Titel:                            “Two tears for one life”

Author:                       Jumago - piccolinus@online.de

Rating:                        -

Kategorie:                    MSR                 

Disclaimer:                    Sie gehören Chris Carter, leider nicht mir. Blablablabla...

Staffel:                        “Memento Mori“ / “Redux”

Short Cut:                   Es waren zwei Tränen. Nur zwei Tränen für ein Leben.

 

 

                                   

 

 

 

 

“Two tears for one life”

 

 

 

 

Irgendwo,

vielleicht weit weg,

fast unerreichbar,

beginnt in einem Kopf,

mit dem Herzen verbunden,

die Freiheit zu sprießen,

die eines Mannes, einer Frau,

die nicht mehr der Angst nachgeben, und die Zukunft hat wieder eine Chance.

 

(Ulrich Schaffer)

 

*******************************************************************************

 

Die Diagnose schlug so erbarmungslos auf sie ein wie ein Keulenschlag, drang aber nicht wirklich zu ihr vor.

Die Welt flog nicht plötzlich aus den Angeln und im ersten Moment waren da kein Schmerz und keine Angst. Dieses Wort vermochte derartige Regungen spontan einfach nicht in ihr auszulösen. Es war für sie kein Urteil, sondern nur ein einfaches Wort mit 5 Buchstaben. KREBS.

Ohne jede Regung, ohne ein Wort hielt sie das Röntgenbild gegen das Licht und blickte auf die Wahrheit. Ihre Wahrheit.

Im zweiten Moment aber schrie ihr Innerstes so laut auf, dass sich ihre Stimme hell überschlug, und am liebsten wäre sie davongelaufen, weit weg von diesem Grauen. Doch sie wich nur zurück, in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins. Sie verkroch sich mit angezogenen Beinen, die Arme über den Schienbeinen verkreuzt, den Kopf auf den Knien in ihr Krankenbett. Das Röntgenbild hielt sie noch immer in der Hand. Diese zitterte nicht, aber ihr Innerstes bebte, und sie wagte kaum zu atmen, weil sie befürchtete, in eine Million kleiner Teile zu zerbrechen, wenn sie es tat.

Die Luft hier drin war auf einmal schwer wie Blei und mit jedem Atemzug musste sie diese gewaltsam durchbrechen, als wäre sie die Schallgrenze ihrer Kraft. Sie wusste, was sie tat und war sogar kurz in der Lage, sich über ihre Schwäche zu ärgern, aber im Moment konnte sie an ihrem Zustand, selbst wenn sie gewollt hätte, nichts ändern. Ein seltsamer Klang umgab sie; er hatte etwas von Glockengeläut, und auch nach endlosen Minuten war sie noch völlig bewegungsunfähig. Ein Tumor.

Sie sah es zwar, aber was sie sah war nichts, was Menschen mit einem klaren Verstand sehen, denn ihrer war im Moment völlig konfus.

Als der erste Schock dann vorbei war, kletterte sie langsam aus dem Bett und trat ans Fenster. Der Boden unter ihr schwankte und ihre Beine waren weich wie Gummi. Als Ärztin kannte sie all die medizinischen Fakten, die Möglichkeiten und die Konsequenzen, aber im Augenblick stand sie einfach total neben sich, und all diese medizinischen Daten waren so...irrational.

Sie Sonne schien immer noch, sie hörte, wie die Vögel immer noch sangen...das Leben ging weiter.

Das alles wollte ihr einfach nicht in den Sinn. Vor ihr lag eine Zukunft, die sie statistisch gesehen eigentlich gar nicht mehr hatte, und diese Welt drehte sich einfach weiter, als wäre nichts geschehen, als ginge sie das alles gar nichts an. Sie nutzte die Zeit, die ihr nun nicht mehr blieb.

Immer lauter dröhnte es in ihren Ohren. Krebs!

Dieses Wort tat ihr jetzt körperlich weh und der weiße Korridor, der sich plötzlich vor ihr auftat, war endlos lang und von überstrahlender Helligkeit. Ein schmaler Schlauch, der Bilder ihres bisherigen Lebens reflektierte. Vor ihren Augen tanzten sie wie Erinnerungen, die immer klarer wurden, immer schneller, die auf sie zu rasten und sie eins werden ließen mit ihrer Vergangenheit. Sie tauchten empor aus dem Nebel ihrer Fantasie, diese Bilder waren zum Greifen nahe und doch gleichzeitig unerreichbar. Ihre Mom, ihr Dad, ihre Schwester, Mulder...

Sie begann zu zittern, ihr war kalt. Sie spürte, dass die Kälte an den Zehenspitzen anfing und langsam wie ein schleichendes Gift an ihr empor kroch. Und dann war da plötzlich noch etwas Anderes, etwas Stärkeres. Wut und Entschlossenheit

Und mit diesen Gefühlen kamen die Tränen. Sie kamen völlig lautlos, ohne ein einziges Aufschluchzen, ohne jedes Gefühl. Die Tränen, die ihr langsam über die Wange rannen, sie schmeckten nicht einmal salzig. Es waren zwei Tränen. Nur zwei Tränen für ein Leben.

 

 

Ein paar Monate später...

 

Seine erste Reaktion auf ihren plötzlichen Zusammenbruch war blinde Panik. Seine zweite war heiße Angst.

Verdammt, warum hatte sie ihm nicht erzählt, dass sich ihre Laborwerte derart verschlechtert hatten?

Er stand minutenlang regungslos vor ihrem Bett und sah sie einfach nur an, betrachtete sie und verlor dabei jedes Zeitgefühl. Er spürte nur den Schmerz, der aus ihr herausströmte, weiter bis zu ihm floss und ein fast schmerzhaftes Feuer, ganz tief in seinem Inneren, entfachte. Sein Herz pochte laut gegen seine Rippen und er glaubte, es würde jeden Moment explodieren. An der verkrampften Haltung seiner Schultern konnte man seine Verzweiflung ablesen und in seinem starren Blick stand Fassungslosigkeit.

Seit fast achtundvierzig Stunden hatte er nicht geschlafen und in seinem Kopf herrschte ein einziges Chaos.

Einen klaren Gedanken zu fassen war ihm unmöglich, und sie jetzt hier so zu sehen, großer Gott.

Der Schmerz war einfach zu groß. Plötzlich hatte er einen kupferartigen Geschmack im Mund, ein Zeichen von Angst. Verzweifelter Angst um Scully.

Die spärliche Helligkeit, die das Zimmer wie Honig durchflutete, brachte ihm erst jetzt zu Bewusstsein, dass es mitten in der Nacht war. Lähmende Stille herrschte in dem Zimmer.

Ein stechender Schmerz bohrte sich langsam aber stetig in sein Herz und zerriss es in viele kleine Stücke. Er spürte einen heißen Kloß in seinem Hals, und dann kamen ihm die Tränen. Sie stiegen wie große Wellen in seine Augen und durch ihren Schleier hindurch sah er sie an, wie er noch nie zuvor einen Menschen angesehen hatte. Das Atmen fiel ihm schwer und er verschlang sie förmlich mit seinem Blick, so als versuchte er, sie in ihrer Gesamtheit zu verinnerlichen. So als könnte er damit einen Teil von ihr zurückbehalten. Und er stellte sich vor, wie es wohl sein würde. Dann, wenn es sie nicht mehr gab.

 

Seine Gedanken überschlugen sich, jagten einander. Er fühlte sich ohne sie völlig hilflos. Er hätte sie jetzt dringend gebraucht, ihren scharfen Verstand, ihre Kompetenz. Ja, er vermisste sogar die sture Hartnäckigkeit, mit der sie sein ganzes Tun und Handeln stets hartnäckig hinterfragte.

Sein Blick wanderte langsam über ihr aschfahles Gesicht. Alle Farbe war aus ihr gewichen und sie wirkte auf ein Mal so schrecklich zerbrechlich. Der helle Mondschein verwandelte ihr Haar in flammendes Kupfer. Seine Finger verkrampften sich, als er ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und ihm bewusst wurde, wie verzweifelt er sich danach sehnte, das Leben zu berühren und nicht den Tod. Verzweifelt sank er völlig kraftlos neben ihrem Bett ihr auf die Knie und suchte krampfhaft nach Antworten auf seine vielen Fragen.

Vorsichtig, beinahe ängstlich griff er nach ihrer Hand, hielt sie ganz fest, so dass er glaubte, sie nun nicht mehr verlieren zu können. Egal was geschah, und all der Kummer, aller Schmerz und alle Bitterkeit, die er schon den ganzen Tag mit sich herumgeschleppt hatte, wurden bei dieser einen Berührung aus ihm herausgeschwemmt und ergossen sich heiß auf seinem Gesicht. Ihre Finger waren so eng ineinander verschlungen, als wären sie für immer untrennbar und der Schein des kleinen Nachtlichts fiel darauf, wie ein heller Sonnenstrahl.

 

Gedankenversunken erinnerte er sich an ihre Aufzeichnungen, die er damals eigentlich gar nicht lesen sollte.

Ihre Worte, ihre Gedanken, die sich doch wie ein kostbares Souvenir in sein Gehirn eingebrannt hatten.

 

.....Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich Angst Mulder, Todesangst.

Sie ist das tiefste aller Gefühle, die ich je empfunden habe, denn sie ist allumfassend und mit keinem Wort der Welt zu erklären. Sie reißt mich mit sich ins Dunkel, in dem es weder Fragen noch Antworten gibt. Dort ist nichts greifbar, und doch ist alles da, denn das Nichts scheint das Leben und der Tod das Alles zu sein. Er ist mir plötzlich sehr nah, dieser Tod, er ist mir so nah, dass ich ihn mit jeder Faser meines Körpers spüren kann. Das macht ihn auf eine eigentümliche Weise lebendig und nimmt ihm jegliches Grauen. Er lockt mich flüsternd mit schattenhaften Verführungskünsten, verspricht mit Ruhe und Frieden, und er zeigt mir in meinen Fieberträumen den Weg in die Endlosigkeit, die frei ist von irdischem Jammer und Schmerz. Ich bräuchte nur den entscheidenden Schritt zu tun, das weiß ich.

Er greift nach mir und er drängt mich, seinen Einflüsterungen zu erliegen. Ich bräuchte nur diese eine Grenze zu überschreiten um einzuziehen in die Unendlichkeit des Universums, das fühle ich. Die Dinge des Todes sind für die Ewigkeit gebaut...und doch halten die Dinge des Lebens mich zurück.

 

Mein Blick gleitet über das Grün der blühenden Weidenzweige, hinab auf die Blumen im Park.

Ich schaue hinaus in den wolkenlosen Himmel, in die Sonne. Ich habe mich immer für einen Teil des Ganzen gehalten Mulder, für ein Rädchen, das gebraucht wurde, ohne das der Mechanismus nicht funktionierte. Jetzt weiß ich es besser. Ich bin nur ein kleiner Teil des Ganzen, und in all meiner Winzigkeit bin ich ersetzbar.

Ich bin ein Mikrokosmos. Ich lebe, aber Gott hat nicht mich persönlich, sondern das Leben schlechthin geschaffen. Es ist zwar mein Leben, aber das Schicksal, mein Schicksal, wird von Gott gelenkt.

Doch diese Gedanken helfen mir nicht weiter. Sie sind wie ein weit verzweigtes Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt, wenn man erst einmal tief genug vorgedrungen ist. Das will ich aber nicht riskieren. Ich muss versuchen, einen klaren Kopf zu behalten. Ich will mich mit meinem Schicksal einfach nicht abfinden. Schicksal ist für mich schon immer das gewesen, was man aus seinem Leben macht. Das Schicksal ist vielleicht eine Macht, das gebe ich gerne zu. Aber dieser Macht habe ich meinen Willen entgegen zusetzten. Meinen Verstand, die Wissenschaft, die Hoffnung auf Gottes Unterstützung.

„Möge Gott mir die Kraft geben, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit zu unterscheiden.“

Dieser Satz aus der Bibel ist im Laufe der Jahre zu meinem elften Gebot geworden. Er ist der Grund für meine mangelnde Demut in vielerlei Hinsicht gegenüber dem Schicksal. Meinem Schicksal.

An diesen Gedanken halte ich fest. Ich zwinge mich, sie in eine Reihenfolge zu bringen, einen Kreis zu schließen, an dem ich mich festhalten und wieder hoch ziehen kann.......

 

War dieser Kreis jetzt durchbrochen? War dies das Ende? Oder war es ein neuer Anfang? Der Anfang eines neuen Lebens? Eines Lebens ohne Scully, aber mit den Erinnerungen an sie?

Diese Erinnerungen kamen in jetzt zu ihm wie gute, alte Freunde. Solche, die man lange nicht mehr gesehen hat, auf die man sich aber trotzdem immer verlassen konnte, weil sie von Herzen mit einem verbunden waren und nicht etwa auf Zeit.

All die kleinen, vertrauten Gesten zwischen ihnen standen ihm klar und deutlich vor Augen, und ihm wurde gerade erst klar, wie übermächtig das Verlangen in ihm war, sie immer wieder zu berühren.

Sie waren Seelenverwandte, waren es immer gewesen. All das, was einmal gewesen war an ihren vielen gemeinsamen Tagen, war plötzlich wieder ganz nah. Er sah sie vor sich, wie sie an ihrem ersten Tag in sein Büro gekommen war, und wie sie damals in dem Hotelzimmer in Mexiko in seine Arme gefallen war. Wie schlecht es ihr ging, als ihre Schwester gestorben war, und wie sie erst stark war, und anschließend bitter geweint hatte, als sie ihm von ihrem Krebs erzählt hatte.

Verdammt! Er dachte bereits in der Vergangenheit an sie und wie um diese Gedanken wegzuwischen, rieb er sich kräftig die Augen.

Das war absurd...sie war am Leben. Noch war sie am Leben.

Durch die Tränen, die jetzt rascher flossen, nahm er sie jetzt nur ganz verschwommen wahr. Sie schlief, tief und fest. Sie lag da wie eine zerbrochne Puppe, bleich und kraftlos. Sie gab keinen einzigen Laut sich, und das einzige, was er spürte, war, dass sie ihn mit jedem Atemzug mehr und mehr verließ.

Es war schon weit nach Mitternacht. Ärzte und Schwestern huschten auf einmal wie Schatten durch den Gang, und das Quietschen ihrer Gummisohlen auf dem blanken Linoleum war deutlich zu hören. Eine Patientin im Nebenzimmer war gestorben. Der Tod war an sie heran getreten, in seiner kalten Art. Er hatte sich sein nächstes Opfer geholt.

Mulder überlegte: „Wie lange würde es wohl noch dauern...? Wie lange würde der Sensenmann noch vorübergehen, bevor er mit seinen knochigen Fingern auch an dieser Tür klopfte?“

 

Scully träumte. Schlimme Träume. Bereits das letzte Mal zeigte die Chemotherapie ihre scharfen Krallen, und noch Wochen später war das Grauen in ihr lebendig, so als hätte sie es gerade erst erlebt. Es hatte mit Übelkeit begonnen. Plötzlich konnte sie nichts mehr bei sich behalten und egal ob ihr Magen voll oder leer war, sie musste würgen. Ihr Körper spielte total verrückt und machte plötzlich mit ihr, was er wollte.

Er war nicht mehr ihr, sondern sie ihm ausgeliefert und Ihr Zustand verschlechterte sich mit jedem Atemzug.

Ihr Körper wurde für sie mehr und mehr zu einem Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gab.

Ihr Herz tat höllisch weh. Es tat so weh, dass sie die einzelnen Vorgänge genau spüren konnte: Die Herzkammern füllten sich, sie kontrahierten und sie erschlafften. Die Taschenlappen schlossen und öffneten sich. Die Vorhöfe kontrahierten, erschlafften und füllten sich wieder. Die Segelklappen waren voll geöffnet, dann geschlossen und wieder leicht geöffnet. Sie spürte jedes einzelne Detail und dabei krampfte sich ihr ganzer Körper schmerzhaft jedes Mal zusammen. Ihr Blut schien still zu stehen und sie war sich sicher, jetzt wäre es vorüber, jetzt...aber es war nicht vorüber. Es ging weiter. Immer weiter.

Als die Schmerzen dann endlich nach ließen, lag sie erschöpft in ihrem Bett und betete. Sie wusste, dass Gott allein ihr die Kraft geben würde, die Hölle der nächsten Behandlung zu überstehen. Sie betete und betete. Und wenn sie zwischendurch vor Erschöpfung einschlief und dann wieder aufwachte, war sie schweiß gebadet und ihre Hände zitterten. Sie hatte Angst. Sie hatte plötzlich schreckliche Angst, Gott würde sie nicht erhören.

 

Der Teufel ihrer Kindheit war ein großer Clown gewesen. Ein buntes, rundes Gesicht mit großen, blauen Augen, in dessen Mitte eine knallrote Nase prangte. Ein Gesicht, dem jedes Kind blind vertraute. Nur sein Lachen unter der großen Nase glich einer verzerrten Fratze, das einem eiskalte Schauer über den Rücken jagte.

Und somit war er auf Meilen erkennbar gewesen, wenn er wieder einmal zu ihr kam, um sie in Versuchung zu führen, eine Sünde zu begehen. Gottlob hatte sie diese Illusion schon früh verloren.

Sie hatte sehr schnell begriffen, dass der Teufel auch hinter den Augen, den Worten oder den Taten eines an sich freundlichen Menschen verborgen sein konnte. Und dass er manchmal überhaupt keine Gestalt, sondern nur eine Situation brauchte. Und genau das war damals der Fall gewesen.

Der Teufel trieb sein Spiel mit ihr, das spürte sie von Anfang an. Er verwandelte die Hölle ihrer kindlichen Alpträume in den Bestrahlungsraum und nahm für sie die Gestalt der Kobaltbombe an. Der Teufel forderte von ihr, was er immer forderte: Ihre Seele.

Das wurde ihr damals gleich nach ihrem ersten Zusammentreffen klar. Luzifer wollte, dass sie aufgab, und deshalb wollte er mit ihr pokern. Nicht nur während der Bestrahlung, sondern auch noch während der nachfolgenden zwei Stunden, die sie in einem kleinen, angrenzenden Raum verbrachte, wo sie sich ausruhen sollte. Als sie sich weigerte, seine gezinkten Karten auch nur anzufassen, strafte der Satan sie mit Depressionen und sie fühlte sich radioaktiv verseucht.

Bei der zweiten Bestrahlung war es dann ein Knobelbecher, den Beelzebub ihr unter die Nase hielt. Er wollte mit ihr um die Wette würfeln, und als sie auch dazu nicht bereit war, verweilte er den ganzen restlichen Tag bei ihr. Er setzte sich an ihre Bettkante und ließ sie todmüde von einem Alptraum in den nächsten gleiten.

Dann kam die dritte Bestrahlung und diesmal waren es ein paar Streichhölzer, die der Satan persönlich in seinen knochigen Händen hielt. Ein einziges davon wäre kürzer als alle anderen, erklärte er ihr, und nur, wenn sie ausgerechnet dieses zöge, hätte er gewonnen. Sie traute ihm nicht und erwiderte, er könne sich seine Streichhölzer sonst wo hin stecken.

Wenige Stunden nach der dritten Bestrahlung wurde ihr dann wieder schlecht und sie musste sich übergeben. Danach hatte sie plötzlich das Gefühl, als würde der Boden unter ihr schwanken. So als kämen die Wände ihr entgegen und auch ihr Kopf würde sich nicht mehr auf ihren Schultern befinden, denn er fiel von rechts nach links und von vorn nach hinten, ohne dass sie es irgendwie steuern konnte.

Als sie erwachte, war sie schweißgebadet, ihr Atem flatterte und ihr Gesicht war von Tränen überströmt. Vor ihren Augen flimmerte es, und wenn sie in ihrem Dämmerzustand nach dem Lichtschalter tastete, griff ihre Hand ins Leere. Einige Sekunden lang breitete sich wilde Panik in ihr aus, erst dann fiel ihr wieder ein wo sie war und langsam, ganz langsam, ließ das unkontrollierte Zittern nach.

 

Jetzt war es draußen wieder still. Auch auf dem Gang regte sich nichts. Nur der Wecker, der auf dem Nachtisch stand, tickte. Tick, tack...Er und Scully waren allein. Ganz allein. Und sie warteten...auf den Tod.

Stunden kniete er jetzt schon an ihrem Bett und vergrub den Kopf neben ihr in den weißen Laken.

Dann endlich, ihre wortlose Antwort auf seine vielen Fragen kam schleichend zu ihm, so als übertrugen sich ihre Gedanken nur langsam aus ihrem wunden Geist. Sie lautete: „Kämpfe, hör auf zu weinen. Und zwar sofort!“

Mulder lächelte in sich versunken das wohl verzweifeltste Lächeln seines Lebens. Das Gefühl, das ihn in diesem Augenblick erfasste, hatte etwas von Wahnsinn. Von einer Sekunde zur anderen flog ihn eisige Kälte an, umschlang seinen ganzen Körper und brachte ihn zum Erstarren. Da war kein Wimpernschlag mehr, kein Schlucken, kein Atmen. Da vibrierte es nur noch unter seiner Haut, und zwar so sehr, dass er glaubte, in tausend Stücke zu bersten. Es dauerte einen Moment, bis sich all diese Anspannung löste und ein gellender Schrei aus den Tiefen seiner Seele drang. Außer ihm konnte ihn niemand hören. In ihm jedoch wühlte er all das auf, was eben noch erstarrt war. Jeder einzelne Muskel, jede Sehne und jeder Nerv in ihm vibrierte. Sein Atem war mehr ein Würgen, welches all das hilflose Entsetzen, die Wut und die Verzweiflung wiedergab, die er empfand. Er straffte die Schultern. Verdammt noch Mal, es musste einen Weg geben. Es gab immer einen Weg und er würde ihn finden.

 

Ein paar Tage später lagen die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen vor. Scullys Blick schweifte mehr oder er weniger hilflos durch das Krankenzimmer, als Mulder sich wortlos an das Fußende ihres Bettes setzte und nach ihrer Hand griff.

„Mulder, die Therapie hat leider nicht wie erhofft angeschlagen. Meine Laborwerte verschlechtern sich täglich“, sagte sie leise. „Es ist anzunehmen...Ich muss mit dem Schlimmsten rechnen.“

Dabei sah sie ihm tief in die Augen, und als sie das sagte spürte er, wie viel Überwindung sie das kostete.

Mit dieser Ehrlichkeit hatte sie sich von Anfang an auf ihn eingelassen. Und auch jetzt hatte sie sich vor ihm entblößt und die ganze Hilflosigkeit eingestanden, die sie gegenüber dem Sterben empfand.

Sie musste also mit dem Schlimmsten rechnen. „Bald?“, fragte er leise.

„Sehr bald“, antworte sie.“

„Wie bald? Weihnachten?“, flüsterte er.

„Ja...eine gute Zeit. Finden Sie nicht, Mulder?“

Sie blickte zu ihm auf und lächelte. Dabei spürte sie deutlich die Tränen, die über ihre Wange liefen. Es waren zwei Tränen. Zwei Tränen für ein Leben, das nur noch wenige Wochen dauern sollte. Weihnachten würde es vorüber sein. Sie hatte nur noch ca. 2 1/2 Monate zu leben. 10 Wochen und vielleicht ein paar Tage. Die Stunden und Minuten wagte sie gar nicht auszurechnen. Die Zeit verrann ihr unter den Händen. Immer deutlicher spürte sie, wie der Tod bereits nach ihr griff. Wie er versuchte, sie auf seine Seite zu ziehen. Er drängte sie, seinen Versprechungen zu erliegen und je mehr er sie drängte, desto größer wurde ihre Angst.

 

„Ich habe Angst, Mulder. Sie haben mir einmal gesagt, Angst wäre nur ein Gefühl.“ Scully schaute ihn an und lächelte. Ein bitteres Lächeln, und dabei spürte sie deutlich die Tränen, die langsam über ihre Wangen rannen. „Wenn es so ist, dann helfen Sie mir jetzt bitte, dieses Gefühl zu besiegen, denn so kann ich nicht leben. Und erst recht nicht sterben.“

Mulder seufzte.

„Scully, Todesangst ist mehr als ein Gefühl“, sagte er. „Todesangst ist die Urangst der Menschheit. Sie bestimmt all unser Tun, ohne dass wir sie kennen. Nur ganz wenige Menschen bekommen in ihrem Leben Gelegenheit, sie so klar zu erleben, wie Sie es jetzt tun.“

„Heißt das, dass ich auch noch dankbar sein soll, Mulder?“ Sie schaute ihn ungläubig an, doch er redete unbeirrt weiter.

„Jeder Mensch fürchtet sich vor dem, was er nicht kennt. Der Tod ist vielleicht das letzte große Geheimnis des Lebens oder Scully... vielleicht ist es das Leben selbst.“ Zögernd öffnete er seine rechte Hand, welche er bis dahin fest verschlossen gehalten hatte. Darin lag ein kleines, metallenes Röhrchen...

Scully bemerkte das Zittern in seiner Stimme und spürte, dass auch er am liebsten geweint hätte, es aber nicht tat. Er wusste, wie viel Kraft und Überwindung es sie kosten würde, nach dieser Chance zu greifen.

Vielleicht gab es ja doch noch eine Möglichkeit. Eine, die ausschließlich von Faktoren abhing, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Er sah sie ganz fest an und ließ ihr damit ihre Chance. Er kämpfte um sie, auf seine eigene Art.

 

Niemals zuvor hatte sie sich so unsicher gefühlt wie in diesem Augenblick. Sie atmete schwer, schloss einen kurzen Moment die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Sie betete.

Gott möge ihr die Kraft geben, die Dinge hin zu nehmen, die sie nicht ändern konnte. Und den Mut, die Dinge anzunehmen, egal wo sie herkamen, die sie ändern konnte. Sie wollte nicht zugrunde gehen. Nicht jetzt. Und fast im gleichen Moment spürte sie es.

Es war der Augenblick, da sich etwas ihr verwandelte. Der Schmerz, die Angst und die Enttäuschung, die Machtlosigkeit und die Unrast, sie wandelte sich in unendliche Kraft.

Entschlossen wischte sie die Tränen weg und griff nach dem metallenen Röhrchen, griff nach dem Leben.

 

END