Titel: Who was I?
Autor: WoD
Kontakt: Marion.Death@t-online.de
Kategorie: Angst, MSR
Rating: G-6
Spoiler: Memento Mori und die Folgen danach bis zur Redux-Triologie
Short-Cut: Trotz des Ungewöhnlichen begeht man sein Leben gewöhnlich, doch warum sollte man gewöhnlich leben, wenn man durch einen Satz das Leben ungewöhnlich machen könnte?
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~Who
was I?~
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Wieder sah sie ihn an. Schon wieder. Es war beinahe schon zu offensichtlich, um es zu ignorieren, doch ihr Innerstes, ihr zwanghafter Drang Professionalität zu wahren, brachte sie dazu es zu unterdrucken, im hintersten Teil ihres Herzens einzusperren, davor zu flüchten. Doch das änderte nichts daran, dass sie ihn ansah. Jeden Tag, jeden Tag mit dem Bewusstsein, dass er das Wichtigste war, was sie hatte. Dass er ihr Leben war. Allein die Vorstellung nicht mehr sehen zu können, wie er ein zerknülltes Papier in den Mülleimer warf, zerriss sie beinahe. Doch wie lange sie es noch sehen würde, das wusste sie nicht. Nicht mehr lange vermutlich. Es sei denn, das, was sie um ihren Hals trug, gaukelte ihr keine Scheinwelt vor, keinen Irrglauben, der sie am Ende enttäuschen würde. Lange Zeit gab es die Option zum Sterben nicht. Die Angst war da, allgegenwärtig, doch wurde sie von genau dem gleichen abgehalten an die Oberfläche zu treten, das auch ihre Gefühle für ihn wegsperrte. Denn es hätte sie schwach gemacht. So, wie auch ihre Liebe zu ihm hatte sie das gerade wirklich gedacht? Liebe? sie schwach machte. Und sie durfte nicht schwach sein, niemals. Denn die Angst zu sterben und die Angst ihn zu verlieren, würde sie ihre Gefühle für ihre Krankheit und für ihn zulassen, waren viel zu groß, um sie als schwache Person tragen zu können, um sie zurückhalten zu können, wenn man schwach war. Teilweise hasste sie sich dafür. Sie war niemals ein sehr offener Mensch gewesen. Niemals jemand, der seine Gefühl herausschrie, wenn ihm danach war oder gar jemand, der auf die Straße gehen und irgendeinem wildfremden Menschen seine Lebensgeschichte erzählen konnte. So etwas schien für sie absurd. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie den größten Teil ihrer Arbeit ausschließlich mit Männern verbrachte. Und ihnen musste sie zeigen, dass sie stark war. Dass sie sich von nichts aufhalten ließ und erst recht nicht von einem Überschuss an Testosteron. Doch er war anders. Zumindest dachte sie das. Er akzeptierte sie und selbst, wenn es auf den ersten Blick schien, als seien sie wie Feuer und Wasser, so war ihr Kern doch der Gleiche.
Sie studierte seine Gesichtszüge. Er schien gelangweilt. Wie ein Panther, den gerade in einen Käfig gesperrt hatte. Berichte zu schreiben war nicht seine Berufung. Es war ihm zu eintönig, etwas, das ihn nicht weiterbrachte. Manchmal glaubte sie, dass ihm jede X-Akte, die ihm durch Büroarbeit durch die Lappen ging, wehtat. So, als sei sie ein Kind, dass er verlassen musste. Manchmal fragte sie sich, ob sie für ihn genauso viel wert war, wie er ihr. Gewiss wusste sie, dass er sich um sie sorgte, sie schätzte und auch als seine Freundin betrachtete, doch sie hatten niemals wirklich darüber geredet. Nicht einmal, als bei ihr der Krebs diagnostiziert wurde. Immer waren es nur Gesten gewesen, kleine, aber bedeutsame Gesten, die gezeigt hatten, was sie füreinander fühlten. Sie hatten es sich niemals gesagt, niemals.
Er nahm einen Sonnenblumenkern aus der Tüte, die auf seinem Schreibtisch lag und aß ihn auf eine regelrecht kunstvolle Weise. Es war so normal, dieses Bild. Seine Finger flogen zaghaft über die Tastatur. Sein Blick war starr und trotzdem erkannte meine eine Begeisterung, die tief in ihm brannte, wenn er an das dachte, über das er schrieb. Doch es blieb gewöhnlich, träge, und trotzdem schien es ihr, als wäre es ein erleuchtender Moment.
Warum redeten sie niemals darüber? War es nicht möglich Worte zu finden? Interpretierte sie seine Gesten falsch, war sie am Ende doch nur seine Partnerin, nicht seine beste Freundin, seine Seelenverwandte, seine ja, seine was eigentlich? Was wollte sie für ihn sein, was konnte sie für ihn sein?
Er langte nach einem weiteren Sonnenblumenkern. Nach noch einem. Spuckte kurz danach immer wieder die Schale aus seinem Mund und legte sie auf einen unordentlichen Haufen auf dem Schreibtisch. Bei jedem anderen Mann hätte es sie angewidert, doch bei ihm nicht, bei ihm war es etwas anderes. Bei ihm war alles etwas anderes. Wieder ein Sonnenblumenkern. Die Tüte war leer. Beim nächsten Mal veränderten sich seine konzentrierten Gesichtszüge zu einem verwirrten Ausdruck. Nachdem er für einige Sekunde erfolglos nach Nachschub gelang hatte, sah er auf die Tüte. Bemerkte, dass ihre Zeit vergangen war und warf sie in den Mülleimer. Sie erschauderte. Er stand auf, um sich eine Neue zu holen. Sie sah ihm nach, jedem seiner Bewegungen und glaubte dabei zu spüren, wie das Blut durch ihre Ader floss. Sie spürte erneut diese unendliche Vergänglichkeit. Nichts reichte ewig, nichts hielt ewig, nichts lebte ewig. Ebenso sie nicht. Sie machte diesen gewöhnlichen Moment zu etwas Besonderem, um Erinnerungen haben zu können. Etwas haben zu können, an das sie sich klammerte, wenn das Ende eingetreten war. Das Ende, das so nah war. Wer war sie eigentlich? Wer war Dana Scully? Eine anfangs viel versprechende Ärztin, die damit, dass sie gegen den Willen ihres Vaters zum FBI gegangen war, ihr Leben zerstört hatte? Indem sie ihr Privatleben vollkommen aufgegeben hatte, um mit ihm einer Wahrheit nachzujagen, die es vielleicht nicht gab? Sie, die durch ihre Suche, ihre Schwester verloren und dabei war ihr Leben zu verlieren? Hatte sie jemals etwas erreicht, jemals? Das Blut pumpte weiter, sie hörte ihren Herzschlag. Spürte einen unendlichen Kloß im Hals. Sie musste etwas ändern, irgendetwas.
Er kehrte zurück, eine prall gefüllte Sonnenblumenkerntüte in der Hand. Er ging auf seinen Schreibtisch zu, wollte sich setzen. Sie seufzte. Er hielt inne.
Ist alles okay, Scully?, fragte er, während er sich zu ihr umdrehte.
Nein ja ich wollte Sie nur fragen, wie lange Sie noch für Ihren Bericht brauchen? Ich bin nämlich fertig Eigentlich hatte sie ihn fragen wollen, wie lange sie beide noch vorhatten zu ignorieren, was bald eintreten würde.
Nicht mehr lange, Scully, nicht mehr lange.
~Fin~