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Short-Cut:



Anmerkung v. Yasi:
DAS YASI

ywollmarker@yahoo.de

X-File, Mythologie, MSR

PG-13

Die Personen, um die es hier geht, gehören leider nicht mir sondern immer noch CC und Fox, auch wenn die die Serie eingestellt haben. Ich habe wieder einmal nicht um Erlaubnis gefragt, hoffe aber trotzdem, nicht verklagt zu werden.

Mitte 7.Staffel würd ich mal annehmen......

Man kann Geister nicht mit einem Schmetterlingsnetz jagen.... Mulder überredet Scully zu einem nächtlichen Besuch auf einem Friedhof, was dazu führt, dass Scully mit einem Ereignis aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird....

WoD, diese Geschichte gehört DIR! Du bist schuld an meinen Gedanken, denn ohne dein verrücktes "gernehaben" des Ohrenheinis hätt ich mir den Terminator II niemals angesehen. Fragt mich nicht, wie ich bei diesem Film auf die Idee zu dieser Geschichte kam, es ist mir selbst unerklärlich. Jessy, ich hab dich lieb, Nina, Schwesterlein und Liesel, euch auch. *inskloforumrüberwinke* Ihr bereichert mein Leben!!!

DAS VERBOTENE GRAB



"Ein Friedhof? Mulder, dass soll doch wohl ein Witz sein oder?"
"Nein Scully, ich mein das total ernst."
"Klar, und wahrscheinlich auch noch Nachts, nehme ich mal an."
"Natürlich." Mulder grinste breit.
"Und wozu Mulder? Was genau hoffen Sie dort zu finden?" Ich war wirklich genervt, doch ich wusste, ich würde ihm die Bitte nicht ausschlagen können.
"Ich will mich einfach einmal dort umsehen Scully. Vielleicht gibt es ja auf James Island gar keinen Friedhof, wer weiß. Aber ich habe da doch diese Abhandlung über Indianer gelesen, und da hieß es, auf James Island befindet sich ein alter Friedhof. Angeblich haben die Indianer dort ihre Häuptlinge begraben. Ich will einfach sehen, ob das richtig ist."
"Und warum? Damit Sie dann wisse, dass dem so ist? Mulder, ich bitte Sie! Wir haben gerade diesen Fall hier abgeschlossen und ich dachte, wir würden heute Abend wieder nach Hause fahren. Nun wollen Sie eine weiter Nacht hier bleiben, nur um zu dieser Insel hinüber zu rudern und alte, tote Indianerhäuptlinge suchen. Wenn Sie mir gesagt hätten, Sie vermuten da drüben eine geheime Regierungsstation oder ein Raumschiff, oder ein Gefangenenlager für Aliens, alles wäre mir leichter gefallen, als zu glauben, sie wollen eines alten Häuptlings Grab finden. Seit wann interessieren Sie sich denn so sehr für Indianer Mulder?"

So viele Jahre arbeitete ich jetzt schon mit Mulder zusammen, doch er schaffte es immer wieder aufs neue, mich zu überraschen.

Ich schloss die Augen und stellte mir einen Friedhof bei Nacht vor. Schiefe, abgebröckelte alte Grabsteine schimmern im weißen Mondlicht. Langes Gras und dornige Ranken, in denen sich meine Beine verfangen würden. Verkrümmte Bäume mit kahlen Ästen, deren verzerrte Schatten auf die Grabsteine fielen. Und vor jedem Grabstein ein dunkler Fleck wie ein Loch, dass tief in den Boden führt...
< Reiß dich zusammen Dana,> schalt ich mich selbst. Bei all dem unerklärlichem und außergewöhnlichem, dass ich in all den Jahren neben Mulder schon gesehen hatte, würde mich jetzt ein Friedhof auch nicht mehr erschrecken können....

Mulder war noch in die Stadt gegangen, weil er, wie er sagte, für heute Nacht noch etwas besorgen musste, und so hatte ich die Gelegenheit, meine Mom anzurufen um ihr zu sagen, ich würde heute Abend noch nicht wieder zurückkommen nach Washington.
"Hi Mom."
"Dana, schön deine Stimme zu hören. Was gibt's denn?" Ja, meine Mom kannte mich wirklich! Sie wusste wieder einmal, dass irgendetwas nicht in Ordnung war mit mir, und sie hatte recht.
Dieser Fall hatte mich sehr stark an meine Kindheit mit Melissa erinnert und obwohl schon viel Zeit seit ihrem Tod vergangen war, trauerte ich immer noch um sie.
"Mom, wünscht du dir nicht manchmal, du könntest die Zeit anhalten?"
Mrs. Scully schwieg einen Moment. "Natürlich. Und auch heute noch würde ich manchmal gerne die Zeit anhalten. Aber glaubst du nicht, dass es bei dir teilweise auch mit Melissa und deiner Arbeit zusammenhängt, oder mit Mulder?"
Ihre Frage versetzte mir einen Stich. "Wie meinst du das Mom?"
"Nun, ich glaube, du hast dich noch nicht wirklich mit allem abgefunden, was passiert ist. Melissas Tod, deine Krankheit, die Entführung vor einigen Jahren.... Vielleicht willst du deshalb einfach die Zeit anhalten, denn das würde bedeuten, die Erinnerungen nicht zurückzulassen."
Es tat mir fast leid, dass ich damit angefangen hatte. Ich wollte jetzt nicht über Melissa reden. "Mom, ich glaube...."
"Dana, früher oder später musst du dich den Tatsachen stellen. Immerhin ist es nun wirklich schon lange genug her."
Ich murmelte etwas unverständliches und legte auf.

Das Fenster meines Motelzimmers gab mir den Blick auf den ruhigen See frei. Selbst an einem trüben Tag wie diesen war der See wunderschön. Ich setzte mich aufs Bett und zog meine Geldbörse aus der Tasche. Ich hatte ein Foto von Melissa drin, zog es heraus und betrachtete es. Immer wenn ich das tat, konnte ich die große Leere in mir spüren, und jedesmal hoffte ich, er würde weniger werden. Aber der Schmerz ließ nicht nach.
Ich steckte das Bild zurück und lehnte mich zurück. Vor meinen geschlossenen Augen begann sich, ein Bild zu formen.

Melissa betrat meine Wohnung. Dann knallte ein Schuss und sie ging zu Boden. Sie lag auf dem Bauch, den Kopf etwas seitlich gedreht. Ihre leeren Augen starrten auf das Blut, das langsam aus der Wunder herrauslief....

Das Klopfen an der Tür ließ mich aufschrecken. Ich musste eingeschlafen sein. Rasch stand ich auf und griff nach meiner Jacke. Nachts war es sicher kühl am See. Ich ging, und öffnete die Türe.
Mulder sah aus, als wolle er auf einen Raubzug gehen - schwarzer Rolli, schwarze Jeans, schwarze Wanderstiefel. Er hatte sogar einen schwarzen Rucksack bei sich.
"Können wir Scully?"
Statt einer Antwort schloss ich die Tür hinter mir.

Am Himmel hingen nur noch einige Wolken, die Strassen waren in helles Mondlicht getaucht. Ich blickte zum See. Ganz weit draussen lag ein dunkler Fleck - James Island.
Mulder machte das Boot los und ich unterdrückte die Frage, woher er es gemietet hatte oder was er gesagt hatte, wofür er es benötigen würde. Bald schon glitten wir über das ruhige Wasser, während die Lichter am Ufer langsam schwächer wurden. Trotz allen, was wir schon erlebt hatten, war mir etwas mulmig zumute. Durch meine Begegnung mit Albert Hosteen hatte ich gelernt, die Würde der Indianer ruhen zu lassen. Um uns herrschte Totenstille, abgesehen von dem Plätschern der Wellen an das Boot und das Klatschen der Ruder. Die immer größer werdende Insel kam bedrohlich näher.
Mulder zog die Ruder ein. "Reiben wir uns lieber mit Mückenmittel ein, bevor wir an Land gehen, Scully."
Nachdem wir das schmierige Zeug auf Hals, Hände und Gesicht verteilt hatten, ruderte er weiter.
Ich fragte mich, wieso ich das hier eigentlich mitmachte, doch tief in meinem Herzen kannte ich natürlich längst die Antwort. Es gäbe keinen Ort auf dieser Welt, an dem ich Mulder nicht folgen würde.
Schon bald darauf knirschte der Bug des Bootes gegen den steinigen Strand der Insel.
Mulder verstaute die Ruder, wir kletterten heraus und zogen das Boot aus dem Wasser.
"Vielleicht sollten wir das Boot auch noch unter den Bäumen verstecken Mulder, schließlich ist das Betreten der Insel verboten", meinte ich scherzhaft. Mulder jedoch grinste mich nur an.
"Ach kommen Sie Scully, wer sollte denn mitten in der Nacht auf der Insel sein?" Er hatte mich also ernst genommen!
"Keine Ahnung, Fischer vielleicht, die sich verirrt haben, oder Kinder, die auf Geisterjagd sind."
Mulder lachte. "Ach Blödsinn Scully, wer geht schon um Mitternacht fischen?"
Mulder hatte ja Recht. Keiner außer uns war so blöd, um diese Zeit hierher zu kommen. Er nahm zwei Taschenlampen aus dem Rucksack, gab mir eine und sagte: "schalten Sie sie nur an, wenn es unbedingt nötig ist Scully. Sobald wir uns besser an die Dunkelheit gewöhnt haben, werden wir auch besser sehen."
Mir fiel auf, das Mulder flüsterte und ich fragte mich warum. Hier war doch außer uns keine Menschenseele, hoffte ich zumindest.
"Okay, gehen wir."
Ich fragte mich, ob er einen Plan hatte. Natürlich, Mulder hatte immer einen Plan! Er vergaß nie etwas. Ich wette er hatte diesen Trip schon seit heute Morgen bis ins kleinste Detail geplant.

Mulder ging mit einem Kompass voran. Er kam mir vor wie ein kleiner Junge, der jetzt endlich ein Abendteuer nachholen konnte, zu dem er in der Vergangenheit aus was für einem Grund auch immer, niemals gekommen war.
Tief in meinem Herzen fand ich es nicht nur aufregend, sondern auch lustig. Ich, Dana Scully, schlich einmal nicht mit Mulder hinter seinen Aliens nach, sondern machten etwas, was andere Jugendliche wahrscheinlich auch immer schon gemacht hatten. Nur waren wir eben schon erwachsen, das machte die ganze Sache dann doch etwas krotesk.
Sobald wir das felsige Ufer hinter uns gelassen hatten und zwischen den Bäumen durchschlichen, wurde es stockdunkel. Wir tasteten uns langsam voran und nun verstärkte sich in mir das Gefühl, dass wir hier nicht zu suchen hatten. Ich kam mir vor wie ein Eindringling. Die Nacht war voll Geräusche, Geraschel und Tierlauten. Über dem See schrie ein Vogel.
"Wie sollen wir den Friedhof hier im Dunkeln eigentlich finden Mulder?" flüsterte ich ihm entgegen.
Er drehte sich zu mir um und blieb stehen.
"Wir arbeiten uns im Zickzackkurs nach vorne. Ich vermute, der Friedhof liegt auf dieser Seite der Insel, also sollten wir auch bald darauf stoßen. Außerdem befindet er sich mit Sicherheit auf einer Lichtung, und diese dürfte ja nicht schwer zu finden sein."

Mulder musste verrückt sein, und ich ebenfalls.

Also wir weitergingen, hörte ich etwas, dass mich erstarren ließ. Auch Mulder blieb stehen. Wieder ertönte dieser Laut, ein langgezogenes Heulen.
"Ein Wolf," zischte ich.
"Ach kommen Sie Scully, seien Sie nicht albern. Es gibt hier schon seit Generationen keine Wölfe mehr, das wissen Sie doch."
Dessen war ich mir allerdings nicht so sicher und auch Mulder schien nicht ganz von seinen eigenen Worten überzeugt zu sein. Das Heulen kam wieder.
"Hunde," meinte Mulder, "drüben am Ufer. Im Reservat gibt es viele davon. Kommen Sie Scully, gehen wir weiter."

Ich sah wieder den gespenstigen Friedhof aus meinem Tagtraum vom Nachmittag vor mir. Zwischen einem Grabstein glitt ein rießiger, schwarzer Schatten hervor. Lange, weiße Zähne glänzten im Mondlicht. Trotz diesen Gedanken ging ich weiter hinter Mulder her. Ich sagte nichts, denn ich war nicht in Stimmung, mir einen von Mulders Vorträgen anzuhören.

Nach - wie mir schien - unendlich langen Geschleiche durch das Gebüsch, wobei mir ständig Zweige ins Gesicht schlugen und Moskitos um meine Nase herumschwirrten, hatte ich schließlich genug! Ich war verschwitzt und meine Augen brannten.
"Mir reichtīs Mulder, ich geh keinen Schritt weiter."
Ich glaube das brauchen Sie auch nicht Scully. Sehen Sie mal da!"
"Was? Ich kann nicht mal die Hand vor Augen...."
Mulder deutete auf einen hellen Fleck in der Dunkelheit vor uns.
"Kommen Sie schon Scully, sehen wir uns das einmal an."
Als wir am Rande der Lichtung angekommen waren, flüsterte er aufgeregt: "Ja Scully, das muss es sein!"
Die Lichtung vor uns war etwa zweimal so groß wie der Garten meiner Mom. Der Boden war uneben und mit Gestrüpp überwachsen. Trotzdem konnte man leicht die schiefen Grabsteine erkennen. Und sie sahen wirklich genau so aus wie die in meinem Tagtraum. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Ich konnte die vorher so laut klingenden nächtlichen Geräusche nicht mehr hören, sie hatten völlig aufgehört. Einzig unsere Atemzüge waren noch zu hören.
"Kommen Sie Scully," flüsterte Mulder.
Er packte mich bei der Hand und zog mich auf den Friedhof. Dann wandten wir uns plötzlich gleichzeitig einander zu.
"Können Sie.....Scully, bemerken Sie das auch?" stammelte Mulder. Vor seinem Mund sah ich eine Dampfwolke.
"Ja, es ist ganz plötzlich eiskalt."
Mulder hielt immer noch meine Hand und so zog ich ihn einfach hinter mir her zurück in den Schutz der Bäume. Die Atemwolken verschwanden genauso geschwind, wie sie gekommen waren und ich spürte wieder die milde Nachtluft auf meinem kalten Gesicht.
"Eigenartig, was?" Mulder klang jetzt längst nicht mehr so selbstsicher wie vorhin. "Gehen wir im Schutz der Bäume ein Stück weiter und versuchen wir es dann noch einmal."
Ich suchte nach einer Erklärung, mein Gehirn suchte danach.
"Mulder, wahrscheinlich war das nur eine Kaltluftwelle, wie sie in Sümpfen manchmal durch Wasser und Kaltluftströmungen entstehen."
Mulder sah mich zweifelnd an.
"Ja, nur dass das hier kein Sumpf ist, kein Wasser und die Luft ist wie to...ich meine, ganz still. Ansonsten klingt Ihre Theorie großartig."
Ich antwortete nicht, und wir gingen weiter am Rande der Lichtung im Schatten der Bäume entlang. Rechts standen all diese Grabsteine, so, als warteten sie auf etwas.

Mulder blieb stehen. "Probieren wir es hier."
Wir traten aus den Schutz der Bäume und sofort spürten wir wieder diese eisige Atmosphäre. Ich fing an zu zittern, aber nicht wegen der Kälte. Hier stimmte irgendetwas nicht, da war ich mir ganz sicher.
"Egal, ich gehe weiter Scully." Mulders Gesicht verschwand fast vollständig hinter der Atemwolke. Da ich keine Lust hatte, hier allein rumzustehen, folgte ich ihm.
Vor einem etwas nacht links geneigten Grabstein blieben wir stehen. Die Inschrift war unleserlich und verwittert. Aber immerhin konnte ich die ersten beiden Ziffern der Jahreszahl lesen: 18.
Mulder hatte sich hingekniet und versuchte nun, mit steifen Fingern den Reißverschluss seines Rucksackes aufzukriegen.
"Was haben Sie vor Mulder? Wir sollten lieber versuchen, hier wegzukommen. Ich finde diese Aktion hier einfach nur sinnlos und lächerlich. Erinnern Sie mich das nächste mal daran, dass ich NEIN sage, wenn Sie mich wiedereinmal zu so etwas überreden möchten. Und nun kommen Sie, bevor wir hier erfrieren..."
Beim Sprechen schweifte mein Blick über den Friedhof. Am anderen Ende stand neben ein paar dünnen Bäumen ein einzelner Grabstein. Ich hielt den Atem an. Vor dem Grabstein stand ein Mann.
Ich wandte mich ab und presste meine eiskalte Hand vor die Augen.
"Mulder, da ist jemand," stieß ich hervor.
"Was?" Mulder übertrag gerade die verschwommene Grabinschrift in sein Notizbuch.
"Das ist Blödsinn Scully. Erst bilden Sie sich ein, einen Wolf zu hören, jetzt..."
Ich nahm ihm das Notizbuch aus der Hand. "Psst. Überzeugen Sie sich doch selber, da drüben." Ich deutete mit einer Kopfbewegung über meine Schulter.
Mulder richtete sich auf und schaute in die Richtung, die ich ihm gedeutet hatte. Ich konnte nicht anders, ich drehte mich ebenfalls um.
"Sehen Sie ihn Mulder?" flüsterte ich.
"Ja."
Der Mann stand regungslos vor dem Grabstein und schien in den Himmel zu starren. Er trug eine Lederweste, Lederhosen und Mokassins. Sein langes schwarzes Haar wurde von einem Lederstirnband zusammengehalten. Von seinem Gürtel hing ein kleiner Ledersack, der irgendwie zu glühen schien, anders konnte ich es nicht erklären. Um den Hals trug er eine Kette aus Knochen oder Zähnen, das konnte ich nicht so genau erkennen. Sein Gesicht wirkte wie eine Maske, dunkel und scharf geschnitten, mit einer Adlernase und einem breiten Mund.
Obwohl es so dunkel war, konnte ich all diese Einzelheiten ganz klar erkennen, sogar die Stickerei auf seinen Mokassins.
"Verschwinden wir Mulder, wenn der uns sieht, dann..."
"Nein, warten Sie Scully, ich will wissen, wer das ist. Ein Wächter vielleicht?"
"Ein Wächter von was Mulder? Ist doch egal, kommen Sie."
"Okay, okay Scully, nur einen Moment noch..."
Piep, piep, piep!
Noch nie war mir das Läuten von Mulders Handy so laut vorgekommen wie in diesem Augenblick. Mulder fummelte hektisch in seiner Tasche und schaltete es ab.

Der Mann am Grabstein drehte sich langsam zu uns um.
Seine Augen waren wie dunkle Höhlen, aus deren Grund ein schwarzes Feuer loderte. Die Augen hatten eine hypnotische Kraft, und als sein Blick mich traf, kam ich mir vor wie ein gefangenes Insekt.
Er starrte eine Ewigkeit in unsere Richtung, als würde er durch uns hindurchsehen.
Plötzlich machte er einen Schritt auf uns zu.

"Oh nein!" Mein Puls raste, als der Mann langsam auf uns zukam. Hätte ich mich in diesem Augenblick rühren können, ich hätte Mulder am liebsten einen Tritt in seinen Hintern verpasst. Schließlich hatte er uns wieder einmal in eine unmögliche Situation gebracht.
Doch plötzlich änderte der Mann die Richtung. Er ging auf den Rand des Friedhofes zu und verwand schließlich zwischen den Bäumen.

Mulder und ich standen wie erstarrte einige Augenblicke bei dem Grabstein. Dann endlich schloss Mulder sein Notizbuch und seufzte.
"Wow! Das war aber knapp."
"Kommen Sie jetzt endlich Mulder, verschwinden wir von hier."
"Noch nicht Scully. Ich will mir das mal näher ansehen."
Ich hatte gewusst, dass er das sagen würde. Wenn es bei Mulder einen Charakterzug gab, der noch ausgeprägter war als sein Glaube an Außerirdische, dann war das seine Neugierde. Mir war vollkommen klar, dass ich ihn hier nicht wegbekommen würde, bis er gesehen hatte, was er sehen wollte. Das einzige was ich tun konnte, war nachgeben, damit wir die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen konnten.

Wie stolperten über den holprigen Boden zu dem Grabstein, vor dem der Mann gestanden hatte. Er wirkte irgendwie ganz neu. Mulder fing an, die deutlich lesbare Inschrift in sein Notizbuch zu übertragen. Chief Copengo
Der feuchte Boden vor dem Grabstein war erst ganz frisch umgegraben. Kein trockenes Blatt, kein Grashalm lag darauf, nicht einmal eine Fußspur war zu sehen. Das jedoch schien mir unmöglich zu sein, schließlich hatten wir beide diesen Mann ganz deutlich gesehen.

Dann entdeckte ich noch etwas.
"Mulder" Ich hob den kleinen Lederbeutel auf, den der Mann vorhin am Gürtel gehabt hatte. Er war so weich wie Wolle und mit vielen Federn und Perlen verziert. Unten klebte etwas Erde daran. Der Beutel fühlte sich ganz warm an.
"Toll," meinte Mulder, "stecken Sie ihn ein Scully, den schauen wir uns später an."
"Sollten wir ihn nicht lieber hier liegen lassen Mulder?"
"Nein, nehmen Sie ihn mit."
Ich wollte mich nicht mit Mulder streiten, denn das hätte nur wieder dazu geführt, dass wir hier zu diskutieren anfangen würden, und ich wollte nichts anderes, als so schnell wie möglich hier verschwinden.
"Okay Scully, gehen wir."
Er sah auf seinen Kompass und deutete in die Richtung, in der auch der Mann verschwunden war. "Hier entlang."
Sobald wie den Friedhof hinter uns gelassen hatte, wurde es wieder sommerlich war.
Ungefähr 30 Minuten später standen wir keuchend am Strand. Wir holten das Boot aus dem Versteck hervor und kletterten hinein. Diesmal sah ich jedoch auf Mulder, damit ich meinen Blick nicht auf die Insel richten musste.

"Sie und Ihre tollen Ideen Mulder," beschwerte ich mich. "Das war wirklich das letzte Mal, dass Sie mich zu so etwas überreden konnten."
"Wieso Scully? Es war doch wirklich ein toller Spaß." Dann überlegte er, denn was wir da eben erlebt hatte, ergab einfach keinen Sinn, nicht einmal für Mulder.
"Scully, ist Ihnen bei diesem Mann etwas aufgefallen?"
"Hm...ich frage mich nur, warum es auf dem Friedhof so kühl gewesen ist, und im Wald nicht. Ach was, kühl, ich bin halb erfroren, meine Zehen..."
"Immer mit der Ruhe Scully," unterbrach mich Mulder.
"Warum trug dieser Mann eigentlich solch eigenartige Kleidung? Hat er denn nicht gefroren? Er war ja halbnackt."
"Aber Scully!" Mulder grinste.
"Nichts aber Scully! Mulder, sein Atem war nicht zu erkennen gewesen. Warum konnten wir ihn so deutlich sehen, trotzdem es doch so dunkel gewesen ist?"
"Das ist wirklich eine gute Frage Scully. Es sah so aus, als würde er irgendwie beleuchtet werden."
Mulder brachte mich mal wieder zur Verzweiflung!
"Beleuchtet durcht was? Dafür gibt es sicherlich eine vollkommen logische und wissenschaftliche Erklärung." < Die muss es geben>, fügte ich in Gedanken hinzu.
Mulder jedoch war schon wieder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und blieb mir die Antwort schuldig.
Schweigend ruderte er weiter. Ich war ebenfalls in Gedanken versunken. Doch kurz bevor wie wieder am Festland ankamen, viel mir wieder ein, dass der Mann, als er auf uns zugegangen war, über die frische Erde vor dem Grabstein getreten war. Doch dort, wo eigentlich Fußabdrücke hätten sein müssen, waren keine gewesen...

Als ich am nächsten Morgen erwachte, kam es mir vor, als hätte ich gerade erst fünf Minuten geschlafen. Mein Wecker zeigte auf halb acht. Ich drehte mich noch einmal herum, doch wie so oft, wenn ich mit Mulder unterwegs war, konnte ich nicht wieder einschlafen. Ich mochte diese Motels nicht, sie machten mir immer zu sehr bewusst, wir unnormal das Leben doch war, dass wir führten.
Meine Gedanken schweiften wieder zu Melissa. Dieser Fall, den Mulder und ich hier bearbeitet hatten, hatte mich wirklich sehr aus meinem inzwischen wiedererlangtem Gleichgewicht geworfen. Ich sah im Geiste Melissa vor mir, mit ihrer Kette mit dem Kreuz und weißen Perlohringen. Wieder einmal wünschte ich mir, ich hätte ihr Aussehen geerbt. Ich wünschte, ich hätte ihre Haare, nicht Dads rote Haare und seine Sommersprossen.
Manche Menschen bezeichneten mich als hübsch und in gewisser Weise war ich das auch. Doch ich wäre eben lieber so wie meine Schwester gewesen.
Ich schüttelte meinen Kopf und beschloss, eine Dusche zu nehmen, die mich auf andere Gedanken bringen sollte.
Doch als ich mich aufsetzte, kam mir wieder die letzte Nacht in den Sinn.
Wer war dieser Mann gewesen? Ein Geist? Nein, ich glaubte nicht an Geister! Ich bin Wissenschaftlerin. Bisher habe ich noch nichts gelesen, dass die Existenz von Geistern auch nur ansatzweise beweisen hätte können. Nur weil Mulder an Außerirdische und Vampire und was weiß ich sonst noch alles glaubte, wird deswegen aber immer noch keine Tatsache daraus.

Ich beschloss, anstatt der Dusche lieber einen kleinen Spaziergang zu machen. Das Wetter war herrlich warm. Ich ging zum Hafen hinunter und setzte mich auf eine Bank am Bootsteg. Meine Müdigkeit war noch nicht verschwunden. Ich trank einen Schluck von dem Kaffee, den ich mir beim Imbisstand geholt hatte und zum ersten Mal an diesem Morgen sah ich zu James Island hinüber.
Die Insel hob sich dunkelgrün von der hellen Wasseroberfläche ab. Auf dem See herrschte schon reger Betrieb, überall waren Boote. Segelbote mit bunten Segeln, Boote, die Wasserschier zogen, sogar einige größere Jachten waren zu sehen.
Ich konnte sehr gut verstehen, warum viele Menschen an solch ruhigen und schönen Tagen mit den Booten hinausfuhren. Ich hatte gelesen, dass es hier einige wunderschöne Sandstrände geben sollte. Es war eines dieser üblichen Touristenprospekte gewesen, in denen man die Sehenswürdigkeiten des Orten anpries.
Ich lehnte mich zurück, schloss die Augen und versuchte mich zu entspannen. Sofort jedoch erschien vor mir das Bild des Friedhofes. Ich machte die Augen wieder auf und blinzelte in die Sonne. Nach einiger Zeit jedoch war es mir zu anstrengend, in das grelle Licht der Sonne zu blicken, also schloss ich meine Augen wieder. Doch nun hatte ich sofort das Bild des Mannes und sein unheimliches Gesicht vor mir...

Ich gab es auf und ging zum Motel zurück. Ich hatte fest vor, Mulder davon zu überzeugen, dass wir heute von hier verschwinden würden. Der Fall war abgeschlossen, es war Freitag und vor mir lag ein lang ersehntes, freies Wochenende. Ich wollte es nicht mir Mulder und seinen Hirngespinsten vertun. Nichts gegen Mulder, ich hatte nicht wirklich etwas dagegen, auch noch meine freien Wochenenden mit ihm zu verbringen. Schon vor einiger Zeit haben wir damit angefangen, uns auch in unserer knapp bemessenen Freizeit manchmal zu treffen. Letztes Wochenende, da waren wir sogar im Kino gewesen. Natürlich war es wieder einer der Filme, die Mulder so hervorragend fand und die er sich sonst öfter bei sich zu Hause auf Video ansah. Doch danach waren wir noch essen gewesen, nichts besonderes, aber ich hatte den Abend wirklich sehr genossen, wir beide hatten das. In letzter Zeit fiel es mir immer schwerer, in Mulder NUR meinen Partner zu sehen. Freunde waren wir schon sehr lange, doch nun hatte sich auch noch etwas eingeschlichen, dass über die übliche Partner- und Freundschaft hinausging. Was ich für Mulder empfand, das war mir schon sehr lange klar, und ich war inzwischen auch sicher, dass es Mulder genauso ging. Dennoch waren die Barrieren, die jeder von uns in vielen Jahren aufgebaut hatte, immer noch sehr hoch, doch wir waren nahe daran, sie endlich für immer einzureißen.

Mulder war inzwischen aufgestanden. Auf mein Klopfen hin öffnete er die Türe und sah genauso müde aus, wie ich mich fühlte.
"Nun Scully, gestern Abend wollten Sie nicht mehr mit mir reden, doch vielleicht wollen Sie mir jetzt sagen, was sie davon halten."
"Ehrlich gesagt, ich hatte Angst Mulder. Und jetzt will ich eigentlich nicht mehr, als endlich nach Hause zu fahren. Doch wenn ich Sie mir so anschaue, dann weiß ich, ich kann Sie nicht davon überzeugen, mit mir zu kommen, hab ich recht?"
Mulder überhörte meine Frage und antwortete: "Angst? Dazu besteht kein Grund Scully. Der Typ hat uns ganz bestimmt nicht gesehen. Ich denke, wir sollten da heute noch einmal hinrudern. Wir brauchen mehr Informationen." Mulder grinste mich breit an.
"Mulder! Dieser Mann HAT uns gesehen. Ihre Gelassenheit macht mich noch irgendwann wahnsinnig! Er hat uns direkt angesehen, als Ihr verdammtes Handy geläutet hatte."
"Ach seien Sie doch vernünftig Scully- Sie waren ja schon nervös, bevor wir den Friedhof überhaupt gefunden hatten. Sie waren sogar davon überzeugt, dass es dort Wölfe geben würde."
Er wartete meine Antwort nicht ab, sonder fuhr fort:
"Sie haben sich einfach von Ihrer Angst beeinflussen lassen, das wissen Sie auch. Das ist grundlegende Pyschologie!" Mulders grinsen wurde immer breiter.
Ich schnaubte verächtlich. "Das bedeutet noch lange nicht, dass ich Halluzinationen hatte Mulder."
"Wir haben einen Friedhof gesucht und ihn gefunden. Weiters haben wir einen alten Indianer gesehen, weiter nichts. Wahrscheinlich hat er vor diesem neuen Grab nur ein altes indianisches Ritual abgehalten."
"Ein Indianer also? Na klar, was denn sonst! Und wieso hat er dann nicht gefroren so wie wir? Unseren Atem konnten wir sehen, seinen aber nicht. Und wieso hatte er keine Fußabdrücke auf der frischen Erde hinterlassen?"
Ich wusste, Mulder liebte diese Art von Diskussionen und er versuchte wie immer, recht zu bekommen.
"Ganz einfach. Es war dunkel. Wir dachten, er hätte vor diesem Grab gestanden, doch anscheinend ist er eben dahinter oder daneben gestanden, dort, wo der Boden nicht umgegraben war."
Typisch Mulder. Auf die anderen Dinge, die ich ihm gerade gesagt hatte, ging er gar nicht erst ein.
"Versuchen Sie das nicht mit mir Mulder. Ich weiß, was ich gesehen habt!"
"Und was haben Sie gesehen? Einen Geist etwa?" Er lachte, denn er wusste ganz genau, dass ich nicht an Geister glaubte.
Ich antwortete nicht. Trotzdem war ich mir nicht ganz sicher, ob dieser Indianer wirklich ein menschliches Wesen war. Es entsprach zwar all meiner Logik, doch eine andere Erklärung hatte ich im Moment einfach nicht.
"Scully, egal was Sie denken, vergessen Sie es für einen Augenblick. Gehen Sie rüber in Ihr Zimmer und holen Sie diesen Lederbeutel, den wir gestern mitgenommen haben. Lassen Sie uns einmal sehen, ob der Licht in das Dunkle bringen kann."

Ich hatte keine Chance. Ich wusste, ich würde hier nicht ohne Mulder wegfahren, und genauso sicher war ich mir, dass Mulder nicht fahren würde. Ja, ich könnte ihn einfach hier lassen, doch ich war mir auch sicher, dass Mulder dann wieder in irgendwelche Schwierigkeiten verstrickt werden würde und er mich dann sowieso wieder hierher zitieren würde, damit ich ihm aus dem Schlamassel wieder herausholen würde. In diesem Fall war es eben besser, doch hierzubleiben, dann hätte ich wenigstens etwas Kontrolle über die Situation. Doch hatte ich jemals die Kontrolle, wenn es um Mulder und seine Theorien ging?

Wieder zurück bei Mulder warf ich den Lederbeutel gespielt lässig aufs Bett. In Wirklichkeit wollte ich genauso gerne wissen, was sich darin befand wie Mulder.
Mulder nahm den Beutel und hielt ihn hoch. Die Perlen schienen im Sonnenlicht zu glühen.
"Sehen Sie das Scully?" Er deutete auf den getrockneten Erdklumpen, der immer noch am Beutel hin. "Kommt mir eigentlich wie ein ganz normaler Lederbeutel vor."
Mulder fing langsam an, die beiden Bänder aufzuziehen.
"Der Beutel ist sehr weich, wahrscheinlich Hirschleder."
Da stimmte ich ihm zu. Ich setzte mich neben ihn "Ja, ich denke da haben Sie recht, man erkennt es an der hellen Farbe."
Mulder griff in den Beutel hinein und zog einen kleinen Zahn heraus, einen Stockzahn. Der Größe nach zu urteilen war es der Milchzahn eines Kindes. Mulder griff wieder in den Beutel und noch einmal kam ein Zahn zum Vorschein, diesmal allerdings der Zahn eines Tieres, eines Hundes vielleicht.
Ich bemerkte, dass ich die Luft angehalten hatte und bemühte mich nun, wieder normal zu atmen. Offenbar hatte Mulder wieder einmal recht behalten, und der Inhalt des Beutels war doch harmloser, als ich erwartet hatte.
"Ich bin nicht gerade überwältigt Scully."
Wieder langte er in den Beutel und diesmal kam ein kleines, rötlichbraunes Dreieck zum Vorschein.
"Was ist denn das?"
"Keine Ahnung," antwortete Mulder. Das Ding rutsche ihm aus der Hand und fiel auf den Boden. Vorsichtig hob ich es auf.
"Mulder, es könnte....ja! Hier sind Haare dran. Es ist ein Stück Haut. Moment mal...es ist ein Ohr!"
"Ähm Scully, sind Sie sicher? Ein Ohr?"
Ich betrachtete es noch einmal genau.
"Ja Mulder, es ist ein Ohr, das Ohr eines Hundes oder etwas ähnlichem. Es könnte aber auch von einem Fuchs stammen."
Nicht ganz von dem überzeugt was ich gesagt habe, griff Mulder wieder in den Beutel. Was immer er da berührt hatte, Mulder machte nun ein sehr komisches Gesicht und zog seine Hand aus dem Beutel.
"Geben Sie schon her!"
Ich griff nach dem Beutel, langte hinein und fischte einen kleinen Knochen heraus. Ich legte ihn zu den anderen Dingen aufs Bett und holte nun das letzte Stück aus dem Beutel heraus. Es war ein runder Gegenstand in der Größe eines Dollars.
Mulder nahm ihn in die Hand und drehte ihn lange hin und her.
"Und?" Eigentlich hätte ich gar nicht fragen müssen, denn Mulder sah mich triumphierend an.
"Es ist eine alte indianische Münze. Und sie ist aus Gold Scully!"
"Lassen Sie mich sehen." Ich nahm die Münze an mich. Man konnte auf der einen Seite undeutlich die Umrisse eines Gesichtes sehen. Die andere Seite war völlig abgegriffen, aber dennoch gelang es mir, zwei Ziffern zu lesen, eine eins und eine fünf.
"Sehen Sie mal Mulder." Ich zeigte ihm die Zahlen.
"Hm, sie ist alt."
"Genial Mulder, darauf wär ich nie gekommen," spottete ich.
Doch Mulder ging nicht auf meine Bemerkung ein sondern betrachtete die Gegenstände auf seinem Bett: zwei Zähne, ein Knochen, das Ohr und die Münze.
Ich fragte mich wirklich, ob dies alles irgendeine Bedeutung haben sollte, doch wenn ja, wollte ich dann wirklich wissen, welche?
Meine innere Stimme riet mir, Mulder zu überreden, das Zeug wieder in den Beutel zu geben, ihn in den Müll zu werfen und von hier zu verschwinden.
Mulder schien meine Gedanken zu lesen, denn er meinte: "Scully, ich weiß, es is Ihr freies Wochenende. Sie wollen nach Hause und sich ausruhen. Doch ich bitte Sie, lassen sie uns hier bleiben. Wie können ja heute Abend essen gehen und dann vielleicht einen kleinen Spaziergang machen. Es ist doch eigentlich wunderschön hier und Sie hätten sich wirklich einige Tage ruhe verdient. Behalten Sie den Beutel und lassen Sie uns morgen überlegen, was wir damit machen wollen"
"Bitte," fügte er dann leise hinzu und sah mich mit seinem berühmten Hundeblick an.
Er hatte gewonnen, er wusste, dass er gewonnen hatte. Ich brauchte ihm nicht zu antworten, er hatte es schon in meinen Augen gelesen.

Mulder und ich hatten einen wirklich schonen Tag zusammen verbracht. Der sonst so arbeitsbesessene Mulder war richtig schön locker geworden, als wir durch den kleinen Ort spaziert waren und er hatte mir sogar geholfen, ein keines Geschenk für meine Mom auszusuchen. Wir hatten viel gelacht und es hat Momente gegeben, ich denen ich wirklich fast vergessen habe, dass wir eigentlich Partner und Freunde waren. Die Bedienung in dem Cafe, in der Mulder mir am Nachmittag eine riesigen Eisbecher spendiert hatte war der Meinung gewesen, wir wären schon seit Jahren verheiratet. Sie hat mich angesprochen, als ich von der Toilette kam und mich zu diesem Mann beglückt. Jetzt im nachhinein musste ich darüber lächeln, denn sie war wirklich eine sehr nette, kleine Person gewesen.
Mulder hatte mich nicht enttäuscht, nein, ich war sogar mehr als positiv überrascht gewesen, denn er hatte es geschafft, den ganzen Tag nicht einmal das Gespräch auf die Insel oder den Indianer zu bringen. Im Grunde hatten wir diesen Tag wie zwei völlig normale Menschen verbracht, die nicht über die Arbeit oder sonstige Probleme geredet hatten.

Jetzt, nach dem versprochenen Abendessen, hatte Mulder mich ganz gentlemanlike zu meiner Zimmertür gebracht und mir zum Abschied einen Kuss auf den Mund gegeben. Es war nichts weiter als ein kleiner, kurzer Kuss gewesen, so wie wir ihn auch schon Silvester 2000 geteilt hatten, doch jetzt, hier in meinem Bett, spürte ich immer noch seine Lippen auf meinen. Ich schloss die Augen und hatte das Gefühl, sogar seinen typischen Mulderduft riechen zu können.
Dieser Tag hatte uns in unserer Beziehung mit Sicherheit einen bedeutenden Schritt nach vorne gebracht, denn langsam begann die Mauer um uns herum zu bröckeln und ich war mich sicher, dass es nur mehr eine Frage der Zeit sein würde, bis wir auch noch den letzten Schritt wagen würden. Zusammen.

Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Stundenlang wälzte ich mich im Bett herum, schüttelte mein Kissen auf und strich die Decke glatt.
Ich weiß nicht, wie lange dich dann geschlafen hatte, als ich plötzlich hochfuhr. Die Kälte musste mich geweckt haben. Ich zitterte, und wickelte mich bis zum Hals in meine Decke ein. Vor meinem Fenster konnte ich die Blätter des Baumes im silbrigen Mondlicht glitzern sehen.
Dann bemerkte ich, dass etwas, das am Tisch lag, zu leuchten schien.
Der Lederbeutel des Indianers!
Ich hatte ein ganz ungutes Gefühl im Magen.
Dann erst bemerkte ich die Atemwolke vor meinem Gesicht. So kalt kann es gar nicht sein, dachte ich, schließlich war es Sommer.
Ich beschloss, aufzustehen und zu Mulder rüberzugehen, er würde mich sicher wärmen. Auf dem Weg zur Tür blieb ich dann aber stehen. Ein Geräusch an meinem Fenster ließ mich zusammenzucken. Ich sah mit vollem Entsetzen hin, denn ich war mir sicher, das etwas passieren würde. Ich war kein Angsthase, doch mein Erlebnis mit Dune Barry hatte mich gelehrt, das in manchen Situationen Angst etwas berechtigtes ist.
Ich ging zum Fenster. Kein Ast, einfach gar nichts berührte mein Fenster, allerdings hörte das Geräusch dennoch nicht auf. Es klang wie ein Klirren, doch ich konnte mir nicht erklären, was da klirren könnte.
Draußen vor meiner Türe hörte ich Schritte. Jetzt bekam ich wirklich Angst, denn diese Schritte gehörten keinesfalls zu Mulder, dem seine Schritte kannte ich!

Ich hatte Angst mich zu bewegen, also setzte ich mich wieder aufs Bett und starrte auf die geschlossene Türe. Ich hörte ein Lachen, irgendjemand lachte vor meiner Türe, aber es war kein menschliches Lachen. Es klopfte. Jemand klopfte an meine Türe, doch ich war nicht in der Lage, hinzugehen und nachzusehen, wer es war.

Danach war es still.

Ich zog mir die Decke enger an mich, denn nun begannen auch noch meine Zähne zu klappern. Ob nun aus Kälte oder Angst, das konnte ich nicht sagen. Mein Glieder wurden schwer, ich hatte das Gefühl, angekettet zu sein. Ich legte mich nieder und zog die Knie an meine Brust. Ich konnte immer noch die Atemwolke vor meinem Gesicht sehen, meinen Blick auf die Türe geheftet.

Plötzlich hörte das Klirren am Fenster auf.

Ich atmete erschöpft und schwer auf. Schweiß stand auf meiner Stirn, doch wieso schwitzte ich? Es war immer noch eiskalt hier drinnen, allerdings konnte ich nun den Atem nicht mehr sehen.
Plötzlich überkam mich eine erdrückende Müdigkeit und ich schlief auf der Stelle ein.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug war es immer noch Nacht. Mondlicht schimmerte durch das Fenster und im Zimmer war es wieder ganz warm.

"Was für ein Traum!" Toll, jetzt redete ich schon mit mir selber, ganz so als wollte ich mich davon überzeugen, dass dies wirklich nur ein Traum gewesen war. Es musste ein Traum gewesen sein, denn normalerweise hatte ich nicht solch panische Angst.

Und wieder hörte ich Schritte vor meiner Türe. Doch noch bevor ich mir überlegen konnte, was nun wieder im Gange war, wurde mir klar, dass diese Schritte zu Mulder gehörten. Also ging ich, machte die Tür auf und fiel Mulder um den Hals.
"Ach Mulder, Sie haben mich zu Tode erschreckt."
Mulder erwiderte meine Umarmung und antwortet: "Tut mir leid Scully." Dann ging er auf mein Bett zu und setzte sich, wobei er mich ganz eigenartig anschaute.
"Haben Sie.....haben Sie auch etwas eigenartiges gehört Scully?"
Nun blieb mir wirklich buchstäblich der Atem stehen, denn wenn sogar Mulder etwas gehört hatte, dann war das vorhin wirklich kein Alptraum gewesen.
"Was denn zum Beispiel Mulder?"
"Sie haben es auch gehört, stimmtīs Scully?" Seine Stimme überschlug sich fast. "Ich sehe es in Ihren Augen."
"Ich hab keine Ahnung wovon Sie reden Mulder. Sie tauchen hier mitten in der Nacht auf und jagen mir einen heiden Schrecken ein und..."
"Scully, ich sag Ihnen, WAS ich gehört hab. Schritte und...und Lachen und ein Geklirre."
Ich brauchte Mulder gar nicht darauf zu antworten, denn ein Blick in mein Gesicht genügte ihm und er hatte erfahren, was er wissen wollte.
Doch ich war wütend. Wütend, weil ich mir einzureden versuchte, das es wirklich nur ein Traum gewesen war und nun kam Mulder, und erzählte mir, dass er das gleiche gehört hatte. Jetzt konnte ich mir nichts mehr vormachen.
"Hatten Sie Angst Scully?"
"Nein, ich war ganz begeistert. Ich habe meinen unbekannten Besucher aufgefordert hereinzukommen und ein Gläschen Wein mit mir zu trinken. Natürlich hatte ich Angst Mulder."
Ja, jetzt war ich wieder die alte Dana.
"Nur eines Mulder, eines haben Sie nicht erwähnt, nämlich, dass es eiskalt gewesen war."
Mulder nickte. "ja, das hab ich auch gespürt." Er sah mich an und seine Augen wurden noch größer, "genau wie..."
"Genau wie auf James Island," fiel ich ihm ins Wort.
Mulder murmelte etwas unverständliches und sah mich dann besorgt an.
"Scully, wenn Sie möchten, dann bleib ich den Rest der Nacht bei Ihnen."
Etwas leiser fügte er noch hinzu: "es wäre sicherer."

Dagegen konnte ich nichts sagen und so nickte ich einfach. Es war nicht die erste Nacht, die ich mit Mulder in einem Bett übernachten würde und egal was auch immer ich heute schon einmal über die neue Beziehung zwischen Mulder und mir gedacht hatte, ich war mir sicher, heute würden wir diesen "nächsten" Schritt sicher nicht machen...

Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag Mulder noch friedlich schlummernd neben mir. Ich wollte ihn nicht wecken, sondern betrachtete ihn mit einem Lächeln auf den Lippen. Er war nicht nur ein schöner Mann, er war auch jemand, auf den ich mich immer völlig verlassen konnte. Egal in wie viele Schwierigkeiten er mich auch schon gebracht hatte, über eines war ich mir völlig klar: für Mulder war ich etwas ganz besonderes, so wie er für mich auch. Er hatte keine Familie mehr, eigentlich hatte er nur noch mich, und ich war mir absolut darüber im Klaren, dass er dies genauso sah.
Wir hatten noch nie viele Worte gebraucht, um die Gefühle des anderen zu verstehen, obwohl ich mir manchmal schon wünschte, einer von uns würde die Mauern einreißen und wir wären endlich einmal in der Lage, das auszusprechen, was wir tief in uns drinnen schon so lange wussten.

Neben mir streckte sich Mulder und als er endlich wach war beschlossen wir, erst einmal zu frühstücken und dann erst über die Ereignisse letzter Nacht zu reden.
Nach Mulder alles aufgezählt hatte, was er sich über diesen Vorfall zusammen gereimt hatte, beendete er den Satz mit einer seiner berühmten Aufzählungen.
"Kay Scully, bis jetzt haben wir also nur eine mögliche Erklärung. Irgendetwas...ähm...supranaturales geht hier vor."
"Wie bitte?" Ich konnte ihm nicht ganz folgen.
Mulder hatte sich wieder gefangen, denn er belehrte mich mit seinem lehrerhaften Ton. "Etwas Übernatürliches Scully. Etwas, wofür wir - wieder einmal - keine logische Erklärung haben. Die traditionellen Wissenschaften bringen uns hier eben auch nicht weiter. Aber eines Tages finden wir sie Scully."
Mulder sprach heute in Rätseln.
"Eines Tages finden wir was?"
"Die Erklärung für diese Ereignisse."
"Supranaturales...klingt nicht wie ein Wort, das Sie sonst benützen Mulder."
Mulder ignorierte mich mal wieder, wie üblich, wenn er von etwas überzeugt war.
"Übernatürliches schließ solche Dinge ein wie... na ja, Götter, Monster und auch Wunder."
Dann zuckte er mit den Schultern und fuhr fort: "kay, und auch Geister."
"Gut Mulder, dann sage ich Ihnen mal, was ICH glaube. Ich glaube nicht an Geister, doch ich bin mir sicher, dass der Indianer, den wir auf James Island gesehen haben, keine Mensch gewesen ist, davon bin sogar ich überzeugt. Und dieser...dieser Jemand heute Nacht an meiner Türe, der kann auch keine Mensch gewesen sein. Zwischen den beiden Ereignissen muss es irgendeinen Zusammenhang geben."
Ich wollte gerade noch etwas hinzufügen, als mein Handy läutete, es war meine Mom.

Nach den üblichen Begrüßungen erzählte sie mir etwas, das ich nun aber wirklich nicht einordnen konnte. Meine Mom sagte, dass letzte Nacht jemand bei ihr im Haus gewesen sein musste, denn all die Fotos, die Bill, Melissa, Charles und mich als Kinder zeigten, lagen verstreut im Wohnzimmer auf den Boden. Mir war klar, dass Mom für einen Moment gedacht haben musste, ich wäre das gewesen, denn kurz nach Melissas Tod hatte ich einige Male all diese Fotos betrachtet, nur um Melissa näher sein zu können....

Mulder war in den Ort gegangen, da er etwas zu erledigen hatte, wie er sagte. Ich beschloss, mich wieder an den Hafen zu setzten und diesen schönen Tag zu genießen. Ich war mir immer noch nicht darüber klar, warum Mulder noch einen weiteren Tag hier verbringen wollte, doch mir war auch klar, dass er sich keinen Schritt von hier wegbewegen würde, bis er die Vorfälle der letzten zwei Tage geklärt haben würde.
Irgendwann tauchte Mulder neben mir auf.
"Na Scully, halten Sie immer noch an Ihrer Theorie fest, dass der Indianer und derjenige von heute Nacht keine menschlichen Wesen wären?"
"Allerdings Mulder. Und ehrlich gesagt, wenn Sie schon hier bleiben und den Fall zu lösen versuchen wollen, warum wenden wir uns dann nicht an Chief Master? Sie haben doch selbst gesagt, wenn sie jemand mit spirituellen, Geister, Vampiren oder ähnlichen auskennt, dann sei es er."
Mulder verzog sein Gesicht.
"Der Typ ist ein Spinner Scully, das wissen Sie. Seine Mitarbeit bei der Klärung des Falles, wegen dem wir hierher gekommen waren, war brilliant, das gebe ich zu, aber nichts desto trotz ist er ein Spinner. Und er mag Sie!"
Verwundert schaute ich zu Mulder auf. War es ein Problem für ihn, dass ein anderer Mann mich mochte?
"Sie kennen ihn doch kaum Mulder, wie können Sie da behaupten, er sei ein Spinner?"
"Kay Scully, ich will nicht mit Ihnen streiten, ich werde mit Chief Master reden, versprochen."

Nach dem Abendessen gingen wir zu Chief Master. Wir hatten ihn zu Klärung des Falles, den wir hier bearbeitet hatten, hinzugezogen. Sonst wussten wir nicht viel über ihn. Sein Haus stand neben dem Pfarrhaus. Schon als wir das Haus betraten war mir klar, warum er hier von vielen für einen Spinner gehalten wurde. Er war ganz sicher ein Idealist, ein Einzelgänger. Er hatte seinen eigenen Stil, schon allein bei seiner Kleidung und seinen Haaren. Doch so wie ich ihn kennen gelernt hatte, kümmerte er sich nicht weiter um das Gerede der anderen Leute. Andererseits war Mulder und mir auch klargeworden, dass er mehr über Okkultismus, Werwölfe, Geister und all dieses Kram wusste.
"Was wollen wir ihm eigentlich erzählen Scully?"
Jetzt erst wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, wie wir ihm die Sache erklären sollten. Doch das würde ich Mulder um keinen Preis der Welt gestehen.
"Das werden wir schon herausfinden Mulder," antwortete ich, "gehen wir."
Ich betätigte den schweren Messingknopf an der Tür.

"Agent Scully, Agent Mulder." Chief Master war kein bisschen überrascht, uns hier zu sehen, "kommen Sie doch rein."
Mulder kam auch sofort zur Sache.
"Wir sind hier, weil wir möglicherweise ein Problem haben und Sie vielleicht der einzige sind, der uns helfen kann."
"Was für ein Problem?" Chief Masters Stimme war warm und angenehm.
Mulder grinste und antwortete: "Nun, es geht sozusagen um...ähm, um einen Geist."
Chief Masters Reaktion auf Mulders Aussage war eher so, als hätte der lediglich eine Bemerkung über das Wetter gemacht.
"Tatsächlich? Nun, dann kommen Sie erst einmal herein."

Als wir uns gesetzt hatten, fing Mulder an, alles bis auf das kleinste Detail zu erzählen. Unseren Ausflug auf James Island bis hin zu den seltsamen Ereignissen letzte Nacht.
"Wessen Grab war es?" hackte Chef Masters auch sofort nach.
"Cape und noch was," meinte Mulder. "Moment mal." Er zog sein Notitzbuch aus der Jacke.
"Ja, Randy Copengo."
"Das war der Häuptling der Oplolaway, die drüben im Reservat leben. Sein Name bedeutet Fuchs, das stand zumindest in der Zeitung."
Ich warf einen unsicheren Blick zu Mulder hinüber, denn irgendwie hatte ich einen Moment den Eindruck, das wäre eine Anspielung auf seinen Namen gewesen. Doch falls dies der Fall sein sollte, Mulder ließ sich nichts anmerken.
Ich musste an die Dinge aus den Lederbeutel denken. Stammten die Zähne, das Ohr oder die Knochen vielleicht von einem Fuchs?
"Er ist vor ein paar Tagen gestorben," fuhr Chief Master fort. "Aber es war wohl kaum sein Geist, den Sie da gesehen haben."
"Wieso wollen Sie das wissen Chief?" Diese Antwort hatte mich etwas verwundert. Ich war schon genug über mich selbst überrascht, denn schließlich saß ich hier mit meinem Partner, der in normalen Fällen Außerirdischen hinterher jagte und nun führten wir mit Chief Master eine Unterhaltung über Geister, als seien diese das normalste der Welt. Wenn dem so war, dann sicher nicht in meiner Welt, denn innerlich weigerte ich mich immer noch daran, an sie zu glauben.
Doch Chief Master hatte auch hierfür eine Antwort.
"Also, der Mann den Sie gesehen haben, hatte normale, traditionelle Indianerkleidung an, richtig?" Er wartete die Antwort nicht ab. "Und er hatte einen Medizinbeutel. Soweit mir bekannt ist, stehen modernen Häuptlinge nicht mehr besonders auf..."
"Was für ein Beutel?" Er wurde von Mulder unterbrochen.
"Ein Medizinbeutel. Das war es vermutlich, was Sie gefunden und mitgenommen haben."
Mulder nickte nun zustimmend.
"Da könnten Sie recht haben. Warum bin ich blos selbst nicht darauf gekommen?"
Irgendwie erschien mir das auch logisch. Das, was die Indianer Medizin nennen, hat nichts mit Medikamenten zu tun, sondern bedeutet spirituelle Macht. Mulder schien mal wieder meine Gedanken zu lesen, denn er fuhr fort: "früher musste ein junger Indianer allein in den Wald gehen, ohne Nahrung und ohne Waffen. Dort wartete er auf eine Vision, die ihm sein Totemtier zeigte. Wenn es ihm erschienen war, sammelte er geweihte Gegenstände, die mit seinem Totem zu tun hatten und tat diese in seinen Medizinbeutel."
Chief Master nickte bei Mulders Worten. "Das ist richtig. Solch ein Medizinbeutel hat eine ungeheuerliche Macht. Sie haben ihn doch hoffentlich nicht geöffnet?"
Ich blickte betreten zu Boden. "Doch."
Chief Master stöhnte auf. "Was? Das ist jetzt nicht ihr ernst oder?
Wieder nickte ich.
"Ich Ihnen denn so etwas wie letzte Nacht schon einmal passiert Agent Scully?"
"Nein. Zumindest nicht auf diese Art und Weise. Wir erleben bei unseren Arbeiten an den X Akten die verwirrendsten und unerklärlichsten Dinge, doch so und in dieser Weise, nein."
"Chief Master schüttelte den Kopf. "Sie haben den Beutel geöffnet und den Inhalt in Agent Scullys Zimmer gelassen. Der Poltergeist hat sein Unwesen vor Agent Scully Zimmer getrieben. Was brauchen Sie noch, ein drei Meter hohes Beweisschild?"
"Was für ein Geist?" Langsam verlor ich den Überblick und Mulder saß da, und sagte gar nichts.
"Poltergeist, Agent Scully." Chief Master lächelte mich milde an. "Poltergeister sind furchterregend. Aber nicht gefährlich, normalerweise jedenfalls nicht. Geben Sie mir da recht, Agent Mulder?"
Endlich fand auch Mulder die Sprache wieder.
"Ja. Meine Theorie wäre, dass durch das Öffnen des Beutels eine...hm, nennen wir es eine...eine geistige Kraft, freigesetzt wurde. Es ist so, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Die Wellen, die er erzeugt, setzen sich immer weiter über die Oberfläche fort."
Chief Master sah Mulder verwundert an, doch ich verstand, was er sagen wollte. Und es gefiel mir gar nicht. Da kam mir ein Gedanke: "wenn ich nun die Dinge wieder in den Beutel stecke und ihn irgendwie loswerde, hört dieser Spuk dann auf?"
Mulder schüttelte bedenklich den Kopf. "Nein Scully, ich denke nicht. So einfach ist das nicht. Wenn so eine übernatürliche Aktivität erst mal begonnen hat, kann man sie meistens nicht mehr stoppen.
"Mulder, nein! Sie meinen, es ist unmöglich?"
"Nicht unmöglich, aber sehr schwierig, etwas dagegen zu unternehmen. Scully, es tut mir leid, es ist meine Schuld. Ich hätte Sie nie dazu überreden sollen, mit mir auf diese Insel zu kommen."
Als ich Mulders besorgten Gesichtsausdruck sah, musste ich lächeln.
"Mulder, vergessen Sie es! Sie sind nicht Schuld daran, schließlich haben Sie mich ja nicht gezwungen, mitzukommen."
Jetzt mischte sich auch Chief Master wieder in das Gespräch ein.
"Agent Scully, das Haus Ihrer Mutter, wie alt ist es?"
"Ich würde sagen, sicher über 100 Jahre alt, wieso?"
"Nun, das ist interessant. Vielleicht ist dort vor langer Zeit etwas passiert, ein Unfall, oder ein Mord. Könnten Sie das herausfinden?"
"Nein Chief, ich WEISS das dort nichts dergleichen passiert ist. Zumindest nicht in diesem Haus."
"Was meinen Sie damit Agent Scully?"
Mulder beantwortete das für mich. "Was Scully meint, ist, nicht IN diesem Haus, aber es gab einen Mord in ihrer Familie, vor ein paar Jahren. Allerdings geschah das nicht in dem Haus von Mrs. Scully, sondern in Scullys Wohnung."
Chief Master überlegte einen Augenblick.
"Hm, auch diese Möglichkeit sollten wir nicht außer Acht lassen. Aber es gibt noch etwas, das wir tun könnent."
"Und das wäre?"
"Wir könnten jetzt nocheinmal nach James Island hinüber rudern und versuchen, mit diesem Indianer zu reden. So könnten Sie auch diesen Medizinbeutel loswerden. Geben Sie ihn den Indianer zurück."
Das war nun allerdings doch zuviel verlangt. "Nein, das kommt gar nicht in Frage, ich werde da nicht mehr hingehen. Und Mulder auch nicht!"
"Aber Scully, was haben Sie denn?" Mulder sah mich verwundert an. Konnte er denn wirklich nicht verstehen, dass ich mir Sorgen um ihn machte? Mulder war ein wichtiger Teil meines Lebens, das hatte ich inzwischen begriffen. Ich wollte es nicht riskieren, dass er sich unnötig in Gefahr begab. Andererseits, hatte ich Mulder schon jemals davon abhalten können, sich in Gefahr zu begeben?
Plötzlich wurde mir klar, wie irrwitzig diese Situation war. Hier saßen wir, und redeten wie selbstverständlich über Geister. Und Mulder und Chief Master glaubten offensichtlich auch noch daran.
Ich wusste, Mulder würde da hinüberrudern und nichts, nicht einmal ich, konnten ihn davon abhalten es zu tun. Mir blieb also keine andere Wahl.
"In Ordnung, ich werde mitkommen."

Eine halbe Stunde später trafen wir uns mit Chief Master am Bootsteg. Mulder und ich hatten noch den Medizinbeutel aus meinem Zimmer geholt.
"Was haben Sie denn da mitgebracht Chief?" Mulder hatte das große Paket bemerkt, dass Chief Master mitgebracht hatte.
"Ach, nichts weiter," antwortete der Chief. Er öffnete das Paket und zum Vorschein kam das Kreuz, das vorhin noch in seinem Wohnzimmer gehangen hatte. Weiters waren da noch zwei Funkgeräte.

Chief Master gab Mulder eines der Funkgeräte und hielt mir das Kreuz hin. Doch ich zeigte ihm mein kleines, goldenes Kreuz, das immer um meinen Hals hin und er legte seines wieder in das Paket zurück.
Wir setzten uns ins Boot und Mulder nahm die Ruder. Ich hatte den Medizinbeutel in meiner Jackentasche, er fühlte sich warm an.
Trotz allem gab ich den Beutel nur ungern wieder her. Natürlich, irgendwie machte er mir Angst vor allem wenn ich bedachte, dass er vielleicht wirklich eine unnatürliche Kraft freigesetzt hatte. Doch meine Vernunft sagte mir immer noch, das dies nicht unbedingt der Fall sein müsse.
Sobald wir unterwegs waren flüsterte Chief Master mir zu: "Nervös Agent Scully?"
Ich zuckte zusammen und er lachte. "Ich glaube, das beantwortet die Frage."
"Sie irren sich Chief, wenn sie denken, Scully hätte vor irgendetwas Angst. Bei unserer Arbeit an den X-Akten hat sie schon viele unerklärliche und unheimliche Dinge gesehen, da wird sie jetzt nicht damit anfangen, sich zu fürchten."
Mulders Worte ehrten mich doch ich traute mich nicht, ihm in die Augen zu schauen, denn darin würde er sofort erkennen, dass er diesmal mit seiner These nicht ganz richtig lag.
"Wenn Sie sagen, unheimliche Dinge, meinen Sie dann auch Geister?"
Nein Chief, einen Geist hab ich definitiv noch nicht gesehen." Diesmal musst ich wirklich lächeln.
"Was bitte machen Sie dann jetzt hier, wenn Sie nicht an Geister glauben?"
Ich dachte einen Moment nach.
"Ich sage nicht, dass es sie nicht gibt, nur das ich nicht daran glaube. Geister sind etwas, das man wissenschaftlich nicht erfassen oder erklären kann und ich denke nun mal, für alles was passiert, muss es eine Erklärung geben. Aber ich denke, sollte es Geister wirklich geben, dann müssen wir vor ihnen keine Angst haben. Sie tun uns nichts. Das ist zumindest meine Meinung."
Mulder war mehr als nur überrascht, solche Worte aus meinem Mund zu hören. Doch Chief Masters schien mich irgendwie zu verstehen.
"Es wird schrecklich viel dummes über Okkulte und Übernatürliches geredet. Und der größte Unsinn ist, dass Geister zurückkommen, um den Menschen zu schaden."
Mulder lachte. "Ich gebe Ihnen ja recht Chief, aber es ist doch auch so, dass alle Filme auf dieser Rachetheorie aufgebaut sind. Der Geist kommt zurück um sich zu rächen."
"Das ist richtig. Mord und Totschlag macht so einen Film erst interessant. Doch was haben Sie für eine Theorie Agent Mulder?"
Na, wie wärīs denn mit der Schloss-Theorie? Es gibt jede Menge alter Schlösser in denen es spuken soll." Mulder sah mich lächelnd von der Seite an, ich wusste, worauf er anspielte. Dann fuhr er fort: "Aus verschiedenen Gründen, vielleicht Mord, ein schrecklicher Unfall oder eine tragische Liebesgeschichte - hängt der oder die Geister dann dort herum. Er erscheint, versucht aber nicht immer, mit den Menschen Kontakt aufzunehmen oder ihnen irgendwie zu schaden. Nur manchmal eben!"
Was redete Mulder da blos?
"Mulder, ist das die einzige Theorie, die Ihnen einfällt?"
"Muss ich darauf antworten Scully?" Mulder grinste mich herausfordernd an. Ich schüttelte den Kopf.
"Scully, enttäuschen Sie mich nicht! Ich hab doch noch eine weitere Theorie."
"Also gut Mulder, dann raus damit."
"In einer berühmten Geschichte von Charles Dickens wird ein Geist dazu verdammt, auf der Erde zu wandeln und die Menschen leiden zu sehen, ohne ihnen helfen zu können. Er hätte dazu Gelegenheit gehabt, als er noch lebte, aber er tat es nicht, sondern kümmerte sich nur um sein Geld. Jetzt will er helfen, kann aber nicht. Also leidet er auch. Es ist eine Art moralisches Leiden."
Mulder brachte mich manchmal echt dazu, verrückt zu werden. Er war ja dafür bekannt, blödsinnige Theorien aufzustellen, doch heute war er wohl besonders gut drauf. Ich versuchte es noch einmal.
"Mulder, ist das nun Ihre neue Theorie, die Sie vertreten?"
"Im großen und ganzen, ja."
Ich stöhnte genervt auf.
"Sehen Sie Scully, meiner Meinung nach, ist ein Geist ein Toter..."
"Genial Mulder, wirklich genial," unterbrach ich ihn.
"...der nicht in den Himmel kann oder wohin auch immer, weil er zuerst für etwas sühnen muss."
"Mulder, ich..."
"Agents Scully, Agent Mulder, wir sind da," unterbrach Chief Master unsere Unterhaltung.

Ein paar Minuten später hatten wir das Boot versteckt. Chief Master gab Mulder eines der Funkgeräte, das andere befestigte er an seinem Gürtel. Mir wollte er das Kreuz geben, doch ich zeigte ihm meines, das immer an der dünnen Kette an meinem Hals war. Damit gab er sich zufrieden.

Wir arbeiteten uns langsam durch das dunkle Gebüsch. Endlich hatten wir die Lichtung erreicht. Wir blieben am Rand stehen und sofort waren alle nächtlichen Geräusche verstummt.
"Warten Sie mal," sagte Chief Master und blieb stehen.
Alles sah genauso aus, wie das letzte mal, als Mulder und ich hier gewesen waren - die schiefen Grabsteine schimmerten im Mondlicht und warfen verzerrte Schatten über die Lichtung.
"Weiter," drängte Mulder und ging nach links.
Plötzlich wurde es wieder eiskalt. Seltsame Geräusche jagten mir einen Schauer über den Rücken. Mein Atem war wieder eine gespenstische Wolke vor meinem Gesicht. Ich blickte mich um.
"Da!" ich zeigte nach vorne.
Dort stand er wieder, der Indianer. Ich hielt instinktiv die Luft an, er stand vor dem selben Grab wie letztes mal.
Mulder griff nach meinem Arm.
Der Indianer trug die selbe Kleidung, stand in der gleichen Haltung da und wirkte genauso gespenstisch wie beim ersten mal. In einem seltsamen Licht war wieder jede Einzelheit an ihm zu erkennen.
Jetzt verließ mich mein Mut. "Vielleicht sollten wir ganz einfach wieder von hier verschwinden."
"Ich gehe auf keinen Fall, bevor ich mir das nicht näher angesehen habe." Typisch Mulder!
"Außerdem waren wir uns einig, dass Sie ihm den Medizinbeutel zurückgeben." Auch Chief Master war Mulders Meinung.
"Aber.."
Ohne jedoch auf meinen Einwand einzugehen ging Mulder auf den Indianer zu. Wir folgten ihm.

Als wir etwa noch 50 Meter von dem Indianer entfernt waren, wandte sich der Mann um und sah uns an.
Aus der Nähe wirkte sein maskenhaftes Gesicht beinahe noch unmenschlicher. Sein Haar war mit einem straffen Lederband aus dem Gesicht gebunden. Er hatte buschige Augenbraun und breite Wangenknochen. Sein Mund war nur eine harte Linie unter der großen Nase.
Aber am meisten faszinierten mich seine Augen, in deren Tiefe winzige rote Feuer loderten. Es waren Augen, die tief in mich hinein zu blicken schienen.
Wir blieben stehen und keiner sagte ein Wort.
Mein Herz klopfte und mein Atem ging schneller. Mir fiel auf, dass vor dem Gesicht des Indianers keine Atemwolke zu sehen war.
"Den Beutel Scully," sagte Mulder, "geben Sie ihm den Beutel"
Ich zog den Beutel heraus und hielt in mit ausgestreckter Hand vor mir.
Nichts.
Als ich die Spannung nicht länger ertragen konnte, machte ich hastig zwei Schritte vorwärts.
"Wir haben das hier neulich gefunden und glauben, es gehört Ihnen," stieß ich mühsam hervor.
Der Indianer blieb stumm. Wie in Trance streckte er den Arm aus und ich ließ den Beutel auf seine faltige Handfläche fallen. Langsam band er den Beutel an seinem Gürtel fest, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.
Sein Gesicht war immer noch eine ausdruckslose Maske.
Ich spürte, wie die Kälte in mir hochkam und meine Glieder lähmte. Ein Blick auf Mulder sagte mir, das es ihm genauso ging.
Nur der Indianer schien nicht zu frieren. Wie letztes mal umgab ihn wieder dieses eigenartige Glühen. Er machte einen Schritt auf uns zu, ich wich zurück. Ich griff mit verkrampfter Hand nach der von Mulder.
Der Indianer war überraschend klein, kleiner als ich.
Dann sprach er mich an. "Könnte es sein, dass Sie zu viele Probleme haben für eine so kleine Frau?" Seine Stimme war rau und schien aus weiter Ferne zu kommen.
Dann drehte er sich um und ging.
Das heißt, er schwebte eher über den Boden und verschwand dann von einem Moment auf den andere zwischen den Bäumen.
Mein Herz klopfte wie wild. Was hatte er mit seiner Bemerkung gemeint? Woher wusste ausgerechnet er von meinen Problemen?
Mulders Stimme riss mich in die Wirklichkeit zurück. Er drückte meine Hand und sagte: "lassen Sie uns hier verschwinden Scully."
"Sehen Sie mal!" Chief Masters leuchtete mit seiner Taschenlampe über den Boden vor dem Grab. Es waren keine Fußabdrücke zu sehen.

Ich wachte erst sehr spät auf und war in keiner wirklich guten Verfassung. Ich versuchte, es mir vor Mulder nicht anmerken zu lassen, doch ich glaube, es gelang mir nicht ganz. Er kannte mich einfach zu gut um zu wissen, wann es mir nicht gut ging. Abgesehen davon, dass mich der Indianer mit seiner seltsamen Stimme zu Tode erschreckt hatte, war ich echt geschockt darüber, was er zu mir gesagt hatte.
Mulder und ich saßen beim Frühstück und Mulder tat wirklich sein bestes um mich abzulenken. Plötzlich erstarrte ich. Von außerhalb des Fensters starrte mich Melissas Gesicht an.
"Scully was ist los?"
"Mulder, mein Gott, ich glaube ich werde verrückt. Ich habe gerade Melissa gesehen!"
"Scully, Melissa ist tot."
"Verdammt Mulder, das weiß ich selber."
Ich stand auf, ließ Mulder allein zurück und ging in mein Zimmer. Als ich den Raum betrat, wusste ich sofort, das etwas nicht stimmte. Auf dem Tisch lag ein Foto von Melissa, eines, das ich nicht einmal hatte. Es war ein Foto, das Melissa und mich bei meinem Abschlußexamen zeigte. Meine Schwester hatte es immer in ihrer Geldbörse gehabt.
Ich zitterte am ganzen Körper und fragte mich ernsthaft, was das alles hier zu bedeuten hatte.
Mein Kopf tat weh und meine Füße wollen nicht mehr so, wie sie sollten. Ich legte mich aufs Bett und schloss die Augen.
Was geht blos hier vor, überlegte ich. Warum passierten all diese Dinge? Warum passierten sie mir? Ich musste an Melissa denken, und der alte Schmerz flammte wieder auf. Warum konnte ich es nicht ungeschehen machen?
Wie als Antwort klirrte das Fenster. Ich stand auf und spürte sofort wieder eine eisige Kälte.
"Oh nein, nicht schon wieder!"
Vor meiner Zimmertüre hörte ich ein lautes Lachen und rennende Schritte. Ich legte mich wieder nieder und zog mir die Decke über den Kopf.
Stille.
Ich streckte den Kopf unter der Decke hervor und starrte auf die Tür. Der Fußboden knarrte leise. Jemand schlich vor meiner Tür. Ich griff zur Waffe, bereit, dem Spuk ein Ende zu machen. Doch konnte man einen Geist mit einer Waffe fangen?
Und schon hämmerte es so heftig gegen meine Türe, dass der ganze Rahmen wackelte. Der Türgriff bebte, so, als wolle ihn eine riesige Hand aus dem Holz reißen.
Ich kauerte wie gelähmt am Bett. Das Gepolter machte mich wahnsinnig, aber ich war zu keiner Bewegung fähig.
Endlich ließ der Lärm nach und die Schritte entfernten sich. Langsam beruhigte ich mich wieder, setzte mich auf die Bettkante, war aber zu keiner weiteren Bewegung fähig. Meine Füße fühlten sich an, als wäre ich zu lange im kalten Wasser gestanden - eiskalt und gefühllos. Meine Finger waren ebenfalls steif.
Endlich gab ich mir einen Ruck und ging mit weichen Knien zur Tür. Ich legte die Hand auf den Türknopf. Er war eiskalt.
Durch den Gang rannten Schritte in meine Richtung.
In Panik warf ich mich wieder aufs Bett. Nichts mehr war zu sehen von der sonst so ruhigen und vernünftigen Dana.
Das Lachen kam wieder. Dann hörte ich plötzlich noch ein anderes Geräusch. Etwas schweres wurde über den Holzboden gezogen. Danach ein Klicken, als schlügen zwei Plastikteile gegeneinander. Das Geräusch entfernte sich, aber nur, um Sekunden später wieder zurückzukommen.
Ich blieb im Bett liegen, denn nichts auf der Welt hätte mich dazu bewegen können, jetzt aufzustehen.
Meine Kopfschmerzen waren schlimmer geworden, ich hatte das Gefühl, der Kopf würde gleich zerspringen.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis der Lärm am Gang endlich aufhörte.

Erst gegen drei Uhr Nachmittag wachte ich auf. Ich fand Mulder in der Halle des Hotels.
"Er war nicht da," begrüßte er mich. "Scully, geht's Ihnen besser?"
Ich beantwortete seine Frage nicht.
"Wer war nicht wo?"
"Der Indianer. Als wir hinkamen, war er nirgendst zu sehen. Auch die Temperatur am Friedhof war normal. Also sind wir wieder gegangen."
Ich starrte Mulder entsetzt an.
"Sie...Sie sind noch einmal dort gewesen?"
"Ja Scully. Chief Master und ich. Wir wollten uns das ganze noch einmal in Ruhe ansehen."
"Sie sind verrückt Mulder. Während Sie Geister gejagt haben, hatte ich wieder das Vergnügen mit dem Poltergeist."
Mulder sah mich überrascht an und ich erzählte ihm, was passiert war.

"Scully, Chief Master denkt, der Poltergeist, der hier erscheint, hat etwas mit diesem Motel zu tun, nicht mit Ihnen. Allerdings würde das nicht erklären, wer die Bilder bei Ihrer Mutter durcheinander gebracht hatte."
"Eben Mulder. Ich weiß nicht, WAS es ist, aber ich bin mir sicher, es hat etwas mit mir zu tun."
Mulder nickte. Er wollte mir damit sagen, dass er dies ebenfalls dachte.
"Gut, auf alle Fälle werden wir es bald wissen. Chief Master ist in die Bibliothek gegangen, um einmal in der Geschichte des Motels nachzuforschen. Und Sie Scully, Sie sollten sich wieder hinlegen, Sie sehen wirklich nicht sehr gut aus."
Ich versuchte zu protestieren.
"Mulder, ich habe schon fast den ganzen Tag verschlafen."
"Das macht nichts Scully. Gönnen Sie sich einfach mal eine Pause. Wenn sie möchten, dann bleib ich auch bei Ihnen."
Ich schüttelte den Kopf. So gerne ich Mulder auch in meiner Nähe hatte, ich sollte mir wirklich über einige Dinge klar werden...

Jemand hämmerte wie verrückt gegen meine Tür.
Ich konnte es nicht mehr hören! Das Geklopfe hörte einfach nicht auf.
"Scully, wachen Sie auf. Ich binīs, Mulder."
Mulder!
Ich fühlte mich verschwitzt, weil ich in meinen Sachen geschlafen hatte, doch ich stand auf und öffnete Mulder die Tür.
"Was ist passiert Mulder?"
Chief Master ist unten. Er hat etwas gefunden. Kommen Sie Scully, Sie sollten sich das anhören."

Chief Master, Mulder und ich hatten sich auf der Terrasse des Motels niedergelassen. Die Terrasse war angenehm warm. Man hatte von hier einen einmaligen Blick auf den See. James Island lag immer noch voll in der Sonne. Über dem Wasser konnte ich sogar den flachen Felsen erkennen, an dem wir bei unseren Ausflügen zum Friedhof angelegt hatten.
"Also," begann Chief Master, "ich habe in der Bibliothek einige Fortschritte gemacht."
"Nachdem ich im Archiv angelangt war, habe ich mich in die Geschichte der Stadt vertieft. Das Motel wurde vor etwa 150 Jahren von einem reichen Junggesellen namens Bond erbaut, der sein Vermögen mit der Schiffahrt gemacht hatte. Außerdem arbeitete er als Rechtsanwalt. Er war als sehr reich gewesen und soviel ich in Erfahrung bringen konnte, war er nicht unbedingt ein netter Zeitgenosse gewesen. Er tauchte hin und wieder in den Zeitungen auf. Zum Beispiel, als er sein Haus - dieses Motel erbaute - und zwar auf einem Grundstück, das er einer alten Dame abgeschummelt hatte, deren finanzielle Angelegenheiten er regelte."
Chief Master machte eine Pause, trank an seinem Kaffee und fuhr dann fort:
"Er hatte drei Angestellte, die auch in diesem Haus wohnten. Einen alten Diener namens Xander, die Köchen Mrs. McEncore und deren 18jährige Tochter, die als Hausmädchen arbeitete. Bond war ein berüchtigter Alkoholiker. Einmal kam er ins Gefängnis, weil er einen seiner Angestellten zusammengeschlagen hatte. Laut Zeitungsberichten hat der alte Mann sich aber geweigert, Bond anzuzeigen, und so mussten sie ihn wieder aus der Haft entlassen. Der Mann hat weiter für Bond gearbeitet. Das Gerede ging aber erst richtig los, als er sich mit dem Hausmädchen verlobt hatte. Ich habe die Anzeige in der Zeitung gelesen. "Reicher Anwalt will Hausmädchen heiraten" Eine echt tolle Schlagzeile.
Aber er hat es nicht getan. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, wurde das Hausmädchen aber schwanger. Danach hat sie sich erhängt."
"Ich diesem Motel?" Mulder zog die Augenbraue hoch.
"Nein, sie und ihre Mutter haben gekündigt und sind ausgezogen. Sie haben sich ein Haus gemietet und dort hat das Mädchen sich erhängt. Kurz darauf hat die Mutter die Stadt verlassen."

Ich fragte mich , wann der Chief endlich zum Punkt kommen würde. Bis jetzt klang das eher wie einer dieser Fernsehserien. Ich meine, natürlich muss es für das Mädchen und ihre Mutter eine schreckliche Tragödie gewesen sein, und sicher war dieser Bond ein absolutes Ekel, aber das alles war vor 150 Jahren passiert, und im Augenblick verstand ich nicht, was das alles mit mir zu tun haben sollte.
"Dann hat Bond seinen Diener wieder zusammengeschlagen, doch auch diesmal hat der alte Mann ihn nicht angezeigt. Das konnte er auch gar nicht, denn Bond wurde einen Tag später tot aufgefunden. Laut Zeitungsberichten geschah das Unglück auf dem Gang, direkt vor Ihrem Zimmer Agent Scully."
"Wie? Wie ist er gestorben?" fragte Mulder.
"Mit einem langen Messer in der Brust."
Ich wandte meinen Blick dem Motel zu. Die Rückseite lag im Schatten und die Fensterscheiben reflektierten den Himmel, so daß ich nicht hineinsehen konnte. Hinter mir hörte ich den Wind durch die Bäume streichen und die Wellen gegen das Ufer plätschern.
Ich stellte mir vor, wie dieser Bond in seinem eigen Blut auf dem Gang lag, das Messer in seiner Brust.
Ich blickte zu Mulder.
"Scully, sehen Sie, es hat doch nichts mit ihnen zu tun. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wessen Geist hier sein Unwesen treibt. Der von Bond, oder der von dem Mädchen das sich erhängt hat oder gar der des Dieners."
Ich richtete meinen Blick auf den See. Ich hörte Mulder gar nicht mehr zu. Ich starrte auch eine Trauerweide, die am Hafen stand. Ich erinnerte mich daran, wie Melissa und ich auf so einem ähnlichen Baum gespielt hatten und uns beim Klettern die Hände an der rauen Rinde abgeschürft hatten. Wir hatten da oben ein Baumhaus gehabt, Charly hatte es gebaut und immer, wenn einer von uns Kindern sich schlecht gefühlt hatte, ging er dorthin, und wir anderen wussten genau, wo wir ihn finden konnten.

"Scully, was ist los mit Ihnen?" Ich wandte mich an Mulder und blickte in sein besorgtes Gesicht.
Ich weinte. Trotz aller Anstrengung konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Mulders Gesicht verschwand vor meinen Augen.
"Warum kann ich es nicht rückgängig machen?" schluchzte ich. "Wieso musste es sie erwischen?"
Dann verlor ich völlig die Beherrschung. Heulend versuchte ich, mein Gesicht in den Händen zu bergen. Mulder wollte mich in den Arm nehmen, doch ich stieß ihn weg und stand auf. Mulder und Chief Master beobachteten mich schweigend. Dies war eine Situation, in der es nichts zu sagen gab und Mulder wusste das.
Ich nickte Mulder noch einmal zu und ging dann zurück in mein Zimmer.

Ich bin mir nicht sicher, wann ich beschlossen hatte, mit dem Indianer zu sprechen. Wahrscheinlich kam mir die Idee auf dem Weg zurück in mein Zimmer. Mir wurde klar, dass ich meinen trüben Gedanken nicht entfliehen konnte, egal, wie sehr ich es auch versuchte.
Wenn ich Glück hatte, konnte ich die Insel noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Mulder würde sich sicher Sorgen machen, wenn er herausfand, dass ich alleine weggegangen war. Doch dies war einer der seltenen Momente in meinem Leben, dass ich - seit ich Mulder kannte - etwas alleine machen wollte, alleine machen musste. So sehr es mich normalerweise beruhigte, Mulder an meiner Seite zu wissen, dieses mal entschied ich mich, den Weg alleine zu gehen. Ich hoffte, Mulder würde das verstehen.
Es war windstill und ich kam gut voran. Ich war keine geübte Ruderin, doch es ging besser als ich dachte. Schwierigkeiten hatte ich nur damit, das Boot allein an Land zu ziehen.
Die Dunkelheit hatte bereits eingesetzt, als ich mich auf den Weg durch das Gebüsch machte. Ich verfluchte mich, dass ich nicht Mulders Kompass mitgenommen hatte, doch ich versuchte mich zu erinnern, welche Richtung wir die anderen male gegangen waren. Früher oder später würde ich schon auf den Friedhof stoßen. Richtig verirren konnte ich mich kaum, die Insel war schließlich nicht sehr groß.
Ich musste mir einfach Klarheit verschaffen. Ich hatte entgegen meiner sonstigen Überzeugung beschlossen zu glauben, dass dieser Indianer kein menschliches Wesen war.
Ich brauchte etwa 20 Minuten bis zum Friedhof. Als ich zwischen den Bäumen hervortrat wusste ich sofort, dass der Indianer da sein würde, denn es war kalt. Ich entdeckte ihn an seinem üblichen Platz vor dem Grabstein.

Er wandte mir sein Gesicht zu und ich zuckte zusammen. Tief in seinen Augen sah ich wieder die Flammen lodern.
"Hab mir gedacht, dass Sie bald wiederkommen," begrüßte er mich mir seiner rauen, seltsam körperlosen Stimme.
Ich zitterte, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass dieser alte Indianer einen ähnlichen Kummer in seinem Herzen vergraben hatte wie ich.
Er nickte unmerklich, fast so, als könne er meine Gedanken lesen.
"Sie haben wirklich viele Probleme."
"Woher wissen Sie das?" brachte ich hervor.
"Bin schon lange hier. Habe viele traurige Menschen gesehen."
Ich schluckte. Ich musste es jetzt wissen. "Sie sind....Sie sind gestorben, nicht?"
"Ja. Aber das ist lange her. Ich habe meinen irdischen Körper vor langer Zeit verloren. Damals, als ich noch Chief Copengo war."
Ich überwand meinen Schock und stellte endlich die Frage, die mich hergetrieben hatte.
"Wie sind Sie.....in diesen Zustand geraten? Verstehen Sie, ich glaube nicht an Geister, nein, das tue ich nicht. Doch Sie, Sie sind ein Geist."
Der Indianer nickte.
"Die Geisterwelt ist überall rund um uns. Mein Volk wusste das schon immer. Heutzutage glaubt keiner mehr daran. Meine Aufgabe ist es, die Neuen in die Welt der Geister zu führen. Den hier zum Beispiel." Er deutete auf die frische Erde vor dem Grabstein. "Ich muss warten, bis er bereit ist, auf die andere Seite zu gehen. Manche brauchen eine Weile, sich von dieser Welt zu lösen."
Ich verstand nicht ganz, was er damit meinte. "Warum müssen Sie die Geister der Verstorbenen ins Jenseits führen?"
Der Indianer schien sich plötzlich etwas unbehaglich zu fühlen und starrte an mir vorbei. "Hab etwas schreckliches getan, als ich noch am Leben war. Muss jetzt dafür bezahlen."
Dann hatte Mulder als doch wieder einmal recht gehabt. Der Indianer leistete eine Art Sühne, oder wie immer man es nennen wollte.
"Muss jetzt gehen," murmelte er.
"Warten Sie! Bitte. Ich muss Sie noch etwas fragen." Ich versuchte, ihn am Arm zu halten, doch meine Hand griff nur in die Luft. "Ich muss dringend etwas wissen," rief ich, als er sich abwandte. "Bitte bleiben Sie hier und helfen Sie mir!"
Er drehte sich noch einmal zu mir um und schaute mich bedauernd an. Ich verstand, dass es keinen Sinn hatte, ihn zurückzuhalten. Dabei hätte ich ihn soviel fragen wollen.
"Kommen Sie ein anderes mal wieder." Er ging auf die Bäume zu und noch bevor er sie erreicht hatte, verschwand er. Er löste sich einfach in Luft auf.

Einen Moment starrte ich auf die Stelle, wo er verschwunden war. Ich war so frustriert, ich hätte schreien können. Statt dessen fluchte ich nur leise vor mich hin und machte mich dann enttäuscht auf den Rückweg.
Ich war hierher gekommen, weil ich gedacht hatte, etwas über Melissa erfahren zu können, doch alles, was mich dieses Erlebnis gelehrt hatte war, dass es doch etwas gab, was man nicht erklären und beweisen konnte. Geister.

Todmüde und enttäuscht über den Ausgang meines Gespräches mit dem Indianer legte ich mich ins Bett. Es war mittlerweile elf Uhr.
Schon ein paar Minuten später hörte ich Schritte auf meine Tür zugehen. Meine anfängliche Angst, der Spuk könnte von neuem beginne, wich einem Gefühl der Erleichterung, als ich erkannte, dass es Mulders Schritte waren.
Ich wollte ihm eigentlich nichts von meinem Ausflug erzählen, denn dann müsste ich Mulder gegenüber auch zugeben, dass es Geister wirklich gab.
Mulder strahlte übers ganze Gesicht als er mich sah.
"Scully, geht's Ihnen etwas besser?"
Ich nickte und ließ ihn herein.
"Ich habe Neuigkeiten Scully. Chief Master und ich sind noch einmal in die Bibliothek gegangen und...und wir kennen jetzt den Mörder von Bond."
Mulder ließ sich unbefangen neben mir aufs Bett fallen und stützte seinen Kopf mit der Hand auf.
"Erzählen Sie schon Mulder."
"Also, wie der Chief schon gesagt hat, war Bond in der Stadt berüchtigt und hat sich praktisch am Rande der Legalität bewegt. Er hat diese alte Dame und ihr Land betrogen und dieses Motel darauf gebaut. Er hat die Tochter der Haushälterin verführt. Vermutlich hat er sie erst herumgekriegt, als er ihr die Ehe versprochen hatte. Als sie schwanger wurde, hat sie sich erhängt. Außerdem hat er öfter seinen alten Diener verprügelt. Doch dann hat jemand dem reichen Mister Bond ein Messer durch sein hartes, kaltes Herz gejagt."
"Mulder, bitte! Das weiß ich doch schon alles!"
"Ok Scully, ich komm ja schon zur Sache! Bond wurde von einem Indianer getötet. Dem Häuptling der Oplolaway. Die Sache ist die Scully, der Name des Indianers war Copengo.
In meinem Kopf explodierte etwas. Stöhnend presste ich die Hände gegen die Schläfen.
"Mulder, bitte, ich..."
Mulder jedoch war jetzt voll in Fahrt und ließ sich nicht von mir unterbrechen.
"Nein Scully, hören Sie zu! Es ist der gleiche Name, wie der auf dem Grabstein, wo wir den Indianer getroffen haben. Ich würde jetzt mal sagen, wir haben durch das Öffnen des Medizinbeutels irgendeine Kraft feigesetzt, die diesen Poltergeist hier mobilisiert hat. Jetzt wissen wir das mit Sicherheit. In diesem Motel spukt es! Hier geht der Geist des verstorbenen Bond herum und wir wissen jetzt, wer es ist und wer in umgebracht hat. Es muss der Indianer vom Friedhof gewesen sein, der, dessen Medizinbeutel wir geöffnet haben. Es war sein Medizinbeutel, der den Geist des Mannes, den er getötet hat, hervorgerufen hat."
Ich wollte und konnte es nicht glauben. Wie konnte der einsame, alte Indianer, mit dem ich gesprochen hatte, ein Mörder sein? Doch dann sah ich seine beunruhigenden, schwarzen Augen vor mir, die einem mir ihren Blick zu durchbohren schienen. Mein Verstand sagte mir, dass Mulders Schlussfolgerungen völlig logisch waren, und trotzdem wollte ich es nicht wahrhaben.
Dann fiel mir auf, dass Mulder es eben sowenig gut fand wie ich. Er hatte sich wohl vorgestellt, dass dieser Indianer aufregende Geschichten über das Jagen und seinen Stamm erzählen könne. Doch nun war er nur ein grausamer Mörder.
Außerdem hatte mich all das immer noch nicht davon überzeugt, dass das Treiben hier vor meiner Tür nichts mit Melissa zu tun haben sollte.
"Scully, ich weiß wie wir uns Gewissheit verschaffen können."
"Wie denn Mulder?"
"Ich werde heute Nacht bei Ihnen bleiben und auf das Erscheinen dieses Poltergeistes warten."
Zweifelnd sah ich Mulder an. "Und was, wenn sich herausstellt, dass Sie sich geirrt haben?"
"Darüber machen wir uns Gedanken, wenn es so ist."
Ich konnte Mulder sowieso nicht davon abbringen, das war mir klar. Tief in mir drinnen war ich sogar dankbar, die Nacht nicht alleine verbringen zu müssen.
Ich war todmüde und wollte nur schlafen. Vom Rudern taten mir noch sämtliche Muskeln weh.
Ich legte mich neben Mulder, der mich beruhigend in den Arm nahm.
Ich fragte mich, ob der Indianer jetzt wohl vor seinem Grab stand. Plötzlich hatte ich das Gefühl, seinen unheimlichen Blick auf mir zu spüren. Ich schloss die Augen und kuschelte mich noch näher an Mulder. So warteten wir auf das Erscheinen den Poltergeistes.

Ich steckte mitten in einem besonders schlimmen Alptraum, als die Geräusche anfingen.
Im Traum bewegte ich mich irgendwie schwebend über den Friedhof, Melissa an meiner Seite. Nebelschwaden schimmerten silbern im Mondlicht, und die Grabsteine glühten, als wäre Leben in ihnen. Neben mir lauerte ein dunkler Schatten. Vor mir sah ich den alten Indianer mit seinen stechend roten Augen und einer Kette aus Tierzähnen um den Hals. In der Hand hielt er ein gefährlich langes Messer. Dann hob der Indianer seinen Kopf und er verschwand zwischen den Gräbern. Dann hörte ich auch, was ihn erschreckt hatte - das Klirren von Glas.
Als ich erwachte, stand mir schon der nächste Schreck bevor: ich hörte das Klirren immer noch. Es war das Fenster meines Zimmers und das Zimmer war eiskalt.
"Scully, schhhh, leise, es hat gerade begonnen."
Ich stellte fest, dass ich immer noch eng an Mulder gekuschelt dalag und richtete mich etwas auf.
Nach einer Weile wurde das Klirren des Fensterglas leiser und schließlich hörte es ganz auf. Dann begann das Klopfen. Mulder und ich starrten auf meine Tür. Es wurde immer lauter und wilder. Die Türe wackelte.
Plötzlich war wieder Totenstille. Kein klirren, kein klopfen, kein lachen. Nur unsere Atemzüge waren zu hören.
Der Türgriff drehte sich langsam, erst nach links, dann nach rechts. Ich zitterte und drückte mich an Mulder, der mich sofort wieder in seine Arme nahm.
Nun kratzte etwas unten an meiner Tür. Ich unterdrückte einen Aufschrei. Doch dann hörten wir wieder das Lachen. Schritte polterten den Gang entlang und brachen dann abrupt ab.
Still.
Dann wieder Gelächter.
Die Schritte kamen dann von neuem auf mein Zimmer zu und brachen schließlich ab.
In diesem Moment wurde mir klar, dass Mulder sich geirrt hatte, was den Poltergeist betraf. Ich war zu geschockt und verängstigt gewesen, um es gleich zu merken. Das war nicht das Lachen eines Erwachsenen. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, das auch die Schritte nicht die eines Erwachsenen gewesen waren.
Das Fenster klirrte ein letztes mal und das Zimmer erwärmte sich wieder. Ich wusste, der Poltergeist war weg.
Ich ließ meinen Kopf an Mulders Schulter fallen, meine Muskeln waren ganz verkrampft vor Kälte und Angst.
"Scully?"
"Hm.."
Ich blickte zu Mulder auf und war überrascht. Ich sah in seinen Augen, dass er - das erste mal seit ich ihn kannte - wohl wirklich sprachlos was. Irgendwie musste ich lachen. Fox Mulder, der sonst vor nichts Angst hatte und wann immer es nur möglich war, hinter Aliens, Kopfgeldjägern, Monstern und sonstigen Kreaturen herlief, fehlten auf einmal die Worte. Doch als ich tiefer in seine Augen blickte, wurde mir klar, dass da Sorge drinnen stand, die Sorge um mich! Mulder hatte wohl ebenso wie ich begriffen, dass dieser Poltergeist hier niemals dieser Bond sein konnte. Seine verdrehte Denkweise hatte wohl ebenso wie meine begriffen, dass es hier nicht um dieses Motel, sondern um mich ging. Und er hatte Angst um mich. Ich sah den selben Ausdruck in seinem Gesicht wie damals, als ich nach meiner Entführung wieder erwacht war.
Aber noch etwas war da in Mulders Augen zu lesen. Etwas, das mir längst tief in meinem Herzen klar geworden war, etwas, das wir nur beide noch niemals ausgesprochen hatten: seine Sorge um mich war der eine Teil, der andere allerdings war eine unheimlich große und tiefe Zuneigung. Mulder hatte Angst, mich verlieren zu können und das tat ihm mehr weh als irgendwas sonst auf dieser Welt.
Wie schon so oft zuvor, konnte auch er in meinen Augen meine Gedanken lesen. Er wusste, was ich da gerade herausgefunden hatte. Darum waren seine nächsten Worte auch so verständlich für mich."
"Scully, ich...ich wüsste nicht, was ich ohne Sie machen würde. Sie sind...sind mein Leben, fast wie ein Teil von mir. Ich habe Angst. Angst davor, was dieser Unfug hier bedeuten könnte. Ich glaube, ich habe das aller erste mal in meinem Leben keine Ahnung, was ich als nächster machen soll."
Ich hob meine Hand und strich ihm sanft über die Wange.
"Scht..."
Ich beugte mich hinüber und dann gab ich ihm einen Kuss auf die Stirn, dann auf den Mund.
Es war nur ein kurzer, leichter Kuss, dennoch bedeutete er so viel mehr für mich. Es war mein Zugeständnis, meine stille Antwort an Mulder. Und er verstand sie.

Es war ein weiterer Schritt, ein neuer Weg den wir hier eingeschlagen hatten. Aus er und ich wurde ein wir. Wir wussten es beide, und es bedurfte keiner Worte um dies auszusprechen.
Einige Zeit lagen wir nur eng aneinandergeschmiegt da, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.

Doch dann begannen wir zu reden - über die Ereignisse der letzten Tage, über die Gewissheit, die in jedem von uns vorgedrungen war. Uns war klar geworden, dass dieser Poltergeist hier niemand anders als Melissa sein konnte.
Neben mir stand eine Schachtel Kleenex, überall um mich herum lagen feuchte Tücher.
Mulder hatte lange gebraucht, mich zu beruhigen, als meine Nerven mich endgültig im Stich gelassen hatten und ich anfing zu weinen. Was ich lange zu unterdrücken versucht hatte, kam nun mit aller Macht hervor. Ich konnte und wollte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Der ganze Schmerz über den Verlust meiner Schwester war wieder da.
Meine Augen waren rot, meine Nase lief und die Haare standen in alle Richtungen.
"Ich vermisse sie Mulder."
"Scully, Sie brauchen sie nicht mehr vermissen, sie ist doch zurückgekommen."
"Aber...aber das ist doch unmöglich Mulder, sie ist tot."
Mulder sah mich an. "Aber Sie glauben doch, dass sie zurückgekommen ist, oder?"
Ich zweifelte an meinem Verstand, doch die Antwort war ja.
Ein Lächeln huschte über Mulders Gesicht, als er fortfuhr.
"Ich weiß nicht Scully, alles, was hier passiert ist, klingt ziemlich verrückt, sogar für mich. Ich will Ihnen nicht weh tun, aber Melissa ist gestorben. Vielleicht haben Sie das ja niemals wirklich akzeptiert. Selbst wenn sie wirklich der Poltergeist ist, handelt es sich nur um eine Erscheinung, nicht um einen wirklichen Menschen. Sie müssen sich damit abfinden."
"Mulder, Sie denken doch auch, dass es Melissa ist oder?"
Er nickte seufzend.
"Ja, sie ist hier. Zuerst dachte ich, der Medizinbeutel des Indianers habe diese Kraft freigesetzt, die von Bond hier in diesem Motel aufgebaut wurde. Er war eine ausgesprochen starke Persönlichkeit mit einem ausgeprägten Lebenswillen. Als wir die Umstände seines Todes herausgefunden hatten, passte alles zusammen - zumindest schien es so. Der Medizinbeutel gehörte Bonds Mörder. Ich glaube, daran besteht kein Zweifel mehr. Aber ich muss zugeben, dass diese Geräusche, das Rennen und das Lachen, das Foto von Melissa, nicht auf Bond schließen lassen. Das alles ist einfach unmöglich. Das Lachen...es ist das Lachen einer jungen Frau."
Mulder fuhr mir mit den Fingern durchs Haar und spielte mit meinem Ohrläppchen. Dann blickte er über die Schulter zur Tür.
"Andererseits kommt mir dieses Gehämmer an die Tür zu wütend vor. Ich weiß nicht Scully, vielleicht..."
"Vielleicht was?"
"Ach, nichts. Wir wissen ja nun, das es Ihre Schwester ist. Das ist doch die Hauptsache oder?"
Ich schniefte und wischte mir zum hundertsten mal die Tränen ab. "Meinen Sie, Melissa will mir etwas mitteilen?"
"Ja, das wäre schon möglich. Es könnte aber auch sein, dass sie einfach nur bei Ihnen sein möchte. Und noch etwas, Scully. Machen Sie sich lieber darauf gefasst, dass sie jederzeit damit aufhören kann."
Sie meinen, sie wird nicht bleiben?"
"Keine Ahnung. Scully, Geister sind unberechenbar. Manchmal tauchen sie für eine Weile auf und verschwinden dann genauso plötzlich wieder. Andere spuken eine Ewigkeit herum. Man kann es einfach nicht voraussagen."
"Und was machen wir jetzt?" Ich sah Mulder an, als hätte er auf alles eine Antwort.
"Ehrlich gesagt, ich bin zu müde um darüber nachzudenken Scully. Die Nacht hatte es in sich. Lassen Sie uns schlafen und morgen früh darüber nachdenken."
"Ich wüsste schon, an wen wir uns wenden könnten Mulder."
"Ich finde die Idee nicht so gut Scully", meinte Mulder. "Wir sollten von diesem Friedhof lieber wegbleiben."
War das wirklich Mulder, der das eben gesagt hatte? Ich war überrascht.
"Nein Mulder, ich werde ihn bitten, mir zu helfen. Mir ist egal, was Sie in der Bibliothek herausgefunden haben. Ich glaube einfach nicht, dass er mir etwas tun würde. Erinnern Sie sich noch, was er zu mir gesagt hat Mulder?"
"Ja, mir kam es vor, als hätte er ein ganz besonderes Interesse an Ihnen."
"Gut. Dann werden wir das versuchen...."

Ich schloss die Augen und ließ vor meinen geschlossenen Augen Bilder von mir und Melissa ablaufen. Ich sah uns an einem heißen Sommertag im Garten spielen. Dann sah ich uns in unserem Baumhaus sitzen, dort hatten wir auch einmal das Rauchen ausprobiert. Wir mussten furchtbar husten, warfen die Zigaretten weg und ließen es danach einfach bleiben.
Ich erinnerte mich auch wieder an einen Tag, an dem wir mit Bill und Charly Verstecken gespielt hatten. Es war Herbst, und wir waren ungefähr sechs Jahre alt. Ich stand mit geschlossenen Augen an einem Baum im Garten. <80, 90, 100>, zählte ich und öffnete die Augen. Zuerst suchte ich den Vorgarten ab, spähte um die Hausecke und ging dann in den hinteren Garten. In diesem Augenblick sah ich auf einmal Melissa vor meinem geistigen Auge auf dem unteren Ast eines Baumes sitzen. Obwohl der Ast von den herunterhängenden Blättern und Zweigen verdeckt war, sah ich Melissa ganz deutlich, wie sie durch das Laub hindurch nach mir Ausschau hielt. Ich rannte zu dem Baum, schlug mit der Hand drauf und rief: "gefangen." Danach fanden wir heraus, dass auch Melissa manchmal geistige Bilder von mir empfang. Einige Zeit später entdeckten wir, dass wir uns nicht nur Botschaften senden konnten, wenn wir nicht zusammen waren, sondern auch miteinander "reden" konnten, ohne uns anzusehen oder etwas zu sagen. Schon damals hatte Melissa angefangen, sich mit all diesem spirituellen Kram zu beschäftigen und darauf dann auch ihr Leben aufgebaut. Wäre sie heute hier, sie würde sofort daran glauben, dass Geister zu einem sprechen konnten.
Gegen meinen Willen fiel ich endlich in tiefen Schlaf.

Wir erreichten James Island am späten Abend.
"Los Mulder, kommen Sie schon," rief ich, sobald wir das Boot angebunden hatten.
Wir brauchen 20 Minuten bis zum Friedhof. Auf der Lichtung war es drückend heiß. Schwarze, gespenstische Schatten fielen auf die Grabsteine, das lange Gras war trocken. Sogar die Bäume ließen die Blätter hängen. Es wehte kein Lüftchen.
Der Indianer war nicht zu sehen.
Ich hörte Mulder leise fluchen. Offensichtlich war er genauso enttäuscht wie ich.
"Glauben Sie, wir sind zu früh dran? Vielleicht kommt er erst immer später."
"Dachte ich mir doch, dass Sie es sind!"

Ich weiß nicht, was mich mehr überraschte - die seltsam raue Stimme, die ich sofort erkannte, oder die schlagartig eintretende Kälte.
Hinter uns stand der Indianer.
Er trug wieder die selbe Kleidung und an seinem Gürtel baumelte der Medizinbeutel. Der Blick von seinen unheimlichen Augen bohrten sich in meine.
"Ich...wir hatten schon befürchtet, Sie wären nicht hier," stotterte ich.
"Bin immer hier," antwortete es. "Geh nie weit weg von diesem Ort."
"Bitte.." setzte ich an, dann räusperte ich mich und versuchte es noch einmal. "Bitte, wir sind hier, um mit Ihnen über etwas sehr wichtiges zu reden, bei dem nur Sie uns helfen können."
Der Indianer sah einen kurzen Moment zu Mulder, doch es sah so aus, als würde er durch ihn hindurchsehen. Dann wandte er sich wieder an mich.
"Ich weiß, dass Sie Probleme haben. Zu viele Probleme."
Mir kam plötzlich ein Gedanke. "Hatten Sie eigentlich Kinder?"
Der Ausdruck seiner Augen wurde etwas weicher. "Ich hatte viele Kinder, doch jetzt sind alle gegangen."
"Wohin? Hackte ich nach, "wohin sind sie gegangen?"
Der Indianer sah mich an. Diesmal bemerkte ich eine tiefe Traurigkeit in seinen Augen. Ich stellte ihn mir als Großvater vor, zu dessen Füßen fünf oder sechs Indianerkinder spielten.
"Es war meine Schuld," sagte er so leise, dass wir ihn fast nicht verstehen konnten. "Deshalb muss ich jetzt bezahlen."
Mulder fragte: "Wie? Bezahlen wofür?"
"Ich muss die Seelen des Stammes auf die andere Seite führen. Aber ich selbst kann nicht dorthin. Ich muss weitermachen, bis ich bezahlt habe."
Er starrte in die Bäume. Es war, als könne er dort etwas sehen.

Was hatte er damit gemeint? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und ich hatte Angst, ihn zu vertreiben, wenn ich zuviel fragen würde. Trotzdem musste ich es versuchen.
"Hatten Sie eine Tochter wie mich?"
Mulder blickte mich überrascht an.
Der Indianer wandte mir langsam sein Gesicht zu. Seine Stimme war belegt, als er antwortete. "Hatte viele Kinder, zwei davon in im selben Alter. Ein Junge und ein Mädchen, geboren zur selben Zeit, fast in der selben Minute. Etwas besonderes, verstehen Sie? Kann sie jetzt nicht mehr sehen, denn ich darf nicht auf die andere Seite."
"Zwillinge also." Ich nickte Mulder zu.
"Bitte, erzählen Sie uns mehr," bat ich den Indianer.

Der Häuptling sah zuerst mich, dann Mulder an und schien zu überlegen. Als er endlich zu sprechen begann, änderte sich seine Stimme. Sie wurde weicher und rhythmischer, fast eine Art Singsang.
"Nachdem mein Bruder auf die andere Seite gegangen war, wurde ich der Häuptling des Stammes. Wir lebten alle hier in der Gegend. Waren noch nicht in diesem Reservat eingesperrt, wie mein Volk jetzt. Hatten damals große Sorgen. Wild und Fische wurden immer weniger. Immer mehr Weiße kamen. Musste entscheiden, ob wir bleiben und mit den Weißen leben oder ob wir nach Norden gehen sollten, wo es noch nicht so viele von ihnen gab. Von den Älteren wollten viele nach Norden. Doch das wäre nur ein paar Jahre gut gegangen, dann hätten wir dort das selbe Problem gehabt. Also wollte ich mir die Welt der Weißen einmal genau ansehen und ging bis zu dem großen See, dann nach Westen bis nach York. Schrecklicher Ort, dieses York. Konnte es schon einen Tag riechen, bevor ich dort war. Voll von hässlichen großen Holzgebäuden, großen Schiffen, die schwarzen Qualm ausstießen. Dreck und Gestank, Menschen, die ziellos herumrannten."
"York, so wurde damals Toronto genannt," flüsterte Mulder mir zu. "Und ich glaube, etwa um diese Zeit hatte die Cholera..."
"Als ich diese abstoßende Stadt sah", fuhr der Indianer fort und überhörte Mulders Einwand einfach, "wurde mir klar, dass die Weißen nicht mehr aufzuhalten waren. Dachte den ganzen Heimweg darüber nach. Beschloss, die Ältesten davon zu überzeugen, daß wir bleiben und versuchen mussten, mit den Weißen zu leben. War ja nicht nötig, auch ihre Lebensweise zu übernehmen, aber wir mussten uns an sie gewöhnen.
Darauf siedelte unser Stamm nach Narrows um. Wir bauten Holzhäuser, so wie die Weißen sie hatten, eine Schule, eine Kirche.
Dann kam die Seuche"
Mulder hatte also wieder einmal recht gehabt, dachte ich und lauschte gespannt weiter.
"Viele meines Stammes erkrankten, einige gingen nach Norden in die Berge, um ihr zu entkommen. Außer mir wurde meine ganze Familie krank. Viele starben damals."
Er brach ab und starrte in die Wolken. Vermutlich sah er die Vergangenheit.
Es war nicht das, was ich erwartet hatte, doch ich war fasziniert von seiner Geschichte. Ein Blick zu Mulder sagte mir, dass es ihm genauso ging.
"Ich ging in die Stadt um mit dem Regierungsbeamten über den Vertrag zu reden. Hatte ein großes Haus dieser Mann. Es steht heute noch. Bond hieß er."
Mulder warf mir einen Blick zu und ich hörte, wie er scharf die Luft einzog. Im mir ballte sich die Spannung wie eine kalte Faust.
"Habe wieder und wieder mit diesem Bond verhandelt. Erklärte ihm, was mein Volk brauchte - viel Land ohne die Steinhäuser, Maschinen und Schiffe der Weißen. Land zum Jagen.
Er hat mir alles mögliche versprochen, sagte, er sei von der Regierung geschickt worden, um sich um uns zu kümmern. Unser Stamm würde alles bekommen, was er verlangte. Ich müsse nur mein Zeichen auf ein Papier setzen. Ich antwortete ihm, dass ich zuerst mir den Ältesten darüber sprechen musste. Ist so Sitte bei uns Indianern. Der Stamm musste einwilligen. Bond schlug mir vor zu unterzeichnen, und dann erst mit meinem Volk zu reden, schließlich sei ich der Häuptling. Doch ich bestand darauf, den Rat der Ältesten einzuholen. Also kehrte ich zu meinem Stamm zurück, doch von den Ältesten war keiner zu finden. Sie waren alle nach Norden in die Berge gegangen. Meiner Frau und den Kindern ging es schlechter. Mein Herz tat weh. Konnte nichts für sie tun, als abzuwarten, als der böse Geist der Krankheit. Am nächsten Tag ging ich zu Bond und sagte ihm, dass ich nicht unterschreiben könne. Müsse abwarten, bis die Krankheit vorbei war und ich mit dem Stamm reden konnte. Erst war er wütend, dann bot er an, Medizin für die Krankheit zu besorgen, eine Medizin der Weißen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass ich mein Zeichen unter das Papier setzte."
Der Indianer räusperte sich und fuhr fort.
"Sagte Bond, würde die Ältesten in den Bergen suchen und mit jedem reden, wenn er mir die Medizin gäbe. Er blieb hart: zuerst die Unterschrift."
Seine Stimme war nun kaum mehr als ein Flüstern.
"Tat, was er verlangte. Nahm eine lange Feder und setzte mein Zeichen auf das Papier. Dann gab Bond mir einen Stoffsack, in dem braunes Pulver war. Roch stark, dieses Zeug. Sollte es in Wasser kochen und meinem Stamm zu trinken geben. Ging nach Hause, gab das Gebräu meiner Familie und den anderen und ging dann in die Berge, um es auch an den Rest des Stammes zu verteilen. Drei Tage war ich weg. Als ich zurückkam, war meine Frau und die Kinder tot. Von diesem Moment an war keine Liebe mehr in mir."
Der Indianer stieß einen schmerzlichen Seufzer aus. Dann sprach er hastig weiter.
"Am gleichen Tag sagte mir einer der Ältesten, dass diese Medizin nichts taugte. Viele Weiße würden dieses Gebräu trinken. Es heißt Kaffee.
Der ganze Stamm war wütend auf mich. Die Weißen waren gekommen und hatten meinen Stamm aufgefordert, das Land zu verlassen. Dies sei nun das Land der Weißen. Wir hätten alle auf die andere Seite des Sees zu ziehen. Hatten ein Stück Papier, dass sie Abtretungserklärung nannten und das mein Zeichen trug.
Wusste nun, Bond hatte mich reingelegt. In der gleichen Nacht ging ich zu ihm, damit er diese Vereinbarung rückgängig machte. Er lachte nur und beschimpfte mich. Sah die Gesichter meiner Familie vor mir, als ich das Messer zog und ihn umbrachte."
Der Indianer räusperte sich wieder und hob den Kopf. Tränen liefen über sein faltiges Gesicht.
"Dann ging ich in die Wälder. Zu Hause wartete niemand auf mich. Lebte allein in meiner Schande. An einem Wintermorgen wollte ich fischen gehen. Lag viel Schnee. Sturm kam auf, ganz plötzlich, und ich musste mich verkriechen, bis alles vorbei war. Wartete drei Tage, saß frierend in einer Eishöhle und dachte an meine Familie. Fühlte mich schlecht, so dass ich in den Sturm hinausging, legte mich in eine Schneewehe und schlief ein. Als ich diese Welt verließ, konnte ich nicht in die nächste übergehen. Jetzt muss ich die Leute dorthin führen, wenn ihre Zeit kommt, aber ich stehe immer dazwischen. Bin ein Ausgestoßener."
"Aber es war doch nicht Ihre Schuld", wiedersprach Mulder. "Sie haben doch ihr Bestes getan."
Er schüttelte den Kopf. "So denke ihr Weißen. Wir Indianer müssen gemeinsam entscheiden. Sind ein Stamm, jeder hat seinen Platz, auch Kranke und Alte. Habe diese Regel gebrochen. Habe selbstständig entschieden. Wollte die Medizin für meine Kinder, Habe an mich gedacht, nicht an den Stamm. Jetzt..."
Er beendete den Satz nicht.
"Ist Ihre...ist Ihre Strafe...ewig?" fragte ich.
"Manchmal darf ein Ausgestoßener zurückkehren, wenn er etwas besonders gutes tut."
Ich kam mir egoistisch vor, den Indianer jetzt mit meinem Problem zu belästigen, aber ich hatte keine andere Wahl.
"Chief, können Sie mir helfen?"
"Kann es versuchen Lady, aber ich bin jetzt in der Geisterwelt."
"Mein Problem hat mit...hat mit der Geisterwelt zu tun." Es viel mir immer noch schwer, zuzugeben, dass ich angefangen hatte, daran zu glauben.
Der Indianer nickte. "Ich werde es versuchen."
Also erzählten Mulder und ich ihm abwechselnd von Melissa und dem Poltergeist in dem Motel.
"Und jetzt," schloss ich, "wissen wir mit Sicherheit, dass Melissa aus dieser...ähm Geisterwelt mit mir Kontakt aufnehmen will, aber wir wissen nicht warum oder was sie mir zu sagen versucht. Könnten Sie...würden Sie mit uns kommen und an meiner Stelle versuchen, mit ihr zu reden?"
"Scully!" Mulder sah mich besorgt an. "Es ist das selbe Haus, denken Sie daran."
"Sicher Mulder, aber..."
"Scully, machen Sie sich überhaupt einen Begriff, welche gefährlichen Kräfte noch aus dieser anderen Welt freigesetzt werden könnten? Wenn der Chief hier in Bonds Haus geht und wenn Bond selbst in dieses Haus zurückkehrt - wollen Sie wirklich beide in diesem Motel haben?"
Ich achtete nicht auf Mulders Einwand und sah in das ruhige und traurige Gesicht des Indianers. "Werden Sie mitkommen?"
"Ja. Kann allerdings nicht lange wegbleiben." Er deutete auf das Grab vor sich. "Ich glaube, er ist beinahe bereit für den Übertritt, und dann muss ich hier sein."
"Also, worauf warten wir dann noch?"

Der Indianer ging voraus zum Boot, dahinter ich und dann Mulder. Der Indianer glitt sozusagen durch das Dickicht, während Mulder und ich ständig Zweige wegschieben mussten.
Das Wasser des Sees war ruhig und klar. Auf der Oberfläche spiegelten sich die schwarzen Schatten der Bäume am Ufer.
Wir stiegen ins Boot und machten uns auf den Rückweg.
Nun bekam ich doch ein murmeliges Gefühl. Was, wenn Mulder mal wieder recht hatte? Was würde passieren, wenn der Indianer in dem Motel auf Bond traf? Und was, wenn meine Theorie falsch war und Geister den Menschen doch etwas antun konnten?
Dann kam mir ein Gedanke, der mich noch mehr beunruhigte. Was, wenn Geister sich gegenseitig etwas antun konnten? Es klang verrückt, aber auch nicht verrückter als mit Mulder und einem Geist über diesen See zu rudern. Was, wenn Bonds Geist auf den Indianer losging? Oder wenn er Melissa etwas antun würde?

Vor dem Motel angekommen, blieb der Indianer stehen und betrachtete das Haus. Dann sagte er wie zu sich selbst.
"Man hat nie das Recht zu töten. War ein übler Kerl dieser Bond. Aber habe in meinem Leben viele schlechte Menschen getroffen, Weiße, und auch Angehörige meines Volkes. Man kann nicht hingehen und jeden umbringen, den man für schlecht hält. Konnte damals einfach nicht mehr vernünftig denken. Habe mit dem Herzen gedacht, nicht mit dem Verstand. Wollte meine Familie rächen." Er seufzte. "Nein, töten ist nie richtig."
Wieder kamen mir Zweifel.
"Ich würde es Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie mir nun nicht helfen würden. Es muss wirklich schlimme Erinnerungen in Ihnen wecken."
Der Indianer verzog das Gesicht.
"Ich weiß er ist hier, kann ihn spüren."
Mir war, als hätte mich jemand in den Magen geboxt. Mich packte Panik und ich drängte mich näher zu Mulder.
Dann stellte Mulder ihm eine Frage die mich verwundert aufschauen ließ.
"Ist Melissa auch da?"
Der Indianer nickte. "Ja. Konnte sie vorhin spüren, als wir auf dem Wasser waren."
Ich musste es jetzt wissen. "Chief, denken Sie, Bond könnte ihr etwas antun?"
"Kann ich nicht sagen Lady. Meine Leute können nichts mehr gegeneinander ausrichten, sobald sie erst einmal auf der anderen Seite sind. Aber wir befinden uns zwischen den Welten. Die Weißen sind seltsame Menschen. Kenne mich nicht aus mit ihnen."
"Können Sie mir denn wenigstens sagen, warum Melissa hier aufgetaucht ist?"
"Sie will mit Ihnen reden. Ist deine Schwester."
Ich hatte nun wirklich Todesangst und sagte eigentlich eher an Mulder gerichtet: "ich frage mich nur, warum Melissa nicht auf die andere Seite kann."
Der Indianer drehte sich überrascht zu mir und antwortete.
"Ich dachte, das wüssten Sie. Es liegt an Ihnen. Sie halten sie fest."

Kaum waren wir in das Motel getreten, da hörten wir es. Es war, als hätte das Haus wartend den Atem angehalten. Sobald der Indianer eintrat, ging ein Seufzen durch die Räume, ein Aufstöhnen voller Angst und Hass.
"was zum Teufel war da?" fragte Mulder.
"Egal was es ist Mulder, mir gefällt das nicht."
Wir stiegen hastig die Treppe hinauf,. Mit jeder Stufe wurde es kälter. Als wir oben zu meinem Zimmer abbiegen wollten, wurde aus dem Stöhnen ein schnelles, keuchendes Atmen. Wie etwas, das einem im Alptraum verfolgt.
Ich blickte den Indianer an. Ihm schien das alles nicht im geringsten zu erschrecken. Sein Gesichtsausdruck war hart aber entschlossen. Er machte die Tür zu meinem Zimmer auf und ging hinein.
Als ich hinter ihm herging, bemerkte ich einen dunkelbrauen Fleck auf der Schwelle.
"Was ist das Mulder?"
"Sieht aus wie...", fing Mulder an. Seine Stimme bebte. Bei all unserer Alienjagd war dies doch etwas völlig anderes.
"Scully, ich denke das ist ein Blutfleck."

Wir hatten die Tür hinter uns geschlossen. Ich saß neben Mulder am Bett, der Indianer stand am Fenster. Keiner sagte ein Wort.
Der Indianer starrte gerade aus auf die Wand. Ich hätte gerne gewusst, was er da sah.
Es kostete mich einige Mühe, ruhig zu bleiben. In mir wirbelten Hoffnung und Ängste so schnell durcheinander, dass ich befürchtete, wieder die Beherrschung zu verlieren.
In diesem Moment ächzte das Haus wieder. Das qualvolle Stöhnen schien kein Ende zu nehmen. Das Stöhnen wurde lauter, unterbrochen von einem schleifenden Geräusch, als würde jemand etwas Schweres über den Boden ziehen.
"Was ist das für ein Geräusch?" fragte Mulder.
Das Stöhnen und Schleifen näherte sich meinem Zimmer.
Ich sah zum Indianer, denn mir war klar, dass der nächste Schritt von ihm kommen musste. Sein Gesicht war regungslos und völlig unbeteiligt. Die Geräusche wurden lauter.
Ich hatte das Gefühl, verrückt zu werden, wenn nicht gleich jemand etwas unternahm. Ich machte den Mund auf, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen.
Der Indianer blinzelte und plötzlich kam Leben in sein Gesicht. Es schien einzufallen und die Falten vertieften sich.
Die Tür schwang langsam auf.
Der Indianer machte einen Schritt auf die Tür zu und stand nun zwischen uns und diesem schrecklichen Wesen auf dem Flur, doch irgendwie konnte ich durch ihn hindurchsehen.
Mulder griff nach meiner Hand und hielt sie so fest, dass es fast wehtat. Aber es tat mir gut zu wissen, zu spüren, er war hier bei mir.
Mit angehaltenem Atem starrten wir beide auf die Szene vor meiner Tür.
Ein Mann lag am Boden, einen Arm zu uns her ausgestreckt. Zentimeter für Zentimeter schleppte er sich auf uns zu, doch der Indianer verstellte ihm den Weg.
Bonds Gesicht war furchterregend - kaltweiß, verzerrt vor Schmerz, Wut und Hass. Seine andere Hand umklammerte ein langes Messer, dass aus seiner Brust heraus ragte.
Hustend zog er sich weiter hoch und seine Augen richteten sich auf den Indianer
"Jetzt geht's los Scully," flüsterte Mulder und rückte noch näher an mich heran.
Von einem Moment auf den anderen wichen Schmerz und Hass aus Bonds Gesicht. Es wurde ausdruckslos. Dann hob er fragend die Augenbraue.
Der Indianer nickte.
"Was geht hier vor Mulder?"
"Ich glaube, wir werden miterleben, wie eine alte Schuld beglichen wird. Es könnte aber auch sein...."
Der Indianer beugte sich vor. Er packte das Messer und zog es langsam aus Bonds Brust. Bonds Augen verfolgten das Messer dann starrte er wieder zum Indianer. Die Blicke der Beiden trafen sich. Keiner sagte etwas. Sie schienen sich ohne Worte zu verständigen.
Dann nickten beide gleichzeitig.
Einen Augenblick später löste sich Bond einfach in Luft auf.

Der Indianer drehte sich zu uns um. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber mir kam vor, als ob seine Schultern nicht mehr so herunterhingen und die Falten in seinem Gesicht nicht mehr so tief waren.
"Scully, sehen Sie."
Mulder zeigte auf den Boden hinter dem Indianer. Der Blutfleck war verschwunden.
"Wo ist Bond hin Chief?" fragte ich den Indianer.
"Auf dem Weg zur anderen Seite."
Ich wollte ihm gerade eine Frage wegen Melissa stellen, doch Mulder kam mir zuvor.
"Chief, ich finde es nicht fair, dass dieser Bond nun auf die andere Seite kann, Sie aber immer noch hier sind."
"Ich will Ihnen jetzt mal etwas sagen, besonders Ihnen kleine Lady."
Der Indianer ging langsam zum Fenster, drehte sich um und verschränkte seine Arme vor der Brust. Er sah stark aus, gar nicht mehr wie ein alter Mann.
"Hört, was ich zu sagen habe." Wie vorhin, als er über seine Familie gesprochen hatte, verfiel er wieder in diesen Singsang.
"Euer Volk, ihr Weißen, glaubt nur an das, was ihr mit euren Händen berühren könnt. An das, was ihr beweisen könnt. Doch viele Dinge - Liebe, Freude, Hoffnung - kann man nicht mit den Händen greifen. Trotzdem gibt es sie, sie sind wirklich.
Lady, Sie dachten, ihre Schwester existiert nicht mehr, nur weil sie an Ihrer Stelle gestorben ist. Sie konnten sie nicht mehr sehen, nicht mehr berühren, sie nicht mehr lachen hören, also gab es sie für Sie nicht mehr. Jetzt wissen Sie, dass Sie sich getäuscht haben. Es gibt viele Arten der Wahrheit, sie ist immer noch da draußen. Hören Sie auf meine Worte. Die Geisterwelt ist überall um uns, wie die Luft. Die Geister leben!"
Der Indianer sah mir direkt in die Augen, sein Blick war nicht mehr unheimlich, sondern vollkommen ernst.
Lady, Sie haben sich durch diesen Irrtum sehr weh tun lassen. Deswegen wollen Sie ihren Tod nicht wahrhaben, haben versucht sich vorzumachen, es wäre nicht passiert. Dieser Irrtum hat Sie innerlich zerrissen, hat Sie mutlos gemacht. Von jetzt an müssen Sie an ihre Schwester glauben, an ihre Theorien über all die spirituellen Dinge, die Ihnen zu glauben so verdammt schwer fallen. Sie müssen sich helfen lassen, wieder stark zu werden. Helfen von ihrer Schwester. Denn sie existiert noch, sie lebt in Ihrer Erinnerung, in Ihrem Herzen. Finden Sie sich mit ihrem Tod ab und lassen Sie sie auf die andere Seite gehen. Sie wird auch dann immer bei Ihnen sein."
Ich weinte still vor mich hin. Nach allem, was in den letzten Tagen passiert war, dachte ich über viele Dinge anders als bisher.
Ich begriff, dass der Indianer recht hatte. Ich war egoistisch gewesen, aber...
"Es ist nur, daß...in mir ist eben eine große, dunkle Leere, seit Melissa...weggegangen ist."
Ich fühlte Mulders Hand an meiner Wange und blickte ihn an.
"Scully, haben Sie denn nicht zugehört? Melissa ist nicht gegangen, sie ist nicht wirklich weg."
Ich drückte mein Gesicht gegen Mulders Brust. "Aber es tut weh."
Der Indianer trat nun auf mich zu und kniete sich vor mich hin.
"Lassen Sie sich von Ihrer Schwester helfen, werden Sie stark durch sie und halten Sie sie nicht länger fest. Er hier," er deutete auf Mulder, "ist stark genug Ihnen dabei zu helfen, er wird für Sie da sein, Sie beschützen. Sie können ihm vertrauen. Erlauben Sie ihm, den dunklen, leeren Platz in ihrem Herzen einzunehmen. Er hat es verdient."

Ich hob den Kopf und wischte meine Tränen ab.
"Gut, ich will es versuchen. Ich hoffe nur, Melissa verzeiht mir, was ich ihr angetan habe."
"Sie wussten es nicht besser kleine Lady," sagte der Indianer. "Aber jetzt geben Sie sie endlich frei."
Ich nickte.
Der Indianer wandte sich zur Tür.
"Will meine Familie wiedersehen. War lange getrennt von ihnen. Vielleicht sehe ich auch Sie einmal wieder."
Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer.
Ich trat ans Fenster und Mulder folgte mir. Wir starrten hinaus Richtung See. James Island lag auf dem ruhigen Wasser wie eine Vision. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, seit Mulder mich gebeten hatte, auf diese Insel zu fahren um diesen Friedhof zu suchen.
"Scully, sehen Sie." Mulder deutete auf den Bootsteg.
"Ja, ich sehe sie."
Der Indianer und Melissa gingen Hand in Hand über den Steg. Sie bildeten ein seltsames Paar - der alte Mann in Lederkleidung, Mokassins, mit langem Haar und Stirnband, und Melissa in einem weißen Sommerkleid.
"Jetzt sind sie frei," sagte Mulder leise, "alle beide."
Als der Indianer und Melissa das Ende des Bootstegs erreicht hatten, schwebten sie einen Augenblick über der Wasseroberfläche und lösten sich dann auf.
Mulder und ich starrten schweigend auf die Stelle, wo sie verschwunden waren....

Einen Tag später stand ich neben Mulder am Grab meiner Schwester. Ich hatte meinen Frieden gemacht, hatte es mir erlaubt, auf das Unerklärliche und Unmögliche einzugehen, mich in eine Welt außerhalb meines Wissens zu begeben um etwas zu finden, von dem ich gedacht hätte, es für immer verloren zu haben.
Ich war nicht mehr allein. Mulder war bei mir. Er war die ganze Zeit über da gewesen, nur war ich zu blind gewesen, es zu akzeptieren.
Nur in einem hatte sich der Indianer geirrt. Den Platz in meinem Herzen hatte Mulder schon sehr lange. Doch nun war ich bereit zu glauben, dass sein Vertrauen zu mir, seine Freundschaft und seine Liebe den dunklen Fleck in meinem Herzen mit Licht ausfüllen würde.
Ich beugte mich vor und legte die rote Rose auf Melissas Grad, blickte zu Mulder auf, und dann auf den Grabstein.
"Auf Wiedersehen Melissa."

Wir drehten uns um und gingen Hand in Hand zum Auto zurück. Vom Beifahrersitz kam ein schwaches Leuchte. Ich rannte los, Mulder war dicht hinter mir. Ich stürmte zum Auto und blieb dann abrupt stehen.
"Mulder, sehen Sie nur!"
Auf dem Beifahrersitz lag der Medizinbeutel des Indianers.

ENDE