Titel: “Riven… by grief“
Author: Jumago - piccolinus@online.de
Rating: jugendfrei
Kategorie: MSR
Spoiler: 7. Staffel, „Sein und Zeit“
Disclaimer: Sie gehören Chris Carter, leider nicht mir...Blablablabla....
Short introduction: Nö….Keine. Lest einfach....

Diese kleine Geschichte entstand spontan, in einem Zug, aus dem Bauch heraus...



"Riven... by grief"

Nachdem die erste Welle langsam abgeklungen war, lagen wir uns schweigend in den Armen, hielten uns einfach nur aneinander fest.
Der Selbstschutzmechanismus in seinem Kopf hatte die erste Hysterie in einen lähmenden Schock verwandelt.
Der unerwartete Tod eines geliebten Menschen erzielte immer wieder den gleichen Effekt. Schock, und völlige Verwirrung.
Ich hörte, wie er immer wieder leise ihren Namen flüsterte. Zuerst klang es wie eine Frage, dann wie Entsetzen. „Mom!“
Aus irgendeinem Grund blieb er immer wieder an einem Gedanken hängen....“Sie wollte mir etwas sagen.“
Wir kauerten aneinandergeklammert auf dem schwarzen Ledersofa. Es war fast dunkel im Zimmer, und nur der schwache Schein des Aquariums warf durchsichtige Schatten an die Wände.
Seine Augen waren jetzt geschlossen und ich hoffte sehr, er hätte endlich Schlaf gefunden. Doch als er mich erneut ansah, waren seine Augen groß, und trocken.
Seine Stimme schwankte nicht, doch er sprach so leise, dass ich kaum etwas verstand.
Jedoch hatte ich längst die leisen Schwankungen registriert, die seine Verzweiflung und Erregung verrieten.
„Ich habe sie nicht zurückgerufen...“
Ich hatte schon oft genug Menschen gesehen, die unter Schock standen, um sofort zu erkennen, in welchem Zustand er sich befand.
Ich hatte ihn schweigend beobachtet, als er seiner Mutter einen letzten Gruß mit auf den Weg geben wollte.
Er stand mit zusammengepressten Händen da, als sie an ihm vorbeigetragen wurde.
Keine Tränen traten in seine Augen. Er suchte tief in sich nach einer Regung, fand aber keine.
Dabei wollte er nichts lieber, als Schmerz und Trauer zu empfinden. Verzweifelt stellte er mir immer wieder neue Fragen, und suchte nach Antworten.
Und als meine Hand sich sachte auf seine Schulter legte, war er nicht zusammengefahren, sondern atmete lediglich tief ein.
Seine Bewegungen waren relativ normal, doch sein Gesicht war leichenblass. Seit er es erfahren hatte, war die Farbe nicht mehr in seine Züge zurückgekehrt, aber ich erkannte auch seine Entschlossenheit, diese Sache durchzustehen. In diesem Moment erinnerte er mich an ein Stück Glas, das nur in zwei Teile zerbrochen war, nicht aber in tausend Scherben.
Er hielte seinen Kummer zurück, und kämpfte erbittert gegen eine weitere Woge der Hysterie an.
Ich sah dass an seinen zitternden Fingerknöcheln, die weiß hervortraten, als er nach der Tasse Tee mit Rum griff, die auf dem Tisch stand.
Er hielt die Tasse mit beiden Händen, versteckte sich dahinter, und sperrte aus seinem Bewusstsein aus, was geschehen war. Ich wusste, er würde über andere, logische Dinge reden, und nicht über das, was geschehen war.


Ich trank einen kleinen Schluck. Die inzwischen lauwarme Flüssigkeit füllte meinen Mund aus, aber ich schmeckte nichts. Der Rum half nicht besonders, aber im Moment wollte auch ihr keine bessere Medizin gegen diese Übelkeit in meinem Inneren einfallen. Also beließen wir es dabei. Und doch, der Rum war direkt in meinen Magen geströmt, und zettelte dort einen Aufruhr an. Trotzdem nahm ich noch einen Schluck.
„Sie hatte Krebs.“ Diese Worte drangen nicht nur an mein Ohr, sondern sie durchfluteten meinen ganzen Körper, meine Seele. Binnen weniger Sekunden war ich voll von ihnen, und drohte überzulaufen.
Sie hatte diese Worte sehr sanft gesprochen. So sanft, dass es mich ängstigte. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich wollte davonlaufen, aber es gelang mir nicht. Da war etwas, das mich zurückhielt, mich lähmte. Etwas, das stärker war als ich. Fassungslosigkeit.
Und dennoch war da plötzlich eine Hitze in mir, die mich fast verbrannte; mein ganzer Körper schien unter ihr zu versengen.
Meine Gedanken rasten. Tausende Fragen schossen wie Torpedos durch mein Hirn, fanden nirgends einen Ausgang, und stießen schmerzend gegen verschlossene Türen. Ich fürchtete schon, mein Kopf würde auseinanderbrechen. Ich fühlte mich total zerrissen. Antworten fand ich keine.

 

 

Sein Blick irrte leer durch das Zimmer. Wie in Trance lief er auf und ab. Und als er sich zu mir umdrehte, war sein Gesicht, wenn das überhaupt möglich war, noch blasser geworden. Seine Augen blickten dunkel und groß drein, und sein dunkles Haar wirkte so zerzaust, als hätte er es mehrmals zerwühlt.
„Sind Sie in Ordnung?“
„Ich glaube, mir ist gerade klar geworden, dass - ganz gleich, was in meinem Leben noch alles geschehen wird - nichts so schmerzhaft werden kann wie das, was ich gerade erlebe. Ich muss die Beerdingung arrangieren...“
Ich nickte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, und fingen wieder an zu zittern.
„Ich weiß, dass Sie etwas Schlichtes wollte. Keinen Pomp und so...und eine Messe muss für sie gelesen werden...sie hätte es so gewollt.“
Ich erkannte, dass er erneut kurz vor einem Zusammenbruch stand. Seine Bewegungen waren ruckartig, und gespannt.
„Morgen, okay? Warum setzen Sie sich jetzt nicht einfach noch für ein paar Minuten hin?“
„Wenn ich sie doch nur angerufen hätte...“
„Hören Sie auf! Es ist immer verkehrt, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, über die man keine Kontrolle mehr hat.“ Ich streckte die Hand aus, um sie ihm auf den Arm zu legen, doch er wich mir aus, und schüttelte den Kopf.
„Aber ich hatte doch alles unter Kontrolle, verstehen Sie das denn nicht.“ Er lachte kurz auf. „Ich war einfach nur zu beschäftigt...“
Wieder atmete er zitternd aus, dann starrte er mich sekundenlang an, durch mich hindurch. Dann riss er die Hände vors Gesicht, und der Damm brach erneut. „Oh mein Gott...warum nur?“


Während ich auf und ab lief, verspürte ich erneut den mächtigen Wunsch zu schreien, und zu toben. Meine Hände zitterten und wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich diesem Wunsch sicher nachgegeben. Mehr noch, ich hätte den destruktiven Moment ausgelebt, bis all das aus mir geströmt wäre, das sich in mir angesammelt hatte. Ich musste wirklich an mich halten, um nicht irgendetwas an die Wand zu werfen. Was scherte es jetzt noch, wo sie tot war? Als sie noch lebte, habe ich mich nicht um sie gekümmert...und jetzt war es zu spät.
Ihr Tod hatte in mir Schmerz, Wut und Frustration hinterlassen, und das alles stürzte jetzt geballt auf mich ein.
Tränen schossen mir in die Augen, doch sie waren keine Erlösung, sondern pure Verzweiflung.
Manchmal musste man eben seinen Tränen freien Lauf lassen, weil man sich danach besser fühlte. Und als sie aufstand und mich wieder in den Arm nahm, wehrte ich mich nicht mehr dagegen. Ich fühlte, wie Traurigkeit mich ergriff, meinen ganzen Körper lähmte und meine Haut, wie mit einer Eisschicht überzog.


Er irrte wie eine leere Hülle durch das Zimmer, nur noch ein Phantom seiner selbst.
Ich sah ihn mit ruhigem Blick an, bis ich in seinen Augen die Angst sah...dann stand ich auf, legte meine Arme um ihn, und hielt ihn erneut sanft fest. Er zitterte nicht nur, er bebte förmlich. Und selbst, als seine Finger sich an mir festkrallten, verstärkte ich den Druck nicht. Ohne ein Wort zu sprechen, streichelte ich ihm über den Rücken und ich spürte wie seine Tränen durch den Stoff meiner Bluse drangen.
Im Moment litt er besonders schlimm. Unendlich großer Schmerz lag in seinen Augen. Aufgewühlt umklammerte er mich, als könnte er damit den Schmerz erdrücken.
„Ich habe sie geliebt. Habe sie aus tiefstem Herzen geliebt...“
Ich tat das, was mir in diesem Fall das einzig richtige zu sein schien. Ich schob ihn ins Schlafzimmer, damit er sich hinlegen konnte und begann wieder ihn zu wiegen, und zu beruhigen. Hemmungslos weinte er an meiner Schulter.
„Ich kann es nicht ertragen. Warum nur..?“, schluchzte er.
„Denken Sie jetzt nicht daran. Es hilft Ihnen nicht.“
Ich hielt ihn fester, aber nur ein wenig. Er presste sein Gesicht an meine Schulter. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Solange die Tränen aus seinen Augen quollen, war sein Verstand wie gelähmt. Der Schock verlangte seinen Tribut, in Form von Erschöpfung. Sein Atem kam heftig und stoßweise, und mein Herz verkrampfte sich im gleichen Takt. Sein Schmerz und seine Traurigkeit ließen jetzt all die Zärtlichkeit in mir aufbrechen, die ich über Jahre in mir bewahrt und ebenso mühsam unterdrückt hatte.
„Man hat keine Ahnung, was es bedeutet, einen Teil von sich selbst zu verlieren, bis einem genau so etwas widerfährt. Es gibt keine Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten. Ich weiß, wie Sie sich fühlen. Hilflos. Das ist überhaupt das Schlimmste daran, das man einfach nichts dagegen tun kann.“
Er hielt sich weiter an mir fest und ließ seinen Kopf noch eine Minute an meiner Schulter. Ich küsste sanft seine Stirn, zog ihn noch näher an mich, bis ich fühlte, dass er sich etwas entspannte.
„Könnten...könnten Sie nicht hier bleiben? Bitte, ich will jetzt nicht allein sein. Bleiben Sie, sagen Sie ja.“
„Ja.“ Und jetzt entspannen Sie sich bitte. „Keine Angst, ich gehe nicht fort.“

 

Ich erwachte beim ersten Tageslicht. Allein. Mein Verstand war vom vielen weinen stumpf, und ich erlebte einen kurzen Moment der Orientierungslosigkeit...der lähmenden Verwirrung. Meine Mutter war tot, und diese nüchterne Tatsache hämmerte unerbittlich in meinen Gedanken, während ich mich langsam aus dem Bett schob und versuchte, damit fertig zu werden.
Auf der Bettkante blieb ich kurz sitzen. Sie war nicht mehr da und ich konnte jetzt nichts mehr daran ändern. Genauso wenig wie ich etwas gegen all das unternehmen konnte, was schiefgelaufen war.
Jetzt, im hellen Tageslicht, konnte ich diese Wahrheit noch viel weniger ertragen, da der Ansturm heißen Kummers zu einem dumpfen, trockenen Schmerz verebbt war. Wieder vergrub ich mein Gesicht in den Händen, nur für einen Moment, um Kraft für den nächsten Schritt zu sammeln.
Was sie mir wohl sagen wollte? Ich würde es nie mehr erfahren.
Jetzt gab es nur noch eines zu tun, und zwar, sich mit den Details auseinander zu setzen, die der Tod in seiner kalten Art stets für die Hinterbliebenen zurück ließ.
Ich schob die Decke von den Beinen, die sie in der Nacht über mich gelegt hatte. Ich musste ihr danken. Sie hatte viel mehr getan, als nur bei mir zu bleiben und an meiner Seite zu wachen, bis ich endlich eingeschlafen war. Sie war die ganze Nacht bei mir geblieben. Hatte mich gehalten, und getröstet.
Ich fragte mich, wie ich ihr für ihre Rücksichtnahme und ihr dezentes Vorgehen danken sollte?
Jetzt brauchte ich erst einmal einen Eimer Kaffee, um all die erforderlichen Anrufe tätigen zu können. Langsam tappte ich ins Wohnzimmer und konnte mich jetzt auch wieder an das erinnern, was mein Verstand nach dem ersten Schock herausgefiltert hatte. Meine Mutter hatte Krebs!
Als ich die Küche erreichte sah ich sie, sie hatte die Ärmel hochgekrempelt und stand barfuss vor dem Herd. Ich nahm dankbar das Aroma von Kaffee wahr.


Ich drehte mich um und stellte mit einem Blick fest, dass er wie durch den Wolf gedreht aussah, und tiefe Ringe unter den Augen hatte. Aber insgesamt machte er einen stabileren Eindruck, als letzte Nacht.
„Hi.“
„Hallo, ich dachte Sie würden es noch etwas länger im Bett aushalten.“
„Ich habe... ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, Sie hier noch vorzufinden.“
Ich nahm zwei Becher, und füllte sie mit Kaffee. Eigentlich war ich gestern Nacht auch nicht davon ausgegangen, am nächsten Morgen immer noch hier zu sein. Aber es war mir einfach unmöglich gewesen, ihn alleine zu lassen.
„Sie haben mich gebeten, zu bleiben.“
„Ich weiß.“
Er war wieder den Tränen nahe. Er schluckte, und atmete dann einige Male tief durch, um sich wieder zu fassen.
„Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, bis Sie den Tod ihrer Schwester überwunden haben? Bleibt einem wirklich nichts anderes übrig, als weiterzumachen?“ Es klang mehr wie eine Bitte, als eine Frage.
„Ja, so ist es. Nach einer Weile denkt man nicht mehr in jeder freien Minute daran. Und irgendwann geschieht etwas, dann kann man weitermachen, sein Leben weiterleben. Man vergisst zwar nicht, aber man kann weiter machen...
„Verzeihen Sie bitte. Vermutlich haben Sie die ganze Nacht kein Auge zu tun können.“
„Ich habe ein paar Stunden geschlafen“, log ich. „Richtige Agents können überall ein Nickerchen machen.“
Weil er immer noch an der Tür stand, ging ich zu ihm, und reichte ihm den Becher.
„Tut mir leid, aber mein Kaffee schmeckt miserabel.“
„Heute Morgen würde ich sogar Motoröl zu mir nehmen.“
Er nahm den Becher und meine Hand, ehe ich sie wieder entfernen konnte. „Danke! Ich weiß nicht, was ich letzte Nacht ohne Sie angefangen hätte.“
Weil ich nicht wusste, was ich auf diese Geste erwidern sollte, schwieg ich lieber, und drückte nur kurz seine Hand. Ich hätte gerne noch mehr für ihn getan, aber mir fiel nur ein, seine Hand zu drücken.
„Warum ziehen Sie sich nicht etwas anderes an, und setzen sich zu mir? Sie sehen aus, als könnten Sie mehr als nur eine Tasse Kaffee vertragen.“ Es gelang mir, ein Lächeln aufzusetzen bevor er widersprechen konnte. Er hielt noch immer meine Hand. Ich schaute darauf...wie er mich hielt. Meine Hand konnte leicht in der seinen verschwinden...


Kraft ging von ihrer kleinen Hand aus. Diese Hand schien alles abwehren zu können. Ich betrachtete ihr Gesicht. Auch hier war Stärke zu entdecken, und Verlässlichkeit. Sie würde mir helfen mich und die fehlenden Stücke wieder zusammenzusetzen. Das Leben gab einem so wenig, auf das man sich wirklich verlassen konnte.
Bei dem Gedanken daran verzog sich mein Mund zu einem bitteren Lächeln. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so tief für eine Frau empfunden zu haben. Mein Problem bestand nur darin, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit diesem Wissen anfangen sollte und als mir das bewusst wurde, beschloss ich, mich lieber umzuziehen.
„Sie haben mir schon so viel geholfen. Die nächsten Schritte muss ich alleine tun.“ Damit wandte ich mich ab und ging zurück ins Schlafzimmer.


Ich hörte die Türglocke und hätte fast laut geflucht...


END