Titel: Maybe Hope?

Autor: Cat

E-Mail: CrazyCat179@t-online.de

Rating: R

Spoiler: eigentlich die ganze Serie, bis zum bitteren Ende, zudem werdet ihr am Schluss eine winzige Schnittstelle zu meiner Fanfiction „C`est la vie“ finden. Ist aber nur ganz winzig klein!

Keywords: MSR, Adventure, Angst

Disclaimer: I really love this part… *sigh* Noch mal für alle: Ich bin klein, mein Herz ist rein und nix davon is mir!

Feedback: Was war das noch mal?

Short-Cut: Habt ihr euch je gefragt, was Mulder und Scully wohl nach The Truth machen? Dies ist meine Version der Geschehnisse.

Widmung: Diese Fanfiction möchte ich gerne all den tollen Menschen widmen, die ich durch Akte X und das Internet kennen gelernt habe. Vielen Dank, dass es euch gibt!

 

 

Maybe Hope?

 

 

I may not have gone where I intended to go,

but I think I have ended up where I intended to be.

Douglas Adams

 

 

 

Eiligen Schrittes und mit gesenktem Kopf durchquerte der Mann den kleinen Supermarkt, bog zielstrebig in einen Gang, der Damenhygieneartikel führte. Nervös blickte er sich um, ein besorgter Schleier legte sich über seine Augen. Mit der linken Hand strich er sich durch das zerzauste Haar. Seine zerknitterte Kleidung und die Geschwindigkeit, in der er äußerst bestimmt Ware in seinen Einkaufskorb fallen ließ, verliehen ihm einen gejagten, sogar gehetzten Eindruck. Ohne auf Preise oder Herstelleretiketten zu achten, schien er systematisch eine imaginäre Liste abzuarbeiten. Dabei blickte er sich immer wieder misstrauisch nach allen Seiten um. Noch während er nach einer Bodylotion griff, setzte er seinen Weg in die gegenüberliegende Regalreihe fort. Blitzschnell wanderten ein Herrendeodorant, Shampoo und Duschgel zu den übrigen Einkäufen. Doch der Griff nach einem billigen Aftershave ließ ihn innehalten. Sekundenlang strich er sich gedankenverloren durch den Vollbart. Leise seufzend stellte er den Artikel zurück, ergriff aber einen Ladyshave. Mit langen, weit ausholenden Schritten steuerte er eine weitere Regalwand an. Erst hier hielt er ratlos inne. Seine Augen huschten verzweifelt von Produkt zu Produkt, was ihn nicht davon abhielt, weiterhin besorgte Blicke in alle Richtungen zu werfen. Eine junge blonde Frau, die ihm in der Auswahl der Färbemittel zur Hilfe eilen wollte, schreckte er mit einem düsteren und mürrischen Blick ab. Hilflos hielt er drei der Verpackungen gegeneinander, überflog schnell die Beschreibungen. Seine Augen schnellten zwischen den Haarfärbemitteln, seiner Armbanduhr und dem Verkaufsraum rastlos hin und her. Resignierend ließ er kurzerhand zwei der Produkte in den vollen Korb gleiten.

 

Mit einem prüfenden Blick scannte er seine Einkäufe und nickte dann kaum merklich. Beinahe schon laufend, eilte er auf die Kasse zu, die zu dieser späten Tageszeit nahezu leer war. Eine alte Dame packte gerade umständlich ihre Einkäufe in eine von ihr mitgebrachte Tasche und beschwerte sich lautstark bei der fülligen Verkäuferin über das schlechte Wetter. Unachtsam leerte er den Korb über dem schwarzen Fließband und trat unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Während die Rothaarige an der Kasse damit begann seine Artikel einzuscannen, drehte sich der große schlaksige Mann zur Seite und vervollständigte seinen Einkauf mit zwei Packungen Kondomen. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe während er ungeduldig darauf wartete bis das junge Mädchen von vorhin endlich die Tüten gepackt hatte. Aus seiner Jeanstasche zog er einen stark zerknitterten 100 Dollarschein, um damit zu bezahlen.

 

„Sir, haben Sie es nicht vielleicht kleiner?“, erkundigte sich die Frau in einem genervten Tonfall. Augenblicklich zuckte der Fremde zusammen als schien er beunruhigt angesprochen worden zu sein. Hektisch fischte er durch seine Taschen, schüttelte dann aber verneinend den Kopf, den er weiterhin gesenkt hielt. Diese Geste rief ein theatralisches Seufzen der Kassiererin hervor, die sich dann, leise vor sich hinmurmelnd, daran machte das Wechselgeld auszugeben. Das Geld nicht nachzählend, verstaute der bärtige Mann die Scheine und Münzen teilnahmslos in seinen Hosentaschen. Schnell riss er der Blondine seine Tüten aus der Hand, was diese zum Schimpfen brachte.

Doch der Fremde hörte gar nicht zu, murmelte nur eine leise Entschuldigung und eilte dem Ausgang entgegen. Nicht auf seine Umgebung achtend, prallte er gegen eine Gestallt. Schockiert blickte er auf das Abzeichen, welches auf dem sorgfältig gebügelten Hemd prangte. „Sheriff“.

 

Schnell sammelte er seine Tüten auf und rannte wie von Teufel verfolgt auf den Parkplatz. Dort riss er die Türe eines schäbigen Landrovers auf, warf die Einkäufe achtlos auf die Beifahrerseite und war davongerast, ehe einer der Augenzeugen seiner Flucht auch nur reagieren konnte.

Verwirrt nahm der alte Sheriff die ihm dargebotene Hand an. Irritiert wischte er nicht vorhandenen Schmutz von seinem Hosenboden.

„Danke, Wanda. Was zur Hölle war das?“, fragte der bullige Mann mit Halbglatze das hilfreiche Mädchen. Noch ehe dieses antworten konnte, mischte sich Emma, ihre Vorgesetzte, lautstark und energisch ein.

„Der erschien mir schon von Anfang an sehr merkwürdig. Ich könnte wetten, dass dieser Typ Dreck am Stecken hat, wenn Sie mich fragen, Sheriff Radcliff.“ Geltungsbedürftig setzte sich Emma vor dem Sheriff in Szene. Dieser zupfte nur in Gedanken verloren an seinem Oberlippenbart.

„Irgendwie kam der Mann mir bekannt vor. Wenn ich doch nur wüsste, wieso.“

Diese Aussage schien Emma nur noch weiter zu mobilisieren.

„Bekannt? Oh mein Gott. Der ist bestimmt ein steckbrieflich gesuchter Mörder! Oder ein grausamer Vergewaltiger. Sheriff, Sie müssen etwas unternehmen. Folgen Sie dem Verbrecher“, ereiferte sich die übergewichtige Rothaarige.

 

„Steckbrieflich?“, murmelte der Gesetzeshüter. Seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. Dann fuhr er wie vom Blitz getroffen herum.

„Himmel, ja! Emma, ich muss dringend telefonieren. Dieser Mann wird gesucht!“

Nicht wirklich wissend, ob sie sich über ihre gute Instinkte freuen oder ob sie sich lieber davor, einen wirklichen Verbrecher gegenübergestanden zu haben, fürchten sollte, griff Emma tief in Gedanken versunken nach dem alten Telefon.

Schnell flogen die Finger des Sheriffs über die Tasten.

„Radcliff hier, Anthony. Du musst sofort das FBI informieren. Ich habe gerade diesen Schwerverbrecher, der früher einmal selbst Agent war, hier bei Emma Livingston gesehen. Diesen Muller.“ Angespannt versuchten Emma und Wanda zu verstehen, was Anthony zu sagen hatte. Doch sie hörten nur die Antwort des Sheriffs.

„Richtig, Mulder ist sein Name!“

 

?????

 

Heißer Dunst hüllte das winzige Badezimmer ein, beschlug den ohnehin schon verschmierten Spiegel und erhöhte die Luftfeuchtigkeit. Durch die geschlossene Türe klang die monotone Stimme einer Dauernachrichtensendung. Alle Neuigkeiten wurden in einem stetigen und ermüdenden Rhythmus ständig wiederholt. Ein Schleier aus Angst und Hoffnung hatte sich um die zierliche Frau gelegt, die gerade versuchte ihre nassen und verknoteten Haare durchzukämmen. Nur widerwillig gaben die stumpf wirkenden roten Strähnen nach. Bei jeder Widerholung einer bereits bekannten Schlagzeile atmete sie leise und erleichtert auf. Nachdem sie jeden einzelnen Knoten gelöst hatte, rieb sie ihren Körper mit dem schäbigen, vom Hotel bereit gelegten Handtuch ab. Der dünne Stoff absorbierte nur einen geringfügigen Anteil an Feuchtigkeit und ließ einen noch nassen Schimmer auf der geröteten Haut zurück. Mit dem benutzen Handtuch wischte sie über den kleinen Spiegel, welcher dann den Blick auf ein fein geschnittenes, sommersprossiges Gesicht, umrundet von schulterlangen, roten Haaren, freigab. Verträumt strich die Frau durch eine leicht gewellte Strähne, die sich einzeln gelöst hatte. Dann aber schüttelte sie energisch den Kopf als wolle sie all die Gedanken, die sie beschäftigten, mit dieser Geste verdrängen. Für Sentimentalitäten war gewiss keine Zeit. Sie hatten diesen Weg gewählt, ihr Leben bereitwillig den Widrigkeiten angepasst und aus Liebe ein Dasein wie dieses gewählt. Nein, sie bereute ihre Entscheidung nicht, doch kam sie nicht umhin, sich der drastischen Veränderungen und auch Verluste, die sie einbüßen musste, bewusst zu werden. Ihr Leben würde nie mehr so sein wie es früher einmal gewesen war. Erstaunlicherweise war nicht sie diejenige, die dies am meisten betrauerte. Nein, Mulder nagte mehr als sie an ihren neuen Lebensumständen. Nicht seinetwillen, er hatte im letzten Jahr unter schlechteren Bedingungen zu überleben gelernt. Erst letzte Nacht hatte er mit Tränen in den Augen seine wahren Gefühle offen gelegt. Er gab sich die Schuld, an allem! Durch ihn habe sie ihre anfängliche Unschuld verloren, habe unzählige Verluste hinnehmen müssen, nicht zuletzt noch ihren Sohn aufgeben müssen. Dieses Geständnis hatte einen lautstarken Streit hervorgerufen. Unzählige Male hatte sie ihm klarmachen müssen, dass sie aus freien Stücken mit ihm geflohen war, dass es einfach für sie war ihr gewohntes Leben aufzugeben, sie seinen abermaligen Verlust aber keineswegs noch einmal verkraften wolle oder könne. Erst dieser Ausbruch hatte Mulder etwas beruhigt. Für wie lange vermochte sie nicht zu sagen. Das Aufschließen der Zimmertüre ließ sie erschrocken zusammenzucken und reflexartig herumfahren. Mulders Paranoia hatte maßgelblich auf sie abgefärbt. Doch seine ruhige und wohlbekannte Stimme ließ ihren Puls sich wieder normalisieren.

 

„Scully, ich bin’s. Ich habe alles.“

Schon trat er zu ihr ins Badezimmer. Wärme schlug ihm entgegen. Doch er beachtete dies nicht einmal. Sein Blick war auf seine Ex-Partnerin gerichtet. Ungeniert ließ er seinen Blick anerkennend über ihren nackten und wohlgeformten Körper gleiten. Ein Scully wohlbekanntes Funkeln legte sich in seine Augen. Doch sie ignorierte sein sichtliches Interesse und drehte sich langsam wieder dem Spiegel zu. Wehmütig betrachtete sie ihre rote Haarpracht. Vorsichtig trat der Mann an die wesentlich kleinere Frau heran, legte sein Kinn auf deren Kopf und beobachtete nachdenklich ihre Spiegelbilder. Ihre azurblauen Augen suchten die seinen. Er nahm sich alle Zeit und betrachtete ihre feinen Gesichtszüge ausgiebig. Seit sie auf der Flucht waren, verzichtete Dana Scully auf Make-up. Und dies machte sie nicht gewöhnlich - wie viele schöne Frauen, die ihr wahres Gesicht unter Bergen von Schminke versteckten - es brachte vielmehr ihre natürliche Schönheit hervor. Und Sommersprossen. Mulder liebte diesen neuen Aspekt ihres Teints, Scully hingegen fand ihn eher störend. Abermals richten beide ihr Augenmerk auf das auffallend rote Haar.

 

„So sehr ich es auch selbst bedauern mag - so fällst du zu sehr auf.“ Zärtlich ließ er seine rechte Hand durch einige Strähnen fahren. Er selbst hatte sich zu ihrer Sicherheit einen Bart wachsen lassen, was sie genauso sehr störte wie Mulder selbst.

„Ich weiß...“, ertönte ihre leise gemurmelte Zustimmung. Da er halb über sie gelehnt war, nahm sie die Bewegung seines Nickens wahr. Einen Moment lang verharrend, schloss sie ihre Augen und lehnte sich kraftsuchend gegen seinen Oberkörper. Dann jedoch drehte sie sich abrupt in seinen Armen um und deutete auf die offene Türe.

„Würdest du bitte die Farbe holen, es wird Zeit dies hinter mich zu bringen“, sagte sie bestimmt, ihrer Melancholie keinen Aufschub auf das Unausweichliche gewährend. Ihrer Bitte folge leistend, verließ Mulder das Badzimmer und kehrte kurz darauf mit zwei verschieden Färbemitteln zurück. Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf das Gesicht der noch rothaarigen Frau.

„Trotz meiner überragenden Intelligenz war es mir unmöglich die Geheimnisse der weiblichen Haarfärbemittel zu entschlüsseln.“ Amüsiert hob Scully eine Augenbraue, nahm ihm die Produkte jedoch kommentarlos aus den Händen. Nach einer genaueren Studie der aufgedruckten Beschreibung, kam sie um eine Kommentierung nicht herum.

 

„Schwarz? Mulder, ich denke, wir wollen unauffällig sein!“ Achtlos legte sie die erste Verpackung beiseite, öffnete dann seufzend die zweite und förderte einen Plastikbehälter mit der Farbe, eine Gebrauchsanweisung und ein paar Gummihandschuhe zu Tage.

„Was stört dich an schwarz?“, erkundigte sich der Mann neben ihr.

„Vielleicht ist dir ja in all den Jahren, in denen wir zusammen gearbeitet haben aufgefallen, dass ich ein sehr hellhäutiger Mensch bin. Dies mit schwarzem Haar kombiniert, würde mich krank aussehen lassen. Ich bin zu blass dafür.“ Noch während sie diese Worte sprach, streifte sich Dana routiniert die beiliegenden Handschuhe über. Ein seltsam beklommenes Gefühl legte sich um ihr Herz. Unzählige Male hatte sie diese einfache und von ihr voll automatisierte Bewegung früher getätigt. Früher, als sie noch zugelassene Pathologin, eine engagierte Bundesagentin mit einem unerschütterlichen Vertrauen in das Rechtssystem und eine Bürgerin, die an die amerikanische Regierung glaubte, gewesen war. Innerhalb Sekundenbruchteilen, wie ihr schien, wurde sie von der Jägerin zur Gejagten. Abermals fühlte sie sich wie ein gehetztes Tier auf der Flucht, gnadenlos von einem übermächtigen Gegner gejagt und in die Enge getrieben.

 

Erst Mulder, der interessiert nach der Packungsbeilage griff, riss sie aus ihren düsteren Gedanken, die sie zu beherrschen versuchten. Verwirrt strich Scully ihr Haar zurück als könne sie mit dieser hilflosen Geste all die Emotionen, die sie zu überrollen drohte, zurückdrängen. Und doch wusste sie, dass sie um eine schmerzhafte Konfrontation nicht herumkommen würde. Noch hatte sie all die Geschehnisse der letzten Tage nicht verdaut, zu frisch waren die Ereignisse um richtig zu ihr durchgedrungen zu sein. Sie wusste, dass sie ihre Situation früher oder später einholen würde, ahnte, dass sie dieser aufbrausenden Welle nicht entkommen konnte, hoffte jedoch auf einen rettenden Anker. Sie wünschte sich nur, dass Mulder, sobald sie zusammenbrach, bei ihr sein würde, sie halten und vor dem Ertrinken erretten würde. Mulder, der sich dem Tumult in Scullys Inneren nicht bewusst war, trat abermals von hinten an die zierliche Frau heran. Liebevoll strich er über die nackten Arme seiner Partnerin, was diese erschaudern ließ.

 

„Kalt?“, erkundigte er sich besorgt und ließ seinen Blick abermals über ihren nackten Körper gleiten. Ohne zu zögern streifte er zuerst seinen Wollpullover, dann das dunkelblaue T-Shirt über seinen Kopf und signalisierte ihr die Arme zu heben. Liebevoll hüllte er sie in den dünnen Stoff und küsste sie sanft auf die Lippen, um sich kurz darauf den Pullover wieder überzuziehen.

„Dann lass uns mal loslegen!“, mit diesen Worten griff er voller Tatendrang nach dem Gefäß, welches die zwei Farbindikatoren enthielt. Bestimmt ging Dana dazwischen und brachte die Ampulle in ihren Besitz.

„Ich soll allen Ernstes einen Mann, der nicht einmal eine Tönung von einem Färbemittel unterscheiden kann, an meine Haare lassen? Vergiss es, Mister. Ich mache das alleine. Vielleicht kannst du ja in der Zwischenzeit die Einkäufe in unsere Tasche packen und herausfinden, was wir noch benötigen. Ich brauche ganz unbedingt frische Unterwäsche und ein Paar Kleidungsstücke. Zudem solltest du versuchen, Jimmy oder Yves zu erreichen.“ Damit war für Scully die Unterredung beendet und sanft schob sie ihren Begleiter in den Nebenraum. Sekunden später fiel die Badezimmertüre ins Schloss.

 

?????

 

Seufzend machte sich der schlaksige Mann an die ihm beauftragte Arbeit. Ohne viel Raffinesse griff er nach der ersten Tüte und ließ den Inhalt einfach in die offene Tasche fallen. Diese Prozedur wiederholte er mit gleicher Hingabe bei der zweiten Einkaufstüte. Mit einer fahrigen Bewegung strich er den Berg glatt und nickte selbstzufrieden. Es war kaum vorstellbar, dass sich alle ihre Besitztümer in dieser unscheinbaren Reisetasche, die in ihrem Fluchtwagen gestanden hatte, befinden sollten. Monica Reyes hatte dafür Sorge getragen, dieses Gepäckstück auf der Rückbank stehen zu lassen. Ob sie vergessen hatte, es bei der ersten Verabschiedung zu übergeben oder aber ob sie mit einem derartigen Ausgang ihrer Flucht gerechnet hatte, vermochte er nicht zu sagen. Doch war er für diese Tasche mehr als dankbar. Nicht seinetwillen. Nein, die wenigen Dinge, die eine Erinnerung an Danas Vergangenheit zuließ, befanden sich nun in seinen Händen. Bilder der Scullyfamilie, ein kleines Album, das Williams erste Lebensmonate dokumentierte, persönliche Gegenstände, deren Wert für die Frau an seiner Seite unschätzbar war, wahllos zwischen Kleidungsstücke platziert. Und obwohl Fox Mulder wusste, dass Dana diese Entscheidung selbstverantwortlich getroffen hatte, so täuschte diese Erkenntnis nicht über die Tatsache hinweg, dass sie ihr Leben - so wie sie es kannte - für ihn aufgeben hatte. Abermals fragte er sich, womit er die Lieber einer Frau wie Dana Katherine Scully verdient hatte.

 

Sich nicht weiter von seinen Gedanken geißeln lassend, begann er sich einen Überblick über ihre finanzielle Lage zu machen. 470 Dollar in seiner Brieftasche, 585 in Scullys Portmonaie, weitere 62,98 Dollar, die vom Einkauf übrig waren. Dana hatte sich soviel Geld wie möglich vor ihrer Flucht beschafft. Doch er machte sich nicht die Illusionen, dass diese 1.117,89 Dollar lange reichen würden. Es war ein weiter Weg bis Kanada, mit vielen unbekannten Gefahren und Hindernissen verbunden. Zudem brauchten sie nicht nur freien Zugriff zu Geld, sondern auch neue Papiere. Ausweise, Führerscheine und nicht zu vergessenen benötigten sie beide neue Sozialversicherungsnummern. Ja, es war an der Zeit Hilfe anzufordern.

 

Seine Freunde, die Lone Gunmen, hatten vor einigen Jahren ein geheimes Konto auf die Namen David und Gillian O’Donell angelegt. Auf dieses waren jahrelang größere Geldsummen gelaufen, auch etwas des Vermögens, das er von seinen Eltern geerbt hatte. Er schätzte, dass ihnen wohl mehrere Hunderttausend Dollar zur Verfügung standen. David war ein freiberuflicher Autor, der hin und wieder eine Kolumne veröffentlichte, Gillian hatte Medizin studiert, sich dann aber gegen eine Karriere und für eine Ehe entschlossen und half ihrem Mann beim Schreiben. Ein perfektes amerikanisches Durchschnittspaar, das pünktlich ihre Miete, die Versicherung und ihre Rechnungen bezahlten, mit einem einzigen Makel - sie waren durch modernste Technologie geschaffen und nicht real. Bis jetzt. Nur brauchten sie erst die dazugehörigen Papiere.

 

Eine merkwürdige Befangenheit nahm von ihm Besitz, rückte sich immer mehr in den Vordergrund seines Denkens. Die Männer, die dies erst ermöglicht hatten, die ihn schon in unzähligen Situationen aus der Klemme geholfen hatten und die immer beteuertet hatten, dass er einmal dankbar für diese Vorherkehrungen sein würde, würden nicht mehr wissen, dass sie recht behalten sollten. Auch würde er sich nie mehr bei ihnen für ihre nicht selbstverständliche Loyalität bedanken können, auch nicht dafür, dass sie in seiner Abwesenheit auf Scully geachtet hatten, auch wenn sie ihn für den bloßen Gedanken daran wohl erschießen würde. Tiefsitzende Beklommenheit griff nach seinem Herzen. Betroffen senkte er den Blick, ein „Danke, Jungs, für alles!“ auf den Lippen.

 

Er wusste, dass er nicht viel Zeit für Sentimentalitäten hatte, seine Verfolger saßen zu dicht hinter seinem Nacken. Sorgfältig schob er den größten Teil des Geldes in das innere Fach der Seitentasche und machte sich auf den Weg eine außerhalb des Motels gelegene Telefonzelle aufzusuchen. Das Telefon in Motel zu benutzen, war ihm zu riskant. Nach knapp fünfzehn Minuten strammen Fußmarsches, hatte er sein Ziel erreicht. Nervös blickte er sich um, Ausschau nach etwaigen Verfolgern haltend. Schnell flogen seine Finger über die Tasten, die Nummer der ehemaligen Resistenz der Lone Gunmen tippend. Nur kurz musste Mulder warten bis sich die verschlafene Stimme Jimmys meldete.

„Ja?“

„Jimmy? Mulder hier. Wir brauchen die Papiere, wie schnell kannst du sie beschaffen?“, fragte der Ex-Agent aufgebracht.

„Mr. Mulder. Geben Sie mir ihre Nummer durch und ich rufe Sie in circa fünf Minuten zurück“, erklang stattdessen Yves seidenweiche Stimme. Hastig gab Mulder die am Telefon angebrachte Nummer durch und legte ohne weitere Worte den Hörer zurück auf die Gabel. Abermals suchten seine Augen die Umgebung ab. Nichts, er war alleine. Keine parkenden Autos, keine Passanten. Einfach gar nichts. Nervös trommelte er mit den Fingern gegen die Fensterscheibe. Wie lange konnten fünf Minuten schon sein?

 

Das schrille Klingeln direkt neben seinem Ohr ließ den Verfolgten erschrocken zusammenfahren. Adrenalin jagte durch seine Nervenbahnen, beschleunigte seinen Herzschlag. Tief durchatmend versuchte Mulder sich zu sammeln, bevor er mit einer nicht ganz ruhigen Hand nach den Hörer griff.

„Ja.“ Er bemühte sich gleichgültig, sogar gelassen zu klingen. Doch ließ sich ein besorgter Unterton nicht leugnen.

„Die Leitung ist nur für etwa drei Minuten sicher.“ Wieder Yves, mit einer unglaublichen Gelassenheit in der Stimme.

„Wir brauchen mindestens 24 Stunden um den Transfer sicher und spurlos zu veranlassen. Genau 2300 km von eurem Standort aus entfernt, liegt Portwayn, Idaho, eine Kleinstadt, nicht mehr als 7.000 Seelen. Dort wird in zwei Tagen ein Päckchen im Schließfach 211 gelagert werden. Für David O’Donell. Den Schlüssel werdet ihr von Iris, einer Bedienung in Eddies Diner ausgehändigt bekommen. Das Codewort lautet: „Jupiter“. Ihr werdet dann alles Notwendige im Schließfach finden. Meidet Kleinstädte um Geld abzuheben. Zu auffällig. Wie habt ihr euer Aussehen verändert? Ich muss die Bilder manipulieren.“ All diese Informationen prallten auf den Ex-Agenten nieder, doch hatte er nicht lange Zeit das Gesagte auf sich einwirken zu lassen. Die drei Minuten würden nicht ewig dauern.

So genau wie möglich beschrieb Mulder der jungen Frau die Veränderungen, die er und Scully auf sich nehmen mussten, um unauffälliger zu werden. Am anderen Ende der Leitung vernahm er gemurmelte Bestätigungen und das schnelle Tippen auf einer Tastatur. Dann wiederholte er alle relevanten Daten:

„Portwayn, Schließfach 211, Eddies Diner, Iris, Jupiter.“ Wichtige Fakten, nein, sie waren lebenswichtig. Yves bestätigte seine Angaben einsilbig.

„Passt auf euch auf. Wenn ihr etwas benötigt, lasst es mich wissen.“

„Danke!“ Dann wurde die Leitung unterbrochen und das dumpfe Freizeichen drang an Mulder Ohr. Erleichtert legte er den Hörer auf. Er hoffte nur, dass alles funktionieren würde, Dana und er sicher und unbemerkt ihren Weg fortsetzen konnten.

Weiterhin nach Verfolgern Ausschau haltend, eilte der bärtige Mann mit weit ausfallenden Schritten zurück zum Motel.

 

Der Anblick dieses ließ Mulder in eiskalten Schweiß ausbrechen. Der sauberpolierte Wagen des Sheriffs stand quer auf dem Bürgersteig direkt neben dem Eingangsbereich geparkt. Das kontinuierlich und hektisch blinkende Warnlicht trieb den Mann zur Eile an, ließ ein beinahe panisches Angstgefühl in ihm aufkeimen. Ein einziger Gedanke beherrschte seinen Geist: Scully! Besorgt ging der Ex-Agent in einen gehetzten Sprint über, steuerte die rechte Seite des Gebäudes an, wo die Tür zu Raum 15 lag. Noch während er lief, fischte Mulder den Schlüssel aus der Jackentasche. Keine acht Stunden waren verstrichen, seit sie ihre letzten Verfolger, eine Autobahnstreife, in einer wagehalsigen und gefährlichen Jagd quer durch die Wüste abgehängt hatten. In den fünf Tagen, seit denen er mit Scully auf der Flucht war, hatten die Beiden keinerlei Verschnaufpause gehabt. Obwohl sie ihre Spuren gewissenhaft und umsichtig verwischt hatten, so schien es als wären ihre Verfolger ihnen immer einen Schritt voraus. Egal wie vorsichtig sie auch waren, ihre Feinde vermochten es, sie einem Bluthund gleich aufzuspüren, was die Nerven der Ex-Agenten nahezu blank legten und Mulders natürliche Paranoia ins Unermessliche steigerte. Mittlerweile erwartete Mulder förmlich, dass hinter jeder Ecke ein Häscher lauerte. Nicht nur die schwarz tragenden Regierungsbeamten, auch lokale Gesetzeshüter waren hinter ihnen her. Auffällig war nur, dass die Presse keinerlei Verlautbarung über ihre Fahndung geäußert hatte. Aber woher zum Teufel wussten ihre Jäger ohne Hilfe der Öffentlichkeit von ihren jeweiligen Aufenthaltsorten? Innerlich könnte Mulder sich treten, mit seiner überhasteten und zugegebenermaßen kopflose Flucht aus dem Supermarkt hatte er die Aufmerksamkeit des gesetzten Sheriffs nahezu auf sich gezogen.

 

Mit fliegenden Finger öffnete er die Türe, stürmte, sich ein letztes Mal hinter sich umblickend, in den kleinen, aber sauberen Raum. Von Dana war weit und breit keine Spur. Angst verschnürte seine Kehle, ließ ihn mühsam nach Luft schnappen. Dann jedoch öffnete sich die Badezimmertüre. Erleichterung durchzuckte Fox Mulder wie einen Blitzschlag.

„Wir müssen sofort hier weg. Der Sheriff ist im Haupteingang!“ Sofort verhing ein Schleier von Besorgnis die azurblauen Augen seiner Begleiterin. Sie beide waren erschöpft und ausgelaugt, die Strapazen der letzten Tage waren nur zu deutlich sichtbar. Zudem war Mulder nach seinem Gefängnisaufenthalt noch sehr geschwächt.

„Kann das nicht ein Zufall sein?“, startete Dana den verzweifelten Versuch, Fox, aber auch sich selbst zu beruhigen. Ihre Haare waren auf ihrem Kopf aufgetürmt, eine dickliche und dunkle Farbpaste darauf aufgetragen.

„Nein, er hat mich vorhin schon im Supermarkt gesehen“, gestand Mulder mit leiser Stimme. Ungläubig starrte Scully ihn an.

„Und du verschweigst mir das?“

 

„Ich wollte dich nicht beunruhigen?“ Selbst Fox merkte wie unsicher und fragend seine Stimme klang. Scully, die erkannte, dass dies nicht die geeignete Zeit für ein weiteres Streitgespräch war, sammelte ihre Kleidungstücke zusammen und eilte zurück ins Badezimmer. Sekunden später hörte Mulder, wie das Wasser der Dusche zu laufen begann. Keine fünf Minuten brauchte Scully, bevor sie wieder angezogen und mit nassen und ungewohnt dunklen Haaren zurück ins Zimmer trat, ihren Kulturbeutel in den Händen. Die Bluejeans und der graue Sweater verliehen ihr ein mädchenhaftes Aussehen, dieses Erscheinungsbild konnte nicht unterschiedlicher zu dem einer kostümtragenden FBI-Agentin sein. Und doch hatte Mulder das Gefühl, Dana nie schöner und natürlicher gesehen zu haben. Die Erinnerung an ihre missliche Lage riss ihn zurück in die Realität und schnell stopfte er die wenigen, auf dem Nachttisch verteilten Gegenstände in seine Jackentasche. Froh darüber, die Einkäufe zuvor bereits in die Tasche gepackt zu haben, ergriff Mulder diese lediglich, erlaubte sich nicht einmal die Zeit einen prüfenden Blick durch den Raum schweifen zu lassen.

 

Hastig ergriff er die Hand seiner Freundin und gemeinsam liefen sie zu dem im Hinterhof abgestellten Landrover. Dies war bereits ihr drittes Auto, doch beide ahnten, dass sie in Kürze abermals ein neues Fahrzeug benötigen würden. Just als beide die Autotüren zuschlugen, erkannte Mulder den auf sie zueilenden Sheriff, der unbeholfen und hilflos wirkend nach seiner Waffe im Schulterholster fischte. Keine Sekunde verlieren wollend, startete Mulder den Wagen und raste mit Vollgas und quietschenden Reifen dem nahe liegenden Highway entgegen. Scully, unsanft gegen die Tür gepresst, warf einen besorgten Blick auf die Geschehnisse hinter ihnen. Der dickliche Mann hatte gerade seinen Wagen erreicht und gab aufgeregt Informationen durch sein Funkgerät.

„Er schein uns nicht zu folgen“, teilte sie Mulder mit einem unsicheren Tonfall mit.

„Wahrscheinlich hat er in diesem friedlichen Städtchen höchstens eine Schlägerei schlichten müssen und verständigt gerade die Kavallerie. Wir müssen sehen, dass wir den Highway so schnell wie möglich wieder verlassen. Ich schlage vor, wir halten uns vorerst östlich.“ Dana konnte nur noch erschöpft nicken. Dann herrschte Schweigen, das nur vom monotonen und gleichmäßigen Brummen des Motors unterspielt wurde.

 

Scully wusste, dass sie so nicht lange durchhalten würden. Sie hatte geahnt wie strapazierend, kräftezehrend und ermüdend eine Flucht vor der Regierung sein würde. Sie hatte sich nie die falsche Illusion gemacht, ein wild-romantisches Abenteuer, dessen Ende schnulzig wie in einem Kitschroman sein würde, erleben zu können. Zu realistisch war ihre Sicht der Welt. Sie kannte die menschlichen Abgründe, wusste wozu diese Spezies fähig war und hatte es in all den Jahren als FBI-Agentin zu oft am eigenen Leibe erfahren müssen. Dana Scully war keine Frau, die sich Illusionen hingab, sie bevorzugte den Realismus. Doch jetzt musste sie erkennen wie sich ein Gefühl, das am ehesten der Bezeichnung Pessimismus nahe kam, in ihr breit machte. Und obwohl sie diese Emotionen sofort wieder aus ihrem Bewusstsein verbannen wollte, so gewannen sie doch immer mehr die Oberhand. Sie ertappte sich immer häufiger dabei sich das scheinbar unausweichliche vorzustellen. Ihre Gefangennahme. Doch sich die daraus entstehenden Folgen auszumalen, so kühn vermochte sie nicht zu sein.

 

*****

 

Dana wusste nicht, ob es das zum Stehen kommen des Wagens oder aber das plötzliche Schweigen des Motors, der die Exagentin in einen wenig erholsamen Schlaf gelullt hatte, war, was sie auf einmal aufweckte. Benommen drehte sie ihren Hals von rechts nach links, versuchte so die verspannten Muskeln zu lockern. Irritiert sah sie neben sich. Mulders müder Blick war auf sie gerichtet, ein zärtliches Lächeln hatte sich auf seine rauen Lippen gelegt. Ihr schien als seien seine Wangen in der kurzen Zeit noch weiter eingefallen. Dunkle Ringe unter den haselnussbraunen Augen ließen Mulder krank und ausgezehrt aussehen. Und egal wie oft sie Fox in einer derartigen Verfassung bereits gesehen hatte, es versetzte ihrem Herzen abermals einen Hieb.

„Wie lange habe ich geschlafen?“, erkundigte sie sich mit rauer Stimme und rieb sich mit den Handrücken über die müden Augen.

„Ungefähr vier Stunden.“, war die leise Antwort. Erst jetzt merkte sie, dass sich eine undurchdringlich wirkende Dunkelheit um den Parkplatz gelegt hatte, die einzig von einem schäbig wirkenden Imbiss und dem angeschalteten Innenlichtes des Wagens in Zwielicht getaucht wurde.

„Wie bitte? Warum hast du mich nicht geweckt? Verdammt, du hast seit über 24 Stunden kein Auge zugetan. Willst du uns umbringen?“ Diese Situation hatten die Nerven der ex-rothaarigen Frau blank gelegt. Sobald sie seinen verletzten, beinahe gequälten Gesichtsausdruck wahrnahm, bereute sie die schneidenden und harten Worte. Verlegen senkte sie kurz den Blick, fuhr mit ihrer linken Hand beschwichtigend über Fox Mulders Oberschenkel.

 

„Verzeih mir, Fox. Ich bin einfach fertig, es tut mir leid.“ Sanft umfasste seine Hand die ihre, zupfte verspielt an Danas Fingern. Eine stumme Geste, die mehr sagte als tausend Worte. Er wusste, wie viel Vertrauen es Scully kostete, dies vor ihm zuzugeben zu müssen, dass er dies niemals als eine Schwäche werten würde, vielmehr Respekt empfand.

„Ich weiß, ich hätte dich wecken sollen, doch ich konnte es einfach nicht.“ Mulder legte eine kurze Pause ein. „Hast du Hunger? Dort drüben habe ich eine Gaststätte entdeckt. Wir können eine Kleinigkeit essen, uns frisch machen und den Wagen tanken. Ich schlage vor, dass wir die Nacht durchfahren, so viel Entfernung wie möglich zurücklegen. Wir sind erst an die 500 km gefahren.“

Dann drehte sich der Mann um und suchte in der auf der Rückbank befindlichen Reisetasche nach ihrem Geld.

„500 km? Bist du geflogen?“, ungläubig betrachtete sie die Kilometeranzeige neben dem Tacho. Erst jetzt ging Dana auf, dass sie keinerlei Ahnung hatte, wo ihr nächstes Ziel lag.

„Wohin fahren wir, Mulder?“ Dieser öffnete bereits die Tür und deutete Scully an ihm zu folgen. Auf dem Weg zum Lokal fasste er kurz die mit Yves getroffene Vereinbarung zusammen. Er wollte nicht die Gefahr eingehen, noch so harmlos und unbeteiligt wirkenden Personen Anhaltspunkte über ihre Situation zu geben.

                                                        

Zögerlich öffnete Mulder die mit greller Leuchtreklame verzierte Glastüre und ließ seiner Begleiterin den Vortritt. Auf der linken Seite war ein kleiner Laden abgetrennt, hinter dessen Kasse ein Teenager stand, der gelangweilt durch einige der dort verkäuflichen Zeitschriften blätterte. Nur kurz hob er den Kopf, mustere die Gäste und vertiefte sich wieder in seine Lektüre. Die einzige andere Person war eine stark übergewichtige Blondine, die gerade damit beschäftigt war die weiß-schwarzen Fliesen des Fußbodens im hinteren Bereich, dem Lokal, zu wischte. Auch sie sah auf, setzte beim Anblick von Kundschaft ein gekünzeltes Lächeln auf das breite Gesicht und hielt in ihrer Tätigkeit inne.

„N’abend. Wollen Sie nur was trinken, oder soll ich in der Küche bescheid sagen?“, erkundigte sie sich mit einem schleppenden südländischen Akzent als Begrüßung.

„Ja, haben Sie eine Karte?“, wollte Scully wissen, nicht sicher, ob diese Raststätte Essen servierte, das der von ihr bevorzugten Ernährung entsprach.

„Klar, setzen Sie sich einfach schon mal.“ Scully musterte skeptisch die Tische, deren Stühle bereits hochgestellt worden waren. Die Bedienung fing den fragenden Blick der Ex-Agentin auf.

„Ach, das war nur wegen dem sauber machen. Suchen Sie sich einfach einen Tisch aus. Wissen Sie schon, was Sie zu trinken wollen?“ Während sie sprach, sammelte sie bereits ihre Putzgeräte zusammen.

 

„Zwei Mal Orangensaft und einen Kaffee, bitte“, bestellte Dana und trat an einen kleinen, in einer Ecke befindlichen Tisch heran. Mulder folgte ihr einfach nur müde und ließ sich, nachdem sie ihre Stühle von Tisch herunter geholt hatten, erledigt darauf fallen. Erst jetzt nahm er Scullys äußerliche Veränderung bewusst wahr. Wie gerne er auch während der Fahrt vorhin die schlafende Dana genauer betrachtet hätte, so wusste er doch, dass er sich auf Grund seiner Müdigkeit nicht hätte ablenken dürfen. Doch nun fand er endlich die Zeit ihre Verwandlung richtig in sich aufzunehmen. Die dunklen, schokobraunen Haare umrahmten ihr blasses Gesicht, verliehen ihr ein beinahe aristokratisch wirkendes Aussehen. Die grelle Deckenbeleuchtung legte einen faszinierenden Schimmer auf Danas Haarpracht. Und obwohl er sich Dana Katherine Scully niemals wirklich anders als rothaarig vorgestellt hatte, so konnte er nicht abstreiten, dass dieses dunkle Haar ihr außerordentlich gut stand. Lächelnd ließ Dana seine stumme Musterung über sich ergehen, bemerkte wie sich sein Ausdruck von Neugierde über Zustimmung zu stiller Bewunderung veränderte. Er brauchte keine Worte, um sie wissen zu lassen wie sehr sie ihm so gefiel, wie schön sie in seinen Augen war.

 

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die Blondine mit einem Tablett auf sie zutrat. Geschickt platzierte sie die Getränke vor ihren Gästen und überreichte schweigend die Speisekarten. Während Dana nach einem vitaminreichen und gesunden Essen Ausschau hielt, vergewisserte sich Fox Mulder lediglich, dass Burger mit Pommes Frites im Menü enthalten waren. Zufrieden schloss er die verknitterte Karte wieder und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Abermals wurde seine Aufmerksamkeit magisch von seinem Gegenüber angezogen. Es schien ihm fast als würde er an jedem neuen Tag ein winziges Detail an Dana finden, welches sie noch schöner machte. Scully schien seine Beobachtung nicht zu stören, nur ein winziges Lächeln, welches sich zart auf ihre Lippen legte, zeigte, dass sie sehr wohl wusste, was er gerade tat.

 

Kurz darauf gaben sie ihre Bestellung auf. Dana unterließ jeglichen Kommentar bezüglich Mulders Wahl. Wenn er fettiges und kalorienreiches Essen wollte, dann sollte er es haben. Ein paar zusätzliche Pfunde konnten seiner hageren Gestalt nur gut tun. Die meisten Annehmlichkeiten ihres vorherigen Lebens hatten sie aufgeben müssen, also fand sie, dass ihnen wenigstens ein Minimum an Komfort zustand, auch wenn sie als Ärztin diese Speisewahl nicht wirklich gut heißen konnte. Während des Essens sprachen sie nur wenig, genossen vielmehr das angenehme Schweigen, welches sich über sie gelegt hatte. Es schien so etwas wie eine Pause, eine Auszeit zu sein. Reine Illusion, das wussten sie beide, doch ließen sie diese für einen kurzen Moment zu.

 

*****

 

Frisch gestärkt verließen sie die Raststätte, tankten den Wagen, nachdem beide die Toiletten aufgesucht hatten. Sie wussten, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten und nachdem Dana den Sitz und die Spiegel justiert hatte, startete sie das Auto.

„Mulder!“, entfuhr es ihr, als sie merkte, dass sich dieser daran machte, zwischen ihren Sitzen hindurch auf die Rückbank zu klettern. Im Rückspiegel konnte sie beobachten, wie ihr Begleiter den gesamten Inhalt der Tasche auf dem Sitz ausleerte.

„Was tust du da? Haben wir uns nicht darauf geeinigt, dass du schläfst, während ich fahre?“, ihre Stimme klang wie die einer Mutter, die ein kleines, unartiges Kind zurecht wies. Und genauso kam sie sich insgeheim auch vor.

Ihre Maßregelung ignorierend, begann er, nach keinem erkennbaren System, ihre Sachen in zwei unterschiedliche Stapel zu sortieren, den bohrenden Blick der Fahrerin durchaus auf sich spürend.

„Kommt es dir nicht auch merkwürdig vor, dass egal wohin wir fahren, egal wie spontan unsere Entscheidungen sind, wir jedes Mal kurz darauf wieder diese Bluthunde an den Fersen haben? Das Auto kann kaum verwanzt sein. Wir müssen uns von allem, was mit Peilsendern versehen sein kann, trennen.“

 

Ein Gedanke, der sich in den letzten Tagen immer mehr an die Oberfläche gedrängt hatte, durchzuckte die Ex-Agentin wie einen Blitzschlag. Unsicher, ob sie Mulder ihre Befürchtung mitteilen sollte, rutschte sie nervös auf ihrem Sitz hin und her. Wie würde er reagieren? Sie hatte eine gewisse Ahnung und fürchtete sich davor, einen weiteren Streit hervorzurufen. Doch war dieses Problem von viel zu großer Bedeutung, um ihren Partner im Unklaren zu lassen.

„Was ist, wenn ich ihr Peilsender bin?“, stellte sie die Frage, die schon seit viel zu langer Zeit an ihr nagte. Sofort beugte Mulder sich nach vorne.

„Nein, die Technologie, die deinen Chip manipulieren kann, ist mit dem Konsortium untergegangen. Warum würden sich unsere Verfolger sonst so viel Arbeit machen uns zu jagen, wenn sie dich mit Hilfe dieses Chips kontrollieren könnten? Und wir wissen, dass dies möglich ist.“ Die Erinnerung an jene Nacht auf der Brücke, das Feuer, der Geruch von verbranntem Fleisch ließ einen eiskalten Schauer über Scullys Rücken laufen.

 

„Du kannst es aber nicht hundertprozentig ausschließen, Mulder.“ Einen kurzen Moment später fügte sie leise hinzu: „Ich kann es nicht ausschließen!“ Als könne er ihren inneren Kampf spüren, fuhr er mit seiner Fingerkuppe sanft über Danas Wange.

„Ich versichere dir, das Konsortium ist zerstört. Und wie gerne die Regierung und ihre Institutionen diese Technologie hätten, so ist dies ein bloßer Wunschgedanke. Ich werde jetzt weitersuchen. Sollte ich nichts finden, so können wir uns damit auseinander setzten, aber ich bin davon überzeugt, dass sich in der Tasche und sehr wahrscheinlich auch irgendwo anders, Sender befinden.“ Ein letztes Mal liebkosten seine Finger die zarte Haut ihres Gesichtes, bevor er sich wieder in den hinteren Teil des Autos zurückzog.

Angespannt krallten sich Dana Scullys Finger an das Lenkgrad, gruben sich ins harte Leder. Ihr Blick ging starr geradeaus, in die Schwärze der Nacht und auf die Straße hinaus. Die Vorstellung, entweder den Chip aus ihrem Nacken herauszunehmen oder Fox zu seinem eigenen Schutz zu verlassen, setzte sich in ihr Hirn, ließ sich nicht mehr abschütteln. Sie warf kurze und nervöse Blicke nach hinten. Scully erkannte, dass er das kleine Photoalbum, welches ihre wichtigsten Erinnerungen an William in sich verborgen trug, in die Hand nahm.

 

„Nein“, flüsterte sie mit belegter Stimme. Sofort spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter, die sanft ihre angespannten Muskeln dort massierte.

„Nicht, die Bilder, Dana“, beschwichtigte er sie sanft. Dann verließ sie seine Hand, und sofort vermisste sie die Wärme und seine Nähe und musste schwer schlucken. Ihre wichtigste Aufgabe war es sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren, doch konnte sie kurze Blicke auf die Rückbank nicht verhindern. Vorsichtig trennte Mulder die einzelnen Bilder von den Seiten und legte diese sorgfältig auf den kleinen Stoß zu seiner rechten, wo sich bereits die Fotos ihrer Familie und ein paar Aufnahmen von Samantha Mulder befanden. Das leere Album ließ er achtlos in die offene Tasche links neben sich fallen.

„Wir müssen so schnell wie möglich einkaufen gehen. Ich befürchte, dass unsere Kleidung ebenfalls präpariert ist. Ich möchte keinerlei Risiko eingehen.“ Geschäftig durchsuchte er ihre Habseligkeiten nach etwaigen Peilsendern.

 

Als ein „Scheiße, ich habe Recht“, die Stille im Wageninneren unterbrach, fuhr die dunkelhaarige Frau am Steuer leicht zusammen. Dann erkannte sie im Rückspiegel einen winzigen schwarzen Mikrochip, den er ihr kurz entgegenhielt.

„Wo war er?“, erkundigte sie sich sichtlich alarmiert und besorgt.

„Im Innenfutter meiner Jacke. Scully, ich fürchte, das ist erst die Spitze des Eisberges“, teilte ihr Fox Mulder mit einem ernsten Tonfall mit. Schweigend machte er sich weiter auf die Suche, während Dana tief in Gedanken versunken mit den Zähnen ihre Lippen malträtierte.

 

*****

 

Insgesamt fand Mulder neun der kleinen Sender. Einer war sogar in Danas Portemonnaie eingearbeitet worden. Die wenigen Dinge, die sie behalten würden, waren lose auf der Rückbank verstreut. Ein armseliger kleiner Berg, der doch die Welt zu bedeuten schien.

Kurz vor Sonnenaufgang bog Dana auf Mulder Geheißen hin auf einen kleinen Parkplatz direkt neben der Landstraße ein. Nur zwei LKWs, ein PKW und ein Kleintransporter standen dort, von den Fahrern keine Spur. Einige Windböen wirbelten Staub auf und überzogen die Fahrzeuge mit einer dünnen Sandschicht. 

 

Sobald der Wagen stand, deutete Fox seiner Begleiterin an, ebenfalls zu ihm auf die Rückbank zu klettern. Diese öffnete jedoch nur kopfschüttelnd die Türe und stieg hinten im Wagen wieder ein. Die Gedanken der dunkelhaarigen Frau überschlugen sich, konnten all die Informationen, die Ängste, die kalt ihr Herz umklammerten, nicht kompensieren. Zu viel Ungewissheit umgab sie, raubte ihr sämtliche Hoffnungen. Seufzend sank sie in die Polsterung.

 

„Wir müssen deine Kleidung untersuchen. Im Bund meiner Jeans war ebenfalls etwas angebracht. Ob es der einzige Sender ist, weiß ich nicht, ich bezweifle es aber. Bei den Schuhen gehe ich fest davon aus, dass sie ebenfalls verwanzt sind.“

Zuerst streifte sich Dana ihren Pullover über den Kopf. Das dünne T-Shirt, das sie jetzt noch trug, konnte der kühlen Morgenluft nicht standhalten und ließ die zierliche Frau leicht frösteln, während Fox akribisch das graue Kleidungsstück abtastete.

„Finden tue ich nichts… dennoch sollten wir alles, was wir tragen, so schnell wie möglich loswerden. Das T-Shirt, bitte.“ Damit hielt er ihr den Pulli wieder entgegen. Unsicher blickte sich Scully zuerst um, bevor sie sich das weiße Shirt peinlich berührt auszog. Blitzschnell bedeckte sie ihre Blöße wieder mit dem zurück gewonnenen Pullover. Auch das T-Shirt schien den Fox-Mulder-Sender-Such-Test zu bestehen. Seine Partnerin verzichtete jedoch darauf, sich dieses wieder anzuziehen und legte es sorgfältig zusammen. Auffordernd sah Mulder in ihre Richtung.

„BH?“

 

„Also ich glaube kaum…“ Der Blick, den Dana von ihm auffing, ließ all ihren Widerstand verstummen und seufzend griff sie nach hinten, öffnete den Verschluss und zog ihren BH geschickt unter dem Pullover hervor. Erschrocken musste sie erkennen wie Mulder zu einem kleinen Taschenmesser griff, welches sie im Handschuhfach des zweiten Fluchtwagens gefunden hatten und ohne viel Federlesen die Naht, die die Bügel hielt, auftrennte.

„Mulder! Ich brauche diesen BH noch. Du kannst…“, abermals verstummte sie mitten im Satz. Mulder hielt einen weiteren schwarzen Sender zwischen den Fingern.

„Scheiße!“, war Danas einziger Kommentar. Eine plötzliche Übelkeit kam in ihr hoch, ließ ihren Magen sich schmerzhaft zusammenziehen. Scully musste schwer schlucken, um all der Ängste und Emotionen, die sich immer mehr an die Oberfläche drängten, Herr zu werden. Ihr war nach Schreien und Heulen gleichermaßen zumute. Mit ihrer hart antrainierten Selbstdisziplin verdrängte sie diese Gefühle, verbannte sie aus ihrem Bewusstsein. Sie wusste, dass eine einzelne Träne eine nicht enden wollende Tränenflut mit sich führen würde und dazu - ihren Emotionen freien Lauf zu lassen - war sie einfach noch nicht bereit. Sie musste wachsam und aufmerksam bleiben, die kleinste Unachtsamkeit konnte ihnen das Leben kosten.

Sich sammelnd zog sie laut Luft in ihre Lungen, spürte wie der Sauerstoff ihren Körper belebte, ihr Kraft und Energie spendete. Mulder begann ihre Hose gewissenhaft abzutasten. Jegliche Reaktionen ihres Körpers auf diese vertraute Berührung ignorierend, ließ sie sich von ihrem Partner sanft umdrehen. Kurz darauf fuhren seine Finger ihre Hosenbeine entlang. Beide waren wenig überrascht, auch in der Naht ihrer Jeans einen weiteren Sender zu finden. Resignierend ließen sich beide geben die Polster fallen.

 

Sie hatten erst weitere 300 km hinter sich gebracht und immer aussichtsloser erschien ihnen eine sichere Ankunft am vereinbarten Treffpunkt, geschweige denn, dass sie jemals die kanadische Grenze erreichen würden. Es war beinahe so als würden diese Sender ihnen unaufhörlich Energie absaugen und sie hatten es erst jetzt bemerkt. Mulder war der erste, der das Schweigen durchbrach.

„Wie weit ist die nächste Stadt entfernt?“, fragte er mit leiser aber sicherer Stimme.

„Etwas 30 Meilen.“

„Dann sollten wir sehen, dass wir so schnell wie möglich dort hin kommen und uns neu einkleiden. Ich werde nur noch gerade unsere Tasche entsorgen“, teilte er Dana mit, während er bereits die Türe öffnete.

„Wir haben bestimmt noch immer Sender an uns.“ Mit einer Handbewegung deutete sie auf Mulders und ihre Schuhe.

„Ja, aber wenn sie jetzt ein starkes und ein schwaches Signal empfanden werden, werden sie zuerst dem starken folgen, nicht dem schwachen. Das gibt uns einen Vorsprung und eine faire Chance, uns dieser Kleidung zu entledigen, bevor sie bemerkt haben, was eigentlich los ist“, mutmaßte er. Dann trat er nach Draußen und verschwand zwischen den anderen parkenden Fahrzeugen.

 

Seufzend stieg auch Scully aus, vertrat sich kurz die schmerzenden Beine, entfernte sich dabei jedoch nicht weit vom Wagen und hielt aufmerksam nach ihrem Partner Ausschau. Nur wenige Minuten verstrichen bis Mulder wieder zu ihr zurückkehrte.

„Unser Gepäck wird jetzt als blinder Passagier nach New Mexiko fahren“, kommentierte er einen gerade losfahrenden LKW. Zufrieden ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen. Auch jetzt war nicht an Schlafen zu denken, das wussten beide.

 

*****

 

Langsam lenkte Scully den Wagen durch eine Kleinstadt. Diese Ortschaft war groß genug, dass sich die Anwohner über Autos mit fremden Kennzeichen nicht wundern würden. Sie folgte den Hinweisschildern, die sie zu einer kleinen Mall führten. Bis jetzt hatte Dana noch keine Verfolger wahrgenommen, fühlte sich jedoch dadurch nicht sicherer oder zuversichtlicher. Nur wenige Autos waren zu der frühen Stunde auf dem Parkplatz abgestellt. Sicher steuerte die junge Frau eine freie Lücke an.

 

Gemeinsam betraten sie die Einkaufspassage, blieben kurz stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Nur wenige Passanten eilten an ihnen vorbei, zu sehr mit ihren Einkäufen beschäftigt, als dass sie die Menschen um sich herum genau wahrnahmen. Neben einigen Kaffees, Boutiquen, Schmuck- und Schuhgeschäften, gab es auch einen Markt einer weit verbreiteten Supermarktkette. Zielstrebig steuerten die Flüchtigen den ersten Fashion-Store an. Dort trennten sich ihre Wege kurz, doch sie verloren sich niemals wirklich aus den Augen.

Während Mulder, nicht auf Preise und Farben achtend, eine neue Garderobe zusammenstellte, nahm sich Dana wenigstens bei einigen Kleidungsstücken die Zeit diese kurz anzuprobieren. Doch auch sie beeilte sich mit ihrer Auswahl. Zeit war ein kostbares Gut geworden, eines, welches sie nicht zu verschenken hatten.

 

Keine zwanzig später Minuten standen David und Gillian O’Donell gemeinsam an der Kasse, mit hohen Wäschebergen in den Armen. Als die Registerkasse über 300 US$ anzeigte, musste beide kurz schlucken, sie wussten jedoch, dass dieser Einkauf unaufschiebbar und notwendig war. Nachdem sie noch Schuhe und einige Lebensmittel erstanden hatten, machten sie sich mit unzähligen Tüten beladen auf den Weg zu den Toiletten. Sie hatten beschlossen sich direkt in der Mall umzuziehen und die alten und wahrscheinlich verwanzten Kleidungsstücke direkt dort zu entsorgen.

Sorgfältig entfernte Scully die Preisschilder. Auch wenn ihr der bloße Gedanke, ungewaschene und neue Unterwäsche tragen zu müssen, zuwider war, so konnten sie sich den Luxus eines Zwischenstopps in einem Waschsalon nicht leisten. Dinge, die vor einigen Tagen noch selbstverständlich für sie galten, waren mittlerweile nur noch Erinnerungen. An eine Zeit, die schon unzählige Monate oder gar Jahre zurückzuliegen schien, obwohl Mulders Flucht aus dem Gefängnis nicht einmal eine Woche her war. Zeit hatte eine neue Bedeutung für sie und ihren Partner gewonnen. Nicht mehr messbar in Arbeitszeit oder Feierabend, vielmehr gaben nun die Momente, in denen es den Flüchtigen gegönnt war, für wenige Minuten ihre Achtsamkeit schweifen zu lassen, den Ausschlag. Augenblicke, die ihnen erlaubten Fox und Dana zu sein, nicht Mulder und Scully, zwei Ex-Agenten, die, wie es den Anschein hatte, vor der ganzen Welt davon liefen. Gleichermaßen beherrschte sie die Hoffnung endlich ihre Verfolger abhängen zu können, aber auch die Angst vor den Konsequenzen, sollte dem nicht der Fall sein. Doch Gewissheit konnte nur die Zeit selbst bringen.

 

Ein letztes Mal betrachtete sich die nun brünette Frau abwägend im Spiegel. Obwohl die Kleidung gewöhnungsbedürftig für die vormals Kostüm tragende Regierungsbeamtin war, gefiel ihr dieses legere Outfit. Dunkelblaue, leicht ausgestellte Jeans boten einen schönen Kontrast zu einem dünnen, grünen Wollpullover mit einem schönen V-Ausschnitt. Das goldene Kreuz an seiner feingliedrigen Kette umrahmte ihren schlanken Hals. Schnell schlüpfte Dana in die dunklen Sneaker und verstaute die getragene Kleidung in eine der leer geräumten Tüten. Mulder wartete bereits vor der Damentoilette auf sie. Anerkennend ließ sie ihren Blick über sein Erscheinungsbild gleiten. Auch er trug Jeans, obgleich seine etwas heller waren. Ein weißes Hemd, dessen Ärmel Fox bereits nach oben geschoben hatte und Turnschuhe vervollständigten sein lässiges Outfit, von dem Scully fand, dass es ihm ausgezeichnet gut stand.

 

Seine linke Hand legte sich auf ihren unteren Rücken, während sie das Einkaufzentrum verließen. Diese vertraute Geste löste einen angenehmen Schauer aus, der sich seinen Weg über den Rücken der schlanken Frau bahnte. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass egal wie viele Meilen sie von ihrer einstigen Heimat entfernt waren, egal wie schlecht oder düster ihre Zukunft aussehen mochte, egal was morgen oder übermorgen über sie hinein brechen würde, sich eine Sache niemals ändern würde. Mulder. Ihr Partner, ihr bester Freund, der Mann, den sie liebte, ihre Konstante. Er gab ihr Kraft, spendete Energie und war zugleich ihre Heimat. Und dann verspürte sie ein Gefühl, von dem sie angenommen hatte, es niemals wieder zu fühlen – Zuversicht.

 

*****

 

Unauffällig entsorgte das Paar die Tüten im hinteren Bereich des Parkplatzes, der wohl den Lieferanten als Müllabgabe zu dienen schien. Gerade als Mulder den Deckel des Containers wieder einrasten ließ, erfasste ihn ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend. Einer bösen Vorahnung gleich, schien sein inneres Warnsystem Alarm zu schlagen. Beunruhigt suchten seine Augen die Umgebung ab. Dann setzte sein Herz beim Anblick von drei auf sie zueilenden Gestalten einen Takt aus. Bullige, schwarz gekleidete Männer, ganz klar erkennbar bewaffnet, rannten über den Parkplatz, schoben ihnen in den Weg kommende Passanten achtlos zur Zeit, was eine alte Dame zu Fall brachte. Immer schneller kamen die Gestalten auf sie zu.

„Scully, lauf!“, brüllte Fox, noch während er - den Arm seiner Partnerin ergreifend - in Richtung des Wagens losstürmte. Der heftige Ruck an ihrem Arm brachte Dana leicht ins Straucheln, doch sie schaffte es das Gleichgewicht zu halten. Zahlreichende Autos, zwischen die sie sich hindurchzwängen mussten, bremsten ihre Flucht, ließen es zu, dass ihre Verfolger beängstigend schnell die Distanz verringerten, immer mehr an Boden gewannen. Panik trieb Mulder und Scully weiter, doch unterbrach er nicht dem physischen Kontakte, der ihn mehr als ihr keuchender Atem versicherte Dana nicht hinter sich zurück zu lassen.

 

Nach Luft ringend erreichten sie den rettenden Wagen. Die Einkäufe wahllos ins Innere schmeißend, sprang Scully hinter das Lenkrad und Mulder stürzte sich auf die Rückbank. Sie warte nicht ab bis der Mann hinter ihr die Türe ganz geschlossen hatte und startete den Wagen. Mit Vollgas raste sie über den Parkplatz, inständig betend keinen Fußgänger zu überfahren. Im Rückspiegel erkannte sie einen schwarzen Wagen mit verdunkelten Scheiben, der nicht minder schnell hinter ihnen über die verkehrsberuhigte Zone brauste. Mit quietschenden Reifen schlitterte sie durch die enge Kurve, die auf die Landstraße führte. Verbissen starrte Scully auf die Straße und konzentrierte sich darauf nicht aus der Spur zu kommen. Mulder schob sich währenddessen nach vorne, um auf den Beifahrersitz zu gelangen. Aufgrund ihrer Fahrlage hatte der schlaksige Mann Probleme sein Gleichgewicht zu halten und mehr als einmal kippte er unsanft gegen seine Partnerin, die ihm kurze Blicke zuwarf. Zu spät bemerkte sie einen silbergrauen Passat, der laut hupend auf sie zusteuerte. Weiterhin das Gaspedal voll durchtretend, riss die das Lenkrad herum, brachte das Auto somit ruckend auf den Fußgängerweg und wenig später durchpflügte der Landrover die sorgfältig angelegte Grünanlage und setzte sich somit direkt vor den Passat. Doch auch der schwarze BMW raste rücksichtslos durch das Beet, drängte den Fahrer des hinderlichen Fahrzeuges brutal von der Straße, geradewegs durch die Grünanlage und in die parkenden Autos der Mall hinein. Entgegen ihrer Befürchtungen schossen ihre Verfolger nicht auf sie. Ihre Aufgabe stellte wohl die lebendige Ergreifung ihrer Opfer da. Dennoch klebte der BMW beängstigend nah an ihrem Auto, versuchte wiederholt sie auf der engen Landstraße zu überholen.

 

Ein Ruck ging durch den Wagen, presste seine Insassen in die sicherheitshalber angelegten Gurte.

„Gib Gas, die wollen uns von der Straße rammen“, fasste Mulder das Offensichtliche zusammen. Die Zähne fest zusammenpressend, rutschte Dana weiter nach vorne, trat die letzten Millimeter des Gaspedals gnadenlos durch. Doch konnte es der schäbige Landrover niemals mit dem PS- starken BMW aufnehmen. Ein weiterer heftiger Ruck ließ ihr Fluchtfahrzeug unkontrolliert zur Seite schleudern, doch es gelang Scully das Auto wieder unter Kontrolle zu bringen. Ihr Blick hefte sich auf den Rückspiegel, direkt auf das zu einer hässlichen Grimasse verzogene Gesicht des anderen Fahrers. Eiskalte Augen schienen die ihren sofort zu treffen, durchbohrten ihr Innerstes gnadenlos und lösten eine Gänsehaut auf dem Körper der brünetten Frau aus. Winzige Härchen richteten sich unweigerlich an ihrem Nacken und den Armen auf, beschworen einen eiskalten Schauer herauf.

Abermals wurde das Auto aufgrund einer weiteren Kollision durchgerüttelt, dann drängte sich der schwarze Wagen links neben sie, schob sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne und zwang Scully auf die Gegenfahrbahn. Neben sich nahm sie aus dem Augenwinkel wahr wie Mulder seine Waffe hervorzog und mit einem wohlbekannten Klicken entsicherte. Beinahe einem unterbewussten Drängen folgend, fand ihr Blick den ihres hämisch grinsenden Verfolgers, der einer grüßenden Geste gleich die Hand hob. Gelbliche, schief stehende Zähne wurden gebleckt, verliehen ihm ein beinahe dämonisches Aussehen.

 

„Scully!“, ein markerschütternder Schrei riss ihre Aufmerksamkeit wieder zur Straße zurück. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie die grellen Frontleuchten eines gigantischen Trucks auf sie zuschnellen. Der schrille Ton eines Hupsignals drang an ihr Ohr. Instinktiv trat sie in die Bremsen und löste somit ein schrilles Quietschen der Autoreifen aus. Der BMW vollführte einen rasanten Rechtsschlenker, während er langsamer wurde. Gerade als sie den Landrover ebenfalls nach rechts bringen wollte, spürte sie wie sie brutal von der Seite gerammt, weiter auf die Gegenfahrbahn gedrückt wurden. Der sich ihr nähernde LKW verlor immer mehr an Distanz, sein Licht blendete ihre müden Augen. Entschlossen riss sie das Lenkrad nach Rechts, trat das Gaspedal abermals durch. Der Wagen schoss quer über die Straße, einer Böschung entgegen. Scully bemerkte wie sich der Truck in seinem Bremsmanöver quer schob, den BMW somit hinderte die Verfolgung fortzusetzen.

 

Der graue Asphalt ging in Rollsplitt über, schüttelte den Wagen, den Dana verbissen abzubremsen versuchte, unsanft durch. Vor sich sah sie nur noch Laub, als sich der Landrover herum schob und seitlich in die Büsche rutschte. Diese konnten die Gewalt des Aufpralls nicht abfedern, gaben dem Gewicht nach und bremsten den Wagen nur unmerklich. Das Letzte, was Scully wahrnahm, war Mulders lauter Aufschrei, als sich unter ihnen ein steiler Abgrund auftat, ihr Fahrzeug unweigerlich seinen Weg fortsetze und hinunterstürzte. Der harte Aufprall auf steiniges Geröll löste ein Unheil verkündendes Geräusch von berstendem Metal aus, wirbelte das Wrack herum. Heftig schlug ihr Kopf auf dem Lenkrad auf, tränkte das weiche Leder mit frischem Blut. Dann herrschte nur noch Stille, als eine sanfte Schwärze ihre Sinne umhüllte. 

 

*****

 

Dichte, dunkle Rauchwolken stiegen aus dem Tal auf, verschleierten die Sicht, vermischten sich mit der klaren Luft und hinterließen eine brennendes Gefühl in den Lungen. Einige Schaulustige säumten die schmale Böschung, lugten durch das beschädigte Geäst hindurch. Ein gewaltiges Inferno wütete unter dem steilen Abhang, zahlreiche Funken und Feuerszungen sprangen auf das ausgedörrte Gras neben dem ausbrennenden Autofrack über. Sie verwandelten die karge Landschaft blitzschnell in ein Meer aus Flammen, das bedrohlich wirkend, immer mehr an Dichte gewann, das wenige Leben, das unter der hiesigen Sonneneinstrahlung vegetieren konnte, gnadenlos vernichtend. Die vorangegangene, gewaltige Explosion hatte die wenigen Menschenseelen, die Zeugen dieses verheerenden Unfalls wurden, in Mark und Bein erschüttert. Endlich erklang in der Ferne das stetig lauter werdende Martinshorn der verständigten Feuerwehr, brachte den Leuten gleichsam Erleichterung.

 

Ungeachtet der Menschen oder des wütenden Feuers waren zwei schwarz gekleideten Gestalten zu beobachten, die geschickt die Böschung herunter kletterten. Akribisch suchten sie die Umgebung ab, wagten sich jedoch nicht direkt an das brennende Fahrzeug heran. Hitze schlug ihnen entgegen, der dichte Qualm setzte sich beißend in ihre Atmungsorgane, raubte ihnen die Sicht. Das wütende Feuer machte es ihnen unmöglich einen genauen Blick ins Wageninnere zu erhaschen, doch ließ die Explosion, die den Landrover unmittelbar nach dem Absturz entflammt hatte, jegliche Überlebenschance der Agenten schwinden. Schnell entfernten sie sich von der direkten Gefahrenzone, spähten dennoch aufmerksam in sämtliche Richtungen, nicht gewillt Fox Mulder selbst jetzt in irgendeiner Weise zu unterschätzen. Doch stand sämtliches Gebüsch um das Wrack herum in Flammen, bot somit keinen Schutz für die Flüchtigen. Erst der auf sie zurasende Löschzug der Feuerwehr ließ die Männer sich zurückziehen und wieder zu ihrem Auto klettern. Sie wollten nicht Gefahr laufen Fragen gestellt zu bekommen, die nicht beantwortet werden durften.

 

Schnell erreichten sie die sichere Straße und den am Rand abgestellten BMW. Sich den Staub von den teuren Designeranzügen klopfend, drehte sich der größere der beiden - der Fahrer - dem dritten, am Wagen wartenden Mann zu.

„Das können die nicht überlebt haben, unmöglich.“ Ohne jede Gefühlsregung spuckte er auf ein sauberes Taschentuch, um sich die Designerschuhe damit zu polieren.

„War unser Auftrag nicht sie lebend zu übergeben?“, fragte der kleinere, blonde Mann, der ebenfalls seinen Anzug abklopfte und über die Geschehnisse sichtlich beunruhigter als seine Begleiter wirkte.

 

„Selbst wir können einem bedauerlichen Autounfall nicht entgegenwirken. Frauen am Steuer!“, entschied der dritte Mann, der am Wagen lehnte und seine Kollegen musterte. Bei diesem Kommentar warf der Dunkelhaarige mit den gelben Zähnen lachend seinen Kopf nach hinten, seinem Amüsement über diese Situation ganz klar Ausdruck verleihend.

„Sieh es mal so, Simon, damit hätten wir ein gelöstes Problem und können endlich diese Hölle von einem Staat verlassen. Doch eines muss ich den Agenten lassen, beinahe hätten sie uns ausgetrickst, aber nur beinahe!“ Mit sich zufrieden, glitt er hinters Lenkrad des BMWs, ungeduldig auf das Einsteigen seiner Arbeitskollegen wartend. Sobald diese die Türen geschlossen hatten, brauste der dunkle Wagen davon, ungeachtet der Menschen, die noch immer viel zu gefesselt von den Löscharbeiten im Tal waren.

 

*****

 

Sanft und vorsichtig führte er das feuchte Tuch über die blasse Haut, der nun nicht mehr blutenden Wunde an der Schläfe kam er nicht zu nah. Vollkommen entspannt lag Dana vor ihm, ihre Augenlieder flatterten leicht, doch war ihr Puls langsam und regelmäßig. Mulder legte den Lappen zurück in die kleine Wasserschale. Getrocknetes Blut, welches er von Scullys Gesicht abgewaschen hatte, verfärbte das restliche, vormals saubere Wasser zu einer hellroten Brühe. Das Klopfen an die Zimmertüre ließ den Flüchtigen erschrocken zusammenfahren. All seine Sinne bereiteten sich auf Angriff vor. Er hatte diese Gewohnheit bereits so verinnerlicht, dass er sogar beim Summen einer gewöhnlichen Stubenfliege aus dem Tiefschlaf hoch schreckte. Bewusst versuchte er seine überstrapazierten Nerven zu beruhigen. Doch viel zu laut und schnell hörte er das Blut durch seine Adern pumpen. Er zwang sich aufzustehen und die Türe zu öffnen.

 

„Ich habe Ihnen etwas Gebäck, Tee und Orangesaft gebracht. Das wird die Mrs. sicherlich wieder aufpäppeln. Sie könnten auch einen guten Happen vertagen.“

Das runde, wettergegerbte und braungebrannte Gesicht der alten Frau strahlte ihn an, während sie ihn beiseite schob und den Raum betrat. Auf dem kleinen Tisch in der hinteren Ecke stellte sie das Tablett ab. Sofort zog Mulder der herrliche Duft von frischem Hefegebäck in die Nase, was seinen Magen dazu brachte fordernd zu knurren. Dieser Laut brachte die pausbäckige Frau zum Lachen.

„Dachte mir, dass Sie ausgehungert sind. Bis zum Abendessen ist es ja noch eine Weile hin. Und jetzt essen Sie etwas. Noch leicht warm schmeckt es am besten. Ist ein Familienrezept, schlagen Sie zu, Junge!“, auffordernd schob sie ihren Gast an den Schultern zum Tisch. Dieser schien zwischen der Verlockung nach dem herrlich duftenden Teilchen und dem Pflichtgefühl sich um seine Begleiterin zu kümmern hin- und hergerissen. Beth McKennith nahm ihm die Entscheidung ab, indem sie sich neben das Bett der zierlichen Dunkelhaarigen setzte. Prüfend fuhren ihre rauen Finger zuerst an den Puls, dann an die Stirn der Verletzten.

„Mach Sie sich nicht zu viele Sorgen. Sie schläft ganz friedlich und ihre Temperatur ist auch normal. Ich werde jetzt diese hässliche Wunde versorgen und wenn sie wieder aufwacht, wird sie fast wie neu sein“, plapperte Beth munter drauflos, während Mulder das erste Hefegebäck gierig verschlang. Der heiße Tee folgte, dann ein weiteres Teilchen. Während er schluckte, studierte er die kleine Frau ausgiebig. Sie schien bereits in ihren 70ern zu sein, doch merkte man ihr das nicht direkt an. Einzig das faltige und wettergegerbte Gesicht gab Ausschluss über ihr wahres Alter. Beth McKennith hatte der Himmel geschickt!

 

Sie lebte bereits seit Jahrzehnten in dieser kleinen Ortschaft, hatte einen kleinen Bauernhof und ließ es sich trotz ihres Alters nicht nehmen jedes Jahr die Felder selbst zu bestellen. Sie war Witwe, doch hatte sie nach dem Tod ihres Mannes nie der Lebenswille verlassen. Täglich fuhr sie mit ihrem Pick-Up durch die nahe liegenden Ortschaften, brachte ihren Stammkunden frische Milch, Eier und auch Honig. Ihre kleine Statur ließen sie fast nicht hinter dem Lenkrad hervorragen, doch beherrschte sie den großen Wagen ohne Mühe. Heute Nacht jedoch hatte eine ihrer Kühe gekalbt, was ihren Rhythmus an diesem verhängnisvollen Tag verzögert hatte. Sie war erst einige Stunden später aufgebrochen, nicht schon zu Sonnenaufgang, wie sie es immer tat. Dann, als sie gerade auf dem Rückweg war, ließ sie der Anblick eines die steile Böschung des angrenzenden Highways hinunter rasenden Jeeps jäh bremsen. Das Gefährt überschlug sich und prallte hart auf. Beth hatte die Luft angehalten und inständig Gebete gen Himmel gesandt. Doch wie durch ein Wunder bemerkte sie einen dunklen Schopf, der scheinbar unverletzt durch das Fenster der Beifahrerseite geklettert kam. Augenblicklich hatte sie ihr Auto verlassen und war zu dem Unfallopfer geeilt. Dieses war bereits zu Gange eine weitere, kleinere Person aus dem Frack zu ziehen. Erst später hatte sie erkannt, dass es eine offensichtlich bewusstlose Frau war.

 

Was dann geschah, ging rasend schnell. Sofort hatte der dunkelhaarige Mann seine verletzte Begleiterin zum Pick-Up getragen und Beth hatte auf seine Bitte hin die verstreuten Tüten aus dem Wageninneren gefischt. Gerade, als sie schnell zu ihrem eigenen Wagen zurückkehrte, kam ihr das männliche Unfallopfer wieder entgegen. Entsetzt musste sie beobachten, wie dieser mit einem Feuerzeug den Wagen in Brand setzte, dann wieder auf sie zueilte und Beth antrieb schnell von hier zu verschwinden. Auch wenn die Bäuerin sehr zurückgezogen lebte, so besaß sie einen Fernseher. Und dieser ganze Unfall, dessen Hergang, ihre schnelle Flucht und die Entzündung des Wagens, dessen Explosion sie wenig später selbst auf großer Entfernung noch gespürt hatte, ließ sie glauben, sie befände sich in einem ihrer heißgeliebten Thriller. Sie malte sich farbenfroh aus, dass diese beiden vielleicht von einer Regierungsinstitution oder der Mafia gejagt wurden, weil sie zu viel wussten. Und obgleich diese Aufregung viele ihrer Altersgenossen wohl umbringen würden, konnte Beth dies nur als willkommene Abwechslung zu ihrem sonst so routinierten Tagesablauf auffassen. Ohne zu zögern bot sie den Fremden bei sich Unterschlupf an. Anfangs zögerlich, dann jedoch dankbar nahm der Mann schließlich an. Bevor sie auf dem Hof ankamen, erlangte die Frau auf der Rückbank das Bewusstsein wieder, flüsterte leise und kraftlos „Mulder“. Noch während Beth sich fragte, was oder wer denn ein Mulder war, driftete die attraktive Frau in einen tiefen Schlaf. Der Mann hatte sich mit David O’Donell vorgestellt, während seine Finger unaufhörlich über das Gesicht seiner Frau, Gillian, strichen.

 

Nun also beherbergte sie jene geheimnisvollen Fremden. Sie betrachtete den weiterhin kauenden Mann unauffällig. Einen ausgehungertem Tier gleich hatte er die Hälfte der Teilchen in sich hinein geschlungen. Und obwohl er wirkte als könne er noch weitere vertragen, so rührte er keines der verbleibenden Gebäcke an.

„Sie können gerne mehr essen. In der Küche ist noch ein ganzes Blech voll. Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Mrs. bekommen wir auch noch satt, wenn sie aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht.“ Leise lachte die alte Frau in sich hinein und doch konnte sie Davids Achtung und Sorge um seine Frau nur bewundern. Auch wenn sie nicht wusste, wer diese beiden Menschen verfolgte oder vor was genau sie auf der Flucht waren, so erkannte sie eine Emotion, die trotz aller Sorgen, Nöte und Probleme, die sie zu überschatten schienen, hervorragte. Der Sonne gleich die Weiten des Horizontes beherrschte. Es war Liebe.

 

*****

 

Schlaftrunken richtete sich Dana Scully auf. Verwirrt nahm sie das fremde Bett, in dem sie lag, wahr. Das in trübe Dunkelheit getauchte Zimmer gab ihr keinerlei Anhaltspunkte, wo sie sich befand, doch ein tief verankertes Gefühl der Vertrautheit nahm von ihr Besitz, durchflutete sie beruhigend. Suchend streifte ihr Blick durch den Raum. Die Vorhänge waren zurückgezogen, so dass das fahle Licht des Mondes schimmernd durch die Scheiben drang. Dunkle Schatten tanzten auf dem Boden, spiegelten den Wind, der mit den Ästen eines riesigen Baumes direkt vor dem Fenster spielte, wieder. Dann entdeckte sie ihn. Reglos stand er mit dem Rücken zu Dana da, sein Blick ging starr in die Nacht hinaus. Seine Arme hingen schlaff an den Seiten herunter, einzig die leicht geballten Fäuste gaben Ausschluss, dass Fox William Mulder keineswegs entspannt war. Seine hagere Gestalt verschmolz beinahe mit dem dunklen Raum. Bei seinem Anblick huschte ein zartes Lächeln über Scullys Lippen. Da stand er, ihr Fels in der Brandung, die wichtigste Konstante in ihrem Leben, der sie jeden Tag erneut dazu brachte nicht aufzugeben, sondern weiterzukämpfen, für ihn. Unwillkürlich entwich ein leises Seufzen ihren Lippen, lenkte die Aufmerksamkeit des Mannes augenblicklich auf sie. Sofort drehte sich sein Kopf in ihre Richtung.

 

Mit einer beschwichtigenden Geste hielt sie Mulder an dort stehen zu bleiben, während sie sich langsam vom Bett erhob und hinter ihren Partner trat. Halt suchend umschlossen ihre Arme seine Taille. Ihre Hände vergruben sich in den Stoff seines neuen Pullovers, während sie ihre Wange gegen seine Schultern presste und seinen Duft inhalierte. Ein Geruch, den sie liebte und auch überall wieder erkennen würde. Still stand er einfach nur da, respektiere ihre Bedürfnisse, ohne diese zu hinterfragen. Danas Wärme, die von seinem Rücken ausging, breitete sich rasend schnell in seinem gesamten Körper aus, erfasste jeden Nerv und jede Pore. Die Zeit verlor an Bedeutung, hielt inne und schenkte ihnen jenen kostbaren Moment. Einen Augenblick, der scheinbar die Ausmaße der Ewigkeit erreichte und sich darüber hinaus auszudehnen schien.

 

Das leichte Heben ihres Kopfes brachte die Wirklichkeit zurück.

„Sind wir noch bei Beth?“ Danas Stimme war leise, verlor sich im Stoff seines Pullovers.

„Ja, sie hat sich nahezu überschlagen uns Asyl zu gewähren“, setzte er seine Partnerin in Kenntnis. Mit diesen Worten zog er seine Arme aus ihrer Umklammerung heraus. Sofort fanden seine Finger die ihren, streichelten die zarte Haut ihrer Hände.

„Beth hat sich im Dorf umgehört. Augenzeugen zufolge sind unsere Verfolger relativ schnell verschwunden, haben nicht einmal die Umstehenden befragt. Sie scheinen davon auszugehen, dass wir tot sind.“ Hoffnung schwang in seinen Worten mit, Hoffnung diese Odyssee endlich beenden zu können, nach all den Jahren endlich das erste Mal einen sicheren Hafen in Sicht zu haben. Beide wussten, dass diese Situation keineswegs ausgestanden war, sie immer noch Gefahr liefen gefunden und enttarnt zu werden. Doch schienen sie plötzlich Hoffnung zu haben und endlich genügend Luft, um wieder frei atmen zu können.

 

Und mit dieser Erkenntnis fiel der Schleier von Danas Augen, der so lange schon ihre Sicht eingeengt hatte und die Brutalität dieses Anblickes ließ die junge Frau laut aufschluchzen. Ein Meer aus Scherben und Tränen erstreckte sie vor ihr. Immer fester klammerte sie sich an den Mann, der ihre einzige Rettung war, während die Welle aus Emotionen sie überrollte, mit sich in die Tiefe zerren wollte. Verzweifelte Tränen schossen in ihre Augen, strömten Scullys Wangen hinunter und benässten den warmen Stoff an ihrer Wange, dessen Trost sie suchte, jedoch nicht wirklich finden konnte. Unzählige Bilder reihten sich vor ihrem inneren Auge aneinander, liefen schnell und verwirrend vor ihr ab, brachten schreckliche Erinnerungen, Angst, Trauer und Verlust mit sich. Doch eines dieser Bilder wurde immer schärfer, erschien in immer enger werdenden Abständen, brannte sich heiß in ihr Hirn. Ein kleines, pausbäckiges Gesicht, blaue, sie anstrahlende Augen, ein kleiner lachender und zahnloser Mund.

Ein einziges Wort bahnte sich seinen Weg ihre Kehle hinauf. Laut stieß Dana einen spitzen Schrei aus, fasste all ihre Schmerzen in einen einzigen Namen.

„William!“, herzzerreißendes Schluchzen verschnürte ihre Kehle, raubte Scully fast den Atem.

„Was habe ich getan, Mulder? Ich habe unser Baby weggeben!“

 

Dana merkte nicht einmal, wie sie sanft umgedreht wurde, in seinen schützenden und Trost spendenden Armen eingeschlossen wurde, zu stark brannte der Verlust ihres Kindes in ihrem Herzen. Kraftlos gaben ihre Knie nach, ließen ihren schlaffen Leib gegen Mulder sinken. Einzig seine starken Arme hinderten sie daran zu Boden zu stürzen. Auch dass ihr zitternder Körper zum nahe liegenden Bett getragen wurde, nahm die verzweifelte Frau nicht wahr. Genauso wenig drangen die zahllosen, beruhigenden Worte, die Versicherung, dass es nicht ihre Schuld war, zu ihr durch. Einzig Mulders Umarmung, sein sie umspülender Duft rette sie davor in den aufschäumenden und hohen Wellen, die an ihr zerrten und rissen, zu ertrinken.

Mulder spürte wie hilflos er war, die Schmerzen, die Danas zitternden Leib überrollten, nicht vertreiben konnte. Nur seine Hände, die beruhigend über den Rücken der schluchzenden Frau glitten, vermochten es ein wenig Trost und Beistand zu spenden. Auch wenn sein zum Psychologen ausgebildetes Selbst wusste, dass ein derartiger Zusammenbruch letztendlich nur eine Frage der Zeit gewesen war, so machte ihn die Hilflosigkeit, die er nun empfand, schier wahnsinnig. Er war in der Lage sich gegen gefährlichen Serientätern, Verschwörern gegen die Menschheit und instinktgetriebenen Monstern zur Wehr zu setzten, doch gegen die Dämonen, die Danas Innerstes gerade zu zerfressen schienen, war er machtlos. Eine ohnmächtige Wut machte sich in ihm breit. Scully leiden zu sehen schmerzte ihn mehr als selbst ihre Qualen auszustehen. Ihr hilfloses Schluchzen erfüllte den Raum, hin und wieder durch leise, besänftigende Worte gedämpft. Die nicht abebben wollende Tränenflut hatte die Wolle am Kragen seines Pullovers durchnässt, ließen ein klammes Gefühl auf seiner Haut zurück, während ihre Hände sich Halt suchend in seine Schultern gebohrt hatten. Der Schmerz, den ihre scharfen Fingernägel verursachten, störte ihn nicht, vielmehr hieß er ihn bereitwillig willkommen.

 

Langsam ließ das Schluchzen nach, ihr Körper entspannte sich in seinen Armen. Mulder fragte sich, ob sie vielleicht eingeschlafen war. Doch leise Worte, die die Stille um sie durchbrachen, bewies das Gegenteil.

„Hasst du mich jetzt?“

Erschrocken schob er ihren Kopf ein Stück nach hinten, um Dana ansehen zu können. Aus roten und verweinten Augen blinzelte sie ihn unsicher an, doch sie wandte sich nicht ab.

„Dich hassen? Wie kommst du denn darauf. Ich könnte dich niemals hassen“, erwiderte er in ruhigen Worten, sah seiner Partnerin dabei liebevoll in die blauen Augen.

„Aber ich habe dich verraten. Ich habe unser Kind weggeben, wegen dem du uns letztlich verlassen hast, damit es sicher ist. Und ich...“ Sie brach ab, als sich erneut Tränen ihren Weg nach oben kämpften. Mühsam blinzelte sie die Nässe fort, nicht gewillt ihren Emotionen erneut die Oberhand zu geben.

„Ja, du hast William zur Adoption frei gegeben, doch damit hast du ihm sein Leben gerettet. Ich weiß wie sehr es schmerzt.“ Er unterbrach sich kurz, zog ihre kleinere Hand in die seine, dann fuhr er fort: „Aber ich bin überzeugt, dass es ihm, egal wo er sich jetzt befindet, gut geht. Er wird ganz unbehelligt aufwachsen können, wird ein ganz normaler kleiner Junge sein. Und egal, wie gerne ich unser Baby bei uns haben möchte, so könnten wir ihm jetzt - auf der Flucht - nicht das bieten, was er braucht.“

 

Dana wusste, dass er Recht hatte, doch konnte sie die nagende Stimme, die aus ihrem Unterbewusstsein zu ihr vordrang, nicht ignorieren. <Was ist, wenn es ihm nicht gut geht?>

Sie schüttelte diesen Gedanken ab, barg ihren Kopf abermals in seiner Halsbeuge, zog seinen Duft tief in sich ein, schöpfte Kraft daraus. Und doch breitete sich diese alles verschlingende Leere zusehends in ihr aus, riss sie immer tiefer dem Abgrund entgegen.

„Ich falle und ich falle, einer großen Schwärze entgegen, die mich immer tiefer in sich einsaugt“, flüsterte sie gegen seine Haut, sehnte sich danach von ihm gerettete, aufgefangen zu werden.

„Ich fühle mich so leer, Mulder. Tot.“

Sie spürte, wie sich seine rechte Hand von ihrem Rücken löste, zärtlich durch ihr Haar strich, um dann über ihre Wange zu fahren.

„Lass dich fallen, ich werde dich auffangen. Ich werde immer da sein, um dich aufzufangen“, flüsterte Mulder die Worte, nach denen sie sich am meisten sehnte. Sie waren ein Versprechen, eine Zuversicht, der sie gerne Glauben schenken wollte. Sie gaben ihr die Kraft, die sie selbst nicht aufzubringen vermochte.

Unsicher hob Dana ihren Kopf, lehnte sich dann zu ihm, um ihre Stirn gegen seine ruhen zu lassen. Ihre Nasenspitzen berührten sich.

„Ich möchte mich lebendig fühlen, bitte, hilf mir mich lebendig zu fühlen.“

 

Fordernd fanden Scullys Lippen die seinen, lösten ein loderndes Feuer in ihrem Innersten aus. Auch wenn sie seine Zurückweisung fürchtete, so trieb ihre Verzweiflung sie voran, veranlasst sie dazu ihren Körper eng an seinen zu pressen, seine Wärme zu absorbieren, seine Lippen zu schmecken. Sie nahm seine Überraschung deutlich wahr, merkte aber, als er seinen Mund einen Spalt öffnete, ihrer suchenden Zunge Einlass gewährte, dass er verstand, warum sie ihn jetzt brauchte. Seine Energie und Lebenskraft schien in sie zu strömen, sich in ihrem Leib auszubreiten.

Dieser Kuss war so überwältigend und doch gleichsam elementar. Begehrlich duellierte Danas Zunge die ihres Partners, neckte und forderte ihn heraus. Was mit einem Spiel begann, schlug rasch in Leidenschaft über, die sich immer mehr ausbreitete, sie beide ergriff und ausfüllte, den Schlag ihrer Herzen erhöhte. Feingliedrige Frauenhände vergruben sich in dichtes, braunes Haar. Danas Lippen zitterten leicht, was Fox dazu veranlasste behutsam an ihrer Unterlippe zu knabbern und somit das Feuer, das lodernd in ihm brannte, auf sie zu übertragen, ihren zarten Körper in seinen Armen zum Beben brachte. Sauerstoffarmut zwang sie, ihre Lippen voneinander zu trennen und mit hastigen Atemzügen wieder Luft in ihre Lungen zu pressen. Tief sah Mulder ihr in die Augen, versuchte den Kern jener Seelenfenster zu ergründen und erkannte dort ein Aufflackern von Verlangen und Liebe, aber auch Hilflosigkeit. Langsam richtete er sich auf, stütze seinen Oberkörper auf seinem Ellebogen ab um dann zärtlich mit den Fingern seiner anderen Hand über Scullys sinnliche und von ihren Küssen geschwollene Lippen zu fahren.

 

„Ich möchte, dass du nur noch fühlst, deinen brillanten Verstand abschaltest und dich fallen lässt. Kannst du das, Dana? Vertraust du mir?“, sanft forderte seine Stimme ihre Kapitulation in eine einzig für sie geschaffene Illusion der Schwerelosigkeit, die sich einem seidigen Schleier gleich über ihnen ausbreitete. Er schloss sie ein, verbannte die Wirklichkeit und alles, was Dana belastete, hüllte sie schützend ein. Abermals trafen sich ihre Lippen zu einem sinnlichen Kuss, der ihre Körper erbeben ließ und doch so viel mehr verhieß. Er spiegelte nicht nur ein brennendes Verlangen wieder, nein, er symbolisierte gleichermaßen ihre bedingungslose und einzigartige Liebe. Worte wurden überflüssig, konnten nicht verbalisieren, was ihre Körper zu sprechen im Stande waren. Bestimmend rollte Fox Mulder seine Partnerin auf ihren Rücken. Noch bevor diese seine Nähe vermissen konnte, stillte er ihren stummen Protest mit einem weiteren, verlangenden Kuss. Wild spielten ihre Zungen miteinander, vollzogen einen Tanz der Leidenschaft, steigerte ihre Erregung ins Unermessliche, ohne dass einer von ihnen überhaupt nur ein Kleidungsstück abgelegt hatte.   

 

Während der Kuss andauerte, sich noch weiter intensivierte, spürte Dana, dass sie mehr brauchte, seine nackte Haut auf ihrer spüren wollte. Ungeduldig schoben sich ihre Hände unter seinen Pullover, zogen das T-Shirt aus dem Bund der Hose und konnten endlich IHN fühlen, keine hinderlichen Schichten aus Kleidung. Forschend fuhren ihre Finger in federleichten Berührungen über Mulders Rücken, hinterließen eine brennend heiße Spur. Als sich nun Danas wund geküsster Mund von seinem trennte, war es an Fox zu protestieren. Doch der Laut, der sich seine Kehle hinauf bahnte, verwandelte sich in ein heiseres Stöhnen, als ihr Zunge neckend über seine Wange fuhr, seinen Hals hinunter glitt, um an seinem Adamsapfel zu saugen. Genießerisch schloss er die Augen, schob seinen Kopf nach hinten, um Dana soviel Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Bestimmt strichen ihre Finger seine nackten Seiten entlang, lösten einen angenehmen Schauder aus, der seinen gesamten Leib erfasste. Zielstrebig wanderten Scullys Hände über seinen Bauch, fuhren zärtlich zu seiner Brust hinauf. Das stetige Streicheln ihrer Zunge an seinem Hals, ihre Liebkosung, steigerte sein Verlangen für die Frau, die für ihn die Welt bedeutete ins Unermessliche, sofern dies überhaupt noch möglich war. Er verzehrte sich nach ihr, wollte sie spüren und berühren, ihre süße Haut schmecken, sie kosten und verinnerlichen. Er wollte sie zum stöhnen und erzittern bringen, wollte ihren Körper sehen, wie er sich hilflos und verlangend unter ihm wand, der Ekstase, die nur er ihr bringen konnte, entgegenbäumte, seinen Namen auf ihren sinnlichen Lippen.

 

Dem Verlangen - Danas nackte Haut zu spüren - nachgebend, gruben sich Mulders Hände unter ihren dünnen Pullover. Sanft glitten seine Finger über die zarte, samtweiche Haut, liebkosten sie. Ein kehliges Stöhnen entfuhr seiner Partnerin, veranlasste Fox, den störenden Stoff gänzlich über ihren Kopf zu ziehen und entblößte so den zarten schwarzen BH, der einen starken Kontrast zu ihrer alabasterfarbenen Haut darstellte. Scullys Brustkorb hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus, der beinahe elektrisierend auf Mulder wirkte, ihnen veranschaulichte, dass sie am Leben waren, wie lebendig sie einander fühlen ließen. Bewundernd glitt sein Blick über die Frau, die halb unter ihm lag, über ihre kleine, jedoch volle Brust, verborgen unter schwarzer Seide. Dann wanderte sein Augenmerk ihre Seiten hinab, blieb auf der schmalen Taille hängen. Prüfend umschlossen seine Finger diese Stelle ihres Körpers, lieferten Beweis, wie zierlich und schmal ihr Leib doch war. Mit einem gewissen Glitzern in den Augen senkte Mulder seinen Kopf, um dann mit seiner Zunge ihren Bauchnabel zu umkreisen. Unter seinen Händen spürte er, wie Dana ihre Bauchmuskeln anspannte in dem Versuch, ein Lachen zu unterdrücken. Als dann jedoch seine feuchte Zunge direkt in ihren Bauchnabel glitt, dort einen erotischen und verheißungsvollen Tanz vollzog, verflog jede Spur von Humor, riss die ehemalige Agentin zu einem erneuten, heiseren Aufstöhnen hin. Während seine Zunge weiterhin ihren Nabel erkundete, machten sich seine Hände am BH zu schaffen. Es handelte sich um einen Vorderverschluss, wie er dankbar feststellte. Geschickt öffnete er das Kleidungsstück, welches sofort auseinander fiel und Danas Busen frei gab.

 

Sofort fanden Mulders Finger die zarte Haut ihrer Brüste, strichen darüber, umfassten sie sanft, um das Gewicht zu testen, jedoch ignorierte er die Brustwarzen, die sich sichtbar immer mehr verhärteten. Verlangend bäumte Scully sich auf als wolle sie ihre Brust anpreisen, presste sich förmlich in seine Hände. Dann endlich gab er ihrer Forderung nach, fuhr zuerst federleicht über die kleinen, scheinbar sich ihm entgegenstreckenden Brustwarzen. Dana warf den Kopf zurück, wölbte ihren Leib abermals gegen seinen Körper. Zögerlich löste sich Mulders Mund von Scullys Bauchnabel, wanderte erkundend ihren flachen Bauch hinauf. An der Schusswunde hielt er inne, bedeckte die Narbe mit zarten und federleichten Küssen. Eine feuchte Spur hinterlassend, gelangten seine Lippen endlich an die Rundungen ihrer Brüste. Kreise von außen nach innen ziehend, erkundete sein Mund jede Faser ihres Busens. Dana, die ihre Hände bisher in seinen dunklen Haaren vergraben hatte, ließ die Fingerspitzen seinen Hals hinab fahren, seinen Rücken hinunter, um dann auf seine Brust zu wandern und hinab zu Mulders Lenden zu gleiten. Sein Becken gegen ihres reibend, fingen seine Zähne damit an sanft an Scullys linker Brustwarze zu knabbern. Den wohligen Schauer, der ihren gesamten Körper erbeben ließ, nahm er ebenso selbstzufrieden wahr wie den kleinen, beinahe gurrenden Laut, der ihre Kehle verließ.

 

Mit fliegenden Fingern löste Dana die Gürtelschnalle, dann öffnete sie ungeduldig die Knopfleiste seiner engen Jeans. Der nachgebende Stoff ließ Mulder wohlig seufzen, hatte seine Erektion beinahe schmerzhaft gegen seine Hose gepresst. Um Scully zu zeigen wie sehr sie ihn erregte, was für ein Verlangen sie in ihm entfacht hatte, stieß er seinen Unterleib gegen ihren Bauch. Ein lautes Stöhnen hallte im Raum wieder. Keiner der Liebenden vermochte zu sagen, wer diesen Laut ausgestoßen hatte.

 

Gierig saugten seine Lippen an Danas Brust und seine Hände glitten ihre Taille hinab, um sie ebenfalls aus ihrer Hose zu befreien. Auch sie war geschäftig an seiner Jeans zugange und bereitwillig gab er ihrer stummen Aufforderung, sein Becken etwas zu heben, nach. Effizient zog Scully die Hose mitsamt den Boxershorts über seine Hüften, die Beine hinunter. Kickend entfernte er den Stoff, spürte wie seine nackten Beine unangenehm gegen den harten Stoff ihrer neuen Jeans rieben. Leicht richtete sich Fox auf, ließ ihre Brustwarze mit einem leisen Geräusch zwischen seinen Zähnen hindurchschnellen, was Dana zu einem protestierenden Brummen veranlasste. In der Bemühung seine Partnerin ebenfalls auszuziehen pellte er ihren zierlichen Leib aus der Hose, ebenfalls den Slip mit hinunter ziehend. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er seinen Blick anerkennend über den nackten Körper, der vor ihm auf dem Bett lag, gleiten ließ.

 

„Du bist wunderschön“, hauchte er beinahe ehrfürchtig, ihre schmalen Schultern, die starken Arme und feingliedrigen Hände und Finger bewundernd. Sein Blick wanderte weiter, blieb  kurz auf den sinnlichen, vollen Brüste hängen, die er kurz zuvor noch geküsst und liebkost hatte. Anerkennend blickte er dann auf ihren flachen, femininen Bauch, die erregend schmale Taille und das leicht ausgestellte Becken  Die zarten, roten Locken zwischen den blassen Schenkeln zogen sein Augenmerk magisch auf sich. Diesen Anblick vor sich genießend, nahm er die schön geformten Beine, die zierlichen Füße mit den für ihn winzig kleinen Zehen wahr. Das Wort wunderschön schien der Frau, die vertrauensvoll lächelnd vor ihm lag, kaum gerecht werden zu können. Und egal wie wortgewandt der Ex-Agent war, so konnte er keine bessere Umschreibung als perfekt für Dana Scully finden.

 

Amüsiert stützte sich Dana auf ihre Ellbogen, ließ seine stumme Bewunderung jedoch bereitwillig über sich ergehen. Dann jedoch drängte das Verlangen, das so tief in ihr brannte, an die Oberfläche, veranlasste sie nach ihrem Partner zu greifen, ihn zu sich hinab zu ziehen. Ihre Lippen trafen sich, als sich Mulder und Scully abermals einem sinnlichen und alles verschlingenden Kuss hingaben, das Gefühl, welches der Haut auf Haut Körperkontakt ihnen gab, voll auskosteten.

Einzig sie beide zählten jetzt, vergessen war ihre Flucht, all die Ängste, die bereits viel zu lange ihre Herzen fest umklammert hielten. Übrig blieb das wunderbare Gefühl die nackte Haut des anderen am eigenen Körper zu spüren, das Privileg die schnelle Atmung des Partners zu hören und das Wissen für diese Erregung der Auslöser zu sein. Ihr leidenschaftlicher Kuss intensivierte sich, sofern dies überhaupt möglich war. Fox streckte sich über Dana aus, wollte jeden Millimeter ihrer samtweichen Haut mit seiner bedecken. Dieser Kontakt war elektrisierend, löste ein wohliges Kribbeln aus. Immer mehr vertieften sie sich in diese Lippenbekenntnis bis letztendlich Sauerstoffmangel sie voneinander löste. Scullys Hände wanderten liebkosend seinen Rücken hinunter. Ihre manikürten Fingernägel, die leichten Druck auf Mulders Fleisch auslösten, brachten ein erregtes Beben hervor, das ihn dazu veranlasste sein Becken fordernd gegen ihres zu reiben. Beide Partner stöhnten auf, gaben sich völlig ihrer Liebe hin und hielten sich nicht zurück ihrem Verlangen Ausdruck zu verleihen. Und während Danas Finger die Muskeln seines Pos kneteten, hauchte sie atemlos:

„Ich möchte dich spüren, Fox Mulder“, einen Moment zögerte sie, dann jedoch gestand sie ihm und auch sich selbst ein: „Ich brauche dich.“

 

Zärtlich brachte Mulder seine Lippen zu ihren zurück, knabberte kurz an ihrer Unterlippe bevor er seinen Kopf ein Stück hob, um Scully direkt in die blauen Augen blicken zu können.

„Ich brauche dich auch. Ohne dich wäre ich verloren“, beteuerte er mit einer Ernsthaftigkeit, die nicht nur ihn erstaunte. „Und egal wie oft du schon für mich da gewesen bist, nicht nur mein Leben, sondern auch meine Seele gerettet hast, so ist es nun an der Zeit, dass du dich gehen lässt, dass du nicht nur weißt, dass ich dich niemals fallen lassen werde, sondern es auch spürst. Ich liebe dich.“ Während seiner bewegenden Worte bedeckte er Danas Gesicht mit federleichten Schmetterlingsküssen, als könne er den Gedanken auch nur eine Sekunde von ihr abzulassen nicht ertragen. In jeder anderen Situation hätte diese kurze Rede Scully wohl die Tränen der Rührung in die Augen getrieben, doch war sie viel zu erregt und  ihr Körper stand viel zu sehr unter Strom, um diesen Emotionen nachzugeben. Das Verlangen, welches sie beherrschte, war überwältigend, die Hitze, die durch ihren Körper jagte, sich zwischen den Schenkeln sammelte, machte sie schier verrückt. Verrückt nach Fox Mulder, seinen Berührungen und Liebkosungen. Sie wollte nicht länger warten, wollte den Mann, der ihr Rettungsanker, die Liebe ihres Lebens war, in sich spüren.

„Bitte“, war alles, was ihr vor Lust umnebeltes Hirn verbalisieren konnte.

 

Zufrieden nahm Fox ihre zufallenden Lider und damit Danas Resignation wahr. Ihr Körper bäumte sich auf, presste verlangend gegen ihn, während ihre Hände sich abermals auf Wanderschaft begaben. Bestimmt fuhren Scullys feingliedrige Finger zwischen ihre Leiber, glitten seinen Bauch hinab, spielten dort mit den kurzen Härchen bevor sie endlich ihr Ziel fanden. Laut stöhnte Mulder auf, als Dana seinen Penis erreichte, ihre kleine Faust darum schloss und zärtlich seine Länge hinauf und dann wieder hinunter strich. Unwillkürlich spannte Fox seinen Körper an, brachte alle Selbstbeherrschung auf, um diese sinnliche Seance nicht vorzeitig zu unterbrechen, indem er in ihrer Hand kam. Ein animalisches Brummen drang aus seiner Kehler, veranlasste Dana ihre Bewegung nur noch zu beschleunigen. Kurze Zeit später hatte Mulder das Gefühl dieser süßen Qual nicht länger standhalten zu können und somit löste er sanft aber bestimmt ihre Finger von seiner Erektion.

„Jetzt… Dana“, keuchte er in dem Versuch sein Dilemma zu beenden.

Sofort merkte er, dass Scully unter ihm ihre Beine leicht spreizte, während ihre Hand ihn in ihren Eingang dirigierte. Behutsam drang er in sie ein, spürte wie ihre engen Wände ihn umschlossen, was beiden ein kehliges Stöhnen entlockte. Gab es ein schöneres Gefühl als dieses?

 

Einige Sekunden, die sich zu Stunden auszudehnen schienen, hielt er inne, genoss ihre Nähe und das einfache Privileg mit Dana auf diese Weise intim sein zu können. Sein Augenmerk wanderte auf ihr Gesicht. Danas geschlossene Augenlider flackerten kurz, die feinen Zügel wirkten angespannt, aber zugleich hatte sich ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen gelegt. Dann aber öffneten sich die Lider und ihre Blicke trafen sich. Die azurblauen Augen der jungen Frau waren dunkel verhangen, leuchteten in einem so intensiven Blau wie nur Mulder es heraufbeschwören konnte. Langsam senkte er seinen Kopf, steuerte ihre Lippen an, unterbrach den Blickkontakt dabei jedoch nicht. Scullys geschwollene Lippen öffneten sich augenblicklich, gaben seiner Forderung um Einlass bereitwillig nach. Spielerisch neckte seine Zunge die ihre, zog sich bei jedem ihrer Gegenangriffe schnell wieder zurück und steigerte so ihr Verlangen ins Unermessliche.

 

Frustration machte sich in Dana breit. Jede Zelle ihres Körpers war völlig angespannt. Sie sehnte sich die Erlösung herbei, die nur Fox ihr bringen konnte. Fordernd bäumte sie sich auf, presste ihr Becken an seines, was Mulder nur noch tiefer in sie eindringen ließ. Ein lautes Stöhnen erfüllte den Raum.

„Brauchst du eine Einladung?“, brachte Scully atemlos und ungeduldig hervor. Ein breites Grinsen legte sich auf Mulders Lippen. Sanft knabberten seine Zähne an Danas Nacken.

„Ich wollte nur den Moment voll auskosten“, gab er ihr zwischen einzelnen Liebkosungen zu verstehen. Bereitwillig schob Scully den Kopf zur Seite, um ihrem Partner so viel Angriffsfläche wie nur möglich zu geben. Zugleich hob sie abermals ihr Becken an.

„Was sind wir heute ungeduldig, Mrs. O’Donell?!“, zog Mulder Scully auf. Diese ließ zischend die Luft aus ihren Lungen entweichen.

„Ich schwören, wenn Mr. O’Donell nicht gleich seinen knackigen Hintern bewegt, werde ich mich gezwungen sehen von meiner Schusswaffe gebrauch zu machen“, drohte Scully mit gespielter Ernsthaftigkeit. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, weil sich Mulders Lippen an ihren Brüsten zu schaffen machten. Doch der zunehmende Druck an ihren Brustwarzen war Antwort genug. Kurz blickte Fox zu ihr auf.

„Knackiger Hintern?“, fragte er mit einem schelmischen Grinsen.

Noch bevor Dana zu einer Erwiderung ansetzen konnte, zog sich Mulder aus ihr zurück, um dann wenig später wieder in sie einzudringen. Scully bäumte sich ihm entgegen, passte sich seinen Stößen an. Ihre Finger gruben sich in das Fleisch seines Pos, während er das Tempo ihres Liebesspieles unablässig beschleunigte. Heiseres Stöhnen und das Geräusch nackter, aufeinander reibender Haut hüllte den Raum ein. Immer schneller drang er in sie ein, verflogen waren all die Neckereien. Pure Leidenschaft trieb sie an, der Wunsch die Erlösung im anderen zu finden. Ihre Münder trafen sich, heiß und hungrig. In diesem Moment schien die Zeit auszusetzen und die Erde hörte auf sich zu drehen.

 

Ein wohliges Kribbeln kroch über Danas Leib, durchflutete ihren Körper, zentrierte sich zwischen ihren Schenkeln. Jeder Stoß Mulders traf ihre Klitoris, brachte sie dem Höhepunkt entgegen. Der Geschwindigkeit seines Eindringens und seinem angespannten Gesichtszügen zufolge, war auch Mulder nicht mehr weit von seinem Orgasmus entfernt. Scully schlang ihre Beine fest um den Körper ihres Liebhabers, ermöglichte ihm so ein noch tieferes Eindringen. Ein gewaltiges Prickeln überflutete ihren Leib, erfasste jeden Nerv und jede Pore. Eine scheinbare Schwerelosigkeit breitete sich über ihr aus. Sämtliche Muskeln zogen sich zusammen, trugen Dana auf der Welle der Ekstase davon. Für Mulder, der Scullys Körper unter seinem erbeben und erzittern spürte, gab es kein Halten mehr. Die Anspannung ihrer Scheidenmuskulatur raubte Fox die letzte Selbstbeherrschung, trieb auch ihn dem Abgrund entgegen.

„Dana“, brachte er mühsam hervor, während die Wucht seines Orgasmus auch seinen Körper schüttelte. Kraftlos sank er in Scullys Arme.

 

Regungslos lagen sie im Bett, kosteten jenen Augenblick voll aus, sicher und geborgen in den Armen des Anderen.

„Ich liebe dich“, durchbrach Dana die Stille. Ein verstohlenes Lächeln zauberte sich auf Mulders Gesicht. Auch wenn er wusste, dass post-koitale Liebeserklärungen oft nur belanglose Worte einer momentanen Leidenschaft waren, so bedeuteten diese drei Worte aus dem Munde von Dana Scully doch die Welt. Sanft küsste er die geschwollen und geröteten Lippen „seiner“ Frau.

„Ich weiß, ich liebe dich auch.“

Vorsichtig rollte er sich zur Seite, ließ Dana aber keinesfalls los, zog sie noch näher an sich heran. Tief atmete er durch, inhalierte den unverkennbaren Geruch, den Dana Scully ausmachte, in sich ein. Ein Hauch von Sex hing in der Luft, lieferte Beweis für ihre Liebe. Ein lautes Grummeln riss Mulder jedoch aus seinen Gedanken. Zuerst wusste er nicht, wo er dieses Geräusch zuordnen sollte. Doch das abermalige Grummeln ließ ihn auflachen.

Er senkte seinen Kopf, ließ ihn direkt auf Danas Bauch ruhen. Keine zehn Sekunden später vibrierte ihr Körper leicht, während das eben bereits gehörte Geräusch direkt an sein Ohr drang. Sanft fuhren seine Finger über den Rippenbogen, der sich nur zu deutlich abzeichnete. Dana hingegen lag nur still, beobachtete aber jede seiner Bewegungen mit Agusaugen.

 

„Es wird Zeit, dass wir Mrs. O’Donell füttern. Ein wenig mehr Fleisch auf den Rippen würde dir sicherlich gut zu Gesicht stehen“, neckte Mulder mit einem Hauch Besorgnis. Nicht nur er hatte im Gefängnis viel Gewicht verloren, auch Scully wirkte im Vergleich zu ihrem letzen Treffen, als er noch ein freier Mann gewesen war, merklich abgemagert. Und das lag nicht an der Tatsache, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hatte. Eine Welle von Schamgefühl rollte auf ihn zu. Sie war verletzt, hatte noch vor einer halben Stunde kurz vor einem Schock gestanden. Und er hatte darauf keinerlei Rücksicht genommen. Seine Priorität hätte ihr Wohlergehen sein müssen, nicht das Ausleben seiner Triebe. Dana, die seinen Stimmungswechsel mehr spürte, als dass sie ihn auf seinem versteinerten Gesicht wahrnahm, richtete sich augenblicklich auf.

„Oh nein, Mister. Keine Schuldgefühle, kein Bedauern, niemals, hörst du. Ich habe dich gebraucht. Und du hast mir alles gegeben, ohne Vorbehalt“, verkündete sie ernst und mit Nachdruck. Mulder schluckte. Womit hatte er eine Frau wie Dana Scully verdient? Zärtlich strich er über ihre Wange, liebkoste die samtweiche Haut dort.

„Du hast Recht, kein Bedauern, niemals.“ Diese Worte untermalte er mit endlosen, federleichten Küssen auf Danas Lippen.

 

Das wiederholte Knurren ihres Magens riss sie auseinander, zauberte ein Lächeln auf Scullys Gesicht, während Mulder lauthals loslachte.

„Dein Magen gewährt keinen weiteren Aufschub mehr“, stellte er amüsiert fest, während er bereits das Bett verließ, sich schnell seine Boxershorts, ein T-Shirt und die Jeans wieder überzog. Seine Partnerin, die es ihm gleichtun wollte, dirigierte er nur sanft zurück auf die Matratze.

„Nein, Beautiful, du bleibst hier. Ich bin gleich mit den köstlichsten Hefeteilchen zurück, die du je gegessen hast. Beth ist ein wahrer Glückstreffer. Ich glaube, für sie ist unser Aufenthalt hier das reinste Abenteuer.“

Ein letztes Mal trafen seine Lippen die ihren. Nur mühsam konnte er sich losreißen. Alles in ihm drängte abermals zu ihr zurück unter die Laken zu schlüpfen.

*****


Behutsam klopfte Mulder an die rustikale Küchentüre, hinter der die verlockensten Düfte zu ihm hindurch stiegen. Ein resolutes „Kommen Sie nur herein“ erklang augenblicklich. Beherzt drückte er die Klinke und stand kurz darauf in der alten, aber gemütlich wirkenden Küche. Beth, gerade damit beschäftigt zahlreiche Früchte zu schälen, wischte sich ihre Hände an der Schürze, die sie um den Leib gebunden trug, ab und näherte sich dann freundlich lächelnd ihrem Gast. Noch bevor Mulder sie fragen konnte, warum Sie mitten in der Nacht hier stand und Marmelade kochte, lieferte Beth bereits selbst die Antwort.

„Mr. O’Donell. Ist Ihre Mrs. aufgewacht? Soll ich ihr eine Kleinigkeit zubereiten? Ich hoffe, mein Herumwerkeln hat Sie nicht gestört, aber wissen Sie, ich finde tagsüber einfach nicht die Zeit, Konfitüre zu machen, also mache ich es in der Ruhe der Nacht. Wäre schade um all das schöne Obst, war extra beim Großhändler dafür.“ Die Wangen der alten Frau glühten förmlich, ob es wegen der Hitze oder einfach nur aufgrund ihrer Übereifrigkeit war, konnte Fox sich nicht erklären.

 

„Ja, Gillian ist jetzt wach“, gab er Auskunft. Er war erleichtert, dass ihre Gastgeberin offensichtlich nichts von ihren nächtlichen Aktivitäten, denen sie noch kurz zuvor nachgegangen waren, mitbekommen hatte.

 „Sie wird hungrig sein. Ich hätte Teilchen und Brot mit Aufstrich. Aber ich könnte auch schnell ein Ei in die Pfanne hauen, gar kein Problem“, bot sie sofort an. Mulder lächelte verlegen, deutete dann auf die Hefeteilchen, die in einem großen Korb auf dem Tisch standen.

„Vielen Dank, Mrs. McKennith, ich möchte Ihnen keine Mühe machen. Zudem habe ich meiner Frau bereits von diesem köstlichen Gebäck vorgeschwärmt.“

„Aber Sie machen mir doch keine Mühe, Sie sind meine Gäste.“ Die alte Frau trat an einen alten und antik wirkenden Schrank, dessen dunkles Holz aufwendige Verzierungen aufwies und nahm einen schönen Teller mit Blumenmuster heraus. Diesen hielt sie Mulder auffordern entgegen.

„Nehmen Sie sich soviel Sie wollen. Etwas Obst vielleicht noch? Vitamine werden Ihrer Frau sicherlich gut tun.“ Mit einer ausschweifenden Geste deutete sie auf all das Obst, welches sie zur Marmeladengewinnung bereitgestellt hatte. Äpfel, Erdbeeren, Himbeeren und unzählige andere Früchte.

 

Mulder belud den Teller mit zahlreichen Hefeteilchen, denn auch ihm lief bei diesem Anblick das Wasser abermals im Mund zusammen. Zudem steuerte er noch einige Äpfel und auch eine Hand voll Erdbeeren hinzu.

„Hier, ich habe gerade frischen Tee aufgesetzt, nehmen Sie den mit nach oben“, überschlug sich Beth nahezu. Auf ein Tablett stellte sie zwei Tassen, die Teekanne und Zucker. Dann nahm sie Mulder den vollen Teller aus der Hand, platzierte diesen ebenfalls auf das Tablett und drückte dieses Mulder in die Hand. Lächelnd öffnete sie ihrem Gast die Küchentüre.

„Vielen Dank, wir wissen Ihre Gastfreundschaft wirklich sehr zu schätzen“, brachte Fox verlegen hervor, während er vorsichtig das Tablett ausbalancierte.

„Ach, das ist doch selbstverständlich. Aber bevor ich es vergesse: Ich bin morgen erst um zehn Uhr, vielleicht auch erst um halb elf von meiner Runde zurück. Ich hoffe, das ist Ihnen nicht zu spät, wegen dem Frühstück. Aber sollten Sie früher auf sein, dann kommen Sie einfach hinunter und bedienen Sie sich, ja?“

Mulder verschlug die Freundlichkeit, die ihm von dieser eigentlich völlig Fremden entgegenbrachte wurde, schier die Sprache. Hart musste er schlucken, bevor er zu einer Erwiderung ansetzen konnte.

„Mrs. McKennith – Das ist doch alles nicht nötig. Ich... vielen Dank.“

„Bedanken Sie sich nicht ständig. Sehen Sie lieber zu, dass Sie das Essen zu Ihrer Mrs. bringen. Ein paar zusätzliche Pfund würden ihr bestimmt nicht schaden. Ihnen übrigens auch nicht.“ Noch bevor Mulder zu einer Entgegnung ansetzen konnte, schob Beth ihn die Treppe hinauf.

Kopfschüttelnd kehrte sie dann zu ihrer Arbeit zurück. "Wirklich ein nettes Paar, diese O’Donells", stellte sie mit einem erheiterten Blitzen in den dunklen Augen fest.

 

*****


Satt und zufrieden sank Dana gegen die geblümten Kissen auf dem Bett. Sie trug nur ihre Unterwäsche und ein übergroßes T-Shirt, das eigentlich Mulder gekauft hatte. Ihre Haare waren ungekämmt, die Wangen leicht gerötet. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so gut gefühlt. Eine angenehme Wärme ging von ihrem Bauch aus, durchflutete ihren Leib mit einem wohltuenden Völlegefühl. Sie konnte es kaum glauben vier dieser Köstlichkeiten gegessen zu haben. Auch Mulder ließ sich gesättigt zurückfallen, brachte die Matratze somit kurz zum Erbeben. Beide genossen die Stille, die sich beruhigend über sie ausgebreitet hatte. Diese Unterbrechung ihrer Flucht gab ihnen eine kostbare Verschnaufpause, die Möglichkeit wieder zu Kräften zu kommen. Allzu schnell würde die kalte Realität sie wieder einholen. Sie wussten, dass sie morgen wieder aufbrechen würden, endlich Portwayn erreichen mussten, um an ihre Papiere und Geld zu gelangen. Denn ohne Ausweise war eine Flucht nach Kanada nahezu unmöglich. Doch diese Gedanken waren im Moment unwichtig, wurden in einen kleinen und unbedeutenden Teil ihres Bewusstseins verbannt. Morgen war früh genug sich darüber Gedanken zu machen.


Seine Wärme suchend, rutschte Scully näher an ihren Partner heran. Unaufgefordert öffnete dieser seine Arme, hüllte Dana schützend darin ein, gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, wie nur er es tun konnte. Sie spürte wie sie dem Schlaf entgegen trieb, ihre Lider immer schwerer wurden und sie nicht mehr die Kraft aufbringen konnte diese offen zu halten. Benommen spürte sie wie Fox die Decke über ihre ruhenden Körper ausbreitete und dann das Licht auf dem Nachttisch ausknipste. Mit dem Versprechen einer Nachtruhe in einem sauberen, warmen Bett, hüllte eine wohltuende Schwärze ihren Geist sanft ein. Den Kuss, den Fox Mulder auf ihre Lippen hauchte, nahm sie schon nicht mehr wahr, auch nicht seine leise gemurmelten Worte:

„Schlaf gut, Liebes.“


*****


Die warmen Strahlen der Vormittagssonne tanzten durch die Maschen der Vorhänge hindurch, strichen zart über die Wangen des im Bett liegenden Paares, küssten beide zärtlich wach. Die Sonne hüllte den Raum in sanftes, goldgelbes Licht. Vogelgezwitscher in hohen und fröhlichen Tönen erklang hinter der Scheibe, neckte die Schlafenden als wollten sie die Menschen endlich zum Aufstehen bewegen. Dann erfüllte ein herzhaftes Gähnen das Zimmer. Dana brauchte einen Moment um zu kompensieren, wo sie sich befand. Die Tage der Flucht hatten ihr jegliches Gefühl von Heimat geraubt, ihr aber gleichermaßen die Zuflucht gegeben, die sie zum Überleben brauchte: Mulder.


Langsam dämmerte ihr, dass sie sich noch bei Beth McKennith befanden. Dann sickerte die Erkenntnis, ihre Verfolger vorläufig abgehängt zu haben, zu der nun brünetten Frau durch. Ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht mehr erlebt hatte, stellte sich ein, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen, das auch Fox Mulder nicht entging.

„Guten Morgen, Sonnenschein“, begrüßte er sie mit einem kurzen Kuss auf den Mund.

Freudig erwiderte sie seine Begrüßung, kostete die Ruhe dieses Morgens voll und ganz aus. Nur widerwillig trennten sich Minuten später ihre Lippen wieder.

„Dir auch einen guten Morgen“, strahlte Dana zufrieden.

Leicht erschrocken mussten sie feststellen, dass es bereits 10 Uhr war, sie wesentlich länger geschlafen hatten als sie es annahm. Schnell machten sie sich fertig und stiegen wenig später die knarrenden Treppen in die Wohnstube hinab. Schon im Flur wurden sie von ihrer Gastgeberin freudig begrüßt.


„Sie haben ein hervorragendes Timing. Ich bin gerade zurückgekommen. Sie müssen am verhungern sein. Kommen Sie nur herein. Wollen Sie Kaffee oder Tee? Frische Milch kann ich Ihnen selbstverständlich auch anbieten.“ Mit diesen Worten schob sie das perplexe Paar in ihre Küche. Der Tisch war bereits einladend gedeckt. Brot, Aufstrich, Konfitüre und Orangensaft. Sofort machte sich Beth am Herd zu schaffen.

„Pancakes? Ich habe ein hervorragendes Rezept, noch von meiner Großmutter, die müssen Sie probieren.“

„Vielen Dank, aber das alles hier wäre doch nicht nötig gewesen“, brachte Scully verlegen hervor. Mulder schwieg wohlweißlich. Ein verschmitztes Grinsen breite sich auf seinem Gesicht aus, als Beth augenblicklich zu einer Rede, die verdächtig der ähnelte, die er gestern Nacht bereits gehört hatte, ansetzte.


Die frischen und herrlich duftenden Pancakes, die die alte Frau kurz darauf an ihre Gäste reichte, nahm Scully ohne Widerworte an. Mulder übergoss seinen Berg mit großen Mengen von Ahornsirup, was ihm eine erhobene Augenbraue seiner Partnerin einbrachte. Beth gesellte sich zu ihnen an den Tisch, bestrich sich ein Brot mit Himbeermarmelade und richtete dann ihr Augenmerk auf die zierliche Frau, die ihr gegenüber saß.

„Sie sehen schon viel besser aus, Mrs. O’Donell. Einen feinen Ehemann haben Sie da. Er war krank vor Sorge um Sie.“ Warmherzige Augen trafen Scullys und die jüngere Frau erkannte ganz deutlich Aufrichtigkeit und Freundlichkeit in ihnen. In gewisser Weise erinnerte sie diese beherzte alte Dame an ihre Granny, die vor einem knappen Jahrzehnt gestorben war.


„Danke. Und ja, Sie haben Recht, ich kann mich glücklich schätzen, M...meinen David zu haben.“

„Aye“, lachte Beth nur. Dann wurde sie ernst.

„David sagte, dass Sie nur bis heute bleiben werden. Nun, Züge fahren hier sehr selten, einen Bahnhof haben wir gar nicht, nur einen einzigen Bahnsteig. Also, ich könnte Sie in die nächste Stadt fahren, wenn Sie das wollen, dort bekommen Sie sicherlich einen Wagen“, bot sie großzügig an. Das Problem mit ihrem explodierten Auto hatte Dana auf Grund der Aufregung nicht wirklich registriert. Der Kauf eines Gebrauchtwagens würde ihre spärliche Reisekasse schmerzhaft schröpfen. Zudem kam kein seriöser Händler in Frage, da sie ihre Ausweispapiere nicht vorzeigen konnten. Sie hoffte nur, dass sie ohne weitere Zwischenfälle Portwayn erreichen würden.

„Das wäre wirklich sehr großzügig von Ihnen, Mrs. McKennith. Natürlich werden wir für Ihre Gastfreundschaft und das Fahren aufkommen“, willigte Mulder dankbar ein.

„Hören Sie mir denn gar nicht zu? Keinen Cent werden Sie mir bezahlen. Sie sind meine Gäste, und es ist mir eine Ehre Ihnen zu helfen. Und jetzt möchte ich davon nichts mehr hören, verstanden?!“

 

Wenig später standen die Flüchtenden ein wenig ratlos in dem kleinen Gästezimmer, welches ihnen in den letzten Stunden Zuflucht geboten hatte. Die wenigen Habseligkeiten, die sie mit Beths Hilfe aus dem Frack retten konnten, befanden sich noch immer in den Tüten. Ihr letztes Geld - weniger als 800 Dollar - trug Mulder bei sich. Seufzend sank die nun dunkelhaarige Frau auf dem Bett nieder und leerte die einzelnen Tüten, um einen genauen Überblick zu erhalten. Es machte den Anschein als wären all ihre Einkäufe ausnahmslos vorhanden. Dann aber legte sich ein Schleier tiefster Bestürzung über Scullys blaue Augen.

„Die Bilder, oh mein Gott, die Bilder sind verbrannt.“ Deutlich war ihre Verzweiflung zu hören. Das kleine Kartenhaus, das vielleicht endlich Sicherheit und Freiheit bedeuten würde, drohte vor ihren Augen einzustürzen. Die Hand, die sich auf ihre Schulter legte, schüttelte Dana mit einer fahrigen Geste ab als würde sie eine Fliege verjagen wollen.

„Warum? Warum kämpfen wir einen Kampf, der aussichtslos ist? Jedes neue Opfer zerstört uns immer mehr. Ich...“ Bevor die Resignation ganz von ihr Besitz ergreifen konnte, wurde die verzweifelte Frau sanft, jedoch mit Nachdruck, zur Seite gedrückt, um direkt in die Augen Fox Mulders zu blicken.


„Nein, sie sind nicht verbrannt. Sie sind hier, bei mir. Ich hatte sie die ganze Zeit.“ Vor ihren erstaunten Augen leerte er seine Taschen, ließ Bilder, Geldscheine, einige Münzen und eine zerknitterte Karte auf das Bett fallen. Binnen Sekunden veränderte sich Scullys Gesichtsausdruck. Die Bestürzung, die kurz zuvor noch klar erkennbar gewesen war, wich einem Lächeln, das nicht nur ihr Gesicht erfüllte, sondern auch ihre Augen erreichte, sie zum Strahlen brachte. Erleichterung durchströmte sie, während sie ein dankbares Stoßgebet gen Himmel richtete.
„Mulder!“, war das einzige, was sie über ihre Lippen brachte, bevor sie ihn umarmte.
„Ich weiß wie dumm es ist wegen ein paar Bildern einen derartigen Aufstand zu betreiben. Doch sie sind das Einzige, was mir von meiner Familie geblieben ist“, gestand sie später mit dünner Stimme. Mulder Antwort war ein sanfter Kuss, der keinerlei weiterer Erklärung bedurfte. Er verstand und fühlte wie sie.
“Wir haben mehr als nur die Bilder, Scully. Wir tragen unsere Familie in unseren Herzen.“


Dieser Moment wurde durch das Klopfen an der Tür unterbrochen. Nur zögerlich trennten sie sich voneinander. Schnell sammelte Scully das Geld und die Bilder zusammen, während Mulder auf die Türe zutrat und diese öffnete. Vor ihm stand Beth, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht und einem ledernen Koffer in der linken Hand.
„Den habe ich noch auf dem Dachboden gehabt. Ich wollte ihn schon lange entsorgen, bin aber bis jetzt noch nicht dazu gekommen. Ich habe keine Verwendung mehr für ihn, da ich mir vor kurzem einen neuen Koffer zugelegt habe. Na ja, ich glaube, Sie können ihn gerade gut gebrauchen. Er ist alt, etwas abgenutzt, aber besser als nichts, oder?“, bot sie ihren Gästen großzügig an und hielt ihnen das Gepäckstück einladend entgegen. Abermals hatte sie es geschafft die Ex-Agenten zu überraschen. Und nach all dem, was bisher geschehen war, war es angenehm einmal positiv überrascht zu werden. Nachdem sie sich bei der großherzigen Beth bedankt hatten, packten Mulder und Scully die auf dem Bett verstreuten Dinge zusammen. Sie brauchten nicht lange, waren ihre Besitztümer doch spärlich. Nach einem letzten, beinahe melancholischen Blick durch das Zimmer, begaben sie sich nach unten. Ein abermaliger Abschied stand ihnen bevor und sie wussten, dass dies nicht der letzte sein würde.

Beth wartete bereits auf ihre Gäste. Missmutig nahm sie die Beklommenheit in ihr wahr, die sich sträubte, diese Fremden, die doch etwas seltsam Vertrautes an sich hatten, ziehen zu lassen. Sie selbst verstand es nicht. Es lag gewiss nicht nur an der Abwechslung, die diese Beiden in ihr Leben gebracht hatten. Da war etwas anderes, doch vermochte sie nicht dies in Worte zu fassen, schon gar nicht in ihren Gedanken zu sortieren. Seltsam befangen verließ sie mit dem Paar das Haus und stieg in ihren Wagen.
„Fast hätte ich es vergessen, ich haben Ihnen noch etwas für Unterwegs gemacht. Ist nicht viel, nur ein paar belegte Brote und etwas zu trinken.“ Damit schob sie das Päckchen, welches sie unbewusst die ganze Zeit umklammert gehalten hatte, in Gillians Schoß, die neben ihr auf der Beifahrerseite saß. Diese nickte ihr dankbar zu, schwieg jedoch, als wäre es der jüngeren Frau peinlich all dies von Beth anzunehmen.

 

Die weitere Fahrt verlief schweigend. Jeder der Autoinsassen hing seinen eigenen Gedanken nach. Vertrocknete Felder flogen an ihnen vorüber, gaben Ausschluss darüber, wie lange es schon nicht mehr richtig geregnet hatte. Vereinzelte Höfe waren am Horizont zu erkennen, verloren sich in der Weite des Geländes. Die Straße erschien endlos lang. Hitze flimmerte auf dem brennendheißen Asphalt, der ins Nirgendwo zu führen schien. Dann wich das trostlose Land einer Vorstadtsiedlung. Kleine Familienhäuser duckten sich unter jahrhundertealten Baumriesen, tauchten diese Gegend in eine scheinbare Idylle. Doch die beiden Ex-Agenten wussten, dass das Böse sich nicht ausschließen ließ, sondern überall zuhause war. Vielleicht nicht unbedingt in Form von gestaltwandelnden Aliens oder Mitglieder der Schattenregierung, wohl aber als „Lieber Onkel“, der schon immer ein angesehener Bürger gewesen war. Egal wie erlesen und nobel eine Wohngegend auch sein mochte, Mord, Totschlag, Raub und Betrug waren überall zu finden. Ihre Arbeit beim FBI hatte Mulder und Scully in gewisser Weise die Unschuld geraubt, ihren Glauben an die Menschheit an sich zerstört. Sie hatten ein Meer aus Schmerzen und Scherben hinter sich zurückgelassen, um sich nun im Niemandsland wieder zu finden. Vor ihnen lag eine ungewisse Zukunft. Einzig Menschen wie Beth schafften es die Schatten zeitweilig zu vertreiben. Beth mit ihrer selbstlosen Art, die sie nicht kannte, ihnen dennoch Unterkunft, Nahrung und ihre Fürsorge zukommen ließ. Traurigerweise war sie eine Ausnahme.

Allmählich näherte sich das Auto dem Stadtkern. Dort hofften sie ein preisgünstiges Auto erwerben zu können. Ein legaler Kauf kam nicht in Frage, dazu fehlten Ihnen die Papiere. Auch ließen ihnen ihre finanziellen Möglichkeiten keine große Auswahl. Ein altes, fahrtüchtiges Auto würde sich hoffentlich unter der Hand finden lassen. Durch den Unfall hatten sie kostbare Zeit verloren. Noch immer trennten sie zahlreiche Kilometer von ihrem vorübergehenden Ziel. Mulder schätzte, dass es wohl 1400 km sein mussten.

Beth verließ den Cityring und steuerte den Wagen durch ein Industriegebiet. Suchend passierte sie einige Nebenstraßen, ehe sie ruckartig auf den Hof einer baufälligen Werkstatt abbog und den Motor abschaltete. Neugierig blickten sich die Flüchtigen um. Circa ein Dutzend Gebrauchtwagen verschiedener Modelle standen auf dem mit Schotter aufgefüllten Parkplatz.
„Das ist die Werkstatt eines Bekannten. Er schuldet mir noch einen Gefallen. Hier sollten wir einen angemessenen Wagen finden.“ Nach einer kurzen Überlegung fügte Beth hinzu:
„Ich nehme an, niemand darf Ihre Spuren weiterverfolgen, oder?“ Nach kurzem Überlegen und einem Blickwechsel bejahten Mulder und Scully diese Frage.
„Dachte ich mir. Kein Problem, dann werde ich den Vertrag unterzeichnen“, schlug die alte Frau bereitwillig vor, als würde sie jeden Tag Flüchtige aus Autofracks retten, ihnen Asyl gewähren und letztendlich auch Autos für sie kaufen.
„Dann wollen wir mal sehen, wo Tony steckt.“ Mit diesen Worten stieg sie aus dem Auto und ging zielstrebig auf die Halle des Autohändlers zu. Mit verblüfften Gesichtsausdrücken blieb Dana und Fox nichts anders übrig als der übereifrigen Beth zu folgen.

Der typische Geruch von Motorenöl und Benzin stieg in ihre Nasen, als sie die Werkstatt betraten. Der Innenraum bat Platz für zwei Autos zum Aufbocken auf die Hebebühnen, zwei weitere Fahrzeuge standen seitlich mit geöffneten Motorhauben. Ein junger Mann hing weit vorgebeugt über dem Motorraum eines Toyotas und schien die Neuankömmlinge nicht zu bemerken. Ein weiterer Arbeiter war unter einem aufgebockten graublauen Renault zu entdecken.
„Tony?“, rief Beth laut durch die Halle.
Sofort schob sich der auf der Erde liegende Mann nach vorne. Mühsam erhob er sich und wischte die verschmierten Hände an seiner nicht minder dreckigen Hose ab. Dann erst trat er auf seine drei Besucher zu. Erkennen flackerte in seinen Augen auf.
„Beth, wie geht es Ihnen? Ich hab’ Sie schon lange nicht mehr gesehen. Stimmt was nicht mit Ihrem Wagen?“

 

Der gedrungen wirkende Mann reckte sich nach allen Seiten, hielt nach Mrs. McKenniths Auto Ausschau. Beth lachte leise, wies dann auf ihre beiden Begleiter.
„Nein, Tony, mein Auto macht keine Probleme. Wir sind vielmehr auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen. Und da dachte ich mir, wer außer Tony bietet dir wohl einen gutes Fahrzeug, ohne dich über den Tisch zu ziehen? Stimmt doch, oder Tony?“ Dabei warf die alte Dame dem Händler ein breites und gewinnendes Lächeln zu. Tony, der nicht so ganz wusste, ob er sich geschmeichelt fühlen oder verwirrt sein sollte, blickte unschlüssig von Beth zu Mulder und Scully, dann wieder zurück zu Beth. Erst als die potentielle Möglichkeit einen Wagen zu verkaufen zu ihm durchsickerte, erwachte er zum Leben. Geschäftig wirbelte er umher, forderte seine zukünftigen Käufer mit einer Handbewegung auf ihm zu folgen.

„Selbstverständlich bekommen Sie bei uns nur Spitzenqualität zu anständigen Preisen. So lautet unser Wahlspruch und dafür stehe ich höchstpersönlich mit meinem Namen ein. Nach was genau suchen Sie? Ein Kleinwagen, eine Zugmaschine, etwas Sportives vielleicht?“ Schon hatte die kleine Gruppe den ersten Wagen erreicht. Tony, mit Leib und Seele Autoverkäufer, ging völlig in seinem Element auf, präsentierte die vorhandenen Autos mit einem nicht verkennbaren Stolz.
Ein Saab älteren Baujahres, der jedoch noch passabel aussah, erregte Mulders Aufmerksamkeit. Es war ein gängiges und weit verbreitetes Model und würde somit nicht ins Auge fallen. Die blaue Lackierung war unauffällig. Und noch dazu war der Wagen groß genug, um Mulders langen Beinen problemlos Platz zu schenken. Tony, dem Mulders Interesse nicht entging, trat auf den deutlich größeren Mann zu.
„Ist schon 10 Jahre alt, aber tip-top in Schuss. Der Motor läuft einwandfrei, Auspuff ist neu und die Stoßdämpfer sind auch noch in Ordnung. Hat schon einige Meilen drauf, schnurrt aber wie ein Kätzchen. Muss Ihnen aber sagen, dass er einen kleinen Schaden hatte, die Beifahrertür war hinüber. Aber schauen Sie, man erkennt nix, wir haben ihn wieder flott gemacht, wie neu quasi“, bot er den Saab feil.
„Und was soll er kosten?“, erkundigte sich Mulder.
„Naja, Sie sind mit Beth hier, ich würde ihn Ihnen für 600 Dollar verkaufen. Ein Freundschaftsangebot, versteht sich.“

Scully trat an ihren Partner heran und spähte in den Innenraum des Wagens. Die Polster waren sauber, das Innere bot ausreichend Platz, auch die eine oder andere Nacht im Wagen zu übernachten. 600 Dollar waren in ihrer Lage viel Geld. Mulder überlegt schon, ob es nicht einfacher wäre einen abseits geparkten Wagen kurzzuschließen und vorübergehend „auszuleihen“. Doch es war nicht ratsam mit einem gestohlenen Auto weiterzufahren. Über kurz oder lang würde die Polizei auf sie aufmerksam werden und dies galt es unter allen Umständen zu verhindern. Zudem hatten sie nicht die Zeit, zahlreiche Gebrauchtwagenhändler auf der Suche nach einem geeigneten Fahrzeug abzuklappern. Sie waren so schon genug in Verzug geraten. Also mussten sie schnellstmöglich etwas ihren finanziellen Möglichkeiten Angemessenes finden. Auch Scully wusste dies, nickte ihrem Partner für ihre Begleiter kaum merklich zu. Bevor Mulder um den Preis des Saabs verhandeln konnte, mischte sich Beth in ihr Gespräch ein.
„600 Dollar? Kommen Sie schon, Tony, das ist doch kein Freundschaftspreis! Machen Sie ein gutes Angebot, Sie sind mir etwas schuldig“, forderte Mrs. McKennith ihren Bekannten auf. Dieser fuhr sich frustriert durch die Haare, musterte das Verkaufsobjekt dabei eindringlich.
„450. Und das nur, weil Sie es sind“, gab er widerwillig ihrer Forderung nach.

Mulder wollte sich gerade von Danas Seite lösen, um das Angebot anzunehmen, da trat Beth abermals an ihm vorbei, baute sich selbstbewusst vor Toni auf.
„400, dann haben wir einen Deal“, versuchte sie weiter den Preis zu drücken.
Resignierend nickte Tony. Er schien tief in Beth McKenniths Schuld zu stehen.
„Na schön, aber das ist wirklich mein letztes Wort. 400 Dollar. Sie machen mich arm, Beth“, willigte der Verkäufer seufzend ein. Zufrieden zwinkerte die alte Frau dem Paar zu.
„Warum inspizieren Sie ihren Wagen nicht schon einmal und verstauen Ihr Gepäck, während ich mit Toni den Papierkram erledigt?“, schlug sie vor. Scully, die keinerlei Interesse hatte in die dreckige Werkstatt zurückzukehren, stimmte Beth bereitwillig zu. Auch Mulder gefiel dieser Vorschlag. Ob Spesenberichte, Fallakten oder ein Autokauf, er hasste Papierkram. Aus seiner Tasche zog er einige Geldnoten, zählte 400 Dollar ab und gab sie Tony. Dann verschwanden die Einheimischen im Büro des Mannes, während Mulder ihren Koffer aus Beths Auto nahm und auf die Rückbank des Saabs legte.
„Na, das lief doch reibungslos. Wir haben noch 400 Dollar, die sollten ausreichen bis wir ans Schließfach kommen.“

 

Prüfend ließ sich der schlaksige Mann auf den Fahrersitz fallen. Den Sitz selbst musste er um einiges zurückstellen, damit er bequem fahren konnte. Scully umrundete ihren neuen Wagen und kam neben Mulder zum Stehen. Dieser richtete bereits den Rückspiegel passend aus. Die Frau stieß ein leises und erschöpftes Seufzen aus.
„Ich hoffe, es kommt nicht zu weiteren Verzögerungen. Ich würde mich wesentlich sicherer fühlen, wenn wir endlich unsere Papiere haben würden oder schon in Kanada wären.“ Mulder, der endlich mit seinen Einstellungen zufrieden war, schob seine Beine die Fahrertüre hinaus, so dass er die davor stehende Frau genau mustern konnte. Er sah ihr die Strapazen der vergangen Wochen und Monate deutlich an. Und dennoch schaffte sie es immer wieder sich voranzutreiben und ihn wenn nötig sogar mitzuziehen. Eine unsagbare Stärke und Willenskraft ging von Dana Scully aus, die auch in vermeintlich ausweglosen Situationen nicht zu versiegen schien. Behutsam nahm er Danas Hand in seine, strich ihr Zuversicht schenkend über den Handrücken. Ihre Blicke trafen sich, versanken ineinander. Ein dünnes Lächeln legte sich auf Scullys Lippen. Noch ehe er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, trat Beth mit einem triumphierenden Blick auf das Paar zu. Den Wagenschlüssel schwang sie einer Verlockung gleich zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. In der anderen Hand hielt sie die Fahrzeugpapiere.

Sich für ihre Hilfe bedankend, nahm Scully die Papiere entgegen und reichte Mulder den Schlüssel weiter. Beth, die ganz deutlich die Unruhe ihrer neuen Freunde spürte, räusperte sich kurz, bevor sie sich von den beiden verabschiedete. Noch während Scully die alte Frau umarmte, erhob sich Mulder um Beth die Hand zu reichen. Diese ignorierte den förmlichen Abschiedsgruß und schloss auch den hochgewachsenen Mann kurz in ihre Arme. Eine Geste, die dem alten Mulder wahrscheinlich über alle Maße peinlich gewesen wäre. Doch ließ er diese herzliche Verabschiedung zu, er konnte nicht einmal einen winzigen Funken Unbehagen in sich ausmachen.
„Ich wünsche Ihnen eine sichere Fahrt. Und passen Sie bei Abhängen auf“, scherzte Beth mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. „Alles Gute für Sie beide.“
„Vielen Dank, Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie uns geholfen haben“, sagte Scully mit leiser und belegter Stimme.
„Alles Gute für Sie, Beth. Und Danke für alles“, verabschiedete sich auch Mulder, während Dana bereits auf der Beifahrerseite Platz nahm.
„Ach“, wehrte die ältere Frau verlegen ab. „Gern geschehen, wirklich!“
Dann trat Beth ebenfalls an ihren Wagen und öffnete die Fahrertüre. Der Saab neben ihr sprang an und wenige Sekunden später fuhr er an der alten Frau vorbei. Ein letztes Mal winkte sie den Insassen nach, während sie dem Fahrzeug gedankenverloren nachsah.
>Wie merkwürdig. Kann es möglich sein, dass scheinbar Fremde einen in kürzester Zeit ans Herz wachsen?>, wunderte sich Beth, während sie eine einzelne Träne, die sich den Weg ihre Wange hinab bahnte, mit einem Taschentuch wegtupfte. Sie hoffte, dass Gillian und David sicher und wohlbehalten an ihrem Ziel ankommen würden, sie endlich Ruhe finden würden. Auch wenn sie nichts über ihre genauen Lebensumstände erfahren hatte, so war ihr die Unruhe und Gehetztheit dieser beiden Menschen nicht entgangen. Auch nicht ihre scheinbar unmenschliche Kraft und Liebe füreinander, die wohl ihr Antrieb sein mussten.

All diese Gedanken abschüttelnd, setzte sich die alte Frau ebenfalls in ihr Auto und machte sich auf den Nachhauseweg. Auf der Hauptstraße ordnete sie sich links ein, um den Highway zu erreichen. Kurz blickte sie sich um, sah gerade noch rechtzeitig den alten Saab auf die entgegen gesetzte Auffahrt abbiegen. Der Kloß, der sich in ihrem Hals bildete, macht ihr das Schlucken schwer.
„Viel Glück“, murmelte sie gedankenverloren. „Möge der Herr mit euch sein.“

*****

 

“Ich kann es kaum glauben, dass wir unsere Verfolger ernsthaft abgeschüttelt haben. Hinter jeder Kreuzung vermute ich noch immer Gefahr. Glaubst du, wir werden uns jemals wieder frei und sicher fühlen können?“, brach Dana Scully das behagliche Schweigen, welches sich seit dem Beginn der Fahrt im Wagen ausgebreitet hatte. Die zierliche Frau hatte den Beifahrersitz weit nach hinten verschoben und strecke ihre müden Füße aus. Mulder warf nur kurz einen Blick auf seine Begleiterin, dann richtete er seine volle Aufmerksamkeit wieder auf das sichere Lenken des Fahrzeugs.
„Meine natürliche Paranoia verbietet es mir alle Vorbehalte bedenkenlos über Bord zu werfen. Aber ich kann nicht abstreiten, dass die allgegenwärtige Anspannung, die ich seit dem Beginn unserer Flucht verspürt habe, ein wenig abgeebbt ist. Lass uns diesen Moment auskosten, Dana. Noch nie war es so wichtig im Jetzt zu leben. Nach all den Katastrophen, die wir erlebt, manchmal gerade noch überlebt haben, wäre es einmal an der Zeit uns eine Verschnaufpause zu gönnen. Wir sollten unser Glück nicht hinterfragen, es vielmehr als unser Schicksal akzeptieren. Wir werden zur Ruhe kommen, wenn wir es sollen, nicht früher, aber auch nicht später. Davon bin ich überzeugt.“
Seine letzte Aussage, mit dem Feuer und der Passion eines Agenten ausgesprochen, der gerade den Beweis für kleine graue Aliens in den Händen hielt, ließ Scully eine perfekte Augenbraue in die Höhe ziehen. Ein winziges Lächeln umspielte ihre Lippen, eines, das auch ihre blauen Augen erreichte.
„Also war uns dieses Leben, das wir gerade führen, vorbestimmt, unser Schicksal? Willst du das damit sagen?“, fragte sie mit einem Hauch von Amüsement in ihrer Stimme.
„Ich rede nicht von einem vorgezeichneten Lebensweg, der einem unveränderlich schon in die Wiege gelegt wird. Eine solche Annahme ist selbst mir zu fantastisch. Ich spreche von all den Entscheidungen, die wir tagein - tagaus treffen und die ausschlaggebend unser Leben verändern. Wir selbst sind unser Schicksal. Unsere Handlungen geben den Ausschlag. Und wenn du unser voriges Leben genau betrachtest, dann erscheint dieser Ausgang in meinen Augen gar nicht so unvorhersehbar. Wir haben unbeirrbar um die Wahrheit gekämpft, sind durch Feuer und Eis gegangen, stets den anderen an unserer Seite wissend. Wir sind Kämpfernaturen, Scully. Glaubst du einen Moment wir hätten am Ende nachgegeben? Ich auf keinen Fall. Und in anbetracht dieses Wissens denke ich schon, dass diese Flucht unser Schicksal ist. Unzählige kleine Entscheidungen haben uns zu dieser Weggablung geführt und wir konnten nur unserer Natur folgen, uns und damit die Wahrheit nicht aufgeben. Glaube mir, mit niemandem wäre ich lieber vor der Regierung, dem FBI oder von mir aus auch vor der ganzen Welt auf der Flucht als mit dir, Scully. Und egal, was auch noch passieren mag, ich werde uns niemals aufgeben.“

Die Passion, die in Fox Mulders Worten mitschwang, erwärmte Scullys Herz einem inneren Feuer gleich. Wie schafft es dieser Mann nur immer wieder genau die richtigen Worte zu finden? Es war nicht nur sein gutes Aussehen, sein schräger Humor und die Hingabe, die er mit seiner Suche nach der Wahrheit an den Tag legte, was Dana ihren Partner lieben ließ. Ebenso liebte sie seinen scharfen und wachen Verstand, seine weiche Stimme und die Art wie er nur sie ansah, als wäre sie die schönste und außergewöhnlichste Frau auf der Erde. All die Gefühle, die Mulder in ihr hervorrief, waren so unglaublich intensiv, so wie sie es noch nie erlebt hatte. Die angenehme Wärme verbreitete sich in ihrem Leib und löste ein wohliges Gefühl in ihr aus.
„Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit“, versicherte sie ihrem Freund mit leiser und belegter Stimme. Als Dank schenkte Fox ihr ein strahlendes Lächeln, welches seine Augen einen noch dunkleren Ton annehmen ließ. Dann kehrte abermals ein angenehmes Schweigen ein, jeder Ex-Agent hing seinen eigenen Gedanken nach.

Unzählige Meilen später ließ Mulder den Wagen an einer Tankstelle ausrollen, bis er vor einer der Zapfsäulen zum Stehen kam. Mit einem liebevollen Blick sah Fox Mulder auf seine im Schlaf zusammengerollte Partnerin auf dem Beifahrersitz. Zärtlich strich er eine vorwitzige Strähne braunes Haar, die sich aus dem Zopf gelöst hatte, zurück. Würde er sich jemals an Dana satt sehen können? Er hoffte nicht. Mit einem leisen Seufzen verließ er das Auto um den Tank zu füllen. Nachdem er die Rechnung bezahlt hatte, ließ er den Wagen wieder an und setzt die Fahrt fort. Er bog jedoch nicht wieder auf den Highway ab, sondern steuerte eine nahe liegende Ortschaft an.
Als er endlich sein Ziel erreichte, weckte er die noch immer friedlich schlafende Dana mit einem sanften Kuss auf die Lippen. Benommen schlug sie Sekunden später ihre Augen auf, versuchte sich mit einem verwirrten Blinzeln zu orientieren.
„Gut geschlafen?“, erkundigte sich der dunkelhaarige Mann erheitert. Einzig ein Gähnen war die Antwort, als Scully sich genüsslich streckte. Dann aber blickte sie sich um. Es war erst früher Abend, zu früh, um ihre Fahrt für die Nacht zu unterbrechen.
„Sollen wir tauschen?“, fragte sie und musterte den Mann an ihrer Seite eindringlich.
„Später. Ich bin vielmehr dem Wink des Schicksals gefolgt“, erwiderte Mulder mit einem breiten Grinsen. Verwirrung war in Danas Gesicht zu lesen.
„Wink des Schicksals? Aber...“, bevor sie ihre Ausführung überhaupt beginnen konnte, unterbrach sie Mulder.
„Ja, ich habe eine wichtige Entscheidung für uns getroffen“, verkündete er mit ernster Stimme, konnte ein belustigtes Zwinkern jedoch nicht unterdrücken und deutete in einer ausschweifenden Geste nach draußen. Verwirrt sah sich Scully um. Dann lachte sie laut auf.
„McDonalds? Mulder, du willst nicht ernsthaft behaupten, dass ausgerechnet Arterien verstopfende Burger und fettige Pommes Frites unser Schicksal sind, bitte nicht!“, rief sie auf und verdrehte die Augen. Mulder aber zog eine Grimasse und meinte nur: „Genau das!“

 

Vielleicht lag es an ihrer fortwährenden Flucht oder an den Entbehrungen der letzen Tage, vielleicht aber auch an dem Hungergefühl, das doch stärker gewesen sein musste als Dana dachte. Gesättigt ließ sich die zierliche Frau gegen die Lehne des mit rotem Stoff bezogenen Stuhles fallen. Unglaublich, sie hatte doch tatsächlich ein komplettes Menü verschlungen. Und was viel unvorstellbarer war, es hatte ihr geschmeckt. Doktor Dana Scully hatte Geschmack an einem fettigen, ungesunden Big Mac mit einer großen Portion Pommes Frites gefunden. Das Ende der Welt musste näher sein als es ihr bewusst war. Scullys Gegenüber lehnte lässig auf dem billigen Stuhl und zog geräuschvoll die letzten Schlücke Cola durch einen rot-weißen Strohhalm. Sein Verhalten erinnerte stark an das eines Teenagers. Es war kaum zu übersehen - Fox Mulder war in seinem Element. Auf dem Tablett vor ihm stapelten sich Verpackungsrückstände und leere Essensboxen. Ein verträumtes Lächeln umspielte Danas Lippen.
„Um dich glücklich zu machen, muss ich dich nur vor einem Fastfood-Restaurant aussetzen. Das sollte ich mir merken“, scherzte sie.
„Das Glück liebt Gesellschaft. Setz dich mit mir zusammen aus und wir führen ein erfülltes Leben.“ Das verräterische Funkeln seiner Augen offenbarte, dass er dies nicht ernst meinte, der Kern dieser Aussage jedoch der Wahrheit entsprach.
„Nach diesem durchaus bekömmlichen und nahrhaften Mahl...“, er hielt kurz inne und wackelte verschwörerisch mit den Augenbrauen, „wäre mir jetzt nach einem Kaffee. Dir auch?“
„Ja, das ist eine gute Idee, noch nie habe ich Koffein so sehr geschätzt wie im laufe der letzten Tage.“ Mulder erhob sich, entsorgte ihre Tabletts auf dem Weg zur Kasse. Wenig später platzierte er einen dampfenden Becher vor Dana. Er hatte bereits Milch hinzugefügt, keinen Zucker. Mit einem Lächeln bedanke sich die dunkelhaarige Frau und flocht ihre Finger um den heißen Becher.

Kleine Gesten wie diese erwärmten ihr Herz. Auch wenn Mulder oft abgelenkt und von seinem Kreuzzug gefangen wirkte, so war er ein aufmerksamer Beobachter. Er wusste nicht nur, dass sie ihren Kaffee nur mit Milch, keiner Kaffeesahne und ohne Zucker trank, ebenso kannte er kleine Details, dessen Kenntnis sie ihm nie zugetraut hätte. Sein letzter Einkauf hatte das wieder einmal bewiesen. Nicht nur ihr bevorzugtes Shampoo hatte er gewählt, auch die richtig Lotion.
Schweigend tranken sie ihren Kaffee, ihre Augen verließen keine Sekunde lang die seinen. Und obwohl sie keine Worte wechselten, so sprachen ihre Blicke mehr als tausend Worte.

*****

„Wir müssen uns nordöstlich halten. Dann können wir unser Ziel nicht verfehlen“, erklärte Mulder. Scully, die seine Finger auf der Karte verfolgte, die über seinen Schoß ausgebreitet war, prägte sich ein wie lange sie dem Highway folgen musste.
„Hier müssen wir dann abfahren“, sein Zeigefinger umkreiste einen höher gelegenen Bereich auf der Karte.
„Ich glaube nicht, dass ich so lange schlafen werde, wenn doch, dann weck mich bitte. Aber du solltest nicht zu lange fahren, halt an, wenn du müde wirst.“ Seine müden Augen suchten die ihren, forderten ein Versprechen ein. Stumm nickte Scully, stellte dann den Rückspiegel ein. Zufrieden lehnte Mulder sich zurück und versuchte die Karte wieder zusammenzulegen. Nach zahlreichen, missglückten Versuchen gab er sein Vorhaben mit einem missmutigen Grunzen auf, zerknüllte die Karte und warf sie hinter sich auf die Rückbank.
„Mulder!“, versuchte Scully ihren Partner zu maßregeln, gab diesen Versuch sogleich wieder auf und ließ seufzend das Auto an. Eine Diskussion um etwas so belangloses wie die korrekte Faltweise einer Landkarte würde sie nicht weiterbringen. Während die junge Frau den Wagen zurück auf den Highway lenkte, rutschte Fox auf dem Beifahrersitz hin und her, bis er eine zufrieden stellende Position für sein Nickerchen gefunden hatte. Die Schuhe hatte er sich bereits abgestreift, den Anschnallgurt gar nicht erst angelegt.

Die leise Musik des Radios und das monotone Motorengeräusch übte eine wohltuende Ruhe auf Dana Scully aus. Die Straße war wenig befahren, sie hatten freie Fahrt und kamen gut voran. Sie hatte sich hinter einen alten Honda gehängt, dem sie in einem angemessenen Abstand und konstanter Geschwindigkeit folgte. Die Dämmerung setzt gerade ein, tauchte den sich vor ihnen endlos erstreckenden Horizont in ein leuchtendes Orangerot. Ein wunderschöner Anblick, doch ließen die Umstände es nicht zu diesen angemessen zu genießen. Würden sie das jemals tun können? Gemeinsam einen Sonnenuntergang genießen? Die Angst, die ihr allgegenwärtiger Verfolger zu sein schien, jemals abschütteln können und sich an einem Schauspiel wie diesem zu erfreuen? Sie hoffte es.

Ein plötzliches und gut vertrautes Aufheulen riss die Ex-Agentin aus ihrer Gedankenwelt. Hecktisch stieß sie ihren Partner an, riss ihn aus seinem ruhigen Schlummer. Das wild aufblinkende, blaue Licht in ihrem Rückspiegel veranlasste sie, den Fuß fest auf das Gaspedal zu stellen.
„Mulder! Wir werden verfolgt, Polizei!“ Deutlich war die Angst und Anspannung in ihren Worten zu hören. Das Signal hinter ihnen wurde zunehmend lauter und die grellen Wagenlichter, die von den Spiegeln reflektiert wurden, blendeten sie.

 

Fest hielten ihre Hände das Lenkrad umklammert, während Danas Augen fortwährend zwischen dem Rückspiegel und der Fahrbahn wechselten. Neben ihr schreckte Mulder aus seinem Schlaf hoch. Jede Müdigkeit war vertrieben und wich wiederum der Sorge um ihre Sicherheit. So unbeteiligt wie möglich drehte er seinen Oberkörper nach hinten, um einen genauen Blick auf ihre erneuten Verfolger richten zu können. Zwei männliche Gesetzeshüter folgen ihnen, beide nicht mehr die Jüngsten und die runden Gesichter ließen eine kräftige Statur vermuten. Der Fahrer des Polizeiautos starrte verbissen nach vorne, während der Beifahrer nervös an seinem ungepflegten Vollbart zupfte.
„Bist du zu schnell gefahren?“, erkundigte er sich in der Hoffnung, ein so simples Vergehen hinter dieser Verfolgung verborgen zu finden. Aus dem Augenwinkel nahm er Danas Kopfschütteln wahr.
„Nein, ich habe mich an die Geschwindigkeitsbeschränkung gehalten. Ich wollte nichts riskieren. Was sollen wir machen?“ Ihre Stimme hatte die nervösen Nuancen verloren, klang jetzt wieder ruhig und besonnen, als würde sie einen Fall mit ihrem Partner besprechen. Eine der vielen Eigenschaften, die Mulder an Dana Scully bewunderte. Sie konnte eine dermaßen kühle Professionalität an den Tag legen, die selbst ausgemachte Verbrecher in die Knie zwang.

„Die beiden sehen nicht so aus als ob sie geschickt im Nahkampf sind. Wir könnten sie leicht überrumpeln. Fraglich ist nur, wie schnell sie von ihren Waffen gebrauch machen werden. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie uns nicht gezielt jagen. Nenn es eine Eingebung“, versuchte der Ex-Agent ihre Situation einzuschätzen. Einen Moment lang hielt er inne. Scully machte nicht den Fehler sein Schweigen als Ratlosigkeit zu interpretieren. Sie kannte Mulder und die Art wie sein brillanter Verstand arbeitete.
„Halt an!“, wies er seine Partnerin mit ruhiger, monotoner Stimme an. Verwirrung stand in Scullys Gesicht geschrieben. Der Gedanke, einfach an den Straßenrand zu fahren und abzuwarten, warum sie von der Polizei verfolgt wurden, behagte der dunkelhaarigen Frau nicht sonderlich. Seine Überlegung abschätzend, sah sie Mulder kurz an. Seine zusammengepressten Kiefermuskeln, die Fältchen, die sich über seine Stirn gelegt hatten, gaben ihm einen verbissenen Ausdruck. Sie vertraute ihm blind, doch schickte sie Stoßgebete gen Himmel, dass er wissen würde, was er da tat. Langsam ließ sie den Wagen ausrollen und fuhr rechts ran. Noch bevor das Gefährt ganz zum Stehen gekommen war, raste der Streifenwagen an ihnen vorbei. Irritiert blickte Dana dem Auto nach, das mit konstant schneller werdendem Tempo den alten Honda vor ihnen den Highway entlang jagte. Erleichtert ließe die junge Frau Luft aus ihren Lungen entweichen, von der sie nicht einmal wusste, dass sie diese angehalten hatte.
„Woher hast du gewusst, dass sie nicht uns gemeint haben?“, wollte Scully von ihrem Beifahrer wissen, dem ebenfalls erst jetzt die Anspannung aus seinem Gesicht wich.
„Wir waren nicht die einzigen, die bei dem Anblick eines Blaulichtes nervös geworden sind, Scully! Der Wagen vor uns ist immer schneller geworden“, erklärte Mulder.

Es vergingen einige Minuten bis sich ihr Pulsschlag normalisiert hatte und ihr Atem wieder flach ging. Ganz allmählich entkrampften sich ihre verspannten Muskeln. Der Schreck dieser Begegnung saß doch tiefer als beide es vermutet hätten. Ein Leben auf der Flucht führte wohl zu diesem Gefühl der ständigen Angst. Fühlten sich so Menschen, die unter Wahnvorstellungen und extremer Paranoia litten? Wie lange würden sie auf einem solchen Adrenalinhoch durchhalten können?


Minuten, vielleicht auch Stunden später, ließ Dana den Motor wieder an und sie setzten ihre Fahrt fort. Von dem flüchtigen Honda und dem Polizeiwagen war weit und breit nichts zu erkennen. Vor ihnen erstreckte sich einzig eine dunkle und lange Straße, fern von jeder Zivilisation, die ins Nirgendwo zu führen schien.

 

*****

 

Ohne weitere Probleme durchquerten die Flüchtigen Idaho. Den Horizont erhellte langsam die aufgehende Sonne. Sie tauchte den Himmel vor ihnen in ein leuchtendes Orangerot, ein wundervoller Anblick, fast postkartenhaft. Doch blieb ihnen keine Zeit für andächtige Bewunderungen dieses Naturschauspiels. Die Nadel der Benzinanzeige sank bedenklich tief in den roten Bereich. Bald würden sie tanken müssen und Mulder, der seine mittlerweile müde gewordene Begleiterin am Lenkrad abgelöst hatte, hoffte inständig bald in Portwayn anzukommen. Sonst würde er gezwungen sein, vom Highway abzufahren und sein Glück in einer der kleinen Städte zu suchen und sie waren so kurz vor ihrem Ziel. Der Karte nach befanden sie sich nur noch wenige Meilen von ihrem Geld und den Papieren entfernt.

 

Scully, die neben ihm auf dem Sitz zusammengerollt döste, stieß einen kleinen Seufzer aus. Einige Strähnen dunklen Haares waren ihr in die Stirn gefallen und stellten einen starken Kontrast zu ihrer blassen Haut dar. Auch wenn Fox nicht sagen würde, sie sähe krank aus, so konnte er nicht leugnen wie müde und ausgezehrt Dana wirkte. Selbst in einer entspannten Schlafhaltung. War es möglich, dass sie beide während der letzten Tage um Jahrzehnte gealtert waren? Er selbst erkannte den Mann im Spiegel, der ihm auf zahlreichen Raststellen entgegenblickte, kaum wieder. Nicht nur der Bart war ungewohnt, auch seine Augen schienen nicht mehr die gleichen zu sein. Eingefallene Wangen und dunkle Ränder unter den Augen verliehen ihm einen abgerissenen Look. Die Zeit und die Umstände hatten ihnen übel mitgespielt. Doch in Relation zu ihrem Überleben war dies bedeutungslos. Was nutze das beste Aussehen, wenn man es zu Grabe tragen musste? Bald würden sie ihre Papiere und etwas Geld zur Verfügung stehen haben und das Blatt würde sich hoffentlich wenden. Die kanadische Grenze lag schätzungsweise 450 Meilen von Portwayn entfernt, die Freiheit somit greifbar nah. In der Ferne erschien ein Ausfahrtsschild und Mulder hoffte inständig, dass sie ihr vorläufiges Ziel erreicht hatten oder aber zumindest dort den Wagen tanken könnten. Zügig näherte er sich der Abfahrt.

 

„Portwayn“, verkündete das Schild. Erleichtert seufzte der Fahrer auf. Endlich. Rasant lenkte er das Auto durch die Kurve, was die Reifen zu einem protestierenden Quietschen brachte.

„Mulder!“, entfuhr es seine Partnerin, die gegen die Tür gepresst und somit aus ihrem Schlummer gerissen wurde, vorwurfsvoll.

„Sorry“, murmelte er leise zur Entschuldigung. Neben ihm richtete sich Dana in ihrem Sitz auf

„Wo sind wir?“, erkundigte sie sich. Mit der routinierten Auffassungsgabe einer FBI-Agentin hatte sie die Leere des Tankes und die Veränderung der Fahrstrecke sofort bemerkt.

„Wir befinden uns kurz vor Portwayn. Freu dich, Scully, wir werden diese Nacht in einem warmen und weichen Bett verbringen. Denke nur mal an die Möglichkeiten“, neckte er seine Partnerin, indem er anzüglich grinste und frech mit den Augenbrauen wackelte.

„Ich bestehe auf ein Zimmer mit einer großen Badewanne. Momentan würde ich fast alles für ein langes Schaumbad geben. Und nur dann werde ich über etwaige Möglichkeiten nachdenken dich glücklich zu machen.“ Genießerisch schloss Dana die Augen. Gedanklich schien sie schon in den Schaum und das heiße Wasser einzusinken. Wenn ein Bad alles war, was Scully momentan zufrieden stellen würde, dann würde er ihr zur Not das Wasser eigenhändig in Eimern anschleppen.

„Du weißt, dass ich alles Menschenmögliche tun werde, um dich glücklich zu machen, Scully!“, beteuerte Mulder mit einer Ernsthaftigkeit, die diesem Gespräch jede Art von entspanntem Humor nahm. Behutsam legte sich Danas zierlichere Hand auf seine.

„Das weiß ich doch. Und du weißt hoffentlich, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Vielleicht teile ich sogar meine Badewanne mit dir. Was hältst du davon?“, fragte sie mit dem Hauch eines Versprechens in ihren Worten.

„Oh ja, das hört sich nach einem Plan an“, befand Mulder und spielte vor seinem inneren Auge jetzt schon die Möglichkeiten dieser Aussicht ab.

 

*****

 

Langsam passierte der Saab den Ortsrand des Städtchens Portwayn. Ein kleines, verschlafenes Nest nah an der Natur, das in den Sommermonaten Urlauber aus den Großstädten anzog, um dort dem stressigen Alltag entkommen zu können und die Seele baumeln zu lassen. Es versprach Erholung vom Feinsten. Zwei weitere Fremde würden kaum auffallen. Die sanierfähige Landstraße führte sie direkt durch den Kern Portwayns. Das Zentrum, wenn man bei einem Ort wie diesem von einem Stadtzentrum überhaupt sprechen konnte, beherbergte eine Vielzahl an Hotels und Pensionen, einigen Lebensmittelgeschäften, das eine oder andere Restaurant und wenige Modeläden. Auch einen Friseursalon erspähten die Reisenden.

„Bist du sicher, dass sie Portwayn gesagt hat?“, verbalisierte Scully ihre Sorge, dass Mulder sich vielleicht geirrt haben könnte. Scheinbar hatten sie bereits die Innenstadt durchquert und näherten sich wieder den Wohnvierteln. Keinem von ihnen war eine Gaststätte mit dem Namen „Eddies Diner“ ins Auge gefallen.

„Natürlich bin ich mir sicher!“, verwarf Mulder ihre Zweifel. Schon immer hatte er sich auf sein fotografisches Gedächtnis verlassen können.

„Wahrscheinlich wird das Diner nur nicht auf der Hauptstraße zu finden sein. Wir sollten uns nach dem Weg erkundigen“, gestand Mulder ein. Dieser Vorschlag veranlasste seine Begleiterin skeptisch eine Augenbraue in die Höhe zu ziehen.

„Seit wann erkundigt sich Fox Mulder nach dem Weg? Wer sind Sie und was haben Sie mit meinem Partner gemacht?“, zog sie ihn amüsiert auf.

Bevor der dunkelhaarige Mann zu einer Erwiderung ansetzen konnte, erspähte er eine Leuchtreklame in einer der kleinen Seitenstraßen. „Ed  es Di er“ pries die an eine billige Las Vegas Spielunke erinnernde Tafel in leuchtend blauer Schrift an.

„Wer sagt es denn!“, triumphierte Mulder und Scullys scherzhafte Neckerei schien momentan vergessen.

„Endlich!“ Diese Worte aus Danas Mund klangen sehr nach einem Stoßseufzer.

 

Trotz der an Geschmacklosigkeit grenzenden Werbetafel, machte das Diner einen sauberen und gepflegten Eindruck. Der Boden schien sauber gewienert zu sein und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee hing in der Luft. Viele der kleinen Tische waren besetzt, dies schien eine beliebte Adresse für ein spätes Frühstück zu sein.

Sie hatten sich entschlossen als Erstes dem Diner einen Besuch abzustatten. Ein Hotelzimmer konnten sie später noch suchen, zuerst galt es an ihre Papier und das Geld zu kommen. Ihre Kasse war mittlerweile bedenklich geschrumpft.
Hungrig folgte Mulders Blick einer der Bedienungen, die herrlich nach Ahornsirup duftende Waffeln und eine Kanne Kaffee zu einem ihrer Gäste trug. Erst jetzt merkten die Flüchtigen wie ausgehungert sie eigentlich waren.

Um wenig Aufsehen zu erregen, ließen sie sich an einem der Ecktische, der nicht gleich jedem Neuankömmling in die Augen stach, nieder und warteten ungeduldig darauf ihre Bestellung aufgeben zu können. Wenige Minuten später trat eine kleine und gertenschlanke Blondine auf sie zu. Enttäuscht lasen die Ex-Agenten „Claudia“ auf ihrem Namensschild.

„Guten Morgen! Was darf ich Ihnen bringen? Unser heutiges Frühstücksangebot besteht aus Waffeln mit Sirup und Kaffee. All you can eat selbstverständlich“, trällerte Claudia ihre gut eintrainierte Begrüßung herunter. Ihr Blick wechselte ständig zwischen dem Paar hin und her.

„Das hört sich hervorragend an. Ich hätte gerne die Waffeln“, beeilte sich Mulder zu sagen.

„Gerne“, strahlte die junge Frau mit glasigen Augen und machte eifrig eine Notiz auf ihrem abgerissen aussehendem Block. Dann wendete sie sich an Scully.

„Haben Sie auch schon gewählt, Ma’am?“

„Ja, ich nehme ebenfalls Kaffee und dazu Toast mit Marmelade, bitte“, bestellte Scully. Insgeheim hoffte sie darauf sich eine der Waffeln von Mulders Berg klauen zu können. Sie hatte aufgehört sich über den Fettgehalt in ihrem Essen Sorgen zu machen. Gut war, was schmeckte und sie bezweifelte, dass die eine oder andere Waffel sie vor ihren Verfolgern umbringen würde.

„Sofort. Darf es sonst noch etwas sein? Wir haben auch frische Milch und Orangensaft“, bot Claudia mit einem Zahnpastelächeln an.

„Orangensaft klingt tatsächlich gut“, befand Scully. Mulders verzogene Mundwinkel machte die Frage hinfällig, ob er auch an frischen Vitaminen interessiert war.

„Ein Mal Orangensaft bitte“, kurz hielt Dana inne. „Sagen Sie, Claudia, hat Iris heute auch Dienst?“, erkundigte sich die zierliche Frau vorsichtig. Claudia, die den Fremden nicht argwöhnte, gab ihnen bereitwillig und mit hoher Piepsstimme Auskunft, während sie auch Scullys Bestellung notierte.

„Iris kommt heute etwas später. Aber sie sollte in etwa einer halben Stunde hier sein. Sie ist meine Ablösung“, erklärte sie mit ihrer penetrant fröhlichen Art.

Mit einem betont freundlichen „Danke“, beendete Scully das Gespräch. Claudia schenkte ihren Gästen ein weiteres Lächeln und eilte dann in Richtung Küche, um ihre Bestellung dort aufzugeben.

 

Als Claudia außer Reich- und Hörweite war, verdrehte Mulder theatralisch die Augen und sackte tief in seinen Stuhl zusammen.
„Diese Frau versprüht ja reinstes Insulin. Das nenne ich einen Zuckerschock. Ich hoffe, ihre Ablösung taucht bald auf und das aus zweierlei Gründen!“, mit diesen Worten brachte er das hervor, was ihm schon seit Beginn ihrer Begegnung mit ihrer Bedienung auf der Zunge gebrannt hatte. Verwundert hob Scully eine Augenbraue in die Höhe.
„Ich bin erstaunt, dass ausgerechnet dir so etwas auffällt“, meinte sie mit einem völlig neutralen Gesichtsausdruck. Ihre Finger zupften am Rand der weißen Servierte, die auf ihrem Tisch lag.
Mulder, der seine Partnerin wie kein anderer kannte, entging der feindselige Unterton nicht, den Dana so gut zu verstecken versuchte.
„Was genau meinst du mit ausgerechnet mir?“, fragte er wage.
„Nichts“, kam die ernüchternde und nichtssagende Antwort. Unwillkürlich stieß ihr männlicher Begleiter einen Stoßseufzer aus.
„Das hier wirkt nach mehr als ‚Nichts’“, versuchte er, Scully aus der Reserve zu locken.
„Wenn du es ansprichst, dann erkläre es mir bitte auch“, versuchte er es in einem versöhnlichen Tonfall. Sein Blick suchte den seiner Freundin, doch die Servierte, an der sie fortwährend zupfte, hielt ihre gesamte Aufmerksamkeit gefangen.
„Es sollte keine Anschuldigung sein. Eher eine... eine Tatsache. Vergiss es einfach, okay“, wollte Dana das Thema beenden. Doch darauf ging Mulder nicht ein.
„Nein, ich vergesse es nicht einfach. Irgendetwas, was ich getan oder gesagt habe, hat dich aufgeregt, und ich würde gerne wissen, was es war.“ Er ließ nicht locker.
Scully, der die Frustration deutlich lesbar ins Gesicht geschrieben stand, rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Diesem Gespräch würde sie gerne ausweichen, doch dazu schien es zu spät zu sein. Mulder hatte es aufgegriffen und sich wie ein Terrier darin verbissen.

„Es ist dein gutes Recht und es lag nicht in meiner Absicht, dies zu kritisieren oder es dir anzukreiden“, gestand sie mit einem flüchtigen Blick in sein Gesicht ein, wandte sich aber, noch bevor er darauf reagieren konnte, wieder ab. So entging ihr, dass sich Mulders Gesicht zu einer ratlosen Grimasse verzog.
„Wenn du mir noch sagen könntest, wozu ich ein gutes Recht habe, S... Gillian“, versuchte er seiner ‚Frau’ weitere Einzelheiten zu entlocken. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wovon zum Teufel sie gerade sprach.
„Du hast schon immer mit anderen Frauen geflirtet, um deine Ziele zu erreichen. Ich weiß nicht, warum es mich gerade jetzt so stört“, gestand sie den wahren Grund ihres Unbehagens mit leiser Stimme ein. Endlich verstand Mulder. Seine Scully war eifersüchtig. Ein wohliges Kribbeln breitete sich in seinem Bauch aus. Er musste sich sehr beherrschen ein Lächeln, das sich auf seine Lippen legen wollte, zu verkneifen.
„Aber ich habe mit Claudia doch gar nicht geflirtet“, räumte er sanft ein. Dana, die sich durch dieses Eingeständnis nur noch unwohler zu fühlen schien, machte den Eindruck als würde sie lieber eine Wurzelbehandlung über sich ergehen lassen, als weiterhin diesem Gespräch beizuwohnen.
„Ich weiß, aber unter anderen Umständen würdest du, vielleicht wenn sie Iris heißen würde.“

All die Zweifel, die sie über die letzten Jahre verdrängt hatte, kamen wieder in ihr hoch. Sie wusste, dass sie nicht Mulders Beuteschema entsprach. Sie war klein, rothaarig – nein, jetzt brünett – und hatte verhältnismäßig kleine Brüste. An Frauen wie Diana Fowley oder Phoebe Green konnte sie sich nicht messen, das wusste sie.
„Du hast doch eben selbst gesagt, dass ich so etwas nur tue, wenn es seinen Zweck erfüllt. Glaubst du, ich bin begeistert davon gewesen, wenn andere Männer dir nachgestellt haben?“, gab er der von Selbstzweifeln zerfressenen Scully zu bedenken. Mit der Wendung dieser Unterhaltung hatte er nicht gerechnet, auch nicht mit diesem Anflug von Eifersucht, der eigentlich nur das wahre Problem unter sich verbarg; Dana war unsicher. Er fragte sich, was dieses Gefühl gerade jetzt ausgelöst hatte und ob sie schon immer so empfunden hatte. Bevor er diese Fragen verbalisieren konnte, trat die perfekt geschminkte und frisierte Claudia fröhlich zurück an ihren Tisch und platzierte vor jedem ihrer Gäste das gewünschte Frühstück. Frischer Kaffeeduft hing verlockend in der Luft.
„Ich wünsche guten Appetit!“, trällerte sie, ehe Claudia sich mit der gleichen Fröhlichkeit jemand Anderem widmete.

Schweigend tat Mulder seinen ersten Bissen. Das herrliche Aroma der heißen Waffeln vermischte sich mit dem des Ahornsirups. Es schien ihm als hätte er noch nie etwas annähernd so Köstliches gegessen. Scully dagegen betrachtete nur missmutig ihre Toastbrotscheiben, ihr Appetit schien verflogen zu sein.
„Weißt du, worin der Unterschied zwischen all diesen Frauen, die du angesprochen hast, und dir liegt?“, stellte Mulder die Frage in den Raum, deren Antwort ihr hoffentlich all ihre Zweifel nehmen würde. Dana zuckte nur mit den Schultern, blieb jedoch stumm.
„Diese Frauen habe ich nett behandelt, weil ich etwas von ihnen wollte – Informationen - sie waren einzig von beruflichem Interesse. Dich hingegen liebe ich und im Gegensatz zu ihnen habe ich bei dir keine eigennützigen Hintergedanken. Es tut mir leid, wenn dich mein Verhalten in der Vergangenheit verletzt hat. Zusammenaddiert können diese ‚Flirts’, wie du sie nennst, dir niemals das Wasser reichen, denn es gibt nur eine einzige Frau in meinem Leben. Dich.“ Diese Worte sprach er mit einer Intensität, die kaum zu übertreffen war. Ganz allmählich verschwand der neutrale Ausdruck auf Danas Gesicht und ein verlegenes Lächeln zeichnete sich ab.
„Ich weiß, dass ich dich eine lange Zeit nicht so behandelt habe wie du es verdient hättest. Aber ich habe dich immer geachtet und geschätzt. Niemand hat bisher an mich geglaubt, nicht so wie du es getan hast. Deine Freundschaft, Loyalität und Liebe bedeuten mir alles!“, vervollständigte Mulder seine Beteuerungen.
Das Lächeln, welches sich nun vollends auf Scullys Gesicht ausbreitete, strahlte mit der Sonne um die Wette. Einen kurzen Moment lang sah er Feuchtigkeit in ihren Augen aufblitzen, dann aber sammelte Dana sich.
„Wow, ich weiß gar nicht, was ich darauf noch erwidern soll“, flüsterte sie verlegen, blickte Mulder dieses Mal jedoch direkt an.
„Gar nichts, es reicht, wenn du es zur Kenntnis nimmst!“, befand Fox mit einem Funkeln in den Augen. Zärtlich griff er nach ihrer Hand, hielt sie für einen Moment, in dem sie sich nur schweigend ansahen.


„Darf es noch etwas Kaffee sein?“, unterbrach sie eine raue, weibliche Stimme.
Vor ihnen stand eine kleine und rundliche Mittvierzigerin. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Berg auf dem Kopf aufgetürmt, einzelne Strähnen hatten sich jedoch gelöst und standen wild von ihrem Kopf ab. Sie trug eine hässliche Brille mit dicken Gläsern, die durch den kräftig aufgetragenen, grünen Lidschatten noch mehr betont wurde. An dem Revers ihrer Kellnerinnenuniform trug sie ein Namensschild. Iris.

 

Kurz trafen sich die Blicke des Paares. Jeder konnte die Erleichterung deutlich lesbar in den Augen des anderen erkennen. Zum einen, weil sie sich endlich am Ziel und somit an der Quelle ihrer momentanen Probleme sahen und zum andern, weil sie somit ihr intimes Gespräch, welches nicht für fremde Ohren bestimmt war, beenden und in der Abgeschiedenheit ihres Hotelzimmers fortführen konnten. Gleichzeitig richteten sie ihr Wort an Iris.

„Ja, gerne.“ Diese lachte auf und schenkte ihren Gästen frisch aufgebrühten Kaffee nach. Kurz bevor sie Mulders und Scullys Tisch wieder verlassen konnte, richtete Mulder sein Wort an die ältere Frau. Seine Stimme war leise, er wollte nicht das Interesse der anderen Gäste wecken.

„Wir hätten dann bitte noch die Rechnung. Ach, bevor ich es vergesse, würden Sie mir bitte noch ein Schinkensandwich für später fertig machen? Eine Bekannte hat mir erzählt, Sie würden die besten Sandwichs in ganz Idaho machen.“ Schmeichelte er der Bedienung. Seine Augen glitzerten verräterisch. Iris, die ganz wie Mulder es sich ausgemalt hatte, den Köder schluckte, versicherte das gewünschte Sandwich mit der Rechnung zu bringen und erkundigte sich daraufhin interessiert, wer genau diese Bekannte sein mochte. Der Ex-Agent gab vor sich nicht mehr genau zu erinnern.

„Es ist schon eine Weile her, ich hatte es auch schon längst vergessen. Sie werden gar nicht glauben, wie überrascht ich war, als wir auf der Suche nach einem Frühstück ausgerechnet an Eddies Diner vorbeigefahren sind. Und plötzlich ist mir dieses Gespräch wieder eingefallen. Zufälle gibt es“, befand Mulder in einem lockeren Tonfall. Scully, die es ihrem Partner überließ mit Iris zu reden, widmete sich indes ihrem Kaffee. Genießerisch lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück.

„Da haben Sie Recht, junger Mann. Ich sag’s ja immer, die Welt ist klein!“ Dies war genau der Anhaltspunkt, auf den Mulder gewartet hatte.

„Sehr klein sogar, im Vergleich zu Jupiter zum Beispiel. Sie werden es nicht glauben, aber die Erde würde exakt 318 Mal in Jupiter hineinpassen. Ist das zu fassen?“, beendete der hagere Mann seine Aufführung mit einem zufriedenen Seufzer.

 

Aufmerksam beobachtete das Paar die Wirkung des Wortes Jupiter auf die Frau. Diese zeigte jedoch keine andere Reaktion außer einem leisen Auflachen und ein verneinendes Kopfschütteln. Bevor Mulder noch genauer werden konnte, wurde Iris vom Koch, der an der Durchreiche zur Küche stand, weggerufen. Irritiert sahen die Flüchtigen ihr nach. Beide fragten sich, ob sie wirklich das richtige Diner gefunden hatten. Doch es blieb ihnen nichts anders übrig, als ihr Frühstück zu beenden und sich in Geduld zu üben. Scully ließ ihren Blick durch das Lokal wandern. Auf einer Tafel fand sie in säuberlicher Schrift eine Werbung für die hausgemachten Sandwichs.

„Ich dachte schon, du hättest mit Yves wirklich über Sandwichs gesprochen“, bemerkte die brünette Frau leicht amüsiert.

„Nein, ich habe improvisiert. Ich hoffe nur, dass ich meine schauspielerischen Fähigkeiten nicht an die Falsche verschwendet habe“, gab Fox mit einem Zwinkern in den Augen zu bedenken. Dann bot er Dana ein Stück Waffel auf seiner Gabel an. Einen kurzen Moment zögerte seine Begleiterin, dann jedoch öffnete sie den Mund.

 

Ein Tropfen des Sirups blieb in Scullys Mundwinkel hängen. Ein merkwürdiges Gefühl von Deja-vu erfasste Mulder, während er den bernsteinfarbenen Tropfen mit einer Intensität musterte, die Unbehagen in Scully auslöste. Bevor sie sich verunsichert mit der Servierte über den Mund fahren konnte, stoppte ihr Partner sie sanft und beugte sich ihr entgegen. Seinem Beispiel folgend, näherte sie sich ihm ebenfalls, verringerte den Abstand bis auf wenige Zentimeter. Ihre Lippen trafen sich in einer kurzen, beinahe schüchternen Berührung. Sie hielten in diesem Moment inne, genossen das Gefühl der Wärme, die der Andere in ihnen auszulösen vermochte. Zärtlich strich Mulder Zunge über Scullys Lippen, schmeckte den Sirup, der sein ganzes Aroma in seinem Mund entfaltete. Hatte ein Kuss jemals süßer geschmeckt? Nur mit großer Überwindung beendete der bärtige Mann den Kuss und betrachtete die Frau vor ihm. Sie war leicht über den Tisch gebeugt und hatte die Augen geschlossen. Ihre Atmung ging stoßweise und ein zauberhaftes Lächeln hatte sich auf ihrem Gesicht ausgebreitet.

 

„Wäre dies nicht ein öffentlicher Ort, dann wäre ich jetzt versucht dich…“, doch weiter kam er nicht. Mit einem Lied auf den Lippen trat Iris zurück an ihren Tisch. Ob sie summte, weil sie dies generell während der Arbeit tat oder ob sie ihre Gäste vor einer peinlichen Situation bewahren wollte, vermochte das Paar nicht zu sagen.

„’Tschuldigung. Jetzt bin ich wieder für Sie da. Sie wollten die Rechnung und ein Schinkensandwich, richtig?“, erkundigte sie sich und legte ein großes, verpacktes Sandwich vor Mulder. Dann reichte sie ihm die Rechnung. Fox zählte den Betrag und ein großzügiges Trinkgeld ab. Mit einem Lächeln nahm Iris dies entgegen und bedankte sich. Bevor einer der Beiden sie wegen des Schließfaches ansprechen konnte, war die Frau schon in der Küche verschwunden. Frustriert leerte Mulder seinen Kaffee und aß die letzte Waffel. Scully schien zwischenzeitlich wieder Appetit entwickelt zu haben und leerte ebenfalls ihren Teller. Sie beschlossen erst einmal ein Hotelzimmer zu mieten und gegen Nachmittag ins Diner zurückzukehren. Zur Not mussten sie abermals Kontakt mit Yves aufnehmen. Fox ergriff sein Sandwich und gemeinsam erhoben sie sich. Scully, einem inneren Kontrollzwang folgend, ließ ihren Blick noch einmal über den Tisch gleiten.

„Mu…David!“, hinderte sie Mulder am Gehen. Dieser drehte sich zu ihr um. Auf dem Tisch lag ein kleiner, silberner Schlüssel. Vorsichtig, als wäre er ein wertvoller Schatz, steckte Dana ihn ein. Er musste unter dem Sandwich gelegen haben. Eilig verließen sie Eddies Diner.  

 

*****

Guter Dinge und mit weit ausholenden Schritten, eilte Fox Mulder den Hotelgang entlang. Sie hatten es geschafft! Sicher hatte er den Umschlag, den er dem Schließfach 211 des kleinen Bahnhofes von Portwayn entnommen hatte, in der Innentasche seiner Jacke verstaut. Er hatte es nicht gewagt den Inhalt direkt am Bahnhof zu inspizieren. Die überall angebrachten Überwachungskameras hatten ihn nervös gemacht. Auf dem schnellsten Wege war er wieder zurück zu dem kleinen Hotel gefahren, in dem er sich mit Scully eingemietet hatte. Natürlich hatte sie darauf bestanden ihn zu begleiten. Doch er hatte Dana überzeugen können, dass eine Person weit unauffälliger wäre als zwei. Schlussendlich hatte er sie mit der Aussicht auf ein heißes Schaumbad gelockt. Ein Schaumbad, dem er sich so schnell wie möglich anzuschließen gedachte. Schnell schlüpfte er in die Türe des Zimmers 319. Es war nicht groß, doch angenehm hell und vor allem sauber. Die Badezimmertüre war nur angelehnt. Heißer Wasserdampf entwich und erhöhte die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit des angrenzenden Raumes. Der süße Duft von Vanille hing in der Luft. Auf dem Weg zum Hotel hatten sie in einer kleinen Drogerie halt gemacht und einen verhältnismäßig teueren Badezusatz entstanden. Trotz Scullys vorangegangenem Protest wusste er wie sehr sie diesen Einkauf zu schätzen wusste.

„Und?“, hörte er die gedämpfte Stimme seiner Partnerin aus dem Nebenraum. „Ist alles glatt gelaufen?“ Mulder, der gerade seine Schuhe abstreifte, durchquerte das Hotelzimmer und trat ins Bad. Eine Hitzewelle schlug ihm entgegen und trieb dem müden Mann einige Schweißperlen auf die Stirn. Der Spiegel war beschlagen, ebenso schimmerte ein Feuchtigkeitsfilm auf den weißen Fliesen. Der Raum erinnerte ihn an eine Sauna. Scully saß tief in der Badewanne versunken, einzig ihr Kopf und ein schaumbedecktes Knie ragten an die Oberfläche. Sie trug die Haare hochgesteckt. Ihre Haut war vom heißen Wasser gerötet.
„Alles Bestens. Gratulation, Mrs. O’Donell. Von nun an sind Sie stolze Eigentümerin von 1A gefälschten Papieren“, noch während er sprach, fischte er den dicken Umschlag aus der Jacke. Ungeduldig riss er ihn auf und förderte ein dickes Bündel Papiere zum Vorschein.
“Man, die Jungs haben an alles gedacht“, bemerkte er bewundernd und mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. „Drei dicke Bündel Banknoten, Ausweise, Führerscheine, Geburtsurkunden, Kreditkarten, Sozialversicherungsnummern, wow, sogar eine ärztliche Zulassung für Gillian.“ Einen kurzen Moment lang verstummte er.
„Oh nein, ich bin untröstlich. Wie konnte ich unseren Hochzeitstag nur vergessen, Liebling. Kannst du mir noch einmal verzeihen?“, fragte er theatralisch.
Scullys Reaktion bestand aus einer erhobenen Augenbraue und einem ungläubigen „Wie bitte?“
„Wir hatten am 21.04. unseren fünften Hochzeitstag“, erklärte ihr Fox.
„Aber da du ihn ebenfalls vergessen hast...“, bemerkte er mit einem gespielt gekränktem Tonfall.
„Es gäbe da aber eine Möglichkeit mich dieses Versäumnis vergessen zu lassen!“ Langsam streiften seine Finger Scullys aus dem Wasser herausragendes Knie in einer federleichten Berührung. Diese hob kokett ihr Bein aus dem Wasser, bot somit ihrem Partner mehr Angriffsfläche.
„Und an eine Wiedergutmachung welcher Art denken Sie da, Mr. O’Donell?“, hauchte Dana mit einem verträumten Augenaufschlag. Die Temperatur des Raumes stieg schlagartig um mehrere Grad. Liebkosend wanderten Mulder Fingerspitzen über die ihm dargebotene nasse und seidenweiche Haut. Die Hitze und das Verlangen, welches diese Frau in ihm auszulösen vermochte, brachte sein Blut in Wallung. Mulders Atem ging stoßweise.
„Ich bin sicher, Ihnen fällt etwas Geeignetes ein, Mrs. O’Donell.“ Zu mehr als einem heiseren Flüstern schien er nicht mehr in der Lage zu sein. Nur widerwillig ließ er von Dana ab, um sich den Pullover mit samt seinem T-Shirt in einer schnellen Bewegung über den Kopf zu ziehen. Sein nackter Brustkorb hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus.
„Vielleicht hätte ich da eine Idee“, raunte Scully und erhob sich aufreizend langsam aus dem Schaummeer.

 

Grazil richtete sich die zierliche Frau auf ihre Knie auf bis das Wasser nur noch ihre Oberschenkel bedeckte. Schaumflocken verhüllten große Teile ihres schlanken Körpers, die Feuchtigkeit verlieh Danas Haut einen seidigen Schimmer. Einer hauchzarten Liebkosung gleich, glitt der Schaum ihre sanften Rundungen hinab und gab Mulders hungrigen Blicken somit mehr und mehr nackte Haut preis, die dank der Wärme eine rosige Farbe angenommen hatte. Bewundernd betrachtete der Ex-Agent seine Partnerin, die ihm vertrauensvoll und zugleich aufreizend entgegenblickte. Seine Augen folgten einem schimmernden Wassertropfen, der wie die Berührung eines Liebhabers über die preisgegebene Haut wanderte. Von ihrem zarten Hals lief er über Danas rechte Brust, liebkoste ihren flachen Bauch, nur um sich in den roten Locken zwischen ihren Schenkeln zu verlaufen. Sein Blick entflammte die junge Frau, brachte ihren Körper leicht zum Erbeben. Ein angenehmer Schauer erfasste ihren Leib, löste eine Gänsehaut aus und ließ ihre erregten Brustwarzen sich gänzlich aufrichten. Hitze schoss durch ihren Leib.

Das erregende Heben und Senken Scullys Brustkorbs riss Mulder aus seiner stummen Bewunderung und er sank auf seine Knie. Fordernd zog er die nun brünette Frau zu sich heran, presste ihren nackten und nassen Körper an seine Brust und raubte ihr mit einem innigen Kuss den Atem. Leidenschaftlich duellierten sich ihre Zungen in einem Kampf, der keinen Verlierer kannte. Mulders Arme schlossen sich um seine Partnerin. Einzig der Wannenrand, seine Jeans und Boxershorts trennten ihn von dem Gefühl von Haut auf Haut. Ein Umstand, der sich korrigieren ließ. Schnell flogen seine Finger zu dem Saum seiner Hose und mit einer fahrigen Geste streifte er die störenden Stoffe ab. Dann glitt er unter Aufspritzen des Wassers zu Dana in die Wanne. Diese zog Fox näher zu sich heran, presste ihre Brüste fest gegen seinen Brustkorb.

Unzählige Minuten lang knieten sie sich eng aneinandergepresst gegenüber, versunken in ihrem Kuss und den Gefühlen, die sie ineinander auszulösen vermochten. Forschend wanderten Mulders Hände über Scullys Rücken, hinterließen eine heiße Spur auf ihrer glühenden Haut. Die Brusthaare ihres Partners kitzelten ihre hypersensiblen Brüste, veranlassten die erregte Frau sich an Fox zu reiben. Ein tiefes Stöhnen verließ seine Kehle, gab Aufschluss wie sehr er diesen Moment genoss. Mulders erregter Penis presste sich fordernd gegen Danas Bauch, zeigte ihr, was nur sie bewirken konnte.

 

So sehr seine ungeduldige Männlichkeit Scully auch begehren mochte, seine Knie gaben auf dem harten Wannenboden ein protestierendes Krachen von sich. Ein Anflug von Humor und auch Besorgnis durchdrang den Nebel der Erregung.

„Sie werden nicht jünger, Mr. O’Donnell, zumindest macht es den Eindruck“, neckte Scully und biss liebevoll in sein Ohrläppchen. Daraufhin zog Mulder sie eng an sich und ließ sich mit ihr auf dem Schoß hinterrücks in die Wanne gleiten. Wasser schwappte über und der unerwartete Positionswechsel verleitete Scully zu einem überraschten Aufschrei.

„Schon viel Besser!“, befand Mulder während sich seine Hände auf Danas Pobacken legten und er sie so in die gewünschte Stellung schob. Zärtlich streichelten seine Finger über ihr zartes Fleisch, während seine Lippen abermals die ihren suchten. Neckend strich Mulders Zunge über ihre Lippen, forderte ihre Zunge zu einem Duell heraus. Immer leidenschaftlicher küssten sie sich und rieben gleichzeitig ihre heißen Körper aneinander, in einem stetig schneller werdenden Rhythmus. Mulder, der nicht länger fähig war, der elektrisierenden Spannung zwischen ihnen standzuhalten, griff mit einer Hand an Scullys intimste Stelle, stimulierte sie ein unerträgliches Mal mehr. Ihr Atem ging stoßweise. Verlangend presste sie ihren Unterleib gegen seine Hand und schloss die Augen.

„Jetzt, Mulder“, forderte sie mit rauer und belegter Stimme. Eine Einladung, der Mulder nur allzu gerne nachkam. Seine Hand löste sich von Dana, was diese protestierend aufstöhnen ließ. Doch besänftigte es sie, als sich seine Arme um ihre Hüfte legten und er sie sanft anhob, um sie direkt über seiner Erektion zu platzieren.

 

Willig presste sich Scully gegen ihn, ihre eigene Erlösung suchend. Seine Hände umfassten ihre schmale Taille, die er fast ganz umschließen konnte. Doch bevor die zierliche Frau auf ihn sinken konnte, drückten seine starken Arme ihren Körper von sich. Verwundert blickte ihn Dana mit offenem Mund an, nur langsam lichtete sich der Schleier der Erregung. Ein stummes „Was“ lag auf ihren, von zahlreichen Küssen geschwollenen Lippen.
„Verhütung“, ächzte Mulder, der all seine Selbstbeherrschung mobilisieren musste, um nicht mit einem Stoß in seine Partnerin einzudringen.
„Verhütung?“, brachte Scully mühsam hervor. Selbst in dieser Situation schoss eine ihrer Augenbrauen in die Höhe. Sie konnte einfach nicht glauben, was sie da hörte.
„Glaubst du nicht, dass es dafür nicht schon zu spät ist“, raunte sie mit einem Hauch Amüsement in der Stimme. Lebhafte Bilder aus der nahen Vergangenheit schossen ihr durch den Kopf. Ihre völlige Hingabe, die sie nur Mulder entgegenbringen konnte. Und bei jenem Mal in Beth McKenniths Gästezimmer hatten sie an Verhütung keinen Gedanken verschwendet. Warum auch?
„Das ist nicht nötig“, flüsterte Dana mit leicht belegter Stimme. Zwischen ihnen hingen Worte, die sie nicht auszusprechen wagte. Doch das brauchte sie nicht, Mulder verstand.
„Du meinst, eine als unfruchtbar befundene Frau kann nicht schwanger werden?“, fragte Mulder, ein feiner Funken an Hohn war nicht zu überhören. Auch wenn ihn die Vorstellung eines gemeinsamen Babys nicht kalt ließ, so waren sie momentan keinesfalls in der Lage einem Kind das zu bieten, was es gerade in den ersten Lebensmonaten benötigte. Zudem stellte eine Schwangerschaft auf der Flucht ein großes, nicht einkalkuliertes Risiko dar.
„Wie hoch stehen die Chancen für die Wiederholung eines Wunders?“, stelle Dana mit einer hilflosen Geste in den Raum. „Wir brauchen nicht zu verhüten.“
Fox zog sie in seine Arme, was das mittlerweile lauwarme Wasser an dem Badewannenrand zum Überschwappen brachte. Die angeheizte Stimme hatte sich in sanfte Melancholie verwandelt. Ihn beschlich das merkwürdige Gefühl, dass der Gedanke William verloren zu haben und niemals wieder ein Kind haben zu können, Dana mehr zusetzte als sie es sich oder ihm jemals eingestehen würde. Liebevoll küsste er Scullys weiche Lippen. Dann aber beendete er den liebevollen Kuss und sah der Frau, die er liebte, in die Augen.
“Brauchen wir nicht, oder willst du nicht?“, stellte er die Frage in den Raum, deren Antwort er bereits erahnte. Scully hob trotzig ihr Kinn an.
„Es geht nicht um brauchen, sondern um können.“ Ihre Stimme bebte leicht.

Mulder wusste nicht, wie er darauf eingehen sollte. Das Geheimnis um Williams Empfängnis war noch immer so ungelöst wie am ersten Tag. Doch wussten sie beide, dass er ihr leibliches Kind war. Er würde alles tun, um seine Scully glücklich zu machen, alles in seiner Macht stehende. In ihren Augen konnte er es erkennen. Einen Wunsch. Einen Wunsch um ein Wunder. Zärtlich schlossen sich Fox Mulders Hände um das zarte Gesicht seiner Partnerin.
„Wenn jemand ein weiteres Wunder verdient, dann du.“ Diese Worte untermauerte er mit abermaligen, hauchzarten Küssen, die sich wie die Schläge von Schmetterlingsflügeln auf Danas Lippen legten. Und mit dieser Geste warf er alle Sorgen und Ängste, die ein weiteres Kind bedeuten konnten über Bord, kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Langsam steigerte er die Intensität ihres Kusses, bis seine Zunge abermals fordernd die ihre bedrängte. Auch Scully legte ihre Passivität ab, rieb ihren überhitzten Leib feste gegen seinen. Ihre Körper nahmen den uralten Tanz zweier Liebenden wieder auf, Lippen und Zungen kosteten feuchte Haut, Hände erregten und stimulierten. Die vorangegangen Diskussion fiel von ihnen ab, machte sie empfänglich für die Zärtlichkeiten des Anderen. Energisch dirigierte ein übereifriger Mulder seine Partnerin in die richtige Position, nur um sich Sekunden später mit ihr zu vereinen. Ein Stöhnen erfüllte den Raum. Immer schneller bewegten sich ihre nassen Körper, Wasser schwappte über den Wannenrand. Auf dem Boden bildete sich bereits ein kleiner See. Hungrige Küsse raubten ihnen den Atem, trieben sie immer weiter in einen ekstatischen Liebesrausch. Unausweichlich rasten sie auf ihre Erlösung zu, den Namen des anderen auf dem Lippen.

Dann erschlafften ihre Leiber. Müde und bewegungslos sanken sie zurück in die Wanne, deren Wasser nun deutlich abgekühlt und geleert war. Schwerfällig hob Mulder eine Hand und lies sie in einer beruhigenden Bewegung über Scullys Rücken gleiten. Unter seinen Fingern und an seiner Brust spürte er ihren schnellen Herzschlag. Ein Gefühl, belebender als jeder Orgasmus.
„Wir sollten die Hoffnung nie aufgeben, Dana“, flüsterte er matt. Scully, nur noch zu einem fragenden Brummeln in der Lage, hob nicht einmal ihren Kopf.
„Ich liebe dich.“ Auch wenn diese Worte nicht die vorangegangen erklärten, so bedeuten sie doch alles. Erschöpft schlossen die Flüchtigen die Augen, tankten Kräfte, die sie noch brauchen würden.

 

*****

 

Nach einem ausgiebigen und durchaus wohlschmeckenden Frühstück in Eddies Diner, checkte das Paar aus dem Hotel aus und wenig später befanden sie sich auf einem Highway in Richtung Norden. Zu dieser frühen Stunde waren die Straßen bis auf einige, für ihr Gewicht viel zu schnell fahrende Trucks wie leergefegt. Die meisten Menschen zog es in den Süden, nicht in die kalte Ödnis Kanadas. Die Landschaft flog an ihnen vorbei, Laubbäume wurden immer seltener und schlussendlich von dichten Nadelbaumwäldern abgelöst. Je näher sie der kanadischen Grenze kamen, desto frischer wurde die Luft. Irgendwann hatte Scully schaudernd das vormals kalte Gebläse des Wagens auf eine wärmere Stufe gestellt und das Beifahrerfenster wieder hochgekurbelt. Es schien den Flüchtigen als befänden sie sich in einer in den Bergen gelegenen Wildnis. Nur der asphaltierte Highway zeugte vom Eingreifen der Menschen. Im Wageninneren herrschte Schweigen. Beide Ex-Agenten hingen ihren Gedanken nach. Gedanken über eine Zukunft in Kanada und wie genau diese wohl aussehen würde. Ab und an suchte Danas linke Hand die ihres Partners. Eine stumme Geste, die Sicherheit suchte und von der sie sich Zuversicht versprach. Scully war es als wäre der dichte Nebel, der in den letzten Tagen ihren Geist umhüllt hatte, einer klaren, alles erfassenden Sicht gewichen. Auch Mulder sah entspannter aus und wirkte um Jahre jünger.

 

Doch egal wie sehr sie das vorläufige Ende ihrer Flucht herbeisehnte, so konnte sie das beklemmende Gefühl, welches kalt und berechnend an ihr empor kroch, nicht abschütteln. Bei jeder Meile, die sie zurücklegten, krampfte sich Danas Magen nervös zusammen. So nah und doch trennte sie noch eine scharfe Pass- und Personenkontrolle von ihrer lang ersehnten Freiheit. Die Angst, so kurz vor dem Ziel noch zu scheitern, hatte die junge Frau fest im Griff und vertrieb jeden Optimismus. Verunsichert betrachtete Scully das Profil ihres Partners.

„Werden die Papiere standhalten?“ fragte sie leise und brachte das zum Ausdruck, was sie so sehr beschäftigte. Sie wusste, dass sich die Fälschungen kaum von Originalen unterschieden, doch konnte sie die Unsicherheit nicht abschütteln. Kurz drehte sich Mulder zu ihr um, dann aber richtete er den Blick wieder auf die Fahrbahn.

„Die Jungs sind… waren Profis. Yves hätte uns die Papiere nicht geschickt, wenn sie Befürchtungen gehabt hätte. Entspann dich. Wir sind einen Katzensprung von unserem neuen Leben entfernt.“ Seine Worte klangen ruhig und zuversichtlich. Gerne wollte Dana ihnen Glauben schenken. Sie dachte an die Strapazen der letzen Wochen, Ereignisse, die ihr noch immer einen Schauer über den Rücken zu jagen vermochten. Sie versuchte es Fox gleich zu tun daran zu glauben, dass sie es schaffen konnten und auch würden. Eine angespannte Körperhaltung würde die Kontrolleure an der Grenze nur unnötig alarmieren. Sie mussten ruhig bleiben, ruhig und besonnen.

Das Leben in Kanada würde nicht mit dem in DC zu vergleichen sein. Würden sie einem Leben fernab von einer Großstadt überhaupt standhalten können? Nie wieder würden sie den Beruf, den sie beide liebten und der sie untrennbar miteinander verbunden hatte, wieder ausleben können. Auch konnte sie sich nicht vorstellen jemals wieder unbekümmert sein zu können, denn insgeheim rechnete sie noch immer damit, Verfolger könnten im Rückspiegel auftauchen, ihre Flucht aus den USA noch in letzter Sekunde vereiteln. Doch die Straße hinter ihnen war frei.

 

Ein dichter Fichtenwald lag vor ihnen, ausgebreitet wie ein grüner Teppich, soweit der Horizont reichte. Irgendwo dahinter musste sich die Grenze befinden. Ihre letzte Hürde auf amerikanischem Boden. Hoch über ihnen glitt ein mächtiger Greifvogel mit weit ausgebreiteten Schwingen durch die Luft. Scully beneidete das Tier um seine Freiheit und die einfache Schönheit seiner Existenz. Geleitet von Instinkten und perfekt seiner Umgebung angepasst. Grenzen gab es nicht. Sehnsüchtig und mit einem Gefühl der Wehmut folgte Danas Blick dem majestätischen Tier, bis es in weiter Ferne zu einem winzigen Punkt geschrumpft war.

 

*****

 

„Führen Sie irgendwelche Güter mit sich, die zu verzollen sind, Sir, Ma’am?“, fragte der spindeldürre Zollbeamte gelangweilt. Deutliche sichtbare Ringe unter den Augen des mageren Mannes und sein schleichender Gang um den Saab verrieten, dass dies ein langer Tag für ihn sein musste. Nur mäßig interessiert blickte er durch die hintere Scheibe in den Innenraum des Wagens. Die Waffe ruhte unberührt in seinem Schulterholster. Sein Kollege, ein bulliger Stiernacken, hatte sich nach einem kritischen Blick auf das Paar wieder in das winzige Zollhäuschen zurückgezogen. Dem Protokoll schien dieses nachlässige Verhalten nicht zu entsprechen, doch dies kam den Flüchtenden sehr gelegen. Allmählich wich die innere Anspannung der Ex-Agenten.

„Nein, Sir“, beantwortete Scully die Frage in einem ruhigen Tonfall.

Kaum merklich nickte der Beamte. Wie sehr er das Ehepaar beneidete. Wann hatte er zum letzten Mal Urlaub fernab der Heimat gemacht? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern.

„Bitte öffnen Sie den Kofferraum, Mr. O’Donell“, forderte Patrick Delaney den dunkelhaarigen Mann auf, der sofort seiner Bitte folge leistete. David O’Donell überragte Patrick fast um einen Kopf und blieb pflichtbewusst neben dem Zollbeamten stehen, während dessen geschulte Augen den Kofferraum nach etwaiger Schmugglerware durchsuchte. Hin und wieder tastete seine knochige Hand Hohlräume der Karosserie ab, doch wie vermutet fand er nichts Verdächtiges.

„Entschuldigen Sie, Sir“, vernahm Patrick auf seiner linken Seite. Die Frau hatte ebenfalls den Wagen verlassen und warf ihm ein entschuldigendes und gleichsam wunderschönes Lächeln zu. Verlegen musterte er die Amerikanerin. Sie maß nicht sehr viel mehr als er es tat und hatte die strahendsten blauen Augen, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte. Ihr Ehemann musste ein Glückspilz sein. Ein flüchtiges Lächeln legte sich auf Patricks Lippen und mit einem angedeuteten Nicken ließ er sie wissen, dass er ganz Ohr war.

„Können Sie uns sagen, ob man hier in der Nähe gut essen kann? Wir sind schon einige Zeit unterwegs und ich bin das Tankstellenessen langsam leid.“

„Sicherlich. Etwa 80 Meilen entfernt von hier gibt es eine Tankstelle. Wenn sie dort rechts abbiegen und dem Verlauf der Landstraße etwa 10 Minuten folgen, finden Sie eine kleine Ortschaft. Wirklich klein, kaum mehr als 100 Seelen. Das zweite Haus auf der linken Seite gehört Edith McMahon. Sie vermietet einige Zimmer an Reisende, ein Geheimtipp, sozusagen. Und sie hat eine hervorragende Küche. Sagen Sie ihr, Pat Delaney schickt Sie. Ich verspreche Ihnen, so gut haben Sie schon lange nicht mehr gegessen.“ Froh darüber seine Hilfe anbieten zu können, schloss der Zollbeamte den Kofferraumdeckel mit einem leisen Klacken und reichte den Durchreisenden die Papiere zurück.

„Vielen Dank, Mr. Delaney.“

Das Paar stieg wieder ins Auto. Gerade, als der Fahrer den Wagen anlassen wollte, trat Pats Kollege zurück ins Freie. In seinen Händen ein Funkgerät, das Gesicht vor Aufregung gerötet.

„Wir haben gerade eine Meldung durchbekommen. Zwei Flüchtige, laut Zeugenaussagen, die ihren Wagen wieder erkannt zu haben meinen, bewegen sie sich Richtung Norden. Höchste Alarmbereitschaft. Sie werden als bewaffnet und gefährlich eingestuft.“

 

Diese Neuigkeit richtete die Aufmerksamkeit des zweiten Zollbeamten auf seinen Kollegen. So entgingen ihm die besorgten Blicke, welche das Ehepaar austauschte, völlig. Scullys Hände gruben sich tief in die Sitzfläche, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Mulder schluckte hart und schien innerlich eine Flucht gegen betont ruhiges Verhalten abzuwägen.

„Wir sind fertig, Mr. O’Donell.“ Delaney schien sich ihrer wieder zu entsinnen. Kurz zog er seinen Hut vor Scully. „Mrs. O’Donell. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Kanada und grüßen Sie Edith von mir.“ Mit diesen Worten waren sie entlassen. Behutsam dreht Mulder den Schlüssel im Zündschloss herum und ließ den Wagen vorsichtig auf die Straße rollen. Alles in ihm sträubte sich gegen die niedrige Geschwindigkeit, doch ein Davonrasen mit quietschenden Reifen hätte sie verdächtig gemacht. Neben ihm sank Dana tiefer in den Sitz.

„Wir haben es geschafft“, murmelte sie ungläubig.

„Wir haben es geschafft!“, verkündete Mulder bestimmt und trat nach der ersten Kurve das Gaspedal durch.

 

*****

 

Ein kalter Luftzug umspielte die zwei Menschen, die auf einem kleinen Parkplatz hinter ihrem Wagen standen. Der Wind verfing sich im Haar der Brünetten, wirbelte einige Strähnen wild umher. Die junge Frau versuchte in einem aussichtslosen Kampf die Strähnen zu bändigen. Ihr Begleiter hingegen steckte die Nase in den Wind und atmete tief durch. Dann reckte er sich, um die vom langen Autofahren steifen Glieder etwas zu lockern.

„Riechst du das?“, wollte er mit geschlossenen Augen wissen.

„Der Duft der Freiheit.“ Die Frau gab den Versuch auf ihre Haare zu ordnen und schloss ebenfalls die Augen. Ihr war es als wären ihre Sinne erst jetzt richtig erwacht. Das Rascheln des aufkommenden Sturmes in den umstehenden Bäumen wurde lauter. In weiter Ferne glaubte sie das Plätschern eines Flusslaufes oder eines unruhigen Baches zu hören. Auch die Luft schien klarer zu sein. Oder war es tatsächlich der Duft der Freiheit, den sie einatmete? Rein und wohltuend.

„Ich kann es immer noch nicht glauben.“

Bei ihrem ersten Tankstop in Kanada hatten sie erfahren, dass es sich bei den gesuchten Flüchtigen, von denen Delaney und sein Kollege gesprochen hatten, zwei vorbestrafte Männer gewesen waren, die sich nach einem schweren Raubüberfall in Kanada hatten absetzten wollen. Nicht eine Sekunde waren sie selbst Gefahr gelaufen, enttarnt zu werden. Sie beide hatten bei dieser Neuigkeit dankbare Stoßseufzer gen Himmel gesandt. Der Gedanke, am Ende ihrer Odyssee angelangt zu sein, spendete Dana Kraft und Vertrauen in die Zukunft. Mit dem Mann an ihrer Seite würde sie alles schaffen. Gemeinsam würden sie jedem aufkommenden Sturm standhalten können.

 

„Ein kleines Häuschen irgendwo“, träumte Fox und öffnete die Augen. Ein sanftes Lächeln legte sich auf seine Lippen, während er das hübsche Profil seiner Partnerin betrachtete. Langsam hoben sich ihre Mundwinkel zu einem winzigen Lächeln. Eines, welches er so sehr zu sehen liebte. Noch immer hielt sie die Augen geschlossen, doch sie hatte den liebevollen Blick Mulders nur zu deutlich gespürt und erwiderte ihn auf ihre Art.

„Im Nordwesten in einer kleinen Ortschaft wo niemand Fragen stellt. Mit einem kleinen Garten“, führte sie seine Träumerei fort.

„Wenn du willst, sogar mit einem weißen Zaun.“ Diese Beteuerung ließ Dana kurz auflachen. Sie wusste, wie sehr Mulder Scheinidyllen hasste und schätzte seine Worte umso mehr.

„Darauf können wir gerne verzichten. Aber wie wäre es mit einem Karpfenteich?“, neckte sie den Ex-Agent. Nun war es an Mulder laut aufzulachen. Diese Bemerkung ließ ihn an einen Fall denken, in dem sie under-cover als Ehepaar in einer vorstädtischen Wohnsiedlung ermitteln mussten. Bald würde er wirklich mit Dana Scully unter einem Dach leben.

„Das würde mir gefallen.“

Blinzelnd öffnete Scully ihre Augen ein Stück. Direkt über Mulder ging die Sonne hinter einer Bergspitze unter. Einem Gemälde gleich zeichnete sich der Horizont in einem leuchtenden Orangerot ab. Langsam trat sie einige Schritte nach vorn. Ganz automatisch legten sich ihre Arme um die Schultern ihres Gefährten, der ihre Umarmung nur zu gerne erwiderte. Als sich ihre Münder aufeinander zu bewegten, waren der Sonnenuntergang, der an ihnen zerrende Wind und auch das eigene kleine Haus vergessen. Endlos schien ihr Kuss anzuhalten, sanft und bestimmt zugleich. Hinter ihnen versank die Sonne hinter einem spektakulären Panorama, doch dieses Naturschauspiel ließ das Paar vollkommen kalt.

 

*****

 

Drei Monate später

Praxis von Dr. Emanuel S. Foster

Leisterville

 

„Guten Morgen, Mrs. Canton. Was macht Ihr Knie, sind die Beschwerden zurückgegangen?“

Mit diesen Worten wurde die runde Mittfünfzigerin mit den wirren, grau-braunen Locken von Doc Fosters jüngeren Kollegin empfangen, die ihr ein warmes Lächeln schenkte, welches ihre Augen heute jedoch nicht erreichte. Schwerfällig kämpfte Gabrielle Canton sich aus ihrer etwas eng sitzenden, mausgrauen Jacke und nickte atemlos, während die Ärztin die Jacke für sie an der Garderobe aufhängte.

„Schon sehr viel besser, Dr. O’Donell.“ Ganz zu Anfang war sie der jungen Frau sehr skeptisch gegenüber gewesen, wie die meisten Bewohner ihres friedlichen Heimatstädtchens. Schließlich stammt sie nicht aus Leisterville, sie war nicht einmal Kanadierin. Niemand hatte die Neuankömmlinge gerne akzeptiert und viele hatten sich zuerst geweigert sich von der Amerikanerin behandeln zu lassen. Doch in den letzten drei Monaten hatte sich Gillian O’Donell in die Herzen der Kleinstädter gestohlen und sich nahezu unentbehrlich gemacht. Sie alle wussten, wie alt Emanuel schon war und seine Augen wurden von Tag zu Tag schlechter. Die junge Ärztin legte einen erfrischenden Tatendrang und eine Unerschütterlichkeit an den Tag, die die Bewohner von Leisterville schlussendlich überzeugt hatten. Nie war die Brünette unfreundlich, sie nahm sich für jeden die Zeit, die er benötigte und war nicht nur am leiblichen Wohl ihrer Patienten interessiert. Besonders die Jugend hatte Dr. O’Donell lieben gelernt.

„Das freut mich zu hören. Dann werden wir uns Ihr Knie jetzt einmal genau ansehen. Wenn Sie bitte schon einmal vorgehen würden, ich bin in wenigen Minuten wieder bei Ihnen, Mrs. Canton.“ Lächelnd wies ihr die zierliche Ärztin den Weg in eines der kleinen Behandlungszimmer und eilte dann auf den Raum zu, der mit „Privat“ gekennzeichnet war.

Dort angekommen schloss sie die Türe lauter als nötig und ließ sich mit dem Rücken gegen das kühle Holz fallen. Durch tiefes und kontrolliertes Atmen versuchte sie, die Übelkeit und den Schwindel unter Kontrolle zu bekommen. Nur langsam tastete sie sich zur kleinen Sitznische vor, die den Ärzten und ihrer jungen Assistentin Darleen Sanders für kurze Ruhepausen zur Verfügung stand. Eine Kochnische mit Kühlschrank, einer Mikrowelle, einer Kaffeemaschine und einem Wasserspender nahm das andere Ende des Zimmers ein. Mit klammen Fingern umfasste Dana den Wasserbecher, der seit ihrer letzten kurzen Pause noch immer halbvoll auf dem Tisch stand. Kalte Angst hatte sie fest im Griff. Sie wusste, dass sie sich über kurz oder lang einer gründlichen Untersuchung und somit ihren schlimmsten Befürchtungen stellen musste. Die mögliche Diagnose ängstigte sie nicht so sehr wie Mulders etwaige Reaktion. Zu oft schon hatte sie die schmale Schwelle zwischen Leben und Sterben bereits überschritten, um sich jetzt ein weiteres Mal von ihren Sorgen geißeln zu lassen. Mulder jedoch würde sich niemals damit abfinden. Er würde schlichtweg durchdrehen. Letztendlich standen sie dieser Sache aber machtlos gegenüber.

 

Als die ersten Symptome auftraten, hatte sie anfänglich versucht diese auf den Stress ihrer Flucht zu schieben. Doch mittlerweile begnügte sich ihr medizinischer und rationaler Verstand nicht mehr mit dieser lapidaren Mutmaßung. Seit Wochen schon kämpfte sie gegen eine kontinuierliche Übelkeit an. Es fiel ihr schwer, ihre Mahlzeiten bei sich zu behalten und noch schwieriger war es Mulder vorzuspielen, alles sei in bester Ordnung. Mit der Übelkeit hatten auch die Kopfschmerzen begonnen. Und seit einigen Tagen verspürte sie von Zeit zu Zeit ein Schwindelgefühl, welches sie jedoch auf ihre reduzierten Mahlzeiten zurückführte. All diese Dinge hatten sie jedoch nicht so beunruhigt, wie das gestern neu aufgetretene Symptom.

Gestern Abend, Mulder war noch mit Samuel White, ihrem neuen Nachbarn, an den Reparaturen eines Daches der Ortschaft beschäftigt gewesen. Es war kein erfüllender Job für ihren Partner, doch es war Arbeit und nichts setzte Mulder mehr zu als untätiges Herumsitzen. Sie hatte einen leichten Gemüseauflauf gekocht, um damit vielleicht ihren nervösen Magen zu beruhigen. Während ihrer Vorbereitung das Gemüse klein zu schneiden, hatte es angefangen. Nasenbluten.

 

Benommen schüttelte Dana ihren Kopf und kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Sie hatte keine Zeit, sich Sorgen oder Gedanken um eine etwaige Diagnose zu machen. Nur eine gründliche Untersuchung würde ihr wirklich Aufschluss über ihre körperliche Verfassung geben und bevor sie diese auch nur erwägen konnte, musste sie mit Mulder sprechen. Doch bevor sie dies tun konnte, galt es ihren Arbeitstag zu meistern und Gabrielle Canton war nur ein ihrer Patienten, die ihrer Hilfe bedurften. Ihre persönlichen Probleme würde sie später zu Leibe rücken müssen.

 

*****

 

Mulder kehrte an jenem Abend erst spät in das kleines Häuschen zurück, welches sie ihr eigen nennen konnten. Die harte Arbeit im Freien hatte ihn nicht nur müde, sondern auch hungrig wie einen Bären gemacht. Schnellen Schrittes eilte er in die Küche und verlor keine Zeit damit die schweren und matschigen Arbeitsschuhe auszuziehen. An manchen Tagen, meist waren es solche, an denen in der Arzt-Praxis nicht so viel los war, kochte Scully reichhaltig für sie. Meistens jedoch begnügten sie sich damit, gemeinsam eine Kleinigkeit zuzubereiten. Heute jedoch roch es verlockend nach einer frischen und warmen Mahlzeit. Neugierig hob der Ex-Agent den Deckel vom Kopf. Eine heiße Dampfwolke schlug ihm entgegen und verbreitete den Duft von Gemüsesuppe. Auf der Anrichte fand er eine Schüssel mit bereits aufgekochten Nudeln. Kurz entschlossen angelte er sich einen Löffel aus der Schublade und probierte die heiße Brühe, welche ihm sogleich die Lippen verbrühte.

„Ich habe dich gar nicht nach Hause kommen hören.“

Mulder, der Scully nicht die Küche betreten gehört hatte, drehte sich ruckartig und mit einem ertappten Gesichtsausdruck herum.

„Wir wollten heute unbedingt mit dem Gröbsten fertig werden, morgen haben sie schon wieder Regen gemeldet… Das hier ist wirklich köstlich. Heiß, aber köstlich. Wie war dein Tag, Scully?“

Noch während er sprach, zogen seine Finger einige Nudeln aus der Schüssel, die er sich genüsslich in den Mund schob. Erst als er bemerkte, dass Dana ihm noch nicht geantwortet hatte, suchte er ihren Blick. Doch sie wich ihm aus, starrte einen Punkt in der Ferne an, den wahrscheinlich nur sie sehen konnte. Sofort waren die Nudeln und sein Hunger vergessen. Vielleicht hätte ihm schon die ausbleibende Ermahnung bezüglich seiner schmutzigen Schuhe einen Hinweis auf ihre Verfassung geben müssen.

„Scully?“ Besorgt glitt Mulders Blick über ihren schlanken Leib, doch er konnte keinen augenscheinlichen Grund für ihr Schweigen und den abwesenden Blick entdecken.

„Auch ich hatte einen langen Tag. Mir geht es gut“, brachte sie nach einem kurzen Zögern nicht gerade überzeugend über ihre Lippen. Jetzt wusste Mulder, dass definitiv etwas nicht stimmte.

„Was ist passiert?“, wollte Fox wissen und verzichte auf jegliche Umschweife. Sein Geist arbeitete bereits auf Hochtouren und durchforschte den Tag nach irgendwelchen verdächtigen Menschen, die er vielleicht fälschlicherweise als harmlos abgetan hatte.  

„Es ist nichts. Ich bin nur müde“, log Scully nicht sehr überzeugend. Dass Dana eine miserable Lügnerin war, wusste Mulder, doch ihr vehementes Ausweichen ließ seine Sorge ins Unermessliche wachsen. Beherzt umfingen seine Hände die Oberarme der brünetten Frau. Somit konnte sie seinem Blick nicht ausweichen und er meinte Angst aber auch Resignation in ihren blauen Seelenfenstern zu erkennen. Was mochte vorgefallen sein, um seine Scully so aus der Bahn zu werfen?

 

„Hat dich jemand kontaktiert?“, verlangte er eindringlich zu wissen. Danas einzige Reaktion war ein zaghaftes Kopfschütteln. Er spürte, dass sie gerade einen inneren Kampf ausfocht.

„Himmel, Dana, was ist los?“ Klang in seinen Worten wirklich ein ängstliches Zittern mit?

„Der Krebs ist zurück.“ Schlagartige Ernüchterung überkam den Ex-Agent. Ungläubig starrte er sein Gegenüber an, als habe er Probleme, das soeben Gehörte zu begreifen.

„Was?“

„Die Symptome sind eindeutig“, erläuterte Scully mit sachlicher Stimme. Mulder glaubte, sein Herz in der Brust zerspringen zu hören.

„Kreislaufbeschwerden, fortwährende Müdigkeit, Übelkeit, Nasenbluten;“, vervollständigte sie ihre Aufführung mit erschreckend ausdrucksloser Mine. Die plötzliche Hilflosigkeit, die Mulder verspürte, entfachte eine nie gekannte Wut. Sollte alles, was sie in den letzten Monaten durchlebt – nein, durchlitten hatten, umsonst gewesen sein? War es ihnen missgönnt, ein ruhiges und halbwegs glückliches Leben zu führen? Seine Rage tobte in ihm wie eine gigantische Welle, die es vermochte, alles in ihm fortzuspülen und ihn hilflos und nackt zurückließen.

„Nein, das kann nicht sein“, schrie er und presste Scully fest an sich. Heiße Tränen liefen Mulders Wangen hinab.

„Doch“, brachte Dana leise hervor. Sie hatte gewusst, dass Mulder dieses Geständnis erschüttern würde, doch sein Ausbruch riss den schützenden Wall ein, den sie in den letzten Stunden mühsam errichtet hatte. Feuchtigkeit trat in ihre Augen, die erste Träne verfing sich in ihren Wimpern, nur um Sekunden später lautlos über ihr Gesicht zu rinnen. Minuten verstrichen, in denen das Paar hilflos dem Kummer des anderen gegenüberstand. Nach einer Ewigkeit lockerte Fox seinen Griff, hielt Dana jedoch noch immer in seinen Armen gefangen.

„Wir werden nicht aufgeben. Nicht nach allem, was wir überstanden haben.“ Starke Worte, mit nackter Verzweiflung ausgesprochen. Sanft schob Mulder seine Partnerin von sich weg, blickte ihr starr in die Augen.

„Hörst du Scully. Nichts und niemand wird uns besiegen.“

„Wenn ich deine Zuversicht nur teilen könnte“, murmelte Dana und vergrub in einer verzweifelten Geste ihr Gesicht an seiner Brust. Ihre nicht versieden wollenden Tränen hinterließen einen feuchten Fleck auf seinem Pullover. Beruhigend strich Mulder der Frau in seinen Armen über den Rücken, versuchte ihr auf diese Art und Weise Kraft zu spenden.
„Vielleicht malen wir uns auch nur das schlimmstmögliche Szenario aus. Es könnte ein Virus-Infekt sein, selbst eine verschleppte Grippe könnte der Auslöser sein. Dein Körper war in den letzten Jahren vielen schädlichen Ausflüssen ausgesetzt.“ Mit diesen Worten versuchte Mulder einen Hoffnungsschimmer zu entfachen.
„Glaubst du das wirklich?“, wollte Dana in einem Anflug an Ironie wissen. Alles in ihr sträubte sich an Mulders Theorie zu glauben. Denn diesen Hoffnungsschimmer nach einer eindeutigen Diagnose verglühen zu sehen, würde sie wahrscheinlich nicht verkraften können.
„Ich möchte daran glauben.“

*****


Am nächsten Tag erschien Dana schon sehr früh in der Praxis. Um diese Uhrzeit war noch niemand dort und sie war dankbar für die momentane Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Noch fühlte sie sich der Herausforderung, Emanuel eine abgespeckte Variante ihrer Lebensumstände erzählen zu müssen, nicht gewachsen. Dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab, Zeugnis einer schlaflosen und sorgenvollen Nacht. Während sie die Lichter anschaltete, einen starken Kaffee aufsetzte und mit den täglichen Vorbereitungen begann, drifteten ihre Gedanken unweigerlich ab. Lange hatten sie und Mulder letzte Nacht eng umschlungen in ihrem Bett gelegen. Sie hatten gemeinsam geweint, dann versucht einander Trost und Hoffnung zu spenden und letztendlich bis in die frühen Morgenstunden miteinander gesprochen. Zuerst hatte sich ihr Gespräch nur um die bevorstehende Untersuchungen gedreht, doch irgendwann waren sie zu leichteren Themen übergegangen. Mulder hatte es sogar fertig gebracht, sie einige Male zum Lachen zu bringen. Ob er das ihret- oder seinetwegen getan hatte, konnte sie nicht sagen. An Schlafen jedoch hatte keiner von ihnen gedacht. Um sechs Uhr hatten sie und Fox es nicht mehr ausgehalten und waren aufgestanden. Nach einem gemeinsamen Frühstück, das zu essen sie sich zwingen musste, hatten sie sich voneinander verabschiedet. Sie wusste, dass seine Gedanken heute bei ihr sein würden. Auf sein eindringliches Bitten, sie begleiten zu dürfen, war sie nicht eingegangen. Sie wollte zuerst Gewissheit haben, bevor sie mit ihrem Partner ihre weitere Vorgehensweise besprach. Und obwohl Mulder sie nicht verstehen konnte, so hatte er letztendlich nachgegeben und ihren Wunsch respektiert.
Mit einem geübten Handgriff schaltete Dana den PC an, der mit einem lauten Surren hochfuhr. Sie überlegte angestrengt welche Informationen von Nöten waren, um Doc genügend über ihre Vergangenheit wissen zu lassen, um somit seine Geheimhaltung sicherzustellen, ohne ihn aber in Gefahr zu bringen. Sie mochte den alten Mann, der unter seiner oftmals spröden und rauen Schale einen weichen und liebenswerten Kern versteckte. Emanuel hatte das Herz am richtigen Fleck, schreckte aber nicht davor zurück die Sachen beim Namen zu nennen und er fürchtete sich auch nicht seinen Mitmenschen mit seiner Ehrlichkeit vor den Kopf zu stoßen. Sie war sich sicher, dass ihr Geheimnis bei dem alten Sonderling gut aufgehoben sein würde.

„Oh, guten Morgen Frau Doktor“, ertönte Darleens fröhliche Stimme aus dem Flur. Die junge Frau ließ sich ihre Verwunderung nicht anmerken. In der Regel war sie die Erste in der Praxis. Dr. Foster erschien erst einige Minuten nach seinem ersten Patienten. Sie hatte ihn noch nie pünktlich zur Arbeit kommen sehen. Die Bürger von Leisterville hatten sich mit dieser Marotte abgefunden und nutzten die Zeit meist für ein Schwätzchen mit Darleen. Dr. O’Donell hingegen traf immer pünktlich, jedoch nie so früh ein.
„Guten Morgen, Darleen.“ Scully rang sich ein Lächeln ab, als die Assistentin ihren Kopf kurz durch die halbgeschlossene Türe steckte. Nachdem sie einen genauen Blick auf die Ärztin geworfen hatte, huschte ein besorgter Ausdruck über ihr sommersprossiges Gesicht. Doch sie spürte, dass Gillian nicht zu einem Gespräch mit ihr aufgelegt war und verzichtete auf weitere Worte. Mit einem kurzen Nicken drehte sie sich um und begann im Nebenraum mit dem Aufräumen. Dana wusste die Diskretion der jüngeren Frau zu schätzen. Vor ihr erschienen Krankenakten auf dem Monitor. Schnell gab Scully den anfänglichen Versuch auf sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Langsam erhob sie sich und folgte der Arzthelferin.
„Darleen, würden Sie bitte Dr. Foster nach seinem Eintreffen kurz zu mir schicken.“ Die Angesprochene nickte und fragte sich insgeheim, was wohl los sein mochte. Sie kannte Dr. O’Donell weder nervös, noch hatte sie jemals der fachlichen Expertise Dr. Fosters bedurft. Dieses ungewöhnliche Verhalten beunruhigte Darleen.
„Natürlich.“ Dann eilte sie an die Rezeption, um das schrillende Telefon entgegenzunehmen.
Scully seufzt laut auf und sank müde in ihren Sessel zurück. Jetzt konnte sie nur noch auf Samuel warten.

 

„Was mag Ihnen wohl über die Leber gelaufen sein, um einen dermaßen grimmigen Ausdruck auf einem so schönen Gesicht hinterlassen zu haben?“ Mit diesen Worten trat der ältere Arzt ohne anzuklopfen in Danas Behandlungszimmer. Wie immer trug er eine viel zu weite und heute giftgrüne Cordhose, die nur von einem farbenfrohen Paar Hosenträgern gehalten wurde. Die Hornbrille mit den dicken Gläsern ruhte beinahe auf Dr. Fosters Nasenspitze und drohte jede Minute hinunter zu rutschen. Seine blassgrauen und gütigen Augen glitten aufmerksam über die junge Frau. Scully, die noch immer innerlich mit sich rang, kämpfte sich ein kleines, schüchternes Lächeln ab.
„Ich denke nicht, dass sich dies so einfach zwischen Tür und Angel erklären lässt, Emanuel“, seufzte Scully. Ihr Kollege schien kurz zu überlegen, dann nickte er Dana zu.
„Gillian, ich werde mir die kleine Dora ansehen, danach habe ich alle Zeit der Welt, einen Notfall einschieben“, bot der grauhaarige Mann wohlwollende an. Keine Sekunde schien ihm der Gedanke zu kommen, ihre Situation könne ernster sein als ein kleines, medizinisches Problem oder ein Ehekrach. Gerne würde Scully seine Unbekümmertheit teilen.
„Das würde mir sehr helfen.“ Sie hoffte, dass ihre Worte sie nicht später eine Lügnerin gestraft würden.
Die nächste halbe Stunde kümmerte sich Dana Scully zugegebenermaßen halbherzig um das körperliche Wohl Mr. Walters. Glücklicherweise benötigte der junge Mann keine schwierige medizinische Behandlung und ihr schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen. Sie ertappte sich wiederholt dabei, verstohlene Blicke auf die Uhr zu werfen. Zehn Minuten nachdem sie Mr. Walters verabschiedet hatte, steckte Emanuel abermals seinen Kopf durch die Türe.
„Jetzt gehöre ich ganz Ihnen“, scherzte er, um ihre nervöse Spannung zu lockern. Dann nahm er auf einem der Patientenstühle gegenüber des Schreibtisches platz und schaute Scully erwartungsvoll an.
„Ich danke Ihnen für Ihre Zeit“, kurz zögerte die Ex-Agentin und suchte nach den geeigneten Worten. „Es fällt mir nicht leicht, Sie in diese Geschichte hineinzuziehen, aber ich brauche Ihre Hilfe…“ Damit leitete sie ihre und Mulders Geschichte in Kurzfassung ein, die für den alten Mediziner wie pure Fiktion und somit unglaublich klingen musste.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden habe…“ Emanuel hinderte Dana mit einer einhaltenden Geste daran, ihn zu unterbrechen.
„Um ehrlich zu sein, will ich darüber auch gar nicht viel wissen.“ Bevor sich bei Scully Enttäuschung breit machen konnte, fuhr der alte Mann jedoch fort.
„Denn was ich nicht weiß, kann Ihnen und Ihrem Mann auch nicht schaden. Und obwohl mir nachgesagt wird, ein unermüdliches Schwatzmaul zu sein, so bin ich durchaus in der Lage in entscheidenden Situationen Stillschweigen zu bewahren.“

Erleichterung durchströmte die dunkelhaarige Frau. Die erste Hürde schien genommen zu sein.
„Sie werden mir also helfen?“, fragte sie deutlich bemüht, nicht allzu verzweifelt zu klingen.
„Darauf können Sie wetten!“

Nach diesem Gespräch war es Scully schwer gefallen sich auf die größeren und kleineren Wehwehchen ihrer Patienten zu konzentrieren. Aber auch dieser emotional anstrengende Arbeitstag ging zu Ende. Nachdem Darleen die Praxis verlassen hatte, blieben die beiden Ärzte zurück. Einfühlsamer als erwartet nahm Emanuel Foster seiner Kollegin Blut für ein großes Blutbild ab. Dieses würden sie mithilfe eines alten Freundes und Studienkollegen Emanuels inoffiziell und anonym einschicken. Im Moment war dies das einzige, was sie tun konnten. Ein erhöhter LDH würde vielleicht Aufschluss auf die Möglichkeit eines Tumors geben. Eine letztendliche Diagnose war jedoch nur mit einem CT möglich. Doch sie würden erst im Lauf der Woche die Möglichkeit bekommen über Docs Freund einen heimlichen Test machen zu können. Sie wollte all ihre Befürchtungen vertreiben, doch das Warten auf die Ergebnisse des ersten Tests und auf einen inoffiziellen CT-Termin ließ ein flaues Gefühl in ihrem Magen zurück. Dr. Fosters Aufmunterungsversuche waren zwar bewundernswert, doch sie trafen nur fruchtlosen Boden. Der ältere Mann schien sich eine Anomalie des Blutbildes zu erhoffen, eine leicht zu behandelnde Mangelerscheinung, jedoch keinen Gehirntumor. Sie beneidete ihn um seine optimistischen Erwartungen, konnte sie jedoch nicht teilen. Nicht einmal Mulder war in dieser zermürbenden Woche des Warten und Bangens in der Lage gewesen ihre dunklen Gedanken zu vertreiben. Sie wollte nicht sterben.

 

Doch schlimmer als die bösen Vorahnungen und das untätige Herumsitzen war die unwirkliche Spannung, die zwischen dem Paar entstand. Mulder, der sich hilfloser denn je fühlte, konnte Scullys stoische Ruhe nicht verstehen, wo er doch selbst kurz davor war die Wände hochzugehen. In seinen Augen taten sie zu wenig, auch wenn er tief in seinem Innersten wusste wie eingeschränkt ihre Mittel in dieser Lage waren. Noch einigen ergebnislosen Versuchen Scullys Kampfgeist zu entfachen, gab er schließlich auf und mied dieses Thema. Gerne wäre seine ehemalige Partnerin ihm entgegengekommen, doch konnte sie nicht die geeigneten Worte finden und so schwieg sie. Beide erhofften und fürchteten den Moment der Gewissheit gleichermaßen. Danas Beschwerden hatten sich weder verschlimmert, noch waren sie zurückgegangen.
Der verhängnisvolle Anruf kam am späten Donnerstagabend. Scully selbst war ans Telefon gegangen. Noch bevor ein besorgter Mulder sie dazu bringen konnte, den Apparat auf Lautsprecher umzustellen, hatte diese den Hörer wieder aufgelegt und blickte ihr Gegenüber mit einem ernsten Gesichtsaudruck an.
„Emanuel hat die ersten Ergebnisse“, verkündete sie tonlos. Irgendetwas tief in Fox Mulders Innerstem erbebte. Nervös fuhr er mit einer rechten Hand über die Stirn, auf der sich bereits erste Schweißtropfen bildeten. Angstschweiß.
„Er hat noch nichts Spezifisches gesagt?“, mutmaßte er vorsichtig. Dana schüttelte den Kopf.
„Nein“, kurz überlegte sie, ob sie den Eindruck, den sie von dem Arzt am anderen Ende der Leitung bekommen hatte, richtig gedeutet hatte.
„Er klang nicht beunruhigt.“ Schon oft hatte Dr. Foster seinen Patienten Hiobsbotschaften überbringen müssen und obwohl sie den Mann noch nicht sehr lange kannte, so wusste sie, dass er in ernsten Momenten die nötige Anteilnahme aufzubringen vermochte. Oder hatte er seine Sorge nur verschleiert? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen.
„Ich fürchte, dies ist unser Moment der Wahrheit.“ Mit diesen leise ausgesprochenen Worten trat Fox an die Garderobe und hängte ihre Jacken ab. Während er auf Scully wartete, zog er sich seine Schuhe an und schlüpfte in die Lederjacke. Wenig später half er Dana in ihren kurzen Mantel. Ein neutraler Gesichtsausdruck maskierte ihre wahren Empfindungen, während sich seine Besorgnis deutlich sichtbar in seinen haselnussbraunen Augen spiegelte. Es war nur ein kurzer Weg bis zur Praxis. Keine Sekunde lösten sich ihre Hände voneinander.

Der alte Emanuel wartete schon auf sie. Vielleicht zum ersten Mal im Leben traf er früher ein als seine Patienten.
„Ich habe gerade Tee gekocht. Gehen Sie schon mal in mein Zimmer, ich komme sofort nach“, begrüßte er das Paar freundlich. Sie hatte Recht gehabt, er zeigte keinerlei Zeichen von Besorgnis.
Dicht nebeneinander nahmen sie vor dem gigantischen Schreibtisch platz, Danas Hand ruhte in Mulders. Ein großer Teil ihrer Anspannung schien bereits gewichen sein.
„So, ich hoffe, Sie mögen grünen Tee. Wenn nicht, sollten Sie sich schon einmal daran gewöhnen“, warf Doc zwinkernd in Scullys Richtung. Diese zog irritiert eine Augenbraue in die Höhe, nickte jedoch nur kurz, bevor Dr. Foster ihre Tassen füllte.
Nachdem er allen eingeschenkt hatte, schritt der ältere Mann scheinbar in Gedanken versunken um den Schreibtisch und ließ sich leise seufzend in seinen breiten Sessel fallen.
„Wie Sie wissen, rede ich nicht gerne um den heißen Brei herum. Das ist nicht meine Art.“ Verschwörerisch zwinkerte er seinen Gegenübern zu.
„Gillian, medizinisch gesehen fehlt Ihnen nichts.“ Bevor Mulder ihn unterbrechen konnte, hob Emanuel beschwichtigend seine Hand.
„Natürlich gibt es einen Grund für ihre Beschwerden. In Anlehnung an Ihre Vorgeschichte sind sie gleich auf die Vermutung angesprungen, der Krebs könne wieder zurück sein. Doch die nahe liegenste Erklärung haben Sie nicht einmal in Betracht gezogen.“ Er machte eine dramatische Pause, um die Spannung zu steigern, dann fuhr er in einem feierlichen Tonfall fort.
„Herzlichen Glückwunsch Mrs. und Mr. O’Donell, Sie erwarten ein Baby.“ Zwei Paar in Unglauben geweitete Augen starrten den Mann an.
„Aber das Nasenbluten…“, brachte David mühsam hervor, während Gillians Hand unweigerlich auf ihren Bauch glitt.
„Durch die Schwangerschaft werden die Schleimhäute besser durchblutet, daher kommt es auch viel schneller zu Nasenbluten“, erklärte Scully in einer monotonen Stimme, während ihre Gedanken sich überschlugen. Ein Baby!

 

*****

 

Den einfachen, weißen Briefumschlag fest in der behandschuhten Hand, trat Dana Scully auf den Briefkasten zu, Fox an ihrer Seite. Mulders rechte Hand ruhte in einer beschützenden und gleichsam Besitzsprüche anzeigenden Geste an ihrem unteren Rücken. Sie beide empfanden eine seltsam zufriedene und befreiende Erleichterung. Ein letztes Mal betrachtete Dana kritisch die von Doc fein säuberlich geschriebene Adresse auf dem Umschlag. Die vertrauten Worte riefen eine wehmütige Melancholie in der werdenden Mutter hervor. Vorsichtig legten sich Fox Mulders Finger um ihren Arm und übten einen leichten Druck aus. Wortlos ließ er sie wissen, dass er verstand und ebenfalls in diesem Augenblick ihre verlorene Vergangenheit betrauerte. Sie hatten sich gemeinsam für diesen Schritt entschieden, waren sich der Gefahr, in die sie sich und die Empfängerin ihrer Post bringen würden, bewusst. Mit einem kleinen und traurigen Lächeln blickte sie den neben sich stehenden Mann an. Dieser nickte kaum merklich. Auch seine Augen flogen über den kleinen Umschlag, dessen Absender selbstverständlich fehlte. Eine kleine blaue Briefmarke, die aufzutreiben ihn einige Arbeit beschert hatte, war bereits angebracht. Moby Dick war ihr Motiv. Gemeinsam folgten ihre Blicke Danas Hand, bis die Nachricht im Briefkasten verschwunden war. Einige Minuten standen sie schweigend auf dem Bürgersteig, ihre Gedanken galten der Frau, der dieses Lebenszeichen hoffentlich ihren Seelenfrieden schenken würde. Nur unwillig hob Scully ihren Blick und betrachtete Mulders Profil.

„Die Vergangenheit mussten wir hinter uns lassen, aber die Zukunft gehört uns.“ Als Antwort griff Fox nach ihrer Hand und zusammen machten sie sich auf den Weg zurück zu ihrem kleinen Häuschen. Ihrem Zuhause.

„Solange unsere Zukunft nicht Fox jr. heißen muss, bin ich bereit für alles, was noch kommen wird“, scherzte der schlaksige Mann und kickte dabei ein kleines Steinchen aus dem Weg.

„Es wird ein Mädchen“, verkündete Dana mit einer Sicherheit, die Mulder nicht zu bezweifeln wagte. Er wusste, dass das Geschlecht ihres Kindes auf dem Ultraschall noch nicht zu erkennen gewesen war. Doch er würde sich hüten den siebten Sinn einer werdenden Mutter zu hinterfragen.

„Ein Mädchen also. Das gefällt mir. Hast du dir schon über einen Namen Gedanken gemacht?“, wollte er wissen, obwohl er sich sicher war die Antwort bereits zu kennen.

„Ja, das habe ich.“ Einen Moment schwieg Scully, um die Spannung noch ein wenig zu steigern. Kurz drückte sie seine Hand, bevor sie fortfuhr.

„Vielleicht Hope?!“

 

The End

 

 

Ihr fragt euch, was für einen Brief unsere Lieblingsagenten wohl eingeworfen haben? Eine Antwort darauf findet ihr in einer meiner Fanfiction: „C’est la vie“

http://www.spiritofx.com/ff/sonstiges/Sonstige/cestlavie.html

 

Bemerkung der Autorin:

Diese Geschichte möchte ich noch gerne meiner Oma Martha widmen, die leider im November 05 gestorben ist.