Titel: Ex Solitudine

Die Charaktere gehören alle 20th Century Fox sowie Chris Carter und seiner Crew, aber ich leih sie mir mal wieder für meine vorerst letzte FF aus.

Thema: MSR / Monster of the week / Angst / Humor ...öh...irgendwie alles außer Mythologie

Warnung: ist wesentlich kürzer und vollkommen anders aufgebaut als Per Manum Vulpis und daher verbitte ich mir jegliche Vergleiche. :0)

Kurzinhalt: Mulder und Scully jagen einen bösen bösen und sehr perversen Serienkiller und merken dabei, wie lieb sie sich haben.

Rating ist relativ jugendfrei, öhm, was muss man noch sagen? Ach ja, die Geschichte schließt sich an die Folge "EX" der 6.Staffel an.

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Samstag Abend in Norwalk, Connecticut

Der hässliche junge Mann, der irgendwie wie ein unangespitzter Bleistift aussah, fummelte nervös an seinem Schlüsselbund herum, während seine ebenso kurze aber weit weniger hässliche Begleiterin ein wenig ungeduldig und nervös auf ihren hohen Pfennigabsätzen hin- und hertrippelte. Es war ein sehr schöner Abend gewesen. Endlich hatte er sie um dieses Date gebeten, nachdem sie seit mehr als fünf Jahren zusammen in demselben langweiligen grauen Büro arbeiteten. Und nachdem sie ihn in all den fünf Jahren jeden Morgen mit dem Auto dorthin mitgenommen und jeden Nachmittag wieder nachhause gebracht hatte, weil sie praktisch Nachbarn waren. Sie wusste, er war hässlich und ihre Freundinnen fanden ihn sogar abscheulich. Aber in ihren Augen war er auf seine Art wunderschön. Sie sah all die Dinge an ihm, die andere nicht sahen. Die Grübchen, wenn er sie anlächelte, die langen Wimpern, die seine schlammfarbenen Augen einrahmten, der kleine Bauchansatz, der sich unter seinem fast immer bekleckerten Hemd vorwölbte und der Daumen, der viel zu kurz geraten war.
Sie mochte ihn für all das und sie hatte sich so auf dieses Date gefreut. Und noch vielmehr freute sie sich nun darauf, wie der Abend weitergehen würde.

Sie sah sich beiläufig um, um ihn nicht mit ihren Blicken noch nervöser zu machen, als sie etwas im Gebüsch rascheln hörte und eine Sekunde sogar geglaubt hatte, eine menschliche Gestalt darin gesehen zu haben. Sie sah mit angehaltenem Atem noch eine Weile hin. Doch als sich nichts weiter regte, entschied sie sich, dass es sich um ein Tier gehandelt hatte und ließ sich von ihrem Freund endlich in seine Wohnung führen.
Kaum war die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, konnte sie sich kaum noch zurückhalten und drückte ihm zunächst noch ein wenig schüchtern und unbeholfen einen Kuss auf seine froschartigen breiten Lippen.
Er war vollkommen überrumpelt davon, hatte er sich niemals erhofft, dass er gleich beim ersten Date mit ihr im Bett landen würde. Andererseits kannten sie sich nun schon so lange und er hatte sie vom ersten Tag an begehrt, so dass er sich auch nicht mehr zurückhalten konnte und ihren Kuss erwiderte, bis sie schließlich übereinander herfielen und es kaum noch bis ins Wohnzimmer schafften, sondern auf dem Fußboden landeten und einander umständlich die Kleider von den Körpern blätterten.
Sie merkten im Eifer des Gefechts nicht, wie ein dunkler Schatten über ihren Köpfen hinweg zog und sie still beobachtete, während sie ihrer Leidenschaft nachgingen.

Erst als die junge Frau spürte, dass sich diese Leidenschaft ihrem Höhepunkt näherte und sie kaum noch einen Schrei unterdrücken konnte, riss sie, von all der Kraft, die ihren Körper durchfuhr, erregt, die Augen auf und ließ ihrem kleinen seufzenden Schrei vollkommenen Glücks einen langen entsetzten Schrei folgen, als sie die dunkle schattenhafte Gestalt sah, die sich über ihren Freund gebeugt hatte und ihn mit irgendeiner Art Stachel getötet hatte.
Ihr panischer Schrei erstickte eine halbe Minute später als sie den scharfen, brennenden Stachel dieses grausamen nächtlichen Besuchers in ihrem Nacken spürte und daraufhin das Bewusstsein verlor und einige Sekunden später auch ihr junges, gerade erst mit neuem Sinn erfülltes Leben.

 

Zur selben Zeit in Maryland

Der Baseball schoss in die Höhe und blitzte vor dem sternklaren Nachthimmel weiß wie ein Schneeball auf um dann auf den saftigen grünen Rasen vor ihnen zu fallen.
Scully merkte, dass Mulder offenbar Recht hatte. Ihre Sorgen wurden mit jedem Schlag, mit dem sie einen heran fliegenden Ball in die Luft katapultierte, kleiner und leichter. Und sie fühlte sich immer freier, während sie den Bällen nachsah und sich Mulder näher an sie schmiegte als nötig gewesen wäre.
Doch sie genoss die Reibung seines Körpers an ihrem, sie fühlte sich beschützt und spürte dieses hüpfende Gefühl in ihrer Magengegend, als seine Wange sich an ihren Kopf lehnte und ihre Hände in ständiger Berührung den Baseballschläger schwangen. Ihre Körper bewegten sich harmonisch und organisch als wären sie eins und sie merkte, wie ihr immer heißer wurde und schwindelig.
Sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass Mulder sie irgendwie mit diesem „Geburtstagsgeschenk“ anbaggern wollte. Aber mit dem nächsten Schlag ihres Schlägers verwarf sie auch diesen Gedanken und konzentrierte sich ganz auf diesen Moment. Sie schaltete ihren Kopf aus, denn das war es doch, was Mulder ihr damit hatte zeigen wollen. Ihr wurde immer wärmer und ihre Knie wurden weich während die Schmetterlinge in ihrem Bauch wieder verflogen und sie sich in den Moment hineinfallen ließ und ganz auf die weißen Bälle konzentrierte, die ihr zuflogen.
Mulder nahm das genüsslich zur Kenntnis und merkte, wie ihr Körper sich immer weniger gegen seine Nähe sperrte und ihr Lachen immer befreiter klang. Ihm wurde warm und er wünschte sich, es würde ewig so weitergehen, denn so nahe waren sie einander erst einmal gekommen als sie sich beinahe geküsst hätten und er fand es angenehm und schloss seine Augen, während sie sich immer mehr in seine beschützende Umarmung fallen ließ und vollkommen zu vergessen schien, wer und wo sie waren.
Er merkte, wie ihr Atem sich beschleunigte wie es immer heißer wurde, er fühlte plötzlich ganz bewusst jede ihrer Bewegungen und merkte, wie sein Herz davon zu rasen anfing. Da fühlte er eine elektrisierende Welle durch seinen Körper schießen, die ihm Angst machte, weil er damit nicht gerechnet hatte und er wusste, er musste sich nun von ihr lösen. Er versuchte sie langsam zu bremsen, als sie sich zu ihm umdrehte und ihn fragend ansah. „Was denn ? Machen Sie etwa schon schlapp?“
Ihre Haut glänzte und sie war außer Atem während sie ihn vergnügt anstrahlte und die Augenbrauen auffordernd hob. Er grinste sie an, offensichtlich hatte ihr das genau so viel Spaß gemacht wie ihm. Dann nickte er dem Balljungen zu und ließ langsam, aber widerwillig von ihr ab.
Er wollte noch nicht, dass es zu Ende war, also wagte er sich ein wenig weiter vor. Was konnte schon passieren, sie waren schon so lange Kollegen und teilten mittlerweile mehr Gemeinsamkeiten als so manche Freunde. Sie hatten eine ganz besondere Beziehung, die von Tiefgang und Nähe und von dem wortlosen Einverständnis, es auch dabei zu belassen, geprägt war.
Er setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. „Nein, aber das war ja nur der erste Teil Ihres Geburtstagsgeschenks.“
Sie drehte sich zu ihm und war offensichtlich überrascht. „Oh, was kommt denn jetzt noch? Eine Sondervorstellung von Rocky I bis IV?“ fragte sie ihn sarkastisch aber auch voller Erwartung und er gab einen enttäuschten Seufzer von sich. „Was, das haben Sie sich gewünscht? Tja, dann muss ich die Tischreservierung beim Italiener wohl stornieren.“ Er sah gespielt traurig zu ihr herunter und holte sein Handy aus der Tasche.
Sie war gerührt. Er hatte sich offensichtlich wirklich Gedanken darum gemacht, ihr einen schönen Abend zu bereiten. War das der Dank für die anderen Wochenenden, die er ihr versaut hatte? An denen er sie wie auch dieses Wochenende vollkommen Sinnloserweise ins Büro zitiert hatte, nur weil er sich langweilte?
Sie griff nach seiner Hand und merkte erst, als sie ihn dort berührte, dass die Spannung zwischen ihnen noch immer nicht verflogen war. Hitze stieg ihr in den Kopf. „Halt! Wenn ich’s mir recht überlege, ist Pasta vielleicht gar nicht so schlecht.“ Und sie lächelte ihn verführerisch an ohne es wirklich zu merken. „Aus Ihnen soll man schlau werden“, beschwerte er sich und legte den Arm freundschaftlich um ihre Schulter um sie vom Baseballfeld zu führen und mit ihr zu seinem Wagen zu gehen.
Dabei schien sein Magen in unendliche Tiefen zu fallen und irgendetwas in ihm wurde in eine aufregende Schwingung versetzt, die während der gesamten Autofahrt zum Restaurant nicht aufhörte.

 

Eine Viertelstunde später in einem Italienischen Restaurant

Als Scully und Mulder sich an einen kleinen Tisch gesetzt hatten und sie bemerkte, dass es kein Fast Food Restaurant war, sondern ein sehr süßer kleiner, fast schon romantischer Italiener, war sie positiv überrascht.
„Mulder, ich bin ernsthaft gerührt. Womit hab ich das verdient?“
Er schwieg darauf nur und lächelte sie an, dass ihr das Herz ein Stockwerk tiefer rutschte und ihr Hals ganz trocken wurde.
Seine Entscheidung war offensichtlich nicht falsch gewesen. Was hätte er auch sonst tun sollen an einem Samstagabend? Er war die meiste Zeit gelangweilt, wenn er alleine war und er wusste, das er  ein kompletter Idiot war. Ein Freak, der eine so bezaubernde Partnerin an seiner Seite hatte und trotzdem nichts anderes mit seiner Freizeit anfangen konnte, als schlechte Pornofilme zu sehen und Baseballstatistiken zu lesen.
Er wusste nicht genau, warum er es tat, aber es fühlte sich richtig an, diesen Abend mit ihr zu verbringen. Ob er hoffte, dass mehr daraus wurde, dessen war er sich nicht so sicher. Er liebte diese Beziehung zwischen ihnen, die so unterschwellig und zart war. Die aber auch vollkommen bedingungslos und tief war und trotzdem ohne all die Querelen auskam, die normale Pärchen miteinander hatten. Allerdings auch ohne all die schönen körperlichen und emotionalen Seiten einer normalen Liebesbeziehung.
Aber war es überhaupt richtige Liebe?
Vielleicht war das genau der Grund, warum er diesen Abend mit ihr verbrachte. Er wollte mehr darüber wissen, was ihre Partnerschaft definierte. Seit dem Moment in seinem Flur, der obwohl er mehr als ein halbes Jahr zurücklag, noch so intensiv in seiner Erinnerung präsent war, hatte er sich diese Frage immer wieder gestellt.
War das zwischen ihnen wirklich nur platonisch oder war es doch mehr? Er war sich sicher, dass sie sich diese Frage auch stellte.
Doch was er tun wollte, wenn er die Antwort auf diese Frage erst einmal hatte, darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht.

 

Als der Kellner ihnen die Getränke brachte, fragte Scully mit ihrem Rotweinglas über dem Tisch erhoben:
„Worauf wollen wir eigentlich anstoßen?“
„Hmm, darauf, dass Sie jetzt jeden Samstag mit mir Baseball spielen?“
Sie lächelte kokett, legte das kühle Glas an ihre roten Lippen und trank. Als sie das Glas wieder abgesetzt hatte schüttelte sie den Kopf.
„Danke Mulder, aber ICH kann meine Samstagabende normalerweise recht gut ausfüllen.“
Er legte den Kopf schief. „Ach ja ? Und was für ein spannendes, abendfüllendes Programm war das heute, dass Sie es für so etwas Belangloses wie einen Anruf von Ihrem Arbeitskollegen einfach sausen ließen?“
Er hatte sie erwischt, das musste sie sich eingestehen.
„Eins zu Null für Sie Mulder. Heute Abend hatten Sie allerdings lediglich Glück.“ Sie schwieg, denn sie würde niemals zugeben, dass sie genau genommen, seit mindestens acht Samstagabenden nichts vorgehabt hatte. Ihr letztes Date war so lange her, dass sie überhaupt nicht mehr wusste, wie es sich anfühlte.
Doch Mulder hakte nach. „Und wobei hab ich Sie dann heute gestört?“

Sie schwieg erneut und lächelte ihn geheimnisvoll an bevor sie den Blick senkte, weil sie nicht genau wusste, was für eine Art Lächeln sie ihm gerade zugeworfen hatte, während sich ihre Augenbraue unwillkürlich hob. Mulder glaubte, ein Funkeln in ihren Augen gesehen zu haben, einen Blick, den sie ihm sonst nie zuwarf.
„Hey, Scully, flirten Sie etwa mit mir?“ versuchte er sie aus der Reserve zu locken.
Doch ehe sie ihm eine passende Antwort liefern konnte, war der Kellner da um ihre Bestellungen aufzunehmen und sie wurden zu Scullys großer Erleichterung unterbrochen, denn das Thema hatte ihr überhaupt nicht gefallen.

Als sie wieder alleine saßen, beschloss Mulder ein wenig mehr über diese Person herauszufinden mit der er seit fast 6 Jahren zusammenarbeitete. „Wie sind Sie eigentlich damals auf die Idee gekommen, Ihre brillante medizinische Laufbahn für das FBI an den Nagel zu hängen? Ich meine, Sie könnten mittlerweile Chefärztin sein und stattdessen sind Sie ins Kellerbüro des FBI zu der überall umworbenen Stelle der Miss Spooky berufen worden um mit dem hauseigenen Dorftrottel zusammenzuarbeiten. Das mag für viele wie ein Abstieg aussehen.“
Sie hob die Augenbraue. Es kam nicht oft vor, dass sie beide einfach nur so beisammen saßen und plauderten. Und jetzt, wo sie es taten, fiel ihr auf, dass sie es mochte. Sie holte aus.
„Das ist eine ziemlich lange und langweilige Geschichte von jugendlichem Leichtsinn, Rebellion und Identitätskrisen, Mulder. Wollen Sie die wirklich hören?“
Mulder winkte ab. „Keine Sorge, Sie sitzen hier einem Mann gegenüber der ‚Angriff der Killerbienen’ bereits 52-mal gesehen hat, also erzählen Sie mir nichts von Langeweile.“
Sie holte tief Luft und begann mit der Geschichte, von der sie wusste, dass er vermutlich der einzige Mensch auf der Welt war, dem sie sie überhaupt jemals erzählen würde.
Und ehe sie sich versahen, war der Rotwein leer, ihre Mägen voll und ihre Gemüter vom Alkohol beschwingt, während um sie herum ein vollkommen normaler Samstagabend seinen Lauf nahm und sie das erste Mal seit langer Zeit nicht alleine in ihren Wohnungen irgendwelche Alibi-Pflichten erfüllten, um sich nicht eingestehen zu müssen, wie einsam sie die Arbeit an den X-Akten gemacht hatte.

 

Zweieinhalb Stunden später in der Innenstadt von Washington D.C.

Es war ein lauer Sommerabend und Mulder und Scully liefen nebeneinander her und schwiegen seit über drei Stunden zum ersten Mal. Ihre Gesichter glühten vom Rotwein und sie hatten sich ein Taxi bestellt, das sie beide nach Hause bringen würde.
Zu ihrer Überraschung war der Abend mit Mulder nicht vollkommen durchgedreht und sinnlos gewesen wie all die anderen merkwürdigen Verabredungen, die sie sonst oft hatten. Dabei dachte sie schmunzelnd an den Abend an Weihnachten, wo er sie in dieses Geisterhaus gelockt hatte. Und an den Samstagmorgen, wo er bei ihr mitten in ihrem Frühjahrsputz eingefallen war und sie überredet hatte mit ihm nach Vermont zu fahren, wo angeblich Kugelblitze in einem Wald gesichtet worden waren. Sie hatten das gesamte Wochenende diesen Wald durchforstet und Scully war danach vollkommen von Mücken zerstochen gewesen, aber sie hatten keinen einzigen Kugelblitz gesehen. Damals hatte sie ihn dafür gehasst und heute war sie ihm dafür dankbar, denn es zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen.
Er sah, dass sie lächelte und fragte sie, als er ihr die Tür des Taxis aufhielt, woran sie denke. Als das Taxi losfuhr, sah sie auf ihre Hände und hob den Blick ernst, bevor sie ihm antwortete.
„Ich weiß nicht Mulder, ich frage mich nur manchmal, woher Sie diese ganze Energie nehmen, all diese aberwitzigen Unternehmungen anzustellen, die nahezu immer fruchtlos bleiben.“
Er öffnete entsetzt die Augen. „Nennen Sie mir einen Fall, der fruchtlos war.“
Sie sah ihn an, als ob sie ihn für verrückt erklären wollte. „Wie viel Zeit haben wir bis wir da sind?“ Ein Grinsen übermannte sie und sie hakte sich scherzhaft bei ihm unter in der Hoffnung, er würde ihr das nicht übel nehmen.
Darauf brummte er nur indigniert und sah aus dem Fenster, während sie wieder von ihm abließ und sich in den Sitz zurückfallen ließ.
Irgendwie hatte sie ja Recht, aber musste sie ihm das so auf die Nase binden?
Dann sah er wieder lächelnd zu ihr hinüber und fragte mit einer verführerischen Schwingung in seinem Tonfall: „Soll das etwa heißen, dieser Abend wird auch fruchtlos verlaufen?“ und wackelte damit mit seinen Augenbrauen.
Sie lächelte und sah verlegen zur Seite. Der Rotwein war ihr zu Kopf gestiegen und sie musste aufpassen, was sie jetzt sagte, denn sie wollte diesen schönen Abend nicht ruinieren und die Dinge komplizierter machen, als sie ohnehin schon waren. Also schwieg sie eine Weile, und ließ sich ihre Gespräche noch einmal auf der Zunge zergehen.
Schließlich holte sie Luft und sah Mulder tief in die Augen. „Sie sind kein Dorftrottel, das wissen Sie, oder?“
Sie klang ernst und irgendetwas an ihrer Stimme ließ diese eigenartige Schwingung in Mulder wieder aufflammen, er lächelte ein wenig schüchtern und nickte ungläubig. Es tat ihr weh, diesen traurigen Ausdruck in seinen Augen zu sehen und sie wandte ihren Blick wieder von ihm ab und sah auf die vorbeiziehenden erleuchteten Fenster von überfüllten Bars, kleinen Restaurants und Kinos während sie um die Ecke bogen und nach ein paar weiteren Blocks vor ihrer Wohnung zum Stehen kamen.
Mulder stieg zu ihrem Überraschen aus und öffnete ihr wieder die Wagentür um sie zur Wohnung zu begleiten. „Mulder, Sie haben ja doch menschliche Manieren. Machen Sie das jetzt auch, wenn wir beruflich unterwegs sind?“ fragte sie ihn als sie stehen blieben und sie merkte wie es auf ihrer Haut kribbelte.
„Nein, das ist alles noch Teil des Geschenks“, entgegnete er und fühlte ebenfalls wie seine Knie weich wurden.
Obwohl Scully seit Ewigkeiten kein Date mehr gehabt hatte, wusste sie, dass sich das hier ziemlich danach anfühlte.

 

Scully senkte ihren Blick wieder. Sie wollte plötzlich den Abend ganz schnell beenden und kramte in ihrer Jackentasche nach ihrem Schlüssel. Als sie ihn gefunden hatte, merkte sie, dass er die ganze Zeit ruhig vor ihr gestanden und sie angestarrt hatte.
Er wusste nicht, ob es der Wein war, oder das warme Abendlicht, doch er hatte noch nie bemerkt, wie schön ihr Haar war und wie absolut glatt und makellos ihre Haut. Von ihren Augen ganz zu schweigen. Ihre dunkelroten Lippen glänzten weich im Licht der Straßenlaterne und er fragte sich, wie sie sich wohl anfühlten. Er sah sie plötzlich nicht mehr als seine Partnerin, sondern als Frau vor sich stehen und war über sich selbst überrascht, dass er sie attraktiver fand, als ihm bisher bewusst gewesen war.
Sein Herz blieb plötzlich stehen.
Hatte er sie heute Abend wirklich angebaggert? Da wurde ihm bewusst, dass sich irgendetwas zwischen ihnen verselbständigt hatte und er fühlte sich unwohl. Das, was sie hatten, war so etwas besonderes, wie konnte er es einfach so aufs Spiel setzen, als wäre sie eine seiner One-Night-Stand Aktionen?

Sie sah ihm nur flüchtig in die Augen und verkniff sich ein Lächeln, denn sie fühlte sich ebenfalls unwohl und wollte ihm nicht unbewusste Signale senden, dass sie sich von diesem Abend noch mehr erhoffte, denn so war sie überhaupt nicht und dass sie hier standen, wie ein Pärchen, das ein typisches Samstag-Abend-Date zu Ende gehen ließ, fühlte sich in ihren Augen falsch an.
Ihre Stimme klang ein wenig heiser, als sie sich von ihm verabschiedete. „Das war wirklich ein außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk, wenn Sie auch noch ein wenig am Timing arbeiten sollten.“
Sie klang fast ein wenig unterkühlt was ihn reizte, weil er merkte, dass sie ebenso unsicher wie er war.
Er setzte seinen Unschuldsblick auf. „Moment, nicht so schnell. Das war noch nicht das ganze Geschenk.“
Dabei sah er an ihr herunter wie ein italienischer Pornodarsteller und freute sich königlich über ihre Nervosität. Egal, wie unwohl er sich in dieser Situation fühlte, sie konnte das anscheinend noch steigern, denn sie wand sich unangenehm berührt unter seinem Blick hin und her.
Ihr Eispanzer schien an diesem Abend aufgetaut zu sein und sie stand nun schutzlos vor ihm.
Einen Augenblick rutschte ihr das Herz in die Kniekehlen und sie sah ihn wie erstarrt an, ehe sie an seinem Grinsen begriff, dass er sie wieder einmal nur auf den Arm nahm.
Sie holte einmal tief Luft, jetzt mussten sie wirklich aufhören, und ließ ihn eiskalt mit einem „Gute Nacht, Mulder. Schlafen Sie Ihren Rausch aus!“ vor ihrer Tür stehen.

Als sie die Tür hinter sich ins Schloss geworfen hatte, atmete sie erleichtert auf. Das war knapp gewesen, ein Glas mehr und sie hätte nicht dafür garantieren können, am nächsten Morgen alleine in ihrem Bett aufzuwachen. Doch das konnten sie sich nicht leisten. Ihre Beziehung war rein beruflich. Wenn das auch bei ihrer Arbeit kaum noch zu trennen war und sich über die Jahre eine tiefe Freundschaft entwickelt hatte. Als sie sich in seinem Flur fast geküsst hätten, hatte sie zwar gewusst, dass er, genau wie sie, offenbar mehr als nur Sympathie für sie empfand. Aber so richtig wollte sie es sich nicht eingestehen.
Nein, es war keine Liebe. Sie waren lediglich zwei einsame, relativ junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts, die sehr viel Zeit miteinander verbrachten. Da war diese sexuelle Spannung vorprogrammiert, mehr konnte man da wirklich nicht hineindichten.
Mit dieser Selbstlüge, die sie nicht als solche ansehen wollte, war sie zufrieden und ließ den Abend hinter sich. Sie lächelte und ließ ihre Jacke auf das Sofa gleiten. Und doch war es ein wunderschöner Abend gewesen.
Sie merkte gar nicht wie sehr sie strahlte, während sie scheinbar wie auf Wolken zu ihrem Bett lief um darin in einen tiefen Schlaf zu fallen.

Bevor er sich zum Taxi umdrehte um zu seiner Wohnung zu fahren, lächelte er ihre verschlossene Haustür an und genoss das Hüpfen seines Herzens in der Brust bevor er sich einredete, dass der Rotwein ihn tatsächlich benebelte und er sich definitiv nicht gerade in seine Partnerin verliebte.
Aber hieß es nicht, „In
vino veritas“? Was, wenn der Alkohol tief in ihm verborgene Wahrheiten ans Tageslicht schlüpfen ließ? Hatte er ihr nicht sogar schon einmal unter Einfluss dieser Psychopharmaka gesagt, dass er sie liebt? Schlummerte da etwas in ihm, was sein Unterbewusstsein hin und wieder wie in einer Art Schluckauf in sein Bewusstsein schleuderte?
Er entschied, dass er für derart tiefsinnige Gedanken zu müde war und ging, als das Taxi ihn abgesetzt hatte, direkt zu seiner Couch um bis in den späten Vormittag hineinzuschlafen.

 

Montagmorgen, 7.49 Uhr, Kellerbüro des FBI


Scully hatte zum ersten Mal seit sehr langer Zeit Herzklopfen als sie in ihr Büro kam. Es hatte bisher nur wenige Augenblicke in ihrer gemeinsamen Beziehung gegeben, an denen sie die unsichtbare Grenze zwischen Freundschaft und Liebe überschritten hatten und dieser ganze Samstagabend war einer dieser Augenblicke gewesen. Sie wusste, ein Abend wie dieser endete zwischen normalen Menschen vollkommen anders. Sie schrieb es mittlerweile ausschließlich dem Wein zu, dass ihr Abend beinahe auch so verlaufen wäre. Aber es hatte ihr gefallen und sie fand nichts Schlimmes daran, zumal ihr seine körperliche Nähe bei diesem gemeinsamen Baseball-Spiel gut getan hatte.
Und doch hatte sie jetzt ein komisches Gefühl in der Magengegend als sie die Tür öffnete und ihrem Partner ein frostiges Montagmorgen-Lächeln zuwarf. Er sprang auf und lief an ihr vorbei in den Nebenraum, als hätte er damit nur auf sie gewartet. „Hey Scully, da sind Sie ja. Ich hoffe, Sie haben sich gestern noch gut erholt?“
Dabei streifte er sie im Vorbeigehen beinahe unmerklich mit der Schulter, was ihr Herz aufgeregt aussetzen ließ. Doch sie ignorierte es, wie sie immer diese anscheinend zufälligen Berührungen zwischen ihnen ignorierte.
Sie war eine von sehr wenigen Frauen beim FBI, anzügliche Bemerkungen, unangemessene körperliche Annäherung, dämliche Anmachsprüche – das war an der Tagesordnung und sie hatte gelernt, damit umzugehen. Nur bei Mulder war es irgendwie nicht dasselbe. Weil sie Freunde waren und sie wusste, dass es in seinem Fall mehr bedeutete. In diesem Moment verspürte sie den unausweichlichen Drang, ihm wieder so nahe zu sein wie am Samstag.
Sie seufzte still in sich hinein, als ihr auffiel, wie sehr sie sich nach menschlicher Nähe und Wärme sehnte und dass Mulder überhaupt der einzige Mensch war, dem sie zumindest emotional nahe genug stand, dass sie aber niemals eine körperliche Beziehung haben würden. Dieses Dilemma verknotete ihren Magen und sie überlegte, wie sie nach dem wunderschönen Abend wieder in diese graue Welt zurückfinden sollte.

Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu als seine Worte plötzlich an ihr Ohr drangen und sie merkte, dass er schon die ganze Zeit auf sie eingeredet hatte, ohne dass sie auch nur irgend etwas davon mitbekommen hatte.
„Und was halten Sie davon, C3PO?“ unterbrach er sich schließlich etwas gereizt, als er bemerkt hatte, dass sie auf keine seiner Fragen antwortete und anscheinend vollkommen wortlos war an diesem Morgen.
„Was?“ fragte sie ihn entgeistert und hatte keine Ahnung, wovon er sprach.
„Oh, schön, also hat man Sie doch nicht gegen einen Androiden ausgetauscht. Sind wir beide jetzt wieder auf demselben Planeten?“ Scully räusperte sich schuldbewusst und verschränkte die Arme ruhig vor der Brust als sie ihm mit gehobenen Augenbrauen zu verstehen gab, dass sie nun zuhörte und ihre Aufmerksamkeit ganz ihm galt.

Beruhigt nickte er und holte tief Luft um noch einmal von vorne anzufangen. Er knipste den Diaprojektor an und fragte sich dabei, ob sie in Gedanken ebenfalls bei Samstagabend gewesen war, so wie er bevor sie zur Bürotür hereingekommen war.
„Vielleicht ist das alles etwas spannender, wenn Sie die Bilder dazu sehen. Aber Vorsicht, die sind nicht jugendfrei.“
Scully sah ihn irritiert an, als sie jedoch das erste Bild sah, verstand sie und verzog das Gesicht unbewusst. Mulder legte los, als er ihr noch weitere ähnliche Photos zeigte.
„Das hier sind fünf Paare, die in den letzten zwei Wochen in Connecticut Opfer eines Gewaltakts’ wurden, wenn Sie das Wortspiel verzeihen. Alle fünf sind offensichtlich kurz nach oder während des Geschlechtsverkehrs von einem unbekannten Angreifer überfallen und schließlich getötet worden. Zwischen den Opfern bestehen keinerlei Zusammenhänge und sie stammen offensichtlich aus allen Altersgruppen –äh.“
Als er ihr das Bild eines Pärchens jenseits der Siebzig zeigte, das offenbar ebenfalls während des Geschlechtsverkehrs ermordet worden war, unterdrückte er ein Würgen und sah schnell von dem Bild weg und stellte das nächste ein. Darauf war ein Teenager - Pärchen zu sehen, das auf dem Klavier seiner Schulaula von dem Täter überrascht worden war und Mulder zwinkerte aufreizend zu Scully hinüber.
„Mh…die wilde Unbeschwertheit der Jugend, was ?“
Scully wusste nicht, wozu er ihr diese Bilder, die nicht nur äußerst abstoßend sondern auch noch vollkommen uninteressant waren, zeigte. „Okay, diese Pärchen sind also während oder nach dem Geschlechtsverkehr unabhängig von Alter oder Ort einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Na und ? Wo ist da die X-Akte? Das sieht mir nach dem Werk irgendeines perversen Triebtäters oder einiger eifersüchtiger Ehemänner aus.“ Sie sah ihn provozierend an und blieb vollkommen ruhig.
Mulder lächelte, er musste sie jedes Mal motivieren, weil sie nahezu nie einer Meinung mit ihm war, wenn es um einen neuen Fall ging. Er wich vom Thema ab um sie ein wenig aufzuheitern, denn sie wirkte an diesem Morgen so verspannt.
„Connecticut, Scully. In Connecticut haben die Menschen keinen Sex. Connecticut ist einer der langweiligsten Orte der Welt. Allein das ist doch schon eine X-Akte wert.“
Scully war trotz ihrer bewussten Distanz amüsiert und musste sich ein Lächeln verkneifen. „Vielleicht haben die Menschen in Connecticut gerade deswegen mehr Sex, schon mal die Idee in Betracht gezogen?“ Er nickte ihr beipflichtend zu und kehrte wieder zu ihrem Fall zurück, jetzt hatte er offenbar wirklich ihre Aufmerksamkeit.
„Der Zusammenhang besteht darin, WIE diese Menschen getötet wurden.“
Daraufhin zeigte er ihr eine neue Bilderserie mit vergrößerten Nahaufnahmen der Opfer.
Musste das sein? Scully fand diese Bilder auch schon in Kleinformat eklig genug und sie wusste noch immer nicht, worin die X-Akte dieses Falls bestand, als sie plötzlich erkannte, worauf Mulder hinauswollte und ihn fast schon ängstlich ansah, in der Befürchtung er würde ihr eine weitere Alien- oder- Vampirstory präsentieren.
„Mulder ?“
Er grinste. Sie hatte es offensichtlich auch schon gesehen. Er half ihr ein wenig dabei, es zu realisieren:„Alle Opfer haben dieselbe Wunde in ihrem Nacken.“
Scully zog die Stirn in Falten und sah unbeeindruckt zu ihm: „Eine Bisswunde über dem siebten Halswirbel.“
Dabei nickte er zufrieden und sah sie geheimnisvoll an.
„Eine Saug- und Bisswunde, Scully. So wie ich Sie kenne, wollen Sie jetzt bestimmt die Autopsieberichte lesen, was?“
Damit hielt er ihr eine Akte hin. Sie sah ihn widerwillig an. „Will ich das wirklich?“
Er nickte auffordernd. „Liest sich wie ein Krimi.“
Scully blätterte sich die Berichte durch. „Mulder, das ist ganz offensichtlich ein Perverser. Der Täter hat den Opfern den Liquor aus dem Gehirn gesaugt. Die Hirnschnitte zeigen vollkommen zusammengefallene Ventrikelsysteme, als wäre die Luft aus einem Luftballon gewichen.“
„Luftballon? Netter Vergleich, Scully. Aber was glauben Sie, warum das wohl jemand tun würde?“
Scully zuckte mit den Achseln, sie fand, dass der Fall der denkbar schlechteste Start in eine neue Woche war. „Aus dem gleichen Grund, warum es Leute gibt, die Organe essen. Irgendeine Art kannibalistischer Trieb wird dahinter stecken“, antwortete sie nachdenklich.
Mulder runzelte die Stirn. „Ein Kannibale, der Hirnliquor trinkt? Nein, ich glaube da ist noch was anderes.“
„Und WAS glauben Sie genau?“
„Keine Ahnung, deswegen fliegen wir ja auch heute noch nach Norwalk, Connecticut zum Tatort des letzten Mordes von vorgestern.“

Scully verzog das Gesicht in Selbstmitleid und voller Unwillen, weil sie sicher war, dass es sich hierbei wieder einmal um pure Zeitverschwendung handelte. Für sie war der Fall geklärt. Irgendjemand empfand Lust daran, seine kannibalistischen Triebe mit seinem Voyeurismus zu kombinieren. Sie arbeitete schon zu lange beim FBI um nicht jede Möglichkeit menschlicher Grausamkeit in Betracht zu ziehen.

Doch als sie Mulders kindliche Aufregung bemerkte und wie er sich anscheinend auf diese neue Herausforderung freute, ließ sie sich ein wenig anstecken. Sie mochte seine Begeisterungsfähigkeit, das war der Aspekt, der ihn am meisten von ihr unterschied und sie bewunderte ihn ein wenig dafür.
Sie ließ sich von ihm zum Aufzug schieben und spendierte ihm als stille Entschuldigung für ihre Grimmigkeit einen Kaffee am Flughafen.

 

Viereinhalb Stunden später auf der I-95 nach Connecticut

Scully schreckte hoch. Sie war eingeschlafen. Die Strecke vom La-Guardia-Flughafen in New York City bis nach Norwalk zog sich endlos. Und trotz Mulders Fahrstil konnte sie dennoch immer wieder neben ihm im Auto einschlafen.
Er lächelte sie an. „Na, Dornröschen ? Lust auf nen Kaffee ?“
Sie nickte noch ein wenig verschlafen und ein wenig verlegen während er die nächste Ausfahrt nahm und einen Kaffee für sie beide holte. Dabei blätterte sie sich erneut durch den Autopsie-Bericht.
Der Täter hatte keinerlei Speichel hinterlassen, obwohl es sich um eine Bisswunde handelte. Auch sonst waren überhaupt keine Spuren am Tatort. Keine Fingerabdrücke, keine Zeugen. Nicht einmal ein Hinweis auf gewaltsames Eindringen in irgendwelche geschlossenen Räume. Der Mörder hatte diese Menschen offenbar aus dem Nichts überrascht und blitzschnell mit dem Biss getötet. Sie schauderte bei dem Gedanken daran, dass es solche Bestien unter den Menschen gab.

Aber etwas an dem Autopsiebericht machte sie stutzig und als Mulder mit den Kaffees wieder ins Auto stieg, sprach sie ihn darauf an.
„Hier in den Berichten steht übrigens gar nicht offiziell der Terminus ‚Bisswunde’. Hier steht lediglich, dass der Mörder den Opfern irgendwie eine Wunde zugefügt hat, durch die er dann den Liquor hinausgesaugt haben muss. Zugebissen hat er aber nicht, denn die Wunden sehen eher aus wie unsaubere Stiche. So als hätte jemand mit einem ausgefransten Pfeil darin herumgebohrt.“
Sie seufzte und klappte die Akte zu.
„Also Mulder, ich weiß wirklich nicht, warum wir dorthin fahren, das ist doch ein glasklarer Fall. Es ist ein anthropophager Triebtäter. Und es würde mich nicht wundern, wenn es irgendwo eine Internetseite gäbe, auf der Videos von diesen Gewaltakten für autoerotische Privatvergnügen herunter zuladen sind.“
„Na, Sie haben ja kranke Ideen.“ Er sah sie gespielt angeekelt an und schüttelte den Kopf.
Sie hatte ja Recht. In ihrer FBI-Welt waren solche Dinge leider nicht selten und er wusste, dass Scully der Fall nicht behagte und hätte sie am liebsten damit verschont, solchen menschlichen Abgründen ausgesetzt zu werden. Auch er konnte nicht gerade behaupten, dass er sich gerne mit den Perversionen kranker Menschen beschäftigte, wenn er sich in diesem Fall nicht so sicher wäre, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes ging.
Dann lächelte er. „Anthropophag, ja ?“ Und grinste in sich hinein.
Sie funkelte ihn an und schwieg indigniert über seine Belustigung über ihre Wortwahl bis sie im Norwalk Police Department ankamen.

Der Police Officer, der sie in Empfang genommen hatte, hatte sie mit allerlei Zusatzmaterial überhäuft. Er war offensichtlich erleichtert, dass er den Fall abgeben konnte. Und noch dazu ans FBI, das ihm, wie er fand, eine äußerst hübsche Agentin geschickt hatte. Den schlaksigen Agenten, der mit ihr gekommen war, mochte er allerdings weniger. Der starrte seine rothaarige, zierliche Partnerin immer so merkwürdig an und der Officer war sich nicht sicher, ob zwischen den beiden irgendetwas lief oder nicht. Aber so wie er das sah, würden sie sicher eine Weile miteinander zu tun haben und in der Zeit konnte er das noch herausfinden.
Während er darüber nachdachte, erklärte er Scully alle Formalitäten und versuchte, diesen großen anderen Agenten dabei die ganze Zeit zu ignorieren.

Mulder hasste den Officer. Er war ein großer, athletischer Riesenmann, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in seiner Schulzeit einmal Quarterback des High School Football Teams gewesen war, und er baggerte Scully an, der das offensichtlich auch noch gefiel, da sie ihn vermutlich unbewusst anhimmelte und sich öfter als nötig durch ihr Haar strich.
Mulder drehte sich genervt weg und schaute sich den Kaffeefleck auf seiner Krawatte an, als wäre er ein Wunderwerk moderner Kunst. Dabei hörte er jedoch aufmerksam zu, was der Officer Scully erzählte und griff sich die Akte des jüngsten Mordfalls.
Er musste irgendwie die Verbindung zwischen den Opfern finden. Er war sich sicher, dass der Mörder nicht wahllos vorging, sondern, dass es irgendein anderes Muster gab als die bloße Tatsache, dass alle Opfer zum Zeitpunkt der Tat Geschlechtsverkehr ausgeübt hatten.
Er musste mehr über die Opfer herausfinden, um die Persönlichkeit des Täters zu verstehen. So hatte er das gelernt und es war eine Technik, die sich bewährte.
Als der Police Officer endlich verstummte und sie sich zu Ende angehimmelt hatten, griff Mulder wieder ein und stellte sich zwischen die beiden. Er drehte sich zu Scully wobei er dem Officer den Rücken zukehrte und hoffte, der würde diese unhöfliche Geste verstehen.

„Scully, warum fahren Sie nicht gleich los, und sehen sich die Leichen noch einmal mit eigenen Augen an?“
„Mulder, die Autopsieberichte kenne ich mittlerweile fast auswendig, warum halten Sie das für nötig?“ wehrte sie sich.
Sie hasste es, dass er sich jedes Mal das Recht herausnahm, über ihre Zeit zu verfügen. Doch sie wusste, es war zwecklos sich dagegen zu wehren.
„Weil Ihre Augen schärfer sehen als die der anderen Gerichtsmediziner. Sie wissen immer am besten, wonach ich suche.“
Scully sah ihn zweifelnd an. Sie wusste überhaupt nicht, wonach Mulder suchte, aber sie fühlte sich auch ein wenig geschmeichelt und gab schließlich nach. „Und was machen Sie in der Zeit?“
„Ich werde mir mal die Angehörigen dieser beiden Unglücksraben vorknöpfen.“
Damit ließ er sie mit einem Augenzwinkern stehen und verließ das Police Department, während sie ihm mit verschränkten Armen nachsah und seufzte. Mit einem letzten leuchtenden Blick in Richtung des Officers folgte sie Mulder zum Wagen und ließ sich von ihm in der städtischen Leichenhalle absetzen.
Sie wusste, dass sie mit dem Police Officer geflirtet hatte und sie wusste auch, dass das Mulder nicht gefallen hatte.
Aber die Männer außerhalb des FBI sahen in ihr nicht nur eine kühle FBI – Agentin, sondern auch eine Frau und sie behandelten sie mit Respekt und Höflichkeit, was sie von ihren meisten männlichen Kollegen nicht so gewohnt war. Außerhalb des FBI waren die Menschen nicht so zynisch und kühl und besonders in den kleineren Städtchen freuten sich die Polizisten über Besuch aus der Stadt. Und als FBI –Agentin aus der Bundeshauptstadt war sie so etwas wie eine exotische Schönheit für die hiesigen Beamten. Es fühlte sich hin und wieder einfach gut an, wie eine Frau behandelt zu werden ohne sich ernsthafte Gedanken über die Konsequenzen zu machen.
Der Police Officer rannte Scully während ihres Wegs nach draußen noch nach und bat sie um ihre Handynummer, natürlich nur für den Fall, dass die Ermittlungen etwas Neues ergaben.

„Na, der hat vielleicht Nerven“, beschwerte sich Mulder als sie losfuhren. „Dem ist der Fall wohl zu Kopf gestiegen. Denkt wohl, er sei nun eine wichtige Person, weil das FBI extra aus Washington anrückt um ihm zu helfen. Geht Ihnen das eigentlich nicht auf die Nerven, dass die Polizisten in diesen Kleinstädten immer direkt glauben, sie müssten einer weiblichen Kollegin den Hof machen?“
Scully sah ihn vergnügt an. „Mulder, ich glaube eher, dass es Ihnen auf die Nerven geht. Ich finde das eigentlich überhaupt nicht schlimm. Es ist immerhin eine Abwechslung.“
Ihr Tonfall war trotz ihres Lächelns ein wenig unterkühlt und Mulder schwieg daraufhin schmollend, denn sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Er hasste es, wenn man ihn vollkommen ignorierte und Scully belästigt wurde. Er hasste diese hungrigen Blicke der anderen Männer, die in ihr nur ein Betthäschen sahen, eine weitere zukünftige Trophäe. Er wusste doch, wie es unter männlichen Kollegen zuging. Jede Bettgeschichte wurde bei der nächst besten Gelegenheit vor versammelter Mannschaft hinausposaunt um sich mit der eigenen Männlichkeit brüsten zu können. Und Scullys rote Haare und professionelle Distanz schienen einige Kollegen erst recht zu reizen.
Es widerte ihn an, zumal Scully so viel mehr war, als nur eine schnelle Bettgeschichte.
Zumindest in seinen Augen.

 

Eine Stunde später im Sektionssaal der Leichenhalle von Norwalk


Scullys Magen knurrte. Autopsien machten sie immer schrecklich hungrig. Dabei hatte sie gerade erst angefangen.
Nun lag die Leiche der jungen Frau auf dem Bauch und sie inspizierte die Wunde in ihrem Nacken. Es sah grotesk aus, denn man hatte der ihr in der vorigen Autopsie bereits das Gehirn entnommen und sie dafür vorher rasiert sowie den Schädel aufgesägt. Scully war an diesen Anblick gewohnt, aber dennoch war sie sich dessen bewusst, dass es für einen Laien erschreckend sein musste, was die Gerichtsmediziner so mit dem menschlichen Körper anstellten, wenn er erst einmal tot war. Sie sah noch einmal auf die Hirnschnitte, die neben ihr auf dem Tisch lagen und blickte dann nachdenklich wieder auf die Wunde im Nacken.
Sie führte eine kleine metallene Sonde in die Wunde ein. In der Tat hatte irgendjemand oder irgendetwas, Scully war sich in dieser Hinsicht nicht mehr so sicher, dass es sich um einen menschlichen Angriff gehalten hatte, dieser armen jungen Frau den Liquor über das Rückenmark ausgesaugt.
Aber warum ? Und wie ? Die Wunde sah wirklich nicht wie eine Bisswunde aus. Sie stocherte mit ihrer Sonde darin herum als sie in der Tiefe des Rückenmarkskanals auf etwas Merkwürdiges stieß. Sie zog mit einem etwas angewiderten Blick die Sonde heraus und sah, dass sich ein Schleimfaden daran hochzog. Er war grünlich. Sie rümpfte unwillkürlich die Nase und ihr Mund stand erstaunt offen als sie den Schleim auf dem schimmernden Metall ihrer Sonde im Licht betrachtete. Was war das?
Sie entnahm noch eine weitere Probe und sammelte alles in einem Behälter. Das war mit Sicherheit eine Spur. Wieso war das den anderen Medizinern entgangen? Hatten sie aufgegeben, nachdem sie auf dem Körper keine Fingerabdrücke oder Fasern hatten finden können?
Scully war sich auf einmal nicht mehr so sicher, dass es sich hierbei nur um einen Triebtäter handelte. Triebtäter waren meistens relativ schlampig, der Täter hier hatte keine einzige Spur hinterlassen und die grünliche Substanz verwirrte sie.

In diesem Moment ging die Tür auf und Mulder kam herein. Er sah zu Scully, sein Blick fiel auf die tote Frau, die mit Aufgesägtem Schädel auf dem Bauch vor Scully lag, die fast mit ihrer Nase in der Leiche hing, und bemerkte dann die Hirnschnitte, die fein säuberlich aufgereiht neben Scully auf einem Tisch lagen. Es war ein grotesker Anblick.
„Und ich dachte der Täter sei pervers!“ warf er entsetzt in den Raum und versuchte das Bild wieder aus seinem Gedächtnis zu löschen indem er sich darauf konzentrierte, nur noch Scully anzustarren.
„Haben Sie was gefunden?“ fragte er nachdem er sich beruhigt hatte und den Würgereiz nicht mehr unterdrücken musste.
Sie konnte sich kaum von ihrer faszinierenden Entdeckung losreißen und sah nur zögerlich zu Mulder auf, während sie sich am Präparationstisch abstützte.

 „Allerdings.“ Sie hob das keine Fläschchen, in das sie die Schleimproben gefüllt hatte, in die Höhe. „Ich habe in der Arachnoidea des Rückenmarks diese grünliche Substanz gefunden. Darüber hinaus ist es offenbar wirklich so, dass den Opfern der Liquor aus den Ventrikeln gesaugt wurde, bis ihre Gehirne unter dem Unterdruck kollabiert sind. Der Sog muss demnach recht kräftig gewesen sein. Aber ich habe keinen Hinweis auf die Waffe finden können, mit der der Täter, wenn es wirklich ein Mensch war, diesen Wundkanal in den Nacken der Opfer gestochen hat.“
Mulder sah sich den grünen Schleim im Licht angeekelt an und blickte dann fragend zu ihr herunter.
„Was meinen Sie mit ‚wenn es ein Mensch war’, zweifeln Sie jetzt etwa daran?“
„Nun, ich ziehe diese Möglichkeit immerhin in Betracht, vor allem angesichts dieser merkwürdigen grünen Substanz.“
„Und was für ein Tier war das dann Ihrer Meinung nach?“
Darauf wusste sich Scully keine Antwort und sah ahnungslos auf die Leiche herab. Mulder folgte ihrem Blick und bereute es beim erneuten Anblick des toten Körpers sofort.

Er bewunderte sie im Stillen für ihre Abgebrühtheit und es wirkte angesichts ihrer sonst so zierlichen Erscheinung irgendwie niedlich, dass sie so robust und unempfindlich war.
„Ich hoffe, dass die uns in Quantico anhand dieser Probe irgendwie weiterhelfen können. Denn es ist unsere einzige Spur zu dem Täter", versuchte sich Scully über ihre Ratlosigkeit hinwegzutrösten.
Mulder schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nicht ganz. Ich hab mit den Angehörigen gesprochen. Nachdem ich mit Freunden dieses Pärchens geredet hatte, hatte ich noch genug Zeit, nach Hamden zu fahren, um dort noch die Familie des Pärchens, das auf dem Klavier umgekommen ist, zu interviewen. Und eins haben die letzten beiden Paare auf jeden Fall gemeinsam.“
Scully hob die Augenbrauen. „Und das wäre?“
„In beiden Fällen handelte es sich um das erste Mal, dass die beiden Pärchen miteinander intim wurden. Und in beiden Fällen hatten sich die Paare bereits mehr als 4 Jahre gekannt.“
Scully sah nicht sehr begeistert aus. „Ist das alles ?“ warf sie ihm fast vor, denn sie fühlte wieder den Hunger und die Rückenschmerzen, die sie von dem langen Stehen an Präparationstischen immer bekam und wünschte sich, sie hätte nicht den halben Nachmittag hier verbracht, während er draußen durch die Gegend gefahren war.

Mulder nickte. „Ja, aber so trivial ist das gar nicht. Denn das zeigt doch, dass es sich nicht um pure Perversion handeln kann, wenn der Täter so sorgfältig seine Opfer auswählt. Wenn es ihm nur um den sexuellen Akt ginge, würde er doch nicht Wert darauf legen, welche emotionale Bedeutung der Geschlechtsverkehr für diese Paare hatte."
Er überlegte, wohin ihn dieser Gedanke eigentlich führen sollte und fragte sie schließlich grübelnd: "Was ist an Liquor so besonders, Scully?“
Sie sah ihn ratlos an. „Wie bitte?“
„Hat er eine besondere Funktion, enthält er eine seltene chemische Substanz? Oder liegt es irgendwie an seiner spirituellen Bedeutung?"
Scully sah ihn noch immer an, als sei er vollkommen übergeschnappt. „Spirituelle Bedeutung ? Sie meinen die uralte mittelalterliche Auffassung, der Liquor sei das Medium oder die Matrix der Seele?“
Er nickte. „Ja, so etwas in der Art. Was ist, wenn das hier gar kein Triebtäter ist, was ist, wenn er sich den Gewinn irgendeiner spirituellen Kraft durch das Trinken des Liquors sich liebender Paare erhofft? Oder vielleicht ist er auch extrem religiös und erhofft sich davon irgendeine Art von Erlösung.“
"Mulder, das ist vollkommener Unsinn!" brach es aus ihr heraus. Sie hatte schon viele psychische Störungen kennen gelernt, viele Anhänger sehr seltsamer spiritueller Glaubensvereinigungen, aber das war einfach zu verrückt, sie glaubte weiterhin an ihre Kannibalismus - Theorie. Wenn es Leute gab, die Befriedigung darin fanden, Geschlechtsorgane zu essen, dann gab es keinen Grund, warum es nicht andere kranke Menschen geben sollte, die Liquor tranken.
Sie versuchte daher, ihm eine vollkommen andere Sichtweise darzulegen: „Es kann doch sein, dass es ihm überhaupt nicht um den Geschlechtsverkehr an sich geht, sondern ausschließlich um seinen kannibalistischen Trieb Liquor zu trinken. Vielleicht greift er ja nur deswegen während des Geschlechtsverkehrs an, weil es für ihn am leichtesten ist. Weil die Opfer in diesem Moment am wehrlosesten und vulnerabelsten sind, weil sie zu beschäftigt sind, um überhaupt ihren Angreifer zu bemerken.“

Er lächelte obwohl er diese Theorie für haltlos hielt. „Beschäftigt ist wohl nicht ganz das treffende Wort, Scully. Ich würde eher von hemmungsloser Leidenschaft sprechen wenn ich da an das Pärchen auf dem Klavier denke.“
„Nennen Sie es, wie Sie wollen, das Resultat ist dasselbe: sie sind abgelenkt.“ Scully merkte, wie sie vom Thema abwichen.
Doch Mulder bohrte weiter und nagelte sie auf ihrer kleinen Spielerei fest. „Beschäftigung und Sex sind für Sie dasselbe, Scully? Na, Sie haben ja eine triste Auffassung von Leidenschaft.“
Sie sah ihn bissig an und zog sich ihre Latexhandschuhe mit einem lauten gummiartigen Schnappen aus um nach einem sauberen Paar in einer Pappschachtel zu greifen.
„Immerhin werde ich durch meine ‚triste’ Auffassung von Leidenschaft nicht durch meinen eigenen Tod daran gehindert, diese auszuleben.“
In Gedanken fügte sie hinzu, dass die pure Langeweile ihres Privatlebens sie vielmehr daran hinderte.
Mulder zuckte mit den Achseln und sah sie aufreizend an. "Na ja, diese Menschen sterben wenigstens in einem der schönsten Momente ihres Lebens. Das ist doch besser, als ein langes Leben zu führen, das aus der Aneinanderreihung unendlicher lustloser Momente geprägt wird.“

Nun fühlte sie sich irgendwie angegriffen, doch sie waren schon so weit von ihrem Thema abgekommen, dass sie entschied, es dabei zu belassen und sich einredete, dass er ihr damit gerade nicht vorgeworfen hatte, sie sei leidenschaftslos.
Er hatte gesehen, dass er mit seiner Aussage einen wunden Punkt erwischt hatte. Obwohl er es gar nicht auf sie bezogen hatte, hatte sie es offensichtlich so aufgefasst und er konnte die Verletzung in ihren Augen lesen. Es versetzte ihm einen Stich. Insgeheim wusste er, wie leidenschaftlich sie war, denn er hatte schon oft erlebt, wie sie aus ihrem kalten Eispalast herausgetreten war und sich voller Impulsivität für etwas eingesetzt hatte.
Meistens hatte sie sich dann für einen Menschen eingesetzt, der ihr etwas bedeutete. Und meistens war er das gewesen.
Bei diesem Gedanken fühlte er ein warmes Kribbeln in seiner Brust und er lehnte sich schweigend gegen die kalte gekachelte Wand des Sektionssaals, während sie ebenfalls schweigend die Leiche fein säuberlich aufräumte und darüber grübelte, ob sie wirklich so ein langweiliges Leben führte, wie er sie glauben lassen wollte.

Auf dem Weg zurück ins Motel nach Norwalk saß sie stumm neben ihm und starrte grimmig aus dem Fenster. Er versuchte, sie wieder ein wenig aufzumuntern. Er hätte nicht gedacht, dass seine im Scherz geäußerte Bemerkung ihr so zusetzen würde.
„Hey, Hunger?“ fragte er versöhnlich. Sie schüttelte den Kopf obwohl ihr Magen die ganze Zeit schon knurrte. „Nein, ich bin wunschlos glücklich.“
„Ah“, nickte er ungläubig und hatte verstanden, dass sie einfach nur noch in ihr Zimmer wollte, sie waren beide müde und gereizt und so trennten sie sich vor ihren Motelzimmern und verschwanden hinter ihren Türen.

Scullys Nacken war verspannt, ihr Magen knurrte und sie war unglücklich. Daher ließ sie sich ein Bad ein, während Mulder nebenan einen Pizzaservice anrief und es sich auf seinem Bett mit der Fernbedienung in der Hand und einem Bier aus der Minibar gemütlich machte. Es lief ein Basketballspiel der NBA im Fernsehen und somit war der Abend für ihn gerettet.
Doch das sollte sich bald ändern.

 

Zur selben Zeit auf der I-95 nach Bridgeport


Rob sah seine frischgebackene Ehefrau verliebt an. Sie saßen in ihrer Hochzeitslimousine und stießen glücklich auf ihren persönlichen ganz besonderen Tag an. Wie sie da so in Weiß mit dem zarten Schleier und den Blüten in ihrem lockigen goldblonden Haar in der Limousine neben ihm saß, erschien sie ihm wie ein Engel und er konnte den Gedanken überhaupt nicht ertragen, dass er noch den ganzen Abend auf ihrem Empfang aushalten musste, ehe er sich ihr endlich nähern durfte.
Sie waren beide aus konservativem Elternhaus und hatten sich geschworen zu warten. Doch nun, da sie offiziell verheiratet waren, sah er keinen Grund, noch eine Minute länger auf die Früchte zu warten, die ihm bisher verboten gewesen waren.
Er nickte dem Chauffeur zu, der die Trennwand hochfuhr und rutschte näher an seine Frau heran.
„Ich liebe Dich“, säuselte er ihr ins Ohr und sie antwortete darauf mit einem leidenschaftlichen Kuss und er fühlte, wie es in ihm hoch kochte und er sich nicht mehr zurückhalten konnte. Doch ihr ging es genau so und sie wollte ebenfalls nicht mehr warten, bis sie spät abends nach der Party übermüdet und bestimmt auch betrunken in ihre Betten fallen würden. Sie wusste, die wenigsten Paare hatten eine Hochzeitsnacht im klassischen Sinne, weil die meisten nach den Festlichkeiten zu müde waren.
Sie wollte aber sichergehen, dass es in ihrer Hochzeitsnacht geschah, sie wollte es jetzt und sah keinen Grund, länger zu warten.
Als sie merkte, dass die Limousine zum Stehen kam, fasste sie das als ein Zeichen auf und setzte sich ihrem Mann auf den Schoß und begann, ihn zu verführen, wie sie es sich all die Monate ihrer Verlobung ausgemalt hatte.

Sie wussten nicht, dass der Chauffeur vor allem deswegen gebremst hatte, weil er der Meinung war, er hätte eine merkwürdige Gestalt im Dunkeln über die Fahrbahn huschen sehen.
Er stieg aus, er wusste, was hinter ihm im Auto vor sich ging und er hatte keine Lust, dabei zuzuhören, also zündete er sich eine Zigarette an und starrte in die Nacht, wo er sicher war, er hätte ein Reh gesehen.

Das „Reh“ lauerte tatsächlich hinter dem Chauffeur im Gebüsch. Doch es war nicht wirklich ein Reh, es war ein Mensch, zumindest seiner äußeren Form nach zu urteilen.
Er hatte Hunger.
Seit drei Tagen hatte irrte er nun schon umher und nun witterte er endlich neue Beute. Er roch den süßlichen Duft, der aus dem Wagen zu ihm herüber geweht wurde und verspürte den unweigerlichen Drang, den kostbaren, beruhigenden Saft zu schmecken.
Die Welt sah durch seine Augen anders aus, er konnte sich fast nicht mehr daran erinnern, wie sie ursprünglich ausgesehen hatte, denn er war an das verzerrte, farblose Bild dieser verabscheuungswürdigen Welt gewöhnt, das seine Augen nun an sein Gehirn sendeten.
Es war fast, als sähe man durch die Facettenaugen eines Insekts. Die Nacht war schattiger und grauer in seinen Augen. Doch er brauchte sie auch gar nicht. Er wollte all das um ihn herum überhaupt nicht sehen. Er wollte nur dieses Gefühl in sich betäuben und den Schrei seiner verkümmerten Seele zum Schweigen bringen.
Er sog die Luft durch die Nase ein. Er konnte es deutlich riechen.
Das Aroma von schwitzenden, Hormondurchtränkten Körpern, die sich leidenschaftlich durch den Raum wälzten und dabei in einen Strudel von Gefühlen gerissen wurden, die er selbst noch nie am eigenen Leib erfahren hatte. Dieser animalische Akt stieß ihn zutiefst ab, nicht aber sein Substrat, das mit seinem süßlichen Geschmack so eine beruhigende Wirkung auf ihn entfaltete, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief.

Er fühlte, gleich würde es so weit sein, er sah die Hitze, die durch die geöffneten Fenster der Limousine in die kühle Nachtluft hinaufströmte. Langsam kroch er spinnenartig hinter dem Gebüsch hervor um sich den beiden Körpern lautlos zu nähern, während der Hunger in ihm immer mehr seinen Geist beherrschte.

Der Wind zischte leise und ein Schatten huschte durch das Licht der Straßenlaterne. Doch der Chauffeur merkte nichts, er genoss still seine Zigarette und sah auf die Uhr.

 

Eine Stunde später

Scully wickelte sich in ihren Bademantel ein und formte aus einem Handtuch einen Turban um ihr nasses Haar. Es ging ihr schon viel besser und der Pizzabote hatte ihr zwar die falsche Pizza geliefert, aber sie war satt. Sie ließ sich entspannt auf ihr Bett fallen und genoss den Feierabend.

Mulder hingegen war unglücklich, die Wizzards würden das Spiel verlieren und somit sah es für die Knicks im nächsten Spiel gar nicht gut aus. Außerdem hatte der Pizzabote ihm eine vegetarische Pizza statt seiner Meatball-Pizza geliefert. Und dieser Fall ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, denn er hatte nicht den blassesten Schimmer, worum es bei diesen Morden ging.
Das Telefon klingelte. Der Police Officer war dran. Warum rief er Mulder an? Er hatte doch mit Scully den ganzen Tag geflirtet. Aber vermutlich hatte sie ihr Handy ausgeschaltet und der Officer hatte nun versucht sie im Hotelzimmer zu erreichen. Doch Mulder und Scully hatten das Zimmer getauscht, weil sie darauf bestanden hatte, eines mit Badewanne zu bekommen. Wenn sie schon mit ihm nach Connecticut fahren musste, dann hatte sie wenigstens Anrecht auf ein wenig Entspannung, war ihr Argument gewesen und er hatte kleinbei gegeben. Dafür hatte er den Großbildfernseher.
Die Worte des Polizeibeamten drangen an sein Ohr und er begriff, dass sein Abend eine plötzliche Wendung nahm. Aufgeregt sprang er auf und stürmte zu Scullys Zimmer. Es brannte noch Licht und er klopfte nervös an.
Als sie ihm die Tür öffnete, musste er ein Lächeln unterdrücken. Sie bestand nahezu ausschließlich aus Frotté. Offensichtlich nutzte sie die Badewanne und das beruhigte ihn irgendwie. Wasser glitzerte noch auf der glatten Haut über ihren Schlüsselbeinen und ihre Augen wirkten ohne das rote Haar, das ihr Gesicht sonst immer weich einrahmte, noch größer und blauer.
Sie sahen ihn fragend an. „Was ist?“ war ihre Reaktion auf seinen nächtlichen Besuch und seinen merkwürdigen Blick als er sie ansah.
„Es gibt wieder einen Doppelmord“, war seine Antwort, als er die Überreste seiner so schmerzlich vermissten Meatball – Pizza auf ihrem Bett sah. „Darf ich?“ bettelte er förmlich und zeigte mit dem Finger auf die Schachtel. Sie nickte und kramte eilig in ihrem Kleiderschrank nach ihrer Unterwäsche, die, wie Mulder verstohlen bemerkte, schwarz war. Sie verschwand mit ihren Anziehsachen im Bad und kam überraschend schnell für eine Frau wieder heraus. Ihr Haar war nass und tropfte auf ihre Bluse, doch sie wollte offenbar keine Zeit verlieren. Sie drapierte es mit einer flinken Bewegung und einer Haarklemme hoch und sie verließen fluchtartig in ihrem Mietwagen das Motel um zum Tatort auf der I-95 zu fahren.

Als sie am Tatort ausstiegen bot sich ihnen durch die geöffnete Tür der Limousine ein grotesker und – wie Scully fand – irgendwie sehr trauriger Anblick. Es hatte anscheinend ein Hochzeitspaar erwischt, mitten während seiner Hochzeitsnachtaktivität. Mulder sah zu Scully herüber. „Wartet man damit nicht bis man in der Hochzeitssuite in seinem Himmelbett liegt?“ fragte er unbeteiligt und ging näher auf den Ort des Geschehens zu, während Scully sich absetzte und sich vor dem Polizeiwagen mit dem Officer unterhielt.

Mulder zückte seinen Ausweis und ging lässig an der gelben Tatortmarkierung zu dem toten Pärchen hinüber. Er zog sich ein paar Gummihandschuhe über und strich zielsicher das lange blonde Haar der Braut zur Seite um einen Blick auf ihren Nacken zu werfen. Er nickte als sich sein Verdacht bestätigte.
Scully erhielt zur selben Zeit die gleichen Informationen durch den Officer und den Chauffeur der Limousine, der sich überhaupt nicht erklären konnte, was passiert war, und sie sah aus der Ferne zu, wie Mulder halb in der Limousine sitzend den Tatort durchstöberte. Er schien etwas gefunden zu haben, denn er starrte auf seine Finger und sah zu Scully hinüber.
Der Police Officer redete noch immer an sie hin, doch sie hörte schon gar nicht mehr zu und daher entging ihr auch der verführerische Unterton in seiner Stimme.
Sie wandte sich mit einer knappen Entschuldigung von ihm ab und lief zu Mulder in die Limousine.
Der Police Officer stemmte die Hände in die Hüften und seufzte. Den Blick in ihren Augen, den sie ihrem Partner zugeworfen hatte, hatte er gesehen. Es lag mehr darin, als bloßes berufliches Interesse. Der Blick war von einer tiefen Verbundenheit geprägt, von Sorge und wortlosem Verständnis. Da wusste er, dass er gegen diesen komischen schlaksigen FBI-Kerl keine Chance hatte. Sie waren eben Stadtmenschen, hatten ihre eigene Welt, teilten vermutlich viele Gemeinsamkeiten und wahrscheinlich war es daher besser so, wenn sie unter ihresgleichen blieben. Was konnte er ihr schon bieten? Enttäuscht wandte er sich ab und griff nach seinem Funkgerät um das Auftauchen des FBIs am Tatort seiner Zentrale zu melden.

Scully kletterte durch den rauschenden Seidentaftstoff des Hochzeitskleides in die Limousine hinein und setzte sich neben Mulder, der weißen Staub zwischen den Fingern verrieb.
„Das hier hab ich überall auf ihrem Kleid gefunden. Was meinen Sie was das ist? Puderzucker von der Hochzeitstorte ?“
Scully zuckte mit den Schultern und kramte einen Plastikbeutel aus ihrer Tasche. Er kratzte mit einer Visitenkarte den weißen Staub zusammen und füllte etwas davon in die Tüte, während sie sich Handschuhe überzog und mit ihrem kleinen Finger in die Tiefe der Wunde im Nacken des Bräutigams herumbohrte. Als sie ihren Finger zurückzog, klebte derselbe grünliche Schleim daran und sie hob die Augenbrauen.
„Sieht aus, als sei er sehr hungrig, die Abstände zwischen den Morden werden immer kleiner“, bemerkte sie sachlich.
Mulder hielt inne. „Warum sagen Sie das?“
Sie sah ihn fragend an. „Was ?“
„Dass er hungrig ist. Glauben Sie jetzt doch, dass er nicht nur aus purer Perversion diese Morde ausübt?“
Sie stand vom Boden der Limousine auf und ließ sich auf die freie Rückbank hinter ihnen fallen. „Ich habe vorhin noch einen Anruf aus dem Labor erhalten. Das grüne Zeug ist Galle, Mulder. Der Täter würgt sie sicherlich während des Saugaktes hoch. Ich glaube also, dass er tatsächlich aus einem kannibalistischen Trieb heraus diese Morde verübt, dass er wirklich so etwas wie Hunger verspürt. Galliges Erbrechen ist ein Zeichen für eine Erkrankung seines Gastrointestinaltrakts, vielleicht ist diese Krankheit Teil dieses psychischen Syndroms. Haben Sie schon einmal etwas von der Essstörung Pica gehört?“
Mulder hob die Augenbrauen. „Das, wo die Leute plötzlich Appetit auf Zigarettenasche, Fäkalien oder sogar Knöpfe bekommen?“
„Ja, zwar ist das eine Krankheit, die eher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorkommt, aber es gibt auch Epileptiker und Schizophrene, die darunter leiden. Und schwangere Frauen.“
„Na ja, ich glaube nicht, dass unser Täter eine werdende Mutter ist“, wehrte Mulder grinsend ab. Scully lächelte bei diesem Gedanken matt. Mulder dachte über Scullys Theorie nach und schwieg einen Moment. Er entschied sich, dass sie zwar ein Anfang war, aber seiner Meinung nach nicht die richtige Spur.
„Vielleicht warten wir erst einmal ab, was das für ein weißes Zeug ist und was die DNA-Analyse der Galle ergibt und dann sehen wir weiter.“ Sie sahen betroffen zu dem toten Ehepaar vor ihren Augen.
Scully brach das beklemmende Schweigen in das sie bei diesem schaurigen Anblick verfallen waren.
„Es ist irgendwie furchtbar tragisch. Eine Frau freut sich ihr ganzes Leben auf diesen Tag und wenn er dann endlich greifbar wird, plant sie ihn mit größter Sorgfalt, kauft sich ein schönes und sündhaft teueres Kleid, nur um es einmal zu tragen, macht ungesunde und vollkommen nutzlose Diäten, färbt sich ihr Haar in Farben, die ihr zukünftiger Mann gar nicht mag, wählt sorgfältig das einzig wahre Blumengesteck passend zu ihren Schuhen aus und dann wird dieser ganze Traum innerhalb einer Sekunde von einem liquorsaugenden Monster zerstört.“ Ihre Stimme klang traurig und Mulder war gerührt. Er sah sie von der Seite an, wie sie leer auf die Leiche starrte, als wäre ihr eigener Traum gerade wie eine Seifenblase zerplatzt.
„Sehen Sie es doch mal so, Scully. Den beiden sind die ewigen Zankereien um hochgeklappte Klobrillen, offene Zahnpastatuben, Kreditkartenabrechnungen und Kindererziehungsfragen erspart geblieben. So ist es doch irgendwie weniger enttäuschend. Sie sind gestorben und waren glücklich verliebt.“
Scully sah ihn verwundert an, hatte er das ernst gemeint? „Ehe ist in Ihren Augen also dem Tod gleichbedeutend? Und da werfen Sie mir vor, ich hätte triste Auffassungen?“ Sie bemühte sich zu einem Lächeln um ihren Worten nicht allzu viel Ernst zu verleihen, denn sie war sich der Skurrilität dieser Situation bewusst. Sie saßen immerhin an einem Montagabend auf der Rückbank einer Limousine gegenüber von einem ermordeten Brautpaar.
Er lächelte zurück und funkelte sie aus seinen warmen grünbraunen Augen geheimnisvoll an. „Nein, nicht die Ehe an sich, Scully. Die Unaufmerksamkeit der Gewohnheit. Dass Liebe für die meisten Menschen irgendwann selbstverständlich ist und ihnen profane Dinge wie Geld und Alltagssticheleien wichtiger werden.“
Scully war sprachlos und sah ihn gerührt an. Es lag so viel Zärtlichkeit in seinem Blick, dass sie sich sicher war, dass er dabei nicht mehr nur über das Brautpaar geredet hatte, sondern, dass diese Worte aus dem tiefsten Innern seines Herzens gekommen waren und viel mehr bedeuteten, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.
Sie fühlten dabei wieder diese Spannung zwischen ihnen aufkommen, die ihnen beiden ein aufregendes Flattern im Bauch bereitete. Alles um sie herum fühlte sich plötzlich so leicht an und ihre Herzen klopften, als ihnen wieder einfiel, wo sie waren und Mulder diesen Moment beendete. Der Ort mit all seinem Schrecken passte nicht zu dem wunderschönen Kribbeln in seinem Bauch, er empfand es irgendwie als entweihend und peinlich.
Das Paar ihnen gegenüber hatte einen so wunderschönen und persönlichen Augenblick geteilt, wie sie es auf ihre eigene ganz andere Art in diesem Moment auch taten und er konnte den grotesken Anblick nicht mehr ertragen und wollte Scully davor schützen, ihm ebenfalls weiterhin ausgesetzt zu sein.
„Kommen Sie, wir sollten die beiden vielleicht allein lassen“, zwinkerte er ihr ein wenig traurig zu, bevor er über das Brautkleid stieg und aus der Limousine kletterte um danach Scully zu herauszuhelfen.

Als er ihr eine halbe Stunde später vor ihrem Motelzimmer Gute-Nacht sagte, knisterte es noch immer zwischen ihnen in der Luft und sie spürte den Drang ihn zum Abschied zu berühren, ihm ein wenig von der Zärtlichkeit zurückzugeben, die er sie ausschließlich mithilfe seiner Blicke und seines Lächelns hatte spüren lassen.
Doch sie widerstand der Versuchung und drehte sich zu ihrer Tür um, als er ihr seine Hand ganz leicht auf die Schulter legte und sie unter dieser zarten Berührung die Augen schloss und die Sekunde genoss, in der Millionen kleinste Sternchen in ihrem Herzen aufgingen und durch sie hindurchstrahlten und sich in Schmetterlinge verwandelten, die aufgeregt in ihrem Bauch umherflatterten.
Sie drehte sich um. Und er atmete die süßliche laue Abendluft ein.
Nur für diesen Anblick hatte er sich überwunden und ihr seine Hand auf die Schulter gelegt, obwohl er gewusst hatte, dass sie das als unangemessen empfinden könnte. Aber er hatte noch einmal in ihre leuchtenden Augen blicken wollen, über denen eine rotgoldene Locke ihres mittlerweile an der Sommerluft getrockneten Haars im zarten Wind auf- und abwippte. Es gefiel ihm, denn sie trug ihr Haar sonst immer glatt und ordentlich gefönt und nun sah es so strubbelig, verquirlt und gar nicht perfekt aus und das war irgendwie charmant. Die Augen, in denen er jedes Mal zu ertrinken glaubte, sahen ihn erwartungsvoll an. „Hey, ich verspreche Ihnen, wenn Sie einmal heiraten, werde ich dafür sorgen, dass kein liquorsaugendes Monster Ihren Traum zerstört“, versprach er ihr mit sanfter müder Stimme und als er sah, dass sie darauf milde lächelte, ging die Sonne in seiner Seele auf.
„Gute Nacht, Mulder“, verabschiedete sie sich ohne einen weiteren Kommentar, jedoch mit einem funkelnden Glanz in ihren Augen, und verschwand in ihrem Zimmer. Beschwingt drehte er sich um und lief in sein Zimmer um endlich ins Bett zu gehen.

 

Dienstagmorgen 8.30 Uhr

Ein riesiger Blaubeerpfannkuchen erschien vor ihrem Platz, der riesige Fladen lappte sogar ein wenig über den Tellerrand und Mulder sah sie erstaunt an.
„Scully, entwickeln Sie jetzt etwa auch eine Ess-Störung?“ Sie wich dem Thema schweigend aus und schenkte ihm nur einen strafenden Blick ohne jedes Lächeln. „Autsch!“ wehrte er die Kälte ab, die ihm ins Gesicht klatschte. Er lächelte und konzentrierte sich auf sein Rührei mit Speck, damit sie in Ruhe ihrem Heißhunger nachgehen konnte. Frauen! dachte er sich dabei im Stillen.
Irgendwann unterbrach sie ihr Schweigen, weil sie nicht damit zurechtkam, dass Mulder sich so mit dem zurückhielt, was er von diesem Fall hielt. „Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, in welche Kategorie wir unseren Serientäter nun packen? Ist er Ihrer Meinung nach nun ein Opfer seiner eigenen psychischen Erkrankung, halten Sie es tatsächlich für eine Art spiritueller Befriedigung, die er aus diesen Gewaltakten schöpft oder ist es doch einfach nur ein perverser Triebtäter mit einem gestörten Sexualverhalten ?“
„Offensichtlich haben Sie sich doch schon genug Gedanken dazu gemacht, worin besteht dann jetzt noch mein Job ?“ antwortete er mit vollem Mund.
„Na ja, warten wir ab, was uns das Labor in Quantico zu sagen hat“, beendete sie ihr Gespräch wieder.

Mulder sah neidisch zu ihrem Pfannkuchen und als sie seinen hungrigen Blick bemerkte, ließ sie sich dazu hinreißen, ihm ein Stück abzuschneiden und ihm mit der Gabel hinüberzureichen. Er lächelte und schnappte gierig nach dem Pfannkuchen auf ihrer Gabel.
Ihr Blick als sie ihn fütterte war unbeschreiblich und er spürte, wie er sich plötzlich unsicher fühlte und diese Schwingung in seiner Seele wieder verspürte. Scully hatte dieselbe Schwingung bemerkt und ihr verging plötzlich der Appetit auf ihren Pfannkuchen.
Ihre Blicke trennten sich verlegen und sie aßen schweigend trotz des flauen Gefühls in ihren Mägen auf.

Dabei merkten sie nicht, wie sie von der anderen Ecke des Diners aus, aus einem grauen, blassen Augenpaar beobachtet wurden.

 

Ein paar Stunden später auf dem Gelände der Happy Wheat Weizenmehlfabrik in einem Außenbezirk von Hartford, Connecticut

Mulder und Scully trotteten dem Manager der Firma hinterher und warfen düstere, skeptische Blicke über das Gelände. Der Manager wusste, warum er in Jeans und T-Shirt durch die Gegend lief, weil Mulders und Scullys schwarze Kleidung bereits von dem feinen Mehlstaub überall um sie herum, fein, aber vollkommen eingestaubt war.
„Wie lange, sagten Sie, gibt es die Firma schon?“ fragte Mulder mit zusammengekniffenen Augen. Es war ein warmer Frühsommertag und die Sonne blendete sie.
Der Manager war stolz, seine Firma jemandem aus der Bundeshauptstadt vorstellen zu können, wenn er auch nicht besonders glücklich war, dass es ausgerechnet das FBI sein musste.
„Seit ziemlich genau 20 Jahren, aber den Standort hier nutzen wir erst seit 9 Jahren. Vorher war hier ein ziemlich schäbiges Wohnviertel, sozusagen der Schandfleck von Hartford. Nun und heute ist es der Arbeitsplatz für über 350 Angestellte, das nenn ich mal nen Aufstieg, was?“ lächelte er stolz und kratzte sich dann verlegen am Kopf, als Mulder und Scully ihn unbeeindruckt und mit frostigen Mienen ansahen und höflich nickten.

Der feine Puder auf dem Kleid der Frau hatte sich als Mehl herausgestellt und es hatte nicht lange gedauert, bis Mulder und Scully die einzigen beiden Weizenmehlfabriken der Umgebung ausfindig gemacht hatten. Mulders Gespür hatte ihn zuerst hierher fahren lassen, allerdings war er sich jetzt nicht mehr so sicher, was sie hier eigentlich suchten, da es die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen war, wenn sie wirklich den Täter unter den Angestellten vermuteten.
Scully wollte diesen Besuch schnell beenden, denn ihr war heiß und sie wollte zurück in den klimatisierten Wagen. „Sir, wie viele Ihrer Angestellten werden denn nun tatsächlich größeren Mengen des Mehls ausgesetzt?“ versuchte sie diesen Teil des Tages zu beschleunigen.
„Wir haben so um die 60 Leute, die permanent mit dem Mehl in Berührung kommen, wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine Liste dieser Angestellten geben, wenn ich auch ziemlich sicher bin, dass keiner von denen fähig wäre diese Morde zu begehen.“
Mulder nickte. „Sicher, es ist auch eine reine Routinemaßnahme, wir müssen nun mal gründlich vorgehen und jeden Verdacht ausräumen. Wir werden das auf jeden Fall diskret behandeln.“
„Dafür wäre ich Ihnen dankbar. Aber Sie sind ja die Bundespolizei, also vertraue ich Ihnen da voll und ganz“, antwortete ihnen der Manager gutmütig und schloss die Türe zum Personalarchiv auf.

Mulder sah durch das Fenster zwei Türme auf dem Gelände in die Höhe ragen. Sie sahen heruntergekommen aus.
Der Manager reichte ihm einen Stapel Akten. „So, das wären die Angestellten, die hauptsächlich mit dem Mehl in Berührung kommen, Sie können die Akten so lange zur Einsicht behalten, wie Sie wollen, bringen Sie, sie bitte nur wieder“, lächelte er verlegen, doch Mulder sah noch immer nach draußen und biss an seiner Unterlippe herum.
„Was sind das für Türme? Sind das Mehlspeicher?“
Der Mann nickte. „Ja, sie sind jedoch mittlerweile leer und wir haben seit vier Jahren andere Lagerungstechniken, modernere. Das entsprach einfach nicht mehr den Hygiene- und Qualitätsrichtlinien unserer Firma. Und es kostet zu viel, sie abreißen zu lassen.“
Mulder nickte und speicherte diese Information in seinem Hinterkopf ab, während er den Aktenstapel umklammerte und mit Scully zur Tür ging.

Als sie draußen über das Gelände zurück zu ihrem Wagen liefen, bemerkte Scully den Lieferwagen der Schädlingsbekämpfungsfirma Jackson & Johnson, aus dem ein kleiner unscheinbarer Mann merkwürdig zu ihnen herübersah. Sie sah finster zu Mulder und bemerkte knapp: “Hygiene- und Qualitätsrichtlinien? Wofür brauchen die dann die da?“ und nickte in die Richtung des Lieferwagens.
Mulder lächelte und schloss den Wagen auf, um die Personalakten auf den Rücksitz zu werfen. „Vielleicht ist der würzige Geschmack von Kakerlakenkot ja das Geheimnis des Erfolgs von Happy-Wheat Mehl“, grinste er sie an und sie verzog angeekelt das Gesicht.

Zur selben Zeit ganz in ihrer Nähe

Der kleine graue unscheinbare Mann saß ganz still und sah zu, wie das ungleiche Pärchen das Gelände verließ und wieder ins Auto stieg. Er konnte nicht die Blicke, die sie sich zuwarfen und das Glänzen in ihren Augen sehen, doch er konnte es fühlen.
Er konnte es fühlen, weil es in seinem eigenen Geist so leer war, weil er es selbst nicht in sich trug. Weil es ihm so sehr fehlte, dass es ihn wahnsinnig machte.
Er witterte, dass sie genau das waren, was er brauchte. Es war intensiv, intensiver als bei den anderen, die er bisher geschmeckt hatte. Und er konnte riechen, dass es noch intensiver werden würde. Der Duft, der von ihnen ausging und über die Luft hergeweht wurde und nun in seine Nase hinauf kroch, betäubte diesen eisigen Schmerz, der seinen Geist und seinen Körper in seinem harten Griff umklammert hielt.

Er fühlte sich immer elender und er wusste, wenn dieser eine Tag, der immer näher kam, nicht bald vorüber war und er nicht bald wieder etwas von dem süßen, wässrigen Saft trinken würde, dann würde es ihn innerlich zerreißen.
Die Welt war so dunkel um ihn herum und so leer.
Er hatte Angst.
Er musste etwas tun.

 

Wenig später saßen Mulder und Scully mit den Akten vor sich aufgetürmt im Police Department und dachten mit frustrierten Blicken nach draußen daran, wie viele schönere Arten es gab, einen sonnigen Tag wie diesen zu gestalten.
Da klingelte Scullys Handy. Mulder sah neugierig von der Personalakte vor seinen Augen zu ihr hinüber als sie ranging. Zehn Sekunden später kam sie zu ihm.
„Das war das Labor in Quantico. Sie haben die Galle genauer untersucht, doch dummerweise waren zu wenige Epithelzellen darunter, als dass sie daran eine DNA-Analyse hätten vornehmen können. Was sie jedoch gefunden haben, könnte uns auch weiterhelfen.“
Mulder hob auffordernd die Augenbrauen.
„Naphthalin. Sie haben sehr geringe Mengen von Naphthalin in der Galle gefunden.“
„Gut, und was wissen wir über diese Substanz?“
Scully holte aus. „Heutzutage wird es wegen seiner Kanzerogenität und zahlreicher anderer toxischer Effekte auf den menschlichen Organismus nicht mehr besonders häufig verwendet. Es befindet sich besonders in Steinkohleprodukten, Holz und früher auch in Mottenkugeln.“
„Mottenkugeln?“
„Ja, dieser modrige Geruch von Mottenkugeln, das ist Naphthalin.“
„Mh, unser Täter frisst also Mottenkugeln?“
Scully verschränkte die Arme und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Schrank neben Mulders Tisch. „Ich bezweifle, dass er sie gegessen hat, zumindest nicht in rauen Mengen, schon 5 Gramm Naphthalin sind tödlich. Aber es würde unsere Hypothese, dass der Täter wirklich an Pica leidet, untermauern.“
„Ihre Hypothese, Scully. Meine ist eine ganz andere.“
Sie hob die Augenbraue. „Dann verraten Sie mir doch mal ‚ihre’ Hypothese, Sie weigern sich ja beharrlich mich in Ihre Gedankengänge einzuweihen.“
Er lehnte sich in dem Bürostuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Sechs Doppelmorde, Scully. In immer kürzeren Abständen. Und wie ich mittlerweile herausgefunden habe, hatten alle sechs Pärchen an dem Abend ihres Todes eine ähnliche Konstellation. Sie alle hatten zum ersten Mal miteinander Sex und sie alle verband eine langjährige unglückliche Liebschaft oder Freundschaft.“
„Davon weiß ich ja noch gar nichts“, beschwerte sie sich.
Mulder nickte. „Ich hab mich noch ein wenig im Bekanntenkreis der anderen Opfer umgesehen. Das zweite Pärchen, erinnern Sie sich, die Rentner? Diese beiden Menschen waren durch den Vietnam-Krieg in den 60ern gezwungen worden, sich zu trennen, danach war die junge Frau unbekannt verzogen und ihr Freund konnte sie bei seiner Rückkehr aus Vietnam nicht mehr finden. Es vergingen fast 40 Jahre, ehe sich die beiden wie durch einen Zufall auf einer Seniorenfahrt wieder begegnet sind. Und das dritte Pärchen, die wilden Teenager, sie waren Sandkastenfreunde, der Junge hatte aber die ganzen Jahre auf der Highschool nie eine Chance gehabt, aus der Freundschaft, die ihn mit dem Mädchen verband, mehr werden zu lassen, wie mir sein Schulfreund erzählt hat. Bis es auf diesem Schulball eben doch dazu gekommen ist, dass er sich mit Alkohol ein wenig Mut gemacht hat und ihr seine Liebe gestanden hat. Und dieses Pärchen, das am Samstagabend bei dem jungen Mann zuhause getötet worden ist, sie verband eine fünfjährige berufliche Beziehung. Sie waren Tischnachbarn in ihrem Büro.“
Scully sah ihn an und fragte sich, worauf er eigentlich hinauswollte.
„Scully, sie alle haben eine ähnliche Geschichte. Es gibt tatsächlich ein System. Was für ein Typ ist das also, der sich ausgerechnet Pärchen aussucht, die sich offensichtlich lieben, und das schon seit Jahren unterdrücken mussten, die zum ersten Mal endlich die körperliche Nähe finden, nach der sie sich schon so lange gesehnt haben, um dann in einem unvorsichtigen Augenblick getötet zu werden ?“
Scully war beeindruckt von Mulders nahezu bewegender Ansprache. „Ein ziemlich unglücklicher Typ, würde ich sagen“, antwortete sie lässig, ohne lange darüber nachzudenken als er mit dem Finger auf sie zeigte und in seinem Stuhl nach vorne klappte.
„Sie sagen es. Ein unglücklicher und mit Sicherheit einsamer Typ mit einer gestörten Beziehung zu Sexualität und eventuell einem Hang zu Mottenkugeln.“
„Ja, das ist ein mögliches Motiv, warum er die Paare getötet hat. Aber warum hat er ihnen den Liquor ausgesaugt? Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Das wäre doch eine absolut absurde Essstörung, es wäre viel leichter für ihn Haut zu essen, oder Haare. Aber Liquor ?“
Mulder wiegte seinen Kopf hin und her und dachte nach. „Vielleicht ist doch irgendetwas in dem Liquor, das er braucht.“
Scully hob angeekelt die Augenbrauen und verzog den Mund. „Der Liquor ist nur so eine Art Müllabfuhr des Gehirns, was um alles in der Welt kann man daran finden?“
Sie starrten sich einen Moment an und gingen ihren eigenen Überlegungen nach, als die Tür hastig aufgerissen wurde und der Police Officer hineinstürmte.
„Es gibt schon wieder einen Mord. In New Haven.“
Mulder und Scully schreckten zeitgleich hoch. „Schon wieder ?“

Der Polizist nickte ein wenig genervt. Diese FBI –Agenten hatten auch nichts Besseres zu tun, als herumzusitzen und Akten zu wälzen, während da draußen ein Irrer herumlief und unschuldige Menschen abschlachtete. Warum taten sie nichts um den Kerl zu schnappen?

 

Eineinhalb Stunden später in der Sterlings-Bibliothek der Yale-Universität in New Haven

Die Leiche des jungen Mädchens hing grotesk über dem Telefonbuch der winzigen Telefonzelle der Sterling-Library. Ihre Augen waren starr vor Entsetzen aufgerissen und sie sah überhaupt nicht tot aus. Doch die Wunde in ihrem Nacken ließ keinen Zweifel daran, dass es sich wieder um dieselbe Mordtat handelte.
Bis auf eins. Der Junge hatte überlebt.
Er saß am ganzen Körper zitternd in der Ecke auf einer Steinbank des uralten Gemäuers und schien die Aufregung um sich herum überhaupt nicht wahrzunehmen.
Mulder starrte auf das Mädchen. Der Tod eines Kindes musste allein schon unerträglich für Eltern sein, aber wenn es auch noch auf derart grausame und entwürdigende Art geschah, grenzte das an einen dummen Scherz des Schicksals. Es war offensichtlich, in welcher Position die beiden Studenten in dieser Telefonzelle miteinander Geschlechtsverkehr gehabt hatten und das Mädchen lag entblößt und fast lasziv auf diesem Telefonbuch, ihr Rock war über den Rücken geworfen und entblößte ihre jugendliche, glänzende Haut.
Mulder konnte die Szene fast vor sich sehen und er fand diese Morde auf einmal untragbar widerwärtig und wendete sich ab um sich in der Bibliothek umzusehen.
Der Bibliothekar war vollkommen aufgelöst und schüttelte auf sämtliche Fragen der Polizisten den Kopf. Ihm war überhaupt nichts aufgefallen, zumal es um diese Tageszeit von Studenten nur so wimmelte. Anscheinend war ihr Täter also ebenfalls recht jung.
Mulder schlenderte durch die kirchenartige Haupthalle und sah in den Seitenschiffen unter den bunten Glasfenstern die Computer stehen. Er ging durch den Rundbogen, der die Seitenschiffe von der Haupthalle trennte, hindurch und schaltete seine Taschenlampe an, denn es war schummrig in den ehrwürdigen Gewölben der Bibliothek. Er leuchtete mit seiner Lampe über die Tastaturen der Computer und hielt nach etwas Ausschau.
Schließlich wurde er fündig. Zwischen den Ritzen eines Keyboards erkannte er deutlich einen feinen weißen Staub und rief sofort einen Beamten zu sich hinüber. „Können Sie eine Probe davon mit dem Mehl vergleichen lassen, dass wir gestern auf dem Brautkleid sichergestellt haben?“ Der Beamte nickte obwohl er nicht ganz verstand, warum er das tun sollte, und machte sich sogleich daran, mit einem winzigen Sauger den Puder einzufangen, während Mulder sich neben ihm durch die Webseiten klickte, die der letzte Benutzer besucht hatte. Vielleicht würde er hier einen Hinweis finden.
Die letzte aufgerufene Seite war eine Seite für Partnervermittlung. Dann folgten noch zwei Pornoseiten, die Mulder schon längst kannte, und eine Seite, die ihm bereits viel interessanter erschien. Es war eine Liste von Friedhöfen der Umgebung von Hartford. Mit Personenverzeichnis. Mulder klickte sich weiter. Der Benutzer hatte offensichtlich nach jemandem gesucht, der auf einem Friedhof in Connecticut begraben lag. Und nach zwei Mausklicks erschien auch eine Namensliste vor seinen Augen. Der Benutzer hatte nach jemandem gesucht, dessen Nachname mit L begann. Mulder ließ sich diese Seite ausdrucken und steckte sich das Papier dann in die Tasche. Wer weiß, wo ihn das hinführen würde.

Währenddessen unterhielt sich Scully mit dem verstörten und sehr beschämten Jura-Studenten über dessen traumatisches Erlebnis.
„Meine Eltern werden mich umbringen“, wiederholte er nur immer und immer wieder, doch Scully legte ihm vorsichtig ihre Hand auf den Arm.
„Matt, ich weiß, dass das jetzt schwierig für Dich ist, aber der Mann läuft da draußen frei herum und wir müssen ihn dringend finden. Also bitte erzähl mir, woran Du Dich erinnern kannst.“
Der junge Mann zuckte mit den Schultern und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Es ging alles so schnell, ich meine, wir waren schon auf der Highschool zusammen und haben uns hier zufällig wieder getroffen und sind so was wie – na ja, wir sind nicht richtig zusammen, aber wir sind eben Freunde.“
„Bis heute, Freunde schlafen immerhin nicht miteinander“, bemerkte Scully knapp und sachlich.
„Nein, verstehen Sie, wir waren SO eine Art Freunde.“ Scully verstand nicht, doch sie hörte weiter zu.
„Wir haben uns immer an den unmöglichsten Orten getroffen um…..“ Er stockte und sah verlegen zu der FBI-Agentin auf. Es war ihm peinlich mit einer fremden Frau darüber zu reden. „Na ja, sie verstehen schon, College, Partys, Alkohol. Wir wollten Erfahrungen sammeln.“
Scully schluckte. Sie war schließlich auch mal auf einem College gewesen und die Erinnerung daran trieb ihr die Hitze in den Kopf. Sie war so meilenweit von dieser Studentin entfernt, die sie damals gewesen war. Aber sie bereute es nicht, sie war nun erwachsen und vernünftig und genoss diese moralisch überlegene Position, wenn sie dadurch auch irgendwie zum Spießer geworden war. Aber tief in ihr schlummerte die Studentin, das wusste sie. Sie kehrte in Gedanken wieder zum Thema zurück und ermahnte sich zu professioneller emotionaler Distanz. Sie durfte sich nicht zu sehr in den Jungen einfühlen, sie war die Agentin, nicht das Opfer.
„Also sehe ich das richtig, dass das heute nicht Euer erstes Mal war?“ hakte sie nach. Der Junge nickte. „Und kannst Du Dich daran erinnern, wie der Mörder ausgesehen hat? War er in Eurem Alter? Hast Du ihn gekannt?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Wir haben zusammen in der Cafeteria gegessen und dort haben wir auch beschlossen, dass wir heute einmal die Telefonzelle hier drin ausprobieren wollten. Danach hatte ich die ganze Zeit so ein merkwürdiges Gefühl, dass uns jemand gefolgt ist, aber es ist um diese Zeit so voll auf dem Campus, dass man praktisch immer ‚verfolgt’ wird. Und als es dann passierte, da wurde plötzlich die Tür aufgerissen und es ging alles so schnell, dass ich gar nicht richtig gucken konnte. Der Typ war irgendwie gar nicht da, er war durch und durch so unscheinbar und irgendwie durchsichtig. Wie ein dunkler Schatten. Er hat mir schreckliche Angst gemacht.“ Er hielt inne und seine Augen waren starr vor Entsetzen, er kratzte sich nervös am Hals. Er wusste, er redete Schwachsinn. „Das klingt jetzt bestimmt total bescheuert, nicht wahr?“
Scully schüttelte ernst den Kopf. Wenn der Junge wüsste, was sie schon alles zu Ohren bekommen hatte, dann würde er eher sie für durchgeknallt halten.
„Also Du kannst nicht beschreiben, wie er ausgesehen hat?“
„Nein, ich glaube, er hatte ein graues T-Shirt an, aber ich habe ihn wie gesagt im Grunde irgendwie gar nicht richtig gesehen. Und dann bin ich auch schon bewusstlos geworden, weil mich ein harter Schlag in den Nacken vollkommen weggetreten hat.“
Scully sah ihn fragend an. „Darf ich mir das einmal ansehen?“ Der Junge beugte pflichtschuldig seinen Kopf nach vorne und Scully befühlte und inspizierte seinen Nacken. Doch außer einer Rötung konnte sie nichts erkennen, was auf eine Verletzung hindeutete. „Hast Du eine Ahnung, warum er nur Deine Freundin angegriffen hat?“ fragte sie ihn abschließend. Er schüttelte wieder den Kopf und sie stand auf, legte ihre Hand beruhigend auf seine Schulter und bedankte sich bei ihm. Doch er rief ihr hinterher. „Agent Scully ?“
Sie drehte sich um und näherte sich ihm wieder. „Ich weiß, Kirsten hat mich geliebt und ich fürchte, ich habe sie die ganze Zeit ausgenutzt.“ Scully wartete, denn sie sah, dass er noch mit sich zu kämpfen schien bevor er mit Tränen in den Augen weiter sprach: „Ist das jetzt die Strafe dafür?“
Scully presste die Lippen aufeinander und ihre Augenbraue schnellte kühl in die Höhe. „Das ist wohl eine Frage, die Du Dir nur selbst beantworten kannst, fürchte ich.“
Damit ließ sie ihn sitzen und drehte sich wieder zu den Polizisten am Eingang. Dieser Fall schien ihr eher eine Art Nachahmungstat zu sein, er passte überhaupt nicht ins Schema. Es war kein Doppelmord und das Paar hatte nicht dieselbe Vorgeschichte wie die anderen. Sie sah zu Mulder hinüber, der mit einem Polizisten redete. Als er ihren Blick bemerkte, kam er zu ihr und beugte sich flüsternd zu ihr hinunter.
„Der Polizei ist ca. 20 Minuten nach der Tat ein Diebstahl in der CVS-Pharmazie an der York Street gemeldet worden. Das ist nur drei Blocks von hier entfernt. Der Täter ist mit zwanzig Schachteln Prozac verschwunden.“
Scully schien nicht zu verstehen. „Einem Antidepressivum ? Und Sie glauben, es war der Mörder?“
„Sehen wir uns doch das Ladenvideo an“, wich er aus und sie verließen den Tatort um zum nächsten aufzubrechen.
Die Studenten starrten sie auf dem Weg alle an. Der Mord hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und jeder wusste, dass sie die FBI-Agenten waren.
Scully war sich nicht sicher, ob sie sich unwohl oder stolz fühlen sollte. Sie kam sich plötzlich so alt vor. Als hätte Mulder ihre Gedanken gelesen fragte er sie: „Geht es nur mir so, oder sind wir alt?“
Sie lächelte ihn dankbar an und schwieg ehe sie ihm antworte und dabei an die Worte des Jura-Studenten denken musste.
„Nein Mulder. Nur erfahren, aber nicht alt.“
Mulder glaubte, in ihrem Tonfall eine gewisse Schärfe vernommen zu haben, so als hätte sie das irgendwie zweideutig gemeint. „Erfahren ? Wie genau meinen Sie das, Dr. Scully?“ neckte er sie daher und sie blitzte ihn strafend an.
„Mulder, der Fall steigt Ihnen wohl zu Kopf, was?“
Doch sie wusste, dass er den Unterton in ihrer Stimme bemerkt hatte und obwohl sie es unbewusst getan hatte, hatte sie es wohl doch ein wenig zweideutig gemeint. Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Offenbar ließ sie sich ebenfalls zu sehr von diesem Fall beeinflussen.

 

Als sie eine Viertelstunde später im Verwaltungsbüro der CVS-Pharmazie saßen und das Videoband laufen ließen, waren sie ratlos. Zu der Zeit des Diebstahls war niemand auf dem Video zu erkennen, der irgendwie verdächtig gewesen wäre.
Es war Frühsommer und um zwanzig Schachteln Prozac zu entwenden, würde man eine größere Tasche oder eine Jacke brauchen, um sie aus dem Laden herauszuschmuggeln. Aber alle Käufer im Zeitraum von plusminus einer Stunde um die Tat herum waren sommerlich und leicht gekleidet gewesen, keiner von denen hätte eine so große Menge Medikamente unbemerkt entwenden können. Ein Großteil der Käufer passte ohnehin nicht ins Schema und die wenigen jungen Männer schienen vollkommen harmlos zu sein.
Bis plötzlich ein Schatten auf dem Bildschirm für den Bruchteil einer Sekunde erschien. Fünf Minuten später konnte man ihn erneut sehen.
„Spulen sie das noch mal zurück und halten sie das Video an, wenn ich ‚jetzt’ sage“, instruierte Mulder den Sicherheitsbeauftragten der Pharmazie, der die Aufsicht über die Videos hatte.
Als das Standbild vor ihren Augen erschien dauerte es nur einen winzigen Augenblick bis alle im Raum es erkannten.
Scully sah überrascht zu Mulder, der nachdenklich seine Unterlippe zwischen den Fingern knetete und auf das Standbild starrte. Angst und Beklemmung erfüllten stumm den Raum und krochen in ihre Herzen. Mulder sah Scully an. „Anscheinend ist unser Täter auch noch ein Kunstkenner“, bemerkte er zynisch und ging näher auf den Bildschirm zu.
Darauf war die zu einem Angstschrei verzerrte Fratze eines Mannes zu sehen. Es war nahezu die Projektion des Edvard Munch - Bildes "Der Schrei". Irgendwie kam das Gesicht Mulder bekannt vor. Es sah nicht wirklich aus wie das Selbstbild Munchs, es trug eindeutig die Züge eines Mannes, den Mulder schon irgendwo gesehen hatte.
Scully lief es eiskalt über den Rücken. Das Bild von Edvard Munch hatte schon immer eine Seite in ihrer Seele in Schwingung versetzt, die sie ihr ganzes Leben lang immer bemüht gewesen war, in absoluter Stille zu halten.
Auch Mulder fühlte, wie er nicht mehr durchatmen konnte, wie sich ein Ring um seine Brust legte. Er sprang auf und hatte es plötzlich sehr eilig. Ihm wurde heiß und er konnte diesen Fall nicht mehr ertragen, es war so krank und grotesk und diese ganzen Pärchen, die mitten in ihrem intimsten, persönlichsten Augenblick durch einen Irren entweiht und entblößt wurden, taten ihm furchtbar leid. Er verließ den Raum und sah zu Scully.
„Gehen wir Scully. Ich brauch jetzt ein Steak."
Sie sah ihn irritiert an, denn seine Stimme hatte aggressiv geklungen und gereizt. Doch sie folgte ihm wortlos und sah ihn im Auto auf dem Weg zum nächst besten Steakhaus besorgt an.
„Ist alles in Ordnung, Mulder?“ fragte sie ihn schließlich.
Er nickte nur stumm. „Ja“, nuschelte er lustlos und halbherzig. Sie holte tief Luft. „Der Fall nimmt sie ganz schön mit, oder?“
Er rührte sich nicht.
„Mir jedenfalls setzt er ziemlich zu.“ Sie hoffte, wenn sie es zugab, würde ihm das vielleicht weiterhelfen, es war schließlich keine Schwäche, es war eine normale Reaktion auf all das, was sie in den letzten Tagen gesehen hatten. Sie waren ja auch nur Menschen.
Doch er schwieg auch darauf wieder. Sie empfand es als erleichternd sich ihre Gedanken dazu ein wenig von der Seele zu reden und fuhr fort, während er ihr jedoch kaum zuzuhören schien und immer schneller fuhr.
„Dieser Fall ist so unmenschlich. Und dabei weiß ich nicht, was ich schlimmer finden soll, die Tatsache, dass jemand auf so erniedrigende und grauenvolle Weise jemanden umbringt oder die Tatsache, dass die Liebe dadurch ebenfalls entweiht wird. Denken Sie nur an das Brautpaar. Ein Hochzeitstag ist doch etwas Romantisches, er steht für den Glauben an die ewige Liebe. Und alles, was die Angehörigen dieser beiden Menschen in Erinnerung behalten werden, ist, dass sie während eines hemmungslosen und ausschließlich körperlichen Akts zu Tode gekommen sind. Es sollte der Moment sein, in dem sie einander ihre Liebe auf körperlicher Ebene zeigen wollten und stattdessen hat jemand ihren Liebesakt zu einem Gewaltakt verkommen lassen. --- Mulder, hier sind nur fünfzig Meilen pro Stunde erlaubt, wollen Sie uns umbringen?“
Sie verstummte. Hatte sie zu viel von dem preisgegeben, was sie fühlte? Doch wem, wenn nicht Mulder, hätte sie das sonst gestehen können? Vermutlich hatte er ohnehin nicht zugehört, beruhigte sie sich und sah verlegen aus dem Fenster als eine leise Stimme von der Fahrerseite an ihr Ohr drang.
„Genau, Sex und Liebe sollten eine Einheit bilden und ich glaube, der Täter weiß das auch. Aber irgendetwas stimmt nicht. Er ist fahrig, verzweifelt, er muss immer öfter und immer hastiger zuschlagen, er scheint Kraft zu verlieren, deswegen hat er auch den Jungen nicht getötet, sondern nur verletzt.“
Scully unterbrach ihn. „Ich glaube, er hat den Jungen aus einem anderen Grund am Leben gelassen.“
Mulder sah sie überrascht an und Scully genoss es, ausnahmsweise mal die Wissende zu sein. „Er hat mir erzählt, dass er zwar in dem Mädchen nur sein Betthäschen gesehen hat, dass er aber wusste, dass sie ihn geliebt hat. Es sieht also aus, als würde der Täter tatsächlich zwischen Sex und Liebe differenzieren.“
Mulder nickte und verarbeitete diese Information einen Augenblick. „Und was denken Sie hat es mit dem Prozac auf sich?“ fragte er sie schließlich und erwartete, dass sie auch darauf eine Antwort hatte. Scully kramte in ihrem Pharmakologie-Gedächtnis nach der Wirkungsweise von Prozac.
„Nun, es ist eine Substanz, die die Serotoninkonzentration im Gehirn erhöht und somit antidepressiv wirkt.“
Mulders Hand schnellte in die Höhe und er fuchtelte mit dem Zeigefinger vor ihrer Nase herum, dass sie irritiert zusammenzuckte.
„Genau das ist es! Das ist der Grund. Er ist depressiv. Und er braucht den Liquor um dieses Gefühl ertragen zu können.“
Scully lachte auf. „Was ? Sie meinen, wenn er Liebende beim Sex tötet und ihnen ihre Gehirne aussaugt, hilft ihm das, sich weniger depressiv zu fühlen?“
Er nickte. „Nicht so, wie Sie jetzt denken, Scully. Er findet seine Erleichterung nicht in dem Gewaltakt an sich. Er braucht den Liquor wegen der Substanzen darin, die während der körperlichen Erregung im Gehirn ausgeschüttet werden. Sex und Liebe sind schließlich die besten Mittel gegen Depression.“ Dabei sah er schmunzelnd zu ihr hinüber.
„Was, wenn ihm beides in seinem Leben bisher verweigert wurde?“
Scully zog die Stirn kraus und begriff in dem Moment, in dem sie es sagte, was er meinte.
„Sie denken, er trinkt deren Liquor wegen der antidepressiven Substanzen darin? Mulder ?!“ Sie klang fast knatschig. „Selbst wenn im Liquor Neurotransmitter und chemische Substanzen sind, die ihm fehlen, sie würden bei oraler Aufnahme sofort durch seine Verdauungssäfte zersetzt werden. Sie könnten ihre Wirkung überhaupt nicht entfalten. Warum also schluckt er nicht einfach noch mehr Prozac um sich besser zu fühlen?"
Mulder schüttelte den Kopf. „Weil Prozac nicht reicht. Weil es nicht nur um die Steigerung der Serotoninkonzentration geht. Sie haben es doch selbst gerade gesagt: Er greift nur die Liebenden an. Was immer das chemische Substrat der Liebe ist, ich glaube, dass das genau das ist, was er braucht, weil es ihm fehlt. Weil er einsam ist. Und denken Sie an die Galle, die er immer erbricht. Sagten Sie nicht, dass er vermutlich eine Krankheit seines Verdauungstrakts hat? Was, wenn er aus irgendeinem Grund diese Substanzen doch nicht direkt zersetzt und sie in seinen Blutkreislauf gelangen können?"
Scully bekam Kopfschmerzen und rieb sich mit der Hand die Schläfe. Sie konnte Mulder kaum noch folgen. Es war einfach viel zu verrückt. Sie sah ihn von der Seite an.
„Und was ist dann Ihre Theorie zu dieser Videoaufnahme? Wieso und vor allem wie projiziert er dieses Bild von Edvard Munch auf den Schirm?“
„Munchs ‚Der Schrei’ symbolisiert die Macht der Angst und dieser Täter ist ein einsamer, trauriger Mensch, er wird von seiner Angst angetrieben. Von einer elementaren Angst, die in der heutigen Zeit beklemmender und häufiger ist als je zuvor. Denn was ist elementarer als die angst vor der Einsamkeit? Davor, dass man nicht geliebt wird? Vermutlich ist diese Angst so beherrschend und so stark, dass sie sich in einer elektromagnetischen Kraft äußert. In Form von Energie. Sie ist so stark, dass sie ihn beherrscht und zu diesen Taten treibt. Denn er versucht diese Angst zu vertreiben indem er diesen Paaren das aussaugt, was ihm fehlt!“
Seine Stimme klang aufgeregt und hallte im Inneren des Wagens laut wider. Mulder kannte diese Angst selbst und er wusste, wovon er sprach. Er wusste, er hatte Recht und rief zufrieden. „Das ist es!“
Er schlug übermütig mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett des Wagens. Scullys Augenlid zuckte und sie sah unbeeindruckt zu ihm hinüber. Doch eigentlich war sie sehr angetan von seiner Erkenntnis, wenn sie seinen Gedankengängen auch immer noch nicht ganz folgen konnte.
„Angst vor der Einsamkeit. Das ist es also Ihrer Meinung nach?“
Sie hatte diese Angst auch schon gefühlt und sie begriff nicht, wieso das jemanden zu solch grausamen Morden treiben konnte.
„Also ist es in Ihren Augen ein einsamer, depressiver Mann mit einer ausgeprägten Angststörung, der aus irgendeinem Grund diese Gefühle nur durch den Genuss von Liquor beruhigen kann? Puh, dieser Killer hat wirklich ein ernsthaftes Problem! Ich bin sicher, seine psychologische Akte kann ein ganzes Regal füllen.“
Mulder zuckte mit den Schultern. „Es gibt zahlreiche Menschen, die all diese psychischen Störungen kombiniert mit sich herumtragen. So ungewöhnlich ist das also nicht.“
„Richtig, und genau deshalb weiß ich nicht, warum dieser Killer ausgerechnet Liquor trinken muss.“
Scully sah aus dem Fenster. „Und warum hat ihn noch niemand gesehen? Warum scheint er wie aus dem Nichts aufzutauchen und genau darin wieder zu verschwinden?“ Mulder schüttelte resigniert den Kopf. „Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher, wir sind nun endlich auf einer richtigen Spur.“
Damit hielt er das Gespräch vorerst für beendet und schwieg während er in eine Straße einbog und auf dem Parkplatz eines Steakhauses den Wagen zum Stehen brachte.
Scully atmete auf, wenn sie auch nicht wie Mulder diesen extremen Heißhunger auf Fleisch verspürte. Aber nach ihrem Blaubeerpfannkuchen-Exzess schuldete sie ihm, dass er seinen Fleischhunger auch stillen durfte.

Sie vermieden das Thema während des Essens und bemühten sich über Dinge zu reden, die ihre von diesem grausamen Fall vergifteten Gemüter wieder auf andere Gedanken brachte. Nach einer Weile schaffte Mulder es endlich wieder, Scully ein fröhliches Lächeln zu entlocken und merkte, wie er sich danach selbst direkt besser fühlte.
„Mulder, Sie sind ja ein Romantiker!“ antwortete sie ihm überrascht auf seine Ausführungen über seine Collegezeit in England.
Das Yale Umfeld hatte sie beide an ihre Zeit im College erinnert und er hatte ihr davon berichtet, was er dort für Dummheiten angestellt hatte nur um die Frau seiner Träume beeindrucken zu können, jedoch ohne Phoebe Greene auch nur eines Wortes zu würdigen, da er wusste, dass sie auf Phoebe eifersüchtig war.
Warum eigentlich ? Doch diese Frage, verblasste direkt wieder als er Scullys strahlendes Lächeln sah, das sich unbemerkt in sein Herz schlich und von dort wie flüssiger Zucker durch seine Adern strömte.

 

Der unbekannte, unscheinbare Mann in der Ecke des Restaurants schwitzte. Seine Hand stach zitternd mit der Gabel nach dem Kotelett auf seinem Teller und er saugte das Fleisch aus, bevor er es zerkaute und hinunterwürgte. Seine grauen Augen leuchteten hungrig als er das Paar beobachtete, das er nun schon seit drei Tagen verfolgte.
Er verspürte den unweigerlichen Drang, sich ihnen zu nähern. Doch etwas an den beiden war anders. Er wusste nicht genau was, aber er wusste, sie wurden durch dasselbe Gefühl verbunden, das ihm, so lange er denken konnte, immer entzogen worden war. An ihnen haftete nicht dieser schmutzige klebrige Dunst der anderen Paare.
Er hasste diese Menschen. Er hasste sie dafür, dass sie dort saßen und lachen konnten, dass sie einander anhimmelten als gäbe es keinen Schrecken auf dieser Welt. Dass sie einander hatten und nicht wie er dieser erdrückenden Leere seiner finstren Einsamkeit ausgesetzt waren. Er stand auf, als er merkte, wie ihm der Schweiß die Schläfen herunter lief.
Er brauchte mehr. Die Tabletten hatte er schon alle gegessen und er fühlte wieder diese Angst in ihm hoch kriechen, die ihn lähmte und ihm den Lebensfunken auszuhauchen drohte. Es war ihm egal, woher er mehr bekam, er wusste nur, er würde diese Panik nicht mehr lange aushalten, denn es näherte sich unausweichlich, je näher dieser Tag rückte, dem Höhepunkt.
In der Toilette des Restaurants hielt er sich zitternd an der Kloschüssel fest und erbrach die Tabletten. Grünlich schimmernder Schleim tropfte aus seinem Mund über den glänzenden Stachel in seiner Kehle hinab in die Kloschüssel und er wischte ihn sich mit dem Ärmel ab. Seine Seele brüllte so laut, dass er seinen Verstand nicht mehr hören konnte.

Mulder hatte seinen Hunger auf Steak bereits nach vier Bissen gestillt und entschuldigte sich einen Moment um auf der Toilette zu verschwinden.
Er war auch froh, dass er einen Augenblick Pause von dieser vibrierenden Spannung über ihnen in der Luft hatte. Es knisterte zwischen ihnen und mehr denn je wünschte er sich, mehr aus dieser Partnerschaft zu machen. Ihr Bild schwebte permanent über ihm in der Luft und er bekam sie nicht mehr aus seinem Kopf. Er liebte ihre Grübchen wenn sie ihn anlächelte und ihre weiche Haut, die im künstlichen Licht des Restaurants schimmerte wie Elfenbein. Aber er liebte auch ihre Freundschaft, ihre stille tiefe Verbundenheit und er wollte das für nichts auf der Welt aufs Spiel setzen.

(Anm. d. Autorin: There we go, kaddle!!!)

Er wurde jäh aus den Gedanken gerissen als ihn jemand unvorsichtig anrempelte. „Entschuldigung“, nuschelte dieser jemand kaum hörbar mit einem geisterhaften Krächzen, das Mulder irgendwie an brechendes Eis denken ließ, und schlich sich an ihm vorbei.
Mulder sah ihm nach und rief ihm hinterher. „Nein, ich muss mich entschuldigen, ich habe Sie gar nicht gesehen.“
Doch der Fremde drehte sich nicht mehr um und Mulder runzelte die Stirn, während er noch versuchte das Bild des Mannes zu erfassen, doch er war nur noch eine düstere Silhouette im Halbdunkel des Restaurants. Es war ein merkwürdiger Typ gewesen, mit traurigen blassgrauen Augen und Mulder konnte schwören, dass er sein Gesicht schon einmal gesehen hatte. Er runzelte die Stirn und lief weiter zur Toilette, seine Blase ließ nicht zu, dass er länger wartete.

Doch als er sich die Hände wusch fiel sein Blick auf ein zusammengeknülltes Papiertuch, das im Müll neben dem Waschbecken lag. Irgendetwas darauf leuchtete grünlich. Er ging näher heran und neigte seinen Kopf.
In dem Moment kam ein anderer Restaurantgast hinein. Als er sah, wie Mulder sich interessiert über den Mülleimer beugte, zog er sich irritiert zurück und ließ ihn wieder allein.
Mulder zuckte mit den Achseln und kehrte wieder zu dem grünen Schleim auf dem Papiertuch zurück. Er kramte in seiner Hosentasche nach einem Gummihandschuh und hob das Tuch hoch. Seine Spürnase verriet ihm, dass das kein Zufall sein konnte.
Er warf das Tuch in den Eimer zurück und stürmte aus der Toilette, nach Scully rufend. Die Gäste im Restaurant sahen indigniert zu ihm auf und Scully lief ihm entgegen.
„Mulder, was ist ?“
Doch Mulder antwortete nicht, er sah sich hastig im Restaurant nach dem Mann um, der ihn angerempelt hatte.
„Ich hab ihn gesehen, Scully, er war hier.Hier im Restaurant“, stammelte er atemlos während er seinen Blick weiterhin suchend durch den Raum schweifen ließ. Scully legte die Stirn ungläubig in Falten.
„Was ? Wo ?“ Und sie begann ebenfalls nach dem Mann zu suchen, ohne zu wissen, wie er überhaupt aussah.
Mulder griff nach ihrem Arm und rannte dann aus dem Restaurant heraus um auf dem Parkplatz nach ihm zu sehen.
Niemand war dort.
Scully folgte ihm und wurde fast von der warmen Abendluft, die ihr draußen ins Gesicht wehte, erdrückt. Mulder drehte sich ratlos auf dem Parkplatz im Kreis und trat dann wütend gegen einen Mülleimer, der unter seiner Wut wie ein chinesischer Gong durch die friedliche Stille hallte.
„Er war hier, Scully, ich bilde mir das nicht ein“, versuchte er sich zu rechtfertigen als er ihren skeptischen Blick bemerkte.
„Wie haben Sie ihn erkannt?“
„Das ist es ja, ich habe ihn überhaupt nicht bemerkt, er war plötzlich einfach da, wie aus dem Nichts. Er war nur ein grauer Schatten.“ Mulder fühlte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief und begriff, dass er ihnen entwischt war. Enttäuscht warf er sich in den Wagen, während Scully zurückging und das Essen bezahlte, das so jäh unterbrochen worden war.

 

2 Stunden später im Motel, Mulders Zimmer


Sie saßen auf seinem Bett und hatten die Personalakten der Weizenfabrik vor sich ausgebreitet.
Mittlerweile hatten sie die ersten 30 Personen durchgesehen und bisher hatte Mulder niemanden wieder erkannt.
„Nach was für einem Typen suchen wir eigentlich genau?“
Er zuckte mit den Achseln.
„Es war ein unscheinbarer Typ, einer von denen, die man in der U-Bahn immer übersehen würde. Eine graue Maus. An ihm war nichts auffallend außer seinem starren, leeren Blick.“
Scully seufzte, das war ja ein toller Anhaltspunkt. Doch es erinnerte sie an einen Patienten, den sie während ihres Studiums einmal gesehen hatte und sie hielt diese Erinnerung nicht für ganz unwichtig.
„Das ist eigentlich ziemlich typisch für das Täterprofil, das Sie mir heute im Auto beschrieben haben. Depressive Menschen und Menschen mit Angststörungen sind oft zurückgezogen und kapseln sich ab. Sie wollen mit allen Mitteln vermeiden, aufzufallen. Sie verstecken sich sozusagen hinter ihrer Angst.“
Mulder nickte und fand es bemerkenswert, wie sie es ausgedrückt hatte, denn genau so empfand er es auch: Der Täter versteckte sich hinter seiner Angst. Buchstäblich. Was sonst konnte diese Projektion des Munch-Bildes auf die Überwachungskamera bedeuten?
Scully merkte, wie sie müde wurde und die Photos der Angestellten vor ihren Augen zu einem riesigen Wirrwarr an Gesichtern verschwommen. Sie stand auf.
„Mulder, ich befürchte, wir können heute Nacht ohnehin nichts mehr ausrichten. Ich werde jetzt schlafen gehen.“
Mulder sah sie erstaunt an. „Aber er ist da draußen und läuft frei herum, was, wenn er heute Nacht wieder zuschlägt?“
„Dann werden wir ihn vielleicht schneller schnappen als wenn wir jetzt weiterhin in diesem Chaos herumwühlen. Er wird fahrig, vielleicht macht er einen Fehler, aber ich denke, wir machen ebenfalls einen Fehler, wenn wir uns jetzt zu sehr auf diese Akten konzentrieren und morgen früh unausgeschlafen sind.“
Damit war die Sache für sie klar und sie wendete sich ab um auf ihr Zimmer zu gehen. Doch dann drehte sie sich wieder um und griff sich den Aktenstapel.
„Die werde ich lieber mitnehmen. Ich will, dass Sie auch schlafen. Ich weiß, dass der Fall Ihnen zu schaffen macht, also versuchen Sie, den Kopf ein wenig frei zu bekommen.“
Sie sah ihn an und plötzlich fuhr ein Gefühl durch ihren Körper, als ob ihr Herz überquellen würde vor Wärme und zärtlicher Fürsorge für ihn. Sie ging mit den Akten auf ihrem Arm noch einmal zu ihm, strich ihm sanft mit ihrer freien Hand durch das volle, weiche Haar und warf ihm einen liebevollen Blick zu.
Sein Herz glühte kurz auf und seine Kopfhaut prickelte unter der Berührung ihrer zarten Finger in seinem Haar bevor er scherzhaft jammerte. „Wie denn ? Sie haben doch das Zimmer mit der Badewanne!“
Sie schloss die Augen und unterdrückte ein Lächeln. Eine Welle gemischter verwirrender Gefühle toste durch sie hindurch als sie sah, wie müde und traurig er allein auf seinem Bett saß. Sie hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und seine duftende Haut überall mit ihren Lippen benetzt, doch sie wusste, das würde sie niemals tun können, denn sie waren nun mal Partner und waren nicht füreinander bestimmt, auch wenn es sich in letzter Zeit ganz anders anfühlte.
Sie schluckte das Gefühl herunter und zog ihre Hand aus seinem Haar zurück um ihn dort alleine sitzen zu lassen.

Er schloss die Augen und ließ sich aufs Bett fallen. Diese Berührung hatte ihm so gut getan und er hätte gerne noch mehr davon gehabt. Aber er wusste, das würde niemals geschehen und dieser Gedanke tat ihm in der Seele weh.


Ein leuchtendes, blassgraues Augenpaar, das einem grauen Schatten gehörte, schlich um die Motelzimmer herum und witterte den klebrig-süßen Atem der Liebe in den Köpfen dieser Menschen, der ihm die Erlösung von seinen Höllenqualen versprach.
Er wischte sich abermals den Schweiß von der Stirn und schlich sich unbemerkt im schummrigen Licht der Straßenlaternen davon.

In seinen Gedärmen zuckten Krämpfe und er musste sich immer wieder an den parkenden Autos festhalten um nicht zusammen zu klappen.
Er sah in die Wagenfenster, doch er konnte sein Spiegelbild nicht sehen, sah nicht, wie schrecklich sein Körper von den Qualen der letzten Jahre entstellt war. Er hatte sich seit Jahren nicht mehr selbst gesehen. Für ihn war es, als existiere er gar nicht jenseits dieser Gefühle in seinem Kopf.
Und er wusste, für die meisten anderen Menschen tat er das auch nicht.

 

Mittwochmorgen, 10. 45 Uhr auf dem Gelände der Happy Wheat Mehlfabrik



Scully folgte mit grimmigem Gesicht Mulder, der durch die Wiese hinter dem Hauptgebäude der Fabrik auf die drei ausrangierten Mehlspeicher zustapfte. Es war heiß und sie hatte das Gefühl, ihre Bluse würde an ihrer Haut kleben. Die Sonne brannte in ihr helles Gesicht und der Wind zerzauste ihr mühsam Zurechtgeföntes Haar.
Die Personalakten waren nicht besonders aufschlussreich gewesen und Mulder hatte beschlossen, dass sie sich noch einmal auf dem Gelände umsahen, denn bisher waren die Mehlspuren ihr einziger handfester Hinweis.
Mulder genoss die warme Luft und die Sonnenstrahlen. Er liebte den Sommer und er liebte abenteuerliche Erkundungen wie diese. Er schlich um die drei Speicher herum und sah an ihren rostigen alten Wänden in die Höhe. Sie ragten wie stumme Beobachter aus dem Boden und schienen vor dem tiefblauen Himmel wie riesige Baumstämme blattloser Birken.
Er drehte sich nach Scully um, die die Hand vor die Stirn hielt und deren blaue Augen skeptisch in seine Richtung funkelten. Sie sah so zierlich aus mit ihrer weißen, fast ein wenig durchsichtigen Bluse, die im Wind wehte und den hohen Schuhen, die sie schon vor langer Zeit zu tragen begonnen hatte, damit sie neben ihm nicht immer so klein wirkte.
Wie konnte sie darauf nur laufen, fragte er sich immer und immer wieder. Mit diesem Gedanken rüttelte er an der Tür des ersten Speichers, die natürlich verschlossen war. Es wäre auch zu einfach gewesen und daher versuchte er es noch an den anderen beiden Türen. Sie waren ebenfalls verschlossen. Eine schwere Kette ging vor der letzten Tür, doch sie glänzte in der Sonne. Offenbar war sie erst vor kurzem dort angebracht worden.
Scully stand plötzlich hinter ihm und er konnte ihre Schulter an seinem Oberarm spüren.
„Alle Eingänge sind verschlossen“, bemerkte sie knapp und als er sie daraufhin ein wenig genervt ansah, wich sie einen Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften.
„Was hoffen Sie eigentlich hier zu finden, Mulder?“ fragte sie ihn sichtlich gereizt, denn ihr war heiß und ihre empfindliche Haut brannte in der Sonne. Er hatte einen dieser entrückten, geheimnisvollen Blicke, die er immer mit sich herumtrug, wenn er eine Ahnung hatte, die er nicht erklären konnte.
„Ich glaube, wir haben uns geirrt, in dem wir die ganze Zeit den Täter unter den Angestellten gesucht haben. Ich glaube, dass er hier wohnt“, überlegte er laut und sie sah ihn belustigt an.
„Sie glauben, er wohnt in diesen Mehlspeichern? Warum sollte er das tun?“
„Erinnern Sie sich, dass hier vor zehn Jahren ein schäbiges Wohnviertel war? Was, wenn er hier aufgewachsen ist? Was, wenn er in den mütterlichen Schoß zurückkehrt? Wie jeder, der sich einsam fühlt ?“

Denn Mulder hatte auf dem Ausdruck aus der Yale-Library den Namen des Friedhofs gelesen, den der Täter gesucht hatte und ihm war aufgefallen, dass dieser Friedhof ganz in der Nähe dieser Weizenfabrik lag. Scullys Falten auf der Stirn glätteten sich, denn es erschien ihr zu ihrer eigenen Überraschung gar nicht mal so unwahrscheinlich und sie entspannte sich ein wenig.
„Gut, also dann muss er ja irgendwo seinen Privateingang haben, denn er wird wohl kaum durch diese Betonwände hindurch diffundieren“ brummelte sie mit einem sarkastischen, nur angedeuteten Lächeln auf ihren Lippen als sie sich umdrehte und in eine andere Richtung um den nächsten Turm herumspazierte. Sie fragte sich, wie so oft, wie Mulder nur immer wieder auf solche Ideen kam und schmunzelte vor sich hin, denn sie liebte seine Verrücktheit. Er war ein sehr eigenwilliger Mensch, fast ein Freak. Und sie hatte sich schon immer zu Außenseitern hingezogen gefühlt.
Da blieb sie mitten in ihren Gedanken mit dem linken Fuß an etwas hängen. Ihr Schuhabsatz steckte in etwas fest. Sie zog den Schuh aus und kniete sich ins trockene Gras um zu sehen, worin der Absatz sich verhakt hatte. Mehlstaub und Kieselsteinchen lagen überall im Gras zwischen den grünen Halmen und sie fegte sie mit der Hand ein wenig beiseite. Der Schuh steckte in einem Loch im Boden fest. Ihre Augenbraue schnellte in die Höhe, als sie verstand, dass unter ihr offenbar mehr war als nur Würmer und Erde. Ihre Hände gruben sich in das Gras und stießen dabei mit den Fingerkuppen auf einen harten Untergrund. Eine Metallplatte. Und zwischen dem Gras konnte sie deutlich etwas Schwarzes hindurchschimmern sehen. Sie zerrte an dem Schuh und fiel, als er sich löste, nach hinten.
In diesem Moment kam Mulder um die Ecke und sah nur noch, wie sie auf ihren Rücken fiel. Ein Schreck durchzuckte ihn blitzartig, wie es immer passierte, wenn er sie in Gefahr glaubte, doch als er den Schuh in ihrer Hand sah, begriff er, dass es sich um etwas Harmloses halten musste und lief zu ihr um ihr aufzuhelfen.
Sie strich sich ihre Haare verlegen hinter die Ohren, was angesichts des Windes vollkommen sinnlos war und klopfte sich das Mehl von der schwarzen Hose. Doch ein wenig Staub hatte sie noch auf ihrer Wange und Mulder entschied, dass ihr das recht gut stand. Er schaute fragend zu ihr hinunter, folgte ihrem Blick und sah, was sie so erstaunt anstarrte. Ein deutliches Rechteck zeichnete sich dort im Grün ab. Er ging näher heran und fegte die Kieselsteine mit seinen Füßen beiseite. Scully sah ihm ein wenig zurückhaltend aus sicherer Entfernung zu, während sie sich ihren Schuh wieder anzog. Es klang hohl als Mulder auf den Boden stampfte. Er hockte sich und begann die Erde über der Luke mit seinen Händen beiseite zu schaufeln.
„Sieht mir ganz danach aus, als hätten Ihre Schuhe den Eingang gefunden“, sah er zu ihr hoch und lächelte.
Sie hockte sich neben ihn und half ihm, bis sie es endlich geschafft hatten, die Tür zu öffnen.
Mulder kletterte die feuchten Stufen, die sich darunter auftaten, hinunter und kramte nach seiner Taschenlampe.
Sie befanden sich in einem schmalen Gang, dem sie etwa zehn Meter durch schummriges Licht, Spinnweben und einen feuchten, modrigen Geruch von Schimmel und Rattenkot folgten bis sich ihnen ein unfassbares Bild offenbarte.
Sie standen plötzlich in einem Raum, der ziemlich genau unter dem mittleren Turm sein musste und auch ungefähr den Durchmesser des Turmes hatte. Und er schien bewohnt zu sein. Ein altes Metallbett mit einer durchgelegenen, schmutzigen Matratze und filzigen alten Wolldecken stand in der Ecke. Daneben auf dem Boden lagen zerfetzte Kissen, die mit hässlichen Stoffmustern aus den siebziger Jahren überzogen waren. Ein fleckiger Paravent stand völlig sinnlos vor der Wand. Mehlstaub flimmerte in dem schummrigen Licht, das durch die rostigen Löcher des Mehlspeichers über ihnen in dürren langen Strahlen hineinfiel. Mulder und Scully sahen sich vorsichtig in dem Raum um.
Wer immer hier hauste, hielt offensichtlich wenig von Hygiene und Kochen. Denn außer dem Bett und den Kissen befanden sich lediglich Zeitungsartikel, Magazine, ein paar leere, abgebrochene Flaschen und ein brauner Kleiderschrank in dem großen Bauch des Mehlspeichers. In einer Ecke glaubte Scully, tote Ratten liegen zu sehen, doch sie war nicht gerade erpicht darauf, ihren Verdacht zu bestätigen. Mulder bemerkte einen zerbrochenen Wandspiegel, dessen letzte noch im Rahmen hängende Scherben das fahle Licht reflektierten. Er hob die Augenbrauen und sah durch das graue Halbdunkel zu Scully hinunter.
"Na, da fühlt man sich doch gleich wie zuhause!“

 

Mulder lief zielstrebig über den schmutzigen Boden auf den Schrank zu, während Scully sich dem Paravent näherte, der neben dem Bett stand.
Als Mulder die Schranktür öffnete und mit der Lampe hineinleuchtete, fand er eine Art Schrein vor. Sein Kinn fiel ihm herunter als sein Blick auf eine junge, recht hübsche Frau auf einem Photo fiel, die einen kleinen Jungen auf dem Arm trug, der seltsam in das Bild lächelte. Das Photo war mindestens 20 Jahre alt und sehr ausgeblichen. Abgebrannte Kerzen standen davor und es roch nach Mottenkugeln und verschwitzter Kleidung.
Mulder hielt die Hand vor die Nase als er das Photo herausnahm und umdrehte. Auf der Rückseite waren nur die Initialen D.L. und ein Datum eingeritzt. Das Photo war anscheinend am 12.4.1978 aufgenommen worden. Mulder steckte es sich ein und begann den Rest des Schranks mit seiner Taschenlampe zu durchsuchen.
Als er die andere Schrankseite öffnete, sah er keine Kleidung darin hängen, er konnte im Strahl seiner Lampe lediglich an der Hinterwand kleine Einkerbungen und Kratzspuren erkennen, so als hätte ein Hund darin gesessen. Er fuhr mit den Fingern vorsichtig über die Kratzer im Holz als Scullys Stimme den Raum durchquerte.

„Mulder, ich glaube, das sollten Sie sich ansehen!“ Ihr Tonfall klang merkwürdig entrückt und als er in der Dunkelheit ihr Gesicht erkannte, wurde er neugierig, denn sie sah vollkommen verstört aus. Als er sich dem Paravent, den Scully zur Seite gerückt hatte, näherte, begriff er, noch immer den Blick in ihrem Gesicht zu deuten bemüht, was sie so anzuekeln schien.
Der Bewohner hatte die ganze Wand mit Pornobildern beklebt. Mit den ekelhaftesten Bildern, die Mulder in seiner eigenen langjährigen Karriere als Hochglanzmagazinabonnent jemals gesehen hatte. Sie wirkten hier unten, inmitten all des düstren Drecks und der Trostlosigkeit besonders widerlich und krank und sie waren alle übereinander zu einer riesigen Collage an die Wand geklebt.
Es war ihm unangenehm, machte ihn wütend, dass seine Scully diesen Anblick ebenfalls ertragen musste und er drehte sich zu ihr. Ihr Verstand war so klar und so schön, er hatte das irrationale Gefühl, sie vor diesem Schmutz beschützen zu müssen, obwohl er wusste, dass sie bereits wesentlich schlimmere Dinge zu Gesicht bekommen hatte.
„Kommen Sie, Scully, wir haben hier nichts mehr verloren“, legte er seine Hand zwischen ihre Schulterblätter und schob sie sanft aber mit Nachdruck von der Wand weg. Als er jedoch noch einmal einen Blick zurück auf die Collage warf, fiel ihm etwas auf, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Warum hatte er das nicht direkt gesehen? Er blieb stehen.
„Scully!“ hauchte er durch die Stille und griff nach ihrem Handgelenk. Sie drehte sich um und erschauderte als sie sah, was er sah.

Die Pornobilder waren so an der Wand arrangiert, dass sie sich für den Betrachter aus der Ferne als das Gemälde von Edvard Munch darstellten.
„Scully, wir haben ihn“, flüsterte Mulder ihr aufgeregt und mit klopfendem Herzen zu, denn erst jetzt begriff er, dass sie sich tatsächlich in seiner Höhle befanden und womöglich in großer Gefahr schwebten.
„Los, raus hier !“ schob er sie in einem Anflug von Panik wieder vor sich her und während die Kälte in ihnen hoch kroch und sich um ihre Beine zu schlingen schien, liefen sie so schnell sie konnten, von der grausamen Angst, die ‚der Schrei’ in ihnen ausgelöst hatte, gepackt durch den finsteren Gang zu der Treppe zurück. Spinnweben blieben ihnen dabei in den Haaren hängen und sie rutschten auf dem schimmligen Boden. Doch sie wussten, sie wären dem Angreifer in seiner vertrauten Umgebung in einem verlassenen Mehlspeicher hilflos ausgesetzt und hatten keine Chance, wenn er sie fassen würde. Sie stießen mit aller Kraft zusammen die schwere Luke auf und schlossen vom Licht der Sonne geblendet die Augen in Erleichterung, als sie die warme Luft des Frühsommers einatmeten und wussten, dass sie in Sicherheit waren.

 


Als sie wieder sicher in ihrem Wagen saßen, atmeten sie endgültig auf. Scullys Haar klebte an ihrer Stirn und ihre Brust hob sich unter ihren schnellen Atemzügen. Mulder leckte sich die Schweißtropfen von der Oberlippe und fuhr sich mit der zitternden Hand durch sein Haar um die Spinnweben zu lösen, bevor er zu ihr hinüber sah. Er hatte dort unten weniger Angst um sich gehabt, als um sie.
„Ist alles okay?“ fragte er sie und wischte ihr als sie noch immer außer Atem nickte, endlich das Mehl von der Wange und zog ihr ebenfalls die Spinnweben aus ihrem roten Haar. Sie schloss die Augen einen winzigen Augenblick länger als einen Wimpernschlag um mehr von dieser zarten Geste zu haben und merkte, wie sie dadurch wieder ruhiger wurde. Schließlich hatte sie sich wieder gefasst und als er den Wagen startete, fragte sie: „Und wie finden wir ihn jetzt?“
Er zog mit der rechten Hand das etwas zerknitterte Photo aus seiner Tasche und reichte es ihr.
„Sieht aus, als hätte der arme Kerl zusätzlich zu seiner Palette an psychischen Problemen auch noch einen Ödipus-Komplex.“
Als sie eine halbe Stunde später im Polizeibüro angekommen waren kramte Mulder die Namensliste hervor, die er sich in der Yale-Bibliothek ausgedruckt hatte und suchte nach weiblichen Personen mit den Initialen D.L. Sein Finger blieb auf dem Namen Donna Libling stehen.
Er stupste Scully, die neben ihm saß und die Photos der Morde noch einmal mit einer Mischung aus Faszination, Ekel und Wut betrachtete. Sie wusste nicht, warum, aber sie hoffte, auf diesen Bildern noch irgendeinen Hinweis zu finden, der sie weiterbringen würde, denn nachdem, was sie in diesem Mehlspeicherappartment gesehen hatte, empfand sie nichts als pure Verachtung und tiefen Hass für diesen Mörder und wollte ihn endlich hinter Gittern sehen.
Als Mulder sie anstupste, schnellte ihre Augenbraue in die Höhe und sie sah auf den Namen, den sein Zeigefinger halb verdeckte.
„Das ist seine Mutter?“ fragte sie ungläubig und tippte noch währen sie die Frage stellte, den Namen der Frau in die Polizei-Datenbank ein. Zehn Sekunden später erschienen ein Photo auf dem Bildschirm und eine ellenlange Liste an Polizeinotizen.
„Das ist jetzt fast schon zu einfach“, beschwerte sich Mulder fassungslos, als sie beide in der elektronischen Akte sahen, dass Donna Libling zu Lebzeiten Prostituierte gewesen war. Mulder tippte gegen den Bildschirm.
„Sie ist am 25.5.1989 gestorben. Somit ist morgen ihr zehnter Todestag.“
Er lehnte sich baff in dem Bürostuhl zurück und ließ die Lehne leise unter seinem Gewicht knarren. Scully fühlte ihr Herz in ihrer Brust klopfen. Sie waren so dicht dran, diesen Kerl zu fassen. Aber noch hatten sie keine Spur, wo er sich aufhielt.
Mulder ließ seinen Blick schweifen, während Scully im Computer nach weiteren Personen mit dem Nachnamen Libling forschte. Er starrte leer auf die Photos der Mordserie. Er hatte sie schon so oft gesehen, dass sie ihren Schrecken mittlerweile verloren hatten und er die nackten Körper, die an den unmöglichsten Orten in den unmöglichsten Positionen in dem schönsten und zugleich schlimmsten Moment ihres Lebens festgefroren waren, gar nicht mehr als solche wahrnahm. Stattdessen prägte sich ein Detail auf dem Photo des ersten Mordes in sein Gedächtnis ein. Er sah vor dem Fenster der Küche, auf deren Tisch das erste Paar ermordet worden war, einen weißen Lieferwagen stehen, von dem er schwören konnte, dass er ihn schon einmal gesehen hatte. Doch noch wälzte er diesen Gedanken umher, ohne eine klare Idee zu haben.
Scully riss ihn aus seinen Überlegungen als sie mit ihrer Hand nach seinem Arm griff und wie gebannt auf den Bildschirm starrte. Er beugte sich nach vorn, ein wenig mehr als er es musste, und kam ihr gerade so nah, dass ihr zarter Duft ihm in die Nase stieg.
Vor ihm erschien das Bild des Mannes, den er im Steak-Haus angerempelt hatte.
Es waren dieselben blassgrauen Augen, die dieses kleine Kind auf den Armen der hübschen jungen Donna Libling gehabt hatte.
Sie hatten ihren Killer gefunden. Und sein Name war Wilbur. Wilbur Libling. Scully durchbrach die angespannte Stille.
„Er hat vor genau zehn Jahren schon einmal in Jugendhaft gesessen. Hier steht es. Damals hatte er eine Schulkameradin vergewaltigt. Sehen Sie, es existiert tatsächlich ein psychologisches Gutachten von ihm.“
Sie sah ihn an und ohne, dass sie etwas sagen musste, waren sie sich einig, dass sie dem Psychologen einen Besuch abstatten mussten. Mulder warf im gehen noch einen letzten Blick auf das Photo mit dem Lieferwagen im Hintergrund, doch er kam nicht darauf, woher er den Wagen kannte.


Der junge Mann kauerte hinter einem Gebüsch und fühlte sich elend. Immer und immer wieder wurde ihm übel und er beugte sich von schrecklichen Krämpfen geplagt nach vorn, um sich zu erbrechen. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein graues T-Shirt war bereits vollkommen durchnässt. Er zitterte am ganzen Körper und hatte kaum noch die Kraft den beiden zu folgen. Doch er musste, denn es zerfraß ihm bereits die Seele. Und er wollte noch einmal diesen süßen, klebrigen Geschmack von Liebe spüren, wollte noch einmal fühlen, was es bedeutete, nicht allein zu sein.
Er brauchte es und er wusste, diese beiden waren zu abgelenkt, als dass sie bemerken könnten, dass er sich ihnen immer mehr näherte.

Die Jäger waren nun zur Beute geworden und das Wasser lief ihm im Mund zusammen während er den pulsierenden Stachel in seiner Kehle fühlte, der nur darauf wartete, sich in das zarte Fleisch dieser rothaarigen Frau zu bohren und durch die starken Muskeln des großen, sportlichen Agenten zu fahren.

 

Mental Health Clinic, New Britain 14:29 Uhr


Dr. Warren war überrascht nach zehn Jahren wegen dieses Falls angesprochen zu werden, er hatte ihn bereits ganz hinten in seinem Hinterkopf unter „Abgeschlossen“ einsortiert und um so mehr beunruhigte es ihn nun, dass ausgerechnet das FBI mit ihm über Wilbur Libling reden wollte. Er hatte eigentlich gedacht, dass es in Wilburs Fall bei einem einmaligen Delikt bleiben würde.
„Sie wollen also wissen, was für ein Fall Wilbur war, ja?“ fragte er sie und als sie ihm ausdruckslos zunickten, holte er tief Luft.
„Wilbur war ein sehr spezieller und äußerst stark traumatisierter Junge. Er war bereits als Fünfjähriger mit einer Naphthalin-Vergiftung eingeliefert worden, weil er die Mottenkugel aus dem Schrank seiner Mutter angenagt hatte. Kurz darauf stellten wir hier bei ihm eine Ess-Störung fest, die als Pica bezeichnet wird, ich weiß nicht, ob Sie damit vertraut sind.“
Mulder und Scully sahen sich kurz an und nickten dann schweigend.
„Der Junge ist nahezu ein Lehrbuchfall, denn Pica tritt häufig bei Kindern auf, die schweren Traumatisierungen ausgesetzt sind. Wilburs Mutter war Prostituierte in einem äußerst heruntergekommenen Viertel in Hartford und Wilbur hat seinem Freund hier in der Klinik anvertraut, dass er wenn ihre Freier in ihre Einzimmerwohnung zu Besuch kamen, immer im Schrank eingesperrt wurde, mit einem Walkman mit Kinderliedern sowie einer Taschenlampe, damit er sich nicht fürchtete.“ Er räusperte sich. „Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, was für ein ungemeiner Stressor es für das Kind gewesen sein muss in einem derartigen Umfeld aufzuwachsen. Sie hat ihn im Schrank eingeschlossen, damit er nicht aus Versehen oder aus Neugier dabei zusehen konnte, was seine Mutter tun musste, um ihn ernähren zu können. In dieser Zeit hat er begonnen, erstmals eine Mottenkugel zu essen. Sie hätten ihn sehen müssen, als er hier eingeliefert wurde. Er kam mit zerebralen Krampfanfällen, schweren Störungen seines Verdauungsapparats und einer starken Anämie her. Er war in einem furchtbaren Zustand. Und er war schrecklich verängstigt und sozial äußerst gehemmt. Außer seinem Freund hier in der Klinik und seiner Mutter hatte er niemanden, doch sein Freund hat sich leider zwei Jahre später das Leben genommen. Nun und seine Mutter ist ziemlich genau vor zehn Jahren an AIDS gestorben.“ Er machte eine Pause. „Eine ziemlich traurige Geschichte, nicht wahr?“
Scully schluckte und nickte, während Mulder in Gedanken bereits weitergrübelte.
„Zur Zeit des Todes seiner Mutter hat er doch eine junge Frau vergewaltigt.“ hakte Mulder nach.
Der Psychiater räusperte sich und fuhr mit heiserer Stimme fort. „Ja, er hat ein Mädchen aus der Erziehungsanstalt, in der er nach seiner Entlassung aus dieser Klinik untergebracht war, vergewaltigt. Offenbar war er in sie verliebt, aber sie scheint die Liebe nicht erwidert zu haben. Und so hat er sich offenbar genommen, was er sonst von niemandem je bekommen hat. Seine Beziehung zu seiner Mutter war natürlich aufgrund dieser Schrankgeschichten sehr gestört, doch wie jedes Kind hat er ihr verziehen, da jedes Kind seine Mutter ungeachtet all der möglichen Grausamkeiten, zu denen manche Eltern fähig sind, bedingungslos liebt. Doch abgesehen von seiner latenten Essstörung und diesem einmaligen Gewaltausbruch der vor dem Hintergrund des Todes seiner einzigen Bezugsperson verständlich ist, hatte er durchaus Chancen, in die Gesellschaft eingegliedert zu werden.“
Mulder zog die Stirn in Falten. „Ein Fünfzehnjähriger mit dieser Vorgeschichte muss doch zahlreiche Probleme mit Depressionen, Ängsten, sozialer Integration oder seiner Sexualentwicklung haben“, stellte er dem Arzt seine suggestive Frage. Dann lächelte er und fügte hinzu: “Ich meine, ein Fünfzehnjähriger hat auch ohne diese Kindheitstraumata Probleme mit all diesen Dingen.“
Der Psychiater nickte. „Ja, er hat schwere Probleme, aber ich denke, wir haben das einigermaßen im Griff gehabt. Zumindest vor zehn Jahren. Er ist natürlich unter Medikation, aber ich habe den Kontakt zu ihm verloren, er hat auf Wunsch seines Vaters zu einem Arzt in Worcester gewechselt, damit die Anfahrt nicht immer so weit ist.“ Scully zog die Augenbraue hoch.
„Seines Vaters ? Er weiß, wer sein Vater ist ?“
„Na ja, nicht direkt sein Vater, so weit ich weiß, war es der Zuhälter seiner Mutter, der dem Jungen einen Job in seiner Firma besorgt hat, vermutlich lediglich aus schlechtem Gewissen. Sein Name ist Marvin Jackson.“
Da fiel es Mulder wie Schuppen von den Augen und er sprang auf, reichte dem Arzt seine Hand zum Abschied und schob Scully, die überhaupt nicht begriff, wie ihr geschah, ungeduldig aus dem Zimmer.
„Mulder, was soll denn das?“ beschwerte sie sich und wand sich unter seiner Berührung von ihm fort um sich ihm in den Weg zu stellen. Sie funkelte ihn aufgebracht an, als wolle sie ihn auffressen.
„Jackson, Scully ! Ich weiß jetzt, wo Wilbur sein könnte.“
Sie sah fragend zu ihm auf und schien überhaupt nicht zu verstehen, worauf er hinaus wollte.
„Jackson & Johnson, erinnern Sie sich? Die Schädlingsbekämpfungsfirma auf dem Gelände von Happy-Wheat ?“
Scullys Mund öffnete sich in Ehrfurcht vor Mulders Gedächtnis, aber dicht darauf gefolgt von ihrer natürlichen fast reflexartigen Skepsis. „Ja, ich erinnere mich an den Lieferwagen, aber Jackson ist nicht gerade ein seltener Name“, gab sie ihm zu bedenken.
„Genau so ein Lieferwagen stand aber vor dem Haus der ersten beiden Opfer. Und wenn Connecticut nicht ein ausgeprägtes Kakerlaken-Problem hat, dann würde ich sagen, dass es kein Zufall ist, dass dieser Lieferwagen dort stand.“
Scully dämmerte, dass Mulder damit in der Tat Recht haben konnte und sie folgte ihm schließlich zum Wagen, in dem sie mit verbotener Geschwindigkeit zu der Schädlingsbekämpfungsfirma in Worcester fuhren. Scully versuchte während der Fahrt den genauen Standort der Firma zu erfragen und ließ sich mit Wilburs Gönner verbinden. Der war allerdings äußerst unhöflich am Apparat und schien nicht bereit zu sein, sich mit dem FBI zu unterhalten. Angesichts seiner kriminellen Vorgeschichte überraschte das Scully nicht. Doch sie würden es dennoch wagen und stiegen eine Stunde später aus ihrem Auto vor einem baufälligen Gebäude aus den Fünfzigern aus.
Es sah nicht gerade sehr repräsentativ aus, doch die fünf Lieferwagen, die haargenau so aussahen, wie der, den sie bei Happy-Wheat gesehen hatten, überzeugten sie, dass sie richtig waren. Es dauerte keine zehn Minuten, da hatten sie sich mit subtiler Fragetechnik und einer Portion Dreistigkeit von einem Verwaltungsangestellten die Information verschafft, dass Wilbur bereits seit vier Tagen nicht mehr gesehen worden war und man allseits vermutete, er hätte sich mit dem Lieferwagen aus dem Staub gemacht, da er in letzter Zeit erhebliche Konflikte mit Marvin Jackson gehabt hatte.
Mulder und Scully verließen das Gebäude wieder und atmeten tief durch. Von der ständigen Herum Fahrerei wurde ihnen langsam schwindlig und sie hatten Hunger. Doch sie waren zu dicht dran, um jetzt aufzugeben, es konnte jede Sekunde ein neuer Mord geschehen.
Sie fuhren zurück ins Police Department und begannen zusammen mit dem Officer und seinem Team großräumig nach dem verschwundenen Lieferwagen zu fahnden.


Zur selben Zeit nur 5 km von ihnen entfernt

Er würde es nicht schaffen, noch länger zu warten.
Sein Lieferwagen hatte kein Benzin mehr. Und er war betäubt von der Schwäche und Leere in seinem Herzen.
Schwitzend und laut röchelnd schlich er wie ein Schatten seiner selbst um den Block und versuchte etwas von dem süßlichen Duft zu wittern als seine Augen plötzlich einen älteren Mann erspähten, von dem eine zarte aber definitiv süßliche Brise zu ihm herüberwehte. Er lief beschwingt aus einem Haus heraus, wurde von einer jungen Frau im Bademantel zurückgerufen, lief die Stufen wieder zurück, gab ihr einen langen Kuss, der Wilburs Blut beinahe zum Kochen brachte, und stieg dann in sein Auto.
Wilbur war dabei unbemerkt hinterher gehuscht und lag nun flach und kaum atmend auf der Rückbank des Wagens.
Er verdankte es seiner flinken Unscheinbarkeit, dass er seine Kindheit überhaupt überlebt hatte. Sonst wäre er bereits in der Schule Opfer all der Hänseleien und Schlägereien geworden, die er wegen seiner Herkunft immer hatte ertragen müssen. Der Gedanke an diese Zeit trieb ihm die Hitze in den Kopf und er verspürte einen unstillbaren Hunger, als er sich nicht mehr zurückhalten konnte und seinen Stachel aus seiner Kehle schießen ließ um den süßlichen Saft erregter Verliebtheit in sich aufzusaugen und die Erleichterung zu spüren, die ihm dieser Saft für einige Sekunden verschaffte.

Eine Minute später fuhr er mit der Leiche auf seinem Beifahrersitz in Richtung des Cedar Hill Friedhofs bei Hartford. Er wusste, sie würden, wenn seine Rechnung aufging, bald auch dort sein und er konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als dort in der Nähe des einzigen Menschen, der ihm jemals etwas bedeutet hatte ein paar Minuten des Glücks zu erfahren, das anderen Menschen täglich zuteil wurde.

 

Wenig später saßen Mulder und Scully im Police Department, als endlich eine Durchsage kam, dass der Lieferwagen gefunden worden war. Leer.
Ohne noch weitere Angaben abzuwarten, machten sie sich auf den Weg zum Fundort.
Er stand in einer Seitengasse einer relativ freundlichen Wohngegend und war unverschlossen. Mulder riss die Fahrertüre auf und kletterte hinauf. Ein widerwärtiger, modriger Gestank quoll aus dem Wagen heraus und Scully ging mit vorgehaltener Hand in Deckung vor der Geruchswolke. Mulder drehte sich um und sah sie an.
„Nettes Eau de Toilette, was?“ grinste er sie an. Sie nickte angeekelt. „Ja, ich schenk Ihnen eine Flasche davon zum Geburtstag, wenn Sie wollen.“
Er hatte sich jedoch schon wieder in den Wagen zurückgedreht und kletterte darin herum. Da packten seine Hände in etwas klebrig-nasses und er erstarrte vor Ekel. Mit angewidertem Gesicht sah er den galligen Schleim auf seinen Fingern hinab laufen. Er wischte ihn mit einem Schauer, der über seinen Rücken wuselte, am Beifahrersitz ab und leuchtete mit seiner Taschenlampe in den Lagerraum des Wagens hinein.
„Hier gab es heute anscheinend ein großes Mittagsbuffet.“ Scully kletterte ihm hinterher um zu sehen, was er damit gemeint hatte. Als sie ebenfalls in den finsteren Hinterraum sah, wusste sie, woher der Gestank gekommen war. Dort lagen zwischen den Geräten der Schädlingsbekämpfungsfirma überall Mottenkugeln herum, alle angeknabbert und zermahlen, quer über den Lagerraum verteilt. Grüner Staub lag in der Luft. Scully legte ihre Hand auf Mulders Schulter.
„Atmen Sie das lieber nicht ein, wir sollten besser verschwinden.“
Damit kletterten sie beide flink heraus, klopften sich ihre Kleidung ab und sahen sich seufzend an.
Anscheinend hatte sich ihr Täter einen anderen Wagen geschnappt.

Mulder sah, während sie noch überlegten, was sie nun tun sollten, an Scully vorbei auf den kleinen grünen Hügel, der sich am Ende der Straße leuchtend erhob.
Als Scully bemerkte, dass er einen Punkt hinter ihr fixierte, drehte sie sich um und wusste, worauf er hinauswollte.
Dort erstreckte sich der Cedar Hill Friedhof über eine großzügige Fläche und man konnte im Sonnenlicht die weißen und grauen Grabsteine in der Ferne blitzen sehen. Scully sah Mulder an.
„Aber Donna Liblings Todestag ist erst morgen, was sollte er heute schon dort wollen?“
„Ich weiß es nicht, aber wir sollten da auf jeden Fall mal nachsehen, was sonst sollte er in dieser Gegend gemacht haben?“, murmelte Mulder.
„Und wenn er dort nicht ist?“ drückte Scully ihre Zweifel aus.
Mulder zuckte mit den Achseln. „Er wird dort sein. Oder zumindest ist er in dieser Gegend und wird auch hier bleiben. Je näher der Todestag seiner Mutter kommt, desto elender wird er sich fühlen. Er wird wieder töten müssen. Und hier draußen rennen zu dieser Jahreszeit endlos viele verliebte Pärchen durch die Gegend. Ich bin also sicher, dass er in den nächsten Stunden irgendwann wieder zuschlägt.“
Scully schmunzelte. „Statistisch gesehen liegt aber der Höhepunkt sexueller Aktivitäten eher in den späteren Abendstunden, also wird er wahrscheinlich eher heute Abend angreifen. Wenn er es noch einmal tut. Wir können doch unmöglich so lange tatenlos dort oben nur herumsitzen und warten.“
Mulder hob die Augenbrauen und sah sie belustigt an. „Was für Statistiken lesen SIE denn, Agent Scully?“
Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und stützte ihren Kopf ein wenig verlegen in die Hand. „Na ja, immerhin sind meine Statistiken doch ein wenig interessanter als die Baseballergebnisse aus den Vierzigern.“

Sie lächelten sich an und eine unangenehme Stille entstand zwischen ihnen. Schließlich sah Mulder auf die Uhr.
„Egal, wie groß die Chancen stehen, dass er heute Nachmittag noch zwei Opfer findet, wir sollten dort auf jeden Fall nachsehen. Wenn wir nichts finden, gehen wir in der Nähe was leckeres Essen und kehren später noch einmal zurück. Ich hab gehört, die haben dort einen sehr guten Mottenkugelauflauf.“
Scully lächelte müde über den schlechten Scherz und sie stiegen beide in den Wagen. Wieder einmal. Und noch immer waren sie hungrig.

Zur selben Zeit geisterte ein dünner kleiner Mann mit einem merkwürdig gekrümmten Rücken leicht und flink als würden seine Füße gar nicht den Boden berühren über den Cedar Hill Friedhof. Er umklammerte mit feuchten Händen einen kleinen hässlichen Blumenstrauß und huschte zwischen den Grabsteinen umher, um das Grab seiner Mutter zu suchen.
Er hatte es bisher noch nie hierher geschafft. Er hatte nicht gekonnt, zu groß war der Zorn auf diese Frau gewesen, die ihm all seine Kindheit und Unschuld geraubt hatte. Die ihm die Seele mit ihren zahlreichen über ihre eigene Lage verzweifelten Schlägen aus dem Herzen geprügelt hatte. Und die ihn dann am Ende allein zurückgelassen hatte.
Sie war der einzige Mensch, den er je gehabt hatte. Und war es nicht so, dass eine Mutter ihr Kind immer liebte, ganz gleich, was es tat? Seine grauen Augen blitzten flink hin und her und er wusste, das Grab musste irgendwo hier sein. Er konnte es fühlen.

 

Cedar Hill Cemetery, 17.37 Uhr

Die Sonne ließ ihr warmes Nachmittagslicht golden auf die Welt unter sich fallen.
Als Scully und Mulder aus dem Wagen stiegen, bemerkten sie beide zeitgleich, wie sehr der Friedhof seinem Namen alle Ehre machte. Die Vögel zwitscherten lieblich, der Wind streichelte leise ihre Wangen, die Blätter an den Bäumen rauschten frisch und grün vor sich hin und überall duftete es nach den vielen bunten Blumen, die liebende Hinterbliebene ihren so schmerzlich vermissten Angehörigen auf die Grabstätten gelegt hatten.
Scully bekam eine leichte Gänsehaut als ihre Sinne überwältigt von all diesen Eindrücken einen Moment ihr Herz höher schlagen ließen. Doch der Grund, warum sie hier waren, lenkte sie schnell von der Schönheit ab, denn er stand in krassem Gegensatz zu dem, was sie in diesem Augenblick fühlte.
„Haben Sie einen Lageplan, denn das hier ist ein ziemlich großer Friedhof“, bemerkte sie sachlich und als Mulder den Kopf schüttelte, seufzte sie.
„Vielleicht hätten wir vorher etwas essen sollen“, bemerkte sie ein wenig vorwurfsvoll und Mulder warf ihr einen spöttelnden Blick zu.
„Ich bin sicher, irgendwo da drin ist ein kleines Knusperhäuschen und wenn wir uns verlaufen, dann verspreche ich Ihnen auch, dass ich Ihnen die Lebkuchenfenster überlasse.“ Sie ließ einen leisen verächtlichen Grunzer ertönen und folgte ihm wortlos in den Friedhof hinein, während ihnen ein graues Augenpaar hungrig folgte.
Scully sah sich in dem wunderschönen parkähnlichen Friedhof um.
„Ich hätte nicht gedacht, dass man sich mit dem Gehalt einer Prostituierten so ein schönes Fleckchen Erde als letzte Ruhestätte leisten kann.“ Mulder stimmte ihr schweigend zu, das war ihm auch schon durch den Kopf gegangen. „Vielleicht ist das ein Abschiedsgeschenk eines ihrer Freier“, bemerkte er daraufhin abfällig und verbittert und sie sahen sich ernst an.
Hinter diesem ganzen Fall steckte eine sehr tragische und traurige Geschichte. Zwischen all diesen schmutzigen und ekelhaften Details lag ein Schicksal verborgen, vor dem ihre eigenen zahlreichen Nackenschläge gerade zu wie ein Witz wirkten.

Nach einer Viertelstunde merkten sie erst, wie riesig der Friedhof war, und Scully fühlte ein merkwürdiges Kribbeln im Nacken, so als säße dort eine beklemmende Angst. Aber vor was ?
Sie entschied, dass es an dem allgemeinen Unwohlsein lag, das sie immer überkam, wenn sie über einen Friedhof lief. Sie hasste den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen und viel zu oft für ihr Alter war sie schon so kurz davor gewesen.
Während sie so nebeneinander herliefen brach er, als hätte er ihre Gedanken gelesen, die Stille.
„Ist schon komisch, dass es ausgerechnet auf Friedhöfen nur so vor Leben wimmelt, nicht wahr“, bemerkte er und hielt ihr eine weiße Blüte ihn, die er von einem Ast gepflückt hatte, gegen den er beinahe mit seinem Kopf gestoßen wäre.
Sie hielt inne, sah die Blüte und nahm sie ihm ohne eine Reaktion ab um daran zu riechen. Sie hatte keinen besonderen Duft, also sah sie sich die Blume noch einmal an und legte sie dann sanft auf einem der Grabsteine, die ihren Weg kreuzten, ab. Mulder sah sie vorwurfsvoll an. „Hey, das war ein Geschenk!“ beschwerte er sich und sie schüttelte lächelnd den Kopf und senkte den Blick.
„Mulder, versprechen sie mir, dass ich, sollte ich vor Ihnen sterben, verbrannt werde?“
Sie hatte das zwar halb im Scherz gesagt, doch bei dem Gedanken daran, verknotete sich sein Magen.
„Scully, das ist aber nicht sehr christlich“, versuchte er die Beklemmung, die die Vorstellung von ihrem Tod in ihm ausgelöst hatte, scherzhaft zu vertreiben.
„Ja, aber ich habe zu viele verwesende Leichen gesehen um das meinem Körper auch antun zu wollen.“
„Und was wollen Sie stattdessen?“
„Ich fand die Seebestattung meines Vaters schön.“
„Dann geht’s Ihnen aber nicht besser als den Mückenlarven in meinem Aquarium, wollen sie wirklich in irgendwelchen Fischmägen landen? Stellen Sie sich nur vor, einer der Fische landet danach in meinem Altersheim auf dem Teller meines Freitagsmenüs.“
Er grinste und griff unbewusst nach ihrem Arm, als er beinahe über eine große Baumwurzel stolperte und sie davor warnen wollte.
Sie lächelte bei diesem absurden Gedanken. Sie war ihm immer dankbar für seine Kommentare, die den manchmal unerträglichen Ernst ihrer Welt erleichterten und sie immer wieder für ein paar wenige Augenblicke glücklich machten.
„Mulder, Sie sind verrückt“, bemerkte sie mit einem Strahlen und stupste ihn mit ihrer Schulter ein wenig vom Weg ab. Er lächelte warm zu ihr herunter, er liebte es, diesen ernsten, sorgenvollen Ausdruck auf ihrem Gesicht mit seinen Witzen für ein paar Sekunden wegzufegen und ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern, dem immer ein blaues Aufleuchten ihrer großen Augen folgte, das sich jedes Mal tief in seine Seele schlich.
„Ich werde mich einfrieren lassen“, beendete er das Thema und schubste sie ganz leicht ein wenig zurück als er ein Grab erspähte, von dem er sicher war, dass es Donna Liblings Grab war.
Es war klein und trostlos. Der mickrige Grabstein war eingesunken in der feuchten Erde und außer Efeu und Unkraut, die das Grab respektlos überwucherten, lag nur ein winziger Blumenstrauß mit einer lieblos darumgewickelten Schnur, die im Wind wehte, auf dem Boden. Zehn Kerzen waren in einer Reihe vor dem Grabstein aufgestellt und Mulder sah an der aufgewühlten Erde darum herum, dass jemand vor kurzem da gewesen sein musste.
„Es scheint, als bereite er eine kleine Party vor“, bemerkte Mulder sarkastisch und nahm eine der Kerzen hoch. Sie war noch warm. Er stand auf und stützte die Hände in die Hüften.
„Er kann nicht weit sein.“
Scully zuckte mit den Achseln. „Aber offensichtlich entzieht er sich immer wieder unserer Wahrnehmung, dieser Mensch ist wie ein Phantom.“ Ein leichter Anflug von Verzweiflung kam in ihr hoch.
Mulder sah sie an. „Er hat sich ja auch sein Leben lang verstecken müssen, er scheint Übung darin zu haben.“
Er hatte einen Augenblick die Idee, dass sie einen Lockvogel brauchten.

Dabei wäre er niemals auf die Idee gekommen, dass er und Scully bereits längst die unfreiwilligen Lockvögel dieser armen Kreatur waren, die nur wenige Meter von ihnen entfernt im Gebüsch saß und keuchend den süßlichen Duft einatmete, der von dem Agentenpaar ausging.

Ein klirrend kalter Wind wehte durch die Bäume über ihnen und weiße Blütenpollen flogen wie Schnee um sie herum. Scully bekam Gänsehaut und griff nach Mulders Arm.
„Kommen Sie, Mulder, hier werden wir ihn jetzt nicht finden.“ Sie gingen zurück und versuchten sich mit einer Diskussion über ihr Abendessen von der Angst abzulenken, die in ihnen beiden langsam wie gefrierendes Wasser hoch kroch.

 

Als sie ihren Wagen schon wieder sehen konnten, bemerkte Mulder noch ein weiteres dunkelrotes Auto, das auch bei ihrer Ankunft schon auf dem Parkplatz gestanden hatte. Doch sie hatten auf dem Friedhof niemanden gesehen.
Irgendetwas an dem Wagen zog Mulder an. Während Scully ihm noch die Vorzüge von thailändischem Essen erklärte, schlich er bereits um den Wagen herum. Er kniff die Augen zusammen und sah durch ein Fenster hinein. Am Lenkrad schimmerte im Nachmittagslicht eine klebrige grünliche Substanz.
„Scully!“ flüsterte er kaum hörbar und schob sie sanft zum Autofenster, damit sie es auch sah.
„Er ist noch hier!“ schloss sie atemlos aus seiner Entdeckung und sah erschrocken hoch. Mulder bemerkte im Gebüsch vor dem Wagen eine Unregelmäßigkeit und ging näher heran, um festzustellen, dass Zweige abgeknickt und Pflanzen zertreten waren.
„Und er hat anscheinend nicht den offiziellen Eingang benutzt“, stellte er fest als er sich durch das Gebüsch wühlte und Scully die Äste beiseite hielt, damit sie ihm folgen konnte.
Die Erde vor ihnen war aufgewühlt und es sah fast aus, als hätte jemand etwas über den Boden gezerrt oder als hätten sich Tiere auf dem Boden in einem Kampf gewälzt. Das Einzige, was fehlte, waren Fußspuren. Doch Mulder war sich trotzdem sicher, dass sie auf dem Pfad wandelten, auf dem ihr Täter vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls entlang spaziert war.
Sie liefen fast zehn Minuten dieser immer unschärfer werdenden Spur nach und blieben schließlich vor einem Seitengebäude der Friedhofsgärtnerei stehen.
„Und jetzt?“ fragte Scully ein wenig gereizt, weil die Aussicht auf ein Abendessen wieder in die Ferne rückte.
„Den mickrigen Blumenstrauß auf dem Grab wird er wohl kaum hierher haben“, fügte sie kühl hinzu.
Mulder schüttelte den Kopf. Sein Blick war auf etwas ganz anderes gerichtet. Er sah zu dem großen Laubcontainer, der hinter dem Haus hervorragte. Scully folgte seinem Blick und legte die Stirn in Falten, während er wie von einer Ahnung besessen zu dem Container stürmte und ihn aufzustemmen versuchte. Scully half ihm und als er aufsprang, stieg ihnen der Geruch von verrottendem fauligem Gras in die Nasen. Mulder kletterte in den Container hinein und Scully sah ihn verwirrt an.
„Mulder ?“
Damit schwang sie sich ebenfalls an dem Container empor und sah hinein. Mulder stand mitten im fauligen Kompost und suchte nach etwas. Doch Scully war schneller. Sie konnte ganz deutlich fleischfarbene Konturen zwischen dem Grün und Braun der Gartenabfälle erkennen.
„Mulder, hinter Ihnen!“ brachte sie mit einer grausamen Vorahnung hervor und er drehte sich um. Da sah er es auch und machte sich daran, die Leiche eines Mannes mittleren Alters aus dem verrotteten Grün zu zerren.
Ihr professioneller Blick auf die Wunde in seinem Nacken verriet Scully, dass ihr Mörder wieder einmal zugeschlagen hatte.
Sie rief die Polizei an und binnen einer halben Stunde war eine Sondereinheit zur Stelle, die den gesamten Friedhof durchsuchte und abriegelte. Sie wussten, er war irgendwo dort und wartete auf den Todestag seiner Mutter. Die Anspannung unter den Polizisten war nahezu unerträglich.
Als die Sonne langsam unterging, zog Mulder Scully zu sich und senkte seine Stimme, damit ihn niemand außer ihr hörte.
„Ich bezweifle, dass die ihn jetzt finden, Scully. So diskret wie die hier den Friedhof auf den Kopf stellen wird sich der Täter mit Sicherheit nicht blicken lassen.“
„Ja, aber wenn er wirklich von seiner Angst und seiner Einsamkeit getrieben wird, dann wird er früher oder später zurückkehren müssen. Ich meine, er scheint vollkommen durcheinander zu sein, dieser Mord passt noch weniger in sein Schema als die Yale-Studentin. Es scheint doch alles auf einen Höhepunkt zuzusteuern. Wenn die hier in ein paar Stunden wieder abrauschen, dann wird er ganz bestimmt zum Grab zurückkehren.“
Mulder gab ihr Recht.
„Ja, aber was ist mit seinem Hunger? Wenn es wirklich die Einsamkeit ist, die er mit dem Aussaugen des Liquors in den Griff bekommen will, dann wird er ab Mitternacht eine Menge Menschen töten müssen, denn ich bin sicher, das morgen wird der schlimmste Tag seit zehn Jahren für ihn sein. Und hier auf dem Friedhof wird er bestimmt keine Opfer finden.“
Dabei ignorierte er seine Erinnerung an seine eigene leidenschaftliche Nacht auf einem Grabstein in England.
Scully war alarmiert. „Dann sollten wir dafür sorgen, dass die Nachbarschaft heute Nacht gut beschützt wird“, wandte sie sich ab und lief eilig zu dem Police Officer um ihn über ihre Überlegungen aufzuklären. Der Polizist sah sie äußerst zweifelnd an.
„Agent Scully, ich hoffe, dass Sie wissen, was Sie tun, denn ehrlich gesagt, verliert man hier langsam den Glauben an die Fähigkeit des FBI diesen Fall in den Griff zu bekommen.“
Scully sah ihm ernst in die Augen. „Keine Sorge, Sir. Ich versichere Ihnen, dass das der letzte Mord war, den der Kerl verübt hat. Sorgen Sie nur dafür, dass Ihre Leute wachsam sind. Äußerst wachsam!“ Ihr Tonfall klang scharf, denn sie mochte es nicht, wenn man ihre Autorität und Professionalität anzweifelte. Aber in Wahrheit zweifelte sie im Moment selbst daran.
Doch sie vertraute Mulders Instinkt und als sie zu ihm zurückging, war sie sicher, dass diese Nacht noch einiges mit sich bringen würde.
„Kommen Sie, Mulder“, zog sie ihn am Ärmel in Richtung ihres Wagens, „wir sollten endlich was essen.“

 

Eine Dreiviertelstunde später

Der letzte Polizeiwagen verließ fast lautlos den Friedhof um in der Nachbarschaft zu verschwinden und seine Position einzunehmen. Die Leute im Umkreis mussten in dieser Nacht mehr als je zuvor beschützt werden, obwohl Mulder und Scully beide fast sicher waren, dass der Mörder auch trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen einen Weg finden würde, an seine Nahrung zu kommen. Und doch wussten sie, er würde auf jeden Fall zurückkehren und darauf basierte ihre gesamte Hoffnung, diesen Fall noch zu lösen.
Der Wagen kam am Parkplatz zum Stehen und Mulder und Scully sahen auf ihre Sandwichs herab.
„Es ist so ein schöner lauer Abend, Scully. Und er wird noch sehr lang werden, warum setzen wir uns nicht nach draußen, wir müssen nachher noch lange genug hier drin warten“, schlug Mulder vor.
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist wenn ein Serienkiller sein Unwesen treibt“, bemerkte sie sachlich.
„Mh, Sie vergessen, dass er einen ausgefallenen Geschmack hat“, antwortete er ihr, worauf sie ihm zu bedenken gab, dass der Killer immerhin schon zweimal von seinem Schema abgewichen war und vermutlich verzweifelt genug wäre, auch ihren Liquor schmackhaft zu finden. Mulder grinste über ihre sarkastische Wortwahl und schüttelte den Kopf.
„Ich bezweifle, dass er in meinem Liquor auch nur die geringsten Reste dessen findet, was er sucht“, bemerkte er mit einem zweideutigen Unterton und lächelte sie ein wenig traurig an. Sie quittierte diese unterschwellige Offenbarung seiner Einsamkeit mit einem scheuen und ratlosen Lächeln und stieg schließlich aus dem Wagen.
Aus irgendeinem Grund hatten sie seine Worte überzeugt, dass sie tatsächlich außer Gefahr waren und sie sah sich um. Sie kam sich vor wie auf einem Präsentierteller und fühlte sich in der anbrechenden Dunkelheit trotzdem nicht sehr wohl mitten auf einem Friedhof einem Serienkiller aufzulauern.
„Und wo wollen wir uns hinsetzen?“
Aber ging schon zielstrebig auf die Stufen der kleinen Friedhofskappelle zu, von der aus man in der anbrechenden Dunkelheit in den Friedhof hineinschauen konnte und dennoch den Schutz der Kapelle im Rücken hatte. Ein kleines schummriges Licht über dem Eingang leuchtete finzlig in die Dunkelheit hinein. Sie setzten sich noch ein wenig unbehaglich auf die Stufen und begannen schweigend ihre Sandwichs auszupacken.

Ein grauer Schatten kroch im Schutzmantel der anbrechenden Nacht hinter einer Mauer hervor und näherte sich ihnen langsam und so heimlich, dass nicht einmal der Wind etwas davon merkte und über ihn hinwegwehte, ohne ihn zu berühren.

Als es dunkler wurde, spürte Scully die kühle Frühlingsbrise, die durch ihre Bluse wehte. Es war den ganzen Tag so warm gewesen, dass sie ihren Blazer im Auto vergessen hatte. Mulder bemerkte die Gänsehaut auf ihren Armen und legte sein Sandwich beiseite um ihr sein Jackett ganz zaghaft um die Schultern zu drapieren.
Sie war von dieser liebevollen Geste so gerührt, dass ihre Gänsehaut einen Moment lang noch schlimmer wurde und wie ein Schauer über ihren ganzen Körper jagte. Sie fröstelte und versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. „Danke“, brachte sie stattdessen leise und ein wenig verlegen hervor und starrte wieder auf ihr Sandwich.
Mulder lächelte sie zärtlich an und empfand plötzlich so viel Wärme in seinem Herzen, dass er sie am liebsten an sich gedrückt hätte, nur um ihr nahe sein zu können. Ihr Haar glühte in dem goldenen Licht wie heißes Kupfer und er konnte sie in der Stille atmen hören, was sein Herz schneller schlagen ließ.
Denn es machte ihm bewusst, dass sie ein Mensch war, der ihm zwar sehr nahe stand, dass aber der Körper, in dem dieser Verstand und diese wunderschöne Persönlichkeit steckten, ihm noch nie so nahe gekommen war. Diese Diskrepanz verwirrte ihn plötzlich, denn oft kam es ihm so vor, als wären sie schon immer zusammen gewesen, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit, als dass sie an seiner Seite war. Und doch geschah all das auf einer immateriellen körperlosen Ebene. Und irgendwie spürte er, dass ihm das nicht mehr ausreichte.

Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten und Mulder die ersten Sterne über ihnen sehen konnte, holte Scully tief Luft und brach die Stille zwischen ihnen.
Sie hatte die ganze Zeit diesen Fall versucht, zu verdrängen, aber er hatte sie so verstört. Die letzten fünf Tage waren in merkwürdigen Bahnen verlaufen und immer wieder kam in ihr die Erinnerung hoch an das, was er zu Beginn dieser Woche gesagt hatte. Etwas, das vielleicht erklärte, warum sie beide einander zwar nahe standen, aber eben nur als Freunde. Etwas, das viele ihrer Enttäuschungen erklärte. Etwas, von dem sie befürchtete, dass es stimmte und schließlich entschied sie sich, diese Sorge anzusprechen.
„Mulder, finden Sie eigentlich, dass ich leidenschaftslos bin?“
Diese Worte hatten eingeschlagen wie ein Blitz. Er drehte sich erschrocken zu ihr und sah sie fast schon verletzt an.
„Was ? Wie kommen Sie denn darauf?“
Sie sah auf die Stufen unter ihnen und bereute schon fast, dieses Thema überhaupt angeschnitten zu haben.
„Na ja, Sie haben in der Gerichtsmedizin gesagt, dass ein kurzes Leben voller Intensität in Ihren Augen besser sei als ein langes Leben, das aus der Aneinanderreihung trostloser Momente besteht. Und irgendwie dachte ich, dass Sie dabei mich gemeint haben.“
Sie kam sich plötzlich schrecklich albern vor und merkte, wir ihr Hals vor Aufregung trocken wurde. Sie schluckte laut und sah dann zur Seite um sich still dafür zu verfluchen, diesen schönen Augenblick neben ihm in dem schummrigen Licht der Kappelle gerade kompliziert gemacht zu haben.
Mulder wusste, worauf sie anspielte. Damals hatte er selbst überlegen müssen, ob er damit unbewusst sie gemeint hatte, allerdings eher um sie aus der Reserve zu locken und nicht um sie zu verletzen. Denn er wusste, wie leidenschaftlich sie war. Er wünschte sich manchmal nur, sie würde ihm gegenüber ein wenig mehr davon zeigen, denn wenn sie es IHM schon nicht zeigte, wem dann?
Aber es tat ihm nun leid, denn er merkte, er hatte sie damit verletzt. Er sah es in ihren Augen, die aufgeregt glänzten und seinem Blick auswichen. Sanft schüttelte er den Kopf.
„Nein, so meinte ich das nicht. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen damit zu nahe getreten bin.“
Sie sah ihn an, dankbar dafür, dass er ernsthaft darauf einging und sie nicht für vollkommen verrückt erklärte.
„Das beantwortet aber nicht meine Frage, Mulder“, beharrte sie nun in der Hoffnung auf eine ehrliche Antwort.
Mulder sammelte sich einen Augenblick und versuchte in ihren Augen zu lesen, was sie empfand. Er sah wie das Blau in diesen Augen flackerte und ihre Lippen unwillkürlich bebten. Die Verletzlichkeit in ihrem Gesichtsausdruck brach ihm fast das Herz und so sprach er das aus, was er tief in sich als die Wahrheit empfand.
„Ich glaube nicht, dass Sie leidenschaftslos sind, Scully. Die Geschichte, die Sie mir am Samstag von Ihrem Wechsel zum FBI erzählt haben ist für mich ein Zeichen größter Leidenschaft. Und Ihr Glaube an die Wissenschaft, Ihr Glaube an Gott, Ihre Beziehung zu Ihrer Familie, dass Sie hier neben mir sitzen und nach einem liquorsaugenden Monster Ausschau halten, all das sind für mich Zeichen dafür, dass Sie sehr gefühlsbetont sind. Ich glaube aber, dass Sie das auch wissen und sich vielleicht davor fürchten, weil Sie nicht verletzt werden wollen.“

Nun waren es seine Worte, die wie ein Blitz einschlugen und Scully hielt bestürzt den Atem an.
Noch nie hatte jemand so einen Einblick in ihre Seele gehabt, als läge sie vor ihm wie ein offenes Buch. Sie sah in seinen Augen, die ruhig und offen in ihre blickten, grenzenloses Verständnis und fühlte plötzlich, dass sie sich näher standen, als ihr bisher bewusst gewesen war. In ihr kam der Verdacht hoch, dass er ihr seine Liebe vor einem halben Jahr nicht aus dem bloßen Rausch von Beruhigungsmitteln heraus gestanden hatte. Und dass diese zärtliche Verbundenheit zwischen ihnen vielleicht mehr war, als sie sich eingestehen wollte.
Sie bekam Angst.
Und ihr Herz begann zu schlagen.
Sie suchte nach den Worten, die sie aus dieser Situation wieder retten würden, doch alles, was sie zustande brachte, war, ihre Hand ganz sanft auf seine zu legen und ihn scheu anzulächeln, während ihr die Hitze in den Kopf stieg.
Er reagierte darauf mit fast selbstverständlicher Vertrautheit und drehte seine Hand zu ihrer um, um sie richtig zu umfassen.
Sie senkte ihren Blick und wandte sich wieder nach vorne um einen klareren Kopf zu bekommen. Sie lächelte zart und ein wenig bitter als sie weiter sprach und sich nicht traute, ihre Hand, die so behütet in seiner lag, zu bewegen.
„Vermutlich haben Sie Recht. Ich bin schon zu oft verletzt worden und es ist immer von Menschen ausgegangen, denen ich meine Gefühlswelt offen gelegt habe. Ich möchte diesen Fehler einfach nicht noch einmal machen.“
Mulder drückte ihre Hand.
„Wir alle machen solche Fehler und wir alle erleiden deswegen solche Verletzungen, aber das macht doch das aus, was das Leben so unberechenbar und deswegen auch so intensiv macht. Und so einzigartig und schön.“
Sie sah noch immer geradeaus und nickte leise. Sie verstand ihn. Und der Gedanke, dass er denselben Schmerz in sich verspürte, den man auch ihr schon zugefügt hatte, machte sie traurig. Sie drehte sich wieder zu ihm und lächelte ihn vorsichtig an.
Seine Augen blitzten schmeichelnd auf als sich ihre Blicke wieder trafen und er löste seine Hand von ihrer um ihr sanft mit den Fingern über ihre Wange hinab bis zur ihrem Kinn zu streifen, das er aufmunternd anhob bevor er wieder von ihr abließ.
„Ich werde Sie aber nicht verletzen, dafür gebe ich Ihnen mein Ehrenwort“, versprach er ihr und sein warmes Lächeln betäubte ihre Sinne, dass sie das Gefühl hatte, zu fliegen.
Sie grinste schüchtern und griff spielerisch und ohne es wirklich steuern zu können nach seiner Krawatte.
Es war als wäre diese Geste ein Kompromiss zwischen ihrem Drang, ihm körperlich nahe zu kommen und der Angst vor seiner Berührung.
„Na ja, ich glaube, wenn Sie das täten, müssten Sie ohnehin das Land verlassen, so wie ich meinen Bruder Bill kenne.“
Er brummte amüsiert und sah auf ihre Hand, die sich von seiner Krawatte gerade wieder zurückziehen wollte.
Etwas an dieser Geste lockte ihn und er griff mit seiner Hand nach ihrer, bevor sie sich vollkommen in ihr Territorium zurückgezogen hatte. Dabei fühlte er wie sein Herz und sein Verstand eins wurden und ihm warm wurde. Er zog sie sanft zu sich, so dass ihr Körper dieser Bewegung langsam folgen musste.
Sie starrte überrascht erst auf seine Hand, die ihre umfasste und dann in seine Augen, die sie wie die Sterne über ihnen anfunkelten und ihr etwas zu sagen versuchten.
Ihre Augenbraue zuckte leicht und in ihr Blick veränderte sich plötzlich um sich vollkommen zu entspannen, als sie begriff, was er vorhatte. Ihre Augen schnellten aufgeregt zwischen seinen wunderschönen, sanften Lippen und seinen warmen braunen noch etwas schüchtern fragenden Augen hin und her während ihr Herz in ihrer Brust immer schneller schlug und sie sich nicht mehr traute, auszuatmen.
Mulder fühlte in diesem Augenblick im Schutz der Dunkelheit, dass das, was sie taten richtig war. Er fühlte, wie ihre körperliche Nähe, ihr Duft und ihr leiser warmer Atem das ausfüllten, was ihm die ganze Zeit gefehlt hatte. Je näher sich ihre Lippen kamen, merkte er, wie er sich immer vollständiger fühlte und wie es in seinen Fingerspitzen zu kribbeln begann und ihm plötzlich vor Aufregung kalt wurde.

Er hatte die Antwort auf seine unausgesprochene Frage in ihren Augen gesehen und spürte, wie dieses Gefühl der Liebe langsam von ihm Besitz ergriff und sie beide kurz davor waren, es zu zulassen und diesen Schritt in ihrer Freundschaft zu wagen.

 

Sie wussten, sie konnten es nun nicht mehr aufhalten und ohne, dass er sie weiter zu sich ziehen musste, näherte sie ihre Lippen den seinen unaufhaltsam.
Doch bevor sie sich berühren konnten und die unerträgliche Spannung zwischen ihnen endlich ihren Weg gefunden hatte, sich zu entladen, war es plötzlich als zerreiße ein dunkles Grauen die Stille der beginnenden Nacht und ein Schatten sprang aus der Finsternis hinter ihnen hervor, warf sich über Scully wie ein grauer Schleier und stürzte mit ihr die Treppen hinunter. Mulder, der ihre Hand noch immer gehalten hatte, war mitgerissen worden und versuchte, als er wieder zu sich kam, zu erfassen, was mit ihnen geschah. Da fühlte er diese elementare Angst plötzlich in sich Hochkriechen und begriff, dass es Wilbur war, der seine Partnerin bewusstlos geschlagen hatte und zu Boden drückte.
Mulder konnte den Schatten nicht wirklich sehen, aber er konnte ihn fühlen und wusste, was er vorhatte. Er warf sich mit aller Kraft auf den grauen Angreifer, der sich mit seinen Händen an Scully festgekrallt hatte, und fühlte bei seiner Berührung die eisige Kälte, die von diesem Körper ausging und ihm seine Finger verbrannte.
Er griff mit der anderen Hand nach seiner Waffe, die er dem trotz seiner Größe sehr kräftigen Mann an seine Schläfe drückte, während er noch versuchte, ihn von Scully wegzureißen.
Aber der Schatten schien an ihr festzukleben und plötzlich sah Mulder im Licht der Kapelle den glänzenden braunen Stachel aus dem riesigen Mund des Mannes schießen und wusste, dass er handeln musste.

Er biss die Zähne zusammen und drückte mit einem eiskalten vor Zorn starren Blick dreimal den Abzug seiner Pistole und hörte, wie die drei Schüsse laut knallend die Nacht zerfetzten und die Vögel vor Schreck aus den Bäumen heraus stoben und panisch zwitschernd in den Himmel flohen.
Der graue Körper zuckte über Scully unter den Schüssen pulsierend zusammen und ein gellender heiserer Schrei erfüllte die Luft und drang in die Herzen aller Menschen in der Umgebung, die aufgrund der Schüsse aufgeregt vor ihre Häuser gelaufen kamen und die Angst verspürten, die dieser Schrei über ihren Köpfen herabregnen ließ.
Es war der Angstschrei vor der unausweichlichen und gnadenlosen Einsamkeit des Todes, der sich langsam durch seinen Körper zog bis sich seine spinnenartigen Finger leblos von Scully lösten und Mulder seine Leiche endlich von ihr zerren konnte und sichergehen konnte, dass dieser Mann nie wieder jemandem Leid zufügen würde.

Mulder drehte Scullys Körper mit klopfendem Herzen behutsam auf den Rücken und die pure Angst stand ihm in den Augen, als er zaghaft ihr Haar aus dem Gesicht strich und mit angehaltenem Atem betete, dass sie am Leben war.
Doch noch bevor er ihren Puls fühlen konnte, schlug sie bereits ihre Augen auf und war unendlich dankbar, über sich die Sterne und Mulders Gesicht zu sehen. Erleichtert schloss sie die Augen wieder in der Hoffnung das grauenhafte fratzenartige Bild ihres Angreifers vergessen zu können. Sie schlang ihre Arme um Mulder, der sie noch immer zitternd vor Angst um sie, an sich drückte und dem Himmel über ihnen mit einem leisen unterdrückten Schluchzen dafür dankte, dass er ihm nicht den Grund dafür genommen hatte, warum er jeden Morgen aufstand und weiterlebte.
Er drückte seine Nase in ihr Haar, während sie sich still von ihm halten ließ, und die Stärke seiner Arme, die Wärme seiner Brust und die Nähe seines Herzens zu ihrem in sich aufnahm, um den Schrecken, der ihr noch immer in allen Gliedern saß, langsam loszulassen.
Mit geschlossenen Augen küsste er ihr Ohr und ihren Haaransatz immer und immer wieder und sog den Duft ihrer Haut ein um ihn nie wieder zu vergessen.

Sie konnten sich eine Weile nicht rühren, weil dieses Ereignis, das sie beinahe für immer von einander getrennt hätte, ihre Herzen noch immer zu brechen drohte und sie hielten einander still fest bis die Dunkelheit von dem rot-blauen Licht der heraneilenden Polizeiwagen erhellt wurde und Mulder und Scully wussten, dass die Realität sie fast wieder eingeholt hatte.
Sie lösten sich mit Tränen in den Augen voneinander und Mulder half ihr auf. Sie klopfte sich noch immer ein wenig zitternd den Dreck aus der Kleidung und er hob sein Jackett auf um es ihr wieder um die Schultern zu legen. Bevor sich jemand aus den Polizeiwagen näherte, legte er ihr seine Hand ganz vorsichtig gegen die Schulter und versuchte, dagegen anzugehen, sie direkt wieder in den Arm zu nehmen, weil sie noch immer so zerbrechlich und kreidebleich vor ihm stand. Sie sah ihn an.
„Es ist in Ordnung, Mulder“, versuchte sie ihn zu beruhigen, weil sie die Sorge in seinen Augen kaum ertragen konnte. Doch Mulder kaufte ihr diese Lüge nicht ab und schluckte schwer. Sie waren beide noch immer wie gelähmt.
Da stürmten die Polizisten aus ihren Wagen herbei und während Mulder ihnen mit einem letzten besorgten Blick zu ihr hinüber entgegenlief um ihnen von dem Vorfall zu berichten, sah Scully wie gebannt auf das Monster herab, dessen eisiger Griff sie noch immer schmerzte.

Sie wusste, die blauen Flecken würden vergehen, aber der kalte Fingerabdruck in ihrem Herzen, den diese von einsamer und panischer Hoffnungslosigkeit erfüllte Kreatur hinterlassen hatte, würde niemals verblassen. Sie kniete sich neben den Leichnam, dessen graue Augen traurig in den Himmel starrten und schloss sie ihm in einem Anflug von Mitleid. Sie öffnete ihm den Mund um einen Blick auf den Stachel zu werfen, der aus der Kehle des Mannes in seine Mundhöhle hineinragte. Ihr Blick wanderte an seinem grauen, in seinen Konturen kaum erfassbaren Körper hinunter und griff nach seiner Hand. Sie war noch immer ganz kalt und seine Fingerkuppen waren glatt wie Stahl.
Das erklärte, warum er keine Fingerabdrücke hinterlassen hatte. Aber sie verstand nicht, was mit diesem jungen Menschen wirklich geschehen war und sah fragend zu den Polizisten und Mulder hoch, die nun auf sie zukamen.
Sie stand auf und näherte sich Mulder, während sich der Polizist mit fassungslosem Blick vor die Leiche kniete.

„Was hat ihn dazu gemacht?“ fragte sie ihn und er wusste genau, dass sie auf den Stachel anspielte. Er dachte nach und zögerte bei seiner Antwort.
„Vielleicht unterschätzen wir die Wechselwirkung von Körper und Geist. So wie Angst oder Trauer einigen Menschen Bauchschmerzen oder gar Geschwüre bereiten können, so ist vielleicht sein seelischer Hunger nach Liebe zu einem körperlichen Hunger geworden. Ich denke, so richtig verstehen werden wir das vermutlich nie." Er war erschöpft, der Fall und all die Umstände um ihn herum hatten ihn mitgenommen und er wollte zurück nach Washington. Er hasste Connecticut nun noch mehr als zuvor.
Scully jedoch schien damit noch nicht abgeschlossen zu haben. „Wäre es nicht auch einfach nur möglich, dass sein jahrelanger Konsum von Mottenkugeln und dem darin enthaltenen Naphthalin diese Veränderungen bewirkt haben? Zusammen mit seinen psychischen Problemen könnte das zumindest teilweise erklären, was mit ihm los war.“
Sie versuchte sich einzureden, dass hinter der Geschichte vielleicht doch nur sachliche Fakten steckten und wollte den Gedanken verdrängen, dass es allein menschliche Grausamkeit war, die so ein Monster geschaffen hatte. Ihr Schutzmechanismus gnadenloser Rationalität hatte sich nahezu übergangslos nach diesem Schrecken eingeschaltet und sie merkte, wie sie sich emotional von allem um sie herum zu distanzieren begann. Es war ihr einfach zu viel.
Mulder zuckte mit den Schultern und versuchte seine Sorge um sie endlich der Erleichterung, dass es ihr zumindest rein äußerlich gut ging, weichen zu lassen.
„Was immer es ist, ich fürchte, es gibt eine Menge Menschen auf dieser Welt, deren Innerstes genau so aussieht. Und wir können nur hoffen, dass diese körperliche Veränderung bei Wilbur ein einmaliger Fehler der Natur war.“
Damit zog er sie an der Hand von der Leiche weg und von dem geschäftigen Krach der Polizisten, die voller Elan und Aggression gegen diese arme Kreatur wie besessen ihre Arbeit erledigten und denen dabei vollkommen verschlossen blieb, wie viel Traurigkeit hinter dieser Geschichte verborgen lag.
Sie fuhren schweigend ins Motel zurück, wo sie packten um am nächsten Morgen nach Abwicklung aller Formalitäten endlich zurück nach Washington D.C. zu fliegen.
In ihren Köpfen wälzten sie den Fall still noch hunderte Male hin und her und es bereitete ihnen Angst, dass sie das Gefühl, das Wilbur zu solchen Taten getrieben hatte, irgendwie selbst auch in sich trugen.

 

Samstag 19.30 Uhr


Scully hatte sich ihre Dienstwaffe und das Polierset in ihrem Schrank angesehen und festgestellt, dass es Dinge gab, die ihr an diesem Abend besser gefallen würden, als ihre Pistole zum fünften Mal in diesem Monat zu reinigen. Sie hatte beherzt die Türe wieder verschlossen und hatte sich mit der absoluten Gewissheit das Richtige zu tun, auf den Weg gemacht.
Sie würde diesen Blick in Mulders Augen nie wieder vergessen, denn es war der Moment gewesen, an dem sie es tief in ihrem Herzen verstanden hatte. Sie hatte diesen Blick schon einmal gesehen und nun wusste sie, dass es kein Zufall oder Unfall mehr sein konnte, sondern dass es wirklich zwischen ihnen existierte.
Und es war schön zu wissen, dass es da war und nie wieder vergehen würde. Dass sie endlich wusste, warum sie sich all die Jahre immer so sicher aufgehoben und von einem heimlichen inneren Leuchten erfüllt gefühlt hatte. Weil es schon so lange da gewesen war und nun endlich nach ihren gegenseitigen scheuen Annäherungsversuchen ein Funke übergesprungen war und es begonnen hatte, zu wachsen.
Sie liebte ihn und je mehr sie sich das ins Bewusstsein rief, desto stärker erfüllte es sie mit Glück und einer Art Frieden.
Es kroch in jede Faser ihres Körpers und befreite sie von all der inneren Anspannung, die sie mit sich herumtrug.
Aber sie wollte es langsam angehen. Sie brauchten Zeit. Weil es so schön war, dass sie nicht wollte, dass es innerhalb eines Moments wie ein Feuerwerk explodiert, um danach lediglich noch glühende Funken in ihrem Herzen zu hinterlassen.
Sie wollte, dass es langsam weiter wuchs, bis es so tief war, dass sie auch den Tod nicht mehr fürchten würde, weil es wie eine innere Sonne ewig weiterstrahlen würde und all die Finsternis, die diese Welt in ihre Seele trug, für immer vertreiben würde. Mit klopfendem Herzen und Schmetterlingen im Bauch blieb sie mit ihrem Wagen vor dem Apartmenthaus stehen und stieg aus.


Mulder hatte sich einen seiner Lieblingsfilme ausgeliehen, eine Jumbopackung Chips, sowie ein Six - Pack Bier vor sich aufgebaut und ließ sich gerade auf seine Couch fallen um die Woche hinter sich zu lassen und sich berieseln zu lassen, bis er abgelenkt von seiner Traurigkeit über den Fall und all das, was das in ihm ausgelöst hatte, einschlafen würde.
Er fand sich gerade wieder mit seinem freien, zwanglosen Leben ab und begann es fast ein wenig zu genießen, da klopfte es an seiner Tür.
Er sah auf die Uhr und war erstaunt. Das war mit Sicherheit sein Chopsuey, wenn er auch nicht wusste, wie sie so schnell liefern konnten. Er griff sein Portemonnaie und lief mit knurrendem Magen zur Tür um sie aufzureißen. „Na Ihr Jungs seid aber schnell!“ wollte er gerade in die Luft hinausposaunen als er einen Kopf unter sich jemand sah, mit dem er überhaupt nicht gerechnet hatte. Er grinste bei ihrem Anblick.

„Was haben SIE denn heute vor?“ fragte er sie und musterte sie von Kopf bis Fuß.
Sie hatte eine Baseballkappe der New York Yankees auf, und hielt lächelnd einen Baseballschläger in der einen Hand und warf mit der anderen auffordernd einen Ball in die Luft. Als sich ihre Blicke noch vollkommen überrascht trafen warf sie ihm den Ball zu und zog ihre Baseballkappe ab, die sie schrecklich juckte.
„Ich will Baseballspielen“, war ihre Antwort und sie strahlte ihn an. Ihr Lächeln half ihr über die Nervosität hinweg, die ihr das Herz bis zum Hals schlagen ließ. Als sie aber hinter ihm den Fernseher laufen sah, zog sie sich ein wenig zurück und zuckte fast schon enttäuscht mit den Achseln.
„Außer wenn ich Sie bei etwas gestört habe und Sie lieber den Film zu Ende sehen würden.“
Als Mulder sah, dass sie bereits an ihrer eigenen Idee zweifelte und damit begann, wieder einen Rückzieher zu machen, schüttelte er den Kopf.
„Nichts da. Gehen wir los, Yankee.“ Damit warf er einen kurzen Blick auf den laufenden Fernseher, seine Chips, sein offenes Bier und bereute keine Sekunde, die Tür hinter sich zuziehen zu können und mit Scully den Abend zu verbringen.
Sie wartete schon an seiner Aufzugtür und drehte sich erwartungsvoll zu ihm um.
Ihre Blicke zogen einander näher und sie lächelten sich wissend und ein wenig nervös an. Als sich die Aufzugtür öffnete, gingen sie hinein und schwiegen.
Beide überlegten, was aus dem Abend wohl noch werden würde. Sie hatten Angst vor dem, was der andere vielleicht erwartete, vor dem, was sie selbst noch nicht bereit waren, zu geben. Ihnen wurde kalt.

Das zwischen ihnen war etwas Einzigartiges und besonderes, es war zu schön, um es zu überstürzen, sie wollten in aller Ruhe genießen, wie es in ihnen wuchs und immer stärker wurde.
Sie beide wussten, dass es tatsächlich Liebe war. Diese Liebe war etwas Unvergängliches und sie waren sich dessen so sicher, dass sie sich in dieses Gefühl behutsam hineinfallen lassen konnten und es langsam und zart in sich aufblühen lassen wollten.
Bevor sie aber den Aufzug verließen, wusste Mulder, dass es ihm nicht ausreichte, es einfach nur zu wissen. Er wollte es ihr auch endlich zeigen.
Mit dieser Sicherheit griff er behutsam nach ihrer Hand und sie sah ihn überrascht aber mit erwartender Zärtlichkeit in die Augen. Ihre Blicke streichelten einander eine Sekunde und er lächelte sie an, so dass sie vor Glück fast zu zerspringen glaubte.
„Ich glaube, zwischen uns ist noch was offen“, lächelte er sie so zuckersüß an, dass sie es fast in der Luft schmecken konnte.
In diesem Moment schloss sich die Aufzugtür wieder und der Fahrstuhl verharrte in Stille, als warte er gespannt darauf, was nun kommen würde.
Dann beugte er sich zu ihr herunter und drückte ihr einen zärtlichen und langen Kuss auf die Wange, jedoch so nah an ihrem Mund, dass er ihren Atem auf seiner Haut fühlte und seine Lippen spürten, wie sich ihre zu einem Lächeln verzogen.
Sie neigte ihren Kopf ein wenig zu ihm und öffnete ihre Augen. Es war ihr unmöglich, in diesem Moment noch ihren Verstand einzusetzen, er war wie ausradiert und stattdessen flogen Milliarden winziger Schmetterlinge durch ihren Körper und um sie herum begann alles zu schwanken und zu verschwimmen.
Als hätte er ihren Blick auf seiner Haut gespürt, öffnete er auch seine und sah in ihrem leuchtenden blauen Funkeln, dass sie mehr wollte.

Er löste sich ein wenig, gerade so viel, wie er ertragen konnte, von ihr und zögerte für den Bruchteil einer Sekunde bevor er die Augen wieder schloss und mit seinen Lippen ihre ganz sanft erst berührte und dann streichelte, bis daraus ein ernster und intensiver Kuss wurde.
Er dauerte nicht länger als ein paar Sekunden, und er spürte, wie ihre Hände sich ganz langsam und zart auf seine Wangen legten, um ihn daran zu hindern, es schon enden zu lassen, wie sie sich ihm zitternd und voller Sehnsucht näherte. In seiner Brust fühlte er den warmen, elektrisierenden Schauer, der sich durch seinen ganzen Körper ausbreitete. Doch er wusste, es wäre falsch, diesem Gefühl jetzt schon nachzugeben und so griff er ihre Hände und zog sie liebevoll von seinen Wangen.
Er sah, wie dankbar sie ihm im tiefsten Inneren ihres Herzens dafür war, denn ihr Lächeln glich einem warmen glücklichen Goldregen und ihre Augen leuchteten geheimnisvoll auf. Sie konnten die Blicke nicht voneinander lösen, denn sie versuchten den anderen vollkommen zu absorbieren und wollten noch nicht in die Realität ihrer Vernunft zurückkehren. Bevor sie beide jedoch durch die atemberaubende Schwerelosigkeit in ihren Herzen den Halt verlieren und wieder schwach werden konnten, ging die Aufzugtür wieder auf und die tief stehende Abendsonne schien ihnen direkt durch die Eingangstür seines Apartmentgebäudes in die Gesichter.
Sie zuckten beinahe zusammen und schreckten ein wenig voreinander zurück, als hätten sie etwas Verbotenes getan. Ihre Hände umklammerten einander fest und sicher als sie das Gebäude verließen und zu seinem Wagen gingen.

Sein Herz hüpfte und er fühlte, wie sein Blut voller Leben durch seine Adern strömte. Nun wusste er endlich, wie weich ihre Lippen waren und mit dieser Erinnerung und ihrem Geschmack auf seiner Zunge würde er eine Weile zurechtkommen.
Zum ersten Mal erschien es ganz klar vor seinem inneren Auge, es war so offensichtlich, dass er sich fragte, wie er es all die Jahre hatte anzweifeln können. Er liebte sie. Und er wusste, es würde der Tag kommen, an dem sie den letzten Schritt wagen würden, doch noch genoss er dieses zarte aufkeimende Gefühl im Stillen.

Er drückte ihre Hand als diese neue Gewissheit in ihm ein warmes, beruhigendes Feuer entfachte, das ein helles Licht in seine Seele Hineinscheinen ließ und kribbelnde, warme Strahlen durch sein Herz schickte, die sich in einen warmen bunten Blütenschauer verwandelten, die in seinem Geist herabregneten und seinen Verstand benetzten.


ENDE


P.S. Die mit den schmutzigen Phantasien denken dieses Date jetzt zu Ende und die, die lieber diese Geschichte in die 6. Staffel einbauen würden, wissen, dass der nächste Kuss erst zum Millenniumswechsel kommt :0)

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JOSE CHUNG:
Then there are those who care not about extraterrestrials, searching for meaning in other human beings. Rare or lucky are those who find it. For although we may not be alone in the universe, in our own separate ways on this planet, we are all... alone.

 

Anm. Beta: Dank dieser FF habe ich endlich einen guten Draht zu meinem Fremdwörterbuch gefunden. Stand es doch seit Jahren im Schrank und verstaubte vor sich hin. Vielen Dank dafür *fg*