Titel:
Two tears for one life
Author:
Jumago - piccolinus@online.de
Rating:
-
Kategorie:
MSR
Disclaimer:
Sie gehören Chris Carter, leider nicht mir. Blablablabla...
Staffel:
Memento Mori / Redux
Short Cut:
Es waren zwei Tränen. Nur zwei Tränen für ein Leben.
Irgendwo,
vielleicht
weit weg,
fast
unerreichbar,
beginnt
in einem Kopf,
mit
dem Herzen verbunden,
die
Freiheit zu sprießen,
die
eines Mannes, einer Frau,
die
nicht mehr der Angst nachgeben, und die Zukunft hat wieder eine
Chance.
(Ulrich
Schaffer)
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Die
Diagnose schlug so erbarmungslos auf sie ein wie ein
Keulenschlag, drang aber nicht wirklich zu ihr vor.
Die
Welt flog nicht plötzlich aus den Angeln und im ersten Moment
waren da kein Schmerz und keine Angst. Dieses Wort vermochte
derartige Regungen spontan einfach nicht in ihr auszulösen. Es
war für sie kein Urteil, sondern nur ein einfaches Wort mit 5
Buchstaben. KREBS.
Ohne
jede Regung, ohne ein Wort hielt sie das Röntgenbild gegen das
Licht und blickte auf die Wahrheit. Ihre Wahrheit.
Im
zweiten Moment aber schrie ihr Innerstes so laut auf, dass sich
ihre Stimme hell überschlug, und am liebsten wäre sie
davongelaufen, weit weg von diesem Grauen. Doch sie wich nur
zurück, in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins. Sie verkroch
sich mit angezogenen Beinen, die Arme über den Schienbeinen
verkreuzt, den Kopf auf den Knien in ihr Krankenbett. Das
Röntgenbild hielt sie noch immer in der Hand. Diese zitterte
nicht, aber ihr Innerstes bebte, und sie wagte kaum zu atmen,
weil sie befürchtete, in eine Million kleiner Teile zu
zerbrechen, wenn sie es tat.
Die
Luft hier drin war auf einmal schwer wie Blei und mit jedem
Atemzug musste sie diese gewaltsam durchbrechen, als wäre sie
die Schallgrenze ihrer Kraft. Sie wusste, was sie tat und war
sogar kurz in der Lage, sich über ihre Schwäche zu ärgern,
aber im Moment konnte sie an ihrem Zustand, selbst wenn sie
gewollt hätte, nichts ändern. Ein seltsamer Klang umgab sie; er
hatte etwas von Glockengeläut, und auch nach endlosen Minuten
war sie noch völlig bewegungsunfähig. Ein Tumor.
Sie
sah es zwar, aber was sie sah war nichts, was Menschen mit einem
klaren Verstand sehen, denn ihrer war im Moment völlig konfus.
Als
der erste Schock dann vorbei war, kletterte sie langsam aus dem
Bett und trat ans Fenster. Der Boden unter ihr schwankte und ihre
Beine waren weich wie Gummi. Als Ärztin kannte sie all die
medizinischen Fakten, die Möglichkeiten und die Konsequenzen,
aber im Augenblick stand sie einfach total neben sich, und all
diese medizinischen Daten waren so...irrational.
Sie
Sonne schien immer noch, sie hörte, wie die Vögel immer noch
sangen...das Leben ging weiter.
Das
alles wollte ihr einfach nicht in den Sinn. Vor ihr lag eine
Zukunft, die sie statistisch gesehen eigentlich gar nicht mehr
hatte, und diese Welt drehte sich einfach weiter, als wäre
nichts geschehen, als ginge sie das alles gar nichts an. Sie
nutzte die Zeit, die ihr nun nicht mehr blieb.
Immer
lauter dröhnte es in ihren Ohren. Krebs!
Dieses Wort tat ihr jetzt körperlich weh und der weiße
Korridor, der sich plötzlich vor ihr auftat, war endlos lang und
von überstrahlender Helligkeit. Ein schmaler Schlauch, der
Bilder ihres bisherigen Lebens reflektierte. Vor ihren Augen
tanzten sie wie Erinnerungen, die immer klarer wurden, immer
schneller, die auf sie zu rasten und sie eins werden ließen mit
ihrer Vergangenheit. Sie tauchten empor aus dem Nebel ihrer
Fantasie, diese Bilder waren zum Greifen nahe und doch
gleichzeitig unerreichbar. Ihre Mom, ihr Dad, ihre Schwester,
Mulder...
Sie
begann zu zittern, ihr war kalt. Sie spürte, dass die Kälte an
den Zehenspitzen anfing und langsam wie ein schleichendes Gift an
ihr empor kroch. Und dann war da plötzlich noch etwas Anderes,
etwas Stärkeres. Wut und Entschlossenheit
Und mit diesen Gefühlen kamen die Tränen. Sie kamen
völlig lautlos, ohne ein einziges Aufschluchzen, ohne jedes
Gefühl. Die Tränen, die ihr langsam über die Wange rannen, sie
schmeckten nicht einmal salzig. Es waren zwei Tränen. Nur zwei
Tränen für ein Leben.
Ein
paar Monate später...
Seine
erste Reaktion auf ihren plötzlichen Zusammenbruch war blinde
Panik. Seine zweite war heiße Angst.
Verdammt,
warum hatte sie ihm nicht erzählt, dass sich ihre Laborwerte
derart verschlechtert hatten?
Er
stand minutenlang regungslos vor ihrem Bett und sah sie einfach
nur an, betrachtete sie und verlor dabei jedes Zeitgefühl. Er
spürte nur den Schmerz, der aus ihr herausströmte, weiter bis
zu ihm floss und ein fast schmerzhaftes Feuer, ganz tief in
seinem Inneren, entfachte. Sein Herz pochte laut gegen seine
Rippen und er glaubte, es würde jeden Moment explodieren. An der
verkrampften Haltung seiner Schultern konnte man seine
Verzweiflung ablesen und in seinem starren Blick stand
Fassungslosigkeit.
Seit fast
achtundvierzig Stunden hatte er nicht geschlafen und in seinem
Kopf herrschte ein einziges Chaos.
Einen klaren
Gedanken zu fassen war ihm unmöglich, und sie jetzt hier so zu
sehen, großer Gott.
Der Schmerz war
einfach zu groß. Plötzlich hatte er einen kupferartigen
Geschmack im Mund, ein Zeichen von Angst. Verzweifelter Angst um
Scully.
Die spärliche
Helligkeit, die das Zimmer wie Honig durchflutete, brachte ihm
erst jetzt zu Bewusstsein, dass es mitten in der Nacht war.
Lähmende Stille herrschte in dem Zimmer.
Ein stechender
Schmerz bohrte sich langsam aber stetig in sein Herz und zerriss
es in viele kleine Stücke. Er spürte einen heißen Kloß in
seinem Hals, und dann kamen ihm die Tränen. Sie stiegen wie
große Wellen in seine Augen und durch ihren Schleier hindurch
sah er sie an, wie er noch nie zuvor einen Menschen angesehen
hatte. Das Atmen fiel ihm schwer und er verschlang sie förmlich
mit seinem Blick, so als versuchte er, sie in ihrer Gesamtheit zu
verinnerlichen. So als könnte er damit einen Teil von ihr
zurückbehalten. Und er stellte sich vor, wie es wohl sein
würde. Dann, wenn es sie nicht mehr gab.
Seine Gedanken
überschlugen sich, jagten einander. Er fühlte sich ohne sie
völlig hilflos. Er hätte sie jetzt dringend gebraucht, ihren
scharfen Verstand, ihre Kompetenz. Ja, er vermisste sogar die
sture Hartnäckigkeit, mit der sie sein ganzes Tun und Handeln
stets hartnäckig hinterfragte.
Sein Blick
wanderte langsam über ihr aschfahles Gesicht. Alle Farbe war aus
ihr gewichen und sie wirkte auf ein Mal so schrecklich
zerbrechlich. Der helle Mondschein verwandelte ihr Haar in
flammendes Kupfer. Seine Finger verkrampften sich, als er ihr
vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und ihm
bewusst wurde, wie verzweifelt er sich danach sehnte, das Leben
zu berühren und nicht den Tod. Verzweifelt sank er völlig
kraftlos neben ihrem Bett ihr auf die Knie und suchte krampfhaft
nach Antworten auf seine vielen Fragen.
Vorsichtig,
beinahe ängstlich griff er nach ihrer Hand, hielt sie ganz fest,
so dass er glaubte, sie nun nicht mehr verlieren zu können. Egal
was geschah, und all der Kummer, aller Schmerz und alle
Bitterkeit, die er schon den ganzen Tag mit sich herumgeschleppt
hatte, wurden bei dieser einen Berührung aus ihm
herausgeschwemmt und ergossen sich heiß auf seinem Gesicht. Ihre
Finger waren so eng ineinander verschlungen, als wären sie für
immer untrennbar und der Schein des kleinen Nachtlichts fiel
darauf, wie ein heller Sonnenstrahl.
Gedankenversunken
erinnerte er sich an ihre Aufzeichnungen, die er damals
eigentlich gar nicht lesen sollte.
Ihre
Worte, ihre Gedanken, die sich doch wie ein kostbares Souvenir in
sein Gehirn eingebrannt hatten.
.....Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich Angst
Mulder, Todesangst.
Sie
ist das tiefste aller Gefühle, die ich je empfunden habe, denn
sie ist allumfassend und mit keinem Wort der Welt zu erklären.
Sie reißt mich mit sich ins Dunkel, in dem es weder Fragen noch
Antworten gibt. Dort ist nichts greifbar, und doch ist alles da,
denn das Nichts scheint das Leben und der Tod das Alles zu sein.
Er ist mir plötzlich sehr nah, dieser Tod, er ist mir so nah,
dass ich ihn mit jeder Faser meines Körpers spüren kann. Das
macht ihn auf eine eigentümliche Weise lebendig und nimmt ihm
jegliches Grauen. Er lockt mich flüsternd mit schattenhaften
Verführungskünsten, verspricht mit Ruhe und Frieden, und er
zeigt mir in meinen Fieberträumen den Weg in die Endlosigkeit,
die frei ist von irdischem Jammer und Schmerz. Ich bräuchte nur
den entscheidenden Schritt zu tun,
das weiß ich.
Er
greift nach mir und er drängt mich, seinen Einflüsterungen zu
erliegen. Ich bräuchte nur diese eine Grenze zu überschreiten
um einzuziehen in die Unendlichkeit des Universums, das fühle
ich. Die Dinge des Todes sind für die Ewigkeit gebaut...und doch
halten die Dinge des Lebens mich zurück.
Mein
Blick gleitet über das Grün der blühenden Weidenzweige, hinab
auf die Blumen im Park.
Ich
schaue hinaus in den wolkenlosen Himmel, in die Sonne. Ich habe
mich immer für einen Teil des Ganzen gehalten Mulder, für ein
Rädchen, das gebraucht wurde, ohne das der Mechanismus nicht
funktionierte. Jetzt weiß ich es besser. Ich bin nur ein kleiner
Teil des Ganzen, und in all meiner Winzigkeit bin ich ersetzbar.
Ich
bin ein Mikrokosmos. Ich lebe, aber Gott hat nicht mich
persönlich, sondern das Leben schlechthin geschaffen. Es ist
zwar mein Leben, aber das Schicksal, mein Schicksal, wird von
Gott gelenkt.
Doch diese Gedanken helfen mir nicht weiter. Sie sind
wie ein weit verzweigtes Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen
gibt, wenn man erst einmal tief genug vorgedrungen ist. Das will
ich aber nicht riskieren. Ich muss versuchen, einen klaren Kopf
zu behalten. Ich will mich mit meinem Schicksal einfach nicht
abfinden. Schicksal ist für mich schon immer das gewesen, was
man aus seinem Leben macht. Das Schicksal ist vielleicht eine
Macht, das gebe ich gerne zu. Aber dieser Macht habe ich meinen
Willen entgegen zusetzten. Meinen Verstand, die Wissenschaft, die
Hoffnung auf Gottes Unterstützung.
Möge
Gott mir die Kraft geben, die Dinge anzunehmen, die ich nicht
ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern
kann; und die Weisheit zu unterscheiden.
Dieser
Satz aus der Bibel ist im Laufe der Jahre zu meinem
elften Gebot geworden. Er ist der Grund für meine mangelnde
Demut in vielerlei Hinsicht gegenüber dem Schicksal. Meinem
Schicksal.
An diesen
Gedanken halte ich fest. Ich zwinge mich, sie in eine Reihenfolge
zu bringen, einen Kreis zu schließen, an dem ich mich festhalten
und wieder hoch ziehen kann.......
War dieser Kreis
jetzt durchbrochen? War dies das Ende? Oder war es ein neuer
Anfang? Der Anfang eines neuen Lebens? Eines Lebens ohne Scully,
aber mit den Erinnerungen an sie?
Diese
Erinnerungen kamen in jetzt zu ihm wie gute, alte Freunde.
Solche, die man lange nicht mehr gesehen hat, auf die man sich
aber trotzdem immer verlassen konnte, weil sie von Herzen mit
einem verbunden waren und nicht etwa auf Zeit.
All die kleinen,
vertrauten Gesten zwischen ihnen standen ihm klar und deutlich
vor Augen, und ihm wurde gerade erst klar, wie übermächtig das
Verlangen in ihm war, sie immer wieder zu berühren.
Sie waren
Seelenverwandte, waren es immer gewesen. All das, was einmal
gewesen war an ihren vielen gemeinsamen Tagen, war plötzlich
wieder ganz nah. Er sah sie vor sich, wie sie an ihrem ersten Tag
in sein Büro gekommen war, und wie sie damals in dem Hotelzimmer
in Mexiko in seine Arme gefallen war. Wie schlecht es ihr ging,
als ihre Schwester gestorben war, und wie sie erst stark war, und
anschließend bitter geweint hatte, als sie ihm von ihrem Krebs
erzählt hatte.
Verdammt! Er
dachte bereits in der Vergangenheit an sie und wie um diese
Gedanken wegzuwischen, rieb er sich kräftig die Augen.
Das war
absurd...sie war am Leben. Noch war sie am Leben.
Durch die
Tränen, die jetzt rascher flossen, nahm er sie jetzt nur ganz
verschwommen wahr. Sie schlief, tief und fest. Sie lag da wie
eine zerbrochne Puppe, bleich und kraftlos. Sie gab keinen
einzigen Laut sich, und das einzige, was er spürte, war, dass
sie ihn mit jedem Atemzug mehr und mehr verließ.
Es war schon weit
nach Mitternacht. Ärzte und Schwestern huschten auf einmal wie
Schatten durch den Gang, und das Quietschen ihrer Gummisohlen auf
dem blanken Linoleum war deutlich zu hören. Eine Patientin im
Nebenzimmer war gestorben. Der Tod war an sie heran getreten, in
seiner kalten Art. Er hatte sich sein nächstes Opfer geholt.
Mulder
überlegte: Wie lange würde es wohl noch dauern...? Wie
lange würde der Sensenmann noch vorübergehen, bevor er mit
seinen knochigen Fingern auch an dieser Tür klopfte?
Scully träumte.
Schlimme Träume. Bereits das letzte Mal zeigte die Chemotherapie
ihre scharfen Krallen, und noch Wochen später war das Grauen in
ihr lebendig, so als hätte sie es gerade erst erlebt. Es hatte
mit Übelkeit begonnen. Plötzlich konnte sie nichts mehr bei
sich behalten und egal ob ihr Magen voll oder leer war, sie
musste würgen. Ihr Körper spielte total verrückt und machte
plötzlich mit ihr, was er wollte.
Er war nicht mehr
ihr, sondern sie ihm ausgeliefert und Ihr Zustand verschlechterte
sich mit jedem Atemzug.
Ihr Körper wurde
für sie mehr und mehr zu einem Gefängnis, aus dem es kein
Entrinnen gab.
Ihr Herz tat
höllisch weh. Es tat so weh, dass sie die einzelnen Vorgänge
genau spüren konnte: Die Herzkammern füllten sich, sie
kontrahierten und sie erschlafften. Die Taschenlappen schlossen
und öffneten sich. Die Vorhöfe kontrahierten, erschlafften und
füllten sich wieder. Die Segelklappen waren voll geöffnet, dann
geschlossen und wieder leicht geöffnet. Sie spürte jedes
einzelne Detail und dabei krampfte sich ihr ganzer Körper
schmerzhaft jedes Mal zusammen. Ihr Blut schien still zu stehen
und sie war sich sicher, jetzt wäre es vorüber, jetzt...aber es
war nicht vorüber. Es ging weiter. Immer weiter.
Als die Schmerzen
dann endlich nach ließen, lag sie erschöpft in ihrem Bett und
betete. Sie wusste, dass Gott allein ihr die Kraft geben würde,
die Hölle der nächsten Behandlung zu überstehen. Sie betete
und betete. Und wenn sie zwischendurch vor Erschöpfung
einschlief und dann wieder aufwachte, war sie schweiß gebadet
und ihre Hände zitterten. Sie hatte Angst. Sie hatte plötzlich
schreckliche Angst, Gott würde sie nicht erhören.
Der Teufel ihrer
Kindheit war ein großer Clown gewesen. Ein buntes, rundes
Gesicht mit großen, blauen Augen, in dessen Mitte eine knallrote
Nase prangte. Ein Gesicht, dem jedes Kind blind vertraute. Nur
sein Lachen unter der großen Nase glich einer verzerrten Fratze,
das einem eiskalte Schauer über den Rücken jagte.
Und somit war er
auf Meilen erkennbar gewesen, wenn er wieder einmal zu ihr kam,
um sie in Versuchung zu führen, eine Sünde zu begehen. Gottlob
hatte sie diese Illusion schon früh verloren.
Sie hatte sehr
schnell begriffen, dass der Teufel auch hinter den Augen, den
Worten oder den Taten eines an sich freundlichen Menschen
verborgen sein konnte. Und dass er manchmal überhaupt keine
Gestalt, sondern nur eine Situation brauchte. Und genau das war
damals der Fall gewesen.
Der Teufel trieb
sein Spiel mit ihr, das spürte sie von Anfang an. Er verwandelte
die Hölle ihrer kindlichen Alpträume in den Bestrahlungsraum
und nahm für sie die Gestalt der Kobaltbombe an. Der Teufel
forderte von ihr, was er immer forderte: Ihre Seele.
Das wurde ihr
damals gleich nach ihrem ersten Zusammentreffen klar. Luzifer
wollte, dass sie aufgab, und deshalb wollte er mit ihr pokern.
Nicht nur während der Bestrahlung, sondern auch noch während
der nachfolgenden zwei Stunden, die sie in einem kleinen,
angrenzenden Raum verbrachte, wo sie sich ausruhen sollte. Als
sie sich weigerte, seine gezinkten Karten auch nur anzufassen,
strafte der Satan sie mit Depressionen und sie fühlte sich
radioaktiv verseucht.
Bei der zweiten
Bestrahlung war es dann ein Knobelbecher, den Beelzebub ihr unter
die Nase hielt. Er wollte mit ihr um die Wette würfeln, und als
sie auch dazu nicht bereit war, verweilte er den ganzen
restlichen Tag bei ihr. Er setzte sich an ihre Bettkante und
ließ sie todmüde von einem Alptraum in den nächsten gleiten.
Dann kam die
dritte Bestrahlung und diesmal waren es ein paar Streichhölzer,
die der Satan persönlich in seinen knochigen Händen hielt. Ein
einziges davon wäre kürzer als alle anderen, erklärte er ihr,
und nur, wenn sie ausgerechnet dieses zöge, hätte er gewonnen.
Sie traute ihm nicht und erwiderte, er könne sich seine
Streichhölzer sonst wo hin stecken.
Wenige Stunden
nach der dritten Bestrahlung wurde ihr dann wieder schlecht und
sie musste sich übergeben. Danach hatte sie plötzlich das
Gefühl, als würde der Boden unter ihr schwanken. So als kämen
die Wände ihr entgegen und auch ihr Kopf würde sich nicht mehr
auf ihren Schultern befinden, denn er fiel von rechts nach links
und von vorn nach hinten, ohne dass sie es irgendwie steuern
konnte.
Als sie erwachte,
war sie schweißgebadet, ihr Atem flatterte und ihr Gesicht war
von Tränen überströmt. Vor ihren Augen flimmerte es, und wenn
sie in ihrem Dämmerzustand nach dem Lichtschalter tastete, griff
ihre Hand ins Leere. Einige Sekunden lang breitete sich wilde
Panik in ihr aus, erst dann fiel ihr wieder ein wo sie war und
langsam, ganz langsam, ließ das unkontrollierte Zittern nach.
Jetzt war es
draußen wieder still. Auch auf dem Gang regte sich nichts. Nur
der Wecker, der auf dem Nachtisch stand, tickte. Tick, tack...Er
und Scully waren allein. Ganz allein. Und sie warteten...auf den
Tod.
Stunden kniete er
jetzt schon an ihrem Bett und vergrub den Kopf neben ihr in den
weißen Laken.
Dann endlich,
ihre wortlose Antwort auf seine vielen Fragen kam schleichend zu
ihm, so als übertrugen sich ihre Gedanken nur langsam aus ihrem
wunden Geist. Sie lautete: Kämpfe, hör auf zu weinen. Und
zwar sofort!
Mulder lächelte
in sich versunken das wohl verzweifeltste Lächeln seines Lebens.
Das Gefühl, das ihn in diesem Augenblick erfasste, hatte etwas
von Wahnsinn. Von einer Sekunde zur anderen flog ihn eisige
Kälte an, umschlang seinen ganzen Körper und brachte ihn zum
Erstarren. Da war kein Wimpernschlag mehr, kein Schlucken, kein
Atmen. Da vibrierte es nur noch unter seiner Haut, und zwar so
sehr, dass er glaubte, in tausend Stücke zu bersten. Es dauerte
einen Moment, bis sich all diese Anspannung löste und ein
gellender Schrei aus den Tiefen seiner Seele drang. Außer ihm
konnte ihn niemand hören. In ihm jedoch wühlte er all das auf,
was eben noch erstarrt war. Jeder einzelne Muskel, jede Sehne und
jeder Nerv in ihm vibrierte. Sein Atem war mehr ein Würgen,
welches all das hilflose Entsetzen, die Wut und die Verzweiflung
wiedergab, die er empfand. Er straffte die Schultern. Verdammt
noch Mal, es musste einen Weg geben. Es gab immer einen Weg und
er würde ihn finden.
Ein paar Tage
später lagen die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen vor.
Scullys Blick schweifte mehr oder er weniger hilflos durch das
Krankenzimmer, als Mulder sich wortlos an das Fußende ihres
Bettes setzte und nach ihrer Hand griff.
Mulder, die
Therapie hat leider nicht wie erhofft angeschlagen. Meine
Laborwerte verschlechtern sich täglich, sagte sie leise.
Es ist anzunehmen...Ich muss mit dem Schlimmsten rechnen.
Dabei sah sie ihm
tief in die Augen, und als sie das sagte spürte er, wie viel
Überwindung sie das kostete.
Mit dieser
Ehrlichkeit hatte sie sich von Anfang an auf ihn eingelassen. Und
auch jetzt hatte sie sich vor ihm entblößt und die ganze
Hilflosigkeit eingestanden, die sie gegenüber dem Sterben
empfand.
Sie musste also
mit dem Schlimmsten rechnen. Bald?, fragte er leise.
Sehr bald,
antworte sie.
Wie bald?
Weihnachten?, flüsterte er.
Ja...eine
gute Zeit. Finden Sie nicht, Mulder?
Sie blickte zu
ihm auf und lächelte. Dabei spürte sie deutlich die Tränen,
die über ihre Wange liefen. Es waren zwei Tränen. Zwei Tränen
für ein Leben, das nur noch wenige Wochen dauern sollte.
Weihnachten würde es vorüber sein. Sie hatte nur noch ca. 2 1/2
Monate zu leben. 10 Wochen und vielleicht ein paar Tage. Die
Stunden und Minuten wagte sie gar nicht auszurechnen. Die Zeit
verrann ihr unter den Händen. Immer deutlicher spürte sie, wie
der Tod bereits nach ihr griff. Wie er versuchte, sie auf seine
Seite zu ziehen. Er drängte sie, seinen Versprechungen zu
erliegen und je mehr er sie drängte, desto größer wurde ihre
Angst.
Ich habe
Angst, Mulder. Sie haben mir einmal gesagt, Angst wäre nur ein
Gefühl. Scully schaute ihn an und lächelte. Ein bitteres
Lächeln, und dabei spürte sie deutlich die Tränen, die langsam
über ihre Wangen rannen. Wenn es so ist, dann helfen Sie
mir jetzt bitte, dieses Gefühl zu besiegen, denn so kann ich
nicht leben. Und erst recht nicht sterben.
Mulder seufzte.
Scully,
Todesangst ist mehr als ein Gefühl, sagte er. Todesangst
ist die Urangst der Menschheit. Sie bestimmt all unser Tun, ohne
dass wir sie kennen. Nur ganz wenige Menschen bekommen in ihrem
Leben Gelegenheit, sie so klar zu erleben, wie Sie es jetzt tun.
Heißt das,
dass ich auch noch dankbar sein soll, Mulder? Sie schaute
ihn ungläubig an, doch er redete unbeirrt weiter.
Jeder
Mensch fürchtet sich vor dem, was er nicht kennt. Der Tod ist
vielleicht das letzte große Geheimnis des Lebens oder Scully...
vielleicht ist es das Leben selbst. Zögernd öffnete er
seine rechte Hand, welche er bis dahin fest verschlossen gehalten
hatte. Darin lag ein kleines, metallenes Röhrchen...
Scully bemerkte
das Zittern in seiner Stimme und spürte, dass auch er am
liebsten geweint hätte, es aber nicht tat. Er wusste, wie viel
Kraft und Überwindung es sie kosten würde, nach dieser Chance
zu greifen.
Vielleicht gab es
ja doch noch eine Möglichkeit. Eine, die ausschließlich von
Faktoren abhing, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Er sah sie
ganz fest an und ließ ihr damit ihre Chance. Er kämpfte um sie,
auf seine eigene Art.
Niemals zuvor
hatte sie sich so unsicher gefühlt wie in diesem Augenblick. Sie
atmete schwer, schloss einen kurzen Moment die Augen und legte
den Kopf in den Nacken. Sie betete.
Gott möge ihr
die Kraft geben, die Dinge hin zu nehmen, die sie nicht ändern
konnte. Und den Mut, die Dinge anzunehmen, egal wo sie herkamen,
die sie ändern konnte. Sie wollte nicht zugrunde gehen. Nicht
jetzt. Und fast im gleichen Moment spürte sie es.
Es war der
Augenblick, da sich etwas ihr verwandelte. Der Schmerz, die Angst
und die Enttäuschung, die Machtlosigkeit und die Unrast, sie
wandelte sich in unendliche Kraft.
Entschlossen
wischte sie die Tränen weg und griff nach dem metallenen
Röhrchen, griff nach dem Leben.
END