicht getroffen, dafür war sie zu kurz weg. Und in der nächsten Nacht habe ich draußen etwas gehört. Das war etwa um zehn. Da war Floyd noch da und hat mit Mrs. Evans geredet, und etwa um die Zeit, als er gegangen ist, hab ich gehört, wie jemand im Garten rumgelaufen ist. Ich bin aufgestanden und hab aus dem Fenster geschaut, aber ich konnte nicht viel sehen. Nur, dass da eine Person war, die durch das Loch in der Mauer gekommen ist. Ich dachte, es wäre Ginny, also hab ich mir nichts dabei gedacht, und als sie dann ins Zimmer gekommen ist, dachte ich, ich hätte mich geirrt.”

Cynthia hakte alarmiert nach: „Und du bist sicher, dass es nicht Ginny war, die durch das Loch gekrochen ist?”

„Ja. Wie sollte sie auch in so kurzer Zeit vom Garten in unser Zimmer kommen? Sie war wohl nur im Waschraum gewesen.”

„Könnte derjenige, der durch das Loch gekommen ist, vielleicht Kimberly gewesen sein?”

Lucy zuckte die Achseln. „Wieso nicht? Wenn Ginny ihr von dem Loch in der Mauer erzählt hat, kann sie es doch auch benutzt haben. Aber ich wüsste nicht wozu. Sie hat sich nicht mit Ginny getroffen, was sollte sie also hier gewollt haben?”

„Weißt du noch, an welchem Abend das war?”

Lucy dachte einen Moment nach. „Ich glaube, das war vor drei Tagen. Ich bin mir ziemlich sicher, weil Floyd an dem Abend so lange da war. Das ist er sonst nie, außer, wenn wir neue Kinder kriegen. An dem Abend lief so ein Krimi im Fernsehen, den wir Großen uns ansehen durften, und wir haben uns alle gewundert, was er so lange hier macht. Ich weiß nicht mehr, wie der Film hieß, aber es ging um einen Arzt, der seine Patienten hypnotisiert hat, damit sie ihm ein Alibi geben. Während sie schliefen, hat er dann Frauen ermordet.”

Cynthia nahm sich vor, den Tag später anhand des Fernsehprogramms zu überprüfen. Jetzt hatte sie noch ein paar Fragen: „Weiß sonst noch jemand von dem Loch in der Mauer?”

„Ich weiß nicht; ich glaube aber nicht. Sonst hätte es sicher schon jemand benutzt.”

Das leuchtete Cynthia ein, und sie wollte gerade fragen, warum Lucy das Loch noch nicht benutzt hatte, als diese aufstand. „Ich muss los; gleich gibt’s Essen, und ich hab Küchendienst. Soll ich Ginny etwas ausrichten?”

„Nein danke, das ist nicht nötig. Aber du hast mir sehr geholfen.”

„Kein Problem, tschüs.” Damit verschwand das Mädchen wieder in Richtung Spielplatz. Cynthia staunte über die Selbstverständlichkeit, mit der sie bereit gewesen war, einer vollkommen Fremden alles zu erzählen, was sie wusste und auch noch Ginny von ihr zu grüßen. Sie überlegte, dass es wohl an der Isolation liegen musste, in der die Kinder hier lebten. Jede Abwechslung musste willkommen sein, und sei sie auch noch so klein. Auf jeden Fall wusste sie nun, dass Kimberlys Freundschaft mit Ginny nicht ganz so geheim gewesen war, wie sie zuerst angenommen hatten. Wenn Lucy davon wusste war es durchaus möglich, dass auch noch andere Kinder etwas gesehen hatten, und dann war es nur ein kleiner Schritt bis zu den Erziehern. Außerdem bestand die Möglichkeit, dass Kimberly selbst im Heim gewesen war, als sie entführt worden war. Wenn das der Fall war, warf das ein völlig neues Licht auf die Ermittlungen. Bisher waren sie davon ausgegangen, dass Kimberly von Zuhause  entführt worden war, aber das war in Cynthias Augen nicht mehr allzu wahrscheinlich. Wenn sie etwas auf der Diskette entdeckt hatte, konnte sie versucht haben, Ginny zu erreichen, und das war am ehesten im Kinderheim möglich. Also konnte Kimberly sich durch das Loch in der Mauer hineingeschlichen haben, um ihre Freundin zu suchen, und dabei erwischt worden sein. Das warf ein neues Licht auf die Entführung. Vielleicht war Kimberly nicht wegen der Diskette entführt worden sondern wegen etwas, das sie im Heim gesehen oder gehört hatte.

Cynthia war schon auf dem Sprung, Mark anzurufen, aber sie bremste sich. Erst würde sie herausfinden, ob tatsächlich am Tag von Kimberlys Entführung jemand heimlich auf das Heimgelände gekommen war. Dann würde ihm nichts anderes übrig bleiben als ihre Vermutungen wenigstens in Betracht zu ziehen.

Sie machte sich auf den Weg zu ihrem Wagen, nicht ahnend, dass sie beobachtet wurde.

Floyd sah der Polizistin nach. Sie war allein gekommen, und sie trug keine Uniform, also war sie nicht offiziell dienstlich hier. Trotzdem erkannte er sie von ihrem letzten Besuch im Heim, bei dem sie Virginia ausgefragt hatte. Und jetzt hatte sie mit Lucy gesprochen. Er war sich sicher, dass sie etwas ahnte, was sie besser nicht verifizieren sollte. Es gab keine andere Möglichkeit als dafür zu sorgen, dass sie es nicht ausplauderte oder auf dem Dienstweg weiterverfolgte, und das ging nur auf eine einzige Art: Sie musste zum Schweigen gebracht werden. Er musste sich nur noch überlegen, wie er das am Besten anstellte.

 

 

 

12.20

Greasewood, Kansas

 

Mulder hatte den kleinen Hund gefüttert und ging nun mit ihm spazieren. Er hatte das Tier von der Leine gelassen, da es ihm die meiste Zeit über sowieso bedingungslos nachlief. Er dachte nach. Im Büro seiner drei Freunde hatte sich niemand gemeldet, und Mulder fragte sich, ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Seinen Erfahrungen nach war die meiste Zeit über mindestens einer der Drei im Büro, und es musste schon etwas Außergewöhnliches passieren, damit sie alle drei ausgingen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie auf ein kleines Mädchen aufpassen sollten. Vielleicht waren sie zusammen mit Susie irgendwo hin gegangen. Mulder gefiel dieser Gedanke, denn er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Susie einfach bei Leuten gelassen hatte, die sie nicht kannte und die gar keine Erfahrung im Umgang mit Kindern hatten. Er blieb stehen, um auf den Hund zu warten, der auf seinen kurzen Beinen nicht mit ihm schritt halten konnte.

„“Na, du? Ich glaube, es wird Zeit, dass du einen Namen bekommst, damit ich dich auch rufen kann, wenn du wieder mal beschließt, mir wegzulaufen. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mich so vor Scully zu blamieren?”

Das Hündchen sah aufmerksam zu ihm auf, fast als würde es ihm genau zuhören. „Was frag ich dich das?” sprach Mulder weiter. „Du hast keine Ahnung, was ich sage, was? Weißt du was, ich hab schon eine Idee, wie ich dich nennen könnte: Was hältst du von Benni? Ist das okay, meine Süße? Oder hast du was dagegen?”

Der Hund sprang an seinem Bein hoch, um auf den Arm genommen zu werden. Mulder hob ihn hoch und kraulte ihn hinter den Ohren. Einen Moment lang war er unaufmerksam, und schon spürte er die rauhe Zunge des Welpen, die über seine Wangen fuhr. „Hey, das solltest du dir aber schleunigst abgewöhnen, wenn du bei Scullys Mutter einen guten Eindruck machen willst. Und das solltest du, denn ich kann dich nicht behalten. Scully hält mich sowieso schon für verrückt, weil ich dich mitgenommen habe, und ich glaube nicht, dass ein FBI-Agent der richtige Umgang für eine kleine Lady wie dich ist. Bei Scullys Mutter bist du wesentlich besser aufgehoben; die ist sicher lieb zu dir. Also, nicht ablecken, okay?” Der Hund, der ihn aufmerksam beobachtet hatte, solange er sprach, stieß jetzt seine winzige Nase in Mulders Gesicht und leckte ihn wieder ab. „He, was hab ich dir gerade gesagt? Aus. Schluss! Nein!” Sein Protest schien den Hund nicht im Geringsten zu beeindrucken. Mulder wusste, dass Scully mit einer solchen Situation wesentlich besser zurechtgekommen wäre, denn sie konnte viel konsequenter und energischer sein als er. Er selbst brachte es einfach nicht über sich, den Hund zu tadeln, also hielt er ihn einfach ein Stück von seinem Gesicht ab. Scully würde mich für verrückt halten, wenn sie das sehen könnte. dachte er bei sich. Ein ausgewachsener FBI-Agent wird nicht mit einem Welpen fertig... Er setzte den kleinen Hund wieder auf den Boden und überlegte, dass ihn Scully auch aus einem anderen Grund für verrückt erklären würde: Er hatte der Hündin den Namen Benni gegeben, weil sich dieser von dem griechischen Wort für „liebevoll” ableiten ließ. Und dieses Wort war ihm in den Sinn gekommen, als er die stürmische Begrüßung zwischen Scully und dem Hund auf dem Flughafen gesehen hatte.

„Gewöhn dich bloß nicht zu sehr an uns, sonst wird dir der Abschied schwer fallen.” sagte er in die Richtung des Welpen, der gerade in einem Graben verschwand.

„Seit wann sprechen Sie mit sich selbst?” ertönte eine ihm wohlbekannte Stimme hinter Mulder. Er fuhr herum und sah sich seinem geheimnisvollen Informanten gegenüber. Der große schwarze Mann trug einen Mantel, dessen Kragen er hochgeschlagen hatte und einen Hut. Dieser Aufzug verbarg sein Gesicht gut, und er hatte wie immer einen perfekten Ort für sein Auftauchen gewählt: Auf der Landstraße war niemand zu sehen, und es sah auch nicht so aus, als würden in der nächsten Zeit irgendwelche Leute vorbeikommen.

„Was wollen Sie von mir?” erkundigte sich Mulder ungehalten, denn er fühlte sich ertappt, weil er mit dem Hund gesprochen hatte.

„Ich habe eine wichtige Information für Sie.”

„Dass ich nicht lache. Seit wann reißen Sie sich darum, mir Informationen zu geben?”

Mulder drehte sich um und sah nach, wo der Hund blieb. Im nächsten Moment kam Benni aus dem Graben geschossen, über und über mit Gras und dunkler Erde bedeckt, und raste auf ihn und den Mann an seiner Seite zu. Sie bremste haarscharf vor X ab, stemmte die Pfoten in den Boden und begann zu bellen. Sie fletschte die Zähne und knurrte, und zwischendurch bellte sie weiter. Der kleine Hund war so außer sich, dass sich seine helle Stimme überschlug, und Mulder kam in den Sinn, dass Benni vielleicht das einzig Richtige tat. Trotzdem nahm er sie, schmutzig wie sie war, auf den Arm und versuchte, sie zu beruhigen.

X war wie üblich nicht beeindruckt. Er musterte den Hund mit geringschätziger Miene und wandte sich dann Mulder zu, wobei er sich nicht die Mühe machte, einen anderen Gesichtsausdruck aufzusetzen. „Ich habe erfahren, dass diejenigen, nach denen Sie suchen, sich zum Aufbruch bereit machen. Wenn Sie nicht in den nächsten beiden Tagen zugreifen, werden Sie nichts mehr finden.”

„Hören Sie doch auf! Ich weiß genau, warum Sie mir das alles sagen. Sie füttern mich wieder einmal mit den Informationen, die Sie für richtig halten. Ich weiß Bescheid, warum Sie mir helfen: Judy Benson war Ihr Patenkind. Sie wollen ihren Tod rächen, zu dem es nur gekommen ist, weil Sie zu feige waren, ihr zu helfen, als sie Hilfe gebraucht hat. Stattdessen haben Sie sie zu mir geschickt in der Hoffnung, ich würde mich in diesen völlig aussichtslosen Fall verbeißen und ihr das Leben retten, etwas, wozu Sie selber nicht den Mut hatten. Aber die Sache ist schief gegangen. Judy ist tot, und weil Sie nicht in der Lage sind, sich einzugestehen, dass das allein Ihre Schuld ist, suchen Sie jetzt mit meiner Hilfe einen Sündenbock, der Ihre billige Rache abbekommen soll, weil es Ihnen nicht genügt hat, Judys Mörder zu erschießen. Aber ohne mich! Ich habe Ihr Spiel durchschaut, und ich weigere mich, es weiter mitzuspielen!”

„Sie wissen gar nichts, Mr. Mulder. Ich habe Ihnen die nötigen Informationen gegeben, damit Sie in diesem Fall weiterkommen und sich rehabilitieren können. Das haben Sie offenbar völlig vergessen. Es ging um Ihren Ruf und um Ihre Karriere. Ich habe Ihnen geholfen, und nun werde ich das wieder tun. Es ist Ihre Sache, was Sie mit diesen Informationen machen, aber Sie sollten versuchen, denen das Handwerk zu legen.”

„Und wer sind die? Sie gehören zu denselben Leuten wie die, nicht wahr? Deshalb konnten Sie Judy nicht retten. Sie konnten nicht gegen Ihre eigenen Leute arbeiten ohne Ihr Leben zu gefährden, deshalb wollten Sie, dass ich das für sie tue. Ich soll die Drecksarbeit machen, und Sie wollen dabei zusehen,”

„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie keine Ahnung haben. Es stimmt, ich bin Judys Pate. Aber das ist schon lange her, und sie hat es sehr lange vermieden, in meine Nähe zu kommen. Ich konnte ihr nicht helfen, als sie mich darum gebeten hat, auch das ist wahr. Aber ich konnte es nicht, weil ich nicht gewusst hätte, wie ich das machen soll. Sie hätte nicht auf mich gehört, egal, was ich ihr gesagt hätte. Und ich werde nicht weiter darauf eingehen. Sie müssen sich beeilen, wenn Sie die noch erwischen wollen, denn sie werden innerhalb von wenigen Tagen verschwunden sein. Dann war Ihre ganze Arbeit umsonst, und Sie können die Kinder nicht retten.” Damit drehte sich X um und ging ohne ein weiteres Wort davon. Mulder blieb zurück, den Hund auf dem Arm, und sah ihm verwirrt nach. Es war das erste Mal, dass sein unnahbarer Informant Gefühle gezeigt hatte, und Mulder wusste, dass er das nicht freiwillig getan hatte. Er musste Judy wirklich gern gehabt haben, wenn ihr Tod ihm Kummer bereitete, denn Mulder wusste aus Erfahrung, dass es X nicht das Geringste ausmachte, mit eigener Hand ein Leben zu beenden. Jetzt bekam er selbst den Kummer zu spüren, der mit einem großen Verlust einher ging, und Mulder fühlte beinahe so etwas wie Mitleid mit ihm, obwohl er wusste, für was für Dinge X verantwortlich war.

Benni zappelte auf seinem Arm, und Mulder streichelte sie abwesend. Er wusste, dass X ihn benutzte, aber er wusste auch, dass er jetzt nicht aufhören konnte, auch wenn es das Beste gewesen wäre. Er hatte die Kinder gesehen, die vollkommen isoliert von der Außenwelt leben mussten, und er war dabei gewesen, als man versucht hatte, Susie zu entführen, um sie demselben Schicksal zuzuführen. Beim Gedanken an ihre vertrauensvollen blauen Augen stand sein Entschluss fest: Er würde weitermachen. Wenn er es auch nicht für X tun würde, so doch für die Kinder und für Susie. Und wenn das Projekt vor der Auflösung stand, dann würden sie sich eben beeilen. Entschlossen machte sich Mulder auf den Rückweg, um Deputy Major zu suchen. Vorher versuchte er noch einmal, Byers zu erreichen, aber wieder ging niemand ans Telefon, und Mulder hütete sich, eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen.

 

 

 

13.10

Wendy‘s- Filiale

Washington, D.C.

 

„Lass das bloß nicht Mulder hören!”

„Mulder schon, aber auf keinen Fall Scully.”

„Wieso, wenn sie Hunger hat, dann soll sie auch was essen.”

„Ich glaube nicht, dass Fast Food Scullys Vorstellung von „was essen” entspricht.”

Byers, Langley und Frohike saßen mit Susie an einem der Tische bei Wendy’s und diskutierten lebhaft darüber, ob es gut war, dem Mädchen seinen Wunsch zu erfüllen und herzukommen. Byers war der Meinung, es sei in Ordnung, solange Mulder und Scully es nicht erfuhren, während Frohike dafür plädierte, Mulder einzuweihen, Scully aber nicht. Langley war es egal, solange Susie etwas aß.

„Hey, hört auf zu streiten.” mischte sich das Mädchen nun ein, und sofort schwiegen die Drei. „Ich hab Hunger.”

„Kein Wunder, wenn du den ganzen Tag nur Saft trinkst. Da muss man ja Hunger kriegen.” erwiderte Byers.

„Langley hat’s erlaubt.”

„Langley ist auch ein lausiger Babysitter.” 

„Ich bin aber auch kein Baby.”

„Natürlich nicht, Prinzessin. Aber wie wär’s, wenn wir das später diskutieren und erstmal bestellen?”

Alle schlugen die Speisekarten auf, und Susie beschwerte sich: „Ich kann das nicht lesen.” Daraufhin legte Langley seine Karte weg und beugte sich mit über ihre. „Zeig mal her. Ich les‘ es dir vor, okay?”  Susie nickte, und so begann er, ihr die Karte vorzulesen, was den Leuten am Nebentisch belustigte Blicke entlockte.

„Dad, warum machst du das nie? Wieso muss ich immer Sandwich nehmen?” erkundigte sich ein kleiner Junge rechts von ihnen.

„Weil ich kein Asozialer bin, der alle anderen stört.” war die genervte Antwort.

„Was ist ein Asozialer?” wollte Susie wissen, die das Gespräch aufgeschnappt hatte.

„Mädchen, wozu lese ich das hier vor, wenn du mir nicht zuhörst?” entgegnete Langley gespielt beleidigt, und Susie beugte sich wieder mit ihm über die Karte. Byers warf dem Vater am Nebentisch einen bösen Blick zu und erkundigte sich dann, was Susie essen wollte.

„Pizza.” 

„Die gibt es hier nicht. Dies ist keine Pizzeria.”

„Schade. Aber Pommes kann ich doch haben?”

„Klar. Willst du auch Salat?”

„Igitt! Ich mag keinen Salat. Lieber Ketchup.”

„Aber du solltest doch wenigstens etwas Gemüse essen. Das ist gesund.”

„Ich ess‘ Ketchup. Da sind Tomaten drin, und Tomaten sind Gemüse.”

So viel weiblicher Logik konnte keiner der drei Freunde etwas entgegensetzen, und so bekam Susie Pommes Frites mit Ketchup. Nur bei ihrem Wunsch nach einer Cola streikten sie. „Das ist nichts für Kinder. Du kannst Apfelsaft haben.” schlug Langley vor.

„Ich kann keinen Apfelsaft haben, das hat Mom immer gesagt. Sie sagt, ich bin allergisch auf Apfelsaft.”

„Okay, das ist ein Argument. Und wie steht’s mit Orangensaft?” 

„Klar!”

Susie strahlte schon wieder, und Frohike machte schnell ein paar Grimassen, damit ihr nicht bewusst wurde, dass sie soeben von ihrer toten Mutter gesprochen hatte. Es wirkte; das Mädchen lachte über ihn und versuchte, seine Faxen nachzumachen. Als das Essen kam, griff sie nach den Pommes Frites und zuckte zurück. „Die sind viel zu heiß!”  Damit hielt sie Byers den Teller vor die Nase. „Puste mal!” forderte sie ihn auf, und er gehorchte, ungeachtet der Proteste von Frohike, der das als unhygienisch bezeichnete.

„Ist doch egal; so schlimm wird das schon nicht sein. Schließlich hab ich keine Viren.” verteidigte sich Byers.

„Was sind Viren?” wollte Susie wissen.

„Das sind ganz kleine, unsichtbare Biester, die Krankheiten verbreiten.”

„Iiih, und sowas gibt’s echt?”

„Ja, aber hier nicht. Ich glaube, hier fliegt kein einziges davon rum.”

Susie war beruhigt und begann zu essen, wobei sie jede Menge Ketchup über ihren Teller kippte. „Vitamine und Gemüse.” verkündete sie und stopfte jedem der Drei eine Gabel voll der über und über roten, matschigen Pommes in den Mund. 

Nach dem Essen schlug Langley vor, noch ein Eis essen zu gehen. „Du verwöhnst das Kind.” protestierte Byers, als Frohike mit Susie in Richtung Waschraum verschwand, um ihr das ketchupverschmierte Gesicht zu waschen. „Das macht nichts. Ich bin weder sein Vater noch seine Mutter, also kann ich das ruhig tun. Außerdem wissen wir doch alle drei, was sie erwartet, wenn Mulders Fall abgeschlossen ist. Sie landet in einem Heim. Da kann sie doch vorher ruhig ein bisschen Spaß haben, findest Du nicht? Wie soll sie sonst von ihrem Kummer abgelenkt werden? Du hast doch gesehen, wie sie schon an Mulder und Scully hängt. Wenn wir sie nicht ein wenig verwöhnen, trauert sie am Ende nicht nur ihrer Mutter nach, sondern auch den Beiden.”

Byers musste ihm recht geben und erklärte sich einverstanden, doch noch ein Eis zu spendieren, was bei der vom Waschen ziemlich nassen Susie und dem noch nasseren Frohike Begeisterungsstürme auslöste. Eine Bedingung hatte er allerdings: Kein Wort zu Scully.

 

 

 

19.30

vor der Mercy-Privatklinik für Invitrofertilisation und Geburten

Great Falls, Kansas

 

Scully verzog das Gesicht. „Können Sie mir sagen, warum wir schon jetzt hier sind? Sie hat doch noch bis um 21.30 Termine, also kann sie jetzt sowieso noch nicht weg.”

„Aus Sicherheitsgründen.” entgegnete Mulder. „Ich wollte sicher gehen, dass wir sie auf gar keinen Fall verpassen.”

Scully schwieg und schaute aus dem Fenster des Mietwagens auf das Klinikgebäude, das in der Dämmerung grau und ziemlich düster aussah. Kein Vergleich dazu, wie freundlich und einladend es am Morgen im hellen Sonnenlicht gewirkt hatte.

Mulder hatte Scully wie versprochen abgeholt, wobei es wieder eine stürmische Begrüßung durch Benni gegeben hatte. So stürmisch, dass Mulder sich gefragt hatte, ob er es wagen könnte, Scully statt ihrer Mutter den kleinen Hund aufzuschwatzen. Er hatte den Gedanken aber rasch wieder verworfen, auch wenn er ihm zunehmend besser gefiel. So hätte er die Chance, die Kleine ab und zu auch zu sehen; er wollte es nicht zugeben, aber allmählich gewöhnte er sich an das Fellknäuel.

Nachdem sie die Klinik verlassen hatten, hatte Scully ihm von ihrem Treffen mit den jungen Müttern erzählt. Es war ohne Ergebnis geblieben; niemand hatte eine Leihmutter in Anspruch genommen, und keine der Frauen wusste etwas über seltsame Vorgänge in der Klinik. „So gesehen war dieser Tag ein Schlag ins Wasser.” schloss sie, und Mulder widersprach: „Ich habe ein paar sehr aufschlussreiche Dinge erfahren. Mein Informant hat mich heute Mittag aufgesucht um mir zu erzählen, dass wir uns mit unseren Nachforschungen beeilen müssen. Angeblich ist das Projekt im Aufbruch begriffen. In einer Woche könnte also jede Spur verschwunden sein.”

„Glauben Sie ihm?” 

„Ich weiß es nicht. Er hat zugegeben, dass er der Pate von Judy Benson ist und dass er sie zu mir geschickt hat, damit ich ihr helfe. Er wollte aber nicht eingestehen, dass er mich wieder einmal benutzt. Ich hatte den Eindruck, dass er sie sehr gern gehabt hat. Er hat auch nicht abgestritten, dass er ihren Mörder getötet hat. Das muss allerdings nicht heißen, dass er die Wahrheit sagt, was dieses Projekt angeht. Ich bin mir sicher, dass er Rache will, aber wer weiß, ob er die Wahrheit sagt? Ich weiß, dass er mich benutzt, aber ich kann jetzt nicht aufhören. Um Susies und um der anderen Kinder willen.” Scully hatte ihn stumm angesehen, und in ihrem Blick hatte er lesen können, dass es ihr genauso ging. Dann hatte er ihr von Byers‘ Nachforschungen erzählt: „Ich habe ihn erreicht, und er hat gesagt, dass keiner der Namen, die ich ihm gegeben habe, auf irgendeiner Liste auftaucht, die er auf seinem Computer kriegen kann. Die einzige Ausnahme ist die Liste der Verstorbenen. Von den 23 Namen, die er überprüft hat, sind 16 dort zu finden.” Sie hatten einen Moment nachgedacht, was das zu bedeuten hatte, und waren zu dem gleichen Ergebnis gekommen: An Mulders Theorie musste doch etwas dran sein. Etwas hinderte die Kinder aus dem Heim daran, ein normales Leben zu führen.

Nachdem sie etwas gegessen hatten, hatte Mulder darauf bestanden, gleich mit der Überwachung der Klinik zu beginnen, und so saßen sie schon seit einer halben Stunde im Wagen und beobachteten das Gebäude.

Scully schob den Hund von ihrem Schoß, der die ganze Zeit zwischen ihr und Mulder herumgeklettert war und sich nun daran machte, die Knöpfe von ihrer Bluse abzuknabbern. „Hey, Hund, jetzt ist es aber genug. Zieh mich nicht ganz aus, wenn’s geht.” schimpfte sie, und Mulder entschied, dass nicht der richtige Zeitpunkt war, ihr den Welpen unterzuschieben oder eine seiner anzüglichen Bemerkungen zu machen. Stattdessen grinste er und sagte: „Die Kleine hat jetzt auch einen Namen: Sie heißt Benni.” Er hütete sich, ihr zu erzählen, warum er diesen Namen ausgewählt hatte.

Scully fragte auch nicht danach, sondern entgegnete mit einem leisen Lachen: „Das hindert sie aber nicht daran, sich unmöglich zu benehmen.” Scully hielt sich das protestierende Hündchen vors Gesicht und sprach leise auf es ein: „Dies hier ist eine Ermittlung. Da haben kleine Hunde eigentlich gar nichts zu suchen, und wenn du schon dabei sein darfst, dann benimm dich wenigstens entsprechend.” Benni schien nicht im mindesten beeindruckt, sie verdrehte ihren Kopf so weit, dass sie Scullys Nase ablecken konnte. Diese wandte das Gesicht ab und sah Mulder tadelnd an. „Konnten Sie diesem Hund nicht ein paar Manieren beibringen? Sie waren doch den ganzen Tag mit ihm zusammen.” Mulder grinste nur und griff nach dem Welpen, der sofort zu strampeln begann und in seine Richtung zu springen versuchte. Dann rollte er sich in Mulders Schoß zusammen und schlief ein. Mulder betrachtete das Tier ein paar Minuten lang liebevoll, dann hob er es auf den Rücksitz, wo es sich einmal umdrehte und dann weiterschlief.

„Wissen Sie, Ihr Charme muss bei ihr versagt haben; sie tut die ganze Zeit, was sie will.”

„Womit sie nicht das erste weibliche Wesen in meiner Nähe ist, die das tut.” entgegnete Mulder und griff in die Tüte mit den Crackern, die auf dem Armaturenbrett stand. Scully versetzte ihm einen Stoß mit dem Ellbogen und warnte: „Ich an Ihrer Stelle würde die nicht mehr essen. Vorhin hat Ihr vielgeliebter Hund die Nase in der Tüte gehabt.” Mulder verzog angewidert das Gesicht und warf die Tüte ins Handschuhfach, wo sie vermutlich bis ans Ende aller Tage bleiben würde, wenn die Mietwagenfirma nicht ab und zu in die Handschuhfächer schaute. Scully sparte sich einen Kommentar, denn der würde an Mulder wirkungslos abprallen. In mancher Hinsicht war er ein absolut typischer Agent, auch wenn das den meisten seiner Kollegen nicht auffiel: Er war ziemlich schlampig im Umgang mit fremden Autos.

Nach einer weiteren halben Stunde, in der nichts passiert war, beugte sich Scully nach vorn und schaltete das Autoradio ein. Wenn sie schon hier ihre Zeit vergeuden musste, dann konnte sie das auch mit Musik tun. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und versuchte, ein wenig zu dösen, denn sie wusste aus Erfahrung, dass solche Observierungen sich ewig hinziehen konnten und dass sie meist nur der Auftakt zu einer ziemlich langen Nacht waren. Besonders, wenn man zusammen mit Mulder observierte...

Mulder betrachtete nachdenklich seine Partnerin, die ihre Augen geschlossen hatte und zweifellos versuchte, sich ein wenig auszuruhen. Es war ein anstrengender Tag gewesen, besonders für sie. Undercoveraktionen zehrten an den Nerven, denn man musste die ganze Zeit über genau darauf achten, was man sagte, damit man sich nicht verriet.

Scully schien fast eingeschlafen zu sein, denn sie rührte sich nicht. Mulder konnte nicht aufhören, sie anzusehen. Sie sah selbst im Schatten der nahen Bäume, der von den Straßenlaternen auf ihr Gesicht geworfen wurde, noch gut aus. Ihre regelmäßigen Züge, die schmale Nase mit einem Hauch von Sommersprossen, die man selbst bei bestem Wetter nur erahnen konnte und deren Existenz sie vehement leugnete, diese widerspenstige Strähne, die ihr immer ins Gesicht fiel, wenn sie nicht drauf achtete, das alles war ihm seit langem vertraut. Wenn man es von ihm verlangt hätte, wäre er in der Lage gewesen, sie aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Na gut, wenn er etwas mehr Talent in solchen Dingen hätte. Tatsache war aber, dass er jede Regung auf ihrem Gesicht genau kannte; er wusste, wann sie traurig war oder wann sie sich das Lachen verbeißen musste. Sogar ihren Blick, wenn sie seine Theorien kritisierte, mochte er. Weil es ein Teil von ihr war. Sie hatten zusammen so viel durchgemacht, so viel erlebt und gesehen, und im Laufe der Zeit hatte er gelernt, ihr zu vertrauen, wie er noch nie einem Menschen vertraut hatte. So, wie sie ihm vertraute. So wie jetzt auch: Sie war mit ihm zusammen in diese Stadt gekommen, obwohl das gegen die Regeln war. Sie war ihm einfach gefolgt weil sie wusste, dass er einen Grund hatte. Das machte ihn seltsam froh. Es war nicht nur, dass jemand an ihn glaubte; es war, weil sie das tat.

Mulder war von Natur aus eher misstrauisch und deshalb abweisend, und es kam vor, dass er Menschen vor den Kopf stieß oder verletzte. Aber nicht sie. Er würde ihr niemals wehtun, das war eine der absoluten Tatsachen in seinem Leben.

„Mulder?” Er zuckte beim leisen Klang ihrer Stimme zusammen. Hatte sie bemerkt, dass er sie beobachtete? Nein, ihre Augen waren noch immer geschlossen.

„Ja?”

„Wie geht es Susie?” Mulder war einen Moment lang irritiert, dann erinnerte er sich, dass er mit Byers gesprochen hatte.

„Ich habe nicht gefragt, aber ich denke, sie ist okay. Byers sagte etwas von einem Besuch bei Wendy’s, und ich glaube nicht, dass er das nur so gesagt hat. Sie waren wohl dort mit ihr essen.”

Scully lächelte, und ihr Gesicht wurde weich. „Sie verwöhnen sie, das ist gut. Vielleicht vergisst sie dann, was sie durchgemacht hat. Ich wünsche es ihr.”

Mulder nickte, dann fiel ihm ein, dass sie es nicht sehen würde, und er erwiderte: „Ja, das tue ich auch. Sie hat es verdient.”

Scully nickte, und dann schwiegen sie wieder einen Moment, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Mulder sah wieder aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber. Er wünschte sich, er könnte einfach ihre Hand in seine nehmen und sie festhalten, aber das war undenkbar. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Wunsch verspürte, aber er würde ihm heute genauso wenig nachgeben wie sonst.

„Kann ich Ihnen was sagen?” Wieder schreckte er aus seinen Gedanken hoch. Sie hatte so ernst geklungen, und es war das erste Mal, dass sie ihn fragte, bevor sie ihm etwas erzählte.

„Klar.”

„Aber Sie dürfen nicht denken, ich sei in diesem Fall nicht professionell.” Das war das letzte, was er jemals über Scully gedacht hätte. Es musste also etwas ziemlich Schwerwiegendes sein, was sie auf dem Herzen hatte.

„Es ist nur... Wissen Sie, ich glaube, dass ich mich zu sehr auf diesen Fall einlasse. Emotional, meine ich. Ich meine, Susie tut mir leid, und ich weiß nicht, ob ich nur wegen ihr bereit bin, Ihre Theorie zu glauben. Nicht, dass ich mich nicht bemühen würde, objektiv zu sein, aber seit ich sie gesehen habe, ist etwas mit mir geschehen. Ich kann es nicht beschreiben, es ist...”

„Ich weiß.” unterbrach er sie sanft. „Mir geht es genauso. Es ist, als ob sie sich in meinem Innern festgesetzt hat, und ich muss die ganze Zeit überlegen, ob ich etwas nur deswegen tue oder ob ich noch als Agent handle.”

Scully öffnete erstaunt die Augen und sah ihn an. Es war, als habe er in sie hineingesehen und ihre eigenen Gefühle ausgesprochen. Ein seltsames Gefühl durchströmte sie als ihr klar wurde, dass sie beide dasselbe fühlten.

„Ich bin froh, dass Sie mich verstehen. Ich hatte schon Angst, ich würde mir das alles einbilden, weil ich zu lange keinen Urlaub mehr gehabt habe.”

Mulder musste lächeln. „Dann bestünde die Gefahr, dass ich es mir auch einbilde. Ich hatte genauso lange keinen Urlaub mehr. Wir sollten Skinner wegen Ausbeutung verklagen.”

„Falls wir sein nächstes Donnerwetter überleben. Ich kann mir schon lebhaft vorstellen, was er uns so alles zu sagen hat, wenn wir wieder in Washington sind.”

„Ich habe es auch verdient, aber Sie nicht. Ich bin einfach abgehauen und habe auf eigene Faust ermittelt. Sie haben mich nur gesucht.”

„Und als ich Sie gefunden hatte, bin ich gleich mit Ihnen gegangen, anstatt mich an die Regeln zu halten und Sie zurückzubringen. Also habe ich genauso sehr ein Donnerwetter verdient wie Sie.”

„Trotzdem ist es meine Schuld.”

„Das ist es nicht. Ich habe mich aus freien Stücken entschieden, mit Ihnen zu kommen, also habe ich auch die Konsequenzen zu tragen.”

„Ich bin froh, dass Sie das getan haben.” Mulders Stimme war leise geworden, beinahe sanft.

„Ich hatte keine andere Wahl, wenn ich mir selbst treu bleiben wollte. Schließlich vertraue ich Ihnen.”

Die Offenheit, mit der sie ihre Gefühle aussprach, beeindruckte ihn und erinnerte ihn wieder an das Band, das langsam zwischen ihnen entstanden war, seit sie zum ersten Mal sein Büro betreten hatte. Sie verdiente die gleiche Ehrlichkeit von ihm.

„Wissen Sie, ich wollte erst gar nicht, dass Sie hier hineingezogen werden, aber jetzt bin ich froh darüber, denn ich weiß nicht, ob ich es ohne Sie geschafft hätte.” Mulder sah Überraschung in ihren Augen, aber auch Freude. Scully lächelte ihn warm an, und er spürte, dass sie noch etwas sagen wollte. Aber sie schwieg, und auch Mulder sagte nichts, um den kostbaren Moment nicht zu zerstören.

Inzwischen war es vollkommen dunkel geworden, und in der Klinik brannten nur noch ein paar wenige Lichter. Ein leichter Wind blies durch die Baumkronen, und bis auf die leise Musik aus dem Radio war es still. Es dauerte einen Moment, bis Mulder es wieder wagte, seine Partnerin anzusehen. Ihre Augen waren beinahe genauso undurchdringlich wie die Dunkelheit draußen, aber in ihnen schien etwas zu liegen, das er noch nicht kannte, ein Geheimnis. Als sie ihn direkt ansah, konnte er ihrem Blick nicht standhalten. Es war, als habe er etwas in ihren Augen gesehen, das sie vor ihm verbergen wollte. Mulder sagte sich, dass er es sich eingebildet hatte, weil er sich so sehr wünschte, dass es so war. Er hoffte immer noch, nach all der Zeit, die sie jetzt schon zusammen verbracht hatten, dass sie ihm eines Tages sagen würde, dass da noch mehr war, mehr als ihre Freundschaft, aufbauend auf dem Vertrauen, das die Basis ihrer Beziehung war. Er wünschte sich verzweifelt, dass es so wäre, dass sie mehr für ihn empfand, aber das würde nie passieren. Er wollte in ihren Augen lesen, wie er es schon so oft getan hatte, und wollte mehr darin sehen als er bisher gesehen hatte. Mulder konnte sich hundertmal sagen, dass er über ihre Freundschaft glücklich sein sollte, aber er wusste, tief in ihm würde immer dieser Wunsch bleiben.

Scully sah Mulder an, der plötzlich vollkommen abwesend zu sein schien. Er wich ihrem Blick aus, und sie spürte eine merkwürdige Spannung, als sie ihn weiterhin ansah. Irgendwann konnte er nicht mehr wegsehen, er musste sie wieder anschauen. Der Ausdruck in ihren Augen nahm ihm fast den Atem, aber er konnte ihn nicht deuten. Es war, als sehe er sie zum ersten Mal, und er wünschte, er könnte wieder an jenen ersten Tag zurückkehren, an dem sie sich zuerst getroffen hatten. Mit dem Wissen um seine Gefühle würde er sich ihr öffnen, würde ihr sagen, was er für sie empfand, und es würde nicht so schwer werden, wie es heute, nach jahrelanger Zusammenarbeit war. Noch immer in seinen Gedanken und in ihren Augen gefangen, spürte Mulder plötzlich eine leichte Berührung.

Scully konnte nicht mehr still neben ihm sitzen, nicht nach allem, was sie für ihn empfand, nicht nach der Trauer, die sie gefühlt hatte, als sie geglaubt hatte, er sei tot. Es war einfach nicht möglich. Wenn er gestorben wäre, ohne zu wissen, was sie fühlte, sie hätte nicht weiterleben können. Sie gab sich einen inneren Ruck und tastete im Dunklen nach seiner Hand.

Mulder spürte ihre vorsichtige Berührung und nahm ihre Hand in seine, strich sanft über ihre Finger. Es war das erste Mal, dass sie einander auf diese Weise berührten.

Der Wind hatte sich gelegt, und das Licht der Straßenlaternen warf einen goldenen Schimmer auf Scullys Haar. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden, obwohl ihre Vernunft ihr sagte, dass sie das möglichst schnell tun sollte. Aber Mulder sah sie so intensiv an, dass ihr ganz warm wurde, und sie gab den Kampf gegen ihre tiefsten Gefühle schließlich auf und erlaubte ihm, in ihr Innerstes zu sehen. Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, als er schließlich ihre Hand losließ, aber nur, um sacht über ihre Wange zu streichen.

Schweigend sah er sie an, bis sie beinahe verlegen ihren Blick abwenden wollte.

„Bitte, bleib so.” bat er leise, und als er Erstaunen in ihren Augen sah fügte er hinzu: „Ich könnte dich immer so ansehen. Du bist wunderschön, weißt du das?” Dana errötete ein wenig und tadelte sich gleich darauf deswegen. Sie konnte doch nicht rot werden wie ein Teenager! Aber sie konnte nichts dagegen tun, genauso wenig wie gegen das Kribbeln in ihrem Bauch.

Sie hatte immer Angst gehabt, ihm ihre Gefühle zu offenbaren, denn sie wollte nicht, dass er sich von ihr zurückzog. In diesem Moment wusste sie, dass er das niemals tun würde, und sie entspannte sich ein wenig.

„Dana...” Er wusste nicht, was er sagen sollte, denn es gab so viel, was er ihr hätte sagen können. Stattdessen legte er sanft auch die andere Hand an ihr Gesicht, streichelte zärtlich ihre Wangen. Ein Blick in ihre Augen zeigte ihm, was er so sehr zu sehen gehofft hatte; sie offenbarte ihm mit einem Blick ihr Innerstes.

Dana wagte kaum zu atmen. Sie wusste, dass er sie nur dann mit ihrem Vornamen ansprach, wenn er es ernst meinte, und jetzt hatte seine Stimme so sanft geklungen, dass sie es kaum glauben konnte. Ihre Gedanken schienen Kopf zu stehen, und ihr innerster Widerstand schmolz dahin, als er sich langsam zu ihr hinüberbeugte und sie küsste. Einen Augenblick lang spürte sie noch die alten Zweifel, dann ließ sie sie hinter sich und erwiderte seinen Kuss, erst vorsichtig, beinah schüchtern, dann ließ sie sich fallen und küsste ihn mit einer Intensität, die all ihre Gefühle für ihn offenlegte.

Sein Kuss war unglaublich zärtlich und gleichzeitig innig. Sie war noch nie zuvor so geküsst worden, und sie genoss jede Sekunde. Seine Hände strichen über ihr Gesicht, ihre Schultern, ihren Nacken, und es war, als sei alles um sie herum unwichtig geworden.

Nach einer kleinen Ewigkeit lösten sich ihre Lippen voneinander, und trotzdem waren sie sich nicht weniger nah.

„Ich... ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich liebe dich, Dana.” Ihr Herz schlug noch schneller, falls das überhaupt möglich war, und sie suchte seinen Blick. „Ich liebe dich auch, Fox.”

Es war alles, was er sich jemals gewünscht hatte, und er spürte, dass ihm jetzt nichts mehr etwas würde anhaben können. Vorsichtig griff er wieder nach ihrer Hand und zögerte einen Moment, bevor er weitersprach: „Ich weiß, es klingt albern, aber ich hatte immer Angst, dass ich dich verlieren würde, wenn ich es dir sage. Und jetzt... Es ist wie ein Traum.” Sie sah ihn ernst an.

„Ich weiß. Mir geht es genauso. Aber ich weiß auch, dass dies hier kein Traum sein kann. In meinen Träumen observieren wir keine Klinik und haben auch keinen Hund im Wagen.”

Mulder musste lachen. Sie hatte es so treffend ausgedrückt, wie er selbst es kaum hätte tun können. Sie lachte auch und fasste nach ihm, um ihn wieder an sich zu ziehen. Er sah in ihre Augen und konnte plötzlich das Geheimnis lesen, das sich darin verbarg. Zärtlich streichelte er ihren Nacken, als sie einander wieder küßten.

 

 

 

21.00

 

Langsam wurde es spannend. In einer halben Stunde würde Dr. Niles ihre letzte Besprechung beendet haben, und dann würde sie wegfahren und sie hoffentlich zu diesem geheimnisvollen Treffen führen.

Mulder saß noch immer regungslos im Wagen; aber diesmal war es anders. Er hielt Danas Hand, wie er es sich schon immer gewünscht hatte, und sie hatte ihre Finger in seine geflochten. Sie saßen stumm nebeneinander, und es genügte ihnen völlig, so zusammen zu sitzen und einander an den Händen zu halten. Benni war wieder wach geworden und hatte es sich auf Mulders Schoß bequem gemacht, wo sie herumkletterte und leise winselte, sobald er sich ein wenig zu nah zu Dana hinüberbeugte.

„Hey, du eifersüchtiges Biest, lass mich in Ruhe.” beschwerte er sich, als der Hund versuchte, sein Gesicht abzulecken.

„Ich sag’s ja: Mangelnde Erziehung.” neckte Dana und kraulte dem Welpen die Ohren, was dieser sichtlich genoss.

„Ich dachte, das könnte deine Mutter machen, aber wenn sie sich dort auch so daneben benimmt, dann werde ich sie wohl nicht los.”

„Vermutlich nicht.” Sie wischte sich ein Hundehaar von der Bluse und lachte leise.

„Was ist?”

„Ich dachte gerade an das erste Mal, als Missy und ich meine Mutter überreden wollten, uns einen Hund zu kaufen.”

„Was hat sie getan?”

„Sie hat es auf meinen Vater geschoben, und der hat gesagt: Fragt eure Mutter. Typische Elternreaktion eben.”

„Das sind ja schöne Aussichten.” seufzte Mulder und zog den Hund von seinen Füßen weg, wo er versucht hatte, die Schuhbänder zu zerbeißen.

„Kannst du nicht einfach schlafen, wie jeder normale kleine Hund?” wollte er wissen, aber die Hündin schaute ihn nur verständnislos an.

„Wahrscheinlich war es ein Fehler, sie mitzunehmen.”

„Das finde ich allmählich auch.” Mulder versuchte, Benni auszutricksen und Dana zu küssen, aber die Kleine schob ihre Nase zwischen sie.

„Ich werde mir niemals einen Hund anschaffen, so viel steht fest.”

„Zu spät. Sie ist schon so sehr auf dich fixiert, dass sie jeden anderen Menschen als Bedrohung ihrer Privilegien betrachtet.”

„Tu mir einen Gefallen und analysiere sie nicht, sondern sag mir, was ich dagegen tun kann.”

„Ich fürchte, gar nichts.”

„Na wunderbar. Wie soll das werden, wenn sie größer ist? Gut, dass wir sie dann nicht immer um uns haben.”

Die selbstverständliche Art, mit der Fox über eine gemeinsame Zukunft sprach, machte Dana beinahe glücklich, und sie fasste wieder nach seiner Hand, während sie den Blick auf das Klinikgebäude richtete.

 

 

 

 

20.45

Wohnung von Cynthia Major

Greasewood, Kansas

 

Deputy Mark Lane war es nicht gewohnt, sich zu entschuldigen, denn gewöhnlich stritt er sich nicht mit seinen Kollegen, also erübrigte sich so etwas. Aber jetzt hatte sich sein schlechtes Gewissen gemeldet, und er war zur Wohnung seiner Partnerin gefahren, um sich für das zu entschuldigen, was er ihr gestern an den Kopf geworfen hatte. Er sah ein, dass er nur so heftig reagiert hatte, weil er Cynthia gern hatte, und das würde er ihr auch sagen. Sie würde seine Ehrlichkeit nicht als Schwäche auslegen, wie es die meisten anderen Leute taten, die er kannte. Mark klopfte an ihre Tür, denn er wusste, dass die Klingel schon seit ein paar Tagen kaputt war. Eigentlich hatte er versprochen, sie zu reparieren, aber wegen seines ziemlich vollen Dienstplans war er noch nicht dazu gekommen.

Ich sollte es bald machen, bevor sich der Sheriff anbietet und es wieder eine Katastrophe gibt, überlegte er, und der Gedanke an seinen Vorgesetzten, der versuchte, eine Klingel zu reparieren, jagte ihm einen Schauer über den Rücken, denn es war allgemein bekannt, dass Sheriff Cooper nicht die geringste handwerkliche Begabung besaß.

Als Cynthia auch nach mehrmaligem Klopfen nicht öffnete, drückte Mark die Klinke herunter und stellte mit Schrecken fest, dass die Tür unverschlossen war. So etwas sah Cynthia nicht im Geringsten ähnlich; sie war durch ihren Job bei der Polizei sehr vorsichtig und würde niemals ihre Tür offen lassen. Es musste also etwas nicht in Ordnung sein.

Mark untersuchte die Tür; sie war eindeutig aufgebrochen worden. Er zog seine Waffe und trat vorsichtig in den Flur. Es war dunkel, und in der Wohnung war kein Laut zu hören. Er schaltete das Licht an und ging rasch durch alle Räume. Cynthia war nicht zu Hause, und auch sonst war niemand zu finden. Eine kurze Untersuchung der Fenster ergab, dass sie alle verschlossen waren. Mark sah sich nach Spuren für einen hastigen Aufbruch seiner Kollegin um, konnte aber keine entdecken. Der Einbrecher musste sie also überrascht haben. Es würde genau passen: Wenn sie sofort nach Dienstschluss nach Hause gefahren war, musste sie etwa vor einer halben Stunde hier angekommen sein.

Mark durchsuchte die Wohnung nach Spuren eines Kampfes, fand aber zunächst nichts dergleichen. Erst im Badezimmer bemerkte er etwas Beunruhigendes: Auf der Ablage über dem Waschbecken lag Cynthias Dienstwaffe. Sie würde sie nie so offen herumliegen lassen, denn es hatte in der Vergangenheit einen Unfall mit der Waffe eines Kollegen gegeben, dessen Tochter sie gefunden und versehentlich den Hund der Familie erschossen hatte. Das war allen Cops eine Lehre gewesen, und spätestens seit diesem Vorfall würde niemand von ihnen seine Waffe außerhalb einer abschließbaren Schublade aufbewahren. Cynthia musste es wirklich sehr eilig gehabt haben, wenn sie das vergessen hatte.

Mark Lane kannte die Gewohnheiten seiner Partnerin und wusste, dass sie, sobald sie nach Hause kam, zuerst ins Badezimmer ging, um sich umzuziehen, weil sie es nicht leiden konnte, in ihrer Uniform herumzulaufen, wenn sie frei hatte. Vermutlich würde sie dabei ihre Waffe auf die Ablage legen, um sie später wegzuschließen. Also musste sie jemand oder etwas gestört haben, als sie gerade nach Hause gekommen war. Als Mark einen Schritt weiter ins Zimmer trat, knirschte etwas unter seinen Schuhen. Er schaute auf den Boden und sah ein paar feine Glassplitter, die er sofort als Überreste einer Seifenschale erkannte, die Cynthia vom Sheriff zum Geburtstag bekommen hatte. Damals hatten sie alle über dieses schwere Ding gelacht und gemutmaßt, dass es sicher absolut unzerbrechlich sei, aber hier hatte er den Gegenbeweis. Die restlichen Scherben lagen im Mülleimer, und als er auch noch einen blutigen Stoffetzen fand, bekam Mark allmählich ein Bild von dem, was hier geschehen sein musste.

Jemand war ins Haus gekommen; wie er das gemacht hatte, ohne sofort von Cynthia gehört zu werden, wusste Mark noch nicht, aber es musste so gewesen sein. Dann hatte dieser Jemand Cynthia im Badezimmer überrascht und versucht, sie zu überrumpeln. Dabei hatte einer von Beiden die Seifenschale zerbrochen und sich dabei verletzt. Dann musste der Einbrecher irgendwie wieder verschwunden sein und Cynthia... Nein, daran wollte er gar nicht denken. Sie war nicht in der Wohnung, und Mark hatte noch nie von einem Einbrecher gehört, der einen zufällig auftauchenden Hausbewohner entführte. Wenn er sie nicht an Ort und Stelle umgebracht hatte, würde sie noch am Leben sein. Das bedeutete aber, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Einbrecher handelte. So einer hätte mit Sicherheit die Pistole nicht liegen lassen. Sollte etwa jemand mit dem Vorsatz hierher gekommen sein, Cynthia zu entführen? Aber warum?

Mark Lane gestattete sich keine weiteren Fragen und rief von seinem Wagen aus über Funk die Spurensicherung. Während er auf die Kollegen wartete, klingelte er bei Cynthias Nachbarn, um noch einen Anruf zu machen. Er wählte eine Nummer, die auf der Karte stand, die er in Cynthias Küche an der Pinnwand gefunden hatte.

 

 

 

21.13

vor der Mercy-Privatklinik für Invitrofertilisation und Geburten

Great Falls, Kansas

 

Scully nahm beim ersten Klingeln ihres Handys ab. Sie meldete sich und lauschte einen Moment. Dann erwiderte sie: „Ich verstehe. Sie sagen, es ist möglich, dass es etwas mit der Jackson- Entführung zu tun hat? Sie könnte auf eigene Faust ermittelt haben? Na wunderbar. Wo, sagten Sie?... Verstehe. Ja, ich werde hinkommen. Warten Sie bitte auf mich, bevor Sie etwas verändern, aber das wissen Sie vermutlich selbst... Ja, ich bin in Great Falls; wenn ich sofort...” Sie unterbrach sich. „Wir stecken in einer Ermittlung, und ich habe keinen Wagen zur Verfügung. Könnten Sie dafür sorgen, dass ich in der Nähe der Mercy-Klinik abgeholt werde? Nein, auf keinen Fall direkt bei der Klinik. Ja, ich werde warten.” Sie legte auf und sah Mulder an.

„Sieht ganz so aus, als müsstest du hier allein weitermachen. Das war Deputy Lane. Er ist in der Wohnung von Deputy Major, und es deutet alles darauf hin, dass sie entführt worden ist. Ich denke, wenn das etwas mit dem Jackson-Fall zu tun hat, könnte es auch mit unserem Fall zusammenhängen. Ich habe versprochen, gleich hinzukommen. Lane sagt, er und Cynthia haben sich gestritten, weil sie an deine Theorie glaubt und er nicht. Es könnte seiner Meinung nach sein, dass sie auf eigene Faust Nachforschungen angestellt hat. Es wäre wahrscheinlich besser, wenn ich mir das ansehe.”

Mulder nickte. „Das glaube ich auch. Wer weiß, vielleicht ist das eine heiße Spur. Wenn sie auf etwas gestoßen ist, könnte das der Grund für ihre Entführung sein. Falls es überhaupt eine ist.”

Scully war schon aus dem Wagen gestiegen, als Mulder ihr nachrief: „Könntest du vielleicht den Hund mitnehmen? Sperr ihn ruhig auf den Rücksitz oder so. Wenn ich gleich Dr. Niles beschatten muss, kann ich Benni nicht brauchen. Schließlich ist ja niemand mehr da, der sie ruhig halten kann.”

„Ich bezweifle, dass das überhaupt jemand kann.” Scully griff sich den Welpen und drehte sich noch einmal um. „Ich ruf dich nicht an, falls du irgendwie nah an dieses Treffen rankommst. Wenn es was Neues gibt, ruf mich an.”

„Okay.”

Nach diesen Worten drehte sich Scully um und verschwand mit Benni in der Dunkelheit, um die Straße zu suchen, in der sie ein Streifenwagen abholen sollte.

 

 

 

22.00

Leichenhalle

Greasewood, Kansas

 

Dr. Carlyle war es gewohnt, noch bis spät in die Nacht an seinen Fällen zu arbeiten, denn er hatte tagsüber oft nicht genug Zeit, die anstehenden Autopsien durchzuführen. Er wurde oft als Gutachter bei Gericht gebraucht, oder er musste als Zeuge bei Verhandlungen aussagen. Hinzu kam sein großes Interesse an der kriminalistischen Arbeit, das ihn sich häufig in die Fälle der örtlichen Polizei einmischen ließ. Das alles kostete Zeit und die Nerven seiner Mitmenschen, so dass Carlyle zwar ein beliebter Mann war, aber ihm ständig nahegelegt wurde, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Und es war der Grund, warum er so oft spät an Autopsien arbeitete.

Da er es gewohnt war, störte es ihn nicht, allein in der Leichenhalle zu sein. Er pflegte seinen häufig wechselnden Mitarbeitern und den Medizinstudenten, die hier ein Praktikum absolvierten, zu sagen, dass die Leichen niemandem an den Kragen gehen würden, wenn man die nötigen Sicherheitsvorkehrungen gegen die Übertragung von Krankheiten traf. An diesen Grundsatz hielt er sich auch selber, und es war noch nie vorgekommen, dass er sich in Gegenwart eines Toten unbehaglich gefühlt hatte. Das passierte viel eher, wenn er mit lebenden Menschen zusammen war.

Carlyle bereitete seine Instrumente vor und machte sich an die Untersuchung der Kinderleiche, die vor ihm auf dem Tisch lag. Es handelte sich um einen zehnjährigen Jungen, der bei einem Sturz von einer Brücke ums Leben gekommen war. Die Leiche hatte mindestens zwei Tage im Wasser gelegen und sah dementsprechend aus. Bei der Autopsie sollte hauptsächlich geklärt werden, ob sich die Geschichte der Freunde des Jungen, die bei dem Sturz dabei gewesen waren, mit der Todesursache deckte oder ob der Junge bei einer Rangelei über das Geländer gefallen sein konnte. Da die Eltern des Kindes die Stadt verklagen wollten, weil ihrer Ansicht nach die Brücke nicht ausreichend gesichert war, hing alles von dem Befund des Pathologen ab. Der Staatsanwalt hatte Carlyle deshalb gebeten, diesem Fall besondere Priorität zu geben was auch bedeutete, dass er die erneute Autopsie der exhumierten Leiche von Sean Chandler verschieben musste. Das traf ihn besonders, weil er überzeugt war, dass etwas Wichtiges übersehen worden war, das jetzt den FBI-Agenten bei ihrer Ermittlung helfen könnte. Carlyle stellte sich vor, wie die junge Agentin von seinen neuen Ergebnissen beeindruckt sein würde. Aber das musste warten. Jetzt war es Zeit, die Leiche des Jungen zu bearbeiten und die Ergebnisse für den Staatsanwalt festzuhalten. Er würde sich morgen um Sean kümmern.

Die Leiche bot keinen besonders angenehmen Anblick. Sie war schmutzig, und die Haut war aufgedunsen, wie es für Wasserleichen typisch war. Glücklicherweise hatten sich keine Fische und andere Wassertiere an der Leiche zu schaffen gemacht, denn dann wäre es noch schwieriger, die Ursache für den Sturz zu erkennen.

Ein Geräusch an der Tür ließ Carlyle herumfahren. Er war sich sicher gewesen, dass er allein im Gebäude war. Wer außer ihm sollte um diese Zeit noch hier arbeiten? Sicher keiner von seinen Mitarbeitern, denn die verließen nach Möglichkeit vor 20.00 die Leichenhalle und die angeschlossenen Büros.

Die Tür ging langsam auf, und Carlyle blickte in das Gesicht seiner ehemaligen Assistentin. Sie war vor kurzem Mutter geworden und deshalb noch für einen Monat beurlaubt. Es erstaunte den Pathologen, sie jetzt hier zu sehen.

„Chrissy, was machen Sie denn hier?”

Sie lächelte verlegen. „Hi, Doc. Ich dachte, ich komme mal vorbei und schaue, ob Sie auch ohne mich klarkommen.”

Er wusste, dass sie log. Sie wäre nicht um diese Zeit auf einen Freundschaftsbesuch vorbeigekommen, also musste sie etwas auf dem Herzen haben.

„Erzählen Sie mir nichts, Chris. Sie haben doch etwas.”

Ihre Miene verdüsterte sich. „Ja, das habe ich. Ich habe im Büro erfahren, dass Sie heute abend diesen Jungen obduzieren, und ich wollte wissen, ob ich dabei sein darf. Wissen Sie, mein Mann hat das Geländer der Brücke für unbedenklich erklärt, als er es vor ein paar Monaten im Auftrag der Stadt überprüft hat. Jetzt kriegt er von seinem Chef den ganzen Ärger ab, als ob es nicht genug wäre, dass er sich Vorwürfe macht wegen des Jungen. Deshalb wollte ich gern dabei sein, wenn Sie die Autopsie machen. Ich würde es gern zuerst wissen, damit ich ihm sagen kann, ob der Junge von allein gestürzt ist und er aufhört, sich Vorwürfe zu machen.”

Carlyle runzelte die Stirn. Gewöhnlich war es nicht üblich, fremde Personen an den Autopsien teilnehmen zu lassen, aber er kannte Chris schon eine ganze Weile und hoffte, sie nach ihrem Mutterschutz wieder als seine Assistentin einstellen zu können. Deshalb schlug er vor: „Ziehen Sie sich einen Kittel über; Sie können mir assistieren, wenn Sie wollen.”

„Danke, Doc.” Sie schenkte ihm ein erleichtertes Lächeln und ging, um sich umzuziehen.

Carlyle blickte ihr nachdenklich hinterher. Chris war eine hervorragende Assistentin, und er wusste, dass mit ihrer Hilfe die Autopsie wesentlich schneller vorangehen würde als geplant. Vielleicht würden sie noch vor Mitternacht fertig sein.

Er war so mit dem Anordnen seiner Instrumente beschäftigt, dass er nicht aufsah, als die Tür sich wieder öffnete. „Na, haben Sie Ihren Schrank noch gefunden?” erkundigte er sich bei seiner Assistentin.

„Ich habe dafür gesorgt, dass niemand ihn ausräumt, damit Sie später nicht so viel Arbeit haben, Ihre Sachen wieder einzu...”

Er brach ab, als ihm klar wurde, dass er nicht mit Chris sprach, und den kühlen Lauf einer Pistole an seiner Schläfe spürte. Vorsichtig drehte er sich um und sah in die kalten Augen eines Mannes, den er noch nie gesehen hatte.

„Was wollen Sie?” fragte Carlyle erschrocken.

„Halt’s Maul!” fuhr ihn der Eindringling an und warf einen Blick auf die Leiche auf dem Tisch.

„Ist das die Leiche, die Sie heute abend machen wollten?”

Carlyle nickte.

„Haben Sie schon was damit gemacht?”

Carlyle schüttelte den Kopf. Der Mann mit der Waffe ließ es dabei bewenden, denn er war sich sicher, dass der Pathologe nicht lügen würde. Nicht mit einer Waffe, die auf seinen Kopf zielte. Mit unbewegtem Gesicht trat er einen Schritt zurück, zielte aber weiterhin auf den Pathologen. Dann drückte er ab, ohne mit der Wimper zu zucken.

Als Dr. Carlyle auf dem Boden zusammenbrach, war der Mann schon an den Autopsietisch getreten und hatte einen weiteren Blick auf die Kinderleiche geworfen. Er wandte angewidert das Gesicht ab. Es machte Joe Good nichts aus, Menschen zu töten, wenn man ihm den Befehl dazu gab, aber der Anblick der Wasserleiche machte ihm doch zu schaffen. So schnell er konnte packte er die Bahre, die bei der Tür stand und legte die Leiche darauf. Dann sah er sich im Raum um, ob er etwas vergessen hatte, und verließ mit der Bahre das Gebäude, wo schon ein Lieferwagen auf ihn wartete. Drei Männer kamen ihm entgegen und halfen, die Bahre ins Heck des Wagens zu heben. Dann stiegen alle ein, und eine Minute später hätte niemand mehr gedacht, dass hier gerade ein Mord geschehen war.

 

Christine Kendell hatte sich umgezogen, wobei sie erfreut festgestellt hatte, dass ihr alter Schrank noch nicht ausgeräumt worden war. Sogar die Kombination des Zahlenschlosses war noch dieselbe. Dr. Carlyle hatte es offenbar ernst gemeint, sie wieder einstellen zu wollen. Sie ging wieder zum Autopsieraum und wollte ihm gerade zurufen, wie sehr sie seine Geste schätzte, als sie eine fremde Stimme hörte.

Sie kam einen Schritt näher und erfasste mit einem Blick, was im Autopsieraum vor sich ging: Ein Mann bedrohte ihren Chef mit einer Waffe. Leise trat Chris einen Schritt zurück und versteckte sich hinter einem Metallständer, auf dem einige saubere Kittel hingen. Von dort hatte sie einen guten Blick auf das Geschehen.

Sie wagte kaum zu atmen, als der Eindringling vom Doc zurücktrat, ihn aber noch immer bedrohte. Chris wusste, dass sie nicht das Geringste unternehmen konnte. Sie hoffte, dass es sich um einen gewöhnlichen Überfall handelte, denn dann waren die Chancen, dass sie und Dr. Carlyle überlebten, immerhin ein wenig größer. Allerdings sah es nicht so aus. Der Mann mit der Waffe zielte auf den Pathologen und drückte ab.

Chris musste sich mit aller Gewalt die Hand auf den Mund pressen, um nicht laut aufzuschreien. Sie war es gewohnt, mit Toten umzugehen, aber es war etwas Anderes, wenn vor ihren Augen ein Mensch erschossen wurde, den sie gekannt und geschätzt hatte.

Während sie wie gebannt auf ihren sterbenden Chef schaute, hatte der Eindringling die Leiche auf eine Bahre gelegt und schob sie in Richtung Tür. In ihre Richtung. Chris hatte keine Zeit sich zu fragen, was der Mann wohl mit einer Leiche wollte, denn er kam rasch auf sie zu. Sie drückte sich eng an die Wand und hielt den Atem an. Würde er sie bemerken, oder würde er einfach vorbeigehen?

Als Joe Good die Leichenhalle verließ, merkte er nicht, dass er beobachtet wurde. Er ging achtlos an dem Kleiderständer vorbei, nicht ahnend, dass sich dahinter eine vor Angst wie gelähmte junge Frau verbarg, die beim Anblick seines Gesichts merklich nach Luft schnappte.

Christine Kendell starrte dem Mörder ihres Chefs nach. Sie kannte diesen Mann, konnte sich aber nicht erinnern, wo sie ihn schon gesehen hatte. Es würde ihr aber wieder einfallen, denn sein Gesicht hatte sich ihr unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt.

 

 

 

22.00

Wohnung von Cynthia Major

Greasewood, Kansas

 

Als Scully vor Cynthias Wohnung aus dem Streifenwagen stieg, der sie abgeholt hatte, wurde sie sofort von dem scheinbaren Chaos um sie herum erfasst. Überall schwärmten Polizisten herum, fotografierten, hielten Neugierige fern, befragten Nachbarn und versuchten, verwertbare Spuren zu finden. Scully kannte das: Wenn es um einen Kollegen ging, wurden die Anstrengungen der Polizei wenn möglich noch verstärkt.

Scully bahnte sich einen Weg durch die Menge der Schaulustigen, die sich trotz der späten Stunde auf der Straße versammelt hatten. Es war immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Leute für alles interessierten, wenn die Polizei bereits da war, aber wenn etwas passierte, sahen die Meisten lieber weg.

Ein hochgewachsener Mann in der Uniform eines Deputys versperrte Scully den Weg.

„Tut mir leid, Ma’am, aber hier können Sie nicht durch.”

„Schon gut, Will. Sie ist vom FBI, laß sie durch.”

Mark Lane trat auf Scully zu und führte sie ins Innere des Hauses, wo noch mehr Polizisten nach Spuren suchten. Scully sah sich um und versuchte zu erkennen, was hier geschehen war.

Als habe er ihre Gedanken erraten deutete Mark auf die Tür zum Badezimmer.

„Hier; das ist der einzige Ort im ganzen Haus, an dem wir Spuren von Gewalt gefunden haben, mit Ausnahme der Haustür, die aufgebrochen wurde. Wir gehen davon aus, dass Cynthia überrascht worden ist, als sie sich nach dem Dienst umgezogen hat. Die Seifenschale ist zerbrochen, und jemand hat die Scherben in den Mülleimer geworfen. Außerdem haben wir Blut gefunden. Also ist entweder Cynthia oder ihr Angreifer verletzt worden.”

„Woher wissen Sie, dass sie verschwunden ist?” erkundigte sich Scully. „Eine aufgebrochene Tür ist noch kein Beweis. Sie könnte einfach weggefahren sein. Die aufgebrochene Tür könnte auch von einem Einbruch herrühren, der in ihrer Abwesenheit stattgefunden hat.”

Mark schüttelte den Kopf. „Wir haben ihren Wagen in der Auffahrt gefunden, also kann sie ihn nicht benutzt haben. Außerdem ist ihre Uniform nicht da, und sie würde niemals in Uniform das Haus verlassen, wenn sie nicht im Dienst ist. Ihr Wagen ist erst gestern repariert worden, und ich bin mir absolut sicher, dass sie ihn heute benutzt hat, um zum Revier zu fahren. Sie ist also nach Dienstschluss hierher zurückgekehrt und ins Badezimmer gegangen, wo sie ihre Waffe auf der Ablage hat liegen lassen. Dabei ist sie überrascht worden, denn die Spurensicherung hat Spuren eines Kampfes gefunden. Die Nachbarin hat ausgesagt, dass sie Cynthia heute noch nicht gesehen hat, aber sie gibt zu, dass das nichts heißen muss. Sie hat drei kleine Kinder und sieht nicht oft aus dem Fenster. Der Nachbar zur anderen Seite sagt, sie habe Besuch gehabt, denn vor ihrer Tür habe ein fremder Wagen geparkt. Allerdings kann er sich weder an den Typ noch an die Farbe des Fahrzeugs erinnern, geschweige denn an das Kennzeichen.”

Mark machte eine Pause und fuhr dann fort: „Ich habe Sie nicht gebeten herzukommen, um uns bei der Spurensicherung oder der Zeugenbefragung zu helfen, denn ich denke, das haben unsere Leute im Griff. Ich wollte Sie dabei haben, weil ich weiß, wie sehr Cynthia an die Theorie Ihres Partners glaubt, dass das Kinderheim mit Kimberlys Entführung etwas zu tun hat. Ich möchte von Ihnen hören, was Sie dazu meinen.”

Scully wich dem auffordernden Blick des Polizisten aus. Er stürzte sie in einen Konflikt: Einerseits war sie der Meinung, dass Mulders Theorie reichlich gewagt und unausgereift war, andrerseits hatten die Ereignisse der letzten Tage gezeigt, dass mit dem St. Mary’s Kinderheim eindeutig etwas nicht stimmte. Welche Antwort konnte sie Mark Lane geben, der auf der Suche nach seiner Kollegin war und ihr für jeden Strohhalm dankbar sein würde, den sie ihm hinhielt, mochte er auch noch so klein sein? Sollte sie ihm erzählen, dass sie nicht an Mulders Theorie glaubte, eine Theorie, die möglicherweise eine junge Polizistin das Leben gekostet hatte? Oder sollte sie sagen, dass sie voll und ganz hinter Mulder stand, auch wenn sie in Wahrheit noch immer gewisse Zweifel hatte?

Sie entschloß sich, ehrlich zu sein und erwiderte: „Ich weiß es nicht. Agent Mulder hat recht, dass mit dem Kinderheim etwas nicht in Ordnung ist, das sagt mir mein Gefühl. Aber unglücklicherweise haben wir keine Beweise oder auch nur ausreichende Anhaltspunkte, die eine nähere Untersuchung rechtfertigen würden. Die Verbindung zwischen Kimberlys Verschwinden und dem Kinderheim ist nicht belegbar, also sind wir in dieser Hinsicht machtlos.”

In den Augen von Deputy Lane erschien Verzweiflung; es war, als habe ihm Scully nur bestätigt, was er schon wusste: Dass sie nicht den geringsten Anhaltspunkt hatten.

Eine Frau mittleren Alters unterbrach das Gespräch. Sie kam auf die beiden zu und schwenkte ein Notizheft.

„Mark, ich glaube, wir haben hier was. Cynthia schreibt doch immer alles auf, was ihr so einfällt, oder nicht? Hier, in dem Buch steht, dass sie beim Kinderheim gewesen ist. Sie hat mit einem Mädchen namens Lucy gesprochen, und es sieht so aus, als könne Kimberly Jones doch in der Nacht ihrer Entführung dort gewesen sein. Wenn sie von dort aus entführt worden wäre, wirft das ein ganz neues Licht auf den Fall.”

Mark nickte düster. „Auf jeden Fall. Verdammt, vielleicht hatte Cynthia doch recht. Vielleicht führte die Spur von Anfang an zu diesem verfluchten Heim, und ich habe mich die ganze Zeit geirrt. Ich hätte auf sie hören sollen. Wer weiß, ob es jetzt nicht zu spät ist.”

Scully, die diese Art von Gedanken mehr als gut kannte, war es ihr doch jedesmal ganz genauso gegangen, wenn Mulder in Gefahr geriet, unterbrach die Selbstvorwürfe: „Wenn sie recht hatte, und ich bin aufgrund von Mulders und meinen Ermittlungsergebnissen allmählich geneigt, das zu glauben, dann müssen wir es beweisen. Wir sollten so schnell wie möglich zum Heim fahren und versuchen, mit dieser Lucy zu sprechen, bevor sie so eingeschüchtert wird, dass sie kein Wort mehr sagt.”

„Sie haben recht. Kommen Sie, wir nehmen meinen Wagen. Und vielleicht erklären Sie mir unterwegs, warum Sie und Ihr Partner sich so auf das Kinderheim eingeschossen haben.”

Damit rannte er zu seinem Dienstwagen, und Scully blieb nichts anderes übrig als ihm zu folgen.

 

 

 

22.45

Mercy-Privatklinik für Invitrofertilisation und Geburten

Great Falls, Kansas

 

Mulder hatte seit Scullys Aufbruch die ganze Zeit gespannt das Klinikgebäude beobachtet. Nichts hatte sich gerührt, aber seine Aufmerksamkeit war immer gleich geblieben. Es fiel ihm wesentlich leichter, sich auf die Überwachung zu konzentrieren, seit Benni und Scully nicht mehr mit im Wagen saßen. Dana, verbesserte er sich, und wieder stellte sich das warme Gefühl ein, das er in ihrer Nähe immer spürte und das ihm seit ihrem Kuss noch intensiver vorkam. Mulder fragte sich, was da zwischen ihnen passiert war. Es war absolut undenkbar, dass Agenten, die zusammenarbeiteten, sich auf diese Weise nah kamen. Und doch war es passiert. Mulder hatte schon immer gewusst, dass es einmal zu so einer Situation kommen würde, zumindest was ihn betraf. Von Scullys Seite war er nicht so sicher gewesen, und doch war es passiert. Er fragte sich, wie es nun weitergehen würde. Würde Dana nicht, professionell und praktisch wie immer, die ganze Sache als einen Ausdruck von Stress abtun? Würde sie sich vielleicht sogar überrumpelt vorkommen? Würden sie einfach stillschweigend darüber hinweggehen und so weitermachen wie bisher? Würde dieser eine Kuss ihre Freundschaft ruinieren? Oder würde das passieren, was er sich am meisten wünschte? Würde sich ihre Beziehung jetzt wandeln, würden sie von Partnern und Freunden zu Liebenden werden? Beim Gedanken daran, Dana noch einmal zu küssen, ja, sie sogar jeden Tag küssen zu dürfen, schlug Mulders Herz schneller, und er versuchte, aus ihrem Gespräch im Wagen Anhaltspunkte dafür zu finden, wie sie über diese Sache dachte. Aber alles, was ihm einfiel, waren ihre weichen Lippen auf seinen und ihre Hand, die seine festhielt, während sie das Gebäude beobachteten.

Mulder mochte tief in Gedanken versunken sein, aber er vergaß doch nicht, dass er die Klinik beobachten musste, und als er einen Wagen die Straße heraufkommen sah, war seine ganze Aufmerksamkeit nur noch auf seine Aufgabe gerichtet.

Der Wagen hielt vor dem Haupteingang der Klinik, und die Türen wurden geöffnet. Zwei Leute stiegen aus; Mulder konnte im schwachen Licht der Laternen nicht erkennen, um wen es sich handelte, aber als sie in den Bereich der Außenbeleuchtung traten, erkannte er Mrs. Evans. Sie war in Begleitung eines Mannes, den Mulder nicht kannte. Die Beiden gingen in die Eingangshalle der Klinik, die, wie Mulder erkannte, nicht mehr besetzt war. Vermutlich sollte das nächtliche Treffen unbemerkt bleiben und man hatte den Pförtner weggeschickt. Mulder konnte sich nicht vorstellen, um was es bei diesem Treffen gehen sollte, aber er war sich sicher, dass es etwas mit den Versuchen zu tun hatte, die in der Klinik durchgeführt wurden. Ihm war klar geworden, dass das Treffen, zu dem Dr. Niles gerufen worden war, im Innern der Klinik stattfinden sollte, und dass er, wenn er etwas davon mitbekommen wollte, möglichst schnell auch hineingehen musste. Er überlegte kurz, ob er Scully anrufen sollte, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Sie würde mit Sicherheit versuchen, ihn davon abzuhalten, wieder einmal unerlaubt auf privates Gelände einzudringen, und sie würden sich streiten, wodurch er wertvolle Zeit verlieren würde. Es war besser, sie später zu benachrichtigen, damit sie keine Chance hatte, ihm seinen Plan auszureden.

Entschlossen stieg Mulder aus dem Wagen und schlich auf das dunkle Gebäude zu, das von einer Mauer umgeben war - kein Hindernis für ihn, wie er mit einem raschen Blick feststellte. Er würde nicht so dumm sein zu versuchen, durch die Vordertür hereinzuspazieren, denn dann würde man ihn mit Sicherheit erwischen. Als er nach einer geeigneten Stelle suchte, um unbemerkt über die Mauer steigen zu können, dachte er leicht amüsiert, wie viel Erfahrung er schon im unautorisierten Eindringen in alle möglichen Einrichtungen hatte. Scully würde dieser Gedanke nicht gefallen, aber aus irgendeinem Grund bereitete er Mulder eine gewisse Freude.

 

 

 

22.50

 

Mark Lane, sonst ein eher vorsichtiger Fahrer, jagte seinen Dienstwagen mit Höchstgeschwindigkeit die dunkle Straße entlang. Es war ihm vollkommen egal, was die FBI-Agentin neben ihm denken mochte, solange er nur schnell zum Kinderheim kam, um mit dem Mädchen zu sprechen, das von Cynthia befragt worden war.

Scully schwieg, denn sie verstand, dass der Deputy besorgt war, und außerdem war sie Mulders radikale Fahrweise gewohnt, die wenn möglich noch schlimmer war. Sie fragte sich, was Mulder gerade machte und überlegte, dass sie es am liebsten gar nicht wissen wollte. Wenn ihr Partner eine Überwachung vornahm, endete diese meist auf eine Weise, die gegen jede nur denkbare Regel verstieß. Es war also wahrscheinlich ganz gut. dass sie nicht wusste, was Mulder tat, denn so konnte sie sich auch keine Sorgen machen.

Mark fragte sich, was das FBI im Kinderheim entdeckt haben mochte, denn ihm war klar, dass sie ihm etwas verschwiegen. Jetzt, da er mit Agent Scully allein war, konnte er die Chance nutzen und versuchen herauszufinden, mit was sie es hier zu tun hatten. Vorher war sie einer entsprechenden Frage ausgewichen, aber jetzt ging es um das Leben einer Polizistin, seiner Freundin, und Mark würde nicht zögern, mit allem zu drohen, was er hatte.

„Was geht hier eigentlich vor?” fragte er nicht gerade freundlich, wobei er die Augen nicht eine Sekunde von der Straße nahm, auf der sie entlang rasten.

„Wenn ich das wüsste, wären wir einen großen Schritt weiter.” erwiderte Scully, die nicht wusste, ob es eine gute Idee war, dem Polizisten von Mulders Theorie zu erzählen, von der sie selbst noch nicht völlig überzeugt war, auch wenn sie allmählich bereit war, die extremste Möglichkeit zu akzeptieren. Zu viele Fakten sprachen dafür, aber es war in ihren Augen einfach nicht möglich, ein Versuchsprojekt mit solchen Ausmaßen unbemerkt durchzuführen, ganz zu schweigen von den wissenschaftlichen Möglichkeiten, die Mulder voraussetzte.

Sie entschied sich, Mark die Wahrheit zu sagen, wobei sie stillschweigend zugab, dass sie damit Mulders Theorie meinte.

„Mein Partner geht davon aus, dass im St. Mary’s Kinderheim Kinder leben, die das Ergebnis illegaler Menschenversuche sind. Ahnungslosen Frauen wurden genetisch manipulierte Föten eingesetzt, die sie für angebliche potentielle Adoptiveltern austragen sollten. Diese Eltern existierten allerdings nicht, und die Kinder wurden in das Heim gebracht, wo man sie unter Beobachtung hielt, um Erkenntnisse über die Folgen der Versuche für die heranwachsenden Menschen zu erlangen. Das könnte seiner Meinung nach auch der Grund dafür sein, dass man die Heimkinder so extrem unter Verschluss hält. Sie benötigen möglicherweise eine spezielle medizinische Versorgung, die auf die Experimente zurückzuführen ist. Mein Partner ist sich sicher, dass diese Versuche in der Mercy-Klinik in Great Falls durchgeführt werden, die dann die Neugeborenen ins Kinderheim überstellt.”

Mark sah sie fassungslos an.

„Das glaubt der doch wohl nicht wirklich?”

„Mulder ist davon überzeugt.”

„Und Sie? Glauben Sie das?

Scully zögerte einen Moment ehe sie antwortete: „Ich weiß nicht, ob ich den Einzelheiten von Mulders Theorie zustimme, dazu haben wir einfach nicht genug Fakten, aber ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass mein Partner recht hat, wenn er eine Theorie aufstellt, mag sie auch noch so seltsam klingen. Mulder hat eine Art sechsten Sinn für diese Dinge, und er würde nichts behaupten, wovon er nicht selbst überzeugt ist. Die Fakten, die ich bisher gesehen habe, deuten darauf hin, dass Mulder zumindest nicht völlig falsch liegt. In dem Kinderheim geht etwas Seltsames vor, und es besteht Grund zu der Annahme, dass die Spur zu dieser Klinik führt.”

Mark merkte durchaus, dass sich Scully um eine eindeutige Stellungnahme gedrückt hatte, aber er verzichtete darauf, nachzuhaken. Statt dessen erkundigte er sich: „Und was hat das alles mit der Entführung von Kimberly Jackson und Cynthia zu tun?”

„Mulder nimmt an, dass Kim als eine enge Freundin von Ginny Tomms in den Fall hineingeraten ist. Ginny sucht ihren Vater, und Kimberly wollte ihr dabei helfen. Wenn auf dieser Diskette, die Kimberly bekommen hat, wirklich etwas Wichtiges war, und davon bin ich überzeugt, dann hatten die Leute, die diese Experimente durchführen, allen Grund dazu, Kimberly zum Schweigen zu bringen. Ich habe den Inhalt der Diskette selbst gesehen, jedenfalls nehme ich das an. Die Diskette ist nach wie vor verschwunden, aber ich bin sicher, eine Kopie der Daten auf Kimberlys Festplatte gefunden zu haben. Es handelt sich dabei um medizinische Daten, die belegen, dass eine gewisse Margie Graham in der Mercy-Klinik behandelt worden ist. Um genau zu sein, sie hat sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen, und zwar kurz nach ihrer Scheidung, was an sich ungewöhnlich ist. Wie sich herausstellte, war Ginny Tomms das Ergebnis der Behandlung, und sie wurde nach dem Tod ihrer Mutter, die ein Jahr nach der Entbindung unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, ins St. Mary’s Heim eingewiesen. Es ist anzunehmen, dass jemand beim Tod von Mrs. Graham nachgeholfen hat, um das Kind ins Heim bringen zu können, damit die Versuche weiterhin geheim bleiben. Vor kurzem hat sich ein ähnlicher Fall ereignet, durch den Mulder und ich auf die Sache aufmerksam wurden. Da ich nicht an eine solche Häufung von Zufällen glauben kann gehe ich davon aus, dass tatsächlich etwas an Mulders Theorie dran ist; ich bin nur nicht sicher, wie weit ich sie glauben kann.”

Mark hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört, ohne den Blick von der Straße zu nehmen und ohne Scully zu unterbrechen, aber jetzt entgegnete er: „Ich weiß nicht, das klingt alles so verrückt, aber wenn das FBI glaubt, dass etwas dran ist, dann kann ich es nicht so einfach abtun. Wenn also tatsächlich diese Versuche stattgefunden haben, wie ist es dann möglich, dass niemand etwas davon gemerkt hat?”

„Wer interessiert sich schon für die Kinder, die in einem von der Öffentlichkeit abgeschlossenen Heim leben? Niemand kennt sie, und niemand merkt, wenn sie verschwinden oder wenn neue hinzukommen. Wie sollte es auch jemand merken? Die Klinik bezahlt die Leihmütter, die sich schämen, weil sie ihren Körper auf diese Weise verkaufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau hier darüber sprechen würde, dass sie für andere Leute ein Kind zur Welt bringt. Wahrscheinlicher ist, dass sie auf Fragen antwortet, sie habe ihr Baby verloren. Wenn also die Leihmütter nichts sagen, kann die Klinik die Babys ohne weiteres in das Kinderheim bringen, ohne dass jemand danach fragt. Schließlich muss ja niemand erfahren, dass ein Kind zur Welt gekommen ist, wenn die betreffenden Ärzte nichts davon sagen.” Scully war sich nicht bewusst, dass sie im Prinzip versuchte, Deputy Lane mit den gleichen Argumenten zu überzeugen, die Mulder ihr gegenüber vorgebracht hatte. Und wie schon zuvor, schienen sie auch jetzt zu wirken.

„Sie haben recht. Das klingt erschreckend einleuchtend. Und es ist wahr: Hier würde Leihmutterschaft von allen verurteilt werden. Sie meinen also...”

Weiter kam er nicht. Der Wagen bog um eine Kurve, so dass sie das Kinderheim sehen konnten. Scully schnappte nach Luft, während Mark Lane Mühe hatte, den Wagen nicht in den Graben zu setzen, so erschrocken war er von dem Bild, das sich ihnen bot: Ein orangefarbener Schein erhellte die Nacht dort, wo sich das Kinderheim hätte befinden sollen. Das Haupthaus und alle Nebengebäude standen in hellen Flammen.

Als Scully aus dem Wagen stieg, spürte sie die Hitze des Feuers auf ihrem Gesicht, obwohl sie noch ein ganzes Stück entfernt war. Sie rief Mark zu, er solle die Feuerwehr verständigen und rannte dann auf das brennende Heim zu.

Mark folgte ihr, nachdem er über Funk durchgegeben hatte, was passiert war. Er war sich nicht sicher, was sie hier allein tun konnten, aber er wusste auch, dass sie etwas tun mussten.

Scully hatte inzwischen das Tor erreicht und festgestellt, dass es verschlossen war. Sie versuchte, in den Flammen, die das Heim einschlossen, etwas zu erkennen, sah aber nichts als flackerndes Feuer.

„Versuchen Sie, das Tor aufzubekommen!” wies sie Mark an, als dieser sie erreicht hatte.

„Das nützt uns auch nichts; wir können da nicht reingehen.”

„Machen Sie einfach das verdammte Tor auf! Ich sehe mich inzwischen um, ob noch jemand in der Nähe ist. Wenn sich noch Menschen im Gebäude befinden, müssen wir versuchen, sie da rauszuholen. Die Feuerwehr wird viel zu lange brauchen, und wenn sie da sind, müssen sie eine Zufahrt um Gebäude haben!“ Scully hatte beinahe geschrien, und Mark Lane, der nicht wusste, was er der Agentin entgegensetzen sollte, machte sich daran, das eiserne Tor zu untersuchen.

Scully lief so schnell wie möglich um das umzäunte Gelände herum, um von der Rückseite, wo sich der Spielplatz befand, nach einem Zugang zu suchen. Sie wünschte, Mulder wäre hier, denn er war in der Lage, innerhalb von Minuten jedes Schloss zu öffnen, eine Eigenschaft, die sie manchmal verfluchte; aber jetzt wäre sie dafür dankbar gewesen.

Als etwas aus dem Gebüsch neben ihr geschossen kam, zuckte Scully zusammen und zog ihre Waffe, nur um erleichtert festzustellen, dass es sich um den Hund handelte, den sie bei ihrem ersten Besuch im Heim gesehen hatte. Wie hieß er noch gleich? Sie suchte in ihrem Gedächtnis nach dem Namen des Tieres, während sie das Gebüsch näher untersuchte, aus dem der Hund gekommen war. Sie staunte nicht schlecht, als sie die Zweige beiseite schob und dahinter ein Loch in der dicht mit Efeu bewachsenen Mauer entdeckte, das gerade groß genug war, damit sie hindurch kriechen konnte. Scully ließ sich auf die Knie nieder und inspizierte das Loch, während der Hund sich neben sie schob und sie neugierig beobachtete. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, wie Ginny den Hund gerufen hatte: Sein Name war Button.

Aus der Mauer waren ein paar Steine herausgebrochen, was von außen wegen des dichten Gebüsches und des Efeubewuchses nicht zu sehen war. Vor dem Loch war die Erde glatt, als seien regelmäßig Menschen durch diesen Durchschlupf gekrochen.

So ist Ginny also aus dem Heim herausgekommen, wenn sie sich mit Kimberly getroffen hat, schoss es Scully durch den Sinn. Unter diesem Gesichtspunkt war es mehr als wahrscheinlich, dass Kim in der Nacht, als sie entführt worden war, auf das Heimgelände gekommen war. Ginny konnte ihr schließlich von dem Loch in der Mauer erzählt haben.

Bevor Scully überlegen konnte ob es klug wäre, allein auf das Heimgelände zu gehen oder ob sie Deputy Lane Bescheid sagen sollte, war Button schon an ihr vorbei und wieder durch das Loch geschlüpft und sprang bellend auf der anderen Seite herum. Kurz entschlossen zog Scully ihre Waffe, die sie bei der Untersuchung der Mauer wieder eingesteckt hatte, und folgte dem Hund.

Inzwischen versuchte Mark immer noch, das Schloss am Tor zu öffnen. Als er einsah, dass er es nicht schaffen würde, zog er seine Dienstwaffe und gab ein paar Schüsse auf das Schloss ab, das daraufhin endlich aufsprang. Ohne zu zögern lief Mark auf das Haupthaus zu, aus dessen Fenstern Flammen schlugen, als ihm eine Gestalt entgegenkam.

„Polizei, bleiben Sie stehen!” rief er energisch und erkannte im gleichen Moment Scully, die mit gezogener Waffe vor ihm stehen blieb.

„Ich glaube, da ist noch jemand im Haus; der Hund spielt verrückt und rennt immer wieder zur Hintertür.” informierte sie ihn, und Mark folgte ihr. Auf dem Weg zur kleinen Tür erkundigte er sich, wie Scully auf das Gelände gekommen war. Sie erzählte ihm von dem Loch in der Mauer und ihrer Überlegung, dass Kimberly möglicherweise doch auf dem Heimgelände gewesen war, als man sie entführt hatte.

„Wenn Cynthia das gewusst hat, war das Grund genug, sie zu entführen.” erwiderte Mark, als sie vor der weit offenen Hintertür stehen blieben. Button bellte jetzt wie wild, und Scully hatte alle Mühe, ihn am Halsband zurückzuhalten, damit er nicht in das brennende Haus zurück rannte.

„Wir müssen warten, bis die Feuerwehr kommt. Die sind für solche Fälle ausgerüstet. Außerdem wissen wir nicht einmal, ob wirklich noch jemand drin ist.”

Scully wusste, dass er recht hatte, aber sie wusste auch, dass es zu spät sein würde, bis die Feuerwehr ankam. Wenn sich noch jemand in dem Gebäude befand, bestand schon jetzt kaum noch die Chance, dass er noch am Leben war, denn die Flammen schienen überall zu sein.

Mark wusste das auch, aber er war nicht zur Polizei gegangen, um tatenlos zuzusehen, wenn jemand seine Hilfe brauchte. Obwohl er kein typischer Macho war, hielt er es dennoch für seine Pflicht, die zierliche FBI-Agentin aus dieser gefährlichen Situation herauszuhalten. Als sie jetzt einen erstickten Schrei aus dem Innern des Gebäudes hörten, war Button kaum noch zu halten. Mark reichte Scully entschlossen seine Waffe.

„Ich geh rein. Wir können nicht warten, bis die anderen kommen.”

Bevor Scully protestieren konnte, war er schon durch die Tür getreten, und einen Augenblick später war er in der Dunkelheit im Innern des Gebäudes verschwunden. Scully blieb nichts anderes übrig als den wie wahnsinnig bellenden Hund mit sich zum Tor zu zerren, wo sie auf die Feuerwehr wartete, um den Helfern die Situation so gut es ging zu erklären und sie zu der Hintertür zu führen.

 

 

 

23.00

Mercy-Privatklinik für Invitrofertilisation und Geburten

Great Falls, Kansas

 

Mulder hatte es geschafft, unbemerkt auf das Gelände der Klinik zu gelangen, indem er an einer unbeobachteten Stelle über die Mauer geklettert war. Er hatte darauf bauen müssen, dass es hier keinen Wachhund gab, denn seine Erfahrung beim Kinderheim hatte ihm gereicht. Aber da er bei seinem ersten Besuch keinen Hund gesehen hatte, war er ziemlich sicher gewesen, dass es keinen gab.

Er hatte recht behalten; aber es erwies sich trotzdem als nicht ganz einfach, in die Klinik zu kommen. Erst musste Mulder aus dem Garten herauskommen, und da er in Deckung bleiben musste, konnte er nicht einfach den Weg entlang gehen. Als er sich endlich bis zu einer Art Hintereingang vorgearbeitet hatte, musste er feststellen, dass dieser verschlossen war. Das störte ihn jedoch nicht, denn Mulder war ein Naturtalent im Öffnen von Schlössern. Das kam ihm hier wieder einmal zugute, und nach wenigen Minuten stand er auf einem Flur, von dem mehrere Türen abzweigten. Er hoffte, keinen verborgenen Alarm ausgelöst zu haben und machte sich auf den Weg ins Innere der Klinik, wobei er vorsichtig die verschiedenen Türen ausprobierte. Sie führten ausnahmslos in leere Krankenzimmer, in denen weiße Betten standen. Nirgends war ein Patient zu sehen, und Mulder überlegte, dass er sich wahrscheinlich in einem Teil der Klinik befand, in dem die Frauen untergebracht waren, bei deren Schwangerschaft es Komplikationen gab oder die sich einer stationären Behandlung unterziehen mussten. Er glaubte nicht, dass er hier Hinweise auf die Versuche finden würde. Dazu war dieser Bereich nicht genug gesichert.

Mulder blieb einen Moment stehen und versuchte, sich zu orientieren. Als er am Morgen mit Scully hier gewesen war, hatten sie sich ausschließlich im vorderen Teil des Krankenhauses aufgehalten, wo sich das Wartezimmer sowie die Besprechungs- und Untersuchungsräume befanden. Dort würde sicher nichts Geheimes aufbewahrt werden, da dieser Teil der Klinik für jedermann leicht zugänglich war. Er erinnerte sich, dass Scully ihm erzählt hatte, wie sie sich mit der Gruppe von Müttern getroffen hatte. Das Treffen hatte in einem großen Raum im linken Flügel der Klinik stattgefunden.

Mulder schätzte, dass er sich jetzt im rechten Seitenflügel befand. Er war unsicher, wohin er sich wenden sollte, denn es gab keine Schilder, an denen er sich hätte orientieren können. Die Flure sahen überall gleich aus, und Mulder hatte nicht die geringste Ahnung, wohin Mrs. Evans und ihr Begleiter gegangen sein mochten.

Er war sich auch nicht sicher, ob er die Beiden unbedingt finden wollte. Vermutlich war es sicherer, sich umzusehen, wenn er schon einmal hier war. So eine Chance würde er nicht wieder bekommen, und wenn X recht hatte, war die Zeit, die das Projekt noch hier stattfinden würde, sehr begrenzt. Was lag also näher, als die geheimen Labors zu suchen und Beweise zu sichern, bevor alles weggebracht werden konnte? Mulder vermutete, dass es bei dem ominösen Treffen, zu dem Dr. Niles gehen sollte, um die Vernichtung von Beweisen und die Verlegung des Standorts gehen würde. Sollten sie nur diskutieren; er würde inzwischen dafür sorgen, dass ihre Vertuschungsversuche scheiterten.

Mulder rief sich den Grundriss des Gebäudes ins Gedächtnis und begann, nach Möglichkeiten für den Standort eines geheimen Labors zu suchen, indem er Stück für Stück die ihm bekannten Teile der Klinik ausschloß. Wenn er davon ausging, dass das, wonach er suchte, nicht nur ein einzelner Raum war, blieben nicht viele Möglichkeiten. Für Experimente von dem Umfang, um den es hier ging, würde man mehr als ein einzelnes Labor benötigen. Es mussten Betten zur Verfügung stehen, in denen die Leihmütter nach der Entbindung genesen konnten, und es war wenig wahrscheinlich, dass jemand das Risiko einging, sie zu den normalen Patientinnen zu legen. Zu groß war die Gefahr, dass etwas ausgeplaudert wurde, vor allem zwischen Frauen, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten und vielleicht eine gewisse Solidarität fühlten. Außerdem musste ein Operationssaal vorhanden sein, in dem den Frauen die Föten eingesetzt wurden, und es musste einen Ort geben, an dem die genetischen Versuche durchgeführt wurden. Alles in allem würde eine solche Einrichtung also eine Menge Platz beanspruchen, und sie war ganz sicher nicht im Hinterzimmer zu verstecken. Wenn sie nicht im vorderen Teil der Klinik untergebracht war und auch die beiden Seitenflügel anderweitig genutzt wurden, blieb entweder der hintere Teil des Gebäudes oder der Keller. Da das Klinikgebäude zweistöckig war, bestand auch noch die Möglichkeit, dass sich das, was er suchte, im ersten Stock befand, aber ein Gefühl sagte Mulder, dass das nicht der Fall war. Also machte er sich auf den Weg in Richtung des hinteren Gebäudeteils, was nicht weiter schwierig war, denn er musste einfach nur dem Flur folgen. Es wunderte ihn ein wenig, dass er niemanden traf, da in einer Klinik normalerweise Tag und Nacht reger Betrieb herrschte, aber er sagte sich, dass es in einer Privatklinik eben anders aussah, besonders wenn sie sich auf Geburten spezialisiert hatte wie diese. Da gab es nicht viele Notfälle, die mitten in der Nacht eingeliefert wurden und versorgt werden mussten. Das einzige, was hier für Aufregung sorgen würde war eine einsetzende Geburt oder eine Frau, bei deren Schwangerschaft es Komplikationen gab. Die Chance, nicht entdeckt zu werden, war hier wesentlich größer als in einem normalen Krankenhaus, aber dafür würde es Mulder schwerer fallen, seine Anwesenheit hier zu erklären, falls man ihn doch erwischte.

Aber das bereitete ihm wenig Sorgen. Er würde sich eben nicht erwischen lassen.

Mulder fand schließlich ein Treppenhaus, das in den ersten Stock sowie in den Keller führte. Er beschloss, sich zuerst unten umzusehen und stieg leise die Treppe hinunter. Er konnte nicht wissen, dass das Treppenhaus zum Wartungsbereich der Klinik gehörte und deshalb nicht gesichert war, weil es auch als Notausgang diente. Der normale Weg zwischen den Stockwerken führte über die Fahrstühle im Foyer, und wenn Mulder ihn benutzt hätte, wäre er auf keinen Fall unentdeckt geblieben, da Joe Good gerade aus einem der Aufzüge trat. Er hatte den Auftrag erhalten, nach einer der Frauen zu sehen, die in den letzten Tagen einen Fötus eingepflanzt bekommen und danach begonnen hatte, sich merkwürdig zu verhalten. Sie wollte plötzlich die Klinik verlassen und ihr Baby behalten, wenn es auf die Welt kam. Deshalb musste man Tag und Nacht auf sie aufpassen, denn sie hatte schon versucht, wegzulaufen und einmal sogar, sich umzubringen. Dr. Niles war der Meinung, dass es sich bei dem Kind in ihrem Bauch um einen Jungen handeln musste, da diese in der Pubertät selbst labil wurden; viele von ihnen brachten sich um, und es schien so, als könne man aus dem Verhalten der werdenden Mütter Schlüsse auf das Geschlecht des Kindes ziehen, das sie einmal zur Welt bringen würden. Wenn dem so wäre und Dr. Niles recht hatte, wäre es ein Glück. Good kannte sich zwar nicht besonders gut mit der Forschung aus, um die es hier ging, aber er hatte in der Zeit, die er schon hier verbrachte, doch ein paar Dinge gelernt. Eines davon war, dass die Ärzte nicht nur Mädchen benötigten, um ihre Ergebnisse zu verifizieren, sondern auch Jungen. Und es schien ziemlich schwer zu sein, Jungen zu beobachten, da sie alle in einem bestimmten Alter verrückt zu spielen schienen. Sobald die ersten Anzeichen der Pubertät zu sehen waren, schienen die Jungen labil zu werden und zu selbstzerstörerischem Verhalten zu neigen. Viele von ihnen brachten sich um, und diejenigen, die das nicht taten, wurden für die Einrichtung untragbar.

Es war daher dringend nötig, weitere Jungen zu beobachten, um die Versuchsergebnisse zu verifizieren. Good wusste, dass das ein Problem darstellte, und er wusste auch, dass es an Leuten wie ihm war, dieses Problem zu lösen. Er und eine Handvoll anderer Soldaten sollten die verbliebenen Jungen schützen, sowohl vor sich selbst als auch vor der Öffentlichkeit. Das war keine leichte Aufgabe, und Good war entschlossen, sie so gut auszuführen, wie er nur konnte. Keinesfalls würde er es zulassen, dass ein weiterer Fehler passierte.

Dann würde er mit Sicherheit bestraft und aus dem Projekt entfernt werden. Joe Good fürchtete keine Strafe, selbst wenn man ihm mit dem Tod drohte. Dem hatte er während seiner Zeit beim Militär schon mehr als einmal ins Auge geblickt; er fürchtete sich nicht zu sterben. Aber er wollte diesem Projekt angehören, das seiner Ansicht nach die Zukunft Amerikas darstellte. Wenn es gelang, Menschen nach Wunsch zu kreieren, dann konnte man auch den perfekten Amerikaner herstellen, ein Ziel, das Good erstrebenswert erschien. Er wünschte sich, maßgeblich an der Schaffung der Zukunft beteiligt zu sein, denn das würde ihn in gewisser Hinsicht unsterblich machen. Er fürchtete zwar seinen eigenen Tod nicht, wohl aber den Tod der Sache, für die er einstand.

Good verachtete die Männer und Frauen, die nur für ihren eigenen Profit solche ungeheuren Dinge schafften. Ihm war Reichtum nicht wichtig. Was für ihn zählte, war die Zukunft seines Landes, und er war bereit, sein Leben dafür zu opfern.

Einen Moment später erreichte Good das Treppenhaus, das in das geheime Untergeschoß führte, in dem die Versuchspersonen, wie er und die anderen Soldaten die Frauen insgeheim nannten, untergebracht waren. Er zögerte kurz, als er die Tür zum Patientenflur unverschlossen fand. Da musste wieder einer der Ärzte oder jemand vom Pflegepersonal geschlampt haben. Jemandem, der schon einmal einem wirklichen Feind gegenübergestanden war, würde so ein bodenloser Leichtsinn niemals passieren. Er war versucht, die Tür zu schließen, überlegte es sich aber anders. Wenn er sich zu lange aufhielt, konnte die Patientin, auf die er aufpassen sollte, etwas anstellen, und er wäre wieder verantwortlich.

Joe Good hatte es satt, ständig Fehler ausbügeln zu müssen, sowohl seine eigenen als auch die von Leuten, die lange vor seiner Zeit hier gearbeitet hatten. Wenn die damals besser auf den Jungen aufgepasst hätten, hätte ich den Arzt heute nacht nicht erschießen müssen. Nicht dass es ihm etwas ausgemacht hätte, den Mann zu töten. Aber er war der Meinung, dass die Leute verdammt noch mal ihre Arbeit ordentlich machen sollten. Wenn sie schon nicht darauf geachtet hatten, dass der Junge sich nicht umbrachte, dann hätten sie wenigstens dafür sorgen können, dass die Beweise verschwanden und die Behörden sich nicht einmischten. Was Joe Good betraf, so war die Justiz vollkommen überflüssig. Man sollte alles der militärischen Gerichtsbarkeit übertragen, dann gäbe es wesentlich weniger Scherereien.

Jetzt war es an ihm, weiteres Aufsehen zu vermeiden. Er würde auf die Frau aufpassen, bis sie geboren hatte. Was danach mit ihr zu geschehen hatte, lag nicht in seinem Ermessen, aber er konnte es sich denken.

 

 

 

23.15

St. Mary’s Kinderheim

Greasewood, Kansas

 

Während ihr Partner sich in der Privatklinik umsah, hatte Scully wie auf heißen Kohlen gesessen. Sie hatte auf das Eintreffen der Feuerwehr gewartet und gehofft, dass Mark Lane wieder heil aus dem brennenden Gebäude herauskam. Als die Einsatzkräfte endlich angekommen waren, hatte sie sie zum Hintereingang geführt und sie darüber aufgeklärt, dass sich noch mindestens eine Person in dem Gebäude befand, wahrscheinlich aber zwei oder mehr. Der Einsatzleiter der Feuerwehr hatte über den bodenlosen Leichtsinn des Polizisten den Kopf geschüttelt und seine Leute in feuerfesten Anzügen in das Kinderheim geschickt, um nach den Vermissten zu suchen. Sie hatten ziemlich schnell festgestellt, dass die Kinder und ihre Betreuer auf keinen Fall mehr im Haus sein konnten, was angesichts der Ausmaße des Brandes ein großes Glück war. Ein paar Minuten später hatte ein Feuerwehrmann Mark Lane gefunden, und ein weiterer hatte die Person herausgebracht, nach der er gesucht hatte. Es war Ginny Tomms. Beim Anblick des Mädchens wand sich Button, den Scully immer noch festhielt, aus seinem Halsband und schoss quer über den Rasen auf seine Freundin zu. Dabei riss er den Mann, der sie trug, beinahe um. Ginny, die ihren Hund erkannte, lächelte schwach, während sie im ebenfalls eingetroffenen Krankenwagen versorgt wurde.  Scully trat hinzu, um dem Mädchen ein paar Fragen zu stellen, aber ein Sanitäter versperrte ihr den Weg.

„Sie können jetzt nicht mit ihr reden, Ma'am. Sie hat schwere Verbrennungen und höchstwahrscheinlich eine Rauchvergiftung. Wir bringen sie ins Krankenhaus.”

„Ich muss mit ihr sprechen. Ich bin selber Ärztin, und ich werde mich kurz fassen. Es geht um mehrere Menschenleben.”

Damit schob sie den Mann energisch beiseite und wandte sich an Ginny: „Weißt du noch, wer ich bin?” Das Mädchen nickte kaum merklich.

„Was ist da drin passiert?”

„Floyd... Er hat die anderen...mitgenommen...Ausflug...ich sollte dableiben und auf Vicky aufpassen...dann, überall Feuer...”

„Floyd, ist das der stellvertretende Heimleiter?”

Wieder nickte Ginny.

„Und der hat die anderen zu einem Ausflug mitgenommen und dir gesagt, du sollst auf Vicky aufpassen. Wer ist Vicky? Ist sie noch im Gebäude?”

Ginny schüttelte den Kopf. „Vicky ist...neues Baby. Ich hab nach ihr gesehen, aber...sie war nicht da. Floyd hat sie wohl...mitgenommen. Warum...?”

Der Sanitäter drängte sich zwischen Scully und das verletzte Mädchen. „Das reicht jetzt. Dieses Mädchen muss in ein Krankenhaus.”

„In Ordnung, bringen Sie sie weg. Aber auf keinen Fall in die Mercy-Klinik.”

Der Mann sah die Agentin befremdet an. Was diese Bundesagenten auch immer für Einfälle hatten. Er würde doch keinen Patienten mit Brandverletzungen in eine Geburtenklinik bringen. Aber weil es der Frau so wichtig zu sein schien, versicherte er ihr, dass das Mädchen in das Unfallkrankenhaus von Greasewood gebracht werden würde.

Scully sah dem abfahrenden Krankenwagen nach. Sie hatte genug gehört, um sich den Rest zusammenreimen zu können. Der stellvertretende Heimleiter hatte, ob mit oder ohne Zustimmung von Mrs. Evans, die Kinder unter einem Vorwand aus dem Heim weggebracht. Ginny hatte er mit einem Trick dazu gebracht, im Haus zu bleiben, indem er ihr auftrug, auf ein neues Baby aufzupassen, das er aber mitnahm. Ginny dürfte sich kaum darüber gewundert haben, da sie wegen ihres Gesprächs mit der Polizei in den letzten Tagen sowieso keinen leichten Stand gehabt hatte. Sie hatte ihre Aufgabe wahrscheinlich als eine weitere Strafe angesehen und sie pflichtschuldig erfüllt. Dann hatte jemand, möglicherweise im Auftrag von Floyd, das Feuer gelegt, um Beweise zu vernichten. Dass man Ginny zurückgelassen hatte, sprach in Scullys Augen für Mulders Theorie, das Mädchen könnte nicht den Versuchen, sondern einer normalen Schwangerschaft entstammen. Das würde bedeuten, dass sie für den weiteren Verlauf der Experimente ohne Wert war, so dass man sie ohnehin hätte verschwinden lassen müssen. Möglicherweise war erst durch die Bemühungen des vermeintlichen Vaters der Irrtum entdeckt worden.

Wären sie und Deputy Lane nicht hergekommen, wäre Ginny mit Sicherheit im Feuer umgekommen, denn die Fluchtwege aus dem Gebäude waren nach Angaben der Feuerwehrmänner vom Feuer versperrt gewesen.

Scully war sich inzwischen ziemlich sicher, dass Mulder recht hatte. X hatte ausnahmsweise die Wahrheit gesagt: Jemand versuchte, die Spuren einer großen Sache verschwinden zu lassen, und dieser Jemand schreckte vor nichts zurück. Wenn sie sich nicht beeilten, würde es zu spät sein. Ein paar Tage später, und es würde nichts mehr da sein, womit sich die ungeheuerlichen Versuche, auf die alles hindeutete, beweisen ließen.

Sie musste zurück zu Mulder. Er würde ihre Hilfe dringend brauchen, dessen war sie sich sicher.

Scully ging zu Deputy Lane, dessen leichte Verbrennungen inzwischen behandelt worden waren, und erklärte ihm, dass sie unbedingt wieder zur Klinik musste. Er schüttelte den Kopf. „Das wird nicht möglich sein. Wir haben eben über Funk durchbekommen, dass in der Leichenhalle ein Pathologe ermordet worden ist, und die brauchen mich da, um eine Zeugin zu befragen. Ich weiß nicht, was heute nacht los ist, aber es scheint so, als drehen alle Leute allmählich durch.”

Scully horchte alarmiert auf. „War der Ermordete zufällig Dr. Warren Carlyle?”

„Ich denke schon. Außer ihm arbeitet um diese Zeit niemand mehr in der Leichenhalle. Warum?”

„Wissen Sie, ob vom Tatort etwas entfernt worden ist?”

„Noch nicht. Aber ich kann mal nachfragen.”

„Nicht nötig. Ich muss sofort da hin.”

„Okay, wie Sie wollen. Ich kann Ihnen von dort aus jemanden anfordern, der Sie nach Great Falls bringt.”

„Ich fürchte, wenn mein Verdacht zutrifft, dann werde ich mich dort etwas genauer umsehen müssen.”

Lane war ein wenig erstaunt, dass Scully ihre Meinung so schnell geändert hatte, aber er sagte nichts. Heute nacht war einfach keine Zeit für Diskussionen.

Allerdings tauchte doch noch ein weiteres Problem auf: Niemand von den anwesenden Einsatzkräften wollte sich um Button kümmern, der noch immer frei auf dem Gelände herumlief und nach Ginny suchte, die abtransportiert worden war.

Alle hielten sicheren Abstand von dem riesigen Tier, denn niemand traute ihm so recht über den Weg. Als Mark Lane und Scully Anstalten machten, in den Streifenwagen zu steigen, kam der Einsatzleiter der Feuerwehr zu ihnen und stellte fest: „Sie können nicht einfach abhauen und das Vieh hier lassen Was ist, wenn es ins Gebäude zurückläuft oder einen von meinen Leuten angreift? Wir sind nicht für so etwas ausgerüstet, und das letzte, was wir brauchen können, ist ein Hund.” Mark, der keine Zeit hatte, sich herumzustreiten, schlug vor: „Wir nehmen den Hund mit und lassen ihn dann ins Tierheim bringen. Vielleicht kriegen wir ihn ja auf die Rückbank, da kann er nicht stören, schließlich haben wir das Trenngitter.” Er stutzte einen Moment. „Allerdings liegt da schon Ihr Hund. Meinen Sie, dass das ein Problem ist?”

„Es ist nicht mein Hund; er gehört Agent Mulder.” stellte Scully richtig. „Und ich weiß nicht, ob es Probleme mit den Beiden gibt, also nehme ich Benni lieber zu mir nach vorn.” Sie angelte die kleine Hündin aus dem Fond und beobachtete, wie Mark vergeblich versuchte, Button ins Auto zu bekommen. Er zog so fest an seinem Halsband, wie er es in Anbetracht der Größe des Tieres wagte, aber der Hund stemmte die Pfoten in die Erde und blieb stehen. Schließlich griff Scully ein. Sie rief den Namen des Hundes, der daraufhin sofort aufmerksam die Ohren spitzte. „Button, komm her.” Der Hund folgte ihrem Ruf ohne zu zögern, und als sie auffordernd auf den Rücksitz klopfte und dabei „Hopp!” rief, sprang er mit einem Satz in den Wagen, und Mark schloss schnell die Tür.

Dann stiegen er und Scully ebenfalls ein. „Wie haben Sie das gemacht?” wollte Mark wissen, und Scully zuckte die Achseln. „Ich wusste seinen Namen; das macht den Umgang mit jedem Hund wesentlich leichter. Sagen Sie, kommt es eigentlich häufiger vor, dass der Gerichtsmediziner um diese Zeit noch arbeitet?”

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Dazu bin ich zu selten in der Pathologie; das ist eher Cynthias Aufgabe. Aber vorstellen könnte ich es mir schon; Dr. Carlyle ist ein ziemlich komischer Kauz, dem es nichts ausmacht, bis spät in die Nacht mit den Leichen allein zu sein. Wäre kein Job für mich, aber wenn er meint.” Das Funkgerät rauschte und gab dann eine Reihe von Zahlenkombinationen von sich. Scully verstand kein Wort; sie wusste aber, dass es sich um den Funkcode der Polizei handelte, mit dem die Informationen verschlüsselt über den Äther gingen, damit nicht jeder Amateurfunker die Mitteilungen verstand, die sich die Cops machten.

Mark bemerkte die fragende Miene der Agentin und erklärte: „Die Zentrale hat gerade gemeldet, dass es sich bei der Zeugin des Mordes um die ehemalige Assistentin von Dr. Carlyle handelt; es ist also wahrscheinlich, dass der Tote Dr. Carlyle ist. Außerdem wurde am Tatort eine Leiche gestohlen, an der er gerade gearbeitet hat.”

Scully stutzte. Das sah ja genauso aus wie der Mord in Washington. Es schien ihr eindeutig, dass da ein Zusammenhang bestand. Sie musste Mulder erreichen, um seine Meinung dazu zu hören. Allerdings konnte sie ihn nicht anrufen, da sie ihn womöglich durch das Klingeln seines Handys verraten hätte. Also blieb ihr nichts anderes übrig als auf seinen Anruf zu warten.

 

 

 

23.15

Mercy-Privatklinik

Great Falls, Kansas

 

Mulder schlich über einen langen, dunklen Korridor im Kellergeschoss der Klinik. Er hielt sich dicht an der Wand und versuchte, so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Allerdings schien diese Vorsichtsmaßnahme überflüssig zu sein, denn es schien, als sei das gesamte Geschoß verlassen. Keine der Türen war verschlossen, ganz so, als rechne niemand damit, dass ein Unbefugter bis hierher vordringen würde. Mulder konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass hier Aufbruchsstimmung herrschte. Trotzdem ging er weiter, immer in der Hoffnung, etwas zu entdecken, das ihn und Scully weiterbringen würde.

Am Ende des Ganges war eine große Glastür, die in eine Art Luftschleuse führte. Mulder drückte probeweise die Klinke herunter und stellte überrascht fest, dass sie unverschlossen war.

Als er hindurchging, stand er vor einer weiteren Tür, die sich erst öffnen ließ, nachdem sich die erste vollständig geschlossen hatte. Mulder vermutete, dass es sich um eine Vorrichtung handelte, die Keime fernhalten sollte.

Sobald sich die zweite Tür geöffnet hatte, ging Mulder weiter. Er stand in einem weiteren Korridor, von dem dieses Mal links und rechts Türen abzweigten. Mulder öffnete eine davon und stand in einem Krankenzimmer, in dem ein einzelnes, weiß bezogenes Bett stand. In dem Bett lag schlafend eine junge Frau, die unzweifelhaft schwanger war. Mulder wollte sich gerade zurückziehen, als er Schritte auf dem Gang hörte. Rasch schlüpfte er ganz in das Zimmer und sah sich nach einem Versteck um. Der Raum war beinahe spartanisch eingerichtet; außer dem Bett befanden sich noch ein schmaler Schrank und ein Waschbecken darin. Eine Tür an der Wand führte vermutlich zur Toilette. Mulder hörte, wie die Schritte näher kamen und wollte gerade in den Waschraum schlüpfen, als er eine leise Stimme hörte, die aus dem Bett zu kommen schien: „Ich würde mich nicht da drin verstecken. Da sind auch die Medikamente, und wenn die Schwester hier reinkommt, dann geht sie immer zuerst in den Nebenraum.”

Mulder warf einen Blick auf das Bett; die Frau, die darin lag, hatte anscheinend doch nicht geschlafen. Sie sah ihn mit ein wenig erstaunt, aber nicht ängstlich an. „Sie sollten unters Bett kriechen; da wird Sie niemand finden.” schlug sie vor, und Mulder blieb keine Zeit zu überlegen, ob er ihr trauen konnte, denn die Schritte hielten vor der Zimmertür an. Schnell legte sich Mulder flach auf den Boden und rutschte unter das Bett; die Frau ließ ihre Decke ein wenig über die Bettkante hängen, damit sie Mulder verdeckte. Dieser presste sich eng an den weißen Bodenbelag, die Hand an der Waffe, um sich notfalls verteidigen zu können. Er sah, wie die Tür geöffnet wurde und jemand hereinkam, den Schuhen nach zu urteilen ein Mann. Diese Vermutung bestätigte sich, als die Person zu sprechen begann: „So, Mrs. Grand, heute nacht sehe ich einmal nach Ihnen. Wie geht es Ihnen?”

Mulder stockte der Atem. Er kannte diese Stimme. Er hatte sie vor vier Tagen auf einem Parkplatz gehört, und sie hatte ihn aufgefordert, die Waffe fallen zu lassen. Es war die Stimme des Mannes, der versucht hatte, Susie zu entführen.

Die Frau antwortete: „Mir geht es gut; aber ich weiß nicht, wer Sie sind.”

„Das ist auch nicht wichtig. Ich mache heute nacht die Runde. Warum schlafen Sie nicht längst?”

„Weil Sie auf dem Gang einen Lärm machen, als zöge ein ganzes Heer vorbei. Ich werde mich beim Oberarzt beschweren.”

Das schien den Mann zu beeindrucken, denn er entschuldigte sich und verließ das Zimmer. Als die Schritte auf dem Flur verklungen waren, kam Mulder unter dem Bett hervor. Er wandte sich an die Frau: „Mrs. Grand, wissen Sie, wer dieser Mann ist?”

„Ich möchte erst einmal wissen, wer Sie sind. Vorher sage ich Ihnen gar nichts.”

„Entschuldige Sie. Ich bin Agent Mulder vom FBI, und ich ermittle in einem Mordfall.” Er zeigte ihr seinen Ausweis, den sie sorgfältig betrachtete, bevor sie ihn zurückgab.

„Ist hier jemand ermordet worden?” wollte sie dann wissen.

„Nein, aber die Ermittlungen haben mich hergeführt. Deshalb ist es auch äußerst wichtig, dass ich weiß, wer der Mann ist, der eben hier war.”

„Das ist Joe Good. Er hilft den Schwestern manchmal bei schwierigen Fällen. Niemand weiß genau, wer er eigentlich ist, denn er hält sich immer bedeckt. Aber ich habe gehört, dass er bei der Army sein soll.”

Das erklärte möglicherweise, warum es keine übereinstimmenden Fingerabdrücke in der FBI-Kartei gab. Die Army hielt ihre Leute gern aus der Schusslinie und regelte Vergehen intern, besonders wenn es sich um Spezialaufträge handelte. Mulder fragte sich, ob das auch hier der Fall sein konnte.

„Was für Fälle sind das, in denen er den Schwestern hilft?” erkundigte er sich weiter.

„Wenn eine Frau Probleme macht, wenn sie ihr Kind behalten will und sich weigert, sich behandeln zu lassen, zum Beispiel. So wie die arme Maryanna.”

„Wer ist das?”

„Maryanna ist eine junge Frau aus Mexiko. Sie ist erst seit ein paar Monaten hier, und sie hat keinen Job. Darum hat sie sich auf die Sache mit der Leihmutterschaft eingelassen, um ein wenig Geld zu verdienen. Das wäre auch alles kein Problem gewesen, aber dann ist ihr Bruder dahintergekommen, dass sie ein Kind für fremde Leute austragen will. Das verstößt gegen irgendeine Art Ehrenkodex, glaube ich, und ihre Familie hat sie wohl unter Druck gesetzt, das Kind zu behalten. Jetzt will sie es nicht mehr abgeben, aber als sie das dem Arzt gesagt hat, wurde sie gleich eingeliefert. Sie darf das Krankenhaus nicht mehr verlassen, weil sie angeblich das Baby verlieren könnte. Sie glaubt aber, dass man sie hier einsperren will, um ihr das Kind wegnehmen zu können. Seitdem lässt sie keine Untersuchungen mehr zu, und jedesmal müssen mindestens drei Leute dabei sein, wenn sie ihre Medikamente einnehmen soll. Ich persönlich glaube, dass sie unter Verfolgungswahn leidet, weil ihre Familie sie so unter Druck setzt.”

Der Meinung war Mulder ganz und gar nicht, aber er hütete sich, etwas zu sagen. Statt dessen fragte er, wo Maryannas Zimmer lag.

„Am Ende des Ganges, gleich neben dem Operationssaal; daneben liegt die Intensivstation.”

Mulder bedankte sich und ging in Richtung Tür, wobei er Mrs. Grand noch einschärfte, auf keinen Fall jemandem etwas von seinem Besuch zu erzählen. „Sie erweisen damit dem FBI einen großen Gefallen.” versicherte er ihr verschwörerisch, und ihr begeisterter Gesichtsausdruck ließ ihn sicher sein, dass sie kein Sterbenswörtchen sagen würde, außer beim nächsten Treffen mit ihren Freundinnen natürlich. Da das aber nicht in dieser Nacht stattfinden würde, hoffte Mulder, fürs Erste sicher zu sein.

Also machte er sich auf den Weg, Maryanna und den Operationssaal zu suchen.

 

 

 

23.30

Leichenhalle

Greasewood, Kansas

 

Als Scully und Deputy Lane bei der Leichenhalle ankamen, standen schon überall in der Einfahrt Einsatzfahrzeuge der Polizei und zwei Rettungswagen. Mark begrüßte ein paar Kollegen und sah sich um.

„Die Spurensicherung ist schon da, und auch der Leichenbeschauer aus Wichita.”

Scully vermutete, dass er das an den Fahrzeugen sah, und sie folgte ihm ins Gebäude. Dort war eine Polizistin, die Scully am ersten Tag im Revier gesehen hatte, damit beschäftigt, eine blonde Frau um die 30 zu befragen, während die Spurensicherung überall Fingerabdruckpulver verteilte. Scully hatte den Eindruck eines starken Deja-vu, und sie fragte sich, warum man Mark so dringend hergebeten hatte, denn es hatte nicht den Anschein, als herrsche ein Mangel an Polizisten. Trotzdem schien die Beamtin beim Anblick des Deputys erleichtert zu sein.

„Mark, gut dass du kommst. Ich hab versucht, den Sheriff zu erreichen, aber der war unterwegs. Privat, nehme ich an.”

„Ja, er ist bei einer Familienfeier. Was ist hier eigentlich passiert?”

„Christine Kendell hat uns angerufen. Sie ist die ehemalige Assistentin von Dr. Carlyle und...”

„Ich weiß, wer sie ist.” unterbrach sie Mark und wandte sich an die Frau: „Chrissy, was ist passiert?”

Die Blondine fiel Mark um den Hals. „Ich wollte dem Doc bei der Autopsie an dem Unfallopfer helfen, diesem Jungen, der von der Brücke gestürzt ist, du weißt doch. Jake ist betroffen, weil er die Brücke für unbedenklich erklärt hat, und da wollte ich eben wissen, ob es ein Unfall war, oder ob jemand den Jungen geschubst hat. Ich weiß, das ist nicht korrekt, aber...”

„Das ist jetzt nicht wichtig.” Mark hielt die Frau fest an sich gedrückt, und Scully bekam den Eindruck, dass er sie gut kannte.

„Was ist hier passiert?”

„Ich weiß es auch nicht genau. Ich wollte mich umziehen, und als ich wiederkam, war da dieser Mann. Er hat den Doc bedroht und die Leiche mitgenommen. Ich weiß nicht, was er damit wollte...”

„Mrs. Kendell,” mischte sich Scully ein. „War das hier die einzige Leiche, die im Augenblick hier aufbewahrt wurde?”

„Ich weiß nicht; ich arbeite zur Zeit eigentlich nicht hier.”

„Ich glaube, ich kann Ihnen weiterhelfen, Agent.” ertönte eine Stimme hinter Scully. Sie drehte sich um und sah in das Gesicht eines hochgewachsenen Schwarzen, der sie prüfend musterte.

„Ich bin Staatsanwalt Morgan. Ich habe eben erst erfahren, was hier passiert ist, und ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Wissen Sie, welche Leiche gestohlen wurde?”

„Ich weiß es.” entgegnete Chrissy. „Die Leiche des Jungen, den sie im Wasser gefunden haben.”

„Das habe ich befürchtet.” wandte sich der Staatsanwalt an Scully. „Ich hatte Carlyle gebeten, diesen Fall mit äußerster Dringlichkeit zu behandeln, da es mit den Gutachten eilt. Er hatte mich gebeten, eine andere Leiche exhumieren zu dürfen und wollte eigentlich jetzt daran arbeiten. Offensichtlich hat man ihn ermordet, bevor er mit der Arbeit beginnen konnte.”

„Was für eine Leiche wollte er exhumieren?”

„Die Leiche eines Jungen namens Sean Chandler, der sich vor Jahren umgebracht hat.”

Aufregung schoss durch Scullys Blut. Sie hatte diesen Namen schon einmal gehört. Nach einem kurzen Moment wusste sie es: „Er stammte aus dem Kinderheim, nicht wahr?”

„Das stimmt. Ich weiß nicht, warum Carlyle so scharf auf eine neue Autopsie war, aber ich denke, dass er seine Gründe hatte. Er sagte, dass bei der ersten Autopsie etwas übersehen worden sein könnte.”

„Ich glaube nicht, dass der Mörder hinter der Leiche des verunglückten Jungen her war.” Scully konnte selbst nicht glauben, dass sie das sagte. Aber es kam noch schlimmer: „Ich bin sicher, dass er es auf die exhumierte Leiche von Sean Chandler abgesehen hatte.”

Es wurde schlagartig still, und Scully bekam den Eindruck, dass jeder im Raum sie anstarrte. So muss sich Mulder immer fühlen, wenn er eine Theorie ausspricht, kam es ihr in den Sinn.

„Wie kommen Sie zu dieser Annahme?” ergriff der Staatsanwalt wieder das Wort. Seine Stimme hatte einen kühlen Tonfall angenommen, der Scully an den ihrer Vorgesetzten erinnerte, wenn Mulder versuchte, ihnen etwas zu erklären, wovon er überzeugt war.

„Ich vermute es nur,” entgegnete Scully mindestens ebenso kühl, „aber ich finde es plausibel, dass jemand, der es nicht gewöhnt ist, mit Leichen zu arbeiten, eine Leiche, die ein paar Tage im Wasser gelegen hat, mit einer exhumierten Leiche verwechselt. Vor allem, wenn er es eilig hat, wegzukommen. Mein Partner und ich ermitteln zur Zeit in einem Fall, der in engem Zusammenhang mit dem St. Mary’s Kinderheim steht, und ich bin nicht bereit, es als einen Zufall zu betrachten, dass in einer Leichenhalle, wo sich die Leiche eines Heimkindes befindet, ein Pathologe ermordet und eine Leiche gestohlen wird, die mit der des Heimkindes verwechselt worden sein könnte.”

„Sie hat recht.” mischte sich Mark ein, der noch immer Christine Kendell im Arm hielt. „Ich habe selbst gesehen, dass mit dem Heim etwas nicht stimmt. Erst ermittelt meine Partnerin dort, und dann verschwindet sie spurlos. Dann brennt das Heim ab, ein Mädchen kommt beinah in den Flammen um, und jetzt das. Mit dem Heim muss etwas faul sein!” Scully sah sich dankbar nach ihm um. Sie hätte nicht gezögert, diese Sache allein durchzuziehen, aber mit etwas Schützenhilfe könnte es sich als wesentlich einfacher erweisen.

Sie ging in den Kühlraum, wo die Leiche von Sean Chandler aufbewahrt wurde, und sah sich dessen sterbliche Überreste an. Auf den ersten Blick konnte sie nichts Ungewöhnliches entdecken, aber das hatte sie auch nicht erwartet. Es erleichterte sie, dass es sich hierbei wirklich um die exhumierte Leiche handelte. Sie wies Mark an dafür zu sorgen, dass diese Leiche streng unter Verschluss gehalten wurde, damit niemand sie doch noch verschwinden ließ, und wollte sich den Toten gerade näher ansehen, als Chrissy plötzlich einen Schrei ausstieß: „Ich weiß, wo ich den Mann schon einmal gesehen habe! Das war in der Klinik, in der ich entbunden habe. Ich wurde in den Operationssaal gebracht, und da stand er auf dem Flur. Er hat an der Wand gelehnt und telefoniert, ich bin mir ganz sicher!”

Scully wurde plötzlich einiges klar. Mulder hatte recht gehabt, dass die Klinik eine wichtige Rolle spielte, bei allem, was hier passierte. Sie wandte sich an Chrissy: „Mrs. Kendell, haben Sie sich in der Klinik einer künstlichen Befruchtung unterzogen?”

Christine starrte sie empört an. „Natürlich nicht! Ich war dort nur zur Schwangerschaftsfürsorge, weil die Klinik in der Nähe ist und weil dort die besten Ärzte sein sollen. Ich habe auch dort entbunden, aber mehr auch nicht. Wie kommen Sie dazu, mich so etwas zu fragen?”

„Es tut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe, aber ich ermittle in einem Fall, der mit dieser Klinik zu tun hat. Ist Ihnen während Ihres Aufenthaltes dort etwas aufgefallen, was Ihnen seltsam vorkam? Hatten Sie möglicherweise sogar Kontakt zu Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen haben oder zu solchen, die ihr Kind für andere Paare ausgetragen haben?”

Chrissy überlegte einen Moment. Dann entgegnete sie: „Ich habe niemanden kennen gelernt, auf den das zutrifft. Ich war auch nur wenige Male dort, und immer nur für kurze Zeit. Nach meiner Entbindung war ich zwei Nächte in der Klinik, aber mir ist nichts aufgefallen, außer, dass ich mit allem sehr zufrieden war.”

Mark war wieder hinzugekommen und legte den Arm um Chrissy. „Du solltest nach Hause gehen. Wir können dich auch morgen noch befragen. Ich werde jemanden abstellen, der dich fährt.” Trotz ihres Protests schob Mark sie in einen Streifenwagen und wies einen Polizisten an, sie nach Hause zu bringen. Dann wandte er sich an Scully: „Was sollen wir jetzt tun?”

„Wir werden auf dem schnellsten Weg nach Great Falls fahren, denn wenn der Mörder dort arbeitet, dann muss mein Partner das wissen. Er ist in höchster Gefahr.”

Bevor Mark etwas erwidern konnte, war sie schon im Wagen, und er folgte ihr und setzte sich widerwillig hinters Steuer. Es passte ihm nicht, dass er die Ermittlung zu Cynthias Verschwinden nicht leiten konnte, aber die Agentin sah nicht so aus, als würde sie sich jetzt auf eine Diskussion einlassen. Also fuhr Mark los, nicht ohne Scully zu warnen: „Wenn wir in Schwierigkeiten geraten, sind wir auf uns gestellt. Heute nacht habe ich keinen Cop, den ich auf einen bloßen Verdacht hin zur Klinik beordern kann. Wir suchen nach einem entführten Mädchen, nach einer verschwundenen Kollegin, nach einem Brandstifter, einem Mörder, einem Leichendieb. Dafür brauchen wir jeden Mann draußen.”

„Wenn mein Verdacht zutrifft werden wir alles, was wir suchen, in der Mercy-Klinik finden.!” Scully war es gar nicht aufgefallen, dass sie Mulders Theorie die Klinik betreffend automatisch übernommen und als ihre bezeichnet hatte. Mark merkte es, ging aber nicht darauf ein. Ihm lag etwas Anderes auf dem Herzen.

„Äh, Agent Scully...Ich,...Bitte, denken Sie nicht, ich hätte was mit Chrissy. Sie ist...sie ist schließlich verheiratet. Wenn ein solches Gerücht erstmal rum ist, dann kann ich gleich verschwinden. Sie ist...Na ja, wir waren mal zusammen, aber das ist Jahre her. Es war vorbei, bevor sie ihren Mann kennengelernt hat. Ich mag ihn, und ich bin froh, dass sie glücklich ist. Wir sind nämlich noch immer Freunde; ich bin auch mit ihrem Mann befreundet. Also, nicht dass Sie denken...”

Trotz ihrer Anspannung musste Scully schmunzeln. Der junge Deputy schien sehr darauf bedacht, jeden Verdacht im Keim zu ersticken. Es war ihm offenbar wichtig, dass sie nicht schlecht über ihn und Mrs. Kendell dachte. Sie beruhigte ihn: „Wissen Sie, Mark, es geht mich absolut nichts an, was zwischen Ihnen und Mrs. Kendell läuft oder nicht läuft. Ich will mich da nicht einmischen, und wenn Sie sagen, dass da nichts ist, dann ist das okay. Sie müssen es mir nicht beweisen. Und auf Gerüchte gebe ich in den seltensten Fällen etwas. Wenn es Sie beruhigt, werde ich Ihnen versichern, dass ich nicht darüber reden werde.”

„Das wäre gut. Wir sind hier in einer Kleinstadt, und ich möchte nicht, dass Cynthia denkt...”

Scully unterbrach ihn: „Könnten Sie vielleicht etwas schneller fahren? Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mulder in Schwierigkeiten steckt, und ich möchte nicht zu spät kommen!”

 

 

 

23.30

Mercy-Privatklinik

Great Falls, Kansas

 

Scully hatte Unrecht mit ihrer Befürchtung, Mulder könne in Schwierigkeiten sein. Ganz im Gegenteil; er hatte endlich gefunden, wonach er suchte. Mulder stand in einem Labor, das mit verschiedensten Instrumenten ausgestattet war, deren Zweck er sich nicht einmal vorstellen konnte. Überall standen sauber glänzende Petrischalen und Reagenzgläser, chromblitzende Pinzetten, Spatel, Messer, Pipetten und Messlöffel lagen auf einem Tisch, und daneben stand eine Waage mit einer sehr empfindlichen Skala. Diese Dinge waren Mulder vertraut; oft genug hatte er Scully bei Autopsien damit arbeiten sehen, aber was die anderen Dinge darstellten, konnte er sich nicht erklären. Mulder betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich, um nicht einen eventuell vorbeikommenden Wachmann auf sich aufmerksam zu machen. Er betrachtete noch einen Moment lang die seltsamen Instrumente, dann wandte er sich einem Aktenschrank in einer Ecke des Labors zu. Er versuchte, ihn zu öffnen. Natürlich war er verschlossen, was Mulder aber nicht weiter störte. Er nahm sein Taschenmesser zu Hilfe und hatte das Schloss in Sekundenschnelle geknackt. Der Schrank enthielt eine Reihe von Pappheftern, von denen jeder säuberlich mit einem Namen und einem Datum beschriftet war. Mulder zog einen davon heraus und entdeckte einige Disketten darin. Er legte sie beiseite, um sie später zu untersuchen, und blätterte durch die Papiere. „Einlieferungsbescheid” stand da, und „Befund der Voruntersuchung”. Mulder begann, sich ein Bild zu machen. Er war nicht so geübt wie seine Partnerin, was das Lesen von medizinischen Daten anging, aber im Laufe der Zeit hatte er sich die Fähigkeit angeeignet, aus den Daten, die er vor sich hatte, die Geschichte der Person, die sie betrafen, zu erkennen. Die Frau, deren Akte er in den Händen hielt, hieß Tiffany Simmons, und sie war 1989 in der Klinik behandelt worden. Ich wette, sie taucht in den regulären Unterlagen des Krankenhauses nicht auf, dachte er grimmig und las weiter. Bei Tiffany war eine künstliche Befruchtung vorgenommen worden, und sie hatte 9 Monate später ohne Komplikationen einen Jungen zur Welt gebracht. Dann wurde ihr Name nicht mehr erwähnt; die Akte ging nun auf das Kind über. Der Junge, Greg, war im St. Mary’s Kinderheim aufgezogen worden, wo er zwei Jahre später verstarb. Die Todesursache wurde mit „Fehler in der Medikamentenbehandlung” angegeben, was Mulder innerlich kochen ließ. Wie konnte man so etwas einfach zulassen? Er zwang sich zur Ruhe und sah die anderen Akten durch. Sie reichten zurück bis in eine Zeit, in der man noch nicht einmal über die Möglichkeit der Veränderung von Erbgut nachgedacht hatte. Hier war der Fortschritt offensichtlich schneller vorangeschritten als anderswo.

Als er auf eine Akte mit der Aufschrift „Melanie Chandler” stieß, wuchs Mulders Aufregung. Er blätterte sie durch, bis er an die Stelle kam, wo der Name des Kindes angegeben wurde. Da stand es: Sean Chandler. Mulder suchte nach der angegebenen Todesursache. Sie lautete „Selbstmord aufgrund hoher Labilität und Depressionen” Also hatte sich der Junge tatsächlich selbst umgebracht. Einige Zeilen weiter unten stieß Mulder auf eine Notiz, die seine Aufmerksamkeit fesselte. In säuberlicher Handschrift hatte jemand an den Rand des Berichts geschrieben: „Der Tod von Sean Chandler gibt Rätsel auf, da es der siebte Selbstmord einer männlichen Versuchsperson ist. Alle Opfer hatten die Pubertät erreicht. Es muss festgestellt werden, in wieweit die Veränderung der Gene und die Therapie durch Medikamente durch die Veränderung des Hormonhaushalts während der Pubertät beeinflusst werden. Sollte ein Zusammenhang bestehen, so muss das verabreichte Medikament gewechselt bzw. die Dosierung justiert werden.”

Es war also kein Zufall, dass im Kinderheim so wenige Jungen lebten. Die meisten von ihnen starben während der Pubertät. Das war vermutlich Anlass genug, sie nicht in dem Heim unterzubringen, wo ihr Tod den weiblichen „Testpersonen” aufgefallen wäre.

Eine weitere Akte erregte seine Aufmerksamkeit. Sie war vor sechs Jahren angelegt worden und trug den Namen Judy Anderson. Mulder warf einen Blick hinein und fand sehr schnell, was er suchte: Die Unterlagen über die Schwangerschaft. Bei den Untersuchungen war nichts Ungewöhnliches festgestellt worden. Statt der Geburtsunterlagen und den Beobachtungen über das Kind stand am Ende der Akte nur „Durch einen Wohnortwechsel der Mutter konnten keine weiteren Tests durchgeführt werden. Es werden Versuche unternommen, des Kindes habhaft zu werden. Sollte dies nicht gelingen, wird es aufgrund fehlender medikamentöser Behandlung sterben.”

Mulder schüttelte grimmig den Kopf. In diesem Punkt hatten sie sich geirrt. Susie war nicht gestorben, sie war zu einem gesunden Mädchen herangewachsen, dem nur eines fehlte: Seine Mutter. Ohne zu wissen warum, riss Mulder die Blätter aus Susies Akte und steckte sie in die Tasche. Dann ging er die Namen auf den anderen Akten durch, bis er fand, was er suchte: Den medizinischen Bericht über Margie Graham. Diese Akte war nicht vollständig; am Schluss stand der Hinweis, die restlichen Unterlagen seien zur Aufbewahrung ins St. Mary’s Kinderheim verbracht worden, da sich die Testperson dort befinde. Als er ein paar der Akten aufschlug, die über momentane Heimbewohner angelegt worden waren, fand er in jeder den gleichen Hinweis. Mulder nahm sich vor, mit Scully noch einmal zum Kinderheim zu fahren, um diese Akten zu beschlagnahmen. Er konnte ja nicht wissen, dass es dafür schon zu spät war.

Mulder wollte gerade eine weitere Akte öffnen, als er ein Geräusch hörte. Er fuhr herum und griff nach seiner Waffe. Die Tür ging auf, und eine Frau mittleren Alters in einem Laborkittel kam herein. Bei Mulders Anblick fuhr sie zusammen und rief: „He, was machen Sie da?” Mulder hatte nicht vor, ihr das zu erklären, und er versuchte, an ihr vorbei zur Tür zu gelangen, als ihn plötzlich jemand von hinten ansprang. Mulder brauchte nur einen Bruchteil einer Sekunde, bis er das Gesicht seines Angreifers erkannte. Es war der Mann, der ihn und Scully auf dem Rastplatz überfallen hatte, der Mann, den die Frau in dem Krankenzimmer Joe Good genannt hatte.

 

 

 

23.52

Büro des Einsamen Schützen

Washington, D.C.

 

„Und ich sage dir, es war doch eine Schnapsidee.” brummte Byers, der Susies Hasen auf dem Schoß hielt und an dessen Ohren herumzupfte.

„Wieso? Ich fand sie gut.” verteidigte sich Langley. „Frohike, was sagst du dazu?”

Der kleine Mann zuckte die Achseln. „Ich sage, dass sie sich riesig freut, wenn wir mit ihr zur Kindernacht gehen. Aber ob es eine gute Idee ist, wird sich erst später rausstellen.”

„Ich wette, sie freut sich. Also ist es eine gute Idee.”

„Ich finde nicht, dass es eine gute Idee ist, mit einem fünfjährigen Mädchen mitten in der Nacht quer durch Washington zu fahren, auch wenn es zu einer Veranstaltung der Kindergärten geht.”

„Jetzt reg dich nicht so auf. Es ist ein riesiges Kinderfest, und dort werden noch viele andere Kinder sein. Susie wird jede Menge Spaß haben.”

„Wieso können die so ein Fest nicht tagsüber feiern?”

„Dann wäre es doch nichts Besonderes mehr. Es soll ein Geisterfest werden, und hast du tagsüber schon mal Geister gesehen?”

„Ich hab auch nachts noch nie Geister gesehen. Aber trotzdem...”

Susies Auftauchen unterbrach die Diskussion. Sie kam aus dem Nebenzimmer und sah Byers vorwurfsvoll an. „Hey, reiß Bonnie nicht die Ohren ab.” tadelte sie und nahm ihm den Hasen vom Schoß.

„Tut mir leid, aber sie hat sich nicht beschwert.”

„Das kann sie doch nicht. Sie kann doch deine Sprache nicht!” Susie streichelte dem Hasen tröstend über den Kopf und drückte ihn an sich. Dann schaute sie fragend zu Langley auf.

„Wann kommen Fox und Dana wieder?” wollte sie wissen.

Langley druckste einen Moment herum. „Ich weiß es nicht.” gab er dann zu. Susie stellte ihre Frage an Byers, der ihrem sehnsüchtigen Blick ausweichen musste. „Ich hab eine Idee.” sagte er statt einer Antwort. „Wir gehen zum Geisterfest der Kindergärten.” Langley tauschte ein vielsagendes Grinsen mit Frohike und reichte Susie, die sofort abgelenkt war und jubelnd zur Tür rannte, ihre Jacke.

 

 

 

23.54

Mercy-Privatklinik

Great Falls, Kansas

 

Mulder hatte keine Zeit sich zu fragen, wie Joe Good es geschafft hatte, sich von hinten an ihn anzuschleichen. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich gegen den Angriff des Mannes zur Wehr zu setzen, bei dem er seine Waffe verloren hatte. Mulder versetzte Good einen heftigen Schlag vor die Brust, um ihn abzuwehren, aber das beeindruckte den Mann nicht im Geringsten. Er schien dadurch sogar noch ermuntert zu werden, denn er landete einen Treffer gegen Mulders Kinn, der den Agenten für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht brachte. Dann fing er sich wieder und schlug Good in den Magen, um Zeit zu gewinnen, in der er seine Waffe erreichen konnte. Ihm war klar geworden, dass er gegen den Berufssoldaten nicht lange in einem Faustkampf bestehen würde, also versuchte er, sich einen Vorteil zu sichern. Good erriet die Absicht seines Gegners und sprang ihn von hinten an, sobald sich dieser umgedreht hatte. Mulder versuchte noch, den Aufprall zu verhindern, aber es war zu spät. Good riss ihn mit sich zu Boden, wo er sich blitzschnell herumdrehte, so dass er über Mulder kniete. Dieser sah noch eine Faust auf sich zu kommen; er riss den rechten Arm vor, um sein Gesicht zu schützen. Im nächsten Moment spürte er einen heftigen Schmerz im Unterarm, wo ihn Good getroffen hatte. Er schaffte es trotzdem, sich aus dem Griff des Mannes zu befreien, indem er sich heftig herumwarf, so dass Good von seinem Körper herunterfiel. Mulder nutzte die Chance und kam wieder auf die Füße. Bevor Good auch wieder aufstehen konnte, hatte Mulder seine Waffe erreicht. Er hob sie vom Boden auf und richtete sie auf seinen Angreifer.

„So, und nun drehen Sie sich ganz langsam um, Hände über dem Kopf.” befahl er, immer darauf achtend, nicht zu nah an Good heranzukommen, um einem weiteren Angriff vorzubeugen.

Joe Good dachte nicht daran, Mulder noch einmal zu attackieren. Er wusste, wann er nichts mehr ausrichten konnte, und das war eindeutig der Fall, wenn eine Pistole auf ihn gerichtet war. Also tat er, was Mulder von ihm verlangte und wartete auf seine Chance.

 

 

 

0.15 

Geisterfest der Kindergärten

Washington, D.C.

 

Maggie Scully hielt es nicht für eine gute Idee, mitten in der Nacht ein Kinderfest zu feiern, aber sie hatte ihrer Schwägerin versprochen, mit ihrem Sohn und dessen beiden Freunden hinzugehen, weil die Eltern endlich wieder einmal allein ausgehen wollten. Die Jungs hatten sich schon lange auf das Fest gefreut, weil es ihre erste „richtige” Party war, eine Party, die nicht nachmittags stattfand.

Jetzt stand Maggie am Rand einer riesigen Turnhalle, in der gerade eine Art Fangen gespielt wurde, bei dem sowohl Kinder als auch deren Begleiter teilnehmen konnten. Die Lichter waren ausgeschaltet, und nur ein paar vereinzelte Lampen, die mit gespenstischen Papierfiguren abgeklebt waren, erleuchteten die Szene. Maggie sah die Jungs nicht mehr, aber sie wusste sie irgendwo in der Menge der lachenden und vor Vergnügen oder Schreck kreischenden Kinder und war beruhigt.

Bis sie etwas hörte, das ihren Atem stocken ließ. Maggie versuchte, sich auf das Geräusch zu konzentrieren, aber es schien aussichtslos. Zu laut waren die Kinder, die herumtobten und die Musik.

Nach einer kleinen Weile hörte sie es wieder. Sie war sich nun ganz sicher. Maggie hatte die Stimme dieses Kindes nur ein einziges Mal gehört, aber sie wusste, dass sie sich nicht irrte. Irgendwo in diesem Raum befand sich das Mädchen, das Fox ihr gebracht hatte und mit dem er und ihre Tochter so überstürzt wieder aufgebrochen waren.

Plötzlich sah sie es. Ein kleines, blondes Mädchen rannte am Rand der Menge vor einem Mann mit langem, nicht besonders gepflegtem Haar davon. Es war eindeutig Susie. Maggie überlegte, was sie tun sollte.

Fox und Dana waren sicher gewesen, dass dem Kind Gefahr drohte, und nun sah es ganz so aus, als hätten sie recht behalten.

Maggie rief nach dem Mädchen, um es zu sich zu locken, wo sie versuchen konnte, es zu beschützen.

 

Als Susie hörte, wie jemand ihren Namen rief, drehte sie sich um die eigene Achse und sah sich suchend um, bis sie die Frau entdeckte, bei der sie Dana kennengelernt hatte. Freudig rannte sie auf sie zu und strahlte sie an.

„Hi.” rief sie und streckte die Arme aus, um hochgenommen zu werden. Maggie kam dem Wunsch nur zu gerne nach, denn der Mann, der Susie verfolgt hatte, näherte sich ihnen.

„Hey, was machen Sie da?” erkundigte sich Langley, als er eine fremde Frau Susie auf den Arm nehmen sah.

„Das könnte ich Sie auch fragen.” entgegnete Maggie, die sich hier inmitten der vielen Leute ziemlich sicher fühlte. Hier würde niemand dem Kind und ihr etwas tun können. Sie drückte Susie an sich und blickte den Mann herausfordernd an.

Langley wusste nicht, was er tun sollte. Hier stand eine ihm völlig unbekannte Frau und weigerte sich, Susie loszulassen, und das Mädchen schien sich dabei auch noch wohl zu fühlen.

„Susie, komm wieder her.”

„Das wird sie nicht tun.” entgegnete Maggie energisch. „Ich werde sie mitnehmen.”

Inzwischen waren auch Frohike und Byers herangekommen und stellten sich nun neben ihren Freund. Auch sie wussten nicht, was sie tun sollten. Maggie fühlte sich nun doch etwas verunsichert, weil sie sich statt einem plötzlich drei Männern gegenüber sah.

Susie lächelte fröhlich, weil sie auf einmal so viele Leute um sich hatte, die sie kannte. Sie stellte der Frau, die sie auf dem Arm hielt, die Frage, die sie nun schon seit Tagen beschäftigte: „Wann kommen Dana und Fox wieder?”

Maggie fuhr zusammen. Konnte es sein, dass sich das Mädchen nach einer so kurzen Begegnung mit ihrer Tochter noch an deren Namen erinnerte?

„Warum fragst du das?” erkundigte sie sich behutsam.

„Weil ich es wissen will.” entgegnete das Kind erstaunt über die offensichtlich dumme Frage. „Weil Langley es nicht weiß.” Susie befreite sich aus Maggies Griff und lief zu den drei Gunmen hinüber. „Er sagt, er weiß es nicht, und Byers will es mir nicht sagen.” Langley griff nach Susies Hand und zog sie ein Stück von der seltsamen Frau weg, die das Kind offensichtlich kannte. In diesem Moment kam einer der Jungen, mit denen Maggie hier war, auf sie zu und keuchte außer Atem: „Mrs. Scully, Steve hat sich die Lippe aufgeschlagen. Er ist da drüben und weint.”

„Danke, Willie. Geh und hol ihn her, damit ich es mir ansehen kann.” Der Junge nickte und verschwand wieder in der Menge.

Frohike verstand als Erster. „Sie sind Agent Scullys Mutter?”, erkundigte er sich. Maggie nickte erstaunt. „Ja, aber woher wissen Sie das?”

„Wir sind Freunde von Mulder und passen auf das Mädchen auf.” erklärte Byers.

„Dann ist es aber keine gute Idee, mit dem armen Kind mitten in der Nacht auf ein Fest zu gehen.” tadelte Maggie.

„Das hab ich auch gesagt.” verteidigte sich Byers. „Aber er wollte nicht auf mich hören.”

„Das ist gar nicht wahr! Du hast am Ende gesagt, wir sollen herkommen.”

„Aber nur, weil...”

Maggie begann sich zu fragen, wer hier wohl am Ehesten einen Babysitter brauchte und ob die Beiden wohl jemals wieder aufhören würden zu streiten, wenn sie nicht eingriff, aber das Auftauchen von zwei kleinen Jungen unterbrach den Streit. Einem von ihnen blutete die Unterlippe, und er schluchzte heftig, obwohl er sich bemühte, seine Tränen zu unterdrücken. Maggie beugte sich zu ihm hinunter. „Wie ist das passiert, Steve?”

Der andere Junge, derselbe, der gerade schon einmal hiergewesen war, antwortete an seiner Stelle: „Wir haben Fangen gespielt, und dann war da dieser Geist, der immer versucht, die Kinder zu erwischen. Der war hinter einem kleinen, blonden Mädchen her, und dabei hat er Steve gestoßen, dass er umgefallen ist.”

„Was für einen Geist meinst du?” wollte Byers alarmiert wissen.

„Na, den da hinten.” entgegnete der Junge. „Der in dem leuchtenden Kostüm, der beim Fangen mitspielt. Aber der ist langweilig. Immer versucht er nur, blonde Mädchen zu erwischen, uns beachtet der gar nicht.”

In Langley regte sich ein Verdacht. Was, wenn die Leute, die hinter Susie her waren, sich gedacht hatten, dass dieses Kinderfest wie ein Magnet auf alle Kinder wirken würde, also auch auf Susie? Konnte es sein, dass man vorsichtshalber einen oder zwei Männer hergeschickt hatte, um Susie eventuell erwischen zu können, falls sie hier auftauchte?

Byers und Frohike schienen denselben Gedanken zu haben, denn sie sahen einander vielsagend an.

„Wir sollten sehen, dass wir hier wegkommen.”

Willie deutete auf Susie. „Da, hinter ihr war er auch her, wie besessen, und dabei hat er Steve umgerannt.”

„Verdammt!” entfuhr es Frohike, und Susie blickte ihn vorwurfsvoll an. „Mom sagt, man darf nicht fluchen.”

„Dann solltest du froh sein, dass du nicht lange mit Mulder zusammen warst...” versuchte Langley zu scherzen, aber niemand lachte. Susie, die die allgemeine Anspannung spürte, wollte wissen: „Was ist los?”

„Wir spielen jetzt Verstecken.” entgegnete Langley.

„Aber Fangen ist doch noch nicht zu Ende.” protestierte das Mädchen.

„Fangen ist aber im Moment das dümmste Spiel, das ich mir vorstellen kann. Susie, hör zu. Wir müssen hier weg, und zwar so schnell und unauffällig wie möglich. Das ist die einzige Regel, und die werden wir befolgen, in Ordnung?”

„Gehen wir dann zu Dana?”

„Darüber reden wir später. Erst müssen wir das Spiel gewinnen.”

Maggie mischte sich ein: „Wenn Sie das meinen, was ich denke, und Sie haben recht, dann hat der Kerl sie schon gesehen. Dann wird er sicher nicht weiter durch die Räume geistern und sie suchen, sondern schön am Eingang auf sie warten. Sie können also nicht einfach rausspazieren und sich abfangen lassen.”

„Sie haben recht. Was schlagt ihr vor?” wandte sich Byers an seine Freunde. Diese zuckten mit den Achseln. Keiner von ihnen hatte damit gerechnet, dass ausgerechnet hier, bei einem Kinderfest, in einem Raum voller Menschen, jemand Susie finden könnte.

Maggie dachte daran, wie die Männer zu ihrem Haus gekommen waren  und versucht hatten, unauffällig nach Susie zu suchen. Sie waren nicht hereingekommen; offensichtlich hatten sie geahnt, dass Dana und Fox schon mit dem Kind weggefahren waren. Trotzdem hatte Maggie gemerkt, dass sie zu allem entschlossen waren, und sie hatte nicht vor, ihnen Susie in die Hände fallen zu lassen, wenn sie es irgendwie verhindern konnte. Auch wenn sie nicth ganz davon überzeugt war, dass dem Mädchen hier wirklich Gefahr drohte. Aber das konnten sie später diskutieren. Sie überlegte einen Moment und sagte dann: „Ich habe eine Idee. Willie, hol die anderen. Sag ihnen, sie sollen schnell herkommen.” Als der Junge verschwunden war, wandte sich Maggie an die Gunmen: „Wenn tatsächlich jemand hinter ihr her ist, dann wissen sie auch, wie sie aussieht und was sie anhat. Ich werde mit ihr in den Waschraum gehen und ihr dort die Kleider von Steve anziehen; sie kann die Kapuze von seinem Pullover über den Kopf ziehen. Dann halte ich ihr beim Rausgehen ein Taschentuch vors Gesicht und sage, sie hätte Nasenbluten. Wenn wir die vier Jungs dabei haben, wird niemand auf die Idee kommen, dass sie ein Mädchen ist. Jungs in dem Alter spielen nie mit Mädchen.” fügte sie mit der Bestimmtheit einer Mutter von vier Kindern hinzu, und die nickten. Zehn Minuten später machten sich fünf kleine Jungs, einer davon mit Nasenbluten, in Begleitung ihrer Betreuerin und eines gut gekleideten Mannes mit einem gepflegten Bart auf den Weg nach draußen, um das Fest zu verlassen.

 

 

 

 

0.00

Mercy-Privatklinik

Great Falls, Kansas

 

Sobald Deputy Lane den Streifenwagen mit quietschenden Reifen vor dem Klinikgebäude zum Stehen brachte, sprangen er und Scully heraus. Scully rannte sofort auf den Mietwagen zu, in dem Mulder das Haus beobachtet hatte. Er war leer; keine Spur von ihrem Partner. Sie suchte nach einem Hinweis, wo er geblieben sein konnte, fand aber nichts, was auf seinen Aufenthaltsort hindeuten könnte. Da sie Mulder kannte, vermutete sie das Naheliegende und informierte Mark: „Ich denke, er ist in die Klinik gegangen.”

„Aber das ist doch Hausfriedensbruch und unbefugtes Eindringen.”

Scully nickte. „Das weiß ich, aber wenn es nötig ist, hält so etwas ihn nicht auf. Ich frage mich, was ihn...” Sie unterbrach sich: „Natürlich! Das Treffen muss hier stattfinden.”

„Was für ein Treffen?”

Scully nahm sich nicht die Zeit, ihm näher zu erklären, wovon sie sprach. Sie sagte nur: „Ein Treffen der Leute, die für das alles hier verantwortlich sind. Wir haben angenommen, dass es an einem geheimen Ort stattfindet und wollten einer Ärztin dorthin folgen, aber offenbar treffen sie sich hier. Wir müssen da rein und Mulder warnen; er weiß nicht, dass der Mörder von Dr. Carlyle aus der Umgebung der Klinik stammt. Los, Sie nehmen den Vordereingang, ich werde versuchen, hinten reinzukommen. Spielen Sie den offiziellen Ermittler, wenn es sein muss; nur geben Sie mir etwas Zeit, heimlich reinzukommen.”

Mark nickte, auch wenn es ihm ganz und gar nicht behagte, dass sie sich unbefugt Zutritt zur Klinik verschaffen wollte. Aber er sah ein, dass sie keine andere Wahl hatten, also gehorchte er und ging zum vorderen Eingang der Klinik, während Scully zur hinteren Mauer schlich.

 

 

 

 0.00

in der Mercy-Privatklinik

 

Mulder wusste, dass er Joe Good nicht allzu lange würde in Schach halten können, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis jemand nach ihm suchte. Er musste so schnell wie möglich hier verschwinden, aber vorher musste er dafür sorgen, dass Good keinen Schaden anrichtete. Als er ein leises Geräusch hinter sich vernahm, versuchte Mulder, aus den Augenwinkeln zu erkennen, was das sein konnte; er würde sich jetzt auf keinen Fall umdrehen. Im nächsten Moment wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte: Er hatte die Frau unterschätzt, die mit Good in den Raum gekommen war.

Mulder hatte erwartet, dass sie Hilfe holen würde, aber sie war einfach hinter ihm in der Tür stehen geblieben und hatte abgewartet, bis er von Good so abgelenkt war, dass er sie vergaß. Jetzt warf sie mit einem Gegenstand nach ihm. Mulder erkannte, dass es sich um ein Kissen handelte, das sie aus dem angrenzenden Zimmer geholt haben musste, er konnte aber nicht den Reflex unterdrücken, der ihn zwang, auszuweichen. Diesen Moment nutzte Joe, indem er den Agenten erneut angriff. Er sprang an ihm vorbei, wobei er ihm einen heftigen Stoß versetzte, der Mulder taumeln ließ. Dann stieß Good die Schwester aus dem Zimmer und schlug die Tür zu. Mulder hörte, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Es war bereits zu spät, als er die Tür erreichte, denn sie war schon verschlossen. Joe Good hatte nicht noch einmal das Risiko eines Angriffs eingehen wollen, nachdem er einmal bemerkt hatte, dass sein Gegner ihm mehr als ebenbürtig war. Statt dessen hatte er ihn eingesperrt, bis er Verstärkung holen konnte. Good war zwar ein stolzer Soldat, aber er stellte den Krieg immer über seine persönliche Ehre. Wenn es notwendig war, war er bereit, Hilfe zu holen, damit die Sache nicht litt. Das machte ihn zu einem besonders guten Soldaten und verhalf ihm in vielen Fällen zum Erfolg.

Mulder rüttelte an der Tür. Ihm war klar, dass er hier raus musste, bevor die Anderen Hilfe geholt hatten, denn was dann mit ihm passieren würde, war ihm ziemlich genau bewusst. Er hatte nicht vor, tatenlos abzuwarten, bis man ihn abholen kam. Also versuchte er, die Tür aufzubrechen, musste aber schnell feststellen, dass ihm hier seine Kunst nichts nützte. Die Tür war mit einem Schloss ausgestattet, das es unmöglich machte, sie von innen aufzumachen, wenn man nicht den passenden Schlüssel hatte. Also sah Mulder sich nach einem anderen Fluchtweg um. Joe Good war auch irgendwie hereingekommen, und Mulder war sicher, dass er nicht an ihm vorbei durch die Tür gekommen war, denn das hätte sicher gemerkt. Also untersuchte er den Raum, um Goods Eingang zu finden.

Seine Bemühungen wurden schnell belohnt, als er auf eine fast unsichtbare Tür in der Wand neben dem Aktenschrank stieß. Sie war auch verschlossen, aber ihr Schloss setzte Mulder keinen nennenswerten Widerstand entgegen. Nach wenigen Sekunden hatte er es geöffnet und betrat vorsichtig den Flur, der dahinter lag.

 

 

 

Gleichzeitig

 

Scully hatte ziemlich schnell den Weg gefunden, von dem sie vermutete, dass Mulder ihn genommen hatte. Sie betrat die Klinik durch eine unverschlossene Tür von der sie sich einigermaßen sicher war, dass Mulder sie aufgebrochen hatte. Leise ging sie den Flur entlang, wobei sie immer wieder stehen blieb, um sich zu orientieren. Anders als ihr Partner verfügte sie nicht über ein fotografisches Gedächtnis, aber sie besaß einen anderen Vorteil: Sie hatte mehr Zeit in der Klinik verbracht und konnte sich daher einigermaßen vorstellen, wo die geheimen Räume lagen, von denen Mulder sicher gewesen war, dass sie existierten.

Scully kam an den leeren Krankenzimmern vorbei und entschloss sich, wie ihr Partner zuvor, ins Kellergeschoß zu gehen. Sie musste Mulder finden, aber sie konnte ihn nicht anrufen. Es konnte sein, dass sie ihn damit gefährdete, also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn auf eigene Faust zu suchen und zu hoffen, dass es noch nicht zu spät war. Sie sah sich immer wieder wachsam um, während sie sich weiter in das Gebäude vorwagte, in dem Mulder die Lösung ihres Falles vermutete.

Scully schlich über den gleichen Korridor, über den Mulder vor einer knappen Stunde gegangen war, immer aufmerksam nach Anzeichen suchend, die seine Anwesenheit verrieten. Sie fand nichts, was auf ihn hindeutete, und so ging sie weiter, immer mit dem Rücken gegen die Wand gedrückt und ihre Waffe Schussbereit. Sie wusste zwar nicht, was sie erwartete, aber sie hatte auch nicht vor, sich überrumpeln zu lassen.

Als sie im Gang vor sich ein Geräusch hörte, blieb sie stehen, um zu lauschen. Es waren eindeutig Schritte, die näher kamen. Scully sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, konnte aber außer den in regelmäßigen Abständen abzweigenden Türen nichts entdecken. Da sie nicht blind in ein Zimmer laufen wollte, ging sie noch ein paar Schritte weiter, bis sie an eine Stelle kam, wo der Flur sich teilte. Der zweite Flur sah düster und nicht gerade einladend aus, aber da die Schritte sich rasch näherten, blieb Scully nichts anderes übrig, als hineinzugehen. Sie presste sich eng an die Wand und hielt ihre Waffe im Anschlag, hoffend, dass der Schatten in dem dunklen Korridor sie verbarg. Wenige Sekunden später kam ein Mann an der Abzweigung vorbei und eilte schnellen Schrittes weiter in die Richtung, aus der Scully gekommen war.

Sie blieb noch ein paar Minuten still stehen und wartete ab, dann wollte sie wieder auf den größeren Gang hinaustreten, als etwas ihre Aufmerksamkeit erregte.

Selbst im diffusen Licht der Notbeleuchtung konnte Scully erkennen, dass die Türen in diesem Teil des Flurs anders waren als draußen. Während sie dort den Eindruck ganz gewöhnlicher Krankenhaustüren machten, waren sie hier aus massivem Metall und offenbar fest verschlossen, denn als Scully vorsichtig eine der Türen zu öffnen versuchte, stieß sie auf Widerstand. Sie wollte gerade weitergehen und die nächste Tür probieren, als ihr ein Haken in der Wand auffiel, an dem ein Schlüssel hing. Sie musste sich ein wenig recken, um an ihn heranzukommen - offensichtlich war der Haken für größere Leute gedacht als für die zierliche Agentin - aber nachdem sie ihn in das Schloss gesteckt und gedreht hatte, ließ sich die Tür problemlos öffnen.

Scully blickte in einen Raum, der sie an eine Gefängniszelle denken ließ. An der hinteren Wand stand ein schmales Bett, auf dem ordentlich zusammengefaltet eine Decke lag. Außerdem war noch ein Tisch vorhanden, der am Boden festgeschraubt war, und ein Stuhl aus leichtem Plastik, wie sie in den moderneren Haftanstalten verwendet wurden. Das einzige, das den Eindruck einer Zelle minderte, war eine Anzahl medizinischer Geräte und Apparaturen, die eher in eine moderne Intensivstation gepasst hätten als in einen winzigen Raum im Keller einer Geburtenklinik. Scully sah sich rasch um, fand aber nichts, was ihr weiterhelfen konnte, keine Akten, medizinische Daten oder Krankenblätter. Also verließ sie den Raum, schloss ab und hängte den Schlüssel wieder an den Haken neben der Tür. Es musste ja nicht gleich jeder wissen, dass sie hier gewesen war.

Scully entschloss sich, dem Gang weiter zu folgen, als erneut ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregte. Diesmal waren es keine Schritte; irgendwo hatte jemand geniest. Scully drehte sich um die eigene Achse und versuchte, das Geräusch zu lokalisieren, als sie plötzlich neben sich eine Stimme hörte: „Verdammt, wenn Sie mich nicht sofort rauslassen, dann wird das ziemlich unangenehme Folgen für Sie haben. Was Sie hier tun ist Geiselnahme an einem Polizisten!”

Scully fuhr zusammen, dann erkannte sie, dass die Stimme aus einem der verschlossenen Räume kam, die sie noch nicht untersucht hatte.

„Cynthia?” erkundigte sie sich leise, ziemlich sicher, dass sie die Stimme erkannte.

„Ja, und was zum Teufel soll die Frage? Sie wissen doch genau, wer ich bin; sonst hätten sie mich vermutlich nicht hier eingesperrt.”

„Ich habe Sie nicht eingesperrt. Ich bin’s, Agent Scully. Ich werde versuchen, Sie hier rauszuholen, und es wäre hilfreich, wenn Sie mir nicht gleich den Schädel einschlagen, wenn ich die Tür öffne.” Scully konnte förmlich die Polizistin sehen, wie sie sich im Schatten der Tür an die Wand drückte, einen Gegenstand aus dem Zimmer schlagbereit über dem Kopf erhoben.

Einen Moment lang war es still, dann entgegnete Cynthia: „In Ordnung. Wissen Sie, wie Sie hier reinkommen können?”

„Ja; der Schlüssel hängt neben der Tür. Ich komme jetzt zu Ihnen rein.”

Scully schloss die Tür auf, immer noch auf der Hut; schließlich konnte es auch eine Falle sein. Aber als sie den Raum betrat, sah sie dort nur Cynthia Major neben der Tür stehen. Sie trug ihre Uniform und sah ein wenig zerzaust aus, und an ihrem Kopf war eine kleine Platzwunde zu sehen, aber sonst schien sie in Ordnung zu sein. Beim Anblick der Agentin stieß sie erleichtert die Luft aus.

„Ich dachte schon, die kämen, um mich wieder auszuquetschen. Das haben sie in den letzten beiden Stunden etwa viermal getan, und jedesmal waren sie wütender, weil ich ihnen nichts gesagt habe. Wir sollten sehen, dass wir hier verschwinden.”

Scully bremste die junge Frau mit einer Handbewegung.

„Erst sollten wir überlegen, wie wir hier rauskommen. Ich glaube kaum, dass wir einfach zur Vordertür raus können. Außerdem muss ich meinen Partner suchen, der auch hier ist. Was wollten die überhaupt von Ihnen wissen?”

„Was ich über das Kinderheim weiß. Agent Scully, Kimberly Jackson war auf dem Heimgelände an dem Abend, als sie verschwunden ist.”

„Das habe ich mir auch schon gedacht. Aber das hier geht viel weiter als das Verschwinden eines Teenagers. Hier geht es um ein Verbrechen gegen die Ethik. In dieser Klinik werden vermutlich Menschenversuche durchgeführt und Leihmüttern, die davon keine Ahnung haben, genmanipulierte Föten eingesetzt, die nach der Geburt ins St. Mary’s Kinderheim gebracht werden, wo sie unter strenger Bewachung aufwachsen. Mulder hat das die ganze Zeit über vermutet, aber ich habe ihm nicht geglaubt. Allmählich bin ich so weit, es doch zu tun...Vor ein paar Stunden wurde der örtliche Pathologe, Dr. Carlyle, ermordet aufgefunden, und die Leiche gestohlen, an der er gerade arbeitete. Seine Assistentin sagte aus, den Mörder in der Klinik gesehen zu haben. Ich gehe davon aus, dass hier Beweise vernichtet werden sollen und dass jemand es damit ziemlich eilig hat. Wir müssen Mulder finden und dann auf dem schnellsten Weg hier verschwinden, bevor jemand unsere Anwesenheit bemerkt.”

„Das können wir nicht tun. Ich weiß, dass Kimberly hier ist, und wir müssen sie auch mitnehmen, denn ich habe gehört, wie jemand sagte, sie werde nicht mehr gebraucht, sobald die Frau sie gesehen hat.”

„Was für eine Frau?”

„Das habe ich nicht gehört. Sie sagten nur, dass diese Frau beruhigt werden müsse, bis sie mit ihrer Arbeit fertig seien, und dass sie ihr deswegen Kimberly zeigen wollen.”

„Dann sollten wir versuchen, Kimberly zu finden; es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie auch hier unten gefangen gehalten wird. Wo sollte sie sonst sein?”

Scully ging zur Tür und schaute den Gang hinunter, um sich zu vergewissern, dass niemand da war, der sie aufhalten konnte. Als sie sah, dass der Flur leer und dunkel vor ihnen lag, verließen sie und Cynthia den Raum, nicht ohne den Schlüssel wieder an den Haken zu hängen, was diesmal die Polizistin erledigte, da sie um einige Zentimeter größer war als Scully.

 

 

 

Mark Lane sah sich in der Empfangshalle der Klinik um. Es war kein Mensch zu sehen, und er fragte sich, wie er unter diesen Umständen den Cop rauskehren sollte, um Agent Scully ein paar Minuten Zeit zu verschaffen.

Er überlegte einen Moment lang, dann durchquerte er den Eingangsbereich und betrat das Treppenhaus. Er beschloss nicht zu warten, bis die FBI-Agentin ihren Partner befreit hatte, denn er war sich ziemlich sicher, dass sich auch Cynthia hier befand. Er würde sie suchen, bevor ihr etwas passierte. Mark hatte Verstärkung angefordert, aber ihm war klar, dass in dieser Nacht kein Polizist ohne einen triftigen Grund hier herauskommen würde; es gab genug andere Dinge, um die sich die Kollegen kümmern mussten, angefangen bei der Entführung Cynthias und Kimberlys, über den Brand im Kinderheim bis hin zu Ermordung Dr. Carlyles und dem Leichendiebstahl.

Mark gab sich keiner Illusion hin; in dieser Sache würden er und Agent Scully ganz auf sich allein gestellt sein.

 

 

 

0.30

Unfallkrankenhaus

Greasewood, Kansas

 

Carter Roberts hatte im Grunde nichts dagegen einzuwenden, wenn man ihm die Nachtschicht zuschob; er wusste, dass die meisten seiner Kollegen Familie hatten, und da schien es ihm nur fair, wenn sie zu einigermaßen geregelten Zeiten nach Hause gehen konnten. Er selbst hatte seine Frau vor Jahren durch eine Krebserkrankung verloren, und es gab niemanden, der auf ihn wartete, also konnte er ebensogut nachts am Empfang der Klinik sitzen.

Heute nacht war entschieden mehr los als sonst; schon am frühen Abend waren drei kleine Mädchen mit akuter Fischvergiftung eingeliefert worden, und seitdem gaben sich die Rettungssanitäter die Klinke in die Hand. Man hatte Carter informiert, dass das Kinderheim am Rand der Stadt brannte und dass mit einigen weiteren Einlieferungen zu rechnen war, denn die Rettungsarbeiten gestalteten sich als nicht einfach, so dass mit Sicherheit der eine oder andere Feuerwehrmann mit Rauchvergiftungen oder Verbrennungen zu erwarten war.

Aus dem brennenden Heim war auch das Mädchen geborgen worden, das jetzt in der Intensivstation lag und alle halbe Stunde versorgt werden musste.

Die zuständige Schwester hatte Carter erzählt, dass das Mädchen die ganze Zeit über nach irgendwelchen Leuten rief, von denen sich keiner blicken ließ, um sich nach ihm zu erkundigen.

Carter Roberts wollte gerade nach seinem Kaffeebecher greifen, als ein Mann zu ihm an den Tresen trat. Er war groß und schlank und strahlte eine natürliche Autorität aus.

“Entschuldigen Sie,”  wandte er sich an den Empfangschef.

„Können Sie mir sagen, ob hier heute abend eine Virginia Tomms eingeliefert worden ist?”

„Sind Sie ein Verwandter?”

„Nein, oder doch. Ich weiß nicht so genau. Ich bin informiert worden, dass sie hier ist, und ich wollte sie besuchen.”

„Also, sind Sie jetzt ein Verwandter oder nicht? Und wer hat Sie informiert?”

„Eine Miss Scully vom FBI hat mich angerufen und mir gesagt, dass das Mädchen mit Verbrennungen hier eingeliefert worden ist. Ich kann Ihnen jetzt nicht näher erklären warum, aber ich muss sie sehen.”

„Tut mir leid, aber ich kann Ihnen keine Auskunft geben, wenn Sie kein Verwandter sind.”

„Ich verstehe, dass Sie mir keine Auskunft geben dürfen, aber es ist sehr wichtig für mich. Ich würde es Ihnen gern erklären, aber ich fürchte, dass jemand mithört. Ich bin Staatsanwalt, und wie gesagt ist die Sache für mich von äußerster Wichtigkeit."

Carter erkannte, dass es der Mann ernst meinte, und so ließ er ihn durch die Verbindungstür hinter den Tresen und bot ihm einen Becher Kaffee an.

„Wenn Sie mir erzählen, warum das so wichtig ist, werde ich sehen, was ich für Sie tun kann.”

Dankbar setzte sich John Logan auf den ihm angebotenen Stuhl und begann: „Das Mädchen, das ich meine, ist möglicherweise meine verschollene Tochter. Agent Scully hat mich über den Brand in dem Kinderheim informiert, in dem sie lebt, und sie sagte, dass Virginia verletzt ist. Sie ist der Ansicht, dass das Mädchen in Gefahr ist, und ich bin hergekommen, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Wenn Sie mir nicht glauben, rufen Sie die Anwaltskammer oder das Büro der Staatsanwaltschaft an und lassen sich meine Aussage bestätigen, aber ich muss dieses Mädchen sehen.”

Carter Roberts hatte in seiner Zeit als Empfangschef des Krankenhauses schon so einiges erlebt, aber diese Geschichte klang ihm doch ziemlich phantastisch. Er wollte gerade zum Telefon greifen und den Sicherheitsdienst anrufen, als ihm einfiel, was einer der Sanitäter, die das Mädchen gebracht hatten, ihm erzählt hatte, als er auf einen Kaffee bei ihm angehalten hatte: Dass eine FBI-Agentin ihm und seinem Partner ziemlich zugesetzt hatte, die Kleine nicht nach Great Falls zu bringen. Mitch hatte auch den Namen der Frau erwähnt, Scully. Das war Carter im Gedächtnis geblieben, weil er ein großer Baseballfan war.

Möglicherweise also war die Geschichte dieses Mannes wahr, und er suchte tatsächlich seine Tochter.

„Warten Sie einen Moment, ich werde mir bestätigen lassen, was Sie sagen, und wenn sich herausstellt, dass Sie die Wahrheit sagen, werde ich den zuständigen Arzt auftreiben, damit Sie mit ihm reden können.

 

Eine Viertelstunde später führte eine Krankenschwester John Logan zur Intensivstation, wo er das Mädchen sehen sollte, das seine Tochter sein konnte. Er war aufgeregt wie ein kleiner Junge am ersten Schultag, und er konnte nicht umhin, sich auf die Begegnung zu freuen. Auch wenn er sich sagte, dass er hier nicht unbedingt seine Tochter finden musste, ja, dass die Chance sogar ziemlich gering war, konnte er die unsinnige Hoffnung in seinem Innern nicht unterdrücken. Sollte er jetzt endlich, nach all den Jahren, eine Spur von Margie finden, der Frau, die er geliebt hatte? Konnte dieses Mädchen der Grund sein, dass sie sich von ihm abgewandt hatte, ihn nicht mehr hatte sehen wollen? Würde das Treffen seine Hoffnung bestätigen oder sie enttäuschen?

Die Stimme der Schwester, die für die Patienten auf der Intensivstation zuständig war, unterbrach seine Gedanken: „Aber nur für ein paar Minuten. Und regen Sie sie nicht auf; sie steht unter Schock.”

Logan nickte und trat zur Tür. Er holte einmal tief Luft und stieß sie auf, schloss kurz die Augen, bevor er hineinging.

Das Zimmer war nicht abgedunkelt wie die anderen Räume, in denen Patienten schliefen. Auf der Intensivstation musste man jederzeit sehen können, was mit den eingelieferten Personen geschah, ob sich ihr Zustand veränderte, also ließ man Tag und Nacht eine sanfte Beleuchtung brennen.

In dem einzigen Bett im Raum lag eine Gestalt, sorgfältig in ihre Decke gehüllt, durch Schläuche und Kabel mit Geräten verbunden, die jede Veränderung sofort anzeigen würden. Aus einem Tropf an der Seite des Bettes floss langsam eine klare Flüssigkeit über einen dünnen Plastikschlauch in den linken Arm des Mädchens, das still dalag, den Kopf abgewandt.

„Virginia?” sagte Logan leise, um das Mädchen nicht zu erschrecken.

Sie drehte langsam den Kopf und sah ihrem Besucher entgegen. Ihre Ähnlichkeit mit Margie ließ Logans Herz einen Schlag aussetzen. Obwohl es schon so viele Jahre her war, seit er sie zuletzt gesehen hatte, konnte er sich an ihre Züge erinnern, als habe er sie gestern noch getroffen. Dieses Mädchen, das hier allein und verletzt auf der Intensivstation eines Unfallkrankenhauses lag, war eindeutig Margies Tochter, das wusste er nach diesem ersten Blick so genau, als habe er einen DNA-Test vorliegen. Blieb nur die Frage, ob sie auch sein Kind war; aber auch da hatte er tief in seinem Innern nicht den geringsten Zweifel.

„Ginny.” hörte er das Mädchen sagen, und er sah sie fragend an.

„Was?”

„Sagen Sie Ginny. Das tun alle, und es ist mir lieber.”

„Okay, Ginny. Hast du etwas dagegen, wenn ich mich für einen Moment setze?”

Sie schüttelte den Kopf.

„Wollen Sie mir wieder Fragen stellen?”

„Fragen? Worüber?”

„Wegen des Feuers. Agent Scully hat mich auch schon gefragt, und ich habe ihr alles gesagt, was ich weiß. Ich sollte aufpassen, und dann war plötzlich überall Feuer, und...”

„Nein,” unterbrach er sie. „Ich will dir keine Fragen über das Feuer stellen; ich bin gekommen, um dich zu besuchen. Ich möchte gern wissen, was du über Margie Graham weißt.”

Ginnys Gesicht wurde traurig. „Mom. Was wollen Sie von ihr wissen? Sie ist tot.”

„Ich weiß. Aber ich bin nicht hergekommen, um sie zu sehen, sondern um ihr Kind zu suchen. Ihr und...mein Kind.”

Er suchte in den Augen des Mädchens nach Anzeichen eines Schocks, aber sie sah ihn nur ruhig an und lächelte schließlich.

„Dann sind Sie...mein Vater. Ich wusste immer, dass er eines Tages kommen wird, besonders, seit ich gehört habe, dass er nach mir gefragt hat. Ich muss...es Kim sagen... Sie wird sich freuen...”

Ihre Stimme war immer leiser geworden, und Logan spürte, wie erschöpft sie war. Also sagte er nichts mehr, sondern griff einfach nach ihrer Hand und drückte sie beruhigend. Ginny öffnete noch einmal die Augen, bevor sie endgültig einschlief, sah ihn an und bat: „Bitte, nicht weggehen...”

„Nein, ich werde nicht weggehen, das verspreche ich.”

Als der Arzt ein paar Minuten später hereinkam, um ihn zum Gehen aufzufordern, schüttelte Logan den Kopf.

„Ich werde ganz still hier sitzen bleiben, aber ich lasse sie nicht allein. Sie ist meine Tochter, und ich werde bei ihr bleiben, bis es ihr besser geht.”

Der Arzt bemerkte, wie sich die Finger des Mädchens um die Hand des Mannes geschlossen hatten und nickte. „Na gut, bleiben Sie hier, aber lassen Sie sie schlafen; sie braucht Ruhe.”

Logan saß ganz ruhig an dem Krankenbett seiner Tochter und schaute auf sie hinab. Ginny schlief entspannt, und es sah so aus, als werde sie sicher bald gesund werden. Ihm war klar, dass er ein großes Risiko einging, was den Greyhound-Fall betraf, aber er hatte keine andere Wahl. Als ihn Agent Scully angerufen hatte um ihm mitzuteilen, dass seine Tochter möglicherweise bei einem Brand verletzt worden war und nun in Gefahr schwebte, ermordet zu werden, hatte er sofort den nächsten Flug genommen und war hergekommen, und jetzt, da er sie endlich gefunden hatte, würde er nicht von ihrer Seite weichen, solange die Möglichkeit bestand, dass jemand sie umzubringen versuchte. Er hatte mit dem örtlichen Staatsanwalt telefoniert und erfahren, dass es zur Zeit keine Möglichkeit gab, Ginny unter Polizeischutz zu stellen, und bis das geklärt war, würde er ihr Schutz sein. Das war das Mindeste, was er für seine Tochter tun konnte. Seine Tochter... Bei diesem Gedanken durchströmte ihn ein warmes Gefühl, und er fragte sich, ob es für sie eine gemeinsame Zukunft geben würde, besonders, nachdem sie beide so lange keine Ahnung voneinander gehabt hatten. Er wusste nicht, was Ginny dazu sagen würde, aber für ihn stand fest, dass er es versuchen wollte.

 

 

 

 0.30

Mercy-Privatklinik

Great Falls, Kansas

 

Der Gang, dem Mulder nun folgte, war anscheinend nicht für Patienten und Pflegepersonal gedacht, denn er war schmal und dunkel und wurde nur durch eine spärliche Notbeleuchtung schwach erhellt. Mulder vermutete, dass es sich um einen vergrößerten Wartungsschacht handelte, der nur von Handwerkern benutzt wurde und den daher nicht viele Leute kannten. Deshalb fühlte er sich auch relativ sicher, während er hier entlang lief, was aber nicht hieß, dass er unvorsichtig zu werden gedachte.

Als er an eine Stelle kam, an der sich der Gang verbreiterte, bemerkte Mulder zwei weitere Gänge, die hier abzweigten. Er entschied sich dafür, dem breitesten von ihnen zu folgen, da dieser möglicherweise nach draußen oder zumindest in den bewohnten Teil der Klinik führte. Um ehrlich zu sein, hatte Mulder keine Ahnung, wo er sich im Moment befand, also schien es ihm das Beste zu sein, nach einem Ausgang zu suchen.

Nachdem er dem neuen Gang, der nach seiner Breite und Beschaffenheit schon eher als Flur zu bezeichnen war, eine Weile gefolgt war, stellte Mulder fest, dass an einigen Stellen Türen aus massivem Metall in die Wände eingelassen waren. Neben ihnen hing jeweils ein Schlüssel an einem Haken; Mulder vermutete, dass die dahinter liegenden Räume als Beobachtungsräume für die Versuchspersonen dienten, die nicht kooperieren wollten, denn es erschien ihm unsinnig, in einem Krankenhaus Zellen zu bauen, um Gefangene unterzubringen. Die Schlüssel außen an der Tür dienten vermutlich dazu, dass Ärzte bzw. Pflegepersonal nach den Patienten sehen konnten, ohne einen bestimmten Schlüssel zu haben. Ein Blick in einen der Räume bestätigte Mulders Vermutung, denn es standen medizinische Geräte darin, deren Bedeutung er nicht genau kannte. Er würde Scully danach fragen müssen, wenn er sie wiedersah.

Mulder wollte gerade wieder aus dem Raum gehen, als er in einer Ecke ein Bündel bemerkte, das sich leicht bewegte. Er zog seine Waffe und trat vorsichtig näher, immer darauf bedacht, seine Deckung nicht aufzugeben.

Plötzlich zuckte das Bündel, und Mulder erkannte, dass es sich um einen Menschen handelte. Er richtete die Waffe auf die Gestalt, die sich hastig aufrichtete und spürte, wie Adrenalin durch seine Adern raste, als er die Waffe entsicherte.

Im letzten Augenblick bemerkte er, dass es sich um ein Mädchen handelte, das höchstens im Teenageralter war. Es schaute ihn verängstigt an, und ihr Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor. Eine Sekunde später wusste er auch, woher. Er hatte es auf den Fotos gesehen, die im Polizeirevier verteilt worden waren. Sein fotografisches Gedächtnis lieferte ihm auch den Namen zu dem Gesicht: Kimberly Jackson. Mulder hatte das vermisste Mädchen gefunden.

 

 

 

0.35

 

Der alte Mann wurde langsam ungeduldig. Es war nun schon über 20 Minuten her, seit er Joe Good losgeschickt hatte, um nach der Frau zu sehen, die sich weigerte, zu kooperieren, und er war noch immer nicht zurück. Die anderen Mitglieder der Versammlung schienen auch ungeduldig zu werden, denn Dr. Niles rutschte auf ihrem Stuhl hin- und her, Floyd spielte mit einem Kugelschreiber, und Mrs. Evans fuhr sich andauernd durch die Haare .

„Wo bleibt der Kerl bloß?” brach die Ärztin schließlich das Schweigen, und Floyd warf ihr einen strafenden Blick zu.

„Er wird schon wiederkommen. Wahrscheinlich hat er Probleme mit der Frau.”

Wieder schwiegen sie ein paar Minuten lang, dann meldete sich Mrs. Evans zu Wort: „Was gedenken Sie jetzt wegen des FBI zu tun?”

„Was schon? Wir sorgen dafür, dass sie keine Beweise haben. Sie haben zwar das Mädchen,  aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie uns auf die Schliche kommen können.”

„Warum haben sie das Mädchen überhaupt noch?” verlangte der alte Mann zu wissen, und Floyd zog den Kopf ein. Er hatte sich zu weit vorgewagt und musste nun eine Erklärung abgeben.

„Meine Leute haben sie in Washington gesehen, sie aber wieder verloren. Es war eine gute Idee, dieses große Kinderfest zu überwachen; zumindest wissen wir, dass sie noch in D.C. ist.”

„Und was nützt uns das?” wollte Dr. Niles wissen. „Vermutlich sind die Leute, die sie bewachen, jetzt gewarnt und werden noch mehr auf der Hut sein als bisher. Wieso kann keine Ihrer zahlreichen Regierungsquellen das Mädchen aufspüren und unserer Obhut übergeben?”

„Weil sie nicht in einer Regierungseinrichtung ist. Sonst hätten wir sie schon längst.” schnappte Floyd. „Und außerdem sollten Sie sich gar nicht beklagen. Wer von uns hat denn die FBI-Agenten förmlich eingeladen und zu allem Überfluss auch noch durch die Klinik geführt?”

„Das konnte ich doch nicht wissen! Schließlich hat mir keiner gesagt, wie sie aussehen."

Der alte Mann unterbrach den Streit: „Dr. Niles, Sie trifft keine Schuld. Es gehört zur Politik dieser Einrichtung, dass wir interessierten Paaren eine Beratung anbieten, und wenn das FBI sich dabei einschleicht, so zeigt das nur um so deutlicher, dass wir recht haben, wenn wir diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Was das Versagen Ihrer Leute bei dem Kinderfest betrifft, so möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich keine weiteren Pannen wünsche. Jeder Fehler, den wir jetzt machen, könnte dem FBI in die Hände spielen. Ich hoffe, Ihre Leute haben bei der Vernichtung der Beweise im Kinderheim sauber gearbeitet.”

„Ich versichere Ihnen, dass es keinerlei Pannen gegeben hat. Die Kinder sind an einen sicheren Ort gebracht worden, wo sie das FBI nicht finden kann, und was dort an Akten gelagert war, sollte durch das Feuer vernichtet worden sein. Ebenso wie dieses Versuchsfehler.”

„Welcher Versuchsfehler?” erkundigte sich Dr. Niles.

„Das Mädchen, das vor Jahren geboren wurde, weil sich unsere Embryonen als nicht stark genug erwiesen haben.”

„Sie haben Ginny Tomms im Heim gelassen?” unterbrach ihn Mrs. Evans entsetzt. „Sie haben sie einfach dort gelassen und zugesehen, wie sie verbrennt?”

„Sie war für unsere Versuche schon seit dem Tag irrelevant, an dem sie gezeugt wurde. Sie hätte schon nach ihrer Geburt entsorgt werden können, aber nach der Flucht ihrer Mutter war es nicht möglich festzustellen, dass sie kein Ergebnis unserer Bemühungen war, also wurde sie hier großgezogen. Jetzt, da alles verlagert wird, können wir nichts gebrauchen, das unsere Sache gefährdet, und wir wissen inzwischen, dass das Mädchen nutzlos ist und keine neuen Erkenntnisse verspricht. Durch ihre Freundschaft mit Kimberly Jones und ihr Gespräch mit der Polizei ist sie auch noch zu einer Gefahr geworden. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir das Problem schon gelöst, als ihr angeblicher Vater angefangen hat, nach ihr zu suchen.”

„Den Mann haben wir gut unter Kontrolle bekommen; glücklicherweise gehört er zu den wenigen Menschen, die heutzutage noch Ideale haben, so dass ihn eine leichte Drohung in Bezug auf den Fall, in dem er die Anklage vertritt, ruhig gestellt hat.”

Mrs. Evans war noch immer fassungslos. „Sie haben das Mädchen einfach verbrennen lassen! Mir haben Sie gesagt, dass alle Kinder in Sicherheit sind; sonst hätte ich nicht zugelassen, dass das Heim angezündet wird.”

Ihnen wäre gar nichts anderes übrig geblieben, dachte Floyd verächtlich. er hatte noch nie viel für diese in seinen Augen zu weiche Frau übrig gehabt, die nur wegen ihres eigenen Profits mitgemacht hatte und der leider außer Geld auch noch das Wohl der ihr anvertrauten Kinder am Herzen lag.

„Was soll mit Kimberly geschehen?” wollte Dr. Niles wissen.

„Sie wird mitkommen.” entgegnete der alte Mann mit einem Blick auf Charlene Evans, die noch immer vollkommen erschüttert wirkte. In seinen Augen war es nicht ratsam, der Frau zu sagen, was wirklich mit Kimberly passieren würde, sobald sie ihre Zelte hier endgültig abbrachen.

„Da es nicht so aussieht, als würden wir hier in absehbarer Zeit zu einem Ergebnis kommen, werde ich mich jetzt von Kimberly Jacksons Wohlergehen überzeugen, wenn Sie nichts dagegen haben.”

Mit diesen Worten erhob sich Mrs. Evans und verließ das Büro. Keiner der anderen Anwesenden machte Anstalten, sie aufzuhalten, denn es war ihnen lieber, wenn sie sich beruhigte, was sie wohl durch den Anblick einer unversehrten Kimberly tun würde.

 

 

 

Mulder erholte sich rasch von seiner Überraschung und machte einen Schritt auf das Mädchen zu, das noch immer verängstigt in die Ecke gedrückt dastand. Er versuchte, sie zu beruhigen, damit sie nicht gleich weglief, sobald sie eine Gelegenheit dazu sah.

„Ich bin Agent Mulder vom FBI. Und du bist Kimberly, nicht wahr? Ich habe dein Bild auf dem Polizeirevier in Greasewood gesehen.”

Noch immer blickte Kimberly ihm voller Misstrauen entgegen, und Mulder zog seinen Ausweis aus der Tasche.

„Hier, wenn du mir nicht glaubst, kannst du meinen Dienstausweis sehen.”

Kim streckte den Arm aus, so weit sie konnte, und griff nach dem kleinen Etui, das der Mann ihr entgegenhielt. Sie hatte seit Tagen hier im Dunkeln gesessen, denn wenn sie Licht machte, konnte man sie von außen beobachten, und das war ihr verhasster als die Dunkelheit. Und jetzt kam dieser Mann und behauptete, er sei vom FBI. Sie konnte es nicht glauben,  dass ihre Zeit der Angst vorbei sein sollte, aber als sie den Ausweis untersuchte, stellte sie fest, dass der Mann die Wahrheit sagte. Erleichterung erfasste sie, und sie fiel ihrem Retter schluchzend um den Hals. Mulder war ein wenig überrascht von ihrer heftigen Reaktion, aber dann nahm er das Mädchen in die Arme und wiegte es leicht hin und her, um es zu beruhigen. Solange sie so sehr weinte, konnte er sie nicht hier rausbringen, das war ihm klar. Also tröstete er sie, so gut er konnte, indem er ihr immer wieder versicherte, dass alles gut werden würde. Nach ein paar Minuten ließ das Schluchzen nach, und Kimberly löste sich von Mulder. Sie wischte sich über die Augen, und er reichte ihr ein Taschentuch. Es dauerte noch ein paar weitere Minuten, bis Kimberly in der Lage war zu sprechen.

„Bringen Sie mich hier raus?” wollte sie dann wissen, die Stimme voller Hoffnung, aber auch voller Angst.

„Ja, das werde ich. Aber ich weiß noch nicht so genau wie. Also musst du genau das tun, was ich dir sage, hörst du?”

„Sie lassen mich doch nicht wieder allein? Bitte, nehmen Sie mich mit.”

„Natürlich nehme ich dich mit. Allerdings weiß ich nicht, wie wir hier wieder rauskommen. Den Weg, auf dem ich gekommen bin, können wir nicht nehmen.”

„Ich will einfach nur hier raus.” entgegnete Kimberly und machte einige schnelle Schritte in Richtung Tür. Mulder wollte sie zurückhalten, aber das war nicht nötig. Kims Knie knickten ein, und sie musste sich an der Wand festhalten. Mit einem Schritt war Mulder bei ihr und hielt sie. Er führte sie zum Bett und setzte sie darauf, damit sie nicht noch einmal fiel. Sie begann schon wieder zu weinen, und es blieb Mulder nichts anderes übrig, als sich neben sie zu setzen und wieder den Arm um sie zu legen, auch wenn es ihm wesentlich lieber gewesen wäre, so schnell wie möglich zu verschwinden, bevor ihn jemand bemerkte.

Um sie ein wenig von ihrer momentanen Lage abzulenken, stellte er Kimberly Fragen ihre Entführung betreffend: „Wo warst du, als du entführt wurdest?”

„Beim Kinderheim. Ich wollte Ginny besuchen, das ist meine Freundin, und ich kann sie nur heimlich sehen, weil...”

„Ich weiß. Und da hat dich jemand erwischt.”

„Zuerst nicht. Ich habe etwas gehört; ein Mann hat gesagt, dass Kinder sterben müssen, wenn sie nicht weitermachen, und da hab ich gedacht, dass Ginny in Gefahr ist und bin weggelaufen, und dann war da plötzlich dieses Auto. Ein Mann hat mich festgehalten und in den Kofferraum gesperrt, und als ich wieder aufgewacht bin, war ich hier.”

„Hat man versucht, dir Fragen zu stellen?”

„Ja. Derselbe Mann, der mich hergebracht hat, wollte wissen, was ich im  Kinderheim gewollt habe; erst habe ich nichts gesagt, weil ich Ginny nicht verraten wollte, aber irgendwann habe ich gedacht, dass sie mich vielleicht rauslassen, wenn ich ihnen sage, dass ich nur meine Freundin besuchen wollte. Danach haben sie mich in Ruhe gelassen, aber sie haben mich trotzdem hierbehalten. Was ist mit den Kindern? Ist Ginny in Ordnung?”

„Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie es noch, und ich denke, dass sie es auch jetzt sein wird.”

Mulder verschwieg, dass er sich Sorgen um die Sicherheit der Heimkinder machte und dass Ginny bestraft worden war, weil sie mit der Polizei geredet hatte, denn er sah, dass es Kimberly auch so schon schlecht genug ging.

Nachdem sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte schlug Mulder vor, dass sie nun gehen sollten, bevor jemand ihre Flucht bemerkte. Kimberly nickte und versuchte, sich an seinem Arm festhaltend, wieder aufzustehen. Sie warf einen Blick zur Tür und schrie auf. Sofort ließ Mulder sie los und zog seine Waffe. In der Tür stand ein Mann, dessen Gesicht im Schatten verborgen war. Er schien genauso überrascht von ihrem Anblick wie sie von seinem. Mulder stieß Kimberly auf das Bett zurück und wies sie an, in Deckung zu bleiben, während er selbst seine Waffe auf den Mann richtete.

„FBI. Keine Bewegung!” rief er energisch, und der Mann erstarrte.

„Agent Mulder?”

Einen Moment lang war Mulder verunsichert, dann fasste er sich und fragte: „Wer sind Sie?“

„Ich bin Deputy Lane, ich habe mit Agent Scully telefoniert...“

„Das weiß ich.“ unterbrach ihn Mulder. „Sie waren mit ihr beim Haus Ihrer Kollegin. Aber was tun Sie hier? Und wo ist Scully?“

„Ich bin mit ihr hergekommen, um Sie zu suchen; sie wollte Ihnen sagen, dass einer der Männer, die hier arbeiten, vermutlich ein Mörder ist. Da sie Sie nicht anrufen konnte, ist sie reingegangen. Ich sollte für Ablenkung sorgen, und da das nicht nötig war, bin ich auch reingegangen, um Cynthia zu suchen. Agent Scully vermutet, dass sie hier gefangen gehalten wird. Und was machen Sie hier?”

„Ich habe Kimberly Jackson gefunden und noch einige Dinge, die ich Ihnen jetzt nicht erklären kann. Wissen Sie noch, auf welchem Weg Sie hergekommen sind?”

„Ich denke schon; warum?”

„Nehmen Sie Kimberly und sehen Sie zu, dass Sie sie hier wegbringen, und zwar möglichst weit weg. Wenn Sie draußen sind, rufen Sie Verstärkung; es ist mir egal, wie wenig Leute die hier haben. Sie sollen welche herschicken, um Beweise zu sichern und einige Leute festzunehmen. Dann schicken Sie noch einen Wagen zum St. Mary’s Kinderheim, um dort aufzupassen, dass keine Beweise verschwinden.”

„Ich fürchte, das wird nicht mehr nötig sein.” unterbrach Mark den Agenten.

„Warum nicht?”

„Das Kinderheim ist abgebrannt. Bis auf die Grundmauern, nehme ich an. Wir waren nicht lange genug vor Ort um das herauszufinden, aber das Feuer sah danach aus. Was immer dort an Beweisen gelagert war, ist mit Sicherheit vernichtet worden.”

„Wie geht es Ginny?” erkundigte sich Kim mit schriller Stimme.

„Sie lebt, und ich nehme an, dass sie außer Lebensgefahr ist. Man hat sie in ein Krankenhaus gebracht.”

„Gut, dann bringen Sie nur Kimberly hier weg und rufen Verstärkung.” entschied Mulder.

„Und was tun Sie?”

„Ich werde Scully suchen. Haben Sie eine Ahnung, wo sie genau hinwollte?”

„Sie wollte durch den Garten; mehr weiß ich auch nicht.”

„In Ordnung. Ich werde sie schon finden. Gehen Sie jetzt. Kimberly, du gehst mit ihm.”

Das Mädchen nickte, und Mark Lane nahm sie beim Arm und verschwand mit ihr in die Richtung, aus der er gekommen war, während Mulder sich auf die Suche nach seiner Partnerin machte.

 

Inzwischen waren Scully und Deputy Major auf der Suche nach Mulder durch die halbe Klinik gelaufen; zumindest kam es ihnen so vor. Schließlich sah Scully ein, dass es so nicht weitergehen konnte, und sie wandte sich an die Polizistin: „Ich denke, es ist besser, wenn Sie sich auf den Weg nach draußen machen. Deputy Lane ist dort beim Streifenwagen; rufen Sie Verstärkung, und sagen Sie ihm, dass Kimberly Jackson hier ist. Das sollte die anderen Polizisten interessieren und rechtfertigen, dass wir ein Großaufgebot anfordern. Wir haben hier zwei Fälle von Entführung und einen mutmaßlichen Mörder; wenn das sie nicht veranlasst, sich zu beeilen...”

„Gut, ich gehe. Aber was ist mit Ihnen?”

„Ich muss zuerst meinen Partner finden, und dann werden wir Kimberly suchen. Sorgen Sie nur dafür, dass Verstärkung kommt.”

Cynthia nickte und verließ die Agentin, auch wenn sie kein gutes Gefühl dabei hatte. Es behagte ihr gar nicht, allein und ohne ihre Waffe an einem Ort herumzulaufen, an dem sie sich nicht auskannte, und ihr Instinkt sagte ihr, dass es nicht ratsam war, die Agentin allein zu lassen. Aber sie sah auch ein, dass Scully recht hatte, und so befolgte sie ihre Anweisung.

 

Mark erinnerte sich noch einigermaßen, welchen Weg er genommen hatte, aber es erwies sich als schwierig, ihn zurückzuverfolgen, da Kimberly immer wieder verängstigt stehen blieb und versicherte, sie habe etwas gehört. Er konnte das Mädchen verstehen, aber das bedeutete keine geringere Gefahr durch ihre ständigen zwangsläufigen Stopps.

Plötzlich hörte auch Mark ein Geräusch. Rasch schob er Kim um eine Ecke und drückte sie gegen die Wand. Beide hielten den Atem an, als ihnen klar wurde, dass jemand den Gang entlang kam, den sie nehmen mussten. Bevor Mark handeln konnte, hatte sich Kim losgerissen und war in einen kleinen Schacht gekrochen, der vom Flur abzweigte und vermutlich dazu diente, Arbeitern den Zugang zu Lüftungsschächten zu erleichtern.

Mark fasste nach Kimberlys Arm, aber er griff ins Leere.

„Kimberly?” flüsterte er. „Wo bist du?” Aber sie blieb verschwunden. Mark drehte sich um und sah den Gang hinunter, den sie gekommen waren, aber sie war nicht zu entdecken. Die Schritte auf dem Flur kamen immer näher, und Mark fragte sich, was er tun sollte. Jemand kam auf ihn zu, und das Mädchen war verschwunden. Er konnte nicht zurückgehen, ohne sie gefunden zu haben, denn sie konnte unmöglich allein hierbleiben. Es war eine der Situationen, in denen er seinen Job verfluchte und sich fragte, warum er nicht lieber Lehrer geworden war, wie sein Vater ihm immer geraten hatte. Er hatte es nicht gewollt, weil er gedacht hatte, der Beruf würde ihm die Nerven ruinieren, und jetzt fragte er sich, ob er überhaupt noch welche besaß. Mark konnte nicht besonders gut mit Kindern umgehen, aber er würde alles geben, wenn dieses bestimmte Kind wieder auftauchte.

Gerade als er doch den Rückzug antreten wollte, um wenigstens nicht entdeckt zu werden, hörte er auch hinter sich etwas. Mit gezogener Waffe fuhr er herum und blickte... in einen vollkommen leeren Gang. Als er sich langsam wieder entspannte, hörte er es wieder. Jemand war hinter ihm, das war ganz eindeutig. Aber es war niemand zu sehen.

Plötzlich tauchte Kimberlys Gesicht aus der Dunkelheit auf; das Mädchen schien aufgeregt, aber nicht mehr so verängstigt wie zuvor. Sie winkte Mark zu sich, und als er sie erreichte, sah er, warum es ihm vorgekommen war, als sei jemand hinter ihm. Kimberly war in einem Schacht verschwunden, der gleich eine Biegung machte und dann ein Stück geradeaus führte, so dass er direkt hinter der Stelle vorbei führte, an der Mark gerade noch gestanden hatte. Mark vergewisserte sich, dass der Schacht breit genug für ihn war und folgte Kimberly hinein.

Keinen Augenblick zu früh; denn schon kam ein Mann den Gang entlang, in dem sie gerade noch gestanden hatten. Sobald er vorbeigegangen war, wandte sich Mark flüsternd an Kimberly: „Wenn du das nächste Mal verschwinden willst, dann sag mir vorher Bescheid.”

Sie sah schuldbewusst aus. „Tut mir leid.” gab sie zurück. „Ich hatte einfach Angst, dass sie mich wieder erwischen.”

„Schon okay.” entgegnete Mark versöhnlich und legte ihr kurz die Hand auf die Schulter.

„Aber jetzt lass uns überlegen, wie wir hier wegkommen. Ich denke, den Hauptweg sollten wir vergessen; sobald sie merken, dass du nicht mehr da bist, werden sie dort gut aufpassen. Vielleicht sollten wir es auf diesem Weg versuchen; wenn wir auch nicht unbedingt nach draußen kommen, so sollten wir hier wenigstens vor Entdeckung sicher sein.”

Ein paar Minuten gingen sie schweigend den dunklen Schacht entlang, wobei Kimberly sich dicht an Mark hielt, was den Deputy noch mehr beunruhigte als der Gedanke an etwaige Verfolger. Es gefiel ihm nicht besonders, dass das Mädchen sich so sehr auf ihn verließ, denn er war nicht sicher, ob er sie wirklich heil hier rausbringen konnte. Natürlich ließ er sich seine Zweifel nicht anmerken, sondern versuchte, möglichst viel Zuversicht zu zeigen, auch wenn ihm dieser Fall ein paar Nummern zu groß vorkam. Kim schien ihm das abzunehmen, denn sie beruhigte sich allmählich und behauptete nicht mehr alle 30 Sekunden, etwas gehört zu haben, und so kamen sie ein wenig schneller voran.

Alles schien glatt zu gehen, bis sie das Ende des Gangs erreichten. Mark trat als Erster hinaus und seufzte innerlich. Sie befanden sich im gleichen Gang, in dem er zuerst mit Mulder zusammengestoßen war. Kimberly bemerkte es auch und schluchzte leise auf.

„Wir sind im Kreis gegangen, nicht wahr?"

Ihre Stimme klang mutlos, und Mark fand kein Wort des Trostes, noch wusste er, wie er ihr die Wahrheit schonend beibringen sollte.

„Ja, ich fürchte, das sind wir." erwiderte er einfach und kam ihrem Weinen mit einer ungeduldigen Handbewegung zuvor.

„Es nützt uns jetzt nichts, wenn du weinst. Ich verstehe, dass dir danach zumute ist, aber es hilft uns nicht weiter, also nimm dich bitte zusammen."

Seine energische Stimme brachte das Mädchen wieder zu sich, und sie nickte. Erleichtert, sie nicht schon wieder trösten zu müssen, wandte Mark sich dem Gang zu, der vor ihnen lag. Er war sich nicht sicher, wann sie die Orientierung verloren hatten, und ihm dämmerte allmählich, dass dieser Keller ein Labyrinth war, aus dem sie nicht ohne Hilfe herauskommen würden, da es ihnen zusätzlich dadurch erschwert wurde, dass sie nicht die Hauptwege benutzen konnten. Er sah sich aufmerksam um und suchte nach einem anderen Weg, der sie vielleicht nach draußen führen würde, aber es schien keinen zu geben außer dem, den sie zuerst genommen hatten und der sie wieder hierher geführt hatte.

Kimberly bemerkte seine Unsicherheit allmählich, und sie reagierte darauf, wie man es von einem verängstigten Mädchen erwarten würde: Sie begann wieder zu weinen. Mark sagte sich, dass sie nichts dafür konnte, aber das änderte nichts an seiner Ungeduld ihr gegenüber. Wie sollte er sich darauf konzentrieren, sie hier rauszubringen, wenn dieses Kind dauernd heulen musste?

Er nahm sich zusammen, um sie nicht wieder anzufahren, und versuchte, sich auf ihr Problem zu konzentrieren.

 

 

 

Charlene Evans hatte nicht annähernd so viele Schwierigkeiten, sich in den Gängen zurechtzufinden wie Mark. Sie hatte nach Kimberly sehen wollen, um sich von deren Unversehrtheit zu überzeugen, und hatte feststellen müssen, dass das Mädchen nicht mehr in seiner „Zelle" war. Zuerst hatte sie die Anderen informieren oder zumindest einen der Aufseher zu Hilfe rufen wollen, aber dann war ihr in den Sinn gekommen, dass Kimberlys Flucht möglicherweise von Vorteil sein konnte. Sie fühlte schon länger, dass die Anderen ihr nicht in allen Punkten die Wahrheit sagten, auch wenn sie in den letzten Tagen mehr über die wahren Zusammenhänge erfahren hatte, als sie während der ganzen Jahre gewusst hatte. Dass Floyd sie belogen und Ginny Tomms einfach in dem brennenden Kinderheim ihrem Schicksal überlassen hatte, entsetzte sie zutiefst. Man konnte über sie sagen, was man wollte, sie mochte geldgierig und in mancher Hinsicht skrupellos sein, aber sie war nicht eiskalt und berechnend, und sie hatte immer das Beste für die ihr anvertrauten Kinder gewollt, auch jetzt noch, da sie wusste, was das für Kinder waren. Niemals hätte sie es zugelassen, dass Ginny einfach beseitigt wurde. Allmählich begann ihr zu dämmern, was Floyds verächtlicher Blick bei der Versammlung zu bedeuten hatte: Selbst wenn sie gewusst hätte, was er vorhatte, sie hätte nicht das Geringste dagegen tun können. Sie war zwar die Leiterin des Heims, aber offenbar nur der Form halber. Floyd war es, der die Entscheidungen traf, auch wenn er das nur im Auftrag des alten Mannes zu tun vorgab. Sie war nur eine Marionette, die den Schein nach außen hin wahren sollte, und das war alles. Mit dieser Erkenntnis wuchs auch ihre Furcht, was man mit ihr machen würde, wenn sie nicht mehr gebraucht wurde. Und was mit Kimberly geschehen sollte. Was, wenn man sie nur am Leben gelassen hatte, um sie, Charlene, ruhigzustellen? Solange sie noch glaubte, das Mädchen beschützen zu können, würde sie sicher nicht versuchen, sich einzumischen. Und wenn man sie nicht mehr brauchte? Würde dann auch das Kind nicht mehr gebraucht werden? Sie wusste, dass das Mädchen ihre Lebensversicherung sein konnte, vorausgesetzt, die Anderen fanden sie nicht vor ihr. Wenn sie überhaupt geflohen war. Vielleicht hatte auch ein übereifriger Handlanger sie schon umgebracht? Dann war auch sie selbst verloren. Mrs. Evans schauderte bei diesem Gedanken und versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren. Sie musste Kimberly finden, wenn sie sich noch hier in der Klinik befand. Und daran zweifelte sie keine Sekunde.

 

 

 

Inzwischen hatte Mark eingesehen, dass er und Kimberly auf keinen Fall weiter ziellos durch die verzweigten Kellergänge laufen konnten; zu groß war die Gefahr, entdeckt zu werden oder jemandem in die Arme zu laufen.

„Okay, wir werden uns jetzt einen sicheren Ort suchen und dort bleiben, bis..."

Ja, bis wann? Bis jemand sie fand? Sollten sie sich hinsetzen und abwarten, bis sie entdeckt wurden, ohne vorher wenigstens den Versuch zur Flucht zu unternehmen? Oder sollten sie hoffen, dass Agent Mulder oder Agent Scully es schafften und Verstärkung holten? Entsetzt erinnerte sich Mark, dass das seine Aufgabe gewesen war. Wie konnte er also hoffen, gerettet zu werden? Außerdem war er schließlich Polizist, und man konnte von ihm erwarten, dass er sich zu helfen wusste.

Mir selbst wüsste ich zu helfen; aber mit einem Kind ist das schon etwas Anderes.

Allerdings änderte auch Kimberlys Anwesenheit nichts an dem Anspruch, den Mark Lane an sich selbst als Deputy hatte.

„Ich hab's mir anders überlegt." wandte er sich wieder an Kim. „Wir werden versuchen hier rauszukommen, egal wie. Alles ist besser, als zu warten."

Das Mädchen nickte, und Mark konnte in ihrem Gesicht sehen, dass sie genau diese Entscheidung von ihm erwartet hatte. Und nicht nur sie. Auch Cynthia hätte so gehandelt. Dieser Gedanke hatte für Mark Lane irgendwie tröstlich, auch wenn er nicht sagen konnte warum.

Er dachte noch über diese Frage nach, als Kimberly plötzlich aufschrie. Mark konnte im ersten Moment nicht erkennen, was sie so erschreckt hatte; dann sah auch er die schemenhafte Gestalt, die vor ihnen um die Ecke gebogen war. Als er seine Waffe gezogen hatte, war es bereits zu spät.

Kims Schrei erstickte unter einer Hand, die über ihren Mund gepresst wurde, und Mark hörte die gezischte Aufforderung, seine Waffe fallen zu lassen.

 

 

 

Scully fragte sich, wie weit Mulder in die Klinik hineingegangen sein mochte. Wenn er sich an die übliche Prozedur hielt, wäre er im Erdgeschoss geblieben, um sich zuerst dort gründlich umzusehen, aber sie bezweifelte, dass er das getan hatte. Erstens hielt sich Mulder nie an die übliche Prozedur, und zweitens kannte sie ihn lange genug um zu wissen, dass er seinem Instinkt folgen würde. Und der hatte ihn mit Sicherheit in den Keller geführt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn hier unten finden würde. Allerdings nur, wenn er nicht entdeckt worden war oder etwas gefunden hatte, das ihn dazu bewegt hatte, die Etage zu wechseln.

Scully rief sich zur Ordnung. Wenn sie erst anfing, solche Möglichkeiten zu erwägen, konnte sie ebensogut gleich aufgeben. Es war besser, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und an Ort und Stelle nach Mulder zu suchen.

Scully verfluchte innerlich das Labyrinth, das der Keller der Klinik darstellte und wollte gerade um eine weitere Ecke biegen, als ein leises Geräusch sie innehalten ließ. Wäre sie nicht so angespannt gewesen, hätte sie es überhört. Mit entsicherter Waffe presste sie sich an die Wand und lauschte in die sie umgebene Dunkelheit. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie während der letzten Meter keine Beleuchtung mehr gesehen hatte. Es war unmerklich immer dunkler um sie herum geworden, und jetzt war es beinahe unmöglich, die Hand vor Augen zu erkennen.

Nach einem Moment, der ihr wie eine Ewigkeit vorkam, konnte Scully das Geräusch einordnen. Vor ihr im Gang ging jemand, setzte genauso vorsichtig einen Fuß vor den anderen wie sie selbst es tat. Das Erschreckende war, dass die Schritte auf sie zu kamen und sie keine Ahnung hatte, wohin sie sich zurückziehen sollte. Sie war länger an keinem abzweigenden Gang mehr vorbeigekommen, und wenn sie zurück ging, war es nur eine Frage der Zeit, bis derjenige, der sich ihr näherte, sie einholte. Also blieb nur eins: direkte Konfrontation. So wenig es Scully gefiel, ihr Überraschungsmoment aufzugeben, indem sie jemanden angriff, der ihr vielleicht entkommen und Alarm schlagen konnte, sie wusste, dass es nicht anders ging.

Die Agentin drückte sich noch enger an die Wand, um möglichst lange unentdeckt zu bleiben, und lauschte auf die näher kommenden Schritte in der Dunkelheit. Sie hielt ihre Waffe Schussbereit in der Hand, auch wenn sie sich im Klaren darüber war, dass sie sie kaum würde benutzen können. Es war ziemlich aussichtslos, in völliger Dunkelheit einen gezielten Schuss abzugeben, und selbst wenn sie einen Zufallstreffer landen würde, wäre die Gefahr zu groß, ihren Gegner zu töten. Auch konnte sie nicht wissen, ob die Kugel nicht irgendwo vor ihr an der Wand abprallen und als Querschläger zurückkommen und womöglich sie selbst verletzen würde. Nein, sie musste sich auf ihre körperliche Kraft verlassen, konnte die Pistole höchstens im Notfall als Schlagwaffe benutzen.

Scully wusste, dass sie mit einem unvorbereiteten Gegner fertig werden konnte, nicht zuletzt, weil sie Karate beherrschte. Sie spannte ihren Körper an und sicherte schweren Herzens ihre Waffe wieder, damit sich nicht versehentlich ein Schuss löste.

Sie lauschte angestrengt. Nichts. Wer auch immer gerade noch auf sie zu gekommen war, war ebenfalls stehen geblieben. Scully hielt den Atem an und versuchte, einen Hinweis darauf zu bekommen, wie nah er ihr gekommen war. Einen Moment lang hörte sie nichts außer ihrem eigenen Herzschlag, der in ihren Ohren zu dröhnen schien, dann vernahm sie ein anderes Geräusch: Direkt vor ihr atmete jemand, flach und langsam, als versuche auch ihr Gegenüber, auf etwas zu lauschen.

Verdammt, er hat mich auch gehört, fluchte sie lautlos. Soviel zum Thema Überraschungsmoment.

Dann hörte sie zu ihrem Erstaunen wieder Schritte. Offenbar war sie doch unentdeckt geblieben, denn sonst wäre derjenige vor ihr in der Dunkelheit sicher nicht einfach weitergegangen, dachte Scully und machte sich bereit, um ihn gebührend zu empfangen, wenn er um die Ecke bog, wer auch immer es sein mochte, der sich im Gang vor ihr befand.

Sie wartete ab, bis er fast auf ihrer Höhe war, dann schoss sie vor.

Sie brauchte einen Schlag, um die Entfernung abzuschätzen, dann verpasste sie dem völlig überraschten Mann einen Schlag vor die Brust, der ihn zurücktaumeln ließ. Er zögerte einen Moment, bevor er sich zur Wehr setzte, gerade lange genug für Scully, um sich erneut auf ihn zu stürzen.

Jetzt begann der Mann sich zu wehren, und Scully erkannte, dass sie kein leichtes Spiel mit ihm haben würde; er war ein geschickter Kämpfer, und einen Augenblick lang sah es so aus, als würde er die Oberhand gewinnen, aber dann hatte Scully den Kampf wieder im Griff.

Sie drehte dem Mann die Arme nach hinten und griff nach ihren Handschellen, während sie ihn leise und energisch aufforderte: „Leisten Sie besser keinen Widerstand. Ich bin vom FBI.“

Eine Sekunde lang blieb ihr Gegner stumm, dann erwiderte er mit hörbarem Amüsement in der Stimme: „Ich auch. Wie wäre es, wenn du mich loslässt, damit ich dir meinen Ausweis zeigen kann?“

 

 

Nachdem Joe Good mit zwei Soldaten, die seinem Befehl unterstanden, zurückgekommen war, um den FBI-Agenten endgültig zu erledigen und den Raum leer fand, in dem er den Mann eingesperrt hatte war ihm klar, dass er versagt hatte. Diese Erkenntnis traf ihn um so mehr als dass ihm bewusst war, dass der Agent, in dem er sofort den Mann vom Rastplatz wiedererkannt hatte, schon längst über alle Berge sein musste. Er hatte einen zu großen Vorsprung, und auch die Tatsache, dass er sich in der Klinik nicht auskannte, konnte das nicht wett machen. Joe war sich darüber im Klaren, dass der Mann nicht allein hergekommen sein konnte. Es gehörte zu den Spielregeln des FBI, immer mindestens zu zweit aufzutreten, und Joe hatte die Partnerin seines Gegners bei dem Zwischenfall auf dem Rastplatz gesehen. Es stand fest, dass sie auch irgendwo hier herumschlich, und vermutlich waren die Beiden entkommen und hatten Verstärkung angefordert, nachdem sie nun wussten, dass er hier war. Es stand außer Zweifel, dass der Mann ihn erkannt hatte; schließlich hatte auch Good nur wenige Augenblicke gebraucht bis er wusste, mit wem er es zu tun hatte. Der Gegner war gefährlicher als er angenommen hatte, und innerlich verfluchte sich Joe, ihn unterschätzt zu haben. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es hier von Polizisten wimmeln würde, und das wäre das Aus für das Projekt. Also galt es, schnell zu handeln, und so schickte Good die beiden Soldaten los, um den Notfallplan einzuleiten. Er gab ihnen 10 Minuten Zeit, was nach Aktivierung der Vorrichtungen weitere 8 Minuten bedeutete. Ihm blieben also genau 18 Minuten, um die Versammlung zu informieren und die Mitglieder rauszuschaffen. Dass er das tun musste war ihm klar, denn ohne sie würde es keine Fortsetzung der Versuche geben, die für Amerika so wichtig waren.

Keiner der beiden Männer wagte es, seinen Befehl in Frage zu stellen, auch wenn sie sich insgeheim fragten, zu was dieser gut sein sollte. Aber genau wie ihr Vorgesetzter waren sie es gewöhnt, ohne zu fragen zu handeln, also bestätigten sie mit einem knappen „Jawohl, Sir“ und machten sich auf dem Weg.

 

 

 

Mulder war ziemlich ziellos durch die Gänge der Klinik gelaufen in der Hoffnung, Scully zu finden, bis er in einen Gang geraten war, in dem es keine Beleuchtung gab. Obwohl er bezweifelte, dass seine Partnerin diesen Weg genommen hatte, war er ihm gefolgt, ohne recht zu wissen warum.

Irgendwann hatte er geglaubt, etwas gehört zu haben und war stehen geblieben, um zu lauschen. Als er jedoch nichts mehr gehört hatte, hatte er sich gesagt, dass er sich geirrt haben musste und war weitergegangen. Im nächsten Moment hatte ihn jemand aus der Dunkelheit angegriffen, und Mulder hatte alle Mühe gehabt, sich zu wehren. Als der Angreifer ihm fachgerecht die Arme auf den Rücken gedreht hatte war ihm klar geworden, dass er nicht würde entkommen können. Um so größer war seine Überraschung gewesen, als er plötzlich Scullys Stimme hörte, die ihn aufforderte, keinen Widerstand zu leisten. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen als er antwortete, sie solle ihn loslassen.

Jetzt stand er vor ihr in dem dunklen Gang und rieb sich die Handgelenke, die seine Partnerin ziemlich heftig zusammengedrückt hatte.

„Das tat weh." beschwerte er sich flüsternd, und Scully nickte betreten.

„Tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass du hier herumspukst. Sonst hätte ich vorher die Samthandschuhe angezogen." spottete sie, und Mulder musste lachen.

Dann wurde er wieder ernst: „Ich habe Kimberly Jackson gefunden."

„Bist du sicher? Und wo ist sie jetzt?"

„Ich habe sie mit Deputy Lane nach draußen geschickt."

„Deputy Lane? Der sollte doch vor der Klinik auf mich warten."

„Das hat er offensichtlich nicht getan. Er sagte, es sei niemand da gewesen, den er hätte ablenken müssen, und er wollte nach Deputy Major suchen."

„Da geht also unsere Hoffnung auf Verstärkung. Ich hoffe, er hat Verstand genug, nicht mit dem Mädchen zusammen weiterzusuchen, sondern bringt sie auf dem direkten Weg nach draußen und holt Verstärkung. Zumal ich Deputy Major schon gefunden habe."

„Und wo ist sie?"

„Auch auf dem Weg nach draußen. Ich habe sie geschickt, um Mark Lane zu sagen, dass er Verstärkung anfordern soll, egal was er denen erzählt. Der mutmaßliche Mörder von Dr. Carlyle ist wahrscheinlich hier in der Klinik."

Scully erzählte ihrem Partner so kurz wie möglich, was geschehen war, seit sie sich getrennt hatten, und Mulder erzählte ihr seinerseits, was er herausgefunden hatte.

„Ich habe die Akten gesehen, und sie sahen nicht nach gewöhnlichen Krankenakten aus." schloss er.

Scully schwieg. Sie wusste nicht, was sie von Mulders Erzählung halten sollte, denn sie war sich im Klaren darüber, dass Mulder vielleicht von Anfang an recht gehabt haben könnte; allerdings war sie nicht bereit, das ohne schlüssige Beweise, die sie mit eigenen Augen gesehen hatte, zu glauben.

Aber diese Zweifel mussten warten, jetzt zählte nur, so schnell wie möglich aus der Klinik herauszukommen und Verstärkung anzufordern. Sie berührte kurz Mulders Arm, und ihr Partner nickte. Er war derselben Meinung, und so tauschten die Agenten ihre Erfahrungen auf dem Weg durch die Gänge im Keller aus, um einen Weg zu finden, der sie ins Freie führte.

 

 

 

Charlene Evans hatte nicht damit gerechnet, dass es so leicht sein würde. Sie hatte im Gegenteil gedacht, dass sie Kimberly gar nicht mehr finden würde und beschlossen, allein aus der Klinik zu fliehen, um ihr Leben zu retten. Als sie die Schritte auf dem Gang vor sich gehört hatte, war ihr nur ein einziger Gedanke gekommen: Der alte Mann hatte jemanden geschickt, um sie aus dem Weg zu schaffen. Dann hatte sie die flüsternde Stimme eines jungen Mädchens gehört und erkannt, dass sie die Gesuchte genau vor sich hatte. Sie war nach vorn gestürzt und hatte sich des Mädchens bemächtigt, um ihren Begleiter, der zweifellos den Auftrag hatte, sie umzubringen, zur Aufgabe seines Vorhabens zu zwingen.

Einen Moment später erkannte sie ihren Irrtum. Der Mann, den sie für einen der Soldaten oder eine andere Art von Handlanger gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein Polizist. Mrs. Evans wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte. Einerseits konnte das Auftauchen der Polizei nur bedeuten, dass man ihnen auf der Spur war, andererseits stellte es ihre Chance zum Überleben dar. Wenn sie sich in die Obhut des Deputys gab, würde niemand es wagen, sie umzubringen, und Mrs. Evans hing an ihrem Leben, auch wenn sie sich im Klaren darüber war, dass sie einer hohen Strafe entgegen blickte. Sie würde das ganze Geld verlieren, das sie für ihre Mitarbeit bekommen hatte, und vermutlich würde sie auch im Gefängnis landen, aber sie würde leben. Und Kimberly auch. Das und der Gedanke an Ginnys schrecklichen Tod gab den Ausschlag. Sie ließ Kimberly los und wandte sich an Mark Lane: „Ich weiß, was hier gespielt wird und wer die Hintermänner sind. Ich kenne ihre Pläne. Lassen Sie mich in Ruhe, und ich sage Ihnen alles.“

„Was hier los ist, wissen wir auch.“ knurrte Mark.

„Außerdem wird bald Verstärkung hier sein, und die werden hier ordentlich aufräumen. Was mich aber viel mehr interessiert ist die Frage, wie wir wieder nach draußen kommen. Zeigen Sie uns den Weg!“

Mrs Evans sah augenblicklich ihre Chance. Sie kannte den Weg ins Freie und wusste auch, wo niemand sie überraschen konnte, und wenn sie die Beiden führte, würde sie gleichzeitig auch sicher aus der Gefahrenzone kommen und vielleicht sogar die Möglichkeit haben, sich vor Eintreffen der Verstärkung abzusetzen. Also nickte sie und winkte Mark, ihr zu folgen. Der Deputy behielt sie genau im Auge, denn er war sich durchaus bewusst, welches Risiko er einging, wenn er dieser Frau vertraute. Andererseits hatte er keine Wahl, wenn er Kim in Sicherheit bringen wollte, die schon wieder heftig zu zittern begonnen hatte. Nun gut, er würde es eben riskieren müssen. Trotzdem schwor er sich, bei der kleinsten falschen Bewegung der Frau, die er inzwischen als die Leiterin des Kinderheims erkannt hatte, Gebrauch von seiner Waffe zu machen, auch wenn dadurch das gesamte Personal der Klinik alarmiert würde.

 

 

 

Die Mitglieder der Versammlung hatten eine ganze Weile auf die Rückkehr von Joe Good und Mrs. Evans gewartet, und allmählich rechneten sie mit Komplikationen. Aber niemand hatte erwartet, dass diese so gravierend sein würden.

„Wie konnte das passieren?“ erkundigte sich der alte Mann scharf, nachdem Good von dem Zwischenfall mit dem FBI-Agenten berichtet hatte. Er war sich jedoch darüber im Klaren, dass sie keine Zeit hatten, dieser Frage nachzugehen, denn die Uhr lief. Niemand stellte die eigenmächtige Entscheidung Goods in Frage, die Sprengsätze zu aktivieren, die überall in der Klinik für Notfälle installiert worden waren. Es war sowieso vorgesehen gewesen, das Krankenhaus zu sprengen, weswegen in den letzten Tagen auch so wenige Patientinnen wie möglich aufgenommen worden waren, aber dass es jetzt so übereilt geschehen musste, gefiel keinem von ihnen. Es würden eine Menge Forschungsergebnisse verloren gehen, aber die waren ersetzbar, da man in Erwartung eines solchen Momentes schon lange Kopien der Akten gemacht und an einen sicheren Ort gebracht hatte. Jetzt mussten sich nur noch die beteiligten Forscher selbst in Sicherheit bringen, und das sollte in dem zu erwartenden Durcheinander nach der Explosion kein Problem sein, wenn jeder damit beschäftigt war, die noch im Gebäude befindlichen Patientinnen zu retten.

Der alte Mann behielt diese Gedanken für sich, während er zusammen mit den ihm unterstellten Ärzten und Wissenschaftlern, darunter auch die Mitarbeiter seines Beraterstabes, Dr. Niles, Floyd und Joe Good, durch die geheimen Versorgungsgänge eilte, die sie ins Freie führen würden. Niemand von ihnen vermisste Mrs. Evans, denn diese war schon länger als Risiko eingestuft worden, und wenn sie bei der Explosion umkam, so würde sich die Verantwortung für das Geschehene leicht auf sie schieben lassen. Das war zwar nur ein angenehmer Nebeneffekt, den aber niemand in Frage stellte. Jeder von ihnen war froh, dass es nicht ihn getroffen hatte, und so schwiegen sie alle auf dem Weg durch die Klinik, die sie heute zum letzten Mal sehen sollten. Wenn sie an die Frauen dachten, die der Tod erwartete, nachdem sie voller Vertrauen zu ihnen gekommen waren, um ihnen ihr Leben und das ihrer ungeborenen Kinder anzuvertrauen, so sprach keiner von ihnen diesen Gedanken aus, die einen, weil sie fürchteten, ebenfalls als potentielle Bedrohung angesehen zu werden, andere weil sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Schließlich stand ihr gemeinsames Ziel auf dem Spiel, und das war allemal wichtiger als das Leben von ein paar Menschen.

Wenn sie ehrlich waren, fürchtete jeder um sein eigenes Leben. Zwar hatten sie für einen solchen Fall mehrfach Übungen durchgeführt, aber heute waren die Sprengsätze wirklich aktiviert, die Bedrohung real. Sie alle eilten hastig durch die vorgesehenen Gänge, die sie in Sicherheit führen würden. Sie mochten noch so oft sagen, dass ihnen die Forschung wichtiger als alles andere war, jetzt erkannten sie, dass sie sich geirrt hatten. Sie alle würden in jenem Moment nicht nur die Versuche, sondern auch ihre Seele verkaufen, wenn sie nur heil aus der Klinik kamen, bevor diese explodierte. Alle, außer Joe Good und dem alten Mann. Diese waren entschlossen, ihre Sache um jeden Preis fortzusetzen, und das machte sie zu entschieden gefährlichen Männern.

 

 

 

Mulder und Scully waren weitere 10 Minuten durch die Dunkelheit gelaufen und hatten noch immer keinen Ausgang gefunden, als Mulder plötzlich stehen blieb. Scully, die hinter ihm hergegangen war, merkte es gerade noch rechtzeitig, um nicht gegen ihn zu laufen. Instinktiv griff sie nach ihrer Waffe, bevor sie über Mulders Schulter spähte und zu erkennen versuchte, was ihn alarmiert hatte. Mulder drehte sich kurz zu ihr um und bedeutete mit einer Geste, dass keine unmittelbare Gefahr bestand, sondern dass er lediglich etwas untersuchen wollte. Scully nickte und trat neben ihn. Jetzt sah sie auch, was ihn zum Stehenbleiben veranlasst hatte, und es erschreckte sie zu Tode.

Sie griff nach Mulders Arm, während sie beide auf ein kleines, unscheinbares Metallkästchen starrten, in dessen Innern eine rote Digitalanzeige glomm, deren Zahlen rückwärts liefen.

„Meinst du, das ist...?“

Ihre Stimme zitterte ein wenig, und Mulder nickte.

„Allerdings. Und wenn mich meine Grundschulbildung nicht täuscht, bleiben uns noch genau 7 Minuten und 12 Sekunden.“

Scully trat näher an die Bombe heran und betrachtete einige Sekunden lang die Vorrichtung.

„Scheint eine professionelle Bombe zu sein, und ich fürchte, es ist nicht die Einzige. Sieh dir das an.“

Mulder folgte ihrem ausgestreckten Finger und nickte.

„Du hast recht. Das Ding ist mit anderen verbunden. Es würde nichts nützen, zu versuchen, sie zu entschärfen, selbst wenn wir das könnten. Also...“

„Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen. Wenn die tatsächlich die ganze Klinik vermint haben, müssen wir unbedingt weg, bevor das Ding in die Luft geht!“

„Aber was ist mit den Beweisen? Die werden dann alle vernichtet.“

„Das ist doch vollkommen egal. Komm jetzt endlich!“

Scully zog am Ärmel ihres Partners als fürchte sie, er könnte tatsächlich sein Leben für ein paar Akten riskieren Dieser Gedanke war gar nicht mal so abwegig, denn in der Vergangenheit hatte Mulder das immer wieder getan wenn er geglaubt hatte, der Wahrheit auf der Spur zu sein. Sein eigenes Leben, ja, aber hier ging es auch um Scully, und so riss sich Mulder vom Anblick der Anzeige los und folgte seiner Partnerin zurück in den Gang, aus dem sie gekommen waren. Es war jetzt vollkommen egal, ob sie entdeckt wurden; das einzige was zählte war, aus dem Gebäude herauszukommen, und so rannten die Agenten durch den engen Gang, bis sie auf einen breiten Korridor stießen, der zurück zu den Patientenzimmern führte.

Die Patienten!

Mulder und Scully sahen sich an und wussten, dass sie beide dasselbe dachten: Es blieb nicht genug Zeit, die Frauen aus den Krankenzimmern zu holen, denn im Erdgeschoss und im ersten Stock lagen sicher auch noch Patientinnen. Mulder bemerkte Scullys Zögern und riss eines der Zimmer auf. Es war das, in dem er sich vorhin versteckt hatte. Das Bett, unter dem er gelegen hatte, war leer.

„In diesem Zimmer lag vorhin eine Frau.“ erklärte er hastig. „Sie ist nicht mehr da, also haben sie die Patientinnen wahrscheinlich rausgebracht, bevor sie die Bombe aktiviert haben.“

„Hoffen wir’s. Wir schaffen es auf keinen Fall mehr in den ersten Stock, bevor die Bombe hochgeht!“

Mulder hatte nicht vor, weitere kostbare Zeit mit Diskussionen zu verlieren, deshalb griff er nach Scullys Hand und zog sie mit sich den Gang entlang auf dem Weg,  den er gekommen war, und ihr blieb nichts anderes übrig, als hinter ihm her zu laufen.

 

 

 

Gleichzeitig

 

Mulder und Scully waren nicht die Einzigen, die aus dem Gebäude flohen, aber da es mehr als genug Ausgänge gab, bemerkten sie nicht, wie Dr. Niles, Floyd, der alte Mann und Joe Good das Gebäude durch einen geheimen Seiteneingang verließen. Diese wähnten sich vollkommen sicher, da sie die Agenten noch im Gebäude vermuteten, nichts von ihrem Schicksal in den nächsten Minuten ahnend.

So achtete keiner von ihnen auf den Mann, der zwischen den Bäumen in der Dunkelheit stand und die Klinik beobachtete.

X hatte Mulder zwar auf die richtige Spur gebracht, aber er vertraute ihm nicht, die Sache zur Zufriedenheit zu Ende zu bringen. Deshalb war er selbst gekommen, um es wenn nötig in die eigene Hand zu nehmen. Diese Notwendigkeit schien in der Tat zu bestehen, stellte er fest, als er die Leute aus dem Gebäude kommen sah, die für Judys Tod verantwortlich waren. Natürlich, dachte er grimmig, Mulder hat es mal wieder nicht geschafft. Wie sollte er auch? Er sucht immer nach den falschen Dingen. In seinem Innern verachtete X den Agenten, weil dieser Prinzipien hatte, was in der Liga, in der sie spielten, immer ein Zeichen von Schwäche war. Mulder hätte auch jetzt nicht das Richtige getan. Aber er, X, würde es tun und Judy rächen, den einzigen Menschen, an dem ihm wirklich etwas gelegen hatte. Vorsichtig, nur ja keine Aufmerksamkeit auf sich ziehend, zog er eine Waffe aus der Tasche und schraubte einen Schalldämpfer auf den Lauf, um die Anderen nicht vorzeitig zu warnen. Sie alle hatten Judy auf dem Gewissen, und sie alle würden dafür bezahlen. X zielte sorgfältig, bevor er abdrückte und als Erstes den Mann in Uniform ausschaltete, den er mit Recht als den gefährlichsten der Gegner einschätzte. Ehe sich der Rest der kleinen Gruppe besinnen konnte, teilte der alte Mann das Schicksal Joe Goods. X legte erneut an, diesmal auf Floyd zielend. Die Frau würde die Letzte sein. Er dachte an Judy, an das letzte Mal, als er sie hatte lachen sehen, bevor ihr Gesicht in seiner Nähe immer einen sorgenvollen und scheuen Ausdruck angenommen hatte, und sein Finger krümmte sich langsam am Abzug...

 

 

 

Mulder spürte es, bevor es wirklich geschah. Er riss Scully zu Boden und warf sich über sie, um sie zu schützen, presste ihren Körper mit seinem auf den Boden in das Gras vor der Klinik. Sie waren schließlich nach draußen gelangt und hatten schon einige Meter zwischen sich und das Gebäude gebracht, als die Hölle losbrach. Die erste Explosion zerriss die Stille der Nacht, und fast augenblicklich folgten weitere Detonationen, rissen die gesamte Klinik in Stücke, und was sie nicht vernichteten, ging einen Moment später in Flammen auf. Scully, die flach auf dem Bauch lag, Mulders Gewicht auf ihrem Körper, spürte die Druckwelle und die aufsteigende Hitze und hatte plötzlich eine Vorstellung davon, wie das Kinderheim so schnell hatte abbrennen können. Ihre Ohren schmerzten von dem Lärm der Explosionen, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder hören konnte. Sobald der Nachhall ihr Gehör freigab, war die Nacht wieder still, nur das Prasseln der Flammen, die sich durch Stein und Metall fraßen, störte die Ruhe. Vorsichtig bewegte sie sich unter ihrem Partner, versuchte herauszufinden, ob sie verletzt war, aber außer einem heftigen Schmerz in ihrer Schulter schien alles in Ordnung zu sein. Mulder spürte ihre Bewegung und rollte von ihr herunter, wobei er schmerzhaft die Luft einsog. Einige herumfliegende Trümmer hatten ihn getroffen, doch es waren kleine Teile gewesen, die ihm keine schweren Verletzungen zugefügt hatten. Er setzte sich auf und sah Scully an, die noch immer auf dem Rasen lag. Ihr Mantel war blutdurchtränkt, und Mulders Herz setzte einen Moment aus. Was war mit ihr? Hatte er sie doch nicht genug abschirmen können? Vorsichtig berührte er ihre Schulter um zu sehen, woher das Blut kam. Als sie ihn spürte, setzte sie sich auf, wobei sie es sorgfältig vermied, sich auf den linken Arm zu stützen.

„Was ist? Bist du verletzt?“ erkundigte sich Mulder besorgt, aber sie schüttelte den Kopf.

„Ich bin okay. Und was ist mit dir?“

„Mir geht es gut. Aber dein Arm...“

Sie winkte ab. „Die Wunde an der Schulter muss wieder aufgegangen sein, was mich ehrlich gesagt auch nicht wundert. Das ist aber halb so schlimm.“

Erleichterung durchflutete Mulder, als er sie vorsichtig in die Arme nahm und sie an sich drückte, sie einen Moment lang einfach ganz nah bei sich spüren musste um zu begreifen, dass sie es geschafft hatten.

 

 

 

6.00

 

Nicht jeder hatte so viel Glück gehabt wie Mulder und Scully. Nachdem die Feuerwehr die Brände gelöscht hatte, waren schließlich einige speziell ausgebildete Männer mit Suchhunden in die Klinik vorgedrungen. Ihnen bot sich ein schreckliches Bild: In beinahe jedem Krankenzimmer im Keller befand sich eine Leiche. Die toten Frauen waren zum Teil verkohlt, zum Teil waren ihre Körper von der Wucht der Explosion zerrissen worden. Es würde lange dauern, bis man alle identifiziert hatte, wenn das überhaupt je geschehen würde. Mulder hatte da seine Zweifel, und Scully teilte sie, wenn sie daran dachte, dass einige der Frauen gegen ihren Willen in der Klinik festgehalten worden waren oder niemandem gesagt haben mochten, wo sie waren, weil sie sich ihrer Not und de Entscheidung schämten, ihre ungeborenen Kinder zu verkaufen.

In der Nähe eines der hinteren Ausgänge fand man die Leichen von zwei Männern, die offenbar erschossen worden waren und von denen Mulder und Scully einen einwandfrei als den Mann identifizierten, der sie auf dem Rastplatz überfallen und versucht hatte, Susie zu entführen.

Deputy Major hatte es gerade noch rechtzeitig aus dem Gebäude geschafft; die Explosion hatte ihr schwere Verletzungen zugefügt, die eine Weile brauchen würden, um zu heilen, aber immerhin lebte sie.

Mulder starrte schweigend auf die Klinik, die ein Bild der Verwüstung bot. Nun standen sie wieder am Anfang, hatten keine Beweise für die Dinge, die sie gesehen hatten, und wussten nicht einmal, was sie in ihren Bericht für Skinner schreiben sollten. Und dafür waren so viele Menschen gestorben, die meisten von ihnen unschuldig. Sie konnten nicht einmal beweisen, dass diese unmenschlichen Versuche stattgefunden hatten, noch konnten sie verhindern, dass so etwas wieder geschah. Die Verantwortlichen waren sicher nicht in der Klinik gewesen, als diese in die Luft geflogen war; es sprach also absolut nichts dagegen, dass sie irgendwo wieder von vorn anfingen, was sowieso wahrscheinlich war, wenn man bedachte, dass sie dabei gewesen waren, ihre Spuren zu verwischen.

 

 

 

Zwei Tage später

11.20

J. Edgar Hoover-Building

Washington, D.C.

 

Mulder verließ frustriert das Büro von Assistant Director Skinner und ging zum Fahrstuhl, um in sein Büro im Keller zu fahren. Er hätte auch die Treppe nehmen können, aber im Moment wollte er niemandem begegnen.

Skinner hatte ihn zu sich zitiert, um sein unorthodoxes Verhalten während der Ermittlung und sein Verschwinden zu rügen. Scully hatte ihren Teil schon abbekommen, als sie ihren Bericht abgegeben und vor dem Untersuchungsausschuss ausgesagt hatte, dessen Aufgabe nun, nach Mulders Wiederauftauchen, ziemlich überflüssig war. Er hatte nicht so viel Ärger bekommen,  wie er erwartet hatte, und wenn er es recht bedachte, war Skinner sogar relativ freundlich gewesen. Trotzdem hatte er Mulder kein Wort geglaubt. Sämtliche Beweise für die Vorgänge im St. Mary’s Kinderheim und in der Mercy-Klinik waren bei den Explosionen vernichtet worden, die man als Unglücksfälle klassifiziert hatte. Die Tatsache, dass weder Mrs. Evans noch Floyd noch die vielen Kinder, die angeblich auf einem Ausflug gewesen waren, wieder aufgetaucht waren, fiel nicht ins Gewicht wenn man bedachte, wie viele unschuldige Frauen in der Klinik umgekommen waren. Immerhin handelt es sich hier nur um Heimkinder, deren Verbleib niemanden groß interessiert, dachte Mulder bitter. Die beiden männlichen Leichen hatte man nicht identifizieren können, und auch das überraschte Mulder nicht sonderlich. Seine letzte Hoffnung, doch noch etwas beweisen zu können, war die Autopsie an der exhumierten Leiche Sean Chandlers. Leider hatte Scully diese aufgrund der Anhörung nicht selber durchführen können, aber sie hatte versprochen, sich aus der Ferne darum zu kümmern, dass sie sorgfältig durchgeführt wurde. Wenn nichts dabei herauskam...

Halt! Es gab noch einen anderen Beweis, aber Mulder wollte ihn nur im äußersten Notfall benutzen, weil er ein kleines Mädchen betraf, das jetzt irgendwo in einer geheimen Einrichtung untergebracht war. So weit hatte sich Skinner zumindest überzeugen lassen, dass er bereit gewesen war, Susie zu verstecken, bis Betsy Shaw, die beste und wahrscheinlich einzige Freundin ihrer Mutter, aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sie hatte sofort zugestimmt, das Mädchen u sich zu nehmen, was unter den gegebenen Umständen das Beste für die Kleine zu sein schien, da sie keine Verwandten hatte und Betsy bereits kannte. Mulder würde nur sehr ungern die medizinische Akte von Susie als Beweis vorlegen, weil sie seiner Meinung nach schon genug durchgemacht hatte. Nach dem, was in der letzten Woche passiert war, würde sie aber wohl zumindest sicher sein. Niemand würde noch einmal ein solches Risiko eingehen, um ihrer habhaft zu werden. Wenigstens nicht in der nächsten Zeit.

Mulder betrat sein Büro, erfreut, dass Scully noch da war. Eigentlich hatte sie nur kurz vorbeischauen und ihn über die Autopsieergebnisse informieren wollen; zumindest hatte sie das am Telefon gesagt, und das hätte sie auch schriftlich tun können.

Nach der Explosion in der Klinik hatten sie so gut wie keine Zeit gehabt um über das zu sprechen, was bei der Überwachung geschehen war. Die ganze Zeit über hatten sie Berichte abgeben, sich ausfragen lassen und die letzten Fäden zusammenführen müssen. Zurück in D.C., hatte sich Mulder einigen unbequemen Fragen über sein Verschwinden und die Leiche in seinem Apartment stellen müssen, und Scully hatte die Unterbringung von Susie arrangiert. Jetzt waren sie zum ersten Mal allein, und Mulder konnte nicht leugnen, dass er es genoss, sie anzusehen, wie sie am Schreibtisch saß, die Finger abwesend in ihrem Haar vergraben, während sie ein Fax las, das gerade angekommen sein musste.

„Hey.“ sagte er schließlich leise, um sie nicht zu erschrecken. Sie sah auf, und ein kurzes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Hi.“ erwiderte sie, legte das Papier dann beiseite und kam zu ihm. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass die Bürotür verschlossen war, bevor sie die Arme um seinen Nacken legte und sich leicht an ihn schmiegte. Er erwiderte ihre Umarmung sofort und ließ seine Hände durch ihr ein wenig zerzaustes Haar gleiten.

„Du hast mir gefehlt.“ flüsterte er, die Stirn an ihre gelehnt, mit einem langen Blick in ihre Augen.

„Du mir auch.“ erwiderte sie und reckte sich, um ihn kurz auf die Lippen zu küssen, bevor sie sich von ihm löste, ihr Gesicht plötzlich nicht mehr im Geringsten erfreut, sondern sorgenvoll. Noch immer die Arme um ihre Taille geschlungen, sah Mulder sie besorgt an.

„Was ist?“, erkundigte er sich, bevor ihm klar wurde, wie ihr Gesichtsausdruck mit dem Fax zusammenhängen konnte, das sie gerade gelesen hatte.

„Die Autopsieergebnisse?“

„Nein. Es hat gar keine Autopsie stattgefunden. Christine Kendell hat mir heute morgen per Fax mitgeteilt, dass die Leiche des Jungen aufgrund des Verdachtes auf Infektionsgefahr abgeholt und zur Vermeidung einer Epidemie verbrannt worden ist. Unsere letzte Hoffnung, die Experimente zu beweisen, hat sich buchstäblich in Rauch aufgelöst.“

Frustriert drehte sich Mulder weg, um nicht in ihr Gesicht sehen zu müssen. Jetzt war es an ihm, eine Entscheidung zu treffen. Sein Blick fiel auf das Poster an der Wand, und er seufzte. Glauben, ja, er wollte glauben, aber woran? An eine Zukunft für Susie? Oder daran, dass ihm letztlich jemand Glauben schenken würde, wenn er die Akte vorlegte? Mulder konnte es drehen und wenden wie er wollte, er konnte diese Entscheidung nicht treffen. Zumindest nicht allein. Er wusste, es war nicht fair, Dana mit in dieses Dilemma hineinzuziehen, aber er brauchte ihre Logik.

„Ich habe die medizinische Akte von Susie Benson.“

Ihr Kopf ruckte herum, und sie starrte ihn mit vor Überraschung geweiteten Augen an.

„Wie...“

„Ich habe sie im Keller der Klinik gefunden und vergessen, sie abzugeben. Ich war mir nicht sicher, und ich dachte, dass es nicht nötig sein würde. Aber jetzt... Ich weiß nicht, ob ich das tun soll. Es würde alles beweisen; Susie hat die veränderten Gene in sich, und man könnte das nachweisen, aber...“

„Aber sie ist noch ein Kind, und die Akte vorlegen hieße, sie einem Leben in Labors und unter höchster Bewachung aussetzen. Es wäre nicht einmal sicher, ob sie überlebt, denn wenn sie von wissenschaftlichem Interesse ist, kann praktisch jeder sie finden.“ beendete Scully seinen Satz, und Mulder nickte. Sie hatte seine Zweifel mit einer Präzision erkannt und ausgesprochen, zu der nur sie fähig war. Und weil sie ihn so gut kannte, wusste sie auch, wie er sich entscheiden würde, bevor er es ausgesprochen hatte.

„Ich kann das nicht tun. Es ist mir egal, ob ich mal wieder wie der letzte Trottel dastehe; das bin ich inzwischen gewöhnt, aber ich habe dabei wenigstens noch Achtung vor mir, auch wenn ich da der Einzige bin.“

Scully schüttelte sanft den Kopf. Es war seine Entscheidung gewesen, und er hatte sie getroffen, auch ohne das Schlimmste zu wissen, das sie ihm nicht hatte sagen wollen, bevor er sie getroffen hatte. Sie hatte ihn nicht beeinflussen wollen, auch wenn sie gewusst hatte, was er tun würde.

„Nicht der Einzige.“ widersprach sie leise. „Ich hatte schon immer Achtung vor dir, und daran wird sich nichts ändern.“

Ein wenig verlegen erwiderte Mulder ihren Blick, bevor er die medizinische Akte in den Reißwolf steckte, der seit Neuestem im Büro stand; Mulder vermutete, dass einfach kein anderer Platz mehr frei gewesen war, und da sein Büro sowieso früher einmal als Abstellkammer gedient hatte...

„Okay. Sehen wir Skinner ins Gesicht und sagen, wir haben keine Beweise, und lassen wir Susie in Frieden bei Betsy Shaw aufwachsen.“

„Das wird nicht möglich sein. Ich wollte es dir vorhin schon sagen, aber du bist mir zuvorgekommen. Betsy Shaw ist gestern Nacht im Mercy-Hospital in New York gestorben. Man wird eine Autopsie durchführen, aber ich bezweifle, dass dabei viel herauskommen wird. Skinner weiß es schon, und er hat Anweisung gegeben, dass Susie noch heute in ein Kinderheim kommt, da es niemanden gibt, der sie aufnehmen kann.“

Einen Moment lang starrte Mulder sie fassungslos an. Soeben hatte er Beweise vernichtet, damit Susie ein normales Leben führen konnte, und  nun würde sie das trotzdem nicht können.

„Verdammt, was wollen die ihr denn noch antun?“ brachte er schließlich hervor, die Augen dunkel vor Zorn. Scully, die ihn gut genug kannte, sah auch die Trauer in ihnen, die gleiche Trauer, die auch sie fühlte, wenn sie an das blonde Mädchen dachte, das trotz ihres Verlustes so fröhlich und vertrauensvoll gewesen war. Ihre Mutter hatte ihr Leben riskiert, um sie vor einem Leben als Versuchskaninchen im Kinderheim zu bewahren, und jetzt würde Susie doch noch dort landen. Es war einfach nicht fair, und was sie am Meisten störte war die Tatsache, dass diejenigen, die ihr das angetan hatten, niemals verurteilt werden würden. Und sie und Mulder konnten nicht das Geringste dagegen tun.

Tränen glitzerten in ihren Augen, und sie schämte sich dessen nicht, als sie zu ihm aufsah.

„Lass uns sie wenigstens selbst ins Heim bringen, damit wir uns verabschieden können.“ bat sie leise, und Mulder nickte, bevor er Dana in die Arme nahm und mit einer Heftigkeit an sich drückte, die ihr Trost spenden und gleichzeitig seinen eigenen Kummer erleichtern sollte.

 

 

 

15.30

Kinderheim „Best Friends“

Annapolis,

 

Das Gebäude wirkte hell und freundlich, im grasbewachsenen Hof spielten Jungen und Mädchen Ballspiele oder Verstecken, und Ms. Nicholas, die Heimleiterin schien eine sympathische, wenn auch resolute Frau zu sein. Sie hatte Mulder und Scully zu verstehen gegeben, dass es das Beste für Susie sei, wenn sich nicht mit hinein kämen.

„Um so leichter wird ihr der Abschied fallen“, hatte sie erklärt und sich dann an Susie gewandt, um sie zu begrüßen. Nachdem Scully das Mädchen noch einmal in die Arme genommen hatte, wollte Ms. Nicholas Susies Hand nehmen und sie zum Tor führen. Diese sträubte sich. Sie klammerte sich an Scullys Hand fest, und mit der anderen Hand griff sie nach Mulders Bein, um sich auf gar keinen Fall von den Beiden trennen zu müssen. Sie schrie und zappelte nicht, weinte nicht einmal, aber ihre Augen blickten so verstört drein, dass es Mulder und Scully das Herz brach.

„Ich will bei dir und Fox bleiben.“ flüsterte Susie, und Scully strich ihr mit der freien Hand über den Kopf.

„Das geht nicht, Susie. Ich verspreche dir, dass wir dich besuchen werden, wann immer wir können, aber du musst schon hier bleiben. Ich bin sicher, du wirst es hier mögen.“

Scully schämte sich der Lüge, aber was hätte sie tun sollen? Sie konnte unmöglich sagen, dass Susie das Heim wahrscheinlich hassen würde und dass die resolute Ms. Nicholas nicht so aussah, als würde sie ein nicht verheiratetes Agentenpaar allzu oft in ihre heiligen Hallen lassen. Also log sie und schämte sich  dessen noch mehr, als Susie schließlich ihre Hand losließ und mit einem vertrauensvollen Blick in ihre Augen sagte: „Okay, ich gehe. Aber ihr kommt ganz bestimmt? Und Langley, Frohike und Byers?“

Scully nickte, unfähig zu sprechen. Mulder sagte nichts, denn er wusste, dass die drei Gunmen ganz sicher kommen würden, wenn man es ihnen erlaubte; sie hatten das kleine Mädchen in der letzten Woche tief in ihr Herz geschlossen, genau wie er und Dana.

Schließlich nahm Ms. Nicholas Susies Hand und führte sie in den Innenhof, wo die anderen Kinder keinerlei Notiz von dem neuen Mädchen nahmen. Offensichtlich waren sie an Abschiede vor dem Tor gewöhnt, denn sie unterbrachen ihr Spiel nicht einmal.

Scully schien es, als würde ihr Herz mit einer Nadel durchbohrt. Sie konnte sich ihre Gefühle nicht erklären; schließlich hatte sie nur wenig Zeit mit Susie verbracht, weniger sogar als Mulders drei Freunde, und trotzdem war es, als gehöre das Kind zu ihrem Leben wie Fox, der neben ihr stand und genauso verloren aussah, wie sie sich fühlte. Sie zwang sich, ihre Tränen zurückzuhalten, aber als sich Susie noch einmal zu ihnen umdrehte und hoffnungsvoll winkte, war es ihr unmöglich, nicht zu weinen. Sie wandte sich ab, damit das Kind sie nicht so entmutigt sah, und blickte wieder Fox an.

„Ich...Ich kann das nicht tun.“ brachte sie mit tränenerstickter Stimme hervor; sie wünschte, es gäbe einen Ausweg.

„Ich auch nicht.“, erwiderte er leise und zog sie in seine Arme, barg ihr Gesicht an seiner Brust und vergrub seines in ihrem Haar, damit sie nicht sehen mussten, wie sich das Tor endgültig hinter Susie und Ms. Nicholas schloss.

Es dauerte lange, bis sie einander wieder ansahen, und noch länger, bevor Mulder schließlich das Schweigen brach: „Du willst es, nicht wahr?“ erkundigte er sich sanft, und sie nickte, ohne eine Erklärung abzuwarten. Das war zwischen ihnen noch nie nötig gewesen, und so war es auch jetzt.

„Es wird schwierig werden.“ wandte sie ein, ihm zuvorkommend.

„Ja. Das wird es, aber ich will auch, dass wir es versuchen.“

Ernst nickte sie, suchte in seinen Augen nach einer Spur von Zweifeln. Als sie keine fand, lehnte sie sich wieder gegen seine Brust und durchnässte sein Hemd mit ihren Tränen.

 

 

 

Gleichzeitig

Unfallkrankenhaus

Greasewood, Kansas

 

Mark Lane saß wieder am Bett seiner Partnerin, von deren Seite er seit ihrer Einlieferung nur gewichen war, als er dem Sheriff seinen Bericht vorgelegt hatte. Er konnte nicht mit Cynthia sprechen, da sie die meiste Zeit über schlief, aber es genügte ihm, einfach neben ihr zu sitzen und zu wissen, dass sie wieder gesund werden würde. Fast war er ein Wenig eingedöst, als sie erwachte und ihn bemerkte.

„Hi, Mark.“ sagte sie mit leiser Stimme, die von den Tagen, an denen sie nicht gesprochen hatte, noch etwas rau war.

Mark sah auf und lächelte sie an.

„Hey, schön, dass du wieder da bist. Wie geht es dir?“

„Gut, denke ich. Was war eigentlich los?“

„Du bist aus der Klinik in Great Falls gekommen, als sie in die Luft geflogen ist, und es hat dich ziemlich erwischt. Aber die Ärzte meinen, du wirst wieder wie neu, wenn du nur Geduld hast.“

„Mist; Geduld war noch nie meine Stärke.“

„Ich weiß.“ Er musste lächeln, erleichtert, dass sie schon wieder zum Scherzen aufgelegt war.

„Weißt du, ich habe in den letzten Tagen nachgedacht. Es war unfair, was ich zu dir gesagt habe. Du hattest recht, was das Kinderheim betraf, und ich war einfach zu stur, um es einzusehen. Ich glaube, ich war auch...eifersüchtig, weil du so viel Zeit mit den Agenten verbracht hast. Ich hatte einfach Angst, meinen besten Freund zu verlieren, wenn du dich entscheidest, zum FBI zu gehen.“

Cynthia sah Mark erstaunt an und griff dann nach seiner Hand.

„Mark, das ist der größte Blödsinn, den ich jemals gehört habe. Ich werde doch nicht gleich zum FBI gehen, nur weil ich einmal mit denen gearbeitet habe. Ich gebe zu, dass es mich reizen würde, aber noch nicht jetzt. Vielleicht sieht das irgendwann anders aus, und selbst dann heißt das noch nicht, dass ich dich allein lasse. Du bleibst mein bester Freund, egal wo ich arbeite, und niemand wird daran etwas ändern, verstanden?“

Mark musste plötzlich ohne jeden Grund grinsen, und er drückte Cynthias Hand so fest, dass sie leise aufschrie. Das veranlasste ihn, sie sofort loszulassen und sich zu entschuldigen.

„Tut mir leid; ich bin einfach nur froh, dass du mir nicht böse bist.“

„Darüber reden wir später, wenn ich wieder in der Lage bin, die eine zu knallen. Jetzt sag mir endlich, wie die Sache ausgegangen ist. Was hast du überhaupt in dem verdammten Krankenhaus gemacht?“

Mark erzählte ihr kurz, was geschehen war und fügte dann hinzu: „Wenn uns diese Mrs. Evans nicht geholfen hätte, wären Kimberly und ich niemals rausgekommen. Ich verstehe nicht, wieso sie wieder ins Gebäude gegangen ist, aber anders kann ich mir ihr Verschwinden nicht erklären. Allerdings habe ich nach der Explosion auch nicht mehr auf sie geachtet. Wer weiß, ob sie sich nicht einfach abgesetzt hat? Heute habe ich einen Anruf von Agent Scully bekommen; sie hat sich nach dir erkundigt und lässt dich grüßen, aber im Prinzip wollte sie mir nur sagen, dass die Ergebnisse der Blutprobe dieses Staatsanwaltes positiv waren. Ginny Tomms ist seine Tochter.“

„Mich würde nur interessieren, wie er damit umgeht. Was würdest du tun, wenn du aus heiterem Himmel plötzlich Vater eines Teenagers wärst?“

„Keine Ahnung, aber ich denke, dass er damit gerechnet hat, weil er sie doch gesucht hat. Weißt du, ich glaube, du würdest wirklich eine gute FBI-Agentin abgeben; schließlich hast du alles vorher gewusst.“

„Alles ganz sicher nicht, sonst hätte ich schon mal ein Bombenentschärfungskommando gerufen, bevor ich in die Klinik gegangen wäre. Außerdem war es klar, dass du keine Ahnung hattest.“

„Wieso?“ erkundigte sich Mark leicht irritiert.

„Ganz einfach: Dir fehlt die weibliche Intuition.“

Cynthia lachte leise und legte sich dann in ihrem Kissen zurück.

Marks Antwort drang noch wie durch einen Nebel zu ihr durch, bevor sie erschöpft wieder einschlief.

„Wozu brauche ich die schon? Dafür habe ich doch dich.“

 

 

 

Irgendwo

 

Sie hatten es tatsächlich geschafft. Floyd hatte schon nicht mehr daran geglaubt, besonders nachdem sein Vorgesetzter und dessen militärischer Handlanger vor seinen Augen erschossen worden waren. Er wusste noch immer nicht, wer das getan hatte, noch, was ihn und Dr. Niles gerettet hatte. Vielleicht war der Schütze durch die Explosion irritiert worden, vielleicht hatte er auch nicht der Polizei in die Arme laufen wollen, die plötzlich überall gewesen war. Es war Floyd eigentlich ziemlich egal, solange er nur lebte. Nach der Explosion hatte er in sicherer Entfernung gewartet, bis die Gegend wieder ruhig gewesen war, bevor er die Stadt verließ. Er hatte gesehen, wie die beiden FBI-Agenten aus dem Gebäude gerannt waren; nun gut, sie hatten überlebt, aber sie hatten keinerlei Beweise, und keine Spur führte zu ihm. Die Polizisten und das verdammte Gör, dem sie einen Großteil des Ärgers zu verdanken hatten, waren leider ebenfalls entkommen, aber wenigstens war er Charlene Evans los. Floyd hatte sie beseitigt, als sich alle Augen auf die Klinik gerichtet hatten, und er fühlte keinerlei Gewissensbisse. Sie war aus dem Weg, ein Risikofaktor weniger. Jetzt, ohne sie, würde es ein Leichtes sein, neu anzufangen. Da der alte Mann tot war, war es an Floyd, die Leitung zu übernehmen, und er konnte nicht sagen, dass ihm das missfiel. Zufrieden durchschritt er die Gänge der Klinik, in der er sich ein Labor einzurichten gedachte. Es war keine Geburtenklinik, aber sie würde gut genug sein für seine Pläne, bei deren Durchführung er in der nächsten Zeit sowieso sehr vorsichtig sein musste. Dr. Niles würde ihm helfen, eine medizinische Abteilung ins Leben zu rufen, und gemeinsam würden sie schon bald erste Ergebnisse erzielen. Ein Kinderheim in der Nähe, das stark auf Spendengelder angewiesen war, würde spätestens in neun Monaten bereit sein, die Waisen aufzunehmen, und das war früh genug. Bis dahin war noch eine Menge zu tun, die Überlebenden des alten Stabes mussten zusammengerufen und die noch im Heim lebenden Kinder entfernt werden, damit seine kleine Schar einziehen konnte. Die Testpersonen konnten schließlich nicht ewig in dem ausgedienten Gefängnis bleiben, auch wenn Floyd an dem Gedanken Gefallen fand, sie auf diese Weise unter Kontrolle zu behalten.

Floyd dachte einen Moment darüber nach, welchen Schaden der Zwischenfall mit dem FBI angerichtet haben mochte, war sich aber sicher, dass es kein großer gewesen war. Ohne Beweise konnten die nichts unternehmen, davon würde er auch die Sponsoren überzeugen. Und war dieses Mädchen betraf... Es würde Mittel und Wege geben, sie zu finden und unschädlich zu machen. Aber das konnte warten; sie hatte nur Joe gesehen, und dieser verdammte Idiot war tot. Möglicherweise konnten sie das Kind nie in die Hände bekommen, aber auch das würden sie überleben. Wenn sie jemals zu einer Gefahr wurde, hatten sie genug Möglichkeiten, sie beiseite zu schaffen, denn ihre Forschungen waren für gewisse Kreise innerhalb der Regierung von zu großer Bedeutung, als dass sie es sich leisten konnten, ihre Hilfe zu verweigern. Aber wie gesagt, das hatte Zeit.

 

 

 

Eine Woche später

18.21

Washington, D.C.

 

Dana Scully lehnte sich gegen Fox Mulder, der den Arm um ihre Schultern gelegt hatte, während sie über den Jahrmarkt gingen. Es wurde allmählich dunkel, und überall an den Karussells und Buden gingen die bunter Lichter an und verwandelten den ohnehin schon märchenhaften Platz in ein Wunderland aus Farben, in dem einem schwindlig werden konnte. Fox beugte sich zu Dana hinunter und küsste sie kurz und innig auf den Mund, als er ein ungeduldiges Zupfen an seinem Hosenbein spürte.

„Das kann doch nicht wahr sein!“ knurrte er und hob Benni auf den Arm, ihre Zähne aus dem Stoff lösend.

„Kannst du nicht mal für fünf Minuten Ruhe geben?“

Dana kicherte. „Wieso sollte sie? Du tust doch genau, was sie will.“

„Ich hab ja gesagt, sie ist noch zu klein für den Jahrmarkt, aber deine Mutter wollte ja nicht hören.“

„Sag ihr das selber; da kommt sie.“

„Wird auch Zeit, dass sie die kleine Nervensäge wieder nimmt.“

Er machte keine Anstalten, Dana loszulassen, und auch sie löste sich nicht von ihm. Es gab keinen Grund dafür, denn ihre Mom hatte alles gewusst, sobald sie die Beiden das erste Mal wieder gesehen hatte. Wie immer hatte sie nicht viele Worte gemacht, sondern einfach ihre Tochter und deren Freund in ihre Arme geschlossen und ihnen gesagt, wie sehr sie sich für sie freue. Fox hatte sich richtig willkommen gefühlt, auch dann noch, als ihm Maggie - sie bestand darauf, dass er sie so nannte - eine Standpauke gehalten hatte, weil er versucht hatte, ihr die kleine Hündin unterzujubeln. Trotzdem hatte sie Benni mit Freuden aufgenommen, auch wenn sie der Meinung war, dass diese eigentlich zu Fox gehörte. Genau wie Dana.

Dies sah sie wieder einmal bestätigt, als sie mit drei Eiswaffeln in den Händen auf sie zu kam. Susie zupfte an ihrem Ärmel, wobei sie den Inhalt der vierten Eistüte - Schokolade - darauf verschmierte.

„Kann ich heute nacht bei Dana und Fox schlafen?“ wollte sie wissen.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie einen Fall und müssen morgen früh los, aber wenn nicht, kannst du.“

„Super!“

Die Augen des Kindes strahlten, als sie losrannte und sich ohne Rücksicht auf ihre klebrigen Hände oder die protestierende Hündin in Fox‘ Arme warf.

Maggie reichte ihrer Tochter und Fox je eine Eiswaffel, bevor sie Bennis Leine nahm und Susie bedeutete, ihr zu folgen.

„Das können wir auch nachher besprechen. Jetzt werden wir dich erstmal waschen, und dann gehen wir zum Riesenrad, einverstanden?“

„Ohne mich.“ Fox sträubte sich, und Dana grinste. Sie würde ihn schon dazu kriegen, mit ihr zu fahren. Sie hatte das Riesenrad schon immer geliebt, und um nichts in der Welt würde sie es sich entgehen lassen, mit ihm hoch über Washington zu schweben, während die Stadt unter ihnen nur noch aus Lichtern bestand. Danach würden sie Susies Sachen von ihrer Mutter holen, damit die Kleine wieder ins Gästezimmer einziehen konnte, das in den letzten Tagen mehr und mehr zu einem Kinderzimmer wurde, auch dank der Gunmen, die Susie mit Plüschaliens überhäuften, um sie „auf das wirkliche Leben vorzubereiten“, wie Frohike es ausdrückte, und dann würden sie den Tag mit einem Disney-Video auf ihrer Couch beenden. Aber erst musste sie Fox in dieses Riesenrad bekommen. Für heute war das ihre größte Herausforderung, und sie würde sie mit Freuden annehmen, und das nicht nur, weil Benni ganz sicher nicht mitdurfte....

 

 

 

Ende