Titel: Winged
Autor: SpookyStar
Kontakt:
Rating: weiß noch nicht
Kategorie: MSR, Scully POV (kursiv)
Timeline: zwischen Season 5 & 6 (sprich FTF)
Disclaimer: Nur die Idee gehört mir…blablabla...ihr wisst, was ich meine.
Short-Cut: ...Ein Engel, der dem Menschen als Beistand und Hilfe zur Seite gestellt wurde...


Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.

 

WINGED



Zum ersten Mal seit zwei Wochen genoss ich meine ‚freie’ Zeit, wenn ich sie als eine solche überhaupt bezeichnen durfte. Es war in letzter Zeit so viel geschehen. Dinge, die ich nicht vergessen und auch nicht missen möchte, doch bin ich mir nicht sicher, ob es das war, was ich in meinem Innersten auch wirklich wollte.
Meine Finger legte ich um den Griff einer kleinen Kaffeetasse, während ich die Menschen beobachtete, die an diesem kleinen Café vorbeigingen. Manche waren hektisch, andere waren die Ruhe in Person. Manchmal kamen Mütter oder Väter mit ihren Kindern herein um sich selbst Kaffee zu holen und die Kinder mit einem Stückchen Kuchen zum Schweigen zu bringen. Zumindest für einige Minuten, denn kaum war der Kuchen weg, quengelten sie schon wieder oder wollten weiter, da ein paar Minuten entfernt jemand auf dem Spielplatz warten könnte.
Ich wünschte, ich könnte das Leben an mir vorbeiziehen lassen, so wie es diese Menschen taten. Doch ich konnte es nicht und kann es immer noch nicht. Ich werde es nie können. Es wird auf Ewig so sein, dass alles um mich herum lebt und stirbt...und dass ich nicht mit ihm leben und sterben kann. Ich kann weder das eine...noch das andere. Scheinbar gefangen in dieser Welt, die mir so viel gibt aber auch wieder so viel nimmt. Es war ein Gefängnis...in einem gewissen Sinn. Ein Gefängnis, das ich selbst gewählt habe...vor Jahren. Ich weiß noch nicht einmal mehr, vor wie vielen Jahren. Es sind einfach schon zu viele.

Ich habe schon so viel Leid gesehen. So viel Leid, dass ich hätte verhindern können. Doch ich bin nicht Gott und habe nicht diese Befugnis, alles Leid von den Menschen fern zu halten. Ich bin dazu da, sie zu ‚beschützen’, aus welchem Winkel man das auch immer betrachten mochte.
Wenn ein Kind zum Beispiel aus dem ersten Stock fiel und auf seiner Windel landete, dann war ich da. Dann war ich diejenige, welche dafür sorgte, dass dieses Kind bloß ein paar blaue Flecken davon trug.
Oder wenn ein junger Mensch aufgrund eines frischen Führerscheins eine Böschung runterfiel ...mit dem Auto und sich dieses mehrfach überschlägt und dennoch beinahe unverletzt aus dem Wrack geborgen werden kann, dann war ich das.
Jedoch kann ich...oder können ‚wir’ nicht immer und überall sein. Wenn eine Mure abgeht und dabei mehrere Menschen unter sich begräbt, welche dann nur mehr tot geborgen werden können, dann war ‚er’ das. Auch ‚er’, der ‚Herr der Fliegen’, muss seine Chance bekommen, sonst würde ein Ungleichgewicht herrschen, so sehr die Menschen das auch nicht verstehen würden.

In manchen Fällen jedoch, so wie in diesem, werde ich beauftragt, mich wie ein Mensch zu verhalten, wie einer zu sein. Zwar auf Erden wandeln, doch für alle, bis auf meinen Schützling, unsichtbar.

Nein, nicht auf die Weise, wie ihr nun denken mögt. Die Menschen sehen mich. Sie bringen mir Kaffee, wenn ich ihn mir bestelle, beziehen Steuern oder bekommen Trinkgeld von mir. Aber für sie bin ich eine x-beliebige Frau dieser Stadt. Eine unter vielen. Einfach irgendjemand. Nur für meinen Schützling nicht. Für ihn bin ich Freundin oder Nachbarin, die nette Frau von der anderen Straßenseite. Jemand, dem die Menschen gerne vertrauten.

Für gewöhnlich werde ich von meinen Schützlingen nach einigen Jahren oder Jahrzehnten vergessen, so wie auch ich sie nach einiger Zeit vergesse. So lauten die Spielregeln: du kennst mich nicht mehr, ich kenne dich nicht mehr.
Es war schon immer so und es wird auch immer so bleiben.

Wäre da nicht dieser junge Mann, dessen Gesicht sich in mein Gedächtnis und in meine Seele gebrannt hätte. Ja, auch wir haben eine Seele. Die meiste Zeit bestehen wir auch nur daraus...ohne Körper.
Ich kann ihn nicht vergessen, wobei das vielleicht etwas zu stark ausgedrückt wäre. Immerhin wurde ich erst vor anderthalb Jahren von ihm abgezogen, da er mich nicht mehr brauchte. Laut Gott. Na ja, aber ich hatte mich diesem Befehl zu fügen und so sehr es mir auch gefallen hatte, als Partnerin dieses FBI-Agenten durch das Land zu fahren, um mit ihm Abenteuer zu erleben, so sehr ist dieses Spaß nun auch zu ende. Alles hat ein Ende, heißt es oft.
Ich hatte schon oft Polizisten oder Regierungsbeamte als Schützlinge, was nicht immer leicht war, da ich eine Frau bin.

Ja, ich bin tatsächlich eine Frau. Nicht nur im Geiste, sondern auch mein Körper. Ich fühle mich also nicht nur wie eine...
Mein Körper ist immer der Selbe.
Er wird nicht älter, Narben verblassen und man sieht keine Veränderungen daran. Immerhin kann ich ja nicht an Altersschwäche sterben.
Nichts Irdisches kann mich umbringen, dafür hatte Gott gesorgt und ich war dankbar dafür. Die Abenteuer, die ich mit diesem Mann erlebte, waren oft sehr gefährlich und vermutlich hätten wir beide schon oft ins Gras gebissen, wenn ich nicht auf ihn aufgepasst hätte...und wenn ich auf diese Weise sterben könnte.

Der Einzige, der mir jemals wirklich gefährlich wurde, war ein Dämon im Körper eines Mannes mit dem Namen ‚Donnie Pfaster’. Mein Schützling wusste nichts von ihm. Er sah bloß einen Verbrecher in diesem Mann. So aber nicht ich. Ich konnte hinter diese Hülle blicken und sah, wer er wirklich war.
Vielleicht war ich ihm auch aus diesem Grund aufgefallen, weil auch er durch meine ‚Hülle’ sehen konnte und sah, wer ich wirklich war. Wer ich wirklich bin.

Na ja, zurück zu diesem FBI-Agenten. Er hat durchaus Potential und wenn er dieses geschickt einsetzen würde, so würde einer Beförderung nichts im Wege stehen. Tja, wäre da bloß seine Schwäche für ‚Übernatürliches’ nicht. Dieser Mann hatte ja keine Ahnung, was da draußen tatsächlich alles vor sich ging, doch wahrscheinlich war es besser. Sonst würde sein Verstand endgültig durchdrehen...
Ich musste bei dem Gedanken daran schmunzeln. Er hatte so oft versucht, mich zu überzeugen, mich zu bekehren...oder wie auch immer man das nennen wollte.

Er hat dunkle, braune Haare und grüne Augen. Seine Augen...ich bekomme Bauchkribbeln, wenn ich bloß daran denke...wie er mich mit diesen Augen manchmal angesehen hatte. So, als würde er mehr, als nur eine Freundin in mir sehen. Doch das durfte er nicht.
Ich wusste schon immer, dass es gefährlich war, als Frau einen Mann zum Schützling zu bekommen, da die Gefahr von Liebe bestand.

So wie die ungeschrieben Regeln des FBI gab es auch bei uns Regeln und die Beziehung zu einem Schützling, und ich meine hiermit wirklich eine Beziehung, die aus der Liebe beider Seiten entstehen könnte, war strikt verboten. Es kostet einem die Flügel.
Natürlich hatten es schon einige gewagt, aber die Beziehung ging zu Bruch und die Flügel waren dafür geopfert worden. Für eine Beziehung zu einem Sterblichen...war es das wirklich wert?
In der heutigen Zeit, in welcher die Menschen von Kapitalismus und Materialismus geleitet werden? In der es keine Werte mehr gibt, keine Nächstenliebe?

Ich schwor mir, niemals so nahe auf einen Menschen einzugehen. Ich habe mir geschworen, diese ‚Schützling-Beziehung’ niemals so tief gehen zu lassen. Es ist schon schmerzhaft genug, wenn man eine Freundschaft zerbrechen lassen muss aufgrund dessen. Aber eine Liebe aufgeben, die nur schmerzt, wenn sie erfüllt werden würde?
Nein, das wollte ich mir ersparen.
Ich wollte nie so fühlen.
Doch nun kam es anders.
Ich habe mich verliebt. So schwer es auch ist, das zuzugeben, ich habe mich tatsächlich verliebt. In einen Sterblichen, in einen Menschen, in einen FBI-Agenten...

Ich habe mich in Fox Mulder verliebt.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Detroit; 23. Juli 1999, ca. 16:30 Uhr

Mit einem Seufzen legte die rothaarige Frau einen Dollarschein unter ihre Tasse, stand auf, knöpfte sich ihre Weste zu und verließ das Café, welches an einer belebten Straßenecke lag.
Ein lauer Wind umspielte ihre Haare, die nun in der sinkenden Nachmittagssonne golden leuchteten und einige neidische Blicke auf sich zogen.
Mit einer fahrigen Handbewegung strich sie sich ein paar Haarsträhnen hinter ihr Ohr und wartete darauf, dass die Ampel grün werden würde, sodass sie die Straße überqueren könnte. Sie verlagerte ihr Gewicht auf ein Bein, während sie das andere ein wenig anwinkelte. Ein schneller Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie später dran war, als sie es sich gedacht hatte.

Sie musste zu Steve.

Ihrem ‚neuen’ Schützling...seit anderthalb Jahren. Er war ein Arbeitsloser gewesen, dessen Miete bereits am Ablaufen war und er in Gefahr lief, seine Wohnung zu verlieren. Es ging nur indirekt um sein Leben, in erster Linie ging um seine Existenz und auch da kamen ‚sie’ zum Einsatz.
Immerhin brauchte doch jeder Mensch irgendwann einen Schutzengel, oder?

Sie war seine Nachbarin, mehr oder minder. Sie wohnte in der Wohnung gegenüber. Eine drei Zimmer Wohnung. Zwar nicht besonders groß, aber es reichte ihr. Sie hatte keine besonders hohen Ansprüche. Solange sie eine funktionierende Heizung und ein Dach über dem Kopf hatte, war sie vollauf zufrieden.

Als die Ampel auf grün sprang, hastete sie über den Zebrastreifen und ging weiter in Richtung Norden, um so zu ihrem Apartmenthaus zu gelangen. Sie hatte mehr oder weniger ein Treffen mit Steve. Nicht in dem Sinn, wie manche denken würden. Sie trafen sich, um zu reden oder Tee zu trinken. Sie waren Freunde.
Und sie musste dafür sorgen, dass er soweit selbstständig wurde, sodass er ihre Hilfe in Zukunft nicht mehr benötigen würde. Danach würde sie woandershin ‚versetzt’ werden. Vielleicht in die Südstaaten oder allgemein nach Südamerika. Wer wusste das schon?

Ein Schützling folgte dem nächsten. Kaum lief einer nicht mehr in Gefahr, sich selbst zu richten oder auf einen Pakt mit dem Teufel einzugehen, war ihre Aufgabe erfüllt.
Auf diese Weise hatte sie schon die ganze Welt kennen gelernt. Na ja, fast die ganze. Natürlich waren asiatische Schutzengel in Japan, China und die restlichen ostasiatischen Ländern lieber gesehen, als eine westliche Frau mich flammend roten Haaren...

Ihre Schuhe machten klackende Geräusche, als sie auf dem Flur des Apartmenthauses in Richtung der Treppen ging. Zwar hatte dieses Haus einen Aufzug, der aber schon dermaßen alt war, dass sie sich nicht traute ihn zu benutzen. Schließlich hatte sie keine Lust darauf, stundenlang in einer kleinen Kabine festzusitzen.

Überrascht, dass ihre Kondition bereits mehr schlecht als recht war, kam sie keuchend im vierten Stockwerk an. Mit einem Mal stand sie vor Steves offener Wohnungstüre. Er selbst stand an den Türrahmen gelehnt und sah zu ihr, in seiner rechten Hand eine Zigarette.
Der Qualm und der Geruch von verbranntem Tabak schlugen ihr entgegen, als sie langsam auf ihn zuging. Sein Blick ruhte auf ihrem Körper, ehe er in ihre Augen blickte.

„Du weißt, dass Rauchen schlecht für Gesundheit ist...“ sagte sie leise und nahm ihm die Zigarette aus der Hand, wobei sie den Filter an ihre eigenen Lippen führte, um einen Zug zu nehmen.
„Ja, weiß ich, Doc...“ war seine nüchterne Antwort und ein leichtes Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. Seine aschblonden Haare fielen ihm ins Gesicht und seine blauen Augen musterten sie interessiert.
„Komm rein...“ sagte er schließlich und machte einen Schritt zur Seite, sodass sie eintreten konnte und er ihr die Zigarette wieder abnahm.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Als sie in seinem Vorzimmer stand, dass auch mehr oder weniger sein Wohnzimmer war, zog sie sich ihre Schuhe aus und reichte ihm somit nur bis zur Schulter.
„Coke, Eistee oder Bier?“ fragte er sie, seine Stimme drang zu ihr aus seiner Kochnische. Erstaunt sah sie auf und hängte ihre Weste auf seinen Kleiderständer.
„Eistee...“ rief sie zurück und blickte sich ein wenig um. Er schien sich einen neuen Kasten gekauft zu haben, da seine gesamten Bücher sonst immer irgendwo herumlagen. Nun aber standen sie fein sortiert in einem Regal des Kastens...
„Sag’ mal, Doc. Hast du dich nicht nur gegen Männer verschworen, sondern auch gegen Alkohol?“ fragte er sie erneut, als sie in Richtung der Kochnische ging, um ein kaltes Glas Zitroneneistee entgegenzunehmen.
„Wieso fragst du?“ sie tat so, als ob sie nicht wüsste, von was er sprechen würde. Sie lehnte sich gegen seinen Herd. Sie wusste durchaus, von was er sprach, doch sie konnte ihm wohl schlecht sagen, dass Alkohol etwas war, das von ‚oben’ nicht gerne gesehen wurde. Es war nicht direkt verboten, aber eben nicht gerne gesehen. Man könnte ja im trunkenen Zustand etwas ausplaudern...
„Na ja, bisher hast du in meiner Gegenwart noch nie Alkohol getrunken. Noch nicht mal zu deinem Geburtstag. Wie kommt das? Ich meine...ist das so eine Art Racheschwur? Oder ein Gelübde?“ nun wurde er neugierig und nahm einen Schluck aus der braunen Bierflasche, seine Zigarette hatte er in den Aschenbecher gelegt.
„Ich habe einmal zu sehr gefeiert und wurde mit 17 Jahren aufgrund einer Alkoholvergiftung in ein Spital eingeliefert. Zu dem Zeitpunkt schwor ich mir, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu gönnen und dabei ist es geblieben. Und das ich nicht auf Männer stehe, hat nichts damit zu tun, dass es ein Racheschwur ist oder sonstiges. Es ist halt so...“ war ihre ernüchternde Antwort. „Aber ich denke nicht, dass es heute nur darum gehen sollte, wie mein Sex- oder Liebesleben aussieht...“ sie lächelte ihn ein wenig an, ehe sie ihre Hand auf seine Schulter legte und ihn somit zu seiner Couch schob.
„Wie ich sehe, hast du dir ein Bücherregal zugelegt. Find ich toll. Nun laufe ich nicht mehr in Gefahr, über deine Schmöker zu stolpern...“ begann sie mit einem Thema, das weniger mit ihrem Privatleben zu tun hatte.

Sie saßen den gesamten Nachmittag beisammen, redeten und lachten über Gott und die Welt, ehe Scully sich daran machte, nach Hause zu gehen.
„Hey Dee...“ er hielt sie vorsichtig am Arm, als sie sich ihre Weste fertig übergezogen hatte. Fragend blickte sie zu ihm auf. Obwohl sie ihre Schuhe bereits wieder anhatte, überragte er sie, was bei ihrer Körpergröße nicht gerade ein Wunder war.
„...woher willst du wissen, dass Männer nicht das Richtige sind, wenn du es noch nie mit einem versucht hast?“ In seiner Stimme lag etwas, dass sie noch nie gehört hatte. Unverzüglich machte sich Unmut in ihr breit, ein ungutes Gefühl in ihrer Bauchgegend. Er nahm seine Hand nicht von ihrem Arm und blickte ihr in ihre Augen.
„Oder hast du es bisher noch nie versucht, weil du vor Jahren von deinen Freundinnen vollgeheult wurdest, wie böse wir doch wären?“

Ihr Rücken berührte das kühle Holz seiner Eingangstüre, als sie einen Schritt zurück machte. In seinem Blick lag etwas, dass sie noch nie zuvor darin gesehen hatte und sie wusste, dass es nichts Gutes verhieß.
„Nein, ich wurde damals nicht vollgeheult. Ich habe mich bloß noch nie zu Männern hingezogen gefühlt. Das ist alles...“ versuchte sie ihn, mehr oder weniger zur Vernunft zu bringen. Sie musste ihn davon abbringen, das zu denken oder das zu fühlen, was er scheinbar dachte oder fühlte.
„Aber du hast es noch nie versucht. Und Vorurteile sind nicht richtig, das hast du selbst gesagt...“
Sie wusste, was er meinte, jedoch gingen ihr nun die Argumente aus. Was sollte sie ihm noch sagen?
„Steve, du würdest doch ohnehin nichts mit mir anzufangen wissen...erspar es dir und lass es, wie es ist. Lass uns Freunde bleiben, denn zu mehr kannst du mich nicht brauchen...“ versuchte sie zu argumentieren und hob abwehrend ihre Hände. Er war angeheitert und der Alkohol schien ihn lockerer zu machen. Sie wusste, dass er sie akzeptierte, so wie sie war, auch wenn sie wohl nicht wirklich die war, die er in ihr sah...
„Ach Danaaaa...“ maulte er und legte seine Stirn auf seine Schulter, wobei sie ihm leicht über den Rücken strich.
„Was denn? Ich bin ich und du bist du. Und wir sollten es so lassen, wie es ist, da ich das okay finde. Zumal du angetrunken bist und zum Schluss Dinge sagst, die du gar nicht willst...also, geh ins Bett und schlaf dich aus. Wir reden morgen weiter...“
Sie drückte ihn ein wenig von sich und sah in sein Gesicht. Sein Blick hatte sich nicht geändert...

Plötzlich legte er seine Hände unter ihren Hintern und hob sie hoch, sodass ihre Gesichter auf gleicher Höhe lagen. Sein Gesicht war so nahe an ihrem, dass sie den Alkohol aus seinem Atem riechen konnte.
„Steve...“ seine Stimme glich einem heiseren Flüstern, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie musste schlucken. Das durfte nicht passieren...er durfte es nicht.
Seine Nase rieb über ihren Hals, seine Lippen streiften ihre Haut.
„Tu das nicht...du weißt, dass es nicht in Ordnung ist...“ sagte sie heiser, ihre Stimme klang rau. Doch anstatt ihr eine Antwort zu geben, leckte er mit seiner Zunge über ihren Hals.
„Du riechst so gut...so schön...“ nuschelte er gegen ihre Haut und trennte seine Lippen von ihrem Hals, um in ihr Gesicht zu sehen.
Sie konnte nicht nur sehen, was er wollte, sondern es auch spüren, was ihr noch mehr Unbehagen bereitete.
„Steve, lass mich bitte runter...bitte lass mich runter...du willst das nicht...“ versuchte sie ihn erneut zur Vernunft zu bringen.
„Woher willst du wissen, was ich will?“ fragte er sie und war kurz davor, sie auf ihre Lippen zu küssen. „Du sagst, du stehst auf Frauen, doch ich habe dich noch nie mit einer gesehen. Wie kommt das?“
Sein Blick war ernst und wirkte auch ein wenig verletzt. Er kam sich verarscht vor, dennoch war es nun der Alkohol, der seine Gedanken vernebelte und ihn steuerte.
„Ich sagte doch schon, dass das hier nichts zu suchen hat, Steve. Und nun lass mich runter und leg dich ins Bett. Geh schlafen. Morgen sieht die Welt wieder anders aus und du wirst eine Frau kennen lernen, die dich lieben wird...“
„Und wieso liebst du mich nicht? Was habe ich dir getan, dass du mich nicht liebst, Dana?“


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Sie wusste wirklich nicht mehr, was sie ihm noch alles antworten sollte. Sie wusste nur, dass sie sich beide auf dünnem Eis begaben, wenn er sie nicht bald wieder runterlassen würde.
„Lass uns morgen darüber reden, okay? .... Komm einfach morgen früh bei mir vorbei und wir trinken zusammen Kaffee...nur lass mich jetzt bitte runter...“
Sie war schon knapp davor, aufzugeben, ihn verbal zu bitten, sie in Ruhe zu lassen, als ihre Worte nun scheinbar doch durch ihn durchdrangen, und er sie wieder auf den Boden stellte.

„Oh Gott, Dana...ich...es tut mir leid. Ich wollte nicht...“ begann er stotternd, doch sie legte ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen.
„Ssssht. Schon okay. Lass es. Worte helfen nun nicht...geh ins Bett und leg dich schlafen...“

Mit einem zermürbten Gesichtsausdruck nickte er und fuhr sich mit seinen Händen durchs Gesicht, während sie sich umdrehte und mit einem tiefen Atemzug aus der Wohnung verschwand.
Ihr Herz begann nun wieder, ein paar Takte langsamer zu schlagen und auch der Boden unter ihren Füßen bebte nicht mehr so, wie noch einige Augenblicke zuvor. Mit einem Gefühl von Sicherheit schloss sie ihre Wohnung auf und ging im Dunkeln in ihr Schlafzimmer. Sie wusste, dass schon bald jemand geschickt werden würde, um ihr zu sagen, dass sie ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert hatte und dass sie nun woanders gebraucht werden würde.

Mit einem Seufzen packte sie einige Sachen zusammen, auch wenn es unnötig war. Wofür brauchte sie zusammengepackte Sachen? Oder gar einen Umzugswagen?
Ihr ‚Umzug’ würde von ‚Oben’ geplant werden und sie musste nichts tun, als einfach dort hinzugehen...

„Na das war ja wirklich sehr knapp, meine Liebe...“ holte mich eine mir sehr bekannte Stimme aus meinen Gedanken. Erschrocken drehte ich mich um und blickte in das Gesicht jenes Seraph, der mir des Öfteren schon erschienen war.
ER war sozusagen mein Umzugswagen. Oder mein Immobilienmakler. Jedenfalls war er immer derjenige, der mir sagte, wohin ich nun gehen sollte.
„Hör’ auf, mich ständig zu erschrecken. Du weißt, dass ich das nicht leiden kann...“
Er wusste es, aber scheinbar machte es ihm Spaß, mich zu erschrecken.
„Nun hab’ dich nicht so. Du müsstest nach so vielen Jahren bereits wissen, wann ich komme und wann nicht...“ antwortete er mir und es gab Momente, wie diesen, in denen ich ihm am liebsten das Grinsen aus dem Gesicht schlagen wollte.
„Ja, ich weiß es durchaus schon oft im Voraus. Aber du kommst immer aus dem Dunkel und dann noch dazu so...’überraschend’ und von hinten. Also hör’ endlich auf damit. Ich kann es nicht leiden...“ keifte ich ihn an, obwohl ich wusste, dass ich überreagierte.

Ich hatte ja nichts dagegen, endlich mal wieder mit einem von uns zu sprechen, da ich so alle Karten offen liegen lassen durfte, ohne daran zu denken, was ich sagen durfte und was nicht.

„Wohin muss ich nun, Seraph?“ meine Stimme klang immer noch missmutig und ich setzte mich auf die Matratze meines Bettes. Ich war erst seit anderthalb Jahren hier, also eigentlich relativ kurz, wenn man hernahm, dass ich 5 Jahre an der Seite des FBI-Agenten eingesetzt war. Aber manche Aufträge ließen sich leichter und schneller erledigen, als andere. Das hier war eben einer der ‚anderen’ Fälle, die, die man leicht und schnell hinter sich bringen konnte.

Anfangs hatte mir dieser Job wirklich Spaß gemacht. Ich mochte es, so viele verschiedene Menschen kennen zu lernen; so viele unterschiedliche Charaktere. Es faszinierte mich einfach, wie ein und dieselbe Rasse so anders sein konnte.
Nun hatte sich einiges ins Gegenteil umgeschlagen und ich ging mit weniger Elan an diese Aufträge ran, als noch einige Jahre zuvor. Vielleicht war es aber auch einfach nur eine Phase, die wieder vergehen würde...so wie es andere auch taten...
Phasen kamen und gingen und man vergaß sie schnell wieder.

„Du musst nicht allzu weit weg...“ Er ging in meiner Wohnung herum und das fahle Licht des Mondes brachte seine perfekten, weiße Flügel zum leuchten. „Du musst nach Los Angeles...“
„...die Stadt der Engel, huh? Was für eine Ironie...“ seufzte ich und ließ mich in meinem Bett zurückfallen. Ich fuhr mit meinen Händen über mein Gesicht und atmete tief durch, machte meinem Unmut freien Lauf. Ich weiß selbst, dass es einfach zu meinem ‚Job’ gehörte, aber ich wollte nicht in einer Tour umziehen. Vielleicht hatte ich Glück und bekam einmal eine Aufgabe, bei der ich gleich mehrere Jahre blieben könnte.

So wie bei Mulder...
Mulder...
Ich seufzte erneut und erntete einen schiefen Blick von meinem ‚Vorgesetzten’ (ich weiß nicht, ob er es ist...aber er ist so etwas in der Art...)
Ich antworte ihm nicht auf seinen fragenden Blick, sondern hing einfach weiter meinen Gedanken nicht.



†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ich wusste, dass ich ihn niemals wieder sehen würde. Vermutlich würde er eine Frau finden und mit ihr eine Familie gründen. Vielleicht nicht so wie in Soaps, aber ich denke, er würde mit ihr glücklich werden...

„Sag deinem Schützling, dass du aufgrund eines Jobwechsels umziehen musst...oder aufgrund einer Beziehung...“ er zuckte gleichgültig mit seinen Schultern und betrachtete sich selbst in einem Spiegel.

Ja, ich muss zugeben, dass wir ein wenig eitel sind. Wir betrachten uns gerne in Spiegeln und pflegen unsere Flügel stundenlang. Oft zur Mauser...was wirklich sehr unangenehm ist, da es juckt und kratzt...aber das hindert uns nicht daran, dass wir eitel sind.

„Ich werde es ihm morgen sagen. Das heißt, dass du nun wieder gehen kannst...“ ich versuchte ihm, ohne viele Umwege klar zu machen, dass er nun wieder verschwinden konnte. Ich wollte alleine sein und er verstand den Wink, denn als ich einmal kurz blinzelte, war er wieder verschwunden.

Ich legte mich zur Seite, zog meine Beine an meinen Körper und kugelte mich so klein zusammen, wie ich nur konnte. Mein Blick glitt aus dem Fenster.
Wir hatten endlich wieder Vollmond und die Nacht war so klar, wie selten zuvor. Meist lag im Sommer eine Dunstglocke über der Stadt, die es einem nicht erlaubte, einen Blick auf den Mond zu erhaschen. Oder zu den Sternen.
Doch diese Nacht?

Ich schloss meine Augen und sah plötzlich Mulders Gesicht vor mir...es war, als ob er neben mir liegen würde...als ob er mit seiner Hand über meine Wange streicheln würde, ehe ich bemerkte, dass es bloß der Wind war, der mich durch das halb geöffnete Fenster berührte. Ich weiß noch, dass seine Berührungen oft nicht mehr waren, als eben jener laue Luftzug. Doch sie waren so vertraut...so anders, als die Berührungen der Menschen zuvor.
Er war so anders, als all die Menschen zuvor. Manchmal schien es mir, als ob auch er wüsste, was meine Aufgabe war...und wer ich war. Wer ich wirklich war.
Wer sich tatsächlich hinter diesem Menschen verbarg, den ich spielte.

Mein Leben glich einem riesigen Rollenspiel und manchmal hatte ich das Gefühl, mich selbst verloren zu haben, da ich oft nicht wusste, wer ich wirklich war. Ich versank in diesen Figuren, die ich spielte, glaubte schon oft, dass ich tatsächlich ein Mensch war.
Doch bei ihm...da fühlte ich mich nicht, wie eine Spielfigur. Da fühlte ich mich als das, was ich wirklich war, ohne ihm jemals die Chance gegeben zu haben, mich kennen zu lernen.
Mich richtig kennen zu lernen...
Ich spielte eine Frau, die ihre Gefühle hinter einer hohen Mauer versteckte. Doch nach einiger Zeit wurde aus diesem Spiel ernst...ich musste meine Gefühle verstecken. Wenn er bemerkt hätte, wie viel er mir tatsächlich bedeutete, dann wäre alles dahin...
Hin und wieder gab ich ihm die Chance, in mein Innerstes zu sehen und ich denke, dass es ihm gefiel. Und es machte mir auch nichts aus...

Immer öfter ertappte ich mich selbst dabei, wie ich daran dachte, ihn zu küssen. Wie es wäre, ihn zu küssen...seine warmen Lippen auf meinen zu spüren, ihn zu umarmen und zu halten. Von ihm umarmt und gehalten zu werden...

Nach der Entführung von Donnie Pfaster...als Mulder mich in letzter Sekunde gefunden hatte, heulte ich mich bei ihm aus. Ich dachte, mich noch nie in meinem Leben so sehr gefürchtet zu haben. Ich weiß noch, als er mich zwang, in seine Augen zu sehen und ich daraufhin zerbrach. Ich wollte nicht so schwach gesehen werden, vor allem nicht vor ihm. Schließlich musste ich ihn doch beschützen, ich war doch sein Schutzengel.
Doch in Momenten wie diesen gab er mir das Gefühl, dass nicht ich ihn, sondern er mich schützen konnte. Dass auch ich schwach sein durfte...dass auch ich mich beschützen lassen durfte.

Ich legte meine Arme um mich selbst, um mich zu halten, so seltsam das auch klingen mochte...aber ich brauchte es einfach. Und wenn schon niemand hier war, der mich halten konnte, so musste ich nach einer anderen Möglichkeit greifen.
Meine Fingerspitzen berührten etwas Weiches, etwas Flaumiges. Das Gefühl von Daunen...
Ich öffnete meine Augen und sah ein wenig zurück. Mein Blick blieb auf meinen Flügeln haften. Jetzt, da ich endlich alleine war, konnte ich so sein, wie ich war...

Eine kurze Träne rollte über meine Wange und ich wischte sie trotzig weg. Mit Hilfe meiner beiden weißen Flügel setzte ich mich wieder auf, um ins Badezimmer zu gehen. Ich hatte eine Art Lotion für meine Flügel, sodass meine Federn weich bleiben. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass Flügel so pflegebedürftig sein können, aber sie haben etwas von Haaren. Und Haare muss man auch pflegen.

Meine Finger glitten durch die kurzen und flauschigen Daunenfedern, bis hin zu den langen Schwungfedern. Ich konnte auch fliegen, wobei ich immer noch Probleme bei den Landungen hatte.
Tja, das Schwierigste am Fliegen war das Landen. Aber ich hatte ja noch Zeit...ich hatte die Ewigkeit...
Bei dem Gedanken daran, dass noch eine Ewigkeit vor mir lag...eine Ewigkeit, in der ich Leben kommen und wieder gehen sehen würde...
Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch breit, doch ich ließ es nicht lange zu. Ich durfte mich von solchen Gedanken nicht unterbringen lassen. Es war mein Leben ich war zufrieden damit. Zumindest dachte ich das...bis eben.



†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ich sollte mich auf andere Gedanken bringen. Ich wusste, dass es nichts Gutes verhieß, wenn sie in diese Richtung abdrifteten...in den letzten Monaten kam es öfter vor. Um ehrlich zu sein, erst seit den letzten anderthalb Jahren, doch darüber sollte ich besser auf keine Gedanken verschwenden...
Mit einem genüsslichen Seufzen streckte ich meine Schwingen aus und hörte das leise Knacksen in den Gelenken. Ich sollte meine Flügel vielleicht doch öfter trainieren, doch ich kam in letzter Zeit einfach nicht zu so etwas. Wann denn auch?
Zumal ich auch nicht in einfach in ein Fitnesscenter gehen konnte, um Sport zu treiben...zumindest nicht mit meinen Flügeln.

Ich band meine Haare mit einem schwarzen Haargummi zusammen, doch da meine Haare nicht unbedingt die günstigste Länge dafür hatte, fielen einzelne Strähnen heraus und umrahmten mein Gesicht.
Und so stand ich vor dem Spiegel, der über meinem Waschbecken hing: müde, ausgelaugt.
Vielleicht sollte ich auch wieder einmal Urlaub nehmen, doch das hätte ich mir früher überlegen sollen, denn in ein paar Tagen würde ich in L.A. sein und mich dort erneut einem Menschen anzunehmen.
Ich würde mich einfach duschen gehen und dann sehen, was der Abend noch so bringen würde. Vielleicht lief ja etwas Interessantes im Fernsehen, doch da war ich mir ziemlich unsicher, da es in letzter Zeit ohnehin nur Müll spielte.


Nach zwanzig minütiger Dusche und ausgiebige Pflege ihrer Flügel, legte sie sich, bloß mit einem Handtuch bekleidet, auf ihr Bett und starrte an die Decke. Der Wind hatte nachgelassen und nun schien die Luft bewegungslos über der Stadt zu schweben, so als ob alles Leben angehalten hätte. Nicht einmal die Geräusche von Autos drangen an ihr Ohr. Alles schien bewegungslos zu sein, wie sie...
Zum zweiten Mal an diesem Abend zog sie ihre Beine an ihren Körper, wodurch sich der Knoten ihres Handtuches löste und den Blick auf ihren Körper freigab. Ihre Haut schien im Licht des Mondes wie eine Mischung aus Milch und Seide.
Ihre Arme lagen gekreuzt über ihrer Brust und ihre Augen waren geschlossen. Sie wollte nichts sehen, sie wollte nichts hören. Sie wollte einfach Nichts...



Missmutig beugte er sich über die Akte, seufzte hörbar aus und rieb sich mit seinen Fingern über seinen Nasenrücken. Unter seinen Augen machten sich erneut dicke Augenringe breit und er stützte seinen Kopf auf seiner Hand auf.
Seine Wohnung war in Finsternis gehüllt und nur seine Schreibtischlampe schien die einzige Lichtquelle zu sein. Die Möbel warfen schwarze Schatten auf die sonst so hellen Wände und ließ seine Wohnung beinahe gespenstisch aussehen. Sein Aquarium blubberte zwar noch vor sich hin, doch war es beinahe leer, nur noch hier und dort konnte man einen Blick auf einen noch lebenden Fisch erhaschen.
Über sein gesamtes Apartment verstreut lagen Kleidung, Essensreste, Zeitschriften und Dinge, die schon beinahe lebendige Züge annahmen.
Die Luft war abgestanden und warm, es roch, als wäre schon seit Wochen nicht mehr gelüftet worden.

Mulder seufzte und er sah auf, sein Blick fiel auf ein Foto, welches vor zwei Jahren gemacht worden war. Langsam griff er nach dem hölzernen Rahmen, seine Finger spürten die Kälte des Glases. Als er langsam näher zu sich nahm, schien sein Blick auf die zierliche Person neben ihn zu kleben. Sie hatte rote Haare gehabt und Augen, so tief und blau wie das Meer.
Vor sechseinhalb Jahren war sie ihm zugeteilt worden, um seine Arbeit zu entlarven, doch anstatt ihm in den Rücken zu fallen, wuchsen sie zusammen und wurden zu einem perfekten Team. Aus einer Partnerschaft wurde eine so tiefe Freundschaft, dass Mulder schon nicht mehr wusste, wo die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe war. Inzwischen war er sich sicher, dass es mehr als Freundschaft war, dass ihm mit dieser Frau verband.
Aber sie war nicht mehr bei ihm. Seit sie ihm vor anderthalb Jahren mitteilte, dass sie nach Utah gehen würde aufgrund einer Strafversetzung. Nur, weil er sich wieder einmal über die Regeln hinweggesetzt hatte. Nur weil er wieder einmal geglaubt hatte, er wüsste es besser.
Zwar hatten sie Leben gerettet, aber was war der Preis dafür?

Erst nach einigen Minuten stellte er das Photo wieder auf seinen angestammten Platz zurück und hing noch ein wenig seinen Gedanken nach, ehe ihn das Piepen seiner Digitaluhr zurück in die Realität brachte. Und die Realität bestand darin, dass er diesen letzten Bericht fertig schreiben und Skinner abliefern musste. Nach einer weiteren Stunde setzte er mit einer schmerzenden Hand seine Unterschrift unter den Bericht und atmete tief durch. Er war fertig. Sowohl mit dem Bericht, als auch mit seinen Nerven. Er rieb sich über seine müden Augen und blickte daraufhin auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor Mitternacht, und so müde und ausgelaugt er auch war, er wusste, dass es nicht schlafen könnte. Es gelang ihn schon seit langem nicht mehr, in einen ruhigen Schlaf zu driften, ohne Alpträume, Monster und Dämonen.

Seine Träume begannen immer anders, das Ende war jedoch das gleiche: er sah Scully, streckte ihr seine Hand entgegen, sodass sie ihm helfen würde. Doch sie schloss ihre Augen, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit.
Ein Schauer durchlief seinen Körper bei dem Gedanken an diesen Traum. Er nahm einen tiefen Atemzug, stand auf und schlurfte in sein Badezimmer. Das helle Licht, welches von dem weißen Fließen reflektiert wurde, ließ ihn seine Augen zusammenkneifen und beinahe blind nach seiner Zahnbürste greifen.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Er hatte Skinner mehr als einmal gebeten, ihm Scullys neue Adresse in Salt Lake City zu geben, doch dieser verweigerte. Anfangs. Als er dann doch bereit war, seinem Agenten die Adresse zu geben, war sie nicht mehr vorhanden. Es war so, als hätte Scully niemals beim FBI gearbeitet, was Mulder doch sehr verwunderte. Er wusste, dass Scully diesen Job liebte und nicht einfach so aufgeben würde...
Schlimmer als die plötzlich nicht mehr vorhandene Adresse war die Tatsache, dass sie sich kein einziges Mal bei ihm gemeldet hatte. Er war davon ausgegangen, dass es eine Selbstverständlichkeit war, dass sie sich bei ihm melden würde, sobald sie angekommen war. Und sei es nur ein Telefonat...einmal im Monat. Doch sie hatte sich nicht bei ihm gemeldet, hinterließ keine Telefonnummer oder eine Adresse.

Hatte er sie so sehr verletzt, dass sie ihn nicht mehr wieder sehen wollte? Oder hatte der nichtvorhandene Kontakt einen anderen Grund?
Natürlich hatte Mulder auch mit dem Gedanken gespielt, dass sich Scully irgendwo abgesetzt haben könnte. Mit einer kleinen, eigenen Praxis, einem Haus mit Garten, das sie mit einem Mann und vielleicht mit einem adoptierten Kind teilte.
Es schien das Natürlichste der Welt zu sein, aber so unwirklich. Er konnte sich Scully in einem solchen Leben nicht vorstellen. Es würde so unwirklich erscheinen, darum hatte er sie weiter gesucht, hatte auch die Schützen gebeten, ihm bei der Suche zu helfen. Doch es blieb alles negativ, keine Spur von Scully oder einer Frau, die auf ihre Beschreibung passen würde.
Auch seine Freunde hatten ihm Nahe gelegt, dass Scully vielleicht einfach den Dienst quittiert hatte und da sie nicht vorbestraft war, war es ein Ding der Unmöglichkeit, sie zu finden.
Eine letzte Möglichkeit wäre auch, dass sie ausgewandert war...

Mit einem leeren Blick und frischgeputzten Zähnen schlurfte er in sein Schlafzimmer, welches er seit einigen Monaten auch als ein solche benutzte, und ließ sich auf die Matratze sinken, die unter seinem Gewicht nachgab. Der Wecker auf seinem Nachttisch zeigte in roten Zahlen die Uhrzeit an und er ließ sich einfach zur Seite fallen. Dass er mit Jeans und Shirt in seinem Bett lag, war ihm egal, er wusste ohnehin, dass er nicht gut schlafen könnte, wozu sich also umziehen?
Er rieb sich ein letztes Mal über seine müden Augen, ein Gähnen folgte und schließlich schloss er seine Augen; seine Gedanken waren leer und nur mehr die Angst vor dem bevorstehenden Alptraum schien vorhanden zu sein...

Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, perlte ihm teilweise über seine Nase. Sein Atem ging schnell und flach, sein Herz raste und er musste einige Male schlucken, bis er sich wieder orientieren konnte. Mit einem Seufzen ließ er sich in die Polster zurückfallen, ehe er seinen Kopf schüttelte und sich erneut aufrichte. Es war zwar erst kurz vor vier, aber er wusste, dass an Schlaf nun nicht mehr zu denken war.
Manchmal hatte er Glück und er wachte kurz vor sechs Uhr auf, sodass er nicht so lange wach bleiben musste, aber in Nächten wie diesen war es schließlich Langeweile, die ihn bereits um fünf Uhr joggen gehen ließen, sodass er bereits um sieben Uhr vor der Türe zu seinem Kellerbüro stand.
Und so begann er auch diesen Tag; er zog sich seine Joggingsachen über und verließ seine Wohnung. Die Sonne dachte noch nicht daran, aufzugehen und so begann Mulder zu laufen, während die Stadt um ihn herum noch schlief.

Pünktlich um sieben Uhr stand er vor seinem Büro, suchte den Schlüsselbund in seiner Hosentasche und zuckte erschreckt zusammen, als auf einmal A.D. Skinner neben ihm stand.
„Sir...?“ fragte Mulder verwundert nach und drehte sich so, dass er seinem Chef direkt gegenüberstand.
„Was machen Sie denn schon hier, Mulder?“ fragte Skinner und bemerkte die dunklen Augenringe unter den Augen seines Agenten, welche er bereits zu Mulders Accessoires zählte. Er wusste durchaus, was der Auslöser deren gewesen war, doch hoffte er, dass es mit der Zeit aufhören würde. Was auch immer Mulder von seinem Schlaf abhielt...
„Na ja, da ich nicht mehr daran dachte, zu schlafen...“, gleichgültig zuckte er mit seinen Schultern. „...da dachte ich, ich fahre schon mal her und bringe Ihnen auch gleich die fertigen Akten...“
Skinner nahm die Antwort des Agenten stumm zur Kenntnis.
„Und was machen Sie hier unten, Sir? Wenn Sie dachten, ich sei noch gar nicht hier...“ fragte Mulder nach und sah seinen Gegenüber an.
„Tja, ich weiß auch nicht so recht...“ nun war es an Skinner, mit den Schultern zu zucken. „Ich erhielt einen Anruf von einem leicht nervösen Polizeibeamten, der meinte, ein wenig außerhalb von Detroit UFOs gesehen zu haben. Er hat von Ihnen gehört, aber da er Sie nicht erreichen konnte, rief er mich an. Ich habe zwar auch keinen blassen Schimmer, wie er an meine Nummer kam, aber das wird wohl ein Rätsel bleiben. Jedenfalls wollte ich Ihnen eine Notiz hier unten lassen, sodass Sie diesen Mann anrufen können.“
„Das heißt, dass ich womöglich nach Detroit fliegen soll aufgrund dieses Anrufes...?“
„Er wollte Sie sprechen.“ Der A.D. zuckte erneut mit seinen Schultern. „Fliegen Sie kurz rauf und sehen Sie nach dem rechten. Vielleicht hat der Mann ja wirklich irgendwas gesehen, vielleicht nicht direkt ein UFO, aber vielleicht etwas, dem nachzugehen ganz in Ordnung wäre...“
Ehe Mulder Widerspruch einlegen oder auch nur ansatzweise nachfragen konnte, warum Skinner ihn so mir nichts, dir nichts nach Detroit fliegen ließ, schloss sich die Aufzugstüre hinter Skinner und Mulder stand wie bestellt und nicht abgeholt vor seinem, immer noch verschlossenem, Büro.

Keine fünf Sekunden darauf stand Mulder in seinem Büro, ging auf seinen Schreibtisch zu, um dort beim Flughafen anzurufen. Es kam ihm immer noch seltsam vor, dass er sich darum kümmern sollte, denn für gewöhnlich bearbeitete er solche Fälle immer heimlich, sodass ihm niemand draufkommen würde. Doch nun wurde er darum gebeten, scheinbar Zeit und das Budget des FBIs zu verschwenden.
Im Nu hatte er ein Flugticket bekommen; sein Flug würde in vier Stunden gehen. Er hatte also noch genug Zeit, nach Hause zu fahren, um zu packen und zu duschen. Er würde, während er seine Sachen packte, diesen fragwürdigen Zeugen anrufen. So hatte er zwei Fliegen mit einer Klappe und konnte sich sofort darum kümmern, wenn er in Detroit ankam. So machte er kehrt, als er den schwarzen Hörer wieder aufgelegt hatte, sperrte die Türe hinter sich zu und ging zurück zu seinem Wagen, der in der Tiefgarage des FBIs stand.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ein sachtes Klopfen riss sie aus ihrem Schlaf, ließ sie sich verwirrt umsehen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie, dass es an ihrer Türe geklopft hatte und ein Blick auf ihren Wecker verriet ihr, dass es bereits kurz vor zehn Uhr vormittags war.
„Dana? Bist du da?“ drang Steves leise Stimme an ihr Ohr und sie konnte sich dunkel daran erinnern, ihn diesen Morgen zum Kaffee eingeladen zu haben. Mit einer schnellen Handbewegung strich sie sich eine Haarsträhne nach hinten und stand auf, wobei das blaue Handtuch auf den Boden fiel. Die Tatsache, dass sie nun nackt inmitten ihrer Wohnung stand, schien sie nicht unbedingt zu überraschen, dennoch holte sie sich ihren Morgenmantel und streifte sich ihn über, ehe sie die Türe öffnete.
Steve stand bereits in Jeans und Shirt vor ihr, in seiner Hand hielt er eine gelbe Sonnenblume. Überrascht blickte sie von der Blume in Steves Gesicht, der sie nun mit einem entschuldigenden Blick ansah.
„Dana, es tut mir leid, was gestern Abend passiert ist. Ich weiß, dass ich mich unmöglich verhalten habe und auch das tut mir leid. Ich...ich akzeptiere und respektiere dich, so wie du bist. Ehrlich...ich wollte nicht so...“
„...dämlich?“ ergänzte sie ihn. Er nickte.
„Ich wollte nicht so dämlich rüberkommen. Tut mir wirklich Leid...“
Um seine Worte zu bestärken, hielt er ihr die Blume entgegen, sodass sie nicht umhin konnte, auf das Braune in der Mitte der Blüte zu sehen.
„Wieder Freunde?“ fragte er versöhnend nach.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie nach der Blume griff und diese fest hielt.
„Ja, wieder Freunde.“ Sie machte einen Schritt zur Seite. „Komm rein...Kaffee gibt’s noch keinen...“
„Ich hab dich wohl geweckt, hm?“ meinte Steve und deutete auf ihre Haare, welche ihr Strähnenweise vom Kopf abstanden. Ein schüchternes Lächeln ihrerseits folgte, als sie die Türe hinter ihm schloss und leicht nickte.
„Ja, irgendwie scheine ich diese Nacht wirklich gut geschlafen zu haben...und fest...“
Sie ging quer durch ihr Wohnzimmer, um eine Vase zu holen, welche sie mit Wasser füllte, sodass sie die Blume hineinstellen konnte. Während sie einem geeigneten Platz für die Vase suchte, macht sich Steve in ihrer Küche tätig und begann, Kaffee zu kochen.
„Zum Essen habe ich nichts hier...da muss ich dich enttäuschen...“ sagte sie leise und hob das Handtuch auf, dass immer noch vor ihrem Bett lag.
„Macht nichts. Tut uns beiden sicher nicht schlecht, einmal nichts zu essen...“ er grinste sie frech an, was nur dazu führte, dass sie ihm mit ihrem Handtuch auf den Hintern klopfte.
„So, während du hier wartest, bis der Kaffee fertig ist, werde ich mich im Bad fertig machen...“
„Alles klar, Doc...“
„Du sollst mich nicht immer Doc nennen...“ grinste sie und verschwand daraufhin in ihrem Badezimmer. Ein leises ‚Klick’ verriet ihm, dass sie die Türe hinter sich abgeschlossen hatte.
Tief durchatmend blickte er wieder zu der Kaffeemaschine. Er war glücklich darüber, dass sie ihm scheinbar nicht mehr böse war. War sie das überhaupt jemals gewesen?
Mit einer kurzen Bewegung kratzte er sich am Kopf.
Seitdem diese junge Frau in der Wohnung gegenüber seiner eingezogen war, schien sie niemals wirklich böse auf ihn gewesen zu sein. Natürlich hatte sie ihn schon das ein oder andere Mal angekeift, aber das aus verständlichen Gründen.

Einige Minuten später goss er die dunkelbraune Flüssigkeit in zwei Tassen, gab in ihre Tasse Milch und in seine sowohl Milch als auch Zucker. Als seine Nachbarin wieder aus dem Badezimmer kam, kam er ihr mit den zwei Tassen entgegen und hielt ihr ihre hin.
„Sag mal, Dee...es ist Sommer, wir haben warmes Wetter...wie wäre es, wenn wir beiden den heutigen Tag im Schwimmbad verbringen?“ er musterte sie gespannt und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Dana sah ihn überrascht an, ehe auch sie an ihrer Tasse nippte. Als sie ihm keine Antwort gab, setzte er erneut an: „Komm schon...vielleicht finden wir dort ja beide die Frau fürs Leben...“
Ein kurzes Kichern entwich ihren Lippen, ehe sie zu ihm aufsah.
„Klingt wirklich viel versprechend, solange es nicht ein und dieselbe Frau ist...sonst endet das in einer Dreiecksbeziehung...aber ich muss trotzdem passen.“ Sie befeuchtete mit ihrer Zungenspitze ihre Unterlippe, ehe sie fortfuhr. „Mein Chef hat mich gestern Abend noch angerufen. Ich muss weg...also, umziehen. Er hat für mich bereits eine Wohnung in New York City gefunden und auch schon gemietet. Ich habe also nicht viel Zeit, um lange ‚Auf Wiedersehen’ zu sagen...“ ihre Stimme war leise, als sie zu ihm aufsah.
„Oh...“ war das Einzige, was Steve in diesem Moment hervorbrachte. Er sah sie starr an, unfähig irgendwas zu sagen oder anders zu reagieren.
„Es tut mir Leid...aber es geht nicht anders. Du kennst meinen Beruf und du weißt, wie flexibel ich sein muss...“
Er nickte, dennoch entkam nichts seiner Kehle. Er wollte etwas sagen, doch er wusste nicht, was er sagen könnte. Es schien ihm wie ein Traum.
„Hör’ mal, ich ziehe doch bloß in eine andere Stadt, nicht auf einen anderen Planeten...“ sie versuchte ihm ein wenig der Last abzunehmen, die mit einem Mal wieder auf ihm zu liegen schien.
„Okay...“ sagte er leise und schien auf einmal wie ein Kleinkind. „Das heißt, du meldest dich mal, wenn du dort angekommen bist...?“ fragte er sie und ließ sie schlucken. Das fragte jeder...auch Mulder hatte sie das gefragt.
Sie nickte. Und log.
„Ja, ich werde mich melden, sobald ich angekommen bin...“
„Kay...wann wirst du denn weg müssen?“
„Schon übermorgen...“
„Was?“ in seiner Stimme lag nicht nur Überraschung, sondern er war auch schockiert. „Schon übermorgen? Und das sagen dir die erst gestern?“
Sie nickte matt und strich sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.
„Ja, is’ öfter so und nicht nur bei mir...aber ich werde dort auf mich aufpassen, keine Sorge. Vielleicht bin ich in ein paar Jahren ja wieder hier in der Nähe...“ versuchte sie, ihn aufzumuntern, doch es gelang ihr nicht. Er stand immer noch betröppelt vor ihr und sah aus, wie sieben Tage Regen.
„Schau doch nicht so...ich habe ja eben gesagt, dass ich nicht auf einen anderen Planeten ziehen werde...Ich bleib’ ja auf der Erde...“
„Ich weiß ja. Aber dass die dir das so kurzfristig sagen, finde ich seltsam. Ich weiß, dagegen kann ich nichts machen und schließlich ist es dein Job. Ich kann nicht von dir verlangen, bloß wegen mir zu kündigen oder so...“
Sie nickte und schloss für einen kurzen Augenblick ihre Augen.
„Es ist also das vorletzte Mal, dass wir zusammen frühstücken, hm?“
„Das nennst du frühstücken?“ fragte sie ihn und sah ihn belustigt an, wobei sie ihre Tasse etwas anhob.
„Na ja, oder eben das vorletzte Mal, dass wir zusammen Kaffee trinken...“ sagte er leise und seufzte.
„Nun mach nicht so ein Gesicht....ich werde dich anrufen und während mir ich in New York City den Arsch aufgrund meiner Arbeit aufreiße, wirst du die Richtige kennen lernen und glücklich werden...“
„Na ja, versuchen kann man’s ja mal...“ gab er nun kleinlaut von sich. Sie wusste, wie schmerzlich es für Menschen war, wenn sie ging, aber sie hatte keine andere Möglichkeit. Sie musste es tun...


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Mit einem leicht angesäuerten Gesichtsausdruck setzte sich Mulder auf seinen Platz am Gang. Er wusste, dass er nicht lange fliegen würde, dennoch verspürte er kein Bedürfnis danach, nun herumzufliegen, um mit jemandem zu sprechen, der aufgrund Übermüdung Dinge sah, die nicht vorhanden waren.
Seitdem Scully aus seinem Leben verschwunden war, interessierte er sich immer weniger für solche Phänomene. Er hatte sich daran gewöhnt, dass ihm jemand dauernd versuchte, vom Gegenteil zu überzeugen, sodass es für ihn nun keinen Reiz mehr ausübte, wenn er zu einem solchen Schauplatz fuhr oder flog. Doch er musste es tun, denn es war sein Job und er wurde dafür bezahlt.
Er lehnte seinen Kopf auf seine Hand und beobachtete einige Familien, die scheinbar Probleme damit hatten, ihre Kinder auf den Sitzen zu halten oder sie anzugurten. Wenn das Flugzeug abgehoben hatte, würde auch die eine oder andere Stewardess vorbeikommen, um Essen und Getränke anzubieten.
Mulder schnallte sich an und lehnte sich zurück, als einige Minuten später auch schon die Durchsage kam, dass man sich anschnallen sollte, da der Abflug nur einige Minuten bevorstand.
Erst jetzt schienen die Eltern ihre Kinder so weit gebracht zu haben, ihre Kinder anzuschnallen, da diese hin und weg waren, dass da jemand zu ihnen sprach. Bestimmt wussten sie, wie das im Bus oder in der Bahn funktionierte, aber immerhin flog man nicht jeden Tag.
Als alle angeschnallt waren und noch einige Minuten vergingen, rollte das Flugzeug schließlich los. Neben Mulder saß eine Frau Anfang zwanzig, welche auch gespannt aus dem Fenster sah und sich anschließend Mulder zuwandte.
„Schon aufregend, wenn man fliegt, finden Sie nicht?“ fragte sie ihn auf einmal, ohne vorher ein Zeichen zu geben, dass sie mit ihm reden wollte. Verwundert sah Mulder sie an und brauchte einige Sekunden, ehe er das, was sie gesagt hatte, verarbeiten konnte.
„Ehm...ja...toll...“ sagte er leise und hoffte, dass sie ihm eine Ruhe geben würde. Doch diesen Gefallen tat sie ihm nicht und so versuchte sie den gesamten Flug über, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

‚Gott, ich danke dir...’ dachte Mulder bei sich, als er endlich aufstehen und den Flieger verlassen konnte. Noch nie zuvor war ihm ein einziger Mensch so dermaßen auf die Nerven gegangen, wie diese junge Frau eben. Schnellen Schrittes stieg er aus dem Flugzeug und joggte daraufhin beinahe zum Flughafen, wo er seinen Koffer holen konnte. Wie konnte ein Mensch bloß so lange reden, ohne auch nur einmal Luft zu holen? Und dann auch noch über ein und dasselbe Thema...
Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es kurz nach Mittag war, er würde also rechtzeitig bei diesem Treffen sein und vermutlich am darauf folgenden Tag wieder zurück nach Washington fliegen.
‚Was für eine Zeitverschwendung...’
Missmutig nahm er seinen Koffer in die rechte Hand und ging durch die große Halle, umgeben von Musik, den Geräuschen von Schuhen auf dem marmorierten Boden und die Stimmen hunderter Menschen.
Menschen, die eilig mit ihrem Gepäck nach dem Ausgang suchten oder nach ihrem Gate; Menschen, die ihre Familien in die Arme schließen, sei es aus Wiedersehensfreude, sei es aus Abschied. Oder Menschen, die alleine durch die Halle schlenderten, als ob es nichts Anbetungswürdigeres geben würde, als diesen Flughafen.
Er ignorierte seine Umwelt und steuerte die Mietwagenabteilung an, um dort den Wagen abzuholen, den er schon in Washington vorbestellt hatte. Scheinbar einer der Vorteile, wenn man für die Regierung arbeitete. Es waren nicht viele, aber einige...

Der Agent nahm einen tiefen Atemzug, als er das große Gebäude verließ und der Wind begann, mit seiner Krawatte zu spielen. Der Himmel war klar und die Sonne brannte hinunter.
Mulder verfluchte sich auf der Stelle, den klimatisierten Flughafen verlassen zu haben, als ihm eine Wand aus Hitze und Luftfeuchtigkeit entgegenschlug. Aber er war hier in einer Stadt und es war typisch für eine solche...
Man hatte ihm gesagt, wo sein Mietwagen stehen würde und so ging er auf den Parkplatz, auf dem ein Auto neben dem anderen stand. Binnen einiger Sekunden hatte Mulder seines ausfindig gemacht und sperrte mit dem Schlüssel den silbernen Ford auf. Den Kopf schmiss er in den Kofferraum, ehe er sich hinter das Steuer setzte und eine Landkarte herausnahm. Zuerst würde er in das Motel fahren, in dem er ein Zimmer gebucht hatte und erst anschließend würde er zu diesem Treffpunkt fahren.

Die Sonne brannte weiter erbarmungslos auf die Erde und Mulder schaltete die Klimaanlage ein, um sich zumindest ein bisschen Luxus zu gönnen. Sein Jackett war bereits seit einiger Zeit auf dem Beifahrersitz gelandet und dennoch schien sein Hemd an seinem Oberkörper zu kleben. Auch die Klimaanlage konnte nicht viel dazu beitragen, dass es kühler werden würde. Scheinbar war der Wagen ohnehin zu lange in der Sonne gestanden, sodass sich der Innenraum nun anfühlte, als würde man in der Vorhölle sitzen...
Er hielt gerade an einer roten Ampel, als sein Handy zum klingeln und vibrieren begann. Ohne auch nur auf die Nummer des vermeintlichen Anrufers zu achten, hob er ab und hielt sich das Mobiletelefon an sein Ohr.
„Mulder?“ seine Stimme schien belegt.
„Agent Mulder? Hier ist Detective Graig Morris. Ich habe bei ihrem Chef aufgrund dieser UFO-Sichtungen angerufen...“
Mulder musste ein genervtes Seufzen unterdrücken und rieb sich stattdessen mit seiner freien Hand über seine Augen, ehe er diese wieder auf das Lenkrad legte, da die Ampel von rot auf grün sprang und er weiterfahren konnte.
„Ja, ich bin auf dem Weg zu meinem Motel und danach werde ich zu dem ausgemachten Treffpunkt kommen...“ antwortete er und versuchte, seine Langeweile so wenig als möglich bemerkbar zu machen.
„Das ist der Grund, warum ich Sie anrufe. Ich wollte Sie fragen, ob es auch in Ordnung geht, wenn wir dort gemeinsam hinfahren?“ fragte der Anrufer zaghaft nach und Mulder wollte schon die rote ‚Auflegtaste’ drücken, als er dann doch zustimmte.
„Okay. Geben Sie mir Ihre Adresse.“
Der Polizist gab Mulder seine Adresse durch, die der Agent versuchte, sich zu merken. Mit einem knappen ‚Dankeschön’ legte er auch wieder auf und schmiss sein Handy zurück auf den Beifahrersitz. Nun würde er also nicht aus der Stadt fahren, sondern in dieser Hitze weiterhin verweilen und durfte dazu auch noch nach dem Apartment dieses Polizisten suchen, was nicht sonderlich positiv zu seinem Gemütszustand beitrug.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Kommentarlos holte er sich seinen Zimmerschlüssel ab, ging zu der braunen Holztüre mit der Beschriftung ‚5’ und trat ein. Es war ein gemütliches Zimmer, bestehend aus einem Schlaf- und Wohnraum und einem Badezimmer.
Das Zimmer war heimelig möbliert und machte auf Mulder einen sehr sauberen Eindruck; quasi eine Wohnung, die den Kontrast zu seiner eigenen bildete.
Er stellte seinen Koffer neben das Bett, da er ihn vermutlich eh nicht aufmachen würde. Wozu auch, denn er würde am nächsten Tag wieder abreisen...
Dennoch nutzte er die Chance, sich zu duschen, ehe er sich wieder auf den Weg machte, um diesen, scheinbar verrückten, Polizisten einen Besuch abzustatten.

Frisch geduscht und sich bereits wesentlich besser fühlend, schnappte sich Mulder sein Jackett und verließ das Zimmer. Er würde binnen einer viertel Stunde bei dem Apartmenthaus des Polizisten ankommen.
Er hatte auf eine Stadtkarte geschaut, um sich so den ungefähren Weg zu diesem Haus einzuprägen, sodass er nicht lange durch die Stadt pendeln würde.
Zwar war er in der Zwischenzeit kein bisschen kühler geworden, aber dunkle Wolken am Horizont verrieten, dass es in den kommenden Stunden abkühlen würde. Zumindest ein wenig. Oder auch nur Regen...



Sie hatte bereits den einen oder anderen Koffer begonnen zu packen, auch wenn sie es nur tat, um das Bild der umziehenden Karrierefrau zu mimen. Sie wusste, dass Steve eventuell wieder kommen könnte, wenn auch nur, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Doch dabei musste auch alles so aussehen, als wäre sie dabei, umzusiedeln.
Anderthalb Koffer hatte sie bereits gepackt, ihre Kästen waren leer und ihre Wohnung machte einen Eindruck von Hektik. Immer wieder sah sie sich um, dachte an die Zeit, die sie hier verbracht hatte.
Vielleicht war es nicht gerade die schönste Zeit, aber dennoch hatte sie begonnen, sich hier zu Hause zu fühlen, was es ihr nicht gerade leichter machte, von hier wegzugehen.

Seraph hatte mir eine Nachricht zukommen lassen. Natürlich konnte ich Steve nicht sagen, dass ich nach L.A. ging, denn das ließ die Gefahr, dass er dort ‚zufällig’ einmal hinfahren könnte, steigen. Wenn er dachte, ich sei in New York, dann könnte er dort zwar hinfahren und mich suchen, aber die Chance mich zu finden sank auf ein Minimum.
Ich würde erst wieder in die Nähe von Detroit versetzt werden, wenn Steve mich wieder vergessen hatte. Wie seine Zukunft aussah, wusste ich nicht, aber sie würde so gut sein, dass ich hier nicht mehr gebraucht war.

Mein neuer Schützling war eine schwarze Frau. Und ich? Tja, es war auch so gut wie jedes Mal etwas anderes, was meinen Beruf und mein bisheriges Leben anbelangte. Aber ich war wieder Ärztin.
Es wurden oft Berufe ausgesucht, bei denen unsere Schützlinge nicht lange nachfragten, wenn wir umziehen mussten. Welcher Kindergärtner zog schon aus beruflichen Gründen um? Bestimmt weniger, als es Ärzte oder Manager taten. Und deswegen waren unsere Berufe eben begrenzt. Doch in der Zwischenzeit wusste ich genug über die menschliche Anatomie, dass ich tatsächlich als Ärztin durchging.
Was genau allerdings die Probleme meines Schützlings waren, wurde mich noch nicht gesagt. Oft kam es auch schon vor, dass ich das alleine herausfinden musste. Natürlich sah ich es ein, es gehörte zu meinem richtigen Job, aber oft war es einfach nur nervig, wenn man dort ankommt und eigentlich genau keine Ahnung von nichts hat.
Man hatte mir auch ein Flugticket gegeben, das mich angeblich nach New York City bringen sollte. Wohl auch als weiteres Beweismaterial, dass ich das, was ich tat, wirklich tat. Menschen waren so einfach zu beeindrucken...

Ein leises Klopfen brachte mich aus dem Konzept und verwirrt strich ich mir meine Haare zurück. Ich hoffte, dass es nicht wieder Steve war, der sich nach mir erkundigte. Er tat das öfter, auch wenn ich nicht wusste, warum...
„Steve, ich hab dir doch gesagt, dass ich...“ begann ich, wurde aber jeher unterbrochen, als ich sah, wer wirklich vor der Türe stand. Es war nicht Steve, sondern ein anderer Nachbar, den ich zwar schon das ein oder andere Mal gesehen hatte, aber noch nicht so wirklich wusste, was ich mit ihm sprechen sollte.
„Guten Tag, Ms. Scully.“
Ja, ich hatte auch noch immer diesen Namen, denn wozu sollte ich alle paar Jahre meine Identität so arg wechseln? Manche Dinge wurden bereits wieder aus Staatsakten gestrichen, dafür hatten die von da ‚Oben’ gesorgt.
„Hallo...“ antwortete ich ihm, da ich nicht wusste, was ich noch sagen sollte.
„Ich wollte Sie fragen, ob ich mir von Ihnen ein bisschen Zucker leihen dürfte. Ich bekomme gleich Besuch und will nun nicht so ganz ohne Zucker da stehen...“
Wozu genau dieser Mann, er war Polizist wohlgemerkt, Kaffeekränzchen hielt, war mir zwar ein Rätsel, aber das ging mich ja nun nichts an.
„Klar...einen Moment bitte...“ mit ein paar Schritten stand ich in meiner Küche und suchte den restlichen Zucker, den ich noch übrig hatte, um ihn diesem Mann zu geben.
„Hier bitte, Mr...“ ich musste ihn fragend ansehen, da ich seinen Namen nicht wusste.
„Morris...Graig Morris...“
Ich nickte.
“Okay…Mr. Morris...“ sagte ich nun leise und drückte ihm mehr oder weniger das Päckchen Zucker in die Hand.
„Können Sie sich behalten, ich brauche ihn nicht mehr...“ und schon hatte ich die Türe geschlossen. Mir war nun einfach nicht danach, mit jemanden zu sprechen. Vor allem nicht mit einem Menschen...



†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Der Türgriff lag kühl in meiner Hand. Vermutlich das Einzige, was in dieser Wohnung kühl war. Man gönnte mir selbstherrlich nicht den Luxus einer Klimaanlage, denn immerhin hatte ich hier wie ein Mensch zu wohnen, der nicht gerade ein sehr hohes Einkommen hatte. Diesbezüglich konnte ich mir auch keine Klimaanlage leisten. War ja logisch. Aber da ich in den nächsten Tagen ohnehin umzog, konnte es mir egal sein.
Vielleicht hatte ich dieses Mal ja Glück und ich würde in einem Penthouse untergebracht sein, mit eingebauter Klimaanlage, Whirlpool und alles, was sündig macht...
Aber da Sünden ja ‚verboten’ waren, sanken meine Chancen auf so ein Leben und vermutlich würde ich erneut eine kleine Wohnung beziehen, gerade mal so viel, dass ich genug Platz hatte. Tja, wir mussten eben genügsam sein, denn die größeren Wohnungen waren für Menschen reserviert, die tatsächlich so viel Geld besaßen, sich ein Penthouse zu mieten oder gar zu kaufen.

Wozu ich arbeitete?
Tja, das fragte ich mich auch schon öfter. Vermutlich, dass ich Steuern abgeben konnte es einem Schützling nicht seltsam vorkam, wenn ich kein Geld hätte. Jedenfalls, das Geld, was ich bisher verdiente...sei es als Krankenschwester, Arzthelferin, FBI-Agentin... na ja, das kommt armen Menschen zugute. Menschen in Afrika oder in anderen entlegenen Teilen der Erde. Wie genau das von Statten ging, wusste ich nicht. Natürlich finde ich es toll, dass man es diesen Menschen zukommen ließ, aber der Weg interessierte mich nicht.
Mein Blick glitt durch meine Wohnung, die nun bereits leerer wirkte, als noch einige Stunden zuvor. Auch wenn ich noch nicht sonderlich viel gepackt hatte. Schon alleine der Gedanke daran, dass ich hier wieder weg musste, schien sie leerer zu machen, düsterer...

Ich verschränkte meine Arme vor meiner Brust und nahm einen tiefen Atemzug der abgestandenen Luft. Es wäre gut, wenn ich lüften würde, aber die Luft der Stadt war staubig und schmutzig, zumal ohnehin keine erfrischende Luft hereinkommen würde, da es draußen mindestens genauso heiß war, wie hier herinnen. Im Großen und Ganzen also nicht gerade vorteilhaft.
Was also tun?
Im Grunde brauchte ich nur herumsitzen und darauf warten, dass meine Wohnung gelehrt werden würde. Wie das zugange geht, verrate ich an dieser Stelle nicht, denn auch ein Engel muss seine Geheimnisse wahren.

Geheimnisse...

Ich hatte so viele vor Mulder.
Und Gott weiß, wie gerne ich ihm alle Karten offen gelegt hätte, wie gerne ich ihm die Wahrheit erzählt hätte. Die Wahrheit darüber, wer ich bin, warum ich bei ihm bin. Einfach nur reden.
Es fällt einem schwer, zu jemandem so viel Vertrauen zu haben, aber ihm dennoch nicht die Wahrheit erzählen zu können.
Er hat mir alles erzählt. Er hat mir immer alles erzählt, ob er es nun gleich tat oder nach und nach. Die Geschichte mit seiner Schwester hat er mir in der ersten Nacht erzählt, in der wir zusammen in Oregon waren. Es war wunderschön, so skurril die Tatsachen auch waren, unter denen wir dort zusammengekommen sind.

Natürlich war er auch oft in Lebensgefahr, aber oft werden wir zu jemandem geschickt, der sich selbst das Leben nehmen will oder einfach bloß sehr stark dazu tendiert. Bei Mulder allerdings...ich weiß bis heute nicht, warum ich ihm zugeteilt wurde. Oder warum er mir zugeteilt wurde, ohne sein Wissen. Jedenfalls wurden wir zusammengeführt, um so zu einem eingespielten Team zu werden, von dem ich wusste, dass es nicht lange halten würde. Irgendwann würde ich die Nachricht bekommen, dass ich mich um einen anderen kümmern müsste.
Wie ich es vorausgesagt hatte, war es dann nach fünf Jahren der Zusammenarbeit auch soweit. Es tat mir weh, ihn so niedergeschlagen zu sehen, als ich ihm mitteilte, dass ich gehen müsste. Sein Blick. Seine Gestik...einfach alles an ihm.
Ich wünschte, ich hätte bleiben können...für immer...oder zumindest solange, bis er sterben würde...ich hätte ihm schon beigebracht, warum ich nicht altere...

Ein Schütteln durchlief meinen Körper, als ich an seine Augen dachte, die mich so traurig musterten, bei den Worten ‚Ich muss gehen’. Es waren zwar nicht diese Worte gewesen, aber im Grunde sagten sie das Selbe aus, was ich ihm mitgeteilt habe. Auf einmal fühlte ich mich, als würden mich Minusgrade umgeben. Mein Körper erschauderte und ich fror, schlang meine Arme um meinen Körper, um mir so selbst Wärme zu geben. Doch es hilft nicht viel, ich spürte immer noch diese Kälte und drehte mich mit einem Ruck um.

Niemand.
Da war niemand.
Und dennoch war es, als berührte eine kalte Hand meine Schulter.

Ich nahm einen tiefen Atemzug, um mich zu beruhigen und schloss meine Augen. Irgendwie schien mich dieser bevorstehende Umzug doch mehr aus meinen Bahnen zu werfen, als ich es mir eingestand, denn noch nie zuvor fühlte ich mich so beobachtet und so verletzlich. So, als ob noch jemand anders im Raum wäre, ich aber nicht in der Lage bin, ihn zu sehen...
Ich mochte dieses Gefühl nicht, dieses Gefühl der Hilflosigkeit und du kannst nichts dagegen tun, da nichts da ist, vor was man sich fürchten müsste.
Einfach noch einmal tief durchatmen und dann hoffen, dass dieses Gefühl geht. Ich sollte nach vorne sehen, daran denken, wie es in L.A. sein wird. Ich war noch nie da und das will bei meinem ‚Alter’ schon etwas heißen.
‚Die Stadt der Engel’ hallt es in meinem Gedächtnis wider und ich schmunzle ein wenig bei dem Gedanken daran. Vielleicht war es wirklich wieder an der Zeit, dass ich in eine andere Stadt zog...



†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Mit einem hörbaren Seufzen stieg Mulder aus dem Mietwagen aus, den er auf der gegenüberliegenden Seite des Apartmenthauses geparkt hatte. Es hatte ihn überrascht, denn für gewöhnlich waren in einer solchen Gegend nie irgendwelche Parkplätze frei.
Sein Jackett hatte er locker über seine rechte Schulter gehängt, in seinem Blick lag Langeweile.
Er fragte sich immer noch, was er in dieser verdammten Stadt wollte, denn dieser Zeuge war sicherlich keiner von denen, die tatsächlich daran glaubten, was sie gesehen hatten oder das, was sie gesehen hatten, war nicht wirklich geschehen.
Dieser Mann schien ihm wie einer von denen, die bloß zu viel Science-Fiction gesehen und eben einmal schlecht geträumt hatten. Das war alles. Aber Mulders Ruf eilte ihm voraus und das war scheinbar auch der Grund, weshalb er von diesem Polizisten kontaktiert wurde und nicht ein anderer Agent.

Als er den Hausflur betrat, schlug ihm kühle Luft entgegen, so wie es auch bei seinem Apartmenthaus war. Das Haus wurde durch dickere Wände von der Hitze geschützt, aber er war sich sicher, dass es in den Wohnungen anders sein würde. Vor allem in denen, die in Richtung Süden ihre Fenster hatten, denn da brannte die Sonne den lieben langen Tag hinein. Er hatte selbst eine solche Erfahrung gemacht, als er in Oxford studierte. Seine Studentenwohnung war, besonders sein Schlafraum, dem Süden zugewandt. Auch wenn es in England nicht unbedingt heiß war, so wurde die Sonne, schien sie durchs Fensterglas, dennoch ziemlich ‚hitzig’ und wärmte den Raum so sehr auf, dass er nachts das Fenster offen lassen musste, um Schlaf zu finden.
Seine Schritte hallten auf dem langen, leeren Flur, ehe er vor dem Aufzug stehen blieb und auf den kleinen Knopf drückte, der sich neben einem Pfeil befand und mit einem Mal gelb leuchtete. Auch wenn er keinesfalls lange auf den Lift warten musste, so wankte er dennoch leicht nach vorne oder hinten, ehe ein Piepsen verriet, dass der Aufzug im Erdgeschoss angekommen war.
Mit schnellen Schritten ging er in die kleine Kabine und sah auf die vielen Knöpfe, welche ihn dazu einluden, auf sie zu drücken. Er musste jedoch nur in ein Stockwerk und so drückte er den vergilbten Knopf mit der Nummer ‚3’. Die metallenen Türen des Aufzuges schlossen sich und mit einem leichten Rattern setzte sich die Kabine in Bewegung. Mulder ließ seinen Blick durch den kleinen Raum gleiten. Über ihm waren zwei kleine Glühbirnen angebracht, doch sie reichten aus, um die Kabine zu beleuchten. Der Boden bestand aus einem Plastikbelag, der aussehen sollte, wie Holz. Doch an manchen Stellen schlug es Wellen, was diesen Versuch kläglich erscheinen ließ. An den Wänden war ebenfalls Holz angenagelt, mit dem Unterschied, dass dieses echt war.

Er hielt sein Jackett weiterhin über seiner linken Schulter, ehe der Lift anhielt und seine Türen wieder öffnete. Vor ihm erstreckte sich ein etwas längerer Hausflur, der auf die ungefähre Länge seines eigenen kommen würde.
Mit einem Schritt verließ er die kleine Kabine, ein paar Sekunden danach schloss diese wieder ihre Türen. Bis auf das leise Schleifgeräusch, das Metall auf Metall verursachte, war nichts zu hören. Kein Fernseher oder sonst etwas, dass normalerweise Geräusche von sich geben würde. Vermutlich war den Leuten einfach zu warm oder sie verbrachten die Zeit nicht zu Hause, sondern in einem Schwimmbad...
Seufzend setzte Mulder seinen Weg fort, suchte in seiner Hosentasche nach einem kleinen Zettel, auf den er die genaue Adresse des Polizisten geschrieben hatte.
‚Scully würde mir nun sicher wieder einer ihrer Standpauken halten, dass ich mich wieder auf so etwas eingelassen hätte und uns unsere freie Zeit rauben würde...’ dachte er an seine ehemalige Partnerin, doch ehe er seine Gedanken zu weit in der Vergangenheit schwelgen lassen konnte, riss das Schließen einer Türe seine Aufmerksamkeit zurück in die Realität. Überrascht sah er auf und erkannte einen hellhaarigen Mann, der gerade auf ihn zuzukommen schien. Einige Schritte hinter ihm war scheinbar die Türe, die eben zugemacht wurde.
Mulder steckte den Zettel zurück in seine Hosentasche, ehe er auf den Mann zuging.

„Entschuldigen Sie? Mein Name ist Fox Mulder. Ich bin auf der Suche nach einem Graig Morris. Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?“ fragte er ihn höflich. Was Mulder nicht wissen konnte war, dass der Mann vor ihm derjenige war, den er suchte.
„Ja, ich bin Graig Morris...“ grinste ihm sein Gegenüber entgegen, ehe er eine Packung Zucker in seine eine Hand gab, um ihm seine rechte Hand entgegenzustrecken.
Mulder lächelte etwas höflich und schüttelte die Hand des Mannes, der nun voller Euphorie zu ihm sah.
„Ich bin so froh, dass Sie nun hier sind. Man sagte mir, Sie seien der Einzige, der mir glauben würde...“ sagte er und gab dabei Acht darauf, dass sich seine Stimme nicht überschlug. Mit freudiger Erwartung fischte er seine klappernden Schlüssen aus seiner Hosentasche, ehe er in die Richtung ging, aus der Mulder eben gekommen war. Mit einem letzten Augenschlag blickte Mulder in Richtung der Türe, die eben geschlossen wurde. Er musste schlucken, als sich ein seltsames Gefühl in seinem Innern auszubreiten schien. Er wusste nicht, woher es kam und weshalb auf einmal da war, doch mit einem leichten Kopfschütteln schien es auch wieder der Vergangenheit anzugehören...wie so vieles in seinem Leben.

„Agent Mulder?“ fragte der junge Polizist nach, der nun in der offenen Türe zu seiner Wohnung stand, ehe Mulder sich zu ihm umdrehte und ihm folgte. Er hoffte, dass dieser Fall bald abgeklärt sei und er somit auch wieder zurück nach D.C fliegen konnte, auch wenn er nicht wusste, was ihn dort noch hielt.
Vielleicht war es die Hoffnung, das ihm so bekannte und vertraute Geräusch von Absätzen im Kellerflur des FBIs zu hören, die nur einer Person zuzuschreiben waren...
Mulder betrat die Wohnung von Graig Morris, welcher, nachdem er selbst eingetreten war, die Türe hinter sich schloss.
„Kaffee oder Tee?“ fragte er ihn höflich und deutete Mulder, dass er sein Jackett auf den kleinen Kleiderstand hängen konnte, der einen Meter neben der Eingangstüre stand. Mulder nickte ein wenig und als er sein Jackett auf einen der hölzernen ‚Arme’ des Kleiderstands hängte, schüttelte er seinen Kopf.
„Aber Dankeschön für das Angebot...“ schob er sofort ein und drehte sich vollends zu dem Bundesbeamten. „Wenn Sie nichts dagegen haben, dann würde ich gerne ihren Bericht über die Dinger hören, die sie gesehen haben...“
Für den Bruchteil einer Sekunde schien ein Schleier von Enttäuschung über die Augen von Morris zu huschen, ehe er sich wieder fing und den Zucker auf die Kredenz seiner Küche legte.
„Sicher...“ sagte er und ging in einen der angrenzenden Räume, aus dem Mulder das Rascheln von Papier vernahm. Er atmete tief durch und ließ einen kurzen Blick durch den Raum schweifen, ehe er sich zurück rief, dass wohl noch ein sehr unangenehmer Aufenthalt sein würde...hier in Detroit.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

In weniger als 72 Stunden würde ich wieder in einer anderen Stadt sein. Tja, schon wieder. Manchen Menschen bereitete es Freude, durch die Weltgeschichte zu reisen, andere Städte zu besuchen... so lernen sie nie, ihr zu Hause zu würdigen und zu schätzen. Wie schön es doch ist, nach einer Reise wieder zurück zu kommen in seine eigenen vier Wände.
Ich selbst hatte dieses Gefühl noch nie. Im Durchschnitt war mein zu Hause alle fünf Jahre ein anderes und, in Anbetracht meines Alters, habe ich mein zu Hause schon mehrere Male gewechselt. Wobei auch das Wort ‚mehrmals’ eine Untertreibung der Tatsachen wäre. Doch was sollte ich tun?
Natürlich hatte ich auch schon oft die Gelegenheit bekommen, als Sterbliche auf die Welt zu kommen, jedoch ohne jegliche Erinnerung als mein Leben als Schutzengel. Ich würde als kleines Mädchen irgendwo auf dieser Welt geboren werden, zuvor neun Monate in einem menschlichen Leib ausgetragen. Und dann? In eine ungewisse Zukunft blicken?
Ich weiß, dass es oft nicht fair ist, aber so bleibe ich dennoch bei meinem Beruf als das, was ich eben mache.

Vielleicht sollte ich anfangen, mein Leben nicht so negativ zu sehen. Immerhin gab es auch viele Lichtblicke und positive Aspekte, von den Erfahrungen einmal abgesehen. Mein Leben war nicht immer leicht, aber welches war das schon? Das Leben bestand nicht immer nur aus Zucker und rosefarbenen Brillen.

Ich setzte mich auf mein Bett, welches ich wohl schon bald nicht mehr haben würde. Dieses Mal war es ein Bett, das nur für eine Person war.
In D.C hatte ich so eine Art Ehebett, auch wenn ich ‚Single’ war. Da fragt man sich doch, warum in meiner Wohnung ein solches Bett stand? Noch dazu, da ich ja mein Leben lang nur Single war....
Ich zuckte ein wenig mit meinen Schultern bei der Selbstbeantwortung meiner Frage und ging anschließend in die Küche, um den Wasserkocher ein letztes Mal seinen Dienst verrichten zu lassen. Vielleicht würde mich eine Tasse Tee ja auf andere, wesentlich positivere Gedanken bringen. Zumindest hoffte ich das. Sicher war es nicht...

Meine nackten Füße berührten die kühlen Fließen meiner Küche und für einen kurzen Augenblick durchfuhr ein Schock meinen Körper, doch ich genoss diese ‚Kälte’. Zwar waren die Fließen im Winter kälter...ist ja logisch, aber dennoch boten sie mir jetzt eine willkommene Abwechslung zu der stetigen Hitze in meiner Wohnung.
Ich wusste, das mein Nachbar...dieser Polizist, ebenfalls eine scheinbare Schwäche für Paranormales hatte, wie auch schon der Mann mit dem ich einige Jahre zuvor einen Kreuzzug geführt hatte. Es war klar gewesen, dass meine Gedanken unverzüglich in die Vergangenheit driften würden, sobald mir dieser Mann eröffnet hatte, dass er hier, in der Nähe von Detroit, angeblich irgendwelche fliegenden Untertassen gesehen hatte.
Mein Herz schlug einige Takte schneller, als ich an diesen vergangenen Kreuzzug denke, die Männer, die dachten, sie könnten an mir herumexperimentieren...wenn sie bloß gewusst hätten, wen und vor allem ‚was’ sie da wirklich vor sich hatten?
Sie glaubten ebenfalls an außerirdisches Leben. Sie glaubten daran, mit diesen ‚Retikulanern’ einen Deal zu haben, ganz vergessen sind dabei die Möglichkeiten, was tatsächlich dahinter stecken konnte. Es waren keine Außerirdischen, diese Retikulaner. Es waren Dämonen, aber Menschen konnten das mit bloßem Auge nicht sehen. Sie sahen nur das, was sie wirklich wahr haben wollten. Sie würden echte Außerirdische ohnehin nicht ansehen können, also gaben die von ‚Unten’ ihnen etwas, das sie sehen konnten...
Manchmal bedarf es einen billigen Jahrmarktstrick, damit die Menschen das erkennen, was wirklich ist, auch wenn es eine Lüge ist.
Ergab das nun Sinn?

Mit meiner rechten Hand griff ich mir auf meine Stirn und atmete tief durch. Diese paar Jahre mit diesem FBI-Agenten scheinen meine heile Welt irgendwie durcheinander gebracht zu haben und nur Gott alleine wusste, wie er das bewerkstelligt hatte. Seine Augen gingen mir einfach nicht mehr aus dem Sinn, ich konnte sie nicht vergessen. Nicht, dass ich das gewollt hätte. Ich wollte mich bis in die Ewigkeit an seine Augen erinnern, an seine Umarmungen und die traurigen aber auch amüsierten Blicke.
Er war so einzigartig...
Nur allzu gut habe ich seinen Blick in Erinnerung, als ich ihm erzählt habe, dass ich Krebs hatte. Ich wusste, dass ich nicht sterben würde. Aber er dachte das. Und meine ‚Familie’ dachte es.
Es war das erste Mal für mich, dass ich eine solch große Familie bekam. Immerhin waren wir vier ‚Kinder’ und zwei Elternteile...
Meine ‚Mutter’ wusste nun schon gar nichts mehr von mir. Sie wohnt nun in Missouri, zumindest hat man mir das gesagt. Weit weg aus Mulders Reichweite, sodass er sie nicht kontaktieren konnte. Sie konnte sich ohnehin nicht mehr an mich erinnern.
Was meine ‚Brüder’ anging, so hatte Mulder ohnehin wenig Chancen, sie zu kontaktieren. Mit Bill kam er nicht aus und Charles hat er nie kennen gelernt. Zu meinem Glück.

Ich fühlte mich seltsam und zum ersten Mal in meinem Leben tatsächlich einsam. Es war ein komisches Gefühl, aber was sollte ich dagegen machen? Ich konnte ja nicht einfach nach D.C fliegen und auf einmal auf Mulders Türmatte stehen.
Rein theoretisch konnte ich es, aber was würde er dazu sagen? Würde er sich freuen oder sich ärgern? Vermutlich Zweiteres, immerhin hatte ich ihn so einfach alleine gelassen. Aber da es mir verboten war, ein weiteres Mal Kontakt mit ihm aufzunehmen, war es eine Sache, über die ich mir keine Gedanken machen sollte. Ich sollte es einfach so hinnehmen, wie es war und damit zufrieden sein. Aber konnte ich das wirklich?

Vielleicht sollte ich auch einfach aus dieser Wohnung. Irgendwo hin essen gehen oder Kaffee trinken. Oder ins Kino, Theater....
Es boten sich so viele Sachen an, sodass ich mir eine aussuchen konnte. Vermutlich sollte ich es auch, da mir hier langsam aber sicher die Decke auf den Kopf fiel.
So packte ich mir eine kleine Tasche zusammen, in der ich meinen Ausweis und Geld verstaute. Mehr brauchte ich nicht...na ja, vielleicht noch meine Schlüssel...
Mit dem kühlen Metall in meiner Hand verließ ich meine Wohnung, zog hinter mir die Türe zu und schloss ab. Einem freien Tag stand nun nichts mehr im Wege...zumindest für ein paar Stunden.



†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

„Hier sind die Photos, die ich gemacht habe...von diesen UFOs...“ sagte Morris aufgeregt, wobei er seine Hände unter Kontrolle halten musste, nicht zu zittern. Er war so aufgeregt, nun endlich seine Trophäen herzuzeigen und zwar jemandem, der ebenfalls an das glaubte, was er gesehen hatte.
Mulder hatte einige Schritte auf den nervösen Mann zugemacht, der nun auf ihn wirkte wie ein aufgeregtes Nagetier. Seine Hände schien er von ruhelosen Bewegungen abhalten zu wollen, sodass er ihm die Photos ohne Zittern zeigen konnte.
Der Agent warf einen Blick auf die fünf verschiedenen Bilder, die auf A4 Format vergrößert worden waren, sodass man sie besser erkennen konnte. Doch anstatt euphorisch auf die Bilder zu starren und nach jedem Fünkchen Etwas zu suchen, dass darauf zu sehen war, nahm Mulder die Photos eher passiv entgegen. Er wusste selbst nicht, was er darauf sehen sollte. Er sah ein Licht, dass er auf zu vielen Bildern gesehen hatte. Auf Bildern und Filmen, der vor ein paar Jahren noch sein Ein und Alles gewesen waren.
Doch heute?
Es war ihm egal, wenn er es einmal milde ausdrücken sollte. Seitdem niemand mehr da war, der ihn an allem hinderte, was er machen wollte, hatte nichts mehr einen Reiz für ihn. Wozu sollte er gegen die Regeln verstoßen, wenn da niemand mehr war, dessen blaue Augen funkelten, wenn sie es erfuhren.
„Was halten Sie davon?“ fragte der quirlige Polizist aufgeregt. Ihm schien Mulders Meinung sehr wichtig zu sein.
Der Agent hingegen wusste nun nicht, ob er ihm die Photos seufzend zurückgeben sollte, oder ob er einfach so tun sollte, als ob ihn das alles brennend interessieren würde.
„Wo sagten Sie noch mal, hatten Sie diese Photos geschossen?“ Mulder sah von den Photos in das Gesicht des Mannes, dessen Augen auf einmal noch mehr aufleuchteten.
„Nicht weit von hier...ungefähr eine halbe Stunde. Auf einem kleinen Hügel. Mir wurde gesagt, dass sie jeden Abend dort oben tanzen würde. Ich habe sie jedoch erst einmal gesehen...“
„Jeden Abend? Und Sie haben sie erst einmal gesehen?“ fragte Mulder skeptisch nach. Seine Laune sank mit jeder verstreichenden Sekunde.
„Ja, ich weiß auch nicht, wieso ich erst einmal das Glück hatte, sie tanzen zu sehen. Jedenfalls war es atemberaubend...Sie müssen wissen...“ begann er, doch weiter konnte Mulder ihm nicht folgen.
Früher wäre dieser Mann sicherlich ein Zeuge gewesen, dem Mulder hinterhergelaufen wäre, doch jetzt war es ihm tatsächlich egal, was er gesehen hatte und was seine Vermutungen waren. Er schaltete auf Durchzug, nickte hin und wieder und gab einige ‚M-hm’s von sich. Er wollte nicht, dass Morris merkte, dass er ihm schon seit einiger Zeit nicht mehr zuhörte. Er wusste, dass das unhöflich war, aber was sollte er dagegen tun? Er hatte nicht die Geduld, den Hirngespinsten dieses Mannes weiter aufmerksam zuzuhören.

Ja.
Er, Fox Mulder, empfand die Geschichte seines Gegenübers als ein Hirngespinst. Woran er die Jahre über geglaubt hatte, hatte in seinen Augen zwar immer noch ein wenig Bestand, aber es war nicht mehr so essentiell für ihn als noch zwei Jahre zuvor. Er hatte nun die Freiheit, tun und lassen zu können, was er wollte. Es übte bloß keine Faszination aus, denn wen sollte er damit auf die Palme jagen?

Nach schier endlichen Minuten atmete Morris tief durch und Mulder sah für einen kurzen Moment wieder auf die Photos.
„Wissen Sie, Mr. Morris, vielleicht haben Sie das Glück gehabt, einen dieser seltenen Tänze zu sehen, denn da Sie ja sagten, wie oft Sie schon auf dem Hügel gewartet hatten...sehen Sie es als einen Glücksfall an...“
„Und Sie? Wollen Sie sie nicht auch sehen? Ich meine, man hat mir gesagt, Sie wären der richtige Agent dafür. Und dass Sie sie sicherlich auch sehen wollen...“
In den Augen des jungen Polizisten schien sich ein wenig Panik breit zu machen. Scheinbar wollte er seinem ‚Vorbild’ diesen Hügel höchst persönlich zeigen, um zu beweisen, was er fotografiert hatte.
„Ich glaube Ihnen schon, dass Sie das gesehen haben, was sie behaupten gesehen zu haben. Deswegen brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Ich denke bloß nicht, dass ich etwas Neues sehen werde, verstehen Sie mich?“ fragte Mulder leise und doch etwas zaghaft. Er wollte keinesfalls die Gefühle dieses Mannes verletzen, dennoch war ihm einfach nicht danach, nach UFOs Ausschau zu halten.

Durch das Zufallen einer Türe blickte Mulder sich um. Morris hingegen schien es keinesfalls aus den Gedanken zu reißen.
„Vermutlich meine kleine, rothaarige Nachbarin.“ Sagte er leise und kam nicht umhin, seinen Unmut für Mulders Entscheidung Luft zu machen. „Die ist in letzter Zeit öfter unterwegs und manchmal schmeißt sie die Türe fester zu, als sie eigentlich sollte...“
Nachdem er die Worte ‚klein’ und ‚rothaarig’ ausgesprochen hatte, schien jegliche weitere Information an Mulder vorbeizuziehen.
Seit dem Verschwinden seiner Partnerin schien er des Öfteren auf Frauen zu stoßen, die entweder Scullys Statur oder ihre Haarfarbe hatten. Vermutlich war es auch einfach nur Einbildung, dass ihn solche Menschen ‚verfolgten’, doch noch nie zuvor war ihm aufgefallen, wie viele Frauen rote Haare hatten. Mit dem einen Unterschied, dass diese gefärbt waren. Aber trotzdem. Sie erinnerten ihn alle an die zierliche Person, mit der er für die Wahrheit gekämpft hatte.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ich legte meinen Zeigefinger auf das kleine, goldene Kreuz, das ich um meinen Hals hängen hatte und dachte noch einige Minuten nach, in denen ich in Richtung Stiegenhaus ging. Die Luft war wesentlich kühler als in meinem kleinen Apartment, dennoch war sie für mich noch nicht kühl genug. Vermutlich würde ich heute Abend wieder kalt duschen und morgen...tja, mal sehen. Ein Engel kann immerhin auch nicht in die Zukunft sehen...
Meine Schuhe machen die üblichen Geräusche auf dem steinernen Boden, ließen mich an eine Zeit jenseits von Detroit zurückdenken.

War ich damals glücklich?

Es war eine seltsame Frage, aber ich denke nicht, dass ich sie beantworten könnte. Vielleicht sollte ich es auch gar nicht erst versuchen, aber was blieb mir anderes übrig, als an die Zeit an der Seite dieses Agenten zurückzudenken?
Ich hatte ja sonst nichts von ihm...nur meine Erinnerung.
Und seine an mich?
Die würde vermutlich bald verblassen und erloschen sein, bis ich einfach nur ein kurzer Wegbegleiter seines Lebens sein werde.
Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen oder traurig sein sollte. Ich habe keine Familie und nur sehr wenige Freunde, die mir blieben. Auch wenn ich mich sehr oft sehr intensiv mit meinen Schützlingen anfreundete, so war es mir dennoch verboten, Kontakt mit ihnen zu halten.

Das tat weh.

Sehr weh sogar.

Ich versuchte zwar, mich weitestgehend dahin zu trainieren, keine Gefühle für Menschen zu entwickeln, aber ich konnte mich doch nicht mehrere Jahrhunderte verschließen und dabei einen guten Job machen. Das ließ sich nicht vereinbaren.

Mit einer beängstigenden Gedankenlosigkeit strich ich mir eine meiner Haarsträhnen hinter mein linkes Ohr, ehe ich vor meinem Apartmenthaus zum stehen komme.
Wohin genau ich wollte, wusste ich nicht. Das ‚irgendwo und nirgendwo’ also...in einer Stadt wie dieser, in der einem wirklich ein breites Medium an Unterhaltung geboten wurde.
Ich warf einen kurzen Blick an mir herunter, um zu bemerken, dass ich zwar angezogen war, aber irgendwie doch nicht das richtige trug. (habe ich schon einmal erwähnt, dass wir Engel sehr eitel sind?)
Seufzend drehte ich mich um und trat den Rückweg an. Nachdem ich die Treppen hinuntergegangen war, durfte ich sie nun wieder hinaufsteigen. Natürlich, ich war ja selbst dran schuld, aber was konnte ich dagegen tun, wenn mir meine Einfälle immer später kamen, als es mir lieb war?

Erneut stand ich vor meiner Wohnungstüre, schnappte mir den Schlüssel und trat ein. Es war immer noch mörderisch heiß, es musste also auf alle Fälle etwas Kürzeres her... hm...ich hatte da doch mal diesen Jeansrock...

Nachdem ich mich einige Minuten im Spiegel betrachtet hatte (Eitelkeit!), gab ich einen zufriedenen Laut von mir. Ich war tatsächlich zufrieden mit meinem Aussehen.
Der Jeansrock ging mir nicht ganz bis zur Mitte meiner Oberschenkel, die weiße Bluse ging mir ein wenig über meinen Bauchnabel und gab so den Blick auf meinen Bauch frei. Über meinen Hüften glänzte ein silbernes Bauchkettchen.
Die Bluse hatte keine Ärmel und ich strich mir den Träger meines BHs wieder auf meine Schulter, sodass er nicht mehr sichtbar war. Meine Haut hatte in den letzten Tagen doch etwas an Bräune zugenommen, was bei mir selten vorkam, da vor der Bräune erst der Sonnenbrand kam.
Meine Haare gingen mir bis zur Schulter, aber ich wollte sie nicht hochstecken oder so. Zurzeit gefiel es mir, wie sie fielen...
Das kleine, goldene Kreuz an meinem Hals war besonders dann sichtbar, wenn Licht in einem bestimmten Winkel drauf fiel.
Und Schuhe? ... Das waren welche mit Stiftabsatz und im Grunde bestanden sie nur aus Schnüren, die meine Füße dort hielten, wo sie hingehörten. Sehr luftige Angelegenheit...Sie waren auch weiß...
Nun brauchte ich nur noch diese kleine Handtasche, die ich so gut unter meinen Arm klemmen konnte (so konnte auch niemand hineingreifen) und damit war ich eigentlich auch schon fertig. Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass es bereits später Nachmittag war. In einigen Stunden würden die Nachtklubs dieser Gegend aufmachen, mal sehen, ob heute Nacht was los war. Ich musste mich ablenken, egal wie...


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit verließ ich mein Apartment und innerlich hoffte ich immer noch darauf, dass es kühler werden würde. Doch mein Verstand beharrte darauf, dass es nicht so sein würde. Es würde weiterhin so warm bleiben, vielleicht würde die Luftfeuchtigkeit sinken, aber nicht die Temperatur ...
Ich genoss die letzten kühlen Momente in diesem Hausflur, ehe ich die große Ein- und Ausgangstüre öffnete und mir eine Wand aus heißer, abgestandener Luft entgegenschlug. Es war ein Alptraum...

Das war der Nachteil an einer dieser riesigen Städte...die Häuser speicherten über den Tag die Wärme der Sonne und in der Nacht, in der es eigentlich wirklich angenehm kühl sein sollte, gaben sie diese Wärme wieder ab, sodass die Temperatur bloß um einige wenige Grad sank. Wenn überhaupt.

Mit einem, etwas missmutigen, Gedanken, ging ich die kleinere Straße entlang, die zu meinem Glück nicht allzu befahren war. So war es nachts wenigstens angenehm still, wenn schon nicht kühl.
Vielleicht würde ich demnächst...sprich in den nächsten 15 Jahren oder so...in die Arktis versetzt. Oder zumindest nach Alaska oder Grönland. Irgendwohin, wo es mehr Winter als Sommer gab, oder dort, wo die Temperaturen die 25°C Grenze nicht überschreiten würden.

Ein lauer Wind spielte mit einigen meiner Haarsträhnen und ließ sie so wirken, als ob sie tanzen würden. Ich mochte es und schloss für einen kurzen Augenblick meine Augen, um das Gefühl zu genießen, ehe ich mich wieder dem Ernst des Lebens widmen konnte. Ich trat auf eine Kreuzung mit einer Hauptstraße, Autoschlangen fuhren an mir vorbei, in einiger Entfernung hupte eines dieser Schlangenteile, ein Bus zog an mir vorbei, eine Straßenbahn meldete sich bereits von weitem an, indem sie ein wenig vor sich hinbimmelte.
Es war Stress pur.
Ich verlagerte mein Gewicht auf ein Bein, meine Arme legte ich verschränkt über meinen Bauch, mein Blick glitt ein wenig über die Straßen. Menschen hetzten sich über Zebrastreifen, schlängelten sich durch andere durch und schienen zu hoffen, noch rechtzeitig anzukommen.
Doch anstatt sich tagein, tagaus bloß zu hetzen sollten sie sich ein wenig Ruhe gönnen. Einfach einmal aussteigen und das Leben Leben sein lassen...

Meine Ampel sprang auf Grün und schnellen Schrittes überquerte ich die stark befahrenen Straßen. Leider lagen so ziemlich alle Läden und Bars an solchen Strassen. Schade drum, andererseits machten sie so viel mehr Gewinn. Gut für sie.
Nachdem ich den Zebrastreifen überquert hatte, sah ich mich um. Wohin ich gehen sollte, wusste ich nicht. Mir bot sich tatsächlich ein breites Medium an, doch wofür ich mich entscheiden sollte...das war die Qual der Wahl.
Doch ein sonniges, in warmen Farben gehaltenes Aushängeschild zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich ging einfach näher darauf zu um zu sehen, welches Lokal sich dahinter verbarg.
Einige Meter bevor ich vor der Türe der Bar zum stehen kam, las ich den Namen: Salud.
Es klang Spanisch, vermutlich war es das auch. Aber es klang okay und freundlich und so sah ich mir die aufgestellte Tafel vor dem Lokal an.
Scheinbar war hier Happy Hour von 17 – 20 Uhr .... Und da wir kurz nach siebzehn Uhr hatten, bedeutete das, dass diese großen Cocktails statt 12$ nur 7$ kosten würden. Das war tatsächlich ein Angebot und nur, weil es von ‚Oben’ nicht gerne gesehen wurde, so gab es dennoch keine schriftliche Regel, die besagte, dass es uns tatsächlich und strengstens verboten war, Alkohol zu konsumieren. Immerhin wollte ich mein Leben doch auch ein wenig genießen. Zumindest so weit ich es mir selbst erlauben konnte.

Mit einer Hand stemmte ich die Türe quasi auf und betrat das Innere des Gebäudes. Es war klimatisiert und wirklich...ziemlich angenehm. Vielleicht sollte ich mir doch einmal eine Klimaanlage beschaffen. Wie ich spüren konnte, hatte sie tatsächlich einen Vorteil, falls er zu warm sein sollte. Zumindest für mich.

Ich war noch keine Minute in dem Raum, dessen Wände mit sonnigen Farben ausgemalt wurden, als auch schon ein großer, dunkelhaariger Kellner auf mich zukam und mich höflich fragte, ob ich alleine sei, oder in Begleitung.
Verdutzt sah ich ihn wohl einige Zeit an, ehe ich mich wieder fand und ihm antwortete, dass ich alleine gekommen wäre. Er nickte und deutete mir, wohin ich mich setzen konnte.
Kurzerhand entschloss ich mich, mich einfach an die Bar zu setzen, so würde ich auch niemandem den Platz wegzunehmen.

Der Hocker war mit einem roten Leder überzogen, ob echt oder nicht interessierte mich nicht. Binnen einiger Sekunden wurde mir eine Karte gereicht und ich stellte fest, dass man dort auch warme Speisen bestellen konnte, alles Mexikanisch.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Mit einem Händewacheln versuchte Morris sein Gegenüber wieder in die Realität zurückzuholen. Mit einem Mal schien der Agent in einer gänzlich anderen Sphäre zu schweben, sein Blick glitt ins Leere.
„Agent Mulder? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ die Stimme des Mannes drang nur gedämpft bis zu Mulder durch, ehe dieser mit einem leichten Kopfschütteln zurück ins Hier und Jetzt kam.
„Was haben Sie gesagt?“ fragte er ein wenig verwirrt nach, ehe er sich dessen bewusst wurde, was er gesagt hatte. Er stand inmitten der Wohnung dieses Polizisten und machte sich zum Trottel, indem er zu Tagträumen anfing aufgrund der Worte ‚rothaarig’ und ‚klein’. Und er war dafür berühmt berüchtigt, dass er paranormalen Ereignissen auf die Spur kam.
„Ich habe Sie gefragt, ob alles in Ordnung mit Ihnen sei. Sie schienen auf einmal meilenweit weg. Hatten Sie eine Eingebung oder etwas in der Art?“
„Eine Eingebung?“ wiederholte Mulder und fragte sich, wie er wohl ausgesehen haben mochte. Vermutlich hatte er Ähnlichkeit mit einem Zombie gehabt.
„Ja. Ich meine, bei den Dingen, die Sie bereits gesehen haben...“ sagte Morris leise, legte die Photos allerdings noch nicht aus seiner Hand, bereit, sie Mulder ein weiteres Mal in seine Hände zu drücken.
„Ach so...nein, nein...“ für einen Kurzen Moment huschte ein schwaches Lächeln über Mulders Lippen. „Ich weiß nur nicht, ob ich mich von rothaarigen Frauen in letzter Zeit verfolgt fühlen soll oder nicht...“ sagte er und versuchte so, noch ein wenig Information über die ‚Unbekannte’ herauszufinden. Er wusste, dass es Zeitverschwendung sein würde und das es absolut keinen Sinn hatte, nun alle rothaarigen aus allen Staaten zu kontrollieren, nur um zu sehen, ob ‚seine’ Rothaarige dabei sein würde...
„Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten...“ Morris zuckte ein wenig mit seinen Schultern. „Ich weiß auch nicht, von welchem Typ Rothaarige Sie sich verfolgt vorkommen. Meine Nachbarin ist ca. so groß...“ er deutete mit seiner Hand auf die ungefähre Körpergröße der jungen Frau. „...hat ab und an Sommersprossen und blaue Augen...“

Schnellen Schrittes verließ Mulder die Wohnung des Bundesbeamten. Er war keineswegs unhöflich gewesen, dennoch hatte er die Wohnung so schnell verlassen, wie er nur konnte. Die Beschreibung des Mannes schien so perfekt auf seine ehemalige Partnerin zu treffen, dass er schon beinahe glaubte, zu träumen oder bloß in einer Illusion an diesem Ort zu sein.

Seine Gedanken drifteten zurück zu einem Gespräch, das er einst mit Scully geführt hatte. Sie hatten über Stau und Wassermoleküle gesprochen und irgendwie waren sie auf das Thema Schicksal und höhere Mächte gekommen.
Sie beide hatten darüber diskutiert, ob ein Mensch nicht nur sein Leben sondern auch das seiner Umgebung so weit verändern konnte, dass es Konsequenzen für die Zukunft haben könnte.
Eines seiner Argumente war gewesen, dass man zwar durchaus in der Lage war, sein Leben gründlichst zu planen, das Schicksal einem aber oft einen Strich durch die Rechnung machte, denn auch eine Kleinigkeit konnte ein Leben so verändern, dass es weitestgehend so weit beeinflusst wurde und so vom ursprünglichen Ziel dieser Person abwich.


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Nun fragte er sich, ob diese beiden Worte solche Auslöser gewesen waren, die nun sein Leben beeinflussen konnten. Natürlich könnte es auch sein, dass er einem Irrlicht nachlief, denn seine Chancen waren gering. Nichtsdestotrotz waren sie vorhanden und das alleine war Ansporn genug für ihn.
Er hatte sich bereits ausgemalt, wie sein Leben ohne Scully weitergehen würde und da sie ohnehin schon seit geraumer Zeit nicht mehr an seiner Seite war, erlosch auch die Hoffnung in ihm, dass sie jemals wieder zu ihm zurückkommen würde. Natürlich niemals ganz und sobald er rote Haare in Wind tanzen sah, keimte eine Zuversicht in ihm auf. Zuversicht, die ihn weiter daran glauben ließ, dass es doch immer wieder Wunder geben sollte.

Seine eiligen Schritte hallten auf den steinernen Treppen, als er diese hinunterhastete, jedoch darauf achtete, nicht zu stolpern. Vergessen waren die UFOs, der junge Polizist, den er in seiner Wohnung zurückgelassen hatte und auch sein Jackett, das immer noch auf dem Kleiderständer des kleinen Apartments hing. Er kam erst zum stehen, als er auf einer Türe die Nummer 1 erkannte; hier wohnte der Hauswart, welcher wohl auch eine Liste der Bewohner dieses Hauses hatte.

Er musste einfach nachsehen.

Er musste es wissen, brauchte diese Klarheit.

Das Klopfen klang so befremdet in seinen Ohren, auch wenn es ein ihm vertrautes Geräusch war. Plötzlich fühlte er Nervosität in sich aufkommen.
Wieso war er nervös?
Was war schon dabei, wenn er als Bundesagent nach der Liste der Bewohner dieses Hauses nachfragte?

Erst als die Türe vor ihm geöffnet wurde, schien er sich dessen bewusst zu sein, was er einige Sekunden zuvor getan hatte. Er hatte an die Türe dieses Mann es geklopft und dieser erwartete sich nun eine Antwort darauf, warum er um diese Zeit von seinem Fernseher geholt wurde. Er blickte aus grauen Augen zu ihm auf, nicht wissend, was sein Gegenüber von ihm wollen würde.

„Mein Name ist Fox Mulder und ich bin vom Federal Bureau of Investigation...“ begann Mulder, als ihm auch schon einfiel, dass sich sein Ausweis oben in seinem Jackett befand. Wie also sollte er sich ausweisen?
Der ältere Herr würde sich sicherlich nicht von seinen bloßen Worten überreden lassen, ihm das zu geben, was er haben wollte, auch wenn es nicht unbedingt ein Geheimnis war, wer in diesem Haus wohnte.
„Haben Sie einen Ausweis, Mister? Den sollten Sie mir nämlich zeigen, wenn Sie sich als Bundesagent ausgeben...“ meinte der ältere Herr trocken und war scheinbar nicht gewillt, eine gewisse Freundlichkeit an den Tag zu legen. Man konnte ihm förmlich ansehen, dass es diese, scheinbar unerträgliche, Hitze war, die ihn so reagieren ließ und dass es keinesfalls seinem Gemüt entsprach. Doch wo er Recht hatte, hatte er recht...
„Wissen Sie, ich habe meinen Ausweis in meinem Jackett und das habe ich...“
Mulder wurde von jeher unterbrochen, als eine ihm bekannte seine Stimme seinen Namen rief. Er drehte sich um und erkannte den jungen Polizisten, welchem er Augenblicke zuvor alleine gelassen hatte. In dessen rechter Hand flatterte Mulders schwarzes Jackett, welches er schon dachte, nun holen zu müssen.
„Das haben Sie bei mir vergessen, als Sie aus der Wohnung gestürmt sind...“ meinte der junge Mann und warf dem älteren Hauswart einen kurzen Blick zu, ehe er sich nickend verabschiedete und die Treppen wieder hinaufstieg. Nach einigen Sekunden war im Haus kein weiterer Mucks mehr zu hören.

Erleichtert über die Tatsache, dass er nun doch seine Ausweis hatte, griff er in die Innentasche seines Jacketts und holte das kleine, schwarze Rechteck heraus, um es aufzuklappen und dem Hauswart seinen Ausweis entgegenzuhalten.
Der Mann vor ihm blickte einige Sekunden auf seinen Ausweis, ehe er nickte und somit zu verstehen gab, dass Mulder nun seine Bitte aussprechen dufte; was auch immer es sein mochte.
„Ich wollte Sie fragen, ob ich eine Liste der Mieter dieses Hauses haben könnte...“ Mulders Stimme hatte nichts an Freundlichkeit verloren, auch wenn ihm nicht im Geringsten danach war, freundlich zu sein. Doch es ging um eine unbekannte Frau, welche er nicht mehr länger unbekannt sein lassen wollte.
„Warum? Ist einer von ihnen in Verdacht geraten, etwas verbrochen zu haben?“ fragte der Hauswart skeptisch nach und hob seine Augenbrauen.
„Was? Nein, nein, Sir. Auf keinen Fall. Ich würde einfach nur gerne die Namen wissen...“ Mulder gestikulierte ein wenig und hoffte, dass der Mann ihn verstehen würde. Er wollte tatsächlich nur eine Liste der Namen haben; nicht mehr und auch nicht weniger.
Nach anfänglichem Zögern drehte sich der ältere Mann dann jedoch um und Mulder konnte Papier rascheln hören. Sein Herz schien auf einmal ein paar Takte schneller zu schlagen.

Als seine Finger das Blatt Papier berührten, wurde er noch nervöser, als er es ohnehin schon war. Die Zeit schien an ihm wie in Zeitlupe vorbeizuziehen, eine Sekunde schien drei Sekunden zu dauern. Mit einem letzten Blick sah er zu dem Hauswart, der sich nun lässig an seinen Türstock lehnte, ehe Mulder einen letzten tiefen Atemzug machte und auf das Papier sah. Seine Augen flogen über die verschiedenen Nummern, ehe er an einer besonderen stehen blieb. Diese befand sich vor der Hausnummer des Polizisten.
Mit seinem Zeigefinder deutete er auf die Nummer, sodass er sie nicht wieder verlieren konnte und fuhr anschließend die Zeile entlang, ehe sein Herz für einen Atemzug aussetzte.

Unter der Kategorie ‚Namen’ stand definitiv....... Dana K. Scully.

Mulder schluckte hart und hoffte, dass er nicht beginnen würde, zurückzutaumeln oder gar ohnmächtig zu werden. Konnte es tatsächlich die Wahrheit sein?
Seine, vom Erdboden verschluckte, Partnerin, hier in Detroit? Erneut vom Schicksal zusammengeführt oder war es bloß der Zusammenstoß mehrerer Ereignisse, die zu diesem Zufall führten? Oder hatte er einfach einmal das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?
Fragen über Fragen, die seinen Geist und seine Gedanken umnebelten, sodass er Probleme damit hatte, diese neu gewonnene Information zu verdauen.
Er nahm einen tiefen Atemzug und schloss für einige Sekunden seine Augen. Als er sie wieder öffnete, stand ihr Name immer noch in derselben Zeile und in derselben Spalte. Wie viele Dana K. Scullys könnte es in Detroit geben? Noch dazu mit roten Haaren und scheinbar nicht allzu großer Körpergröße?

Er prägte sich ihre Wohnungsnummer genau ein und nahm ein letztes Mal einen tiefen Atemzug, ehe er dem Hauswart die Liste zurückgab. Seine Hände zitterten zwar nicht, dennoch fühlten sich seine Hände an, als ob er sie in einem Ameisenhaufen gelegt hätte. Sie kribbelten und für einen kurzen Augenblick dachte er schon, dass er anfangen würde zu zittern.
„Dankeschön...“ sagte er mit belegter Stimme und atmete tief durch. Er nickte seinem Gegenüber noch ein letztes Mal zu, ehe er sich umdrehte und die Treppen wieder hinaufsprintete. Mit einem Mal schien er seinem Ziel so unglaublich nahe zu sein, dass es ihm wieder unwirklich erschien. Wieso sollte sie ausgerechnet hier her gezogen sein?

Sein Atem beschleunigte sich und er spürte den kalten Schweiß, der sein Hemd plötzlich auf seinem Körper kleben ließ. So sehr er sich auch zurückerinnerte, es fiel ihm kein Augenblick ein, in welchem er derart nervös gewesen war. Wie kam das? Es war vielleicht bloß Scully.
Seine langjährige Partnerin und beste Freundin, die ihm mit einem Mal hatte sitzen lassen und der er nun, nach langen Monaten, endlich wieder gegenüberstehen konnte.

Erst da kam ihm der Gedanke, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte, sollte ihm nun wirklich seine Scully die Türe öffnen. Sollte er sie einfach umarmen? Natürlich war ihm danach, sie einfach in seine Arme zu schließen, doch wie würde sie darauf reagieren? Sie würde ihre Gründe haben, warum sie sich nicht bei ihm gemeldet hat, dessen war er sich sicher. Aber sollte er ihr Verständnis entgegenbringen oder sollte er wütend auf sie sein? Sicherlich, er war auch wütend auf sie. Wütend, dass sie einfach gegangen und ihn alleine gelassen hatte, nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten. Andererseits, würde sie aus ihren kristallblauen Augen unschuldig zu ihm aufblicken, würde er wahrscheinlich gar nicht anders können, als ihr zu verzeihen.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ich hatte beschlossen, nichts zu essen. Stattdessen hatte ich mir einen Hurrikan-Cocktail bestellt und sah zu den Menschen, die hier noch saßen. Einige saßen zu zweit an einem Tisch, andere in einer ganzen Gruppe. Sie alle lachten oder grinsten, unterhielten sich und genossen die Gesellschaft des oder der anderen.
Und ich?
Tja, ich saß alleine auf einem roten Lederhocker und trank alleine einen Cocktail. Nicht gerade das, was ich unter einem amüsanten Abend verstand, aber es war besser, als zu Hause bei lebendigem Leibe gekocht zu werden.
(Manchmal neigten wir auch zu maßlosen Übertreibungen....)

Mit meinen Fingerspitzen fuhr ich um den kühlen Rand des Glases und sah dabei auf die gelblich-orange Flüssigkeit im Inneren. Es schmeckte nicht sonderlich viel nach Alkohol, dennoch wird mir wärmer.
Ananasblätter, eine Orangenscheibe und auch eine Cocktailkirsche waren am Rand des Glases mithilfe eines kleinen, rosa Zahnstochers, oder etwas in der Art, befestigt beziehungsweise zusammengehalten.
Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass ich erst seit einer knappen halben Stunde in dem klimatisierten Raum saß und...eigentlich nichts anderes tat, als vor mich hinzustarren. Na ja, vielleicht nicht direkt starren, aber ich saß einfach bloß stumm auf dem Hocker.
Ein tatsächlich amüsierender Abend.
Vielleicht sollte ich doch öfter unter Menschen kommen. Einfach mit irgendjemanden reden und auch außerhalb meines Schützlings Freundschaften gründen, selbst, wenn ich wusste, dass diese nicht von langer Dauer sein konnten. Zumindest in Anbetracht dessen, dass ich irgendwie andauernd den Wohnsitz wechselte.

Natürlich war ich mit meinem Leben teilweise auch zufrieden, aber in manchen Momenten fand ich es schlichtweg...unbefriedigend. Was tat ich schon, außer Menschen wieder auf den rechten Weg zu bringen oder sie zu beschützen?
Es war ein wundervoller Beruf, selbst wenn ich oft nicht die Anerkennung bekam, die ich sehr gerne entgegenbekommen würde. Doch dagegen ließ sich ohnehin nichts machen...

Dreieinhalb Stunden und noch einen Cocktail später saß ich immer noch auf diesem Barhocker. Die Bar war weder voller noch leerer geworden und damit sich der Alkohol nicht allzu sehr in meiner Blutbahn bemerkbar machte, hatte ich mir doch etwas zu Essen bestellt. Es waren Potato Wedges mit irgendeiner Soße. Was genau wollte ich eher nicht wissen, aber es schmeckte gar nicht mal so übel.
Hin und wieder hatte ich mich mit dem Barkeeper unterhalten oder auch mit meinem Sitznachbarn, doch die hatten sich in den vergangenen Stunden oft abgewechselt...
Nachdem mein Hunger gesättigt war und ich meine Rechnung bezahlt hatte, blieb ich noch einige Minuten auf dem Hocker sitzen, ehe ich aufstand und auf wackeligen Beinen den Raum verließ. Ich war nicht so arg betrunken, sodass ich nicht mehr gerade stehen bzw. gehen könnte, sondern waren diese Schuhe einfach nicht zum gehen geeignet. Das war wohl auch der Grund, warum sie als ‚Cocktail-Schuhe’ angepriesen wurden. Man kann mit ihnen bloß Cocktail trinken gehen, da man dort die ganze Zeit nur saß.

Der Himmel war bereits dunkel, doch die Straßenlaternen ließen einem im Glauben, dass es noch immer helllichter Tag war. Motten und andere Insekten flogen um das Licht herum, als würden sie es anbeten wollen.
Durch das künstliche Licht sah meine Haut irgendwie unnatürlich aus. Sie war nie besonders dunkel, in der Sonne schien sie dafür heller, als sie es war. Doch nun?
Mit einem Mal legte sich ein mir bekannter Arm um meine Schulter und ich sah überrascht nach links, als eine schwarzhaarige Frau mich angrinste.
„Wie macht sich Detroit?“ fragte sie mich mit einem gewissen Unterton, den ich nur allzu kannte. Im Grunde war sie eine wirklich gute Freundin, doch manchmal kam sie nicht umhin, mich zu ärgern.
„Das weißt du doch. Wieso fragst du mich?“ antwortete ich ihr und atmete die warme Nachtluft ein. Sie grinste mich weiterhin schadenfroh an und lehnte anschließend ihren Kopf an meine Schulter. Ich mochte es, wenn sie das tat.
„Wieso schickst du mich nach L.A.?“
„Die Stadt der Engel, weißt du das denn nicht?“ war ihre ernüchternde Antwort und ich wusste nicht, ob ich mich damit zufrieden geben sollte bzw. konnte. Ich wusste auch, dass sie mich mit Absicht neckte, dennoch, man gewöhnte sich auch nach Hunderten von Jahren nicht daran.
„Oh doch, das weiß ich durchaus, aber warum nicht mal...nach Kanada oder in diese Gegend?“
„Weil ich mir dann dein Geraunze über das schlechte Wetter und den Schnee anhören dürfte. Also genieß die Sonne, und die Wärme und...“
„Du weißt ganz genau, dass ich es nicht leiden kann, wenn das Quecksilber auf über 36°C klettert und dabei eine Luftfeuchtigkeit wie in den Tropen herrscht...“ unterbrach ich sie. Meine Stimmlage war zwar freundlich, aber sie wusste, dass ich keinesfalls wirklich glücklich gestimmt war.
„Na eben. Dann sei glücklich darüber, dass ich dich nicht nach Brasilien geschickt habe. Denn, wie du weißt, es könnte noch schlimmer sein...“
Ich seufzte und setzte den Weg zu meinem Apartmenthaus fort, während sie immer noch an mir hing.

„Wieso schickst du mich schon wieder weg?“ fragte ich sie leise und hoffte, dass sie den Kummer in meiner Stimme nicht vernahm; weit gefehlt, denn sie wusste auch, wie ich mich fühlte, wenn sie nicht bei mir war.
„Süße, das ist dein Job. Ich weiß das und du weißt das. Aber ich habe dir schon öfter angeboten, dass du als Mensch auf diesem Planeten leben kannst...“
„Ich weiß, aber dafür...würdest du mir meine Erinnerungen nehmen...und mein bisheriges Leben. Ich wäre das Kind irgendwelcher Menschen, die ich nicht kenne...“
„Du würdest sie kennen lernen. Was spricht also dagegen?“
Ich warf ihr einen schnellen Blick zu und sah anschließend wieder auf den Boden. Ich wusste, dass sie meine Gedanken nicht lesen konnte, worüber ich sehr erleichtert war. Wenn sie wüsste, wie meine Gedanken manchmal aussahen, dann würde sie mir vermutlich die Entscheidung abnehmen, was das bleiben und gehen betraf.
Eine Antwort war ein einfaches Schulterzucken. Was sollte ich ihr antworten?

Wir kamen vor meinem Apartmenthaus zum Stehen. Sie stand ruhig neben mir und blickte die Hausfassade entlang.
„Dein neues Wohnhaus ist so ein Neubau. Also, nicht so was Altes wie das hier, falls du es wissen willst.“
„Was bleibt mir auch anderes übrig? Aber früher oder später hätte ich es schon gesehen, keine Sorge...“
„Als ob ich mir um dich Sorgen machen müsste...“
Lächelnd blickte sie mich an und gab mir noch einen Kuss auf meine Wange.
„Schließlich müssen wir beide deinen Ruf wahren...“ hauchte sie mir ins Ohr und nahm ihren Arm von meiner Schulter. Ich blickte ihr ein letztes Mal in ihre braunen Augen, ehe sie sich umdrehte und um die Ecke bog. Ich wusste, würde ich nun um diese Hausecke gehen, würde ich sie nicht sehen können. Es wäre so, als ob sie nie um diese Ecke gegangen wäre.
Auch die Straßen um uns herum waren wie leer gefegt gewesen, keiner war auch nur in die Nähe von uns beiden gekommen. Wahrscheinlich hatte uns auch niemand gesehen, als wie die Straße hier herunter gegangen waren. Das war immer schon immer sie mich besuchte. Vielleicht konnte man es auch Kontrollgang benennen...

Meine Armhärchen stellen sich auf, als eine Gänsehaut meinen Körper überzog. Ich wusste nicht, warum. Aber irgendwie war irgendwas anders und ich war erleichtert, als ich das kalte Metall meines Schlüssels an meinen Fingern spürte und ihn in das Schloss steckte, sodass ich die Haustüre öffnen konnte. Erst, als die Türe hinter mir zurück ins Schloss fiel, atmete ich tief durch und drückte auf einen Lichtknopf, sodass am Flur das Licht angehen würde. Es war zwar noch nicht so spät, aber die meisten Leute gingen um diese Uhrzeit weder ein noch aus. Es war eine ausgestorbene Zeit. Entweder man ging erst weg oder man kam erst nach Hause.

Meine Schuhe machten klackernde Geräusche auf dem Boden, doch ich schenkte ihnen wenig Beachtung. Weswegen auch? Mein Blick war auf den Boden gerichtet und ich suchte nach meinem Wohnungsschlüssel, der sich auch irgendwo auf diesem Schlüsselbund befinden sollte. Aber das war wieder eine Sache von suchen und finden.
Als ich dann endlich das gefunden hatte, was ich (schon beinahe verzweifelt) gesucht hatte, atmete ich tief durch und merkte, dass ich bereits in meinem Stockwerk angekommen war. Die Wände waren so fahl wie immer und im hintersten Teil des Flurs war eine Glühbirne eingegangen. Vermutlich durften die Mieter dieses Hauses nun eine Woche lang warten, ehe eine neue Glühbirne hineingeschraubt werden würde. Da ich zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr da sein werde, konnte es mir egal sein.

Ich blickte auf und mir war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Ich fiel in ein schwarzes Loch, das keine Grenzen kannte und wurde wieder ausgespuckt. Tausend Gedanken schossen mir auf einmal durch meinen Kopf und am liebsten wollte ich mich umdrehen und weglaufen. Doch es war zu spät. Durch das Geräusch meiner Absätze auf dem Boden hatte er mich bereits kommen gehört. Ich hatte mich tatsächlich verraten und nun verfluchte ich mich dafür. Es war doch unmöglich, dass er ....

Ich schluckte, nahm einen tiefen Atemzug und hörte dann, wie er meinen Namen flüsterte. Gott, am liebsten wäre ich in seine Arme gesprungen und hätte ihn nie mehr wieder gehen lassen, doch es war regelwidrig und verboten und zu allem Übermaß fühlte es sich noch nicht einmal falsch an.

Er stand auf, sein Jackett über seine Schulter gehängt und ich konnte sehen, dass auch ihm zu warm war. Sein Blick glitt meinen Körper hinunter, ehe er wieder in meine Augen sah.
Sein Blick war zwar müde, aber mit einem Mal schien so viel Freude in ihm zu stecken. Mit wenigen Schritten stand er mir direkt gegenüber und ich konnte sogar noch sein Aftershave riechen. Zwar nur mehr sehr schwach, aber der Geruch war vorhanden.
Meine Knie wurden immer weicher...
„Scully...“ sagte er noch einmal, mit einer Sanftmut, die ich eigentlich nicht von ihm gewohnt war.

Vor mir stand wahrhaftig Fox Mulder.



†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Außer Atem kam er vor ihrer Haustüre zum Stehen und klopfte zaghaft an das Holz. Doch hingegen seiner Vermutungen und Hoffnung tat sich auf der anderen Seite nichts. Er klopfte ein weiteres Mal, diesmal stärker. Doch auch dieses Mal blieb die Antwort aus.
Mit einem Seufzen lehnte er seine Stirn an das kühle Holz und schloss seine Augen. Er hatte gehofft, sie in ihrer Wohnung anzutreffen, doch scheinbar war ihm das Glück nicht hold. Natürlich hatte er auch gehört, wie sie angeblich ihre Wohnung verlassen hatte. Er sah kurz auf seine Armbanduhr, um festzustellen, dass es noch nicht mal achtzehn Uhr abends war.
Wenn sie tatsächlich erst vor einer Viertelstunde das Haus verlassen hatte, dann würde er vermutlich noch einige Zeit vor ihrer Türe warten müssen.

Mulder dachte sogar daran, in der Zwischenzeit einfach in sein Motelzimmer zu fahren, doch die Gefahr, dass er sie verpassen würde, wäre für ihn einfach zu groß gewesen. Zumal, wenn er vor ihrer Türe wartete, konnte sie ihm eben jene nicht vor der Nase zuknallen, sollte sie mit seinem Besuch nicht einverstanden sein.
Mit einer beinahe verzweifelten Geste fuhr er mit seiner linken Hand durch seine Haare, seine Augen hatte er geschlossen.
Pochender Schmerz machte sich bei seinen Schläfen breit, sodass er mit Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand seine Schläfe massierte. Doch der Schmerz blieb.
Zu seinem pochenden Schmerz machte sich auch das Schlagen seines Herzens auf sich aufmerksam. Er hatte das Gefühl, als ob man das stetige, jedoch aufgeregte Klopfen auch in der Wohnung gegenüber hören würde, da sein Muskel hart gegen seine Rippen hämmerte.
‚Was für ein alberner Gedanke’ schallte er sich selbst und schüttelte über seinen absurden Gedanken den Kopf.
Scully würde diesen Gedanken vermutlich selbst amüsierend finden, würde er ihr diesen mitteilen.

Bei dem Gedanken an seine ehemalige Partnerin schien sein Herz auf einmal nicht mehr am rechten Fleck zu schlagen, sondern zu seinem Hals gewandert zu sein.
Er schluckte hart und hoffte so, dass dieses seltsame Gefühl enden würde, doch dem war nicht so. Sein gesamter Körper schien aufgeregt und nervös zu sein, obwohl es noch Stunden dauern könnte, ehe sie wieder kommen würde.
Wie würde er dann reagieren, würde er ihr erst einmal gegenüberstehen?
Würde er in Ohnmacht fallen oder einfach den Coolen mimen?

Er lehnte seinen Rücken gegen die fahl angemalte wand und ließ sich langsam auf den Boden gleiten, wobei der Stoff seines Hemdes ein markantes Geräusch von sich gab, als der Stoff über die Mauer glitt.
Seinen Kopf legte er, soweit er konnte, in den Nacken, als dieser ebenfalls an der Mauer lehnte. Sein Blick glitt zu der Decke, die einst einmal weiß gewesen sein musste. Nun glich es eher vergilbtem Pergament, versehen mit Rissen unbestimmten Alters.
‚Warum sollte Scully in ein Haus wie dieses ziehen?’
Mulder erinnerte sich an die stilvoll eingerichtete Wohnung seiner Freundin zurück, die nichts unversucht ließ, ihr zu Hause so gemütlich wie möglich zu gestalten. Auch das Wohnhaus, in dem sie gelebt hatte, hatte so viel Stil wie sie gehabt. Es war immer sauber und der Hausmeister hatte stets darauf geachtet, dass alles in Ordnung war.
Auch wenn sie nicht beim FBI geblieben war, so hätte sie wohl eine Stelle als Ärztin oder Pathologin annehmen können; in beiden Berufen verdiente man genug, um sich auch ein kleines Vorstadthäuschen zu mieten oder gar zu kaufen.

Hoffnungsvoll warf er einen weiteren Blick auf seine Armbanduhr um festzustellen, dass gerade fünf Minuten vergangen waren. Es waren zwar mehr, als er erwartet hatte, dennoch war er sich nicht sicher, wie lange er hier nun auf dem Flur neben ihrer Haustüre sitzen würde.
Er konnte das Zuschlagen einer Türe vernehmen, die wohl einen Stock höher oder tiefer liegen musste. Gefolgt war dieses Geräusch von Schritten auf dem aufgewärmten Linoleumfußboden. Es waren wohl zwei Menschen, die Schritte verebbten und das, Mulder bereits vertraute, ‚Ping’ des Aufzuges ertönte.
Erst in diesem Moment wurde Mulder bewusst, dass Scully durchaus auch in Begleitung wieder nach Hause kommen könnte bzw. vielleicht war sie bereits in Begleitung fortgegangen. Ein Verehrer, der vor der Haustüre mit einem Strauße Rosen bereits auf sie wartete...
Der Agent wollte diesen Gedanken erst gar nicht weiterspinnen und hoffte, dass sich dieser durch das Schließen seiner Augen verflüchtigen würde. Doch stattdessen zeigte sich ihm ein Bild, dass er noch weniger sehen wollte...vielleicht war seine zierliche Partnerin ja aufgrund einer Beziehung umgezogen. Es war in seinen Augen zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Sie war eine wunderschöne, junge Frau. Weswegen sollte sie also ihr Leben in ‚seinem’ Kellerbüro verbringen, wo sie doch eigentlich so viel mehr haben konnte?

Immer mehr Zweifel keimten in ihm auf, ob es denn überhaupt richtig sei, dass er nun dort saß und auf sie wartete, oder ob alles bloß Zeitverschwendung war, weil sie diese Nacht vielleicht gar nicht mehr zurückkommen würde.
Er stellte eines seiner Beine auf, stütze seine Stirn in seine rechte Hand und lehnte seinen Ellbogen an sein Knie. Verzweiflung und Panik machten sich in ihm breit, sodass er schon beinahe so weit war, aufzustehen und die Sache so bleiben zu lassen, wie sie war. Scully sollte weiterhin hier in Ruhe wohnen können, ohne irgendwie Angst davor haben zu müssen, er könne auf einmal vor ihrer Türe stehen und er würde sich damit zufrieden geben, dass sie scheinbar nichts mehr von ihm wissen wollte.

Fragen drängten sich ihm auf; weshalb war sie damals tatsächlich gegangen? Hatte sie ihre Arbeit satt? Ihr Leben? Ihn?
Wenn es tatsächlich so war, weshalb hat sie dann mehr als einmal ihr Leben für ihn riskiert, wenn er ihr nichts bedeutet hatte? Wenn ihr Job ihr nichts bedeutet hatte....
Sie hätte jederzeit kündigen können...tja, bis sie es dann wahrgemacht hatte. Sie war versetzt worden, doch scheinbar hatte sie beim FBI gekündigt und war nach Detroit gezogen, um dort ein neues Leben beginnen zu können. Ohne ihn.
Sie hatte sich nicht bei ihm gemeldet, obwohl sie es ihm versprochen hatte. In seiner Ratlosigkeit hatte er auch bei ihrer Mutter angerufen, doch diese Nummer schien es nicht mehr zu geben. Er hatte auch nach ihrer Mutter gesucht, doch nirgends war eine Margarete Scully gemeldet, zumindest nicht die, die er kannte. Oder geglaubt hatte zu kennen.
Natürlich hatte er auch daran gedacht, dass ‚die’ sie vielleicht haben verschwinden lassen, aber was würde ihnen das bringen?

Die Sekunden wurden zu Minuten, die Minuten zu Stunden, ehe er nach eine, wie es ihm schien, Ewigkeit auf seine Armbanduhr sah und bemerkte, dass es bereits kurz nach einundzwanzig Uhr war. Wie lange sie wohl noch fort sein würde?

Er hatte seine Stirn auf seine Knie gelegt, als ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken schreckte. Es hörte sich an wie die schwere Holztüre unten im Parterre, die einem Zugang zu diesem Haus gewährte. Als das Krachen der Türe still war, konnte er das Klacken von Schuhen mit Absatz ausmachen. Er wartete und sah in Richtung des Aufzuges.
Der Takt, in dem diese Klackgeräusche an sein Ohr drangen, kam ihm vertraut und ziemlich bekannt vor, sodass sein Herz einen weiteren Sprung machte. Immer wieder hörte er es, auf einer Ebene gehend, die Treppen hinaufsteigen.
Erneut schien sein Herz zu schnell für seinen Körper zu schlagen.

Er stand auf, hängte sich sein Jackett über seine Schulter und wartete. Die Schritte kamen immer näher und je näher diese kamen, desto lauter schien sein Herz zu schlagen. Er hatte schon Angst, dass er auf diesem Flur kollabieren würde.
Sein Blick traf sie, wie sie einige Meter von ihm entfernt auf dem Flur stand, einen Jeansrock und eine weiße Bluse tragend. Unter ihrem Arm hatte sie eine Handtasche eingeklemmt und in ihrer Hand hielt sie einen silbernen Schlüsselbund, der im Flurlicht glitzerte.
Ihre Augen waren vor Überraschung und Schreck geweitet, ihre Pupillen verengt. Langsam trat er einige Schritte auf sie zu und vernahm aus der Ferne eine ihm bekannte Stimme; seine eigene. Er hatte ihren Namen gesagt, ohne es wirklich zu bemerken.
„Scully...“ sagte er noch einmal sanft und wollte schon ihre Wange berühren, hielt sich selbst dann jedoch ab. Er hatte Angst, dass sie eine bloße Halluzination sei, die von ihm in seinem Gehirn vorgetäuscht würde, aufgrund seiner langen Suche nach ihr.

Seine rothaarige Ex-Partnerin stand weiterhin regungslos vor ihm, ehe ein Geklimper sie beide aus ihren Gedanken riss. Sie sahen nach unten und bemerkten Scullys Schlüsselbund, denn sie in ihrem Schock hatte fallen lassen.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ich schluckte und hoffte, dass ich Herrin meiner Sinne bleiben würde. Mich beschlich das dringende Bedürfnis, ihm einfach um den Hals zu fallen und ihn nie mehr wieder gehen zu lassen.
Nach all dieser Zeit stand er nun vor mir, kam aus dem Nichts und ich hoffte, dass er nicht wieder gehen würde, auch wenn ich diejenige war, die ihn verlassen hatte und einfach verschwunden war.
Mit einer langsamen Bewegung machte er einen weiteren, den letzten, Schritt, auf mich zu. Ich vernahm das Rascheln seines Jacketts, als es auf den Boden segelte und dort unberührt liegen blieb. Alles schien auf einmal wie in Zeitlupe abzulaufen, seine Bewegung, mein Atemzug, mein Herzschlag. Mir war fast so, als könnte ich seinen Herzschlag synchron mit meinem schlagen hören. Mein Körper versteifte sich, mein Blick schien für einen kurzen Moment ins Leere zu gleiten, ehe ich seine Nähe und Wärme so intensiv wie noch nie zuvor spüren konnte. Seine Arme schlangen sich um meinen Rücken, hielten mich mit einem bestimmten Druck an sich gehalten, sodass ich nicht gehen konnte, selbst, wenn ich es gewollt hätte. Doch das wollte ich nicht. Wie könnte ich es wollen?

Sein Körper war auf einmal so nahe an meinem. Ich konnte sein Herz tatsächlich schlagen fühlen, als ich meine Hand auf seine Brust legte, jedoch nicht, um ihn wegzuschicken. Sein Gesicht legte er an die rechte Seite meiner Halskuhle und ich spürte seinen regelmäßigen, warmen Atem an meiner Haut, die ebenfalls aufgewärmt von der Außentemperatur war.
Seine Nase drückte ein wenig gegen meine Haut und ich spürte seine Lippen, die auf einmal ebenfalls auf mir lagen.

Er küsste meinen Hals!
Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, aber er hat es getan.

Vermutlich riss ich meine Augen auf und starrte ins Leere, doch so richtig bemerken tat ich es nicht. Ich schien erstarrt in seinen Armen zu stehen, gefangen von der Magie dieses Moments. Ja, Magie. Ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben sollte. Seine Hände auf meinen Schulterblättern, er selbst einfach so nahe bei mir. Mit einer langsamen Bewegung trennte er sich wieder von mir, ließ mich jedoch nicht los. Seine Hände wanderten von meinen Schulterblättern hinauf zu meinen Schultern, verweilten dort einen kurzen Moment, ehe sie über meinen Hals strichen und schließlich auf meinen Wangen zum liegen kamen. Seine Daumen strichen ein wenig über meine Haut und hinterließen ein feuriges Kribbeln. Ich wusste, dass ich nicht so fühlen, dass ich nicht so empfinden durfte, aber was sollte ich gegen meine Gefühle schon ausrichten?

Wie konnte er mich eigentlich finden?
Es war doch ein Ding der Unmöglichkeit, dass er mich hier hätte finden können. Ich war nicht gemeldet, zumindest nicht so, dass er es herausfinden könnte. Ich wusste, dass die von ‚Oben’ immer dafür sorgten, dass uns unsere Schützlinge nicht folgen bzw. finden können.
Haben sie dieses Mal schlechte Arbeit gemacht?
Nein.
Das konnte nicht sein.
Die letzten Jahrhunderte über haben sie niemals einen Fehler gemacht. Seit Anbeginn der Zeit, in der sich Schutzengel auf diese Art und Weise um Menschen kümmerten, machten sie ihren Job gut und verhinderten weiteren Kontakt.
Oder war Mulder aufgrund einer bestimmten Sache hier? Bestimmt von ‚Oben’? Wieso hatte mir das niemand gesagt, wenn es so war?
Verwirrt blickte ich in seine Augen und hoffte, eine Antwort darin finden zu können. Irgendeinen Anhaltspunkt, der mir zeigen würde, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag. Oder einfach eine Gefühlsregung, die mich wissen ließ, was hier los war. Warum dieser Mann, den ich die letzten Monate so schmerzlich vermisst hatte, nun in dem Flur dieses alten Hauses stand und mein Gesicht in seinen Händen hielt.

Ich konnte Gefühle in seinen Augen erkennen und sie ließen mich schlucken, als ich Tränen in ihnen glitzern sehen konnte. Gott, er weinte ja oder zumindest war er kurz davor.
Ich konnte ihm nur allzu gut nachempfinden, wie er nun fühlen musste, denn ich fühlte genauso. Ich wünschte bloß, dass ich ihn umarmen und nie wieder loslassen müsse. Doch ich wusste es besser, ich habe es all die Male zuvor besser gewusst, mit dem Unterschied, dass ich mir bei ihm eine Schwäche erlaubte, in der ich es mir selbst gestattete, ihn zu lieben.

Liebe war keine Schwäche. Liebe war eine Stärke, die sich allerdings schneller als man oftmals glaubte, in eine Schwäche verwandeln konnte. Es ist etwas, über das niemand gerne sprach, aber Liebe tat oft weh und ich wollte diesen Schmerz nicht, wer will ihn schon?
Ein Engel will ihn mit Garantie nicht, darum war ich all die Jahre stets bemüht, das Verhältnis zu meinen Schützlingen zwar auf Freundschaft basieren zu lassen, jedoch niemals darüber hinaus zu schreiten.
Bei ihm habe ich dieses, mein inneres, Gesetz, nicht eingehalten. Ich habe angefangen, ihn zu lieben und zwar auf eine Art, die mir nicht genehmigt war.

Als ich gegangen bin, hatte ich das Gefühl, wieder Herrin meines Handelns und meiner Gedanken zu sein, doch das hielt nicht lange. Ich hätte es ja eigentlich wissen müssen. Immer öfter schlich er sich in meine Gedanken, ja selbst in meine Träume. Ich habe so oft davon geträumt, ihn endlich wieder zu sehen; habe davon geträumt, niemals gegangen zu sein.
Mit einem Mal schienen diese Träume bzw. Alpträume von einer Nichtigkeit, von der ich nie wusste, dass ich sie empfinden würde, denn in diesem Moment waren sie egal; nun waren sie Vergangenheit, denn ich war mir sicher, dass er es nicht zulassen würde, dass ich in ein paar Stunden nach Los Angeles fliegen würde.

„Mulder, was tust du hier?“ hörte ich meine Stimme flüstern und ich wusste, dass das die falsche Frage war. Doch er würde sie nicht in den falschen Hals bekommen, dessen bin ich mir sicher. Ich wusste bloß einfach nicht, was ich ihm sagen sollte. Schließlich konnte ich ihm nicht meine Liebe gestehen. Ein absurder Gedanke, denn er dürfte ja eigentlich gar nicht hier bei mir sein.
„Ist das alles?“ fragte er betrübt. Ich konnte den Schmerz in seiner Stimme hören, denn auch wenn er wusste, dass ich ihn viel lieber tausend andere Sachen gefragt hätte, so war in dieser Frage eine gewisse Distanz, die ich immer noch zu wahren bemüht war.
Meine Nase fing an zu kribbeln und ich wusste ganz genau, dass das ein Zeichen dafür war, dass auch ich den Tränen nahe war. Um meine Ruhelosigkeit und Aufgewühltheit zu überspielen, griff ich mit meinen Händen nach oben und legte sie auf seine, die immer noch auf meinen Wangen lagen. Seine Hände fühlte sich so angenehm warm an...
„Lass uns in meine Wohnung gehen...“ meine Stimme war weder lauter noch kräftiger geworden, aber ich hatte immer noch das Gefühl, als ob der Boden unter mit wackeln und beben würde. Ich schluckte hart und konnte ein Nicken von seiner Seite registrieren.

Der erste Schritt war scheinbar schon einmal getan und so löste er sich langsam von mir, um mir so den Weg zu meiner Wohnung frei zu machen.
Mit einer flüssigen Bewegung hob ich meinen Schlüsselbund auf und drückte das Metall in meine Handinnenfläche, sodass ich den Schmerz fühlen konnte, den das gezackte Eisen auf meiner Haut verursachte. Es war ein Zeichen von Leben. Ich konnte mir also sicher sein, dass ich nicht träumte.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, um so zu meiner Wohnungstüre zu kommen, die sich auf einmal immer weiter nach hinten bewegte. Wie eine Fata Morgana...
Ich nahm erneut einen tiefen Atemzug und warf einen kurzen Blick hinter mich. Mulder hob gerade sein dunkles Jackett wieder vom Boden auf und folgte mir unverzüglich, sodass ich meinen Blick wieder nach vorne richtete, um festzustellen, dass sich meine Türe in den vergangenen Hundertstelsekunden nicht weiter von mir fort bewegt hatte.
Meine Finger zitterten mehr als mir lieb war und ich dankte Gott im Inneren, dass ich es schaffte, meinen Wohnungsschlüssel gleich beim ersten Versuch in das vorgesehene Schloss zu stecken. Ich wusste, dass Gott meine Gebete durchaus auch hören konnte, selbst, wenn ich sie nicht laut aussprach. Sie war eben Gott und genau das machte sie aus...(was sie nicht dazu befähigte, meine privaten Gedanken zu hören...so eine kleine Notiz am Rande)

Meine Wohnungstüre ging lautlos auf und gab den Blick auf meine kleine Wohnung frei, die im vollkommenen Dunkel lag. Es war eine wirklich kleine zwei Zimmer Wohnung, in der das Wohn- und das Schlafzimmer ein und derselbe Raum waren, eine Küche war angrenzend und das Bad samt WC extra.
Ich hatte mein Fenster gekippt, ehe ich gegangen war und ein lauer Luftzug, entstanden dadurch, dass ich die Eingangstüre geöffnet hatte, ließ den weißlich durchsichtigen Vorhang tanzen. Es war ein gespenstischer Anblick, wenn ich so darüber nachdachte, aber die Hand, die sich auf einmal auf meinen Rücken legte, ließ mich zurück in die Realität kehren und war auch dafür verantwortlich, das tausend Schmetterlinge in meinem Bauch zu tanzen schienen.

Ich spürte seine Blicke in meinem Rücken, ehe er sich umsah. Erst da fiel mir bewusst auf, wie leer meine Wohnung bereits wieder war und Mulder war keinesfalls ein Mensch, der dieses Zeichen missverstehen würde. Mit einem Mal spürte ich ein Schamgefühl in mir aufkommen; er musste vermutlich sonst was von mir denken.
„Sind Sie erst vor kurzem hier eingezogen?“ hörte ich seine Stimme, näher bei mir, als mir lieb war. Ich schluckte und drehte mich langsam um. Wenn er glaubte, dass ich erst vor kurzer Zeit hier eingezogen war, dann würde er es mir vielleicht doch nicht so übel nehmen, wenn ich bald in L.A. bin. Andererseits...konnte ich ihm das ein weiteres Mal antun? Ihn einfach so alleine lassen, ohne eine Nachricht?
„Ja... na ja, noch nicht so kurz, aber bisher hatte ich noch keine Zeit, mich hier wirklich einzurichten...“
Seine Blickte schweiften prüfend durch den Raum, ehe er in meine Augen sah. Es war dunkel im Raum und so sahen seine Augen beinahe schwarz aus. Was er wohl gerade dachte?
Wusste er, dass ich log? War er deswegen wütend?
Oder glaubte er mir?
Ich seufzte und strich mir gedankenverloren eine Haarsträhne hinter mein linkes Ohr. Ich hoffte so sehr, dass er keine weiteren Fragen stellen würde. Das würde bloß zu Unannehmlichkeiten führen.

„Wieso haben Sie einfach gekündigt? Ich meine, weshalb haben sie komplett beim FBI aufgehört und warum haben Sie sich niemals bei mir gemeldet?“
Ich konnte die Wut in seiner Stimme hören, die aufzukeimen begann. Das konnte ich ihm noch nicht einmal verübeln, denn er hatte allen Grund, wütend auf mich zu sein. Aber musste er mir ausgerechnet nun eine Standpauke halten? Ich war bereits verwirrt genug über die Tatsache, dass er vor mir stand und mich mit diesem Blick ansah.
„Mulder, ich war damals in Salt Lake City...und mir wurde einfach bewusst, dass ich diese Arbeit dort nicht tun konnte. Dass diese Arbeit nicht die war, die mich...erfüllte. Darum habe ich gekündigt.“
Ich schluckte, dennoch schien mein Mund so trocken wie die Katakama. Oder die Sahara...
„Das erklärt natürlich auch, warum Sie sich nie bei mir gemeldet haben, oder?“ fragte er mit einem gewissen Zynismus. Ich sah auf den Boden, konnte ihm einfach nicht in seine Augen sehen. Er würde sofort erkennen, was in mir los war; was ich dachte.
„Halten Sie mir keine Vorschriften, wie ich mein Leben zu leben habe, Mulder...“ ich wusste, dass ich nicht fair war. Aber ich konnte ja wohl schlecht sagen ‚Hey, Mulder. Sorry, dass ich mich nicht gemeldet habe, aber ich war dein Schutzengel aber ab nun darf ich keinen Kontakt mehr zu dir haben...’
„Wie haben Sie mich gefunden?“ fragte ich ihn nun in einem neutralen Tonfall, sodass er mich vielleicht nicht anschnauzen würde. Weit gefehlt. Von der Sanftmut und Gutmütigkeit meines ehemaligen Partners war nichts mehr zu spüren. Nun war nur mehr der blanke Hass auf mich übrig geblieben, der sich zwar wieder verziehen würde, doch nun herrschte er vor.
„Wie ich Sie gefunden habe?! Ist das alles? Ist das, bei Gott verdammt, noch mal alles, was Sie interessiert? Vor zig Monaten sind Sie einfach gegangen, haben sich einfach aus dem Staub gemacht. Zuerst habe ich ja noch geglaubt, dass Sie wieder kommen würden, aber als Sie sich dann nicht gemeldet haben, dann habe ich gehofft, dass Sie in Salt Lake City bleiben, aber mir vielleicht trotzdem einmal alle Schaltjahre eine Nachricht zukommen lassen! Himmel, Herrgott, Scully, ich wäre schon mit einem Brief zufrieden gewesen, in dem hätte stehen können ‚Ich lebe!’“
Seine letzten Worte schrie er mir so sehr entgegen, dass ich zusammenzuckte und einen Schritt rückwärts machte. Dass er mir Angst einjagte, schien er zu bemerken, denn augenblicklich seufzte er und als ich aufsah, schluckte er und strich sich mit seinen Händen über sein Gesicht.
„Tut mir leid...Scully, es tut mir leid...“ hörte ich ihn zwischen seinen Händen nuscheln, ehe er sich umdrehte und mit seiner rechten Faust gegen eine Wand schlug. Ich zuckte erneut zusammen.


Er hatte Recht.
Er hatte definitiv Recht.
Ich würde auch sauer auf mich sein, aus seinem Blickwinkel betrachtet. Doch mir waren damals die Hände gebunden, wie sollte ich denn anders handeln? Wie konnte ich anders handeln, wenn meine Befehle von ganz oben kamen? Von einer Macht, von der dieser Mann noch nicht mal zu träumen wagte?

„Mulder?“ ich flüsterte seinen Namen, da ich nicht wusste, in wie weit er ansprechbar war. Vermutlich noch gar nicht.
Ich nahm an, dass er wahrscheinlich sogar zu wütend war, um mich überhaupt wahrzunehmen. Nun wünschte ich, dass er mich niemals gefunden hätte, dass er einfach in D.C. geblieben wäre, um dort seinen grauen Männchen nachzujagen. Das wäre uns beiden leichter gefallen, selbst, wenn wir uns dann nie wieder gesehen hätten.
Langsam machte ich einige Schritte auf ihn zu, sodass ich ihm zwar näher sein konnte, aber nicht in Gefahr lief, seine Faust womöglich in mein Gesicht zu bekommen. Ich würde es ihm nicht zutrauen, aber ich wusste, wenn er wütend war, dann konnte er unberechenbar sein.
Erst, als ich neben ihm zum stehen gekommen war, traute ich mich, meine linke Hand auf seine Schulter zu legen, und übte ein wenig Druck auf seine warme Haut unter meiner Handinnenfläche aus, sodass er mich ansehen musste. In seinem Blick lagen Trauer und Schmerz, aber auch Wut und etwas, dass nach Erlösung aussah.

Augenblicklich schien er wie ausgewechselt.
Nun wurde ihm scheinbar bewusst, was er getan hatte, wie er sich verhalten hatte, sodass er seinen Kopf ein wenig schüttelte und erneut eine leise Entschuldigung nuschelte. Als ob ich ihm deswegen böse sein könnte, konnte ich es ihm doch so gut nachempfinden. Mit einem leichten Augenverdrehen signalisierte ich ihm, dass es bei weitem nicht so schlimm gewesen war, schließlich wusste ich um sein Temperament, vor allem, wenn ich der Grund dafür war. Umso mehr entschädigte er mich mit seinem Verhalten, als er erneut seine Arme um mich legte, diesmal jedoch ohne Druck auf meinen Körper auszuüben, der neben seinem so klein zu sein schien.
Seine großen Hände strichen meinen Rücken auf und ab, verweilten eine Weile an meinem Steiß, ehe er sie auf meine Hüften legte und seine Stirn an meine legte. Ich wusste diese Geste durchaus zu schätzen, da ich wusste, wie sich ein Fox Mulder verhielt, wenn er sich wirklich ernsthaft entschuldigen wollte. Und so hatte ich ihn noch nie gesehen. Zumindest hatte er sich noch nie auf eine solch intensive Art und Weise bei mir entschuldigt. Damit konnte man sogar mich noch überraschen.

„Lassen Sie sich uns setzen, Mulder, hm?“ meine Stimme wirkte ein wenig zittrig, was ich auf meine weichen Knie zurückführte. Ich war einfach immer noch ein wenig ... benommen. Er nickte kurz und so leicht, dass ich für einen kurzen Moment gedacht hatte, ich würde mir diese Bewegung bloß einbilden.
Bedacht ging ich mit ihm zu meinem Bett, das die einzige Sitzfläche in meiner Wohnung bot, da mein Tisch und meine Sessel bereits ‚weg’ waren. Mit einem leisen Seufzen ließ er sich auf meiner Matratze nieder und sah mit einem herzzereissenden Blick zu mir auf, den ich ebenfalls nur zu gut kannte. In meinem Inneren hatte ich diesem Blick den Namen ‚Dackel- bzw. Hundeblick’ gegeben, weil es der Blick war, mit dem er mich für gewöhnlich zu allem rumkriegen konnte.
„Die Nacht ist noch jung, Mulder. Wollen Sie etwas zu trinken?“ Ich kratzte mich ein wenig am Handgelenk. „Ich habe schon meinen Wasserkocher, ein paar Tassen und Teebeutel. Leider keinen Zucker, den habe ich heute...“
„...dem netten Officer-Nachbarn gegeben, ich weiß...“ unterbrach er mich und entlockte mir dadurch ein kurzes Lächeln. Dieser Mann vor mir war in der Tat immer wieder für eine Überraschung gut.
„Erwischt. Also, haben Sie Lust auf ungesüßten Tee?“ Ich hob provokant eine Augenbraue, die ihm normalerweise ein Signal von Herausforderung übermittelte. Ich hatte auch mein skeptisches Augenbrauenheben, aber das war nun nicht angebracht.
„Na dann immer her mit diesem übergesunden Gesöff...“


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Sich eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr streichend, richtete Scully sich auf und schlurfte in Richtung Küche. Sie goss Wasser in den weißen Wasserkocher und drückte anschließend auf den roten Knopf.
Während sie aus der Kochnische ging, um sich ihre Schuhe auszuziehen, stützte sich Mulder an seinen Armen auf die Matratze und sah sich weiterhin um. Die Wände der Wohnung waren weiß und so wenig erinnerte ihn an die heimelige Gemütlichkeit von der Wohnung, die Scully in D.C. bezogen hatte. Dort hatte man sich sofort zu Hause gefühlt, die Wohnung war in warme Farben gehüllt und bot genug Plätzchen, um es sich bei einem guten Buch mit einem Glas Wein gemütlich zu machen.
Das Apartment, in welchem er sich nun befand erinnerte ihn eher an eine Zwischenstation, sodass sie wenigstens ein Dach über den Kopf hätte, ehe sie weiterreisen würde.
Vielleicht würde sie das auch, verheimlichte es ihm aber, aus Gründen, die er nicht bestimmt war zu wissen. Mit einer fahrigen Bewegung fuhr er sich über seinen Unterarm, ehe er sich wieder nach Scully umsah, welche ihre weiße Handtasche gerade auf das bisschen Arbeitsfläche der Kochnische legte. Innerhalb des weißen Wasserkochers konnte Mulder es bereits kochen hören, was ihn dazu bewegte, aufzustehen und ebenfalls in die kleine Küche zu gehen. Schließlich konnte er hier nicht einfach auftauchen und sich dann von vorne bis hinten bedienen lassen.
„Wo sind die Tassen?“ Seine Stimme hatte wieder einen normalen Tonfall angenommen, wodurch er Scully ein weiteres, scheues Lächeln entlocken konnte.
„Sie sind oben...“ sie deutete mit ihrem Kopf auf einen Küchenkasten, der ein wenig oberhalb hing. Mulder öffnete die weiße Flügeltüre und holte zwei weiße Tassen heraus. In dieser Wohnung schien alles weiß zu sein...dachte er bei sich, ehe er die Tassen auf die Arbeitsfläche abstellte und Scully zwei Teebeutel hineinhängte, deren Inhalt schon jetzt rötlich aussah.
„Wieso bist du hier, Mulder?“ fragte sie ihn leise und erhoffte sich nun eine Antwort auf ihre Frage. Es war ihr wirklich wichtig, seine Beweggründe zu kennen. Er hatte sie in den letzten Monaten nicht gefunden, warum war er ausgerechnet jetzt hier aufgetaucht?
Dass sie ihn mit einem Mal duzte, fiel ihr nicht sonderlich auf. Es schien plötzlich so normal, ihn zu duzen, als ob sie ihr Leben lang nichts anderes getan hätte.
„Na ja, ich habe monatelang nach dir gesucht...und auch suchen lassen. Deine Mum konnte ich nicht erreichen und auch sonst warst du nirgendwo gemeldet. Die Jungs hatten dann die Idee, dass du das FBI verlassen hättest und nun ... irgendwas anderes machen würdest. Sie lagen damit scheinbar ziemlich nahe an der Wahrheit...“
„Das erklärt nicht, weshalb du hier bist...“ unterbrach sie ihn und goss das bereits kochende Wasser in die beiden weißen Tassen. Augenblicklich verfärbte es sich rot, glich einem See, in den Blut gegossen wurde.
„Nein...nein, das tut es nicht...“ haspelte er und räusperte sich. „Ich...ich bin hier, weil Skinner mir einen Fall gegeben hat. UFOs. Dein Nachbar. Dein Nachbar hat beim FBI angerufen, dieser Officer...Graig Morris. Er hat angerufen, weil er hier in der Nähe UFOs gesehen hat und darum...darum bin ich hergeflogen...“
Sie musterte ihn, um in seinen Augen zu lesen und zu erkennen, dass er ihr die Wahrheit sagte. Er hatte sie nicht weiter verfolgt gehabt, denn es wäre ihm nicht möglich gewesen, sie in Detroit zu finden. Das hätten die von ‚oben’ mit Garantie nicht zugelassen; weshalb also konnte er sie finden? Wie konnte er in Kontakt mit einem Mann treten, der ihr Nachbar war?
Es war ihr unverständlich und sie versuchte weiterhin, hinter dieses Geheimnis zu kommen, wollte ihm jedoch nicht das Gefühl geben, dass sie über etwas nachdachte.
„Nimm deine Tasse und lass uns zurückgehen...“
Ohne auf seine Antwort zu warten, griff sie mit ihren Händen nach ihrer Tasse, um die Wärme, die durch das Porzellan drang, in sich aufzunehmen. Es war keineswegs kühl in der Wohnung, dennoch genoss sie diese Wärme...

Erst als sie sich beide ohne Worte auf die Matratze niedergelassen hatten, ergriff Mulder das Wort.
„Weißt du, dass wir uns nun geduzt haben?“
Es war eine einfache Frage, aber dennoch wog sie mehr, als ein Außenstehender erahnen könnte. Die gemeinsamen Jahre über hatten sie sich niemals das Du angeboten, aus Angst vor Zurückweisung. Es wäre einfach zwischen ihnen aufgrund dessen zu persönlich geworden, auch wenn sie vieles miteinander erlebt hatten. Das unpersönliche Sie ließ sie einfach den nötigen Abstand wahren, somit konnte es keine Verletzten geben. Doch nun? Niemand hatte es dem anderen angeboten, sie hatten es einfach verwendet.
„Ja...ich weiß. Ich weiß auch nicht, es war...“ begann Scully, doch Mulder unterbrach sie mit einem sanften ‚Sssshhhh...’
Sie sah zu ihm und konnte das leichte Lächeln auf seinen Lippen erkennen. Er hatte Recht; es war irrelevant, weshalb sie sich nun duzten. Wichtig war, dass sie sich nun scheinbar wieder gefunden hatten, selbst wenn es besser war, das Mulder nicht wusste, was ihre Aufgabe war.
Was wäre aber, wenn sie nach L.A. gehen würde?
Würde er sie auch dort wieder finden? Würden ihre Leute ihr in den Rücken fallen und es Mulder ermöglichen, sie erneut zu finden? Oder war das hier einfach nur ein Glücksfall gewesen? Ein Streich?

„Was hast du all die Monate gemacht?“ fragte er sie mit beinahe flüsternder Stimme und nippte dabei an seiner weißen Tasse. Das rote Getränk schien ihm fast seine Lippen zu verbrennen, doch er spielte den Schmerz hinunter. Er war zu sehr von der Magie des Moments gefangen, den er mit dieser wunderschönen Frau teilen durfte. Er war nicht gewillt, sie erneut gehen zu lassen. Dafür hatte er zu lange nach ihr gesucht.
„Na ja, ich bin...Ärztin. Hier in einem Krankenhaus. Nichts Spezielles...“
Mulder lächelte sie an und erntete einen verwirrten Gesichtsausdruck ihrerseits.
„Was ist los? Warum siehst du mich so an?“
Angesteckt von seinem Lächeln, verzog auch sie ihre Mundwinkel nach oben.
„Weiß du, es überrascht mich nicht, dass du Ärztin bist. Darauf habe ich auch getippt. Schließlich ist es das, was du am besten kannst. Und da du beim FBI aufgehört hast, schein das die einzige Arbeit zu sein, die du machen wollen würdest...“
Mit geröteten Wangen blickte sie auf ihre Tasse hinunter und beobachtete etwas die rote Flüssigkeit, die darin herumschwappte.
„Du bist also immer noch der Profiler, hm?“ sagte sie mit schüchterner Stimme und blickte erneut zu ihm auf, um seinen Blick zu begegnen. Er lächelte sie immer noch an, ehe er ein wenig nickte.
„Na ja, was sollte ich denn sonst sein?“ fragte er sie und zuckte mit einer Schulter. Sie tat es ihm gleich und um ihre Gedanken zu ordnen, trank sie einen Schluck Beerentee. Sie spürte Nervosität in sich aufkommen und wunderte sich darüber. Sie war selten in seiner Gegenwart nervös gewesen, vor allem in einem solchen Moment. Wie oft hatten sie schon bei einer Tasse Tee oder einer Flasche Bier zusammengesessen und über belanglose Dinge gesprochen?
Unzählige Male.
„Vielleicht ist es auch gut so. Manche Dinge sollten sich einfach nicht ändern...“
Sie sprach mehr zu ihrer Tasse, als zu ihrem Gegenüber, aber sie fand sich nicht imstande, in seine Augen zu sehen, nicht, nachdem sich dieses ungewöhnliche Bauchkribbeln bemerkbar gemacht hatte.

Durch einen weiteren sanften Windstoß bewegte sich der Vorhang sachte hin und her, ließ Scully aufblicken, deren Gedanken durch die sanften Bewegungen jeher unterbrochen wurden. Sie fand es seltsam, dass eine so leichte Bewegung bereits ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, doch an diesem Abend schien nichts so, wie es sonst immer war. Sie spürte, dass ihre Handflächen feucht wurden und strich sich zur Ablenkung eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr.
„Du trägst deine Haare wieder länger, hm?“ schien Mulder erneut ein Gespräch mit ihr anfangen zu wollen. So sehr mit ihm auch gesprochen hätte, ihre war partout kein Thema eingefallen, das sich nicht wie Small Talk angehört hätte.
Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck blickte sie zu ihm, was ihn widerrum zum schmunzeln brachte. Noch nie zuvor hatte er diese Frau dermaßen durch den Wind erlebt.
Eine Haarsträhne zwischen Zeigefinger und Daumen eingeklemmt, sah sie kurz hinunter, ehe sie erneut in seine Augen sah.
„Ja...ich war bisher immer zu faul, zum Friseur zu gehen. Und da ich keinen Haarspliss habe oder so etwas...“ ohne ihren Satz zu beenden, zuckte sie mit ihren Schultern und ließ die Strähne wieder los.
„Steht dir...“
Augenblicklich schien das Blut ihres gesamten Körpers in ihre Wangen zu fließen und die Gefahr, wie eine rote Glühbirne zu leuchten wurde immer größer. Sie hatte in ihrer gemeinsamen Zeit so gut wie nie Komplimente von ihm bekommen, zumindest nicht, was ihr Aussehen anbelangte. Schon alleine das war ein Grund für sie, rot zu werden.
„Dankeschön...“ brachte sie mit Mühe heraus und war bemüht, nicht zu stottern oder zu haspeln.
Ihre Finger schienen sich wie von Geisterhand enger um die Tasse zu schließen und erst, als ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, lockerte sie den Griff um das Porzellan.
„Alles okay?“ fragte Mulder nun besorgt, da er durchaus mitbekommen hatte, wie verkrampft sie ihre Tasse gehalten hatte. War etwas nicht in Ordnung mit ihr?
„Ja. Ja, es ist alles okay. Mach dir keine Sorgen...es ist nur...ich bekomme nicht sehr oft Komplimente...“ mit einem schüchternen Blick, den Mulder noch nie auf ihrem Gesicht gesehen hatte, sah sie zu ihm. „...schon gar nicht von dir.“ Mit einem letzten Augenaufschlag sah sie in seine Augen, ehe sie ihren Blick auf den Boden richtete.

Die Frau, die ihn vor anderthalb Jahren verlassen hatte, hatte nicht mehr sehr viel gemein mit der Frau, die ihm nun gegenübersaß. Würde er es nicht besser wissen, würde er glauben, sie sei nicht die Selbe.
„Nicht so schüchtern, Scully. So kenne ich dich ja gar nicht.“ Versuchte er die Stimmung aufzulockern, was ihm allerdings bloß ein schwaches Lächeln von seiner Gegenüber brachte. Sie strich sich erneut eine Haarsträhne hinter ihr Ohr, ehe sie wieder zu ihm sah.
„Da ist so viel, das ich dir gerne erzählen würde, weißt du? Einfach reden. Aber das haben wir noch nie getan. Und vermutlich werden wir das auch nie, Mulder. Ich weiß nicht, ob es das Richtige war, dass du mich hier gefunden hast...“
In ihrer Stimme lag ein gewisses Maß an Trauer, doch Mulder konnte seinen Ohren dennoch nicht trauen. Meinte sie das etwa ernst?
„Wieso sagst du das?“ fragte er nun betrübt und sah traurig zu ihr. Für gewöhnlich war er nicht ein Mensch, der alles viel zu persönlich nahm, selbst, wenn es sich dabei um ein persönliches Gespräch handelte. Aber das er Scully scheinbar egal war, verletzte ihn zutiefst.



Wie soll ich ihm denn beibringen, dass dieses Treffen ein Versehen war? Ein Fehler von oben. Inwieweit würde er mir glauben schenken?
Ich wusste, dass er immer noch an diese Verschwörung mit diesen grauen Retikulanern glaubte, aber er war kein Gläubiger in dem Sinne. Er glaubte nicht an Gott, die zehn Gebote oder Sünden. Nicht, dass Gott heutzutage noch so streng wäre zumal sich die Menschen auch sehr oft selber helfen, in dem sie die Gesetze verfasst haben. Manche mögen zwar dennoch bedenklich sein, aber trotzdem.
Ich konnte diesem Mann, der mir gegenüber saß, sehr schlecht sagen, dass meine Vorgesetzten einen Fehler gemacht haben und er überhaupt nicht neben mir sitzen dürfte.



Mit einem Seufzen versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen und schüttelte dabei ein wenig ihren Kopf.
„Es ist nicht so, dass ich mich nicht freuen würde, dass du hier bist, okay? Ich meine, ich bin wirklich froh darüber, dass du hier bist und das ich mit dir reden kann...“
„...das tun wir doch überhaupt nicht, denn du lässt es nicht zu. Ich muss gestehen, dass ich für den Bruchteil einer Sekunde geglaubt habe, dass du dich so dermaßen verändert hast, sodass du nicht die Dana Scully bist, die mich im Dunkeln zurückgelassen hat. Aber da habe ich mich scheinbar geirrt...du bist immer noch die Gleiche...und du lässt niemanden an dich heran...“
Mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen stand er auf, trug seine Tasse zurück in die kleine Küche, ehe er sich erneut sein Jackett nahm.
Es war nicht so, dass er es ihr jemals vorgehalten hätte, sie sei unnahbar, da er wusste, was der Job beim FBI ihr abverlangt hatte. Sie war eine Frau inmitten einer Männerdomäne und es war sicherlich schwer für sie gewesen, sich in einer solchen als weiblicher Agent zu behaupten. Mit Stolz konnte er von seiner Partnerin jedoch behaupten, dass sie es geschafft hätte. Nun allerdings hätte er sich gewünscht, dass sie als Mensch mit ihm reden würde und nicht als FBI-Partner, die sie nun nicht mehr waren.
„Ich denke du hast Recht...vielleicht war es doch nicht das Richtige, das wir uns getroffen haben...“
Seine Hand griff nach dem Türknauf, ehe er eine Hand auf seiner Schulter spürte.
„Warte...bitte...geh nicht. Bitte...“
Überrascht blickte er über seine Schulter. Er hatte sie nicht kommen hören noch hatte er gehört, wie sie aufgestanden oder ihre Tasse ebenfalls in die Küche getragen hatte. Er sah auf ihr Gesicht, dass von einem milchigen Licht beschienen wurde und konnte erkennen, dass sie sich auf ihre Unterlippe biss. Für gewöhnlich tat sie dies nur, wenn sie nachdachte.
„Wieso? Wieso sollte ich bleiben? Du willst mich ohnehin nicht hier haben. Da kann ich doch gehen, oder? Zum Schluss sagen wir Sachen zueinander, die wir gar nicht wollen. Das will ich vermeiden. Also lass mich gehen.“ Versuchte er sie umzustimmen, so sehr es ihm auch gegen den Strich ging. Im Grunde wollte er überhaupt nicht gehen, doch was für eine Alternative blieb ihm?
„Nein, das werde ich nicht. Ich nehme nicht an, dass es Zufall war, dass du nach Detroit zu einem Fall geschickt worden bist. Ich glaube auch nicht daran, dass es Zufall war, dass mein Nachbar dich kontaktiert hat. Es ist auch kein Zufall, dass wir uns nun gegenüberstehen. Ich kann dich nun nicht mehr gehen lassen...ich denke, dass ich dir einiges erklären muss.“
Sie wusste, dass das eine Aussage war, die sie nicht zurückziehen konnte. Sie hatte nun einen Weg gewählt, den sie bis zum Ende gehen musste, auch wenn das bedeutete, dass er ihr den Rücken kehren würde...oder sie in eine Irrenanstalt einliefern würde.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Er starrte in ihre Augen, ohne es zu bemerken, ehe er seinen Blick von ihrem Gesicht abwandte und auf den Boden sah. Mit einem Seufzen ließ er den Türknauf los und sah auf ihre Hand, welche immer noch auf seiner Schulter lag. Langsam nahm sie sie runter und ließ ihre Arme bewegungslos neben ihren Körper hängen.
„Bitte lass es mich dir erklären...vielleicht verstehst du dann meine Beweggründe. Oder zumindest wird dir der Weg gezeigt, sie zu verstehen.“
Ihre Stimme schien kurz davor zu sein, zu brechen und Mulder war nicht gewillt, diese wunderschöne Frau vor ihm zum Weinen zu bringen. Scheinbar war sie wirklich sehr daran interessiert, ihm die vergangenen Geschehnisse zu erklären und näher zu bringen.



In was hatte ich mich da wieder hineingeritten? Natürlich wollte ich es ihm erzählen, wollte mir alles von der Seele reden, was ich die letzten tausend Jahre erlebt und gesehen hatte. Auf der anderen Seite war es eine Entscheidung, die mein restliches Leben beeinflussen würde.
Vermutlich würde ich nie wieder zurückkönnen. Sie werden mich nicht mehr sehen wollen, denn es war uns nicht erlaubt, Menschen von unserer wahren Existenz zu erzählen. Alles hatte seinen Grund, denn was wäre, wenn die Menschen über uns bescheid wussten? Viele von uns würden bestimmt in Labors landen, unter Schmerzen gepeinigt, weil die Menschen hinter das Geheimnis des ‚himmlischen’ Lebens kommen wollten.
Ich kenne die Menschen, habe beinahe ihre gesamte Entwicklung miterlebt. Ich wusste, wozu sie fähig waren und dass sie skrupellos waren. Und Gott konnte nichts dagegen ausrichten.

Sie könnte natürlich einen Kriegsengel schicken, der Seuchen oder etwas Derartiges verbreiten würde, schicken, doch die Menschen glaubten heute nicht mehr an Gott.
Und den Menschen machte eine ‚kleine’ Feuersbrunst nichts aus, oder ein paar Heuschrecken. Heutzutage wussten sie sich zu helfen. Sie hatten keine Ehrfurcht mehr vor einem allmächtigen Gott.

„Um was geht es denn nun?“ fragte Mulder gespannt, als er sich wieder auf die Matratze gesetzt hatte. Da ich ja keine anderen Möglichkeiten hatte, worauf wir uns setzen konnten, gesellte ich mich zu ihm. Ich sah auf meine Hände, welche ich zu kneten begann. Ich war nervös, das war unverkennbar und dennoch hatte ich mich dazu entschieden, endlich reinen Tisch mit ihm zu machen.
Für gewöhnlich war das nicht der Engel, der ich sonst immer war und auch schon immer gewesen bin. Ich hatte mich stets an Regeln gehalten, war darum bemüht gewesen, sie niemals zu brechen. Das führte bloß zu Ärger und Missständen.
Und jetzt?
Nun war es so, als ob ich begonnen hatte, zu leben. Als ob mein Zombie-artiges Dasein ein jähes Ende gefunden hätte, denn ich habe begonnen zu lieben.
Nachdem ich erneut einen tiefen Atemzug genommen hatte, zog ich meine Beine an meinen Körper, um mich so im Schneidersitz hinzusetzen. Mein Blick ruhte für einen kurzen Moment immer noch auf meinen Händen, ehe ich zu Mulder aufsah, welcher mich immer noch gespannt musterte. Ich konnte ihn ja verstehen, aber er war mich Sicherheit nicht darauf gefasst zu sein. Wie sollte ich einen Menschen schon darauf vorbereiten, auf das, was nun kam.
„Mulder, du wirst mich für verrückt halten und mich vielleicht sogar in eine Anstalt einliefern wollen...“ begann ich, sodass er wusste, wie verquer das sein würde, was darauf folgte.
„Wieso sollte ich das tun? Schließlich bin ich derjenige von uns beiden, der an Aliens und UFOs glaubt. Weshalb also sollte ich dich irgendwo einliefern lassen?“
Ein belustigter Gesichtsausdruck musterte mich und ich atmete tief durch. Er konnte es ja noch nicht einmal ahnen.
„Das schon, aber es wird nicht gerade das sein, was du dir wünschst, von mir jetzt zu hören. Das weiß ich einfach. Ich habe das...bisher auch noch niemandem gesagt, darum fällt es mir noch schwerer. Ich meine, mein Leben wird danach nicht mehr so sein, wie die Jahre zuvor...“
Es war besser, dass er nicht wusste ‚wie’ viele Jahre zuvor.
„...also, bitte unterbrich mich nicht...“
Ich schluckte, ehe mir ein Einfall kam. Etwas, an das ich bisher noch nicht gedacht hatte. Es war eine seltsame Idee, aber wesentlich besser, als es ihm einfach trocken zu servieren, wer bzw. was ich war.
Mulder nickte, sah mich an und wartete gespannt darauf, dass ich weiterfahren würde, doch diesen Gefallen würde ich ihm nicht tun. Er musste es sehen, konnte nicht einfach meinen Worten lauschen, denn er würde mir ja doch nicht glauben.
„Mulder, steh’ auf und tanz mit mir...“ forderte ich ihn auf und stand auf. So konnte ich auch meine Nervosität überspielen, zumindest hoffte ich es. Versichern konnte ich es mir selbst nicht.
Seine Augen sahen verwundert zu mir auf, als ich bereits vor ihm stand und ihm meine Hand entgegenstreckte. Natürlich war es nicht mein übliches Verhalten, welches ich sonst an den Tag legte, doch an diesem Abend war ohnehin alles anders, wozu sich nun also noch wundern? Mit einer zaghaften Bewegung griff er nach meiner Hand und stand auf, ich führte ihn in die Mitte des Raumes. Wir hatten genug Platz. Nicht, dass wir ihn wirklich brauchen würden, dennoch war das Wissen angenehm, nicht irgendwo dagegen zu stolpern.

„Was ist mit dir los, Scully?“ fragte er mich leise, doch ich konnte ihm noch keine Antwort geben. Er würde es sehen, würde es fühlen können. Ich hoffte es.
Ohne ihm eine Antwort zu geben, legte ich einen Arm um seine Hüften, deutete ihm, dass er es mir gleichtun sollte. Er tat es, ohne zu fragen. Vorsichtig sah ich zu ihm auf, legte ihm meinen Zeigefinger auf seine Lippen, sodass er verstehen würde.
Mit einer sanften Bewegung legte ich meine zweite Hand auf seine Schulter, begann, mich langsam mit ihm zu einem nicht vorhandenen Takt zu bewegen.
Es war ein ungewohntes Gefühl, so nahe an ihm zu stehen, ihn so nahe an meinen Körper zu spüren. Erneut tat ich einen tiefen Atemzug, konnte sein Aftershave riechen. Ein vertrautes Gefühl kroch in mir auf und ich fühlte mich mit einem Mal so geborgen, mehr, als ich es in den letzten Monaten getan hatte.

Ich wusste nicht, wie lange wir tanzten, aber ich wusste, dass er nicht mehr lange mit geschlossenen Augen seinen Kopf auf meiner Schulter ruhen lassen sollte.
„Mulder?“ ich flüsterte seinen Namen und bekam somit seine Aufmerksamkeit. Er sah in meine Augen und ich konnte nicht umhin, ihn ein wenig anzulächeln. Ich versuchte mir gerade seinen Gesichtsausdruck vorzustellen, wenn er mitbekommen würde, was in den letzten Minuten passiert ist.




Mit einem fragenden Blick sah er in ihre blauen Augen, wunderte sich, weshalb sie ihn aus seinen Tagträumereien holte. Sie befeuchtete ihre Lippen mit ihrer Zunge, ehe sie ihren Blick auf den Boden richtete, was Mulder keinesfalls nachvollziehen konnte. Vorsichtig ließ auch er seinen Blick auf den Boden gleiten, stieß einen überraschten Laut aus und klammerte sich mit einem Mal an die zierliche Frau vor ihm fest. Seine Arme schlangen sich um ihren Rücken, er wagte es nicht, sich zu bewegen.
Er bemerkte, dass sowohl Scully als auch er ungefähr vierzehn Zentimeter über den Boden schwebte, dennoch schien er fest mit beiden Füßen auf dem Fußboden zu stehen. Scully hingegen schien deshalb keineswegs Bedenken zu haben, denn anstatt überrascht zu schauen, lächelte sie ihn an. Ein Lächeln, welches er bisher noch nie auf ihren Lippen gesehen hatte. Es schien geheimnisvoll und rätselhaft.
Als er merkte, dass er nicht fallen würde, lockerte er seinen Griff um ihren zarten Körper, ehe er sie erdrücken würde.
„Wa-was...“ brachte er stotternd heraus und räusperte sich, als sich seine Stimme wie bei einem 14-jährigen im Stimmbruch. Er konnte nicht fassen, was er da sah, was er spürte. Er spürte unter ihm etwas, dass sich anfühlte, wie der feste Boden, auf dem er bisher gestanden hatte. Doch er stand in der Luft.
„Bist du eine von ‚denen’?“ zwar hatte er seine Stimme wieder im Griff, so richtig Herr seiner Sinne war er jedoch nicht mehr. Er konnte einfach nicht glauben, was Scully ihm hiermit zeigen wollte.

War sie ein Alien?
Eine Außerirdische?
War es das, was sie ihm mitteilen wollte?

„Ich bin kein Retikulaner, wenn du darauf anspielst...“ sagte sie mit leiser Stimme und versuchte ihn somit zu besänftigen. Sie wusste um seine Gefühlswelt und war darauf bedacht, sie nicht zu sehr zu strapazieren. Sie hatte diesem Moment innerlich entgegengesehnt und nun, da er wahr geworden war, wollte sie Mulder nicht verlieren...
„...aber ich bin auch kein Mensch...“ flüsterte sie nun, legte ihre Hand auf seine Wange und versuchte, ihm so ein Gefühl der Vertrautheit zu geben, ein Gefühl, dass ihm ihr glauben und weiterhin so vertrauen ließ, wie er es die letzten Jahre über getan hatte.
In seinen Augen stand sowohl Angst als auch Mistrauen geschrieben und sie konnte es ihm noch nicht einmal verübeln.
„Was bist du dann?“ fragte er verunsichert und beobachtete seine Gegenüber, als sie beide langsam wieder auf den Boden zurückkamen.
„Setz dich mit mir wieder auf das Bett, ich zeige es dir...“
Für den Bruchteil einer Sekunde machte sich Panik in seinem Gesicht breit, doch mit einem beruhigenden Atemzug schien er sich wieder unter Kontrolle zu haben. Er nickte ein wenig.
„Okay...“ seine Stimme war immer noch leise und er folgte ihr mit ein wenig Abstand zum Bett.

Erst, als er sich gesetzt hatte, schien auch sie im Inneren mit sich einig zu sein. Mit einer gleitenden Bewegung setzte sie sich auf seinen Schoß. Immer noch ein wenig geschockt sah er zu ihr auf, traute sich jedoch nicht, sich zu bewegen.
„Schließ deine Augen...“ bat sie ihn mit sanfter Stimme. Obwohl er nicht wusste, was er erwartete, so konnte er nicht umhin, ihr einfach zu vertrauen. Wie konnte diese Frau ihm schon etwas Böses tun, vor allem dann, wenn sie ihm mit einer solchen Stimme um etwas bat. Welcher Mann würde dieser Bitte nicht nachkommen?
Langsam schloss er seine Augen, spürte einen kurzen, kalten Luftzug und etwas, dass sich nach dem Rascheln von Stoff anhörte, es aber mit Sicherheit nicht war.
„Gib mir deine Hand...“ ertönte ihre Stimme erneut und er hob einen Arm an, spürte ihre kleinen, zarten Finger auf seinen. Sie führte seine Hand über ihre Schulter, wenn er ihre Position richtig im Gedächtnis hatte. Mit seinen oberen Schneidezähnen fuhr er sich über seine Unterlippe, die Spannung in seinem Inneren stieg immer mehr.

Die Frau, die er jahrelang als Partnerin gehabt hatte, die Frau, die jahrelang mit ihm einen Kreuzzug geführt hatte, war nicht mehr dieselbe, die nun auf seinem Schoß saß. Irgendwie schien sie sich verändert zu haben, oder war sie über all die Jahre so gewesen und hatte sich nur bei ihm verstellt?

Seine Fingerspitzen berührten mit einem Mal etwas Weiches, das sich im ersten Moment nach Daunen anfühlte. Er zuckte ein wenig zurück, doch sie hielt seine Hand weiterhin fest in ihrer, führte ihn weiter, zu etwas, dass sich zwar immer noch weich und glatt, aber nicht mehr flauschig anfühlte. Es war länger und schien irgendwo ein Ende zu haben. Wenn Mulder sich ehrlich war, dann fühlte es sich an wie Federn, doch weshalb sollte sie ihm Federn entgegenhalten.
Verwundert zog er seine Augenbrauen zusammen und sie schien seinen Blick zu bemerken, lächelte ein wenig und unterdrückte ein Kichern. Er sah einfach zu niedlich aus, als er mit seiner Hand ihre weißen Flügel berührten, die im fahlen Mondlicht einen Perlmutt-Schimmer annahmen.
„Du kannst deine Augen wieder aufmachen, aber nur dann, wenn du dir sicher bist...“
Die weitere Ausführung ihres Satzes gefiel ihm nicht, dennoch öffnete er seine Augen zu einem Schlitz und schließlich ganz.

Plötzlich riss er sie zur Gänze auf, zog seine Hand zurück und starrte auf das Bild, welches sich ihm nun bot. Seine ehemalige Partnerin saß auf seinem Schoß (dass sie mit gespreizten Beinen und einen Rock auf seinen Oberschenkeln saß, bemerkte Mulder in diesem Augenblick nicht) und lächelte ihm freundlich und schüchtern zu. Sie schien sogar ein Kichern unterdrücken zu müssen, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte.
„Scully, was...“ begann er, ehe er abbrach. Er konnte seinen Augen nicht trauen.

Zwei weiße Flügel schienen aus ihren Schulterblättern zu kommen, schimmerten Perlmutt und schienen weiß zu leuchten.
Würde er es nicht besser wissen, so würde er vermuten, dass sie ein Engel war. Oder eine Mischung aus Mensch und Vogel. Schließlich musste nicht jede Mensch/Vogel Mischung ein Engel sein. Immerhin fehlten ihr eine Harfe, ein Heiligenschein und ein weißes Gewand, wofür Engel im Großen und Ganzen bekannt waren.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Immer noch total perplex von dem, was er da sehen konnte, brachte Mulder kein einziges Wort über seine Lippen. Noch nicht einmal ein urzeitliches Geräusch verließ seine Lippen.
Stumm wie ein Fisch saß er vor ihr, oder besser gesagt, unter ihr, ließ seinen Blick erstaunt über ihre Flügel gleiten.
Die Existenz von Außerirdischen war für ihn so klar, wie für andere eine chemische Formel oder andere, abstraktere Dinge. Doch das auf seinem Schoß tatsächlich ein Engel sitzen sollte, ein Wesen, an dessen Dasein er nicht eine Sekunde in seinem Leben geglaubt hatte, war sogar für einen Fox Mulder zu viel.
Scully ihrerseits sah ebenfalls leise und ohne Worte zu ihrem Partner. Sie wusste, dass es ein Schock für ihn sein musste, nun diese Flügel aus ihrem Rücken wachsen zu sehen, doch sie wollte ihn nicht einfach wieder gehen lassen. Nicht, nachdem sie begonnen hatte, Gefühle für ihn zu entwickeln.
Sie wusste, dass die Beziehung zu einem Menschen strafbar war und bisher hatte sie alle Engel verpönt, welche sich auf eine solche Beziehung eingelassen hatte, da dies ja ein Verbot war. Sie konnte es nicht verstehen, weshalb Engel sich mit Menschen einlassen sollten. Sie waren zwar ihre Beschützer, aber keinesfalls ihre Liebhaber.
Bis Armor’s Pfeil sie selbst in ihr Herz traf und sie nun wusste, was wahre Liebe war. Und das dieses Gefühl wunderschön sein konnte.

Anfangs hielt sie es für eine Nichtigkeit, als sie zum ersten Mal in seiner Gegenwart ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend bekommen hatte. Sie tat es ab, kümmerte sich nicht weiter darum. Weshalb denn auch?
Sie hatte sich schon bei manchem Fall einfach ein wenig anders gefühlt, als beim Fall davor; aus welchem Grund hätte sie sich also sorgen müssen?
Ihre Besorgnis wuchs erst, als dieses flaue Gefühl nicht wieder verschwand, sondern, im Gegensatz zu ihren Hoffnungen, immer stärker wurde und gen Ende tatsächlich einem Schwarm von Schmetterlingen glich, die sich in ihrem Bauch tummelten und ein Feuerwerk veranstalteten. Ihr Bauch kribbelte, an manchen Tagen bekam sie sogar feuchte Hände, wenn er charmanter als sonst war. Auch seine Blicke und kurzen Berührungen waren ihr keinesfalls entgangen, ließen ihre Knie weich werden.
Oft schon hatte sie in seinen Armen gelegen, hatte geweint, hatte ihrer Angst freien Lauf gelassen, doch wie wohl hatte sie sich gefühlt, als er seine Arme um ihren zierlichen Körper geschlungen hatte? Ein Gefühl von Behaglichkeit durchflutete ihren Körper jedes Mal aufs Neue, ließ sie innerlich Zittern und Schaudern. Äußerlich wurde ihr Körper von Weinkrämpfen geschüttelt.
Vermutlich hatten auch ihre Arbeitgeber diese bestimmte Beziehung zu ihrem Schützling bemerkt, was widerrum der Grund war, weshalb sie nach Detroit versetzt worden war. Hätte sie niemals diese mädchenhaften Gefühle zugelassen, so könnte sie womöglich auch an diesem Abend immer noch an seiner Seite gegen Dämonen und Aliens kämpfen.

Ohne auch nur einen Luftzug zu bewegen, beugte Mulder sich nach vorne, war immer darauf bedacht, keine allzu schnellen Bewegungen zu machen, da er glaubte, sie würde sich sonst in Luft auflösen. Es war für in einfach irreal, dass die Frau, die er so lange gesucht hatte, nun einfach so wieder in sein Leben getreten war und ihm womöglich etwas beichten würde, für das er noch unter keinen Umständen bereit war. Wie sollte er sich, als nicht religiöser Mensch, mit dem Gedanken anfreunden, dass seine beste Freundin doch tatsächlich ein Engel war? Ein Geschöpf, dessen Existenz auf der einen Seite bestritten, auf der anderen Seite als etwas Allgegenwärtiges dargestellt wurde?
Er hatte sich nie sonderlich um Religionen gekümmert, doch er wusste durchaus, dass Scully eine katholisch erzogene Frau war. Plötzlich erschien ihm dieser Gedanken in einem völlig neuen Licht, da sie scheinbar nicht nur so erzogen worden war, sondern eventuell auch ein Teil dieser Erziehung war, ein Teil dessen, was die Kirche so weit verbreitet hatte.
Womöglich war so an der Geschichte von Jesu und seinen Jüngern aber auch an der Legende des allmächtigen Gottes etwas dran, was Mulder noch nie in Erwägung gezogen hatte.

Er hob seine Hände in die Höhe, bemerkte, dass sie zitterten. Er war nervös; noch niemals zuvor war er derartig nervös in ihrer Gegenwart gewesen. Bisher war er immer der Coole gewesen, der sich durch nichts erschüttern ließ, welche Sprüche sie ihm auch entgegen geknallt hatte. Und nun konnte er seine Hände noch nicht einmal mehr so still halten, sodass er wenigstens nach außen hin so wirken würde, als ob er die Ruhe in Person wäre.
Seine kalten Finger legte er auf ihre Schultern, strich ihr Haar ein wenig zur Seite, sodass er einen klaren Blick auf ihren Rücken werfen konnte. Selbst jetzt, da sie auf seinem Schoß saß, war sie immer noch ein wenig kleiner als er.
Er sah Federn, strahlend weiße Federn, welche scheinbar aus ihrer Bluse kamen. Er konnte sich zwar keinen Reim darauf machen, wie das möglich war, doch inzwischen hatte er es aufgegeben, sich über irgendetwas zu wundern. Mit seinem Zeigefinger hob er den Kragen ihrer weißen Bluse etwas von ihrer samtigen Haut ab, blickte so auf ihren nackten Rücken. Ein seltsames Gefühl durchflutete ihn, als ihr Parfüm ihm in seine Nase stieg. Für einen kurzen Moment schloss er seine Augen, ehe er erneut hinunter blickte und erkennen konnte, dass ihre Flügel scheinbar aus ihren Schulterblättern herauswuchsen.

„Scully, ich...“ begann er, als er seine Worte endlich wieder gefunden hatte, doch sie ließ ihn noch aussprechen, schüttelte ihren Kopf, um ihn zum Schweigen zu bringen. Egal, was er nun zu ihr sagen wollte, seine Worte waren fehl am Platz. Sie legte ihre Hände auf seine Wangen, hob seinen Kopf soweit an, sodass er in ihre Augen blicken musste und ehe er es sich versah, waren ihre Flügel auch wieder verschwunden, so als ob es sie niemals gegeben hätte; als ob er fantasiert hätte.
„Bevor du etwas sagst...würde ich dich bitten, mir zuzuhören, okay?“ Ihre Stimme war leise, klang aber nicht so rau, wie sie es manches Mal tat, sobald sie so leise zu ihm sprach.
Er war zu nichts anderem in der Lage, als zu nicken; löste seine Hände von dem warmen Stoff ihrer Bluse und setzte sich wieder so regungslos hin, wie er auch schon zuvor gesessen war. Zu sehr war er nun in ihren Bann gezogen worden, zu groß waren die Überraschungen, auf welcher er binnen kürzester Zeit stieß. Nun hoffte er auf eine Erklärung von ihrer Seite, die ihm das Gefühl geben würden, dass er dieses verstrickte Netz aus Zufällen verstehen und auch herausfinden würde, was sie in Wirklichkeit war.

„Mulder, ich bin vermutlich gar nicht die Frau, für die du mich fünf Jahre lang gehalten hast. Es tut mir leid, dass ich dich die gesamte Zeit unserer Zusammenarbeit belügen musste, aber ich hatte meine Gründe, genauso wie du deine Gründe hattest, immer auf der Hut zu sein und nicht jedem zu trauen. Ich hatte einfach meine Befehle, meinen Job, den ich einfach nur gut machen wollte, weil ich ihn so liebte. Vielleicht liebe ich ihn immer noch, doch das tut nun nichts mehr zur Sache...“
Im Licht einer Straßenlaterne konnte Mulder den feuchten Schleier erkennen, der sich auf Scullys Augen legte und welchen sie vermutlich nicht mehr lange halten konnte; er kannte sie bereits zu gut, um zu wissen, dass sie kurz davor stand, ihre ersten Tränen laufen zu lassen.
„Jedenfalls ist es so, dass ich...ich hab dich einfach zu nahe an mich herangelassen und das, obwohl ich das eigentlich gar nicht darf. Es ist uns allen verboten, dass ihr uns zu nahe kommt. Wahrscheinlich auch, dass wir euch zu nahe kommen, zumindest auf der emotionalen Ebene. Ich wurde aus einem bestimmten Grund zu dir geschickt...“
Sie presste ihre Lippen aufeinander. Einerseits um zu verhindern, dass Tränen ihre Wangen benetzen würden, zum anderen, weil sie genau wusste, dass sie gegen ihre Gesetze verstieß. Kein Mensch durfte wissen, wer sie in Wirklichkeit war.
„Weshalb wurdest du zu mir geschickt, Scully? Ich wusste doch bereits, dass die dich zu mir geschickt haben, um mich auszuspionieren. Doch das hast du niemals getan, Dana...“ er verwendete nun mit Absicht ihren Vornamen um ihr so nahe zu legen, dass er keinesfalls böse auf sie war. Was natürlich nicht ihre Flügel entschuldigen würde, welche plötzlich aufgetaucht und wieder verschwunden waren.
„Lass mich aussprechen, bitte. Du weißt gar nichts. Du hast das vermutet und das war von denen so geplant, aber bitte....hör mir doch bitte einmal zu...“

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Wusste er denn nicht, wie schwer es für mich war, nun darüber zu reden? Ich hatte es über Jahrtausende nicht getan und nun, auf einmal, sprach ich mit einem Menschen über mein Dasein, über den Grund, weshalb ich existierte.
„Mulder, ich wurde nicht von Blevins geschickt...das heißt, ich wurde schon von ihm geschickt, aber derjenige, der mich wirklich geschickt hat...war Gott...“
„Das weiß ich doch...“ gab er mir als Antwort, welche mich auch zutiefst rührte, doch wusste er immer noch nicht, dass hinter der Bibel mehr stand, als einfach nur irgendwelche Geschichten?
„Nein, Mulder. Ich meine dass wirklich so, wie ich es sage. Gott hat mich zu dir geschickt. Im wahrsten Sinne des Wortes...ich...ich bin zu dir geschickt worden, um auf dich aufzupassen. Wirklich auf dich aufzupassen, nicht einfach bloß darauf zu achten, dass du nicht vom Boden der Tatsachen abhebst...weißt du was ich meine?“
Ich blickte ihn fragend an und hoffte, dass er mich verstehen würde. Sein Blick bohrte sich schon beinahe in meine Augen und mich überkam ein ungutes Gefühl. War es wirklich die richtige Idee gewesen, sich für die Wahrheit zu entscheiden?
Eine Wahrheit, die Mulder niemals zu suchen gewagt hatte, da er noch nicht einmal annähernd daran glaubte. Wie also sollte sie es bewerkstelligen, dass er ihr Glauben schenken würde?
„Sagen wir so...ich versuche es.“ Sagte er leise und atmete tief durch. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, dass er sich den Verlauf des Abends ziemlich anders vorgestellt hatte, denn schließlich hatten wir uns bereits anderthalb Jahre nicht gesehen. Vielleicht hatte er sich vorgestellt, dass wir bei einem Glas Rotwein und bei einem Film gemütlich auf meiner Couch sitzen und über die vergangene Zeit sprechen. Doch damit konnte ich im nicht dienen. Ich wollte endlich Klarheit zwischen uns schaffen, denn schließlich konnte es zwischen uns nicht ewig so weitergehen. Ich konnte ihm nicht länger etwas vorlügen.
„Na ja, das ist einmal ein Anfang...“ sagte ich leise, denn mehr konnte ich ihm zur Aufmunterung nicht sagen. Ich wünschte, dass ich es könnte, doch was sollte ich ihm sonst noch antworten?

Mit einer zaghaften Bewegung legte ich meine Hände auf seine Wangen, streichelte ein wenig über seine Haut und konnte seine Bartstoppeln unter meinen Fingerkuppen spüren. Wie ich dieses Gefühl vermisst hatte.
Dass ich nun erneut dieses Kribbeln in meiner Magengegend spürte, musste ich wohl hoffentlich nicht erwähnen. Ich nahm einen tiefen Atemzug, um diesem Gefühl irgendwie entgehen zu können, doch es wurde immer schlimmer.

„Mulder, ich bin ein Engel...“ rutschte es förmlich aus mir heraus. „Ich bin ein Schutzengel. Und bis vor anderthalb Jahren war ich deiner...“ Dass diese Worte so schnell aus meinem Mund kamen, überraschte mich selbst, doch scheinbar nicht so sehr, wie sie Mulder verblüfften. Seine Augen nahmen einen eigenen Ausdruck an, den ich bisher noch nie bei ihm gesehen hatte: Ungläubigkeit.
Ich wusste Bescheid über das, was er sich nun denken musste, denn schließlich war ich diejenige von uns beiden, die jahrelang mit ihm nach Aliens gesucht hatte, obwohl ich die Rolle der Skeptikerin angenommen hatte.
Auf der einen Seite konnte ich mir vorstellen, dass er mich jeden Moment auslachen und sagen würde, dass ich die Sache mit meinem Glauben wohl ein wenig zu ernst nahm. Auf der anderen Seite konnte ich ihn nicht einschätzen, denn schließlich hatte er meine Flügel bereits gesehen. Und da diese nun wieder verschwunden waren, gab ich ihm einen Grund mehr, mir glauben zu schenken, zumal ich auch keinen Anlass hatte, ihn zu belügen.
Ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, fuhr ich fort. Vielleicht war es auch besser, wenn ich ihn nichts sagen ließ. Vielleicht würde so seine Verwirrung weichen, denn schließlich hatte ich noch mehr zu sagen.
„Ich weiß, dass ich das unglaublich anhört, aber ich kann nicht mehr tun, als dir die Wahrheit zu sagen. Ich wollte das schon so oft tun, doch jedes Mal hielt mich etwas davon ab, denn ich weiß, dass es strafbar ist.“
Ein kurzes, aber trauriges Lachen entkam meiner Kehle. Ich wusste mir nicht zu helfen. Es war verquer.
„Wieso sagst du es mir dann, wenn es strafbar ist?“ fragte er mich. Ich konnte mir nicht helfen, aber er klang nicht gerade so, als ob er mir glauben würde. Ich konnte ihn tatsächlich verstehen. Wie sollte ich ihm etwas erklären, an das er nicht glaubte?
Ich schluckte und atmete tief durch. Ich war es ihm einfach schuldig, schon alleine deswegen, weil ich mich in ihn verliebt habe.
„Weil ich noch etwas getan habe, was nicht ohne Folgen bleiben wird. Zumindest für mich. Das ist der eigentliche Grund, weshalb ich dir all das erzähle.“
Ich hoffte, dass er mich bei diesem Part meines ‚Geständnisses’ nicht unterbrechen würde.

„Mulder, ich bin vor sechs Jahren zu dir geschickt worden, weil du dich in Gefahr befunden hast. Das ist der eigentliche Grund, weshalb Schutzengel das tun, was sie eben tun. Wir werden des Öfteren auf die Erde geschickt, nehmen dort die Identität eines Menschen an und geben uns für diesen aus. Das kann für ein paar Monate aber auch für ein paar Jahre sein. Je nachdem, in wie weit dieser Mensch gefährdet ist. Wie lange ich bei dir geblieben bin, weißt du ohnehin besser als ich, nehme ich an...“
Mit einer fahrigen Bewegung strich ich mir eine lose Haarsträhne hinter mein rechtes Ohr. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass ich ihm nun meine gesamte Lebensgeschichte erzählte. Oder zumindest das, was ich nicht durfte, denn schließlich sollte niemand von unserer Existenz erfahren.
„Ich bin schon so oft zu Menschen geschickt worden, um auf sie aufzupassen. Und so gut wie jedes Mal ist eine Freundschaft aus dieser Beziehung geworden, so war es bei uns auch. Du wurdest der wichtigste Mensch auf Erden für mich, ich konnte dir vertrauen und über alles mit dir reden, bis auf dieses eine Thema, welches nun eine Beichte für mich wird. Ich will, dass du meine Beweggründe, zu gehen, verstehst und nicht weiter hinterfragst.“
Nun war er es, der tief durchatmete. Ob er ahnte, was folgen würde? Ob er mir überhaupt Glauben schenkte?
Nervös begann ich, meine Finger zu kneten, war einen kurzen Blick hinunter und befeuchtete mit meiner Zungenspitze meine Lippen.
Das Kribbeln, welches zu Anfang nur in meinem Bauch war, hatte sich nun auf meinen gesamten Körper ausgebreitet. Meine Nackenhärchen stellten sich auf und meine Zehenspitzen kribbelten: ich hatte sogar für den Bruchteil einer Sekunde die Befürchtung, dass ich ohnmächtig werden würde.
Nach kurzer Zeit sah ich wieder auf, sah in seine Augen. Sein Blick war so treuherzig. Ich hätte mir niemals erträumen lassen, dass ein Mensch mich so ansehen könnte. Vor allem, nachdem ich ihn so verletzt und im Stich gelassen hatte.
„Wenn du nicht gewollt hättest, dass ich deine Beweggründe zu gehen, hinterfrage, dann hättest du nicht gehen dürfen. Ich habe so lange nach dir gesucht, habe nächtelang keinen Schlaf gefunden, weil ich um dich besorgt war. Ich wusste nicht, ob du tot bist, oder ob du noch lebst, oder warum du dich niemals bei mir gemeldet hast...“
Seine Stimme war traurig und ich legte als Trost meine Hände erneut auf seine Wangen, streichelte mit meinen Daumen über seine Haut.
„Ich hatte meine Befehle und diesen musste ich gehorsam folgen. Du weißt doch selbst, wie wichtig es ist, sich an die Anordnungen eines Vorgesetzten zu halten, auch wenn du es nicht sehr oft getan hast. Ich hätte meine Zulassung als Schutzengel verloren, hätte ich nicht gehorcht und das wollte ich nicht aufgeben, auch wenn ich heute das Gefühl habe, dass ich es vielleicht hätte tun sollen.“ Den Rest des Satzes nuschelte ich bereits vor mich hin und ich war mir nicht sicher, ob Mulder mich verstanden hatte.
„Aber jetzt bist du wieder hier, in meiner Wohnung und wir können uns wieder von Angesicht zu Angesicht unterhalten. Das bedeutet mir einfach so viel, dass ich nicht weiß, wohin mit meinen Gefühlen. Ich bin nervös und da ist so viel, das ich dir sagen will...ich weiß nur noch nicht, wo ich anfangen soll und was genau ich dir eigentlich sagen soll...“
Vorsichtig legte er seine Hände auf meine Hüften, übte ein wenig Druck darauf aus. Ich wusste, dass ich nun seine Neugierde geweckt hatte und dass er nun wissen wollte, was genau ich ihm eigentlich mitteilen wollte. Ich wünschte bloß, es wäre so einfach, wie er dachte.

„Ich verstoße ja bereits gegen einer unserer Regeln, indem ich dir das hier beichte. Für gewöhnlich darf kein Mensch von unserem Dasein erfahren...zumal uns die meisten ohnehin nicht glauben würden...“ erneut befeuchtete ich meine Lippen. Mein Mund schien auf einmal so trocken wie eine Wüste. „...aber ich habe noch gegen eine weitere Regel verstoßen...“
Mulder lächelte mich an.
Ich wusste nicht, ob er es aus Belustigung tat, oder weil er mich für verrückt hielt.
„Du verstößt gegen Regeln? Das bin ich ja gar nicht gewohnt von dir. Wie kommt’s?“
Ohne auf sein Kommentar einzugehen, sprach ich einfach weiter.
„Es war immer schwer für mich, meine Schützlinge nach einer gewissen Zeit wieder alleine zu lassen, denn schließlich gewöhnt man sich aneinander. Auf irgendeine Weise wird immer eine Freundschaft aus dieser gezwungenen Beziehung, verstehst du, was ich meine?“
Ich war mir nicht sicher, ob er es verstand.
„Jedenfalls war es bei uns anfangs nicht anders. Na ja, aber eben nur am Anfang nicht, denn nach einigen Monaten bekam ich... Gott, ich habe Bauchkribbeln bekommen, wenn du mir irgendwie zu nahe gekommen bist. Oder wenn du mich berührt hast, auf welche Art auch immer. Mein Herz schlug einfach viel schneller, als es das sonst immer tat. Es war ein seltsames Gefühl, denn ich hatte es noch niemals gefühlt und das will in Anbetracht meines Alters schon mal was heißen. Ich meine, irgendwie wurde mir manchmal einfach heiß und kalt, ich bekam eine Gänsehaut oder meine Beine fühlten sich an wie Schwämme und das nur dann, wenn du in meiner Gegenwart warst. Ansonsten schien mein Körper normal zu sein.“
Ich konnte sehen, wie er schluckte. Ich nahm an, dass er schön langsam wusste, worauf ich hinauswollte. Wie sonst sollte ich es ihm beibringen, was ich auch in genau diesem Moment fühlte?
„Und wenn ich ehrlich sein soll, dann geht es mir gerade eben nicht viel anders...“
Für einen kurzen Moment knabberte ich auf meiner Unterlippe herum.
„Ich muss zugeben, dass ich lange...vielleicht sogar zu lange gebraucht habe, um zu verstehen, was mein Körper mir mit diesen ungewöhnlichen Gefühlen mitteilen wollte. Und zwar das Selbe, was ich dir all die Zeit sagen wollte, aber es einfach nicht konnte.
Es ist uns Engeln verboten, eine Beziehung mit euch Menschen einzugehen und diesbezüglich wird es auch nicht gerne gesehen, wenn wir beginnen, mehr für euch zu empfinden, als es von uns verlangt wird. Freundschaft ist in Ordnung, aber nicht, was darüber hinausgeht. Doch genau das ist eingetroffen. Genau das ist das, was passiert ist. Ich habe nach einiger Zeit einfach angefangen, mehr in dir zu sehen. Viel mehr als der Partner oder der Freund, der du für mich hättest sein sollen.“
Um nicht ohnmächtig zu werden, nahm ich erneut einen tiefen Atemzug und versuchte, mein rasendes Herz ein wenig zu beruhigen. Es klappte nicht.
„Mulder, ich habe begonnen, mich in dich zu verlieben. Anfangs dachte ich, es sei eine einfache Verliebtheit, der ich einfach nachgehen wollte. Einfach so, weil es was anderes war, als sonst. Doch aus dieser anfänglichen Verliebtheit wurde immer mehr, als bloß Schmetterlinge im Bauch. Und jetzt...jetzt sitze ich hier, auf deinem Schoß und fühle mich dir näher als jemals zuvor...sodass ich dir jetzt auch endlich sagen kann...dass ich dich liebe. Ich liebe dich...“


†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

„Oh man...“ war das Erste, was Mulders Lippen nach diesem Geständnis verließ. Er hatte sich für diesen Abend eine Menge Vorstellungen gemacht, als er herausgefunden hatte, dass seine ehemalige Partnerin eine Wohnung in diesem Apartmenthaus bezog. Dass es allerdings zu einer solchen Eröffnung ihrer Gefühle kam wusste er nicht; er hatte es noch nicht einmal zu hoffen gewagt. Doch nun war es geschehen, sie hatte es ihm gesagt. Sie hatte ihm die drei kleinen Worte entgegengebracht, welche ihm bereits mehr als einmal auf seiner Zunge gelegen hatten, dennoch nie den Mut fand, sie ihr zu gestehen.
Zu wichtig war ihre Freundschaft gewesen, das unsichtbare Band zwischen ihnen, welches sie ohne Worte kommunizieren ließ.
Selbstverständlich hatte er oft davon geträumt, wie es sein könnte, mit dieser Frau vor ihm zusammen zu sein, so wie viele andere Pärchen auch. Aus diesem Traum wurde allerdings nie etwas, weil sie beide zu feige gewesen waren, diese unsichtbare Linie zu überschreiten, welche sie sich im Laufe der Zeit gesetzt hatten.
Im Grunde waren sie mit der Freundschaft zueinander vollkommen zufrieden, wenn auch manchmal ein wenig fehlte und sei es auch nur das Kuscheln mit der Person, die man liebte.

Jetzt allerdings schien alles anders. Sein gesamtes Weltbild geriet ins wanken, als ihre Worte in seinem Kopf erneut widerhallten und die Bedeutung dieser immer mehr Gewicht bekamen. Wie sollte er nun reagieren?
Eine Antwort à la ‚Ich dich auch’ erschien ihm zu plump und einfach zu Klischee-Haft. Wenn diese Frau schon den Mut aufbrachte, ihm ihre Gefühle auf einem silbernen Tablett zu servieren, so musste er ihr beweisen, dass er es wert war, von ihr geliebt zu werden.
Mit einem herumkauen auf seiner Unterlippe versuchte er, die Worte zu finden, um ihr zu zeigen, was er für sie empfand, was sich in Anbetracht der Situation als nicht sehr einfach erwies. Schon alleine die Tatsache, dass Scully, seine Scully, nicht die Frau war, für die er sie all die Jahre über gehalten hatte. Sie war kein Mensch oder sonst etwas, an das er glaubte. Sie war ein Engel, ein Schutzengel und noch dazu war sie seiner gewesen. Über fünf Jahre hinweg hatte sie ihn davor bewahrt, sein Leben zu verlieren.
Neben dieser Tatsache schlichen sich tausende Fragen in seine Gedanken, Fragen an ihre Entführung, ihre Unfruchtbarkeit und ihren Krebs. War all dies wirklich geschehen? Hatte sie all das wirklich miterleben müssen oder war es ein Mittel zum Zweck? Ein Spiel, welches ihn davon abhalten sollte, über sie nachzudenken?

„Scully, ich...“ begann er, verstummte jedoch im selben Moment wieder, als er in ihre hoffenden Augen blickte. Er wusste, was sie sich nun erwartete, was sie sich wünschte. Ihm selbst ging es da nicht anders, denn auch er würde ihr nur zu gerne sagen, was er für sie fühlte, was er für sie empfand. An ihrer Stelle würde es ihm nicht anders ergehen, mit dem Unterschied, dass er ein Mensch war.
„Das sind ein bisschen viele Informationen auf einmal...“ sagte er mit rauer Stimme und erhoffte sich, dass sie es ihm nicht übel nehmen würde. Er nahm einen tiefen Atemzug und lächelte sie schwach an, um ihr zu zeigen, wie es ihm im Moment erging. Vielleicht hätte sie das alles doch in einem etwas größeren Zeitraum von sich geben sollen, sodass er die Chance hatte, alles was er hörte zu verdauen und zu verstehen.
„Ich weiß. Aber ich weiß einfach nicht, wie viel Zeit wir miteinander noch haben. Ich hätte nur schwer damit weiterleben können, all das für dich zu empfinden, doch niemals mehr die Chance zu bekommen, es dir zu sagen.“
Wissend nickte er.
„Aber du hast es in Kauf genommen, dass ich dir niemals das sagen hätte können, was ich für dich empfinde...“ antwortete er leise. „...weil du einfach gegangen bist und mir somit meine Chance genommen hast...“
„Ich habe gehen müssen...ich hatte keine Wahl...“ Reue lag in ihrer Stimme.
„Man hat immer eine Wahl, Dana...“ flüsternd griff er nach ihrer linken Hand, hob sie an und hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Fingerkuppe ihres Ringfingers, wobei er seinen Blick nicht von ihren Augen abwenden konnte.
Ein Schauer nach dem anderen jagte über ihren Körper, ließ ihr Innerstes erzittern. Ein Kribbeln durchzog ihren Finger, wanderte über ihren Arm und sorgte schließlich dafür, dass ich ihre feinen Nackenhärchen zu wiederholten Male an diesem Abend aufrichtete.
Vorsichtig blinzelte sie, in der Angst, wenn sie ihre Augen zu lange geschlossen lassen würde, dass Mulder mit einem Mal nicht mehr vor ihr sitzen würde. So lehnte sie sich nach einigen verstrichenen Sekunden nach vorne, ehe sie ihre Stirn an seine lehnen konnte. Sie genoss dieses Neugewonnene, vertraute Gefühl und hielt seine Hand fest, mit der er ihre bis vor kurzem noch gehalten hatte.
Mit einem tiefen Atemzug drehte sie ihren Kopf ein wenig, sodass sich ihre Nasenspitzen berührten und nach und nach begannen, Eskimoküsschen auszutauschen. Die ungewohnte Nähe des anderen verursachte in beiden Bauchkribbeln, ehe beide ihre Augen schlossen. Ihre Hand verließ seine und legte sich, zusammen mit ihrer anderen, an den Übergang von seinem Hals zu seinen Schultern, während sich seine eine Hand auf ihre Schulter legte, die andere strich durch ihre Haare, streichelte über ihren Kopf, ehe sie in ihrem Nacken zum liegen kam. Dort streichelte er ihre weiche Haut zärtlich weiter, zeichnete undefinierbare Muster.
Ihre Bewegungen wurden langsamer, verloren jedoch niemals an Zuneigung. Zaghaft veränderte er die Position seines Kopfes, ließ seine Augen jedoch geschlossen. Er spürte, wie sie während des Austausches an Zärtlichkeiten, immer näher zu ihm gerutscht war, sodass er ihren Herzschlag beinahe an seiner Brust spüren konnte.

Ein vorbeifahrendes Auto ließ seine Scheinwerferlichter an der Decke tanzen, ehe das Geräusch des Motors in der Ferne verstummte.
Mit langsamen Bewegungen strich sie mit ihren Fingernägeln über seine Haut, drehte ihren Kopf erneut, sodass sie ihre Positionen änderten. Ihre Nasenspitze strich über seine Haut, welche sich unter seinem rechten Auge befand, Lippen strichen sich und hinterließen ein Gefühl von einem vorbeisegelnden Schmetterling. Es war eine zarte Berührung, doch noch nicht genug; für sie beide nicht. Mit einer liebkosenden Bewegung dirigierte Mulder sie beide so, dass ihre Lippen länger aufeinander liegen konnten.
Sein Herz raste und drohte, jeden Moment aus seinem Hals geschlagen zu kommen. Vorsichtig legte er seine Hand, welche zuvor noch auf ihrer Schulter gelegen hatte, auf ihre Wange, spürte die Wärme ihrer Haut unter seiner Handfläche. Ein kurzes Seufzen schien ihrer Kehle zu entkommen, als er ihren Körper spürte, welcher anfing, sich sachte gegen ihn zu drücken.

Es war ein scheuer Kuss, doch seine Bedeutung war wichtiger, als alle Regierungsverschwörungen, die Mulder versuchte aufzudecken. Er bedeutete mehr, als Dana Scullys Flügel oder die Gesetze der Obrigkeit. Vergessen waren all der Schmerz und die Verluste, die sie in den letzten Jahren gemacht hatten, denn nun zählte nur mehr die Zukunft, welche durch diese ehrfürchtige Berührung zwischen zwei Menschen eingeläutet wurde.
Die anfängliche Starre beider Seiten verschwand mit der Zeit, wich sanften Bewegungen und zärtlichen Küssen, ehe Mulder seinen Griff in ihrem Nacken festigte und sie so nicht mehr gehen ließ. Langsam öffnete sie ihre Lippen, begann ein wenig an seiner Unterlippe zu knabbern, ehe sie seine Zungenspitze an ihrer Oberlippe fühlen konnte. Sie öffnete ihre Lippen weiter, gewährte ihm so Einlass.
Sachte Küsse wurden durch tiefere getauscht. Jeder der beiden versuchte seine Gefühle für den jeweils anderen mit einem sanften Zungenspiel zum Ausdruck zu bringen.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Sie vergaßen alles um sich herum, wollten sich einfach bloß nahe sein und das vergessen, worüber ihre Gedanken für gewöhnlich kreisten.
Erst nachdem sie sich beide aufgrund des Mangels an Sauerstoff trennen mussten, wagte Scully es, ihre Augen erneut zu öffnen. Selten hatte sie einen Menschen körperlich so nahe an sich herangelassen, emotionell schon gar nicht. Vorsichtig lehnte sie sich weiter nach vorne, ehe ihr Oberkörper seinen berührte und sie ihren Kopf auf seine Schulter legen konnte. Seine Hand, welche zuvor noch in ihrem Nacken gelegen hatte, legte er nun auf ihren Hinterkopf, strich mit seinen Fingern durch ihr seidiges Haar. Sein Blick glitt ins Leere, ehe er seine Augen zur Hälfte schloss und einen kurzen Kuss auf ihren Haaransatz gab.
Regungslos saßen sie auf der Matratze, lediglich leise Atemgeräusche waren zu vernehmen. Hin und wieder strich er ihr mit einer langsamen Bewegung über ihre Haare, teilte einige ihrer Strähnen auseinander.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“ fragte Mulder leise und nuschelte seine Worte gegen ihre Stirn. „Ich meine, ich will morgen früh nicht aufwachen und feststellen, dass du schon wieder über alle Berge bist...“
„Ich muss gestehen, dass ich den Auftrag bekommen habe, nach Los Angeles zu fliegen, doch nun bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das wirklich tun soll. Klar, es ist mein Job, aber irgendwie ist es nicht mehr das, was es einmal für mich war. Zumindest wird mir das in dem Moment klar...“
Fragend blickte er in ihre Augen und wartete darauf, dass sie weitersprechen würde. Es kam ihm seltsam vor, dass sie ihm das sagte. Vor allem war er sich nicht sicher, ob es Los Angeles die Wahrheit war oder wieder nur ein Ziel, welches sie benutzte, um eine falsche Fährte zu legen.
„Ich weiß, dass du es nicht wissen kannst, weil du nicht das gesehen hast, was ich sehen musste. Tausend Jahre Menschheitsgeschichte sind länger, als man glaubt...“
„Tausend Jahre Menschheitsgeschichte?“ Mulders Stimme war ungläubig und ein gewisser Spot lag ebenfalls in seiner Frage. „Du willst mir sagen, dass du bereits tausend Jahre alt bist...?“
„Ich sagte nur, dass tausend Jahre Menschheitsgeschichte anstrengend sind. Zumal man eine Frau nie nach ihrem Alter oder Gewicht fragen sollte...“ versuchte sie, seiner Frage auszuweichen. Es war ihr sichtlich unangenehm, darüber zu sprechen.
„Ich habe dich auch nicht danach gefragt...“ entschuldigte er sich und ließ seinen Zeigefinger über ihren Kieferknochen streichen. Mit einem leisen, genussvollen Seufzen schloss Scully ihre Augen und hob ihre Hand an, sodass sie sie auf Mulders legen konnte. Mit ihrem Daumen strich sie über seinen Handrücken, ehe sie in seine Augen blickte.
Wärme und Liebe schienen sie zu empfangen, ließ ihr Innerstes erneut erschaudern.
„Wieso siehst du mich so an?“ ihre Stimme war ein Flüstern. Selten hatte ein Mensch sie mit einer solchen Intensität angesehen, schien mit seinen Augen in ihre Seele blicken zu können.
„Wie sollte ich denn sonst ansehen?“ seine Antwort war nicht gerade das, was sie hören wollte, aber es war besser als die Antwort, vor welcher sie sich gefürchtet hatte.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht so, wie du mich die letzten Jahre über angesehen hast...“
„Wie habe ich dich denn die letzten Jahre angesehen?“
„Anders..“
Für einen kurzen Moment umspielte ein leichtes Grinsen seine Lippen, ehe er sich erneut zu ihr beugte, um sie noch mal zu küssen. Kommentarlos ließ sie es geschehen, drückte sich ein bisschen weiter gegen ihn und genoss die Zärtlichkeiten zwischen ihnen.

Zwischen sanften Küssen immer wieder Atem holend, ließ er seine Hände von ihrem Kopf hinunter zu ihren Schultern streichen, ehe er sie an ihrem Steiß sanft kraulte. Nach und nach massierte sie seine Oberarme, strich hinauf zu seinen Schultern und wieder hinunter. Seine Lippen fanden ihren Weg von ihren Lippen hinunter zu ihrem Kinn, streiften ihren Kieferbogen und fanden ihr Ziel schließlich an ihrem Hals.
Ein Gefühl von Ungewohntheit durchströmte ihren Körper, brachte ihre Nackenhärchen dazu, sich aufzurichten, ehe eine Gänsehaut ihre Arme zu benetzen schien. Ein wohliges Brummen verließ ihre Kehle, griff nach seinem Hinterkopf. Sie legte ihren Kopf in ihren Nacken und ein wenig zur Seite, sodass sie ihm den Zugriff zu ihrer empfindlichen Haut erleichtern konnte.
Nie hätte sie gedacht, sich von diesem Mann so berühren zu lassen.
Mit langsamen Bewegungen schien seine Zungenspitze ebenfalls über ihre Haut zu gleiten, hinterließ einen feuchten Film und ließ das Kribbeln in ihrem Bauch immer stärker werden.
„Was tust du da?“ anstatt einem Flüstern entkam ihre Stimme einem Stöhnen gleich ihren Lippen, ihre Augen immer noch genüsslich geschlossen.
Er gab ihr keine Antwort, war stattdessen damit beschäftigt, ihre Halsschlagader hinunter zu ihrem Schlüsselbein zu küssen. Seine Hände fuhren an ihren Seiten wieder hinauf.
„Woran hast du gedacht, als du dieses Outfit gewählt hast?“ nuschelte er gegen ihre warme Haut, ohne jedoch zu ihr aufzusehen. Im Grunde genommen wollte er sie nur auf den Arm nehmen, denn seine ehemalige Partnerin in so reizender Kleidung zu sehen, war nicht etwas, wogegen er protestieren würde.
„Hm, ich dachte an einen amüsanten Abend...“ gestand sie ehrlich, auch wenn das, was gerade passierte, nicht gerade das war, an das sie gedacht hatte.
„Ein amüsanter Abend also? Erwartest du noch Besuch?“
Langsam löste er sich von ihr, sah zu ihr auf, jedoch nur, um danach ihre andere Halsseite mit Küssen zu versehen.
„Nein, zumindest habe ich das nicht. Denn jetzt sitzt du ja gerade auf meinem Bett...“ flüsterte sie leise und strich über seinen Kopf. Sie konnte nicht glauben, dass das alles passierte.

Mulder wiederholte dieses Spiel ein paar Mal, küsste ihren Hals und ihr Schlüsselbein, strich ihren Rücken auf und ab. Seine Gegenüber ihrerseits war damit beschäftigt, über seinen Hinterkopf zu streichen und seinen Nacken zu massieren. Nach und nach hob er sie von seinem Schoß, sie stützte sich mit ihrem Knie auf der Matratze ab. Mit einer fürsorglichen Vorsichtigkeit hob er sie über seine Oberschenkel und legte sie zurück auf die Matratze.
Seine Hände strichen erneut über ihre Seiten, hinunter zu dem Saum ihrer Bluse, ehe er seine Finger unter den Stoff schob und über die weiche Haut ihres Bauches strich. Gemächlich beugte er sich zu ihr, streifte dabei seine Schuhe ab und küsste das Stückchen freie Haut, welches sich knapp über den Blusenausschnitt befand.
„Mulder...?“ Ihre Augenlider waren zur Hälfte geschlossen, als sie ihn dabei beobachtete, wie er ihre Haut liebkoste.
„Hm?“
„Da ist noch etwas...das ich dir sagen sollte...bevor du weitermachst...“ Sie war bemüht, ihre Stimme kräftig klingen zu lassen, allerdings scheiterte sie an diesem Versuch. Statt einer kräftigen Stimme verließ ein keuchendes Flüstern ihre Lippen. Sie konnte sich allzu gut vorstellen, was das Kribbeln in ihrem Bauch und ihrem Unterleib bedeutete, doch da gab es noch diese Sache, die sie Mulder erzählen musste, ehe er weiterfuhr und es vermutlich von selbst herausfinden würde.
„Was ist da noch?“ fragte er halblaut und sah erneut zu ihr auf, bevor er sich erneut zu ihr beugte und Küsse auf ihre Nasenspitze setzte. Sie nahm einen tiefen Atemzug, füllte ihre Lungen mit warmer Luft, als sie sich ihre Lippen befeuchtete. Sie war gespannt auf seine Reaktion, denn sie nahm an, dass er nun mit allem rechnete, bloß nicht mit dem, was sie ihm tatsächlich sagen würde.
„Na ja...also...die Sache ist die...“ begann sie, brach jedoch wieder ab, blickte zur Seite.
Sachte griff er nach ihrem Kinn und drehte ihren Kopf wieder in seine Richtung, sodass sie zu ihm sehen musste. Obwohl es mitten in der Nacht war, spendete die Straßenlaterne genug Licht, sodass man die Umrisse des anderen ohne Probleme erkennen konnte.
„So schlimm kann es nicht sein, oder?“ fragte er leise nach. Leichte, kaum spürbare Eskimoküsse folgten und traten einer Stille voraus, die sie beide nun einzumummeln schien. Keiner sagte mehr was, ehe Scully mit sich im Reinen war und sich auch innerlich traute, es dem Mann gegenüber zu ‚gestehen’.
„Ich bin noch Jungfrau...“

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Mit einem scheuen Blick sah sie zu ihm auf, schluckte und wartete auf eine Reaktion. Sie wusste, dass er nun nicht mehr viele Möglichkeiten für eine Entscheidung hatte. Entweder er blieb bei seinem Plan, oder wie auch immer man das nennen sollte, oder er würde nun abblocken.
Sie seufzte tonlos und legte ihre Arme vorsichtig über seine Schultern. So richtig wusste auch sie nicht, wie sie nun reagieren sollte, denn bisher war sie noch niemals in dieser Situation gewesen.
„Ehm...“ war Mulders erstes Kommentar, als er sich Scullys letzten Satz noch mal durch den Kopf gehen ließ. Er hatte nun mit allem möglichen gerechnet, dass sie einen Freund hatte oder in einer Beziehung lebte oder sonst was, aber nicht das.
Vorsichtig beugte er sich zu ihrem Gesicht und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf ihre Stirn.
„Wenn du deine Sachen nun packen und gehen willst, dann sehe ich das ein...“ murmelte sie leise vor sich hin und schloss ihre Augen. Sie erwartete eine rasche Bewegung seinerseits, mit welcher er sich aus dem Bett schwingen würde. Doch entgegen ihrer Vermutung bewegte er sich nicht, strich ihr mit einer Hand eine Strähne aus ihrem Gesicht.
„Und wieso sollte ich jetzt gehen, nachdem ich die anderthalb Jahre gesucht habe?“ fragte er leise und nuschelte seine Worte gegen ihre Haut.
„Na ja, in Bezug auf Liebe machen habe ich keine Erfahrung und wer will schon mit einer Jungfrau schlafen?“ Niedergeschlagenheit lag in ihrer Stimme, ihre Augen waren immer noch geschlossen. Sie traute sich nicht, in seine Augen zu sehen.
Für einen kurzen Moment entwich seiner Kehle ein Lachen, ehe er wieder verstummte und über ihre Stirn strich.
„Irgendwann war jeder mal Jungfrau, das ist nicht etwas, was Abartig ist, oder wie auch immer du das nun hinstellst...“ seine Stimme war ruhig und voller Geduld. Er schien es wirklich keinesfalls eilig zu haben, was sie dazu bewegte, ihre Augen wieder zu öffnen und zu seinen aufzusehen.
„Denkst du denn, dass ich nicht auch einmal Jungfrau gewesen bin?“ Überrascht hob er seine Augenbrauen und musterte sie mit einer gewissen Belustigung. Natürlich hatte er nicht erwartet, dass sie mit diesem Aussehen und mit ihrem Auftreten noch niemals Sex gehabt hatte, dennoch konnte ihn, in Bezug auf diese Frau, nichts mehr überraschen.
„Irgendwann hat jeder sein erstes Mal...“
Scully nickte zustimmend und begann daraufhin, seinen Hals zu küssen. Anfangs vorsichtig, doch dann immer mutiger streifte sie mit ihren Lippen seine Haut, spürte seine Bartstoppel.
„...was nun nicht bedeuten soll, dass das hier nur in eine Richtung verlaufen wird...“ versuchte er, ihr Einhalt zu gebieten, griff nach ihren Schultern und drehte sich um, sodass sie auf ihm zum Liegen kam.
Mit einem überraschten Ausdruck in ihren Augen blickte sie zu ihm, zog ihre Unterlippe in ihren Mund. Oft hatte sie Menschen abgewimmelt, aufgrund des Verbotes von Beziehungen zu ihnen. Nun erlaubte sie sich, doch Gefühle zuzulassen und er schien sie zurückzuweisen. Darum bemüht, nicht zu zeigen, dass sie doch ein wenig gekränkt war, sah sie zur Seite. Augenblicklich bemerkte er ihre scheue Geste und legte seinen Zeigfinger unter ihr Kinn, sodass er ihren Kopf drehen konnte und sie ihn nun ansehen musste.
„Es gibt so viele Möglichkeiten, miteinander intim zu sein ohne gleich Sex zu haben. Verstehst du? Und es gibt viele Wege, dem anderen zu zeigen, dass man ihn liebt.“
„Ich muss gestehen, Schutzengel zu sein, doch in Sachen Liebe habe ich wirklich keine Erfahrungen vorzuweisen. Es tut mir leid, dass du mir nun scheinbar ein Lehrer sein musst...“
Entschuldigend sah sie ihn an und ein scheues Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Die gesamte Situation war ihr wirklich mehr als peinlich.
„Dazu braucht man doch keinen Lehrer. So was tut man aus dem Reflex heraus. Oder...ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Du wirst schon wissen, wenn was nicht in Ordnung ist...vertrau mir...“
Langsam nickte sie und atmete tief durch. Sie wünschte, sie hätte eine Antwort, die sie ihm geben könnte, doch irgendwie schien in ihrem Kopf auf einmal gähnende Leere zu herrschen. Das Einzige, was sie tun wollte, war sich an ihn zu kuscheln und darauf hoffen, dass sie vielleicht doch eine Chance hatten. So fasste sie all ihren Mut zusammen und legte ihren Kopf unter seinen. Es war beinahe so, als ob ihre Körper dafür geschaffen wurden, so zusammen zu sein, denn ihr Kopf passte genau unter seinen, sodass sie sich eng an ihn schmiegen konnte.
Mit langsamen Bewegungen begann er, ihren Rücken auf und ab zu streichen, lauschte ihrer ruhigen Atmung.

Minuten verstrichen, in welchem man einzig das Atmen beider hören konnte, jeder hing seinen Gedanken nach und den Erinnerungen der jüngsten Momente.

„Mulder?“ durchbrach Scullys Stimme die Stille.
„Hm?“ war seine einzige, brummende Antwort. Seine Augen waren geschlossen, zu sehr genoss er das Gefühl ihres warmen Körpers so nahe an seinem.
„Komm mit mir nach Los Angeles...“ sprudelte es aus ihr heraus, als sie ihren Kopf anhob und zu ihm aufsah. In ihren Augen lag eine offene Frage, welche ihrer beider Zukunft verändern könnte.
„Nach L.A?“ fragte Mulder nach, in der Hoffnung, dass er sich verhört hätte. Zu seiner Enttäuschung begann Scully zu nicken und ihre Lippen mit ihrer Zungenspitze zu befeuchten.
„Ja, ich...muss aus ‚beruflichen’ Gründen dort hin...und wäre froh darüber, wenn du mitkommen würdest. Ich habe meine Tickets schon, aber ich bin sicher, dass es leicht ist, an ein Zweites zu kommen.“
„Scully, ich...“ setzte Mulder an und seufzte. „Ich muss zugeben, dass ich Angst davor habe, dass du auf einmal wieder weg bist. Wieso kommst du nicht mit nach D.C.? Wieso kommst du nicht zurück?“
Es war schwer für sie, diese Frage zu beantworten. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann hatte sie Angst davor, zurück nach D.C. zu gehen. So würde es noch viel eher auffallen, dass sie nicht alleine war, vorausgesetzt, es war noch nicht bemerkt worden, denn so sicher war sie sich diesbezüglich gar nicht mehr. Würde Mulder mit ihr nach L.A. gehen, so konnte sie immer noch ihrem Auftrag nachgehen und Mulder wäre dennoch bei ihr.
„Das wäre viel zu kompliziert...’die’ würden dann zu schnell bemerken, was wirklich passiert...bzw. was wirklich passiert ist...“ Scully seufzte leise und atmete tief durch.
„’Die?“ wiederholte Mulder. „Ich werde nicht zulassen, dass ‚die’ dich noch einmal holen. Das weißt du doch...“
Mit einer sanften Bewegung strich er über ihre Wange.


Wenn er wüsste....
„Nein, ich meinte nicht diese ‚die’ sondern ‚die’...“ mit meinem Finger deutete ich nach oben und hoffte, dass die Nachricht nun ankommen würde, denn ich sprach keinesfalls von Aliens.



Nachdenklich musterte er sie, ehe er ratlos seine Augenbrauen hob. Scheinbar redeten sie beide aneinander vorbei.
„Ich meinte meine Arbeitgeber...mehr oder minder...“
„Gott...?“ fragte Mulder ungläubig nach, obwohl dessen Existenz durch seine ehemalige Partnerin nun irgendwie bewiesen wurde.
„Ja, indirekt auch Gott, aber da gibt es so viele Abteilungen, dass Gott nicht immer der direkte Auftraggeber ist. Das würde sogar ihr langsam aber sich-„
„Sie?“ Nun war Mulder erst recht überrascht. „Du willst mir jetzt sagen, dass Gott eine Frau ist?“
Grinsend sah Scully zu ihrem Gegenüber hinunter, senkte ihren Blick für einen kurzen Augenblick, ehe sie wieder zu ihm sah. „Hast du jemals angenommen, dass Gott ein Mann wäre?“
In ihrer Stimme schwang ein gewisser Spot mit, doch sie konnte es ihm nicht übel nehmen, dass er das dachte, was auch viele andere dachten. Doch wie sollte sie es schaffen, Millionen von Menschen aufzuklären?“
„Und...wieso...reden dann alle von einem ‚er’?“
„Das ist einfach abgeklärt. Alle Schreiberlinge der Bibel waren männlich...daher wurde ‚sie’ nach einiger Zeit automatisch zu einem ‚er’ und nun Millionen von Christen vom Gegenteil zu überzeugen wäre eine Sisyphos-Arbeit...“
Ihre Stimme war immer noch belustigt, während Mulder diese Worte verdaute.
„Hm...und wie...ist sie so?“ fragte er nach einiger Zeit vorsichtig nach. Er dachte darüber nach, wie es sich anhören musste, dass ausgerechnet Fox Mulder nachfragte, wie Gott so ist.
„Nun, wie ist sie so...“ über eine Antwort nachdenkend strich sie sich ihre Haare zurück. „Nun ja, sie ist eigentlich...sehr höflich, meistens freundlich und eigentlich auch immer für einen Spaß zu haben...“
sie sprach noch einige Minuten weiter über das, was Christen als ‚ihren’ Gott ansahen.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Leicht lächelnd schloss Mulder seine Augen, als sie in Ruhe weiter erzählte. Es war eine neue Erfahrung für ihn, solche Geschichten über Gott zu hören. Nachdem ein paar Minuten vergangen waren, seufzte Scully leise und sah zu ihm auf, fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger seinen Kieferbogen nach.
„Vielleicht sollten wir schlafen...es ist spät und es ist viel passiert...“ ihre Stimme war leise und klang sehr nahe an seinem Ohr, sodass er seine Augen wieder öffnete und in ihre sehen konnte, ehe er etwas nickte. Langsam richtete er sich auf, sodass auch sie sich hinsetzen musste und ihren Blick suchend über das Bett schweifen ließ, ehe sie unter ihren Kopfpolster griff und einen weißen Satinpyjama hervorholte. Seine Augen verließen ihre Hände nie, als er zu ihrem Gesicht aufsah und seine Hände auf ihre Hüften legte.
Erst da nickte er, beugte sich zu ihr und hauchte ihr einen Kuss auf ihre Nase.
„Darf ich dir deinen Pyjama anziehen?“ seine Stimme brachte sie dazu, für einen kurzen Moment nervös auf ihre Hand zu blicken, ehe sie lächelnd zurück in seine Augen sah.
Mit einem leichten Nicken ließ Mulder seine Hände von ihren Hüften zu ihrem Kragen wandern, um dort anzufangen, ihre Bluse langsam aufzuknöpfen. Er beobachtete ihren Brustkorb, welcher sich bei jedem ihrer Atemzüge hob und wieder senkte, während ihr warmer Atem sein Ohr streifte. Ein Kribbeln machte sich in seinem Bauch breit, als er die Bluse fertig aufgeknöpft hatte und seine Hände auf ihre Schulter legte, sodass er ihr den weißen Stoff abstreifen konnte.
Geräuschlos fiel dieser aus dem Bett, bevor Mulder sich daran machte, ihr silbernes Bauchkettchen zu öffnen, was sich in dem dunklen Raum als durchaus schwierig herausstellte. Erst nach einigen Momenten hielt er die beiden Enden in seinen Händen und grinste siegessicher in sich hinein. Mit einer langsamen Bewegung legte er es auf einen kleinen Hocker, welcher neben dem Bett stand und scheinbar als Nachttisch diente, denn es lag ein Buch darauf. Das Kettchen schien zu rascheln, als er es auf das Holz legte und anschließend wieder in die Augen seiner Gegenüber blickte. Daraufhin griff er nach dem Oberteil ihres Pyjamas und zog ihr diesen über ihren Kopf, woraufhin sie ihn bloß verwundert musterte. Ohne ein Wort von sich zu geben, griff er hinter sie und schien auf der Suche nach dem Verschluss ihres BHs zu sein, was widerrum ein unmögliches Vorhaben zu sein schien.
„Hm...“ brummte er leise und lehnte ihre Stirn gegen ihre. „Ist schon eine Weile her, seitdem ich so ein Ding das letzte Mal aufgemacht habe. Ist mir immer wieder ein Rätsel...“
Ein leises Kichern von ihrer Seite folgte auf sein Kommentar, ehe sie ihm zur Hand ging und ebenfalls nach hinten griff. Im Nu hatte sie die Häkchen aus den Schlaufen gelöst. Leicht grinsend schob Mulder ihr die Träger von den Schultern und legte ihren BH auf ihre Bluse.
„Ich sagte ja, es ist mir immer wieder ein Rätsel...“
Mit einer fließenden Bewegung hatte sie ihre Arme in die vorgesehenen Ärmel gesteckt und Mulder wollte sich daran machen, ihr ihren Rock auszuziehen, ehe sie ihre Hände auf seine legte und ihn somit stoppte. Fragend sah er zu ihr auf, während sie ihren Kopf schüttelte.
„Wie du mir, so ich dir...“
Mit einem frechen Grinsen auf den Lippen begann sie, sein Hemd aufzuknöpfen...

Fünf Minuten später lagen beide nebeneinander im Bett; Scully in ihrem Pyjama und, da Mulder seine Sachen im Motel hatte liegen lassen, in seiner Shorts. Mit einer vorsichtigen Bewegung hatte sie ihren Kopf auf seine Schulter und ihren Arm um ihn gelegt. Dass sie diese Nacht eventuell nicht sonderlich ruhig schlafen würde können, was sie mit Garantie auf ihre Gesellschaft schieben würde.
Durch einen tiefen Atemzug versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen, doch er machte ihren Plan zunichte, in dem er einen Arm um ihre Schulter legte.
„Wenn ich morgen aufwache...wirst du dann noch hier sein?“ fragte er leise und sie wusste, dass er an die Decke sah. Langsam nickte sie.
„Klar werde ich dann noch hier sein. Ich werde nicht gehen...zumindest nicht in den nächsten 18 Stunden, das kannst du mir glauben...“

Das Fenster war immer noch gekippt, kühle Nachtluft drang immer in einer Art Stößen in das Zimmer, bewegte den Vorhang wie durch Geisterhand. In einiger Entfernung hörte man ein Auto um die Ecke biegen und anschließend einen absterbenden Motor, doch wurde dieser von niemandem zur Kenntnis genommen. Genauso wenig, wie jemand den betrunkenen Autofahrer wahrnahm.
Mit einem leisen Geräusch drehte Mulder sich um, sodass Scully nun hinter ihm lag und ihre Hand auf seinem Bauch zur Ruhe kam. Obwohl es Sommer war, so hatten sie sich doch ein wenig mit einer dünnen Leinendecke zugedeckt, rein aus Gewohnheit.
Durch einen kühleren Luftzug zog Mulder die Decke höher, ehe er eine Gänsehaut auf seinen Armen spürte. Langsam wachte er aus seinem leichten Schlaf auf und blinzelte ein wenig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es die Nachtluft war, welche ihm eine Gänsehaut beschert hatte. Erst langsam konnte er Umrisse und Gegenstände erkennen...und einen Mann, welcher anderthalb Meter vom Bett entfernt stand. Er hatte eine Augenbraue gehoben und seine Arme vor der Brust verschränkt.
„Wohow...“ Binnen einer Sekunde saß Mulder aufrecht im Bett, seinen Rücken gegen die Kopflehne. Er wusste nicht, wie lange dieser Mann schon da stand, noch, weshalb er hier war...oder wieso er der Zwillingsbruder von Alan Rickman sein konnte.
„Wer sind Sie? Und warum sind Sie hier?“ versuchte Mulder sich mit ruhiger Stimme mitzuteilen, ohne, dass er Scully weckte.
Mit einem Augenrollen seufzte sein Gegenüber und gab ein Seufzen von sich, welches mehr als genervt klang.
„Dass man bei euch Menschen aber auch immer einen Grund braucht, um irgendwo zu sein...“ sagte er mit gedämpfter Stimme und deutete mit seinem Kopf anschließend auf die schlafende Frau. „Eigentlich sollte sie ja aufwachen...doch wie ich sehe, schläft sie wie ein Stein...“
Vorsichtig blickte Mulder zu seiner schlafenden Partnerin, ehe er zu dem fremden Mann zurücksah, als ein kurzer Schrei seine Aufmerksamkeit wieder auf Scully lenkte. Mit einem erschreckten Gesichtsausdruck saß sie nun ebenfalls aufrecht im Bett, die dünne Decke hielt sie sich bis zur Brust. Ihr Gesicht glänzte feucht, so als ob sie bis eben noch getaucht wäre.
Erst blickte sie sich verwundert um, sah zu Mulder und erblickte anschließend den fremden Mann, welcher immer noch lässig inmitten des Zimmers stand.
„Du hier? Mitten in der Nacht?“ Ihre Stimme klang gereizt und kein bisschen müde, so wie Mulder es erwartet hatte.
„Bisher war dir das doch auch egal. Jedenfalls bist du nicht alleine, so wie ich angenommen hatte.“ Er hatte nun beide Augenbrauen gehoben und blickte mit einem gewissen Spott zu Mulder.
„Es geht dich gar nichts an, wer bei mir zu Besuch ist. Also, was willst du? Warum bist du hier und weshalb weckst du mich?“
Etwas überfordert blickte Mulder zwischen den beiden Parteien hin und her, versuchte abzuwägen, was er tun konnte und entschied sich, einfach zu warten, da Scully diesen Mann zu kennen schien.
Mit einem nervösen Blick sah Scully zu Mulder und befeuchtete ihre Oberlippe mit ihrer Zunge. Sie wusste nicht so recht, wie sie diese gespannte Situation wieder entschärfen konnte, doch da Mulder bereits wusste, ‚was’ sie war, würde es ihn vielleicht nicht mehr allzu sehr überraschen, was er war.
„Er ist der Metatron...“ sagte sie anschließend leise und bekam das, was sie erwartet hatte: ein fragendes Gesicht. Sie unterdrückte ein Lächeln und atmete tief durch, warf dem dunkelhaarigen Mann einen kurzen Blick zu, ehe sie wieder zu Mulder sah.
„Er ist ein Seraphim...“
„Na ja, aber es sieht mir nicht danach aus, als ob er noch einen Adlerkopf hätte...oder so was in der Art...“ kam es daraufhin von Mulder. Er hatte einmal etwas von solchen Engeln gehört, war sich aber nicht sicher, ob er sie richtig in Erinnerung behalten hatte.
„Sehr witzig...“ gab der zweite Mann tonlos von sich und blieb weiterhin auf demselben Fleck stehen, ehe er begann, sich selbst vorzustellen.
„Wie der reizende Schutzengel schon sagte, bin ich der Metatron...und ein Seraphim, was im Übrigen der höchste Rang bei uns Engeln ist...“
Seufzend rollte Scully ihre Augen. Sie wusste, dass er gerne damit prahlte.
„Ich bin...die Stimme Gottes... Wenn irgendwo geschrieben steht, dass jemand mit Gott gesprochen hat, so hat er mit mir gesprochen...oder...er hat Selbstgespräche geführt...“ setzte er im Nachhinein noch an und atmete tief durch, hoffte, dass der Mensch seine Message verstanden hatte. Skeptisch blickte Mulder zu dem anderen Engel, war sich nicht sicher, ob er das, was er gehört hatte, wirklich glauben sollte. Auf der anderen Seite...wenn Scully ihn kannte, dann musste er die Wahrheit sagen.
„Wieso braucht Gott einen Engel, der in seinem Namen mit den Menschen spricht?“ fragte Mulder und hoffte, dass nun niemand glauben würde, er würde jemanden auf den Schlips treten wollen. Es war ein Gedanken, ein kurzer Gedanke, welcher auf einmal da war und ausgesprochen werden wollte.
„Die Antwort ist ganz einfach...Menschen haben weder das akustische noch das psychologische Fassungsvermögen, um die wahrhaftig ehrfürchtige Stimme Gottes zu vernehmen. Wenn du sie hören würdest, würde sich dein Verstand aufhängen und dein Herz würde dir in der Brust zerspringen. Wir haben fünf Adams verbraucht, bis wir das raus hatten...“

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Mit einem verblüfften Blick sah Mulder zu dem Mann, der ihm als Metatron vorgestellt wurde. Er konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals in einer solchen Situation befunden zu haben. Stets war er derjenige gewesen, der an das, was er untersuchte, geglaubt hatte. Scully war die Skeptikerin gewesen, der Mensch, welcher ihm am Boden der Tatsachen gehalten hatte, wenn er doch zu sehr abdriftete.
Doch jetzt?
Er saß auf ihrem Bett, überrascht von der Gelassenheit, welche Scully ausstrahlte. Es war, als ob es für sie Routine war, dass dieser Mann inmitten ihres Schlafzimmers stand, mitten in der Nacht und ebenfalls kein Mensch war.
Schnell sah er zu ihr hinüber, bemerkte, wie sie eine Hand auf seine Schulter legte, wo sie einen sanften Druck ausübte. Daraufhin warf sie dem anderen Engel einen Blick zu, welcher Bände sprach. Scheinbar funktionierte eine wortlose Kommunikation auch zwischen ihr und diesem Mann. Ein leises Seufzen ging durch den Raum, ehe er durch ein Nicken auf eine stumme Frage zustimmte. Es ging ihm scheinbar gegen den Strich, nun ihrem Willen zu folgen, doch was für eine Alternative hatte er?
„Eigentlich bin ich ja gekommen, um dich über deinen Los Angeles Aufenthalt zu informieren. Du weißt schon, diese letzten Informationen, die immer zu guter Letzt kommen, doch wie ich sehe, wollen die beiden Turteltauben lieber alleine sein...“ das letzte Kommentar konnte er sich nicht verkneifen, denn so sehr er auch gegen die Beziehung zwischen einem Engel und einem Menschen war, so wollte er ihr nun ihr Wiedersehen nicht verderben.
Mulder zwinkerte und binnen einer Hundertstelsekunde war der fremde Mann wieder verschwunden.
„Ehm...wo ist er...?“ begann er und sah fragend zu Scully, als sie ihm bereits ihren Zeigefinger auf seine Lippen legte und ihn somit zum verstummen brachte.
„Schon gut, denk nicht weiter über ihn nach...lass uns...einfach weiter schlafen, okay?“ Ihre Stimme war ein sanftes Flüstern, ehe ihr Kopf in Richtung der Polster deutete.
Seine Antwort war ein leichtes Nicken, ehe er sich wieder hinlegte, tief durchatmete und kurz zu ihr sah, ehe er seine Augen schloss und das Gefühl genoss, das ihr Körper verursachte, als sie sich an ihn schmiegte. Langsam legte er seine Arme um sie und hoffte, dass sie beide den Rest der Nacht in Ruhe schlafen konnten, selbst wenn er sich sicher war, dass er nach diesem Erlebnis einen eher leichten Schlaf haben würde.


Sanfte Sonnenstrahlen schummelten sich an einer Wolke vorbei, drangen zu dem grauen Stadtbild durch, während Tauben erschreckt aufflogen, um einen Radfahrer vorbeizulassen.
Obwohl die Sonne noch nicht sonderlich hoch stand und sich auch die Temperaturen in Grenzen hielten, schien die Stadt bereits seit Stunden auf den Beinen zu sein. Menschen mit Einkaufstüten überquerten die Straße, manche davon waren darauf bedacht, dass ihre Sprösslinge ihnen nicht abhanden kommen würden. Andere liefen mit Aktentaschen und einem feinen Anzug über die Straße und nahmen es hin, von Autofahrern wütend angehupt zu werden, welche scheinbar zu spät zu einem Termin kamen.
Doch nichts von dem geschäftigen Treiben drang zu der kleinen Wohnung im vierten Stock durch, in welchem der Vorhang durch eine frühlingshafte Brise zu einer sanften Bewegung animiert wurde.
Zärtlich strich der Luftzug über Scullys nackte Schulter, berührte ihre Nasenspitze und löste sich anschließend in der Unendlichkeit der Stille auf, ehe ein, durch vorsichtige Bewegungen ausgelöstes, Rascheln zu hören war.

Verschlafene blaue Augen blinzelten, geblendet vom Sonnenlicht, ehe sie mit ihrer Handinnenfläche über ihre verschlafenden Augenlider strich. Die Geschehnisse der vergangenen Nacht waren beinahe vergessen, der neue Morgen schien einen fröhlichen Anfang genommen zu haben.
Erst einige Sekunden später öffnete Scully ihre Augen erneut, gefasst auf das helle Licht. Es dauerte einige Zeit, ehe sie ihre Umgebung richtig wahrnehmen konnte, als sie in ein ihr bekanntes Gesicht blickte. Braune Augen blickten geduldig in ihre, so als ob sie sie bereits seit einigen Minuten mustern würden.
Voller Respekt blickten diese Augen in ihre eigenen, braunen Haare umrahmten den geduldigen Gesichtsausdruck.
„Hey....“ Scullys Stimme war leise, darauf bedacht ihren immer noch schlafenden Partner nicht wecken. Langsam setzte sie sich auf, schloss den Körper ihrer Gegenüber in ihre Arme und legte ihren Kopf auf ihre Schulter, schloss langsam ihre Augen.
„Es tut mir Leid...“ hauchte Scully in die lockigen Haare der Frau, welche sich neben sie auf die Matratze gesetzt hatte. „Es tut mir so leid. Das weißt du...“
„Schon okay. Ich weiß es...“
Mit einer zögernden Bewegung löste Scully die Umarmung, ehe sie einen besorgten Blick auf Mulder warf.
„Mach dir keine Sorgen um ihn, er kann mich nicht hören. Dazu schläft er zu fest...“ mit einem Zwinkern und einem belustigten Grinsen. „Du weißt, warum ich hier bin...“ sagte sie daraufhin mit fester Stimme und blickte in die Augen des Engels, der ihr schon so lange unterstellt gewesen war.

Scully nickte.

„Ja, das weiß ich. Du bist hier, weil ich mich entscheiden muss. Ich muss mich entweder für ihn entscheiden oder ich muss mit dir gehen...diesmal wird er seine Erinnerungen an mich jedoch verlieren...“
In ihrer Stimme schwang Traurigkeit mit, ehe sie ihre Arme verschränkte und erneut einen Blick zu dem schlafenden Mann gleiten ließ. Doch zu ihrer Überraschung schüttelte die Frau gegenüber ihren Kopf.
„Eigentlich...bin ich hier, um dir für die Zukunft alles Gute zu wünschen...“

Die Augenbrauen der jungen, rothaarigen Frauen wanderten zu ihrem Haaransatz, ein überraschter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
„Du bist hier, weil du mir für die Zukunft alles Gute wünschen willst...?“ Sie schluckte, atmete tief durch und warf ihrer langjährigen Freundin und Chefin einen skeptischen Blick zu.
Breit grinsend und nickend lehnte sie ihre Stirn an Scullys.
„Denkst du denn, dass ich dich weiter zu trübselig durch die Gegend laufen lassen konnte? Nach all den Jahren, in denen ich dich kenne und weiß, dass das eigentlich gegen deine Natur ist?“
Erneut ein fragender Blick, die braunhaarige Frau seufzte.
„Ich weiß doch, wie du drauf warst, als wir dich von ihm wegversetzt haben. Du warst danach wie ausgewechselt. Darum habe ich den ein oder anderen beauftragt, deinen Nachbarn UFOs sehen zulassen...“ sie zwinkerte ihr zu „...sodass er selbstherrlich irgendwie zu deinem Liebsten durchgeleitet wurde...“
Bei dem Wort ‚Liebsten’ nahmen Scullys Wangen einen ungewöhnlich starken Rosé-Ton an. Peinlich berührt blickte sie zur Seite und versuchte, sich auf Staubkörner zu konzentrieren, welche, durch den Luftzug angeregt, durch die Gegend tanzten.
„Hey Scout, sieh’ mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede...“
Das Grinsen ihrer Freundin wurde von Sekunde zu Sekunde größer, Scully hingegen wünschte sich von Augenblick zu Augenblick mehr, dass sie im Boden versinken könnte. Wie hatte sie nur glauben können, dass sie es nicht wusste?
Das ihre Gefühle Mulder gegenüber einfach an Gott vorbeigehen würden?
Sie kannten sich bereits länger, als ein normaler Verstand hätte zählen konnten und dennoch war sie so naiv gewesen zu glauben, dass diese Liebe zu einem Menschen einfach an diesem allwissenden Gott vorübergehen würde, ohne, dass sie je Notiz davon nehmen würde.
Mit einer sachten Bewegung streifte der Zeigefinger der braunhaarigen Frau Scullys Kinn, sodass sie ihren Blick einfach wieder aufrichtete und einen tiefen Atemzug nahm.
„Das heißt, dass das alles beabsichtigt war? Keine Zufälle, weshalb er hier ist? Das war alles ein Plan?“
Gott nickte.
Ohne Scham nickte sie, grinste ihr weiterhin entgegen, ehe sie eine rotschillernde Haarsträhne zwischen ihren Zeigefinger und Daumen nahm, um sie ein wenig zwischen ihren Fingerspitzen hin und herzudrehen.
„Du wirst übrigens total niedlich wenn du verlegen wirst, Dee...“
„Aber...ich hab ihm doch gesagt, wer ich bin...und...und wer du bist und wer wir alle sind und...“
„Sssshhht...“ der Zeigefinger ihrer Gegenüber fand sich mit einem Mal auf ihren Lippen wieder, als sie sie weiterhin anlächelte. „Du weißt doch, Ausnahmen bestätigen die Regeln...und nun sieh’ zu, dass du endlich Land gewinnst und glücklich wirst... Er wird dich nicht enttäuschen...“
„Ich weiß...“
„Ich auch...“
Ein letztes Mal ließ Scully sich umarmen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass so viele ihrer Bekannten und Arbeitgeber davon wusste, dass Gott davon wusste und bewusst mitgespielt hatte. Vermutlich war sie diejenige gewesen, welche die Fäden in der Hand gehabt hatte.
„Dankeschön...du hast was gut bei mir...“ flüsterte Scully ihr entgegen und strich sich ihre Haare zurück.
„Schon gut. Leb’ dein Leben. Wir sehen uns ja wieder in...hm...ein paar Jahren. Aber nicht allzu bald...“

So schnell wie sie gekommen war, so schnell schien Gott auch wieder verschwunden denn zu sein. Keine Sekunde darauf vernahm Scully ein leises Brummen und blickte zu dem Mann, welcher gerade aus dem fernen Land der Träume in die Realität zurückkam und sich scheinbar so gar nicht zurecht fand. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen zog Scully ihre Beine an ihren Körper und legte ihre Arme darum. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie so glimpflich davon kommen würde, zumal sie auch noch ihre Flügel hatte. Sie wurden ihr nicht genommen.
Blinzelnd und sich eine Hand vor seine Augen haltend, sah Mulder fragend zu ihr auf.
„Morgen...“ sagte er leise und setzte sich anschließend ebenfalls auf. Er war sich sicher, dass er im Schlaf gesprochen und sogar gesabbert haben musste, nachdem sie ihn mit diesem seligen Lächeln beobachtete.
„Habe ich was gesagt? Oder...?“ begann er, wurde von einem Kopfschütteln ihrerseits unterbrochen.
„Nein, du hast gar nichts gemacht...aber wir haben von Gottes Segen...für unsere Zukunft...“ platzte es förmlich aus ihr heraus, ehe sie sich an ihn lehnte.
„Gott war hier?“ fragte er nun vorsichtig nach und legte seine Arme um ihren zierlichen Körper. Ihre Antwort bestand vorerst aus einem Nicken.
„Ja, sie war hier...“
„Und da hast du mich nicht geweckt?“
„Na ja, sie musste wieder weg...du weißt...beruflich ist sie sehr eingespannt...“ mit einem scheuen Lächeln sah sie zu ihm auf. Daraufhin schloss sie ihre Augen und kuschelte sich ein wenig enger an ihn.
„Trotzdem...da hätte ich einmal die Gelegenheit gehabt, Gott zu sehen und dann weckt mich keiner...“ Gespielt beleidigt und traurig sah er zu ihr hinunter, woraufhin sie bloß amüsiert kicherte.
„Ach was, du glaubst doch ohnehin nicht an sie. Zumal ich dich beruhigen kann...sie hat Ähnlichkeit mit Alanis Morissette...ich hoffe, du kannst sie dir so ungefähr vorstellen...“
„Sie hat Ähnlichkeit mit Alanis Morissette?“ fragte Mulder ungläubig nach und zog seine Augenbrauen zusammen.
„Eigentlich müsste man ja sagen, dass Alanis Morissette Ähnlichkeit mit Gott hat...oder eben auch Alan Rickman mit Metatron...“
Scully atmete tief durch und sah anschließend zu ihm auf, wobei der verunsicherte Gesichtsausdruck von Mulder sie beinahe in schallendes Gelächter ausbrechen ließ. Er wirkte wie ein kleines Kind, welches man mit einem Mal in einer Masse aus Menschen stehen lassen würde und das alleine.
„Gibt es auch jemanden, der mit dir Ähnlichkeit hat?“
„Hm...na ja, da war mal diese Theaterschauspielerin...Sie spielt zurzeit in London, aber so richtig groß raus kam sie nie. Sie heißt Juliane...oder Gillian oder so ähnlich. Aber sie ist blond...“
„Kenne ich nicht...“
„Gut so...“
Leicht lächelnd ließ Mulder sich zurückfallen, wobei Scully nicht umhin kam, sich mitreißen zu lassen, sodass sie nun beide wieder im Bett lagen und die gemeinsame Zeit in vollen Zügen genossen.

†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†¤†

 

Ende