Autorin: VancouverX9

Kontakt: ScullyX9@aol.com

Disclaimer: Kommt, mittlerweile wissen doch alle, wem die Charaktere gehören. Mir jedenfalls nicht...
Rating: R-16/NC-17 für Weicheier
Genre: MSR...oder Anti-MSR? Schwierig in diesem Fall...
Short-Cut: Hätte ja auch alles anders kommen können in der ersten Folge, nicht wahr?

 

„Das Leben ist nichts als der Traum eines Schmetterlings“ (Shogun)

 

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A DIFFERENT CHOICE



*** SCULLY: Even if I knew for certain, I wouldn't change a day. ***

(Scully zu Mulder in: The field where I died/Rückkehr der Seelen, 4.
Staffel)


~ In einem Motelzimmer in Roswell, New Mexico


Der gut aussehende schlanke Mann legt seine Arme um Dana Scullys Körper, ihr Kopf nähert sich seinem und zärtlich reibt sie ihre Nase an seiner. Es fühlt sich vertraut an. Weich. Und er duftet. Seine Hände streicheln mit so viel Liebe über ihre Haut, dass sich in ihr alles überschlägt. Bilder ziehen in ihrem Kopf an ihr vorbei. Unzählige Erinnerungen. An merkwürdige Kreaturen, die nur die Phantasie hervorgebracht haben kann, an fremde Männer ohne Gewissen, an unfassbare Schmerzen, an Tod, an Verlust. Tränen ergießen sich über ihre Seele, doch ihre Augen bleiben trocken. Und seine Worte dringen an ihre Ohren und sie merkt, dass es um sie herum dunkel wird.
„Vielleicht gibt es Hoffnung.“
Aus irgendeinem Grund glaubt sie ihm und schließt die Augen, während sie fühlt wie ihr Körper auf dem harten Bett dieses primitiven Motelzimmers immer schwerer wird und der Atem dieses Mannes, den sie so sehr liebt, immer ruhiger wird. Neun Jahre liegen hinter ihnen. Neun Jahre, nach denen das Leben dieses Mannes ihr über das eigene geht. Sie erschaudert leise und überwältigt unter seiner Nähe und küsst ihn zärtlich auf den Mund, weil sie ihn über alles liebt.
Und doch fühlt es sich nicht so an. Es fühlt sich so an wie der flimmernde Wimpernschlag der hellblauen Augen eines Engels, unwirklich und intensiv. Aber flüchtig.
Es fühlt sich merkwürdig an. Und es entgleitet ihr und verblasst. ~


7. März 1992, 6:11 Uhr

Schrill klingelte der Wecker und Dana Scully schlug mit einem unwilligen Stöhnen auf das kleine Ding aus Plastik mit der roten Digitalanzeige und drehte sich, eingewickelt in ihre flauschige warme Bettwäsche, um. Einen Moment lang ließ sie noch zu, dass die Nacht sie einlullte und sich vermischte mit den Bildern ihrem Kopf.
Da fiel es ihr plötzlich wieder ein.
Sie hatte einen merkwürdigen Traum gehabt.
Es war fast nichts davon in ihrer Erinnerung geblieben. Fast nichts. Außer den Gefühlen, die der Traum ihr in die Seele geprägt hatte, als wäre das alles tatsächlich geschehen. Und außer dem Bild eines Mannes, den sie bisher nie gesehen hatte.
Sie legte ihre Hand auf ihren Magen. Er fühlte sich flau an.
Wie konnte man einen Traum intensiver empfinden als die Realität? Wie konnten reine Phantasieprodukte einen so erregen, aufwühlen und verwirren wie dieser Traum? Woher kam dieser betäubende Schmerz in ihrem Herzen, warum fühlten sich ihre Augen so aufgequollen an, als hätte sie im Schlaf geweint? Und warum fühlte sie sich, als liefe sie auf Wolken, als wäre sie verliebt? In eine Figur, die ihrem Unterbewusstsein entsprungen war?
Leer und stumpf starrten ihre dunklen klaren Augen an die Decke. Sie begriff es nicht. Es entzog sich ihrer Vernunft.
Vermutlich waren das die Schlaftabletten schuld, die sie eingenommen hatte. Sie hatte zwanzig Stunden geschlafen, weil sie seit einer Woche krank gewesen war und nächtelang über ihrer Kloschüssel verharrt hatte. Aber nachdem sie heute ein so wichtiges Gespräch vor sich hatte, hatte sie sich am Tag zuvor entschieden, dass sie sich richtig ausschlafen musste. Weil sie sich so sehr vor diesem Gespräch gefürchtet hatte.
Chief Blevins hatte sie letzte Woche persönlich in Quantico angerufen, um sie um diesen Termin zu bitten. Eigentlich war es weniger eine Bitte gewesen als ein Befehl. Sie biss sich nervös auf die Unterlippe.
Wollte man sie wieder feuern? War man der Ansicht, dass ihre Arbeit in der Gerichtsmedizin nicht gut genug war?
Die Aufregung des Vorabends wurde in ihrer Magengegend wiedergeboren und strahlte in alle Regionen ihres Körpers aus. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ein Kloß schwoll in ihrem Hals heran, bis ihr das Schlucken wehtat und ihr wurde übel.
Wie sollte sie ihrem Vater das nur je klar machen? Er hatte sich gerade erst widerwillig damit abgefunden, dass sie zum FBI gegangen war. Wenn sie nun ihren Job verlor, was würde er dann von ihr denken? Was würde das für sie bedeuten? Es wäre eine Kapitulation für sie, weil sie gedacht hatte, dass sie es schaffen würde. Weil sie ihrem Vater hatte beweisen wollen, dass sie diesem Beruf mehr abgewinnen konnte als der Medizin. Für ihn wäre es vermutlich ein Sieg, wenn sie nun gezwungen war, zurück zu kehren.
Aber sie konnte nicht. Sie wollte es nicht.

Sie rieb sich unbehaglich den Nacken und stand auf. Gedankenverloren knipste sie das Licht im Bad an und ließ ihr cremefarbenes Satinnachthemd lautlos auf den Boden gleiten.
So nervös sie wegen dieses Gesprächs war, so merkwürdig fühlte sie sich zugleich wegen dieses seltsamen Traums. Er hatte sich so echt angefühlt. Und er hatte Spuren auf ihrer Seele hinterlassen. Er hatte ihr Lebenserfahrung gegeben, Verletzungen zugefügt und Erinnerungen und Empfindungen in ihr Gedächtnis gesetzt, die aus ihrem eigenen Geist stammten, die fiktiv waren. Und doch waren sie da.
In diesem Traum hatte sie mit einem Fox Mulder zusammengearbeitet. Sie hatte bereits von ihm gehört. Er arbeitete irgendwo im FBI Hauptquartier in D.C. Aber sie hatte ihn nie zuvor gesehen. Jedenfalls nicht, dass es ihr bewusst gewesen wäre.

 

Sie schraubte den Wasserhahn ihrer Dusche auf und spürte wie die lauwarmen Tropfen auf ihre Haut prasselten und immer heißer wurden. Sie verteilte den duftenden Schaum ihres Duschgels überall auf ihrem Körper und genoss den vertrauten Geruch, der sie langsam in ihre Realität zurückholte.
In ihrem Traum hatte man Melissa getötet. Es war ein Alptraum gewesen. Von einer Welt, in der Lügen und Verschwörungen regierten. In dem es um den drohenden Weltuntergang ging, den sie zusammen mit Fox Mulder aufzuhalten versucht hatte. Sie hatte ein Kind geboren. Einen Sohn. Ja, selbst Muttergefühle hatte sie in diesem Traum erfahren.
Ihre Augen öffneten sich wieder erschrocken als sie plötzlich in ihrem Gehirn die blauen Augen dieses Babys vor sich sah. Ihre Blicke trafen auf die Kacheln ihres Badezimmers an denen der Wasserdampf kondensierte und herab lief.
‚All das nur wegen eines Gesprächs mit einem Vorgesetzten’, schalt sie sich, und stieg aus der Dusche um sich mit einem flauschigen hellblauen Handtuch abzutrocknen. Sie hätte gelacht, würde nicht noch immer dieser Traum in ihren Gliedern stecken. In diesem Moment schwor sie sich, nie wieder Schlaftabletten einzunehmen, egal wie nervös, überreizt oder krank sie war.
Sie hatte den Wecker extra eine Stunde früher gestellt als sonst, denn so hatte sie Zeit sich für ihre Garderobe in aller Ruhe zu entscheiden.
Schließlich fiel ihre Wahl auf ein schlichtes, fast biederes grau-kariertes Kostüm in der dunkelsten Ecke des Schrankes. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die beim FBI arbeiteten, und sie wollte nicht weiblich wirken an diesem Morgen. Sie wollte ihrem Gegenüber zeigen, dass sie genau so stark sein konnte, wie ihre männlichen Kollegen. Dass man mit ihr genauso ehrlich und hart umgehen konnte, wie mit jedem anderen auch. Sie wollte nicht geschont werden. Wenn man sie entließ wollte sie wissen warum.
Mit präziser Sorgfalt und bedächtiger Langsamkeit streifte sie die Strumpfhose über ihre Beine, zog den Reißverschluss ihres Rocks hoch und schlüpfte in ihren Blazer. Sie setzte sich frischen Kaffee auf, sog eine Prise des verführerischen Dufts aus der Dose mit dem gemahlenen braunen Pulver ein und wanderte mit der heißen vollen Tasse zum Fenster. Sie konnte auf die Straße hinaus sehen.
Es war ein regnerischer Morgen. Der Himmel war grau und schwer von Wolken. Die Atmosphäre vermischte sich mit ihrer Nervosität und den Erinnerungen an den Traum zu einem bedrohlichen Chaos. Sie wusste nicht, ob sie weinen sollte oder vor der Anspannung kapitulieren sollte und einfach kündigen sollte, bevor man ihr kündigte. Und dann war da noch dieses andere Gefühl in ihr, das tief und dunkel auf dem Boden ihrer Seele glühte. Aber sie wusste nicht was es war. Es fühlte sich fast wie Sehnsucht an. Aber wonach?
Sie blickte auf ihre Armbanduhr und nahm einen unruhigen Schluck des heißen Kaffees. Ihre fast kalten blauen Augen fixierten dabei beharrlich den Horizont, als hoffte sie dort eine Antwort zu finden. Aber stattdessen sah sie, dass sich das düstere Grau des Himmels langsam in ein Weiß verwandelte. Die Sonne war irgendwo hinter dieser meterhohen Schicht aus Wasser aufgegangen. Aber vermutlich würde man sie auch heute nicht zu Gesicht bekommen. Sie hatte die Sonne seit Tagen nicht mehr gesehen. Nur heute machte es ihr jedoch etwas aus. Nur heute fühlte es sich an, als bestünde die Möglichkeit, dass es vielleicht gar keine Sonne mehr gab.
Sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee und schnappte sich dann ihre Wagenschlüssel um sich auf den langen Weg in die Innenstadt zu machen.


Ein wenig später, im Verwaltungstrakt des FBI Hauptquartiers in Washington D.C.


Der breite wohlgenährte Mann, der etwas von einem fetten Karpfen hatte, blickte irritiert zu dem anderen Mann auf, der bereits seine achte Zigarette in Folge anzündete. Wie konnte man so früh am Morgen nur so viel rauchen? Chief Blevins wusste ohnehin nicht wirklich, wer dieser Mann war. Er kam nur selten in dieses Büro. In letzter Zeit jedoch häufiger. Sein Hauptinteresse hatte jener jungen viel versprechenden wissenschaftlichen Mitarbeiterin in Quantico gegolten. Wüsste er es nicht besser, würde er fast annehmen, der Raucher hätte persönliches Interesse an der Ärztin. Sicherlich war sie attraktiv, aber sie war auch so kühl und verbissen wie alle emanzipierten Frauen, die den Anspruch erhoben, intellektuell zu sein. Und sie war durchaus brillant. Zuverlässig. Loyal. Umso weniger hatte er Lust, gerade sie für diesen Job zu rekrutieren.
„Was genau soll eigentlich ihre Aufgabe sein?“ Chief Blevins wusste viel. Aber auch genug, um zu wissen, dass es sehr vieles gab, in das er nicht eingeweiht war.
Der andere Mann streifte verbrannte Asche von der Spitze seiner Zigarette in einen Aschenbecher ab und sah ihn mit einem Funkeln in seinen wässrigen grauen Augen an. „Wir haben zwei Möglichkeiten. Es steht Ihnen frei, zu wählen. Sie sind schließlich der Chef.“
Er lächelte und Blevins wusste nicht, ob es ein freundliches Lächeln oder ein zynisches war.
„Sie meinen, wir können sie genau so gut aus der Distanz an dieser Sache arbeiten lassen?“
Blevins war bei dem Gedanken den Verstand dieser Frau an einen Spinner wie diesen Mulder aus dem Keller zu verschwenden, unwohl. Und er war froh, dass er über das Ausmaß des Einsatzes der jungen Ärztin zumindest heute noch entscheiden durfte.
Der Raucher nickte. „Ich denke, es ist noch zu früh für eine intensivere Überwachung. Sehen wir erst einmal, wie sie sich macht.“
Er nahm einen Zug seiner Zigarette, spürte wie sich der kratzende Rauch in seine Bronchien schlängelte und genoss das beruhigende raue Kitzeln in seiner Luftröhre. Über kurz oder lang würde es sich ohnehin nicht vermeiden lassen, Mulder einen Partner zu zuteilen. Man hatte ihm abverlangt, hierfür einen männlichen Agenten auszuwählen. Aber Dr. Scully war den männlichen Kollegen, die für den Job in Frage kamen, absolut überlegen. Außerdem fand er es auf diese Weise interessanter.
Wer wusste, was sich daraus noch entwickeln konnte. Er hatte diese Dr. Scully bereits ein Jahr lang beobachtet. Wenn es eine Frau gab, die Mulder interessieren konnte, dann war sie es. Weil sie ihm an Sturheit und Brillanz in nichts nachstand. Es bestand die Möglichkeit, dass das dem Konsortium einen Zugang zu Mulder ermöglichen würde, der viel effektiver war und ihnen viel mehr nützen würde, als ihn einfach nur zu beseitigen. Denn das hätten sie längst tun können.
Mulder war emotional, leidenschaftlich. Aber er war verbittert, isoliert, ihm war alles egal. Und das machte ihn gefährlich, weil er nicht zu Kompromissen und Verhandlungen bereit war. Aber wenn man wieder etwas hatte, was ihm außerhalb der X-Akten etwas bedeutete, dann konnte man ihn auf dieser Ebene packen, dann würde es noch leichter werden, ihn zu benutzen und danach Schritt für Schritt auszulöschen.
Mit diesem Gedanken drückte er den abgebrannten Stummel seiner Zigarette auf dem kalten Metall des Aschenbechers aus und griff nach der Packung Morley’s auf dem Schreibtisch.
Blevins sah ihn mürrisch an. „Muss das wirklich sein?“
Der Raucher ignorierte ihn mit der Überheblichkeit eines Mannes, der außer Macht nichts zu verlieren hatte und entzündete mit einem zischenden Laut ein Streichholz als es an der Tür klopfte.
Ein letzter Blick, ausgetauscht zwischen diesen beiden Männern, fixierte den wortlosen Vertrag, der das Leben von Dana Scully für immer verändern sollte.

 

Schüchtern nahm die junge Agentin Platz und blickte verunsichert zur Seite, wo sie einen Mann mittleren Alters im schattigen Zwielicht des Büros, versteckt hinter seinem Zigarettenrauch, ausmachen konnte. Ihr Instinkt verriet ihr sofort, dass eine unberechenbare, verschwommene Gefahr von diesem Mann ausging.
Bilder aus ihrem Traum drangen zurück in ihr Bewusstsein, aber sie fegte sie achtlos beiseite. Denn dieses Gespräch war wichtig und sie wollte einen klaren Kopf bewahren.
Nach dem anfänglichen Smalltalk war ihr klar, dass sie jedoch keineswegs entlassen werden sollte und eine neue Art von Nervosität machte sich in ihr breit. Man brauchte sie für ein anderes Projekt, aber sie begriff nicht, worum es dabei gehen sollte. Sie sollte ihre eigene Forschungsabteilung in Quantico bekommen und in Zukunft nur noch eine Art von Fällen bearbeiten. Auf Abruf. Das klang merkwürdig.
„Darf ich fragen, um was für eine Art von Fällen es sich hierbei handelt?“
„Diese Information würde leider die Objektivität Ihrer Forschungen beeinträchtigen und wir möchten unbedingt, dass Sie vermeiden, Kontakt zu den Ermittlern aufzunehmen. Sie sollen ganz einfach nur die Materialien, die Ihnen anonymisiert zugesendet werden, untersuchen und uns ihren objektiven, strikt an Fakten orientierten Bericht zukommen lassen. Es wird sich hierbei um Fälle handeln, die von den Ermittlern als unlösbar eingestuft worden sind, aber wir möchten einfach verhindern, dass etwas übersehen wird und dafür brauchen wir eine so herausragende Wissenschaftlerin wie Sie. “
Scully fühlte sich unwohl dabei. Ging es hier um Verbrechen aus Regierungskreisen? Das waren normalerweise neben Brand- und Wasserleichen die einzigen Fälle, die vor lauter Geheimniskrämerei oft unlösbar wurden weil einfach Eckdaten zurückgehalten wurden, wie z.B. medizinische Vorinformationen, Informationen über Leichenfundorte und selbst so banale Dinge wie die Namen der zuständigen Ermittler vor Ort.
Das bedeutete zwei Dinge. Da es sich offenbar um sehr delikate Dinge handelte, war sie sich sicher, dass sie an Fällen arbeiten würde, die nicht unbedingt nur der Wahrheit und dem Allgemeinwohl nützen würden. Und außerdem konnte das ganz schnell das Ende ihrer Karriere bedeuten, wenn sie dem Mangel an Informationen nicht gewachsen war und ihren Job nicht ordnungsgemäß ausüben konnte und das genau das war, was die von ihr wollten.
Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie mit diesem Job eine andere Eben des FBI kennen lernen sollte.
Sie schluckte. Denn sie hatte sich für die Karriere beim FBI entschieden, weil sie der Wahrheit dienen wollte, dem Aufklären von Verbrechen. Und für sie hörte die Gerechtigkeit nicht in den Reihen der Regierung auf. Für sie war ein Täter ein Täter, selbst wenn er der Präsident der Vereinigten Staaten war. Sie war nicht bereit ihren Verstand irgendwelchen Lügen unterzuordnen.
„Sir, bei allem Respekt. Aber ich erwarte durchaus ein Arbeitsklima, das der Aufklärung von Verbrechen dient. Als Wissenschaftlerin stehe ich im Dienst der Forschung nach Wahrheit.“
„Und als FBI-Agentin stehen Sie im Dienst der Regierung. Aber wenn sich für Sie ein Widerspruch daraus ergibt…“
Der Raucher hatte sich aus der Ecke in das Gespräch eingeschaltet und blies mit jedem Wort seinen blauen Rauch in ihre Richtung.
Scully merkte, dass das Gespräch im Begriff war, eine ungünstige Wendung zu nehmen und fiel ihm schnell ins Wort.
„Nein! Ich meinte nur, dass ich auch weiterhin das Recht für mich in Anspruch nehmen möchte, nachzufragen, wenn ich Informationen brauche. Ich versichere Ihnen jedoch, sämtliche Informationen mit größter Sorgfalt und Integrität zu behandeln.“
Chief Blevins lehnte sich zurück und fast bildete Scully sich ein, ein Lächeln in seinen Mundwinkeln zu erahnen. Sie atmete auf.
„Gut. Dann hoffen wir, dass Ihre hervorragenden Referenzen uns nicht zu viel versprochen haben und Sie uns bald einige Lösungen liefern werden.“
Nervös lächelte Scully zum Raucher herüber und merkte, wie ihr Lächeln an seinem Desinteresse abprallte.
Dass Chief Blevins ihr einerseits so schmeichelte und dieser Fremde in der Ecke sich andererseits verhielt, als wäre er Big Brother persönlich, irritierte sie. Aber sie entschied sich diese Aufgabe anzunehmen, vor allem weil sie sich sicher war, dass sie gar keine Wahl hatte. Und es war immerhin besser, als jede Woche Studentenunterricht zu erteilen und die ganzen Obdachlosenleichen aus dem Potomoac zu obduzieren.
„Wann und wo soll ich anfangen?“
Der Raucher schmunzelte hinter seiner grauen Wolke. Sie war in der Tat eine ziemlich starke Persönlichkeit. Forsch und fordernd. Nicht ungefährlich. Aber auch nicht leichtgläubig. Und genau das brauchte er. Denn er wollte, dass sie jeden Fall, bevor der den X-Akten zufiel, überprüfte und hinterfragte, um Zeit zu schinden und um den Schein sorgfältiger Überprüfung zu wahren, bevor Mulder sich die als ungelöst eingestuften Fälle voreilig schnappen konnte und seinen abenteuerlichen und kostspieligen Ermittlungen unterzog.
Er wollte Mulder seine Lebensgrundlage nehmen, seine geistige Nahrung.
„Ab sofort in Quantico, Gebäude 13.92, 1. Etage, Abteilung QD 2-12. Ihre Kontaktperson ist Special Agent Steve Miller, der Ihnen sämtliches Material und Informationen zukommen lassen wird, die Sie für Ihre Untersuchungen brauchen werden.“

Nach einem höflichen, knappen Händeschütteln verließ Scully verwirrt aber irgendwie auch stolz das Büro des Chefs. Immerhin war sie einer eigenen Spezialabteilung zugeteilt worden. Das schmeckte trotz des Nikotingeruchs, der nun an ihrer Kleidung haftete, nach einer Beförderung.

 

Als sie am Ende des langen Ganges der Chefetage den Aufzug betrat, richtete sie sich auf und spürte wie ihr Selbstbewusstsein sich von dem Schock erholte, den ihr der Anruf von Chief Blevins eine Woche zuvor eingejagt hatte.
Der Verwaltungstrakt befand sich im obersten Stockwerk des riesigen FBI Gebäudes und so klapperte der Aufzug Etage für Etage ab, bis er sich langsam dem Erdgeschoss näherte. In der zweiten Etage machte er jedoch noch einmal Halt und die Tür ging auf.
Ein großer schlanker Mann betrat die kleine Aufzugkabine, in der Scully zwischen vier wesentlich größeren Agenten in schwarzen Anzügen eingeklemmt war. Der Mann nahm Scully sofort wahr, ließ seinen Blick einmal an ihrem Körper herab gleiten und wieder herauf, bis er einen Moment lang auf ihren offenen klaren Gesichtszügen verweilte, und ihr dann ein verführerisches Lächeln schenkte, das ihr direkt zu Kopf stieg.
Aber sie war viel zu beschäftigt mit dem Gespräch, das sie gerade erst hinter sich gebracht hatte, um zu bemerken, dass dieser Mann haargenau dem Mann glich, in dessen Armen sie in ihrem Traum gelegen hatte.
Als die anderen vier Agenten im ersten Stock den Aufzug verließen, war sie mit ihm allein.
Sie spürte seine Seitenblicke auf ihrem Körper und rückte unmerklich ein wenig von ihm weg. Ihr wurde warm und gleichzeitig konnte sie ein schüchternes Lächeln ihrerseits nicht verhindern. Als der Aufzug im Erdgeschoss zum Stehen kam, blickte sie noch einmal flüchtig zu ihm auf und war darauf eingestellt, ihn mit derselben Kälte abblitzen zu lassen, wie sie das für gewöhnlich mit anderen Kollegen tat.
Aber als sie dieses Mal bewusster in seine Augen sah, glaubte sie vom Blitz getroffen worden zu sein. Irritiert fixierte sie seinen Blick und spürte wie ihre Augenbraue in die Höhe schnellte. Das war ein Reflex, den sie nicht unterdrücken konnte, so wenig sie ihn an sich mochte, weil er ihrem Gegenüber grundsätzlich verriet, wenn sie verwirrt war.
Die Aufzugtüre öffnete sich und sie tat einen Schritt nach vorn.
Doch dann blieb sie in der Lichtschranke stehen und drehte sich um.

Der Mann hatte die zierliche Agentin nie zuvor gesehen, aber sie hatte dort oben zwischen den großen anderen Agenten so niedlich gewirkt, dass er einfach nicht anders gekonnt hatte, als ihr zuzulächeln. Nun stand sie allein vor ihm und wirkte keineswegs niedlich oder klein.
Sie blickte ihm offen in die Augen, mit einer so festen Direktheit, dass er fast Angst bekam, sie könne geradewegs auf den Grund seiner Seele blicken. Ihre Augen waren einzigartig. Durchdringend. Prüfend. Und trotz ihres frischen ozeanfarbenen Blaus wirkten sie dunkel und ernst.
Ihre Augenbraue zuckte und ihr hübscher roter Mund öffnete sich.
„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich irre, aber haben wir uns schon einmal gesehen?“ fragte sie schließlich mit fester, klarer Stimme und merkte zugleich, dass ein gut aussehender Mann wie er diesen Spruch garantiert schon oft gehört hatte. Nur sie meinte es ernst, ohne jeden romantischen Hintergedanken.
Er schenkte ihr erneut jenes Lächeln, das ihr das Gefühl gab, vollkommen entblößt vor ihm zu stehen. Doch er schüttelte den Kopf.
„Zumindest nicht in diesem Leben“ entgegnete er geheimnisvoll und erwiderte ihren Blick mit der gleichen Direktheit, die sie an den Tag gelegt hatte.
Sie zuckte die Schultern und lächelte verlegen. „Dann liegt das vermutlich an den Anzügen. Dadurch sehen hier alle gleich aus.“
Mulder grinste, weil das auch genau der Grund war, warum sie ihm aufgefallen war: Sie sah nicht aus wie alle anderen. Peinlich berührt von ihrem offensichtlichen Irrtum gab sie die Lichtschranke frei um den Aufzug zu verlassen. Zum Abschied wedelte Mulder mit seiner Krawatte als die Tür sich schon wieder in Bewegung setzte.
„Aber nur ich hab so eine schicke Kleeblattkrawatte“, rief er ihr durch den letzten Spalt, den die sich schließende Tür noch offen ließ, hinterher.
In der Tat war seine Krawatte unglaublich geschmacklos. Scully schüttelte amüsiert den Kopf und lief auf den Ausgang zu, in der Tasche nach den Autoschlüsseln kramend als ihr Herz einen Schlag aussetzte.

Ein Bild erschien vor ihren Augen. Es war das Bild eines Mannes, dessen Lippen sich ihren näherten, dessen Oberkörper sich über ein Baby beugte, das sie in ihren Armen hielt. Dieser Mann hatte dieselben grünen Augen, wie der Mann aus dem Aufzug.
Ihr wurde schwindelig und sie blieb mit klopfendem Herz stehen. Es war jener Fox Mulder aus ihrem Traum.
Sie machte auf ihrem Absatz kehrt und lief zurück zum Aufzug, doch es war zu spät. Er war bereits ins Untergeschoss gefahren. Einen Moment lang hielt sie inne, überlegte ihm in den Keller zu folgen. Aber als sie den Gedanken durch die Mühlen ihrer Vernunft laufen ließ, merkte sie, dass es schrecklich albern war sich von einem Traum derart in die Irre führen zu lassen. Vermutlich hatte sie diesen Agent Mulder tatsächlich schon einmal gesehen, irgendwo in den unzähligen Abteilungen, die sie während ihrer Ausbildung im FBI durchwandert hatte.
Und doch kam es ihr merkwürdig vor, dass dieser Fremde der Mann war, dem sie in ihrem Traum ihr Herz und ihre Seele offenbart hatte. Es verstörte sie so sehr, dass sie errötete und unzählige Schmetterlinge in ihrem Bauch aufschwärmen fühlte.
Kopfschüttelnd aber ein ganzes Stück unsicherer drehte sie sich wieder um und verließ endgültig das Gebäude.

 

Zwei Wochen später, Quantico, Abteilung QD 2-12, 11:58 Uhr


Dr. Scully zog die Latexhandschuhe von ihren Händen und warf sie in den Müll. Ihr Blick war noch immer auf die Leiche gerichtet, die über und über von seltsamen Malen gezeichnet war, die wie überdimensionierte Windpocken aussahen.
Der Fall gab ihr Rätsel auf. Aber genau das war ja auch der Grund, warum diese arme tote junge Frau auf ihrem Tisch lag. Offenbar waren mindestens zwei Autopsien dieser hier vorausgegangen. Aber die Ermittler hatten unglaublich schlechte Arbeit geleistet. In beiden Autopsieberichten ihrer Vorgänger war die Todesursache als ungeklärt eingetragen worden und bei der Leichenschau waren keine auffälligen äußeren Veränderungen notiert worden. Scully hatte laut losgelacht als sie diese Berichte durchgelesen hatte. In der Tat war die Leiche auffällig unauffällig gewesen, bei der äußerlichen Inspektion waren nicht einmal sichere Todeszeichen festzustellen gewesen. Aber gerade das hätte man notieren müssen. Scully konnte außerdem nicht verstehen, wie man die eindeutigen Hautveränderungen einfach hatte übergehen können, selbst wenn sie weniger Todesursache als Nebenbefund zu sein schienen. Und man hatte sich nicht einmal die Mühe gegeben eine breit angelegte toxikologische Untersuchung durchzuführen. Scully schüttelte über all diese Unsauberkeiten noch immer den Kopf.
Die örtlichen Behörden hatten die Leiche offenbar gar nicht schnell genug loswerden können und nun lag sie hier, als ungelöster Fall, der darauf drängte aufgeklärt zu werden, weil es sonst peinlich für das FBI werden konnte.
Scully stand unter Druck. Das hier war ihr dritter Fall in diesen zwei Wochen. Und sie hatte bereits zweimal kapitulieren müssen und die anderen Fälle waren als ungelöst zu den Akten gelegt worden. Sie war eingestellt worden um die Zahl ungelöster Fälle zu minimieren und bisher erledigte sie ihren Job offensichtlich mehr schlecht als recht.

Sie drehte sich um und gönnte sich einen Augenblick Pause. Ihr Blick wanderte durch den Raum. Ihr eigenes kleines Labor. Es war mit allem ausgestattet, auf dem neuesten technischen Stand. Aber die Sache hatte einen riesigen Haken: Sie hatte überhaupt keine Mitarbeiter, keine Assistenten. Sie hatte nur Kontakt zu diesem uralten total eingestaubten Agent Miller, der sich für nichts interessierte und sie lediglich mit den Fällen versorgte und zu ihrer Sekretärin, die sämtliche Anfragen, die sie an andere Abteilungen hatte, verwaltete. Sie hatte in den ganzen zwei Wochen noch nicht ein einziges Wort mit den Leuten aus der Molekularbiologie oder mit denen aus der Spurensicherung gewechselt, das hatte alles ihre Sekretärin erledigt.
Scully machte sich nichts vor: Sie hasste diesen Job. Aber zweifellos war es ein wichtiger Posten, der umgeben war von einer blassgrauen Aura des Schweigens, die jeden CIA-Agenten neidisch gemacht hätte.
Man hatte ihr sogar eines dieser neuen Mobiltelefone gegeben. Und ihr Gehalt war ebenfalls aufgebessert worden.
Der Grund, warum sie diesen Job jedoch behalten wollte, war ein anderer: Ihr Ehrgeiz. Ihre Besessenheit. Ihr Trotz. Je schwieriger sich ihr ein Fall darstellte, desto verbissener wurde sie. Weil sie fast das Gefühl hatte, dass man gar nicht wollte, dass sie diese Fälle löste.
Sie hatte auch seit zwei Wochen keine Nacht durchgeschlafen. Aber sie war gerade Ende zwanzig. Sie konnte das vertragen.
Sie lief in ihren eigenen kleinen Aufenthaltsraum und setzte sich einen Kaffee auf, als ihr Mobiltelefon klingelte.
„Scully?“
„Dr. Scully?“
„Ja! Wer ist da?“
„Ich hätte vielleicht Informationen für Sie, was Ihre letzten beiden Fälle angeht.“
Scully kam die männliche Stimme bekannt vor, aber sie wusste sie nicht direkt einzuordnen. Sie wusste nur, dass sie vorsichtig sein musste.
„Was meinen Sie damit? Wer sind Sie?“
„Ich bin jemand, der genau so wenig mit Informationen versorgt wird wie Sie. Aber wenn Sie diesen Fall nicht zu den anderen beiden ungelösten Fällen legen möchten, dann hätte ich vielleicht etwas für Sie, das Ihnen weiterhelfen könnte.“
Scully fühlte sich in ihrem Stolz gekränkt und verunsichert, dass ihre Misserfolge bereits Kreise gezogen zu haben schienen.
„Danke, aber daran habe ich wirklich kein Interesse. Und ich bitte Sie, meine Nummer nicht noch einmal zu wählen, da ich sonst Ihren Anruf zurückverfolgen lassen werde.“
„Autsch!“ antwortete die bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung und verabschiedete sich mit einem fast knabenhaft unbeteiligten „Na, dann eben nicht!“ wieder.
Scully runzelte die Stirn und ließ das Handy unsanft auf den Tisch zurückfallen. Was bildete sich dieser Mensch überhaupt ein? Sie war sehr wohl in der Lage diese Fälle alleine zu lösen. Und sie würde sich die anderen beiden nochmals vorknöpfen, sobald sie diesen Fall hier gelöst hatte.
Wütend und noch entschlossener als zuvor stand sie auf um ihre Autopsie zu revidieren.



Sieben Stunden später

Ihr Nacken war verspannt, ihr Kopf dröhnte und der Computerbildschirm flackerte unruhig vor ihren Augen. Sie war sicher, dass sie, wenn das so weiterging, einen epileptischen Anfall erleiden würde. Aber zum ersten Mal seit zwei Wochen erschien das, was sie dort in den Weiten des Internets entdeckt hatte, einen Sinn zu ergeben und sie ein Stück weiterzubringen.
Der einzige Haken war die Quelle dieser Information.
Denn es handelte sich um die Homepage einer Sekte von UFO-Gläubigen, die in diesen Malen, die sie an der toten Frau entdeckt hatte, Stigmata sahen. Stigmata, die eine außerirdische Rasse wenigen Auserwählten ihrer Glaubensgemeinschaft einbrannte, um die baldige Ankunft dieser außerirdischen Wesen auf dem Planeten Erde zu verkünden. Scully musste grinsen. Aber es war immerhin ein Anfang. Wenn diese Dame tatsächlich Mitglied in einer dieser Sekten gewesen war, dann konnte das vielleicht eine heiße Spur werden.
Sie griff nach dem Telefon um Agent Miller anzurufen.
Sie brauchte weitere Informationen über diese Frau, wer sie war, wo sie herkam, ob sie Mitglied einer Sekte war, ob sie Familie hatte. All das enthielt man ihr grundsätzlich vor.
Doch wie so oft ging Agent Miller nicht ans Telefon. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr warum: Niemand außer ihr arbeitete länger als bis 17 Uhr. Doch heute hatte sie keine Lust darauf, vor dieser Politik der Desinformation zu kapitulieren. Sie wollte diesen Fall lösen.
Sie wusste nicht, was man in dieser Abteilung mit ihr vorhatte, wofür man sie bestrafen wollte, oder wer sie verarschen wollte.
Was immer es war, Scully war sicher, dass man ihren Ehrgeiz unterschätzt hatte. Sie würde sich die Informationen über dieses Opfer eben selbst beschaffen müssen. Die wichtigste Information hatte sie ja bereits: Sie hatte die Leiche. Allzu schwierig würde es demnach nicht werden herauszufinden wie viele Frauen passenden Alters in den letzten zwei Wochen im Umkreis von D.C. als verstorben gemeldet worden waren.
Sie hob ihr Handy auf und begann, die ersten Nummern zu wählen, die ihr weiterhelfen würden. Irgendwo saß garantiert ein vertrottelter Beamter, der so spät keine Lust mehr auf Diskussionen hatte und ihr jene Informationen beschaffen würde, die sie brauchte.

 

Zwei Stunden später, FBI Hauptquartier in Washington D.C.

Scully wusste, wo Agent Millers Büro sich befand und sie war sicher, dass sie dort die Akte ihres aktuellen Falls finden würde.
Im Hauptgebäude der Bundespolizei war schon ein wenig Feierabendstimmung ausgebrochen. Viele Agenten verließen ihre Büros um zu ihren Familien und Freunden heimzukehren. Sie alle schienen diesen Beruf abzustreifen in dem Moment, in dem sie diese heiligen Hallen verließen. Scully hatte nie zu diesen Menschen gehört. Sie konnte ihre Rolle niemals ablegen. Sie war immer rund um die Uhr eingestellt darauf, dass sie den Menschen gegenüber verpflichtet war, die Ungerechtigkeiten, die auf dieser Welt tagtäglich stattfanden, zu entlarven. In ihrer Rolle als gläubige Katholikin nahm sie ihren Beruf noch viel ernster als viele andere das vermutlich taten. Dieser Umstand hatte sie auch daran gehindert, Ärztin zu werden. Sie hatte es einfach nicht gekonnt. Es hatte sie aufgefressen, dass sie oft nur hatte zusehen können wie Menschen starben. Sie konnte auch hier nicht verhindern, dass Menschen starben. Aber sie konnte ihre Tode wenigstens innerhalb der Grenzen irdischer Gerechtigkeit rächen.
Das war zumindest die Hoffnung, mit der sie diesen Beruf ausübte.
Bisher mit großem Erfolg. Aber seit ihrer "Beförderung" hatte sie eine neue Ebene innerhalb des FBI erreicht, in der es plötzlich viel schwieriger geworden war zu durchschauen worin die Gerechtigkeit bei ihren Fällen bestehen sollte.
Und genau das war der Grund, warum sie sich entschieden hatte die Informationspolitik, mit der sie sich seit zwei Wochen konfrontiert sah, ein wenig zu manipulieren.

Als sie auf dem Weg zu Agent Millers Zimmer an einem Büro vorbeilief, stutzte sie. Es war das Büro von Walter Skinner. Sie konnte sich nicht daran erinnern, je von ihm gehört zu haben oder ihm je begegnet zu sein. Und doch hatte sie plötzlich ein Gesicht vor Augen. Klar und deutlich.
Und da fiel ihr der Traum wieder ein. Der Traum, den sie bereits fast vergessen hatte, der aber so intensiv gewesen war, dass er ihr auch jetzt noch, zwei Wochen später, eine Gänsehaut bereitete. Und der jene alles verzehrende Sehnsucht in ihrem Herzen zurückgelassen hatte, die sich ihrer bemächtigte, wenn sie abends in ihre Wohnung heimkehrte und in dem warmen Wasser ihres Schaumbads versank, das ihr nicht mehr die Geborgenheit und Entspannung schenken konnte, die es ihr einst hatte bereiten können.

Sie blieb vor der Tür stehen, auf der Agent Millers Name in weißen Lettern auf einer schwarzen Metallplakette eingraviert waren.
Es war abgeschlossen. Innerlich biss sie sich in den Hintern dafür, dass sie nicht daran gedacht hatte und so blauäugig gewesen war zu hoffen, dass sie freien Zugang zu allen Räumen innerhalb des FBI haben würde. Einen Augenblick lang überlegte sie wie weit sie gehen konnte und kam auf eine Idee als ihr Blick auf die Überwachungskameras fiel. Es war einer der wenigen Momente in ihrem Berufsleben, in denen sie froh war, eine Frau zu sein, denn nun konnte sie ihre weiblichen Reize einsetzen um den Sicherheitsleuten im Erdgeschoss mittels einer geschickten Lüge den Generalschlüssel zu entlocken.
Dummheit verzieh man einer hübschen Frau eher als Intelligenz und heute wollte sie sich das zunutze machen. Mit dem naivsten Gesichtsausdruck, den sie aufsetzen konnte, steuerte sie daher in der Eingangshalle auf den nächst besten Sicherheitsbeauftragten zu und begann ihn um den Finger zu wickeln. Innerlich triumphierend und mit einem Lächeln, das sie nur für Gelegenheiten wie diese aufsetzte, verließ sie eine Viertelstunde später das Erdgeschoss wieder, mit einem klimpernden silbernen Schlüsselbund in der Hand, dessen Metall sich angenehm kühl auf ihrer Haut anfühlte.
Sie entschied sich im Interesse ihrer Beine die Treppe zu nehmen, da sie seit sie den neuen Job angenommen hatte, nur noch selten zum Joggen gekommen war. Sie war so sehr darauf konzentriert, sich diese Informationen über ihr Opfer auf so illegale Weise zu beschaffen, dass sie, den Blick starr auf die Stufen vor ihren Füßen gerichtet, überhaupt nicht den Schatten wahrnahm, der sich ihr von hinten näherte. Schließlich verwandelte sich der Schatten in einen Mann, der sie aufgrund seiner längeren Beine bald eingeholt hatte und neben ihr langsamer wurde.

„Na? So spät noch hier?“
Seine lebhaften grünen Augen versuchten den Namen auf dem Schild, das sie an einem Band um den Hals hängen hatte, zu erkennen, aber dafür war es im Treppenhaus zu dunkel. Die junge Agentin, der er gefolgt war, hatte entweder vergessen das Licht anzuschalten oder sie zog die Dunkelheit ebenso wie er vor. Und dennoch hatte er sie selbst im Dunkeln erkannt, da ihr rotes Haar unverkennbar im fahlen Licht der Großstadt leuchtete, das von draußen durch die Fenster herein schimmerte.
Sie jedoch hatte nicht bemerkt, dass noch jemand in diesem Treppenhaus unterwegs war und gab einen erschrockenen Laut von sich. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu als sie erkannt hatte, dass es sich um Fox Mulder handelte.
Der Mann aus dem Aufzug. Der Mann aus ihrem Traum?

 

Sie schluckte.
Seit ihrer letzten Begegnung hatte sie nicht mehr oft an ihn gedacht. Sie hatte gehofft der Traum würde zusammen mit allen Erinnerungen und Gefühlen irgendwann wieder verschwinden.
Aber jetzt wusste sie, dass das nicht möglich war. Dass sie sich diesem Menschen stellen musste um zu lernen, dass er nur ein ganz gewöhnlicher Mann war. Sie wollte dieser Figur aus ihrem Traum den Zauber nehmen. Sie würde diesen Traum auseinander nehmen, bis nichts mehr daran faszinierend und mysteriös war. Bis selbst das intimste und intensivste Gefühl in ihr der Erkenntnis gewichen war, dass es in der Realität ganz anders aussah. Dass ihr Unterbewusstsein ihr lediglich einen Streich gespielt hatte, ausgelöst durch diese verfluchten Schlaftabletten.
Daher bemühte sie sich, so unbeeindruckt wie möglich zu wirken als sie ihn gerade heraus ansprach.
„Sie sind Fox Mulder, nicht wahr?“
Der Agent stand ihr jedoch in Arroganz in nichts nach und entgegnete genau so kühl wie sie begonnen hatte: „Mein Ruf eilt mir also bereits voraus.“
Sie presste die Lippen aufeinander und zuckte mit den Schultern. „Das kann sowohl Zeichen von Helden- als auch von Schandtaten sein, also würde ich mir nichts darauf einbilden.“
Er lächelte amüsiert. Ihre Distanz gefiel ihm. Sie wirkte so kühl und unnahbar auf ihn. Genau wie ihre eisblauen Augen, die ihn durch die Dunkelheit hindurch anfunkelten wie Sterne.
„Da Sie jetzt wissen, wer ich bin, darf ich auch erfahren, mit wem ich es zu tun habe?“

Mittlerweile hatten sie das Stockwerk erreicht, auf dem sich das Agent Millers – und Walter Skinners Büro - befanden, und Scully musste überrascht feststellen, dass Mulder ihr auf diese Etage folgte.
„Wo müssen Sie denn hin?“ wich sie seiner Frage aus als sie ihm voraus am Büro von Walter Skinner vorbeilief. Sie wartete jedoch keine Antwort ab, sondern versuchte sich darauf zu konzentrieren, den richtigen Schlüssel am Schlüsselbund wiederzufinden, um nicht all zu sehr bei ihrem stümperhaften Versuch Regeln zu brechen aufzufallen.
Mulder blieb direkt hinter ihr stehen und sah ihr dabei zu.

Er hatte eigentlich auf ein ganz anderes Stockwerk gewollt. Nachdem er diese Dr. Scully am Nachmittag zwar erreicht hatte, aber keinen Erfolg bei ihr gehabt hatte, hatte er sich entschieden, sich allein um diese beiden Fälle zu kümmern, die sie als ungelöst eingestuft und auf Eis gelegt hatte. Er hatte ihre Arbeit in den letzten zwei Wochen verfolgt. Sie war zweifellos eine sehr gute Wissenschaftlerin, aber sie hatte überhaupt kein Gefühl dafür, was wirklich hinter diesen Fällen steckte. Offenbar war sie damit genau die richtige Person für diesen Job. Aber es war die reinste Schikane. Sie tat ihm leid. Weil man ihr diesen Posten aufgebürdet hatte. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie da tat. Wem sie damit diente. Und dass er letztlich doch an diese Fälle kommen würde, egal wen die noch einstellen würden, um ihn da heraus zu halten.
Allerdings war es durch sie wesentlich schwieriger geworden an die Fälle zu kommen, weil sie nach der Bearbeitung durch Dr. Scully direkt im Sicherheitsarchiv abgelegt wurden und dort nur eingetragene Personen Zugang hatten. Der Auftragsfluss von oben zu seinem Büro war komplett gestoppt. Ihm wurde kein einziger Fall mehr zugeteilt mit der Entschuldigung, es handele sich eben um eine „Flaute“. Seine Abteilung war quasi lahm gelegt worden.
Warum hatten sie ihn nicht gleich gefeuert? Sie hätten ihn doch einfach wegrationalisieren können. Aber selbst dazu waren sie sich zu bequem. Sie wollten, dass er selbst eines Tages gehen würde, wollten ihn aushungern lassen, ihn moralisch schwächen bis er resignierte.

Und nun war ihm auf dem Weg in das Sicherheitsarchiv, zu dem er sich auf höchst zweifelhafte Weise Zugang verschaffen wollte, diese Rothaarige über den Weg gelaufen. Sie hatte irgendetwas an sich, das dazu führte, dass er sich in ihrer Gegenwart leichter fühlte. Vielleicht war es die Offenheit in ihrem Blick. Oder die Tatsache, dass sie wie er um diese Zeit noch hier war. Vielleicht war es ihre Distanziertheit. Mit Sicherheit war es aber der Ausdruck auf ihrem Gesicht, dass sie im Begriff war, etwas zu tun, das nicht unbedingt zu ihrem Aufgabenfeld gehörte.
Er war gelernter Psychologe. Profiler. Er hatte ein geübtes Auge und er sah auf den ersten Blick, wenn jemandem das Herz bis zum Hals schlug. Aber was immer sie auch tat, wenn es dazu diente, dem FBI ein Schnippchen zu schlagen, dann war er gerne bereit ihr dabei zu helfen. Also war er ihr gefolgt.
Aber nun stand er mit ihr vor dem Büro eines Agenten und wusste nicht mehr so recht, was er tat. Sie drehte sich sichtlich gereizt zu ihm um, bemühte sich aber höflich zu bleiben.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ fragte sie daher und sah ihn auffordernd an, während sie sich trotz ihrer zierlichen Statur vor der Tür aufbaute, durch die sie auf keinen Fall mit Agent Mulder im Schlepptau gehen wollte. Mulder merkte wie seltsam sein Verhalten auf sie wirken musste und zuckte lächelnd mit den Achseln, weil er nicht den leisesten Schimmer hatte, was ihn dazu getrieben hatte, ihr bis zu dieser Bürotür zu folgen. Also musste er das Beste daraus machen.
„Ich dachte eigentlich, dass ich IHNEN behilflich sein könnte.“
Sie schien ihn nicht zu verstehen und sah ihn weiterhin an.
Er zuckte mit den Schultern.
„Na ja, immerhin scheinen Sie neu hier zu sein und vielleicht brauchen Sie ja noch eine Führung?“ Er wackelte mit den Augenbrauen.
Scully war sicher, dass er mit dieser Tour im College Erfolge erzielt hatte. Und es war Freitagabend, da griff manch einer zu verzweifelten Mitteln, nicht alleine nach Hause gehen zu müssen. In gewisser Hinsicht fühlte sie sich geschmeichelt, aber sie wusste wer er war. Sich mit ihm auf irgendeine Weise einzulassen war das denkbar schlechteste, wenn man um einen guten Ruf beim FBI bemüht war.
Aber hatte sie sich nicht vorgenommen sich diesen Fox Mulder einmal genauer anzusehen? Wollte sie nicht gerade auf diese Weise über ihren Traum hinwegkommen und dieses Gefühl in ihr endgültig wieder abstellen?
Sie entschied sich aber, dass sie das hiermit längst getan hatte. Sie hatte mit ihm geredet, hatte ihn gesehen und feststellen müssen, dass er zwar durchaus charmant war, dass es aber überhaupt keinen Sinn ergab, weil ihr Traum keinen Sinn ergab.
Also stemmte sie ihre Hände in die Hüften und sah ihn an. Sie war nicht die Art von Frau, die man schon gewonnen hatte, wenn man sie einfach mit einem lockeren Spruch auf den Lippen anquatschte.
„Vielen Dank, aber daran habe ich nun wirklich kein Interesse. Und ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie mir nicht noch einmal folgen würden.“
Vielleicht hatte sie ein wenig zu dick aufgetragen, aber das war ihr nun auch egal. Es war spät, sie war genervt und sie wollte an diese Akte herankommen. Und das flaue Gefühl in ihrem Magen, das er in ihr auslöste, war sie mittlerweile auch leid.

 

Mulder wich zurück. Ihr Tonfall erinnerte ihn an eine Begebenheit, die gerade ein paar Stunden her war und die ihn ähnlich verdutzt zurückgelassen hatte wie jetzt.
Er zog die Stirn in Falten und überlegte einen Moment, ob er sich nicht vielleicht irrte. Seine Augen fixierten immer wieder Hilfe suchend das Schild, das an dem langen blauen Band um ihren Hals hing, das sich aber umgedreht hatte und nicht sichtbar war. Doch als er sich den unglücklichen Verlauf des Telefongesprächs mit dieser Dr. Scully noch einmal durch den Kopf gehen ließ, wurde ihm klar, dass dieses Gesicht vor ihm eindeutig zu der Stimme passte, die ihn so eiskalt abserviert hatte.
Und nun hatte sie es ein zweites Mal getan. Offenbar war sie eine ziemlich kratzbürstige Person, die es gewohnt war, alleine zurechtzukommen. Oder zumindest schien sie sich selbst beweisen zu wollen, dass sie alleine zurechtkam.
Er zog es daher vor ihrem Ratschlag zu folgen. Er hatte keine Lust darauf irgendwem auf die Nerven zu gehen, das tat er ohnehin schon oft genug. Sein Selbstbewusstsein war ausgeprägt genug um sich ihren Korb nicht zu Herzen zu nehmen, zumal er eigentlich gar nicht an ihr interessiert war, er war nur einer Laune gefolgt. Da er jetzt wusste wer sie war, keimte höchstens noch einmal das Interesse an ihrer Arbeit auf, doch darauf hatte sie ihm ja längst ihre Antwort gegeben.
In seinem Kopf zollte er den alten Männern in der obersten Etage stumm Respekt. Diese Frau war sorgfältig ausgewählt worden. Sie war von so einer dicken Eisschicht umgeben, dass es gar nicht nötig war, sie so weit weg in den Labors in Quantico einzusperren.
Er beugte sich zum Abschied ein wenig zu ihr herunter.
„Mann, Sie waren im College bestimmt immer die, die in der ersten Reihe saß, was?“
Damit drehte er sich galant um und ließ sie stehen. Mit dem Rücken schon zu ihr gewandt, rief er noch halbherzig: „Dann viel Glück bei Ihrer Suche, Dr. Scully“, und lief den Flur entlang wieder auf die Tür zum Treppenhaus zu.
Er hatte sie auf den ersten Blick wirklich attraktiv gefunden, hatte hinter diesen schönen blauen Augen und ihrer Fassade einen interessanten Charakter vermutet, aber wenn jemand so sorgfältig so viel Eis um sich herumschichtete, dann hatte das auch einen Grund und er war nicht allzu erpicht darauf diesen Grund heraus zu finden. Er hatte offensichtlich wieder einmal viel zu lange in diesem Büro dort unten gesessen und sich von der Außenwelt abgeschirmt, dass er vergessen hatte, wie anstrengend Menschen sein konnten.

Scully sah ihm nach, die Arme noch immer abwehrend vor ihrer Brust verschränkt, die Zunge in ihrem Mund nachdenklich hin- und herrollend. Ihr Blick glitt dabei an seinem Rücken entlang, wo sich seine Muskeln unter dem weißen Hemd abzeichneten und über seinen Po an seinen langen schlanken Beinen herab. Sie musste sich eingestehen, dass sie ihn attraktiver fand, als ihr lieb war.
Entgegen ihrer Vernunft hörte sie plötzlich ihre eigene Stimme auf dem einsamen Flur unnatürlich laut widerhallen: “Moment mal!“
Er drehte sich zu ihr um und ihr Herz blieb stehen. Sie verfluchte sich für diese Bilder, die ihr Unterbewusstsein mit diesem Traum einfach in ihr Gedächtnis gefeuert hatte, aus dem sie sie angesichts ihrer Intensität nie wieder würde verbannen können. Sie errötete.
In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wusste. War es Überraschung? Interesse? Abweisung?
Interessierte sie das überhaupt?
Sie war verwirrt. So kannte sie sich nicht. Ihr Leben war seit zwei Wochen ein einziges Geheimnis. Sie erkannte nichts wieder. Sie hatte zwei Wochen lang täglich über zehn Stunden in diesem Labor verbracht, abgeschottet von der Außenwelt.
Anfangs war sie noch begeistert gewesen von ihrer Sonderstellung mit all ihren Vergünstigungen. Aber gleichzeitig war alles Vertraute verschwunden. Es gab keine Mittagspausen mit den anderen Gerichtsmedizinern in der Kantine mehr, keinen Studentenunterricht, keine Erfolge, keine richtigen Fälle, nur Fragmente. Alles war nun so verschwommen, bewegte sich in der Grauzone der Anonymität und war dazu auch noch durchtränkt von diesen fremden Bildern in ihrem Kopf, die ihr diese Gänsehaut bereiteten.
Und dann war da diese Gefühlsregung in ihr, die sich wie ein Schleier durch ihren Verstand zog und sie schmerzlich nach etwas verlangen ließ, von dem sie nicht wusste, wo sie es herbekommen sollte.
Sie schloss die Augen einen Moment.
‚Es war nur ein Traum’, ermahnte sie sich ein letztes Mal und brachte sich in die Wirklichkeit zurück.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, war er wieder ein wenig näher gekommen.
„Woher wissen Sie meinen Namen?“
Er lächelte und streckte die Hand nach dem Schild aus um es umzudrehen. Irritiert folgte sie seinem Blick und ließ seine Hand, die sich ihrem Oberkörper näherte, nicht aus den Augen. Als er ihren Namen endlich offiziell darauf sehen konnte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Er ließ das Schild wieder los und nickte ihr zu: „Ihr Ruf eilt Ihnen anscheinend ebenfalls voraus.“
Damit ließ er sie abermals stehen, mit dem Gefühl der Genugtuung, dass er es dieses Mal war, der sie abblitzen ließ.
Sie biss die Zähne zusammen und schluckte. Aber was hätte sie nach ihrer Abweisung auch anderes erwarten sollen? Actio gleich Reactio.

Als er im Treppenhaus verschwunden war, drehte sie sich endlich zu der Tür um und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit dem eigentlichen Grund dafür, warum sie auf diesem Flur stand. Sie ließ den Schlüssel fast selbstverständlich ins Schloss gleiten und betrat Agent Millers Büro als wäre es ihr eigenes.
Ihre Finger glitten emsig durch die unzähligen Papierordner auf seinem Schreibtisch und ihre Augen suchten nach dem einen Namen ihres Opfers, den sie tatsächlich von einem gutgläubigen verschlafenen Polizeibeamten ergattert hatte. Es war ein gutes Gefühl, dass diese tote junge Frau nun nicht mehr anonym war, sondern einen Namen und eine Geschichte hatte, die Scully vielleicht endlich weiterbringen würde.
Nach zehn Minuten hatte sie die Akte zu ihrer Überraschung tatsächlich gefunden. Sie hatte vermutet, dass ein anscheinend so geheimer Fall unauffindbar in irgendeinem Fach abgelegt war ohne Beschriftung, aber sie hatte Glück, dass Agent Miller offenbar eine Zwangsstörung hatte und selbst die Notizzettel auf seinem Schreibtisch durchnummeriert hatte.
Als sie das Büro wieder abgeschlossen hatte, schlich sie sich mit der Akte beinahe unbemerkt in die Zentralbibliothek des FBI Gebäudes um sich durch die Geschichte dieser jungen Frau durch zu arbeiten.

Drei Stunden und viele Mausklicks am FBI-Computer später schlug sie die Akte endgültig zu. Wenn all ihre Opfer einen derart exzentrischen Lebensstil geführt hatten, dann begriff sie langsam, warum es so schwierig war, diese Todesfälle aufzuklären. Sie hatte mit ihrer Vermutung richtig gelegen und musste sich selbst eingestehen, dass sie ein wenig stolz darauf war: Die tote Frau in ihrem Labortrakt gehörte in der Tat einer Sekte an. Sie war gerade zu fanatisch gewesen, war immer wieder wochenlang untergetaucht um danach zu behaupten, sie sei von ihren außerirdischen Herrschern entführt worden. Es war kein Wunder, dass so ein Leben einen seltsamen Tod nach sich ziehen musste. Gleichzeitig musste es aber auch noch andere Sektenmitglieder geben, die ein ähnliches Schicksal ereilen konnte, wenn niemand diesen Wahnsinn stoppte.
Scully unterstrich mit ihrem Bleistift die Namen zweier Vermisster aus den Bundesstaaten Colorado und Nevada, die seit letztem Jahr verschwunden waren und auch Mitglieder dieser Sekte waren. Wenn sie etwas über diese beiden Menschen herausfand, würde sie vielleicht gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Zufrieden mit sich selbst, aber müde und überreizt, stand sie schließlich auf, brachte die Akte zurück in Agent Millers Büro, nicht ohne sich vorher zahlreiche Kopien gemacht zu haben, und drückte den Aufzugknopf.
Sie sah auf die Uhr. Es war fast Mitternacht und sie konnte kaum noch aufrecht stehen, geschweige denn klar denken.
Irritiert stellte sie fest, dass der Aufzug mit ihr ins Kellergeschoss gefahren war. Doch das brachte sie auf eine Idee.
Sie betrat den dunklen Flur des Kellergeschosses und wartete, bis der Fahrstuhl sich geschlossen hatte und wieder nach oben gefahren war. Es gab nur eine einzige Lichtquelle hier unten. Und die ging von dem Kellerbüro am Ende des Ganges aus, das eindeutig das Büro von Fox Mulder sein musste. Spooky Mulder, wie man ihn nannte. Angesichts der Lokalität seines Arbeitszimmers ein ziemlich passender Name, wie sie fand. Im gleichen Augenblick fiel ihr ein, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie hier eigentlich verloren hatte. Ihr Blick fiel auf den Lichtschein, der von der Tür des Büros herrührte. Und dann sah sie auf den kleinen weißen Notizzettel, auf den sie die beiden Namen gekritzelt hatte. Ohne es zu merken hatte sie ein paar Schritte auf diese Tür zu gemacht, blieb jedoch stehen, als sie merkte, dass man ihre Absätze auf dem steinernen Kellerboden hören konnte.
Sie hielt den Atem an. Sie wollte unter keinen Umständen von ihm hier entdeckt werden.
Aber warum lief sie dann auf sein Büro zu?
Sie sah verloren in die Dunkelheit vor sich.
Sie kannte diesen Mann gar nicht, aber sie hatte das Gefühl, dass das falsch war. Und doch sah sie eigentlich keine rational erklärbare Veranlassung dafür, warum sie sich mit diesem Mann überhaupt auseinandersetzen sollte.
Sie war müde. Sie wusste nicht, was sie tat.
Ein letztes Mal sah sie zu der Kellertür, die seinen Namen trug, und nahm ihr erstes reales Gefühl für diesen Mann wahr: Mitleid. Sie schämte sich, dass es ausgerechnet ein Gefühl wie dieses war. Aber ein Mann, der an einem Freitagabend um diese Uhrzeit noch in seinem kleinen vergessenen Kellerbüro saß und arbeitete, musste jemand sein, auf den niemand zuhause wartete. Und obwohl sie selbst von niemandem erwartet wurde und sich ebenfalls zu den Workaholics zählte, empfand sie so für ihn.
Nachdenklich machte sie kehrt, holte erneut den Aufzug herunter und fuhr endgültig ins Erdgeschoss, wo sie den Sicherheitsleuten beim Verlassen des Gebäudes die Schlüssel zurückgab und sich dann auf den Nachhauseweg machte um sich in ihrem großen, leeren Bett ihren verdienten Schlaf zu holen.

 

Fünf Tage später, Quantico, Abteilung QD 2-12


Angespannt tippte sie mit ihren Fingerspitzen auf ihrer Unterlippe herum und starrte geistesabwesend auf den Bildschirm an ihrem Arbeitsplatz im Labor. Es half alles nichts. Sie kam nicht weiter. Aber sie weigerte sich, diesen Fall auch als ungelöst abzugeben. Sie wollte die Wahrheit über den Tod dieser Frau wissen.
Allerdings war sie innerhalb der letzten fünf Tage bei ihren inoffiziellen Nachforschungen in Welten vorgedrungen, die ihr bisher verschlossen gewesen waren. Sie war keineswegs naiv. Sie hatte in der Gerichtsmedizin Dinge gesehen, die jeden anderen an der Existenz des Guten hätten zweifeln lassen. Sie wusste, dass die Welt an Verrücktheiten genau so reich war wie an Spießigkeit. Aber ihr war nicht klar gewesen wie viele Menschen da draußen an UFO’s glaubten.
Bisher war sie der Ansicht gewesen, es gäbe drei Sorten von Menschen: Die, die an die Wissenschaft glaubten, die die an Gott glaubten und die, die überhaupt nichts glaubten. Aber in der letzten Woche war sie auf Geschichten gestoßen von Menschen, die die unglaublichsten Dinge taten für einen Glauben an etwas, das sich dem gesunden Menschenverstand entzog.
Sie schüttelte den Kopf. Aber wenn sie dieses Verbrechen aufklären wollte, würde sie verstehen müssen, was in diesen Leuten vorging. Glauben war ein Grundbedürfnis des Menschen. Genau wie Sex. Und Essen. Und wenn es für Sex und Essen so viele Varianten gab, warum dann nicht auch für den Glauben?
Das Opfer, dessen zahlreiche Gewebeproben sie mittlerweile wie eine Trophäensammlung vor sich auf der Lab-Bench aufgestellt hatte, wartete darauf, bestattet zu werden – in Roswell, auf einem Friedhof für „kosmische Seelen“. Und es wartete auf Gerechtigkeit.
Scullys Kaumuskulatur spannte sich an. Sie war wütend. Weil sie nicht verstand, warum man diesen Fall nicht auflösen wollte. Und sie war wütend, weil es Menschen gab, die aus der Schwäche anderer Menschen Kapital schlugen. In ihren Augen bestand die Gerechtigkeit darin die Sektenführer an den Pranger zu stellen. Und dafür brauchte sie die anderen Opfer. Sie brauchte Beweise um diesen wahnsinnigen Gründer der Sekte, der sich der „Botschafter des Himmelreichs“ nannte, in den Knast zu schicken.
Sie hatte diese anderen beiden Akten mittlerweile gefunden.
Sie waren unter dem Buchstaben X abgelegt. Es waren X-Akten. Und sie wusste, wem diese Abteilung unterstellt war.
Niemand anderem als Fox Mulder.

Zum dritten Mal in dieser Woche verharrte ihre Hand über dem Telefon und sie wusste nicht, ob sie ihn anrufen sollte, oder nicht. Weil sie nicht wusste, ob sie damit ihrem Forscherdrang nachging oder dem aufdringlichen Nachhallen des Traums in ihrer Seele.
Sie stand auf und ging in den Kühlraum. Zog die Leiche aus ihrem Fach und ließ ihren Blick noch einmal darüber schweifen. Sie kannte das Muster der Stigmata bereits auswendig. Wenn sie die Augen schloss erschien das Dianegativ davon auf ihrer Netzhaut.
Sie wusste, dass diese Frau vielleicht als witzige Randnotiz in der Klatschpresse erscheinen würde, wenn die Umstände ihres Todes je ans Tageslicht drangen. Aber sie wusste auch, dass diese Sekte wieder Tote hervorbringen würde, wenn sie nichts unternahm. Ratlos starrte sie auf die grünen Flecken, Zeichen fortgeschrittener Fäulnis, unter der papierdünnen Haut der Leiche.
Dieser Fall war extrem leicht, wenn man erst einmal die Fakten kannte. Wieso hatte ihn niemand lösen können? Wer wollte hier wen schützen? Was erwartete man von ihr, wenn man offensichtlich nicht wollte, dass die Wahrheit ans Licht kam?
Mit dem unangenehmen Gefühl, dass sie eine Spur zu verfolgen begonnen hatte, die man mit bedächtiger Sorgfalt zu verwischen versuchte, meldete sie sich bei ihrer Sekretärin zur „Mittagspause“ ab und verschwand. In Richtung Washingtoner Innenstadt. Denn ihre Vernunft hatte gesiegt: Sie brauchte diese beiden X-Akten und nichts weiter.


Eine Stunde später

Ihre Fingerknöchel schmerzten, als sie bestimmt und laut gegen seine Bürotür klopfte. Als niemand antwortete, befürchtete sie schon Fox Mulder verpasst zu haben, als dieser persönlich die Tür vor ihr öffnete und erst sehr erstaunt, dann mit einem höchst amüsierten Gesichtsausdruck zu ihr hinunter blickte. „Na sieh mal einer an.“
Er steckte den Kopf zur Tür heraus und sah sich prüfend auf dem Flur um. Scully quittierte diese Aktion mit einem skeptischen Blick.
„Haben Sie Ihre Touristengruppe verloren?“
„Darf ich jetzt reinkommen, oder was?“ gab sie ihm ungeduldig zur Antwort, als er seinen Kopf wieder zurückzog und sie vom Scheitel bis zur Sohle musterte. Schließlich trat er beiseite, um sie in sein Refugium zu lassen.
Er wusste, jeder, der sein Büro einmal betreten hatte, würde ihn danach mit anderen Augen sehen. Denn er versteckte keinesfalls, was ihn beschäftigte, er prahlte geradezu damit. Die Zeiten, in denen er sich dafür geschämt hatte, an Aliens zu glauben, waren längst vorbei. Er hatte bemerkt, dass die Leute einen viel eher für verrückt hielten, wenn man aus seiner Verrücktheit ein Geheimnis machte.
Scully blieb in der Mitte des Raums stehen und sah sich um. Mulder konnte in ihren Augen wie in einem offenen Buch lesen. Die Verwunderung, Belustigung, Neugier und selbst die Spur von Verachtung in ihrem Blick blieben ihm nicht verborgen. Aber er war daran gewöhnt und ließ sich relaxt in seinen Bürostuhl fallen. Er war viel zu gespannt darauf zu erfahren, was sie von ihm wollte, als dass er sich darauf hätte konzentrieren können, dass es ihm vielleicht doch ein wenig peinlich war, vor einer fremden Frau sein Innerstes so offen zu legen.
Denn es machte ihn auf irgendeine Art unglaublich angreifbar und verletzlich, dass er hier umringt von Photos von Kornkreisen und UFO-Sichtungen wie eine Art John Nash an irgendwelchen Zeitungsschnipseln herumarbeitete, seinen CD-Player neben sich aufgebaut, aus dem leise Elvis-Presley-Musik dudelte. Und das alles vor dem Hintergrund seines „I want to believe“ – Posters.
Fast unbemerkt schaltete er seine Musik ab und räumte die Zeitungsschnipsel hastig in seine Schublade, damit er wenigstens eine freie Fläche hatte, auf der er seine Arme abstützen konnte als er sich nach vorne lehnte und sie erwartungsvoll ansah.

 

„Also, Dr. Scully. Was verschafft mir die Ehre Ihres hohen Besuchs? Es handelt sich sicherlich nicht um einen Kontrollrundgang des Betriebsrates, nehm ich mal an…“
Ihr forsches Auftreten und ihr steifes pechschwarzes Kostüm ließen ihn jedoch schon daran zweifeln.
Aber als sie ihn plötzlich schüchtern anlächelte und sichtlich irritiert von ihren Sinneseindrücken nach der Lehne des Stuhls vor seinem Schreibtisch griff, erahnte er, dass ihr ganzes Auftreten vielleicht doch nur eine Fassade war. War es möglich, diese Mauer um sie herum doch zu durchbrechen?
„Darf ich?“ fragte sie mit fast charmanter Höflichkeit und als er nickte, setzte sie sich hin und sah einen Moment lang nachdenklich auf das Namensschild auf seinem Tisch bevor sie aus ihrer Tasche einen Stapel verknickter Blätter hervorkramte. Offenbar hatte sie eine Akte kopiert und diese Kopien irgendwo herausgeschmuggelt; und diese Tatsache vergnügte ihn, weil das hier nun schon das zweite Mal war, dass er sie dabei ertappte, dass sie den FBI Richtlinien zuwider handelte.
Fasziniert folgte er ihren Bewegungen als ihre Stimme sich wieder mit derselben ruhigen professionellen Distanz erhob, mit der sie anfangs ins Büro hereingeschneit war.
„Ich bin hier, weil ich bei meinen Nachforschungen in einem Fall auf die Namen zweier Vermisster gestoßen bin, um deren Fälle Sie sich letztes Jahr bemüht haben.“
Sie legte einen Zettel mit den Namen der beiden Opfer auf seinen Schreibtisch und wartete auf seine Reaktion.
Mulder griff nach dem Stück Papier und las die beiden Namen.
„Marissa Sherridan und Jeffrey Smith. Ich erinnere mich an die beiden.“ Irritiert sah er zu ihr auf. „Sie wurden nie gefunden. Ist einer von den beiden etwa bei Ihnen in Quantico aufgetaucht?“
Sie schüttelte den Kopf und überlegte, wie viel sie ihm sagen durfte. Aber sie war die Geheimniskrämerei längst satt und offenbar wusste er längst mehr über sie, als ihr bewusst war.
„Nein, aber dafür ist jemand anderes auf meinem Obduktionstisch gelandet.“
Sie legte die Kopien aus ihrer Tasche auf den Tisch und breitete sie vor ihm aus.
„Diane Ladbury. 25 Jahre alt. Mitglied der „Kundalini“-Sekte, einer Untergruppe der Aetherius Societey. Sie wurde vor drei Wochen nach einem Schneesturm morgens um halb acht im Garten ihrer Eltern gefunden. Bedeckt von nichts als einer dicken Schicht des Neuschnees. Übersäht von diesen ca. 2 cm großen, kreisrunden Erosionen überall auf ihrer Haut, die in ihrer Sekte als Stigmata, als Zeichen der Nähe einer außerirdischen Götterrasse gewertet werden.“
Sie zeigte ihm Photos, die sie selbst von der Leiche angefertigt hatte. Als sie ihn ansah und merkte, dass er ihr gewissenhaft zuhörte, fuhr sie fort.
„Die Autopsie war wenig aufschlussreich. Zeichen äußerer Gewalteinwirkung fehlten völlig. Ich konnte weder Hinweise auf eine Intoxikation finden, noch auf eine allergische Reaktion oder sonst irgendeine endogene Ursache ihres unerwarteten Ablebens. Der Erregernachweis war negativ. Und diese Hauteffloreszenzen scheinen in keinem direkten Zusammenhang mit ihrem Tod zu stehen. Es sieht aus, als hätte sie sich einfach dort in den Garten gelegt. Eine Vorgeschichte bezüglich Schlafstörungen, Schlafwandeln oder Epilepsie fehlt aber, somit käme höchstens noch Suizid in Frage. Aber Suizid mit welchen Hilfsmitteln? Vergiftung habe ich ja bereits ausgeschlossen. Und die Todesursache lässt sich am ehesten vereinbaren mit einem Multiorganversagen. Ausgelöst wodurch?. Hinweise auf Schock kardiogener, anaphylaktischer, neurogener oder hypovolämischer Genese fehlen. Unterkühlung ist damit nahezu die einzige mögliche Ursache dieses Multiorganversagens, aber dann stellt sich mir zwingend die Frage, warum diese Frau mitten in der Nacht nackt in den Garten gegangen ist um sich dort zum Sterben in den Schnee zu legen, was mich wiederum zu ihrer Sektenzugehörigkeit führt, da psychiatrische Vorerkrankungen ebenfalls nicht bekannt sind .“

Fast lag ein wenig Hilflosigkeit in ihrem Blick, als sie nach diesem Vortrag zu ihm aufsah und eine Antwort abwartete. Mulder wurde warm ums Herz. Diese Frau hatte wirklich alles untersucht, was es in diesem Fall zu untersuchen gab. Sie war verdammt gründlich. Aber nun schien sie ganz offensichtlich mit ihrem Latein am Ende zu sein und es amüsierte ihn, dass sie, als sie angefangen hatte von der UFO-Sekte zu reden, errötet war und nun ziemlich verlegen wurde, weil sie nach ihrer Ablehnung ihm gegenüber nun seine Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Aber er war sicher, dass Geschichten von Entführungen durch Außerirdische nicht das war, was sie in diesem Moment hören wollte.
„Haben Sie ihre Leiche noch?“ war daher alles, was er auf ihre ausführlichen Erläuterungen antwortete und sie nickte überrascht.
„Ja, wieso?“
„Dann halten Sie sie gut fest, die haben nämlich die Neigung, ganz schnell zu verschwinden, wenn man die falschen Nachforschungen anstellt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Ist das alles, was Sie mir in diesem Fall raten können?“ bemerkte sie knapp und legte die Aktenkopien wieder zu einem geordneten Stapel zusammen um sie wieder in ihre Tasche zu stopfen.
Er zuckte mit den Schultern und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Das hängt ganz davon ab, wie viel Sie von der Wahrheit wissen wollen.“
Scully wusste, dass er sie damit prüfen wollte, aber es passte ihr nicht, dass er sie so auflaufen ließ und daher ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Lediglich an der leichten Kälte in ihrem Tonfall konnte man merken, dass sie unzufrieden mit dem Verlauf dieses Gesprächs war. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nun, ich will wissen, warum diese Frau gestorben ist. Das ist alles. Das ist die einzige Wahrheit, die mich interessiert.“
Fest sah sie ihm in die Augen, nicht bereit vor seiner spöttischen Art zu kapitulieren.

Mulder hielt ihrem Blick stand und sah sie eine Weile an. Sie wusste ja überhaupt nicht, wie sehr ihn diese Sache interessierte, wie viel es ihm bedeuten würde diese Leiche mit seinen eigenen Augen zu sehen. Auch wenn er es sich längst aus dem Kopf geschlagen hatte, keimte erneutes Interesse daran auf, mit ihr zusammen zu arbeiten. Ein Kontakt in Quantico war genau das, was er brauchte. Noch dazu zu der Person, die als das vorzeigbare vernünftige Pendant zu ihm eingestellt worden war. Außerdem hatte sie etwas an sich, irgendeine Form von Ausstrahlung, die den gesamten Raum erfüllte und seinen Keller plötzlich nicht mehr so verstaubt und düster wirken ließ.

„Haben Sie eine DNA-Sequenzierung an Materialproben der Leiche durchführen lassen und auf Fremdmaterial überprüft?“
Scully nickte. „Ja. An Sputum, Vaginalsekret, Blut, Liquor und natürlich aus Abstrichen aus den Hauterosionen.“
„Haben Sie die selbst durchgeführt?“
Scully wurde unsicher. „Nein, das war die Molekularbiologische Abteilung in Quantico. Wieso?“
Mulder nickte selbstgefällig.
„Wiederholen Sie sie und führen Sie sie selbst durch. Ich bin sicher, dass Sie etwas herausfinden.“
Scully holte tief Luft. Ihre Augenbraue zuckte. Es schien ihr fast, als wolle der Mann ihr gegenüber sie auf den Arm nehmen. War das die Rache für ihr vorheriges Verhalten? Oder hatte er wirklich keine Ahnung, wie er ihr weiterhelfen sollte? Sie hielt es auf einmal gar nicht mehr für eine so gute Idee ihn kontaktiert zu haben. Also stand sie auf und hängte sich ihre Tasche wieder an die Schulter.
„Ehrlich gesagt hatte ich mir ein wenig mehr Informationen von Ihnen erhofft, Agent Mulder. Und für die Sicherung des Qualitätsmanagements der Arbeit meiner Abteilungen bin noch immer ich zuständig.“
Damit warf sie ihm einen kühlen Blick zu und bemühte sich gleichzeitig zu einem versöhnlichen Lächeln.
Mulder nickte gleichgültig und stand ebenfalls auf. Er kramte eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche hervor und hielt sie ihr hin. Weil er wusste, dass sie seinem Rat folgen würde, auch wenn sie sich nun ihrem Stolz verletzt fühlte.
„Sollten Sie doch noch etwas herausfinden, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich kurz anrufen würden.“

Sie nahm die Karte entgegen, sah ihn noch einmal prüfend an und wandte sich dann zum Gehen. An der Tür blieb sie stehen, drehte sich zu ihm um und ließ ihren Blick ein letztes Mal durch den Raum schweifen. Es war ein beeindruckendes Panoptikum, eine wahre Fundgrube der Kuriositäten. Aber mehr war es in ihren Augen nicht. Nachdenklich sah sie ihm in seine wunderschönen Augen, seinen etwas zu langen Nasenrücken entlang, verfolgte die geschwungenen Linien, die seinen Mund zeichneten, und fragte sich, was in diesem Menschen vorging. Weil er mit seinem athletischen Körper, seiner zweifellos überdurchschnittlichen Intelligenz und seinem Charme überhaupt nicht jener eigenartige Eremit war, der eigentlich in einer Abteilung wie dieser hätte hausen müssen.
Ihre Lippen öffneten sich und sie sog die trockene kühle Luft des Zimmers ein, als könne sie diese einzigartigen Sinneseindrücke dadurch absorbieren.
„Das hier unten….meinen Sie das alles Ernst?“
Sie sah auf das Poster hinter ihm und bemühte sich ihrem Gesichtsausdruck so viel unschuldige Offenheit zu verleihen wie möglich, um ihn nicht mit ihrer Frage zu verletzen oder zu verärgern.
Er zuckte mit den Schultern, richtete sich auf und antwortete ihr mit einem sarkastischen Unterton:
„Natürlich. Ich bin schließlich Bundesagent der Vereinigten Staaten von Amerika.“
Er lächelte sie an und sie spürte wie ihre Knie weich wurden und ihr Magen einen unsichtbaren Abgrund hinabstürzte.
Unwillkürlich musste sie zurücklächeln.
„Natürlich“, gab sie geschlagen zur Antwort und nickte ihm zum Abschied zu, bevor sie die Tür hinter sich schloss und den Flur entlang zum Aufzug zurück lief. Das Lächeln blieb auf ihren Lippen liegen, als hätte sie es dort vergessen.
Er war ganz offensichtlich ein Wahnsinniger, dem es vollkommen egal zu sein schien, was die Welt von ihm dachte. Und das machte ihn sympathisch.
Sie ignorierte die Schmetterlinge in ihrem Bauch und das sanfte Prickeln auf ihrer Haut als sie sich auf ihren Weg zurück in ihr Labor machte.

 

Quantico, Abteilung QD 2-12, 22:37 Uhr


Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer, die auf Fox Mulders Visitenkarte abgedruckt war, und wartete auf ein Freizeichen.
Ratlos sah sie dabei auf die Resultate der DNA-Sequenzierung, die sie wegen der merkwürdigen Ergebnisse beim ersten Mal noch ein zweites Mal durchgeführt hatte. Doch offenbar waren die Ergebnisse korrekt gewesen. Nun hatte sie zwei Kopien vor sich liegen, beide konfrontierten sie mit derselben Tatsache, die sie nicht einzuordnen wusste.
„Mulder?“ tönte es verschlafen am anderen Ende der Leitung.
„Agent Mulder? Hier ist Dana Scully.“
Langsam wurde ihr bewusst, dass es ziemlich spät war und sie hoffte, dass sie ihn nicht geweckt hatte.
Eine Pause füllte die Sekunden zwischen ihnen. Scully glaubte, ein leises Stöhnen im Hintergrund zu hören, entschied sich aber dafür, dass sie eigentlich gar nicht wissen wollte, wobei sie Mulder gerade unterbrochen hatte und fuhr schließlich fort, als keine Antwort von ihm kam.
„Ich habe getan, was Sie mir geraten haben. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mit den Ergebnissen anfangen soll.“
„Wie meinen Sie das?“
Das Stöhnen im Hintergrund verstummte abrupt, als hätte jemand es auf Knopfdruck abgestellt und sie merkte, dass Mulder nun ganz Ohr war.
Scully druckste herum. „Na ja, das, was ich hier habe, ist irgendwie – unvollständig.“
„Unvollständig? Inwiefern? Hatten Sie nicht genug Material?“
„Nein, die Sequenzierung an sich ist optimal verlaufen. Aber das Ergebnis macht keinen Sinn. Die DNA-Sequenz überspringt alle paar Basen einfach einige Stellen und hat somit Lücken.“
Mulder kaute auf einem Zahnstocher herum und Scully hörte, wie das dünne Holzstück zwischen Mulders Zähnen zerbrach.
„Und wie erklären Sie sich das?“
Scully zuckte mit den Schultern. Sie hatte in Gedanken bereits alles durchgespielt.
„Es gibt Basenanaloga, die sich anstelle der normalen DNA-Basen aufgrund ihrer Strukturgleichheit einbauen. Aber solche Basenanaloga erkennt das Gerät. Weiterhin gibt es die Möglichkeit der Dimerbildung zwischen den Basen. Aber auch das erkennt das Gerät.“
„Es kann sich also nicht um einen Lesefehler handeln?“
Wieder zuckte Scully mit den Schultern, als hätte sie sich das nicht selbst schon hundertmal gefragt. „Agent Mulder, was wissen Sie über diese Fälle, was das hier erklären könnte?“
Es knackte in der Leitung.
„Hören Sie, ich möchte das ungern am Telefon besprechen. In welcher Abteilung in Quantico kann ich Sie finden?“
„Ich denke nicht, dass es nötig ist, dass Sie jetzt noch nach Quantico fahren…“, versuchte Scully einzulenken, doch ertappte sich dabei, wie sie allein bei dem Gedanken daran ihn wieder zu sehen ein Kribbeln im Nacken verspürte.
Schließlich gab sie ihrer eigenen Verwirrung nach.
„Wenn Sie im ersten Stock des Haupttrakts sind, rufen Sie mich wieder an, ich muss die Türen ohnehin für Sie öffnen, hier ist alles doppelt und dreifach gesichert.“
Mulder legte, als er sich ihre Nummer notiert hatte, das Telefon beiseite und grinste. Nun war es schon das dritte Mal, dass er dabei war, wenn sie eine Regel brach. Anscheinend war das eine Angewohnheit von ihr. Und das gefiel ihm.

 

Eine halbe Stunde später


„Fahren Sie etwa mit Lichtgeschwindigkeit?“ fragte Scully ihn überrascht, als sie ihm die Glastür zu ihrer Abteilung öffnete und ihn hereinließ.
Er ignorierte die Frage und musterte sie einen Moment.
Sie sah ziemlich müde aus. Offenbar hatte sie den ganzen Tag durchgehend an dieser Sache gearbeitet. Ihr weißer Kittel war verknittert und sie schien in der viel zu großen blassblauen Laborkleidung darunter zu versinken. Ihr Haar war streng zurück gebunden aber unzählige störrische Strähnen hatten sich aus der Frisur gelöst und fielen ihr immer wieder ins Gesicht, ohne sie jedoch zu stören, denn sie fegte sie jedes Mal mit einer unwillkürlichen Handbewegung beiseite, als würde sie sie gar nicht mehr wahrnehmen. Sie wirkte angespannt und hochkonzentriert als sie ihm voraus durch ihr Labor ging und sich schließlich auf einem Drehhocker vor einem Computer niederließ.
„Hier!“ bellte sie fast in den Raum hinein, froh endlich mit jemandem über die Ergebnisse reden zu können. Mulder sah einen Moment lang auf die Ausdrucke, die sie ihm hinhielt und versuchte zu verstehen, was sie ihm sagten. Er hatte schon viele Sequenzierungen gesehen, aber er war kein Wissenschaftler und er brauchte immer wieder eine Eingewöhnungsphase. Seine Finger kneteten unruhig seine Unterlippe als er begriff, was sie meinte.
Die Sequenzen stolperten. Statt ACGTTAC stand dort einfach AC_G__T__TA_C_.
Und an den Leerstellen blieben Lücken. Lücken in der einfachen begreifbaren Realität, wie Dana Scully sie kannte. Und ironischerweise waren es gerade diese Leerstellen, die die Bausteine von Mulders Realität waren.
Er wusste, was diese „Fehler“ bedeuteten, weil er wusste, dass diese Frau Opfer von Experimenten mit außerirdischer DNA geworden war. Aber er wusste nicht, wie er Dr. Scully das klarmachen sollte.
Doch bevor er ihr das erklären wollte, musste er sich beruhigen, denn er spürte, wie er angesichts der Tatsache erstmals einen Beweis wie diesen in den Händen zu halten, der noch nicht konfisziert, zensiert oder eliminiert worden war, zu zittern begann.
Sein Hals wurde trocken und er konnte das aufgeregte Glühen, das sich in ihm ausbreitete, kaum unterdrücken.
„Haben Sie die Proben alle noch?“
Scully nickte siegessicher und blickte auf die Palette kleiner Fläschchen in einem Regal hinter ihnen. „Jede einzelne Faser dieser Frau ist bei mir in Sicherheit.“
„Na, wenn Sie sich da so sicher sind…“ entgegnete er und stand auf um sich die Fläschchen genauer anzusehen.
Er ließ es jedoch bleiben, als ihm beim bloßen Anblick eines Leberstückchens, das friedlich in der Formalinlösung vor sich hindümpelte wie ein toter Fisch im Wasser, sein Abendessen die Speiseröhre empor kroch.
„Also, was können Sie mir jetzt dazu sagen?“ hakte sie nach als sie merkte, dass er unruhig im Raum umherzulaufen begann. Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. Schließlich schüttelte er resigniert den Kopf.
„Sie würden mir ja doch nicht glauben.“
Sie grinste. „Wovor haben Sie denn Angst, ich hab’ doch Ihr Büro längst gesehen.“
Mulder sah sich um. Er musste diese Beweise sichern. Er hatte sofort gesehen, dass sie diese Fälle alleine bearbeitete. Sobald sie ihren Abschlussbericht abgegeben hatte, würde man sämtliche Beweise verschwinden lassen. Und ihm die Möglichkeit nehmen, selbst der Sache nach zu gehen. Er war sich nicht sicher, ob sie sich dessen bewusst war.

„Hören Sie, Dr. Scully. Ich weiß nicht, auf wessen Seite sie Stehen. Ich weiß nicht, was Ihr wahres Interesse an diesem Fall ist. Ich bezweifle auch, dass sie wirklich wissen wollen, was hier vor sich geht. Aber wenn Sie sich dennoch für die Wahrheit interessieren, dann geben Sie mir alle Beweise, die Sie zusammentragen können, und schreiben Sie nichts von diesen Ergebnissen in Ihrem Bericht an Ihren Vorgesetzten. Dieser Fall ist ohnehin schon als unlösbar eingestuft worden, also erfinden Sie irgendeine halbwegs plausible Story. Dinge wie diese hier wollen die nicht hören.“
Scully lachte laut auf. „Und was soll das bringen? Heften Sie sich diese Beweise dann an Ihre Pinnwand in Ihrem Büro?“
Er sah sie ernst und strafend an und sie biss sich auf die Zunge.
„Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Aber Sie können unmöglich von mir verlangen, dass ich der Sache hier nicht offiziell nachgehe. Ich bin meinem Vorgesetzten und den Angehörigen dieser Opfer Antworten schuldig, und so skurril sie sein werden, wenn sie der Wahrheit entsprechen, werden sie auch Gehör finden.“
Mulder fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Gut, wenn sie es unbedingt wissen wollte…
„Und wenn die Wahrheit die ist, dass diese Frau Opfer von genetischen Experimenten wurde, die im Auftrag der Regierung an ihr durchgeführt wurden ?“
Er entschied sich den Aspekt mit den Außerirdischen zurückzuhalten um nicht wie ein kompletter Idiot vor ihr dazustehen.
Scullys Augenbraue schnellte in die Höhe.
„Meinen Sie nicht, dass das ein wenig paranoid ist?“
Mulder ging auf sie zu und setzte sich vor ihr wieder auf den Hocker. Er beugte sich nach vorne um ihr näher zu kommen und Scully konnte bereits seinen warmen Atem auf ihrer Haut fühlen, als er weiter sprach.
Aus irgendeinem Grund mochte er diese Frau, die er eigentlich überhaupt nicht kannte. Und er wollte nicht, dass sie durch ihre wissenschaftliche Blauäugigkeit Teil von dem wurde, zu dem er längst gehörte. Weil es ihren so klaren reinen Verstand vergiften würde.
„Glauben Sie mir. Sie haben überhaupt keine Ahnung, in was Sie da hinein geraten sind.“
Scully hob die Augenbrauen auffordernd und kam ihm noch ein wenig näher bis er ihren Duft in seiner Nase wahrnehmen konnte. Es duftete nach Frühling und passte überhaupt nicht zu den zahlreichen körperfarbenen Gewebeproben, die neben ihnen in Formalin getränkt umherstanden.
Sie mochte vielleicht keine Ahnung haben, aber sie war immerhin nicht so dämlich zu übersehen, dass hier etwas faul war.
„Dann klären Sie mich doch bitte auf, Agent Mulder.“
Mulder sah ihr in ihre klaren blauen Augen, in denen man sich viel zu leicht in einem Tagtraum verlieren konnte. Er sah darin so viel Stärke und Entschlossenheit, aber auch so viel Verletzlichkeit, dass er nicht wusste, was er dieser Frau, einer Fremden, die so direkt nach der Wahrheit fragte, sagen sollte.
Aber er widerstand dem Drang in ihm, der ihn zu ihr hinzog, sie einweihen wollte und in diesen Strudel mit hineinziehen wollte. Es war zu früh für sie.
„Das kann ich nicht.“

Sie zog sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wenn Sie das nicht können, dann kann ich Ihnen leider keine Kooperation zusagen. Ich habe Verpflichtungen, die ich einzuhalten gedenke.“
Mulder verarbeitete diese Zurückweisung einen Moment lang und schmiedete gleichzeitig Pläne, wie er einige der Gewebeproben unbemerkt mitgehen lassen konnte.
„Und was werden Sie in Ihrem Bericht schreiben?“
Scully streckte die Arme aus und zog die Schultern hoch.
„Ich weiß es noch nicht. Diese Frau war Sektenanhängerin. Weiß der Himmel, was die in ihren Ritualen zu sich nehmen oder mit ihren Körpern anstellen! Ich finde es schon heraus. Aber ich werde garantiert nicht so verrückt sein und denen irgendeine Geschichte von Regierungsexperimenten auftischen, die weder Hand noch Fuß hat.“ Mulder lächelte. Sie war immerhin zu ihm gekommen um diesen Fall zu lösen. Das hieß, dass sie sich nicht so einfach mit bequemen Antworten zufrieden gab, dass sie keine Lust auf das große Versteckspiel hatte, von dem man verlangte, dass sie es mitspielte.
„Also ziehen Sie es vor irgendeine Theorie an den Haaren herbeizuziehen, anstelle der Wahrheit Gehör zu verschaffen. Und das ist eine Arbeit, die sie befriedigt?“
„Das nicht. Aber was immer ich auch schreiben werde, es wirbelt sicher eine ganze Menge weniger Staub auf als sie es tun würden, wenn Sie mit Ihrer Theorie und meinen Beweisen an die Öffentlichkeit gehen würden.“
„Ach, darum geht es also? Darum, keinen Staub aufzuwirbeln! Sie sind von der internen Abteilung für Desinformation geschickt worden! “
Sie sah ihn ernst an. Offenbar fand sie das überhaupt nicht witzig.
„Agent Mulder, ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass unsere Regierung gerade fünfzig Jahre kalten Krieg hinter sich hat. Und ich weiß auch, dass das, was wir für die Realität halten, nur die Spitze eines Eisbergs ist, dessen Basis in irgendeinem trüben Gewässer verborgen liegt. Aber ich bin nun einmal weit davon entfernt, aufgrund von vagen Hinweisen eine Theorie wie diese zu verfolgen und damit ein System zu demontieren, das trotz all dieser möglichen Lügen einigermaßen zu funktionieren scheint. Das ist für mich nicht der Dienst an der Wahrheit, zu dem ich mich in meiner Rolle als Wissenschaftlerin verpflichtet sehe. Es gibt eine Antwort da draußen, die garantiert weniger abenteuerlich ist, als Ihre und dennoch genau so wahr ist.“
Mulder nickte und spürte eine neue Spannung zwischen ihnen aufkeimen.
„Glauben Sie mir, Dr. Scully. Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, dann würden Sie anders dazu stehen.“

Betreten blickte sie zu Boden. Der Mann, der vor ihr stand, war umgeben von Geheimnissen. Und von einer ungeahnten Traurigkeit, die sie in seinem Gesicht lesen konnte. Er wirkte verletzt. Und einsam.
Ihre Augen trafen wieder auf seine. Das Grün seiner Iris verströmte ein warmes Glühen, das sich geradewegs in ihr Herz schlich.
Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, weil sie ungeachtet dieser Finsternis in seiner Seele auch seinen Charme wahrnahm, der wie flüssiger warmer Zucker in sie hineinkroch. Aber sie wusste, dass sie nur durch den Traum empfänglich für solche Signale war und daher ignorierte sie sie und stand auf, um sich seinen Blicken zu entziehen.
Als sie an einem Aktenschrank zum Stehen kam, drehte sie sich um und sah ihn wieder an.
„Es tut mir leid, Agent Mulder. Aber das kann ich nicht. Ich bin daran interessiert den Fall zu lösen. Und in meinen Augen ist das auch möglich, ohne eine Regierungsverschwörung dabei aufdecken zu müssen.“
„Und wie erklären Sie sich dann, dass diese Sequenzierungslücken nicht den Mitarbeitern aus dem Molekularbiolgoie-Labor aufgefallen sind?“

Scully biss die Zähne zusammen bis ihre Kaumuskeln sich verkrampften. Sie wusste, dass das gute Wissenschaftler waren. Sie hatten diese Anomalien mit Sicherheit bemerkt. Aber man nahm ihr hier ja permanent die Möglichkeit, mit irgendjemandem außerhalb ihres Labors zu kommunizieren.
Es war alles so schrecklich geheim. Sie hatte mit diesem Job eine neue Ebene innerhalb des FBI erreicht, eine, die sich nicht mehr mit der Aufklärung von einfachen Kapitalverbrechen beschäftigte. Aber war es eine, die sich überhaupt noch mit Aufklärung beschäftigte? Machte man sie hier nicht vielmehr zu einer dieser Labormaschinen, die einfach nur Ergebnisse ausspucken sollte, ohne darüber nach zu denken oder Fragen zu stellen? Ging es hier nicht vielmehr darum, Aufklärung zu verhindern?
Das Gespräch hatte sie nachdenklich gemacht, es schien vielem einen Sinn zu geben, den sie in diesen Tagen nicht verstand. Aber sie sträubte sich dagegen, sie war erwachsen genug, um dieses Problem auf ihre Weise zu lösen, dafür brauchte sie keinen Mann an ihrer Seite. Und erst recht nicht Spooky Mulder von den Ghostbusters, der sie mit seinen zweifelhaften Informationen nur verwirrte.
Sie löste sich aus ihrer Anspannung und ging auf die Tür zu.
„Vielen Dank, Agent Mulder. Sie haben mir dennoch sehr geholfen“, verabschiedete sie sich innerlich zitternd vor Aufregung darüber, dass diese Beförderung sich nun als eine so große Belastung entpuppte. Aber es machte einfach keinen Sinn mit ihm weiter zu diskutieren. Sie befanden sich an entgegengesetzten Enden der Realität.
„Es war nett, Sie kennen zu lernen“, entgegnete er und sah noch einmal zu ihr herab. Es klang überhaupt nicht wie eine Floskel, sondern wie etwas, das aus tiefstem Herzen kam.
Gänsehaut ergoss sich über ihren Rücken und sie bemühte sich zu einem Lächeln, das jedoch auf halbem Wege missglückte.

Nicht so in seinen Augen. In seinen Augen war es, als leuchtete der Himmel auf, wenn sie lächelte. Aber er wusste nicht, was er mit diesem Gefühl anfangen sollte und verließ den Forschungstrakt mit wieder, um in seine dunkle Einsamkeit zurück zu kehren. Das heimlich mitgenommene Fläschchen mit dem Leberstück in Formalin schaukelte schwer in seiner Manteltasche umher.
Er brauchte einen Gefährten. In jeder Hinsicht. Das hatte ihm diese Begegnung gezeigt. Er hatte keine Chance, wenn er weiterhin allein auf seiner Suche war. Sie wusste gar nicht, dass sie seine inoffizielle Gegenspielerin war. Man hatte diese neue Abteilung für ungelöste Fälle eingerichtet, streng überwacht, weitab vom Schuss, isoliert und abgeschottet von der Welt da draußen. Im Grunde war ihr Labor nichts anderes als sein Kellerbüro. Es war nur schöner, moderner und heller. Und kontrollierter.
Er wusste, er würde sie wieder sehen. Sie wollte die Wahrheit über diesen Fall herausbekommen und es gab nur diese eine Wahrheit. Also würde sie sie finden, wenn sie bereit war, die richtigen Fragen zu stellen. Und spätestens dann würde sie sich entscheiden müssen, wie viel sie bereit war für diese Wahrheit zu opfern.

Als Scully wieder an ihren Platz zurückkehrte, fiel ihr Blick auf zwei Akten. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er sie dorthin gelegt hatte. Ihre Aktennummern waren X-0028976 und X-0028977. Es waren die X-Akten aus Mulders Büro. Die Informationen über die beiden Vermissten, um die sie ihn am Nachmittag gebeten hatte. Neugierig schlug sie sie auf und begann darin zu lesen, während sich die Fälle vor ihrem inneren Auge aufbauten, wie ein Film, dem sie wissbegierig folgte und überhaupt nicht merkte, wie die Zeit verging.

 

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie schreckte hoch. Ihre Augen blinzelten und brannten im fahlen aschefarbenen Licht des frühen Morgens.
„Dr. Scully? Waren Sie etwa die ganze Nacht hier?“
Es war ihre Sekretärin, die sie besorgt und mit einem verstohlenen Blick auf die Akten, über denen die junge Wissenschaftlerin eingeschlafen war, anschaute.
„Es sieht fast so aus“, entgegnete Scully müde und noch immer ein wenig desorientiert, aber wach genug um den Blick ihrer Sekretärin zu registrieren. Unwillkürlich schob sie ihren Arm über die Aktennummern.
„Sind das Akten aus unserem Zentralarchiv in D.C.?“ versuchte die Sekretärin so beiläufig wie möglich zu fragen, doch Scully sah die alarmierte Aufregung in den braunen Augen der Sekretärin aufleuchten und schob die Akten gleichgültig beiseite.
„Nein, das sind noch zwei alte Fälle von meiner Arbeit in der zentralen Gerichtsmedizin.“
„Soll ich die für Sie zurück nach Washington bringen lassen?“
Scully lächelte scheinheilig wie ein Honigkuchenpferd.
„Nein. Das ist nicht nötig. Ich muss dort ohnehin heute vorbeifahren, weil ich meinen Zwischenbericht über diesen aktuellen Fall gerne Chief Blevins persönlich übergeben würde.“
Indigniert wich die Sekretärin zurück. „Gut. Dann nicht. Aber Sie sollten sich unbedingt ein paar Stunden frei nehmen, bevor Sie weiterarbeiten.“
Wieder grinste Scully. Sie hasste es bevormundet zu werden. Und noch mehr hasste sie Unaufrichtigkeit.
„Keine Sorge, ich fahre jetzt nach Hause“, beruhigte sie die Sekretärin und griff nach den Akten.

Auf dem Heimweg allerdings begannen sich die Informationen aus den Akten wieder in ihrem Kopf zu verselbständigen. Sie wusste sie war übermüdet, aber sie konnte sich noch genau an die unzähligen Ungereimtheiten erinnern.
An die Schlampigkeit, mit der offenbar bei diesen Fällen seitens der örtlichen Behörden vorgegangen worden war. Dieselbe Schlampigkeit, die sie bereits bei ihren drei Fällen kennen gelernt hatte.
Es schien fast als hätte man überall dort, wo Agent Mulder aufgekreuzt war, jedes Mal einen plötzlichen Anflug von Amnesie und Zeitmangel erlitten. Niemand schien bereit gewesen zu sein mit Mulder zu kooperieren, sämtliche Beweismaterialien waren auf merkwürdige Weise verschwunden und am Ende hatte Mulder diese beiden Fälle ohne Leichen und ohne jemals etwas über den Verbleib der beiden Menschen erfahren zu haben, auf Eis legen müssen.
Das alles stank zum Himmel. Es stank genau so wie diese Abteilung, in der sie arbeitete, genau so wie ihre Sekretärin und wie die Mitarbeiter in den Labors, die ihr unterstellt waren.
Der ganze Job stank.
Er stank nach dem Rauch dieses fremden Mannes, der bei ihrem Gespräch mit Blevins in der Ecke gestanden hatte.

Obwohl sie schrecklich müde war, bog sie in die Pennsylvania Avenue ab und fuhr auf das Hauptquartier des FBI zu. Sie musste Mulder immerhin seine Akten zurückgeben. Und sie wollte sich das Fläschchen mit der Leberprobe ihrer Leiche zurückholen, dessen Verschwinden ihr keinesfalls entgangen war.

Als sie dieses Mal an seine Tür klopfte, öffnete er sie nicht, sondern rief nur ein kaum hörbares „Herein“ in ihre Richtung. Doch als er sie erblickte, war er sichtlich überrascht.
„Schlafen Sie denn gar nicht?“ fragte er sie und bemerkte, dass sie wieder dasselbe schwarze Kostüm wie am Vortag trug und auch sonst ziemlich durchnächtigt wirkte.
„Normalerweise schon. Aber meine Nachtlektüre war so fesselnd“, war ihre Antwort und sie hielt ihm die Akten über seinem Schreibtisch hin.
„Irgendwie müssen die aus Versehen auf meinem Schreibtisch gelandet sein“, lächelte sie ihn mit einem geheimnisvollen Funkeln in den Augen an.
Er lächelte zurück. Die Luft schien fast zu knistern als sie sich gegenseitig mit ihren Blicken aufzufressen schienen, ohne es jedoch wahrzunehmen.
„Stand denn was Interessantes darin?“ spielte er das Spielchen weiter, weil es ihm gefiel. Weil sie ihm gefiel.
„Eigentlich nicht. Denn viel scheinen Sie ja bei Ihren Ermittlungen nicht herausgefunden zu haben. Außer dass man im Allgemeinen nicht sonderlich interessiert an der Zusammenarbeit mit Ihnen ist.“
Mulder lachte und spuckte die weiße Hülse eines Sonnenblumenkerns aus, während er sich mit seinem Fuß an der Schreibtischkante abstützte und sich in seinem Stuhl rückwärts gegen die Wand schob.
Er sah sich in seinem eigenen Büro um und zwinkerte ihr dann zu.
„Und das wundert Sie?“

Doch nun wurde sie ernst und kam näher an den Schreibtisch.
„Irgendeinen Grund gibt es. Dafür, dass einige aus den Reihen des FBI diese Fälle lösen wollen und andere genau das mit aller Gewalt zu verhindern gedenken. Ich bin weit davon entfernt Ihre Regierungstheorie zu unterstützen, aber ich möchte wissen, was mit diesen drei Menschen passiert ist.“
Mulder zuckte mit den Schultern.
„Was glauben Sie denn was passiert ist?“
Scully legte den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie war in der Nacht auf eine Idee gekommen.
„Ich bin mir fast sicher, dass diese drei Menschen Opfer von bewusstseinserweiternden Substanzen geworden sind. Es gibt unendlich viele Drogen, die gerade im Rahmen religiöser und ritueller Handlungen eingesetzt werden. Unbekannte seltene Pflanzengifte, illegal eingeflogen aus den entlegensten Winkeln Asiens. Und irgendeine davon ist verantwortlich für die Stigmata, für die DNA-Veränderungen und für den Tod dieser jungen Frau. Wir haben einfach noch nicht gründlich genug gesucht.“
Mulder nahm das „Wir“ in ihrem letzten Satz mit Genugtuung war und ließ sich in seinem Stuhl wieder nach vorne fallen.
„Dann wollen Sie diese Sektenführer also wegen Drogenschmuggels drankriegen?“
Sie verzog die Mundwinkel nach unten und zuckte mit den Schultern.
„Das, oder vielleicht steckt sogar eine ganze kriminelle Organisation dahinter und man will einfach nicht, dass der Fall an die große Glocke gehängt wird.“
Mulder fand es bewundernswert wie sehr sie bemüht war zu glauben. Aber er wusste nun mal längst die Lösung des Falles, ihm fehlten lediglich die Beweise, die nur sie zu erbringen in der Lage war.
„Meinen Sie nicht, dass es wesentlich schneller ginge, wenn Sie direkt meiner so genannten ‚Regierungstheorie’ nachgehen würden?“
Scully sah ihn irritiert an. Wieso war er sich so sicher, dass er Recht hatte und sie daneben lag?
Und warum war sie sich andererseits sicher, dass er auf keinen Fall die richtige Spur verfolgte?
Sie selbst wusste zu welcher Art von Verbrechen Regierungen fähig waren. Die ganze Welt wusste das, die Geschichte hatte es gezeigt.
Aber das hier war die Gegenwart. Die Realität. Sie lebten in einer aufgeklärten, modernen Demokratie. Genetische Experimente an willenlosen Opfern mit tödlichen Folgen schmeckten einfach zu sehr nach einem billigen Bestseller.
Andererseits hatte Mulder ihr am Vortag einen entscheidenden Hinweis geben können, der sie weitergebracht hatte. Vielleicht würden sich aus dem, was er ihr zu erzählen hatte, weitere Anhaltspunkte ergeben, ohne dass sie seine Theorien an sich verfolgen musste.
Dieser Kompromiss schien ihr zu gefallen und sie lächelte entspannt.

„Ich dachte, es geht hier nicht darum was schneller geht und bequemer ist“, antwortete sie gewitzt.
Mulder nickte anerkennend und Scully beugte sich zu ihm.
Ihre Pupillen weiteten sich, verdrängten das Blau in ihren Augen.
„Na schön, Agent Spooky. Sie hatten mir angeboten mir etwas über diese beiden anderen Fälle, die ich in den letzten Wochen nicht lösen konnte, zu erzählen. Wenn ich Ihnen glauben soll, muss ich wissen wie Sie auf solche Gedanken kommen.“
Sie sah ihn wissend an und er fühlte sich sichtlich überrumpelt.
„Dann wussten Sie, dass ich es war, der Sie neulich angerufen hat?“
Eigentlich war ihr das erst vor wenigen Minuten klar geworden, aber sie genoss es, dass er sie in diesem Moment für so raffiniert hielt, dass es ihm offenbar die Sprache verschlug und er ihr nicht einmal übel nehmen konnte, dass sie ihn ‚Spooky’ genannt hatte.
Allerdings hatte sie das ohnehin in einem Tonfall getan, in dem sie ihn mit jedem Wort der Welt hätte beschimpfen können ohne dass es ihn verärgert hätte.

Mulder lehnte sich nach vorne und blickte ihr über seinen Schreibtisch hinweg geradewegs in die Augen. Er sehnte sich so sehr danach sich jemandem mitzuteilen, der bereit war zuzuhören. Er wusste zwar nicht wer sie war, er schien sie kaum zu kennen, aber in ihrem Blick lag etwas, das ihm verriet, dass sie vermutlich der einzige Mensch im FBI war, dem er trauen konnte. Er fühlte sich wohl in ihrer Nähe.
Schließlich hatte er seine Entscheidung getroffen.
„Wie viel Zeit haben Sie?“
Scully sah auf die Uhr und merkte dabei, dass sie seit über 29 Stunden auf den Beinen war. Ein wenig verlegen antwortete sie daher: „Ehrlich gesagt würde ich gerne ein wenig schlafen und habe noch eine ganze Menge zu tun. Aber wenn Sie möchten, dann kommen Sie heute Abend bei mir vorbei. Hier ist meine Adresse.“

Innerlich schämte sie sich für diese Aktion, weil sie wusste, dass er das genau so gut völlig falsch verstehen konnte.
Und sie schalt sich für ihre Naivität einem Fremden - und noch dazu einem bewaffneten Fremden mit eindeutigen Wahrnehmungsstörungen - ihre Adresse zu geben.
Aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich durch ihn nicht bedroht. Sie fühlte sich ruhig. Seit Wochen zum ersten Mal. Und sie sah, dass er diese Einladung keineswegs in den falschen Hals bekommen hatte.

"Okay, ich bin dann um acht bei Ihnen."

Erleichtert stand sie auf und ließ ihn allein in seinem Büro zurück. Allein, aber mit einem Hoffnungsschimmer in seinem Herzen, dass er doch nicht der einzige Mensch auf der Welt war, dem etwas an der Wahrheit lag.
Was er mit dem anderen Gefühl in seinem Herzen anfangen sollte, das wie eine Art Echo noch eine ganze Weile nachdem sie schon gegangen war nachhallte, wusste er noch immer nicht.

 

12 Stunden später


Eilig rannte Scully, die beiden Pizzakartons auf ihrer Handfläche balancierend, durch den strömenden Regen von ihrem geparkten Wagen auf ihre Wohnungstür zu.
Chief Blevins hatte seinen ungeduldig angeforderten Zwischenbericht nun in seinem Fach liegen. Ab morgen würde er wissen, dass sie damit dem Job gewachsen war, dass sie gründlich und sauber arbeitete und durchaus in der Lage war unter noch so widrigen Umständen eine logische Erklärung zu finden, die den Fall vor dem Fluch ungelöst zu bleiben bewahren würde. Allerdings war sie sich mittlerweile der Absurdität bewusst, dass man ihr die kostspieligsten Mittel zur Verfügung stellte scheinbar unlösbare Fälle aufzuklären, während irgendjemand, dessen Gehalt aus demselben Budget stammte wie die ganzen teueren Geräte ihres Labors, die ganze Zeit gegen sie zu arbeiten schien.
Diese Art der Politik war ihr zu hoch.
Außerdem merkte sie, dass sie mittlerweile bereit war sich der Möglichkeit zu öffnen, dass an Mulders Paranoia etwas dran war. Schließlich war sie nicht vollkommen ignorant und nahm sehr wohl wahr, dass ihre Intuition, die sich anfangs nur dünn und leise zu Wort gemeldet hatte, mittlerweile ununterbrochen an die Türe ihres Verstands hämmerte und starke Zweifel im Schlepptau hatte.

Scully folgte dem Weg der Regentropfen und blickte zum Himmel hinauf.
Er trug ein surreales helles Graublau an diesem Abend, während um sie herum auf der Erde alles bereits im Schleier der Nacht verborgen lag, erhellt von den kleinen schummrigen gelben Straßenlaternen, die in regelmäßigen Abständen auf den Bürgersteigen aufgestellt waren und wie stumme Soldaten ihren Dienst verrichteten.
In einer Viertelstunde würde Fox Mulder bei ihr klingeln und sie in die Geheimnisse seiner Arbeit einweihen. Sie überlegte gerade, ob sie es vorher noch kurz unter die Dusche schaffen würde, als sie mit einem Mann zusammenstieß, der ihr nicht aufgefallen war, weil er ganz in Schwarz gekleidet war.
Die Pizzakartons gerieten aus dem Gleichgewicht und landeten laut platschend einer Pfütze am Straßenrand.

„Lassen Sie nur“, hielt der Mann sie zurück, als sie sich fluchend danach bücken wollte und streckte ihr einen Zwanzig-Dollarschein entgegen.
„Dafür komme ich auf.“
Skeptisch sah sie den Schein an, die schwarzen Lederhandschuhe, den schwarzen Mantel des Fremden und schrak zurück, als sie seine harten, klaren wie frisch gebügelten Gesichtszüge entdeckte.
Irgend etwas hatte dieser Mann an sich, das ihr Unbehagen bereitete. Und mehr als das: Sie hatte das Gefühl ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben.
„Kennen wir uns?“ fragte sie ihn verdutzt und er sah sich um. Lautlos wich er vor dem Schein der Straßenlaterne ins Halbdunkel der Dämmerung zurück.
„Nicht dass ich wüsste, Dr. Scully. Und ich würde es auch gerne vermeiden Sie näher kennen zu lernen.“
Scully schnaubte. Sie fand diese Begegnung bereits jetzt mehr als lächerlich.
„Was, sind Sie etwa der Sensenmann persönlich?“
Der Fremde reagierte auf ihren Witz mit einem unerwarteten Lachen. Aber es war ein gefährliches Lachen, das wie Rasierklingen die friedliche Stille der Nachbarschaft zerschnitt und Scully die Luft zum Atmen nahm.
„Ich bin nur hier, weil ich weiß, dass Sie eine große Karriere vor sich haben könnten und ich nicht möchte, dass der Umgang mit den falschen Leuten Ihnen diese Karrieremöglichkeiten nimmt.“
Scully ignorierte die zwanzig Dollar, die er ihr entgegenstreckte und wandte sich zum Gehen, ihre Wohnungsschlüssel fest in ihrer Hand umschlossen, dass es fast wehtat.
„Es tut mir leid, aber ich denke, es ist immer noch meine Entscheidung welche Kontakte ich pflege und welche nicht.“
Sie sah ihn finster an, ihre Augen wirkten im Zwielicht der heranbrechenden Nacht fast schwarz und bohrten sich in sein aalglattes Gesicht.
Finster erwiderte der Fremde ihren Blick aus kalten hohlen Augen.
Sie war eine bemerkenswerte Frau und es war eindeutig, dass man sie unterschätzt hatte, denn in ihr lag etwas von jener Besessenheit, die auch Mulder zu so einem gefährlichen Feind machte.
Der Mann griff nach ihrem Arm und hielt sie fest.
Zornig funkelte sie ihn an.
„Lassen Sie sofort los!“ befahl sie ihm bestimmt und als er merkte, dass sie bereit war ihm zuzuhören, gehorchte er.
„Wer sind Sie?“ fragte sie obwohl sie wusste, dass sie keine Antwort bekommen würde.
„Ich bin jemand, dem etwas daran liegt, dass Ihnen nichts zustößt. Halten Sie sich raus aus Dingen, die Sie nicht verstehen, verrichten Sie Ihre Arbeit in Quantico und gehen Sie Agent Mulder aus dem Weg. Seine Arbeit bei den X-Akten ist nichts weiter als Zeitverschwendung.“

Scullys Blick fiel auf ein Auto, das um die Ecke bog und in ihrer Nähe zum Stehen kam. Sie konnte erkennen, dass ein Mann darin saß, der Mulder sein konnte und entschied sich auch auf die Gefahr eines Bluffs hin, dass das ihre Chance sein konnte diesem Fremden zu entkommen.
„Das können Sie ihm gerne selbst sagen“, antwortete sie daher und nickte in die Richtung des silbernen Fords, dessen Scheinwerfer im selben Moment ausgingen.
Als Mulder aus dem Wagen ausstieg sah er sofort, dass etwas nicht stimmte. Er sah den Ausdruck auf Scullys Gesicht und die Pizzakartons auf dem Boden. Doch als er näher auf die beiden zukam, drehte sich der Fremde an Scullys Seite von ihr weg.
Er warf ihr einen letzten drohenden Blick zu.
„Denken Sie daran, dass Sie eine Zukunft haben. Und eine Familie.“
Das waren seine letzten Worte bevor er sich in Bewegung setzte und sie stehen ließ. Seine Schritte waren fast lautlos und Scully sah ihm nach. Er schien geradezu zu schweben und seine schwarze Gestalt verlor sich konturenlos im Dunkel der Nachbarschaft.
Die Straßenlaternen flackerten und Scully drehte sich zu Mulder um, der in diesem Moment vor ihr zum Stehen kam. Gemeinsam blickten sie noch einmal in die Richtung, in die der Fremde verschwunden war.
Aber es war nichts mehr von ihm zu sehen, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

 

„Bei Ihnen scheinen sich die männlichen Besucher ja die Klinke in die Hand zu geben“, versuchte er zu scherzen als er sah, dass es sich offenbar um nichts allzu Ernstes gehandelt haben konnte.
Doch Scully sah das anscheinend ganz anders, denn sie starrte ihn böse an.
„Ehrlich gesagt schätze ich solche Besuche überhaupt nicht. Und bis ich Ihnen über den Weg gelaufen bin, bin ich davon auch verschont geblieben.“
Der stählerne Griff des Mannes hatte einen dumpfen pulsierenden Schmerz in Scullys Oberarm hinterlassen.
„Hat er Ihnen denn gedroht?“ fragte Mulder nun doch ein wenig besorgt nach, als er merkte wie verstört sie zu sein schien.
Doch sie wandte den Blick von ihm ab, in die Finsternis, in der der Mann verschwunden war, mit einem Ausdruck von Angst und Zorn in ihrem Gesicht.
Es war bei ihm an der Tagesordnung, dass er von Gestalten wie dieser heimgesucht wurde und er konnte sich kaum noch daran erinnern, was für einen Schreck ihm das beim ersten Mal eingejagt hatte.
Unsanft stieß Scully gegen seine Schulter, als sie sich wegdrehte und an ihm vorbei auf ihre Wohnungstür zuging.
„Ich weiß überhaupt nicht, warum ich mich auf Sie einlasse“, brummte sie und suchte ihren Hausschlüssel unter den zahlreichen Schlüsseln an ihrem Bund.
„Ich weiß ja nicht einmal, in was für Angelegenheiten Sie da verwickelt sind. Irgendeinen Grund muss es ja schließlich haben, dass man Ihnen diese düstere Abteilung im Keller zugewiesen hat.“
Nun wurde auch Mulder unsanfter und blieb unter ihr auf dem Treppenabsatz stehen. Mittlerweile waren sie beide von dem leisen aber steten Regen völlig durchnässt, aber es war ihnen egal, weil sie viel zu aufgewühlt waren. Gereizt erhob er seine Stimme und sah zu ihr auf.
„Natürlich, den hat es. Weil ich unbequem bin. Weil ich meine Nase in Dinge hineinstecke, die niemanden etwas angehen. Die im Verborgenen bleiben sollen damit dort in der Dunkelheit ein Netz aus Lügen gewoben werden kann, in dem sich nach und nach die gesamte Menschheit verstrickt bis wir an unserer eigenen Gewissenlosigkeit zugrunde gehen.“
Er holte Luft und merkte, dass seine Impulsivität mit ihm durchgegangen war, dass das, was er sonst immer zurückhielt, einfach aus ihm heraus gebrochen war.
Scully sah ihn entgeistert an.
„Sie klingen vollkommen verrückt, wissen Sie das?“ antwortete sie schließlich nüchtern.
Das Regenwasser tropfte von ihren Wimpern in ihre Augen.
Mulder stand noch immer eine Stufe unter ihr. Er wusste nicht warum er tat, was er tat, aber vielleicht sehnte er sich einfach nur zu sehr nach jemandem, der ihm zuhörte.
„Dana, Sie können mich jetzt zurückweisen, ich habe überhaupt kein Interesse Sie von irgendetwas zu überzeugen oder Sie in etwas hineinzuziehen. Aber wenn Sie wirklich wissen wollen, worum es bei diesen Fällen geht, dann hören Sie sich nur dieses eine Mal an, was ich zu sagen habe. Wenn Sie danach immer noch der Ansicht sind, dass nichts an meiner „Regierungstheorie“ dran ist und Sie sich lieber aus meinen Spinnereien heraushalten möchten, dann können Sie gerne in Ihr kleines isoliertes Labor in Quantico zurückkehren und Karriere machen.“
Es lag eine tiefe Resignation in seiner Stimme, als er dort vor ihr stand und zu ihr sprach als wäre er es gewohnt, dass ihm niemand glauben wollte.

Aber nicht deswegen, sondern weil sie beide bis auf die Haut durchtränkt waren, öffnete sie schließlich ihre Tür und ließ ihn herein.
„Kommen Sie schon, sonst wachsen Ihnen noch Schwimmhäute zwischen den Fingern.“
Sie hatte sich von dem Schreck, den der Mann in Schwarz ihr eingejagt hatte, einigermaßen erholt und begann nun unter ihrer nassen Kleidung zu frieren.
Sie schaltete ihr Wohnzimmerlicht an und merkte, dass Mulder sofort zu den Jalousien lief um sie zu schließen. Doch sie ließ ihn müde gewähren und verschwand in ihrem Badezimmer. Irgendwo hatte sie doch noch den Bademantel ihres Ex-Freundes herumliegen.
Als sie ihn gefunden hatte, ging sie zurück ins Wohnzimmer und drückte Mulder einen Stapel Handtücher und den Bademantel in die Hand.
„Hier, Sie können sich in meinem Bad erst einmal frisch machen, ich setze in der Zeit einen Tee für uns auf.“
Mulder tat wie ihm geheißen und pellte sich in ihrem Badezimmer aus seinen nassen Klamotten um sich in den flauschigen hellblauen Bademantel einzukuscheln, der interessanterweise exakt seine Größe hatte.
Als er die Badezimmertüre öffnete, erschrak er, denn offenbar hatte sie schon sehnsüchtig darauf gewartet sich ebenfalls ihrer nassen Kleidung zu entledigen und drängte sich mit einem Stapel frischer Kleidung an ihm vorbei.
„Tee ist in der Küche, machen Sie es sich bequem.“
Damit verschloss sie die Badezimmertür vor ihm, drehte den Schlüssel im Schloss um und schlich sich durch ihre Wohnung in ihre Küche, nicht ohne einen unerlaubten Blick in ihren Kühlschrank zu werfen.
Der Inhalt bestätigte das Bild, das er von ihr hatte: Sie war eine viel zu vernünftige Frau.
Hätte er ihr Eisfach auch noch geöffnet, hätte er dieses Urteil beim Anblick der zahlreichen Ben & Jerry’s Jumbobecher sicher zurückgenommen.

Sie entschied sich, sich unter der Dusche schnell aufzuwärmen und bemühte sich wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Allerdings fiel ihr das angesichts der vergangenen Wochen sehr schwer. Sie wusste nicht einmal, was sie mit diesem Mann in ihrem Wohnzimmer anstellen sollte. Sie hatte die Aktenmappe gesehen, mit der er hergekommen war. Natürlich wollte sie die Wahrheit hinter all diesen Ungereimtheiten erfahren. Aber sie befürchtete, dass nicht ein einziges „Beweisstück“ darin in der Lage sein würde sie in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, dass Mulder mehr wusste als sie.
Das warme Wasser lief beruhigend über ihren durchgefrorenen Körper und mit geschlossenen Augen legte sie den Kopf in den Nacken und atmete die feuchte heiße Luft um sich herum ein.

Sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Weil er ihr leid tat. Und weil sie ihn mochte.
Aber das war es auch. Sie würde nicht mit ihm kooperieren. Nach diesem Abend würden sich ihre Wege trennen und sie würde herausfinden müssen, ob sie mit der Informationspolitik des FBI auf die Dauer zurechtkommen würde oder nicht. Sie befürchtete, dass sie das nicht schaffen würde, weil es ihrer Natur widerstrebte.
Aber hatte sie eine Wahl?

 

Als sie frisch angezogen und mit einem Handtuch um ihren Kopf gewickelt ins Wohnzimmer zurückkam, musste sie schmunzeln. Denn Mulder hatte in der Zwischenzeit den Inhalt seiner Aktenmappe überall auf ihrem Couchtisch verteilt und war offensichtlich so sehr darin vertieft gewesen, dass er regelrecht zusammenzuckte, als sie sich ihm näherte.
„Ist hier irgendwo noch ein Platz für mich?“ fragte sie und sah belustigt auf den Stapel Photos auf ihrem Sofa. Hastig räumte er die Bilder beiseite.
Er fühlte sich unwohl, weil er unter dem Bademantel fast nackt war, während sie in Alltagskleidung geschlüpft war. Dadurch fiel ihm erst jetzt auf wie attraktiv sie eigentlich war. Und das wiederum ließ ihn sich noch unwohler in seiner spärlichen Garderobe fühlen.
„Ich habe Ihre Sachen auf die Heizung gelegt, somit müssten sie schnell trocknen“, versuchte sie seine Unsicherheit aufzufangen und ließ sich mit ihrer Teetasse neben ihm auf der Couch nieder.
„Also, Agent Mulder. Was haben Sie mir zu meiner verbrannten Leiche vom 9. März zu sagen?“ legte sie sogleich los als sie den ersten Schluck ihres Tees genommen hatte.

Innerhalb von fünf Minuten hatte er es tatsächlich geschafft, sie mit seinen Theorien in den Bann zu ziehen und sie folgte interessiert, aber nicht ohne Skepsis jedem seiner Worte. Immer wieder erhellte sich ihr Gesicht unter einem Schmunzeln oder einem Einwand, den er jedoch jedes Mal rechtzeitig aufhalten konnte, indem er sie einfach nicht zu Wort kommen ließ.
Als er fertig war, lehnte er sich selbstgefällig und vollkommen außer Atem zurück und trank seinen lauwarmen Tee in einem Zug leer.
Sie glaubte fast, dass er das hier für eine Art Wettbewerb hielt und fühlte sich herausgefordert.
Scully verdaute diese Informationen noch einen Moment lang. Sie wurde den Eindruck nicht los in einen Kaninchenbau gefallen zu sein und sich am anderen Ende des Spiegels wieder zu finden.

„Also, wenn ich Sie recht verstehe, dann sind Sie der Ansicht, dass meine Leiche vom 9. März Opfer von Spontaner Selbstentzündung geworden ist. Und Sie glauben, dass die Ursache dieses Phänomens irgendetwas war, das das elektrische Spannungsfeld dieses Opfers für den Bruchteil einer Sekunde lang so durcheinander gebracht hat, dass es zu einem Kurzschluss kam, der die Initialzündung gesetzt hat? Und als Ursache dieser Änderung des Spannungsfelds ziehen Sie ein wandelndes Energiefeld im Sinne eines Geistes vor?“
Scully sah ihn an, in der Hoffnung ihn falsch verstanden zu haben.
Doch Mulder blieb ganz entspannt. Offenbar hatte sie also doch richtig gehört. Sie holte tief Luft.
„Agent Mulder, bei allem Respekt, aber ich halte das für vollkommenen Unsinn.“
Sie musste sich ein Lachen verkneifen und stützte ihren Kopf in ihre Hand. Er lachte mit, weil ihr Lachen einfach ansteckend war.
„Ja, aber es ist die einzige Lösung für diesen Fall.“
Scully schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht ganz richtig. Die Erklärungen sind alle da. Nur dadurch, dass durch den Brand sämtliche Spuren vernichtet wurden, ist es uns eben bisher nicht möglich gewesen über diesen Fall mehr herauszufinden. Was aber nicht heißt, dass es nicht doch eine ganz logische einfache Lösung für diesen Todesfall gibt. Aber das, was Sie vorschlagen, kann ich auf keinen Fall in einen Bericht schreiben.“
„Wieso nicht? Sie müssen ja nicht den Geist nicht erwähnen.“
Scully sah auf ihre halbleere Tasse.
„Es tut mir leid. Aber das trotzt einfach jeglichen Regeln der Biophysik.“
„Und was ist mit dem aktuellen Fall? Wäre es nicht auch einfach die logischste Erklärung, dass eines der Geräte kaputt ist, oder irgendein Reagenz nicht richtig pipettiert worden ist? Gibt es nicht unendlich viele rationale Erklärungen, jenseits des unvorstellbaren und doch sind die nahe liegendsten Antworten oft eben gerade die, die so phantastisch erscheinen?“
Sie legte die Stirn in Falten. „Sie halten es für nahe liegend, dass ein Körper einfach aus sich selbst heraus in Flammen aufgeht?“
„Nicht unbedingt nahe liegend, aber elegant und simpel.“ Damit blickte er auf das goldene Kreuz, das zwischen ihren Schlüsselbeinen im warmen Licht ihrer Wohnzimmerlampe schimmerte. „Es gibt Leute, die würden auch den Glauben an Gott als elegant und simpel bezeichnen“, drang seine Stimme sanft und herausfordernd an ihr Ohr.
Scully fühlte sich ertappt und blickte betreten zur Seite. Sie musste selbst zugeben, dass ihr Glaube an Gott nicht zu ihrer sonst so strikt-rationalen Einstellung passte. Aber ihr daraus einen Strick zu drehen empfand sie als unfair.
„Ich bin lediglich das Produkt meiner Kindheit. Ich war Klosterschülerin, müssen Sie wissen.“
Sie reagierte verwirrt auf seinen merkwürdigen Blick und das schelmische Lächeln, das sich auf seine Lippen schlich als er das hörte.
Ihre Augenbraue schnellte hoch. Angriff war ihre beste Verteidigung und sie sah ihn herausfordernd an.
„Und Sie, Agent Mulder? Hat Ihr Glaube an all diese Mysterien vielleicht auch einen Grund, der tief in Ihrer Kindheit verwurzelt ist?“

Stille trat ein. Und ein kühler Luftzug streifte durch den Raum.
Scully hatte das Gefühl, sie hätte damit eine Saite in Mulder zum Schwingen gebracht, die er die ganze Zeit bemüht gewesen war still zu halten. Ein Schatten huschte über sein Gesicht, verdunkelte seinen Blick und er versteifte sich.
Scully wurde unsicher und rutschte unruhig auf dem Sofa umher. Nervös strich sie sich über den Nacken und betrachtete aufmerksam die Gefühlsregungen auf seinem Gesicht.
Aber Mulder war nicht der Mann, der sich von Offenheit einschüchtern ließ. Sie hatte gefragt und er wusste, dass sie die Antwort hören wollte. Er wusste, er konnte es ihr erzählen. Und er hatte die Geschichte schon etliche Male erzählt.
Also tat er es ein weiteres Mal. Und sah wie sich sämtlicher Spott, der über ihnen in der Luft gehangen hatte, in Rauch auflöste und wie sie von Minute zu Minute stiller wurde.
Scully kam es irgendwie vor als hätte sie diese Geschichte schon einmal gehört.
Es schmerzte sie den Verlust in seinen Augen zu sehen und seine tiefe Hoffnungslosigkeit, seine Schwester niemals wieder zu finden. Es erklärte die tiefe Traurigkeit, die ihn umgab und die sie so anzog.

 

Jene Gefühle, die der Traum in ihr hervorgebracht hatte, lebten wieder auf als hätte jemand ein Licht in diese Ecke ihrer Seele getragen.
Sie fühlte wieder die Angst und Verzweiflung.
Und diese unstillbare Sehnsucht in ihrem Herzen.
Die Erinnerung an einen Duft kam in ihr auf und paarte sich mit der Wahrnehmung dieses selben Duftes, der von dem Mann ihr gegenüber ausging. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich selbst neben diesem Mann liegen, an dessen Nasenspitze sie ihre eigene zärtlich rieb. Bevor sie dieses Bild jedoch festhalten konnte, war es auch schon wieder verblasst.
Gänsehaut prickelte auf ihren Armen und kroch ihren Nacken empor.
Eine tiefe durchdringende Stimme in ihrem Inneren sagte ihr, dass dies der Ruf ihres Schicksals war, dem sie zu folgen hatte.
Doch aus ihrer Erinnerung hallte auch eine Warnung wider. Eine Warnung, dass sie an einer Weggabelung stand, die bedeuten konnte, dass sie alles verlieren würde, was sie hatte, wenn sie diesem Mann aus ihrem Traum, der nun leibhaftig vor ihr saß, in seine Welt folgte. Die Sehnsucht in ihrem Herzen aber spielte mit ihr, flüsterte ihr ein, dass das, was sie gewinnen würde, wenn sie sich ihm zuwandte, noch viel größer war als alles, was sie in dem Leben, das sie nun führte, erreichen würde.

Dieser Mann faszinierte sie. Denn seine grenzenlose Begeisterung für das Paranormale schien repräsentativ für die Intensität zu sein, mit der er lebte. In seinem Inneren schienen sich Dinge abzuspielen, die sie nur erahnen konnte.
Sie begann nun ihn zu verstehen, hinter die Fassade eines scheinbaren Exzentrikers zu blicken, der im Grunde genommen nur ein zutiefst verletzter und verlorener Mensch war, der versuchte nicht durchzudrehen, weil man ihm jemanden genommen hatte, den er geliebt hatte.
In ihr rebellierte eine Armee, verdrehte ihr den Kopf und trieb ihr heiße Röte auf die Wangen.

„Ist alles in Ordnung?“ hakte Mulder nach als er merkte, dass sie sich sichtlich unwohl fühlte.
Scully schluckte ihre Gefühle herunter und nickte.
Ihre Augen glänzten feucht.
Wer war dieser Mann? Sie starrte ihn geistesabwesend an und merkte gar nicht, dass er diesen Blick erwiderte und seinerseits in ihren Augen eine Antwort darauf suchte, wer sie war und warum sie seine Worte so aus der Fassung brachten.
Seine Geschichten klangen so phantastisch, so fremd. Sie stammten aus einer Welt, mit der sie sich bisher nie beschäftigt hatte und er stellte Fragen, deren Antworten außerhalb ihrer Realität lagen. Es stieß sie ab und zugleich weckte es ihren Forscherdrang.
Wenn sie sich auf ihn einließ mit ihm zusammenarbeitete, wusste sie, dass sie dieses Spiel ein paar Wochen, vielleicht Monate treiben würde. Aber dass darauf ihre Kündigung folgen würde, leuchtete ihr ebenfalls ein. War das die glorreiche Karriere, die sie ihrem Vater in trotzigem Zorn versprochen hatte, als sie ihm von ihrem Wechsel zum FBI erzählt hatte?
Sie kannte sich. Sie wusste, dass sie schwach wurde, wenn es um Abenteuer ging. Das hier würde ein Abenteuer werden und sie wusste viel zu wenig über Mulder und über diese Fälle, an denen er arbeitete, um abschätzen zu können wie tief diese Abenteuer reichten und wie gefährlich sie waren.
Aber der Fremde vor ihrem Haus hatte ihr einen Vorgeschmack davon gegeben.
Und in ihrem Traum war Melissa getötet worden. Es gab sicherlich Opfer, die zu bringen man bereit war, wenn man wusste, dass man den richtigen Weg gewählt hatte. Aber sie war nicht bereit dafür. Ihre Suche nach Antworten auf dieser Welt war eine andere als seine. Und sie sah, was der Verlust seiner Schwester mit Mulder angerichtet hatte: Es machte einen fanatisch.
Doch all diese Gedanken entsprangen ihrer Vernunft, ihr Herz schien ihr etwas ganz anderes mitteilen zu wollen.

Scully wusste, es wäre töricht einer Intuition zu folgen, die einem Traum entsprang.

Und doch tat sie es als sie Mulders Blick mit ihrem gefangen hielt.

Mulder spürte, dass sie innerlich einen Kampf ausfocht. Er hatte noch nie zuvor erlebt, dass seine Geschichte jemanden so berührt hatte wie sie. Er war am Ende seiner Erzählung angekommen und wusste, dass es Zeit wurde sie aufatmen zu lassen.
„…und dann habe ich bei meiner Arbeit als Profiler Zugang zu den X-Akten gefunden. Keine Ahnung wieso man mich dorthin hat abwandern lassen. Eigentlich hatte ich einen ziemlich guten Ruf in der Profiler-Abteilung. Aber vielleicht passte es gerade in ihr Budget…“ führte er seinen Gedanken zu Ende und verstummte. Er stand noch so sehr am Anfang seiner Suche, dass er nicht wusste inwiefern das FBI in dieses Netz aus Lügen verstrickt war, das aufzudecken sein größtes Ziel war.
Als er sah, dass sie überhaupt keine Notiz davon genommen hatte, dass er fertig war, grinste er.
„Hey, sind Sie noch wach?“
Ihre Augen lösten sich als erste aus ihrer Starre, orientierten sich einen Moment an seinen Lippen und fanden erneut ihren Fixpunkt in seinen Augen.
„Und Ihre Eltern haben nie mit Ihnen über diese Sache geredet?“ fragte sie fassungslos.
Mulder schüttelte den Kopf und sah sie verbittert an. „Ich komme aus einer Familie, in der Schweigen die bevorzugte Kommunikationsform war.“
Scully konnte nicht anders und merkte wie ihre Hand nach seiner griff und sie fest drückte.
Sie wusste nicht, ob diese ganze Alien-Entführungsgeschichte, an die er zu glauben vorgab, nicht einfach nur seine Art war diese traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Aber er schien so überzeugt von seinen Theorien zu sein, dass es sie fast ansteckte. Und ihr fehlten die Worte für die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren war.
Als sie merkte, dass er ihre Hand nicht zurück drückte, ließ sie sie wieder los und sammelte sich.
„Sie glauben an all das so sehr wie ich meinem Glauben an Gott nachgehe, nicht wahr?“
Mulder nickte und schüttelte zugleich den Kopf. „Ich glaube daran so sehr wie Sie Ihrer Wissenschaft vertrauen.“
Scully verstand, sie wusste, dass dieser Glaube seine einzige Hoffnung war. „Im Grunde genommen sind viele der Phänomene, an die Sie glauben, nichts anderes als eine Nische, in der die Wissenschaft noch keinen Fuß fassen konnte, weil die Fakten nicht greifbar genug sind, um daran forschen zu können.“
Mulder lächelte. „Das ist eine sehr schöne Umschreibung dafür, dass Sie der Meinung sind, dass diese ganze Parapsychologie im Grunde totaler Schwachsinn ist.“
Scully lächelte zurück und sah verlegen auf ihre mittlerweile leere Tasse, die sie auf dem Couchtisch abstellte.
Er folgte ihrer Bewegung und stellte seine Tasse ebenfalls dort ab.
Sie blieben nebeneinander sitzen und sahen einen Moment lang auf die Papierflut auf ihrem Tisch.
Scully atmete hörbar ein.
„Ich lehne all das nicht ab, verstehen Sie. Ich vertraue nur meinem Grundsatz, dass ich nur an das glaube, was ich auch beweisen kann.“ „Gott ausgenommen“, fügte sie hinzu. Sie sah ihn an. „Allerdings habe ich die Dinge, die Sie erlebt haben, nicht mit eigenen Augen gesehen. Und daher kann ich Ihre Ansichten nicht verurteilen. Ich muss sie respektieren. Genau so wie ich erkennen musste, dass es in der Tat zumindest bei diesen Fällen nicht mit rechten Dingen zugeht.“
Mulders Augen blitzten auf und sie sah wie sich sein Mund zu einem zarten Lächeln verzog.
Scully holte erneut Luft, bevor sie diesem Mund verfallen konnte.
„Aber ich bin weit davon entfernt Ihnen zu folgen, Agent Mulder.“

Er vollendete sein Lächeln und sie spürte wie sein Blick ihr unzählige kleine Stiche versetzte, die irgendwo einen Sinneseindruck zwischen Schmerz und Erregung trafen.
Er nickte und schwieg. Weil er wusste, dass sie ihm bereits folgte. Allerdings auf einer Ebene, auf der er gar nicht erwartet hatte, dass sie sich an diesem Abend näher kommen würden.

Sie sahen sich an und ergaben sich der stillen Erregung, die sich langsam in ihnen beiden ausbreitete und Ausdruck dieser fast überirdischen Anziehung war, die von ihrer Gegensätzlichkeit ausging.
Die Spannung zwischen ihnen war kurz davor die Luft zu zerreißen.
Scully versuchte gegen den Impuls in ihr anzugehen, versuchte das Aufbegehren in sich zu verdrängen obwohl sie wahrnahm, dass sie sich in diesem Moment weniger verunsichert als vielmehr aufgehoben fühlte.

„Für jemanden wie mich klingt die Arbeit mit den X-Akten viel zu sehr nach einem Abenteuer“ versuchte sie sich für ihre Zurückhaltung zu entschuldigen und merkte zugleich wie sehr sich das, was sie sagte und das, was sie mit ihrer Körpersprache zum Ausdruck brachten, widersprachen.
Mulder verstand, dass jemand, der all das nicht gesehen hatte, was er in seinen Träumen Nacht für Nacht zu verarbeiten versuchte, nicht abschätzen konnte welcher Wahrheit er mit seiner Arbeit nachging. Dass es dabei um alles ging. Dass es dabei um eine Realität ging, die die Welt, in der sie lebte, mit einschloss.
Er löste den intensiven Blickkontakt zu ihr wieder und pflichtete ihr bei während sein Blick die Schatten studierte, die ihre Zimmerpflanzen an die Wand zeichneten.
„Es ist ein Abenteuer. Es ist eine Einbahnstraße, die immer enger zu werden scheint je weiter man vordringt und am Ende weiß man nicht, ob einen das Licht oder das Dunkel erwartet. Man weiß nicht, ob die Wahrheit, die man sucht, einem die Wahrheit über das Gute oder über das Böse verrät. Man weiß nicht einmal mehr, ob es eine Trennung dazwischen gibt.“

Scully bekam Angst, weil in seiner Stimme eine kompromisslose Endgültigkeit lag, die ihr klarmachte, dass der Fremde auf der Straße seine Warnung ernst gemeint hatte. Dieser Mann neben ihr hatte sich auf einen Weg begeben, den man nicht alleine gehen durfte, wenn man bei Verstand bleiben wollte. Den man aber zugleich alleine gehen musste, weil man nur gewinnen konnte, wenn man nichts zu verlieren hatte.
Sie begriff nicht welcher Wahrheit er auf der Spur war, was er damit meinte, dass er glauben wolle. Aber sie glaubte langsam zu verstehen, dass es ihm nicht nur darum ging irgendwelche Regierungsverschwörungen aufzudecken oder seltsamen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Ihm ging es um viel mehr. Er wollte in der Grauzone ihrer aller Existenz herumwühlen und Schwarz von Weiß trennen. Er wollte wissen, wo zwischen all den Lügen und all dem Schlechten etwas verborgen war, das einen Sinn ergab. Er wollte eine Antwort darauf finden, ob es überhaupt etwas gab, an das man glauben konnte. Und damit folgte er lediglich einem tiefen Instinkt nach Erkenntnis, demselben Instinkt, den sie auf eine ganz andere Weise folgte. Aber obwohl er einen so anderen Weg als sie gewählt hatte, einen so viel unbequemeren, schien er mit seinem Leben auf irgendeine Art zufrieden zu sein.
Er wirkte einsam. Verloren. Aber unheimlich lebendig. Und er schien vollkommen in sich zu ruhen.
Wie konnte dann sein Weg so falsch sein?

Sie sah ihn an und ignorierte wieder ihre innere Stimme. „Ich glaube, für diese Einbahnstraße, von der Sie reden, muss man geboren sein“, schloss sie ihre Unterhaltung ab und gab ihm damit zugleich zu verstehen, dass sie noch immer der Meinung war keine Kooperation mit ihm riskieren zu können. Aus einer Vielzahl von Gründen.
Mulder begriff, dass das ihr letztes Wort war.
Traurig wagte er einen letzten Versuch und sah sie wieder an, seine Augen glühten dunkel auf.
„Was ist dann der Unterschied zwischen uns, dass Sie nicht für diesen Weg geboren sind?“
Scully lächelte, weil sie keine Lust mehr hatte noch weiter darüber zu sprechen, ihr Kopf tat weh, sie war übermüdet und diese Spannung zwischen ihnen zehrte an ihren Nerven.
„Dass ich nicht verrückt bin“, war ihre Antwort und gleichzeitig legte sie ihm in einer Geste der Entschuldigung ihre Hand auf den Arm.

Sie war ihm in dieser einen Stunde ihres gemeinsamen Gesprächs so nahe gekommen, dass sie das Gefühl hatte ihm bereits jetzt schon viel zu sehr in seine Welt gefolgt zu sein, als sie vorgehabt hatte.
An dem Lächeln, das sich auf ihr Gesicht schlich, merkte sie, dass sie mit ihm flirtete und blickte auf ihre Hand, die an seinem Arm zu kleben schien.
Als er fühlte wie kalt ihre Finger waren, fiel auch sein Blick darauf und wanderte zu ihrem Gesicht zurück, nicht ohne einen Moment auf ihren Lippen zu verweilen.
Er war sich sicher, dass sie ihn zu sich eingeladen hatte, weil sie tatsächlich interessiert an seiner Arbeit gewesen war. Und er war sich auch sicher, dass er nur im Bademantel neben ihr saß, weil es geregnet hatte und seine Sachen klitschnass gewesen waren. Aber er war sich überhaupt nicht sicher, was diese Hand auf seinem Arm und der sehnsüchtige Blick in ihren Augen zu bedeuten hatten.
War sie sich ihrer Wirkung auf ihn vielleicht gar nicht bewusst? Waren das Zeichen, die auszusenden sie überhaupt nicht beabsichtigte?
Er blieb regungslos neben ihr sitzen und wartete lauernd darauf, was sie als nächstes tun würde um aus ihr schlau zu werden.

 

Aber Scully wusste genau, was sie tat. Und sie verstand sich selbst nicht.
Es war überhaupt nicht ihre Art. Sie kannte diesen Mann doch kaum. Und er hatte sie einfach mitgerissen. Er hatte ihren Verstand nicht überzeugen können. Aber er hatte sie tief in ihrem Inneren erreicht und berührt.
Und je länger sie dort schweigend und unsicher nebeneinander saßen, desto weniger Worte schienen sie zu brauchen, um diesen Moment zu begreifen. Sie ließ es auf sich wirken und versuchte sich dem zu öffnen, was dort in ihr hochkochte.
Er erregte sie mit jedem Blick den er ihr zuwarf. Die Leidenschaft, die er in seinem Innern trug, schien geradezu von seinem Körper ausgestrahlt zu werden und auf sie überzugreifen.

Ihre innere Stimme rief sie laut schreiend zurück, als sie merkte wie ihr Körper sich verselbständigte und der Sehnsucht nachging, die ihr dieser Traum in die Seele eingraviert hatte.
Sie hielt noch immer seinen Arm fest, als sie sich seinen Lippen näherte.
Sie wollte wissen, ob sie sich genau so anfühlten wie in ihrem Traum. Ob es wirklich so sein würde als würde sie durch die Sterne fallen um auf den Wolken zu landen.
Er wich nicht zurück und fühlte die Reaktionen seines Körpers auf ihre Annäherung. Sein Atem beschleunigte sich. In dem Moment, in dem sie nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt zögernd innehielt, war er ihr bereits verfallen.
Überrascht von sich selbst, weil sie eigentlich überhaupt nicht die Art Frau war, mit der er normalerweise Zärtlichkeiten austauschte, merkte er wie das Herz in seiner Brust unruhig und ungeduldig zu stolpern begann. Ein heißes Glühen hatte begonnen sich durch seinen Körper fortzupflanzen.
Er legte seine Hand an ihren Hals, der sich warm und weich an seine Finger schmiegte. Ihre Halsschlagader pochte sanft aber rasend schnell gegen seine Handfläche.
Erst jetzt, als sie ihm so nah war, konnte er die Sommersprossen auf ihrer Haut erkennen, die ihrem porzellanartigen Gesicht plötzlich eine individuelle, fast zerbrechliche Note verpassten. In ihren Augen hatte er sich bereits bei ihrem ersten Treffen im Aufzug verloren und nun sah er sich darin selbst wie er der Anziehung, die von ihr ausging, nachkam und entgegen seinen Prinzipien einer Frau, die er kaum kannte, einen Kuss gab.

Ihre Lippen fühlten sich so weich an und sie duftete so gut, dass es ihm fast unwirklich erschien, weil er eigentlich gar nicht wusste, wen er da küsste.
Aber Scully wusste in diesem Moment, dass der Traum Recht gehabt hatte. Atemlos löste sie sich von ihm, nahm ihre Hand von seinem Arm, um sie an seine Wange zu legen und gab ihm erneut einen Kuss nur um sich noch einmal schwerelos zu fühlen. Doch damit hatte sie endgültig ihren inneren Kampf verloren und ließ sich von der angenehmen Schwäche der Versuchung zu verfallen treiben.
Er wurde nervös, wusste nicht mehr, was er als nächstes tun sollte und war ihr völlig ausgeliefert, als sie ihre Finger durch sein volles braunes Haar gleiten ließ und sanft über seinen Körper streichelte als wäre er das Kostbarste, das sie je berührt hatte. Sein Verstand schien fast durchzudrehen als er merkte, dass sie ihm plötzlich sehnsüchtig den Bademantel öffnete und ihre Hände gierig seinen Oberkörper herab fuhren.
Sie schrak vor sich selbst zurück als sie sah, was sie zu tun im Begriff war und hielt inne.
Fragend sah sie ihn an und suchte in seinem Gesicht nach einer Antwort für ihr merkwürdiges Verhalten.
Sein Blick aber verströmte honigsüße Wärme und zärtlich zog er sie in einem neuen Kuss wieder zu sich, während er ihre Hand, die an dem Knoten seines Bademantels zum Liegen gekommen war, festhielt und davon abhielt zu schnell voranzuschreiten. Er löste den Turban auf ihrem Kopf, wodurch eine liebliche Duftwolke ihres Pfirsich-Shampoos seine Sinne betäubte und sie fühlte die kalten noch immer feuchten Strähnen an ihrem Hals kleben.
Sanft stupste sie mit ihrer Nase seine an und genoss es ihn einfach nur zu fühlen, weil er real war. Seine Bartstoppeln kratzten rau an ihrer Wange und unter ihren Lippen, aber seine Hände und sein Mund fühlten sich so weich an.
Seine Berührungen versetzten sie geradewegs in ihren Traum zurück, sie begann zu fühlen, was sie in ihrem Traum empfunden hatte und wurde überwältigt von der Tiefe dieser Emotionen.

Aus irgendeinem Grund fühlte sich aber das, was sie taten, richtig an, vertraut. Es fühlte sich so richtig an, dass es ihnen gar nicht schnell genug gehen konnte und er es schließlich war, der mit dem fortfuhr, was sie begonnen hatte und ihr den Pullover auszog.
Seine Lippen wanderten hungrig über ihren duftenden Körper, auf ihrer warmen Haut entlang, über ihre Rundungen hinweg. Er hatte noch nie so schnell so intensiv für jemanden empfunden und war überrumpelt von der Unsicherheit, die sich in ihm ausbreitete. Diese Unsicherheit führte dazu, dass er alles, was er tat, mit liebevoller Vorsicht tat, weil er sie nicht verschrecken wollte.
Er war bisher eigentlich immer recht souverän in diesen Dingen gewesen, aber dieses Mal kam er sich vor wie ein Anfänger und so ließ er sich leiten von seinen Händen und seinen Lippen, die offenbar den richtigen Weg wählten, da sie unter ihm förmlich zu zergehen schien und sich fallen ließ als würde sie ihm mehr vertrauen als irgendjemandem sonst auf der Welt.
Es kam ihm überhaupt nicht vor, als wäre das ihr erstes Mal.
Es fühlte sich so aufregend und zugleich so routiniert an, als wüsste sie genau, was er wollte. Selbst, dass er nicht mehr auf der Couch bleiben wollte, merkte sie und sie erhob sich mit ihm zusammen um ihn in ihr Schlafzimmer zu führen, nicht ohne seine Augen auch nur eine Sekunde aus ihrem Blick zu lassen. Ihre Finger hielten seine fest umschlossen, mit einer Stärke, die nicht von ihren Muskeln aufgebracht wurde, sondern aus ihrem Inneren kam.

In der Dunkelheit ihres Schlafzimmers begann er sich wohler zu fühlen, fand Zugang zu seinem Herzen, zu seinem tiefen Verlangen nach Nähe und Verständnis und ließ sich in das beruhigende Gefühl fallen, das sie ihm gab. Es war befreiend so empfinden zu dürfen, er merkte wie er sich erstmals seit Monaten wieder lebendig fühlte - und geliebt. Er wusste, dass er sich einer Illusion hingab, weil sie für ihn gar nicht auf diese Weise empfinden konnte, doch es war eine täuschend echte Illusion, da sie ihm tatsächlich das Gefühl gab ihn zu lieben.
Er spürte wie Tränen über seine Wangen liefen, als er die weiche Haut ihrer Brüste küsste und die zarten Berührungen ihrer Hände auf seinem Rücken fühlte. Es waren Tränen der Erregung und Erleichterung, und doch schämte er sich dafür und schloss die Augen um sie zurückzuhalten. Doch als wären diese Tränen vollkommen selbstverständlich nahm sie ihren salzigen Geschmack mit ihren Lippen auf und erlaubte sich ihrerseits ihre Schwäche, sich ihm vollkommen hinzugeben.
Er liebte sie mit der Intensität eines Menschen, der nicht wusste, ob es sein letztes Mal war.
Und sie liebte ihn auf eine Weise, wie er es nur aus seinen Träumen kannte.

All das kam ihr vor wie ein langes unerträglich echtes Déjà vu, es tat ihr in ihrem Herzen weh und verwirrte sie, weil sich Traum und Realität in diesen Momenten vermischten. Alles schien ihr zu entgleiten, geschah wie durch eine unsichtbare Schicht aus Watte und sie hatte das Gefühl, dem, was geschah, ausgeliefert zu sein ohne es beeinflussen zu können. Es hatte sie in der Hand, spielte mit ihr und sie ließ sich schließlich fallen.
In den Kaninchenbau.
Als sie gemeinsam fühlten wie sich ihre Sinneswahrnehmungen zu überschlagen begannen und auf einen überwältigenden Höhepunkt zusteuerten, liefen die Bilder ihres Traums vor ihren Augen ab, wo sie ineinander flossen und sich im Nichts verloren.
Sie krallte sich in seinen Schultern fest, aus Angst er würde sich im nächsten Moment in Luft auflösen und sie allein zurücklassen. Zugleich wurde sie von der Angst erdrückt, von ihm in die Dunkelheit mitgerissen zu werden, die sie sah, wenn sie zwischen ihren Küssen in seine Augen blickte.

Wie zwei miteinander verschmolzene Sterne fielen sie schließlich nach einer Explosion von Licht und Energie in sich zusammen und er ließ sie behutsam in ihr Laken sinken.
Sie fühlte sich nass und klebrig. Und schmutzig. Aber zugleich fühlte sie sich so ruhig, dass ihr alles egal war und sie an seinen noch ganz heißen Körper geschmiegt einschlief, weil diese Sehnsucht in ihrem Herzen zum ersten Mal seit Wochen verstummt war.

 

Mulder lag still neben ihr und starrte an die Decke.
Er versuchte zu verarbeiten, was geschehen war. Und begriff plötzlich mit der Härte eines Faustschlags, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Denn es drängte sich ihm die schreckliche Gewissheit auf, dass er etwas gefunden hatte, das seine Suche nach der Wahrheit erstmals in den Hintergrund stellte, das ihn zur Ruhe kommen ließ. Er hatte sich zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit geborgen gefühlt. Vollständig. So als hätten sämtliche Naturgesetze des Kosmos ihr Gleichgewicht in ihnen beiden gefunden.
Er wusste, sie hätten nicht tun sollen, was sie getan hatten, weil es zu früh für sie gewesen war. Diese Spannung, die vom ersten Moment ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen in der Luft gelegen hatte und die sich nun so explosiv entladen hatte, war ein Zeichen gewesen. Ein Zeichen dafür, dass es einen Grund dafür gab, dass sie einander begegnet waren. Aber nun hatte sie ihn kennen gelernt ohne mit seiner Welt vertraut zu sein, sie konnte überhaupt nicht verstehen worum es hier ging. Sie hatten lediglich ihren Hunger aneinander gestillt, waren in ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu begreifen, was zwischen ihnen vorging, einfach dieser körperlichen Anziehung gefolgt. Er hatte für diese eine Stunde der Leidenschaft mit ihr die Chance geopfert, sie wirklich kennen zu lernen.

Er wusste nicht, woher er diese Gewissheit nahm, aber sie drängte sich ihm auf, als er seine Blicke über ihren zierlichen nackten Körper schweifen ließ, den er behutsam zudeckte als er die Gänsehaut auf ihrem Rücken bemerkte. Es war als könne er durch ihre körperliche Hülle hindurch sehen und in ihrer Seele lesen, welche Spur er darauf hinterlassen hatte.
Sie war nicht bereit ihm zu folgen, ihr Herz mochte es vielleicht sein, aber ihr Verstand weigerte sich. Und er wusste wie stark und scharf ihr Verstand war.
Eine letzte Träne verließ seinen Augenwinkel und tropfte auf ihr Laken. Mit einem winzigen Funken Hoffnung, dass es doch irgendwie eine Chance für sie beide gab, schlief er schließlich auch ein.

Doch als er am nächsten Morgen aufwachte und den Wind leise mit den Blättern in den Bäumen spielen hörte, wusste er, dass diese Hoffnung vergebens gewesen war. Denn er war allein.



Wenige Stunden später

Scully hatte ihre Arbeit in Quantico ordnungsgemäß zu Ende gebracht und hatte ihre wenigen Sachen bereits in einer kleinen Schachtel neben sich auf dem Beifahrersitz liegen.

Sie betrachtete ihr eigenes Bild im Rückspiegel ihres Wagens und ließ ihren Blick über die graue Steinlandschaft menschlicher Zivilisation gleiten. Noch schien die Sonne ein wenig schüchtern und matt über der Stadt. Die rosafarbenen Kirschblüten verzierten das klare geometrische Bild der Gebäude, verwirrten das Auge an jeder Ecke mit ihren weichen Formen und zarten Farben und verliehen der Stadt mehr Leben als die Gesichter der umhereilenden Menschen.
In ihrem Auto fühlte Scully sich isoliert von der Welt da draußen. Der laute Stadtlärm drang kaum an ihr Ohr, der kühle frische Wind wehte durch die Straßen ohne sie berühren zu können und niemand nahm Notiz von ihr.
Sie kam sich vor als säße sie außerhalb dieser Welt, als befände sie sich in einem Traum.
Und woher nahm sie die Gewissheit, dass es nicht so war? Wäre sie nicht mehr aufgewacht, sie hätte niemals gemerkt, dass sie das alles nur träumte. Aber woher war diese Welt aus ihrem Traum gekommen? Und wo war diese Welt jetzt?
War sie noch immer in ihrem Kopf? Würde sie eines Tages vielleicht dorthin zurückkehren und den Traum weiterträumen?
Fast wünschte sie es sich. Weil Träume keine Konsequenzen hatten.

Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück.
In ein paar Minuten würde sie Chief Blevins über ihren Zwischenbericht Rede und Antwort stehen. Und sie würde diese Gelegenheit zugleich nutzen ihre Kündigung einzureichen.
Sie hatte mit ihrem ersten Augenaufschlag am Morgen verstanden, dass sie keine gemeinsame Zukunft hatten, dass es ihre einzige Wahl war diesen Schritt zu tun.
Sie war nicht für diese Art von Kompromisslosigkeit bereit, die sein Leben forderte. Denn die Art wie er sie geliebt hatte, war kompromisslos gewesen, leidenschaftlich, endgültig und so kraftvoll, dass es sie betäubt hatte.
Als ihre Körper eins gewesen waren, hatte sich ein Teil seiner Seele auf sie übertragen, sie hatte ihn festgehalten und gefühlt, was in ihm vorging. Und sie hatte Angst davor, weil seine Welt so surreal war. Es hatte ihr den Atem genommen und den Verstand geblendet.
Genau wie seine Geschichten.
Diese Nacht hatte zu einem kompletten Kontrollverlust ihres Lebens, ihrer Seele und selbst ihrer Vernunft geführt.
Sie hatte nun auch im wahren Leben gesehen wer Fox Mulder war und es hatte ihr gezeigt, dass der Traum auf erschreckende Weise der Wirklichkeit sehr nahe gewesen war.
Sie wusste ihr Traum war eine Warnung gewesen.
Genau wie der fremde Mann in Schwarz.
Sie würde alles verlieren, wenn sie auf dieser Seite des Spiegels blieb.

Aber nun, da sie einmal in diese Tiefen hinabgeblickt hatte, würde sie die Arbeit in Quantico nicht mehr befriedigen können. Diese drei Wochen hatten ihr einen kleinen Einblick gegeben in das FBI, das sie bisher nicht gekannt hatte. Denn das FBI war keineswegs eine Hochburg der Wahrheit und Gerechtigkeit. So mochte das unten aussehen, in den Bereichen, in denen sie anfangs gearbeitet hatte.
Doch dort, wo sie nun arbeitete, fühlte sie sich mehr und mehr wie der Advokat des Teufels. Sie verabscheute die Lügen und die Verbrechen, auf denen ihre Gesellschaft aufgebaut war.
Aber zugleich war sie realistisch und vernünftig genug zu wissen, dass ein Kampf dagegen, wie ihn Mulder kämpfte, nicht zu gewinnen war. Weil Mulder gegen etwas kämpfte, das in der menschlichen Natur lag. Und weil Mulders Suche nach der Wahrheit eine Suche nach einem höheren Ziel war, das jenseits der irdischen Grenzen verborgen lag. Vermutlich war seine Suche das höchste Ziel, das ein Mensch verfolgen konnte. Aber dieser Suche konnte sie sich nicht anschließen. Und sie musste es auch nicht. Weil sie bereits einen Glauben hatte. Und weil es aus der Welt, in der Mulder lebte, kein Zurück gab.

Sie aber wollte zurückkehren. Zu der Wissenschaft, die den Menschen nützte, die eine Wahrheit verfolgte, die absolut real war und an der man nichts verändern konnte. Diese Wahrheit war dort draußen, unter den Menschen, in der Wirklichkeit. Dort würde sie wieder eine Welt finden, in der sie zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte und sich auf die richtige Seite stellen konnte.

Anders als er hatte sie die Möglichkeit zwischen den Wahrheiten zu wählen. Und sie entschied sich diese sehnsüchtige Melodie ihrer Seele zu ignorieren und einen Weg zu wählen, auf dem sie die Kontrolle nicht verlieren würde.
War es Feigheit auf ihre Vernunft zu hören? Oder Stärke?
Sie wusste es nicht.

 

Als sie eine Stunde später das FBI – Gebäude verließ war sie arbeitslos. Eine arbeitslose Ärztin mit hervorragenden Zeugnissen und Erfahrungen, die sie in so kurzer Zeit weiter gebracht hatten als die gesamten 28 Jahre zuvor.
Ein leeres Gefühl absoluter Freiheit breitete sich in ihr aus.
Ihre azurblauen Augen tasteten lebendig und hungrig nach neuen Erfahrungen die Welt um sie herum ab.
Dieses stille Begehren in ihrem Herzen, ein Suchen nach etwas, von dem sie nicht wusste, was es war, war zurückgekehrt in dem Moment, in dem sie ihren Entschluss getroffen hatte.
Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihr Traum ihr noch etwas anderes hatte sagen wollen als das, woran sie sich erinnerte. Aber es war eben nur ein Traum gewesen und offenbar musste sie riskieren, dass sie sich irrte. Das war nun mal der Nachteil daran Entscheidungen treffen zu müssen.

Sie blieb stehen als eine zarte Blüte vom Kirschbaum am Rande des Bürgersteigs geweht wurde und ihr direkt vor die Füße fiel. Winzige Wassertropfen glitzerten auf den weichen zerbrechlichen Blütenblättern in der Frühlingssonne. Sie hob die Blüte auf und drehte sie zwischen ihren Fingern einmal um ihre Achse. Irgendeine Form sanfter Melancholie sprach aus diesem Symbol des Neuanfangs der Natur zu ihr und sie drehte sich um, um das FBI Gebäude ein letztes Mal zu betreten.
Sie wusste nicht genau, was sie tat, aber sie folgte ihrem Herzen.
Nur noch dieses eine Mal.
Als sie Mulders Büro unbesetzt aber offen vorfand, betrat sie es. Langsam und ehrfürchtig, wie beim ersten Mal. Sie blieb vor seinem Schreibtisch stehen, ließ die Blüte sachte auf das weiche helle Holz des Tischs gleiten und betrachtete nachdenklich das UFO auf dem „I want to believe“-Poster.
Ein zärtlicher Schmerz bedeckte von innen ihren Geist, als sie dieser Welt den Rücken kehrte.
Sie wollte ebenfalls glauben. An eine begreifbare, kontrollierbare Welt im Diesseits. Ohne Mysterien und ohne Schicksal.
Und das war es, was sie von Mulder unterschied.
Das hier war sein Leben, seine Suche, die über die Grenzen des Lebens hinausging, es absorbierte ihn vollkommen.
Sie hatte überhaupt gar keinen Platz darin.
Noch einmal rief sie sich sein Bild ins Gedächtnis um es danach für immer der Vergangenheit zu übergeben.
In ihr fühlte es sich an als würde das weiße durchsichtige Porzellan, aus dem sie zu bestehen schien, zerbrechen und doch war sie sicher, dass sie das Richtige tat, als sie sich schließlich umdrehte und den Raum verließ.

Mulder betrat nur drei Minuten später sein Büro und nahm sofort den Duft von Frühlingsblumen war. Er wusste, dass sie dort gewesen war. Er würde diesen Duft nie wieder vergessen. Als sein Blick auf die pastellfarbene Blüte auf seinem Tisch fiel, war ihm jedoch klar, dass sie für immer gegangen war.
Er kannte sie erst seit so kurzer Zeit und doch war er sich sicher, dass er einen Verlust erlitten hatte, den er nicht in Worte fassen konnte.

Er fuhr herum, rannte so schnell er konnte zum Aufzug, hämmerte ungeduldig auf den Knopf ein und entschied sich dann endlich die Treppe zu nehmen. Er lief die hohlen Gänge entlang durch das Hauptgebäude hindurch, und an den Sicherheitsleuten vorbei zum Haupteingang hinaus, wo ihn das Licht der Sonne blendete und er einen Moment brauchte um sich an der Erdoberfläche zu orientieren.
Ihr kupferfarbenes Haar leuchtete auf der anderen Straßenseite zwischen gesichtslosen Passanten auf und zog seinen Blick auf sich.
Es war zerzaust vom Frühlingswind und umspielte ihr weißes makelloses Gesicht wie Seide als sie sich noch einmal umblickte aber nicht erkannte, dass er der Mann war, der dort wie verloren am Straßenrand stand und ihr nachsah.
Aber seine Füße bewegten sich nicht und seine Stimme blieb stumm.
Sein Herz wand sich vor Schmerz in seiner Brust, als er begriff, dass er sie gehen lassen musste.
Er ballte seine Hand zu einer Faust und presste sie an seine Lippen um den Schrei zurückzuhalten, der ihm aus der Kehle entweichen wollte.

Weil sie sein Fixstern hätte sein können und nun war sie nichts weiter als eine Sternschnuppe, die sich in den Tiefen der Unendlichkeit verlor.
Er wusste, dass er verloren war.
Weil sie seine eine Chance unter Millionen gewesen war.



Sie spürte wie die Sonnenstrahlen ihr folgten und ihre Haut wärmten, die sich so sehr nach dem Sommer sehnte.
Sie hörte noch immer den leisen Widerhall des Schreis in ihrem Inneren, der ihr sagen wollte, was sie aufgegeben hatte, aber sie verschloss die Sinne davor.
Stattdessen öffnete sie sich dem, was nun vor ihr lag, und lief den weiten Weg durch die Stadt, hinunter zum Jefferson Memorial, wo sie sich ein Eis kaufte und sich auf die Stufen unter die Kirschblütenbäume setzte.
Mit leerem Kopf und einem dünnen angenehmen realen Schmerz in ihrer Brust verbrachte sie dort den ganzen Vormittag und ließ ihren Blick in dem hellen Blau des Himmels, das sich im Wasser des Tidal Basins spiegelte, versinken.
Ihre kristallklaren Augen suchten dabei unentwegt nach dem Mann in der Menge, den sie in der letzten Nacht in ihr Bett gelassen hatte.
Aber in der Tiefe ihres Herzens wusste sie, dass er ihr nicht gefolgt war. Sie streifte mit einem Wimpernschlag eine salzige Träne an ihrem Unterlid ab und spürte wie diese funkelnd über ihre Wange lief und dort im warmen Licht der Sonne eintrocknete.
Sie freute sich über ihren Entschluss und doch vergoss sie diese Tränen voller Zweifel.

Und diese Zweifel waren begründet. Denn hätte sie ihrer Seele besser zugehört, hätte sie verstanden, was der Traum ihr tatsächlich mitzuteilen versucht hatte. Er hatte ihr jene grenzenlose Liebe versprochen und ihr ein Abenteuer verheißen, die wahrhaftiger gewesen wären als alles, was sie nun in ihrem Leben erfahren würde.
Aber wie hätte sie es verstehen können, wenn sie nicht einmal verstand, dass dieser Traum eben jener anderen Welt entsprungen war, der sie sich soeben wieder verschlossen hatte?
Und so wusste sie nicht, was sie verloren hatte.
Sie konnte es nur erahnen.
Weil sie sich nie wieder so fühlen würde wie an diesem Morgen.
So als lägen alle Kräfte des Universums miteinander im Gleichgewicht.
Noch trug sie einen Teil von ihm in sich, da sie in seine Welt geblickt hatte.
Aber schon bald würde sie diesen Einblick in Fox Mulders dunkle andere Seite des Spiegels vergessen haben.
Und den Einblick in die andere Seite des Spiegels ihres eigenen Bewussteins: Der Traum, der sich Tag für Tag tiefer in die Vergessenheit zurückzog. Und mit dem Vergessen würde auch ein Teil von ihr wieder im tiefen Wasser ihrer Seele versinken, der Teil, der ihr in Form des dünnen Schmerzes in ihrer Brust mitzuteilen versuchte, was für eine ungeahnte Wahrheit auf dieser anderen Seite des Spiegels auf sie gewartet hätte.

Aber sie beide würden diese Wahrheit nie finden.
Die Sehnsucht in ihren Herzen würde unbeantwortet bleiben und sich irgendwann taub auf dem Grund ihrer Seelen absetzen, wo sie eines Tages ganz verstummen würde. Unerwidert und verloren.

Dabei hätten sie beide die Welt retten können.

* ENDE *

 

 

 

Eigentlich ist die Geschichte hier zu Ende.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer jedoch unbedingt ein Happy End haben will:

 

 

Dreieinhalb Jahre später auf der Main Street in Philadelphia, 17:32 Uhr

 

 

Der schlanke hoch gewachsene Agent spuckte die Schale seines Sonnenblumenkerns aus und stand von der Bank auf. Er griff sein Jackett, hängte es sich über die Schulter und machte sich auf den Weg. Dieser Fall war verloren.

Im Grunde war alles verloren. Er war allein mit dieser Sache, die viel zu groß war. Viel zu groß für ihn, viel zu groß für alle. Es grenzte an Größenwahn, nach der Wahrheit, die sich hinter alledem verbarg, kommen zu wollen. Und gerade das reizte ihn. Aber es laugte ihn aus, zerstörte ihn.

Er wusste, was ihm fehlte. Weil es einmal in seinem Leben zum Greifen nahe gewesen war, aber er hatte sie gehen lassen. Er würde es wieder tun, weil er jetzt erst wusste, in was er sie da mit hineingezogen hätte. Und doch verfolgte ihn seit jenem Tag, an dem er die zarte Kirschblüte auf seinem Schreibtisch hatte liegen sehen, dieses Gefühl, dass er niemals am Ziel ankommen würde. Doch was sollte er tun? Er hatte ihre Nummer gehabt und wie oft hatte er den Hörer abgehoben, hatte gezögert. Wie oft hatte er sie angerufen, dann doch aufgelegt und wieder angerufen, nur um ihre Stimme noch einmal zu hören und sei es die auf ihrem Anrufbeantworter. Und eines Tages hatte jemand anderes den Hörer abgenommen. Sie war einfach verschwunden.

Er schien nahezu durch die Menschenmengen der Innenstadt von Philadelphia zu waten, der Lärm der Straßen drang wie Watte an sein Ohr, alles schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Selbst die Hitze des Sommers machte ihm nichts aus, er konnte die Sonne nicht einmal auf seiner Haut brennen fühlen. Alles war taub, wie seit jenem Morgen, an dem sie gegangen war. Er hätte sie lieben können, vom Grunde seiner Seele aus. Aber es hätte ihm die Sicht genommen auf das, was er eigentlich suchte. Davor hatte er Angst gehabt. Und nun hatte er Angst davor, nie wieder etwas anderes sehen zu können als das schwarze gähnende Gesicht der Wahrheit, die er langsam ergründete.

Die Luft, die er einatmete, konnte er nicht mehr genießen, sie nahm ihm den Atem, manchmal glaubte er fast zu ersticken.

Aber er würde weitermachen. Weil er der einzige zu sein schien, den es interessierte.

Angespannt kontrahierte sich sein Kaumuskel und er biss die Zähne zusammen und sah über die Straße, um auf den anderen Bürgersteig im Schatten der Häuser zu wechseln.

 

Plötzlich erstarrte er.

 

 

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Dr. Scully hatte sich an diesem Abend früher aus dem Labor verabschiedet, um den Babysitter ablösen zu können. Sie hatte den Gedanken nicht ertragen können, dass sie die Kindergärtnerin ihrer eigenen Tochter noch nie gesehen hatte. Nun trug sie das kleine Wesen auf ihrem Arm. Sie schlief ermattet von der schwülen Hitze und es schien ihr fast egal zu sein, auf wessen Arm sie das tun konnte. Scully merkte, wie schwer sie geworden war und zugleich versetzte es ihr einen Stoß, weil ihr bewusst wurde, wie lange sie ihre Tochter nicht mehr getragen hatte.

Als sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, war sie gerade dabei gewesen, sich wieder bei lokalen Kliniken für die ärztliche Weiterbildung zu bewerben. Doch dieser Plan war durchkreuzt worden und sie hatte sich wieder für die Forschung in der Gerichtsmedizin von Philadelphia entschieden. Forschung, weil sie nichts mehr mit dem FBI zu tun haben wollte. Sie wollte keine Leichen mehr sehen, wollte nichts mehr von Morden hören, von Leid, von Hass, von Brutalität. Sie konnte nicht tagsüber Gewaltopfern die Gehirne aus dem Schädel reißen und abends ihrem Baby ein Schlaflied von einer heilen Welt singen. Auf gewisse Weise verdankte sie diesen Umstand dem Vater des Kindes. Er war es gewesen, der ihr gezeigt hatte, dass das Gute, die Wahrheit, die sie suchte, um all den Mördern und Verbrechern da draußen das Leben zur Hölle zu machen, überhaupt nicht existierte. Es waren alles Lügen. Schicht um Schicht übereinander gelegt, bis keiner mehr den Durchblick hatte. Ironischerweise war es dann ihre Tochter gewesen, die ihr den Glauben an das, was Fox Mulder ihr genommen hatte, wieder zurückgeben konnte.

Sie liebte dieses Kind über alles.

 

Sie schob die Sonnenbrille in ihr Haar vor, als sie den Schatten der Häuser auf dem Bürgersteig betrat und genoss die angenehme Kühle, die ihr dort eine Pause von dem unerbärmlichen Sommer verschaffte. Träge blieb sie vor einem Geschäft stehen und genoss das Gewicht ihres Kindes, weil es sich so echt anfühlte. Seit dem Traum, der damals ihr gesamtes Leben verändert hatte, hatte sich ihr Empfinden in Bezug auf die Wirklichkeit verschoben und manchmal ertappte sie sich selbst dabei, wie sie mitten am Tag abdriftete und sich in einer anderen Welt wieder fand. In einer Welt, in der sie andere Entscheidungen getroffen hatte. Es gab so viele davon, so unendlich viele Möglichkeiten, die alle einen anderen Ausgang nehmen konnten. Aber als sie auf das hellbraune feine Haar ihrer Tochter blickte und auf das zarte duftende kleine Gesicht, wusste sie, dass sie offenbar die richtige Entscheidung getroffen hatte. Und doch lebten diese Fragen in ihrem Kopf weiter. Sie würde immer diese eine Antwort suchen, weil sie in ihrem Herzen auch immer nach ihm suchen würde. Ihr Verstand wehrte sich dagegen, aber offenbar hatte er keine Macht über ihre Gefühle.

Verträumt starrte sie weiter vor sich hin, betrachtete die Kleidungsstücke im Schaufenster vor ihr, das Bild vor ihren Augen verschwamm und in der Glasscheibe sah sie die Reflektion der Menschen auf der Straße, die hinter ihr vorbeiliefen. Ihr wurde warm als sie die Hast dieser Leute wahrnahm und zugleich ihre innere Ruhe verspürte, so als bewege sie sich unter all den Menschen in Zeitlupe. Als halte jemand die Zeit nur für sie an.

Da sah sie die Reflektion eines Traumes vor sich und erstarrte. Als legte sich eine unsichtbare Hand auf ihre Schulter drehte sie sich um und blickte in die Menschenmengen hinein, als suche sie einen Stein auf dem Grund eines reißenden Flusses. Unbeirrbar richtete sie fest und fragend ihren Blick auf die Menge. Ihre Hand legte sie schützend auf den Kopf ihres Kindes.

 

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Ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Dann fuhr ein Bus zwischen ihnen vorbei, gefolgt von Menschen, die eilig zur Haltestelle rannten. Doch keiner von beiden wagte es, sich zu bewegen. Fast verzweifelt warteten sie darauf, dass der Bus weiterfuhr.

Da trafen sich ihre Blicke wieder. Sie starrten einander an. Über zwanzig Meter Distanz hinweg war es fast, als könne Scully das leise Flüstern dieses Mannes in ihrem Ohr hören. So wie damals in jener einen Nacht. Ihre Herzen blieben stehen und sie wussten nicht, ob sie weiterlaufen sollten oder ob sie sich einander nähern sollten. War es doch so schwierig für beide gewesen, diesen einen Abend zu vergessen. Schwieriger für sie als für ihn, weil sie sein Gesicht jeden Morgen in dem ihrer Tochter zu sehen glaubte.

 

Mulder wünschte, er könne die Zeit in diesem Augenblick einfrieren und das Universum anhalten, damit dieser Moment der Entscheidung niemals weitergehen musste. Egal, welche Entscheidungsmöglichkeiten sich boten, sie schienen jetzt alle falsch zu sein. Unzählige Menschen zogen an ihnen vorbei, die Sekunden flogen nur so dahin und noch immer sahen sie einander an. Ihre blauen Augen sah er selbst aus der Ferne leuchten, sie entzündeten eine Flamme, die längst in ihm erloschen war. Fast konnte er wieder spüren, wie sie sich anfühlte, konnte ihren Duft wahrnehmen. Ein warmer Sommerwind wehte durch die spärlichen Bäume und trug leichte tanzende Blätter mit sich, die vor seinen Füßen landeten. Erst da fiel ihm das kleine Kind in ihren Armen auf: sie trug ein Mädchen auf ihrem Arm, dessen Kopf an ihrer Schulter lag. Es war ein Bild, das ihn schmerzte und bezauberte zugleich.

Enttäuscht sah er an ihr herunter. Sie hatte ein Leben, was sollte er nun wieder darin herumstochern. Und doch: Warum lief sie nicht einfach weiter? Warum sah sie ihn mit diesen klaren, ehrlichen blauen Augen an. Warum war es fast, als nickte sie ihm zu, als bewegten sich ihre Lippen um ihn zu betören, ihm Worte einzuflüstern, die ihn schwach machen würden, auf dass er sich erneut in seinen Gefühlen für sie verlor. Doch war er nicht bereits verloren gegangen? Bestand nicht vielmehr die Chance, dass er sich erstmals seit Monaten wieder finden konnte?

Er konnte sie nicht gehen lassen. Er hatte es bereits einmal getan und seitdem war die Welt aus den Fugen geraten.

Den Blickkontakt unterbrechend sah er über die Straße und lief mit entschlossenen eiligen Schritten zu ihr hinüber. Ein Wagen hupte ihn an. Aber es war ihm egal. Er wollte bei ihr sein, bevor sie weglaufen konnte.

 

Als er sich ihr näherte, spürte er, wie sein Herz immer schneller zu schlagen begann und das Blut in seinem Kopf pulsierte und hämmerte, bis ihm davon schwindlig wurde. Aber war das nicht ein scheues Lächeln, das ihre Lippen umspielte? Er blieb vor ihr stehen. Sie war nicht einen Zentimeter von der Stelle gewichen. Er versuchte das Kind auf ihrem Arm auszublenden, versuchte zu ignorieren, dass es ihr gut ohne ihn ging, dass sie ein Leben ohne ihn führte. Aber wie sollte es nun weitergehen? Er versuchte es mit einem Lächeln und brach das Schweigen: „Hier steckst du also …“, kam es ihm unbeholfen und mit einem schelmischen Unterton über die Lippen.

Scully wollte lachen, weinen und schreien zugleich und das Resultat davon war ein unsicheres scheues Lächeln, begleitet von einem Glitzern in ihren Augen, das nur Mulder sehen konnte. Ihn so nah vor sich stehen zu sehen, seine Präsenz zu fühlen, das verwirrte sie bereits mehr als seine Worte. Sie waren so typisch für ihn, genau so hatte sie sich ein Wiedersehen mit ihm immer vorgestellt. Und nun war es Wirklichkeit. Sie musterte ihn. Er sah müde aus, und traurig. Sie glaubte, Zeichen unzähliger Verletzungen und Enttäuschungen in seinem Gesicht zu erkennen und wusste, dass das genau der Grund war, warum sie sich aus seiner Welt wieder entfernt hatte. Aber diese Welt hatte sie verfolgt, in den Bann gezogen. Und auch jetzt war sie Teil davon. „Was machst du hier?“ war ihre ebenso unbeholfene Art, ihm zu antworten. Doch eigentlich wollte sie das gar nicht wissen. Schnell schob sie hinterher: “Geht’s dir gut?“

Er schüttelte den Kopf. Doch seine Antwort war „Ja“. Er zuckte mit den Schultern. „Es hat sich kaum etwas verändert. Mit einem Unterschied….“ Er hielt inne und sah sie an. Fragend hob sie die Augenbrauen und er fuhr fort. „Bevor ich dich kannte, hat es mich noch befriedigt.“

Sie nickte, als wüsste sie, wovon er sprach. „Aber man gibt sich der Illusion hin, dass es nie anders gewesen ist. Dass man im Grunde nie zufrieden war“, vervollständigte sie seinen Satz.

Er schüttelte wieder den Kopf. „Doch. Einen Moment lang war ich das…“

Ihre Blicke trafen sich und sie schwiegen, verlegen, beide mit einem Lächeln auf den Lippen. In Erinnerung an das wenige, das sie beide verband. Vorsichtig streckte er die Hand aus, strich dem kleinen Mädchen auf ihrem Arm über den Kopf. „Bei dir hat sich offensichtlich mehr verändert, wie ich sehe…“

Erschrocken unterdrückte sie den Drang, nun doch zurück zu weichen, als ihr bewusst wurde, was sie ihm zwei Jahre lang verschwiegen hatte. Aber sie würde es ihm auch jetzt verschweigen. Beschämt darüber schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter und unterbrach den Blickkontakt. Nervös spielten ihre Finger mit dem kleinen Rüschensaum an den Socken des Kindes. „Sie heißt Lauren“, lenkte sie von der offenen Frage ab, die über ihnen im Raum schwebte und traute sich noch immer nicht, ihm in die Augen zu sehen. Doch Mulder hatte es längst begriffen. Er konnte ihre Unruhe fühlen, er wusste die Zeichen zu deuten, die sie so zu verstecken bemüht war.

„Wie alt ist sie?“ fragte er daher unschuldig. Als hätte sie verstanden, dass er ihr Geheimnis längst durchschaut hatte, sah sie ihn ertappt an. Ihre Augen tanzten unruhig auf seinem Gesicht umher und doch ließ sie es darauf ankommen. „Ziemlich genau 2 Jahre und 7 Monate.“

Sie schwieg wieder, weil sie wusste, dass er sich nun den Rest selbst ausrechnen konnte. Als würde ihm jemand steinerne Fäuste in den Magen rammen ließ er diese Wahrheit über sich hereinbrechen und ließ zu, dass sie ihm den Verstand ausschaltete. Er war so überwältigt, dass sich die Emotionen in seinem Herzen überschlugen und zu einem diffusen Konglomerat zusammenballten, das ihn am liebsten dazu verführt hätte, alles laut in die Unendlichkeit des Himmels über ihnen hinauszuschreien. Aber der Tumult in ihm ließ sich für einen Moment herunterschlucken. Er blieb ruhig, ließ ihr Zeit, es zu verarbeiten, weil er wusste, dass er es in diesen wenigen Minuten ohnehin nicht verarbeiten konnte. Er wollte, dass wenigstens sie einen klaren Kopf behielt. Er atmete tief durch, versuchte, die Luft wieder als Luft in seinen Lungen wahrzunehmen. Warm und voller Sehnsucht hangelten sich seine Blicke an ihr entlang. Von ihren Augen über ihr Gesicht, zu ihren Lippen, über ihr Kinn, an den Ohrläppchen mit den glitzernden Steinchen darin entlang über ihre Schlüsselbeine und ihre weichen Formen, über die zarten Härchen auf ihren Armen und auf das kleine Mädchen, das regungslos und vollkommen unberührt von dem Chaos um es herum, die kleinen Arme um den Hals ihrer Mutter geschlungen, schlief. Scully hatte sich sehr verändert. Ihr Haar war leuchtender, länger und tanzte im Wind wie Seide. Ihre Augen strahlten so viel Reife und Tiefe aus, spiegelten so viel innere Sorge und Unruhe wieder. Sie wirkte dünner als vor zwei Jahren und fast noch ein wenig kleiner. Aber sie war Mutter.

Konnte das sein? Konnte dieses Kind das Resultat dieser einen Nacht sein, dieses Fehlers, wie er es immer wieder versucht hatte zu nennen? War dieses Kind auch seines?

 

Als sie seine Blicke auf ihrem Körper spürte, wurde ihr warm und ein schwerer schmerzhafter Ring legte sich um ihr Herz. Sie konnte fühlen, was sie all die Monate vermisst hatte, was ihr während ihrer Schwangerschaft nachts die Tränen in die Augen getrieben hatte. Sie begriff, dass sie daran zerbrechen würde, wenn sie ihn erneut von sich wies. Sie begann am ganzen Körper zu zittern, erschauderte und hatte das Gefühl, die gesamte Energie des Universums würde sich auf sie beide richten. So, als stünde alles um sie herum kurz davor zu explodieren. Sie wusste, sie musste etwas tun, musste das hier beenden, weil sie es damals auch begonnen hatte. Sie hatte diese Entscheidungen getroffen, sie hatte sich in sein Leben zu weit vorgewagt, sie hatte ihn in ihres gelassen. Sie hatte diesen Traum gehabt.

Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Lippen begannen zu beben. Sie begriff, dass das hier der eine Moment war, nach dem sie sich so lange so sehr gesehnt hatte.  Sie hatte Angst vor seiner Welt, Angst vor ihm und seiner Leidenschaft. Aber noch mehr fürchtete sie sich davor, die Wahrheit niemals herauszufinden. Seit ihrer Arbeit in der Forschung betrieb sie ihre eigenen Nachforschungen, hatte zahlreiche kleinere eigene Projekte und sie wusste: Ohne seine Offenheit würde sie niemals weiterkommen, weder in ihrem Leben, noch in ihrem Beruf. Sie war so ganz anders als er, dachte nicht wie er, fühlte nicht wie er.

Und sie wusste, ohne ihn war sie unvollkommen.

Noch hatte sie die Möglichkeit, das alles zu beenden, bevor es von vorne begann. Oder sie konnte sich entschuldigen oder ihn erneut einladen, in ihr Leben einzutreten. Mit zitternder Stimme setzte sie an, als sie spürte, wie ihr eine Träne heiß und brennend über die Wange lief: „Mulder …“

Aber als er das Flehen in ihren Augen sah, ihr Unvermögen erkannte ihm mitzuteilen, was sie wirklich fühlte, brach er in sich zusammen. Er wollte ihr diese Entscheidung nicht wieder überlassen. Er verstrich mit seinem Daumen die Träne auf ihrer Wange und legte seine beiden Hände sanft an ihr Gesicht. Sie fühlte sich so wirklich an, dass es ihm Angst machte. Sein ganzer Körper brannte innerlich, nahm ihm die Luft und die Sinne, tausend unterschiedliche Kräfte zerrten seinen Verstand in alle Richtungen, er versuchte alle möglichen Konsequenzen aller möglichen Entscheidungen zu überblicken und kapitulierte letztlich vor seinem Verlangen, ihr noch einmal so nahe sein zu dürfen, wie damals in jener Nacht. Es war, als wären sie ganz alleine auf diesem Bürgersteig, als würde der Himmel nur auf sie herabblicken. Er beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr schließlich den Kuss, den er ihr schon so lange hatte geben wollen. Er legte seine Lippen auf ihre, als wäre das der einzige Ort, wo sie jemals hingehörten und er verstand, dass er sie damals nicht hätte gehen lassen dürfen, denn die Tränen, die sie beide die ganze Zeit zurückgehalten hatten, liefen nun beiden in Strömen über die Wangen und vermischten sich mit dem Geschmack ihrer Lippen. Sie zögerte keine Sekunde, als sie seine Sehnsucht wahrnahm, sondern erwiderte den Kuss, als hätte sie ebenfalls so lange darauf gewartet wie er. Als käme sie nach all der Zeit endlich wieder nach Hause, nahm sie ihre eine Hand vom Rücken ihres Kindes und legte sie an seine Wange, strich über sein Haar und hielt ihn fest, als könne er jeden Augenblick wieder verschwinden wie ein Traum.

 

In diesem Moment hatte das Universum seine Konstante wieder gefunden. Es hatte wieder ein Zentrum, um das es kreisen konnte. Jene Schicksalskraft, die diesen Traum damals in Scullys Schlaf getragen hatte, hatte den Kreis nun doch noch schließen können und hatte der Menschheit ohne ihr Wissen ihre Hoffnung wiedergeben können. Niemand – auch nicht jene Macht - wusste nun, auf welches Ziel diese Wendung zusteuern würde.

Vielleicht würden sie es schaffen. Aber vielleicht würde auch alles ganz anders verlaufen, verwirrt durch jene Kräfte, die unkontrollierbar in jeder Sekunde auf die Menschen dieser Welt Einfluss nahmen und ihr Geschick in Bahnen lenkten, die weder Zufall noch Plan zu sein schienen, sondern einfach eine endlose sich immer wieder verzweigende Kette von Ursache und Wirkung.

Nur eine einzige Kraft konnte in dieses Gefüge eingreifen. Es war dieselbe Kraft, die Leben aus zwei Zellen erschaffen konnte, dieselbe Kraft, die diese beiden Fremden immer wieder zueinander führen würde, weil sie die Ursache allen Lebens war und somit auch die einzige Hoffnung, die sie alle hatten.