Titel:
Truth or Dare, Special AgentsAutoren: Florian, Silke & Kirsten
Kontakt: Tesa®krepp in X-Form wäre vielleicht einen Versuch wert...
Spoiler: "Triangle" Im Bermuda-Dreieck, FTF.
Rating: PG?
Kategorie: H, EMT, EST, ESkT, Psycho, Drama, MSR
Short-Cut:
FBI Headquarters, 11:04 a.m.
Ein Raum im Souterrain.
Das Büro ähnelt einem Schlachtfeld. Auf dem Boden ein Aschenbecher, um ihn herum einige Zigarettenstummel; Brandlöcher auf dem Teppich. In einer Ecke eine fast leere Packung Sonnenblumenkerne. Weiter in Richtung Schreibtisch ein Kosmetikspiegel, ein Lippenstift. Dann, etwas entfernter: eine grau-in-grau gemusterte Krawatte, behaftet mit hellrotem Lippenstift, und eine Brille, darüber grün-karierte Boxershorts, auf die in roter Farbe der Name Walter aufgenäht ist. Und inmitten des Durcheinanders, zwischen Zigaretten, Sonnenblumenkernen, einem zerbrochenen Weinglas und einem interessant-aussehenden Frisbee-Ring, völlig unschuldig und unscheinbar — eine Flasche.
Die schwarzen Schuhe, die Herrenhose und die blau gestreifte Krawatte, die neben der Couch auf dem Boden liegen, gehören wohl dem überdurchschnittlich gut aussehenden, schätzungsweise um die 40 Jahre alten Mann mit dem treuem Hundeblick, der halb bekleidet schlafend auf dem Boden liegt, wohingegen das dunkle Damenjackett und die weiße Bluse mit dem Rotweinfleck, die über der Lampe auf dem Schreibtisch hängen, offenbar seiner Partnerin zuzuordnen sind.
Es ist dies das Büro von Assistant Director Walter Skinners bestem Agententeam — zumindest waren Mulder und Scully das noch bis vor wenigen Stunden gewesen.
von Florian, vom kleinen Alien und von Charleen
Disclaimer:
Die Figuren Mulder, Scully, Skinner und CGB gehören der Twentieth Century Fox und Chris Carter, den Schauspielern und noch verschiedenen anderen Leuten. Die haben hoffentlich alle nichts dagegen, dass wir sie uns mal kurz ausleihen, um uns ein wenig zu amüsieren.
17 Stunden vorher, 17:09.
"Aber Mulder, wir haben überhaupt keine Flasche!"
"Na und, wir sind sowieso nur zwei, das heißt, Sie kommen immer nach mir dran."
"Das ist absurd!"
"Na und? Was sollten wir denn sonst machen, während wir warten?"
"Ich kann Ihnen sagen, was ich machen werde: Ich gehe nach Hause! Wenn dieser unheimlich wichtige Anruf noch kommt, können Sie mich ja immer noch anrufen und aus dem Schlaf klingeln!"
"Sie haben ja nur Angst!"
"Wie bitte?"
"Geben Sie’s zu, Scully, Sie haben Angst davor!"
Es war heiß im FBI-Hauptquartier. Die Luft stand flimmernd wie eine Glocke über der ganzen Stadt — ein Wunder, dass an diesem Tag noch kein Mord geschehen war — und das Radio warnte so energisch vor ‘severe Thunderstorms in the Washington Area’, dass die meisten früher Schluss gemacht hatten und nach Hause gefahren waren. Mulder hatte alle Warnungen wie üblich in den Wind geschlagen, doch nach Arbeiten war auch ihm nicht zumute. Es lag ein Knistern in der Luft, das den kommenden Sturm ankündigte und Mulder in seinen Bann zog.
"Also schießen Sie los, was wollen Sie unbedingt wissen?"
Scully sagte dies mit einem leicht genervten Unterton; Mulder war die personifizierte Unschuld.
"Sie können ja auch Pflicht nehmen."
"Nehme ich aber nicht! Also!"
Mulder lächelte. "Dann lautet meine erste Frage folgendermaßen:
Welchen der drei Lone Gunmen finden Sie am süßesten?"
"Was?"
"Sie haben Wahrheit gewählt," sagte Mulder, "also müssen Sie jetzt auch antworten. Nun sagen Sie schon! Mögen Sie eher Byers, Langly oder vielleicht doch Frohike?"
"Ich würde sagen, Sie haben wohl heute morgen einen Scherzkeks gefrühstückt, Mulder!", brabbelte Scully. "Darauf antworte ich nicht. Wahrheit oder Pflicht?"
"Wahrheit."
Scully überlegte. "Wann haben Sie das letzte Mal Ihre Fische gefüttert?"
Mulder hatte etwas Persönlicheres erwartet.
"Äh... Wann waren Sie bei mir um mir diese Fotos von Maine zu zeigen?"
"Sonntag vor zwei Wochen!?"
"Dann war es Freitag davor."
"Mann", murmelte Scully, "die Animal Activists würden Sie einlochen! Na ja, Sie sind wieder dran. Wahrheit!"
"Also gut, was haben Sie neulich gemacht, als Sie mir sagten, Sie hätten keine Zeit, um ins Kino zu gehen?"
"Ich..." Scully stockte, dann warf sie Mulder einen gespielt verärgerten Seitenblick zu. "Einen Bericht geschrieben!"
"Wahrheit, Scully!"
"Das ist die Wahrheit!"
"Oh Mann, ich glaube Ihnen! Pflicht, bitte!"
"Na schön, die ganze Wahrheit, Mulder: Ich habe, als ich fertig war, in der Badewanne einen halben Eimer Chockolate-Swirl-Eis ausgelöffelt, und bin danach in der Küche über dem Kinoprogramm eingeschlafen! Sind Sie jetzt schockiert?"
"Absolut. Ich hätte nie und nimmer gedacht, dass auch Sie tatsächlich essen und schlafen müssen!"
Scully lachte, und Mulder beglückwünschte sich zu seinem Erfolg.
"Pflicht!?", erinnerte sie ihn.
Mulder machte einen auffordernden Blick.
"Graben Sie Ihren Schreibtisch aus!"
"Was, jetzt gleich?"
"Sicher."
Mulder fing geräuschlos-pfeifend an, Papiere zu stapeln. "Und was nehmen Sie?"
"Pflicht", sagte Scully. Wenn ich noch länger zugucke, muss ich lachen.
Mulder sah sie lange von der Seite an.
"Pflicht, ja?"
Scully machte ein unbeeindrucktes Gesicht, doch etwas mulmig wurde ihr schon, als er sie so ansah, und Mulder wusste es genau.
"Also Pflicht... Scully muss... mhm, es muss auch gut sein..."
Mulder zensierte seine Gedanken.
Einen nach dem anderen.
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Scully zu, wie er versuchte, sich etwas wirklich Perfektes einfallen zu lassen.
"Ziehen Sie das T-Shirt an, das Langley mir zum Geburtstag geschenkt hat!", sagte er schließlich.
"Das, wo ‘aliens are real’ draufsteht?"
"Genau jenes."
Scully rollte mit den Augen, tat es aber widerspruchslos. Sie fand besagtes T-Shirt zwischen einigen unbeschrifteten Videokassetten und zog es über ihre Bluse. Gerade hatte sie einen Arm durchgesteckt, da ging die Tür auf.
Für einige endlose Sekunden stand Assistant Director Walter Skinner einfach nur in der Tür. Scully steckte unbeweglich in dem halbangezogenen T-Shirt, ein Auge blickte unter ihren Haaren hervor und sah ihren Boss entsetzt an. Sie hielt die Luft an.
"Wahrheit oder Pflicht?", fragte Mulder kurz entschlossen. Scully wurde schlecht von seiner Unverfrorenheit.
"Pflicht."
Scully traute ihren Ohren und Augen nicht, und wagte es ebenso wenig, sich zu bewegen. Hatte Skinner gerade ‘Pflicht’ gesagt?
Es schien so, Mulders Antwort nach zu urteilen:
"Besorgen Sie eine Flasche."
"Wollen Sie mal Wahrheit nehmen?", fragte Scully, nachdem Skinner gegangen war.
"Gut."
"Sie wollten mir doch nämlich noch erzählen, wie gestern diese Sache mit dem Tankwart ausgegangen ist."
"Ach ja!" Mulder grinste. "Also gut, hören Sie zu...
Wütend hupend fuhren zwei Autos an Mulders winzigem Kellerfenster vorbei,* und von einem Baum rieselten ganz langsam einige trockene Herbstblätter auf die Scheibe herab. Seit Wochen hatte es nicht geregnet, und der Staub der Straße wurde von keinem noch so geringen Luftzug berührt. Im Inneren von Mulders Büro war es nur geringfügig kühler als draußen, was selbst Scully veranlasst hatte, auf ihr übliches Jackett zu verzichten. Allerdings trug das schwarze T-Shirt, das sie jetzt über ihrer Bluse trug, nicht unbedingt zu ihrer Abkühlung bei. Dennoch hörte sie wie immer klaglos Mulders Geschichte zu.
"...Also hab’ ich die Waffe gezogen..." — Mulder hievte einen Fuß auf die Tischplatte — "...habe ihm tief in die Augen gesehen" — der zweite Fuß folgte — "und gesa--"
Entsetzt beobachtete Scully, wie der Drehstuhl unter Mulder hintenüber kippte und Mulders Füße aus ihrem Gesichtsfeld verschwanden. Das letzte, was sie von ihm sah, war ein Schwall Kaffee, der hinter dem Schreibtisch hervorplatschte.
Scully war hin und hergerissen, ob sie helfen oder ihrem beinahe unbezwingbaren Lachreiz nachgeben sollte.
Eine Hand klatschte auf den Schreibtisch.
Scully verdrehte die Augen und atmete tief durch.
Die zweite Hand klatschte auf den Schreibtisch.
Scully hob ihrerseits ihre Hand ans Gesicht und wandte sich ab.
Ein Kopf erschien gerade soweit über der Tischplatte, dass die schrägen Augen hervorguckten.
Scully drehte sich doch wieder um. Ihr Mund hinter vorgehaltener Hand zuckte. Einmal, zweimal.
Mulders Haare richteten sich ganz langsam elektrostatisch auf.
Scully traf seinen Blick — und die Opfermiene auf seinem Gesicht gab ihr den Rest. Sie presste ihre Hand stärker auf ihren Mund, doch es half nichts; laut losprustend ließ sie Mulder zwischen dem Müll, den er bei seinem Sturz mitgerissen hatte, sitzen und schleppte sich aus dem Büro, nur um wenig später — immer noch glucksend und nach Luft schnappend — mit einem Glas Wasser zurückzukommen. Gerade wollte sie einen Schluck trinken, um wieder Luft zu bekommen — da ging die Tür auf, und beim Anblick von AD Skinner prustete Scully so stark in ihren Becher, dass sie das Wasser im nächstem Augenblick im Gesicht hatte.
Skinner blickte von Scully auf Mulder, dann zurück auf Scully, die krampfhaft versuchte sich möglichst unauffällig mit ihrem Ärmel das Wasser aus dem Gesicht zu wischen, und dann verzog sich sein Gesicht langsam zu einem breiten Grinsen. Scully versuchte verzweifelt, ein Glucksen zurückzuhalten, doch Skinner kam auf sie zu, legte seinen Arm um ihre Schulter, und ehe Mulder wusste, wie ihm geschah, lagen seine Partnerin und sein Boss sich lachend in den Armen und wollten gar nicht mehr aufhören, sich auf seine Kosten zu amüsieren.
Mulder wollte zunächst beleidigt sein, doch der Anblick von Scully, wie sie mit Tränen in den Augen zu ihm hinüberblickte, und der von Skinner, wie er lachend mit Scully im Arm in Mulders Büro stand, waren einfach zu schön um zu grollen.
Grinsend sah Mulder den beiden zu.
17:55
Es war ein trockener Rotwein, und Skinner hatte Gläser mitgebracht. Mit einer halbvollen Flasche konnten sie ja schließlich nicht spielen. Skinner verteilte den Wein und drehte die Flasche.
"Wahrheit oder Pflicht, Agent Scully?"
Scully beeilte sich, das T-Shirt endlich richtig anzuziehen und ihre Haare einigermaßen zu ordnen. "Pflicht, Sir."
"Schließen Sie um Gottes Willen die Tür ab!"
Scully konnte es noch immer nicht fassen, dass Skinner das tat. Die Erklärung ließ allerdings nicht lange auf sich warten: "Wir haben eine Tornadowarnung", teilte Skinner ihnen mit. "Ich müsste Sie eigentlich anhalten, sich in den Keller zu begeben, aber... das... dürfte sich ja dann wohl erübrigt haben."
"Zu irgendwas musste dieses Luxusbüro ja irgendwann mal von Vorteil sein", spottete Mulder.
"Tornadowarnung?", fragte Scully. "Bis wann?"
Skinner zuckte die Schultern. "Bis auf weiteres. Solange, bis sie Entwarnung geben. Das letzte Mal, als es hier Tornadoalarm gab, warteten wir über Nacht im Keller." Er lächelte schwach. "Damals stand hier noch der Kopierer."
Scully drehte die Flasche, und sie zeigte auf Skinner.
"Wahrheit", sagte er zwischen zwei Schlucken Wein, und inzwischen schien er sich sogar ziemlich gut zu amüsieren.
Scully und Mulder tauschten einen Blick. Nicht vermasseln!
"Glauben Sie eigentlich an Außerirdische?"
Genial, Scully!
"Glauben?" Skinner war jetzt wieder vorsichtig. "Nein, das tue ich nicht."
Mist, eins zu Null für Skinner!
18:13
Mulder drehte die Flasche, und da er ein ausgesprochen guter Basketballspieler war, hielt es Scully für möglich, dass er absichtlich sie ausgewählt hatte.
"Wahrheit."
"Wahrheit." Scully sagte sich selbst vor, dass Mulder in Skinners Gegenwart niemals eine Frage stellen würde, die sie nicht beantworten wollte. Das würde er nicht machen.
Würde er doch nicht, oder?
"Was ist Ihre Lieblingszahl?"
Das ist alles?
"Zwei."
"Ha!" Mulder sprang auf. "Ist Ihnen klar, wie viel ich jetzt über Sie weiß?"
"Na was denn?" War an zwei irgendwas verfängliches?
"Sie sind ja gar nicht dran!"
Scully setzte ein gelangweiltes Gesicht auf. "Na dann!"
Darauf kommen wir zurück.
"Wahrheit oder Pflicht?"
"Wahrheit."
"Warum wollten Sie unbedingt Flaschendrehen spielen, Mulder?"
Totenstille.
"Ich wollte mal sehen, ob Sie mitspielen würden."
"Ich spiele doch immer mit, Mulder! Letztendlich. Das wussten Sie genau!"
Mulder schwieg.
"Also weshalb?"
"Vielleicht hatte ich eine bestimmte Frage im Sinn."
Scully fragte nicht weiter nach, sondern gab ihm stumm die Flasche. Mulder drehte sie langsam, so dass sie auf Scully zeigte.
"Wahrheit", sagte sie bereitwillig Skinner bewunderte die beiden insgeheim für Ihre fließende Kommunikation.
Mulder stand auf. "Skinner ist Zeuge."
"Was?"
Mulder bedeutete ihr, ebenfalls aufzustehen. "Ich habe leider keine Fahne, aber es muss auch so gehen."
Was soll denn das werden?
"Ich, Dana Scully, schwöre, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, nach bestem Wissen und Gewissen, so wahr mir Gott helfe."
Scully hatte, das Gesicht dem UFO-Poster zugewandt, ihre rechte Hand erhoben, die linke ruhte auf dem File Cabinet mit den X-Akten darin.
Mulder nickte anerkennend, doch Scully bedachte ihn mit einer angeschrägten Augenbraue.
"Sollte Ihnen nicht mein Wort genügen?"
Mulder grinste sie an. "Oh, ich zweifele nicht im Geringsten an Ihrer Integrität, aber es klingt immer so schön, wenn Sie das aufsagen! Im Übrigen muss man das wenn überhaupt dann schon richtig machen. Protokoll, Scully!"
Mulder erntete eine sehr schräge Augenbraue; Scully warf ihm einen leicht entnervten Blick zu. "Sie haben mein... Ich werde die Wahrheit sagen, also fragen Sie schon!"
"Sie müssen dann aber wirklich ehrlich antworten."
Scully, mit amüsiertem Ausdruck um die Mundwinkel, hob auffordernd eine Augenbraue an.
Mulder nickte langsam. "Also schön. Was ich wissen will: Haben Sie sich je dafür geschämt, die Partnerin von Spooky Mulder zu sein?"
Scully zögerte. "Jetzt kommen Sie schon!"
"Nein, ich will die Wahrheit! Hier und jetzt."
Scully seufzte ergeben. "Nein," sagte sie, "Geschämt habe ich mich dafür nie."
"Und die ganze Wahrheit?"
"Ach Mulder! Was soll das hier alles überhaupt, ‘Wahrheit oder Pflicht’? Gibt es denn Ihrer Meinung nach überhaupt eine absolute Wahrheit? Definieren Sie mir erst einmal ‘Wahrheit’!"
Mulder beeilte sich, ihrem Wunsch Folge zu leisten:
"Wahrheit ist der im Rahmen eines sprachlich-intersubjektiven Bezugssystems stehende, mit Gründen einlösbare und insofern haltbare Geltungsanspruch von Aussagen beziehungsweise Urteilen über einen Sachverhalt, der somit wahr ist.
Ich habe acht Semester Psychologie in Oxford studiert, Scully! Also?"
Scullys Augen waren groß wie Wagenräder. Sie sah Mulder an und erkannte, dass er es todernst meinte.
Und er wollte eine ehrliche Antwort.
"Vielleicht hat es mich anfangs gestört. Na gut, ja, in Ordnung, es hat mir was ausgemacht!" Sie blickte kurz auf Skinner, der ruhig zuhörte. "Ich bin eigentlich meilenweit von dem entfernt, was ich damals jetzt sein wollte, und ich muss gestehen, das mir das nicht immer egal war. Aber nach allem, was ich seit dem gesehen und erlebt habe... Ehrlich gesagt," fuhr sie wieder an Mulder gewandt fort, "weiß ich gar nicht, ob das jetzt noch mein Ziel ist." Eines Tages sagte ich dir, dass ich keinen Tag ändern wolle... Spätestens da war es mir klar. "Aber Sie wissen ja wohl auch, dass ich schon so gut wie gekündigt hatte, als man mich damals nach Salt Lake City versetzen wollte!" Der Hauch eines Lächelns huschte über ihre Mundwinkel. "Meine Arbeit ist jetzt und hier bei Ihnen, das sollten Sie eigentlich wissen, ohne fragen zu müssen."
Mulder lächelte zufrieden. Diese ehrliche Antwort war ihm lieber, als wenn sie rundheraus ‘nein’ gesagt hätte. "Na dann, Sie sind dran, Skinner langweilt sich schon!"
19:32
Mulder, Scully und Skinner haben es sich inzwischen auf dem Boden gemütlich gemacht. Die Flasche dreht sich, wird langsamer und langsamer... und zeigt schließlich auf Scully.
"Irgendwie komme ich mir ziemlich albern vor. Das letzte mal habe ich ‘Wahrheit oder Pflicht’ auf der Highschool gespielt. Ich musste damals einen gewissen Jungen namens-- Äh, naja. Ist ja jetzt auch nicht weiter wichtig."
"Wahrheit oder Pflicht, Scully?"
Scully war noch in Gedanken versunken. "Bitte?"
"Wahrheit oder Pflicht!"
"Wahrheit."
Was — und ich will die volle Wahrheit — war Ihr erster Gedanke, als Sie das erste Mal in dieses Büro kamen?"
God, he is cute! And a freak. Er ist ein Trottel. Nein, er ist kein Trottel! Er ist... versessen...
"Das weiß ich nicht mehr, Mulder!"
"Wahrheit, Scully! Sie wissen es genau."
Sie musste wider Willen lachen. "Also schön, die Wahrheit: Ich habe gedacht... Eigentlich war ich mit meinen Gedanken ja noch bei Blevins, der mir gerade befohlen hatte--" — sie traf Mulders ermahnenden Blick und hob lachend die Hände — "schon gut! Ich habe gedacht..." Scully biss sich grinsend auf die Unterlippe, als sie zu Mulder aufsah. "Also gut, ich habe wohl gedacht, dass ich eine höchst interessante Zeit mit Spooky-- Nein."
Scully atmete tief durch. Es war für sie eine Ehrensache, nun aufrichtig zu sein, auch wenn Mulder den Wahrheitsgehalt ihrer Worte nicht nachprüfen konnte.
"In Wirklichkeit war mein allererster Gedanke, dass ich sofort wusste, dass ich Ihnen vertrauen würde, ganz gleich was Blevins--" Sie unterbrach sich schon wieder. "Wenn Sie die Wahrheit wollen: Das war eigentlich mein zweiter Gedanke." Solche Augen lügen nicht. "Mein wirklich erster Gedanke war, dass ich mich wohl in der Tür geirrt haben musste."
Mulder grinste. "Sie sind dran."
"Also, Mulder," sagte Scully, noch bevor die Flasche zum Stillstand gekommen ist, "was ist nun so besonderes an dieser Zwei?"
Ach wie süß, sie ist ja jetzt richtig nervös deswegen!
Mulder grinste. "Tja, das weiß ich auch nicht, aber ich kann es für Sie nachschlagen, wenn Sie..."
Weiter kam Mulder nicht, da er in diesem Moment von einem Kissen getroffen wurde, das eine wütende Scully lachend geworfen hatte.
20:01
"Wahrheit oder Pflicht, Sir?"
Skinner entschied sich für die Wahrheit.
Scully überlegte. Sie wusste eigentlich so wenig über Skinner, dass ihr nicht mal eine Frage einfiel. Was machte er eigentlich, wenn er mal gerade nicht im Büro saß? Wahrheit war schon ein Angebot, das durfte sie nicht überstrapazieren.
"Was machen Sie eigentlich an Ihren Wochenenden?"
Skinner lächelte leicht unsicher. "Ich, äh..." Wie wissbegierige Schulkinder hingen Scully und Mulder an seinen Lippen, es wäre Skinner nie in den Sinn gekommen, wie interessant die beiden seine Freizeitinteressen finden könnten. Es war aber eigentlich beachtlich, dass er ihnen all die Jahre nie etwas über sein Hobby erzählt hatte.
"Warten Sie, ich werde es Ihnen zeigen."
"Ultimate Frisbee?!?"
Da es von Mulders Büro nicht weit zur Tiefgarage war, hatte Skinner nur einige Minuten gebraucht, um seine Firsbeescheibe aus dem Auto zu holen. Es war ein grellbunter Ring aus elastischem Stoff, gespannt auf einen Plastikreifen, der in der Mitte ein Loch hatte. (Ich GLAUBE, das sind die Dinger.)
Mulder guckte begeistert und belustigt zugleich, und Scullys Mundwinkel zuckten.
"Jetzt echt?"
Skinner zuckte verlegen die Schultern. "Na ja..."
"Das finde ich echt cool, Sir!", verkündete Mulder beeindruckt. "Sie können ja mal gegen Scully spielen!"
"Wieso ich?"
"Na oder gegen uns beide, Skinner ist bestimmt richtig gut!"
"Also ich weiß nicht!"
"Kommen Sie schon", sagte Scully und stand auf. "Dieses Büro hat keine nennenswerten Fenster, wie sie wissen, und die Tür ist zu."
Skinner stand immer noch nervös grinsend auf. "Hier ist eigentlich nicht genug Platz..."
20:27
Nach dem Frisbee-Match hat Mulder eine Glühbirne weniger, der Teppich einen Rotweinfleck mehr, und da das Licht von draußen allmählich schwächer wird, ist das Büro bald in ein dämmriges Blau gehüllt. Gerade reicht es noch, um ohne Licht sehen zu können.
Lachend lässt sich eine erhitzte Scully auf den Boden fallen, reicht Skinner ihr Glas zum Halten, damit sie die Flasche drehen kann, und beginnt, heimtückisch zu grinsen.
"Mulder...! Sie müssen den Krebskandidaten anrufen, ihn hierher zu uns einladen und ihn fragen, ob er uns Gesellschaft leisten und mitspielen möchte."
Mulder war äußerst irritiert. So schadenfroh hatte er sie noch nie erlebt.
"Das meinen Sie nicht ernst!"
Scully konnte ihr Grinsen kaum zurückhalten, und Mulder, dem das ganze langsam zu bunt wurde, stand auf, griff zum Telefon und begann zu wählen.
"Sie meinen doch nicht, dass er wirklich...", begann Scully besorgt zu Skinner zu sagen. "Woher hat er die Nummer?"
Skinner schüttelte den Kopf. "Er kennt nicht mal den genauen Namen. Von CGB Spender wird man kontaktiert..."
"Na hoffentlich", murmelte Scully, als Mulder auch schon den Hörer auflegte, zurückkehrte, die Flasche nahm und sie drehte.
"Erledigt. Scully, hat man Ihnen eigentlich schon einmal gesagt, dass Rache süß ist?"
Die Flasche bleibt stehen, als sie auf Skinner zeigt.
Mit einem weiteren Schluck Wein versucht Scully zu verbergen, dass Mulder sie verunsichert hat.
"Wahrheit oder Pflicht, Walter?
Jetzt nennt er ihn schon Walter!
Skinner ahnt böses. "Pflicht, Fox!"
"Das hatte ich gehofft", sagt Mulder mit einem hämischen Grinsen um die Mundwinkel. Er macht es noch einige Augenblicke spannend, aber dann entscheidet er:
"Skinner muss Scully hier und jetzt auf den Mund küssen!"
"Wie bitte?!" Scully und Skinner sind gleichermaßen entsetzt.
Mulder ist außer sich vor Schadenfreude.
Scully zieht die Augenbrauen hoch. Ihr Entsetzten über Mulders unglaubliche Idee ist ihr ins Gesicht geschrieben. Wie kann er nur?
Skinner bekommt sprichwörtlich eine Gänsehaut. Seine Gesichtsfarbe macht Agent Scullys Haaren alle Ehre.
"Sie müssen es tun. Ich habe es Ihnen befohlen."
Scully sucht Mulders Blick, doch in ihm liegt keine Kommunikation, nur ein besessenes Grinsen.
Mulder, was tust du?
Skinner stürzt ein Glas Rotwein hinunter. Scully starrt Mulder an.
Das meinst du nicht ernst!?
Oh, aber sicher meine ich das ernst, Kleines!
Sie blickt Skinner an, Skinner schaut verlegen zu Scully. Schweigen in der ganzen Runde. Mulder grinst.
Es vergehen einige Augenblicke.
Plötzlich öffnet sich die Tür.
Mit einem geräuschvollen Flackern erwachen die Halogenlampen zum Leben und verbreiten ein unbehagliches Neonlicht im Raum, das den Himmel draußen dunkel werden lässt.
Skinner will gerade fragen, was auf einmal so widerwärtig nach Zigarette stinkt, doch Scullys Gesichtsausdruck bestätigt seine augenblickliche Befürchtung.
Skinner dreht sich um.
CGB Spender steht in der Tür, in einer Hand die obligatorische Zigarette, in der anderen Hand eine Flasche Gin, und starrt in die Runde.
Die Runde starrt zurück.
Donner grollt im Hintergrund und lässt erkennen, dass der Sturm bald losbrechen wird. Der Himmel ist bereits schwarz, Wolken türmen sich auf.*
"Sie haben es doch getan", hisst Scully Mulder zu. Mulder grinst sie an. "Ihr Wunsch ist mir Befehl, Miss Scully! Aber Rache ist süß!"
Oh ja, das ist sie! Scullys Entschluss stand fest. Na warte Mulder, das wird dir noch jämmerlich leid tun!
"Ich habe mir erlaubt," sagt CGB trocken, "etwas zu dieser Party mitzubringen, wenn ich schon mal eingeladen werde." Der alte Kettenraucher gehört zu den Menschen, die die Gabe haben, die allgemeine Aufmerksamkeit mühelos auf sich zu ziehen. "Bitte lassen Sie sich nicht durch meine Anwesenheit stören, Mr Skinner! Ich stehe hier nur ganz leise in der Tür und warte, bis Sie mit ihrer Aufgabe fertig sind. Eine Aufgabe, bei deren Stellung Agent Mulder Ihnen äußerst wohlgesonnen gewesen sein muss, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf."
CGB spricht langsam, er ist die personifizierte Kaltblütigkeit. Gemächlich zieht er an seiner Zigarette und stößt den Rauch noch langsamer wieder aus. Auf Skinners Stirn bilden sich Schweißperlen.
Scully wirft Mulder, der eine einladende Geste macht, verstohlen wütende Blicke zu.
Das ist jetzt deine eigene Schuld!
"Nun," sagt sie mit leichter Überlegenheit, "da haben wir glücklicherweise Übung." Hättest du nicht gedacht, was?
Ohne die Wirkung ihrer Worte zu prüfen, dreht sie sich zu Skinner um und fixiert ihn mit einem durchdringenden Blick. "Now all I need is information! You don't have to do anything else!", souffliert sie flüsternd. Und, etwas vernehmlicher, zu Mulder: "I'm on an elevator!" Tja, das hast du nicht gewusst!
Skinner starrt sie unverwandt an, und nickt nervös. "I’m gonna have you written up, wrapped up, and tossed out of the FBI, are we understood Agent Scully?"
Scully lächelt ermutigend, Skinner grinst nervös. Dann küsst sie ihn. Ziemlich lange, findet CGB. Zu lange, findet Mulder.
Schlange.
Scullys Lippenstift ist verschmiert, als sie ihren armen Chef wieder loslässt und Mulder unter gesenkten Augenlidern triumphierende Blicke zuwirft. Augenblicklich zufrieden stellt sie fest, dass er tief getroffen ist. Allerdings um einen hohen Preis.
Okay, Scully, das bedeutet Krieg, das ist dir hoffentlich klar!
Der erste Blitz zuckt über den Himmel, tonlos, und gespenstisch.
Mulder nimmt die Flasche und dreht sie, und Scully starrt zu Boden, um ihre Gefühle nicht preiszugeben.
Die Flasche trifft CGB.
"Ich nehme mal nicht an, dass Sie sich zur Wahrheit verpflichten möchten?"
CGB lächelte, wie er es meistens tat, wenn er offenem Hass entgegensah. "Nein, Sie haben die dumme Angewohnheit, immer genau nach dem zu fragen, was Sie am wenigsten etwas angeht."
Mulder nickte nur. "Machen Sie diese gottverdammte Zigarette aus!"
CGB tat es.
Mulder war perplex. Er reichte CGB die Flasche, der sich inzwischen zu ihnen gesetzt hatte, und seine Zigarette ausdämpfte* . Danach drehte CGB die Flasche. Sie zeigte auf Mulder.
"Was wollen Sie, Mulder?" fragte er hämisch.
"Meine Schwester!"
CGB lachte. "Falsch."
"Wahrheit!", meinte Mulder, und lehnte sich vorsichtig zurück.
"Wie immer... Lieben Sie Scully?" CGB lächelte. "Sowas fragt man doch bei diesem Spiel immer, nicht wahr?"
Mulder wurde nervös, und zuckte. Hoffentlich bemerkten Scully und Skinner sein Verhalten nicht. Aber das war wohl unvermeidlich. Sie saßen ja direkt neben ihm.
Scully tauschte einen Blick mit CGB. So macht man das, schien er zu sagen.
Bis vor zehn Minuten. Mulder sah Scully an, und ihr scheinbar teilnahmsloser Blick ließ Bitterkeit in ihm aufkommen, die jegliche Nervosität ertränkte. "Ja." Er griff nach der Flasche, bevor noch jemand etwas gegen seine Antwort einwenden konnte. "Sowas fragt man."
"Wahrheit oder Pflicht?"
"Wahrheit."
Mulder blickte sinnend auf die Flasche, dann hob er plötzlich den Blick und sah sie kampflustig an. "Na, hatten Sie Ihren Spaß?"
Scullys Augen wurden kalt. Warum tat er das absichtlich? Was willst du denn noch, Mulder?
"Ja, hatte ich!"
'Nein’ wäre gelogen gewesen.
Der Schlag war schon wieder zurückgekommen, und Mulder wurde immer wütender.
Scully indes gab der Flasche einen so energischen Dreh, dass sie von einem Stuhlbein abprallte und vor Mulder liegen blieb.
Ihre Blicke trafen sich, und Skinner glaubte, Funken überspringen zu sehen.
"Küssen Sie CGB."
Als Rachegöttin war Scully mindestens ebenso gefährlich wie als Agentin, und Mulder konnte sich nicht entscheiden, ob er sie hassen oder bewundern sollte.
Oder sich fürchten.
"Das ist wie Aschenbecher ablecken!" Der Witz erfror auf dem Weg zu ihr.
Scully hielt seinem Blick stand, und sie starrten sich fest. Scullys Miene war eine Maske aus Stein, Mulder starrte trotzig zurück und wusste nicht, was er jetzt machen sollte.
Die Minuten verstrichen.
"Er hat noch nicht ‘Pflicht’ gesagt", bemerkte Skinner irgendwann, einer plötzlichen Eingebung folgend.
"Schön!", schrie Scully, so dass Mulder zusammenzuckte, und stieß dabei sein Glas um, "Wahrheit, Mulder!" Verdammt, ich weiß bereits alles über ihn! Sie wollte ihn in diesem Moment einfach nur bloßstellen, doch fiel ihr nicht eine Frage ein, die diesem Zweck genügt hätte. Sie sah CGB lächeln, so als wolle er bemerken, dass Mulder einfach keine Geheimnisse mehr hatte, mit denen man ihn hätte erpressen können. Sie wurde immer wütender. Gab es denn nichts, was Mulder ihr anvertraut hatte?
"Wie viele Playboy-Hefte haben Sie?"
Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel und ließ für den Bruchteil einer Sekunde den Strom im Büro aussetzen.
Scully starrte Mulder an.
Das ist so geschmacklos, Scully!
Scully hörte sich die Frage aussprechen, ehe sie überhaupt wusste, was sie tat.
Bitte, ich habe das eben nicht wirklich gesagt, oder?
"Sie denken, ich hätte gezählt?"
Mulder sah sie traurig an, so wie jemand, der sich nichts mehr aus einer weiteren Demütigung macht. Sein Blick war verächtlich, und enttäuscht darüber, dass sie sich dazu herabgelassen hatte.
Scully wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr war schlecht, und sie konnte ihn nur anstarren. Die anderen fassten ihren Blick als unnachgiebige Aufforderung auf.
"Genau 742", antwortete Mulder scheinbar ungerührt, mit nur einem leisen Seufzer. Scully war eindeutig die Verliererin in dieser Runde, sie fühlte sich schrecklich.
03:10
"Wie viel von dem Zeug haben Sie getrunken?"
"Genug um noch hier zu sein! Wo haben Sie schon wieder diese dämlichen Knabberkerne her?"
"Geheimversteck unterste Schublade, hinter Ihrem Mascara und dem Taschenspiegel, den Sie da versteckt haben!"
"Warum wollen Sie mich eigentlich unbedingt fertigmachen?"
"Sie sollten mir dankbar sein, immerhin ist bei Ihnen heute Privatleben-mäßig mehr gelaufen als in den letzten sieben Jahren, soweit mir bekannt ist!"
"Ja, außer meiner unvergesslichen Romanze im Fahrstuhl! Aber an Ihr Privatleben kommt das natürlich nicht ran!"
Draußen zuckte ein weiterer Blitz über den schwarzen Himmel, und es fing endlich an zu regnen. Zuerst schlug nur ein dicker Tropfen auf der kleinen Fensterscheibe über dem Regal auf, dann ein zweiter, und plötzlich entlud sich die Elektrizität und das Wasser lief in Sturzbächen am Glas hinunter.
Donner folgte, und ein kalter Luftzug, der durch die Ritzen drang, ließ alle frösteln.
"Vielleicht sollten wir diese Runde langsam auflösen", schlug Skinner vor, der den Punkt der tiefsten Müdigkeit inzwischen überschritten hatte und langsam wieder zu sich kam. Wie hatte er es nur soweit kommen lassen können? Mein Gott, mit Agent Scully, nachts um zwei!
Das Neonlicht blendete in seinen Augen.
"Da bin ich anderer Meinung!", erwiderte Mulder hitzig. CGB war der einzige, der noch im klaren Besitz sämtlicher Sinne war, doch es fiel ihm nicht ein, etwas gegen das sich anbahnende Unheil* zu unternehmen.
"Trinken Sie noch ein Glas", sagte er statt dessen und reichte Skinner die Flasche.
"Hier haben alle schon zuviel getrunken", bestimmte der jedoch. Agent Scully hatte glasige Augen und sah schrecklich aus.
Mulder griff nach der Flasche. "Es ist noch früh. Und ich werde noch einige brauchen," fügte er mit einem Seitenblick hinzu, der Skinner wütend machte.
"Mulder, gehen Sie nach Hause!"
"Ich bin zuhause."
"Ja, so sieht es hier jetzt aus!", kommentierte Scully trunken. Sie versuchte aufzustehen, doch Skinner wurde schnell klar, dass sie nicht mehr Autofahren konnte.
"Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause!"
"Das mache ich!"
"Sie können ja nicht mal geradeaus laufen!"
"Ich laufe ja auch nicht, sondern ich fahre!"
"Agent Mulder, Sie bringen sich um!"
"Freut ihn." Mulders Blick suchte nach CGB, der allerdings komischerweise nirgends mehr zu erblicken war.
"Denken Sie an Scully!"
"Tue ich ja, deswegen lasse ich sie nicht mit Ihnen fahren."
Gerade bemerkte Mulder, dass Scully bereits aus dem Raum gewankt war.
Im Parkhaus holt er sie ein.
"Scully!"
Sie dreht sich um.
"War das unbedingt nötig, ja?"
"Müssen Sie gerade sagen!"
"Skinner da mit reinzuziehen, das war echt daneben, wissen Sie!"
"Hey, wer hat denn angefangen, ihn einzuwickeln, huh?"
"Ist es jetzt meine Schuld, ja?" Sie hatte inzwischen ihre Autoschlüssel gefunden und schloss ungeschickt die Tür auf. Die Nachtluft, die sich nach dem Sturm erheblich abgekühlt hatte, ließ sie zittern und brachte ihr gleichzeitig ihre Sinne zurück. Wütend bemerkte Scully, dass sie noch immer dieses lächerliche T-Shirt trug. Energisch zog sie es sich über den Kopf und schleuderte es Mulder entgegen. "Das ist das zweite Mal, dass Sie mich absichtlich betrunken machen!"
"Ich war der Meinung, für seine Handlungsweisen sei jeder selbst verantwortlich!"
"Kommen Sie mir nicht mit sowas, Mulder! Das war doch von Anfang an Ihr Ziel mit diesem ganzen Spiel!"
"Sicher, Scully, ich habe von Anfang an bezweckt, Sie vollaufen zu lassen, um dann Zeuge zu werden, wie Sie sich mit Ihrem Boss vor meinen Augen--"
Es hagelte eine gekonnte Linke, Scully war die Hand ausgerutscht, bevor sie einen klaren Gedanken hatte fassen können.
"Was geht es überhaupt Sie an?"
"Was es mich angeht?"
"Ja, was?"
Mulder starrte sie fassungslos an.
Es geht mich verdammt noch mal eine ganze Menge an!
Ein paar trockene Blätter wirbeln auf; der Nachtwind, der durch Scullys dünne Bluse pfeift, fegt heulend um die Ecken der Tiefgarage. Eine Lampe flackert.
"Gar nichts. Schön, wie Sie wollen! Das Gelbe sind die Spurbegrenzungen, versuchen Sie, auf der Fahrbahn zu bleiben, okay?"
"Mulder gehen Sie mir aus den Augen, sonst wird es Ihnen sehr leid tun!"
Dafür ist es ein bisschen zu spät!
"Liebend gern! Ich gehe schon!"
Aber bleib’ verdammt noch mal wirklich auf der Straße, Scully...
Der nächste Morgen.
"Wo ist Agent Scully?", fragte Skinner, als Mulder um halb zwölf noch immer allein war.
"Warum fragen Sie sie nicht selbst?", giftete Mulder bissig. "Sie haben ihre Telefonnummer! Vielleicht wissen Sie sogar viel besser als ich, wo sie ist!"
Langsam ging Skinner ein Licht auf. "Agent Mulder, Sie machen sich lächerlich."
"Ach ja? Wäre ja nicht das erste Mal!"
"Jetzt hören Sie--"
"Nein!" Mulders Augen blitzten. Um seine aufgesetzte Teilnahmslosigkeit war es augenblicklich geschehen. "Was hatten Sie mit Scully in einem Fahrstuhl verloren? War ich zu lange weg oder wie? Aber machen Sie sich keine Sorgen, falls das ein Geheimnis war, ist es bei mir gut aufgehoben, ich werde es ganz sicher nicht--"
"Agent Scully küsste mich in diesem Fahrstuhl", donnerte Skinner so laut los, dass Mulder erschrocken zusammenzuckte, "weil ich ihr das Papier gab, auf dem die Koordinaten des Schiffs standen, mit dem Sie ertrunken wären, hätte Sie hier nicht alles auf den Kopf gestellt!"
Mulder war mucksmäuschenstill.
"Sie hat Ihretwegen ungefähr jeden in diesem Haus hintergangen, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wären wir beide Agent Spender und Direktor Kersh ans Messer geliefert worden!" Skinner sprach jetzt wieder leise, aber seine Worte waren messerscharf. "Und falls diese Fahrstuhltür einen Moment früher aufgegangen wäre, dann schliefen Sie jetzt höchstwahrscheinlich bei den Fischen."
17:22
Mulder klopft an die Tür. Er hat es nicht gewagt, vorher anzurufen, aber Scully ist da und öffnet ihm sogar.
"Hey Scully, können wir reden?"
Sie nickt stumm und winkt ihn herein.
"Hören Sie," sagt Mulder, "bevor Sie mich jetzt anschreien oder... sonstwas, hören Sie erst mal--"
Mulder stockt, weil Scully die Tränen das Gesicht hinunterlaufen. Sie schüttelt blinzelnd den Kopf, versucht ein Lächeln, das kümmerlich misslingt, und Mulder steht ihr hilflos gegenüber.
"Es ist nicht so gewesen, Mulder", schluchzt sie.
"Das weiß ich doch!" Mulder hebt seine Hand, lässt sie dann aber wieder sinken. Eine Weile stehen sie sich schweigend gegenüber, dann schnieft Scully und dreht sich weg, um nicht so schluchzend vor ihm zu stehen. Mulder starrt auf ihren Hinterkopf. "Es tut mir so leid, Scully! Aber wie Sie ihn geküsst haben..."
"Warum mussten Sie sich das auch wünschen?", schnieft Scully.
Mulder seufzt tief. "Galgenhumor," sagt er tonlos. "Ich wollte Sie ärgern, weil ich nie das Glück hatte, und so habe ich Sie gezwungen, Skinner zu küssen. Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist, aber ich konnte nicht mehr, es war unerträglich. Ich wollte Ihnen einfach wehtun."
Scully hört betroffen Mulders Geständnis zu.
"Aber als ich es dann gesehen habe, hat es mir viel mehr wehgetan", gesteht Mulder.
"Weil ich das wollte," sagt Scully, und dreht sich wieder zu ihm um. "Skinner ist ziemlich gut," räumt sie der Ehrlichkeit halber ein, den Blick auf ihre Schuhspitzen gerichtet, "aber eigentlich wollte ich dir damit wehtun. Es hat aber nicht geklappt."
"Doch, hat es."
Sie schüttelt den Kopf und blinzelt ihn an. "Du kannst nicht annähernd so verletzt gewesen sein wie ich, als ich dein Gesicht sah."
"In Quantico hat mal jemand vorgeschlagen, Flaschendrehen mit Lügendetektoren zu spielen", erzählte Scully. Sie lag auf dem Bauch auf ihrem Bett, in einem schwarzen T-Shirt, und blickte auf Mulder herab, der mit einer Tüte Popcorn (mit viel Butter) auf dem Boden saß und ihr grinsend zuhörte. "Leider hatten wir nicht genügend zur Verfügung."
"Na, bei Ihnen dürfte das sowieso überflüssig sein, oder wollen Sie mir vielleicht erzählen, Sie hätten heute Abend irgendwann gelogen?"
"Nein," sagte Scully. Sie hatte sich auf den Rücken gedreht und beobachtete die Decke. "Ebenso wenig wie Sie."
Mulders Augen hingen an der Fensterscheiben, an der der von neuem eingesetzte Regen herablief. Das leise Trommeln der Tropfen auf das Fensterbrett war neben gedämpftem Straßenlärm das einzige Geräusch, das an ihre Ohren drang. Das Wasser teilte sich an einer Unebenheit im Glas und rann in zwei Strömen an der Scheibe hinunter. Der Raum war in blaues Dämmerlicht getaucht.
"Ich habe nur bei einer Frage gelogen", sagte er nachdenklich.
Scully drehte sich überrascht wieder zu ihm um. "Als ich Sie fragte, wie viele...?"
"Nein... Als Sie mich fragten, was mich die Sache mit Skinner anginge..." — er sah sie an — "es ist mir nämlich ganz und gar nicht egal..."
Vor Rührung versagte es Scully die Worte. Mit funkelnden Augen griff sie nach seiner Hand und glitt vom Bett herab, um ihn zu umarmen.
Dann hielt sie ihn eine Armeslänge von sich und lächelte vielversprechend.
"Lüge verziehen."
Sie sahen sich eine Weile an.
"Wahrheit oder Pflicht?"
"Wie du willst."
"Mulder, würden Sie mir einen Gefallen tun?"
"Wenn ich kann."
"Nicht bewegen!"
Sie grub ihre Finger in sein Haar und lehnte sich nach vorn, um ihn zu küssen.
Und sie war gut.
Mulder war wie benommen und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an; dann zog er sie an sich und erwiderte durstig ihren Kuss.
Sollte es so einfach sein?
"Wahrheit, Scully! Einigermaßen gut so?"
"Pflicht, Mulder! Hör’ nicht auf!"
Endnotizen:
1) Wir überlassen es allen armen Schülern von Frau KR (und sonstigen abgedrehten Deutschlehrern), sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob nun die beiden Protagonisten beinahe an sich selbst (Frust wegen unausgesprochener Liebe und zu lange verdrängten Gefühlen) oder am äußeren Einfluss dämonischer Kräfte (CGB, Alkohol, das Wetter) gescheitert wären, aber da letztendlich in unserer Geschichte niemand scheitert, wird dieses unglaubliche Werk deutscher Prosa wohl auch nie unter ihre Augen kommen. (Schade eigentlich...)
2) Die Tempusfehler sind Absicht, bzw. wir konnten uns beim besten Willen nicht für eins entscheiden, aber wenn Sallust das darf, dürfen wir es auch.
3) Feedback ist wie immer ausdrücklich erwünscht; die Adressen sind <loretta1@utanet.at> und <KirstyM@t-online.de>.