TITEL:
Returnity (Teil I bis III)
Autorin: VancouverX9
Kontakt:
ScullyX9@aol.com
Disclaimer: Die Charaktere gehören alle nicht mir
Rating und Genre: absolut jugendfrei, MSR, Mythologie
Zusammenfassung: Es handelt sich um drei Abschnitte, in denen wir Mulder und Scully nach ihrer Flucht in Die Wahrheit besuchen und sehen, was ihnen widerfahren ist.
Spoiler: Die ganze Serie, v.a. 8. und 9. Staffel
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Returnity
Leise drang das helle Zwitschern der Vögel
in ihr Bewusstsein vor. Es klang so friedlich, so hell und
schön. Als käme es aus einer anderen Welt. Einer besseren.
Sie atmete ruhig aus und ein, wollte den Tag noch nicht beginnen,
denn diese Tage reihten sich nun schon fast eine Ewigkeit
aneinander und nichts geschah. Sie konnten nichts tun und sie war
müde, müde, sich immer verstecken zu müssen und nicht frei zu
sein. Sie wusste, er war es auch. Aber sie hatten diesen Weg
gewählt. Es hätte nur eine Alternative gegeben und sie hätte
es nicht noch einmal ertragen, sich von ihm zu trennen. Bei
diesem Gedanken merkte sie, dass sein Atem fehlte, dass sein
Körper sie nicht wärmte, dass es leer und kalt neben ihr im
Bett war. Erschrocken riss sie die Augen auf und drehte sich um,
ihre unzähligen Alpträume schlichen sich in ihren Verstand und
brachten sie für einige Sekunden fast zur Verzweiflung als sie
sich das Laken um ihren nackten Körper wickelte und aufstand.
Draußen regnete es seit Wochen zum ersten Mal nicht. Sie hatte
ganz vergessen, wie still es hier oben in den Wäldern sein
konnte, das ewige leise Rauschen des Wassers, das auf das satte
grüne Laub fiel, hatte fast beruhigend auf sie gewirkt. Doch es
schien, als legte der Herbst eine Pause ein. Es duftete nach
feuchten Fichtennadeln und hellem Holz als sie durch das
Schlafzimmer schlich, das dunkelrote Laken wie eine Schleppe
hinter sich herziehend und nach ihm Ausschau hielt.
Mulder ? ertönte ihre Stimme fragend und leicht
zitternd durch die kleine Hütte am See, doch die Holzwände
verschluckten den Schall und es kam keine Antwort.
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
Der kleine flache Kieselstein tanzte auf der Wasseroberfläche
wie ein leichtes Insekt ehe er schwer und laut plumpsend doch
unter seinem Gewicht kapitulierend versank und lediglich die
zarten dünnen Wellenkreise an die kleine Ballettaufführung des
Steins erinnerten.
Es fühlte sich bitter an in seiner Brust.
Die Tannen starrten ihn finster an während der Dunst der Frühe
aus ihnen in dichten Schwaden zum dunkelgrauen Himmel hinaufstieg
und ihn die Stille aus den Wäldern heraus anstarrte. Die Sonne
kämpfte sich durch die Wolken hindurch und warf hin und wieder
einen kleinen Lichtstrahl auf eines der rotgoldenen
Herbstblätter, die von den Ahornbäumen zu seinen Füßen
herabsegelten. Er sog die Luft ein und glaubte dennoch, zu
ersticken.
Warum konnten sie nicht einfach glücklich werden ?
Sie verdiente dieses Leben nicht und er fühlte sich unsagbar
elend an Tagen wie diesen, an denen er geweckt wurde von ihren
unruhigen Alpträumen und wusste, dass sie ihn zwar jeden Morgen
wenn er sie wachküsste, anlächelte, dass aber hinter ihrem
ruhigen sanften Blick eine dunkle Angst verborgen lag.
Er wusste, wovon sie träumte, Nacht für Nacht. Aber er brachte
es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass er das süße kleine
Gesicht ihres Sohnes jeden Morgen vor sich sah. Wie die Gesichter
all der anderen Toten, die ihn, seit er aus diesem Reich jenseits
des Lebens zurückgekehrt war, verfolgten. Es nahm ihm jeden
Morgen, wenn er dieses süße Geschöpf, das aus den blauen Augen
seiner Mutter durch den Schleier dieser Zwischenwelt zu ihm
hinüber sah, die Luft. Er musste herausfinden, was geschehen
war, doch ohne, dass sie es je erfuhr. Denn er würde den
Schmerz, den er ihr damit zufügen würde, nicht überleben.
Der Schatten auf seinem Herzen schien von Tag zu Tag dunkler zu
werden und er fürchtete sich vor der Nacht, die irgendwann in
ihm hereinbrechen würde.
Sie war mit ihm gekommen und seitdem war keine Sekunde vergangen,
in der sie einander von der Seite gewichen waren. Und mit jeder
weiteren Sekunde liebte er sie mehr, brauchte er sie mehr. Was
würde er tun, wenn sie eines Tages fortgehen würde, oder wenn
sie doch eines Tages Opfer dieser Verschwörung würde ? Die
Angst, dass sie auf ihrem gemeinsamen Weg sterben könnte, wuchs
zu einer erdrückenden Panik an, je öfter er in diese
kristallklaren blauen Augen sah, die ihm noch immer Gänsehaut
bereiten konnten und die hier in der Farblosigkeit des ewigen
Regens noch strahlender schienen. Die Last auf seiner Seele
würde mit ihrem Tod keinen Widerhalt mehr finden und er würde
dann unweigerlich in die Tiefe stürzen.
So wie er sich an manchen Tagen wünschte, in die Tiefe dieses
Sees einzutauchen, sich von der Dunkelheit und dem dumpfen Klang
entfernten Vogelzwitscherns einhüllen zu lassen, bis seine Sinne
nachgaben und sein Leben endlich Frieden fand.
Mulder ?
Er schloss die Augen als die einzige Stimme, die er unter
Tausenden wieder erkennen würde, die klare, frische Luft in
Schwingung versetzte und an sein Ohr drang.
Sie war erleichtert, ihn zu sehen und ließ ihren Blick über
seinen Hinterkopf, seinen Rücken, seinen Po und seine Beine
hinuntergleiten. Sie liebte ihn so, bis zu seinen Zehenspitzen.
Ihre Stimme wurde vor Aufregung ganz heiser.
Was machst Du ?
Sie klang verschlafen und er fühlte wieder das warme Kribbeln in
seinem Brustkorb als er diese liebenswürdige Nuance wahrnahm. Er
wusste genau, wie sie dastand, hinter ihm, nur mit ihrem Laken
bekleidet, barfuß auf dem feuchten schwarzbraunen Holz des
Steges, ihre glatte seidene helle Haut vor den düsteren Farben
der Wälder leuchtend wie die eines Engels, ihre mittlerweile
dunkelroten langen Haare wild in ihr Gesicht fallend und ihre
hellen Augen, aus denen ein unbrechbarer Widerstand blickte, fest
aber voller Liebe auf ihn gerichtet. Und doch musste er sich
umdrehen, um sie zu sehen. Um sicherzugehen, dass es wahr war.
Dass sie wirklich bei ihm war und zu ihm hielt.
Unweigerlich musste er lächeln.
Es war kein freies Lächeln, das sah sie. Es war ein
melancholisches Lächeln und sie wusste genau, was er an diesem
Morgen so früh am See machte. Sie selbst hatte hier schon
unzählige Tränen in das schwarze trübe Wasser vergossen,
stille Tränen, weil sie nicht wollte, dass er sie so sah. Sie
schüttelte leicht den Kopf als sie langsam auf ihn zuging und
dabei seine warmen Augen fixierte.
Sie waren in den letzten Wochen ihr einziger Zugang zu ihm
geworden, weil er zu schweigen begonnen hatte und immer öfter
gedankenverloren von ihr wegzudriften schien. Aber das ließ sie
nicht zu. Weil sie wusste, dass er sie brauchte. Und weil sie ihn
brauchte, er war alles, was sie noch hatte.
Sie blieb stehen als sie neben ihm direkt am Ende des Stegs ankam
und zog sich ihr Laken fester um den Körper.
Schweigend sahen sie nebeneinander am Anderen herunter und
ließen dann ihre Blicke über den See gleiten. Er lag schwarz
und stumm vor ihnen und spiegelte den grauen Himmel, über den
schwarze Vögel gen Süden - nach Hause - zogen. Sie lehnte ihren
Kopf seitlich an seine Schulter und schloss die Augen als er
seinen Arm um sie legte und sie fester zu sich zog. Sein Körper
war so warm und so stark, aber sie wusste, dass es nur die
äußere Fassade einer sehr verletzlichen Seele war. Sie hob ihre
Hand und legte sie auf den Arm auf ihrer Schulter.
Ihre Blicke fielen auf die goldenen Ringe, die seit acht Wochen
an ihren Fingern schimmerten und glänzten, wie eine Erinnerung
an eine vergangene Welt, die sie zurückgelassen hatten. Bei dem
Gedanken an ihr gegenseitiges Versprechen, das sie einander vor
diesen acht Wochen gegeben hatten, lächelten sie sich an.
Ein Lächeln, das die Welt aus ihrer Liebe für einen Augenblick
ausschloss, das nur dem Anderen galt. Sie drehten sich zueinander
und er nahm sie fest in den Arm, ihre Wärme tat so gut und er
merkte, wie das Eis in seinem Herzen langsam wieder schmolz und
die Schatten in seiner Seele einem zarten, noch ganz blassen
Regenbogen wichen, der sich quer über seinen Geist spannte.
Ihre eisblauen Augen wanderten an ihm hoch, legten unsichtbare
Küsse auf seine Lippen und strichen neckisch über seine
Nasenspitze ehe sie an seinen Augen Halt machten und ihm ihre
Botschaft direkt ins Herz wisperten. Sie kannte die Traurigkeit
in seinem Herzen, es war dieselbe, die auch sie in sich trug,
doch sie war nicht bereit, davor zu kapitulieren, denn sie hatte
all ihre schmerzlichen Verluste nicht erlitten, um nun
aufzugeben. Sie wusste, dass es ihm genau so ging.
Sie beide hatten Tage, an denen es besser ging und andere Tage,
an denen die Dunkelheit dieser einsamen Wälder, die
Ausweglosigkeit, in der sie feststeckten, sie zu erdrücken
schien.
Sie nahm sein Gesicht vorsichtig in ihre Hände und fühlte, wie
kalt es war.
Nur sie konnte ihn so ansehen und nur sie konnte ihn so
beruhigen, wie sie es in diesem Moment tat als sie sein Gesicht
zu ihrem zog und ihn zart auf die Wange küsste, ehe sie seinen
Kopf an ihre warme zierliche Schulter legte, die so sehr nach
Frühling duftete. Er schlang seine Arme um ihren halbnackten
Oberkörper und spürte, wie sich ihre Arme um seinen Hals legten
und ihn festhielten, bis der Stein auf seinem Herzen aufhörte,
auf der Oberfläche seiner Seele herumzutanzen und endlich in die
Tiefe fiel um dort wieder für eine Weile zu verschwinden.
Auch dieser Tag würde vorübergehen und ihre Zukunft würde sich
weiterhin in die Gegenwart verwandeln und sie beide würden
aufrecht im Zentrum stehen und auf ein Zeichen warten, die Welt
zu verändern.
Aber bis dahin hatten sie all die Zeit füreinander, die ihnen in
den letzten Jahren gefehlt hatte, und sie mussten versuchen, sie
so intensiv miteinander zu verbringen, wie es ihnen möglich war.
Denn sie hatten keine Garantie, wie viel Zeit ihnen blieb. Und ob
sie es schaffen würden.
Jeder Tag konnte der Letzte sein. Und vielleicht hatte er mit
diesem Sonnenaufgang schon begonnen. Das wussten sie immer erst,
wenn der letzte blutrote Lichtstrahl der untergehenden Sonne
über den Wipfeln der schwarzen Tannen aufleuchtete und in der
Nacht verschwand und sie noch immer lebten.
Mit einem feuchten zarten Kuss auf ihre nackte Schulter hob er
seinen Kopf und legte seine Hand auf ihre Wange, so dass sie ihm
noch näher kam und sich an ihn schmiegte. Ein warmes
Glücksgefühl rieselte schüchtern über ihn herab und legte
sich auf seinen Kummer.
Ein dünner Regenschleier fiel zeitgleich aus dem Himmel und
benetzte ihre Haut mit einem feinen nassen Film. Sie standen mit
geschlossenen Augen eng umschlungen im Nirgendwo und atmeten die
Luft einer Welt, in der sie verloren gegangen waren, sehnsüchtig
ein.
Ihr wurde kalt als er sich irgendwann aus der Umarmung zurückzog
und das dunkelrote Laken von ihrem Körper löste und ihr um die
Schultern wickelte. Er wollte nicht, dass sie krank wurde und der
Herbst war frisch, ihr Körper wirkte so zerbrechlich.
Frühstück ? fragte er sie als er sie vorsichtig
wieder zum Hauseingang schob und sie lächelte ihn an.
Für heute war er zu ihr zurückgekommen und sie hoffte, es
würde eine Weile vergehen, ehe die Traurigkeit einen von ihnen
beiden wieder erfasste und in den Abgrund zu ziehen versuchen
würde.
Ihre Lippen öffneten sich und ihr warmer Atem blies in die kalte
Morgenluft. Und ein heißes Bad, antwortete sie ihm
mit einem sehnsüchtigen fernen Blick über den See in ihren
Augen, der zugleich in den Wäldern nach bedrohlichen Gefahren
Ausschau hielt, und er küsste sie auf ihre blutroten Lippen,
damit sie ihre Augen schloss und einen Moment auf ihrer ewigen
Flucht Ruhe finden konnte.
Überall um sie herum rauschte der Wind leise durch die Bäume
und blies ein paar frische goldene Blätter auf das rote Laken,
das hinter ihr auf dem Boden herschleifte, während der Regen sie
für diesen Tag wieder einmal in ihrer Zuflucht einsperrte und
von der Welt und dem Leben da draußen abschirmte.
Sie wussten nicht, dass in den Wäldern eine ganze Armee von
engelhaften Geistern aus einer Zwischenwelt bereitstand und
darauf wartete, diese einzigartige Welt zusammen mit denen, die
glauben wollten, gegen das Fremde zu verteidigen. Dass sie sie
beschützten, während sie in dem kleinen Häuschen ihre
Zweisamkeit im Stillen für sich genossen und ihre Liebe einander
mit jedem Blick und jeder Berührung zu zeigen versuchten, weil
es alles war, was sie in dieser Zeit hatten.
Und weil es alles war, was sie brauchten.
End of Part I
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Part II
Returnity Teil 2 Speak to me
See the storm has broken
In the middle of the night
Nothing left here for me
It's washed away
The rain pushes the buildings aside
The sky turns black
The sky, wash it far
Push it out to sea
There's nothing left here for me
I watch it lift up to the sky
I watch it crush me, then I die
Speak to me baby
In the middle of the night
Pull your mouth close to mine
I can see the wind coming down
Like black night
So speak to me
Like the winds outside
Its broken up, pushing us
Hear the rain fall
See the wind come to my eyes
See the storm broken
Now nothing
Speak to me baby
In the middle of the night
Speak to me
Hold your mouth to mine
'Cause the sky is breaking
It's deeper than love
I know the way you feel
Like the rains outside
Speak to me
Am südöstlichen Rand der Mojave-Wüste
Sein Haar war von dem vielen Sand ganz grau und fühlte sich widerspenstig an als sie ihre Finger noch immer zitternd hindurchgleiten ließ. Sein Kopf war schwer in ihren Armen aber sie spürte es kaum noch, sie war so leer und erschöpft, dass sich alles taub anfühlte, selbst der Schnitt an ihrer Schläfe, aus dem klebriges Blut über ihre Wange lief und an der staubigen Luft zu einer dunkelroten Kruste trocknete, fühlte sich dumpf an.
Er atmete gleichmäßig, doch sie wusste, dass in ihm ein Sturm tobte, sie fühlte seine Wut, seine Verzweiflung, seinen Schmerz. So wie sie alles andere fühlte, was in ihm vorging. Sie waren nun seit einem Jahr ohne einen Tag der Trennung, ohne einen Tag der Ruhe auf der Flucht. Es hatte Wochen gegeben, in denen sie Unterschlupf gefunden hatten, in denen sie so getan hatten, als wäre nichts geschehen, als wären sie ein normales Paar, doch Ruhe und Frieden hatten sie dabei nie wirklich empfunden. Die Bedrohung war immer dort gewesen und selbst wenn sie gerade begonnen hatten, sich irgendwo sicher zu fühlen, waren sie eines besseren belehrt worden.
Doch was sollten sie tun ? Sie konnten nirgendwo hinfliegen, konnten den Kontinent nicht verlassen, waren eingesperrt in der Weite Nordamerikas, die ihnen plötzlich so winzig und beengend erschien.
Es gab nur zwei Wege, dieses Land zu verlassen und in Freiheit zu leben: die Kapitulation oder der Tod und sie waren sich beide einig, dass beides dem anderen gleichkäme und sie daher nach all ihren Verlusten weder aufgeben noch sterben würden.
Doch an Tagen wie diesen erschienen Tod und Kapitulation so verlockend, so greifbar und so befreiend.
In ihrer Brust klopfte ihr Herz so stark, dass sie zu zittern begann. Er hob den Kopf und sah zu ihr auf, der Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben und seine Stimme war leise und rau.
Ist alles in Ordnung mit Dir ? Es waren die ersten Worte, die seit einer Zeit, die ihr wie die Ewigkeit vorkam, aus seinem Mund kamen. Sie waren seit Tagen unterwegs und mit jeder Stunde, die sie aneinander gebunden waren, wurde das Schweigen zwischen ihnen größer. Weil Worte dem, was sie fühlten, nicht mehr gerecht wurden. Und weil es weh tat, es auszusprechen. Weil es unaussprechbar war, weil es erst real wurde, wenn sie darüber redeten. Und sie zogen es vor, es für eine Illusion zu halten. Und weil sie noch nie viele Worte gebraucht hatten, um einander zu verstehen.
Auch wenn sie die Besorgnis und Angst in seiner Stimme hörte, so war sie froh, sie überhaupt wieder zu hören. Nach der Explosion hatte die Stille sie beide fast verschlungen und nun war es, als würde mit seiner Stimme die Realität zu ihr zurückfinden.
Sie wusste, ihr ging es besser als ihm. Sie war sich nicht sicher, ob er nicht vielleicht innere Verletzungen hatte, sie wusste nicht, wie lange er noch so in ihren Armen liegen würde, ob er überhaupt wieder aufstehen würde. Doch es waren erst drei Minuten vergangen, die Hitze der Flammen brannte in ihren Gesichtern und all ihre Muskeln schmerzten, es kam ihnen bereits wie eine Ewigkeit vor, doch es waren nur drei Minuten gewesen. 270 Herzschläge, die sie in seiner Brust gefühlt hatte und die sie in diesen drei Minuten als einziges beruhigt hatten. Weil er lebte.
Erst verzögert nickte sie auf seine Frage und küsste sein Haar, das in ihrer Nase kitzelte. Was sollten sie jetzt tun ? Mitten in der Wüste ? Sie hatten keine Telefone, die Sonne ging bald unter und sie waren dem trockenen Staub, der von allen Seiten in ihre Augen wehte, ausgeliefert. Was, wenn er medizinische Hilfe brauchte ?
Fragen drängten sich ihr auf und sie fühlte, wie sich ein Netz aus Panik um ihre Gedanken spann.
Ihre Lippen bebten, als ihr eine ungewollte Träne von den Wimpern fiel und auf Mulders staubiger vom Ruß schwarzgefärbter Haut eine helle Spur hinterließen. Er reagierte nicht, da er wusste, wie es in ihr aussah.
Die Schuldgefühle, die ihn plagten, weil er Schuld an alldem war, was ihr Leben in Trümmern hinter ihr liegen ließ, das waren Gefühle, mit denen er leben musste. Er musste damit leben, dass ihnen Dinge wie diese passierten. Dass er ihr Leben Tag für Tag aufs Neue gefährdete. Es war die Bezahlung für ihre Nähe. Doch sie liebten sich. Hatten sie also eine Wahl ?
Der Gedanke, ihn zu verlassen war ihr nie gekommen und der Gedanke, sie zu bitten, ihn zurückzulassen, war ihm ebenfalls ferngeblieben. Skepsis und Zweifel konnten sie sich beide nicht leisten. Stattdessen fühlte er, dass sie einander näher als je zuvor waren, so nah, dass er manchmal nicht wusste, ob sie überhaupt noch zwei getrennte Menschen waren. Sie trug so viel Stärke und Überlebenswillen in sich, dass es ihm selbst manchmal Angst einjagte. Und dann gab es Tage, an denen er wünschte, sie wären sich niemals begegnet. Tage, an denen sie schwieg, weil der Schmerz sie einholte und sie seine Schuldgefühle nicht verstärken wollte, indem sie ihn damit belastete. Doch ihr Schweigen tat ihm dann meistens mehr weh als alles andere. Heute war so ein Tag gewesen.
Er spürte, wie eine weitere Träne auf seiner Haut landete, sie lief in seinen Nacken und fühlte sich kalt und klebrig an. Er schloss seine brennenden Augen um das verstörende Bild vor sich eine Sekunde auszublenden. Um all die Gesichter der Toten, die er in dem aufsteigenden Rauch zu sehen glaubte, einen Augenblick zu vergessen. Die Schmerzen brannten noch immer dumpf in seinem Körper vor sich hin, doch die Zeit lief ihnen davon. Er richtete sich auf, mit steinerner Miene, bemüht, ihr nicht zu zeigen, wie elend er sich fühlte.
Sie räusperte sich und schluckte die Tränen herunter. Bist Du sicher, dass Du in Ordnung bist ? Ihre Augen drangen durch ihn hindurch, als könne sie die Verletzungen sehen, die ihm zugefügt worden waren.
Bis wir in Sicherheit sind, wird es gehen. Sicherheit murmelte sie gedankenverloren und das Wort fühlte sich auf ihrer Zunge so fremd an als wäre es eine andere Sprache. Die Sprache ihrer Vergangenheit.
Sie erhob sich ebenfalls, klopfte sich den Staub aus der Kleidung und sah sich um. Die Sicht war behindert, von all dem Rauch, doch sie sah genug, um zu wissen, dass weit und breit außer Steinen, Staub und vereinzelten ausgedörrten Pflanzen nichts zu sehen war. Die ganze Welt vor ihr war ein einziges Gemisch aus braunen, gelben und rötlichen Farben, die sich zu einem schmutzigen Gesamtbild einer trockenen, kargen Einöde zusammensetzten. Und hier hatte Mulder versucht eine alte Navajo-Siedlung zu finden ! Da hätten sie noch Stunden durch das Nichts fahren können. Ihre Stirn kräuselte sich und sie hielt die Hand über die Augen weil das Licht sie blendete. Die Sonne warf lange Schatten, die wie Spinnen über den ausgedörrten Boden krochen und der starke Wind wehte vom Horizont düstere Wolken in ihre Richtung. Ihr wurde schwindlig und sie wankte einen Schritt zurück, wo sie seine Arme sofort schützend an ihrer Taille fühlte.
Hey, alles okay ? hauchte seine Stimme in ihr Ohr und als sie nickte, schlossen sich seine Arme noch fester um ihre Taille und zogen sie schützend und zugleich voller unstillbarer Begierde nach ihrer körperlichen Nähe an sich. Sie erlaubte sich einen Moment, die Augen zu schließen und das Bild vor sich auszublenden. Doch die Hitze der Flammen auf ihrer trockenen, über ihren Wangenknochen spannenden Haut, der Geruch des verbrannten Plastiks und die zahlreichen brennenden Kratzer, die die in alle Richtungen geschleuderten Glasscherben in ihre Haut geschnitten hatten, erlaubten ihr nicht, es zu verdrängen.
Wohin sollen wir jetzt gehen ? fragte sie müde und resigniert als sie merkte, dass die Sonne sich bereits weit im Westen befand.
Stille breitete sich aus. Ratlosigkeit. Dieses Ereignis hatte sie vollkommen unvorbereitet getroffen. Mitten im Nirgendwo. Es schien ausweglos zu sein, doch immerhin waren sie am Leben, also musste es jetzt irgendwie weitergehen. Mulder überlegte einen Augenblick bevor er ihr antwortete, weil er ebenso verzweifelt war wie sie. Weil ihm der Schock noch in den Gliedern steckte, weil er noch nicht begriffen hatte, das sie beide gerade nur knapp dem Tod entkommen waren. Die Ausweglosigkeit dieses Moments war nahezu absurd und beinahe musste er lachen.
Hier um die Ecke soll ein gutes Pizzarestaurant sein.
Er hörte, dass sie lächelte. Sie liebte ihn dafür, dass er seine aufkeimende Verzweiflung immer wieder mit Humor zu vertreiben wusste. Weil es ihr selbst half, spielte sie mit. Ich weiß nicht. Pizza ? Hatten wir doch schon gestern.
Sie drehte sich zu ihm um und er grinste. Es war ein Grinsen, das ihr eine Sekunde lang das Gefühl gab, das letzte Jahr hätte es nie gegeben, die letzten fünf Minuten hätte es nicht gegeben.
Ich würde der Dame ja ein paar Sandwiches anbieten, aber die sind glaube ich mehr als gut durch, scherzte er und zeigte auf ihr Auto. Auf die Reste ihres Autos.
Es würde noch eine ganze Weile brennen. Die Hitze glühte auf seinen Wunden. Asche hing in ihrem leuchtenden rötlichen Haar und seine Augen fühlten sich heiß und trocken an. Der Schmerz in seiner Flanke ließ langsam nach und das Zittern in seinen Muskeln legte sich wieder, als er langsam begriff, dass sie überlebt hatten. Nur seine Ohren fühlten sich von der Explosion noch immer taub an.
Die wussten, dass sie da waren. Dass sie auf amerikanischem Boden waren. Dass die diese Autobombe in ihren Mietwagen hatten einbauen können, verriet, dass die noch viel mehr wussten und er verfluchte sich still für seine Naivität, seine Unvorsichtigkeit. Scully sah, dass sein Lächeln einfror und er durch den brennenden Wagen hindurchstarrte, als wäre er gar nicht da. Die hätten uns fast gehabt. Hätten um ein Haar gewonnen, murmelte er kaum hörbar.
Sie folgte seinem Blick und nahm vorsichtig seine Hand um ihn in die Gegenwart zurück zu holen. Es gab nun nur zwei Dinge, die sie tun konnten. Verzweifeln oder bei klarem Verstand bleiben. Auch wenn sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalten und das Beben in ihrem Körper unterdrücken konnte, so drückte sie seine Hand bestimmt und voller Kraft. Fast, Mulder. Wir leben noch.
Er sah durch sie hindurch. Weißt Du, warum ich vorhin angehalten habe und ausgestiegen bin ? Sie ahnte es bereits, weil es nun schon fast mit beunruhigender Regelmäßigkeit geschah und sie spürte die Gänsehaut über ihrer Wirbelsäule an ihr emporkriechen.
Ich hab ihn wieder gesehen. Sie verstand nicht sofort, was er meinte. Aber ihr Unterbewusstsein war schneller und als ihr Herz eine Sekunde aussetzte, wurde es ihr klar und sie brachte es kaum über die Lippen. William ?
Er biss sich auf die Unterlippe. Er hatte ihr noch immer nicht von seinem Tod erzählt, aber dass er immer wieder Visionen von dem Jungen hatte, das hatte er ihr nicht mehr verheimlichen können. Er brachte es nur einfach nicht übers Herz, diese Worte auszusprechen, die sie so sehr verletzen würden. Er wollte nicht den Schmerz in ihren Augen sehen müssen, wenn er ihr sagte, was ihrem Sohn angetan worden war.
Aber er war nicht der einzige, der ihr etwas verschwieg. Sie trug ebenfalls seit Wochen eine Vermutung, nein, vielmehr eine Gewissheit mit sich herum. Dass es nur eine Möglichkeit gab, warum man sie immer und immer wieder fand. Sie wusste, dass es an ihr lag. So lange sie dieses Metallstück in ihrem Nacken hatte, würden die sie überall aufspüren. Aber dieses Stück Metall war die Quelle ihrer Gesundheit. Und zugleich die größte Gefahr für ihrer beider Leben. Sie war praktisch mit einem Peilsender ausgestattet und führte ihre Verfolger immer wieder zu ihren Verstecken. Aber irgendetwas sagte ihr, dass die sie gar nicht erwischen wollten. So unpräzise, so stümperhaft wie diese Versuche, sie beide zu finden und zu töten waren, so sehr glaubte sie, dass noch viel mehr hinter alledem steckte. Irgendetwas stimmte nicht. Sie runzelte die Stirn und sah starr in das Feuer, dessen Flammen gierig alles verschlangen, was brennbar war.
Er schloss seine Finger nach weiteren unerträglichen Minuten der Anspannung fest um ihre Hand und drehte sich um. Er konnte nicht eine Minute länger hier bleiben. Sie mussten hier weg, aus unendlich vielen Gründen. Sie hatten hier nichts verloren.
Komm, Dana. Hier sind wir nicht sicher. Ich glaube, dass wir in dieser Richtung Glück haben werden. Auf der Karte war da zumindest ein Ort eingetragen. Und da hinten siehts nach Regen aus, dann haben wir wenigstens Wasser, wenn ich mich irre.
Widerwillig ließ sie sich von ihm ziehen. Sie wollte nicht weg. Dieser Ort mitten im Nichts fühlte sich plötzlich vertraut an, weil er der einzige Ort seit Tagen war, an dem sie zur Ruhe gekommen war. An dem ihr Leben einmal mehr auf den Kopf gestellt worden war. An dem sie alles, was sie noch besaßen, verloren hatten. Sie konnte es nicht zurücklassen. Und doch musste sie es. Der ganze Kontinent war eine einzige Zielscheibe und sie waren die zwei schwarzen Punkte in der Mitte, Bewegung war im Grunde ihre einzige Hoffnung.
Bevor sie ihm folgte, sah sie noch einmal auf die Trümmer des Wagens, auf die heißen goldgelben Flammen und auf die verbrannten Papierfetzen, die vom Wind durch die Luft geweht wurden. Es war alles in diesem Wagen gewesen. Alles, was sie noch gehabt hatten. Und all ihre Arbeit des letzten Jahres.
Er drehte sich zu ihr um und ob die Augenbrauen fragend, als ihre Hand an seiner zog und sie stehen blieb. Ihr Schatten war lang und dürr und berührte den seinen, doch trotzdem war sie ihm so fern.
Sie verschwieg ihm etwas.
Dana ? hakte er sanft nach und ignorierte wieder das Stechen in seiner Flanke. Als sie sich zu ihm drehte, hatte sie Tränen in den Augen und er erschrak. Das Rot des getrockneten Bluts an ihrer Schläfe leuchtete auf als die Sonnenstrahlen von den Schweißperlen auf ihrer Stirn reflektiert wurden. Ihre Stimme klang jedoch fest, überhaupt nicht, als käme sie aus diesem zerbrechlichen, zierlichen Körper.
Ich weiß, dass unser Sohn tot ist.
Ihre Worte schienen die Luft zu zerfetzen und die Schallwellen drangen zerrissen und fragmenthaft in seine Ohren. Die Bedeutung dessen, was sie gesagt hatte, entnahm er nicht dem Inhalt dieser Worte, den er kaum verstand, sondern dem Blick in ihren Augen und der Kälte ihrer kleinen Hand. Er schluckte, doch bevor er etwas sagen konnte, atmete sie ein und kam ihm zuvor.
Ich weiß es. Das ist alles. Ich wollte nur, dass Du weißt, dass ich es auch weiß.
Sie presste die Lippen aufeinander. William war ihr einziger wunder Punkt. Denn sie machte sich noch immer Vorwürfe, ihn weggegeben zu haben.
Deswegen hatte Mulder ihr nie von seinem Tod erzählt, dabei hätte er wissen müssen, dass man eine Mutter in dieser Hinsicht nicht belügen kann. Was William anging, fehlten ihnen beiden die Worte und daher zog Mulder es vor, stumm und ganz zaghaft zu nicken und ihre Hand zu sich zu ziehen, auf dass sie ihm endlich folgte.
Sie atmete aus, wartete noch immer auf die Erleichterung, dass sie es endlich gesagt hatte und merkte, dass sie ausblieb. Weil so viele Dinge auf ihrer Seele lasteten als dass sie sich jemals wieder leicht und frei fühlen würde. Eine ganze Weile liefen sie schweigend nebeneinander her, rastlos und immer wieder um sich blickend. Es war unendlich still, weil der Wind auf seinem Weg über das Land keine Bäume fand, durch die er raschelnd hindurchfahren konnte. Es war viel zu ruhig angesichts der Tatsache, dass sie um ihr Leben flohen. Die Anspannung in ihnen schwoll immer weiter an und irgendwann brach es aus Scully heraus. Sie musste etwas sagen. Sie musste diese Lautlosigkeit mit etwas füllen. Musste die in ihrem Kopf kreisenden Gedanken ausblenden. Musste sich davon ablenken, dass sie auf einer freien Fläche ungedeckt durch das Nichts liefen, ohne Wasser, ohne Ziel, ohne Sicherheiten.
Ich verstehe einfach nicht, warum. Mulder war wie ein Roboter fast automatisch neben ihr hergelaufen. Seinen Verstand auf Stand-by geschaltet, seinen Körper nicht mehr fühlend hatte er versucht, zu verdrängen, dass er sie hier in der Wüste nicht beschützen konnte, wenn etwas geschah. Dass er absolut hilflos war und von dem Mordversuch, der auf sie beide verübt worden war, noch vollkommen benommen war. Er zuckte unmerklich zusammen als ihre raue Stimme ihn erreichte. Warum was ? fragte er vollkommen überrumpelt. Warum ist dieses Wunder überhaupt geschehen, wenn es ihm nicht vergönnt war, zu leben ? Wozu all die Schmerzen ? Wozu musste ich ihn dann überhaupt weggeben ? Mulders Brust schnürte sich zusammen. Wie lange musste sie sich diese Fragen schon gestellt haben ! Wie lange stellte er sie sich schon ! Und wie lange hatten sie nicht darüber geredet. Er schloss die Augen und versuchte zu verdrängen, wie sehr es ihn schmerzte, dass sie nun auch noch den Tod ihres Sohnes neben all den anderen Entbehrungen verkraften musste. Ich weiß es nicht, zuckte er mit den Schultern. Aber vielleicht vergisst Du etwas. Vielleicht versteifst Du Dich zu sehr darauf, seinem Leben einen Sinn zu geben. Vielleicht ist da viel mehr jenseits seines Lebens, um das es hier geht. Er sah an ihr vorbei, weil er die Skepsis in ihrem Blick nicht sehen wollte. Weil er selbst seine ganze Kraft brauchte, um glauben zu können. Doch zu seiner Überraschung blitzte Verständnis in ihren Augen auf. Du meinst, weil er vielleicht gar nicht tot ist ? wagte sie kaum auszusprechen. Er nickte. Vielleicht ist er einfach nur woanders. Der Widerspruch, der in Scully aufkeimte als sie Mulders Worte hörte, hallte stumm in ihrem eigenen Körper wider und sie schluckte ihn herunter. Sie wollte all dem auch einen Sinn geben. Sie wollte auch glauben. Sie wollte auch, dass es nicht nur Halluzinationen waren, denen Mulder immer und immer wieder zum Opfer fiel. Anders würde sie es nicht schaffen. Anders würde sie irgendwann den Verstand verlieren. Mit der Ironie dieser Tatsache konfrontiert lächelte sie und schüttelte den Kopf. Auch das haben wir William zu verdanken, setzte sie an und er stutzte. Was meinst Du ? Er hat mir beigebracht, was Du in 10 Jahren nicht geschafft hast: an das Unmögliche zu glauben. Er lachte befreit auf und nahm sie in die Arme. Es fühlte sich überhaupt nicht an, als wäre es ein anderer Mensch, den er an sich drückte. Es war, als wären sie eins. Und sie fühlten sich, als wären sie eins. Sie begann zu zittern, als sie seine Arme spürte, die sich fest und voller Kraft um sie schlangen. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis schwach zu sein, sich fallen zu lassen, sich der Verzweiflung hinzugeben, die sie im Herzen trug. Aber sie schüttelte den Kopf.
Tut Dir was weh ? fragte er sofort besorgt und löste die Umarmung. Er musterte sie von Kopf bis Fuß aber sie verneinte. Sie wusste, sie musste es ihm nicht sagen, weil er es wusste. Aber es erschien ihr in diesem Moment wichtiger als alles andere. Sie hob ihren Blick und sah einen Moment zu dem roten Glühen der untergegangenen Sonne zurück, das am Horizont hinter den Bergen die Wolken von unten anstrahlte, als würde der Himmel in Flammen stehen. Es war wunderschön. Und wie alles Schöne seit einem Jahr, tat es ihr weh. So, als müsse ihr Herz in tausend Scherben zerspringen. Ihre Lippen waren trocken, sie konnte sie kaum öffnen, ohne dass sie aufrissen. Ich liebe Dich, hauchte sie kaum hörbar in die Stille hinein. Nie zuvor hatten diese Worte, ihre Worte, aus ihrem Mund kommend, in ihrer vertrauten Stimme erklingend, ihn so sehr beruhigt. Und ihm zugleich so sehr den Kopf verdreht.
Statt ihr zu antworten beugte er sich zu ihr hinunter und legte ihr ganz zart, um ihre brennenden Lippen nicht zu verletzen einen süßlichen Kuss auf den Mund, ließ seine Finger behutsam über ihre Wange gleiten, als wäre sie eine Sandfigur, die bei der geringsten Berührung zerfällt, und sog ihren vertrauten Duft ein. Seine Stirn traf sachte auf ihre und sie schlossen die Augen. Nur für den Flügelschlag eines Schmetterlings wurde alles ausgeblendet und sie fanden Frieden. Sie hielten sich an diesem Frieden fest und versuchten, sich dieses Gefühl, zuhause zu sein, in Erinnerung zu rufen und es zu bewahren.
Die Berührung ihrer Körper war so zart, fast nicht fühlbar und doch waren sie sich so nah. Diese Nähe ging weit über alles Körperliche hinaus, und doch war das Körperliche die einzige Möglichkeit, die Intensität ihres Lebens, ihrer Beziehung, auszudrücken.
Je tiefer die Sonne stand, desto bedrohlicher glühte die Weite des Landes ihnen entgegen, als plane die Welt, ihnen in der herannahenden Dunkelheit jegliche Hilfe zu versagen. Und mitten in dieser vermeintlichen Stille geschah etwas, das sie daran erinnerte, dass sie in Lebensgefahr schwebten.
Scully sog scharf vor Schmerz die Luft ein und stieß einen leisen Schrei aus. Sie fuhren auseinander und Scully drehte sich um, als hätte sie etwas von hinten angesprungen. Es war ein Stechen in ihrem Nacken gewesen. An der Stelle, an der das Implantat saß. Es hatte noch nie wehgetan. Sie fuhr mit den Fingern vorsichtig darüber und versuchte in der Dämmerung einen Grund für diesen Schmerz auszumachen als ihre Hand nach Halt suchend an Mulders Brust zu liegen kam. Sein Herz schlug schnell, besorgt folgte er ihren Blicken, die jeden Zentimeter um sie herum abzusuchen schien. Fast gleichzeitig sahen sie es. Sie sahen einen kleinen Jungen, der vor ihnen in die Dunkelheit rannte. Einem fernen unsichtbaren Ziel entgegen. Bevor sie sich sicher sein konnten, dass es William war, hatte sich die Gestalt im Nichts aufgelöst. War wie Nebel in den Himmel aufgestiegen und verschwunden. Als Scully jedoch jenes imaginäre Ziel in der Dunkelheit, auf das das Kind zugelaufen war, ausgemacht hatte, begriff sie und sie schrie auf. Wir müssen hier sofort weg ! Mulder sah es in diesem Moment auch und fühlte das Blut in seinen Schläfen pulsieren. Was als heller Lichterschein am Horizont aufgetaucht war, verwandelte sich nun in unzählige leuchtende Augen. Scheinwerfer von Militär-Jeeps, die mit rasender Geschwindigkeit auf sie zukamen.
Scullys Augen suchten in der zwielichtigen Dunkelheit nach einem Ort, einer Deckung, irgendwas, das sich von der weiten jetzt fahlblau erscheinenden Ebene abhob, ihnen einen Schutz bieten würde. Doch es war weit und breit nichts als Steppe. Die Berge waren zu weit weg und den Ort, den sie suchten, würden sie nicht rechtzeitig erreichen. Panik saß ihnen im Nacken, als sie um ihr Leben rannten. Weg von den Jeeps, die immer näherkamen und hinein in die Finsternis, an die sich ihre Augen nur langsam gewöhnten. Sie konnten die Jeeps bereits summen hören als Mulder plötzlich stehenblieb. Was ist ? rief sie ihm voller Panik zu und kam neben ihm zum Stehen als sie ihn eingeholt hatte. Mulder, wir haben keine Zeit zu verlieren. Doch er starrte wie hypnotisiert in die Ferne vor ihnen in der Nacht. Von einer unheimlichen Vorahnung ergriffen konzentrierte sie sich auf die Dunkelheit und sah, was er sah: In der schwarzen Nacht hatten sich Heerscharen von grauen Gestalten versammelt und kamen auf sie zu. Sie waren eingekesselt. Es gab kein Entkommen.
Und doch erschien es ihnen beruhigender auf die Fußtruppen zuzulaufen als den Jeeps entgegenzurennen und so begannen sie wie von selbst wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen und so lange zu laufen, bis sie erkennen konnten, dass ihnen keine Soldaten entgegenkamen. Mulder winkte ihnen zu als er sah, dass sie nicht bewaffnet waren, doch sie reagierten nicht. Sie wurden nicht einmal schneller. Sie wälzten sich unaufhaltsam auf sie zu, doch aus irgendeinem Grund verspürten weder Mulder noch Scully eine Bedrohung, die von dort ausging. Je näher sie den Truppen kamen, desto ruhiger wurden sie. Desto ferner schienen die Jeeps zu sein. Scully wagte den Blick über ihre Schulter zurück, aber die Scheinwerfer kamen noch immer näher, und doch schienen sie langsamer zu werden. Mulder, wer sind die ? rief Scully außer Atem zu ihm nach vorne. Er konnte aber noch immer nicht erkennen, wer sich hinter den Schatten verbarg. Sie waren nur noch wenige Meter von ihnen entfernt und es gingen weder Geräusche von ihnen aus, noch konnte man irgendwelche Gesichter oder Silhouetten ausmachen. Es waren in Schatten gehüllte Menschen und Mulder hatte einen Moment das Gefühl, es waren vielleicht Indianer. Sie wirkten fast geisterhaft, wie eine Einheit, wie eine graue Wolke, die über das Land zog. Ihre Schritte wurden langsamer und sie wussten nicht, was sie als nächstes tun sollten, denn sie trennten nur noch wenige Meter und weil etwas sie davon abhielt, trauten sie sich nicht, noch weiter auf dieses Heer zuzulaufen . Plötzlich sah Scully, wie ihr Partner unter einem erschrockenen lauten Schrei vor ihren Augen verschwand. Scheinbar hatte der Boden unter seinen Füßen nachgegeben und ihn verschluckt. Mulder ? Sie blieb stehen und kniff die Augen zusammen. Vor ihr tat sich ein schwarzes Loch im Boden auf. Wie ein Riss in der Realität. Mulder ? rief sie in die Höhle hinein und ein dumpfer Antwortschrei kam zurück. Sie warf einen kurzen Blick auf die seltsamen Schattenmenschen vor ihr und die Jeeps in ihrem Rücken. Sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was für eine Höhle das war und ob sie jemals wieder herauskommen würden. Auch wenn es ihr Todesurteil sein konnte, sprang sie in die Höhle hinein und landete viel Staub und Steine mit sich reißend auf steinhartem Boden. Sofort fühlte sie Mulders Hand nach ihr greifen und war froh, dass ihm nichts passiert war. Hörst Du das ? fragte er sie, als ein lautes Donnern durch den Boden über ihnen zu grollen begann und ihnen sagte, dass die Jeeps nur noch wenige Meter entfernt waren. Sie schienen nicht abzubremsen. Hatten die etwa vor, diese Menschen umzufahren ? Obwohl Scully sich nicht rührte und er nicht sehen konnte, dass sie starr vor Angst war, spürte Mulder ihre Unruhe. Ich glaube nicht, dass die Jeeps denen etwas anhaben können, sagte er als könne er ihre Gedanken lesen. Scully wusste nicht, was er damit meinte, aber in diesem Moment wurde sie davon abgelenkt, dass aus dem Loch über ihnen Steine herabfielen und sie schmerzhaft am Kopf trafen. Die Wagen rollten in diesem Moment geradewegs über sie hinweg und der Lärm war unvorstellbar. Der Boden erzitterte, ein heftiger Wind fegte über dem Loch über ihnen hinweg und sie konnten von all dem Staub kaum atmen. Scully wankte und fiel und Mulder legte sich schützend über sie. Es war irrational, aber sie hatte schreckliche Angst, dass der Boden unter den Jeeps nachgeben würde. Doch die rauschten brüllend und röhrend über ihnen hinweg. Als wären die grauen Fußtruppen überhaupt nicht da. Als wären sie beide überhaupt nicht da. Sie schloss die Augen und atmete stoßweise aus. Ihr Brustkorb schüttelte sich unter ihrer Erleichterung. Unter der Angst, die ihr nun von den Schultern wich. Sie griff nach Mulder und fühlte, dass er vollkommen ruhig war. Es tat gut, seine warme Haut anzufassen und seinen Atem in ihrem Haar zu fühlen. Sie wagten sich minutenlang nicht, sich zu rühren, bis der Staub über ihnen aufhörte, herabzurieseln und das Donnern der Jeeps sich langsam verlor und zu einem undefinierbaren Rauschen abebbte. Oh mein Gott ! entfuhr es ihr atemlos als Mulder sich schließlich bewegte und vorsichtig aufstand. Sie zitterte am ganzen Körper und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Aber Mulder war ihr bereits viele Schritte voraus. Denn er war nach dem unerwarteten Sturz in diese Höhle nicht wie sie auf Steinen gelandet. Er war auf Knochen gelandet. Erst hatte er sie für Holz gehalten. Doch dann hatte er mit seinen Fingern die unverkennbare Silhouette eines menschlichen Schädels ertastet und hatte gewusst, warum diese Schattenmenschen keinen Laut von sich gegeben hatten. Warum sie keine Formen angenommen hatten egal, wie nahe sie gewesen waren. Warum sie nahezu schwerelos über den Boden zu ihnen geglitten waren. Warum sie nicht reagiert hatten. Warum sie sie nicht angegriffen hatten. Und warum die Jeeps einfach so durch sie hindurch gefahren waren. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte er erkannt, dass er ironischerweise auf jene Spuren des Navajo-Dorfs gestoßen war, weswegen sie überhaupt hierhergefahren waren. Und dass Gestalten von der anderen Seite ihnen im letzen Augenblick zur Hilfe gekommen waren. Zum dritten Mal an diesem Tag. Und langsam drängte sich ihm der Verdacht auf, dass das nicht mehr nur Halluzinationen waren. Aber Scully merkte er an, dass sie noch nicht begriffen hatte, was soeben geschehen war. Hey ! flüsterte er in die finstere Stille hinein, denn er konnte nicht sehen, wo sie war. Hätte er sie nur nicht losgelassen ! Hey ! kam es noch ganz zaghaft und wackelig zurück und er atmete auf. Sie war näher, als er gedacht hatte und er streckte seine Hand nach ihr aus und ließ den Knochen, den er in der anderen Hand hielt, lautlos wieder zu Boden gleiten. Ist alles in Ordnung mit Dir ? Seine Hand glitt an ihrem Arm entlang, ihre Schulter hinauf, über ihren zarten Hals. Seine Fingerspitzen berührten ihren Unterkiefer und strichen ihr über die Wange als er fühlte, dass sie nickte und sich zu sammeln schien. Was war das ? Sie hatte an seiner Ruhe bemerkt, dass er mehr zu wissen schien als sie. Es scheint, als hätten wir neue Freunde gefunden. Der Gedanke, dass sie hier unten in einer Art Indianergrab gefangen waren, ohne Wasser, ohne medizinische Versorgung, ohne eine Aussicht herauszukommen und ohne Licht, machte ihm klar, dass es unklug wäre, sie über alle Details in Kenntnis zu setzen. Sie kannte ihn gut und sie kannte diese Art von Antworten. Daher wusste sie auch, dass sie sich damit abfinden musste, dass sie nicht verstand, wovon er redete, denn sie wollte die Wahrheit in diesem Moment gar nicht hören. Sie wollte nur aus dieser Höhle heraus. Wollte endlich zur Ruhe kommen und sich auf den neuen Tag besinnen, darauf, dass es einen neuen Tag geben würde. Denn sie hatten es geschafft. Sie hatten überlebt. Und ihr kam es so vor, als hätte mit diesem Tag ein neuer Abschnitt auf ihrem Weg begonnen. Sie wusste nicht warum. Aber sie wusste, dass sie wieder mit einander redeten. Dass diese Mauer zwischen ihnen verschwunden war. Sie zog ihn langsam zu sich und legte ihr Ohr an seine Brust. Sein Herz schlug ruhig. Sie mussten warten, bis es wieder hell wurde. Und so lange konnten sie sich ausruhen. Konnten Kraft schöpfen. Sie ließen sich nach einer Weile als ihre Glieder schwer wurden auf den Boden sinken und ließen die gespenstische Stille um sie herum in ihre Seelen strömen. Müde fielen ihr die trockenen Augen zu als ihr Kopf an seine Schulter gelehnt zum Liegen kam. Es war so vieles, das sie verarbeiten musste. So vieles, das sie nicht verstand. Ihre Hand legte sich auf seinen Bauch und glitt darauf entlang auf der Suche nach der seinen. Er fegte heimlich noch ein paar Dinge beiseite, von denen er in der Dunkelheit glaubte, dass es Überreste der Skelette waren, und hielt ihre schlanken Finger fest, die ihn am Bauch kitzelten. Sie waren ganz kalt. Es würde eine harte Nacht werden und eine noch härtere Reise morgen früh. Für eine Weile waren sie sicher, wenn er auch nicht wusste, wie lange. Ihr Atem wurde regelmäßiger und sie wurde still. Er küsste ihre Stirn, schmeckte den Staub und den metallischen Geschmack ihres Blutes. Langsam erreichte die Nacht ihre Sinne und so surreal dieser Tag gewesen war, so erschöpft waren sie und fielen in einen unruhigen, verstörten Schlaf, umgeben und bewacht von den Seelen jener Toten, die ihnen heute das Leben gerettet hatten. Sie waren ungestört, unbemerkt und sicher. Sie waren die einzigen Menschen auf dieser Welt. Die einzigen, die vielleicht noch etwas ändern konnten. Und jetzt waren sie nicht mehr allein.
End of Part II
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Part III
Zwei Tage vor Weihnachten in der Nähe von
White Horse, Yukon, Kanada
Der Schall wurde von der weißen Haube, die sich über die Welt
legte wie eine eiskalte Decke, verschluckt. Nicht, dass es hier
irgendetwas gab, das man hätte hören können. Und doch erschien
die Welt noch viel stiller wenn es schneite. So als würde sie
den Atem anhalten um die Schneeflocken nicht in ihrem Flug zu
stören.
Mulder ließ den Brief in seinen Händen auf den Tisch gleiten
und stand auf.
Sie war schon seit Stunden weg. Und wie immer, wenn sie ins Dorf
fuhr um einzukaufen, wurde er unruhig. Seit sie ihn an ihr
Implantat erinnert hatte, daran, dass sie es manchmal fühlte,
wenn die Kontakt zu diesem Chip in ihr aufnahmen, hatte er Angst,
dass sie eines Tages überhaupt nicht mehr zurückkehren würde.
Wenn es ging, fuhr er mit ihr mit. Aber heute hatte sie ihm
unmissverständlich klargemacht, dass sie alleine fahren wollte.
Vielleicht weil heute DER Tag war. Weil wieder ein Jahr vergangen
war. Weil es nur noch sieben Jahre waren. Weil sie alleine sein
musste.
Er nahm den Brief wieder auf und überflog die Zeilen noch
einmal. Er schüttelte den Kopf. Genau wie Dana hatte er das
Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Sie waren seit vier Monaten hier. Und nichts geschah. Langsam
begannen sie fast, sich frei zu fühlen. Es hatte Zeiten gegeben,
in denen sie nie ohne ihre Waffen aus dem Haus gegangen waren und
wenn sie nur etwas aus dem Auto geholt hatten. Es hatte Tage
gegeben, an denen hatte er vor jeder Abfahrt den Wagen nach
Autobomben abgesucht. Manchmal war er nächtelang wach geblieben
um auf sie beide aufzupassen. Doch nichts war geschehen. Und
letzte Woche war er sogar alleine nach Seattle gefahren. Zu einem
ihrer sechzehn Schließfächer, die quer über den Kontinent
verteilt waren, wo John und Monica ihnen regelmäßig Papiere,
Informationen oder Geld zukommen ließen. Er und Scully hatten
noch genug finanzielle Reserven. Seine Eltern hatten ihm als
Alleinerben genug überlassen. Genug für sie beide für die
nächsten sieben Jahre. Und wenn das eintraf, wovon sie langsam
glaubten, dass sie alleine es nicht aufhalten würden, war der
Wert des Geldes ohnehin in Frage gestellt.
Es war ein Wunder gewesen, dass bisher niemand ihre
Schließfächer geräumt hatte, dass niemand sie dorthin verfolgt
hatte. So lange sie ihren Feind immer im Nacken gehabt hatten,
hatten sie wenigstens gewusst, wo er war.
Nun war alles möglich.
Er sah auf die Uhr. Draußen war es klirrend kalt und es sah
wieder nach einem Schneesturm aus. Wenn sie in einer halben
Stunde nicht zurück war, würde er zu Fuß die zwanzig Meilen
ins Dorf laufen.
Unruhig wippte er mit dem Fuß und legte Monicas Brief endgültig
beiseite. Er musste ihn ohnehin mit Scully besprechen. Er
wirbelte herum und sah sich nach etwas um, das er tun konnte um
sich abzulenken. Doch es gab nichts. Nichts außer einer
Fernsehwiederholung von einem NBA Spiel. Und so merkwürdig es
war, es interessierte ihn nicht.
Wenn sie weg war, fiel ihm auf, wie leer ihr Leben geworden war.
Dass es außer Weglaufen keinen Inhalt mehr gab. Sie waren die
ganze Zeit in der Defensive gewesen, ohne Pause auf der Flucht.
Aber seit diesem Ereignis in der Wüste hatte sich das Blatt
gewendet. Er wusste nicht, in welche Richtung, aber er wusste,
dass sie erstmals seit Jahren wieder Zeit und Ruhe hatten, ihre
Suche fortzusetzen. Kraft zu schöpfen. Und sich einander zu
widmen. Aber laut Monicas Brief war das genau das, was die
wollten. Laut Monicas Brief waren sie keineswegs sicher, mussten
sich weiterhin verstecken.
Es war eine Warnung. Seine wachsamen grünen Augen huschten zum
sechsten Mal über die letzten Zeilen des kurzen Briefs. Ihr
seid nicht allein, bleibt dort, was immer geschieht. War es
wirklich eine Warnung ? Oder war es eine Entwarnung ?
Er lief unruhig durch das kleine Haus. Seine Schritte hallten
laut auf dem knarrenden Holzboden wider und immer wieder fiel
sein Blick durch die Fenster nach draußen. Doch er sah nur
weiß. Sah die glitzernden Eisblumen an den Glasscheiben, die
zarten Flocken, die einzeln und verloren durch die Luft
wirbelten.
Aber er hatte nur einen Gedanken. Scully.
Mittlerweile war es dunkel geworden und er wollte gerade die
Lichter anschalten etwas, das sie früher nie getan
hatten, aus Angst in der Nacht entdeckt zu werden. Aber da sah er
im Augenwinkel etwas in der Ferne aufblitzen und merkte, wie ihm
ein Stein vom Herzen fiel als er erkannte, dass es die
Scheinwerfer ihres Autos waren.
Beflügelt, als hätte er sie seit Tagen nicht gesehen, öffnete
er die Tür und lief nach draußen. Die Kälte ließ ihn fast
erstarren und er bereute sofort, dass er ohne Socken in seinen
Schuhen nach draußen gerannt war. Bis er merkte, wie
unwahrscheinlich klar und frisch die Luft war, die er einatmete.
Sie schmeckte so sauber und die Schneekristalle glitzerten im
Licht der herannahenden Scheinwerfer. Er hatte in den letzten
Jahren vollkommen verlernt, die Welt wahrzunehmen, ihre
Schönheit zu sehen, das Leben auszukosten mit all seinen
Düften, Aromen, Farben und Klängen. Hier oben wurde er daran
erinnert, dass es sich lohnte, um diese Welt zu kämpfen. Nur wie
?
Scully hatte Mulder aus dem Haus laufen
sehen und spürte wie ihr warm wurde.
Trotz der weihnachtlichen Unruhe in den umgebenden Dörfern
rundum White Horse war es ihr schwer gefallen, sich von den
Glöckchen, Zuckerstangen, Weihnachtsbäumen, all dem Gold und
dem Glanz und den Düften von Zimt, Nelken und Anis in die
richtige Stimmung versetzen zu lassen. Ihr war mulmig dabei
gewesen, ins Dorf zu fahren, ohne ihn.
Aber es waren Monate vergangen. Monate ohne irgendein Zeichen,
ohne eine Bedrohung. Sie mussten aufhören, sich davon alles
zerstören zu lassen. Durch das Implantat in ihrem Nacken fühlte
sie sich ohnehin wie eine hilflose Marionette. Jederzeit hatte
jemand Zugriff auf ihren Aufenthaltsort, ihre Gesundheit, ihr
Leben und vermutlich noch viel mehr. Sie war es leid, dass sie
wie eine Sklavin in ihrem eigenen Körper, in ihrem eigenen Leben
wohnte. Heute waren es noch genau sieben Jahre bis es so weit
war. Wer wusste schon, was dann kam ? Sie wollte diese Zeit noch
nutzen. Wollte bei ihm sein, wollte ihm noch so vieles sagen,
wollte noch so viel über ihn wissen. Sie würde nicht zulassen,
dass die ihnen auch noch das nahmen. Seit der Sache in der Wüste
war ihr alles egal geworden. Es ging ihr nur noch darum, dass sie
ihn noch eine Weile lieben durfte, dass sie noch einmal das
Gefühl von Unbeschwertheit fühlen durfte. Sie trug seitdem eine
tiefe Gewissheit oder vielmehr eine verzweifelte Hoffnung, die
sie mit aller Gewalt in Gewissheit verwandeln wollte, mit sich
herum, dass alles gut werden würde. Sie hatte nichts zu
verlieren.
Außer sich selbst. Und ihn.
Sie sah lächelnd auf ihren Einkauf auf dem Beifahrersitz und
dann wieder nach vorne. In ihrer Tasche fühlte sie den Brief
ihrer Mom. Sie wusste, dass sie hier waren und es schien, als
hätte sie ihr verziehen. Sie war vermutlich einfach nur froh,
dass es ihrer Tochter gut ging.
Aber war das auch so ? Ging es ihr gut ? Sie wollte, dass es so
war.
In den letzten Monaten hatte sie diesen Anspruch nie erhoben. Sie
hatte nur überleben wollen. Nur jetzt, in der Ruhe und der neu
gewonnenen unheimlichen Freiheit, der sie nicht trauten, kamen
diese Ansprüche zurück. Ansprüche auf Glück. Dabei war es
noch immer Luxus, dass sie überhaupt zusammen sein konnten. Und
sie wusste, dass etwas nicht stimmte. Sie wusste, dass sie nicht
wirklich frei waren.
Mulder ging ins Haus zurück und schaltete die Lichter ein.
In diesem Moment sah sie durch die Windschutzscheibe, dass auch
der Himmel seine Lichter wieder einschaltete. Der Sonnenwind
fegte über den Horizont und hinterließ seine rosafarbenen und
grünen Leuchtspuren am Himmel, aus dem nur noch wenige
Flöckchen herabsegelten. Der angekündigte Schneesturm war bis
jetzt ausgeblieben. Und die Luft schmeckte nach einer sternklaren
eisigen Nacht.
Scully warf noch einen letzten Blick auf das mittlerweile
gewohnte Bild des bunten Lichtertanzes am Himmel und hielt vor
dem Haus an als ein weiteres Licht ihre Aufmerksamkeit auf sich
zog.
Wie in Zeitlupe schaltete sie die Scheinwerfer aus, öffnete die
Wagentür und fixierte dabei jenes Licht, das zwischen den sich
umherwindenden Nordlichtern aufblinkte.
Flugzeuge waren hier nie zu sehen. Und für einen Satelliten war
es viel zu hell und zu nah. Die Flugbahn war unnatürlich. Sie
hatte ein solches Licht schon einmal gesehen und daher wusste
sie, was es war. Es bestätigte ihre Befürchtung, dass sie nicht
vergessen worden waren. Sie schluckte und atmete laut den Schreck
aus, den dieses Licht ihr eingejagt hatte. Es dauerte einen
Moment bis sie ihren Verstand zurechtgerückt hatte.
Was bedeutete das für sie ? Würden sie weggehen müssen ?
Sie schlug die Wagentür zu und verschränkte die Arme vor der
Brust. Eine Sekunde lang setzte alles in ihr aus und sie fühlte
sich schrecklich verwundbar. Verraten. Verfolgt. Verloren.
Ihr wurde kalt und als sie die Gänsehaut auf ihrem Körper
fühlte, riss sie sich zusammen und versuchte, ruhig zu bleiben.
Sie konnte die Augen nicht abwenden, wollte wissen, wohin das
Licht ging. Ob es dort blieb, oder ob es wieder verschwinden
würde.
Eine Schneeflocke landete auf ihren Lippen, wo sie sofort schmolz
und einen kalten Funken hinterließ, den sie mit ihrer Zunge
aufnahm. Es war fast ein Ballett zwischen den Nordlichtern und
jenem Eindringling am Nachthimmel, der immer ruhiger wurde und
scheinbar auf einen festen Punkt zusteuerte.
Im Haus hatte Mulder bemerkt, dass der Wagen zum Stillstand
gekommen war. Doch als sie nicht hereinkam, begann er wieder sich
Sorgen zu machen. Er griff reflexartig nach seiner Waffe. So wie
er es immer tat wenn etwas nicht stimmte.
Selbst wenn morgens der Schnee von den Ästen fiel, weil ein
Vogel sich darauf gesetzt hatte, war er schon wach geworden und
hatte direkt nach seinem Revolver gegriffen. Es war ein Reflex,
ihr Leben zu beschützen hatte oberste Priorität.
Als er die Türe ruckartig öffnete sah er sie jedoch im Schnee
stehen, versunken in ihren schwarzen Wintermantel, eingewickelt
in einen hellblauen Schal, mit kleinen weißen Flocken in ihrem
roten sich leicht kräuselnden Haar, ihre Augen starr gen Himmel
gerichtet. Er konnte sehen, wie sich die Nordlichter darin
spiegelten. Dana ?
Erschrocken zuckte sie zusammen und sah zu ihm herauf. An ihrem
Blick konnte er sehen, dass etwas nicht stimmte und er rannte die
Stufen herunter zu ihr. Er hatte in den letzten Monaten so oft
dort hinauf gesehen um mit ihr die Lichter zu bewundern. Aber er
wusste, dass er heute nach etwas anderem Ausschau halten musste.
Es dauerte keine Sekunde und er hatte es entdeckt. Er fühlte
sein Herz in seiner Brust hämmern und merkte, wie ihm ein
Schauer über den Rücken jagte. Ohne Worte lief er ins Haus und
holte Monicas Brief. Er hielt ihn ihr ihn und sie griff mit
eiskalten steifen Fingern danach und überflog die Zeilen. Leise
las sie die letzten Worte vor und sah fragend zu ihm auf.
Ist das eine Warnung ? Oder eine Entwarnung ?
Er musste lächeln. Sie waren einander schon viel zu ähnlich.
Selbst ihre Gedanken glichen sich nun. Er sah zu dem Licht, das
im Nordwesten über ihrem Haus zum Stillstand gekommen war und
leicht pulsierend herabstrahlte wie ein Planet. Als Antwort
stellte er die Frage, die auf der Hand lag: Und ist das
dort oben ein Beobachter oder ein Jäger ?
Auf diese Frage hin senkte sie den Blick zu Boden, wo ihre
Stiefel im Schnee ein Muster hinterlassen hatten. Sie sah in die
Dunkelheit hinein, in die Nadelwälder und über die karge weite
bläulich schimmernde Ebene. Alles war mit dem Leichentuch des
Winters bedeckt. Alles schlief und wartete auf seine
Wiedergeburt. Sie schluckte als sie in der Ferne wieder einmal
William stehen sah. Er verfolgte sie in den letzten Wochen. Er
wäre jetzt vier. Und je länger er tot war, desto öfter sah sie
ihn. Je öfter sie ihn sah, desto mehr fehlte er ihr. Und je mehr
er ihr fehlte, desto öfter tauchte er einfach so im Nichts auf
und sah sie an um sich dann sofort wieder aufzulösen. War das
ein Zeichen ? Wenn ja, war es dann ein gutes, oder ein böses
Zeichen ? Oder waren das bloß ihre Sehnsüchte, die sich in all
der Leere ihres Lebens jetzt einfach als real erscheinende Bilder
manifestierten ? Sie schloss die Augen um sein Bild zu löschen.
Mulder merkte, was mit ihr los war und legte ihr eine Hand
zwischen die Schulterblätter. Ihm war kalt und seine
Fingerspitzen konnten den weichen Stoff ihres Mantels kaum
fühlen. Durch seine Berührung wurde sie aus ihrer Gedankenwelt
gerissen und sie ließ sich von ihm zu sich schieben. Ihre Blicke
trafen sich und kehrten dann gemeinsam zurück zu dem Licht am
Himmel.
Dort stand es stumm wie ein Mahnmal.
Schließlich atmete sie scharf ein und blies ihren Atem dann
langsam in die Luft, wo er beschlug wie hellblauer Rauch.
Sie hatte einen guten Tag. An anderen Tagen wäre sie vermutlich
wortlos im Haus verschwunden und hätte niemanden mehr an sich
heran gelassen. Mulder liebte sie dafür, dass sie manchmal so
unvorhersehbar war. Dass sie ihn nicht immer an allem teilhaben
ließ. Dass sie es schaffte, ihn manchmal vollkommen
auszugrenzen. Das machte es ihm leichter, sie als eigenständige
Person, und nicht als Facette seiner selbst zu betrachten. Und es
war gut, denn es erinnerte ihn daran, dass es mehr gab als diese
ewige Flucht. Dass sie eine Beziehung hatten, dass sie eigentlich
nur diese Beziehung hatten und sie ihm alles bedeutete.
Aber heute war sie nicht bereit, sich davon beeindrucken zu
lassen. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben und sie war zu stur,
sich ihre Überraschung jetzt verderben zu lassen. Die Invasion
würde jetzt einsetzen können und sie würde nicht von ihrem
Vorhaben abweichen.
Es war ein Licht am Himmel aufgetaucht. Na und ? So lange es sich
nicht weiterbewegte, auf sie herabstürzte oder die Atmosphäre
in Brand setzte, hatten sie nichts zu befürchten.
Sie stieß ihn sanft mit dem Ellbogen in die Rippen. Willst
Du nicht wissen, warum ich in der Stadt war ? Ihre Stimme
klang neckisch und herausfordernd.
Er sah sie überrascht an. Wie konnte sie dieses Licht nur so
einfach abtun ? Wie konnte sie das so einfach hinnehmen ? Es
machte ihm Angst.
Scully sah das Unbehagen in seinen Augen aufflackern. Und sie
sah, dass er fror. Sie legte ihm ihre kalte Hand auf die Wange
und ließ sie sanft darüber gleiten. Ihr Daumen stieß an seine
Oberlippe und sie fuhr fort über seine weiche volle Unterlippe
hinweg bis zu seinem Kinn und von dort wieder über seine
Mundwinkel zurück über seine Wange. Ihr Blick war warm und
durchdringend, als versuche sie ihn zu verzaubern. Ich
weiß, Mulder. Es beunruhigt mich genau so wie Dich. Aber was
können wir gegen dieses Licht schon ausrichten ? Der Himmel ist
größer als die Erde und egal wo wir hinlaufen, es wird uns
finden. Die werden uns immer finden. Aber heute werden sie uns
nichts tun, das weiß ich.
Sein Blick ruhte auf ihren Lippen, die sich bewegten und all
diese Worte in die Luft hauchten, die ihn zu beruhigen
versuchten.
Hab Vertrauen. Sie wendete ihren Blick nicht von ihm.
Und er sah, dass sie Recht hatte. Wovor sollten sie davon laufen
? Ein leichtes Nicken reichte ihr aus und sie schob ihn zum Haus.
Es ist kalt, geh rein und warte auf mich, okay ?
Es verblüffte ihn, wie eine so kleine Person so viel Kraft
aufbringen konnte, als sie ihn immer energischer schob. Er
kontrollierte mit einem bedrohlichen Funkeln den neuen Stern am
Himmel als wolle er eine Warnung nach oben schicken und ging
schließlich ins Haus hinein.
Es sollte noch eine ganze Weile dauern bis sie auch hineinkam und
er versuchte, nicht durch die Fenster zu spähen, was für eine
Überraschung sie hatte. Stattdessen kramte er im Kühlschrank
nach etwas Essbarem und versuchte das drückende, dumpfe Gefühl
in seinem Magen zu ignorieren, das Kribbeln in seinem Nacken, den
Kloß in seinem Hals und die dröhnenden Kopfschmerzen. Es würde
nie aufhören, dass wusste er. Sie würden sich nie wirklich
sicher fühlen können, würden niemals in Frieden gelassen
werden. Nicht so lange sie lebten. Nicht so lange sie kämpften
und weitersuchten, wie sie das Schicksal dieser Welt noch
umlenken konnten. Sie wurden von zwei Arten bedroht: von ihrer
eigenen und jener fremden Macht. Die Waffen ihrer eigenen Art
kannten sie, sie waren ihnen gegenüber nicht so hilflos wie
denen der überlegenen Art. Aber genau das war wohl der Grund,
warum Scully so ruhig war. Weil sie hilflos waren. Weil sie
nichts tun konnten. Außer Warten.
Als er es an der Tür poltern hörte, sprang
er von der Küchentheke, auf die er sich gesetzt hatte und
öffnete sie ihr schwungvoll. Der Anblick, der sich ihm bot,
machte es ihm schwer, sich noch weiterhin bedroht zu fühlen. Er
trieb ihm Tränen in die Augen, weil es so zuckersüß und
unschuldig war.
So unpassend. So fehlplatziert. All das passte nicht in den
Alptraum, in dem sie lebten.
Vor ihm stand seine kleine zierliche wunderschöne Frau, mit
glitzernden weißen Kristallen in den Haaren, die von der
Zimmerwärme sofort in Wassertropfen verwandelt wurden. Sie
umarmte einen kleinen struppigen Weihnachtsbaum und hatte zwei
riesige Papiertüten geschultert, aus denen Glanzpapier und
Schleifen herausragten, die verdächtig nach Geschenkpaketen
aussahen. In ihrem Mund hielt sie zwischen den Zähnen einen
silbernen wunderschön glitzernden Stern als Baumspitze fest und
ein zarter Duft von Nelken und Zimt umgab sie. Er vergaß in
dieser Sekunde jedes einzelne Wort seines Wortschatzes und
starrte sie an. Sein Blick versprühte Funken und er wusste
überhaupt nicht, wie er ihr zeigen konnte, was er für sie
empfand. Vor lauter Hilflosigkeit entschied er sich, ihr den Baum
abzunehmen und lehnte ihn in der Mitte ihres kleinen Wohnzimmers
gegen das Sofa. Sie folgte ihm und lud ihre Errungenschaften ab.
Wir hatten drei Jahre kein Weihnachten. Wenn wir die Welt
retten wollen, sollten wir vielleicht mit den Traditionen
anfangen, kam es ihr nüchtern und vollkommen kühl über
die Lippen, als hätte sie ihm gerade einen Wirtschaftsplan für
den Staatshaushalt des nächsten Jahres vorgelegt. In Wahrheit
wusste sie jedoch, dass sie beide bisher nie die Kraft gehabt
hatten, Weihnachten zu feiern. Aber wenn sie überleben wollten,
mussten sie etwas haben. Einen Tag im Jahr, an dem sie zur Ruhe
kommen konnten und sich aufeinander besinnen konnten. Und an dem
sie an William denken konnten, ohne dass es ihnen weiterhin die
Seele zermürbte. Es war Zeit, dass sie an ihn dachten damit sie
nicht vergaßen, was sie mit ihrer Liebe bereits erreicht hatten.
Auch wenn sie es nicht aussprach, so konnte Mulder in ihrem
Gesicht lesen, was eigentlich in ihr vorging.
Er musste sich zusammenreißen, sie nicht von den Füßen zu
reißen und über sie herzufallen. Er ließ sich den Gedanken,
dass sie seine Ehefrau war und ihm nie wieder von der Seite
weichen würde, auf der Zunge zergehen und hatte das Gefühl für
einen Moment das gesammelte Glück der Welt in sich zu tragen. So
hatte er lange nicht mehr empfunden und er war ihr unendlich
dankbar dafür.
Als er sich daran machen wollte, ihr zu helfen, hob sie die
Hände und sah ihn streng an. Sie biss die Lippen zusammen und
schüttelte den Kopf und er wusste, dass das hier ihr Projekt war
und sie es offenbar auch alleine zu Ende bringen wollte. Doch als
er sie statt zu gehen einfach nur anstarrte, wurde sie unsicher.
Dachte er noch immer über das Licht nach ? Sie hatte gehofft,
ihn für einen Moment aus dieser Welt heraus reißen zu können,
ihm ein Stück kindlicher Unbeschwertheit schenken zu können. In
seinem Blick sah sie jedoch nicht die Gehetztheit, die Furcht,
den Zorn und die Verzweiflung, die sie hatte vertreiben wollen.
Sondern sie sah etwas anderes. Etwas, das sie jeden Morgen wenn
sie die Augen aufschlug sah. Seine Liebe. Etwas, das niemals
sterben würde, das von Tag zu Tag stärker zu werden schien.
Ein scheues Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie schluckte und
spürte, wie ihr heiß wurde.
Er lächelte zurück und ihr wurde schwindelig als sie seine
Stimme leise mit einer winzigen nur für sie wahrnehmbaren
erotischen Schwingung flüstern hörte: Besonders brav
waren wir dieses Jahr aber nicht, was meinst Du ? Als sie
die Augen verwirrt von all den Gefühlen, die durch ihren Körper
rollten, schloss, fühlte sie die heiße Träne, die ihr über
die Wange lief und seinen zarten Kuss, der sie auffing, bevor sie
ihre Lippen benetzt hatte.
Dort standen sie inmitten all der unfertigen
Weihnachtsvorbereitungen, am Ende der Welt, in einem Leben, das
sie sich niemals so ausgemalt hatten. In einem wahrgewordenen
Alptraum aus Todesdrohungen, Verfolgung und Entbehrungen. Bewacht
von einem stummen Jäger, der darauf wartete, sie eines Tages zu
vernichten.
Verfolgt von einem gesichtslosen Feind, Männern in Anzügen, die
nicht wussten, dass sie in ihrer aller Verderben rannten.
Gefangen in einem Netzwerk, in dem sie allein für die Wahrheit,
für das Leben, zu kämpfen schienen.
Aber auch wenn sie wussten, dass sie diesen Tag in sieben Jahren
vermutlich nicht aufhalten konnten, so wussten sie doch, dass sie
die Welt verändert hatten und weiterhin verändern würden. Weil
sie Kontakt geschaffen hatten, zu jenen Seelen, die sich am
anderen Ende der Realität befanden. Weil sie es sich geleistet
hatten, ihrer Ideale wegen, Widerstand zu leisten. Sie hatten die
Gewissheit, dass es mehr gab, als die sichtbare Welt, auf der
jene außerirdische Macht, jene gewissenlosen Regierungen und die
unendliche Dummheit der Menschen eine Gefahr darstellten.
Sie wussten, dass es einen Ort gab, an dem sie unverwundbar und
sicher waren. An dem William war. Mulder war dort gewesen und er
war zurückgekehrt. Sie fürchteten sich nicht vor dem Tod. Weil
sie wussten, dass es nicht das Ende war. Weil sie wussten, dass
sie nicht getrennt werden würden. So lange sie lebten würden
sie zwischen diesen drei fremden Welten leben müssen, doch
inmitten dieser Konfrontationen würde immer ihre eigene Welt
existieren, mit ihrer eigenen Wahrheit. Und in dieser Welt hatten
sie nur eine Freiheit. Die Freiheit ihrer Seelen. Die Freiheit,
einander zu lieben.
Mulder schlang seine Arme um ihre schlanke Taille und hob sie
sanft an. Ihre weichen Lippen suchten nach seinen, die noch immer
ihre Wange liebkosten und ihre Hände fuhren zärtlich durch sein
Haar. Es war nur seine sterbliche Hülle, die sie dort berührte,
und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als außerhalb der
Grenzen ihrer Körperlichkeit die Fähigkeit zu haben, ihm
wirklich zu zeigen, was sie fühlte. Aber die hatte sie längst,
denn er spürte die Liebe, die ihn umfing und in ihn
hineinströmte als er ihr in die glänzenden blauen Augen sah und
versuchte, diesen Moment für immer in sich aufzunehmen.
Auf dass ihre Liebe in der Ewigkeit eingeschweißt wurde.
Drei Wochen später
Ein bedrohliches Dröhnen erfüllte die Luft und die
Schwallwellen waren fast sichtbar.
Ihre klaren blauen Augen weiteten sich und richteten sich auf das
dünne vibrierende Fenster, das zwischen der eisigen Kälte des
ewigen Winters und der kuscheligen Wärme ihres Wohnzimmers lag.
Sie sprang auf und rannte nach draußen, suchend und aufgeregt um
sich blickend und immer wieder um ihre eigene Achse drehend.
Seit Wochen ging dieser Ton von jenem seltsamen stummen Licht
aus, das den Platz des Polarsterns eingenommen hatte und in einem
fremdartigen kalten Blau hernieder starrte. Regungslos. Aber
nicht lautlos.
Konzentriert sah sie nach oben. Angst lag in ihrem Blick, doch
sie ließ diese Angst nicht zu. Sie hatte bereits so vieles
gesehen und erlebt.
Sie verfluchte diese feige Macht, die ihr das Leben zerstört
hatte und sie würde sich niemals eingestehen, diesen Feind zu
fürchten. Diesen Sieg wollte sie denen nicht gönnen. Die hatten
ihr schon ihren Sohn genommen, aber ihre Seele würde für immer
ihr gehören.
Das Dröhnen verebbte in der Ferne, der Wind heulte auf und
rauschte einmal durch die Wälder, fegte über die schwarzen
Tannen hinweg und wehte ihr feinen Schneestaub ins Gesicht, der
sich wie winzige Nadeln aus Eis anfühlte.
Als es wieder still geworden war, ging sie mit zusammengebissenen
Zähnen zurück ins Haus.
Mulder war seit drei Tagen verschwunden. Auf einem Zettel hatte
er nur vier Worte für sie hinterlassen.
"Bin am Samstag zurück."
Heute war Samstag. Und der Abend war bereits vor Stunden über
diesem Nirgendwo hereingebrochen.
Sie liebte diesen Ort. Hier hatte sie sich seit sehr langer Zeit
zum ersten Mal wieder frei und sicher gefühlt.
Bis dieses Licht aufgetaucht war. Und dieses merkwürdige
Geräusch. Das nur sie hören konnte. Aber Mulder hatte ihr
geglaubt. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, dass sie fast jede
Nacht um dieselbe Zeit wach geworden war, von diesem alles
durchdringenden Ton, der sich jedes Mal in ihren Verstand gebohrt
hatte wie eine schwarze Stange aus Metall.
Nur seine Nähe, seine beruhigenden sanften Worte hatten sie
Nacht für Nacht in die Wirklichkeit zurückholen können. Aber
es zehrte sie aus. Es raubte ihr die Kraft, die sie brauchte, um
diesem Eindringling Widerstand zu leisten. Und Kraft, die sie
brauchte für das, was sie in ihrem Inneren wachsen fühlte. Ihre
Hand legte sich auf ihren flachen Bauch. Sie war sich sicher,
dass es wahr war. Sie konnte es fühlen. Es war schon einmal
geschehen, wieso nicht auch ein zweites Mal ? Mittlerweile war
sie sich ohnehin sicher, dass ihre Unfruchtbarkeit eine große
Lüge gewesen war. Oder zumindest ein ärztlicher Irrtum.
Sie wusste, dass Mulder losgefahren war, um nach Antworten zu
suchen. Aber sie verstand nicht, warum er sie allein
zurückgelassen hatte. Warum er sie dieser Gefahr allein
aussetzte.
Nun hatte sie nichts, an dem sie sich festhalten konnte, das
Geräusch erfüllte die Luft immer häufiger immer lauter, als
würde es näher kommen. Sie hatte versucht sich daran zu
gewöhnen, sie stellte jetzt einfach den Fernseher lauter oder
ging unter die Dusche. Aber gegen die Kälte, die es in ihr
verbreitete, kam sie nicht an. Egal, wie heiß sie das Wasser
drehte oder wie laut der Fernseher brüllte.
Sie sah auf die Uhr. Es war spät. Und sie war unendlich müde.
Mit einem letzten hoffnungsvollen Blick auf den verschneiten Weg
vor ihrem kleinen Zuhause knipste sie das Licht aus und legte
sich schlafen. Ihr Körper glitt erschöpft und kraftlos auf das
weiche Bett, das ihr Ruhe versprach. Doch ihr Verstand verbot es
ihr. Die Gedanken kreisten in endlosen Spiralen und sie wälzte
sich unruhig umher, starrte finster die schwarzen Schatten in
ihrem Zimmer an und drehte sich zurück um die Leere in ihrem
Bett mit Erinnerungen zu füllen.
Mit Bildern von ihm, wie er dort, erschöpft oder scherzend,
stundenlang vor sich hin grübelnd oder einfach nur stumm lag und
sie ansah. Sie hatte sich so sehr daran gewöhnt, ihn neben sich
liegen zu haben, seine Hand auf ihrer ruhend, dass sie überhaupt
nicht mehr ohne ihn schlafen konnte. Sein Duft war für sie wie
der Geruch von Zuhause und Geborgenheit, wie die heile Welt ihrer
Kindheit.
Irgendwann jedoch kapitulierte ihr Geist vor der Schwere ihrer
Lider und sie schlief doch ein.
Zur selben Zeit kämpfte sich ein Jeep durch den Schnee 80 Meilen
von ihr entfernt.
Mulders Augen waren gerötet und trocken. Er hatte seit Tagen
nicht geschlafen. Seine innere Uhr war von den verschiedenen
Zeitzonen, durch die er gereist war, vollkommen durcheinander.
Aber er hatte Antworten.
Antworten, die schlimmer waren als die Ungewissheit. Die alles in
den Schatten stellten. Nun gab es nur noch eine Sache, die er
wollte: Rechtzeitig zu ihr zurückzukehren.
Er hatte es sich schlimmer vorgestellt, tragischer. Doch sein
Geist hatte mit vollkommener Gleichgültigkeit reagiert.
Vielleicht weil es angesichts dessen, was ihnen bevorstand, keine
andere Reaktion gab. Weil der menschliche Verstand nicht dafür
gedacht war, sich mit so einer Wahrheit konfrontiert zu sehen.
Doggett und Reyes war es ähnlich ergangen. Sie hatten einander
den ganzen Weg zurück zur kanadischen Grenze angeschwiegen.
Die Schattenregierungen waren zusammengebrochen. Die Bündnisse
waren geplatzt, weil alles auf Lügen aufgebaut gewesen war. Es
war zu spät, es aufzuhalten. Sie würden kommen, sieben Jahre
früher als geplant. Tiefe Verbitterung über diese Tatsache
verzog Mulders Lippen zu einem Lächeln. Eine Menschheit, die
selbst im Kampf um ihr eigenes Überleben noch an die Macht von
Lügen und Geld glaubt, hatte es wohl nicht anders verdient, als
zu sterben. Die Frage war nur: Diese fremde Macht, die nun kommen
würde, hatte die das Leben eher verdient ? War das im Sinn der
Evolution ? Im Sinne des Prinzips: Der Stärkere überlebt ? Weil
der Stärkere auch gleichzeitig der erbarmungslosere, grausamere
und gewissenlosere Gegner war ?
Was war mit all seinen Idealen, allem, was die Menschheit so
einzigartig gemacht hatte ? Was war mit der Liebe ? Der
Intelligenz ? Der Fähigkeit Musik zu erschaffen, Farben zu
Kunstwerken zu arrangieren, Wörter zu Gedichten zusammenzufügen
? Das alles würde ausgelöscht werden. Und alles, was davon
übrig bleiben würde, waren die Voyager und Pioneer-Sonden, ein
paar Fußabdrücke auf dem Mond und Radiowellen, die durch die
Unendlichkeit reisten.
Was für einen Sinn machte das alles, wenn es keine andere Welt
gab, jenseits der Welt, die nun zerstört werden würde ? Eine
Welt, in der all das bewahrt werden würde, in der all die
Seelen, die jemals gelebt hatten nach Hause kamen und damit der
Sinnlosigkeit dieser Apokalypse entkommen konnten. Eine Welt, in
der das Gute regierte.
Und was war mit ihnen ? Wozu hatten sie so lange gekämpft, wenn
sie es nun doch nicht geschafft hatten. Wozu waren all diese
Zeichen gewesen, all die Ereignisse der letzten Jahre, wenn es
doch nur auf eines hinauslief: Dass sie durch den
unausweichlichen Tod getrennt werden würden, wie es in ihrem
Eheversprechen gelautet hatte. Und er hatte diesen Satz schon
immer gehasst. Was für eine Liebe war das, wenn sie nicht den
Tod überwinden konnte ?
Er wusste nicht einmal, wie er den Gedanken ertragen sollte, dass
sie ebenfalls sterben würde. Eine Träne lief ihm über die
Wange. Aber dort blieb sie alleine und trocknete zu einer
salzigen Spur auf seiner Haut.
Seine Finger tasteten nach dem Autoradio während er sich weiter
auf das Schneegestöber vor seinen Augen konzentrierte. Es war
kein Sender mehr zu empfangen. Sie waren bereits viel zu nah.
Scullys Augen öffneten sich und sie hielt den Atem an. Sie
hörte wie eine Wagentür zugeschlagen wurde und richtete sich in
ihrem Bett auf. Sie wagte sich kaum zu rühren, aus Angst, einer
Halluzination zum Opfer gefallen zu sein bis die Tür zu ihrem
Zimmer leise geöffnet wurde und seine Silhouette im Türrahmen
erschien. Kälte drang zu ihr herein und ein erleichtertes
Lächeln erfüllte ihr Gesicht.
Sie sprang aus dem Bett und lief zu ihm um ihn in ihre Arme zu
nehmen. Ihre Augen schlossen sich als sie seinen Duft aufnahm und
seine kalten Hände sich auf ihren Rücken legten um sie zu sich
zu ziehen.
Hast Du mich etwa vermisst ? brummte er in ihr Haar
und kitzelte sie damit, so dass sie eine Gänsehaut bekam.
Sie löste sich aus ihrer Umarmung und lächelte ihn an. Einen
Tag länger und ich wäre mit dem Förster durchgebrannt.
Also wenn es um den Bart geht, den kann ich mir auch
wachsen lassen.
Im gleichen Moment durchfuhr ihn der Gedanke, dass ihm die Zeit
dafür nicht mehr reichen würde. Er schluckte und ein besorgtes
Funkeln blitzte in ihren Augen auf.
Ihre Augenbraue zuckte. Was ist ? fragte sie und zog
sich ein wenig von ihm zurück, um ihm besser in die Augen sehen
zu können. Sie kannte sein Gesicht besser als ihr eigenes, sie
konnte jede Falte, jedes Grübchen, jede Regung darauf und jeden
Blick, aus ihrem Gedächtnis zaubern. Doch diesen Ausdruck hatte
sie noch nie in seinem Gesicht gesehen. Es machte ihr Angst.
Aber er schien noch nicht darüber sprechen zu wollen.
Stattdessen schüttelte er den Kopf und zog sie erneut zu sich.
Nicht jetzt.
Als seine Arme sie umschlangen, drückte er sie mit so viel
Verzweiflung und Leidenschaft, dass es ihr die Luft nahm. Sie
spürte den Schmerz, den er in sich trug. Und sie wollte ihn
fortnehmen.
In ihrer Hilflosigkeit begann sie ihn zu küssen und legte seinen
Kopf an ihre Schulter um ihm sanft durch das Haar streicheln zu
können. Als er ihre zarte Haut roch und ihre warmen schlanken
Finger auf seiner Kopfhaut fühlte, wurde ihm klar, wie wichtig
ihm sein Leben wegen ihr geworden war. Weil sein Leben ein Ort
geworden war, an dem er sie lieben konnte. Und genau das wollte
er auch jetzt tun. Er ließ seine Hände über ihren Rücken
gleiten, über die sanfte cremefarbene Seide ihres Pyjamas und
darunter, über ihre weiche Haut. Sie seufzte leise und
antwortete darauf mit einem überraschten Funkeln in ihren Augen
und einem verlangenden Kuss, von dem er zu zittern begann.
Zusammen sanken sie auf das Bett und verloren sich
stillschweigend und mit klopfenden Herzen in ihren Gefühlen, als
wäre es ein heiliger Akt. Ein letztes Mal.
Eine Stunde später
Sie lagen einander zugewandt und sahen sich an. Er hielt ihre
Hand in seiner und sah auf den goldenen schimmernden Ring an
ihrem Finger. Er lächelte. Nur sie verstand dieses Lächeln und
beantwortete es mit ihren Augen, die in der Dunkelheit
aufleuchteten wie Sterne.
Er musste es ihr nicht sagen. Sie hatte es an der Art, wie er sie
in dieser Nacht geliebt hatte, gemerkt.
Eisige Beklemmung schlich sich nun in ihr Herz als sie die Stille
brach und ihre Worte fast die Luft zerrissen, weil er damit nicht
gerechnet hatte.
Wie lange haben wir noch ?
Seine Augen sahen sie erschrocken an. Er brauchte einen Moment um
sich davon zu erholen, was für eine unglaubliche Person sie war,
dass sie ihn so gut kannte, dass sie so stark war, darüber zu
reden, als ginge es um einen Termin, den sie einzuhalten hatten.
Er schüttelte den Kopf. Ein paar Stunden vielleicht,
versuchte er zu antworten, doch seine Stimme wurde mit jedem Wort
leiser.
Sie nickte und blieb ganz ruhig. Äußerlich.
Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Was machen wir nun ?
Es klang ganz entspannt, doch in ihren Augen sah er die Angst,
eine unendliche Panik, die sie ergriff, je mehr die
unausweichliche Wahrheit in ihr Bewusstsein drang. Und ihre Hand
war feucht und kalt.
Wieder stieg eine Träne in ihm auf. Die zweite an diesem Abend.
Er trug so viel Wut und Verzweiflung in sich, dass es fast war,
als würden sich all diese Gefühle gegenseitig blockieren. Sein
Inneres fühlte sich an wie ein wackliges Kartenhaus. Er schloss
seine Hand um ihre und zog sie von seiner Wange.
Warten, war seine einzige Antwort auf ihre Frage.
Denn es war alles, was sie tun konnten. Wie größenwahnsinnig
war er gewesen, dass er einst ernsthaft gedacht hatte, sie beide
allein würden es schaffen ?
Sie schüttelte den Kopf störrisch und er konnte eine Träne in
ihren Augen glitzern sehen. Und das ist alles ?
drehte sie sich von ihm weg auf ihren Rücken und starrte die
schwarze Decke an, während die Träne aus ihrem Augenwinkel
über ihre Schläfe und in ihr Haar hineinlief. Das war es
dann ? schob sie mit zitternder Stimme und einem giftigen
Unterton hinterher und hatte das Gefühl, ihre ganze Welt würde
bereits jetzt untergehen. Sie trug eine unbändige Wut in sich
und zitterte am ganzen Körper, und zugleich war sie so
ausgezehrt von der jahrelangen Flucht, die hinter ihnen lag. Aber
was wäre das für ein Ende, wenn Zorn das letzte Gefühl war,
das sie jemals in ihrem Herzen tragen würde.
Er legte behutsam seine Hand auf ihren Oberarm.
Das hier ist nicht der richtige Platz für uns beide. Er
war es nie.
Sie sah ihn an, ihre Augen wirkten in der Dunkelheit groß und
leuchtend wie die einer Katze.
Die Polarlichter tanzten vor dem Fenster und warfen ein
grünliches Leuchten ins Zimmer.
Glaubst Du denn, dass es einen besseren Ort gibt ?
Ihr Blick war so leer und kalt, dass er erschrak.
Ich möchte es glauben, antwortete er und zog seine
Hand zurück.
Sie schloss ihre Augen und er konnte eine weitere Träne sehen,
die grün glitzernd über ihre Wange lief während ihre dunklen
vollen Lippen bebten.
Sie war nicht so weit, das zu akzeptieren. Nicht jetzt mit diesem
ungeborenen Leben in ihr. Es war so sinnlos. Ihre Augen sahen
unverwandt durch die Dunkelheit hindurch.
Mein ganzes Leben habe ich daran geglaubt, dass uns nach
dem Tod etwas erwartet. Aber nun, da ich so kurz davor stehe,
gewinnt mein Verstand die Überhand. Er sagt mir, dass mit
unseren Gehirnen auch unsere Seelen verstummen. Dass damit alle
Erinnerungen, alle Träume, alle Gefühle sterben werden. Dass
nichts von uns übrig bleibt. Aber mit dieser Überzeugung werde
ich nicht sterben können. So werde ich nicht loslassen können.
Ihre Worte waren immer wackeliger geworden. Er hörte ein leises
unterdrücktes Schluchzen und sah, wie sie sich zur Seite drehte
und ihre Schultern von ihrem leisen Weinen geschüttelt wurden.
Sie biss sich auf die Lippen und versuchte, sich
zusammenzureißen.
Sie wollte nicht verzweifeln. Aber sie konnte nicht anders.
Da legte sich sein Arm um sie und sein warmer Körper schmiegte
sich von hinten an ihren. Zarte Küsse legten sich auf ihr Haar,
ihr Ohr, ihre Wange, ihre Schulter und sie schloss die Augen um
wieder zur Ruhe zu kommen.
Dein Verstand sagt Dir aber auch, dass es da draußen keine
außerirdische Macht geben kann, die uns vernichten will. Und
doch wird es passieren.
Sie nickte leise und merkte, wie es sie absurderweise
tatsächlich irgendwie beruhigte. Vielleicht war es aber auch nur
seine Stimme, die sie beruhigte. Sie hielt sich mit ihrer Hand an
seinem Arm fest und zog ihn fester um sich.
Ich wünschte, ich könnte daran glauben, dass wir uns
dort, wo wir hingehen, wieder sehen.
Er schwieg. Er selbst konnte es ja nicht glauben. Aber
andererseits: Woher war diese Indianerarmee mitten in der Wüste
gekommen ? Woher kam William ? Warum erschien er ihnen jedes Mal
ein wenig älter, wenn sie ihn sahen ? Wie konnte es sein, dass
Byers, Langley und Frohike ihnen immer wieder auf ihrer
gemeinsamen Flucht geholfen hatten ? Wenn es bloß Visionen
gewesen waren, die ihren eigenen Gehirnen entsprungen waren,
wieso hatten sie dann beide dieselben Visionen gehabt ?
Er rückte ein wenig von ihr weg und drehte sie auf seine Seite
zurück, damit er ihr wieder in ihre Augen sehen konnte. Sie
waren wie ein Fixpunkt seiner Seele. Sie sollten das letzte sein,
dass er sehen würde wenn es so weit war.
Dieses Mal legte er seine Hand auf ihre Wange, wischte die
letzten Tränen von ihrem Gesicht und streichelte sie.
Wir werden uns wieder sehen. Weil ich nicht zulassen werde,
dass man uns trennt. Und das sagt jemand, der sogar von den Toten
zurückgekehrt ist.
Er bemühte sich zu einem Lächeln und es wurde sogar von ihr
erwidert. Sie rückte näher an ihn heran, bis sie seinen Atem
auf ihrer Haut fühlte. Ihre Lippen öffneten sich lautlos.
Ich danke Dir. Für den Sinn, den du meinem Leben gegeben
hast. Für William.
Sie hielt inne, ein besonderer Glanz umspielte ihr Gesicht und
sie griff wieder nach seiner Hand um sie an ihr Gesicht zu legen.
Und für das Kind, das nie die Chance haben wird, die Welt
mit seinen eigenen Augen zu erblicken.
Er erstarrte.
Was ? versuchte er seine Überraschung zum Ausdruck
zu bringen und merkte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Sie
lächelte und schlug die Augen nieder.
Ich wollte eigentlich damit warten es Dir zu sagen.
Schweigen war nun alles, was ihm darauf noch einfiel. Keine Worte
der Welt konnten der Verzweiflung gerecht werden, die sie in sich
trugen, angesichts der Zukunft, die ihnen genommen worden war.
Sie konnten überhaupt nicht so viel weinen, wie es der Schmerz
in ihnen verlangt hätte.
Stattdessen sahen sie einander an, tauchten ab in der Seele des
anderen, suchten nach Geborgenheit, nach jenem Urvertrauen darin,
dass alles gut werden würde.
Sie suchten nach einem Gott. Doch alles, was sie fanden, war ihre
gegenseitige Liebe, an der sie sich festhalten konnten.
Ineinander verschlungen taten sie ihre letzten Atemzüge auf
dieser Welt, und ließen ihre Blicke ruhen auf dem zauberhaften
Lichtertanz des Sonnenwinds.
Es ist eine wunderschöne Welt, nicht wahr ? brach er
das Schweigen ein letztes Mal und sie nickte, ihre Fingerspitzen
kraulten seine Brust und sie schloss die Augen.
Es gab nur sie beide in diesem Moment, nichts anderes zählte.
Sie blendeten ihren Verstand aus und lebten nur in diesen wenigen
Sekunden. Sekunden, die, egal, ob die Welt nun unterging oder
nicht, für immer im unendlichen Verlauf des Universums einen
festen Platz hatten. Ihr Leben war Teil der Ewigkeit, nichts
konnte es auslöschen, es war eingewoben in den Teppich der Zeit.
Siehst Du das ? flüsterte sie in die Stille hinein
und fühlte, wie er nickte.
Sie beide sahen glühende Funken, die vom Himmel herabregneten.
Aus den Wäldern kam ein Leuchten auf sie zu, es erfüllte selbst
aus der Ferne den Raum mit Wärme.
Was ist das ? fragte sie ihn und fühlte einen
weiteren sanften Kuss auf ihrer Stirn. Beide zwinkerten mit den
Augen um besser erkennen zu können, was dort aus den schwarzen
Bäumen zu ihnen durch die Luft glitt, nur wenige Zentimeter
über dem Boden schwebend.
Mulder wusste, was es war. Doch er schwieg. Sie hätte ihm
ohnehin nicht geglaubt.
Aber es erfüllte ihn mit Ruhe, weil er wusste, dass sie nicht
allein waren, dass es tatsächlich eine Wahrheit gab, die er nun
vielleicht begreifen würde.
Es waren jene Geister, die sie in den letzten Jahren so oft
gesehen hatten, die sich nun zusammenschlossen und einen Kreis um
sie zu formen schienen, die bereit waren, für diese Welt zu
kämpfen.
Sie würden den Kampf auf dieser Welt verlieren. Aber nun wusste
er auch, dass es noch eine andere Welt gab.
Er sah den blauen Stern, der sich aufblähte.
Scullys Finger krallten sich in seiner Haut fest und sie sah zu
ihm auf.
Sie wollte nicht sehen, was dort auf sie zukam, weil sie es nicht
verstand. Aber dieser seltsame Frieden in seinen Augen griff auf
sie über und sie konnte loslassen. Sie dachte an ihre Mutter und
ihre Brüder und versuchte zu begreifen, dass ihnen in dieser
Nacht dasselbe Schicksal widerfahren würde wie ihr.
Ein lautes Dröhnen schwang sich erneut aus der Atmosphäre herab
wie ein Mantel, der die Welt umgab.
Sie presste sich an ihn und zog die Schultern schutzsuchend hoch.
Hören konnte er es nicht, aber er konnte es in ihrem Blick
sehen, dass es lauter war als je zuvor. Er hielt sie fest und
neigte seinen Kopf zu ihr herab um sie ein letztes Mal auf ihre
weichen Lippen zu küssen und ihren warmen wunderschönen Körper
an seinem so lange zu fühlen, bis das Leben daraus entwich. Er
wollte den Augenblick nicht verpassen, in dem ihre Seele diesen
Körper verließ, damit er ihr folgen konnte, wo immer sie
hinging.
Das Dröhnen wuchs an bis selbst Mulder es an der Vibration der
Luft fühlen konnte, die Fenster stoben auf und Kälte wurde
hereingeweht. Die Lichtgestalten waren nun so nah, dass es golden
in ihrem Zimmer leuchtete.
Sie wisperte ein leises letztes Ich liebe Dich in
sein Ohr, wie ein ewiges Versprechen und er hielt sie fest in
seinen Armen, als wären ihre Körper eins.
Die Erde unter ihnen begann zu vibrieren.
Die Nordlichter unterbrachen ihren Tanz und drehten sich in einem
gigantischen Strudel um jenes fremde blaue Licht über ihren
Köpfen.
Das Licht blitzte auf. Der Schnee schmolz. Und die Welt wurde
still aber endgültig heimgesucht von dem gleißenden Stern, der
anschwoll und den Himmel in tausend dunkle Fetzen zerriss, bevor
es auf der Erde für immer dunkel wurde. Die unzähligen Schreie
der Geister fuhren auf in die Luft und übertönten den Lärm der
Vernichtung bis die Welt verstummte.
Inmitten von Milliarden glühender Funken, die aus der
Atmosphäre über die zerstörte Finsternis herabregneten, sah
man zwei Lichter aufsteigen.
Umeinander tanzend und strahlend hell.
Auf dem Weg in eine fremde Welt, in der alle Seelen vereint
wurden.
In die freie Unendlichkeit.
* * * * * * * * * * * *
Ein Sonnenstrahl kitzelte sie wach und sie
öffnete die Augen. Sie schreckte hoch und starrte fassungslos
aus dem Fenster.
Vor ihr lag die Welt. Unverändert. In das ewige Weiß getaucht,
still und friedlich wie nie zuvor. Sie drehte sich hastig zur
Seite.
Dort lag Mulder. Als wäre er nie weg gewesen. Sie stöhnte leise
auf. Da begriff sie.
Es war nur ein Traum gewesen !
Erleichtert ließ sie sich zurück ins Bett fallen und drehte
sich zu ihm, um sich von hinten an ihn zu kuscheln. Ihre noch
immer zitternden Finger schoben sich eiskalt zwischen seinen Arm
und seinen Oberkörper und sie umschlang ihn und drückte ihn.
Unzählige winzige feuchte Küsse landeten auf seinem Nacken und
seiner Wange, bis er sich schließlich wecken ließ und zu ihr
umdrehte.
Als er sie sah, war es, als hätte er sie noch nie zuvor
angesehen. Ihre Augen leuchteten so hellblau, dass ihm fast kalt
wurde. Sie sah lebendig und frisch aus. Die letzten Monate hatten
ihr gut getan.
Doch gleichzeitig sah er eine glühende Beunruhigung darin
aufflackern. Sie wirkte ein wenig verschreckt oder gehetzt.
Wann bist Du zurück gekommen ? unterbrach sie seine
Gedanken.
Er legte sich auf seinen Rücken und räkelte sich. Irgendwann.
Ich weiß es nicht. Aber es war noch dunkel.
Er lächelte sie schweigend an und ignorierte das merkwürdige
Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Die letzten drei Tage
waren die schlimmsten seines Lebens gewesen. Aus vielen Gründen,
aber auch weil sie nicht bei ihm gewesen war und nun wollte er
einfach nur einen Moment diesen Alptraum hinter sich lassen, all
die Lügen, die sich so wenig von der Wahrheit trennen ließen,
dass er mittlerweile den Glauben daran verloren hatte, dass es
überhaupt eine Wahrheit gab. Er war einfach nur froh, wieder bei
ihr zu sein und so packte er sie und rollte sich halb auf sie, um
sie mit Küssen zu bedecken.
Doch sie hielt ihn auf. Zu tief saß ihr der Schreck, den der
Traum ihr eingejagt hatte, noch im Nacken.
Und hast Du etwas herausgefunden ?
Er ließ von ihr ab und legte sich wieder gemütlich hin. Seine
Augen wanderten ziellos an der Decke entlang, er kannte die
Maserung jedes einzelnen Holzbalkens dort oben mittlerweile
auswendig.
Er hatte vieles herausgefunden. Und doch nichts. Nichts, das
ihnen weiterhelfen würde. Es waren drei Jahre vergangen, aber so
wenig hatte sich seitdem verändert. So wenig und gleichzeitig
war ihre Welt auf den Kopf gestellt...
Sie arbeiten an einem neuen Impfstoff, begann er
nachdenklich zu erzählen.
Wie geht es John und Monica ? unterbrach sie ihn.
Er grinste. Ich glaub, zwischen den beiden läuft was.
Sie lächelte und knuffte ihn in die Seite. Doch ihr Lächeln
erstarb sofort und sie sah ihn ernst an. Und hast Du auch
was von
Deiner Mom gehört ? griff
er ihre nächste Frage auf. Ihre Augen flackerten zur Antwort
auf. Es geht ihr gut, sie hat John einen Brief für Dich
mitgegeben.
Sie schloss die Augen. Der Schmerz, so weit von ihrer Familie
entfernt zu sein, saß noch immer sehr tief. Doch jeder einzelne
Moment mit ihm kam dafür auf. Als sie ihre Augen wieder
öffnete, trafen sie direkt auf das hellgrüne Glitzern in seinen
Augen und sie zog sich fröstelnd die Decke über die Schultern
und rückte näher an ihn heran. Als sie merkte, dass er nicht
mehr von seinem Ausflug erzählen wollte, begann sie zu reden.
Ich hatte einen seltsamen Traum.
Zu ihrer Überraschung nickte er. Ich weiß.
Sie sah ihn irritiert an. Woher ?
Er lächelte und strich ihr mit dem Zeigefinger neckend über die
Wange. Du hast einen sehr unruhigen Schlaf, musst Du
wissen.
Ein wenig peinlich berührt wich sie seinem Blick aus. Aber der
Traum ließ sie dennoch nicht los. Er hatte zu viel von einer
düsteren Vorahnung gehabt.
Was hast Du über das Licht herausgefunden ?
Dass man es in Washington auch sehen kann, antwortete
er ihr trocken und sie sah mahnend zu ihm hoch. Das war jener
Scully-Blick, der ihm schon bei ihrer ersten Begegnung
aufgefallen war. Es war der Blick, der ihrem Gegenüber
unmissverständlich klarmachte, dass die Person, die ihn
aufsetzte, unter keinen Umständen zuließ, dass man sie auf den
Arm nahm.
Ich hoffe doch, das ist nicht alles, hakte sie
sarkastisch nach und er schwieg. Er schien nicht darüber reden
zu wollen und das machte sie wütend, weil sie die letzten Tage
fast krank vor Sorge gewesen war.
Er wusste mehr. Aber er hatte es in seinem Kopf noch nicht
geordnet. Er verstand die Bedeutung nicht, weil er tief in seinem
Inneren das Gefühl hatte, dass sie auf der falschen Fährte
waren.
Mulder ! Wenn Du etwas weißt, dann musst Du mir das sagen
!
Sie setzte sich energisch auf und sah ihn aus fast schon zornigen
Augen an.
Die Unruhe, die er direkt nach dem Aufwachen darin gesehen hatte,
flackerte wieder darin auf.
Sein Atem stockte. Doch er blieb ruhig. Wie immer, wenn sie
wütend wurde. Er sah sie direkt an und entschied sich, dass sie
ein Recht darauf hatte, es zu erfahren.
Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber dieses Dröhnen ist
offenbar eine Art der Kontaktaufnahme zu dir. Genauer gesagt, zu
etwas, das IN dir ist. Er sah hilflos an ihr herunter,
ließ seinen Blick auf ihrem Bauch ruhen und sah dann wieder in
ihre Augen, wo er zu seiner Überraschung feststellte, dass sie
erschrocken war und offensichtlich wusste, wovon er redete. Sie
holte tief Luft und legte den Kopf in den Nacken. Frierend raffte
sie die Decke zusammen und wickelte sich darin ein, als könne
sie sich dadurch vor irgendetwas schützen. Ihr Blick wich ihm
aus als sie nach Worten suchte.
Dana, bist du schwanger ? wagte er es endlich,
auszusprechen.
Die einzige Antwort, die sie zustande brachte, war ein betretenes
Nicken, als wäre es ein Schuldgeständnis.
Er schnappte nach Luft und fuhr sich mit der Hand durch sein
Haar. Seine grünen traurigen Augen starrten sie an, bis sie sich
endlich wieder traute, ihn auch anzusehen. In ihren Augen standen
Tränen und sie wusste nicht, warum. Dass sie überhaupt wach
geworden war an diesem Morgen, hatte sie schon so verstört, dass
sie nun überhaupt nicht wusste, ob sie überhaupt noch am Leben
war, ob das hier nicht auch wieder nur ein Traum war.
Vollkommen hilflos setzte er sich auf und griff nach ihr um sie
zu sich zu ziehen und zu umarmen. Sie wirkte so verletzlich. Und
er liebte sie so sehr. Aber sein Herz klopfte, denn er wusste
nicht, was er wirklich fühlte. Die Verwirrung in seinem Herzen,
seinem Verstand, saß so tief und hatte ein Ausmaß erreicht, das
es ihm unmöglich machte, klar zu denken.
Aber ihr schien es ähnlich zu gehen.
Sie erwiderte seine Umarmung nicht und sie wehrte sich auch
nicht. Sie ließ es einfach zu, weil sie nicht wusste, was sie
damit anfangen sollte. Und wie sie es in Einklang mit ihrem Traum
bringen sollte.
Als Mulder die Distanz zwischen ihnen spürte, weil jeder seinen
eigenen Gedanken nachging, löste er sich von ihr und stand
wortlos auf.
Er brauchte eine lange heiße Dusche. Scully blieb fröstelnd und
starr im Bett sitzen und sah verloren in die dunkelgrünen
Wälder hinaus, die vor wenigen Minuten in ihrem Traum noch von
gleißenden Blitzen vernichtet worden waren.
Die heißen Wassertropfen perlten an seinem
dampfenden Körper herab und er schloss die Augen. Seine Hand
legte sich flach an die kühlen Kacheln des Badzimmers und er
ließ das Wasser auf seinen Kopf prasseln. Müde schlossen sich
seine Augen und er konzentrierte sich auf das schwarze Nichts,
das sich sanft über seinen überreizten Geist legte.
Er hatte in den letzten Tagen zu viel gesehen, zu viel erfahren.
Unwissenheit erschien ihm nun wie ein Segen. Denn die Wahrheit,
die er kannte, nahm ihm nicht nur alle Hoffnungen sondern auch
noch die Kraft, weiter zu kämpfen.
Die Wahrheit war, dass es sich nicht mehr aufhalten ließ. Die
Regierungen arbeiteten längst mit denen zusammen, hatten ihre
eigenen Projekte, die Invasion aufzuhalten, beendet. Alle
Regierungsmitglieder, die jemals daran beteiligt gewesen waren,
einen Impfstoff zu entwickeln, waren liquidiert oder bestochen
worden. Niemand arbeitete nun noch an einem Gegenmittel.
Und er hatte Scully nur belogen, weil er die Wahrheit selbst
nicht ertragen konnte.
Sie waren unter ihnen. Sie hatten die Welt längst in ihrem
eisigen Griff. Ihr kaltes blaues Licht starrte wie seelenlose
nackte Augen vom Himmel. Jede Nacht, in jedem Winkel der Erde.
Er hatte die Toten gesehen. Und die Gesichter der Hybriden,
hinter deren Augen sich etwas verbarg, das nichts Menschliches
mehr in sich trug.
Bis dieses Licht am Himmel aufgetaucht war, hatte er daran
geglaubt, dass sie es geschafft hatten. Dass sie die Brücke zu
jener Zwischenwelt geschlagen hatten, aus der Rettung nahen
würde.
Er hatte den Versen der Bibel vertraut, in denen ihnen eine Welt
der Seelen verheißen worden war, die sie erlösen würde, wenn
es so weit war. Aber stattdessen fanden sie sich nun in einer
Welt wieder, in der den Menschen die Seelen geradezu
weggezüchtet wurden, bis alles, was die Menschheit ausgemacht
hatte, verschwunden sein würde.
Es würde sie zerstören. So wie alles zerstört werden würde,
das auf dieser Welt gut war.
Und durch dieses neue Leben in ihr waren sie erneut zu
Marionetten fremder Mächte geworden.
Nur dieses Mal wusste er, dass es nicht Feinde aus ihren eigenen
Reihen waren, die sie missbrauchten, dieses Mal war es jener
gesichtslose Eindringling aus der Tiefe des Alls, der Gott
spielte.
Dieser Feind missbrauchte Scullys tiefste Sehnsüchte, ihre
mütterliche Liebe, gegen die sie nicht ankommen würde und die
sie am Ende beide vernichten würde. Es machte ihm Angst. Weil er
wusste, dass er sie verlieren würde. So lange dieses Kind in
ihrem Körper heranwuchs, würde auch sie dieser fremden Macht
gehören. Denn er hatte den Kampf in ihren Augen gesehen, in den
Nächten, in denen das Dröhnen aus der Ferne in ihren Kopf
vorgedrungen war und sie gequält hatte. Es hatte gerade erst
begonnen und er hatte nicht mehr die Kraft, zuzusehen, wie sie
ihm entglitt.
Seine Hand formte sich zu einer Faust und er schlug dumpf gegen
die hellblauen Kacheln, bis seine weißen Knöchel sich rot
verfärbten und der Schmerz ihm die Sinne betäubte.
Unter normalen Umständen hätte er sich nichts sehnlicher
gewünscht, als ein Kind mit ihr zu bekommen.
Aber nicht in diesem Leben. In ihrem Leben wurden alle hohen
Güter der Menschheit, die Fähigkeit zu glauben, zu lieben, zu
forschen, sich zu vermehren, all das wurde pervertiert, ad
absurdum geführt und instrumentalisiert von jenen seelenlosen
Kreaturen.
Rasende Wut kochte in ihm hoch und er drehte das Wasser heißer,
weil er am ganzen Körper eine Gänsehaut hatte. Er biss sich auf
die Zähne, bis seine Kaumuskeln sich verkrampften und sich sein
Magen zusammenzog.
Der Wasserhahn wurde zugeschraubt und die Tropfen hämmerten auf
die Keramik ein während der Dampf von seinem Körper zur Decke
aufstieg und er zu frieren begann und in die Wirklichkeit
zurückgeholt wurde.
Glühend und feuerrot stieg er umgeben von Nebel und Dunst aus
der Dusche, rieb sich hastig mit seinen Handtuch ab und warf es
wütend auf den Boden.
Er stampfte ins Schlafzimmer zurück und zerrte sich etwas zum
Anziehen aus seinem Schrank.
Sein Blick war verdunkelt und er nahm vor Zorn seine Umgebung
überhaupt nicht wahr.
Er sah nur eins: Sie saß nicht mehr auf dem Bett. Sie war
verschwunden.
Scully hatte sich angezogen und war in der
unendlich erscheinenden Zeit, in der er unter der Dusche
gestanden hatte, nach draußen gegangen.
Die Kälte war milder als noch einen Monat zuvor. Und das Licht
war bereits heller. Und doch erschien es, als würde die Sonne
den ganzen Tag untergehen. Ihre Strahlen fielen immer parallel
auf die Erdoberfläche, es herrschte den ganzen Tag über ein
merkwürdiges Zwielicht, der Himmel war immer fahl und die Luft
war rau und kalt. Sie konnte es kaum erwarten, dass das Leben
zurückkehrte. Ihre Sinne sehnten sich nach Farben und nach
Düften. Nach dem leisen Zwitschern der Vögel und dem sanften
Rauschen des Windes, wenn er durch die sattgrünen Blätter an
den Bäumen blies. So wie es jetzt aussah, so erinnerte es sie
viel zu sehr an das, was in ihr vorging. An die kalte Leere.
Und sie war wütend. Aber sie wusste nicht, warum. Worauf. Auf
wen. Ihr Atem beschlug bläulich dampfend an der Luft und sie sah
zum wolkenverhangenen Himmel auf. Sie war der Sonne dankbar, dass
ihr Licht wenigstens tagsüber den Stern überstrahlte und der
Welt eine andere Farbe verlieh als das blasse Blau der Nächte.
Ihre Augen wurden geblendet vom weißen Himmel, aus dem sich bald
Neuschnee entleeren würde.
Sie hätte es niemals für möglich gehalten. Aber mittlerweile
hasste sie den Schnee. Weil er schön war. Weil er so zart und
fragil war. Und weil er direkt schmolz. Weil er einem die Wärme
stahl. Und weil er die Farben verschluckte, genau wie die
Geräusche.
Sie seufzte und rieb sich den Nacken, während sie sich in dem
alles umgebenden Weiß verlor, als würde sie ins Nichts
hineinfallen.
Die Welt war nicht untergegangen und doch hatte sie das Gefühl,
tot zu sein. Es erschien ihr geradezu absurd, dass in ihr Leben
aufzukeimen begonnen hatte, all den Umständen zum Trotz.
Sie hatte sich so sicher gefühlt, doch dieses Licht und der
Traum hatten ihr wieder ins Bewusstsein gerückt, warum sie
überhaupt hier waren. Und dass es erst dann vorbei sein würde,
wenn sie den Kampf verloren hatten und die Invasion beginnen
würde.
Und nun hatte das Licht begonnen, ihr diese Signale Nacht für
Nacht in den Kopf zu hämmern, doch sie konnte sie nicht
verstehen. Sie fühlte, dass es destruktive Signale waren. Aber
irgendwie passte das Klangmuster nicht zu dem beruhigenden
Pulsieren dieses Lichts, an das sich ihre Augen bereits so
gewöhnt hatten. Sie hatte das Gefühl, dass diese Töne aus
einer ganz anderen Welt stammten als der fremde Stern. Und sie
wusste, dass dieses Kind etwas Gutes sein musste. Weil sie es
bereits jetzt liebte. Und wie konnte sie etwas lieben, das dem
Bösen entsprungen war ?
Ihre Augen wirkten blass und stumpf und ihr Blick glitt über die
konturenlosen Weiten ihrer Abgeschiedenheit. Der Schnee knirschte
unter ihren Stiefeln als sie ein paar Meter auf den Wald zulief,
ihre Augen stets wachsam um sich blicken lassend.
Sie war am Ende ihrer Kräfte. Weil sie es nicht verstand.
Sie war Wissenschaftlerin. Und sie wusste, dass sie niemals die
Möglichkeit haben würden, einen objektiven, Erkenntnis
bringenden Einblick in die wahre Natur dieser Vorgänge zu
erhalten. Hier ging es nicht nur um irdische
Regierungsverwicklungen, hier ging es um die Frage nach dem
Ursprung des Lebens, nach dem Ende der Menschheit. Hier ging es
um Gott selbst.
Ein schwacher Lichtstrahl brach durch die weiße Wolkendecke
hindurch und ließ das Grün der Tannen satt und lebendig
aufleuchten. Ihr Blick senkte sich und fiel auf den Boden zu
ihren Füßen.
Sie bückte sich und nahm eine handvoll Schnee auf. Es lag so
viel Schönheit in dieser Welt verborgen, hinter so viel
Selbstverständlichkeit. Die zarten kleinen Kristalle formten den
schmutzigen Schnee, der wie eine plumpe Haube über alles
gestülpt war, das Formen besaß. Und in jeder der Pflanzen, die
davon bedeckt waren, tobte ein Sturm von Molekülen, die an
irgendeinem Punkt ihrer Selbstorganisation zu Leben wurden, als
hätte eine unsichtbare Macht ihnen dieses Leben eingehaucht. Um
genau jene unsichtbare Macht ging es bei ihrer Suche. Und darum,
was sie mit ihnen vorhatte. Sie hatte das tiefe Vertrauen in sich
getragen, dass eine Macht, die ihnen das Leben einst geschenkt
hatte, es niemals zerstören oder ausbeuten würde. Aber ihr
Traum ließ sie nun ernsthaft daran zweifeln und verzweifeln.
Es gibt nicht nur einen vernahmen ihre Ohren
plötzlich eine Stimme. Die einzige menschliche Stimme, die sie
seit Weihnachten gehört hatte.
Sie drehte sich erschrocken um. In seinem Blick konnte sie sehen,
dass er sich wieder gefasst hatte und sie war erleichtert, denn
sie brauchte ihn jetzt. Sie konnten keine Distanz zwischen sich
gebrauchen, weil sie alles waren, was sie hatten. Sie klopfte den
Schnee aus ihren Handschuhen und bemühte sich zu einem milden
Lächeln. Als er an ihrer Seite stehenblieb, sahen sie beide in
den weißen Himmel hinauf, aus dem die ersten Flocken
herabrieselten.
Was meinst Du damit ? reagierte sie auf seine
geheimnisvolle Ansage.
Er legte seine Hand sacht zwischen ihre Schulterblätter, froh,
sie hier draußen gefunden zu haben. Komm rein, es ist viel
zu kalt hier draußen.
Damit drehte er sie zu sich und sie gingen zurück ins Haus.
Als die Tür hinter ihnen zugefallen war,
stampfte sie den Schnee aus ihren Stiefeln und legte ihren Mantel
noch immer frierend und mit roten Wangen ab. Ihr Gesicht fühlte
sich ganz steif gefroren an so dass ihre Haut in der trockenen
Kaminluft des Wohnzimmers spannte und prickelte.
Er nickte zum Fenster Ohne eine weitere Minute zu verlieren
schoss er los.
Dieses Licht, es gibt ein ganzes Netz davon, das den
gesamten Globus umspannt. Aber nur hier kann man es so klar und
deutlich sehen, in den Städten verblasst es. Es schein irgendwie
eine Art Satellitennetz zu sein.
Scully runzelte die Stirn und verschränkte die Arme vor der
Brust. Ein Satellitennetz ? Und was für einen Zweck soll
das erfüllen ?
Offiziell oder tatsächlich ? fragte er mit einem
zynischen Unterton.
Sie atmete angestrengt aus und fuhr sich mit der Zunge über die
kühlen, trockenen Lippen. Es irritierte sie, dass sie nicht
über das Baby sprachen. Aber dieses Licht gehörte auch zu den
Fragen, die sich ihr angesichts dieses Kindes aufdrängten. Mit
einem dunklen Blick gab sie ihm zu verstehen, dass er genau
wusste, welche Antwort sie von ihm wollte.
Er ließ sich auf den dunkelroten Sessel vor dem Kamin fallen, in
dem fast den ganzen Tag immer ein Feuer knisterte, weil es sonst
in dem kleinen Haus nie warm werden würde, und sah zu ihr auf.
Offiziell ist das ein Satellitensystem für die Erforschung
des Weltalls. Angeblich ist es eine internationale Kooperation,
das zusammen mit der ISS Daten und Bildmaterial empfängt und
auswertet und neue Erkenntnisse über die Entstehung des Weltalls
liefern soll. Blablabla. Er klang müde und aggressiv.
Seine Augen funkelten vor Enttäuschung und Wut während er
unruhig mit seinem Bein wippte.
Sie seufzte und setzte sich auf das Sofa ihm gegenüber.
Angespannt stützte sie den Kopf in die Hand.
Und inoffiziell ?
Er zuckte mit den Schultern. Inoffiziell ist es ein
Überwachungssystem. Das nächste Level in diesem netten kleinen
Spielchen, das die mit uns treiben. Das Licht ist nicht einmal
objektivierbar, kein Photosensor kann es messen, es hat keine
materielle Grundlage und scheint aus dem Nichts generiert zu
werden. Und es scheint auch aus dem Nichts diese akustischen
Steuerungssignale auszusenden.
Scully gefiel sein Tonfall nicht. Sie fühlte sich bedroht und
angegriffen, sein Zorn hatte sich nicht im Geringsten gelegt. All
das, was er von sich gab, klang verrückt.
Und er war so distanziert. So emotionslos. Als wüsste er
überhaupt nicht mit wem er redete. Als hätte er vergessen, dass
sie sie war und er ihr vertrauen konnte.
In solchen Situationen konnte man nicht mit ihm reden.
Und doch machte sie den Fehler und tat es. Sie sah ihn ruhig an
und versuchte, seine Seele zu erreichen.
Mulder, was ist mit Dir ? Was macht Dich so wütend ?
Ihre Stimme klang fast fürsorglich, liebevoll.
Er stand ruckartig auf und wendete sich von ihr ab. Was ihn so
wütend machte ? Er hatte gar nicht die Worte für all das, was
ihn wütend machte. Er hatte lediglich eine Antwort darauf, wie
er sich wehren wollte, gegen das, was die mit ihnen vorhatten.
Du musst dieses Kind abtreiben.
Seine Worte schossen durch die Luft und trafen sie wie Schläge.
Ihre Bauchmuskeln zogen sich reflexartig zusammen und sie sprang
auf.
Was ? kam es ihr nun ebenso zornig und mit bebender
Stimme über die Lippen.
Er drehte sich nicht um. Er wusste, was er ihr damit angetan
hatte. Aber er konnte nicht zulassen, dass dieses Kind sie
zerstörte. Dass es von diesem Licht kontrolliert wurde, dass es
ihre Sicherheit gefährdete. Wie sollten sie sich denn schützen
? Niemals würde er damit zurechtkommen, wenn ihr etwas zustieß.
Oder wenn er sie verlieren würde. Irgendeine Stimme in seinem
Inneren flüsterte ihm jedoch die Wahrheit ein: dass er sie mit
dieser Entscheidung, die er getroffen hatte, erst recht verlieren
konnte. Aber er blieb stur und versenkte die Fäuste in seinen
Hosentaschen. Was sollte er denn sonst tun ?
Sein Blick starrte funkelnd in die Flammen im Kamin und die
trockene heiße Luft brannte in seinen Augen, die zu tränen
begannen.
Mulder, das kannst Du unmöglich ernst meinen !
versuchte sie sich selbst zu beruhigen.
Sie ging von hinten auf ihn zu, streckte ihre Hand zögerlich
aus, als wäre er ein wildes Tier, und legte sie ihm schließlich
fest auf die Schulter.
Er schwieg.
Was weißt Du ? fragte sie ängstlich und mit einem
flehenden Unterton, denn wenn er wirklich von ihr wollte, dass
sie dieses Kind, ein Zeugnis ihrer gegenseitigen Liebe, tötete,
dann wusste sie, dass er einen Grund dafür haben musste.
Doch er drehte sich nicht zu ihr. Unter ihrer Berührung blieb er
steif und starr stehen und schloss die brennenden Augen vor den
lodernden Flammen. Schließlich schüttelte er sacht den Kopf. Er
wusste, sie würde ihm nicht glauben. Weil er keine Beweise
hatte. Resigniert antwortete er ihr. Ich weiß gar nichts.
Er wartete einen Moment, doch sie antwortete nicht darauf. In
White Horse ist ein guter Arzt. Und je früher wir es machen
lassen, desto besser ist es. Für alle.
Ihre Hand fiel von seiner Schulter wie Blei.
Wir ? Sie schluckte ihre Wut herunter und schüttelte
den Kopf, als sie merkte, wie ihr heiß wurde. Ihre Stimme klang
messerscharf und ihre Augen bohrten sich in einem kalten eisigen
Blau in seinen Hinterkopf.
Verdammt, Mulder, sieh mich gefälligst an !
Sie packte seinen Arm und wirbelte ihn herum. Seine traurigen
Augen blickten teilnahmslos in ihr Gesicht als sie mit bebender
Stimme fortfuhr.
Das hat nichts mit uns zu tun. Das ist allein meine
Entscheidung. Und es ist mein Körper. Ich war es, die William
alleine neun Monate in sich wachsen fühlte, ich war es, die ihn
gestillt hat, die sich um ihn gesorgt hat. Ich musste ihn
weggegeben. Und ich werde jetzt nicht zulassen, dass man mir noch
einmal mein Kind raubt.
Sie konnte sich nicht einmal gegen diese Worte wehren. Es war der
reine Mutterinstinkt, der sich in ihr durchsetzte. Und ein
stummer Vorwurf gegen ihn, dass er sie mit alldem alleine
gelassen hatte, während er da draußen nach Antworten gesucht
hatte, die sie hierhin ans Ende der Welt und an das Ende ihrer
Kräfte gebracht hatten.
Sie starrte noch einen Moment in seine Augen und suchte nach ihm.
Doch als er ihren Blick weder erwiderte, noch irgendeine andere
Reaktion zeigte, sondern nur stumm zur Seite sah, wusste sie,
dass alles gesagt war.
Enttäuscht ließ sie ihren Blick von ihm abschweifen,
Verzweiflung machte sich in ihr breit. Und Verachtung. Ein
Gefühl, das sie erschreckte und verletzte, weil sie es nicht
empfinden wollte. Nicht für ihn.
Er drehte sich langsam wieder von ihr weg und sie biss die Zähne
zusammen um nichts zu sagen, das sie später bereuen würde.
Sie waren allein. Jeder mit sich und seiner Entscheidung.
Sie kämpfte so lange, bis sie die Tränen in ihren Augen
zurückgedrängt hatte und raffte schließlich ihre Klamotten
zusammen um wortlos aus dem Haus zu gehen.
Die Tür fiel laut knallend hinter ihr ins Schloss und der Jeep
heulte protestierend auf, als sie sich durch den gerade
gefallenen Neuschnee davonmachte.
Als das Rauschen des Autos verstummt war, stand er noch immer
regungslos vor dem Kamin. Tränen liefen ihm über die Wangen.
Die ganze Anspannung und der Zorn fielen von ihm ab und er warf
sich mit dem Rücken gegen die steinerne Wand neben dem Kamin.
Heiße Tränen liefen nun ungebremst aus seinen Augen heraus und
er sank an der Wand entlang zu Boden, wo er den Kopf in die
Hände stützte und in der Dunkelheit seiner haltlosen Seele
versank.
Er wusste keinen Ausweg mehr, zu tief hatten ihn die Bilder auf
seiner kurzen Reise zurück in die Wirklichkeit in seinem Inneren
erschüttert.
Er hatte das Gefühl, sie hätten verloren.
Sechs Stunden später
Der Abend kündigte sich bereits wieder an. Die Sonne leuchtete
rotgolden wie eine dimensionslose Scheibe an dem grauen
wässrigen Himmel. Der Schnee glitzerte und glühte wie Feuer und
doch war er eisig kalt und hart gefroren.
Scully war müde. Sie hatte den Gynäkologen in White Horse
aufgesucht. Jedoch nicht um sich für eine Abtreibung anzumelden,
sondern um sich Gewissheit zu verschaffen.
Auf dem Ultraschallbild war es nur ein winziger heller Punkt. Wie
eine zu groß geratene Schneeflocke.
Sie bog mit dem Wagen um die Ecke und konnte in der anbrechenden
Dunkelheit das kleine Haus erkennen, in dem nur das schummrige
Licht des Kamins nach außen drang. Um ihr Herz hatte sich ein
kalter harter Ring gespannt, der mit jedem Schlag schmerzte. Sie
fühlte sich verlassen. Weil er nicht mit ihr bei dem Arzt
gewesen war. Weil sie einander noch nie so fern gewesen waren wie
heute.
Als wäre die Welt tatsächlich untergegangen.
Als Mulder die Scheinwerfer sah, atmete er auf. Er hatte die
ganze Zeit dort auf dem Boden an die Wand gelehnt gesessen. Die
Minuten war so schnell vergangen und doch war es ihm wie eine
Ewigkeit vorgekommen, seit sie gegangen war.
Den Blick in ihren Augen würde er niemals vergessen können, er
würde für immer einen Schatten über seine Seele werfen. Die
Verachtung, die er in ihrem Gesicht gesehen hatte, hatte ihn
gelähmt und getroffen. Und ihre Stimme hatte noch nie so wütend
geklungen, und enttäuscht. Noch nie war sie so aufgebracht
gewesen, seinetwegen.
Aber er wusste sich auch jetzt keinen anderen Ausweg.
Er war ein Mann. Es lag in seiner Natur, andere zu beschützen.
Die Dinge zu kontrollieren. Aber es war ihm alles entglitten.
Selbst sein Vertrauen. Und sein Glaube an eine Wahrheit.
Die Welt, in die er für einige Tage zurückgekehrt war, war ihm
so fremd gewesen. Er passte dort überhaupt nicht mehr hinein. Zu
lange lebten er und Scully schon auf der Flucht, ungebunden, frei
und doch gefangen. Sie hatten den Bezug zur Realität verloren
und es war leicht gewesen, dieser romantischen Vorstellung zu
verfallen, dass sie beide irgendwie den Lauf der Welt anhalten
konnten. Aber nun wollte er diese Welt nicht mehr retten.
Diese Welt war ein Ort, an dem nichts gutes war, nichts, für
dass es sich zu kämpfen lohnte. Nichts, das sie retten würde,
weil niemand gerettet werden wollte. Wenn Menschen es waren, die
einander das antun konnten, was er gesehen hatte, dann wusste er
nicht mehr, auf wessen Seite er stehen wollte.
Vielleicht musste es ja so sein. Vielleicht war es so vorgesehen.
Womöglich war das tatsächlich die einzige Chance, zu
überleben: dem Feind in Grausamkeit in nichts nachzustehen.
Aber dann wollte er nicht Teil davon sein. Weil das, was nun
geschah, allem widersprach, für das er gelebt hatte.
Er biss sich auf die Lippen und stieß seinen Hinterkopf gegen
die Wand, als könne er so die Gedanken in seinem Kopf stoppen.
Er konnte an eine Welt wie diese nicht mehr glauben. Er hatte
tote Körper in diesen Labors gesehen, zu denen John ihn geführt
hatte. Über deren Augen hatte ein schwarzer Schleier gelegen wie
der Tod ihrer Seelen. Und er hatte willenlose junge Männer
gesehen, ohne Feuer, ohne Leben, gezüchtet und geschaffen, die
wie Laborratten noch nie das Tageslicht gesehen hatten. Es war so
surreal gewesen, als wäre es direkt einem Alptraum entsprungen.
Oder einer schwarz-weißen Erinnerung aus dem Holocaust. Doch es
war Realität. Lieber wäre ihm, er wäre verrückt geworden und
sein Verstand spielte ihm einen Streich, doch so war es nicht.
Die Städte war ihm so grau erschienen, die Gesichter so leer. Er
konnte nicht ertragen, dass all das geschah, ohne dass die
Menschen davon wussten. Ohne dass sie die Chance erhielten, sich
dagegen zu wehren.
Er grub sich in seiner Dunkelheit ein und wünschte sich, er
könne alles, was ihm etwas bedeutete, von sich stoßen. Denn
wenn er nichts zu verlieren hatte würde er unverwundbar sein.
Aber es würde ihm auch seine Seele nehmen.
Da zerriss das grelle Licht des Autos den finsteren Schleier und
er stand auf. Seine Beine und sein Rücken schmerzten und er
zitterte am ganzen Körper als die Türe sich öffnete.
Sie stutzte, als sie hereinkam, weil er ihr direkt am anderen
Ende des Raumes gegenüber stand und sie schuldbewusst und
sprachlos anstarrte.
Doch ihr Blick traf ihn nur flüchtig und sie ging sofort in ihr
Schlafzimmer, wo sie die Tür schloss und sich von innen dagegen
lehnte. Als sie einige Male tief durchgeatmet hatte, war die
nervöse Unruhe in ihr verschwunden und einer merkwürdigen Leere
gewichen.
Sie hatten sich noch nie entzweit. Nicht so. Und es schmerzte sie
in der Tiefe ihres Herzens, wie Gift, das durch ihren Körper
strömte.
Sie schälte sich aus den Winterklamotten und setzte sich auf die
Bettkante, wo sie gedanken- und gefühllos aus dem Fenster sah,
in die Flammen, die vor ihrem inneren Auge diesen Traum von
vergangener Nacht immer und immer wieder aufleben ließen. Sie
wollte nicht, dass dieser Traum wahr werden würde. Sie war
bereit, dafür zu kämpfen. Und dieses Kind zu bekommen war ihre
Art, diesen Kampf zu beginnen.
Doch wie konnte sie diesen Kampf alleine austragen ? Eine
verzweifelte Träne stieg in ihren dunklen blauen Augen auf und
sie versuchte sie zurückzuhalten indem sie auf ihre Finger
starrte, die die Konturen des Ultraschallbildes umfuhren.
Sie merkte nicht, dass Mulder draußen vor ihrer Tür stand.
Er hatte den Kopf gegen das kühle dunkle Holz gelehnt und legte
seine Finger zart auf den schimmernden Türknauf.
Es war ihm unmöglich, sich von ihr zu entfernen, es zerriss ihn
innerlich, wenn sie ihm aus dem Weg ging.
Aber er hasste dieses Kind. Weil es Teil dieser Welt war, weil es
ein Keim für das Böse war, das sich über diesen Planeten
ausbreitete wie ein Virus. Weil es für alles stand, was ihn
wütend machte. Für all die unbeantworteten Fragen und für die
verzweifelte Hilflosigkeit, sie nicht beschützen zu können,
wenn etwas geschah. Sie gehörte ihm nicht. Sie konnte ihm
jederzeit entrissen werden. Genau wie sein eigenes Leben, das ihm
auch nicht gehörte. Und nun gehörten ihnen nicht einmal mehr
ihre Körper.
Was würde ihnen als nächstes genommen werden ?
Endlich drehte er den metallenen Türknauf
um und ging zu ihr ins Zimmer.
Sie sah nur kurz zu ihm auf. Denn sie wusste nicht, was sie sagen
sollte. Sie wusste nicht, was er erwartete. Also zog sie es vor,
zu schweigen und seinem Blick auszuweichen.
Ihm ging es ähnlich. Er blieb in der Mitte des Raums stehen und
starrte sie aus dunklen geröteten Augen an. Sie konnte nicht
sehen, dass er geweint hatte, denn der Himmel war mittlerweile
wieder von der Unendlichkeit des Weltalls verschluckt worden und
außer dem Weiß des Schnees drang noch kein Licht herein. Es war
eine mondlose Nacht.
Als das Schweigen sie beide zu erdrücken begann, öffneten sich
ihre Lippen und ihre Stimme drang ruhig aber bestimmt zu ihm vor.
Es ist für den 21.September errechnet.
Mulder nickte und ging einen Schritt auf sie zu. Sie wich seinem
Blick immer wieder aus. So machte sie es ihm unmöglich, sich ihr
zu nähern und einen Zugang zu ihr zu bekommen.
Schließlich setzte er sich vor ihr auf den Boden und legte seine
Hand auf ihr Knie. Sie stieß sie nicht weg. Stattdessen legte
sie ihre Hand vorsichtig auf seine und sah ihn endlich wieder an.
Ihre Augen glänzten genau wie seine und als er die Traurigkeit
darin sah, hatte er das Gefühl, es würde alles von ihm fallen
und er verbarg stumm seinen Kopf in ihrem Schoß, damit sie die
Tränen nicht sah, die ihm nun über das Gesicht strömten,
während eine Welle von Wut und Verzweiflung über ihn
hereinstürzte.
Ihre Welt brach zusammen als sie sah, wie er vor ihr den Halt
verlor. Der Mann, der ihr so viel Kraft und Hoffnung gab und
geben musste, der so stark war und so überzeugt, von allem, was
er tat, schien vollkommen verblasst und ausgelöscht zu sein.
Wer hatte dieses Feuer in ihm zerstört ? Wer hatte seinen Willen
so gebrochen ? Was war ihm in diesen wenigen Tagen seiner Reise
widerfahren, dass er seinen Glauben verloren hatte ?
Sie merkte über all diese Gedanken nicht, wie ihr selbst der
Kummer die Wangen mit einem feuchten Film benetzte, wie das Salz
auf ihren Lippen brannte und wie ihre Seele sich vor Schmerz in
ihrem Inneren wand.
Ihre Hände hielten seinen Kopf wie betäubt und ohne Regung in
ihrem Schoß fest und sie beugte sich über ihn und legte ihren
Kopf auf seinen. Ihre Tränen vereinten sich und seine Hände
suchten nach ihrem Körper, um sich daran festzuhalten.
Ihre Stärke kostete sie beide so viel Kraft. Dem anderen nie
etwas von den eigenen Zweifeln zu zeigen zehrte sie aus und
zerfraß sie von innen. Doch nun fiel es in sich zusammen und sie
stürzten gemeinsam in die Tiefe.
Sie hielten sich aneinander fest und ließen all den Schmerz zu,
während draußen das blaue Licht wieder in Erscheinung trat und
die Landschaft in ein gespenstisches fahles Schimmern tauchte.
Keiner von beiden ließ ein Schluchzen zu, und keiner erlaubte
sich mehr Schwäche als der andere zeigte. Und doch befreite es
sie, weil sie ehrlich waren, weil sie sich nichts vormachten. Sie
waren am Ende ihres Weges angekommen, weil ihnen alle Hoffnungen
entglitten waren.
Mulder umschlang sie und sie rutschte auf den Boden neben ihn, wo
sie nur in ihrer gegenseitigen Umarmung Halt fanden und die
Stille ihres gemeinsamen Kummers auf sich wirken ließen. Dieser
Moment ihres Lebens war nur erfüllt von der Nähe des anderen,
es gab nichts sonst. Es fühlte sich an, als würde die Welt
stehenbleiben und auf sie warten, damit sie sich wiederfinden
konnten.
Scullys Augen öffneten sich und sie sah aus dem Fenster. Seine
warmen Hände strichen beruhigend und zugleich hilflos über
ihren Rücken und ihr ganzer Körper zitterte von der
Verzweiflung, die über sie gekommen war.
Es leerte sie vollkommen aus bis nichts mehr in ihr schmerzte.
Zurück blieb nur ein hohles schwarzes Gefühl von Taubheit.
Ausdruckslos verfolgten ihre klaren hellen Augen die Nordlichter,
ohne eine innere Regung in ihr auszulösen. Ohne Gefühl und ohne
Gedanken.
Als würde die Zeit stehen bleiben, driftete sie plötzlich davon
und sah vor ihrem Fenster im Schnee jemanden, dessen Gesicht sie
seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen hatte.
Sie unterdrückte einen erschrockenen Laut, als sie erkannte,
dass es das Gesicht ihres Vaters war. Er schien mit ihr reden zu
wollen, doch sie konnte die Worte, die aus seinem Mund kamen,
nicht hören. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf und
ihr wurde kalt. Ihre Augen versuchten in denen ihres Vaters ein
Zeichen zu sehen, irgendetwas, das ihr sagte, warum er sie
besuchte in einer der dunkelsten Stunden ihres Lebens.
Doch er wandte seinen Blick von ihr ab und richtete ihn nach
oben, zu dem leisen Stern. Fast konnte sie eine warme Brise auf
ihrer Haut fühlen, die sie streichelte und umhüllte wie eine
Schutzschicht. Ihr Herz gebar ein goldenes Glühen, das sie
erfüllte und durchflutete wie ein hoffnungsvolles Licht.
Mulder ? hob sie ihren Kopf an und löste sich aus
ihrer gegenseitigen Umarmung. Statt ihn anzusehen, hatte sie
jedoch ihren Blick nach draußen gerichtet, wo die Silhouette
ihres Vaters sich in unzählige schwarze Fäden auflöste, die
wie Insekten in die Luft aufstiegen und dem Licht entgegenflogen.
Lautlos, als wäre nichts geschehen.
Mulder drehte sich zum Fenster um. Dort konnte er nichts sehen,
außer der Dunkelheit und dem Schimmern des Schnees.
Ihre Stimme klang als käme sie aus einer anderen Welt und sie
wirkte plötzlich so ruhig.
Was lässt Dich so sicher sein, dass dieses Licht bösen
Ursprungs ist ?
Er legte die Stirn in Falten und wollte ihr eine Antwort geben,
als er begriff, dass das keine Frage von ihr war. Sie hatte etwas
da draußen gesehen, dass ihr die Gewissheit zu geben schien,
dass sie sich geirrt hatten. Mit einem Nicken zeigte er ihr, dass
er verstand und sie sahen sich schweigend an.
Es lag so viel Ungesagtes zwischen ihnen in der Luft.
Aber alle Tränen waren vergossen und nun saßen sie voreinander,
ausgebrannt und noch immer vergiftet von den Worten, die sie so
sehr verletzt hatten.
Er hatte bereits so vieles zerstört. Sie hatten alles verloren.
Weil er nicht aufhören konnte nach dieser einen Wahrheit zu
suchen. Nach einer Wahrheit, die die Liebe negierte. Vielleicht
war es Zeit, dass er losließ.
In dem Blick, mit dem er sie ansah, lag die Entschuldigung, die
er überhaupt nicht in Worte fassen konnte, weil ihm das, was er
ihr angetan hatte, nun selbst unendlich wehtat.
Fragend sah er ihr in die Augen, die ihm offenbar längst
verziehen hatten. Sie lehnte sich sanft nach vorn und legte ihren
Kopf an seine Schulter, um noch einen Moment zur Ruhe zu kommen.
Als er seinen Arm um sie legte, spürte sie, wie viel Sehnsucht
in ihm steckte. Sanft strich ihre Hand über sein Brustbein und
dankbar fühlte sie jeden seiner Atemzüge. Er lebte. Das war
fast alles, was sie wollte.
Seine Finger wischten die feuchten Tränen von ihren Wangen, die
schon ganz kühl geworden waren. Ihr Körper war so ausgezehrt
und doch wirkte sie so lebendig, weil neues Leben in ihr
entstanden war.
Dieses Kind existierte nur, weil er sie liebte. Es umzubringen
würde ihnen vielleicht Sicherheit geben, aber es würde auch
einen Teil von ihnen beiden vernichten. Und etwas von der Liebe,
die sie füreinander empfanden.
Sie hatten keine Wahl. Ihr Leben war in eine neue Bahn gelenkt
worden, deren Verlauf sie nicht kannten.
Sie krallte ihre Finger in seine Schultern und schloss die Augen.
Sie verspürte so viel Kraft und Leidenschaft und wusste nicht,
was sie damit tun sollte, hier im Nirgendwo. Die Energie in ihr
überschlug sich und schaukelte sich in ihr hoch, dass sie fast
das Gefühl hatte, überzuschäumen. Dieses Kind war ein Zeichen.
Ein Zeichen ihrer Seele, dass sie noch Kraft in sich trug. Dass
sie Kampfgeist hatte, dass sie gewinnen wollte.
Wir müssen weg von hier , entschied sie schließlich
mit leiser aber einer klaren Entschlossenheit in ihrer Stimme und
ließ von ihm ab.
Er sah sie überrascht an. Offenbar hatte sie all ihre
Entscheidungen bereits getroffen. Aber er kannte sie, er wusste,
sie würde keinen Widerspruch dulden. Und sie hatte Recht damit,
denn es ging um ihr Leben, um ihren Körper und in erster Linie
um ihr Baby. So lange es nicht geboren war, konnte er nur zusehen
wie es wuchs und es war seine Aufgabe an ihrer Seite zu sein.
Dennoch war das hier der einzige Ort, an dem sie bisher sicher
gewesen waren. Warum wollte sie das riskieren ?
Sie sah die Zweifel in seinen Augen und legte ihre Hand auf
seine. Mulder, wir können nicht hierbleiben und uns
verstecken. Es gibt eine Zukunft für uns. Das weiß ich."
Irritiert sah er sie an, leise keimte erneute Wut in ihm auf.
Wie kannst Du Dir da so sicher sein ? Wie kannst Du Dir
sicher sein, dass Du die Zukunft willst, die dort draußen auf
uns wartet ?
Ihre Antwort bestand aus einem entsetzten Funkeln in ihren Augen.
Die Resignation, die er in seinem Herzen trug, raubte ihr den
Verstand. Sie konnte nicht ertragen, dass er bereit war, alles,
was sie beide geopfert hatten, durch seine Resignation zu
entwerten.
Egal, was er wusste, egal, was er gesehen hatte, dieser Mensch
vor ihr war nicht der Mann, den sie liebte. Sie legte ihren Kopf
schief und versuchte zu verstehen, was in ihm vorging. Aber sie
konnte es nicht. Sie verstand ihn nicht, sie spürte nur, wie
ihre Enttäuschung sich in eine beklemmende Erkenntnis
verwandelte.
Ihre Unterlippe bebte als sie ihre Stimme wieder erhob. Verstehst
Du denn nicht ? Wenn Du diese Hoffnungen nicht mit mir teilen
kannst, dann kann ich meinen Weg nicht mit Dir fortsetzen.
Er glaubte, sein Herz würde zerreißen, als
der diese Worte verinnerlicht hatte und starrte entgeistert zu
ihr. Wie konnte sie ihm gegenüber eine Drohung wie diese
aussprechen ? Wie konnte sie überhaupt so einen Gedanken in
Erwägung ziehen ?
Seine Hände verkrampften sich und er biss die Zähne knirschend
zusammen, als er verstand, dass er im Begriff war, alles aufs
Spiel zu setzen, was er noch hatte. Finster starrten seine
dunkelgrünen Augen sie sprachlos an und er merkte, wie er in
sich erneut zusammen zu fallen drohte. Er schloss die Augen, und
dennoch erschienen die toten Gesichter von unzähligen
menschlichen Versuchsopfern vor ihm. Er erschrak vor seiner
eigenen Stimme, die laut und hilfesuchend durch den Raum fuhr.
Ich möchte hoffen können, Dana. Aber ich kann es nicht
mehr. Nicht nachdem, was ich gesehen habe.
Sie griff nach seinem Arm und sah ihn mit einem dringlichen Blick
in ihren Augen an. Aber ohne Dich kann ich es auch nicht.
Sie flehte ihn an, als sie seinen Kopf in ihre Hände nahm, damit
er sie ansah. Mulder, ich brauche Dich jetzt.
Er nickte erschöpft.
In ihrem Blick lag eine unzähmbare Kraft. Sie würde ihn
mitreißen, er wusste, er konnte überhaupt nicht aufgeben. Weil
sie es niemals zulassen würde. Weil sie ihn niemals loslassen
würde.
Vielleicht gab es noch einen Weg für sie. Vielleicht würden sie
eine Möglichkeit finden, auch in dieser neuen Welt, die nun zu
entstehen begonnen hatte, einen Platz zu finden. Einen Platz für
Hoffnungen und eine Zukunft, in die sie auch ein Kind entlassen
konnten.
Und vielleicht musste er diesem Kind tatsächlich eine Chance
geben. Weil es noch eine hatte, so lange er bereit war, es zu
lieben.
Scully hatte ihm immer beigebracht, nach Beweisen zu suchen. Nach
Fakten. Und bisher hatte er noch keinen Beweis dafür, dass
dieses Kind außerirdischer Natur war. Bis jetzt war es einfach
nur ein Lebewesen, das aus zwei Zellen entstanden war. Aus zwei
Zellen und aus ihrer gemeinsamen Liebe. Allein dadurch
unterschied sich dieses Kind bereits jetzt von all den Kreaturen,
die man in den Labors überall auf der Welt zu züchten versuchte
um die Welt damit zu bevölkern. Vielleicht war genau das der
Versuch der Natur, zu gewinnen.
Er sah ihr in ihre türkisfarbenen Augen, in die er sich jeden
Morgen aufs Neue verlieben würde, so lange sie nebeneinander
aufwachen würden. In diesen Sekunden verstand er, dass es noch
Hoffnung für sie gab.
Ich hoffe, Darwin hatte Recht, beendete er seine
Gedanken laut.
Sie runzelte die Stirn. Doch sie hatte aufgehört, das, was er
sagte, in Frage zu stellen.
Weil sie nun selbst gelernt hatte, die Realität als etwas
Relatives zu sehen. So wie Einstein sie gelehrt hatte, die
Raumzeit zu betrachten.
Stattdessen löste sich ihr zweifelnder Blick in Schmunzeln auf.
Nun erschien sie ihn endlich wieder zu erkennen. Und sie war sich
sicher, dass es keinen besseren Zeitpunkt für dieses Baby hätte
geben können.
Es war, als könne sie nun all ihre neuen Hoffnungen auf dieses
neue Leben projizieren. Und vielleicht würde es auch ihm helfen,
zurück zu finden. Zu sich. Zu ihr. Und zu seinem Leben und zu
dem Sinn darin.
Du bist ein ziemlicher Spinner, weißt Du das ?,
strich sie ihm liebevoll durch das Haar und zog ihn zu sich, um
ihn zu umarmen. Gehorsam legte er seinen Kopf an ihre Brust und
schloss die Augen. Er wirkte so klein, fast wie ein Kind, als er
in ihren Armen lag und immer ruhiger zu werden schien.
Er spürte noch immer die Verlorenheit, die in ihm wohnte, aber
er wusste, sie war Teil seines Wesens. Er würde sich immer
verloren fühlen. Sein Urvertrauen in die Welt war mit dem
Verschwinden Samanthas aus seiner Kindheit gestohlen worden. Er
konnte nichts dagegen tun, er war aufgewachsen in einer Welt, in
der man an nichts geglaubt hatte. In der nie über das geredet
worden war, was vorgefallen war.
Er hatte sich nie geborgen gefühlt. Und er würde niemals
Frieden finden. Weil er wusste, dass die Welt neben all ihren
Wundern und Schönheiten genau so viel Schmerz und Zerstörung in
sich trug.
Aber es war eben auch eine Welt, in der alles eine Balance und
einen Gegenspieler hatte. Zerstörung barg immer auch die
Möglichkeit einer neuen Schöpfung in sich und Liebe war stark
und grenzenlos, genau so wie Hass. Es war die Welt, in der er
Scully getroffen hatte. Die Leere in seinem Inneren machte den
Küssen Platz, mit denen sie seinen Kopf bedeckte und seine Hand
legte sich auf ihren flachen Bauch, damit das winzige fremde
Leben darin die Wärme fühlen konnte, die er versuchen wollte,
ihm zu geben.
Mit einem letzten Schluck verbannte er den fahlen Geschmack auf
seiner Zunge zusammen mit dem flauen Gefühl in seinem Magen. Es
gab nur einen Weg, wie er wieder zurück finden würde in sein
Leben. Scully hatte ihn gefunden, weil sie Mulder kannte. Weil
sie wusste, was ihn zurückholen würde.
Denn es wurde Zeit, dass sie zurückkehrten, dass sie zeigten,
dass sie nicht aufgegeben hatten. Sie mussten wieder in die
Offensive gehen anstatt sich jagen zu lassen und sich vor der
Welt zu verstecken.
Sie wollte jedoch aus noch ganz anderen Gründen zurück in die
Wirklichkeit. Weil sie wieder unter Menschen sein wollte.
Sie wollte mehr erfahren über die Welt. Darüber, warum sie so
ein besonderer Ort war, dass eine fremde Macht aus den Weiten des
Universums sich all die Arbeit mit ihnen machte. Und sie wollte
wissen, ob diese Menschheit es tatsächlich wert war, für sie
all diese Opfer zu bringen.
Und wo wollen wir hin ? flüsterte er in ihre
Gedanken hinein und sie sah ihn mit großen Augen an. Ein
spielerisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Wo immer der
Wind uns hinträgt... antwortete sie geheimnisvoll und
verlor sich in seinen Augen, die sie voller Faszination ansahen.
Er beugte sich zu ihr, ohne den Blick von ihr abzuwenden, bis sie
ihm so nahe war, dass ihr Bild unscharf vor seinen Augen wurde
und er sie schloss um sie mit seinen anderen Sinnen wahrnehmen zu
können. Seine Finger glitten sanft ihre Hüften entlang über
ihren Rücken und sie ließen sich in einem zarten und
liebevollen Kuss fallen, bis sie auf den Boden sanken und ihr
Körper sanft von seinem gegen die Holzplanken gepresst wurde,
deren Kälte durch den Stoff ihres Pullovers hindurch drang und
ihr eine Gänsehaut bereitete.
Eine heilige Stille lag über ihnen in der Luft. Für das, was
sie in diesen Augenblicken in sich trugen und fühlten, hatten
sie keine Sprache. Sie konnten es nicht einmal körperlich
ausdrücken und doch schien es in ihren Herzen zu zerspringen und
danach zu verlangen, ausgelebt zu werden. Stattdessen sahen sie
sich nur an, als wären die Augen des anderen der einzige
Horizont, zu dem sie aufbrechen wollten. Der einzige Himmel, an
dem sie sich orientieren konnten, und die einzige Welt, in der
sie eine Zukunft hatten.
Seine Finger spielten mit ihren zarten Handgelenken, ihren
kleinen feingliedrigen Knöcheln und glitten über ihre glatte
sanfte Haut. Er liebte sie so sehr, dass er sich wünschte,
seinen Körper verlassen zu können, damit er ihr näher sein
konnte, als es ihm in diesem Leben jemals möglich sein würde.
Aber er würde sich damit abfinden müssen, dass ihre Seelen erst
nach dem Tod vereint sein würden. Und er würde es auskosten
müssen, dass sie vor dem Tod noch Körper hatten.
Mit einem charmanten Lächeln stupste er ihre Nase mit seiner an
und hauchte einen weiteren Kuss auf ihre Lippen, der von ihr
erwidert wurde, bis er sie aufhob und sie behutsam auf das weiche
Bett gleiten ließ.
Doch sie beide waren viel zu müde und zu erschöpft um sich dem
Verlangen in ihnen widmen zu können. Stattdessen schmiegten sie
sich dicht aneinander, glichen ihre Atemzüge dem anderen an und
verfolgten schweigend den Tanz des Sonnenwindes am Himmel. Bunte
Lichter schimmerten auf ihrer Haut und hypnotisierten sie bis sie
tatsächlich irgendwann in einen erholsamen tiefen Schlaf fielen.
Mulder versuchte so lange wie möglich wach zu bleiben um ihr
Gesicht betrachten zu können als sie bereits längst
eingeschlafen war. Er wollte es sich einprägen um die anderen
Gesichter in seinem Kopf zu überblenden. Ohne sich zu bewegen,
fast mit angehaltenem Atem, sah er sie an. In seinen Augen war es
als wäre die gesammelte Schönheit der Welt in ihr vereint. Sie
war der Gegenpol zu allem, was er verabscheute und hasste.
Sie war seine Balance.
In der Hoffnung am nächsten Morgen wieder neben ihr aufwachen zu
dürfen und wieder in dem hellblauen Ozean ihrer Seele abtauchen
und von dem süßlichen Geschmack ihrer Lippen kosten zu dürfen,
schlief er endlich auch ein.
Das stumme blaue Licht glotzte auf sie herab. Doch es schwieg. In
dieser Nacht erklang kein Geräusch, das ihre Träume verzerrte
und ihre Sinne quälte. Stattdessen erhob sich das goldene
Glühen, das Scully in sich verspürt hatte, über den Wäldern
und umgab das kleine Haus wie ein Schutzwall. Wabernde helle
Lichtwellen fuhren in die Höhe um sich mit dem blauen Stern zu
vereinen und ihn zu nähren, so dass er mit jedem ihrer ruhigen
Atemstöße aufflackerte und heller strahlte.
Die kreischenden Stimmen der fremden Macht waren verstummt und
konnten nicht länger mit dem ungeborenen Leben in Scully
kommunizieren, weil sie nicht zu ihm durchdrangen.
Denn die Geister, die in einer anderen Welt über die Lebenden
wachten, waren tatsächlich auferstanden, um sich vereint gegen
einen Feind zu wehren, der schlimmer war als der Tod. Weil der
Tod einem nicht die Seele nahm. Und weil der Tod nicht das Ende
aller Hoffnungen war.
Es hatte begonnen, doch der Kampf würde sich nicht auf der Erde
abspielen, er würde ausgetragen werden in den Herzen der
Menschen und in den fernen Lichtsphären über ihren Köpfen, auf
einer Ebene, die sich ihrer Wahrnehmung entzog.
Sie mussten nur daran glauben und sich diese Fähigkeit
bewahrten, weiterhin an die Welt zu glauben. Und daran, dass es
mehr gab jenseits des Denkbaren.
Der Feind hatte zwar ein neues Gesicht, aber nun hatten sie eine
Waffe:
Ihre eigene Menschlichkeit. Ihre Seele. Und ihre Hoffnungen.
Denn nur das würde dieses zarte Band aufrechterhalten, das sie
zwischen ihrer Welt und der Welt am anderen Ende geknüpft
hatten.
Nur das gab ihnen die winzige Chance, dass sie es schaffen
würden.
16. März 2006, Toronto, Humber Bay Park
Es war laut. Menschenstimmen und das Hintergrundrauschen des
Straßenverkehrs vermischten sich mit den schüchternen Tönen
der Natur, die gerade aus ihrem tiefen kalten Schlaf erwachte.
Eine merkwürdige Mischung aus Abgasen und Blütendüften wurde
von einem frischen kühlen Wind zu ihnen auf die kleine Bank
geblasen, auf der sie saßen und ihre Blicke über den See
schweifen ließen.
Am anderen Ufer dieses Sees lagen die Vereinigten Staaten.
Sie waren auch jetzt nicht wirklich frei, das wussten sie. Doch
hier inmitten der Anonymität der Großstadt würden sie eine
Weile bleiben können.
Sie hatten die Wirklichkeit verdreht und betrachteten ihre Flucht
nun als Suche. Es hatte sich nichts verändert und doch erschien
ihnen alles in einem neuen Licht.
Seit sie White Horse verlassen hatten, hatten sie den Stern nicht
mehr sehen können, weil er sich von all den anderen blassen
Sternen am Himmel über der Stadt nicht abhob. Und sie hatten nie
wieder einen der Geister aus ihrer Vergangenheit gesehen. Sie
hatten sie dort oben gelassen. Sie wussten, dass sie da waren und
sie beschützten. Weil Scully nun ihr gemeinsames Kind an ihren
Körper gedrückt hielt und niemand gekommen war, um es ihnen zu
nehmen.
Es war gesund. Und es schlief, geborgen in den Armen seiner
Mutter.
Mulders viel zu großer Finger strich über die kleinen rosigen
Bäckchen des Jungen und er drückte Scully einen Kuss auf die
Schläfe.
Sie ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken und merkte, wie die
kühle Seeluft sie einlullte und entspannte. Ihre Finger spielten
mit dem blauen Schnuller ihres Sohnes und sie spürte, wie das
Gewicht des Babys langsam schwer wurde. Doch würde sie es nicht
in den Kinderwagen zurücklegen. Weil seine Nähe und seine
Wärme ihr so viel Kraft spendeten. Es sah seinem Vater bereits
jetzt so ähnlich und das machte es ihr noch leichter, dieses
Kind zu lieben, egal wie fremd es ihr manchmal erschien, wenn es
sie aus seinen grünblauen Augen ansah, als wisse es bereits all
die Geheimnisse, nach denen sie noch suchten.
Sie hatte das Gefühl, dass ihr Leben eine Zeitbombe war, weil
sie noch immer dieses Stück Metall in sich trug. Und weil sie
die Träume nicht vergessen konnte, die sie fast nächtlich
während ihrer Schwangerschaft heimgesucht hatten. Sie würde
Mulder niemals davon erzählen. Aber sie wusste, dass dieses Kind
mehr war als sie zu diesem Zeitpunkt wissen konnten.
Es war Williams Bruder. Ihre Gedanken drifteten in die Ferne,
verließen die Grenzen ihres Bewusstseins. Der süßliche Duft
ihres Kindes wurde ihr in die Nase geweht und sie ließ zu, dass
der Schlaf sie entführte.
Mulder kniff die Augen zusammen und versuchte die Konturen des
anderen Ufers auszumachen.
In seinen Händen hielt er einen Umschlag. Er war bereits
geknickt und beschmutzt.
Es war eine Einladung aus Neuseeland. Ohne Namen, Unterschriften,
Adressen oder Telefonnummern. Nur eine e-Mail-Adresse war dort
abgedruckt. In winzigen silbernen Lettern.
Es war die Einladung einer Forschungsgruppe, die sich im
Untergrund dem biologischen Kampf gegen diese neue Rasse auf
ihrem Planeten verschrieben hatte. Mulder wusste noch immer
nicht, ob sie die Einladung annehmen sollten.
Ihre Rückkehr in die Zivilisation war bisher ohne Folgen
geblieben. Aber niemals würden sie sicher sein, weder vor ihrer
Regierung, noch vor dem gesichtslosen größeren Feind. Man
würde sie immer finden. Und nun hatten sie die Verantwortung
für ein kleines Kind zu tragen.
Konnten sie diesen Schritt zurück in die Offensive tatsächlich
wagen ?
Aber in Scullys Augen hatte er gesehen, dass sie sich genau wie
er danach sehnte, etwas zu tun. Selbst wenn sie tief in ihren
Herzen wussten, dass sie nicht verloren waren, so war es eine
Verlockung, diesen Kreaturen den Kampf anzusagen. Weil neben all
ihren Überzeugungen Scullys wissenschaftlicher Verstand auf ihn
übergegriffen hatte und ihm sagte, dass sie eigentlich nur das
wissen konnten, was sie selbst erforscht hatten. Dass Wissen nach
wie vor genau so wichtig wie Glauben war.
Ihre Suche nach der Wahrheit war noch lange nicht abgeschlossen.
Und sie würden nicht mehr alleine auf ihrem Weg sein. Sie
würden die Werkzeuge haben, es besser verstehen zu lernen. Ihren
Feind zu begreifen. Und das Kind, das in ihrer Mitte heranwachsen
würde.
Der Wind wehte durch die rosa betupften Äste des
Kirschblütenbaums hinter ihrer Holzbank. Die Blütenblätter
rieselten wie Schnee über ihnen herab und legten sich auf
Scullys seidiges Haar. Ein paar grüne Zweige schimmerten
zwischen den Blüten hindurch und versprachen ihnen die baldige
Ankunft des Sommers, den sie sich nun schon so lange
herbeisehnten.
Für die vorbeigehenden anderen Familien, Pärchen, Jogger und
Hundebesitzer waren sie nur eine kleine Familie, die am Anfang
eines harmlosen, durchschnittlichen Lebens stand. Aber niemand
wusste, dass keines der Leben auf diesem Planeten angesichts der
Zukunft, die in sechs Jahren vor ihnen lag, durchschnittlich war.
Sie würden sich nicht dagegen wehren können, dass die Invasion
fortschritt. Aber sie würden sich der Herausforderung stellen.
Es war eine neue Ebene in der Evolution ihrer Rasse und nun ging
es darum, sich einen Überlebensvorteil zu sichern.
Der Überlebensvorteil bestand darin, auf ihre Herzen zu hören
und die Zeichen zu sehen, wenn sie erschienen. Auf die Seelen zu
hören, wenn sie zu ihnen sprachen. Und ihnen zu folgen, wohin
sie ihnen den Weg weisen würden.
Sie sahen den Mann nicht, der sich in 100 m Entfernung zu ihnen
hinter einer Karte von Toronto versteckte. Er trug eine Waffe mit
sich. Eine Waffe, gemacht von einer menschlichen Regierung.
Jedoch verwendet von einer anderen Art.
Aber er würde sie nicht töten. Denn das war nicht seine
Aufgabe.
Seine Aufgabe war es, sie zu überwachen, jeden einzelnen ihrer
Schritte zu dokumentieren.
Sie schienen vollkommen harmlos zu sein und sein begrenzter
sklavischer Geist konnte nicht begreifen, warum gerade von diesem
Pärchen eine Bedrohung ausgehen sollte. Aber wie sollte er das
auch, trug er weder eine Seele in sich noch einen Funken
Menschlichkeit.
Denn in seinen Adern floss Blut, das aus Reagenzgläsern stammte.
Und sein Gehirn wurde gesteuert von einem winzigen Stück Metall,
das er unter seiner Haut trug. Wenn man ihn verletzte blutete er
nicht. Und wenn man ihn liebte, konnte er diese Liebe nicht
erwidern.
Sie sahen ihn nicht und doch wussten sie, dass er da war. Sie
wussten, dass sie nie allein sein würden, dass lediglich die
Formen der Überwachung variierten.
Egal, welche Entscheidung sie bezüglich dieser anonymen
Einladung treffen würden.
Niemand verstand, was in diesen beiden Menschen vorging, was sie
antrieb, was sie wussten. Aber sie ließen nichts an sich heran,
als umgäbe sie eine unsichtbare Schicht, die sie von allem
abschirmte, was um sie herum geschah.
Mulder stupste Scully sanft an, als er merkte, dass sie
eingenickt war. Hey Sexy! neckte er sie und sah, wie
sie ihren Kopf irritiert von seiner Schulter hob und ihre Augen
öffnete.
Die Sonne hatte ihre Wangen leicht gerötet und der Wind
zerzauste ihr leuchtendes kupferfarbenes Haar, das er ihr
behutsam aus dem Gesicht strich. Noch ein wenig benommen sah sie
ihn an. In seinen haselnussfarbenen Augen lag freche
Lebendigkeit. Und jener Charme, der ihr Herz noch immer ins
Stolpern brachte.
Kaffee ? fragte er sie und beugte sich zu ihr um ihr
das Baby abzunehmen. Gleichzeitig nutzte er diese Gelegenheit ihr
einen Kuss zu geben.
Das Lächeln auf ihren blassroten Lippen war nicht frei, aber es
trug Hoffnung in sich. In ihrem tiefgründigen Blick lag so viel
geheimnisvolles Wissen gepaart mit einer seltsamen Sehnsucht, die
er noch immer nicht deuten konnte.
Vorsichtig legte er seinen Sohn wieder in den Kinderwagen und
deckte ihn zu, mit einer gestrickten hellblauen Decke mit weißen
flauschigen Schäfchen darauf.
Schweigend machten sie sich auf den Weg zurück durch den Park,
in dem die Kinder spielten, die in wenigen Jahren mit einer
Wahrheit konfrontiert werden würden, auf die sie nur mit der
Liebe ihrer Eltern vorbereitet werden konnten.
Die Welt hatte nur eine Chance, wenn diese Eltern das wussten.
Mit kritischem Blick musterte Scully eine Mutter, die ihre
Tochter von der Schaukel zerrte und beschimpfte.
Aber es lag nicht in ihrer Hand. Sie mussten darauf vertrauen,
dass die Menschheit es schaffen würde.
Sie wandte ihren Blick wieder von den anderen Kindern ab und sah
das Lächeln ihres Sohnes, der mit strahlenden Augen zu seinen
Eltern aufsah.
Mütterliche Liebe durchströmte ihr Herz, das nie wieder frei
sein würde, weil sie es zwei Menschen geschenkt hatte, die ihr
wichtiger waren als sie selbst.
Verträumt genoss sie das leichte Brennen der Sonnenstrahlen auf
ihrer Haut und lauschte den hellen Klängen der kleinen
Vogelkehlen überall um sie herum. Es war ihr bisher nie
aufgefallen, doch selbst der Gesang der Vögel klang für einen
Menschen fremdartig. Und doch war man so sehr daran gewöhnt. Sie
fragte sich, an wie viel Fremdes sie sich noch gewöhnen würden.
Eine widerspenstige Haarsträhne tanzte ihr durch das Gesicht und
sie fegte sie mit einer Handbewegung zur Seite. Ihre Pupillen
weiteten sich als sie in der Ferne die gläsernen Hochhäuser in
der Sonne funkeln sah.
Mulder drehte sich um als er das Gefühl hatte, sie würden
verfolgt werden und ließ seinen Blick prüfend über die Ebene
schweifen.
Die spiegelglatte Oberfläche des Sees geriet in Bewegung als ein
großes Schiff mit einer Horde von Touristen an ihnen
vorüberfuhr. Das Wasser glitzerte als würde der See aus
Diamanten bestehen und reflektierte das Licht der Sonne, die
ihrem Planeten erneut Leben in all seiner Vielfalt geschenkt
hatte. So wie sie es immer wieder tun würde.
Ein Eichhörnchen raschelte zwischen den Kirschblüten auf den
Ästen herum und erneut rieselten die rosafarbenen papierdünnen
Blätter vom Baum herab und legten sich auf das junge zartgrüne
Gras.
Die Welt war auferstanden, aber in diesem Jahr erblühte sie
erstmals auch für ihre Besucher und hieß sie für ihren kurzen
Aufenthalt willkommen. Sie hatten sie schon einmal besiegt und
auch jetzt würde die Erde nicht zulassen, dass jemand ihr
mühseliges Lebenswerk zerstörte. Fast schien es Mulder als
prahlte die Natur mit ihren Farben, ihren Liedern und ihrer
Vielfältigkeit.
Ein Mann mit einem schwarzen eigenartigen Schleier über dem Blau
seiner Augen lief joggend an ihnen vorüber und starrte Scully
unverhohlen an.
Unwillkürlich tastete Mulders Hand sich suchend durch die kühle
Luft. Als seine Finger gegen ihre stießen, hielt er sie fest und
lief schweigend neben ihr her. Innerlich überrollte ihn eine
Welle von Anspannung und Konzentration, weil er wusste, dass sie
sich Leichtsinn und Unvorsichtigkeit nicht erlauben konnten.
Gemeinsam schoben sie den Kinderwagen, in dem ihr kleiner Sohn
ungeachtet des Tumults um ihn herum, eingeschlafen war und von
all den Dingen träumte, die in der kleinen Welt eines Kindes
große Bedeutung haben konnten.
Mulder registrierte jede Berührung ihrer Körper während ihre
Schulter beim Gehen immer wieder an seine stieß. Ihre Augen
waren zusammengekniffen und blitzten blau durch die Gegend als
wäre sie bereit jederzeit zur Waffe zu greifen und ihr Leben und
das ihres Kindes zu verteidigen.
Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen und er drückte ihre
Hand, bis sie ihn ansah.
Jede Sekunde eines Tages, in der er sie nicht berühren konnte,
war für ihn verlorene Zeit. Auch wenn die Ewigkeit ihnen
gehörte, so erschien ihnen das Leben, das es ihm ermöglichte,
in ihre ozeanfarbenen Augen zu sehen, ihre Haut zu berühren und
ihren Duft aufzunehmen, zu kurz.
Er wollte dafür kämpfen, dass ihm dafür noch mehr als sechs
Jahre blieben.
* * * * * * * *** THE END *** * * * * * * *