Titel: Der Tag danach
Autor: SRGD
Kontakt: SRGD_XF@web.de oder Cylysya@hotmail.com
Kategorie: MSR, X-File
Raiting: 13
Disclaimer: Fox Mulder, Dana Scully und alle weiteren Charaktere aus Akte X, die in dieser Geschichte vorkommen, gehören selbstverständlich mir und nicht Chris Carter, noch 20th Century Fox und schon gar nicht 1013 Productions! Ich habe sie mir auch nicht ausgeliehen und bitte hiermit auch nicht um Verzeihung, warum auch?! Sie gehören mir, mir und und noch mal mir!! Des Weiteren habe ich auf jeden Fall vor, mich an dieser Story zu bereichern! *ggg* Oh ... ach ... Moment … huch! Wartet, wartet, wartet, da sind mir gerade die Sicherungen durchgebrannt! Ich bitte vielmals um Entschuldigung! Natürlich ist das Gegenteil der Fall! *gröhl*
Short-Cut: (Es gibt bereits einige Autoren, die sich mit der Frage beschäftigt haben, was mit Mulder und Scully nach „The Truth“ passiert. Ich ebenfalls und ich hoffe, ihr habt viel Spaß!)
Nachdem Mulder und Scully aus den USA geflohen sind, um wenigstens in einer Zukunft ohne Angst leben zu können, müssen sie sehr bald feststellen, dass ihre alten Feinde, auch ihre neuen sein werden und dass auch die Zukunft nicht nur Positives mit sich bringt.
Anm. des Autors: Zuerst möchte ich Mel danken. Vielen lieben Dank, Mel, dass du mich immer unterstützt hast und mir Mut gemacht hast, auch wenn ich oft nicht zufrieden war. Ich möchte mich auch für das Betalesen bedanken, du weißt ja, das wird noch öfters auf dich zukommen *gg*. Ich drück dich und schmaaaaaaaaaaaaatz! Ein weiterer Gruß geht an Cat, die mich ermuntert hat, meine FFs hier zu veröffentlichen. Danke, Cat, auch deine FBs und Kommentare waren sehr wichtig und konstruktiv für mich! Merci Caty! Der letzte Gruß geht an Marina, die mich ebenfalls unterstützt hat und sich immer mein Gequengel angehört hat! *gg* Knuuuuutsch Mari!
Für alle anderen, die sich wirklich dazu gezwungen haben, diese FF zu lesen, gebührt natürlich auch großen Dank. Über Feedback freue ich mich immer!!!
Der Tag danach
Manchmal ist das Schicksal furchtbar grausam. Gerade dann, wenn man ein Tief überwunden hat und sich auf ein Hoch freut. Manchmal hat man das Gefühl, dass das Schicksal ungerecht ist und immer wieder besonders hart bei den gleichen Menschen zuschlägt. Meistens kommen die Tiefen hintereinander und es bleibt keine Zeit, sich über ein Hoch zu freuen. Vielleicht sind es gerade die Höhen und Tiefen, die unser Leben interessant machen. Die Abwechslung macht das Leben nie langweilig. Das Schicksal bestimmt unser Leben und es fragt nicht, ob uns recht ist, wenn es uns besuchen kommt...
Es war ein Freitag im November und die Sonne zeigt sich zum letzten Mal in diesem Jahr. Die Blätter hatten sich bunt gefärbt und fielen von den Zweigen. Trotz der ungewöhnlichen Temperaturen blies ein kalter Wind.
Eine Frau, mit schulterlangem blondem Haar, saß in ihrem Explorer und fuhr die Hauptstraße entlang. Sie fuhr Tempo 90, was außerorts keine Geschwindigkeitsüberschreitung war. Sie war auf dem Nachhauseweg. Den Job, den sie als Ärztin im städtischen Krankenhaus angenommen hatte, war zwar schön, aber auch anstrengend.
Eigentlich war ihr Name Dana Katherine Scully, jetzt jedoch trug sie einen anderen Namen. Sie war untergetaucht und hatte sich eine neue Identität verschafft. Sie lebte in dem Land, welches der kleinste Kontinent der Welt war, in einem kleinen Ort etwas außerhalb der Stadt.
Dennoch holte sie die Vergangenheit immer wieder ein. Sie dachte täglich an ihren Sohn. Die Entscheidung, ihn weggegeben zu haben, lag ihr schwer auf der Seele und sie hatte angefangen daran zu zweifeln, ob sie sich damals richtig entschieden hatte. Ihr Verstand sagte ihr, dass es so das Beste für ihn gewesen war, aber ihr Herz sagte etwas anderes. Sie hätte ihn niemals hergeben dürfen. Sie hätte alles in ihrer Macht Stehende tun müssen, um ihn zu beschützen und trotzdem bei sich zu haben.
Sie seufzte und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit dem Straßenverkehr. Sie musste aufhören sich selbst die Schuld zu geben, sonst würde sie am Ende daran zerbrechen. Wenigstens war ihr ein geliebter Mensch geblieben und sie war froh, dass er bei ihr war. Der Vater des Kindes, den sie geheiratet hatte, und jetzt freute sie sich auf ein gemeinsames Wochenende.
Das Auto, ein Sportwagen, kam von links. Es war unmöglich für sie, ihn zu sehen. Sie hätte ihn auch nicht sehen können, wenn sie Augen wie ein Chamäleon gehabt hätte. Der Wagen kam ungebremst und er würde keinesfalls die Vorfahrt beachten.
Eine Sekunde vor dem Aufprall erkannte Scully den Wagen. Sie versuchte noch auszuweichen, doch der Wagen stieß mit voller Wucht gegen ihren linken Kotflügel. Durch die Stärke des Aufpralls verlor sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Mit hoher Geschwindigkeit rauschte sie auf einen Baum zu und prallte frontal dagegen. Der Explorer kippte zur Seite und fiel einen Abhang hinunter, wobei er sich mehrmals überschlug. Er blieb auf dem Dach liegen, und wären Spaziergänger nicht Zeugen dieses Unfalls geworden, hätte niemand das Wrack für ein Auto gehalten.
Der Unfall hatte gerade zehn Sekunden gedauert.
Für Scully bedeutete er eine Ewigkeit.
Sie war bei Bewusstsein, als der Wagen aufschlug, und hörte sogar die Stimmen der Leute, die den Abhang herunter gerannt kamen.
Ihr Gesicht hatte nicht einen einzigen Kratzer abbekommen und sie hatte auch keine Schmerzen. Sie war einzig und allein etwas benommen. Sie war Ärztin und durch ihre Erfahrung wusste sie, dass der Schock Schmerzen unterdrücken konnte.
Am Fenster tauchte das Gesicht eines Mannes auf. Seine Lippen bewegten sich, und auch wenn sie sich noch so anstrengte, sie konnte nicht verstehen, was er zu ihr sagte.
Manchmal passierten schlimme Unfälle und die Leute trugen keine Verletzungen davon. Vielleicht war es bei ihr genauso. Im selben Moment wusste sie aber, dass es nicht so war.
Sie konnte ihre Beine nicht mehr bewegen.
Ihr letzter Gedanke galt Mulder, dann verlor sie das Bewusstsein.
Zuhause, in einer kleinen Blockhütte, lief Fox Mulder nervös durch das Wohnzimmer, in dem ein Feuer im offenen Kamin brannte. Es war Abend geworden und der Nebel bedeckte die weiten Felder und machte die Sicht schwer. Mulder blieb am Fenster stehen und sein Blick schweifte in die Ferne. Er machte sich Sorgen. Scully hatte früh am Morgen das Haus verlassen und war zur Arbeit gefahren. Er war eine Stunde später gefahren, um als Lehrer an einem College zu unterrichten. Er hatte es bereits vier Mal auf ihrem Handy versucht, aber es war ausgeschaltet. Sie hatten sich extra den Mittag freigenommen, um endlich wieder ein gemeinsames Wochenende verbringen zu können, was aufgrund ihrer Fulltimejobs oft unmöglich war. Mulder sah auf die Uhr über dem Kamin. Der Zeiger wanderte immer weiter auf die Zwölf zu und bald würde es 21:00 Uhr sein. Langsam wurde er unruhig und er hoffte, in der Ferne die Scheinwerfer ihres Autos ausmachen zu können. Doch es kam kein Auto.
Ungeduldig lief er auf und ab. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Warum kam sie nicht? War ihr etwas passiert? Es war überhaupt nicht ihre Art. Nein, es war total untypisch für sie. Sie war immerzu pünktlich gewesen oder hätte ihn wenigstens angerufen, dass sie später kommen würde.
“Dana, wo bist du?“ fragte er leise und benutzte dabei ihren richtigen Namen. Er war alleine und ging deshalb kein Risiko ein.
Er lehnte sich auf das Fensterbrett und plötzlich bohrten sich zwei Lichtstrahlen durch den Nebel.
Er atmete auf. Das war sie. Das musste sie sein.
Mulder kniff die Augen zu und musste feststellen, dass das Auto kein Explorer war. Es schoss ihm wie ein Blitz durch den Kopf: Es musste etwas passiert sein.
Gehetzt lief er zur Haustür und riss sie auf. Ein Streifenwagen hielt vor dem Haus und ein junger Polizist stieg aus. Mulder rannte ihm entgegen.
“Officer?“
„Mr. Moore?“
Mulder nickte. Er hatte sich bereits daran gewöhnt, dass die Leute ihn mit seinem neuen Namen ansprachen.
Der Officer sah den ehemaligen FBI-Agenten ernst an.
“Ihre Frau hatte vor fünf Stunden einen schweren Autounfall. Es tut mir leid.“
Mulder starrte ihn geistesabwesend an. Die Worte des Officers hallten in seinem Kopf wider und Mulder fühlte, wie ein komisches Gefühl in seiner Magengegend aufstieg. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und er fühlte sich plötzlich so unglaublich leer.
„Kommen Sie, “ sagte der junge Polizist, „steigen Sie ein. Ich werde Sie zum Krankenhaus fahren.“
Mulder nickte dankbar. Er wäre jetzt nicht im Stande gewesen, selber zu fahren. Er hastete zur Tür zurück, schloss sie ab und stieg in den Streifenwagen. Die Fahrt in die Stadt dauerte zehn Minuten, von dort aus waren es noch mal acht Minuten bis zum Krankenhaus.
„Wissen Sie schon was Näheres?“ fragte Mulder den Polizisten im Auto.
„Nein, tut mir leid. Ich hatte nur den Auftrag. Sie zu unterrichten und ins Krankenhaus zu bringen.“
Mulder sah zum Fenster hinaus, wandte sich aber sofort wieder an den Polizisten. Er konnte nicht einfach still hier sitzen und warten, bis sie da waren. Es machte ihn wahnsinnig, nicht zu wissen, was mit Scully war.
„Wie ist der Unfall passiert?“
„Ein anderer Autofahrer hat ihr an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen. Wir gehen davon aus, dass er mit mindestens 100 Stundenkilometer auf ihren Kotflügel geprallt ist. Sie hat dann die Kontrolle über ihren Wagen verloren.“
Mulder starrte den Polizisten an. Das war ein reinstes Schauermärchen, was er ihm erzählte, aber er wollte wissen, was passiert war. Er musste es wissen.
Der Polizist sah Mulder prüfend von der Seite an, er wollte ihm keine Angst machen, aber er kam zu dem Schluss, dass Mulder die Wahrheit vertragen konnte.
„Sie ist frontal gehen einen Baum gefahren. Der Wagen ist dann einen Abhang hinuntergefallen und hat sich dabei mehrmals überschlagen.“
Mulder schluckte schwer.
Zusammengesunken, als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen, saß Mulder auf dem Wagensitz. Der Schock überkam ihn, aber er behielt die Nerven. Wenn er jetzt durchdrehen würde, konnte er Scully keinesfalls helfen und er musste unbedingt zu ihr.
Als sie am Krankenhaus ankamen, sprang Mulder aus dem Wagen und rannte hinein.
„Cara Moore! Ich suche Cara Moore, “ rief er der Empfangsdame zu, als er in die Aula gerannt kam.
Die anderen Patienten drehten sich neugierig nach ihm um. Er war der Einzige, der hier, fast hysterisch, herumschrie.
Die Frau tippte Scullys Pseudonymnamen in den Computer.
„Sie liegt auf der Intensivstation...“
Mulder rannte los.
„Hey, Sie...“
Aber Mulder hörte schon gar nicht mehr, was sie sagte. Er sprintete zum Treppenhaus und rannte weiter bis in den 2. Stock. Er schlug auf den Knopf, der die Tür zur Intensivstation öffnete, und rannte auf einen Arzt zu.
„Cara Moore ...“ rief er und wollte eine Tür aufreißen, doch der Arzt hielt ihn zurück.
„Warten Sie. Sie können da nicht einfach rein.“
„Bitte ... ich muss zu ihr“, stammelte er außer Puste.
„Jetzt beruhigen Sie sich erst mal, dann werden wir über alles reden.“
Mulder sah ihn an. Er war zu sehr fertig, um ihm zu widersprechen.
Sie hatten sich in eine Sitzecke zurückgezogen und nebeneinander Platz genommen. Der Arzt war etwa in Mulders Alter und hatte sich als Dr. Alex Standton vorgestellt.
„Sie sind also ein Verwandter von Mrs. Moore?“
„Ich bin ihr Ehemann. David Moore.“
Sie schüttelten sich kurz die Hand.
„Wie geht’s ihr?“
Der Arzt holte tief Luft und seufzte.
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Mr. Moore, nicht gut. Wir mussten sie aufgrund der schweren Verletzungen in ein künstliches Koma versetzen. Sie hat ein Schädelhirntrauma erlitten, wodurch ihre Schädeldecke angebrochen wurde. Ihr Gehirn ist geschwollen und wir können ihre Schädeldecke nicht schließen, bevor ihr Gehirn nicht wieder auf die normale Größe abgeschwollen ist, da wir es sonst verletzen würden. Außerdem hat sie eine schwere Schwellung des Rückenmarks. Sie hat einige gebrochene Wirbel und wir vermuten, dass Knochenfragmente in den Rückenmarkskanal eingedrungen sind. Das bedeutet, dass wir auch hier warten müssen bis diese Schwellung sich normalisiert hat, erst dann können wir operieren.“
Mulder ließ sich auf die Couch zurückfallen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Starr sah er auf den Boden. Tränen liefen über seine Wangen.
Warum, um Gottes Willen, musste das passieren? Warum hatte es gerade sie getroffen? Und warum in solch einer schlimmen Weise? Gerade jetzt, als sie wieder angefangen hatten zu leben und sich etwas Neues aufgebaut hatte. Warum nur? Das war einfach nicht fair.
Mulder hob den Kopf und der Arzt sah, dass seine Augen feucht waren.
„Was können wir tun?“ fragte er leise.
„Wir können eigentlich nur abwarten.“
Abwarten.
Abwarten?
Mehr konnten sie nicht tun?
„Kann ich zu ihr?“
Der Arzt erhob sich.
„Natürlich. Kommen Sie mit.“
Mulder folgte dem Arzt und er war nicht auf das vorbereitet, was er sehen würde.
Mulder spürte, wie sein Herz aussetzte. Er blieb in der Tür stehen und lief dann langsam auf das Bett zu. Der Arzt folgte ihm und blieb hinter ihm stehen. Keiner sprach ein Wort und dann ließ der Arzt Mulder alleine.
Mulder stand wie angewachsen vor der Bett, in dem Scully lag. Sein Herz krampfte sich schmerzvoll zusammen und Tränen rannen über seine Wangen. Es war furchtbar, sie so zu sehen.
Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, ihre Lippen waren blutleer. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Brustkorb hob und senkte sich rhythmisch zum Geräusch der Beatmungsmaschine. Ein dicker Schlauch führte von dem Gerät bis tief in ihre Luftröhre. Ihr Kopf war bandagiert und in ihren Armen steckten Kanülen. Das EKG gab ein gleichmäßiges Piepsen von sich.
Es war derselbe grausame Anblick wie damals, als sie nach ihrer Entführung im Koma gelegen hatte.
Mulder ging vor dem Bett auf die Knie und nahm ihre Hand in seine. Sie sah so zerbrechlich aus, als hätte der Tod bereits über sie gesiegt.
Er wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Dana“, sagte er leise, als würde seine Stimme ihren Zustand verschlimmern, „Dana, ich ...“
Er brach ab und versuchte seine Tränen hinunterzuschlucken.
„Oh, Dana“, stammelte er und legte seinen Kopf neben ihren Arm.
Warum musste das gerade ihnen passieren? Hatten sie nicht schon genug durchgemacht? Wie viel war ihnen in den letzten Jahren widerfahren? Warum konnte das Schicksal sie nicht einmal in Ruhe lassen? Was hatten sie verbrochen, dass ihnen immer schlimme Dinge passierten? Waren die Flucht und die Trennung von William nicht genug gewesen?
Vorsichtig berührte er ihre Wange.
„Du musst kämpfen, Dana. Du musst für uns kämpfen. Ich brauche dich. Es gibt so viel, wofür es sich zu leben lohnt.“
Er streichelte ihre Wange, während Tränen über sein Gesicht liefen.
„Ich liebe dich.“
Irgendwann kam eine Schwester vorbei und brachte ihm eine Decke. Er hatte sich in einen Stuhl neben ihrem Bett gesetzt und war die ganze Nacht bei ihr geblieben. Er hatte ihre Hand gehalten und er würde so lange bleiben, bis es ihr besser ging.
Zwischendurch war Mulder eingeschlafen und erst, als es dämmerte, wieder wach geworden. Er setzte sich aufrecht hin und fuhr sich durch die Haare. Sein Blick wanderte zu Scully. Sie lag genauso da wie am Tag zuvor und ihr Zustand hatte sich nicht gebessert.
Seine Knochen schmerzten und er stand auf. Er fröstelte. Er musste irgendetwas Warmes zu sich nehmen. Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie zärtlich auf die Stirn.
„Ich bin sofort wieder da“, sagte er leise und verließ das Zimmer.
Mulder trat auf den Gang hinaus und sah sich nach einem Kaffeeautomaten um. Er ging den weißen, sterilen Flur entlang und kam zu einem Schild. Die Cafeteria befand sich im Erdgeschoss. Er zögerte kurz, denn er wollte Scully auf keinen Fall alleine lassen, aber wenn er nicht bald etwas zu sich nahm, dann würde er nicht mehr lange durchhalten können.
Er betrat den Fahrstuhl und drückte den Etagenknopf. Er fuhr nach unten und die Türen öffneten sich. Dieser Flur erinnerte ihn an das FBI-Gebäude, in dem er und Scully so oft entlang gegangen waren. Plötzlich kamen die alten Erinnerungen wieder hoch und ehe er sich versah, hatte er sich geistesabwesend einen Kaffee gekauft und war wieder auf die Station zurückgekehrt.
Ein durchdringendes schrilles Piepsen ließ ihn in die Realität zurückschrecken.
Wie angewurzelt blieb er stehen und entsetzt sah er zu, wie plötzlich Ärzte und Schwestern in das Zimmer rannten, in dem Scully lag.
Er ließ seinen Becher fallen und hastete zur Tür.
Zwei Ärzte beugten sich über Scully, und Krankenschwestern liefen gehetzt durch den Raum.
Er wollte gerade das Zimmer betreten, als ein Krankenpfleger sich ihm in den Weg stellte.
„Mr. Moore...“, sagte er und hob die Hände.
„Ich muss zu ihr, bitte“, gab Mulder zurück und versuchte, über seine Schultern hinweg ins Zimmer zu schauen.
„Bitte, Sir. Die Ärzte werden alles tun, was in ihrer Macht steht. Sie können ihr nicht helfen.“
Der Pfleger schloss die Tür und ließ Mulder auf dem Gang zurück.
Mulder wusste nicht mehr, wie lange er in dem Besucherzimmer gesessen hatte, aber als Dr. Standton, in grüner Operationskleidung, hereinkam, wusste Mulder, dass es lange gewesen sein musste.
Der Arzt setzte sich neben ihn und zog die Operationshaube vom Kopf. Er sah ziemlich fertig aus, erschöpft und ausgelaugt. Zwei Sekunden blieb er ruhig sitzen und sah Mulder dann an.
„Wir mussten sie Notoperieren. Wir haben ihr Herz ständig mit Elektroschocks behandelt, aber es blieb immer wieder stehen. Wir mussten die Elektroschocks am offenen Herzen durchführen.“
Mulder wusste, was das bedeutete: Sie hatten ihren Brustkorb geöffnet, um das Herz besser stimulieren zu können.
Er verzog keine Miene und sah den Arzt immer noch mit fragendem Blick an.
„Ihr Herz schlägt jetzt wieder regelmäßig, aber sie steht ständig unter Beobachtung. Mr. Moore ...“ sagte der Arzt, brach ab und sah Mulder mit ernstem und mitfühlendem Blick an.
„...ihr Zustand verschlechtert sich zunehmend. Um ihn zu verbessern, müssten wir sie operieren, was aber nicht geht, da möglicherweise irreparable Schäden zurückbleiben können. Die nächste Herzattacke wird sie nicht überleben.“
Mulder konnte den Blick des Arztes nicht mehr ertragen und drehte seinen Kopf zur Seite. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass seine Augen ständig mit Tränen gefüllt gewesen waren, und augenblicklich liefen sie wieder seine Wange hinab. Er seufzte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er war fertig mit den Nerven und seine Kraft war verbraucht. Das Einzige, was er hörte, waren schlechte Nachrichten. Er wollte nur einmal etwas Gutes hören, etwas woran er all seine Hoffnung knüpfen konnte.
„Ich hätte einen Vorschlag, aber er bleibt sehr umstritten.“
Mulder sah ihn wieder an.
„Wir könnten sie trotz des hohen Risikos operieren. Sie sind ihr nächster Verwandter, die Entscheidung liegt bei Ihnen.“
„Wie stehen die Chancen, wenn sie nicht operiert wird?“
„Nicht sehr gut. Wahrscheinlich wird sie die Nacht nicht überleben.“
„Was kann passieren, wenn sie operiert wird?“
„Sie könnte für immer querschnittsgelähmt sein und Schäden am Gehirn könnten zurückbleiben, was bedeutet...“
Mulder hob die Hand. Er brauchte keine weiteren Erklärungen, er wusste sehr gut, was das bedeutete. Er schloss die Augen und blieb einige Sekunden lang ruhig sitzen, dann stand er auf.
„Ich muss zu ihr“, murmelte er und lief zur Tür.
„Mr. Moore ...“
Mulder drehte sich zu ihm um.
„Ich kann diese Entscheidung nicht treffen. Ich kann nicht entscheiden, wie sie in Zukunft sein wird. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass sie möglicherweise im Rollstuhl sitzt oder den Rest ihres Lebens vor sich hin vegetiert. Verstehen Sie das? Ich ... ich liebe sie und ich will ihr keine unnötigen Schmerzen zufügen.“
Die letzten Worte kamen nur noch bruchstückweise.
Dr. Standton nickte verständnisvoll und Mulder verließ das Besucherzimmer.
Währenddessen in einem Bundesstaat der Vereinigten Staaten.
Vier vermummte Gestalten rannten gebückt über den Hof eines Farmerhauses. Es war das einzige Haus weit und breit. Es stand mitten auf dem Land und der nächste Nachbar war zehn Kilometer entfernt. Es war ein friedlicher Ort, weit weg von den täglichen Gefahren einer Großstadt. Darum sah auch keiner die vier Gestalten und keiner hätte die Bewohner des Farmerhauses warnen können.
Sie rannten um das Haus herum, zum Hinterausgang. Unter dem Arm trugen sie Maschinenpistolen. Sie trugen schwarze Kleidung und nur ihre Augen waren unvermummt geblieben. Sie warfen sich mit dem Rücken gegen die Mauer des Hauses, genau neben der Tür. Zwei auf der rechten Seite und zwei auf der linken Seite. Nach drei Sekunden schlug der Hund der Familie an, genauso wie sie es geplant hatten. Sie hörten den Mann beruhigend auf den Hund einreden und Schritte, die näher kamen.
Die beiden an der Tür stehenden Personen nickten einander zu.
Die Tür wurde geöffnet ... und der Hund rauschte in hoher Geschwindigkeit nach draußen und der Mann trat auf die Schwelle der Tür hinaus.
Zwei der Personen rissen die Maschinenpistolen herum und eröffneten das Feuer auf den Hund. Die beiden Anderen traten in das Sichtfeld des Mannes und bevor ihm irgendeine Reaktion blieb, trafen zwei Kugeln ihn genau in die Brust. Er fiel zu Boden und war sofort tot.
Die Gestalten betraten das Haus und teilten sich erneut durch Handzeichen auf. Zwei betraten die Küche, während die anderen Beiden die Zimmer durchsuchten.
Der angsterfüllte Schrei einer Frau war zu hören und darauf zwei weitere Schüsse.
Eine der vermummten Gestalten kam in das Kinderzimmer und blieb vor dem Kinderbettchen stehen. Darin lag ein 1-jähriges Kind und schlief. Die drei anderen Gestalten kamen ebenfalls in das Zimmer und blieben hinter der ersten Person stehen.
Sie hatten gefunden, was sie gesucht hatten.
Die erste Person zog sich die Maske vom Kopf.
Eine attraktive Frau mit rotbraunen, gelockten Haaren sah lächelnd auf das schlafende Kind herunter. Die Anderen taten es ihr gleich und nahmen die Masken ebenfalls ab. Zum Vorschein kamen drei Männer. Ein Mann mit schwarzen Haaren stellte sich neben die Frau. Ganz offensichtlich waren sie die Köpfe dieser Einheit.
„Ist er das?“ fragte der Mann.
Die Frau lächelte immer noch.
„Ja, das ist er.“
Sie reichte dem Mann ihre Maske und die Maschinenpistole, dann beugte sie sich zu dem schlafenden Kind hinunter. Sie hob den Jungen aus seinem Bett und nahm ihn auf ihren Arm. Liebevoll betrachtete sie den Jungen, der kurz die Augen aufschlug, sie aber nicht als Fremde sah, und schließlich weiter schlief.
„Jetzt kommt er dahin, wo er schon immer hätte sein sollen: Zu seinen richtigen Eltern, “ sagte sie.
Der Mann und die Frau sahen sich an und schmunzelten dann. Die beiden Männer im Hintergrund lächelten ebenfalls.
Sie hatten ihre Mission fast erfüllt, jetzt galt es, sie zu beenden.
Sie verließen das Haus auf den gleichen Weg, wie sie eingedrungen waren, und liefen in den nahe gelegenen Wald.
Mulder saß an Scullys Bett und hielt ihre Hand.
Er hatte eine Entscheidung zu treffen, doch er hatte keine Ahnung, welches die richtige war...
Die vier Leute hatten sich um ein Lagerfeuer tief im Wald versammelt. Drei Zelte waren hinter ihnen aufgebaut worden. In einem der Zelte schlief der Junge.
Der schwarzhaarige Mann beobachtete die Frau, die geistesabwesend ins Feuer starrte. Sie hatten bisher kein Wort miteinander gewechselt, seit sie das Farmerhaus verlassen hatten. Aber sie brauchten nicht miteinander sprechen, sie konnten auf andere Weise kommunizieren. Er erhob sich und ging langsam zu den Zelten hinüber.
Eine weitere Person schlich sich aus der Dunkelheit an und öffnete leise die Zeltklappe. Sie ging in das Zelt hinein und sah den Jungen, friedlich schlafend, in einem Schlafsack liegen. Sie lächelte und wollte sich hinunterbeugen, um ihn auf den Arm zu nehmen, als sie plötzlich einen Gegenstand in ihrem Nacken spürte. Abrupt hielt sie in ihrer Bewegung inne.
„Was machen Sie da?!“
Langsam erhob sie sich und drehte sich zu dem Mann um.
„Sie sind wohl eine kleine Spionin.“
Er richtete die Waffe auf sie und spannte den Hahn...
Dann ertönte ein Schuss.
Der Mann fiel zu Boden und die Frau atmete beruhigt aus. Ein weiterer Mann erschien im Zelteingang und grinste die Frau an.
„Gerade im richtigen Moment.“
Monica Reyes lächelte.
“Danke, John.”
Ihr Partner lächelte zurück.
„Los, beeilen Sie sich, Monica. Nehmen Sie William und gehen Sie, bevor es hier gleich nur so von Agenten wimmelt.“
Monica nickte, nahm William auf den Arm und packte die Tasche, in der sich die Babysachen befanden. Sie lief zum Zeltausgang.
„Monica ....“
Sie dreht sich zu ihm um und sah sein besorgtes Gesicht.
„Seien Sie vorsichtig.“
„Das werde ich“, sagte sie und verließ das Zelt.
John Doggett sah zu der Leiche hinunter, die zu seinen Füßen lag, eher er ebenfalls das Zelt verließ.
Er schlich unbemerkt zum Lagerfeuer zurück und stellte sich mit erhobener Waffe in die Lichtung.
„Keine Bewegung! FBI!“
Die drei Leute schreckten hoch und griffen nach ihren Feuerwaffen, doch im selben Augenblick waren sie von zwanzig FBI-Agenten umstellt, die ihre Waffen auf sie richteten. Sie saßen in der Falle. Hier würden sie auf keinen Fall lebend raus kommen. Die rothaarige Frau ließ als erste ihre Waffe sinken, und als sie John Doggett erblickte, lächelte sie.
Während die drei Verdächtigen abgeführt wurden, gesellte sich der Einsatzleiter zu Doggett, der sich gegen einen Baumstamm gelehnt hatte.
„Wir haben die Zelte untersucht. Der Junge ist verschwunden.“
Doggett sah den großen, blonden Mann an und zuckte mit den Schultern.
„Dann hat ihn wahrscheinlich jemand abgeholt.“
„Wie meinen Sie das?“
Doggett seufzte.
„Wahrscheinlich haben sie sich hier mit jemandem getroffen, der das Kind mitgenommen hat. Anders kann ich mir es nicht erklären. Wir haben die Mörder der Adoptiveltern, darüber sollten wir froh sein, “ sagte er und lief los.
„Agent Doggett“, rief der Einsatzleiter.
Doggett blieb stehen und drehte sich zu ihm um.
„Verarschen Sie mich nicht, Agent Doggett. Ich mag es gar nicht, wenn man mich verarscht, “ drohte er und die beiden Männer funkelten sich an.
Dann setzte sich Doggett wieder in Bewegung und ging zu den Autos. Der Einsatzleiter sah ihm hinterher und schüttelte den Kopf.
Monica Reyes hatte inzwischen den geparkten Wagen erreicht und setzte William in den Kindersitz. Der Junge schlief immer noch, als würde ihm der ganze Rummel überhaupt nichts ausmachen. Er war so ein liebes Kind und sie strich ihm sanft über die Wange. Ein Gefühl regte sich in ihrer Brust, an das sie niemals gedacht hätte... Sie herrschte sich zur Konzentration an und stieg hastig in den Ford Taurus ein. Sie durfte keine Zeit verlieren und solche Überlegungen hielten sie nur unnötig auf.
Sie ließ den Motor an und trat das Gaspedal durch.
Während sie den Wald verließ und auf die Bundesstraße abbog, zog sie ihr Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer.
Mulder stand auf einem der Gänge des Krankenhauses. Er hatte seine Stirn gegen die Fensterscheibe gedrückt und sah nach draußen. Es war bereits dunkel geworden und Mulder hatte jedes Zeitgefühl verloren. Es war ihm auch egal. Er hatte jetzt wichtigeres zu tun. Er musste eine Entscheidung treffen.
Plötzlich klingelte es und Mulder zog verunsichert sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke. Er drückte die Abnehm-Taste und hob das Telefon an sein Ohr.
„Hallo?“ fragte er leise.
„Agent Mulder?“
Erneut sah er sich um. Keiner hatte ihn, seit er und Scully hierher gezogen waren, mit Agent Mulder angesprochen. Keiner wusste, dass er einmal für das FBI gearbeitet hatte oder woher er und Scully wirklich kamen.
„Wer ist da?“
„Agent Mulder, ist es jetzt sehr wichtig, dass Sie mir zuhören.“
Irgendwoher kannte er diese Stimme.
„Sie müssen mir jetzt unbedingt zuhören.“
Stocksteif stand er da und lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung.
Im Staatsgefängnis von Maryland stand John Doggett in einem der Vernehmungszimmer. Die Hände in die Hüften gestemmt, lief er im Zimmer auf und ab. An dem einzelnen Tisch in der Mitte saß die rotbraunhaarige Frau. Sie hatte die Arme vor der Brust verkreuzt und folgte mit trotzigem Blick seinen Schritten. Die beiden anderen Männer saßen in Einzelhaft.
Doggett wusste nicht, ob sie mitbekommen hatte, dass einer ihrer Begleiter tot war.
„Zum letzten Mal: Warum haben Sie diese Menschen getötet?“
Sie antwortete nicht.
„Und was wollten Sie mit dem Jungen?“
Wieder welkte sie sich in Schweigen.
Doggett seufzte.
„Hören Sie, Sie werden in ein paar Tagen vor Gericht gestellt. Sie werden angeklagt werden und mich würde es sehr wundern, wenn Sie nicht zum Tode verurteilt werden. Wenn Sie jetzt reden, dann wirkt sich das sicherlich positiv auf Ihre Strafe aus.“
Sie legte den Kopf schief und grinste listig.
Plötzlich hatte Doggett das Gefühl, sie von irgendwoher zu kennen. Ihre blauen Augen und die Form ihrer Lippen erinnerten ihn an jemanden, aber an wen?
„Also, warum mussten diese Leute sterben und was wollten Sie mit William?“
Sie sah zur rechten Wand und dann wieder zurück zu ihm.
„Ich werde Ihre Fragen beantworten, aber nicht hier.“
Wenige Minuten später wurde Doggett bewusst, dass es doch noch einen Menschen gab, der paranoider war als Fox Mulder.
Sie spazierten durch den Gefängnisgarten. Die Hände der Frau waren hinter ihrem Rücken in Handschellen gefesselt. Sie trug den orangefarbenen Overall, der typisch für Gefangene war.
„Warum wollen Sie hier draußen mit mir sprechen?“
„Weil es im Gefängnis nicht abhörsicher ist.“
Doggett lachte auf.
„Das ist ein Gefängnis.“
„Genau deswegen.“
Schweigend liefen sie nebeneinander her.
„Wer sind Sie?“
„Das spielt keine Rolle.“
„Ich glaube, ich weiß wer Sie sind. Sie sind Supersoldaten.“
Die Frau schmunzelte.
„Wir sind weder Supersoldaten, noch sind wir irgendwelche Aliens. Wir sind Menschen, aber besondere Menschen ...“
„Inwiefern?“
Er sah sie an, während sie liefen.
„Wir sind ... wie Gibson Praise.“
Abrupt blieb Doggett stehen. Er musste sich verhört haben, gleichzeitig wusste er aber, dass er richtig gehört hatte.
Er holte zu ihr auf.
„Was bedeutet das?“
„Wir können Gedanken lesen. Das heißt, ich und der Mann ... den Sie erschossen haben. Die anderen Beiden haben nichts damit zu tun. Lassen Sie sie gehen. Sie haben nichts mit dem Mord zu tun.“
Er glaubte ihr nicht. Dennoch würden sie wahrscheinlich davon kommen, wenn sie die ganze Schuld auf sich nehmen würde.
„Warum haben Sie diese Menschen umgebracht?“
Sie zögerte und Doggett glaubte, so etwas wie Bedauern in ihren Augen zu sehen.
„Es ging nicht anders. Wir brauchten das Kind.“
„Und warum?“
„Wir wollten ihn zurück bringen.“
„Zurück? Zurück zu wem?“
Sie blieben stehen und die Frau sah ihm direkt in die Augen.
„Wohin auch Ihre Partnerin jetzt mit ihm unterwegs ist.“
„Woher wissen Sie ...“
Er brach ab und sah das Lächeln, das über ihr Gesicht huschte. Dann nickte er verstehend - Sie konnte Gedanken lesen.
„Das ist es, was Sie nicht verstehen wollen. Wir wollen Beide das Gleiche, aber wir haben uns selbst in Gefahr gebracht. Jeder, der von Mulders und Scullys Aufenthaltsort weiß, ist in Gefahr. Ihre Partnerin schwebt in Lebensgefahr, weil Sie sie mit dem Kind gehen ließen.“
Doggett schüttelte energisch den Kopf.
„Unmöglich. Keiner weiß, wo sie hin ist, nur ich. Die anderen Agenten wissen nicht, dass ich sie mit William gehen ließ.“
Sie blieb stehen.
„Glauben Sie wirklich, dass das Telefon, das Ihre Partnerin benutzt, abhörsicher ist? Haben Sie das bis zum Schluss überprüft?“
In Sekundenschnelle stieg in Doggett das Gefühl der Panik hoch. Wenn sie wie Gibson war, dann wusste sie über alles Bescheid. Ihm schwante Böses und mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass sie nicht nur Monica mit ihrer unüberlegten Aktion in Gefahr gebracht hatten, sondern auch Scully und Mulder.
Monica Reyes betrat die große Halle des National Airports von Maryland. Es herrschte Hochbetrieb und viele Menschen hielten sich am Flughafen auf. Sie ließ sich auf eine freie Bank nieder und seufzte. Auch wenn diese Taxifahrerin noch so nett gewesen war, sie hatte nur mit einem Ohr zugehört. In Wirklichkeit dachte sie an diese Aktion hier, die ihr Kopfschmerzen bereitete. Sie sah auf William hinunter, der schlafend in ihren Armen lag. Wie gut, dass der Kleine noch nicht verstand, wie viel Aufsehen um ihn gemacht wurde, und dass sogar Menschen sterben mussten, damit er weiterleben konnte. Ein Kind aus seiner vertrauten Umgebung zu reißen, war, weiß Gott, keine gute Idee, aber William war noch zu klein, um den Unterschied wirklich zu merken.
Ihr Handy klingelte.
„Monica Reyes“, meldete sie sich.
„Monica, hier ist John.“
„John, stimmt irgendwas nicht?“
„Ich bin mir nicht sicher. Wo sind Sie?“ fragte er.
„Ich bin am Flughafen. Meine Maschine geht in etwa einer halben Stunde. John, was ist los?“
John Doggetts Stimme gefiel ihr ganz und gar nicht. Er hörte sich sehr besorgt an.
„Monica, ich weiß nicht, ob Ihnen jemand gefolgt ist. Möglicherweise weiß jemand davon Bescheid, was wir vorhaben und ist Ihnen auf den Fersen.“
„Was?! Aber ich dachte, wir wären die Einzigen, die hierüber Bescheid wissen, “ gab sie zurück und sah sich misstrauisch um. Es war unmöglich, in dieser Menschenmenge jemanden auszumachen, der sie beobachtete und verfolgte.
„Ich bin mir eben nicht sicher. Man hat mir den Tipp gegeben, das Ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.“
„Wer?“ wollte sie wissen, aber er ging nicht auf ihre Frage ein.
„Hören Sie zu, Monica, es ist jetzt absolut wichtig, dass Sie sich genau an unsere Abmachung halten. Reden Sie mit niemanden, lassen Sie sich auf kein Gespräch ein. Steigen Sie einfach in Ihr Flugzeug. Wenn jemand Sie anspricht oder wenn jemand Hilfe braucht, dann werden Sie sich nicht darum kümmern und einfach das machen, was wir besprochen haben. Bleiben Sie dort, wo viele Menschen sind, dann kann Ihnen nichts passieren, “ erklärte er ihr und seine Stimme nahm einen dringlichen Ton an. Es war ihm wirklich ernst.
„Ich werden eine Maschine später nehmen. Wenn Sie in Australien ankommen, dann halten Sie sich genau an unseren Plan und warten, bis ich bei Ihnen bin.“
Monica drückte den Hörer fest an ihr Ohr und sah sich erneut um. Sie blickte zu William, der immer noch die Augen geschlossen hatte.
„In Ordnung, John“, sagte sie und legte auf.
Sie blieb noch einige Minuten sitzen und begab sich dann zum Terminal um einzuchecken.
Doggett legte auf seiner Seite auf und drehte sich zu der Frau herum. Sie waren wieder in das Vernehmungszimmer zurückgekehrt.
„Sie werden mit mir kommen“, ordnete er an und die Frau sah ihn verblüfft an.
„Ich habe gedacht, Sie glauben mir nicht.“
„Es ist riskant jemandem nicht zu glauben, der Gedanken lesen kann.“
Noch sehr viel überraschter hob sie eine Augenbraue.
„Ich bin die Einzige, die Ihnen jetzt noch helfen kann“, sagte sie, ohne einen Anflug von Drohung oder Selbstsicherheit. Es war eine Feststellung und Doggett war sich dessen bewusst.
„Das denke ich auch. Sie sollten aber dennoch wissen, dass ich Sie für eine Mörderin halte und Sie für Ihr Verbrechen bestraft werden müssen.“
Sie nickte langsam.
„Ich weiß“, sagte sie und Doggett kamen zum ersten Mal Zweifel, ob sie eine solche Bestrafung wirklich verdient hatte. Im Grunde genommen, war sie seine einzige Hoffung.
Zusammen mit Dr. Standton stand Mulder an der Tür zu Scullys Krankenzimmer. Der Arzt trug bereits seine OP-Kleidung und sein Gesicht hatte einen ernsthaften Gesichtsausdruck, als er sprach. Hinter ihnen wurde Scully für ihre Operation vorbereitet.
„Die Operation wird mehrere Stunden dauern. Es ist sehr wichtig, ihre Vitalzeichen stabil zu halten. Zuerst werden wir die Knochensplitter aus dem Rückenmarkskanal entfernen. Dabei müssen wir äußerst vorsichtig vorgehen, damit wir keine Schäden hinterlassen. Dann werden wir mit einer speziellen Therapie versuchen, die Schwellung des Gehirns zu verringern, damit wir die Schädeldecke schließen können.“
Er machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr.
„Mr. Moore, Sie sollten sich im Klaren sein, dass dies zwei sehr riskante Operationen sind. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um ihr Leben zu retten, aber Sie sollten sich auf alles vorbereiten. Es kann alles gut gehen, es kann aber auch anders verlaufen.“
Er blickte Mulder fest in die Augen und er nickte.
„Sie ist stark. Sie wird es schaffen, das weiß ich.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Arztes und Mulder glaubte, so etwas wie Erleichterung zu sehen. Dass Mulder positiver Hoffnung war, gab ihm ein zusätzliches gewinnbringendes Gefühl.
Aufmunternd legte er Mulder den Arm auf die Schulter.
Dann drehte er sich um. Scullys Bett wurde herangefahren.
Mulder beugte sich zu ihr hinunter und ergriff ihre Hand. Er betrachtete sie liebevoll und strich ihr sanft über den Kopf.
„Du musst stark sein, Dana. Du musst stark sein ... für uns, “ flüsterte er und küsste sie zärtlich auf die Stirn.
Er ließ ihre Hand los und sah dem Ärzteteam hinterher, das mit Scully im OP-Saal verschwand.
Jetzt konnte er nur noch beten.
„Ich muss Ihnen ja nicht sagen, Agent Doggett, das Ihre Aktion nicht gerade auf Verständnis stößt“, sagte der stellvertretende Direktor Walter Skinner. Doggett hatte vor ihm auf einem Stuhl Platz genommen und hatte ihm von der geplanten Reise nach Australien erzählt.
Er nickte verständnisvoll.
„Das weiß ich, Sir, aber es ist von großer Bedeutung.“
Skinner holte tief Luft.
Ihm war bewusst, dass es sehr wichtig sein musste, aber die Durchführung war nicht ganz einfach.
„Der Generalstaatsanwalt kriegt einen Anfall, wenn Sie mit einer 2-fachen Mörderin einen Ausflug nach Australien machen wollen.“
Doggett nickte wieder. Dennoch musste diese Frau mit. Sie würde die Einzige sein, die ihnen helfen konnte, wenn es zu Schwierigkeiten kommen würde. Sie war eine Mörderin, aber sie wollte auch, dass William wieder zu Mulder und Scully zurückkam. Welche Motive sie auch immer hatte, in diesem Fall war er ihrer Meinung.
„Warum ist es so wichtig, dass sie Sie begleitet?“
Doggett wollte zum Sprechen ansetzen, hielt aber dann inne. Er wusste nicht, ob er Skinner vertrauen konnte. Vertrauen wahrscheinlich schon, aber jeder, der von dieser Aktion wusste, war in Lebensgefahr, und er wollte nicht, dass noch mehr Menschen mit hineingezogen wurden.
„Es geht darum, das Leben gewisser Leute zu schützen, indem ihr Aufenthaltsort nicht bekannt gegeben wird. Ich brauche diese Frau, weil sie die Einzige ist, die im Notfall helfen kann.“
Die beiden Männer sahen sich an.
Skinners Augen wurden groß. Er wusste sofort, wen Doggett meinte. Ihre Namen hier auszusprechen, war ein großes Risiko.
„In Ordnung, Agent Doggett“, sagte Skinner, nahm einen Stift zur Hand und begann auf ein Papier zu schreiben, das vor ihm lag, „ich werde mit dem Staatsanwalt reden und alles in die Wege leiten. Sie sollten jedoch eines bedenken: Sie sind verantwortlich für diese Frau. Sie sind dafür verantwortlich, dass sie wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehrt und bestraft wird.“
Doggett stand auf.
„Danke, Sir.“
Skinner nickte und sah zu, wie er das Büro verließ.
Mulder war auf dem Sofa im Besucherzimmer eingeschlafen. Er hatte versucht wach zu bleiben, doch der geringe Schlaf und die nervlichen Anstrengungen der letzten Tage hatten letztlich gesiegt und er war in einen traumlosen Schlaf gefallen.
Langsam öffnete sich die Tür und Dr. Standton betrat das Zimmer. Er setzte sich neben Mulder auf das Sofa und tippte ihn an.
Müde öffnete er die Augen, doch als er den Arzt erkannte, war er sofort hellwach und setzte sich auf.
Der Arzt war immer noch in seiner Operationskleidung und Mulder vermutete, dass er direkt nach der Operation zu ihm gekommen war.
Mulder fuhr sich durch die Haare und sah den Arzt erwartungsvoll an.
„Die Operation ist zufriedenstellend verlaufen“, sagte er und lächelte Mulder hoffnungsvoll an.
Mulder atmete erlöst aus und er spürte, wie eine schwere Last von seinem Herzen genommen wurde. Eine gute Nachricht zu hören, nach all der Hoffnungslosigkeit, war eine enorme Befreiung.
„Ihre Vitalzeichen blieben die ganze Operation über konstant. Wir haben zuerst die Splitter aus dem Rückenmark entfernt und schließlich die Schädeldecke geschlossen. Sie ist zwar noch nicht über dem Berg, aber wir können mit Sicherheit sagen, dass keine geistigen Schäden zurückbleiben werden.“
Mulders Herz machte einen Freudensprung. Seine Lippen breiteten sich zu einem Lächeln aus und er hatte mit einem Mal das Gefühl, dass sich das Blatt endgültig gewandelt hatte. Trotzdem hörte er aus den Worten des Arztes ein Aber heraus.
„Wir wissen allerdings nicht, welche Schäden die Wirbelsplitter angerichtet haben, das können wir erst sagen, wenn sie wieder aus dem Koma erwacht.“
Mulder sah dem Arzt direkt ins Gesicht.
„Sie liegt also im Koma?“
„Sie ist zwar stabil, aber ihr Körper muss die letzte Hürde allein nehmen. Wir haben wirklich alles getan, was wir konnten. Den Rest muss sie ohne uns schaffen.“
Mulder stand auf und der Arzt mit ihm.
„Das wird sie, Doktor, dessen bin ich mir sicher. Ich kenne sie, sie ist stark.“
Dr. Standton nickte zustimmend.
Dann verließen sie den Raum und der Arzt brachte Mulder auf die Intensivstation.
Monica Reyes saß zusammen mit William in der Maschine nach Australien. Bisher war es zu keinem Zwischenfall gekommen und sie wünschte sich, dass es auch so bleiben würde.
John Doggett besuchte das Gefängnis von Maryland und verließ es zusammen mit der Frau wieder. Sie fuhren auf dem direkten Weg zum Flughafen. Er hoffte, dass Monica heil und unversehrt in Australien ankam und auch er ohne Unterbrechung seiner Reise antreten konnte.
John Doggett saß zusammen mit der Frau in seinem Dienstwagen und war auf dem Weg zum Flughafen.
Sie schwiegen, doch Doggett machte sich ernsthafte Gedanken über seine Mitfahrerin. Wer war sie und was wollte sie? Was sprang für sie dabei raus, wenn sie ihnen half, William wieder zurück zu Mulder und Scully zu bringen? Er wusste, dass sie seine Fragen kannte. Monica würde bald in Australien ankommen und hatte sicherlich schon mit Mulder gesprochen.
Er lächelte kurz.
Er freute sich darauf, Mulder und Scully wieder zu sehen, auch wenn es gefährlich war. Er wollte wissen, wie es ihnen ging und ob sie alles gut überstanden hatten. Seine größte Sorge war aber, dass er dadurch ihr Untertauchen gefährden würde.
Er sah kurz zu der Frau hinüber, die aus dem Fenster schaute.
„Sie wollen wissen, was ich für Ziele verfolge“, sagte sie plötzlich, bevor Doggett die Frage stellen konnte.
„Wissen Sie, ich finde es ziemlich unfair, wenn Sie ständig meine Gedanken lesen.“
Sie lächelte vergnügt.
„Okay, dann werde ich das sein lassen.“
„Können Sie das einfach so abschalten?“
Sie drehte ihren Kopf zu ihm um.
„Ich kann entscheiden, welche Gedanken ich lese und welche nicht.“
Erstaunt hob er die Augenbrauen und konzentrierte sich wieder auf den Straßenverkehr.
„Wer sind Sie?“
Sie lächelte wieder und Doggett fragte sich zum wiederholten Mal, warum sie so unglaublich glücklich aussah. Sie hatte zwei Menschen getötet und ein Kind entführt, ihre Zukunft würde sie hinter schwedischen Gardinen verbringen. Es schien sie keinesfalls zu beunruhigen.
„Haben Sie nicht meine Fingerabdrücke und mein Bild durch Ihre Computer laufen lassen?“
„Das habe ich schon, aber wenn Sie nicht vorbestraft sind, kann ich Sie auch nicht finden. Außerdem wollen Sie mir ja nicht mal Ihren Namen verraten.“
Die Frau seufzte und kam zu dem Entschluss, dass es an der Zeit war, ein paar von Doggetts Fragen zu beantworten.
„Ich heiße Luzia.“
„Luzia, und wie weiter?“
„McDeal.“
Doggett sah sie von der Seite an und sie lächelte wieder.
„Wieso habe ich das Gefühl, dass Sie mir nicht die Wahrheit sagen?“
Sie lachte auf.
„Sie ja noch viel gewitzter, als ich gedacht habe!“
Doggett schüttelte ungläubig den Kopf. Er würde nichts aus ihr herausbekommen, das war ihm durchaus klar.
„Ich heiße wirklich Luzia, aber diesen Namen habe ich mir selber gegeben.“
Er runzelte die Stirn und sie beantwortete seine Frage.
„Weil ich nie einen Namen hatte.“
Er glaubte ihr. Er hätte nicht sagen können, warum, aber jemand, der nicht ausfindig zu machen war, musste wohl nicht existieren. Aber woher kam sie dann? Irgendjemand musste doch ihre Eltern sein und sie musste doch irgendwo aufgewachsen sein. Es sei denn...
„Warum wollen Sie, dass William zu Scully und Mulder zurückkommt?“
Sie antwortete nicht sofort, sondern starrte zur Fensterscheibe hinaus.
„Weil er ihr Kind ist und Kinder gehören zu ihren Eltern.“
Doggett hörte großen Kummer aus ihrer Stimme heraus. Was war dieser hübschen Frau widerfahren? Warum war sie zu einer Mörderin geworden? Wahrscheinlich würde er das nie erfahren.
Mulder betrat das Krankenzimmer von Scully.
Sie war nicht mehr an Schläuche angeschlossen, nur ihr Herzschlag wurde von einer Maschine weiterhin überwacht. Ihr Gesicht hatte wieder eine gesunde Farbe angenommen.
Er trat zu ihr ans Bett, zog sich einen Stuhl heran und ergriff ihre Hand. Dr. Standton blieb neben ihm stehen. Stillschweigend standen sie da, bis der Arzt das Zimmer verließ.
Liebevoll strich Mulder ihr mit der anderen Hand über die Wange und lächelte sie an. Er betete so inständig dafür, dass sie wieder aufwachen würde.
„Dana“, sagte er sanft, „ich bitte dich, verlass mich nicht. Ich brauche dich.“
Er betrachtete sie lange und plötzlich klingelte sein Handy.
„Moore?“ fragte er geistesanwesend.
„Agent Mulder?“ fragte eine Stimme zurück und Mulder setzte sich kerzengerade in seinem Stuhl auf.
„Agent Reyes?“
Inzwischen erkannte er ihre Stimme und sie hatte ihm beim letzten Gespräch versprochen, dass sie ihn wieder anrufen würde.
„Ja. Ich bin gerade am Flughafen von Sydney angekommen. Können wir uns treffen?“
Mulder sah zu Scully und verzog das Gesicht.
„Monica, im Moment ist es sehr ungünstig. Ich habe Ihnen beim letzten Telefonat nicht erzählt, dass...“
„Ich habe jemanden bei mir, den Sie sich bestimmt freuen werden zu sehen. Ich bitte Sie, Mulder, es ist wichtig, dass ich Sie so schnell wie möglich treffe.“
Mulder seufzte und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
Er wollte bei Scully bleiben, aber Monicas Stimme hörte sich so dringend, ja fast flehend, an. Wen konnte sie bloß bei sich haben?
„Also gut, aber ich werde erst in einer Stunde bei Ihnen sein.“
Er hörte sie erleichtert aufatmen.
„Das macht nichts. Rufen Sie mich an, wenn Sie da sind.“
Sie legten auf.
Sein Blick richtete sich wieder auf Scully und vorsichtig berührten seine Lippen ihre Hand. Dann stand er auf und verließ das Zimmer.
John Doggett hatte inzwischen mit seiner Begleiterin den Flughafen erreicht und anschließend eingecheckt. Ihr Flug würde einige Stunden dauern und der Jetlag würde sich sicher bemerkbar machen, aber all die Strapazen waren es wert und Doggett wollte so schnell wie möglich nach Australien.
Mulder fuhr auf den Parkplatz des Flughafens von Sydney. Er hatte sich mit Reyes in einem kleinen Restaurant im Inneren der Halle verabredet. Es war bereits dunkel geworden und Mulder sah kleine Lichter am Himmel, die von den landenden Flugzeugen stammten.
Er stieg aus, schloss das Auto ab und machte sich auf den Weg.
Es hielten sich recht wenig Leute am Flughafen auf und er hatte keine Bedenken, dass ihn hier irgendjemand erkennen würde. Er und Scully hatten es stets vermieden, an öffentliche Plätze zu gehen, an denen sich viele Leute aufhielten. Darum hatten sie sich auch ein kleines Haus auf dem Land gekauft.
Er kam an die Fensterscheibe des Restaurants, blickte kurz hinein und blieb verblüfft stehen. Monica saß an einem der hinteren Tische und hatte ... ein Baby bei sich? Mulder kniff die Augen zusammen. Hatte Monica etwa ein Baby bekommen, während sie sich in Australien eine neue Identität aufgebaut hatten?
Er betrat die Gaststätte und lief langsam auf die Beiden zu. Das Baby saß ihr schräg gegenüber in einem Hochsitz. Sie brach ein Stück von einer Brezel ab, machte schlangenähnliche Handbewegungen und Geräusche wie von einem Flugzeug. Das Kind gluckste vor sich hin und schlug spielerisch mit seinen kleinen Händen auf die Tischplatte, ehe es den Mund aufmachte und genüsslich mit Kauen begann.
Monica lachte amüsiert. Offensichtlich hatten die Beiden einen Riesenspaß.
Die Prozedur wiederholte sich, bis Mulder kurz vor ihrem Tisch stehen blieb.
„Monica?“
Sie schreckte auf und sah ihn grinsend an. Sie war völlig vertieft in ihr Spiel gewesen und hatte ihn nicht bemerkt.
„Mulder“, sagte sie, stand auf und reichte ihm die Hand.
„Es freut mich, Sie wieder zu sehen. Ich hoffe Ihnen geht’s gut, “ sagte sie fröhlich und Mulder erwiderte ihren Händedruck.
„Ja, ich freu mich auch, Sie wieder zu sehen“, sagte er etwas ungläubig zurück und richtete seinen Blick wieder auf das Kind.
„Was ...?“ wollte er fragen, als seine Augen sich plötzlich entgeistert weiteten.
Die Agentin trat zur Seite und ließ Mulder vorbei. Zögernd ging er auf das Kind zu, das ihn fröhlich anquakte und Monicas Geräusche nachahmte.
Mit offenem Mund blieb er vor dem Jungen stehen und sah ihn fast schmerzhaft an.
„William ...“ flüsterte er fassungslos und Tränen rannen über sein Gesicht. Er ging vor dem Kleinen in die Knie und stricht ihm liebevoll über den blonden Haarschopf. William lächelte ihn an und plapperte von neuem in seiner eigenen Sprache los.
Mulders Gefühle überschlugen sich. Es war sein Sohn, der hier vor ihm saß! Niemals hätte er damit gerechnet, William jemals wieder zu sehen. Als er ihn zum letzten Mal gesehen hatte, war er noch ein Baby gewesen, jetzt war er ein Kind von fast zwei Jahren.
„Da“, sagte er und reichte Mulder mit seiner kleinen Hand sein Spielzeugauto, das er die ganze Zeit festgehalten hatte.
Mulder verzog gequält das Gesicht. Er nahm das Auto an sich und wischte sich mit einer Hand über die Augen.
„Danke, du hast aber ein schönes Auto“, sagte er leise.
William nickte.
„Au-to. Mein Au-to, “ gab er zu verstehen, wobei er die letzten beiden Buchstaben betonte und freudestrahlend quiekte. Auch wenn es sein Auto war, hatte er nichts dagegen, dass Mulder es sich einmal ansah.
Mulder wurde plötzlich bewusst, wie viele gemeinsame Stunden er mit seinem Sohn versäumt hatte. Er fühlte einen tiefen Stich in seinem Herzen und sich unglaublich elend.
Mulder richtete sich auf und sah Monica ungläubig an.
„Wie...?“
Die Worte blieben ihm im Hals stecken.
„Das ist eine lange Geschichte, Agent Mulder“, sagte Monica und deutete auf den Tisch.
Sie setzen sich und Monica begann zu erzählen.
Sie hatten sich etwas zum Trinken bestellt und Mulders Blick schweifte während des Gesprächs immer wieder zu William ab. Der Kleine schien trotz der späten Stunde gut gelaunt zu sein und machte nicht den Eindruck, dass er müde war. Er summte heiter undeutliche Worte vor sich hin.
„Wo haben Sie ihn gefunden? Ich dachte, sein Aufenthaltsort sei unbekannt, “ fragte Mulder.
Reyes nickte.
„Ja, normalerweise wird die Adresse der Adoptiveltern vom Jugendamt geheimgehalten, aber in Williams Fall ist jemand an uns heran getreten.“
Mulder sah sie fragend an.
„Inwiefern?“
„Wir bekamen vor einigen Tagen einen Anruf von jemandem, der sich nicht zu erkennen gab. Er erzählte uns, wo sich William aufhielt und dass wir ihn so schnell wie möglich aufsuchen sollen.“
„Und warum?“
„Weil er in Gefahr war. Eine Gruppe von vier Leuten ist in das Haus eingebrochen und hat William mitgenommen. Agent Doggett und ich konnten sie im Wald stellen und ihnen William wieder abnehmen, “ erklärte Monica.
Ein Lächeln huschte über Mulders Lippen.
„Agent Doggett...“
Er hätten wissen müssen, dass John Doggett ebenfalls mit von der Partie war und Mulder war froh darüber. Er hatte seine Meinung gegenüber Doggett schnell geändert und ihn als loyalen Kollegen gesehen. Er hatte stets versucht, Scully zu beschützen und ihnen die Flucht zu ermöglichen.
„Ja, er ist bereits auf dem Weg hierher“, sagte Reyes und lächelte William an, der gähnte. Anscheinend wurde er doch langsam müde.
„Was ist mit seinen Adoptiveltern?“ wollte Mulder wissen.
Monica sah stirnrunzelnd zu Boden.
„Sie sind tot.“
Mulder hob geschockt die Augenbrauen. Es war also noch nicht vorbei. William war immer noch in Gefahr und somit auch sein und Scullys Leben. Wahrscheinlich würde es nie vorbei sein. Es würde erst vorbei sein, wenn die Welt im Jahr 2012 von den Supersoldaten übernommen und die Menschheit ausgerottet wurde.
„Wir nehmen an, dass die Leute, die William entführt haben, auch seine Adoptiveltern umgebracht haben. Einer von ihnen wurde während des Einsatzes erschossen, die anderen drei sitzen in Untersuchungshaft, “ fügte Monica hinzu.
Mulder lehnte sich zurück und atmete tief durch.
„Es ist ein großes Risiko, ihn hierher zu bringen“, sagte er plötzlich und Monica sah in überrascht an.
Er beugte sich wieder nach vorne und legte seine Arme auf die Tischplatte.
„Ich möchte nicht, dass Sie dies falsch verstehen, Monica. Ich bin so glücklich ihn zu haben. Mein größter Wunsch war, dass ich William wieder in meine Arme nehmen kann und er bei uns bleibt, aber so einfach ist das nicht. Verstehen Sie, was ich damit meine?“
Monica nickte langsam und mit einem Mal wurde ihr klar, dass das Ganze vielleicht doch keine so gute Idee gewesen war. Sie wollte etwas Gutes tun und Eltern und Kind wieder zusammen bringen, aber sie hatte nicht an die Gefahren gedacht, die damit verbunden waren.
„Sie werden ihn suchen und sie werden nicht eher damit aufhören, bis sie ihn gefunden haben.“
„Die wissen aber nicht, dass ich mit William hierher gekommen bin. John hat ihnen erzählt, dass weitere Kontaktpersonen William im Wald abgeholt haben und mit ihm verschwunden sind.“
Mulder lächelte sie an. Sie war so ein liebenswürdiger Mensch und er mochte sie wirklich.
„Die werden sich damit nicht zufrieden geben. Sie werden es rauskriegen und hierher kommen und sie werden uns alle umbringen.“
Er machte ihr keinen Vorwurf, mit Sicherheit hätte er selber so gehandelt. Langsam wuchsen die Probleme über sich hinaus und Mulder fühlte wieder diesen Druck.
„Dana liegt im Koma, Monica, und es ist nicht sicher, ob sie jemals wieder aufwachen wird. Das wollte ich Ihnen am Telefon sagen.“
Diesmal war es an Reyes, ihn bestürzt anzusehen. Ihre Augen wurden traurig und sie versuchte aufmunternd zu lächeln.
„Mulder ... das tut mir leid. Wie ist das passiert?“
„Sie hatte einen Autounfall. Jemand hat ihr an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen und sie ist frontal gegen einen Baum gefahren. Sie hat zwei schwere Operationen hinter sich.“
Reyes schloss erschüttert die Augen.
Mulder seufzte und sah zu seinem Sohn hinüber. Sein Kopf war zur Seite geneigt und seine Augen geschlossen. Er stand auf, hob William vorsichtig aus dem Kindersitz und legte ihn in seine Arme. Tränen stiegen ihm wieder in die Augen, als er seinen Sohn betrachtete. Er sah Scully so verdammt ähnlich. Die Form seiner Lippen und die kleinen Grübchen an seinen Wangen. Er wollte sie beide nicht verlieren, aber er wusste auch, dass ein gemeinsames Leben fast unmöglich war. Der Schmerz war so unerträglich und sein Blick ging zu Monica zurück.
„Wir sollten ihn ins Bett bringen. Und Sie sehen auch ziemlich müde aus, “ sagte Mulder und lächelte leicht.
Sie nickte und stand auf. Sie packten ihre Sachen zusammen, bezahlten und liefen zu Mulders Auto zurück.
Mulder brachte Reyes und William zu ihrem Haus auf dem Land. Es war fast Mitternacht und sowohl sie, als auch der Kleine waren während der Fahrt eingeschlafen.
Am nächsten Tag brachen sie nach dem Frühstück auf, um ins Krankenhaus zu fahren.
Mulder war sich nicht sicher, ob er Monica und William wirklich mit ins Krankenhaus nehmen sollte. Er wollte ihnen den Anblick ersparen. Anderseits konnte er sie nicht zu Hause lassen, das Risiko war zu groß. Sollte ihnen etwas passieren, dann wären sie ganz auf sich allein gestellt und Mulder wollte es nicht darauf anlegen.
Sie stiegen in den Fahrstuhl und liefen anschließend den Gang entlang zu Scullys Krankenzimmer. Es war das erste Mal, dass Mulder länger als fünf Stunden weg gewesen war. Er hatte William auf dem Arm und Monica Reyes lief neben ihm.
Mulder sah, wie ihr Gesicht weiß wurde, als sie das Zimmer betraten. Ihre Augen wurden traurig und sie blieben vor dem Bett stehen.
„Oh Gott“, sagte Monica leise und sah ihn an.
Mulder nickte zur Bestätigung.
Monica hatte Scully vor ihrer Operation nicht gesehen, doch auch jetzt sah sie immer noch sehr schlimm aus. Nur Mulder sah den Unterschied und setzte sich zusammen mit William auf einen Stuhl. Reyes stellte sich ebenfalls einen Stuhl daneben.
Lange sagte keiner ein Wort.
Für Monica war Scullys Anblick furchtbar. Sie sah so zerbrechlich aus. Als wäre sie eine Puppe aus Porzellan. Die blonden Haare waren neu für sie und wahrscheinlich hätte sie Scully gar nicht erkannt. Ihr Kopf war immer noch bandagiert und sie konnte den Verband sehen, der am Ende des Krankenhemdes zu sehen war.
Sie sah Mulder an, doch er wusste, welche Frage sie ihm stellen wollte.
„Sie mussten ihren Brustkorb öffnen, um ihr Herz direkt zu defibrillieren.“
Reyes schluckte schwer. Ihr tat das alles so entsetzlich leid.
William hatte sich an Mulder geschmiegt und seinen Arm umfasst. Er schien keine Angst zu haben. Dann richtete er sich unerwartet auf und fixierte Scully.
Mulder runzelte die Stirn.
„Was ist los, William?“
Der Kleine sah zu ihm hoch und lächelte ihn an.
„Mama“, sagte er und lachte.
Mulder und Reyes sahen sich überrascht an.
„Mulder...,“ setzte sie an, doch Mulder kam ihr zuvor.
„Er ...er erkennt sie.“
Verwirrte sah er von William zu Scully und wieder zurück.
„William ... weißt du, wer das ist?“
Der Kleine gluckste, als würde er das Ganze für ein Spiel halten, und zeigte mit seiner kleinen Hand auf Scully.
„Mama.“
Wieder sahen sich die beiden Agenten an. War das wirklich möglich? War es wirklich möglich, dass William Scully wieder erkannte? Auch nach dieser langen Zeit? Er war ein kleines Kind, das sich eigentlich an seine Adoptivmutter hätte gewöhnen müssen, aber er hatte auch gegenüber Mulder nie gefremdelt. So, als hätte er sie niemals vergessen.
Mulder rückte mit William näher an Scullys Bett heran. Er hatte oft gehört, dass komatöse Patienten ihre Umgebung wahrnahmen und alles hörten, was um sie herum passierte und geredet wurde. Vielleicht konnte auch Scully hören, dass sie hier waren. Dass er hier war und ... William. Vielleicht würde ihr das Kraft geben, um aus ihrem jetzigen Zustand aufzuwachen. Er hoffte es so sehr.
„Dana ... siehst du, wer hier ist? Es ist William. William ist hier...“
Tränen schossen ihm in die Augen und Reyes legte ihm tröstend ihre Hand auf den Arm.
Mulder betrachtete ihr Gesicht, doch er konnte keine Reaktion darin sehen und es machte ihn so unendlich traurig. Er verlangte doch gar nicht viel, nur ein kleines Zeichen, dass ihm zeigte, dass sie ihn hören konnte.
Dr. Standton betrat das Zimmer und sah überrascht von Mulder zu Reyes.
„Mr. Moore?“ fragte er und die beiden Erwachsenen drehten sich abrupt zu ihm um.
„Oh, Dr. Standton“, sagte Mulder beruhigt.
Der Arzt kam näher und blieb hinter ihren Stühlen stehen. Fragend sah er Monica und William an. Mulder musste sich schnell etwas einfallen lassen, keiner durfte wissen, wer die Beiden wirklich waren.
„Das sind meine Schwester und ihr Sohn“, erklärte er und in dem Moment, als Monica ihn irritiert ansah, wusste sie auch schon, was er damit beabsichtigte.
Monica reichte ihm höflich die Hand.
„Hallo“, sagte sie und sie schüttelten sich die Hand.
Der Arzt lächelte und wandte sich an Mulder.
„Ich wollte nur eben ihre Infusion überprüfen. Ich habe mich schon gewundert, wo Sie sind, “ sagte er und kontrollierte die Nadel in Scullys Arm.
„Ja, ich habe meine Schwester am Flughafen abgeholt“, antwortete Mulder erleichtert. Der Arzt hatte seine Ausrede nicht bemerkt. Er hielt inne und betrachtete die scheinbare Familie.
„Das ist schön. Reden Sie ruhig mit Ihrer Frau. Ich kenne Präzedenzfälle, bei denen Patienten, die im Koma lagen, oft die Anwesenheit ihrer Familienmitglieder gefühlt haben. Möglicherweise bringt sie das wieder zurück.“
Er lächelte kurz und verließ dann das Zimmer.
„Ich hoffe es“, sagte Mulder. Sein Blick ging wieder zu Scully zurück und im selben Augenblick klingelte das Handy von Monica.
Es war John.
„Monica Reyes“, meldete sie sich und stand auf.
Sie lief einige Schritte in den hinteren Teil des Zimmers, um ungestört telefonieren zu können.
„Monica, hier ist John.“
Ihre Miene hellte sich auf und sie drückte den Hörer gegen ihr Ohr.
„Hey John, wo sind Sie?“
„Irgendwo in Australien. Ich habe keine Ahnung, wie dieser Ort hier heißt. Wir mussten notgedrungen eine Zwischenlandung machen. Haben Sie Mulder inzwischen gefunden?“
Sie sah zu Mulder zurück, der leise mit William sprach.
„Ja, ich bin jetzt gerade bei ihm.“
Sie hörte ein Seufzen am anderen Ende der Leitung.
„Gut Monica, bleiben Sie bei ihm. Ich weiß nicht, wann wir da sein werden.“
Reyes runzelte die Stirn.
„Wir?“
„Ja, ich und ... diese Frau.“
„Welche Frau?“
Monica konnte hören, wie er nach einer Erklärung suchte.
„Die Frau, die wir festgenommen haben.“
„Wie bitte?!“
Fassungslos starrte sie zu Boden und konnte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte.
„Sie haben die Frau, die William entführen wollte und die seine Adoptiveltern umgebracht hat, mitgenommen?!“
Ihr Stimme überschlug sich fast und sie konnte Mulders fragendes Gesicht sehen. Sie drehte sich zur Wand um.
„Hören Sie, Monica, ich werde Ihnen alles erklären, wenn wir da sind. Sie kann uns helfen.“
„Sie hat zwei Menschen kaltblütig erschossen! Wie haben Sie Skinner nur dazu gebracht, Ihnen die Erlaubnis zu geben, dass ...“
Sie wurde von Doggett unterbrochen.
„Ich verstehe Sie ja, aber warten Sie, bis ich da bin. Ich werde mich wieder melden. Bis dann, “ erklärte er und legte auf.
Monica legte ebenfalls auf und schüttelte ungläubig den Kopf.
Was hatte er sich nur wieder dabei gedacht? Das würde mit Sicherheit Ärger geben.
Sie verbrachten den gesamten Tag im Krankenhaus und fuhren spät am Abend nach Hause.
Am nächsten Morgen wurde Mulder durch das Klingeln des Telefons geweckt. Schlaftrunken lief er ins Wohnzimmer und nahm ab.
„Moore?“
Es war das Krankenhaus.
Gelähmt stand er da und lauschte der anderen Stimme am Ende der Leitung.
Mulder rannte durch die Gänge des Krankenhauses. Sein Atem raste und er hatte das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. Es war noch früh am Morgen und außer ein paar Krankenschwestern hielt sich niemand auf den Fluren auf. Er beschleunigte sein Tempo sogar und nahm die Treppe, anstatt auf den Aufzug zu warten.
Auf der Station angekommen, hastete er weiter und blieb schlagartig vor Scullys Krankenzimmer stehen. Schwer atmend trat er in den Türrahmen und richtete seinen Blick in das Zimmer. Seine Augen weiteten sich fassungslos.
Erschöpft, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, sah Scully ihn an. Sie saß aufrecht in ihrem Bett und ihre Gesichtsfarbe war kaum von der weißen Farbe der Wand zu unterscheiden. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen und ihre Wangen waren eingefallen.
Mit offenem Mund starrte er sie an, als könnte er nicht glauben, was er sah. Aber sie war es! Es war Dana, die ihn anlächelte.
Er machte einen Schritt nach vorne und lief langsam auf ihr Bett zu, als hätte er Angst, dass mit jedem weiteren Schritt die Illusion verschwinden könnte. Er blieb wir angewurzelt stehen und sah ihr direkt in die Augen.
„Dana ...,“ er wagte es kaum, ihren Namen auszusprechen und sein Herz wurde schwer, als sie seinen Namen sagte.
„Fox.“
Tränen rannen über sein Gesicht und er sank vor ihrem Bett in die Knie. Er war überwältigt, und sie vor sich zu sehen und sie sprechen zu hören, war wie eine große Befreiung für seine Seele. Er hatte sich solche Vorwürfe gemacht.
Sie streckte den Arm nach ihm aus und legte ihre Hand um seine Wange. Seine Hände umschlossen sofort ihre Hand und drückte sie sacht gegen sein Gesicht. Er schloss die Augen und Scully sah die Tränen, die unter seinen Wimpern hervorkamen.
Sein Gesicht sah so erlöst aus und sie sah, dass er furchtbar gelitten hatte.
Schließlich öffnete Mulder die Augen und beugte sich zu ihr nach vorne. Vorsichtig legten sich seine Arme um sie und sie erwiderte seine Umarmung. Sie drückte sich an ihn und ignorierte dabei den Schmerz, den ihre Operationsnarbe hinterließ. Sie war so glücklich, ihn wieder zu sehen und ihn in die Arme nehmen zu können. Sie konnte Mulder schluchzen hören und legte ihren Kopf gegen seine Brust, während sie ihm tröstend über den Kopf strich.
Seine Hände legten sich auf ihren Rücken und sein Kopf lehnte sich gegen ihren. Er wollte sie einfach nur festhalten und er wünschte sich, dass dieser Moment niemals aufhören würde. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, ihren vertrauten Körper zu fühlen und die Liebe, die damit verbunden war.
Lange verharrten sie in dieser Position, bis Mulder ihr Gesicht in beide Hände nahm und sie ansah. Auch in ihren Augen sah er Tränen und er küsste sie liebevoll auf die Stirn. Er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, doch er war zu sehr ergriffen, um zu sprechen. Er schüttelte nur den Kopf, um seine Begeisterung auszudrücken.
Doch Scully verstand ihn auch so und fuhr mit dem Daumen über seine Wange, um eine Träne wegzuwischen.
Er griff nach ihren Händen und hielt sie fest, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen.
Sie war so wunderschön und er wollte sie einfach nur ansehen, um sicher zu gehen, dass es kein Traum war und er wirklich in ihre Augen sah. Dann wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass er die Hoffnung eigentlich schon aufgeben hatte. Er presste die Lippen aufeinander, um eine erneute Gefühlsentladung zu vermeiden. Wie hatte er nur daran zweifeln können? Wie hatte er zweifeln können, dass sie nicht stark genug sein könnte?
„Dana ... ich bin so glücklich, dass ... ich hätte ...,“ mehr brachte er nicht heraus.
Scully schloss lächelnd die Augen und nickte.
Sie kannte ihn schon so lange und wusste, was er meinte. Sie brauchten längst keine Worte mehr, um zu wissen, was der Andere fühlte.
„Ich weiß“, flüsterte sie und sah ihm direkt in die Augen.
Mulder seufzte erleichtert und nahm sie ein zweites Mal in die Arme.
Als der Pilot verkündete, dass sie in einer halben Stunde landen würden, seufzte John Doggett befreit. Ihm machte das Fliegen wirklich nichts aus, aber sie waren jetzt fast 20 Stunden unterwegs und er hatte absolut nichts dagegen, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.
Er sah zur Seite.
Luzia hatte den Kopf zur Seite geneigt und schlief.
Doggett hatte sich während des Flugs Gedanken über diese Frau gemacht. Er musste unbedingt herausfinden, wer sie wirklich war. Sie erinnerte ihn an jemanden und es machte ihn fast verrückt, nicht zu wissen, an wen. Die Art, wie sie sprach, und gewisse Gesten, die sie machte, kamen ihm so bekannt vor. Es brachte ihn wirklich auf die Palme, nicht zu wissen, wen er vor sich hatte.
Sie regte sich und öffnete die Augen und Doggett hoffte, dass sie ihr Versprechen gehalten und seine Gedanken nicht gelesen hatte.
Sie gähnte und stand auf.
Ruckartig setzte Doggett sich auf und starrte sie an.
„Wo wollen Sie hin?“ fragte er und war selbst über seinen schneidenden Ton überrascht.
Streitlustig stemmte sie die Hände in die Hüfte.
„Was glauben Sie denn, wo ich hin will? Glauben Sie, ich werde mal eben den Ausgang benutzen und davonlaufen? Ich wollte nur noch mal für kleine Mädchen gehen, bevor wir landen.“
Doggett seufzte.
„Tut mir leid.“
Luzia nickte und machte sich auf den Weg.
Er lehnte sich zurück und holte tief Luft. So langsam aber sicher drehte er durch und wurde paranoid. Wo sollte sie schon hin wollen? Sie hatte mit Sicherheit keinen Fallschirm irgendwo versteckt, trotzdem wusste er noch immer nicht, was sie bezweckte, und eine gesunde Portion an Misstrauen war bestimmt nicht verkehrt.
Ein dunkelhaariger Mann, der in der letzten Reihe des Flugzeugs saß, sah Luzia hinterher. Dann ließ er sich in seinen Sitz zurückfallen und lächelte bösartig.
Zusammen mit Dr. Standton stand Mulder um Scullys Bett versammelt. Der Arzt machte einen fröhlichen Eindruck und auch Mulder sah Scully immer wieder glücklich an. Ja, es war ein Wunder und Dr. Standton hatte das mehrfach betont. Auch, dass er mit ihnen reden wollte, konnte Mulder nicht die gute Laune verderben und er wünschte, er könnte Monica und William endlich hierher holen.
Scully machte eher einen niedergeschlagenen Eindruck, denn sie wusste, warum Dr. Standton mit ihnen sprechen wollte.
Es war inzwischen Mittag geworden und obwohl sie erst heute Morgen aus dem Koma erwacht war, sah sie schon sehr viel besser aus.
„Mrs. Moore, wenn ich Ihnen das sagen darf, Ihre Genesung ist ein wahres Wunder“, sagte der Doktor und wiederholte sich somit zum dritten Mal.
Scully lächelte schwach.
„Das weiß ich.“
Der Doktor seufzte heiter und man sah ihm an, dass er noch nie solch ein Wunder erlebt hatte. Bisher hatte keiner seiner Patienten eine schwere Krankheit so gut besiegt. Doch dann verdunkelte sich sein Gesichtsausdruck und er sah die Beiden ernst an.
Mulders Blick wich unwillkürlich zu Scully. Auch er wusste, worum es ging.
„Ich habe Ihrem Mann bereits bei der Operation gesagt, dass Schäden an der Wirbelsäule nicht auszuschließen sind.“
Scully nickte und richtete sich auf.
„Dr. Standton, ich weiß, dass ich meine Beine nicht bewegen kann“, gab sie zu verstehen und schluckte. Sie versuchte, so souverän wie nur möglich darüber zu sprechen, doch Mulder erkannte den Schmerz in ihren Augen und es tat ihm weh, sie so leiden zu sehen.
Der Arzt lächelte sie an. Sie war eine starke Frau, das musste man ihr schon lassen.
„Es ist noch nicht alles verloren, Mrs. Moore. Unsere Tests haben ergeben, dass Sie winzige Empfindungen spüren und demnach haben Sie eine echte Chance.“
Mulder und Scully sahen sich überrascht an.
Scully hatte sich schon damit abgefunden, nie mehr laufen zu können, doch jetzt bestand eine kleine Hoffnung für sie.
„Was bedeutet das?“ wollte Mulder wissen und hatte geistesabwesend Scullys Hand genommen.
„Das bedeutet, dass sie so schnell wie möglich mit Physiotherapie beginnen muss. Sie sollten sich im Klaren darüber sein, dass dies ein langer und harter Weg wird. Ihre Beine müssen lernen Ihr Gewicht wieder zu tragen und Ihr Gehirn muss erkennen, dass es notwendig ist, diesen Befehl an Ihre Beine weiterzugeben, “ erklärte er und sah in das Gesicht seiner Patientin. Sie war selber Ärztin und wusste, dass es nicht einfach werden würde. Ganz und gar nicht einfach.
Scully sah Mulder an und er drückte ihre Hand. Sie wusste aber auch, dass sie nicht alleine war.
John Doggett und Luzia checkten in einem Motel ein, um die Nacht dort zu verbringen. Sie würden sich von den Strapazen des Fluges erholen und morgen in aller Frühe losfahren.
Doggett schloss die Tür zum Zimmer auf und ließ Luzia zuerst eintreten.
„Gemütlich“, bemerkte sie sarkastisch und sah sich im Zimmer um.
Doggett stellte die beiden Koffer neben dem Sofa ab.
„Wir sollen hier auch nicht den Rest unseres Lebens verbringen, sondern nur eine Nacht.“
Luzia zuckte mit den Schultern und öffnete ein Fenster, um frische Luft in das Zimmer zu lassen. Doggett ließ sich auf die Couch nieder und seufzte. Sicherlich hätten sie zwei Zimmer nehmen können, aber niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob Luzia nicht plötzlich einen Sinneswandel bekam und Reißaus nahm. Er würde auf der Couch schlafen und ihr das Schlafzimmer überlassen.
Luzia sah kurz aus dem Fenster, ehe sie sich wieder zu ihm wandte.
„Na ja, ich bin dann im Badezimmer, “ sagte sie und wartete sein Nicken ab. Dann verschwand sie darin und Doggett sah zu, wie sie die Tür hinter sich schloss.
Er wartete, bis das Wasser anging und holte sein Handy aus der Jackentasche. Er wählte eine Nummer und lauschte dem Klingelton.
„Danny Valodella?“ meldete sich eine Stimme.
„Hey Danny, hier ist John,” gab Doggett zurück.
„Hey John! Wie geht’s dir? Ich hab schon lang nichts mehr von dir gehört.“
Doggett lächelte und kam sich fast etwas schuldig vor, da er sich immer nur dann bei Danny meldete, wenn er etwas von ihm wollte, und genauso war es auch heute. Aber Danny war ein allwissender und äußert hilfreicher FBI-Insider.
„Gut, Danny, und wie geht’s dir?“
„Kann nicht klagen.“
Doggett lächelte, doch trotzdem hatte er ein schlechtes Gewissen.
„Danny, kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Na klar, schieß los.“
Der Agent sah zum Badezimmer hinüber, um sicherzugehen, dass immer noch das Wasser lief. Dann zog er eine kleine Plastiktüte aus seinem Jackett heraus, in der sich ein kaum sichtbares rotes Haar befand, und hob es vor sein Gesicht.
„Kannst du mir aus einem Haar ein DNA-Profil erstellen?“
„Wenn sich an dem Haar noch die Haarwurzel befindet, dann ist das gar kein Problem“, gab Danny zurück und Doggett nickte.
„Gut und dann möchte ich, dass du es mit einem anderen Profil vergleichst“, fügte er hinzu und schielte wieder zum Badezimmer hinüber.
„Okay, mit welchem denn?“
Doggett gab ihm die letzten Instruktionen, während er die Plastiktüte anstarrte.
Jetzt würde sich herausstellen, ob er mit seiner Vermutung richtig lag.
Dr. Standton hatte das Zimmer verlassen und Mulder hatte sich zu Scully ans Bett gestellt. Scully seufzte und sah zum Fenster hinaus. Das würden harte Wochen, vermutlich Monate, werden und dann würde immer noch nicht klar sein, ob sie jemals wieder laufen konnte. Die Verzweiflung kroch in ihr hoch und zum ersten Mal fühlte sie sich wirklich verloren. Wie würde ihr Leben noch Sinn machen, wenn sie nicht mehr laufen konnte und ständig auf jemanden angewiesen war? Das konnte sie Mulder nicht zumuten. Sie wusste, dass er für sie sorgen würde, aber das war kein Leben für ihn. Für niemanden.
Mulder bemerkte ihre Trostlosigkeit und setzte sich neben sie auf das Bett. Er legte die Arme um sie und gab ihr einen Kuss ins Haar. Ihre Hände legten sich um seinen Arm und hielten ihn fest, während sie ihren Kopf gegen seine Brust lehnte.
Gemeinsam sahen sie zum Fenster hinaus und lange Zeit schwiegen sie.
„An was denkst du?“ fragte Mulder plötzlich.
„Ich denke daran, ob ich dir das wirklich zumuten kann.“
Stirnrunzelnd sah er sie an.
„Wie meinst du das?“
Scully seufzte wieder.
„Ich weiß nicht, ob ich dir das zumuten kann, das Ganze mitzumachen. Ich meine, es gibt keine Gewissheit, dass ich nach dieser Therapie wieder laufen kann. Und wenn dem nicht so ist, dann werde ich rund um die Uhr Hilfe brauchen und das ... das kann ich nicht von dir verlangen.“
Mulder lächelte beruhigt. Diese Sorge quälte sie also.
„Dana“, sagte er und sah ihr direkt in die Augen, „und wenn das bedeuten würde, dass ich für den Rest meines Lebens für dich sorgen muss, ich würde nie darüber nachdenken.“
Seine Augen waren so voller Hingabe für sie und sie wusste, dass er es ehrlich meinte. Liebevoll strich sie ihm über die Wange. Er würde alles für sie tun, ganz egal, welche Auswirkungen dies haben würde. Für ihn zählte nur sie und er wollte nichts anderes, als sie glücklich sehen.
Ihre Hand schloss sich um seinen Nacken und zog ihn sacht zu sich her. Dann berührten sich ihre Lippen und sie küssten sich. Danach nahmen sie sich in den Arm und hielten sich fest.
„Ich hab eine Überraschung für dich“, flüsterte Mulder in ihr Ohr und sie sah ihn überrascht an.
Er lachte und stand auf.
„Und was für eine Überraschung ist das?“ wollte Scully wissen und Mulder grinste spitzbübisch.
„Das wirst du gleich sehen“, gab er zurück und lief zur Tür.
Gespannt sah Scully zur Tür und als sie Monica erblickte, hellte sich ihr Gesicht auf.
„Monica“, rief sie erstaunt, und mit einem Lächeln kam die Agentin auf sie zugelaufen.
„Oh, Dana, ich bin so froh“, gab Reyes zurück, setzte sich auf das Bett und schloss ihre Freundin in ihre Arme.
„Wie geht’s Ihnen?“
„Ganz gut. Aber, Monica, was machen Sie hier?“ fragte Scully erstaunt und Monica sah zu Mulder zurück, der noch an der Tür stand.
Scully sah ebenfalls fragend zu Mulder und dann nahm ihr Gesicht einen fast geschockten Ausdruck an.
An seiner Hand hatte er ein kleines Kind, das mit wankenden, aber sicheren Schritten auf sie zukam.
„William“, stammelte sie fassungslos.
Mulder lächelte. Er konnte deutlich sehen, wie sich ihr Gesicht entspannte und sich ihre Augen mit Tränen füllten. Zu gut konnte er nachempfinden, was jetzt gerade in ihr vorging. Scully hatte so unter der Trennung von William gelitten und die Vorwürfe hatten sie mit jedem Tag mehr aufgefressen. Jetzt war ihr einziges Kind wieder da und sie konnte es endlich wieder in ihre Arme schließen.
William quietschte vergnügt und als er sie erblickte, blieb er stehen.
„Mama“, rief er lachend und lief mit Schwung weiter.
Tränen rannen über Scullys Wange. Er wusste, wer sie war. Oh Gott, er wusste es. Er hatte sie nicht vergessen.
Mulder hob William auf das Krankenbett und hielt ihn fest. Spielerisch klatschte der Kleine in die Hände und zeigte auf Scully.
„Da. Mama, “ rief er und streckte die Hände nach ihr aus.
Weinend schloss Scully ihren Sohn in die Arme und er schmiegte sich liebevoll an sie.
Doggett und Luzia fuhren auf den Parkplatz des Krankenhauses. John hatte vorher mit Monica telefoniert und sich von ihr den Weg beschreiben lassen. Sie hatten sich zwei Mal verfahren, doch jetzt hatten sie das Hospital endlich gefunden.
Fast ehrfürchtig blickte Luzia zu dem großen weißen Komplex auf.
Doggett musste unwillkürlich grinsen. Es gab also doch etwas, wovor sie Respekt hatte.
Luzia trug eine schwarze Jeans und ein schwarzes Shirt. Ihre roten Haare waren zu einem geflochtenen Zopf zusammen gebunden. Sie sah fast etwas angsteinflößend aus, aber Doggett schätzte, dass dies bloß eine Fassade war.
Sie parkten den Wagen in die dafür vorgesehenen weißen Streifen und Doggett schaltete den Motor ab.
„Dann mal los“, forderte er sie auf und griff nach dem Türöffner.
„Agent Doggett?“
Er drehte sich zur ihr herum und sah in ein besorgtes Gesicht.
„Ja?“
„Würde es Ihnen was ausmachen, wenn ich hier bleibe?“
Ihre Stimme klang leicht bedrückt, doch Doggetts Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er dies auf keinen Fall tun konnte.
„Luzia, Sie wissen doch, dass ...“
„Ich weiß, “ unterbrach sie ihn, „aber ich habe ein Problem mit Krankenhäusern. Da bekomme ich immer so ein beklemmendes Gefühl und gerate in Panik. Sie wollen doch nicht, dass ich da oben zusammenbreche?“
Sie zeigte mit dem Finger auf das Gebäude und zog fragend die Augenbrauen hoch.
Doggett war ziemlich überrascht. Diese Frau konnte ohne mit der Wimper zu zucken zwei Menschen erschießen, hatte aber Angst davor, ein Krankenhaus zu betreten. Das war die größte Ironie, die er je gehört hatte!
„Und wer garantiert mir, dass Sie noch im Auto sind, wenn ich wiederkomme?“
„Ich gebe Ihnen mein Wort.“
Der Agent verdrehte die Augen. Natürlich, das Wort einer Mörderin!
Luzia bemerkte seinen Zynismus und hob die Hände.
„Hören Sie, ich weiß, dass Sie mich für eine kaltblütige Mörderin halten und ich muss für das, was ich getan habe, bestraft werden. Das bestreite ich nicht und ich werde dafür grade stehen. Aber es ist bereits das passiert, was ich wollte: William ist wieder bei seinen Eltern. Mehr wollte ich nicht und ich werde jetzt nicht davonlaufen.“
Doggett sah die junge Frau lange an und schließlich gab er nach. Irgendwie glaubte er ihr, er konnte aber nicht sagen, warum.
„Na schön. Aber Ihnen sollte klar sein, dass, wenn Sie abhauen, ich meinen Job verliere.“
Luzia lächelte.
„Das werde ich nicht.“
Doggett seufzte und verließ das Auto, um sich auf den Weg zum Eingang des Krankenhauses zu machen.
Als er im Inneren verschwand, stieg Luzia ebenfalls aus und kramte in ihrer Jackentasche nach einer Zigarettenschachtel. Sie zog eine Zigarette heraus, lehnte sich gegen das Auto und zündete sie an. Langsam inhalierte sie den Rauch und dessen Ausbreitung in ihren Lungen gab ihr ein beruhigendes Gefühl.
Doggett tat ihr wirklich Leid. Sie wusste, dass er ihr vertraute, aber sie musste zu Ende führen, was sie begonnen hatte. Sie nahm einen weiteren Zug und als sie die Zigarette aufgeraucht hatte, betrat auch sie das Krankenhaus. Sie hatte keineswegs vor, in das freudige Wiedersehen reinzuplatzen. Sie wollte etwas ganz anderes.
Als Dr. Standton das Krankenzimmer von Scully betreten wollte, sah er, dass nicht nur Monica und William, sondern auch ein weiterer Mann, ebenso wie Mulder, im Zimmer waren. Er blieb vor der Tür stehen und spähte hinein, ohne dass die Anwesenden ihn sehen konnten.
Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann waren sie ja vollzählig.
Er machte kehrt und lief in sein Büro zurück. Dort angekommen, setzte er sich an seinen Schreibtisch und nahm den Hörer ab.
Doch ehe er wählen konnte, ließ ihn eine Stimme erschrocken zusammenfahren.
„Hallo, Dr. Standton“, kam es von der Tür her und der Arzt wirbelte auf seinem Stuhl herum.
Am Türrahmen stand eine junge, ganz in schwarz gekleidete Frau. Sie war eine hübsche Frau und es bereitete ihm Sorgen, dass sie ihn zu kennen schien, aber er sie nicht.
„Was wollen Sie?“ fragte er und die Frau machte einen Schritt in das Zimmer hinein.
„Das wissen Sie doch“, gab sie düster zurück und schloss die Tür hinter sich.
Unsicher rutschte der Doktor auf seinem Stuhl hin und her.
„Was ... Hören Sie, es ist besser, wenn Sie gehen. Für Unbefugte ist der Zutritt verboten. Das ist ein Privatraum.“
Die Frau lachte kurz, griff an ihre Hüfte und zog eine Waffe heraus.
„Ich kann Sie diesen Anruf nicht machen lassen, das ist Ihnen doch klar“, gab sie zu verstehen und in ihrer Stimme schwang ein drohender Unterton mit.
Der Arzt schluckte schwer und Angst machte sich in ihm breit. Mit einem Mal sah diese Frau gar nicht mehr jung und unschuldig aus, sondern fest entschlossen, ihn an seinem Tun zu hindern.
„Wer sind Sie?“
Wieder lächelte sie und lud die Waffe durch.
„Das müssten Sie doch wissen, Doc. Ihnen habe ich es doch zu verdanken, dass ich existiere.“
Seine Augen weiteten sich entsetzt.
„Luzia?“ fragte er leise.
Es war erstaunlich, wie sich im Angesicht des Todes Menschen plötzlich an die vergessensten Dinge erinnern konnten! Und genau das machte sie unglaublich wütend!
Sie zog den Schalldämpfer aus ihrer Jackentasche und schraubte ihn auf die Waffe auf.
„Die Natur hat es noch nie gebilligt, dass man in ihr Geschehen eingreift. Daran hätten auch Sie sich halten sollen, Dr. Standton, “ zischte sie und betonte seinen Namen.
„Aber ich...,“ wollte der Arzt sich verteidigen, doch die Frau hob die Waffe und feuerte, ohne zu zögern, zweimal auf ihn ab.
Er wollte noch schreien, doch sein Körper zuckte und seine Augen verdrehten sich qualvoll. Der Todeskampf dauerte keine drei Sekunden und dann blieb sein Körper reglos auf dem Stuhl liegen.
Kurz betrachtete die Frau den Toten und verließ daraufhin das Zimmer.
Eine halbe Stunde vorher betrat Doggett das Krankenzimmer von Scully. Alle waren versammelt und er lächelte fröhlich, als sie sich zu ihm umdrehten.
„Agent Doggett“, rief Mulder erfreut und reichte ihm die Hand.
„Mulder“, gab Doggett zurück und erwiderte seinen Händedruck. Es war schön, sie wieder zu sehen, und es erinnerte ihn an die alten Zeiten.
Scully saß in ihrem Krankenbett, während William neben ihr saß und Monica davor stand. Auch die beiden Frauen lächelten ihm entgegen, doch als Doggett Scully sah, wurde sein Blick traurig. Monica hatte ihm zwar erzählt, dass sie im Krankenhaus lag, aber was passiert war, wusste er nicht.
Er trat zu Scully ans Bett und gab auch ihr die Hand.
„Was machen Sie denn für Sachen, Dana?“ fragte er spaßig und betrachtete sie.
Ihr Gesicht war bleich und für Doggett sah sie fast sterbenskrank aus. Dass sie dem Tod tatsächlich so nahe gewesen war, davon hatte er keine Ahnung.
„Inzwischen müssten Sie es doch gewohnt sein, John, mich im Krankenhaus zu besuchen“, antwortete sie heiter und schüttelte seine Hand.
„Na ja, ich kann mir weitaus Besseres vorstellen, “ gab er zurück und sah zu William, der sein Spielzeugauto auf der Bettdecke hin und her schob.
Monica meldete sich zu Wort und sah ihren Partner fast ärgerlich an.
„Wo ist denn Ihre Begleitung?“
Doggett drehte sich zu ihr herum und setzte eine Unschuldsmiene auf. Mit seiner Antwort würde sie sicher nicht zufrieden sein.
„Sie sitzt unten im Auto.“
Reyes riss die Augen auf.
„Was?!“
Doggett hob beschwichtigend die Arme.
„Keine Sorge, Monica, sie wird nicht abhauen.“
„Sie ist eine Mörderin! An ihrer Stelle würde ich jede Gelegenheit dazu nutzen um abzuhauen!“
Mulder sah die Beiden an und wechselte dann einen verwirrten Blick mit Scully. Er hatte keine Ahnung, worum es ging, und auch Scully zuckte nichtverstehend mit den Schultern.
„Wer?“ wollte Mulder wissen, ehe Doggett etwas auf Monicas Aussage erwidern konnte.
„Die Frau, die bei mir ist, gehörte zu der Gruppe, die William entführen wollte“, erklärte er und jetzt wurden auch Mulders Augen groß.
„Hat sie etwa die Adoptiveltern umgebracht?“
„Ja, aber sie hatte andere Motive als die, die wir am Anfang vermutet haben.“
Monica stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihren Partner böse an.
„Was soll denn das bedeuten, John?“
„Sie wollte William nicht mitnehmen. Sie wollte ihn hierher bringen, zu Mulder und Scully.“
Scully schluckte. Dass Williams Adoptiveltern umgebracht worden waren, hatte sie sehr getroffen, aber dass Doggett jetzt auch noch die Verantwortliche hierher brachte, konnte sie beim besten Willen nicht verstehen.
„Woher wollen Sie wissen, dass dies nicht bloß einen Ausrede ist, um wieder an William heranzukommen?“
Monica war außer sich. Das passte gar nicht zu John. Er hielt sich strikt an die Vorschriften und würde niemals riskieren, dass einer Mörderin möglicherweise die Flucht gelang.
„Sie hat mir erzählt, dass möglicherweise jemand darüber Bescheid weiß, dass William hier ist und somit ist auch Scullys und Mulders Leben gefährdet“, sagte er an sie gerichtet.
Mulder horchte auf und sah zu Scully. Ihr Blick war verängstigt und sie drückte William geistesabwesend an sich. Wenn diese Frau wirklich Recht hatte, dann schwebten sie in großer Gefahr und ihrer aller Leben war gefährdet. Nicht nur seines und Scullys.
„Und was veranlasst Sie dazu, ihr zu glauben?“ fragte Mulder.
Doggett starrte ihm ins Gesicht.
Wie sollte er das jetzt am besten erklären? Er konnte es ja selbst kaum glauben, wie sollte er es also begründen können? Tatsache war aber, dass sie diese Gabe hatte.
„Wegen dem ... was sie kann.“
Mulder machte einen Schritt auf ihn zu.
„Und was kann sie?“
„Sie kann Gedanken lesen.“
Plötzliches Schweigen herrschte im Zimmer und die Übrigen sahen sich verwirrt an. Keiner hätte damit gerechnet, dass Agent John Doggett jemals so etwas sagen würde. Nicht er. Er war der Skeptiker unter ihnen.
„Sind Sie sicher?“ fragte Mulder.
Doggett nickte langsam und spätestens jetzt wurde jedem klar, dass er es wirklich ernst meinte.
Monica schien den Durchblick verloren zu haben und schüttelte den Kopf.
„Dann sollte wir mit ihr sprechen“, sagte Mulder und nahm seine Jacke, die er über einen Stuhl gehängt hatte. Er zog sie an und wandte sich dann an Reyes.
„Monica, Sie bleiben hier bei Dana und William“, gab er die Anweisung und die Agentin nickte.
„Fox, was hast du vor?“ warf Scully ein.
Ihr war das Ganze nicht geheuer und sie bekam es langsam mit der Angst zu. Ihrer Meinung nach war erst durch diese Frau und durch ihre Aktion ihr Leben in Gefahr geraten und jetzt wollte er auch noch mit ihr sprechen.
Mulder kam lächelnd auf sie zu und setzte sich vor ihr auf den Rand des Bettes.
„Sie ist vielleicht wirklich die Einzige, die uns helfen kann, Dana. Wenn die Bescheid wissen, wo wir sind, dann brauchen wir jede nur erdenkliche Hilfe. Ich will nicht riskieren, dass sie diese Hilfe ist und ich will wissen, was sie weiß, “ gab er zu verstehen und streichelte seinem Sohn über den Kopf.
Scully nickte nachgebend und Mulder gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Wir werden bald zurück sein.“
Er stand auf und lief mit Doggett zur Tür. Sie wollten gerade das Zimmer verlassen, als eine völlig hysterisch schreiende Krankenschwester den Gang entlang gerannt kam.
„Gut gemacht!“
Mit voller Wucht knallte Doggett fünf Fotos auf den Tisch und starrte Luzia böse an. Die junge Frau zuckte kurz zurück und betrachtete ihr Gegenüber mit einem kritischen Blick.
Sie hatten sich in eines der Vernehmungszimmer der örtlichen Polizei zurückgezogen und Luzia saß an einem Holztisch, während Doggett vor ihr stand.
Irritiert beugte sich Luzia über die Bilder und als sie einen Blick darauf geworfen hatte, schreckte sie entsetzt zurück.
„Warum zeigen Sie mir das?!“ rief sie geschockt und rümpfte die Nase.
Doggett kochte innerlich und er hatte große Mühe, sich zurückzuhalten.
„Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass überall dort, wo Sie auftauchen, es plötzlich nur so von Leichen wimmelt?!“
Luzias Augen zogen sich zu einem Schlitz zusammen.
„Wollen Sie etwa behaupten, dass ich diesen Mann getötet habe?“
Doggett richtete sich auf und holte tief Luft, um nicht völlig die Beherrschung zu verlieren.
„Ich bin kaum 30 Minuten weg und schon finden wir den Doktor erschossen in seinem Büro! Was würden Sie denn denken, wenn Sie eine zweifache Mörderin unbeaufsichtigt in Ihrem Wagen gelassen haben?!“
Er brüllte die Sätze fast, denn er war so außer sich, so unglaublich sauer, dass ... dass ihm die Worte fehlten. So viel Dreistigkeit hatte er noch nie erlebt.
„Es ist mir egal, was Sie denken. Ich habe diesen Mann nicht umgebracht. Ich weiß nicht mal, wer das ist, “ gab Luzia ebenso laut zurück und schob die Bilder zur Seite.
Mulder hatte sich in den hinteren Teil des Zimmers zurückgezogen und beobachtete das Ganze aus der Ferne. Er hatte sich gegen die Wand gelehnt und die Arme vor der Brust verkreuzt.
Nachdem er und Doggett der verstörten Schwester gefolgt waren, hatten sie Dr. Standton tot aufgefunden, mit zwei Einschusslöchern in der Brust. Die Kugeln hatten sein Herz getroffen und er musste auf der Stelle tot gewesen sein. Der Mörder hatte genau gewusst, wie er sein Opfer töten musste.
Als Doggett die Leiche gesehen hatte, hatte er nur leise ihren Namen gestammelt und war augenblicklich aus dem Zimmer gestürmt. Mulder war ihm hinterher gerannt und sie hatten Luzia, brav wartend, im Auto gefunden.
Mulder fixierte das Gesicht dieser Frau.
Er kannte sie, er kannte sie ganz bestimmt. Oder sie hatte einfach eine enorme Ähnlichkeit mit jemandem, den er kannte. John hatte Recht gehabt. Es war, als würde man in das Gesicht einer vertrauten Person sehen.
Er räusperte sich und die beiden Streithähne fuhren auseinander. Dann stand er auf und kam in den beleuchteten Teil des Raumes.
„Sie bleiben also bei Ihrer Geschichte?“ wollte er wissen und blieb vor dem Tisch stehen.
„J-a“, sagte Luzia mit Nachdruck.
Mulder nickte und lief zum linken Ende des Tisches.
„Sie können also Gedanken lesen?“ fragte er wie aus heiterem Himmel und Luzia schloss kurz die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, richtete sich ihr Blick auf Doggett.
Gut gemacht, Agent Doggett. Man kann sich auf Sie verlassen. Sie tun genau das, was man von Ihnen erwartet.
Gespielt beschämt sah sie wieder zu Mulder zurück.
„Und wenn es so wäre?“
Mulder zuckte gelassen mit den Schultern.
„Dann müssten Sie mir das erst mal beweisen“, gab er zurück und stützte seine Hände auf dem Tisch ab, „an was denke ich gerade?“
Luzia lachte leise und sah ihm genau in die Augen, als müsste sie sich immens auf ihn konzentrieren.
„Sie versuchen, an gar nichts zu denken, aber allein der Versuch, an nichts zu denken, ist bereits ein Gedanke.“
Mulder richtete sich anerkennend auf. Sie konnte tatsächlich Gedanken lesen. Sie war wie Gibson Praise. Mulder hätte es nie für möglich gehalten, dass es einen weiteren Menschen gab, der diese Fähigkeit hatte. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Frau mit den roten Haaren und den blauen Augen kaltblütig Menschen umbrachte. Aber möglich war alles und er hatte es beim FBI schon mit Mördern zu tun gehabt, die absolut nicht wie solche aussahen.
„Was wollten Sie mit William?“
„Ich wollte ihn zurückbringen.“
„Und warum?“
„Weil er hierher gehört.“
Mulder setzte sich in Bewegung und lief vor dem Tisch auf und ab.
„Glauben Sie nicht, dass es einen Grund hatte, weswegen seine Mutter ihn weggegeben hat?“
„Doch, weil sie Angst hatte, ihn nicht beschützen zu können und weil sie alleine war, was sie jetzt nicht mehr ist.“
Mulder blieb stehen und sah sie an. Er war sich sicher, dass sie über alles Bescheid wusste. Über ihn, über Scully, über alles, was sie in den letzten zehn Jahren erlebt hatten.
„Und glauben Sie, dass die Gefahr jetzt vorüber ist?“
„Die Gefahr wird nie vorüber sein. Er wird immer ein Verfolgter bleiben, genauso wie seine Eltern.“
Mulder war überrascht, dass sie ihn nicht direkt ansprach, sondern in der 3. Person von ihm redete. Aber was sie gesagt hatte, beunruhigte ihn auch so. Würde ihre Zukunft tatsächlich so aussehen? Würden sie immer untertauchen müssen und ihr Leben nicht so leben können, wie es andere Menschen taten? Würden sie immer davonlaufen müssen?
„Entschuldigen Sie uns“, sagte Mulder und sah Doggett an.
Gemeinsam verließen sie den Raum und blieben vor der Tür stehen.
„Was haben Sie jetzt vor?“
Auch Doggett schien etwas verwirrt zu sein und langsam beschlich ihn das Gefühl, dass er eine völlig falsche Entscheidung getroffen hatte. Diese Frau hierher gebracht zu haben, war dumm von ihm gewesen. Sie machte mehr Schwierigkeiten, als dass sie ihnen half.
„Wir werden zurück zum Krankenhaus gehen und entscheiden, was wir jetzt tun werden. Wenn ich sie richtig verstanden habe, dann wissen die, dass wir uns hier aufhalten und dass William bei uns ist, “ erklärte Mulder.
Doggett nickte zustimmend.
„Und was machen wir mit ihr?“
Mulder sah kurz durch das kleine Fenster in der Tür.
„Lassen Sie sie hier.“
„Was?“
„Hier kann sie wenigstens niemanden umbringen.“
„Sie glauben also, dass sie den Arzt umgebracht hat?“
Mulder zuckte desinteressiert mit den Schultern.
„Haben Sie sie durchsucht, bevor Sie hierher geflogen sind?“
Doggett verdreht die Augen. Daran hatte er natürlich nicht gedacht! Verdammt noch mal, er hätte doch daran denken müssen! Sie hätte sich ohne große Schwierigkeiten eine Waffe besorgen können, aber er hatte ihr vertraut. Er hatte wirklich geglaubt, was sie ihm erzählte.
„Also können Sie nicht ausschließen, dass sie eine Waffe dabei hatte“, fügte Mulder hinzu und Doggett schüttelte den Kopf.
„Andererseits, wie wäre sie dann durch den Metalldetektor gekommen?“
Doggett sah ihn direkt an.
Auf wessen Seite stand er eigentlich? Hielt er sie nun für die Mörderin von Dr. Standton oder suchte er nach etwas, was ihre Unschuld beweisen würde?
Aber Mulder trieb das Ganze noch weiter und verunsicherte Doggett damit völlig.
„Heutzutage kann man allerdings Schusswaffen in kleinste Teile zerlegen und niemand würde ahnen, dass es sich dabei um ein Tötungsinstrument handelt.“
Mulder und Doggett kehrten zurück zum Krankenhaus, wo sie schon sehnlichst von Scully und Reyes erwartet wurden. Sie versammelten sich um Scullys Bett.
„Was habt ihr herausbekommen?“ fragte sie.
Mulder seufzte, nahm William auf den Arm und setzte sich in einen Stuhl.
„Nicht viel, aber sie scheint wirklich Gedanken lesen zu können.“
Scully und Reyes wechselten einen verwirrten Blick miteinander. Eigentlich hatten sie Doggetts Behauptung keinen Glauben geschenkt, aber nachdem jetzt auch Mulder dies bestätigte, mussten sie es wohl glauben.
„Hat sie gar nichts gesagt?“ wollte Reyes wissen und sah Mulder an.
„Unter anderem, dass wir möglicherweise in Gefahr sind, “ antwortete er und sah zu Scully.
Ihr Gesicht hatte wieder einen beängstigenden Ausdruck angenommen. Seit sie Amerika verlassen hatten, litt sie ständig unter Verfolgungsängsten. Sie hatte immer die Befürchtung gehabt, dass sie sie eines Tages finden würden. Und so, wie es jetzt aussah, hatte sie damit Recht gehabt. Er verstand sie gut, aber er konnte mit dem Gedanken besser umgehen als sie.
Er beugte sich nach vorne, ergriff ihre Hand und lächelte ihr aufmunternd zu. Sie lächelte zurück und schloss kurz die Augen.
„Was sollen wir jetzt machen?“
„Ich würde sagen, dass wir Sie erst mal von hier weg bringen“, sagte Doggett und sah in die Runde.
„Das geht nicht. Dana muss mit ihrer Therapie anfangen, “ gab Mulder zurück und Doggett sah ihn verunsichert an.
„Welche Therapie?“
Die Augen der Anwesenden richteten sich auf ihn und dann wurde Scully bewusst, dass er gar nicht über ihren Unfall Bescheid wusste.
„Ich hatte einen Autounfall, John. Ich bin querschnittsgelähmt und nur eine sofortige Physiotherapie könnte ein Gehen wieder möglich machen.“
Doggetts Augen weiteten sich entsetzt. Sie sah nicht gut aus und er wusste, dass sie krank war, aber dass sie so schwere Verletzungen hatte, damit hätte er nie gerechnet.
„Und was sollen wir dann machen? Wir können sie hier nicht unbeaufsichtigt lassen, “ sagte Doggett.
„Eigentlich kann niemand von uns alleine bleiben. Wir sind alle gefährdet, “ warf Mulder ein.
Unsicher blickten sie sich an. Langsam wurde das Ganze wirklich kompliziert.
„Ich schlage vor, “ sagte Monica, „dass immer einer hier bleibt, während die Anderen zum Haus fahren und dann wechseln wir uns ab.“
Doggett sah Reyes an und nickte.
„Gut, dann machen wir es so, “ sagte Mulder, stand auf und gab William an Monica weiter, „ich übernehme die erste Schicht und Sie und John werden zu unserem Haus fahren.“
Die Anderen waren einverstanden und schließlich verließen Doggett, Reyes und William das Krankenhaus, während Mulder bei Scully blieb.
Eine Woche verging, in der Scully täglich mit ihrer Therapie zu kämpfen hatte. Sie war sehr motiviert gewesen, aber als sich die Woche dem Ende neigte, schwand auch ihr Kampfgeist.
Mulder war ständig bei ihr gewesen. Er hatte keine Sitzung verpasst, auch wenn er gar nicht im Krankenhaus hätte sein müssen. Er war froh, dass Monica da war, die sich, wenn er hier war, um William kümmerte. Doggett versuchte in der Zwischenzeit, etwas über Dr. Standton herauszufinden, was den Mord an ihm erklären könnte. Luzia befand sich immer noch im Gefängnis.
Wie gewöhnlich hatte sich Mulder in eine Ecke verzogen und eine Zeitung gelesen, um Scully und ihre Therapeutin nicht zu stören. Das Interesse am Lesen hatte er aber schnell verloren und hatte zugesehen.
Die Therapiestunde war frustrierend verlaufen und man konnte es Scully deutlich ansehen. Sie hatte sich abgemüht und bis zum Ende ihrer Kräfte gekämpft.
Mulder hatte sie zurück in ihr Zimmer gebracht und war dann kurz verschwunden, um sich einen Kaffee zu holen.
Scully hasste es, sich in einem Rollstuhl von ihm durch die Gegend fahren zu lassen. Sie konnte sich nicht damit abfinden, so hilflos und unselbständig zu sein. Mulder spürte das mit jedem Tag mehr und er hätte ihr so gerne geholfen, wenn er nur gewusst hätte, wie.
Als er das Zimmer wieder betrat, saß Scully am Fenster und sah hinaus. Sie sah sehr geknickt aus. Er stellte sich neben sie, legte einen Arm auf ihre Schulter und strich ihr dann sanft über den Rücken.
„Ich ertrage das nicht mehr“, sagte sie plötzlich und Mulder sah sie überrascht an, während sie immer noch aus dem Fenster blickte.
Dann sah sie ihn direkt an.
„Und ich kann auch nicht mehr.“
„Dana...,“ wollte er sagen, ging in die Knie, um mit ihr in gleicher Augenhöhe zu sein, und wurde von ihr unterbrochen.
„Jeden Tag kämpfe ich dafür, dass sich meine Beine wenigstens ein bisschen bewegen, aber es passiert nichts. Absolut nichts.“
Mulder lächelte sie aufmunternd an.
„Es ist noch zu früh, um eine Prognose abzugeben. Du hast erst vor fünf Tagen mit der Therapie begonnen, “ gab er zurück.
Scully schloss die Augen und seufzte.
„Ich werde nie wieder laufen können“, sagte sie leise.
„Das weißt du doch jetzt noch nicht“, sagte er und nahm ihre Hände in seine.
„Meine Therapeutin sagt, dass man kleine Fortschritte bereits sehen müsste. Es ist so entmutigend, sich jeden Tag zu verausgaben und keinen Erfolg zu sehen.“
Ihre Stimme wurde weinerlich und in ihren Augen bildeten sich Tränen.
Mulders Herz zog sich zusammen. Es tat ihm weh, sie so leiden zu sehen. Er verstand sie. Er verstand sie nur zu gut und er hatte ebenfalls wahrgenommen, dass die Therapie bisher ohne Ergebnis geblieben war, aber seiner Meinung nach war es noch zu früh, um eine Vorhersage für die Zukunft abzugeben.
Er zog sie zu sich heran und schloss sie in seine Arme. Ihre Kräfte waren wirklich aufgebraucht und sie war fertig mit den Nerven. Sie hatte alles gegeben, doch irgendwann konnte man einfach nicht mehr. Ein kleiner Erfolg hätte sie wahrscheinlich weiter angespornt, aber er blieb aus und somit auch die Motivation, weiterzumachen.
„Was möchtest du, Dana?“ fragte er liebevoll.
Es war an der Zeit, auch etwas für ihren Seelenfrieden zu tun.
„Ich möchte nach Hause.“
Ihre Stimme war leise und Mulder erkannte die Dringlichkeit darin. Sie wollte das Krankenhaus verlassen, um in ihrer vertrauten Umgebung und bei William zu sein.
„Okay“, gab er zurück und drückte sie an sich.
Dann hörte er ein Schluchzen und dann weinte sie. All der Schmerz und die Enttäuschung der letzten Tage, aber auch die Erleichterung, dass Mulder mit ihrer Bitte einverstanden war, kamen in ihr hoch. Die Gefühle überwältigten sie.
Mulder küsste sie zärtlich auf die Wange und drückte sie dann noch fester an sich. Er konnte sich vorstellen, wie sie sich fühlte und sie sollte wissen, dass er bei ihr war.
Mulder fuhr zum Haus zurück, um noch ein paar Sachen herzurichten, ehe Scully nach Hause kam. Monica war mit William spazieren gegangen und er fand Doggett in der Küche beim Telefonieren.
Er verschwand kurz im oberen Stockwerk und als er wieder nach unten kam, konnte er gerade noch hören, wie Doggett sich von seinem Gesprächspartner verabschiedete.
Mulder betrat die Küche, um ihm mitzuteilen, dass Scully nach Hause kommen würde, als er in ein völlig verstörtes Gesicht sah.
„Agent Doggett, Dana wird ... Alles in Ordnung mit Ihnen?“
Besorgt musterte er den Agenten, dessen Gesichtsfarbe weiß geworden war. Dann sah er Mulder direkt an.
„Ich habe gerade mit Danny gesprochen“, fing er an und stoppte abrupt.
Mulder zog fragend eine Augenbraue nach oben.
„Und?“
„Ich habe ihn gebeten, ein DNA-Profil eines Haares von Luzia zu erstellen und sie mit einem anderen zu vergleichen.“
Mulder stemmte die Hände neugierig in die Hüften.
„Und was hat er rausgefunden?“
Doggett schluckte schwer und Mulder musste feststellen, dass ihn die Antwort ziemlich schockiert haben musste. Allmählich ließ auch Mulders Heiterkeit nach.
Langsam öffnete John den Mund, doch Sekunden verstrichen, ehe er Mulder antwortete.
„Luzia ist Scullys Tochter.“
„Bei wem von Ihnen muss ich mich denn bedanken, dass ich diesen wunderschönen Sommerurlaub im Gefängnis verbringen darf?“ fragte Luzia provozierend und funkelte Mulder und Doggett an. Natürlich meinte sie es nicht wirklich ernst und sie hätte eigentlich mit einem Kommentar von einem der Beiden gerechnet, denn auch in den Vereinigten Staaten würde sie jetzt im Gefängnis sitzen. Sie hatte also kein Recht, in diesem Ton mit ihnen zu sprechen. Mulder und Doggett waren jedoch mit verstörten, aber auch wissbegierigen Gesichtern in die Zelle gekommen. Was auch immer mit ihnen war, es beschäftigte sie ungemein. Ihre Gesichter waren besorgt und Luzia ertappte sich dabei, wie sie in Versuchung geriet, ihr Versprechen gegenüber Agent Doggett zu brechen. Doch sie ließ es und setzte ihre Fähigkeit nicht ein.
Die beiden Männer wechselten einen Blick miteinander und setzten sich dann.
„Luzia“, begann Mulder das Gespräch, „wir wissen, wer Sie sind.“
Sie sah ihm direkt in die Augen und Mulder konnte sehen, wie sich ihre Augen geschockt weiteten. Sie stöhnte und fuhr sich mit den Handflächen über das Gesicht. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
„Ich wollte nicht, dass Sie es wissen“, sagte sie, nahm den Kopf herunter und sah Mulder wieder an.
„Sie sind die Tochter meiner Frau“, gab Mulder zurück und er konnte ihren Mundwinkel zucken sehen.
Jetzt wusste er auch, warum sie ihm so bekannt vorgekommen war. Die Ähnlichkeit mit Scully war unübersehbar. Die gleiche Augenfarbe, die vollen Lippen und die feinen Gesichtszüge. Selbst bei William sah er nicht so viel Ähnlichkeit, aber die würde wahrscheinlich erst mit dem Alter kommen. Bei Luzia jedoch konnte eine Verwandtschaft zu Scully kaum abgestritten werden. Je länger Mulder diese Frau betrachtete, desto mehr Ähnlichkeiten fielen ihm auf und desto beängstigend wurde es.
„Nach einer Genanalyse ist sie zu 99.9913 Prozent Ihre Mutter“, fügte er hinzu, weil er das Gefühl bekam, dass Luzia es nicht recht wahrhaben wollte.
„Ja, sie ist meine Mutter, meine biologische Mutter.“
Luzia hatte nicht vor abzustreiten, dass Scully ihre Mutter war, aber sie wollte, dass Mulder wusste, dass mit dieser Verwandtschaft auch Einschränkungen verbunden waren.
„Wussten Sie, dass sie Ihre Mutter ist?“ wollte Mulder wissen.
Luzia schüttelte den Kopf.
„Mir wurde nicht gesagt, aus welchem Erbmaterial ich erschaffen wurde. Ich habe es erst viel später erfahren, als ich mich von diesen Leuten entfernt habe.“
„Was für Leute?“
„Den Leuten, denen ich meine Existenz zu verdanken habe“, antwortete sie und in ihrer Stimme schwang ein verachtender Ton mit, „Ärzte, angeheuert von unserer Regierung.“
Mulder wechselte einen kurzen Blick mit Doggett, der sich bisher im Hintergrund gehalten und das Gespräch beobachtet hatte. Jetzt lehnte sich der Agent nach vorne und meldete sich zum ersten Mal zu Wort.
„Wie alt sind Sie?“
Ein kleines Lächeln huschte über Luzias Gesicht und sie sah John an.
„Was glauben Sie denn, wie alt ich bin?“ fragte sie im sanften Ton. Sie wusste, worauf er hinauswollte.
„Wenn ich nach Ihrem Aussehen gehen würde, würde ich sagen, dass Sie Anfang 20 sind, aber das stimmt zeitlich nicht überein. Dana Scully wurde vor ungefähr acht Jahren entführt, wenn Sie zu diesem Zeitpunkt gezeugt worden sind, dann dürften Sie jetzt höchsten acht Jahre alt sein, “ erklärte er und sah Mulder kurz an. Er erkannte in seinem Gesicht, dass auch er sich diese Frage gestellt hatte.
Luzia lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verkreuzte die Arme vor der Brust.
„Theoretisch gesehen, haben Sie vollkommen Recht, aber glauben Sie nicht auch, dass, wenn es Leute gibt, die dazu im Stande sind, den Gencode so zu verändern, dass es möglich ist Gedanken zu lesen, nicht auch dazu im Stande sind, den Alterungsprozess zu beschleunigen?“ wollte Luzia wissen.
Genaugenommen war es gar keine Frage, sondern eine Erklärung.
„Ich wurde nur aus einem Grund erschaffen: Das Aussterben der Menschheit zu verhindern. Es gab Hunderte, die wie ich, aus Einzellen von entführten Frauen, gezeugt wurden, aber keines der Babys überlebte länger als vier Wochen, danach starben sie am plötzlichen Kindstod. Jedenfalls gaben das die Ärzte in ihren Berichten an, aber in Wirklichkeit stießen ihre Körper die entfremdeten Gene ab. Am Schluss überlebten nur zwei der Babys.“
Sie hatte, während sie gesprochen hatte, auf die Tischplatte gestarrt, so als würden sich darin die Bilder dieser Tragödie widerspiegeln. Dann stoppte sie und richtete ihren Blick auf Mulder.
„Einer der Säuglinge war ich und der andere Säugling war der Mann, den Agent Doggett im Wald erschossen hat.“
Doggett schüttelte ungläubig den Kopf. Es war so fantastisch, was sie hier erzählte und es hörte sich wie ein erfolgversprechendes Drehbuch eines Science-Fiction-Films an. Mulder war fasziniert, das konnte er ihm deutlich ansehen. Doggett jedoch hatte seine Probleme damit, alles zu glauben, was ihnen diese Frau hier erzählte.
„Unser Gencode wurde verändert, damit wir gegen das Alienvirus immun sind, wenn die Übernahme beginnen sollte. Wir wurden bereits mit diesem Schutz geboren und daher ist unsere Immunabwehr um ein Vielfaches stärker, “ erzählte sie weiter und schloss dabei immer wieder die Augen, denn das Ganze brachte so unerträgliche Erinnerungen mit sich.
„Welche Aufgabe hatten Sie?“ fragte Mulder. Die Sache hatte ihn völlig eingenommen und er wollte alles wissen, denn solch eine Chance würde er nie wieder bekommen.
Sie seufzte.
„Unsere Nachkommen sollten dafür sorgen, dass die Menschheit nicht ausstirbt, wenn die Erde von den Supersoldaten übernommen wird.“
Mulder schüttelte den Kopf. Es schockierte und faszinierte ihn zugleich. Zu welchen tiefen Abgründen war die Regierung noch der Lage? Menschenleben waren hier genauso viel wert wie Laborratten. Kinder wurden gezüchtet, um sich fortzupflanzen!
Luzia hatte die Hände über den Tisch gelegt und ihr Finger ineinander verflochten.
„Ich habe keine Erinnerung an meine Kindheit. Ich schätze deswegen, weil es sie nie gegeben hat. Ich bin in einem weißen Raum aufgewachsen, umgeben von Ärzten in weißen Kitteln. Ich habe nie etwas anderes gesehen, als Labor- und Untersuchungsräume. Wenn ich nachts geweint habe, weil ich schlecht geträumt hatte, da war niemand da. Keiner hat mir abends vor dem Schlafengehen ein Buch vorgelesen oder mich in den Arm genommen, wenn’s mir schlecht ging. Mir wurde Wissen und Fakten aufgezwungen. Ich durfte keine eigene Erfahrungen machen.“
Ihre Stimme zitterte und Tränen rannen über ihre Wange, aber sie sprach in einer neutralen Tonlage, als würde sie aus einem Buch vorlesen. Sie hatte nie erfahren, was Liebe oder Freundschaft war. Gefühle hatte sie nie kennen gelernt. Sie war darauf programmiert worden, keine Gefühle zu empfinden, damit sie die perfekte Maschine wurde.
Was hatte man diesem Kind nur angetan und zu welchem Preis? Es rührte Mulder, zu sehen, dass sie weinen konnte, dass ihr Gefühle dennoch nicht fremd waren.
Er langte über den Tisch hinweg und legte seine Hand auf ihre. Keiner würde jemals verstehen, was sie durchgemacht haben musste und wie brutal die Welt auf sie gewirkt hatte, als sie zum ersten Mal die weißen Räume verlassen hatte.
Luzia zog ihre Hand zurück und wischte sich über die Augen. Mulder reichte ihr ein Taschentuch und sie putzte sich die Nase. Sie sah einige Sekunden an die Decke und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, ehe sie weiter erzählte.
„Sie hatten uns so intelligent gemacht, dass wir erkannten, dass ein Leben in einem Labor nicht alles sein konnte, und ich begann, Nachforschungen anzustellen. Über meine Herkunft, über alles. Ich wollte das kennen lernen, was außerhalb dieser Räume lag und mir wurde klar, was Gefühle sind. Ich konnte es in ihren Gedanken lesen. Jedes Mal, wenn sie wieder irgendwelche Tests vollzogen, konnte ich so etwas wie Reue in ihren Gedanken lesen.“
Sie holte Luft und schwieg.
In Mulder staute sich eine Menge Wut an. Wie konnte man nur so grausam sein und Kinder für solche Zwecke missbrauchen? Es war so schrecklich und menschenentwürdigend!
„Wie haben Sie erfahren, wer Ihre Mutter ist?“
„Irgendwann sind wir geflohen und bei einer Gruppe von Entführungsopfern untergekommen. Dort hab ich auch das Bild Ihrer Frau gesehen.“
Sie lächelte kurz, als sie an das Gefühl dachte, das sie dabei empfunden hatte.
„Ich dachte, ich würde in einen Spiegel sehen. Ich sah mein Gesicht, “ fuhr sie leise fort und blickte zu Mulder hoch, „und nach dem DNA-Vergleich wusste ich, dass sie meine Mutter ist. So erfuhr ich auch von William.“
Mulder nickte. Diese Vermutung hatte er auch gehabt und jetzt war sie bestätigt.
„Ich wollte ihn einfach zu Ihnen zurückbringen, das war alles, was ich wollte. Ich ... ich hatte nie eine Mutter oder einen Vater und ich wollte nicht, dass William das gleiche Schicksal erleidet.“
Schmerz mischte sich unter ihre Stimme und Mulder lächelte sie traurig an. Er hatte soviel Mitleid mit dieser jungen Frau. Unvorstellbar, dass sie so souverän darüber reden konnte, aber Gefühle waren ihr fremd und langsam schien sie zu verstehen, warum sie diese Gefühle hatte und was sie bedeuteten.
„Aber William war doch bei seinen Adoptiveltern sicher“, gab Doggett zu bedenken und erinnerte damit alle Anwesenden daran, dass sie trotz allem noch eine Mörderin war.
Luzia schüttelte den Kopf.
„Er war dort nicht sicher. Diese Leute hatten herausgefunden, wo er war, und wollten ihn holen, deswegen mussten wir schnell handeln.“
„War es unbedingt notwendig, sie deswegen umzubringen?“
Luzia hatte bisher Doggetts Blick standgehalten, doch jetzt sah sie beschämt zur Seite.
„Vielleicht wäre es nicht notwendig gewesen, aber sie hätten uns William nicht freiwillig überlassen und wir hatten keine Zeit zu verhandeln.“
Doggett holte tief Luft und lehnte sich zurück. Auch das war seiner Meinung nach kein Grund und der Tod der Adoptiveltern sinnlos.
Mulder hatte ebenfalls kein Verständnis für die beiden Morde, aber er musste zugeben, dass er langsam Verständnis dafür bekam, auch wenn es ihm schwer fiel.
„Sie haben Dr. Standton umgebracht, nicht wahr?“
Mulder hatte von Anfang an gewusst, dass sie die Mörderin war, und er konnte sich auch den Grund dafür denken.
„Dr. Standton war einer der Ärzte, die an diesem Projekt gearbeitet haben. Er hat all die Jahre meine Entwicklung genau beobachtet und protokolliert. Er wusste, wer Sie waren, Mr. Mulder. Er kannte Sie und er kannte Ihre Frau, er kannte Ihre wahre Identität. Und als er Ihren Aufenthaltsort weitergeben wollte, musste er sterben, “ sprach sie verachtend aus und der Hass, der sich alle die Jahre gegen den Arzt aufgebaut hatte, war auch jetzt nicht verschwunden. Er war immer noch anwesend und stärker als jemals zuvor.
In Doggetts Augen sah Luzia kein Verständnis, in Mulders Augen umso mehr und so richtete sie ihren letzten Satz an ihn.
„Ich hatte nie eine Familie. Ich habe nie gewusst, was es bedeutet, geliebt zu werden.“
Ihre Worte hallten in Mulders Kopf wider und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was es bedeutete, niemals Liebe erfahren zu haben. Sei es von seinen Eltern oder Geschwistern, oder von einer Person, die man mehr als sein eigenes Leben liebte.
Er sah Doggett an und stand auf.
„Entschuldigen Sie mich“, sagte er und verließ das Zimmer.
Überrascht sah Doggett ihm hinterher und folgte ihm auf den Gang hinaus. Mulder war gerade dabei zu gehen, als Doggett seinen Namen rief.
„Mulder!“
Mulder blieb stehen und drehte sich zu ihm um.
„Wo wollen Sie denn hin?“ fragte Doggett etwas ärgerlich. Er konnte doch nicht einfach gehen und ihn hier sitzen lassen, ohne etwas zu sagen.
„Ich muss zu Dana ins Krankenhaus.“
„Und was machen wir mit ihr?“
„Sie sollten dafür sorgen, Agent Doggett, das sie rund um die Uhr bewacht wird. Ihr Leben ist in großer Gefahr. Nach dem, was sie uns alles erzählt hat, haben die keinen Grund mehr, sie am Leben zu lassen, “ antwortete Mulder und als Doggett genickt hatte, lief er wieder los.
Auf dem halben Weg blieb er stehen und wandte sich noch mal an Doggett.
„Außerdem ... muss ich es Dana sagen.“
Zusammen mit Scully saß Mulder im Auto und sie fuhren die Landstraße entlang. Von weitem sah Scully bereits die Balken des Hauses und sie lächelte. Endlich war sie wieder zu Hause. Mulder bemerkte ihre Heiterkeit und sah kurz zu ihr hinüber. Er hatte ihr noch nichts von Luzia erzählt und er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Sicher war nur, dass er es nicht länger vor sich herschieben konnte.
„Freust du dich?“ fragte Mulder, obwohl diese Frage eigentlich überflüssig war.
Scully sah ihn an und lachte.
„Natürlich.“
„Und deine Therapie?“
Scully seufzte.
Jetzt würde sie nach langer Zeit endlich wieder zu Hause sein und er wollte wissen, was mit ihrer Therapie war. Natürlich war es wichtig, und wenn sie nicht regelmäßig weitermachte, dann würde der Erfolg immer geringer werden, aber sie wollte jetzt erst mal abschalten und die Sorgen für eine Weile vergessen.
„Ich werde trotzdem hingegen, aber im Moment möchte ich einfach nicht daran denken.“
Mulder nickte zustimmend.
Sie fuhren in die geschotterte Einfahrt und Mulder parkte den Wagen vor der Garage.
Er stieg aus und lief zur Beifahrerseite hinüber. Sie lächelte immer noch und als er die Tür öffnete, sah sie ihn an. Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, dass Mulder sie überall hintrug. Am Anfang allerdings war es ihr unangenehm gewesen. Den Rollstuhl jedoch fand sie noch viel unerträglicher. Mulder hatte ihren Missmut mitbekommen und ihr scherzend versichert, dass er sie überallhin tragen würde.
Seine linke Hand umfasste ihre Hüfte, wobei die rechte sich unter ihre Kniekehle schob und ihre Beine festhielt. Dann hob er sie hoch und ihre Hände legten sich um seinen Nacken. Das Gefühl der ständigen Hilfsbedürftigkeit war schrecklich für sie.
„Ist es dir immer noch so unangenehm?“ fragte Mulder mit einem Grinsen im Gesicht, als sie zum Haus liefen.
„Würde es dir gefallen, ständig von mir herumtragen zu werden?“ fragte sie dagegen.
Sein Grinsen wurde noch breiter.
„Das würde schon mal, rein technisch gesehen, gar nicht gehen“, gab er zurück und Scully gab ihm einen liebevollen Klaps auf die Schulter.
Wenigstens konnte sie über die Sache noch Witze reißen und Mulder war sich sicher, dass Scully irgendwann wieder laufen konnte und dann würde sie sich revanchieren müssen!
An der Haustür angekommen, klingelte Mulder und Monica öffnete lächelnd die Türe.
„Schön, dass Sie da sind, Dana“, begrüßte sie die Beiden und machte Platz um sie herein zu lassen.
„Ich freu mich auch“, gab Scully zurück und sie betraten den Eingangsflur. Mulder lief weiter ins Wohnzimmer und setzte Scully auf der Couch ab.
„Danke“, sagte sie und Mulder nickte.
„Immer wieder gern. Ich geh noch schnell zum Auto und hole die restlichen Sachen, “ sagte er, gab ihr einen Kuss auf die Wange und verließ das Wohnzimmer, während Monica sich neben Scully auf die Couch setzte.
„Wie geht’s Ihnen, Dana?“
Scully zog resigniert die Augenbrauen nach oben und seufzte.
„Ganz gut eigentlich“, antwortete sie und legte ihre Finger an ihr Brustbein, wo sie den Verband fühlen konnte. Sie war schockiert gewesen, als sie die große Operationsnarbe gesehen hatte, aber als man ihr erklärt hatte, in welcher Lebensgefahr sie geschwebt hatte, da hatte sie Verständnis dafür gehabt.
„Wo ist William?“ fragte Scully und sah ihre Freundin an.
Monica lächelte.
„John ist mit ihm rausgegangen. Er hat ihm vor kurzem gezeigt, wie man Drachen fliegen lässt und William ist total begeistert davon, “ gab sie zurück und lachte.
Scully lächelte ebenfalls, spürte aber einen tiefen Stich in ihrem Herzen. Wie gerne wäre sie diejenige gewesen, die als Erste Williams Reaktion auf den Drachen gesehen hätte. Wie gerne hätte sie diese Erfahrung mit ihrem Sohn geteilt. Sie musste wieder laufen lernen. Sie musste einfach! Sonst würde sie noch mehr Dinge verpassen, die William betrafen, denn viel würde sie nicht machen können, wenn sie im Rollstuhl saß?
Mulder kam ins Haus zurück und spähte ins Wohnzimmer hinein.
„Ich bring die Koffer kurz hoch“, sagte er und verschwand im oberen Stockwerk.
Monica erhob sich und sah Scully fragend an.
„Kann ich Ihnen was bringen, Dana?“
„Nein danke, Monica.“
„Okay, aber einen Kaffee für mich, “ sagte Reyes. Endlich hatte sie das Rauchen aufgegeben, aber das Kaffeetrinken angefangen. Sie grinste verstohlen und verschwand in der Küche.
Scully blieb alleine im Wohnzimmer zurück und schloss die Augen, um für eine Sekunde an nichts zu denken. Es war verdammt hart, wieder in sein altes Leben zurückzukehren. Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr so schwer fallen würde, und sie spürte leichte Verzweiflung in sich aufkommen.
Dann hörte sie plötzlich die Stimme eines Kindes und die eines Erwachsenen. Die Tür ging auf und Doggett kam herein. Er hatte William auf dem Arm und mit der freien Hand hielt er den Drachen fest. William plapperte fröhlich vor sich, als wäre John gar nicht dabei gewesen und er müsste ihm von dem Drachensteigen erzählen. Scullys Augen leuchteten, als er mit ihrem Sohn das Zimmer betrat. Doggett blieb abrupt stehen und William verstummte augenblicklich.
„Dana, Sie sind schon zurück?“
Scully nickte.
„Ja, wir sind seit ca. zehn Minuten da.“
Doggett grinste und hob William zu sich hoch.
„Guck mal wer da ist, Will.“
William strahlte über das ganze Gesicht und quietschte vergnügt. Scully lachte, streckte die Arme nach ihm aus und Doggett setzte ihn auf ihren Schoß. Seine kleinen Ärmchen legten sich um ihren Hals und sie drückte ihren Sohn liebevoll an sich. Vielleicht würde die Zeit jetzt stehen bleiben und sie könnte William für immer in ihren Armen halten.
Sicherlich würde die Zeit nicht stehen bleiben, aber sie würde alles dafür tun, dass William für immer hier blieb. Sie würde es nicht zulassen, dass ihn wieder jemand mitnahm. Nicht, nachdem sie so lange unter seiner Trennung gelitten und sich immer Vorwürfe gemacht hatte.
William löste sich aus ihrer Umarmung und sah seine Mutter mit seinen großen blauen Augen an.
„Was hast du denn mit John gemacht, William?“ fragte Scully und der Kleine klatschte fröhlich in die Hände, um seine Begeisterung auszudrücken.
„Drachen fliegt. Jo, “ gab er zurück und Scully und Doggett lachten. Er sprach zwar nur zwei Buchstaben von Johns Namen aus, aber die beiden Erwachsenen wussten, von wem er sprach.
„Das hat sicher Spaß gemacht.“
William nickte heftig und kicherte.
Es rührte Scully ungemein und sie streichelte ihrem Sohn über die Wange. Er war so ein süßes Kind und ihn nur anzusehen, machte sie schon glücklich. Doggett ließ die Beiden alleine und zog sich in die Küche zurück, wo er auf Monica traf. Im selben Moment kam Mulder die Treppe hinunter und sah William auf Scullys Schoß sitzen, wie er ihr mit seinem kleinen Wortschatz erzählte, was er erlebt hatte. Scully sah so zufrieden und glücklich aus und unwillkürlich musste er lächeln. William war genau der Teil gewesen, der ihnen gefehlt hatte und deswegen waren sie nie richtig glücklich geworden. Scullys sorgenfreies Gesicht zu sehen, war eine unglaubliche Befreiung für ihn und seine Liebe zu ihr wuchs mit jedem Tag.
Mulder ging ebenfalls in die Küche, um Mutter und Kind alleine zu lassen.
Genau das brauchten sie jetzt. Sie brauchten einander und sie hatte die Zeit aufzuholen, die sie bereits verpasst hatten.
Als Mulder die Küche betrat, waren Doggett und Reyes bereits anwesend. Jeder hatte eine Tasse Kaffe in der Hand und Monica reichte Mulder ebenfalls eine Tasse.
„Danke“, sagte Mulder und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Es trat eine bedrückende Stille ein, bis Monica sich zu Wort meldete.
„John hat mir erzählt, dass Luzia Scullys Tochter ist.“
Mulder nickte und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
„Haben Sie es ihr schon erzählt?“
Mulder seufzte.
„Nein, habe ich nicht. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wie ich es ihr sagen soll oder ob ich es ihr überhaupt sagen soll.“
Doggett und Reyes wechselten einen kurzen Blick miteinander. Die Sache belastete Mulder, das konnten sie deutlich sehen. Auch für sie war es eine heikle Angelegenheit und langsam gerieten sie in einen Zwiespalt.
„Sie müssen es ihr erzählen“, meinte Doggett und Mulder sah ihn direkt an.
„Soll ich ihr noch mehr schlechte Neuigkeiten sagen? Eine Tochter hat sie bereits verloren und ihr Sohn ist gerade erst wieder zurückgekommen. Soll ich ihr denn erzählen, dass sie noch eine Tochter hat, die eine dreifache Mörderin ist? Wie viel kann ich ihr denn zumuten?“
Seine Stimme nahm einen leicht säuerlichen Ton an, aber es lag nicht an Doggetts Aussagen. Es bedrückte ihn nur zu sehr. Er wusste nicht, was er machen sollte. Einerseits war er es Scully schuldig, sie von einer weiteren Tochter in Kenntnis zu setzen, andererseits hatte sie schon genug durchgemacht und dann kam noch ihre Querschnittslähmung dazu. Scully war einen starke Persönlichkeit, aber ein Gewitter emotionaler Art konnte jeden zusammenbrechen lassen. Was sollte er also tun?
Mulder sah zu Boden und starrte die Fliesen an, die in einem hellen Grau verlegt worden waren. Dann stand er langsam auf und lief zu der Tür, die das Wohnzimmer von der Küche trennte. Er blieb im Türrahmen stehen und sah lächelnd zu, wie William von Scullys Schoß rutschte, lachend zur Spielzeugtruhe hinüberlief und ein Kinderbuch herausholte. Dann lief er zu Scully zurück und reichte ihr das Buch. Sie nahm ihren Sohn wieder auf den Schoß und begann ihm vorzulesen und mit einem Mal wurde Mulder klar, dass er es ihr sagen musste. Er konnte es ihr nicht vorenthalten.
Monica und John gesellten sich neben ihn und sahen ebenfalls ins Wohnzimmer.
„Sie haben Recht“, sagte Mulder, „ich muss es ihr sagen.“
Jetzt musste er nur noch auf einen passenden Moment warten.
Es war kurz nach 23:00 Uhr, als Mulder Scully nach oben ins Schlafzimmer trug. Sie waren die Einzigen, die noch wach waren. Doggett und Reyes waren schon vor zwei Stunden ins Bett gegangen.
Das Haus teilte sich in zwei Stockwerke auf. Oben befanden sich drei Zimmer und ein Bad. Eines der Zimmer war ihr Schlafzimmer, die anderen beiden hatten bisher leer gestanden. In einem schliefen William und Monica und in dem anderen, das bisher als Arbeitszimmer benutzt worden war, schlief John. Mulder hätte nicht erklären können, warum sie ein Haus mit so vielem Zimmer gekauft hatten, aber irgendwie mussten sie gewusst haben, dass sie die Zimmer einmal brauchen würden. Im unteren Stockwerk befand sich ein großes Wohnzimmer, eine Küche mit Esszimmer und ein weiteres Bad. Von der Küche aus gelangte man in den Garten, der zusammen mit einer Terrasse angelegt worden war. Im Sommer konnte man dort endlos lange sitzen und dem Sonnenuntergang zusehen. Von Außen konnte man nicht erkennen, wie groß das Holzhaus tatsächlich war.
Leise stieg Mulder die Treppe hinauf und als er im Schlafzimmer angekommen war, setzte er Scully auf dem Bett ab. Sie lächelte ihn dankend an und Mulder verschwand im Bad, das an ihr Schlafzimmer grenzte.
„Ich werde morgen ins Krankenhaus zurück fahren, um mit meiner Therapie fortzufahren“, sagte Scully und Mulder tauchte am Türrahmen auf. Nur noch mit Boxershorts bekleidet, zeigte er mit der Zahnbürste auf sie.
„Soll ich dich fahren?“
„Nein, ich hab Monica schon gefragt, aber vielleicht solltest du dich mal wieder im College melden“, gab Scully zurück.
Mulder nickte zustimmend. Er hatte sich zwar Urlaub genommen, aber er musste mal wieder von sich hören lassen. Der leitende Direktor wusste von Scullys Unfall und wollte unbedingt, dass Mulder ihn auf dem Laufenden hielt. Die Beiden verstanden sich gut und der Direktor war sichtlich erschüttert gewesen, als Mulder ihm von Scullys Zustand erzählt hatte.
„Dann fahr ich morgen kurz vorbei“, sagte er, verschwand erneut im Bad und kam fünf Minuten später wieder zurück ins Zimmer. Er löschte das Licht und lief zum Bett.
Scully sah ihm lächelnd zu und Mulder grinste zurück.
„Was ist?“
„Ich freu mich nur, wieder in meinem eigenen Bett zu schlafen“, antwortete Scully und seufzte.
Lächelnd schob er die Bettdecke zurück und legte sich neben sie. Er freut sich auch. Er freute sich, dass sie wieder hier war und dass es ihr gut ging. Und er freute sich darüber, dass die linke Betthälfte nicht mehr leer war. Er drehte sich zu ihr herum, rückte näher an sie heran und umarmte sie. Dann musste er unwillkürlich lächeln. Ihre Position erinnerte ihn daran, wie sie nach langer Zeit wieder in Oregon gewesen waren und Scully abends an seine Motelzimmertür geklopft hatte, weil sie sich nicht wohlgefühlt hatte. Er hatte sie sofort ins Bett geschickt und beschützend in die Arme genommen. Das war der Tag gewesen, an dem er entführt worden war und an dem Scully erfahren hatte, dass sie schwanger war. Dieser Tag war jetzt fast zwei Jahre her, aber die Erinnerungen daran waren stets präsent.
Scully umfasste seine Arme und hielt sie fest. Sie hatte es vermisst. Sie hatte es vermisst, neben ihm zu liegen und von ihm in die Arme genommen zu werden. Es war erstaunlich, wie störend es war, wenn man keinen anderen Atem hörte, außer den eigenen. Wie schnell man sich doch an die Anwesenheit eines anderen gewöhnen konnte.
Mulders Arme schlossen sich noch enger um sie und drückten sie vorsichtig an sich.
Sie schwiegen, schliefen aber nicht. Zu viele Dinge gingen ihnen durch den Kopf und hielten sie wach.
„Fox?“ fragte sie in die Dunkelheit hinein.
„Ja?“
Seine Stimme war direkt neben ihrem Ohr und sie konnte hören, dass er noch nicht geschlafen hatte.
„Was ist mit dieser Frau?“
Mulder öffnete die Augen und starrte ihre Wange an, als sie den Kopf etwas zu ihm herumdrehte.
„Was soll mit ihr sein?“
„Hat sie diese Morde begangen?“
Mulder verstand nicht, warum sie plötzlich mitten in der Nacht ein solches Interesse daran hatte.
„Ja, das hat sie.“
„Warum?“
Mulder schloss die Augen.
„Sie hat mir erzählt, dass William nicht mehr bei seinen Adoptiveltern sicher war und dass Dr. Standton von Anfang an wusste, wer wir waren und er wollte unseren neuen Aufenthaltsort bekannt geben“, antwortete er und legte seine Lippen an ihre Schulter. Im Grunde genommen hatte sie das wirklich gesagt, aber er hatte das Ganze etwas verkürzt wiedergegeben.
„Wer ist diese Frau?“ wollte Scully wissen und Mulder hörte große Verwunderung aus ihrer Stimme, dass eine Fremde soviel über sie wissen konnte. Aber hätte sie gewusst, wer Luzia wirklich war, dann hätte sie es verstanden.
Mulder seufzte.
Er wollte sie wirklich nicht anlügen, aber jetzt war kein guter Zeitpunkt, um sie über Luzias wahre Identität aufzuklären. Nicht jetzt. Er war todmüde, obwohl er nicht abschalten konnte und seine Gedanken immer wieder um dieselbe Sache kreisten.
„Ich weiß es nicht. Sie redet nicht viel.“
„Und sie kann wirklich Gedanken lesen?“
„Ja, genauso wie Gibson“, antwortete Mulder und gleichzeitig dachten sie an den jungen Mann. Er musste jetzt 14 oder 15 sein und Mulder fragte sich, was Gibson wohl machte. Sie hatten damals viel durch ihn erfahren und sich gut mit ihm verstanden.
Mulder spürte, wie sich Scullys Hand um seine schloss und ihre Finger sich ineinander verflochten.
Ihre Neugierde war somit ein kleinwenig befriedigt und jetzt konnte auch sie etwas beruhigter schlafen. Dennoch gab es immer noch Fragen, die unbeantwortet blieben, aber vielleicht konnte auch er ihr keine Antwort darauf geben. Diese Frau schien wirklich nicht sehr mitteilungsfreudig zu sein. Scully verachtete ihre Taten, aber sie hatte auch William wieder zu ihnen zurück gebracht, welche Motive sie auch dafür gehabt haben musste.
Scully schloss die Augen und spürte, wie die Müdigkeit langsam die Oberhand gewann. Sie hörte Mulders gleichmäßige Atemzüge und ein paar Sekunden später war auch sie eingeschlafen.
Der nächste Tag verlief wie geplant.
Scully war mit Reyes und William ins Krankenhaus gefahren. Monica war solange mit William spazieren gegangen, während Scully in ihrer Therapiestunde war. Der Kleine hatte schnell laufen gelernt und obwohl seine Schritte sicher waren, schwankte er und fiel ab und zu hin. Die neue Fähigkeit zu laufen hatte nicht nur Positives an sich, denn Monica musste ständig hinter William her rennen, aber sie tat es gerne und jedes Mal, wenn sie ihn wieder gefangen hatte, lachten sie fröhlich.
Mulder war währenddessen zum Campus gefahren und Doggett hatte dafür gesorgt, dass Luzia in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde.
Als Mulder nach Hause kam, waren Scully, Reyes und William bereits da. Das Wetter hatte sich passend zum Monat verschlechtert und es regnete beinah den ganzen Tag. Er lief in die Küche und sah Scully und Reyes am Küchentisch sitzen, vertieft in ein Gespräch. Trotz des heiteren Gesprächs der beiden Frauen konnte Mulder deutlich Scullys Niedergeschlagenheit sehen. Sie hatte keine Fortschritte in der Therapie gemacht und während ihr Sohn immer besser laufen konnte, konnte sie nicht mal ihre Beine bewegen.
Die Beiden sahen auf, als Mulder hereinkam.
„Hallo“, begrüßt er sie und blieb vor dem Tisch stehen.
Sie grüßten zurück.
„Wie war deine Therapie?“ wollte er wissen und sah Scully hoffnungsvoll an.
Sie schüttelte den Kopf und auch Monica machte eine mitfühlende Miene.
„Ohne Erfolg.“
Mulder seufzte und wandte sich an Reyes.
„Monica, würde Sie uns mal für eine Minute alleine lassen?“
Monica setzte sich kerzengerade auf und nickte. Sie ahnte, dass Mulder Scully von Luzia erzählen wollte.
„Natürlich, ich werde mal nach William sehen“, sagte sie und stand auf.
Mulder nickte ihr dankend zu und sie verschwand im Wohnzimmer, wo William auf seiner Spieldecke saß und mit seinen Bauklötzen spielte.
Mulder setzte sich Scully gegenüber und als er sich hingesetzt hatte, sah Scully ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dass er Monica aus dem Zimmer schickte, war kein gutes Zeichen. Sie war eine Vertraute, genauso wie John, und wusste über alles Bescheid. Daher überraschte es sie umso mehr. Mulder sah deutlich ihr verwundertes Gesicht und die Situation war keineswegs passend, aber sie würde nie passend sein und er musste es ihr sagen.
„Ich muss dir etwas sagen, Dana“, fing Mulder an und sah ihr direkt in die Augen, was er während den ganzen Gesprächs tat.
„Musst du deswegen Monica aus dem Zimmer schicken?“
Für Scully war das immer noch unverständlich. Was konnte so wichtig sein, dass Monica es nicht wissen durfte?
Mulder schüttelte den Kopf.
„Monica weiß es bereits, aber ich würde es dir gerne unter vier Augen sagen.“
Scully nickte langsam und sie konnte in seinen Augen sehen, wie ihn diese Sache bedrückte und dass er nicht wusste, wie er anfangen sollte.
„Dana, diese Frau, die Williams Adoptiveltern und Dr. Standton umgebracht hat ... John hat noch etwas anderes über sie herausgefunden. Diese Frau heißt Luzia. Als Agent Doggett sie festgenommen hatte, hat er ihre Fingerabdrücke und ihr Bild durch sämtliche Datenbanken laufen lassen. Ohne Ergebnis.“
Scully sah ihn immer noch unverständlich an. Sie hatte keine Ahnung, was er ihr damit sagen wollte.
„Und was heißt, ohne Ergebnis?“
„Diese Frau existiert nicht.“
Scully verkreuzte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück.
„Fox, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was du mir sagen willst. Es gibt des öfteren Menschen, die ihren Namen ändern und ihn keiner Behörde mitteilen. Und wenn sie nie ein Verbrechen begangen haben, dann gibt es auch keine Fingerabdrücke von ihnen.“
Mulder nickte zustimmend.
„Ja, schon richtig. Darum geht es eigentlich nicht wirklich. Doggett hat ein DNA-Profil von ihr erstellen lassen.“
Scully zuckte mit den Schultern. Sie wusste immer noch nicht, worauf er hinaus wollte. Mulder seufzte. Sie hatte ja Recht. Seine Worte ergaben für sie keinen Sinn, aber es fiel ihm so verdammt schwer, es ihr zu sagen.
„Dana ... Luzia ist deine Tochter.“
Ihr Gesicht versteinerte sich und wurde augenblicklich weiß. Sie starrte ihn an.
„Was?!“
Mulder beugte sich nach vorne.
„Doggett hat ihr DNA-Profil mit deinem vergleichen lassen. Sie stimmen zu 99 % überein, “ erklärte er und versuchte zu lächeln, um das Ganze nicht so ernst erscheinen zu lassen. Aber Scullys Gesichtsausdruck verriet deutlich, dass sie völlig verwirrt und erschüttert war.
„Sie ist genauso wie Emily entstanden.“
Fassungslos schloss Scully die Augen und sah zur Seite. Die Trennung von Emily war schwer genug gewesen, aber jetzt von einer weiteren Tochter zu erfahren, war unerträglich. Wie viele Kinder gab es noch, die aus ihren Eizellen erschaffen worden waren? Warum tat man ihr nur so etwas an? Als sie Mulder wieder anschaute, hatte sie Tränen in den Augen. Sie presste die Lippen aufeinander und schluckte.
„Sie hat drei Menschen umgebracht“, sagte sie leise. Eine Tochter zu haben, war das Eine, aber dass sie auch noch eine Mörderin war, sprengte den Rahmen des Erträglichen.
Mulder stand auf und setzte sich neben sie. Sie war völlig fertig und es fehlte nicht mehr viel zu einem Nervenzusammenbruch. Er hatte gewusst, dass diese Nachricht zu viel für sie sein würde.
„Dana, du solltest wissen, warum sie das getan hat. Ich befürworte ihre Taten keinesfalls, aber ich kann ihre Gründe verstehen.“
„Welche Gründe?“
„Sie wusste, dass du ihre Mutter bist und dass William unser Sohn ist. Aufgrund ihrer Fähigkeit und ihres Wissens musste sie William seinen Adoptiveltern wegnehmen, da die von seinem Aufenthaltsort wussten, “ führte er aus.
„Aber, das ist doch kein Grund sie umzubringen.“
„In ihren Augen ging es nicht anders. Es waren noch drei andere Person daran beteiligt und es ist nicht ganz klar, ob sie wirklich die tödlichen Schüsse abgegeben hat. Sie nimmt jedenfalls alle Schuld auf sich, was aber nicht heißen muss, dass sie es auch wirklich war.“
Scully nickte langsam und sah auf ihre Hände. Das war vielleicht ein kleiner Trost. Sie fuhr sich mit den Fingern über die Augen, um ihre Tränen wegzuwischen. Sie hatte es gerade so geschafft nicht ganz in Tränen auszubrechen, aber sie war kurz davor gewesen.
Mulder griff unter ihr Kinn und zog es nach oben, so dass sie ihn ansehen musste.
„Du musst sie unbedingt sehen, Dana. Sie sieht dir so ähnlich, “ sagte er und lächelte aufmunternd. Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen, dann beugte sie sich zu Mulder nach vorne und schlang ihre Arme um ihn. Er nahm sie ebenfalls in den Arm und drückte sie an sich. Tröstend strich er ihr über den Kopf und hörte sie seufzen. Es war hart, das wusste er und es war auch nicht gerecht. Es war nicht gerecht, dass man ein Kind seiner Mutter wegnahm oder ihnen nie die Gelegenheit gegeben hatte, sich kennen zu lernen. Das war auch der Drang gewesen, den Luzia verspürt hatte. Ein Kind gehörte zu seinen Eltern und zu niemand anderem. Für Luzia war es vielleicht schon zu spät, die verlorene Zeit mit Scully wieder aufzuholen, aber nicht für William. Deswegen hatte sie gewollt, dass William so schnell wie möglich zu ihnen zurückkam. Diese Morde hatten keinen Eigennutzen für sie gehabt, obwohl sich Mulder bei dem Mord an Dr. Standton nicht so sicher war. Sie hatte zwar Selbstjustiz an ihm begangen, aber auch gleichzeitig verhindert, dass er ihn und Scully verriet. Er hoffte inständig, dass dies auch wirklich ihre Motive waren und sie nicht plötzlich mit einer bösen Überraschung konfrontiert wurden.
Luzia lag in einem Bett in irgendeinem Apartment in der Stadt. Der Regen prasselte auf das Dachfenster, unter dem sie lag. Sie hatte einen Arm hinter dem Kopf verschränkt und lauschte dem beruhigenden Rhythmus.
Sie hörte die Stimmen der Beamten, die sich leise im Nebenzimmer unterhielten. Sie waren meistens zu dritt und hielten ständigen Kontakt zum Revier. Regelmäßig wechselten sie sich ab, aber im Grunde genommen, waren es immer die gleichen sechs Personen. Sie hatten sich ebenfalls im Apartment einquartiert und taten alles daran, wie gewöhnliche Mitbewohner zu wirken. Sie waren wirklich nett und zuvorkommend.
Zum ersten Mal dachte Luzia darüber nach, welche Auswirkungen ihre Handlungsweise hatte. Andere Menschen hatten sie nie interessiert, aber jetzt musste sie daran denken, dass Williams Adoptiveltern auch Familien hatten. Mutter und Vater und vielleicht sogar Geschwister. Wie hatte sich deren Leben verändert, nachdem sie einen geliebten Menschen verloren hatten? Und Dr. Standton? Er hatte es nicht anders verdient, das stand außer Frage. Das Gesetz hätte diesen Mann nicht bestraft. Er wäre wieder davon gekommen, weil er einer von ihnen war.
Luzia wunderte sich über sich selbst. Warum machte sie sich jetzt plötzlich Gedanken über Gefühle anderer? Jetzt war sie diejenige, die Reue spürte und sie empfand Mitgefühl. Sie hatte zum ersten Mal eine Regung gespürt, als sie vor Williams Bett gestanden hatte. Sein Anblick hatte sie gerührt und sie hatte eine Verbundenheit mit ihm gefühlt. Er war ein Teil von ihr, nicht zuletzt deswegen, weil sie die gleiche Mutter hatten. Dann hatte sie Agent Doggett getroffen und festgestellt, dass es auch andere Menschen gab. Menschen, deren Aufgabe es nicht war, Leben zu zerstören und Dinge geheim zu halten. Dieser Mann interessierte sich nicht für die Meinung anderer und er war der Erste, der ihr zuhörte und in dessen Augen sie Verständnis gesehen hatte. Auch wenn er es nie zugeben würde. Letzten Endes hatte das Gespräch mit Mulder ihr die Gewissheit gegeben, dass sie sich verändert hatte. Man konnte einem Menschen nicht seine Gefühle wegnehmen. Empfindungen waren keine Objekte der Gene. Sie hatte zwar nie Zuneigung bekommen, aber das war keine Gewissheit dafür, dass sie keine Zuneigung geben konnte. Gefühle können nicht anerzogen werden und entwickeln sich aus sich selber heraus. Möglicherweise waren ihre Gefühle gerade dabei, sich zu entfalten.
Sie schloss die Augen und seufzte leise. Sie würde für ihre Verbrechen gerade stehen, sie war niemand, der weglief. Sie hatte diese Morde begangen. Dennoch empfand sie Traurigkeit bei dem Gedanken, dass ihr Bewusstsein erst jetzt einsetzte, nachdem sie diese Taten begangen hatte. Sie hatte aus einem Instinkt heraus gehandelt und bereits das war ein weiterer Schritt in eine neue Bewussteinsebene. Ihr wurde klar, dass der Wunsch nach einem normalen Leben bereits ein zu großes Verlangen war.
Plötzlich überkam sie ein komisches Gefühl. Es war, als würde ein eiskalter Luftzug durch ihren Kopf ziehen und sich in ihrem Gehirn absetzen. Sie fühlte einen stechenden Schmerz in den Schläfen, der bis auf das Unerträgliche anschwoll.
„Mein Gott“, stöhnte sie gequält und griff sich an den Kopf.
Ihr Atem beschleunigte sich und ihr Herz raste. Doch dann verschwand der Schmerz so schnell, wie er gekommen war. Vor ihr drehte sich alles und sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Schwer atmend lag sie da und es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihre Arme wieder bewegen konnte. Jeder Zentimeter ihres Körpers schmerzte, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Allmählich beruhigte sich ihr Atem und sie nahm ihre Umgebung wieder bewusst war. Sie wusste genau, was das gewesen war: Jemand hatte versucht, auf ihre Gedanken zuzugreifen.
Aber durch jahrelanges Training hatte sie eine Art Firewall aus Gedanken aufgebaut, die jeden Zugriff blockierte.
„Ich halte das für keine gute Idee“, sagte Doggett und sah die Anwesenden an.
Mulder, Scully, Reyes und er hatte sich in der Küche versammelt, um darüber zu entscheiden, was mit Luzia geschehen sollte. Sie waren sich einig, dass sie wieder in die Vereinigten Staaten zurück musste, damit ihr der Prozess gemacht werden konnte. Ob sie wirklich schuldig war, stand auf einem anderen Blatt. Der Mord an Dr. Standton hier in Australien war noch nicht aufgeklärt und obwohl sie wussten, dass sie sich damit strafbar machen würden, hatten sie der Polizei nichts von Luzia erzählt.
„Sie hat ein Recht darauf, ihre Mutter zu sehen“, gab Mulder mit Nachdruck zurück. Das war die einzige Sache, über die sie uneins waren. Mulder und Scully wollten Luzia hierher holen, während Doggett das für einen schweren Fehler hielt.
„Sie ist eine Mörderin! Wer sagt Ihnen, dass sie nicht genau das wollte. Dass Sie hierher bringen. Wir kennen ihre wahren Motive nicht, “ beharrte Doggett und machte ein mürrisches Gesicht. Sie mussten doch wissen, dass es gefährlich war, sie in die Nähe von Scully, William oder Mulder zu lassen. Sie wussten rein gar nichts über diese Frau, außer dem, was sie ihm und Mulder erzählt hatte. Aber das hatte wiederum so fantastisch geklungen, dass Doggett es nicht eine Sekunde lang geglaubt hatte.
„Sie ist meine Tochter, John“, sagte Scully plötzlich, die als Einzige saß und sich bisher in diesem Gespräch zurückgehalten hatte. Ihre Stimme war heiser und augenblicklich richteten sich die Blicke der Anwesenden auf sie.
„Das will ich auch gar nicht bestreiten, Dana, aber dennoch halte ich es für riskant“, sagte Doggett ruhig, denn auch er sah, wie diese Neuigkeit Scully mitgenommen hatte.
„Was denken Sie, Monica?“ fragte Mulder und wandte sich an sie.
Reyes seufzte.
„Ich stimme John zwar zu, dass es gefährlich ist, aber andererseits hat diese junge Frau viel durchgemacht. Dana möchte sie sehen und ich denke, wir haben kein Recht, dies zu verhindern, “ antwortete sie und kassierte von Doggett einen bösen Blick ein.
John atmete tief durch und setzte sich. Na wenn sie sich sowieso schon einig waren, warum führten sie dann noch dieses Gespräch? Mulder und Scully waren sich einig und Monica fiel ihm in den Rücken. Das Einzige, was er noch tun konnte, war, ein Auge auf Luzia zu werfen, solange sie hier war. Diese Frau hatte ihn schon einmal belogen und er wettete, dass sie es wieder tat.
Mulder war am späten Nachmittag noch spazieren gegangen und hatte Scully mit Willliam alleine gelassen. Doggett und Reyes war in die Stadt gefahren, um noch einige Besorgungen zu machen.
Er musste sich über einiges klar werden und er musste sich sicher sein, dass ihr weiteres Vorgehen auch richtig war. In dem, was Doggett gesagt hatte, steckte ein Funken an Wahrheit. Aber Scully wollte Luzia sehen und Mulder nahm an, dass es Luzia auch wollte.
Als Mulder die Tür zum Haus aufschloss, war es kurz nach 18:00 Uhr und es fing bereits an zu dämmern. Heute hatte es ausnahmsweise mal nicht geregnet, aber die Temperaturen waren mit einem Mal abgekühlt, so dass es sicher bald schneien würde.
Mulder schloss die Tür hinter sich und betrat das Wohnzimmer. Eine kleine Zimmerlampe brannte und das Feuer im offenen Kamin gab dem Zimmer einen rötlichen Schimmer. Er blieb vor dem Sofa stehen und lächelte versonnen.
Zusammen mit William lag Scully auf der Couch. Der Kleine lag auf ihrem Bauch, hatte seinen Kopf auf ihre Brust gelegt und hielt mit seinen kleinen Händen ihren Pullover fest. Scullys Hände lagen schützend auf dem Rücken ihres Sohnes. Sie schliefen beide.
Mulder nahm die Wolldecke von der Lehne des Sofas und deckte sie vorsichtig damit zu. Dann ging er in die Hocke und betrachtete sie. Der friedliche Anblick seiner Frau und seines Sohnes berührte ihn tief in seinem Herzen und in diesem Moment wünschte er sich, dass die Zeit einfach stehen blieb und dieser Augenblick nie vorüber gehen würde. Zärtlich küsste er Scully auf die Lippen und strich seinen Sohn sanft über dem Kopf. Er hielt noch einige Sekunden in seiner Position inne, eher er auf aufstand und ein Stück Feuerholz in den Kamin legte. Dann setzte er sich in einen Sessel, beugte sich nach vorne und stützte die Arme auf den Schenkeln ab. Sein Blick wich nicht von Scully und William und er hoffte inständig, dass es keine falsche Entscheidung gewesen war, Luzia in ihre Familie zu integrieren.
Am nächsten Morgen war Mulder in die Stadt gefahren, um Luzia abzuholen. Die Anderen waren zu Hause geblieben. Er hatte die Nacht kaum geschlafen und auch Scully hatte sich ständig im Bett hin und her gewälzt.
Mulder stieg aus seinem Wagen und betrat das Apartment. Die Beamten erkannten ihn und ließen ihn in die Wohnung. Von einem der Beamten erfuhr er, dass Luzia sich in ihrem Zimmer aufhielt. Mulder lief durch den Flur und klopfte an. Dann öffnete er die Zimmertür und sah Luzia am Fenster stehen. Ihr Blick war nach draußen gerichtet.
„Luzia?“ fragte Mulder und die junge Frau drehte sich zu ihm um. Mit einem Lächeln kam sie auf ihn zu.
„Mr. Mulder, wollen Sie mich erlösen?“ fragte sie schmunzelnd und Mulder musste lachen.
„Kann man so sagen, ja.“
Auch dieses Mal war Mulder von der Ähnlichkeit mit Scully überrascht. Luzia war zwar um einiges größer als Scully und ihre Haare waren rot und nicht, wie bei Scully, blond, doch sonst sahen sie sich unglaublich ähnlich. Es war aber nicht eine Ähnlichkeit wie bei Zwillingen. Luzia war eine eigenständige Person. Sie war so etwas wie eine andere Ausgabe von Scully. Einige Details stimmten bei beiden haargenau überein.
„Ich möchte Sie etwas fragen, Luzia“, sagte Mulder.
„Oh, muss ich mir Sorgen machen?“
Mulder schüttelte amüsiert den Kopf.
„Eigentlich nicht.“
Sie lächelte und stemmte die Hände in die Hüften, was für Mulder ein Zeichen dafür war, dass sie auf seine Frage wartete.
„Ich habe meiner Frau von Ihnen erzählt. Sie hatte bisher keine Ahnung von Ihnen und sie möchte Sie sehr gerne sehen ..., “ fing Mulder an, stoppte aber, als er sah, wie ihre Augen sich plötzlich verengten und traurig wurden.
„Stimmt etwas nicht?“
Luzia seufzte und schloss kurz die Augen.
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“
„Aber ich dachte, dass Sie das wollen.“
Luzia nickte und sah ihm genau in die Augen. Selbst das Blau ihrer Augen war genauso wie bei Scully.
„Ich möchte, dass Sie mich nicht falsch verstehen. Ich würde sehr gerne und im Grunde genommen habe ich mir nie etwas anderes gewünscht, aber zwischen ihr und mir liegen Welten.“
„Aber genau das können Sie doch jetzt ändern“, sagte Mulder und wirkte etwas verwirrt, denn er hatte damit gerechnet, dass Luzia begeistert von dieser Idee war.
„So einfach ist das nicht. Wie soll ich mich denn ihr gegenüber verhalten? Sie ist zwar meine Mutter, aber eine völlig fremde Person für mich, “ gab sie zu verstehen und presste die Lippen aufeinander.
Mulder lächelte in sich hinein. Er verstand sie. Es würde mit Sicherheit eine komische Situation sein, wenn sich Mutter und Tochter gegenüber standen, sich jedoch völlig fremd waren.
„Vielleicht sollten Sie es einfach riskieren, Luzia, Sie haben nichts zu verlieren“, gab Mulder zurück und lächelte sie an. Zweifelnd sah sie zurück und setzte sich auf ihr Bett.
„Ich weiß nicht recht“, sagte sie und sah wieder zum Fenster hinaus. Sie wollte ihre Mutter wirklich gerne kennen lernen, aber sie hatte auch Angst vor dieser Begegnung. Was würde sein, wenn sie sich völlig unsympathisch waren und keinen Draht zueinander fanden? Das würde sie noch viel mehr verletzen als der Gedanke, ihre Mutter nie kennen zu lernen.
„Überlegen Sie es sich. Dana würde sich wirklich freuen. Sie wäre gerne mit hierher gekommen, aber sie ...“
„...ist vorübergehend gelähmt“, beendete Luzia den Satz und sah ihn an.
Mulder lächelte und nickte. Fast hätte er ihre Fähigkeit, Gedanken zu lesen, vergessen. Er lief zur Tür und öffnete sie. Dann stockte er und blieb im Türrahmen stehen. Vorübergehend? Vorübergehend hieß, dass Scully irgendwann wieder laufen konnte und zwar in absehbarer Zeit. Wusste sie etwas, was sie nicht wussten? Vielleicht hatte sie auch einfach nur die falschen Wörter benutzt.
„Mulder, warten Sie.“
Er drehte sich zur ihr um und sah, dass sie aufgestanden war.
„Ich komme mit“, sagte sie und griff nach ihrer Jacke, die über einem Stuhl hing.
Mulder lächelte zufrieden, denn er hatte sich schon Gedanken gemacht, wie er es Scully hätte beibringen sollen, dass sie nicht mitwollte. Er hielt ihr die Tür auf und gemeinsam verließen sie das Apartment.
Während der Fahrt schwiegen sie und Mulder war sich sicher, dass Luzia sich emotional auf die Begegnung mit Scully einstellte. Gedankenverloren sah sie aus dem Fenster und wandte nicht einmal ihren Blick ab. Sie fuhren die Landstraße entlang und je näher sie dem Haus kamen, desto unruhiger wurde Luzia. Nach zehn Minuten bogen sie in die Einfahrt ein und parkten den Wagen vor der Garage.
Im Wohnzimmer stand Monica am Fenster und sah als Erste ihr Ankommen. Die Agentin hatte schon so viel von Mulder und John über diese Frau gehört, dass sie sie unbedingt kennen lernen musste. Scully saß auf der Couch und las in einem Buch. In den letzten fünf Minuten war die Anspannung fast unerträglich geworden und sie konnte es kaum erwarten, ihre Tochter zu sehen.
„Sie kommen“, sagte Monica und wandte sich zu Scully um, die ihr Buch zur Seite legte.
„Ich wünschte, ich könnte laufen“, sagte Scully mehr zu sich selbst und Monica lächelte sie aufmunternd an. Sie lief auf ihre Freundin zu und blieb vor ihr stehen.
„Ich glaube nicht, dass sich Luzia daran stören wird.“
„Das glaube ich auch nicht, aber ich würde gerne vor ihr stehen, wenn ich sie zum ersten Mal sehe.“
Mulder schaltete den Motor aus und sah Luzia an, die voller Staunen das Holzhaus betrachtete. Sie liebte Holz. Sie konnte nicht genau sagen warum, aber sicherlich hatte es etwas damit zu tun, dass sie ihr Leben lang Möbelstücke gesehen hatte, die aus Plastik und Kunststoff bestanden. Holz war die Natur und Natur bedeutete Freiheit. Vielleicht liebte sie es deswegen.
„Alles klar?“ fragte Mulder und Luzia wandte sich zu ihm um.
„Außer dass mein Herz bis zum Hals schlägt ... alles klar.“
Mulder lächelte und stieg aus. Luzia stieg ebenfalls aus und blieb sofort stehen. Ein Haus aus Holz hatte sie noch nie gesehen. Sie holte tief Luft und folgte Mulder zur Tür. Dann schloss er die Tür auf und sie betraten den Flur.
Monica hatte sich diskret zu Doggett in die Küche zurück gezogen, blieb aber an der Tür stehen, um wenigstens einen kleinen Blick auf Luzia werfen zu können.
Scully hörte die Stimmen im Flur und dann trat Mulder ins Wohnzimmer. Er lächelte sie fröhlich an. Scully musste zurück lächeln und in diesem Augenblick erschien Luzia neben ihm.
Im ersten Moment war Scully völlig überrascht, als sie ihre Tochter sah. Sie war eine erwachsene Frau und obwohl Scully das wusste, hatte sie sich nicht völlig mit dem Gedanken anfreunden können. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie die Kindheit ihrer Tochter verpasst hatte, aber Luzia hatte nie eine Kindheit gehabt. Sie war von Anfang an eine erwachsene Person gewesen. Dann breitete sich ein Glücksgefühl in ihrem Herzen aus und sie registrierte erst jetzt, dass Mulder Recht gehabt hatte. Luzia sah ihr unglaublich ähnlich. Scully hätte nie damit gerechnet, dass ihr ein Mensch einmal so ähnlich sein konnte, und obwohl sie diese Frau nicht kannte, spürte sie sofort eine Verbundenheit mit ihr. Alle Bedenken waren mit einem Mal verflogen und in Scullys Augen bildeten sich Tränen von großer Freude.
„Dana“, sagte Mulder und zeigte auf Luzia, „das ist Luzia.“
Luzia lächelte Scully freudestrahlend an und sie lächelte zurück. Genau so hatte sie sich ihre Mutter vorgestellt. Sie sah immer noch so aus wie auf dem Bild, das sie vor ein paar Jahren gesehen hatte. Luzia konnte deutlich die Tränen in Scullys Augen sehen und mit Sicherheit hätte auch sie so reagiert, wenn sie es gekonnt hätte. Aber es machte sie ungemein glücklich, als sie eine kleine Regung in ihrem Inneren spürte. Zu mehr Gefühlsregung war sie nicht im Stande.
Die junge Frau lief zielstrebig auf Scully zu, während Mulder über Luzias plötzlichen Sinneswandel überrascht war, da sie vorher bleich vor Aufregung gewesen war. Sie setzte sich neben Scully auf die Couch, lächelte immer noch und betrachtete ihre Mutter ebenfalls mit großem Erstaunen.
Scully ergriff die Hände ihrer Tochter und wandte keinen Moment ihren Blick von ihr. Es war so unglaublich, so verblüffend, so unbeschreiblich...
„Luzia“, brachte Scully gerade noch so heraus, obwohl sie ihr eigentlich mehr sagen wollte, aber ihre Gefühle überschlugen sich.
Luzia nickte verständnisvoll und immer noch mit einem Lächeln im Gesicht. Scully seufzte und legte eine Hand um die Wange ihrer Tochter. Sie blickte ihr in die schönen blauen Augen, die ihren so ähnlich waren. Diese fremde Frau, die doch keine Fremde war.
Reyes schüttelte überrascht den Kopf und wandte sich an Doggett, der am Küchentisch saß und in einer Zeitung las.
„Das ist wirklich verblüffend“, sagte sie aufgeregt.
„Verblüffend, aber wahr“, gab Doggett zurück, sah aber nicht von seiner Zeitung auf. Monica erkannte deutlich den Missmut in seiner Stimme.
„Ach kommen Sie, John. Es sieht nicht so aus, als habe Luzia ein Attentat auf uns vor.“
Jetzt sah Doggett auf und sah ihr genau ins Gesicht.
„Ich verstehe Sie nicht, Monica. Sie waren am Anfang dagegen, dass ich Luzia überhaupt nach Australien bringe und jetzt haben Sie nichts dagegen einzuwenden, dass sie sich in der Nähe von Fox und Dana aufhält, obwohl sich herausgestellt hat, dass sie Dr. Standton umgebracht hat und wir absolut nichts über sie wissen.“
Seine Stimme wurde laut und Monicas Augen hoben sich überrascht. Sie hatte Doggett nie so außer sich erlebt. Sie stellte sich neben ihn und legte ihm beruhigend den Arm auf die Schulter.
„Ich teile Ihr Misstrauen, aber ich sehe auch zwei glückliche Menschen. Wir sind hier, John, sollte sich Luzia dazu entschließen, jemanden umzubringen. Im Moment jedenfalls scheint sie nicht den Eindruck zu machen, “ sagte sie mit Nachdruck und sah, wie sich Doggetts Gesichtszüge entspannten. Er nickte einsehend und blickte wieder auf seine Zeitung hinunter, ehe er mit dunkler Stimme sagte: „Ich hoffe, Sie haben Recht.“
Es war bereits nach 22:00 Uhr als Scully und Luzia im Wohnzimmer saßen. Mulder war nach oben gegangen, um nach William zu sehen. Luzia saß vor dem offenen Kamin auf einer Decke. Sie hatte die Knie an ihr Kinn gezogen und die Arme darum geschlungen. Berührt starrte sie ins Feuer, während sie die Wärme spürte, die es ausstrahlte. Scully saß auf der Couch und beobachtete sie. Sie sah die funkelnden Augen ihrer Tochter und die vollkommene Zufriedenheit in ihrem Gesicht.
„Ich habe noch nie einen offenen Kamin gesehen“, sagte Luzia plötzlich und wandte ihr Gesicht zu Scully.
„Noch nie?“ hakte Scully nach.
Luzia schüttelte den Kopf und sah wieder ins Feuer.
„Es hat eine ungeheure Wirkung auf einen. Ein Element, das alles verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt. Flammen, die alles auffressen, “ sagte sie ehrfürchtig und Scully war überrascht, wie tief ihre Gedanken gingen, wenn sie über etwas nachdachte. Für jeden anderen war Feuer eben Feuer, aber für Luzia war es etwas, was es zu respektieren galt.
Die junge Frau seufzte und Scully hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Wie musste es für einen Menschen sein, der erst jetzt die Welt um sich herum kennen lernte? Es gab so viele Dinge, die für andere Menschen normal waren, die für Luzia ein weiteres Überraschen bedeuteten. Den ganzen Tag hatten sich Scully und Luzia unterhalten und sie hatte ihr alles über sich erzählt. Ihr Leben in einem Labor und über die anderen Kinder, die erschaffen worden waren. Ihre Flucht und wie sie von Scully erfahren hatte. Scully war erschüttert und erstaunt zugleich gewesen. Sie hatte Scully auch gestanden, dass sie für die Morde der Adoptiveltern und Dr. Standton verantwortlich war, hatte ihr aber auch die Gründe dafür genannt. Luzia hatte zwar keine Reue gezeigt, aber sie hatte ihr auch gesagt, dass sie dafür gerade stehen würde. Sie musste dafür bestraft werden, da sie nicht das Recht hatte, über das Ableben anderer Menschen zu entscheiden. Scully und Luzia hatten sich auf ein Du geeinigt. Sie kannten sich zwar nicht, aber es verband sie mehr als nur Höflichkeit.
„Ich ... ich möchte mich bedanken“, sagte Luzia nach einer Weile.
„Wofür?“ fragte Scully und Luzia drehte sich zu ihr um, blieb aber weiterhin auf dem Boden sitzen.
„Dass ihr mich in eure Familie aufnehmt. Einfach so, ohne Bedenken.“
Scully runzelte die Stirn. Sie machte sich wirklich über alles Gedanken. Es war unglaublich, wie ernsthaft sie alles in Frage stellte und Vor- und Nachteile abwog.
Luzia bemerkte Scullys ernstes Gesicht.
„Oder bedankt man sich nicht dafür?“
Scully wusste, dass Luzia sich noch unsicher war, was Gefühle anging. Sie war sich nicht sicher, ob sie wie ein normaler Mensch reagierte.
Sie lächelte ihre Tochter an.
„Das kannst du schon, aber du musst nicht. Wir haben uns von Anfang an dafür entschieden.“
Diesmal runzelte Luzia die Stirn. Sie konnte nicht verstehen, wie zwei Menschen dazu bereit waren, eine völlig fremde Person aufzunehmen, von der sie nichts wussten und die drei Menschen umgebracht hatte.
„Aber warum?“
„Weil du meine Tochter bist.“
Diese Antwort schien Luzia zu überraschen. Sie war es nicht gewohnt, dass sie jemand als Tochter ansprach oder irgendwelche Gefühle ihr gegenüber zu erkennen gab.
„Luzia, du musst dich für nichts bedanken. Du bist ohne jegliche Liebe aufgewachsen und hast Dinge erlebt, die jeden anderen Menschen depressiv machen würden. Da du aber nie Gefühle kennen gelernt hast, ließ dich auch das völlig kalt. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, darüber kann man sich streiten.“
Interessiert hörte Luzia ihr zu und ihr wurde bewusst, dass Scully sich große Gedanken über sie machte. Sie machte sich Sorgen um sie.
„Ich habe darüber nachgedacht. Möglicherweise kann ich Gefühle haben. Aber es gibt so viele Situationen, in denen ich einfach kein Mitgefühl empfinden kann. Ich habe keine Schuld daran, was diese Männer mit mir gemacht haben, aber ich habe Schuld an meiner Zukunft. Ich hätte diese Menschen nicht töten müssen, “ erklärte sie und Scully hörte echte Reue heraus.
„Dass du dir Gedanken über dein Tun machst, zeigt schon, dass du Gefühle empfinden kannst und dir überlegst, ob es richtig oder falsch war. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit bis du weißt, wie du deine Gefühle zu deuten hast, “ gab Scully zurück und Luzia lächelte sie erleichtert an. Vielleicht hatte sie wirklich Recht. Sie wünschte es sich so sehr.
Luzia atmete tief aus, stand auf und lief auf Scully zu.
„Ich hoffe es.“
Scully lächelte sie aufmunternd an. Sie sah in ihren Augen, dass sie sich davor fürchtete. Keine Gefühle zu haben, machte einen stark und es gab keine Bedenken, die eine Entscheidung beeinflussten. Ein Gewissen ließ eine Kurzschlussreaktion oftmals nicht zu.
„Gute Nacht, Dana.“
„Gute Nacht“, gab Scully zurück und die beiden Frauen sahen sie für drei Sekunden direkt in die Augen. Dann drehte Luzia sich um und lief durch das Wohnzimmer zur Treppe. Mulder kam ihr entgegen, dem sie ebenfalls eine gute Nacht wünschte, ehe sie im Zimmer verschwand.
Nachdem klar gewesen war, dass Luzia bis zu ihrer Abreise ebenfalls im Haus wohnen würde, hatten sie umdisponieren müssen. Doggett schlief jetzt bei William im Zimmer und Monica teilte das andere Zimmer mit Luzia.
Mulder kam ins Wohnzimmer und setzte sich mit einem Seufzen neben Scully.
„Was ist denn mit Luzia?“ wollte er wissen.
„Sie hat gerade festgestellt, dass sie anfängt, Gefühle zu haben“, antwortete Scully und lehnte sich gegen ihn. Er legte den Arm um sie und lehnte seinen Kopf gegen ihren.
„Was war mit William?“
Mulder lachte leicht und nahm ihre Hand.
„Sein Teddybär ist aus dem Bett gefallen.“
Scully musste ebenfalls lachen und schloss die Augen. Seit langer Zeit hatte sie jetzt endlich wieder das Gefühl, dass es bergauf ging. Vielleicht würden sie jetzt einmal Glück haben.
Erst später würde sie feststellen müssen, dass nichts so war, wie es schien und das Tragödien nicht einfach so gingen...
Zwei Wochen später hatte es dann tatsächlich geschneit. Das Thermometer zeigte täglich Minusgrade an, aber der Schnee blieb hauptsächlich auf den Wiesen liegen. Die Straßen waren immer noch frei, aber wenn es in dem Tempo weiterschneien würde, würden auch diese bald zugeschneit sein.
Doggett, Reyes, Scully und Mulder hatten sich im Wohnzimmer eingefunden, nachdem Doggett sein Telefongespräch beendet hatte.
„Ich habe gerade mit Skinner telefoniert. Er ist vor ein paar Minuten in Sydney gelandet und möchte Monica und mich sofort sehen, “ sagte er.
Mulder sah ihn an.
„Skinner weiß von der Sache?“
„Ohne Skinners Erlaubnis hätte ich Luzia nicht hier bringen können. Ich habe ihm zwar nicht gesagt, dass Sie beide hier sind, aber ich schätze, dass er es weiß, “ antwortete Doggett und ergriff seine Jacke, die auf dem Sessel lag.
„Ich werde auch mitgehen“, sagte Mulder und Scully sah ihn sofort überrascht an.
„Warum?“
Er machte ein paar Schritte auf sie zu und zog ebenfalls seine Jacke an.
„Skinner hat uns in der Vergangenheit oft geholfen und ich bin der Meinung, dass er eine Erklärung verdient hat.“
Scully wollte protestieren, sagte aber nichts. Er hatte Recht. Skinner war ihr Freund und kein Feind. Er hatte es wirklich verdient.
„Kommst du alleine zurecht?“ wollte Mulder wissen und sah sie ernst an. Er wusste zwar, dass Scully es hasste, versorgt werden zu müssen, sie hatte aber auch eingesehen, dass es nicht anders ging.
„Ja. Außerdem ist Luzia noch da, “ gab Scully zurück und Mulder nickte zustimmend. Luzias Anwesenheit war schon so normal für ihn, dass er es schon fast vergaß, dass sie da war. Er sah zu William, der in einem Laufstall spielte und dann wieder zu Scully zurück.
„Wir werden nicht lange weg sein“, sagte er, beugte sich zu ihr hinunter, sah ihr lächelnd in die Augen und küsste sie.
Die Drei verabschiedeten sich und verließen das Haus.
Luzia hatte sich ins Bett gelegt und versuchte zu schlafen. Sie fühlte sich seit einiger Zeit nicht gut und täglich quälten sie entsetzliche Kopfschmerzen. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Sie hatte nie Kopfschmerzen gehabt, nur seit sie diesen Anfall gehabt hatte, waren die Kopfschmerzen nie mehr ganz verschwunden.
Sie hatte die Augen geschlossen und versuchte, an nichts zu denken. Vielleicht lag es auch daran, dass sie ihre Gabe seit Langem nicht mehr eingesetzt hatte. Aber im selben Moment wurde ihr klar, dass sie auch schon früher ihre Gabe für längere Zeit nicht benutzt hatte und sie keine Kopfschmerzen gehabt hatte.
Sie holte tief Luft und seufzte.
Vielleicht waren es auch die Sorgen, die sie sich machte, in Bezug auf ihre Verhandlung in den Vereinigten Staaten. Ja, ganz sicher war es das.
Sie entspannte sich und fühlte, wie die Kopfschmerzen langsam zurückgingen. Sie hörte, wie sich unten eine Tür öffnete und wieder schloss und kurze Zeit später war sie tatsächlich eingeschlafen.
Als sie wieder zu sich kam, waren die Kopfschmerzen völlig verschwunden. Sie sah auf die Uhr und stellte überrascht fest, dass sie gerade mal zwanzig Minuten geschlafen hatte. Ihr war es viel länger vorgekommen, aber solange die Kopfschmerzen weg waren, war es ihr egal, wie lange sie geschlafen hatte. Sie stand auf, band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und verließ das Zimmer. Bereits als sie an der Treppe ankam, überkam sie erneut dieses komische Gefühl. Ein flaues Gefühl, das sich in ihrem Magen ausbreitete. Sie schüttelte den Kopf, herrschte sich an, sich zusammenzureißen und ging nach unten. Fast etwas überschwänglich lief sie die Treppen hinunter und trat ins Wohnzimmer.
„Hey Dana, ich ...,“
Die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Fassungslos starrte sie den schwarzhaarigen Mann an, der mitten im Wohnzimmer stand.
„So sieht man sich wieder“, sagte er und grinste sie bösartig an.
„Rick?“ fragte Luzia ungläubig und sah aus dem Augenwinkel heraus zu Scully hinüber.
Scully saß immer noch auf der Couch und ihr Blick hatte sich augenblicklich auf sie gerichtet, als sie ins Zimmer gekommen war. Ihr Gesicht war bleich und Luzia erkannte, wie geschockt sie war. Gott, was hatte er ihr nur erzählt und wie lange war er schon hier?
Als Luzia den fremden Mann mit dem Vornamen ansprach, zuckte Scully unwillkürlich zusammen. Sie hatte keine Ahnung, wie der Mann ins Haus gekommen war, noch was er von ihr wollte. Er hatte wirres Zeug geredet und Scully fühlte sich so vollkommen hilflos. Sie hätte nicht mal ihren Sohn beschützen können, wenn der Mann ihm etwas hätte tun wollen. Aber er schien gar nichts von ihm zu wollen, er wollte etwas von ihrer Tochter.
Luzia sah kurz zu William hinüber, der im Laufstall stand und neugierig über die Stange sah. Die Anwesenheit des fremden Mannes schien in keineswegs zu beunruhigen, sonder eher sein Interesse zu wecken.
„Überrascht mich zu sehen?“ fragte er gehässig und Luzia richtete ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf ihn.
„Em ...ja, “ gab sie zurück.
Sein Grinsen wurde breiter und er machte einen Schritt auf sie zu.
„Tut mir wirklich leid, dass ich in eure kleine Familienidylle reinplatze.“
„Wovon redest du überhaupt?“
Der Mann verdrehte entnervt die Augen.
„Du hast wohl gedacht, dass du mich für alle Zeit los bist, als dieser Agent mich erschossen hat!“
Scullys Gesichtsausruck hellte sich etwas auf. Jetzt wusste sie, wer der Mann war: Er hatte zu Luzias Gruppe gehört und war bei der Ermordung der Adoptiveltern dabei gewesen, aber er war doch ebenfalls erschossen worden.
„Ich weiß nicht, wovon du redest, Rick.“
Der Mann gab ein Brummen von sich.
„Du hast gedacht, wenn ich erst mal aus dem Weg bin, dass du dann deine eigenen Interessen verfolgen kannst“, rief er und funkelte sie böse an.
Luzia schüttelte den Kopf.
„Das waren nicht nur meine Interessen. Es waren unsere. Wir hatten einzig und allein vor, William wieder hierher zu bringen und das ist auch eingetroffen.“
„Falsch Luzia, das waren nur deine Interessen.“
Luzias Augen weiteten sich überrascht und dann setzte sie ihre Fähigkeit ein. Sie las seine Gedanken und was sie sah, erschreckte sie zutiefst. Ihre Augen verengten sich wie die einer Katze.
„Was stimmt nicht mir dir, Rick? Was ist mit deinen Gedanken?“
Der Mann lachte verächtlich.
„Im Gegensatz zu dir will ich ewig leben. Ich habe das Angebot nicht ausgeschlagen.“
Fassungslos starrte sie ihn an und jetzt wusste sie auch, woher ihre Kopfschmerzen kamen. Seine Gedanken waren völlig anders als die eines Menschen. Und in dem Moment, wenn er versuchte, ihre Gedanken zu lesen, waren diese Schmerzen eine Begleiterscheinung davon. Er hatte es immer wieder versucht, aber er hatte nicht bis zu ihren Gedanken vordringen können.
„Du bist ein Supersoldat.“
Wieder huschte ein belustigtes Lächeln über sein Gesicht.
„Du hättest dich nicht von uns abwenden dürfen, Luzia. Du hättest das Angebot annehmen sollen.“
„Damit ich mein Leben lang für die arbeite? Damit ich so handle, wie sie es immer wollten? Ich wollte mein eigenes Leben! Ich wollte das, was mir zusteht!“
Ihr Augen leuchteten vor Zorn und Verbitterung.
„Dafür haben sie dich nicht erschaffen. Du und ich sollten die Zukunft der Menschheit sichern. Wir sollten die Welt neu bevölkern.“
Luzia schüttelte mit Nachdruck den Kopf. Was war bloß in ihn gefahren? Was hatten die mit ihm gemacht?
„Du bist ein Verräter!“ zischte sie und augenblicklich fixierte er sie.
„Nein! Du bist die Verräterin! Als du wusstest, wer deine Mutter ist, hast du deine Meinung geändert!“
„Was redest du da? Ich hatte nie vor, das zu tun, was sie von mir wollten! Du bist zur anderen Seite gewechselt! Was ... was ist aus dir geworden, Rick? Wir waren doch immer der gleichen Meinung. Du bist wie ich.“
Man konnte deutlich die Enttäuschung in ihrem Gesicht sehen. Das alles war unfassbar für sie und sie konnte es nicht glauben.
„Das war einmal, Luzia. Ich sehe ja, wie viel ich dir bedeutet habe. Keine Träne hast du mir nachgeweint, “ sagte er und machte einen Schritt auf Scully zu, die gleichzeitig die Luft anhielt. Dieser Mann war zu allem fähig, da war sie sich sicher.
„Aber vielleicht weinst du ihr eine Träne nach, wenn ich sie töte oder wenn ich den Kleinen töte“, fuhr er fort und zeigte auf William.
„Hör auf mit dem Blödsinn, Rick! Sie haben nichts damit zu tun. Das ist nur eine Sache zwischen dir und mir, “ sagte Luzia und ihre Stimme hatte wieder einen neutralen Tonfall angenommen. Sie musste vor ihm keine Angst haben, er wusste längst nicht, wozu sie fähig war.
„Das ist schon lange keine Sache mehr zwischen uns. Du hast auch sie damit hineingezogen.“
Er entfernte sich von Scully und lief auf ein Fenster zur. Gelangweilt sah er hinaus und es entstand eine kurze Stille.
Luzia nutzte die Gelegenheit, um Scully mit ihrem Blick zu beruhigen. Sie sah deutlich, wie fassungslos ihre Mutter war und die Angst, die ihr ins Gesicht geschrieben stand.
Dann drehte sich der Mann wieder zu ihnen um.
„Weißt du, sie könnte sich nicht einmal wehren. Sie kann nicht laufen!“
Er lachte schadenfroh und im selben Moment fing William an zu weinen. Zuerst hatte er gequengelt, geschluchzt und dann geheult. Angsterfüllt sah Scully zu ihm hinüber, während Luzia und Rick sich weiter anstarrten. Williams Weinen schien sie keinesfalls zu beunruhigen. Es war fast so, als registrierten sie es gar nicht.
Luzia nahm jedoch deutlich Williams Gefühlausbruch war, genauso wie Rick.
„Du hast mich bitter enttäuscht, Luzia! Ich hatte so viel mit dir vor, “ sagte er plötzlich und in seiner Stimme keimte so etwas wie Zärtlichkeit auf.
Luzia presste die Lippen zusammen und schüttelte langsam den Kopf.
„Aber dir hat es absolut nichts ausgemacht, als ich erschossen wurde!“
Der Hass in der Stimme war zurückgekehrt und er schien erbarmungsloser als je zuvor.
„Das ist nicht wahr, Rick, und das weißt du auch.“
Er nickt langsam, als schien er ihr zu glauben.
„Vielleicht hast du ja Recht. Ich war ziemlich überrascht, als ich gehört habe, dass du Dr. Standton ganz ohne Vorwarnung erschossen hast. Möglicherweise bist du doch eine von uns.“
Luzia wusste, dass er ganz bewusst dieses Thema ansprach und sie bemerkte auch, wie Scully sie unglücklich ansah. Sie hatte erfolgreich Luzias Mord verdrängt, doch er wollte, dass sie es nie vergaß.
„Ich bin keine von euch und ich werde es auch niemals sein! Du weißt, warum er sterben musste, “ sagte Luzia.
Rick zuckte gelassen mit den Schultern.
„Ja ja, der böse böse Doktor. Er wäre vielleicht noch sehr nützlich gewesen.“
Die Unterhaltung der Beiden ging weiter, während Scully wie gelähmt auf der Couch saß, den Beiden zuhörte, ihren Blick aber nicht von William nahm. Er weinte immer noch und mittlerweile waren seine Backen rot vor Anstrengung.
„Was willst du, Rick?“ fragte Luzia und brachte somit das Gespräch wieder auf den eigentlichen Punkt zurück.
„Was glaubst du denn, was ich will?“
Sie starrten sich an, bis sie ihre Fähigkeiten einsetzten. Sie lasen die Gedanken des Anderen und diesmal ließ Luzia es zu, dass er auch ihre Gedanken las. Es war eine Handlung von Sekunden und blitzartig zogen sie ihre Waffen heraus und zielten aufeinander.
Schockiert blickte Scully auf die Schusswaffen und sie wusste nicht, was ihr mehr Sorgen bereitete. Die Tatsache, dass Luzia eine Waffe besaß oder dass beide eine besaßen.
Mulder, Reyes und Doggett hatten Sydney fast erreicht. Sie waren eine knappe halbe Stunde unterwegs und hatten während der Fahrt kaum gesprochen. Monica saß auf der Rückbank, Mulder fuhr und Doggett saß auf dem Beifahrersitz.
„Mulder!“ rief Doggett plötzlich völlig unterwartet und Mulder hätte fast eine Vollbremsung mitten auf der Straße gemacht.
„Was?!“ rief er erschrocken zurück und auch Monica hatte sich nach vorne gebeugt.
„Drehen Sie um!“
„Was?“
„Warum denn?“
„Das war nicht Skinner am Telefon!“
Entsetzt sah Mulder ihn von der Seite an, fuhr in eine Bushaltestelle hinein und machte eine rasante Kehrtwendung. Er drückte das Gaspedal durch und sie fuhren den gleichen Weg wieder zurück.
„Was soll das heißen, es war nicht Skinner am Telefon?“ fragte Monica.
„Skinner hat mir am Telefon gesagt, dass er nach alldem mit mir sprechen muss. Er erwähnte auch Danas Unfall. Aber er kann unmöglich davon gewusst haben und ich kann es ihm auch nicht gesagt haben, weil ich es noch nicht wusste, als ich Amerika verlassen habe,“ klärte Doggett sie auf.
„Soll das bedeuten, dass es jemand anderes war?“ wollte Mulder wissen und beschleunigte das Tempo.
„Ja, da bin ich mir ganz sicher. Ich habe mir die ganze Zeit Gedanken gemacht. Irgendwas gefiel mir an diesem Gespräch nicht,“ antwortete er und sah Mulder an.
Mulder hatte seinen Blick stur aus dem Fenster gerichtet, um bei der hohen Geschwindigkeit nicht die Kontrolle über das Auto zu verlieren.
„Sie wollten uns von Dana und William weglocken,“ schloss er düster.
„Was?“ fragte Monica erschrocken, „und Luzia?“
„Ich schätze, dass es ihretwegen ist.“
„Du glaubst doch etwa nicht, dass du mich mit einer einfachen Kugel umbringen kannst! Ich bin ein Supersoldat!“
Er streckte die Arme von sich, als wollte er Luzia provozieren zu schießen.
„Mit dieser Kugel schon.“
Ricks Gesicht verdunkelte sich und seine Selbstsicherheit verschwand. Er kniff die Augen zusammen und sah sie böse an.
„Du bluffst,“ sagte er.
Luzias Mundwinkel zogen sich leicht nach oben und sie lächelte schwach.
„Wirklich? Bist du dir da sicher?“
Ihre Selbstsicherheit machte ihn nervös und er zögerte. Seinen Gegner in Unsicherheit zu stürzen, war der erste Weg zum Sieg.
„Diese Kugel besteht aus einem speziellen Eisen. Dieses Metall wird dich in Sekundenschnelle in deine Einzellteile zerlegen, dass nichts mehr von dir übrig sein wird,“ sagte Luzia im neutralen Tonfall.
Scully wandte ihren Blick von William ab und sah zu ihrer Tochter. Sie wusste, was sie meinte. Damals hatte sie in einem Steinbruch gestanden, als einer der Supersoldaten sie eingeholt hatte. Wie ein Magnet war er von dem Berg angezogen worden und schließlich daran zerschellt. Es war also ein bestimmtes Eisen, das in dem Berg vorhanden gewesen war und das letztendlich zum Tod des Supersoldaten geführt hatte. Woher konnte Luzia aber wissen, dass ihr Bekannter ein Supersoldat war? Scully hatte deutlich aus ihrem Gespräch herausgehört, dass sie von seiner Umwandlung überrascht war.
Rick kniff die Augen zusammen und zielte mit seiner Waffe auf Scully.
„Dann werde ich sie erschießen“, gab er zurück und richtete dann die Pistole auf William, „oder den Jungen.“
Scully schluckte schwer. Er bluffte nicht. Er würde es gnadenlos durchziehen, wenn er dadurch das bekommen würde, was er wollte.
Luzia schüttelte langsam den Kopf. Sie stellte sich in den Schussweg und somit vor William.
„Das wirst du nicht. Du hast mich unterschätzt, genauso wie du deine Fähigkeit überschätzt hast. Ich wusste von Anfang an, was du vorhattest. Deine Gedanken sind wie ein offenes Buch für mich und genau deswegen habe ich diese Kugel, “ sagte sie, nahm aber keinen Augenblick die Waffe hinunter. Sie richtete die Waffe zielsicher und mit voller Überzeugung auf ihn.
Zorn keimte in ihm auf. Er wollte ihre Gedanken lesen, er wollte wissen, ob sie wirklich solch eine Kugel besaß, aber er kam nicht bis zu ihren Gedanken durch. Sie blockierte seine geistige Arbeit. Ihm würde keine andere Wahl bleiben, als das Risiko einzugehen. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen und er musste ihn mit Präzision erfüllen. Die Einzigen, die ihm gefährlich hätten werden können, hatte er erfolgreich in die Wüste geschickt. Er hätte niemals gedacht, dass Luzia das größere Problem darstellten würde.
Scully spürte deutlich, wie sich die Lage zuspitzte. Wenn doch bloß Mulder oder Monica oder John da wären. Luzia würde nicht zu lassen, dass ihr oder William etwas zustieß. Sie würde, wenn nötig, bis zum Äußersten gehen.
Rick riss die Waffe herum, doch Luzia hatte bereits schon Sekunden zuvor gewusst, dass er schießen würde. Gleichzeitig feuerten sie die Waffen ab.
Scully riss die Augen auf und hielt die Luft an.
Als die Kugel in Ricks Brust einschlug, hatte sich sein Gesicht kaum verändert und er sah weiterhin siegessicher aus. Doch plötzlich verdunkelte sich sein Gesichtsausdruck und er griff sich schmerzvoll an die Brust.
„Was zum...?“
Sein Körper zitterte und seine Haut verfärbte sich blau. Seine Gesichtszüge verkrampften sich und er fiel zu Boden. Sie hatte also nicht geblufft, sie besaß tatsächlich diese Kugel...
Luzias Augen folgten jeder Bewegung seines Todeskampfes, bis er schließlich zu Boden fiel. Scully hatte jedoch keinen Augenblick ihre Augen von Luzia genommen. Auch Ricks Kugel hatte sein Ziel nicht verfehlt, aber Luzia schien nichts davon wahrgenommen zu haben. Sie stand, hatte ihren Arm immer noch zum Schuss ausgestreckt und ihre Augen funkelten vor Abscheu.
Scully suchte den Blickkontakt mit ihr, aber sie schien auch Scully nicht mehr wahrzunehmen.
„Luzia...“
Ihre Tochter wandte den Kopf zu ihr und hob ihre Hand vors Gesicht, welche sie sich, ohne es bewusst getan zu haben, auf den Bauch gepresst hatte. Die Hand war voller Blut und auch ihr Shirt war bereits blutdurchdrängt.
Ihre Augen zeigten deutlich, dass sie nicht überrascht war. Scully sah auch keine Angst darin und als Luzia langsam zu Boden sank, setzte ihr Herz für eine Sekunde aus.
Dann passierte etwas, woran sich Scully ihr Leben lang erinnern sollte: Sie stand auf.
Ohne überlegt zu haben, war sie aufgestanden und bevor ihr wieder einfiel, dass sie eigentlich gar nicht laufen konnte, blieb sie auch stehen. Ihr Beine gaben nicht nach, sondern trugen ihr Gewicht. Fassungslos starrte sie nach unten. Die Angst um Luzia und William hatte sie einfach handeln lassen, ohne darüber nachzudenken. Auch als Ärztin hatte sie oft nur gehandelt ohne vorher die Chancen für den Patienten abgewogen zu haben. In ihrer Therapie hatte sie sich verzweifelt darauf konzentriert, ihre Beine zu bewegen und möglicherweise war das der Fehler gewesen. Oft gab es Menschen, die aufgrund eines Schocks gelähmt waren, in Wirklichkeit aber laufen konnten. Ein schlimmes Erlebnis und die Erinnerungen daran konnten sich auch physisch auswirken.
Scully machte einen Schritt nach vorne und auch diesmal gehorchten ihre Beine. Sie angelte sich zum Sofa, hielt sich an der Rückenlehne fest und lief weiter zu Luzia. Ihre Schritte waren zwar langsam und steif, aber das spielte im Moment keine Rolle. Es kostete sie ungeheuere Kraft, ihre Beine Schritt für Schritt zu bewegen und sie stöhnte vor Anstrengung.
Luzia war vor Williams Laufstall zusammengebrochen, ihre Beine waren zur Seite gekippt und ihre Augen geschlossen. Ihre Hände lagen auf ihrem Oberkörper.
Als Scully bei Luzia angekommen war, gaben ihre Beine nach und sie sank neben ihrer Tochter zu Boden.
Im selben Moment wurde die Haustür aufgerissen und Mulder, Doggett und Reyes stürmten ins Haus. Angewurzelt blieben sie stehen und Mulder hatte deutlich Scullys letzte Schritte gesehen. Freude überkam ihn, aber als er die Leiche des Mannes sah und Luzia, verdunkelte sich sein Gesichtsausdruck. Er hastete zu Scully.
„Mein Gott, Dana. Was ist passiert?“
Scully sah ihn überrascht an, als er sich neben sie niederkniete.
„Dieser Mann stand plötzlich mitten im Wohnzimmer und als Luzia hinzukam, ist die Sache eskaliert. Sie haben aufeinander geschossen.“
„Und was ist mit dir?“
„Mir geht’s gut“, sagte sie und hob vorsichtig Luzias Hände hoch, um die Schusswunde sehen zu können. Es war ein kleines, kreisförmiges Einschussloch, aus dem Blut sickerte.
„Oh Gott, “ stammelte Scully und presste ihre Handflächen fest auf die Schusswunde, „sie muss dringend ins Krankenhaus. Ich fürchte, dass ihre Lunge verletzt wurde.“ Dann sah sie Mulder wieder an.
„Du musst William hier raus bringen. Ich schaff das alleine.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Mulder nickte und sah zu William, der immer noch weinte. Er stand auf, hob seinen Sohn aus dem Laufstall und lief zu Doggett und Reyes, die bei der Männerleiche standen.
„Was passiert mit ihm?“ fragte Monica fasziniert.
Doggett schüttelte den Kopf und ging vor dem Körper in die Knie. Er hatte keine Ahnung, was mit dem Mann passierte, sicher war aber, dass er so etwas noch nie gesehen hat. Die Leiche hatte sich metallisch blau gefärbt. Dann hatte es ein zischendes Geräusch gegeben und der Körper hatte angefangen, sich aufzulösen. Zuerst zerbröckelte das Gesicht und dann fiel der ganze Körper in sich zusammen. Es war so, als würde der Körper schmelzen. Am Ende blieb nur eine blaue Flüssigkeit zurück, die schließlich vom Teppich aufgesogen wurde.
„Doggett, rufen Sie einen Krankenwagen. Luzia ist verletzt, “ sagte Mulder, als er bei ihnen war und die beiden Agenten sahen ihn bestürzt an. Doggett erhob sich und zog eilig sein Handy aus der Tasche, während Monica zu Scully und Luzia lief. Mulder ging mit William in die Küche und redete beruhigend auf ihn ein.
„Kann ich irgendetwas tun, Dana?“ fragte Monica und blickte ihrer Freundin in die besorgten Augen.
„Danke, Monica. Sie können dafür sorgen, dass der Krankenwagen den Weg hierher findet, “ antworte Scully und verstärkte den Druck auf Luzias Brustkorb.
„In Ordnung“, sagte Monica, stand auf und verließ das Haus.
Doggett sah ihr noch hinterher und trat näher an Scully heran. Er ging auf der anderen Seite in die Hocke und blickte auf Luzia, deren Gesicht eine blasse Farbe angenommen hatte.
„Wie geht’s ihr?“ fragte er und sah Scully an.
„Nicht gut“, gab Scully zurück und Doggett konnte deutlich sehen, wie das Blut bereits zwischen ihren Fingern hindurch sickerte.
Es war seine Schuld. Wenn Luzia sterben würde, dann war das alleine seine Schuld. Er hätte sofort merken müssen, dass nicht Skinner am Telefon gewesen war. Wie stark auch sein Misstrauen gegen Luzia geworden war, er musste sich eingestehen, dass er sie mochte. Er wollte auf keinen Fall, dass sie starb und sah zur Tür. Wo blieb nur dieser verdammte Krankenwagen?!
Plötzlich stöhnte Luzia qualvoll und öffnete langsam die Augen. Fassungslos sah Scully Doggett an, sah aber sofort zu ihrer Tochter zurück.
„Luzia“, sagte Scully liebevoll. Sie hoffte, dass Luzia nicht wieder das Bewusstsein verlor. Solange sie wach blieb, hatte sie gute Chancen.
Die junge Frau sah ihrer Mutter genau in die Augen. Augen, die wegen ihr besorgt waren, lösten bei ihr, trotz der Situation, Freude aus. Sie wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Sie hatte sich geschworen, niemals ihre Gedanken zu lesen, aber jetzt tat sie es: Scullys ganze Sorge und Aufmerksamkeit galt ihr. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Sie liebte sie, auch wenn sie sie nicht kannte. Sie liebte sie so, wie eine Mutter ihre Tochter liebt ... mit ganzem Herzen.
Luzia lächelte schwach. Sie hatte den Tod nie gefürchtet und das tat sie auch jetzt nicht. Denn sie wusste, dass es noch lange nicht vorbei war. Es würde nie vorbei sein. Nicht für sie.
Sie bewegte ihre Lippen und Scully beugte sich zu ihr hinunter, um ihre schwache Stimme hören zu können.
„Es tut ... mir ... leid“, flüsterte sie und Scully schüttelte den Kopf.
„Nein. Es kommt alles wieder in Ordnung. Du musst nur wach bleiben, Luzia. Rede mit mir.“
Es klang fast wie ein Befehl, gemischt mit einem Flehen.
Luzia hustete und ein dünner Faden aus Blut lief an ihrem Mundwinkel hinunter. Ihre Lunge war verletzt. Es war bereits Blut in den Luftwegen.
Das letzte Gesicht, das sie sah, war das Gesicht eines Menschen, der sie liebte. Dieses Gesicht würde sie nie vergessen und sie würde die Erinnerung daran immer in ihrem Herzen tragen. Denn sie war sich sicher, dass sie jetzt dazu im Stande war, Gefühle zuzulassen und in sich aufzunehmen.
Langsam schloss sie die Augen und sie konnte noch deutlich Scullys „Nein!“-Rufe hören, ehe die Stimme dumpf wurde und sie die Dunkelheit einholte...
Luzia lag seit einer Woche im Koma.
Ihr Zustand besserte sich nicht und die Ärzte gaben kaum Hoffnung. Sie war klinisch tot.
Es gab viele Fragen, wie Luzia in diesen Zustand geraten war und es konnte nicht vermieden werden, dass die Polizei eingeschaltet worden war. Doggett nahm sich ihrer an und erzählte den Beamten nur so viel, wie sie wissen mussten.
Scully wachte ständig an Luzias Bett. Sie wollte nicht akzeptieren, dass es für sie keine Hoffnung mehr gab. Sie hatte ihre Tochter gerade erst kennen gelernt und jetzt sollte schon wieder alles vorbei sein? Nein, das konnte und wollte sie nicht akzeptieren. Mulder war bei ihr und leistete ihr Beistand, aber er wusste auch, was die Meinung der Ärzte war. Andererseits wollte er Scullys Hoffnung nicht zerstören, wenn sie so sehr an eine Besserung glaubte.
In dieser einen Woche hatte Scully auf eine verblüffende schnelle Art und Weise wieder laufen gelernt. Am Anfang waren ihre Bewegung noch etwas unkoordiniert gewesen, aber nach und nach verfeinerte sich ihre Motorik. In zwei bis drei Tagen würde sie wieder wie vor ihrem Unfall laufen können. Mulder war erstaunt, mit welcher Verbissenheit sie sich zum Laufen zwang und wie hart sie an sich arbeitete. Womöglich spielte auch der Zorn auf Luzias Zustand eine Rolle. Scully war in den letzten Tagen kaum ansprechbar gewesen und oft in Gedanken versunken. Manchmal, wenn Mulder nach Hause gekommen war, saß sie im Wohnzimmer, hatte William auf dem Schoß, und hörte zu, was ihr Sohn ihr erzählte. Er hatte so manche Zweifel gehabt, ob sie auch wirklich anwesend gewesen war.
Er verstand sie. Er verstand sie sehr gut und er machte ihr auch keinen Vorwurf. Sie musste eine Entscheidung treffen. Genauso wie er sich damals hatte entscheiden müssen, ob die Ärzte die Operation wagen sollten oder nicht. Er wusste, wie sehr eine derartige Entscheidung auf einem lasten konnte, und er wollte nicht mit ihr tauschen.
Mulder gähnte hinter vorgehaltener Hand und sah aus dem Fenster hinaus. Er hatte seit Tagen schlecht geschlafen, denn Scullys Geistesabwesenheit bereitete ihm große Sorgen. Er drehte sich zu ihr herum und betrachtete sie.
Scully saß neben Luzias Bett. Ihre Augen waren starr auf das Gesicht ihrer Tochter gerichtet. Sie sah unglaublich bekümmert aus und Mulder wusste, dass sie heute diese Entscheidung treffen musste, denn sonst würde sie daran zerbrechen.
Er lief zu ihr und setzte sich neben sie. Dann ergriff er ihre Hand und sie tauschten einen kurzen Blick miteinander. Scully sah, dass es auch ihm nahe ging und sie lächelte ihn dankbar an. Ein paar Minuten saßen sie schweigend da, ehe ein junger Arzt das Zimmer betrat.
„Mr. und Mrs. Moore?” fragte er leise und die Beiden sahen zu ihm auf. Er trat neben sie und blickte ebenfalls auf Luzia. Wieder traten Sekunden des Schweigens ein, bevor er fragte: „Haben Sie sich entschieden?“
Scully holte tief Luft und sah ihn an.
„Und es gibt nichts, was wir noch tun können?“
Der Arzt schüttelte den Kopf.
„Sie ist hirntot. Sie atmet nur, weil die Maschine dies möglich macht. Sie zeigt weder Gehirnströme, noch irgendwelche anderen äußeren Reize.“
Scully wusste, was dies bedeutete. Sie hatte oft genug Angehörigen von Patienten diese schlimme Nachricht überbringen müssen und jetzt war sie selber davon betroffen.
„Wir möchten uns noch von ihr verabschieden“, sagte sie und der Arzt nickte verständnisvoll. Dann verließ er das Zimmer.
Sie hatte sich also entschieden. Sie hatte sich dazu entschieden, die Geräte abzuschalten und vielleicht war das auch die beste Entscheidung, die sie treffen konnte.
Luzias Brustkorb hob und senke sich und keiner würde es für möglich halten, dass allein die Maschine diese Bewegungen auslöste und dass ihr Abschalten den Tod bedeuten würde. Der dicke Schlauch in ihrem Mund sah so unmenschlich aus, dass Mulders Herz schwer wurde. Er fühlte sich so sehr an Scully erinnert, als sie im Koma gelegen hatte, und Luzias Ähnlichkeit mit ihr verstärkte dieses Gefühl noch.
„Ist das gerecht?“ fragte Scully plötzlich und Mulder sah sie überrascht an. Sie erwiderte seinen Blick und ihm wurde bewusst, dass sie diese Frage wirklich ernst meinte.
„Ich habe aufgehört, an Gerechtigkeit zu glauben“, antworte er.
Sie schien etwas überrascht über seine Antwort zu sein und blickte ihn lange an.
„Was hättest du gemacht?“ wollte sie wissen und Mulder wusste, dass er gefährliches Territorium betrat.
„Dana, das ist nicht meine Entscheidung und ...“
„Nein, Fox“, unterbrach sie ihn, „ich möchte von dir wissen, was du getan hättest. Wenn es William wäre ... was würdest du tun?“
Mulder konnte deutlich Verärgerung aus ihrer Stimme heraushören und er schüttelte langsam den Kopf. Er wollte sie nicht in ihrer Entscheidung beeinflussen.
„Das ist etwas anderes, Dana. Das wäre unsere gemeinsame Entscheidung. Ich könnte dir eine Antwort erst dann darauf geben, wenn ich in dieser Situation wäre.“
Sie sahen sich an, ehe Scully die Augen schloss und den Kopf senkte.
„Tut mir leid“, sagte sie leise.
„Schon gut“, gab er zurück und drückte ihre Hand.
Er wusste, dass ihre Nerven blank lagen und sie überreagiert hatte. Er konnte es ihr nicht übel nehmen, aber er wusste auch, dass ihr viel an seiner Meinung lag.
„Ich glaube, dass es Luzia niemals vergönnt war, eine Familie zu haben, die sie liebte. Das war nicht ihr Schicksal und ich glaube, dass Luzia schon damals gestorben ist, als sie als einziges Baby überlebt hat. Sie sollte überhaupt nicht leben. Ein normales Leben war nicht ihre Bestimmung.“
Er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Gerechtigkeit gab es auch für sie nicht mehr, doch sie hatte gehofft. Jetzt spürte sie allerdings, wie auch dieses Gefühl langsam aus ihrem Herzen verschwand. Es gab keine höhere Macht, auf die man vertrauen konnte. Man musste sein Leben selber in die Hand nehmen. Niemand nahm einem Entscheidungen ab.
Mulder legte seinen Arm um sie und zog sie zu sich heran. Scully schlang die Arme um ihn und drückte sich an ihn. Sie schluchzte leise und Mulder streichelte ihr tröstend über den Kopf.
Er fragte sich, wie viel ein Mensch ertragen konnte, bis er zusammenbrach. In ihr war heute ein kleines Stück gestorben. Die Hoffnung und der Glaube. Eines war ihr deutlich bewusst geworden, die Hoffnung stirbt zuletzt.
Es war ein Nachmittag im Mai. Der Frühling hatte sich verabschiedet und der Sommer zeigte zum ersten Mal in diesem Jahr seine warmen Sonnenstrahlen. Es duftete nach Blumen und Insekten flogen durch die Luft.
Ein Wagen parkte am örtlichen Friedhof und drei Personen stiegen aus. Zwei Erwachsene und ein Kind liefen durch das Eingangstor und steuerten zielstrebig auf eine Grabreihe zu.
Die Frau trug ein weißes Sommerkleid mit rote Blumen und ihre blonden Haare waren im Nacken mit einer Spange zusammen gebunden. Sie hielt die Hand des Mannes, der neben ihr lief. Er hatte eine halblange Hose und ein T-Shirt an. Der Junge lief vor ihnen und war ähnlich gekleidet wie der Mann.
Langsam liefen sie weiter und blieben vor einem Grabstein stehen, der in den Boden eingelassen war. Sie sahen den Grabstein an und schwiegen. Sie kamen oft hierher. Am Anfang war es Scully schwer gefallen, vor dem Grabstein ihrer Tochter zu stehen, aber mittlerweile fühlte sie eine gewisse Verbundenheit. Hier war sie Luzia nah und sie konnte sicher sein, dass sie nie wieder leiden musste. Der Grabstein zeigte absichtlich kein Geburts- oder Sterbedatum.
Scully wandte den Kopf und sah Mulder an. Sechs Jahre waren seit Luzias Tod vergangen. Kleine Fältchen hatten sich um seine Augen gebildet und seine braunen Haare waren von einzelnen grauen Strähnen durchzogen. Sein Äußeres hatte sich vielleicht verändert, aber er war immer noch der Mann, den sie von ganzem Herzen liebte und nach ihrer Meinung hatte ihn das Älterwerden noch attraktiver gemacht. An sich selber hatte sie kaum eine Veränderung festgestellt. Kleine Falten waren unvermeidlich, denn das Alter hatte auch sie nicht verschont.
„Mom?“ fragte William und sah sie an.
„Ja, William?“
Er zögerte, so als wäre ihm die Frage peinlich. Sie hatten William stets wissen lassen, dass er eine Schwester hatte. Sie hätten es ihm auch nicht verschweigen können, denn er hatte es gewusst. Es war erstaunlich, dass er sich an alles aus seiner Kindheit erinnern konnte. Er war auch jetzt noch ein Kind, aber niemand konnte sich so weit in seine Vergangenheit hinein erinnern. Aber William war ein besonderes Kind. Er war acht Jahre alt, doch er hatte bereits Interesse an Dingen, die keinen normalen 8-jährigen interessierten. Er war ein hübscher Junge. Er hatte ihre Augen und Mulders Haarfarbe. Sein Gesicht war eine perfekte Mischung aus ihnen beiden.
„Glaubst du, dass Luzia weiß, dass wir hier sind?“
Er sprach mit sanfter Stimme und Scully wurde klar, das er angefangen hatte, sich mit dem Thema Tod auseinander zu setzen.
Lächelnd ging sie neben ihrem Sohn in die Hocke und umfasste seine Hand.
„Da bin ich sicher. Und ich glaube auch, dass sie sich sehr freut, “ antwortete sie und der Zweifel verschwand aus seinem Gesicht. Er lächelte und Scully richtete sich wieder auf. Mulder sah sie an und sie konnte deutlich in seinen Augen sehen, dass er es auch glaubte. Er war nie ein religiöser Mensch gewesen, aber er glaubte an das Bewusstsein der Seele, wenn der Körper bereits gestorben war.
Er legte den Arm um sie und strich ihr zärtlich über den Rücken, während William einen Schritt auf den Grabstein zu machte und eine rote Rose daneben legte. Die Szene rührte Scully und ihr Herz wurde schwer. Tränen bildeten sich in ihren Augen und sie beugte sich ebenfalls hinunter, um eine zweite Rose dazu zu legen. Als sie sich wieder aufrichtete, sah Mulder den Schmerz in ihrem Gesicht, der immer noch so präsent war, wie vor sechs Jahren. Er nahm sie tröstend in die Arme und küsste sie sanft auf die Stirn.
Sie blieben noch eine Weile stehen, bis sie sich wieder an die Hand nahmen und den Friedhof verließen. Sie würden wiederkommen, so wie sie es jede Woche taten.
Kaum nachdem sie das Tor passiert hatten, trat eine junge Frau hinter einem Baum hervor. Sie trug ein hellblaues Trägerkleid und ihre rötlichen Haare wehten leicht im Sommerwind. Langsam ging sie auf denselben Grabstein zu.
Auf den ersten Blick sah die Frau unglaublich jung aus. Betrachtete man sie jedoch näher, erkannte man durchdringende Augen. Die Augen eines Menschen, die schon einiges gesehen hatten. Leute, die sie kannten, würden sagen, dass sie kaum älter wurde. Genau genommen hatten sie auch Recht. Sie konnte nicht altern. Sie konnte nicht einmal sterben. Sie war unsterblich.
Sie würde immer so aussehen wie jetzt und sie würde dabei zuschauen, wie die Menschen um sie herum alt wurden und starben. Aber das war ihr Schicksal, dafür war sie geschaffen worden. Sie war kein Supersoldat. Verletzungen heilten sich von selber, aber es gab keinen Wirbel in ihr, der aus Metall bestand. Auch wenn diese Ärzte für die Regierung gearbeitet hatten, hatte sie doch eigene Interessen verfolgt und waren eine Gruppe innerhalb der Gruppe gewesen. Sie war ein Mensch, aber ein ganz besonderer Mensch. Ein Mensch mit Gefühlen.
Sie blieb vor dem Grabstein stehen und betrachtete die Inschrift:
LUZIA
Beloved Daughter And Sister
Sie lächelte versonnen und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Es war ihr Grabstein und es war ihr Name. Es war ein Name von vielen. Namen spielten keine Rolle. Sie hatte nie einen richtigen Namen gehabt. Aber sie hatte etwas anderes gefunden: Eine Familie. Menschen, die sie liebten, auch wenn sie sie nicht kannten. Sie hatte ihre biologische Mutter gefunden, die sie bedingungslos aufgenommen hatte. Sie hatte Freunde gefunden und sie dachte ganz speziell an Mulder, Doggett und Reyes.
Jetzt hatte sie eine eigene Familie, aber es gab keine Gewissheit, wie lange sie bei dieser Familie bleiben konnte, auch wenn sie jetzt selber eine Tochter hatte. Ihr Auftrag stand an erster Stelle und sie hatte dafür zu sorgen, dass die Menschheit nicht ausstarb. Sie musste die Supersoldaten finden und sie unschädlich machen.
Sie wusste, dass es nicht fair war. Es war nicht gerecht, ihre Familie glauben zu lassen, dass sie tot war. Sie litten und sie konnte nur mit einem Besuch diesen Schmerz lindern, aber das war unmöglich. Sie hätte niemals bei ihnen bleiben können, ohne damit ihr Leben zu gefährden und das wollte sie nicht. Sie war eine Verfolgte, denn auch die wussten, wer sie war und wollten verhindern, dass sie noch mehr von den Supersoldaten umbrachte. Sie wollte nicht die Menschen mit hineinziehen, die ihr so viel bedeuteten. Denn sie würde es sich niemals verzeihen können, wenn ihnen etwas passieren würde. Solange sie in dem Glauben waren, dass sie tot sei, würde ihr Leben auch nicht in Gefahr sein. Dennoch war die Liebe ihrer Mutter etwas Besonderes und vielleicht würden sie sich eines Tages wieder sehen.
An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.
Denn in diesem Leben sollten sie nicht zusammenfinden.