Titel:
Maybe Hope?
Autor: Cat
E-Mail:
CrazyCat179@t-online.de
Rating: R
Spoiler: eigentlich
die ganze Serie, bis zum bitteren Ende, zudem werdet ihr am
Schluss eine winzige Schnittstelle zu meiner Fanfiction C`est
la vie finden. Ist aber nur ganz winzig klein!
Keywords:
MSR, Adventure, Angst
Disclaimer:
I really love this part
*sigh* Noch mal für alle: Ich bin
klein, mein Herz ist rein und nix davon is mir!
Feedback:
Was war das noch mal?
Short-Cut: Habt
ihr euch je gefragt, was Mulder und Scully wohl nach The Truth
machen? Dies ist meine Version der Geschehnisse.
Widmung: Diese
Fanfiction möchte ich gerne all den tollen Menschen widmen, die
ich durch Akte X und das Internet kennen gelernt habe. Vielen
Dank, dass es euch gibt!
Maybe Hope?
I may not have gone where I intended to
go,
but I think I have ended up where I
intended to be.
Douglas Adams
Eiligen Schrittes und mit gesenktem Kopf
durchquerte der Mann den kleinen Supermarkt, bog zielstrebig in
einen Gang, der Damenhygieneartikel führte. Nervös blickte er
sich um, ein besorgter Schleier legte sich über seine Augen. Mit
der linken Hand strich er sich durch das zerzauste Haar. Seine
zerknitterte Kleidung und die Geschwindigkeit, in der er
äußerst bestimmt Ware in seinen Einkaufskorb fallen ließ,
verliehen ihm einen gejagten, sogar gehetzten Eindruck. Ohne auf
Preise oder Herstelleretiketten zu achten, schien er systematisch
eine imaginäre Liste abzuarbeiten. Dabei blickte er sich immer
wieder misstrauisch nach allen Seiten um. Noch während er nach
einer Bodylotion griff, setzte er seinen Weg in die
gegenüberliegende Regalreihe fort. Blitzschnell wanderten ein
Herrendeodorant, Shampoo und Duschgel zu den übrigen Einkäufen.
Doch der Griff nach einem billigen Aftershave ließ ihn
innehalten. Sekundenlang strich er sich gedankenverloren durch
den Vollbart. Leise seufzend stellte er den Artikel zurück,
ergriff aber einen Ladyshave. Mit langen, weit ausholenden
Schritten steuerte er eine weitere Regalwand an. Erst hier hielt
er ratlos inne. Seine Augen huschten verzweifelt von Produkt zu
Produkt, was ihn nicht davon abhielt, weiterhin besorgte Blicke
in alle Richtungen zu werfen. Eine junge blonde Frau, die ihm in
der Auswahl der Färbemittel zur Hilfe eilen wollte, schreckte er
mit einem düsteren und mürrischen Blick ab. Hilflos hielt er
drei der Verpackungen gegeneinander, überflog schnell die
Beschreibungen. Seine Augen schnellten zwischen den
Haarfärbemitteln, seiner Armbanduhr und dem Verkaufsraum rastlos
hin und her. Resignierend ließ er kurzerhand zwei der Produkte
in den vollen Korb gleiten.
Mit einem prüfenden Blick scannte er seine
Einkäufe und nickte dann kaum merklich. Beinahe schon laufend,
eilte er auf die Kasse zu, die zu dieser späten Tageszeit nahezu
leer war. Eine alte Dame packte gerade umständlich ihre
Einkäufe in eine von ihr mitgebrachte Tasche und beschwerte sich
lautstark bei der fülligen Verkäuferin über das schlechte
Wetter. Unachtsam leerte er den Korb über dem schwarzen
Fließband und trat unruhig von einem Fuß auf den Anderen.
Während die Rothaarige an der Kasse damit begann seine Artikel
einzuscannen, drehte sich der große schlaksige Mann zur Seite
und vervollständigte seinen Einkauf mit zwei Packungen Kondomen.
Nervös kaute er auf seiner Unterlippe während er ungeduldig
darauf wartete bis das junge Mädchen von vorhin endlich die
Tüten gepackt hatte. Aus seiner Jeanstasche zog er einen stark
zerknitterten 100 Dollarschein, um damit zu bezahlen.
Sir, haben Sie es nicht vielleicht
kleiner?, erkundigte sich die Frau in einem genervten
Tonfall. Augenblicklich zuckte der Fremde zusammen als schien er
beunruhigt angesprochen worden zu sein. Hektisch fischte er durch
seine Taschen, schüttelte dann aber verneinend den Kopf, den er
weiterhin gesenkt hielt. Diese Geste rief ein theatralisches
Seufzen der Kassiererin hervor, die sich dann, leise vor sich
hinmurmelnd, daran machte das Wechselgeld auszugeben. Das Geld
nicht nachzählend, verstaute der bärtige Mann die Scheine und
Münzen teilnahmslos in seinen Hosentaschen. Schnell riss er der
Blondine seine Tüten aus der Hand, was diese zum Schimpfen
brachte.
Doch der Fremde hörte gar nicht zu,
murmelte nur eine leise Entschuldigung und eilte dem Ausgang
entgegen. Nicht auf seine Umgebung achtend, prallte er gegen eine
Gestallt. Schockiert blickte er auf das Abzeichen, welches auf
dem sorgfältig gebügelten Hemd prangte. Sheriff.
Schnell sammelte er seine Tüten auf und
rannte wie von Teufel verfolgt auf den Parkplatz. Dort riss er
die Türe eines schäbigen Landrovers auf, warf die Einkäufe
achtlos auf die Beifahrerseite und war davongerast, ehe einer der
Augenzeugen seiner Flucht auch nur reagieren konnte.
Verwirrt nahm der alte Sheriff die ihm
dargebotene Hand an. Irritiert wischte er nicht vorhandenen
Schmutz von seinem Hosenboden.
Danke, Wanda. Was zur Hölle war das?,
fragte der bullige Mann mit Halbglatze das hilfreiche Mädchen.
Noch ehe dieses antworten konnte, mischte sich Emma, ihre
Vorgesetzte, lautstark und energisch ein.
Der erschien mir schon von Anfang an
sehr merkwürdig. Ich könnte wetten, dass dieser Typ Dreck am
Stecken hat, wenn Sie mich fragen, Sheriff Radcliff.
Geltungsbedürftig setzte sich Emma vor dem Sheriff in Szene.
Dieser zupfte nur in Gedanken verloren an seinem Oberlippenbart.
Irgendwie kam der Mann mir bekannt
vor. Wenn ich doch nur wüsste, wieso.
Diese Aussage schien Emma nur noch weiter zu
mobilisieren.
Bekannt? Oh mein Gott. Der ist
bestimmt ein steckbrieflich gesuchter Mörder! Oder ein grausamer
Vergewaltiger. Sheriff, Sie müssen etwas unternehmen. Folgen Sie
dem Verbrecher, ereiferte sich die übergewichtige
Rothaarige.
Steckbrieflich?, murmelte der
Gesetzeshüter. Seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten.
Dann fuhr er wie vom Blitz getroffen herum.
Himmel, ja! Emma, ich muss dringend
telefonieren. Dieser Mann wird gesucht!
Nicht wirklich wissend, ob sie sich über
ihre gute Instinkte freuen oder ob sie sich lieber davor, einen
wirklichen Verbrecher gegenübergestanden zu haben, fürchten
sollte, griff Emma tief in Gedanken versunken nach dem alten
Telefon.
Schnell flogen die Finger des Sheriffs über
die Tasten.
Radcliff hier, Anthony. Du musst
sofort das FBI informieren. Ich habe gerade diesen
Schwerverbrecher, der früher einmal selbst Agent war, hier bei
Emma Livingston gesehen. Diesen Muller. Angespannt
versuchten Emma und Wanda zu verstehen, was Anthony zu sagen
hatte. Doch sie hörten nur die Antwort des Sheriffs.
Richtig, Mulder ist sein Name!
?????
Heißer Dunst hüllte das winzige Badezimmer
ein, beschlug den ohnehin schon verschmierten Spiegel und
erhöhte die Luftfeuchtigkeit. Durch die geschlossene Türe klang
die monotone Stimme einer Dauernachrichtensendung. Alle
Neuigkeiten wurden in einem stetigen und ermüdenden Rhythmus
ständig wiederholt. Ein Schleier aus Angst und Hoffnung hatte
sich um die zierliche Frau gelegt, die gerade versuchte ihre
nassen und verknoteten Haare durchzukämmen. Nur widerwillig
gaben die stumpf wirkenden roten Strähnen nach. Bei jeder
Widerholung einer bereits bekannten Schlagzeile atmete sie leise
und erleichtert auf. Nachdem sie jeden einzelnen Knoten gelöst
hatte, rieb sie ihren Körper mit dem schäbigen, vom Hotel
bereit gelegten Handtuch ab. Der dünne Stoff absorbierte nur
einen geringfügigen Anteil an Feuchtigkeit und ließ einen noch
nassen Schimmer auf der geröteten Haut zurück. Mit dem benutzen
Handtuch wischte sie über den kleinen Spiegel, welcher dann den
Blick auf ein fein geschnittenes, sommersprossiges Gesicht,
umrundet von schulterlangen, roten Haaren, freigab. Verträumt
strich die Frau durch eine leicht gewellte Strähne, die sich
einzeln gelöst hatte. Dann aber schüttelte sie energisch den
Kopf als wolle sie all die Gedanken, die sie beschäftigten, mit
dieser Geste verdrängen. Für Sentimentalitäten war gewiss
keine Zeit. Sie hatten diesen Weg gewählt, ihr Leben
bereitwillig den Widrigkeiten angepasst und aus Liebe ein Dasein
wie dieses gewählt. Nein, sie bereute ihre Entscheidung nicht,
doch kam sie nicht umhin, sich der drastischen Veränderungen und
auch Verluste, die sie einbüßen musste, bewusst zu werden. Ihr
Leben würde nie mehr so sein wie es früher einmal gewesen war.
Erstaunlicherweise war nicht sie diejenige, die dies am meisten
betrauerte. Nein, Mulder nagte mehr als sie an ihren neuen
Lebensumständen. Nicht seinetwillen, er hatte im letzten Jahr
unter schlechteren Bedingungen zu überleben gelernt. Erst letzte
Nacht hatte er mit Tränen in den Augen seine wahren Gefühle
offen gelegt. Er gab sich die Schuld, an allem! Durch ihn habe
sie ihre anfängliche Unschuld verloren, habe unzählige Verluste
hinnehmen müssen, nicht zuletzt noch ihren Sohn aufgeben
müssen. Dieses Geständnis hatte einen lautstarken Streit
hervorgerufen. Unzählige Male hatte sie ihm klarmachen müssen,
dass sie aus freien Stücken mit ihm geflohen war, dass es
einfach für sie war ihr gewohntes Leben aufzugeben, sie seinen
abermaligen Verlust aber keineswegs noch einmal verkraften wolle
oder könne. Erst dieser Ausbruch hatte Mulder etwas beruhigt.
Für wie lange vermochte sie nicht zu sagen. Das Aufschließen
der Zimmertüre ließ sie erschrocken zusammenzucken und
reflexartig herumfahren. Mulders Paranoia hatte maßgelblich auf
sie abgefärbt. Doch seine ruhige und wohlbekannte Stimme ließ
ihren Puls sich wieder normalisieren.
Scully, ich bins. Ich habe
alles.
Schon trat er zu ihr ins Badezimmer. Wärme
schlug ihm entgegen. Doch er beachtete dies nicht einmal. Sein
Blick war auf seine Ex-Partnerin gerichtet. Ungeniert ließ er
seinen Blick anerkennend über ihren nackten und wohlgeformten
Körper gleiten. Ein Scully wohlbekanntes Funkeln legte sich in
seine Augen. Doch sie ignorierte sein sichtliches Interesse und
drehte sich langsam wieder dem Spiegel zu. Wehmütig betrachtete
sie ihre rote Haarpracht. Vorsichtig trat der Mann an die
wesentlich kleinere Frau heran, legte sein Kinn auf deren Kopf
und beobachtete nachdenklich ihre Spiegelbilder. Ihre azurblauen
Augen suchten die seinen. Er nahm sich alle Zeit und betrachtete
ihre feinen Gesichtszüge ausgiebig. Seit sie auf der Flucht
waren, verzichtete Dana Scully auf Make-up. Und dies machte sie
nicht gewöhnlich - wie viele schöne Frauen, die ihr wahres
Gesicht unter Bergen von Schminke versteckten - es brachte
vielmehr ihre natürliche Schönheit hervor. Und Sommersprossen.
Mulder liebte diesen neuen Aspekt ihres Teints, Scully hingegen
fand ihn eher störend. Abermals richten beide ihr Augenmerk auf
das auffallend rote Haar.
So sehr ich es auch selbst bedauern
mag - so fällst du zu sehr auf. Zärtlich ließ er seine
rechte Hand durch einige Strähnen fahren. Er selbst hatte sich
zu ihrer Sicherheit einen Bart wachsen lassen, was sie genauso
sehr störte wie Mulder selbst.
Ich weiß..., ertönte ihre
leise gemurmelte Zustimmung. Da er halb über sie gelehnt war,
nahm sie die Bewegung seines Nickens wahr. Einen Moment lang
verharrend, schloss sie ihre Augen und lehnte sich kraftsuchend
gegen seinen Oberkörper. Dann jedoch drehte sie sich abrupt in
seinen Armen um und deutete auf die offene Türe.
Würdest du bitte die Farbe holen, es
wird Zeit dies hinter mich zu bringen, sagte sie bestimmt,
ihrer Melancholie keinen Aufschub auf das Unausweichliche
gewährend. Ihrer Bitte folge leistend, verließ Mulder das
Badzimmer und kehrte kurz darauf mit zwei verschieden
Färbemitteln zurück. Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf
das Gesicht der noch rothaarigen Frau.
Trotz meiner überragenden Intelligenz
war es mir unmöglich die Geheimnisse der weiblichen
Haarfärbemittel zu entschlüsseln. Amüsiert hob Scully
eine Augenbraue, nahm ihm die Produkte jedoch kommentarlos aus
den Händen. Nach einer genaueren Studie der aufgedruckten
Beschreibung, kam sie um eine Kommentierung nicht herum.
Schwarz? Mulder, ich denke, wir wollen
unauffällig sein! Achtlos legte sie die erste Verpackung
beiseite, öffnete dann seufzend die zweite und förderte einen
Plastikbehälter mit der Farbe, eine Gebrauchsanweisung und ein
paar Gummihandschuhe zu Tage.
Was stört dich an schwarz?,
erkundigte sich der Mann neben ihr.
Vielleicht ist dir ja in all den
Jahren, in denen wir zusammen gearbeitet haben aufgefallen, dass
ich ein sehr hellhäutiger Mensch bin. Dies mit schwarzem Haar
kombiniert, würde mich krank aussehen lassen. Ich bin zu blass
dafür. Noch während sie diese Worte sprach, streifte sich
Dana routiniert die beiliegenden Handschuhe über. Ein seltsam
beklommenes Gefühl legte sich um ihr Herz. Unzählige Male hatte
sie diese einfache und von ihr voll automatisierte Bewegung
früher getätigt. Früher, als sie noch zugelassene Pathologin,
eine engagierte Bundesagentin mit einem unerschütterlichen
Vertrauen in das Rechtssystem und eine Bürgerin, die an die
amerikanische Regierung glaubte, gewesen war. Innerhalb
Sekundenbruchteilen, wie ihr schien, wurde sie von der Jägerin
zur Gejagten. Abermals fühlte sie sich wie ein gehetztes Tier
auf der Flucht, gnadenlos von einem übermächtigen Gegner gejagt
und in die Enge getrieben.
Erst Mulder, der interessiert nach der
Packungsbeilage griff, riss sie aus ihren düsteren Gedanken, die
sie zu beherrschen versuchten. Verwirrt strich Scully ihr Haar
zurück als könne sie mit dieser hilflosen Geste all die
Emotionen, die sie zu überrollen drohte, zurückdrängen. Und
doch wusste sie, dass sie um eine schmerzhafte Konfrontation
nicht herumkommen würde. Noch hatte sie all die Geschehnisse der
letzten Tage nicht verdaut, zu frisch waren die Ereignisse um
richtig zu ihr durchgedrungen zu sein. Sie wusste, dass sie ihre
Situation früher oder später einholen würde, ahnte, dass sie
dieser aufbrausenden Welle nicht entkommen konnte, hoffte jedoch
auf einen rettenden Anker. Sie wünschte sich nur, dass Mulder,
sobald sie zusammenbrach, bei ihr sein würde, sie halten und vor
dem Ertrinken erretten würde. Mulder, der sich dem Tumult in
Scullys Inneren nicht bewusst war, trat abermals von hinten an
die zierliche Frau heran. Liebevoll strich er über die nackten
Arme seiner Partnerin, was diese erschaudern ließ.
Kalt?, erkundigte er sich
besorgt und ließ seinen Blick abermals über ihren nackten
Körper gleiten. Ohne zu zögern streifte er zuerst seinen
Wollpullover, dann das dunkelblaue T-Shirt über seinen Kopf und
signalisierte ihr die Arme zu heben. Liebevoll hüllte er sie in
den dünnen Stoff und küsste sie sanft auf die Lippen, um sich
kurz darauf den Pullover wieder überzuziehen.
Dann lass uns mal loslegen!, mit
diesen Worten griff er voller Tatendrang nach dem Gefäß,
welches die zwei Farbindikatoren enthielt. Bestimmt ging Dana
dazwischen und brachte die Ampulle in ihren Besitz.
Ich soll allen Ernstes einen Mann, der
nicht einmal eine Tönung von einem Färbemittel unterscheiden
kann, an meine Haare lassen? Vergiss es, Mister. Ich mache das
alleine. Vielleicht kannst du ja in der Zwischenzeit die
Einkäufe in unsere Tasche packen und herausfinden, was wir noch
benötigen. Ich brauche ganz unbedingt frische Unterwäsche und
ein Paar Kleidungsstücke. Zudem solltest du versuchen, Jimmy
oder Yves zu erreichen. Damit war für Scully die
Unterredung beendet und sanft schob sie ihren Begleiter in den
Nebenraum. Sekunden später fiel die Badezimmertüre ins Schloss.
?????
Seufzend machte sich der schlaksige Mann an
die ihm beauftragte Arbeit. Ohne viel Raffinesse griff er nach
der ersten Tüte und ließ den Inhalt einfach in die offene
Tasche fallen. Diese Prozedur wiederholte er mit gleicher Hingabe
bei der zweiten Einkaufstüte. Mit einer fahrigen Bewegung strich
er den Berg glatt und nickte selbstzufrieden. Es war kaum
vorstellbar, dass sich alle ihre Besitztümer in dieser
unscheinbaren Reisetasche, die in ihrem Fluchtwagen gestanden
hatte, befinden sollten. Monica Reyes hatte dafür Sorge
getragen, dieses Gepäckstück auf der Rückbank stehen zu
lassen. Ob sie vergessen hatte, es bei der ersten Verabschiedung
zu übergeben oder aber ob sie mit einem derartigen Ausgang ihrer
Flucht gerechnet hatte, vermochte er nicht zu sagen. Doch war er
für diese Tasche mehr als dankbar. Nicht seinetwillen. Nein, die
wenigen Dinge, die eine Erinnerung an Danas Vergangenheit
zuließ, befanden sich nun in seinen Händen. Bilder der
Scullyfamilie, ein kleines Album, das Williams erste Lebensmonate
dokumentierte, persönliche Gegenstände, deren Wert für die
Frau an seiner Seite unschätzbar war, wahllos zwischen
Kleidungsstücke platziert. Und obwohl Fox Mulder wusste, dass
Dana diese Entscheidung selbstverantwortlich getroffen hatte, so
täuschte diese Erkenntnis nicht über die Tatsache hinweg, dass
sie ihr Leben - so wie sie es kannte - für ihn aufgeben hatte.
Abermals fragte er sich, womit er die Lieber einer Frau wie Dana
Katherine Scully verdient hatte.
Sich nicht weiter von seinen Gedanken
geißeln lassend, begann er sich einen Überblick über ihre
finanzielle Lage zu machen. 470 Dollar in seiner Brieftasche, 585
in Scullys Portmonaie, weitere 62,98 Dollar, die vom Einkauf
übrig waren. Dana hatte sich soviel Geld wie möglich vor ihrer
Flucht beschafft. Doch er machte sich nicht die Illusionen, dass
diese 1.117,89 Dollar lange reichen würden. Es war ein weiter
Weg bis Kanada, mit vielen unbekannten Gefahren und Hindernissen
verbunden. Zudem brauchten sie nicht nur freien Zugriff zu Geld,
sondern auch neue Papiere. Ausweise, Führerscheine und nicht zu
vergessenen benötigten sie beide neue
Sozialversicherungsnummern. Ja, es war an der Zeit Hilfe
anzufordern.
Seine Freunde, die Lone Gunmen, hatten vor
einigen Jahren ein geheimes Konto auf die Namen David und Gillian
ODonell angelegt. Auf dieses waren jahrelang größere
Geldsummen gelaufen, auch etwas des Vermögens, das er von seinen
Eltern geerbt hatte. Er schätzte, dass ihnen wohl mehrere
Hunderttausend Dollar zur Verfügung standen. David war ein
freiberuflicher Autor, der hin und wieder eine Kolumne
veröffentlichte, Gillian hatte Medizin studiert, sich dann aber
gegen eine Karriere und für eine Ehe entschlossen und half ihrem
Mann beim Schreiben. Ein perfektes amerikanisches
Durchschnittspaar, das pünktlich ihre Miete, die Versicherung
und ihre Rechnungen bezahlten, mit einem einzigen Makel - sie
waren durch modernste Technologie geschaffen und nicht real. Bis
jetzt. Nur brauchten sie erst die dazugehörigen Papiere.
Eine merkwürdige Befangenheit nahm von ihm
Besitz, rückte sich immer mehr in den Vordergrund seines
Denkens. Die Männer, die dies erst ermöglicht hatten, die ihn
schon in unzähligen Situationen aus der Klemme geholfen hatten
und die immer beteuertet hatten, dass er einmal dankbar für
diese Vorherkehrungen sein würde, würden nicht mehr wissen,
dass sie recht behalten sollten. Auch würde er sich nie mehr bei
ihnen für ihre nicht selbstverständliche Loyalität bedanken
können, auch nicht dafür, dass sie in seiner Abwesenheit auf
Scully geachtet hatten, auch wenn sie ihn für den bloßen
Gedanken daran wohl erschießen würde. Tiefsitzende
Beklommenheit griff nach seinem Herzen. Betroffen senkte er den
Blick, ein Danke, Jungs, für alles! auf den Lippen.
Er wusste, dass er nicht viel Zeit für
Sentimentalitäten hatte, seine Verfolger saßen zu dicht hinter
seinem Nacken. Sorgfältig schob er den größten Teil des Geldes
in das innere Fach der Seitentasche und machte sich auf den Weg
eine außerhalb des Motels gelegene Telefonzelle aufzusuchen. Das
Telefon in Motel zu benutzen, war ihm zu riskant. Nach knapp
fünfzehn Minuten strammen Fußmarsches, hatte er sein Ziel
erreicht. Nervös blickte er sich um, Ausschau nach etwaigen
Verfolgern haltend. Schnell flogen seine Finger über die Tasten,
die Nummer der ehemaligen Resistenz der Lone Gunmen tippend. Nur
kurz musste Mulder warten bis sich die verschlafene Stimme Jimmys
meldete.
Ja?
Jimmy? Mulder hier. Wir brauchen die
Papiere, wie schnell kannst du sie beschaffen?, fragte der
Ex-Agent aufgebracht.
Mr. Mulder. Geben Sie mir ihre Nummer
durch und ich rufe Sie in circa fünf Minuten zurück,
erklang stattdessen Yves seidenweiche Stimme. Hastig gab Mulder
die am Telefon angebrachte Nummer durch und legte ohne weitere
Worte den Hörer zurück auf die Gabel. Abermals suchten seine
Augen die Umgebung ab. Nichts, er war alleine. Keine parkenden
Autos, keine Passanten. Einfach gar nichts. Nervös trommelte er
mit den Fingern gegen die Fensterscheibe. Wie lange konnten fünf
Minuten schon sein?
Das schrille Klingeln direkt neben seinem
Ohr ließ den Verfolgten erschrocken zusammenfahren. Adrenalin
jagte durch seine Nervenbahnen, beschleunigte seinen Herzschlag.
Tief durchatmend versuchte Mulder sich zu sammeln, bevor er mit
einer nicht ganz ruhigen Hand nach den Hörer griff.
Ja. Er bemühte sich
gleichgültig, sogar gelassen zu klingen. Doch ließ sich ein
besorgter Unterton nicht leugnen.
Die Leitung ist nur für etwa drei
Minuten sicher. Wieder Yves, mit einer unglaublichen
Gelassenheit in der Stimme.
Wir brauchen mindestens 24 Stunden um
den Transfer sicher und spurlos zu veranlassen. Genau 2300 km von
eurem Standort aus entfernt, liegt Portwayn, Idaho, eine
Kleinstadt, nicht mehr als 7.000 Seelen. Dort wird in zwei Tagen
ein Päckchen im Schließfach 211 gelagert werden. Für David ODonell.
Den Schlüssel werdet ihr von Iris, einer Bedienung in Eddies
Diner ausgehändigt bekommen. Das Codewort lautet: Jupiter.
Ihr werdet dann alles Notwendige im Schließfach finden. Meidet
Kleinstädte um Geld abzuheben. Zu auffällig. Wie habt ihr euer
Aussehen verändert? Ich muss die Bilder manipulieren. All
diese Informationen prallten auf den Ex-Agenten nieder, doch
hatte er nicht lange Zeit das Gesagte auf sich einwirken zu
lassen. Die drei Minuten würden nicht ewig dauern.
So genau wie möglich beschrieb Mulder der
jungen Frau die Veränderungen, die er und Scully auf sich nehmen
mussten, um unauffälliger zu werden. Am anderen Ende der Leitung
vernahm er gemurmelte Bestätigungen und das schnelle Tippen auf
einer Tastatur. Dann wiederholte er alle relevanten Daten:
Portwayn, Schließfach 211, Eddies
Diner, Iris, Jupiter. Wichtige Fakten, nein, sie waren
lebenswichtig. Yves bestätigte seine Angaben einsilbig.
Passt auf euch auf. Wenn ihr etwas
benötigt, lasst es mich wissen.
Danke! Dann wurde die Leitung
unterbrochen und das dumpfe Freizeichen drang an Mulder Ohr.
Erleichtert legte er den Hörer auf. Er hoffte nur, dass alles
funktionieren würde, Dana und er sicher und unbemerkt ihren Weg
fortsetzen konnten.
Weiterhin nach Verfolgern Ausschau haltend,
eilte der bärtige Mann mit weit ausfallenden Schritten zurück
zum Motel.
Der Anblick dieses ließ Mulder in eiskalten
Schweiß ausbrechen. Der sauberpolierte Wagen des Sheriffs stand
quer auf dem Bürgersteig direkt neben dem Eingangsbereich
geparkt. Das kontinuierlich und hektisch blinkende Warnlicht
trieb den Mann zur Eile an, ließ ein beinahe panisches
Angstgefühl in ihm aufkeimen. Ein einziger Gedanke beherrschte
seinen Geist: Scully! Besorgt ging der Ex-Agent in einen
gehetzten Sprint über, steuerte die rechte Seite des Gebäudes
an, wo die Tür zu Raum 15 lag. Noch während er lief, fischte
Mulder den Schlüssel aus der Jackentasche. Keine acht Stunden
waren verstrichen, seit sie ihre letzten Verfolger, eine
Autobahnstreife, in einer wagehalsigen und gefährlichen Jagd
quer durch die Wüste abgehängt hatten. In den fünf Tagen, seit
denen er mit Scully auf der Flucht war, hatten die Beiden
keinerlei Verschnaufpause gehabt. Obwohl sie ihre Spuren
gewissenhaft und umsichtig verwischt hatten, so schien es als
wären ihre Verfolger ihnen immer einen Schritt voraus. Egal wie
vorsichtig sie auch waren, ihre Feinde vermochten es, sie einem
Bluthund gleich aufzuspüren, was die Nerven der Ex-Agenten
nahezu blank legten und Mulders natürliche Paranoia ins
Unermessliche steigerte. Mittlerweile erwartete Mulder förmlich,
dass hinter jeder Ecke ein Häscher lauerte. Nicht nur die
schwarz tragenden Regierungsbeamten, auch lokale Gesetzeshüter
waren hinter ihnen her. Auffällig war nur, dass die Presse
keinerlei Verlautbarung über ihre Fahndung geäußert hatte.
Aber woher zum Teufel wussten ihre Jäger ohne Hilfe der
Öffentlichkeit von ihren jeweiligen Aufenthaltsorten? Innerlich
könnte Mulder sich treten, mit seiner überhasteten und
zugegebenermaßen kopflose Flucht aus dem Supermarkt hatte er die
Aufmerksamkeit des gesetzten Sheriffs nahezu auf sich gezogen.
Mit fliegenden Finger öffnete er die Türe,
stürmte, sich ein letztes Mal hinter sich umblickend, in den
kleinen, aber sauberen Raum. Von Dana war weit und breit keine
Spur. Angst verschnürte seine Kehle, ließ ihn mühsam nach Luft
schnappen. Dann jedoch öffnete sich die Badezimmertüre.
Erleichterung durchzuckte Fox Mulder wie einen Blitzschlag.
Wir müssen sofort hier weg. Der
Sheriff ist im Haupteingang! Sofort verhing ein Schleier
von Besorgnis die azurblauen Augen seiner Begleiterin. Sie beide
waren erschöpft und ausgelaugt, die Strapazen der letzten Tage
waren nur zu deutlich sichtbar. Zudem war Mulder nach seinem
Gefängnisaufenthalt noch sehr geschwächt.
Kann das nicht ein Zufall sein?,
startete Dana den verzweifelten Versuch, Fox, aber auch sich
selbst zu beruhigen. Ihre Haare waren auf ihrem Kopf aufgetürmt,
eine dickliche und dunkle Farbpaste darauf aufgetragen.
Nein, er hat mich vorhin schon im
Supermarkt gesehen, gestand Mulder mit leiser Stimme.
Ungläubig starrte Scully ihn an.
Und du verschweigst mir das?
Ich wollte dich nicht beunruhigen?
Selbst Fox merkte wie unsicher und fragend seine Stimme klang.
Scully, die erkannte, dass dies nicht die geeignete Zeit für ein
weiteres Streitgespräch war, sammelte ihre Kleidungstücke
zusammen und eilte zurück ins Badezimmer. Sekunden später
hörte Mulder, wie das Wasser der Dusche zu laufen begann. Keine
fünf Minuten brauchte Scully, bevor sie wieder angezogen und mit
nassen und ungewohnt dunklen Haaren zurück ins Zimmer trat,
ihren Kulturbeutel in den Händen. Die Bluejeans und der graue
Sweater verliehen ihr ein mädchenhaftes Aussehen, dieses
Erscheinungsbild konnte nicht unterschiedlicher zu dem einer
kostümtragenden FBI-Agentin sein. Und doch hatte Mulder das
Gefühl, Dana nie schöner und natürlicher gesehen zu haben. Die
Erinnerung an ihre missliche Lage riss ihn zurück in die
Realität und schnell stopfte er die wenigen, auf dem Nachttisch
verteilten Gegenstände in seine Jackentasche. Froh darüber, die
Einkäufe zuvor bereits in die Tasche gepackt zu haben, ergriff
Mulder diese lediglich, erlaubte sich nicht einmal die Zeit einen
prüfenden Blick durch den Raum schweifen zu lassen.
Hastig ergriff er die Hand seiner Freundin
und gemeinsam liefen sie zu dem im Hinterhof abgestellten
Landrover. Dies war bereits ihr drittes Auto, doch beide ahnten,
dass sie in Kürze abermals ein neues Fahrzeug benötigen
würden. Just als beide die Autotüren zuschlugen, erkannte
Mulder den auf sie zueilenden Sheriff, der unbeholfen und hilflos
wirkend nach seiner Waffe im Schulterholster fischte. Keine
Sekunde verlieren wollend, startete Mulder den Wagen und raste
mit Vollgas und quietschenden Reifen dem nahe liegenden Highway
entgegen. Scully, unsanft gegen die Tür gepresst, warf einen
besorgten Blick auf die Geschehnisse hinter ihnen. Der dickliche
Mann hatte gerade seinen Wagen erreicht und gab aufgeregt
Informationen durch sein Funkgerät.
Er schein uns nicht zu folgen,
teilte sie Mulder mit einem unsicheren Tonfall mit.
Wahrscheinlich hat er in diesem
friedlichen Städtchen höchstens eine Schlägerei schlichten
müssen und verständigt gerade die Kavallerie. Wir müssen
sehen, dass wir den Highway so schnell wie möglich wieder
verlassen. Ich schlage vor, wir halten uns vorerst östlich.
Dana konnte nur noch erschöpft nicken. Dann herrschte Schweigen,
das nur vom monotonen und gleichmäßigen Brummen des Motors
unterspielt wurde.
Scully wusste, dass sie so nicht lange
durchhalten würden. Sie hatte geahnt wie strapazierend,
kräftezehrend und ermüdend eine Flucht vor der Regierung sein
würde. Sie hatte sich nie die falsche Illusion gemacht, ein
wild-romantisches Abenteuer, dessen Ende schnulzig wie in einem
Kitschroman sein würde, erleben zu können. Zu realistisch war
ihre Sicht der Welt. Sie kannte die menschlichen Abgründe,
wusste wozu diese Spezies fähig war und hatte es in all den
Jahren als FBI-Agentin zu oft am eigenen Leibe erfahren müssen.
Dana Scully war keine Frau, die sich Illusionen hingab, sie
bevorzugte den Realismus. Doch jetzt musste sie erkennen wie sich
ein Gefühl, das am ehesten der Bezeichnung Pessimismus nahe kam,
in ihr breit machte. Und obwohl sie diese Emotionen sofort wieder
aus ihrem Bewusstsein verbannen wollte, so gewannen sie doch
immer mehr die Oberhand. Sie ertappte sich immer häufiger dabei
sich das scheinbar unausweichliche vorzustellen. Ihre
Gefangennahme. Doch sich die daraus entstehenden Folgen
auszumalen, so kühn vermochte sie nicht zu sein.
*****
Dana wusste nicht, ob es das zum Stehen
kommen des Wagens oder aber das plötzliche Schweigen des Motors,
der die Exagentin in einen wenig erholsamen Schlaf gelullt hatte,
war, was sie auf einmal aufweckte. Benommen drehte sie ihren Hals
von rechts nach links, versuchte so die verspannten Muskeln zu
lockern. Irritiert sah sie neben sich. Mulders müder Blick war
auf sie gerichtet, ein zärtliches Lächeln hatte sich auf seine
rauen Lippen gelegt. Ihr schien als seien seine Wangen in der
kurzen Zeit noch weiter eingefallen. Dunkle Ringe unter den
haselnussbraunen Augen ließen Mulder krank und ausgezehrt
aussehen. Und egal wie oft sie Fox in einer derartigen Verfassung
bereits gesehen hatte, es versetzte ihrem Herzen abermals einen
Hieb.
Wie lange habe ich geschlafen?,
erkundigte sie sich mit rauer Stimme und rieb sich mit den
Handrücken über die müden Augen.
Ungefähr vier Stunden., war die
leise Antwort. Erst jetzt merkte sie, dass sich eine
undurchdringlich wirkende Dunkelheit um den Parkplatz gelegt
hatte, die einzig von einem schäbig wirkenden Imbiss und dem
angeschalteten Innenlichtes des Wagens in Zwielicht getaucht
wurde.
Wie bitte? Warum hast du mich nicht
geweckt? Verdammt, du hast seit über 24 Stunden kein Auge
zugetan. Willst du uns umbringen? Diese Situation hatten
die Nerven der ex-rothaarigen Frau blank gelegt. Sobald sie
seinen verletzten, beinahe gequälten Gesichtsausdruck wahrnahm,
bereute sie die schneidenden und harten Worte. Verlegen senkte
sie kurz den Blick, fuhr mit ihrer linken Hand beschwichtigend
über Fox Mulders Oberschenkel.
Verzeih mir, Fox. Ich bin einfach
fertig, es tut mir leid. Sanft umfasste seine Hand die
ihre, zupfte verspielt an Danas Fingern. Eine stumme Geste, die
mehr sagte als tausend Worte. Er wusste, wie viel Vertrauen es
Scully kostete, dies vor ihm zuzugeben zu müssen, dass er dies
niemals als eine Schwäche werten würde, vielmehr Respekt
empfand.
Ich weiß, ich hätte dich wecken
sollen, doch ich konnte es einfach nicht. Mulder legte eine
kurze Pause ein. Hast du Hunger? Dort drüben habe ich eine
Gaststätte entdeckt. Wir können eine Kleinigkeit essen, uns
frisch machen und den Wagen tanken. Ich schlage vor, dass wir die
Nacht durchfahren, so viel Entfernung wie möglich zurücklegen.
Wir sind erst an die 500 km gefahren.
Dann drehte sich der Mann um und suchte in
der auf der Rückbank befindlichen Reisetasche nach ihrem Geld.
500 km? Bist du geflogen?,
ungläubig betrachtete sie die Kilometeranzeige neben dem Tacho.
Erst jetzt ging Dana auf, dass sie keinerlei Ahnung hatte, wo ihr
nächstes Ziel lag.
Wohin fahren wir, Mulder? Dieser
öffnete bereits die Tür und deutete Scully an ihm zu folgen.
Auf dem Weg zum Lokal fasste er kurz die mit Yves getroffene
Vereinbarung zusammen. Er wollte nicht die Gefahr eingehen, noch
so harmlos und unbeteiligt wirkenden Personen Anhaltspunkte über
ihre Situation zu geben.
Zögerlich öffnete Mulder die mit greller
Leuchtreklame verzierte Glastüre und ließ seiner Begleiterin
den Vortritt. Auf der linken Seite war ein kleiner Laden
abgetrennt, hinter dessen Kasse ein Teenager stand, der
gelangweilt durch einige der dort verkäuflichen Zeitschriften
blätterte. Nur kurz hob er den Kopf, mustere die Gäste und
vertiefte sich wieder in seine Lektüre. Die einzige andere
Person war eine stark übergewichtige Blondine, die gerade damit
beschäftigt war die weiß-schwarzen Fliesen des Fußbodens im
hinteren Bereich, dem Lokal, zu wischte. Auch sie sah auf, setzte
beim Anblick von Kundschaft ein gekünzeltes Lächeln auf das
breite Gesicht und hielt in ihrer Tätigkeit inne.
Nabend. Wollen Sie nur was
trinken, oder soll ich in der Küche bescheid sagen?,
erkundigte sie sich mit einem schleppenden südländischen Akzent
als Begrüßung.
Ja, haben Sie eine Karte?,
wollte Scully wissen, nicht sicher, ob diese Raststätte Essen
servierte, das der von ihr bevorzugten Ernährung entsprach.
Klar, setzen Sie sich einfach schon
mal. Scully musterte skeptisch die Tische, deren Stühle
bereits hochgestellt worden waren. Die Bedienung fing den
fragenden Blick der Ex-Agentin auf.
Ach, das war nur wegen dem sauber
machen. Suchen Sie sich einfach einen Tisch aus. Wissen Sie
schon, was Sie zu trinken wollen? Während sie sprach,
sammelte sie bereits ihre Putzgeräte zusammen.
Zwei Mal Orangensaft und einen Kaffee,
bitte, bestellte Dana und trat an einen kleinen, in einer
Ecke befindlichen Tisch heran. Mulder folgte ihr einfach nur
müde und ließ sich, nachdem sie ihre Stühle von Tisch herunter
geholt hatten, erledigt darauf fallen. Erst jetzt nahm er Scullys
äußerliche Veränderung bewusst wahr. Wie gerne er auch
während der Fahrt vorhin die schlafende Dana genauer betrachtet
hätte, so wusste er doch, dass er sich auf Grund seiner
Müdigkeit nicht hätte ablenken dürfen. Doch nun fand er
endlich die Zeit ihre Verwandlung richtig in sich aufzunehmen.
Die dunklen, schokobraunen Haare umrahmten ihr blasses Gesicht,
verliehen ihr ein beinahe aristokratisch wirkendes Aussehen. Die
grelle Deckenbeleuchtung legte einen faszinierenden Schimmer auf
Danas Haarpracht. Und obwohl er sich Dana Katherine Scully
niemals wirklich anders als rothaarig vorgestellt hatte, so
konnte er nicht abstreiten, dass dieses dunkle Haar ihr
außerordentlich gut stand. Lächelnd ließ Dana seine stumme
Musterung über sich ergehen, bemerkte wie sich sein Ausdruck von
Neugierde über Zustimmung zu stiller Bewunderung veränderte. Er
brauchte keine Worte, um sie wissen zu lassen wie sehr sie ihm so
gefiel, wie schön sie in seinen Augen war.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die
Blondine mit einem Tablett auf sie zutrat. Geschickt platzierte
sie die Getränke vor ihren Gästen und überreichte schweigend
die Speisekarten. Während Dana nach einem vitaminreichen und
gesunden Essen Ausschau hielt, vergewisserte sich Fox Mulder
lediglich, dass Burger mit Pommes Frites im Menü enthalten
waren. Zufrieden schloss er die verknitterte Karte wieder und
lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Abermals wurde seine
Aufmerksamkeit magisch von seinem Gegenüber angezogen. Es schien
ihm fast als würde er an jedem neuen Tag ein winziges Detail an
Dana finden, welches sie noch schöner machte. Scully schien
seine Beobachtung nicht zu stören, nur ein winziges Lächeln,
welches sich zart auf ihre Lippen legte, zeigte, dass sie sehr
wohl wusste, was er gerade tat.
Kurz darauf gaben sie ihre Bestellung auf.
Dana unterließ jeglichen Kommentar bezüglich Mulders Wahl. Wenn
er fettiges und kalorienreiches Essen wollte, dann sollte er es
haben. Ein paar zusätzliche Pfunde konnten seiner hageren
Gestalt nur gut tun. Die meisten Annehmlichkeiten ihres
vorherigen Lebens hatten sie aufgeben müssen, also fand sie,
dass ihnen wenigstens ein Minimum an Komfort zustand, auch wenn
sie als Ärztin diese Speisewahl nicht wirklich gut heißen
konnte. Während des Essens sprachen sie nur wenig, genossen
vielmehr das angenehme Schweigen, welches sich über sie gelegt
hatte. Es schien so etwas wie eine Pause, eine Auszeit zu sein.
Reine Illusion, das wussten sie beide, doch ließen sie diese
für einen kurzen Moment zu.
*****
Frisch gestärkt verließen sie die
Raststätte, tankten den Wagen, nachdem beide die Toiletten
aufgesucht hatten. Sie wussten, dass sie keine Zeit zu verlieren
hatten und nachdem Dana den Sitz und die Spiegel justiert hatte,
startete sie das Auto.
Mulder!, entfuhr es ihr, als sie
merkte, dass sich dieser daran machte, zwischen ihren Sitzen
hindurch auf die Rückbank zu klettern. Im Rückspiegel konnte
sie beobachten, wie ihr Begleiter den gesamten Inhalt der Tasche
auf dem Sitz ausleerte.
Was tust du da? Haben wir uns nicht
darauf geeinigt, dass du schläfst, während ich fahre?,
ihre Stimme klang wie die einer Mutter, die ein kleines,
unartiges Kind zurecht wies. Und genauso kam sie sich insgeheim
auch vor.
Ihre Maßregelung ignorierend, begann er,
nach keinem erkennbaren System, ihre Sachen in zwei
unterschiedliche Stapel zu sortieren, den bohrenden Blick der
Fahrerin durchaus auf sich spürend.
Kommt es dir nicht auch merkwürdig
vor, dass egal wohin wir fahren, egal wie spontan unsere
Entscheidungen sind, wir jedes Mal kurz darauf wieder diese
Bluthunde an den Fersen haben? Das Auto kann kaum verwanzt sein.
Wir müssen uns von allem, was mit Peilsendern versehen sein
kann, trennen.
Ein Gedanke, der sich in den letzten Tagen
immer mehr an die Oberfläche gedrängt hatte, durchzuckte die
Ex-Agentin wie einen Blitzschlag. Unsicher, ob sie Mulder ihre
Befürchtung mitteilen sollte, rutschte sie nervös auf ihrem
Sitz hin und her. Wie würde er reagieren? Sie hatte eine gewisse
Ahnung und fürchtete sich davor, einen weiteren Streit
hervorzurufen. Doch war dieses Problem von viel zu großer
Bedeutung, um ihren Partner im Unklaren zu lassen.
Was ist, wenn ich ihr Peilsender bin?,
stellte sie die Frage, die schon seit viel zu langer Zeit an ihr
nagte. Sofort beugte Mulder sich nach vorne.
Nein, die Technologie, die deinen Chip
manipulieren kann, ist mit dem Konsortium untergegangen. Warum
würden sich unsere Verfolger sonst so viel Arbeit machen uns zu
jagen, wenn sie dich mit Hilfe dieses Chips kontrollieren
könnten? Und wir wissen, dass dies möglich ist. Die
Erinnerung an jene Nacht auf der Brücke, das Feuer, der Geruch
von verbranntem Fleisch ließ einen eiskalten Schauer über
Scullys Rücken laufen.
Du kannst es aber nicht
hundertprozentig ausschließen, Mulder. Einen kurzen Moment
später fügte sie leise hinzu: Ich kann es nicht
ausschließen! Als könne er ihren inneren Kampf spüren,
fuhr er mit seiner Fingerkuppe sanft über Danas Wange.
Ich versichere dir, das Konsortium ist
zerstört. Und wie gerne die Regierung und ihre Institutionen
diese Technologie hätten, so ist dies ein bloßer Wunschgedanke.
Ich werde jetzt weitersuchen. Sollte ich nichts finden, so
können wir uns damit auseinander setzten, aber ich bin davon
überzeugt, dass sich in der Tasche und sehr wahrscheinlich auch
irgendwo anders, Sender befinden. Ein letztes Mal
liebkosten seine Finger die zarte Haut ihres Gesichtes, bevor er
sich wieder in den hinteren Teil des Autos zurückzog.
Angespannt krallten sich Dana Scullys Finger
an das Lenkgrad, gruben sich ins harte Leder. Ihr Blick ging
starr geradeaus, in die Schwärze der Nacht und auf die Straße
hinaus. Die Vorstellung, entweder den Chip aus ihrem Nacken
herauszunehmen oder Fox zu seinem eigenen Schutz zu verlassen,
setzte sich in ihr Hirn, ließ sich nicht mehr abschütteln. Sie
warf kurze und nervöse Blicke nach hinten. Scully erkannte, dass
er das kleine Photoalbum, welches ihre wichtigsten Erinnerungen
an William in sich verborgen trug, in die Hand nahm.
Nein, flüsterte sie mit
belegter Stimme. Sofort spürte sie seine Hand auf ihrer
Schulter, die sanft ihre angespannten Muskeln dort massierte.
Nicht, die Bilder, Dana,
beschwichtigte er sie sanft. Dann verließ sie seine Hand, und
sofort vermisste sie die Wärme und seine Nähe und musste schwer
schlucken. Ihre wichtigste Aufgabe war es sich auf den
Straßenverkehr zu konzentrieren, doch konnte sie kurze Blicke
auf die Rückbank nicht verhindern. Vorsichtig trennte Mulder die
einzelnen Bilder von den Seiten und legte diese sorgfältig auf
den kleinen Stoß zu seiner rechten, wo sich bereits die Fotos
ihrer Familie und ein paar Aufnahmen von Samantha Mulder
befanden. Das leere Album ließ er achtlos in die offene Tasche
links neben sich fallen.
Wir müssen so schnell wie möglich
einkaufen gehen. Ich befürchte, dass unsere Kleidung ebenfalls
präpariert ist. Ich möchte keinerlei Risiko eingehen.
Geschäftig durchsuchte er ihre Habseligkeiten nach etwaigen
Peilsendern.
Als ein Scheiße, ich habe Recht,
die Stille im Wageninneren unterbrach, fuhr die dunkelhaarige
Frau am Steuer leicht zusammen. Dann erkannte sie im Rückspiegel
einen winzigen schwarzen Mikrochip, den er ihr kurz
entgegenhielt.
Wo war er?, erkundigte sie sich
sichtlich alarmiert und besorgt.
Im Innenfutter meiner Jacke. Scully,
ich fürchte, das ist erst die Spitze des Eisberges, teilte
ihr Fox Mulder mit einem ernsten Tonfall mit. Schweigend machte
er sich weiter auf die Suche, während Dana tief in Gedanken
versunken mit den Zähnen ihre Lippen malträtierte.
*****
Insgesamt fand Mulder neun der kleinen
Sender. Einer war sogar in Danas Portemonnaie eingearbeitet
worden. Die wenigen Dinge, die sie behalten würden, waren lose
auf der Rückbank verstreut. Ein armseliger kleiner Berg, der
doch die Welt zu bedeuten schien.
Kurz vor Sonnenaufgang bog Dana auf Mulder
Geheißen hin auf einen kleinen Parkplatz direkt neben der
Landstraße ein. Nur zwei LKWs, ein PKW und ein Kleintransporter
standen dort, von den Fahrern keine Spur. Einige Windböen
wirbelten Staub auf und überzogen die Fahrzeuge mit einer
dünnen Sandschicht.
Sobald der Wagen stand, deutete Fox seiner
Begleiterin an, ebenfalls zu ihm auf die Rückbank zu klettern.
Diese öffnete jedoch nur kopfschüttelnd die Türe und stieg
hinten im Wagen wieder ein. Die Gedanken der dunkelhaarigen Frau
überschlugen sich, konnten all die Informationen, die Ängste,
die kalt ihr Herz umklammerten, nicht kompensieren. Zu viel
Ungewissheit umgab sie, raubte ihr sämtliche Hoffnungen.
Seufzend sank sie in die Polsterung.
Wir müssen deine Kleidung
untersuchen. Im Bund meiner Jeans war ebenfalls etwas angebracht.
Ob es der einzige Sender ist, weiß ich nicht, ich bezweifle es
aber. Bei den Schuhen gehe ich fest davon aus, dass sie ebenfalls
verwanzt sind.
Zuerst streifte sich Dana ihren Pullover
über den Kopf. Das dünne T-Shirt, das sie jetzt noch trug,
konnte der kühlen Morgenluft nicht standhalten und ließ die
zierliche Frau leicht frösteln, während Fox akribisch das graue
Kleidungsstück abtastete.
Finden tue ich nichts
dennoch
sollten wir alles, was wir tragen, so schnell wie möglich
loswerden. Das T-Shirt, bitte. Damit hielt er ihr den Pulli
wieder entgegen. Unsicher blickte sich Scully zuerst um, bevor
sie sich das weiße Shirt peinlich berührt auszog. Blitzschnell
bedeckte sie ihre Blöße wieder mit dem zurück gewonnenen
Pullover. Auch das T-Shirt schien den Fox-Mulder-Sender-Such-Test
zu bestehen. Seine Partnerin verzichtete jedoch darauf, sich
dieses wieder anzuziehen und legte es sorgfältig zusammen.
Auffordernd sah Mulder in ihre Richtung.
BH?
Also ich glaube kaum
Der
Blick, den Dana von ihm auffing, ließ all ihren Widerstand
verstummen und seufzend griff sie nach hinten, öffnete den
Verschluss und zog ihren BH geschickt unter dem Pullover hervor.
Erschrocken musste sie erkennen wie Mulder zu einem kleinen
Taschenmesser griff, welches sie im Handschuhfach des zweiten
Fluchtwagens gefunden hatten und ohne viel Federlesen die Naht,
die die Bügel hielt, auftrennte.
Mulder! Ich brauche diesen BH noch. Du
kannst
, abermals verstummte sie mitten im Satz.
Mulder hielt einen weiteren schwarzen Sender zwischen den
Fingern.
Scheiße!, war Danas einziger
Kommentar. Eine plötzliche Übelkeit kam in ihr hoch, ließ
ihren Magen sich schmerzhaft zusammenziehen. Scully musste schwer
schlucken, um all der Ängste und Emotionen, die sich immer mehr
an die Oberfläche drängten, Herr zu werden. Ihr war nach
Schreien und Heulen gleichermaßen zumute. Mit ihrer hart
antrainierten Selbstdisziplin verdrängte sie diese Gefühle,
verbannte sie aus ihrem Bewusstsein. Sie wusste, dass eine
einzelne Träne eine nicht enden wollende Tränenflut mit sich
führen würde und dazu - ihren Emotionen freien Lauf zu lassen -
war sie einfach noch nicht bereit. Sie musste wachsam und
aufmerksam bleiben, die kleinste Unachtsamkeit konnte ihnen das
Leben kosten.
Sich sammelnd zog sie laut Luft in ihre
Lungen, spürte wie der Sauerstoff ihren Körper belebte, ihr
Kraft und Energie spendete. Mulder begann ihre Hose gewissenhaft
abzutasten. Jegliche Reaktionen ihres Körpers auf diese
vertraute Berührung ignorierend, ließ sie sich von ihrem
Partner sanft umdrehen. Kurz darauf fuhren seine Finger ihre
Hosenbeine entlang. Beide waren wenig überrascht, auch in der
Naht ihrer Jeans einen weiteren Sender zu finden. Resignierend
ließen sich beide geben die Polster fallen.
Sie hatten erst weitere 300 km hinter sich
gebracht und immer aussichtsloser erschien ihnen eine sichere
Ankunft am vereinbarten Treffpunkt, geschweige denn, dass sie
jemals die kanadische Grenze erreichen würden. Es war beinahe so
als würden diese Sender ihnen unaufhörlich Energie absaugen und
sie hatten es erst jetzt bemerkt. Mulder war der erste, der das
Schweigen durchbrach.
Wie weit ist die nächste Stadt
entfernt?, fragte er mit leiser aber sicherer Stimme.
Etwas 30 Meilen.
Dann sollten wir sehen, dass wir so
schnell wie möglich dort hin kommen und uns neu einkleiden. Ich
werde nur noch gerade unsere Tasche entsorgen, teilte er
Dana mit, während er bereits die Türe öffnete.
Wir haben bestimmt noch immer Sender
an uns. Mit einer Handbewegung deutete sie auf Mulders und
ihre Schuhe.
Ja, aber wenn sie jetzt ein starkes
und ein schwaches Signal empfanden werden, werden sie zuerst dem
starken folgen, nicht dem schwachen. Das gibt uns einen Vorsprung
und eine faire Chance, uns dieser Kleidung zu entledigen, bevor
sie bemerkt haben, was eigentlich los ist, mutmaßte er.
Dann trat er nach Draußen und verschwand zwischen den anderen
parkenden Fahrzeugen.
Seufzend stieg auch Scully aus, vertrat sich
kurz die schmerzenden Beine, entfernte sich dabei jedoch nicht
weit vom Wagen und hielt aufmerksam nach ihrem Partner Ausschau.
Nur wenige Minuten verstrichen bis Mulder wieder zu ihr
zurückkehrte.
Unser Gepäck wird jetzt als blinder
Passagier nach New Mexiko fahren, kommentierte er einen
gerade losfahrenden LKW. Zufrieden ließ er sich auf den
Beifahrersitz fallen. Auch jetzt war nicht an Schlafen zu denken,
das wussten beide.
*****
Langsam lenkte Scully den Wagen durch eine
Kleinstadt. Diese Ortschaft war groß genug, dass sich die
Anwohner über Autos mit fremden Kennzeichen nicht wundern
würden. Sie folgte den Hinweisschildern, die sie zu einer
kleinen Mall führten. Bis jetzt hatte Dana noch keine Verfolger
wahrgenommen, fühlte sich jedoch dadurch nicht sicherer oder
zuversichtlicher. Nur wenige Autos waren zu der frühen Stunde
auf dem Parkplatz abgestellt. Sicher steuerte die junge Frau eine
freie Lücke an.
Gemeinsam betraten sie die Einkaufspassage,
blieben kurz stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Nur
wenige Passanten eilten an ihnen vorbei, zu sehr mit ihren
Einkäufen beschäftigt, als dass sie die Menschen um sich herum
genau wahrnahmen. Neben einigen Kaffees, Boutiquen, Schmuck- und
Schuhgeschäften, gab es auch einen Markt einer weit verbreiteten
Supermarktkette. Zielstrebig steuerten die Flüchtigen den ersten
Fashion-Store an. Dort trennten sich ihre Wege kurz, doch sie
verloren sich niemals wirklich aus den Augen.
Während Mulder, nicht auf Preise und Farben
achtend, eine neue Garderobe zusammenstellte, nahm sich Dana
wenigstens bei einigen Kleidungsstücken die Zeit diese kurz
anzuprobieren. Doch auch sie beeilte sich mit ihrer Auswahl. Zeit
war ein kostbares Gut geworden, eines, welches sie nicht zu
verschenken hatten.
Keine zwanzig später Minuten standen David
und Gillian ODonell gemeinsam an der Kasse, mit hohen
Wäschebergen in den Armen. Als die Registerkasse über 300 US$
anzeigte, musste beide kurz schlucken, sie wussten jedoch, dass
dieser Einkauf unaufschiebbar und notwendig war. Nachdem sie noch
Schuhe und einige Lebensmittel erstanden hatten, machten sie sich
mit unzähligen Tüten beladen auf den Weg zu den Toiletten. Sie
hatten beschlossen sich direkt in der Mall umzuziehen und die
alten und wahrscheinlich verwanzten Kleidungsstücke direkt dort
zu entsorgen.
Sorgfältig entfernte Scully die
Preisschilder. Auch wenn ihr der bloße Gedanke, ungewaschene und
neue Unterwäsche tragen zu müssen, zuwider war, so konnten sie
sich den Luxus eines Zwischenstopps in einem Waschsalon nicht
leisten. Dinge, die vor einigen Tagen noch selbstverständlich
für sie galten, waren mittlerweile nur noch Erinnerungen. An
eine Zeit, die schon unzählige Monate oder gar Jahre
zurückzuliegen schien, obwohl Mulders Flucht aus dem Gefängnis
nicht einmal eine Woche her war. Zeit hatte eine neue Bedeutung
für sie und ihren Partner gewonnen. Nicht mehr messbar in
Arbeitszeit oder Feierabend, vielmehr gaben nun die Momente, in
denen es den Flüchtigen gegönnt war, für wenige Minuten ihre
Achtsamkeit schweifen zu lassen, den Ausschlag. Augenblicke, die
ihnen erlaubten Fox und Dana zu sein, nicht Mulder und Scully,
zwei Ex-Agenten, die, wie es den Anschein hatte, vor der ganzen
Welt davon liefen. Gleichermaßen beherrschte sie die Hoffnung
endlich ihre Verfolger abhängen zu können, aber auch die Angst
vor den Konsequenzen, sollte dem nicht der Fall sein. Doch
Gewissheit konnte nur die Zeit selbst bringen.
Ein letztes Mal betrachtete sich die nun
brünette Frau abwägend im Spiegel. Obwohl die Kleidung
gewöhnungsbedürftig für die vormals Kostüm tragende
Regierungsbeamtin war, gefiel ihr dieses legere Outfit.
Dunkelblaue, leicht ausgestellte Jeans boten einen schönen
Kontrast zu einem dünnen, grünen Wollpullover mit einem
schönen V-Ausschnitt. Das goldene Kreuz an seiner feingliedrigen
Kette umrahmte ihren schlanken Hals. Schnell schlüpfte Dana in
die dunklen Sneaker und verstaute die getragene Kleidung in eine
der leer geräumten Tüten. Mulder wartete bereits vor der
Damentoilette auf sie. Anerkennend ließ sie ihren Blick über
sein Erscheinungsbild gleiten. Auch er trug Jeans, obgleich seine
etwas heller waren. Ein weißes Hemd, dessen Ärmel Fox bereits
nach oben geschoben hatte und Turnschuhe vervollständigten sein
lässiges Outfit, von dem Scully fand, dass es ihm ausgezeichnet
gut stand.
Seine linke Hand legte sich auf ihren
unteren Rücken, während sie das Einkaufzentrum verließen.
Diese vertraute Geste löste einen angenehmen Schauer aus, der
sich seinen Weg über den Rücken der schlanken Frau bahnte. In
diesem Moment wurde ihr bewusst, dass egal wie viele Meilen sie
von ihrer einstigen Heimat entfernt waren, egal wie schlecht oder
düster ihre Zukunft aussehen mochte, egal was morgen oder
übermorgen über sie hinein brechen würde, sich eine Sache
niemals ändern würde. Mulder. Ihr Partner, ihr bester Freund,
der Mann, den sie liebte, ihre Konstante. Er gab ihr Kraft,
spendete Energie und war zugleich ihre Heimat. Und dann
verspürte sie ein Gefühl, von dem sie angenommen hatte, es
niemals wieder zu fühlen Zuversicht.
*****
Unauffällig entsorgte das Paar die Tüten
im hinteren Bereich des Parkplatzes, der wohl den Lieferanten als
Müllabgabe zu dienen schien. Gerade als Mulder den Deckel des
Containers wieder einrasten ließ, erfasste ihn ein mulmiges
Gefühl in seiner Magengegend. Einer bösen Vorahnung gleich,
schien sein inneres Warnsystem Alarm zu schlagen. Beunruhigt
suchten seine Augen die Umgebung ab. Dann setzte sein Herz beim
Anblick von drei auf sie zueilenden Gestalten einen Takt aus.
Bullige, schwarz gekleidete Männer, ganz klar erkennbar
bewaffnet, rannten über den Parkplatz, schoben ihnen in den Weg
kommende Passanten achtlos zur Zeit, was eine alte Dame zu Fall
brachte. Immer schneller kamen die Gestalten auf sie zu.
Scully, lauf!, brüllte Fox,
noch während er - den Arm seiner Partnerin ergreifend - in
Richtung des Wagens losstürmte. Der heftige Ruck an ihrem Arm
brachte Dana leicht ins Straucheln, doch sie schaffte es das
Gleichgewicht zu halten. Zahlreichende Autos, zwischen die sie
sich hindurchzwängen mussten, bremsten ihre Flucht, ließen es
zu, dass ihre Verfolger beängstigend schnell die Distanz
verringerten, immer mehr an Boden gewannen. Panik trieb Mulder
und Scully weiter, doch unterbrach er nicht dem physischen
Kontakte, der ihn mehr als ihr keuchender Atem versicherte Dana
nicht hinter sich zurück zu lassen.
Nach Luft ringend erreichten sie den
rettenden Wagen. Die Einkäufe wahllos ins Innere schmeißend,
sprang Scully hinter das Lenkrad und Mulder stürzte sich auf die
Rückbank. Sie warte nicht ab bis der Mann hinter ihr die Türe
ganz geschlossen hatte und startete den Wagen. Mit Vollgas raste
sie über den Parkplatz, inständig betend keinen Fußgänger zu
überfahren. Im Rückspiegel erkannte sie einen schwarzen Wagen
mit verdunkelten Scheiben, der nicht minder schnell hinter ihnen
über die verkehrsberuhigte Zone brauste. Mit quietschenden
Reifen schlitterte sie durch die enge Kurve, die auf die
Landstraße führte. Verbissen starrte Scully auf die Straße und
konzentrierte sich darauf nicht aus der Spur zu kommen. Mulder
schob sich währenddessen nach vorne, um auf den Beifahrersitz zu
gelangen. Aufgrund ihrer Fahrlage hatte der schlaksige Mann
Probleme sein Gleichgewicht zu halten und mehr als einmal kippte
er unsanft gegen seine Partnerin, die ihm kurze Blicke zuwarf. Zu
spät bemerkte sie einen silbergrauen Passat, der laut hupend auf
sie zusteuerte. Weiterhin das Gaspedal voll durchtretend, riss
die das Lenkrad herum, brachte das Auto somit ruckend auf den
Fußgängerweg und wenig später durchpflügte der Landrover die
sorgfältig angelegte Grünanlage und setzte sich somit direkt
vor den Passat. Doch auch der schwarze BMW raste rücksichtslos
durch das Beet, drängte den Fahrer des hinderlichen Fahrzeuges
brutal von der Straße, geradewegs durch die Grünanlage und in
die parkenden Autos der Mall hinein. Entgegen ihrer
Befürchtungen schossen ihre Verfolger nicht auf sie. Ihre
Aufgabe stellte wohl die lebendige Ergreifung ihrer Opfer da.
Dennoch klebte der BMW beängstigend nah an ihrem Auto, versuchte
wiederholt sie auf der engen Landstraße zu überholen.
Ein Ruck ging durch den Wagen, presste seine
Insassen in die sicherheitshalber angelegten Gurte.
Gib Gas, die wollen uns von der
Straße rammen, fasste Mulder das Offensichtliche zusammen.
Die Zähne fest zusammenpressend, rutschte Dana weiter nach
vorne, trat die letzten Millimeter des Gaspedals gnadenlos durch.
Doch konnte es der schäbige Landrover niemals mit dem PS-
starken BMW aufnehmen. Ein weiterer heftiger Ruck ließ ihr
Fluchtfahrzeug unkontrolliert zur Seite schleudern, doch es
gelang Scully das Auto wieder unter Kontrolle zu bringen. Ihr
Blick hefte sich auf den Rückspiegel, direkt auf das zu einer
hässlichen Grimasse verzogene Gesicht des anderen Fahrers.
Eiskalte Augen schienen die ihren sofort zu treffen, durchbohrten
ihr Innerstes gnadenlos und lösten eine Gänsehaut auf dem
Körper der brünetten Frau aus. Winzige Härchen richteten sich
unweigerlich an ihrem Nacken und den Armen auf, beschworen einen
eiskalten Schauer herauf.
Abermals wurde das Auto aufgrund einer
weiteren Kollision durchgerüttelt, dann drängte sich der
schwarze Wagen links neben sie, schob sich Zentimeter für
Zentimeter nach vorne und zwang Scully auf die Gegenfahrbahn.
Neben sich nahm sie aus dem Augenwinkel wahr wie Mulder seine
Waffe hervorzog und mit einem wohlbekannten Klicken entsicherte.
Beinahe einem unterbewussten Drängen folgend, fand ihr Blick den
ihres hämisch grinsenden Verfolgers, der einer grüßenden Geste
gleich die Hand hob. Gelbliche, schief stehende Zähne wurden
gebleckt, verliehen ihm ein beinahe dämonisches Aussehen.
Scully!, ein markerschütternder
Schrei riss ihre Aufmerksamkeit wieder zur Straße zurück. Mit
weit aufgerissenen Augen sah sie die grellen Frontleuchten eines
gigantischen Trucks auf sie zuschnellen. Der schrille Ton eines
Hupsignals drang an ihr Ohr. Instinktiv trat sie in die Bremsen
und löste somit ein schrilles Quietschen der Autoreifen aus. Der
BMW vollführte einen rasanten Rechtsschlenker, während er
langsamer wurde. Gerade als sie den Landrover ebenfalls nach
rechts bringen wollte, spürte sie wie sie brutal von der Seite
gerammt, weiter auf die Gegenfahrbahn gedrückt wurden. Der sich
ihr nähernde LKW verlor immer mehr an Distanz, sein Licht
blendete ihre müden Augen. Entschlossen riss sie das Lenkrad
nach Rechts, trat das Gaspedal abermals durch. Der Wagen schoss
quer über die Straße, einer Böschung entgegen. Scully bemerkte
wie sich der Truck in seinem Bremsmanöver quer schob, den BMW
somit hinderte die Verfolgung fortzusetzen.
Der graue Asphalt ging in Rollsplitt über,
schüttelte den Wagen, den Dana verbissen abzubremsen versuchte,
unsanft durch. Vor sich sah sie nur noch Laub, als sich der
Landrover herum schob und seitlich in die Büsche rutschte. Diese
konnten die Gewalt des Aufpralls nicht abfedern, gaben dem
Gewicht nach und bremsten den Wagen nur unmerklich. Das Letzte,
was Scully wahrnahm, war Mulders lauter Aufschrei, als sich unter
ihnen ein steiler Abgrund auftat, ihr Fahrzeug unweigerlich
seinen Weg fortsetze und hinunterstürzte. Der harte Aufprall auf
steiniges Geröll löste ein Unheil verkündendes Geräusch von
berstendem Metal aus, wirbelte das Wrack herum. Heftig schlug ihr
Kopf auf dem Lenkrad auf, tränkte das weiche Leder mit frischem
Blut. Dann herrschte nur noch Stille, als eine sanfte Schwärze
ihre Sinne umhüllte.
*****
Dichte, dunkle Rauchwolken stiegen aus dem
Tal auf, verschleierten die Sicht, vermischten sich mit der
klaren Luft und hinterließen eine brennendes Gefühl in den
Lungen. Einige Schaulustige säumten die schmale Böschung,
lugten durch das beschädigte Geäst hindurch. Ein gewaltiges
Inferno wütete unter dem steilen Abhang, zahlreiche Funken und
Feuerszungen sprangen auf das ausgedörrte Gras neben dem
ausbrennenden Autofrack über. Sie verwandelten die karge
Landschaft blitzschnell in ein Meer aus Flammen, das bedrohlich
wirkend, immer mehr an Dichte gewann, das wenige Leben, das unter
der hiesigen Sonneneinstrahlung vegetieren konnte, gnadenlos
vernichtend. Die vorangegangene, gewaltige Explosion hatte die
wenigen Menschenseelen, die Zeugen dieses verheerenden Unfalls
wurden, in Mark und Bein erschüttert. Endlich erklang in der
Ferne das stetig lauter werdende Martinshorn der verständigten
Feuerwehr, brachte den Leuten gleichsam Erleichterung.
Ungeachtet der Menschen oder des wütenden
Feuers waren zwei schwarz gekleideten Gestalten zu beobachten,
die geschickt die Böschung herunter kletterten. Akribisch
suchten sie die Umgebung ab, wagten sich jedoch nicht direkt an
das brennende Fahrzeug heran. Hitze schlug ihnen entgegen, der
dichte Qualm setzte sich beißend in ihre Atmungsorgane, raubte
ihnen die Sicht. Das wütende Feuer machte es ihnen unmöglich
einen genauen Blick ins Wageninnere zu erhaschen, doch ließ die
Explosion, die den Landrover unmittelbar nach dem Absturz
entflammt hatte, jegliche Überlebenschance der Agenten
schwinden. Schnell entfernten sie sich von der direkten
Gefahrenzone, spähten dennoch aufmerksam in sämtliche
Richtungen, nicht gewillt Fox Mulder selbst jetzt in irgendeiner
Weise zu unterschätzen. Doch stand sämtliches Gebüsch um das
Wrack herum in Flammen, bot somit keinen Schutz für die
Flüchtigen. Erst der auf sie zurasende Löschzug der Feuerwehr
ließ die Männer sich zurückziehen und wieder zu ihrem Auto
klettern. Sie wollten nicht Gefahr laufen Fragen gestellt zu
bekommen, die nicht beantwortet werden durften.
Schnell erreichten sie die sichere Straße
und den am Rand abgestellten BMW. Sich den Staub von den teuren
Designeranzügen klopfend, drehte sich der größere der beiden -
der Fahrer - dem dritten, am Wagen wartenden Mann zu.
Das können die nicht überlebt haben,
unmöglich. Ohne jede Gefühlsregung spuckte er auf ein
sauberes Taschentuch, um sich die Designerschuhe damit zu
polieren.
War unser Auftrag nicht sie lebend zu
übergeben?, fragte der kleinere, blonde Mann, der
ebenfalls seinen Anzug abklopfte und über die Geschehnisse
sichtlich beunruhigter als seine Begleiter wirkte.
Selbst wir können einem bedauerlichen
Autounfall nicht entgegenwirken. Frauen am Steuer!,
entschied der dritte Mann, der am Wagen lehnte und seine Kollegen
musterte. Bei diesem Kommentar warf der Dunkelhaarige mit den
gelben Zähnen lachend seinen Kopf nach hinten, seinem Amüsement
über diese Situation ganz klar Ausdruck verleihend.
Sieh es mal so, Simon, damit hätten
wir ein gelöstes Problem und können endlich diese Hölle von
einem Staat verlassen. Doch eines muss ich den Agenten lassen,
beinahe hätten sie uns ausgetrickst, aber nur beinahe! Mit
sich zufrieden, glitt er hinters Lenkrad des BMWs, ungeduldig auf
das Einsteigen seiner Arbeitskollegen wartend. Sobald diese die
Türen geschlossen hatten, brauste der dunkle Wagen davon,
ungeachtet der Menschen, die noch immer viel zu gefesselt von den
Löscharbeiten im Tal waren.
*****
Sanft und vorsichtig führte er das feuchte
Tuch über die blasse Haut, der nun nicht mehr blutenden Wunde an
der Schläfe kam er nicht zu nah. Vollkommen entspannt lag Dana
vor ihm, ihre Augenlieder flatterten leicht, doch war ihr Puls
langsam und regelmäßig. Mulder legte den Lappen zurück in die
kleine Wasserschale. Getrocknetes Blut, welches er von Scullys
Gesicht abgewaschen hatte, verfärbte das restliche, vormals
saubere Wasser zu einer hellroten Brühe. Das Klopfen an die
Zimmertüre ließ den Flüchtigen erschrocken zusammenfahren. All
seine Sinne bereiteten sich auf Angriff vor. Er hatte diese
Gewohnheit bereits so verinnerlicht, dass er sogar beim Summen
einer gewöhnlichen Stubenfliege aus dem Tiefschlaf hoch
schreckte. Bewusst versuchte er seine überstrapazierten Nerven
zu beruhigen. Doch viel zu laut und schnell hörte er das Blut
durch seine Adern pumpen. Er zwang sich aufzustehen und die Türe
zu öffnen.
Ich habe Ihnen etwas Gebäck, Tee und
Orangesaft gebracht. Das wird die Mrs. sicherlich wieder
aufpäppeln. Sie könnten auch einen guten Happen vertagen.
Das runde, wettergegerbte und braungebrannte
Gesicht der alten Frau strahlte ihn an, während sie ihn beiseite
schob und den Raum betrat. Auf dem kleinen Tisch in der hinteren
Ecke stellte sie das Tablett ab. Sofort zog Mulder der herrliche
Duft von frischem Hefegebäck in die Nase, was seinen Magen dazu
brachte fordernd zu knurren. Dieser Laut brachte die pausbäckige
Frau zum Lachen.
Dachte mir, dass Sie ausgehungert
sind. Bis zum Abendessen ist es ja noch eine Weile hin. Und jetzt
essen Sie etwas. Noch leicht warm schmeckt es am besten. Ist ein
Familienrezept, schlagen Sie zu, Junge!, auffordernd schob
sie ihren Gast an den Schultern zum Tisch. Dieser schien zwischen
der Verlockung nach dem herrlich duftenden Teilchen und dem
Pflichtgefühl sich um seine Begleiterin zu kümmern hin- und
hergerissen. Beth McKennith nahm ihm die Entscheidung ab, indem
sie sich neben das Bett der zierlichen Dunkelhaarigen setzte.
Prüfend fuhren ihre rauen Finger zuerst an den Puls, dann an die
Stirn der Verletzten.
Mach Sie sich nicht zu viele Sorgen.
Sie schläft ganz friedlich und ihre Temperatur ist auch normal.
Ich werde jetzt diese hässliche Wunde versorgen und wenn sie
wieder aufwacht, wird sie fast wie neu sein, plapperte Beth
munter drauflos, während Mulder das erste Hefegebäck gierig
verschlang. Der heiße Tee folgte, dann ein weiteres Teilchen.
Während er schluckte, studierte er die kleine Frau ausgiebig.
Sie schien bereits in ihren 70ern zu sein, doch merkte man ihr
das nicht direkt an. Einzig das faltige und wettergegerbte
Gesicht gab Ausschluss über ihr wahres Alter. Beth McKennith
hatte der Himmel geschickt!
Sie lebte bereits seit Jahrzehnten in dieser
kleinen Ortschaft, hatte einen kleinen Bauernhof und ließ es
sich trotz ihres Alters nicht nehmen jedes Jahr die Felder selbst
zu bestellen. Sie war Witwe, doch hatte sie nach dem Tod ihres
Mannes nie der Lebenswille verlassen. Täglich fuhr sie mit ihrem
Pick-Up durch die nahe liegenden Ortschaften, brachte ihren
Stammkunden frische Milch, Eier und auch Honig. Ihre kleine
Statur ließen sie fast nicht hinter dem Lenkrad hervorragen,
doch beherrschte sie den großen Wagen ohne Mühe. Heute Nacht
jedoch hatte eine ihrer Kühe gekalbt, was ihren Rhythmus an
diesem verhängnisvollen Tag verzögert hatte. Sie war erst
einige Stunden später aufgebrochen, nicht schon zu
Sonnenaufgang, wie sie es immer tat. Dann, als sie gerade auf dem
Rückweg war, ließ sie der Anblick eines die steile Böschung
des angrenzenden Highways hinunter rasenden Jeeps jäh bremsen.
Das Gefährt überschlug sich und prallte hart auf. Beth hatte
die Luft angehalten und inständig Gebete gen Himmel gesandt.
Doch wie durch ein Wunder bemerkte sie einen dunklen Schopf, der
scheinbar unverletzt durch das Fenster der Beifahrerseite
geklettert kam. Augenblicklich hatte sie ihr Auto verlassen und
war zu dem Unfallopfer geeilt. Dieses war bereits zu Gange eine
weitere, kleinere Person aus dem Frack zu ziehen. Erst später
hatte sie erkannt, dass es eine offensichtlich bewusstlose Frau
war.
Was dann geschah, ging rasend schnell.
Sofort hatte der dunkelhaarige Mann seine verletzte Begleiterin
zum Pick-Up getragen und Beth hatte auf seine Bitte hin die
verstreuten Tüten aus dem Wageninneren gefischt. Gerade, als sie
schnell zu ihrem eigenen Wagen zurückkehrte, kam ihr das
männliche Unfallopfer wieder entgegen. Entsetzt musste sie
beobachten, wie dieser mit einem Feuerzeug den Wagen in Brand
setzte, dann wieder auf sie zueilte und Beth antrieb schnell von
hier zu verschwinden. Auch wenn die Bäuerin sehr zurückgezogen
lebte, so besaß sie einen Fernseher. Und dieser ganze Unfall,
dessen Hergang, ihre schnelle Flucht und die Entzündung des
Wagens, dessen Explosion sie wenig später selbst auf großer
Entfernung noch gespürt hatte, ließ sie glauben, sie befände
sich in einem ihrer heißgeliebten Thriller. Sie malte sich
farbenfroh aus, dass diese beiden vielleicht von einer
Regierungsinstitution oder der Mafia gejagt wurden, weil sie zu
viel wussten. Und obgleich diese Aufregung viele ihrer
Altersgenossen wohl umbringen würden, konnte Beth dies nur als
willkommene Abwechslung zu ihrem sonst so routinierten
Tagesablauf auffassen. Ohne zu zögern bot sie den Fremden bei
sich Unterschlupf an. Anfangs zögerlich, dann jedoch dankbar
nahm der Mann schließlich an. Bevor sie auf dem Hof ankamen,
erlangte die Frau auf der Rückbank das Bewusstsein wieder,
flüsterte leise und kraftlos Mulder. Noch während
Beth sich fragte, was oder wer denn ein Mulder war, driftete die
attraktive Frau in einen tiefen Schlaf. Der Mann hatte sich mit
David ODonell vorgestellt, während seine Finger
unaufhörlich über das Gesicht seiner Frau, Gillian, strichen.
Nun also beherbergte sie jene
geheimnisvollen Fremden. Sie betrachtete den weiterhin kauenden
Mann unauffällig. Einen ausgehungertem Tier gleich hatte er die
Hälfte der Teilchen in sich hinein geschlungen. Und obwohl er
wirkte als könne er noch weitere vertragen, so rührte er keines
der verbleibenden Gebäcke an.
Sie können gerne mehr essen. In der
Küche ist noch ein ganzes Blech voll. Machen Sie sich keine
Sorgen, Ihre Mrs. bekommen wir auch noch satt, wenn sie aus ihrem
Dornröschenschlaf erwacht. Leise lachte die alte Frau in
sich hinein und doch konnte sie Davids Achtung und Sorge um seine
Frau nur bewundern. Auch wenn sie nicht wusste, wer diese beiden
Menschen verfolgte oder vor was genau sie auf der Flucht waren,
so erkannte sie eine Emotion, die trotz aller Sorgen, Nöte und
Probleme, die sie zu überschatten schienen, hervorragte. Der
Sonne gleich die Weiten des Horizontes beherrschte. Es war Liebe.
*****
Schlaftrunken richtete sich Dana Scully auf.
Verwirrt nahm sie das fremde Bett, in dem sie lag, wahr. Das in
trübe Dunkelheit getauchte Zimmer gab ihr keinerlei
Anhaltspunkte, wo sie sich befand, doch ein tief verankertes
Gefühl der Vertrautheit nahm von ihr Besitz, durchflutete sie
beruhigend. Suchend streifte ihr Blick durch den Raum. Die
Vorhänge waren zurückgezogen, so dass das fahle Licht des
Mondes schimmernd durch die Scheiben drang. Dunkle Schatten
tanzten auf dem Boden, spiegelten den Wind, der mit den Ästen
eines riesigen Baumes direkt vor dem Fenster spielte, wieder.
Dann entdeckte sie ihn. Reglos stand er mit dem Rücken zu Dana
da, sein Blick ging starr in die Nacht hinaus. Seine Arme hingen
schlaff an den Seiten herunter, einzig die leicht geballten
Fäuste gaben Ausschluss, dass Fox William Mulder keineswegs
entspannt war. Seine hagere Gestalt verschmolz beinahe mit dem
dunklen Raum. Bei seinem Anblick huschte ein zartes Lächeln
über Scullys Lippen. Da stand er, ihr Fels in der Brandung, die
wichtigste Konstante in ihrem Leben, der sie jeden Tag erneut
dazu brachte nicht aufzugeben, sondern weiterzukämpfen, für
ihn. Unwillkürlich entwich ein leises Seufzen ihren Lippen,
lenkte die Aufmerksamkeit des Mannes augenblicklich auf sie.
Sofort drehte sich sein Kopf in ihre Richtung.
Mit einer beschwichtigenden Geste hielt sie
Mulder an dort stehen zu bleiben, während sie sich langsam vom
Bett erhob und hinter ihren Partner trat. Halt suchend
umschlossen ihre Arme seine Taille. Ihre Hände vergruben sich in
den Stoff seines neuen Pullovers, während sie ihre Wange gegen
seine Schultern presste und seinen Duft inhalierte. Ein Geruch,
den sie liebte und auch überall wieder erkennen würde. Still
stand er einfach nur da, respektiere ihre Bedürfnisse, ohne
diese zu hinterfragen. Danas Wärme, die von seinem Rücken
ausging, breitete sich rasend schnell in seinem gesamten Körper
aus, erfasste jeden Nerv und jede Pore. Die Zeit verlor an
Bedeutung, hielt inne und schenkte ihnen jenen kostbaren Moment.
Einen Augenblick, der scheinbar die Ausmaße der Ewigkeit
erreichte und sich darüber hinaus auszudehnen schien.
Das leichte Heben ihres Kopfes brachte die
Wirklichkeit zurück.
Sind wir noch bei Beth? Danas
Stimme war leise, verlor sich im Stoff seines Pullovers.
Ja, sie hat sich nahezu überschlagen
uns Asyl zu gewähren, setzte er seine Partnerin in
Kenntnis. Mit diesen Worten zog er seine Arme aus ihrer
Umklammerung heraus. Sofort fanden seine Finger die ihren,
streichelten die zarte Haut ihrer Hände.
Beth hat sich im Dorf umgehört.
Augenzeugen zufolge sind unsere Verfolger relativ schnell
verschwunden, haben nicht einmal die Umstehenden befragt. Sie
scheinen davon auszugehen, dass wir tot sind. Hoffnung
schwang in seinen Worten mit, Hoffnung diese Odyssee endlich
beenden zu können, nach all den Jahren endlich das erste Mal
einen sicheren Hafen in Sicht zu haben. Beide wussten, dass diese
Situation keineswegs ausgestanden war, sie immer noch Gefahr
liefen gefunden und enttarnt zu werden. Doch schienen sie
plötzlich Hoffnung zu haben und endlich genügend Luft, um
wieder frei atmen zu können.
Und mit dieser Erkenntnis fiel der Schleier
von Danas Augen, der so lange schon ihre Sicht eingeengt hatte
und die Brutalität dieses Anblickes ließ die junge Frau laut
aufschluchzen. Ein Meer aus Scherben und Tränen erstreckte sie
vor ihr. Immer fester klammerte sie sich an den Mann, der ihre
einzige Rettung war, während die Welle aus Emotionen sie
überrollte, mit sich in die Tiefe zerren wollte. Verzweifelte
Tränen schossen in ihre Augen, strömten Scullys Wangen hinunter
und benässten den warmen Stoff an ihrer Wange, dessen Trost sie
suchte, jedoch nicht wirklich finden konnte. Unzählige Bilder
reihten sich vor ihrem inneren Auge aneinander, liefen schnell
und verwirrend vor ihr ab, brachten schreckliche Erinnerungen,
Angst, Trauer und Verlust mit sich. Doch eines dieser Bilder
wurde immer schärfer, erschien in immer enger werdenden
Abständen, brannte sich heiß in ihr Hirn. Ein kleines,
pausbäckiges Gesicht, blaue, sie anstrahlende Augen, ein kleiner
lachender und zahnloser Mund.
Ein einziges Wort bahnte sich seinen Weg
ihre Kehle hinauf. Laut stieß Dana einen spitzen Schrei aus,
fasste all ihre Schmerzen in einen einzigen Namen.
William!, herzzerreißendes
Schluchzen verschnürte ihre Kehle, raubte Scully fast den Atem.
Was habe ich getan, Mulder? Ich habe
unser Baby weggeben!
Dana merkte nicht einmal, wie sie sanft
umgedreht wurde, in seinen schützenden und Trost spendenden
Armen eingeschlossen wurde, zu stark brannte der Verlust ihres
Kindes in ihrem Herzen. Kraftlos gaben ihre Knie nach, ließen
ihren schlaffen Leib gegen Mulder sinken. Einzig seine starken
Arme hinderten sie daran zu Boden zu stürzen. Auch dass ihr
zitternder Körper zum nahe liegenden Bett getragen wurde, nahm
die verzweifelte Frau nicht wahr. Genauso wenig drangen die
zahllosen, beruhigenden Worte, die Versicherung, dass es nicht
ihre Schuld war, zu ihr durch. Einzig Mulders Umarmung, sein sie
umspülender Duft rette sie davor in den aufschäumenden und
hohen Wellen, die an ihr zerrten und rissen, zu ertrinken.
Mulder spürte wie hilflos er war, die
Schmerzen, die Danas zitternden Leib überrollten, nicht
vertreiben konnte. Nur seine Hände, die beruhigend über den
Rücken der schluchzenden Frau glitten, vermochten es ein wenig
Trost und Beistand zu spenden. Auch wenn sein zum Psychologen
ausgebildetes Selbst wusste, dass ein derartiger Zusammenbruch
letztendlich nur eine Frage der Zeit gewesen war, so machte ihn
die Hilflosigkeit, die er nun empfand, schier wahnsinnig. Er war
in der Lage sich gegen gefährlichen Serientätern, Verschwörern
gegen die Menschheit und instinktgetriebenen Monstern zur Wehr zu
setzten, doch gegen die Dämonen, die Danas Innerstes gerade zu
zerfressen schienen, war er machtlos. Eine ohnmächtige Wut
machte sich in ihm breit. Scully leiden zu sehen schmerzte ihn
mehr als selbst ihre Qualen auszustehen. Ihr hilfloses Schluchzen
erfüllte den Raum, hin und wieder durch leise, besänftigende
Worte gedämpft. Die nicht abebben wollende Tränenflut hatte die
Wolle am Kragen seines Pullovers durchnässt, ließen ein klammes
Gefühl auf seiner Haut zurück, während ihre Hände sich Halt
suchend in seine Schultern gebohrt hatten. Der Schmerz, den ihre
scharfen Fingernägel verursachten, störte ihn nicht, vielmehr
hieß er ihn bereitwillig willkommen.
Langsam ließ das Schluchzen nach, ihr
Körper entspannte sich in seinen Armen. Mulder fragte sich, ob
sie vielleicht eingeschlafen war. Doch leise Worte, die die
Stille um sie durchbrachen, bewies das Gegenteil.
Hasst du mich jetzt?
Erschrocken schob er ihren Kopf ein Stück
nach hinten, um Dana ansehen zu können. Aus roten und verweinten
Augen blinzelte sie ihn unsicher an, doch sie wandte sich nicht
ab.
Dich hassen? Wie kommst du denn
darauf. Ich könnte dich niemals hassen, erwiderte er in
ruhigen Worten, sah seiner Partnerin dabei liebevoll in die
blauen Augen.
Aber ich habe dich verraten. Ich habe
unser Kind weggeben, wegen dem du uns letztlich verlassen hast,
damit es sicher ist. Und ich... Sie brach ab, als sich
erneut Tränen ihren Weg nach oben kämpften. Mühsam blinzelte
sie die Nässe fort, nicht gewillt ihren Emotionen erneut die
Oberhand zu geben.
Ja, du hast William zur Adoption frei
gegeben, doch damit hast du ihm sein Leben gerettet. Ich weiß
wie sehr es schmerzt. Er unterbrach sich kurz, zog ihre
kleinere Hand in die seine, dann fuhr er fort: Aber ich bin
überzeugt, dass es ihm, egal wo er sich jetzt befindet, gut
geht. Er wird ganz unbehelligt aufwachsen können, wird ein ganz
normaler kleiner Junge sein. Und egal, wie gerne ich unser Baby
bei uns haben möchte, so könnten wir ihm jetzt - auf der Flucht
- nicht das bieten, was er braucht.
Dana wusste, dass er Recht hatte, doch
konnte sie die nagende Stimme, die aus ihrem Unterbewusstsein zu
ihr vordrang, nicht ignorieren. <Was ist, wenn es ihm nicht
gut geht?>
Sie schüttelte diesen Gedanken ab, barg
ihren Kopf abermals in seiner Halsbeuge, zog seinen Duft tief in
sich ein, schöpfte Kraft daraus. Und doch breitete sich diese
alles verschlingende Leere zusehends in ihr aus, riss sie immer
tiefer dem Abgrund entgegen.
Ich falle und ich falle, einer großen
Schwärze entgegen, die mich immer tiefer in sich einsaugt,
flüsterte sie gegen seine Haut, sehnte sich danach von ihm
gerettete, aufgefangen zu werden.
Ich fühle mich so leer, Mulder. Tot.
Sie spürte, wie sich seine rechte Hand von
ihrem Rücken löste, zärtlich durch ihr Haar strich, um dann
über ihre Wange zu fahren.
Lass dich fallen, ich werde dich
auffangen. Ich werde immer da sein, um dich aufzufangen,
flüsterte Mulder die Worte, nach denen sie sich am meisten
sehnte. Sie waren ein Versprechen, eine Zuversicht, der sie gerne
Glauben schenken wollte. Sie gaben ihr die Kraft, die sie selbst
nicht aufzubringen vermochte.
Unsicher hob Dana ihren Kopf, lehnte sich
dann zu ihm, um ihre Stirn gegen seine ruhen zu lassen. Ihre
Nasenspitzen berührten sich.
Ich möchte mich lebendig fühlen,
bitte, hilf mir mich lebendig zu fühlen.
Fordernd fanden Scullys Lippen die seinen,
lösten ein loderndes Feuer in ihrem Innersten aus. Auch wenn sie
seine Zurückweisung fürchtete, so trieb ihre Verzweiflung sie
voran, veranlasst sie dazu ihren Körper eng an seinen zu
pressen, seine Wärme zu absorbieren, seine Lippen zu schmecken.
Sie nahm seine Überraschung deutlich wahr, merkte aber, als er
seinen Mund einen Spalt öffnete, ihrer suchenden Zunge Einlass
gewährte, dass er verstand, warum sie ihn jetzt brauchte. Seine
Energie und Lebenskraft schien in sie zu strömen, sich in ihrem
Leib auszubreiten.
Dieser Kuss war so überwältigend und doch
gleichsam elementar. Begehrlich duellierte Danas Zunge die ihres
Partners, neckte und forderte ihn heraus. Was mit einem Spiel
begann, schlug rasch in Leidenschaft über, die sich immer mehr
ausbreitete, sie beide ergriff und ausfüllte, den Schlag ihrer
Herzen erhöhte. Feingliedrige Frauenhände vergruben sich in
dichtes, braunes Haar. Danas Lippen zitterten leicht, was Fox
dazu veranlasste behutsam an ihrer Unterlippe zu knabbern und
somit das Feuer, das lodernd in ihm brannte, auf sie zu
übertragen, ihren zarten Körper in seinen Armen zum Beben
brachte. Sauerstoffarmut zwang sie, ihre Lippen voneinander zu
trennen und mit hastigen Atemzügen wieder Luft in ihre Lungen zu
pressen. Tief sah Mulder ihr in die Augen, versuchte den Kern
jener Seelenfenster zu ergründen und erkannte dort ein
Aufflackern von Verlangen und Liebe, aber auch Hilflosigkeit.
Langsam richtete er sich auf, stütze seinen Oberkörper auf
seinem Ellebogen ab um dann zärtlich mit den Fingern seiner
anderen Hand über Scullys sinnliche und von ihren Küssen
geschwollene Lippen zu fahren.
Ich möchte, dass du nur noch fühlst,
deinen brillanten Verstand abschaltest und dich fallen lässt.
Kannst du das, Dana? Vertraust du mir?, sanft forderte
seine Stimme ihre Kapitulation in eine einzig für sie
geschaffene Illusion der Schwerelosigkeit, die sich einem
seidigen Schleier gleich über ihnen ausbreitete. Er schloss sie
ein, verbannte die Wirklichkeit und alles, was Dana belastete,
hüllte sie schützend ein. Abermals trafen sich ihre Lippen zu
einem sinnlichen Kuss, der ihre Körper erbeben ließ und doch so
viel mehr verhieß. Er spiegelte nicht nur ein brennendes
Verlangen wieder, nein, er symbolisierte gleichermaßen ihre
bedingungslose und einzigartige Liebe. Worte wurden
überflüssig, konnten nicht verbalisieren, was ihre Körper zu
sprechen im Stande waren. Bestimmend rollte Fox Mulder seine
Partnerin auf ihren Rücken. Noch bevor diese seine Nähe
vermissen konnte, stillte er ihren stummen Protest mit einem
weiteren, verlangenden Kuss. Wild spielten ihre Zungen
miteinander, vollzogen einen Tanz der Leidenschaft, steigerte
ihre Erregung ins Unermessliche, ohne dass einer von ihnen
überhaupt nur ein Kleidungsstück abgelegt hatte.
Während der Kuss andauerte, sich noch
weiter intensivierte, spürte Dana, dass sie mehr brauchte, seine
nackte Haut auf ihrer spüren wollte. Ungeduldig schoben sich
ihre Hände unter seinen Pullover, zogen das T-Shirt aus dem Bund
der Hose und konnten endlich IHN fühlen, keine hinderlichen
Schichten aus Kleidung. Forschend fuhren ihre Finger in
federleichten Berührungen über Mulders Rücken, hinterließen
eine brennend heiße Spur. Als sich nun Danas wund geküsster
Mund von seinem trennte, war es an Fox zu protestieren. Doch der
Laut, der sich seine Kehle hinauf bahnte, verwandelte sich in ein
heiseres Stöhnen, als ihr Zunge neckend über seine Wange fuhr,
seinen Hals hinunter glitt, um an seinem Adamsapfel zu saugen.
Genießerisch schloss er die Augen, schob seinen Kopf nach
hinten, um Dana soviel Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
Bestimmt strichen ihre Finger seine nackten Seiten entlang,
lösten einen angenehmen Schauder aus, der seinen gesamten Leib
erfasste. Zielstrebig wanderten Scullys Hände über seinen
Bauch, fuhren zärtlich zu seiner Brust hinauf. Das stetige
Streicheln ihrer Zunge an seinem Hals, ihre Liebkosung, steigerte
sein Verlangen für die Frau, die für ihn die Welt bedeutete ins
Unermessliche, sofern dies überhaupt noch möglich war. Er
verzehrte sich nach ihr, wollte sie spüren und berühren, ihre
süße Haut schmecken, sie kosten und verinnerlichen. Er wollte
sie zum stöhnen und erzittern bringen, wollte ihren Körper
sehen, wie er sich hilflos und verlangend unter ihm wand, der
Ekstase, die nur er ihr bringen konnte, entgegenbäumte, seinen
Namen auf ihren sinnlichen Lippen.
Dem Verlangen - Danas nackte Haut zu spüren
- nachgebend, gruben sich Mulders Hände unter ihren dünnen
Pullover. Sanft glitten seine Finger über die zarte, samtweiche
Haut, liebkosten sie. Ein kehliges Stöhnen entfuhr seiner
Partnerin, veranlasste Fox, den störenden Stoff gänzlich über
ihren Kopf zu ziehen und entblößte so den zarten schwarzen BH,
der einen starken Kontrast zu ihrer alabasterfarbenen Haut
darstellte. Scullys Brustkorb hob und senkte sich in einem
schnellen Rhythmus, der beinahe elektrisierend auf Mulder wirkte,
ihnen veranschaulichte, dass sie am Leben waren, wie lebendig sie
einander fühlen ließen. Bewundernd glitt sein Blick über die
Frau, die halb unter ihm lag, über ihre kleine, jedoch volle
Brust, verborgen unter schwarzer Seide. Dann wanderte sein
Augenmerk ihre Seiten hinab, blieb auf der schmalen Taille
hängen. Prüfend umschlossen seine Finger diese Stelle ihres
Körpers, lieferten Beweis, wie zierlich und schmal ihr Leib doch
war. Mit einem gewissen Glitzern in den Augen senkte Mulder
seinen Kopf, um dann mit seiner Zunge ihren Bauchnabel zu
umkreisen. Unter seinen Händen spürte er, wie Dana ihre
Bauchmuskeln anspannte in dem Versuch, ein Lachen zu
unterdrücken. Als dann jedoch seine feuchte Zunge direkt in
ihren Bauchnabel glitt, dort einen erotischen und
verheißungsvollen Tanz vollzog, verflog jede Spur von Humor,
riss die ehemalige Agentin zu einem erneuten, heiseren
Aufstöhnen hin. Während seine Zunge weiterhin ihren Nabel
erkundete, machten sich seine Hände am BH zu schaffen. Es
handelte sich um einen Vorderverschluss, wie er dankbar
feststellte. Geschickt öffnete er das Kleidungsstück, welches
sofort auseinander fiel und Danas Busen frei gab.
Sofort fanden Mulders Finger die zarte Haut
ihrer Brüste, strichen darüber, umfassten sie sanft, um das
Gewicht zu testen, jedoch ignorierte er die Brustwarzen, die sich
sichtbar immer mehr verhärteten. Verlangend bäumte Scully sich
auf als wolle sie ihre Brust anpreisen, presste sich förmlich in
seine Hände. Dann endlich gab er ihrer Forderung nach, fuhr
zuerst federleicht über die kleinen, scheinbar sich ihm
entgegenstreckenden Brustwarzen. Dana warf den Kopf zurück,
wölbte ihren Leib abermals gegen seinen Körper. Zögerlich
löste sich Mulders Mund von Scullys Bauchnabel, wanderte
erkundend ihren flachen Bauch hinauf. An der Schusswunde hielt er
inne, bedeckte die Narbe mit zarten und federleichten Küssen.
Eine feuchte Spur hinterlassend, gelangten seine Lippen endlich
an die Rundungen ihrer Brüste. Kreise von außen nach innen
ziehend, erkundete sein Mund jede Faser ihres Busens. Dana, die
ihre Hände bisher in seinen dunklen Haaren vergraben hatte,
ließ die Fingerspitzen seinen Hals hinab fahren, seinen Rücken
hinunter, um dann auf seine Brust zu wandern und hinab zu Mulders
Lenden zu gleiten. Sein Becken gegen ihres reibend, fingen seine
Zähne damit an sanft an Scullys linker Brustwarze zu knabbern.
Den wohligen Schauer, der ihren gesamten Körper erbeben ließ,
nahm er ebenso selbstzufrieden wahr wie den kleinen, beinahe
gurrenden Laut, der ihre Kehle verließ.
Mit fliegenden Fingern löste Dana die
Gürtelschnalle, dann öffnete sie ungeduldig die Knopfleiste
seiner engen Jeans. Der nachgebende Stoff ließ Mulder wohlig
seufzen, hatte seine Erektion beinahe schmerzhaft gegen seine
Hose gepresst. Um Scully zu zeigen wie sehr sie ihn erregte, was
für ein Verlangen sie in ihm entfacht hatte, stieß er seinen
Unterleib gegen ihren Bauch. Ein lautes Stöhnen hallte im Raum
wieder. Keiner der Liebenden vermochte zu sagen, wer diesen Laut
ausgestoßen hatte.
Gierig saugten seine Lippen an Danas Brust
und seine Hände glitten ihre Taille hinab, um sie ebenfalls aus
ihrer Hose zu befreien. Auch sie war geschäftig an seiner Jeans
zugange und bereitwillig gab er ihrer stummen Aufforderung, sein
Becken etwas zu heben, nach. Effizient zog Scully die Hose
mitsamt den Boxershorts über seine Hüften, die Beine hinunter.
Kickend entfernte er den Stoff, spürte wie seine nackten Beine
unangenehm gegen den harten Stoff ihrer neuen Jeans rieben.
Leicht richtete sich Fox auf, ließ ihre Brustwarze mit einem
leisen Geräusch zwischen seinen Zähnen hindurchschnellen, was
Dana zu einem protestierenden Brummen veranlasste. In der
Bemühung seine Partnerin ebenfalls auszuziehen pellte er ihren
zierlichen Leib aus der Hose, ebenfalls den Slip mit hinunter
ziehend. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht
aus, als er seinen Blick anerkennend über den nackten Körper,
der vor ihm auf dem Bett lag, gleiten ließ.
Du bist wunderschön, hauchte er
beinahe ehrfürchtig, ihre schmalen Schultern, die starken Arme
und feingliedrigen Hände und Finger bewundernd. Sein Blick
wanderte weiter, blieb kurz auf den sinnlichen, vollen
Brüste hängen, die er kurz zuvor noch geküsst und liebkost
hatte. Anerkennend blickte er dann auf ihren flachen, femininen
Bauch, die erregend schmale Taille und das leicht ausgestellte
Becken Die zarten, roten Locken zwischen den blassen
Schenkeln zogen sein Augenmerk magisch auf sich. Diesen Anblick
vor sich genießend, nahm er die schön geformten Beine, die
zierlichen Füße mit den für ihn winzig kleinen Zehen wahr. Das
Wort wunderschön schien der Frau, die vertrauensvoll lächelnd
vor ihm lag, kaum gerecht werden zu können. Und egal wie
wortgewandt der Ex-Agent war, so konnte er keine bessere
Umschreibung als perfekt für Dana Scully finden.
Amüsiert stützte sich Dana auf ihre
Ellbogen, ließ seine stumme Bewunderung jedoch bereitwillig
über sich ergehen. Dann jedoch drängte das Verlangen, das so
tief in ihr brannte, an die Oberfläche, veranlasste sie nach
ihrem Partner zu greifen, ihn zu sich hinab zu ziehen. Ihre
Lippen trafen sich, als sich Mulder und Scully abermals einem
sinnlichen und alles verschlingenden Kuss hingaben, das Gefühl,
welches der Haut auf Haut Körperkontakt ihnen gab, voll
auskosteten.
Einzig sie beide zählten jetzt, vergessen
war ihre Flucht, all die Ängste, die bereits viel zu lange ihre
Herzen fest umklammert hielten. Übrig blieb das wunderbare
Gefühl die nackte Haut des anderen am eigenen Körper zu
spüren, das Privileg die schnelle Atmung des Partners zu hören
und das Wissen für diese Erregung der Auslöser zu sein. Ihr
leidenschaftlicher Kuss intensivierte sich, sofern dies
überhaupt möglich war. Fox streckte sich über Dana aus, wollte
jeden Millimeter ihrer samtweichen Haut mit seiner bedecken.
Dieser Kontakt war elektrisierend, löste ein wohliges Kribbeln
aus. Immer mehr vertieften sie sich in diese Lippenbekenntnis bis
letztendlich Sauerstoffmangel sie voneinander löste. Scullys
Hände wanderten liebkosend seinen Rücken hinunter. Ihre
manikürten Fingernägel, die leichten Druck auf Mulders Fleisch
auslösten, brachten ein erregtes Beben hervor, das ihn dazu
veranlasste sein Becken fordernd gegen ihres zu reiben. Beide
Partner stöhnten auf, gaben sich völlig ihrer Liebe hin und
hielten sich nicht zurück ihrem Verlangen Ausdruck zu verleihen.
Und während Danas Finger die Muskeln seines Pos kneteten,
hauchte sie atemlos:
Ich möchte dich spüren, Fox Mulder,
einen Moment zögerte sie, dann jedoch gestand sie ihm und auch
sich selbst ein: Ich brauche dich.
Zärtlich brachte Mulder seine Lippen zu
ihren zurück, knabberte kurz an ihrer Unterlippe bevor er seinen
Kopf ein Stück hob, um Scully direkt in die blauen Augen blicken
zu können.
Ich brauche dich auch. Ohne dich wäre
ich verloren, beteuerte er mit einer Ernsthaftigkeit, die
nicht nur ihn erstaunte. Und egal wie oft du schon für
mich da gewesen bist, nicht nur mein Leben, sondern auch meine
Seele gerettet hast, so ist es nun an der Zeit, dass du dich
gehen lässt, dass du nicht nur weißt, dass ich dich niemals
fallen lassen werde, sondern es auch spürst. Ich liebe dich.
Während seiner bewegenden Worte bedeckte er Danas Gesicht mit
federleichten Schmetterlingsküssen, als könne er den Gedanken
auch nur eine Sekunde von ihr abzulassen nicht ertragen. In jeder
anderen Situation hätte diese kurze Rede Scully wohl die Tränen
der Rührung in die Augen getrieben, doch war sie viel zu erregt
und ihr Körper stand viel zu sehr unter Strom, um diesen
Emotionen nachzugeben. Das Verlangen, welches sie beherrschte,
war überwältigend, die Hitze, die durch ihren Körper jagte,
sich zwischen den Schenkeln sammelte, machte sie schier
verrückt. Verrückt nach Fox Mulder, seinen Berührungen und
Liebkosungen. Sie wollte nicht länger warten, wollte den Mann,
der ihr Rettungsanker, die Liebe ihres Lebens war, in sich
spüren.
Bitte, war alles, was ihr vor
Lust umnebeltes Hirn verbalisieren konnte.
Zufrieden nahm Fox ihre zufallenden Lider
und damit Danas Resignation wahr. Ihr Körper bäumte sich auf,
presste verlangend gegen ihn, während ihre Hände sich abermals
auf Wanderschaft begaben. Bestimmt fuhren Scullys feingliedrige
Finger zwischen ihre Leiber, glitten seinen Bauch hinab, spielten
dort mit den kurzen Härchen bevor sie endlich ihr Ziel fanden.
Laut stöhnte Mulder auf, als Dana seinen Penis erreichte, ihre
kleine Faust darum schloss und zärtlich seine Länge hinauf und
dann wieder hinunter strich. Unwillkürlich spannte Fox seinen
Körper an, brachte alle Selbstbeherrschung auf, um diese
sinnliche Seance nicht vorzeitig zu unterbrechen, indem er in
ihrer Hand kam. Ein animalisches Brummen drang aus seiner Kehler,
veranlasste Dana ihre Bewegung nur noch zu beschleunigen. Kurze
Zeit später hatte Mulder das Gefühl dieser süßen Qual nicht
länger standhalten zu können und somit löste er sanft aber
bestimmt ihre Finger von seiner Erektion.
Jetzt
Dana, keuchte er in
dem Versuch sein Dilemma zu beenden.
Sofort merkte er, dass Scully unter ihm ihre
Beine leicht spreizte, während ihre Hand ihn in ihren Eingang
dirigierte. Behutsam drang er in sie ein, spürte wie ihre engen
Wände ihn umschlossen, was beiden ein kehliges Stöhnen
entlockte. Gab es ein schöneres Gefühl als dieses?
Einige Sekunden, die sich zu Stunden
auszudehnen schienen, hielt er inne, genoss ihre Nähe und das
einfache Privileg mit Dana auf diese Weise intim sein zu können.
Sein Augenmerk wanderte auf ihr Gesicht. Danas geschlossene
Augenlider flackerten kurz, die feinen Zügel wirkten angespannt,
aber zugleich hatte sich ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen
gelegt. Dann aber öffneten sich die Lider und ihre Blicke trafen
sich. Die azurblauen Augen der jungen Frau waren dunkel
verhangen, leuchteten in einem so intensiven Blau wie nur Mulder
es heraufbeschwören konnte. Langsam senkte er seinen Kopf,
steuerte ihre Lippen an, unterbrach den Blickkontakt dabei jedoch
nicht. Scullys geschwollene Lippen öffneten sich augenblicklich,
gaben seiner Forderung um Einlass bereitwillig nach. Spielerisch
neckte seine Zunge die ihre, zog sich bei jedem ihrer
Gegenangriffe schnell wieder zurück und steigerte so ihr
Verlangen ins Unermessliche.
Frustration machte sich in Dana breit. Jede
Zelle ihres Körpers war völlig angespannt. Sie sehnte sich die
Erlösung herbei, die nur Fox ihr bringen konnte. Fordernd
bäumte sie sich auf, presste ihr Becken an seines, was Mulder
nur noch tiefer in sie eindringen ließ. Ein lautes Stöhnen
erfüllte den Raum.
Brauchst du eine Einladung?,
brachte Scully atemlos und ungeduldig hervor. Ein breites Grinsen
legte sich auf Mulders Lippen. Sanft knabberten seine Zähne an
Danas Nacken.
Ich wollte nur den Moment voll
auskosten, gab er ihr zwischen einzelnen Liebkosungen zu
verstehen. Bereitwillig schob Scully den Kopf zur Seite, um ihrem
Partner so viel Angriffsfläche wie nur möglich zu geben.
Zugleich hob sie abermals ihr Becken an.
Was sind wir heute ungeduldig, Mrs. ODonell?!,
zog Mulder Scully auf. Diese ließ zischend die Luft aus ihren
Lungen entweichen.
Ich schwören, wenn Mr. ODonell
nicht gleich seinen knackigen Hintern bewegt, werde ich mich
gezwungen sehen von meiner Schusswaffe gebrauch zu machen,
drohte Scully mit gespielter Ernsthaftigkeit. Sie konnte sein
Gesicht nicht sehen, weil sich Mulders Lippen an ihren Brüsten
zu schaffen machten. Doch der zunehmende Druck an ihren
Brustwarzen war Antwort genug. Kurz blickte Fox zu ihr auf.
Knackiger Hintern?, fragte er
mit einem schelmischen Grinsen.
Noch bevor Dana zu einer Erwiderung ansetzen
konnte, zog sich Mulder aus ihr zurück, um dann wenig später
wieder in sie einzudringen. Scully bäumte sich ihm entgegen,
passte sich seinen Stößen an. Ihre Finger gruben sich in das
Fleisch seines Pos, während er das Tempo ihres Liebesspieles
unablässig beschleunigte. Heiseres Stöhnen und das Geräusch
nackter, aufeinander reibender Haut hüllte den Raum ein. Immer
schneller drang er in sie ein, verflogen waren all die
Neckereien. Pure Leidenschaft trieb sie an, der Wunsch die
Erlösung im anderen zu finden. Ihre Münder trafen sich, heiß
und hungrig. In diesem Moment schien die Zeit auszusetzen und die
Erde hörte auf sich zu drehen.
Ein wohliges Kribbeln kroch über Danas
Leib, durchflutete ihren Körper, zentrierte sich zwischen ihren
Schenkeln. Jeder Stoß Mulders traf ihre Klitoris, brachte sie
dem Höhepunkt entgegen. Der Geschwindigkeit seines Eindringens
und seinem angespannten Gesichtszügen zufolge, war auch Mulder
nicht mehr weit von seinem Orgasmus entfernt. Scully schlang ihre
Beine fest um den Körper ihres Liebhabers, ermöglichte ihm so
ein noch tieferes Eindringen. Ein gewaltiges Prickeln
überflutete ihren Leib, erfasste jeden Nerv und jede Pore. Eine
scheinbare Schwerelosigkeit breitete sich über ihr aus.
Sämtliche Muskeln zogen sich zusammen, trugen Dana auf der Welle
der Ekstase davon. Für Mulder, der Scullys Körper unter seinem
erbeben und erzittern spürte, gab es kein Halten mehr. Die
Anspannung ihrer Scheidenmuskulatur raubte Fox die letzte
Selbstbeherrschung, trieb auch ihn dem Abgrund entgegen.
Dana, brachte er mühsam hervor,
während die Wucht seines Orgasmus auch seinen Körper
schüttelte. Kraftlos sank er in Scullys Arme.
Regungslos lagen sie im Bett, kosteten jenen
Augenblick voll aus, sicher und geborgen in den Armen des
Anderen.
Ich liebe dich, durchbrach Dana
die Stille. Ein verstohlenes Lächeln zauberte sich auf Mulders
Gesicht. Auch wenn er wusste, dass post-koitale
Liebeserklärungen oft nur belanglose Worte einer momentanen
Leidenschaft waren, so bedeuteten diese drei Worte aus dem Munde
von Dana Scully doch die Welt. Sanft küsste er die geschwollen
und geröteten Lippen seiner Frau.
Ich weiß, ich liebe dich auch.
Vorsichtig rollte er sich zur Seite, ließ
Dana aber keinesfalls los, zog sie noch näher an sich heran.
Tief atmete er durch, inhalierte den unverkennbaren Geruch, den
Dana Scully ausmachte, in sich ein. Ein Hauch von Sex hing in der
Luft, lieferte Beweis für ihre Liebe. Ein lautes Grummeln riss
Mulder jedoch aus seinen Gedanken. Zuerst wusste er nicht, wo er
dieses Geräusch zuordnen sollte. Doch das abermalige Grummeln
ließ ihn auflachen.
Er senkte seinen Kopf, ließ ihn direkt auf
Danas Bauch ruhen. Keine zehn Sekunden später vibrierte ihr
Körper leicht, während das eben bereits gehörte Geräusch
direkt an sein Ohr drang. Sanft fuhren seine Finger über den
Rippenbogen, der sich nur zu deutlich abzeichnete. Dana hingegen
lag nur still, beobachtete aber jede seiner Bewegungen mit
Agusaugen.
Es wird Zeit, dass wir Mrs. ODonell
füttern. Ein wenig mehr Fleisch auf den Rippen würde dir
sicherlich gut zu Gesicht stehen, neckte Mulder mit einem
Hauch Besorgnis. Nicht nur er hatte im Gefängnis viel Gewicht
verloren, auch Scully wirkte im Vergleich zu ihrem letzen
Treffen, als er noch ein freier Mann gewesen war, merklich
abgemagert. Und das lag nicht an der Tatsache, dass sie ein Kind
zur Welt gebracht hatte. Eine Welle von Schamgefühl rollte auf
ihn zu. Sie war verletzt, hatte noch vor einer halben Stunde kurz
vor einem Schock gestanden. Und er hatte darauf keinerlei
Rücksicht genommen. Seine Priorität hätte ihr Wohlergehen sein
müssen, nicht das Ausleben seiner Triebe. Dana, die seinen
Stimmungswechsel mehr spürte, als dass sie ihn auf seinem
versteinerten Gesicht wahrnahm, richtete sich augenblicklich auf.
Oh nein, Mister. Keine Schuldgefühle,
kein Bedauern, niemals, hörst du. Ich habe dich gebraucht. Und
du hast mir alles gegeben, ohne Vorbehalt, verkündete sie
ernst und mit Nachdruck. Mulder schluckte. Womit hatte er eine
Frau wie Dana Scully verdient? Zärtlich strich er über ihre
Wange, liebkoste die samtweiche Haut dort.
Du hast Recht, kein Bedauern, niemals.
Diese Worte untermalte er mit endlosen, federleichten Küssen auf
Danas Lippen.
Das wiederholte Knurren ihres Magens riss
sie auseinander, zauberte ein Lächeln auf Scullys Gesicht,
während Mulder lauthals loslachte.
Dein Magen gewährt keinen weiteren
Aufschub mehr, stellte er amüsiert fest, während er
bereits das Bett verließ, sich schnell seine Boxershorts, ein
T-Shirt und die Jeans wieder überzog. Seine Partnerin, die es
ihm gleichtun wollte, dirigierte er nur sanft zurück auf die
Matratze.
Nein, Beautiful, du bleibst hier. Ich
bin gleich mit den köstlichsten Hefeteilchen zurück, die du je
gegessen hast. Beth ist ein wahrer Glückstreffer. Ich glaube,
für sie ist unser Aufenthalt hier das reinste Abenteuer.
Ein letztes Mal trafen seine Lippen die
ihren. Nur mühsam konnte er sich losreißen. Alles in ihm
drängte abermals zu ihr zurück unter die Laken zu schlüpfen.
*****
Behutsam klopfte Mulder an die rustikale Küchentüre, hinter der
die verlockensten Düfte zu ihm hindurch stiegen. Ein resolutes
Kommen Sie nur herein erklang augenblicklich. Beherzt
drückte er die Klinke und stand kurz darauf in der alten, aber
gemütlich wirkenden Küche. Beth, gerade damit beschäftigt
zahlreiche Früchte zu schälen, wischte sich ihre Hände an der
Schürze, die sie um den Leib gebunden trug, ab und näherte sich
dann freundlich lächelnd ihrem Gast. Noch bevor Mulder sie
fragen konnte, warum Sie mitten in der Nacht hier stand und
Marmelade kochte, lieferte Beth bereits selbst die Antwort.
Mr. ODonell. Ist Ihre Mrs.
aufgewacht? Soll ich ihr eine Kleinigkeit zubereiten? Ich hoffe,
mein Herumwerkeln hat Sie nicht gestört, aber wissen Sie, ich
finde tagsüber einfach nicht die Zeit, Konfitüre zu machen,
also mache ich es in der Ruhe der Nacht. Wäre schade um all das
schöne Obst, war extra beim Großhändler dafür. Die
Wangen der alten Frau glühten förmlich, ob es wegen der Hitze
oder einfach nur aufgrund ihrer Übereifrigkeit war, konnte Fox
sich nicht erklären.
Ja, Gillian ist jetzt wach, gab
er Auskunft. Er war erleichtert, dass ihre Gastgeberin
offensichtlich nichts von ihren nächtlichen Aktivitäten, denen
sie noch kurz zuvor nachgegangen waren, mitbekommen hatte.
Sie wird hungrig sein. Ich
hätte Teilchen und Brot mit Aufstrich. Aber ich könnte auch
schnell ein Ei in die Pfanne hauen, gar kein Problem, bot
sie sofort an. Mulder lächelte verlegen, deutete dann auf die
Hefeteilchen, die in einem großen Korb auf dem Tisch standen.
Vielen Dank, Mrs. McKennith, ich
möchte Ihnen keine Mühe machen. Zudem habe ich meiner Frau
bereits von diesem köstlichen Gebäck vorgeschwärmt.
Aber Sie machen mir doch keine Mühe,
Sie sind meine Gäste. Die alte Frau trat an einen alten
und antik wirkenden Schrank, dessen dunkles Holz aufwendige
Verzierungen aufwies und nahm einen schönen Teller mit
Blumenmuster heraus. Diesen hielt sie Mulder auffordern entgegen.
Nehmen Sie sich soviel Sie wollen.
Etwas Obst vielleicht noch? Vitamine werden Ihrer Frau sicherlich
gut tun. Mit einer ausschweifenden Geste deutete sie auf
all das Obst, welches sie zur Marmeladengewinnung bereitgestellt
hatte. Äpfel, Erdbeeren, Himbeeren und unzählige andere
Früchte.
Mulder belud den Teller mit zahlreichen
Hefeteilchen, denn auch ihm lief bei diesem Anblick das Wasser
abermals im Mund zusammen. Zudem steuerte er noch einige Äpfel
und auch eine Hand voll Erdbeeren hinzu.
Hier, ich habe gerade frischen Tee
aufgesetzt, nehmen Sie den mit nach oben, überschlug sich
Beth nahezu. Auf ein Tablett stellte sie zwei Tassen, die
Teekanne und Zucker. Dann nahm sie Mulder den vollen Teller aus
der Hand, platzierte diesen ebenfalls auf das Tablett und
drückte dieses Mulder in die Hand. Lächelnd öffnete sie ihrem
Gast die Küchentüre.
Vielen Dank, wir wissen Ihre
Gastfreundschaft wirklich sehr zu schätzen, brachte Fox
verlegen hervor, während er vorsichtig das Tablett
ausbalancierte.
Ach, das ist doch selbstverständlich.
Aber bevor ich es vergesse: Ich bin morgen erst um zehn Uhr,
vielleicht auch erst um halb elf von meiner Runde zurück. Ich
hoffe, das ist Ihnen nicht zu spät, wegen dem Frühstück. Aber
sollten Sie früher auf sein, dann kommen Sie einfach hinunter
und bedienen Sie sich, ja?
Mulder verschlug die Freundlichkeit, die ihm
von dieser eigentlich völlig Fremden entgegenbrachte wurde,
schier die Sprache. Hart musste er schlucken, bevor er zu einer
Erwiderung ansetzen konnte.
Mrs. McKennith Das ist doch
alles nicht nötig. Ich... vielen Dank.
Bedanken Sie sich nicht ständig.
Sehen Sie lieber zu, dass Sie das Essen zu Ihrer Mrs. bringen.
Ein paar zusätzliche Pfund würden ihr bestimmt nicht schaden.
Ihnen übrigens auch nicht. Noch bevor Mulder zu einer
Entgegnung ansetzen konnte, schob Beth ihn die Treppe hinauf.
Kopfschüttelnd kehrte sie dann zu ihrer
Arbeit zurück. "Wirklich ein nettes Paar, diese ODonells",
stellte sie mit einem erheiterten Blitzen in den dunklen Augen
fest.
*****
Satt und zufrieden sank Dana gegen die geblümten Kissen auf dem
Bett. Sie trug nur ihre Unterwäsche und ein übergroßes
T-Shirt, das eigentlich Mulder gekauft hatte. Ihre Haare waren
ungekämmt, die Wangen leicht gerötet. Schon lange hatte sie
sich nicht mehr so gut gefühlt. Eine angenehme Wärme ging von
ihrem Bauch aus, durchflutete ihren Leib mit einem wohltuenden
Völlegefühl. Sie konnte es kaum glauben vier dieser
Köstlichkeiten gegessen zu haben. Auch Mulder ließ sich
gesättigt zurückfallen, brachte die Matratze somit kurz zum
Erbeben. Beide genossen die Stille, die sich beruhigend über sie
ausgebreitet hatte. Diese Unterbrechung ihrer Flucht gab ihnen
eine kostbare Verschnaufpause, die Möglichkeit wieder zu
Kräften zu kommen. Allzu schnell würde die kalte Realität sie
wieder einholen. Sie wussten, dass sie morgen wieder aufbrechen
würden, endlich Portwayn erreichen mussten, um an ihre Papiere
und Geld zu gelangen. Denn ohne Ausweise war eine Flucht nach
Kanada nahezu unmöglich. Doch diese Gedanken waren im Moment
unwichtig, wurden in einen kleinen und unbedeutenden Teil ihres
Bewusstseins verbannt. Morgen war früh genug sich darüber
Gedanken zu machen.
Seine Wärme suchend, rutschte Scully näher an ihren Partner
heran. Unaufgefordert öffnete dieser seine Arme, hüllte Dana
schützend darin ein, gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, wie nur
er es tun konnte. Sie spürte wie sie dem Schlaf entgegen trieb,
ihre Lider immer schwerer wurden und sie nicht mehr die Kraft
aufbringen konnte diese offen zu halten. Benommen spürte sie wie
Fox die Decke über ihre ruhenden Körper ausbreitete und dann
das Licht auf dem Nachttisch ausknipste. Mit dem Versprechen
einer Nachtruhe in einem sauberen, warmen Bett, hüllte eine
wohltuende Schwärze ihren Geist sanft ein. Den Kuss, den Fox
Mulder auf ihre Lippen hauchte, nahm sie schon nicht mehr wahr,
auch nicht seine leise gemurmelten Worte:
Schlaf gut, Liebes.
*****
Die warmen Strahlen der Vormittagssonne tanzten durch die Maschen
der Vorhänge hindurch, strichen zart über die Wangen des im
Bett liegenden Paares, küssten beide zärtlich wach. Die Sonne
hüllte den Raum in sanftes, goldgelbes Licht. Vogelgezwitscher
in hohen und fröhlichen Tönen erklang hinter der Scheibe,
neckte die Schlafenden als wollten sie die Menschen endlich zum
Aufstehen bewegen. Dann erfüllte ein herzhaftes Gähnen das
Zimmer. Dana brauchte einen Moment um zu kompensieren, wo sie
sich befand. Die Tage der Flucht hatten ihr jegliches Gefühl von
Heimat geraubt, ihr aber gleichermaßen die Zuflucht gegeben, die
sie zum Überleben brauchte: Mulder.
Langsam dämmerte ihr, dass sie sich noch bei Beth McKennith
befanden. Dann sickerte die Erkenntnis, ihre Verfolger vorläufig
abgehängt zu haben, zu der nun brünetten Frau durch. Ein
Hochgefühl, wie sie es lange nicht mehr erlebt hatte, stellte
sich ein, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen, das auch Fox
Mulder nicht entging.
Guten Morgen, Sonnenschein,
begrüßte er sie mit einem kurzen Kuss auf den Mund.
Freudig erwiderte sie seine Begrüßung,
kostete die Ruhe dieses Morgens voll und ganz aus. Nur
widerwillig trennten sich Minuten später ihre Lippen wieder.
Dir auch einen guten Morgen,
strahlte Dana zufrieden.
Leicht erschrocken mussten sie feststellen,
dass es bereits 10 Uhr war, sie wesentlich länger geschlafen
hatten als sie es annahm. Schnell machten sie sich fertig und
stiegen wenig später die knarrenden Treppen in die Wohnstube
hinab. Schon im Flur wurden sie von ihrer Gastgeberin freudig
begrüßt.
Sie haben ein hervorragendes Timing. Ich bin gerade
zurückgekommen. Sie müssen am verhungern sein. Kommen Sie nur
herein. Wollen Sie Kaffee oder Tee? Frische Milch kann ich Ihnen
selbstverständlich auch anbieten. Mit diesen Worten schob
sie das perplexe Paar in ihre Küche. Der Tisch war bereits
einladend gedeckt. Brot, Aufstrich, Konfitüre und Orangensaft.
Sofort machte sich Beth am Herd zu schaffen.
Pancakes? Ich habe ein hervorragendes
Rezept, noch von meiner Großmutter, die müssen Sie probieren.
Vielen Dank, aber das alles hier wäre
doch nicht nötig gewesen, brachte Scully verlegen hervor.
Mulder schwieg wohlweißlich. Ein verschmitztes Grinsen breite
sich auf seinem Gesicht aus, als Beth augenblicklich zu einer
Rede, die verdächtig der ähnelte, die er gestern Nacht bereits
gehört hatte, ansetzte.
Die frischen und herrlich duftenden Pancakes, die die alte Frau
kurz darauf an ihre Gäste reichte, nahm Scully ohne Widerworte
an. Mulder übergoss seinen Berg mit großen Mengen von
Ahornsirup, was ihm eine erhobene Augenbraue seiner Partnerin
einbrachte. Beth gesellte sich zu ihnen an den Tisch, bestrich
sich ein Brot mit Himbeermarmelade und richtete dann ihr
Augenmerk auf die zierliche Frau, die ihr gegenüber saß.
Sie sehen schon viel besser aus, Mrs.
ODonell. Einen feinen Ehemann haben Sie da. Er war krank
vor Sorge um Sie. Warmherzige Augen trafen Scullys und die
jüngere Frau erkannte ganz deutlich Aufrichtigkeit und
Freundlichkeit in ihnen. In gewisser Weise erinnerte sie diese
beherzte alte Dame an ihre Granny, die vor einem knappen
Jahrzehnt gestorben war.
Danke. Und ja, Sie haben Recht, ich kann mich glücklich
schätzen, M...meinen David zu haben.
Aye, lachte Beth nur. Dann wurde
sie ernst.
David sagte, dass Sie nur bis heute
bleiben werden. Nun, Züge fahren hier sehr selten, einen Bahnhof
haben wir gar nicht, nur einen einzigen Bahnsteig. Also, ich
könnte Sie in die nächste Stadt fahren, wenn Sie das wollen,
dort bekommen Sie sicherlich einen Wagen, bot sie
großzügig an. Das Problem mit ihrem explodierten Auto hatte
Dana auf Grund der Aufregung nicht wirklich registriert. Der Kauf
eines Gebrauchtwagens würde ihre spärliche Reisekasse
schmerzhaft schröpfen. Zudem kam kein seriöser Händler in
Frage, da sie ihre Ausweispapiere nicht vorzeigen konnten. Sie
hoffte nur, dass sie ohne weitere Zwischenfälle Portwayn
erreichen würden.
Das wäre wirklich sehr großzügig
von Ihnen, Mrs. McKennith. Natürlich werden wir für Ihre
Gastfreundschaft und das Fahren aufkommen, willigte Mulder
dankbar ein.
Hören Sie mir denn gar nicht zu?
Keinen Cent werden Sie mir bezahlen. Sie sind meine Gäste, und
es ist mir eine Ehre Ihnen zu helfen. Und jetzt möchte ich davon
nichts mehr hören, verstanden?!
Wenig später standen die Flüchtenden ein
wenig ratlos in dem kleinen Gästezimmer, welches ihnen in den
letzten Stunden Zuflucht geboten hatte. Die wenigen
Habseligkeiten, die sie mit Beths Hilfe aus dem Frack retten
konnten, befanden sich noch immer in den Tüten. Ihr letztes Geld
- weniger als 800 Dollar - trug Mulder bei sich. Seufzend sank
die nun dunkelhaarige Frau auf dem Bett nieder und leerte die
einzelnen Tüten, um einen genauen Überblick zu erhalten. Es
machte den Anschein als wären all ihre Einkäufe ausnahmslos
vorhanden. Dann aber legte sich ein Schleier tiefster Bestürzung
über Scullys blaue Augen.
Die Bilder, oh mein Gott, die Bilder
sind verbrannt. Deutlich war ihre Verzweiflung zu hören.
Das kleine Kartenhaus, das vielleicht endlich Sicherheit und
Freiheit bedeuten würde, drohte vor ihren Augen einzustürzen.
Die Hand, die sich auf ihre Schulter legte, schüttelte Dana mit
einer fahrigen Geste ab als würde sie eine Fliege verjagen
wollen.
Warum? Warum kämpfen wir einen Kampf,
der aussichtslos ist? Jedes neue Opfer zerstört uns immer mehr.
Ich... Bevor die Resignation ganz von ihr Besitz ergreifen
konnte, wurde die verzweifelte Frau sanft, jedoch mit Nachdruck,
zur Seite gedrückt, um direkt in die Augen Fox Mulders zu
blicken.
Nein, sie sind nicht verbrannt. Sie sind hier, bei mir. Ich
hatte sie die ganze Zeit. Vor ihren erstaunten Augen leerte
er seine Taschen, ließ Bilder, Geldscheine, einige Münzen und
eine zerknitterte Karte auf das Bett fallen. Binnen Sekunden
veränderte sich Scullys Gesichtsausdruck. Die Bestürzung, die
kurz zuvor noch klar erkennbar gewesen war, wich einem Lächeln,
das nicht nur ihr Gesicht erfüllte, sondern auch ihre Augen
erreichte, sie zum Strahlen brachte. Erleichterung durchströmte
sie, während sie ein dankbares Stoßgebet gen Himmel richtete.
Mulder!, war das einzige, was sie über ihre Lippen
brachte, bevor sie ihn umarmte.
Ich weiß wie dumm es ist wegen ein paar Bildern einen
derartigen Aufstand zu betreiben. Doch sie sind das Einzige, was
mir von meiner Familie geblieben ist, gestand sie später
mit dünner Stimme. Mulder Antwort war ein sanfter Kuss, der
keinerlei weiterer Erklärung bedurfte. Er verstand und fühlte
wie sie.
Wir haben mehr als nur die Bilder, Scully. Wir tragen
unsere Familie in unseren Herzen.
Dieser Moment wurde durch das Klopfen an der Tür unterbrochen.
Nur zögerlich trennten sie sich voneinander. Schnell sammelte
Scully das Geld und die Bilder zusammen, während Mulder auf die
Türe zutrat und diese öffnete. Vor ihm stand Beth, mit einem
breiten Lächeln auf dem Gesicht und einem ledernen Koffer in der
linken Hand.
Den habe ich noch auf dem Dachboden gehabt. Ich wollte ihn
schon lange entsorgen, bin aber bis jetzt noch nicht dazu
gekommen. Ich habe keine Verwendung mehr für ihn, da ich mir vor
kurzem einen neuen Koffer zugelegt habe. Na ja, ich glaube, Sie
können ihn gerade gut gebrauchen. Er ist alt, etwas abgenutzt,
aber besser als nichts, oder?, bot sie ihren Gästen
großzügig an und hielt ihnen das Gepäckstück einladend
entgegen. Abermals hatte sie es geschafft die Ex-Agenten zu
überraschen. Und nach all dem, was bisher geschehen war, war es
angenehm einmal positiv überrascht zu werden. Nachdem sie sich
bei der großherzigen Beth bedankt hatten, packten Mulder und
Scully die auf dem Bett verstreuten Dinge zusammen. Sie brauchten
nicht lange, waren ihre Besitztümer doch spärlich. Nach einem
letzten, beinahe melancholischen Blick durch das Zimmer, begaben
sie sich nach unten. Ein abermaliger Abschied stand ihnen bevor
und sie wussten, dass dies nicht der letzte sein würde.
Beth wartete bereits auf ihre Gäste. Missmutig nahm sie die
Beklommenheit in ihr wahr, die sich sträubte, diese Fremden, die
doch etwas seltsam Vertrautes an sich hatten, ziehen zu lassen.
Sie selbst verstand es nicht. Es lag gewiss nicht nur an der
Abwechslung, die diese Beiden in ihr Leben gebracht hatten. Da
war etwas anderes, doch vermochte sie nicht dies in Worte zu
fassen, schon gar nicht in ihren Gedanken zu sortieren. Seltsam
befangen verließ sie mit dem Paar das Haus und stieg in ihren
Wagen.
Fast hätte ich es vergessen, ich haben Ihnen noch etwas
für Unterwegs gemacht. Ist nicht viel, nur ein paar belegte
Brote und etwas zu trinken. Damit schob sie das Päckchen,
welches sie unbewusst die ganze Zeit umklammert gehalten hatte,
in Gillians Schoß, die neben ihr auf der Beifahrerseite saß.
Diese nickte ihr dankbar zu, schwieg jedoch, als wäre es der
jüngeren Frau peinlich all dies von Beth anzunehmen.
Die weitere Fahrt verlief schweigend. Jeder
der Autoinsassen hing seinen eigenen Gedanken nach. Vertrocknete
Felder flogen an ihnen vorüber, gaben Ausschluss darüber, wie
lange es schon nicht mehr richtig geregnet hatte. Vereinzelte
Höfe waren am Horizont zu erkennen, verloren sich in der Weite
des Geländes. Die Straße erschien endlos lang. Hitze flimmerte
auf dem brennendheißen Asphalt, der ins Nirgendwo zu führen
schien. Dann wich das trostlose Land einer Vorstadtsiedlung.
Kleine Familienhäuser duckten sich unter jahrhundertealten
Baumriesen, tauchten diese Gegend in eine scheinbare Idylle. Doch
die beiden Ex-Agenten wussten, dass das Böse sich nicht
ausschließen ließ, sondern überall zuhause war. Vielleicht
nicht unbedingt in Form von gestaltwandelnden Aliens oder
Mitglieder der Schattenregierung, wohl aber als Lieber
Onkel, der schon immer ein angesehener Bürger gewesen war.
Egal wie erlesen und nobel eine Wohngegend auch sein mochte,
Mord, Totschlag, Raub und Betrug waren überall zu finden. Ihre
Arbeit beim FBI hatte Mulder und Scully in gewisser Weise die
Unschuld geraubt, ihren Glauben an die Menschheit an sich
zerstört. Sie hatten ein Meer aus Schmerzen und Scherben hinter
sich zurückgelassen, um sich nun im Niemandsland wieder zu
finden. Vor ihnen lag eine ungewisse Zukunft. Einzig Menschen wie
Beth schafften es die Schatten zeitweilig zu vertreiben. Beth mit
ihrer selbstlosen Art, die sie nicht kannte, ihnen dennoch
Unterkunft, Nahrung und ihre Fürsorge zukommen ließ.
Traurigerweise war sie eine Ausnahme.
Allmählich näherte sich das Auto dem Stadtkern. Dort hofften
sie ein preisgünstiges Auto erwerben zu können. Ein legaler
Kauf kam nicht in Frage, dazu fehlten Ihnen die Papiere. Auch
ließen ihnen ihre finanziellen Möglichkeiten keine große
Auswahl. Ein altes, fahrtüchtiges Auto würde sich hoffentlich
unter der Hand finden lassen. Durch den Unfall hatten sie
kostbare Zeit verloren. Noch immer trennten sie zahlreiche
Kilometer von ihrem vorübergehenden Ziel. Mulder schätzte, dass
es wohl 1400 km sein mussten.
Beth verließ den Cityring und steuerte den
Wagen durch ein Industriegebiet. Suchend passierte sie einige
Nebenstraßen, ehe sie ruckartig auf den Hof einer baufälligen
Werkstatt abbog und den Motor abschaltete. Neugierig blickten
sich die Flüchtigen um. Circa ein Dutzend Gebrauchtwagen
verschiedener Modelle standen auf dem mit Schotter aufgefüllten
Parkplatz.
Das ist die Werkstatt eines Bekannten. Er schuldet mir noch
einen Gefallen. Hier sollten wir einen angemessenen Wagen finden.
Nach einer kurzen Überlegung fügte Beth hinzu:
Ich nehme an, niemand darf Ihre Spuren weiterverfolgen,
oder? Nach kurzem Überlegen und einem Blickwechsel
bejahten Mulder und Scully diese Frage.
Dachte ich mir. Kein Problem, dann werde ich den Vertrag
unterzeichnen, schlug die alte Frau bereitwillig vor, als
würde sie jeden Tag Flüchtige aus Autofracks retten, ihnen Asyl
gewähren und letztendlich auch Autos für sie kaufen.
Dann wollen wir mal sehen, wo Tony steckt. Mit diesen
Worten stieg sie aus dem Auto und ging zielstrebig auf die Halle
des Autohändlers zu. Mit verblüfften Gesichtsausdrücken blieb
Dana und Fox nichts anders übrig als der übereifrigen Beth zu
folgen.
Der typische Geruch von Motorenöl und Benzin stieg in ihre
Nasen, als sie die Werkstatt betraten. Der Innenraum bat Platz
für zwei Autos zum Aufbocken auf die Hebebühnen, zwei weitere
Fahrzeuge standen seitlich mit geöffneten Motorhauben. Ein
junger Mann hing weit vorgebeugt über dem Motorraum eines
Toyotas und schien die Neuankömmlinge nicht zu bemerken. Ein
weiterer Arbeiter war unter einem aufgebockten graublauen Renault
zu entdecken.
Tony?, rief Beth laut durch die Halle.
Sofort schob sich der auf der Erde liegende Mann nach vorne.
Mühsam erhob er sich und wischte die verschmierten Hände an
seiner nicht minder dreckigen Hose ab. Dann erst trat er auf
seine drei Besucher zu. Erkennen flackerte in seinen Augen auf.
Beth, wie geht es Ihnen? Ich hab Sie schon lange
nicht mehr gesehen. Stimmt was nicht mit Ihrem Wagen?
Der gedrungen wirkende Mann reckte sich nach
allen Seiten, hielt nach Mrs. McKenniths Auto Ausschau. Beth
lachte leise, wies dann auf ihre beiden Begleiter.
Nein, Tony, mein Auto macht keine Probleme. Wir sind
vielmehr auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen. Und da dachte
ich mir, wer außer Tony bietet dir wohl einen gutes Fahrzeug,
ohne dich über den Tisch zu ziehen? Stimmt doch, oder Tony?
Dabei warf die alte Dame dem Händler ein breites und gewinnendes
Lächeln zu. Tony, der nicht so ganz wusste, ob er sich
geschmeichelt fühlen oder verwirrt sein sollte, blickte
unschlüssig von Beth zu Mulder und Scully, dann wieder zurück
zu Beth. Erst als die potentielle Möglichkeit einen Wagen zu
verkaufen zu ihm durchsickerte, erwachte er zum Leben.
Geschäftig wirbelte er umher, forderte seine zukünftigen
Käufer mit einer Handbewegung auf ihm zu folgen.
Selbstverständlich bekommen Sie bei uns nur
Spitzenqualität zu anständigen Preisen. So lautet unser
Wahlspruch und dafür stehe ich höchstpersönlich mit meinem
Namen ein. Nach was genau suchen Sie? Ein Kleinwagen, eine
Zugmaschine, etwas Sportives vielleicht? Schon hatte die
kleine Gruppe den ersten Wagen erreicht. Tony, mit Leib und Seele
Autoverkäufer, ging völlig in seinem Element auf, präsentierte
die vorhandenen Autos mit einem nicht verkennbaren Stolz.
Ein Saab älteren Baujahres, der jedoch noch passabel aussah,
erregte Mulders Aufmerksamkeit. Es war ein gängiges und weit
verbreitetes Model und würde somit nicht ins Auge fallen. Die
blaue Lackierung war unauffällig. Und noch dazu war der Wagen
groß genug, um Mulders langen Beinen problemlos Platz zu
schenken. Tony, dem Mulders Interesse nicht entging, trat auf den
deutlich größeren Mann zu.
Ist schon 10 Jahre alt, aber tip-top in Schuss. Der Motor
läuft einwandfrei, Auspuff ist neu und die Stoßdämpfer sind
auch noch in Ordnung. Hat schon einige Meilen drauf, schnurrt
aber wie ein Kätzchen. Muss Ihnen aber sagen, dass er einen
kleinen Schaden hatte, die Beifahrertür war hinüber. Aber
schauen Sie, man erkennt nix, wir haben ihn wieder flott gemacht,
wie neu quasi, bot er den Saab feil.
Und was soll er kosten?, erkundigte sich Mulder.
Naja, Sie sind mit Beth hier, ich würde ihn Ihnen für 600
Dollar verkaufen. Ein Freundschaftsangebot, versteht sich.
Scully trat an ihren Partner heran und spähte in den Innenraum
des Wagens. Die Polster waren sauber, das Innere bot ausreichend
Platz, auch die eine oder andere Nacht im Wagen zu übernachten.
600 Dollar waren in ihrer Lage viel Geld. Mulder überlegt schon,
ob es nicht einfacher wäre einen abseits geparkten Wagen
kurzzuschließen und vorübergehend auszuleihen. Doch
es war nicht ratsam mit einem gestohlenen Auto weiterzufahren.
Über kurz oder lang würde die Polizei auf sie aufmerksam werden
und dies galt es unter allen Umständen zu verhindern. Zudem
hatten sie nicht die Zeit, zahlreiche Gebrauchtwagenhändler auf
der Suche nach einem geeigneten Fahrzeug abzuklappern. Sie waren
so schon genug in Verzug geraten. Also mussten sie
schnellstmöglich etwas ihren finanziellen Möglichkeiten
Angemessenes finden. Auch Scully wusste dies, nickte ihrem
Partner für ihre Begleiter kaum merklich zu. Bevor Mulder um den
Preis des Saabs verhandeln konnte, mischte sich Beth in ihr
Gespräch ein.
600 Dollar? Kommen Sie schon, Tony, das ist doch kein
Freundschaftspreis! Machen Sie ein gutes Angebot, Sie sind mir
etwas schuldig, forderte Mrs. McKennith ihren Bekannten
auf. Dieser fuhr sich frustriert durch die Haare, musterte das
Verkaufsobjekt dabei eindringlich.
450. Und das nur, weil Sie es sind, gab er
widerwillig ihrer Forderung nach.
Mulder wollte sich gerade von Danas Seite lösen, um das Angebot
anzunehmen, da trat Beth abermals an ihm vorbei, baute sich
selbstbewusst vor Toni auf.
400, dann haben wir einen Deal, versuchte sie weiter
den Preis zu drücken.
Resignierend nickte Tony. Er schien tief in Beth McKenniths
Schuld zu stehen.
Na schön, aber das ist wirklich mein letztes Wort. 400
Dollar. Sie machen mich arm, Beth, willigte der Verkäufer
seufzend ein. Zufrieden zwinkerte die alte Frau dem Paar zu.
Warum inspizieren Sie ihren Wagen nicht schon einmal und
verstauen Ihr Gepäck, während ich mit Toni den Papierkram
erledigt?, schlug sie vor. Scully, die keinerlei Interesse
hatte in die dreckige Werkstatt zurückzukehren, stimmte Beth
bereitwillig zu. Auch Mulder gefiel dieser Vorschlag. Ob
Spesenberichte, Fallakten oder ein Autokauf, er hasste
Papierkram. Aus seiner Tasche zog er einige Geldnoten, zählte
400 Dollar ab und gab sie Tony. Dann verschwanden die
Einheimischen im Büro des Mannes, während Mulder ihren Koffer
aus Beths Auto nahm und auf die Rückbank des Saabs legte.
Na, das lief doch reibungslos. Wir haben noch 400 Dollar,
die sollten ausreichen bis wir ans Schließfach kommen.
Prüfend ließ sich der schlaksige Mann auf
den Fahrersitz fallen. Den Sitz selbst musste er um einiges
zurückstellen, damit er bequem fahren konnte. Scully umrundete
ihren neuen Wagen und kam neben Mulder zum Stehen. Dieser
richtete bereits den Rückspiegel passend aus. Die Frau stieß
ein leises und erschöpftes Seufzen aus.
Ich hoffe, es kommt nicht zu weiteren Verzögerungen. Ich
würde mich wesentlich sicherer fühlen, wenn wir endlich unsere
Papiere haben würden oder schon in Kanada wären. Mulder,
der endlich mit seinen Einstellungen zufrieden war, schob seine
Beine die Fahrertüre hinaus, so dass er die davor stehende Frau
genau mustern konnte. Er sah ihr die Strapazen der vergangen
Wochen und Monate deutlich an. Und dennoch schaffte sie es immer
wieder sich voranzutreiben und ihn wenn nötig sogar mitzuziehen.
Eine unsagbare Stärke und Willenskraft ging von Dana Scully aus,
die auch in vermeintlich ausweglosen Situationen nicht zu
versiegen schien. Behutsam nahm er Danas Hand in seine, strich
ihr Zuversicht schenkend über den Handrücken. Ihre Blicke
trafen sich, versanken ineinander. Ein dünnes Lächeln legte
sich auf Scullys Lippen. Noch ehe er zu einer Erwiderung ansetzen
konnte, trat Beth mit einem triumphierenden Blick auf das Paar
zu. Den Wagenschlüssel schwang sie einer Verlockung gleich
zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. In der anderen Hand
hielt sie die Fahrzeugpapiere.
Sich für ihre Hilfe bedankend, nahm Scully die Papiere entgegen
und reichte Mulder den Schlüssel weiter. Beth, die ganz deutlich
die Unruhe ihrer neuen Freunde spürte, räusperte sich kurz,
bevor sie sich von den beiden verabschiedete. Noch während
Scully die alte Frau umarmte, erhob sich Mulder um Beth die Hand
zu reichen. Diese ignorierte den förmlichen Abschiedsgruß und
schloss auch den hochgewachsenen Mann kurz in ihre Arme. Eine
Geste, die dem alten Mulder wahrscheinlich über alle Maße
peinlich gewesen wäre. Doch ließ er diese herzliche
Verabschiedung zu, er konnte nicht einmal einen winzigen Funken
Unbehagen in sich ausmachen.
Ich wünsche Ihnen eine sichere Fahrt. Und passen Sie bei
Abhängen auf, scherzte Beth mit einem Hauch von Wehmut in
der Stimme. Alles Gute für Sie beide.
Vielen Dank, Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie uns
geholfen haben, sagte Scully mit leiser und belegter
Stimme.
Alles Gute für Sie, Beth. Und Danke für alles,
verabschiedete sich auch Mulder, während Dana bereits auf der
Beifahrerseite Platz nahm.
Ach, wehrte die ältere Frau verlegen ab. Gern
geschehen, wirklich!
Dann trat Beth ebenfalls an ihren Wagen und öffnete die
Fahrertüre. Der Saab neben ihr sprang an und wenige Sekunden
später fuhr er an der alten Frau vorbei. Ein letztes Mal winkte
sie den Insassen nach, während sie dem Fahrzeug gedankenverloren
nachsah.
>Wie merkwürdig. Kann es möglich sein, dass scheinbar Fremde
einen in kürzester Zeit ans Herz wachsen?>, wunderte sich
Beth, während sie eine einzelne Träne, die sich den Weg ihre
Wange hinab bahnte, mit einem Taschentuch wegtupfte. Sie hoffte,
dass Gillian und David sicher und wohlbehalten an ihrem Ziel
ankommen würden, sie endlich Ruhe finden würden. Auch wenn sie
nichts über ihre genauen Lebensumstände erfahren hatte, so war
ihr die Unruhe und Gehetztheit dieser beiden Menschen nicht
entgangen. Auch nicht ihre scheinbar unmenschliche Kraft und
Liebe füreinander, die wohl ihr Antrieb sein mussten.
All diese Gedanken abschüttelnd, setzte sich die alte Frau
ebenfalls in ihr Auto und machte sich auf den Nachhauseweg. Auf
der Hauptstraße ordnete sie sich links ein, um den Highway zu
erreichen. Kurz blickte sie sich um, sah gerade noch rechtzeitig
den alten Saab auf die entgegen gesetzte Auffahrt abbiegen. Der
Kloß, der sich in ihrem Hals bildete, macht ihr das Schlucken
schwer.
Viel Glück, murmelte sie gedankenverloren. Möge
der Herr mit euch sein.
*****
Ich kann es kaum glauben, dass wir
unsere Verfolger ernsthaft abgeschüttelt haben. Hinter jeder
Kreuzung vermute ich noch immer Gefahr. Glaubst du, wir werden
uns jemals wieder frei und sicher fühlen können?, brach
Dana Scully das behagliche Schweigen, welches sich seit dem
Beginn der Fahrt im Wagen ausgebreitet hatte. Die zierliche Frau
hatte den Beifahrersitz weit nach hinten verschoben und strecke
ihre müden Füße aus. Mulder warf nur kurz einen Blick auf
seine Begleiterin, dann richtete er seine volle Aufmerksamkeit
wieder auf das sichere Lenken des Fahrzeugs.
Meine natürliche Paranoia verbietet es mir alle Vorbehalte
bedenkenlos über Bord zu werfen. Aber ich kann nicht abstreiten,
dass die allgegenwärtige Anspannung, die ich seit dem Beginn
unserer Flucht verspürt habe, ein wenig abgeebbt ist. Lass uns
diesen Moment auskosten, Dana. Noch nie war es so wichtig im
Jetzt zu leben. Nach all den Katastrophen, die wir erlebt,
manchmal gerade noch überlebt haben, wäre es einmal an der Zeit
uns eine Verschnaufpause zu gönnen. Wir sollten unser Glück
nicht hinterfragen, es vielmehr als unser Schicksal akzeptieren.
Wir werden zur Ruhe kommen, wenn wir es sollen, nicht früher,
aber auch nicht später. Davon bin ich überzeugt.
Seine letzte Aussage, mit dem Feuer und der Passion eines Agenten
ausgesprochen, der gerade den Beweis für kleine graue Aliens in
den Händen hielt, ließ Scully eine perfekte Augenbraue in die
Höhe ziehen. Ein winziges Lächeln umspielte ihre Lippen, eines,
das auch ihre blauen Augen erreichte.
Also war uns dieses Leben, das wir gerade führen,
vorbestimmt, unser Schicksal? Willst du das damit sagen?,
fragte sie mit einem Hauch von Amüsement in ihrer Stimme.
Ich rede nicht von einem vorgezeichneten Lebensweg, der
einem unveränderlich schon in die Wiege gelegt wird. Eine solche
Annahme ist selbst mir zu fantastisch. Ich spreche von all den
Entscheidungen, die wir tagein - tagaus treffen und die
ausschlaggebend unser Leben verändern. Wir selbst sind unser
Schicksal. Unsere Handlungen geben den Ausschlag. Und wenn du
unser voriges Leben genau betrachtest, dann erscheint dieser
Ausgang in meinen Augen gar nicht so unvorhersehbar. Wir haben
unbeirrbar um die Wahrheit gekämpft, sind durch Feuer und Eis
gegangen, stets den anderen an unserer Seite wissend. Wir sind
Kämpfernaturen, Scully. Glaubst du einen Moment wir hätten am
Ende nachgegeben? Ich auf keinen Fall. Und in anbetracht dieses
Wissens denke ich schon, dass diese Flucht unser Schicksal ist.
Unzählige kleine Entscheidungen haben uns zu dieser Weggablung
geführt und wir konnten nur unserer Natur folgen, uns und damit
die Wahrheit nicht aufgeben. Glaube mir, mit niemandem wäre ich
lieber vor der Regierung, dem FBI oder von mir aus auch vor der
ganzen Welt auf der Flucht als mit dir, Scully. Und egal, was
auch noch passieren mag, ich werde uns niemals aufgeben.
Die Passion, die in Fox Mulders Worten mitschwang, erwärmte
Scullys Herz einem inneren Feuer gleich. Wie schafft es dieser
Mann nur immer wieder genau die richtigen Worte zu finden? Es war
nicht nur sein gutes Aussehen, sein schräger Humor und die
Hingabe, die er mit seiner Suche nach der Wahrheit an den Tag
legte, was Dana ihren Partner lieben ließ. Ebenso liebte sie
seinen scharfen und wachen Verstand, seine weiche Stimme und die
Art wie er nur sie ansah, als wäre sie die schönste und
außergewöhnlichste Frau auf der Erde. All die Gefühle, die
Mulder in ihr hervorrief, waren so unglaublich intensiv, so wie
sie es noch nie erlebt hatte. Die angenehme Wärme verbreitete
sich in ihrem Leib und löste ein wohliges Gefühl in ihr aus.
Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit, versicherte sie
ihrem Freund mit leiser und belegter Stimme. Als Dank schenkte
Fox ihr ein strahlendes Lächeln, welches seine Augen einen noch
dunkleren Ton annehmen ließ. Dann kehrte abermals ein angenehmes
Schweigen ein, jeder Ex-Agent hing seinen eigenen Gedanken nach.
Unzählige Meilen später ließ Mulder den Wagen an einer
Tankstelle ausrollen, bis er vor einer der Zapfsäulen zum Stehen
kam. Mit einem liebevollen Blick sah Fox Mulder auf seine im
Schlaf zusammengerollte Partnerin auf dem Beifahrersitz.
Zärtlich strich er eine vorwitzige Strähne braunes Haar, die
sich aus dem Zopf gelöst hatte, zurück. Würde er sich jemals
an Dana satt sehen können? Er hoffte nicht. Mit einem leisen
Seufzen verließ er das Auto um den Tank zu füllen. Nachdem er
die Rechnung bezahlt hatte, ließ er den Wagen wieder an und
setzt die Fahrt fort. Er bog jedoch nicht wieder auf den Highway
ab, sondern steuerte eine nahe liegende Ortschaft an.
Als er endlich sein Ziel erreichte, weckte er die noch immer
friedlich schlafende Dana mit einem sanften Kuss auf die Lippen.
Benommen schlug sie Sekunden später ihre Augen auf, versuchte
sich mit einem verwirrten Blinzeln zu orientieren.
Gut geschlafen?, erkundigte sich der dunkelhaarige
Mann erheitert. Einzig ein Gähnen war die Antwort, als Scully
sich genüsslich streckte. Dann aber blickte sie sich um. Es war
erst früher Abend, zu früh, um ihre Fahrt für die Nacht zu
unterbrechen.
Sollen wir tauschen?, fragte sie und musterte den
Mann an ihrer Seite eindringlich.
Später. Ich bin vielmehr dem Wink des Schicksals gefolgt,
erwiderte Mulder mit einem breiten Grinsen. Verwirrung war in
Danas Gesicht zu lesen.
Wink des Schicksals? Aber..., bevor sie ihre
Ausführung überhaupt beginnen konnte, unterbrach sie Mulder.
Ja, ich habe eine wichtige Entscheidung für uns getroffen,
verkündete er mit ernster Stimme, konnte ein belustigtes
Zwinkern jedoch nicht unterdrücken und deutete in einer
ausschweifenden Geste nach draußen. Verwirrt sah sich Scully um.
Dann lachte sie laut auf.
McDonalds? Mulder, du willst nicht ernsthaft behaupten,
dass ausgerechnet Arterien verstopfende Burger und fettige Pommes
Frites unser Schicksal sind, bitte nicht!, rief sie auf und
verdrehte die Augen. Mulder aber zog eine Grimasse und meinte
nur: Genau das!
Vielleicht lag es an ihrer fortwährenden
Flucht oder an den Entbehrungen der letzen Tage, vielleicht aber
auch an dem Hungergefühl, das doch stärker gewesen sein musste
als Dana dachte. Gesättigt ließ sich die zierliche Frau gegen
die Lehne des mit rotem Stoff bezogenen Stuhles fallen.
Unglaublich, sie hatte doch tatsächlich ein komplettes Menü
verschlungen. Und was viel unvorstellbarer war, es hatte ihr
geschmeckt. Doktor Dana Scully hatte Geschmack an einem fettigen,
ungesunden Big Mac mit einer großen Portion Pommes Frites
gefunden. Das Ende der Welt musste näher sein als es ihr bewusst
war. Scullys Gegenüber lehnte lässig auf dem billigen Stuhl und
zog geräuschvoll die letzten Schlücke Cola durch einen
rot-weißen Strohhalm. Sein Verhalten erinnerte stark an das
eines Teenagers. Es war kaum zu übersehen - Fox Mulder war in
seinem Element. Auf dem Tablett vor ihm stapelten sich
Verpackungsrückstände und leere Essensboxen. Ein verträumtes
Lächeln umspielte Danas Lippen.
Um dich glücklich zu machen, muss ich dich nur vor einem
Fastfood-Restaurant aussetzen. Das sollte ich mir merken,
scherzte sie.
Das Glück liebt Gesellschaft. Setz dich mit mir zusammen
aus und wir führen ein erfülltes Leben. Das
verräterische Funkeln seiner Augen offenbarte, dass er dies
nicht ernst meinte, der Kern dieser Aussage jedoch der Wahrheit
entsprach.
Nach diesem durchaus bekömmlichen und nahrhaften Mahl...,
er hielt kurz inne und wackelte verschwörerisch mit den
Augenbrauen, wäre mir jetzt nach einem Kaffee. Dir auch?
Ja, das ist eine gute Idee, noch nie habe ich Koffein so
sehr geschätzt wie im laufe der letzten Tage. Mulder erhob
sich, entsorgte ihre Tabletts auf dem Weg zur Kasse. Wenig
später platzierte er einen dampfenden Becher vor Dana. Er hatte
bereits Milch hinzugefügt, keinen Zucker. Mit einem Lächeln
bedanke sich die dunkelhaarige Frau und flocht ihre Finger um den
heißen Becher.
Kleine Gesten wie diese erwärmten ihr Herz. Auch wenn Mulder oft
abgelenkt und von seinem Kreuzzug gefangen wirkte, so war er ein
aufmerksamer Beobachter. Er wusste nicht nur, dass sie ihren
Kaffee nur mit Milch, keiner Kaffeesahne und ohne Zucker trank,
ebenso kannte er kleine Details, dessen Kenntnis sie ihm nie
zugetraut hätte. Sein letzter Einkauf hatte das wieder einmal
bewiesen. Nicht nur ihr bevorzugtes Shampoo hatte er gewählt,
auch die richtig Lotion.
Schweigend tranken sie ihren Kaffee, ihre Augen verließen keine
Sekunde lang die seinen. Und obwohl sie keine Worte wechselten,
so sprachen ihre Blicke mehr als tausend Worte.
*****
Wir müssen uns nordöstlich halten. Dann können wir unser
Ziel nicht verfehlen, erklärte Mulder. Scully, die seine
Finger auf der Karte verfolgte, die über seinen Schoß
ausgebreitet war, prägte sich ein wie lange sie dem Highway
folgen musste.
Hier müssen wir dann abfahren, sein Zeigefinger
umkreiste einen höher gelegenen Bereich auf der Karte.
Ich glaube nicht, dass ich so lange schlafen werde, wenn
doch, dann weck mich bitte. Aber du solltest nicht zu lange
fahren, halt an, wenn du müde wirst. Seine müden Augen
suchten die ihren, forderten ein Versprechen ein. Stumm nickte
Scully, stellte dann den Rückspiegel ein. Zufrieden lehnte
Mulder sich zurück und versuchte die Karte wieder
zusammenzulegen. Nach zahlreichen, missglückten Versuchen gab er
sein Vorhaben mit einem missmutigen Grunzen auf, zerknüllte die
Karte und warf sie hinter sich auf die Rückbank.
Mulder!, versuchte Scully ihren Partner zu
maßregeln, gab diesen Versuch sogleich wieder auf und ließ
seufzend das Auto an. Eine Diskussion um etwas so belangloses wie
die korrekte Faltweise einer Landkarte würde sie nicht
weiterbringen. Während die junge Frau den Wagen zurück auf den
Highway lenkte, rutschte Fox auf dem Beifahrersitz hin und her,
bis er eine zufrieden stellende Position für sein Nickerchen
gefunden hatte. Die Schuhe hatte er sich bereits abgestreift, den
Anschnallgurt gar nicht erst angelegt.
Die leise Musik des Radios und das monotone Motorengeräusch
übte eine wohltuende Ruhe auf Dana Scully aus. Die Straße war
wenig befahren, sie hatten freie Fahrt und kamen gut voran. Sie
hatte sich hinter einen alten Honda gehängt, dem sie in einem
angemessenen Abstand und konstanter Geschwindigkeit folgte. Die
Dämmerung setzt gerade ein, tauchte den sich vor ihnen endlos
erstreckenden Horizont in ein leuchtendes Orangerot. Ein
wunderschöner Anblick, doch ließen die Umstände es nicht zu
diesen angemessen zu genießen. Würden sie das jemals tun
können? Gemeinsam einen Sonnenuntergang genießen? Die Angst,
die ihr allgegenwärtiger Verfolger zu sein schien, jemals
abschütteln können und sich an einem Schauspiel wie diesem zu
erfreuen? Sie hoffte es.
Ein plötzliches und gut vertrautes Aufheulen riss die Ex-Agentin
aus ihrer Gedankenwelt. Hecktisch stieß sie ihren Partner an,
riss ihn aus seinem ruhigen Schlummer. Das wild aufblinkende,
blaue Licht in ihrem Rückspiegel veranlasste sie, den Fuß fest
auf das Gaspedal zu stellen.
Mulder! Wir werden verfolgt, Polizei! Deutlich war
die Angst und Anspannung in ihren Worten zu hören. Das Signal
hinter ihnen wurde zunehmend lauter und die grellen Wagenlichter,
die von den Spiegeln reflektiert wurden, blendeten sie.
Fest hielten ihre Hände das Lenkrad
umklammert, während Danas Augen fortwährend zwischen dem
Rückspiegel und der Fahrbahn wechselten. Neben ihr schreckte
Mulder aus seinem Schlaf hoch. Jede Müdigkeit war vertrieben und
wich wiederum der Sorge um ihre Sicherheit. So unbeteiligt wie
möglich drehte er seinen Oberkörper nach hinten, um einen
genauen Blick auf ihre erneuten Verfolger richten zu können.
Zwei männliche Gesetzeshüter folgen ihnen, beide nicht mehr die
Jüngsten und die runden Gesichter ließen eine kräftige Statur
vermuten. Der Fahrer des Polizeiautos starrte verbissen nach
vorne, während der Beifahrer nervös an seinem ungepflegten
Vollbart zupfte.
Bist du zu schnell gefahren?, erkundigte er sich in
der Hoffnung, ein so simples Vergehen hinter dieser Verfolgung
verborgen zu finden. Aus dem Augenwinkel nahm er Danas
Kopfschütteln wahr.
Nein, ich habe mich an die Geschwindigkeitsbeschränkung
gehalten. Ich wollte nichts riskieren. Was sollen wir machen?
Ihre Stimme hatte die nervösen Nuancen verloren, klang jetzt
wieder ruhig und besonnen, als würde sie einen Fall mit ihrem
Partner besprechen. Eine der vielen Eigenschaften, die Mulder an
Dana Scully bewunderte. Sie konnte eine dermaßen kühle
Professionalität an den Tag legen, die selbst ausgemachte
Verbrecher in die Knie zwang.
Die beiden sehen nicht so aus als ob sie geschickt im
Nahkampf sind. Wir könnten sie leicht überrumpeln. Fraglich ist
nur, wie schnell sie von ihren Waffen gebrauch machen werden. Ich
werde das Gefühl nicht los, dass sie uns nicht gezielt jagen.
Nenn es eine Eingebung, versuchte der Ex-Agent ihre
Situation einzuschätzen. Einen Moment lang hielt er inne. Scully
machte nicht den Fehler sein Schweigen als Ratlosigkeit zu
interpretieren. Sie kannte Mulder und die Art wie sein brillanter
Verstand arbeitete.
Halt an!, wies er seine Partnerin mit ruhiger,
monotoner Stimme an. Verwirrung stand in Scullys Gesicht
geschrieben. Der Gedanke, einfach an den Straßenrand zu fahren
und abzuwarten, warum sie von der Polizei verfolgt wurden,
behagte der dunkelhaarigen Frau nicht sonderlich. Seine
Überlegung abschätzend, sah sie Mulder kurz an. Seine
zusammengepressten Kiefermuskeln, die Fältchen, die sich über
seine Stirn gelegt hatten, gaben ihm einen verbissenen Ausdruck.
Sie vertraute ihm blind, doch schickte sie Stoßgebete gen
Himmel, dass er wissen würde, was er da tat. Langsam ließ sie
den Wagen ausrollen und fuhr rechts ran. Noch bevor das Gefährt
ganz zum Stehen gekommen war, raste der Streifenwagen an ihnen
vorbei. Irritiert blickte Dana dem Auto nach, das mit konstant
schneller werdendem Tempo den alten Honda vor ihnen den Highway
entlang jagte. Erleichtert ließe die junge Frau Luft aus ihren
Lungen entweichen, von der sie nicht einmal wusste, dass sie
diese angehalten hatte.
Woher hast du gewusst, dass sie nicht uns gemeint haben?,
wollte Scully von ihrem Beifahrer wissen, dem ebenfalls erst
jetzt die Anspannung aus seinem Gesicht wich.
Wir waren nicht die einzigen, die bei dem Anblick eines
Blaulichtes nervös geworden sind, Scully! Der Wagen vor uns ist
immer schneller geworden, erklärte Mulder.
Es vergingen einige Minuten bis sich ihr Pulsschlag normalisiert
hatte und ihr Atem wieder flach ging. Ganz allmählich
entkrampften sich ihre verspannten Muskeln. Der Schreck dieser
Begegnung saß doch tiefer als beide es vermutet hätten. Ein
Leben auf der Flucht führte wohl zu diesem Gefühl der
ständigen Angst. Fühlten sich so Menschen, die unter
Wahnvorstellungen und extremer Paranoia litten? Wie lange würden
sie auf einem solchen Adrenalinhoch durchhalten können?
Minuten, vielleicht auch Stunden später, ließ Dana den Motor
wieder an und sie setzten ihre Fahrt fort. Von dem flüchtigen
Honda und dem Polizeiwagen war weit und breit nichts zu erkennen.
Vor ihnen erstreckte sich einzig eine dunkle und lange Straße,
fern von jeder Zivilisation, die ins Nirgendwo zu führen schien.
*****
Ohne weitere Probleme durchquerten die
Flüchtigen Idaho. Den Horizont erhellte langsam die aufgehende
Sonne. Sie tauchte den Himmel vor ihnen in ein leuchtendes
Orangerot, ein wundervoller Anblick, fast postkartenhaft. Doch
blieb ihnen keine Zeit für andächtige Bewunderungen dieses
Naturschauspiels. Die Nadel der Benzinanzeige sank bedenklich
tief in den roten Bereich. Bald würden sie tanken müssen und
Mulder, der seine mittlerweile müde gewordene Begleiterin am
Lenkrad abgelöst hatte, hoffte inständig bald in Portwayn
anzukommen. Sonst würde er gezwungen sein, vom Highway
abzufahren und sein Glück in einer der kleinen Städte zu suchen
und sie waren so kurz vor ihrem Ziel. Der Karte nach befanden sie
sich nur noch wenige Meilen von ihrem Geld und den Papieren
entfernt.
Scully, die neben ihm auf dem Sitz
zusammengerollt döste, stieß einen kleinen Seufzer aus. Einige
Strähnen dunklen Haares waren ihr in die Stirn gefallen und
stellten einen starken Kontrast zu ihrer blassen Haut dar. Auch
wenn Fox nicht sagen würde, sie sähe krank aus, so konnte er
nicht leugnen wie müde und ausgezehrt Dana wirkte. Selbst in
einer entspannten Schlafhaltung. War es möglich, dass sie beide
während der letzten Tage um Jahrzehnte gealtert waren? Er selbst
erkannte den Mann im Spiegel, der ihm auf zahlreichen Raststellen
entgegenblickte, kaum wieder. Nicht nur der Bart war ungewohnt,
auch seine Augen schienen nicht mehr die gleichen zu sein.
Eingefallene Wangen und dunkle Ränder unter den Augen verliehen
ihm einen abgerissenen Look. Die Zeit und die Umstände hatten
ihnen übel mitgespielt. Doch in Relation zu ihrem Überleben war
dies bedeutungslos. Was nutze das beste Aussehen, wenn man es zu
Grabe tragen musste? Bald würden sie ihre Papiere und etwas Geld
zur Verfügung stehen haben und das Blatt würde sich hoffentlich
wenden. Die kanadische Grenze lag schätzungsweise 450 Meilen von
Portwayn entfernt, die Freiheit somit greifbar nah. In der Ferne
erschien ein Ausfahrtsschild und Mulder hoffte inständig, dass
sie ihr vorläufiges Ziel erreicht hatten oder aber zumindest
dort den Wagen tanken könnten. Zügig näherte er sich der
Abfahrt.
Portwayn, verkündete das
Schild. Erleichtert seufzte der Fahrer auf. Endlich. Rasant
lenkte er das Auto durch die Kurve, was die Reifen zu einem
protestierenden Quietschen brachte.
Mulder!, entfuhr es seine
Partnerin, die gegen die Tür gepresst und somit aus ihrem
Schlummer gerissen wurde, vorwurfsvoll.
Sorry, murmelte er leise zur
Entschuldigung. Neben ihm richtete sich Dana in ihrem Sitz auf
Wo sind wir?, erkundigte sie
sich. Mit der routinierten Auffassungsgabe einer FBI-Agentin
hatte sie die Leere des Tankes und die Veränderung der
Fahrstrecke sofort bemerkt.
Wir befinden uns kurz vor Portwayn.
Freu dich, Scully, wir werden diese Nacht in einem warmen und
weichen Bett verbringen. Denke nur mal an die Möglichkeiten,
neckte er seine Partnerin, indem er anzüglich grinste und frech
mit den Augenbrauen wackelte.
Ich bestehe auf ein Zimmer mit einer
großen Badewanne. Momentan würde ich fast alles für ein langes
Schaumbad geben. Und nur dann werde ich über etwaige
Möglichkeiten nachdenken dich glücklich zu machen.
Genießerisch schloss Dana die Augen. Gedanklich schien sie schon
in den Schaum und das heiße Wasser einzusinken. Wenn ein Bad
alles war, was Scully momentan zufrieden stellen würde, dann
würde er ihr zur Not das Wasser eigenhändig in Eimern
anschleppen.
Du weißt, dass ich alles
Menschenmögliche tun werde, um dich glücklich zu machen,
Scully!, beteuerte Mulder mit einer Ernsthaftigkeit, die
diesem Gespräch jede Art von entspanntem Humor nahm. Behutsam
legte sich Danas zierlichere Hand auf seine.
Das weiß ich doch. Und du weißt
hoffentlich, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Vielleicht
teile ich sogar meine Badewanne mit dir. Was hältst du davon?,
fragte sie mit dem Hauch eines Versprechens in ihren Worten.
Oh ja, das hört sich nach einem Plan
an, befand Mulder und spielte vor seinem inneren Auge jetzt
schon die Möglichkeiten dieser Aussicht ab.
*****
Langsam passierte der Saab den Ortsrand des
Städtchens Portwayn. Ein kleines, verschlafenes Nest nah an der
Natur, das in den Sommermonaten Urlauber aus den Großstädten
anzog, um dort dem stressigen Alltag entkommen zu können und die
Seele baumeln zu lassen. Es versprach Erholung vom Feinsten. Zwei
weitere Fremde würden kaum auffallen. Die sanierfähige
Landstraße führte sie direkt durch den Kern Portwayns. Das
Zentrum, wenn man bei einem Ort wie diesem von einem Stadtzentrum
überhaupt sprechen konnte, beherbergte eine Vielzahl an Hotels
und Pensionen, einigen Lebensmittelgeschäften, das eine oder
andere Restaurant und wenige Modeläden. Auch einen Friseursalon
erspähten die Reisenden.
Bist du sicher, dass sie Portwayn
gesagt hat?, verbalisierte Scully ihre Sorge, dass Mulder
sich vielleicht geirrt haben könnte. Scheinbar hatten sie
bereits die Innenstadt durchquert und näherten sich wieder den
Wohnvierteln. Keinem von ihnen war eine Gaststätte mit dem Namen
Eddies Diner ins Auge gefallen.
Natürlich bin ich mir sicher!,
verwarf Mulder ihre Zweifel. Schon immer hatte er sich auf sein
fotografisches Gedächtnis verlassen können.
Wahrscheinlich wird das Diner nur
nicht auf der Hauptstraße zu finden sein. Wir sollten uns nach
dem Weg erkundigen, gestand Mulder ein. Dieser Vorschlag
veranlasste seine Begleiterin skeptisch eine Augenbraue in die
Höhe zu ziehen.
Seit wann erkundigt sich Fox Mulder
nach dem Weg? Wer sind Sie und was haben Sie mit meinem Partner
gemacht?, zog sie ihn amüsiert auf.
Bevor der dunkelhaarige Mann zu einer
Erwiderung ansetzen konnte, erspähte er eine Leuchtreklame in
einer der kleinen Seitenstraßen. Ed es Di er
pries die an eine billige Las Vegas Spielunke erinnernde Tafel in
leuchtend blauer Schrift an.
Wer sagt es denn!, triumphierte
Mulder und Scullys scherzhafte Neckerei schien momentan
vergessen.
Endlich! Diese Worte aus Danas
Mund klangen sehr nach einem Stoßseufzer.
Trotz der an Geschmacklosigkeit grenzenden
Werbetafel, machte das Diner einen sauberen und gepflegten
Eindruck. Der Boden schien sauber gewienert zu sein und der Duft
von frisch aufgebrühtem Kaffee hing in der Luft. Viele der
kleinen Tische waren besetzt, dies schien eine beliebte Adresse
für ein spätes Frühstück zu sein.
Sie hatten sich entschlossen als Erstes dem
Diner einen Besuch abzustatten. Ein Hotelzimmer konnten sie
später noch suchen, zuerst galt es an ihre Papier und das Geld
zu kommen. Ihre Kasse war mittlerweile bedenklich geschrumpft.
Hungrig folgte Mulders Blick einer der Bedienungen, die herrlich
nach Ahornsirup duftende Waffeln und eine Kanne Kaffee zu einem
ihrer Gäste trug. Erst jetzt merkten die Flüchtigen wie
ausgehungert sie eigentlich waren.
Um wenig Aufsehen zu erregen, ließen sie
sich an einem der Ecktische, der nicht gleich jedem
Neuankömmling in die Augen stach, nieder und warteten ungeduldig
darauf ihre Bestellung aufgeben zu können. Wenige Minuten
später trat eine kleine und gertenschlanke Blondine auf sie zu.
Enttäuscht lasen die Ex-Agenten Claudia auf ihrem
Namensschild.
Guten Morgen! Was darf ich Ihnen
bringen? Unser heutiges Frühstücksangebot besteht aus Waffeln
mit Sirup und Kaffee. All you can eat selbstverständlich,
trällerte Claudia ihre gut eintrainierte Begrüßung herunter.
Ihr Blick wechselte ständig zwischen dem Paar hin und her.
Das hört sich hervorragend an. Ich
hätte gerne die Waffeln, beeilte sich Mulder zu sagen.
Gerne, strahlte die junge Frau
mit glasigen Augen und machte eifrig eine Notiz auf ihrem
abgerissen aussehendem Block. Dann wendete sie sich an Scully.
Haben Sie auch schon gewählt, Maam?
Ja, ich nehme ebenfalls Kaffee und
dazu Toast mit Marmelade, bitte, bestellte Scully.
Insgeheim hoffte sie darauf sich eine der Waffeln von Mulders
Berg klauen zu können. Sie hatte aufgehört sich über den
Fettgehalt in ihrem Essen Sorgen zu machen. Gut war, was
schmeckte und sie bezweifelte, dass die eine oder andere Waffel
sie vor ihren Verfolgern umbringen würde.
Sofort. Darf es sonst noch etwas sein?
Wir haben auch frische Milch und Orangensaft, bot Claudia
mit einem Zahnpastelächeln an.
Orangensaft klingt tatsächlich gut,
befand Scully. Mulders verzogene Mundwinkel machte die Frage
hinfällig, ob er auch an frischen Vitaminen interessiert war.
Ein Mal Orangensaft bitte, kurz
hielt Dana inne. Sagen Sie, Claudia, hat Iris heute auch
Dienst?, erkundigte sich die zierliche Frau vorsichtig.
Claudia, die den Fremden nicht argwöhnte, gab ihnen bereitwillig
und mit hoher Piepsstimme Auskunft, während sie auch Scullys
Bestellung notierte.
Iris kommt heute etwas später. Aber
sie sollte in etwa einer halben Stunde hier sein. Sie ist meine
Ablösung, erklärte sie mit ihrer penetrant fröhlichen
Art.
Mit einem betont freundlichen Danke,
beendete Scully das Gespräch. Claudia schenkte ihren Gästen ein
weiteres Lächeln und eilte dann in Richtung Küche, um ihre
Bestellung dort aufzugeben.
Als Claudia außer Reich- und Hörweite war,
verdrehte Mulder theatralisch die Augen und sackte tief in seinen
Stuhl zusammen.
Diese Frau versprüht ja reinstes Insulin. Das nenne ich
einen Zuckerschock. Ich hoffe, ihre Ablösung taucht bald auf und
das aus zweierlei Gründen!, mit diesen Worten brachte er
das hervor, was ihm schon seit Beginn ihrer Begegnung mit ihrer
Bedienung auf der Zunge gebrannt hatte. Verwundert hob Scully
eine Augenbraue in die Höhe.
Ich bin erstaunt, dass ausgerechnet dir so etwas auffällt,
meinte sie mit einem völlig neutralen Gesichtsausdruck. Ihre
Finger zupften am Rand der weißen Servierte, die auf ihrem Tisch
lag.
Mulder, der seine Partnerin wie kein anderer kannte, entging der
feindselige Unterton nicht, den Dana so gut zu verstecken
versuchte.
Was genau meinst du mit ausgerechnet mir?, fragte er
wage.
Nichts, kam die ernüchternde und nichtssagende
Antwort. Unwillkürlich stieß ihr männlicher Begleiter einen
Stoßseufzer aus.
Das hier wirkt nach mehr als Nichts,
versuchte er, Scully aus der Reserve zu locken.
Wenn du es ansprichst, dann erkläre es mir bitte auch,
versuchte er es in einem versöhnlichen Tonfall. Sein Blick
suchte den seiner Freundin, doch die Servierte, an der sie
fortwährend zupfte, hielt ihre gesamte Aufmerksamkeit gefangen.
Es sollte keine Anschuldigung sein. Eher eine... eine
Tatsache. Vergiss es einfach, okay, wollte Dana das Thema
beenden. Doch darauf ging Mulder nicht ein.
Nein, ich vergesse es nicht einfach. Irgendetwas, was ich
getan oder gesagt habe, hat dich aufgeregt, und ich würde gerne
wissen, was es war. Er ließ nicht locker.
Scully, der die Frustration deutlich lesbar ins Gesicht
geschrieben stand, rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und
her. Diesem Gespräch würde sie gerne ausweichen, doch dazu
schien es zu spät zu sein. Mulder hatte es aufgegriffen und sich
wie ein Terrier darin verbissen.
Es ist dein gutes Recht und es lag nicht in meiner Absicht,
dies zu kritisieren oder es dir anzukreiden, gestand sie
mit einem flüchtigen Blick in sein Gesicht ein, wandte sich
aber, noch bevor er darauf reagieren konnte, wieder ab. So
entging ihr, dass sich Mulders Gesicht zu einer ratlosen Grimasse
verzog.
Wenn du mir noch sagen könntest, wozu ich ein gutes Recht
habe, S... Gillian, versuchte er seiner Frau
weitere Einzelheiten zu entlocken. Er hatte nicht den blassesten
Schimmer, wovon zum Teufel sie gerade sprach.
Du hast schon immer mit anderen Frauen geflirtet, um deine
Ziele zu erreichen. Ich weiß nicht, warum es mich gerade jetzt
so stört, gestand sie den wahren Grund ihres Unbehagens
mit leiser Stimme ein. Endlich verstand Mulder. Seine Scully war
eifersüchtig. Ein wohliges Kribbeln breitete sich in seinem
Bauch aus. Er musste sich sehr beherrschen ein Lächeln, das sich
auf seine Lippen legen wollte, zu verkneifen.
Aber ich habe mit Claudia doch gar nicht geflirtet,
räumte er sanft ein. Dana, die sich durch dieses Eingeständnis
nur noch unwohler zu fühlen schien, machte den Eindruck als
würde sie lieber eine Wurzelbehandlung über sich ergehen
lassen, als weiterhin diesem Gespräch beizuwohnen.
Ich weiß, aber unter anderen Umständen würdest du,
vielleicht wenn sie Iris heißen würde.
All die Zweifel, die sie über die letzten Jahre verdrängt
hatte, kamen wieder in ihr hoch. Sie wusste, dass sie nicht
Mulders Beuteschema entsprach. Sie war klein, rothaarig
nein, jetzt brünett und hatte verhältnismäßig kleine
Brüste. An Frauen wie Diana Fowley oder Phoebe Green konnte sie
sich nicht messen, das wusste sie.
Du hast doch eben selbst gesagt, dass ich so etwas nur tue,
wenn es seinen Zweck erfüllt. Glaubst du, ich bin begeistert
davon gewesen, wenn andere Männer dir nachgestellt haben?,
gab er der von Selbstzweifeln zerfressenen Scully zu bedenken.
Mit der Wendung dieser Unterhaltung hatte er nicht gerechnet,
auch nicht mit diesem Anflug von Eifersucht, der eigentlich nur
das wahre Problem unter sich verbarg; Dana war unsicher. Er
fragte sich, was dieses Gefühl gerade jetzt ausgelöst hatte und
ob sie schon immer so empfunden hatte. Bevor er diese Fragen
verbalisieren konnte, trat die perfekt geschminkte und frisierte
Claudia fröhlich zurück an ihren Tisch und platzierte vor jedem
ihrer Gäste das gewünschte Frühstück. Frischer Kaffeeduft
hing verlockend in der Luft.
Ich wünsche guten Appetit!, trällerte sie, ehe
Claudia sich mit der gleichen Fröhlichkeit jemand Anderem
widmete.
Schweigend tat Mulder seinen ersten Bissen. Das herrliche Aroma
der heißen Waffeln vermischte sich mit dem des Ahornsirups. Es
schien ihm als hätte er noch nie etwas annähernd so Köstliches
gegessen. Scully dagegen betrachtete nur missmutig ihre
Toastbrotscheiben, ihr Appetit schien verflogen zu sein.
Weißt du, worin der Unterschied zwischen all diesen
Frauen, die du angesprochen hast, und dir liegt?, stellte
Mulder die Frage in den Raum, deren Antwort ihr hoffentlich all
ihre Zweifel nehmen würde. Dana zuckte nur mit den Schultern,
blieb jedoch stumm.
Diese Frauen habe ich nett behandelt, weil ich etwas von
ihnen wollte Informationen - sie waren einzig von
beruflichem Interesse. Dich hingegen liebe ich und im Gegensatz
zu ihnen habe ich bei dir keine eigennützigen Hintergedanken. Es
tut mir leid, wenn dich mein Verhalten in der Vergangenheit
verletzt hat. Zusammenaddiert können diese Flirts,
wie du sie nennst, dir niemals das Wasser reichen, denn es gibt
nur eine einzige Frau in meinem Leben. Dich. Diese Worte
sprach er mit einer Intensität, die kaum zu übertreffen war.
Ganz allmählich verschwand der neutrale Ausdruck auf Danas
Gesicht und ein verlegenes Lächeln zeichnete sich ab.
Ich weiß, dass ich dich eine lange Zeit nicht so behandelt
habe wie du es verdient hättest. Aber ich habe dich immer
geachtet und geschätzt. Niemand hat bisher an mich geglaubt,
nicht so wie du es getan hast. Deine Freundschaft, Loyalität und
Liebe bedeuten mir alles!, vervollständigte Mulder seine
Beteuerungen.
Das Lächeln, welches sich nun vollends auf Scullys Gesicht
ausbreitete, strahlte mit der Sonne um die Wette. Einen kurzen
Moment lang sah er Feuchtigkeit in ihren Augen aufblitzen, dann
aber sammelte Dana sich.
Wow, ich weiß gar nicht, was ich darauf noch erwidern soll,
flüsterte sie verlegen, blickte Mulder dieses Mal jedoch direkt
an.
Gar nichts, es reicht, wenn du es zur Kenntnis nimmst!,
befand Fox mit einem Funkeln in den Augen. Zärtlich griff er
nach ihrer Hand, hielt sie für einen Moment, in dem sie sich nur
schweigend ansahen.
Darf es noch etwas Kaffee sein?, unterbrach sie eine
raue, weibliche Stimme.
Vor ihnen stand eine kleine und rundliche Mittvierzigerin. Ihre
dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Berg auf dem Kopf
aufgetürmt, einzelne Strähnen hatten sich jedoch gelöst und
standen wild von ihrem Kopf ab. Sie trug eine hässliche Brille
mit dicken Gläsern, die durch den kräftig aufgetragenen,
grünen Lidschatten noch mehr betont wurde. An dem Revers ihrer
Kellnerinnenuniform trug sie ein Namensschild. Iris.
Kurz trafen sich die Blicke des Paares.
Jeder konnte die Erleichterung deutlich lesbar in den Augen des
anderen erkennen. Zum einen, weil sie sich endlich am Ziel und
somit an der Quelle ihrer momentanen Probleme sahen und zum
andern, weil sie somit ihr intimes Gespräch, welches nicht für
fremde Ohren bestimmt war, beenden und in der Abgeschiedenheit
ihres Hotelzimmers fortführen konnten. Gleichzeitig richteten
sie ihr Wort an Iris.
Ja, gerne. Diese lachte auf und
schenkte ihren Gästen frisch aufgebrühten Kaffee nach. Kurz
bevor sie Mulders und Scullys Tisch wieder verlassen konnte,
richtete Mulder sein Wort an die ältere Frau. Seine Stimme war
leise, er wollte nicht das Interesse der anderen Gäste wecken.
Wir hätten dann bitte noch die
Rechnung. Ach, bevor ich es vergesse, würden Sie mir bitte noch
ein Schinkensandwich für später fertig machen? Eine Bekannte
hat mir erzählt, Sie würden die besten Sandwichs in ganz Idaho
machen. Schmeichelte er der Bedienung. Seine Augen
glitzerten verräterisch. Iris, die ganz wie Mulder es sich
ausgemalt hatte, den Köder schluckte, versicherte das
gewünschte Sandwich mit der Rechnung zu bringen und erkundigte
sich daraufhin interessiert, wer genau diese Bekannte sein
mochte. Der Ex-Agent gab vor sich nicht mehr genau zu erinnern.
Es ist schon eine Weile her, ich hatte
es auch schon längst vergessen. Sie werden gar nicht glauben,
wie überrascht ich war, als wir auf der Suche nach einem
Frühstück ausgerechnet an Eddies Diner vorbeigefahren sind. Und
plötzlich ist mir dieses Gespräch wieder eingefallen. Zufälle
gibt es, befand Mulder in einem lockeren Tonfall. Scully,
die es ihrem Partner überließ mit Iris zu reden, widmete sich
indes ihrem Kaffee. Genießerisch lehnte sie sich in ihrem Stuhl
zurück.
Da haben Sie Recht, junger Mann. Ich
sags ja immer, die Welt ist klein! Dies war genau der
Anhaltspunkt, auf den Mulder gewartet hatte.
Sehr klein sogar, im Vergleich zu
Jupiter zum Beispiel. Sie werden es nicht glauben, aber die Erde
würde exakt 318 Mal in Jupiter hineinpassen. Ist das zu fassen?,
beendete der hagere Mann seine Aufführung mit einem zufriedenen
Seufzer.
Aufmerksam beobachtete das Paar die Wirkung
des Wortes Jupiter auf die Frau. Diese zeigte jedoch keine andere
Reaktion außer einem leisen Auflachen und ein verneinendes
Kopfschütteln. Bevor Mulder noch genauer werden konnte, wurde
Iris vom Koch, der an der Durchreiche zur Küche stand,
weggerufen. Irritiert sahen die Flüchtigen ihr nach. Beide
fragten sich, ob sie wirklich das richtige Diner gefunden hatten.
Doch es blieb ihnen nichts anders übrig, als ihr Frühstück zu
beenden und sich in Geduld zu üben. Scully ließ ihren Blick
durch das Lokal wandern. Auf einer Tafel fand sie in
säuberlicher Schrift eine Werbung für die hausgemachten
Sandwichs.
Ich dachte schon, du hättest mit Yves
wirklich über Sandwichs gesprochen, bemerkte die brünette
Frau leicht amüsiert.
Nein, ich habe improvisiert. Ich hoffe
nur, dass ich meine schauspielerischen Fähigkeiten nicht an die
Falsche verschwendet habe, gab Fox mit einem Zwinkern in
den Augen zu bedenken. Dann bot er Dana ein Stück Waffel auf
seiner Gabel an. Einen kurzen Moment zögerte seine Begleiterin,
dann jedoch öffnete sie den Mund.
Ein Tropfen des Sirups blieb in Scullys
Mundwinkel hängen. Ein merkwürdiges Gefühl von Deja-vu
erfasste Mulder, während er den bernsteinfarbenen Tropfen mit
einer Intensität musterte, die Unbehagen in Scully auslöste.
Bevor sie sich verunsichert mit der Servierte über den Mund
fahren konnte, stoppte ihr Partner sie sanft und beugte sich ihr
entgegen. Seinem Beispiel folgend, näherte sie sich ihm
ebenfalls, verringerte den Abstand bis auf wenige Zentimeter.
Ihre Lippen trafen sich in einer kurzen, beinahe schüchternen
Berührung. Sie hielten in diesem Moment inne, genossen das
Gefühl der Wärme, die der Andere in ihnen auszulösen
vermochte. Zärtlich strich Mulder Zunge über Scullys Lippen,
schmeckte den Sirup, der sein ganzes Aroma in seinem Mund
entfaltete. Hatte ein Kuss jemals süßer geschmeckt? Nur mit
großer Überwindung beendete der bärtige Mann den Kuss und
betrachtete die Frau vor ihm. Sie war leicht über den Tisch
gebeugt und hatte die Augen geschlossen. Ihre Atmung ging
stoßweise und ein zauberhaftes Lächeln hatte sich auf ihrem
Gesicht ausgebreitet.
Wäre dies nicht ein öffentlicher
Ort, dann wäre ich jetzt versucht dich
, doch weiter
kam er nicht. Mit einem Lied auf den Lippen trat Iris zurück an
ihren Tisch. Ob sie summte, weil sie dies generell während der
Arbeit tat oder ob sie ihre Gäste vor einer peinlichen Situation
bewahren wollte, vermochte das Paar nicht zu sagen.
Tschuldigung. Jetzt bin ich
wieder für Sie da. Sie wollten die Rechnung und ein
Schinkensandwich, richtig?, erkundigte sie sich und legte
ein großes, verpacktes Sandwich vor Mulder. Dann reichte sie ihm
die Rechnung. Fox zählte den Betrag und ein großzügiges
Trinkgeld ab. Mit einem Lächeln nahm Iris dies entgegen und
bedankte sich. Bevor einer der Beiden sie wegen des
Schließfaches ansprechen konnte, war die Frau schon in der
Küche verschwunden. Frustriert leerte Mulder seinen Kaffee und
aß die letzte Waffel. Scully schien zwischenzeitlich wieder
Appetit entwickelt zu haben und leerte ebenfalls ihren Teller.
Sie beschlossen erst einmal ein Hotelzimmer zu mieten und gegen
Nachmittag ins Diner zurückzukehren. Zur Not mussten sie
abermals Kontakt mit Yves aufnehmen. Fox ergriff sein Sandwich
und gemeinsam erhoben sie sich. Scully, einem inneren
Kontrollzwang folgend, ließ ihren Blick noch einmal über den
Tisch gleiten.
Mu
David!, hinderte sie
Mulder am Gehen. Dieser drehte sich zu ihr um. Auf dem Tisch lag
ein kleiner, silberner Schlüssel. Vorsichtig, als wäre er ein
wertvoller Schatz, steckte Dana ihn ein. Er musste unter dem
Sandwich gelegen haben. Eilig verließen sie Eddies Diner.
*****
Guter Dinge und mit weit ausholenden Schritten, eilte Fox Mulder
den Hotelgang entlang. Sie hatten es geschafft! Sicher hatte er
den Umschlag, den er dem Schließfach 211 des kleinen Bahnhofes
von Portwayn entnommen hatte, in der Innentasche seiner Jacke
verstaut. Er hatte es nicht gewagt den Inhalt direkt am Bahnhof
zu inspizieren. Die überall angebrachten Überwachungskameras
hatten ihn nervös gemacht. Auf dem schnellsten Wege war er
wieder zurück zu dem kleinen Hotel gefahren, in dem er sich mit
Scully eingemietet hatte. Natürlich hatte sie darauf bestanden
ihn zu begleiten. Doch er hatte Dana überzeugen können, dass
eine Person weit unauffälliger wäre als zwei. Schlussendlich
hatte er sie mit der Aussicht auf ein heißes Schaumbad gelockt.
Ein Schaumbad, dem er sich so schnell wie möglich anzuschließen
gedachte. Schnell schlüpfte er in die Türe des Zimmers 319. Es
war nicht groß, doch angenehm hell und vor allem sauber. Die
Badezimmertüre war nur angelehnt. Heißer Wasserdampf entwich
und erhöhte die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit des
angrenzenden Raumes. Der süße Duft von Vanille hing in der
Luft. Auf dem Weg zum Hotel hatten sie in einer kleinen Drogerie
halt gemacht und einen verhältnismäßig teueren Badezusatz
entstanden. Trotz Scullys vorangegangenem Protest wusste er wie
sehr sie diesen Einkauf zu schätzen wusste.
Und?, hörte er die gedämpfte Stimme seiner
Partnerin aus dem Nebenraum. Ist alles glatt gelaufen?
Mulder, der gerade seine Schuhe abstreifte, durchquerte das
Hotelzimmer und trat ins Bad. Eine Hitzewelle schlug ihm entgegen
und trieb dem müden Mann einige Schweißperlen auf die Stirn.
Der Spiegel war beschlagen, ebenso schimmerte ein
Feuchtigkeitsfilm auf den weißen Fliesen. Der Raum erinnerte ihn
an eine Sauna. Scully saß tief in der Badewanne versunken,
einzig ihr Kopf und ein schaumbedecktes Knie ragten an die
Oberfläche. Sie trug die Haare hochgesteckt. Ihre Haut war vom
heißen Wasser gerötet.
Alles Bestens. Gratulation, Mrs. ODonell. Von nun an
sind Sie stolze Eigentümerin von 1A gefälschten Papieren,
noch während er sprach, fischte er den dicken Umschlag aus der
Jacke. Ungeduldig riss er ihn auf und förderte ein dickes
Bündel Papiere zum Vorschein.
Man, die Jungs haben an alles gedacht, bemerkte er
bewundernd und mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. Drei
dicke Bündel Banknoten, Ausweise, Führerscheine,
Geburtsurkunden, Kreditkarten, Sozialversicherungsnummern, wow,
sogar eine ärztliche Zulassung für Gillian. Einen kurzen
Moment lang verstummte er.
Oh nein, ich bin untröstlich. Wie konnte ich unseren
Hochzeitstag nur vergessen, Liebling. Kannst du mir noch einmal
verzeihen?, fragte er theatralisch.
Scullys Reaktion bestand aus einer erhobenen Augenbraue und einem
ungläubigen Wie bitte?
Wir hatten am 21.04. unseren fünften Hochzeitstag,
erklärte ihr Fox.
Aber da du ihn ebenfalls vergessen hast..., bemerkte
er mit einem gespielt gekränktem Tonfall.
Es gäbe da aber eine Möglichkeit mich dieses Versäumnis
vergessen zu lassen! Langsam streiften seine Finger Scullys
aus dem Wasser herausragendes Knie in einer federleichten
Berührung. Diese hob kokett ihr Bein aus dem Wasser, bot somit
ihrem Partner mehr Angriffsfläche.
Und an eine Wiedergutmachung welcher Art denken Sie da, Mr.
ODonell?, hauchte Dana mit einem verträumten
Augenaufschlag. Die Temperatur des Raumes stieg schlagartig um
mehrere Grad. Liebkosend wanderten Mulder Fingerspitzen über die
ihm dargebotene nasse und seidenweiche Haut. Die Hitze und das
Verlangen, welches diese Frau in ihm auszulösen vermochte,
brachte sein Blut in Wallung. Mulders Atem ging stoßweise.
Ich bin sicher, Ihnen fällt etwas Geeignetes ein, Mrs. ODonell.
Zu mehr als einem heiseren Flüstern schien er nicht mehr in der
Lage zu sein. Nur widerwillig ließ er von Dana ab, um sich den
Pullover mit samt seinem T-Shirt in einer schnellen Bewegung
über den Kopf zu ziehen. Sein nackter Brustkorb hob und senkte
sich in einem schnellen Rhythmus.
Vielleicht hätte ich da eine Idee, raunte Scully und
erhob sich aufreizend langsam aus dem Schaummeer.
Grazil richtete sich die zierliche Frau auf
ihre Knie auf bis das Wasser nur noch ihre Oberschenkel bedeckte.
Schaumflocken verhüllten große Teile ihres schlanken Körpers,
die Feuchtigkeit verlieh Danas Haut einen seidigen Schimmer.
Einer hauchzarten Liebkosung gleich, glitt der Schaum ihre
sanften Rundungen hinab und gab Mulders hungrigen Blicken somit
mehr und mehr nackte Haut preis, die dank der Wärme eine rosige
Farbe angenommen hatte. Bewundernd betrachtete der Ex-Agent seine
Partnerin, die ihm vertrauensvoll und zugleich aufreizend
entgegenblickte. Seine Augen folgten einem schimmernden
Wassertropfen, der wie die Berührung eines Liebhabers über die
preisgegebene Haut wanderte. Von ihrem zarten Hals lief er über
Danas rechte Brust, liebkoste ihren flachen Bauch, nur um sich in
den roten Locken zwischen ihren Schenkeln zu verlaufen. Sein
Blick entflammte die junge Frau, brachte ihren Körper leicht zum
Erbeben. Ein angenehmer Schauer erfasste ihren Leib, löste eine
Gänsehaut aus und ließ ihre erregten Brustwarzen sich gänzlich
aufrichten. Hitze schoss durch ihren Leib.
Das erregende Heben und Senken Scullys
Brustkorbs riss Mulder aus seiner stummen Bewunderung und er sank
auf seine Knie. Fordernd zog er die nun brünette Frau zu sich
heran, presste ihren nackten und nassen Körper an seine Brust
und raubte ihr mit einem innigen Kuss den Atem. Leidenschaftlich
duellierten sich ihre Zungen in einem Kampf, der keinen Verlierer
kannte. Mulders Arme schlossen sich um seine Partnerin. Einzig
der Wannenrand, seine Jeans und Boxershorts trennten ihn von dem
Gefühl von Haut auf Haut. Ein Umstand, der sich korrigieren
ließ. Schnell flogen seine Finger zu dem Saum seiner Hose und
mit einer fahrigen Geste streifte er die störenden Stoffe ab.
Dann glitt er unter Aufspritzen des Wassers zu Dana in die Wanne.
Diese zog Fox näher zu sich heran, presste ihre Brüste fest
gegen seinen Brustkorb.
Unzählige Minuten lang knieten sie sich eng
aneinandergepresst gegenüber, versunken in ihrem Kuss und den
Gefühlen, die sie ineinander auszulösen vermochten. Forschend
wanderten Mulders Hände über Scullys Rücken, hinterließen
eine heiße Spur auf ihrer glühenden Haut. Die Brusthaare ihres
Partners kitzelten ihre hypersensiblen Brüste, veranlassten die
erregte Frau sich an Fox zu reiben. Ein tiefes Stöhnen verließ
seine Kehle, gab Aufschluss wie sehr er diesen Moment genoss.
Mulders erregter Penis presste sich fordernd gegen Danas Bauch,
zeigte ihr, was nur sie bewirken konnte.
So sehr seine ungeduldige Männlichkeit
Scully auch begehren mochte, seine Knie gaben auf dem harten
Wannenboden ein protestierendes Krachen von sich. Ein Anflug von
Humor und auch Besorgnis durchdrang den Nebel der Erregung.
Sie werden nicht jünger, Mr. ODonnell,
zumindest macht es den Eindruck, neckte Scully und biss
liebevoll in sein Ohrläppchen. Daraufhin zog Mulder sie eng an
sich und ließ sich mit ihr auf dem Schoß hinterrücks in die
Wanne gleiten. Wasser schwappte über und der unerwartete
Positionswechsel verleitete Scully zu einem überraschten
Aufschrei.
Schon viel Besser!, befand
Mulder während sich seine Hände auf Danas Pobacken legten und
er sie so in die gewünschte Stellung schob. Zärtlich
streichelten seine Finger über ihr zartes Fleisch, während
seine Lippen abermals die ihren suchten. Neckend strich Mulders
Zunge über ihre Lippen, forderte ihre Zunge zu einem Duell
heraus. Immer leidenschaftlicher küssten sie sich und rieben
gleichzeitig ihre heißen Körper aneinander, in einem stetig
schneller werdenden Rhythmus. Mulder, der nicht länger fähig
war, der elektrisierenden Spannung zwischen ihnen standzuhalten,
griff mit einer Hand an Scullys intimste Stelle, stimulierte sie
ein unerträgliches Mal mehr. Ihr Atem ging stoßweise.
Verlangend presste sie ihren Unterleib gegen seine Hand und
schloss die Augen.
Jetzt, Mulder, forderte sie mit
rauer und belegter Stimme. Eine Einladung, der Mulder nur allzu
gerne nachkam. Seine Hand löste sich von Dana, was diese
protestierend aufstöhnen ließ. Doch besänftigte es sie, als
sich seine Arme um ihre Hüfte legten und er sie sanft anhob, um
sie direkt über seiner Erektion zu platzieren.
Willig presste sich Scully gegen ihn, ihre
eigene Erlösung suchend. Seine Hände umfassten ihre schmale
Taille, die er fast ganz umschließen konnte. Doch bevor die
zierliche Frau auf ihn sinken konnte, drückten seine starken
Arme ihren Körper von sich. Verwundert blickte ihn Dana mit
offenem Mund an, nur langsam lichtete sich der Schleier der
Erregung. Ein stummes Was lag auf ihren, von
zahlreichen Küssen geschwollenen Lippen.
Verhütung, ächzte Mulder, der all seine
Selbstbeherrschung mobilisieren musste, um nicht mit einem Stoß
in seine Partnerin einzudringen.
Verhütung?, brachte Scully mühsam hervor. Selbst in
dieser Situation schoss eine ihrer Augenbrauen in die Höhe. Sie
konnte einfach nicht glauben, was sie da hörte.
Glaubst du nicht, dass es dafür nicht schon zu spät ist,
raunte sie mit einem Hauch Amüsement in der Stimme. Lebhafte
Bilder aus der nahen Vergangenheit schossen ihr durch den Kopf.
Ihre völlige Hingabe, die sie nur Mulder entgegenbringen konnte.
Und bei jenem Mal in Beth McKenniths Gästezimmer hatten sie an
Verhütung keinen Gedanken verschwendet. Warum auch?
Das ist nicht nötig, flüsterte Dana mit leicht
belegter Stimme. Zwischen ihnen hingen Worte, die sie nicht
auszusprechen wagte. Doch das brauchte sie nicht, Mulder
verstand.
Du meinst, eine als unfruchtbar befundene Frau kann nicht
schwanger werden?, fragte Mulder, ein feiner Funken an Hohn
war nicht zu überhören. Auch wenn ihn die Vorstellung eines
gemeinsamen Babys nicht kalt ließ, so waren sie momentan
keinesfalls in der Lage einem Kind das zu bieten, was es gerade
in den ersten Lebensmonaten benötigte. Zudem stellte eine
Schwangerschaft auf der Flucht ein großes, nicht einkalkuliertes
Risiko dar.
Wie hoch stehen die Chancen für die Wiederholung eines
Wunders?, stelle Dana mit einer hilflosen Geste in den
Raum. Wir brauchen nicht zu verhüten.
Fox zog sie in seine Arme, was das mittlerweile lauwarme Wasser
an dem Badewannenrand zum Überschwappen brachte. Die angeheizte
Stimme hatte sich in sanfte Melancholie verwandelt. Ihn beschlich
das merkwürdige Gefühl, dass der Gedanke William verloren zu
haben und niemals wieder ein Kind haben zu können, Dana mehr
zusetzte als sie es sich oder ihm jemals eingestehen würde.
Liebevoll küsste er Scullys weiche Lippen. Dann aber beendete er
den liebevollen Kuss und sah der Frau, die er liebte, in die
Augen.
Brauchen wir nicht, oder willst du nicht?, stellte er
die Frage in den Raum, deren Antwort er bereits erahnte. Scully
hob trotzig ihr Kinn an.
Es geht nicht um brauchen, sondern um können. Ihre
Stimme bebte leicht.
Mulder wusste nicht, wie er darauf eingehen sollte. Das Geheimnis
um Williams Empfängnis war noch immer so ungelöst wie am ersten
Tag. Doch wussten sie beide, dass er ihr leibliches Kind war. Er
würde alles tun, um seine Scully glücklich zu machen, alles in
seiner Macht stehende. In ihren Augen konnte er es erkennen.
Einen Wunsch. Einen Wunsch um ein Wunder. Zärtlich schlossen
sich Fox Mulders Hände um das zarte Gesicht seiner Partnerin.
Wenn jemand ein weiteres Wunder verdient, dann du.
Diese Worte untermauerte er mit abermaligen, hauchzarten Küssen,
die sich wie die Schläge von Schmetterlingsflügeln auf Danas
Lippen legten. Und mit dieser Geste warf er alle Sorgen und
Ängste, die ein weiteres Kind bedeuten konnten über Bord,
kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Langsam steigerte er die
Intensität ihres Kusses, bis seine Zunge abermals fordernd die
ihre bedrängte. Auch Scully legte ihre Passivität ab, rieb
ihren überhitzten Leib feste gegen seinen. Ihre Körper nahmen
den uralten Tanz zweier Liebenden wieder auf, Lippen und Zungen
kosteten feuchte Haut, Hände erregten und stimulierten. Die
vorangegangen Diskussion fiel von ihnen ab, machte sie
empfänglich für die Zärtlichkeiten des Anderen. Energisch
dirigierte ein übereifriger Mulder seine Partnerin in die
richtige Position, nur um sich Sekunden später mit ihr zu
vereinen. Ein Stöhnen erfüllte den Raum. Immer schneller
bewegten sich ihre nassen Körper, Wasser schwappte über den
Wannenrand. Auf dem Boden bildete sich bereits ein kleiner See.
Hungrige Küsse raubten ihnen den Atem, trieben sie immer weiter
in einen ekstatischen Liebesrausch. Unausweichlich rasten sie auf
ihre Erlösung zu, den Namen des anderen auf dem Lippen.
Dann erschlafften ihre Leiber. Müde und bewegungslos sanken sie
zurück in die Wanne, deren Wasser nun deutlich abgekühlt und
geleert war. Schwerfällig hob Mulder eine Hand und lies sie in
einer beruhigenden Bewegung über Scullys Rücken gleiten. Unter
seinen Fingern und an seiner Brust spürte er ihren schnellen
Herzschlag. Ein Gefühl, belebender als jeder Orgasmus.
Wir sollten die Hoffnung nie aufgeben, Dana,
flüsterte er matt. Scully, nur noch zu einem fragenden Brummeln
in der Lage, hob nicht einmal ihren Kopf.
Ich liebe dich. Auch wenn diese Worte nicht die
vorangegangen erklärten, so bedeuten sie doch alles. Erschöpft
schlossen die Flüchtigen die Augen, tankten Kräfte, die sie
noch brauchen würden.
*****
Nach einem ausgiebigen und durchaus
wohlschmeckenden Frühstück in Eddies Diner, checkte das Paar
aus dem Hotel aus und wenig später befanden sie sich auf einem
Highway in Richtung Norden. Zu dieser frühen Stunde waren die
Straßen bis auf einige, für ihr Gewicht viel zu schnell
fahrende Trucks wie leergefegt. Die meisten Menschen zog es in
den Süden, nicht in die kalte Ödnis Kanadas. Die Landschaft
flog an ihnen vorbei, Laubbäume wurden immer seltener und
schlussendlich von dichten Nadelbaumwäldern abgelöst. Je näher
sie der kanadischen Grenze kamen, desto frischer wurde die Luft.
Irgendwann hatte Scully schaudernd das vormals kalte Gebläse des
Wagens auf eine wärmere Stufe gestellt und das Beifahrerfenster
wieder hochgekurbelt. Es schien den Flüchtigen als befänden sie
sich in einer in den Bergen gelegenen Wildnis. Nur der
asphaltierte Highway zeugte vom Eingreifen der Menschen. Im
Wageninneren herrschte Schweigen. Beide Ex-Agenten hingen ihren
Gedanken nach. Gedanken über eine Zukunft in Kanada und wie
genau diese wohl aussehen würde. Ab und an suchte Danas linke
Hand die ihres Partners. Eine stumme Geste, die Sicherheit suchte
und von der sie sich Zuversicht versprach. Scully war es als
wäre der dichte Nebel, der in den letzten Tagen ihren Geist
umhüllt hatte, einer klaren, alles erfassenden Sicht gewichen.
Auch Mulder sah entspannter aus und wirkte um Jahre jünger.
Doch egal wie sehr sie das vorläufige Ende
ihrer Flucht herbeisehnte, so konnte sie das beklemmende Gefühl,
welches kalt und berechnend an ihr empor kroch, nicht
abschütteln. Bei jeder Meile, die sie zurücklegten, krampfte
sich Danas Magen nervös zusammen. So nah und doch trennte sie
noch eine scharfe Pass- und Personenkontrolle von ihrer lang
ersehnten Freiheit. Die Angst, so kurz vor dem Ziel noch zu
scheitern, hatte die junge Frau fest im Griff und vertrieb jeden
Optimismus. Verunsichert betrachtete Scully das Profil ihres
Partners.
Werden die Papiere standhalten?
fragte sie leise und brachte das zum Ausdruck, was sie so sehr
beschäftigte. Sie wusste, dass sich die Fälschungen kaum von
Originalen unterschieden, doch konnte sie die Unsicherheit nicht
abschütteln. Kurz drehte sich Mulder zu ihr um, dann aber
richtete er den Blick wieder auf die Fahrbahn.
Die Jungs sind
waren Profis.
Yves hätte uns die Papiere nicht geschickt, wenn sie
Befürchtungen gehabt hätte. Entspann dich. Wir sind einen
Katzensprung von unserem neuen Leben entfernt. Seine Worte
klangen ruhig und zuversichtlich. Gerne wollte Dana ihnen Glauben
schenken. Sie dachte an die Strapazen der letzen Wochen,
Ereignisse, die ihr noch immer einen Schauer über den Rücken zu
jagen vermochten. Sie versuchte es Fox gleich zu tun daran zu
glauben, dass sie es schaffen konnten und auch würden. Eine
angespannte Körperhaltung würde die Kontrolleure an der Grenze
nur unnötig alarmieren. Sie mussten ruhig bleiben, ruhig und
besonnen.
Das Leben in Kanada würde nicht mit dem in
DC zu vergleichen sein. Würden sie einem Leben fernab von einer
Großstadt überhaupt standhalten können? Nie wieder würden sie
den Beruf, den sie beide liebten und der sie untrennbar
miteinander verbunden hatte, wieder ausleben können. Auch konnte
sie sich nicht vorstellen jemals wieder unbekümmert sein zu
können, denn insgeheim rechnete sie noch immer damit, Verfolger
könnten im Rückspiegel auftauchen, ihre Flucht aus den USA noch
in letzter Sekunde vereiteln. Doch die Straße hinter ihnen war
frei.
Ein dichter Fichtenwald lag vor ihnen,
ausgebreitet wie ein grüner Teppich, soweit der Horizont
reichte. Irgendwo dahinter musste sich die Grenze befinden. Ihre
letzte Hürde auf amerikanischem Boden. Hoch über ihnen glitt
ein mächtiger Greifvogel mit weit ausgebreiteten Schwingen durch
die Luft. Scully beneidete das Tier um seine Freiheit und die
einfache Schönheit seiner Existenz. Geleitet von Instinkten und
perfekt seiner Umgebung angepasst. Grenzen gab es nicht.
Sehnsüchtig und mit einem Gefühl der Wehmut folgte Danas Blick
dem majestätischen Tier, bis es in weiter Ferne zu einem
winzigen Punkt geschrumpft war.
*****
Führen Sie irgendwelche Güter mit
sich, die zu verzollen sind, Sir, Maam?, fragte der
spindeldürre Zollbeamte gelangweilt. Deutliche sichtbare Ringe
unter den Augen des mageren Mannes und sein schleichender Gang um
den Saab verrieten, dass dies ein langer Tag für ihn sein
musste. Nur mäßig interessiert blickte er durch die hintere
Scheibe in den Innenraum des Wagens. Die Waffe ruhte unberührt
in seinem Schulterholster. Sein Kollege, ein bulliger
Stiernacken, hatte sich nach einem kritischen Blick auf das Paar
wieder in das winzige Zollhäuschen zurückgezogen. Dem Protokoll
schien dieses nachlässige Verhalten nicht zu entsprechen, doch
dies kam den Flüchtenden sehr gelegen. Allmählich wich die
innere Anspannung der Ex-Agenten.
Nein, Sir, beantwortete Scully
die Frage in einem ruhigen Tonfall.
Kaum merklich nickte der Beamte. Wie sehr er
das Ehepaar beneidete. Wann hatte er zum letzten Mal Urlaub
fernab der Heimat gemacht? Er konnte sich nicht mehr daran
erinnern.
Bitte öffnen Sie den Kofferraum, Mr.
ODonell, forderte Patrick Delaney den dunkelhaarigen
Mann auf, der sofort seiner Bitte folge leistete. David ODonell
überragte Patrick fast um einen Kopf und blieb pflichtbewusst
neben dem Zollbeamten stehen, während dessen geschulte Augen den
Kofferraum nach etwaiger Schmugglerware durchsuchte. Hin und
wieder tastete seine knochige Hand Hohlräume der Karosserie ab,
doch wie vermutet fand er nichts Verdächtiges.
Entschuldigen Sie, Sir, vernahm
Patrick auf seiner linken Seite. Die Frau hatte ebenfalls den
Wagen verlassen und warf ihm ein entschuldigendes und gleichsam
wunderschönes Lächeln zu. Verlegen musterte er die
Amerikanerin. Sie maß nicht sehr viel mehr als er es tat und
hatte die strahendsten blauen Augen, die er jemals zu Gesicht
bekommen hatte. Ihr Ehemann musste ein Glückspilz sein. Ein
flüchtiges Lächeln legte sich auf Patricks Lippen und mit einem
angedeuteten Nicken ließ er sie wissen, dass er ganz Ohr war.
Können Sie uns sagen, ob man hier in
der Nähe gut essen kann? Wir sind schon einige Zeit unterwegs
und ich bin das Tankstellenessen langsam leid.
Sicherlich. Etwa 80 Meilen entfernt
von hier gibt es eine Tankstelle. Wenn sie dort rechts abbiegen
und dem Verlauf der Landstraße etwa 10 Minuten folgen, finden
Sie eine kleine Ortschaft. Wirklich klein, kaum mehr als 100
Seelen. Das zweite Haus auf der linken Seite gehört Edith
McMahon. Sie vermietet einige Zimmer an Reisende, ein Geheimtipp,
sozusagen. Und sie hat eine hervorragende Küche. Sagen Sie ihr,
Pat Delaney schickt Sie. Ich verspreche Ihnen, so gut haben Sie
schon lange nicht mehr gegessen. Froh darüber seine Hilfe
anbieten zu können, schloss der Zollbeamte den Kofferraumdeckel
mit einem leisen Klacken und reichte den Durchreisenden die
Papiere zurück.
Vielen Dank, Mr. Delaney.
Das Paar stieg wieder ins Auto. Gerade, als
der Fahrer den Wagen anlassen wollte, trat Pats Kollege zurück
ins Freie. In seinen Händen ein Funkgerät, das Gesicht vor
Aufregung gerötet.
Wir haben gerade eine Meldung
durchbekommen. Zwei Flüchtige, laut Zeugenaussagen, die ihren
Wagen wieder erkannt zu haben meinen, bewegen sie sich Richtung
Norden. Höchste Alarmbereitschaft. Sie werden als bewaffnet und
gefährlich eingestuft.
Diese Neuigkeit richtete die Aufmerksamkeit
des zweiten Zollbeamten auf seinen Kollegen. So entgingen ihm die
besorgten Blicke, welche das Ehepaar austauschte, völlig.
Scullys Hände gruben sich tief in die Sitzfläche, bis ihre
Knöchel weiß hervortraten. Mulder schluckte hart und schien
innerlich eine Flucht gegen betont ruhiges Verhalten abzuwägen.
Wir sind fertig, Mr. ODonell.
Delaney schien sich ihrer wieder zu entsinnen. Kurz zog er seinen
Hut vor Scully. Mrs. ODonell. Ich wünsche Ihnen
einen schönen Aufenthalt in Kanada und grüßen Sie Edith von
mir. Mit diesen Worten waren sie entlassen. Behutsam dreht
Mulder den Schlüssel im Zündschloss herum und ließ den Wagen
vorsichtig auf die Straße rollen. Alles in ihm sträubte sich
gegen die niedrige Geschwindigkeit, doch ein Davonrasen mit
quietschenden Reifen hätte sie verdächtig gemacht. Neben ihm
sank Dana tiefer in den Sitz.
Wir haben es geschafft, murmelte
sie ungläubig.
Wir haben es geschafft!,
verkündete Mulder bestimmt und trat nach der ersten Kurve das
Gaspedal durch.
*****
Ein kalter Luftzug umspielte die zwei
Menschen, die auf einem kleinen Parkplatz hinter ihrem Wagen
standen. Der Wind verfing sich im Haar der Brünetten, wirbelte
einige Strähnen wild umher. Die junge Frau versuchte in einem
aussichtslosen Kampf die Strähnen zu bändigen. Ihr Begleiter
hingegen steckte die Nase in den Wind und atmete tief durch. Dann
reckte er sich, um die vom langen Autofahren steifen Glieder
etwas zu lockern.
Riechst du das?, wollte er mit
geschlossenen Augen wissen.
Der Duft der Freiheit. Die Frau
gab den Versuch auf ihre Haare zu ordnen und schloss ebenfalls
die Augen. Ihr war es als wären ihre Sinne erst jetzt richtig
erwacht. Das Rascheln des aufkommenden Sturmes in den umstehenden
Bäumen wurde lauter. In weiter Ferne glaubte sie das Plätschern
eines Flusslaufes oder eines unruhigen Baches zu hören. Auch die
Luft schien klarer zu sein. Oder war es tatsächlich der Duft der
Freiheit, den sie einatmete? Rein und wohltuend.
Ich kann es immer noch nicht glauben.
Bei ihrem ersten Tankstop in Kanada hatten
sie erfahren, dass es sich bei den gesuchten Flüchtigen, von
denen Delaney und sein Kollege gesprochen hatten, zwei
vorbestrafte Männer gewesen waren, die sich nach einem schweren
Raubüberfall in Kanada hatten absetzten wollen. Nicht eine
Sekunde waren sie selbst Gefahr gelaufen, enttarnt zu werden. Sie
beide hatten bei dieser Neuigkeit dankbare Stoßseufzer gen
Himmel gesandt. Der Gedanke, am Ende ihrer Odyssee angelangt zu
sein, spendete Dana Kraft und Vertrauen in die Zukunft. Mit dem
Mann an ihrer Seite würde sie alles schaffen. Gemeinsam würden
sie jedem aufkommenden Sturm standhalten können.
Ein kleines Häuschen irgendwo,
träumte Fox und öffnete die Augen. Ein sanftes Lächeln legte
sich auf seine Lippen, während er das hübsche Profil seiner
Partnerin betrachtete. Langsam hoben sich ihre Mundwinkel zu
einem winzigen Lächeln. Eines, welches er so sehr zu sehen
liebte. Noch immer hielt sie die Augen geschlossen, doch sie
hatte den liebevollen Blick Mulders nur zu deutlich gespürt und
erwiderte ihn auf ihre Art.
Im Nordwesten in einer kleinen
Ortschaft wo niemand Fragen stellt. Mit einem kleinen Garten,
führte sie seine Träumerei fort.
Wenn du willst, sogar mit einem
weißen Zaun. Diese Beteuerung ließ Dana kurz auflachen.
Sie wusste, wie sehr Mulder Scheinidyllen hasste und schätzte
seine Worte umso mehr.
Darauf können wir gerne verzichten.
Aber wie wäre es mit einem Karpfenteich?, neckte sie den
Ex-Agent. Nun war es an Mulder laut aufzulachen. Diese Bemerkung
ließ ihn an einen Fall denken, in dem sie under-cover als
Ehepaar in einer vorstädtischen Wohnsiedlung ermitteln mussten.
Bald würde er wirklich mit Dana Scully unter einem Dach leben.
Das würde mir gefallen.
Blinzelnd öffnete Scully ihre Augen ein
Stück. Direkt über Mulder ging die Sonne hinter einer
Bergspitze unter. Einem Gemälde gleich zeichnete sich der
Horizont in einem leuchtenden Orangerot ab. Langsam trat sie
einige Schritte nach vorn. Ganz automatisch legten sich ihre Arme
um die Schultern ihres Gefährten, der ihre Umarmung nur zu gerne
erwiderte. Als sich ihre Münder aufeinander zu bewegten, waren
der Sonnenuntergang, der an ihnen zerrende Wind und auch das
eigene kleine Haus vergessen. Endlos schien ihr Kuss anzuhalten,
sanft und bestimmt zugleich. Hinter ihnen versank die Sonne
hinter einem spektakulären Panorama, doch dieses Naturschauspiel
ließ das Paar vollkommen kalt.
*****
Drei Monate später
Praxis von Dr. Emanuel S. Foster
Leisterville
Guten Morgen, Mrs. Canton. Was macht
Ihr Knie, sind die Beschwerden zurückgegangen?
Mit diesen Worten wurde die runde
Mittfünfzigerin mit den wirren, grau-braunen Locken von Doc
Fosters jüngeren Kollegin empfangen, die ihr ein warmes Lächeln
schenkte, welches ihre Augen heute jedoch nicht erreichte.
Schwerfällig kämpfte Gabrielle Canton sich aus ihrer etwas eng
sitzenden, mausgrauen Jacke und nickte atemlos, während die
Ärztin die Jacke für sie an der Garderobe aufhängte.
Schon sehr viel besser, Dr. ODonell.
Ganz zu Anfang war sie der jungen Frau sehr skeptisch gegenüber
gewesen, wie die meisten Bewohner ihres friedlichen
Heimatstädtchens. Schließlich stammt sie nicht aus
Leisterville, sie war nicht einmal Kanadierin. Niemand hatte die
Neuankömmlinge gerne akzeptiert und viele hatten sich zuerst
geweigert sich von der Amerikanerin behandeln zu lassen. Doch in
den letzten drei Monaten hatte sich Gillian ODonell in die
Herzen der Kleinstädter gestohlen und sich nahezu unentbehrlich
gemacht. Sie alle wussten, wie alt Emanuel schon war und seine
Augen wurden von Tag zu Tag schlechter. Die junge Ärztin legte
einen erfrischenden Tatendrang und eine Unerschütterlichkeit an
den Tag, die die Bewohner von Leisterville schlussendlich
überzeugt hatten. Nie war die Brünette unfreundlich, sie nahm
sich für jeden die Zeit, die er benötigte und war nicht nur am
leiblichen Wohl ihrer Patienten interessiert. Besonders die
Jugend hatte Dr. ODonell lieben gelernt.
Das freut mich zu hören. Dann werden
wir uns Ihr Knie jetzt einmal genau ansehen. Wenn Sie bitte schon
einmal vorgehen würden, ich bin in wenigen Minuten wieder bei
Ihnen, Mrs. Canton. Lächelnd wies ihr die zierliche
Ärztin den Weg in eines der kleinen Behandlungszimmer und eilte
dann auf den Raum zu, der mit Privat gekennzeichnet
war.
Dort angekommen schloss sie die Türe lauter
als nötig und ließ sich mit dem Rücken gegen das kühle Holz
fallen. Durch tiefes und kontrolliertes Atmen versuchte sie, die
Übelkeit und den Schwindel unter Kontrolle zu bekommen. Nur
langsam tastete sie sich zur kleinen Sitznische vor, die den
Ärzten und ihrer jungen Assistentin Darleen Sanders für kurze
Ruhepausen zur Verfügung stand. Eine Kochnische mit
Kühlschrank, einer Mikrowelle, einer Kaffeemaschine und einem
Wasserspender nahm das andere Ende des Zimmers ein. Mit klammen
Fingern umfasste Dana den Wasserbecher, der seit ihrer letzten
kurzen Pause noch immer halbvoll auf dem Tisch stand. Kalte Angst
hatte sie fest im Griff. Sie wusste, dass sie sich über kurz
oder lang einer gründlichen Untersuchung und somit ihren
schlimmsten Befürchtungen stellen musste. Die mögliche Diagnose
ängstigte sie nicht so sehr wie Mulders etwaige Reaktion. Zu oft
schon hatte sie die schmale Schwelle zwischen Leben und Sterben
bereits überschritten, um sich jetzt ein weiteres Mal von ihren
Sorgen geißeln zu lassen. Mulder jedoch würde sich niemals
damit abfinden. Er würde schlichtweg durchdrehen. Letztendlich
standen sie dieser Sache aber machtlos gegenüber.
Als die ersten Symptome auftraten, hatte sie
anfänglich versucht diese auf den Stress ihrer Flucht zu
schieben. Doch mittlerweile begnügte sich ihr medizinischer und
rationaler Verstand nicht mehr mit dieser lapidaren Mutmaßung.
Seit Wochen schon kämpfte sie gegen eine kontinuierliche
Übelkeit an. Es fiel ihr schwer, ihre Mahlzeiten bei sich zu
behalten und noch schwieriger war es Mulder vorzuspielen, alles
sei in bester Ordnung. Mit der Übelkeit hatten auch die
Kopfschmerzen begonnen. Und seit einigen Tagen verspürte sie von
Zeit zu Zeit ein Schwindelgefühl, welches sie jedoch auf ihre
reduzierten Mahlzeiten zurückführte. All diese Dinge hatten sie
jedoch nicht so beunruhigt, wie das gestern neu aufgetretene
Symptom.
Gestern Abend, Mulder war noch mit Samuel
White, ihrem neuen Nachbarn, an den Reparaturen eines Daches der
Ortschaft beschäftigt gewesen. Es war kein erfüllender Job für
ihren Partner, doch es war Arbeit und nichts setzte Mulder mehr
zu als untätiges Herumsitzen. Sie hatte einen leichten
Gemüseauflauf gekocht, um damit vielleicht ihren nervösen Magen
zu beruhigen. Während ihrer Vorbereitung das Gemüse klein zu
schneiden, hatte es angefangen. Nasenbluten.
Benommen schüttelte Dana ihren Kopf und
kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Sie hatte keine Zeit, sich
Sorgen oder Gedanken um eine etwaige Diagnose zu machen. Nur eine
gründliche Untersuchung würde ihr wirklich Aufschluss über
ihre körperliche Verfassung geben und bevor sie diese auch nur
erwägen konnte, musste sie mit Mulder sprechen. Doch bevor sie
dies tun konnte, galt es ihren Arbeitstag zu meistern und
Gabrielle Canton war nur ein ihrer Patienten, die ihrer Hilfe
bedurften. Ihre persönlichen Probleme würde sie später zu
Leibe rücken müssen.
*****
Mulder kehrte an jenem Abend erst spät in
das kleines Häuschen zurück, welches sie ihr eigen nennen
konnten. Die harte Arbeit im Freien hatte ihn nicht nur müde,
sondern auch hungrig wie einen Bären gemacht. Schnellen
Schrittes eilte er in die Küche und verlor keine Zeit damit die
schweren und matschigen Arbeitsschuhe auszuziehen. An manchen
Tagen, meist waren es solche, an denen in der Arzt-Praxis nicht
so viel los war, kochte Scully reichhaltig für sie. Meistens
jedoch begnügten sie sich damit, gemeinsam eine Kleinigkeit
zuzubereiten. Heute jedoch roch es verlockend nach einer frischen
und warmen Mahlzeit. Neugierig hob der Ex-Agent den Deckel vom
Kopf. Eine heiße Dampfwolke schlug ihm entgegen und verbreitete
den Duft von Gemüsesuppe. Auf der Anrichte fand er eine
Schüssel mit bereits aufgekochten Nudeln. Kurz entschlossen
angelte er sich einen Löffel aus der Schublade und probierte die
heiße Brühe, welche ihm sogleich die Lippen verbrühte.
Ich habe dich gar nicht nach Hause
kommen hören.
Mulder, der Scully nicht die Küche betreten
gehört hatte, drehte sich ruckartig und mit einem ertappten
Gesichtsausdruck herum.
Wir wollten heute unbedingt mit dem
Gröbsten fertig werden, morgen haben sie schon wieder Regen
gemeldet
Das hier ist wirklich köstlich. Heiß, aber
köstlich. Wie war dein Tag, Scully?
Noch während er sprach, zogen seine Finger
einige Nudeln aus der Schüssel, die er sich genüsslich in den
Mund schob. Erst als er bemerkte, dass Dana ihm noch nicht
geantwortet hatte, suchte er ihren Blick. Doch sie wich ihm aus,
starrte einen Punkt in der Ferne an, den wahrscheinlich nur sie
sehen konnte. Sofort waren die Nudeln und sein Hunger vergessen.
Vielleicht hätte ihm schon die ausbleibende Ermahnung bezüglich
seiner schmutzigen Schuhe einen Hinweis auf ihre Verfassung geben
müssen.
Scully? Besorgt glitt Mulders
Blick über ihren schlanken Leib, doch er konnte keinen
augenscheinlichen Grund für ihr Schweigen und den abwesenden
Blick entdecken.
Auch ich hatte einen langen Tag. Mir
geht es gut, brachte sie nach einem kurzen Zögern nicht
gerade überzeugend über ihre Lippen. Jetzt wusste Mulder, dass
definitiv etwas nicht stimmte.
Was ist passiert?, wollte Fox
wissen und verzichte auf jegliche Umschweife. Sein Geist
arbeitete bereits auf Hochtouren und durchforschte den Tag nach
irgendwelchen verdächtigen Menschen, die er vielleicht
fälschlicherweise als harmlos abgetan hatte.
Es ist nichts. Ich bin nur müde,
log Scully nicht sehr überzeugend. Dass Dana eine miserable
Lügnerin war, wusste Mulder, doch ihr vehementes Ausweichen
ließ seine Sorge ins Unermessliche wachsen. Beherzt umfingen
seine Hände die Oberarme der brünetten Frau. Somit konnte sie
seinem Blick nicht ausweichen und er meinte Angst aber auch
Resignation in ihren blauen Seelenfenstern zu erkennen. Was
mochte vorgefallen sein, um seine Scully so aus der Bahn zu
werfen?
Hat dich jemand kontaktiert?,
verlangte er eindringlich zu wissen. Danas einzige Reaktion war
ein zaghaftes Kopfschütteln. Er spürte, dass sie gerade einen
inneren Kampf ausfocht.
Himmel, Dana, was ist los? Klang
in seinen Worten wirklich ein ängstliches Zittern mit?
Der Krebs ist zurück.
Schlagartige Ernüchterung überkam den Ex-Agent. Ungläubig
starrte er sein Gegenüber an, als habe er Probleme, das soeben
Gehörte zu begreifen.
Was?
Die Symptome sind eindeutig,
erläuterte Scully mit sachlicher Stimme. Mulder glaubte, sein
Herz in der Brust zerspringen zu hören.
Kreislaufbeschwerden, fortwährende
Müdigkeit, Übelkeit, Nasenbluten;, vervollständigte sie
ihre Aufführung mit erschreckend ausdrucksloser Mine. Die
plötzliche Hilflosigkeit, die Mulder verspürte, entfachte eine
nie gekannte Wut. Sollte alles, was sie in den letzten Monaten
durchlebt nein, durchlitten hatten, umsonst gewesen sein?
War es ihnen missgönnt, ein ruhiges und halbwegs glückliches
Leben zu führen? Seine Rage tobte in ihm wie eine gigantische
Welle, die es vermochte, alles in ihm fortzuspülen und ihn
hilflos und nackt zurückließen.
Nein, das kann nicht sein,
schrie er und presste Scully fest an sich. Heiße Tränen liefen
Mulders Wangen hinab.
Doch, brachte Dana leise hervor.
Sie hatte gewusst, dass Mulder dieses Geständnis erschüttern
würde, doch sein Ausbruch riss den schützenden Wall ein, den
sie in den letzten Stunden mühsam errichtet hatte. Feuchtigkeit
trat in ihre Augen, die erste Träne verfing sich in ihren
Wimpern, nur um Sekunden später lautlos über ihr Gesicht zu
rinnen. Minuten verstrichen, in denen das Paar hilflos dem Kummer
des anderen gegenüberstand. Nach einer Ewigkeit lockerte Fox
seinen Griff, hielt Dana jedoch noch immer in seinen Armen
gefangen.
Wir werden nicht aufgeben. Nicht nach
allem, was wir überstanden haben. Starke Worte, mit
nackter Verzweiflung ausgesprochen. Sanft schob Mulder seine
Partnerin von sich weg, blickte ihr starr in die Augen.
Hörst du Scully. Nichts und niemand
wird uns besiegen.
Wenn ich deine Zuversicht nur teilen
könnte, murmelte Dana und vergrub in einer verzweifelten
Geste ihr Gesicht an seiner Brust. Ihre nicht versieden wollenden
Tränen hinterließen einen feuchten Fleck auf seinem Pullover.
Beruhigend strich Mulder der Frau in seinen Armen über den
Rücken, versuchte ihr auf diese Art und Weise Kraft zu spenden.
Vielleicht malen wir uns auch nur das schlimmstmögliche
Szenario aus. Es könnte ein Virus-Infekt sein, selbst eine
verschleppte Grippe könnte der Auslöser sein. Dein Körper war
in den letzten Jahren vielen schädlichen Ausflüssen ausgesetzt.
Mit diesen Worten versuchte Mulder einen Hoffnungsschimmer zu
entfachen.
Glaubst du das wirklich?, wollte Dana in einem Anflug
an Ironie wissen. Alles in ihr sträubte sich an Mulders Theorie
zu glauben. Denn diesen Hoffnungsschimmer nach einer eindeutigen
Diagnose verglühen zu sehen, würde sie wahrscheinlich nicht
verkraften können.
Ich möchte daran glauben.
*****
Am nächsten Tag erschien Dana schon sehr früh in der Praxis. Um
diese Uhrzeit war noch niemand dort und sie war dankbar für die
momentane Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Noch fühlte sie sich der
Herausforderung, Emanuel eine abgespeckte Variante ihrer
Lebensumstände erzählen zu müssen, nicht gewachsen. Dunkle
Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab, Zeugnis einer
schlaflosen und sorgenvollen Nacht. Während sie die Lichter
anschaltete, einen starken Kaffee aufsetzte und mit den
täglichen Vorbereitungen begann, drifteten ihre Gedanken
unweigerlich ab. Lange hatten sie und Mulder letzte Nacht eng
umschlungen in ihrem Bett gelegen. Sie hatten gemeinsam geweint,
dann versucht einander Trost und Hoffnung zu spenden und
letztendlich bis in die frühen Morgenstunden miteinander
gesprochen. Zuerst hatte sich ihr Gespräch nur um die
bevorstehende Untersuchungen gedreht, doch irgendwann waren sie
zu leichteren Themen übergegangen. Mulder hatte es sogar fertig
gebracht, sie einige Male zum Lachen zu bringen. Ob er das ihret-
oder seinetwegen getan hatte, konnte sie nicht sagen. An Schlafen
jedoch hatte keiner von ihnen gedacht. Um sechs Uhr hatten sie
und Fox es nicht mehr ausgehalten und waren aufgestanden. Nach
einem gemeinsamen Frühstück, das zu essen sie sich zwingen
musste, hatten sie sich voneinander verabschiedet. Sie wusste,
dass seine Gedanken heute bei ihr sein würden. Auf sein
eindringliches Bitten, sie begleiten zu dürfen, war sie nicht
eingegangen. Sie wollte zuerst Gewissheit haben, bevor sie mit
ihrem Partner ihre weitere Vorgehensweise besprach. Und obwohl
Mulder sie nicht verstehen konnte, so hatte er letztendlich
nachgegeben und ihren Wunsch respektiert.
Mit einem geübten Handgriff schaltete Dana den PC an, der mit
einem lauten Surren hochfuhr. Sie überlegte angestrengt welche
Informationen von Nöten waren, um Doc genügend über ihre
Vergangenheit wissen zu lassen, um somit seine Geheimhaltung
sicherzustellen, ohne ihn aber in Gefahr zu bringen. Sie mochte
den alten Mann, der unter seiner oftmals spröden und rauen
Schale einen weichen und liebenswerten Kern versteckte. Emanuel
hatte das Herz am richtigen Fleck, schreckte aber nicht davor
zurück die Sachen beim Namen zu nennen und er fürchtete sich
auch nicht seinen Mitmenschen mit seiner Ehrlichkeit vor den Kopf
zu stoßen. Sie war sich sicher, dass ihr Geheimnis bei dem alten
Sonderling gut aufgehoben sein würde.
Oh, guten Morgen Frau Doktor, ertönte Darleens
fröhliche Stimme aus dem Flur. Die junge Frau ließ sich ihre
Verwunderung nicht anmerken. In der Regel war sie die Erste in
der Praxis. Dr. Foster erschien erst einige Minuten nach seinem
ersten Patienten. Sie hatte ihn noch nie pünktlich zur Arbeit
kommen sehen. Die Bürger von Leisterville hatten sich mit dieser
Marotte abgefunden und nutzten die Zeit meist für ein
Schwätzchen mit Darleen. Dr. ODonell hingegen traf immer
pünktlich, jedoch nie so früh ein.
Guten Morgen, Darleen. Scully rang sich ein Lächeln
ab, als die Assistentin ihren Kopf kurz durch die
halbgeschlossene Türe steckte. Nachdem sie einen genauen Blick
auf die Ärztin geworfen hatte, huschte ein besorgter Ausdruck
über ihr sommersprossiges Gesicht. Doch sie spürte, dass
Gillian nicht zu einem Gespräch mit ihr aufgelegt war und
verzichtete auf weitere Worte. Mit einem kurzen Nicken drehte sie
sich um und begann im Nebenraum mit dem Aufräumen. Dana wusste
die Diskretion der jüngeren Frau zu schätzen. Vor ihr
erschienen Krankenakten auf dem Monitor. Schnell gab Scully den
anfänglichen Versuch auf sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Langsam erhob sie sich und folgte der Arzthelferin.
Darleen, würden Sie bitte Dr. Foster nach seinem
Eintreffen kurz zu mir schicken. Die Angesprochene nickte
und fragte sich insgeheim, was wohl los sein mochte. Sie kannte
Dr. ODonell weder nervös, noch hatte sie jemals der
fachlichen Expertise Dr. Fosters bedurft. Dieses ungewöhnliche
Verhalten beunruhigte Darleen.
Natürlich. Dann eilte sie an die Rezeption, um das
schrillende Telefon entgegenzunehmen.
Scully seufzt laut auf und sank müde in ihren Sessel zurück.
Jetzt konnte sie nur noch auf Samuel warten.
Was mag Ihnen wohl über die Leber
gelaufen sein, um einen dermaßen grimmigen Ausdruck auf einem so
schönen Gesicht hinterlassen zu haben? Mit diesen Worten
trat der ältere Arzt ohne anzuklopfen in Danas
Behandlungszimmer. Wie immer trug er eine viel zu weite und heute
giftgrüne Cordhose, die nur von einem farbenfrohen Paar
Hosenträgern gehalten wurde. Die Hornbrille mit den dicken
Gläsern ruhte beinahe auf Dr. Fosters Nasenspitze und drohte
jede Minute hinunter zu rutschen. Seine blassgrauen und gütigen
Augen glitten aufmerksam über die junge Frau. Scully, die noch
immer innerlich mit sich rang, kämpfte sich ein kleines,
schüchternes Lächeln ab.
Ich denke nicht, dass sich dies so einfach zwischen Tür
und Angel erklären lässt, Emanuel, seufzte Scully. Ihr
Kollege schien kurz zu überlegen, dann nickte er Dana zu.
Gillian, ich werde mir die kleine Dora ansehen, danach habe
ich alle Zeit der Welt, einen Notfall einschieben, bot der
grauhaarige Mann wohlwollende an. Keine Sekunde schien ihm der
Gedanke zu kommen, ihre Situation könne ernster sein als ein
kleines, medizinisches Problem oder ein Ehekrach. Gerne würde
Scully seine Unbekümmertheit teilen.
Das würde mir sehr helfen. Sie hoffte, dass ihre
Worte sie nicht später eine Lügnerin gestraft würden.
Die nächste halbe Stunde kümmerte sich Dana Scully
zugegebenermaßen halbherzig um das körperliche Wohl Mr.
Walters. Glücklicherweise benötigte der junge Mann keine
schwierige medizinische Behandlung und ihr schlechtes Gewissen
hielt sich in Grenzen. Sie ertappte sich wiederholt dabei,
verstohlene Blicke auf die Uhr zu werfen. Zehn Minuten nachdem
sie Mr. Walters verabschiedet hatte, steckte Emanuel abermals
seinen Kopf durch die Türe.
Jetzt gehöre ich ganz Ihnen, scherzte er, um ihre
nervöse Spannung zu lockern. Dann nahm er auf einem der
Patientenstühle gegenüber des Schreibtisches platz und schaute
Scully erwartungsvoll an.
Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, kurz zögerte die
Ex-Agentin und suchte nach den geeigneten Worten. Es fällt
mir nicht leicht, Sie in diese Geschichte hineinzuziehen, aber
ich brauche Ihre Hilfe
Damit leitete sie ihre und
Mulders Geschichte in Kurzfassung ein, die für den alten
Mediziner wie pure Fiktion und somit unglaublich klingen musste.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden
habe
Emanuel hinderte Dana mit einer einhaltenden
Geste daran, ihn zu unterbrechen.
Um ehrlich zu sein, will ich darüber auch gar nicht viel
wissen. Bevor sich bei Scully Enttäuschung breit machen
konnte, fuhr der alte Mann jedoch fort.
Denn was ich nicht weiß, kann Ihnen und Ihrem Mann auch
nicht schaden. Und obwohl mir nachgesagt wird, ein unermüdliches
Schwatzmaul zu sein, so bin ich durchaus in der Lage in
entscheidenden Situationen Stillschweigen zu bewahren.
Erleichterung durchströmte die
dunkelhaarige Frau. Die erste Hürde schien genommen zu sein.
Sie werden mir also helfen?, fragte sie deutlich
bemüht, nicht allzu verzweifelt zu klingen.
Darauf können Sie wetten!
Nach diesem Gespräch war es Scully schwer gefallen sich auf die
größeren und kleineren Wehwehchen ihrer Patienten zu
konzentrieren. Aber auch dieser emotional anstrengende Arbeitstag
ging zu Ende. Nachdem Darleen die Praxis verlassen hatte, blieben
die beiden Ärzte zurück. Einfühlsamer als erwartet nahm
Emanuel Foster seiner Kollegin Blut für ein großes Blutbild ab.
Dieses würden sie mithilfe eines alten Freundes und
Studienkollegen Emanuels inoffiziell und anonym einschicken. Im
Moment war dies das einzige, was sie tun konnten. Ein erhöhter
LDH würde vielleicht Aufschluss auf die Möglichkeit eines
Tumors geben. Eine letztendliche Diagnose war jedoch nur mit
einem CT möglich. Doch sie würden erst im Lauf der Woche die
Möglichkeit bekommen über Docs Freund einen heimlichen Test
machen zu können. Sie wollte all ihre Befürchtungen vertreiben,
doch das Warten auf die Ergebnisse des ersten Tests und auf einen
inoffiziellen CT-Termin ließ ein flaues Gefühl in ihrem Magen
zurück. Dr. Fosters Aufmunterungsversuche waren zwar
bewundernswert, doch sie trafen nur fruchtlosen Boden. Der
ältere Mann schien sich eine Anomalie des Blutbildes zu
erhoffen, eine leicht zu behandelnde Mangelerscheinung, jedoch
keinen Gehirntumor. Sie beneidete ihn um seine optimistischen
Erwartungen, konnte sie jedoch nicht teilen. Nicht einmal Mulder
war in dieser zermürbenden Woche des Warten und Bangens in der
Lage gewesen ihre dunklen Gedanken zu vertreiben. Sie wollte
nicht sterben.
Doch schlimmer als die bösen Vorahnungen
und das untätige Herumsitzen war die unwirkliche Spannung, die
zwischen dem Paar entstand. Mulder, der sich hilfloser denn je
fühlte, konnte Scullys stoische Ruhe nicht verstehen, wo er doch
selbst kurz davor war die Wände hochzugehen. In seinen Augen
taten sie zu wenig, auch wenn er tief in seinem Innersten wusste
wie eingeschränkt ihre Mittel in dieser Lage waren. Noch einigen
ergebnislosen Versuchen Scullys Kampfgeist zu entfachen, gab er
schließlich auf und mied dieses Thema. Gerne wäre seine
ehemalige Partnerin ihm entgegengekommen, doch konnte sie nicht
die geeigneten Worte finden und so schwieg sie. Beide erhofften
und fürchteten den Moment der Gewissheit gleichermaßen. Danas
Beschwerden hatten sich weder verschlimmert, noch waren sie
zurückgegangen.
Der verhängnisvolle Anruf kam am späten Donnerstagabend. Scully
selbst war ans Telefon gegangen. Noch bevor ein besorgter Mulder
sie dazu bringen konnte, den Apparat auf Lautsprecher
umzustellen, hatte diese den Hörer wieder aufgelegt und blickte
ihr Gegenüber mit einem ernsten Gesichtsaudruck an.
Emanuel hat die ersten Ergebnisse, verkündete sie
tonlos. Irgendetwas tief in Fox Mulders Innerstem erbebte.
Nervös fuhr er mit einer rechten Hand über die Stirn, auf der
sich bereits erste Schweißtropfen bildeten. Angstschweiß.
Er hat noch nichts Spezifisches gesagt?, mutmaßte er
vorsichtig. Dana schüttelte den Kopf.
Nein, kurz überlegte sie, ob sie den Eindruck, den
sie von dem Arzt am anderen Ende der Leitung bekommen hatte,
richtig gedeutet hatte.
Er klang nicht beunruhigt. Schon oft hatte Dr. Foster
seinen Patienten Hiobsbotschaften überbringen müssen und obwohl
sie den Mann noch nicht sehr lange kannte, so wusste sie, dass er
in ernsten Momenten die nötige Anteilnahme aufzubringen
vermochte. Oder hatte er seine Sorge nur verschleiert? Sie konnte
sich keinen Reim darauf machen.
Ich fürchte, dies ist unser Moment der Wahrheit. Mit
diesen leise ausgesprochenen Worten trat Fox an die Garderobe und
hängte ihre Jacken ab. Während er auf Scully wartete, zog er
sich seine Schuhe an und schlüpfte in die Lederjacke. Wenig
später half er Dana in ihren kurzen Mantel. Ein neutraler
Gesichtsausdruck maskierte ihre wahren Empfindungen, während
sich seine Besorgnis deutlich sichtbar in seinen haselnussbraunen
Augen spiegelte. Es war nur ein kurzer Weg bis zur Praxis. Keine
Sekunde lösten sich ihre Hände voneinander.
Der alte Emanuel wartete schon auf sie. Vielleicht zum ersten Mal
im Leben traf er früher ein als seine Patienten.
Ich habe gerade Tee gekocht. Gehen Sie schon mal in mein
Zimmer, ich komme sofort nach, begrüßte er das Paar
freundlich. Sie hatte Recht gehabt, er zeigte keinerlei Zeichen
von Besorgnis.
Dicht nebeneinander nahmen sie vor dem gigantischen Schreibtisch
platz, Danas Hand ruhte in Mulders. Ein großer Teil ihrer
Anspannung schien bereits gewichen sein.
So, ich hoffe, Sie mögen grünen Tee. Wenn nicht, sollten
Sie sich schon einmal daran gewöhnen, warf Doc zwinkernd
in Scullys Richtung. Diese zog irritiert eine Augenbraue in die
Höhe, nickte jedoch nur kurz, bevor Dr. Foster ihre Tassen
füllte.
Nachdem er allen eingeschenkt hatte, schritt der ältere Mann
scheinbar in Gedanken versunken um den Schreibtisch und ließ
sich leise seufzend in seinen breiten Sessel fallen.
Wie Sie wissen, rede ich nicht gerne um den heißen Brei
herum. Das ist nicht meine Art. Verschwörerisch zwinkerte
er seinen Gegenübern zu.
Gillian, medizinisch gesehen fehlt Ihnen nichts.
Bevor Mulder ihn unterbrechen konnte, hob Emanuel beschwichtigend
seine Hand.
Natürlich gibt es einen Grund für ihre Beschwerden. In
Anlehnung an Ihre Vorgeschichte sind sie gleich auf die Vermutung
angesprungen, der Krebs könne wieder zurück sein. Doch die nahe
liegenste Erklärung haben Sie nicht einmal in Betracht gezogen.
Er machte eine dramatische Pause, um die Spannung zu steigern,
dann fuhr er in einem feierlichen Tonfall fort.
Herzlichen Glückwunsch Mrs. und Mr. ODonell, Sie
erwarten ein Baby. Zwei Paar in Unglauben geweitete Augen
starrten den Mann an.
Aber das Nasenbluten
, brachte David mühsam
hervor, während Gillians Hand unweigerlich auf ihren Bauch
glitt.
Durch die Schwangerschaft werden die Schleimhäute besser
durchblutet, daher kommt es auch viel schneller zu Nasenbluten,
erklärte Scully in einer monotonen Stimme, während ihre
Gedanken sich überschlugen. Ein Baby!
*****
Den einfachen, weißen Briefumschlag fest in
der behandschuhten Hand, trat Dana Scully auf den Briefkasten zu,
Fox an ihrer Seite. Mulders rechte Hand ruhte in einer
beschützenden und gleichsam Besitzsprüche anzeigenden Geste an
ihrem unteren Rücken. Sie beide empfanden eine seltsam
zufriedene und befreiende Erleichterung. Ein letztes Mal
betrachtete Dana kritisch die von Doc fein säuberlich
geschriebene Adresse auf dem Umschlag. Die vertrauten Worte
riefen eine wehmütige Melancholie in der werdenden Mutter
hervor. Vorsichtig legten sich Fox Mulders Finger um ihren Arm
und übten einen leichten Druck aus. Wortlos ließ er sie wissen,
dass er verstand und ebenfalls in diesem Augenblick ihre
verlorene Vergangenheit betrauerte. Sie hatten sich gemeinsam
für diesen Schritt entschieden, waren sich der Gefahr, in die
sie sich und die Empfängerin ihrer Post bringen würden,
bewusst. Mit einem kleinen und traurigen Lächeln blickte sie den
neben sich stehenden Mann an. Dieser nickte kaum merklich. Auch
seine Augen flogen über den kleinen Umschlag, dessen Absender
selbstverständlich fehlte. Eine kleine blaue Briefmarke, die
aufzutreiben ihn einige Arbeit beschert hatte, war bereits
angebracht. Moby Dick war ihr Motiv. Gemeinsam folgten ihre
Blicke Danas Hand, bis die Nachricht im Briefkasten verschwunden
war. Einige Minuten standen sie schweigend auf dem Bürgersteig,
ihre Gedanken galten der Frau, der dieses Lebenszeichen
hoffentlich ihren Seelenfrieden schenken würde. Nur unwillig hob
Scully ihren Blick und betrachtete Mulders Profil.
Die Vergangenheit mussten wir hinter
uns lassen, aber die Zukunft gehört uns. Als Antwort griff
Fox nach ihrer Hand und zusammen machten sie sich auf den Weg
zurück zu ihrem kleinen Häuschen. Ihrem Zuhause.
Solange unsere Zukunft nicht Fox jr.
heißen muss, bin ich bereit für alles, was noch kommen wird,
scherzte der schlaksige Mann und kickte dabei ein kleines
Steinchen aus dem Weg.
Es wird ein Mädchen,
verkündete Dana mit einer Sicherheit, die Mulder nicht zu
bezweifeln wagte. Er wusste, dass das Geschlecht ihres Kindes auf
dem Ultraschall noch nicht zu erkennen gewesen war. Doch er
würde sich hüten den siebten Sinn einer werdenden Mutter zu
hinterfragen.
Ein Mädchen also. Das gefällt mir.
Hast du dir schon über einen Namen Gedanken gemacht?,
wollte er wissen, obwohl er sich sicher war die Antwort bereits
zu kennen.
Ja, das habe ich. Einen Moment
schwieg Scully, um die Spannung noch ein wenig zu steigern. Kurz
drückte sie seine Hand, bevor sie fortfuhr.
Vielleicht Hope?!
The End
Ihr fragt euch, was für einen Brief unsere
Lieblingsagenten wohl eingeworfen haben? Eine Antwort darauf
findet ihr in einer meiner Fanfiction: Cest la vie
http://www.spiritofx.com/ff/sonstiges/Sonstige/cestlavie.html
Bemerkung der Autorin:
Diese Geschichte möchte ich noch gerne
meiner Oma Martha widmen, die leider im November 05 gestorben
ist.