Titel: "Portae ad Orco"
Autoren: Lilly ( DEAK184@aol.com )und Sam ( Samantha_Mulder87@yahoo.de )
Kathegorie: Angst, MSR, X-Akte
Rating:
Disclaimer: Mulder, Scully und Skinner gehören nicht uns, sondern Chris Carter und Fox Broadcasting. Wir haben uns die Charaktere für diese Geschichte nur ausgeliehen und verfolgen mit der Veröffentlichung keinen kommerziellen Zweck. Diese Fanfiction wurde nur aus Spaß geschrieben und um unserer Leidenschaft den X-Akten gegenüber Ausdruck zu verleihen *g*!!!
Dedication: Wir widmen diese Geschichte allen, die uns moralisch unterstützt oder uns mit Inspirationen gefüttert haben. Special thanx to Angie, die die Ehre hat, diese Geschichte zu veröffentlichen. Außerdem möchte Lilly-klein noch Cat und Sanny danken, die durch Gespräche zur weiteren Entwicklung beigetragen haben. Und natürlich auch Maria und Spooky, die uns in ausweglosen Situationen geholfen haben.
Shortcut: In dem Waisenhaus von Alexandria des US- Bundesstaates Virginia verschwinden mehrere Kinder spurlos. Es scheint, als existiere eine Macht, gegen die niemand etwas auszurichten vermag. Für die beiden FBI-Agenten Mulder und Scully beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit- und gegen die Ausgeburt der Hölle....

Auf alle Fälle möchte ich (Lilly) meiner lieben Sam an dieser Stelle für unsere wunderbare Zusammenarbeit danken. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht und ich denke die Länge dieses Werks spricht für sich... HDL
Ich danke natürlich auch dir, dass du mich zu der Fanfic überredet hast. Sonst hätte ich bestimmt noch keine mitgeschrieben oder geschrieben. Es hat super viel Spaß gemacht. Und ich würde mich freuen, wenn wir irgendwann mal noch eine schreiben. Wollen wir mal gucken, ob die auch so lang wird. HDL und *knuddel*

Portae ad Orco


14.Juni 2002, 23:54Uhr

>O.k. Dana, nur die Ruhe! Du schaffst das! Du bist Agentin, also keine Panik! <
Special Agent Dana Scully stieg in den Aufzug vor ihrem Appartement und fuhr hinunter.
Die Nacht lag schwarz und bedrohlich vor ihr, als sie das Haus verließ. Es war fast Mitternacht und keine Menschenseele war auf der Straße zu sehen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wollte sie sich selbst etwas damit beweisen? Oder wollte sie Mulder etwas damit beweisen? Na schön, er hatte sie einen Angsthasen genannt, als sie bei ihrem letzten Einsatz waren, aber musste sie sich das hier unbedingt antun? Nachts allein zum Lincoln-Memorial-Parc zu laufen grenzte doch an Wahnsinn!
Dennoch lief sie weiter. Sie hatte ihm gesagt, dass sie kommen würde und das würde sie jetzt auch tun!
Als sie durch die dunklen Gassen von Washington D.C. lief, glitt ihre Hand immer wieder zu ihrer Jacke. Sie konnte durch den Stoff ihr Waffenhohlster fühlen und sofort spürte sie, wie sich ihre Muskeln entkrampften. Aber das Gefühl der Angst blieb ihr im Nacken sitzen.
Es war düster und beengend, doch sie hörte nichts als ihren hastigen Atem. Sie hatte das Gefühl, dass ihr das Herz zerspringt. Ihre Atemzüge überschlugen sich und ihre Augen blickten verschreckt und ängstlich in alle Richtungen. Plötzlich schoss ein pechschwarzer Rabe aus einem nahegelegenen Baum und die zierliche Agentin zuckte mit einem leisen Schrei zusammen. Sie hatte nur etwas großes Schwarzes auf sich zufliegen sehen. Und wieder wurde ihr Atem schneller.
>Reg dich ab, Dana! Es war nur ein Vogel! < versuchte sie sich selbst zu beruhigen, doch es blieb erfolglos. Sie spürte, wie sich ihr Körper erneut verkrampfte.
>Ich bringe ihn um! Er wird dafür büßen, dass er mich dem aussetzt! <

15. Juni 2002, 00:45Uhr

Nachdem sie fast eine Stunde gelaufen war, konnte sie von weitem den Rand des Parks erkennen. Mulder würde sicher schon hier sein. Sie wusste, dass sie länger als geplant gelaufen war.
Mit eiligen Schritten wechselte sie die Straßenseite, ohne auch nur in geringster Weise auf den Verkehr zu achten. Wer würde mitten in der Nacht schon mit dem Auto durch die Gegend düsen. Mit dieser Ansicht hatte sie sich allerdings verschätzt, denn schon im nächsten Moment bog ein dunkler Wagen um die Ecke. Er schoss direkt auf sie zu. Geschockt blieb Scully stehen. Sie befand sich noch immer mitten auf der Straße. Sie sah, wie die Lichter immer größer wurden und im letzten Augenblick schaffte sie es, zur Seite zu springen. Mit geweiteten Augen blieb sie am Straßenrand liegen und starrte dem Auto hinterher, als ein grausamer Schmerz ihren gesamten Körper durchzuckte.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht stand sie auf und verließ die Straße.

00:50Uhr

Scully lief den schmalen Weg im Park entlang. Sie humpelte noch immer, da sie sich bei dem Sprung das Knie aufgeschlagen hatte. Sie war nur noch wenige Meter von dem Lincoln-Monument entfernt, als sie auch schon Mulder entdeckte, der scheinbar gelassen auf einer Bank saß und wartete.
> Der Mann hat ja wirklich die Ruhe weg! < dachte sie sich, doch schon im nächsten Moment kam ihr ein verführerischer Gedanke. >Na, warte! <
Leise pirschte sie sich an ihn heran. Sie war sich sicher, dass er sie auf keinen Fall bemerkt haben konnte und so schlich sie auf Zehenspitzen weiter. Gleich hatte sie ihn erreicht!
Noch 50 cm, noch 30, noch 20... "Buh!"
Ein gellender Schrei durchbrach die Stille des Parkgeländes und ein lautes Lachen folgte sogleich.
"Hey, Scully! Was machen Sie denn da unten auf der Erde?" fragte Mulder frech, als er die vor Schreck erbleichte Agentin im Gras sitzen sah. "Haben Sie etwa gedacht, Sie könnten mich erschrecken? Sind Sie wirklich der Ansicht, Sie könnten MIR Angst machen? Das ich nicht lache! Warum sehen Sie mich denn so entgeistert an? Habe ich Sie erschreckt? Sie sind ein ... "
>Nein, nicht schon wieder! <
"ANGSTHASE!!!"
Das war wohl gründlich schief gegangen. Anstatt ihm Angst einzujagen, saß sie nun peinlich berührt auf dem Rasen und ärgerte sich über sich selbst. Mit einem wütenden Gesichtsausdruck stand sie auf und lief an ihm vorbei.
"Können Sie mir mal verraten, was ich hier eigentlich mitten in der Nacht soll?" blaffte sie ihn plötzlich an. Den ganzen Weg über hatte sie höllische Angst gehabt, aber jetzt war sie nur noch stinksauer. Sie war müde und verängstigt, wäre fast überfahren worden und hatte sich das Knie verletzt und jetzt lachte dieser Mensch auch noch über sie und nannte sie einen... Angsthasen.
Tja, was sollte sie hier? Zugegebenermaßen eine gute Frage. Das musste auch Mulder einsehen. Sie hatte sich zwar auf diese kleine Mutprobe eingelassen, um zu beweisen, dass sie nicht so feige war, wie er behauptet hatte, aber wie es jetzt weiter gehen sollte, wusste er selbst nicht. Sie war eine Stunde gelaufen, da konnte er sie jetzt nicht gleich nach hause schicken...
"Hey, Scully! Tut mir leid! Sein Sie nicht böse, o.k.? Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wir gehen jetzt zu mir und köpfen eine Flasche Rotwein! Na, was halten Sie davon? Und nachher bringe ich Sie nach hause!"
"Nachdem Sie Rotwein getrunken haben?" warf Scully sofort ein.
> O.K. Das ist ein Argument... Überleg dir schnell was, Mulder! < ....
"Na schön, dann rufe ich Ihnen halt ein Taxi! Auf meine Rechnung natürlich!"
"Müssen Sie wohl, denn bei Mutproben nehme ich für gewöhnlich kein Geld mit!" konterte die noch immer genervte Agentin wieder einmal.
"Na, dann lassen Sie uns gehen! Mein Wagen steht gleich da drüben! ... Hey, warum humpeln Sie, Scully?"
" Warum ich humpele? Ach, nichts besonderes. Ich wurde nur eben fast von einem dunklen Auto erfasst. Bin dann noch gerade rechtzeitig weggesprungen. Dabei habe ich mir mein Knie aufgeschlagen. Mehr nicht, Mulder." Sagte sie ärgerlich, versuchte aber ihre Wut im Zaum zu halten.
Ihr Partner guckte ein wenig verlegen
"Tut mir leid. Das hatte ich nicht beabsichtigen wollen. Ich fahre Sie wohl besser nach Hause und..."
"Das kommt nicht in Frage. Da ich jetzt ohnehin schon wach bin, müssen Sie mir als Entschädigung eine ausgeben."
Mulder fuhr durch seine Haare.
"Ich schätze das werde ich wohl machen müssen, da Sie sonst kein Wort mehr mit mir reden werden, oder?"
"Gut geschlussfolgert, Partner"
Mulder ging ein paar Schritte auf seine Partnerin zu und nahm sie am Arm.
"Ich stütze Sie ein wenig. Und dann bringe ich Sie zu meinem Wagen."
Scully hatte nichts einzuwenden und ging mit dem Agenten mit. Sie gingen einen kleinen Waldpfad entlang. Es war so düster, dass sie sich schon fragte, ob das mit zu der Prüfung gehörte. Aber sie verdrängte den Gedanken wieder. Nach zehn Minuten kamen sie an seinem silbernem BMW an. Mulder nahm den Schlüssel raus und betätigte das Schloss per Fernbedienung. Dann öffnete er die Beifahrertür, sodass Scully in den Sitz gleiten konnte und schlug sie anschließend wieder zu. Er guckte noch einmal zum sternenklaren Himmel hinauf, bis er selber in das Fahrzeug stieg. Noch bevor er den Schlüssel umdrehte, öffnete er das Handschuhfach und nahm ein angefangenes Päckchen Sonnenblumenkerne heraus. Er hielt es Scully hin.
"Möchten Sie etwas?"
"Nein, danke." Scully schüttelte den Kopf. " Unter >einen Ausgeben< verstehe ich was anderes."
"Na, wollen Sie wieder eine Heuschrecke? Oder was wäre Ihnen am liebsten?"
Nach erstem Zögern nahm Scully doch ein paar Kerne. Mulder guckte sie lächelnd an.
"Ich muss doch auch mal probieren, was Sie den ganzen Tag so essen. Aber auf Heuschrecken habe ich keinen Appetit."
"Was halten Sie anstelle von Rotwein von Chinesisch?"
" Das wäre keine schlechte Idee. Ich wollte schon länger mal wieder Hund und Katze essen." Mulder grinste, drehte den Zündschlüssel um und trat aufs Gaspedal. Drei Blocks weiter war er am gewünschtem Ziel und die beiden Agenten stiegen aus.
Scully wunderte sich gerade, warum in dem Restaurant kein Licht brannte, als ihr Blick auf die Uhr viel. Natürlich! Es war 1:32 Uhr. Kein Wunder, dass da kein Licht an war. Welches Restaurant hat auch schon um die Uhrzeit geöffnet?
Mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck wandte sie sich dann an ihren Partner.
" Und jetzt, Mulder? Was machen wir nun? Haben Sie einen anderen Vorschlag?"
" Naja, ich hätte noch ein Päckchen Frühlingsrollen in der Truhe."
"Okay, dann fahren wir zu Ihnen, und Sie bekochen mich. Natürlich nur als Entschädigung für das aufgeschlagene Knie, versteht sich."
" Klar, wir sind ja nur Partner."
Die beiden lächelten sich an und gingen zurück zum Wagen.

15. Juni 2:00 Uhr, Mulders Apartment

"Wie viele möchten Sie, Scully?"
Mulder kam mit einem vollbepackten Teller in sein Wohnzimmer, in dem sein Couchtisch gedeckt war.
"Ach, wissen Sie was? Ich nehme zwei. Das ganze Rumgerenne in der Nacht macht hungrig."
Mulder balancierte zwei Frühlingsrollen auf ihren Teller.
"Und das alles, ganz ohne Katze, Hund und Glücksspiel."
"Sagen Sie mal, Mulder. Ist heute irgendetwas besonderes, dass Sie mich ständig an irgendwelche Fälle erinnern müssen?"
"Heute vor acht Jahren haben sie mich mit dem Satz: Niemandem. Um ehrlich zu sagen, ich freue mich mit Ihnen zusammenzuarbeiten begrüßt."
"Wissen Sie das noch so genau, was ich gesagt habe?"
"Na, alles nicht mehr. Dafür reden Sie zu viel."
Mulder grinste breit. " Aber das weiß ich noch."
Scully guckte verdutzt. Fing sich aber schnell wieder.
"Ich rede zu viel? Aber Sie halten mir doch immer Vorträge über das Übersinnliche!"
Mulder überlegte ein wenig.
"Ja, das stimmt. Aber bis jetzt hatte ich doch immer recht, oder?"
Scully wusste die Antwort, und konnte sie nicht verleugnen.
"Yeah, bis jetzt schon. Aber es kann sich ja noch vieles ändern. Vielleicht habe ich ja auch irgendwann mal recht."
"Vielleicht, Scully. Sie wissen ja, die Wahrheit liegt irgendwo da draußen."
Jetzt fingen beide an zu lachen. Jeder von ihnen wusste, dass sie sich öfters stritten, und übereinander Witze machten, aber dass das nie ernst war. Sie ergänzten sich gegenseitig und waren dadurch auch ein perfekt eingespieltes Team. Es war fasst, als könnte der eine die Gedanken des anderen lesen und wenn es mal kritisch wurde, konnte sich jeder auf den anderen verlassen. Und beide wussten, dass das etwas Besonderes war. Nicht viele Agenten spielten sich in einer so kurzen Zeit ein. Es störte auch keinen von beiden, dass die anderen Kollegen Gerüchte über sie verbreiteten. Sie wussten ja, was die Wahrheit und was Lüge war.

Als beide fertig gegessen hatten, wollte Scully Mulder beim Abwasch behilflich sein. Beide erhoben sich von den Stühlen und nahmen ihre Teller, als Scully sich mit der anderen Hand an ihr Knie griff.
" Scully, ist etwas?"
" Ich weiß nicht. Mir tut mein Knie irgendwie weh. Aber das wird schon wieder vergehen."
" Wirklich?"
" Ja, Mulder. Es wird schon. Es ist ja noch niemand an einer Schramme am Knie gestorben. Zumindest ist mir kein Fall bekannt"
Scully gab ihre Gefühle nie offen zu. Genauso ist es mit Schmerzen. Sie würde nie zugeben, dass es ihr wirklich weh tat. Vor allem nicht vor Mulder. Das wusste er und hatte es ihr schon oft gesagt. Darum zuckte er nur mit den Schultern und steuerte auf die Küche zu. Er drehte den Wasserhahn und warmes Wasser floss in das Spülbecken. Er spülte ab, während Scully trocknete.
" Scully?"
" Ja, Mulder?"
" Wann soll ich Sie denn nach Hause bringen?"
Scully schaute auf ihre Armbanduhr. Gleich halb sechs.
" Oh, schon so spät?"
" Wieso? Wie spät haben wir es denn?"
" Fast halb sechs!"
"Was, wir waren so lange wach? In einer halben Sunde müssen wir im Quartier sein.!"
" Dann müssen wir uns beeilen. Sie können mich doch mitnehmen, oder?"
"Warum nicht? Wir haben doch das selbe Ziel, oder sehen Sie das anders?"
Scully war es ein fast wenig peinlich, dass sie die Wissenschaftlerin solch eine dumme Bemerkung abgegeben hatte und schwieg darum.


6:15 Uhr FBI Hauptquartier

Die beiden Agenten hasteten in ihr Büro. >Hoffentlich hatte Skinner nicht mitbekommen, dass wir zu spät gekommen waren<, ging es ihnen durch den Kopf.
Noch ein paar Schritte und sie hatten ihr sicheres Büro erreicht. Mulder öffnete die Tür.
" Noch einmal rechtzeitig geschafft"
Er lehnte sich gegen die jetzt verschlossene Tür.
" Ja, das können Sie laut sagen. Ich wüsste nicht, wie Skinner diesmal reagiert hätte. Oder hätten Sie eine Ausrede auf Lager gehabt?"
" Nein, diesmal nicht. Aber es ist schon seltsam. Immer wenn wir etwas zusammen machen, kommen wir zu spät. Was halten Sie davon?"
Um der Frage zu entgehen antwortete sie nur " Mulder, könnten Sie mich entschuldigen? Ich muss mal kurz für kleine Mädchen."
Mulder nickte und Scully schlich eilig aus der Tür. Ihr Knie schmerzte höllisch und sie musste unbedingt mal nachsehen. Das konnte doch nicht normal sein. Entweder war es doch etwas Schlimmeres, oder sie war eine Memme geworden. Sie öffnete die Tür zur Damentoilette und ging hinein. Dann verschloss sie dir Tür und musterte ihr aufgeschlagenes Knie.

Die Wunde nahm fast die gesamte Kniescheibe ein. Sie war nicht tief, aber es zeichnete sich ab, dass sich das Knie entzünden wird. Scully bereute es, dass sie es nicht gleich versorgt hatte.
Resignierend zog sie sich wieder an und humpelte zurück ins Büro.
Dort blickte sie sich suchend um, und entgegen jeglicher Erwartungen fand sie schließlich auch einen Sanikasten, der versteckt und unberührt in der hintersten Ecke des Büros hing.
Zielstrebig lief sie darauf zu, öffnete ihn und musste erstaunt feststellen, dass er zudem auch noch vorschriftsmäßig gefüllt war.
Sie griff sich eine Flasche Desinfektionsmittel und eine saubere Mullbinde, als Mulder plötzlich neben ihr stand und fragte: "Ihr Knie?"
"Ja! Ich muss es desinfizieren. Die Wunde ist schlimmer als ich dachte. Ich hoffe es entzündet sich nicht!" erklärte sie Mulder, der ihr plötzlich die Sachen aus der Hand nahm.
Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hob er sie hoch und trug sie zu einem Stuhl. "Lassen Sie mich das machen! Schließlich ist es meine Schuld!"
Mit diesen Worten setzte er sie auf den Stuhl und begann behutsam ihr Hosenbein hochzukrempeln. Scully gab keinen Laut von sich. Sie war noch immer ein wenig überrascht und so betrachtete sie, wie Mulder anfing, ihr Wunde zu reinigen. Das Desinfektionsmittel brannte, aber dennoch blieb sie still sitzen.
Nach einer Weile blickte er zu ihr auf. "Tut es weh?" fragte er leise und sie erkannte einen besorgten Unterton in seiner Stimme. Sie lächelte ihn an und antwortete dann ebenso leise:
"Jetzt nicht mehr!"
Damit griff er zu dem Verband und begann ihr Knie zu umwickeln.
Plötzlich ging die Tür auf und Assistant Direktor Skinner betrat das Büro. "Was ist denn hier los?" fragte er etwas verdutzt, als er Mulder vor Scully knien sah. "Wird das ein Heiratsantrag?" Mulder drehte sich sofort um und starrte Skinner entsetzt an.
"Erste Hilfe - Maßnahmen!" antwortete Scully endlich, nachdem sie sich von ihrem Hustenanfall, der durch Skinners Frage ausgelöst wurde, erholt hatte.
"Haben Sie sich verletzt?" fragte nun auch der Assistant Direktor und lief zu ihr hinüber um sich zu vergewissern, dass sie keine ernsthaften Verletzungen hatte.
"Ich bin nur gestürzt!" antwortete sie und stand auf, nachdem Mulder seine Wickelkünste beendet hatte.
"Na, schön! Warum ich eigentlich hier bin: Ich wollte Ihnen einen neuen Fall zuteilen. Vorgestern Abend ist aus einem Kinderheim ein 11-jähriges Mädchen verschwunden. Ihr Name ist Jenny Cooper. Ich möchte, dass Sie dieses Kind finden und wieder in die Obhut des Heimes zurückbringen!"
"Gibt es irgendwelche Hinweise? Augenzeugen, hat jemand etwas gehört, gibt es Verdächtige?" fragte Mulder.
"Nichts dergleichen! Das Kind ist spurlos und vor allem lautlos verschwunden!" verneinte Skinner.
"Aber ein Kind kann doch nicht einfach so verschwinden, ohne dass irgendjemand etwas gemerkt hat!" konterte Mulder wenig überzeugend.
Scully seufzte leise... Sie wusste, dass das ging und Mulder wusste es ebenso.
"Doch Mulder, das ist möglich! Und das wissen Sie!"
"Amberlyn La Pierre? Spielen Sie darauf an, Agent Scully?" fragte Skinner überrascht.

Aus den Augenwinkeln konnte Scully sehen, wie Mulder sich umdrehte und zum Fenster ging. Samantha... Natürlich war er von der Ungewissheit befreit, was aus seiner Schwester geworden war, aber er hatte ihren Tod wohl noch immer nicht verkraftet. Er tat immer so stark, aber sie wusste dennoch, dass er das kleine Mädchen, das in seinen Erinnerungen schlummerte, schrecklich vermisste.

"Werden Sie den Fall übernehmen?" fragte Skinner.
Scully blickte sich noch einmal zu ihrem Partner um, bevor sie antwortete. "Natürlich, Sir!"
Damit drückte Skinner ihr die Akte in die Hand und verließ das Büro.
Mit langsamen Schritten ging Scully auf ihren Partner zu. Er stand noch immer am Fenster und starrte in die Ferne. Vorsichtig legte sie ihm eine Hand auf die Schulter und blieb regungslos neben ihm stehen.
So standen sie einige lange Momente und keiner sagte etwas. Plötzlich drehte er sich um und sie konnte in seine Augen sehen.
Sie war überrascht, dass er sie nicht wehleidig anblickte. Er sah wieder stark aus. Bereit, sich des Falles anzunehmen und das vermisste Mädchen sicher nach Hause zu bringen.

Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch und griff nach der Akte, die dort lag. Sie schlug sie
auf und betrachtete das Bild des vermissten Mädchens.
"Mulder, sehen Sie sich das an... Das ist so ein unschuldiges kleines Ding. Warum
verschwinden so viele Kinder?"
"Ich weiß es nicht, Scully. Wir wissen doch alle, dass das eine grausame Welt ist. Wir
müssen uns damit abfinden!" meinte Mulder resignierend.
"Das klingt ja fast, als würden Sie es gutheißen, dass irgendwelche Leute durch die
Straßen ziehen und kleine Kinder kidnappen." Schimpfte Scully aufgebracht.
"Um Gottes Willen! Nein! So habe ich das nicht gemeint." Versuchte Mulder sich zu
rechtfertigen. "Ich meinte nur, dass wir nicht viel dagegen tun können. Sicher! Wir
können losziehen und sie schnappen, aber entweder sie werden wegen Mangel an
Beweisen frei gelassen, oder sie kommen nach ein paar lächerlichen Jährchen wieder aus
dem Knast... oder es kommt ein anderer."
"Sie haben ja recht... aber irgendwas müssen wir tun. Auf alle Fälle müssen wir erst mal
dieses kleine Mädchen finden!"
"O.K. Scully. Wir werden jetzt zu diesem Kinderheim fahren und dann sehen wir weiter,
einverstanden? Mehr können wir jetzt im Moment wirklich nicht tun!"
"Na, schön!" willigte sie schließlich ein. "Aber könnten wir vorher noch mal bei mir
vorbeifahren, damit ich mir eine andere Hose anziehen kann? Mit diesem Loch im
Hosenbein kann ich ja unmöglich das FBI vertreten, oder?"
"Scully, wir müssen sowieso bei Ihnen vorbei... und bei mir auch! Haben Sie vergessen,
dass wir nach Alexandria müssen? Ich würde mir ehrlich gesagt schon gern ein paar
Wechselsachen mitnehmen."
"Sie haben ja recht!"
"Scully, sind Sie sicher, dass Sie sich wirklich nur am Knie verletzt haben und nicht am
Kopf?" fragte er breit grinsend, womit er sich allerdings einen kräftigen Rippenstoß
einfing.

Somit verließen sie das Büro und machten sich auf den Weg in die Tiefgarage.

Mulder wollte gerade an der Fahrerseite seines Wagens einsteigen, als Scully ihm zuvor kam.
" Was soll das werden?"
" Ich werde fahren, Mulder."
" Aber..."
" Nichts aber. Ich will mir nicht auch noch den Hals brechen."
" Ich werde heute auch langsam fahren. Versprochen."
Mulder stellte sich vor die Fahrertür, sodass Scully nicht mehr rein konnte.
" Das versprechen Sie immer. Halten tun Sie es nie."
Mit diesen Worten ging sie einmal um den Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz. Doch noch bevor Mulder einsteigen konnte, glitt sie von dem Sitz auf den Fahrersitz. Mulder konnte gar nicht so schnell reagieren, wie sie am Steuer saß.
" Aber dafür haben Sie nicht den Schlüssel. Ha!"
Mulder war siegessicher. Aber da hob Scully die Hand und öffnete sie.
" Et Voilà... votre clé! »
"Aber...wie sind Sie an meine Schlüssel gekommen?"
"Tja, Mulder...Sie hätten mir nicht den Zaubertrick beibringen sollen."
Mulder gab einen leisen Seufzer von sich.
"Sie haben gewonnen, Scully. Aber auf der Rückfahrt fahre ich, okay?"
"Das muss ich mir aber noch überlegen. Wenn Sie heute nett zu mir sind, dann vielleicht." meinte Scully mittlerweile wieder amüsiert.
Geschlagen setzte sich Mulder auf den Beifahrersitz. Dann gab Scully Gas.

11:45 Uhr Waisenhaus in Alexandria

Mulder klingelte an der Haupttür. Eine gutaussehende dunkelhäutige Frau Mitte dreißig öffnete die Tür.
"Was kann ich für Sie tun?"
"Special Agent Fox Mulder und das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully. FBI."
"Oh, ja ich habe Sie schon erwartet. Kommen Sie doch bitte herein."
"Danke Miss...ähm...wie war noch gleich Ihr Name?" fragte Mulder freundlich.
"Brody. Entschuldigung. Ich hatte vergessen mich vorzustellen."
"Ist nicht schlimm. Wir wollten nur nach dem Mädchen fragen, Madam." brachte Scully es auf den Punkt.
"Erzählen Sie doch einfach mal."
"Na, sie ist 11 Jahre alt und heißt Jenny."
Mulder schaltete sich jetzt ein.
"Ja, das steht alles in unserer Akte. Aber können Sie uns etwas über das Verhalten der Kleinen sagen?"
"Natürlich. Sie war ein wenig schüchtern. Aber immer nett. Bis sie sich auf einmal geändert hat. Sie hat mit niemandem mehr geredet. Und wenn man ihr sagte, sie sollte zum Beispiel ihre Wäsche wegbringen, hat sie einen immer so eigenartig angesehen, und da hatte man sich nicht mehr getraut ihr noch mal zu sagen, was sie zu machen hat. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ihr Blick hatte etwas seltsames, unheimliches. Und wenn sie dann etwas gesagt hatte, dann hat sie nur rumgeschrieen. Das arme Mädchen, sie war doch immer so freundlich und brav. Immer wenn die anderen Kinder Probleme hatten, oder traurig waren, war sie da. Sie hat sich ganz plötzlich so geändert. Und in die Kirche wollte Jenny auch nicht mehr. Sie war nicht dazu zu bewegen, an dem Gottesdienst teilzunehmen."
"Ma'am, ab wann hat sie sich geändert? Ist irgendetwas vorgefallen?"
Jetzt begann sich Scully auch für den Fall zu interessieren.
"Ja, sie hat angefangen sich zu ändern, als ihre jüngere Schwester gestorben ist. Die kleine hatte einen Autounfall und war auf der Stelle tot. Die Tür hatte sich geöffnet und das Kind war wohl nicht angeschnallt. Ein Auto hatte sie erfasst. Jenny hat sich erst zurückgezogen. Dann ist sie auf irgendetwas wütend geworden und dann so, wie ich es Ihnen erzählt habe. Und am 13. Juni ist sie einfach verschwunden."
" Haben Sie eine Idee, wo sie sein könnte, Miss Brody?"
" Nein, Agent Mulder. Sie hatte keine Freunde außerhalb des Heims und Verwandte hat sie auch keine mehr."
"Warum ist sie eine Waise?" hakte Scully nach.
"Ihre Eltern sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen."
"Die arme Kleine."
Scully hatte mit ihr Mitleid.
"Danke, Miss Brody. Wenn wir weitere Fragen haben, melden wir uns wieder. Aber noch etwas. Wie heißt ihr Pfarrer?"
"Jonathan Grant. Wieso fragen Sie, Agent Mulder?"
"Nur so. Es hat mich einfach interessiert. Bis dann."
Mulder drehte sich um und ging den Gang entlang.
Scully verabschiedete sich ebenfalls und ging Mulder nach. Es dauerte, bis sie ihn eingeholt hatte.
"Mulder, was sollte die Frage mit dem Pfarrer?"
"Ach, ich dachte es sei wichtig. Miss Brody hat doch gesagt, dass Jenny nicht mehr zum Gottesdienst wollte. Vielleicht kann der Pfarrer uns ja weiterhelfen."
"Ich wüsste nicht, was uns das bringen sollte, aber einen Versuch ist es wert. Schließlich haben wir ja keinen Hinweis, wo wir anfangen sollten zu suchen."

"Hey, Scully sehen Sie mal!" flüsterte Mulder plötzlich, als ein kleiner Junge an ihnen vorbei huschte. Er machte einen nervösen Eindruck, als er die beiden Agenten entdeckte und er schaute sich auch immer wieder um, während er weiterlief.
Langsam gingen sie dem Kind hinterher, als dieses in einem Zimmer verschwand.
Scully blieb vor der Zimmertür stehen und betrachtete das Namensschild, das an dieser hing.
"Jenny Cooper! Das ist ihr Zimmer!" stellte sie erstaunt fest.
Zaghaft öffnete Mulder die Tür. Nur einen Spalt weit. Er sah, wie der kleine Junge unter eines der beiden Betten kroch und dort etwas hervorholte.
Es handelte sich dabei um ein schwarzes Buch mit roter Schrift auf dem Umschlag. Plötzlich riss Mulder die Tür auf und sprintete auf das Kind zu. Dann nahm er ihm das Buch weg. Der kleine Junge sah ihn entsetzt an und einen Moment später rannte er aus dem Zimmer, an der verwirrten Scully vorbei und verschwand in den Gängen des Kinderheims.
"Mulder! Was zum Teufel soll das?" schrie sie ihren Partner an. "Warum nehmen Sie dem Jungen das Buch weg?"
"Wenn Sie wüssten, wie recht Sie mit dem Teufel haben...!" sagte er und hielt ihr die Vorderseite des Buches entgegen. "Die illustrierte Geschichte des Okkultismus" stand in großen Buchstaben darauf.
Nun betrat auch Scully das Zimmer. "Was in Gottes Namen, wollte der Junge mit diesem Buch?" fragte sie Mulder, obwohl er das auch nicht wissen konnte.
"Ich frage mich eher, was Jenny damit gemacht hat. Schließlich ist es ihr Zimmer."
"Hm... es passt anscheinend nicht zu ihr...!" meinte Scully und deutete auf ein weiteres Buch, das in ihrem Regal stand.
"Die Bibel?" stellte Mulder erstaunt fest. "Also, das passt nun wirklich nicht!"
"Vielleicht sollten wir uns mal mit Jennys Zimmergenossin unterhalten. Hier wohnt noch eine Bonny Parker, wie ich dem Schild draußen entnehmen konnte. Ich werde noch einmal zu Miss Brody gehen und sie fragen, wo Bonny steckt." schlug Scully nun vor.
Mulder hatte nichts dagegen einzuwenden und meinte nur, dass er den Jungen suchen wolle. Damit steckte er das Buch ein und verschwand.


12:07 Uhr

"Was soll das heißen, Sie wissen nicht, wo Bonny steckt?" fragte Scully ärgerlich. Sie konnte nicht fassen, dass diese Frau keine Ahnung hatte, wo sich ihre Schützlinge herumtrieben.
"Wissen Sie, Agent Scully... Bonny ist eine rebellische 15-Jährige. Sie verschwindet dauernd. Sie rennt gerne weg, aber bisher ist sie immer nach ein paar Tagen wiedergekommen. Wir hielten es nicht für nötig, eine Vermisstenanzeige aufzugeben." Versuchte sich die Heimleiterin zu verteidigen. "Sie wird schon wiederkommen. Wenn sie wieder da ist, sage ich Ihnen bescheid. Dann können Sie sie von mir aus verhören, wenn Ihnen das so wichtig ist!!!"
"Wie Sie meinen!" willigte Scully nun ein. "Aber eine Frage hätte ich noch! Wann ist Bonny verschwunden?"
"Am 13.! Sie ist aber immer wieder gekommen, also hören Sie endlich auf, mich wegen diesem Mädchen zu nerven!" meinte Miss Brody wütend.
Scully stand auf und warf der Heimleiterin einen ärgerlichen Blick zu. Sie konnte nicht begreifen, dass sie sich keinerlei Sorgen um Bonny machte.
Mit diesen Gedanken im Kopf drehte sie sich um und ging zur Tür hinaus, die sie bewusst laut ins Schloss warf.

12:45 Uhr

"Na, Mulder, was haben Sie erreicht?" wollte Scully wissen, als sie ihren Partner am Auto traf.
"Nichts!", meinte er geknickt. "Dieser kleine Kerl ist verdammt schnell. Ich habe ihn ein paar mal gesehen, aber jetzt habe ich ihn total aus den Augen verloren. Vermutlich sitzt er hier irgendwo versteckt in einer Ecke ..."
" Und lacht sich über Sie tot!" beendete Scully den Satz grinsend. "Aber machen Sie sich nichts draus! Ich habe auch nicht viel herausgefunden. Außer, dass Bonny ebenfalls am 13. Juni verschwunden ist und sich keiner dafür interessiert, da sie schon öfters weggelaufen ist."
"Und jetzt?" fragte Mulder.
"Keine Ahnung!" meinte seine Partnerin.
"Vielleicht sollten wir uns einfach mal dieses Buch zu Gemüte führen."
"Na schön! Und morgen reden wir dann mit dem Pfarrer! Ansonsten wüsste ich auch nicht, was wir jetzt machen sollen." willigte Scully in Mulders Vorschlag ein.
"O.k. Partner! Zu Ihnen oder zu mir?" sagte dieser breit grinsend.
Dann stiegen sie in das Auto und fuhren zurück in ihr Motel.

23:47 Uhr, Motel in Alexandria

"Mulder, wir lesen jetzt schon seit Stunden in diesem Buch. Vielleicht war es doch keine so gute Idee. Glauben Sie wirklich, dass es uns weiterhelfen wird? Ich bezweifle das ehrlich gesagt sehr stark." maulte Scully. Sie war totmüde und hatte einfach keine Lust mehr, sich mit der Geschichte des Okkultismus auseinander zusetzen.
"Sie bezweifeln etwas? Scully, das ist ja mal ganz was Neues!!!" meinte ihr Partner mit dem für ihn typischen sarkastischen Unterton. "Wer weiß, was diese Kids angestellt haben. Vielleicht haben sie ja irgendeine Formel gesprochen, und sind dadurch verschwunden." Er war wieder voll im Gange, eine seiner berühmten Theorien auf zu stellen.
"Mulder! Das ist Aberglaube! Es gibt keine Hexen oder Satan, oder irgendwelche anderen Formen von schwarzem Zauber!" versuchte Scully diese Theorie wie gewöhnlich zu zerschlagen.
"Schon klar, Scully! Das haben Sie schon über Aliens, Formwandler, Wunderheiler, Monster, Mutanten und Seeungeheuer gesagt! Und? Was ist geschehen??? Sie haben alles mit eigenen Augen gesehen…!"
"Das Seeungeheuer haben wir nie gefunden…" meinte sie leise. Sie wusste, dass er mal wieder Recht hatte, aber sie wollte es natürlich nicht zugeben. Also stieß sie einen leisen Seufzer aus und wandte sich wieder dem Buch zu.

16. Juni. 13.15 Uhr Kirche des Waisenhauses

Ein kleiner Junge betrat die Kirche durch die große Tür. Er war erst an die neun Jahre, und bekam die Tür nur mühsam auf, doch der Pfarrer half ihm.
"Na, Scout, was hast du auf dem Herzen?"
"Hallo, Reverend Grant. Ich bin mir nicht sicher…"
"Wobei bist du dir nicht sicher?"
"Na, ob ich das sagen darf, oder nicht." Der Junge war sichtlich verunsichert, und das merkte der Pfarrer.
"Junge, ich verspreche dir, du kannst mir alles sagen, ich werde es nicht ausplaudern. Du musst schon selbst entscheiden. Und vergiss nicht: Unser Herr kann vergeben. Er ist ein guter Gott. Er wird dir nicht nachtragen, wenn du etwas falsches gemacht hast. Hast du dir etwas zu schulden kommen lassen?" Grant lächelte den Jungen freundlich an.
"Nein, ich glaube, ich habe nichts Unrechtes getan, aber ich hätte etwas verhindern können."
Hellhörig geworden setzte sich der Pfarrer auf eine der Altarstufen.
"Möchtest du mir erzählen, was du hättest verhindern können, Scout?" Der Prediger klopfte einladend auf eine andere der Stufen.
"Ähm, ich denke ich kann es Ihnen anvertrauen. Aber Sie müssen mir versprechen es niemandem zu sagen, okay?"
"Indianer- Ehrenwort!"
"Also, es geht um Jenny, aber auch um Bonny. Sie sind beide verschwunden! Bonny hat Jenny dazu überredet an einer ihrer Schwarzen Messen teilzunehmen. Ich glaube Jenny sah das als letzten Ausweg ..." Der Junge war den Tränen nahe und Pastor Grant hatte das schon mitbekommen, und um dem Jungen etwas zu helfen, sagte er: " Dann hat sie sich darauf eingelassen, und ist verschwunden. Aber wieso? Und wohin?"
"Wohin weiß ich nicht. Bonny hat etwas von einer Unterwelt gesagt, aber ich weiß nicht, wo das ist."
"Das ist nicht schlimm. Ich weiß es."
"Und, wo ist das? Ich muss dahin, und ihr helfen!"
" Ich fürchte, da kannst du nicht hin. Und du bist noch zu jung, um zu wissen, wo das ist. Aber wie ist sie dahin gekommen? Und ist Bonny auch da?"
"Ich habe sie beobachtet. Jenny hat irgendetwas gesprochen, und dabei fest Bonnys Hand gehalten. Dann sind sie durch einen Spiegel....gesogen worden. Ich konnte ihnen nicht helfen."
Jetzt hat der Junge die Kontrolle über seine Tränen doch verloren, und begann bitterlich zu weinen. Der Pastor nahm ihn in den Arm, um ihn zu trösten.
"Es wird schon alles wieder okay, Junge. Du konntest nichts machen. Aber jetzt kannst du den Beiden helfen."
Scout wischte sich die Tränen ab und blickte den Priester mit verweinten Augen flehend an.
"Du weißt doch bestimmt, dass heute Morgen eine Frau und ein Mann da waren. Die sind vom FBI und versuchen Jenny wiederzufinden. Aber sie haben keine Ahnung, wo sie suchen sollen. Ich habe von Mrs. Brody gehört, dass die beiden nachher auch mal bei mir vorbeischauen wollen."
Der Junge blickte erschrocken.
"Keine Angst, Scout. Ich werde ihnen nichts sagen, aber ich werde sie fragen, ob ich ihre Telefonnummern bekomme. Dann bringe ich dir die Nummern und du rufst bei den Agenten an und erzählst ihnen einfach das, was du mir erzählt hast. Wenn du nicht willst, dass sie wissen, wie du heißt, dann sag deinen Namen einfach nicht. Das ist doch eine Möglichkeit, oder?"
Der Junge war sichtlich erleichtert.
"Ja. Das werde ich machen. Danke, Reverend Grant!"
Der Junge rannte mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus der Kirche. Und zur Verwunderung des Pastors, bekam er diesmal sogar die Tür alleine auf.

14.00Uhr Ein Fastfood- Restaurant in Alexandria

Die beiden Bundesbeamten hatten sich kurzer Hand entschieden sich etwas zum Essen holen.
" Zwei Hamburger, eine Cola und eine Cola Light, bitte."
Der Mann an der Kasse reichte dem Agenten seine Bestellung rüber.
"Bitte Mister. Das macht dann 16,90$"
Mulder gab dem Mann hinter der Kasse das Geld und nahm dann seine Bestellung entgegen. Er suchte sich einen Weg durch das volle Restaurant und rutschte neben Scully auf die Bank.
"Hier, Ihr Hamburger und Ihre Cola Light. Das wollten Sie doch, oder?"
"Ja, danke Mulder. Beim nächsten Mal bezahle ich." Sagte seine Partnerin müde. Es war eine verdammt lange Nacht gewesen. Es hatte eine Ewigkeit gedauert bis sie das Buch durchhatten, das Mulder im Waisenhaus hatte mitgehen lassen.
Scully ergriff sich ihren Burger und biss hinein. Mulder tat es ihr nach.
"Mulder, wissen Sie vielleicht irgendetwas, was ich nicht weiß? Ich meine wegen der Frage mit dem Pfarrer."
Mulder kaute zu ende und wischte sich mit der Servierte den Mund ab.
"Ich habe die Frage nur gestellt, weil diese Waisenhausleiterin Brody gesagt hatte, dass Jenny nicht mehr in die Kirche gegangen ist. Ich meine...warum geht ein streng gläubiges Mädchen nicht mehr in die Kirche? Es kann ja am Pfarrer liegen. Ich weiß ja nicht genau, aber vielleicht weiß er mehr als wir und Mrs. Brody. Ich denke einen Versuch wäre es wert, oder?"
"Ja, aber was ist, wenn es uns in eine weitere Sackgasse bringt? Wo sollen wir dann suchen? Es gibt doch keine einzige Spur!"
"Scully, wir haben schön öfters eine Lösung gefunden, und da hatten wir noch weniger in der Hand, als jetzt."
"Ja, aber ich glaube sie verschweigen mir etwas, Mulder. Dieser Fall ist ein ganz normaler Routinefall. Ich erkenne nirgendwo eine X- Akte. Normalerweise machen sie immer einen Aufstand, wenn es um einen normalen Fall geht, oder sie beschäftigen sich irgendwie anders. Warum diesmal nicht? Warum stellen sie so viele Fragen, die ich nicht in den Zusammenhang mit diesem Fall bringen kann? Warum, Mulder? Ich kenne Sie doch!"
"Ich habe da so ein Gefühl, was mich diese Fragen stellen lässt. Ich weiß nicht genau, warum, aber ich weiß, die Antworten bringen uns weiter. Scully, Sie müssen mir vertrauen. Ich weiß wir sind auf dem richtigen Weg."
Die beiden Agenten aßen auf, und gingen zum Auto.
"Scully?"
"Ja, was ist?"
"Sie haben ein wenig Soße auf ihrer Wange."
Er gab ihr eine Papierservierte.
Scully wischte sich den Rest ihres Mittagessens ab, und warf die Serviette in den nächsten Mülleimer.
"Danke. Aber ich hatte eigentlich beabsichtigt mir etwas für später aufzuheben." grinste sie und Mulder reichte ihr den Autoschlüssel.
"Wollen Sie nicht fahren?"
"Ja, gerne." Scully sah ihn erstaunt an.
"Wie komme ich zu der Ehre? Sie verzichten freiwillig zu fahren, und lassen mich ,die lahme Schnecke und den Angsthasen fahren?"
"Nur so, ich wollte mal versuchen zur Abwechslung nett zu Ihnen zu sein. Ist mir aber wohl leider nicht geglückt. Im Gegenteil, ich habe Sie misstrauisch gemacht."
Mulder fing an breit zu grinsen.
"Aber wer hat Sie denn einen Angsthasen, und eine lahme Schnecke genannt?"
Scully richtete sich vor ihm auf.
"Das waren Sie!!! Ich weiß was Sie vorhaben. Sie wollen gar nicht nett zu mir sein. Wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein. Sie wollen mich nur wieder ärgern."
"Sie haben mich durchschaut. Ihnen kann man nichts vormachen."
Mulder lächelte freundlich.
"Dann fahren Sie uns mal zu Reverend Grant."
Mulder stieg an der Beifahrerseite ein und überließ Scully den Platz am Steuer.



15:34 Uhr Kirche des Waisenhauses


Mulder und Scully öffneten die schwere Eichentür und traten in das Innere der Kirche. Es herrschte eine dämmrige Atmosphäre wie sie bei solchen alten Kirchen üblich war. Es war ein riesiges Gebäude und die Wände waren mit vielen Gemälden bestückt, auf denen der Leidensweg Christi zu sehen war.
Sie waren nur ein paar Schritte gegangen, als auch schon der Pastor auf die beiden Agenten zukam.
"Guten Tag! Sie müssen die beiden Agenten vom FBI sein, habe ich recht?" begrüßte er die beiden.
"Ja, Guten Tag, Reverend Grant. Mein Name ist Dana Scully und das ist mein Partner Fox Mulder!" stellte sie sich vor. "Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen."
"Aber natürlich! Kommen Sie bitte mit nach vorn." antwortete er freundlich und ging in den vorderen Teil der Kirche.
Nachdem die beiden Agenten auf einer der Bänke Platz genommen hatten, fragte Mulder: "Was können Sie uns über Jenny Cooper erzählen?"
"Nun ja, Jenny ist ein nettes und hilfsbereites Mädchen. Sie hat keine Schwierigkeiten gemacht, war strenggläubig und hat auch regelmäßig an meinen Gottesdiensten teilgenommen..."
"Bis der Tod ihrer kleinen Schwester dazwischengekommen ist!" beendete Scully den Gedanken des Pfarrers.
"Ja!" gab der Reverend zu. "Sie kam plötzlich nicht mehr in die Kirche und auch, wenn man sie darauf ansprach schien es, dass sie eine Art Hass auf Gott entwickelt hatte."
"Einen Hass auf Gott?" meinte Mulder verblüfft.
"Ja! Sie hat nicht mehr gebetet. Es schien fast, als würde sie ihm die Schuld an allem Übel geben, das in ihrem Leben aufgetreten ist.... Aber sie hat auch eine ganze Menge durchgemacht. Sie hat ja niemanden mehr, dem sie sich anvertrauen kann. Sie ist ganz allein."
"Haben Sie vielleicht eine Vorstellung, wo sie jetzt sein könnte?" fragte Scully
"Nein, tut mir leid!" log er. "Aber vielleicht höre ich ja etwas, wenn die Kinder zur Beichte kommen. Vielleicht hat ja jemand etwas gesehen, aber traut sich nicht, darüber zu sprechen..."
"Es ehrt uns zwar, dass Sie uns helfen wollen, aber unterliegt die Beichte nicht einer Schweigepflicht?" unterbrach Mulder den Prediger.
"Darüber bin ich mir durchaus im Klaren!" meinte dieser, wobei er sich durch Mulders Kommentar ziemlich auf den Schlips getreten fühlte. "Ich könnte die Kinder aber dazu ermutigen, dass sie bei Ihnen anrufen, wenn sie etwas wissen oder loswerden wollen!"
"Das ist eine ausgezeichnete Idee!" stimmte Scully dem Vorschlag zu. Daraufhin gab sie ihm ihre Karte und die Telefonnummer des Motel-Zimmers, in dem sie zur Zeit wohnte.
"Reden Sie den Kindern noch einmal ins Gewissen! Machen Sie ihnen klar, dass es ernst ist. Wir wollen Jenny finden und das so schnell wie möglich!" forderte Mulder den Reverend auf, bevor er aufstand und sich verabschiedete. Dann verließ er mit Scully die Kirche.

"Was denken Sie, Scully? Glauben Sie, dass Grant mehr weiß, als er zugibt?" fragte Mulder seine Partnerin, während sie zum Auto gingen.
"Ich denke schon. Allerdings haben Sie sich die Antwort auf die Frage, warum er nichts sagte schon selbst beantwortet: Er hat eine Schweigepflicht! Er dürfte es uns nicht erzählen, wenn er etwas bei einer Beichte gehört hätte."
"Das ist wohl wahr!" gab Mulder zu. "Wir können jetzt nur hoffen, dass sich irgendjemand bei uns meldet. Wir stecken jetzt in einer Sackgasse, aus der wir nicht allein rauskommen!"
"Ganz genau! Und da wir jetzt ohnehin nichts ausrichten können, lade ich Sie zu einem Kaffee ein, o.k.?" schlug Scully vor. Sie hatten zwar vor nicht allzu langer Zeit zu Mittag gegessen, aber bei einer Tasse Kaffee ließ es sich besser nachdenken.
Damit stiegen sie ins Auto und verließen das Grundstück des Waisenhauses.


16.00Uhr Ein Straßencafé irgendwo in Alexandria

Die Sonne schien auf das schwarze Wagendach ihres Mietwagens und die Beiden Agenten stiegen aus.
"Na, Scully, wo wollen wir uns hinsetzten? Drinnen oder draußen?"
"Es ist so schön heute, ich denke wir setzen uns in die Sonne, okay?"
Mulder ging auf einen der vielen kleinen, grünen Tischchen zu und zog einen der beiden Stühle, die dort um den Tisch standen hervor.
"Bitte, wenn Sie sich setzten wollen?"
Scully kam auf ihn zu und ließ sich sachte auf den hervorgezogenen Stuhl fallen.
"Merci Monsieur! Sie sind ja jetzt wieder so seltsam zuvorkommend"
Jetzt setzte sich auch Mulder auf den freien Stuhl.
"Ich hatte Ihnen doch vorhin bereits versucht zu erklären, dass ich lediglich versuche nett zu Ihnen zu sein."
"Welchen Grund mag das wohl haben? Haben Sie immer noch ein schlechtes Gewissen wegen der Schramme an meinem Knie? Mir ist nämlich gerade aufgefallen, dass Sie ab da so seltsam nett zu mir waren"
"Nein, ich glaube ein schlechtes Gewissen habe ich nicht mehr, obwohl es mir Leid tut."
"Ach, dann hatte Assistant Director Skinner doch recht."
"Womit?" Mulder guckte verdutzt.
Scullys Mundwinkel verzogen sich zu einem breitem Lächeln. "Womit wohl? Mit dem Heiratsantrag."
Mulder wäre fasst vom Stuhl gefallen. Ihm fehlten die Worte. Das passierte zwar selten, aber jetzt war er einfach sprachlos. Scully fing bei seinem Anblick an lauthals loszulachen. Sie schaffte es nicht oft, ihren Partner so aus der Fassung zu bringen, aber jetzt hatte sie es einmal geschafft. Doch die Fassungslosigkeit ihres Partners hielt nicht lange an. Und auch er fing an zu lachen.
"Was darf ich Ihnen bringen?", fragte eine feine Frauenstimme.
"Wie bitte?", fragte Scully.
"Ach, ich wollte Sie beide nicht bei Ihrer Unterhaltung stören. Ich wollte nur Ihre Bestellungen entgegen nehmen.
"Ja natürlich. Ich hätte gerne einen Kaffe au lait. Und Sie, Scully?"
"Ich nehme einen Kaffe. Einen Schuß Milch, ohne Zucker."
Die Kellnerin schrieb ihre Bestellungen auf einen kleinen Block, den sie aus ihrer Schürze holte und antwortete: " Gut, in fünf Minuten bekommen Sie Ihre Getränke." Damit verabschiedete sie sich wieder, und ging ins Café.
Scully lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Mulder musterte seine Partnerin interessiert. Ihm war schon oft aufgefallen, dass er nicht gerade die häßlichste Partnerin erwischt hatte.
"Mulder?"
Er gab keine Antwort und starrte nur weiter ins Nichts, und beschäftigte sich mit seinen Gedanken.
"Mulder?" Jetzt hatte Scully lauter gesprochen, und Mulder erwachte abrupt aus seiner Starre.
"Mulder, ich habe Sie jetzt zum dritten mal angesprochen. Fehlt Ihnen etwas? Sie starren so ins Nichts."
"Ich...ich habe nur an etwas gedacht."
"Hat es etwas mit unserem Fall zu tun?"
"Ähm...nicht direkt."
"Womit dann?" Scully ließ nicht locker.
"Na, mit...." Mulder guckte sich um. Er wollte ihr einfach nicht sagen, an was er eben gedacht hatte. Doch dann entdeckte er die Kellnerin von vorhin, die ein Tablett in ihre Richtung balancierte.
"Ach, Scully, unser Kaffee ist fertig."
Die Kellnerin stellte die beiden Tassen ab.
"Danke," Scully nahm sich ihren Kaffe und trank erst einmal einen großen Schluck.
Jetzt war wieder die gewöhnte Stille zwischen den beiden eingetreten. Niemand sagte etwas. Wäre die Kellnerin nicht gekommen, hätte Mulder ganz schön in der Klemme gesessen. Aber zum Glück ist noch mal alles gut gegangen.
"Sagen Sie, Scully, wie lange sollen wir darauf warten, bis uns eines der Kids vom Waisenhaus angerufen hat? Ich meine, wir müssen zu einem Fortschritt kommen, sonst müssen wir zurück nach Washington. Aber das wissen Sie ja."
Scully setzte ihre Tasse ab.
"Ich weiß nicht....wir haben keine anderen Anhaltspunkte. Wir können nichts machen, außer warten. Ich würde sagen, wenn sich bis Morgen Abend niemand gemeldet hat, müssen wir wieder nach Washington zurück. Ich meine, es ist nicht so, als würde ich Jenny nicht wiederfinden wollen, aber es würde nur Ärger geben, wenn wir hier Urlaub machen."
"Das denke ich auch. Aber gegen Urlaub hätte ich nichts einzuwenden. Was will man mehr? Sonne, blauer Himmel und eine schöne Stadt."
"Wo Sie gerade mal darüber reden. Wie lange hatten Sie eigentlich keinen Urlaub mehr, Mulder?"
"Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich immer irgendwo im FBI Building. Aber Sie haben auch nicht gerade oft Urlaub."
Er hatte recht. Scully hatte sich schon so oft vorgenommen frei zu nehmen, und irgendwo ans Meer zu fahren, aber irgendwie ist immer was dazwischen gekommen.
"Ja, aber ich denke, ich werde mir bald mal welchen genehmigen. Man kann doch nicht nur arbeiten. Und Sie?"
"Ach, so ein Sandstrand und Sonne wäre nicht schlecht. Aber warum reden wir eigentlich darüber? Irgend etwas kommt doch immer dazwischen."
Keiner der Beiden wusste genau, warum sie sich gerade über dieses Thema unterhielten, aber es war besser, als gar nichts. Sie tranken ihren Kaffe aus und erhoben sich von den Stühlen. Mulder griff gerade in seine Hosentasche, um sein Portemonnaie hervorzuholen, als Scully ihn dabei unterbrach.
"Wir hatten doch abgemacht, dass ich das nächste mal bezahle. Also...."
Schnell legte sie einen Schein auf den Tisch und schlich auch schon wieder hinter Mulder her, zum Auto.

23.00Uhr Motel in Alexandria

Scully wollte gerade ins Bett klettern, als ein Klingelgeräusch sie davon ab hielt. Schnell stellte sie fest, dass es das Telefon in ihrem Zimmer war und griff zum Hörer.
"Ja, Scully?"
Niemand meldete sich.
"Wer spricht da?", hakte Scully nach. Sie hatte keine Lust grundlos gestört zu werden. Doch dann erklang eine verstellte, leise Stimme.
"Unterwelt"
"Was? Was soll das? Was soll das heißen?", fragte sie, doch da wurde auch schon aufgelegt.
Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. >> Unterwelt<<, sie fragte sich, was das zu bedeuten hat. Sie konnte damit nichts anfangen. Aber sie konnte sich schon vorstellen, was der Anruf zu bedeuten hatte. Jemand wollte ihr einen Tipp zur Aufklärung des Falles geben. Nur....was hatte das Wort zu bedeuten? Aber sie hatte eine Vorstellung, wo sie die Antwort finden würde. Sie ging in das Badezimmer und streifte sich ihren Bademantel über. Dann öffnete sie die Tür ihres Zimmers... und wäre beinahe mit Mulder zusammengeprallt.
"Oh, Sie sind wach?" stellte er überrascht fest.
"Was ist los, Scully?"
"Ich habe eben einen Anruf bekommen."
"Ich auch! Erzählen Sie doch mal!"
Mulder bedeutete ihr mit einer Geste, dass sie eintreten sollte. Er setzte sich auf das Bett, und Scully dicht neben ihn.
"Es gibt nicht viel zu erzählen. Es hat sich eine verstellte Stimme gemeldet, die nur ein Wort sagte."
"Und das wäre?"
"Unterwelt!"
Mulder überlegte kurz.
"Mulder....wissen Sie, was das zu bedeuten hat?"
"Ich glaube schon. Es stand doch etwas darüber in dem Buch, dass ich aus dem Waisenhaus mitgenommen habe. Haben Sie darüber nichts gelesen?!"
"Um ehrlich zu sein, ich hatte keine Lust mehr und habe irgendwann aufgehört zu lesen."
"Ist nicht schlimm. Ich habe es ja gelesen."
Mulder kramte aus der Nachttischschublade das Buch hervor.
"Also, hier steht, dass die Unterwelt eine Welt ist, die man nicht sieht. Es ist eine Welt, die jenseits unserer Dimension liegt. Sie wird von Satan regiert. Es gibt nur einen Weg dort hin zu gelangen und zwar indem man ..." Mulder hörte auf zu lesen.
"Warum lesen Sie nicht weiter, Mulder?"
"Ich würde ja gerne, aber hier fehlt die Seite."
"Ist Ihnen das nicht schon vorher aufgefallen?"
"Um ehrlich zu sagen....nein."
"Aber warum wussten Sie dann, dass etwas zur Unterwelt da stand, ohne es zu lesen?"
"Scully....wie soll ich sagen? Ich habe das Buch auch nicht richtig gelesen. Ich hatte das nur im Inhaltsverzeichnis gelesen."
"Aber Sie hatten doch eben gesagt, dass Sie es gelesen haben!"
"Ich hatte gedacht, das würde nicht auffallen, wenn ich das schnell so vorlese. Woher hätte ich denn wissen sollen, das die Seite fehlt?"
"Wenn Sie es gelesen hätten, wüssten sie es!"
"Aber Sie haben es doch auch nicht gelesen!"
Mulder hatte recht! Sie konnte ihm keine Vorwürfe machen.
"Mulder, Sie haben recht. Ich kann Ihnen nicht die Schuld an der fehlenden Seite geben. Aber jetzt haben wir einen Anhaltspunkt, ohne dass wir wissen, wo wir nach der Antwort zu suchen haben."
"Scully. Es ist spät. Wir können uns doch auch noch Morgen darüber unterhalten, oder? Ich meine, wir können heute sowieso nichts mehr machen und ich bin müde!"
"Ja, das wäre wohl das Beste. Ich werde dann wieder gehen."
"Ist in Ordnung. Aber danke, dass Sie mir Bescheid gesagt haben. Schlafen Sie gut, Scully"
"Ja, Sie auch, Mulder!"
Kurz bevor sie die Tür hinter sich schließen wollte, drehte sie sich auf einmal rum.
"Und wer hat Sie eigentlich angerufen?"
"Oh, es war Miss Brody. Es sind schon wieder zwei Kinder verschwunden!"
"Und das sagen Sie erst jetzt???" schimpfte Scully empört.
"Wir werden uns morgen darum kümmern. Es ist schon spät! Gehen Sie ins Bett Scully!"
"Sie haben ja recht. Gute Nacht!"
Dann drehte sie sich rum und verließ Mulders Zimmer.

17. Juni, 7:34 Uhr Motel

"Nun kommen Sie schon, Mulder! Wir haben viel zu tun!" drängelte Scully vor der verschlossenen Tür.
"Ist ja schon gut! Machen Sie doch nicht so einen Stress! Ich bin gerade erst wach geworden." maulte ihr Partner verschlafen und schlüpfte aus seinem Pyjama.
Wissend, dass er nun endlich wach war, aber auch, dass er noch eine Weile brauchen würde, ging Scully zurück in ihr Zimmer, und schaltete ihr Laptop ein. Sie ging ins Internet und gab den Suchbegriff "Unterwelt" ein. Sofort zeigte sich auf dem Monitor eine ungeheure Anzahl von Seiten, von denen die meisten so gut wie gar nichts mit dem eigentlichen Thema auf sich zu haben schienen.
"Sekten, okkulte Kreise...ein Orpheusaufführung in New York... Haben die denn hier nichts Brauchbares?" Scully war schon jetzt sichtlich genervt, als sie die vielen unbrauchbaren Seiten eine um die andere öffnete um sie danach wieder resignierend zu schließen.
Es waren gerade einmal zehn Minuten vergangen, als es plötzlich an ihre Tür klopfte.
"Kommen Sie?" hörte sie Mulders Stimme auf dem Flur und klappte ihr Laptop zu.
"Bin schon so gut wie bei Ihnen!" rief sie ihm zu, wobei sie sich immer noch wunderte, dass er so wenig Zeit benötigt hatte.
"Sie sind ja von der ganz schnellen Sorte!" grinste sie ihren Partner breit an, als sie die Tür hinter sich schloss und zu ihm auf den Flur trat.
"Überrascht Sie das etwa?" fragte er unschuldig und schob sie in Richtung Treppe. "Wo fangen wir denn eigentlich mit unserer Suche an?"
"Tja, Mulder, das ist eine gute Frage!" musste die kleine Agentin zugeben. Auch sie war ziemlich ratlos, was umso mehr rechtfertigte, dass sie so zeitig aufgestanden waren. Sie brauchten ja schon Unmengen von Zeit, um sich erst mal darüber im Klaren zu werden, wo sie mit der Suche beginnen sollten.
"Ich schlage vor, dass wir uns mal die städtische Bibliothek vornehmen. Ich habe zwar keine Idee, ob wir da etwas finden, aber es ist momentan unsere einzige Chance!"
"O.K., Mulder!" stimmte Scully dem Vorschlag zu. "Aber vielleicht sollten wir erst einmal frühstücken, oder?" Sie wies mit einer Hand auf den Frühstückssaal des Motels.
"Grandioser Einfall!" grinste ihr Partner breit und zog sie zu einem der kleinen Tische.

9:46 Uhr, Bibliothek Alexandria

"Und Mulder? Haben Sie schon etwas gefunden?" fragte Scully, während sie ihren Kopf in ein weiteres Bücherregal steckte.
"Nein!" meinte ihr Partner resignierend und drehte sich zu ihr um. "Hier gibt es zwar eine ganze Reihe von Lexika, in denen etwas über den Begriff `Unterwelt´ drin steht, aber ich weiß jetzt trotzdem nicht mehr als vorher. Außer dass es laut einer Legende das Reich Satans ist, oder meinetwegen Luzifer, Diabolo ... oder einfach nur Teufel. Da gibt es verschiedene Varianten. Aber es steht nichts drin, wie man da hinkommt oder irgendetwas in der Art."
"Glauben Sie, dass die Kinder dort sein könnten?"
"Ich weiß es nicht, Scully... Aber um ehrlich zu sein, habe ich keine Lust, mich mit dem Teufel anzulegen." Musste Mulder zugeben.
"Hey, was ist das denn?" stieß Scully plötzlich aus und zog ein dickes Buch aus einem der Regale.
"Was ist denn?" fragte Mulder und lief zu seiner Partnerin.
"Das sind Aufzeichnungen über das Kinderheim! Vielleicht finden wir ja irgendetwas, was uns weiterhilft." Rief sie erfreut.
"In welchem Jahr fängt es denn an?" fragte Mulder interessiert.
"Ähm... 1964. Da ist es in den Besitz von einer gewissen Francine Parson übergegangen. Es endet 1996. Also vor sechs Jahren. Hat da nicht Miss Brody die Heimleitung übernommen?"
"Ja, ich denke schon. Vielleicht sollten wir es mal lesen. Ich weiß zwar nicht, ob es uns weiterbringt, aber schaden kann es auch nicht." Damit setzten sie sich an einen der kleinen Tische und begannen das Buch zu lesen.
"Mulder?"
"Ja, Scully?"
"Dieses Buch hat kein Inhaltsverzeichnis! Sie müssen es wohl diesmal gründlich lesen!" grinste Scully ihren Partner an.
"Und Sie sind vor zwei Stunden aufgestanden, haben ausgiebig gefrühstückt und werden wohl diesmal nicht über dem Buch einschlafen, oder?" gab er schlagfertig zurück.
"Hm... Der Punkt geht an Sie!" musste Scully zugeben und widmete sich nun dem Buch.

10:20 Uhr

"Hey, Scully! Schauen Sie mal!" rief Mulder erstaunt. "1966 sind 6 Kinder verschwunden!"
"Aus diesem Heim?" fragte sie ebenso überrascht.
"Ja! Und wissen Sie, wer das erste Kind war, das verschwunden ist?"
"Ich habe eine Vermutung. Reverend Grant?" brachte sie ihre Ahnung zum Ausdruck.
"Bingo!" meinte ihr Partner, während er sie mit einem bedeutenden Blick ansah.
"Und das Beste ist, dass er das einzige Kind ist, das wiedergekommen ist."
"Steht irgendetwas da, was aus den anderen Kindern geworden ist?" fragte Scully.
"Nein, leider nicht!"
"Mulder, blättern Sie doch mal die anderen Jahre durch, ob da auch Kinder verschwunden sind."

"Nichts..........Nichts..........Nichts.........Nichts.........Nichts..........Oh, hier! 1972 sind ebenfalls 6 Kinder verschwunden." Stellte Mulder überrascht fest.
"Hm... genau 6 Jahre später." Meinte Scully nachdenklich. "Schauen Sie doch mal 1978 nach."
"Und wieder 6 Kinder!" sagte Mulder und blätterte weiter.
"1984 ebenfalls.... und 1990 auch.... und 1996 wieder...... und dann hört das Buch auf."
"Und jetzt sind wieder 6 Jahre rum. Und es sind bereits 4 Kinder verschwunden." Stellte Scully fest. "Was sollen wir nur tun?"
"Ich weiß, was wir jetzt tun werden!" sagte Mulder überzeugt. "Wir gehen jetzt zu Miss Brody und holen uns die nötigen Informationen. Seit es dieses Heim gibt, sind schon 40 Kinder verschwunden. In den nächsten Tagen wird die Zahl bestimmt auf 42 steigen. Und es gibt bisher nur ein Kind, das die ganze Sache unbeschadet überstanden hat.


11:24Uhr, Waisenhaus

"Miss Brody! Wir müssen mit Ihnen reden!" sagte Scully und schob sich an der Heimleiterin vorbei ins Innere des kleinen Büros.
"Worum geht es denn?" fragte diese verwirrt. "Kommen Sie wegen den vermissten Kindern?"
"Nein, wir wollen ein Kind adoptieren! Was denken Sie denn, warum wir hier sind?" blaffte Scully die verschreckte Heimleiterin an.
"Aber ich weiß nicht, wo sie sind!"
"Was können Sie uns über 40 verschwundene Kinder erzählen?" mischte sich Mulder ein.
"40?" fragte Miss Brody überrascht. "Ach so.... das meinen Sie. Sie haben von dem Fluch gehört, oder?"
"Was für ein Fluch?" fragte Scully verwirrt.
"Ach, Sie wissen doch nichts davon?" stellte Miss Brody überrascht fest. "Na schön...
1966 sind 6 Kinder verschwunden...."
"Das wissen wir! Und in den darauffolgenden 30 Jahren auch ... im Abstand von jeweils 6 Jahren und das einzige Kind, das wiedergekommen ist, war Jonathan Grant, der Reverend."
"Äh, ja!" meinte die Heimleiterin nur kurz, bevor sie weiter berichtete.
"Irgendwann hieß es dann, dass das Heim verflucht sei. Dass ein Geist sein Unwesen treibe, der alle 6 Jahre Kinder entführt. Darum wollte meine Vorgängerin..."
"Miss Francine Parson…"
"Genau, wollte sie jedenfalls das Heim auflösen. Aber ich war zu der Zeit gerade arbeitslos und darum habe ich den Job als Heimleiterin angenommen. Und bisher war alles ruhig."
"Naja, die 6 Jahre sind ja auch erst jetzt um!" mischte sich Mulder ein.
"Ja!" seufzte Miss Brody. "Ich habe es für einen dummen Aberglauben gehalten. Für Kinderstreiche, für Ammenmärchen..." versuchte sie sich zu verteidigen.
Plötzlich stand sie auf und holte eine Kiste aus ihrem Schrank.
"Das sind Aufzeichnungen und andere Beweisstücke, die sich in den Jahren angesammelt haben." Erklärte sie den Agenten.
"Die meisten davon sind irgendwelche Sachen, die mit Reverend Grant zu tun haben. Er war wohl damals 12 als er verschwunden ist. Als er wieder kam war er sehr verstört. Es gibt ein paar Tonbandaufzeichnungen von einem Gespräch mit einem Psychologen. Sie müssten eigentlich mit in der Kiste sein."
"Könnten wir uns die Kiste wohl mal ausleihen?" fragte Mulder und nahm ihr die Kiste ab.
"Ja, natürlich! Ich hoffe, dass Sie Ihnen weiterhilft." Antwortete Miss Brody. "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden! Ich muss ein paar Kinder beruhigen, die Angst davor haben, dass sie die Nächsten sind. Das Gerücht von dem Fluch hält sich hartnäckig über Generationen hinweg. Vor allem, weil nur noch ein Kind fehlt um die 6 voll zumachen."
Damit schickte sie Scully und Mulder aus dem Büro und lief den Gang hinunter.

"Soll das heißen, dass schon wieder ein Kind verschwunden ist?" fragte Scully ungläubig und blickte Mulder an.
"Ich denke schon. Aber wir können da jetzt sowieso nichts machen. Wenn wir die Kinder finden wollen, dann müssen wir uns an die Hinweise halten. Und der sogenannte Fluch ist ein guter Hinweis."


12:13Uhr Motel

"Sehen Sie sich das an, Scully. Das sind Kinderzeichnungen von Jonathan Grant."
"Was soll das denn darstellen?" fragte Scully und blickte verwirrt auf das sehr eigenwillige Bild.
"Naja, das hat irgendwie etwas von einer Tropfsteinhöhle oder so was..." meinte Mulder, wobei auch er sich nicht sicher war, was das Gekritzel genau darstellen sollte.
"Und was ist das da?" fragte sie wieder.
"Also das... würde ich sagen... ist ein Spiegel. Ein sehr wertvoller Spiegel, wenn sie mich fragen. Und in dem Spiegel... hm... das könnten Flammen sein, oder was meinen Sie?
"Schon möglich! Ja, ich denke, dass das ein Feuer darstellen soll." Sagte Scully und betrachtete das Bild genauer.
Dann wandte sie sich wieder dem Inhalt der Kiste zu.
Plötzlich hielt sie eine Kassette hoch. "Das müssen die Aufzeichnungen von dem Gespräch mit dem kleinen Jonathan sein!"
"Mulder, Sie haben doch einen Rekorder hier, oder nicht?"
"Ja, geben Sie her!" sagte er und ging in zu seinem Nachtschrank, auf dem ein uralter Kassettenrecorder stand.

Plötzlich knackte es und die Agenten lauschten gespannt den Stimmen, die aus den Lautsprechern kamen.

"Hallo Jonathan! Ich bin Dr. Colvin. Ich würde dir gerne ein paar Fragen stellen. Möchtest du mir helfen?"
"Ja!"
"Du weißt ja, dass 5 deiner Freunde verschwunden sind. Weißt du, wo sie sind?"
"Ja!"
"Würdest du mir verraten, wo sie sind?"
"Sie sind bei Diabolo!"
"Bei wem?"
"Bei Diabolo! Er hat uns geholt! In die Unterwelt!"
"Und wo ist das genau?"
"Das weiß ich nicht! Wir sind durch einen Spiegel gegangen und dann waren wir plötzlich da."
"Hat dir dieser Diabolo wehgetan?"
"Nein!"
"Hat er den anderen wehgetan?"
--------
"Wie bist du entkommen?"
"Ich bin durch eine Licht zurückgegangen. Die anderen konnten sich nicht mehr bewegen."
>schluchz<
"Und was ist dann geschehen?"
"Das weiß ich nicht mehr!"
"Miss Parker hat mir gesagt, dass du bewusstlos warst, als du gefunden wurdest! Hast du dich irgendwo gestoßen?"
"Nein!"
"Warum konntest du dich bewegen und die anderen nicht?"
"Ich weiß es nicht... vielleicht hat mir Gott geholfen. Ich habe ihn gebeten, dass er mir hilft. Dann war da auch plötzlich ein Licht, dem ich gefolgt bin... und dann bin ich zu dem großen Licht gelangt."
"Jonathan, glaubst du, dass Gott dich vor dem Teufel gerettet hat?"
"Ja!"
"Und was wirst du jetzt tun?"
"Ich weiß nicht... Ich glaube ich möchte Pfarrer werden."
"Möchtest du den Glauben unter die Menschen bringen, damit er anderen Kindern hilft, wenn ihnen vielleicht das gleiche geschieht?"
"Ja, Sir!".
"Ich danke dir, Jonathan!"



Mulder bemerkte, dass Scully unbewusst ihre Hand auf ihr goldenes Kreuz gelegt hatte. Er musste lächeln, während er aufstand, um den Kassettenrekorder auszuschalten.

"Mulder?"
"Ja?"
"Was wollen wir jetzt tun?"
"Tja, ich denke, wir sollten zu dem einzigen Kind gehen, dass bisher wiedergekehrt ist und ihm mal gehörig auf die Füße treten!"
"Ich bin ganz Ihrer Meinung!"

Damit standen sie auf und verließen das Motel.


15 Uhr Kirche des Waisenhauses

In der Kirche schallte das Hämmern von Scullys Faust an der großen Tür. Man hörte eine Stimme von innen rufen: " Einen Moment! Ich komme doch schon!"
Dann öffnete der Reverend die Tür.
"Agent Scully, Agent Mulder....aber was machen Sie denn hier?", fragte der Gläubige überrascht. Scully schob sich an ihm vorbei, geradewegs in die Kirche. Mulder folgte.
"Mister Grant! Sie haben uns nicht alles erzählt, was sie wissen!", sagte Scully gereizt.
"Agent Scully, wovon reden sie? Ich habe doch alles gesagt, was ich weiß, und das, was die Kinder mir sagen, kann und darf ich ihnen nicht sagen."
Jetzt schaltete sich auch Mulder ein: "Reverend, es verschwinden Kinder aus diesem Heim! Und das alle sechs Jahre! Und Sie wissen, wohin, und wie wir sie retten können!"
"Aber was reden Sie denn da Agent Mulder?"
"Mister Grant, wir wissen alles, Sie waren auch verschwunden als kleines Kind, aber Sie sind wieder aufgetaucht. Wieso? Und wo sind diese Kinder?", Scullys Stimme war voller Zorn. Wie konnte dieser Mann zulassen, dass Kinder verschwanden, obwohl er genau wusste, wo sie sind?
Der Pfarrer ließ sich auf eine der Bänke fallen.
"Ja, ich gebe zu, ich war auch einmal verschwunden. Und ich bin wieder aufgetaucht. Und ich weiß auch, wo die Kinder sind. Ja. Aber was soll ich denn machen?"
"Sie könnten uns helfen!", beantwortete Scully seine Frage etwas weniger gereizt.
Der Pfarrer sackte in sich zusammen.
"Aber man kann ihnen nicht helfen! Es ist zu gefährlich! Und es gibt kein Zurück!"
"Mister Grant...wenn es kein Zurück gibt, wie sind Sie dann zurück gekommen?", gab Mulder zu bedenken.
"Ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß es nicht....", den Pfarrer schien das nervlich sehr anzugreifen.
"Sie sagten Gott hätte Ihnen geholfen.", bemerkte Scully.
"Ja, ich glaube, dass es Gott war. Da war ein helles Licht, auf das bin ich zu gelaufen. So habe ich es geschafft. Aber es ist schon so lange her. Ich habe die Geschichte immer verdrängt. Es war so schlimm! Es war gleich mit der Hölle. Agent Mulder, können Sie sich vorstellen in das Gesicht des Leibhaftigen zu gucken? Und rund herum nur Leid, Dunkelheit und Feuer. Oder sie, Scully?"
Scully schüttelte den Kopf. Doch Mulder dachte nach. Es kam ihm ins Gedächtnis zurück. Einmal haben in schwarz gekleidete Männer gesagt, Diabolo wisse jetzt, wie er aussieht. Er hätte Blut geleckt. Doch das wollte er nie wahrhaben. Doch jetzt musste er sich wieder damit befassen.
"Doch, Reverend. Das kann ich gut."
"Mister Mulder, ich glaube nicht, dass Sie wissen, wovon ich rede. Machen Sie sich über mich lustig?"
"Nein, das war nicht meine Absicht. Aber was können wir für diese Kinder tun? Es kann doch nicht so weiter gehen. In sechs Jahren verschwinden dann wieder Kinder. Wir müssen dem ein Ende bereiten. Und das können wir nur mit Ihrer Hilfe. Reverend, wollen Sie denn zulassen, dass den Kindern das selbe widerfährt, wie Ihnen?"
"Nein, Agent Mulder. Aber ich kann Ihnen wirklich nicht weiterhelfen. Ich habe als kleines Kind versucht alles zu verdrängen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich herausgekommen bin. Es tut mir Leid!" Der Pfarrer war am Ende. Er konnte nicht mehr.
"Mulder, es ist wohl besser, wenn wir ihn in Ruhe lassen. Das bringt nichts. Wir müssen mit ihm einen anderen Tag reden. Ich glaube nicht, dass er jetzt dazu in der Lage ist.", meinte Scully.
"Scully, wir haben aber doch keine Zeit. Wir können es nicht zulassen, dass noch ein anderes Kind verschwindet. Er muss uns wenigstens sagen, was die Unterwelt ist."
"Mulder...."
"Ist schon gut, Agent Scully. Das ist das Mindeste, was ich für Sie tun kann. Die Unterwelt kann man durch einen Spiegel erreichen, der von Diabolo selbst entworfen wurde. Es gibt sechs auf der ganzen Welt verteilt. Ich glaube, zwei wurden schon zerstört. Aber das ist schwer. Das kann nicht jeder. Nur wahre Gläubige können ihn zerstören.
Die Unterwelt selbst ist das Reich des Leibhaftigen. Es gibt kein e
Entrinnen. Alle sechs Jahre holt sich Diabolo sechs Kinder. Er stellt Grausames mit ihnen an. So Grausames, dass Sie es sich nicht vorstellen können! Mehr weiß ich nicht. Es tut mir leid."
"Danke, Reverend.", sagte Scully.
Dann gingen sie zurück zum Auto.
"Scully, glauben Sie, dass das die richtige Entscheidung war?"
"Nein, das glaube ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass er uns nicht weiterhelfen konnte. Er war wirklich total fertig."
"Ja, aber so haben wir unsere Chance verpasst, den Kindern zu helfen."
"Und vielleicht meldet er sich ja noch bei uns. Ich glaube, er braucht Zeit."
"Ja, Scully, Zeit, die wir nicht haben. Und die Kinder auch nicht."
Mit diesen Worten stiegen sie ins Auto, und fuhren zurück ins Motel.


18. Juni 4.15 Uhr Motel in Alexandria

Mulder steht vor dem Bett eines kleinen Jungen. Viele in Schwarz gekleidete Männer stehen rund herum. Einige halten den kleinen Jungen fest. An beiden Armen. Und am Kopf. Auch Mulder hält den sich entwinden wollenden Jungen an den Beinen fest. Er kann direkt in das völlig verzehrte Gesicht sehen. Ein anderer, älterer Mann, singt einen monotonen Singsang. Auf einer Mulder völlig fremden Sprache. Er ist nicht Imstande auch nur ein Wort zu verstehen. Er kann nur auf den sich windenden kleinen Jungen blicken, der festgehalten wird. Das Kind hat keine Chance, sich zu befreien. Dennoch ist sich Mulder sicher, dass das, was der alte Mann tat, richtig ist. Der Junge wälzt sich hin und her. Plötzlich spricht er etwas, was man nicht verstehen kann. Es ist auch nicht die Stimme des Jungen, die jetzt den Raum erfüllt. Es ist die Stimme von jemandem, oder etwas fremden. Etwas bösem.
Auf einmal dreht er den Kopf in Mulders Richtung. Er scheint ihn mit seinem Blick aufzuspießen. In seinem Blick ist etwas böses, furchteinflößendes, das Mulder eine Gänsehaut bereitete.
Ein seltsames Gefühl fängt an, sich in ihm auszubreiten und ihn zu durchströmen. Es ist nicht vertraut. Es fühlt sich fremd an, und er hat das Gefühl, dass kaum ein Mensch auf der Welt das spürt, was er spürt. Furcht breitet sich in ihm aus. Der alte Mann malt mit einer Feder, die in Hühnerblut getaucht wurde ein Hakenkreuz mit vier Punkten auf die Brust des Jungen, oder dem, was ihn in Besitz nahm. Der Junge schreit fürchterlich und etwas veranlasst Mulder weiter in das verzerrte Gesicht des Jungen zu gucken. Doch der Alte befiehlt ihm immer und immer wieder sein Gesicht weg zudrehen. Er durfte Mulder nicht sehen. Er durfte sein Gesicht nie wieder erkennen. Er durfte kein Blut lecken.
Diabolo durfte kein Blut lecken.


Schweißgetränkt erwachte Mulder aus dem Alptraum. Sein Puls raste, und sein Atem ging schnell.
Dann....ein Geräusch!
Leichte Panik überfiel den jungen Agenten. Schnell griff er zu seiner Dienstwaffe, er schlug seine Bettdecke auf, und rannte zur Tür
"Halt! Stehen bleiben! FBI!", hörte er Scullys Stimme in der Dunkelheit.
Er öffnete die Tür und sah Scully den Flur entlang eilen.
"Mulder, helfen Sie mir.", schrie diese ihrem noch ahnungslosen Partner zu. Mulder folgte Scully und eilte die Treppe hinunter, dicht hinter ihr und dem Unbekannten. Dann auf einmal zog dieser einen Servierwagen aus einer Ecke, und schleuderte ihn den beiden Agenten entgegen.
Sie wurde dadurch gestoppt, und Scully fing an zu fluchen.
Als Mulder den Wagen aus dem Weg geschafft hatte, setzte er der vermummten Gestalt hinterher. Doch vergebens. Er fand ihn nicht mehr. In der Dunkelheit hatte er ihn aus den Augen verloren.
"Scully? Was war denn los? Warum rennen Sie dem Typen hinterher?"
"Mulder, er war in meinem Zimmer."
"In Ihrem Zimmer? Aber warum?"
"Ich bin sofort hinterher. Ich weiß es nicht. Und jetzt ist er weg. Vermutlich ein Stockwerk tiefer."
Sie zeigte auf einen Transportlift in der Ecke, den Mulder im Dunkeln nicht sehen konnte.
"Konnten Sie ihn erkennen?"
"Nein, es war zu dunkel. Aber wir können ja mal nachsehen, was er oder sie in meinem Zimmer gesucht hatte."

Die beiden gingen wieder zurück, und beruhigten erst einmal die anderen Gäste, die von dem Geschrei wach geworden sind, und jetzt neugierig auf dem Flur standen.
In Scullys Zimmer angekommen, stellten sie fest, dass nichts angerührt war. Es wurde nichts durchsucht. Aber was wollte dieser Fremde? Warum kam er nachts in das Zimmer der Agentin?
"Scully...kommen Sie mal bitte her. Ist das von Ihnen?"
Er hielt seiner Partnerin ein zerrissenes Blatt Papier entgegen.
"Nein, Mulder. Das ist nicht meines."
"Dann wissen wir wenigstens, was er oder sie hier zu suchen hatte."


4:36 Uhr Motel

"Mulder, was denken Sie? Was hat das zu bedeuten?" fragte Scully und starrte verwirrt auf die Zeichen, die auf das Blatt gemalt wurden.
"III-IV-XXXIII , ... also ich würde sagen, dass es wie ein Datum aussieht. Finden Sie nicht, dass das römische Zahlen sein sollen?"
"Schon möglich! Warten Sie mal... 03.04.33... Das ist, soviel ich weiß, der Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde! Aber worauf soll das hindeuten?"
"Keine Ahnung! Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Reverend dahinter steckt!" bemerkte Mulder.
"Das Gefühl habe ich auch, aber worauf soll das ein Hinweis sein?"
"Wie gesagt: Ich weiß es wirklich nicht..." musste Mulder zugeben.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch, das aus Mulders Zimmer kam.
"Oh, einen Moment bitte! Ich gehe nur schnell ans Telefon!"
Damit verschwand er in seinem Zimmer.

"Was? Nicht schon wieder! Verdammt..."
Scully zog eine Augenbraue nach oben und betrachtete Mulder, der mit seinem Handy zerstreut durch sein Zimmer lief. Sie konnte sich keinen Reim auf die Worte machen, die ihr Partner gerade gesagt hatte, aber ihr war klar, dass es sich um nichts Gutes handeln konnte.
Es klang fast so als ob...
"Scully, es ist schon wieder ein Kind verschwunden!" unterbrach Mulder ihre Gedanken. "Damit sind die sechs voll!"
"Jetzt reicht es mir! Wir holen jetzt diesen Pfarrer aus dem Bett!!!" schimpfte Scully. "Er soll jetzt endlich ausspucken, was er zu sagen hat! Und diesmal werde ich nicht mehr gnädig zu ihm sein!!!!!"
"Ich bin ganz Ihrer Meinung!"
Damit verließ Scully Mulders Zimmer und zog sich an.

5:34 Uhr, Waisenhaus Alexandria

"Miss Brody! Guten Morgen! Wo ist der Reverend? Er ist nirgends zu finden. Wir waren in seiner Wohnung, aber da ist niemand."
"Guten Morgen, Agents!" murmelte die Heimleiterin schlaftrunken und zog ihren Morgenmantel fester zu. "Ich habe keine Ahnung. Er ist nicht zuhause? Um diese Uhrzeit? Das ist ja sehr eigenartig..."
"Allerdings!" stimmte Mulder zu. "Und Sie haben keine Idee, wo er sein könnte?"
"Nein, waren Sie in der Kirche?"
"Natürlich!" bestätigte Scully.
"Dann kann ich Ihnen auch nicht weiter helfen! Ich habe ihn nicht gesehen! Tut mir leid."
"Ist schon in Ordnung. Kann man nichts machen...!" murmelte Mulder resignierend.
"Auf Wiedersehen, Miss Brody!" sagte Scully und ging zurück zum Wagen.
Mulder folgte ihr, blieb aber nach ein paar Schritten stehen.
"Was ist los?" fragte seine Partnerin verwundert und blickte ihn an.
"Ich weiß nicht... ich habe irgendwie das Gefühl, dass wir es noch einmal in der Kirche versuchen sollten."
"Naja, einen Versuch ist es wert. Wir stehen ohnehin im Dunkeln." stimmte Scully zu.

Nachdem Mulder auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, zog er den Zettel mit dem Datum aus der Hosentasche. Er blickte ihn lange an und irgendwie hatte Scully eine Ahnung, dass er etwas ausbrütete.

5:56 Uhr, Kirche des Waisenhauses

Scully zog die schwere Tür auf, die nach wie vor nicht abgeschlossen war. Mit langsamen Schritten ging sie in das Innere des Gebäudes. Mulder folgte ihr leise.
Ein paar Kerzen, die auf dem Altar standen brannten und gaben der Kirche gemeinsam mit der aufgehenden Sonne, die durch die bunten Fenster schien einen sanften Schimmer. Ansonsten war es stockdunkel.
Langsam schritt Scully an den riesigen Gemälden vorbei, die den Leidensweg Christi zeigten.
Bei dem Bild, auf dem die Kreuzigung dargestellt war blieb sie stehen und betrachtete es lange.
Mulder blieb ebenfalls stehen und noch bevor Scully wusste wie ihr geschah, begann er, die Wand um das Bild herum abzutasten.
"Mulder, was tun Sie da?"
"Wenn ich das wüsste...!" grinste er sie an, setzte seine Erkundungen jedoch augenblicklich fort.
Plötzlich holte er erneut den Zettel aus der Tasche und begann zu grübeln. Scully betrachtete ihn wieder einmal skeptisch, schwor sich aber, nicht in seine Gedanken einzugreifen. Er hatte oftmals sehr verquere Gedankengänge, aber sie haben die Agenten schon oft zum Ziel geführt.
Mit einem Mal ging er zielstrebig auf ein anderes Bild zu. Es war das dreizehnte Bild, die Szene, in der Maria ihren toten Sohn auf dem Schoß liegen hat.
Wieder begann Mulder die Wand zu untersuchen, fand aber auch hier nichts.
"Verdammt!" rief er und schlug mit der Faust gegen die Wand.
"Mulder, was ist denn los?" fragte Scully, die das nicht mehr mit ansehen konnte. "Haben Sie eine Idee?"
"Ach, ich weiß auch nicht,... es war nur eine Vermutung..."
"Raus damit! Lassen Sie mich zur Abwechslung an Ihren Gedankenspielen teilhaben!"
"Ich habe mir nur gedacht, dass es hier vielleicht einen versteckten Raum gibt und dass die Zahlen auf dem Zettel ein Hinweis sind. Ich habe einfach 3+4+3+3 gerechnet..."
"Das macht 13... und darum dachten Sie, dass sich vielleicht hinter dem 13. Bild eine Tür verbirgt?" fragte sie verblüfft nach. Das waren wieder typische Mulder-Ideen.
"Hey, warten Sie, Scully! Ich habe noch eine Idee..." sagte er, sprach jedoch nicht weiter, sondern begann, sich in der Kirche intensiver umzusehen.
Scully lief ihm verwirrt hinterher und wäre beinah gegen ihn gelaufen, als er plötzlich stehen blieb.
Sie befanden sich vor einer Skulptur der Heiligen Maria.
"Mulder, was soll das?" Scully guckte ihren Partner wieder mal Ahnungslos an. Doch dann funkelten ihre Augen.
"Ich weiß, was Sie gerade denken...und ich glaube, es ist nicht so weit hergeholt. Sie könnten Recht haben. Und am einfachsten erfährt man es, indem man es ausprobiert."
Scully betrachtete die Statue interessiert von allen Seiten. Dann fielen ihr die gefalteten Hände auf.
"Was wäre wenn Maria für die Seelen betet? Für die Seelen der Kinder? Sie versucht sie zu beschützen. Sie haben Recht, es gibt einen Gang. Wir müssen nur versuchen die Statue weg zu bewegen."
"Hey, Moment mal! Ich bin doch der, der die Mutmaßungen anstellt. Haben Sie sich bei mir angesteckt?"
"Mulder, eine andere Denkweise ist nicht ansteckend. Und ich habe halt eher als Sie begriffen, das es die Hände der Maria sind, und nicht die Statue."
Scully nahm die Hände der Maria in die ihren, und zog sie zu sich.
Eine Tür öffnete sich. Das war zu hören. Stein kratze deutlich auf Stein. Nur sehen konnten sie sie nicht, da die Statue an einem Pfeiler stand, und somit die Sicht versperrte. Dann blickte sie sich um. Ihr Blick fiel auf das Taufbecken, hinter dem Pfeiler.
"Es ist das Taufbecken, Mulder!"
Der Junge Agent schlich zu dem Becken, und seine Partnerin folgte ihm.
"Das Zeichen der Reinheit."
"Ja...das Zeichen der Reinheit. Aber was hat das mit Satan zu tun?", frage Scully.
Mulder zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es nicht, aber ich glaube, wir werden es herausfinden."
Er nahm seine Taschenlampe, und knipste sie an. Dann leuchtete er in den Gang, der freigelegt wurde. Der Kegel der Lampe ließ eine Treppe sichtbar werden. Sie war steil, und ging tief hinunter.
Scully setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Der Schritt hallte, und ließ sie ein wenig zusammenfahren.
"Ich glaube, es ist besser, wenn Sie die ausziehen, oder? Wer weiß, wer ... oder was auf uns da unten wartet."
"Ich glaube, Sie haben Recht."
Schnell zog sie ihre Schuhe aus. Dann gingen sie mit gezogenen Waffen die Treppe hinunter. Nach der Treppe folgte ein dunkler Gang, der nur von Fackeln erhellt wurde. Sie spendeten genug Licht, sodass die Agenten ihre Lampen ausschalteten. Es war ziemlich kühl, und die Luft war abgestanden.
"Also, der Tunnel hier wird wohl nicht so oft benutzt, schätze ich mal", flüsterte Mulder.
Dann hörte der Gang auf, und mündete in einen großen Saal, der ebenfalls von Fackeln erleuchtet wurde. Er glich einer alten Ritterfestung. Aber die bunten Wappen fehlten. Er war kahl. Nichts drin. Außer einem großen Spiegel, der reich verziert war, und einem Steintisch, der wohl einen Altar darstellen sollte. Die Agenten betraten vorsichtig den Raum. In der hintersten Ecke war eine schmale Nische. Mulder leuchtete hinein, hinein ins Dunkle. Dann aber starrte er in ein Gesicht eines Kindes. Er kannte das Gesicht. Es war der Junge, dem Mulder das Buch abgenommen hatte.
"Junge, was machst du da drin?", erkundigte sich Scully, die den Jungen jetzt auch erblickt hatte.
"Ich wollte ihn verstecken!"
Eine in Schwarz gehüllte Person schob den Jungen aus der Nische. Dann betrat auch sie den in Licht getauchten Saal.
"Aber....Reverend...."
Scully fehlten die Worte. Was wollte er von dem Jungen? Schnell richtete sie die Waffe auf den Pastor. Ihr Partner hatte sich eher gefasst.
"Lassen sie den Jungen los!"
Der Reverend schob den Jungen zu den beiden Agenten herüber.
"Ich wollte ihm doch nichts tun. Ich wollte ihm doch nur helfen! Er ist der letzte. Es sind fünf Kinder verschwunden, und Scout ist der nächste, wenn man ihm nicht hilft!"
"Aber das stimmt doch nicht. Es sind sechs Kinde verschwunden!", platze es Scully raus.
"Ja, natürlich sind es 6! Wenn man Scout mitrechnet!" sagte der Pfarrer bestimmend. "Und er wird auch Nummer sechs werden, wenn wir nichts tun. Es sind fünf Kinder verschwunden, und Scout muss beschützt werden. Es hängt vieles davon ab. Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Wir müssen ihn beschützen, und die anderen wieder holen. Sie müssen zurück kommen, so lange es noch geht. Und dann...."
"Und dann müssen wir den Spiegel zerstören!", führte Mulder den Satz zuende.
Der Reverend nickte.
"Und....wie machen wir das?"
Scully guckte ein wenig unschlüssig.
Jetzt meldete sich mal Scout zu Wort.
"Durch den Spiegel. Er ist das Portal. Wir müssen durch ihn hinein."
"Nein, Scout. Du nicht. Einer von uns geht."
Der Pfarrer guckte ernst.
"Ich werde gehen!", stelle Mulder mit fester Stimme fest.


6:32 Uhr

"Mulder! Das können Sie nicht tun!"
"Warum nicht, Scully?"
"Weil,... weil ich nicht will, dass Sie dort hin gehen! Er hat Blut geleckt! Haben Sie das schon vergessen?" fragte sie ernst.
"Wen meinen Sie?" mischte sich der Pfarrer interessiert ein.
"Diabolo, oder der Teufel, nennen Sie ihn, wie Sie wollen...Wir hatten einmal einen Fall, wo ich bei einer Teufelsaustreibung anwesend sein musste. Und da hat Diabolo angeblich Blut geleckt." Erklärte Mulder beiläufig. "Es ist nur halb so schlimm. Er wird mich nicht gleich töten!"
"Aber irgendeiner muss gehen!" sagte der Pfarrer nur und den Agenten war es klar, dass er um keinen Preis noch einmal dort hingehen wollte.
"Dann gehe ich!" sagte Scully überzeugt.
"Das werde ich nicht zulassen!" sagte Mulder sanft und blickte sie eindringlich an. "Ich werde nicht zusehen, wie Sie sich mit dem Teufel anlegen!"
"Denken Sie etwa, dass ich sehen möchte, wie Sie es tun?" fragte sie leise.
"Dann gehe ich eben!" mischte sich Scout mit einem erneuten Versuch in das Gespräch ein.
"Auf keinen Fall!!!" riefen die drei Erwachsenen einstimmig und der kleine Junge musste einsehen, dass er keine Chance hatte.
"Ich werde gehen! Und dabei bleibt es!" sagte Mulder bestimmt.
"Aber..."
"Kein Aber, Scully! Es wird mir nichts geschehen! Haben Sie etwa Angst um mich?" fragte er und lächelte sie an.
"Warum sollte ich Angst um Sie haben, Mulder?" antwortete Scully und versuchte krampfhaft ihn nicht ansehen zu müssen. "Sie sind doch der große starke Agent, der allein gegen den Rest der Welt kämpfen kann!"
Plötzlich packte er sie am Arm und zog sie zu sich. "Sehen Sie mich an, Scully!" sagte er, während er ihr Kinn umklammerte und sie zwang, in sein Gesicht zu blicken.
"Sie wissen, dass ich nicht so stark bin! Ich habe es oft genug bewiesen. Aber ich bin bereit über mich hinaus zu wachsen!"
"Mulder...!"
"Scully, mir wird nichts geschehen! Ich verspreche es Ihnen! Ich werde da hin gehen, die Kinder holen und unversehrt wieder kommen!"
"Und wenn Ihnen doch etwas geschieht?" fragte sie leise.
"... dann sterbe ich in der Gewissheit, dass ich Sie nicht unnötig in Gefahr gebracht habe!"
Bei diesen Worten drehte sich Scully um und blickte zu Boden. Sie stand jetzt völlig im Dunkeln und der Raum füllte sich mit Schweigen. Nur ein leises Schluchzen war zu vernehmen und plötzlich spürte Mulder eine Hand auf seiner Schulter.
Als er sich umdrehte, stand der Reverend neben ihm und nickte ihm zu.
Daraufhin ging Mulder ein paar Schritte in Scullys Richtung, bis er neben ihr stand.
Sie blickte ihn flüchtig an, wobei er ein Glitzern in ihren Augen erkennen konnte.
"Es tut mir leid, Scully! Ich wollte Sie nicht zum Weinen bringen!" sagte er leise.
"Wie kommen Sie denn darauf, dass ich weine?" fragte sie und wischte sich dabei über die Augen. "Nun gehen Sie schon! Tun Sie Ihre Pflicht!" sagte sie bestimmt und lächelte ihn an.
"Na endlich ist das geklärt!" maulte Scout in der anderen Ecke des Saales und begann zu grinsen, als der Pfarrer ihm einen mahnenden Blick zuwarf.
"Agent Scully! Ich möchte Sie bitten, auf Scout aufzupassen. Wie gesagt, er ist der Sechste und ich will nicht, dass er auch noch mitgenommen wird." sagte Reverend Grant.
"Natürlich! Ich werde auf ihn Acht geben." Willigte sie ein.
"Also dann, Agent Mulder! Ich werde Ihnen erklären, wie man dorthin gelangt." Sprach der Reverend und führte Mulder in ein Zimmer, das sich direkt an den Raum anschloss. Scully folgte den beiden mit Scout im Schlepptau. Sie wollte dabei sein. Sie wollte sich von ihm verabschieden, auch wenn sie hoffte, dass es nur ein "Auf Wiedersehen" blieb.

"Es ist so gesehen relativ einfach...!" meinte Grant. "Das einzige, was Sie tun müssen, ist, eine Formel zu sprechen und dabei ihre linke Hand auf den Spiegel zu legen."
Der Spiegel war ein riesiges, antiquares Objekt, das schon an einigen Stellen blind war. Er stand in der hintersten Ecke des Raumes und wirkte aufgrund der Dunkelheit ziemlich bedrohlich. Scully glaubte in ihm den Spiegel auf dem Bild wiederzuerkennen, das Jonathan damals gemalt hatte.
"Um was für eine Formel handelt es sich dabei?" fragte Mulder.
"Sie müssen nur das Vater-Unser rückwärts sprechen!" antwortete der Pfarrer.
"DAS kann ich ja noch nicht einmal vorwärts!" stellte der junge Agent erschreckt fest.
"Sie sollten sich schämen!"
"Da hören Sie es Mulder! Sie sollten sich schämen!" grinste Scully breit.
"Können Sie es mir nicht einfach aufschreiben???" fragte Mulder gereizt. Er war nicht in der Lage jetzt Witze zu reißen. Er wusste, dass das Leben von fünf Kindern von ihm abhing und er wollte nicht noch mehr Zeit verlieren.
"Ja, natürlich!" meinte Scully gefasst und rief sich die Ernsthaftigkeit der Situation schnell wieder ins Gedächtnis zurück.
Nach wenigen Minuten reichte Scully ihm einen Zettel mit dem Vaterunser und der Reverend erklärte ihm die weiteren Details.
"Können wir jetzt endlich beginnen?" fragte Mulder ungeduldig.
"Nein, noch nicht!" platzte Scully plötzlich heraus. "Wollen Sie etwa gehen, ohne sich von mir zu verabschieden?"
"Ich komme doch wieder!" meinte Mulder nur, sah aber schon im nächsten Moment den gequälten Ausdruck in Scullys Gesicht.
Er ging auf sie zu und noch ehe sie etwas sagen konnte, schloss er sie in seine Arme. Leise murmelte er ein paar Worte in ihr Haar, bevor er ihr einen sanften Kuss auf die Stirn gab.
"Ich lasse Sie nicht allein! Das wissen Sie doch!" sagte er zaghaft und blickte sie mit seinen Hundeaugen an.
"Ja, das weiß ich...!" flüsterte sie zurück. Dann löste sie sich aus seiner Umarmung und nahm ihre goldene Kette mit dem Kreuz ab. Sie drückte sie Mulder in die Hand und umschloss seine Hände mit den ihren. "Ich werde für Sie beten! Solange, bis Sie wieder zurück sind!"
Sie wusste, dass ihr bald die schlimmsten Stunden ihres bisherigen Lebens bevorstanden. Es waren Stunden der Hoffnung und des Schmerzes zugleich. Stunden der Einsamkeit, in denen sie vor diesem Spiegel sitzen würde mit einem kleinen Jungen neben sich, während sie verzweifelt darauf warten würde, ihn wieder in die Arme schließen zu können.
Als ihr diese Gedanken bewusst wurden, schmiegte sie sich noch einmal an ihn und er ließ sie gewähren.
Es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder von ihm löste und ihm noch einmal in die Augen blickte. Dann sagte sie: "Sie müssen jetzt gehen! Bis bald, Mulder! Passen Sie auf sich auf!"
"Das werde ich, Scully! Das verspreche ich Ihnen!"

Dann wandte er sich dem Spiegel zu und begann die Formel zu sprechen. Je näher er dem Ende kam, um so mehr schnürte es Scully die Kehle zu. Am liebsten wäre sie jetzt auf ihn zu gelaufen und hätte ihn von diesem verdammten Spiegel weggezerrt, aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte.
Plötzlich erstrahlte der Raum in einem grellen Licht, das sich vom Spiegel ausgehend immer mehr verbreitete. Die Agentin war gezwungen die Augen zu schließen und als sie sie wieder öffnete, war alles still. Es war wieder dunkel in dem kleinen Raum und die Stelle vor dem Spiegel war leer. Mulder war verschwunden.

Ein grelles Licht ließ Mulder seine Augen schließen. Als er sie dann wieder zaghaft öffnete, stellte er fest, dass er nicht mehr da war, wo er noch vor ein paar Sekunden war.
Es war ihm alles völlig fremd. Nichts war so, wie er es kannte.
Der Himmel, wenn man ihn als solchen bezeichnen konnte, war schwarz und bedrohlich wie die Nacht. Aber dieser war nicht von blinkenden Sternen erleuchtet, wie es normal der Fall war. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Als Mulder seinen Blick nach unten richtete, musste er feststellen, dass er bis zu den Knien von dichtem Nebel eingehüllt war. So sehr er sich auch anstrengte durch den Nebel zu sehen, sodass er wusste, wo er hin trat- es war aussichtslos. Allein durch tastende Bewegungen bemerkte Mulder, dass der Boden nicht fest, sondern matschig, modrig war. Überhaupt war die Landschaft moorähnlich. Baumstümpfe ragten aus dem Boden. Es waren alte Bäume. Abgestorbene Bäume. Aber keine Bäume, die Mulder jemals gesehen hatte. Das ganze hatte irgend etwas Beängstigendes. Langsam schlich er durch den Nebel, der ihm die Sicht versperrte. Hindurch durch die abgestorbenen Bäume. Er musste sich den Weg durch die Ranken kämpfen, die von den Bäumen baumelten, und nach ihm zu greifen schienen. Er musste sich richtig konzentrieren, damit er nirgends hinein fiel, oder sich in den Ranken verhedderte. Ab und an musste er sich an den Bäumen abstützen, wenn er nach festem Halt suchte. Die Bäume waren von glitschigem Moos bedeckt, das einen üblen Geruch verbreitete. Ständig hatte er das Gefühl, ihm würde jemand hinterher schleichen, und ihn beobachten. Seine Blicke huschten von der einen Richtung in die andere. Dennoch sah er nichts und niemanden. Der Wald von abgestorbenen Bäumen wurde immer dichter, und ließ ein ungutes Gefühl in seiner Magengegend entstehen. Überall knackte, und raschelte es. Langsam glitt Mulders Hand in seine Manteltasche, wo sich Scullys Kreuz befand. Als er es mit seiner Hand umschloß zuckte ein heller Blitz durch die schwarze Nacht. Für einen kurzen Moment lag der Wald in ein finsteres Licht getaucht vor Mulder. In diesem Moment konnte er schwarze Vögel mir glutroten Augen in den Wipfeln erkennen.


Im selben Moment in dem Kirchengemäuer.
Wieder wurde der Raum von einem hellen Licht erleuchtet. Als die drei dann die Augen wieder öffnen konnten, stellten sie fest, dass der Spiegel graugrün aufleuchtete. Dann wurde langsam verschwommen ein Bild sichtbar.
Scullys Unterkiefer klappte nach unten. Ihre Augen weiteten sich.
In dem Spiegel konnte sie gut eine bekannte Person ausmachen. Sie kannte die Gestalt, die durch den dichten Nebel stapfte. Es war ihr Partner, der erschrocken in die Baumkrone blickte. Und irgend etwas starrte zurück. Sie konnte zwar nicht genau ausmachen, was es war, aber eins wusste sie: Es konnte nichts Gutes sein. Nicht da, wo ihr Partner jetzt war.


Mulder ließ das Kreuz umschlossen. Er hatte das Gefühl, dass er somit näher bei Scully war. Das gab ihm ein wenig Trost, und Hoffnung, an diesem Ort, wovon die meisten Leute nicht wissen, dass es ihn gibt. Sein ungutes Gefühl lockerte sich ein wenig. Aber er hatte dennoch Angst. Diese Vögel auf dem Bäumen schienen ihn zu beobachten.
Er versuchte einfach sie zu ignorieren. Aber es war schwer. Ihre Blicke schienen ihn aufspießen zu wollen. Mulder wollte nicht länger an diesem Ort bleiben. Er wollte nur diese Kinder retten, und dann nichts wie weg von diesem Ort. Darum ging er jetzt ein wenig schneller. Der Nebel schien immer dicker zu werden, je tiefer er in den Wald ging. Dann konnte er nichts mehr sehen. Er strengte sich an, doch es brachte nichts. Fuß für Fuß tastete er sich weiter, bis er auf einmal ins Nichts trat.
Er fiel und fiel. Sein Schrei durchbrach die Stille. Doch niemand konnte ihn hören. Er fiel immer tiefer, und rechnete jeden Moment mit einem todbringenden Aufprall auf hartem Boden. Das war das Ende. Er biß die Zähne zusammen. Sein Herz dröhnte ihm in den Ohren.
Mulder stürzte. Weiter in die Tiefe. Dann kam es ihm vor, als wenn er ein Licht in dem Abgrund sah. Es wurde immer heller und strahlender. Das ist der Tod.



Scully hielt das für einen schlechten Traum. Sie sah ihren Partner in den Tod stürzen, und wusste genau, dass sie nichts für ihn machen konnte. Dieser Anblick ließ ihren Atem still stehen. Wie versteinert saß sie auf den Steinplatten, und hielt sich ihre Hand vor Schreck vor dem Mund. Der Fall schien kein Ende zu nehmen. Er fiel jetzt bestimmt schon eine Minute ins Ungewisse. Scully wusste genau, dass niemand einen Sturz aus dieser Höhe überleben konnte. Dieser Gedanke hinterließ einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Sie wollte weg sehen. Konnte es sich einfach nicht ansehen, wie ihr Partner auf den Boden aufschlagen würde, und sich das Genick brechen würde. Doch irgend etwas hinderte sie daran weg zu schauen. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Spiegel lösen. Der Abgrund wurde langsam ein wenig heller. Und dann konnte man den Boden erkennen. Es dauerte nun nicht mehr lange, bis der tödliche Aufprall kam. Noch dreihundert Meter. Zweihundert Meter, hundert Meter, fünfzig....zehn......
Mulders Mund öffnete sich noch einmal zu einem letzten Schrei, ehe er hart auf dem Boden aufschlug.
"Oh, mein Gott!", Scully drehte ihren Kopf weg. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte es nicht glauben....er war tot. Er hatte ihr versprochen wieder zu kommen. Doch nun lag er da. Eine Träne kullerte über ihr Gesicht, und sie schluchzte. Scully verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.




Der Aufprall hatte ihm allen Sauerstoff aus den Lungen gequetscht. Er bekam keine Luft mehr. Mulder hatte das Gefühl, dass sein ganzer Körper in Stücke gerissen wurde. Es gab kein Teil an seinem Körper, der nicht schmerzte. Es tat grauenvoll weh. Der Schmerz raubte ihm sein Bewusstsein für wenige Sekunden.
Dann kam er stöhnend zu sich. Was war passiert? Er wusste es nicht mehr genau. Ihm fiel nur noch ein Licht ein. War er tot?
Nein, das konnte nicht sein. Der Tod tat nicht weh. Aber sein ganzer Körper schmerzte. Seine rechte Hand war feucht und tat ebenfalls weh. Blut. Nein, er war sicher, er war nicht tot.
Langsam versuchte er sich aufzurichten.


Scully verbarg immer noch weinend ihr Gesicht in ihren Händen. Sie hatte mit vielen Gedanken gleichzeitig zu kämpfen.
Dann merkte sie, wie sie jemand leicht an der Schulter berührte.
"Agent Scully,....sehen Sie doch...!" Es war der Reverend.
"Nein, ich will das nicht sehen! Ich kann das nicht!" Die Tränen erstickten ihre Stimme.
"Aber sehen Sie doch....er lebt!"
Was? Scully konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Er lebte?!
Verweint richtete sie ihren Blick wieder in die Richtung des Spiegels.
Sie konnte es nicht glauben. Ihr Partner war so tief gestürzt, und jetzt lag er da, und versuchte sich aufzurichten. Seine linke Hand steckte in seiner Jackett Tasche.
Er lebte! Ein warmes, erleichterndes Gefühl breitete sich in ihr aus.
Stück für Stück richtete er sich auf. Als er dann endlich kniete, zog er seine Linke aus der Tasche und öffnete sie.
In seiner Hand hielt er Scullys Kreuz. Er musste es die ganze Zeit über festgehalten haben.



Erleichtert und verwirrt zugleich blickte er sich um. Die Landschaft hatte sich verändert. Sie glich nun keiner Sumpflandschaft mehr, sondern erinnerte eher an eine Tropfsteinhöhle. Es war da unten wesentlich heller und, wie Mulder erkennen musste, auch viel wärmer.
Es dauerte nicht lange, bis er die Hitzequellen ausmachen konnte. Seen und Ströme aus Lava bahnten sich ihren Weg durch das felsige Gebiet. Ständig stiegen Geysir-ähnliche Lavafontänen auf, die Mulder zusammen zucken ließen.
Ein dicker Kranz aus Schweißperlen stand ihm auf der Stirn, sodass er sein Jackett ausziehen musste. Das brachte ihm aber keine Erleichterung. Es war immer noch höllisch heiß.
Plötzlich hörte er einen kreischenden Laut über sich und als er nach oben blickte kam einer der rotäugigen Greifvögel auf ihn zugeschossen. Mit einem verzweifelten Satz konnte Mulder zur Seite springen, als das Tier sein Jackett ergriff und kreischend davonflog. Kurz bevor es durch einen Tunnelgang verschwand, sah Mulder wie etwas Glänzendes aus der Tasche fiel.
Zielstrebig lief er darauf zu und erkannte Scullys Kette. Er fiel auf die Knie und hob sie vorsichtig auf. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, wie wertvoll dieses kleine Schmuckstück auch für ihn war. Es war alles, was er im Moment von Scully besaß. Was wenn es das letzte wäre, was er je wieder von Scully zu Gesicht bekam?
Er schloss das kleine goldene Kreuz in seine Hände und flüsterte: "Scully, ich verspreche Ihnen, wenn ich hier je wieder lebend herauskommen sollte, dass ich Sie nie mehr ärgern werde. Sie haben es nicht verdient, so von mir behandelt zu werden. Ich sollte Sie auf Händen tragen, aber statt dessen bin ich oft unhöflich zu Ihnen und nehme Sie nicht ernst. Sie haben Respekt von mir verdient und keinen Spott. Ich weiß selbst nicht warum ich so bin... Vielleicht bin ich nur nicht fähig Ihnen zu zeigen, wie viel Sie mir in Wirklichkeit bedeuten. Sie sind alles für mich! Sie sind meine Freundin, meine Vertraute... mein Leben."


"Was redet er denn da?" fragte Scully und rückte näher zum Spiegel, doch es war vergeblich. Sie konnte nicht hören, was er sagte. Sie sah , wie seine Lippen beim Sprechen bebten und auch die kleinen Tränen, die sich ihren Weg aus seinen Augenwinkeln suchten, entgingen ihr nicht.
Plötzlich bemerkte Grant, wie eine schwarze Gestalt um eine Ecke huschte und außerhalb von Mulders Blickweite an ihm vorbeirannte. Dann war sie verschwunden.
"Bonny..." flüsterte er leise. Im nächsten Moment sprang er auf und zeichnete einen großen Drudenfuß auf die Erde. Schnell kontrollierte er, dass auch alle fünf Ecken des Pentagramms sorgfältig geschlossen waren. Dann riss er Scout aus Scullys Armen, wo er schon seit einiger Zeit saß und stellte ihn in die Mitte seiner Zeichnung.
"Was tun Sie denn da?" fragte Scully verwirrt und ging zu dem Reverend hinüber.
"Ich versuche ihn zu schützen!" sagte dieser, während er damit beschäftigt war, Weihwasser um den Drudenfuß zu verteilen.
"Die Zeichnung hält angeblich böse Geister fern. Ich hoffe, dass sie es auch mit Diabolo tut!"
Kaum hatte er den Satz zuende gesprochen begann der Spiegel sich erneut zu verfärben. Diesmal nahm er eine leuchtende rote Färbung an und noch ehe Scully registrieren konnte, was sie da sah, stieg ein junges Mädchen aus dem Spiegel. Sie war völlig in Schwarz gekleidet und sogar ihre Lippen und Augenlider trugen die bedrohliche dunkle Farbe.
Ein hämisches Lachen durchbrach die Stille des Raumes.
"Bonny, mein Kind! Komm zu dir! Ich bitte dich!" sagte der Pfarrer eindringlich, während Scully verwirrt zwischen den beiden hin und her sah.
"Das ist nicht Bonny!" schluchzte Scout und krallte sich in Scullys Arm.
"Ganz ruhig!" flüsterte diese auf ihn ein und versuchte ihn zu trösten. "Wir werden dich beschützen!"
Bei diesen Worten lachte Bonny erneut auf und schritt auf den kleinen verängstigten Jungen in dem Drudenfuß zu.
Als sie ihn erreicht hatte streckte sie ihre Hand aus um ihn zu ergreifen, als plötzlich ein greller Blitz durch den Raum zuckte und den Arm des Mädchens traf. Ein schmerzerfüllter Schrei klang durch die Stille.
Plötzlich veränderte sich Bonnys Gesichtsausdruck und der Zorn blitzte in ihren Augen auf.
Diese begannen zu glühen, als sie ihre Hände auf Scully und den Reverend richtete. Von heftigen unsichtbaren Stößen getroffen prallten die beiden erwachsenen zurück und fielen zu Boden.
Als Bonny erneut versuchte Scout aus dem Pentagramm zu ziehen, ergriff Scully ihre Waffe und wollte abdrücken, als der Reverend ihr diese aus der Hand riss.
"Lassen Sie das!" schrie er sie an. "Das ist immer noch ein menschliches Wesen! Sie können doch nicht auf ein Kind schießen!"
In dem Moment wollte "dieses Kind" Scout noch einmal packen. Aber wieder blieb sie erfolglos.
Wütend drehte sie sich um und verließ den Raum durch den Spiegel.
Erleichtert ließ sich Scout auf die Knie fallen, während der Reverend Scully auf die Beine half. Sie hatte Schmerzen, da sie unglücklich mit dem linken Arm aufgekommen war. Dann fragte sie leise: "Was wird Bonny... oder Diabolo... jetzt wohl tun?"
"Ich denke Diabolo wird sich ein neues, erreichbares Opfer suchen!" sagte Grant und blickte auf den Spiegel.
Als Scully seinem Blick folgte, musste sie erschreckt feststellen, dass der Spiegel wieder Mulders Gesicht zeigte.


Scullys goldene Kette wippte an seinem Hals, als er weiter ging. Der junge Agent lief nun durch den Tunnelgang, in dem der Vogel verschwunden war. Die Wände hatten Einbuchtungen in denen Fackeln steckten, während aus unzähligen feinen Rissen im Fels Lava quoll. Langsam schritt er voran, als er glänzende Tropfen auf dem Gestein zu seinen Füßen entdeckte.
Er bückte sich und tastete mit den Fingern danach, als er erkannte, um was es sich handelte.
Es war frisches Blut.
Augenblicklich stand er auf, griff zu seiner Waffe und lief mit eiligen Schritten weiter voran. Plötzlich war der Tunnel zuende und Mulder blickte mit entsetzten Augen auf das Bild, das sich ihm dort bot.
Er befand sich nun in einem kleinen Raum, durch den nur ein kümmerliches Rinnsal an Lava floss, das ein wenig Helligkeit spendete. An der Wand hingen sechs hölzerne Kreuze, die verkehrt herum aufgehängt waren und an drei dieser Kreuze waren Kinder angebunden.
Auch sie hingen mit dem Kopf voran zum Boden. Mulder wandte seinen Blick ab, um nicht schreien zu müssen, als er erkannte, dass die Kinder tot waren.
Mit aufgerissenen Augen hingen sie dort, während aus ihren Kehlen und Pulsadern unerlässlich Blut quoll.


"Nein!" schrie der Reverend und fiel auf die Knie. Mit tränenden Augen sah er empor und stieß ein heftiges Gebet aus, während Scully, den schluchzenden Scout in den Armen haltend, auf das starrte, was der Spiegel ihr zeigte.
"Mulder, kommen Sie da raus!" flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und drückte den weinenden Jungen auf ihrem Schoß näher an sich.


Auf einmal vernahm Mulder ein Geräusch. Bewegungslos blieb er stehen und hielt den Atem an. Er lauschte aufmerksam bis er erkannte, dass es sich bei dem Geräusch um ein Schluchzen handelte. Langsam drehte er sich in die Richtung um aus der Schluchzen kam, als er ein Mädchen in einer verwinkelten Ecke des Raumes kauern sah. Je näher er zu ihr hin ging, desto größer und ängstlicher wurden ihre Augen.
Dann kniete er sich vor sie und sprach sanft und leise auf sie ein.
"Du bist Jenny, nicht wahr?"
"Ja, Sir!" antwortete sie schüchtern.
"Hallo, ich bin Mulder! Ich bin vom FBI. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich will dir helfen. Ich werde dich hier rausholen."
Damit streckte er ihr seine unversehrte Hand entgegen, die sie zögernd ergriff.
"Komm, lass uns gehen!" sagte er bestimmt und zog sie aus ihrem Versteck heraus.
"Hast du Bonny gesehen?"
Bei dieser Frage zuckte Jenny zurück und starrte ihn mit entsetzten Augen an.
"Sie ist besessen!" flüsterte sie ängstlich.


Mit klopfenden Herzen betrachteten Scully und Grant, wie Mulder das verängstigte Kind hochhob und es aus dem Raum trug.
"Wie kommt er da wieder heraus?" fragte Scully auf einmal. "Er ist tief gefallen, wie soll er zu dem Eingang zurückfinden?"
"Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber ihr Partner ist ein cleveres Kerlchen. Ich bin sicher, dass er einen Ausweg finden wird."
"Ja, Sie haben recht! Mulder findet immer eine Lösung!" stimmte Scully zu und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Sie musste an die vielen Fälle zurückdenken, die sie schon bearbeitet haben und sie hatten bisher jeden mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen. Er hat sie schon so oft aus Schwierigkeiten herausgeholt. Wenn sie schon längst aufgegeben hatte, war er weitergegangen, hat weitergesucht und hat sie mitgezogen. Sie wusste, dass er auch jetzt nicht aufgeben würde, und so schwor sie sich, dass auch sie es nicht tun würde. Sie würde ihre Hoffnung nicht verlieren.
"Oh, mein Gott!" stieß Scout plötzlich aus. "Sehen Sie doch nur!"
Augenblicklich wandten sich die beiden Erwachsenen wieder dem Spiegel zu.
Hinter Mulder und Jenny befand sich plötzlich wieder eine schwarze Gestalt, die die beiden scharf musterte.
Die Augen glühten bedrohlich, als sie sich auf den Agenten und das Kind zu bewegte.


Als das Kind die Gestalt sah, vergrub es vor Angst seinen Kopf in Mulders Armen.
Mulder konnte seinen Blick von dieser Gestalt, die in dem Körper von Bonny steckte und ihn verfremdete, nicht abwenden. Es war wie früher.....irgend etwas zwang ihn, sich Diabolo anzusehen.
Die Augen waren weder menschlich, noch tierisch. Sie waren böse.
Auf einmal fing Bonny an zu schreien. Der Schrei hörte sich fremd an. So etwas hatte er noch nie gehört. Das Gesicht des Mädchens verzerrte sich zu einer von Schmerz zermarterten Grimasse. Ihre Hände verkrampften sich. Krämpfe schüttelten den Körper.
Es war ein schrecklicher Anblick.
Bonny fing langsam an sich wieder zu entspannen....doch dann wurde sie noch einmal von einem heftigen Krampf geschüttelt, der ihren Kopf nach hinten fallen ließ, und sie begann wieder fürchterlich zu schreien. Es schien, als würde sie glühen. Eine blau-violette, immer dunkler werdende Aura umgab ihren Körper. Es schien, als würde etwas aus ihr hinaus schlüpfen. Ein schwarzer Schatten mit glutroten Augen kam aus ihrem Mund und Augen.
Bonnys zierlicher Körper erschlaffte, und brach dann zusammen. Die dunkle Gestalt fing sie mit ihren langen knochigen, dünnen Händen, die lange, spitze Fingernägel zierten, auf und warf das bewusstlose Mädchen in Mulders Richtung.
Dieser konnte ihren Sturz ein wenig bremsen, indem er versuchte sie aufzufangen.
Der Teenager war mit Schweiß gebadet, und ganz blaß. Dann ganz langsam öffneten sich ihre großen, glasigen blauen Augen. Im ersten Moment dachte er an Scully, als er das strahlende Blau sah, rief sich aber sofort wieder zur Vernunft.
"Bonny, ich bringe euch beiden hier raus. Es wird alles wieder gut.", versuchte Mulder ihr Mut zuzusprechen.
Jenny fing an zu weinen, und Bonny sagte mit dünner Stimme: "Wir...wir sind gefangen. Es gibt keinen Ausweg...." Dann verlor sie wieder das Bewusstsein.
Mulder blickte von ihr auf, und schaute direkt in die rotglühenden Augen der Gestalt...er hatte das Gefühl...in die Augen des Bösen und des Todes zu sehen.
Die Gestalt knurrte etwas in einer nicht menschlichen Stimme: "Nemo mortem effugere potest!" Mulder ließen diese Worte erschauern, und er spürte, wie an seinem ganzen Körper sich Gänsehaut ausbreitete. Er hatte nur das Wort >mortem< verstanden, was >Tod< bedeutete. er hatte Angst...Todesangst, wie er sie noch nie hatte. Es schien ihm aussichtslos. Er sah keinen Ausweg, auch wenn er noch so hoffte, einen zu finden. Wenn dieses Wesen nicht vor dem Ausgang stehen würde, könnten die Kinder versuchen wegzulaufen.....aber Bonny...sie war zu schwach, um zu rennen.
Sein Blick schweifte noch einmal von der Gestalt ab, und schwenkte zu Bonny, die in seinen Armen lag. Sie hatte ihre Augen wieder geöffnet. Langsam richtete sie sich wieder auf. Mulder half ihr dabei ein wenig.
Hundert Gedanken blitzten durch seinen Kopf, und probierten jede mögliche Lösung aus. Und er hatte keine andere Chance, als dass er den Leibhaftigen ablenkte, und die beiden Kinder versuchen sich selber zu retten....Ja, das war ihre einzige Chance.
"Kannst du laufen?"
Bonny nickte, und fasste Jenny an der Hand. Diese sah in ihre Augen, und nickte.
Mulder richtete sich auf, und trat vor die beiden Kinder. Schritt für Schritt kam er dem fremden Wesen näher. Die Angst ließ sein Herz schneller schlagen. Er wusste, dass es nur diese einzige Gelegenheit zur Flucht gab.
Schnell zog er seine Dienstwaffe und feuerte mehrmals.
Die fremdartige Gestalt hob seine Hände wie ein Schild, und wehrte die Schüsse durch ein unsichtbares Schutzfeld ab.
In diesem Moment liefen die beiden Mädchen an ihr vorbei.
Das blieb natürlich nicht unbemerkt, und Diabolo brach einen der herunter hängenden Steine ab, scheinbar nur durch eine Handbewegung, ohne dass er ihn berührte, und warf ihn hinter den beiden kleinen Mädchen hinterher.
Aber das Wurfgeschoß verfehlte sein Ziel.
Diese Gelegenheit wollte Mulder für einen weiteren Schuß nutzen, doch er war zu langsam.
Nur durch eine weitere Handbewegung ließ Diabolo Mulder durch die Luft wirbeln und durch eine Wand brechen.
Sein Schrei wurde von dem Bersten der Wand übertönt, die er krachend durchbrach, und in einem anderen Raum wieder zum Halt kam.
Er schüttelte die Benommenheit einfach von sich, und versuchte sich so schnell wie möglich wieder aufzurichten. Kaum stand er, musste Mulder sich vor einem umherfliegenden Felsbrocken wieder zu Boden werfen. Mehr kriechend, als laufend versuchte er sich durch einen der vielen, nur durch Feuer erleuchteten Gänge in Sicherheit zu bringen.
Endlich kam er richtig auf die Beine, und stolperte durch die Gänge.
Immer, und immer wieder brach Gestein herunter, und Mulder musste sich oftmals durch einen Hechtsprung retten. Dann brach ein Stein genau neben ihm ab, und streifte seinen verletzten Arm. Der Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Doch er hatte keine Zeit, ihn zu beachten. Das Böse war hinter ihm her, und er musste versuchen, sich und die beiden Kinder in Sicherheit zu bringen. Nach den beiden Kindern rufend, lief er weiter.
Hinter einer Ecke sah er die beiden dann.
"Jenny, Bonny wir müssen hier raus! Kommt her!"
Die beiden Mädchen liefen ihm entgegen, um dann zusammen mit Mulder um die nächste Ecke laufen zu können. Mulder packte die beiden Kinder an den Armen, und zog sie von den herunter fallenden Felsbrocken weg. Ab und zu ließ er seinen Blick zurück schweifen, und musste mit wachsender Beunruhigung feststellen, dass Diabolo ihnen immer näher kam. Noch ein wenig, und er hätte sie eingeholt.
Dann kamen sie an einer großen Halle an, die nur einen Ausgang hatte. Dieser Raum ähnelte nun wirklich einem Rittersaal. Überall hingen Wappen an den Wänden, mit umgedrehten Kreuzen, und Pentagrammen. Und überall standen schwarze Kerzen herum. Aber um das alles genau an zu betrachten, hatten die drei keine Zeit. Nein, sie hatten was anderes zu tun. Sie mussten um ihr Leben laufen.
Aber eins fiel Mulder doch auf. Sie befanden sich in einem großen Pentagramm in der Mitte des Raumes.
Dann wurde es auf einmal kalt in dem großen Saal. Mulder blickte sich noch einmal um, und musste feststellen, dass Diabolo den Raum betrat, und irgend etwas flüsterte, was Mulder aber nicht verstand. Im nächsten Moment nahm das fremde Wesen seine Hände hoch, und schwarzer Rauch umhüllte seine Klauen. Dann richtete er sie auf das Pentagramm, in dem Mulder und die Kinder standen. Die beiden Mädchen guckten Mulder verängstigt an.
Plötzlich wurde es stockdunkel in dem großen Saal, und das Pentagramm fing lodernd an zu brennen. Die hellen roten Flammen blendeten Mulders Augen, und er musste sie für einem Moment schließen.
"Bitte, kein Feuer!", flüstere Mulder vor sich hin, und musste somit feststellen, dass sie in der Falle saßen. Jetzt waren sie ganz Diabolo ausgeliefert.


"Oh, nein...!" murmelte Scully. "Nicht auch noch das! Das steht er nicht durch!"
"Was meinen Sie damit? Trauen Sie ihrem Partner nicht zu, dass er da rauskommt?" fragte der Reverend verwundert.
"Es ist nur... Feuer ist das Einzige, wovor Mulder wirklich Angst hat. Mit allem wird er fertig, aber mit Feuer..."
"Lassen Sie uns beten, Agent Scully!" sagte Scout plötzlich.
"Das ist eine sehr gute Idee, mein Junge!" meinte Grant anerkennend und nickte in Scullys Richtung.
"Ja, das ist es wirklich!" meinte Scully und rutschte zu den beiden hinüber.
Dann reichten sich die drei ihre Hände und Grant begann ein leises Gebet zu sprechen.
Während er sprach merkte Scully, wie sich ein paar einzelne Tränen den Weg aus ihren Augenwinkeln suchten. Völlig in Gedanken an Mulder versunken flüsterte sie: "Vater, ich bitte dich. Nimm ihn mir nicht weg. Er ist alles was ich noch habe. Lass es nicht so enden!"
Im nächsten Augenblick schämte sie sich, dass sie nur an sich gedacht hatte. Sie wollte, dass Mulder überlebt, aber natürlich auch, dass die beiden Kinder wohlbehalten nach hause kamen.
Als der Reverend das Gebet beendet hatte, wandte sich Scully um und setzte sich wieder vor den Spiegel. Sie sah die Flammen, die unaufhörlich loderten und glaubte im Feuer die Silhouetten von Mulder und den Kindern zu erkennen.
Sie berührte sanft den Spiegel und rief: "Mulder, halten Sie durch! Sie haben mir versprochen wieder zukommen!"


"Was war das?" fragte Bonny überrascht. "Das war doch eine Stimme, oder nicht?" Sie hatte die Augen zusammengekniffen aufgrund des grellen Scheins der Flammen. Es war unerträglich heiß und das Feuer schien immer näher zu kommen.
"Ich habe auch etwas gehört!" bestätigte nun auch Jenny, die sich an Mulder klammerte. Die Hitze machte ihnen allen zu schaffen und die Kinder wurden zunehmend schwächer.
>...versprochen wiederzukommen...< klang es plötzlich nach.
"Oh, mein Gott!" rief Mulder entgeistert. "Das ist Scully!"
"Wer?" fragte Bonny verwirrt.
"Sie ist meine Partnerin. Sie ist in der realen Welt und wartet dort auf uns. Ich bin mir ganz sicher, dass es ihre Stimme war!"


"Haben Sie das gesehen?" fragte Grant ungläubig. "Ich glaube er hat Sie gehört!"
"Ja, das Gefühl habe ich auch..." flüsterte Scully.
Sie konnte sich zwar keinen Reim darauf machen, aber sie wollte es jetzt wissen.
"MULDER?" rief sie erneut und war erstaunt, als dieser den Kopf hob und sich umsah. "Wenn Sie mich hören können, dann nicken Sie mit dem Kopf." Und tatsächlich nickte der Agent.
"Vielleicht hilft uns das irgendwie weiter..." flüsterte Scully und blickte weiter gespannt auf den Spiegel.


"Wie sollen wir hier jemals wieder rauskommen?" flüsterte Jenny geschwächt.
"Ich weiß es nicht, aber uns wird schon was einfallen!" meinte Mulder beiläufig. Er hatte keine Ahnung, wie sie aus dieser Situation entkommen sollten und langsam verschwanden auch seine letzten Hoffnungen.
Plötzlich vernahm er, wie Bonny einen schrillen Schrei ausstieß. Die dunkle Silhouette kam auf den Flammenkreis zu und schien durch das Feuer hindurchzuschweben. Mit einem erschütternden Brüllen flog die Gestalt auf Bonny zu, um wieder in ihren Körper zu schlüpfen.
Mulder konnte nur atemlos ansehen, wie die Fünfzehnjährige zusammenbrach.
Jenny beugte sich zu ihr hinunter, aber Mulder packte sie am Arm und zog sie zurück.
"Das ist nicht Bonny!" sagte er eindringlich.
Im nächsten Moment schreckte Bonny hoch und der Agent konnte wieder in die glühenden roten Augen blicken.
Diabolo kam mit einem knurrenden Geräusch näher, als Mulder seine Waffe zog und sie auf Bonnys Körper richtete.


"Mulder! Das ist ein Kind!" schrie Scully entsetzt, als sie sah, was Mulder vorhatte. "Sie können nicht auf sie schießen!"


Diese Tatsache war ihrem Partner längst klar, als er ihre Stimme hörte, aber er musste auch daran denken, Jenny zu beschützen. Wenn Diabolo angreifen würde, dann musste er abdrücken... ob er wollte oder nicht.
Im nächsten Moment fragte er sich, ob es überhaupt etwas nützen würde. Konnte man den Teufel mit einer normalen Waffe erschießen?
Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon preschte Diabolo vor und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Gelähmt sah er, wie seine einzige Verteidigungschance durch den Raum schlitterte.
Jenny hatte sich nun wieder an ihm festgeklammert und zitterte, als er erkannte, dass er nur noch eine Wahl hatte: Angriff.
Mit einem Satz sprang er auf Diabolo zu und warf ihn zu Boden. Er hatte keine Ahnung, ob er ihn auf diese Weise bezwingen konnte, oder ob er dadurch einfach nur Bonnys Leben gefährdete, aber ihm blieb keine andere Möglichkeit.
Er schloss seine Hände um den Hals des Mädchens und drückte mit aller Kraft zu. Er musste dieses Wesen aus ihrem Körper rauskriegen. Und tatsächlich: Es funktionierte. Mit einem lauten Schrei löste sich die Gestalt von Bonny und verschwand durch den Feuerkreis.
Hastig atmend blickte er auf den bewusstlosen Körper hinab, erkannte aber, dass Bonny noch am Leben war. Erleichtert nahm er das Mädchen in die Arme und blickte Jenny an.
"Jenny, wir haben noch eine Chance!" sagte der Agent ruhig. "Wir müssen durch das Feuer!" Dabei blickte er in die bedrohlichen Flammen.
Hastig zog er sein Hemd aus und hing es dem kleinen Mädchen um. "Wickel dich darin ein, das wird dich kurzzeitig vor den Flammen schützen! Wenn wir hier raus sind, dann wirf es sofort ab, ist das klar?"
"Ja, Sir!" sagte das Kind ängstlich und tat wie ihm befohlen. "Ich habe Angst!" flüsterte sie plötzlich und sah Mulder mit ihren großen Augen an.
"Ich weiß! Ich habe auch Angst!" antworte Mulder und atmete tief durch. "Ich auch!"
Er hielt die immer noch bewusstlose Bonny dicht an sich gepresst und sagte dann: "Auf 3, o.k.?"
Die kleine Jenny nickte nur leicht und sah dann in die Flammen.
"Eins ... zwei...." zählte er langsam.
Dann atmete er noch einmal tief ein und rief: "DREI!"
Mit diesem Wort sprangen er und das Kind durch die Flammen hindurch.
Er hielt schützend seine Arme über Bonny und kaum waren sie aus dem Kreis hinaus schlug er die kleinen Flammen aus, die auf ihrer Kleidung zündelten. Seine nackte Haut brannte höllisch, aber er war erleichtert, dass Jenny auf seinen Rat gehört hatte und sein Hemd nun auf den Boden geworfen hatte.
Hastig trat er darauf herum, um auch dieses zu löschen.
Plötzlich bemerkte er erstaunt, dass alles still war. Das einzige was er hörte, war Bonnys gleichmäßiges Atmen und das Knistern des Feuers hinter ihm.
Er erspähte seine Dienstwaffe, die in der Nähe der Wand lag und hob sie auf.
Dann schob er Jenny voran aus dem Raum hinaus.


"Gott sei Dank!" stieß Scully erleichtert aus. Sie war insgeheim unheimlich stolz auf ihren Partner, weil er es geschafft hatte, seiner größten Angst entgegenzutreten.
"Sagen Sie, Reverend, wie ist es eigentlich möglich, dass wir immer genau den Teil dieser Welt sehen, wo sich Mulder gerade befindet?" fragte sie plötzlich. Die ganze Zeit hatte sie kaum darüber nachgedacht, aber jetzt drängte sich ihr der Gedanke auf.
"Ich weiß es nicht!" musste Grant eingestehen. "Aber vielleicht hat es etwas mit dem Kreuz zu tun, das Sie ihm gaben. Es hat möglicherweise eine Art Verbindung zwischen Ihnen beiden hergestellt."
"Ja, vielleicht!" meinte Scully und sah wieder in den Spiegel.
Auf einmal fiel ihr etwas auf.
"Hey, sehen Sie dieses Leuchten dort hinten?" fragte sie erstaunt.
"Ja,... das ist das gleiche Leuchten, dass ich damals auch gesehen habe." Sagte Grant und starrte auf das sanfte weiße Licht, dass am anderen Ende der Höhle zu sehen war.
"Sie hatten doch gesagt, dass Sie diesem Licht gefolgt sind und den Ausgang fanden, nicht wahr?"
"Ja!"
Das war für Scully Antwort genug. Sie rückte wieder näher an den Spiegel und rief:
"MULDER! Rechts von Ihnen ist ein Licht! Gehen Sie darauf zu! Ich glaube dort ist der Ausgang!"


"Haben Sie das gehört, Agent Mulder? Sie sollen nach rechts gehen!" murmelte Bonny plötzlich, die er immer noch auf den Armen trug.
"Ja, und wenn Scully das sagt, dann sollten wir das wirklich tun!" sagte er lächelnd.
"Agent Mulder?"
"Ja, Jenny?"
"Wo ist Diabolo?"
"Ich weiß es nicht... aber ich glaube nicht, dass er weg ist..."
Damit gingen sie weiter, während sie sich kontinuierlich umsahen.
Dennoch entging ihnen das rote Funkeln von zwei bedrohlichen Augen, das hinter einer Säule hervorstach.


"Verdammt... er ist hinter ihnen!" flüsterte Scully, als sie die Gestalt erblickte. "Die drei sollten sich lieber beeilen!"
"Dann sagen Sie es ihm!" meinte Scout nur beiläufig.
"Ja, du hast recht!"
Dann wandte sie sich wieder dem Spiegel zu und rief: "MULDER! ER ist hinter Ihnen! Laufen Sie!!!"
Angespannt betrachtete sie, wie sich erst Mulder und dann auch Jenny umdrehte. Die Farbe wich dem Kind aus dem Gesicht, als es Diabolo sah.
Mulder zögerte nicht lange und ergriff Jennys Hand, während er Bonny auf die Füße stellte.


"Kannst du rennen?" fragte er die Fünfzehnjährige.
"Ja, ich denke schon... es geht schon wieder." gab Bonny zur Antwort.
Kaum hatte sie das gesagt, rannten die drei auch schon los, während sie wussten, dass Diabolo es auch tun würde.
Sie konnten sehen, wie das weiße Licht immer näher kam und Mulder hoffte in diesem Moment inständig, dass es wirklich ein Ausgang war.
Wie besessen rannten sie auf das Leuchten zu, als Jenny plötzlich stolperte.
"Bonny! Lauf weiter!" rief Mulder nur und lief zu Jenny zurück.
Während die Fünfzehnjährige weiter auf das Licht zurannte, hob Mulder das andere Kind auf die Arme und preschte wieder voran.
Er hatte einen ziemlichen Abstand zu Bonny, was ihn nur noch mehr anspornte.
Endlich erreichten sie die Quelle des Lichtes.


"Ein Spiegel?" fragte Scully überrascht und blickte den Reverend an. "Es war nur ein Spiegel, der Ihnen den Weg geleuchtet hat?"
"Ja,.. ich war noch klein... es kam mir so gewaltig und göttlich vor." meinte Grant entschuldigend. Er konnte sich sein ganzes Leben lang nur an das Licht erinnern. Er hätte nicht geglaubt, dass es nur ein Spiegel war, der den Schein der Flammen dort unten reflektierte.
"Wie dem auch sein... kommen die drei da irgendwie raus?"
"Ich denke schon... ich weiß nicht mehr, wie ich es damals geschafft hatte." meinte er grübelnd.
"Denken Sie nach!" rief Scully gereizt. Sie konnte nicht glauben, dass sie so kurz vor dem Ausgang standen und es nicht schaffen würden. Es musste ihr etwas einfallen, wenn sie Mulder da raus haben wollte.


"Wie kommen wir hier raus?" fragte Jenny verwirrt. Sie starrte auf den Spiegel und betastete ihn, aber sie konnte nichts finden.
"Ich weiß es nicht", meinte Mulder nur, "aber wir werden schon eine Lösung finden." Damit trat er auch auf den Spiegel zu und berührte ihn. Er tastete ihn ab und klopfte auf das Glas, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen.
Doch plötzlich veränderte sich die Farbe des Spiegels. Er begann grün zu leuchten und als sich das Leuchten legte, sah er Scully, die auf der anderen Seite des Spiegels zu sitzen schien.
Er presste seine Hände an das Glas und betrachtete sie. "Scully!" rief er entgeistert und als er sah, wie sie reagierte fing sein Herz an schneller zu schlagen.
"Mulder! Ich kann Sie hören!" vernahm er ihre sanfte Stimme und endlich sah er sie wieder lächeln.
Doch schon im nächsten Moment erlosch das Lächeln auf ihrem Gesicht und sie deutete an ihm vorbei.
Mit einem Satz drehte sich Mulder um und sah, wie Bonny Jenny ergriff. Er wusste sofort, was geschehen war. Bonny war wieder besessen. Doch diesmal zögerte er nicht.
Er griff seine Waffe, zielte auf Bonny und drückte ab. Er traf sie in den rechten Oberschenkel und sie sackte schmerzerfüllt in sich zusammen. Ein unmenschlicher Schrei entfuhr ihrer Kehle und schon im nächsten Moment kroch Diabolo aus ihr heraus.
Jenny hatte sich inzwischen losgerissen und lief zu Mulder herüber, der mit kalten Augen auf die Kreatur starrte.
Mit einem lauten Knurren kam Diabolo näher und Mulder schoss. Ein... zwei... dreimal...
Diabolo kam immer näher.
Er rannte auf den Spiegel zu, hinter dem ganz deutlich Scully und Scout zu erkennen waren und noch ehe Mulder reagieren konnte, war das Wesen durch den Spiegel verschwunden.
Er konnte sehen, wie er sich auf Scout stürzen wollte und wie Scully verzweifelt versuchte dies zu verhindern. Mulder konnte nicht erkennen, was genau geschah, denn dadurch das Scully so nah am Spiegel saß, verdeckte sie den Ausblick in den Raum.
Es ging alles blitzschnell und schon im nächsten Augenblick war Diabolo zurück. Doch zu Mulders Verwunderung hatte er Scout nicht dabei. Im Gegenteil: Die Kreatur wandte sich schmerzverzerrt und Mulder drängte sich die Vermutung auf, dass Diabolo es ohne einen menschlichen Körper nicht lange in der realen Welt aushielt.
Doch wie konnte er das zu seinem Vorteil nutzen?
Er hatte nun gesehen, dass Diabolo ohne Mühe durch diesen Spiegel gehen konnte, aber wie sollte er selbst dort hindurch kommen? Noch dazu mit zwei Kindern, von denen eines schwer verletzt war...?
Da kam ihm die Idee. Er wandte sich zum Spiegel um und rief:
"Scully! Sprechen Sie die Formel! Öffnen Sie die Pforte, das ist vielleicht unsere einzige Chance!"


"Glauben Sie, das funktioniert?" fragte Scully den Reverend.
"Ich weiß es nicht... die Gefahr, dass Sie dann selbst dort gefangen sind, ist ziemlich groß. Aber Ihr Partner hat recht! Es ist wohl wirklich ihre einzige Chance!"
Das genügte Scully als Antwort.
Sie sah Mulder an und rief: "Bringen Sie die Kinder zum Spiegel. Ich bin sicher wir haben nicht viel Zeit!"
Sie sah, wie Mulder ihrem Befehl folgte und Bonny zum Spiegel trug. Jenny stellte sich ebenfalls davor.
Dann sah er, wie Scullys Lippen die Worte formten und schon im nächsten Moment verfärbte sich der Spiegel wieder. Gespannte betrachtete er das Geschehen und plötzlich erkannte er, wie zwei kleine zarte Hände durch den Spiegel hindurch griffen und die beiden Kinder packte. Mit einer ruckartigen Bewegung wurden Jenny und Bonny durch den Spiegel gezogen und waren verschwunden.
Er wollte ihnen folgen, doch in diesem Moment erlosch das Licht und er prallte gegen das feste Spiegelglas.
Ein dämonisches Lachen ließ ihn zusammenfahren und er drehte sich langsam um, um in Diabolos furchterregendes Gesicht zu starren.


Gelähmt stellte Scully fest, dass Mulder noch immer in der anderen Welt war. Ihr Atem wurde heftiger, als sie registrierte, dass sie ihn nicht retten konnte.
Sie sah, wie Diabolo auf ihren Partner zuschoss und ihn zu Boden warf. Dann wurde er durch die Luft geschleudert, als sei er nichts weiter, als ein zusammengeknülltes Blatt Papier.
Und dann geschah das, wovor sie sich in diesem Moment am meisten fürchtete.
Mit einem lauten Krachen prallte Mulder an den Spiegel, der daraufhin in tausend kleine Splitter zerbrach. Sein nackter Rücken war nun von unzähligen kleinen Schnitten übersäht, aus denen Blut quoll.
"Nemo mortem effugere potest!" hörte Scully die Kreatur knurren und im selben Moment erschrak sie, als Grant es ihr übersetzte.
"Dem Tod kann niemand entfliehen!"
Sie blickte verstört zwischen dem Reverend, Jenny, der verletzten Bonny und Mulder umher und schloss die Augen, um ein kleines Gebet zu sprechen.


Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte Mulder auf den Leibhaftigen vor sich. Er wusste er hatte nun keine Chance mehr. Selbst wenn Scully noch einmal die Formel sprechen würde, das Portal war zerstört. Ebenso wie seine Hoffnungen.
Er sank zu Boden und setzte sich vor den Spiegel. Er konnte Scully immer noch darin erkennen, obwohl er zerbrochen war. "Scully, können Sie mich noch hören?" fragte er vorsichtig.
"Ja, Mulder! Ich höre Sie...!" kam es matt zurück und für einen Moment fragte er sich, ob sie geweint hatte.
"Es tut mir leid, dass ich mein Versprechen nicht einlösen kann." Sagte er langsam und versuchte ihre Augen in den vielen Glasscherben ausfindig zu machen.
"Nein, sagen Sie das nicht!" rief sie entsetzt, bevor ihre Stimme versagte.
Er lehnte an dem Spiegel und glaubte ihr leises Schluchzen zu hören, als er plötzlich einen lauten Knall hörte. Es war das letzte, was er hörte.


Auf einmal begann die Erde zu beben und Scully blieb nichts anderes übrig, als sich an dem Spiegel festzuklammern. Ein greller Blitz durchschlug den Spiegel und es wurde dunkel. Sie hörte die Kinder schreien und den Reverend ein lautes Stoßgebet gen Himmel schicken, dann war alles still.
Das erste was sie sah, war ein rotes Leuchten. Sie hatte es in den letzten Stunden oft gesehen und glaubte zu wissen, wer oder was direkt vor ihr stand. Als ein erneuter Blitz aufzuckte und der Raum für einen Moment taghell war, konnte sie erkennen, dass es sich um Mulder handelte. Sie sah seinen Körper und doch wusste sie, dass es nicht ihr Partner war. Diese Erkenntnis schnürte ihr die Kehle zu. Sie hörte wie er knurrte: "Gebt die Kinder heraus und ihr werdet ihn zurückbekommen." Nach der ersten Verwunderung, dass der Teufel persönlich Forderungen stellte, sahen sie natürlich, dass das ein Tausch war, den keiner der Anwesenden eingehen wollte. "Niemals!" hörte sie die Stimme des Pfarrers.
Dann ging alles verdammt schnell. Scully sah, wie Mulder sich umwandte. Mit eisernem Blick starrte er auf die blutende Bonny, die in Jennys Armen lag und zitterte. Dann schoss er auf sie zu, worauf Jenny zur Seite sprang und hielt das verletzte Mädchen in die Höhe. Im nächsten Augenblick hörte die Agentin einen schrillen unmenschlichen Schrei aus der Kehle des Wesens. Es packte Bonny fester und riss sie an sich. Kreischend wirbelte es herum, als sich eine Feuerwalze um sie herum schloss. Das letzte was man hörte war der laute schmerzerfüllte Schrei von Bonny, als sie in Flammen aufging.
Dann hörte man nur noch ein leises Wimmern, das aus der Kehle des Mädchens drang, während sie verzweifelt nach Atem rang. Diabolo stand da und blickte auf den zum großen Teil verbrannten Körper hinab, der zu seinen Füßen lag. "Du hast mich verraten!" knurrte er und drehte sich um.
Scully betrachtete geschockt das Szenario. Sie saß da und konnte sich nicht bewegen. Sie fühlte sich machtlos und klein. Sie konnte das Kind nicht beschützen.
Der einzige, der in diesem Moment reagieren konnte, war der Reverend. Und er tat es blitzschnell.
Gelähmt beobachtete Scully, wie Grant aufsprang und eine kleine Flasche aus seiner Robe holte. Im nächsten Moment warf er sie auf Diabolo zu und traf die Wand hinter ihm. Die Flasche zerbrach und der Inhalt ergoss sich über Mulders Körper, worauf man ein bestialisches Schreien hörte. Noch ehe Scully verarbeiten konnte, was geschah, begann der Reverend eine lateinische Formel zu sprechen, die sie nicht verstand. Sie hörte nur noch, wie er sagte: "...Diabolem ad orco relego..." Sie wusste nicht, was es hieß, aber sie sah, wie Mulder von einer dunklen Aura umgeben war, die sich allmählich von ihm löste. Die Kreatur kroch aus seinem Körper und Diabolo verschwand kreischend durch den Spiegel. Dann war es still.
Scully rannte sofort zu Mulder herüber um zu sehen, ob er noch lebte. Als sie erkannte, dass sich sein Brustkorb gleichmäßig hob und senkte, nahm sie ihn in die Arme und hielt ihn fest.
Sie hatte den Atem angehalten und konnte es nicht fassen, dass Diabolo tatsächlich weg war. >Aber für wie lange?< fragte sie sich im nächsten Augenblick.
Doch dieser Frage entging Reverend Grant blitzartig, in dem er einen Kerzenleuchter aus der Ecke nahm und damit auf den Spiegel einschlug.
"Das bringt doch nichts!" meinte Scully pikiert. "Sie haben doch gesehen, dass er auch durch zerbrochene Spiegel gehen kann!"
"Ja, das habe ich gesehen!" meinte Grant beiläufig.
Dann stellte er sich vor den Spiegel und rief laut: "Portae ad Orco claudenda sunt!"
Scully traute ihren Augen nicht, als der Spiegel plötzlich zu beben begann und lautstark zu Boden krachte. Sie wich einen Schritt zurück und erschrak fürchterlich, als der Holzrahmen Feuer fing und lichterloh brannte.
"Ist er jetzt endgültig verschwunden?" fragte Jenny ängstlich.
"Ich hoffe es!" meinte Grant nur. "Ich hoffe es wirklich!"

"Mulder, können Sie mich hören?" fragte Scully sacht.
Mit klopfendem Herzen spürte sie, wie er sich in ihren Armen bewegte.
"Hey, alles in Ordnung?" fragte sie, als er ganz langsam seine Augen öffnete.
"Bin ich tot?" fragte er benommen und sah sie an.
"Was glauben Sie?" meinte sie schmunzelnd und zog ihn ein wenig hoch.
Als er vor Schmerzen sein Gesicht verzog, merkte sie, dass es nicht die Zeit war, Witze zu reißen.
"Können Sie aufstehen?" fragte sie besorgt und als er versuchte sich zu erheben half sie ihm, wobei sie ihren schmerzenden Arm wieder zu spüren bekam.
Langsam kam er auf die Beine. Er stand in dem Raum und schüttelte den Kopf.
"Ich ... wie bin ich hierher gekommen?" fragte er verwirrt.
"Diabolo ist in ihrem Körper zurückgekehrt. Reverend Grant hat ihn verbannt und Ihnen damit das Leben gerettet." Schwer atmend blickte er zur Decke. Er hatte starke Schmerzen, versuchte aber weiterhin aufzustehen.
"Wie dem auch sei..." meinte er matt. "Wir sollten uns lieber um die Kinder kümmern." Mit einer schuldigen Miene betrachtete er das Mädchen, dass auf dem Boden lag.
"Ich konnte sie nicht beschützen!" murmelte er benommen. "Sie hat zuviel durchgemacht!"
"Genau wie Sie!" meinte Scully nur und folgte Mulder, der auf Bonny zulief.
Als er sich neben das Mädchen knien wollte, spürte er plötzlich, wie sich sein Körper vor Schmerz krümmte. Er hatte das Gefühl, dass alles an ihm wehtat, aber er versuchte stark zu sein.
Dennoch hatte Grant es bemerkt und legte eine Hand auf Mulders Schulter. Er hob das Mädchen hoch und ging nach draußen.
Die beiden anderen Kinder liefen hinter ihm her, während Mulder und Scully noch in dem kleinen Raum zurückblieben.

"Ich bin froh, dass Sie wieder da sind... und dass Sie leben."
"Ja, darüber bin ich auch froh!" meinte Mulder lächelnd. Als er jedoch Scullys Gesichtsausdruck sah, wusste er, dass sie es wirklich ernst meinte.
"Haben Sie sich bei dem Sturz schwer verletzt?" fragte sie besorgt. Er war überrascht, dass sie anscheinend die ganze Zeit mitgesehen hatte, was er tat.
"Nein... ich glaube das hier hat mich beschützt." Damit nahm er Scullys Kette ab und hängte sie ihr wieder um den Hals. "Ich habe verdammt viel Glück gehabt. Lediglich mein rechter Arm ist etwas lädiert." Antwortete er ruhig.
"Na, dann ergänzen wir uns ja mal wieder prima", meinte sie nur und hielt ihr geschwollenes linkes Handgelenk in die Höhe.
Doch plötzlich verschwand das Lächeln in ihrem Gesicht wieder und sie sah ihn mit ihren traurigen blauen Augen an. "Hatten Sie Angst?" fragte sie ihn und er wusste, dass sie jetzt eine ehrliche Antwort von ihm erwartete.
"Ja,... ich hatte eine höllische Angst!" gab er zu. "Das Schlimmste war wohl, als ich die Kinder gefunden hatte..."
Bei diesen Worten sah Scully, wie es in seinen Augenwinkeln glitzerte. Es musste ihn schwer geschockt haben, was er dort gesehen hatte.
Deshalb nahm sie ihn in die Arme und kuschelte sich an ihn.
Plötzlich sagte sie: "Ich bin wirklich froh, dass Sie wieder da sind! Ich hatte auch Angst... Angst, dass ich Sie nie wieder sehen würde."
Als er das hörte sah er auf sie hinab und lächelte. Dann beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft auf die Stirn. "Ja, das war auch meine größte Befürchtung!"
Er legte seinen unversehrten Arm um sie und schloss für einen Moment die Augen. Er spürte ihren leisen und gleichmäßigen Atem und sog den Duft ihrer Haare ein.
"Was flüstern Sie denn da?" fragte er überrascht, als er auf einmal hörte, wie sie leise vor sich hin murmelte.
Daraufhin blickte sie ihn an und lächelte. "Ich habe Gott gedankt, dass er meine Gebete erhört und Sie mir zurückgebracht hat."
Er konnte die kleinen Tränen sehen, die über ihre Wangen liefen und wischte sie sanft mit seiner Hand ab.
Das, was sie soeben gesagt hatte, war für ihn Anlass genug, das zu tun, was er die ganze Zeit über tun wollte.
Er beugte sich zu ihr hinab und langsam näherte sich sein Gesicht dem ihren.
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sie endlich seine Lippen auf ihren spürte. Sie schloss die Augen und gab sich diesem Moment hin. Sie hielt Mulder fest und strich mit ihren Fingern an seinem Hals entlang, während er seine Hand in ihren Haaren vergrub. Sie küssten sich zwar nicht zum ersten Mal, aber da sie es nur sehr selten taten, genossen sie diesen Moment lange und versuchten ihn festzuhalten.
Nach einiger Zeit lösten sie sich wieder voneinander und blickten sich tief in die Augen.
"Ich dachte schon ich müsste sterben, ohne dich noch einmal zu küssen!" sagte er plötzlich und ein Lächeln huschte wieder über ihr Gesicht.
"Darauf wollen wir es ja nicht ankommen lassen..." sagte sie sanft und küsste ihn noch einmal.

18. Juni 15:22 Uhr, Waisenhaus Alexandria, Krankenstation

Mulder stand auf dem Flur und blätterte in dem Buch, mit dem alles begonnen hatte. Er schüttelte den Kopf und schlug es wieder zu, als er neben sich die Tür klappen hörte.
"Na, Scully? Alles in Ordnung?" fragte er und betrachtete ihren linken Arm, der in einer Schlinge lag.
"Ja, und bei Ihnen... bei dir?" antwortete sie und stellte schmunzelnd fest, dass sich auch sein rechter Arm in einer solchen befand. "Wir ergänzen uns wirklich sehr gut!"
"Ja", lächelte er und sagte dann: "Bei mir ist soweit alles in Ordnung. Mein Arm ist zwar gebrochen, aber das heilt wieder. Und die Glasschnitte und leichten Verbrennungen werden auch bald verschwunden sein. Also kein Grund zur Aufregung!"
"Hast du etwas von Bonny gehört?"
"Es geht ihr soweit ganz gut. Sie wurde zwar arg zugerichtet, aber die Ärzte meinten, dass sie es wohl überstehen wird." sagte er erleichtert. Dennoch war er betrübt. Er hatte nicht nur zugelassen, dass das Mädchen bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde... er hatte auch noch auf sie geschossen. Diese Gedanken brachten den Schmerz zurück in seinen Augen.
Scully sah seinen Blick und konnte ungefähr ahnen, was er fühlte. "Weißt du noch, als ich damals auf dich geschossen habe?"
"Wie könnte ich das vergessen?" fragte er stirnrunzelnd.
"Manchmal muss man Dinge tun, die einem schrecklich erscheinen, nur um zu verhindern, dass etwas noch Schlimmeres geschieht."
"Ja, ich verstehe..."
"Was hast du mit dem Buch vor?" fragte sie plötzlich, als sie bemerkte, dass Mulder es immer noch in der Hand hielt.
"Ich weiß nicht...vielleicht sollten wir es verbrennen!" meinte er unschlüssig.
"Das ist eine sehr vernünftige Idee!" sagte sie und hakte sich an seinem gesunden Arm unter. "Und Reverend Grant wäre bestimmt gern dabei!"


16:12 Uhr

"Portae ad orco claudatae sunt!" sagte Jonathan Grant, als er das Buch in einen Papierkorb warf und ein Streichholz daran hielt.
"Was soll das heißen?" fragte Scully. "So etwas ähnliches haben Sie doch vorhin auch gesagt, als sie Diabolo verbannt haben."
"Es heißt, dass die Tore zur Unterwelt geschlossen wurden!" sagte Grant und betrachtete das Spiel der Flammen, die sich um das Buch wanden.
"Das hoffen wir!" meinte Mulder darauf und sah Scully an, die völlig in Gedanken versunken war.
"Wir müssen jetzt gehen!" sagte er dann und reichte dem Reverend die Hand.
"Wir müssen noch einen Bericht über diesen Fall schreiben und irgendetwas sagt mir, dass es nicht leicht sein wird, unsere Vorgesetzten von den Ereignissen zu überzeugen." Fügte Scully hinzu, die sich nun von den Flammen gelöst hatte.
"Das kann ich mir vorstellen!" sagte Grant und begleitete sie noch ein Stück zum Wagen. "Aber die Wahrheit lässt sich nicht verleugnen!"
"Wenn Sie wüssten!" meinte Mulder und grinste schelmisch. "Sie glauben ja gar nicht, was man alles verleugnen und vertuschen kann!"


Die drei Erwachsenen bemerkten nicht, wie sich hinter ihnen eine kleine Gestalt auf den Papierkorb zu bewegte. Der Qualm und die Flammen, die aus dem Behälter aufstiegen, erloschen plötzlich und eine Kinderhand streckte sich nach dem Inhalt aus.
Es kam ein von Asche verschleiertes und an den Seitenrändern versengtes Objekt zum Vorschein, das aber trotz allem noch relativ gut erhalten war.
Die kleine Hand blätterte darin und fand schließlich die Stelle, an der eine Seite fehlte. Dann griff es in seine Jackentasche und holte ein Blatt Papier hervor, dass perfekt an diese Stelle passte.
Dann wurde das Buch zugeklappt und die Gestalt rannte in den Wald, der an das Waisenhaus angrenzte.
Hinter den Bäumen konnte man nur noch das schwache Funkeln von zwei glutroten Augen sehen, bevor sie in der Dunkelheit verschwanden.


Kurze Zeit später im Wagen

"Was denkst du... Ist der Fall wirklich abgeschlossen?" fragte Scully plötzlich.
"Ich habe nicht gesehen, wie Diabolo verschwunden ist, aber wenn es so war, wie du es gesagt hast, dann denke ich schon, dass es so ist."
"Mir wäre wesentlich wohler zumute, wenn die anderen Spiegel auch zerstört wären." Sagte seine Partnerin beiläufig, während er auf die vorbeihuschenden Bäume starrte.
"Ja, das kann ich auch nicht abstreiten... aber du hast ja gemerkt, dass der Teufel auch durch einen zerstörten Spiegel wandern kann."
"Wir haben schon so vieles gesehen und gemerkt", seufzte sie leise. "Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten..."
"Nein, Dinge, die du nie für möglich gehalten hättest." korrigierte er sie grinsend und strich ihr über den Kopf.
"Trotzdem bin ich froh, dass wir es hinter uns haben. Man legt sich ja nicht jeden Tag mit dem Teufel persönlich an."
"Hattest wohl Panik, mein kleiner Angsthase?"
"Fang nicht schon wieder an mich zu ärgern!" sagte sie drohend, bevor sie sich seinem leisen Lachen anschloss.


Ende

Wir würden uns über Verbesserungsvorschläge und Lob sehr freuen.
Also schreibt uns eure Meinung.