Autorin: VancouverX9
Kontakt: ScullyX9@aol.com
Disclaimer: Kommt, mittlerweile wissen doch
alle, wem die Charaktere gehören. Mir jedenfalls nicht...
Rating: R-16/NC-17 für Weicheier
Genre: MSR...oder Anti-MSR? Schwierig in diesem Fall...
Short-Cut: Hätte ja auch alles anders kommen können in der
ersten Folge, nicht wahr?
Das Leben ist nichts als der Traum eines Schmetterlings (Shogun)
.
A DIFFERENT CHOICE
*** SCULLY: Even if I knew for certain, I wouldn't change a day.
***
(Scully zu Mulder in: The field where I died/Rückkehr der
Seelen, 4. Staffel)
~ In einem Motelzimmer in Roswell, New Mexico
Der gut aussehende schlanke Mann legt seine Arme um Dana Scullys
Körper, ihr Kopf nähert sich seinem und zärtlich reibt sie
ihre Nase an seiner. Es fühlt sich vertraut an. Weich. Und er
duftet. Seine Hände streicheln mit so viel Liebe über ihre
Haut, dass sich in ihr alles überschlägt. Bilder ziehen in
ihrem Kopf an ihr vorbei. Unzählige Erinnerungen. An
merkwürdige Kreaturen, die nur die Phantasie hervorgebracht
haben kann, an fremde Männer ohne Gewissen, an unfassbare
Schmerzen, an Tod, an Verlust. Tränen ergießen sich über ihre
Seele, doch ihre Augen bleiben trocken. Und seine Worte dringen
an ihre Ohren und sie merkt, dass es um sie herum dunkel wird.
Vielleicht gibt es Hoffnung.
Aus irgendeinem Grund glaubt sie ihm und schließt die Augen,
während sie fühlt wie ihr Körper auf dem harten Bett dieses
primitiven Motelzimmers immer schwerer wird und der Atem dieses
Mannes, den sie so sehr liebt, immer ruhiger wird. Neun Jahre
liegen hinter ihnen. Neun Jahre, nach denen das Leben dieses
Mannes ihr über das eigene geht. Sie erschaudert leise und
überwältigt unter seiner Nähe und küsst ihn zärtlich auf den
Mund, weil sie ihn über alles liebt.
Und doch fühlt es sich nicht so an. Es fühlt sich so an wie der
flimmernde Wimpernschlag der hellblauen Augen eines Engels,
unwirklich und intensiv. Aber flüchtig.
Es fühlt sich merkwürdig an. Und es entgleitet ihr und
verblasst. ~
7. März 1992, 6:11 Uhr
Schrill klingelte der Wecker und Dana Scully schlug mit einem
unwilligen Stöhnen auf das kleine Ding aus Plastik mit der roten
Digitalanzeige und drehte sich, eingewickelt in ihre flauschige
warme Bettwäsche, um. Einen Moment lang ließ sie noch zu, dass
die Nacht sie einlullte und sich vermischte mit den Bildern ihrem
Kopf.
Da fiel es ihr plötzlich wieder ein.
Sie hatte einen merkwürdigen Traum gehabt.
Es war fast nichts davon in ihrer Erinnerung geblieben. Fast
nichts. Außer den Gefühlen, die der Traum ihr in die Seele
geprägt hatte, als wäre das alles tatsächlich geschehen. Und
außer dem Bild eines Mannes, den sie bisher nie gesehen hatte.
Sie legte ihre Hand auf ihren Magen. Er fühlte sich flau an.
Wie konnte man einen Traum intensiver empfinden als die
Realität? Wie konnten reine Phantasieprodukte einen so erregen,
aufwühlen und verwirren wie dieser Traum? Woher kam dieser
betäubende Schmerz in ihrem Herzen, warum fühlten sich ihre
Augen so aufgequollen an, als hätte sie im Schlaf geweint? Und
warum fühlte sie sich, als liefe sie auf Wolken, als wäre sie
verliebt? In eine Figur, die ihrem Unterbewusstsein entsprungen
war?
Leer und stumpf starrten ihre dunklen klaren Augen an die Decke.
Sie begriff es nicht. Es entzog sich ihrer Vernunft.
Vermutlich waren das die Schlaftabletten schuld, die sie
eingenommen hatte. Sie hatte zwanzig Stunden geschlafen, weil sie
seit einer Woche krank gewesen war und nächtelang über ihrer
Kloschüssel verharrt hatte. Aber nachdem sie heute ein so
wichtiges Gespräch vor sich hatte, hatte sie sich am Tag zuvor
entschieden, dass sie sich richtig ausschlafen musste. Weil sie
sich so sehr vor diesem Gespräch gefürchtet hatte.
Chief Blevins hatte sie letzte Woche persönlich in Quantico
angerufen, um sie um diesen Termin zu bitten. Eigentlich war es
weniger eine Bitte gewesen als ein Befehl. Sie biss sich nervös
auf die Unterlippe.
Wollte man sie wieder feuern? War man der Ansicht, dass ihre
Arbeit in der Gerichtsmedizin nicht gut genug war?
Die Aufregung des Vorabends wurde in ihrer Magengegend
wiedergeboren und strahlte in alle Regionen ihres Körpers aus.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ein Kloß schwoll in ihrem
Hals heran, bis ihr das Schlucken wehtat und ihr wurde übel.
Wie sollte sie ihrem Vater das nur je klar machen? Er hatte sich
gerade erst widerwillig damit abgefunden, dass sie zum FBI
gegangen war. Wenn sie nun ihren Job verlor, was würde er dann
von ihr denken? Was würde das für sie bedeuten? Es wäre eine
Kapitulation für sie, weil sie gedacht hatte, dass sie es
schaffen würde. Weil sie ihrem Vater hatte beweisen wollen, dass
sie diesem Beruf mehr abgewinnen konnte als der Medizin. Für ihn
wäre es vermutlich ein Sieg, wenn sie nun gezwungen war, zurück
zu kehren.
Aber sie konnte nicht. Sie wollte es nicht.
Sie rieb sich unbehaglich den Nacken und stand auf.
Gedankenverloren knipste sie das Licht im Bad an und ließ ihr
cremefarbenes Satinnachthemd lautlos auf den Boden gleiten.
So nervös sie wegen dieses Gesprächs war, so merkwürdig
fühlte sie sich zugleich wegen dieses seltsamen Traums. Er hatte
sich so echt angefühlt. Und er hatte Spuren auf ihrer Seele
hinterlassen. Er hatte ihr Lebenserfahrung gegeben, Verletzungen
zugefügt und Erinnerungen und Empfindungen in ihr Gedächtnis
gesetzt, die aus ihrem eigenen Geist stammten, die fiktiv waren.
Und doch waren sie da.
In diesem Traum hatte sie mit einem Fox Mulder
zusammengearbeitet. Sie hatte bereits von ihm gehört. Er
arbeitete irgendwo im FBI Hauptquartier in D.C. Aber sie hatte
ihn nie zuvor gesehen. Jedenfalls nicht, dass es ihr bewusst
gewesen wäre.
Sie schraubte den Wasserhahn ihrer Dusche
auf und spürte wie die lauwarmen Tropfen auf ihre Haut
prasselten und immer heißer wurden. Sie verteilte den duftenden
Schaum ihres Duschgels überall auf ihrem Körper und genoss den
vertrauten Geruch, der sie langsam in ihre Realität
zurückholte.
In ihrem Traum hatte man Melissa getötet. Es war ein Alptraum
gewesen. Von einer Welt, in der Lügen und Verschwörungen
regierten. In dem es um den drohenden Weltuntergang ging, den sie
zusammen mit Fox Mulder aufzuhalten versucht hatte. Sie hatte ein
Kind geboren. Einen Sohn. Ja, selbst Muttergefühle hatte sie in
diesem Traum erfahren.
Ihre Augen öffneten sich wieder erschrocken als sie plötzlich
in ihrem Gehirn die blauen Augen dieses Babys vor sich sah. Ihre
Blicke trafen auf die Kacheln ihres Badezimmers an denen der
Wasserdampf kondensierte und herab lief.
All das nur wegen eines Gesprächs mit einem Vorgesetzten,
schalt sie sich, und stieg aus der Dusche um sich mit einem
flauschigen hellblauen Handtuch abzutrocknen. Sie hätte gelacht,
würde nicht noch immer dieser Traum in ihren Gliedern stecken.
In diesem Moment schwor sie sich, nie wieder Schlaftabletten
einzunehmen, egal wie nervös, überreizt oder krank sie war.
Sie hatte den Wecker extra eine Stunde früher gestellt als
sonst, denn so hatte sie Zeit sich für ihre Garderobe in aller
Ruhe zu entscheiden.
Schließlich fiel ihre Wahl auf ein schlichtes, fast biederes
grau-kariertes Kostüm in der dunkelsten Ecke des Schrankes. Sie
gehörte zu den wenigen Frauen, die beim FBI arbeiteten, und sie
wollte nicht weiblich wirken an diesem Morgen. Sie wollte ihrem
Gegenüber zeigen, dass sie genau so stark sein konnte, wie ihre
männlichen Kollegen. Dass man mit ihr genauso ehrlich und hart
umgehen konnte, wie mit jedem anderen auch. Sie wollte nicht
geschont werden. Wenn man sie entließ wollte sie wissen warum.
Mit präziser Sorgfalt und bedächtiger Langsamkeit streifte sie
die Strumpfhose über ihre Beine, zog den Reißverschluss ihres
Rocks hoch und schlüpfte in ihren Blazer. Sie setzte sich
frischen Kaffee auf, sog eine Prise des verführerischen Dufts
aus der Dose mit dem gemahlenen braunen Pulver ein und wanderte
mit der heißen vollen Tasse zum Fenster. Sie konnte auf die
Straße hinaus sehen.
Es war ein regnerischer Morgen. Der Himmel war grau und schwer
von Wolken. Die Atmosphäre vermischte sich mit ihrer Nervosität
und den Erinnerungen an den Traum zu einem bedrohlichen Chaos.
Sie wusste nicht, ob sie weinen sollte oder vor der Anspannung
kapitulieren sollte und einfach kündigen sollte, bevor man ihr
kündigte. Und dann war da noch dieses andere Gefühl in ihr, das
tief und dunkel auf dem Boden ihrer Seele glühte. Aber sie
wusste nicht was es war. Es fühlte sich fast wie Sehnsucht an.
Aber wonach?
Sie blickte auf ihre Armbanduhr und nahm einen unruhigen Schluck
des heißen Kaffees. Ihre fast kalten blauen Augen fixierten
dabei beharrlich den Horizont, als hoffte sie dort eine Antwort
zu finden. Aber stattdessen sah sie, dass sich das düstere Grau
des Himmels langsam in ein Weiß verwandelte. Die Sonne war
irgendwo hinter dieser meterhohen Schicht aus Wasser aufgegangen.
Aber vermutlich würde man sie auch heute nicht zu Gesicht
bekommen. Sie hatte die Sonne seit Tagen nicht mehr gesehen. Nur
heute machte es ihr jedoch etwas aus. Nur heute fühlte es sich
an, als bestünde die Möglichkeit, dass es vielleicht gar keine
Sonne mehr gab.
Sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee und schnappte sich dann
ihre Wagenschlüssel um sich auf den langen Weg in die Innenstadt
zu machen.
Ein wenig später, im Verwaltungstrakt des FBI Hauptquartiers in
Washington D.C.
Der breite wohlgenährte Mann, der etwas von einem fetten Karpfen
hatte, blickte irritiert zu dem anderen Mann auf, der bereits
seine achte Zigarette in Folge anzündete. Wie konnte man so
früh am Morgen nur so viel rauchen? Chief Blevins wusste ohnehin
nicht wirklich, wer dieser Mann war. Er kam nur selten in dieses
Büro. In letzter Zeit jedoch häufiger. Sein Hauptinteresse
hatte jener jungen viel versprechenden wissenschaftlichen
Mitarbeiterin in Quantico gegolten. Wüsste er es nicht besser,
würde er fast annehmen, der Raucher hätte persönliches
Interesse an der Ärztin. Sicherlich war sie attraktiv, aber sie
war auch so kühl und verbissen wie alle emanzipierten Frauen,
die den Anspruch erhoben, intellektuell zu sein. Und sie war
durchaus brillant. Zuverlässig. Loyal. Umso weniger hatte er
Lust, gerade sie für diesen Job zu rekrutieren.
Was genau soll eigentlich ihre Aufgabe sein? Chief
Blevins wusste viel. Aber auch genug, um zu wissen, dass es sehr
vieles gab, in das er nicht eingeweiht war.
Der andere Mann streifte verbrannte Asche von der Spitze seiner
Zigarette in einen Aschenbecher ab und sah ihn mit einem Funkeln
in seinen wässrigen grauen Augen an. Wir haben zwei
Möglichkeiten. Es steht Ihnen frei, zu wählen. Sie sind
schließlich der Chef.
Er lächelte und Blevins wusste nicht, ob es ein freundliches
Lächeln oder ein zynisches war.
Sie meinen, wir können sie genau so gut aus der Distanz an
dieser Sache arbeiten lassen?
Blevins war bei dem Gedanken den Verstand dieser Frau an einen
Spinner wie diesen Mulder aus dem Keller zu verschwenden, unwohl.
Und er war froh, dass er über das Ausmaß des Einsatzes der
jungen Ärztin zumindest heute noch entscheiden durfte.
Der Raucher nickte. Ich denke, es ist noch zu früh für
eine intensivere Überwachung. Sehen wir erst einmal, wie sie
sich macht.
Er nahm einen Zug seiner Zigarette, spürte wie sich der
kratzende Rauch in seine Bronchien schlängelte und genoss das
beruhigende raue Kitzeln in seiner Luftröhre. Über kurz oder
lang würde es sich ohnehin nicht vermeiden lassen, Mulder einen
Partner zu zuteilen. Man hatte ihm abverlangt, hierfür einen
männlichen Agenten auszuwählen. Aber Dr. Scully war den
männlichen Kollegen, die für den Job in Frage kamen, absolut
überlegen. Außerdem fand er es auf diese Weise interessanter.
Wer wusste, was sich daraus noch entwickeln konnte. Er hatte
diese Dr. Scully bereits ein Jahr lang beobachtet. Wenn es eine
Frau gab, die Mulder interessieren konnte, dann war sie es. Weil
sie ihm an Sturheit und Brillanz in nichts nachstand. Es bestand
die Möglichkeit, dass das dem Konsortium einen Zugang zu Mulder
ermöglichen würde, der viel effektiver war und ihnen viel mehr
nützen würde, als ihn einfach nur zu beseitigen. Denn das
hätten sie längst tun können.
Mulder war emotional, leidenschaftlich. Aber er war verbittert,
isoliert, ihm war alles egal. Und das machte ihn gefährlich,
weil er nicht zu Kompromissen und Verhandlungen bereit war. Aber
wenn man wieder etwas hatte, was ihm außerhalb der X-Akten etwas
bedeutete, dann konnte man ihn auf dieser Ebene packen, dann
würde es noch leichter werden, ihn zu benutzen und danach
Schritt für Schritt auszulöschen.
Mit diesem Gedanken drückte er den abgebrannten Stummel seiner
Zigarette auf dem kalten Metall des Aschenbechers aus und griff
nach der Packung Morleys auf dem Schreibtisch.
Blevins sah ihn mürrisch an. Muss das wirklich sein?
Der Raucher ignorierte ihn mit der Überheblichkeit eines Mannes,
der außer Macht nichts zu verlieren hatte und entzündete mit
einem zischenden Laut ein Streichholz als es an der Tür klopfte.
Ein letzter Blick, ausgetauscht zwischen diesen beiden Männern,
fixierte den wortlosen Vertrag, der das Leben von Dana Scully
für immer verändern sollte.
Schüchtern nahm die junge Agentin Platz und
blickte verunsichert zur Seite, wo sie einen Mann mittleren
Alters im schattigen Zwielicht des Büros, versteckt hinter
seinem Zigarettenrauch, ausmachen konnte. Ihr Instinkt verriet
ihr sofort, dass eine unberechenbare, verschwommene Gefahr von
diesem Mann ausging.
Bilder aus ihrem Traum drangen zurück in ihr Bewusstsein, aber
sie fegte sie achtlos beiseite. Denn dieses Gespräch war wichtig
und sie wollte einen klaren Kopf bewahren.
Nach dem anfänglichen Smalltalk war ihr klar, dass sie jedoch
keineswegs entlassen werden sollte und eine neue Art von
Nervosität machte sich in ihr breit. Man brauchte sie für ein
anderes Projekt, aber sie begriff nicht, worum es dabei gehen
sollte. Sie sollte ihre eigene Forschungsabteilung in Quantico
bekommen und in Zukunft nur noch eine Art von Fällen bearbeiten.
Auf Abruf. Das klang merkwürdig.
Darf ich fragen, um was für eine Art von Fällen es sich
hierbei handelt?
Diese Information würde leider die Objektivität Ihrer
Forschungen beeinträchtigen und wir möchten unbedingt, dass Sie
vermeiden, Kontakt zu den Ermittlern aufzunehmen. Sie sollen ganz
einfach nur die Materialien, die Ihnen anonymisiert zugesendet
werden, untersuchen und uns ihren objektiven, strikt an Fakten
orientierten Bericht zukommen lassen. Es wird sich hierbei um
Fälle handeln, die von den Ermittlern als unlösbar eingestuft
worden sind, aber wir möchten einfach verhindern, dass etwas
übersehen wird und dafür brauchen wir eine so herausragende
Wissenschaftlerin wie Sie.
Scully fühlte sich unwohl dabei. Ging es hier um Verbrechen aus
Regierungskreisen? Das waren normalerweise neben Brand- und
Wasserleichen die einzigen Fälle, die vor lauter
Geheimniskrämerei oft unlösbar wurden weil einfach Eckdaten
zurückgehalten wurden, wie z.B. medizinische Vorinformationen,
Informationen über Leichenfundorte und selbst so banale Dinge
wie die Namen der zuständigen Ermittler vor Ort.
Das bedeutete zwei Dinge. Da es sich offenbar um sehr delikate
Dinge handelte, war sie sich sicher, dass sie an Fällen arbeiten
würde, die nicht unbedingt nur der Wahrheit und dem
Allgemeinwohl nützen würden. Und außerdem konnte das ganz
schnell das Ende ihrer Karriere bedeuten, wenn sie dem Mangel an
Informationen nicht gewachsen war und ihren Job nicht
ordnungsgemäß ausüben konnte und das genau das war, was die
von ihr wollten.
Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie mit diesem Job eine
andere Eben des FBI kennen lernen sollte.
Sie schluckte. Denn sie hatte sich für die Karriere beim FBI
entschieden, weil sie der Wahrheit dienen wollte, dem Aufklären
von Verbrechen. Und für sie hörte die Gerechtigkeit nicht in
den Reihen der Regierung auf. Für sie war ein Täter ein Täter,
selbst wenn er der Präsident der Vereinigten Staaten war. Sie
war nicht bereit ihren Verstand irgendwelchen Lügen
unterzuordnen.
Sir, bei allem Respekt. Aber ich erwarte durchaus ein
Arbeitsklima, das der Aufklärung von Verbrechen dient. Als
Wissenschaftlerin stehe ich im Dienst der Forschung nach
Wahrheit.
Und als FBI-Agentin stehen Sie im Dienst der Regierung.
Aber wenn sich für Sie ein Widerspruch daraus ergibt
Der Raucher hatte sich aus der Ecke in das Gespräch
eingeschaltet und blies mit jedem Wort seinen blauen Rauch in
ihre Richtung.
Scully merkte, dass das Gespräch im Begriff war, eine
ungünstige Wendung zu nehmen und fiel ihm schnell ins Wort.
Nein! Ich meinte nur, dass ich auch weiterhin das Recht
für mich in Anspruch nehmen möchte, nachzufragen, wenn ich
Informationen brauche. Ich versichere Ihnen jedoch, sämtliche
Informationen mit größter Sorgfalt und Integrität zu
behandeln.
Chief Blevins lehnte sich zurück und fast bildete Scully sich
ein, ein Lächeln in seinen Mundwinkeln zu erahnen. Sie atmete
auf.
Gut. Dann hoffen wir, dass Ihre hervorragenden Referenzen
uns nicht zu viel versprochen haben und Sie uns bald einige
Lösungen liefern werden.
Nervös lächelte Scully zum Raucher herüber und merkte, wie ihr
Lächeln an seinem Desinteresse abprallte.
Dass Chief Blevins ihr einerseits so schmeichelte und dieser
Fremde in der Ecke sich andererseits verhielt, als wäre er Big
Brother persönlich, irritierte sie. Aber sie entschied sich
diese Aufgabe anzunehmen, vor allem weil sie sich sicher war,
dass sie gar keine Wahl hatte. Und es war immerhin besser, als
jede Woche Studentenunterricht zu erteilen und die ganzen
Obdachlosenleichen aus dem Potomoac zu obduzieren.
Wann und wo soll ich anfangen?
Der Raucher schmunzelte hinter seiner grauen Wolke. Sie war in
der Tat eine ziemlich starke Persönlichkeit. Forsch und
fordernd. Nicht ungefährlich. Aber auch nicht leichtgläubig.
Und genau das brauchte er. Denn er wollte, dass sie jeden Fall,
bevor der den X-Akten zufiel, überprüfte und hinterfragte, um
Zeit zu schinden und um den Schein sorgfältiger Überprüfung zu
wahren, bevor Mulder sich die als ungelöst eingestuften Fälle
voreilig schnappen konnte und seinen abenteuerlichen und
kostspieligen Ermittlungen unterzog.
Er wollte Mulder seine Lebensgrundlage nehmen, seine geistige
Nahrung.
Ab sofort in Quantico, Gebäude 13.92, 1. Etage, Abteilung
QD 2-12. Ihre Kontaktperson ist Special Agent Steve Miller, der
Ihnen sämtliches Material und Informationen zukommen lassen
wird, die Sie für Ihre Untersuchungen brauchen werden.
Nach einem höflichen, knappen Händeschütteln verließ Scully
verwirrt aber irgendwie auch stolz das Büro des Chefs. Immerhin
war sie einer eigenen Spezialabteilung zugeteilt worden. Das
schmeckte trotz des Nikotingeruchs, der nun an ihrer Kleidung
haftete, nach einer Beförderung.
Als sie am Ende des langen Ganges der
Chefetage den Aufzug betrat, richtete sie sich auf und spürte
wie ihr Selbstbewusstsein sich von dem Schock erholte, den ihr
der Anruf von Chief Blevins eine Woche zuvor eingejagt hatte.
Der Verwaltungstrakt befand sich im obersten Stockwerk des
riesigen FBI Gebäudes und so klapperte der Aufzug Etage für
Etage ab, bis er sich langsam dem Erdgeschoss näherte. In der
zweiten Etage machte er jedoch noch einmal Halt und die Tür ging
auf.
Ein großer schlanker Mann betrat die kleine Aufzugkabine, in der
Scully zwischen vier wesentlich größeren Agenten in schwarzen
Anzügen eingeklemmt war. Der Mann nahm Scully sofort wahr, ließ
seinen Blick einmal an ihrem Körper herab gleiten und wieder
herauf, bis er einen Moment lang auf ihren offenen klaren
Gesichtszügen verweilte, und ihr dann ein verführerisches
Lächeln schenkte, das ihr direkt zu Kopf stieg.
Aber sie war viel zu beschäftigt mit dem Gespräch, das sie
gerade erst hinter sich gebracht hatte, um zu bemerken, dass
dieser Mann haargenau dem Mann glich, in dessen Armen sie in
ihrem Traum gelegen hatte.
Als die anderen vier Agenten im ersten Stock den Aufzug
verließen, war sie mit ihm allein.
Sie spürte seine Seitenblicke auf ihrem Körper und rückte
unmerklich ein wenig von ihm weg. Ihr wurde warm und gleichzeitig
konnte sie ein schüchternes Lächeln ihrerseits nicht
verhindern. Als der Aufzug im Erdgeschoss zum Stehen kam, blickte
sie noch einmal flüchtig zu ihm auf und war darauf eingestellt,
ihn mit derselben Kälte abblitzen zu lassen, wie sie das für
gewöhnlich mit anderen Kollegen tat.
Aber als sie dieses Mal bewusster in seine Augen sah, glaubte sie
vom Blitz getroffen worden zu sein. Irritiert fixierte sie seinen
Blick und spürte wie ihre Augenbraue in die Höhe schnellte. Das
war ein Reflex, den sie nicht unterdrücken konnte, so wenig sie
ihn an sich mochte, weil er ihrem Gegenüber grundsätzlich
verriet, wenn sie verwirrt war.
Die Aufzugtüre öffnete sich und sie tat einen Schritt nach
vorn.
Doch dann blieb sie in der Lichtschranke stehen und drehte sich
um.
Der Mann hatte die zierliche Agentin nie zuvor gesehen, aber sie
hatte dort oben zwischen den großen anderen Agenten so niedlich
gewirkt, dass er einfach nicht anders gekonnt hatte, als ihr
zuzulächeln. Nun stand sie allein vor ihm und wirkte keineswegs
niedlich oder klein.
Sie blickte ihm offen in die Augen, mit einer so festen
Direktheit, dass er fast Angst bekam, sie könne geradewegs auf
den Grund seiner Seele blicken. Ihre Augen waren einzigartig.
Durchdringend. Prüfend. Und trotz ihres frischen ozeanfarbenen
Blaus wirkten sie dunkel und ernst.
Ihre Augenbraue zuckte und ihr hübscher roter Mund öffnete
sich.
Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich irre, aber haben wir
uns schon einmal gesehen? fragte sie schließlich mit
fester, klarer Stimme und merkte zugleich, dass ein gut
aussehender Mann wie er diesen Spruch garantiert schon oft
gehört hatte. Nur sie meinte es ernst, ohne jeden romantischen
Hintergedanken.
Er schenkte ihr erneut jenes Lächeln, das ihr das Gefühl gab,
vollkommen entblößt vor ihm zu stehen. Doch er schüttelte den
Kopf.
Zumindest nicht in diesem Leben entgegnete er
geheimnisvoll und erwiderte ihren Blick mit der gleichen
Direktheit, die sie an den Tag gelegt hatte.
Sie zuckte die Schultern und lächelte verlegen. Dann liegt
das vermutlich an den Anzügen. Dadurch sehen hier alle gleich
aus.
Mulder grinste, weil das auch genau der Grund war, warum sie ihm
aufgefallen war: Sie sah nicht aus wie alle anderen. Peinlich
berührt von ihrem offensichtlichen Irrtum gab sie die
Lichtschranke frei um den Aufzug zu verlassen. Zum Abschied
wedelte Mulder mit seiner Krawatte als die Tür sich schon wieder
in Bewegung setzte.
Aber nur ich hab so eine schicke Kleeblattkrawatte,
rief er ihr durch den letzten Spalt, den die sich schließende
Tür noch offen ließ, hinterher.
In der Tat war seine Krawatte unglaublich geschmacklos. Scully
schüttelte amüsiert den Kopf und lief auf den Ausgang zu, in
der Tasche nach den Autoschlüsseln kramend als ihr Herz einen
Schlag aussetzte.
Ein Bild erschien vor ihren Augen. Es war das Bild eines Mannes,
dessen Lippen sich ihren näherten, dessen Oberkörper sich über
ein Baby beugte, das sie in ihren Armen hielt. Dieser Mann hatte
dieselben grünen Augen, wie der Mann aus dem Aufzug.
Ihr wurde schwindelig und sie blieb mit klopfendem Herz stehen.
Es war jener Fox Mulder aus ihrem Traum.
Sie machte auf ihrem Absatz kehrt und lief zurück zum Aufzug,
doch es war zu spät. Er war bereits ins Untergeschoss gefahren.
Einen Moment lang hielt sie inne, überlegte ihm in den Keller zu
folgen. Aber als sie den Gedanken durch die Mühlen ihrer
Vernunft laufen ließ, merkte sie, dass es schrecklich albern war
sich von einem Traum derart in die Irre führen zu lassen.
Vermutlich hatte sie diesen Agent Mulder tatsächlich schon
einmal gesehen, irgendwo in den unzähligen Abteilungen, die sie
während ihrer Ausbildung im FBI durchwandert hatte.
Und doch kam es ihr merkwürdig vor, dass dieser Fremde der Mann
war, dem sie in ihrem Traum ihr Herz und ihre Seele offenbart
hatte. Es verstörte sie so sehr, dass sie errötete und
unzählige Schmetterlinge in ihrem Bauch aufschwärmen fühlte.
Kopfschüttelnd aber ein ganzes Stück unsicherer drehte sie sich
wieder um und verließ endgültig das Gebäude.
Zwei Wochen später, Quantico, Abteilung QD
2-12, 11:58 Uhr
Dr. Scully zog die Latexhandschuhe von ihren Händen und warf sie
in den Müll. Ihr Blick war noch immer auf die Leiche gerichtet,
die über und über von seltsamen Malen gezeichnet war, die wie
überdimensionierte Windpocken aussahen.
Der Fall gab ihr Rätsel auf. Aber genau das war ja auch der
Grund, warum diese arme tote junge Frau auf ihrem Tisch lag.
Offenbar waren mindestens zwei Autopsien dieser hier
vorausgegangen. Aber die Ermittler hatten unglaublich schlechte
Arbeit geleistet. In beiden Autopsieberichten ihrer Vorgänger
war die Todesursache als ungeklärt eingetragen worden und bei
der Leichenschau waren keine auffälligen äußeren
Veränderungen notiert worden. Scully hatte laut losgelacht als
sie diese Berichte durchgelesen hatte. In der Tat war die Leiche
auffällig unauffällig gewesen, bei der äußerlichen Inspektion
waren nicht einmal sichere Todeszeichen festzustellen gewesen.
Aber gerade das hätte man notieren müssen. Scully konnte
außerdem nicht verstehen, wie man die eindeutigen
Hautveränderungen einfach hatte übergehen können, selbst wenn
sie weniger Todesursache als Nebenbefund zu sein schienen. Und
man hatte sich nicht einmal die Mühe gegeben eine breit
angelegte toxikologische Untersuchung durchzuführen. Scully
schüttelte über all diese Unsauberkeiten noch immer den Kopf.
Die örtlichen Behörden hatten die Leiche offenbar gar nicht
schnell genug loswerden können und nun lag sie hier, als
ungelöster Fall, der darauf drängte aufgeklärt zu werden, weil
es sonst peinlich für das FBI werden konnte.
Scully stand unter Druck. Das hier war ihr dritter Fall in diesen
zwei Wochen. Und sie hatte bereits zweimal kapitulieren müssen
und die anderen Fälle waren als ungelöst zu den Akten gelegt
worden. Sie war eingestellt worden um die Zahl ungelöster Fälle
zu minimieren und bisher erledigte sie ihren Job offensichtlich
mehr schlecht als recht.
Sie drehte sich um und gönnte sich einen Augenblick Pause. Ihr
Blick wanderte durch den Raum. Ihr eigenes kleines Labor. Es war
mit allem ausgestattet, auf dem neuesten technischen Stand. Aber
die Sache hatte einen riesigen Haken: Sie hatte überhaupt keine
Mitarbeiter, keine Assistenten. Sie hatte nur Kontakt zu diesem
uralten total eingestaubten Agent Miller, der sich für nichts
interessierte und sie lediglich mit den Fällen versorgte und zu
ihrer Sekretärin, die sämtliche Anfragen, die sie an andere
Abteilungen hatte, verwaltete. Sie hatte in den ganzen zwei
Wochen noch nicht ein einziges Wort mit den Leuten aus der
Molekularbiologie oder mit denen aus der Spurensicherung
gewechselt, das hatte alles ihre Sekretärin erledigt.
Scully machte sich nichts vor: Sie hasste diesen Job. Aber
zweifellos war es ein wichtiger Posten, der umgeben war von einer
blassgrauen Aura des Schweigens, die jeden CIA-Agenten neidisch
gemacht hätte.
Man hatte ihr sogar eines dieser neuen Mobiltelefone gegeben. Und
ihr Gehalt war ebenfalls aufgebessert worden.
Der Grund, warum sie diesen Job jedoch behalten wollte, war ein
anderer: Ihr Ehrgeiz. Ihre Besessenheit. Ihr Trotz. Je
schwieriger sich ihr ein Fall darstellte, desto verbissener wurde
sie. Weil sie fast das Gefühl hatte, dass man gar nicht wollte,
dass sie diese Fälle löste.
Sie hatte auch seit zwei Wochen keine Nacht durchgeschlafen. Aber
sie war gerade Ende zwanzig. Sie konnte das vertragen.
Sie lief in ihren eigenen kleinen Aufenthaltsraum und setzte sich
einen Kaffee auf, als ihr Mobiltelefon klingelte.
Scully?
Dr. Scully?
Ja! Wer ist da?
Ich hätte vielleicht Informationen für Sie, was Ihre
letzten beiden Fälle angeht.
Scully kam die männliche Stimme bekannt vor, aber sie wusste sie
nicht direkt einzuordnen. Sie wusste nur, dass sie vorsichtig
sein musste.
Was meinen Sie damit? Wer sind Sie?
Ich bin jemand, der genau so wenig mit Informationen
versorgt wird wie Sie. Aber wenn Sie diesen Fall nicht zu den
anderen beiden ungelösten Fällen legen möchten, dann hätte
ich vielleicht etwas für Sie, das Ihnen weiterhelfen könnte.
Scully fühlte sich in ihrem Stolz gekränkt und verunsichert,
dass ihre Misserfolge bereits Kreise gezogen zu haben schienen.
Danke, aber daran habe ich wirklich kein Interesse. Und ich
bitte Sie, meine Nummer nicht noch einmal zu wählen, da ich
sonst Ihren Anruf zurückverfolgen lassen werde.
Autsch! antwortete die bekannte Stimme am anderen
Ende der Leitung und verabschiedete sich mit einem fast
knabenhaft unbeteiligten Na, dann eben nicht! wieder.
Scully runzelte die Stirn und ließ das Handy unsanft auf den
Tisch zurückfallen. Was bildete sich dieser Mensch überhaupt
ein? Sie war sehr wohl in der Lage diese Fälle alleine zu
lösen. Und sie würde sich die anderen beiden nochmals
vorknöpfen, sobald sie diesen Fall hier gelöst hatte.
Wütend und noch entschlossener als zuvor stand sie auf um ihre
Autopsie zu revidieren.
Sieben Stunden später
Ihr Nacken war verspannt, ihr Kopf dröhnte und der
Computerbildschirm flackerte unruhig vor ihren Augen. Sie war
sicher, dass sie, wenn das so weiterging, einen epileptischen
Anfall erleiden würde. Aber zum ersten Mal seit zwei Wochen
erschien das, was sie dort in den Weiten des Internets entdeckt
hatte, einen Sinn zu ergeben und sie ein Stück weiterzubringen.
Der einzige Haken war die Quelle dieser Information.
Denn es handelte sich um die Homepage einer Sekte von
UFO-Gläubigen, die in diesen Malen, die sie an der toten Frau
entdeckt hatte, Stigmata sahen. Stigmata, die eine außerirdische
Rasse wenigen Auserwählten ihrer Glaubensgemeinschaft
einbrannte, um die baldige Ankunft dieser außerirdischen Wesen
auf dem Planeten Erde zu verkünden. Scully musste grinsen. Aber
es war immerhin ein Anfang. Wenn diese Dame tatsächlich Mitglied
in einer dieser Sekten gewesen war, dann konnte das vielleicht
eine heiße Spur werden.
Sie griff nach dem Telefon um Agent Miller anzurufen.
Sie brauchte weitere Informationen über diese Frau, wer sie war,
wo sie herkam, ob sie Mitglied einer Sekte war, ob sie Familie
hatte. All das enthielt man ihr grundsätzlich vor.
Doch wie so oft ging Agent Miller nicht ans Telefon. Ein Blick
auf die Uhr verriet ihr warum: Niemand außer ihr arbeitete
länger als bis 17 Uhr. Doch heute hatte sie keine Lust darauf,
vor dieser Politik der Desinformation zu kapitulieren. Sie wollte
diesen Fall lösen.
Sie wusste nicht, was man in dieser Abteilung mit ihr vorhatte,
wofür man sie bestrafen wollte, oder wer sie verarschen wollte.
Was immer es war, Scully war sicher, dass man ihren Ehrgeiz
unterschätzt hatte. Sie würde sich die Informationen über
dieses Opfer eben selbst beschaffen müssen. Die wichtigste
Information hatte sie ja bereits: Sie hatte die Leiche. Allzu
schwierig würde es demnach nicht werden herauszufinden wie viele
Frauen passenden Alters in den letzten zwei Wochen im Umkreis von
D.C. als verstorben gemeldet worden waren.
Sie hob ihr Handy auf und begann, die ersten Nummern zu wählen,
die ihr weiterhelfen würden. Irgendwo saß garantiert ein
vertrottelter Beamter, der so spät keine Lust mehr auf
Diskussionen hatte und ihr jene Informationen beschaffen würde,
die sie brauchte.
Zwei Stunden später, FBI Hauptquartier in
Washington D.C.
Scully wusste, wo Agent Millers Büro sich befand und sie war
sicher, dass sie dort die Akte ihres aktuellen Falls finden
würde.
Im Hauptgebäude der Bundespolizei war schon ein wenig
Feierabendstimmung ausgebrochen. Viele Agenten verließen ihre
Büros um zu ihren Familien und Freunden heimzukehren. Sie alle
schienen diesen Beruf abzustreifen in dem Moment, in dem sie
diese heiligen Hallen verließen. Scully hatte nie zu diesen
Menschen gehört. Sie konnte ihre Rolle niemals ablegen. Sie war
immer rund um die Uhr eingestellt darauf, dass sie den Menschen
gegenüber verpflichtet war, die Ungerechtigkeiten, die auf
dieser Welt tagtäglich stattfanden, zu entlarven. In ihrer Rolle
als gläubige Katholikin nahm sie ihren Beruf noch viel ernster
als viele andere das vermutlich taten. Dieser Umstand hatte sie
auch daran gehindert, Ärztin zu werden. Sie hatte es einfach
nicht gekonnt. Es hatte sie aufgefressen, dass sie oft nur hatte
zusehen können wie Menschen starben. Sie konnte auch hier nicht
verhindern, dass Menschen starben. Aber sie konnte ihre Tode
wenigstens innerhalb der Grenzen irdischer Gerechtigkeit rächen.
Das war zumindest die Hoffnung, mit der sie diesen Beruf
ausübte.
Bisher mit großem Erfolg. Aber seit ihrer
"Beförderung" hatte sie eine neue Ebene innerhalb des
FBI erreicht, in der es plötzlich viel schwieriger geworden war
zu durchschauen worin die Gerechtigkeit bei ihren Fällen
bestehen sollte.
Und genau das war der Grund, warum sie sich entschieden hatte die
Informationspolitik, mit der sie sich seit zwei Wochen
konfrontiert sah, ein wenig zu manipulieren.
Als sie auf dem Weg zu Agent Millers Zimmer an einem Büro
vorbeilief, stutzte sie. Es war das Büro von Walter Skinner. Sie
konnte sich nicht daran erinnern, je von ihm gehört zu haben
oder ihm je begegnet zu sein. Und doch hatte sie plötzlich ein
Gesicht vor Augen. Klar und deutlich.
Und da fiel ihr der Traum wieder ein. Der Traum, den sie bereits
fast vergessen hatte, der aber so intensiv gewesen war, dass er
ihr auch jetzt noch, zwei Wochen später, eine Gänsehaut
bereitete. Und der jene alles verzehrende Sehnsucht in ihrem
Herzen zurückgelassen hatte, die sich ihrer bemächtigte, wenn
sie abends in ihre Wohnung heimkehrte und in dem warmen Wasser
ihres Schaumbads versank, das ihr nicht mehr die Geborgenheit und
Entspannung schenken konnte, die es ihr einst hatte bereiten
können.
Sie blieb vor der Tür stehen, auf der Agent Millers Name in
weißen Lettern auf einer schwarzen Metallplakette eingraviert
waren.
Es war abgeschlossen. Innerlich biss sie sich in den Hintern
dafür, dass sie nicht daran gedacht hatte und so blauäugig
gewesen war zu hoffen, dass sie freien Zugang zu allen Räumen
innerhalb des FBI haben würde. Einen Augenblick lang überlegte
sie wie weit sie gehen konnte und kam auf eine Idee als ihr Blick
auf die Überwachungskameras fiel. Es war einer der wenigen
Momente in ihrem Berufsleben, in denen sie froh war, eine Frau zu
sein, denn nun konnte sie ihre weiblichen Reize einsetzen um den
Sicherheitsleuten im Erdgeschoss mittels einer geschickten Lüge
den Generalschlüssel zu entlocken.
Dummheit verzieh man einer hübschen Frau eher als Intelligenz
und heute wollte sie sich das zunutze machen. Mit dem naivsten
Gesichtsausdruck, den sie aufsetzen konnte, steuerte sie daher in
der Eingangshalle auf den nächst besten Sicherheitsbeauftragten
zu und begann ihn um den Finger zu wickeln. Innerlich
triumphierend und mit einem Lächeln, das sie nur für
Gelegenheiten wie diese aufsetzte, verließ sie eine
Viertelstunde später das Erdgeschoss wieder, mit einem
klimpernden silbernen Schlüsselbund in der Hand, dessen Metall
sich angenehm kühl auf ihrer Haut anfühlte.
Sie entschied sich im Interesse ihrer Beine die Treppe zu nehmen,
da sie seit sie den neuen Job angenommen hatte, nur noch selten
zum Joggen gekommen war. Sie war so sehr darauf konzentriert,
sich diese Informationen über ihr Opfer auf so illegale Weise zu
beschaffen, dass sie, den Blick starr auf die Stufen vor ihren
Füßen gerichtet, überhaupt nicht den Schatten wahrnahm, der
sich ihr von hinten näherte. Schließlich verwandelte sich der
Schatten in einen Mann, der sie aufgrund seiner längeren Beine
bald eingeholt hatte und neben ihr langsamer wurde.
Na? So spät noch hier?
Seine lebhaften grünen Augen versuchten den Namen auf dem
Schild, das sie an einem Band um den Hals hängen hatte, zu
erkennen, aber dafür war es im Treppenhaus zu dunkel. Die junge
Agentin, der er gefolgt war, hatte entweder vergessen das Licht
anzuschalten oder sie zog die Dunkelheit ebenso wie er vor. Und
dennoch hatte er sie selbst im Dunkeln erkannt, da ihr rotes Haar
unverkennbar im fahlen Licht der Großstadt leuchtete, das von
draußen durch die Fenster herein schimmerte.
Sie jedoch hatte nicht bemerkt, dass noch jemand in diesem
Treppenhaus unterwegs war und gab einen erschrockenen Laut von
sich. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu als sie erkannt
hatte, dass es sich um Fox Mulder handelte.
Der Mann aus dem Aufzug. Der Mann aus ihrem Traum?
Sie schluckte.
Seit ihrer letzten Begegnung hatte sie nicht mehr oft an ihn
gedacht. Sie hatte gehofft der Traum würde zusammen mit allen
Erinnerungen und Gefühlen irgendwann wieder verschwinden.
Aber jetzt wusste sie, dass das nicht möglich war. Dass sie sich
diesem Menschen stellen musste um zu lernen, dass er nur ein ganz
gewöhnlicher Mann war. Sie wollte dieser Figur aus ihrem Traum
den Zauber nehmen. Sie würde diesen Traum auseinander nehmen,
bis nichts mehr daran faszinierend und mysteriös war. Bis selbst
das intimste und intensivste Gefühl in ihr der Erkenntnis
gewichen war, dass es in der Realität ganz anders aussah. Dass
ihr Unterbewusstsein ihr lediglich einen Streich gespielt hatte,
ausgelöst durch diese verfluchten Schlaftabletten.
Daher bemühte sie sich, so unbeeindruckt wie möglich zu wirken
als sie ihn gerade heraus ansprach.
Sie sind Fox Mulder, nicht wahr?
Der Agent stand ihr jedoch in Arroganz in nichts nach und
entgegnete genau so kühl wie sie begonnen hatte: Mein Ruf
eilt mir also bereits voraus.
Sie presste die Lippen aufeinander und zuckte mit den Schultern.
Das kann sowohl Zeichen von Helden- als auch von
Schandtaten sein, also würde ich mir nichts darauf einbilden.
Er lächelte amüsiert. Ihre Distanz gefiel ihm. Sie wirkte so
kühl und unnahbar auf ihn. Genau wie ihre eisblauen Augen, die
ihn durch die Dunkelheit hindurch anfunkelten wie Sterne.
Da Sie jetzt wissen, wer ich bin, darf ich auch erfahren,
mit wem ich es zu tun habe?
Mittlerweile hatten sie das Stockwerk erreicht, auf dem sich das
Agent Millers und Walter Skinners Büro - befanden, und
Scully musste überrascht feststellen, dass Mulder ihr auf diese
Etage folgte.
Wo müssen Sie denn hin? wich sie seiner Frage aus
als sie ihm voraus am Büro von Walter Skinner vorbeilief. Sie
wartete jedoch keine Antwort ab, sondern versuchte sich darauf zu
konzentrieren, den richtigen Schlüssel am Schlüsselbund
wiederzufinden, um nicht all zu sehr bei ihrem stümperhaften
Versuch Regeln zu brechen aufzufallen.
Mulder blieb direkt hinter ihr stehen und sah ihr dabei zu.
Er hatte eigentlich auf ein ganz anderes Stockwerk gewollt.
Nachdem er diese Dr. Scully am Nachmittag zwar erreicht hatte,
aber keinen Erfolg bei ihr gehabt hatte, hatte er sich
entschieden, sich allein um diese beiden Fälle zu kümmern, die
sie als ungelöst eingestuft und auf Eis gelegt hatte. Er hatte
ihre Arbeit in den letzten zwei Wochen verfolgt. Sie war
zweifellos eine sehr gute Wissenschaftlerin, aber sie hatte
überhaupt kein Gefühl dafür, was wirklich hinter diesen
Fällen steckte. Offenbar war sie damit genau die richtige Person
für diesen Job. Aber es war die reinste Schikane. Sie tat ihm
leid. Weil man ihr diesen Posten aufgebürdet hatte. Sie hatte ja
keine Ahnung, was sie da tat. Wem sie damit diente. Und dass er
letztlich doch an diese Fälle kommen würde, egal wen die noch
einstellen würden, um ihn da heraus zu halten.
Allerdings war es durch sie wesentlich schwieriger geworden an
die Fälle zu kommen, weil sie nach der Bearbeitung durch Dr.
Scully direkt im Sicherheitsarchiv abgelegt wurden und dort nur
eingetragene Personen Zugang hatten. Der Auftragsfluss von oben
zu seinem Büro war komplett gestoppt. Ihm wurde kein einziger
Fall mehr zugeteilt mit der Entschuldigung, es handele sich eben
um eine Flaute. Seine Abteilung war quasi lahm gelegt
worden.
Warum hatten sie ihn nicht gleich gefeuert? Sie hätten ihn doch
einfach wegrationalisieren können. Aber selbst dazu waren sie
sich zu bequem. Sie wollten, dass er selbst eines Tages gehen
würde, wollten ihn aushungern lassen, ihn moralisch schwächen
bis er resignierte.
Und nun war ihm auf dem Weg in das Sicherheitsarchiv, zu dem er
sich auf höchst zweifelhafte Weise Zugang verschaffen wollte,
diese Rothaarige über den Weg gelaufen. Sie hatte irgendetwas an
sich, das dazu führte, dass er sich in ihrer Gegenwart leichter
fühlte. Vielleicht war es die Offenheit in ihrem Blick. Oder die
Tatsache, dass sie wie er um diese Zeit noch hier war. Vielleicht
war es ihre Distanziertheit. Mit Sicherheit war es aber der
Ausdruck auf ihrem Gesicht, dass sie im Begriff war, etwas zu
tun, das nicht unbedingt zu ihrem Aufgabenfeld gehörte.
Er war gelernter Psychologe. Profiler. Er hatte ein geübtes Auge
und er sah auf den ersten Blick, wenn jemandem das Herz bis zum
Hals schlug. Aber was immer sie auch tat, wenn es dazu diente,
dem FBI ein Schnippchen zu schlagen, dann war er gerne bereit ihr
dabei zu helfen. Also war er ihr gefolgt.
Aber nun stand er mit ihr vor dem Büro eines Agenten und wusste
nicht mehr so recht, was er tat. Sie drehte sich sichtlich
gereizt zu ihm um, bemühte sich aber höflich zu bleiben.
Kann ich Ihnen irgendwie helfen? fragte sie daher und
sah ihn auffordernd an, während sie sich trotz ihrer zierlichen
Statur vor der Tür aufbaute, durch die sie auf keinen Fall mit
Agent Mulder im Schlepptau gehen wollte. Mulder merkte wie
seltsam sein Verhalten auf sie wirken musste und zuckte lächelnd
mit den Achseln, weil er nicht den leisesten Schimmer hatte, was
ihn dazu getrieben hatte, ihr bis zu dieser Bürotür zu folgen.
Also musste er das Beste daraus machen.
Ich dachte eigentlich, dass ich IHNEN behilflich sein
könnte.
Sie schien ihn nicht zu verstehen und sah ihn weiterhin an.
Er zuckte mit den Schultern.
Na ja, immerhin scheinen Sie neu hier zu sein und
vielleicht brauchen Sie ja noch eine Führung? Er wackelte
mit den Augenbrauen.
Scully war sicher, dass er mit dieser Tour im College Erfolge
erzielt hatte. Und es war Freitagabend, da griff manch einer zu
verzweifelten Mitteln, nicht alleine nach Hause gehen zu müssen.
In gewisser Hinsicht fühlte sie sich geschmeichelt, aber sie
wusste wer er war. Sich mit ihm auf irgendeine Weise einzulassen
war das denkbar schlechteste, wenn man um einen guten Ruf beim
FBI bemüht war.
Aber hatte sie sich nicht vorgenommen sich diesen Fox Mulder
einmal genauer anzusehen? Wollte sie nicht gerade auf diese Weise
über ihren Traum hinwegkommen und dieses Gefühl in ihr
endgültig wieder abstellen?
Sie entschied sich aber, dass sie das hiermit längst getan
hatte. Sie hatte mit ihm geredet, hatte ihn gesehen und
feststellen müssen, dass er zwar durchaus charmant war, dass es
aber überhaupt keinen Sinn ergab, weil ihr Traum keinen Sinn
ergab.
Also stemmte sie ihre Hände in die Hüften und sah ihn an. Sie
war nicht die Art von Frau, die man schon gewonnen hatte, wenn
man sie einfach mit einem lockeren Spruch auf den Lippen
anquatschte.
Vielen Dank, aber daran habe ich nun wirklich kein
Interesse. Und ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie mir
nicht noch einmal folgen würden.
Vielleicht hatte sie ein wenig zu dick aufgetragen, aber das war
ihr nun auch egal. Es war spät, sie war genervt und sie wollte
an diese Akte herankommen. Und das flaue Gefühl in ihrem Magen,
das er in ihr auslöste, war sie mittlerweile auch leid.
Mulder wich zurück. Ihr Tonfall erinnerte
ihn an eine Begebenheit, die gerade ein paar Stunden her war und
die ihn ähnlich verdutzt zurückgelassen hatte wie jetzt.
Er zog die Stirn in Falten und überlegte einen Moment, ob er
sich nicht vielleicht irrte. Seine Augen fixierten immer wieder
Hilfe suchend das Schild, das an dem langen blauen Band um ihren
Hals hing, das sich aber umgedreht hatte und nicht sichtbar war.
Doch als er sich den unglücklichen Verlauf des Telefongesprächs
mit dieser Dr. Scully noch einmal durch den Kopf gehen ließ,
wurde ihm klar, dass dieses Gesicht vor ihm eindeutig zu der
Stimme passte, die ihn so eiskalt abserviert hatte.
Und nun hatte sie es ein zweites Mal getan. Offenbar war sie eine
ziemlich kratzbürstige Person, die es gewohnt war, alleine
zurechtzukommen. Oder zumindest schien sie sich selbst beweisen
zu wollen, dass sie alleine zurechtkam.
Er zog es daher vor ihrem Ratschlag zu folgen. Er hatte keine
Lust darauf irgendwem auf die Nerven zu gehen, das tat er ohnehin
schon oft genug. Sein Selbstbewusstsein war ausgeprägt genug um
sich ihren Korb nicht zu Herzen zu nehmen, zumal er eigentlich
gar nicht an ihr interessiert war, er war nur einer Laune
gefolgt. Da er jetzt wusste wer sie war, keimte höchstens noch
einmal das Interesse an ihrer Arbeit auf, doch darauf hatte sie
ihm ja längst ihre Antwort gegeben.
In seinem Kopf zollte er den alten Männern in der obersten Etage
stumm Respekt. Diese Frau war sorgfältig ausgewählt worden. Sie
war von so einer dicken Eisschicht umgeben, dass es gar nicht
nötig war, sie so weit weg in den Labors in Quantico
einzusperren.
Er beugte sich zum Abschied ein wenig zu ihr herunter.
Mann, Sie waren im College bestimmt immer die, die in der
ersten Reihe saß, was?
Damit drehte er sich galant um und ließ sie stehen. Mit dem
Rücken schon zu ihr gewandt, rief er noch halbherzig: Dann
viel Glück bei Ihrer Suche, Dr. Scully, und lief den Flur
entlang wieder auf die Tür zum Treppenhaus zu.
Er hatte sie auf den ersten Blick wirklich attraktiv gefunden,
hatte hinter diesen schönen blauen Augen und ihrer Fassade einen
interessanten Charakter vermutet, aber wenn jemand so sorgfältig
so viel Eis um sich herumschichtete, dann hatte das auch einen
Grund und er war nicht allzu erpicht darauf diesen Grund heraus
zu finden. Er hatte offensichtlich wieder einmal viel zu lange in
diesem Büro dort unten gesessen und sich von der Außenwelt
abgeschirmt, dass er vergessen hatte, wie anstrengend Menschen
sein konnten.
Scully sah ihm nach, die Arme noch immer abwehrend vor ihrer
Brust verschränkt, die Zunge in ihrem Mund nachdenklich hin- und
herrollend. Ihr Blick glitt dabei an seinem Rücken entlang, wo
sich seine Muskeln unter dem weißen Hemd abzeichneten und über
seinen Po an seinen langen schlanken Beinen herab. Sie musste
sich eingestehen, dass sie ihn attraktiver fand, als ihr lieb
war.
Entgegen ihrer Vernunft hörte sie plötzlich ihre eigene Stimme
auf dem einsamen Flur unnatürlich laut widerhallen: Moment
mal!
Er drehte sich zu ihr um und ihr Herz blieb stehen. Sie
verfluchte sich für diese Bilder, die ihr Unterbewusstsein mit
diesem Traum einfach in ihr Gedächtnis gefeuert hatte, aus dem
sie sie angesichts ihrer Intensität nie wieder würde verbannen
können. Sie errötete.
In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten
wusste. War es Überraschung? Interesse? Abweisung?
Interessierte sie das überhaupt?
Sie war verwirrt. So kannte sie sich nicht. Ihr Leben war seit
zwei Wochen ein einziges Geheimnis. Sie erkannte nichts wieder.
Sie hatte zwei Wochen lang täglich über zehn Stunden in diesem
Labor verbracht, abgeschottet von der Außenwelt.
Anfangs war sie noch begeistert gewesen von ihrer Sonderstellung
mit all ihren Vergünstigungen. Aber gleichzeitig war alles
Vertraute verschwunden. Es gab keine Mittagspausen mit den
anderen Gerichtsmedizinern in der Kantine mehr, keinen
Studentenunterricht, keine Erfolge, keine richtigen Fälle, nur
Fragmente. Alles war nun so verschwommen, bewegte sich in der
Grauzone der Anonymität und war dazu auch noch durchtränkt von
diesen fremden Bildern in ihrem Kopf, die ihr diese Gänsehaut
bereiteten.
Und dann war da diese Gefühlsregung in ihr, die sich wie ein
Schleier durch ihren Verstand zog und sie schmerzlich nach etwas
verlangen ließ, von dem sie nicht wusste, wo sie es herbekommen
sollte.
Sie schloss die Augen einen Moment.
Es war nur ein Traum, ermahnte sie sich ein letztes
Mal und brachte sich in die Wirklichkeit zurück.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, war er wieder ein wenig
näher gekommen.
Woher wissen Sie meinen Namen?
Er lächelte und streckte die Hand nach dem Schild aus um es
umzudrehen. Irritiert folgte sie seinem Blick und ließ seine
Hand, die sich ihrem Oberkörper näherte, nicht aus den Augen.
Als er ihren Namen endlich offiziell darauf sehen konnte, begann
sein Herz schneller zu schlagen. Er ließ das Schild wieder los
und nickte ihr zu: Ihr Ruf eilt Ihnen anscheinend ebenfalls
voraus.
Damit ließ er sie abermals stehen, mit dem Gefühl der
Genugtuung, dass er es dieses Mal war, der sie abblitzen ließ.
Sie biss die Zähne zusammen und schluckte. Aber was hätte sie
nach ihrer Abweisung auch anderes erwarten sollen? Actio gleich
Reactio.
Als er im Treppenhaus verschwunden war, drehte sie sich endlich
zu der Tür um und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit dem
eigentlichen Grund dafür, warum sie auf diesem Flur stand. Sie
ließ den Schlüssel fast selbstverständlich ins Schloss gleiten
und betrat Agent Millers Büro als wäre es ihr eigenes.
Ihre Finger glitten emsig durch die unzähligen Papierordner auf
seinem Schreibtisch und ihre Augen suchten nach dem einen Namen
ihres Opfers, den sie tatsächlich von einem gutgläubigen
verschlafenen Polizeibeamten ergattert hatte. Es war ein gutes
Gefühl, dass diese tote junge Frau nun nicht mehr anonym war,
sondern einen Namen und eine Geschichte hatte, die Scully
vielleicht endlich weiterbringen würde.
Nach zehn Minuten hatte sie die Akte zu ihrer Überraschung
tatsächlich gefunden. Sie hatte vermutet, dass ein anscheinend
so geheimer Fall unauffindbar in irgendeinem Fach abgelegt war
ohne Beschriftung, aber sie hatte Glück, dass Agent Miller
offenbar eine Zwangsstörung hatte und selbst die Notizzettel auf
seinem Schreibtisch durchnummeriert hatte.
Als sie das Büro wieder abgeschlossen hatte, schlich sie sich
mit der Akte beinahe unbemerkt in die Zentralbibliothek des FBI
Gebäudes um sich durch die Geschichte dieser jungen Frau durch
zu arbeiten.
Drei Stunden und viele Mausklicks am FBI-Computer später schlug
sie die Akte endgültig zu. Wenn all ihre Opfer einen derart
exzentrischen Lebensstil geführt hatten, dann begriff sie
langsam, warum es so schwierig war, diese Todesfälle
aufzuklären. Sie hatte mit ihrer Vermutung richtig gelegen und
musste sich selbst eingestehen, dass sie ein wenig stolz darauf
war: Die tote Frau in ihrem Labortrakt gehörte in der Tat einer
Sekte an. Sie war gerade zu fanatisch gewesen, war immer wieder
wochenlang untergetaucht um danach zu behaupten, sie sei von
ihren außerirdischen Herrschern entführt worden. Es war kein
Wunder, dass so ein Leben einen seltsamen Tod nach sich ziehen
musste. Gleichzeitig musste es aber auch noch andere
Sektenmitglieder geben, die ein ähnliches Schicksal ereilen
konnte, wenn niemand diesen Wahnsinn stoppte.
Scully unterstrich mit ihrem Bleistift die Namen zweier
Vermisster aus den Bundesstaaten Colorado und Nevada, die seit
letztem Jahr verschwunden waren und auch Mitglieder dieser Sekte
waren. Wenn sie etwas über diese beiden Menschen herausfand,
würde sie vielleicht gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe
schlagen.
Zufrieden mit sich selbst, aber müde und überreizt, stand sie
schließlich auf, brachte die Akte zurück in Agent Millers
Büro, nicht ohne sich vorher zahlreiche Kopien gemacht zu haben,
und drückte den Aufzugknopf.
Sie sah auf die Uhr. Es war fast Mitternacht und sie konnte kaum
noch aufrecht stehen, geschweige denn klar denken.
Irritiert stellte sie fest, dass der Aufzug mit ihr ins
Kellergeschoss gefahren war. Doch das brachte sie auf eine Idee.
Sie betrat den dunklen Flur des Kellergeschosses und wartete, bis
der Fahrstuhl sich geschlossen hatte und wieder nach oben
gefahren war. Es gab nur eine einzige Lichtquelle hier unten. Und
die ging von dem Kellerbüro am Ende des Ganges aus, das
eindeutig das Büro von Fox Mulder sein musste. Spooky Mulder,
wie man ihn nannte. Angesichts der Lokalität seines
Arbeitszimmers ein ziemlich passender Name, wie sie fand. Im
gleichen Augenblick fiel ihr ein, dass sie nicht die geringste
Ahnung hatte, was sie hier eigentlich verloren hatte. Ihr Blick
fiel auf den Lichtschein, der von der Tür des Büros herrührte.
Und dann sah sie auf den kleinen weißen Notizzettel, auf den sie
die beiden Namen gekritzelt hatte. Ohne es zu merken hatte sie
ein paar Schritte auf diese Tür zu gemacht, blieb jedoch stehen,
als sie merkte, dass man ihre Absätze auf dem steinernen
Kellerboden hören konnte.
Sie hielt den Atem an. Sie wollte unter keinen Umständen von ihm
hier entdeckt werden.
Aber warum lief sie dann auf sein Büro zu?
Sie sah verloren in die Dunkelheit vor sich.
Sie kannte diesen Mann gar nicht, aber sie hatte das Gefühl,
dass das falsch war. Und doch sah sie eigentlich keine rational
erklärbare Veranlassung dafür, warum sie sich mit diesem Mann
überhaupt auseinandersetzen sollte.
Sie war müde. Sie wusste nicht, was sie tat.
Ein letztes Mal sah sie zu der Kellertür, die seinen Namen trug,
und nahm ihr erstes reales Gefühl für diesen Mann wahr:
Mitleid. Sie schämte sich, dass es ausgerechnet ein Gefühl wie
dieses war. Aber ein Mann, der an einem Freitagabend um diese
Uhrzeit noch in seinem kleinen vergessenen Kellerbüro saß und
arbeitete, musste jemand sein, auf den niemand zuhause wartete.
Und obwohl sie selbst von niemandem erwartet wurde und sich
ebenfalls zu den Workaholics zählte, empfand sie so für ihn.
Nachdenklich machte sie kehrt, holte erneut den Aufzug herunter
und fuhr endgültig ins Erdgeschoss, wo sie den Sicherheitsleuten
beim Verlassen des Gebäudes die Schlüssel zurückgab und sich
dann auf den Nachhauseweg machte um sich in ihrem großen, leeren
Bett ihren verdienten Schlaf zu holen.
Fünf Tage später, Quantico, Abteilung QD
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Angespannt tippte sie mit ihren Fingerspitzen auf ihrer
Unterlippe herum und starrte geistesabwesend auf den Bildschirm
an ihrem Arbeitsplatz im Labor. Es half alles nichts. Sie kam
nicht weiter. Aber sie weigerte sich, diesen Fall auch als
ungelöst abzugeben. Sie wollte die Wahrheit über den Tod dieser
Frau wissen.
Allerdings war sie innerhalb der letzten fünf Tage bei ihren
inoffiziellen Nachforschungen in Welten vorgedrungen, die ihr
bisher verschlossen gewesen waren. Sie war keineswegs naiv. Sie
hatte in der Gerichtsmedizin Dinge gesehen, die jeden anderen an
der Existenz des Guten hätten zweifeln lassen. Sie wusste, dass
die Welt an Verrücktheiten genau so reich war wie an
Spießigkeit. Aber ihr war nicht klar gewesen wie viele Menschen
da draußen an UFOs glaubten.
Bisher war sie der Ansicht gewesen, es gäbe drei Sorten von
Menschen: Die, die an die Wissenschaft glaubten, die die an Gott
glaubten und die, die überhaupt nichts glaubten. Aber in der
letzten Woche war sie auf Geschichten gestoßen von Menschen, die
die unglaublichsten Dinge taten für einen Glauben an etwas, das
sich dem gesunden Menschenverstand entzog.
Sie schüttelte den Kopf. Aber wenn sie dieses Verbrechen
aufklären wollte, würde sie verstehen müssen, was in diesen
Leuten vorging. Glauben war ein Grundbedürfnis des Menschen.
Genau wie Sex. Und Essen. Und wenn es für Sex und Essen so viele
Varianten gab, warum dann nicht auch für den Glauben?
Das Opfer, dessen zahlreiche Gewebeproben sie mittlerweile wie
eine Trophäensammlung vor sich auf der Lab-Bench aufgestellt
hatte, wartete darauf, bestattet zu werden in Roswell, auf
einem Friedhof für kosmische Seelen. Und es wartete
auf Gerechtigkeit.
Scullys Kaumuskulatur spannte sich an. Sie war wütend. Weil sie
nicht verstand, warum man diesen Fall nicht auflösen wollte. Und
sie war wütend, weil es Menschen gab, die aus der Schwäche
anderer Menschen Kapital schlugen. In ihren Augen bestand die
Gerechtigkeit darin die Sektenführer an den Pranger zu stellen.
Und dafür brauchte sie die anderen Opfer. Sie brauchte Beweise
um diesen wahnsinnigen Gründer der Sekte, der sich der Botschafter
des Himmelreichs nannte, in den Knast zu schicken.
Sie hatte diese anderen beiden Akten mittlerweile gefunden.
Sie waren unter dem Buchstaben X abgelegt. Es waren X-Akten. Und
sie wusste, wem diese Abteilung unterstellt war.
Niemand anderem als Fox Mulder.
Zum dritten Mal in dieser Woche verharrte ihre Hand über dem
Telefon und sie wusste nicht, ob sie ihn anrufen sollte, oder
nicht. Weil sie nicht wusste, ob sie damit ihrem Forscherdrang
nachging oder dem aufdringlichen Nachhallen des Traums in ihrer
Seele.
Sie stand auf und ging in den Kühlraum. Zog die Leiche aus ihrem
Fach und ließ ihren Blick noch einmal darüber schweifen. Sie
kannte das Muster der Stigmata bereits auswendig. Wenn sie die
Augen schloss erschien das Dianegativ davon auf ihrer Netzhaut.
Sie wusste, dass diese Frau vielleicht als witzige Randnotiz in
der Klatschpresse erscheinen würde, wenn die Umstände ihres
Todes je ans Tageslicht drangen. Aber sie wusste auch, dass diese
Sekte wieder Tote hervorbringen würde, wenn sie nichts
unternahm. Ratlos starrte sie auf die grünen Flecken, Zeichen
fortgeschrittener Fäulnis, unter der papierdünnen Haut der
Leiche.
Dieser Fall war extrem leicht, wenn man erst einmal die Fakten
kannte. Wieso hatte ihn niemand lösen können? Wer wollte hier
wen schützen? Was erwartete man von ihr, wenn man offensichtlich
nicht wollte, dass die Wahrheit ans Licht kam?
Mit dem unangenehmen Gefühl, dass sie eine Spur zu verfolgen
begonnen hatte, die man mit bedächtiger Sorgfalt zu verwischen
versuchte, meldete sie sich bei ihrer Sekretärin zur Mittagspause
ab und verschwand. In Richtung Washingtoner Innenstadt. Denn ihre
Vernunft hatte gesiegt: Sie brauchte diese beiden X-Akten und
nichts weiter.
Eine Stunde später
Ihre Fingerknöchel schmerzten, als sie bestimmt und laut gegen
seine Bürotür klopfte. Als niemand antwortete, befürchtete sie
schon Fox Mulder verpasst zu haben, als dieser persönlich die
Tür vor ihr öffnete und erst sehr erstaunt, dann mit einem
höchst amüsierten Gesichtsausdruck zu ihr hinunter blickte.
Na sieh mal einer an.
Er steckte den Kopf zur Tür heraus und sah sich prüfend auf dem
Flur um. Scully quittierte diese Aktion mit einem skeptischen
Blick.
Haben Sie Ihre Touristengruppe verloren?
Darf ich jetzt reinkommen, oder was? gab sie ihm
ungeduldig zur Antwort, als er seinen Kopf wieder zurückzog und
sie vom Scheitel bis zur Sohle musterte. Schließlich trat er
beiseite, um sie in sein Refugium zu lassen.
Er wusste, jeder, der sein Büro einmal betreten hatte, würde
ihn danach mit anderen Augen sehen. Denn er versteckte
keinesfalls, was ihn beschäftigte, er prahlte geradezu damit.
Die Zeiten, in denen er sich dafür geschämt hatte, an Aliens zu
glauben, waren längst vorbei. Er hatte bemerkt, dass die Leute
einen viel eher für verrückt hielten, wenn man aus seiner
Verrücktheit ein Geheimnis machte.
Scully blieb in der Mitte des Raums stehen und sah sich um.
Mulder konnte in ihren Augen wie in einem offenen Buch lesen. Die
Verwunderung, Belustigung, Neugier und selbst die Spur von
Verachtung in ihrem Blick blieben ihm nicht verborgen. Aber er
war daran gewöhnt und ließ sich relaxt in seinen Bürostuhl
fallen. Er war viel zu gespannt darauf zu erfahren, was sie von
ihm wollte, als dass er sich darauf hätte konzentrieren können,
dass es ihm vielleicht doch ein wenig peinlich war, vor einer
fremden Frau sein Innerstes so offen zu legen.
Denn es machte ihn auf irgendeine Art unglaublich angreifbar und
verletzlich, dass er hier umringt von Photos von Kornkreisen und
UFO-Sichtungen wie eine Art John Nash an irgendwelchen
Zeitungsschnipseln herumarbeitete, seinen CD-Player neben sich
aufgebaut, aus dem leise Elvis-Presley-Musik dudelte. Und das
alles vor dem Hintergrund seines I want to believe
Posters.
Fast unbemerkt schaltete er seine Musik ab und räumte die
Zeitungsschnipsel hastig in seine Schublade, damit er wenigstens
eine freie Fläche hatte, auf der er seine Arme abstützen konnte
als er sich nach vorne lehnte und sie erwartungsvoll ansah.
Also, Dr. Scully. Was verschafft mir
die Ehre Ihres hohen Besuchs? Es handelt sich sicherlich nicht um
einen Kontrollrundgang des Betriebsrates, nehm ich mal an
Ihr forsches Auftreten und ihr steifes pechschwarzes Kostüm
ließen ihn jedoch schon daran zweifeln.
Aber als sie ihn plötzlich schüchtern anlächelte und sichtlich
irritiert von ihren Sinneseindrücken nach der Lehne des Stuhls
vor seinem Schreibtisch griff, erahnte er, dass ihr ganzes
Auftreten vielleicht doch nur eine Fassade war. War es möglich,
diese Mauer um sie herum doch zu durchbrechen?
Darf ich? fragte sie mit fast charmanter Höflichkeit
und als er nickte, setzte sie sich hin und sah einen Moment lang
nachdenklich auf das Namensschild auf seinem Tisch bevor sie aus
ihrer Tasche einen Stapel verknickter Blätter hervorkramte.
Offenbar hatte sie eine Akte kopiert und diese Kopien irgendwo
herausgeschmuggelt; und diese Tatsache vergnügte ihn, weil das
hier nun schon das zweite Mal war, dass er sie dabei ertappte,
dass sie den FBI Richtlinien zuwider handelte.
Fasziniert folgte er ihren Bewegungen als ihre Stimme sich wieder
mit derselben ruhigen professionellen Distanz erhob, mit der sie
anfangs ins Büro hereingeschneit war.
Ich bin hier, weil ich bei meinen Nachforschungen in einem
Fall auf die Namen zweier Vermisster gestoßen bin, um deren
Fälle Sie sich letztes Jahr bemüht haben.
Sie legte einen Zettel mit den Namen der beiden Opfer auf seinen
Schreibtisch und wartete auf seine Reaktion.
Mulder griff nach dem Stück Papier und las die beiden Namen.
Marissa Sherridan und Jeffrey Smith. Ich erinnere mich an
die beiden. Irritiert sah er zu ihr auf. Sie wurden
nie gefunden. Ist einer von den beiden etwa bei Ihnen in Quantico
aufgetaucht?
Sie schüttelte den Kopf und überlegte, wie viel sie ihm sagen
durfte. Aber sie war die Geheimniskrämerei längst satt und
offenbar wusste er längst mehr über sie, als ihr bewusst war.
Nein, aber dafür ist jemand anderes auf meinem
Obduktionstisch gelandet.
Sie legte die Kopien aus ihrer Tasche auf den Tisch und breitete
sie vor ihm aus.
Diane Ladbury. 25 Jahre alt. Mitglied der Kundalini-Sekte,
einer Untergruppe der Aetherius Societey. Sie wurde vor drei
Wochen nach einem Schneesturm morgens um halb acht im Garten
ihrer Eltern gefunden. Bedeckt von nichts als einer dicken
Schicht des Neuschnees. Übersäht von diesen ca. 2 cm großen,
kreisrunden Erosionen überall auf ihrer Haut, die in ihrer Sekte
als Stigmata, als Zeichen der Nähe einer außerirdischen
Götterrasse gewertet werden.
Sie zeigte ihm Photos, die sie selbst von der Leiche angefertigt
hatte. Als sie ihn ansah und merkte, dass er ihr gewissenhaft
zuhörte, fuhr sie fort.
Die Autopsie war wenig aufschlussreich. Zeichen äußerer
Gewalteinwirkung fehlten völlig. Ich konnte weder Hinweise auf
eine Intoxikation finden, noch auf eine allergische Reaktion oder
sonst irgendeine endogene Ursache ihres unerwarteten Ablebens.
Der Erregernachweis war negativ. Und diese Hauteffloreszenzen
scheinen in keinem direkten Zusammenhang mit ihrem Tod zu stehen.
Es sieht aus, als hätte sie sich einfach dort in den Garten
gelegt. Eine Vorgeschichte bezüglich Schlafstörungen,
Schlafwandeln oder Epilepsie fehlt aber, somit käme höchstens
noch Suizid in Frage. Aber Suizid mit welchen Hilfsmitteln?
Vergiftung habe ich ja bereits ausgeschlossen. Und die
Todesursache lässt sich am ehesten vereinbaren mit einem
Multiorganversagen. Ausgelöst wodurch?. Hinweise auf Schock
kardiogener, anaphylaktischer, neurogener oder hypovolämischer
Genese fehlen. Unterkühlung ist damit nahezu die einzige
mögliche Ursache dieses Multiorganversagens, aber dann stellt
sich mir zwingend die Frage, warum diese Frau mitten in der Nacht
nackt in den Garten gegangen ist um sich dort zum Sterben in den
Schnee zu legen, was mich wiederum zu ihrer Sektenzugehörigkeit
führt, da psychiatrische Vorerkrankungen ebenfalls nicht bekannt
sind .
Fast lag ein wenig Hilflosigkeit in ihrem Blick, als sie nach
diesem Vortrag zu ihm aufsah und eine Antwort abwartete. Mulder
wurde warm ums Herz. Diese Frau hatte wirklich alles untersucht,
was es in diesem Fall zu untersuchen gab. Sie war verdammt
gründlich. Aber nun schien sie ganz offensichtlich mit ihrem
Latein am Ende zu sein und es amüsierte ihn, dass sie, als sie
angefangen hatte von der UFO-Sekte zu reden, errötet war und nun
ziemlich verlegen wurde, weil sie nach ihrer Ablehnung ihm
gegenüber nun seine Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Aber er war
sicher, dass Geschichten von Entführungen durch Außerirdische
nicht das war, was sie in diesem Moment hören wollte.
Haben Sie ihre Leiche noch? war daher alles, was er
auf ihre ausführlichen Erläuterungen antwortete und sie nickte
überrascht.
Ja, wieso?
Dann halten Sie sie gut fest, die haben nämlich die
Neigung, ganz schnell zu verschwinden, wenn man die falschen
Nachforschungen anstellt.
Sie runzelte die Stirn.
Ist das alles, was Sie mir in diesem Fall raten können?
bemerkte sie knapp und legte die Aktenkopien wieder zu einem
geordneten Stapel zusammen um sie wieder in ihre Tasche zu
stopfen.
Er zuckte mit den Schultern und lehnte sich in seinem Stuhl
zurück.
Das hängt ganz davon ab, wie viel Sie von der Wahrheit
wissen wollen.
Scully wusste, dass er sie damit prüfen wollte, aber es passte
ihr nicht, dass er sie so auflaufen ließ und daher ließ sie
sich nicht aus der Ruhe bringen. Lediglich an der leichten Kälte
in ihrem Tonfall konnte man merken, dass sie unzufrieden mit dem
Verlauf dieses Gesprächs war. Sie verschränkte die Arme vor der
Brust.
Nun, ich will wissen, warum diese Frau gestorben ist. Das
ist alles. Das ist die einzige Wahrheit, die mich interessiert.
Fest sah sie ihm in die Augen, nicht bereit vor seiner
spöttischen Art zu kapitulieren.
Mulder hielt ihrem Blick stand und sah sie eine Weile an. Sie
wusste ja überhaupt nicht, wie sehr ihn diese Sache
interessierte, wie viel es ihm bedeuten würde diese Leiche mit
seinen eigenen Augen zu sehen. Auch wenn er es sich längst aus
dem Kopf geschlagen hatte, keimte erneutes Interesse daran auf,
mit ihr zusammen zu arbeiten. Ein Kontakt in Quantico war genau
das, was er brauchte. Noch dazu zu der Person, die als das
vorzeigbare vernünftige Pendant zu ihm eingestellt worden war.
Außerdem hatte sie etwas an sich, irgendeine Form von
Ausstrahlung, die den gesamten Raum erfüllte und seinen Keller
plötzlich nicht mehr so verstaubt und düster wirken ließ.
Haben Sie eine DNA-Sequenzierung an Materialproben der
Leiche durchführen lassen und auf Fremdmaterial überprüft?
Scully nickte. Ja. An Sputum, Vaginalsekret, Blut, Liquor
und natürlich aus Abstrichen aus den Hauterosionen.
Haben Sie die selbst durchgeführt?
Scully wurde unsicher. Nein, das war die
Molekularbiologische Abteilung in Quantico. Wieso?
Mulder nickte selbstgefällig.
Wiederholen Sie sie und führen Sie sie selbst durch. Ich
bin sicher, dass Sie etwas herausfinden.
Scully holte tief Luft. Ihre Augenbraue zuckte. Es schien ihr
fast, als wolle der Mann ihr gegenüber sie auf den Arm nehmen.
War das die Rache für ihr vorheriges Verhalten? Oder hatte er
wirklich keine Ahnung, wie er ihr weiterhelfen sollte? Sie hielt
es auf einmal gar nicht mehr für eine so gute Idee ihn
kontaktiert zu haben. Also stand sie auf und hängte sich ihre
Tasche wieder an die Schulter.
Ehrlich gesagt hatte ich mir ein wenig mehr Informationen
von Ihnen erhofft, Agent Mulder. Und für die Sicherung des
Qualitätsmanagements der Arbeit meiner Abteilungen bin noch
immer ich zuständig.
Damit warf sie ihm einen kühlen Blick zu und bemühte sich
gleichzeitig zu einem versöhnlichen Lächeln.
Mulder nickte gleichgültig und stand ebenfalls auf. Er kramte
eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche hervor und hielt sie ihr
hin. Weil er wusste, dass sie seinem Rat folgen würde, auch wenn
sie sich nun ihrem Stolz verletzt fühlte.
Sollten Sie doch noch etwas herausfinden, wäre ich Ihnen
dankbar, wenn Sie mich kurz anrufen würden.
Sie nahm die Karte entgegen, sah ihn noch einmal prüfend an und
wandte sich dann zum Gehen. An der Tür blieb sie stehen, drehte
sich zu ihm um und ließ ihren Blick ein letztes Mal durch den
Raum schweifen. Es war ein beeindruckendes Panoptikum, eine wahre
Fundgrube der Kuriositäten. Aber mehr war es in ihren Augen
nicht. Nachdenklich sah sie ihm in seine wunderschönen Augen,
seinen etwas zu langen Nasenrücken entlang, verfolgte die
geschwungenen Linien, die seinen Mund zeichneten, und fragte
sich, was in diesem Menschen vorging. Weil er mit seinem
athletischen Körper, seiner zweifellos überdurchschnittlichen
Intelligenz und seinem Charme überhaupt nicht jener eigenartige
Eremit war, der eigentlich in einer Abteilung wie dieser hätte
hausen müssen.
Ihre Lippen öffneten sich und sie sog die trockene kühle Luft
des Zimmers ein, als könne sie diese einzigartigen
Sinneseindrücke dadurch absorbieren.
Das hier unten
.meinen Sie das alles Ernst?
Sie sah auf das Poster hinter ihm und bemühte sich ihrem
Gesichtsausdruck so viel unschuldige Offenheit zu verleihen wie
möglich, um ihn nicht mit ihrer Frage zu verletzen oder zu
verärgern.
Er zuckte mit den Schultern, richtete sich auf und antwortete ihr
mit einem sarkastischen Unterton:
Natürlich. Ich bin schließlich Bundesagent der
Vereinigten Staaten von Amerika.
Er lächelte sie an und sie spürte wie ihre Knie weich wurden
und ihr Magen einen unsichtbaren Abgrund hinabstürzte.
Unwillkürlich musste sie zurücklächeln.
Natürlich, gab sie geschlagen zur Antwort und nickte
ihm zum Abschied zu, bevor sie die Tür hinter sich schloss und
den Flur entlang zum Aufzug zurück lief. Das Lächeln blieb auf
ihren Lippen liegen, als hätte sie es dort vergessen.
Er war ganz offensichtlich ein Wahnsinniger, dem es vollkommen
egal zu sein schien, was die Welt von ihm dachte. Und das machte
ihn sympathisch.
Sie ignorierte die Schmetterlinge in ihrem Bauch und das sanfte
Prickeln auf ihrer Haut als sie sich auf ihren Weg zurück in ihr
Labor machte.
Quantico, Abteilung QD 2-12, 22:37 Uhr
Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer, die auf Fox
Mulders Visitenkarte abgedruckt war, und wartete auf ein
Freizeichen.
Ratlos sah sie dabei auf die Resultate der DNA-Sequenzierung, die
sie wegen der merkwürdigen Ergebnisse beim ersten Mal noch ein
zweites Mal durchgeführt hatte. Doch offenbar waren die
Ergebnisse korrekt gewesen. Nun hatte sie zwei Kopien vor sich
liegen, beide konfrontierten sie mit derselben Tatsache, die sie
nicht einzuordnen wusste.
Mulder? tönte es verschlafen am anderen Ende der
Leitung.
Agent Mulder? Hier ist Dana Scully.
Langsam wurde ihr bewusst, dass es ziemlich spät war und sie
hoffte, dass sie ihn nicht geweckt hatte.
Eine Pause füllte die Sekunden zwischen ihnen. Scully glaubte,
ein leises Stöhnen im Hintergrund zu hören, entschied sich aber
dafür, dass sie eigentlich gar nicht wissen wollte, wobei sie
Mulder gerade unterbrochen hatte und fuhr schließlich fort, als
keine Antwort von ihm kam.
Ich habe getan, was Sie mir geraten haben. Und ich weiß
ehrlich gesagt nicht, was ich mit den Ergebnissen anfangen soll.
Wie meinen Sie das?
Das Stöhnen im Hintergrund verstummte abrupt, als hätte jemand
es auf Knopfdruck abgestellt und sie merkte, dass Mulder nun ganz
Ohr war.
Scully druckste herum. Na ja, das, was ich hier habe, ist
irgendwie unvollständig.
Unvollständig? Inwiefern? Hatten Sie nicht genug Material?
Nein, die Sequenzierung an sich ist optimal verlaufen. Aber
das Ergebnis macht keinen Sinn. Die DNA-Sequenz überspringt alle
paar Basen einfach einige Stellen und hat somit Lücken.
Mulder kaute auf einem Zahnstocher herum und Scully hörte, wie
das dünne Holzstück zwischen Mulders Zähnen zerbrach.
Und wie erklären Sie sich das?
Scully zuckte mit den Schultern. Sie hatte in Gedanken bereits
alles durchgespielt.
Es gibt Basenanaloga, die sich anstelle der normalen
DNA-Basen aufgrund ihrer Strukturgleichheit einbauen. Aber solche
Basenanaloga erkennt das Gerät. Weiterhin gibt es die
Möglichkeit der Dimerbildung zwischen den Basen. Aber auch das
erkennt das Gerät.
Es kann sich also nicht um einen Lesefehler handeln?
Wieder zuckte Scully mit den Schultern, als hätte sie sich das
nicht selbst schon hundertmal gefragt. Agent Mulder, was
wissen Sie über diese Fälle, was das hier erklären könnte?
Es knackte in der Leitung.
Hören Sie, ich möchte das ungern am Telefon besprechen.
In welcher Abteilung in Quantico kann ich Sie finden?
Ich denke nicht, dass es nötig ist, dass Sie jetzt noch
nach Quantico fahren
, versuchte Scully einzulenken,
doch ertappte sich dabei, wie sie allein bei dem Gedanken daran
ihn wieder zu sehen ein Kribbeln im Nacken verspürte.
Schließlich gab sie ihrer eigenen Verwirrung nach.
Wenn Sie im ersten Stock des Haupttrakts sind, rufen Sie
mich wieder an, ich muss die Türen ohnehin für Sie öffnen,
hier ist alles doppelt und dreifach gesichert.
Mulder legte, als er sich ihre Nummer notiert hatte, das Telefon
beiseite und grinste. Nun war es schon das dritte Mal, dass er
dabei war, wenn sie eine Regel brach. Anscheinend war das eine
Angewohnheit von ihr. Und das gefiel ihm.
Eine halbe Stunde später
Fahren Sie etwa mit Lichtgeschwindigkeit? fragte
Scully ihn überrascht, als sie ihm die Glastür zu ihrer
Abteilung öffnete und ihn hereinließ.
Er ignorierte die Frage und musterte sie einen Moment.
Sie sah ziemlich müde aus. Offenbar hatte sie den ganzen Tag
durchgehend an dieser Sache gearbeitet. Ihr weißer Kittel war
verknittert und sie schien in der viel zu großen blassblauen
Laborkleidung darunter zu versinken. Ihr Haar war streng zurück
gebunden aber unzählige störrische Strähnen hatten sich aus
der Frisur gelöst und fielen ihr immer wieder ins Gesicht, ohne
sie jedoch zu stören, denn sie fegte sie jedes Mal mit einer
unwillkürlichen Handbewegung beiseite, als würde sie sie gar
nicht mehr wahrnehmen. Sie wirkte angespannt und hochkonzentriert
als sie ihm voraus durch ihr Labor ging und sich schließlich auf
einem Drehhocker vor einem Computer niederließ.
Hier! bellte sie fast in den Raum hinein, froh
endlich mit jemandem über die Ergebnisse reden zu können.
Mulder sah einen Moment lang auf die Ausdrucke, die sie ihm
hinhielt und versuchte zu verstehen, was sie ihm sagten. Er hatte
schon viele Sequenzierungen gesehen, aber er war kein
Wissenschaftler und er brauchte immer wieder eine
Eingewöhnungsphase. Seine Finger kneteten unruhig seine
Unterlippe als er begriff, was sie meinte.
Die Sequenzen stolperten. Statt ACGTTAC stand dort einfach
AC_G__T__TA_C_.
Und an den Leerstellen blieben Lücken. Lücken in der einfachen
begreifbaren Realität, wie Dana Scully sie kannte. Und
ironischerweise waren es gerade diese Leerstellen, die die
Bausteine von Mulders Realität waren.
Er wusste, was diese Fehler bedeuteten, weil er
wusste, dass diese Frau Opfer von Experimenten mit
außerirdischer DNA geworden war. Aber er wusste nicht, wie er
Dr. Scully das klarmachen sollte.
Doch bevor er ihr das erklären wollte, musste er sich beruhigen,
denn er spürte, wie er angesichts der Tatsache erstmals einen
Beweis wie diesen in den Händen zu halten, der noch nicht
konfisziert, zensiert oder eliminiert worden war, zu zittern
begann.
Sein Hals wurde trocken und er konnte das aufgeregte Glühen, das
sich in ihm ausbreitete, kaum unterdrücken.
Haben Sie die Proben alle noch?
Scully nickte siegessicher und blickte auf die Palette kleiner
Fläschchen in einem Regal hinter ihnen. Jede einzelne
Faser dieser Frau ist bei mir in Sicherheit.
Na, wenn Sie sich da so sicher sind
entgegnete
er und stand auf um sich die Fläschchen genauer anzusehen.
Er ließ es jedoch bleiben, als ihm beim bloßen Anblick eines
Leberstückchens, das friedlich in der Formalinlösung vor sich
hindümpelte wie ein toter Fisch im Wasser, sein Abendessen die
Speiseröhre empor kroch.
Also, was können Sie mir jetzt dazu sagen? hakte sie
nach als sie merkte, dass er unruhig im Raum umherzulaufen
begann. Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. Schließlich
schüttelte er resigniert den Kopf.
Sie würden mir ja doch nicht glauben.
Sie grinste. Wovor haben Sie denn Angst, ich hab doch
Ihr Büro längst gesehen.
Mulder sah sich um. Er musste diese Beweise sichern. Er hatte
sofort gesehen, dass sie diese Fälle alleine bearbeitete. Sobald
sie ihren Abschlussbericht abgegeben hatte, würde man sämtliche
Beweise verschwinden lassen. Und ihm die Möglichkeit nehmen,
selbst der Sache nach zu gehen. Er war sich nicht sicher, ob sie
sich dessen bewusst war.
Hören Sie, Dr. Scully. Ich weiß nicht, auf wessen Seite
sie Stehen. Ich weiß nicht, was Ihr wahres Interesse an diesem
Fall ist. Ich bezweifle auch, dass sie wirklich wissen wollen,
was hier vor sich geht. Aber wenn Sie sich dennoch für die
Wahrheit interessieren, dann geben Sie mir alle Beweise, die Sie
zusammentragen können, und schreiben Sie nichts von diesen
Ergebnissen in Ihrem Bericht an Ihren Vorgesetzten. Dieser Fall
ist ohnehin schon als unlösbar eingestuft worden, also erfinden
Sie irgendeine halbwegs plausible Story. Dinge wie diese hier
wollen die nicht hören.
Scully lachte laut auf. Und was soll das bringen? Heften
Sie sich diese Beweise dann an Ihre Pinnwand in Ihrem Büro?
Er sah sie ernst und strafend an und sie biss sich auf die Zunge.
Es tut mir leid, entschuldigte sie sich. Aber
Sie können unmöglich von mir verlangen, dass ich der Sache hier
nicht offiziell nachgehe. Ich bin meinem Vorgesetzten und den
Angehörigen dieser Opfer Antworten schuldig, und so skurril sie
sein werden, wenn sie der Wahrheit entsprechen, werden sie auch
Gehör finden.
Mulder fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Gut, wenn sie es
unbedingt wissen wollte
Und wenn die Wahrheit die ist, dass diese Frau Opfer von
genetischen Experimenten wurde, die im Auftrag der Regierung an
ihr durchgeführt wurden ?
Er entschied sich den Aspekt mit den Außerirdischen
zurückzuhalten um nicht wie ein kompletter Idiot vor ihr
dazustehen.
Scullys Augenbraue schnellte in die Höhe.
Meinen Sie nicht, dass das ein wenig paranoid ist?
Mulder ging auf sie zu und setzte sich vor ihr wieder auf den
Hocker. Er beugte sich nach vorne um ihr näher zu kommen und
Scully konnte bereits seinen warmen Atem auf ihrer Haut fühlen,
als er weiter sprach.
Aus irgendeinem Grund mochte er diese Frau, die er eigentlich
überhaupt nicht kannte. Und er wollte nicht, dass sie durch ihre
wissenschaftliche Blauäugigkeit Teil von dem wurde, zu dem er
längst gehörte. Weil es ihren so klaren reinen Verstand
vergiften würde.
Glauben Sie mir. Sie haben überhaupt keine Ahnung, in was
Sie da hinein geraten sind.
Scully hob die Augenbrauen auffordernd und kam ihm noch ein wenig
näher bis er ihren Duft in seiner Nase wahrnehmen konnte. Es
duftete nach Frühling und passte überhaupt nicht zu den
zahlreichen körperfarbenen Gewebeproben, die neben ihnen in
Formalin getränkt umherstanden.
Sie mochte vielleicht keine Ahnung haben, aber sie war immerhin
nicht so dämlich zu übersehen, dass hier etwas faul war.
Dann klären Sie mich doch bitte auf, Agent Mulder.
Mulder sah ihr in ihre klaren blauen Augen, in denen man sich
viel zu leicht in einem Tagtraum verlieren konnte. Er sah darin
so viel Stärke und Entschlossenheit, aber auch so viel
Verletzlichkeit, dass er nicht wusste, was er dieser Frau, einer
Fremden, die so direkt nach der Wahrheit fragte, sagen sollte.
Aber er widerstand dem Drang in ihm, der ihn zu ihr hinzog, sie
einweihen wollte und in diesen Strudel mit hineinziehen wollte.
Es war zu früh für sie.
Das kann ich nicht.
Sie zog sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Wenn Sie das nicht können, dann kann ich Ihnen leider
keine Kooperation zusagen. Ich habe Verpflichtungen, die ich
einzuhalten gedenke.
Mulder verarbeitete diese Zurückweisung einen Moment lang und
schmiedete gleichzeitig Pläne, wie er einige der Gewebeproben
unbemerkt mitgehen lassen konnte.
Und was werden Sie in Ihrem Bericht schreiben?
Scully streckte die Arme aus und zog die Schultern hoch.
Ich weiß es noch nicht. Diese Frau war Sektenanhängerin.
Weiß der Himmel, was die in ihren Ritualen zu sich nehmen oder
mit ihren Körpern anstellen! Ich finde es schon heraus. Aber ich
werde garantiert nicht so verrückt sein und denen irgendeine
Geschichte von Regierungsexperimenten auftischen, die weder Hand
noch Fuß hat. Mulder lächelte. Sie war immerhin zu ihm
gekommen um diesen Fall zu lösen. Das hieß, dass sie sich nicht
so einfach mit bequemen Antworten zufrieden gab, dass sie keine
Lust auf das große Versteckspiel hatte, von dem man verlangte,
dass sie es mitspielte.
Also ziehen Sie es vor irgendeine Theorie an den Haaren
herbeizuziehen, anstelle der Wahrheit Gehör zu verschaffen. Und
das ist eine Arbeit, die sie befriedigt?
Das nicht. Aber was immer ich auch schreiben werde, es
wirbelt sicher eine ganze Menge weniger Staub auf als sie es tun
würden, wenn Sie mit Ihrer Theorie und meinen Beweisen an die
Öffentlichkeit gehen würden.
Ach, darum geht es also? Darum, keinen Staub aufzuwirbeln!
Sie sind von der internen Abteilung für Desinformation geschickt
worden!
Sie sah ihn ernst an. Offenbar fand sie das überhaupt nicht
witzig.
Agent Mulder, ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass unsere
Regierung gerade fünfzig Jahre kalten Krieg hinter sich hat. Und
ich weiß auch, dass das, was wir für die Realität halten, nur
die Spitze eines Eisbergs ist, dessen Basis in irgendeinem
trüben Gewässer verborgen liegt. Aber ich bin nun einmal weit
davon entfernt, aufgrund von vagen Hinweisen eine Theorie wie
diese zu verfolgen und damit ein System zu demontieren, das trotz
all dieser möglichen Lügen einigermaßen zu funktionieren
scheint. Das ist für mich nicht der Dienst an der Wahrheit, zu
dem ich mich in meiner Rolle als Wissenschaftlerin verpflichtet
sehe. Es gibt eine Antwort da draußen, die garantiert weniger
abenteuerlich ist, als Ihre und dennoch genau so wahr ist.
Mulder nickte und spürte eine neue Spannung zwischen ihnen
aufkeimen.
Glauben Sie mir, Dr. Scully. Wenn Sie gesehen hätten, was
ich gesehen habe, dann würden Sie anders dazu stehen.
Betreten blickte sie zu Boden. Der Mann, der vor ihr stand, war
umgeben von Geheimnissen. Und von einer ungeahnten Traurigkeit,
die sie in seinem Gesicht lesen konnte. Er wirkte verletzt. Und
einsam.
Ihre Augen trafen wieder auf seine. Das Grün seiner Iris
verströmte ein warmes Glühen, das sich geradewegs in ihr Herz
schlich.
Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, weil sie ungeachtet dieser
Finsternis in seiner Seele auch seinen Charme wahrnahm, der wie
flüssiger warmer Zucker in sie hineinkroch. Aber sie wusste,
dass sie nur durch den Traum empfänglich für solche Signale war
und daher ignorierte sie sie und stand auf, um sich seinen
Blicken zu entziehen.
Als sie an einem Aktenschrank zum Stehen kam, drehte sie sich um
und sah ihn wieder an.
Es tut mir leid, Agent Mulder. Aber das kann ich nicht. Ich
bin daran interessiert den Fall zu lösen. Und in meinen Augen
ist das auch möglich, ohne eine Regierungsverschwörung dabei
aufdecken zu müssen.
Und wie erklären Sie sich dann, dass diese
Sequenzierungslücken nicht den Mitarbeitern aus dem
Molekularbiolgoie-Labor aufgefallen sind?
Scully biss die Zähne zusammen bis ihre Kaumuskeln sich
verkrampften. Sie wusste, dass das gute Wissenschaftler waren.
Sie hatten diese Anomalien mit Sicherheit bemerkt. Aber man nahm
ihr hier ja permanent die Möglichkeit, mit irgendjemandem
außerhalb ihres Labors zu kommunizieren.
Es war alles so schrecklich geheim. Sie hatte mit diesem Job eine
neue Ebene innerhalb des FBI erreicht, eine, die sich nicht mehr
mit der Aufklärung von einfachen Kapitalverbrechen
beschäftigte. Aber war es eine, die sich überhaupt noch mit
Aufklärung beschäftigte? Machte man sie hier nicht vielmehr zu
einer dieser Labormaschinen, die einfach nur Ergebnisse
ausspucken sollte, ohne darüber nach zu denken oder Fragen zu
stellen? Ging es hier nicht vielmehr darum, Aufklärung zu
verhindern?
Das Gespräch hatte sie nachdenklich gemacht, es schien vielem
einen Sinn zu geben, den sie in diesen Tagen nicht verstand. Aber
sie sträubte sich dagegen, sie war erwachsen genug, um dieses
Problem auf ihre Weise zu lösen, dafür brauchte sie keinen Mann
an ihrer Seite. Und erst recht nicht Spooky Mulder von den
Ghostbusters, der sie mit seinen zweifelhaften Informationen nur
verwirrte.
Sie löste sich aus ihrer Anspannung und ging auf die Tür zu.
Vielen Dank, Agent Mulder. Sie haben mir dennoch sehr
geholfen, verabschiedete sie sich innerlich zitternd vor
Aufregung darüber, dass diese Beförderung sich nun als eine so
große Belastung entpuppte. Aber es machte einfach keinen Sinn
mit ihm weiter zu diskutieren. Sie befanden sich an
entgegengesetzten Enden der Realität.
Es war nett, Sie kennen zu lernen, entgegnete er und
sah noch einmal zu ihr herab. Es klang überhaupt nicht wie eine
Floskel, sondern wie etwas, das aus tiefstem Herzen kam.
Gänsehaut ergoss sich über ihren Rücken und sie bemühte sich
zu einem Lächeln, das jedoch auf halbem Wege missglückte.
Nicht so in seinen Augen. In seinen Augen war es, als leuchtete
der Himmel auf, wenn sie lächelte. Aber er wusste nicht, was er
mit diesem Gefühl anfangen sollte und verließ den
Forschungstrakt mit wieder, um in seine dunkle Einsamkeit zurück
zu kehren. Das heimlich mitgenommene Fläschchen mit dem
Leberstück in Formalin schaukelte schwer in seiner Manteltasche
umher.
Er brauchte einen Gefährten. In jeder Hinsicht. Das hatte ihm
diese Begegnung gezeigt. Er hatte keine Chance, wenn er weiterhin
allein auf seiner Suche war. Sie wusste gar nicht, dass sie seine
inoffizielle Gegenspielerin war. Man hatte diese neue Abteilung
für ungelöste Fälle eingerichtet, streng überwacht, weitab
vom Schuss, isoliert und abgeschottet von der Welt da draußen.
Im Grunde war ihr Labor nichts anderes als sein Kellerbüro. Es
war nur schöner, moderner und heller. Und kontrollierter.
Er wusste, er würde sie wieder sehen. Sie wollte die Wahrheit
über diesen Fall herausbekommen und es gab nur diese eine
Wahrheit. Also würde sie sie finden, wenn sie bereit war, die
richtigen Fragen zu stellen. Und spätestens dann würde sie sich
entscheiden müssen, wie viel sie bereit war für diese Wahrheit
zu opfern.
Als Scully wieder an ihren Platz zurückkehrte, fiel ihr Blick
auf zwei Akten. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er sie
dorthin gelegt hatte. Ihre Aktennummern waren X-0028976 und
X-0028977. Es waren die X-Akten aus Mulders Büro. Die
Informationen über die beiden Vermissten, um die sie ihn am
Nachmittag gebeten hatte. Neugierig schlug sie sie auf und begann
darin zu lesen, während sich die Fälle vor ihrem inneren Auge
aufbauten, wie ein Film, dem sie wissbegierig folgte und
überhaupt nicht merkte, wie die Zeit verging.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und
sie schreckte hoch. Ihre Augen blinzelten und brannten im fahlen
aschefarbenen Licht des frühen Morgens.
Dr. Scully? Waren Sie etwa die ganze Nacht hier?
Es war ihre Sekretärin, die sie besorgt und mit einem
verstohlenen Blick auf die Akten, über denen die junge
Wissenschaftlerin eingeschlafen war, anschaute.
Es sieht fast so aus, entgegnete Scully müde und
noch immer ein wenig desorientiert, aber wach genug um den Blick
ihrer Sekretärin zu registrieren. Unwillkürlich schob sie ihren
Arm über die Aktennummern.
Sind das Akten aus unserem Zentralarchiv in D.C.?
versuchte die Sekretärin so beiläufig wie möglich zu fragen,
doch Scully sah die alarmierte Aufregung in den braunen Augen der
Sekretärin aufleuchten und schob die Akten gleichgültig
beiseite.
Nein, das sind noch zwei alte Fälle von meiner Arbeit in
der zentralen Gerichtsmedizin.
Soll ich die für Sie zurück nach Washington bringen
lassen?
Scully lächelte scheinheilig wie ein Honigkuchenpferd.
Nein. Das ist nicht nötig. Ich muss dort ohnehin heute
vorbeifahren, weil ich meinen Zwischenbericht über diesen
aktuellen Fall gerne Chief Blevins persönlich übergeben würde.
Indigniert wich die Sekretärin zurück. Gut. Dann nicht.
Aber Sie sollten sich unbedingt ein paar Stunden frei nehmen,
bevor Sie weiterarbeiten.
Wieder grinste Scully. Sie hasste es bevormundet zu werden. Und
noch mehr hasste sie Unaufrichtigkeit.
Keine Sorge, ich fahre jetzt nach Hause, beruhigte
sie die Sekretärin und griff nach den Akten.
Auf dem Heimweg allerdings begannen sich die Informationen aus
den Akten wieder in ihrem Kopf zu verselbständigen. Sie wusste
sie war übermüdet, aber sie konnte sich noch genau an die
unzähligen Ungereimtheiten erinnern.
An die Schlampigkeit, mit der offenbar bei diesen Fällen seitens
der örtlichen Behörden vorgegangen worden war. Dieselbe
Schlampigkeit, die sie bereits bei ihren drei Fällen kennen
gelernt hatte.
Es schien fast als hätte man überall dort, wo Agent Mulder
aufgekreuzt war, jedes Mal einen plötzlichen Anflug von Amnesie
und Zeitmangel erlitten. Niemand schien bereit gewesen zu sein
mit Mulder zu kooperieren, sämtliche Beweismaterialien waren auf
merkwürdige Weise verschwunden und am Ende hatte Mulder diese
beiden Fälle ohne Leichen und ohne jemals etwas über den
Verbleib der beiden Menschen erfahren zu haben, auf Eis legen
müssen.
Das alles stank zum Himmel. Es stank genau so wie diese
Abteilung, in der sie arbeitete, genau so wie ihre Sekretärin
und wie die Mitarbeiter in den Labors, die ihr unterstellt waren.
Der ganze Job stank.
Er stank nach dem Rauch dieses fremden Mannes, der bei ihrem
Gespräch mit Blevins in der Ecke gestanden hatte.
Obwohl sie schrecklich müde war, bog sie in die Pennsylvania
Avenue ab und fuhr auf das Hauptquartier des FBI zu. Sie musste
Mulder immerhin seine Akten zurückgeben. Und sie wollte sich das
Fläschchen mit der Leberprobe ihrer Leiche zurückholen, dessen
Verschwinden ihr keinesfalls entgangen war.
Als sie dieses Mal an seine Tür klopfte, öffnete er sie nicht,
sondern rief nur ein kaum hörbares Herein in ihre
Richtung. Doch als er sie erblickte, war er sichtlich
überrascht.
Schlafen Sie denn gar nicht? fragte er sie und
bemerkte, dass sie wieder dasselbe schwarze Kostüm wie am Vortag
trug und auch sonst ziemlich durchnächtigt wirkte.
Normalerweise schon. Aber meine Nachtlektüre war so
fesselnd, war ihre Antwort und sie hielt ihm die Akten
über seinem Schreibtisch hin.
Irgendwie müssen die aus Versehen auf meinem Schreibtisch
gelandet sein, lächelte sie ihn mit einem geheimnisvollen
Funkeln in den Augen an.
Er lächelte zurück. Die Luft schien fast zu knistern als sie
sich gegenseitig mit ihren Blicken aufzufressen schienen, ohne es
jedoch wahrzunehmen.
Stand denn was Interessantes darin? spielte er das
Spielchen weiter, weil es ihm gefiel. Weil sie ihm gefiel.
Eigentlich nicht. Denn viel scheinen Sie ja bei Ihren
Ermittlungen nicht herausgefunden zu haben. Außer dass man im
Allgemeinen nicht sonderlich interessiert an der Zusammenarbeit
mit Ihnen ist.
Mulder lachte und spuckte die weiße Hülse eines
Sonnenblumenkerns aus, während er sich mit seinem Fuß an der
Schreibtischkante abstützte und sich in seinem Stuhl rückwärts
gegen die Wand schob.
Er sah sich in seinem eigenen Büro um und zwinkerte ihr dann zu.
Und das wundert Sie?
Doch nun wurde sie ernst und kam näher an den Schreibtisch.
Irgendeinen Grund gibt es. Dafür, dass einige aus den
Reihen des FBI diese Fälle lösen wollen und andere genau das
mit aller Gewalt zu verhindern gedenken. Ich bin weit davon
entfernt Ihre Regierungstheorie zu unterstützen, aber ich
möchte wissen, was mit diesen drei Menschen passiert ist.
Mulder zuckte mit den Schultern.
Was glauben Sie denn was passiert ist?
Scully legte den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der
Brust. Sie war in der Nacht auf eine Idee gekommen.
Ich bin mir fast sicher, dass diese drei Menschen Opfer von
bewusstseinserweiternden Substanzen geworden sind. Es gibt
unendlich viele Drogen, die gerade im Rahmen religiöser und
ritueller Handlungen eingesetzt werden. Unbekannte seltene
Pflanzengifte, illegal eingeflogen aus den entlegensten Winkeln
Asiens. Und irgendeine davon ist verantwortlich für die
Stigmata, für die DNA-Veränderungen und für den Tod dieser
jungen Frau. Wir haben einfach noch nicht gründlich genug
gesucht.
Mulder nahm das Wir in ihrem letzten Satz mit
Genugtuung war und ließ sich in seinem Stuhl wieder nach vorne
fallen.
Dann wollen Sie diese Sektenführer also wegen
Drogenschmuggels drankriegen?
Sie verzog die Mundwinkel nach unten und zuckte mit den
Schultern.
Das, oder vielleicht steckt sogar eine ganze kriminelle
Organisation dahinter und man will einfach nicht, dass der Fall
an die große Glocke gehängt wird.
Mulder fand es bewundernswert wie sehr sie bemüht war zu
glauben. Aber er wusste nun mal längst die Lösung des Falles,
ihm fehlten lediglich die Beweise, die nur sie zu erbringen in
der Lage war.
Meinen Sie nicht, dass es wesentlich schneller ginge, wenn
Sie direkt meiner so genannten Regierungstheorie
nachgehen würden?
Scully sah ihn irritiert an. Wieso war er sich so sicher, dass er
Recht hatte und sie daneben lag?
Und warum war sie sich andererseits sicher, dass er auf keinen
Fall die richtige Spur verfolgte?
Sie selbst wusste zu welcher Art von Verbrechen Regierungen
fähig waren. Die ganze Welt wusste das, die Geschichte hatte es
gezeigt.
Aber das hier war die Gegenwart. Die Realität. Sie lebten in
einer aufgeklärten, modernen Demokratie. Genetische Experimente
an willenlosen Opfern mit tödlichen Folgen schmeckten einfach zu
sehr nach einem billigen Bestseller.
Andererseits hatte Mulder ihr am Vortag einen entscheidenden
Hinweis geben können, der sie weitergebracht hatte. Vielleicht
würden sich aus dem, was er ihr zu erzählen hatte, weitere
Anhaltspunkte ergeben, ohne dass sie seine Theorien an sich
verfolgen musste.
Dieser Kompromiss schien ihr zu gefallen und sie lächelte
entspannt.
Ich dachte, es geht hier nicht darum was schneller geht und
bequemer ist, antwortete sie gewitzt.
Mulder nickte anerkennend und Scully beugte sich zu ihm.
Ihre Pupillen weiteten sich, verdrängten das Blau in ihren
Augen.
Na schön, Agent Spooky. Sie hatten mir angeboten mir etwas
über diese beiden anderen Fälle, die ich in den letzten Wochen
nicht lösen konnte, zu erzählen. Wenn ich Ihnen glauben soll,
muss ich wissen wie Sie auf solche Gedanken kommen.
Sie sah ihn wissend an und er fühlte sich sichtlich
überrumpelt.
Dann wussten Sie, dass ich es war, der Sie neulich
angerufen hat?
Eigentlich war ihr das erst vor wenigen Minuten klar geworden,
aber sie genoss es, dass er sie in diesem Moment für so
raffiniert hielt, dass es ihm offenbar die Sprache verschlug und
er ihr nicht einmal übel nehmen konnte, dass sie ihn Spooky
genannt hatte.
Allerdings hatte sie das ohnehin in einem Tonfall getan, in dem
sie ihn mit jedem Wort der Welt hätte beschimpfen können ohne
dass es ihn verärgert hätte.
Mulder lehnte sich nach vorne und blickte ihr über seinen
Schreibtisch hinweg geradewegs in die Augen. Er sehnte sich so
sehr danach sich jemandem mitzuteilen, der bereit war zuzuhören.
Er wusste zwar nicht wer sie war, er schien sie kaum zu kennen,
aber in ihrem Blick lag etwas, das ihm verriet, dass sie
vermutlich der einzige Mensch im FBI war, dem er trauen konnte.
Er fühlte sich wohl in ihrer Nähe.
Schließlich hatte er seine Entscheidung getroffen.
Wie viel Zeit haben Sie?
Scully sah auf die Uhr und merkte dabei, dass sie seit über 29
Stunden auf den Beinen war. Ein wenig verlegen antwortete sie
daher: Ehrlich gesagt würde ich gerne ein wenig schlafen
und habe noch eine ganze Menge zu tun. Aber wenn Sie möchten,
dann kommen Sie heute Abend bei mir vorbei. Hier ist meine
Adresse.
Innerlich schämte sie sich für diese Aktion, weil sie wusste,
dass er das genau so gut völlig falsch verstehen konnte.
Und sie schalt sich für ihre Naivität einem Fremden - und noch
dazu einem bewaffneten Fremden mit eindeutigen
Wahrnehmungsstörungen - ihre Adresse zu geben.
Aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich durch ihn nicht
bedroht. Sie fühlte sich ruhig. Seit Wochen zum ersten Mal. Und
sie sah, dass er diese Einladung keineswegs in den falschen Hals
bekommen hatte.
"Okay, ich bin dann um acht bei Ihnen."
Erleichtert stand sie auf und ließ ihn allein in seinem Büro
zurück. Allein, aber mit einem Hoffnungsschimmer in seinem
Herzen, dass er doch nicht der einzige Mensch auf der Welt war,
dem etwas an der Wahrheit lag.
Was er mit dem anderen Gefühl in seinem Herzen anfangen sollte,
das wie eine Art Echo noch eine ganze Weile nachdem sie schon
gegangen war nachhallte, wusste er noch immer nicht.
12 Stunden später
Eilig rannte Scully, die beiden Pizzakartons auf ihrer
Handfläche balancierend, durch den strömenden Regen von ihrem
geparkten Wagen auf ihre Wohnungstür zu.
Chief Blevins hatte seinen ungeduldig angeforderten
Zwischenbericht nun in seinem Fach liegen. Ab morgen würde er
wissen, dass sie damit dem Job gewachsen war, dass sie gründlich
und sauber arbeitete und durchaus in der Lage war unter noch so
widrigen Umständen eine logische Erklärung zu finden, die den
Fall vor dem Fluch ungelöst zu bleiben bewahren würde.
Allerdings war sie sich mittlerweile der Absurdität bewusst,
dass man ihr die kostspieligsten Mittel zur Verfügung stellte
scheinbar unlösbare Fälle aufzuklären, während irgendjemand,
dessen Gehalt aus demselben Budget stammte wie die ganzen teueren
Geräte ihres Labors, die ganze Zeit gegen sie zu arbeiten
schien.
Diese Art der Politik war ihr zu hoch.
Außerdem merkte sie, dass sie mittlerweile bereit war sich der
Möglichkeit zu öffnen, dass an Mulders Paranoia etwas dran war.
Schließlich war sie nicht vollkommen ignorant und nahm sehr wohl
wahr, dass ihre Intuition, die sich anfangs nur dünn und leise
zu Wort gemeldet hatte, mittlerweile ununterbrochen an die Türe
ihres Verstands hämmerte und starke Zweifel im Schlepptau hatte.
Scully folgte dem Weg der Regentropfen und blickte zum Himmel
hinauf.
Er trug ein surreales helles Graublau an diesem Abend, während
um sie herum auf der Erde alles bereits im Schleier der Nacht
verborgen lag, erhellt von den kleinen schummrigen gelben
Straßenlaternen, die in regelmäßigen Abständen auf den
Bürgersteigen aufgestellt waren und wie stumme Soldaten ihren
Dienst verrichteten.
In einer Viertelstunde würde Fox Mulder bei ihr klingeln und sie
in die Geheimnisse seiner Arbeit einweihen. Sie überlegte
gerade, ob sie es vorher noch kurz unter die Dusche schaffen
würde, als sie mit einem Mann zusammenstieß, der ihr nicht
aufgefallen war, weil er ganz in Schwarz gekleidet war.
Die Pizzakartons gerieten aus dem Gleichgewicht und landeten laut
platschend einer Pfütze am Straßenrand.
Lassen Sie nur, hielt der Mann sie zurück, als sie
sich fluchend danach bücken wollte und streckte ihr einen
Zwanzig-Dollarschein entgegen.
Dafür komme ich auf.
Skeptisch sah sie den Schein an, die schwarzen Lederhandschuhe,
den schwarzen Mantel des Fremden und schrak zurück, als sie
seine harten, klaren wie frisch gebügelten Gesichtszüge
entdeckte.
Irgend etwas hatte dieser Mann an sich, das ihr Unbehagen
bereitete. Und mehr als das: Sie hatte das Gefühl ihn schon
einmal irgendwo gesehen zu haben.
Kennen wir uns? fragte sie ihn verdutzt und er sah
sich um. Lautlos wich er vor dem Schein der Straßenlaterne ins
Halbdunkel der Dämmerung zurück.
Nicht dass ich wüsste, Dr. Scully. Und ich würde es auch
gerne vermeiden Sie näher kennen zu lernen.
Scully schnaubte. Sie fand diese Begegnung bereits jetzt mehr als
lächerlich.
Was, sind Sie etwa der Sensenmann persönlich?
Der Fremde reagierte auf ihren Witz mit einem unerwarteten
Lachen. Aber es war ein gefährliches Lachen, das wie
Rasierklingen die friedliche Stille der Nachbarschaft zerschnitt
und Scully die Luft zum Atmen nahm.
Ich bin nur hier, weil ich weiß, dass Sie eine große
Karriere vor sich haben könnten und ich nicht möchte, dass der
Umgang mit den falschen Leuten Ihnen diese Karrieremöglichkeiten
nimmt.
Scully ignorierte die zwanzig Dollar, die er ihr entgegenstreckte
und wandte sich zum Gehen, ihre Wohnungsschlüssel fest in ihrer
Hand umschlossen, dass es fast wehtat.
Es tut mir leid, aber ich denke, es ist immer noch meine
Entscheidung welche Kontakte ich pflege und welche nicht.
Sie sah ihn finster an, ihre Augen wirkten im Zwielicht der
heranbrechenden Nacht fast schwarz und bohrten sich in sein
aalglattes Gesicht.
Finster erwiderte der Fremde ihren Blick aus kalten hohlen Augen.
Sie war eine bemerkenswerte Frau und es war eindeutig, dass man
sie unterschätzt hatte, denn in ihr lag etwas von jener
Besessenheit, die auch Mulder zu so einem gefährlichen Feind
machte.
Der Mann griff nach ihrem Arm und hielt sie fest.
Zornig funkelte sie ihn an.
Lassen Sie sofort los! befahl sie ihm bestimmt und
als er merkte, dass sie bereit war ihm zuzuhören, gehorchte er.
Wer sind Sie? fragte sie obwohl sie wusste, dass sie
keine Antwort bekommen würde.
Ich bin jemand, dem etwas daran liegt, dass Ihnen nichts
zustößt. Halten Sie sich raus aus Dingen, die Sie nicht
verstehen, verrichten Sie Ihre Arbeit in Quantico und gehen Sie
Agent Mulder aus dem Weg. Seine Arbeit bei den X-Akten ist nichts
weiter als Zeitverschwendung.
Scullys Blick fiel auf ein Auto, das um die Ecke bog und in ihrer
Nähe zum Stehen kam. Sie konnte erkennen, dass ein Mann darin
saß, der Mulder sein konnte und entschied sich auch auf die
Gefahr eines Bluffs hin, dass das ihre Chance sein konnte diesem
Fremden zu entkommen.
Das können Sie ihm gerne selbst sagen, antwortete
sie daher und nickte in die Richtung des silbernen Fords, dessen
Scheinwerfer im selben Moment ausgingen.
Als Mulder aus dem Wagen ausstieg sah er sofort, dass etwas nicht
stimmte. Er sah den Ausdruck auf Scullys Gesicht und die
Pizzakartons auf dem Boden. Doch als er näher auf die beiden
zukam, drehte sich der Fremde an Scullys Seite von ihr weg.
Er warf ihr einen letzten drohenden Blick zu.
Denken Sie daran, dass Sie eine Zukunft haben. Und eine
Familie.
Das waren seine letzten Worte bevor er sich in Bewegung setzte
und sie stehen ließ. Seine Schritte waren fast lautlos und
Scully sah ihm nach. Er schien geradezu zu schweben und seine
schwarze Gestalt verlor sich konturenlos im Dunkel der
Nachbarschaft.
Die Straßenlaternen flackerten und Scully drehte sich zu Mulder
um, der in diesem Moment vor ihr zum Stehen kam. Gemeinsam
blickten sie noch einmal in die Richtung, in die der Fremde
verschwunden war.
Aber es war nichts mehr von ihm zu sehen, als hätte er sich in
Luft aufgelöst.
Bei Ihnen scheinen sich die
männlichen Besucher ja die Klinke in die Hand zu geben,
versuchte er zu scherzen als er sah, dass es sich offenbar um
nichts allzu Ernstes gehandelt haben konnte.
Doch Scully sah das anscheinend ganz anders, denn sie starrte ihn
böse an.
Ehrlich gesagt schätze ich solche Besuche überhaupt
nicht. Und bis ich Ihnen über den Weg gelaufen bin, bin ich
davon auch verschont geblieben.
Der stählerne Griff des Mannes hatte einen dumpfen pulsierenden
Schmerz in Scullys Oberarm hinterlassen.
Hat er Ihnen denn gedroht? fragte Mulder nun doch ein
wenig besorgt nach, als er merkte wie verstört sie zu sein
schien.
Doch sie wandte den Blick von ihm ab, in die Finsternis, in der
der Mann verschwunden war, mit einem Ausdruck von Angst und Zorn
in ihrem Gesicht.
Es war bei ihm an der Tagesordnung, dass er von Gestalten wie
dieser heimgesucht wurde und er konnte sich kaum noch daran
erinnern, was für einen Schreck ihm das beim ersten Mal
eingejagt hatte.
Unsanft stieß Scully gegen seine Schulter, als sie sich
wegdrehte und an ihm vorbei auf ihre Wohnungstür zuging.
Ich weiß überhaupt nicht, warum ich mich auf Sie einlasse,
brummte sie und suchte ihren Hausschlüssel unter den zahlreichen
Schlüsseln an ihrem Bund.
Ich weiß ja nicht einmal, in was für Angelegenheiten Sie
da verwickelt sind. Irgendeinen Grund muss es ja schließlich
haben, dass man Ihnen diese düstere Abteilung im Keller
zugewiesen hat.
Nun wurde auch Mulder unsanfter und blieb unter ihr auf dem
Treppenabsatz stehen. Mittlerweile waren sie beide von dem leisen
aber steten Regen völlig durchnässt, aber es war ihnen egal,
weil sie viel zu aufgewühlt waren. Gereizt erhob er seine Stimme
und sah zu ihr auf.
Natürlich, den hat es. Weil ich unbequem bin. Weil ich
meine Nase in Dinge hineinstecke, die niemanden etwas angehen.
Die im Verborgenen bleiben sollen damit dort in der Dunkelheit
ein Netz aus Lügen gewoben werden kann, in dem sich nach und
nach die gesamte Menschheit verstrickt bis wir an unserer eigenen
Gewissenlosigkeit zugrunde gehen.
Er holte Luft und merkte, dass seine Impulsivität mit ihm
durchgegangen war, dass das, was er sonst immer zurückhielt,
einfach aus ihm heraus gebrochen war.
Scully sah ihn entgeistert an.
Sie klingen vollkommen verrückt, wissen Sie das?
antwortete sie schließlich nüchtern.
Das Regenwasser tropfte von ihren Wimpern in ihre Augen.
Mulder stand noch immer eine Stufe unter ihr. Er wusste nicht
warum er tat, was er tat, aber vielleicht sehnte er sich einfach
nur zu sehr nach jemandem, der ihm zuhörte.
Dana, Sie können mich jetzt zurückweisen, ich habe
überhaupt kein Interesse Sie von irgendetwas zu überzeugen oder
Sie in etwas hineinzuziehen. Aber wenn Sie wirklich wissen
wollen, worum es bei diesen Fällen geht, dann hören Sie sich
nur dieses eine Mal an, was ich zu sagen habe. Wenn Sie danach
immer noch der Ansicht sind, dass nichts an meiner Regierungstheorie
dran ist und Sie sich lieber aus meinen Spinnereien heraushalten
möchten, dann können Sie gerne in Ihr kleines isoliertes Labor
in Quantico zurückkehren und Karriere machen.
Es lag eine tiefe Resignation in seiner Stimme, als er dort vor
ihr stand und zu ihr sprach als wäre er es gewohnt, dass ihm
niemand glauben wollte.
Aber nicht deswegen, sondern weil sie beide bis auf die Haut
durchtränkt waren, öffnete sie schließlich ihre Tür und ließ
ihn herein.
Kommen Sie schon, sonst wachsen Ihnen noch Schwimmhäute
zwischen den Fingern.
Sie hatte sich von dem Schreck, den der Mann in Schwarz ihr
eingejagt hatte, einigermaßen erholt und begann nun unter ihrer
nassen Kleidung zu frieren.
Sie schaltete ihr Wohnzimmerlicht an und merkte, dass Mulder
sofort zu den Jalousien lief um sie zu schließen. Doch sie ließ
ihn müde gewähren und verschwand in ihrem Badezimmer. Irgendwo
hatte sie doch noch den Bademantel ihres Ex-Freundes herumliegen.
Als sie ihn gefunden hatte, ging sie zurück ins Wohnzimmer und
drückte Mulder einen Stapel Handtücher und den Bademantel in
die Hand.
Hier, Sie können sich in meinem Bad erst einmal frisch
machen, ich setze in der Zeit einen Tee für uns auf.
Mulder tat wie ihm geheißen und pellte sich in ihrem Badezimmer
aus seinen nassen Klamotten um sich in den flauschigen hellblauen
Bademantel einzukuscheln, der interessanterweise exakt seine
Größe hatte.
Als er die Badezimmertüre öffnete, erschrak er, denn offenbar
hatte sie schon sehnsüchtig darauf gewartet sich ebenfalls ihrer
nassen Kleidung zu entledigen und drängte sich mit einem Stapel
frischer Kleidung an ihm vorbei.
Tee ist in der Küche, machen Sie es sich bequem.
Damit verschloss sie die Badezimmertür vor ihm, drehte den
Schlüssel im Schloss um und schlich sich durch ihre Wohnung in
ihre Küche, nicht ohne einen unerlaubten Blick in ihren
Kühlschrank zu werfen.
Der Inhalt bestätigte das Bild, das er von ihr hatte: Sie war
eine viel zu vernünftige Frau.
Hätte er ihr Eisfach auch noch geöffnet, hätte er dieses
Urteil beim Anblick der zahlreichen Ben & Jerrys
Jumbobecher sicher zurückgenommen.
Sie entschied sich, sich unter der Dusche schnell aufzuwärmen
und bemühte sich wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Allerdings fiel ihr das angesichts der vergangenen Wochen sehr
schwer. Sie wusste nicht einmal, was sie mit diesem Mann in ihrem
Wohnzimmer anstellen sollte. Sie hatte die Aktenmappe gesehen,
mit der er hergekommen war. Natürlich wollte sie die Wahrheit
hinter all diesen Ungereimtheiten erfahren. Aber sie
befürchtete, dass nicht ein einziges Beweisstück
darin in der Lage sein würde sie in irgendeiner Weise davon zu
überzeugen, dass Mulder mehr wusste als sie.
Das warme Wasser lief beruhigend über ihren durchgefrorenen
Körper und mit geschlossenen Augen legte sie den Kopf in den
Nacken und atmete die feuchte heiße Luft um sich herum ein.
Sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Weil er ihr leid tat.
Und weil sie ihn mochte.
Aber das war es auch. Sie würde nicht mit ihm kooperieren. Nach
diesem Abend würden sich ihre Wege trennen und sie würde
herausfinden müssen, ob sie mit der Informationspolitik des FBI
auf die Dauer zurechtkommen würde oder nicht. Sie befürchtete,
dass sie das nicht schaffen würde, weil es ihrer Natur
widerstrebte.
Aber hatte sie eine Wahl?
Als sie frisch angezogen und mit einem
Handtuch um ihren Kopf gewickelt ins Wohnzimmer zurückkam,
musste sie schmunzeln. Denn Mulder hatte in der Zwischenzeit den
Inhalt seiner Aktenmappe überall auf ihrem Couchtisch verteilt
und war offensichtlich so sehr darin vertieft gewesen, dass er
regelrecht zusammenzuckte, als sie sich ihm näherte.
Ist hier irgendwo noch ein Platz für mich? fragte
sie und sah belustigt auf den Stapel Photos auf ihrem Sofa.
Hastig räumte er die Bilder beiseite.
Er fühlte sich unwohl, weil er unter dem Bademantel fast nackt
war, während sie in Alltagskleidung geschlüpft war. Dadurch
fiel ihm erst jetzt auf wie attraktiv sie eigentlich war. Und das
wiederum ließ ihn sich noch unwohler in seiner spärlichen
Garderobe fühlen.
Ich habe Ihre Sachen auf die Heizung gelegt, somit müssten
sie schnell trocknen, versuchte sie seine Unsicherheit
aufzufangen und ließ sich mit ihrer Teetasse neben ihm auf der
Couch nieder.
Also, Agent Mulder. Was haben Sie mir zu meiner verbrannten
Leiche vom 9. März zu sagen? legte sie sogleich los als
sie den ersten Schluck ihres Tees genommen hatte.
Innerhalb von fünf Minuten hatte er es tatsächlich geschafft,
sie mit seinen Theorien in den Bann zu ziehen und sie folgte
interessiert, aber nicht ohne Skepsis jedem seiner Worte. Immer
wieder erhellte sich ihr Gesicht unter einem Schmunzeln oder
einem Einwand, den er jedoch jedes Mal rechtzeitig aufhalten
konnte, indem er sie einfach nicht zu Wort kommen ließ.
Als er fertig war, lehnte er sich selbstgefällig und vollkommen
außer Atem zurück und trank seinen lauwarmen Tee in einem Zug
leer.
Sie glaubte fast, dass er das hier für eine Art Wettbewerb hielt
und fühlte sich herausgefordert.
Scully verdaute diese Informationen noch einen Moment lang. Sie
wurde den Eindruck nicht los in einen Kaninchenbau gefallen zu
sein und sich am anderen Ende des Spiegels wieder zu finden.
Also, wenn ich Sie recht verstehe, dann sind Sie der
Ansicht, dass meine Leiche vom 9. März Opfer von Spontaner
Selbstentzündung geworden ist. Und Sie glauben, dass die Ursache
dieses Phänomens irgendetwas war, das das elektrische
Spannungsfeld dieses Opfers für den Bruchteil einer Sekunde lang
so durcheinander gebracht hat, dass es zu einem Kurzschluss kam,
der die Initialzündung gesetzt hat? Und als Ursache dieser
Änderung des Spannungsfelds ziehen Sie ein wandelndes
Energiefeld im Sinne eines Geistes vor?
Scully sah ihn an, in der Hoffnung ihn falsch verstanden zu
haben.
Doch Mulder blieb ganz entspannt. Offenbar hatte sie also doch
richtig gehört. Sie holte tief Luft.
Agent Mulder, bei allem Respekt, aber ich halte das für
vollkommenen Unsinn.
Sie musste sich ein Lachen verkneifen und stützte ihren Kopf in
ihre Hand. Er lachte mit, weil ihr Lachen einfach ansteckend war.
Ja, aber es ist die einzige Lösung für diesen Fall.
Scully schüttelte den Kopf.
Das ist nicht ganz richtig. Die Erklärungen sind alle da.
Nur dadurch, dass durch den Brand sämtliche Spuren vernichtet
wurden, ist es uns eben bisher nicht möglich gewesen über
diesen Fall mehr herauszufinden. Was aber nicht heißt, dass es
nicht doch eine ganz logische einfache Lösung für diesen
Todesfall gibt. Aber das, was Sie vorschlagen, kann ich auf
keinen Fall in einen Bericht schreiben.
Wieso nicht? Sie müssen ja nicht den Geist nicht
erwähnen.
Scully sah auf ihre halbleere Tasse.
Es tut mir leid. Aber das trotzt einfach jeglichen Regeln
der Biophysik.
Und was ist mit dem aktuellen Fall? Wäre es nicht auch
einfach die logischste Erklärung, dass eines der Geräte kaputt
ist, oder irgendein Reagenz nicht richtig pipettiert worden ist?
Gibt es nicht unendlich viele rationale Erklärungen, jenseits
des unvorstellbaren und doch sind die nahe liegendsten Antworten
oft eben gerade die, die so phantastisch erscheinen?
Sie legte die Stirn in Falten. Sie halten es für nahe
liegend, dass ein Körper einfach aus sich selbst heraus in
Flammen aufgeht?
Nicht unbedingt nahe liegend, aber elegant und simpel.
Damit blickte er auf das goldene Kreuz, das zwischen ihren
Schlüsselbeinen im warmen Licht ihrer Wohnzimmerlampe
schimmerte. Es gibt Leute, die würden auch den Glauben an
Gott als elegant und simpel bezeichnen, drang seine Stimme
sanft und herausfordernd an ihr Ohr.
Scully fühlte sich ertappt und blickte betreten zur Seite. Sie
musste selbst zugeben, dass ihr Glaube an Gott nicht zu ihrer
sonst so strikt-rationalen Einstellung passte. Aber ihr daraus
einen Strick zu drehen empfand sie als unfair.
Ich bin lediglich das Produkt meiner Kindheit. Ich war
Klosterschülerin, müssen Sie wissen.
Sie reagierte verwirrt auf seinen merkwürdigen Blick und das
schelmische Lächeln, das sich auf seine Lippen schlich als er
das hörte.
Ihre Augenbraue schnellte hoch. Angriff war ihre beste
Verteidigung und sie sah ihn herausfordernd an.
Und Sie, Agent Mulder? Hat Ihr Glaube an all diese
Mysterien vielleicht auch einen Grund, der tief in Ihrer Kindheit
verwurzelt ist?
Stille trat ein. Und ein kühler Luftzug streifte durch den Raum.
Scully hatte das Gefühl, sie hätte damit eine Saite in Mulder
zum Schwingen gebracht, die er die ganze Zeit bemüht gewesen war
still zu halten. Ein Schatten huschte über sein Gesicht,
verdunkelte seinen Blick und er versteifte sich.
Scully wurde unsicher und rutschte unruhig auf dem Sofa umher.
Nervös strich sie sich über den Nacken und betrachtete
aufmerksam die Gefühlsregungen auf seinem Gesicht.
Aber Mulder war nicht der Mann, der sich von Offenheit
einschüchtern ließ. Sie hatte gefragt und er wusste, dass sie
die Antwort hören wollte. Er wusste, er konnte es ihr erzählen.
Und er hatte die Geschichte schon etliche Male erzählt.
Also tat er es ein weiteres Mal. Und sah wie sich sämtlicher
Spott, der über ihnen in der Luft gehangen hatte, in Rauch
auflöste und wie sie von Minute zu Minute stiller wurde.
Scully kam es irgendwie vor als hätte sie diese Geschichte schon
einmal gehört.
Es schmerzte sie den Verlust in seinen Augen zu sehen und seine
tiefe Hoffnungslosigkeit, seine Schwester niemals wieder zu
finden. Es erklärte die tiefe Traurigkeit, die ihn umgab und die
sie so anzog.
Jene Gefühle, die der Traum in ihr
hervorgebracht hatte, lebten wieder auf als hätte jemand ein
Licht in diese Ecke ihrer Seele getragen.
Sie fühlte wieder die Angst und Verzweiflung.
Und diese unstillbare Sehnsucht in ihrem Herzen.
Die Erinnerung an einen Duft kam in ihr auf und paarte sich mit
der Wahrnehmung dieses selben Duftes, der von dem Mann ihr
gegenüber ausging. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich selbst
neben diesem Mann liegen, an dessen Nasenspitze sie ihre eigene
zärtlich rieb. Bevor sie dieses Bild jedoch festhalten konnte,
war es auch schon wieder verblasst.
Gänsehaut prickelte auf ihren Armen und kroch ihren Nacken
empor.
Eine tiefe durchdringende Stimme in ihrem Inneren sagte ihr, dass
dies der Ruf ihres Schicksals war, dem sie zu folgen hatte.
Doch aus ihrer Erinnerung hallte auch eine Warnung wider. Eine
Warnung, dass sie an einer Weggabelung stand, die bedeuten
konnte, dass sie alles verlieren würde, was sie hatte, wenn sie
diesem Mann aus ihrem Traum, der nun leibhaftig vor ihr saß, in
seine Welt folgte. Die Sehnsucht in ihrem Herzen aber spielte mit
ihr, flüsterte ihr ein, dass das, was sie gewinnen würde, wenn
sie sich ihm zuwandte, noch viel größer war als alles, was sie
in dem Leben, das sie nun führte, erreichen würde.
Dieser Mann faszinierte sie. Denn seine grenzenlose Begeisterung
für das Paranormale schien repräsentativ für die Intensität
zu sein, mit der er lebte. In seinem Inneren schienen sich Dinge
abzuspielen, die sie nur erahnen konnte.
Sie begann nun ihn zu verstehen, hinter die Fassade eines
scheinbaren Exzentrikers zu blicken, der im Grunde genommen nur
ein zutiefst verletzter und verlorener Mensch war, der versuchte
nicht durchzudrehen, weil man ihm jemanden genommen hatte, den er
geliebt hatte.
In ihr rebellierte eine Armee, verdrehte ihr den Kopf und trieb
ihr heiße Röte auf die Wangen.
Ist alles in Ordnung? hakte Mulder nach als er
merkte, dass sie sich sichtlich unwohl fühlte.
Scully schluckte ihre Gefühle herunter und nickte.
Ihre Augen glänzten feucht.
Wer war dieser Mann? Sie starrte ihn geistesabwesend an und
merkte gar nicht, dass er diesen Blick erwiderte und seinerseits
in ihren Augen eine Antwort darauf suchte, wer sie war und warum
sie seine Worte so aus der Fassung brachten.
Seine Geschichten klangen so phantastisch, so fremd. Sie stammten
aus einer Welt, mit der sie sich bisher nie beschäftigt hatte
und er stellte Fragen, deren Antworten außerhalb ihrer Realität
lagen. Es stieß sie ab und zugleich weckte es ihren
Forscherdrang.
Wenn sie sich auf ihn einließ mit ihm zusammenarbeitete, wusste
sie, dass sie dieses Spiel ein paar Wochen, vielleicht Monate
treiben würde. Aber dass darauf ihre Kündigung folgen würde,
leuchtete ihr ebenfalls ein. War das die glorreiche Karriere, die
sie ihrem Vater in trotzigem Zorn versprochen hatte, als sie ihm
von ihrem Wechsel zum FBI erzählt hatte?
Sie kannte sich. Sie wusste, dass sie schwach wurde, wenn es um
Abenteuer ging. Das hier würde ein Abenteuer werden und sie
wusste viel zu wenig über Mulder und über diese Fälle, an
denen er arbeitete, um abschätzen zu können wie tief diese
Abenteuer reichten und wie gefährlich sie waren.
Aber der Fremde vor ihrem Haus hatte ihr einen Vorgeschmack davon
gegeben.
Und in ihrem Traum war Melissa getötet worden. Es gab sicherlich
Opfer, die zu bringen man bereit war, wenn man wusste, dass man
den richtigen Weg gewählt hatte. Aber sie war nicht bereit
dafür. Ihre Suche nach Antworten auf dieser Welt war eine andere
als seine. Und sie sah, was der Verlust seiner Schwester mit
Mulder angerichtet hatte: Es machte einen fanatisch.
Doch all diese Gedanken entsprangen ihrer Vernunft, ihr Herz
schien ihr etwas ganz anderes mitteilen zu wollen.
Scully wusste, es wäre töricht einer Intuition zu folgen, die
einem Traum entsprang.
Und doch tat sie es als sie Mulders Blick mit ihrem gefangen
hielt.
Mulder spürte, dass sie innerlich einen Kampf ausfocht. Er hatte
noch nie zuvor erlebt, dass seine Geschichte jemanden so berührt
hatte wie sie. Er war am Ende seiner Erzählung angekommen und
wusste, dass es Zeit wurde sie aufatmen zu lassen.
und dann habe ich bei meiner Arbeit als Profiler
Zugang zu den X-Akten gefunden. Keine Ahnung wieso man mich
dorthin hat abwandern lassen. Eigentlich hatte ich einen ziemlich
guten Ruf in der Profiler-Abteilung. Aber vielleicht passte es
gerade in ihr Budget
führte er seinen Gedanken zu
Ende und verstummte. Er stand noch so sehr am Anfang seiner
Suche, dass er nicht wusste inwiefern das FBI in dieses Netz aus
Lügen verstrickt war, das aufzudecken sein größtes Ziel war.
Als er sah, dass sie überhaupt keine Notiz davon genommen hatte,
dass er fertig war, grinste er.
Hey, sind Sie noch wach?
Ihre Augen lösten sich als erste aus ihrer Starre, orientierten
sich einen Moment an seinen Lippen und fanden erneut ihren
Fixpunkt in seinen Augen.
Und Ihre Eltern haben nie mit Ihnen über diese Sache
geredet? fragte sie fassungslos.
Mulder schüttelte den Kopf und sah sie verbittert an. Ich
komme aus einer Familie, in der Schweigen die bevorzugte
Kommunikationsform war.
Scully konnte nicht anders und merkte wie ihre Hand nach seiner
griff und sie fest drückte.
Sie wusste nicht, ob diese ganze Alien-Entführungsgeschichte, an
die er zu glauben vorgab, nicht einfach nur seine Art war diese
traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Aber er schien so
überzeugt von seinen Theorien zu sein, dass es sie fast
ansteckte. Und ihr fehlten die Worte für die Ungerechtigkeit,
die ihm widerfahren war.
Als sie merkte, dass er ihre Hand nicht zurück drückte, ließ
sie sie wieder los und sammelte sich.
Sie glauben an all das so sehr wie ich meinem Glauben an
Gott nachgehe, nicht wahr?
Mulder nickte und schüttelte zugleich den Kopf. Ich glaube
daran so sehr wie Sie Ihrer Wissenschaft vertrauen.
Scully verstand, sie wusste, dass dieser Glaube seine einzige
Hoffnung war. Im Grunde genommen sind viele der Phänomene,
an die Sie glauben, nichts anderes als eine Nische, in der die
Wissenschaft noch keinen Fuß fassen konnte, weil die Fakten
nicht greifbar genug sind, um daran forschen zu können.
Mulder lächelte. Das ist eine sehr schöne Umschreibung
dafür, dass Sie der Meinung sind, dass diese ganze
Parapsychologie im Grunde totaler Schwachsinn ist.
Scully lächelte zurück und sah verlegen auf ihre mittlerweile
leere Tasse, die sie auf dem Couchtisch abstellte.
Er folgte ihrer Bewegung und stellte seine Tasse ebenfalls dort
ab.
Sie blieben nebeneinander sitzen und sahen einen Moment lang auf
die Papierflut auf ihrem Tisch.
Scully atmete hörbar ein.
Ich lehne all das nicht ab, verstehen Sie. Ich vertraue nur
meinem Grundsatz, dass ich nur an das glaube, was ich auch
beweisen kann. Gott ausgenommen, fügte sie
hinzu. Sie sah ihn an. Allerdings habe ich die Dinge, die
Sie erlebt haben, nicht mit eigenen Augen gesehen. Und daher kann
ich Ihre Ansichten nicht verurteilen. Ich muss sie respektieren.
Genau so wie ich erkennen musste, dass es in der Tat zumindest
bei diesen Fällen nicht mit rechten Dingen zugeht.
Mulders Augen blitzten auf und sie sah wie sich sein Mund zu
einem zarten Lächeln verzog.
Scully holte erneut Luft, bevor sie diesem Mund verfallen konnte.
Aber ich bin weit davon entfernt Ihnen zu folgen, Agent
Mulder.
Er vollendete sein Lächeln und sie spürte wie sein Blick ihr
unzählige kleine Stiche versetzte, die irgendwo einen
Sinneseindruck zwischen Schmerz und Erregung trafen.
Er nickte und schwieg. Weil er wusste, dass sie ihm bereits
folgte. Allerdings auf einer Ebene, auf der er gar nicht erwartet
hatte, dass sie sich an diesem Abend näher kommen würden.
Sie sahen sich an und ergaben sich der
stillen Erregung, die sich langsam in ihnen beiden ausbreitete
und Ausdruck dieser fast überirdischen Anziehung war, die von
ihrer Gegensätzlichkeit ausging.
Die Spannung zwischen ihnen war kurz davor die Luft zu
zerreißen.
Scully versuchte gegen den Impuls in ihr anzugehen, versuchte das
Aufbegehren in sich zu verdrängen obwohl sie wahrnahm, dass sie
sich in diesem Moment weniger verunsichert als vielmehr
aufgehoben fühlte.
Für jemanden wie mich klingt die Arbeit mit den X-Akten
viel zu sehr nach einem Abenteuer versuchte sie sich für
ihre Zurückhaltung zu entschuldigen und merkte zugleich wie sehr
sich das, was sie sagte und das, was sie mit ihrer Körpersprache
zum Ausdruck brachten, widersprachen.
Mulder verstand, dass jemand, der all das nicht gesehen hatte,
was er in seinen Träumen Nacht für Nacht zu verarbeiten
versuchte, nicht abschätzen konnte welcher Wahrheit er mit
seiner Arbeit nachging. Dass es dabei um alles ging. Dass es
dabei um eine Realität ging, die die Welt, in der sie lebte, mit
einschloss.
Er löste den intensiven Blickkontakt zu ihr wieder und
pflichtete ihr bei während sein Blick die Schatten studierte,
die ihre Zimmerpflanzen an die Wand zeichneten.
Es ist ein Abenteuer. Es ist eine Einbahnstraße, die immer
enger zu werden scheint je weiter man vordringt und am Ende weiß
man nicht, ob einen das Licht oder das Dunkel erwartet. Man weiß
nicht, ob die Wahrheit, die man sucht, einem die Wahrheit über
das Gute oder über das Böse verrät. Man weiß nicht einmal
mehr, ob es eine Trennung dazwischen gibt.
Scully bekam Angst, weil in seiner Stimme eine kompromisslose
Endgültigkeit lag, die ihr klarmachte, dass der Fremde auf der
Straße seine Warnung ernst gemeint hatte. Dieser Mann neben ihr
hatte sich auf einen Weg begeben, den man nicht alleine gehen
durfte, wenn man bei Verstand bleiben wollte. Den man aber
zugleich alleine gehen musste, weil man nur gewinnen konnte, wenn
man nichts zu verlieren hatte.
Sie begriff nicht welcher Wahrheit er auf der Spur war, was er
damit meinte, dass er glauben wolle. Aber sie glaubte langsam zu
verstehen, dass es ihm nicht nur darum ging irgendwelche
Regierungsverschwörungen aufzudecken oder seltsamen Phänomenen
auf den Grund zu gehen. Ihm ging es um viel mehr. Er wollte in
der Grauzone ihrer aller Existenz herumwühlen und Schwarz von
Weiß trennen. Er wollte wissen, wo zwischen all den Lügen und
all dem Schlechten etwas verborgen war, das einen Sinn ergab. Er
wollte eine Antwort darauf finden, ob es überhaupt etwas gab, an
das man glauben konnte. Und damit folgte er lediglich einem
tiefen Instinkt nach Erkenntnis, demselben Instinkt, den sie auf
eine ganz andere Weise folgte. Aber obwohl er einen so anderen
Weg als sie gewählt hatte, einen so viel unbequemeren, schien er
mit seinem Leben auf irgendeine Art zufrieden zu sein.
Er wirkte einsam. Verloren. Aber unheimlich lebendig. Und er
schien vollkommen in sich zu ruhen.
Wie konnte dann sein Weg so falsch sein?
Sie sah ihn an und ignorierte wieder ihre innere Stimme. Ich
glaube, für diese Einbahnstraße, von der Sie reden, muss man
geboren sein, schloss sie ihre Unterhaltung ab und gab ihm
damit zugleich zu verstehen, dass sie noch immer der Meinung war
keine Kooperation mit ihm riskieren zu können. Aus einer
Vielzahl von Gründen.
Mulder begriff, dass das ihr letztes Wort war.
Traurig wagte er einen letzten Versuch und sah sie wieder an,
seine Augen glühten dunkel auf.
Was ist dann der Unterschied zwischen uns, dass Sie nicht
für diesen Weg geboren sind?
Scully lächelte, weil sie keine Lust mehr hatte noch weiter
darüber zu sprechen, ihr Kopf tat weh, sie war übermüdet und
diese Spannung zwischen ihnen zehrte an ihren Nerven.
Dass ich nicht verrückt bin, war ihre Antwort und
gleichzeitig legte sie ihm in einer Geste der Entschuldigung ihre
Hand auf den Arm.
Sie war ihm in dieser einen Stunde ihres gemeinsamen Gesprächs
so nahe gekommen, dass sie das Gefühl hatte ihm bereits jetzt
schon viel zu sehr in seine Welt gefolgt zu sein, als sie
vorgehabt hatte.
An dem Lächeln, das sich auf ihr Gesicht schlich, merkte sie,
dass sie mit ihm flirtete und blickte auf ihre Hand, die an
seinem Arm zu kleben schien.
Als er fühlte wie kalt ihre Finger waren, fiel auch sein Blick
darauf und wanderte zu ihrem Gesicht zurück, nicht ohne einen
Moment auf ihren Lippen zu verweilen.
Er war sich sicher, dass sie ihn zu sich eingeladen hatte, weil
sie tatsächlich interessiert an seiner Arbeit gewesen war. Und
er war sich auch sicher, dass er nur im Bademantel neben ihr
saß, weil es geregnet hatte und seine Sachen klitschnass gewesen
waren. Aber er war sich überhaupt nicht sicher, was diese Hand
auf seinem Arm und der sehnsüchtige Blick in ihren Augen zu
bedeuten hatten.
War sie sich ihrer Wirkung auf ihn vielleicht gar nicht bewusst?
Waren das Zeichen, die auszusenden sie überhaupt nicht
beabsichtigte?
Er blieb regungslos neben ihr sitzen und wartete lauernd darauf,
was sie als nächstes tun würde um aus ihr schlau zu werden.
Aber Scully wusste genau, was sie tat. Und
sie verstand sich selbst nicht.
Es war überhaupt nicht ihre Art. Sie kannte diesen Mann doch
kaum. Und er hatte sie einfach mitgerissen. Er hatte ihren
Verstand nicht überzeugen können. Aber er hatte sie tief in
ihrem Inneren erreicht und berührt.
Und je länger sie dort schweigend und unsicher nebeneinander
saßen, desto weniger Worte schienen sie zu brauchen, um diesen
Moment zu begreifen. Sie ließ es auf sich wirken und versuchte
sich dem zu öffnen, was dort in ihr hochkochte.
Er erregte sie mit jedem Blick den er ihr zuwarf. Die
Leidenschaft, die er in seinem Innern trug, schien geradezu von
seinem Körper ausgestrahlt zu werden und auf sie überzugreifen.
Ihre innere Stimme rief sie laut schreiend zurück, als sie
merkte wie ihr Körper sich verselbständigte und der Sehnsucht
nachging, die ihr dieser Traum in die Seele eingraviert hatte.
Sie hielt noch immer seinen Arm fest, als sie sich seinen Lippen
näherte.
Sie wollte wissen, ob sie sich genau so anfühlten wie in ihrem
Traum. Ob es wirklich so sein würde als würde sie durch die
Sterne fallen um auf den Wolken zu landen.
Er wich nicht zurück und fühlte die Reaktionen seines Körpers
auf ihre Annäherung. Sein Atem beschleunigte sich. In dem
Moment, in dem sie nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt
zögernd innehielt, war er ihr bereits verfallen.
Überrascht von sich selbst, weil sie eigentlich überhaupt nicht
die Art Frau war, mit der er normalerweise Zärtlichkeiten
austauschte, merkte er wie das Herz in seiner Brust unruhig und
ungeduldig zu stolpern begann. Ein heißes Glühen hatte begonnen
sich durch seinen Körper fortzupflanzen.
Er legte seine Hand an ihren Hals, der sich warm und weich an
seine Finger schmiegte. Ihre Halsschlagader pochte sanft aber
rasend schnell gegen seine Handfläche.
Erst jetzt, als sie ihm so nah war, konnte er die Sommersprossen
auf ihrer Haut erkennen, die ihrem porzellanartigen Gesicht
plötzlich eine individuelle, fast zerbrechliche Note verpassten.
In ihren Augen hatte er sich bereits bei ihrem ersten Treffen im
Aufzug verloren und nun sah er sich darin selbst wie er der
Anziehung, die von ihr ausging, nachkam und entgegen seinen
Prinzipien einer Frau, die er kaum kannte, einen Kuss gab.
Ihre Lippen fühlten sich so weich an und sie duftete so gut,
dass es ihm fast unwirklich erschien, weil er eigentlich gar
nicht wusste, wen er da küsste.
Aber Scully wusste in diesem Moment, dass der Traum Recht gehabt
hatte. Atemlos löste sie sich von ihm, nahm ihre Hand von seinem
Arm, um sie an seine Wange zu legen und gab ihm erneut einen Kuss
nur um sich noch einmal schwerelos zu fühlen. Doch damit hatte
sie endgültig ihren inneren Kampf verloren und ließ sich von
der angenehmen Schwäche der Versuchung zu verfallen treiben.
Er wurde nervös, wusste nicht mehr, was er als nächstes tun
sollte und war ihr völlig ausgeliefert, als sie ihre Finger
durch sein volles braunes Haar gleiten ließ und sanft über
seinen Körper streichelte als wäre er das Kostbarste, das sie
je berührt hatte. Sein Verstand schien fast durchzudrehen als er
merkte, dass sie ihm plötzlich sehnsüchtig den Bademantel
öffnete und ihre Hände gierig seinen Oberkörper herab fuhren.
Sie schrak vor sich selbst zurück als sie sah, was sie zu tun im
Begriff war und hielt inne.
Fragend sah sie ihn an und suchte in seinem Gesicht nach einer
Antwort für ihr merkwürdiges Verhalten.
Sein Blick aber verströmte honigsüße Wärme und zärtlich zog
er sie in einem neuen Kuss wieder zu sich, während er ihre Hand,
die an dem Knoten seines Bademantels zum Liegen gekommen war,
festhielt und davon abhielt zu schnell voranzuschreiten. Er
löste den Turban auf ihrem Kopf, wodurch eine liebliche
Duftwolke ihres Pfirsich-Shampoos seine Sinne betäubte und sie
fühlte die kalten noch immer feuchten Strähnen an ihrem Hals
kleben.
Sanft stupste sie mit ihrer Nase seine an und genoss es ihn
einfach nur zu fühlen, weil er real war. Seine Bartstoppeln
kratzten rau an ihrer Wange und unter ihren Lippen, aber seine
Hände und sein Mund fühlten sich so weich an.
Seine Berührungen versetzten sie geradewegs in ihren Traum
zurück, sie begann zu fühlen, was sie in ihrem Traum empfunden
hatte und wurde überwältigt von der Tiefe dieser Emotionen.
Aus irgendeinem Grund fühlte sich aber das, was sie taten,
richtig an, vertraut. Es fühlte sich so richtig an, dass es
ihnen gar nicht schnell genug gehen konnte und er es schließlich
war, der mit dem fortfuhr, was sie begonnen hatte und ihr den
Pullover auszog.
Seine Lippen wanderten hungrig über ihren duftenden Körper, auf
ihrer warmen Haut entlang, über ihre Rundungen hinweg. Er hatte
noch nie so schnell so intensiv für jemanden empfunden und war
überrumpelt von der Unsicherheit, die sich in ihm ausbreitete.
Diese Unsicherheit führte dazu, dass er alles, was er tat, mit
liebevoller Vorsicht tat, weil er sie nicht verschrecken wollte.
Er war bisher eigentlich immer recht souverän in diesen Dingen
gewesen, aber dieses Mal kam er sich vor wie ein Anfänger und so
ließ er sich leiten von seinen Händen und seinen Lippen, die
offenbar den richtigen Weg wählten, da sie unter ihm förmlich
zu zergehen schien und sich fallen ließ als würde sie ihm mehr
vertrauen als irgendjemandem sonst auf der Welt.
Es kam ihm überhaupt nicht vor, als wäre das ihr erstes Mal.
Es fühlte sich so aufregend und zugleich so routiniert an, als
wüsste sie genau, was er wollte. Selbst, dass er nicht mehr auf
der Couch bleiben wollte, merkte sie und sie erhob sich mit ihm
zusammen um ihn in ihr Schlafzimmer zu führen, nicht ohne seine
Augen auch nur eine Sekunde aus ihrem Blick zu lassen. Ihre
Finger hielten seine fest umschlossen, mit einer Stärke, die
nicht von ihren Muskeln aufgebracht wurde, sondern aus ihrem
Inneren kam.
In der Dunkelheit ihres Schlafzimmers begann er sich wohler zu
fühlen, fand Zugang zu seinem Herzen, zu seinem tiefen Verlangen
nach Nähe und Verständnis und ließ sich in das beruhigende
Gefühl fallen, das sie ihm gab. Es war befreiend so empfinden zu
dürfen, er merkte wie er sich erstmals seit Monaten wieder
lebendig fühlte - und geliebt. Er wusste, dass er sich einer
Illusion hingab, weil sie für ihn gar nicht auf diese Weise
empfinden konnte, doch es war eine täuschend echte Illusion, da
sie ihm tatsächlich das Gefühl gab ihn zu lieben.
Er spürte wie Tränen über seine Wangen liefen, als er die
weiche Haut ihrer Brüste küsste und die zarten Berührungen
ihrer Hände auf seinem Rücken fühlte. Es waren Tränen der
Erregung und Erleichterung, und doch schämte er sich dafür und
schloss die Augen um sie zurückzuhalten. Doch als wären diese
Tränen vollkommen selbstverständlich nahm sie ihren salzigen
Geschmack mit ihren Lippen auf und erlaubte sich ihrerseits ihre
Schwäche, sich ihm vollkommen hinzugeben.
Er liebte sie mit der Intensität eines Menschen, der nicht
wusste, ob es sein letztes Mal war.
Und sie liebte ihn auf eine Weise, wie er es nur aus seinen
Träumen kannte.
All das kam ihr vor wie ein langes unerträglich echtes Déjà
vu, es tat ihr in ihrem Herzen weh und verwirrte sie, weil sich
Traum und Realität in diesen Momenten vermischten. Alles schien
ihr zu entgleiten, geschah wie durch eine unsichtbare Schicht aus
Watte und sie hatte das Gefühl, dem, was geschah, ausgeliefert
zu sein ohne es beeinflussen zu können. Es hatte sie in der
Hand, spielte mit ihr und sie ließ sich schließlich fallen.
In den Kaninchenbau.
Als sie gemeinsam fühlten wie sich ihre Sinneswahrnehmungen zu
überschlagen begannen und auf einen überwältigenden Höhepunkt
zusteuerten, liefen die Bilder ihres Traums vor ihren Augen ab,
wo sie ineinander flossen und sich im Nichts verloren.
Sie krallte sich in seinen Schultern fest, aus Angst er würde
sich im nächsten Moment in Luft auflösen und sie allein
zurücklassen. Zugleich wurde sie von der Angst erdrückt, von
ihm in die Dunkelheit mitgerissen zu werden, die sie sah, wenn
sie zwischen ihren Küssen in seine Augen blickte.
Wie zwei miteinander verschmolzene Sterne fielen sie schließlich
nach einer Explosion von Licht und Energie in sich zusammen und
er ließ sie behutsam in ihr Laken sinken.
Sie fühlte sich nass und klebrig. Und schmutzig. Aber zugleich
fühlte sie sich so ruhig, dass ihr alles egal war und sie an
seinen noch ganz heißen Körper geschmiegt einschlief, weil
diese Sehnsucht in ihrem Herzen zum ersten Mal seit Wochen
verstummt war.
Mulder lag still neben ihr und starrte an
die Decke.
Er versuchte zu verarbeiten, was geschehen war. Und begriff
plötzlich mit der Härte eines Faustschlags, dass sie einen
Fehler gemacht hatten. Denn es drängte sich ihm die schreckliche
Gewissheit auf, dass er etwas gefunden hatte, das seine Suche
nach der Wahrheit erstmals in den Hintergrund stellte, das ihn
zur Ruhe kommen ließ. Er hatte sich zum ersten Mal seit
unendlich langer Zeit geborgen gefühlt. Vollständig. So als
hätten sämtliche Naturgesetze des Kosmos ihr Gleichgewicht in
ihnen beiden gefunden.
Er wusste, sie hätten nicht tun sollen, was sie getan hatten,
weil es zu früh für sie gewesen war. Diese Spannung, die vom
ersten Moment ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen in der
Luft gelegen hatte und die sich nun so explosiv entladen hatte,
war ein Zeichen gewesen. Ein Zeichen dafür, dass es einen Grund
dafür gab, dass sie einander begegnet waren. Aber nun hatte sie
ihn kennen gelernt ohne mit seiner Welt vertraut zu sein, sie
konnte überhaupt nicht verstehen worum es hier ging. Sie hatten
lediglich ihren Hunger aneinander gestillt, waren in ihrer
eigenen Unzulänglichkeit zu begreifen, was zwischen ihnen
vorging, einfach dieser körperlichen Anziehung gefolgt. Er hatte
für diese eine Stunde der Leidenschaft mit ihr die Chance
geopfert, sie wirklich kennen zu lernen.
Er wusste nicht, woher er diese Gewissheit nahm, aber sie
drängte sich ihm auf, als er seine Blicke über ihren zierlichen
nackten Körper schweifen ließ, den er behutsam zudeckte als er
die Gänsehaut auf ihrem Rücken bemerkte. Es war als könne er
durch ihre körperliche Hülle hindurch sehen und in ihrer Seele
lesen, welche Spur er darauf hinterlassen hatte.
Sie war nicht bereit ihm zu folgen, ihr Herz mochte es vielleicht
sein, aber ihr Verstand weigerte sich. Und er wusste wie stark
und scharf ihr Verstand war.
Eine letzte Träne verließ seinen Augenwinkel und tropfte auf
ihr Laken. Mit einem winzigen Funken Hoffnung, dass es doch
irgendwie eine Chance für sie beide gab, schlief er schließlich
auch ein.
Doch als er am nächsten Morgen aufwachte und den Wind leise mit
den Blättern in den Bäumen spielen hörte, wusste er, dass
diese Hoffnung vergebens gewesen war. Denn er war allein.
Wenige Stunden später
Scully hatte ihre Arbeit in Quantico ordnungsgemäß zu Ende
gebracht und hatte ihre wenigen Sachen bereits in einer kleinen
Schachtel neben sich auf dem Beifahrersitz liegen.
Sie betrachtete ihr eigenes Bild im Rückspiegel ihres Wagens und
ließ ihren Blick über die graue Steinlandschaft menschlicher
Zivilisation gleiten. Noch schien die Sonne ein wenig schüchtern
und matt über der Stadt. Die rosafarbenen Kirschblüten
verzierten das klare geometrische Bild der Gebäude, verwirrten
das Auge an jeder Ecke mit ihren weichen Formen und zarten Farben
und verliehen der Stadt mehr Leben als die Gesichter der
umhereilenden Menschen.
In ihrem Auto fühlte Scully sich isoliert von der Welt da
draußen. Der laute Stadtlärm drang kaum an ihr Ohr, der kühle
frische Wind wehte durch die Straßen ohne sie berühren zu
können und niemand nahm Notiz von ihr.
Sie kam sich vor als säße sie außerhalb dieser Welt, als
befände sie sich in einem Traum.
Und woher nahm sie die Gewissheit, dass es nicht so war? Wäre
sie nicht mehr aufgewacht, sie hätte niemals gemerkt, dass sie
das alles nur träumte. Aber woher war diese Welt aus ihrem Traum
gekommen? Und wo war diese Welt jetzt?
War sie noch immer in ihrem Kopf? Würde sie eines Tages
vielleicht dorthin zurückkehren und den Traum weiterträumen?
Fast wünschte sie es sich. Weil Träume keine Konsequenzen
hatten.
Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück.
In ein paar Minuten würde sie Chief Blevins über ihren
Zwischenbericht Rede und Antwort stehen. Und sie würde diese
Gelegenheit zugleich nutzen ihre Kündigung einzureichen.
Sie hatte mit ihrem ersten Augenaufschlag am Morgen verstanden,
dass sie keine gemeinsame Zukunft hatten, dass es ihre einzige
Wahl war diesen Schritt zu tun.
Sie war nicht für diese Art von Kompromisslosigkeit bereit, die
sein Leben forderte. Denn die Art wie er sie geliebt hatte, war
kompromisslos gewesen, leidenschaftlich, endgültig und so
kraftvoll, dass es sie betäubt hatte.
Als ihre Körper eins gewesen waren, hatte sich ein Teil seiner
Seele auf sie übertragen, sie hatte ihn festgehalten und
gefühlt, was in ihm vorging. Und sie hatte Angst davor, weil
seine Welt so surreal war. Es hatte ihr den Atem genommen und den
Verstand geblendet.
Genau wie seine Geschichten.
Diese Nacht hatte zu einem kompletten Kontrollverlust ihres
Lebens, ihrer Seele und selbst ihrer Vernunft geführt.
Sie hatte nun auch im wahren Leben gesehen wer Fox Mulder war und
es hatte ihr gezeigt, dass der Traum auf erschreckende Weise der
Wirklichkeit sehr nahe gewesen war.
Sie wusste ihr Traum war eine Warnung gewesen.
Genau wie der fremde Mann in Schwarz.
Sie würde alles verlieren, wenn sie auf dieser Seite des
Spiegels blieb.
Aber nun, da sie einmal in diese Tiefen hinabgeblickt hatte,
würde sie die Arbeit in Quantico nicht mehr befriedigen können.
Diese drei Wochen hatten ihr einen kleinen Einblick gegeben in
das FBI, das sie bisher nicht gekannt hatte. Denn das FBI war
keineswegs eine Hochburg der Wahrheit und Gerechtigkeit. So
mochte das unten aussehen, in den Bereichen, in denen sie anfangs
gearbeitet hatte.
Doch dort, wo sie nun arbeitete, fühlte sie sich mehr und mehr
wie der Advokat des Teufels. Sie verabscheute die Lügen und die
Verbrechen, auf denen ihre Gesellschaft aufgebaut war.
Aber zugleich war sie realistisch und vernünftig genug zu
wissen, dass ein Kampf dagegen, wie ihn Mulder kämpfte, nicht zu
gewinnen war. Weil Mulder gegen etwas kämpfte, das in der
menschlichen Natur lag. Und weil Mulders Suche nach der Wahrheit
eine Suche nach einem höheren Ziel war, das jenseits der
irdischen Grenzen verborgen lag. Vermutlich war seine Suche das
höchste Ziel, das ein Mensch verfolgen konnte. Aber dieser Suche
konnte sie sich nicht anschließen. Und sie musste es auch nicht.
Weil sie bereits einen Glauben hatte. Und weil es aus der Welt,
in der Mulder lebte, kein Zurück gab.
Sie aber wollte zurückkehren. Zu der Wissenschaft, die den
Menschen nützte, die eine Wahrheit verfolgte, die absolut real
war und an der man nichts verändern konnte. Diese Wahrheit war
dort draußen, unter den Menschen, in der Wirklichkeit. Dort
würde sie wieder eine Welt finden, in der sie zwischen Gut und
Böse unterscheiden konnte und sich auf die richtige Seite
stellen konnte.
Anders als er hatte sie die Möglichkeit zwischen den Wahrheiten
zu wählen. Und sie entschied sich diese sehnsüchtige Melodie
ihrer Seele zu ignorieren und einen Weg zu wählen, auf dem sie
die Kontrolle nicht verlieren würde.
War es Feigheit auf ihre Vernunft zu hören? Oder Stärke?
Sie wusste es nicht.
Als sie eine Stunde später das FBI
Gebäude verließ war sie arbeitslos. Eine arbeitslose Ärztin
mit hervorragenden Zeugnissen und Erfahrungen, die sie in so
kurzer Zeit weiter gebracht hatten als die gesamten 28 Jahre
zuvor.
Ein leeres Gefühl absoluter Freiheit breitete sich in ihr aus.
Ihre azurblauen Augen tasteten lebendig und hungrig nach neuen
Erfahrungen die Welt um sie herum ab.
Dieses stille Begehren in ihrem Herzen, ein Suchen nach etwas,
von dem sie nicht wusste, was es war, war zurückgekehrt in dem
Moment, in dem sie ihren Entschluss getroffen hatte.
Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihr Traum ihr noch etwas
anderes hatte sagen wollen als das, woran sie sich erinnerte.
Aber es war eben nur ein Traum gewesen und offenbar musste sie
riskieren, dass sie sich irrte. Das war nun mal der Nachteil
daran Entscheidungen treffen zu müssen.
Sie blieb stehen als eine zarte Blüte vom Kirschbaum am Rande
des Bürgersteigs geweht wurde und ihr direkt vor die Füße
fiel. Winzige Wassertropfen glitzerten auf den weichen
zerbrechlichen Blütenblättern in der Frühlingssonne. Sie hob
die Blüte auf und drehte sie zwischen ihren Fingern einmal um
ihre Achse. Irgendeine Form sanfter Melancholie sprach aus diesem
Symbol des Neuanfangs der Natur zu ihr und sie drehte sich um, um
das FBI Gebäude ein letztes Mal zu betreten.
Sie wusste nicht genau, was sie tat, aber sie folgte ihrem
Herzen.
Nur noch dieses eine Mal.
Als sie Mulders Büro unbesetzt aber offen vorfand, betrat sie
es. Langsam und ehrfürchtig, wie beim ersten Mal. Sie blieb vor
seinem Schreibtisch stehen, ließ die Blüte sachte auf das
weiche helle Holz des Tischs gleiten und betrachtete nachdenklich
das UFO auf dem I want to believe-Poster.
Ein zärtlicher Schmerz bedeckte von innen ihren Geist, als sie
dieser Welt den Rücken kehrte.
Sie wollte ebenfalls glauben. An eine begreifbare,
kontrollierbare Welt im Diesseits. Ohne Mysterien und ohne
Schicksal.
Und das war es, was sie von Mulder unterschied.
Das hier war sein Leben, seine Suche, die über die Grenzen des
Lebens hinausging, es absorbierte ihn vollkommen.
Sie hatte überhaupt gar keinen Platz darin.
Noch einmal rief sie sich sein Bild ins Gedächtnis um es danach
für immer der Vergangenheit zu übergeben.
In ihr fühlte es sich an als würde das weiße durchsichtige
Porzellan, aus dem sie zu bestehen schien, zerbrechen und doch
war sie sicher, dass sie das Richtige tat, als sie sich
schließlich umdrehte und den Raum verließ.
Mulder betrat nur drei Minuten später sein Büro und nahm sofort
den Duft von Frühlingsblumen war. Er wusste, dass sie dort
gewesen war. Er würde diesen Duft nie wieder vergessen. Als sein
Blick auf die pastellfarbene Blüte auf seinem Tisch fiel, war
ihm jedoch klar, dass sie für immer gegangen war.
Er kannte sie erst seit so kurzer Zeit und doch war er sich
sicher, dass er einen Verlust erlitten hatte, den er nicht in
Worte fassen konnte.
Er fuhr herum, rannte so schnell er konnte zum Aufzug, hämmerte
ungeduldig auf den Knopf ein und entschied sich dann endlich die
Treppe zu nehmen. Er lief die hohlen Gänge entlang durch das
Hauptgebäude hindurch, und an den Sicherheitsleuten vorbei zum
Haupteingang hinaus, wo ihn das Licht der Sonne blendete und er
einen Moment brauchte um sich an der Erdoberfläche zu
orientieren.
Ihr kupferfarbenes Haar leuchtete auf der anderen Straßenseite
zwischen gesichtslosen Passanten auf und zog seinen Blick auf
sich.
Es war zerzaust vom Frühlingswind und umspielte ihr weißes
makelloses Gesicht wie Seide als sie sich noch einmal umblickte
aber nicht erkannte, dass er der Mann war, der dort wie verloren
am Straßenrand stand und ihr nachsah.
Aber seine Füße bewegten sich nicht und seine Stimme blieb
stumm.
Sein Herz wand sich vor Schmerz in seiner Brust, als er begriff,
dass er sie gehen lassen musste.
Er ballte seine Hand zu einer Faust und presste sie an seine
Lippen um den Schrei zurückzuhalten, der ihm aus der Kehle
entweichen wollte.
Weil sie sein Fixstern hätte sein können und nun war sie nichts
weiter als eine Sternschnuppe, die sich in den Tiefen der
Unendlichkeit verlor.
Er wusste, dass er verloren war.
Weil sie seine eine Chance unter Millionen gewesen war.
Sie spürte wie die Sonnenstrahlen ihr folgten und ihre Haut
wärmten, die sich so sehr nach dem Sommer sehnte.
Sie hörte noch immer den leisen Widerhall des Schreis in ihrem
Inneren, der ihr sagen wollte, was sie aufgegeben hatte, aber sie
verschloss die Sinne davor.
Stattdessen öffnete sie sich dem, was nun vor ihr lag, und lief
den weiten Weg durch die Stadt, hinunter zum Jefferson Memorial,
wo sie sich ein Eis kaufte und sich auf die Stufen unter die
Kirschblütenbäume setzte.
Mit leerem Kopf und einem dünnen angenehmen realen Schmerz in
ihrer Brust verbrachte sie dort den ganzen Vormittag und ließ
ihren Blick in dem hellen Blau des Himmels, das sich im Wasser
des Tidal Basins spiegelte, versinken.
Ihre kristallklaren Augen suchten dabei unentwegt nach dem Mann
in der Menge, den sie in der letzten Nacht in ihr Bett gelassen
hatte.
Aber in der Tiefe ihres Herzens wusste sie, dass er ihr nicht
gefolgt war. Sie streifte mit einem Wimpernschlag eine salzige
Träne an ihrem Unterlid ab und spürte wie diese funkelnd über
ihre Wange lief und dort im warmen Licht der Sonne eintrocknete.
Sie freute sich über ihren Entschluss und doch vergoss sie diese
Tränen voller Zweifel.
Und diese Zweifel waren begründet. Denn hätte sie ihrer Seele
besser zugehört, hätte sie verstanden, was der Traum ihr
tatsächlich mitzuteilen versucht hatte. Er hatte ihr jene
grenzenlose Liebe versprochen und ihr ein Abenteuer verheißen,
die wahrhaftiger gewesen wären als alles, was sie nun in ihrem
Leben erfahren würde.
Aber wie hätte sie es verstehen können, wenn sie nicht einmal
verstand, dass dieser Traum eben jener anderen Welt entsprungen
war, der sie sich soeben wieder verschlossen hatte?
Und so wusste sie nicht, was sie verloren hatte.
Sie konnte es nur erahnen.
Weil sie sich nie wieder so fühlen würde wie an diesem Morgen.
So als lägen alle Kräfte des Universums miteinander im
Gleichgewicht.
Noch trug sie einen Teil von ihm in sich, da sie in seine Welt
geblickt hatte.
Aber schon bald würde sie diesen Einblick in Fox Mulders dunkle
andere Seite des Spiegels vergessen haben.
Und den Einblick in die andere Seite des Spiegels ihres eigenen
Bewussteins: Der Traum, der sich Tag für Tag tiefer in die
Vergessenheit zurückzog. Und mit dem Vergessen würde auch ein
Teil von ihr wieder im tiefen Wasser ihrer Seele versinken, der
Teil, der ihr in Form des dünnen Schmerzes in ihrer Brust
mitzuteilen versuchte, was für eine ungeahnte Wahrheit auf
dieser anderen Seite des Spiegels auf sie gewartet hätte.
Aber sie beide würden diese Wahrheit nie finden.
Die Sehnsucht in ihren Herzen würde unbeantwortet bleiben und
sich irgendwann taub auf dem Grund ihrer Seelen absetzen, wo sie
eines Tages ganz verstummen würde. Unerwidert und verloren.
Dabei hätten sie beide die Welt retten können.
* ENDE *
Eigentlich ist die Geschichte hier zu Ende.
Wer jedoch unbedingt ein Happy End haben
will:
Dreieinhalb Jahre später auf der Main
Street in Philadelphia, 17:32 Uhr
Der schlanke hoch
gewachsene Agent spuckte die Schale seines Sonnenblumenkerns aus
und stand von der Bank auf. Er griff sein Jackett, hängte es
sich über die Schulter und machte sich auf den Weg. Dieser Fall
war verloren.
Im Grunde war
alles verloren. Er war allein mit dieser Sache, die viel zu groß
war. Viel zu groß für ihn, viel zu groß für alle. Es grenzte
an Größenwahn, nach der Wahrheit, die sich hinter alledem
verbarg, kommen zu wollen. Und gerade das reizte ihn. Aber es
laugte ihn aus, zerstörte ihn.
Er wusste, was
ihm fehlte. Weil es einmal in seinem Leben zum Greifen nahe
gewesen war, aber er hatte sie gehen lassen. Er würde es wieder
tun, weil er jetzt erst wusste, in was er sie da mit
hineingezogen hätte. Und doch verfolgte ihn seit jenem Tag, an
dem er die zarte Kirschblüte auf seinem Schreibtisch hatte
liegen sehen, dieses Gefühl, dass er niemals am Ziel ankommen
würde. Doch was sollte er tun? Er hatte ihre Nummer gehabt und
wie oft hatte er den Hörer abgehoben, hatte gezögert. Wie oft
hatte er sie angerufen, dann doch aufgelegt und wieder angerufen,
nur um ihre Stimme noch einmal zu hören und sei es die auf ihrem
Anrufbeantworter. Und eines Tages hatte jemand anderes den Hörer
abgenommen. Sie war einfach verschwunden.
Er schien nahezu
durch die Menschenmengen der Innenstadt von Philadelphia zu
waten, der Lärm der Straßen drang wie Watte an sein Ohr, alles
schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Selbst die Hitze des Sommers
machte ihm nichts aus, er konnte die Sonne nicht einmal auf
seiner Haut brennen fühlen. Alles war taub, wie seit jenem
Morgen, an dem sie gegangen war. Er hätte sie lieben können,
vom Grunde seiner Seele aus. Aber es hätte ihm die Sicht
genommen auf das, was er eigentlich suchte. Davor hatte er Angst
gehabt. Und nun hatte er Angst davor, nie wieder etwas anderes
sehen zu können als das schwarze gähnende Gesicht der Wahrheit,
die er langsam ergründete.
Die Luft, die er
einatmete, konnte er nicht mehr genießen, sie nahm ihm den Atem,
manchmal glaubte er fast zu ersticken.
Aber er würde
weitermachen. Weil er der einzige zu sein schien, den es
interessierte.
Angespannt
kontrahierte sich sein Kaumuskel und er biss die Zähne zusammen
und sah über die Straße, um auf den anderen Bürgersteig im
Schatten der Häuser zu wechseln.
Plötzlich
erstarrte er.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Dr. Scully hatte
sich an diesem Abend früher aus dem Labor verabschiedet, um den
Babysitter ablösen zu können. Sie hatte den Gedanken nicht
ertragen können, dass sie die Kindergärtnerin ihrer eigenen
Tochter noch nie gesehen hatte. Nun trug sie das kleine Wesen auf
ihrem Arm. Sie schlief ermattet von der schwülen Hitze und es
schien ihr fast egal zu sein, auf wessen Arm sie das tun konnte.
Scully merkte, wie schwer sie geworden war und zugleich versetzte
es ihr einen Stoß, weil ihr bewusst wurde, wie lange sie ihre
Tochter nicht mehr getragen hatte.
Als sie von ihrer
Schwangerschaft erfahren hatte, war sie gerade dabei gewesen,
sich wieder bei lokalen Kliniken für die ärztliche
Weiterbildung zu bewerben. Doch dieser Plan war durchkreuzt
worden und sie hatte sich wieder für die Forschung in der
Gerichtsmedizin von Philadelphia entschieden. Forschung, weil sie
nichts mehr mit dem FBI zu tun haben wollte. Sie wollte keine
Leichen mehr sehen, wollte nichts mehr von Morden hören, von
Leid, von Hass, von Brutalität. Sie konnte nicht tagsüber
Gewaltopfern die Gehirne aus dem Schädel reißen und abends
ihrem Baby ein Schlaflied von einer heilen Welt singen. Auf
gewisse Weise verdankte sie diesen Umstand dem Vater des Kindes.
Er war es gewesen, der ihr gezeigt hatte, dass das Gute, die
Wahrheit, die sie suchte, um all den Mördern und Verbrechern da
draußen das Leben zur Hölle zu machen, überhaupt nicht
existierte. Es waren alles Lügen. Schicht um Schicht
übereinander gelegt, bis keiner mehr den Durchblick hatte.
Ironischerweise war es dann ihre Tochter gewesen, die ihr den
Glauben an das, was Fox Mulder ihr genommen hatte, wieder
zurückgeben konnte.
Sie liebte dieses
Kind über alles.
Sie schob die
Sonnenbrille in ihr Haar vor, als sie den Schatten der Häuser
auf dem Bürgersteig betrat und genoss die angenehme Kühle, die
ihr dort eine Pause von dem unerbärmlichen Sommer verschaffte.
Träge blieb sie vor einem Geschäft stehen und genoss das
Gewicht ihres Kindes, weil es sich so echt anfühlte. Seit dem
Traum, der damals ihr gesamtes Leben verändert hatte, hatte sich
ihr Empfinden in Bezug auf die Wirklichkeit verschoben und
manchmal ertappte sie sich selbst dabei, wie sie mitten am Tag
abdriftete und sich in einer anderen Welt wieder fand. In einer
Welt, in der sie andere Entscheidungen getroffen hatte. Es gab so
viele davon, so unendlich viele Möglichkeiten, die alle einen
anderen Ausgang nehmen konnten. Aber als sie auf das hellbraune
feine Haar ihrer Tochter blickte und auf das zarte duftende
kleine Gesicht, wusste sie, dass sie offenbar die richtige
Entscheidung getroffen hatte. Und doch lebten diese Fragen in
ihrem Kopf weiter. Sie würde immer diese eine Antwort suchen,
weil sie in ihrem Herzen auch immer nach ihm suchen würde. Ihr
Verstand wehrte sich dagegen, aber offenbar hatte er keine Macht
über ihre Gefühle.
Verträumt
starrte sie weiter vor sich hin, betrachtete die Kleidungsstücke
im Schaufenster vor ihr, das Bild vor ihren Augen verschwamm und
in der Glasscheibe sah sie die Reflektion der Menschen auf der
Straße, die hinter ihr vorbeiliefen. Ihr wurde warm als sie die
Hast dieser Leute wahrnahm und zugleich ihre innere Ruhe
verspürte, so als bewege sie sich unter all den Menschen in
Zeitlupe. Als halte jemand die Zeit nur für sie an.
Da sah sie die
Reflektion eines Traumes vor sich und erstarrte. Als legte sich
eine unsichtbare Hand auf ihre Schulter drehte sie sich um und
blickte in die Menschenmengen hinein, als suche sie einen Stein
auf dem Grund eines reißenden Flusses. Unbeirrbar richtete sie
fest und fragend ihren Blick auf die Menge. Ihre Hand legte sie
schützend auf den Kopf ihres Kindes.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Ihre Blicke
trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Dann fuhr ein Bus
zwischen ihnen vorbei, gefolgt von Menschen, die eilig zur
Haltestelle rannten. Doch keiner von beiden wagte es, sich zu
bewegen. Fast verzweifelt warteten sie darauf, dass der Bus
weiterfuhr.
Da trafen sich
ihre Blicke wieder. Sie starrten einander an. Über zwanzig Meter
Distanz hinweg war es fast, als könne Scully das leise Flüstern
dieses Mannes in ihrem Ohr hören. So wie damals in jener einen
Nacht. Ihre Herzen blieben stehen und sie wussten nicht, ob sie
weiterlaufen sollten oder ob sie sich einander nähern sollten.
War es doch so schwierig für beide gewesen, diesen einen Abend
zu vergessen. Schwieriger für sie als für ihn, weil sie sein
Gesicht jeden Morgen in dem ihrer Tochter zu sehen glaubte.
Mulder wünschte,
er könne die Zeit in diesem Augenblick einfrieren und das
Universum anhalten, damit dieser Moment der Entscheidung niemals
weitergehen musste. Egal, welche Entscheidungsmöglichkeiten sich
boten, sie schienen jetzt alle falsch zu sein. Unzählige
Menschen zogen an ihnen vorbei, die Sekunden flogen nur so dahin
und noch immer sahen sie einander an. Ihre blauen Augen sah er
selbst aus der Ferne leuchten, sie entzündeten eine Flamme, die
längst in ihm erloschen war. Fast konnte er wieder spüren, wie
sie sich anfühlte, konnte ihren Duft wahrnehmen. Ein warmer
Sommerwind wehte durch die spärlichen Bäume und trug leichte
tanzende Blätter mit sich, die vor seinen Füßen landeten. Erst
da fiel ihm das kleine Kind in ihren Armen auf: sie trug ein
Mädchen auf ihrem Arm, dessen Kopf an ihrer Schulter lag. Es war
ein Bild, das ihn schmerzte und bezauberte zugleich.
Enttäuscht sah
er an ihr herunter. Sie hatte ein Leben, was sollte er nun wieder
darin herumstochern. Und doch: Warum lief sie nicht einfach
weiter? Warum sah sie ihn mit diesen klaren, ehrlichen blauen
Augen an. Warum war es fast, als nickte sie ihm zu, als bewegten
sich ihre Lippen um ihn zu betören, ihm Worte einzuflüstern,
die ihn schwach machen würden, auf dass er sich erneut in seinen
Gefühlen für sie verlor. Doch war er nicht bereits verloren
gegangen? Bestand nicht vielmehr die Chance, dass er sich
erstmals seit Monaten wieder finden konnte?
Er konnte sie
nicht gehen lassen. Er hatte es bereits einmal getan und seitdem
war die Welt aus den Fugen geraten.
Den Blickkontakt
unterbrechend sah er über die Straße und lief mit
entschlossenen eiligen Schritten zu ihr hinüber. Ein Wagen hupte
ihn an. Aber es war ihm egal. Er wollte bei ihr sein, bevor sie
weglaufen konnte.
Als er sich ihr
näherte, spürte er, wie sein Herz immer schneller zu schlagen
begann und das Blut in seinem Kopf pulsierte und hämmerte, bis
ihm davon schwindlig wurde. Aber war das nicht ein scheues
Lächeln, das ihre Lippen umspielte? Er blieb vor ihr stehen. Sie
war nicht einen Zentimeter von der Stelle gewichen. Er versuchte
das Kind auf ihrem Arm auszublenden, versuchte zu ignorieren,
dass es ihr gut ohne ihn ging, dass sie ein Leben ohne ihn
führte. Aber wie sollte es nun weitergehen? Er versuchte es mit
einem Lächeln und brach das Schweigen: Hier steckst du
also
, kam es ihm unbeholfen und mit einem
schelmischen Unterton über die Lippen.
Scully wollte
lachen, weinen und schreien zugleich und das Resultat davon war
ein unsicheres scheues Lächeln, begleitet von einem Glitzern in
ihren Augen, das nur Mulder sehen konnte. Ihn so nah vor sich
stehen zu sehen, seine Präsenz zu fühlen, das verwirrte sie
bereits mehr als seine Worte. Sie waren so typisch für ihn,
genau so hatte sie sich ein Wiedersehen mit ihm immer
vorgestellt. Und nun war es Wirklichkeit. Sie musterte ihn. Er
sah müde aus, und traurig. Sie glaubte, Zeichen unzähliger
Verletzungen und Enttäuschungen in seinem Gesicht zu erkennen
und wusste, dass das genau der Grund war, warum sie sich aus
seiner Welt wieder entfernt hatte. Aber diese Welt hatte sie
verfolgt, in den Bann gezogen. Und auch jetzt war sie Teil davon.
Was machst du hier? war ihre ebenso unbeholfene Art,
ihm zu antworten. Doch eigentlich wollte sie das gar nicht
wissen. Schnell schob sie hinterher: Gehts dir gut?
Er schüttelte
den Kopf. Doch seine Antwort war Ja. Er zuckte mit
den Schultern. Es hat sich kaum etwas verändert. Mit einem
Unterschied
. Er hielt inne und sah sie an. Fragend
hob sie die Augenbrauen und er fuhr fort. Bevor ich dich
kannte, hat es mich noch befriedigt.
Sie nickte, als
wüsste sie, wovon er sprach. Aber man gibt sich der
Illusion hin, dass es nie anders gewesen ist. Dass man im Grunde
nie zufrieden war, vervollständigte sie seinen Satz.
Er schüttelte
wieder den Kopf. Doch. Einen Moment lang war ich das
Ihre Blicke
trafen sich und sie schwiegen, verlegen, beide mit einem Lächeln
auf den Lippen. In Erinnerung an das wenige, das sie beide
verband. Vorsichtig streckte er die Hand aus, strich dem kleinen
Mädchen auf ihrem Arm über den Kopf. Bei dir hat sich
offensichtlich mehr verändert, wie ich sehe
Erschrocken
unterdrückte sie den Drang, nun doch zurück zu weichen, als ihr
bewusst wurde, was sie ihm zwei Jahre lang verschwiegen hatte.
Aber sie würde es ihm auch jetzt verschweigen. Beschämt
darüber schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter und
unterbrach den Blickkontakt. Nervös spielten ihre Finger mit dem
kleinen Rüschensaum an den Socken des Kindes. Sie heißt
Lauren, lenkte sie von der offenen Frage ab, die über
ihnen im Raum schwebte und traute sich noch immer nicht, ihm in
die Augen zu sehen. Doch Mulder hatte es längst begriffen. Er
konnte ihre Unruhe fühlen, er wusste die Zeichen zu deuten, die
sie so zu verstecken bemüht war.
Wie alt ist
sie? fragte er daher unschuldig. Als hätte sie verstanden,
dass er ihr Geheimnis längst durchschaut hatte, sah sie ihn
ertappt an. Ihre Augen tanzten unruhig auf seinem Gesicht umher
und doch ließ sie es darauf ankommen. Ziemlich genau 2
Jahre und 7 Monate.
Sie schwieg
wieder, weil sie wusste, dass er sich nun den Rest selbst
ausrechnen konnte. Als würde ihm jemand steinerne Fäuste in den
Magen rammen ließ er diese Wahrheit über sich hereinbrechen und
ließ zu, dass sie ihm den Verstand ausschaltete. Er war so
überwältigt, dass sich die Emotionen in seinem Herzen
überschlugen und zu einem diffusen Konglomerat zusammenballten,
das ihn am liebsten dazu verführt hätte, alles laut in die
Unendlichkeit des Himmels über ihnen hinauszuschreien. Aber der
Tumult in ihm ließ sich für einen Moment herunterschlucken. Er
blieb ruhig, ließ ihr Zeit, es zu verarbeiten, weil er wusste,
dass er es in diesen wenigen Minuten ohnehin nicht verarbeiten
konnte. Er wollte, dass wenigstens sie einen klaren Kopf behielt.
Er atmete tief durch, versuchte, die Luft wieder als Luft in
seinen Lungen wahrzunehmen. Warm und voller Sehnsucht hangelten
sich seine Blicke an ihr entlang. Von ihren Augen über ihr
Gesicht, zu ihren Lippen, über ihr Kinn, an den Ohrläppchen mit
den glitzernden Steinchen darin entlang über ihre
Schlüsselbeine und ihre weichen Formen, über die zarten
Härchen auf ihren Armen und auf das kleine Mädchen, das
regungslos und vollkommen unberührt von dem Chaos um es herum,
die kleinen Arme um den Hals ihrer Mutter geschlungen, schlief.
Scully hatte sich sehr verändert. Ihr Haar war leuchtender,
länger und tanzte im Wind wie Seide. Ihre Augen strahlten so
viel Reife und Tiefe aus, spiegelten so viel innere Sorge und
Unruhe wieder. Sie wirkte dünner als vor zwei Jahren und fast
noch ein wenig kleiner. Aber sie war Mutter.
Konnte das sein?
Konnte dieses Kind das Resultat dieser einen Nacht sein, dieses
Fehlers, wie er es immer wieder versucht hatte zu nennen? War
dieses Kind auch seines?
Als sie seine
Blicke auf ihrem Körper spürte, wurde ihr warm und ein schwerer
schmerzhafter Ring legte sich um ihr Herz. Sie konnte fühlen,
was sie all die Monate vermisst hatte, was ihr während ihrer
Schwangerschaft nachts die Tränen in die Augen getrieben hatte.
Sie begriff, dass sie daran zerbrechen würde, wenn sie ihn
erneut von sich wies. Sie begann am ganzen Körper zu zittern,
erschauderte und hatte das Gefühl, die gesamte Energie des
Universums würde sich auf sie beide richten. So, als stünde
alles um sie herum kurz davor zu explodieren. Sie wusste, sie
musste etwas tun, musste das hier beenden, weil sie es damals
auch begonnen hatte. Sie hatte diese Entscheidungen getroffen,
sie hatte sich in sein Leben zu weit vorgewagt, sie hatte ihn in
ihres gelassen. Sie hatte diesen Traum gehabt.
Tränen stiegen
ihr in die Augen, ihre Lippen begannen zu beben. Sie begriff,
dass das hier der eine Moment war, nach dem sie sich so lange so
sehr gesehnt hatte. Sie hatte Angst vor seiner Welt, Angst
vor ihm und seiner Leidenschaft. Aber noch mehr fürchtete sie
sich davor, die Wahrheit niemals herauszufinden. Seit ihrer
Arbeit in der Forschung betrieb sie ihre eigenen Nachforschungen,
hatte zahlreiche kleinere eigene Projekte und sie wusste: Ohne
seine Offenheit würde sie niemals weiterkommen, weder in ihrem
Leben, noch in ihrem Beruf. Sie war so ganz anders als er, dachte
nicht wie er, fühlte nicht wie er.
Und sie wusste,
ohne ihn war sie unvollkommen.
Noch hatte sie
die Möglichkeit, das alles zu beenden, bevor es von vorne
begann. Oder sie konnte sich entschuldigen oder ihn erneut
einladen, in ihr Leben einzutreten. Mit zitternder Stimme setzte
sie an, als sie spürte, wie ihr eine Träne heiß und brennend
über die Wange lief: Mulder
Aber als er das
Flehen in ihren Augen sah, ihr Unvermögen erkannte ihm
mitzuteilen, was sie wirklich fühlte, brach er in sich zusammen.
Er wollte ihr diese Entscheidung nicht wieder überlassen. Er
verstrich mit seinem Daumen die Träne auf ihrer Wange und legte
seine beiden Hände sanft an ihr Gesicht. Sie fühlte sich so
wirklich an, dass es ihm Angst machte. Sein ganzer Körper
brannte innerlich, nahm ihm die Luft und die Sinne, tausend
unterschiedliche Kräfte zerrten seinen Verstand in alle
Richtungen, er versuchte alle möglichen Konsequenzen aller
möglichen Entscheidungen zu überblicken und kapitulierte
letztlich vor seinem Verlangen, ihr noch einmal so nahe sein zu
dürfen, wie damals in jener Nacht. Es war, als wären sie ganz
alleine auf diesem Bürgersteig, als würde der Himmel nur auf
sie herabblicken. Er beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr
schließlich den Kuss, den er ihr schon so lange hatte geben
wollen. Er legte seine Lippen auf ihre, als wäre das der einzige
Ort, wo sie jemals hingehörten und er verstand, dass er sie
damals nicht hätte gehen lassen dürfen, denn die Tränen, die
sie beide die ganze Zeit zurückgehalten hatten, liefen nun
beiden in Strömen über die Wangen und vermischten sich mit dem
Geschmack ihrer Lippen. Sie zögerte keine Sekunde, als sie seine
Sehnsucht wahrnahm, sondern erwiderte den Kuss, als hätte sie
ebenfalls so lange darauf gewartet wie er. Als käme sie nach all
der Zeit endlich wieder nach Hause, nahm sie ihre eine Hand vom
Rücken ihres Kindes und legte sie an seine Wange, strich über
sein Haar und hielt ihn fest, als könne er jeden Augenblick
wieder verschwinden wie ein Traum.
In diesem Moment
hatte das Universum seine Konstante wieder gefunden. Es hatte
wieder ein Zentrum, um das es kreisen konnte. Jene
Schicksalskraft, die diesen Traum damals in Scullys Schlaf
getragen hatte, hatte den Kreis nun doch noch schließen können
und hatte der Menschheit ohne ihr Wissen ihre Hoffnung
wiedergeben können. Niemand auch nicht jene Macht -
wusste nun, auf welches Ziel diese Wendung zusteuern würde.
Vielleicht
würden sie es schaffen. Aber vielleicht würde auch alles ganz
anders verlaufen, verwirrt durch jene Kräfte, die
unkontrollierbar in jeder Sekunde auf die Menschen dieser Welt
Einfluss nahmen und ihr Geschick in Bahnen lenkten, die weder
Zufall noch Plan zu sein schienen, sondern einfach eine endlose
sich immer wieder verzweigende Kette von Ursache und Wirkung.
Nur eine einzige
Kraft konnte in dieses Gefüge eingreifen. Es war dieselbe Kraft,
die Leben aus zwei Zellen erschaffen konnte, dieselbe Kraft, die
diese beiden Fremden immer wieder zueinander führen würde, weil
sie die Ursache allen Lebens war und somit auch die einzige
Hoffnung, die sie alle hatten.