| Hoffnung |
Ich saß in diesem dunklen Raum, umgeben von nichts. Ich fühlte mich allein, verlassen und konnte langsam spüren wie die Einsamkeit meinen Willen zerfraß. Mich verzweifeln ließ. Dennoch zermürbte eine Frage meinen Verstand. Wo waren die anderen? All die Leute, die uns geholfen hatten diesen Weg einzuschlagen, uns bis hierhin vor zu kämpfen. Konnten hunderte Leute einfach so verschwinden, ohne Zeichen, ohne Nachricht? Uns einfach im Stich lassen? Ach was dachte ich da? Mich im Stich lassen, er war nicht da, ich war allein. Aber was für einen Sinn hatte es eigentlich mich allein zu lassen? Warum hatten sie uns getrennt? Ach ihr Idioten, wenn ihr mich allein lässt, dann bringt ihr mich zum denken, ihr bringt mich dazu nachzudenken, über mein Leben. Eine Lösung zu finden.
Aber war es überhaupt möglich eine Lösung zu finden? Konnten wir eine Lösung finden? Vielleicht nicht, aber wir konnten immerhin hoffen. Ja, ich konnte hoffen, wir konnten hoffen endlich zu leben, endlich unser Ziel zu erreichen. Aber was war unser Ziel? Ich wusste es nicht zu beantworten, keiner wusste das. Denn das Ziel war etwas nicht existentes, etwas, das wir in unserem dummen menschlichen Verstand nur als verschwommenes Bild wahrnehmen konnten. Es war etwas da, eine gewisse Vorstellung von dem was wir finden würden, doch was es genau war, welche Gesichter hinter den verschwommenen Umrissen der Gestalten verborgen lagen, vermochte sich keiner von uns vorzustellen. Wollten wir es überhaupt, wollte jemand die Wahrheit sehen?
Sehen nicht, wahrnehmen nicht, doch wissen war es, wissen wollte man die Wahrheit, ihren Umfang klar im Verstand sehen, verstehen wollte man sie. Doch konnte man sie überhaupt verstehen? War sie mit einem menschlichen Verstand überhaupt erfassbar? Sie musste es sein, wir hofften, dass sie es war.
Hoffnung, was war Hoffnung? Wir hofften es, wunderbar, doch wurde etwas real wenn wir hofften? Hoffnung ist etwas, das man glaubt vor sich zu haben, jedoch selbst erfindet. Man dichtet sich Hoffnung zusammen, um ein klares Ziel vor Augen zu haben, um nicht aufzugeben. Doch das, was wir suchten, das was wir versuchten zu verstehen war unauffindbar und unbegreiflich. Aber wir hofften es trotz der Sinnlosigkeit zu finden und zu begreifen, denn wir hatten das Ziel, ein Ziel gesetzt durch die Hoffnung. Doch was war wenn die Hoffnung zerfloß? Sie war nicht existent, sie existiert nicht, sie wurde geschaffen durch unseren Verstand. Aber was war wenn der Verstand aufgab, wenn der Verstand die Hoffnung nicht mehr halten konnte? Würden wir sie dann halten können, mit Händen und Füßen? Nein, sie war nicht real, keine Materie. Man konnte Hoffnung nicht abfangen, man konnte sie nicht aufhalten zu gehen. Sie würde zerfließen wie Wasser, durch die Hände gleiten wie Dampf und dann wäre sie weg, weg für immer aus unserem Herzen, aus dem Verstand. Dann würden wir aufgeben, das Ziel nicht mehr vor Augen haben. Die Wahrheit nie finden und nie begreifen. Untergehen in dem eigenen Versagen. Dabei hatten wir doch nichts verloren, nur etwas virtuelles, von uns selbst geschaffenes. Ein Mittel zum Zweck für den Sieg. Die Hoffnung war nichts! Wir gaben auf, weil wir etwas verloren hatten, das sowieso niemals wirklich existiert hatte. Wie dumm wir doch waren, wie unendlich dumm. Und nun wurde mir klar, wir würden verlieren, gegen unsere Gefühle. Denn sie hatten keine Gefühle keine Hoffnung, nichts nicht existentes durch Gefühle zusammengereimtes, das sie verlieren könnten. Sie würden gewinnen, sie würden die Hoffnung schlagen.
Plötzlich zuckte ich zusammen. Die Tür öffnete sich automatisch und einer von ihnen betrat den Raum. Fahles Licht ließ mein Blickfeld erhellen und ich sah direkt in seine starren Augen. Ausdruckslos musterte sie mich. Als sei ich eine Maschine, ein nichts nützes veraltetes Modell, das zu nichts mehr zu gebrauchen war. Warum arbeitete man mit einer Schreibmaschine wenn man einen Computer haben kann? Weil einem Gefühle an der Maschine fesselten, doch sie hatten keine Gefühle. Also waren sie auch nicht an mich gefesselt. An keinen Menschen gefesselt, sie konnten uns zerstören, ohne von Trauer geplagt zu werden. Ohne ein schlechtes Gewissen konnten sie uns vernichten.
Er trat näher. Betrachtete mich immer noch eingehend. Plötzlich verspürte ich es wieder. Die Wellen hallten unsichtbar durch den Raum und durchsprengten meine Gedanken. Sie sprachen miteinander, lautlos, aber durchdringend. Wild streckten sie ihre Köpfe zusammen und unterhielten sich. Über was vermochte ich nicht wahrzunehmen, doch es war vermutlich mein Schicksal. Ich zitterte leicht. Die Spannung war zu spüren. War mein Ende nun gekommen? Würden sie mich töten?
Wo verdammt waren die anderen, wo war Mulder? Verdammt würden sie ihn auch töten? Würde ich ihn sehen? Ein letztes Mal? Bitte Gott lass sie die richtige Entscheidung treffen. Bitte lass mich zu ihm finden, bitte.
Ich sah ihnen wieder entgegen. Ihre großen Köpfe waren dicht zusammengebäugt. Oh Gott, was sah ich DA? Ich sah Wesen von fernen Sternen, die über mein Schicksal entschieden. Mein Leben lag in der Hand von kleinen grauen Männchen. Oh Gott wo war ich gelandet? Wie bin ich hierhin gekommen? Warum? Warum? Verzweiflung durchfuhr mich. Warum war alles nicht schön geworden? Warum war ich nicht auf der Erde geblieben. Wäre gestorben, wäre in die Hölle gerissen worden, doch mit ihm. Mit Mulder, mit meinen Freuden, mit allem was ich kannte. Warum verdammt nochmal hatte ich das nur getan?
Aber es brachte doch alles nichts. Hätte, hätte, hätte. Es war nichts mehr zu ändern. Ich hatte diesen Fehler nun einmal begangen und nun musste ich ihn auch ausbaden.
Sie wandten sich wieder mir zu. Ein stummes Zeichen und die drei "Wachen" traten zu mir. Sie waren starr, wie Drohnen. Führten nur Befehle aus. Sie konnten nichts dafür, ich konnte nichts dafür, dass sie mich wahrscheinlich töten würden. Doch ich sollte nicht aufgeben! Etwas lag vor mir. War es nun der Tod oder nicht. Man brachte mich aus dieser stickigen dunklen Zelle in die Freiheit. Ein Ziel war erreicht. Man muss immer die guten Seiten sehen, redete ich mir ein und versuchte hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.
Sie zerrten mich aus der Zelle und schleppten mich den engen Gang entlang. Hunderte der verschiedensten Lebewesen starrten mir aus den anderen Zellen entgegen. Teils mitleidig, teils neidisch für meine Sekunden der Freiheit, trafen sie meinen Blick.
Die Tür des Gefängnistrakts löste sich in Luft auf und machte nun den Blick in die Freiheit kund. Oh ja, es waren nur metallene Gänge. Doch wie lange hatte ich sie nicht mehr betreten? Nicht mehr gesehen? Tage? Wochen? Monate? Gar Jahre?
Es war egal. Gefühle überrollten mich. Hier hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen. Der letzte Blick, den wir uns geschenkt hatten, kam mir vor als habe er vor einer Ewigkeit stattgefunden. Wo war er? Würde ich seine braunen Augen noch einmal genießen könne? Würde er mich noch einmal Scully nennen? Mit diesem ruhigen sanften Ton?
Ich vermisste ihn, seine Scherze, sein Lachen, seine Stimme und seinen Hundeblick. Ich vermisste einfach alles.
Doch es geschah nichts, das einzige, was ich zu Gesicht bekam waren mehr Gänge, mehr dieses seltsamen Metalls, das mein Spiegelbild so unmenschlich aussehen ließ. Wir gingen und gingen, ich lenkte meine Füße nicht einmal. Ich war es gewohnt nur noch hinterher zutrotten, ohne eigenen Willen. Eine Schande war das, was aus mir geworden war. Wer war ich denn schon gewesen? Ein Witz, ein kleiner Punkt in einem unermesslich riesigen Umfeld. Etwas, dem man keine Beachtung schenkte. Was hatte ich erreicht? Garnichts! Das einzige, was ich in der Lage gewesen war zu beweisen, war meine Dummheit. Ich sah dieses Wesen an, das so verformt wie es war, wie eine Geleemasse neben mir herglitt. Jeden Schritt tat es, den ich tat. Jede Bewegung amte es nach, die ich machte. Es machte mich nervös…ich wollte, dass es damit aufhörte. Aber konnte es das? Nein, es war ich. Bringen wir es auf den Punkt: Ich machte mich selbst nervös. Ich spürte, dass kurz vor mir etwas lag. Ich wusste, dass dies die letzten Schritte waren, die ich ging. Ich wusste, dass ich die letzten Atemzüge meines Lebens tat. Ich wusste, dass dieser nichtssagende Punkt namens Dana Katherine Scully in den nächsten paar Minuten gelöscht werden würde, wegradiert von Blatt des Lebens.
Aber würde ich vielleicht doch nur in einen anderen Raum geführt? Zu den anderen? Den Menschen? War er dort? Ich musste innerlich lächeln. Er würde mir jetzt bestimmt sagen, dass ich aufhören sollte, so negativ zu denken. Ich war doch Scully, seine tolle Partnerin, die trotz all dem Unsinn, den ich bisher mit ihm ausgeheckt hatte, noch immer ein besseres Image besaß als er. Wieder musste ich lächeln. Immerhin würde uns das FBI, falls es denn noch existierte, niemals vergessen. Die zwei Verrückten aus dem Keller waren die wohl seltsamsten Agenten, die sie jemals ausgebildet hatten. So schlimm waren wir vergleichsweise gar nicht gewesen…ich grinste wieder in mich hinein. Wir waren sogar noch recht pflegeleicht gewesen. Wir hatten zwar Regeln gebrochen, von denen nicht einmal ich gewusst hatte, dass es sie gab und wir hatten das FBI durch unsere Reise beinahe in den finanziellen Ruin getrieben, aber wir hatten immerhin eine Aufklärungsrate von 80% gehabt. Und wenn man nach Mulder ging hatten wir sogar eine von 100%, aber da weder meine Erklärungen, noch Mulders für wahrhaft voll genommen wurden, setzte sich das ganze in 100% ungelösten Fällen zusammen. Und mit genau solch einem ungelösten Fall ging ich gerade spazieren, in einem Raumschiff, 1000 von Meilen von der Erde entfernt. Sind die Wendungen, die das Leben nimmt nicht manchmal herrlich?
Ich würde zu gerne mit ihm hier entlanggehen. Ich weiß nicht aus welchem Grund, aber tief in meinem Inneren habe ich mir immer zusammengereimt, dass ich einmal mit Mulder zusammen sterben werde. Es gab mir ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass wir beide zur selben Sekunde von dieser Erde, diesem…was auch immer es war…gehen würden. Zwei Leute…zwei Leute gegen den Rest der Welt, gegen den Rest des Universums. Wir hatten unseren Kampf geführt, wir hatten unseren Kampf verloren. Jetzt, jetzt wusste ich nicht einmal ob er noch lebte, ob mein Wunsch in Erfüllung gehen würde.
Endlich hielten wir an. Wir standen vor einer großen Tür, etwas sehr außergewöhnliches in einem Raumschiff. Immer mehr spürte ich dieses seltsame Kribbeln in mir, dieses Kribbeln, das mir weismachte, das zu genießen, das ich gerade tat. Ohne auch nur das geringste Anzeichen öffnete sich plötzlich die Tür. Ich hatte einen gigantischen Saal erwartet, blickte jedoch nur auf einem kleinen weißen Raum. Sie packten mich an den Armen und zerrten mich in dessen Mitte. Ich stand unsicher da und war auf das schlimmste vorbereitet. Zum ersten Mal fühlte ich wieder kalte Angst seitdem ich hier war.
Ich wartete darauf, dass sich die Tür schloss, doch es geschah nicht. Ein kleines rotes Licht strahlte auf einmal von der Wand aus. Ich erkannte es wieder, es war ein Zeichen, ein Zeichen dafür, dass kurz darauf noch jemand den Raum betreten sollte. Ich zitterte…sollten sie ihn wirklich hierher bringen?
Ich sah wie gebannt hinaus auf den Gang. Nichts regte sich, rein gar nichts. Ich ließ meine Blicke wieder durch den Raum wandern, sah nichts, rein gar nichts. Ich spürte wie mein Atem auf einmal zu rasseln begann. Ich keuchte, merkte wie ich kaum mehr Luft bekam. Von Panik gepackt starrte ich fast besessen hinaus. Bitte, bitte bringt ihn hier rein, bitte. Als Antwort erhielt ich einen stechenden Schmerz in meiner Lunge, schwarze Punkte begannen vor meinen Augen zu tanzen. Benommen wankte ich zu der Tür, doch als ich angekommen war, konnte ich den Raum nicht verlassen. Ich prallte gegen etwas hartes, das sich ebenso anfühlte, wie die Wand um mich herum. Ich wollte schreien, trommelte dagegen. Meine Kehle schnürte sich zu. Ich verkrampfte mich. Sackte zu Boden. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte keine Luft in meine Lungen saugen. Bilder huschten vor meinem inneren Auge vorbei. Immer wieder dieselbe Frage. Was war ich gewesen? Wer war ich gewesen? Was hatte das alles für einen Sinn. Doch ich erhielt keine Antwort, niemals. Das einzige was ich sah, wie die Tür zu flimmern begann und sich in Luft auflöste. Die Hoffnung hatte ein weiteres Opfer gefordert.