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The meaning of power- The power of love |
Y Y Y
The meaning of power- The power of loveY Y Y
Der Raum war groß und nicht gerade spärlich mit Möbeln ausgestattet. Derjenige, der hier arbeitete, musste es schon sehr weit gebracht haben. Es war jedoch ein typisches Büro des FBI in Washington, in dem sich zwei Männer befanden. Sie standen mitten im Raum und schienen zu warten. Einer der Männer schaute ungeduldig auf die Uhr und blickte verärgert zu dem anderen Mann. Einige Augenblicke später öffnete sich die Tür des Büros und eine junge Frau betrat das Büro, die wohl die Sekretärin des Agenten zu sein schien, der hier arbeiten musste.
"Sir, er ist nun da," sagte sie.
Mit einem Nicken machte ihr einer der Männer klar, dass der Mann eintreten sollte. Er trat in den Raum und die junge Frau schloss die Tür hinter sich.
"Sie sind spät dran," sagte Assistent Director Kersh.
"Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung, aber ich musste noch ein paar Formalitäten erledigen," sagte sein Gegenüber.
"Lassen Sie uns anfangen," brach Agent Follmer hervor.
Die drei Männer nahmen an dem großen Tisch Platz, auf dem für jeden ein Glas Wasser bereit gestellt war.
Der Mann griff in seinen Aktenkoffer und holte einen Stapel Papiere hervor.
"Nun, ich habe schon einige Vorarbeit geleistet. Das ist auch der Grund für meine Verspätung. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, dann ist das kein Problem, denn eine andere Möglichkeit ist auch in Aussicht."
Mit einem Nicken stimmten Kersh und Follmer zu.
Ca. zwei Stunden später...
"Gut, dann wäre ja alles geklärt," sagte der Mann.
Die drei Männer standen auf und der dunkel gekleidete Mann verabschiedete sich von Follmer und Kersh und trat aus dem Büro.
Endlich passierte das, was schon längst hätte passieren sollen. Der Plan stand.
Mit einem leisen Zischen kam der Aufzug zum Stillstand und die schweren Türen schoben sich beiseite. Dana Scully trat heraus und ging durch den Flur des Kellers zu dem kleinen Büro, das sie schon seit vielen Jahren mit ihrem Partner Fox Mulder teilte. Sie hatte ihrem Partner mitgeteilt, dass sie heute etwas später zur Arbeit kommen würde, da sie noch ein paar Dinge zu erledigen hatte. Es war eh nicht viel los. Ein paar Akten hier, ein paar Akten dort... nichts weiter wichtiges. Die Aliens schienen wohl Urlaub zu machen. Urlaub, wie gut dieses Wort doch klang. Doch sie schob den Gedanken beiseite, als sie die Tür des Kellerbüros öffnete und eintrat. Sie erblickte ihren Partner, der gerade telefonierte. Er fixierte sie mit einem kurzen Blick und schenkte ihr ein kurzes Lächeln. Dann widmete er sich wieder seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung.
"Ja, Sir. Ich melde mich," sagte Mulder.
Er legte auf und blickte den Hörer verwirrt an.
"Was ist los?" fragte Scully.
Mulder schüttelte den Kopf.
"Ich weiß nicht, Scully. Gerade ist etwas äußert merkwürdiges passiert."
Fragend blickte Scully ihn an.
"Wir sollen nach Farmington, New Mexico, Scully. Das ist genau dort, wo wir damals in dem Indianerreservat bei Albert Hosteen waren. Scully, es geht um die selbe Sache. Damals haben sie uns gesagt, dass die Funde, die wir dort gemacht haben, totaler Quatsch seien und nun sollen wir genau deswegen noch einmal dorthin? Und wissen Sie was noch viel merkwürdiger ist? Director Kersh gab mir gerade den Auftrag. Irgendwas stimmt da nicht, Scully. Wir sollten nicht darauf eingehen."
"Mulder, was soll den schon Schlimmes passieren? Das Einzige, was passieren kann, ist, dass wir uns zum hundertsiebenundfünfzigsten Male blamieren. Sie wollen sich das doch nicht etwa entgehen lassen? Ich meine, vielleicht hat er ja seine Einstellung geändert... na ja, wer es glaubt... aber sehen Sie, Sie können es ihm beweisen. Wollen Sie das aufs Spiel setzen?"
Mulder überlegte. Eigentlich hatte Scully recht. Er glaubte zwar nicht, dass er seine Einstellung innerhalb von vierundzwanzig Stunden geändert hatte, aber er konnte ihm nun endlich das beweisen, was er schon vor Jahren hatte tun wollen. Er griff zum Telefon und teilte Kersh mit, dass sie den Fall annehmen würden.
Farmington, New Mexico
"Mulder, hören Sie auf damit. Ich will davon jetzt nichts mehr hören!"
Leicht genervt las sie sich noch einmal die Akte durch.
"Scully, so verstehen Sie doch, diese Akte, die sie dort in der Hand halten, die wirft doch noch mehr Fragen auf, als das sie irgend etwas klären würde."
"Ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie unter anderem größtenteils an dem Inhalt dieser Akte beteiligt sind. Es sind auch Ihre Berichte, die hier zitiert werden!" gab sie schnippisch zurück.
Mulder verdrehte die Augen und gab Gas.
"Und ich dachte ich bin paranoid!" gab er als Antwort, die ihm aber sofort wieder leid tat.
"Sie sind wie ein kleines Kind Mulder, dass nach einem Spielzeug schreit. Und sobald das Kind es hat, macht es das Spielzeug kaputt," setzte sie zur Wehr an. Mulder beschloss nun lieber nichts mehr zu sagen. Wieso setzte sich Scully so für den Fall ein? Was reizte sie dermaßen daran? Er hatte noch immer Probleme mit der Glaubwürdigkeit Kershs in dieser Sache. Doch allmählich wandelte sich dieses Gefühl in ein Neues. Es war Angst. Doch wovor? Dazu kam noch, dass er sich schlecht fühlte. Er mochte es nicht, wenn er sich mit Scully stritt. Früher hatte es ihm nicht so viel ausgemacht. Es hatte ihm meistens sogar richtig Spaß gemacht sich mit ihr zu streiten. In Scully hatte er jemanden gefunden, der ihm endlich mal die Stirn bot. Ein ehrwürdiger Gegner sozusagen. Doch irgendwas musste sich seitdem geändert haben.
Mulder fuhr in die karge Einfahrt des Hotels ein.
Es war niemand zu sehen. Nur ein nervös wirkender Mann, der in der Nähe des Empfangs von einem Bein auf das andere wippte. Man konnte ihn durch die Scheibe sehen. Als er Mulder und Scully kommen sah drehte er sich schnell zum Hotelier um, um mit diesem ein belangloses Gespräch anzufangen.
Mulder stoppte den Wagen auf einem der freien Parkplätze. Er atmete einmal laut durch und sah Scully reuevoll an.
"Was?" fragte sie jetzt wieder leicht amüsiert.
Mulder schob seine Unterlippe vor und brachte sie zum Lächeln.
"Wieder Freunde?"
Scully überlegte übertrieben und nahm dann mit einem Handschlag sein Angebot dankbar an.
Der Mann vor dem Empfang trat Ihnen sofort entgegen.
"Agent Mulder? Agent Scully? Schön, dass Sie gekommen sind. Ich bin Deputy Foster. Können wir?"
Verwirrt sahen sich die beiden an. Sie hatten sich doch noch gar nicht vorgestellt! Und hätten sie nicht jedes x beliebige Ehepaar sein können? Woher wusste dieser Kerl also auf Anhieb, wer sie waren? Doch Foster lies den beiden kein Moment zum Nachdenken und führte sie direkt zu seinem Auto. Scully zupfte kurz an Mulders Jackenärmel.
"Woher weiß er...," begann sie.
"Agent Scully, wollen Sie sich nicht zu mir nach vorne setzen? Dann können wir gleich ein bisschen über Ihren letzten Besuch hier plaudern."
Er tätschelte an ihrem Arm herum, dass sie es ihm nicht abschlagen konnte und schließlich widerwillig leicht mit dem Kopf nickte.
"Und? Wo kommen Sie her?" fragte Foster Scully.
Diese blickte ihn etwas durcheinander an, gab ihm aber leicht kopfschüttelnd Antwort.
Währenddessen fragte sich Mulder, wo die verantwortliche Behörde diesen Kerl bloß aufgegabelt hatte. Er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den blassesten Schimmer von dieser Sache. Von seinem ganzen Auftreten ganz zu schweigen.
Sie fuhren jetzt schon gut 10 Minuten und Mulder kam immer noch nichts bekannt an dieser Stadt vor. Wo waren sie hier bloß gelandet? Ihm war auch aufgefallen, dass Foster Scully nicht wirklich zuhörte. Er machte einen ziemlich unprofessionellen Eindruck. Er wirkte angespannt. Mulders schlechtes Gefühl meldete sich wieder.
Endlich bog Foster in eine Einfahrt ein. Die Häuserreihen auf beiden Seiten sahen mehr als nur dreckig aus. Anscheinend wurden sie nicht mehr bewohnt. Auch ansonsten sah die ganze Gegend ziemlich unbehaglich aus. Mulder dachte noch ein weiteres Mal über die Unterhaltung mit Scully im Auto nach und verwarf wieder seinen Verdacht. Was ihm im Moment am meisten Sorgen machte war der Aspekt, dass dieser schleimige Kerl da am Steuer seine Scully anmachte. Er war doch nicht etwa eifersüchtig? Schmunzelnd schüttelte er vorsichtig den Kopf und beobachtete die Fahrt aufmerksam weiter. Er versuchte sich an irgendetwas zu erinnern. Er war hier gewesen, das wusste er, denn er hatte damals mit Scully diesen Fall hier bearbeitet. Damals, als er in dem Eisenbahnwaggon eingeschlossen war und fast dabei drauf gegangen wäre, als man versuchte den Waggon zu sprengen. Aber damals hatte ihm niemand geglaubt. Doch jetzt war hier alles auf irgendeine Art und Weise verändert. Er hatte sich noch nie so schlecht bei einem Fall gefühlt. Vor allem kannte er es nicht von sich, dass sich die Angst in ihm breit machte. Gedankenverloren starrte er aus dem Fenster und versuchte das Wirrwarr in seinem Kopf zu etwas halbwegs vernünftigem zusammen zu basteln.
"Mulder? Sind Sie in Ordnung?" fragte plötzlich eine leise Stimme aus dem vorderen Teil des Wagens.
"Mh?....Ja....," sagte er noch etwas benommen.
Scully lächelte ihn an und wenige Minuten später parkte der Wagen auf einem kleinen Parkplatz, auf dem sich nur noch ein Motorrad befand.
"So, da wären wir. Ich dachte es wäre vielleicht angebracht, wenn Sie zu aller erst mit Albert Hosteen reden. Den kennen Sie ja sicher noch, nicht wahr?" grinste Foster erst Scully und dann ihn an.
Was zum Teufel bildete dieser Kerl sich eigentlich ein? Seit wann ließen sich die beiden eigentlich vorschreiben mit wem sie zuerst reden würden und warum in Gottes Namen waren sie nicht erst einmal ins Hotel gegangen? Erst jetzt bemerkte Mulder diese Tatsache. Er verdrehte leicht die Augen, holte tief Luft und stieg schließlich aus dem Wagen. Fragend blickte er um sich. Dieser Ort kam ihm bekannt vor. Endlich kam ihm hier in dieser Einöde etwas bekannt vor. Doch das Gefühl in seiner Magengegend war noch immer nicht verschwunden. Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter.
"Mulder? Kommen Sie?"
Er nickte schweren Herzens und folgte seiner Partnerin in das Gebäude, das zu klein für ein Haus, aber auch zu groß für eine Hütte war. Es roch nach Kräutern und ein kleines Feuer brannte im Kamin. Als die beiden Agenten und Deputy Foster näher traten, erblickten sie Albert Hosteen, der zusammengekauert in einem Lehnstuhl saß.
Als er sie jedoch erblickte lächelte er ruhigen Gewissens.
"Agents, was führt Sie denn zu mir?"
Sofort brach ihm Foster ins Wort.
"Albert, die Agents wollen sich nur noch mal mit dir unterhalten. Über die damaligen Ereignisse. Du verstehst?"
"Aber warum? Das ist doch schon so lange her, dass es schon fast gar nicht mehr wahr ist."
"Dürften wir mal alleine mit Mr. Hosteen reden?" traute sich Mulder endlich zu fragen. Widerwillig verließ Foster das Haus.
Nach einer halben Stunde kamen Mulder und Scully wieder aus dem Haus. Foster, der relaxt an dem Wagen gelehnt stand, beendete sofort sein Telefongespräch und verstaute sein Handy hastig in seiner Jackentasche. So langsam zweifelte Mulder wirklich, ob dieser Kerl überhaupt je eine polizeiliche Ausbildung genossen hatte.
"Und, schon eine heiße Spur?"
Nun gab Mulder endgültig auf. Dieser Kerl war die Inkompetenz in Person. Von ihm wollte er kein einziges Wort mehr hören.
"Deputy Foster, Sie hätten uns ja auch sagen können, dass alles nach unserem letzen Besuch hier gesäubert wurde," startete Scully einen Versuch.
"Was denn?" fragte er verwirrt.
"Die Waggons natürlich, sie sind alle abgeholt worden. Sie wissen doch, wir haben vorhin erst im Auto darüber gesprochen!" entgegnete Scully nun leicht angesäuert.
Der hatte sich doch für was ganz anderes interessiert, dachte Mulder im Stillen.
"Oh," war alles, was Foster dem entgegenzubringen hatte.
"Ich bringe Sie dann mal wieder in Ihr Hotel, falls Sie nichts dagegen haben."
"Ach, welch grandiose Idee!" meinte Mulder nun übertrieben.
Als sie endlich im Hotel angekommen waren, verabschiedete sich Foster endlich und machte an der Tür kehrt. Mulder lies sich auf sein Bett plumpsen, als es an seiner Türe klopfte.
"Kommen Sie rein Scully, es ist offen."
Sie tat wie ihr gesagt und sah ihn mitleidig an.
"Noch immer nicht überzeugt?"
Natürlich wollte er ihr nichts von seiner Angst erzählen. Er verstand auch nicht ganz, wie Scully das alles so aufnehmen konnte.
"Scully, was wir hier tun ist Zeitverschwendung!" versuchte er ruhigen Tons zu sagen.
Er wollte sich nicht schon wieder mit ihr streiten.
"Ich finde das ja auch alles komisch, und deswegen wollte ich vorschlagen, noch einmal zu der Stelle zu gehen, wo der Waggon damals gewesen war."
Sie schwieg kurz und sah ihn dann wieder an.
"Ich verstehe aber, wenn Sie nicht mit wollen. Wirklich. Was damals passiert ist..."
"Sie glauben doch nicht, dass ich Sie alleine in diesem verdrehten Kaff lasse! Und MIR geht es gut," erwiderte er etwas forscher, als eigentlich beabsichtigt.
Doch Scully nahm es ihm nicht krumm. Im Gegenteil, sie wusste wo sein wunder Punkt lag, und hatte diesen einfach nur für sich ausgenutzt. Zufrieden ging sie aus seinem Hotelzimmer.
"Ich warte im Auto."
Als die beiden eine halbe Stunde später, nach einer schweigsamen Fahrt, endlich an dem Punkt angekommen waren, wo Mulder vermutete das es die Stelle war, wo er in den Waggon eingeschlossen wurde, staunten sie nicht schlecht. Bereits wie Albert Hosteen gesagt hatte, war dort nur noch ein riesengroßes Loch übrig geblieben.
"Sehen Sie, wie er gesagt hat, wir verschwenden nur unsere Zeit!"
"Mulder, was ist denn los? Das ist eine X Akte. Das ist Ihr Leben, das sind SIE hier, Mulder."
"Ich kann hier nichts finden, was einer X Akte auch nur im Entferntesten entspräche!"
"Sind Sie deshalb so schlecht gelaunt?!"
Mulder drehte sich um, und ging langsam in Richtung Wüste. Dabei erhob er seine Arme und blieb stehen, um sich anschließend wieder umzudrehen.
"Sie haben diesen komischen Kerl von Foster doch auch erlebt. Fanden Sie denn sein Verhalten nicht auch etwas... ungewöhnlich?!"
Scully ging auf ihn zu.
"Vielleicht hat er Probleme oder so was. Ja, er war seltsam, doch das ist für mich noch kein Grund alle Ermittlungen fallen zu lassen."
Wieder drehte er sich um und ging langsam weiter. Vorsichtig trottete sie hinter ihm her.
"Mulder... Mulder? Was ist?"
Er zeigte stumm auf eine Art Hebel, welcher sich etwa 15 Meter vor ihnen aus dem Wüstensand erstreckte. Als sie auf diesen Hebel zuliefen, erkannten sie, dass das der Eingang zu einer Art Raum war. Einem Waggon. Mulder kniete sich hin, um den Hebel besser betrachten zu können.
"Immer noch Zeitverschwendung?" neckte sie Mulder, welcher diese Frage nur mit einem Brummen erwiderte.
Amüsiert legte sie ihre Hand auf seinen linken Oberarm. Jetzt verstand er die Welt nicht mehr. Albert Hosteen meinte doch ausdrücklich, dass der Waggon schon lange nicht mehr da sei. Jetzt war aber ein anderer hier. Natürlich war dieser leer, und bewies noch gar nichts. Aber dennoch war die Ähnlichkeit mit dem aus seinen Erinnerungen verblüffend. Warum also in Gottes Namen, sollte Albert sie beide anlügen? Was bitteschön wurde hier gespielt?
"Mulder?"
Es war schon fast ein Flüstern.
"Hmm?"
"Alles okay?" Sie konnte nicht genau sagen, was in seinen Augen zu lesen war. Trauer? Enttäuschung? Oder sogar Angst?
"Wir werden morgen noch mal hier her kommen und alles fotografieren."
Scully nickte und reichte ihm seine Hand, um ihm hoch zu helfen. Anschließend fuhren sie zurück zum Hotel. Es war inzwischen halb zehn.
"Mulder?" hörte er sie leise vor der Tür fragen.
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Er öffnete ihr die Tür.
"Können Sie nicht schlafen?"
"Nein, das ist es nicht."
Er zog sie in das Zimmer.
"Was dann?"
"Ich wollte nachsehen, wie es Ihnen geht."
Er lächelte sie an. Das war seine Scully, wie sie leibt und lebt.
"Ich bin okay. Ich wollte mich morgen früh mit einem Frühstück revanchieren."
Sie schaute ihn treulieb an.
"Ich wollte Sie wirklich nicht anschreien. Tut mir echt leid."
"Ist schon okay."
"Scully, ich finde das immer noch alles höchst merkwürdig. Am liebsten würde ich morgen schon im Flieger nach Washington sitzen."
Sie schubste ihn auf das Bett und setzte sich dann neben ihn.
"Ich habe Sie damals im Stich gelassen, das hätte ich nicht tun sollen."
"Was reden Sie denn da für ein Schwachsinn? Das ist nicht wahr, Scully!"
"Ich hätte Sie nicht mit einem Durchschuss, an dem ich nicht ganz unschuldig war, hier alleine lassen sollen."
"Wenn Sie denken, dass ich Ihnen deswegen böse bin, dann..."
Scully senkte den Kopf. Er hob ihr Gesicht an ihrem Kinn wieder hoch, sodass sie ihn ansehen musste. Sie hatte Tränen in ihren Augen. Er schüttelte seinen Kopf und nahm sie dann zärtlich in den Arm. Auch ihm liefen zwei Tränen die Wange herunter.
"Lassen Sie uns von hier verschwinden, Scully. Hier stimmt was nicht."
"Das können wir nicht. Was sollen wir Kersh sagen?"
"Soll der doch seine Drecksarbeit alleine machen. Dafür sind wir nicht zuständig. Es ist, als ob ich etwas riskieren würde, nur weiß ich nicht was."
Langsam löste sie sich aus der Umarmung.
"Bitte, Scully. Lassen Sie uns wieder nach Hause fliegen."
Sie schloss ihre Augen und schüttelte den Kopf.
"Sie brauchen keine Angst haben, Mulder."
Dass sie seine Angst spüren würde, hatte ihn eigentlich weniger überrascht. Vielmehr dachte er, dass sie deswegen mit ihm übereinstimmen würde.
"Möchten Sie, dass ich bei Ihnen bleibe?"
Ob er das möchte? Nichts sehnlichster als das. Aber würde er diese Nacht guten Gewissens überstehen?
"Ich bin okay," war alles, was er dazu noch raus bekam.
Sie nahm seine Hand und drückte sie fest. Dann stand sie auf. Mulder fiel es schwer sie loszulassen.
"Gute Nacht, Mulder. Bezüglich des Frühstücks, ich nehme Sie beim Wort!"
Und dann war sie weg. Wie sollte er je noch einschlafen können?
Ruumms...
Mulder öffnete schlagartig die Augen. Was zur Hölle war das? Ein kurzer Blick auf den Wecker. Zehn vor halb drei. Wer bekam denn so spät noch Besuch? Und musste man dabei denn so laut sein???
Ruumms...
Und Mulder stand senkrecht im Bett und ging zum Fenster. Dann knallte seine Tür auf, und schlug gegen seinen Kopf. Er fiel zu Boden.
Als er wider zu sich kam, fühlte er sich, als ob er die letzte Nacht nicht für zwei Minuten das Whiskeyglas aus der Hand gestellt hatte. Seine Sicht war verschwommen und diese Kopfschmerzen! Er befand sich in einem Raum, und seine Handgelenke schmerzten. Dann bemerkte er erst, dass sie gefesselt waren. Es war nicht sehr hell. Es musste also noch dunkel draußen sein. Doch er konnte nur Umrisse erkennen. Er schmeckte Eisen in seinem Hals. Er konnte aber nicht genau ausmachen, wo er sich verletzt hatte. Hatte er sich denn selber verletzt? Erst jetzt kam ihm ins Bewusstsein, dass das hier keiner seiner Alpträume sein konnte. Dies hier war real. Er roch Scully, doch er konnte sie nicht sehen. Er wurde ungeduldig. Was war hier los? Wo war er? War es das? Hatte er davor die ganze Zeit über Angst gehabt? Ging es Scully gut? Wieso sagte sie denn nichts?
"Scully?"
Er kniff die Augen zusammen. Sein Kopf schmerzte, als ob jemand mit einem Vorschlaghammer auf ihn ein gehämmert hätte. Es war so verdammt kalt hier. Er trug nur sein T- Shirt und seine Shorts. Verzweifelt versuchte er sich von den Fesseln loszureißen. Er musste zugeben, dass die Schnüre um seine Handgelenke nicht mit besonderer Sorgfalt geknotet waren. Mit ein paar Bewegungen hatte er es schließlich geschafft sich zu befreien. Er tappte mit seinen Händen durch den Raum. Er konnte sich kaum bewegen. Es war so, als ob er durch irgendwas gelähmt war. Er zog seine Beine mit aller Kraft hinter sich her. Wo war Scully? Plötzlich fasste seine Hand in ihre weichen Haare. Ihr lebloser Körper lag vor ihm. Vorsichtig setzte er sich zu ihr. Sie war nicht gefesselt.
"Scully?" flüsterte er und rüttelte sie leicht.
Doch sie reagierte nicht. Behutsam nahm er ihren Oberkörper hoch und legte sie in seinen Schoß. Er wiegte sie leicht hin und her und versuchte ihr soviel Wärme zu geben, wie es nur ging. Sanft strich er über ihr Gesicht. Seine Hände zitterten. Mulder wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Wo waren sie nur? Er konnte nicht klar denken, denn sein Kopf drohte vor Schmerzen zu explodieren. Er machte sich Vorwürfe. Er hatte die ganze Zeit über gewusst, das hier etwas nicht stimmte und nun waren seine schlimmsten Vorahnungen Wirklichkeit geworden. Er fing noch mehr an zu zittern. Es bildete sich ein Kloß in seinem Hals. Leise fing er an zu schluchzen. Wie konnte das nur passieren?
"Mulder?"
Mulder erschrak.
"Scully...."
"Wo sind wir? Ich spüre meinen Körper nicht mehr. Ich kann mich nicht bewegen..."
Mulder strich ihr durchs Haar.
"Schhhht... ich weiß nicht, wo wir sind. Ich kann meinen gesamten Unterkörper nicht bewegen. Die müssen uns irgendwas injiziert haben."
Mulder drückte ihren Körper noch stärker an sich.
Plötzlich brach ein greller Lichtstrahl in den Raum, als sich eine Tür mit einem lauten Knall öffnete. Mulder klammerte sich an Scully, um ihr Sicherheit zu vermitteln. Er konnte nichts sehen. Seine Augen hatten sich noch nicht an das Licht gewöhnt. Sie hörten Schritte, die immer näher kamen. Es mussten mehrere sein. Nach einigen Augenblicken hatten sich Mulders Augen an das Licht gewöhnt und er erkannte die Umrisse von drei Männern. Bedrohlich standen sie vor ihnen.
"Lass sie los," drohte einer der Männer.
"Nein," sagte Mulder nur.
"Los, lass sie los du elendiger Verlierer," sagte der Mann erneut und spuckte auf ihn nieder.
Mulder jedoch beugte sich über Scully.
"Willst du ihr jetzt etwa auch noch zeigen, was für ein Versager du bist? Du hast es nicht anders gewollt," sagte der Mann.
Plötzlich kam er mit den zwei anderen noch einen Schritt weiter auf die beiden zu und rissen Mulder von Scully. Er versuchte sich verzweifelt an Scully zu klammern, doch seine Kräfte reichten nicht aus.
"Du willst sie schützen, was? Tu, was du nicht lassen kannst. Du wirst jetzt sehen, was du davon hast," drohte der Mann wieder und trat ihm schließlich in den Bauch und Mulder sackte wieder zu Boden.
"Neeeeiiiin," schrie Scully.
Zwei der Männer zogen ihn wieder hoch hielten ihn fest, sodass der dritte auf ihn einprügeln konnte. Scully hörte Mulders Schreie. Sie hörte, wie er in den Bauch getreten wurde. Der Mann schlug auf Mulders Gesicht ein.
"Hören Sie auf damit.... Verdammt, hören Sie auf," schrie Scully und verfiel ins weinen.
Sie konnte ihm nicht helfen. Sie konnte sich nicht bewegen. Es brachte sie fast um, das Mulder nur wenige Meter von ihr entfernt fast zu Tode geprügelt wurde und sie dabei zusehen musste.
"Lasst ihn... Verdammt.... Ihr verfluchten Schweine," weinte sie.
Doch die Männer überhörten sie einfach und schlugen weiter auf ihn ein.
"Was wollen Sie denn von mir? Nehmen Sie mich für ihn, aber bitte lassen Sie Mulder los," schrie sie vor lauter Verzweiflung.
Die Männer ließen Mulder zu Boden fallen und wandten sich zu Scully. Mulders Körper war blutverschmiert. Er war ohnmächtig geworden und lag nun in sich zusammen gesackt am Boden.
"Siehst du? Er ist ein elendiger Verlierer. Er hat schon immer versagt," sagte der Mann.
Scully weinte nur noch. Sie hatte Angst. Nicht unbedingt davor, was jetzt mit ihr geschehen würde, sondern viel mehr um Mulders Leben.
Die Männer kamen nun auf sie zu und zogen sie zu sich hoch. Gehen konnte sie nicht.
"Los, mach schon....," sagte der Mann wieder und schubste Scully vorwärts. Die beiden anderen Männer zogen Scully aus dem Raum.
Ein paar Stunden später...
Die Sonne war schon bereits vor ein paar Stunden aufgegangen.
Langsam öffnete Mulder seine Augen. Er konnte kaum atmen. Er stöhnte vor Schmerzen. Vorsichtig blickte er um sich. Wo war er? Er war nicht mehr an diesem kalten, dunklen Ort. Er befand sich draußen. Wo war Scully? Verdammt, sie hatten sie mitgenommen. Schlagartig kam ihm wieder alles ins Gedächtnis. Mulder versuchte aufzustehen, doch er konnte nicht.
"Sir?" hörte er plötzlich neben sich.
Er drehte seinen Kopf zu der Seite, aus der die Stimme gekommen war. Ein Mann seinen Alters kniete neben ihm.
"Was ist mit Ihnen passiert?"
"Ich muss sie finden....," sagte Mulder nur.
Er war verwirrt. Langsam raffte er sich auf. Seine Schmerzen vergaß er für einen Moment. Alles, was jetzt zählte war, Scully zu finden.
"Sir, ich werde Sie jetzt in ein Krankenhaus bringen."
Mulder registrierte die Stimme des Mannes gar nicht und schleppte sich langsam vorwärts. Der Mann ging ihm nach.
"Sir, mein Wagen steht hier. Kommen Sie. Ich bringe Sie ins Krankenhaus."
Er legte seinen Arm um Mulders Schulter und bemerkte wie sehr er zitterte. Er musste unterkühlt sein. Benommen folgte Mulder ihm.
"Ich muss sie finden," sagte er immer und immer wieder.
Sein Blick war ausdruckslos und leer.
Scully lag wieder in diesem kalten, dunklen Raum. Ihr war so schrecklich kalt. Doch daran dachte sie gar nicht. Sie dachte nur an Mulder. Sie hatte solche schreckliche Angst um ihn. Was hatten sie nur mit ihm gemacht? Sie machte sich schreckliche Vorwürfe. Sie gab sich die Schuld an dem Ganzen. Wenn sie ihn nicht immer wieder überredet hätte doch noch zu bleiben, dann wäre das alles erst gar nicht soweit gekommen. Aber warum war dies hier überhaupt geschehen? Was wollten diese Männer nur von ihr? Das verstand sie nicht. Und warum hatten sie Mulder so zugerichtet? Nur um ihm zu sagen, dass er ein Verlierer sei? Das klang zu absurd. Scully ging tausend Theorien in ihrem Kopf durch, aber sie kam immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Das konnte alles nicht sein und... wo war Mulder?
Sie saß nun schon einige Stunden hier in der eisigen Kälte und nichts passierte. Sie wurde fast verrückt dabei, nicht zu wissen, was mit ihr geschehen würde oder ob überhaupt etwas mit ihr geschehen würde. Doch das lange Warten sollte nun ein Ende haben. Die Tür öffnete sich plötzlich und Scully wurde geblendet.
Es war wieder dieses grelle Licht, welches schmerzhaft in ihre Augen stach.
"Wo ist Mulder?" fragte sie mit professionell geschulter FBI Stimme.
"Kleine, arme Lady! Hat noch immer nichts gelernt!"
Kopfschüttelnd trat der größte der drei Männer auf sie zu und blieb wenige Millimeter vor ihren, auf den Boden stützenden Händen stehen. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter.
"Was willst du bloß mit diesem Versager? Hmm?"
"Sie sollen mir verdammt noch mal sagen, wo er ist!"
"Dana Katherine Scully, jetzt hör mir mal gut zu! Dein Mulder ist nicht hier. Dieser Looser kann froh sein, dass er überhaupt noch lebt!"
Scully konnte den Kloß in ihrem Hals nicht runter schlucken. Aber immerhin lebte er noch. Und irgendwie glaubte sie dem Mann das.
"Siehst du, wenn du nicht gewesen wärst, dann wäre er schon längst wieder unbeschädigt in seinem lausigen Wasserbett in DC. Aber nein -" er zündete sich eine Morleys an "- da gab es ja eine Person, die unbedingt darauf bestand, dass er doch bleiben soll."
Er sah sie schadenfroh an.
"Und weißt du wer das war? Agent Scully?"
Langsam blickte sie hoch, bis sie in seine Augen gucken konnte. Alles, was darin zu lesen war, war Hass. Tiefer Hass.
"Das warst du," flüsterte er in ihr Gesicht.
Sie spürte wie sich eine Gänsehaut anbahnte. Mittlerweile schien ihre Motorik wieder zu funktionieren, die Kälte machte ihr zu schaffen.
"Und soll ich dir noch was verraten, Schlampe?"
Sie war so wütend auf diesen Mann. Wenn sie Herr über ihre Kräfte gewesen wäre, dann hätte sie ihm nur einmal in seine Weichteile getreten und dann würde er, sich vor Schmerzen krümmend auf dem Boden, gleich hier neben ihr liegen.
"Das war nicht das erste Mal, wo er wegen dir Schwierigkeiten hatte. Nein, nein. Das ist leider Gang und Gebe, dass es weder dir noch ihm auffällt. Wärst du nicht gewesen, dann wäre es ihm gestern Nacht besser ergangen."
"Sie lügen!"
Tränen bildeten sich in ihren Augen.
"Ach so? Ich lüge? Na ja, seine Schmerzen, die er jetzt gewiss hat, sprechen aber leider Gottes eine andere Sprache. Er könnte es so viel einfacher haben, es liegt einzig und allein an dir!"
"Sie Schwein, das ist nicht wahr!"
Jetzt platzte ihm aber wirklich der Kragen. Die anderen beiden Männer, welche bisher nur im Hintergrund blieben traten jetzt auch vor. Wie bei einem stillen Kommando traten sie zusammen auf Scully ein. In den Bauch, an das Bein, und eine Faust ins Gesicht. Wieder bahnten sich Tränen ihren Weg durch Scullys Gesicht. Die Schläge spürte sie fast gar nicht. Es war, als wenn sie ihre Nerven abgeschaltet hätte. Nein, die Tränen hatten einen anderen Grund. Konnten diese Männer etwa Recht haben? Schon einmal wollte sie weg von Mulder. Nicht, weil sie es unbedingt wollte, sondern weil sie einsah, dass sie ihm in Wirklichkeit nur im Weg stand. Er hatte sie nie gebraucht. Sollte dieser Gedankenzug etwa doch richtig gewesen sein?
"Aufhören!"
Abrupt hielten sie alle inne.
"Na Lady? Glaubst du uns jetzt?"
"Sie können mich mal."
Doch ihre Worte verloren mit jeder Silber mehr an Glaubwürdigkeit und Beständigkeit.
Ein kurzer Blick, ein kleines Nicken, all das bekam sie nicht mit. Und nur einen Moment später bekam sie eine Spritze verpasst.
"Glaub mir, du bist schlecht für ihn! Geh besser, sonst müssen wir weitere Maßnahmen ergreifen. Aber du bist doch vernünftig, oder?"
Er hob ihren Kopf an und sah ihre Tränen. Er grinste.
"Na also, du hast es ja schon verstanden."
Dann verließen die drei Männer den Raum und ließen sie zitternd zurück.
Sie glaubte den Männern. Das war die einzige Wahrheit.
AD Skinner legte den Hörer auf die Gabel. Fassungslos legte er sein Gesicht in seine Hände. Ihm war sofort klar, dass Kersh seine Hände im Spiel hatte. Aber was nützten ihm schon Ahnungen? Beweise war das Stichwort, welches auch fast jeden Fall der X Akten zu zerschmettern schien.
Einen halben Tag später in Santa Fe traf er im Santa Fe Heatlth Center ein. Er betrat Mulders Zimmer, welcher noch schlief. Er sah blau und grün aus. Blutergüsse zierten sein geschwollenes Gesicht und den Brustkorb.
"Agent Mulder?"
Leicht rüttelte er an Mulders Arm. Keine Reaktion. Er fasste etwas fester zu und schüttelte ihn abermals. Mulder wurde nun wach.
"Sir!" schrak er auf.
"Agent, was ist passiert?"
"Sir, wir müssen Scully suchen. Die haben was vor mit ihr. Was für ein Datum haben wir?"
"Der 13.10."
Mulder senke seinen Kopf.
"Dann ist es wahrscheinlich schon zu spät."
"Agent Mulder, ich bin auf Ihrer Seite. Kommen Sie, wir werden sie suchen."
Er reichte Mulder seine Sachen.
Obwohl Skinner normalerweise nicht verantworten konnte, das Mulder in diesem Zustand aus dem Krankenhaus ging, wusste er im Augenblick keine andere Lösung. Mulder war der einzige, der etwas tun konnte. Er war der einzige, der Kontakt zu Scully gehabt hatte. Er konnte sich keine Hilfe holen. Skinner konnte niemandem vertrauen.
Mulder und Skinner schlichen sich aus dem Hospital.
Am anderen Ende der Straße hatte Skinner bereits einen Wagen abgestellt, mit dem sie los fahren konnten. Mulder kämpfte verzweifelt gegen die Schmerzen an. Bewegen konnte er sich noch immer nicht richtig. Aber der Gedanke an Scully half ihm dabei seine Schmerzen zu vergessen. Im Moment war nur wichtig sie zu finden. Sie lebend zu finden.
"Haben Sie eine Ahnung, wo sie sein könnte, Mulder?" fragte Skinner den völlig verzweifelten Mulder.
"Nein, Sir. Ich weiß es nicht. Ich wünschte ich wüsste es. Ich habe solche Angst!"
"Überlegen Sie. Erinnern sie sich an Geräusche, an Gegenstände, an Gerüche.... irgendetwas?"
Mulder schüttelte den Kopf.
"Alles was ich weiß ist, dass wir in einem dunklen Raum waren und das es kalt war. Drei Männer waren dort, aber ich konnte sie nicht erkennen und die Stimmen sagten mir auch nichts. Sie haben uns irgendwas injiziert, was uns gelähmt hat. Ich weiß nicht mehr. Skinner, ich habe Angst."
Skinner stand vor einem Problem. Der Ort, den Mulder beschrieb, konnte überall auf der Welt sein. Wer sagte ihm denn, dass sich Scully überhaupt noch in den Staaten befand? Wer garantierte ihm, dass sie überhaupt noch am Leben war? Diese Gedanken sprach er jedoch nicht aus. Er konnte nicht verantworten, dass sich Mulder noch mehr Sorgen machte, als er es ohnehin schon tat.
Aber was sollte er jetzt tun? Wie sollte er versuchen Scully zu finden ohne den kleinsten Hinweis? Es war praktisch unmöglich.
Plötzlich klingelte Skinners Mobiltelefon und riss ihn aus seinen Gedanken.
"Skinner?" meldete er sich.
Als er der Stimme am anderen Ende lauschte, verdunkelte sich seine Miene.
"Was wollen Sie?"
"Ich habe einen Hinweis, der Ihnen sicherlich behilflich sein wird...," sagte die Stimme am anderen Ende.
"Was wollen Sie von mir? Wollen Sie mir wieder drohen?"
"Nein, ich möchte nur, dass Sie sich ansehen, was ich Ihnen zu zeigen habe. Mulder wird dies sicherlich auch interessieren. Jetzt wo Sie ihn schon aus dem Hospital geholt haben, können Sie sicherlich Hilfe bei der Suche nach Scully gebrauchen."
Verwirrt blickte Skinner um sich. Er musste hier in der Nähe sein. Er musste sie beobachten. Auch wenn Skinner ihm nie vertraut hatte, heute sagte ihm seine innere Stimme, dass er sich anhören sollte, was er zu sagen hatte.
"Kommen Sie in die Baker Street in die kleine Bar."
Skinner konnte nur noch das Besetztzeichen vernehmen, ehe er etwas sagen konnte. Mulder blickte zu ihm.
"Wer war das?"
"Jemand, der vielleicht weiß wo sich Scully aufhält."
Ohne ein weiteres Wort trat Skinner auf das Gaspedal und fuhr los.
"Krycek?" fragte Mulder mit hochgezogener Augenbraue.
War das wirklich Skinners Ernst? Seit wann vertraute Skinner ihm?
"Mulder, wir haben uns lange nicht gesehen," sagte Krycek scharf.
"Ja, das ist richtig und ich habe Sie nicht wirklich vermisst. Also, was wissen Sie über Scully? Wo ist sie?"
"Immer langsam, Mulder. Lassen Sie uns hier Platz nehmen."
Wiederwillig nahmen Skinner und Mulder an einer der noch freien Tische in der Bar Platz und warteten darauf, was Krycek ihnen zu sagen hatte.
"Also, wo ist sie?"
"Ich wollte Ihnen nur vorher noch sagen, dass auch ich meinen Kopf riskiere, indem ich hier bei Ihnen sitze."
Er machte eine kurze Pause, beugte sich über den Tisch zu Mulder und Skinner und fuhr dann fort: "Sie befindet sich noch in New Mexico, irgendwo in der Nähe von Roswell. Ich kann Ihnen aber versichern, dass es diesmal nichts mit kleinen grünen Männchen zu tun hat."
Mit diesen Worten stand er auf und verschwand aus der Bar.
Diese Informationen sollte den beiden reichen.
Scully lag wieder auf dem kalten Boden in der ewigen Dunkelheit. Sie glaubte jetzt schon seit zwei Tagen hier zu sein. Ihr Körper wippte immer im gleichen Rhythmus hin und her und ihre Augen fixierten immer den gleichen Punkt. In ihrem Kopf hallten immer und immer wieder die gleichen Worte wieder: "Ich bin schlecht für Mulder. Ich bin Schuld an seinem Leid. Ich habe versagt." Hin und wieder sprach sie diese Worte leise vor sich hin. Sie glaubte was sie sagte und dachte. Ihr gesamtes Gehirn war nur auf diese Worte gerichtet. Sie war nicht mehr fähig an etwas anderes zu denken. Sie hatten es geschafft. Scully aß nichts und sie trank auch nichts. Alle paar Stunden kam einer der Männer und verabreichte ihr eine neue Dosis von einer Flüssigkeit, die ihr in den Arm injiziert wurde. Selbst den Stich bemerkte sie nicht mehr. Ihr Geist war vollkommen weggetreten.
Skinner und Mulder fuhren durch die Wüste. Roswell hatten sie bereits erreicht. Aber da sollte Scully ja nicht sein. Die beiden wussten nicht warum, aber sie glaubten Krycek. Sie glaubten ihm das, was er über Scully wusste.
Plötzlich bemerkte Skinner einen schwarzen Jeep, der wie aus dem Nichts mitten in der Wüste hinter ein paar kleinen Hügeln, etwa eine Mile von ihnen entfernt, auftauchte. Mulder behielt den Punkt im Auge, an dem der Jeep aufgetaucht war. Sie warteten bis das Auto eine sichere Entfernung zurückgelegt hatte und fuhren zu der Stelle. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sich Scully hier befand, aber welche anderen Möglichkeiten hatten sie schon? Es war schließlich mehr als merkwürdig, das ein so großes Auto plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Hinter den Hügeln musste sich etwas verbergen.
Nach nur wenigen Minuten erreichten sie die Stelle hinter den Hügeln und stiegen aus dem Wagen aus. Sie blickten um sich, auf der Suche nach irgendeinem Hinweis. Plötzlich wurde Mulder aufmerksam.
"Skinner? Schauen Sie sich das mal an."
Mulder deutete auf den Boden. Dort befand sich eine Falltüre. Mulder konnte sich denken, zu was diese Türe gehörte.
"Was glauben Sie, was das ist, Mulder?"
"Ein Eisenbahnwaggon," erklärte Mulder knapp und öffnete schließlich vorsichtig die schwere Türe.
Skinner konnte nur noch mit ansehen, wie Mulder im Erdboden verschwand und folgte ihm sofort.
"Skinner? Haben Sie eine Taschenlampe?"
Plötzlich wurde es heller im Raum. Es war tatsächlich ein Waggon. Er war ziemlich groß und am Ende der einen Seite befand sich eine schwere Türe.
"Scully?" schrie Mulder.
Er rannte zu der Tür und versuchte sie verzweifelt zu öffnen. Doch die Tür gab nicht nach.
"Sie muss da drin sein. Ich weiß es. Ich spüre es."
Skinner trat an seine Seite und half ihm. Mit seiner Waffe zielte er auf das Schloss, doch nichts passierte. Mulder schrie immer und immer wieder Scullys Namen, doch eine Antwort bekam er nicht. Er gab nicht auf. Nach ein paar weiteren Schüssen aus Skinners Waffe, sprang das Schloss auf. Mulder riss die Türe auf und blickte um sich. Da lag sie. Ganz weit hinten. Er eilte zu ihr.
"Scully?"
Sie zitterte am ganzen Leib und wippte dabei immer weiter hin und her. Sie sah ihn nicht an. Ihr Blick richtete sich in die eisige Leere des Raumes. Selbst das Licht der Taschenlampe löste keinerlei Regung in ihr aus. In ihrem Kopf hallten noch immer die gleichen Worte nieder.
"Scully? Sehen Sie mich an!"
Doch Scully schaute nicht zu ihm auf.
"Wir müssen sie hier erst mal rausbringen," sagte Skinner.
Mulder hob Scully auf den Arm und brachte sie in den anderen Teil des Waggons. Skinner kletterte hinaus und zog Scully nach oben. Mulder folgte ihm und legte Scully auf den Rücksitz des Autos.
Obwohl es in dieser Gegend nie wirklich kalt war, legte Mulder eine Decke um die noch zitternde Scully. Er setzte sich zu ihr auf die Rückbank, um sie zu halten.
Skinner gab Vollgas. Nach der Verwehung des Sandes auf der Falltür zu schließen, mussten die Leute, die Scully das angetan hatten in regelmäßigen Abständen hierher gekommen sein. Aber wozu? Um Scully etwas Gesellschaft zu leisten sicherlich nicht. Aber das würde sich schon noch klären.
Schon bald kamen sie aus der verstaubten Straße wieder heraus.
"Mulder, vielleicht wäre es besser, wenn Sie sich mit Scully etwas kleiner machen, damit man Sie nicht von außen sieht. Es ist ja nicht gesagt, dass diese Leute wirklich außer Reichweite sind! Und nehmen Sie die Decke von ihr weg. Ich sehe doch von hier, dass sie kocht."
"Sir, sie zittert!"
"Das habe ich auch bemerkt, aber das kommt sicher nicht davon, das ihr kalt ist!"
Mulder tat wie ihm gesagt. Jetzt bemerkte auch er, dass sie ganz heiß und nass war. Wieso war er nicht selber darauf gekommen? Anscheinend konnte er, wenn es um Scully ging nicht richtig logisch denken. Er quetschte sich auf die Rückbank, um eine liegende Position einzunehmen. Scully zog er auf seinen Bauch. Er hoffte, dass man sie nicht sehen konnte. Ihr Kopf rollte von den Schlaglöchern leicht hin und her. Sie hatte noch kein einziges Wort gesagt. Er legte behutsam seine Hand auf ihren Kopf, um dem Wackeln ein Ende zu machen. Ganz vorsichtig streichelte er ihr Haar.
"Scully, reden Sie bitte mit mir," flüsterte er an ihr Ohr.
Aus irgendwelchen Gründen wollte er nicht, dass Skinner seine Worte hörte. Doch sie blieb stumm. Mit seiner noch freien Hand fasste er nach ihren Arm, um ihr einen besseren Halt zu geben, als sie plötzlich zusammenzuckte. Fast so, als hätte sie Schmerzen oder dergleichen.
"Scully, was ist?" fragte er besorgt.
Doch wieder keine Antwort von ihrer Seite. Einem Verdacht nach, schob er ganz langsam und vorsichtig ihren Ärmel hoch bis zu ihrer Schulter. Er konnte es von seiner Lage aus nicht direkt sehen, aber dass ihr Arm unnatürlich angeschwollen war, konnte er durchaus feststellen. Er hob sie kurz an, um einen besseren Blick zu erlangen. Dann sah er ihren blauen Arm, durchlöchert von Einstichen, die von einer Spritze kommen mussten. Anscheinend hatten sie Scully mit noch weiteren Injektionen gequält, und waren dabei nicht gerade sanft umgegangen. Sogar angetrocknetes Blut konnte er auf ihrem Arm ausmachen. Sein Kopf schnellte zurück. Er schloss die Augen. Er wollte gar nicht erst darüber nachdenken, was sie mit Scully alles gemacht hatten.
"Es ist vorbei, Scully. Ich bin jetzt hier."
Viele Autostunden später verabschiedete sich Skinner von Mulder, in Scullys Wohnung.
"Wenn Sie mich brauchen, ich bin im Büro."
"Sir, es ist vier Stunden nach Mitternacht!"
"Wenn der Schreibkram nicht von mir unterzeichnet wird, kriegen wir alle mächtigen Ärger! Ich habe wieder einmal meine Kompetenzen überschritten. Was denken Sie, was passiert, wenn Kersh das rausfindet?!" flüsterte er energisch.
Mulder nickte ihn stumm an. Scully noch immer auf seinen Arm, sah er dem Assistent Director zu, wie er auf die Haustüre zusteuerte. Er hatte ihm schon mehr als den heutigen Tag zu verdanken. Mulder hoffte nur, dass Skinner auch wusste, dass er ihm dafür dankbar war. Mehr als nur das. Er schloss die Türe.
Mit Scully auf dem Arm trabte er durch die Wohnung und gab der Schlafzimmertür einen Tritt. Sie sprang zu Mulders Erleichterung auch gleich auf und er platzierte Scully auf dem Bett. Mulder kniete sich neben sie. Sie hatte fast die ganze Zeit über geschlafen. Zärtlich strich er über ihre Wange, als sie ihre Augen langsam öffnete.
"Hi!" flüsterte er ihr leise zu.
Und endlich schien sie ihn wahr zu nehmen. Er beugte sich weiter über sie.
"Wie geht es Ihnen?" wollte er von ihr wissen.
>Du bist schlecht für ihn!<
"Bestens."
Sie fing wieder an zu zittern.
"Sie brauchen jetzt nicht mehr bei mir zu bleiben, es geht schon."
Verwirrt sah er sie an.
"Das ist doch nicht ihr Ernst, oder? Ich meine, sehen Sie sich an, Sie zittern!"
Seine Stimme klang zaghaft und unsicher.
Sie fasste sich auf die Stirn, und war selbst überrascht, dass sie glühte. Er merkte, dass sie ihm insgeheim zustimmte.
"Sehen Sie? Hören Sie, ich, ehm, ich bin im Wohnzimmer. Couch, auf der Couch, okay? Wenn Sie mich brauchen sollten, auf der Couch... bin ich."
Und dann verschwand er durch die Tür. Drei Tränen kullerten ihre Wange herunter. Wie sollte sie nur ohne ihn zurechtkommen? Wie konnte sie schlecht für ihn sein? Er war doch so lieb zu ihr. Sollte das denn alles so falsch sein?
Zudem fühlte sie sich richtig dreckig. Das Zittern war noch nicht mal das schlimmste. Sie fühlte sich, als ob sie etwas zur Beruhigung bräuchte. Aber dafür müsste sie ins Badezimmer. Und dann müsste sie an Mulder vorbei, was sie auf jeden Fall vermeiden wollte. Außerdem schmerzten ihre Gliedmaßen. Vor allem aber ihr Arm. Als sie nachsah erschrak sie. Sie war Ärztin, sie konnte sich denken was mit ihr los war. Nein, sie wusste es. Und ihr war nicht wohl bei der Vorstellung von dem, was noch alles kommen würde.
Alle Bemühungen in den Schlaf zu fallen waren vergebens. Alles, was sie bisher geschafft hatte, war von einer Seite, zur anderen zu wälzen. Zu viel, es war ihr jetzt zu viel. Mulder würde bestimmt schon schlafen. Wenn sie es ganz leise ins Bad schaffen würde, dann würde er nicht wach werden, und wenn er nicht wach war, stellte er auch keine Fragen. Ja, das würde sie schon schaffen.
Leise öffnete sie die Tür. Der Fernseher lief. Für einen Moment schrak sie zurück. Aber dann traute sie sich wieder. Schließlich waren Mulders Schlafangewohnheiten nicht immer die Normalsten. Ein leichter Schwächeanfall überkam sie. Doch die Tür, an der sie sich immer noch klammerte, gab ihr Halt.
Schritt für Schritt bewegte sie sich auf das Badezimmer zu. Doch kurz vor der Tür kollabierte sie erneut, und brach geräuschvoll zusammen.
"Scheiße!"
Circa 0,786 Sekunden später saß Mulder aufrecht auf der Couch. Sofort eilte er zu ihr herüber.
"Es ist nichts, wirklich!" gab sie sofort von sich.
Sie konnte ihn gar nicht richtig sehen. Nur verschwommene Konturen dienten ihr jetzt als Sichtfeld.
"Scully, Sie brauchen mir doch nichts vorzuspielen! Ich bin’s: Mulder!!"
Vorsichtig half er ihr hoch. Gerade noch so konnte er sie halten, als ihre wackeligen Beine ihr den treuen Dienst verweigern wollten.
"Konnten Sie schlafen?"
Ein Kopfschütteln war die Antwort. Er legte ihren Arm um seinen Hals und half ihr zur Couch hinüber.
"Scully, Sie sind Ärztin, was sagen Ihnen denn die Symptome?"
"Kann ich nicht genau sagen," log sie.
"Es wird sicher bald vorbei sein, Scully."
Erst jetzt bemerkte sie, dass sie noch mehr als vorhin zitterte. Er hob ihren Kopf an ihrem Kinn hoch, sodass sie ihn ansehen musste. Ihre Augen waren glasig. Sie sah schlecht aus. Richtig schlecht.
"Ja, bestimmt."
Doch der Klang ihrer Stimme war nicht sehr überzeugend.
Mulder kannte sie. Etwas stimmte nicht. Wieso verschloss sie sich so?
Sie zog ihren Kopf wieder zurück. Sie wollte, dass er endlich ging. Er würde sich nur selbst im Weg stehen, würde er bei ihr bleiben. Doch irgendwie schien er das nicht zu verstehen. Er stand auf. Hatte sie es tatsächlich geschafft? Er würde gehen? Er zog sich an. Die Schuhe, seine Jacke. Ja, es sah tatsächlich so aus, als ob er gehen würde.
Er ging zur Tür. Volltreffer. Dann kam er wieder zurück. Mit ihrer Jacke in der Hand.
"Wir fahren ins Krankenhaus. Sie können mir nichts vorspielen."
"Nein! Bitte gehen Sie!" sagte Scully.
Mulder ging zu ihr und wollte ihren Arm nehmen, um ihr zu zeigen, dass sie doch kommen solle.
"Nein, bitte... ich kann nicht. Bitte gehen Sie und lassen Sie mich alleine und kommen Sie auch nicht wieder her."
Mulder verstand nicht, warum sich Scully so verhielt. Warum sträubte sie sich so gegen ihn und sein Vorhaben? Irgendwas stimmte da nicht. Es jagte ihm Angst ein, wenn er in ihre Augen sah. Er hatte seine jahrelange Partnerin und Freundin noch nie zuvor so gesehen. Oder lag es an ihm? Hatte er etwas getan, was sie verletzt hatte und er hatte es nicht bemerkt? Nein, das konnte nicht sein.
"Scully, bitte. Sie brauchen einen Arzt und jetzt kommen Sie mir bitte nicht damit, dass sie selber Ärztin sind."
Mulder hielt seine Hand zu ihr hin, doch anstatt sie zu nehmen, stand Scully auf und verschwand im Badezimmer. Fassungslos stand Mulder dort. Er ging zur Badezimmertüre und klopfte.
"Bitte Mulder, Sie verstehen das nicht. Es ist für uns alle besser so. Es war von Anfang an ein großer Fehler mit Ihnen zusammenzuarbeiten, denn ich habe Ihnen nur Schaden zugefügt. Bitte gehen Sie jetzt und vergessen Sie mich. Kommen Sie nie wieder. Ich bin schlecht für Sie, Mulder."
Er konnte hören, wie sie weinte. Was hatten diese Leute nur mit ihr gemacht? Er glaubte ihr kein einziges Wort. Ihre Worte hatten ihn schon getroffen, aber er wusste, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Scully brauchte einen Arzt.
Vorsichtig öffnete er die Badezimmertüre. Er sah durch einen Spalt hindurch und sah Scully auf dem Toilettendeckel sitzen. Ihren Kopf hatte sie in ihren Händen gebettet. Sie wimmerte leise. Mulder trat an ihre Seite. Er würde sonst nie soweit gehen, denn er wusste, dass Scully in solchen Situationen alleine sein wollte und das seine tollen Sprüche völlig fehl am Platze waren, aber heute war es anders. Vorsichtig legte er seinen Arm auf ihren Rücken. Er spürte wieder dieses Zittern.
"Nein... bitte nicht," weinte Scully, doch sie konnte sich nicht dagegen wehren.
Mulder nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich. Zärtlich strich er ihr durch ihr Haar. Scully nahm seine Umarmung an. Sie konnte einfach nicht mehr.
"Ist ja gut. Alles wird gut," versuchte Mulder sie zu beruhigen.
Ca. eine Stunde später...
"Was ist los mit ihr?" fragte Mulder, als Dr. Ulead aus dem Behandlungsraum trat.
"Kommen Sie mit in mein Besprechungszimmer. Miss Scully wird noch eine zweite Blutprobe abgenommen," sagte der Arzt.
Mulder folgte ihm und nahm auf einem der weißen Vinylstühle Platz, die in Dr. Uleads Besprechungszimmer standen.
"Mr. Mulder... War sie auffällig in der letzten Zeit? Ich meine, hatte sie Probleme oder Ähnliches?"
Mulder schüttelte den Kopf.
"Nein, ihr ging es sehr gut. Was ist denn mit ihr?"
Mulder hatte dem Arzt auf Scullys Wunsch nichts von der Entführung erzählt. Sie wollte es nicht und das war Mulder ihr schuldig.
"Nun ja, wir haben die Ergebnisse der Blutuntersuchung ihrer Kollegin eben aus dem Labor zurück bekommen und wir haben herausgefunden, dass sie ein Betäubungsmittel Namens Methadon in hohen Mengen zu sich genommen hat. Methadon besitzt unter den Drogen das höchste Abhängigkeitspotential."
"Drogen? Sind Sie sich da auch wirklich ganz sicher?"
Mulder war fassungslos. Warum taten Menschen so etwas? Warum wollten sie Scully abhängig machen? Das machte alles keinen Sinn.
"Die Blutuntersuchung hat dies ergeben. Die Symptome, die Miss Scully aufweist, sind klassische Entzugserscheinungen. Unruhe, Gänsehaut, Muskelschmerzen, Magenkrämpfe, Schwitzen, Zittern und Schlaflosigkeit sind die bekanntesten Symptome bei solchen Diagnosen. Sie treten ca. 6 bis 12 Stunden nach der letzten Einnahme auf."
Mulder konnte es nicht fassen. Warum musste Scully immer das ganze Leid ertragen? Ihr war schon so viel widerfahren. Irgendwann musste doch mal Schluss sein.
"Dr. Ulead, wie kann ich ihr helfen?"
"Ich habe eben schon mit Miss Scully darüber geredet und sie sagte mir, dass sie unter keinen Umständen im Krankenhaus bleiben will. Allerdings kann man sie in solch einer Situation auch nicht alleine lassen. Ihr Verhältnis zu ihr ist doch recht gut. Wäre es vielleicht möglich, wenn Sie ein Auge auf sie werfen könnten?"
"Ja, natürlich. Ich werde sie doch jetzt nicht alleine lassen. Aber ob sie das möchte, ist eine andere Frage."
"Ich werde ihr das schon ans Herz legen. Man kann so etwas nicht alleine durchstehen. Das ist unmöglich. Sie braucht jemandem, dem sie vertauen kann. Ich muss sicher gehen können, dass sie ihr aber auch keine Medikamente besorgen, aber ich denke, da kann ich Ihnen vertrauen."
Mulder nickte stumm.
"Mr. Mulder, ich muss Sie auch darüber informieren, dass die Symptome sich noch verschlimmern werden. Ich weiß nicht, wie stark das sein wird, da ich nicht weiß, wie lange sie dieses Mittel genommen hat. Nach 24 bis 48 Stunden erreichen die Symptome ihren Höhepunkt. Dies äußert sich in Krampfanfällen, Wahnvorstellungen und Verwirrtheitszuständen. Ich kann es nicht genau definieren. Ich möchte Sie nur aufklären, damit Sie wissen, wie Sie damit umgehen müssen. Dies wird ca. 10 Tage andauern und dann hat sie es überstanden."
"Okay, ich werde das schaffen," brachte er nur hervor.
"Wenn es soweit ist, dann seien Sie einfach nur für sie da. Halten Sie sie fest und versuchen Sie sie zu beruhigen. Es ist wichtig, dass sie viel trinkt. Reden Sie ihr immer gut zu und geben Sie ihr Kraft. Mehr können Sie nicht tun. Aber bitte, wenn es sehr schlimm wird, dann muss sie in die Klinik. Bitte rufen Sie mich oder sofort in der Klinik an. Ich kann das sonst nicht verantworten."
"Das werde ich auf jeden Fall tun. Und wenn ich Fragen haben sollte, dann melde ich mich bei Ihnen. Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber kann ich jetzt vielleicht zu ihr?"
"Natürlich. Meine Kollegin müsste auch jetzt fertig sein. Ich gebe Ihnen hier noch ein leichtes pflanzliches Beruhigungsmittel. Das benutzen Sie aber nur, wenn es ganz schlimm werden sollte. Sie können sie dann nach Hause bringen."
Dr. Ulead streckte Mulder seine Hand entgegen und verabschiedete sich von ihm. Sofort danach ging Mulder zum Behandlungszimmer und nahm Scully in Empfang, die gerade aus dem Zimmer heraustrat.
"Alles klar?" fragte Mulder vorsichtig.
Scully nickte. Mulder ging zu ihr hin und nahm sie in den Arm.
"Ich werde bei Ihnen bleiben, Scully. Wir stehen das zusammen durch."
Scully vergrub ihr Gesicht in Mulders Schultern. Was auch immer diese Leute mit ihr vorgehabt hatten, sie hatten es nicht geschafft. Sie war stärker gewesen und sie war dankbar dafür, dass sie Mulder hatte und das er immer für sie da war, egal was sie ihm auch an den Kopf warf.
Eine halbe Stunde später fuhr Mulder mit Scully vor deren Wohnung vor. Sie hatten die ganze Fahrt über nicht ein einziges Wort miteinander gewechselt. Mulder wollte sie auch zu nichts drängen. Nein, das war wirklich das letzte, was sie in ihrem Zustand momentan gebrauchen konnte.
"So, da wären wir."
Irgend etwas musste er ja schließlich sagen. Er schaltete den Motor ab und entfernte seinen Sicherheitsgurt. Scully rührte sich kein Stück. Wieder einmal war ein Zittern alles, was ihr Körper von sich gab.
"Scully?" fragte er vorsichtig.
Doch diese verzog nur unnatürlich das Gesicht, die Hände auf den Sitz gestützt.
"Ein Krampf?"
Er brauchte ja schließlich nur eins und eins zusammenzählen. Ein leichtes Kopfnicken ihrerseits bestätigte seine Vermutung. Langsam legte er eine Hand auf ihren zitternden Arm. Er konnte jetzt nichts für sie tun. Sie konnten nur abwarten bis der Krampf vorbei sein würde. Bei ihrem Anblick wären ihm am liebsten die Tränen gekommen. Anflüge von Schuldgefühlen überkamen ihn. Er hätte gleich darauf bestehen sollen, nach Washington zurück zu fliegen. Er schob sich die alleinige Schuld an Scullys Zustand zu. Doch er musste jetzt Stärke zeigen. Er musste stark sein für Scully. Wenn nicht er, wer dann? Nein, Tränen konnte er sich absolut nicht leisten. Jedenfalls nicht vor Scullys Augen. Auch wenn ihm danach zu Mute war. Plötzlich atmete Scully hörbar aus und ihr Gesicht gewann allmählich wieder an Farbe. Er hob ihren Arm an, und küsste ihre Hand.
Es war schon später Nachmittag und Mulder verwies Scully nach einem leckeren Erdbeer-Joghurt Tee in ihr Bett. Er saß in der Küche und starrte die leere Tasse an. Er fand, dass sie noch immer etwas verschlossen ihm gegenüber war. Dabei war im Krankenhaus doch alles so gut gelaufen. Fast schon wieder vertraut. Andererseits konnte es auch daran liegen, dass sie mit den Nerven völlig fertig war. Wie konnte sie tatsächlich glauben, dass sie ihm im Weg stehen würde? Dieses Thema hatten sie schon einmal und es hatte Mulder auch damals schon sehr weh getan. Er war so verzweifelt gewesen. Allerdings meinte sie es damals nicht so. Sie suchte einfach nur eine simple Begründung, um ihre fristlose Kündigung vor ihm zu rechtfertigen. Aber diesmal? Nun, diesmal glaubte sie wirklich an das, was sie sagte. Und das beunruhigte ihn zutiefst. Nur Gott im Himmel wusste, was sie durchmachen musste, um an diesen Punkt zu gelangen. Dabei waren sie kurz vor ihrer gemeinsamen Entführung so eng miteinander vertraut gewesen. Ihre gemeinsame Entführung. Da war es wieder. Gemeinsam. Und er konnte sie nicht mal vor dem bewahren, was ihr wiederfahren war. Was für ein Freund musste er sein, um so etwas zuzulassen? Er konnte sie ja nicht einmal richtig beschützen! Feigling! Jetzt kamen die unterdrückten Tränen von vorhin durch. Er legte seinen Kopf in seine eingewinkelten Arme ab und schluchzte leise.
Ein leises Türknarren lies ihn erstarren. Wie auf Kommando wischte er sich seine verräterischen Tränen ab und drehte seinen Kopf nach hinten.
"Scully!"
Sie war schweißgebadet und kreideblass. Er wäre beinah über den Stuhl gefallen, als er zu ihr lief. Ihre Atmung war schnell und abgeflacht. Ihr Herz musste wie wild rasen. Sofort stützte er sie und sie machten zusammen kehrt, Richtung Schlafzimmer und nahmen auf dem Bett Platz.
"Gott, Scully. Sollen wir wieder zurück in die Klinik fahren?"
"Nein," keuchte sie angestrengt, aber bestimmt.
"Wieso sind Sie aufgestanden? Brauchen Sie etwas?"
Gequält sah sie ihn an. Sie tat ihm so unendlich leid.
"Ich kann nicht mehr, Mulder! Ich werde wahnsinnig," sagte sie schließlich leise.
"Und ich dachte Sie würden schon längst schlafen."
Sie schüttelte den Kopf.
"Was kann ich für Sie tun?"
Scully senkte ihren Kopf, in welchem tausend kleine Männchen von innen an die Schädeldecke zu schlagen schienen.
"Im Badezimmer, in dem Erste Hilfe Schrank..."
Mulder wollte nicht glauben, was sie da von ihm verlangte. Er schüttelte ablehnend den Kopf.
"Scully, nein!" fiel er ihr ins Wort.
"Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich Ihnen nichts geben darf."
Traurig und geschafft sah sie Mulder mit roten Augen an.
"Halten Sie mich! Bitte," bat sie leise.
Er setzte sich dichter zu ihr und nahm ihren hitzigen Körper in die Arme. Langsam schaukelte er sie hin und her. Die Dämmerung hatte bereits Einzug gehalten und er knipste das kleine Licht am Nachttisch an.
"Ich bleibe bei Ihnen, Scully. Machen Sie jetzt aber die Augen zu."
Nach einer geschlagenen dreiviertel Stunde schien Scully endlich zu schlafen. Wenn auch unruhig. So vorsichtig wie nur möglich legte er sie zurück auf ihr Kopfkissen. Schließlich wollte er sie um keinen Preis wecken. Genauso vorsichtig deckte er sie zu und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Dann legte er sich neben sie, seinen Arm um sie geschlungen. So würde er sofort wach werden, wenn etwas nicht mit ihr stimmen sollte. Letztlich schloss auch er seine Augen.
Allerdings sollte ihm sein Schlaf nicht länger gegönnt sein.
Die Entzugserscheinungen machten ihren Namen alle Ehre und ließen Scully einen unruhigen Schlaf bekommen. Aber noch schlief sie. Aus diesem Grunde wollte er sie auch nicht wecken. Er stand auf und ging in das Badezimmer. Die Natur rief.
Als er wieder zurück kam, hörte er sie sprechen.
"...nicht gut."
Anscheinend war sie wach geworden und er betrat den Raum. Doch er sollte sich irren.
"Er ist ohne dich um so viel besser dran."
Mulder konnte und wollte nicht glauben, was er schon wieder hörte. Jetzt quälte sie sich sogar im Schlaf. Ohne lange zu überlegen rüttelte er leicht an ihrer Schulter.
"Scully, wachen Sie auf! Scully!"
Ruckartig öffnete sie die Augen. Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände.
"Scully, hör auf damit!"
Sie schaute ihn verwirrt an.
"Du zitterst ja schon wieder," stellte er monoton fest.
Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
"Hör mir zu. Niemals, glaube niemals, was dir diese Leute gesagt haben. Ich brauche dich. Und wenn dir jemand das Gegenteil erzählt, dann ist das eine Lüge. Ich kann nicht glauben, dass du so denken kannst oder konntest. Du bist meine bessere Hälfte, Scully, und keineswegs schlecht für mich oder sonst wen. Hörst du? Es tut mir leid, dass diese Schweine dir das angetan haben. Ich weiß, dass ich dich hätte besser beschützen sollen. Es tut mir unendlich Leid dich so leiden zu sehen. Das musst du mir glauben!"
Seine letzten Worte waren nur ein Flüstern, kaum hörbar.
"Aber es ist doch nicht deine Schuld," entgegnete sie ihm nun, und wischte gleichzeitig eine Träne von seiner Wange.
Er lies den Kopf fallen und kniff die Augen zusammen.
"Ich hab Angst! Angst dich zu verlieren," erleichterte er endlich seine Seele.
Scully tat es im Herzen weh, ihn so zu sehen und legte schließlich ihre Arme um seinen Hals, worauf er alsbald die Umarmung erwiderte.
"Du wirst mich nicht verlieren."
Schweigen.
"Glaubst du, du kannst wieder einschlafen? Es ist kurz nach halb vier," fragte er, als er sich wieder allmählich gefasst hatte.
Sie lächelte in seine Halsbeuge.
"Mach dir um mich keine Sorgen, das ist normal."
Da sprach ganz deutlich die Ärztin aus ihr. Mulder löste sich aus der Umarmung und kramte in seiner Hosentasche. Dann hielt er ihr eine bräunliche Pille hin.
"Dann weist du ja auch, was das hier ist. Ich hole dir ein Glas Wasser."
Nach der Einnahme lies das Zittern etwas nach. Die Schweißausbrüche waren vorerst ganz weg und sie konnten beide halbwegs normal schlafen.
Am nächsten Tag wurde vorerst nicht viel gesprochen. Danach war Scully auch gar nicht zumute. Nach einer weiteren Tablette wurde das Zittern nach und nach schwächer. Doch beide wussten, dass die nächste Nacht nicht zwingend ruhiger ablaufen würde. Mulder brachte Scully zur Couch und wickelte eine Decke um sie. Sie fror. Dieses pflanzliche Beruhigungsmittel verlor immer mehr an Wirkung. Gerade erst hatte er ihr eine Tablette gegeben und schon jetzt fing sie wieder an zu zittern. Der Arzt hatte Recht gehabt. Es würde nicht besser werden. Es würde mit jedem Tag immer schlimmer werden und dann -irgendwann- ganz abrupt aufhören. Dann war es endlich vorbei. Mulder hörte Scullys Atmen, welches immer lauter wurde. Die Bauchkrämpfe setzten wohl wieder ein. Doch er konnte ihr nicht schon wieder etwas geben. Der Arzt hatte ihm ausdrücklich gesagt, dass er diese nur im Notfall benutzen sollte und erst eben hatte sie eine bekommen. Er ging zu ihr und nahm ihren schweißnassen Körper in den Arm. Sie krallte sich krampfhaft an ihm fest, dass es ihm fast schon weh tat. Er hoffte, dass es bald vorbei sein würde.
Es folgten vier weitere Tage, in denen beide keinen Schlaf fanden. Mulder war vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, da sich Scullys Zustand extrem zuspitze. Er wäre mit ihr fast zurück in die Klinik gefahren, da er es mit der Angst zu tun bekam. Doch heute schien es ihr etwas besser zu gehen. Sie hatte sogar etwas zum Frühstück gegessen und war nicht mehr ganz so blass, wie an den Tagen zuvor.
Skinner hatte auch schon angerufen, doch Mulder hielt es für besser, wenn er Scully nicht so sah. Ihr würde es sicher auch unangenehm sein. Skinner hatte noch keine genauen Erkenntnisse darüber, wer Scully das angetan hatte und warum. Seine besten Agenten fehlten ihm, aber Mulder konnte nicht weg von Scully.
Aber jetzt, so schwer es ihm auch fiel, er musste einkaufen gehen. Es klang verrückt, aber das hatte er völlig vergessen. Er war seit fast einer Woche nicht mehr vor der Tür gewesen und nun gab der Kühlschrank noch nicht mal eine Gurke her. Bevor er Scully alleine lassen konnte, musste er erst mal alles an Medikamenten verstecken, was sie finden könnte und dann beschloss er sie kurz alleine zu lassen. Ihm war nicht wohl bei der Sache, aber er hatte auch niemanden, der dies für ihn übernehmen würde. Er fuhr mit dem Auto in den nächsten Supermarkt und kaufte alles ein, was er greifen konnte. Schließlich wusste er nicht, wann er das nächste Mal aus dem Haus kommen würde. Auch wenn es ganz danach aussah, das Scully auf dem Weg der Besserung war, konnte er sich darauf nicht verlassen. Auch wenn er sich es von ganzem Herzen wünschte. Während er durch die Regale schlenderte dachte er permanent an Scully. Er hatte sich schon richtig daran gewöhnt mit ihr zusammen unter einem Dach zu leben. Auch wenn diese Umstände etwas schwierig waren, konnte er sich das Leben danach nicht vorstellen. Er würde dann wieder ganz alleine zu Hause sein und seine Freizeit vor dem Fernseher verbringen. Er hatte ja schon immer gewusst, das er mehr für Scully empfand als nur Partnerschaft und Freundschaft. Auch wenn er es immer versucht hatte zu unterdrücken, sein Herz war immer stärker gewesen. Und nun, wo sie Tag und Nacht bei ihm war und er sich um sie kümmerte, merkte er dieses Gefühl erneut in sich aufkommen. Jedes Mal jagten ihm kalte Schauer über den Rücken. Er hatte in den letzten Tagen nicht sonderlich viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, aber jetzt, wo er ein paar Minuten alleine war, kam in ihm alles hoch, was er die ganze Zeit über verdrängt hatte. Er liebte sie.
Leise öffnete er die Türe zu Scullys Wohnung. Er sah Scully schlafend auf der Couch liegen. Erleichtert darüber, dass nichts passiert war, schloss er die Türe und wanderte mit seinen Einkäufen in die Küche um alles auszupacken. Danach wollte er versuchen etwas zu kochen, denn der Tag ging schon langsam in den Abend über. Vielleicht schaffte er es ja, dass Scully etwas aß. So leise wie möglich bewegte er sich in der Küche. Doch plötzlich hörte er einen Aufschrei. Er eilte zu Scully, die vollkommen benommen aufrecht auf der Couch saß.
"Was ist passiert?" fragte er erschrocken.
"Die Männer... sie wollten dich umbringen, weil ich nicht das getan habe, was sie wollten," sagte sie völlig außer Atem.
"Shhht, beruhige dich. Das war nur ein Traum."
Besorgt nahm er sie in den Arm und wiegte sie leicht hin und her. Sie begann zu weinen. Sanft strich er ihr über den Rücken und durchs Haar. In ihm entfachte die Wut auf ein neues. Wer war es nur, der ihr das alles angetan hatte? Er hoffte sehr, das Skinner bald etwas herausfinden würde.
Nach einer Weile beruhigte sich Scully wieder.
"Alles okay?" fragte Mulder vorsichtig nach.
Scully nickte leicht und löste sich wieder aus seiner Umarmung.
"Ich danke dir so sehr," sagte sie leise.
Mulder strich ihr die letzte Träne aus dem Gesicht und stand auf, um wieder in die Küche zu gehen. Er dachte darüber nach, was wohl geschehen wäre, wenn er jetzt das ausgesprochen hätte, worüber er eben im Supermarkt nachgedacht hatte.
Schnell verflogen seine Gedanken, denn er musste sich jetzt aus das Kochen konzentrieren. Schließlich hatte er so etwas noch nie zuvor in seinem langen Leben gemacht. Innerhalb von zwanzig Minuten zauberte er eine riesen Portion Spaghetti mit Tomatensoße und ging rüber zu Scully ins Wohnzimmer.
"Für etwas besseres bin ich leider nicht geeignet," sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen, welches Scully schon seitdem sie hier war nicht mehr gesehen hatte.
Obwohl sie keinen Appetit hatte, aß sie etwas von den Nudeln, denn sie wusste, dass sie etwas zu sich nehmen musste. Mulder freute sich, dass sie etwas aß.
Nachdem sie gegessen hatten, lehnte sich Mulder zurück. Erst jetzt bemerkte er, wie müde er eigentlich war. Die letzten Tage waren sehr anstrengend gewesen und er hatte keinen Schlaf bekommen. Als er die Augen schloss, merkte er, wie Scully neben ihm wieder zu zittern anfing. Er zog sie zu sich rüber, sodass ihr Kopf einen Platz auf seiner Brust bekam und hielt sie warm.
"Mulder?" fragte sie leise.
"Hm?"
"Kannst du den Kamin anmachen?"
Mulder war erstaunt über Scullys Wunsch, doch er dachte sich, das sie es warm hätte, wenn sie sich davor setzen würde. Er hob das Gitter, welches den Raum vor den Funken schützte aus der Verankerung und spähte in den Kamin.
"Du hast Glück. Da ist sogar noch etwas Holz drin. Die Frage ist nur, ob das noch brennt."
Er griff nach den Streichhölzern, die auf dem Wohnzimmertisch lagen und zündete eins davon an. Die Tageszeitung sollte als Zünder reichen. Nach einigen Minuten brannte das Holz des Kamins in voller Pracht. Ohne zu zögern kam Scully zu Mulder rüber und setzte sich neben ihn.
"Warte, ich hol dir noch eine Decke zum sitzen."
Er wollte schon aufstehen, doch Scully hielt ihn am Arm fest.
"Kannst du mich halten?" fragte sie leise.
Mulder rutschte hinter sie und wickelte die Decke, die Scully noch bei sich hatte um sie beide und verschränkte seine Arme vor ihrem Bauch. Scully lehnte sich an ihn und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Sie zitterte noch immer. Langsam wiegte er sie hin und her. Sie genoss seine Nähe, seinen Duft, einfach alles. Und sie war ihm unendlich dankbar dafür, dass er hier bei ihr war. Mulder schloss die Augen und fühlte die Wärme die ihr Körper ausstrahlte und lauschte dem Knistern des Kaminholzes. Noch nie zuvor hatte er sich so geborgen gefühlt wie in diesem Moment. Er wollte sie nie wieder loslassen. Er wollte nie mehr ohne sie sein. Nie mehr einsam und allein in seiner Wohnung. Er wollte ihr Gesicht sehen, wenn er morgens aufwachte. Er wollte ihr sein Herz schenken.
Mit der Zeit wurde Scullys zittern immer schwächer, bis es schließlich ganz aufhörte.
Es schienen Stunden zu vergehen in denen sich niemand regte oder ein Wort sprach. Sie waren sich noch nie so nah gewesen, wie an diesem Abend. Mulders Augen waren noch immer geschlossen. Doch als sich Scully plötzlich regte, öffnete er sie. Scully löste sich von ihm und drehte sich zu ihm. Der Ausdruck in ihren Augen traf ihn wie ein Blitz. Er konnte es nicht beschreiben, dieses Gefühl, was in ihm aufkam. Wohlige Schauer überkamen ihn, als Scully nach seiner Hand griff. Er wusste nicht, was passieren würde. Er wusste aber, dass es etwas Positives sein musste, denn Scullys Augen strahlten. Er wollte sprechen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. In seinem Kopf bastelte er sich mindestens tausend Möglichkeiten zusammen, wie er ihr das sagen könnte, was er schon seit langem tun wollte. Doch er wurde aus seinen tiefsten Gedanken gerissen, als Scully näher zum ihm rutschte.
Sie schaute ihm direkt in seine haselnussbraunen Augen. Sie wusste, was darin zu lesen war und sie war sich sicher, dass auch Mulder diese Botschaft in ihren Augen erkennen konnte. Sie strich mit ihrer Hand über seine Wange und ihre Hand nahm ihren Weg zu seinem Nacken. Ihre Augen wichen nicht von seinen. Sie neigte ihren Kopf noch näher zu ihm. Er ließ es geschehen. Ihre Lippen streiften seine. Sie verharrten einige Sekunden in dieser Position.
"Ich liebe dich, Dana," sagte Mulder schließlich und küsste sie.
Ihm war es, als ob eine große Last von seinem Herzen fiel. Das große Schweigen war endlich gebrochen. Die Liebe, die er für sie empfand war stärker als alles andere auf der Welt. Niemand konnte ihn mehr daran hindern seine Gefühle für Scully zu zeigen. Er hatte immer Angst gehabt ihr zu sagen, was sich in seinem Herzen abspielte. Er hatte immer Angst gehabt, das sie nicht so empfinden würde, wie er. Doch heute wurden alle Zweifel und Ängste beseitigt.
Nachdem der Kuss sein Ende nahm, drückte er Scully ganz fest an sich.
"Lass mich bitte nie wieder los," flüsterte Scully in sein Ohr.
"Nein, das werde ich nicht."
Sie drückte ihn noch fester an sich und strich ihm durchs Haar.
"Ich liebe dich."
Noch am selben Abend fand Skinner heraus, wer Scullys und Mulders Entführer waren. Assistent Director Kersh und Agent Brad Follmer wurden wegen versuchten Mordes einer Agentin und schwerer Körperverletzung vor Gericht geladen.
Kersh und Follmer hatten genau das Gegenteil erreicht. Anstatt sie für immer zu trennen, waren Mulder und Scully nun für immer vereint. Die Kraft der Liebe war stärker gewesen.
Ende
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