Titel: Y2K
Autorin: VancouverX9
Kontakt: ScullyX9@aol.com
Disclaimer: Die Figuren gehören mir nicht und ich will auch kein Geld mit ihnen verdienen
Rating und Genre: mildes NC-17, MSR
Spoiler: Millennium, Per Manum, Das Glück des Henry Weems, 6. Staffel und FTF
Zusammenfassung: Was ist nach dem Kuss in Millennium passiert? Was war da zwischen den Zeilen zu lesen in den Folgen der siebten Staffel? Und wann fand diese merkwürdige fehlgeschlagene Befruchtung statt, von der in Per Manum die Rede ist? Der erste Teil dieser FF ist den viel sagenden Blicken gewidmet, die sie sich in den wenigen Sekunden in Millennium zugeworfen haben. Wie schrecklich viele Worte Platz in diesen Blicken haben .
Y2K
1.1.2000 0:56 Uhr
Mulder, sind Sie noch wach?
Sie fuhren seit fast einer Stunde durch die Gegend, doch überall waren Straßensperren. Amerika hatte in punkto Paranoia bezüglich des Weltuntergangs wieder einmal bewiesen, dass es an der Spitze stand. Scully hatte nicht gewusst, wie viele Polizisten es in Washington D.C. gab. Es bestand überhaupt keine Chance, dass sie hier mit dem Auto irgendwie nachhause kommen würden.
Mulder war die ganze Fahrt über recht schweigsam gewesen und nickte auf Scullys Frage nur müde.
Haben Sie noch Schmerzen? ertönte ihre Stimme noch einmal und er drehte sich zu ihr und sah in die besorgten Augen einer Frau, die ganz offensichtlich mehr für ihn empfand als nur Sympathie. Aber Mulder hatte schon andere Verletzungen überlebt und gab ihr mit einem ernsten Blick eindeutig zu verstehen, dass er kein Weichei war. Stattdessen sah er zu den flackernden Lichtern über Washington D.C. hinüber und schüttelte den Kopf. Das da tut viel mehr weh!
Was meinen Sie?
Scully folgte seinem Blick und sah, dass die Stadt mitten in der Nacht taghell zu sein schien. Selbst aus 10 km Entfernung konnte man sehen, dass dort die Party des Jahrtausends im Gange war.
Das unglaublichste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte geht zu Ende und alles, was wir an so einem Tag tun, ist uns in kürzester Zeit auf unterschiedliche Weisen auf das geistige Niveau eines Affen zu befördern und grölend ins neue Jahrhundert zu stolpern.
Wow! Das hatte verbittert geklungen und Scully war einen Augenblick sprachlos. So kannte sie Mulder gar nicht. Zumindest hatte sie ihn lange nicht mehr in so einem Zustand gesehen. Sie runzelte die Stirn. Sie beide hatten diesen Abend mit ihrer Jagd auf Zombies schließlich auch nicht wesentlich würdevoller verbracht. Andererseits: Was hätte er an diesem Silvesterabend gemacht, wenn ihnen dieser Fall nicht dazwischen gekommen wäre? Was hat er an all den anderen Silvesterabenden der letzten Jahre gemacht?
Die Ampel sprang auf grün und sie fuhr weiter. Das hier war der letzte Schleichweg, der ihr einfiel. Wenn sie dort nicht durchkommen würden, würden sie im Auto schlafen müssen.
Seine Worte brachten sie zum Nachdenken und sie verstand, was er meinte. Es war ein tragisches Jahrhundert gewesen. Ein schreckliches und unglaublich faszinierendes Zeitalter. Und stolpern schien genau das zu sein, was die Menschheit seitdem tat. Wie die Menschheit das neue Jahrtausend begann: mit der Gewissheit, dass irgendetwas schief gehen würde, dass ein solches Jahrhundert nur mit dem Weltuntergang enden konnte, weil es anders nicht zu übertreffen wäre.
Mulder, ich glaube, man hat Ihnen nicht genug Schmerzmittel gegeben, war jedoch alles, was sie schließlich darauf antwortete. Sie konnte sich nicht auf diesen chaotischen Verkehr konzentrieren und gleichzeitig noch eine philosophische Diskussion mit ihm beginnen.
Er sah sie von der Seite an. Sie merkte es und fühlte sich unwohl dabei. Sie hasste es, wenn man sie anstarrte. Noch dazu von der Seite. Aber sie ließ es zu. Denn Mulder hatte schon so viele Seiten von ihr gesehen. Er kannte ihre Schwächen und ihre Fehler. Er hatte sie schon sterben sehen. Und weinen. Also konnte er auch ruhig ihr Profil anstarren. Sie befeuchtete etwas verlegen ihre Lippen und versuchte sich weiterhin auf den Verkehr zu konzentrieren.
Ihre Lippen fühlten sich so taub an seitdem er sie geküsst hatte. Eigenartig, dass sie sich sechs Jahre kannten und er sie noch nie auf den Mund geküsst hatte Ein Teil von ihr hatte es irgendwie kommen sehen, weil es eigentlich das war, was sie sich insgeheim ersehnte. Sei es nur weil sie sich generell nach der Nähe eines Mannes sehnte oder weil sie einander in der letzten Zeit näher gekommen waren als je zuvor. In dem Moment, in dem sie sich zu ihm umgedreht hatte, war sie viel zu überwältigt von ihren eigenen Hoffnungen und Ängsten bezüglich des neuen Jahres gewesen, als dass sie darüber hätte nachdenken können, was er vorhatte. Und sie hatte es einfach auf sich zukommen lassen. Denn es war ja nur ein Silvesterkuss gewesen. Ihr einziges Argument, als sie ihren Kopf ausgeschaltet hatte und ihre Augen geschlossen hatte um alles andere ausblenden zu können.
Als sie sich daran erinnerte, spürte sie ihren Herzschlag plötzlich, wie er sich an der Innenseite ihrer Rippen fortpflanzte und ihren Hals hinaufstieg. Mulder war schon ziemlich clever gewesen, ihr gerade heute diesen Kuss zu geben, denn das hier war einer jener unverbindlichen Silvesterküsse, er konnte alles bedeuten und zugleich nichts. Das war typisch Mulder. Typisch für ihre Beziehung. Vorsichtig und doch leidenschaftlich aber ohne Folgen. Sie konnten sich einfach nicht dazu entschließen, es einfach durchzuziehen. Aus Angst, dass es schief gehen würde. Oder aus Angst, dass es zu tief gehen würde.
Letzteres erschien ihr nach diesem Kuss wahrscheinlicher. Wenn die bloße Berührung seiner Lippen auf ihren bei ihr all das auslösen konnte, was mit ihr in diesen zehn Sekunden geschehen war, wollte sie nicht wissen, was der ganze Mulder mit ihr anstellen würde. Aber sein Blick hatte ihr gezeigt, dass es ihm ähnlich gegangen sein musste. Dass es nicht einfach nur irgendein Kuss gewesen war. Es war der Kuss gewesen, der das neue Jahrtausend begonnen hatte. Auch das war typisch Mulder. Er musste immer gleich übertreiben.
Sie schmunzelte. Vermutlich würde es sogar der einzige Kuss bleiben zwischen ihnen. Aber das war ihr egal. Sie hatte jede Sekunde davon genossen. Er war so vorsichtig gewesen. Zurückhaltend, als wolle er nur einen Versuch wagen ohne sicher zu sein, was er da eigentlich tat. Diese Zurückhaltung hatte sie überrascht, denn das war nicht gerade eine seiner Stärken. Und es hatte ihr gezeigt, dass er in Wahrheit noch viel mehr mit sich herumtrug als er ihr mit diesem Kuss hatte zeigen wollen. Der Blick in seinen Augen hatte ihn verraten, denn sie hatte Überraschung darin gesehen, Überraschung darüber, was dieser Kuss auch in ihm ausgelöst hatte.
Sie schluckte ihren Herzschlag herunter und spürte wie ihr heiß wurde.
Dieses Lächeln
auf seinen Lippen hatte ihr irgendwie das Gefühl gegeben, dass
es nicht bei diesem einen Kuss bleiben würde. Aber worauf sollte
das Ganze dann hinauslaufen? Und warum gerade jetzt? Nach
sechs Jahren? Sie schluckte erneut und merkte wie ihr bei dem
Gedanken daran unwohl wurde. Ihr Hals war trocken. Sie drehte die
Heizung des Wagens herunter und sah aus dem Augenwinkel, dass er
immer noch ihr Profil studierte. Ihre Augen blitzten irritiert
auf.
Ihr Profil war ihm bereits vertrauter als sein eigenes Spiegelbild. Er liebte es mit seinen Augen ihre Silhouette zu umfahren, wie sein Blick an ihrer kleinen gebogenen Nase abrutschte um auf ihren vollen roten Lippen zu landen. Das Licht der Ampeln schimmerte abwechselnd rot und grün auf ihrer elfenbeinernen Haut und ließ ihre Augen geheimnisvoll glitzern.
Er hatte es tatsächlich einfach getan. Und es war so leicht gewesen. Es war einfach über ihn gekommen. Er hatte gar nicht darüber nachgedacht. All diese Emotionen, die trotz seines Zynismus angesichts dieser mediengeschürten Hysterie in ihm hoch gekocht waren, hatten sich plötzlich kulminierend zu einem unwiderstehlichen Gefühl vermischt. Er hatte sich plötzlich so frei und unbelastet gefühlt. Die Frau, mit der er die letzten Jahre des alten Jahrtausends verbracht hatte, hatte dort direkt neben ihm gestanden und da hatte er nicht mehr unterscheiden können, was er für sie in diesem Moment empfand und sie einfach geküsst. Aber statt sich zurückzuziehen, hatte sie diesen Kuss geschehen gelassen, ja war ihm sogar noch entgegen gekommen. Als hätte sie es beinahe erwartet.
Danach hatte er Zweifel in ihrem Blick gesucht, doch alles, was er hatte entdecken können, war eine ernsthafte, überraschte Verzauberung gewesen und ein Lächeln, das die Zeit angehalten hatte. Gefolgt von einem sehr eindringlichen, nachdenklichen Blick, in dem fast ein wenig Enttäuschung gelegen hatte, als ihr bewusst geworden war, dass der Augenblick vorbei war. Es war ein unbeschreiblich intimer Moment gewesen, den sie nun teilten wie ein kleines Geheimnis.
Das letzte Jahr war anders gewesen als all die Jahre zuvor. Es war ein Jahr gewesen, in dem sie sich vielleicht unbewusst und aus Langweile ganz auf einander konzentriert hatten und auf das, was sie einander bedeuteten. Immerhin hatten sie sich in seinem Flur fast geküsst, und Diana Fowley hatte das vermutlich vollkommen unfreiwillig auch noch beschleunigt. Scullys Eifersucht hatte sie beinahe in ein Raubtier verwandelt und sie hatte sich ihm geöffnet - aus Angst ihn zu verlieren. Wäre die Biene damals nicht gewesen, sie hätten es wirklich durchgezogen. Aus einem Affekt heraus. Unüberlegt und ohne Überzeugung. Aber dennoch war das ganze Jahr ohne die X-Akten durchzogen gewesen von diesem unvollendeten Kuss zwischen ihnen. Als sie zu den X-Akten zurückgekehrt waren und wieder Seite an Seite zusammengearbeitet hatten, hatte er es das erste Mal bewusst wahrgenommen. Es war längst mehr als nur eine autoerotische Phantasie oder ein Affekt. Und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Hoffte er. Und merkte er in Schweiß ausbrach.
War er etwa verliebt? Konnte man jemanden erst lieben bevor man sich in ihn verliebte?
Er runzelte die Stirn angestrengt und sah aus dem Fenster, doch sein Blick wurde magisch von ihr angezogen und kurz darauf sah er sie wieder an, glitt an ihrer weichen Haut ab, von der er nicht einmal wusste, wie sie sich anfühlte, ertrank in dem Blaugrün ihrer Augen und rettete sich wieder auf ihre Lippen, deren Geschmack ihn hungrig zurück gelassen hatte.
Es war ihm neu so für sie zu empfinden. Die Verwirrung darüber verdrehte ihm den Kopf.
Er hatte Scully eigentlich nie ernsthaft in diesem Licht gesehen. Sie hatten natürlich immer das übliche Spielchen gespielt, hatten geflirtet, gealbert und sicherlich war ihm auch ein oder zweimal der Gedanke durch den Kopf gegangen, mit ihr zu schlafen anfangs. Sie war immerhin ziemlich attraktiv und ihm waren die Blicke anderer Männer nicht entgangen. Aber trotzdem, Sex war nichts Besonderes. Sex gab es an jeder Ecke. Er lag haufenweise in seinen Schubladen herum. Er war Massenware.
Scully jedoch Scully war etwas Besonderes. Jeder Tag, den sie bisher an seiner Seite verbracht hatte, war heller und lebendiger gewesen als all die Jahre bevor er sie kennengelernt hatte. Ihre Unnahbarkeit und ihre unschlagbare Intelligenz paarten sich mit so viel Persönlichkeit und Ausstrahlung, dass es ihm immer wieder die Luft nahm wenn sie ihn ansah, nachdem sie ihm eine ihrer Das-kann-unmöglich-Ihr-Ernst-sein-Standpauken gehalten hatte.
Und mit der Zeit waren seine Gefühle für sie heilig geworden. Genau so unantastbar wie sie selbst.
Als Scully ihn vor ein paar Wochen gerettet hatte, war es dann einfach plötzlich da gewesen. Es hatte ihn wie ein Blitzschlag getroffen, als er in diesem merkwürdigen Traum verstanden hatte, dass sie der einzige Fixstern an seinem Himmel war, um den sich alles andere drehte. Als hätte der Wind seine Richtung geändert.
Das, was jetzt mit ihnen geschah, war die logische Konsequenz dieser Liebe, die sie sich längst gestanden hatten. Sie hatten überhaupt keine Wahl.
Sie wusste, sie war seine Konstante, sein einziges Naturgesetz.
Wärme machte sich in seinem Inneren breit und betäubte den Schmerz in seinem Arm.
Und er war ihre. Und Konstanten blieben immer gültig. Auch über Jahrtausendgrenzen hinweg. Aber Mathematik half ihm jetzt auch nicht weiter.
Das Strahlen ihrer Augen hatte in dem Moment nach dem Kuss sowieso die Welt aus den Fugen gerissen, mitsamt ihren Konstanten.
Wenn er jetzt daran dachte, ihre Lippen wieder und wieder zu küssen und zu ihr vorzudringen, sie zu halten, während sie sich fallen ließ und ihren Körper mit Zärtlichkeiten zu überschütten, wurde ihm bewusst, dass das über das körperliche Gefühl weit hinausging. Sie war keine Trophäe und es ging nicht um das bloße Ausleben von animalischer Lust. Seine Augen leuchteten auf.
Sie standen im Stau, abgeschottet von der Hektik und dem Hupen um sie herum. Sie sah ihn fragend und ahnungslos an und da erkannte er es in seinem vollen Ausmaß.
Er wollte sie wirklich.
Er wollte sie so sehen wie sie war, ohne all die Hüllen und ohne den Eispalast, den sie manchmal um sich herum aufbaute, selbst ihm gegenüber. Er wollte sie erobern, wollte der Grund dafür sein, dass sie in seiner Gegenwart nervös wurde, dass sie sich ihm gegenüber Schwäche erlaubte und ihn in ihr Herz hineinschauen ließ. Er wollte ihren Körper unter seinem beben fühlen und wollte dieses allumfassende Gefühl, das er in sich trug, ausleben. Mit ihr, in ihr.
Es reichte ihm nicht ihr mit seinen Blicken, seinen Taten und seinen Worten zu zeigen wie er für sie empfand. Er wollte, dass sie es am ganzen Körper spürte, dass es sie umhüllte wie einen Schutzmantel und mit Energie ausfüllte. Es sollte sie befreien und beschützen vor all den Dingen, denen er sie bereits ausgesetzt hatte.
Er war schließlich schuld daran, dass ihr Lächeln zu einem so seltenen Gast auf ihren Lippen geworden war. Doch aus irgendeinem Grund hasste sie ihn dafür nicht. Im Gegenteil. Und erst durch all ihre gemeinsamen Erfahrungen war das entstanden, was sie nun teilten: eine Beziehung absoluter Bedingungslosigkeit.
Sie war der einzige Mensch auf der gesamten Welt, der ihm glauben wollte. Der ihn ernst nahm und nicht verraten hatte. Sie war der einzige Mensch, der es fertig brachte, seine Seele so zu berühren und zu vereinnahmen, dass er das Gefühl hatte sich vollkommen verloren zu haben.
Er holte tief Luft als ihm bewusst wurde, was er sich da wünschte.
Ohne es zu wissen hatte er mit dem Kuss das Richtige getan, dessen war er sich jetzt sicher.
Auch wenn es nur
ein harmloser Silvesterkuss gewesen war, so hatte sie sehr wohl
die Botschaft dahinter verstanden. Das Leuchten in ihren hellen
blauen Augen, dieser verzauberte Glanz, der Verlangen und
Überraschung zugleich widergespiegelt hatte, das war ihm unter
die Haut gegangen und ließ ihn nicht mehr los. Denn damit hatte
sie ihm signalisiert, dass sie genau wie er mehr zu wollen
schien.
Doch dieser Moment war verflogen.
Es war vorbei und sie würden garantiert nie wieder darüber sprechen. Sie hatten überhaupt noch nie über ihre Gefühle füreinander gesprochen, auch nicht nach dem Beinahe-Kuss in seinem Flur. Diana hatte sich das ganze Jahr wie ein dünnes Anti-Kommunikations-Tuch aus Tüll zwischen sie gelegt und so war es bis vor kurzem nie dazu gekommen, dass sie ernsthaft miteinander über das sprechen konnten, was sich da zwischen ihnen anbahnte. Jetzt hatten sie darüber gesprochen. Auf ihre Weise. Aber wie würde es jetzt weitergehen? Die Spannung zwischen ihnen war bereits jetzt schon so unerträglich, dass es ihm manchmal schien selbst die Fliegen an der Wand würden dadurch zur augenblicklichen Paarung angestiftet. Diese gigantische Flutwelle aufgestauten Verlangens und unterdrückter Bedürfnisse würde sich früher oder später entladen.
Und davor hatte er Angst. Denn er wusste, dass er ein Hitzkopf war. Dass er schrecklich stürmisch war und er sie damit vielleicht erschrecken würde. Und würde es sich dann nur einmal entladen um letztlich in herber Enttäuschung zu enden? Oder waren sie tatsächlich erwachsen genug die Gratwanderung zu meistern und etwas, das längst überfällig war, trotz extrem schlechten Timings irgendwie in das einzubauen, was sie momentan teilten?
Ihre Herzen schlugen in einem so zarten synchronen Rhythmus, er wollte nicht, dass das alles durcheinander geriet, nur weil er seine männlichen Bedürfnisse nicht unter Kontrolle brachte.
Er verdrehte die Augen fast unmerklich und ein leises Pah rutschte ihm über die Lippen und blieb glücklicherweise unbemerkt. Sie war niemand, den er einfach nur ins Bett kriegen wollte. Und es ging hier überhaupt nicht um männliche Bedürfnisse. Es ging um das elementare Bedürfnis jemanden aus tiefster Seele zu lieben. Es ging hier um jenes biblische Erkennen eines anderen Menschen, einer Frau. Seine Schläfen pochten vor Anspannung. Was zum Teufel hatte sie mit ihm angestellt, dass er sich jetzt so sehr den Kopf darüber zerbrach?
Ziemlich gereizt von seiner eigenen emotionalen Unzulänglichkeit wandte er den Blick von ihr wieder ab und sah die nächste Absperrung vor ihnen beiden auf der Straße.
Hm. Sieht mir aus wie eine weitere Straßensperre, bemerkte er knapp und grinste sie schief an, als sie ihm einen strafenden Blick zuwarf. Riecht verdammt nach Verschwörung, was meinen Sie, Scully? Nur wenn man wusste, was in ihm vorging, konnte man die leichte Aggression in seiner Stimme wahrnehmen. Sie hörte es auch und hielt es für seine übliche Ungeduld, die er immer im Straßenverkehr an den Tag legte.
Sie schenkte ihm ein müdes Lächeln. Wie immer, wenn er einen schlechten Witz machte. Es war wirklich ziemlich schwierig, sie zum Lachen zu bringen!
Er sah missmutig die Straße herunter. Überall wuselten Menschen herum. Mit Sektflaschen in der einen Hand und einem Partner in der anderen. Auch wenn er dieses Jahr ebenfalls einen Partner an seiner Seite hatte, so war er sich sicher, dass Scully sonst nicht freiwillig mit ihm Silvester verbringen würde. Er zuckte mit den Schultern und bereute es sofort wieder als sein Arm wieder zu Pochen anfing. Bis zu mir ist es auch wieder eine Stunde Fahrt mit ähnlichen Verkehrsverhältnissen. Uns bleibt also nicht viel übrig. Wir können laufen. Oder hier bleiben bis sich dieser Wahnsinn gelegt hat.
Sie starrten sich an. Die Stimmung war im Begriff zu kippen, doch Scully rettete die Lage. Denn sie lächelte. Es war ein merkwürdiges Lächeln, als ob sie etwas vorhätte. Zugleich verselbständigte sich in ihrem Kopf tatsächlich ein Plan und sie schoss noch ehe der Plan durch das Raster ihrer Vernunft gelaufen war los:Gut. Dann bleiben wir eben hier. Er sah sie irritiert an. Wie? Hier?
Sie schwieg grinsend, hielt den Wagen am Straßenrand an, stieg ohne Worte aus und verschwand so schnell in der nächsten Seitenstraße, dass er gar nicht erst den Versuch unternahm, ihr zu folgen. Draußen war es einfach viel zu kalt. Als aber fünfzehn Minuten vorbei waren, wurde Mulder langsam nervös. Er hatte mittlerweile mindestens vier Menschen dabei zugesehen, wie sie sich übergeben mussten und war nicht besonders erpicht darauf diese Erfahrung noch weiter auszubauen, als er seinen Lieblingsrotschopf wieder um die Ecke biegen sah. Sie war mit Tüten beladen und schien sich durch die Menschenmenge zu bewegen als wäre sie ein Geist. So als würden all diese Leute sie überhaupt nicht stören. Nur ihr finsterer Blick sprach Bände. Als sie die Wagentüre öffnete, stieg ihm der Duft von Pizza, Apfel, Zimt und Kaffee in die Nase und er grinste. Scully, Sie wissen womit man einen Mann glücklich macht!
Sie warf ihm noch eine Packung Schmerztabletten auf den Schoß und stieg wieder in den Wagen. So, und jetzt fahren wir weiter.
Scully, ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber ist Ihnen auf Ihrem kleinen Ausflug entfallen, dass wir bereits seit über einer Stunde fahren und die Straßen alle dicht sind? Nein. Sie genoss seinen verstörten Gesichtsausdruck und fuhr dann fort. Deswegen habe ich ja auch was zu Essen mitgebracht. Das Sommerferienhaus meines Bruders ist in der Nähe von Annapolis und da er und seine Familie in Florida sind und ich weiß, wo er die Schlüssel deponiert, werden wir jetzt dorthin fahren.
Mulder schüttelte den Kopf. Damit hätte er nicht gerechnet. Das war eine Seite an ihr, die er noch nicht kannte. Und es war halb 2 an einem Neujahrsmorgen. Draußen waren es minus 5 Grad und sie wollte allen Ernstes in der Dunkelheit über einen Highway brausen? Eine alberne Idee. Sie arbeitete schon viel zu lange mit ihm zusammen.
Sie sind ja verrückt, murmelte er, machte sich aber bereits am Pizzakarton zu schaffen. Scully schmunzelte. Mh, dass ich mir das gerade von Ihnen sagen lassen muss
Sie grinsten beide ein wenig verlegen in sich hinein und merkten nicht, wie warm ihnen wurde. Und es lag nicht an der Heizung ihres Wagens.
Warum genau sie das allerdings tat, war Scully auch nicht klar. Es war ihr einfach logisch erschienen, doch je weiter sie sich von D.C. entfernten, desto größer wurden ihre Zweifel. Aber es war ein Ausnahmezustand und damit beruhigte sie sich und fuhr den leergefegten John Hanson Highway entlang.
Zwei Stunden später wachte Mulder auf, als Scullys Wagen abrupt stehen blieb. Er öffnete die Augen und sah nichts. Es war stockfinster. Scully stieg aus, knipste ihre Taschenlampe an und Mulder erkannte ein kleines weißes Haus mit grünen Fensterläden vor seinen Augen im fahlen Schein der Lampe. Es sah freundlich aus. Und verschlossen.
Als er die Wagentür öffnete, strömte eiskalte Winterluft hinein. Und ein sanftes Rauschen, das der Wind mit sich trug. Das Meer konnte nicht weit weg sein.
Er sah fasziniert und gespannt zu wie Scully an einer grauen hässlichen fetten Plastikente, die in der Auffahrt auf einem Stück Wiese als Dekoration platziert war, herumfummelte. Ein silbernes Schimmern verriet ihm, dass sie tatsächlich den Schlüssel für das Haus gefunden hatte und mit einem erleichterten Seufzer und der Aussicht seine Beine wieder ausstrecken zu können, stieg er aus dem Wagen und folgte ihr zum Haus.
Scully knipste das Licht an. Es war kalt und sie rannte zur Klimaanlage um die Heizung einzuschalten.
Währenddessen konnte Mulder sich an das fremde Umfeld gewöhnen. Es war gemütlich und vollgestellt mit Möbeln, inklusive der Gartenmöbel und der obligatorischen Hollywoodschaukel, die mit einer Plastikfolie abgedeckt war. Der Teppich war flauschig und cremefarben. Wie fast alles in diesem Haus. Es war als hätte jemand alles mit Eiscreme bemalt. Die Farben machten eindeutig klar, dass es sich hier um ein Sommerhaus handelte. Scully stieß die Fensterläden auf und Mulder entfuhr ein beeindrucktes Pfeifen. Das Haus lag direkt am Meer. Es glitzerte geheimnisvoll durch die Nacht. Geheimnisvoll aber gleichgültig. Denn der Natur war es egal, was heute für ein Abend war. Mulder war es auch egal gewesen. Bis vor wenigen Stunden. Bis zu dem Moment, an dem er sich zu diesem Kuss entschlossen hatte. Seitdem lief er auf Pudding statt auf Beinen durch die Gegend und ihre Entscheidung, dem Trubel der Stadt auf diese Weise zu entfliehen, half ihm dabei nicht gerade.
Scully packte die übrigen Nahrungsmittel aus den Tüten aus und stellte sie in die Küche, dann wuselte sie ins Schlafzimmer. Offenbar kannte sie sich hier bestens aus. Mulder ließ sich auf einem Sofa nieder. Er wusste so wenig über diese Frau. Wo sie ihre Wochenenden, ihre Weihnachtsfeiern, ihre Silvesterabende und ihre Sommerferien verbrachte. Er wusste, sie war meistens bei ihrer Familie oder bei ihm im Büro. Es fiel ihm schwer in ihr die Tante, oder die Cousine oder die Schwester zu sehen. Sie zeigte ihm so selten ihre andere verletzliche Seite. Als er darüber nachdachte, tat es ihm weh. Denn er hatte für sich immer das Recht beansprucht ihr einziger Freund und Vertrauter zu sein. Und doch kannte er diesen Ort nicht. Und er kannte sie nicht.
Unruhig stand er wieder auf, nahm eine Tablette gegen den Schmerz in seinem Arm und wünschte, die Tablette würde auch noch die Gedanken in seinem Kopf heilen. Auf die Dunkelheit konzentriert, versuchte er die Grenze zwischen dem Meer am Horizont und dem Nachthimmel auszumachen. Sie war ebenso wenig zu erkennen wie die Grenze zwischen der Liebe, die er für sie empfand und seinem körperlichem Verlangen.
Der Sandstrand leuchtete fahl durch die Nacht, als hätte sich das Licht des Mondes über die Erde ergossen. Er schloss die Augen und versuchte auf andere Gedanken zu kommen. Versuchte an etwas zu denken, was nichts mit ihr zu tun hatte, was ihm wichtig war, was lustig war oder interessant. Oder irgendetwas, so lange es ihn davon abhielt, einen Fehler zu machen. Aber da spazierte sie auch schon wieder aus dem Schlafzimmer. Als würde sein System auf Neustart programmiert werden sah er sie wie versteinert an als sie auf ihn zukam. Sie hatte Kerzen angezündet und das weiche goldene Licht ließ ihre Augen so tief funkeln wie das schwarze Meer, in dessen beruhigender Weite er sich gerade erst wieder gefunden hatte. Sie sah ihn ein wenig unsicher an, ihre Stirn kräuselte sich skeptisch. Seine Schweigsamkeit machte ihr Sorgen. Was ging ihm durch den Kopf? War er traurig wegen des Jahrtausendwechsels? Oder dachte er wie sie an den Kuss? Vielleicht hatte er auch einfach nur Schmerzen. Er war eben manchmal launisch. Unbewusst ablehnend verschränkte sie fröstelnd die Arme vor der Brust und fügte hinzu: Ich weiß, das hier ist momentan nicht gerade eine Sauna, aber es müsste gleich besser werden.
Sie war verlegen und blieb in sicherer Entfernung neben ihm stehen und schwieg in die Stille hinein. Es war einsam hier draußen im Winter. Das hier war einer der wenigen Orte, an denen sie entspannen konnte. Und nun war er hier und es war als prallten zwei Welten aufeinander.
Wenn Ihr Bruder wüsste, dass ich hier bin, würde er das Haus sofort verkaufen, lockerte er die Situation auf und bekam diesen wärmenden Gesichtsausdruck, mit dem er vermutlich im College scharenweise Frauen verführt hatte.
Scullys Mund verzog sich zu einem verkniffenen Lächeln und sie legte wie aus einem Reflex ihre Hand auf seinen unverletzten Arm.
War es falsch gewesen ihn hierher zu bringen? Hatte sie eine Grenze überschritten? Gab es zwischen ihnen überhaupt noch Grenzen? Offenbar schon, sonst läge nicht diese Spannung zwischen ihnen.
Wenn Sie sich hier nicht wohl fühlen setzte sie an, doch er fiel ihr ins Wort, bevor das Gespräch eine ungewollte Wendung nahm. Sein Blick wanderte von ihrer Hand ihren Arm entlang in ihre Augen und er nickte ihr zu: Es ist spät, nicht wahr?
Sie zog ihre Hand zurück und sah auf die Uhr. Fast vier. Die Stille waberte wie ein Spannungsfeld durch den Raum und alles schien darauf zu warten, dass etwas geschah.
Sie sahen sich an und überlegten wie es nun weitergehen sollte. Sie waren beide nicht müde. Und beide dachten darüber nach, was der andere wohl erwartete. Oder wovor sich der andere womöglich fürchtete.
Sie unterbrach den Blickkontakt und sah aus dem Fenster, versuchte einen Stern am Himmel auszumachen und ließ den Moment auf sich wirken. Warum fühlte sich alles, was an diesem Abend geschah, so merkwürdig an? Noch vor sieben Stunden war alles normal gewesen. Aber seit Mitternacht hatte sich alles verändert. Dabei war es doch nur ein dummes Datum! Ein willkürliches System. Ohne Bedeutung. Nur dazu gedacht die Zeit in irgendeine Einheit zu packen. Damit man merkt wie schnell sie verfliegt. Und wie viel man versäumt.
Ihre Gedanken bissen sich selbst in den Schwanz. Wie der Ouroboros.
Sie hatte schon Recht damit gehabt sich dieses Ding tätowieren zu lassen. Sie hatten nie wirklich darüber geredet, weil er auch gar nicht wusste, was für ein Tattoo sie trug. Aber sie hatte ihn offensichtlich damals ziemlich damit verletzt. Er war davon ausgegangen, dass sie mit diesem Mann geschlafen hatte. Wie schlecht er sie kannte! Und wie sehr sie sich wünschte, dass er sie besser kennen würde. Auch als Frau, nicht nur als Partnerin. Es gab so vieles, das sie voneinander nicht wussten. Und dabei war er der Mensch, der ihr näher stand als ihre Mutter. Seit so langer Zeit.
Wie kam es, dass ihre Beziehung sich so entwickelt hatte, ohne dass sie sich auch sonst näher gekommen waren? Sie verbrachten doch schon längst jedes zweite Wochenende miteinander. Wieso unternahmen sie dann nicht auch richtig etwas in ihrer Freizeit? Wieso tarnte er jeden Versuch, sie zu einem Wochenendausflug zu überreden, immer so durchschaubar und stümperhaft als Arbeit? Es wäre doch völlig normal gewesen, selbst ihre eigene Familie glaubte, dass sie mit Mulder schlief. Sie würde es selbst glauben, wenn sie darüber nachdachte, wie er sie manchmal ansah. Wie sie ihn manchmal ansah. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, das war eine kleine Schwäche an ihr, die sich ihrer Kontrolle entzog. Es war so leicht mit ihm zu flirten, er stieß einen zwangsläufig darauf. Seinem Charme nicht zu verfallen war nahezu unmöglich. Wenn er erst einmal seinen unwiderstehlichen Blick aufsetzte, schwankte jedes Mal das Erdmagnetfeld und sie konnte nicht anders als darauf irgendwie zu reagieren. Schon als sie ihm das erste Mal ihre Hand gereicht hatte, hatte sie gewusst, dass an ihm etwas Besonderes war. Die ersten Monate hatte sie sich durchgehend wie auf Glatteis gefühlt und permanent gegen die Stimme in ihr angekämpft, die sie immer wieder zu irgendeiner Dummheit hatte verführen wollen. Doch dieses anfängliche rein körperliche Interesse war so schnell so viel mehr gewichen. Jetzt schien es zwar nicht mehr wichtig zu sein, ob sie miteinander schliefen oder nicht, aber es fehlte ihr. Sie waren so vorsichtig im Umgang miteinander, bei so viel Hingabe und Leidenschaft, die in ihnen für einander verborgen lag. Sie wollte endlich die Möglichkeit haben, ihm all das Ungesagte, auf diese Weise mitzuteilen. Aber was, wenn es nur eine vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit war? Was, wenn sie das alles nur deswegen tat, weil sie den Krebs überlebt hatte, weil sie so vieles überlebt hatte? Weil Diana nicht mehr die Gelegenheit hatte, zwischen ihnen Zwietracht zu säen. Was, wenn es nur ein primitiver Urinstinkt war, der sie dazu antrieb? Was, wenn es doch nicht die Art von Liebe war, die sie für ihn zu empfinden glaubte? Was, wenn sie es verwechselte, weil sie so lange nicht mehr einen Mann in ihr Herz gelassen hatte?
Sie seufzte. Ouroboros!
Mulder sah, dass sie in Gedanken weit weg war. Er hörte sie entspannt atmen. Er bemühte sich, sie nicht anzustarren, konnte aber fühlen wie nahe sie bei ihm stand. Allein die Vorstellung sie jetzt zu berühren brachte ein merkwürdiges Prickeln in seinem Körper zum erblühen. Er hatte sie schon so oft berührt, aber nie mit der Intention, die er nun mit sich herumtrug. Nie mit dem Gedanken sie zu lieben. Ihr Körper war ihm nicht weniger fremd als sein eigener. So wie ihre Seele Teil seiner zu sein schien. Aber in diesem Moment war es als würde eine unsichtbare Kraft gegen ihn arbeiten und ihn davon abhalten wollen, weil er sich nicht würde zurückhalten können. Weil er es tatsächlich durchziehen wollte und es ihm langsam egal wurde, warum. Als ihm dieser Wunsch ins Bewusstsein rutschte, spürte er wieder sein Herz klopfen. Und er spürte noch mehr. Ein undefinierbares Kribbeln, das sich durch seinen Körper bewegte. Er kannte es. Aber in Gegenwart von ihr?
Er war erregt. Er schluckte. Er hatte sie geküsst. Nach sechs langen Jahren hatte er sie einfach so geküsst. Der Kuss hatte eine Ewigkeit gedauert. Fast wünschte er sich, die Welt wäre in dem Augenblick tatsächlich zu Ende gegangen, dann wäre das das letzte gewesen, das er jemals getan hätte. Dann hätte dieser Kuss wahrhaftig ewig gedauert. Sein Herz raste.
All die Gedanken, die er sich im Auto noch gemacht hatte, sie waren alle überflüssig! Sie hatte diesen Kuss auch gewollt. Damit war klar, dass sie nur darauf wartete, dass er sich ihr näherte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er mit dem Beginn eines neuen Jahres eine Hoffnung aufkeimen. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass es erstmals etwas gab, worauf er hinarbeiten konnte, worauf er sich freuen konnte. Etwas, womit man jedes neue Jahrtausend beginnen sollte. Etwas, das wahr war. Diese energiegeladene Gewissheit schwappte in ihm über und er hörte sich plötzlich reden.
Scully durchbrach er die Stille und merkte, dass seine Stimme leicht bebte. Sie zuckte fast unmerklich zusammen als ihr Blick sich von den Wellen des Meeres trennte und sich ihm zuwandte. Ihre Pupillen weiteten sich als sie ihn ansah.
Sie hatte genug nachgedacht. Sie wusste, dass sie sich jedes Jahr an Silvester komisch fühlte. Es gehörte zu der Melancholie, die überall verbreitet wurde. Es war ein Relikt jener Silvestergottesdienste ihrer Jugend, vor denen sie immer zur Beichte geschickt worden war. Aber irgendwie hatte es auch etwas Reinigendes und sie mochte diesen Gedanken, alles hinter sich zu lassen und es von vorne zu versuchen. Doch mittlerweile wusste sie, dass sich die Dinge nicht änderten.
Bis heute. Der Kuss konnte eine Zäsur darstellen. Oder sie konnten ihn ignorieren und weitermachen wie bisher. Aber sie waren alleine hier und nichts konnte sie ablenken. Sie mussten jetzt etwas tun. Atemlose körperliche Benommenheit war in ihr in Schwingung geraten und schwoll an zu etwas, dem sie sich nicht mehr entziehen konnte. Warum hatte dieser Kuss ihr diese Schmetterlinge in den Bauch gejagt? Warum hatte sie sich danach im Parkhaus des Krankenhauses verfahren und sich seine dämlichen Sprüche angehört ohne ihm brauchbares Kontra geben zu können? Warum war sie mit ihm hierher gefahren? Es gab nur eine einzige Antwort darauf. Entweder war sie vollkommen übergeschnappt oder aber sie liebte ihn.
Was? antwortete sie ihm scheinbar nach einer halben Ewigkeit angespannt und sah ihm tief in die Augen. Hier mit ihm alleine zu sein, fernab ihrer vertrauten Umgebung schien alles in ein anderes Licht zu rücken. Sie stand hier vor ihm als Frau, nicht als Partnerin. Denn er sah sie nicht an, als wäre sie seine Partnerin. In seinen Augen spiegelte sich das dunkle Feuer, das sie in seinem Inneren entfacht hatte. Sie war sich selbst und ihm so ausgeliefert. Wo war ihr Verstand um sie aufzuhalten, wenn sie ihn wirklich brauchte?
Haben Sie irgendwelche Vorsätze für dieses Jahrtausend? Seine Stimme klang harmlos und brachte sie zurück auf den Teppich.
Sie räusperte sich vorsichtig und schluckte. Er sah sie direkt an. Konnte bis in die Tiefen ihrer Seele blicken, so dass sie sich noch ausgelieferter fühlte. Das war seine Einladung. Seine Einladung sich ihm zu öffnen. Sie kannte ihn. Sie konnte seine Körpersprache mittlerweile so gut lesen, dass seine Worte überflüssig waren. Vermutlich redeten sie deshalb nie über solche Dinge. Ihre Zunge fuhr an ihren Schneidezähnen entlang und stieß dabei leicht an ihre Oberlippe. Fast bildete sie sich ein, es wäre seine Zunge, und elektrische Stromstöße schossen durch ihr Inneres wie kleine liebesgetränkte Pfeile. Während sie ihm schon längst antwortete, bemühte sie sich die umherschwirrenden Zweifel und Ängste in ihrem Kopf zu ordnen und zu widerlegen ehe sie einsah, dass sie loslassen musste, wenn sie diesen Moment nicht verpassen wollte.
Mh da wären schon einige. Mich nicht von Aliens entführen zu lassen, zum Beispiel Sie sah wie er lächelte und merkte wie sich der Nebel in ihrem Kopf langsam lichtete und sie begriff, was sie in dieser Nacht wirklich wollte. Sie wollte sich noch einen Schritt weiter wagen als er es in dieser Nacht getan hatte. Sie wollte ihm eine Antwort auf diesen Kuss geben. Sie fuhr fort, seine Augen stets mit den ihren fixiert um jede Regung seiner Miene, jeden Stimmungswechsel zu sehen. unser Budget einmal nicht zu überziehen meinen Resturlaub von den letzten sechs Jahren nehmen und
Sie hielt inne.
Ihr Atem beschleunigte sich und das Rauschen der Brandung schien plötzlich anzuschwellen. Das Kerzenlicht begann unruhig zu flackern und sie kam einen Schritt näher auf ihn zu. Er blieb starr stehen und hatte das Gefühl alles würde in Zeitlupe geschehen. Sie stand so dicht, dass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste um ihm noch in die Augen sehen zu können. Ein verführerisches Lächeln huschte über ihr Gesicht wie eine Katze in der Dunkelheit über die Straße.
Und was noch? forderte er erwartungsvoll den letzten Vorsatz von ihr. Sie schaltete das Licht in ihrem Kopf aus und hörte nur noch auf ihr Herz, dessen Klopfen den Takt der Zeit vorzugeben schien. Sein süßlich-herber Geruch stieg ihr in die Nase und tunkte die Welt in explodierende Farben. Sanft näherte sie ihre Wange der seinen bis ihre Lippen zart an sein Ohr stießen und flüsterte ihm leise ihren letzten Wunsch für das neue Jahr zu. Ihr Atem kitzelte ihn und ein unkontrollierbarer Sturm rauschte über seinen Körper hinweg, als er ihren Duft einatmete und spürte wie sie ihre Hand flach und warm an seine Brust drückte und ihre süßen Worte sich in sein Gehirn zu schlängeln schienen. Sie wurde still und zog sich zurück, ihre Wange streifte dabei seine und sie fühlte das Kratzen seiner winzigen kurzen Stoppeln. Es tat auf eine angenehme, echte Art weh, was sie für eine Sekunde aus ihrer Benommenheit löste, so dass sie merkte, dass sie im Begriff war, einen verbotenen Schritt zu tun.
Und was sind Ihre Vorsätze? fragte sie mit leuchtenden Augen neckisch zurück und spürte seine Blicke lebhaft auf ihrer Haut tanzen. Ihre Worte hatten offenbar ihre Wirkung nicht verfehlt. Ein charmantes Lächeln spannte sich über sein Gesicht. Ihre Worte hatten ihn hypnotisiert und er wusste sich keinen Ausweg aus seinem Dilemma, als seinen Gefühlen endlich nachzugehen. Es kostete ihn Kraft sich nur auf ihre Augen zu konzentrieren um jeden Zweifel, jede Angst, jede Gefühlsregung rechtzeitig auffangen zu können, während er seine Lippen zum zweiten Mal in dieser Nacht auf ihre zu bewegte. Das letzte was er in diesem Moment wollte, war ihr weh zu tun, oder etwas zu tun, das gegen ihren Willen geschah. Aber sie schloss ihre Augen einfach und öffnete ihren Mund einen winzigen Spalt um ihm endlich, fast zu spät nach all den Jahren, den Eintritt in ihre Welt zu gewähren und ihm zu zeigen, was sie von ihm erwartete. Seine unverletzte Hand legte sich an ihren Unterkieferwinkel, streifte die kleine Perle in ihrem Ohrläppchen und ihren zarten Hals und zog sie den winzigen fehlenden Zentimeter näher an sich heran, so dass ihr, als sich ihre Anspannung löste, ein unterdrücktes Seufzen entfuhr, das er sofort mit seinen Lippen aufnahm. Ein beflügelnder Schwindel überkam beide und löschte ihre Sinne aus.
Es überraschte Scully mit welcher Kraft es sie erwischte. Erschrocken zog sie ihren Kopf eine Sekunde zurück, öffnete ihre Augen und sah ihn unsicher und fragend an. Doch er sah überhaupt nicht ein, sie nun loszulassen und erwiderte ihren Blick während seine Brust sich in tiefen aufgeregten Atemzügen gegen ihre drückte. Dazwischen ruhte sein verbundener Arm und trotz des Verbands konnte er die weiche feste Form ihrer Brüste fühlen.
Seine Augen streichelten ihre Seele und gaben ihr das Gefühl sicher und aufgehoben zu sein und sie gab ihrer Vernunft nach. Denn nun waren es ihre Ängste, die irrational waren.
Das Auftreffen seiner Lippen auf ihren schien mit jedem Mal heftiger und verlangender zu werden und dieses Mal genoss sie die Überwältigung und erwiderte seinen Kuss mit der geballten Leidenschaft, die er in ihr entfacht hatte.
Alles wurde schwarz bis auf das Glühen in ihren Seelen, das sich löste und wie ein Lavastrom durch ihre Körper schoss.
Der Kuss schien sie wie ein schwarzes Loch immer schneller in einen Strudel hineinzureißen, der unendliche Energien freisetzte. Der anfangs noch zarte unverfängliche Kuss artete innerhalb weniger Sekunden in ein forderndes körperliches Duell aus.
Seine Hand tastete sich an ihrem Hals hinunter, ihre Schulter und ihren Arm entlang, streifte ihre Brust und fand ihren Platz an ihrer Taille, wo er ihren zierlichen Körper unter dem dünnen Stoff ihrer Jacke fühlte. Fast wünschte er sich, sie wäre nicht so klein. Er hielt sie fest an sich gedrückt, als er merkte, dass sie das Gleichgewicht zu verlieren schien. Er wusste so vieles über ihre Persönlichkeit und so wenig über den Körper, in dem sie wohnte. Und plötzlich merkte er, wie sehr er danach verlangte, auch das kennen zu lernen. Es war ein Imperativ seiner Seele, dem er sich nicht mehr entziehen konnte. Gleichzeitig keimte in ihm Unsicherheit auf, weil er dieses Gefühl so abhängig von jemandem zu sein und so hilflos und ausgeliefert, nicht kannte. Er hatte Angst vor der Kraft, die seine Leidenschaft entwickelte, während sie über ihn hereinbrach. Als er den stechenden Schmerz in seinem Arm fühlte, war er daher fast erleichtert, dass er daran gehindert wurde seinem Verlangen schon zu folgen. Unter normalen Umständen hätte er ihr die Kleider bereits vom Leib gerissen bevor er sich seiner Angst hätte bewusst werden können. Aber so hatten sie Zeit. Zeit, sich an das zu gewöhnen, wozu sie sich gerade entschieden hatten. Zeit, es langsamer anzugehen.
Er löste seine Lippen von ihren und küsste sich über ihre Wange ihren Hals entlang. Noch musste er ja nicht aufhören. Noch war der Schmerz in seinem Arm nicht so stark
Nur Scullys Arme waren nicht in einer Schlinge an ihren Körper gebunden und als sie merkte, wie ihre Finger gierig an seiner festen, leicht gewölbten Brust seitlich über die muskulöse Silhouette seines Bauches und tiefer glitten bis sie an seinen Hosenbund stießen und sein Duft und seine Zunge sie um den Verstand brachten, wusste sie, dass sie aufhören mussten, weil sie bereits jetzt von seiner Intensität überfordert war und sich fühlte als würde sie in dieser Vereinigung aufgelöst werden. Sie schien zu taumeln, es ging ihr alles viel zu schnell. Sie konnte gar nicht alles wahrnehmen. Es entglitt ihr alles und dabei wollte sie jeden einzelnen Moment genießen, auskosten und herauszögern.
Sie öffnete ihren Geist und nahm noch einmal alle Sinneseindrücke dieses Kusses in sich auf, als sie sich sanft aus seiner Umarmung löste und ihren dröhnenden Kopf an seinen Hals legte. Sie atmete schnell in der Hoffnung ihren Verstand wieder klar zu bekommen. Ihr Blut pulsierte in ihren Adern. Es war zu früh. Er hatte sie gerade erst geküsst. Sie konnten das jetzt nicht tun. Es war überstürzt, aufgeladen und viel zu körperlich.
Er begriff sofort und zog seine Hand von ihrer Taille zurück um wieder ein wenig Platz zwischen ihnen beiden schaffen zu können. Sie dankte es ihm mit einem unsicheren Lächeln und sah auf den Boden.
Sie war verlegen und er merkte, dass sie sehr süß war, wenn sie nervös wurde.
Es war nicht die Spur von Unnahbarkeit an ihr, nichts von der rationalen Wissenschaftlerin, ihre ganze Persönlichkeit und ihr wunderbarer Intellekt waren in diesem Moment nur Hintergrundrauschen. Sie war einfach nur die Frau, die er über alles begehrte, die vor ihm stand und offensichtlich sehr mit sich zu kämpfen schien. Ihre Hand hob sich und legte sich auf seinen verletzten Arm, ihr Blick wanderte gierig daran entlang, dachte daran, wie sehr sie diesen Mann vor ihr - und in diesem Moment vor allem seinen perfekten Körper - wollte.
Ich glaube, wir sollten schlafen gehen! brachte sie schließlich bestimmt hervor und Mulder zuckte mit einem zweideutigen Grinsen mit den Achseln. Das wollten wir doch gerade, oder nicht?
Sie schlug ihm sacht auf seine Brust und schüttelte den Kopf. In ihren Gesichtsausdruck schlich sich langsam die gewohnte Unbeeindrucktheit zurück und sie schien wieder Kontrolle über die Situation zu haben. Sie war überrascht, wie sehr sie sich im Griff hatte.
Bedauern tanzte durch ihre Augen, die sich noch immer wie gelähmt auf seinen Mund richteten, dessen Geschmack noch auf ihrer Zunge lag. Als sie wieder ausatmete, leckte sie sich über die Lippen, die von dem Kuss noch ganz taub waren und blickte zur Schlafzimmertür hinter ihm.
Die Krankenstation für Angriffsopfer von Untoten befindet sich da drüben. Mit dem Arm kannst du nicht auf dem Sofa schlafen.
Nur ein wenig Unsicherheit lag noch in ihrem Tonfall und die machte er sich zunutze, als er seinen Hundeblick aufsetzte und einen letzten Versuch startete, seine Entscheidung heute noch zu Ende zu bringen, nur für den Fall, dass sie es sich am nächsten Tag wieder anders überlegen würden. Ich kann mich aber nicht alleine ausziehen, schmollte er also und fühlte als nächstes ihre Hände an seinem Oberkörper, die ihn umdrehten und mit Nachdruck ins Schlafzimmer schoben. Sie war so stürmisch, dass er sich fragte, ob sie ihn jetzt nur ausziehen wollte oder ob sie mehr im Schilde führte.
Sie löste sie Schlinge um seinen Hals, bedacht keine zu schnellen Bewegungen auszuführen, die ihm wehtun konnten, und griff sein T-Shirt. Ihre warmen Hände schoben sich darunter auf der heißen duftenden Haut seines Oberkörpers entlang, durch das lockige Haar auf seiner Brust und im Nu hatte sie ihm das Hemd über den Kopf gezogen. In dieser Zeit hatte sie seine Augen keinen Augenblick aus den ihren gelassen. Aber dennoch beeilte sie sich so lange sie in Kontakt zu ihrer Vernunft stand. Denn sie spürte die berauschende Verwirrung wieder stärker werden, die ihren Geist wie ein Strudel in die Tiefe reißen und lahm legen wollte. Aber sie wollte nicht, dass es so passierte. Das hier schmeckte viel zu sehr nach einem unüberlegten hastigen Aufbegehren ihrer körperlichen Bedürfnisse. Und einen One-Night-Stand mit Mulder wollte sie nun wirklich nicht riskieren. Wenn sie das hier wirklich wollte, würde sie es hoffentlich über Nacht nicht vergessen.
Ihre Finger lösten mit jeder winzigen Berührung eine verlockende Kettenreaktion in ihm aus. Er musste sich beherrschen, sie nicht wie ein Tier anzufallen und versuchte dabei angestrengt an Bleistifte zu denken. Eine Technik, die er seit Jahren praktizierte.
Es funktionierte, denn plötzlich stand er ohne über sie hergefallen zu sein mit nacktem Oberkörper vor ihr und sie hatte das T-Shirt aufs Bett geworfen und inspizierte seinen Verband voller Sorge. Ihre Finger strichen zärtlich darüber und ihr Blick zeugte von ärztlicher Zufriedenheit.
In ihrem Kopf fand ein Kampf statt. Aber sie war nicht bereit für das. Sie war nicht einmal sicher, ob sie diese Art von Beziehung wirklich mit ihm eingehen wollte. Es war bisher so schön gewesen. Sie beide teilten etwas Einzigartiges. Sex konnte das alles innerhalb einer wunderbaren, wahnsinnigen Nacht kaputt machen. Und Sex erschien ihr so profan angesichts dessen, was sie beide bereits zusammen erlebt hatten. Und angesichts dessen, was sie für ihn empfand. Andererseits schien es ihr auch die einzige Möglichkeit zu sein, jene unbeschreibliche Gewissheit in all ihren Facetten auszudrücken, die sie in diesem Moment fühlte: dass sie ihn mehr liebte als sich selbst.
Aber sie riss sich zusammen. Er war verletzt. Sie wollte, dass er in Besitz seiner vollen Kräfte war wenn es geschah.
Als sie fühlte wie schwer es auch ihm fiel sich zurück zu halten, strich sie ihm mit der Hand über die Wange und ließ sie in seinem Nacken ruhen, was ihm allerdings nicht gerade half das ungeduldige Drängen seines Körpers zu beruhigen. Sie stellte sich auf Zehenspitzen bis sie seine Stirn küssen konnte und sah ihm dann tief in die Augen. Sie wollte, dass er sehen konnte, wie sehr sie es wollte. Und wie sehr sie ihn wollte.
Mulder, nicht so. Nicht heute, versuchte sie sich für ihre Zurückhaltung zu entschuldigen und fügte hinzu: Dein Arm ist verletzt.
Er begriff und nickte leicht. Statt der erwarteten Enttäuschung breitete sich erregter Friede in ihm aus. Doch während er sie zum Abschied noch einmal zu sich zog und sie umarmte flüsterte er in ihr Ohr: Für das, was ich vorhatte, hätte ich meinen Arm überhaupt nicht gebraucht.
Sie sog scharf die Luft ein, schluckte sie herunter und presste die Lippen aufeinander. Ihre eigene Schwäche fiel ihr in den Rücken als er sie losließ und die wachsende Distanz zwischen ihnen ihr förmlich wehtat, als wären ihre Körper bereits eins. Okay, das reichte. Sie wusste, sie musste dieses Zimmer verlassen und verfluchte sich für ihre Vernunft. Gute Nacht, murmelte sie bedauernd, bestimmt und gleichzeitig mit so viel Liebe in der Stimme, dass die Luft fast süßlich schmeckte und verließ den Raum lautlos wie eine Elfe um dort vollkommen ermattet auf das Sofa zu sinken und nach langem nachdenklichen Starren an die Decke einzuschlafen.
Er blieb still stehen und atmete eine Weile tief durch bis sein Blut wieder Sauerstoff statt Adrenalin durch seine Adern transportierte. Schlafen würde er vermutlich ohnehin nicht können, aber der Arm brannte, pochte und schmerzte tatsächlich sehr und er legte sich mit einer weiteren Dosis Schmerztabletten auf das weiche Bett um doch ziemlich schnell in einen ruhigen langen erholsamen Schlaf zu sinken.
Als er am nächsten Morgen von dem grellen Sonnenschein in seinem Gesicht geweckt wurde, sah er ein buntes Blumengemälde. Er hatte es nie zuvor gesehen und überlegte, in welcher Bar er in dieser Silvesternacht versackt war und in wessen Bett. Als er begriff, wo er tatsächlich war, setzte er sich ruckartig auf. Das Bett neben ihm war leer. Irgendein irrationaler Wahnsinniger in seinem Kopf hatte ihm in seinem schlaftrunkenen Kopf die Hoffnung eingeflüstert, sie könne vielleicht doch dort liegen wenn er aufwachte. Zarthellblaue Wände strahlten ihn an wie der unschuldige Morgenhimmel und die Bettwäsche war so schneeweiß, dass er Kopfschmerzen davon bekam. Totenstille verbreitete den herrlichen, reinen Frieden eines Neujahrstages. Er drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der ein brennendes Klopfen kam und sah, dass sein Verband verrutscht war und die Wunde an seinem Arm wie ein Schandfleck in dieser pastellfarbenen Sommeridylle unter dem schmutzigen Weiß der Kompressen hervorblitzte. Er konnte Blut nicht gut sehen. Scully würde ihm einen neuen Verband wickeln müssen. Mit ihrem wohlschmeckenden Namen auf seiner Zunge kroch er aus dem Bett und ging vorsichtig ins Wohnzimmer hinein. Bedacht darauf, nicht gegen eines der vielen Möbelstücke zu stoßen. Denn er sah zwischen all den hellgelben, rosafarbenen, lindgrünen und lavendelfarbenen Sachen etwas Zusammengerolltes mit einem kupferroten Schopf auf der Couch unter einer flauschigen hellblauen Decke friedlich schlafen. Das Meer war traumhaft blau und ruhig und auf dem Sand stakste eine große Möwe umher und glotzte ihn dumm durch die Fensterscheiben hindurch an. Der Anblick der scheinbaren Sommerpracht war verlockend, doch er wusste, es herrschte tiefster Winter dort draußen. Also setzte er sich auf einen Sessel neben Scully und entspannte sich während er ihrem leisen Atem lauschte und liebevoll seinen Blick auf ihrem perfekten porzellanartigen Gesicht ruhen ließ bis er selbst wieder einnickte.
Er schreckte hoch als er etwas laut Krachen hörte. Doch es war eigentlich nur das Zuschlagen der Tür gewesen und als er es eingeordnet hatte, beruhigte er sich sofort. Sie war wach geworden und hinausgegangen. Offensichtlich hatte der Strand sie ebenso verlockt wie ihn. Er stand vom Sessel auf, renkte seinen Nacken ein und folgte ihr auf die Veranda. Es war in der Tat eiskalt. Und windig. Sie stand mit zerzaustem Haar, das wie Flammen im Wind zu lodern schien, in ihre Decke eingewickelt auf dem dunklen Holzboden und schien zu träumen, denn als sie ihn hörte, zuckte sie und drehte sich überrascht um.
Ich war wohl etwas laut, entschuldigte sie sich und ließ die Sommersprossen in ihrem Gesicht tanzen. Das Blau der Decke vereinte sich mit dem Blau ihrer Augen, dem des Meeres und des Himmels zu einem betörenden Leuchten, das sich in sein Gehirn bohrte. Er schüttelte den Kopf und fröstelte als er hinter ihr stehen blieb und sie ihm wieder den Rücken zudrehte. Seine Hand zögerte. Wollte sie das, was geschehen war, vielleicht vergessen? Aber dann warf er die Zweifel über Bord. Sie konnten all das immer noch vergessen, wenn sie wieder in Washington waren. Damit legte er seine Hand flach und zaghaft zwischen ihren Schulterblättern auf und war überrascht, wie schnell sie sich dagegen lehnte. Es war irgendwie verkrampft, aber es war der einzige Kontakt zwischen ihren Körpern und daher blieb er so stehen und fühlte wie sich seine Hand an ihr wärmte und sie in aller Stille den Halt genoss, den er ihr gab.
Sie schloss die Augen und genoss die kalte frische Luft und die Nähe seines kraftvollen Körpers. Ihr Verstand war hell und klar und umso sicherer wusste sie, dass das, was sie fühlte, keine Verirrung war. Es war gut, dass er da war und dass sich ihre Körper so nahe waren als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Bisher hatte sie dieses Bedürfnis ignoriert und auch nie auf ihn bezogen. Ohne, dass sie es bemerkt hatte, hatte es sich jedoch in ihr Bewusstsein geschlichen und durch seinen Kuss war es in all seinen Ausprägungen explodiert. Und jetzt schien es richtig zu sein. Diese neue Art der Nähe zu ihm schien das, was sie für ihn empfand zu vervollkommnen.
Mulder fühlte die Ruhe, die sie durchströmte auf ihn übergreifen. Seine Sehnsucht nach ihr hatte sich über Nacht in einen unstillbaren Durst verwandelt. Ihre gemeinsame Hoffnung, dass es sich nur um eine vom Millenniumswechsel angestachelte Dummheit gehandelt hätte, war nun offiziell zerschlagen. Wie hatte er nur so dumm sein können! Wie hatte er sich von ihrer gnadenlosen Vernunft nur so anstecken lassen können, dass er all die Jahre einfach so neben ihr her gelebt hatte, ohne zu begreifen, dass sie diejenige war, für die er seine verkümmerte Seele dem alles verändernden Gefühl von Liebe wieder geöffnet hatte. Wie hatten sie es nur geschafft diese unerträgliche Spannung so lange durchzuhalten? Und wie hatte er jemals mit ihr an seiner Seite klar denken können? Wie sollte er das jemals wieder können?
Ein schelmisches Grinsen übermannte ihn und er musste sich zurückhalten nicht übermütig über den Sand zu hüpfen, als er das Herz in seiner Brust vor Glück und Energie springen fühlte und er den Wunsch in sich aufkeimen fühlte das Meer zu umarmen. So hatte er sich in seinem Leben noch nie gefühlt.
Ich glaube, das wird ein gutes Jahr, schloss Mulder diesen Ausflug ab und legte sein Kinn auf ihren Kopf. Er hörte wie sie leise lachte und schloss die Augen um die Wärme ihres Körpers, der sich nun ganz entspannt an ihn schmiegte, in sich aufzunehmen.
Er hatte sich geirrt. Die Welt war untergegangen. Aber nur um einer besseren Platz zu machen.
09.01.2000 11:27 Uhr
Das Auftitschen des Basketballs auf dem Holzboden beruhigte Mulder immer wieder. Er saß gelangweilt auf seiner Couch und hatte bereits aufgehört zu zählen wie oft der Ball den Boden schon berührt hatte. Er blickte auf die Zeitanzeige seines Videorecorders. Erst halb zwölf. An einem langweiligen, ereignislosen grauen Tag. Morgen war zum Glück wieder Montag. Andere Leute hassten Montage, aber er hatte gerade begonnen, sie noch mehr zu lieben als zuvor. An den Wochenenden entzog sie sich ihm wann immer sie konnte, aber unter der Woche gehörte sie ihm.
Warum unternahmen sie nie etwas zusammen an den Wochenenden? Warum gingen sie nie aus? Warum nutzte sie jede Gelegenheit in ihrer Freizeit alleine zu sein?
Andererseits warum sollten sie etwas unternehmen, sie waren schließlich auch kein Paar. Nicht offiziell.
Das war ja im Prinzip genau seine Traumvorstellung von einer Beziehung: einander jeden möglichen Freiraum zu lassen. Aber seine Traumvorstellung einer Beziehung beinhaltete auch Sex. Und hinzukam, dass er was Scully anging, überhaupt keine Freiräume wollte. Und jede Menge Sex.
Er wusste, er bewegte sich auf dünnem Eis. Sie hatten einen großen Schritt gewagt und nun war es seit einer Woche wieder so, als wäre nie etwas geschehen. Bis auf den ein oder anderen tiefgründigen Blick, den sie ihm manchmal wahrscheinlich eher unbewusst zuwarf, war alles so wie bisher. Sie spielten ihr gewohntes Spiel von sichtbarer Distanz und unsichtbarer Annäherung, das sie bis zur Perfektion beherrschten. Aber langsam war er sich nicht mehr sicher, wie lange er das noch konnte. Er spürte wie er sich von Tag zu Tag mehr nach ihrer Nähe verzehrte.
Aber sie schien wieder so unnahbar, so unerreichbar zu sein. Nicht seelisch. Sondern körperlich. Mit ihrer Ankunft in Washington war der ganze Zauber der Silvesternacht verflogen gewesen und sie hatte sich unsicher und wortlos in ihren Eispalast zurückgezogen. Die ganze letzte Woche war sie ihm ausgewichen und war ihm so nachdenklich erschienen, als hätte sie Angst vor dem nächsten Schritt, der nun wie eine offene Frage über ihnen schwebte.
Er würde sie niemals dazu drängen und wenn sie sich anders entscheiden würde, würde er das auch akzeptieren müssen. Also musste es von ihr ausgehen. Sie war die Frau. Frauen wussten, dass Männer immer bereit waren, mit ihnen zu schlafen. Wenn sie es wollte, sollte sie ihm das signalisieren. Er ließ den Basketball auf dem Boden aufkommen und davon rollen und stützte seinen Kopf in die Hände. Er hatte noch nie so für eine Frau empfunden. Und er war absolut ratlos, wie er nun weiter kommen sollte, ohne es zu vermasseln.
Er griff zum Hörer und wählte ihre Nummer. Doch es ging niemand ran.
Zur selben Zeit am Ufer des Potomac
Ihre Zunge nahm eine kleine salzige Schweißperle auf, die auf ihrer Oberlippe entstanden war und sie spürte wie die eiskalte Luft ihre Bronchien erreichte. Sie joggte seit zwanzig Minuten und hatte bereits keine Lust mehr. Aber sie zwang sich ihre übliche Runde zu beenden, denn der üppige, bereits über zwei Wochen zurückliegende Festtagsschmaus hielt sie auch weiterhin hartnäckig davon ab, ihre neue Hose anzuziehen. Außerdem bekam sie hier draußen immer einen klaren Kopf und den brauchte sie zurzeit mehr denn je.
Sie waren seit ihrem Ausflug ins Sommerhaus nicht weitergekommen. Und sie wusste auch nicht, ob sie das sollten. Er schien offensichtlich schon genau zu wissen was er wollte, denn seit ihrem ersten Tag im Büro in diesem neuen Jahr hatte er eine wartende, fast lauernde Haltung eingenommen und suchte permanent ihre Nähe, subtil und feinfühlig, aber doch fordernd. Sie hatte jedoch noch immer dieselbe Angst wie in der Silvesternacht. Denn wenn sie ihn nun vollkommen in ihr Leben hineinließe, dann wusste sie, dass es sie vollkommen absorbieren würde. Es würde unglaublich intensiv werden und ihre Welt für immer auf den Kopf stellen. Und sie würde es zulassen, weil sie ihn aus tiefster Seele lieben wollte. Genau deswegen konnte es aber auch total schief gehen. Sie wusste nicht einmal, ob sie all die Gefühle, die sie für ihn im Herzen trug, dosieren konnte, manchmal hatte sie fast Angst davor, ihm nahe zu kommen und die Kontrolle zu verlieren. Andererseits war er der einzige Mensch demgegenüber sie ihre Kontrolle überhaupt jemals verlieren wollte.
Bei dem Gedanken daran spürte sie wie sich ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend ausbreitete.
Ein neues Jahr hatte begonnen und sie würde in einem Monat noch älter werden. Sie hatte ihr junges Leben für sehr viele Sorgen geopfert. Fast ausschließlich waren es Sorgen um ihn gewesen. Und langsam bekam sie Angst. Angst nichts zurück zu lassen, wenn sie starb. Was hätte ihr Leben dann für einen Sinn gehabt? Diese Frage stellte sie sich nun schon sehr lange. Und sie kannte die Antwort.
Eine Idee, die sie bereits seit Wochen mit sich herumtrug, hatte mittlerweile Gestalt angenommen und sie überlegte, wie sie sie verwirklichen sollte.
Als sie vor einigen Wochen verstanden hatte, dass Mulder beinahe gestorben wäre, war ihr klar geworden wie viel er ihr bedeutete. Und wie zerbrechlich ihr Leben war. Sie selbst hatte bereits so viele Male dem Tod ins Auge geblickt. Aber so ein Leben wollte sie nicht führen. Sie wollte sich nicht fremd bestimmen lassen und die Tatsache, dass die X-Akten ihr bereits so vieles genommen hatten, machte sie wütend und weckte den Kampfgeist in ihr. Dass sie unfruchtbar war, hatte sie nie akzeptieren wollen. Die hatten ihr ihre Gesundheit genommen, ihr Privatleben, ihre Freunde, ihr Vertrauen in eine Welt, an die sie geglaubt hatte. Aber sie war nicht bereit hinzunehmen, dass man ihr auch ihre Zukunft nahm. Sie würde alles daran setzen, dass sie eine Zukunft haben würde. Und ein Kind zu bekommen, wenigstens eine kleine unvollständige Familie zu haben, das wäre etwas, das ihr einen Teil dessen zurückgeben würde, was ihr fehlte. Die Ärzte hatten ihr jedoch auch diese Hoffnung genommen, bis Mulder davon erfahren hatte. Aus irgendeinem Grunde hatte sie ihn in all das nicht mit einbezogen. Vielleicht weil er zu sehr Teil dieser Welt gewesen war, von der sie sich mit diesem Kind hatte abgrenzen wollen. Aber offenbar hatte sie dabei übersehen, dass er auch zugleich Teil ihrer Welt war. Und so wie es sie verletzt hatte, dass er ihr nie etwas von den Eizellen erzählt hatte, die er gefunden hatte, so sehr musste es ihn verstört haben, dass sie ihn aus der ganzen Sache hatte heraushalten wollen. Doch jetzt, vor dem Hintergrund dessen, was in der Silvesternacht geschehen war, war alles in ein anderes Licht gerückt. Und seit Beginn der Woche, seit der Arzt sie kontaktiert hatte, wusste sie, dass ihre Idee nun eine gewisse Dringlichkeitsstufe erreicht hatte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Ergebnisse so schnell da sein würden. Es waren kaum zwei Wochen vergangen und ihr Arzt hatte ihr gesagt, dass sie sich bald zu der Befruchtung entschließen musste, weil es sonst zu spät sein würde.
Zu einem Baby gehörten aber immer zwei. Und kein Mensch außer ihm kam in Frage. Immerhin hatte er ihre Eizellen gerettet. Und sein Kind in sich wachsen zu fühlen und seine Augen in den Augen ihres Sohnes oder ihrer Tochter zu sehen würde ihr so viel bedeuten. Sie wusste, sie beide standen einander so nah, dass es durchaus nicht abwegig war diesen Schritt zu wagen. Doch sie hatten nicht einmal miteinander geschlafen! Wie konnte sie ihn dann aus heiterem Himmel darum bitten, der Vater ihres Kindes zu werden? Es war ihr bereits unangenehm genug gewesen ihn darum zu bitten ihr ihre eigenen Zellen zurück zu geben.
Sie trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und lief weiter, den Blick über das kalte graue Wasser des Flusses gleiten lassend.
Es war vollkommen verkorkst, bei ihnen lief alles in der falschen Reihenfolge. Sie liebten sich, jetzt war sie im Begriff sich in ihn zu verlieben. Und sie war nicht zu feige ihn darum zu bitten, ihr diesen Gefallen zu tun. Aber sie hatte Angst davor mit ihm zu schlafen.
Das war etwas, das sie wirklich zum Nachdenken brachte. Noch nie hatte sie sich in einer Beziehung so schwer damit getan. Und die Sache mit der künstlichen Befruchtung belastete und verkomplizierte das ganze auch noch, weil sie sich nicht einmal sicher war, ob sie sich nur wegen dieser Hoffnung auf ein Baby so von ihren Gefühlen zu ihm hinreißen ließ.
Sie wusste, wenn sie ihm die Signale senden würde, würde er nicht zögern. Aber sie wollte nicht, dass es dann nur bei dem einen Mal blieb. Sie wollte mehr. Sie wollte ihn ganz. Und sie wollte sein Kind. Aber die begründete Angst ihn damit zu verschrecken hielt sie davon ab, auch nur einem ihrer Wünsche nachzugehen.
Er schien eher der Typ für lockere Bindungen zu sein. Vielleicht war er also auch eher der Typ, der zwar der Vater eines Kindes sein wollte als der Mann einer Frau. Sie wollte ihm die Möglichkeit geben zu wählen. Sie hatte ihn bisher noch nie als Vater oder Ehemann gesehen. Sie hatte nur immer miterlebt, wie seine Wirkung auf Frauen war und wie er sie nutzte. Vielleicht tat sie ihm ja Unrecht, aber es hatte auf sie immer so unstet gewirkt, dass sie vermutlich aus diesem Grund nicht zugelassen hatte ihn zu lieben. Aus reinem Selbstschutz, aus Angst, verletzt zu werden von jemandem, für den sie wirklich tief empfand. Weil er vielleicht ein besserer Freund war als ein Liebhaber.
Sie war an ihrer Haustür angekommen und sehnte sich nach einer heißen Dusche. Ihr Hausschlüssel klickte in der Tür.
Sie musste es eben herausfinden. Sie wusste, er würde sie nicht verletzen wollen, also würde er sicher auch nicht leichtfertig mit ihr eine Beziehung eingehen zu der er sich danach nicht bekennen wollte. Er war da in ihrem Leben, seit Jahren, und schien auf sie zu warten. Die Erinnerung an den Geschmack seines Kusses lag jede Nacht bevor sie schlafen ging und jeden Morgen nach dem Aufstehen auf ihren Lippen und sie ertappte sich, wie sie automatisch immer ihre schwarze Spitzenunterwäsche aus der Schublade hervorholte. Chantilly lace. Als hätte jemand einen Knopf gedrückt waren das Gedanken, die sie nicht mehr verdrängen konnte.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und sie lehnte sich noch ein wenig außer Atem dagegen. Sie rieb sich den Nacken, als sie die Augen schloss und ihren Entschluss fasste.
Sie würde ihn fragen müssen. Irgendwie. Sobald wie möglich. Ihre Beziehung war so weit, dass sie sich aufeinander einlassen konnten. Und sie wollte das mit der Vaterschaft klären bevor es zwischen ihnen ernst wurde. Sie wollte ihm die Möglichkeit geben zu entscheiden welchen Platz er in ihrem Leben einnehmen wollte.
Damit begann sie sich aus ihren Trainingsklamotten herauszuschälen und sich auf den Weg in ihr Bad zu machen, während sie sich in ihrem Kopf schon die richtigen Worte zurechtlegte.
Am selben Tag, 19:06
Nervös stand sie in seinem Aufzug und stierte auf den Knopf, der sie in seine Etage fahren würde. Sie kam sich schrecklich albern vor, denn mittlerweile musste sie hier bestimmt schon seit einer Viertelstunde stehen. Irgendwann würde jemand den Aufzug brauchen und spätestens dann musste sie bereit sein. Sie schloss die Augen und versuchte das Herzklopfen mit tiefen Atemzügen zu vertreiben. Doch stattdessen wurde es nur noch schlimmer. Sie war vollkommen wackelig auf den Beinen und merkte wie ihr die Tränen in die Augen stiegen aus Angst davor, dass das, was sie vorhatte, noch schlimmere Auswirkungen haben würde als eine Nacht mit ihm. Aber nun wartete er auf sie, sie hatte sich angekündigt und sie musste es durchziehen. Und es war doch nur Mulder!
Mit ihren Gedanken bei dem Kuss, den er ihr gegeben hatte und dem ehrlichen Blick, der ihr gesagt hatte, dass er es ernst meinte, drückte sie endlich auf den Knopf und hörte wie der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte.
Offensichtlich hatte er ihre Schritte auf dem Flur gehört, denn noch bevor sie an seine Tür klopfen konnte, öffnete er sie schon und leuchtete sie an.
Was, keine Pizza? fragte er enttäuscht und sie musste sich bemühen, nicht von seiner überschwänglichen Laune mitgerissen zu werden. Zögernd betrat sie seine Wohnung und arbeitete sich Schritt für Schritt in sein Wohnzimmer vor, wo sie sich verunsichert umdrehte und ihn ansah.
Er witterte sofort, dass etwas nicht stimmte. Als sie ihn angerufen hatte, hatte sie bereits so merkwürdig geklungen und der traurige, ernste Blick in ihren Augen verhieß nichts Gutes. Ihre Nervosität steckte ihn an. Aber vielleicht würde er jetzt endlich den Grund für ihre Zurückhaltung in der letzten Woche herausfinden. Vielleicht würde sie ihm jetzt ein für allemal sagen, dass zwischen ihnen niemals mehr sein würde als das, was sie jetzt hatten. Innerlich bereitete er sich darauf vor nicht wütend zu werden, nicht die Kontrolle zu verlieren, sondern es zu akzeptieren, damit er sie nicht verlor. Er liebte sie und es würde nichts daran ändern, wenn sie ihn auf eine andere Weise lieben wollte als er sie. Doch im Moment schien sie überhaupt nichts zu wollen außer seinen Blicken auszuweichen und nach einem Anfang zu suchen.
Auffordernd sah er sie an. Sie wollten etwas mit mir besprechen? versuchte er ihr den Anfang zu erleichtern.
Dankbar nahm sie es auf und holte Luft. Das ist nicht ganz einfach für mich. Und die Ereignisse der letzten Woche machen es nicht gerade leichter.
Sie lächelte scheu und wich erneut seinem Blick aus als sie spürte wie seine bloße Nähe sie aus dem Konzept brachte.
Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass ich nichts von Ihnen erwarte und dass das hier nur eine Frage ist. Die Antwort bleibt Ihnen überlassen und es wird sich nichts zwischen uns ändern.
Irgendetwas sagte ihm, dass es nicht auf das hinauslaufen würde, was er gedacht hatte. Das erleichterte und ängstigte ihn zugleich und er nickte ihr zu.
Sie machen es jedenfalls ganz schön spannend, wissen Sie das? versuchte er sie aufzuheitern und lächelte.
Erneut holte sie tief Luft, nahm sich zusammen und sah ihm direkt in die Augen, mit solcher Klarheit, dass er unbewusst vor ihr zurückwich.
Dr. Parenti, mein Arzt, hat mir letzte Woche die Ergebnisse der Tests mit den Eizellen, die Sie von mir gefunden haben, mitgeteilt.
Sie wurde rot und senkte ihren Blick wieder bevor sie fortfuhr.
Seiner Ansicht nach sind sie lebensfähig. Zumindest war er der Ansicht, dass wir einen Versuch wagen sollten. Und das heißt, dass ich schnellstmöglich eine Befruchtung in Erwägung ziehen muss. Der Zeitrahmen ist sehr eng. Und die Hormonbehandlung vor der Implantation braucht ebenfalls ihre Zeit.
Sie wurde erneut verlegen. Es war ihr schrecklich peinlich mit ihm darüber zu sprechen. Solche Dinge gingen ihn eigentlich nichts an. Sie versuchte sich wieder damit zu trösten, dass sie sich vor ihm nicht schämen musste, und doch tat sie es. Weil ihre Weiblichkeit und ihr Körper ihm bisher verschlossen gewesen waren, weil sie all das auch zu ignorieren gewohnt war. Und weil sie gerade vor ihm nicht schwach sein wollte. Weiblichkeit war in den Augen der meisten Männer eine Schwäche. So hatte sie es in ihrer langen Berufsausbildung, umgeben von lauter Männern, gelernt. Auch wenn sie es selbst nicht so empfand. Doch sie musste durch jede dieser Peinlichkeiten jetzt hindurch. Sie war schließlich erwachsen und er hatte sie bereits nackt gesehen, er hatte ihre Eizellen gefunden, er wusste, was mit ihr los war. Er würde ihr niemals irgendetwas als Schwäche auslegen. Weil er sie für ihre Stärke liebte.
Auch wenn er noch nicht begriff, worauf sie hinauswollte, so spürte er wie unwohl ihr dabei war dieses Thema ihm gegenüber anzuschneiden. Aber er hatte nicht das geringste Problem damit. Vor allem angesichts der Tatsache, dass er sich seit einer Woche in Gedanken pausenlos mit ihrem Körper beschäftigte. Er wollte alles über sie wissen. Und dass sie ihm diese Dinge mitteilte, zeigte ihm, dass sie einander tatsächlich näher gekommen waren, dass sie ihm einen weiteren Einblick in ihr Universum ermöglichte. Aber warum sie ihm das erzählte, wusste er noch nicht oder zumindest war er sich nicht sicher, ob er es nicht vielleicht schon ahnte - und er sah sie auffordernd an als sie weiter schwieg.
War es möglich, dass er tatsächlich nicht wusste, wovon sie sprach? Ein wenig überrascht sah sie, dass er darauf wartete, dass sie fortfuhr und nahm ihren letzten Mut zusammen um es endlich auszusprechen.
Was ich damit sagen will, Mulder, ist, dass die Befruchtung in den nächsten drei Wochen stattfinden muss. Und es gibt zwar eine große Datenbank anonymer Spender für
Sie pausierte erneut. Sie brachte das Wort einfach nicht über die Lippen. Begriff er es denn immer noch nicht? Doch an den Falten auf seiner Stirn, die sich plötzlich glätteten, sah sie, dass ihm langsam ein Licht aufging. Seine Pupillen weiteten sich und er erstarrte.
Aber es besteht auch die Möglichkeit jemanden aus dem persönlichen Umfeld für so eine Spende in Betracht zu ziehen , druckste sie weiter herum und suchte hilflos nach einer Antwort in seinen Augen. Ein dünner Tränenfilm stieg in ihr hoch, als sie die absolute Ratlosigkeit in seinem Gesicht sah. Er schien endlich verstanden zu haben, worum sie ihn bitten wollte. Aber es drang nicht zu ihm vor und er versuchte seine Überraschung zu überspielen um sie nicht zu verletzen.
Und dieser Jemand bin ich? fragte er vorsichtig und begann mit wachsender Nervosität die Frage in ihrer Tragweite langsam zu erfassen. Sie presste die Lippen aufeinander und unterdrückte die Träne, die aus ihrem Auge herauswollte. Ein zaghaftes Nicken war alles, was ihr als Antwort gelang und sie atmete aus.
Einen Moment lang sahen sie sich nur an und versuchten zu fühlen, was im anderen vorging. Sie wusste nicht, was er dachte, aber sie wollte verhindern, dass seine Gedanken womöglich in die falsche Richtung gingen und fügte schnell hinzu: Ich weiß, dass das eine Frage ist, auf die ich nicht jetzt eine Antwort erwarten kann.
In diesem Moment wollte er ansetzen um etwas zu sagen, doch sie griff schnell nach seiner Hand und ließ sie erst wieder los, als sie merkte, dass er bereit war ihr weiter zuzuhören. Deswegen bin ich auch heute schon hier, weil ich Ihnen die Möglichkeit geben will darüber nachzudenken. Auch wenn Ihre Antwort Nein sein sollte. Ich möchte auch, dass Sie wissen, dass keinerlei sonstige Verpflichtungen oder Erwartungen daran gebunden sind. Aber ich will einfach nicht, dass irgendjemand der Vater meines Kindes wird.
Bei diesem Gedanken spürte sie wieder die Tränen in sich hochsteigen. Sie glaubte an der Spannung in ihr zu ersticken und wendete ihren Blick wieder von ihm ab um ihn einen Augenblick auf dem blauen Wasser des Aquariums ruhen zu lassen. Die Fische schwammen darin träge und unbeeindruckt von dem Gefühlschaos in ihnen beiden umher und sahen mit großen runden Augen nach draußen.
Sie lächelte leicht. Weil sie es gesagt hatte und weil sie diese Last nun nicht mehr alleine mit sich herumtrug. Nun war er ebenso darin verwickelt wie sie. Sie presste tapfer die Lippen zusammen und sah ihm in seine dunkelgrünen ratlosen Augen. Er schwieg und schien nach irgendwelchen Worten zu suchen. Sie hatte allerdings für heute genug Mut aufgebracht und wollte so schnell wie möglich an die frische Luft. Sie wollte jetzt nicht mit ihm reden. Dazu war sie viel zu aufgeladen und viel zu verletzlich. Sie sah auf ihre Finger, die nervös mit ihren Autoschlüsseln zu spielen begonnen hatten.
Ich denke, es ist besser wenn ich jetzt gehe.
Etwas in ihm wollte sie aufhalten, weil sie so klein und verletzlich wirkte, als sie an seinem regungs- und fassungslosen Körper vorbeiging und sein Apartment verließ, aber er konnte es nicht. Alles, worüber der den ganzen Tag nachgedacht hatte, erschien nun so bedeutungslos. Er hatte eine Woche lang nicht verstanden, warum sie nach der Nacht im Sommerhaus ihres Bruders so zurückhaltend reagiert hatte. Und immer wieder waren seine Gedanken um jene Versuchung gekreist, die von ihr und ihrem zierlichen Körper ausging. Was für ein Idiot er doch war. Es war vollkommen egal, ob sie miteinander schliefen. Und wann. Hier ging es um viel mehr. Es ging darum sie wirklich glücklich zu machen.
Natürlich wollte er der Vater ihres Kindes sein. Oder nicht?
Sie drehte sich vor der Tür noch einmal zu ihm um und er sah wie nahe ihr diese Unterhaltung gegangen war.
Hilflos erwiderte er ihren Blick und nickte zaghaft. Das wäre nicht nur eine einmalige Sache für mich. Es wäre mehr. Seine Stimme klang fast fragend und sie nickte in ihrer Sprachlosigkeit einfach nur zurück und ließ ihn zurück.
Überwältigt ließ er sich auf sein Sofa fallen und starrte leer auf den schwarzen Bildschirm seines Fernsehers. Aber seltsamerweise fühlte er sich nicht von ihrer Frage überrumpelt oder geängstigt, sondern gerührt. Er hatte weniger Angst davor, was sein Ja für Verpflichtungen nach sich ziehen würde als davor wie die Leere eines Neins für immer zwischen ihnen stehen würde. Ein zärtliches Gefühl durchflutete ihn als er sich den Gedanken auf der Zunge zergehen ließ. Es erschien ihm mit selbstverständlicher Klarheit, dass es nur eine Antwort für ihn gab.
Zehn Tage später, in der Wartehalle von Dr. Parentis Medical Group
Dr. Parenti wird sich gleich Zeit für all Ihre Fragen nehmen, wies die Empfangsdame des medizinischen Zentrums, das sie durch die künstliche Befruchtung begleiten würde, Scully freundlich aber bestimmt darauf hin, dass sie nicht in der Lage war ihr noch weitere Auskünfte zu erteilen. Scully drehte sich nervös und ein wenig peinlich berührt um und lief den Flur der Eingangshalle entlang. Jemand stand an dem Fenster, an dem sie sonst immer stand und über die Straße blickte um sich abzulenken. Ihre Stirn legte sich in Falten und Hitze stieg ihr in den Kopf als sie diesen Jemand erkannte. Im selben Moment drehte sich der hochgewachsene schlanke Mann um und erblickte sie ebenfalls. Seine Lippen breiteten sich in einem Grinsen über sein Gesicht aus und sie gingen aufeinander zu.
Mulder? Was machen Sie hier? Er hob einen leeren kleinen durchsichtigen Plastikbecher auf ihre Augenhöhe und sah sie verschwörerisch an. Sie merkte, dass sie rot wurde, als sie begriff wofür er hier war und sah verlegen an seinem Gesicht vorbei. Oh, natürlich, lächelte sie verdattert und kam sich schrecklich dumm vor. Als sie sich wieder gefasst hatte wurde ihr klar, dass er das alles nur für sie tat. Sie fragte sich immer wieder wie sie den Mut hatte aufbringen können, ihn das tatsächlich zu fragen. Es war ihr so unangenehm gewesen und sie hatte sich danach mehr als einmal gewünscht, sich doch einen anonymen Spender ausgesucht zu haben. Aber er hatte ja gesagt. Es war für sie schon fast unvorstellbar gewesen ihn überhaupt darum zu bitten, niemals hätte sie sich erhofft, dass er ihr diesen Wunsch tatsächlich erfüllen würde. Allerdings hatte sie nicht weit genug gedacht um die ganzen peinlichen Momente, die dadurch zwischen ihnen aufkommen würden, zu bedenken. Sie hatte unterschätzt, wie unsicher sie auf diesem Gebiet im Umgang miteinander sein würden. Wie verkrampft sie war. Und wie verkrampft und kompliziert es noch werden würde, wenn es tatsächlich klappen würde! Es war geradezu kindisch, wie ungeübt sie auf diesem Gebiet waren, obwohl sie einander sonst schon so viel anvertraut hatten.
Sie hatten nicht einmal darüber geredet, ob er mit zu den ganzen Untersuchungen gehen wollte. Ob er wollte, dass sein Kind von seinem Vater wusste. Ob er bei der Geburt dabei sein würde Genau das war ihr Problem: Sie redeten nie, weil sie es gewohnt waren, einander auch so zu verstehen. Aber hier ging es um sie beide und daher mussten sie dem irgendwie ein Ende bereiten.
Ihre Blicke trafen sich wieder. Danke, dass sie das für mich tun, war der einzige Satz, den sie auch jetzt über die Lippen brachte, doch ihre Augen machten ihm klar wie viel Dankbarkeit sie tatsächlich in sich trug und wie viel ihr das bedeutete.
Es erfüllte ihn mit so viel Glück und Wärme sie so fröhlich und ausgeglichen zu sehen und er antwortete ihr mit einem Blick, der ihr sagen sollte, dass es ihm genau so viel bedeutete wie ihr. Doch über seine Lippen kamen andere Worte als er den Plastikbecher wieder hoch hielt und frech grinste. Sie können mir ja zum Dank hierbei behilflich sein.
Ein wenig angeekelt sah sie an ihm vorbei und fixierte eine korpulente Krankenschwester mittleren Alters mit einem langen grauen Zopf, die hinter ihnen auf sie beide zukam um ihn abzuholen. Vielleicht will sie Ihnen ja helfen, antwortete sie auf sein Angebot und warf ihm einen vergnügten Blick zu. Nun war er es, der sich ekelte als die hässliche Schwester immer näher kam und das Ausmaß ihrer Ungestalt ihm immer klarer wurde.
Mr. Mulder? Er nickte fast schon verschreckt.
Kommen Sie bitte mit mir mit!
Bevor er sich zum Gehen abwandte, versprach er Scully mit einem Blick wie warmer Honig: Ich geb mir Mühe, versprochen.
Glücklich registrierte er ihr erleichtertes und irgendwie doch peinlich berührtes Kopfschütteln darüber, dass er es ihr so leicht machte und ließ sich von der Schwester in den Raum führen, in dem unzählige Pornohefte und drei Videofilme ihn daran erinnerten, dass er hier eigentlich nur zum Vergnügen hergekommen war. Doch in Wahrheit war es viel mehr und er brauchte eine ganze Weile bis er den Gedanken abgeschüttelt hatte, dass es eine seiner Zellen sein würde, die mit ihrer Eizelle zu einem neuen Lebewesen verschmelzen würde. Technisch gesehen war es Sex. Und das ohne, dass sie einander jemals näher gekommen waren als in der Silvesternacht. Erstmals in seinem Leben schien er etwas von Bedeutung zu tun und dann war es so etwas Merkwürdiges.
Nervös lief er im Zimmer umher. Er hätte ihr dieses Kind viel lieber auf natürlichem Wege geschenkt. Aber genau darum ging es, er tat das nur für sie. Es ging dabei nicht um ihn. Oder um sie beide. Sie beide würden wenn sie schwanger würde, noch genug Zeit miteinander verbringen um sich näher zu kommen. Aber erst mussten sie das hier durchstehen, alles andere war unwichtig. Er schuldete es ihr.
In seinem Kopf begann er sich vorzustellen, wie es sein würde wenn sie wirklich schwanger werden würde. Sie würde wunderschön sein. Und er versuchte sich darauf zu konzentrieren bis er sich endlich wohler in seiner Haut fühlte und letztlich weder die Hefte noch die Videofilme brauchte.
Eine Woche später im Keller des FBI Büros, 9:12 Uhr
Hey! Sie sind ja schon hier! blieb er überrascht in der Tür ihres gemeinsamen Kellerbüros stehen und sah sie an. Unbeeindruckt blickte sie von ihrer Akte zu ihm auf.
Da ich morgen nicht da sein werde, dachte ich, dass ich diesen Autopsiebericht noch zu Ende bringe.
Mulders Herz hüpfte. Morgen! Morgen würde der Tag sein, an dem man versuchen würde, aus ihnen beiden Eltern zu machen. Angesichts der Tatsache, dass sie noch immer nicht miteinander geschlafen hatten, war das ein Umstand für ihn, der ihn aufregte, erregte und verwirrte. Er holte etwas hinter seinem Rücken hervor, das aussah wie eine Papiertüte von Starbucks Coffee.
Sie haben noch nie Frühstück mitgebracht! schien sie sich fast zu beschweren und starrte gierig auf die Brownies, die er aus der Tüte kramte.
Sie müssen aber doch kräftig und gesund sein morgen. Und deswegen hab ich auch extra entkoffeinierten Kaffee geholt.
Sie schmunzelte. Seit ihre Vorbehandlung für die IVF begonnen hatte, war er wie ausgewechselt. Sie nahm einen Schluck ihres Decaf-Kaffees, biss in den Brownie und hatte das Gefühl, pures Gold in ihren Körper aufzunehmen. Die Hormone hatten sie ziemlich durcheinander gebracht und sie hatte dauernd Hunger. Und zwar nicht nur auf Brownies. Mulder hatte bestimmt gemerkt, wie sie ihn in den letzten zwei Wochen angesehen hatte. Aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Jetzt wusste sie wenigstens, wie ein Mann sich fühlen musste, wenn er permanent seiner Libido so ausgesetzt war, wie sie in den letzten vierzehn Tagen.
Sie schluckte den herrlich schokoladigen Luxus herunter und wischte die Krümel vom Autopsiebericht.
Ich muss noch mal nach Quantico, Mulder. So lange die Leiche noch da ist, muss ich noch was erledigen.
Scully, ich weiß ja, dass die Hormone ziemlich stark wirken, aber - Leichen?
Sie warf ihm einen genervten Sehr witzig- Mulder! Blick zu und stand auf. Ein frivoles Grinsen schlich sich in ihr Gesicht und ihre Wangen färbten sich rot. Sie können ja mitkommen.
Mulder blinzelte sie an und bemerkte wieder diesen verführerischen Blick in ihren Augen. Wie so oft in den letzten Wochen. Hätte sie sich die letzten Jahre auch so verhalten, hätte er vermutlich keine einzige Woche durchgehalten ohne ihr zu verfallen. Es war rein körperlich und hatte nichts mit dem zu tun, was in der Silvesternacht geschehen war. Aber es war eine Seite an ihr, die ihm ziemlich gut gefiel.
Sie verhalten sich in letzter Zeit nicht sehr katholisch, wissen Sie das?
Darauf hin unterdrückte sie ein Grinsen, murmelte ein vergnügtes Bis morgen, Mulder! in den Raum und wandte sich von ihm ab um zu gehen.
Doch er sprang ihr hinterher und stellte sich zwischen sie und die Tür. Ist das denn wirklich nötig?
Mhm. Es sei denn, Sie hätten einen anderen Vorschlag, wie ich an einen Nasopharyngealabstrich der Leiche komme.
Er drängte sie behutsam zurück ins Büro. Ja, aber sind da nicht unglaublich viele gesundheitsschädigende Stoffe in so einer Gerichtsmedizin? Kann das denn nicht jemand anderes für Sie machen?
Er klang fast besorgt und Scully verstand endlich, woher der Wind wehte. Es berührte sie und sie nahm seine Hand.
Leider kann das nur ich erledigen, weil ich genau weiß, wonach wir suchen. Und was mich in den letzten sechs Jahren nicht umgebracht hat, wird sich auch heute nicht schädlicher als sonst auf meine Gesundheit auswirken. Oder die des Babys. Sie fand es ein wenig übertrieben, von einem kleinen Zellhaufen als Baby zu reden. Aber ein anderes Wort war ihr nicht eingefallen. Sie hob die Augenbrauen und sah ihn herausfordernd an bis er zur Seite wich und sie gehen ließ.
Doch etwas brannte ihm auf der Seele. Wollen Sie eigentlich, dass ich morgen mitkomme? Damit hatte sie ehrlich nicht gerechnet und sie drehte sich auf ihrem Absatz um und sah ihn prüfend an. Sie hatte ihn eigentlich aus allem heraushalten wollen, weil sie ihm nicht das Gefühl geben wollte, von nun an in irgendeiner Weise verpflichtet zu sein. Sie hatte nicht zu hoffen gewagt, dass er direkt von Anfang an, so sicher und überzeugt damit umgehen würde. Dass er überhaupt zugesagt hatte, hatte ihr bereits so viel bedeutet. Und dass er das Ganze nun so ernst nahm und ihm so wichtig zu sein schien, das überraschte und berührte sie.
Sie lächelte. Irgendwie redeten sie doch über die wichtigsten Dinge. Allerdings immer eine Idee zu spät, so schien es ihr. Denn nun hoffte sie, er würde sich von ihr nicht zurückgewiesen fühlen. Sie schüttelte den Kopf und merkte, dass ihre Kehle trocken wurde. Nein, ich würde das gerne alleine über mich ergehen lassen. Sie wusste, dass die ganze Prozedur alles andere als romantisch war und es wäre ihr unangenehm, ihn dabei zu haben. Es war bereits seltsam genug gewesen, ihn bei seiner Samenspende zu treffen. Sie sah in seinen Augen, dass er enttäuscht war, aber sie wusste er würde ihren Wunsch respektieren.
Er nickte und ließ sie endlich gehen.
Scully!
Sie drehte sich noch einmal um.
Viel Glück!
Sie lächelte schüchtern und wollte sich erneut zum Gehen wenden, nur dieses Mal wurde sie von ihrer inneren Stimme aufgehalten und sah ihn an. Wollten Sie denn dabei sein?
Er zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern. Nein, ist schon okay. Es reicht voll und ganz, wenn ich dann bei der Schwangerschaftsgymnastik dabei sein darf.
Er machte dazu eine komische Geste, die nicht wirklich wie Gymnastikübungen aussah, und sie spürte, wie sie ein Grinsen nicht unterdrücken konnte. Ein wenig nervös, wegen dem, was nun vor ihr lag, drehte sie sich endgültig um.
Ein kaum hörbares Versprochen! kam ihr als Antwort über die Lippen und sie verließ das Büro.
34 Stunden später
Sie lag auf ihrer Couch. Ihre Hand lag entspannt auf ihrem Bauch, als könne sie das zerbrechliche Leben darin, dem man unter so widrigen Umständen eine Chance geben wollte, irgendwie beschützen. Die Sonne war gerade untergegangen und sie konnte den Mond vor ihrem Fenster an dem glühenden blauen Abendhimmel blass aufleuchten sehen. Seine grauen Kratermeere waren so deutlich zu sehen, dass es ihr plötzlich unheimlich erschien, dass ein so massiver Himmelskörper über ihnen am Himmel schwebte, in solcher Nähe, dass sie sogar seine Oberfläche sehen konnte. Es war still und sie genoss die Ruhe und den Frieden und versuchte, irgend etwas zu fühlen, aber ihr Körper fühlte sich an wie immer, abgesehen von einem leichten Ziehen im Unterleib, das vollkommen normal war nach so einem Eingriff.
Ihr Telefon klingelte. Zum vierten Mal seitdem sie vor einer Stunde nach Hause gekommen war.
Scully?
Wussten Sie eigentlich, dass Babies bereits ab der 20. Schwangerschaftswoche träumen? drang eine wohlbekannte Stimme an ihr Ohr und sie sah sich von der Sinnlosigkeit dieser Konversation überfordert.
Mulder? fragte sie daher einfach in Hörer zurück. Einen Moment lang herrschte Stille.
Haben Sie schon etwas gegessen? Ich könnte Ihnen was vorbeibringen.
Sie lächelte und schloss die Augen. Wie viele Ausreden würde er sich heute noch einfallen lassen, um sie anzurufen?
Danke. Aber ich bin wirklich ziemlich müde.
Nicht mal einen Salat? bohrte er weiter. Eiscreme? fügte er hinzu.
Ein Verdacht drängte sich ihr auf.
Mulder, wo genau sind Sie?
Haben Sie diese Angewohnheit im Dunkeln zu liegen etwa von mir? kam ausweichend zurück und sie schreckte hoch und lief zum Fenster. Als sie die Jalousien zur Seite geschoben hatte, sah sie ihn auf dem Treppenabsatz an ihrem Hauseingang stehen und warf ihm einen strafenden Blick zu. Sie knipste das Wohnzimmerlicht an, ging zur Tür und öffnete ihm. Er hielt zwei Tüten hoch. Ich wusste nicht, ob Sie auf Frucht- oder eher auf Milcheis stehen. Mulder, Sie hätten wirklich nicht .begann sie, doch er fiel ihr ins Wort.
Ich wollte es aber. Also Vanille oder Erdbeere?
Als sie sah, dass er sich auf keine Diskussion einlassen würde, gab sie auf und ließ ihn an sich vorbei.
Vanille.
Er nickte zufrieden und ging in die Küche. Sie fühlte sich ein wenig überrumpelt, denn sie hätte niemals daran gedacht, dass er kommen würde. Sie hatte die Ruhe eigentlich ziemlich genossen und wusste nun nicht so richtig, was sie mit ihm anfangen sollte. Also folgte sie ihm einfach und sah zu, wie er zwei Becher Eiscreme und einen Avocadosalat aus den Tüten hervorzauberte und sich an ihren Küchenschränken bediente um eine Gabel und zwei Löffel zu organisieren. Als er sah, dass sie ihn beobachtete und sich irgendwie unwohl zu fühlen schien, ließ er das Besteck auf den Tisch sinken und hielt inne.
Ist alles in Ordnung?
Sie nickte. Ja, es ist nur. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie vorbeikommen würden. Das verunsicherte ihn. Ich kann auch wieder gehen.
Als sie merkte, dass sie offensichtlich ziemlich abweisend reagierte, kam sie einen Schritt auf ihn zu. Nein, so meinte ich das nicht. Ich weiß nicht
Sie sah auf die Eiscreme. Ich hätte nur nicht gedacht, dass Sie daran so sehr teilhaben wollen.
Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht so recht, weil sie wusste, wie dumm es von ihr gewesen war, allen Ernstes daran zu glauben, dass er sich nicht weiter für das Kind interessieren würde.
Ich meine, ich dachte schon, dass wir diesen Weg zusammengehen würden, aber nicht, dass es Ihnen so viel bedeutet wie mir.
Verwunderung blitzte in seinem Gesicht auf.
Scully, Sie bedeuten mir mehr als alles andere. Das wissen Sie doch.
Fast klang er ein wenig verzweifelt. Warum wollte sie ihm das nicht glauben? Warum war sie noch immer so zurückhaltend?
Ich wünsche mir genau wie Sie, dass das hier funktioniert. Und ich will wenn ich kann mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, dabei helfen.
Unsicher blickten sie einander an. Dann verstand sie langsam. Seine Sicherheit überwältigte sie und sie hatte Mühe, sich zusammen zu reißen und ihm nicht um den Hals zu fallen. Aber sie war müde. Und daher nickte sie ihm nur verständig zu und lächelte glücklich.
Also, was ist? Wollen wir etwa warten, bis das Eis geschmolzen ist?
Er grinste zurück und war froh, dass das zwischen ihnen geklärt war. Er hielt ihr einen Löffel und einen Becher hin und antwortete vieldeutig: Ich dachte, das wäre es längst.
Damit nahmen sie ihr Eis und ihre Salate mit ins Wohnzimmer. Er setzte sich bewusst nicht zu ihr auf das Sofa, denn sie schien ihren Freiraum zu brauchen. Angenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus und er lehnte sich müde im Sessel zurück und starrte den Mond an. In der Hoffnung dass dieses Kind Wirklichkeit wurde.
Scully sah ihn dabei von der Seite an und dachte darüber nach, was er ihr gesagt hatte.
Sie wusste, dass er ihr nicht nur als Freund diesen Gefallen getan hatte. Er hatte sich dazu entschieden, mit ihr diesen Weg als der Vater des Kindes und als der Mann, der sie liebte, zu gehen. Er schien alles zu wollen. Genau wie sie.
Sie durchbrach die friedliche Ruhe. Mulder?
Er sah sie an und ihre Blicke trafen sich und ruhten einen Moment auf einander. Dann nickte er und lächelte. Ich weiß.
Sie lächelte zurück und sah verträumt zum Mond auf.
Eine weitere Woche später, Chicago St. Patricias Hospital
Scullys Lächeln verriet Mulder, dass der Fall für sie in diesem Moment wirklich abgeschlossen war.
Können wir jetzt nach Washington zurückfliegen? Bitte?
Er sah an ihr hinunter und lenkte schließlich ein. Okay, wir treffen uns unten am Eingang. Er verschwand in Richtung der Herrentoiletten und sie drehte sich mit einem letzten Nicken zu Henry Weems um, um zu den Aufzügen des Krankenhauses zu gehen.
Unten angekommen sah sie auf die Uhr und überlegte, ob sie es noch rechtzeitig zum Flughafen schaffen würden. Im Augenwinkel sah sie einen Kiosk und steuerte darauf zu um sich etwas zu trinken zu holen.
Seit einer Woche befand sich der winzige kleine Zellhaufen in ihrem Körper und sie konnte überhaupt nicht fühlen, wie es dem knirpsigen Ding dort gefiel. Es war eine schreckliche Ungewissheit, doch für sie war es das Beste, wenn sie sich irgendwie abzulenken versuchte. Und wenn sie regelmäßig trank, aß und schlief. Als sie mit ihrem Florida-Orangensaft in der Hand aus dem Kiosk zurück zum Haupteingang gehen wollte, fiel ihr Blick auf die Zeitschriften an der Wand. Eine davon trug den Titel Parents.
Unweigerlich trat sie näher heran und sah das lächelnde Baby darauf an. Es war hell mit einer blonden Locke auf der Mitte seines Kopfes. Die großen blauen Kulleraugen schauten vergnügt zu ihr herab. Wehmut machte sich in ihr breit. Wie würde sie damit zurechtkommen, wenn es nicht klappte? Was passieren würde, wenn es klappte, war ihr mittlerweile klar. Mulder hatte sich bereits so sehr darauf eingestellt, Vater zu werden, dass es ihr fast ein wenig Angst machte. Irgendwie wollte ihr jedoch das Bild von der glücklichen Familie nicht in den Kopf. Es erschien ihr falsch. Weil sie überhaupt nicht so waren. Sie würden nie eines dieser spießigen Paare werden. Denn wenn andere Menschen nach Florida in den Urlaub fuhren, dann fuhren sie in die Wüste Neumexikos um nach Überresten außerirdischer Zivilisationen auf der Erde zu suchen. Und wenn andere Menschen beim Frühstück über das Wetter sprachen, dann sprachen sie über Autopsiebefunde oder Werwölfe. Das war genau das, was sie immer gewollt hatte. Und er hatte es ihr gegeben. Egal, wie hoch die Kosten gewesen waren, seinen einzigartigen und brillanten Geist kennen lernen zu dürfen und sein Vertrauen gewonnen zu haben, das war es ihr wert gewesen. Und von ihm geliebt zu werden schien die Krönung all dessen zu sein, egal, wie die Sache mit dem Baby ausgehen würde. Sie würde es irgendwie überwinden müssen. Damit sie sich auf das konzentrieren konnte, was sie für einander sein konnten.
Er hatte seit Silvester bereits so vieles getan, um sie zu umgarnen, zu beeindrucken und ihr zu schmeicheln. Es war geradezu niedlich und sie liebte ihn dafür, weil sie wusste, dass er es auch aus Fürsorge tat um sie abzulenken von ihren Ängsten, dass es nicht klappen würde. Die anfängliche verkrampfte Unsicherheit war innerhalb kürzester Zeit dieser berauschten Vertrautheit zwischen ihnen gewichen. Und sich ineinander zu verlieben war dadurch fast zu einem Spiel zwischen ihnen geworden. Selbst ihr Kopf wehrte sich nicht mehr, im Gegenteil, es war mittlerweile nicht nur ein Bedürfnis ihrer Seele und ihres Körpers, sondern auch ihr Verstand wollte, dass daraus etwas wurde. Schon allein deswegen, weil sie sich erst dann wieder konzentrieren können würde, wenn sie nicht mehr dauernd damit beschäftigt sein würde, die albernen Grimassen, die er jetzt immer im Büro von seinem Schreibtisch zu ihr herüber schnitt, zu ignorieren.
Sie ermahnte sich dennoch zur Vernunft und sah von der Zeitschrift weg. Doch stattdessen landete ihr Blick auf einer Hochzeitszeitschrift. Irritiert sah sie sich dann doch lieber wieder das lächelnde Baby an.
Was immer sich nächste Woche herausstellen würde, eines war nun jedoch sicher: ihre Zweifel an der Tiefe seiner Gefühle waren eindeutig beseitigt. Sie war in der vergangenen Zeit viel zu durcheinander gewesen von den Untersuchungen und den Hormonen und der ganzen Prozedur an sich um sich ihrer eigenen Gefühle sicher sein zu können. Aber sie wusste, wenn die Anspannung nächste Woche von ihren Schultern weichen würde, würde sie wieder ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dieser kleinen Frage zwischen ihnen beiden widmen.
Hey, können wir gehen?
Erschrocken fuhr sie herum als ein Kopf neben ihrem erschien und sich eine Hand zwischen ihre Schulterblätter legte. Mulder ! Hat man Ihnen nicht gesagt, dass man sich nicht an bewaffnete Frauen heranschleicht?
Er wartete mit einem fast buddhistischen Lächeln ab, bis sie sich wieder etwas beruhigt hatte und schob sie dann sanft auf den Ausgang des Krankenhauses zu. Er hatte durch die Hormone bereits einiges an Stimmungswechseln an ihr beobachtet und war daher durch nichts mehr aus der Ruhe zu bringen. Er sah über seine Schulter hinweg auf die Zeitschriften, die sie sich angesehen hatte. Ein blondes Baby mit großen blauen Augen lächelte ihn an und er wurde nachdenklich. Für ihn war es wesentlich leichter, all das zwischendrin zu vergessen. Aber für sie musste es die reinste Hölle sein, diese Ungewissheit durchzuhalten.
Während sie auf den Ausgang zusteuerten, holte er die Tickets aus seiner Tasche hervor und drückte sie ihr in die Hand. Da fühlte er in seiner Tasche noch etwas anderes. Die Karte, die sie aus dem Stapel gezogen hatte. Er wedelte damit vor ihrer Nase herum.
Herzass, Scully! War das eigentlich auch Zufall, oder haben Sie diese Karte aus irgendeinem Grund gezogen? lenkte er sie und sich ab als sie das Krankenhaus verließen und ihnen der raue Chicagoer Wind in die Gesichter blies. Sie lächelte ihn an und ihre Augen öffneten sich glühend.
Das war reines Glück. Etwas, das ich zurzeit auch ganz gut gebrauchen kann.
Sie blieben am Straßenrand stehen und er winkte das nächste Taxi herbei und sah an ihr herunter. Man konnte ihr überhaupt nichts ansehen und doch war dort, in ihr drin, ein kleines Lebewesen, das auf seine Chance hoffte.
Hey, wenn das klappt, dann hat das rein gar nichts mit Glück zu tun. Das ist alles eine Frage der Zutaten.
Seine Augenbrauen hoben sich und er warf ihr einen zweideutigen Blick zu. Sie klatschte ihm kopfschüttelnd die Flugtickets auf den Kopf und ließ sich von ihm die Taxi-Tür öffnen.
Aber ein netter Ausflug war es doch trotzdem, oder nicht? hakte er versöhnlich nach und setzte sich neben sie ins Taxi, wo er seine Hand vorsichtig auf ihrem Knie platzierte und darüber streichelte. Sie sah die Hand an und ließ es zu. Sie spürte ihre ablehnende Kälte in ihr empor kriechen als Reaktion auf das warme verunsichernde Gefühl, das seine Hand bei ihr auslöste. Doch sie schluckte die Abweisung herunter und legte stattdessen ihre Hand auf seine um sie festzuhalten. Etwas durchzuckte sie als das Taxi losfuhr und sie musste unweigerlich den Kopf schütteln: dass sie beide vielleicht bald die Eltern eines Babys sein würden. Sie beide waren so vieles. Eine Einheit. Aber Eltern? Es war irgendwie eine merkwürdige Vorstellung. Und es war aufregend. Sie grinste zu ihm hinüber. Hoffentlich war sein Humor erblich. Und seine wundervolle Art, den Ernst aus ihrem Leben zu verdrängen immer kurz bevor er sie zu erdrücken begann.
Ihr Lächeln verriet ihm, dass es eine gute Entscheidung gewesen war, sie hierher nach Chicago zu lotsen. Das war es ihm wert gewesen. Jedes Lachen auf ihrem Gesicht war wie ein weiterer Sonnenaufgang seiner Seele. Denn dann wusste er, er hatte sie wieder einmal abgelenkt von den Sorgen, die sie mit sich in diesen Wochen herumtrug. Und von ihrer konzentrierten Ernsthaftigkeit, in der sie manchmal während der Arbeit versank.
Vielleicht hatte
es ihr sogar ein wenig Hoffnung gemacht, dass selbst die
unwahrscheinlichsten Zufälle passieren konnten, wenn es so sein
sollte. Nur deshalb hatte er diesen Fall ausgegraben. Und weil es
etwas war, womit er das FBI ärgern konnte
.
Eine weitere Woche später
Mulder saß müde und erschöpft vor dem Schneegestöber des Fernsehers. Der Film war längst vorbei und Scully war genau so ermattet wie er auf dem Sofa eingeschlafen.
Er fühlte sich so leer. Erst jetzt wurde ihm klar, wie sehr er sich mit ihr gefreut hätte, wenn es geklappt hätte. Sie hatte wirklich ihn gewählt, der Vater ihres Kindes zu werden. Er bewunderte ihren Mut und fühlte den Stolz in sich wachsen. Sie hätte unter so vielen anonymen Spendern einen heraussuchen können mit einem guten Profil. Einen Arzt, einen Anwalt, einen Sportler. Aber sie hatte sich für ihn entschieden. Auch auf die Gefahr hin, dass ihr Kind seine Nase erben würde. Und seinen Hang zur Paranoia. Er hatte sich nachdem sie ihn gefragt hatte, darüber Gedanken gemacht, was es für sie beide bedeuten würde. Doch nachdem, was in der Silvesternacht passiert war, war es ihm so erschienen, als hätte sie keine andere Chance gesehen, ihm zu sagen, dass sie mehr wollte als nur eine Partnerschaft. Sie war vielleicht noch nicht bereit gewesen, mit ihm zu schlafen, aber sie war bereit gewesen, sich für den Rest des Lebens ihres gemeinsamen Kindes emotional an ihn zu binden. Denn sie musste ihn gut genug kennen um gewusst zu haben, dass er sich im Falle einer Schwangerschaft keineswegs aus dem Leben des Babys heraus gehalten hätte. Und genau da hatte er angefangen zu zögern. Denn er war nicht sicher, was es für ihre Beziehung bedeutet hätte. Es hätte da plötzlich Zwänge und Regeln zwischen ihnen gegeben. Feste Abmachungen. Doch wie hätte er ablehnen können? Er hatte überhaupt keine Wahl gehabt, er hatte die Enttäuschung in ihrem Gesicht gesehen als sie zunächst gedacht hatte, er würde ablehnen. Es hatte ihm das Herz in tausend Stücke gebrochen, diesen Schmerz in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Wie hätte er jemals so einen Fehler machen können? Es war das wunderschönste Angebot, das er je von einer Frau erhalten hatte und niemandem hätte er diesen Wunsch lieber erfüllt als ihr. Mit niemandem sonst auf der Welt würde er lieber auf diese Weise verbunden sein als mit ihr. Er liebte sie. Und ein Kind in seinen Armen zu halten, das ihre Augen haben würde, oder ihr Lächeln, das wäre das höchste Glück für ihn gewesen, nach alledem, was hinter ihnen beiden lag. Nein, wenn er ihr diesen Wunsch nicht erfüllt hätte, hätte diese Verletzung, die er ihr damit zugefügt hätte, für immer zwischen ihnen gestanden. Die Enttäuschung, die nun zwischen ihnen stand, die konnten sie wenigstens gemeinsam tragen. Sie musste nun wissen, wie viel sie ihm bedeutete und er war ihr dankbar dafür, dass sie so stark gewesen war, damit auf ihn zuzugehen.
Er grinste. Langsam schienen sie es doch irgendwie hinzubekommen. Er stand auf und schaltete den Fernseher aus. Eigentlich hatte sie heute allein sein wollen.
Aber niemals hätte er sie in ihrer Wohnung mit dem Schmerz zurücklassen können. Er hatte ihnen tonnenweise Frustessen und einen Videofilm besorgt und sie hatten sich beide den Abend über gut ablenken und die Zeit irgendwie durchstehen können, bis die Enttäuschung in ihnen ein wenig sacken konnte und nicht mehr so verdammt weh tat.
Als er den Videofilm in die Hülle zurückgelegt hatte, merkte er, wie sie langsam unruhig wurde. Er drehte sich um und strich ihr vorsichtig über die Wange.
Hey, Sie verpassen noch das Sandmännchen!
Sie schlug die Augen auf und richtete sich noch ein wenig benommen auf.
Wie spät ist es denn?
Erst halb zehn, aber die junge Dame braucht doch sicher ihren Schönheitsschlaf und morgen früh müssen wir beide wieder arbeiten. Ernst fügte er hinzu: Es war ein harter Tag.
Sie nickte verständig und krabbelte aus ihrer Wolldecke heraus um mit ihm die leeren Pappkartons wegzuräumen. Sie gähnte auf dem Weg in die Küche und merkte, wie sie langsam wieder wach wurde. Als sie wach war, fiel ihr auch wieder ein, was geschehen war und sie spürte die Beklemmung erneut in ihr aufkommen. Aber sie hatte sich ohnehin viel zu große Hoffnungen gemacht. Sie war selbst Schuld. Normalerweise war sie so rational, aber wenn es um solche Dinge ging, war sie eben auch nur eine Frau. Dabei kannte sie selbst die Statistiken der Erfolgsquoten von In-Vitro-Fertilisationen.
Als sie nebeneinander in der Küche den Müll wegräumten und das wenige Geschirr spülten, das sie benutzt hatten, wurde ihr klar, dass sie sich bereits sehr daran gewöhnt hatte, ihn immer bei sich zu haben. Er war in den letzten Wochen mehr als je zuvor hier gewesen. Er war ihr so nahe gewesen, dass sie sich nun schwer vorstellen konnte, wie sie wieder zur Normalität zurückfinden sollten. Ihn wieder aus ihrem Leben verschwinden zu lassen kam ihr so unnatürlich vor.
Als er sich die Hände abtrocknete und sich umdrehte um die Küche zu verlassen, wusste sie, dass sie ihn aufhalten musste. Die Zweifel, die sie noch vor ein paar Wochen gehabt hatte, waren wie weggefegt. Er war längst so sehr Teil ihres Lebens, dass es viel zu spät war, noch darüber eine Entscheidung treffen zu wollen, ob sie ihn nun hineinlassen wollte oder nicht. Sie wusste, dass sie nicht nur nicht mehr ohne ihn sein wollte, sondern, dass sie ihn buchstäblich zum Atmen brauchte. Er war alles. Ihre Arbeit. Ihr Alltag. Ihr Zuhause. Ihr Leben. Ihr Sinn. Und Wenn sie jetzt nichts unternahm, würden sie in ihren gewohnten FBI-Trott zurück verfallen und es würde so werden wie zuvor. Mit all seinen Unsicherheiten und Komplikationen.
Das hier war Teil ihres Vorsatzes für das neue Jahr und er wusste das. Sie beide würden nie vergessen können, wie dieses Jahr angefangen hatte, was sie nun miteinander teilten.
Aber sie kannte ihn. Sie war an der Reihe, musste den nächsten Schritt wagen. Er war viel zu sensibel, um sie heute Abend danach zu fragen.
Sie legte ihre Hand auf sein Handgelenk und hielt ihn fest bis er sich umdrehte.
Als sie in seine Augen sah, wusste sie, dass es ihr nicht mehr genügte, sein Herz zu besitzen. Sie wollte ihn ganz. Mit all seiner Intensität. Mit allem, wovor sie sich fürchtete. Und wenn es sie auffressen würde, es würde sich bestimmt besser anfühlen, als ihn wieder gehen zu lassen. Ich möchte nicht, dass Du heute Abend gehst! bat sie ihn mit belegter Stimme und merkte, wie sich ihre Knie in Gummi verwandelten.
Er sah sie verdattert an. Hatte er richtig gehört? Wollte sie, dass er bei ihr die Nacht verbrachte? War das eine Einladung, die sich nur auf ihre Couch bezog, oder auf ihr Bett? Als sie merkte, dass er unsicher war, lächelte sie. An dem glasigen Schimmer in ihren Augen sah er, dass es mehr als eine Einladung auf ihre Couch war. Er hatte damit gerechnet. Aber nicht heute Abend.
Läuft da eigentlich irgendwas zwischen uns, von dem ich wissen sollte, bevor ich dieser Bitte nachkomme? fragte er sie scheinheilig und blickte schelmisch zu ihr herunter.
Sie zuckte ebenso scheinheilig mit den Schultern und legte den Kopf in ihren Nacken. Möglich wärs.
Ihre Augenbraue schnellte für eine Sekunde in die Höhe als ein letztes Zweifeln durch ihr Bewusstsein rauschte und sie ließ seine Hand los um sich aus ihrer Anspannung zu lösen.
Sie hatte ihn eingeladen, es war nun an ihm, dieser Einladung zu folgen oder sie abzulehnen. Er versuchte sich zurück zu halten. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht und er kam einen Schritt auf sie zu. Ihre Augen weiteten sich voller Erwartung und sie bewegte sich keinen Zentimeter. Seine Hand legte sich auf ihren herabhängenden Arm und strich sanft daran entlang, über ihr Ellenbogengelenk und ihre zarten Oberarme und wieder zurück zu ihrem Ellenbogen. Noch zögerte er. Er wollte ihre Schwäche nicht ausnutzen und wollte nicht, dass es nur geschah, weil sie enttäuscht und einsam war. Daher wartete er eine Sekunde und musterte ihr Gesicht um einen Hauch von Zweifel und Unsicherheit darin zu finden.
Als sie seine Zurückhaltung bemerkte, zog sie ihre Augenbrauen fragend, fast flehend zusammen und sie wich verunsichert seinem Blick aus. Aber sie wollte, dass er fühlte, wie ernst sie es meinte und näherte sich ihm, bis nur noch ein winziger Spalt zwischen ihren Körpern war. Aber sein Duft allein bewirkte schon, dass ihr Körper sich verschwommen und aufgelöst anfühlte, bis auf ein winziges glühendes Zentrum in ihr, das pulsierende Wellen erregter Spannung aussandte und es ihr schwer machte, überhaupt noch aufrecht zu stehen. Sie sah ihn mit ihren großen Augen von unten an wie ein kleines Kind, das ein Eis mit extra viel Sahne wollte.
Ruhig strich sie mit ihrer flachen Hand über seinen Oberbauch seine Flanken entlang und sie löste den Blickkontakt zwischen ihnen wieder indem sie auf seine Brust blickte, die sich in kurzen Atemzügen hob und senkte. Offenbar brauchte er diese Sekunden noch. Doch während er zögerte, kam es ihr vor, als würden die Uhren langsamer gehen. Sie wusste ja nichts von dem Kampf, den er im Inneren ausfocht und so war sie kurz davor ein zu lenken um die quälende Anspannung zu beenden.
Wenn er sich heute nicht zu diesem Schritt entschließen konnte, dann würde sie es respektieren, weil sie den Grund dafür kannte.
Ihre Lippen öffneten sich um die Worte zu formen, die ihm Erlösung bringen sollten, aber in diesem Moment verlor er endgültig jede Zurückhaltung, ausgelöst durch das weiche Licht, das ihre Haut wie Gold schimmern ließ und ihren Mund in ein dunkles verlockendes Rot tauchte. Er merkte nur noch, wie das Blut seinen Kopf verließ und sein Verstand gelähmt wurde.
Die Aufregung verbreitete Übelkeit in seinem Magen. Und Gleichgültigkeit. Ihm war alles egal. Plötzlich zählte nur noch eins: Ihren Körper zu besitzen. Ihre samtweichen Lippen auf seinen zu spüren und diese körperliche Barriere zwischen ihren Seelen zu überwinden.
Er wollte jeden Millimeter ihres Körpers mit seinen Händen ertasten, wollte jede Sommersprosse mit Küssen bedecken und sie schmecken, riechen und fühlen bis all seine Sinne von ihr betäubt waren. Das Verlangen, das er in den letzten Wochen in ihren Augen gesehen hatte, wollte er in ihr zum Leben erwecken und schüren bis es sie von allem befreite, was auf ihrer Seele lastete. Er wollte sich in sie hineinfallen lassen und sie auffangen wenn sie losließ. Seine Hände legten sich um ihre Taille und er zog ihren ganzen Körper dicht an sich heran, bis kein Platz mehr zwischen ihnen war und er ihre zarten Rundungen fühlen konnte. Allein diese Bewegung setzte Energien in ihm frei, die ihm die Orientierung nahmen.
Sein Blick verschlang sie und als wäre eine Sicherung durchgebrannt brach der Widerstand zwischen ihnen ab und bevor sie es begriffen hatte, fühlte sie seine Lippen auf ihren und hörte nur noch ein leises erleichtertes Stöhnen, von dem sie nicht einmal wusste, aus wessen Kehle es entwichen war.
Er küsste sie mit so viel Intensität und Liebe, dass sie bereits dort, angezogen, in der Küche, die Kontrolle verlor und wusste, dass es sie tatsächlich absorbieren würde. Es würde sie verschlingen und neu erschaffen. Sie verlor in seinen Armen den Halt und ließ die Schwäche, die sich in ihr ausbreitete einfach zu. Sie ließ zu, dass nun auch ihre letzte Hülle vor ihm fiel und er endgültig den Eintritt in ihr Leben und ihr Herz bekam. Nun war es zu spät. Er würde ihr jetzt nicht mehr entkommen. Und sie ließ zu, dass sie hungrig wurde und ihren Hunger stillte. Sie genoss, dass sie jeden einzelnen Muskel an seinem Körper zur Anspannung brachte, dass sie sich von seiner Kraft steuern ließ und sich daran festhalten konnte.
Aber es ging ihr viel zu schnell. Seine Hände tasteten sich viel zu gierig an ihrer Haut entlang und seine Zunge war viel zu fordernd. Wenn sie nicht aufpassten, würde es laut, leidenschaftlich und sehr schnell vorbei sein, aber sie wollte, dass es Stunden andauerte. Sie hatten immerhin sechs Jahre gewartet, da konnten sie nicht zulassen, dass all das, was sie aufgestaut hatten, sich in zehn Minuten entlud. Sie wollte nicht ins Schlafzimmer, wollte den Zauber, des ersten Mals noch eine Weile vor sich herschieben und die erregte Erwartung in sich auftürmen, bis sie über ihr einstürzte.
Doch in ihrem gemeinsamen Rausch merkten sie überhaupt nicht, dass sie bereits fast im Schlafzimmer waren. Ziellos tasteten sich ihre Hände an der Wand entlang, an allem, was sie fassen konnten, um nicht zusammen auf den Boden zu stürzen und sie taumelten zusammen durch die Küche, bis er sie schließlich aufhob und die letzten Meter zu ihrem Bett trug. Irgendwo auf dem Weg hatten sie ihre Kleider verloren und sie merkte, dass es längst zu spät war, irgendetwas noch herauszuzögern. Es geschah einfach.
Also entschied sie sich, das Zepter wieder für einige Momente zurück zu erobern und drehte sich auf ihrem Bett auf ihn, um sich in Ruhe seinem Körper zu widmen. Sie war froh, Medizin studiert zu haben, denn so konnte sie allem, was sie berührte und liebkoste, einen Namen geben. Sie hauchte auf jeden duftenden Zentimeter seiner Haut einen Kuss und genoss die hungrigen Berührungen seiner Hände, die kitzelnd über ihre Wirbelsäule und tiefer glitten, und ihr am ganzen Körper eine Gänsehaut bereiteten. Sie revanchierte sich mit einem Kuss, der in seinem Kopf einen Moment lang alle Lichter ausschaltete. In diesem Kuss sah er seine Chance, sie wieder auf ihren Rücken zurückzudrehen und ihr endlich die Zärtlichkeiten zukommen zu lassen, die er sich für sie aufgehoben hatte. Seine Hände glitten über ihre weiche Haut, die im fahlen Licht der Dunkelheit, wie Seide silbern glänzte. Er konnte von dem Duft und ihrer Wärme überhaupt nicht genug bekommen, doch als er ihr in die Augen sah, entdeckte er darin einen noch nie zuvor in ihren Augen wahrgenommenen Blick voller Geheimnisse, verspielt und zugleich todernst, verbunden mit einer wortlosen Einladung, die ihm die Beherrschung raubte.
Er legte ihren Kopf dicht an ihren und ließ sich in seinen Bewegungen von ihren Lippen steuern, die ihm zarte brennende Küsse auf die Wange legten, unterbrochen von kurzatmigen leisen Luftstößen, die gegen sein Ohr bliesen. Alles an ihr war so sanft und warm, dass er das Gefühl hatte, nach Hause gekommen zu sein.
Als sie seinen heißen Körper ganz nahe an ihrem und seine Bewegungen in sich fühlte schloss sie die Augen und holte tief Luft um sich endgültig fallen zu lassen. Der Raum drehte sich und ihr Geist und ihr Körper waren nicht länger getrennt. Sie fühlte sich eins. Mit sich selbst. Und mit ihm. Sie konnte nicht mehr trennen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Gefühl. Es fühlte sich anders an als alles, was sie jemals erlebt hatte. Es war, als würde der Urknall sich umkehren bis alles auf einen einzigen dimensionslosen Punkt unendlicher Energie hinauslief, nur um dann erneut zu explodieren und ein neues Universum zum Erblühen zu bringen.
Ihre Finger gruben sich in seinen Rücken und sie biss ihm leicht in seine Schulter um zu verhindern, dass sie zu laut wurde. In diesem Moment begriff sie, warum sie sich damit so viel Zeit gelassen hatten. Es war jetzt nur so schön, weil es ihre Beziehung vollkommen machte. Weil es mehr war als nur Sex. Und weil es sie vollkommen fertig machte. Alles andere wurde davon in den Schatten gestellt und verblasste. Sie wusste nicht, wie es danach weitergehen sollte, wie sie beide damit umgehen sollten. Sie wusste nur, dass es auf keinen Fall das letzte Mal gewesen war. Und dass es sie für immer verbinden würde.
Als er fühlte, wie sie sich ihm vollkommen auslieferte und von ihm tragen ließ, war er sich sicher, dass es in seinem Leben nichts geben würde, das das noch überbieten würde. Und dass das genau das war, was er ihr die ganzen Jahre hatte sagen wollen. Und erst jetzt hatte er die Sprache gefunden, ihr das mitzuteilen.
Also würden sie noch eine ganze Weile so kommunizieren müssen, denn sie hatten eine Menge aufzuholen.
Vielleicht nicht alles auf einmal. Aber Schritt für Schritt.
Unsichtbare Funken sprühten und die Welt explodierte. Im Zentrum davon lagen zwei Menschen, ineinander verschlungen, erschöpft, doch noch immer hungrig, berauscht, aber klar und befreit. Stille lag in der Luft und legte sich wie ein behütender Schleier über sie.
Eine kleine Hand fiel müde auf ein Kissen, eine große Hand nahm sie liebevoll auf und drückte sie an noch immer bebende Lippen.
Zwei Augenpaare fielen zu. Ein milder Luftzug streifte ihre Wangen und sie sahen einander wieder an. Dunkel und ernst verziert mit einem süßen Glühen.
Sie hatten einander gefunden. Und wie das Ineinanderfliegen eines Elektrons mit seinem Positron, war es, als wäre alles, was nun von ihnen übrig war, reine Energie.
Die Sterne waren vom Himmel gefallen und leuchteten nun in ihren Augen, die Meere waren über die Ufer getreten und schimmerten als winzige salzige Perlen auf ihrer Haut. Und die Pflanzen standen in voller Blüte und erfüllten den Raum mit ihrem Duft. Ihr Haar kitzelte an seinem Hals und er vergrub seine Nase darin. Es war vollkommen. Sie war vollkommen. Er würde sie nie wieder loslassen.
Dieser Moment würde bis in alle Ewigkeit existieren und er wollte nicht, dass es jemals wieder Tag würde. Er wollte nicht, dass der blaue Morgenhimmel diese Nacht auslöschen würde und die Realität zurückkehren ließ. Ihre Fingerkuppen kitzelten seine Brust, während sie ihn friedlich streichelte. Ihre Lippen begannen zart seine Haut zu küssen. Ein Lächeln leuchtete durch die Dunkelheit.
Zwei Schatten an der Wand erhoben sich erneut, langsamer, mit ruhiger Intensität, um die Welt noch einmal aus den Angeln zu heben.
Zehn Stunden später
Es war noch stockfinster. Ihre innere Uhr sagte ihr jedoch, dass in fünf Minuten der Wecker schellen würde. Weil sie das Geräusch so abgrundtief hasste, wachte sie immer früh genug auf um es auszustellen. Sie öffnete ein Auge und starrte an die Decke. Als sie einsah, dass sie ohnehin nicht mehr einschlafen würde, öffnete sie auch das andere Auge und drehte sich um. Sie stutzte.
War es nur ein Traum gewesen?
Sie schloss die Augen wieder. Aber ihr Körper fühlte sich nicht so an, als wäre es nur in ihrer Phantasie geschehen. In der Luft hing noch immer sein Geruch. Ihre Muskeln fühlten sich verspannt an, auf angenehme Art. Sie hatte nicht einmal fünf Stunden geschlafen.
Das Bett neben ihr war leer. Ihre Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln und sie seufzte.
Das hätte sie sich eigentlich denken können. Und es war gut so. Auch ohne seine körperliche Präsenz fühlte sie sich noch immer atemlos und erregt. Sie hätten einander nach dieser Nacht nur erdrückt. Ihre Seelen brauchten erst einmal Raum zum Atmen.
Es war ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen. Seine Berührungen und seine Küsse hatten ihr mehr versprochen und sie wusste, sie würde mehr bekommen.
Aber sie brauchten jetzt viel Zeit. Zeit, sich daran zu gewöhnen und Zeit, die überwältigende Intensität, mit der das alles passiert war, zu verarbeiten. Immerhin arbeiteten sie tagein tagaus zusammen. Seit sie sich kannte, hatte sie die Wochenenden gebraucht, um sich von ihm zu erholen. Nicht weil sie ihn nicht gemocht hatte, sondern weil die Tiefe ihrer Beziehung zu ihm sie so überwältigte, dass sie manchmal einfach Abstand brauchte, um sich nicht in Luft aufzulösen. Vermutlich würde sich daran auch jetzt nichts ändern. Im Gegenteil. Sie würden aufpassen müssen, dass die Räume um sie nicht Feuer fingen, wenn sie irgendwo zusammen waren.
Es war wie ein Prozess, der sich aufschaukelte, je intensiver man sich darauf konzentrierte. Wenn sie noch ein Leben nebenbei führen wollten, würden sie es irgendwie arrangieren müssen, dass das hier nicht zur Gewohnheit wurde.
Denn sie würde heute keinen klaren Gedanken fassen können. Sie war vollkommen liebestrunken. Ihre Stirn legte sich in Falten und sie schüttelte den Kopf. Konstruktive Interferenz, murmelte sie und dachte an jenes Experiment im Physikkurs des ersten Semesters am College zurück, bei dem zwei Tonwellen mittels eines mathematischen Formalismus so aufeinander abgestimmt worden waren, dass bei gleichzeitigem Abspielen dieser Töne ein ohrenbetäubendes dröhnendes Summen den ganzen Hörsaal durchströmt hatte. Das was sie nun empfand, war wie eine konstruktive Interferenz zweier Seelen und es fuhr ihr rasend durch Mark und Bein, reflektierte sich an ihrem Geist und die Wellen schossen noch weiter in die Höhe um sich stolpernd und hastig an ihrem Verstand zu brechen und ihr Herz zu überfluten. Oh Mann versuchte sie diesem Chaos in ihr Luft zu verschaffen und setzte sich auf.
Ihr Körper fühlte sich so benutzt an. Nicht wie nach dem Joggen, sondern vollkommen anders. Ausgelaugt. Ermattet. Und doch voller Anregung und Energie.
Ihr Kopf wurde heiß, als sie sich an die Ursache dafür erinnerte und sie ging ins Bad um sich mit viel kaltem Wasser von diesen ganzen Bildern rein zu waschen und ihren Verstand klar zu bekommen.
Die Traurigkeit über die bittere Enttäuschung vom Vortag war vor einem anderen Gefühl zurückgewichen und hatte sich auf den Boden ihrer Seele gelegt. Sie würde diesen Verlust nie vergessen. Aber sie war ihm unendlich dankbar dafür, dass er da gewesen war, um mit ihr zu fallen.
Beflügelt von dem Rausch, dem sie am Abend zuvor mehrmals erlegen war, stieg sie unter die Dusche und ließ das heiße Wasser über ihren Körper fließen. Sie hatte sich immer so vor der Ernüchterung gefürchtet, die einen nach Nächten wie dieser regelmäßig einholte.
Doch sie blieb aus. Selbst als der Regen ihr draußen kalt und unbarmherzig ins Gesicht peitschte und der Straßenverkehr sie eine halbe Stunde in Stillstand verharren ließ und ihre Geduld auf eine harte Probe stellte, trug sie noch immer dieses leichte Nachglimmen mit sich herum, das sie von innen zu wärmen und zu beschützen schien und ihre Augen hellgrün leuchten ließ.
Als sie eine Stunde später das Kellerbüro betrat, kam er gerade mit einer dicken grauen Akte von einem Schrank und umkreiste sie auf seinem Weg zum Schreibtisch, während er ihr mit seiner sanften Stimme ins Ohr flüsterte: Na? Gut geschlafen?
Sie drehte sich zu ihm als er schon wieder seine Umrundung um sie beendet hatte und zu seinem Schreibtischstuhl wanderte um sich zu setzen.
Ihre Wangen wurden heiß. Es war ihr ein winziges Bisschen peinlich, dass sie sich ihm gegenüber so sehr hatte gehen lassen. Dass er jetzt ihre intimsten Geheimnisse kannte. Aber sie kannte auch seine. Jetzt wusste er, dass sie mindestens so leidenschaftlich und körperlich sein konnte wie er und daher entgegnete sie mit einer fast damenhaften Schüchternheit, in der trotzdem eine gehörige Portion Verführung mitschwang:Etwas zu wenig für meinen Geschmack.
Damit ließ sie sich müde aber zufrieden auf den Stuhl vor seinem Tisch fallen und sie warfen sich schweigend viel sagende Blicke zu.
Erst noch ein wenig schüchtern, dann vertraut und ernst und schließlich fast hungrig, getragen von jener undefinierbaren Spannung, die über ihnen geschwebt hatte, seit sich ihre Blicke zum ersten Mal getroffen hatten.
Sie hätten auf diese Weise stundenlang dort verharren können ohne dass ein Funken Langeweile zwischen ihnen aufgekommen wäre.
Schmachten wäre vermutlich der passende Ausdruck für diese Blicke gewesen, doch sie genossen diesen Zeitpunkt, der nur ihnen gehörte und den auch nur sie beide verstanden.
Es war ihr Geheimnis. Ihr gegenseitiges Versprechen, dass sie zusammengehörten. Ihr Bündnis. Sie hatten es tatsächlich geschafft und im Nachhinein war es die selbstverständlichste und überfälligste Sache der Welt gewesen. Diese Nacht hatte das, was sie füreinander empfanden in eine warme, weiche, glühende Schutzschicht gepackt und in die Tiefen ihrer Herzen geprägt, wo es für immer eingeschlossen sein würde und für den Rest ihres Lebens für Licht sorgen würde.
In einem Punkt hatten sie allerdings beide Recht: Sie würden niemals wirklich darüber reden. Es gab ohnehin keine Worte dafür und wenn würden sie der zarten Spannung zwischen ihnen nur den Zauber nehmen. Sie würden weiterhin das tun, was richtig war. Irgendwie würden sie das schon herausfinden.
War doch gar nicht so schwierig, oder? lächelte er sie plötzlich an.
Nein, war es nicht. Sie lächelte schüchtern zurück.
Nachdenklich senkte sie den Blick. Sie hatte es sich tatsächlich schwieriger vorgestellt. Sie hatte gedacht, es würde alles verändern. Auch ihre gemeinsame Arbeit. Aber das, was zuhause in ihrem Privatleben geschah, fand in einer solch anderen Welt statt, dass es ihr jetzt leicht fiel, es von dem hier zu trennen. Ihre Liebe war eine Sache, ihre Partnerschaft eine andere. Die X-Akten waren ihr inzwischen genau so wichtig wie ihm. Sie würde nicht zulassen, dass die Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit darunter litt. Und nichts würde an ihrer Professionalität etwas ändern. Nichts würde etwas an ihrem Respekt vor ihm ändern. Oder an seinem Respekt vor ihr. Es war alles so wie zuvor. Die Wahrheit hatte nur eine neue Farbe angenommen. Aber sie blieb dieselbe. Nur, dass sie jetzt endlich in ihrem eigenen Leben zuhause angekommen war.
Er analysierte die Knicke in der grauen Pappe der Akte vor ihm. Sie weiterhin anzusehen würde es ihm unmöglich machen, an etwas anderes zu denken als an letzte Nacht.
Nun kannte er endlich die ganze Scully. Sie hatte ihn überrascht. Er hatte gewusst, dass sie eine leidenschaftliche Person war. Ruhig und leidenschaftlich. Ausgeglichen und ernst. Doch er hatte sich geirrt. Es steckte so viel mehr in ihr. So viel mehr, das er lieben konnte.
Mit fast jungenhafter Unschuld lächelte er sie scheu an, neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite und fing die Schwingung, die zwischen ihnen tanzte, mit seiner Vernunft auf.
Er schlug dann die Akte auf, um mit dem Leben fort zufahren, das sie ungeachtet dessen, was sie füreinander empfanden, teilten, und das weiterhin der Mittelpunkt dieses gemeinsamen Lebens sein würde. Weil eine gemeinsame Leidenschaft überhaupt diese Verbindung zwischen ihnen begonnen hatte: Die Suche nach Wahrheit und Antworten.
Sie hatten sich selbst endlich diese Liebe erlaubt. Mit allen Konsequenzen und mit der Gefahr, davon mitgerissen zu werden und den Boden für immer unter den Füßen zu verlieren.
Doch seit gestern Abend glaubten sie ohnehin zu fliegen.
* The end is the
beginning is the end * (The smashing pumpkins)