Autor: Galloway

Titel: Momente (sorry, mir ist echt nichts Besseres eingefallen)

Spoiler: Tithonius, Rain King, Fight the Future, Redux

Zeitpunkt: In Tithonius, zwischen dem Schuss auf Scully und dem Krankenhausbesuch von Mulder

POV: Mulder, Scully, Agent Ritter, Krankenschwester

Rating: PG-13 (nur um sicher zu gehen)

Story: Mulder erfährt, dass Scully angeschossen wurde und macht sich auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus.

 

 

MOMENTE

 

 

 

Während er das Handy einschaltete, stieg Mulder in seinen Mietwagen, startete den Motor, legte den ersten Gang ein und machte sich auf den Weg vom Flughafen nach New York City. Das Handy hatte er achtlos auf den Beifahrersitz geworfen. Als er auf die Autobahn bog, machte es drei Piepser, die ihm die Ankunft einer neuen Nachricht signalisierten. Er überlegte kurz, ob er auf das Handy schauen sollte, da der Verkehr doch ziemlich dicht war und seiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte, ignorierte er es einfach. Dafür war auch später noch Zeit. Beim zweiten Piepsen dachte er nur, warum er denn so viele Nachrichten innerhalb kürzester Zeit bekam. Die letzen zwei Stunden hatte er auf dem Flughafen und im Flugzeug auf dem Weg von Washington nach New York verbracht. Man könnte meinen, er wäre in dieser Zeit abkömmlich. Wahrscheinlich hatte Kersh von seinem spontanen Kurztrip erfahren und wollte ihm die Leviten lesen, aber das war ihm ziemlich egal und so ignorierte er das Handy auch weiterhin. Er hatte sich wieder mal von seinen Gefühlen leiten lassen. Von seinen Gefühlen gegenüber seiner Partnerin. Scully. Ein Lächeln fuhr über seine Lippen, als er an sie dachte. Seine Scully. Wann war sie eigentlich zu seiner Scully geworden? Er wusste es nicht mehr. Es war ein schleichender Prozess, bei dem sie sich allmählich in sein Herz stahl. Aber sie war dort. Schon seit langer Zeit. Ein Geheimnis, gehütet vor der Außenwelt und ihr. Sie war der Mittelpunkt seines Universums. Auch wenn er das ihr gegenüber nie zugeben würde. Er hatte Angst, das zu zerstören, was zwischen ihnen war. Ihre Freundschaft. Ihre undefinierbare Beziehung zueinander, die über Freundschaft weit hinausging, aber dennoch nicht vollkommen beschrieben werden konnte. Und so tröstete er sich mir seinen kleinen Berührungen. Nutze die Chancen, sie anzufassen, leitet sie mit seiner Hand am Rücken, machte kleine anzügliche Bemerkungen, forderte sie heraus. Doch er bekam nie eine wirkliche Reaktion darauf, und so hatte er vor langer Zeit die Hoffnung auf eine romantische Beziehung mit ihr aufgegeben. Doch er würde nie freiwillig von ihrer Seite weichen und sie würde das Tempo bestimmen. Wenn sie nicht mehr wollte, würde auch er nicht mehr wollen. Er hatte Zeit, er würde ein Leben lang auf sie warten, wenn es sein musste. Und so lange würde er still an ihrer Seite stehen und sie beschützen und für sie da sein, wenn sie ihn brauchte. Manchmal war es schwer. So wie vor kurzem bei einem Fall, bei dem sie versucht hatten, das Geheimnis des Regenkönigs aufzuklären. Diese Fälle brachten ihn immer emotional durcheinander, brachten seine Mauer fast zum Einstürzen. Während des ganzen Falles hatte man sie für ein Paar gehalten. Schon am Flughafen war Scully als Mulders Frau empfangen worden. Dann wurde ihm auch noch vorgeworfen, schmachtende Blicke Richtung Scully zu werfen. Auch wenn er das verneinte, wusste er doch, dass das sehr eng an der Wahrheit lag. Dann hatte ihn auch noch eine andere Frau vor Scullys Augen geküsst. Doch als wäre das alles nicht schon schlimm genug, als hätte ihn das alles noch nicht an den Rande des Wahnsinns getrieben, musste er auch noch zwei Nächte zusammen in einem Bett mit Scully verbringen, da durch seine Zimmerdecke eine Kuh geflogen war. Und das war der Horror pur. Nicht, dass er nicht jede Nacht davon träumte, genau in diese Situation zu geraten, aber in einem Bett neben Scully zu liegen und absolut nichts tun zu können, war zu viel für ihn. Dennoch würden ihm diese zwei Nächte für immer im Gedächtnis bleiben und er würde immer, wenn er einsam war, was so ziemlich jeder andere Abend war, die Erinnerungen wieder hervorrufen und mithilfe ihrer die Einsamkeit überbrücken. Sie waren in jeder der zwei Nächte mit Wahrung eins gewissen Sicherheitsabstandes eingeschlafen. Er wollte näher bei ihr liegen, doch er wusste nicht, ob er sich dann noch zusammenreißen konnte und nicht über sie herfallen würde. Und jeden Morgen waren sie in den Armen des anderen aufgewacht. Hatten sich im Schlaf und im Unterbewusstsein geradezu magisch angezogen. Natürlich hatte seine Morgenlatte nicht gerade zur Entspannung der Situation beigetragen und so wurde auch nie ein großes Wort über die Lage verloren. Wie so oft in ihrer komplizierten Beziehung waren sie einfach ins Tagegeschäft übergegangen und hatten so getan als wäre nichts geschehen. Denn das konnten sie am allerbesten. Und so trieben sie dahin und würden weitertreiben. Er und sie zusammen, auf der Suche nach der Wahrheit. Bis wieder das Schicksal zuschlug, wie vor ein paar Tagen. Man hatte sie einfach einem Fall zugeteilt. Ohne ihn. Aber was das schlimme war, man hatte auch noch einen anderen Partner an ihre Seite gestellt. Diesen Ritter. Er spuckte den Namen geradezu aus. Nicht, dass er gegen den Agenten etwas hatte. Oh doch, das hatte er. Er würde gegen jeden etwas haben, der mit seiner Partnerin zusammen arbeitete. Sie war seine Partnerin. Da war er wie das Alphatierchen. Besitz ergreifend. Natürlich hatte er seine Hände nicht von dem Fall lassen können. Wie denn auch, wenn sie darin verwickelt war. Er hatte sich ihr geradezu aufgedrängt. Ja, so einfach würde er sich nicht geschlagen geben. Nicht er. Nicht Fox Mulder. Nachdem er entscheidende Hinweise gefunden hatte, hatte er sich dazu entschlossen, wieder einmal alle Vorschriften zu umgehen. Er hatte sie nicht erreichen können und nur diesen Ritter ans Telefon bekommen und ihn auf die Suche nach ihr geschickt. Dann hatte er gleich die nächste Maschine bestiegen, um zu ihr zu fliegen. Er konnte sich schon Kersh Gesicht und den Wutausbruch vorstellen. Das würde ihn mindestens einen weiteren Monat Farmerehepaarbefragungen oder etwas Ähnliches bescheren. Aber das war ihm egal, er wollte nur zu Scully und wissen, dass es ihr gut ging. Und da machte er sich keine Illusionen. Er wollte ihr auch zeigen zu wem sie gehörte. Ja, er war ein Egoist. Aber Scully war alles, was er noch hatte und er würde sie niemals freiwillig hergeben.

Sein Handy piepste das dritte Mal und dieses Mal kam er zu dem Entschluss, dass es wohl doch wichtig sei und er es nicht länger ignorieren könne. Während er mit einem Auge auf die Fahrbahn schielte, las er mit dem anderen die SMS auf seinem Telefon. Es waren drei entgangene Anrufe und alle waren aus Skinners Büro getätigt worden. Daraus wurde er nun gar nicht schlau. Die nächste Ampel schaltete auf Rot. Herrgott nochmal, so würde er niemals weiterkommen! Er überlegte gerade, ob er Skinner zurückrufen sollte, als sein Handy klingelte. Die Frage schien sich selbst zu klären, als er an der Nummer erkannte er, dass der Anruf aus Skinners Büro kam.

„Mulder“

„Herrgott Mulder, wo sind sie und warum gehen sie nicht ans Handy?“ Skinner persönlich war an der anderen Leitung. Mulder entschied sich für die Wahrheit, denn mit dieser schien er bei Skinner immer am weitesten zu kommen.

„Ich bin in New York auf dem Weg zu Agent Scullys Hotel. Bei ihrem Fall haben sich neue Erkenntnisse ergeben, die ich ihr miteilen wollte.“ Er konnte sich direkt vorstellen, wie sein ehemaliger Chef am anderen Ende der Leitung die Brille abnahm, einmal tief durchatmete um dann zum großen Rundumschlag auszuholen. Was ihn umso mehr überraschte, war der tiefe Seufzer am anderen Ende der Leitung.

„Sir?“

„Agent Mulder“ Skinners Stimme schien mehr als beherrscht zu sein. Es folgte eine kurze Pause, die Mulder das Blut in den Adern gefrieren ließ. Irgendetwas stimmte nicht. Skinner atmete hörbar nochmals tief durch, bevor er weiterfuhr.

„Es gab eine Schießerei. Agent Scully wurde in den Bauch getroffen. Sie ist schwer verletzt und liegt im Krankenhaus. Ihr Zustand ist kritisch.“

 

In diesem Moment blieb für Mulder die Welt stehen. Sein Atem schien aus seinen Lungen zu weichen und ihn zu verlassen. Das Blut schien nur noch träge in sein Herz zu fließen. Sein Hirn schaltete alle Funktionen aus. In seinem Kopf wiederholte sich immer wieder ein Satz. Nicht Scully, nicht Scully, nicht Scully. Mulder hatte so viele Fragen, doch momentan war nur Leere. Er konnte nicht denken, nicht atmen, sich nicht rühren. Er war erstarrt und versuchte wieder die Kontrolle über seinen Körper zu erlangen.

Plötzlich riss ihn ein Hupen aus seinem lethargischen Zustand. Am Rande seines Bewusstseins registrierte er, dass die Ampel auf Grün geschalten hatte und er die Spur blockierte. Völlig mechanisch fuhr er an. Skinners Stimme schlich sich wieder in sein Bewusstsein. Anscheinend versuchte er schon eine Zeitlang mit ihm zu reden, ohne wirklich Gehör zu finden.

„Agent Mulder, sind sie noch dran...Agent Mulder...Mulder!“ Das letzte Mulder glich einem Schreien und es beförderte ihn wieder in die Gegenwart zurück.

„Ja...was...ich meine wie…also...“ Er war nicht fähig einen ganzen Satz zusammenzubekommen. Er, einer der Topagenten des FBI, mit hervorragender Oxfordausbildung und Bestnoten in Quantico, konnte sich nicht mal mehr artikulieren.

Skinner, am anderen Ende der Leitung, schien froh darüber, seinen Agenten wieder bei sich zu haben und entschied anscheinend, dass er ihm alle Informationen auf einmal mitteilen wollte. Zu gut kannte er seinen Agenten. Kannte er seine Unfähigkeit klare Gedanken zu fassen, wenn es um seine Partnerin ging.

„Sie war bei einem Verdächtigen. Sie stand hinter ihm, als auf ihn geschossen wurde. Die Kugel durchschlug den Verdächtigen und traf Agent Scully in den Bauch. Sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, hat jedoch viel Blut verloren. Sie schwebt in Lebensgefahr. Man hat sie in die Universitätsklinik gebracht. Mulder, sie hat, als sie noch bei Bewusstsein war, nach ihnen gefragt. Sie braucht sie jetzt.“

Ja, und er würde für sie da sein. Würde nicht mehr von ihrer Seite weichen. Doch er musste noch mehr wissen, er würde keine Ruhe haben, bis er das letzte bisschen Information erlangt hatte. Das letzte Bisschen, das ihm Skinner anscheinend vorenthalten hatte.

„Wer hat sie angeschossen?“ Die Frage war mit einem tödlichen Unterton gestellt und das war auch Skinner nicht entgangen. Er hatte gehofft, dass Mulder so in Gedanken, so abgelenkt sein würde, dass ihm entgehen würde, dass er den Schützen nicht genannt hatte. Doch er müsste ihn besser kennen. Mulder entging nie irgendetwas. Als Skinner nicht sofort antwortete, fuhr Mulder in doppelter Lautstärke fort.

„Wer?“

„Es war Agent Ritter...“ Weiter kam er nicht mehr, das Telefonat wurde von Mulder beendet und der Assistant Direktor legte den Höher langsam auf die Gabel und schickte ein paar Gebete in den Himmel. Gebete für Ritter.

 

 

Die Tür zur Universitätsklinik wurde mit einem solchen Schwung aufgerissen, dass durch den Luftzug an der Anmeldung ein Stapel Papiere in die Luft flog und auf dem Boden landete. Die Dienst habende Schwester schaute voller Zorn in Richtung Tür, durch die ein Mitdreißiger gestürmt kam. Sie taxierte den Mann mit einem Blick und fuhr ihn in ihrer schärfsten Stimme an.

„Was zum ....“

Doch weiter kam sie nicht, als der Mann einen FBI-Ausweis aus der Tasche zog, sie unterbrach und nur zwei Worte herausbrachte.

„Dana Scully.“

Doch die Schwester war viel gewohnt und hatte schon unendlich viele aufgebrachte Männer hereinstürmen sehen. Nicht im Mindesten beeindruckt fuhr sie ihn an.

„Erst mal entschuldigen sie sich für ihren Auftritt hier. Wir sind ein Krankenhaus und keine Irrenanstalt. Und dann beruhigen sie sich und formulieren ihr Anliegen in einem ganzen Satz.“

Nun wurde der Mann zornesrot im Gesicht, schnaufte dreimal tief durch, was ihn aber keineswegs wieder auf ein annehmbares Level zu bringen schien und fuhr anscheinend seine ganze Beherrschung aufbietend vor.

„Ich habe keine Zeit für diese albernen Spiele. Meine Partnerin wurde angeschossen und liegt hier irgendwo und kämpft um ihr Leben. Ich will wissen, wo sie ist.“

Doch die Schwester war immer noch nicht bereit nur einen Zentimeter nachzugeben. Sie würde sich diesem Mann nicht beugen.

„Das ändert nichts daran, dass sie hier auf unverschämte Art und Weise auftreten. Was glauben sie eigentlich, wie viele Männer hier hereinstürmen und meinen sie wären am allerwichtigsten und bevorzugt zu behandeln. Nur bei ihnen ginge es um Leben und Tod. Wir haben in diesem Krankenhaus 300 Patienten. Alle zehn Minuten kommt ein Notfall rein, und in der Hauptverkehrszeit sind es alle fünf Minuten. Wir wollen alle nur unsere Arbeit tun und da sind Typen wie sie keine große Hilfe. Also beruhigen sie sich und sagen ganz ruhig was sie wollen.“

Mit einer Stimme, die Wasser zu Eis gefrieren lassen könnte antwortete der Mann.

„Mein Name ist Fox Mulder, ich bin Special Agent beim FBI und meine Partnerin wurde in dieses Krankenhaus gebracht, nachdem sie angeschossen wurde. Ihr Name ist Dana Scully. Könnten sie bitte nachschauen, wo sie liegt, damit ich zu ihr kann.“ Das Bitte hob er besonders deutlich hervor.

„Na sehen sie, geht doch.“

Als sie sich ihrem Computer zuwandte, um den Namen einzugeben, hörte sie ein verächtliches Schnauben. Sie entschloss sich dazu, es zu ignorieren. Schon blinkten die Patientendaten auf.

„Sie wird gerade operiert. Sie können leider nicht zu ihr. Aber wenn sie vor dem Aufwachraum warten, wird sie der zuständige Doktor über alles informieren.“ Mit zuckersüßer Stimme fügte sie hinzu.

„Den Gang entlang zum Fahrstuhl, vierter Stock, links unter der Treppe durch, am Ende des Flurs.“

Der Mann drehte sich auf dem Absatz um, stürmte den Gang hinunter, blieb nach fünf Metern stehen und hämmerte seine rechte Faust in die Wand. Ein kleiner Schmerzensschrei und ein Fluch waren anschließend zu hören, bevor er weiter zum Aufzug rannte und viermal hintereinander auf den Knopf schlug. Als der Fahrstuhl immer noch nicht kam, drehte er sich zur Seite und nahm die Treppen. Die Schwester schaute ihm nach und schüttelte nur den Kopf.

 

Agent Ritter leerte schon seinen dritten Kaffee in einer halben Stunde. Bei dem Tempo würde er sich noch einen Koffeinschock zuziehen, aber das war im Moment seine geringste Sorge. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Nichts, das war ja sein Problem. Er hatte eine, in seinen Augen eindeutige Situation vorgefunden. Jemand hatte auf ihn gezielt und so hatte er nur wie jeder andere Mensch mit einem gewissen Selbsterhaltungstrieb reagiert. Er hatte abgedrückt. Mit Entsetzen hatte er bemerkt, dass er nicht nur den verdächtigen Felling getroffen hatte, der zu allem Überfluss auch nur einen Fotoapparat in der Hand gehalten hatte, sondern auch seine Partnerin.

Soweit man in diesem Fall von Partnerin sprechen konnte, denn schließlich hatte sie ihn einfach sitzen lassen und war ohne ein Wort zu Felling gefahren. Das hatte nicht das Geringste mit Teamarbeit zu tun. Aber man konnte auch nicht wirklich von einem Team sprechen. Seit sie ihm zugeteilt war, hatte sie ihn geschnitten, wo es nur ging. Ihn behandelt, wie einen Agenten, der noch frisch hinter den Ohren war. Okay, er war noch frisch hinter den Ohren, aber das Ganze war schließlich sein Fall gewesen und er hatte sie hinzu gebeten. Die ganze Situation wurde auch dadurch noch kompliziert, dass sich ihr eigentlicher Partner ständig in die Ermittlungsarbeiten eingemischt hatte. Dieser Fox Mulder hatte sogar die Frechheit besessen ihn anzurufen, ihm neue Ermittlungsdetails mitzuteilen und ihn dann einfach wie einen Schuljungen auf die Suche nach seiner Partnerin geschickt.

Dieser arrogante, selbstgefällige Schnösel. Wie nannten ihn die anderen doch immer? Spooky. Vielleicht hätte er gewarnt sein müssen, als er hörte, dass seine Partnerin Mrs. Spooky genannt wurde. Man brauchte sich nicht wirklich anzustrengen, um die Gerüchte zu hören, die über die beiden im Umlauf waren. Und er hatte sie gehört. Zwar bei weitem nicht alle, aber doch einige. Und die hatten ausgereicht. Angeblich waren die beiden nicht nur beruflich Partner. Angeblich taten sie die wilde Sache an allen möglichen Stellen im Hoover Gebäude. Aber anscheinend wusste es auch keiner genau, da die Wetten, die auf beide abgeschlossen waren, noch immer mit guten Quoten liefen. Es hatte wohl noch nie jemand die beiden in einer verfänglichen Situation beobachtet.

Auch er war nicht wirklich hinter die wahre Natur der Beziehung der Agenten gekommen, aber eines hatte er deutlich zu spüren bekommen. Die Ablehnung seitens Agent Scullys gegenüber einem anderen Partner. Dabei, fand er selbst, hatte er sie doch anständig behandelt. War höflich und zuvorkommend gewesen. Aber Agent Scully war von Anfang an mit der falschen Einstellung an die Sache ran gegangen. Sie wollte keinen anderen Partner. Nicht einmal für ein paar Tage. Vielleicht war ihr das selbst nicht bewusst. Aber sie verhielt sich nicht gerade kollegial. Ach, wie kannst du nur so denken, schalt er sich selbst. Du hast sie angeschossen. Du bist wohl der untalentierteste und bescheuertste Agent, der rum läuft. Wie konnte das nur passieren?

Ein neuer Kaffee wäre jetzt genau das richtige. Ja, den könnte er gebrauchen und so stand er das vierte Mal in einer halben Stunde auf und ging erneut zum Kaffeeautomaten in die Ecke. Eine Goldgrube für den Automatenbetreiber. Er wollte sich gar nicht ausrechnen, wie viele Kaffees hier getrunken wurden, während verzweifelte Frauen und Männer auf Nachricht von ihren Liebsten warteten. Uns so war er auch heute nicht alleine. Mit ihm saßen noch zwei weitere Polizisten im Warteraum, die routinemäßig mitgekommen waren. Außerdem noch eine ältere Frau, deren Mann, wie er herausgefunden hatte, einen Herzinfarkt erlitten hatte und ein Mann, dessen Bruder in einen Autounfall verwickelt war.

Er nahm sich gerade einen neuen Becher, warf eine Münze ein und drückte auf die Kaffeetaste, als am Ende des Ganges eine Tür so heftig aufgeschleudert wurde, dass sie an die Wand flog. Alle Blicke richteten sich augenblicklich in diese Richtung und so auch Agent Ritters. Was er da sah, ließ ich sein Herz in die Hose sinken. Nein, das war noch untertrieben, es sank eher in seine Kniekehlen. Wer da den Gang raufstürmte war Agent Mulder. Wie war der so schnell hierher gekommen? An eine Konfrontation mit ihm hatte Ritter keinen Gedanken verschwendet, er hatte sich mindestens noch einen Tag Zeit ausgerechnet, bis er auf ihn treffen würde. ‚Vielleicht nimmt mich die Polizei ja noch in ihr Zeugenschutzprogramm auf, wenn ich mich beeile.’ Doch das war relativ unwahrscheinlich. Also tat er wieder einmal das, was ihm sein Selbsterhaltungstrieb riet. Er dreht sich wieder Richtung Kaffeeautomat und versuchte möglichst unauffällig zu wirken.

 

Seine Augen fixierten ihn wie der Jäger die Beute. Er nahm nichts anderes wahr, hatte nur noch den Blick auf sein Opfer gerichtet. Jegliche Emotionen, bis auf unglaublichen Zorn waren aus ihm gewichen. Er ballte die Hände zu Fäusten, ließ sie wieder locker und ballte sie erneut. Unbewusst beschleunigte er seinen Schritt, bis er in ein leichtes Lauftempo fiel. Er sah nicht, dass noch andere Leute im Warteraum anwesend waren. Er sah nur ihn. Ritter. Er stand seitlich zu ihm, den Blick stur auf einen Automaten gerichtet und wechselte nervös sein Körpergewicht von einen auf den anderen Fuß.

Nur noch zwei Meter bis zu ihm. Der junge Agent drehte sich zu ihm um und wollte gerade die Arme nach oben reißen, aber Mulder war schneller. Ritter hatte nicht den Hauch einer Chance, denn er wurde nur noch von einem Gefühl geleitet. Er war in Rage, er wollte Rache und wollte seinen ganzen Zorn an diesem Mann auslassen. Er packte ihn mit beiden Händen an den Schultern und rammte ihn in den Getränkeautomaten. Als nächstes folgte eine stattliche Rechte ins Gesicht und die Linke in die Magengegend. Sein Gegenüber krümmte sich vor Schmerz. Als er ihn gerade am Hals fassen wollte packten ihn starke Hände von hinten und zogen ihn weg. Er schlug wie wild um sich, drängte nach vorne. Wollte Ritter noch eine verpassen. Doch die zwei Polizisten, die er am Anfang gar nicht bemerkt hatte, griffen noch stärker zu, hatten ihn in ihrer Gewalt. Aufgebracht schrie er.

„Loslassen.“

Doch niemand kam seinem Wunsch nach. Sie zogen noch heftiger an ihm, redeten auf ihn ein. Er hörte nicht zu. Er hatte nur Augen für Ritter, wie er mit geweiteten Augen, leicht nach vorne gebeugt und seinen Bauch haltend, ihn anstarrte.

„Wenn sie stirbt, sind sie ein toter Mann. Das schwöre ich.“

Ritter sah ihn mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck an und brachte nur stammelnd ein paar Worte heraus.

„Es tut mir leid.“

„Oh ja, das wird es, wenn ich hier los komme.“

Aus seinem Augenwinkel sah er eine Stationsschwester um die Ecke stürmen, die aufgebracht auf ihn zu lief. Sie baute sich vor ihm auf, während die Polizisten hinter ihm, ihn immer noch versuchten in Schach zu halten. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte er über das Bild lachen müssen.

„Junger Mann, beruhigen sie sich. Hier liegen Patienten, die Ruhe brauchen. Bitte.“

Er starrte die Frau an. Sie war genau dass, was in das Bild passte, das einem in allen Fernsehserien von Schwestern vermittelt wurde. Nett, zuvorkommend, höflich, durchschnittliches Aussehen, mit einem unendlich gütigen Blick. Aber sie strömte eine Aura aus, die alle auf sie horchen ließ. Sie fasste ihm am Arm, nickte den Polizisten zu, damit sie ihn losließen und zog ihn hinter sich her zu ihrer Station. Dort ließ sie ihn stehen, wanderte um den Tresen und blickte ihn wieder an.

„Also schießen sie los.“

Er wusste nicht, wie sie es gemacht hatte, aber fast sein ganzer Zorn war aus ihm gewichen, sein Puls hatte sich wieder beruhigt und er atmete wieder normal. Anstelle des Zornes war jedoch ein anderes Gefühl getreten, dass nicht weniger schlimm war. Angst.

„Mein Name ist Fox Mulder. Ich bin FBI-Agent und suche nach meiner Partnerin. Dana Scully.“

Ein Lächeln trat auf ihr Gesicht, das ihm in dieser Situation gar nicht angemessen erschien.

„Ach ja, die FBI Agentin mit der Bauchschussverletzung. Sie sind also Mulder.“

Er legte seine Stirn in Falten und bemühte sein fotographisches Gedächtnis. Aber nein, diese Frau hatte er noch nie gesehen.

„Kennen wir uns?“

„Nicht persönlich, wenn sie das meinen, aber ihren Namen habe ich hier durchaus schon öfters fallen hören.“

Wie? Was hatte das nun wieder zu bedeuten. Die Fragezeichen, die sich über seinem Kopf auftürmten, waren wohl auch für die Schwester nicht zu übersehen, denn sogleich klärte sie ihn auf.

„Ich bin die Schwester, die Agent Scully auf die Operation vorbereitet hat. Sie murmelte immer wieder ihren Namen. Dann haben wir uns bei Agent Ritter nach ihnen erkundigt, und er meinte sie wären ihr Partner. Agent Ritter hat dann das FBI in Washington informiert. Es überrascht mich etwas, dass sie schon hier sind.“

Scully hatte nach ihm verlangt. Nicht nach ihrer Mutter, oder nach einem Arzt oder einem Pfarrer oder wer weiß sonst noch wen. Nein, nach ihm. Wenn die Umstände anders gewesen wären, hätte sein Herz einen Freudensprung getan.

„Wie geht es ihr?“

„Das kann ich Ihnen leider noch nicht genau sagen. Sie wird immer noch operiert. Sie hat einen Bauchschuss und sehr viel Blut verloren. Wir konnten vor der Operation nicht feststellen, ob und welche inneren Organe beschädigt sind. Ich werde aber veranlassen, dass sie der Arzt sofort informiert, wenn die OP abgeschlossen ist. Es tut mir leid, Sie können jetzt nichts weiter machen, als hier zu warten.“

Warten. Wusste die Frau eigentlich, was sie von ihm verlangte? Er sollte hier draußen ruhig sitzen, während ganz in der Nähe Scully mit ihrem Leben rang. Und damit auch mit seinem Leben. Denn wenn sie starb, würde er zwangsläufig in eine tiefe Dunkelheit fallen, die ihn verschlingen würde. Sie war alles, was ihn vom Wahnsinn abhielt. Sie machte ihn ganz. Ohne sie würde er keinen Tag leben können.

„Ich will zu ihr.“

„Es tut mir leid, aber das ist leider völlig unmöglich.“

Feuchtigkeit schoss in seine Augen. Er war den Tränen nahe. Nein. Er würde nicht vor diesen Fremden das Weinen anfangen.

„Bitte.“

„Da ist leider nichts zu machen, aber ich werde dafür sorgen, dass sie der Arzt sofort informiert. Versprochen. Setzten sie sich hin.“

Wie in Trance glitt er auf den nächsten freien Platz, stützte seine Ellenbogen auf seine Beine, ließ seinen Kopf in seine Hände sinken und rang verzweifelt um seine Fassung. Er bemerkte noch nicht einmal, dass Agent Ritter nur drei Meter von ihm entfernt stand und ihn mit einer Mischung aus Angst und Mitleid betrachtete.

 

Tick, Tack, Tick, Tack

Wie langsam sich doch die Zeit bewegt, wenn man auf etwas wartet. Wie Sekunden zu Minuten werden und Minuten zu Stunden. Mulder hatte sich seit genau 4500 Sekunden nicht von seinem Platz bewegt. Er hatte Ritter unmissverständlich klar gemacht, dass er ihm so schnell nicht mehr unter die Augen treten sollte oder es würde doch noch ein Unglück geschehen. Auch die beiden Polizisten waren nicht mehr anwesend, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden. Und so saß Mulder auf seinem Platz, wechselte nur ab und zu seine Position, damit keine Körperteile einschliefen. Die Krawatte und sein Jackett hatte er schon lange abgelegt. Die Hemdärmel nach oben gerollt.

Hin und wieder warf er einen Blick zu der Schwester, die jedes Mal den Kopf schüttelte. Sie hatte ihm vor rund einer halben Stunde einen Kaffee gebracht, der immer noch unberührt neben ihm stand. Er hörte leise Fußschritte den Flur entlang kommen. Der Doktor kam vom Operationssaal. Sofort schoss Mulder in die Höhe und fasste sich unbewusst an seinen Rücken. Das gebückte Sitzen hatte seinem Kreuz nicht gerade gut getan. Die Schwester umrundete ihren Tresen, warf Mulder einen aufmunternden Blick zu und dirigierte den Doktor sofort in seine Richtung.

„Doktor Antilles, das ist Agent Mulder, Agent Scullys Partner.“ Der Doktor nickte ihm kurz zu, während Mulder seinen Atem anhielt.

„Ihre Partnerin hat viel Blut verloren.“ Das waren nicht gerade Neuigkeiten, doch er schwieg und wartete weiter ab, während sein Herz nur noch langsam zu schlagen schien.

„Sollten keine unvorhergesehenen Komplikationen auftreten, ist Agent Scully über den Berg. Sie hat einen sehr starken Kampfeswillen.“ Dabei lächelte der Doktor und Mulder stieß den Atem aus, von dem er nicht bemerkt hatte, dass er ihn anhielt. ;Oh Gott, ich danke dir, auch wenn ich nicht an dich glaube. Scully wird leben. Sie wird wieder gesund werden.’ Auch diese Klippe schienen sie irgendwie umschifft zu haben.

„Kann ich sie sehen?“

Der Doktor blickte zu der Schwester, die ihm zunickte.

„Wissen sie, eigentlich dürfen nur Familienangehörige auf die Intensivstation. Aber in ihrem Fall können wir glaube ich eine Ausnahme machen. Aber nur fünf Minuten. Agent Scully braucht vor allem eines. Ruhe.“

„Danke.“

Er schüttelte dem Doktor kurz die Hand und folgte dann der Schwester. Vor einem Raum blieb sie stehen, öffnete die Tür und wies ihn hinein. Hinter ihm schloss sie sie wieder und gönnte ihm und Scully einen Augenblick alleine. Mulder ging langsam auf sie zu. Oh Gott, sie ist so blass. Statt des Stuhles, der neben dem Bett stand, nahm er direkt neben ihr auf dem Krankenbett Platz und nahm eine ihrer Hände in seine Hand. Sie war noch nicht bei Bewusstsein und würde wahrscheinlich auch noch eine Zeitlang schlafen. Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, aus dem Gesicht. Eine altvertraute Geste zwischen ihnen. Er wagte es nicht zu sprechen. Nicht, weil er Angst hatte sie zu stören, sondern weil er glaubte, dass seine Stimme ihm den Dienst versagen würde.

Eine Träne rollte über seine Wange. Er führte ihre Hand an seinen Mund und küsste sie. Ließ sie dort einen Moment verweilen, ehe er sie wieder in seinen Schoß gleiten ließ. Sie sah so friedlich aus. Das kontinuierliche Piepsen auf dem Herzmonitor war wie Musik in seinen Ohren. Ein ständiger, rhythmischer und starker Herzschlag. Sie würde leben. Sie hatte ihn nicht verlassen. Sie würde bei ihm bleiben. Überwältigende Gefühle stürmten auf ihn ein. Sie hatten wieder einmal eine neue Chance bekommen. Doch wie lang würde ihnen ihr Glück noch treu bleiben. Doch all das war momentan egal. Jetzt zählte nur der Moment. Und in diesem war er unglaublich glücklich, sie bei sich zu wissen.

Ja, er liebte Dana Scully, obwohl sie ihm fast immer widersprach und nie einer seiner Theorien abnahm. Doch er könnte sich sein Leben gar nicht mehr ohne sie vorstellen. Sie forderte ihn, wie es noch niemand getan hatte. Das alles hatte er ihr schon einmal gesagt, vor zwei Jahren in seinem Flur. Für einen Moment waren ihre Mauern gefallen. Doch irgendetwas stand ihnen immer im Weg und so hatte sich der Moment, der einer seiner glücklichsten in seinem Leben hätte werden können, in puren Horror verwandelt. Danach hatten sie nie wieder ein Wort über diesen Fast-Kuss verloren. Und so wusste er wieder nicht, wo er bei ihr stand. Wie ihre Empfindungen für ihn waren.

Das Öffnen der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er musste unwillkürlich lächeln. Vorher, auf dem Flur war die Zeit nicht schnell genug vergangen, während sie jetzt geradezu dahin geflogen war. Seine fünf Minuten waren um. Er stand auf und hielt immer noch Scullys Hand in der seinen. Bevor er ging beugte er sich noch mal über sie, küsste sie auf die Stirn und flüsterte ihr ins Ohr.

„Ich komme wieder.“

 

Sie öffnete die Augen, nur um sie sogleich wieder zu schließen. Das Licht war viel zu grell. Was war passiert? Sie konnte sich nicht mehr an viel erinnern. Sie war angeschossen worden. Es ging alles so schnell. Sie hörte den Schuss und plötzlich wurde ihr bewusst, dass auch sie getroffen war. Sie konnte sich nur noch erinnern, dass sie zu Boden sank und dass Ritter zu ihr gestürmt kam und irgendetwas stammelte. Wo war sie? Langsam versucht sie erneut die Augen zu öffnen. Erst einen Spalt weit. Ja so ging es. Nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatte, sah sie sich um. Sie lag in einem Krankenzimmer. Völlig alleine. Obwohl sie es niemals direkt zugeben würde, schlich sich eine leichte Enttäuschung in sie. Wo war Mulder? Irgendwie hatte sie erwartet, dass er hier wäre. ,Dana, hör auf. Er ist wahrscheinlich noch nicht mal in New York.’ Immerhin hatte er auch noch einen Job und dieser hielt in momentan in Washington fest.

Trotzdem war es merkwürdig in einem Krankenhaus aufzuwachen und ihn nicht an ihrer Seite zu wissen. ‚Hör auf mit diesem Schwachsinn. Warum kannst du nicht mal ohne ihn sein?’ Aber sie vermisste ihn. Das einzig gute an ihren Krankenhausaufenthalte war, dass Mulder sie dann ständig anzufassen schien. Als würde er sich mit den Berührungen klar machen wollen, dass sie da war und es ihr gut ging. Besonders als sie beinahe an Krebs gestorben wäre, wich er nur selten von ihrer Seite. Der Begrüßungs- und Abschiedskuss auf die Wange waren schon Routine geworden. Er hielt ihre Hand bei jeder Gelegenheit und strich, sie glaubte sogar zärtlich, Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Sie hätte sich zu gern an diesen Zustand gewöhnt, aber nachdem es ihr wieder besser ging, hörten die Berührungen auf und sie ertappte sich selbst dabei, dass sie sie vermisste. Dass ihr seine Wärme abging. Sie konnte es sich nicht erklären.

Was war nur los mit ihr? Doch eigentlich wusste sie, was mir ihr los war. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie einer fast unbekannten Frau einen Vortrag über Freundschaft und Liebe gehalten. Eigentlich hatte sie sich nur ihre eigenen Gefühle von der Seele geredet. Ja, sie hatte sich irgendwann in ihn verliebt. Nun wartete sie darauf, dass dieses Gefühl nachlassen würde, dass es aufhören würde. Doch es wurde schlimmer. Tag für Tag liebte sie ihn ein bisschen mehr. Und es tat weh. Was vor allem wehtat war die Tatsache, dass sie für ihn nur eine gute, vielleicht die beste Freundin war. Aber mehr? Nein. Sie war so was wie der Ersatz seiner Schwester.

Vor einigen Monaten hatte sie noch gedacht, dass seine Gefühle tiefer waren. Dass er mehr für sie empfand. Er hätte sie beinahe geküsst, doch eine Biene wusste das zu verhindern. Danach war ihr aufgegangen, dass dies von ihm bloß der Versuch war, sie an seiner Seite zu halten. Sie davon abzuhalten, beim FBI zu kündigen. Nachdem er sie aus der Antarktis gerettet hatte, sie konnte bis heute nicht fassen, was er für sie riskiert hatte, war klar, dass sie nicht kündigen würde. Er hatte den Kuss nie wieder erwähnt oder einen neuerlichen Anlauf gewagt und so war ihr bewusst geworden, dass dahinter nicht die Absichten steckten, die sie sich so gern wünschte. Und dann waren da noch die X-Akten. Man hatte sie zwar wiedereröffnet, aber nicht ihnen zugeteilt. Dieser Schleimer namens Spender leitete sie jetzt.

Zusammen mit Diana Fowley. Ihr Blutdruck stieg, als sie nur an den Namen dachte. Sie wusste immer noch nicht genau, was Mulder mit ihr verband, aber sie wusste, dass Diana mehr seine Interessen und Ansichten teilte als sie. Er hatte sie vom ersten Moment in Bezug auf sie belogen. Hatte ihr nicht gesagt, dass er sie kannte. Warum? Was verband ihn mit ihr? Sie nannte ihn Fox. Und sie durfte ihn nur Mulder nennen. Wieder ein Stich ins Herz. Und dann war sie auch noch Augenzeuge einer kleinen romantischen Zusammenkunft geworden. Hatte beide gesehen, als sie Händchen haltend in einem Zimmer standen. Ihr Herz war in diesem Moment in tausend Stücke gesprungen. Sie hatte nicht einmal den Mut aufgebracht, in das Zimmer zu gehen. Satt dessen war sie umgekehrt und hatte ihn vom Auto aus angerufen. Sie war selbst überrascht, wie beherrscht doch ihre Stimme klang. Nach dem Gespräch war sie beinahe in Tränen ausgebrochen. Aber sie würde nicht weinen und die Wälle, die sie um ihr Herz errichtet hatte, waren noch eine Schicht dicker geworden. Und wuchsen immer dann, wenn er sie wieder mal wegen Diana versetzte.

Die Tür ging auf, riss sie aus ihren Gedanken und eine Schwester trat ein.

„Unsere Patientin ist ja aufgewacht. Wie geht es ihnen denn, Miss Scully?“

„Ich fühl mich ein wenig schwach.“

Die Schwester lächelte sie an.

„Das ist ganz normal. Keine Sorge. Sie werden wieder gesund werden. Darf ich ihnen etwas zu trinken bringen?“

„Ja, gerne.“

„Ihre Mutter hat schon ein paar Mal angerufen und gefragt wie es ihnen geht. Fühlen sie sich stark genug, dass ich sie das nächste Mal, wenn sie anruft, zu ihnen durchstelle?“

Ja, wenigstens ihre Mutter machte sich Sorgen um sie. Zum Teil zu viele Sorgen, was auch in ihrem Job begründet war. Aber es war schön zu wissen, nicht alleine auf der Welt zu sein.

„Ja natürlich. Ähm, hat sonst vielleicht noch jemand für mich angerufen?“

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

„Ja, ein Mann.“

Oh er hatte angerufen. Ihr Herz machte einen Freudensprung, nur um eine Sekunde später wieder eine Crashlandung hinzulegen.

„Ein Skinner. Ich glaube, er sagte, er wäre einer ihren Vorgesetzten und wollte sich nach ihnen erkundigen. Wir haben ihm mitgeteilt, dass sie über den Berg sind und sich auf dem Wege der Besserung befinden. Er meinte, wir sollen ihnen die besten Genesungswünsche ausrichten und sie sollen sich solange frei nehmen, wie sie brauchen.“

„Danke. Sonst noch jemand?“

„Nein, aber ich habe erst vor drei Stunden meinen Dienst aufgenommen. Deshalb weiß ich leider nicht, was vorher schon war. Übrigens steht draußen ein junger Mann, der sie gerne sehen würde. Ich hab aber gesagt, dass sie noch ein bisschen Ruhe brauchen, bevor er zu ihnen kann.“

Das konnte nur Mulder sein. Er war doch gekommen. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Nein, ist schon in Ordnung, lassen sie in herein.“

„Okay, aber wirklich nur kurz.“

Die Schwester verließ den Raum und ließ den Mann herein. Das Lächeln glitt ihr erneut von den Lippen und nun machte sich endgültig Enttäuschung in ihr breit. Es war Agent Ritter und nicht Mulder. Sie versuchte sich zusammenzureißen und ihn anzulächeln. Schließlich konnte er ja nichts dafür, dass ihr so genannter Partner es noch nicht mal für nötig hielt, sich nach ihr zu erkundigen.

 

„Guten Morgen, Agent Scully. Ich hoffe es geht ihnen besser.“

Er durchschritt den Raum in leicht gebückter Haltung und stellte einen Blumestrauß auf ihren Tisch.

„Für sie.“

Irgendwie wirkte Ritter nervöser wie sonst. Als er zu ihr sah, bemerkte sie, dass er ein blaues Auge hatte.

„Was ist denn mit ihnen passiert?“

„Ähmm, nichts schlimmes.“

„Aber ihr Auge schaut wirklich schlimm aus und so aufrecht kommen Sie auch nicht daher. Hatten sie einen Unfall?“

Agent Ritter zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihr Bett.

„Etwas in der Richtung. Ist aber nicht weiter schlimm. Und außerdem geht es nicht um mich, sondern um sie. Wie geht es ihnen, Dana?“

Er schien sich wirklich Sorgen um sie zu machen. Sie war gerührt. Sie kannte ihn immerhin erst ein paar Tage. Mulder könnte sich ein Vorbild nehmen.“

„Danke, dass ist nett von ihnen. Mir geht es eigentlich ganz gut, ich bin nur ein wenig schwach.“

Ritter seufzte hörbar aus. Er schien wirklich über das normale Maß hinaus besorgt.

„Das ist schön zu hören.“

„Stimmt irgendetwas nicht?“

Ritter schien seinen ganzen Mut zusammenzunehmen, atmete noch einmal hörbar ein.

„Sie können sich nicht erinnern, nicht wahr?“

„Nein, ich weiß nur, dass ich getroffen wurde, und dass dann plötzlich sie da waren. Woher sind sie eigentlich so schnell gekommen?“

„Dana, ich habe sie angeschossen. Es tut mir so leid, ich dachte Felling zielt mit einer Waffe auf mich. Ich hab sie nicht gesehen. Sie standen hinter ihm. Ich mein, woher sollte ich das wissen. Das war alles ein blöder Unfall.“

„Ein blöder Unfall? Sie haben mich beinahe umgebracht.“ Ihre Stimme schneidender und lauter, als sie beabsichtigt hatte..

„Wie kann denn so was passieren, man ballert doch nicht einfach in der Gegend rum.“ Sie schrie nun. Ritter zuckte bei jedem Satz unwillkürlich zusammen.

„Haben sie noch nie was von Sicherung des Tatortes gehört. Das fass ich nicht.“

Die Tür ging auf und die Schwester von vorhin kam herein. Es brauchte nicht viel um die Szene vor ihren Augen zu erfassen.

„Es ist jetzt glaub ich besser, wenn sie gehen.“

Ritter schaute Scully noch mal mit einem flehentlichen Blick an. Doch sie hatte jetzt keinen Nerv für ihn und blickte zur Seite. Die Stimme der Schwester drang an ihr Ohr.

„Und sie ruhen sich aus. Sie brauchen jetzt Ruhe. Kein Besuch mehr in den nächsten Stunden.“

Ritter verließ mit hängendem Kopf den Raum und die Schwester schloss die Tür hinter ihm. Scully war wieder alleine. Sie konnte es einfach nicht fassen, was Ritter ihr da offenbart hatte. Er hatte sie angeschossen. Sie war schon oft in Lebensgefahr geraten und hatte viele brenzlige Situationen überstanden. Sie hatte einen gefährlichen Beruf, da machte sie sich keine Illusionen. Trotzdem glaubte man nie richtig daran, dass es einen mal erwischen würde. Und wenn, dann durch die Hand eines Kriminellen. Und nicht durch die Unfähigkeit eines eigenen Kollegen. Mulder wäre das nie passiert. Er würde sie nie wissentlich in Gefahr bringen. Mulder hatte einen so großen Beschützerinstinkt ihr gegenüber, dass es ihr schon manchmal zu viel wurde. Sie war schließlich eine selbstständige Frau, die lange für ihre Unabhängigkeit und für ihren Platz in der Männerwelt des FBIs gekämpft hatte. Und obwohl Mulder größten Respekt für sie hatte und sie von Anfang als gleichwertige Kollegin eingeschätzt hatte, war er in mancherlei Hinsicht ein totaler Macho.

Immer, wenn er meinte, sie wäre einer Situation nicht gewachsen oder es wäre zu gefährlich für sie, ließ er sie ohne eine Wort sitzen und brachte sich dabei meist selber in Lebensgefahr. Wie oft sie schon in seiner Wohnung gesessen hatte und auf ein Wort von ihm gewartet hatte. Sie wusste es nicht mehr. Wie viel Tage und Nächte hatte sie schon an seinem Krankenbett verbracht und gebetet und gehofft? Zu viele Male. Und wo war er jetzt? War er so tief verletzt, dass sie einen anderen Partner für diesen Auftrag bekommen hatte? Ihr war sein verletzter Blick im Büro, als sie im die Nachricht von ihrem neuen Auftrag mitgeteilt hatte, nicht entgangen. Und obwohl er in seinem ersten Anruf, einen Scherz gemacht hatte „Wir haben beim FBI mal nebeneinander gesessen“, wirkte er doch sehr gekränkt. Sie wusste nicht mehr, was sie von der ganzen Situation halten sollte. Von ihm, von seinen Gefühlen ihr gegenüber, von seiner jetzigen Abwesenheit, von dieser Diana Fowley. Einfach von allem. Doch sie wollte sich nicht länger den Kopf darüber zerbrechen und so drehte sie sich zur Seite und schloss die Augen. Und wie so oft in den letzten Wochen, galten ihre letzten Gedanken, bevor sie der Schlaf überkam, Mulder.

 

 

Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr erster Blick auf die Uhr und sie stellte fest, dass sie länger geschlafen hatte, als ihr lieb war. Es waren fünf Stunden vergangen. Sie musste erschöpfter sein, als sie selbst geglaubt hatte. Wahrscheinlich hatte auch die Narkose noch nachgewirkt und sie ins tiefe Reich der Träume entführt. Doch nun fühlte sie sich wieder besser. Sie hatte Durst. Als sie auf ihren Nachttisch blickte, stellte sie fest, dass ihr Wasser leer war und ein zweiter Strauss Blumen da stand. Wo kam der denn her? Aber erst mal war ihr Durst, dass wichtigste Bedürfnis und so entschied sie sich nach einer Schwester zu klingeln.

Nur eine Minuten später öffnete sich die Tür und eine ihr unbekannte Schwester trat ein.

„Hallo Miss Scully, ich bin Schwester Beatrice. Schön zu sehen, dass es ihnen wieder besser geht. Sie haben schon viel mehr Farbe im Gesicht als gestern. Kann ich Ihnen etwas holen?“

„Ich hätte gerne etwas Wasser.“

„Ja gerne. Ich komme sofort wieder.“

Die Tür schloss sich und kurz darauf kam die Schwester mit einer vollen Karaffe Wasser zurück, schenkte ihr ein Glas ein und reichte es ihr. Scully trank das Glas auf einmal leer. Damit schienen endgültig wieder ihre Lebensgeister in sie zurück zu kehren.

„Waren Sie gestern auch schon da? Ich mein, weil Sie gesagt haben, dass ich schon wieder mehr Farbe im Gesicht habe. Und ich kann mich ehrlich gesagt nicht an Sie erinnern. Tut mir leid.“

„Nein, ist schon gut. Sie waren ja nicht gerade bei vollem Bewusstsein, als Sie hier eingeliefert wurden. Ich hab Sie auf die OP vorbereitet und war dann auf der Station, als sie in den Aufwachraum kamen und als sie dann hierher verlegt wurden. Eigentlich hätte ich heute freigehabt, aber eine Kollegin ist krank geworden. Und sie wissen ja wie das ist. Ständige Unterbesetzung und so musste ich halt wieder ran.“

Es war manchmal ganz schön zu erfahren, dass sie nicht die einzige war, die ständig Überstunden schieben musste. Sie lächelte die Schwester verständnisvoll an.

„Ja der Job frisst einen manchmal auf. Das kenne ich.“

„Beim FBI scheinen sie ja dahingehend auch nicht unbedingt verwöhnt zu sein? Nehmen wir zum Beispiel ihren Kollegen. Den musste ich gestern direkt rauswerfen, damit er mal zu ein paar Stunden Schlaf kommt. Er wollte unbedingt warten, bis sie aufwachen. Erst nachdem sie hierher verlegt wurden und er sicher war, dass es ihnen gut gehen würde, hat er zugestimmt und ist gegangen.“

Ritter schien eins schlechteres Gewissen zu haben, als sie gedacht hatte. Geschah ihm ganz recht. Immerhin hatte er sie in diese Situation gebracht. Beim Gedanken an Ritter, fielen ihr auch die Blumen wieder ein. Und da stellte sich die Frage, von wem der zweite war.

„Wissen Sie zufällig, von wem der zweite Blumenstrauß ist? Als ich eingeschlafen bin, war er noch nicht da.“

„Ach, der ist von ihrem Kollegen. Er ist seit ungefähr einer Stunde da. Vor ungefähr zehn Minuten ist er aus ihrem Zimmer gekommen, und wollte sich mal draußen die Füße vertreten und mit dem Doktor sprechen.“

„Agent Ritter ist schon wieder da und hat mir einen zweiten Blumenstrauß mitgebracht?“

Meinte er vielleicht, sie wäre käuflich und würde ihm vergeben, wenn er nur oft genug hier auftauchen würde und ihr Zimmer mit Blumen überflutete. Da hatte er sich aber geschnitten.

„Nein. Ihr anderer Kollege. Agent Mulder. Ich glaube nicht, dass sich Herr Ritter noch mal blicken lässt, wenn Mulder in der Nähe ist.“

Mulder war doch da. Sie hätte es eigentlich wissen müssen. Aber dennoch tat ihr Herz einen freudigen Sprung bei dem Gedanken, dass er bis aus Washington hergekommen war. Anscheinend war er auch gestern schon da gewesen, denn mit dem Kollegen, den sie quasi rauswerfen mussten, konnte auch bloß Mulder gemeint sein. Ein breites Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Er war da gewesen. Sie schalt sich für all die Vorwürfe, die sie ihm im Stillen gemacht hatte. Aber was meinte die Schwester mit dem zweiten Kommentar? Waren sich Ritter und Mulder schon begegnet? Und warum würde Ritter nicht mehr auftauchen, wenn Mulder in der Nähe war? Ihr kam da ein Verdacht, wenn sie an das Aussehen von Ritter dachte.

„Was ist passiert?“

Die Schwester blickte sie überrascht an, kam dann aber anscheinend zu dem Schluss, dass eine FBI-Agentin durchaus eins und eins zusammen zählen konnte.

„Tja, ihr Kollege, Agent Mulder, war gestern ziemlich aufgebracht, als er ins Krankenhaus kam. Na und sagen wir mal, dass es wahrscheinlich Agent Ritters Glück war, dass auch noch zwei Polizisten anwesend waren.“

Was hatte Mulder nur wieder getan! Er konnte doch nicht einfach einem anderen Agenten eine verpassen! Wenn Ritter das anzeigte, würde er eine Verwarnung bekommen. Und sein Personalblatt war wirklich schon voll damit. Und bedachte man dann auch noch, dass Kersh nur auf eine Gelegenheit warteten, ihm wieder eins reinzuwürgen, war die ganze Sache mehr als nur dumm. Mal abgesehen davon, dass sie irgendwo ganz tief in sich versteckt, die Idee, dass Mulder sich für sie geschlagen hatte, mehr als angenehm empfand. So weit zur professionellen Einstellung zum Beruf. Und außerdem hatte er nur getan, was sie am liebsten auch machen würde. Dem Kerl eine verpasst und anscheinend eine ordentliche, wenn sie an Ritters Auftreten in der Früh dachte.

Sie verspürte ganz leichten Stolz für Mulder. Seinen makellosen, muskelbepackten und athletischen Körper trug er nicht nur zur Schau spazieren, da steckte auch einiges dahinter. Auf ihren Armen bildete sich gleich eine Gänsehaut. In Gedanken sah sie ihn vor sich. Seine muskulösen Oberarme, die langen Finger, die so zärtlich sein konnten, seine sonnengebräunte Haut, die langen Beine. Ja er war perfekt. Das Blinzeln in seinen Augen, wenn er lachte, was selten vorkam. Die Gänsehaut zog sich über den ganzen Körper weiter, als sie daran dachte, wie er sich immer mit der Zunge über die untere Lippe fuhr. Wenn er dann noch lässig seine Sonnebrille trug, und sein Hemd die Unterarme hoch gerollt hatte, dann konnte sie ihn nicht mehr anblicken, ohne dass sich ein angenehm warmes Kribbeln in ihrem Bauch breit machte. Aber das war alles noch nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das sie bekam, wenn er enge Jeans und ein lässiges T-Shirt trug. Das Oberteil, das sich immer so perfekt an seinen wohlgeformten Oberkörper schmiegte, die Jeans die sich so eng um sein Hinterteil legte. In Gedanken verzerrte sie ihn dann und es machte sich in ihr ein unglaublich primitives Verlangen aus. Wenn er sie in diesen Momenten anfasste, zuckten kleine Stromschläge durch ihren Körper. Howhowhow, Dana, komm wieder zurück. Aber schließlich war sie auch nur eine Frau.

 

Mulder war ein glücklicher Mann. Ließ man mal seinen, zur Zeit mehr als beschissenen Job weg, und vergaß, dass er von Kersh wieder mal einen Rüffel wegen unentschuldigtem Fehlen bekommen hatte, und übersah man, dass er nur 5 Stunden geschlafen hatte, kam Mulder selbst zu dem Schluss, dass es ein wunderschöner Tag war. Das lag aber nicht an dem herrlichen Wetter oder an der Tatsache, dass er gerade für eine Woche frei genommen hatte, was eigentlich nie vorkam, oder an dem mehr als eindeutigen Blick, den er heute von einer Schwester bekommen hatte. Nein, all das war für ihn nur zweitrangig. Er hatte gerade mit Scullys Doktor gesprochen und dieser hatte ihm versichert, dass sie wieder vollkommen gesund werden würde. Und so ging er mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht den Krankenhausflur zu Scullys Zimmer entlang.

Ja, das Leben konnte schön sein, auch wenn er gestern darüber noch ganz anders gedacht hatte. Aber gestern stand Scully auch noch zwischen Leben und Tod. Bei diesem Gedanken tat sich ein kleiner Stich in seinem Herzen. Egal, das war gestern und heute war heute. Scully würde wieder gesund werden, sie würde wieder aus dem Krankenhaus kommen und dann würden sie wieder beide gemeinsam arbeiten. Und wenn er die nächsten zwei Monate Routinebefragungen durchführen würde, war ihm das relativ egal. Hauptsache sie war wieder an seiner Seite. Und dafür würde er sorgen. Das nächste Mal, wenn jemand auf die Schnapsidee kam, und ihr einen anderen Partner zuteilen würde, müssten sie zuerst an ihm vorbei.

Scully würde begeistert sein, wenn sie davon erfuhr. Sie legte sehr viel Wert auf ihre Unabhängigkeit. Darauf ihm zu beweisen, dass sie stark war. Dabei wusste er doch, dass sie viel stärker war, als er es jemals schaffen würde. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass jedes Mal, wenn nur der kleinste Hauch einer Gefahr bestand, sein Beschützerinstinkt für sie erwachte. Und sie hasste es. Aber egal wie viel Ärger ihm seine Fürsorge einbrachte, er würde sie niemals wissentlich in Gefahr bringen. Dafür war sie ihm viel zu wichtig. Das konnte er ihr natürlich nie sagen, er konnte seine Gefühle ihr gegenüber nie offenbaren, da sie offensichtlich nicht das gleiche für ihn empfand und so ließ er sie immer recht rüde zurück und begab sich alleine auf seine zum Teil etwas riskanten Abenteuer.

Sie war dann meistens ein paar Tage mehr als sauer. Außer wenn eines seiner Abenteuer im Krankenhaus endete, dann war sie komischerweise immer herrlich fürsorglich. Hockte sich auf sein Bett, hielt seine Hand und schenkte ihm diese unglaublichen 1000-Watt-Lachen. Manchmal hatten auch Krankenhausaufenthalte ihr positives. Doch noch besser waren die Tage nach seiner Entlassung. Dann fuhr sie ihn persönlich nach Hause und kümmerte sich um ihn, bis sie hundertprozentig davon überzeugt war, dass es ihm wieder besser ging. Wenn es die Arbeit an den X-Akten irgendwie zuließ, zögerte er seine Genesung immer ein bis zwei Tage hinaus.

Er ließ sich von ihr über alle wichtigen Neuigkeiten informieren und ließ sie immer die Akten mit nach Hause bringen, um sie mit ihr gemeinsam durchzugehen. Ein weiterer Vorteil. Sie brachte dann meist noch Essen mit und dann saßen sie gemeinsam auf seiner Couch. Er rutschte, unter dem Vorwand einen Bericht in ihrer Hand genauer studieren zu wollen, etwas zu nah an sie heran. Legte seinen Arm über ihre Schultern, um auf etwas zu deuten, obwohl er das durchaus auch so zeigen könnte. Ließ den Arm dann oft wie zufällig auf ihrer Schulter liegen. Manchmal war sie sogar in der Stimmung, dass sie dies mehr als eine Minute zuließ, bevor ihr eine Ausrede, wie „Kann ich uns noch was zu trinken holen?“ oder „Ich muss mal für kleine Mädchen“ einfiel und sie geradezu aufsprang, um von ihm weg zu kommen. Aber da sie Ärztin war, eine hervorragende wie er fand, wusste sie auch immer ziemlich genau, wann es ihm wieder besser ging und so konnte er das ganze nicht ganz so strapazieren, wie er wollte.

Mulder hatte Scullys Zimmer erreicht, öffnete leise die Tür, um sie nicht zu stören und stellte dann fest, dass sie wach war. Ihre Blicke trafen sich und er konnte nicht verhindern, dass sich ein wahrscheinlich total blödes Grinsen auf sein Gesicht schlich.

„Hey!“ war alles was er herausbrachte. Ihr einfaches „Mulder“, begleitet von einem Strahlen in ihrem Gesicht war auch nicht viel mehr. Doch ihre Blicke sagten mehr als tausend Worte. Wieder kommunizierten sie beide auf stille Weise. Sagten sich mit den Augen alles, was der andere wissen musste. Von der Spannung im Raum unangenehm berührt, zog sich die anwesende Schwester zurück.

„Wenn sie noch was brauchen sollten, dann klingeln sie einfach.“

Scully löste den Augenkontakt, um die Schwester anzuschauen.

„Danke.“

Und damit verschwand die Schwester und ließ nur sie beide zurück.

 

In Gedanken dankte Scully Schwester Beatrice. Nur noch eine Sekunde länger und sie wäre unter Mulders Blick dahin geschmolzen. Was hatte der Kerl nur an sich, dass er sie mit nur einem Blick total aus der Realität holen konnte? Sie ihre Mauern fallen lassen ließ. Sie sah ihn wieder an. Er sah gut aus, wie immer. Und er hatte eines seiner raren Lächeln aufgesetzt, das in diesem Moment nur ihr zu gelten schien. Mit wenigen Schritten hatte er das Krankenzimmer durchquert, setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm ihre Hand in die seine. Sie wusste nicht, ob er es bewusst tat, auf jeden Fall streichelte er mit seinem Daumen über ihren Handrücken und hinterließ immer da, wo er sie berührte, ein angenehmes kribbelndes Gefühl auf der Haut zurück. Wusste er denn nicht, was er mit diesen einfachen Berührungen, mit diesen kleinen Gesten in ihr auslöste? Wenn sie nicht sofort etwas unternehmen würde, dann würde das kleine Gefühl sich bald in ein größeres Gefühl verwandeln. Und das wollte sie nun wirklich nicht. Und die einfachste Art Mulder von etwas abzubringen, war ihn zu provozieren oder ihn wütend zu machen. Also tat sie das.

„Mulder, was hast du mit Agent Ritter gemacht?“

Es funktionierte. Schlagartig ließen die kreisenden Bewegungen seines Daumens nach, aber er hielt ihre Hand weiterhin in der seinen.

„Ich weiß gar nicht, was du meinst, aber Agent Ritter ist doch jetzt völlig zweitrangig. Ich bin nicht gekommen, um über ihn zu sprechen. Ich steh da eher auf Frauen. Wenn du weißt, was ich meine. “

Beim letzten Satz setzte er ein zweideutiges Grinsen auf und zwinkerte sie an.

Daraufhin rollte Scully mit ihren Augen, um ihm zu zeigen, was sie von seinem Statement hielt.

„Dass du auf Frauen stehst, ist mir durchaus bewusst.“

Vor allem auf jene mit langen Beinen und blonden Haaren, fügte sie in Gedanken hinzu. Beides Eigenschaften, die ihr völlig abgingen. Aber sie würde Mulder nicht so einfach vom Haken lassen.

„Mulder, ich hab ihn gesehen und ich hab so einiges gehört.“

„Was hast du gehört? Ich hab nichts getan, was ich bereuen würde.“

Scully seufzte. Mulder machte wieder einen auf total unschuldig und missverstanden.

„Mal ganz davon abgesehen, dass er das ganze irgendwo auch verdient hat, schließlich verdank ich ihm diesen kostenlosen Aufenthalt hier, ist dein Verhalten absolut unangemessen. Kersh wartet doch nur auf einen Grund, dir eine weitere Verwarnung auszusprechen.“

„Oho, wer hätte gedacht, dass die immer korrekte Dr. Scully gewisse Begeisterung für Ritters Aussehen aufbringt.“

Das brachte ihm ein weiteres Augenrollen und ein ganz kleines Grinsen ein.

„Das hab ich so nicht gesagt.“

„Ja, aber genau das hast du gemeint.“

Sie geriet hier langsam ins Hintertreffen, so wie er ihre Aussagen verdrehte. Und das wusste er genau. Zeit also etwas schärfer vorzugehen, um ihm dieses dämliche Grinsen endgültig aus dem Gesicht zu wischen. Sie würde hier nicht als Verlierer vom Platz gehen. Das ließ ihr Stolz nicht zu.

„Na ja, ich kann nicht leugnen, dass Agent Ritter gewisse Reize mit sich bringt.“

Schade, dass sie keinen Fotoapparat zur Hand hatte, denn Mulders Gesichtsausdruck in diesem Moment war Preis los. Seine Kinnlade klappte nach unten und seine Augen vergrößerten sich. In ihrem Kopf spielte Scully die Siegeshymne und gratulierte sich selbst zum Triumph.

Die nächsten Worte von Mulder waren nur dahingenuschelt, aber Scully hörte sie trotzdem.

„Nächstes Mal sorge ich dafür, dass ihm was Dauerhaftes bleibt.“

War da eine gewisse Spur von Eifersucht zu hören? Nein, das konnte nicht sein. Dass war wahrscheinlich bloß wieder sein Alphatier-Verhalten. Typisch Mann halt.

„Wie war das, Agent Mulder?“

„Mmh, nichts. Also was genau ist passiert? Kannst du dich noch an was erinnern?“

„Ich weiß nur noch, dass ich bei Felling war. Dann kam jemand herein, Agent Ritter, wie sich herausstellte, und dann hörte ich einen Schuss.“

Beim nächsten Satz musste Scully schwer schlucken und Mulder drückte ihre Hand, um sie zu ermutigen fortzufahren.

„Ich weiß nur noch, dass ich einen Schmerz in der Baugegend gespürt habe und dass überall Blut war, dann kam Ritter hereingestürzt und dann wird es ziemlich vage und ich glaube den Rest habe ich mir eingebildet, da es einfach nicht wahr sein kann.“

Mulder bückte sich ein Stück nach vorne, kam auf diese Weise noch näher heran und sah ihr in die Augen.

„Was ist dann passiert?“

Sie spürte seinen Atem in ihrem Gesicht und ihr wurde wärmer. Viel wärmer. Sie blickte nach unten, um den Blickkontakt erneut abzubrechen.

„Felling sagte, ich solle die Augen schließen, sonst würde ich den Tod sehen. Und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.“

Es folgte ein kurzes Schweigen. Mulder hatte seinen Blick aufgesetzt, den er immer bekam, wenn er versuchte die Teile eines Puzzles zusammenzufügen. Doch Scully brannte noch eine Frage auf den Lippen und sie wollte die Antwort wissen. Sie suchte wieder seine Augen.

„Mulder.“

„Ja“

„Was ist mit Felling?“

„Er wurde tot am Tatort aufgefunden.“

„Weiß man woran er gestorben ist?“

„Nein.“

Mulder sah sie kurz intensiv an und wieder führten sie eine lautlose Kommunikation. Doch sie zögerte noch mit ihrer nächsten Aussage, doch ein kurzes Nicken von Mulder reichte. Schließlich war er derjenige, der an das Paranormale glaubte. Wenn nicht ihm, wem konnte sie sonst ihre Vermutung mitteilen?

„Kann es sein, dass Felling unsterblich war?“

Diese Frage überraschte ihn weniger, als sie vermutet hatte. Anscheinend war er schon zu seinen eigenen Schlüssen gekommen.

„Ich weiß es nicht Scully. Wir werden wohl noch die Ergebnisse der Gerichtsmedizin abwarten müssen.“

Dann fuhr er etwas heiterer vor.

„Dass ich das noch erleben darf. Dr. Scully schlägt eine nicht wissenschaftliche Erklärung vor.“

„Muss wohl die Nachwirkung der Narkose sein.“

Mit diesem Satz lächelten sie sich beide an. Plötzlich ging die Tür auf und Schwester Beatrice kam herein.

„Mister Mulder, sie müssen jetzt leider gehen. Miss Scully braucht noch Ruhe. Immerhin wurde sie erst gestern operiert.“

Mulder drückte kurz ihre Hand, erhob sich, küsste sie auf die Wange und machte sich auf dem Weg zur Tür. Bevor er sie erreichte, stoppte ihn Scully noch mal.

„Danke für die Blumen.“

„Ach nicht der Rede wert. Diesmal hab ich sie ner Oma geklaut.“

Mit diesen Worten ging er durch die Tür und schloss sie hinter sich. Scully blickte auf die Stelle, wo er gerade noch gesessen hatte und fuhr seine Abdrücke mit ihren Fingern nach. Dann legte sie sich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Was ihr nicht gelingen sollte, da ihre Gedanken immer wieder zu einem Mann zurückkehrten.

 

 

 

Fox Mulder stand vor Dana Scullys Krankenzimmer und beobachtete die Szene im Innern. Scully sprach mit Ritter, erteilte ihm wahrscheinlich ihre Absolution. Doch an ihrem Gesichtsausdruck sah er, dass sie es ihm nicht einfach machte, und er um jedes Stückchen Vergebung kämpfen musste. Wenn es nach ihm ginge, hätte Ritter auf ewig mit seiner Schuld leben können. Er hatte ihn seit dem Vorfall im Flur nicht mehr gesehen und hätte auch jetzt keinen Wert auf seine Anwesenheit gelegt, aber Scully war in dieser Beziehung immer etwas sensibler. Auch, wenn sie das selber nicht gerne zugab.

Seit ihrer Operation war eine Woche vergangen. Und Scully hatte sich erstaunlich schnell erholt. Er hatte vor einer Viertelstunde mit dem Doktor gesprochen, und dieser sagte, dass sie sich schneller erholte als er es je gesehen hatte. Sie müsste noch zwei Tage im Krankenhaus bleiben und könne dann nach Hause zurückkehren. In spätestens einer Woche, könne sie wieder zur Arbeit gehen. Er trug wieder Berufskleidung, einen seiner Anzüge. Sein Urlaub war vorbei und er musste heute nach Washington zurückfliegen und gleich danach im Büro erscheinen. Er konnte nichts dagegen tun, aber er vermisste sie jetzt schon. Sie würde zwar in zwei Tagen nachkommen, aber jede Minute ohne sie war wie die Hölle. Vor allem, weil er nicht mal schnell auf einen Sprung bei ihr vorbei schauen konnte. Also würde er in den nächsten zwei Tagen Telefonterror veranstaltet. Nein, das konnte er auch nicht tun. Er wollte sie schließlich nicht nerven. Mit sich selbst vereinbarte er zwei Gespräche pro Tag. Eines um die Mittagszeit und eines nach Feierabend. So hatte er jeden Tag etwas, auf das er sich freuen könnte. Doch bereits jetzt wusste er, dass es nicht bei den zwei Gesprächen bleiben würde. Wenn er nachts wach lag und von ihr träumte, dann würde er unweigerlich zum Telefon greifen und ihre Nummer wählen. So wie er es immer tat. Sie würde verärgert reagieren und ihn darauf hinweisen, wie spät es eigentlich ist. Dann würde er sich entschuldigen und fragen, ob er auflegen sollte. Dann würde sie meinen, dass sie sowieso schon wach sei und er auch ruhig sagen könne, weswegen er sie eigentlich aufgeweckt hätte. Manchmal fragte er sich, ob sie nicht heimlich auf seine Anrufe wartete. Schließlich ging sie immer recht schnell an ihr Handy, so als würde es auf ihrem Nachtkästchen liegen. Und wer legt sein Handy dahin, wenn er nicht gestört werden will? Dana Scully war eine Frau mit vielen Geheimnissen.

Die vergangene Woche war, trotz ihres Krankenhausaufenthaltes, schön gewesen. Er hatte sie mindestens zweimal am Tag besucht. Am Abend hatte er immer was zum Essen mitgebracht, was sie sich dann geteilt hatten. Und er hatte jede Gelegenheit genutzt sie zu berühren. Ein Begrüßungs- oder Abschiedskuss auf die Wange. Händchenhalten. Manchmal hatte er sich sogar in einem Gespräch mit seinen Händen auf beiden Seiten des Bettes abgestützt und war über sie gebeugt. Doch nach dem heutigen Tag würde das wieder vorbei sein. Noch etwas, das er vermissen würde.

Und sie hatten geredet in der letzten Woche. Und nicht nur über die Arbeit, sondern über alle möglichen Sachen. Über Privates. Er hatte ihr von seinen Erfolgen als Basketballspieler auf der Highschool erzählt und sie ihm, wie ihre Mom sie mit 14 beim Rauchen erwischt hatte. Kaum zu fassen. Dana Scully hatte in ihrer Kindheit etwas Verbotenes getan. Und er war ihr jeden Tag ein bisschen mehr verfallen, hatte sich jeden Tag noch ein Stückchen mehr in sie verliebt. Auch, wenn er gedacht hatte, dass dies nicht mehr möglich wäre. Außerdem genoss er es, sie in Pyjamas zu sehen.

Einmal hatte er es fast zu sehr genossen. Sie hatte vergessen, den oberen Knopf zu schließen und so hatte er einen wunderbaren Blick auf den Ansatz ihrer Brüste. Sie trug keinen BH darunter. Er hatte versucht, nicht zu starren, aber immer, wenn sie ihren Kopf im Gespräch auf die Seite drehte, wurden ihre Rundungen noch offensichtlicher. Dies hatte genügt, ihm eine kleine Verhärtung in seiner Hose zu bescheren. Was wiederum dazu geführt hatte, dass er sich geschlagene 20 Minuten nicht mehr bewegen konnte, da er ihr sonst einen wunderbaren Anblick geboten hätte. Und er wollte ihr wirklich nicht erklären müssen, dass schon der Anblick ihrer halbnackten Brüste reichte, um ihn unglaublich scharf zu machen. Er war sich nun sicher, dass die nächsten beide Nächte doch nicht so schwierig zu überbrücken waren. Schließlich war auch ein fotographisches Gedächtnis manchmal zu etwas gut.

Ritter und Scully schienen mit ihrem Gespräch am Ende zu sein, denn der Agent bewegte sich Richtung Tür. Mulder drehte sich in seine Richtung, als der Agent herauskam. Die folgenden Worte brachte er vollkommen emotionslos über die Lippen.

„Sie sind ein glücklicher Mann.“

Ritter schien genau zu wissen, auf was er anspielte. Ihm fiel nichts ein und so ging er ohne ein Wort zu sagen weiter. Er wusste vielleicht gar nicht, wie viel Glück er hatte, denn Mulder selbst glaubte nicht, dass ihn irgendetwas aufgehalten hätte, wenn Scully gestorben wäre. Mulder betrat mit einem Lächeln Scullys Krankenzimmer. Als er bei ihr war, blieb er neben ihrem Bett stehen und nahm ihre Hand. Sie kam ihm auf halben Weg entgegen. Ja in einer Woche gewöhnte man sich viele Rituale an. Auch das Händchenhalten würde er vermissen, denn Scully würde es, wenn sie gesund war, nicht mehr zulassen. Kurz versuchte er ihren Daumen zu fassen. Ein kleines Spiel, doch sie ließ sich nicht so einfach fangen. Dann blickte er auf zu ihr.

„Der Bericht vom Gerichtsmediziner ist heute zurückgekommen. Er sagt, dass Felling an einer einzelnen Schussverletzung gestorben ist. Das ist alles, was es aussagt.“

Mit diesen Worten setze er sich zu ihr aufs Bett. Nutzte diese Möglichkeit noch mal in ihrer Nähe zu sein.

„Also ich hab mit dem Doktor geredet ... und er sagt, du machst dich fantastisch. Du erholst dich schneller, als er es je gesehen hat.“

Scully sah ihn sehr nachdenklich an.

„Ja, Mulder, ich weiß gar nicht, wie ich auf den Gedanken gekommen bin. Menschen leben nicht für immer.“

Er hatte schon lange darauf gewartet. Dass die Wissenschaftlerin wieder an die Oberfläche kommen würde. Vielleicht bereute sie jetzt schon ihre Aussage, die sie einen Tag nach ihrer Operation getroffen hatte. Aber er war der Meinung, dass sie nicht so unrecht damit hatte, wenn sie meinte, dass Felling unsterblich war.

„Nein, nein. Ich glaube er hätte für ewig gelebt. Ich glaube der Tod sucht erst nach einem ... wenn man das Gegenteil gesehen hat.“

Nun schauten sie sich lange an, bevor Mulder fortfuhr.

„Der Doktor sagt, dass du in zwei Tagen entlassen wirst und nach Hause darfst. Und in einer Woche dürfen wir wieder nebeneinander sitzen und weitere spannende Routinebefragungen durchführen“

Scully schenkte ihm ein Lächeln.

„Ich wusste doch, dass das Leben einen Sinn hat. Ich freu mich schon wieder richtig.“

Nun grinste auch Mulder, doch als er fortfuhr, setzte er ein trauriges Gesicht auf, auch wenn er das nicht vorhatte. ‚Warum kann ich in ihrer Nähe meine Emotionen nicht kontrollieren?’

„Tja, uhm, mein Urlaub ist vorbei und ich muss heute nach Hause fliegen. Kersh will mich unbedingt im Büro sehen. Bestimmt hat er sich schon die ganze Woche überlegt, wie er mich am besten für mein unerlaubtes Verschwinden bestraft. Ich tipp mal auf die Klobürsten.“

„Das tut mir leid, Mulder. Dass du wegen mir solche Schwierigkeiten bekommst.“

„Och nein, Scully. Eigentlich wollte ich ja nur ein New York Knicks Spiel sehen. Du warst eine wunderbare Entschuldigung.“

Scully schlug die Augenbrauen in gespieltem Entsetzen nach oben.

„Also, wenn du nach Hause kommst, rufst du mich an. Ich hol dich vom Flughafen ab. Du weißt schon, du darfst ja noch nicht so schwer tragen und so.“

„Das kann doch auch meine Mutter machen. Du hast bestimmt was Besseres zu tun.“

Als gäbe es für ihn was wichtigeres, als Scully nach zwei Tagen wieder zu sehen. Er wollte keine Minute länger warten als nötig.

„Ach, ich wohne doch viel näher am Flughafen. Deine Mutter müsste den langen weiten Weg machen. Das ist doch kein Problem.“

Das Argument würde sie sicher schlucken. Er konnte ihr ja schlecht sagen, dass er sie bei ihrer Rückkehr am liebsten in die Arme schließen und die nächsten paar Stunden nicht mehr loslassen würde. Ihr gehauchtes „Danke“ und ihr Lächeln waren aber jetzt schon Belohnung genug.

„So, ich muss jetzt aufbrechen. Wir sehen uns in zwei Tagen. Ich ruf dich an, sobald ich wieder in Washington bin.“

Damit stand er von ihrem Bett auf und küsste sie noch mal auf die Wange. Als er zurückziehen wollte, hielt sie seine Hand fest. Ihre Gesichter waren nur ein paar Zentimeter entfernt und er konnte ihren Atem auf seinen Lippen spüren. Sie blickten sich tief in die Augen. Ganz sanft mit einem zarten Flüstern sagte sie.

„Ich zähle darauf.“

Bei diesen Worten machte Mulders Herz einen Doppelsalto und in seinem Bauch flogen plötzlich Schmetterlinge. Er sah ihr weiterhin tief in die Augen und lächelte sie an, wie ein dummer Schuljunge, der gerade seinen Lieblingslolly bekommen hatte. Ganz langsam stand er aus seiner gebückten Haltung auf, ließ ihre Hand los und ging zur Tür hinaus. Er dreht sich nicht mehr um, da er glaubte, dass ihn sonst seine Emotionen verraten würden. Aber als er den Flur entlang ging, verdrängte er den Gedanken an die nächsten beiden Tage ohne sie und dachte an die Tage, die sie daheim verbringen musste, bis sie wieder arbeiten durfte. Auch da würde sie sicher ein bisschen Pflege und Zuneigung brauchen.

 

ENDE