Disclaimer: Die Charaktere Fox Mulder und Dana Scully gehören leider
nicht mir, sondern Chris Carter und 1013 Productions.
Hope never dies!
RETTEST DU AUCH NUR EINEN MENSCHEN,
SO RETTEST DU DIE GANZE WELT!
Nordirland / Belfast
Der Mann lag keuchend und mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden. Er
hatte sich hier im ersten Stock dieses Hauses in einem Raum geflüchtet.
Die früheren Besitzer mussten es in aller Eile verlassen haben. Umgeworfene
Stühle, Teller und Gläser, die noch auf dem Tisch standen - und
vieles mehr -, zeugten von diesem Umstand. Aber jetzt war alles mit einer
dicken Schicht Staub bedeckt, den der Mann bei jeder seiner Bemühungen,
sich aufzurichten, unweigerlich aufwirbelte. Schließlich hatte er
es doch geschafft und kauerte nun, den Kopf an die Wand gedrückt,
schwitzend und um Atem ringend, in einer Ecke des Zimmers.
‚Was ist nur geschehen? Wie konnte das alles nur passieren?‘, fragte
er sich verwirrt!
Dabei hat alles völlig harmlos angefangen. Er war auf Anweisung
seines Vorgesetzten vor einer Woche hierher gekommen, um an einer Tagung
über Auslandsterrorismus teilzunehmen, als er dabei seinen alten Schulfreund
John Sinclair getroffen hatte...
***
Er hatte mit John in Oxford studiert. Nach der Tagung trafen sie sich
immer wieder in einem nahegelegenen Pub, um über die guten alten Zeiten
zu plaudern, über berufliche und private Neuigkeiten und vieles mehr.
Zu guter Letzt kamen sie auf ein Thema, das hier in Nordirland nur allgegenwärtig
war: Der offen geführte Konflikt zwischen Katholiken, Protestanten
und der englischen Regierung. John war Katholik, und wann immer es die
Zeit erlaubte, war er neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit beim
Scotland Yard als Kriminalpsychologe hier in diesem Viertel als ehrenamtlicher
Seelsorger unterwegs. John versuchte, seinem Gegenüber die allgemeine
Situation hier klar zu machen und machte dabei keinen Hehl daraus, dass
er der Sinn Fein Partei angehörte, die augenscheinlich mit der IRA
sympathisierte. Der andere Mann konnte mit all dem nichts anfangen, da
er selbst konfessionslos war und sein Glaube in eine ganz andere Richtung
ging. Dennoch ließ er sich von seinem Schulfreund überreden,
an einer Versammlung des Viertels teilzunehmen, um sich auch die praktische
Umsetzung dessen anzusehen, was John im vorher zu erklären versucht
hatte. Das es sich dabei aber um verbotene Zusammenkünfte handelte,
verschwieg er ihm...
Es passierte, als sie in die Straße einbogen, an deren unteren
rechten Ende der Treffpunkt der Versammlung war. Plötzlich wurden
von dort Schreie laut, deren Echo sich über die Häuserfassaden
zu ihnen fortpflanzte. Sie hatten nun schon den halben Weg dorthin zurückgelegt
und konnten gerade soviel sehen, wie Leute in Panik auseinander liefen.
John packte einen Mann, der gerade von dort unten herauf gelaufen kam,
am Arm, riss ihn herum und herrschte ihn an. „Was ist dort unten los? Was
ist passiert?“
„Die englische Polizei!“, presste der Mann keuchend hervor. „Sie wussten
es! Verstehst du, Mann?! Sie wussten es! Jemand hat uns verraten!“
Der Mann riss sich los und rannte weiter. John Sinclair deutete seinem
Schulfreund an, ihm zu folgen, und beide hasteten die Straße hinunter.
Sie blieben abrupt stehen, als ihnen immer mehr Leute entgegenliefen, und
mit Entsetzten musste John nun sehen, wovon der Mann vorhin gesprochen
hatte: Ein Verband der englischen Polizei hatte sich am unteren Ende formiert.
Hinter ihnen sicherten noch drei kleine Schützenpanzer die Einmündung
der Straße. In dieser Richtung gab es kein Entrinnen. Sie drehten
um und folgten den Strom der Flüchtenden zum oberen Ende der Straße,
doch auch hier versperrten bereits drei Panzer den Weg. Weitere Einheiten
der Polizei drängten sich an den Panzern vorbei nach vorne. Nun eskalierte
die Lage völlig! Plötzlich flogen Ziegelsteine und Molotoffcocktails
durch die Luft, woraufhin die Polizei gezielt Wasserwerfer als Gegenmaßnahme
einsetzte. Das Zischen des Wassers vermischte sich mit dem wütenden
Gebrüll der Leute, die ihre hasserfüllten Parolen über die
englische Regierung der Polizeikolonne entgegen schrieen.
Und dann fielen die ersten Schüsse. Niemand konnte genau sagen,
woher oder von wem sie kamen, aber sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Einige
Männer der Untergrundbewegung zogen in Panik ihre Waffen und feuerten
auf die Polizeiformation, die nun auch von ihren Schusswaffen Gebrauch
machten. Geschockt und verwirrt liefen die Leute hin und her... dazwischen
das Geschrei von Verletzten, das Weinen eines Kindes nach seiner Mutter,
das Fallen von toten Körpern auf die harten, kalten Pflastersteine...
und dann wieder das Donnern der schweren MG-Salven, die alles andere übertönten.
John und sein Schulfreund hatten längst ihre Dienstwaffen und Ausweise
gezogen und waren damit auf den Weg nach vorne.
Sie hatten es beinahe geschafft, als der Mann an Johns Seite einen
ungeheuren Schlag in seinen Magen spürte, der in zwei Meter zurück
auf die Straße schleuderte. Benommen versuchte er wieder aufzustehen,
doch ein stechende Schmerz auf seiner linken Seite ließ ihn wieder
zusammensacken. Er sah an sich herunter und bemerkte einen dunkelroten
Fleck auf seinem Hemd, der schnell größer wurde. „Verdammt,
auch das noch“, presste er hervor. Er musste von hier verschwinden. Sich
in eines dieser Häuser retten! Er legte seine Hand auf die blutende
Stelle und drehte sich auf die Seite. Alles um ihm herum schien sich zu
drehen, das Geschrei der Leute, die Schüsse, die Menschen, die über
ihn hinweg sprangen, das alles vermischte sich zu einem einzigen, abstrakten
Bild. Er stieß gegen einen Körper, und als er sich ein wenig
aufrichtete und den Mann ins Gesicht sah, starrte er in die weit aufgerissenen
toten Augen von John Sinclair.
***
Schließlich hatte er es doch in dieses Haus geschafft, wo er nun hier fast wahnsinnig vor Schmerzen an dieser Wand kauerte um hier das Schlimmste abzuwarten, oder auf das Schlimmste zu hoffen. Er hatte eine Menge Blut verloren und er spürte schon den Schatten des Todes, der unweigerlich näher rückte. Warum hatte er sich von John nur breitschlagen lassen? Warum um alles in der Welt war er nur mitgekommen?
Er konnte dem Ganzen sogar eine Art Ironie des Schicksals abgewinnen,
aber sein Gesicht wurde schlagartig wieder ernst, als er an sie denken
musste. Sie, die in dieser prekären Lage jetzt nicht bei ihm war,
sondern tausend Meilen entfernt in einem anderen Land ihren Dienst an der
Gerechtigkeit versah. Wie sehr hätte er sie in diesem Moment gebraucht.
Sie hätte jetzt sicher gewusst, was zu tun war...
Dabei hätte er alles so schön geplant. In drei Tagen
hatten sie ihren Jahrestag, und er hatte aus diesem freudigen Anlass ein
Geschenk gekauft, das noch immer in seiner Tasche ruhte. Mit letzter
Kraft griff er danach und holte ein kleines Etui hervor. Er öffnete
es und nahm zitternd einen Ring heraus. Er betrachtete ihn voller Schwermut.
Er war als Zeichen seiner großen Liebe zu ihr gedacht, aber nun...
nun würde dieser Ring diesen Raum wahrscheinlich nicht mehr verlassen
und nie den Weg an ihre Hand finden. Er würde nie diesen prickelnden
Moment erleben, wenn sie den Ring überstreifte... und nie das märchenhafte
Lächeln und den warmen Glanz in ihren Augen sehen, wenn dieser erhebende
Moment sich in ihrem Gesicht widerspiegelte...
Seine blutverschmierten Finger schlossen sich krampfhaft um den Ring
zu einer Faust, und er legte sie auf seine Brust. Er schloss die Augen
und dachte noch einmal an sie. An ihre wunderbare, unverwechselbare Persönlichkeit,
an ihr temperamentvolles, eigensinniges Wesen, an ihre Schönheit -
aber vor Allem an ihr Lächeln, das sie viel zu selten zeigte, aber
das für ihn zum Schönsten der Welt gehörte. Etwas in ihm
begehrte auf. Er durfte sich jetzt nicht aufgeben. Er musste weiterleben.
Für sie.
Er spürte, wie eine Träne über seine staubverschmierte
Wange hinunter zum Kinn lief. Er sah ihr nach, wie sie nach unten fiel
in den Staub und sich mit ihm vermengte. In diesem Moment verließen
ihn seine Kräfte und er sackte in sich zusammen. Er hatte nicht mehr
die Kraft, die Augen zu öffnen, aber er spürte, wie seine Hand
nach unten fiel, sich langsam auftat und den Ring frei gab. Er hörte,
wie er zu Boden fiel - ein lautes “Klack“, das in seinen Ohren widerhallte
wie ein Donnerschlag. Er hörte das Dahinrollen... über den harten
Steinboden... ein paar Sekunden nur... für ihn eine Ewigkeit... und
schließlich dieses unvermeidlich letzte Geräusch... als der
Ring scheppernd in sich zusammenfiel.
Ein Laut, der gleichbedeutend war mit seinem letzten Atemzug auf dieser
Welt...
Ein Laut, mit dem sein Geist und seine Seele zerbrachen.
Ein Laut, mit dem die Liebe zweier Menschen zerbrach... in tausend
und abertausend Scherben der Unglücksseligkeit.
Als Minuten später ein Mann den Raum betrat, war darin jegliches
Leben erloschen. Der Mann ging auf den leblosen Körper zu und sah
ihn lange und mitfühlend an. Als sein Blick auf den Ring fiel, kniete
er seufzend nieder, hob ihn auf und drehte ihn langsam in seinen Fingern...
und sah die Gravur auf der Innenseite, die er leise aussprach:
„Für Dana - In ewiger Liebe, Fox...“
* * *
Mulder schreckte mit einem erstickenden Schrei hoch und sah sich verwirrt
um. Er brauchte einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt
und sich seine Sinne soweit gefangen hatten, damit er wusste, wo er war.
Mit unsagbarer Erleichterung stellte er fest, dass er sich in seinem Hotelzimmer
im Bett befand, und nicht tot auf einem kalten verstaubten Steinboden lag.
Es war alles nur ein Traum gewesen, ein verdammter, beschissener Alptraum.
Aber was hatte es damit auf sich? Langsam stieg er aus dem Bett und ging
nervös im Zimmer auf und ab. Ein Teil des Traumes war durchaus Realität.
Er war tatsächlich hier, um an einem Symposium über Auslandsterrorismus
teilzunehmen, und er hatte auch dabei einen alten Schulfreund wieder getroffen,
aber der hieß keineswegs Sinclair und hatte auch sonst keinerlei
Gemeinsamkeiten mit dem Mann in seinem Traum. Und doch war da noch etwas!
Der Ring! Mulder öffnete eine Schublade unter dem Schreibtisch und
nahm ein kleines Samtkästchen heraus. Er öffnete es vorsichtig
und betrachtete den Ring. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er ging
zum Fenster und blickte nachdenklich hinaus. Sein Zimmer lag ziemlich hoch
oben, und so hatte er einen phantastischen Ausblick über halb Belfast.
Es war vier Uhr morgens und die Dunkelheit herrschte noch über das
Land. Ein leichter Nebelschleier kroch langsam vom Hafen herauf und legte
sich schützend über Teile der Stadt. Mulder dachte an die übrigen
Einzelheiten in seinem Traum. Er sah auf die Häuserschluchten hinunter
und fragte sich unwillkürlich, ob es dort unten wohl irgendwo
eine Straße gab, wie die in seinem Traum. Das Läuten des Telefons
riss ihn aus seinen Überlegungen. Er ging zum Bett und nahm den Hörer
ab. „Mulder?“
„Hey, Mulder, hier spricht deine Lieblingsagentin.“
Ein freudiger Ausdruck erschien auf Mulders Gesicht.
„Hey, Scully, schön, dass du anrufst. Wie geht’s dir?“
„Ausgezeichnet, Mulder. Ich sitze jetzt gerade in einem Flugzeug und
bin auf den Weg nach Dublin.“
„Du bist wo?“ Mulder konnte es nicht fassen.
Scully musste lachen. „Du hast mich schon richtig verstanden! Ich bin
auf den Weg zu dir!“
„Aber warum? Ist etwas passiert?“, fragte Mulder noch immer etwas perplex.
„Nein, nein“, beruhigte sie ihn. „Es ist nur, dass bei uns im Büro
im Moment nicht viel los ist und Skinner der Meinung war, ich sollte einfach
ein paar Tage frei nehmen und sehen, wie es meinem paranoiden Partner geht.
Ihm ist nämlich gar nicht wohl bei dem Gedanken, dich allein in diesem
Land zu wissen. Er ist der Ansicht, dass du Schwierigkeiten magisch anziehst
und sicher schon wieder in irgendeinen Schlamassel steckst. Dem ist doch
nicht so, oder?“
„Weißt du Scully, ich ähm... also....“ Mulder wusste nicht
so recht, was er antworten sollte.
„Mulder?“
„Nein es ist soweit alles in Ordnung Scully...“
Sie war sich da nicht so sicher. „Na wie dem auch sei, jedenfalls hat
mir Skinner aufgetragen, ich soll ein wenig auf dich aufpassen und sobald
wie möglich dein Hinterteil wieder wohlbehalten zurück nach Washington
schleifen. Im Stillen habe ich mir natürlich gedacht, dass dein Hinterteil
viel zu schade ist für solch eine brutale Aktion, und was erst dein
Vorderteil betrifft, also ich...“
„Dana, ich bin schockiert!“, fiel ihr Mulder lachend ins Wort. „Du
hast es ja faustdick hinter den Ohren!“
„Nicht nur dort, Mulder, nicht nur dort!“
„Also, bevor meine Phantasie jetzt überkocht, werde ich jetzt
lieber auflegen.“
Er erkundigte sich noch nach der Ankunftszeit des Flugzeuges, dann
beendeten sie ihr Gespräch. Mulder betrachtete wieder den Ring. Fast
ein Jahr war jetzt vergangen, seit damals. Eine Zeit, an die er sich nur
schwer erinnern wollte... eine Zeit, in der er durch die Hölle gegangen
war. Er war damals an einem Punkt angelangt, an dem abgrundtiefe Verzweiflung
und Hoffnungslosigkeit sein Leben geprägt hatten, und er mehr als
einmal bereit dazu gewesen war, aufzugeben, wenn es nicht um sie gegangen
wäre. Und dann, als er es fast nicht mehr für möglich gehalten
hatte, war dieses Leben doch wieder der beste Lehrmeister gewesen und er
hatte bekommen, was er sich am Sehnlichsten gewünscht hatte: Scully...
und ihre Liebe.
Tja, und seitdem waren sie ein Paar. Er war jetzt viel ruhiger geworden,
selbstsicherer und reifer. Er wuchs mit der Beziehung, mit jeder Minute
und jeder Sekunde, und er wusste genau, was er an Dana hatte. Er brauchte
sie, wie sie ihn brauchte. Es war eine wahrhaft symbiotische Beziehung.
Er klappte das Etui mit dem Ring zusammen und verstaute es wieder in
der Schublade. Seine Gedanken kehrten wieder zu seinem Traum zurück.
Es gab vielleicht doch eine Möglichkeit, etwas Licht in die Angelegenheit
zu bringen. Er wählte die Vermittlung und ließ sich die Nummer
des hiesigen Einwohnermeldeamtes geben. Das Ergebnis des Anrufes überraschte
Mulder etwas. Es waren zwanzig Sinclairs gemeldet, aber nur einer mit dem
Vornamen John. Von dem war nur das Geburtsjahr, der Geburtsort und seine
Adresse bekannt. Weitere Informationen waren behördlich gesperrt.
Er könne sich aber für weitere Fragen an dessen Sohn wenden,
der in einer Zweigstelle des Scotland Yard in Dublin arbeitete. Mulder
ließ sich noch die genaue Adresse dort geben und legte auf. Nachdenklich
trommelte er mit den Fingern auf den Telefonhörer. Das Ganze kam ihm
gar nicht so ungelegen. Er musste sowieso nach Dublin, um Dana abzuholen.
Da konnte er doch vorher bei dieser Adresse vorbeischauen. Ganz unverbindlich
natürlich. Dana würde ihm den Kopf abreißen, wenn sie wüsste,
was er vorhatte!
‚Ach was‘, dachte er, ‚was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß,
aber‘, ... seine Gedanken schweiften nun etwas in eine andere Richtung
ab, und er musste schelmisch grinsen‚ aber er wusste sehr wohl etwas anderes,
was sie heiß machte!
Mulder ging duschen.
Dublin, Zweigstelle des Scotland Yard
11 Uhr vormittags
Mulder saß in einem kleinen Vorraum, dennoch konnte er das hektische
Treiben der Angestellten durch zahlreiche Fensterscheiben gut beobachten.
Es war ein ständiges Hin und Her, wie er es nur zu gut von den Dienststellen
in den Staaten her kannte. Insgeheim fragte er sich wieder, was er hier
eigentlich sollte. Was sollte er überhaupt sagen? Dass er auf Grund
eines Traumes hier war... oder war es eine Art Vorahnung, die ihn
hier her geführt hatte?
„Mr. Mulder?“
Er sah in Richtung der Sekretärin auf. „Sie können jetzt
reingehen.“ Mulder stand auf, nickte der Dame kurz zu und ging auf eine
Türe zu, auf der ein Messingschild angebracht war, auf dem zu lesen
war: “John Sinclair, Seargent“.
Er klopfte kurz, dann trat er ein. John Sinclair, der offenbar in einen
Akt vertieft war, sah nicht auf, als er hereinkam. Mulder kam etwas näher
und musterte den Mann und dessen Umgebung. Sinclair war ein gutaussehender
Mann, so etwa in Mulders Alter, muskulös und gut gekleidet. Sein guter
Geschmack für Kleidung dürfte sich auch auf das Büro übertragen
haben. Seine Augen glitten über die alte stilvolle Einrichtung hin
zu einer Wand, an der einige Diplome und Auszeichnungen hingen. Das Tageslicht,
das durch zwei Fenster in das Zimmer flutete, machten den Raum hell und
freundlich. Also, gegen dieses Büro war seines wirklich nur eine Rumpelkammer!
„Also, Mr. Mulder, was kann ich...“ Der Mann sah jetzt auf und
sein Mund blieb vor Erstaunen offen stehen. Er starrte Mulder verdutzt
an und brachte plötzlich kein Wort mehr heraus. Sinclair stand langsam
auf, seine Augen noch immer starr auf Mulder gerichtet. Jegliche Farbe
war aus seinem Gesicht gewichen. Er konnte es nicht fassen.
„Garry... bist du das?“, krächzte er hervor.
„Äh, ... wie bitte?!?“ Mulder, dem etwas mulmig zu Mute war, stieg
nervös von einem Fuß auf den anderen.
John Sinclair, der ihn immer noch ansah wie ein Gespenst, bekam langsam
seine Fassung und seine Stimme zurück. „Ähm... ich bitte um Entschuldigung,
Mr. Mulder“, begann er leise, „aber es... es ist verrückt! Diese Ähnlichkeit...
ist verrückt. Sie gleichen jemanden aus meiner Vergangenheit fast
bis aufs Haar. Und als Sie hier so vor mir standen, also da... da dachte
ich wirklich für einen Augenblick... dieser Jemand von damals würde
vor mir stehen, nur eben etwas älter.“
Mulder, der inzwischen einer Aufforderung Sinclairs nachgekommen war
und Platz genommen hatte, wirkte jetzt doch etwas unruhig. Die ganze Sache
wurde immer mysteriöser. Oder war alles nur ein dummer Zufall?
Na ja, vielleicht konnte er neben J. Sinclair Senior auch etwas über
diesen ominösen Garry in Erfahrung bringen!
„Ich bin hier“, begann er langsam, „um Informationen über Ihren
Vater einzuholen...“
Sinclair, dem Mulders Anliegen ganz und gar nicht gefiel, sah ihn mit
zusammengekniffenen Augen an. „Warum wollen Sie etwas über meinem
Vater wissen? Die Akte liegt unter Verschluss. Die Daten sind nicht frei
zugänglich. Nur ich kenne alle Informationen, und ich habe nicht vor,
Ihnen oder sonst jemanden davon zu erzählen!“
Mulder seufzte leise. „Sir, ich weiß, ich kann Sie nicht zwingen,
mir zu helfen, oder mir einfach zu glauben, dass ich diese Daten für
eine rein persönliche Nachforschung brauche und nicht damit an die
Öffentlichkeit gehe, aber... es ist einfach wichtig für mich,
diese Informationen zu bekommen...“
Sinclair, der noch immer ziemlich bleich und mitgenommen wirkte, sah
Mulder lange und nachdenklich an.
„Also gut, Mr. Mulder“, sagte er schließlich, „es ist zwar sonst
nicht meine Art und ich weiß auch nicht, ob es richtig ist, aber
irgend etwas sagt mir, dass ich Ihnen vertrauen kann.“
Mulder nickte kurz anerkennend.
„Nun gut. - Hören Sie genau zu! Ich werde mich nicht wiederholen...
Es war der 20. Juni 1975. Es war der Tag, an dem das Streben Nordirlands,
nach politischer, wirtschaftlicher und sozialer Unabhängigkeit, einen
schmerzlichen Rückschritt erfuhr. Der Tag, der für dieses Land
der Neubeginn einer langen blutigen Fehde war, weil Hass und Gewalt über
Vernunft und Einsicht siegte. Es war der Tag, an dem ich meinem 10. Geburtstag
beging... und es war auch der Tag, an dem mein Vater starb und Garry verschwand.
Garry war für mich etwas wie der große Bruder, den ich nie hatte,
und für meinen Vater so etwas wie ein zweiter Sohn. Er war zehn Jahre
älter als ich und so fasziniert von der Einstellung und Schaffenskraft
meines Vaters, dass er ihn auf fast allen Versammlungen begleitete und
letztendlich einer seiner engsten Mitstreiter wurde. Wissen Sie, mit zehn
Jahren bekommt man schon einiges mit von sich und seiner Umwelt, aber was
damals meinem Vater anging... ich verstand nicht, warum und wofür
er hatte sterben müssen... ich verstand nicht, was dahinter steckte,
aber heute weiß ich es. Mein Vater war Führer einer katholischen
Untergrundbewegung, die sich von den übrigen radikalen Gruppen abgespalten
hatte. Er war ein Visionär, ein Vordenker und seiner Zeit weit voraus.
Er war dabei, eine neue Ära einzuleiten. Mein Vater glaubte an das
Gute im Menschen, an die Toleranz, er glaubte an die Hoffnung, eine Hoffnung,
deren Stärke er wiederum aus seinem unbeirrbaren Glauben an Gott schöpfte.
Mein Vater besaß eine unglaublich Ausstrahlung. Er war ein gerngesehener
Gast bei vielen Familien, da er die Menschen verstand und auf sie eingehen
konnte und ihnen immer wieder neuen Mut gab... und neue Hoffnung, die sie
alle so bitter brauchten. Er hatte den Großteil der Bevölkerung
bereits hinter sich und er war kurz davor, das zu erreichen, wovon er und
viele andere in diesem Land ihr ganzes Leben lang geträumt hatten...
Freiheit und Frieden!
Doch mit der Anzahl seiner Anhänger wuchs auch die seiner Feinde.
Wenngleich auch nicht im selben Ausmaß. Für die damals
noch sehr militante IRA war mein Vater nichts weiter als ein Verräter
der schlimmsten Sorte. Für sie gab es nur einen Weg, den Engländern
zu zeigen, was Sache ist: Bedingungsloser Terror. Und für dieses Konzept
waren die Bemühungen meines Vaters um eine friedliche Lösung
natürlich ein Dorn in ihren Augen. Und sie schmiedeten einen verhängnisvollen
Plan, um meinen Vater zu eliminieren. Die Ausführung wurde einem gewissen
C.G.B. Cook übertragen. Einem gefühlskalten, radikalen Fanatiker,
mit dem Spitznamen Redneps.“ Sinclair griff nach einer Akte und reichte
Mulder ein Photo. „Dem S. Yard ist es bis heute nicht gelungen, ihn dingfest
zu machen, obwohl die meisten Terroranschläge an zivile und staatliche
Einrichtungen auf sein Konto gingen. Als mein Vater an jenem Tag die Baker
Street 17 betrat, um zu einer Versammlung zu gehen, war sein Schicksal
bereits besiegelt. Englische Einheiten tauchten plötzlich auf und
riegelten die Straße total ab. Irgendein Verräter musste den
Behörden den entscheidenden Tipp gegeben haben. Den daraufhin entstehenden
Tumult machte sich dieser Cook zu Nutze, indem er meinem Vater mit einem
gezielten Schuss feige und aus dem Hinterhalt niederstreckte. Er konnte
sich noch in eines der nahen Häuser schleppen, wo er schließlich
allein und unter großen Schmerzen starb.
Auch Garry wurde ein Opfer dieser Tragödie. Seit jenem Tag wurde
er nicht mehr lebend gesehen. Offiziell gilt er bis heute als vermisst,
obwohl Augenzeugen von damals bestätigt haben, ihn unter den Toten
gesehen zu haben. Seine Leiche wurde jedoch nie gefunden. Was mich am meisten
frustrierte und ärgerte war, dass man nie jemanden so richtig etwas
nachweisen konnte, und ich erfuhr erst viel später, wer dahinter steckte.
Als er schließlich zu Grabe getragen wurde, weinte ein Junge
um seinen geliebten Vater, eine Frau um ihren Mann und eine Nation um ihren
geistigen Führer. Sie alle weinten um einen Mann, dessen einziges
Verbrechen es war, ein guter Mensch gewesen zu sein, der das Wohlwollen
der anderen vor sein eigenes gestellt, sein Leben für ein Ideal eingesetzt
hatte, für einen Traum... und schließlich alles verlor...“
Sinclair machte eine kurze Pause. „Tja, Mr. Mulder, das war sie, die
Geschichte vom Leben und Sterben eines großen Mannes... meines Vaters.“
Mulder wirkte sichtlich angegriffen. So faszinierend und ergreifend
er diese Geschichte auch fand, so wies sie doch auch bedeutende Parallelen
zu seinem Traum auf. Und das erschreckte ihn. Das alles konnte kein Zufall
mehr sein. Da steckte mehr dahinter, aber was? Er wusste es nicht und er
wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. Er musste jetzt ohnehin los,
um Scully abzuholen. Er bedankte sich bei Sinclair für seine Kooperation
und versprach ihm, ihn auf dem Laufenden zu halten.
Belfast / nächster Tag
9.30 Uhr
Es war einer dieser schönen Spätsommertage, an denen sich
die Natur noch einmal von ihrer besten Seite zeigte. Milde Luft hing über
ganz Belfast, aufgefrischt durch eine laue, zarte Brise der See, die langsam
durch die Straßen und Gassen der Stadt wehte. Scully genoss diesen
Moment, als ein warmer Windhauch sie umfing, ihr Gesicht streichelte und
sanft, fast zärtlich, an ihrem Haar rüttelte. Sie schloss die
Augen und sog diese Luft begierig in sich hinein. Scully war glücklich,
so glücklich, dass sie jeden von ihren Glück etwas schenken wollte,
so glücklich, dass sie es in die ganze Welt hinausschreien wollte.
Und der Mann, der an diesem Glück wesentlich beteiligt war, stand
jetzt gerade dort drüben und kaufte zwei Tüten Eis. Mulder sah
zu ihr herüber und winkte ihr zu. Sie erwiderte sein Winken und lächelte.
Als er sie gestern vom Flughafen abgeholt hatte, hatte sie eine kleine
Unsicherheit in seinem Verhalten bemerkt. Daraufhin angesprochen, entgegnete
er nur, dass er schlecht geschlafen hatte. Sie glaubte ihm nicht ganz,
aber sie ließ es auf sich beruhen. Wenn es wichtig wäre, würde
er es ihr sagen.
Scully dachte an die letzte Nacht und leichte Erregung erfasste sie.
Ja, sie war glücklich, doch das war nicht immer so gewesen. Sie dachte
an die vielen Stunden der Einsamkeit, an die vielen Stunden der Angst nach
ihrer Entführung und an die vielen, vielen Tränen der Verzweiflung
in ihrem unerbittlichen Kampf gegen den Krebs. Doch er war immer an ihrer
Seite geblieben. In einem der schmerzlichsten und bittersten Momente in
ihrem Leben, war er auf sie zugegangen und hat ihr die Kraft gegeben, die
sie brauchte, um diese eine wichtige Entscheidung zu treffen. Sie hatte
entschieden, für ihr Leben zu kämpfen... für ein Leben,
in dem Platz für sie beide war.
Nach Abschluss eines unglaublichen Falles vor fast einem Jahr, hatten
sie sich gegenseitig ihre Liebe gestanden. Und seit dieser Zeit hatte sie
gelernt, den Wert des Lebens neu zu definieren. Sie genoss es in vollen
Zügen, sie lebte auf... sie blühte auf... und zwar in einer Art,
die ihr selbst ein bisschen unheimlich war. Sie wusste, dass dies nicht
ewig anhalten würde, aber bis es soweit war, würde sie jede Sekunde
davon auskosten. Mit ihm und für ihn.
Mulder kam zu ihr herübergelaufen, in jeder Hand eine Tüte
Eis, und grinste sie an wie ein kleines Kind.
„Sieh dir das an, Scully, zwei Magnumtüten Erdbeereis! Wer sie
zuerst aufgegessen hat, der bezahlt die beiden nächsten!“
Scully sah ihn verführerisch an. „Weißt du eigentlich, was
man Erdbeereis nachsagt?“
Mulder sah sie fragend an.
„Es soll sich positiv auf die Libido auswirken,“ raunte sie ihm ins
Ohr. Mulder nahm ihre Hand und küsste sie sanft. „Ich glaube da brauchen
wir uns beide keine Sorgen machten!“
Sie spazierten gerade Hand in Hand in der Altstadt umher, als Mulders
Blick zufällig auf den Eingang einer Seitenstraße fiel. Langsam
blieb er stehen, die Augen noch immer gebannt auf diesen Teil der Straße
gerichtet. Scully, die gerade die architektonische Konstruktion einer kleinen
Kirche auf der anderen Straßenseite bewunderte, wäre fast in
ihn reingelaufen.
„Mulder,... was...?“
Er gab ihr keine Antwort, sondern ging weiter in Richtung der Seitenstraße.
Mulder betrachtete eingehend die angrenzenden Häuser mit ihren eindrucksvollen
Fassaden und seine Augen weitenden sich immer mehr vor Erstaunen. Das alles
kam ihm doch ziemlich bekannt vor. Aber er brauchte noch mehr. Irgendeinen
handfesten Beweis. Etwas, das mehr wert war, als die blassen Erinnerungen
an ein paar Gebäude! Er ließ seine Augen weiter über jede
Einzelheit dieser Straße gleiten und plötzlich fand er, wonach
er suchte. Ein Häuserschild. Was er darauf las, war eigentlich keine
große Überraschung mehr für ihn, sondern bloß eine
Bestätigung dessen, was er bereits instinktiv geahnt hatte: Die Bakerstreet!
Scully, die ihn die ganze Zeit beobachtet hatte, kam jetzt herüber
und drückte leicht seinen Arm. „Mulder, was ist den los? Alles in
Ordnung?“
„Das ist sie, Scully“, begann er leise, fast ehrfürchtig und drehte
sich langsam zu ihr um. „Das ist die Straße aus meinem Traum. Hier
ist alles passiert. Ich war hier, zusammen mit vielen anderen, deren Schicksal
sich ebenso grauenvoll erfüllte, wie das meine...“
Scully sah ihn fragend an. „Wovon redest du da, Mulder? Was für
ein Traum? Und was soll hier passiert sein?“
„Nun, als ich dir gestern erzählte, dass ich schlecht geschlafen
hätte... da war nicht das üppige Essen Schuld, sondern ein kapitaler
Alptraum!“
Er machte eine kleine Pause und sah etwas betreten auf seine Füße
hinab. Jetzt war genau das eingetreten, was er die ganze Zeit zu vermeiden
versucht hatte. Er musste ihr die ganze Geschichte erzählen. Mulder
seufzte leise, legte seinen Hand um ihre Hüften und beide marschierten
die Straße hinunter, wobei ihr Mulder jede Einzelheit seines Traumes
erzählte. Als er fertig war, sah er verstohlen zu ihr hinunter und
rechnete eigentlich damit, ihren berühmten “Blick“ zu kassieren, doch
zu seiner großen Verwunderung hatte sie nur ein breites Grinsen auf
dem Mund. Mulder blieb stehen und zog sie zu sich heran.
„Also Scully, du überraschst mich immer wieder. Eigentlich hätte
ich jetzt erwartet, dass du mir jetzt die neuesten medizinischen und psychologischen
Erkenntnisse zum Thema Alptraum an den Kopf wirfst, oder das du mir eine
Überweisung für die Spooky Mulder Klinik für hoffnungslose
Fälle schreibst!“
Scully wollte gerade etwas antworten, als sie bemerkte, wie Mulders
Lächeln plötzlich verschwand und seine Augen sie leer und ausdruckslos
anstarrten...
„Mulder, was ist den los mit dir?“ Scully sah ihn besorgt an.
Mulders Gesicht war inzwischen kreidebleich geworden, Schweiß
floss aus allen seiner Poren und seine Hände, die vorher noch ihre
Hüften umschlossen, rutschten kraftlos nach unten.
Leichte Panik kam in Scully auf. Sie packte Mulder an den Armen und
schüttelte ihn leicht. „Mulder, sag doch etwas! Ist dir schlecht,
Mulder? Hörst du mich, kannst du mich verstehen? Mulder...“
Oh ja, er konnte sie hören, aber ihre Stimme verlor sich mehr
und mehr in der von vielen anderen...
Auf einmal hatte alles wieder angefangen. Der ganze Traum... alles
begann sich vor seinem geistigen Auge zu wiederholen... das aufgebrachte
Geschrei der Leute, die hasserfüllten Gesichter, Ziegelsteine, die
durch die Luft flogen... Schüsse... Verletzte... Tode... und dann...
dann sah er etwas, was neu für ihn war. Etwas, was in seinem Traum
bisher nicht vorgekommen war. Etwas, das ihn mehr erschütterte, als
alles andere jemals zuvor!
Mulder taumelte zurück und prallte hart gegen eine Hauswand. Den
Schmerz, den er dabei verspürte, war nichts im Vergleich zu dem, der
sich von seinem Kopf aus - bis hin zur tiefsten Stelle seiner Seele - ausbreitete,
während sich die Bilder vor seinem Auge unauslöschlich in sein
Gehirn brannten. Er spürte, wie ihn seine Kraft verließ und
er zu zittern begann, wie ein kleines Kind. Langsam rutschte er die Hauswand
nach unten, den Blick noch immer starr und angstvoll nach vorne gerichtet.
Wie aus weiter Ferne konnte er auf einmal wieder Scullys verzweifelte Stimme
hören, nur ein paar Wortfetzen, die aber zunehmend lauter und deutlicher
wurden. Die Bilder lösten sich auf und sein Blick klärte sich
wieder soweit, dass er jetzt in Scullys sorgenvolles Gesicht blickte, die
vor ihm kniete und sein Gesicht mit ihren Händen umschloss.
„Mulder... bitte... sag doch etwas... sprich mit mir!“ Ihre Stimme
zitterte vor Anspannung und ihre anfängliche leichte Panik war in
Verzweiflung umgeschlagen. Es war eine grauenvolle Situation für sie,
dem Ganzen so hilflos gegenüberzustehen. Mulder hatte keine ersichtlichen
Verletzungen, dennoch war er in einem beängstigenden Zustand.
Er zeigte alle Anzeichen eines massiven Schocks. Dann, endlich nach Minuten,
ging ein leichter Ruck durch Mulders Körper und er richtete sich langsam
auf. Scully war sofort bei ihm und stützte ihn.
„Was ist passiert, Mulder? Du warst ja völlig weggetreten!“
Mulder, dessen Kräfte langsam wiederkehrten, rieb sich sein noch
immer schmerzverzerrtes Gesicht. „Es... es kam plötzlich über
mich, eine Art Vision, wie ich sie damals bekam, nachdem ich das außerirdische
Artefakt berührt hatte. Aber diesmal... war alles viel intensiver...
viel realer und schmerzvoller! Es war, als würde es bereits wirklich
passieren! Jetzt, in diesem Augenblick!“
Mulders Hotelzimmer / Stunden später...
Mulder saß aufrecht in seinem Bett und starrte unsicher auf das
Blatt Papier vor ihm. Immer und immer wieder las er sich den Text darauf
durch, während er nachdenklich am hinteren Ende seines Kugelschreibers
herumkaute. Er hatte jetzt genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken,
was geschehen war. Eigentlich hätte er geglaubt, dass seine Visionen
damals vor einem halben Jahr nur auf Grund dieses außerirdischen
Artefaktes zustande gekommen waren und mit dessen Zerstörung alles
vorbei sein würde, aber hier und heute wurde er eines Besseren belehrt.
Die Visionen kamen wieder, und zwar viel intensiver und realer als je zuvor.
Wenn er die Augen schloss, waren sofort die Bilder wieder da... schreckliche
Bilder, die blinde Wut, Hass und Zerstörung zeigten... sinnlose, unfassbare
Gewalt, der er selbst zum Opfer fiel, genauso wie Scully und viele, viele
andere. Sie alle waren tot, bis zur Unkenntlichkeit verkohlt... begraben
unter Tonnen nuklearer Asche. Es waren Bilder, die einen labilen Geist
wahrscheinlich längst in den Wahnsinn getrieben hätten, doch
er wusste damit umzugehen. Genauso wie er wusste, dass diese Bilder bald
Realität werden würden, wenn er nichts unternahm. Er wusste es
einfach. Und aus diesem Grund hatte er eine Entscheidung getroffen. Eine
Entscheidung, die unabwendbar war... und zugleich auch die schwerste in
seinem ganzem Leben. Aber er hatte Verantwortung zu tragen. Nicht nur für
Scully und sich selbst, sondern auch den vielen anderen gegenüber,
die so unschuldig zum Handkuss kämen. Er stand mit einem lauten Seufzen
vom Bett auf und legte das Blatt Papier in eine Schublade. Mulder stutzte
plötzlich und sah in Richtung seines Radios, das die ganze Zeit über
schon Oldies aus den 60ern zum Besten gab. Er horchte auf die Anfangsklänge
eines Liedes und erkannte es sofort. Es war ihr gemeinsames Lied.
Dazu hatten sie getanzt, als sie zum ersten Mal ganz groß aus waren.
Ein leichter Schauer lief Mulder den Rücken hinunter.
„Dana“, rief er Richtung Bad, „komm her, schnell!“
Scully steckte ihren Kopf heraus und sah Mulder fragend an.
„Hörst du, was sie spielen Dana?“ Und er strahlte sie an wie ein
kleines Kind
Scully musste schmunzeln. „Ja Mulder, ich höre es. Es ist unser
Lied, aber...“
„Komm her und tanz mit mir,“ sagte er in einem überschwänglichen
Tonfall und lächelte sie an.
„Mulder, ich bin noch klatschnass und...“
„Tanz mit mir... bitte.“ Seine Worte glichen nunmehr einem beschwörenden
Flüstern und der Blick, den er dieser Bitte folgen ließ, hatte
einen seltsam flehenden Ausdruck, der Scully zum Schmelzen brachte.
„Gleich Mulder, ich will mir nur schnell etwas anderes anziehen...“
„Nein, Dana...“ Mulder hob die Hand und unterbrach sie. „Nein... bitte
bleib so. Komm einfach nur her... und tanz mit mir.“ Er streckte die Arme
nach ihr aus. Langsam und mit einem strahlenden Lächeln in ihren Augen
ging Scully auf Mulder zu, den Klang des Liedes bereits auf ihren Lippen.
No I can’t forget this evening,
or your face as you were leaving,
but I guess that’s just the way the story goes
Mulder schloss Scully in seine Arme und beide begannen sich sanft zum
Takt dieses märchenhaften Liedes zu bewegen.
‚Tanz mit mir‘, dachte er traurig in sich hinein, ‚tanz mit mir, als
wäre es das letzte Mal...‘
You always smile
but in your eyes
your sorrow shows,
yes it shows
Behutsam öffnete er den Knoten des Handtuches, das ihren wunderschönen, zierlichen Körper bedeckte. Langsam glitt es nach unten.
No I can’t forget tomorrow,
when I think of all my sorrow
Mulder strich sanft mit seiner Hand über die weiche Haut ihres Rückens. Er konnte ihre Wärme fühlen, ihre Zartheit... und das wilde, erregte Pochen ihres Herzens auf seiner Brust.
when I had you there but then I let you go
and now it’s only fair that I should let you know
what you should know
Scully seufzte leise unter seinen Berührungen, und ein leichtes Zittern strömte durch ihren Körper. Ihn zu spüren... zu fühlen, seine Gegenwart... seinen Körper... seine Stärke... seine Liebe... das war und würde immer etwas ganz Besonderes für sie sein. Sie brauchte diese Momente der Nähe zu ihm, in der sie sich so geborgen und sicher fühlte.
I can’t live,
if living is without you
I can’t live,
I can’t give anymore
I can’t live,
if living is without you
I can’t give,
I can’t give anymore
Sie schmiegte sich noch enger an ihn. Ihrer beider Blicke trafen sich, und in seinen Augen glitzerte die selbe tiefe, reine und ehrliche Empfindung, wie in den ihren. Mulder wünschte, er könnte diesen Moment der absoluten Harmonie festhalten. Für alle Ewigkeit!
Well, I can’t forget this evening,
or your face as you were leaving,
but I guess that´s just the way the Story goes
Doch es war bereits zu spät. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Mulders Augen füllten sich mit Tränen, weil er wusste, dass er das zurücklassen musste, was er am meisten liebte. Um sein Herz legte sich ein schwarzer Schleier abgrundtiefer Verzweiflung.
You always smile but in your eyes
your sorrow shows,
yes it shows
Aber wenn er diese Liebe retten wollte, musste er gehen. Heute nacht noch!
I can’t live,
if living is without you
I can’t live,
I can’t give anymore
I can’t live,
if living is without you
I can’t live,
I can’t give anymore
Er strich ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht und küsste
sie zärtlich auf die Stirn. Noch war er hier und er wollte die ihm
noch verbleibende Zeit nutzen, bei ihr zu sein. Sie einfach nur zu halten...
sie anzusehen... ihre Augen... ihr Gesicht, in dem das dankbarste und schönste
Lächeln der Welt stand. Ein Lächeln, das ihm Hoffnung und Zuversicht
gab, das alles gut werden würde.
Ein Lächeln der Dankbarkeit... für unvergessliche Momente
wie diesen... und alle, die noch folgen sollten.
Er drückte sie noch einmal fest an sich und wünschte sich
von ganzen Herzen, sie nicht mehr loslassen zu müssen. Nicht jetzt...
nicht morgen... nie mehr.
Living is without you
Gott, er liebte sie doch so!
5 Stunden später...
Mulder lief nun schon seit Stunden ziellos durch die dunklen, menschenleeren
Straßen der Stadt. Nur seine eigene Unsicherheit und seine Angst
waren in dieser kalten, regnerischen Nacht seine stetigen Begleiter. Er
war innerlich aufgewühlt. Ständig tauchten neue Fragen in seinem
Kopf auf. War es richtig hier zu sein? War sein Verhalten richtig? War
das überhaupt sein Kampf? Sich jemanden oder etwas stellen, von dem
er absolut nichts wusste! Es wirkte fast wie ein Spiel mit nicht abschätzbarem
Risiko. Nur dass man hier nicht einfach die Pause-Taste drücken konnte...
Aber etwas trieb in weiter vorwärts, etwas, das ihm sagte, nicht stehen
zu bleiben und auf die nagenden Selbstzweifel und Schuldgefühle zu
hören, die in seinem Inneren wüteten. Etwas, das ihm sagte, er
solle weitergehen und Verantwortung und Selbstachtung zeigen. Mulder war
so mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen, dass er nicht bemerkte,
dass er sich nun schon inmitten des Hafenviertels befand. Der Drang, weiterzugehen
war plötzlich verschwunden. Sein Instinkt sagte ihm, dass er hier
richtig war. Seine Nervosität wuchs augenblicklich und er suchte in
einer der Seitengassen Zuflucht. Aus sicherer Entfernung beobachtete er
das hektische Treiben am Pier, wo auch Nachts unablässig gearbeitet
wurde. Das Löschen der Fracht, das neuerliche Beladen, das Ächzen
der Kräne und Zugmaschinen unter ihrer schweren Last. Es war ein ständiges
Kommen und Gehen von Frachtern, Spediteuren, Arbeitern, Seeleuten, Passagieren
und diversen Transport- und Zubringerunternehmen. Es war mit einem Wort
der ideale Ort um unterzutauchen.
Mulder grübelte vor sich hin, wie er jetzt vorgehen sollte. Er
konnte nicht einfach zu einen dieser Leute dort rüber gehen und ihn
nach C.G.B. Cook fragen. Das würde ein jähes Ende seiner Untersuchung
bedeuten und war der Sache daher keinesfalls dienlich. Zweifellos hatte
Cook hier sicher überall seine Leute und Spitzel postiert. Dieser
würde wahrscheinlich ganz schnell von der Bildfläche verschwinden,
genauso schnell wie Mulder zu einem weiteren bedauerlichen Akt in die Statistik
über vermisste Personen werden würde.
Dass Mulder bereits selbst längst unter Beobachtung stand, wurde
ihm erst klar, als es bereits zu spät war. Er war gerade dabei gewesen,
sich etwas mehr nach vorn zu wagen, um sein Gesichtsfeld zu erweitern,
als er ein Geräusch hinter sich hörte. Mulder erstarrte in seiner
Bewegung und wagte kaum, noch zu atmen. Angestrengt horchte er nach hinten,
die Augen schnell nach rechts und links bewegend, ihren vollen Aktionsradius
ausnützend. Doch alles, was er hörte, war sein eigenes Herz,
das dieser Situation Tribut zollte und dessen wildes Klopfen er bis hinauf
zum Hals spürte. Ganz langsam griff er nach seiner Waffe. Mit einer
ruckartigen Bewegung riss er sie aus dem Halfter und drehte sich dabei
schon nach hinten, doch er war zu langsam. Ein harter Schlag auf seinen
Kopf raubte ihm seine Sinne, und Dunkelheit - schwärzer als die Nacht
- breitete sich um ihn herum aus.
8 Uhr morgens
Langsam öffnete Scully die Augen und blinzelte in den hellen Schein der Vormittagssonne, die ihre wärmenden Strahlen auf ihr Gesicht warf. Es war angenehm, diese Wärme auf ihrer Haut zu spüren, doch eigentlich sehnte sie sich jetzt nach einer anderen Art von Wärme. Scully streckte sich ein wenig im Bett und drehte sich dann zu Mulders Seite um. Doch zu ihrer Verwunderung fand sie seinen Platz leer. Statt dessen lag dort ein Blatt Papier, mit einer gelben Rose darauf. Lächelnd führte sie die Blume an ihre Nase und genoss einen Moment lang ihren frischen, klaren Duft. ‚Er war wahrscheinlich schon unterwegs, Frühstück zu holen‘, dachte sie amüsiert, als sie das Blatt Papier heranzog. Sie ließ sich entspannt zurück ins Kissen fallen, die Rose noch immer an die Nase gedrückt, und begann zu lesen. Und während sie das tat, weiteten sich ihre Augen und ihr Mund vor Bestürzung. Das Papier in ihrer Hand begann zu erzittern, während sich die andere so sehr um den Stängel der Rose verkrampfte, dass sie sich stach und zu bluten begann. Doch sie spürte weder den Schmerz, noch das Blut, das von ihrer Handfläche auf ihr Nachthemd tropfte. Ihre ganze Aufmerksamkeit war in diesem Moment auf den Inhalt dieses Schreibens gerichtet. Alles andere um sie herum wurde bedeutungslos. Kraftlos ließ sie Minuten später den Brief sinken, den Blick immer noch wie versteinert nach vorn gerichtet. Sie konnte nicht fassen, was sie da las.
Geliebte Dana!
Wenn du diese Zeilen liest, bin ich schon fort, um mich einer Angelegenheit
zu stellen, die eine rein persönliche ist. Es geht um diese Visionen,
die mich heimsuchen, seit ich in dieses Land kam. Darin habe ich Dinge
gesehen, die so schrecklich sind, dass ich sie hier nicht einmal niederzuschreiben
vermag. Hier geht es nicht nur um dein und mein Leben, sondern auch um
das Schicksal von ganz Irland und England. Und so sicher ich mir um meiner
Liebe zu dir bin, so sicher weiß ich auch, dass diese Ereignisse
eintreffen werden. Diese Entscheidung, mich auf das Ganze einzulassen und
einem Feind, von dem ich nicht weiß, was und wer er ist, entgegenzutreten
und zu versuchen ihn aufzuhalten, war die schwerste in meinem Leben. Aber
ich traf sie nicht nur zum Wohle der Menschen hier, sondern auch wegen
uns. Und es ist für mich wie eine Bestimmung, ihr zu folgen. Sollte
ich scheitern, wird diese Welt um eine traurige Erfahrung reicher... und
um eine große Liebe ärmer sein. Ich weiß, wir haben uns
geschworen, immer ehrlich zueinander zu sein, aber in diesem Fall konnte
ich es dir nicht sagen. Ich weiß auch, das ist eigensinnig und selbstgerecht,
aber bitte verstehe und akzeptiere meinen Entschluss. Ich kann und will
dich hier nicht mit hineinziehen.
Fox Mulder
am selben Tag...
Als Mulder sein Bewusstsein wiedererlangte und benommen seine Augen
öffnete, setzte augenblicklich ein dumpfes hartes Pochen in seinem
Kopf ein, so als würden tausend Hämmer darauf einschlagen. Er
wollte eine Hand heben, um die schmerzende Stelle an seinem Hinterkopf
zu fühlen, doch dieses Vorhaben scheiterte abrupt auf halbem Weg.
Handschellen. Seine rechte Hand war an ein verdammtes Heizungsrohr gekettet.
„Shit...“, fluchte er in sich hinein. Das alles verlief bisher alles
andere als geplant. Er hatte sich überrumpeln lassen wie ein dummer
Schuljunge und es vermasselt, noch ehe er richtig begonnen hatte. Seine
jetzt noch verbliebenen Möglichkeiten schienen nicht sehr vielversprechend.
Frustriert sah er sich in seinem Gefängnis um. Außer einem
kleinen Tisch, einem Stuhl und irgendein undefinierbares Gerümpel
auf der linken Seite war der Raum leer. Durch zwei Fenster, die notdürftig
mit Holz verschlagen waren, drang etwas Licht, aber auch ein unverkennbarer
Lärm von Menschen und Maschinen, der Mulder verriet, dass er sich
immer noch in der Nähe der Pier aufhalten musste. Sein Blick fiel
wieder auf die Handschellen, und als er begann, sie gegen das Heizungsrohr
zu schlagen, um dessen Festigkeit zu prüfen, ging die Tür auf
und eine große hagere Gestalt betrat den Raum.
„Warum bist du zurückgekommen?“, zerriss die heisere, tiefe Stimme
dieser Person die angespannte Stille. Das Licht ging an und Mulder musste
sich kurz abwenden, weil der grelle Schein in seinen Augen schmerzte.
„Hast du mich nicht verstanden? Und sieh mich gefälligst an, wenn
ich mit dir rede!“
Unsicher musterte Mulder die Gestalt von unten bis oben, und als er
dessen Gesicht erreicht hatte, aus dem ihm zwei harte kalte Augen feindselig
anstarrten, wurde ihm siedend heiß. Mulder kannte dieses Gesicht.
Oh, er kannte es nur zu gut. Sein Kopf war voll von Bildern dieses Mannes.
Es war das Gesicht des Mörders, des Verräters. Es war das Gesicht
des Feindes. Seines Feindes! C.G.B. Cook!
Mulder beschloss, vorsichtig in die Offensive zu gehen.
„Sir, eigentlich bin ich hier, um Ihnen...“
„Warum siezt du mich, Garry?“, wurde er abrupt unterbrochen, „Wrkennst
du mich nicht mehr? Oder willst du mich nicht mehr kennen... weil die Verbrechen
deines Vaters wie eine schwere dunkle Wolke über dieser Stadt hängen,
genauso wie über dir und über unseren Namen? Hast du deshalb
seit Anfang an deine Herkunft verleugnet und unseren Familiennamen abgelegt,
weil du die Schmach und Verachtung nicht mehr ertragen konntest, die an
dem Wort Cook haften?!“
Mulder hatte keine Ahnung, wovon der Kerl da sprach, aber er beschloss,
darauf einzugehen und mitzuspielen.
„Also gut... Dad...“, begann er und sah dabei Cook fest an, „ich bin
zurückgekommen, um dich vor einer großen Dummheit zu bewahren!
Ich weiß, was du vorhast, und dabei kann ich nicht tatenlos zusehen!“
„Was weißt du?“, erwiderte Cook lässig und steckte sich
eine Zigarette an.
„Ich kenne deinen Plan, England mit einer noch nie dagewesenen Serie
von Bombenanschlägen zu terrorisieren! Und ich bin hierher gekommen,
um das zu verhindern!“
„Nicht sehr erfolgreich, wie mir scheint. Außerdem ist es zu
spät.“ Er sah auf die Uhr. „Genau vor zehn Minuten wurde die erste
Autobombe gezündet. Meine persönliche Kriegserklärung an
England!“
Unkontrollierbare Wut kam in Mulder auf und übertrug sich auf
seinen Tonfall.
„Was hoffst du damit zu erreichen?!“, schrie er ihn an. „Du wirst alles
nur noch schlimmer machen und dein eigenes Land vernichten!“
Cook blieb angesichts dieser verbalen Schreiattacke völlig gelassen.
Mit einem verächtlichen Grinsen auf den Lippen nahm er einen tiefen
Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch Mulder mitten ins Gesicht.
Der Kerl war wirklich eiskalt.
„Garry, Garry, Garry...“ Der sarkastische Unterton war nicht zu überhören.
„Du hast nichts verstanden! In all den Jahren hast du nichts dazugelernt!
Du hast immer noch die selbe kurzsichtige, naive Einstellung, wie du sie
als junger Mann hattest, damals... als du von zu Hause ausgerissen bist
und zu diesem Sinclair gelaufen bist... und dich von seinem nutzlosen Geschwafel
über Toleranz, Nächstenliebe und Hoffnung hast blenden lassen.
Nein Garry, du hast nichts verstanden, du...“
„Ich glaube, du hast nicht verstanden!“, fiel ihm Mulder noch immer
wütend ungeniert ins Wort. „Wenn du die Atomwaffe einsetzt, wirst
du nicht England, sondern...“
„Woher weißt du davon?!?“, fuhr ihn Cook barsch an. „Nur zwei
Menschen wissen von dieser Waffe!“
„Ich weiß es eben!“, war es nun an Mulder etwas Lässigkeit
zu zeigen
„Wie dem auch sei...“, Cook hatte sich nun schon wieder gefangen, „es
ist mein letztes Mittel zum Zweck, und es wird mir eine Genugtuung sein,
ihre verkommenen und arroganten Seelen im nuklearen Feuer brennen zu sehen!“
„Nicht ihre Seelen werden brennen, sondern eure eigenen. Es wird einen
folgenschweren Irrtum geben, der die Bombe noch hier in Nordirland zur
Detonation bringt! Du wirst dein eigenes Land in Schutt und Asche legen!“
Cook glaubte ihm kein Wort. „Dir würde wahrscheinlich jedes Mittel
recht sein, um mich zur Umkehr zu bewegen. Und sei es mit solchen Lügen.
Wie auch immer, der Plan wird durchgeführt. Bis zum bitteren Ende.
Die Zukunft wird zeigen, wer von uns beiden Recht behält. Eine Zukunft,
die für dich, mein Junge, bereits vorbei war, bevor sie begonnen hat.
Als du damals zu diesem Sinclair übergelaufen bist, hast du Verrat
an deiner eigenen Familie begangen. Du weißt gar nicht, wie sehr
du damit deine Mutter und mich verletzt hast. Ich haben den Tag verflucht,
an dem du geboren wurdest. Seit diesem Tag ist der Begriff Verrat für
mich zur achten Todsünde geworden. Und für diesen Verrat, du
Judas, wirst du bezahlen... und es wird ein sehr hoher Preis sein!“
Cook wollte noch etwas sagen, aber als eine ältere Frau den Raum
betrat, verstummte er augenblicklich.
„Ich nehme an“, sagte er, während er in ihre Richtung ging, „du
willst allein mit deinem Sohn sprechen.“ Und als sie ihm daraufhin kurz
zunickte, verließ er ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Die Frau kam langsam auf Mulder zu und in ihrem Blick lag eine Mischung
aus Neugierde und Mitleid.
„Ich bin Mary“, stellte sie sich Mulder mit einem aufmunternden Lächeln
vor. Ihre Stimme war sanft und klar. „Ich weiß, dass Sie nicht mein
Sohn sind, wenngleich die Ähnlichkeit wirklich unglaublich ist, aber
seien Sie froh, dass Sie dieses Aussehen haben, denn diesem Umstand verdanken
Sie, dass Sie noch am Leben sind. Sonst hätte Sie mein Mann schon
längst töten lassen!“
„C.G.B. Cook ist also Ihr Mann?“ In Mulders Stimme lag zu gleiche Maßen
Erstaunen und Mitleid, aber auch leichte Verachtung.
„Ja“, entgegnete Mary leise und sah dabei beschämt auf den Boden,
„aber ich bin nicht stolz darauf... nicht mehr! Aber das war nicht immer
so. Es gab eine Zeit, da waren wir glücklich und verliebt, ja... bis
zu dem Zeitpunkt, als das mit Garry geschah. Sie müssen wissen, dass
Garry bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr ein völlig unkompliziertes
Kind war. Aber dann begann er sich immer mehr für eine Untergrundbewegung
zu interessieren, die sich für etwas einsetzte, das zum krassen Gegenteil
stand, was mein Mann vertrat. Die Streitereien zwischen Vater und Sohn
wurden immer heftiger, bis sie sich schließlich völlig miteinander
verwarfen. Ja, und dann kam der Tag, an dem Garry einfach fortging. Er
hinterließ mir einen kleine Notiz, in der stand, dass es ihm sehr
leid tue, aber er könne unmöglich weiter unter einem Dach mit
einem Mann leben, den er inzwischen für seine Taten, Worte und Werke
zutiefst verachtete. Er werde sich John Sinclair anschließen, der
inzwischen sowieso schon so etwas wie sein zweiter Vater für
ihn war.
Meinen Sohn auf diese Weise zu verlieren war sehr bitter, aber für
meinen Mann war es die Hölle. Für ihn war Garry an diesem Tag
gestorben. Es war eine gesellschaftliche, berufliche und vor allem eine
persönliche schallende Ohrfeige. Es war der Tag, an dem sein wunderbarer
Geist und sein Glaube über eine heile Welt zerbrach... und ihn auf
eine grausame Art und Weise verrückt werden ließ.
Als wir dann Jahre später vom richtigen Tod unseren Jungen hörten,
habe ich mich schneller damit abgefunden, als mein Mann. Er hat nie wirklich
daran geglaubt, und sieht sich nun nach Ihrem Auftauchen in seinem Glauben
bestätigt. Dabei ist es nur einzig und allein Ihr Aussehen, was ihn
täuscht!“
Mulder nickte leicht. ‚Das erklärt natürlich einiges‘, dachte
er bei sich.
„Ich hasste meinen Mann“, fuhr sie nach einer kurzen Atempause fort,
„ich hasste ihn dafür, was er seit diesem Tag aus sich machte, aber
vor allem hasste ich es zu sehen, was aus ihm wurde. Ein gefühlskalter,
fanatischer Auftragsmörder!“
„Warum verlassen Sie ihn nicht, wenn Sie ihn so sehr hassen?“, fragte
er leise.
Mary schüttelte leicht den Kopf. „Niemand verlässt einen
Cook, es sei denn in einem Sarg!“
Sie machte eine kleine Pause und sah ihn traurig an.
„Es tut mir sehr leid, dass Sie das alles durchmachen müssen.
Ich wünschte, ich könnte Ihnen irgendwie helfen, aber er würde
das nicht hinnehmen. Was wollten sie eigentlich in dieser Gegend?“
„Nun, ich habe auf eine... äh... gewisse Weise erfahren, was Ihr
Mann vorhat und wollte das irgendwie verhindern, aber Sie sehen ja selbst,
wie erfolgreich ich war... - Wissen Sie eigentlich, was Ihr Mann vor hat,
Mary?“
Ein schweres Seufzen war von ihr zu hören. „Ich habe es schon
längst aufgegeben, mich in die Angelegenheiten meines Mannes einzumischen.
Wenn es um seine Arbeit geht, hört er nicht auf mich. Er hat es eigentlich
noch nie getan. Das heißt aber nicht, dass ich es respektiere, was
er macht!“
Mulder sah ein, dass es keinen Sinn machte, an ihr Gewissen zu appellieren.
Es würde ihren Schmerz nur vertiefen und ihn vielleicht um die Chance
bringen, sie um eine kleine Gefälligkeit zu bitten. Es war schon komisch,
aber irgendwie erinnerte sie ihn an Scullys Mum, und auf die eine oder
andere Art hatte er sogar Vertrauen zu ihr gefasst. Aber wie sollte oder
konnte er das nutzen?
Betretenes Schweigen breitete sich im Raum aus, da jeder den anderen
nun abwartend ansah.
„Nun...“, begann Mary die Stille zu brechen, „eigentlich bin ich auch
hier, um Ihnen etwas zu geben... Fox... ich darf Sie doch so nennen, ja?“
Mary griff in ihre Tasche und streckte dann ihre Hand Mulder entgegen,
der mit seiner freien Hand danach griff. Ein kleiner Gegenstand fiel auf
seine Handfläche. Der Ring! Verblüfft starrte Mulder abwechselnd
auf den Ring und dann auf Mary.
„Ich habe ihn draußen bei Ihren anderen Sachen gefunden, die
man Ihnen abgenommen hat, und ich war der Meinung, Sie sollten ihn bei
sich tragen, wenn Sie... ich meine...“, Mary brach bekümmert ab.
Mulder hatte verstanden und nickte ihr anerkennend entgegen.
Mary setzte wieder ihr warmes Lächeln auf und hockte sich nun
genau vor ihn hin. „Warum erzählen Sie mir nicht etwas von Ihrer Liebsten?“
Mulders Blick war noch immer auf den Ring fixiert.
„Ihr Name ist Dana“, begann er leise mit verträumter Stimme, „Dana
Scully. Sie hat einen klaren, scharfen Verstand, mit dem sie mir immer
den Kopf wäscht, wenn ich wieder mal etwas über die Stränge
schlage. Sie ist ehrlich... und nennt die Dinge grundsätzlich beim
Namen. Man kann sich darauf verlassen, dass sie sagt, was sie denkt, auch
wenn das wehtut. Sie ist bildhübsch, aber ihre wahre Schönheit
liegt tief in ihr drinnen, dort, wo ihre Moral und Wertvorstellungen sitzen.
Sie ist so reich, nicht an materiellen Gütern, sondern reich an Menschlichkeit,
reich an Ehrlichkeit... Loyalität... Fairness und Toleranz.
Um diesen Reichtum beneide ich sie, aber es ist auch etwas, was ich
so sehr an ihr liebe. Genauso, wie ihre Fähigkeit, immer zuerst das
Gute im Menschen zu sehen und das Wohl des anderen immer vor ihr Eigenes
zu stellen. Und... dass sie an mich glaubt.... was mein größter
Halt ist, meine Stütze... in einer kranken Welt wie dieser... und
mich davor bewahrt, in einem geistigen Abgrund zu stürzen. Sie hat
das bezauberndste Lächeln der Welt, das jedem, dem sie es schenkt,
zu einem glücklicheren Menschen macht! Wenn sie lacht und fröhlich
ist, ist das wie eine Droge für mich, von der ich nicht genug bekommen
kann. Aber wenn sie traurig ist und weint... möchte man sterben. Erst
durch sie habe ich erfahren, was es heißt, wirklich zu lieben und
geliebt zu werden. Sie ist die einzige Person, die mir mehr Respekt, Vertrauen
und Liebe entgegenbringt, als ich jemals verdient habe. Sie ist meine beste
Freundin, meine Vertraute, meine Partnerin... und mein Leben... nein, sie
ist mehr als das...“ Er sah in ihre Richtung auf und sein Gesicht war jetzt
sehr ernst geworden. „Für mich... ist sie alles!“
Mary, zutiefst berührt von seinen Worten, stand langsam auf. „Es
ist schön, wenn man jemanden so lieben kann!“
Sie wollte sich umdrehen und gehen, doch Mulder ergriff sanft
ihren Arm.
„Sie müssen mir helfen, Mary. Noch ist es nicht zu spät,
um diesen Wahnsinn zu stoppen. Ich weiß, ich kann Ihnen vertrauen.
Ich verlange nicht, dass Sie zur Polizei gehen, aber gehen Sie zu Scully.
Sie wohnt im selben Hotel wie ich. Gehen Sie hin zu ihr und erklären
ihr alles. Sie wird wissen, was zu tun ist. Sie...“
„Nein bitte.“ Mary schüttelte energisch den Kopf und machte sich
von Mulder frei. „Bitte verlangen Sie das nicht von mir.“
„Wissen Sie eigentlich, wie vielen Menschen Sie mit Ihrer Hilfe das
Leben retten könnten!“
„Ich... ich kann es einfach nicht“, sagte sie nun schon mit einer weinerlichen
Stimme und vermied es dabei, Mulder anzusehen. „Ich meine Sie... Sie glauben,
mich zu kennen, doch im Grunde wissen Sie gar nichts über mich und
dieses Land. Sie können uns nicht verstehen und sie werden es auch
nie, weil Sie keiner von uns sind. Sie wissen nicht, was es heißt,
hier geboren und aufgewachsen zu sein... in einem Land, dessen Bemühungen
nach Freiheit unablässig in den Staub getreten werden. Aber wie könnten
Sie auch. Sie, Fox, kommen aus einem freien Land!“ Sie machte nun abrupt
kehrt und verließ eilig das Zimmer, und Mulder war es, als würde
er von draußen ein leichtes Schluchzen hören.
Die Sekunden, Minuten und Stunden strichen qualvoll langsam dahin, in
denen Mulder fieberhaft überlegte, was er jetzt noch für Möglichkeiten
hatte. Doch sein scharfer Verstand ließ ihn diesmal in Stich, blockiert
von seiner eigenen Unsicherheit und Angst. Der akute Schlafmangel der letzten
Tage machte sich nun ebenfalls bemerkbar und ließen ihn immer wieder
einnicken. Doch sein fotografisches Gedächtnis kannte keine Gnade
und führte ihm schonungslos die schrecklichen Bilder der Verwüstung
wieder vor Augen, was ihn jedes Mal wieder hochschrecken ließ. Es
war der Preis für sein jämmerliches Versagen und zugleich auch
eine Warnung an ihm selbst, dass Schlaf in dieser heiklen Phase purer Luxus
war, den er sich momentan nicht leisten konnte. Plötzlich wurden von
draußen Stimmen laut, die immer näher kamen und nach und nach
die Leere seines Raumes füllten. Eine dieser Stimmen war unverkennbar
die von Cook. Mulders geistiger und körperlicher Erschöpfungszustand
war wie weggeblasen. Irgendwelche tumultartige Szenen mussten sich im Nebenraum
abspielen. Mulder hörte das wilde Getrampel von Leuten, irgend jemand
oder etwas fiel zu Boden, Glas splitterte, dazwischen das laute Fluchen
von Cook und dann wieder das dumme Gelächter irgendeines anderen Mannes.
Die Tür flog auf und Cook, den Mulder sofort an seiner Statur erkannte,
stand dort und versuchte eine Person, die sich in seiner eisernen Umklammerung
hin und her wand, um sich mit aller Macht daraus zu befreien, in den Raum
zu zerren. Als es Cook schließlich doch schaffte, ein paar Schritte
voranzukommen und das Licht endlich die Identität der Person in seiner
Gewalt preisgab, setzte Mulders Herz kurz aus.
Er starrte in ein Paar angsterfüllte Augen, die er besser kannte,
als jeder andere auf dieser Welt.
„Scully“, hauchte er in ihre Richtung und er wollte aufspringen um
ihr zu helfen, doch die Handschellen rissen ihn sofort wieder zurück
auf den Boden. Als er das teuflische Grinsen in Cooks Gesicht sah, wusste
er, dass er einen Riesenfehler gemacht hatte. Nie hätte er sich anmerken
lassen dürfen, sie zu kennen, geschweige denn ihren Namen zu rufen.
Er verfluchte sich selbst für diese Dummheit und hätte
sich am liebsten die Zunge abgebissen.
„Hätte ich mir ja denken können, dass diese kleine rothaarige
Wildkatze zu dir gehört“, entgegnete Cook etwas keuchend, aber noch
immer hämisch grinsend, während er zusammen mit einem anderen
Mann Scully an das Heizungsrohr kettete und ihr den Knebel abnahm. Scully
schnappte nach Luft, fuhr herum und funkelte Cook wütend an.
„Sie haben keine Chance zu entkommen, Mr Cook“, fuhr sie ihn hart an.
„Die Polizei hat bereits das ganze Hafenviertel umstellt. Also warum tun
Sie sich und uns nicht den Gefallen und geben Ihr schändliches Spiel
endlich auf!“
Cook stand Scullys Dreistigkeit einen Moment lang sprachlos gegenüber,
musste dann aber plötzlich lauthals loslachen, in das der andere Mann
mit einem nervösen Kichern mit einfiel.
Scullys Selbstbeherrschung war gefährlich nahe daran zu kollabieren.
Lachte dieser Scheißkerl sie etwa aus? Oder lachte er, weil er sie
durchschaut hatte und wusste, das alles nur eine Finte war und die Polizei
frühestens erst in einer Stunde hier auftauchen würde? Sie hatte
nicht wenig Lust, den Kerl so richtig aufzumischen!
Cook, der Scullys Minenspiel interessiert verfolgt hatte, entgegnete
ihr anerkennend: „Ich muss sagen, du hast Courage, mein Kind. Mut und Courage,
hierher zu kommen und dich vor Nordirlands meistgesuchtesten Mann hinzustellen
und ihm solche Sachen ins Gesicht zu sagen. Du hast dieses Feuer in den
Augen, das mir dein Temperament verrät, deine Kraft und deinen eisernen
Willen. Aber du bist auch einfältig... genau wie er“, und er nickte
in Richtung Mulder, „zu glauben, du könntest mich mit deiner lächerlichen
Drohung zur Aufgabe bewegen. Meinem Ruf, immer dann spurlos abzutauchen,
wenn es brenzlig wird, verdanke ich unter anderem auch der Tatsache, dass
ich über jede Aktion der Polizei Bescheid weiß. Ich bin ihnen
sozusagen immer einen Schritt voraus!“ Cook setzte wieder sein selbstgefälliges
Lächeln auf. „Wir haben noch genau anderthalb Stunden um meinem Ruf
wieder alle Ehre zu machen. Wenn sie dann kommen, wird nichts, aber auch
absolut nichts mehr, darauf hinweisen, dass ich je hier gewesen bin. Jedes
Atom, das Zeugnis ablegen könnte über meine Gegenwart, wird verschwunden
sein. Und das betrifft auch euch beide! Ich schlage vor, ihr genießt
die Zeit, die euch noch bleibt!“ Er wandte sich nun lachend dem anderen
Mann zu, der ebenfalls dumm grinste, und beide verließen das Zimmer.
Scully, die zusah, wie die Tür krachend ins Schloss fiel, seufzte
laut und ließ sich frustriert zu Boden sinken. Sie konnte Mulders
fragenden Blick spüren und sah zu ihm hinüber. „Ist alles in
Ordnung mit dir?“, fragte er besorgt.
„Ja, mir geht’s gut,“ antwortet Scully etwas gereizt, „aber bei dir
bin ich mir da nicht so sicher. Was, um alles in der Welt, hast du dir
dabei gedacht, einfach so zu verschwinden? Warum dieser Brief? Warum hast
du es mir nicht gesagt, was dich bedrückt? Wir haben doch immer alles
geteilt. Auch unsere Sorgen und Ängste. Wir hätten doch darüber
reden können! Gemeinsam hätten wir vielleicht einen anderen Ausweg
gefunden!“
„Ich weiß, aber ich... ich konnte diesmal nicht anders. Es ist
etwas, was ausschließlich mich betrifft. Etwas, was ich tun musste.
Ich weiß selbst noch nicht genau, warum und wieso das so ist, aber
ich fühle einfach, dass es so ist. Und aus diesem Grund wollte ich
dich auch da raushalten!“
Mulder sah auf und hoffte auf ihre Einsicht, doch alles was er in ihren
Augen sah, war ihr Unverständnis, dass er sich zu einer solch dummen
und gefährlichen Aktion hat hinreißen lassen.
„Wie bist du überhaupt hierher gekommen?“, wechselte Mulder das
Thema.
Scully seufzte leise und wandte ihren Blick ab. „Nachdem ich deinen
Brief gelesen hatte, war ich eine Zeitlang wie weggetreten. Ich weiß
nicht, ob es Minuten oder Stunden waren, in denen ich im Zimmer wie in
Trance auf und ab gelaufen bin... Ich... ich war fassungslos... und wütend,
weil du dich so fortgeschlichen hattest, ohne mir etwas zu sagen... ich
machte mir Sorgen, weil ich nicht wusste wo du warst und was du genau vorhattest.
Und... und irgendwie fühlte ich mich auch verletzt, weil ich mich
durch dein Verhalten hintergangen glaubte...“
Mulder sah sie mit großen Augen an. „Ich würde dich nie
hintergehen, Dana, und das weißt du auch!“
Scully lächelte ihn leicht an. „Ich weiß, es war dumm von
mir, das zu denken, aber in so einen Moment, da gehen einen tausend Gedanken
durch den Kopf und... und man sucht nach dem Warum und Wieso und...“ Scully
blickte beschämt zu Boden und ihre Worte waren nur mehr ein Flüstern.
„... und glaubt, sich dann von dem Menschen, den man am meisten vertraut
und liebt, plötzlich in irgend einer Form verraten!“
Sie suchte Mulders verzeihenden Blick... und bekam ihn auch.
„Na, jedenfalls bekam ich dann diesen anonymen Anruf, wo du zu finden
wärst und wer dich festhält. Ich wusste, dass dies nur ein Strohalm
der Hoffnung war, an den ich mich klammerte, und es genau so gut eine Falle
hätte sein können, aber ich wollte diesen Hinweis unbedingt nachgehen.
Also rief ich die nächste Polizeistelle an und erklärte ihnen
alles. Ich brauchte nur den Namen Cook erwähnen, da waren die sofort
in heller Aufruhr! Sie versprachen mir so schnell wie möglich zu kommen,
aber es würde schon seine Zeit dauern, da sie erst eine Spezialeinheit
mobilisieren müssten. Na ja, das alles dauerte mir natürlich
viel zu lang und ich bin dann auf eigene Faust los, um dich zu suchen.
Ich hatte natürlich nicht damit gerechnet, wie gut hier die kriminelle
Organisation aufgebaut war, und es dauerte nicht lange, da griffen sie
mich auf. Als sie mich diesen Mann, der mich vorhin hier hereinschleifte,
gegenüber stellten, erkannte ich ihn sofort. Ich sah sein Abbild neben
einem Bericht in der heutigen Tageszeitung, in der zu lesen war, dass Cook
mit dem jüngsten Bombenanschlag in London in Verbindung gebracht wird
und dadurch der Friedensprozess wieder in weite Ferne gerückt ist...“
‚Es ist also wahr‘, dachte Mulder erschüttert in sich hinein,
‚es ist alles wahr...’ Es würde genauso passieren, wie er es in seinen
Visionen gesehen hatte. Cook würde nicht aufhören, er würde
niemals aufhören und er, Fox Mulder, dem es scheinbar bestimmt war,
das alles zu beenden, war in seiner Mission bedingungslos gescheitert und
konnte nun nichts anderes mehr tun, als hier zu sitzen, in tiefer Verzweiflung
zu versinken und ein Schicksal... das von Scully... und das von Millionen
anderen zu beweinen...
„Wie viele?“, fragte Mulder leise.
Scully verstand nicht. „Was, wie viele?“
„Wie viele Tote, Dana?“
„Sieben“, entgegnete Scully genauso leise, und ihre Stimme wurde fast
unhörbar, als sie weiter sprach, „darunter zwei kleine Kinder.“
Mulder seufzte tief und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
Für eine sinnlose Sache zu kämpfen war eine Seite, aber für
eine sinnlose Sache zu sterben, war eine ganz andere. Sicher, Cook und
seine Leute werden das etwas anders sehen, aber nicht die Angehörigen
und Freunde der sieben Menschen, die heute auf brutalste Weise ihr Leben
verloren hatten. Diese neuerliche unverständliche Aktion würde
den Hass aufeinander weiter schüren und den Konflikt mit aller Härte
weitergehen lassen. Ein Konflikt, der nicht einmal vor den Kleinsten, Unschuldigsten
und Schwächsten unter uns Halt machte. Den Kindern.
„Warte mal“, begann Scully, die seine Betroffenheit sah, „du... du
gibst doch nicht etwa dir die Schuld für den Tod dieser Menschen?!
- Mulder! Der Schuldige ist einzig und allein dieser Cook! Wie hättest
du allein das verhindern sollen? Wie... ?“
Scully brach ab, als sie hörte, wie jemand langsam und leise versuchte,
die Tür zu öffnen. Es war Mary, die im Türrahmen erschien,
sich noch einmal umsah, um sich zu vergewissern, dass ihr niemand folgte
und dann schnurstracks auf sie zukam. Sie fingerte nervös einen
kleinen Schlüssel aus ihrer Hosentasche und machte sich damit eilends
an Mulders Handschellen zu schaffen, der sie überrascht ansah. Als
die eiserne Umklammerung endlich sein Handgelenk freigab, richtete sich
Mulder mit einem leichten Stöhnen auf. Mary blickte hoch zu ihm und
sah diese Frage nach dem „Warum jetzt?“ in seinem Gesicht stehen, doch
sie antwortete nicht, sondern wandte sich statt dessen Scully zu, um auch
sie von ihren Fesseln zu befreien.
„Wer sind Sie?“, fragte Scully, ebenfalls überrascht von dieser
Geste, während sie ihr schmerzendes Handgelenk massierte. Mary lächelte
sie leicht an.
„Ich bin Mary, Cooks Ehefrau. Und Sie müssen Dana sein. Fox hat
mir schon viel von Ihnen erzählt. Es freut mich, Sie endlich persönlich
kennen zu lernen. Sie...“
„Warten Sie“, fiel ihr Scully ins Wort, „diese Stimme, ich kenne Sie?
Ja! Sie waren das. Sie haben mich im Hotel angerufen und mir gesagt, wo
ich Mulder und Ihren Mann finde!“
Mary nickte ihr leicht zu.
Mulder war nun noch sprachloser als vorher. Er hatte Mary völlig
falsch eingeschätzt. Er hatte ihr das wirklich nicht zugetraut, aber
sie war scheinbar wirklich über ihren eigenen Schatten gesprungen,
um ihnen zu helfen und gleichzeitig mit ihrer Vergangenheit abzuschließen.
Was mochte sie nur dazu bewogen haben?
Als sich Scully aufrichtete, rutschte ihr goldenes Kreuz aus ihrem Hemd
hervor, was Mary nicht verborgen blieb.
„Glauben Sie an das, was Sie um den Hals tragen, oder ist es für
Sie nur ein Schmuckstück?“, wandte sich Mary unverblümt an Scully,
die etwas erstaunt war von dieser Frage.
Scully sah kurz an sich hinunter, auf das Kreuz und berührte es
leicht mit ihren Fingern. „Es ist das Wertvollste, was ich besitze“, entgegnete
sie ihr mit fester Stimme. „Seit meinem fünfzehnten Geburtstag trage
ich es bei mir, Tag für Tag, Nacht für Nacht - als Zeichen meines
katholischen Glaubens, von dem ich mich beschützt und bestärkt
fühle und der mich stets begleitete... und es auch weiterhin tun wird,
auf meinem Weg durch dieses Leben. Doch es gab auch Zeiten, wo auch ich
zweifelte, wo ich mich fragte, was ist das nur für ein Gott, der mich
und andere so viel Schmerz und Leid durchmachen lässt... und ich mich
schließlich abwand, von Glauben und der Kirche. Doch ich fand meinen
Weg immer wieder zurück und fühle mich heute, nach all meinen
Erfahrungen, enger damit verbunden denn je. Ich denke aber auch, dass es
wahrscheinlich nicht so wichtig ist, was man glaubt, sondern vielmehr,
dass man glaubt. Was, das bleibt jeden Einzelnen überlassen. Mein
Sinn liegt im Katholizismus, andere wiederum haben ihre eigenen Religionen
und wieder andere glauben, den Sinn des Lebens darin gefunden zu haben...“
- und sie grinste dabei zu Mulder hinüber - „...die Existenz außerirdischen
Lebens beweisen zu müssen!“ Scullys Blick war nun wieder an
Mary gerichtet und sie betonte ihren folgenden Satz sehr sorgfältig.
„Es ist einzig und allein der Glaube, der zählt, den Glaube ist Hoffnung!“
„Ich wünschte, ich hätte Ihre Einstellung“, antworte Mary
ihr mit einem gequältem Lächeln. „Wir sind uns sehr ähnlich,
Dana. Ich war mal genau wie Sie. Erzogen und aufgewachsen im katholischen
Glauben, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend damit, nach diesen Lehren
zu leben. Ich hab es gern getan, denn ich fand Freude und Überzeugung
darin. Meine schönsten Erinnerungen liegen in dieser Zeit. Doch eines
Tages kam auch ich an den Punkt, wo sich mein Weg gabelte... und ich mich
verlief. Ich sah mich plötzlich mit Dingen und Sachen konfrontiert,
die Zweifel und Fragen aufkommen ließen, an der Richtigkeit meines
Glaubens, an dessen tieferen Sinn. Heute weiß ich, dass ich damals
den falschen Weg einschlug, mich verlief und verlor, in etwas, was ich
nun zutiefst bereue. - Doch anders als Sie, Dana, habe ich nicht mehr auf
den rechten Weg zurückgefunden.“ Mary seufzte nun leise und ihre Augen
füllten sich mit Tränen. „Ich wünschte, ich hätte es!
Wie gerne würde ich heute um Vergebung bitten, für all die vielen
falschen Entscheidungen, die ich diesem anderen Weg verdanke!“
Eine Woge des Mitgefühls überkam Scully und sie berührte
leicht Marys Arm.
„Es ist dafür nie zu spät“, antwortete Scully sanft, „Sie
können immer noch zurück!“
Mary schüttelte leicht den Kopf. „Nein Dana, für mich gibt
es kein Zurück mehr! Ich würde mir wie eine Heuchlerin vorkommen,
die immer nur dann den Weg zu Gott sucht, wenn es ihr schlecht geht. Nein,
es ist zu spät dafür!“
„Du hast Recht, Mary“, zerriss Cooks tiefe Stimme die eben eingetreten
Stille, „es ist zu spät. Bereits viel zu spät!“
Mary zuckte innerlich zusammen und drehte sich mit angsterfüllten
Blick langsam in Richtung der Stimme um.
Cook, der eine ganze Weile schon unbemerkt an der Tür gelehnt
hatte, kam nun langsam auf Mary zu und starrte sie an. In seinem Blick
lag Verachtung, da sie es gewagt hatte, sich auf diese Art und Weise gegen
ihn zu stellen, aber da war auch etwas Bewunderung, vor allem, weil sie
es getan hatte.
„Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde, wo auch du mit dem
Versprechen brichst, das du mir vor so langer Zeit einmal gegeben hast,
Mary!“, sagte er kalt. Seine Finger schlossen sich enger um den Griff seiner
Waffe, die er nun ohne zu zögern auf Mary richtete. Langsam spannte
Cook den Hahn - und dieses laute metallische Geräusch, als dieser
in seine Endstellung einrastete, ließ Mary erneut zusammenfahren.
Sie schluckte schwer. Der ganze Raum war nun erfüllt mit einer hochgradig
explosiven Atmosphäre. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung würde
unweigerlich zur Katastrophe führen. Scully und Mulder wagten kaum
zu atmen und sahen sich gegenseitig Hilfe suchend an. Doch sie standen
der Situation ebenso machtlos gegenüber wie Mary. Alle Trümpfe
lagen in diesem Moment bei Cook. Nur ein Wunder konnte jetzt noch helfen.
„Geh zur Seite, Mary“, sagte Cook plötzlich zu ihr, die nach ein
paar Sekunden realisierte, dass nicht sie, sondern Mulder, der genau hinter
ihr stand, sein eigentliches Ziel war. Doch das wollte und konnte sie nicht
zulassen. Nicht, nachdem sie sich nun schon soweit vorgewagt hatte. Sie
spürte, dass es nun an ihr lag, dies alles zu beenden. Schweren Herzens
ging sie auf ihn zu, so nahe, dass der Lauf seiner Waffe fast ihre Brust
berührte.
„Ich sagte, du sollst zur Seite gehen!“, schrie er sie an. Doch sie
tat nichts dergleichen, sondern stand einfach nur da und starrte in seine
Augen.
„Ich will, dass das alles jetzt aufhört! Hörst du? Ich kann
nicht mehr. Ich kann und will das nicht mehr mit ansehen, wie du dein eigenes
Leben und das der anderen zerstörst. Sieh nur, was aus dir geworden
ist... was aus uns geworden ist - und sage mir, dass dir das gefällt,
was du siehst! Ist es das, was du immer wolltest? So zu sein, wie du jetzt
bist? Das kann ich einfach nicht glauben!“ Ihre Augen füllten sich
mit Tränen und mit weinerlicher Stimme fuhr sie fort: „Wo ist nur
der Mann, den ich einst so liebte, wegen all seiner Träume und Hoffnungen,
für dieses Land... für Familie und Glauben! Ich weiß, dass
du davon immer noch etwas in dir trägst. Lass es raus! Bitte...!“
Cooks Augen verloren etwas von ihrer kalten Härte. Sein Blick schien
nun doch etwas nachdenklich, in eine weite Ferne gerichtet, zurückkehrend
zu den Erinnerungen längst vergangener Tage...
Damals wie heute, lagen Krieg und Frieden, Verzweiflung und Hoffnung,
so knapp beieinander. Nichts hat sich an diesem Bild seit seiner Kindheit
verändert. Nur er. Er selbst hatte sich stark verändert. Aus
dem einst so fröhlichen und enthusiastisch veranlagten jungen Burschen,
war ein verbitterter, starrsinniger alter Mann geworden, den Hass und Selbstmitleid
zerfraßen. Mary hatte Recht. Was, in Gottes Namen, war nur aus ihm
geworden?
Mary, die seine Erkenntnis wohl spürte, legte leicht ihre Hand
auf die ihres Mannes und begann sie sanft nach unten zu drücken. Zentimeter
für Zentimeter sank der Revolver in Richtung Boden. Mary, die noch
immer fest in seine Augen starrte, war es, als würde sie wieder kurz
die Sanftheit und Güte darin sehen, die sie schon so lange vermisst
hatte - während er, seinen abwesenden Blick, der scheinbar in eine
andere Welt gerichtet war, fortsetzte. Mary wusste, dass sie jetzt weiter
auf ihn einwirken musste. Es war schon lange her, dass sie dermaßen
an sein Gewissen hatte appellieren können. Zu lange!
Auch Scully und Mulder sahen, dass dies nun der entscheidende Moment
war, der Ausschlag gab, über Sieg und Niederlage, über Leben
oder Tod. Sie wollten Mary noch ein paar Minuten geben, dann wollten sie
losschlagen. Jetzt war er am verwundbarsten. Jetzt konnten sie es schaffen!
Mulder wollte Scully gerade das Zeichen zum Angriff geben, als draußen
an der Pier wohl gerade das Selbe passierte und die Hölle losbrach.
- Ein lautes, ohrenbetäubendes Geräusch drang von draußen
herein, so, als würden Wände bersten und Holz zersplittern. Begleitet
von schweren MG- und Geschützfeuer bahnten sich die Panzer der Armee
trotz der erbitterteren Gegenwehr von Cooks Gefolge unbeirrbar ihren Weg
nach vorne.
So sehr sich Mulder dieses Eingreifen der Polizei bis jetzt gewünscht
hatte, so sehr verfluchte er es in diesem Augenblick! Sie waren zum denkbar
schlechtesten Moment erschienen. Er musste jetzt sofort handeln, um Cook
die Waffe noch zu entreißen, bevor... doch er kam zu spät.
Etliche schwere Granateinschläge in der Nähe des Gefängnisses
rissen Cook aus seinem jetzigen Zustand und ließen ihn schlagartig
aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückkehren. Doch welcher
Cook war zurückgekommen? Der gute, der einst das genaue Gegenteil
seines heutigen Ichs war... oder der böse, der die Saat des Teufels
weiter in alle Himmelsrichtungen verstreute?
Es war der Böse!
Mit einem wütenden Aufschrei stieß er Mary bei Seite und
richtet seine Waffe mit eiskalter Miene genau auf Mulder.
„Es muss wohl so enden!“, presste Cook hasserfüllt hervor und
sein Finger schloss sich enger und enger um den Abzug. In seinen Augen
glühte jetzt das Verlangen zu töten. Mulders langjährige
Erfahrung mit Serienkillern reichte aus, um zu erkennen, dass dieser Mann
nicht blaffte. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Er würde es tun.
Er würde abdrücken. Mulders Herz raste und Schweißperlen
traten auf seiner Stirn hervor. War dies nun das Ende?
Es war dieses kleine, selbstgefällige Grinsen, das Cook plötzlich
aufsetzte, was Mulder schlagartig dazu veranlasste, umzudenken. Cook wusste,
dass es Mulder mehr weh tun würde, seine Liebe vor seinen Augen sterben
zu sehen, als sein eigenes Leben zu verlieren. Und noch während er
das dachte, war er bereits auf den Weg in Richtung Scully.
Die nun folgenden Momente spielten sich für Mulder wie in Zeitlupe
ab. Es waren nur lächerliche zwei Meter, die ihn von Scully trennten,
doch in diesem Augenblick kam es ihn vor, als lägen ganze Kontinente
zwischen ihnen. Er legte all seine Kraft in diese zwei Schritte zu ihr,
doch er war dennoch so langsam, so verdammt langsam! Sein Blick streifte
zu Cook hinüber, der Scully schon längst anvisiert hatte und
dessen Gesicht zu einer teuflisch, grinsenden Fratze verzogen war... und
ging wieder zurück zu Scully, die ihn entgeistert ansah. Gleich...
gleich war er bei ihr!
Der Knall war so laut und durchdringend, dass Mulder unwillkürlich
zusammenfuhr. Er riss den Kopf herum, in Richtung Cook und konnte gerade
noch den Rauch und das Mündungsfeuer sehen... als er ihn sah... wie
er sich langsam und behäbig aus dem Lauf schob... der Tod... in Form
der Kugel. Unbeirrbar und gnadenlos setzte sie ihre Flugbahn fort, bereit,
ein Leben zu löschen... Scullys Leben... und somit auch seins! Sie
war Scully nun schon so nahe und er... er hatte sie noch immer nicht erreicht.
Sekundebruchteile wurden für Mulder zu Minuten, Minuten zu Stunden
und Stunden zu Tagen. Schließlich schaffte er es doch noch mit letzter
Kraft, diese entscheidende Hürde zu nehmen und Scully aus der todbringender
Bahn der Kugel zu reißen. Doch für Mulder selbst blieb keine
Zeit mehr. Der Kugel war das egal. Sie hatte ein anderes Ziel gefunden
und fraß sich unbarmherzig durch seinen Unterleib. Der Schlag und
Schmerz, den Mulder dabei verspürte, war ungeheuerlich. Unter dem
gellendem und entsetzten Aufschrei Scullys wurde er durch die Wucht des
Einschlags zurück geschleudert. Hart prallte er gegen die Wand, an
der er langsam nach unten zu rutschen begann und dabei einen blutigen Streifen
hinterließ. Die Ereignisse begannen sich nun zu überstürzen.
Er sah von Scullys bestürzten Gesicht, die längst bei ihm war
und gerade sein Hemd aufriss, um nach der Wunde zu sehen, hinüber
zu Cook, der Mulder mit offenen Mund ungläubig anstarrte. Ein lautes
Geräusch hinter ihm ließ ihn herumwirbeln, um gerade noch zu
sehen, wie die Tür mit Gewalt eingetreten wurde und Uniformierte Männer,
die Waffen ihm Anschlag, den Raum stürmten und alle aufforderten sich
zu ergeben. Doch Cook war kein Mann, der sich einfach so ergab. Lieber
würde er sterben, als in einem Gefängnis zu verrotten! Er richtete
seine Waffe auf einem der Polizisten, um im selbem Augenblick im Kugelhagel
zu sterben. Langsam, aber noch immer mit einem leichten Grinsen, ging er
zu Boden. Letztendlich hatte er doch gesiegt. Sie würden ihn nicht
bekommen. Jedenfalls nicht lebend! Für Mary war das alles zuviel.
Sie wollte schreien, doch ihre Stimme versagte im selben Moment, wie ihre
Knie nachgaben und sie kollabierte.
Nur Scully war die einzige, die in diesem Augenblick die Übersicht
behielt. Sie schrie die Polizisten an, nicht so dumm herum zustehen, sondern
endlich einen Krankenwagen zu rufen. Mulder entfuhr trotz der Schmerzen
ein leichtes Lachen. Ja, das war seine Scully. Sie konnte ziemlich ungehalten
werden, wenn etwas nicht nach ihren Sinn lief. Sie hatte eine Hand auf
seine Wunde gepresst, während ihre andere seinen Kopf, der auf ihren
Schoß gebettet war, sanft streichelte. Mulder spürte etwas Nasses
auf seiner Haut und sah hoch zu ihr, in ihre Augen, die es nicht ertrugen,
ihn so leiden zu sehen - und in ihren heißen Tränen lag all
der tiefe Schmerz und Kummer, die sein Schicksal betrauerten. Sie so zu
sehen, tat Mulder mehr weh, als seine eigene, dumpf pochende Schusswunde.
„Hey Scully“, sagte er leise zu ihr, „nicht weinen... es wird alles
gut werden... du musst nur...“ „Shhhhht“, unterbrach sie ihn mit einem
gequältem Lächeln und legte ihm sanft ihre Hand auf seinen Mund.
„Du darfst jetzt nicht sprechen, Mulder. Ich will, dass du mir nur zuhörst...
und mir verspricht, durchzuhalten, bis Hilfe hier ist! Ich weiß,
dass du es schaffen wirst, denn du bist ein Kämpfer, also bitte halte
durch!“ Sie machte eine kleine Pause und wischte sich ihre Tränen
aus dem Gesicht. „Weißt du noch“, fuhr Scully mit zitternder Stimme
fort, „was wir uns damals geschworen haben, wie wir...?“
Mulder versuchte sich auf ihre Stimme zu konzentrieren und kämpfte
mit aller Macht gegen die bleierne Müdigkeit, die mehr und mehr von
seinem Körper Besitz ergriff und ihn Sekunde um Sekunde mit kleinen,
aber unabwendbaren Schritten, näher in Richtung der Ewigkeit brachte.
Er bäumte sich dagegen auf, weil er wusste, was auf dem Spiel
stand, weil er wusste, was ihm dieses Leben mit ihr bedeutete, was ihm
diese Liebe bedeutete - und dass er dafür selbst den Tod trotzen würde.
Doch letztendlich war es ein aussichtsloser und unfairer Kampf. Die Verletzung
war einfach zu schwer. Scullys Stimme verlor sich nach und nach immer mehr
in weiter Ferne. Er war so müde, so unendlich müde. Er wollte
diesem Gefühl nicht nachgeben, doch er hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen.
Ihm wurde bitterkalt, und er begann am ganzen Körper zu zittern. Er
hatte kaum noch die Kraft, die Augen zu bewegen, doch er wollte sie noch
einmal sehen. Er blickte hoch und... und erstarrte vor Ehrfurcht. Ihr Gesicht...
es... es war ein Anblick, den er nicht erwartet hatte. Nicht ein von Gram,
Schmerz und Tränen gezeichnetes Gesicht war es, was er hier vor sich
sah, sondern etwas, das umhüllt mit einer Korona aus weißem
Licht, so hell und klar wie die Sonne selbst, das auf ihn nieder sah...
und ihn so liebevoll und zärtlich anblickte, wie es nur ein Mensch
auf dieser Welt konnte.
Und noch etwas sah er in diesem Gesicht. Etwas, was ihm in diesen letzten
Sekunden doch noch etwas versöhnlicher und zufriedener stimmte, etwas,
das in seinen Erinnerungen unsterblich sein würde... und was ihn letztendlich
auch begleitete, auf seinen Weg in die Dunkelheit hinein: Das warme strahlende
Lächeln seiner Scully. Seiner geliebten Scully.
Mulders Herz schlug langsamer und langsamer, bis es schließlich
ganz aussetzte und sich zur ewigen Ruhe begab. Jeglicher Glanz wich aus
seinen Augen und sie starrten nur mehr fahl und leer in Scullys panisches
Gesicht.
„Nein!“, hauchte sie entsetzt und begann fieberhaft nach einen Puls
zu suchen. Nichts! Kein Puls, kein Atmen, keine Pupillenreaktion. Noch
bevor drei Sekunden vergangen waren, hatte sie Mulders Kopf langsam zu
Boden gelegt und angefangen zu reanimieren.
„Bitte Mulder...“, keuchte sie unter den Anstrengungen der Herzmassage,
die sie mit aller Kraft durchführte, „bitte, tu mir das nicht an...
bleib bei mir... bitte...“
Ihre Stimme war nur mehr ein Schluchzen und brach, genauso wie ihr
Widerstand gegen die Tränen, die nun heißer und intensiver als
je zuvor über ihr Gesicht liefen. Es waren die bittersten Tränen
ihres ganzen Lebens.
Sie war so vertieft in ihren Bemühungen, Mulder ins Leben zurückzuholen,
dass sie das Sanitäterteam nicht bemerkte, das soeben in den
Raum stürmte und sich auf Mary, Cook und Mulder aufteilte. Erst jetzt,
als einer der Sanitäter sie sanft aufforderte, bei Seite zu gehen,
realisierte sie es und rutschte widerwillig etwas nach hinten. Doch sie
würde Mulder keine Sekunde aus den Augen lassen. Gebannt verfolgte
sie jede Handbewegung der Sanitäter.
Die Zeit strich in diesen bangen Moment so quälend langsam dahin.
Scully schloss langsam die Augen, in denen die letzten einsamen Tränen
standen, und vergrub ihr Gesicht in ihren blutverschmierten Händen.
Allein der Gedanke, ihn hier zu verlieren... ihn nicht mehr zu spüren
oder zu fühlen, in jeder Sekunde ihres Lebens... wieder allein zu
sein und nichts mehr zu besitzen, als ein paar vergängliche Erinnerungen
an ein glücklicheres Leben... das alles rief das blanke Grauen in
ihr hervor. Diese Liebe zu ihm war wie ein Rausch, eine Sucht gewesen,
der sie mehr und mehr verfallen war und der sie sich nun nicht mehr entziehen
konnte und wollte. Wenn Mulder hier starb, würde sie ihm unweigerlich
folgen. Sie würde mit seinem Verlust nicht leben können. In der
gleichen Sekunde seines Todes würde ihr Innerstes zerbrechen. Ihr
Körper wäre dann nur noch eine nutzlose Hülle, die einen
toten Geist in sich trüge. Doch ihre Seele würde weiterleben...
und er, Mulder, war und würde die zweite Hälfte ihrer Seele sein.
Und dort würde er für immer unsterblich sein! Diesen Teil würde
sie mitnehmen... ins Paradies... wo sich ihre Seelen vereinten... und endlich
für immer und allezeit zusammensein würden. Doch so verlockend
dieser Gedanke auch war, sie hoffte dennoch, dass ihnen doch noch etwas
Zeit hier auf Erden beschienen war. Sie umklammerte ihr Kreuz mit beiden
Händen und führte es nahe an ihren Mund. ‚Herr‘, flüsterte
sie leise in ihren Gedanken, ‚bitte nicht er. Nicht jetzt! Bitte nimm ihn
mir nicht weg. Du weißt, wie sehr ich ihn brauche, wie sehr ich in
liebe... und ich... ich weiß, dass es selbstgefällig ist, so
zu denken, denn das Wohl von Wenigen wiegt leichter, als das Wohl von vielen...
aber, ich glaube, du kennst mich und weißt, wie ich es meine. Darum
bitte ich dich um diesen einen Gefallen! Bitte... lass ihn leben!‘
-3-
Wir wissen weder den Tag, noch den Ort, noch die Stund,...
Sie war so schwarz! Schwärzer, als die Farbe selbst. Schwärzer,
als die Nacht... und schwärzer, als es der Tod je sein konnte. Die
Dunkelheit, in der er eingehüllt war, wie in einem riesiges Leichentuch.
Wo war er hier? War das hier real, oder nur wieder ein dummer Traum, eine
weitere Vision, oder... oder war er wirklich tot? Sah so der Tod aus? Ein
riesiges, schwarzes Nichts? Oder sah er nur für ihn so aus, weil er
nie wirklich an einen Gott und an ein Leben danach im Paradies hatte glauben
können? Es war eine seltsame Erfahrung. Er fühlte sich in diesem
Augenblick freier und unbeschwerter, als je zuvor. Der körperliche
Schmerz war gegangen und dennoch... war er einem anderen gewichen, der
tief und unauslöschlich in seiner Seele brannte: Sie... war nicht
mehr hier! Er konnte sie nicht mehr spüren. Sie war fort. Für
immer fort!
„Hallo Fox!“
Die Stimme war so nahe, dass Mulder unwillkürlich zusammenfuhr.
In gleichen Maßen, wie der Nachklang der beiden Worte, die ihn
so erschreckten, in seinen Ohren verhallte, löste sich das schwarze
Nichts um ihn herum auf und er fand sich plötzlich in einem Raum wieder,
den er nur zu gut aus seinem Alptraum kannte. Es war wieder in diesem Zimmer,
in der Baker Street, in das er sich damals, in seinem Traum, schwerverletzt
mit einer Kugel im Bauch geflüchtet hatte... und wo er letztendlich
sich selber hatte sterben sehen.
Und jener Mann, der damals danach in das Zimmer gekommen und vor ihn
hingetreten war, hockte nun Aug in Aug ihm genau gegenüber und lächelte
ihn milde an. Damals hatte er ihn nicht erkennen können, doch diesmal
hatte er kein Problem damit - und doch versagte ihm in diesen Moment vor
Erstaunen die Stimme. Dieser Mann, dessen Worte ihn vorhin aus der Dunkelheit
gerissen hatten, er war das komplette Ebenbild seines Sohnes!
„Sie sind es, nicht wahr?“, schluckte Mulder schwer, „Sie sind John
Sinclair.“
Der Mann ihm gegenüber nickte leicht.
Mulder seufzte schwer. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? War dies
schon die vorweggenommene Antwort auf seine Frage, die er nicht zu stellen
wagte? Ob es wirklich stimmte, was er insgeheim bereits dachte und fühlte?
„Bin ich“, begann er zaghaft, „ich meine, sind Sie und ich...?“
„...tot?“, beendete Sinclair Mulders Frage. „Ich schon... aber du,
Fox... du wirst dich entscheiden müssen!“
„Wie?!?“ Mulder konnte ihm nicht folgen.
„Schau, das, wo wir uns hier befinden, ist eine Art Zwischenebene.
Du und ich sind hier, weil wir nicht bereit waren, zu gehen. Wir wollten
uns von unserer irdischen Heimat nicht lösen, weil uns etwas zurückhielt,
das wir nicht bereit waren, aufzugeben... und so sträubten wir uns
letztendlich gegen unser Schicksal, abberufen zu werden, in die ewige Heimat.
Du Fox, konntest dich nicht von deiner unermesslichen Liebe zu einer
Frau trennen und ich... ja, was mich betrifft, so war es einer meiner schwersten
Entscheidungen! Da war dieser innerliche Kampf in mir, diese Gelegenheit...
einfach alles hinter mir zu lassen und den Weg ins Licht weiterzugehen,
wo ich die Wärme und Liebe der Gemeinschaft, die bereit war, mich
aufzunehmen, schon fühlen konnte... und dennoch... verspürte
ich doch auch diese schwere Last der Schuld, weil ich den Menschen in meinem
Land etwas versprochen hatte. Ich gab ihnen Hoffnung und den Glauben an
eine bessere Welt. Freiheit für mein Land und Einheit unter den Menschen.
Das war mein großes Ziel, dem ich schon so nahe war. Meine Entscheidung
war gefallen. Ich konnte die Menschen dort unten nicht im Stich lassen.
Ich hatte etwas begonnen und würde es nicht unvollendet zurücklassen.
Also kam ich hierher, um eine Möglichkeit zu finden, alles doch noch
zum Abschluss zu bringen. Doch das war eine schier unmögliche Aufgabe.
Was ich auch versuchte, so musste ich doch mit ansehen, wie mein Lebenswerk
nach und nach in Vergessenheit geriet, wie es Stück für Stück
zerbröselte und zu Staub zerfiel... und schließlich nichts mehr
übrig blieb, als ein Name auf einem Grab! Es war eine bittere Erfahrung,
zu sehen, wie schnell die Menschen vergessen, wie schnell sie ihre Ziele
und Ideale ändern, um sich der vorherrschenden Stimmung anzupassen...
und diese Stimmung war es auch, die einen neuerlichen Umbruch brachte -
und aus deren Mitte eine neue Bedrohung erwuchs, deren Anführer, dieser
James Cook, mit allen Mitteln versuchte, die Zustimmung und Gunst des Volkes
zu erlangen. Diesen Mann, galt es zu bekämpfen. Er war der Schlüssel.
Wenn er fiel, würde auch der militante Widerstand fallen und der Weg
frei sein für ein neues Zeitalter des Friedens und der Vernunft!
Und nun... nun kamst du ins Spiel, Fox.
Es war für mich... ja wie soll ich sagen... eine Art Geschenk
des Himmels, als du in dieses Land kamst. Nicht nur, dass du mit dem gleichen
Aussehen wie ein guter F reund von mir gesegnet warst, so konnte ich doch
auch in deinen Gedanken und deinen Geist lesen... wie in einem offenem
Buch. Und was ich da sah, gefiel mir sehr. Du warst anders.... und du denkst
anders... als all die anderen, die ich vor dir in Betracht gezogen hatte.
In deinem Gehirn ist etwas anders. Etwas, dass dich im Grunde aus der normalen
Menschheit hervorhebt, etwas, dass du sehr bald selbst erkennen wirst...
und mir zeigte, dass du prädestiniert für diese Aufgabe warst.
Es dauerte nicht lange und ich erkannte, dass du der Schlüssel warst,
den zu finden mir solange verwehrt blieb. Dir einzig und allein war es
bestimmt, diesen Cook zur Strecke zu bringen. Also schickte ich dir in
deiner ersten Nacht hier diesen Traum, der dir am eigenen Leib zeigte,
was mir damals widerfuhr. Und diese Visionen und Bilder der Zerstörung,
die unaufhaltsam näher rückte.
Ich musste sehen, wie du darauf reagierst... ich spürte deine Gedanken
und Empfindungen bei diesen Bildern, die in dir Abscheu und Zorn hervorriefen,
aber ich spürte auch die Angst, in dir selbst und die um deine Freundin...
und doch bist du deinem Herz gefolgt und hast dich entschieden, für
etwas zu kämpfen, von dem du wusstest, dass du dabei nichts zu gewinnen,
sondern nur alles zu verlieren hattest. Du nahmst freiwillig all
dieses Leid und Schmerz auf dich, obwohl du dich diesem Land nicht verpflichtet
fühlen musstest. Dir gebührt unser aller tiefster Dank. Ich glaube,
du kannst gar nicht ermessen, wie viel du durch deine beispiellose Tat
für dieses Land getan hast. Und nimm auch meine Entschuldigung dafür,
dass ich dich hier hineingezogen habe, aber du warst wirklich meine letzte
Hoffnung.
Du, mein Freund, warst der Weg, das Werkzeug und der Richter! Ich habe
mich in dir nicht getäuscht und dein selbstloses Vorgehen in dieser
Situation hat mich tief beeindruckt. Nur eine Handvoll Menschen auf diesem
Planeten hätte ebenso gehandelt wie du!“
Mulder sah Sinclair staunend an. Dass das ganze so weitreichend und
komplex war, hatte er nicht erwartet. Er versuchte, das alles zu verarbeiten
und über seine Empfindungen klar zu werden. Allein die Tatsache, dass
er nur benutzt worden war, ale eine Marionette, in einem kleinen tödlichen
Spiel, dadurch Leben und Liebe verlor, das alles könnte in ihm Wut
und Zorn hervorbringen... aber er empfand nicht so. Ganz und gar nicht.
Er wirkte trotz dieser unfassbaren Geschichte ruhig und gelöst...
und ein wenig traurig, denn... was brachte ihm diese Erkenntnis? Sie machte
ihn auch nicht wieder lebendig! Und auch nicht diese sieben Menschen, die
bei Cooks feigen Anschlag ihr Leben verloren hatten.
Er seufzte leicht. „Ich hätte sie retten können“, begann
er leise, „wenn ich nur ein wenig früher...“ „Nein“, fiel ihm Sinclair
ins Wort, „quäle dich nicht damit!“ Er nahm Mulders Hand und drückte
sie leicht. „Es gibt ein Sprichwort, das heißt: Rettest du auch nur
einen Menschen, so rettest du die ganze Welt... und du mein Freund, hast
weiß Gott mehr als ein Leben gerettet und nun... nun ist es Zeit,
dein eigenes zu retten!“
„Mein Leben, aber...?“
„Unser beider Aufgaben sind erfüllt“, fuhr Sinclair unbeirrbar
fort, „und wir müssen nun beide unserer Wege gehen! Der meine führt
mich weiter in Richtung des Lichtes... zu meiner Familie und meiner Gemeinschaft,
die mich schon sehnlichst erwartet - und du Fox, wirst wieder zu deinem
irdischen Leben zurückkehren!“
Mulder konnte nicht glauben, was er da hörte, aber er wollte es
von ganzen Herzen. War es wirklich möglich? Würde er zurückkehren
können? Unübersehbare Euphorie machte sich in ihm breit und seine
Augen begannen vor Aufregung zu leuchten, wie damals, als er seine erste
X-Akte bekommen hatte.
„Es ist das Mindeste, was ich für dich tun kann, Fox. Ich sehe
doch wie sehr du sie vermisst. Wie sehr du dieses Leben vermisst, mit all
den Kleinigkeiten, die ein Leben erst lebenswert machen! Sieh es als eine
Art Wiedergutmachung, eine Art Geschenk, denn das Leben ist ein Geschenk.
Du wirst noch viel Freude daran haben, mit deiner zukünftigen Frau
und deinen...“, Sinclair brach ab und fügte dann leicht lächelnd
hinzu, „na, du wirst schon sehen!“
Er zog Mulder hoch und sah ihn noch einmal voller Dankbarkeit an.
„Es ist Zeit“, sagte er schließlich und drückte noch einmal
Mulders Hand fest zum Abschied. „Leb wohl, mein Freund! Es war mir eine
Ehre, dich kennen gelernt zu haben, Fox William Mulder. Und grüße
mir bitte Dana und Mary. Sie sind beide zwei außergewöhnliche
Frauen. Und keine Angst Fox, eines Tages werden wir uns wiedersehen!“
Mulder wollte noch etwas erwidern, doch das schwarze Nichts kehrte
zurück und riss alles mit sich fort. Er war wieder allein, ein Gefangener
der Dunkelheit, die alles um ihn herum verschlang... und er war auch ein
Gefangener seiner Empfindungen... die sich mehr uneins waren, als jemals
zuvor...
Dublin
St. Michaels Hospital / Intensivstation
Zwei Wochen später...
Scullys müder und leerer Blick war auf den Mann fixiert, der vor
ihr ruhig und friedlich auf dem Bett lag. Doch das Bild täuschte.
Der Mann lag im Koma. Ohne die vielen Geräte, an die er angeschlossen
war, wäre er schon längst tot. Sie sah hinüber zum EEG,
um sich zu vergewissern, dass sein Herzschlag regelmäßig war...
ihr Blick ging weiter zum Beatmungsgerät, das sich unermüdlich
auf und ab bewegte und so immer wieder frischen Sauerstoff in die Lungen
des Mannes schaufelte... und ihn dadurch in einem künstlichen Leben
hielt... ein Leben, das so eigentlich keines mehr war. Und doch war es
ein Wunder. Eigentlich hätte er tot sein müssen. So eine Verletzung
hatte bisher noch keiner überlebt. Aber Mulder war ein Kämpfer.
Das hatte sie immer gewusst. Sie wünschte nur, sie könnte das
von sich selbst auch behaupten. Sie fühlte sich schwach und elend
und konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt etwas anständiges
gegessen, geschweige denn geschlafen hätte. Sie nahm an, dass sie
auch sicher so aussah wie sie sich fühlte, aber sie legte in diesem
Moment nicht viel Wert auf sich selbst oder auf ihr Äußeres
- und dennoch hätte ein Blick in den Spiegel selbst sie erschreckt.
Sie war nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Ihre sonst so geschmeidiges
tizianrotes Haar hatte stark an Glanz und Form verloren und fiel ihr nun
wirr in ihr bleiches eingefallenes Gesicht, das in starken Kontrast
zu ihren roten verschwollenen Augen stand.
Ja sie hatte geweint. Viel geweint, in den letzten Tagen und Wochen.
Träne um Träne, vergossen der Trauer, der Furcht und des Selbstmitleids.
Aber nun waren die Tränen versiegt. Sie hatte einfach keine mehr...
sie war innerlich leer und ausgebrannt. Wenn es ganz schlimm wurde, war
sie zwischendurch immer wieder in die kleine Kappelle des Hospitals gegangen,
um für ihn zu beten und sich selbst wieder Kraft und Mut zu geben.
Und eins wusste sie danach immer genau: Sie würde nicht aufgeben zu
hoffen. Sie würde ihn nicht aufgeben und auch ihren Glauben nicht.
Nicht diesmal!
Scully nahm langsam seine Hand zwischen die ihren, führte sie
zu ihrem Gesicht und legte sanft ihre Lippen darauf. Ihr Blick fiel auf
den Ring auf ihrer linken Hand und sie seufzte schwer. Eine Schwester
hatte ihn bei Mulders Sachen gefunden und ihn ihr gegeben. Seit diesem
Tag trug sie ihn. Und seit diesem Tag wusste sie es mehr denn je.
„Ich wünschte, du könntest ihn sehen“, begann sie leise in
seine Richtung,.. „ich wünschte, du könntest den Stolz und die
Freude sehen, die ich verspüre, wenn ich ihn trage... wissend um seine
Bedeutung... und deine Gefühle und Absichten mir gegenüber...
und ich hoffe, du kannst dies jetzt hören, wenn ich dir sage, wie
sehr auch ich es möchte... wie sehr ich es von ganzen Herzen möchte
und...“ Sie stockte und schluckte schwer. „Und dieser Ring der Anfang sein
soll, für mein Versprechen an dich, immer für dich da zu sein...
als deine beste Freundin... als deine Geliebte... und vor Allem auch...
als deine Frau.“
Scully spürte plötzlich, wie sich Mulders Hand in der ihren
leicht bewegte. Ihr Herz setzte vor Überraschung kurz aus, bevor es
rasend schnell zu schlagen anfing. Sie sprang von ihrem Stuhl hoch, dass
dieser nach hinten wegkippte und beugte sich ganz nahe an ihn heran...
sah in sein Gesicht, wo eine einsame kleine Träne seine Wange hinunterlief
und... und konnte es nicht glauben. Unbeschreibliche Erleichterung und
Freude erfüllten ihren Geist und ihre Seele.
„Wach auf, mein Liebster“, flüsterte sie ihm mit bebender
Stimme ins Ohr, während ihre vor Anspannung zitternde Hand sanft über
seine feuchte Wange strich und die Träne fortwischte, „bitte wach
auf... nur du allein kannst das schaffen... bitte Mulder... wach auf...
wach einfach nur auf!“
Der Klang ihrer Stimme, die für Mulder von Sekunde zu Sekunde
lauter und lauter wurde, war für ihn wie das Licht am Ende eines Tunnels,
ein gleißend heller Punkt, an den er sich festhalten konnte, um der
schwarzen dunkeln Unendlichkeit endgültig zu entfliehen. Er fühlte
sich ihr jetzt schon so nahe und es war ihm, als könnte er bereits
ihren Atem spüren.
Seine Augenlider waren schwer wie Blei, doch er stemmte sie empor,
um das Licht der Welt abermals neu zu erblicken... um Scully neu zu erblicken...
zwar noch verschwom men, aber die Kontur ihres Gesichtes konnte er bereits
deutlich ausmachen. Scully sah ihn nur an und wusste vor Freude nicht,
was sie sagen sollte.
„Hey...“, brachte sie schließlich hervor und schenkte ihm dabei
ein strahlendes Lächeln. In ihren Augen begann es nun zu schimmern
und glitzern. Die Tränen... sie kamen zurück. Doch diesmal waren
es Freudentränen, die all die Ängste, die vielen Sorgen und den
tiefen Kummer mit nach draußen nahmen und ihr dieses großartige
Gefühl der Erleichterung gaben.
Mulder wollte etwas sagen, aber er brachte nur ein heiseres Krächzen
hervor, das in einen Hustenanfall überging. Sein Mund und seine Kehle
fühlten sich so trocken an, als hätte er mit Sand gegurgelt.
Aber er brauchte auch nichts zu sagen. Statt dessen lächelte
er nur zurück. Alles, was er je wollte... alles, was er je liebte...
war hier bei ihm! Und das war alles, was für ihn zählte!
Langsam und unter Aufbietung all seiner verbliebenen Kraft, hob er seine
Arme und ergriff mit beiden Händen zitternd ihr Gesicht.
Ein wohliger Schauer durchströmte Scullys Körper. Oh wie
sehr hatte sie dies vermisst... wie er sie berührte.... wie er sie
ansah... und ihr mit diesen Augen mehr sagen konnte, als tausend Worte.
Und in diesen lebendigen Augen las sie schließlich auch diese stummen
Worte des Glücks und der Liebe, die direkt aus seinem Herzen kamen
und ihr mehr bedeuteten, als alles andere jemals zuvor...
‚Ich sehe in deine Augen - und ich sehe sie zum Meer werden,
in dem ich vor Sehnsucht ertrinke!
Ich spüre dein Herz, zum flammenden Inferno werden,
in dem ich vor Kummer verbrenne!
Ich fühle deine Berührung, die in mir ein Verlangen weckt,
in dem ich vor Lust vergehe!
Und ich sehe deine Liebe, zur einzigen, mir wichtigen Wahrheit werden,
in der ich mich für immer verliere!‘
Ende