Autor:
Galloway
Titel:
Momente (sorry, mir ist echt nichts Besseres eingefallen)
Spoiler:
Tithonius, Rain King, Fight the Future, Redux
Zeitpunkt:
In Tithonius, zwischen dem Schuss auf Scully und dem
Krankenhausbesuch von Mulder
POV:
Mulder, Scully, Agent Ritter, Krankenschwester
Rating:
PG-13 (nur um sicher zu gehen)
Story:
Mulder erfährt, dass Scully angeschossen wurde und macht sich
auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus.
MOMENTE
Während
er das Handy einschaltete, stieg Mulder in seinen Mietwagen,
startete den Motor, legte den ersten Gang ein und machte sich auf
den Weg vom Flughafen nach New York City. Das Handy hatte er
achtlos auf den Beifahrersitz geworfen. Als er auf die Autobahn
bog, machte es drei Piepser, die ihm die Ankunft einer neuen
Nachricht signalisierten. Er überlegte kurz, ob er auf das Handy
schauen sollte, da der Verkehr doch ziemlich dicht war und seiner
vollen Aufmerksamkeit bedurfte, ignorierte er es einfach. Dafür
war auch später noch Zeit. Beim zweiten Piepsen dachte er nur,
warum er denn so viele Nachrichten innerhalb kürzester Zeit
bekam. Die letzen zwei Stunden hatte er auf dem Flughafen und im
Flugzeug auf dem Weg von Washington nach New York verbracht. Man
könnte meinen, er wäre in dieser Zeit abkömmlich.
Wahrscheinlich hatte Kersh von seinem spontanen Kurztrip erfahren
und wollte ihm die Leviten lesen, aber das war ihm ziemlich egal
und so ignorierte er das Handy auch weiterhin. Er hatte sich
wieder mal von seinen Gefühlen leiten lassen. Von seinen
Gefühlen gegenüber seiner Partnerin. Scully. Ein Lächeln fuhr
über seine Lippen, als er an sie dachte. Seine Scully. Wann war
sie eigentlich zu seiner Scully geworden? Er wusste es nicht
mehr. Es war ein schleichender Prozess, bei dem sie sich
allmählich in sein Herz stahl. Aber sie war dort. Schon seit
langer Zeit. Ein Geheimnis, gehütet vor der Außenwelt und ihr.
Sie war der Mittelpunkt seines Universums. Auch wenn er das ihr
gegenüber nie zugeben würde. Er hatte Angst, das zu zerstören,
was zwischen ihnen war. Ihre Freundschaft. Ihre undefinierbare
Beziehung zueinander, die über Freundschaft weit hinausging,
aber dennoch nicht vollkommen beschrieben werden konnte. Und so
tröstete er sich mir seinen kleinen Berührungen. Nutze die
Chancen, sie anzufassen, leitet sie mit seiner Hand am Rücken,
machte kleine anzügliche Bemerkungen, forderte sie heraus. Doch
er bekam nie eine wirkliche Reaktion darauf, und so hatte er vor
langer Zeit die Hoffnung auf eine romantische Beziehung mit ihr
aufgegeben. Doch er würde nie freiwillig von ihrer Seite weichen
und sie würde das Tempo bestimmen. Wenn sie nicht mehr wollte,
würde auch er nicht mehr wollen. Er hatte Zeit, er würde ein
Leben lang auf sie warten, wenn es sein musste. Und so lange
würde er still an ihrer Seite stehen und sie beschützen und
für sie da sein, wenn sie ihn brauchte. Manchmal war es schwer.
So wie vor kurzem bei einem Fall, bei dem sie versucht hatten,
das Geheimnis des Regenkönigs aufzuklären. Diese Fälle
brachten ihn immer emotional durcheinander, brachten seine Mauer
fast zum Einstürzen. Während des ganzen Falles hatte man sie
für ein Paar gehalten. Schon am Flughafen war Scully als Mulders
Frau empfangen worden. Dann wurde ihm auch noch vorgeworfen,
schmachtende Blicke Richtung Scully zu werfen. Auch wenn er das
verneinte, wusste er doch, dass das sehr eng an der Wahrheit lag.
Dann hatte ihn auch noch eine andere Frau vor Scullys Augen
geküsst. Doch als wäre das alles nicht schon schlimm genug, als
hätte ihn das alles noch nicht an den Rande des Wahnsinns
getrieben, musste er auch noch zwei Nächte zusammen in einem
Bett mit Scully verbringen, da durch seine Zimmerdecke eine Kuh
geflogen war. Und das war der Horror pur. Nicht, dass er nicht
jede Nacht davon träumte, genau in diese Situation zu geraten,
aber in einem Bett neben Scully zu liegen und absolut nichts tun
zu können, war zu viel für ihn. Dennoch würden ihm diese zwei
Nächte für immer im Gedächtnis bleiben und er würde immer,
wenn er einsam war, was so ziemlich jeder andere Abend war, die
Erinnerungen wieder hervorrufen und mithilfe ihrer die Einsamkeit
überbrücken. Sie waren in jeder der zwei Nächte mit Wahrung
eins gewissen Sicherheitsabstandes eingeschlafen. Er wollte
näher bei ihr liegen, doch er wusste nicht, ob er sich dann noch
zusammenreißen konnte und nicht über sie herfallen würde. Und
jeden Morgen waren sie in den Armen des anderen aufgewacht.
Hatten sich im Schlaf und im Unterbewusstsein geradezu magisch
angezogen. Natürlich hatte seine Morgenlatte nicht gerade zur
Entspannung der Situation beigetragen und so wurde auch nie ein
großes Wort über die Lage verloren. Wie so oft in ihrer
komplizierten Beziehung waren sie einfach ins Tagegeschäft
übergegangen und hatten so getan als wäre nichts geschehen.
Denn das konnten sie am allerbesten. Und so trieben sie dahin und
würden weitertreiben. Er und sie zusammen, auf der Suche nach
der Wahrheit. Bis wieder das Schicksal zuschlug, wie vor ein paar
Tagen. Man hatte sie einfach einem Fall zugeteilt. Ohne ihn. Aber
was das schlimme war, man hatte auch noch einen anderen Partner
an ihre Seite gestellt. Diesen Ritter. Er spuckte den Namen
geradezu aus. Nicht, dass er gegen den Agenten etwas hatte. Oh
doch, das hatte er. Er würde gegen jeden etwas haben, der mit
seiner Partnerin zusammen arbeitete. Sie war seine Partnerin. Da
war er wie das Alphatierchen. Besitz ergreifend. Natürlich hatte
er seine Hände nicht von dem Fall lassen können. Wie denn auch,
wenn sie darin verwickelt war. Er hatte sich ihr geradezu
aufgedrängt. Ja, so einfach würde er sich nicht geschlagen
geben. Nicht er. Nicht Fox Mulder. Nachdem er entscheidende
Hinweise gefunden hatte, hatte er sich dazu entschlossen, wieder
einmal alle Vorschriften zu umgehen. Er hatte sie nicht erreichen
können und nur diesen Ritter ans Telefon bekommen und ihn auf
die Suche nach ihr geschickt. Dann hatte er gleich die nächste
Maschine bestiegen, um zu ihr zu fliegen. Er konnte sich schon
Kersh Gesicht und den Wutausbruch vorstellen. Das würde ihn
mindestens einen weiteren Monat Farmerehepaarbefragungen oder
etwas Ähnliches bescheren. Aber das war ihm egal, er wollte nur
zu Scully und wissen, dass es ihr gut ging. Und da machte er sich
keine Illusionen. Er wollte ihr auch zeigen zu wem sie gehörte.
Ja, er war ein Egoist. Aber Scully war alles, was er noch hatte
und er würde sie niemals freiwillig hergeben.
Sein
Handy piepste das dritte Mal und dieses Mal kam er zu dem
Entschluss, dass es wohl doch wichtig sei und er es nicht länger
ignorieren könne. Während er mit einem Auge auf die Fahrbahn
schielte, las er mit dem anderen die SMS auf seinem Telefon. Es
waren drei entgangene Anrufe und alle waren aus Skinners Büro
getätigt worden. Daraus wurde er nun gar nicht schlau. Die
nächste Ampel schaltete auf Rot. Herrgott nochmal, so würde er
niemals weiterkommen! Er überlegte gerade, ob er Skinner
zurückrufen sollte, als sein Handy klingelte. Die Frage schien
sich selbst zu klären, als er an der Nummer erkannte er, dass
der Anruf aus Skinners Büro kam.
Mulder
Herrgott
Mulder, wo sind sie und warum gehen sie nicht ans Handy?
Skinner persönlich war an der anderen Leitung. Mulder entschied
sich für die Wahrheit, denn mit dieser schien er bei Skinner
immer am weitesten zu kommen.
Ich
bin in New York auf dem Weg zu Agent Scullys Hotel. Bei ihrem
Fall haben sich neue Erkenntnisse ergeben, die ich ihr miteilen
wollte. Er konnte sich direkt vorstellen, wie sein
ehemaliger Chef am anderen Ende der Leitung die Brille abnahm,
einmal tief durchatmete um dann zum großen Rundumschlag
auszuholen. Was ihn umso mehr überraschte, war der tiefe Seufzer
am anderen Ende der Leitung.
Sir?
Agent
Mulder Skinners Stimme schien mehr als beherrscht zu sein.
Es folgte eine kurze Pause, die Mulder das Blut in den Adern
gefrieren ließ. Irgendetwas stimmte nicht. Skinner atmete
hörbar nochmals tief durch, bevor er weiterfuhr.
Es
gab eine Schießerei. Agent Scully wurde in den Bauch getroffen.
Sie ist schwer verletzt und liegt im Krankenhaus. Ihr Zustand ist
kritisch.
In
diesem Moment blieb für Mulder die Welt stehen. Sein Atem schien
aus seinen Lungen zu weichen und ihn zu verlassen. Das Blut
schien nur noch träge in sein Herz zu fließen. Sein Hirn
schaltete alle Funktionen aus. In seinem Kopf wiederholte sich
immer wieder ein Satz. Nicht Scully, nicht Scully, nicht Scully.
Mulder hatte so viele Fragen, doch momentan war nur Leere. Er
konnte nicht denken, nicht atmen, sich nicht rühren. Er war
erstarrt und versuchte wieder die Kontrolle über seinen Körper
zu erlangen.
Plötzlich
riss ihn ein Hupen aus seinem lethargischen Zustand. Am Rande
seines Bewusstseins registrierte er, dass die Ampel auf Grün
geschalten hatte und er die Spur blockierte. Völlig mechanisch
fuhr er an. Skinners Stimme schlich sich wieder in sein
Bewusstsein. Anscheinend versuchte er schon eine Zeitlang mit ihm
zu reden, ohne wirklich Gehör zu finden.
Agent
Mulder, sind sie noch dran...Agent Mulder...Mulder! Das
letzte Mulder glich einem Schreien und es beförderte ihn wieder
in die Gegenwart zurück.
Ja...was...ich
meine wie
also... Er war nicht fähig einen ganzen
Satz zusammenzubekommen. Er, einer der Topagenten des FBI, mit
hervorragender Oxfordausbildung und Bestnoten in Quantico, konnte
sich nicht mal mehr artikulieren.
Skinner,
am anderen Ende der Leitung, schien froh darüber, seinen Agenten
wieder bei sich zu haben und entschied anscheinend, dass er ihm
alle Informationen auf einmal mitteilen wollte. Zu gut kannte er
seinen Agenten. Kannte er seine Unfähigkeit klare Gedanken zu
fassen, wenn es um seine Partnerin ging.
Sie
war bei einem Verdächtigen. Sie stand hinter ihm, als auf ihn
geschossen wurde. Die Kugel durchschlug den Verdächtigen und
traf Agent Scully in den Bauch. Sie wurde sofort ins Krankenhaus
gebracht, hat jedoch viel Blut verloren. Sie schwebt in
Lebensgefahr. Man hat sie in die Universitätsklinik gebracht.
Mulder, sie hat, als sie noch bei Bewusstsein war, nach ihnen
gefragt. Sie braucht sie jetzt.
Ja,
und er würde für sie da sein. Würde nicht mehr von ihrer Seite
weichen. Doch er musste noch mehr wissen, er würde keine Ruhe
haben, bis er das letzte bisschen Information erlangt hatte. Das
letzte Bisschen, das ihm Skinner anscheinend vorenthalten hatte.
Wer
hat sie angeschossen? Die Frage war mit einem tödlichen
Unterton gestellt und das war auch Skinner nicht entgangen. Er
hatte gehofft, dass Mulder so in Gedanken, so abgelenkt sein
würde, dass ihm entgehen würde, dass er den Schützen nicht
genannt hatte. Doch er müsste ihn besser kennen. Mulder entging
nie irgendetwas. Als Skinner nicht sofort antwortete, fuhr Mulder
in doppelter Lautstärke fort.
Wer?
Es
war Agent Ritter... Weiter kam er nicht mehr, das Telefonat
wurde von Mulder beendet und der Assistant Direktor legte den
Höher langsam auf die Gabel und schickte ein paar Gebete in den
Himmel. Gebete für Ritter.
Die
Tür zur Universitätsklinik wurde mit einem solchen Schwung
aufgerissen, dass durch den Luftzug an der Anmeldung ein Stapel
Papiere in die Luft flog und auf dem Boden landete. Die Dienst
habende Schwester schaute voller Zorn in Richtung Tür, durch die
ein Mitdreißiger gestürmt kam. Sie taxierte den Mann mit einem
Blick und fuhr ihn in ihrer schärfsten Stimme an.
Was
zum ....
Doch
weiter kam sie nicht, als der Mann einen FBI-Ausweis aus der
Tasche zog, sie unterbrach und nur zwei Worte herausbrachte.
Dana
Scully.
Doch
die Schwester war viel gewohnt und hatte schon unendlich viele
aufgebrachte Männer hereinstürmen sehen. Nicht im Mindesten
beeindruckt fuhr sie ihn an.
Erst
mal entschuldigen sie sich für ihren Auftritt hier. Wir sind ein
Krankenhaus und keine Irrenanstalt. Und dann beruhigen sie sich
und formulieren ihr Anliegen in einem ganzen Satz.
Nun
wurde der Mann zornesrot im Gesicht, schnaufte dreimal tief
durch, was ihn aber keineswegs wieder auf ein annehmbares Level
zu bringen schien und fuhr anscheinend seine ganze Beherrschung
aufbietend vor.
Ich
habe keine Zeit für diese albernen Spiele. Meine Partnerin wurde
angeschossen und liegt hier irgendwo und kämpft um ihr Leben.
Ich will wissen, wo sie ist.
Doch
die Schwester war immer noch nicht bereit nur einen Zentimeter
nachzugeben. Sie würde sich diesem Mann nicht beugen.
Das
ändert nichts daran, dass sie hier auf unverschämte Art und
Weise auftreten. Was glauben sie eigentlich, wie viele Männer
hier hereinstürmen und meinen sie wären am allerwichtigsten und
bevorzugt zu behandeln. Nur bei ihnen ginge es um Leben und Tod.
Wir haben in diesem Krankenhaus 300 Patienten. Alle zehn Minuten
kommt ein Notfall rein, und in der Hauptverkehrszeit sind es alle
fünf Minuten. Wir wollen alle nur unsere Arbeit tun und da sind
Typen wie sie keine große Hilfe. Also beruhigen sie sich und
sagen ganz ruhig was sie wollen.
Mit
einer Stimme, die Wasser zu Eis gefrieren lassen könnte
antwortete der Mann.
Mein
Name ist Fox Mulder, ich bin Special Agent beim FBI und meine
Partnerin wurde in dieses Krankenhaus gebracht, nachdem sie
angeschossen wurde. Ihr Name ist Dana Scully. Könnten sie bitte
nachschauen, wo sie liegt, damit ich zu ihr kann. Das Bitte
hob er besonders deutlich hervor.
Na
sehen sie, geht doch.
Als
sie sich ihrem Computer zuwandte, um den Namen einzugeben, hörte
sie ein verächtliches Schnauben. Sie entschloss sich dazu, es zu
ignorieren. Schon blinkten die Patientendaten auf.
Sie
wird gerade operiert. Sie können leider nicht zu ihr. Aber wenn
sie vor dem Aufwachraum warten, wird sie der zuständige Doktor
über alles informieren. Mit zuckersüßer Stimme fügte
sie hinzu.
Den
Gang entlang zum Fahrstuhl, vierter Stock, links unter der Treppe
durch, am Ende des Flurs.
Der
Mann drehte sich auf dem Absatz um, stürmte den Gang hinunter,
blieb nach fünf Metern stehen und hämmerte seine rechte Faust
in die Wand. Ein kleiner Schmerzensschrei und ein Fluch waren
anschließend zu hören, bevor er weiter zum Aufzug rannte und
viermal hintereinander auf den Knopf schlug. Als der Fahrstuhl
immer noch nicht kam, drehte er sich zur Seite und nahm die
Treppen. Die Schwester schaute ihm nach und schüttelte nur den
Kopf.
Agent
Ritter leerte schon seinen dritten Kaffee in einer halben Stunde.
Bei dem Tempo würde er sich noch einen Koffeinschock zuziehen,
aber das war im Moment seine geringste Sorge. Was hatte er sich
nur dabei gedacht? Nichts, das war ja sein Problem. Er hatte
eine, in seinen Augen eindeutige Situation vorgefunden. Jemand
hatte auf ihn gezielt und so hatte er nur wie jeder andere Mensch
mit einem gewissen Selbsterhaltungstrieb reagiert. Er hatte
abgedrückt. Mit Entsetzen hatte er bemerkt, dass er nicht nur
den verdächtigen Felling getroffen hatte, der zu allem
Überfluss auch nur einen Fotoapparat in der Hand gehalten hatte,
sondern auch seine Partnerin.
Soweit
man in diesem Fall von Partnerin sprechen konnte, denn
schließlich hatte sie ihn einfach sitzen lassen und war ohne ein
Wort zu Felling gefahren. Das hatte nicht das Geringste mit
Teamarbeit zu tun. Aber man konnte auch nicht wirklich von einem
Team sprechen. Seit sie ihm zugeteilt war, hatte sie ihn
geschnitten, wo es nur ging. Ihn behandelt, wie einen Agenten,
der noch frisch hinter den Ohren war. Okay, er war noch frisch
hinter den Ohren, aber das Ganze war schließlich sein Fall
gewesen und er hatte sie hinzu gebeten. Die ganze Situation wurde
auch dadurch noch kompliziert, dass sich ihr eigentlicher Partner
ständig in die Ermittlungsarbeiten eingemischt hatte. Dieser Fox
Mulder hatte sogar die Frechheit besessen ihn anzurufen, ihm neue
Ermittlungsdetails mitzuteilen und ihn dann einfach wie einen
Schuljungen auf die Suche nach seiner Partnerin geschickt.
Dieser
arrogante, selbstgefällige Schnösel. Wie nannten ihn die
anderen doch immer? Spooky. Vielleicht hätte er gewarnt sein
müssen, als er hörte, dass seine Partnerin Mrs. Spooky genannt
wurde. Man brauchte sich nicht wirklich anzustrengen, um die
Gerüchte zu hören, die über die beiden im Umlauf waren. Und er
hatte sie gehört. Zwar bei weitem nicht alle, aber doch einige.
Und die hatten ausgereicht. Angeblich waren die beiden nicht nur
beruflich Partner. Angeblich taten sie die wilde Sache an allen
möglichen Stellen im Hoover Gebäude. Aber anscheinend wusste es
auch keiner genau, da die Wetten, die auf beide abgeschlossen
waren, noch immer mit guten Quoten liefen. Es hatte wohl noch nie
jemand die beiden in einer verfänglichen Situation beobachtet.
Auch
er war nicht wirklich hinter die wahre Natur der Beziehung der
Agenten gekommen, aber eines hatte er deutlich zu spüren
bekommen. Die Ablehnung seitens Agent Scullys gegenüber einem
anderen Partner. Dabei, fand er selbst, hatte er sie doch
anständig behandelt. War höflich und zuvorkommend gewesen. Aber
Agent Scully war von Anfang an mit der falschen Einstellung an
die Sache ran gegangen. Sie wollte keinen anderen Partner. Nicht
einmal für ein paar Tage. Vielleicht war ihr das selbst nicht
bewusst. Aber sie verhielt sich nicht gerade kollegial. Ach, wie
kannst du nur so denken, schalt er sich selbst. Du hast sie
angeschossen. Du bist wohl der untalentierteste und bescheuertste
Agent, der rum läuft. Wie konnte das nur passieren?
Ein
neuer Kaffee wäre jetzt genau das richtige. Ja, den könnte er
gebrauchen und so stand er das vierte Mal in einer halben Stunde
auf und ging erneut zum Kaffeeautomaten in die Ecke. Eine
Goldgrube für den Automatenbetreiber. Er wollte sich gar nicht
ausrechnen, wie viele Kaffees hier getrunken wurden, während
verzweifelte Frauen und Männer auf Nachricht von ihren Liebsten
warteten. Uns so war er auch heute nicht alleine. Mit ihm saßen
noch zwei weitere Polizisten im Warteraum, die routinemäßig
mitgekommen waren. Außerdem noch eine ältere Frau, deren Mann,
wie er herausgefunden hatte, einen Herzinfarkt erlitten hatte und
ein Mann, dessen Bruder in einen Autounfall verwickelt war.
Er
nahm sich gerade einen neuen Becher, warf eine Münze ein und
drückte auf die Kaffeetaste, als am Ende des Ganges eine Tür so
heftig aufgeschleudert wurde, dass sie an die Wand flog. Alle
Blicke richteten sich augenblicklich in diese Richtung und so
auch Agent Ritters. Was er da sah, ließ ich sein Herz in die
Hose sinken. Nein, das war noch untertrieben, es sank eher in
seine Kniekehlen. Wer da den Gang raufstürmte war Agent Mulder.
Wie war der so schnell hierher gekommen? An eine Konfrontation
mit ihm hatte Ritter keinen Gedanken verschwendet, er hatte sich
mindestens noch einen Tag Zeit ausgerechnet, bis er auf ihn
treffen würde. Vielleicht nimmt mich die Polizei ja noch
in ihr Zeugenschutzprogramm auf, wenn ich mich beeile. Doch
das war relativ unwahrscheinlich. Also tat er wieder einmal das,
was ihm sein Selbsterhaltungstrieb riet. Er dreht sich wieder
Richtung Kaffeeautomat und versuchte möglichst unauffällig zu
wirken.
Seine
Augen fixierten ihn wie der Jäger die Beute. Er nahm nichts
anderes wahr, hatte nur noch den Blick auf sein Opfer gerichtet.
Jegliche Emotionen, bis auf unglaublichen Zorn waren aus ihm
gewichen. Er ballte die Hände zu Fäusten, ließ sie wieder
locker und ballte sie erneut. Unbewusst beschleunigte er seinen
Schritt, bis er in ein leichtes Lauftempo fiel. Er sah nicht,
dass noch andere Leute im Warteraum anwesend waren. Er sah nur
ihn. Ritter. Er stand seitlich zu ihm, den Blick stur auf einen
Automaten gerichtet und wechselte nervös sein Körpergewicht von
einen auf den anderen Fuß.
Nur
noch zwei Meter bis zu ihm. Der junge Agent drehte sich zu ihm um
und wollte gerade die Arme nach oben reißen, aber Mulder war
schneller. Ritter hatte nicht den Hauch einer Chance, denn er
wurde nur noch von einem Gefühl geleitet. Er war in Rage, er
wollte Rache und wollte seinen ganzen Zorn an diesem Mann
auslassen. Er packte ihn mit beiden Händen an den Schultern und
rammte ihn in den Getränkeautomaten. Als nächstes folgte eine
stattliche Rechte ins Gesicht und die Linke in die Magengegend.
Sein Gegenüber krümmte sich vor Schmerz. Als er ihn gerade am
Hals fassen wollte packten ihn starke Hände von hinten und zogen
ihn weg. Er schlug wie wild um sich, drängte nach vorne. Wollte
Ritter noch eine verpassen. Doch die zwei Polizisten, die er am
Anfang gar nicht bemerkt hatte, griffen noch stärker zu, hatten
ihn in ihrer Gewalt. Aufgebracht schrie er.
Loslassen.
Doch
niemand kam seinem Wunsch nach. Sie zogen noch heftiger an ihm,
redeten auf ihn ein. Er hörte nicht zu. Er hatte nur Augen für
Ritter, wie er mit geweiteten Augen, leicht nach vorne gebeugt
und seinen Bauch haltend, ihn anstarrte.
Wenn
sie stirbt, sind sie ein toter Mann. Das schwöre ich.
Ritter
sah ihn mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck an und
brachte nur stammelnd ein paar Worte heraus.
Es
tut mir leid.
Oh
ja, das wird es, wenn ich hier los komme.
Aus
seinem Augenwinkel sah er eine Stationsschwester um die Ecke
stürmen, die aufgebracht auf ihn zu lief. Sie baute sich vor ihm
auf, während die Polizisten hinter ihm, ihn immer noch
versuchten in Schach zu halten. Wäre die Situation nicht so
ernst gewesen, hätte er über das Bild lachen müssen.
Junger
Mann, beruhigen sie sich. Hier liegen Patienten, die Ruhe
brauchen. Bitte.
Er
starrte die Frau an. Sie war genau dass, was in das Bild passte,
das einem in allen Fernsehserien von Schwestern vermittelt wurde.
Nett, zuvorkommend, höflich, durchschnittliches Aussehen, mit
einem unendlich gütigen Blick. Aber sie strömte eine Aura aus,
die alle auf sie horchen ließ. Sie fasste ihm am Arm, nickte den
Polizisten zu, damit sie ihn losließen und zog ihn hinter sich
her zu ihrer Station. Dort ließ sie ihn stehen, wanderte um den
Tresen und blickte ihn wieder an.
Also
schießen sie los.
Er
wusste nicht, wie sie es gemacht hatte, aber fast sein ganzer
Zorn war aus ihm gewichen, sein Puls hatte sich wieder beruhigt
und er atmete wieder normal. Anstelle des Zornes war jedoch ein
anderes Gefühl getreten, dass nicht weniger schlimm war. Angst.
Mein
Name ist Fox Mulder. Ich bin FBI-Agent und suche nach meiner
Partnerin. Dana Scully.
Ein
Lächeln trat auf ihr Gesicht, das ihm in dieser Situation gar
nicht angemessen erschien.
Ach
ja, die FBI Agentin mit der Bauchschussverletzung. Sie sind also
Mulder.
Er
legte seine Stirn in Falten und bemühte sein fotographisches
Gedächtnis. Aber nein, diese Frau hatte er noch nie gesehen.
Kennen
wir uns?
Nicht
persönlich, wenn sie das meinen, aber ihren Namen habe ich hier
durchaus schon öfters fallen hören.
Wie?
Was hatte das nun wieder zu bedeuten. Die Fragezeichen, die sich
über seinem Kopf auftürmten, waren wohl auch für die Schwester
nicht zu übersehen, denn sogleich klärte sie ihn auf.
Ich
bin die Schwester, die Agent Scully auf die Operation vorbereitet
hat. Sie murmelte immer wieder ihren Namen. Dann haben wir uns
bei Agent Ritter nach ihnen erkundigt, und er meinte sie wären
ihr Partner. Agent Ritter hat dann das FBI in Washington
informiert. Es überrascht mich etwas, dass sie schon hier sind.
Scully
hatte nach ihm verlangt. Nicht nach ihrer Mutter, oder nach einem
Arzt oder einem Pfarrer oder wer weiß sonst noch wen. Nein, nach
ihm. Wenn die Umstände anders gewesen wären, hätte sein Herz
einen Freudensprung getan.
Wie
geht es ihr?
Das
kann ich Ihnen leider noch nicht genau sagen. Sie wird immer noch
operiert. Sie hat einen Bauchschuss und sehr viel Blut verloren.
Wir konnten vor der Operation nicht feststellen, ob und welche
inneren Organe beschädigt sind. Ich werde aber veranlassen, dass
sie der Arzt sofort informiert, wenn die OP abgeschlossen ist. Es
tut mir leid, Sie können jetzt nichts weiter machen, als hier zu
warten.
Warten.
Wusste die Frau eigentlich, was sie von ihm verlangte? Er sollte
hier draußen ruhig sitzen, während ganz in der Nähe Scully mit
ihrem Leben rang. Und damit auch mit seinem Leben. Denn wenn sie
starb, würde er zwangsläufig in eine tiefe Dunkelheit fallen,
die ihn verschlingen würde. Sie war alles, was ihn vom Wahnsinn
abhielt. Sie machte ihn ganz. Ohne sie würde er keinen Tag leben
können.
Ich
will zu ihr.
Es
tut mir leid, aber das ist leider völlig unmöglich.
Feuchtigkeit
schoss in seine Augen. Er war den Tränen nahe. Nein. Er würde
nicht vor diesen Fremden das Weinen anfangen.
Bitte.
Da
ist leider nichts zu machen, aber ich werde dafür sorgen, dass
sie der Arzt sofort informiert. Versprochen. Setzten sie sich
hin.
Wie
in Trance glitt er auf den nächsten freien Platz, stützte seine
Ellenbogen auf seine Beine, ließ seinen Kopf in seine Hände
sinken und rang verzweifelt um seine Fassung. Er bemerkte noch
nicht einmal, dass Agent Ritter nur drei Meter von ihm entfernt
stand und ihn mit einer Mischung aus Angst und Mitleid
betrachtete.
Tick,
Tack, Tick, Tack
Wie
langsam sich doch die Zeit bewegt, wenn man auf etwas wartet. Wie
Sekunden zu Minuten werden und Minuten zu Stunden. Mulder hatte
sich seit genau 4500 Sekunden nicht von seinem Platz bewegt. Er
hatte Ritter unmissverständlich klar gemacht, dass er ihm so
schnell nicht mehr unter die Augen treten sollte oder es würde
doch noch ein Unglück geschehen. Auch die beiden Polizisten
waren nicht mehr anwesend, nachdem sie nicht mehr gebraucht
wurden. Und so saß Mulder auf seinem Platz, wechselte nur ab und
zu seine Position, damit keine Körperteile einschliefen. Die
Krawatte und sein Jackett hatte er schon lange abgelegt. Die
Hemdärmel nach oben gerollt.
Hin
und wieder warf er einen Blick zu der Schwester, die jedes Mal
den Kopf schüttelte. Sie hatte ihm vor rund einer halben Stunde
einen Kaffee gebracht, der immer noch unberührt neben ihm stand.
Er hörte leise Fußschritte den Flur entlang kommen. Der Doktor
kam vom Operationssaal. Sofort schoss Mulder in die Höhe und
fasste sich unbewusst an seinen Rücken. Das gebückte Sitzen
hatte seinem Kreuz nicht gerade gut getan. Die Schwester
umrundete ihren Tresen, warf Mulder einen aufmunternden Blick zu
und dirigierte den Doktor sofort in seine Richtung.
Doktor
Antilles, das ist Agent Mulder, Agent Scullys Partner. Der
Doktor nickte ihm kurz zu, während Mulder seinen Atem anhielt.
Ihre
Partnerin hat viel Blut verloren. Das waren nicht gerade
Neuigkeiten, doch er schwieg und wartete weiter ab, während sein
Herz nur noch langsam zu schlagen schien.
Sollten
keine unvorhergesehenen Komplikationen auftreten, ist Agent
Scully über den Berg. Sie hat einen sehr starken Kampfeswillen.
Dabei lächelte der Doktor und Mulder stieß den Atem aus, von
dem er nicht bemerkt hatte, dass er ihn anhielt. ;Oh Gott, ich
danke dir, auch wenn ich nicht an dich glaube. Scully wird leben.
Sie wird wieder gesund werden. Auch diese Klippe schienen
sie irgendwie umschifft zu haben.
Kann
ich sie sehen?
Der
Doktor blickte zu der Schwester, die ihm zunickte.
Wissen
sie, eigentlich dürfen nur Familienangehörige auf die
Intensivstation. Aber in ihrem Fall können wir glaube ich eine
Ausnahme machen. Aber nur fünf Minuten. Agent Scully braucht vor
allem eines. Ruhe.
Danke.
Er
schüttelte dem Doktor kurz die Hand und folgte dann der
Schwester. Vor einem Raum blieb sie stehen, öffnete die Tür und
wies ihn hinein. Hinter ihm schloss sie sie wieder und gönnte
ihm und Scully einen Augenblick alleine. Mulder ging langsam auf
sie zu. Oh Gott, sie ist so blass. Statt des Stuhles, der neben
dem Bett stand, nahm er direkt neben ihr auf dem Krankenbett
Platz und nahm eine ihrer Hände in seine Hand. Sie war noch
nicht bei Bewusstsein und würde wahrscheinlich auch noch eine
Zeitlang schlafen. Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne, die
sich gelöst hatte, aus dem Gesicht. Eine altvertraute Geste
zwischen ihnen. Er wagte es nicht zu sprechen. Nicht, weil er
Angst hatte sie zu stören, sondern weil er glaubte, dass seine
Stimme ihm den Dienst versagen würde.
Eine
Träne rollte über seine Wange. Er führte ihre Hand an seinen
Mund und küsste sie. Ließ sie dort einen Moment verweilen, ehe
er sie wieder in seinen Schoß gleiten ließ. Sie sah so
friedlich aus. Das kontinuierliche Piepsen auf dem Herzmonitor
war wie Musik in seinen Ohren. Ein ständiger, rhythmischer und
starker Herzschlag. Sie würde leben. Sie hatte ihn nicht
verlassen. Sie würde bei ihm bleiben. Überwältigende Gefühle
stürmten auf ihn ein. Sie hatten wieder einmal eine neue Chance
bekommen. Doch wie lang würde ihnen ihr Glück noch treu
bleiben. Doch all das war momentan egal. Jetzt zählte nur der
Moment. Und in diesem war er unglaublich glücklich, sie bei sich
zu wissen.
Ja,
er liebte Dana Scully, obwohl sie ihm fast immer widersprach und
nie einer seiner Theorien abnahm. Doch er könnte sich sein Leben
gar nicht mehr ohne sie vorstellen. Sie forderte ihn, wie es noch
niemand getan hatte. Das alles hatte er ihr schon einmal gesagt,
vor zwei Jahren in seinem Flur. Für einen Moment waren ihre
Mauern gefallen. Doch irgendetwas stand ihnen immer im Weg und so
hatte sich der Moment, der einer seiner glücklichsten in seinem
Leben hätte werden können, in puren Horror verwandelt. Danach
hatten sie nie wieder ein Wort über diesen Fast-Kuss verloren.
Und so wusste er wieder nicht, wo er bei ihr stand. Wie ihre
Empfindungen für ihn waren.
Das
Öffnen der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er musste
unwillkürlich lächeln. Vorher, auf dem Flur war die Zeit nicht
schnell genug vergangen, während sie jetzt geradezu dahin
geflogen war. Seine fünf Minuten waren um. Er stand auf und
hielt immer noch Scullys Hand in der seinen. Bevor er ging beugte
er sich noch mal über sie, küsste sie auf die Stirn und
flüsterte ihr ins Ohr.
Ich
komme wieder.
Sie
öffnete die Augen, nur um sie sogleich wieder zu schließen. Das
Licht war viel zu grell. Was war passiert? Sie konnte sich nicht
mehr an viel erinnern. Sie war angeschossen worden. Es ging alles
so schnell. Sie hörte den Schuss und plötzlich wurde ihr
bewusst, dass auch sie getroffen war. Sie konnte sich nur noch
erinnern, dass sie zu Boden sank und dass Ritter zu ihr gestürmt
kam und irgendetwas stammelte. Wo war sie? Langsam versucht sie
erneut die Augen zu öffnen. Erst einen Spalt weit. Ja so ging
es. Nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatte, sah sie sich
um. Sie lag in einem Krankenzimmer. Völlig alleine. Obwohl sie
es niemals direkt zugeben würde, schlich sich eine leichte
Enttäuschung in sie. Wo war Mulder? Irgendwie hatte sie
erwartet, dass er hier wäre. ,Dana, hör auf. Er ist
wahrscheinlich noch nicht mal in New York. Immerhin hatte
er auch noch einen Job und dieser hielt in momentan in Washington
fest.
Trotzdem
war es merkwürdig in einem Krankenhaus aufzuwachen und ihn nicht
an ihrer Seite zu wissen. Hör auf mit diesem Schwachsinn.
Warum kannst du nicht mal ohne ihn sein? Aber sie vermisste
ihn. Das einzig gute an ihren Krankenhausaufenthalte war, dass
Mulder sie dann ständig anzufassen schien. Als würde er sich
mit den Berührungen klar machen wollen, dass sie da war und es
ihr gut ging. Besonders als sie beinahe an Krebs gestorben wäre,
wich er nur selten von ihrer Seite. Der Begrüßungs- und
Abschiedskuss auf die Wange waren schon Routine geworden. Er
hielt ihre Hand bei jeder Gelegenheit und strich, sie glaubte
sogar zärtlich, Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Sie hätte sich
zu gern an diesen Zustand gewöhnt, aber nachdem es ihr wieder
besser ging, hörten die Berührungen auf und sie ertappte sich
selbst dabei, dass sie sie vermisste. Dass ihr seine Wärme
abging. Sie konnte es sich nicht erklären.
Was
war nur los mit ihr? Doch eigentlich wusste sie, was mir ihr los
war. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie einer fast unbekannten
Frau einen Vortrag über Freundschaft und Liebe gehalten.
Eigentlich hatte sie sich nur ihre eigenen Gefühle von der Seele
geredet. Ja, sie hatte sich irgendwann in ihn verliebt. Nun
wartete sie darauf, dass dieses Gefühl nachlassen würde, dass
es aufhören würde. Doch es wurde schlimmer. Tag für Tag liebte
sie ihn ein bisschen mehr. Und es tat weh. Was vor allem wehtat
war die Tatsache, dass sie für ihn nur eine gute, vielleicht die
beste Freundin war. Aber mehr? Nein. Sie war so was wie der
Ersatz seiner Schwester.
Vor
einigen Monaten hatte sie noch gedacht, dass seine Gefühle
tiefer waren. Dass er mehr für sie empfand. Er hätte sie
beinahe geküsst, doch eine Biene wusste das zu verhindern.
Danach war ihr aufgegangen, dass dies von ihm bloß der Versuch
war, sie an seiner Seite zu halten. Sie davon abzuhalten, beim
FBI zu kündigen. Nachdem er sie aus der Antarktis gerettet
hatte, sie konnte bis heute nicht fassen, was er für sie
riskiert hatte, war klar, dass sie nicht kündigen würde. Er
hatte den Kuss nie wieder erwähnt oder einen neuerlichen Anlauf
gewagt und so war ihr bewusst geworden, dass dahinter nicht die
Absichten steckten, die sie sich so gern wünschte. Und dann
waren da noch die X-Akten. Man hatte sie zwar wiedereröffnet,
aber nicht ihnen zugeteilt. Dieser Schleimer namens Spender
leitete sie jetzt.
Zusammen
mit Diana Fowley. Ihr Blutdruck stieg, als sie nur an den Namen
dachte. Sie wusste immer noch nicht genau, was Mulder mit ihr
verband, aber sie wusste, dass Diana mehr seine Interessen und
Ansichten teilte als sie. Er hatte sie vom ersten Moment in Bezug
auf sie belogen. Hatte ihr nicht gesagt, dass er sie kannte.
Warum? Was verband ihn mit ihr? Sie nannte ihn Fox. Und sie
durfte ihn nur Mulder nennen. Wieder ein Stich ins Herz. Und dann
war sie auch noch Augenzeuge einer kleinen romantischen
Zusammenkunft geworden. Hatte beide gesehen, als sie Händchen
haltend in einem Zimmer standen. Ihr Herz war in diesem Moment in
tausend Stücke gesprungen. Sie hatte nicht einmal den Mut
aufgebracht, in das Zimmer zu gehen. Satt dessen war sie
umgekehrt und hatte ihn vom Auto aus angerufen. Sie war selbst
überrascht, wie beherrscht doch ihre Stimme klang. Nach dem
Gespräch war sie beinahe in Tränen ausgebrochen. Aber sie
würde nicht weinen und die Wälle, die sie um ihr Herz errichtet
hatte, waren noch eine Schicht dicker geworden. Und wuchsen immer
dann, wenn er sie wieder mal wegen Diana versetzte.
Die
Tür ging auf, riss sie aus ihren Gedanken und eine Schwester
trat ein.
Unsere
Patientin ist ja aufgewacht. Wie geht es ihnen denn, Miss Scully?
Ich
fühl mich ein wenig schwach.
Die
Schwester lächelte sie an.
Das
ist ganz normal. Keine Sorge. Sie werden wieder gesund werden.
Darf ich ihnen etwas zu trinken bringen?
Ja,
gerne.
Ihre
Mutter hat schon ein paar Mal angerufen und gefragt wie es ihnen
geht. Fühlen sie sich stark genug, dass ich sie das nächste
Mal, wenn sie anruft, zu ihnen durchstelle?
Ja,
wenigstens ihre Mutter machte sich Sorgen um sie. Zum Teil zu
viele Sorgen, was auch in ihrem Job begründet war. Aber es war
schön zu wissen, nicht alleine auf der Welt zu sein.
Ja
natürlich. Ähm, hat sonst vielleicht noch jemand für mich
angerufen?
Die
Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Ja,
ein Mann.
Oh
er hatte angerufen. Ihr Herz machte einen Freudensprung, nur um
eine Sekunde später wieder eine Crashlandung hinzulegen.
Ein
Skinner. Ich glaube, er sagte, er wäre einer ihren Vorgesetzten
und wollte sich nach ihnen erkundigen. Wir haben ihm mitgeteilt,
dass sie über den Berg sind und sich auf dem Wege der Besserung
befinden. Er meinte, wir sollen ihnen die besten
Genesungswünsche ausrichten und sie sollen sich solange frei
nehmen, wie sie brauchen.
Danke.
Sonst noch jemand?
Nein,
aber ich habe erst vor drei Stunden meinen Dienst aufgenommen.
Deshalb weiß ich leider nicht, was vorher schon war. Übrigens
steht draußen ein junger Mann, der sie gerne sehen würde. Ich
hab aber gesagt, dass sie noch ein bisschen Ruhe brauchen, bevor
er zu ihnen kann.
Das
konnte nur Mulder sein. Er war doch gekommen. Ein Lächeln
breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
Nein,
ist schon in Ordnung, lassen sie in herein.
Okay,
aber wirklich nur kurz.
Die
Schwester verließ den Raum und ließ den Mann herein. Das
Lächeln glitt ihr erneut von den Lippen und nun machte sich
endgültig Enttäuschung in ihr breit. Es war Agent Ritter und
nicht Mulder. Sie versuchte sich zusammenzureißen und ihn
anzulächeln. Schließlich konnte er ja nichts dafür, dass ihr
so genannter Partner es noch nicht mal für nötig hielt, sich
nach ihr zu erkundigen.
Guten
Morgen, Agent Scully. Ich hoffe es geht ihnen besser.
Er
durchschritt den Raum in leicht gebückter Haltung und stellte
einen Blumestrauß auf ihren Tisch.
Für
sie.
Irgendwie
wirkte Ritter nervöser wie sonst. Als er zu ihr sah, bemerkte
sie, dass er ein blaues Auge hatte.
Was
ist denn mit ihnen passiert?
Ähmm,
nichts schlimmes.
Aber
ihr Auge schaut wirklich schlimm aus und so aufrecht kommen Sie
auch nicht daher. Hatten sie einen Unfall?
Agent
Ritter zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihr Bett.
Etwas
in der Richtung. Ist aber nicht weiter schlimm. Und außerdem
geht es nicht um mich, sondern um sie. Wie geht es ihnen, Dana?
Er
schien sich wirklich Sorgen um sie zu machen. Sie war gerührt.
Sie kannte ihn immerhin erst ein paar Tage. Mulder könnte sich
ein Vorbild nehmen.
Danke,
dass ist nett von ihnen. Mir geht es eigentlich ganz gut, ich bin
nur ein wenig schwach.
Ritter
seufzte hörbar aus. Er schien wirklich über das normale Maß
hinaus besorgt.
Das
ist schön zu hören.
Stimmt
irgendetwas nicht?
Ritter
schien seinen ganzen Mut zusammenzunehmen, atmete noch einmal
hörbar ein.
Sie
können sich nicht erinnern, nicht wahr?
Nein,
ich weiß nur, dass ich getroffen wurde, und dass dann plötzlich
sie da waren. Woher sind sie eigentlich so schnell gekommen?
Dana,
ich habe sie angeschossen. Es tut mir so leid, ich dachte Felling
zielt mit einer Waffe auf mich. Ich hab sie nicht gesehen. Sie
standen hinter ihm. Ich mein, woher sollte ich das wissen. Das
war alles ein blöder Unfall.
Ein
blöder Unfall? Sie haben mich beinahe umgebracht. Ihre
Stimme schneidender und lauter, als sie beabsichtigt hatte..
Wie
kann denn so was passieren, man ballert doch nicht einfach in der
Gegend rum. Sie schrie nun. Ritter zuckte bei jedem Satz
unwillkürlich zusammen.
Haben
sie noch nie was von Sicherung des Tatortes gehört. Das fass ich
nicht.
Die
Tür ging auf und die Schwester von vorhin kam herein. Es
brauchte nicht viel um die Szene vor ihren Augen zu erfassen.
Es
ist jetzt glaub ich besser, wenn sie gehen.
Ritter
schaute Scully noch mal mit einem flehentlichen Blick an. Doch
sie hatte jetzt keinen Nerv für ihn und blickte zur Seite. Die
Stimme der Schwester drang an ihr Ohr.
Und
sie ruhen sich aus. Sie brauchen jetzt Ruhe. Kein Besuch mehr in
den nächsten Stunden.
Ritter
verließ mit hängendem Kopf den Raum und die Schwester schloss
die Tür hinter ihm. Scully war wieder alleine. Sie konnte es
einfach nicht fassen, was Ritter ihr da offenbart hatte. Er hatte
sie angeschossen. Sie war schon oft in Lebensgefahr geraten und
hatte viele brenzlige Situationen überstanden. Sie hatte einen
gefährlichen Beruf, da machte sie sich keine Illusionen.
Trotzdem glaubte man nie richtig daran, dass es einen mal
erwischen würde. Und wenn, dann durch die Hand eines
Kriminellen. Und nicht durch die Unfähigkeit eines eigenen
Kollegen. Mulder wäre das nie passiert. Er würde sie nie
wissentlich in Gefahr bringen. Mulder hatte einen so großen
Beschützerinstinkt ihr gegenüber, dass es ihr schon manchmal zu
viel wurde. Sie war schließlich eine selbstständige Frau, die
lange für ihre Unabhängigkeit und für ihren Platz in der
Männerwelt des FBIs gekämpft hatte. Und obwohl Mulder größten
Respekt für sie hatte und sie von Anfang als gleichwertige
Kollegin eingeschätzt hatte, war er in mancherlei Hinsicht ein
totaler Macho.
Immer,
wenn er meinte, sie wäre einer Situation nicht gewachsen oder es
wäre zu gefährlich für sie, ließ er sie ohne eine Wort sitzen
und brachte sich dabei meist selber in Lebensgefahr. Wie oft sie
schon in seiner Wohnung gesessen hatte und auf ein Wort von ihm
gewartet hatte. Sie wusste es nicht mehr. Wie viel Tage und
Nächte hatte sie schon an seinem Krankenbett verbracht und
gebetet und gehofft? Zu viele Male. Und wo war er jetzt? War er
so tief verletzt, dass sie einen anderen Partner für diesen
Auftrag bekommen hatte? Ihr war sein verletzter Blick im Büro,
als sie im die Nachricht von ihrem neuen Auftrag mitgeteilt
hatte, nicht entgangen. Und obwohl er in seinem ersten Anruf,
einen Scherz gemacht hatte Wir haben beim FBI mal
nebeneinander gesessen, wirkte er doch sehr gekränkt. Sie
wusste nicht mehr, was sie von der ganzen Situation halten
sollte. Von ihm, von seinen Gefühlen ihr gegenüber, von seiner
jetzigen Abwesenheit, von dieser Diana Fowley. Einfach von allem.
Doch sie wollte sich nicht länger den Kopf darüber zerbrechen
und so drehte sie sich zur Seite und schloss die Augen. Und wie
so oft in den letzten Wochen, galten ihre letzten Gedanken, bevor
sie der Schlaf überkam, Mulder.
Als
sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr erster Blick auf die Uhr
und sie stellte fest, dass sie länger geschlafen hatte, als ihr
lieb war. Es waren fünf Stunden vergangen. Sie musste
erschöpfter sein, als sie selbst geglaubt hatte. Wahrscheinlich
hatte auch die Narkose noch nachgewirkt und sie ins tiefe Reich
der Träume entführt. Doch nun fühlte sie sich wieder besser.
Sie hatte Durst. Als sie auf ihren Nachttisch blickte, stellte
sie fest, dass ihr Wasser leer war und ein zweiter Strauss Blumen
da stand. Wo kam der denn her? Aber erst mal war ihr Durst, dass
wichtigste Bedürfnis und so entschied sie sich nach einer
Schwester zu klingeln.
Nur
eine Minuten später öffnete sich die Tür und eine ihr
unbekannte Schwester trat ein.
Hallo
Miss Scully, ich bin Schwester Beatrice. Schön zu sehen, dass es
ihnen wieder besser geht. Sie haben schon viel mehr Farbe im
Gesicht als gestern. Kann ich Ihnen etwas holen?
Ich
hätte gerne etwas Wasser.
Ja
gerne. Ich komme sofort wieder.
Die
Tür schloss sich und kurz darauf kam die Schwester mit einer
vollen Karaffe Wasser zurück, schenkte ihr ein Glas ein und
reichte es ihr. Scully trank das Glas auf einmal leer. Damit
schienen endgültig wieder ihre Lebensgeister in sie zurück zu
kehren.
Waren
Sie gestern auch schon da? Ich mein, weil Sie gesagt haben, dass
ich schon wieder mehr Farbe im Gesicht habe. Und ich kann mich
ehrlich gesagt nicht an Sie erinnern. Tut mir leid.
Nein,
ist schon gut. Sie waren ja nicht gerade bei vollem Bewusstsein,
als Sie hier eingeliefert wurden. Ich hab Sie auf die OP
vorbereitet und war dann auf der Station, als sie in den
Aufwachraum kamen und als sie dann hierher verlegt wurden.
Eigentlich hätte ich heute freigehabt, aber eine Kollegin ist
krank geworden. Und sie wissen ja wie das ist. Ständige
Unterbesetzung und so musste ich halt wieder ran.
Es
war manchmal ganz schön zu erfahren, dass sie nicht die einzige
war, die ständig Überstunden schieben musste. Sie lächelte die
Schwester verständnisvoll an.
Ja
der Job frisst einen manchmal auf. Das kenne ich.
Beim
FBI scheinen sie ja dahingehend auch nicht unbedingt verwöhnt zu
sein? Nehmen wir zum Beispiel ihren Kollegen. Den musste ich
gestern direkt rauswerfen, damit er mal zu ein paar Stunden
Schlaf kommt. Er wollte unbedingt warten, bis sie aufwachen. Erst
nachdem sie hierher verlegt wurden und er sicher war, dass es
ihnen gut gehen würde, hat er zugestimmt und ist gegangen.
Ritter
schien eins schlechteres Gewissen zu haben, als sie gedacht
hatte. Geschah ihm ganz recht. Immerhin hatte er sie in diese
Situation gebracht. Beim Gedanken an Ritter, fielen ihr auch die
Blumen wieder ein. Und da stellte sich die Frage, von wem der
zweite war.
Wissen
Sie zufällig, von wem der zweite Blumenstrauß ist? Als ich
eingeschlafen bin, war er noch nicht da.
Ach,
der ist von ihrem Kollegen. Er ist seit ungefähr einer Stunde
da. Vor ungefähr zehn Minuten ist er aus ihrem Zimmer gekommen,
und wollte sich mal draußen die Füße vertreten und mit dem
Doktor sprechen.
Agent
Ritter ist schon wieder da und hat mir einen zweiten
Blumenstrauß mitgebracht?
Meinte
er vielleicht, sie wäre käuflich und würde ihm vergeben, wenn
er nur oft genug hier auftauchen würde und ihr Zimmer mit Blumen
überflutete. Da hatte er sich aber geschnitten.
Nein.
Ihr anderer Kollege. Agent Mulder. Ich glaube nicht, dass sich
Herr Ritter noch mal blicken lässt, wenn Mulder in der Nähe
ist.
Mulder
war doch da. Sie hätte es eigentlich wissen müssen. Aber
dennoch tat ihr Herz einen freudigen Sprung bei dem Gedanken,
dass er bis aus Washington hergekommen war. Anscheinend war er
auch gestern schon da gewesen, denn mit dem Kollegen, den sie
quasi rauswerfen mussten, konnte auch bloß Mulder gemeint sein.
Ein breites Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Er war da
gewesen. Sie schalt sich für all die Vorwürfe, die sie ihm im
Stillen gemacht hatte. Aber was meinte die Schwester mit dem
zweiten Kommentar? Waren sich Ritter und Mulder schon begegnet?
Und warum würde Ritter nicht mehr auftauchen, wenn Mulder in der
Nähe war? Ihr kam da ein Verdacht, wenn sie an das Aussehen von
Ritter dachte.
Was
ist passiert?
Die
Schwester blickte sie überrascht an, kam dann aber anscheinend
zu dem Schluss, dass eine FBI-Agentin durchaus eins und eins
zusammen zählen konnte.
Tja,
ihr Kollege, Agent Mulder, war gestern ziemlich aufgebracht, als
er ins Krankenhaus kam. Na und sagen wir mal, dass es
wahrscheinlich Agent Ritters Glück war, dass auch noch zwei
Polizisten anwesend waren.
Was
hatte Mulder nur wieder getan! Er konnte doch nicht einfach einem
anderen Agenten eine verpassen! Wenn Ritter das anzeigte, würde
er eine Verwarnung bekommen. Und sein Personalblatt war wirklich
schon voll damit. Und bedachte man dann auch noch, dass Kersh nur
auf eine Gelegenheit warteten, ihm wieder eins reinzuwürgen, war
die ganze Sache mehr als nur dumm. Mal abgesehen davon, dass sie
irgendwo ganz tief in sich versteckt, die Idee, dass Mulder sich
für sie geschlagen hatte, mehr als angenehm empfand. So weit zur
professionellen Einstellung zum Beruf. Und außerdem hatte er nur
getan, was sie am liebsten auch machen würde. Dem Kerl eine
verpasst und anscheinend eine ordentliche, wenn sie an Ritters
Auftreten in der Früh dachte.
Sie
verspürte ganz leichten Stolz für Mulder. Seinen makellosen,
muskelbepackten und athletischen Körper trug er nicht nur zur
Schau spazieren, da steckte auch einiges dahinter. Auf ihren
Armen bildete sich gleich eine Gänsehaut. In Gedanken sah sie
ihn vor sich. Seine muskulösen Oberarme, die langen Finger, die
so zärtlich sein konnten, seine sonnengebräunte Haut, die
langen Beine. Ja er war perfekt. Das Blinzeln in seinen Augen,
wenn er lachte, was selten vorkam. Die Gänsehaut zog sich über
den ganzen Körper weiter, als sie daran dachte, wie er sich
immer mit der Zunge über die untere Lippe fuhr. Wenn er dann
noch lässig seine Sonnebrille trug, und sein Hemd die Unterarme
hoch gerollt hatte, dann konnte sie ihn nicht mehr anblicken,
ohne dass sich ein angenehm warmes Kribbeln in ihrem Bauch breit
machte. Aber das war alles noch nichts im Vergleich zu dem
Gefühl, das sie bekam, wenn er enge Jeans und ein lässiges
T-Shirt trug. Das Oberteil, das sich immer so perfekt an seinen
wohlgeformten Oberkörper schmiegte, die Jeans die sich so eng um
sein Hinterteil legte. In Gedanken verzerrte sie ihn dann und es
machte sich in ihr ein unglaublich primitives Verlangen aus. Wenn
er sie in diesen Momenten anfasste, zuckten kleine Stromschläge
durch ihren Körper. Howhowhow, Dana, komm wieder zurück. Aber
schließlich war sie auch nur eine Frau.
Mulder
war ein glücklicher Mann. Ließ man mal seinen, zur Zeit mehr
als beschissenen Job weg, und vergaß, dass er von Kersh wieder
mal einen Rüffel wegen unentschuldigtem Fehlen bekommen hatte,
und übersah man, dass er nur 5 Stunden geschlafen hatte, kam
Mulder selbst zu dem Schluss, dass es ein wunderschöner Tag war.
Das lag aber nicht an dem herrlichen Wetter oder an der Tatsache,
dass er gerade für eine Woche frei genommen hatte, was
eigentlich nie vorkam, oder an dem mehr als eindeutigen Blick,
den er heute von einer Schwester bekommen hatte. Nein, all das
war für ihn nur zweitrangig. Er hatte gerade mit Scullys Doktor
gesprochen und dieser hatte ihm versichert, dass sie wieder
vollkommen gesund werden würde. Und so ging er mit einem breiten
Grinsen auf seinem Gesicht den Krankenhausflur zu Scullys Zimmer
entlang.
Ja,
das Leben konnte schön sein, auch wenn er gestern darüber noch
ganz anders gedacht hatte. Aber gestern stand Scully auch noch
zwischen Leben und Tod. Bei diesem Gedanken tat sich ein kleiner
Stich in seinem Herzen. Egal, das war gestern und heute war
heute. Scully würde wieder gesund werden, sie würde wieder aus
dem Krankenhaus kommen und dann würden sie wieder beide
gemeinsam arbeiten. Und wenn er die nächsten zwei Monate
Routinebefragungen durchführen würde, war ihm das relativ egal.
Hauptsache sie war wieder an seiner Seite. Und dafür würde er
sorgen. Das nächste Mal, wenn jemand auf die Schnapsidee kam,
und ihr einen anderen Partner zuteilen würde, müssten sie
zuerst an ihm vorbei.
Scully
würde begeistert sein, wenn sie davon erfuhr. Sie legte sehr
viel Wert auf ihre Unabhängigkeit. Darauf ihm zu beweisen, dass
sie stark war. Dabei wusste er doch, dass sie viel stärker war,
als er es jemals schaffen würde. Das änderte aber nichts an der
Tatsache, dass jedes Mal, wenn nur der kleinste Hauch einer
Gefahr bestand, sein Beschützerinstinkt für sie erwachte. Und
sie hasste es. Aber egal wie viel Ärger ihm seine Fürsorge
einbrachte, er würde sie niemals wissentlich in Gefahr bringen.
Dafür war sie ihm viel zu wichtig. Das konnte er ihr natürlich
nie sagen, er konnte seine Gefühle ihr gegenüber nie
offenbaren, da sie offensichtlich nicht das gleiche für ihn
empfand und so ließ er sie immer recht rüde zurück und begab
sich alleine auf seine zum Teil etwas riskanten Abenteuer.
Sie
war dann meistens ein paar Tage mehr als sauer. Außer wenn eines
seiner Abenteuer im Krankenhaus endete, dann war sie
komischerweise immer herrlich fürsorglich. Hockte sich auf sein
Bett, hielt seine Hand und schenkte ihm diese unglaublichen
1000-Watt-Lachen. Manchmal hatten auch Krankenhausaufenthalte ihr
positives. Doch noch besser waren die Tage nach seiner
Entlassung. Dann fuhr sie ihn persönlich nach Hause und
kümmerte sich um ihn, bis sie hundertprozentig davon überzeugt
war, dass es ihm wieder besser ging. Wenn es die Arbeit an den
X-Akten irgendwie zuließ, zögerte er seine Genesung immer ein
bis zwei Tage hinaus.
Er
ließ sich von ihr über alle wichtigen Neuigkeiten informieren
und ließ sie immer die Akten mit nach Hause bringen, um sie mit
ihr gemeinsam durchzugehen. Ein weiterer Vorteil. Sie brachte
dann meist noch Essen mit und dann saßen sie gemeinsam auf
seiner Couch. Er rutschte, unter dem Vorwand einen Bericht in
ihrer Hand genauer studieren zu wollen, etwas zu nah an sie
heran. Legte seinen Arm über ihre Schultern, um auf etwas zu
deuten, obwohl er das durchaus auch so zeigen könnte. Ließ den
Arm dann oft wie zufällig auf ihrer Schulter liegen. Manchmal
war sie sogar in der Stimmung, dass sie dies mehr als eine Minute
zuließ, bevor ihr eine Ausrede, wie Kann ich uns noch was
zu trinken holen? oder Ich muss mal für kleine
Mädchen einfiel und sie geradezu aufsprang, um von ihm weg
zu kommen. Aber da sie Ärztin war, eine hervorragende wie er
fand, wusste sie auch immer ziemlich genau, wann es ihm wieder
besser ging und so konnte er das ganze nicht ganz so
strapazieren, wie er wollte.
Mulder
hatte Scullys Zimmer erreicht, öffnete leise die Tür, um sie
nicht zu stören und stellte dann fest, dass sie wach war. Ihre
Blicke trafen sich und er konnte nicht verhindern, dass sich ein
wahrscheinlich total blödes Grinsen auf sein Gesicht schlich.
Hey!
war alles was er herausbrachte. Ihr einfaches Mulder,
begleitet von einem Strahlen in ihrem Gesicht war auch nicht viel
mehr. Doch ihre Blicke sagten mehr als tausend Worte. Wieder
kommunizierten sie beide auf stille Weise. Sagten sich mit den
Augen alles, was der andere wissen musste. Von der Spannung im
Raum unangenehm berührt, zog sich die anwesende Schwester
zurück.
Wenn
sie noch was brauchen sollten, dann klingeln sie einfach.
Scully
löste den Augenkontakt, um die Schwester anzuschauen.
Danke.
Und
damit verschwand die Schwester und ließ nur sie beide zurück.
In
Gedanken dankte Scully Schwester Beatrice. Nur noch eine Sekunde
länger und sie wäre unter Mulders Blick dahin geschmolzen. Was
hatte der Kerl nur an sich, dass er sie mit nur einem Blick total
aus der Realität holen konnte? Sie ihre Mauern fallen lassen
ließ. Sie sah ihn wieder an. Er sah gut aus, wie immer. Und er
hatte eines seiner raren Lächeln aufgesetzt, das in diesem
Moment nur ihr zu gelten schien. Mit wenigen Schritten hatte er
das Krankenzimmer durchquert, setzte sich zu ihr aufs Bett und
nahm ihre Hand in die seine. Sie wusste nicht, ob er es bewusst
tat, auf jeden Fall streichelte er mit seinem Daumen über ihren
Handrücken und hinterließ immer da, wo er sie berührte, ein
angenehmes kribbelndes Gefühl auf der Haut zurück. Wusste er
denn nicht, was er mit diesen einfachen Berührungen, mit diesen
kleinen Gesten in ihr auslöste? Wenn sie nicht sofort etwas
unternehmen würde, dann würde das kleine Gefühl sich bald in
ein größeres Gefühl verwandeln. Und das wollte sie nun
wirklich nicht. Und die einfachste Art Mulder von etwas
abzubringen, war ihn zu provozieren oder ihn wütend zu machen.
Also tat sie das.
Mulder,
was hast du mit Agent Ritter gemacht?
Es
funktionierte. Schlagartig ließen die kreisenden Bewegungen
seines Daumens nach, aber er hielt ihre Hand weiterhin in der
seinen.
Ich
weiß gar nicht, was du meinst, aber Agent Ritter ist doch jetzt
völlig zweitrangig. Ich bin nicht gekommen, um über ihn zu
sprechen. Ich steh da eher auf Frauen. Wenn du weißt, was ich
meine.
Beim
letzten Satz setzte er ein zweideutiges Grinsen auf und zwinkerte
sie an.
Daraufhin
rollte Scully mit ihren Augen, um ihm zu zeigen, was sie von
seinem Statement hielt.
Dass
du auf Frauen stehst, ist mir durchaus bewusst.
Vor
allem auf jene mit langen Beinen und blonden Haaren, fügte sie
in Gedanken hinzu. Beides Eigenschaften, die ihr völlig
abgingen. Aber sie würde Mulder nicht so einfach vom Haken
lassen.
Mulder,
ich hab ihn gesehen und ich hab so einiges gehört.
Was
hast du gehört? Ich hab nichts getan, was ich bereuen würde.
Scully
seufzte. Mulder machte wieder einen auf total unschuldig und
missverstanden.
Mal
ganz davon abgesehen, dass er das ganze irgendwo auch verdient
hat, schließlich verdank ich ihm diesen kostenlosen Aufenthalt
hier, ist dein Verhalten absolut unangemessen. Kersh wartet doch
nur auf einen Grund, dir eine weitere Verwarnung auszusprechen.
Oho,
wer hätte gedacht, dass die immer korrekte Dr. Scully gewisse
Begeisterung für Ritters Aussehen aufbringt.
Das
brachte ihm ein weiteres Augenrollen und ein ganz kleines Grinsen
ein.
Das
hab ich so nicht gesagt.
Ja,
aber genau das hast du gemeint.
Sie
geriet hier langsam ins Hintertreffen, so wie er ihre Aussagen
verdrehte. Und das wusste er genau. Zeit also etwas schärfer
vorzugehen, um ihm dieses dämliche Grinsen endgültig aus dem
Gesicht zu wischen. Sie würde hier nicht als Verlierer vom Platz
gehen. Das ließ ihr Stolz nicht zu.
Na
ja, ich kann nicht leugnen, dass Agent Ritter gewisse Reize mit
sich bringt.
Schade,
dass sie keinen Fotoapparat zur Hand hatte, denn Mulders
Gesichtsausdruck in diesem Moment war Preis los. Seine Kinnlade
klappte nach unten und seine Augen vergrößerten sich. In ihrem
Kopf spielte Scully die Siegeshymne und gratulierte sich selbst
zum Triumph.
Die
nächsten Worte von Mulder waren nur dahingenuschelt, aber Scully
hörte sie trotzdem.
Nächstes
Mal sorge ich dafür, dass ihm was Dauerhaftes bleibt.
War
da eine gewisse Spur von Eifersucht zu hören? Nein, das konnte
nicht sein. Dass war wahrscheinlich bloß wieder sein
Alphatier-Verhalten. Typisch Mann halt.
Wie
war das, Agent Mulder?
Mmh,
nichts. Also was genau ist passiert? Kannst du dich noch an was
erinnern?
Ich
weiß nur noch, dass ich bei Felling war. Dann kam jemand herein,
Agent Ritter, wie sich herausstellte, und dann hörte ich einen
Schuss.
Beim
nächsten Satz musste Scully schwer schlucken und Mulder drückte
ihre Hand, um sie zu ermutigen fortzufahren.
Ich
weiß nur noch, dass ich einen Schmerz in der Baugegend gespürt
habe und dass überall Blut war, dann kam Ritter hereingestürzt
und dann wird es ziemlich vage und ich glaube den Rest habe ich
mir eingebildet, da es einfach nicht wahr sein kann.
Mulder
bückte sich ein Stück nach vorne, kam auf diese Weise noch
näher heran und sah ihr in die Augen.
Was
ist dann passiert?
Sie
spürte seinen Atem in ihrem Gesicht und ihr wurde wärmer. Viel
wärmer. Sie blickte nach unten, um den Blickkontakt erneut
abzubrechen.
Felling
sagte, ich solle die Augen schließen, sonst würde ich den Tod
sehen. Und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.
Es
folgte ein kurzes Schweigen. Mulder hatte seinen Blick
aufgesetzt, den er immer bekam, wenn er versuchte die Teile eines
Puzzles zusammenzufügen. Doch Scully brannte noch eine Frage auf
den Lippen und sie wollte die Antwort wissen. Sie suchte wieder
seine Augen.
Mulder.
Ja
Was
ist mit Felling?
Er
wurde tot am Tatort aufgefunden.
Weiß
man woran er gestorben ist?
Nein.
Mulder
sah sie kurz intensiv an und wieder führten sie eine lautlose
Kommunikation. Doch sie zögerte noch mit ihrer nächsten
Aussage, doch ein kurzes Nicken von Mulder reichte. Schließlich
war er derjenige, der an das Paranormale glaubte. Wenn nicht ihm,
wem konnte sie sonst ihre Vermutung mitteilen?
Kann
es sein, dass Felling unsterblich war?
Diese
Frage überraschte ihn weniger, als sie vermutet hatte.
Anscheinend war er schon zu seinen eigenen Schlüssen gekommen.
Ich
weiß es nicht Scully. Wir werden wohl noch die Ergebnisse der
Gerichtsmedizin abwarten müssen.
Dann
fuhr er etwas heiterer vor.
Dass
ich das noch erleben darf. Dr. Scully schlägt eine nicht
wissenschaftliche Erklärung vor.
Muss
wohl die Nachwirkung der Narkose sein.
Mit
diesem Satz lächelten sie sich beide an. Plötzlich ging die
Tür auf und Schwester Beatrice kam herein.
Mister
Mulder, sie müssen jetzt leider gehen. Miss Scully braucht noch
Ruhe. Immerhin wurde sie erst gestern operiert.
Mulder
drückte kurz ihre Hand, erhob sich, küsste sie auf die Wange
und machte sich auf dem Weg zur Tür. Bevor er sie erreichte,
stoppte ihn Scully noch mal.
Danke
für die Blumen.
Ach
nicht der Rede wert. Diesmal hab ich sie ner Oma geklaut.
Mit
diesen Worten ging er durch die Tür und schloss sie hinter sich.
Scully blickte auf die Stelle, wo er gerade noch gesessen hatte
und fuhr seine Abdrücke mit ihren Fingern nach. Dann legte sie
sich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Was ihr nicht
gelingen sollte, da ihre Gedanken immer wieder zu einem Mann
zurückkehrten.
Fox
Mulder stand vor Dana Scullys Krankenzimmer und beobachtete die
Szene im Innern. Scully sprach mit Ritter, erteilte ihm
wahrscheinlich ihre Absolution. Doch an ihrem Gesichtsausdruck
sah er, dass sie es ihm nicht einfach machte, und er um jedes
Stückchen Vergebung kämpfen musste. Wenn es nach ihm ginge,
hätte Ritter auf ewig mit seiner Schuld leben können. Er hatte
ihn seit dem Vorfall im Flur nicht mehr gesehen und hätte auch
jetzt keinen Wert auf seine Anwesenheit gelegt, aber Scully war
in dieser Beziehung immer etwas sensibler. Auch, wenn sie das
selber nicht gerne zugab.
Seit
ihrer Operation war eine Woche vergangen. Und Scully hatte sich
erstaunlich schnell erholt. Er hatte vor einer Viertelstunde mit
dem Doktor gesprochen, und dieser sagte, dass sie sich schneller
erholte als er es je gesehen hatte. Sie müsste noch zwei Tage im
Krankenhaus bleiben und könne dann nach Hause zurückkehren. In
spätestens einer Woche, könne sie wieder zur Arbeit gehen. Er
trug wieder Berufskleidung, einen seiner Anzüge. Sein Urlaub war
vorbei und er musste heute nach Washington zurückfliegen und
gleich danach im Büro erscheinen. Er konnte nichts dagegen tun,
aber er vermisste sie jetzt schon. Sie würde zwar in zwei Tagen
nachkommen, aber jede Minute ohne sie war wie die Hölle. Vor
allem, weil er nicht mal schnell auf einen Sprung bei ihr vorbei
schauen konnte. Also würde er in den nächsten zwei Tagen
Telefonterror veranstaltet. Nein, das konnte er auch nicht tun.
Er wollte sie schließlich nicht nerven. Mit sich selbst
vereinbarte er zwei Gespräche pro Tag. Eines um die Mittagszeit
und eines nach Feierabend. So hatte er jeden Tag etwas, auf das
er sich freuen könnte. Doch bereits jetzt wusste er, dass es
nicht bei den zwei Gesprächen bleiben würde. Wenn er nachts
wach lag und von ihr träumte, dann würde er unweigerlich zum
Telefon greifen und ihre Nummer wählen. So wie er es immer tat.
Sie würde verärgert reagieren und ihn darauf hinweisen, wie
spät es eigentlich ist. Dann würde er sich entschuldigen und
fragen, ob er auflegen sollte. Dann würde sie meinen, dass sie
sowieso schon wach sei und er auch ruhig sagen könne, weswegen
er sie eigentlich aufgeweckt hätte. Manchmal fragte er sich, ob
sie nicht heimlich auf seine Anrufe wartete. Schließlich ging
sie immer recht schnell an ihr Handy, so als würde es auf ihrem
Nachtkästchen liegen. Und wer legt sein Handy dahin, wenn er
nicht gestört werden will? Dana Scully war eine Frau mit vielen
Geheimnissen.
Die
vergangene Woche war, trotz ihres Krankenhausaufenthaltes, schön
gewesen. Er hatte sie mindestens zweimal am Tag besucht. Am Abend
hatte er immer was zum Essen mitgebracht, was sie sich dann
geteilt hatten. Und er hatte jede Gelegenheit genutzt sie zu
berühren. Ein Begrüßungs- oder Abschiedskuss auf die Wange.
Händchenhalten. Manchmal hatte er sich sogar in einem Gespräch
mit seinen Händen auf beiden Seiten des Bettes abgestützt und
war über sie gebeugt. Doch nach dem heutigen Tag würde das
wieder vorbei sein. Noch etwas, das er vermissen würde.
Und
sie hatten geredet in der letzten Woche. Und nicht nur über die
Arbeit, sondern über alle möglichen Sachen. Über Privates. Er
hatte ihr von seinen Erfolgen als Basketballspieler auf der
Highschool erzählt und sie ihm, wie ihre Mom sie mit 14 beim
Rauchen erwischt hatte. Kaum zu fassen. Dana Scully hatte in
ihrer Kindheit etwas Verbotenes getan. Und er war ihr jeden Tag
ein bisschen mehr verfallen, hatte sich jeden Tag noch ein
Stückchen mehr in sie verliebt. Auch, wenn er gedacht hatte,
dass dies nicht mehr möglich wäre. Außerdem genoss er es, sie
in Pyjamas zu sehen.
Einmal
hatte er es fast zu sehr genossen. Sie hatte vergessen, den
oberen Knopf zu schließen und so hatte er einen wunderbaren
Blick auf den Ansatz ihrer Brüste. Sie trug keinen BH darunter.
Er hatte versucht, nicht zu starren, aber immer, wenn sie ihren
Kopf im Gespräch auf die Seite drehte, wurden ihre Rundungen
noch offensichtlicher. Dies hatte genügt, ihm eine kleine
Verhärtung in seiner Hose zu bescheren. Was wiederum dazu
geführt hatte, dass er sich geschlagene 20 Minuten nicht mehr
bewegen konnte, da er ihr sonst einen wunderbaren Anblick geboten
hätte. Und er wollte ihr wirklich nicht erklären müssen, dass
schon der Anblick ihrer halbnackten Brüste reichte, um ihn
unglaublich scharf zu machen. Er war sich nun sicher, dass die
nächsten beide Nächte doch nicht so schwierig zu überbrücken
waren. Schließlich war auch ein fotographisches Gedächtnis
manchmal zu etwas gut.
Ritter
und Scully schienen mit ihrem Gespräch am Ende zu sein, denn der
Agent bewegte sich Richtung Tür. Mulder drehte sich in seine
Richtung, als der Agent herauskam. Die folgenden Worte brachte er
vollkommen emotionslos über die Lippen.
Sie
sind ein glücklicher Mann.
Ritter
schien genau zu wissen, auf was er anspielte. Ihm fiel nichts ein
und so ging er ohne ein Wort zu sagen weiter. Er wusste
vielleicht gar nicht, wie viel Glück er hatte, denn Mulder
selbst glaubte nicht, dass ihn irgendetwas aufgehalten hätte,
wenn Scully gestorben wäre. Mulder betrat mit einem Lächeln
Scullys Krankenzimmer. Als er bei ihr war, blieb er neben ihrem
Bett stehen und nahm ihre Hand. Sie kam ihm auf halben Weg
entgegen. Ja in einer Woche gewöhnte man sich viele Rituale an.
Auch das Händchenhalten würde er vermissen, denn Scully würde
es, wenn sie gesund war, nicht mehr zulassen. Kurz versuchte er
ihren Daumen zu fassen. Ein kleines Spiel, doch sie ließ sich
nicht so einfach fangen. Dann blickte er auf zu ihr.
Der
Bericht vom Gerichtsmediziner ist heute zurückgekommen. Er sagt,
dass Felling an einer einzelnen Schussverletzung gestorben ist.
Das ist alles, was es aussagt.
Mit
diesen Worten setze er sich zu ihr aufs Bett. Nutzte diese
Möglichkeit noch mal in ihrer Nähe zu sein.
Also
ich hab mit dem Doktor geredet ... und er sagt, du machst dich
fantastisch. Du erholst dich schneller, als er es je gesehen hat.
Scully
sah ihn sehr nachdenklich an.
Ja,
Mulder, ich weiß gar nicht, wie ich auf den Gedanken gekommen
bin. Menschen leben nicht für immer.
Er
hatte schon lange darauf gewartet. Dass die Wissenschaftlerin
wieder an die Oberfläche kommen würde. Vielleicht bereute sie
jetzt schon ihre Aussage, die sie einen Tag nach ihrer Operation
getroffen hatte. Aber er war der Meinung, dass sie nicht so
unrecht damit hatte, wenn sie meinte, dass Felling unsterblich
war.
Nein,
nein. Ich glaube er hätte für ewig gelebt. Ich glaube der Tod
sucht erst nach einem ... wenn man das Gegenteil gesehen hat.
Nun
schauten sie sich lange an, bevor Mulder fortfuhr.
Der
Doktor sagt, dass du in zwei Tagen entlassen wirst und nach Hause
darfst. Und in einer Woche dürfen wir wieder nebeneinander
sitzen und weitere spannende Routinebefragungen durchführen
Scully
schenkte ihm ein Lächeln.
Ich
wusste doch, dass das Leben einen Sinn hat. Ich freu mich schon
wieder richtig.
Nun
grinste auch Mulder, doch als er fortfuhr, setzte er ein
trauriges Gesicht auf, auch wenn er das nicht vorhatte. Warum
kann ich in ihrer Nähe meine Emotionen nicht kontrollieren?
Tja,
uhm, mein Urlaub ist vorbei und ich muss heute nach Hause
fliegen. Kersh will mich unbedingt im Büro sehen. Bestimmt hat
er sich schon die ganze Woche überlegt, wie er mich am besten
für mein unerlaubtes Verschwinden bestraft. Ich tipp mal auf die
Klobürsten.
Das
tut mir leid, Mulder. Dass du wegen mir solche Schwierigkeiten
bekommst.
Och
nein, Scully. Eigentlich wollte ich ja nur ein New York Knicks
Spiel sehen. Du warst eine wunderbare Entschuldigung.
Scully
schlug die Augenbrauen in gespieltem Entsetzen nach oben.
Also,
wenn du nach Hause kommst, rufst du mich an. Ich hol dich vom
Flughafen ab. Du weißt schon, du darfst ja noch nicht so schwer
tragen und so.
Das
kann doch auch meine Mutter machen. Du hast bestimmt was Besseres
zu tun.
Als
gäbe es für ihn was wichtigeres, als Scully nach zwei Tagen
wieder zu sehen. Er wollte keine Minute länger warten als
nötig.
Ach,
ich wohne doch viel näher am Flughafen. Deine Mutter müsste den
langen weiten Weg machen. Das ist doch kein Problem.
Das
Argument würde sie sicher schlucken. Er konnte ihr ja schlecht
sagen, dass er sie bei ihrer Rückkehr am liebsten in die Arme
schließen und die nächsten paar Stunden nicht mehr loslassen
würde. Ihr gehauchtes Danke und ihr Lächeln waren
aber jetzt schon Belohnung genug.
So,
ich muss jetzt aufbrechen. Wir sehen uns in zwei Tagen. Ich ruf
dich an, sobald ich wieder in Washington bin.
Damit
stand er von ihrem Bett auf und küsste sie noch mal auf die
Wange. Als er zurückziehen wollte, hielt sie seine Hand fest.
Ihre Gesichter waren nur ein paar Zentimeter entfernt und er
konnte ihren Atem auf seinen Lippen spüren. Sie blickten sich
tief in die Augen. Ganz sanft mit einem zarten Flüstern sagte
sie.
Ich
zähle darauf.
Bei
diesen Worten machte Mulders Herz einen Doppelsalto und in seinem
Bauch flogen plötzlich Schmetterlinge. Er sah ihr weiterhin tief
in die Augen und lächelte sie an, wie ein dummer Schuljunge, der
gerade seinen Lieblingslolly bekommen hatte. Ganz langsam stand
er aus seiner gebückten Haltung auf, ließ ihre Hand los und
ging zur Tür hinaus. Er dreht sich nicht mehr um, da er glaubte,
dass ihn sonst seine Emotionen verraten würden. Aber als er den
Flur entlang ging, verdrängte er den Gedanken an die nächsten
beiden Tage ohne sie und dachte an die Tage, die sie daheim
verbringen musste, bis sie wieder arbeiten durfte. Auch da würde
sie sicher ein bisschen Pflege und Zuneigung brauchen.
ENDE