Titel: Ex Solitudine
Die Charaktere gehören alle 20th Century Fox sowie Chris Carter
und seiner Crew, aber ich leih sie mir mal wieder für meine
vorerst letzte FF aus.
Thema: MSR / Monster of the week / Angst / Humor
...öh...irgendwie alles außer Mythologie
Warnung: ist wesentlich kürzer und vollkommen anders aufgebaut
als Per Manum Vulpis und daher verbitte ich mir jegliche
Vergleiche. :0)
Kurzinhalt: Mulder und Scully jagen einen bösen bösen und sehr
perversen Serienkiller und merken dabei, wie lieb sie sich haben.
Rating ist relativ jugendfrei, öhm, was muss man noch sagen? Ach
ja, die Geschichte schließt sich an die Folge "EX" der
6.Staffel an.
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Samstag Abend in Norwalk, Connecticut
Der hässliche junge Mann, der irgendwie wie ein unangespitzter
Bleistift aussah, fummelte nervös an seinem Schlüsselbund
herum, während seine ebenso kurze aber weit weniger hässliche
Begleiterin ein wenig ungeduldig und nervös auf ihren hohen
Pfennigabsätzen hin- und hertrippelte. Es war ein sehr schöner
Abend gewesen. Endlich hatte er sie um dieses Date gebeten,
nachdem sie seit mehr als fünf Jahren zusammen in demselben
langweiligen grauen Büro arbeiteten. Und nachdem sie ihn in all
den fünf Jahren jeden Morgen mit dem Auto dorthin mitgenommen
und jeden Nachmittag wieder nachhause gebracht hatte, weil sie
praktisch Nachbarn waren. Sie wusste, er war hässlich und ihre
Freundinnen fanden ihn sogar abscheulich. Aber in ihren Augen war
er auf seine Art wunderschön. Sie sah all die Dinge an ihm, die
andere nicht sahen. Die Grübchen, wenn er sie anlächelte, die
langen Wimpern, die seine schlammfarbenen Augen einrahmten, der
kleine Bauchansatz, der sich unter seinem fast immer bekleckerten
Hemd vorwölbte und der Daumen, der viel zu kurz geraten war.
Sie mochte ihn für all das und sie hatte sich so auf dieses Date
gefreut. Und noch vielmehr freute sie sich nun darauf, wie der
Abend weitergehen würde.
Sie sah sich beiläufig um, um ihn nicht mit ihren Blicken noch
nervöser zu machen, als sie etwas im Gebüsch rascheln hörte
und eine Sekunde sogar geglaubt hatte, eine menschliche Gestalt
darin gesehen zu haben. Sie sah mit angehaltenem Atem noch eine
Weile hin. Doch als sich nichts weiter regte, entschied sie sich,
dass es sich um ein Tier gehandelt hatte und ließ sich von ihrem
Freund endlich in seine Wohnung führen.
Kaum war die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, konnte sie
sich kaum noch zurückhalten und drückte ihm zunächst noch ein
wenig schüchtern und unbeholfen einen Kuss auf seine
froschartigen breiten Lippen.
Er war vollkommen überrumpelt davon, hatte er sich niemals
erhofft, dass er gleich beim ersten Date mit ihr im Bett landen
würde. Andererseits kannten sie sich nun schon so lange und er
hatte sie vom ersten Tag an begehrt, so dass er sich auch nicht
mehr zurückhalten konnte und ihren Kuss erwiderte, bis sie
schließlich übereinander herfielen und es kaum noch bis ins
Wohnzimmer schafften, sondern auf dem Fußboden landeten und
einander umständlich die Kleider von den Körpern blätterten.
Sie merkten im Eifer des Gefechts nicht, wie ein dunkler Schatten
über ihren Köpfen hinweg zog und sie still beobachtete,
während sie ihrer Leidenschaft nachgingen.
Erst als die junge Frau spürte, dass sich diese Leidenschaft
ihrem Höhepunkt näherte und sie kaum noch einen Schrei
unterdrücken konnte, riss sie, von all der Kraft, die ihren
Körper durchfuhr, erregt, die Augen auf und ließ ihrem kleinen
seufzenden Schrei vollkommenen Glücks einen langen entsetzten
Schrei folgen, als sie die dunkle schattenhafte Gestalt sah, die
sich über ihren Freund gebeugt hatte und ihn mit irgendeiner Art
Stachel getötet hatte.
Ihr panischer Schrei erstickte eine halbe Minute später als sie
den scharfen, brennenden Stachel dieses grausamen nächtlichen
Besuchers in ihrem Nacken spürte und daraufhin das Bewusstsein
verlor und einige Sekunden später auch ihr junges, gerade erst
mit neuem Sinn erfülltes Leben.
Zur selben Zeit in Maryland
Der Baseball schoss in die Höhe und blitzte vor dem sternklaren
Nachthimmel weiß wie ein Schneeball auf um dann auf den saftigen
grünen Rasen vor ihnen zu fallen.
Scully merkte, dass Mulder offenbar Recht hatte. Ihre Sorgen
wurden mit jedem Schlag, mit dem sie einen heran fliegenden Ball
in die Luft katapultierte, kleiner und leichter. Und sie fühlte
sich immer freier, während sie den Bällen nachsah und sich
Mulder näher an sie schmiegte als nötig gewesen wäre.
Doch sie genoss die Reibung seines Körpers an ihrem, sie fühlte
sich beschützt und spürte dieses hüpfende Gefühl in ihrer
Magengegend, als seine Wange sich an ihren Kopf lehnte und ihre
Hände in ständiger Berührung den Baseballschläger schwangen.
Ihre Körper bewegten sich harmonisch und organisch als wären
sie eins und sie merkte, wie ihr immer heißer wurde und
schwindelig.
Sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass Mulder sie irgendwie
mit diesem Geburtstagsgeschenk anbaggern wollte. Aber
mit dem nächsten Schlag ihres Schlägers verwarf sie auch diesen
Gedanken und konzentrierte sich ganz auf diesen Moment. Sie
schaltete ihren Kopf aus, denn das war es doch, was Mulder ihr
damit hatte zeigen wollen. Ihr wurde immer wärmer und ihre Knie
wurden weich während die Schmetterlinge in ihrem Bauch wieder
verflogen und sie sich in den Moment hineinfallen ließ und ganz
auf die weißen Bälle konzentrierte, die ihr zuflogen.
Mulder nahm das genüsslich zur Kenntnis und merkte, wie ihr
Körper sich immer weniger gegen seine Nähe sperrte und ihr
Lachen immer befreiter klang. Ihm wurde warm und er wünschte
sich, es würde ewig so weitergehen, denn so nahe waren sie
einander erst einmal gekommen als sie sich beinahe geküsst
hätten und er fand es angenehm und schloss seine Augen, während
sie sich immer mehr in seine beschützende Umarmung fallen ließ
und vollkommen zu vergessen schien, wer und wo sie waren.
Er merkte, wie ihr Atem sich beschleunigte wie es immer heißer
wurde, er fühlte plötzlich ganz bewusst jede ihrer Bewegungen
und merkte, wie sein Herz davon zu rasen anfing. Da fühlte er
eine elektrisierende Welle durch seinen Körper schießen, die
ihm Angst machte, weil er damit nicht gerechnet hatte und er
wusste, er musste sich nun von ihr lösen. Er versuchte sie
langsam zu bremsen, als sie sich zu ihm umdrehte und ihn fragend
ansah. Was denn ? Machen Sie etwa schon schlapp?
Ihre Haut glänzte und sie war außer Atem während sie ihn
vergnügt anstrahlte und die Augenbrauen auffordernd hob. Er
grinste sie an, offensichtlich hatte ihr das genau so viel Spaß
gemacht wie ihm. Dann nickte er dem Balljungen zu und ließ
langsam, aber widerwillig von ihr ab.
Er wollte noch nicht, dass es zu Ende war, also wagte er sich ein
wenig weiter vor. Was konnte schon passieren, sie waren schon so
lange Kollegen und teilten mittlerweile mehr Gemeinsamkeiten als
so manche Freunde. Sie hatten eine ganz besondere Beziehung, die
von Tiefgang und Nähe und von dem wortlosen Einverständnis, es
auch dabei zu belassen, geprägt war.
Er setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. Nein, aber das
war ja nur der erste Teil Ihres Geburtstagsgeschenks.
Sie drehte sich zu ihm und war offensichtlich überrascht. Oh,
was kommt denn jetzt noch? Eine Sondervorstellung von Rocky I bis
IV? fragte sie ihn sarkastisch aber auch voller Erwartung
und er gab einen enttäuschten Seufzer von sich. Was, das
haben Sie sich gewünscht? Tja, dann muss ich die
Tischreservierung beim Italiener wohl stornieren. Er sah
gespielt traurig zu ihr herunter und holte sein Handy aus der
Tasche.
Sie war gerührt. Er hatte sich offensichtlich wirklich Gedanken
darum gemacht, ihr einen schönen Abend zu bereiten. War das der
Dank für die anderen Wochenenden, die er ihr versaut hatte? An
denen er sie wie auch dieses Wochenende vollkommen Sinnloserweise
ins Büro zitiert hatte, nur weil er sich langweilte?
Sie griff nach seiner Hand und merkte erst, als sie ihn dort
berührte, dass die Spannung zwischen ihnen noch immer nicht
verflogen war. Hitze stieg ihr in den Kopf. Halt! Wenn ichs
mir recht überlege, ist Pasta vielleicht gar nicht so schlecht.
Und sie lächelte ihn verführerisch an ohne es wirklich zu
merken. Aus Ihnen soll man schlau werden, beschwerte
er sich und legte den Arm freundschaftlich um ihre Schulter um
sie vom Baseballfeld zu führen und mit ihr zu seinem Wagen zu
gehen.
Dabei schien sein Magen in unendliche Tiefen zu fallen und
irgendetwas in ihm wurde in eine aufregende Schwingung versetzt,
die während der gesamten Autofahrt zum Restaurant nicht
aufhörte.
Eine Viertelstunde später in einem
Italienischen Restaurant
Als Scully und Mulder sich an einen kleinen Tisch gesetzt hatten
und sie bemerkte, dass es kein Fast Food Restaurant war, sondern
ein sehr süßer kleiner, fast schon romantischer Italiener, war
sie positiv überrascht.
Mulder, ich bin ernsthaft gerührt. Womit hab ich das
verdient?
Er schwieg darauf nur und lächelte sie an, dass ihr das Herz ein
Stockwerk tiefer rutschte und ihr Hals ganz trocken wurde.
Seine Entscheidung war offensichtlich nicht falsch gewesen. Was
hätte er auch sonst tun sollen an einem Samstagabend? Er war die
meiste Zeit gelangweilt, wenn er alleine war und er wusste, das
er ein kompletter Idiot war. Ein Freak, der eine so
bezaubernde Partnerin an seiner Seite hatte und trotzdem nichts
anderes mit seiner Freizeit anfangen konnte, als schlechte
Pornofilme zu sehen und Baseballstatistiken zu lesen.
Er wusste nicht genau, warum er es tat, aber es fühlte sich
richtig an, diesen Abend mit ihr zu verbringen. Ob er hoffte,
dass mehr daraus wurde, dessen war er sich nicht so sicher. Er
liebte diese Beziehung zwischen ihnen, die so unterschwellig und
zart war. Die aber auch vollkommen bedingungslos und tief war und
trotzdem ohne all die Querelen auskam, die normale Pärchen
miteinander hatten. Allerdings auch ohne all die schönen
körperlichen und emotionalen Seiten einer normalen
Liebesbeziehung.
Aber war es überhaupt richtige Liebe?
Vielleicht war das genau der Grund, warum er diesen Abend mit ihr
verbrachte. Er wollte mehr darüber wissen, was ihre
Partnerschaft definierte. Seit dem Moment in seinem Flur, der
obwohl er mehr als ein halbes Jahr zurücklag, noch so intensiv
in seiner Erinnerung präsent war, hatte er sich diese Frage
immer wieder gestellt.
War das zwischen ihnen wirklich nur platonisch oder war es doch
mehr? Er war sich sicher, dass sie sich diese Frage auch stellte.
Doch was er tun wollte, wenn er die Antwort auf diese Frage erst
einmal hatte, darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht.
Als der Kellner ihnen die Getränke brachte,
fragte Scully mit ihrem Rotweinglas über dem Tisch erhoben:
Worauf wollen wir eigentlich anstoßen?
Hmm, darauf, dass Sie jetzt jeden Samstag mit mir Baseball
spielen?
Sie lächelte kokett, legte das kühle Glas an ihre roten Lippen
und trank. Als sie das Glas wieder abgesetzt hatte schüttelte
sie den Kopf.
Danke Mulder, aber ICH kann meine Samstagabende
normalerweise recht gut ausfüllen.
Er legte den Kopf schief. Ach ja ? Und was für ein
spannendes, abendfüllendes Programm war das heute, dass Sie es
für so etwas Belangloses wie einen Anruf von Ihrem
Arbeitskollegen einfach sausen ließen?
Er hatte sie erwischt, das musste sie sich eingestehen.
Eins zu Null für Sie Mulder. Heute Abend hatten Sie
allerdings lediglich Glück. Sie schwieg, denn sie würde
niemals zugeben, dass sie genau genommen, seit mindestens acht
Samstagabenden nichts vorgehabt hatte. Ihr letztes Date war so
lange her, dass sie überhaupt nicht mehr wusste, wie es sich
anfühlte.
Doch Mulder hakte nach. Und wobei hab ich Sie dann heute
gestört?
Sie schwieg erneut und lächelte ihn geheimnisvoll an bevor sie
den Blick senkte, weil sie nicht genau wusste, was für eine Art
Lächeln sie ihm gerade zugeworfen hatte, während sich ihre
Augenbraue unwillkürlich hob. Mulder glaubte, ein Funkeln in
ihren Augen gesehen zu haben, einen Blick, den sie ihm sonst nie
zuwarf.
Hey, Scully, flirten Sie etwa mit mir? versuchte er
sie aus der Reserve zu locken.
Doch ehe sie ihm eine passende Antwort liefern konnte, war der
Kellner da um ihre Bestellungen aufzunehmen und sie wurden zu
Scullys großer Erleichterung unterbrochen, denn das Thema hatte
ihr überhaupt nicht gefallen.
Als sie wieder alleine saßen, beschloss Mulder ein wenig mehr
über diese Person herauszufinden mit der er seit fast 6 Jahren
zusammenarbeitete. Wie sind Sie eigentlich damals auf die
Idee gekommen, Ihre brillante medizinische Laufbahn für das FBI
an den Nagel zu hängen? Ich meine, Sie könnten mittlerweile
Chefärztin sein und stattdessen sind Sie ins Kellerbüro des FBI
zu der überall umworbenen Stelle der Miss Spooky berufen worden
um mit dem hauseigenen Dorftrottel zusammenzuarbeiten. Das mag
für viele wie ein Abstieg aussehen.
Sie hob die Augenbraue. Es kam nicht oft vor, dass sie beide
einfach nur so beisammen saßen und plauderten. Und jetzt, wo sie
es taten, fiel ihr auf, dass sie es mochte. Sie holte aus.
Das ist eine ziemlich lange und langweilige Geschichte von
jugendlichem Leichtsinn, Rebellion und Identitätskrisen, Mulder.
Wollen Sie die wirklich hören?
Mulder winkte ab. Keine Sorge, Sie sitzen hier einem Mann
gegenüber der Angriff der Killerbienen bereits
52-mal gesehen hat, also erzählen Sie mir nichts von Langeweile.
Sie holte tief Luft und begann mit der Geschichte, von der sie
wusste, dass er vermutlich der einzige Mensch auf der Welt war,
dem sie sie überhaupt jemals erzählen würde.
Und ehe sie sich versahen, war der Rotwein leer, ihre Mägen voll
und ihre Gemüter vom Alkohol beschwingt, während um sie herum
ein vollkommen normaler Samstagabend seinen Lauf nahm und sie das
erste Mal seit langer Zeit nicht alleine in ihren Wohnungen
irgendwelche Alibi-Pflichten erfüllten, um sich nicht
eingestehen zu müssen, wie einsam sie die Arbeit an den X-Akten
gemacht hatte.
Zweieinhalb Stunden später in der
Innenstadt von Washington D.C.
Es war ein lauer Sommerabend und Mulder und Scully liefen
nebeneinander her und schwiegen seit über drei Stunden zum
ersten Mal. Ihre Gesichter glühten vom Rotwein und sie hatten
sich ein Taxi bestellt, das sie beide nach Hause bringen würde.
Zu ihrer Überraschung war der Abend mit Mulder nicht vollkommen
durchgedreht und sinnlos gewesen wie all die anderen
merkwürdigen Verabredungen, die sie sonst oft hatten. Dabei
dachte sie schmunzelnd an den Abend an Weihnachten, wo er sie in
dieses Geisterhaus gelockt hatte. Und an den Samstagmorgen, wo er
bei ihr mitten in ihrem Frühjahrsputz eingefallen war und sie
überredet hatte mit ihm nach Vermont zu fahren, wo angeblich
Kugelblitze in einem Wald gesichtet worden waren. Sie hatten das
gesamte Wochenende diesen Wald durchforstet und Scully war danach
vollkommen von Mücken zerstochen gewesen, aber sie hatten keinen
einzigen Kugelblitz gesehen. Damals hatte sie ihn dafür gehasst
und heute war sie ihm dafür dankbar, denn es zauberte ein
Lächeln auf ihre Lippen.
Er sah, dass sie lächelte und fragte sie, als er ihr die Tür
des Taxis aufhielt, woran sie denke. Als das Taxi losfuhr, sah
sie auf ihre Hände und hob den Blick ernst, bevor sie ihm
antwortete.
Ich weiß nicht Mulder, ich frage mich nur manchmal, woher
Sie diese ganze Energie nehmen, all diese aberwitzigen
Unternehmungen anzustellen, die nahezu immer fruchtlos bleiben.
Er öffnete entsetzt die Augen. Nennen Sie mir einen Fall,
der fruchtlos war.
Sie sah ihn an, als ob sie ihn für verrückt erklären wollte.
Wie viel Zeit haben wir bis wir da sind? Ein Grinsen
übermannte sie und sie hakte sich scherzhaft bei ihm unter in
der Hoffnung, er würde ihr das nicht übel nehmen.
Darauf brummte er nur indigniert und sah aus dem Fenster,
während sie wieder von ihm abließ und sich in den Sitz
zurückfallen ließ.
Irgendwie hatte sie ja Recht, aber musste sie ihm das so auf die
Nase binden?
Dann sah er wieder lächelnd zu ihr hinüber und fragte mit einer
verführerischen Schwingung in seinem Tonfall: Soll das
etwa heißen, dieser Abend wird auch fruchtlos verlaufen?
und wackelte damit mit seinen Augenbrauen.
Sie lächelte und sah verlegen zur Seite. Der Rotwein war ihr zu
Kopf gestiegen und sie musste aufpassen, was sie jetzt sagte,
denn sie wollte diesen schönen Abend nicht ruinieren und die
Dinge komplizierter machen, als sie ohnehin schon waren. Also
schwieg sie eine Weile, und ließ sich ihre Gespräche noch
einmal auf der Zunge zergehen.
Schließlich holte sie Luft und sah Mulder tief in die Augen.
Sie sind kein Dorftrottel, das wissen Sie, oder?
Sie klang ernst und irgendetwas an ihrer Stimme ließ diese
eigenartige Schwingung in Mulder wieder aufflammen, er lächelte
ein wenig schüchtern und nickte ungläubig. Es tat ihr weh,
diesen traurigen Ausdruck in seinen Augen zu sehen und sie wandte
ihren Blick wieder von ihm ab und sah auf die vorbeiziehenden
erleuchteten Fenster von überfüllten Bars, kleinen Restaurants
und Kinos während sie um die Ecke bogen und nach ein paar
weiteren Blocks vor ihrer Wohnung zum Stehen kamen.
Mulder stieg zu ihrem Überraschen aus und öffnete ihr wieder
die Wagentür um sie zur Wohnung zu begleiten. Mulder, Sie
haben ja doch menschliche Manieren. Machen Sie das jetzt auch,
wenn wir beruflich unterwegs sind? fragte sie ihn als sie
stehen blieben und sie merkte wie es auf ihrer Haut kribbelte.
Nein, das ist alles noch Teil des Geschenks,
entgegnete er und fühlte ebenfalls wie seine Knie weich wurden.
Obwohl Scully seit Ewigkeiten kein Date mehr gehabt hatte, wusste
sie, dass sich das hier ziemlich danach anfühlte.
Scully senkte ihren Blick wieder. Sie wollte
plötzlich den Abend ganz schnell beenden und kramte in ihrer
Jackentasche nach ihrem Schlüssel. Als sie ihn gefunden hatte,
merkte sie, dass er die ganze Zeit ruhig vor ihr gestanden und
sie angestarrt hatte.
Er wusste nicht, ob es der Wein war, oder das warme Abendlicht,
doch er hatte noch nie bemerkt, wie schön ihr Haar war und wie
absolut glatt und makellos ihre Haut. Von ihren Augen ganz zu
schweigen. Ihre dunkelroten Lippen glänzten weich im Licht der
Straßenlaterne und er fragte sich, wie sie sich wohl anfühlten.
Er sah sie plötzlich nicht mehr als seine Partnerin, sondern als
Frau vor sich stehen und war über sich selbst überrascht, dass
er sie attraktiver fand, als ihm bisher bewusst gewesen war.
Sein Herz blieb plötzlich stehen.
Hatte er sie heute Abend wirklich angebaggert? Da wurde ihm
bewusst, dass sich irgendetwas zwischen ihnen verselbständigt
hatte und er fühlte sich unwohl. Das, was sie hatten, war so
etwas besonderes, wie konnte er es einfach so aufs Spiel setzen,
als wäre sie eine seiner One-Night-Stand Aktionen?
Sie sah ihm nur flüchtig in die Augen und verkniff sich ein
Lächeln, denn sie fühlte sich ebenfalls unwohl und wollte ihm
nicht unbewusste Signale senden, dass sie sich von diesem Abend
noch mehr erhoffte, denn so war sie überhaupt nicht und dass sie
hier standen, wie ein Pärchen, das ein typisches
Samstag-Abend-Date zu Ende gehen ließ, fühlte sich in ihren
Augen falsch an.
Ihre Stimme klang ein wenig heiser, als sie sich von ihm
verabschiedete. Das war wirklich ein außergewöhnliches
Geburtstagsgeschenk, wenn Sie auch noch ein wenig am Timing
arbeiten sollten.
Sie klang fast ein wenig unterkühlt was ihn reizte, weil er
merkte, dass sie ebenso unsicher wie er war.
Er setzte seinen Unschuldsblick auf. Moment, nicht so
schnell. Das war noch nicht das ganze Geschenk.
Dabei sah er an ihr herunter wie ein italienischer
Pornodarsteller und freute sich königlich über ihre
Nervosität. Egal, wie unwohl er sich in dieser Situation
fühlte, sie konnte das anscheinend noch steigern, denn sie wand
sich unangenehm berührt unter seinem Blick hin und her.
Ihr Eispanzer schien an diesem Abend aufgetaut zu sein und sie
stand nun schutzlos vor ihm.
Einen Augenblick rutschte ihr das Herz in die Kniekehlen und sie
sah ihn wie erstarrt an, ehe sie an seinem Grinsen begriff, dass
er sie wieder einmal nur auf den Arm nahm.
Sie holte einmal tief Luft, jetzt mussten sie wirklich aufhören,
und ließ ihn eiskalt mit einem Gute Nacht, Mulder.
Schlafen Sie Ihren Rausch aus! vor ihrer Tür stehen.
Als sie die Tür hinter sich ins Schloss geworfen hatte, atmete
sie erleichtert auf. Das war knapp gewesen, ein Glas mehr und sie
hätte nicht dafür garantieren können, am nächsten Morgen
alleine in ihrem Bett aufzuwachen. Doch das konnten sie sich
nicht leisten. Ihre Beziehung war rein beruflich. Wenn das auch
bei ihrer Arbeit kaum noch zu trennen war und sich über die
Jahre eine tiefe Freundschaft entwickelt hatte. Als sie sich in
seinem Flur fast geküsst hätten, hatte sie zwar gewusst, dass
er, genau wie sie, offenbar mehr als nur Sympathie für sie
empfand. Aber so richtig wollte sie es sich nicht eingestehen.
Nein, es war keine Liebe. Sie waren lediglich zwei einsame,
relativ junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts, die sehr
viel Zeit miteinander verbrachten. Da war diese sexuelle Spannung
vorprogrammiert, mehr konnte man da wirklich nicht hineindichten.
Mit dieser Selbstlüge, die sie nicht als solche ansehen wollte,
war sie zufrieden und ließ den Abend hinter sich. Sie lächelte
und ließ ihre Jacke auf das Sofa gleiten. Und doch war es ein
wunderschöner Abend gewesen.
Sie merkte gar nicht wie sehr sie strahlte, während sie
scheinbar wie auf Wolken zu ihrem Bett lief um darin in einen
tiefen Schlaf zu fallen.
Bevor er sich zum Taxi umdrehte um zu seiner Wohnung zu fahren,
lächelte er ihre verschlossene Haustür an und genoss das
Hüpfen seines Herzens in der Brust bevor er sich einredete, dass
der Rotwein ihn tatsächlich benebelte und er sich definitiv
nicht gerade in seine Partnerin verliebte.
Aber hieß es nicht, In vino veritas? Was, wenn der
Alkohol tief in ihm verborgene Wahrheiten ans Tageslicht
schlüpfen ließ? Hatte er ihr nicht sogar schon einmal unter
Einfluss dieser Psychopharmaka gesagt, dass er sie liebt?
Schlummerte da etwas in ihm, was sein Unterbewusstsein hin und
wieder wie in einer Art Schluckauf in sein Bewusstsein
schleuderte?
Er entschied, dass er für derart tiefsinnige Gedanken zu müde
war und ging, als das Taxi ihn abgesetzt hatte, direkt zu seiner
Couch um bis in den späten Vormittag hineinzuschlafen.
Montagmorgen, 7.49 Uhr, Kellerbüro des FBI
Scully hatte zum ersten Mal seit sehr langer Zeit Herzklopfen als
sie in ihr Büro kam. Es hatte bisher nur wenige Augenblicke in
ihrer gemeinsamen Beziehung gegeben, an denen sie die unsichtbare
Grenze zwischen Freundschaft und Liebe überschritten hatten und
dieser ganze Samstagabend war einer dieser Augenblicke gewesen.
Sie wusste, ein Abend wie dieser endete zwischen normalen
Menschen vollkommen anders. Sie schrieb es mittlerweile
ausschließlich dem Wein zu, dass ihr Abend beinahe auch so
verlaufen wäre. Aber es hatte ihr gefallen und sie fand nichts
Schlimmes daran, zumal ihr seine körperliche Nähe bei diesem
gemeinsamen Baseball-Spiel gut getan hatte.
Und doch hatte sie jetzt ein komisches Gefühl in der Magengegend
als sie die Tür öffnete und ihrem Partner ein frostiges
Montagmorgen-Lächeln zuwarf. Er sprang auf und lief an ihr
vorbei in den Nebenraum, als hätte er damit nur auf sie
gewartet. Hey Scully, da sind Sie ja. Ich hoffe, Sie haben
sich gestern noch gut erholt?
Dabei streifte er sie im Vorbeigehen beinahe unmerklich mit der
Schulter, was ihr Herz aufgeregt aussetzen ließ. Doch sie
ignorierte es, wie sie immer diese anscheinend zufälligen
Berührungen zwischen ihnen ignorierte.
Sie war eine von sehr wenigen Frauen beim FBI, anzügliche
Bemerkungen, unangemessene körperliche Annäherung, dämliche
Anmachsprüche das war an der Tagesordnung und sie hatte
gelernt, damit umzugehen. Nur bei Mulder war es irgendwie nicht
dasselbe. Weil sie Freunde waren und sie wusste, dass es in
seinem Fall mehr bedeutete. In diesem Moment verspürte sie den
unausweichlichen Drang, ihm wieder so nahe zu sein wie am
Samstag.
Sie seufzte still in sich hinein, als ihr auffiel, wie sehr sie
sich nach menschlicher Nähe und Wärme sehnte und dass Mulder
überhaupt der einzige Mensch war, dem sie zumindest emotional
nahe genug stand, dass sie aber niemals eine körperliche
Beziehung haben würden. Dieses Dilemma verknotete ihren Magen
und sie überlegte, wie sie nach dem wunderschönen Abend wieder
in diese graue Welt zurückfinden sollte.
Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu als seine Worte
plötzlich an ihr Ohr drangen und sie merkte, dass er schon die
ganze Zeit auf sie eingeredet hatte, ohne dass sie auch nur
irgend etwas davon mitbekommen hatte.
Und was halten Sie davon, C3PO? unterbrach er sich
schließlich etwas gereizt, als er bemerkt hatte, dass sie auf
keine seiner Fragen antwortete und anscheinend vollkommen wortlos
war an diesem Morgen.
Was? fragte sie ihn entgeistert und hatte keine
Ahnung, wovon er sprach.
Oh, schön, also hat man Sie doch nicht gegen einen
Androiden ausgetauscht. Sind wir beide jetzt wieder auf demselben
Planeten? Scully räusperte sich schuldbewusst und
verschränkte die Arme ruhig vor der Brust als sie ihm mit
gehobenen Augenbrauen zu verstehen gab, dass sie nun zuhörte und
ihre Aufmerksamkeit ganz ihm galt.
Beruhigt nickte er und holte tief Luft um noch einmal von vorne
anzufangen. Er knipste den Diaprojektor an und fragte sich dabei,
ob sie in Gedanken ebenfalls bei Samstagabend gewesen war, so wie
er bevor sie zur Bürotür hereingekommen war.
Vielleicht ist das alles etwas spannender, wenn Sie die
Bilder dazu sehen. Aber Vorsicht, die sind nicht jugendfrei.
Scully sah ihn irritiert an, als sie jedoch das erste Bild sah,
verstand sie und verzog das Gesicht unbewusst. Mulder legte los,
als er ihr noch weitere ähnliche Photos zeigte.
Das hier sind fünf Paare, die in den letzten zwei Wochen
in Connecticut Opfer eines Gewaltakts wurden, wenn Sie das
Wortspiel verzeihen. Alle fünf sind offensichtlich kurz nach
oder während des Geschlechtsverkehrs von einem unbekannten
Angreifer überfallen und schließlich getötet worden. Zwischen
den Opfern bestehen keinerlei Zusammenhänge und sie stammen
offensichtlich aus allen Altersgruppen äh.
Als er ihr das Bild eines Pärchens jenseits der Siebzig zeigte,
das offenbar ebenfalls während des Geschlechtsverkehrs ermordet
worden war, unterdrückte er ein Würgen und sah schnell von dem
Bild weg und stellte das nächste ein. Darauf war ein Teenager -
Pärchen zu sehen, das auf dem Klavier seiner Schulaula von dem
Täter überrascht worden war und Mulder zwinkerte aufreizend zu
Scully hinüber.
Mh
die wilde Unbeschwertheit der Jugend, was ?
Scully wusste nicht, wozu er ihr diese Bilder, die nicht nur
äußerst abstoßend sondern auch noch vollkommen uninteressant
waren, zeigte. Okay, diese Pärchen sind also während oder
nach dem Geschlechtsverkehr unabhängig von Alter oder Ort einem
Verbrechen zum Opfer gefallen. Na und ? Wo ist da die X-Akte? Das
sieht mir nach dem Werk irgendeines perversen Triebtäters oder
einiger eifersüchtiger Ehemänner aus. Sie sah ihn
provozierend an und blieb vollkommen ruhig.
Mulder lächelte, er musste sie jedes Mal motivieren, weil sie
nahezu nie einer Meinung mit ihm war, wenn es um einen neuen Fall
ging. Er wich vom Thema ab um sie ein wenig aufzuheitern, denn
sie wirkte an diesem Morgen so verspannt.
Connecticut, Scully. In Connecticut haben die Menschen
keinen Sex. Connecticut ist einer der langweiligsten Orte der
Welt. Allein das ist doch schon eine X-Akte wert.
Scully war trotz ihrer bewussten Distanz amüsiert und musste
sich ein Lächeln verkneifen. Vielleicht haben die Menschen
in Connecticut gerade deswegen mehr Sex, schon mal die Idee in
Betracht gezogen? Er nickte ihr beipflichtend zu und kehrte
wieder zu ihrem Fall zurück, jetzt hatte er offenbar wirklich
ihre Aufmerksamkeit.
Der Zusammenhang besteht darin, WIE diese Menschen getötet
wurden.
Daraufhin zeigte er ihr eine neue Bilderserie mit vergrößerten
Nahaufnahmen der Opfer.
Musste das sein? Scully fand diese Bilder auch schon in
Kleinformat eklig genug und sie wusste noch immer nicht, worin
die X-Akte dieses Falls bestand, als sie plötzlich erkannte,
worauf Mulder hinauswollte und ihn fast schon ängstlich ansah,
in der Befürchtung er würde ihr eine weitere Alien- oder-
Vampirstory präsentieren.
Mulder ?
Er grinste. Sie hatte es offensichtlich auch schon gesehen. Er
half ihr ein wenig dabei, es zu realisieren:Alle Opfer
haben dieselbe Wunde in ihrem Nacken.
Scully zog die Stirn in Falten und sah unbeeindruckt zu ihm:
Eine Bisswunde über dem siebten Halswirbel.
Dabei nickte er zufrieden und sah sie geheimnisvoll an.
Eine Saug- und Bisswunde, Scully. So wie ich Sie kenne,
wollen Sie jetzt bestimmt die Autopsieberichte lesen, was?
Damit hielt er ihr eine Akte hin. Sie sah ihn widerwillig an.
Will ich das wirklich?
Er nickte auffordernd. Liest sich wie ein Krimi.
Scully blätterte sich die Berichte durch. Mulder, das ist
ganz offensichtlich ein Perverser. Der Täter hat den Opfern den
Liquor aus dem Gehirn gesaugt. Die Hirnschnitte zeigen vollkommen
zusammengefallene Ventrikelsysteme, als wäre die Luft aus einem
Luftballon gewichen.
Luftballon? Netter Vergleich, Scully. Aber was glauben Sie,
warum das wohl jemand tun würde?
Scully zuckte mit den Achseln, sie fand, dass der Fall der
denkbar schlechteste Start in eine neue Woche war. Aus dem
gleichen Grund, warum es Leute gibt, die Organe essen. Irgendeine
Art kannibalistischer Trieb wird dahinter stecken,
antwortete sie nachdenklich.
Mulder runzelte die Stirn. Ein Kannibale, der Hirnliquor
trinkt? Nein, ich glaube da ist noch was anderes.
Und WAS glauben Sie genau?
Keine Ahnung, deswegen fliegen wir ja auch heute noch nach
Norwalk, Connecticut zum Tatort des letzten Mordes von
vorgestern.
Scully verzog das Gesicht in Selbstmitleid und voller Unwillen,
weil sie sicher war, dass es sich hierbei wieder einmal um pure
Zeitverschwendung handelte. Für sie war der Fall geklärt.
Irgendjemand empfand Lust daran, seine kannibalistischen Triebe
mit seinem Voyeurismus zu kombinieren. Sie arbeitete schon zu
lange beim FBI um nicht jede Möglichkeit menschlicher
Grausamkeit in Betracht zu ziehen.
Doch als sie Mulders kindliche Aufregung bemerkte und wie er sich
anscheinend auf diese neue Herausforderung freute, ließ sie sich
ein wenig anstecken. Sie mochte seine Begeisterungsfähigkeit,
das war der Aspekt, der ihn am meisten von ihr unterschied und
sie bewunderte ihn ein wenig dafür.
Sie ließ sich von ihm zum Aufzug schieben und spendierte ihm als
stille Entschuldigung für ihre Grimmigkeit einen Kaffee am
Flughafen.
Viereinhalb Stunden später auf der I-95
nach Connecticut
Scully schreckte hoch. Sie war eingeschlafen. Die Strecke vom
La-Guardia-Flughafen in New York City bis nach Norwalk zog sich
endlos. Und trotz Mulders Fahrstil konnte sie dennoch immer
wieder neben ihm im Auto einschlafen.
Er lächelte sie an. Na, Dornröschen ? Lust auf nen Kaffee
?
Sie nickte noch ein wenig verschlafen und ein wenig verlegen
während er die nächste Ausfahrt nahm und einen Kaffee für sie
beide holte. Dabei blätterte sie sich erneut durch den
Autopsie-Bericht.
Der Täter hatte keinerlei Speichel hinterlassen, obwohl es sich
um eine Bisswunde handelte. Auch sonst waren überhaupt keine
Spuren am Tatort. Keine Fingerabdrücke, keine Zeugen. Nicht
einmal ein Hinweis auf gewaltsames Eindringen in irgendwelche
geschlossenen Räume. Der Mörder hatte diese Menschen offenbar
aus dem Nichts überrascht und blitzschnell mit dem Biss
getötet. Sie schauderte bei dem Gedanken daran, dass es solche
Bestien unter den Menschen gab.
Aber etwas an dem Autopsiebericht machte sie stutzig und als
Mulder mit den Kaffees wieder ins Auto stieg, sprach sie ihn
darauf an.
Hier in den Berichten steht übrigens gar nicht offiziell
der Terminus Bisswunde. Hier steht lediglich, dass
der Mörder den Opfern irgendwie eine Wunde zugefügt hat, durch
die er dann den Liquor hinausgesaugt haben muss. Zugebissen hat
er aber nicht, denn die Wunden sehen eher aus wie unsaubere
Stiche. So als hätte jemand mit einem ausgefransten Pfeil darin
herumgebohrt.
Sie seufzte und klappte die Akte zu.
Also Mulder, ich weiß wirklich nicht, warum wir dorthin
fahren, das ist doch ein glasklarer Fall. Es ist ein
anthropophager Triebtäter. Und es würde mich nicht wundern,
wenn es irgendwo eine Internetseite gäbe, auf der Videos von
diesen Gewaltakten für autoerotische Privatvergnügen herunter
zuladen sind.
Na, Sie haben ja kranke Ideen. Er sah sie gespielt
angeekelt an und schüttelte den Kopf.
Sie hatte ja Recht. In ihrer FBI-Welt waren solche Dinge leider
nicht selten und er wusste, dass Scully der Fall nicht behagte
und hätte sie am liebsten damit verschont, solchen menschlichen
Abgründen ausgesetzt zu werden. Auch er konnte nicht gerade
behaupten, dass er sich gerne mit den Perversionen kranker
Menschen beschäftigte, wenn er sich in diesem Fall nicht so
sicher wäre, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes ging.
Dann lächelte er. Anthropophag, ja ? Und grinste in
sich hinein.
Sie funkelte ihn an und schwieg indigniert über seine
Belustigung über ihre Wortwahl bis sie im Norwalk Police
Department ankamen.
Der Police Officer, der sie in Empfang genommen hatte, hatte sie
mit allerlei Zusatzmaterial überhäuft. Er war offensichtlich
erleichtert, dass er den Fall abgeben konnte. Und noch dazu ans
FBI, das ihm, wie er fand, eine äußerst hübsche Agentin
geschickt hatte. Den schlaksigen Agenten, der mit ihr gekommen
war, mochte er allerdings weniger. Der starrte seine rothaarige,
zierliche Partnerin immer so merkwürdig an und der Officer war
sich nicht sicher, ob zwischen den beiden irgendetwas lief oder
nicht. Aber so wie er das sah, würden sie sicher eine Weile
miteinander zu tun haben und in der Zeit konnte er das noch
herausfinden.
Während er darüber nachdachte, erklärte er Scully alle
Formalitäten und versuchte, diesen großen anderen Agenten dabei
die ganze Zeit zu ignorieren.
Mulder hasste den Officer. Er war ein großer, athletischer
Riesenmann, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
in seiner Schulzeit einmal Quarterback des High School Football
Teams gewesen war, und er baggerte Scully an, der das
offensichtlich auch noch gefiel, da sie ihn vermutlich unbewusst
anhimmelte und sich öfter als nötig durch ihr Haar strich.
Mulder drehte sich genervt weg und schaute sich den Kaffeefleck
auf seiner Krawatte an, als wäre er ein Wunderwerk moderner
Kunst. Dabei hörte er jedoch aufmerksam zu, was der Officer
Scully erzählte und griff sich die Akte des jüngsten Mordfalls.
Er musste irgendwie die Verbindung zwischen den Opfern finden. Er
war sich sicher, dass der Mörder nicht wahllos vorging, sondern,
dass es irgendein anderes Muster gab als die bloße Tatsache,
dass alle Opfer zum Zeitpunkt der Tat Geschlechtsverkehr
ausgeübt hatten.
Er musste mehr über die Opfer herausfinden, um die
Persönlichkeit des Täters zu verstehen. So hatte er das gelernt
und es war eine Technik, die sich bewährte.
Als der Police Officer endlich verstummte und sie sich zu Ende
angehimmelt hatten, griff Mulder wieder ein und stellte sich
zwischen die beiden. Er drehte sich zu Scully wobei er dem
Officer den Rücken zukehrte und hoffte, der würde diese
unhöfliche Geste verstehen.
Scully, warum fahren Sie nicht gleich los, und sehen sich
die Leichen noch einmal mit eigenen Augen an?
Mulder, die Autopsieberichte kenne ich mittlerweile fast
auswendig, warum halten Sie das für nötig? wehrte sie
sich.
Sie hasste es, dass er sich jedes Mal das Recht herausnahm, über
ihre Zeit zu verfügen. Doch sie wusste, es war zwecklos sich
dagegen zu wehren.
Weil Ihre Augen schärfer sehen als die der anderen
Gerichtsmediziner. Sie wissen immer am besten, wonach ich suche.
Scully sah ihn zweifelnd an. Sie wusste überhaupt nicht, wonach
Mulder suchte, aber sie fühlte sich auch ein wenig geschmeichelt
und gab schließlich nach. Und was machen Sie in der Zeit?
Ich werde mir mal die Angehörigen dieser beiden
Unglücksraben vorknöpfen.
Damit ließ er sie mit einem Augenzwinkern stehen und verließ
das Police Department, während sie ihm mit verschränkten Armen
nachsah und seufzte. Mit einem letzten leuchtenden Blick in
Richtung des Officers folgte sie Mulder zum Wagen und ließ sich
von ihm in der städtischen Leichenhalle absetzen.
Sie wusste, dass sie mit dem Police Officer geflirtet hatte und
sie wusste auch, dass das Mulder nicht gefallen hatte.
Aber die Männer außerhalb des FBI sahen in ihr nicht nur eine
kühle FBI Agentin, sondern auch eine Frau und sie
behandelten sie mit Respekt und Höflichkeit, was sie von ihren
meisten männlichen Kollegen nicht so gewohnt war. Außerhalb des
FBI waren die Menschen nicht so zynisch und kühl und besonders
in den kleineren Städtchen freuten sich die Polizisten über
Besuch aus der Stadt. Und als FBI Agentin aus der
Bundeshauptstadt war sie so etwas wie eine exotische Schönheit
für die hiesigen Beamten. Es fühlte sich hin und wieder einfach
gut an, wie eine Frau behandelt zu werden ohne sich ernsthafte
Gedanken über die Konsequenzen zu machen.
Der Police Officer rannte Scully während ihres Wegs nach
draußen noch nach und bat sie um ihre Handynummer, natürlich
nur für den Fall, dass die Ermittlungen etwas Neues ergaben.
Na, der hat vielleicht Nerven, beschwerte sich Mulder
als sie losfuhren. Dem ist der Fall wohl zu Kopf gestiegen.
Denkt wohl, er sei nun eine wichtige Person, weil das FBI extra
aus Washington anrückt um ihm zu helfen. Geht Ihnen das
eigentlich nicht auf die Nerven, dass die Polizisten in diesen
Kleinstädten immer direkt glauben, sie müssten einer weiblichen
Kollegin den Hof machen?
Scully sah ihn vergnügt an. Mulder, ich glaube eher, dass
es Ihnen auf die Nerven geht. Ich finde das eigentlich überhaupt
nicht schlimm. Es ist immerhin eine Abwechslung.
Ihr Tonfall war trotz ihres Lächelns ein wenig unterkühlt und
Mulder schwieg daraufhin schmollend, denn sie hatte den Nagel auf
den Kopf getroffen.
Er hasste es, wenn man ihn vollkommen ignorierte und Scully
belästigt wurde. Er hasste diese hungrigen Blicke der anderen
Männer, die in ihr nur ein Betthäschen sahen, eine weitere
zukünftige Trophäe. Er wusste doch, wie es unter männlichen
Kollegen zuging. Jede Bettgeschichte wurde bei der nächst besten
Gelegenheit vor versammelter Mannschaft hinausposaunt um sich mit
der eigenen Männlichkeit brüsten zu können. Und Scullys rote
Haare und professionelle Distanz schienen einige Kollegen erst
recht zu reizen.
Es widerte ihn an, zumal Scully so viel mehr war, als nur eine
schnelle Bettgeschichte.
Zumindest in seinen Augen.
Eine Stunde später im Sektionssaal der
Leichenhalle von Norwalk
Scullys Magen knurrte. Autopsien machten sie immer schrecklich
hungrig. Dabei hatte sie gerade erst angefangen.
Nun lag die Leiche der jungen Frau auf dem Bauch und sie
inspizierte die Wunde in ihrem Nacken. Es sah grotesk aus, denn
man hatte der ihr in der vorigen Autopsie bereits das Gehirn
entnommen und sie dafür vorher rasiert sowie den Schädel
aufgesägt. Scully war an diesen Anblick gewohnt, aber dennoch
war sie sich dessen bewusst, dass es für einen Laien
erschreckend sein musste, was die Gerichtsmediziner so mit dem
menschlichen Körper anstellten, wenn er erst einmal tot war. Sie
sah noch einmal auf die Hirnschnitte, die neben ihr auf dem Tisch
lagen und blickte dann nachdenklich wieder auf die Wunde im
Nacken.
Sie führte eine kleine metallene Sonde in die Wunde ein. In der
Tat hatte irgendjemand oder irgendetwas, Scully war sich in
dieser Hinsicht nicht mehr so sicher, dass es sich um einen
menschlichen Angriff gehalten hatte, dieser armen jungen Frau den
Liquor über das Rückenmark ausgesaugt.
Aber warum ? Und wie ? Die Wunde sah wirklich nicht wie eine
Bisswunde aus. Sie stocherte mit ihrer Sonde darin herum als sie
in der Tiefe des Rückenmarkskanals auf etwas Merkwürdiges
stieß. Sie zog mit einem etwas angewiderten Blick die Sonde
heraus und sah, dass sich ein Schleimfaden daran hochzog. Er war
grünlich. Sie rümpfte unwillkürlich die Nase und ihr Mund
stand erstaunt offen als sie den Schleim auf dem schimmernden
Metall ihrer Sonde im Licht betrachtete. Was war das?
Sie entnahm noch eine weitere Probe und sammelte alles in einem
Behälter. Das war mit Sicherheit eine Spur. Wieso war das den
anderen Medizinern entgangen? Hatten sie aufgegeben, nachdem sie
auf dem Körper keine Fingerabdrücke oder Fasern hatten finden
können?
Scully war sich auf einmal nicht mehr so sicher, dass es sich
hierbei nur um einen Triebtäter handelte. Triebtäter waren
meistens relativ schlampig, der Täter hier hatte keine einzige
Spur hinterlassen und die grünliche Substanz verwirrte sie.
In diesem Moment ging die Tür auf und Mulder kam herein. Er sah
zu Scully, sein Blick fiel auf die tote Frau, die mit
Aufgesägtem Schädel auf dem Bauch vor Scully lag, die fast mit
ihrer Nase in der Leiche hing, und bemerkte dann die
Hirnschnitte, die fein säuberlich aufgereiht neben Scully auf
einem Tisch lagen. Es war ein grotesker Anblick.
Und ich dachte der Täter sei pervers! warf er
entsetzt in den Raum und versuchte das Bild wieder aus seinem
Gedächtnis zu löschen indem er sich darauf konzentrierte, nur
noch Scully anzustarren.
Haben Sie was gefunden? fragte er nachdem er sich
beruhigt hatte und den Würgereiz nicht mehr unterdrücken
musste.
Sie konnte sich kaum von ihrer faszinierenden Entdeckung
losreißen und sah nur zögerlich zu Mulder auf, während sie
sich am Präparationstisch abstützte.
Allerdings. Sie hob das
keine Fläschchen, in das sie die Schleimproben gefüllt hatte,
in die Höhe. Ich habe in der Arachnoidea des Rückenmarks
diese grünliche Substanz gefunden. Darüber hinaus ist es
offenbar wirklich so, dass den Opfern der Liquor aus den
Ventrikeln gesaugt wurde, bis ihre Gehirne unter dem Unterdruck
kollabiert sind. Der Sog muss demnach recht kräftig gewesen
sein. Aber ich habe keinen Hinweis auf die Waffe finden können,
mit der der Täter, wenn es wirklich ein Mensch war, diesen
Wundkanal in den Nacken der Opfer gestochen hat.
Mulder sah sich den grünen Schleim im Licht angeekelt an und
blickte dann fragend zu ihr herunter.
Was meinen Sie mit wenn es ein Mensch war,
zweifeln Sie jetzt etwa daran?
Nun, ich ziehe diese Möglichkeit immerhin in Betracht, vor
allem angesichts dieser merkwürdigen grünen Substanz.
Und was für ein Tier war das dann Ihrer Meinung nach?
Darauf wusste sich Scully keine Antwort und sah ahnungslos auf
die Leiche herab. Mulder folgte ihrem Blick und bereute es beim
erneuten Anblick des toten Körpers sofort.
Er bewunderte sie im Stillen für ihre Abgebrühtheit und es
wirkte angesichts ihrer sonst so zierlichen Erscheinung irgendwie
niedlich, dass sie so robust und unempfindlich war.
Ich hoffe, dass die uns in Quantico anhand dieser Probe
irgendwie weiterhelfen können. Denn es ist unsere einzige Spur
zu dem Täter", versuchte sich Scully über ihre
Ratlosigkeit hinwegzutrösten.
Mulder schüttelte nachdenklich den Kopf. Nicht ganz. Ich
hab mit den Angehörigen gesprochen. Nachdem ich mit Freunden
dieses Pärchens geredet hatte, hatte ich noch genug Zeit, nach
Hamden zu fahren, um dort noch die Familie des Pärchens, das auf
dem Klavier umgekommen ist, zu interviewen. Und eins haben die
letzten beiden Paare auf jeden Fall gemeinsam.
Scully hob die Augenbrauen. Und das wäre?
In beiden Fällen handelte es sich um das erste Mal, dass
die beiden Pärchen miteinander intim wurden. Und in beiden
Fällen hatten sich die Paare bereits mehr als 4 Jahre gekannt.
Scully sah nicht sehr begeistert aus. Ist das alles ?
warf sie ihm fast vor, denn sie fühlte wieder den Hunger und die
Rückenschmerzen, die sie von dem langen Stehen an
Präparationstischen immer bekam und wünschte sich, sie hätte
nicht den halben Nachmittag hier verbracht, während er draußen
durch die Gegend gefahren war.
Mulder nickte. Ja, aber so trivial ist das gar nicht. Denn
das zeigt doch, dass es sich nicht um pure Perversion handeln
kann, wenn der Täter so sorgfältig seine Opfer auswählt. Wenn
es ihm nur um den sexuellen Akt ginge, würde er doch nicht Wert
darauf legen, welche emotionale Bedeutung der Geschlechtsverkehr
für diese Paare hatte."
Er überlegte, wohin ihn dieser Gedanke eigentlich führen sollte
und fragte sie schließlich grübelnd: "Was ist an Liquor so
besonders, Scully?
Sie sah ihn ratlos an. Wie bitte?
Hat er eine besondere Funktion, enthält er eine seltene
chemische Substanz? Oder liegt es irgendwie an seiner
spirituellen Bedeutung?"
Scully sah ihn noch immer an, als sei er vollkommen
übergeschnappt. Spirituelle Bedeutung ? Sie meinen die
uralte mittelalterliche Auffassung, der Liquor sei das Medium
oder die Matrix der Seele?
Er nickte. Ja, so etwas in der Art. Was ist, wenn das hier
gar kein Triebtäter ist, was ist, wenn er sich den Gewinn
irgendeiner spirituellen Kraft durch das Trinken des Liquors sich
liebender Paare erhofft? Oder vielleicht ist er auch extrem
religiös und erhofft sich davon irgendeine Art von Erlösung.
"Mulder, das ist vollkommener Unsinn!" brach es aus ihr
heraus. Sie hatte schon viele psychische Störungen kennen
gelernt, viele Anhänger sehr seltsamer spiritueller
Glaubensvereinigungen, aber das war einfach zu verrückt, sie
glaubte weiterhin an ihre Kannibalismus - Theorie. Wenn es Leute
gab, die Befriedigung darin fanden, Geschlechtsorgane zu essen,
dann gab es keinen Grund, warum es nicht andere kranke Menschen
geben sollte, die Liquor tranken.
Sie versuchte daher, ihm eine vollkommen andere Sichtweise
darzulegen: Es kann doch sein, dass es ihm überhaupt nicht
um den Geschlechtsverkehr an sich geht, sondern ausschließlich
um seinen kannibalistischen Trieb Liquor zu trinken. Vielleicht
greift er ja nur deswegen während des Geschlechtsverkehrs an,
weil es für ihn am leichtesten ist. Weil die Opfer in diesem
Moment am wehrlosesten und vulnerabelsten sind, weil sie zu
beschäftigt sind, um überhaupt ihren Angreifer zu bemerken.
Er lächelte obwohl er diese Theorie für haltlos hielt. Beschäftigt
ist wohl nicht ganz das treffende Wort, Scully. Ich würde eher
von hemmungsloser Leidenschaft sprechen wenn ich da an das
Pärchen auf dem Klavier denke.
Nennen Sie es, wie Sie wollen, das Resultat ist dasselbe:
sie sind abgelenkt. Scully merkte, wie sie vom Thema
abwichen.
Doch Mulder bohrte weiter und nagelte sie auf ihrer kleinen
Spielerei fest. Beschäftigung und Sex sind für Sie
dasselbe, Scully? Na, Sie haben ja eine triste Auffassung von
Leidenschaft.
Sie sah ihn bissig an und zog sich ihre Latexhandschuhe mit einem
lauten gummiartigen Schnappen aus um nach einem sauberen Paar in
einer Pappschachtel zu greifen.
Immerhin werde ich durch meine triste
Auffassung von Leidenschaft nicht durch meinen eigenen Tod daran
gehindert, diese auszuleben.
In Gedanken fügte sie hinzu, dass die pure Langeweile ihres
Privatlebens sie vielmehr daran hinderte.
Mulder zuckte mit den Achseln und sah sie aufreizend an. "Na
ja, diese Menschen sterben wenigstens in einem der schönsten
Momente ihres Lebens. Das ist doch besser, als ein langes Leben
zu führen, das aus der Aneinanderreihung unendlicher lustloser
Momente geprägt wird.
Nun fühlte sie sich irgendwie angegriffen, doch sie waren schon
so weit von ihrem Thema abgekommen, dass sie entschied, es dabei
zu belassen und sich einredete, dass er ihr damit gerade nicht
vorgeworfen hatte, sie sei leidenschaftslos.
Er hatte gesehen, dass er mit seiner Aussage einen wunden Punkt
erwischt hatte. Obwohl er es gar nicht auf sie bezogen hatte,
hatte sie es offensichtlich so aufgefasst und er konnte die
Verletzung in ihren Augen lesen. Es versetzte ihm einen Stich.
Insgeheim wusste er, wie leidenschaftlich sie war, denn er hatte
schon oft erlebt, wie sie aus ihrem kalten Eispalast
herausgetreten war und sich voller Impulsivität für etwas
eingesetzt hatte.
Meistens hatte sie sich dann für einen Menschen eingesetzt, der
ihr etwas bedeutete. Und meistens war er das gewesen.
Bei diesem Gedanken fühlte er ein warmes Kribbeln in seiner
Brust und er lehnte sich schweigend gegen die kalte gekachelte
Wand des Sektionssaals, während sie ebenfalls schweigend die
Leiche fein säuberlich aufräumte und darüber grübelte, ob sie
wirklich so ein langweiliges Leben führte, wie er sie glauben
lassen wollte.
Auf dem Weg zurück ins Motel nach Norwalk saß sie stumm neben
ihm und starrte grimmig aus dem Fenster. Er versuchte, sie wieder
ein wenig aufzumuntern. Er hätte nicht gedacht, dass seine im
Scherz geäußerte Bemerkung ihr so zusetzen würde.
Hey, Hunger? fragte er versöhnlich. Sie schüttelte
den Kopf obwohl ihr Magen die ganze Zeit schon knurrte. Nein,
ich bin wunschlos glücklich.
Ah, nickte er ungläubig und hatte verstanden, dass
sie einfach nur noch in ihr Zimmer wollte, sie waren beide müde
und gereizt und so trennten sie sich vor ihren Motelzimmern und
verschwanden hinter ihren Türen.
Scullys Nacken war verspannt, ihr Magen knurrte und sie war
unglücklich. Daher ließ sie sich ein Bad ein, während Mulder
nebenan einen Pizzaservice anrief und es sich auf seinem Bett mit
der Fernbedienung in der Hand und einem Bier aus der Minibar
gemütlich machte. Es lief ein Basketballspiel der NBA im
Fernsehen und somit war der Abend für ihn gerettet.
Doch das sollte sich bald ändern.
Zur selben Zeit auf der I-95 nach Bridgeport
Rob sah seine frischgebackene Ehefrau verliebt an. Sie saßen in
ihrer Hochzeitslimousine und stießen glücklich auf ihren
persönlichen ganz besonderen Tag an. Wie sie da so in Weiß mit
dem zarten Schleier und den Blüten in ihrem lockigen goldblonden
Haar in der Limousine neben ihm saß, erschien sie ihm wie ein
Engel und er konnte den Gedanken überhaupt nicht ertragen, dass
er noch den ganzen Abend auf ihrem Empfang aushalten musste, ehe
er sich ihr endlich nähern durfte.
Sie waren beide aus konservativem Elternhaus und hatten sich
geschworen zu warten. Doch nun, da sie offiziell verheiratet
waren, sah er keinen Grund, noch eine Minute länger auf die
Früchte zu warten, die ihm bisher verboten gewesen waren.
Er nickte dem Chauffeur zu, der die Trennwand hochfuhr und
rutschte näher an seine Frau heran.
Ich liebe Dich, säuselte er ihr ins Ohr und sie
antwortete darauf mit einem leidenschaftlichen Kuss und er
fühlte, wie es in ihm hoch kochte und er sich nicht mehr
zurückhalten konnte. Doch ihr ging es genau so und sie wollte
ebenfalls nicht mehr warten, bis sie spät abends nach der Party
übermüdet und bestimmt auch betrunken in ihre Betten fallen
würden. Sie wusste, die wenigsten Paare hatten eine
Hochzeitsnacht im klassischen Sinne, weil die meisten nach den
Festlichkeiten zu müde waren.
Sie wollte aber sichergehen, dass es in ihrer Hochzeitsnacht
geschah, sie wollte es jetzt und sah keinen Grund, länger zu
warten.
Als sie merkte, dass die Limousine zum Stehen kam, fasste sie das
als ein Zeichen auf und setzte sich ihrem Mann auf den Schoß und
begann, ihn zu verführen, wie sie es sich all die Monate ihrer
Verlobung ausgemalt hatte.
Sie wussten nicht, dass der Chauffeur vor allem deswegen gebremst
hatte, weil er der Meinung war, er hätte eine merkwürdige
Gestalt im Dunkeln über die Fahrbahn huschen sehen.
Er stieg aus, er wusste, was hinter ihm im Auto vor sich ging und
er hatte keine Lust, dabei zuzuhören, also zündete er sich eine
Zigarette an und starrte in die Nacht, wo er sicher war, er
hätte ein Reh gesehen.
Das Reh lauerte tatsächlich hinter dem Chauffeur im
Gebüsch. Doch es war nicht wirklich ein Reh, es war ein Mensch,
zumindest seiner äußeren Form nach zu urteilen.
Er hatte Hunger.
Seit drei Tagen hatte irrte er nun schon umher und nun witterte
er endlich neue Beute. Er roch den süßlichen Duft, der aus dem
Wagen zu ihm herüber geweht wurde und verspürte den
unweigerlichen Drang, den kostbaren, beruhigenden Saft zu
schmecken.
Die Welt sah durch seine Augen anders aus, er konnte sich fast
nicht mehr daran erinnern, wie sie ursprünglich ausgesehen
hatte, denn er war an das verzerrte, farblose Bild dieser
verabscheuungswürdigen Welt gewöhnt, das seine Augen nun an
sein Gehirn sendeten.
Es war fast, als sähe man durch die Facettenaugen eines Insekts.
Die Nacht war schattiger und grauer in seinen Augen. Doch er
brauchte sie auch gar nicht. Er wollte all das um ihn herum
überhaupt nicht sehen. Er wollte nur dieses Gefühl in sich
betäuben und den Schrei seiner verkümmerten Seele zum Schweigen
bringen.
Er sog die Luft durch die Nase ein. Er konnte es deutlich
riechen.
Das Aroma von schwitzenden, Hormondurchtränkten Körpern, die
sich leidenschaftlich durch den Raum wälzten und dabei in einen
Strudel von Gefühlen gerissen wurden, die er selbst noch nie am
eigenen Leib erfahren hatte. Dieser animalische Akt stieß ihn
zutiefst ab, nicht aber sein Substrat, das mit seinem süßlichen
Geschmack so eine beruhigende Wirkung auf ihn entfaltete, dass
ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
Er fühlte, gleich würde es so weit sein, er sah die Hitze, die
durch die geöffneten Fenster der Limousine in die kühle
Nachtluft hinaufströmte. Langsam kroch er spinnenartig hinter
dem Gebüsch hervor um sich den beiden Körpern lautlos zu
nähern, während der Hunger in ihm immer mehr seinen Geist
beherrschte.
Der Wind zischte leise und ein Schatten huschte durch das Licht
der Straßenlaterne. Doch der Chauffeur merkte nichts, er genoss
still seine Zigarette und sah auf die Uhr.
Eine Stunde später
Scully wickelte sich in ihren Bademantel ein und formte aus einem
Handtuch einen Turban um ihr nasses Haar. Es ging ihr schon viel
besser und der Pizzabote hatte ihr zwar die falsche Pizza
geliefert, aber sie war satt. Sie ließ sich entspannt auf ihr
Bett fallen und genoss den Feierabend.
Mulder hingegen war unglücklich, die Wizzards würden das Spiel
verlieren und somit sah es für die Knicks im nächsten Spiel gar
nicht gut aus. Außerdem hatte der Pizzabote ihm eine
vegetarische Pizza statt seiner Meatball-Pizza geliefert. Und
dieser Fall ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, denn er hatte nicht
den blassesten Schimmer, worum es bei diesen Morden ging.
Das Telefon klingelte. Der Police Officer war dran. Warum rief er
Mulder an? Er hatte doch mit Scully den ganzen Tag geflirtet.
Aber vermutlich hatte sie ihr Handy ausgeschaltet und der Officer
hatte nun versucht sie im Hotelzimmer zu erreichen. Doch Mulder
und Scully hatten das Zimmer getauscht, weil sie darauf bestanden
hatte, eines mit Badewanne zu bekommen. Wenn sie schon mit ihm
nach Connecticut fahren musste, dann hatte sie wenigstens Anrecht
auf ein wenig Entspannung, war ihr Argument gewesen und er hatte
kleinbei gegeben. Dafür hatte er den Großbildfernseher.
Die Worte des Polizeibeamten drangen an sein Ohr und er begriff,
dass sein Abend eine plötzliche Wendung nahm. Aufgeregt sprang
er auf und stürmte zu Scullys Zimmer. Es brannte noch Licht und
er klopfte nervös an.
Als sie ihm die Tür öffnete, musste er ein Lächeln
unterdrücken. Sie bestand nahezu ausschließlich aus Frotté.
Offensichtlich nutzte sie die Badewanne und das beruhigte ihn
irgendwie. Wasser glitzerte noch auf der glatten Haut über ihren
Schlüsselbeinen und ihre Augen wirkten ohne das rote Haar, das
ihr Gesicht sonst immer weich einrahmte, noch größer und
blauer.
Sie sahen ihn fragend an. Was ist? war ihre Reaktion
auf seinen nächtlichen Besuch und seinen merkwürdigen Blick als
er sie ansah.
Es gibt wieder einen Doppelmord, war seine Antwort,
als er die Überreste seiner so schmerzlich vermissten Meatball
Pizza auf ihrem Bett sah. Darf ich? bettelte
er förmlich und zeigte mit dem Finger auf die Schachtel. Sie
nickte und kramte eilig in ihrem Kleiderschrank nach ihrer
Unterwäsche, die, wie Mulder verstohlen bemerkte, schwarz war.
Sie verschwand mit ihren Anziehsachen im Bad und kam
überraschend schnell für eine Frau wieder heraus. Ihr Haar war
nass und tropfte auf ihre Bluse, doch sie wollte offenbar keine
Zeit verlieren. Sie drapierte es mit einer flinken Bewegung und
einer Haarklemme hoch und sie verließen fluchtartig in ihrem
Mietwagen das Motel um zum Tatort auf der I-95 zu fahren.
Als sie am Tatort ausstiegen bot sich ihnen durch die geöffnete
Tür der Limousine ein grotesker und wie Scully fand
irgendwie sehr trauriger Anblick. Es hatte anscheinend ein
Hochzeitspaar erwischt, mitten während seiner
Hochzeitsnachtaktivität. Mulder sah zu Scully herüber. Wartet
man damit nicht bis man in der Hochzeitssuite in seinem
Himmelbett liegt? fragte er unbeteiligt und ging näher auf
den Ort des Geschehens zu, während Scully sich absetzte und sich
vor dem Polizeiwagen mit dem Officer unterhielt.
Mulder zückte seinen Ausweis und ging lässig an der gelben
Tatortmarkierung zu dem toten Pärchen hinüber. Er zog sich ein
paar Gummihandschuhe über und strich zielsicher das lange blonde
Haar der Braut zur Seite um einen Blick auf ihren Nacken zu
werfen. Er nickte als sich sein Verdacht bestätigte.
Scully erhielt zur selben Zeit die gleichen Informationen durch
den Officer und den Chauffeur der Limousine, der sich überhaupt
nicht erklären konnte, was passiert war, und sie sah aus der
Ferne zu, wie Mulder halb in der Limousine sitzend den Tatort
durchstöberte. Er schien etwas gefunden zu haben, denn er
starrte auf seine Finger und sah zu Scully hinüber.
Der Police Officer redete noch immer an sie hin, doch sie hörte
schon gar nicht mehr zu und daher entging ihr auch der
verführerische Unterton in seiner Stimme.
Sie wandte sich mit einer knappen Entschuldigung von ihm ab und
lief zu Mulder in die Limousine.
Der Police Officer stemmte die Hände in die Hüften und seufzte.
Den Blick in ihren Augen, den sie ihrem Partner zugeworfen hatte,
hatte er gesehen. Es lag mehr darin, als bloßes berufliches
Interesse. Der Blick war von einer tiefen Verbundenheit geprägt,
von Sorge und wortlosem Verständnis. Da wusste er, dass er gegen
diesen komischen schlaksigen FBI-Kerl keine Chance hatte. Sie
waren eben Stadtmenschen, hatten ihre eigene Welt, teilten
vermutlich viele Gemeinsamkeiten und wahrscheinlich war es daher
besser so, wenn sie unter ihresgleichen blieben. Was konnte er
ihr schon bieten? Enttäuscht wandte er sich ab und griff nach
seinem Funkgerät um das Auftauchen des FBIs am Tatort seiner
Zentrale zu melden.
Scully kletterte durch den rauschenden Seidentaftstoff des
Hochzeitskleides in die Limousine hinein und setzte sich neben
Mulder, der weißen Staub zwischen den Fingern verrieb.
Das hier hab ich überall auf ihrem Kleid gefunden. Was
meinen Sie was das ist? Puderzucker von der Hochzeitstorte ?
Scully zuckte mit den Schultern und kramte einen Plastikbeutel
aus ihrer Tasche. Er kratzte mit einer Visitenkarte den weißen
Staub zusammen und füllte etwas davon in die Tüte, während sie
sich Handschuhe überzog und mit ihrem kleinen Finger in die
Tiefe der Wunde im Nacken des Bräutigams herumbohrte. Als sie
ihren Finger zurückzog, klebte derselbe grünliche Schleim daran
und sie hob die Augenbrauen.
Sieht aus, als sei er sehr hungrig, die Abstände zwischen
den Morden werden immer kleiner, bemerkte sie sachlich.
Mulder hielt inne. Warum sagen Sie das?
Sie sah ihn fragend an. Was ?
Dass er hungrig ist. Glauben Sie jetzt doch, dass er nicht
nur aus purer Perversion diese Morde ausübt?
Sie stand vom Boden der Limousine auf und ließ sich auf die
freie Rückbank hinter ihnen fallen. Ich habe vorhin noch
einen Anruf aus dem Labor erhalten. Das grüne Zeug ist Galle,
Mulder. Der Täter würgt sie sicherlich während des Saugaktes
hoch. Ich glaube also, dass er tatsächlich aus einem
kannibalistischen Trieb heraus diese Morde verübt, dass er
wirklich so etwas wie Hunger verspürt. Galliges Erbrechen ist
ein Zeichen für eine Erkrankung seines Gastrointestinaltrakts,
vielleicht ist diese Krankheit Teil dieses psychischen Syndroms.
Haben Sie schon einmal etwas von der Essstörung Pica gehört?
Mulder hob die Augenbrauen. Das, wo die Leute plötzlich
Appetit auf Zigarettenasche, Fäkalien oder sogar Knöpfe
bekommen?
Ja, zwar ist das eine Krankheit, die eher in der Kinder-
und Jugendpsychiatrie vorkommt, aber es gibt auch Epileptiker und
Schizophrene, die darunter leiden. Und schwangere Frauen.
Na ja, ich glaube nicht, dass unser Täter eine werdende
Mutter ist, wehrte Mulder grinsend ab. Scully lächelte bei
diesem Gedanken matt. Mulder dachte über Scullys Theorie nach
und schwieg einen Moment. Er entschied sich, dass sie zwar ein
Anfang war, aber seiner Meinung nach nicht die richtige Spur.
Vielleicht warten wir erst einmal ab, was das für ein
weißes Zeug ist und was die DNA-Analyse der Galle ergibt und
dann sehen wir weiter. Sie sahen betroffen zu dem toten
Ehepaar vor ihren Augen.
Scully brach das beklemmende Schweigen in das sie bei diesem
schaurigen Anblick verfallen waren.
Es ist irgendwie furchtbar tragisch. Eine Frau freut sich
ihr ganzes Leben auf diesen Tag und wenn er dann endlich greifbar
wird, plant sie ihn mit größter Sorgfalt, kauft sich ein
schönes und sündhaft teueres Kleid, nur um es einmal zu tragen,
macht ungesunde und vollkommen nutzlose Diäten, färbt sich ihr
Haar in Farben, die ihr zukünftiger Mann gar nicht mag, wählt
sorgfältig das einzig wahre Blumengesteck passend zu ihren
Schuhen aus und dann wird dieser ganze Traum innerhalb einer
Sekunde von einem liquorsaugenden Monster zerstört. Ihre
Stimme klang traurig und Mulder war gerührt. Er sah sie von der
Seite an, wie sie leer auf die Leiche starrte, als wäre ihr
eigener Traum gerade wie eine Seifenblase zerplatzt.
Sehen Sie es doch mal so, Scully. Den beiden sind die
ewigen Zankereien um hochgeklappte Klobrillen, offene
Zahnpastatuben, Kreditkartenabrechnungen und
Kindererziehungsfragen erspart geblieben. So ist es doch
irgendwie weniger enttäuschend. Sie sind gestorben und waren
glücklich verliebt.
Scully sah ihn verwundert an, hatte er das ernst gemeint? Ehe
ist in Ihren Augen also dem Tod gleichbedeutend? Und da werfen
Sie mir vor, ich hätte triste Auffassungen? Sie bemühte
sich zu einem Lächeln um ihren Worten nicht allzu viel Ernst zu
verleihen, denn sie war sich der Skurrilität dieser Situation
bewusst. Sie saßen immerhin an einem Montagabend auf der
Rückbank einer Limousine gegenüber von einem ermordeten
Brautpaar.
Er lächelte zurück und funkelte sie aus seinen warmen
grünbraunen Augen geheimnisvoll an. Nein, nicht die Ehe an
sich, Scully. Die Unaufmerksamkeit der Gewohnheit. Dass Liebe
für die meisten Menschen irgendwann selbstverständlich ist und
ihnen profane Dinge wie Geld und Alltagssticheleien wichtiger
werden.
Scully war sprachlos und sah ihn gerührt an. Es lag so viel
Zärtlichkeit in seinem Blick, dass sie sich sicher war, dass er
dabei nicht mehr nur über das Brautpaar geredet hatte, sondern,
dass diese Worte aus dem tiefsten Innern seines Herzens gekommen
waren und viel mehr bedeuteten, als es auf den ersten Blick den
Anschein hatte.
Sie fühlten dabei wieder diese Spannung zwischen ihnen
aufkommen, die ihnen beiden ein aufregendes Flattern im Bauch
bereitete. Alles um sie herum fühlte sich plötzlich so leicht
an und ihre Herzen klopften, als ihnen wieder einfiel, wo sie
waren und Mulder diesen Moment beendete. Der Ort mit all seinem
Schrecken passte nicht zu dem wunderschönen Kribbeln in seinem
Bauch, er empfand es irgendwie als entweihend und peinlich.
Das Paar ihnen gegenüber hatte einen so wunderschönen und
persönlichen Augenblick geteilt, wie sie es auf ihre eigene ganz
andere Art in diesem Moment auch taten und er konnte den
grotesken Anblick nicht mehr ertragen und wollte Scully davor
schützen, ihm ebenfalls weiterhin ausgesetzt zu sein.
Kommen Sie, wir sollten die beiden vielleicht allein lassen,
zwinkerte er ihr ein wenig traurig zu, bevor er über das
Brautkleid stieg und aus der Limousine kletterte um danach Scully
zu herauszuhelfen.
Als er ihr eine halbe Stunde später vor ihrem Motelzimmer
Gute-Nacht sagte, knisterte es noch immer zwischen ihnen in der
Luft und sie spürte den Drang ihn zum Abschied zu berühren, ihm
ein wenig von der Zärtlichkeit zurückzugeben, die er sie
ausschließlich mithilfe seiner Blicke und seines Lächelns hatte
spüren lassen.
Doch sie widerstand der Versuchung und drehte sich zu ihrer Tür
um, als er ihr seine Hand ganz leicht auf die Schulter legte und
sie unter dieser zarten Berührung die Augen schloss und die
Sekunde genoss, in der Millionen kleinste Sternchen in ihrem
Herzen aufgingen und durch sie hindurchstrahlten und sich in
Schmetterlinge verwandelten, die aufgeregt in ihrem Bauch
umherflatterten.
Sie drehte sich um. Und er atmete die süßliche laue Abendluft
ein.
Nur für diesen Anblick hatte er sich überwunden und ihr seine
Hand auf die Schulter gelegt, obwohl er gewusst hatte, dass sie
das als unangemessen empfinden könnte. Aber er hatte noch einmal
in ihre leuchtenden Augen blicken wollen, über denen eine
rotgoldene Locke ihres mittlerweile an der Sommerluft
getrockneten Haars im zarten Wind auf- und abwippte. Es gefiel
ihm, denn sie trug ihr Haar sonst immer glatt und ordentlich
gefönt und nun sah es so strubbelig, verquirlt und gar nicht
perfekt aus und das war irgendwie charmant. Die Augen, in denen
er jedes Mal zu ertrinken glaubte, sahen ihn erwartungsvoll an.
Hey, ich verspreche Ihnen, wenn Sie einmal heiraten, werde
ich dafür sorgen, dass kein liquorsaugendes Monster Ihren Traum
zerstört, versprach er ihr mit sanfter müder Stimme und
als er sah, dass sie darauf milde lächelte, ging die Sonne in
seiner Seele auf.
Gute Nacht, Mulder, verabschiedete sie sich ohne
einen weiteren Kommentar, jedoch mit einem funkelnden Glanz in
ihren Augen, und verschwand in ihrem Zimmer. Beschwingt drehte er
sich um und lief in sein Zimmer um endlich ins Bett zu gehen.
Dienstagmorgen 8.30 Uhr
Ein riesiger Blaubeerpfannkuchen erschien vor ihrem Platz, der
riesige Fladen lappte sogar ein wenig über den Tellerrand und
Mulder sah sie erstaunt an.
Scully, entwickeln Sie jetzt etwa auch eine Ess-Störung?
Sie wich dem Thema schweigend aus und schenkte ihm nur einen
strafenden Blick ohne jedes Lächeln. Autsch! wehrte
er die Kälte ab, die ihm ins Gesicht klatschte. Er lächelte und
konzentrierte sich auf sein Rührei mit Speck, damit sie in Ruhe
ihrem Heißhunger nachgehen konnte. Frauen! dachte er sich dabei
im Stillen.
Irgendwann unterbrach sie ihr Schweigen, weil sie nicht damit
zurechtkam, dass Mulder sich so mit dem zurückhielt, was er von
diesem Fall hielt. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht,
in welche Kategorie wir unseren Serientäter nun packen? Ist er
Ihrer Meinung nach nun ein Opfer seiner eigenen psychischen
Erkrankung, halten Sie es tatsächlich für eine Art spiritueller
Befriedigung, die er aus diesen Gewaltakten schöpft oder ist es
doch einfach nur ein perverser Triebtäter mit einem gestörten
Sexualverhalten ?
Offensichtlich haben Sie sich doch schon genug Gedanken
dazu gemacht, worin besteht dann jetzt noch mein Job ?
antwortete er mit vollem Mund.
Na ja, warten wir ab, was uns das Labor in Quantico zu
sagen hat, beendete sie ihr Gespräch wieder.
Mulder sah neidisch zu ihrem Pfannkuchen und als sie seinen
hungrigen Blick bemerkte, ließ sie sich dazu hinreißen, ihm ein
Stück abzuschneiden und ihm mit der Gabel hinüberzureichen. Er
lächelte und schnappte gierig nach dem Pfannkuchen auf ihrer
Gabel.
Ihr Blick als sie ihn fütterte war unbeschreiblich und er
spürte, wie er sich plötzlich unsicher fühlte und diese
Schwingung in seiner Seele wieder verspürte. Scully hatte
dieselbe Schwingung bemerkt und ihr verging plötzlich der
Appetit auf ihren Pfannkuchen.
Ihre Blicke trennten sich verlegen und sie aßen schweigend trotz
des flauen Gefühls in ihren Mägen auf.
Dabei merkten sie nicht, wie sie von der anderen Ecke des Diners
aus, aus einem grauen, blassen Augenpaar beobachtet wurden.
Ein paar Stunden später auf dem Gelände
der Happy Wheat Weizenmehlfabrik in einem Außenbezirk von
Hartford, Connecticut
Mulder und Scully trotteten dem Manager der Firma hinterher und
warfen düstere, skeptische Blicke über das Gelände. Der
Manager wusste, warum er in Jeans und T-Shirt durch die Gegend
lief, weil Mulders und Scullys schwarze Kleidung bereits von dem
feinen Mehlstaub überall um sie herum, fein, aber vollkommen
eingestaubt war.
Wie lange, sagten Sie, gibt es die Firma schon?
fragte Mulder mit zusammengekniffenen Augen. Es war ein warmer
Frühsommertag und die Sonne blendete sie.
Der Manager war stolz, seine Firma jemandem aus der
Bundeshauptstadt vorstellen zu können, wenn er auch nicht
besonders glücklich war, dass es ausgerechnet das FBI sein
musste.
Seit ziemlich genau 20 Jahren, aber den Standort hier
nutzen wir erst seit 9 Jahren. Vorher war hier ein ziemlich
schäbiges Wohnviertel, sozusagen der Schandfleck von Hartford.
Nun und heute ist es der Arbeitsplatz für über 350 Angestellte,
das nenn ich mal nen Aufstieg, was? lächelte er stolz und
kratzte sich dann verlegen am Kopf, als Mulder und Scully ihn
unbeeindruckt und mit frostigen Mienen ansahen und höflich
nickten.
Der feine Puder auf dem Kleid der Frau hatte sich als Mehl
herausgestellt und es hatte nicht lange gedauert, bis Mulder und
Scully die einzigen beiden Weizenmehlfabriken der Umgebung
ausfindig gemacht hatten. Mulders Gespür hatte ihn zuerst
hierher fahren lassen, allerdings war er sich jetzt nicht mehr so
sicher, was sie hier eigentlich suchten, da es die Suche nach
einer Nadel im Heuhaufen war, wenn sie wirklich den Täter unter
den Angestellten vermuteten.
Scully wollte diesen Besuch schnell beenden, denn ihr war heiß
und sie wollte zurück in den klimatisierten Wagen. Sir,
wie viele Ihrer Angestellten werden denn nun tatsächlich
größeren Mengen des Mehls ausgesetzt? versuchte sie
diesen Teil des Tages zu beschleunigen.
Wir haben so um die 60 Leute, die permanent mit dem Mehl in
Berührung kommen, wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine Liste
dieser Angestellten geben, wenn ich auch ziemlich sicher bin,
dass keiner von denen fähig wäre diese Morde zu begehen.
Mulder nickte. Sicher, es ist auch eine reine
Routinemaßnahme, wir müssen nun mal gründlich vorgehen und
jeden Verdacht ausräumen. Wir werden das auf jeden Fall diskret
behandeln.
Dafür wäre ich Ihnen dankbar. Aber Sie sind ja die
Bundespolizei, also vertraue ich Ihnen da voll und ganz,
antwortete ihnen der Manager gutmütig und schloss die Türe zum
Personalarchiv auf.
Mulder sah durch das Fenster zwei Türme auf dem Gelände in die
Höhe ragen. Sie sahen heruntergekommen aus.
Der Manager reichte ihm einen Stapel Akten. So, das wären
die Angestellten, die hauptsächlich mit dem Mehl in Berührung
kommen, Sie können die Akten so lange zur Einsicht behalten, wie
Sie wollen, bringen Sie, sie bitte nur wieder, lächelte er
verlegen, doch Mulder sah noch immer nach draußen und biss an
seiner Unterlippe herum.
Was sind das für Türme? Sind das Mehlspeicher?
Der Mann nickte. Ja, sie sind jedoch mittlerweile leer und
wir haben seit vier Jahren andere Lagerungstechniken, modernere.
Das entsprach einfach nicht mehr den Hygiene- und
Qualitätsrichtlinien unserer Firma. Und es kostet zu viel, sie
abreißen zu lassen.
Mulder nickte und speicherte diese Information in seinem
Hinterkopf ab, während er den Aktenstapel umklammerte und mit
Scully zur Tür ging.
Als sie draußen über das Gelände zurück zu ihrem Wagen
liefen, bemerkte Scully den Lieferwagen der
Schädlingsbekämpfungsfirma Jackson & Johnson, aus dem ein
kleiner unscheinbarer Mann merkwürdig zu ihnen herübersah. Sie
sah finster zu Mulder und bemerkte knapp: Hygiene- und
Qualitätsrichtlinien? Wofür brauchen die dann die da? und
nickte in die Richtung des Lieferwagens.
Mulder lächelte und schloss den Wagen auf, um die Personalakten
auf den Rücksitz zu werfen. Vielleicht ist der würzige
Geschmack von Kakerlakenkot ja das Geheimnis des Erfolgs von
Happy-Wheat Mehl, grinste er sie an und sie verzog
angeekelt das Gesicht.
Zur selben Zeit ganz in ihrer Nähe
Der kleine graue unscheinbare Mann saß ganz still und sah zu,
wie das ungleiche Pärchen das Gelände verließ und wieder ins
Auto stieg. Er konnte nicht die Blicke, die sie sich zuwarfen und
das Glänzen in ihren Augen sehen, doch er konnte es fühlen.
Er konnte es fühlen, weil es in seinem eigenen Geist so leer
war, weil er es selbst nicht in sich trug. Weil es ihm so sehr
fehlte, dass es ihn wahnsinnig machte.
Er witterte, dass sie genau das waren, was er brauchte. Es war
intensiv, intensiver als bei den anderen, die er bisher
geschmeckt hatte. Und er konnte riechen, dass es noch intensiver
werden würde. Der Duft, der von ihnen ausging und über die Luft
hergeweht wurde und nun in seine Nase hinauf kroch, betäubte
diesen eisigen Schmerz, der seinen Geist und seinen Körper in
seinem harten Griff umklammert hielt.
Er fühlte sich immer elender und er wusste, wenn dieser eine
Tag, der immer näher kam, nicht bald vorüber war und er nicht
bald wieder etwas von dem süßen, wässrigen Saft trinken
würde, dann würde es ihn innerlich zerreißen.
Die Welt war so dunkel um ihn herum und so leer.
Er hatte Angst.
Er musste etwas tun.
Wenig später saßen Mulder und Scully mit
den Akten vor sich aufgetürmt im Police Department und dachten
mit frustrierten Blicken nach draußen daran, wie viele schönere
Arten es gab, einen sonnigen Tag wie diesen zu gestalten.
Da klingelte Scullys Handy. Mulder sah neugierig von der
Personalakte vor seinen Augen zu ihr hinüber als sie ranging.
Zehn Sekunden später kam sie zu ihm.
Das war das Labor in Quantico. Sie haben die Galle genauer
untersucht, doch dummerweise waren zu wenige Epithelzellen
darunter, als dass sie daran eine DNA-Analyse hätten vornehmen
können. Was sie jedoch gefunden haben, könnte uns auch
weiterhelfen.
Mulder hob auffordernd die Augenbrauen.
Naphthalin. Sie haben sehr geringe Mengen von Naphthalin in
der Galle gefunden.
Gut, und was wissen wir über diese Substanz?
Scully holte aus. Heutzutage wird es wegen seiner
Kanzerogenität und zahlreicher anderer toxischer Effekte auf den
menschlichen Organismus nicht mehr besonders häufig verwendet.
Es befindet sich besonders in Steinkohleprodukten, Holz und
früher auch in Mottenkugeln.
Mottenkugeln?
Ja, dieser modrige Geruch von Mottenkugeln, das ist
Naphthalin.
Mh, unser Täter frisst also Mottenkugeln?
Scully verschränkte die Arme und lehnte sich mit dem Rücken
gegen den Schrank neben Mulders Tisch. Ich bezweifle, dass
er sie gegessen hat, zumindest nicht in rauen Mengen, schon 5
Gramm Naphthalin sind tödlich. Aber es würde unsere Hypothese,
dass der Täter wirklich an Pica leidet, untermauern.
Ihre Hypothese, Scully. Meine ist eine ganz andere.
Sie hob die Augenbraue. Dann verraten Sie mir doch mal
ihre Hypothese, Sie weigern sich ja beharrlich mich
in Ihre Gedankengänge einzuweihen.
Er lehnte sich in dem Bürostuhl zurück und verschränkte die
Hände hinter dem Kopf.
Sechs Doppelmorde, Scully. In immer kürzeren Abständen.
Und wie ich mittlerweile herausgefunden habe, hatten alle sechs
Pärchen an dem Abend ihres Todes eine ähnliche Konstellation.
Sie alle hatten zum ersten Mal miteinander Sex und sie alle
verband eine langjährige unglückliche Liebschaft oder
Freundschaft.
Davon weiß ich ja noch gar nichts, beschwerte sie
sich.
Mulder nickte. Ich hab mich noch ein wenig im
Bekanntenkreis der anderen Opfer umgesehen. Das zweite Pärchen,
erinnern Sie sich, die Rentner? Diese beiden Menschen waren durch
den Vietnam-Krieg in den 60ern gezwungen worden, sich zu trennen,
danach war die junge Frau unbekannt verzogen und ihr Freund
konnte sie bei seiner Rückkehr aus Vietnam nicht mehr finden. Es
vergingen fast 40 Jahre, ehe sich die beiden wie durch einen
Zufall auf einer Seniorenfahrt wieder begegnet sind. Und das
dritte Pärchen, die wilden Teenager, sie waren
Sandkastenfreunde, der Junge hatte aber die ganzen Jahre auf der
Highschool nie eine Chance gehabt, aus der Freundschaft, die ihn
mit dem Mädchen verband, mehr werden zu lassen, wie mir sein
Schulfreund erzählt hat. Bis es auf diesem Schulball eben doch
dazu gekommen ist, dass er sich mit Alkohol ein wenig Mut gemacht
hat und ihr seine Liebe gestanden hat. Und dieses Pärchen, das
am Samstagabend bei dem jungen Mann zuhause getötet worden ist,
sie verband eine fünfjährige berufliche Beziehung. Sie waren
Tischnachbarn in ihrem Büro.
Scully sah ihn an und fragte sich, worauf er eigentlich
hinauswollte.
Scully, sie alle haben eine ähnliche Geschichte. Es gibt
tatsächlich ein System. Was für ein Typ ist das also, der sich
ausgerechnet Pärchen aussucht, die sich offensichtlich lieben,
und das schon seit Jahren unterdrücken mussten, die zum ersten
Mal endlich die körperliche Nähe finden, nach der sie sich
schon so lange gesehnt haben, um dann in einem unvorsichtigen
Augenblick getötet zu werden ?
Scully war beeindruckt von Mulders nahezu bewegender Ansprache.
Ein ziemlich unglücklicher Typ, würde ich sagen,
antwortete sie lässig, ohne lange darüber nachzudenken als er
mit dem Finger auf sie zeigte und in seinem Stuhl nach vorne
klappte.
Sie sagen es. Ein unglücklicher und mit Sicherheit
einsamer Typ mit einer gestörten Beziehung zu Sexualität und
eventuell einem Hang zu Mottenkugeln.
Ja, das ist ein mögliches Motiv, warum er die Paare
getötet hat. Aber warum hat er ihnen den Liquor ausgesaugt? Das
macht doch überhaupt keinen Sinn. Das wäre doch eine absolut
absurde Essstörung, es wäre viel leichter für ihn Haut zu
essen, oder Haare. Aber Liquor ?
Mulder wiegte seinen Kopf hin und her und dachte nach. Vielleicht
ist doch irgendetwas in dem Liquor, das er braucht.
Scully hob angeekelt die Augenbrauen und verzog den Mund. Der
Liquor ist nur so eine Art Müllabfuhr des Gehirns, was um alles
in der Welt kann man daran finden?
Sie starrten sich einen Moment an und gingen ihren eigenen
Überlegungen nach, als die Tür hastig aufgerissen wurde und der
Police Officer hineinstürmte.
Es gibt schon wieder einen Mord. In New Haven.
Mulder und Scully schreckten zeitgleich hoch. Schon wieder
?
Der Polizist nickte ein wenig genervt. Diese FBI Agenten
hatten auch nichts Besseres zu tun, als herumzusitzen und Akten
zu wälzen, während da draußen ein Irrer herumlief und
unschuldige Menschen abschlachtete. Warum taten sie nichts um den
Kerl zu schnappen?
Eineinhalb Stunden später in der
Sterlings-Bibliothek der Yale-Universität in New Haven
Die Leiche des jungen Mädchens hing grotesk über dem
Telefonbuch der winzigen Telefonzelle der Sterling-Library. Ihre
Augen waren starr vor Entsetzen aufgerissen und sie sah
überhaupt nicht tot aus. Doch die Wunde in ihrem Nacken ließ
keinen Zweifel daran, dass es sich wieder um dieselbe Mordtat
handelte.
Bis auf eins. Der Junge hatte überlebt.
Er saß am ganzen Körper zitternd in der Ecke auf einer
Steinbank des uralten Gemäuers und schien die Aufregung um sich
herum überhaupt nicht wahrzunehmen.
Mulder starrte auf das Mädchen. Der Tod eines Kindes musste
allein schon unerträglich für Eltern sein, aber wenn es auch
noch auf derart grausame und entwürdigende Art geschah, grenzte
das an einen dummen Scherz des Schicksals. Es war offensichtlich,
in welcher Position die beiden Studenten in dieser Telefonzelle
miteinander Geschlechtsverkehr gehabt hatten und das Mädchen lag
entblößt und fast lasziv auf diesem Telefonbuch, ihr Rock war
über den Rücken geworfen und entblößte ihre jugendliche,
glänzende Haut.
Mulder konnte die Szene fast vor sich sehen und er fand diese
Morde auf einmal untragbar widerwärtig und wendete sich ab um
sich in der Bibliothek umzusehen.
Der Bibliothekar war vollkommen aufgelöst und schüttelte auf
sämtliche Fragen der Polizisten den Kopf. Ihm war überhaupt
nichts aufgefallen, zumal es um diese Tageszeit von Studenten nur
so wimmelte. Anscheinend war ihr Täter also ebenfalls recht
jung.
Mulder schlenderte durch die kirchenartige Haupthalle und sah in
den Seitenschiffen unter den bunten Glasfenstern die Computer
stehen. Er ging durch den Rundbogen, der die Seitenschiffe von
der Haupthalle trennte, hindurch und schaltete seine Taschenlampe
an, denn es war schummrig in den ehrwürdigen Gewölben der
Bibliothek. Er leuchtete mit seiner Lampe über die Tastaturen
der Computer und hielt nach etwas Ausschau.
Schließlich wurde er fündig. Zwischen den Ritzen eines
Keyboards erkannte er deutlich einen feinen weißen Staub und
rief sofort einen Beamten zu sich hinüber. Können Sie
eine Probe davon mit dem Mehl vergleichen lassen, dass wir
gestern auf dem Brautkleid sichergestellt haben? Der Beamte
nickte obwohl er nicht ganz verstand, warum er das tun sollte,
und machte sich sogleich daran, mit einem winzigen Sauger den
Puder einzufangen, während Mulder sich neben ihm durch die
Webseiten klickte, die der letzte Benutzer besucht hatte.
Vielleicht würde er hier einen Hinweis finden.
Die letzte aufgerufene Seite war eine Seite für
Partnervermittlung. Dann folgten noch zwei Pornoseiten, die
Mulder schon längst kannte, und eine Seite, die ihm bereits viel
interessanter erschien. Es war eine Liste von Friedhöfen der
Umgebung von Hartford. Mit Personenverzeichnis. Mulder klickte
sich weiter. Der Benutzer hatte offensichtlich nach jemandem
gesucht, der auf einem Friedhof in Connecticut begraben lag. Und
nach zwei Mausklicks erschien auch eine Namensliste vor seinen
Augen. Der Benutzer hatte nach jemandem gesucht, dessen Nachname
mit L begann. Mulder ließ sich diese Seite ausdrucken und
steckte sich das Papier dann in die Tasche. Wer weiß, wo ihn das
hinführen würde.
Währenddessen unterhielt sich Scully mit dem verstörten und
sehr beschämten Jura-Studenten über dessen traumatisches
Erlebnis.
Meine Eltern werden mich umbringen, wiederholte er
nur immer und immer wieder, doch Scully legte ihm vorsichtig ihre
Hand auf den Arm.
Matt, ich weiß, dass das jetzt schwierig für Dich ist,
aber der Mann läuft da draußen frei herum und wir müssen ihn
dringend finden. Also bitte erzähl mir, woran Du Dich erinnern
kannst.
Der junge Mann zuckte mit den Schultern und schüttelte
verzweifelt den Kopf. Es ging alles so schnell, ich meine,
wir waren schon auf der Highschool zusammen und haben uns hier
zufällig wieder getroffen und sind so was wie na ja, wir
sind nicht richtig zusammen, aber wir sind eben Freunde.
Bis heute, Freunde schlafen immerhin nicht miteinander,
bemerkte Scully knapp und sachlich.
Nein, verstehen Sie, wir waren SO eine Art Freunde.
Scully verstand nicht, doch sie hörte weiter zu.
Wir haben uns immer an den unmöglichsten Orten getroffen
um
.. Er stockte und sah verlegen zu der FBI-Agentin
auf. Es war ihm peinlich mit einer fremden Frau darüber zu
reden. Na ja, sie verstehen schon, College, Partys,
Alkohol. Wir wollten Erfahrungen sammeln.
Scully schluckte. Sie war schließlich auch mal auf einem College
gewesen und die Erinnerung daran trieb ihr die Hitze in den Kopf.
Sie war so meilenweit von dieser Studentin entfernt, die sie
damals gewesen war. Aber sie bereute es nicht, sie war nun
erwachsen und vernünftig und genoss diese moralisch überlegene
Position, wenn sie dadurch auch irgendwie zum Spießer geworden
war. Aber tief in ihr schlummerte die Studentin, das wusste sie.
Sie kehrte in Gedanken wieder zum Thema zurück und ermahnte sich
zu professioneller emotionaler Distanz. Sie durfte sich nicht zu
sehr in den Jungen einfühlen, sie war die Agentin, nicht das
Opfer.
Also sehe ich das richtig, dass das heute nicht Euer erstes
Mal war? hakte sie nach. Der Junge nickte. Und kannst
Du Dich daran erinnern, wie der Mörder ausgesehen hat? War er in
Eurem Alter? Hast Du ihn gekannt?
Der Junge schüttelte den Kopf. Wir haben zusammen in der
Cafeteria gegessen und dort haben wir auch beschlossen, dass wir
heute einmal die Telefonzelle hier drin ausprobieren wollten.
Danach hatte ich die ganze Zeit so ein merkwürdiges Gefühl,
dass uns jemand gefolgt ist, aber es ist um diese Zeit so voll
auf dem Campus, dass man praktisch immer verfolgt
wird. Und als es dann passierte, da wurde plötzlich die Tür
aufgerissen und es ging alles so schnell, dass ich gar nicht
richtig gucken konnte. Der Typ war irgendwie gar nicht da, er war
durch und durch so unscheinbar und irgendwie durchsichtig. Wie
ein dunkler Schatten. Er hat mir schreckliche Angst gemacht.
Er hielt inne und seine Augen waren starr vor Entsetzen, er
kratzte sich nervös am Hals. Er wusste, er redete Schwachsinn.
Das klingt jetzt bestimmt total bescheuert, nicht wahr?
Scully schüttelte ernst den Kopf. Wenn der Junge wüsste, was
sie schon alles zu Ohren bekommen hatte, dann würde er eher sie
für durchgeknallt halten.
Also Du kannst nicht beschreiben, wie er ausgesehen hat?
Nein, ich glaube, er hatte ein graues T-Shirt an, aber ich
habe ihn wie gesagt im Grunde irgendwie gar nicht richtig
gesehen. Und dann bin ich auch schon bewusstlos geworden, weil
mich ein harter Schlag in den Nacken vollkommen weggetreten hat.
Scully sah ihn fragend an. Darf ich mir das einmal ansehen?
Der Junge beugte pflichtschuldig seinen Kopf nach vorne und
Scully befühlte und inspizierte seinen Nacken. Doch außer einer
Rötung konnte sie nichts erkennen, was auf eine Verletzung
hindeutete. Hast Du eine Ahnung, warum er nur Deine
Freundin angegriffen hat? fragte sie ihn abschließend. Er
schüttelte wieder den Kopf und sie stand auf, legte ihre Hand
beruhigend auf seine Schulter und bedankte sich bei ihm. Doch er
rief ihr hinterher. Agent Scully ?
Sie drehte sich um und näherte sich ihm wieder. Ich weiß,
Kirsten hat mich geliebt und ich fürchte, ich habe sie die ganze
Zeit ausgenutzt. Scully wartete, denn sie sah, dass er noch
mit sich zu kämpfen schien bevor er mit Tränen in den Augen
weiter sprach: Ist das jetzt die Strafe dafür?
Scully presste die Lippen aufeinander und ihre Augenbraue
schnellte kühl in die Höhe. Das ist wohl eine Frage, die
Du Dir nur selbst beantworten kannst, fürchte ich.
Damit ließ sie ihn sitzen und drehte sich wieder zu den
Polizisten am Eingang. Dieser Fall schien ihr eher eine Art
Nachahmungstat zu sein, er passte überhaupt nicht ins Schema. Es
war kein Doppelmord und das Paar hatte nicht dieselbe
Vorgeschichte wie die anderen. Sie sah zu Mulder hinüber, der
mit einem Polizisten redete. Als er ihren Blick bemerkte, kam er
zu ihr und beugte sich flüsternd zu ihr hinunter.
Der Polizei ist ca. 20 Minuten nach der Tat ein Diebstahl
in der CVS-Pharmazie an der York Street gemeldet worden. Das ist
nur drei Blocks von hier entfernt. Der Täter ist mit zwanzig
Schachteln Prozac verschwunden.
Scully schien nicht zu verstehen. Einem Antidepressivum ?
Und Sie glauben, es war der Mörder?
Sehen wir uns doch das Ladenvideo an, wich er aus und
sie verließen den Tatort um zum nächsten aufzubrechen.
Die Studenten starrten sie auf dem Weg alle an. Der Mord hatte
sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und jeder wusste, dass sie
die FBI-Agenten waren.
Scully war sich nicht sicher, ob sie sich unwohl oder stolz
fühlen sollte. Sie kam sich plötzlich so alt vor. Als hätte
Mulder ihre Gedanken gelesen fragte er sie: Geht es nur mir
so, oder sind wir alt?
Sie lächelte ihn dankbar an und schwieg ehe sie ihm antworte und
dabei an die Worte des Jura-Studenten denken musste.
Nein Mulder. Nur erfahren, aber nicht alt.
Mulder glaubte, in ihrem Tonfall eine gewisse Schärfe vernommen
zu haben, so als hätte sie das irgendwie zweideutig gemeint.
Erfahren ? Wie genau meinen Sie das, Dr. Scully?
neckte er sie daher und sie blitzte ihn strafend an.
Mulder, der Fall steigt Ihnen wohl zu Kopf, was?
Doch sie wusste, dass er den Unterton in ihrer Stimme bemerkt
hatte und obwohl sie es unbewusst getan hatte, hatte sie es wohl
doch ein wenig zweideutig gemeint. Sie schüttelte unmerklich den
Kopf. Offenbar ließ sie sich ebenfalls zu sehr von diesem Fall
beeinflussen.
Als sie eine Viertelstunde später im
Verwaltungsbüro der CVS-Pharmazie saßen und das Videoband
laufen ließen, waren sie ratlos. Zu der Zeit des Diebstahls war
niemand auf dem Video zu erkennen, der irgendwie verdächtig
gewesen wäre.
Es war Frühsommer und um zwanzig Schachteln Prozac zu entwenden,
würde man eine größere Tasche oder eine Jacke brauchen, um sie
aus dem Laden herauszuschmuggeln. Aber alle Käufer im Zeitraum
von plusminus einer Stunde um die Tat herum waren sommerlich und
leicht gekleidet gewesen, keiner von denen hätte eine so große
Menge Medikamente unbemerkt entwenden können. Ein Großteil der
Käufer passte ohnehin nicht ins Schema und die wenigen jungen
Männer schienen vollkommen harmlos zu sein.
Bis plötzlich ein Schatten auf dem Bildschirm für den Bruchteil
einer Sekunde erschien. Fünf Minuten später konnte man ihn
erneut sehen.
Spulen sie das noch mal zurück und halten sie das Video
an, wenn ich jetzt sage, instruierte Mulder den
Sicherheitsbeauftragten der Pharmazie, der die Aufsicht über die
Videos hatte.
Als das Standbild vor ihren Augen erschien dauerte es nur einen
winzigen Augenblick bis alle im Raum es erkannten.
Scully sah überrascht zu Mulder, der nachdenklich seine
Unterlippe zwischen den Fingern knetete und auf das Standbild
starrte. Angst und Beklemmung erfüllten stumm den Raum und
krochen in ihre Herzen. Mulder sah Scully an. Anscheinend
ist unser Täter auch noch ein Kunstkenner, bemerkte er
zynisch und ging näher auf den Bildschirm zu.
Darauf war die zu einem Angstschrei verzerrte Fratze eines Mannes
zu sehen. Es war nahezu die Projektion des Edvard Munch - Bildes
"Der Schrei". Irgendwie kam das Gesicht Mulder bekannt
vor. Es sah nicht wirklich aus wie das Selbstbild Munchs, es trug
eindeutig die Züge eines Mannes, den Mulder schon irgendwo
gesehen hatte.
Scully lief es eiskalt über den Rücken. Das Bild von Edvard
Munch hatte schon immer eine Seite in ihrer Seele in Schwingung
versetzt, die sie ihr ganzes Leben lang immer bemüht gewesen
war, in absoluter Stille zu halten.
Auch Mulder fühlte, wie er nicht mehr durchatmen konnte, wie
sich ein Ring um seine Brust legte. Er sprang auf und hatte es
plötzlich sehr eilig. Ihm wurde heiß und er konnte diesen Fall
nicht mehr ertragen, es war so krank und grotesk und diese ganzen
Pärchen, die mitten in ihrem intimsten, persönlichsten
Augenblick durch einen Irren entweiht und entblößt wurden,
taten ihm furchtbar leid. Er verließ den Raum und sah zu Scully.
Gehen wir Scully. Ich brauch jetzt ein Steak."
Sie sah ihn irritiert an, denn seine Stimme hatte aggressiv
geklungen und gereizt. Doch sie folgte ihm wortlos und sah ihn im
Auto auf dem Weg zum nächst besten Steakhaus besorgt an.
Ist alles in Ordnung, Mulder? fragte sie ihn
schließlich.
Er nickte nur stumm. Ja, nuschelte er lustlos und
halbherzig. Sie holte tief Luft. Der Fall nimmt sie ganz
schön mit, oder?
Er rührte sich nicht.
Mir jedenfalls setzt er ziemlich zu. Sie hoffte, wenn
sie es zugab, würde ihm das vielleicht weiterhelfen, es war
schließlich keine Schwäche, es war eine normale Reaktion auf
all das, was sie in den letzten Tagen gesehen hatten. Sie waren
ja auch nur Menschen.
Doch er schwieg auch darauf wieder. Sie empfand es als
erleichternd sich ihre Gedanken dazu ein wenig von der Seele zu
reden und fuhr fort, während er ihr jedoch kaum zuzuhören
schien und immer schneller fuhr.
Dieser Fall ist so unmenschlich. Und dabei weiß ich nicht,
was ich schlimmer finden soll, die Tatsache, dass jemand auf so
erniedrigende und grauenvolle Weise jemanden umbringt oder die
Tatsache, dass die Liebe dadurch ebenfalls entweiht wird. Denken
Sie nur an das Brautpaar. Ein Hochzeitstag ist doch etwas
Romantisches, er steht für den Glauben an die ewige Liebe. Und
alles, was die Angehörigen dieser beiden Menschen in Erinnerung
behalten werden, ist, dass sie während eines hemmungslosen und
ausschließlich körperlichen Akts zu Tode gekommen sind. Es
sollte der Moment sein, in dem sie einander ihre Liebe auf
körperlicher Ebene zeigen wollten und stattdessen hat jemand
ihren Liebesakt zu einem Gewaltakt verkommen lassen. --- Mulder,
hier sind nur fünfzig Meilen pro Stunde erlaubt, wollen Sie uns
umbringen?
Sie verstummte. Hatte sie zu viel von dem preisgegeben, was sie
fühlte? Doch wem, wenn nicht Mulder, hätte sie das sonst
gestehen können? Vermutlich hatte er ohnehin nicht zugehört,
beruhigte sie sich und sah verlegen aus dem Fenster als eine
leise Stimme von der Fahrerseite an ihr Ohr drang.
Genau, Sex und Liebe sollten eine Einheit bilden und ich
glaube, der Täter weiß das auch. Aber irgendetwas stimmt nicht.
Er ist fahrig, verzweifelt, er muss immer öfter und immer
hastiger zuschlagen, er scheint Kraft zu verlieren, deswegen hat
er auch den Jungen nicht getötet, sondern nur verletzt.
Scully unterbrach ihn. Ich glaube, er hat den Jungen aus
einem anderen Grund am Leben gelassen.
Mulder sah sie überrascht an und Scully genoss es, ausnahmsweise
mal die Wissende zu sein. Er hat mir erzählt, dass er zwar
in dem Mädchen nur sein Betthäschen gesehen hat, dass er aber
wusste, dass sie ihn geliebt hat. Es sieht also aus, als würde
der Täter tatsächlich zwischen Sex und Liebe differenzieren.
Mulder nickte und verarbeitete diese Information einen
Augenblick. Und was denken Sie hat es mit dem Prozac auf
sich? fragte er sie schließlich und erwartete, dass sie
auch darauf eine Antwort hatte. Scully kramte in ihrem
Pharmakologie-Gedächtnis nach der Wirkungsweise von Prozac.
Nun, es ist eine Substanz, die die Serotoninkonzentration
im Gehirn erhöht und somit antidepressiv wirkt.
Mulders Hand schnellte in die Höhe und er fuchtelte mit dem
Zeigefinger vor ihrer Nase herum, dass sie irritiert
zusammenzuckte.
Genau das ist es! Das ist der Grund. Er ist depressiv. Und
er braucht den Liquor um dieses Gefühl ertragen zu können.
Scully lachte auf. Was ? Sie meinen, wenn er Liebende beim
Sex tötet und ihnen ihre Gehirne aussaugt, hilft ihm das, sich
weniger depressiv zu fühlen?
Er nickte. Nicht so, wie Sie jetzt denken, Scully. Er
findet seine Erleichterung nicht in dem Gewaltakt an sich. Er
braucht den Liquor wegen der Substanzen darin, die während der
körperlichen Erregung im Gehirn ausgeschüttet werden. Sex und
Liebe sind schließlich die besten Mittel gegen Depression.
Dabei sah er schmunzelnd zu ihr hinüber.
Was, wenn ihm beides in seinem Leben bisher verweigert
wurde?
Scully zog die Stirn kraus und begriff in dem Moment, in dem sie
es sagte, was er meinte.
Sie denken, er trinkt deren Liquor wegen der
antidepressiven Substanzen darin? Mulder ?! Sie klang fast
knatschig. Selbst wenn im Liquor Neurotransmitter und
chemische Substanzen sind, die ihm fehlen, sie würden bei oraler
Aufnahme sofort durch seine Verdauungssäfte zersetzt werden. Sie
könnten ihre Wirkung überhaupt nicht entfalten. Warum also
schluckt er nicht einfach noch mehr Prozac um sich besser zu
fühlen?"
Mulder schüttelte den Kopf. Weil Prozac nicht reicht. Weil
es nicht nur um die Steigerung der Serotoninkonzentration geht.
Sie haben es doch selbst gerade gesagt: Er greift nur die
Liebenden an. Was immer das chemische Substrat der Liebe ist, ich
glaube, dass das genau das ist, was er braucht, weil es ihm
fehlt. Weil er einsam ist. Und denken Sie an die Galle, die er
immer erbricht. Sagten Sie nicht, dass er vermutlich eine
Krankheit seines Verdauungstrakts hat? Was, wenn er aus
irgendeinem Grund diese Substanzen doch nicht direkt zersetzt und
sie in seinen Blutkreislauf gelangen können?"
Scully bekam Kopfschmerzen und rieb sich mit der Hand die
Schläfe. Sie konnte Mulder kaum noch folgen. Es war einfach viel
zu verrückt. Sie sah ihn von der Seite an.
Und was ist dann Ihre Theorie zu dieser Videoaufnahme?
Wieso und vor allem wie projiziert er dieses Bild von Edvard
Munch auf den Schirm?
Munchs Der Schrei symbolisiert die Macht der
Angst und dieser Täter ist ein einsamer, trauriger Mensch, er
wird von seiner Angst angetrieben. Von einer elementaren Angst,
die in der heutigen Zeit beklemmender und häufiger ist als je
zuvor. Denn was ist elementarer als die angst vor der Einsamkeit?
Davor, dass man nicht geliebt wird? Vermutlich ist diese Angst so
beherrschend und so stark, dass sie sich in einer
elektromagnetischen Kraft äußert. In Form von Energie. Sie ist
so stark, dass sie ihn beherrscht und zu diesen Taten treibt.
Denn er versucht diese Angst zu vertreiben indem er diesen Paaren
das aussaugt, was ihm fehlt!
Seine Stimme klang aufgeregt und hallte im Inneren des Wagens
laut wider. Mulder kannte diese Angst selbst und er wusste, wovon
er sprach. Er wusste, er hatte Recht und rief zufrieden. Das
ist es!
Er schlug übermütig mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett
des Wagens. Scullys Augenlid zuckte und sie sah unbeeindruckt zu
ihm hinüber. Doch eigentlich war sie sehr angetan von seiner
Erkenntnis, wenn sie seinen Gedankengängen auch immer noch nicht
ganz folgen konnte.
Angst vor der Einsamkeit. Das ist es also Ihrer Meinung
nach?
Sie hatte diese Angst auch schon gefühlt und sie begriff nicht,
wieso das jemanden zu solch grausamen Morden treiben konnte.
Also ist es in Ihren Augen ein einsamer, depressiver Mann
mit einer ausgeprägten Angststörung, der aus irgendeinem Grund
diese Gefühle nur durch den Genuss von Liquor beruhigen kann?
Puh, dieser Killer hat wirklich ein ernsthaftes Problem! Ich bin
sicher, seine psychologische Akte kann ein ganzes Regal füllen.
Mulder zuckte mit den Schultern. Es gibt zahlreiche
Menschen, die all diese psychischen Störungen kombiniert mit
sich herumtragen. So ungewöhnlich ist das also nicht.
Richtig, und genau deshalb weiß ich nicht, warum dieser
Killer ausgerechnet Liquor trinken muss.
Scully sah aus dem Fenster. Und warum hat ihn noch niemand
gesehen? Warum scheint er wie aus dem Nichts aufzutauchen und
genau darin wieder zu verschwinden? Mulder schüttelte
resigniert den Kopf. Ich weiß es nicht, aber ich bin
sicher, wir sind nun endlich auf einer richtigen Spur.
Damit hielt er das Gespräch vorerst für beendet und schwieg
während er in eine Straße einbog und auf dem Parkplatz eines
Steakhauses den Wagen zum Stehen brachte.
Scully atmete auf, wenn sie auch nicht wie Mulder diesen extremen
Heißhunger auf Fleisch verspürte. Aber nach ihrem
Blaubeerpfannkuchen-Exzess schuldete sie ihm, dass er seinen
Fleischhunger auch stillen durfte.
Sie vermieden das Thema während des Essens und bemühten sich
über Dinge zu reden, die ihre von diesem grausamen Fall
vergifteten Gemüter wieder auf andere Gedanken brachte. Nach
einer Weile schaffte Mulder es endlich wieder, Scully ein
fröhliches Lächeln zu entlocken und merkte, wie er sich danach
selbst direkt besser fühlte.
Mulder, Sie sind ja ein Romantiker! antwortete sie
ihm überrascht auf seine Ausführungen über seine Collegezeit
in England.
Das Yale Umfeld hatte sie beide an ihre Zeit im College erinnert
und er hatte ihr davon berichtet, was er dort für Dummheiten
angestellt hatte nur um die Frau seiner Träume beeindrucken zu
können, jedoch ohne Phoebe Greene auch nur eines Wortes zu
würdigen, da er wusste, dass sie auf Phoebe eifersüchtig war.
Warum eigentlich ? Doch diese Frage, verblasste direkt wieder als
er Scullys strahlendes Lächeln sah, das sich unbemerkt in sein
Herz schlich und von dort wie flüssiger Zucker durch seine Adern
strömte.
Der unbekannte, unscheinbare Mann in der
Ecke des Restaurants schwitzte. Seine Hand stach zitternd mit der
Gabel nach dem Kotelett auf seinem Teller und er saugte das
Fleisch aus, bevor er es zerkaute und hinunterwürgte. Seine
grauen Augen leuchteten hungrig als er das Paar beobachtete, das
er nun schon seit drei Tagen verfolgte.
Er verspürte den unweigerlichen Drang, sich ihnen zu nähern.
Doch etwas an den beiden war anders. Er wusste nicht genau was,
aber er wusste, sie wurden durch dasselbe Gefühl verbunden, das
ihm, so lange er denken konnte, immer entzogen worden war. An
ihnen haftete nicht dieser schmutzige klebrige Dunst der anderen
Paare.
Er hasste diese Menschen. Er hasste sie dafür, dass sie dort
saßen und lachen konnten, dass sie einander anhimmelten als
gäbe es keinen Schrecken auf dieser Welt. Dass sie einander
hatten und nicht wie er dieser erdrückenden Leere seiner
finstren Einsamkeit ausgesetzt waren. Er stand auf, als er
merkte, wie ihm der Schweiß die Schläfen herunter lief.
Er brauchte mehr. Die Tabletten hatte er schon alle gegessen und
er fühlte wieder diese Angst in ihm hoch kriechen, die ihn
lähmte und ihm den Lebensfunken auszuhauchen drohte. Es war ihm
egal, woher er mehr bekam, er wusste nur, er würde diese Panik
nicht mehr lange aushalten, denn es näherte sich unausweichlich,
je näher dieser Tag rückte, dem Höhepunkt.
In der Toilette des Restaurants hielt er sich zitternd an der
Kloschüssel fest und erbrach die Tabletten. Grünlich
schimmernder Schleim tropfte aus seinem Mund über den
glänzenden Stachel in seiner Kehle hinab in die Kloschüssel und
er wischte ihn sich mit dem Ärmel ab. Seine Seele brüllte so
laut, dass er seinen Verstand nicht mehr hören konnte.
Mulder hatte seinen Hunger auf Steak bereits nach vier Bissen
gestillt und entschuldigte sich einen Moment um auf der Toilette
zu verschwinden.
Er war auch froh, dass er einen Augenblick Pause von dieser
vibrierenden Spannung über ihnen in der Luft hatte. Es knisterte
zwischen ihnen und mehr denn je wünschte er sich, mehr aus
dieser Partnerschaft zu machen. Ihr Bild schwebte permanent über
ihm in der Luft und er bekam sie nicht mehr aus seinem Kopf. Er
liebte ihre Grübchen wenn sie ihn anlächelte und ihre weiche
Haut, die im künstlichen Licht des Restaurants schimmerte wie
Elfenbein. Aber er liebte auch ihre Freundschaft, ihre stille
tiefe Verbundenheit und er wollte das für nichts auf der Welt
aufs Spiel setzen.
(Anm. d. Autorin: There we go, kaddle!!!)
Er wurde jäh aus den Gedanken gerissen als ihn jemand
unvorsichtig anrempelte. Entschuldigung, nuschelte
dieser jemand kaum hörbar mit einem geisterhaften Krächzen, das
Mulder irgendwie an brechendes Eis denken ließ, und schlich sich
an ihm vorbei.
Mulder sah ihm nach und rief ihm hinterher. Nein, ich muss
mich entschuldigen, ich habe Sie gar nicht gesehen.
Doch der Fremde drehte sich nicht mehr um und Mulder runzelte die
Stirn, während er noch versuchte das Bild des Mannes zu
erfassen, doch er war nur noch eine düstere Silhouette im
Halbdunkel des Restaurants. Es war ein merkwürdiger Typ gewesen,
mit traurigen blassgrauen Augen und Mulder konnte schwören, dass
er sein Gesicht schon einmal gesehen hatte. Er runzelte die Stirn
und lief weiter zur Toilette, seine Blase ließ nicht zu, dass er
länger wartete.
Doch als er sich die Hände wusch fiel sein Blick auf ein
zusammengeknülltes Papiertuch, das im Müll neben dem
Waschbecken lag. Irgendetwas darauf leuchtete grünlich. Er ging
näher heran und neigte seinen Kopf.
In dem Moment kam ein anderer Restaurantgast hinein. Als er sah,
wie Mulder sich interessiert über den Mülleimer beugte, zog er
sich irritiert zurück und ließ ihn wieder allein.
Mulder zuckte mit den Achseln und kehrte wieder zu dem grünen
Schleim auf dem Papiertuch zurück. Er kramte in seiner
Hosentasche nach einem Gummihandschuh und hob das Tuch hoch.
Seine Spürnase verriet ihm, dass das kein Zufall sein konnte.
Er warf das Tuch in den Eimer zurück und stürmte aus der
Toilette, nach Scully rufend. Die Gäste im Restaurant sahen
indigniert zu ihm auf und Scully lief ihm entgegen.
Mulder, was ist ?
Doch Mulder antwortete nicht, er sah sich hastig im Restaurant
nach dem Mann um, der ihn angerempelt hatte.
Ich hab ihn gesehen, Scully, er war hier.Hier im Restaurant,
stammelte er atemlos während er seinen Blick weiterhin suchend
durch den Raum schweifen ließ. Scully legte die Stirn ungläubig
in Falten.
Was ? Wo ? Und sie begann ebenfalls nach dem Mann zu
suchen, ohne zu wissen, wie er überhaupt aussah.
Mulder griff nach ihrem Arm und rannte dann aus dem Restaurant
heraus um auf dem Parkplatz nach ihm zu sehen.
Niemand war dort.
Scully folgte ihm und wurde fast von der warmen Abendluft, die
ihr draußen ins Gesicht wehte, erdrückt. Mulder drehte sich
ratlos auf dem Parkplatz im Kreis und trat dann wütend gegen
einen Mülleimer, der unter seiner Wut wie ein chinesischer Gong
durch die friedliche Stille hallte.
Er war hier, Scully, ich bilde mir das nicht ein,
versuchte er sich zu rechtfertigen als er ihren skeptischen Blick
bemerkte.
Wie haben Sie ihn erkannt?
Das ist es ja, ich habe ihn überhaupt nicht bemerkt, er
war plötzlich einfach da, wie aus dem Nichts. Er war nur ein
grauer Schatten. Mulder fühlte, wie ihm ein Schauer über
den Rücken lief und begriff, dass er ihnen entwischt war.
Enttäuscht warf er sich in den Wagen, während Scully
zurückging und das Essen bezahlte, das so jäh unterbrochen
worden war.
2 Stunden später im Motel, Mulders Zimmer
Sie saßen auf seinem Bett und hatten die Personalakten der
Weizenfabrik vor sich ausgebreitet.
Mittlerweile hatten sie die ersten 30 Personen durchgesehen und
bisher hatte Mulder niemanden wieder erkannt.
Nach was für einem Typen suchen wir eigentlich genau?
Er zuckte mit den Achseln.
Es war ein unscheinbarer Typ, einer von denen, die man in
der U-Bahn immer übersehen würde. Eine graue Maus. An ihm war
nichts auffallend außer seinem starren, leeren Blick.
Scully seufzte, das war ja ein toller Anhaltspunkt. Doch es
erinnerte sie an einen Patienten, den sie während ihres Studiums
einmal gesehen hatte und sie hielt diese Erinnerung nicht für
ganz unwichtig.
Das ist eigentlich ziemlich typisch für das Täterprofil,
das Sie mir heute im Auto beschrieben haben. Depressive Menschen
und Menschen mit Angststörungen sind oft zurückgezogen und
kapseln sich ab. Sie wollen mit allen Mitteln vermeiden,
aufzufallen. Sie verstecken sich sozusagen hinter ihrer Angst.
Mulder nickte und fand es bemerkenswert, wie sie es ausgedrückt
hatte, denn genau so empfand er es auch: Der Täter versteckte
sich hinter seiner Angst. Buchstäblich. Was sonst konnte diese
Projektion des Munch-Bildes auf die Überwachungskamera bedeuten?
Scully merkte, wie sie müde wurde und die Photos der
Angestellten vor ihren Augen zu einem riesigen Wirrwarr an
Gesichtern verschwommen. Sie stand auf.
Mulder, ich befürchte, wir können heute Nacht ohnehin
nichts mehr ausrichten. Ich werde jetzt schlafen gehen.
Mulder sah sie erstaunt an. Aber er ist da draußen und
läuft frei herum, was, wenn er heute Nacht wieder zuschlägt?
Dann werden wir ihn vielleicht schneller schnappen als wenn
wir jetzt weiterhin in diesem Chaos herumwühlen. Er wird fahrig,
vielleicht macht er einen Fehler, aber ich denke, wir machen
ebenfalls einen Fehler, wenn wir uns jetzt zu sehr auf diese
Akten konzentrieren und morgen früh unausgeschlafen sind.
Damit war die Sache für sie klar und sie wendete sich ab um auf
ihr Zimmer zu gehen. Doch dann drehte sie sich wieder um und
griff sich den Aktenstapel.
Die werde ich lieber mitnehmen. Ich will, dass Sie auch
schlafen. Ich weiß, dass der Fall Ihnen zu schaffen macht, also
versuchen Sie, den Kopf ein wenig frei zu bekommen.
Sie sah ihn an und plötzlich fuhr ein Gefühl durch ihren
Körper, als ob ihr Herz überquellen würde vor Wärme und
zärtlicher Fürsorge für ihn. Sie ging mit den Akten auf ihrem
Arm noch einmal zu ihm, strich ihm sanft mit ihrer freien Hand
durch das volle, weiche Haar und warf ihm einen liebevollen Blick
zu.
Sein Herz glühte kurz auf und seine Kopfhaut prickelte unter der
Berührung ihrer zarten Finger in seinem Haar bevor er scherzhaft
jammerte. Wie denn ? Sie haben doch das Zimmer mit der
Badewanne!
Sie schloss die Augen und unterdrückte ein Lächeln. Eine Welle
gemischter verwirrender Gefühle toste durch sie hindurch als sie
sah, wie müde und traurig er allein auf seinem Bett saß. Sie
hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und seine duftende
Haut überall mit ihren Lippen benetzt, doch sie wusste, das
würde sie niemals tun können, denn sie waren nun mal Partner
und waren nicht füreinander bestimmt, auch wenn es sich in
letzter Zeit ganz anders anfühlte.
Sie schluckte das Gefühl herunter und zog ihre Hand aus seinem
Haar zurück um ihn dort alleine sitzen zu lassen.
Er schloss die Augen und ließ sich aufs Bett fallen. Diese
Berührung hatte ihm so gut getan und er hätte gerne noch mehr
davon gehabt. Aber er wusste, das würde niemals geschehen und
dieser Gedanke tat ihm in der Seele weh.
Ein leuchtendes, blassgraues Augenpaar, das einem grauen Schatten
gehörte, schlich um die Motelzimmer herum und witterte den
klebrig-süßen Atem der Liebe in den Köpfen dieser Menschen,
der ihm die Erlösung von seinen Höllenqualen versprach.
Er wischte sich abermals den Schweiß von der Stirn und schlich
sich unbemerkt im schummrigen Licht der Straßenlaternen davon.
In seinen Gedärmen zuckten Krämpfe und er musste sich immer
wieder an den parkenden Autos festhalten um nicht zusammen zu
klappen.
Er sah in die Wagenfenster, doch er konnte sein Spiegelbild nicht
sehen, sah nicht, wie schrecklich sein Körper von den Qualen der
letzten Jahre entstellt war. Er hatte sich seit Jahren nicht mehr
selbst gesehen. Für ihn war es, als existiere er gar nicht
jenseits dieser Gefühle in seinem Kopf.
Und er wusste, für die meisten anderen Menschen tat er das auch
nicht.
Mittwochmorgen, 10. 45 Uhr auf dem Gelände
der Happy Wheat Mehlfabrik
Scully folgte mit grimmigem Gesicht Mulder, der durch die Wiese
hinter dem Hauptgebäude der Fabrik auf die drei ausrangierten
Mehlspeicher zustapfte. Es war heiß und sie hatte das Gefühl,
ihre Bluse würde an ihrer Haut kleben. Die Sonne brannte in ihr
helles Gesicht und der Wind zerzauste ihr mühsam
Zurechtgeföntes Haar.
Die Personalakten waren nicht besonders aufschlussreich gewesen
und Mulder hatte beschlossen, dass sie sich noch einmal auf dem
Gelände umsahen, denn bisher waren die Mehlspuren ihr einziger
handfester Hinweis.
Mulder genoss die warme Luft und die Sonnenstrahlen. Er liebte
den Sommer und er liebte abenteuerliche Erkundungen wie diese. Er
schlich um die drei Speicher herum und sah an ihren rostigen
alten Wänden in die Höhe. Sie ragten wie stumme Beobachter aus
dem Boden und schienen vor dem tiefblauen Himmel wie riesige
Baumstämme blattloser Birken.
Er drehte sich nach Scully um, die die Hand vor die Stirn hielt
und deren blaue Augen skeptisch in seine Richtung funkelten. Sie
sah so zierlich aus mit ihrer weißen, fast ein wenig
durchsichtigen Bluse, die im Wind wehte und den hohen Schuhen,
die sie schon vor langer Zeit zu tragen begonnen hatte, damit sie
neben ihm nicht immer so klein wirkte.
Wie konnte sie darauf nur laufen, fragte er sich immer und immer
wieder. Mit diesem Gedanken rüttelte er an der Tür des ersten
Speichers, die natürlich verschlossen war. Es wäre auch zu
einfach gewesen und daher versuchte er es noch an den anderen
beiden Türen. Sie waren ebenfalls verschlossen. Eine schwere
Kette ging vor der letzten Tür, doch sie glänzte in der Sonne.
Offenbar war sie erst vor kurzem dort angebracht worden.
Scully stand plötzlich hinter ihm und er konnte ihre Schulter an
seinem Oberarm spüren.
Alle Eingänge sind verschlossen, bemerkte sie knapp
und als er sie daraufhin ein wenig genervt ansah, wich sie einen
Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften.
Was hoffen Sie eigentlich hier zu finden, Mulder?
fragte sie ihn sichtlich gereizt, denn ihr war heiß und ihre
empfindliche Haut brannte in der Sonne. Er hatte einen dieser
entrückten, geheimnisvollen Blicke, die er immer mit sich
herumtrug, wenn er eine Ahnung hatte, die er nicht erklären
konnte.
Ich glaube, wir haben uns geirrt, in dem wir die ganze Zeit
den Täter unter den Angestellten gesucht haben. Ich glaube, dass
er hier wohnt, überlegte er laut und sie sah ihn belustigt
an.
Sie glauben, er wohnt in diesen Mehlspeichern? Warum sollte
er das tun?
Erinnern Sie sich, dass hier vor zehn Jahren ein schäbiges
Wohnviertel war? Was, wenn er hier aufgewachsen ist? Was, wenn er
in den mütterlichen Schoß zurückkehrt? Wie jeder, der sich
einsam fühlt ?
Denn Mulder hatte auf dem Ausdruck aus der Yale-Library den Namen
des Friedhofs gelesen, den der Täter gesucht hatte und ihm war
aufgefallen, dass dieser Friedhof ganz in der Nähe dieser
Weizenfabrik lag. Scullys Falten auf der Stirn glätteten sich,
denn es erschien ihr zu ihrer eigenen Überraschung gar nicht mal
so unwahrscheinlich und sie entspannte sich ein wenig.
Gut, also dann muss er ja irgendwo seinen Privateingang
haben, denn er wird wohl kaum durch diese Betonwände hindurch
diffundieren brummelte sie mit einem sarkastischen, nur
angedeuteten Lächeln auf ihren Lippen als sie sich umdrehte und
in eine andere Richtung um den nächsten Turm herumspazierte. Sie
fragte sich, wie so oft, wie Mulder nur immer wieder auf solche
Ideen kam und schmunzelte vor sich hin, denn sie liebte seine
Verrücktheit. Er war ein sehr eigenwilliger Mensch, fast ein
Freak. Und sie hatte sich schon immer zu Außenseitern hingezogen
gefühlt.
Da blieb sie mitten in ihren Gedanken mit dem linken Fuß an
etwas hängen. Ihr Schuhabsatz steckte in etwas fest. Sie zog den
Schuh aus und kniete sich ins trockene Gras um zu sehen, worin
der Absatz sich verhakt hatte. Mehlstaub und Kieselsteinchen
lagen überall im Gras zwischen den grünen Halmen und sie fegte
sie mit der Hand ein wenig beiseite. Der Schuh steckte in einem
Loch im Boden fest. Ihre Augenbraue schnellte in die Höhe, als
sie verstand, dass unter ihr offenbar mehr war als nur Würmer
und Erde. Ihre Hände gruben sich in das Gras und stießen dabei
mit den Fingerkuppen auf einen harten Untergrund. Eine
Metallplatte. Und zwischen dem Gras konnte sie deutlich etwas
Schwarzes hindurchschimmern sehen. Sie zerrte an dem Schuh und
fiel, als er sich löste, nach hinten.
In diesem Moment kam Mulder um die Ecke und sah nur noch, wie sie
auf ihren Rücken fiel. Ein Schreck durchzuckte ihn blitzartig,
wie es immer passierte, wenn er sie in Gefahr glaubte, doch als
er den Schuh in ihrer Hand sah, begriff er, dass es sich um etwas
Harmloses halten musste und lief zu ihr um ihr aufzuhelfen.
Sie strich sich ihre Haare verlegen hinter die Ohren, was
angesichts des Windes vollkommen sinnlos war und klopfte sich das
Mehl von der schwarzen Hose. Doch ein wenig Staub hatte sie noch
auf ihrer Wange und Mulder entschied, dass ihr das recht gut
stand. Er schaute fragend zu ihr hinunter, folgte ihrem Blick und
sah, was sie so erstaunt anstarrte. Ein deutliches Rechteck
zeichnete sich dort im Grün ab. Er ging näher heran und fegte
die Kieselsteine mit seinen Füßen beiseite. Scully sah ihm ein
wenig zurückhaltend aus sicherer Entfernung zu, während sie
sich ihren Schuh wieder anzog. Es klang hohl als Mulder auf den
Boden stampfte. Er hockte sich und begann die Erde über der Luke
mit seinen Händen beiseite zu schaufeln.
Sieht mir ganz danach aus, als hätten Ihre Schuhe den
Eingang gefunden, sah er zu ihr hoch und lächelte.
Sie hockte sich neben ihn und half ihm, bis sie es endlich
geschafft hatten, die Tür zu öffnen.
Mulder kletterte die feuchten Stufen, die sich darunter auftaten,
hinunter und kramte nach seiner Taschenlampe.
Sie befanden sich in einem schmalen Gang, dem sie etwa zehn Meter
durch schummriges Licht, Spinnweben und einen feuchten, modrigen
Geruch von Schimmel und Rattenkot folgten bis sich ihnen ein
unfassbares Bild offenbarte.
Sie standen plötzlich in einem Raum, der ziemlich genau unter
dem mittleren Turm sein musste und auch ungefähr den Durchmesser
des Turmes hatte. Und er schien bewohnt zu sein. Ein altes
Metallbett mit einer durchgelegenen, schmutzigen Matratze und
filzigen alten Wolldecken stand in der Ecke. Daneben auf dem
Boden lagen zerfetzte Kissen, die mit hässlichen Stoffmustern
aus den siebziger Jahren überzogen waren. Ein fleckiger Paravent
stand völlig sinnlos vor der Wand. Mehlstaub flimmerte in dem
schummrigen Licht, das durch die rostigen Löcher des
Mehlspeichers über ihnen in dürren langen Strahlen hineinfiel.
Mulder und Scully sahen sich vorsichtig in dem Raum um.
Wer immer hier hauste, hielt offensichtlich wenig von Hygiene und
Kochen. Denn außer dem Bett und den Kissen befanden sich
lediglich Zeitungsartikel, Magazine, ein paar leere, abgebrochene
Flaschen und ein brauner Kleiderschrank in dem großen Bauch des
Mehlspeichers. In einer Ecke glaubte Scully, tote Ratten liegen
zu sehen, doch sie war nicht gerade erpicht darauf, ihren
Verdacht zu bestätigen. Mulder bemerkte einen zerbrochenen
Wandspiegel, dessen letzte noch im Rahmen hängende Scherben das
fahle Licht reflektierten. Er hob die Augenbrauen und sah durch
das graue Halbdunkel zu Scully hinunter.
"Na, da fühlt man sich doch gleich wie zuhause!
Mulder lief zielstrebig über den
schmutzigen Boden auf den Schrank zu, während Scully sich dem
Paravent näherte, der neben dem Bett stand.
Als Mulder die Schranktür öffnete und mit der Lampe
hineinleuchtete, fand er eine Art Schrein vor. Sein Kinn fiel ihm
herunter als sein Blick auf eine junge, recht hübsche Frau auf
einem Photo fiel, die einen kleinen Jungen auf dem Arm trug, der
seltsam in das Bild lächelte. Das Photo war mindestens 20 Jahre
alt und sehr ausgeblichen. Abgebrannte Kerzen standen davor und
es roch nach Mottenkugeln und verschwitzter Kleidung.
Mulder hielt die Hand vor die Nase als er das Photo herausnahm
und umdrehte. Auf der Rückseite waren nur die Initialen D.L. und
ein Datum eingeritzt. Das Photo war anscheinend am 12.4.1978
aufgenommen worden. Mulder steckte es sich ein und begann den
Rest des Schranks mit seiner Taschenlampe zu durchsuchen.
Als er die andere Schrankseite öffnete, sah er keine Kleidung
darin hängen, er konnte im Strahl seiner Lampe lediglich an der
Hinterwand kleine Einkerbungen und Kratzspuren erkennen, so als
hätte ein Hund darin gesessen. Er fuhr mit den Fingern
vorsichtig über die Kratzer im Holz als Scullys Stimme den Raum
durchquerte.
Mulder, ich glaube, das sollten Sie sich ansehen! Ihr
Tonfall klang merkwürdig entrückt und als er in der Dunkelheit
ihr Gesicht erkannte, wurde er neugierig, denn sie sah vollkommen
verstört aus. Als er sich dem Paravent, den Scully zur Seite
gerückt hatte, näherte, begriff er, noch immer den Blick in
ihrem Gesicht zu deuten bemüht, was sie so anzuekeln schien.
Der Bewohner hatte die ganze Wand mit Pornobildern beklebt. Mit
den ekelhaftesten Bildern, die Mulder in seiner eigenen
langjährigen Karriere als Hochglanzmagazinabonnent jemals
gesehen hatte. Sie wirkten hier unten, inmitten all des düstren
Drecks und der Trostlosigkeit besonders widerlich und krank und
sie waren alle übereinander zu einer riesigen Collage an die
Wand geklebt.
Es war ihm unangenehm, machte ihn wütend, dass seine Scully
diesen Anblick ebenfalls ertragen musste und er drehte sich zu
ihr. Ihr Verstand war so klar und so schön, er hatte das
irrationale Gefühl, sie vor diesem Schmutz beschützen zu
müssen, obwohl er wusste, dass sie bereits wesentlich schlimmere
Dinge zu Gesicht bekommen hatte.
Kommen Sie, Scully, wir haben hier nichts mehr verloren,
legte er seine Hand zwischen ihre Schulterblätter und schob sie
sanft aber mit Nachdruck von der Wand weg. Als er jedoch noch
einmal einen Blick zurück auf die Collage warf, fiel ihm etwas
auf, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Warum hatte er das nicht direkt gesehen? Er blieb stehen.
Scully! hauchte er durch die Stille und griff nach
ihrem Handgelenk. Sie drehte sich um und erschauderte als sie
sah, was er sah.
Die Pornobilder waren so an der Wand arrangiert, dass sie sich
für den Betrachter aus der Ferne als das Gemälde von Edvard
Munch darstellten.
Scully, wir haben ihn, flüsterte Mulder ihr
aufgeregt und mit klopfendem Herzen zu, denn erst jetzt begriff
er, dass sie sich tatsächlich in seiner Höhle befanden und
womöglich in großer Gefahr schwebten.
Los, raus hier ! schob er sie in einem Anflug von
Panik wieder vor sich her und während die Kälte in ihnen hoch
kroch und sich um ihre Beine zu schlingen schien, liefen sie so
schnell sie konnten, von der grausamen Angst, die der
Schrei in ihnen ausgelöst hatte, gepackt durch den
finsteren Gang zu der Treppe zurück. Spinnweben blieben ihnen
dabei in den Haaren hängen und sie rutschten auf dem schimmligen
Boden. Doch sie wussten, sie wären dem Angreifer in seiner
vertrauten Umgebung in einem verlassenen Mehlspeicher hilflos
ausgesetzt und hatten keine Chance, wenn er sie fassen würde.
Sie stießen mit aller Kraft zusammen die schwere Luke auf und
schlossen vom Licht der Sonne geblendet die Augen in
Erleichterung, als sie die warme Luft des Frühsommers einatmeten
und wussten, dass sie in Sicherheit waren.
Als sie wieder sicher in ihrem Wagen saßen, atmeten sie
endgültig auf. Scullys Haar klebte an ihrer Stirn und ihre Brust
hob sich unter ihren schnellen Atemzügen. Mulder leckte sich die
Schweißtropfen von der Oberlippe und fuhr sich mit der
zitternden Hand durch sein Haar um die Spinnweben zu lösen,
bevor er zu ihr hinüber sah. Er hatte dort unten weniger Angst
um sich gehabt, als um sie.
Ist alles okay? fragte er sie und wischte ihr als sie
noch immer außer Atem nickte, endlich das Mehl von der Wange und
zog ihr ebenfalls die Spinnweben aus ihrem roten Haar. Sie
schloss die Augen einen winzigen Augenblick länger als einen
Wimpernschlag um mehr von dieser zarten Geste zu haben und
merkte, wie sie dadurch wieder ruhiger wurde. Schließlich hatte
sie sich wieder gefasst und als er den Wagen startete, fragte
sie: Und wie finden wir ihn jetzt?
Er zog mit der rechten Hand das etwas zerknitterte Photo aus
seiner Tasche und reichte es ihr.
Sieht aus, als hätte der arme Kerl zusätzlich zu seiner
Palette an psychischen Problemen auch noch einen Ödipus-Komplex.
Als sie eine halbe Stunde später im Polizeibüro angekommen
waren kramte Mulder die Namensliste hervor, die er sich in der
Yale-Bibliothek ausgedruckt hatte und suchte nach weiblichen
Personen mit den Initialen D.L. Sein Finger blieb auf dem Namen
Donna Libling stehen.
Er stupste Scully, die neben ihm saß und die Photos der Morde
noch einmal mit einer Mischung aus Faszination, Ekel und Wut
betrachtete. Sie wusste nicht, warum, aber sie hoffte, auf diesen
Bildern noch irgendeinen Hinweis zu finden, der sie weiterbringen
würde, denn nachdem, was sie in diesem Mehlspeicherappartment
gesehen hatte, empfand sie nichts als pure Verachtung und tiefen
Hass für diesen Mörder und wollte ihn endlich hinter Gittern
sehen.
Als Mulder sie anstupste, schnellte ihre Augenbraue in die Höhe
und sie sah auf den Namen, den sein Zeigefinger halb verdeckte.
Das ist seine Mutter? fragte sie ungläubig und
tippte noch währen sie die Frage stellte, den Namen der Frau in
die Polizei-Datenbank ein. Zehn Sekunden später erschienen ein
Photo auf dem Bildschirm und eine ellenlange Liste an
Polizeinotizen.
Das ist jetzt fast schon zu einfach, beschwerte sich
Mulder fassungslos, als sie beide in der elektronischen Akte
sahen, dass Donna Libling zu Lebzeiten Prostituierte gewesen war.
Mulder tippte gegen den Bildschirm.
Sie ist am 25.5.1989 gestorben. Somit ist morgen ihr
zehnter Todestag.
Er lehnte sich baff in dem Bürostuhl zurück und ließ die Lehne
leise unter seinem Gewicht knarren. Scully fühlte ihr Herz in
ihrer Brust klopfen. Sie waren so dicht dran, diesen Kerl zu
fassen. Aber noch hatten sie keine Spur, wo er sich aufhielt.
Mulder ließ seinen Blick schweifen, während Scully im Computer
nach weiteren Personen mit dem Nachnamen Libling forschte. Er
starrte leer auf die Photos der Mordserie. Er hatte sie schon so
oft gesehen, dass sie ihren Schrecken mittlerweile verloren
hatten und er die nackten Körper, die an den unmöglichsten
Orten in den unmöglichsten Positionen in dem schönsten und
zugleich schlimmsten Moment ihres Lebens festgefroren waren, gar
nicht mehr als solche wahrnahm. Stattdessen prägte sich ein
Detail auf dem Photo des ersten Mordes in sein Gedächtnis ein.
Er sah vor dem Fenster der Küche, auf deren Tisch das erste Paar
ermordet worden war, einen weißen Lieferwagen stehen, von dem er
schwören konnte, dass er ihn schon einmal gesehen hatte. Doch
noch wälzte er diesen Gedanken umher, ohne eine klare Idee zu
haben.
Scully riss ihn aus seinen Überlegungen als sie mit ihrer Hand
nach seinem Arm griff und wie gebannt auf den Bildschirm starrte.
Er beugte sich nach vorn, ein wenig mehr als er es musste, und
kam ihr gerade so nah, dass ihr zarter Duft ihm in die Nase
stieg.
Vor ihm erschien das Bild des Mannes, den er im Steak-Haus
angerempelt hatte.
Es waren dieselben blassgrauen Augen, die dieses kleine Kind auf
den Armen der hübschen jungen Donna Libling gehabt hatte.
Sie hatten ihren Killer gefunden. Und sein Name war Wilbur.
Wilbur Libling. Scully durchbrach die angespannte Stille.
Er hat vor genau zehn Jahren schon einmal in Jugendhaft
gesessen. Hier steht es. Damals hatte er eine Schulkameradin
vergewaltigt. Sehen Sie, es existiert tatsächlich ein
psychologisches Gutachten von ihm.
Sie sah ihn an und ohne, dass sie etwas sagen musste, waren sie
sich einig, dass sie dem Psychologen einen Besuch abstatten
mussten. Mulder warf im gehen noch einen letzten Blick auf das
Photo mit dem Lieferwagen im Hintergrund, doch er kam nicht
darauf, woher er den Wagen kannte.
Der junge Mann kauerte hinter einem Gebüsch und fühlte sich
elend. Immer und immer wieder wurde ihm übel und er beugte sich
von schrecklichen Krämpfen geplagt nach vorn, um sich zu
erbrechen. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein
graues T-Shirt war bereits vollkommen durchnässt. Er zitterte am
ganzen Körper und hatte kaum noch die Kraft den beiden zu
folgen. Doch er musste, denn es zerfraß ihm bereits die Seele.
Und er wollte noch einmal diesen süßen, klebrigen Geschmack von
Liebe spüren, wollte noch einmal fühlen, was es bedeutete,
nicht allein zu sein.
Er brauchte es und er wusste, diese beiden waren zu abgelenkt,
als dass sie bemerken könnten, dass er sich ihnen immer mehr
näherte.
Die Jäger waren nun zur Beute geworden und das Wasser lief ihm
im Mund zusammen während er den pulsierenden Stachel in seiner
Kehle fühlte, der nur darauf wartete, sich in das zarte Fleisch
dieser rothaarigen Frau zu bohren und durch die starken Muskeln
des großen, sportlichen Agenten zu fahren.
Mental Health Clinic, New Britain 14:29 Uhr
Dr. Warren war überrascht nach zehn Jahren wegen dieses Falls
angesprochen zu werden, er hatte ihn bereits ganz hinten in
seinem Hinterkopf unter Abgeschlossen einsortiert und
um so mehr beunruhigte es ihn nun, dass ausgerechnet das FBI mit
ihm über Wilbur Libling reden wollte. Er hatte eigentlich
gedacht, dass es in Wilburs Fall bei einem einmaligen Delikt
bleiben würde.
Sie wollen also wissen, was für ein Fall Wilbur war, ja?
fragte er sie und als sie ihm ausdruckslos zunickten, holte er
tief Luft.
Wilbur war ein sehr spezieller und äußerst stark
traumatisierter Junge. Er war bereits als Fünfjähriger mit
einer Naphthalin-Vergiftung eingeliefert worden, weil er die
Mottenkugel aus dem Schrank seiner Mutter angenagt hatte. Kurz
darauf stellten wir hier bei ihm eine Ess-Störung fest, die als
Pica bezeichnet wird, ich weiß nicht, ob Sie damit vertraut
sind.
Mulder und Scully sahen sich kurz an und nickten dann schweigend.
Der Junge ist nahezu ein Lehrbuchfall, denn Pica tritt
häufig bei Kindern auf, die schweren Traumatisierungen
ausgesetzt sind. Wilburs Mutter war Prostituierte in einem
äußerst heruntergekommenen Viertel in Hartford und Wilbur hat
seinem Freund hier in der Klinik anvertraut, dass er wenn ihre
Freier in ihre Einzimmerwohnung zu Besuch kamen, immer im Schrank
eingesperrt wurde, mit einem Walkman mit Kinderliedern sowie
einer Taschenlampe, damit er sich nicht fürchtete. Er
räusperte sich. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, was
für ein ungemeiner Stressor es für das Kind gewesen sein muss
in einem derartigen Umfeld aufzuwachsen. Sie hat ihn im Schrank
eingeschlossen, damit er nicht aus Versehen oder aus Neugier
dabei zusehen konnte, was seine Mutter tun musste, um ihn
ernähren zu können. In dieser Zeit hat er begonnen, erstmals
eine Mottenkugel zu essen. Sie hätten ihn sehen müssen, als er
hier eingeliefert wurde. Er kam mit zerebralen Krampfanfällen,
schweren Störungen seines Verdauungsapparats und einer starken
Anämie her. Er war in einem furchtbaren Zustand. Und er war
schrecklich verängstigt und sozial äußerst gehemmt. Außer
seinem Freund hier in der Klinik und seiner Mutter hatte er
niemanden, doch sein Freund hat sich leider zwei Jahre später
das Leben genommen. Nun und seine Mutter ist ziemlich genau vor
zehn Jahren an AIDS gestorben. Er machte eine Pause. Eine
ziemlich traurige Geschichte, nicht wahr?
Scully schluckte und nickte, während Mulder in Gedanken bereits
weitergrübelte.
Zur Zeit des Todes seiner Mutter hat er doch eine junge
Frau vergewaltigt. hakte Mulder nach.
Der Psychiater räusperte sich und fuhr mit heiserer Stimme fort.
Ja, er hat ein Mädchen aus der Erziehungsanstalt, in der
er nach seiner Entlassung aus dieser Klinik untergebracht war,
vergewaltigt. Offenbar war er in sie verliebt, aber sie scheint
die Liebe nicht erwidert zu haben. Und so hat er sich offenbar
genommen, was er sonst von niemandem je bekommen hat. Seine
Beziehung zu seiner Mutter war natürlich aufgrund dieser
Schrankgeschichten sehr gestört, doch wie jedes Kind hat er ihr
verziehen, da jedes Kind seine Mutter ungeachtet all der
möglichen Grausamkeiten, zu denen manche Eltern fähig sind,
bedingungslos liebt. Doch abgesehen von seiner latenten
Essstörung und diesem einmaligen Gewaltausbruch der vor dem
Hintergrund des Todes seiner einzigen Bezugsperson verständlich
ist, hatte er durchaus Chancen, in die Gesellschaft eingegliedert
zu werden.
Mulder zog die Stirn in Falten. Ein Fünfzehnjähriger mit
dieser Vorgeschichte muss doch zahlreiche Probleme mit
Depressionen, Ängsten, sozialer Integration oder seiner
Sexualentwicklung haben, stellte er dem Arzt seine
suggestive Frage. Dann lächelte er und fügte hinzu: Ich
meine, ein Fünfzehnjähriger hat auch ohne diese
Kindheitstraumata Probleme mit all diesen Dingen.
Der Psychiater nickte. Ja, er hat schwere Probleme, aber
ich denke, wir haben das einigermaßen im Griff gehabt. Zumindest
vor zehn Jahren. Er ist natürlich unter Medikation, aber ich
habe den Kontakt zu ihm verloren, er hat auf Wunsch seines Vaters
zu einem Arzt in Worcester gewechselt, damit die Anfahrt nicht
immer so weit ist. Scully zog die Augenbraue hoch.
Seines Vaters ? Er weiß, wer sein Vater ist ?
Na ja, nicht direkt sein Vater, so weit ich weiß, war es
der Zuhälter seiner Mutter, der dem Jungen einen Job in seiner
Firma besorgt hat, vermutlich lediglich aus schlechtem Gewissen.
Sein Name ist Marvin Jackson.
Da fiel es Mulder wie Schuppen von den Augen und er sprang auf,
reichte dem Arzt seine Hand zum Abschied und schob Scully, die
überhaupt nicht begriff, wie ihr geschah, ungeduldig aus dem
Zimmer.
Mulder, was soll denn das? beschwerte sie sich und
wand sich unter seiner Berührung von ihm fort um sich ihm in den
Weg zu stellen. Sie funkelte ihn aufgebracht an, als wolle sie
ihn auffressen.
Jackson, Scully ! Ich weiß jetzt, wo Wilbur sein könnte.
Sie sah fragend zu ihm auf und schien überhaupt nicht zu
verstehen, worauf er hinaus wollte.
Jackson & Johnson, erinnern Sie sich? Die
Schädlingsbekämpfungsfirma auf dem Gelände von Happy-Wheat ?
Scullys Mund öffnete sich in Ehrfurcht vor Mulders Gedächtnis,
aber dicht darauf gefolgt von ihrer natürlichen fast
reflexartigen Skepsis. Ja, ich erinnere mich an den
Lieferwagen, aber Jackson ist nicht gerade ein seltener Name,
gab sie ihm zu bedenken.
Genau so ein Lieferwagen stand aber vor dem Haus der ersten
beiden Opfer. Und wenn Connecticut nicht ein ausgeprägtes
Kakerlaken-Problem hat, dann würde ich sagen, dass es kein
Zufall ist, dass dieser Lieferwagen dort stand.
Scully dämmerte, dass Mulder damit in der Tat Recht haben konnte
und sie folgte ihm schließlich zum Wagen, in dem sie mit
verbotener Geschwindigkeit zu der Schädlingsbekämpfungsfirma in
Worcester fuhren. Scully versuchte während der Fahrt den genauen
Standort der Firma zu erfragen und ließ sich mit Wilburs Gönner
verbinden. Der war allerdings äußerst unhöflich am Apparat und
schien nicht bereit zu sein, sich mit dem FBI zu unterhalten.
Angesichts seiner kriminellen Vorgeschichte überraschte das
Scully nicht. Doch sie würden es dennoch wagen und stiegen eine
Stunde später aus ihrem Auto vor einem baufälligen Gebäude aus
den Fünfzigern aus.
Es sah nicht gerade sehr repräsentativ aus, doch die fünf
Lieferwagen, die haargenau so aussahen, wie der, den sie bei
Happy-Wheat gesehen hatten, überzeugten sie, dass sie richtig
waren. Es dauerte keine zehn Minuten, da hatten sie sich mit
subtiler Fragetechnik und einer Portion Dreistigkeit von einem
Verwaltungsangestellten die Information verschafft, dass Wilbur
bereits seit vier Tagen nicht mehr gesehen worden war und man
allseits vermutete, er hätte sich mit dem Lieferwagen aus dem
Staub gemacht, da er in letzter Zeit erhebliche Konflikte mit
Marvin Jackson gehabt hatte.
Mulder und Scully verließen das Gebäude wieder und atmeten tief
durch. Von der ständigen Herum Fahrerei wurde ihnen langsam
schwindlig und sie hatten Hunger. Doch sie waren zu dicht dran,
um jetzt aufzugeben, es konnte jede Sekunde ein neuer Mord
geschehen.
Sie fuhren zurück ins Police Department und begannen zusammen
mit dem Officer und seinem Team großräumig nach dem
verschwundenen Lieferwagen zu fahnden.
Zur selben Zeit nur 5 km von ihnen entfernt
Er würde es nicht schaffen, noch länger zu warten.
Sein Lieferwagen hatte kein Benzin mehr. Und er war betäubt von
der Schwäche und Leere in seinem Herzen.
Schwitzend und laut röchelnd schlich er wie ein Schatten seiner
selbst um den Block und versuchte etwas von dem süßlichen Duft
zu wittern als seine Augen plötzlich einen älteren Mann
erspähten, von dem eine zarte aber definitiv süßliche Brise zu
ihm herüberwehte. Er lief beschwingt aus einem Haus heraus,
wurde von einer jungen Frau im Bademantel zurückgerufen, lief
die Stufen wieder zurück, gab ihr einen langen Kuss, der Wilburs
Blut beinahe zum Kochen brachte, und stieg dann in sein Auto.
Wilbur war dabei unbemerkt hinterher gehuscht und lag nun flach
und kaum atmend auf der Rückbank des Wagens.
Er verdankte es seiner flinken Unscheinbarkeit, dass er seine
Kindheit überhaupt überlebt hatte. Sonst wäre er bereits in
der Schule Opfer all der Hänseleien und Schlägereien geworden,
die er wegen seiner Herkunft immer hatte ertragen müssen. Der
Gedanke an diese Zeit trieb ihm die Hitze in den Kopf und er
verspürte einen unstillbaren Hunger, als er sich nicht mehr
zurückhalten konnte und seinen Stachel aus seiner Kehle
schießen ließ um den süßlichen Saft erregter Verliebtheit in
sich aufzusaugen und die Erleichterung zu spüren, die ihm dieser
Saft für einige Sekunden verschaffte.
Eine Minute später fuhr er mit der Leiche auf seinem
Beifahrersitz in Richtung des Cedar Hill Friedhofs bei Hartford.
Er wusste, sie würden, wenn seine Rechnung aufging, bald auch
dort sein und er konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als
dort in der Nähe des einzigen Menschen, der ihm jemals etwas
bedeutet hatte ein paar Minuten des Glücks zu erfahren, das
anderen Menschen täglich zuteil wurde.
Wenig später saßen Mulder und Scully im
Police Department, als endlich eine Durchsage kam, dass der
Lieferwagen gefunden worden war. Leer.
Ohne noch weitere Angaben abzuwarten, machten sie sich auf den
Weg zum Fundort.
Er stand in einer Seitengasse einer relativ freundlichen
Wohngegend und war unverschlossen. Mulder riss die Fahrertüre
auf und kletterte hinauf. Ein widerwärtiger, modriger Gestank
quoll aus dem Wagen heraus und Scully ging mit vorgehaltener Hand
in Deckung vor der Geruchswolke. Mulder drehte sich um und sah
sie an.
Nettes Eau de Toilette, was? grinste er sie an. Sie
nickte angeekelt. Ja, ich schenk Ihnen eine Flasche davon
zum Geburtstag, wenn Sie wollen.
Er hatte sich jedoch schon wieder in den Wagen zurückgedreht und
kletterte darin herum. Da packten seine Hände in etwas
klebrig-nasses und er erstarrte vor Ekel. Mit angewidertem
Gesicht sah er den galligen Schleim auf seinen Fingern hinab
laufen. Er wischte ihn mit einem Schauer, der über seinen
Rücken wuselte, am Beifahrersitz ab und leuchtete mit seiner
Taschenlampe in den Lagerraum des Wagens hinein.
Hier gab es heute anscheinend ein großes Mittagsbuffet.
Scully kletterte ihm hinterher um zu sehen, was er damit gemeint
hatte. Als sie ebenfalls in den finsteren Hinterraum sah, wusste
sie, woher der Gestank gekommen war. Dort lagen zwischen den
Geräten der Schädlingsbekämpfungsfirma überall Mottenkugeln
herum, alle angeknabbert und zermahlen, quer über den Lagerraum
verteilt. Grüner Staub lag in der Luft. Scully legte ihre Hand
auf Mulders Schulter.
Atmen Sie das lieber nicht ein, wir sollten besser
verschwinden.
Damit kletterten sie beide flink heraus, klopften sich ihre
Kleidung ab und sahen sich seufzend an.
Anscheinend hatte sich ihr Täter einen anderen Wagen geschnappt.
Mulder sah, während sie noch überlegten, was sie nun tun
sollten, an Scully vorbei auf den kleinen grünen Hügel, der
sich am Ende der Straße leuchtend erhob.
Als Scully bemerkte, dass er einen Punkt hinter ihr fixierte,
drehte sie sich um und wusste, worauf er hinauswollte.
Dort erstreckte sich der Cedar Hill Friedhof über eine
großzügige Fläche und man konnte im Sonnenlicht die weißen
und grauen Grabsteine in der Ferne blitzen sehen. Scully sah
Mulder an.
Aber Donna Liblings Todestag ist erst morgen, was sollte er
heute schon dort wollen?
Ich weiß es nicht, aber wir sollten da auf jeden Fall mal
nachsehen, was sonst sollte er in dieser Gegend gemacht haben?,
murmelte Mulder.
Und wenn er dort nicht ist? drückte Scully ihre
Zweifel aus.
Mulder zuckte mit den Achseln. Er wird dort sein. Oder
zumindest ist er in dieser Gegend und wird auch hier bleiben. Je
näher der Todestag seiner Mutter kommt, desto elender wird er
sich fühlen. Er wird wieder töten müssen. Und hier draußen
rennen zu dieser Jahreszeit endlos viele verliebte Pärchen durch
die Gegend. Ich bin also sicher, dass er in den nächsten Stunden
irgendwann wieder zuschlägt.
Scully schmunzelte. Statistisch gesehen liegt aber der
Höhepunkt sexueller Aktivitäten eher in den späteren
Abendstunden, also wird er wahrscheinlich eher heute Abend
angreifen. Wenn er es noch einmal tut. Wir können doch
unmöglich so lange tatenlos dort oben nur herumsitzen und
warten.
Mulder hob die Augenbrauen und sah sie belustigt an. Was
für Statistiken lesen SIE denn, Agent Scully?
Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und stützte ihren
Kopf ein wenig verlegen in die Hand. Na ja, immerhin sind
meine Statistiken doch ein wenig interessanter als die
Baseballergebnisse aus den Vierzigern.
Sie lächelten sich an und eine unangenehme Stille entstand
zwischen ihnen. Schließlich sah Mulder auf die Uhr.
Egal, wie groß die Chancen stehen, dass er heute
Nachmittag noch zwei Opfer findet, wir sollten dort auf jeden
Fall nachsehen. Wenn wir nichts finden, gehen wir in der Nähe
was leckeres Essen und kehren später noch einmal zurück. Ich
hab gehört, die haben dort einen sehr guten Mottenkugelauflauf.
Scully lächelte müde über den schlechten Scherz und sie
stiegen beide in den Wagen. Wieder einmal. Und noch immer waren
sie hungrig.
Zur selben Zeit geisterte ein dünner kleiner Mann mit einem
merkwürdig gekrümmten Rücken leicht und flink als würden
seine Füße gar nicht den Boden berühren über den Cedar Hill
Friedhof. Er umklammerte mit feuchten Händen einen kleinen
hässlichen Blumenstrauß und huschte zwischen den Grabsteinen
umher, um das Grab seiner Mutter zu suchen.
Er hatte es bisher noch nie hierher geschafft. Er hatte nicht
gekonnt, zu groß war der Zorn auf diese Frau gewesen, die ihm
all seine Kindheit und Unschuld geraubt hatte. Die ihm die Seele
mit ihren zahlreichen über ihre eigene Lage verzweifelten
Schlägen aus dem Herzen geprügelt hatte. Und die ihn dann am
Ende allein zurückgelassen hatte.
Sie war der einzige Mensch, den er je gehabt hatte. Und war es
nicht so, dass eine Mutter ihr Kind immer liebte, ganz gleich,
was es tat? Seine grauen Augen blitzten flink hin und her und er
wusste, das Grab musste irgendwo hier sein. Er konnte es fühlen.
Cedar Hill Cemetery, 17.37 Uhr
Die Sonne ließ ihr warmes Nachmittagslicht golden auf die Welt
unter sich fallen.
Als Scully und Mulder aus dem Wagen stiegen, bemerkten sie beide
zeitgleich, wie sehr der Friedhof seinem Namen alle Ehre machte.
Die Vögel zwitscherten lieblich, der Wind streichelte leise ihre
Wangen, die Blätter an den Bäumen rauschten frisch und grün
vor sich hin und überall duftete es nach den vielen bunten
Blumen, die liebende Hinterbliebene ihren so schmerzlich
vermissten Angehörigen auf die Grabstätten gelegt hatten.
Scully bekam eine leichte Gänsehaut als ihre Sinne überwältigt
von all diesen Eindrücken einen Moment ihr Herz höher schlagen
ließen. Doch der Grund, warum sie hier waren, lenkte sie schnell
von der Schönheit ab, denn er stand in krassem Gegensatz zu dem,
was sie in diesem Augenblick fühlte.
Haben Sie einen Lageplan, denn das hier ist ein ziemlich
großer Friedhof, bemerkte sie sachlich und als Mulder den
Kopf schüttelte, seufzte sie.
Vielleicht hätten wir vorher etwas essen sollen,
bemerkte sie ein wenig vorwurfsvoll und Mulder warf ihr einen
spöttelnden Blick zu.
Ich bin sicher, irgendwo da drin ist ein kleines
Knusperhäuschen und wenn wir uns verlaufen, dann verspreche ich
Ihnen auch, dass ich Ihnen die Lebkuchenfenster überlasse.
Sie ließ einen leisen verächtlichen Grunzer ertönen und folgte
ihm wortlos in den Friedhof hinein, während ihnen ein graues
Augenpaar hungrig folgte.
Scully sah sich in dem wunderschönen parkähnlichen Friedhof um.
Ich hätte nicht gedacht, dass man sich mit dem Gehalt
einer Prostituierten so ein schönes Fleckchen Erde als letzte
Ruhestätte leisten kann. Mulder stimmte ihr schweigend zu,
das war ihm auch schon durch den Kopf gegangen. Vielleicht
ist das ein Abschiedsgeschenk eines ihrer Freier, bemerkte
er daraufhin abfällig und verbittert und sie sahen sich ernst
an.
Hinter diesem ganzen Fall steckte eine sehr tragische und
traurige Geschichte. Zwischen all diesen schmutzigen und
ekelhaften Details lag ein Schicksal verborgen, vor dem ihre
eigenen zahlreichen Nackenschläge gerade zu wie ein Witz
wirkten.
Nach einer Viertelstunde merkten sie erst, wie riesig der
Friedhof war, und Scully fühlte ein merkwürdiges Kribbeln im
Nacken, so als säße dort eine beklemmende Angst. Aber vor was ?
Sie entschied, dass es an dem allgemeinen Unwohlsein lag, das sie
immer überkam, wenn sie über einen Friedhof lief. Sie hasste
den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen und viel zu oft für
ihr Alter war sie schon so kurz davor gewesen.
Während sie so nebeneinander herliefen brach er, als hätte er
ihre Gedanken gelesen, die Stille.
Ist schon komisch, dass es ausgerechnet auf Friedhöfen nur
so vor Leben wimmelt, nicht wahr, bemerkte er und hielt ihr
eine weiße Blüte ihn, die er von einem Ast gepflückt hatte,
gegen den er beinahe mit seinem Kopf gestoßen wäre.
Sie hielt inne, sah die Blüte und nahm sie ihm ohne eine
Reaktion ab um daran zu riechen. Sie hatte keinen besonderen
Duft, also sah sie sich die Blume noch einmal an und legte sie
dann sanft auf einem der Grabsteine, die ihren Weg kreuzten, ab.
Mulder sah sie vorwurfsvoll an. Hey, das war ein Geschenk!
beschwerte er sich und sie schüttelte lächelnd den Kopf und
senkte den Blick.
Mulder, versprechen sie mir, dass ich, sollte ich vor Ihnen
sterben, verbrannt werde?
Sie hatte das zwar halb im Scherz gesagt, doch bei dem Gedanken
daran, verknotete sich sein Magen.
Scully, das ist aber nicht sehr christlich, versuchte
er die Beklemmung, die die Vorstellung von ihrem Tod in ihm
ausgelöst hatte, scherzhaft zu vertreiben.
Ja, aber ich habe zu viele verwesende Leichen gesehen um
das meinem Körper auch antun zu wollen.
Und was wollen Sie stattdessen?
Ich fand die Seebestattung meines Vaters schön.
Dann gehts Ihnen aber nicht besser als den
Mückenlarven in meinem Aquarium, wollen sie wirklich in
irgendwelchen Fischmägen landen? Stellen Sie sich nur vor, einer
der Fische landet danach in meinem Altersheim auf dem Teller
meines Freitagsmenüs.
Er grinste und griff unbewusst nach ihrem Arm, als er beinahe
über eine große Baumwurzel stolperte und sie davor warnen
wollte.
Sie lächelte bei diesem absurden Gedanken. Sie war ihm immer
dankbar für seine Kommentare, die den manchmal unerträglichen
Ernst ihrer Welt erleichterten und sie immer wieder für ein paar
wenige Augenblicke glücklich machten.
Mulder, Sie sind verrückt, bemerkte sie mit einem
Strahlen und stupste ihn mit ihrer Schulter ein wenig vom Weg ab.
Er lächelte warm zu ihr herunter, er liebte es, diesen ernsten,
sorgenvollen Ausdruck auf ihrem Gesicht mit seinen Witzen für
ein paar Sekunden wegzufegen und ein Lächeln auf ihre Lippen zu
zaubern, dem immer ein blaues Aufleuchten ihrer großen Augen
folgte, das sich jedes Mal tief in seine Seele schlich.
Ich werde mich einfrieren lassen, beendete er das
Thema und schubste sie ganz leicht ein wenig zurück als er ein
Grab erspähte, von dem er sicher war, dass es Donna Liblings
Grab war.
Es war klein und trostlos. Der mickrige Grabstein war eingesunken
in der feuchten Erde und außer Efeu und Unkraut, die das Grab
respektlos überwucherten, lag nur ein winziger Blumenstrauß mit
einer lieblos darumgewickelten Schnur, die im Wind wehte, auf dem
Boden. Zehn Kerzen waren in einer Reihe vor dem Grabstein
aufgestellt und Mulder sah an der aufgewühlten Erde darum herum,
dass jemand vor kurzem da gewesen sein musste.
Es scheint, als bereite er eine kleine Party vor,
bemerkte Mulder sarkastisch und nahm eine der Kerzen hoch. Sie
war noch warm. Er stand auf und stützte die Hände in die
Hüften.
Er kann nicht weit sein.
Scully zuckte mit den Achseln. Aber offensichtlich entzieht
er sich immer wieder unserer Wahrnehmung, dieser Mensch ist wie
ein Phantom. Ein leichter Anflug von Verzweiflung kam in
ihr hoch.
Mulder sah sie an. Er hat sich ja auch sein Leben lang
verstecken müssen, er scheint Übung darin zu haben.
Er hatte einen Augenblick die Idee, dass sie einen Lockvogel
brauchten.
Dabei wäre er niemals auf die Idee gekommen, dass er und Scully
bereits längst die unfreiwilligen Lockvögel dieser armen
Kreatur waren, die nur wenige Meter von ihnen entfernt im
Gebüsch saß und keuchend den süßlichen Duft einatmete, der
von dem Agentenpaar ausging.
Ein klirrend kalter Wind wehte durch die Bäume über ihnen und
weiße Blütenpollen flogen wie Schnee um sie herum. Scully bekam
Gänsehaut und griff nach Mulders Arm.
Kommen Sie, Mulder, hier werden wir ihn jetzt nicht finden.
Sie gingen zurück und versuchten sich mit einer Diskussion über
ihr Abendessen von der Angst abzulenken, die in ihnen beiden
langsam wie gefrierendes Wasser hoch kroch.
Als sie ihren Wagen schon wieder sehen
konnten, bemerkte Mulder noch ein weiteres dunkelrotes Auto, das
auch bei ihrer Ankunft schon auf dem Parkplatz gestanden hatte.
Doch sie hatten auf dem Friedhof niemanden gesehen.
Irgendetwas an dem Wagen zog Mulder an. Während Scully ihm noch
die Vorzüge von thailändischem Essen erklärte, schlich er
bereits um den Wagen herum. Er kniff die Augen zusammen und sah
durch ein Fenster hinein. Am Lenkrad schimmerte im
Nachmittagslicht eine klebrige grünliche Substanz.
Scully! flüsterte er kaum hörbar und schob sie
sanft zum Autofenster, damit sie es auch sah.
Er ist noch hier! schloss sie atemlos aus seiner
Entdeckung und sah erschrocken hoch. Mulder bemerkte im Gebüsch
vor dem Wagen eine Unregelmäßigkeit und ging näher heran, um
festzustellen, dass Zweige abgeknickt und Pflanzen zertreten
waren.
Und er hat anscheinend nicht den offiziellen Eingang
benutzt, stellte er fest als er sich durch das Gebüsch
wühlte und Scully die Äste beiseite hielt, damit sie ihm folgen
konnte.
Die Erde vor ihnen war aufgewühlt und es sah fast aus, als
hätte jemand etwas über den Boden gezerrt oder als hätten sich
Tiere auf dem Boden in einem Kampf gewälzt. Das Einzige, was
fehlte, waren Fußspuren. Doch Mulder war sich trotzdem sicher,
dass sie auf dem Pfad wandelten, auf dem ihr Täter vor nicht
allzu langer Zeit ebenfalls entlang spaziert war.
Sie liefen fast zehn Minuten dieser immer unschärfer werdenden
Spur nach und blieben schließlich vor einem Seitengebäude der
Friedhofsgärtnerei stehen.
Und jetzt? fragte Scully ein wenig gereizt, weil die
Aussicht auf ein Abendessen wieder in die Ferne rückte.
Den mickrigen Blumenstrauß auf dem Grab wird er wohl kaum
hierher haben, fügte sie kühl hinzu.
Mulder schüttelte den Kopf. Sein Blick war auf etwas ganz
anderes gerichtet. Er sah zu dem großen Laubcontainer, der
hinter dem Haus hervorragte. Scully folgte seinem Blick und legte
die Stirn in Falten, während er wie von einer Ahnung besessen zu
dem Container stürmte und ihn aufzustemmen versuchte. Scully
half ihm und als er aufsprang, stieg ihnen der Geruch von
verrottendem fauligem Gras in die Nasen. Mulder kletterte in den
Container hinein und Scully sah ihn verwirrt an.
Mulder ?
Damit schwang sie sich ebenfalls an dem Container empor und sah
hinein. Mulder stand mitten im fauligen Kompost und suchte nach
etwas. Doch Scully war schneller. Sie konnte ganz deutlich
fleischfarbene Konturen zwischen dem Grün und Braun der
Gartenabfälle erkennen.
Mulder, hinter Ihnen! brachte sie mit einer grausamen
Vorahnung hervor und er drehte sich um. Da sah er es auch und
machte sich daran, die Leiche eines Mannes mittleren Alters aus
dem verrotteten Grün zu zerren.
Ihr professioneller Blick auf die Wunde in seinem Nacken verriet
Scully, dass ihr Mörder wieder einmal zugeschlagen hatte.
Sie rief die Polizei an und binnen einer halben Stunde war eine
Sondereinheit zur Stelle, die den gesamten Friedhof durchsuchte
und abriegelte. Sie wussten, er war irgendwo dort und wartete auf
den Todestag seiner Mutter. Die Anspannung unter den Polizisten
war nahezu unerträglich.
Als die Sonne langsam unterging, zog Mulder Scully zu sich und
senkte seine Stimme, damit ihn niemand außer ihr hörte.
Ich bezweifle, dass die ihn jetzt finden, Scully. So
diskret wie die hier den Friedhof auf den Kopf stellen wird sich
der Täter mit Sicherheit nicht blicken lassen.
Ja, aber wenn er wirklich von seiner Angst und seiner
Einsamkeit getrieben wird, dann wird er früher oder später
zurückkehren müssen. Ich meine, er scheint vollkommen
durcheinander zu sein, dieser Mord passt noch weniger in sein
Schema als die Yale-Studentin. Es scheint doch alles auf einen
Höhepunkt zuzusteuern. Wenn die hier in ein paar Stunden wieder
abrauschen, dann wird er ganz bestimmt zum Grab zurückkehren.
Mulder gab ihr Recht.
Ja, aber was ist mit seinem Hunger? Wenn es wirklich die
Einsamkeit ist, die er mit dem Aussaugen des Liquors in den Griff
bekommen will, dann wird er ab Mitternacht eine Menge Menschen
töten müssen, denn ich bin sicher, das morgen wird der
schlimmste Tag seit zehn Jahren für ihn sein. Und hier auf dem
Friedhof wird er bestimmt keine Opfer finden.
Dabei ignorierte er seine Erinnerung an seine eigene
leidenschaftliche Nacht auf einem Grabstein in England.
Scully war alarmiert. Dann sollten wir dafür sorgen, dass
die Nachbarschaft heute Nacht gut beschützt wird, wandte
sie sich ab und lief eilig zu dem Police Officer um ihn über
ihre Überlegungen aufzuklären. Der Polizist sah sie äußerst
zweifelnd an.
Agent Scully, ich hoffe, dass Sie wissen, was Sie tun, denn
ehrlich gesagt, verliert man hier langsam den Glauben an die
Fähigkeit des FBI diesen Fall in den Griff zu bekommen.
Scully sah ihm ernst in die Augen. Keine Sorge, Sir. Ich
versichere Ihnen, dass das der letzte Mord war, den der Kerl
verübt hat. Sorgen Sie nur dafür, dass Ihre Leute wachsam sind.
Äußerst wachsam! Ihr Tonfall klang scharf, denn sie
mochte es nicht, wenn man ihre Autorität und Professionalität
anzweifelte. Aber in Wahrheit zweifelte sie im Moment selbst
daran.
Doch sie vertraute Mulders Instinkt und als sie zu ihm
zurückging, war sie sicher, dass diese Nacht noch einiges mit
sich bringen würde.
Kommen Sie, Mulder, zog sie ihn am Ärmel in Richtung
ihres Wagens, wir sollten endlich was essen.
Eine Dreiviertelstunde später
Der letzte Polizeiwagen verließ fast lautlos den Friedhof um in
der Nachbarschaft zu verschwinden und seine Position einzunehmen.
Die Leute im Umkreis mussten in dieser Nacht mehr als je zuvor
beschützt werden, obwohl Mulder und Scully beide fast sicher
waren, dass der Mörder auch trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen
einen Weg finden würde, an seine Nahrung zu kommen. Und doch
wussten sie, er würde auf jeden Fall zurückkehren und darauf
basierte ihre gesamte Hoffnung, diesen Fall noch zu lösen.
Der Wagen kam am Parkplatz zum Stehen und Mulder und Scully sahen
auf ihre Sandwichs herab.
Es ist so ein schöner lauer Abend, Scully. Und er wird
noch sehr lang werden, warum setzen wir uns nicht nach draußen,
wir müssen nachher noch lange genug hier drin warten,
schlug Mulder vor.
Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist wenn ein
Serienkiller sein Unwesen treibt, bemerkte sie sachlich.
Mh, Sie vergessen, dass er einen ausgefallenen Geschmack
hat, antwortete er ihr, worauf sie ihm zu bedenken gab,
dass der Killer immerhin schon zweimal von seinem Schema
abgewichen war und vermutlich verzweifelt genug wäre, auch ihren
Liquor schmackhaft zu finden. Mulder grinste über ihre
sarkastische Wortwahl und schüttelte den Kopf.
Ich bezweifle, dass er in meinem Liquor auch nur die
geringsten Reste dessen findet, was er sucht, bemerkte er
mit einem zweideutigen Unterton und lächelte sie ein wenig
traurig an. Sie quittierte diese unterschwellige Offenbarung
seiner Einsamkeit mit einem scheuen und ratlosen Lächeln und
stieg schließlich aus dem Wagen.
Aus irgendeinem Grund hatten sie seine Worte überzeugt, dass sie
tatsächlich außer Gefahr waren und sie sah sich um. Sie kam
sich vor wie auf einem Präsentierteller und fühlte sich in der
anbrechenden Dunkelheit trotzdem nicht sehr wohl mitten auf einem
Friedhof einem Serienkiller aufzulauern.
Und wo wollen wir uns hinsetzen?
Aber ging schon zielstrebig auf die Stufen der kleinen
Friedhofskappelle zu, von der aus man in der anbrechenden
Dunkelheit in den Friedhof hineinschauen konnte und dennoch den
Schutz der Kapelle im Rücken hatte. Ein kleines schummriges
Licht über dem Eingang leuchtete finzlig in die Dunkelheit
hinein. Sie setzten sich noch ein wenig unbehaglich auf die
Stufen und begannen schweigend ihre Sandwichs auszupacken.
Ein grauer Schatten kroch im Schutzmantel der anbrechenden Nacht
hinter einer Mauer hervor und näherte sich ihnen langsam und so
heimlich, dass nicht einmal der Wind etwas davon merkte und über
ihn hinwegwehte, ohne ihn zu berühren.
Als es dunkler wurde, spürte Scully die kühle Frühlingsbrise,
die durch ihre Bluse wehte. Es war den ganzen Tag so warm
gewesen, dass sie ihren Blazer im Auto vergessen hatte. Mulder
bemerkte die Gänsehaut auf ihren Armen und legte sein Sandwich
beiseite um ihr sein Jackett ganz zaghaft um die Schultern zu
drapieren.
Sie war von dieser liebevollen Geste so gerührt, dass ihre
Gänsehaut einen Moment lang noch schlimmer wurde und wie ein
Schauer über ihren ganzen Körper jagte. Sie fröstelte und
versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Danke,
brachte sie stattdessen leise und ein wenig verlegen hervor und
starrte wieder auf ihr Sandwich.
Mulder lächelte sie zärtlich an und empfand plötzlich so viel
Wärme in seinem Herzen, dass er sie am liebsten an sich
gedrückt hätte, nur um ihr nahe sein zu können. Ihr Haar
glühte in dem goldenen Licht wie heißes Kupfer und er konnte
sie in der Stille atmen hören, was sein Herz schneller schlagen
ließ.
Denn es machte ihm bewusst, dass sie ein Mensch war, der ihm zwar
sehr nahe stand, dass aber der Körper, in dem dieser Verstand
und diese wunderschöne Persönlichkeit steckten, ihm noch nie so
nahe gekommen war. Diese Diskrepanz verwirrte ihn plötzlich,
denn oft kam es ihm so vor, als wären sie schon immer zusammen
gewesen, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit, als dass sie
an seiner Seite war. Und doch geschah all das auf einer
immateriellen körperlosen Ebene. Und irgendwie spürte er, dass
ihm das nicht mehr ausreichte.
Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten und Mulder die ersten
Sterne über ihnen sehen konnte, holte Scully tief Luft und brach
die Stille zwischen ihnen.
Sie hatte die ganze Zeit diesen Fall versucht, zu verdrängen,
aber er hatte sie so verstört. Die letzten fünf Tage waren in
merkwürdigen Bahnen verlaufen und immer wieder kam in ihr die
Erinnerung hoch an das, was er zu Beginn dieser Woche gesagt
hatte. Etwas, das vielleicht erklärte, warum sie beide einander
zwar nahe standen, aber eben nur als Freunde. Etwas, das viele
ihrer Enttäuschungen erklärte. Etwas, von dem sie befürchtete,
dass es stimmte und schließlich entschied sie sich, diese Sorge
anzusprechen.
Mulder, finden Sie eigentlich, dass ich leidenschaftslos
bin?
Diese Worte hatten eingeschlagen wie ein Blitz. Er drehte sich
erschrocken zu ihr und sah sie fast schon verletzt an.
Was ? Wie kommen Sie denn darauf?
Sie sah auf die Stufen unter ihnen und bereute schon fast, dieses
Thema überhaupt angeschnitten zu haben.
Na ja, Sie haben in der Gerichtsmedizin gesagt, dass ein
kurzes Leben voller Intensität in Ihren Augen besser sei als ein
langes Leben, das aus der Aneinanderreihung trostloser Momente
besteht. Und irgendwie dachte ich, dass Sie dabei mich gemeint
haben.
Sie kam sich plötzlich schrecklich albern vor und merkte, wir
ihr Hals vor Aufregung trocken wurde. Sie schluckte laut und sah
dann zur Seite um sich still dafür zu verfluchen, diesen
schönen Augenblick neben ihm in dem schummrigen Licht der
Kappelle gerade kompliziert gemacht zu haben.
Mulder wusste, worauf sie anspielte. Damals hatte er selbst
überlegen müssen, ob er damit unbewusst sie gemeint hatte,
allerdings eher um sie aus der Reserve zu locken und nicht um sie
zu verletzen. Denn er wusste, wie leidenschaftlich sie war. Er
wünschte sich manchmal nur, sie würde ihm gegenüber ein wenig
mehr davon zeigen, denn wenn sie es IHM schon nicht zeigte, wem
dann?
Aber es tat ihm nun leid, denn er merkte, er hatte sie damit
verletzt. Er sah es in ihren Augen, die aufgeregt glänzten und
seinem Blick auswichen. Sanft schüttelte er den Kopf.
Nein, so meinte ich das nicht. Es tut mir leid, wenn ich
Ihnen damit zu nahe getreten bin.
Sie sah ihn an, dankbar dafür, dass er ernsthaft darauf einging
und sie nicht für vollkommen verrückt erklärte.
Das beantwortet aber nicht meine Frage, Mulder,
beharrte sie nun in der Hoffnung auf eine ehrliche Antwort.
Mulder sammelte sich einen Augenblick und versuchte in ihren
Augen zu lesen, was sie empfand. Er sah wie das Blau in diesen
Augen flackerte und ihre Lippen unwillkürlich bebten. Die
Verletzlichkeit in ihrem Gesichtsausdruck brach ihm fast das Herz
und so sprach er das aus, was er tief in sich als die Wahrheit
empfand.
Ich glaube nicht, dass Sie leidenschaftslos sind, Scully.
Die Geschichte, die Sie mir am Samstag von Ihrem Wechsel zum FBI
erzählt haben ist für mich ein Zeichen größter Leidenschaft.
Und Ihr Glaube an die Wissenschaft, Ihr Glaube an Gott, Ihre
Beziehung zu Ihrer Familie, dass Sie hier neben mir sitzen und
nach einem liquorsaugenden Monster Ausschau halten, all das sind
für mich Zeichen dafür, dass Sie sehr gefühlsbetont sind. Ich
glaube aber, dass Sie das auch wissen und sich vielleicht davor
fürchten, weil Sie nicht verletzt werden wollen.
Nun waren es seine Worte, die wie ein Blitz einschlugen und
Scully hielt bestürzt den Atem an.
Noch nie hatte jemand so einen Einblick in ihre Seele gehabt, als
läge sie vor ihm wie ein offenes Buch. Sie sah in seinen Augen,
die ruhig und offen in ihre blickten, grenzenloses Verständnis
und fühlte plötzlich, dass sie sich näher standen, als ihr
bisher bewusst gewesen war. In ihr kam der Verdacht hoch, dass er
ihr seine Liebe vor einem halben Jahr nicht aus dem bloßen
Rausch von Beruhigungsmitteln heraus gestanden hatte. Und dass
diese zärtliche Verbundenheit zwischen ihnen vielleicht mehr
war, als sie sich eingestehen wollte.
Sie bekam Angst.
Und ihr Herz begann zu schlagen.
Sie suchte nach den Worten, die sie aus dieser Situation wieder
retten würden, doch alles, was sie zustande brachte, war, ihre
Hand ganz sanft auf seine zu legen und ihn scheu anzulächeln,
während ihr die Hitze in den Kopf stieg.
Er reagierte darauf mit fast selbstverständlicher Vertrautheit
und drehte seine Hand zu ihrer um, um sie richtig zu umfassen.
Sie senkte ihren Blick und wandte sich wieder nach vorne um einen
klareren Kopf zu bekommen. Sie lächelte zart und ein wenig
bitter als sie weiter sprach und sich nicht traute, ihre Hand,
die so behütet in seiner lag, zu bewegen.
Vermutlich haben Sie Recht. Ich bin schon zu oft verletzt
worden und es ist immer von Menschen ausgegangen, denen ich meine
Gefühlswelt offen gelegt habe. Ich möchte diesen Fehler einfach
nicht noch einmal machen.
Mulder drückte ihre Hand.
Wir alle machen solche Fehler und wir alle erleiden
deswegen solche Verletzungen, aber das macht doch das aus, was
das Leben so unberechenbar und deswegen auch so intensiv macht.
Und so einzigartig und schön.
Sie sah noch immer geradeaus und nickte leise. Sie verstand ihn.
Und der Gedanke, dass er denselben Schmerz in sich verspürte,
den man auch ihr schon zugefügt hatte, machte sie traurig. Sie
drehte sich wieder zu ihm und lächelte ihn vorsichtig an.
Seine Augen blitzten schmeichelnd auf als sich ihre Blicke wieder
trafen und er löste seine Hand von ihrer um ihr sanft mit den
Fingern über ihre Wange hinab bis zur ihrem Kinn zu streifen,
das er aufmunternd anhob bevor er wieder von ihr abließ.
Ich werde Sie aber nicht verletzen, dafür gebe ich Ihnen
mein Ehrenwort, versprach er ihr und sein warmes Lächeln
betäubte ihre Sinne, dass sie das Gefühl hatte, zu fliegen.
Sie grinste schüchtern und griff spielerisch und ohne es
wirklich steuern zu können nach seiner Krawatte.
Es war als wäre diese Geste ein Kompromiss zwischen ihrem Drang,
ihm körperlich nahe zu kommen und der Angst vor seiner
Berührung.
Na ja, ich glaube, wenn Sie das täten, müssten Sie
ohnehin das Land verlassen, so wie ich meinen Bruder Bill kenne.
Er brummte amüsiert und sah auf ihre Hand, die sich von seiner
Krawatte gerade wieder zurückziehen wollte.
Etwas an dieser Geste lockte ihn und er griff mit seiner Hand
nach ihrer, bevor sie sich vollkommen in ihr Territorium
zurückgezogen hatte. Dabei fühlte er wie sein Herz und sein
Verstand eins wurden und ihm warm wurde. Er zog sie sanft zu
sich, so dass ihr Körper dieser Bewegung langsam folgen musste.
Sie starrte überrascht erst auf seine Hand, die ihre umfasste
und dann in seine Augen, die sie wie die Sterne über ihnen
anfunkelten und ihr etwas zu sagen versuchten.
Ihre Augenbraue zuckte leicht und in ihr Blick veränderte sich
plötzlich um sich vollkommen zu entspannen, als sie begriff, was
er vorhatte. Ihre Augen schnellten aufgeregt zwischen seinen
wunderschönen, sanften Lippen und seinen warmen braunen noch
etwas schüchtern fragenden Augen hin und her während ihr Herz
in ihrer Brust immer schneller schlug und sie sich nicht mehr
traute, auszuatmen.
Mulder fühlte in diesem Augenblick im Schutz der Dunkelheit,
dass das, was sie taten richtig war. Er fühlte, wie ihre
körperliche Nähe, ihr Duft und ihr leiser warmer Atem das
ausfüllten, was ihm die ganze Zeit gefehlt hatte. Je näher sich
ihre Lippen kamen, merkte er, wie er sich immer vollständiger
fühlte und wie es in seinen Fingerspitzen zu kribbeln begann und
ihm plötzlich vor Aufregung kalt wurde.
Er hatte die Antwort auf seine unausgesprochene Frage in ihren
Augen gesehen und spürte, wie dieses Gefühl der Liebe langsam
von ihm Besitz ergriff und sie beide kurz davor waren, es zu
zulassen und diesen Schritt in ihrer Freundschaft zu wagen.
Sie wussten, sie konnten es nun nicht mehr
aufhalten und ohne, dass er sie weiter zu sich ziehen musste,
näherte sie ihre Lippen den seinen unaufhaltsam.
Doch bevor sie sich berühren konnten und die unerträgliche
Spannung zwischen ihnen endlich ihren Weg gefunden hatte, sich zu
entladen, war es plötzlich als zerreiße ein dunkles Grauen die
Stille der beginnenden Nacht und ein Schatten sprang aus der
Finsternis hinter ihnen hervor, warf sich über Scully wie ein
grauer Schleier und stürzte mit ihr die Treppen hinunter.
Mulder, der ihre Hand noch immer gehalten hatte, war mitgerissen
worden und versuchte, als er wieder zu sich kam, zu erfassen, was
mit ihnen geschah. Da fühlte er diese elementare Angst
plötzlich in sich Hochkriechen und begriff, dass es Wilbur war,
der seine Partnerin bewusstlos geschlagen hatte und zu Boden
drückte.
Mulder konnte den Schatten nicht wirklich sehen, aber er konnte
ihn fühlen und wusste, was er vorhatte. Er warf sich mit aller
Kraft auf den grauen Angreifer, der sich mit seinen Händen an
Scully festgekrallt hatte, und fühlte bei seiner Berührung die
eisige Kälte, die von diesem Körper ausging und ihm seine
Finger verbrannte.
Er griff mit der anderen Hand nach seiner Waffe, die er dem trotz
seiner Größe sehr kräftigen Mann an seine Schläfe drückte,
während er noch versuchte, ihn von Scully wegzureißen.
Aber der Schatten schien an ihr festzukleben und plötzlich sah
Mulder im Licht der Kapelle den glänzenden braunen Stachel aus
dem riesigen Mund des Mannes schießen und wusste, dass er
handeln musste.
Er biss die Zähne zusammen und drückte mit einem eiskalten vor
Zorn starren Blick dreimal den Abzug seiner Pistole und hörte,
wie die drei Schüsse laut knallend die Nacht zerfetzten und die
Vögel vor Schreck aus den Bäumen heraus stoben und panisch
zwitschernd in den Himmel flohen.
Der graue Körper zuckte über Scully unter den Schüssen
pulsierend zusammen und ein gellender heiserer Schrei erfüllte
die Luft und drang in die Herzen aller Menschen in der Umgebung,
die aufgrund der Schüsse aufgeregt vor ihre Häuser gelaufen
kamen und die Angst verspürten, die dieser Schrei über ihren
Köpfen herabregnen ließ.
Es war der Angstschrei vor der unausweichlichen und gnadenlosen
Einsamkeit des Todes, der sich langsam durch seinen Körper zog
bis sich seine spinnenartigen Finger leblos von Scully lösten
und Mulder seine Leiche endlich von ihr zerren konnte und
sichergehen konnte, dass dieser Mann nie wieder jemandem Leid
zufügen würde.
Mulder drehte Scullys Körper mit klopfendem Herzen behutsam auf
den Rücken und die pure Angst stand ihm in den Augen, als er
zaghaft ihr Haar aus dem Gesicht strich und mit angehaltenem Atem
betete, dass sie am Leben war.
Doch noch bevor er ihren Puls fühlen konnte, schlug sie bereits
ihre Augen auf und war unendlich dankbar, über sich die Sterne
und Mulders Gesicht zu sehen. Erleichtert schloss sie die Augen
wieder in der Hoffnung das grauenhafte fratzenartige Bild ihres
Angreifers vergessen zu können. Sie schlang ihre Arme um Mulder,
der sie noch immer zitternd vor Angst um sie, an sich drückte
und dem Himmel über ihnen mit einem leisen unterdrückten
Schluchzen dafür dankte, dass er ihm nicht den Grund dafür
genommen hatte, warum er jeden Morgen aufstand und weiterlebte.
Er drückte seine Nase in ihr Haar, während sie sich still von
ihm halten ließ, und die Stärke seiner Arme, die Wärme seiner
Brust und die Nähe seines Herzens zu ihrem in sich aufnahm, um
den Schrecken, der ihr noch immer in allen Gliedern saß, langsam
loszulassen.
Mit geschlossenen Augen küsste er ihr Ohr und ihren Haaransatz
immer und immer wieder und sog den Duft ihrer Haut ein um ihn nie
wieder zu vergessen.
Sie konnten sich eine Weile nicht rühren, weil dieses Ereignis,
das sie beinahe für immer von einander getrennt hätte, ihre
Herzen noch immer zu brechen drohte und sie hielten einander
still fest bis die Dunkelheit von dem rot-blauen Licht der
heraneilenden Polizeiwagen erhellt wurde und Mulder und Scully
wussten, dass die Realität sie fast wieder eingeholt hatte.
Sie lösten sich mit Tränen in den Augen voneinander und Mulder
half ihr auf. Sie klopfte sich noch immer ein wenig zitternd den
Dreck aus der Kleidung und er hob sein Jackett auf um es ihr
wieder um die Schultern zu legen. Bevor sich jemand aus den
Polizeiwagen näherte, legte er ihr seine Hand ganz vorsichtig
gegen die Schulter und versuchte, dagegen anzugehen, sie direkt
wieder in den Arm zu nehmen, weil sie noch immer so zerbrechlich
und kreidebleich vor ihm stand. Sie sah ihn an.
Es ist in Ordnung, Mulder, versuchte sie ihn zu
beruhigen, weil sie die Sorge in seinen Augen kaum ertragen
konnte. Doch Mulder kaufte ihr diese Lüge nicht ab und schluckte
schwer. Sie waren beide noch immer wie gelähmt.
Da stürmten die Polizisten aus ihren Wagen herbei und während
Mulder ihnen mit einem letzten besorgten Blick zu ihr hinüber
entgegenlief um ihnen von dem Vorfall zu berichten, sah Scully
wie gebannt auf das Monster herab, dessen eisiger Griff sie noch
immer schmerzte.
Sie wusste, die blauen Flecken würden vergehen, aber der kalte
Fingerabdruck in ihrem Herzen, den diese von einsamer und
panischer Hoffnungslosigkeit erfüllte Kreatur hinterlassen
hatte, würde niemals verblassen. Sie kniete sich neben den
Leichnam, dessen graue Augen traurig in den Himmel starrten und
schloss sie ihm in einem Anflug von Mitleid. Sie öffnete ihm den
Mund um einen Blick auf den Stachel zu werfen, der aus der Kehle
des Mannes in seine Mundhöhle hineinragte. Ihr Blick wanderte an
seinem grauen, in seinen Konturen kaum erfassbaren Körper
hinunter und griff nach seiner Hand. Sie war noch immer ganz kalt
und seine Fingerkuppen waren glatt wie Stahl.
Das erklärte, warum er keine Fingerabdrücke hinterlassen hatte.
Aber sie verstand nicht, was mit diesem jungen Menschen wirklich
geschehen war und sah fragend zu den Polizisten und Mulder hoch,
die nun auf sie zukamen.
Sie stand auf und näherte sich Mulder, während sich der
Polizist mit fassungslosem Blick vor die Leiche kniete.
Was hat ihn dazu gemacht? fragte sie ihn und er
wusste genau, dass sie auf den Stachel anspielte. Er dachte nach
und zögerte bei seiner Antwort.
Vielleicht unterschätzen wir die Wechselwirkung von
Körper und Geist. So wie Angst oder Trauer einigen Menschen
Bauchschmerzen oder gar Geschwüre bereiten können, so ist
vielleicht sein seelischer Hunger nach Liebe zu einem
körperlichen Hunger geworden. Ich denke, so richtig verstehen
werden wir das vermutlich nie." Er war erschöpft, der Fall
und all die Umstände um ihn herum hatten ihn mitgenommen und er
wollte zurück nach Washington. Er hasste Connecticut nun noch
mehr als zuvor.
Scully jedoch schien damit noch nicht abgeschlossen zu haben.
Wäre es nicht auch einfach nur möglich, dass sein
jahrelanger Konsum von Mottenkugeln und dem darin enthaltenen
Naphthalin diese Veränderungen bewirkt haben? Zusammen mit
seinen psychischen Problemen könnte das zumindest teilweise
erklären, was mit ihm los war.
Sie versuchte sich einzureden, dass hinter der Geschichte
vielleicht doch nur sachliche Fakten steckten und wollte den
Gedanken verdrängen, dass es allein menschliche Grausamkeit war,
die so ein Monster geschaffen hatte. Ihr Schutzmechanismus
gnadenloser Rationalität hatte sich nahezu übergangslos nach
diesem Schrecken eingeschaltet und sie merkte, wie sie sich
emotional von allem um sie herum zu distanzieren begann. Es war
ihr einfach zu viel.
Mulder zuckte mit den Schultern und versuchte seine Sorge um sie
endlich der Erleichterung, dass es ihr zumindest rein äußerlich
gut ging, weichen zu lassen.
Was immer es ist, ich fürchte, es gibt eine Menge Menschen
auf dieser Welt, deren Innerstes genau so aussieht. Und wir
können nur hoffen, dass diese körperliche Veränderung bei
Wilbur ein einmaliger Fehler der Natur war.
Damit zog er sie an der Hand von der Leiche weg und von dem
geschäftigen Krach der Polizisten, die voller Elan und
Aggression gegen diese arme Kreatur wie besessen ihre Arbeit
erledigten und denen dabei vollkommen verschlossen blieb, wie
viel Traurigkeit hinter dieser Geschichte verborgen lag.
Sie fuhren schweigend ins Motel zurück, wo sie packten um am
nächsten Morgen nach Abwicklung aller Formalitäten endlich
zurück nach Washington D.C. zu fliegen.
In ihren Köpfen wälzten sie den Fall still noch hunderte Male
hin und her und es bereitete ihnen Angst, dass sie das Gefühl,
das Wilbur zu solchen Taten getrieben hatte, irgendwie selbst
auch in sich trugen.
Samstag 19.30 Uhr
Scully hatte sich ihre Dienstwaffe und das Polierset in ihrem
Schrank angesehen und festgestellt, dass es Dinge gab, die ihr an
diesem Abend besser gefallen würden, als ihre Pistole zum
fünften Mal in diesem Monat zu reinigen. Sie hatte beherzt die
Türe wieder verschlossen und hatte sich mit der absoluten
Gewissheit das Richtige zu tun, auf den Weg gemacht.
Sie würde diesen Blick in Mulders Augen nie wieder vergessen,
denn es war der Moment gewesen, an dem sie es tief in ihrem
Herzen verstanden hatte. Sie hatte diesen Blick schon einmal
gesehen und nun wusste sie, dass es kein Zufall oder Unfall mehr
sein konnte, sondern dass es wirklich zwischen ihnen existierte.
Und es war schön zu wissen, dass es da war und nie wieder
vergehen würde. Dass sie endlich wusste, warum sie sich all die
Jahre immer so sicher aufgehoben und von einem heimlichen inneren
Leuchten erfüllt gefühlt hatte. Weil es schon so lange da
gewesen war und nun endlich nach ihren gegenseitigen scheuen
Annäherungsversuchen ein Funke übergesprungen war und es
begonnen hatte, zu wachsen.
Sie liebte ihn und je mehr sie sich das ins Bewusstsein rief,
desto stärker erfüllte es sie mit Glück und einer Art Frieden.
Es kroch in jede Faser ihres Körpers und befreite sie von all
der inneren Anspannung, die sie mit sich herumtrug.
Aber sie wollte es langsam angehen. Sie brauchten Zeit. Weil es
so schön war, dass sie nicht wollte, dass es innerhalb eines
Moments wie ein Feuerwerk explodiert, um danach lediglich noch
glühende Funken in ihrem Herzen zu hinterlassen.
Sie wollte, dass es langsam weiter wuchs, bis es so tief war,
dass sie auch den Tod nicht mehr fürchten würde, weil es wie
eine innere Sonne ewig weiterstrahlen würde und all die
Finsternis, die diese Welt in ihre Seele trug, für immer
vertreiben würde. Mit klopfendem Herzen und Schmetterlingen im
Bauch blieb sie mit ihrem Wagen vor dem Apartmenthaus stehen und
stieg aus.
Mulder hatte sich einen seiner Lieblingsfilme ausgeliehen, eine
Jumbopackung Chips, sowie ein Six - Pack Bier vor sich aufgebaut
und ließ sich gerade auf seine Couch fallen um die Woche hinter
sich zu lassen und sich berieseln zu lassen, bis er abgelenkt von
seiner Traurigkeit über den Fall und all das, was das in ihm
ausgelöst hatte, einschlafen würde.
Er fand sich gerade wieder mit seinem freien, zwanglosen Leben ab
und begann es fast ein wenig zu genießen, da klopfte es an
seiner Tür.
Er sah auf die Uhr und war erstaunt. Das war mit Sicherheit sein
Chopsuey, wenn er auch nicht wusste, wie sie so schnell liefern
konnten. Er griff sein Portemonnaie und lief mit knurrendem Magen
zur Tür um sie aufzureißen. Na Ihr Jungs seid aber
schnell! wollte er gerade in die Luft hinausposaunen als er
einen Kopf unter sich jemand sah, mit dem er überhaupt nicht
gerechnet hatte. Er grinste bei ihrem Anblick.
Was haben SIE denn heute vor? fragte er sie und
musterte sie von Kopf bis Fuß.
Sie hatte eine Baseballkappe der New York Yankees auf, und hielt
lächelnd einen Baseballschläger in der einen Hand und warf mit
der anderen auffordernd einen Ball in die Luft. Als sich ihre
Blicke noch vollkommen überrascht trafen warf sie ihm den Ball
zu und zog ihre Baseballkappe ab, die sie schrecklich juckte.
Ich will Baseballspielen, war ihre Antwort und sie
strahlte ihn an. Ihr Lächeln half ihr über die Nervosität
hinweg, die ihr das Herz bis zum Hals schlagen ließ. Als sie
aber hinter ihm den Fernseher laufen sah, zog sie sich ein wenig
zurück und zuckte fast schon enttäuscht mit den Achseln.
Außer wenn ich Sie bei etwas gestört habe und Sie lieber
den Film zu Ende sehen würden.
Als Mulder sah, dass sie bereits an ihrer eigenen Idee zweifelte
und damit begann, wieder einen Rückzieher zu machen, schüttelte
er den Kopf.
Nichts da. Gehen wir los, Yankee. Damit warf er einen
kurzen Blick auf den laufenden Fernseher, seine Chips, sein
offenes Bier und bereute keine Sekunde, die Tür hinter sich
zuziehen zu können und mit Scully den Abend zu verbringen.
Sie wartete schon an seiner Aufzugtür und drehte sich
erwartungsvoll zu ihm um.
Ihre Blicke zogen einander näher und sie lächelten sich wissend
und ein wenig nervös an. Als sich die Aufzugtür öffnete,
gingen sie hinein und schwiegen.
Beide überlegten, was aus dem Abend wohl noch werden würde. Sie
hatten Angst vor dem, was der andere vielleicht erwartete, vor
dem, was sie selbst noch nicht bereit waren, zu geben. Ihnen
wurde kalt.
Das zwischen ihnen war etwas Einzigartiges und besonderes, es war
zu schön, um es zu überstürzen, sie wollten in aller Ruhe
genießen, wie es in ihnen wuchs und immer stärker wurde.
Sie beide wussten, dass es tatsächlich Liebe war. Diese Liebe
war etwas Unvergängliches und sie waren sich dessen so sicher,
dass sie sich in dieses Gefühl behutsam hineinfallen lassen
konnten und es langsam und zart in sich aufblühen lassen
wollten.
Bevor sie aber den Aufzug verließen, wusste Mulder, dass es ihm
nicht ausreichte, es einfach nur zu wissen. Er wollte es ihr auch
endlich zeigen.
Mit dieser Sicherheit griff er behutsam nach ihrer Hand und sie
sah ihn überrascht aber mit erwartender Zärtlichkeit in die
Augen. Ihre Blicke streichelten einander eine Sekunde und er
lächelte sie an, so dass sie vor Glück fast zu zerspringen
glaubte.
Ich glaube, zwischen uns ist noch was offen,
lächelte er sie so zuckersüß an, dass sie es fast in der Luft
schmecken konnte.
In diesem Moment schloss sich die Aufzugtür wieder und der
Fahrstuhl verharrte in Stille, als warte er gespannt darauf, was
nun kommen würde.
Dann beugte er sich zu ihr herunter und drückte ihr einen
zärtlichen und langen Kuss auf die Wange, jedoch so nah an ihrem
Mund, dass er ihren Atem auf seiner Haut fühlte und seine Lippen
spürten, wie sich ihre zu einem Lächeln verzogen.
Sie neigte ihren Kopf ein wenig zu ihm und öffnete ihre Augen.
Es war ihr unmöglich, in diesem Moment noch ihren Verstand
einzusetzen, er war wie ausradiert und stattdessen flogen
Milliarden winziger Schmetterlinge durch ihren Körper und um sie
herum begann alles zu schwanken und zu verschwimmen.
Als hätte er ihren Blick auf seiner Haut gespürt, öffnete er
auch seine und sah in ihrem leuchtenden blauen Funkeln, dass sie
mehr wollte.
Er löste sich ein wenig, gerade so viel, wie er ertragen konnte,
von ihr und zögerte für den Bruchteil einer Sekunde bevor er
die Augen wieder schloss und mit seinen Lippen ihre ganz sanft
erst berührte und dann streichelte, bis daraus ein ernster und
intensiver Kuss wurde.
Er dauerte nicht länger als ein paar Sekunden, und er spürte,
wie ihre Hände sich ganz langsam und zart auf seine Wangen
legten, um ihn daran zu hindern, es schon enden zu lassen, wie
sie sich ihm zitternd und voller Sehnsucht näherte. In seiner
Brust fühlte er den warmen, elektrisierenden Schauer, der sich
durch seinen ganzen Körper ausbreitete. Doch er wusste, es wäre
falsch, diesem Gefühl jetzt schon nachzugeben und so griff er
ihre Hände und zog sie liebevoll von seinen Wangen.
Er sah, wie dankbar sie ihm im tiefsten Inneren ihres Herzens
dafür war, denn ihr Lächeln glich einem warmen glücklichen
Goldregen und ihre Augen leuchteten geheimnisvoll auf. Sie
konnten die Blicke nicht voneinander lösen, denn sie versuchten
den anderen vollkommen zu absorbieren und wollten noch nicht in
die Realität ihrer Vernunft zurückkehren. Bevor sie beide
jedoch durch die atemberaubende Schwerelosigkeit in ihren Herzen
den Halt verlieren und wieder schwach werden konnten, ging die
Aufzugtür wieder auf und die tief stehende Abendsonne schien
ihnen direkt durch die Eingangstür seines Apartmentgebäudes in
die Gesichter.
Sie zuckten beinahe zusammen und schreckten ein wenig voreinander
zurück, als hätten sie etwas Verbotenes getan. Ihre Hände
umklammerten einander fest und sicher als sie das Gebäude
verließen und zu seinem Wagen gingen.
Sein Herz hüpfte und er fühlte, wie sein Blut voller Leben
durch seine Adern strömte. Nun wusste er endlich, wie weich ihre
Lippen waren und mit dieser Erinnerung und ihrem Geschmack auf
seiner Zunge würde er eine Weile zurechtkommen.
Zum ersten Mal erschien es ganz klar vor seinem inneren Auge, es
war so offensichtlich, dass er sich fragte, wie er es all die
Jahre hatte anzweifeln können. Er liebte sie. Und er wusste, es
würde der Tag kommen, an dem sie den letzten Schritt wagen
würden, doch noch genoss er dieses zarte aufkeimende Gefühl im
Stillen.
Er drückte ihre Hand als diese neue Gewissheit in ihm ein
warmes, beruhigendes Feuer entfachte, das ein helles Licht in
seine Seele Hineinscheinen ließ und kribbelnde, warme Strahlen
durch sein Herz schickte, die sich in einen warmen bunten
Blütenschauer verwandelten, die in seinem Geist herabregneten
und seinen Verstand benetzten.
ENDE
P.S. Die mit den schmutzigen Phantasien denken dieses Date jetzt
zu Ende und die, die lieber diese Geschichte in die 6. Staffel
einbauen würden, wissen, dass der nächste Kuss erst zum
Millenniumswechsel kommt :0)
__________________
JOSE CHUNG: Then there are those who care not about
extraterrestrials, searching for meaning in other human beings. Rare
or lucky are those who find it. For although we may not be alone
in the universe, in our own separate ways on this planet, we are
all... alone.
Anm. Beta: Dank dieser FF habe ich endlich einen guten Draht zu meinem Fremdwörterbuch gefunden. Stand es doch seit Jahren im Schrank und verstaubte vor sich hin. Vielen Dank dafür *fg*