Titel:
Diamond Eyes
Autor:
Rieke
Kontakt:
RiekeX@gmx.de
Spoiler:
-
Rating:
G-6
Kategorie:
MSR, S
Disclaimer:
Mulder und Scully gehören nicht mir, sie sind geistiges Eigentum von Chris
Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions.
Alle
anderen Personen in dieser Geschichte entspringen meiner Fantasie und sind frei
erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind ungewollt
und rein zufällig.
Short-Cut:
Ein sonderbares Licht führt Mulder und Scully in die Abgeschiedenheit der
Berge.
Hier
geht es mir nicht so sehr um Glaubwürdigkeit. Es ist ein Märchen das ich euch
erzählen möchte.
Es
geschah im Winter 1999/2000.
Diamond
Eyes
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Mulder
hatte sich von seiner Gruppe getrennt. Er würde sich ihnen einfach wieder
anschließen, noch bevor sie bemerkten, dass er nicht mehr bei ihnen war. Der
unwegsame Pfad wurde immer schmäler. Zu seiner Rechten stiegen steile Felswände
empor. Links von ihm fiel das Gelände ebenso steil ab. Er achtete nicht darauf.
Die Neugier trieb ihn voran. Seine Augen richteten sich suchend geradeaus.
Abrupt blieb er stehen. Der Weg endete in einem scharfen Rechtsknick. Hier ging
es nicht weiter. Er sah sich um. Nichts als schroffe Felsen und Nadelbäume. Wo
er war, das wusste er nicht. Außerdem wurde es schon dunkel. Ein flüchtiger
Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm das er viel länger allein unterwegs gewesen
war, als er vorgehabt hatte. Sein Handy hatte er im Hotelzimmer liegengelassen.
Wie weit hatte er sich von den Anderen entfernt? Er wusste es nicht. Er machte
kehrt und lief den Weg in die Richtung zurück aus der er gekommen war. Was blieb
ihm auch anderes übrig. Ungefähr 200 Meter weiter gabelte sich der Pfad. Er
hatte keine Ahnung welcher der beiden Wege ihn zu den Anderen zurückführen
würde. Er hatte nicht auf den Weg geachtet.
Ein
seltsam fahles Licht hatte Mulders Aufmerksamkeit erregt. Es war plötzlich im
Schatten der Bäume aufgetaucht. Ein schwaches Leuchten in undefinierbaren
Farben, irgendwo zwischen weiß, beige und grau. Er hatte sich vergewissert, dass
niemand aus der Gruppe ihn beobachtete und sich von ihnen getrennt. Langsam
hatte er sich auf das Licht zubewegt. Aber es war zu weit weg, um etwas
Genaueres zu erkennen. Er konnte nur feststellen, dass es ungefähr die Größe
eines Menschen haben musste. Dann hatte sich das Licht von ihm weg bewegt und er
war ihm gefolgt. Bis zu eben jener Stelle, an der er umdrehen
musste.
Er
entschied sich für den breiteren der beiden Wege und ging weiter. Inzwischen
mussten die Anderen sein Verschwinden längst bemerkt haben. Vermutlich suchten
sie schon nach ihm. Wieso hatte er sich bloß dazu verleiten lassen diesem Licht
zu folgen? Wieso hatte er sich überhaupt zu dieser Bergtour überreden lassen? In
Gedanken versunken streifte sein Blick über den Boden. Unvermittelt blieb er
stehen. Ungefähr einen halben Meter vor ihm schimmerte etwas. Er ging in die
Knie und hob es auf. Es war ein winziger Stein. Er hatte noch nie einen
vergleichbaren Stein gesehen. Es sah aus wie Silber, aber er war transparent wie
ein Kristall. Er schien unbearbeitet zu sein, doch er funkelte wie ein Brillant.
Vor allem aber war die perfekte kreisrunde Form des Steins ungewöhnlich. Er
steckte ihn in seine Jackentasche. Bedrückt sah er zum Himmel. Noch fielen ein
paar Sonnenstrahlen durch die Bäume. Ein Knacken über ihm ließ ihn aufhorchen.
Und dann sah er es wieder. Das Licht war ein paar Meter über ihm zwischen den
Bäumen. Es schien heller zu sein als vorhin. Das lag wohl daran, dass das
Tageslicht langsam abnahm. Mulder kniff die Augen zusammen um mehr zu erkennen,
aber es blendete ihn. Plötzlich hörte er einen Schuss. Das Licht verschwand.
Suchend sah er in die Richtung, aus der seiner Meinung nach geschossen worden
war. Aber er konnte niemanden entdecken. Er war überzeugt, dass der Schuss für
das Licht bestimmt war. Also kletterte er dorthin, wo es eben noch gewesen war.
Er sah sich die Stelle sehr genau an. In einem Baum neben sich fand er
schließlich die Kugel. Vorsichtig befreite er sie aus der Rinde und steckte sie
zu dem kleinen Stein in die Jackentasche. Er lief zurück nach unten und setzte
seinen Weg fort. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke bis oben hin zu. Es war
kalt geworden und er begann zu frieren. Wie weit würde es noch bis zu dem
befestigten Wanderweg sein, der sein Ziel darstellte? War er überhaupt auf dem
richtigen Weg dorthin? Er hörte jemanden rufen. Gleich darauf erklang das
Geräusch sich nähernder Schritte. Er lauschte. Wieder rufen. Er erkannte seinen
Namen. Fox. Jemand rief nach ihm. Er antwortete und dann sah er die Person auf
sich zukommen. Es war ein Mann aus der Gruppe.
"Hi,
Pete."
"Hi
Fox. Sie
haben mich losgeschickt dich zu suchen. Ich kenn mich hier
aus."
"Ich
sagte dir doch, ich kann diesen Namen nicht ausstehen. Also nenn mich auch nicht
so."
"Tschuldige,
aber Mulder zu dir zu sagen kommt mir irgendwie komisch
vor."
"Also
gut, wenn dir das komisch vorkommt dann sag eben William. Das ist mein zweiter
Vorname und immer noch besser als Fox." So wurde er zwar nie von jemandem
genannt, aber er hatte keine Lust mit Pete zu diskutieren.
"Geht
klar, William. Kommst du nun mit zurück?"
"Okay."
Pete
wohnte im gleichen Hotel wie er. Ein äußerst aufdringlicher Mensch. Mulder hatte
ihn gleich am ersten Tag seines Aufenthalts hier, an der Hotelbar kennen
gelernt. Pete erzählte ihm das er hier jedes Jahr um diese Zeit seinen
Winterurlaub verbrachte. Und dann hatte er angefangen einfach drauflos zu reden.
Er vertraute ihm seine ganze langweilige Lebensgeschichte an, erklärte ihm wie
trostlos die Stadt war aus der er kam und schwärmte von der Landschaft und den
Bergen hier. Mulder war müde gewesen. Außerdem hatte er schon zu viel getrunken
und so hatte er sich von Pete dazu überreden lassen diese Tour mitzumachen. Pete
war nicht besonders groß, hatte kurze, dunkle Harre und noch dunklere Augen. Er
war schlecht rasiert und hielt sich für unwiderstehlich. Das einzig Auffallende
an ihm war die Hartnäckigkeit mit der er sein Glück bei wohl jedem weiblichen
Wesen, das ihm gefiel, versuchte. Meistens ohne Erfolg. Die meisten Frauen, mit
denen er bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, machten einen großen Bogen um
ihn. Im Dorf wurde er nur spöttisch "Casanova" genannt.
Pete
kannte sich hier wirklich gut aus. Innerhalb von 20 Minuten hatte er sie zu den
Anderen zurückgeführt. Mulder musste beim Führer der Gruppe antreten. Er schien
sehr verärgert zu sein. Mit versteinerter Miene baute sich der Bergführer vor
ihm auf.
"Sieh
an, der uns abhanden gekommene Mr. Mulder. Sie können sich wohl nie an die
Regeln halten. Was haben sie sich nur dabei gedacht?"
Er
antwortete nicht.
"Ihnen
ist ihr leichtsinniges Handeln wohl überhaupt nicht bewusst. Wo kämen wir denn
da hin, wenn das jeder machen würde? Einfach abhauen. Wenn Ihnen nun etwas
passiert wäre, was dann? Ich dachte, Sie wären ein erwachsener Mann und kein
Kindergartenkind, das man ans Händchen nehmen muss und keine 10 Sekunden aus den
Augen lassen darf. Offenbar habe ich mich geirrt. Wir werden jetzt wieder ins
Tal hinunter wandern. Sie, Mr. Mulder, werden hier vorne bei mir
bleiben."
Damit
war die Angelegenheit für den Bergführer beendet. Doch mit Mulder sprach er den
ganzen Abstieg lang kein Wort mehr.
Das
Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab.
"Scully."
"Hi,
...ist jemand bei Ihnen?"
Die
Hintergrundgeräusche die durch den Telefonhörer an Mulders Ohr drangen,
irritierten ihn.
"Was
dachten Sie denn? Wir machen uns heute einen gemütlichen Abend zu zweit, nur ich
und der Videorecorder."
"Keine
Arbeit?"
"Nein,
Sie haben sich den richtigen Zeitpunkt für Ihren Urlaub ausgesucht. Hier ist
nichts los."
"Sie
haben also viel Zeit?"
"Mehr
als mir lieb ist."
"Und
es gibt wirklich nichts zu tun?"
"Worauf
wollen Sie hinaus?"
"Ich
brauche ihre Hilfe."
"Ich
dachte Sie machen Urlaub?"
"Hören
Sie zu. Nehmen Sie das nächste Flugzeug und kommen Sie her. Ich reserviere im
Hotel ein Zimmer für Sie. Alles weitere erkläre ich Ihnen wenn Sie hier
sind."
"Mulder..."
"Besitzen
Sie Wanderschuhe? Dann bringen Sie die mit."
Sie
vernahm ein Knacken in der Leitung.
"Mulder?"
Aufgelegt.
Mulder
lag auf seinem Bett im Hotelzimmer. Sein Blick fixierte den kleinen Nachttisch
auf dem die Kugel und der kleine Stein nebeneinander lagen. Der Stein war kaum
größer als ein Stecknadelkopf. In Gedanken ließ er die Geschehnisse des heutigen
Tages noch einmal Revue passieren. Was war das für ein Licht, das er auf dem
Berg gesehen hatte? Warum hatte jemand darauf geschossen? Und wo kam dieser
winzige Stein her? Diese Überlegungen beschäftigten ihn noch eine ganze Zeit
lang. Doch irgendwann fielen ihm vor Müdigkeit die Augen zu.
Am
nächsten Morgen erwachte er aus unruhigem Schlaf. Im Zimmer war es heller als
sonst. Er stand auf und ging ans Fenster um der Veränderung auf den Grund zu
gehen. In der Nacht war der erste Schnee dieses Winters gefallen. Der Ort lag
unter einer dünnen Schneeschicht begraben. Die Zweige der kleinen Sträucher vor
dem Fenster bogen sich unter ihrer Last. Mulder kippte das Fenster auf, damit
frische Luft hereinkam. Sein Magen gab ihm zu verstehen, dass es Zeit zu Essen
war. Er zog sich an und machte sich auf den Weg zum Frühstücksbuffet. Die Türen
des großen Speisesaales waren weit geöffnet. Es herrschte bereits rege
Betriebsamkeit. Er steuerte den ihm zugewiesenen Tisch an, bestellte sich einen
Kaffee und begab sich dann zum reichhaltig ausgestatteten Buffet. Kaum hatte er
sich einen Teller geholt da tauchte Pete neben ihm auf.
"Warum
bist du gestern eigentlich so plötzlich verschwunden?"
"Da
war etwas. Das wollte ich mir genauer ansehen."
"Was
denn?"
Mulder
ging um ihn herum und bugsierte ein paar Tomaten auf seinen
Teller.
"Nichts
von Bedeutung."
"Ich
will es aber wissen. Nun sag schon."
"Da
war ein großes, fahles Licht, dem bin ich gefolgt."
"Hast
du sie gesehen?"
"Wen
habe ich gesehen?"
"Die
Leute hier sagen, das es da oben ein Mädchen gibt, die etwas mit dem Licht zu
tun haben soll. Es hat sie aber noch nie jemand wirklich
gesehen."
"Ein
Mädchen?"
"Ja,
angeblich besitzt sie irgendeinen besonderen Edelstein. Er soll mehr als zwei
Millionen Dollar wert sein. Ein hübsches kleines
Vermögen."
Pete
grinste versonnen und belud seinen Teller mit Wurst und
Käse.
"Was
ist das für ein Stein?"
"Keine
Ahnung, wenn dich das interessiert dann geh doch mal ins Dorfmuseum. Da findest
du bestimmt was darüber."
Petes
Teller war nun vollbeladen. Er verabschiedete sich und ging zurück zu seinem
Platz. Froh darüber ihn wieder los zu sein, dachte Mulder über das eben geführte
Gespräch nach. Die Bedienung brachte gerade seinen Kaffee, als er sich wieder an
seinen Tisch setzte.
Nach
dem Frühstück beschloss Mulder einen Spaziergang zu diesem Museum zu machen. Das
Hotel lag etwas außerhalb des Ortes. Die Straßen und Fußwege waren hier noch
nicht geräumt, so dass er durch den Schnee stapfen musste. Doch je weiter er in
den Ort hineinlief, um so weniger wurde der Schnee. Das Museum hatte seinen
Standort im Zentrum des Dorfes neben dem Marktplatz. Es war ein kleines, durch
seine auffallend violette Farbe nicht zu übersehendes Haus. Die Rolläden an den
Fenstern waren heruntergelassen. An der Tür hing ein Schild: "Vormittags
geschlossen". Darunter waren die Öffnungszeiten angegeben. Mulder würde erst am
Nachmittag hineinkommen. Er schlenderte über den Marktplatz zurück. Wo er nun
schon einmal hier war, konnte er sich auch ein wenig im Dorf umschauen. Viel gab
es nicht zu sehen. Außer dem Museum gab es eine Kirche, ein Rathaus, mehrere
Restaurants, ein Kino und ein paar kleine Läden. Eigentlich war er zum Skifahren
hergekommen, aber das Wetter hatte es bisher nicht zugelassen. Auch jetzt war
die Schneedecke immer noch zu dünn um die neuen Skier ausprobieren zu können.
Nachdem Mulder die Sehenswürdigkeiten des Dorfes ausgiebig betrachtet hatte,
machte er sich auf den Weg zurück zum Hotel.
Scully
wartete in der Hotelbar. Einige Tische waren besetzt. An der Theke hatte niemand
außer ihr Platz genommen. Ein Mann kam in den Raum. Er sah sich um und steuerte
dann zielsicher den Barhocker neben ihr an.
"Was
darf's sein, Pete?" erkundigte sich der Mann hinter der
Theke.
Er
bestellte sich ein Bier und sah dann zu Scully.
"Du
bist noch nie hier gewesen?"
Sie
reagierte nicht.
"Natürlich
warst du noch nie hier. Du wärst mir sofort aufgefallen. Eine so schöne Frau wie
du und ganz allein."
Sie
sah ihn kurz an und musterte sein Gesicht.
"Du
hast schöne Augen. Traurige Augen. Ich sehe doch, dass dir etwas fehlt. So
schöne Augen sollten nicht so traurig schaun. Glaub mir, ich weiß genau was dir
fehlt, Kleines."
Jetzt
erst drehte sie sich zu ihm um, sagte aber noch immer kein Wort. Er rückte etwas
näher zu ihr und plötzlich schob sich seine Hand auf ihr
Knie.
"Ich
kann dir geben was du brauchst."
Eine
Kellnerin stellte sein Bier vor ihm ab und ging wieder.
"Und
ich weiß, was du brauchst", Scully hauchte die Worte mehr als das sie sie
sprach.
Betont
langsam nahm sie sein noch volles Glas und entleerte es auf seine
Hose.
"Eine
Abkühlung!"
Erschrocken
sprang er auf und sah sie genauso ungläubig wie aggressiv an. Im Raum hörte man
unterdrücktes Gelächter. Entsetzt sah er sich um. Offenbar hatten alle das
Geschehen verfolgt. Blitzschnell wechselte er die Gesichtsfarbe, erst wurde er
blass, dann rot. Beschämt rannte er zur Tür hinaus, wo er beinahe mit Mulder
zusammengestoßen wäre. Der bemerkte Petes nasse Hose und grinste. Pete sah an
sich herunter, warf Scully einen ärgerlichen Blick zu und stürmte davon. Mulders
Grinsen wurde noch breiter. Er ging auf sie zu.
"Passen
Sie auf, es ist nass hier."
Er
setzte sich auf den trockenen Stuhl rechts von ihr.
"Hat
er das ihnen zu verdanken?"
"Sein
Tempo war mir ein wenig zu schnell."
"Gratuliere,
damit gehört ihnen die Sympathie aller weiblichen Gäste
hier."
"Und
sie können jetzt damit angeben, das sie mich zu einen Kaffee einladen
dürfen."
Er
winkte die Kellnerin heran und gab ihr seine Bestellung. Dann wandte er sich
wieder Scully zu.
"Schön,
dass sie da sind."
"Sagen
Sie mir warum ich hier bin."
"Nicht
hier. Erstmal trinken Sie ihren Kaffee, ruhen sich ein bisschen aus und dann
gehen wir ins Museum."
"In
was für ein Museum?"
"Es
gibt hier nur eins. Das werden wir uns einmal ansehen."
Auf
dem Weg zum Museum zeigte Mulder Scully den kleinen Stein, den er auf dem Berg
gefunden hatte.
"Haben
Sie so etwas schon mal gesehen?"
"Was
ist das?"
"Ich
hatte gehofft sie könnten mir das sagen."
"Wo
haben Sie das her?"
"Ich
habe es auf einem Trampelpfad in den Bergen gefunden."
Sie
sah ihn verständnislos an. Er erzählte ihr von seinem Ausflug in die Berge,
abgesehen von ein paar Details, die er verschwieg. Er erzählte von dem Licht,
das er gesehen hatte, davon wie jemand auf das Licht geschossen hatte. Auch sein
Gespräch mit Pete erwähnte er. Sein Bericht endete erst als sie vor der Tür des
Museums ankamen. Scully gab ihm den Stein zurück und drückte die Türklinke
herunter.
In
der Eingangshalle stand ein Tisch über dem ein Schild "Kasse" hing. Dort wurden
Mulder und Scully von einer Dame mittleren Alters freundlich begrüßt. Sie
stellte sich als Miss Anne Carr vor, die Eigentümerin des Museums. Mulder
bemerkte das es in den Räumen sehr leise war, obwohl fast alle Türen offen
standen.
"Wir
scheinen die einzigen Besucher hier zu sein."
"Ja." Miss Carr seufzte.
"Die
Geschäfte laufen nicht besonders gut. Wissen Sie, die jungen Leute gehen lieber
anderen Vergnügungen nach. Ein Museum ist für sie etwas furchtbar langweiliges.
Wir haben hier einfach nichts was die Leute anzieht. Uns fehlt eben das
Besondere, das sich die Touristen anschauen würden." Sie
lachte.
"Und
trotzdem können Sie damit ihren Lebensunterhalt
verdienen?"
"Nein,
Mister. Um davon Leben zu können bringt der Laden zu wenig ein. Sind Sie schon
am Kino vorbeigekommen? Es gehört meinem Bruder Jason und mir. Es wirft weit
mehr Ertrag ab, als dieses Museum, ich kann mich nur nicht dazu durchringen mich
von alledem hier zu trennen. Wissen Sie, ich hänge sehr an den
Ausstellungsstücken. Während sie redete trat ein groß gewachsener Mann durch die
Haustür. Ein knappes "Guten Tag" war alles was er zu sagen hatte, bevor er
schnell durch eine Tür mit der Aufschrift "Privat"
schlüpfte.
"Mein
Bruder." Miss Carr machte ein entschuldigendes Gesicht. "Er ist ein bisschen
scheu."
Mulder
und Scully streiften durch die wenigen Räume. Mal mehr mal weniger interessiert
studierten sie die Bilder und sonstigen Ausstellungsstücke. Scully fand
verschiedene Berichte von Leuten aus dem Ort, die von einem seltsamen Licht in
den Bergen erzählten. Dazwischen war auch das Schreiben eines in dieser Gegend
bekannten Wissenschaftlers, der einen einzigartigen Edelstein gesehen haben
wollte. Er schilderte, dass er sich zu Forschungszwecken oben in den Bergen
aufhielt und schließlich im Wald den Stein liegen sah. Da er zufällig seine
Kamera dabei hatte machte er ein paar Fotos, von denen wie sich hinterher
herausstellte nur eines den Stein erkennen ließ. Um ihn genauer zu untersuchen,
wollte er den Stein an sich nehmen. Doch da blendete ihn ein helles Licht. So
grell, dass er die Augen schließen musste um sie zu schützen. Als er die Augen
wieder aufmachte war von dem Stein nichts mehr zu sehen, das Licht war fort.
Scully war bald völlig darin vertieft die Berichte zu lesen. Mulder blieb
fasziniert vor einem großen, schwarzweißem Ölbild stehen. Es zeigte eine silbern
schimmernde Rose. Er winkte Scully zu sich, und bedeutete ihr den Text unter dem
Bild zu lesen:
Vor
langer Zeit lebte in diesem Tal ein Mädchen. Sie war eine ausgesprochene
Schönheit. Niemand wusste woher sie kam. Tagsüber war nichts auffälliges an ihr,
doch sobald es dunkel wurde war sie von einem merkwürdigen Licht umgeben. Man
erzählte sich sie sei ein Wesen aus einer anderen Welt, das eine Zeit lang von
ihrem Herrn und Gebieter auf die Erde geschickt wurde um sie kennen zu lernen.
Einst verliebte sie sich in einen jungen Mann. Doch das Herz dieses Mannes
gehörte bereits einer Anderen. Aus Eifersucht zerstörte sie diese Liebe. Doch
alles was sie erreichte war ein gebrochenes Herz seitens des Mannes, der sie von
nun an verachtete. Sie wurde ungehorsam und vernachlässigte ihre Pflichten.
Alles zusammengenommen erzürnte ihren Herrn so sehr, dass er sie mit einem Bann
belegte. Er verwehrte ihr die Rückkehr in ihre Welt und verdammte sie zu einem
Leben hoch oben in den Bergen. Wenn sie sich ins Tal hinunter wage, wäre das ihr
Ende. Doch auch sie sollte die Chance haben ihr Schicksal zu wenden. Er gab ihr
eine steinerne Rose. Dies ist die Blüte der Sehnsucht. Über sie führt der
einzige Weg um den Bann zu lösen. Bringe sie zum glühen. Es wird dir nur mit
menschlicher Hilfe gelingen. Denn wisse, nur die Glut zweier liebender Herzen
kann die Flamme der Rose entzünden. Erst wenn die Blüte in den Farben der Liebe
strahlt ist der Bann gebrochen. Dann erst wirst du frei sein und dorthin
zurückkehren können, wo deine Heimat ist.
Mulder
starrte gedankenverloren auf das Bild.
"Sie
wird dort oben sehr einsam sein."
"Sie
glauben diese Geschichte doch nicht etwa?"
"Warum
nicht? Okay, nicht alles, aber an solchen Geschichten ist meistens etwas Wahres
dran."
"Mulder,
für mich klingt das wie ein Märchen, und nicht wie etwas das Wirklichkeit sein
könnte."
Mulder
deutete auf eine kleine Fotografie an der Wand. In der unteren rechten Ecke des
Fotos erkannte Scully den Namen des Wissenschaftlers aus dem Bericht wieder. Es
war eine undeutliche Abbildung eines durchsichtigen Steins. Seine Form, eine
Rosenblüte, war kaum zu erkennen. Das was auf dem Bild als Edelstein ausgegeben
wurde konnte genausogut etwas ganz anderes sein. Darunter hing eine kleine
Tabelle die über geschätzte Größe, Karat, und Wert des Steins Auskunft gab. Die
Tabelle verriet auch das weder über die Herkunft noch über die Art des Steins
etwas bekannt war.
"Geschätzter
Wert 2,4 Millionen Dollar." Mulder sah Scully ernst an.
"Ich
kann mir sehr gut vorstellen, dass es jemanden gibt der alles tun würde um
diesen Stein zu bekommen."
Gleich
nach dem Frühstück am nächsten Morgen brachen sie auf, das Licht zu suchen.
Allerdings nicht bevor Mulder sich mehrmals vergewissert hatte, dass er sein
Handy eingesteckt hatte. Noch versteckte die Sonne sich halb hinter dem Gebirge
und warf lange Schatten über das Tal.
"Und
da wollen Sie mich raufschleppen?"
Skeptisch
betrachtete Scully den Berg auf den Mulder gezeigt hatte.
"Wollen
Sie nicht wissen, was es mit dem Stein auf sich hat und wer das Mädchen
ist?"
"Wir
wissen weder ob dieses Mädchen noch der Stein überhaupt
existieren."
"Ich
habe sie gesehen, Scully."
"Mulder,
Sie haben ein Licht gesehen und sonst nichts."
"Okay,
ich habe ein Licht gesehen, aber jemand hat darauf geschossen. Irgend etwas ist
da oben und es ist vielleicht in Gefahr."
Scully
wusste, dass es keinen Sinn hatte ihn von seinem Vorhaben abbringen zu wollen.
Und ein bisschen Abwechslung konnte nicht schaden. Die Bewegung und die frische
Luft würden ihr sicher guttun. Also fügte sie sich seinem Willen. Gemeinsam
begannen sie den Aufstieg.
"Da
vorne ist eine Bank. Lassen Sie uns einen Moment
ausruhen."
Sie
waren nun schon seit mehreren Stunden unterwegs. Ungefähr auf halber Höhe des
Berges brauchte Scully eine Pause. Mit beiden Händen schoben sie den Schnee von
der Bank. Da sie sich nicht ins Nasse setzten wollte, trocknete Scully das
Metall so gut es ging mit einem Taschentuch ab. Sie setzten sich nebeneinander
auf die Bank. Von hier aus konnte man das gesamte Tal überblicken. Der weiße
Schnee glitzerte in der Sonne. Er verlieh dem Tal etwas
Faszinierendes.
"Sieht
es dort unten nicht herrlich aus?"
Mulders
Blick schweifte bewundernd über das Tal.
"Wenn
es da unten so schön ist, weshalb sind wir dann hier
oben?"
"Manchmal
kann man erst aus der Ferne betrachtet wirklich erkennen, was man von Nahem
nicht sehen konnte. Weil man zu dicht dran war."
Er
sah sie mit einem Blick an, der jedes andere weibliche Herz zum schmelzen
gebracht hätte, aber Scully war nicht wie die Anderen. Sie ließ sich zu keiner
Antwort verleiten, betrachtete nur noch einen Moment das weiße Tal und stand
dann auf.
"Wir
sollten weitergehen, wenn wir heute noch da rauf wollen."
Kurz
nach Mittag erreichten sie die Stelle, wo Mulder das Licht zum ersten Mal
gesehen hatte. Sie liefen ein Stück in den Wald hinein, aber nur so weit, dass
sie ohne Schwierigkeiten wieder herausfinden konnten. Systematisch durchkämmten
sie das Gebiet, bis Scully des Suchens müde wurde.
"Mulder,
hier ist nichts."
"Es
war hier, ich weiß es."
"Und
jetzt ist es nicht mehr hier. Lassen Sie uns umkehren."
Mulder
sah ein, dass sie hier nichts finden würden. Es sprach nichts dagegen
zurückzugehen. Sie waren noch nicht wieder ganz aus dem Wald heraus, da zog
heftiger Wind auf. Er blies ihnen eisig ins Gesicht. Es begann zu schneien.
Anfangs nur leicht, doch innerhalb weniger Minuten wurde der Schneefall so
stark, dass es ihnen vorkam, als würde sie eine weiße Mauer umringen. Dicke,
schwere Flocken fielen vom Himmel. Mulder und Scully rannten aus dem Wald auf
den freien Weg, damit sie sich orientieren konnten. In ihrer Eile übersah Scully
eine hervorstehende Baumwurzel. Sie stolperte und fiel zu Boden. Zum Glück war
die Schneedecke weich und inzwischen hoch genug, so dass ihr nichts Schlimmeres
passierte. Einen Augenblick blieb sie im Schnee liegen, rappelte sich dann
jedoch wieder auf. Als sie wieder fest auf beiden Beinen stand merkte sie, dass
sie allein zurückgeblieben war. Mulder hatte ihren Sturz nicht gleich bemerkt
und war weitergelaufen.
"Mulder?"
Durch
den dichten Schneefall konnte sie ihn nirgends entdecken. Noch einmal rief sie
nach ihm, dieses Mal etwas lauter.
"Mulder,
wo sind Sie?"
"Ich
bin hier, Scully."
"Ich
kann Sie nicht sehen."
"Orientieren
Sie sich an meiner Stimme."
Langsam
ging sie in die Richtung in der sie ihn vermutete. Ihren Namen rufend, ging er
ebenfalls auf sie zu. Nur schemenhaft konnte er ihre Gestalt
erkennen.
"Geben
Sie mir ihre Hand."
Sie
streckte den Arm nach ihm aus. Sofort wurde ihre zitternde Hand von ihm
ergriffen.
"Ist
alles in Ordnung?"
Erst
jetzt nahm sie wahr, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie erklärte Mulder,
dass mit ihr alles in Ordnung war und dass sie lediglich frieren
würde.
"Okay,
wir werden dort oben hin laufen."
"Wieso
weiter bergauf?"
"Es
war da, Scully. Das Licht. Ich habe es wieder gesehen. Es war da
oben."
"Wie
können sie das bei diesem Schneetreiben gesehen haben?"
"Glauben
Sie mir einfach. Es war da."
Also
stapften sie weiter hinauf. Mühsam kämpften sie sich voran. Damit sie sich nicht
wieder aus den Augen verlieren konnten, hielt Mulder Scullys Hand fest
umklammert. Mehr oder weniger ließ sie sich von ihm den Berg hinauf ziehen.
Außer Atem erreichten sie die Stelle, an der Mulder das Licht gesehen zu haben
glaubte. Auch dieses Mal fanden sie nicht den Hauch einer
Spur.
"Vielleicht
haben sie sich das nur eingebildet."
"Nein
Scully, ich bin mir ganz sicher. Ich habe mich nicht
geirrt."
"Ich
sehe hier nichts."
"Vielleicht
wollte das Licht auch einfach nur das wir hier her
kommen?"
"Sie
meinen es hat uns absichtlich hergeführt?"
Scully
verdrehte die Augen. Doch Mulder schien davon überzeugt zu sein, dass es hier
etwas gab, worauf sie aufmerksam gemacht werden sollten.
"Gehen
wir noch ein Stück."
Sie
seufzte, ließ sich dann aber ohne Einwände von ihm weiterziehen. Eisige Windböen
schlugen ihnen Schneeflocken ins Gesicht. Mulder blieb
stehen.
"Scully.
Sehen Sie das?"
"Was?"
"Da
vorne."
Er
zeigte mit dem Finger darauf, aber sie sah nichts außer dem Schnee, der wild vor
ihren Augen herumwirbelte.
"Was
ist da?"
"Ich
erkenne auch nur Umrisse. Es ist groß und dunkel."
"Ein
Felsen?"
"Nein,
dafür ist es zu geometrisch."
Es
dauerte eine Weile, bis sie sich nahe genug herangekämpt hatten, um
herauszufinden was vor ihnen lag. Mulder erkannte es als Erster. Sie näherten
sich einer alten Holzhütte. Als schließlich auch Scully bewusst wurde worauf sie
sich da zubewegten, begannen beide gleichzeitig zu rennen. Durchgefroren und
nass vom Schnee kamen sie an der Hütte an. Glücklich darüber endlich eine
Zuflucht vor Schnee und Wind gefunden zu haben, atmeten sie erleichtert
auf.
Die
Tür war verschlossen. Mulder klopfte dagegen. Nichts rührte sich. Scully spähte
durch ein kleines Fenster neben der Tür ins Innere der Hütte. Es schien niemand
dort zu sein.
"Und
was jetzt?"
"In
alten Filmen ist der Schlüssel immer unter der Fußmatte
versteckt."
"Fehlanzeige,
keine Fußmatte."
"Oder
unter dem Blumenkübel."
"Es
gibt hier auch keinen Blumenkübel."
"Vielleicht
gibt es hier einen Hintereingang?"
Mulder
lief um die Hütte herum. Scully folgte ihm widerwillig. Natürlich gab es keinen
Hintereingang. Auf der anderen Seite der Hütte war das Dach tief
heruntergezogen, so dass es einem riesigen Stapel Holz Schutz vor Nässe gab.
Über das Dach verlief eine provisorische Regenrinne, deren Ende auf eine große
Plastiktonne zuführte. Mulder warf Scully einen vielsagenden Blick
zu.
"Ich
hebe die Tonne hoch und sie sehen nach ob der Schlüssel darunter
ist."
Die
Tonne war voller Schnee und deshalb relativ schwer. Mulder hob sie ein kleines
Stück an, gerade so viel ,dass Scully ihre Hand darunterschieben konnte. Suchend
tastete sie den Boden ab. Sie stieß auf etwas Hartes und zog es hervor. Schnell
stand sie wieder auf und hielt Mulder einen Schlüssel
entgegen.
"Hoffen
wir, dass er passt."
Sie
öffneten die Tür und traten ein. Es schien als wäre schon seit längerem niemand
mehr hier gewesen. Die Hütte bestand aus zwei spärlich möblierten Zimmern. Ein
großes Zimmer in dem Mulder und Scully standen. In einer Ecke gab es einen Tisch
mit dazu passenden Stühlen. An der Wand standen zwei Schränke, die sich nur
durch ihre Größe voneinander unterschieden. Darüber hinaus gab es nur noch eine
abgewetztes Couch unweit einer Feuerstelle. Neben der Feuerstelle lagen ein paar
Holzscheite und jede Menge alte Zeitungen. Eine Tür führte von dem großen in ein
kleineres Zimmer. An jeder Außenwand gab es ein Fenster mit provisorischen
Vorhängen. Es gab keinen Strom und kein fließendes Wasser. Scully zog ihre nasse
Jacke aus und hängte sie zum Trocknen über einen der Stühle. Mulder tat es ihr
nach. Es war kalt hier drinnen. Neben der Feuerstelle fand Mulder eine Schachtel
mit Streichhölzern. Unschlüssig wiegte er sie in seiner Hand hin und her. Scully
nahm ihm die Schachtel aus der Hand.
"Lassen
sie mich das machen. Durchsuchen sie lieber die Hütte nach etwas Essbarem. Mir
knurrt der Magen."
Sofort
machte er sich daran sämtliche Schranktüren und Schubladen zu öffnen. Er fand
ein paar Konservendosen, ein Päckchen Ein-Tassen-Teebeutel, Besteck und zu
seiner Zufriedenheit auch einen Dosenöffner. Einen Topf, oder etwas das man als
solchen benutzen konnte, fand er nicht. Er ging zu Scully zurück, die inzwischen
das Holz zum brennen gebracht hatte, und zeigte ihr seinen
Fund.
"Nach
dem Verfalldatum zu schließen, müssten sie noch genießbar
sein."
Scully
las die Zubereitungsanweisungen auf einer der Dosen.
"Dann
fehlt uns jetzt nur noch Wasser zum Kochen."
Er
dachte kurz nach und lief zu einem der Schränke. Er kramte etwas daraus hervor
und ging nach draußen. Scully sah ihm hinterher. Mit einem großen Becher und
zwei Tassen voller Schnee kam er zurück. Ein beifallheischendes Grinsen erschien
auf seinem Gesicht. Er stellte den Becher und die Tassen neben das Feuer damit
der Schnee schmelzen konnte. Scully hatte gerade vergeblich versucht die Dose
aufzubekommen. Mulder nahm ihr Dose und Dosenöffner ab. Er öffnete die Dose und
gab sie ihr wieder. Sie hatte eiskalte Hände. Obwohl das Feuer mittlerweile eine
angenehme Wärme verbreitete, bemerkte Mulder das Scully immer noch leicht
zitterte. Während sie das mittlerweile geschmolzene Schneewasser in die Dose
goss und je einen Teebeutel in die Tassen hängte, betrachtete er sie sorgenvoll.
Die nassen Haare klebten an ihr. Ihre Kleidung war völlig durchnässt. Er selbst
war im Gegensatz zu ihr nur wenig nass geworden. Seine wasserdichte Jacke hatte
gehalten was sie versprach. Er sah sich noch einmal in der Hütte um. In den
Schränken hatte er nichts außer Geschirr, Besteck, ein zerlumptes
Geschirrhandtuch und ein paar Kerzen gefunden. Er ging in das kleine Zimmer in
dem sich ein Bett, eine Truhe und ein Hocker befanden. In einer Schüssel auf dem
Hocker lag ein Stück Seife. Mulders Blick fiel auf die Truhe neben dem Bett. Sie
war nicht verschlossen. Er öffnete den schweren Holzdeckel. In der Truhe waren
ein Bettlaken, Bezüge für Bettdecke und Kopfkissen sowie eine Wolldecke. Er
holte die Wolldecke heraus und ging damit zu Scully. Sie kniete mit dem Rücken
zu ihm vor dem Feuer. Inzwischen hatte sie ihren durchnässten Pullover
ausgezogen. Er lag ausgebreitet in der Nähe des Feuers. Ihr weißes T-Shirt war
glücklicherweise einigermaßen trocken geblieben. Mulder trat hinter sie, legte
ihr wortlos die Decke um die Schultern und setzte sich neben sie auf den Boden.
Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und wickelte sich in die Decke ein. Das
Essen war fertig. Sie stellten die Dose zwischen sich und verzichteten darauf
Teller zu benutzen. Hungrig leerten sie die Dose bis auf den letzten
Rest.
Mulder
stand am Fenster und starrte hinaus. Der Wind hatte sich ein wenig gelegt. Es
fielen nur noch ein paar vereinzelte Schneeflocken vom Himmel. Doch mittlerweile
war es draußen sehr dunkel. An eine Rückkehr ins Tal war nicht zu denken. Sie
würden die Nacht über hier bleiben müssen. Mulder zog den Vorhang zu. Das Feuer
knisterte behaglich. Der flackernde Schein des Feuers malte tanzende Schatten
auf Scullys Gesicht, die auf der Couch eingeschlafen war. Mulder durchquerte
leise den Raum und ließ sich auf dem Boden vor der Couch nieder, so dass sein
Gesicht fast auf einer Höhe mit ihrem war. Eine ganze Weile saß er einfach nur
so da und betrachtete sie. Doch irgendwann wurde es ihm unmöglich der Versuchung
sie zu berühren zu widerstehen. Zärtlich strichen seine Finger über ihre Wange,
immer darauf bedacht sie nicht zu wecken. Denn tief in seinem Herzen schwang die
Angst mit, dass ihr seine Berührung missfallen könnte, dass sie es nicht wollte.
Ihre Freundschaft bedeutete ihm alles und er wollte sie nicht durch seine
törichten Gefühle verlieren. Sie vertraute ihm blind. Dieses Vertrauen wollte er
um keinen Preis der Welt aufs Spiel setzten. Manchmal wenn sie ihn ansah
erschien es ihm, als könne er Zuneigung in ihren Augen entdecken. Doch im
nächsten Moment sah sie ihn wieder an wie immer, so dass er sich fragte ob er
sich alles nur eingebildet hatte. Mulders Blick glitt über Scullys Gesicht.
Plötzlich öffnete sie die Augen. Die großen, blauen Augen blickten ihn
verwundert an. Seine Finger streichelten weiter ihre Wange. Er war außerstande
seine Hand von dort wegzunehmen. Er lächelte sie an. Zu seiner Erleichterung
lächelte sie zurück. Für einen kurzen Moment senkte sie die Lider. Mulders Blick
wanderte von ihren Augen über ihre Wange bis hin zu ihrem Mund, woran er
schließlich haften blieb. Mit einem Male waren alle Zweifel wie weggewischt. In
seinem Kopf gab es nur noch einen Gedanken. Ganz langsam verringerte sich der
Abstand zwischen ihnen. Unaufhaltsam näherte er sich ihr. Scullys Lächeln
verschwand. Doch er ließ sich nicht beirren. Fast hatte sein Mund ihre Lippen
berührt, als ein ohrenbetäubender Knall die Stille zerriß. Mulder und Scully
zuckten erschrocken zusammen. Scully setzte sich auf. Mulder lief zum
Fenster.
"Was
war das?"
"Es
klang wie ein Schuss."
Da er
durch das Fenster nichts hatte erspähen können, lief er zur Tür hinaus. Er nahm
sich nicht die Zeit etwas Überzuziehen. So schnappte sich Scully seine fast
schon trockene Jacke und folgte ihm.
Mulder
und Scully fanden schnell die Stelle von der die Gefahr ausging. Ein Lichtstrahl
der durch die Bäume fiel hatte ihr Interesse geweckt. Und kurze Zeit später
sahen sie sie. In einiger Entfernung, doch zum ersten Mal nahe genug um sie zu
erkennen stand eine von Licht umgebene, weibliche Gestalt. Sie stand sehr
aufrecht. Ihre blonden Haare flatterten ebenso wie ihr langes Kleid im Wind. Mit
großem Abstand stand ihr ein Mann gegenüber. Er zielte mit einer Waffe auf sie.
Scully erkannte das sich ihr Arm in etwas verfangen hatte, so dass sie nicht
fliehen konnte. Sie trennte sich von Mulder und ging leise auf die Gestalt zu.
Mulder nahm sich den Mann vor und richtete seine Waffe auf
ihn.
"Waffe
weg!"
Erschrocken
sah der Mann zu Mulder. Es war zu dunkel und der Mann zu weit weg um ihn
erkennen zu können.
"Lassen
Sie die Waffe fallen!"
Seine
Waffe zielte immer noch auf die lichtumflutete Gestalt. Für einen Augenblick
schien er zu überlegen. Langsam senkte er die Waffe. Doch als Mulder auf ihn
zuging überkam ihn die Panik. Mit einem Satz sprang er zur Seite zwischen die
Bäume. Er rannte davon, in den Wald hinein. Mulder nahm sofort die Verfolgung
auf.
Scully
hatte inzwischen die leuchtende Gestalt erreicht. Diese war in die Knie gesunken
und damit beschäftigt die Schlinge um ihren Arm zu lösen. Sie hörte Scully auf
sich zukommen, wandte sich aber nicht von ihrem Arm ab.
"Keine
Angst."
Scully
sagte es mehr weil sie das Gefühl hatte irgendwas sagen zu müssen und um die
Kniende nicht zu erschrecken. Sie erfasste die Schlinge und löste sie mit
wenigen Handgriffen. Mit dem Rücken zu Scully stand das Mädchen auf. Ruhig
drehte sie sich zu ihr um. Was sie sah verschlug Scully einen Moment lang die
Sprache. Sie sah in ein fahlgraues Augenpaar. Ein Augenpaar wie sie noch nie
zuvor ein Ähnliches gesehen hatte. Die schwarze Pupille hob sich deutlich von
der hellen Iris ab. Sie fühlte sich an zwei geschliffene Diamanten erinnert.
Denn sobald sich die Augen bewegten funkelten sie in allen Farben des
Regenbogens. Das Mädchen war kaum größer als Scully selbst. Sie erschien sehr
jung. Dem Aussehen nach durfte sie kaum über 20 sein, obwohl sie sehr viel älter
sein müsste. Sie trug nichts weiter als ein dünnes, weißes Kleid. Das Dekolleté
war übersät mit winzigen, silbern glitzernden Steinen, die in sternförmigen
Linien auseinanderliefen. Sie mündeten in zwei weiße Spaghettiträger. Scully
wunderte sich das sie nicht im Mindesten zu frieren
schien.
"Ich
habe keine Angst vor Ihnen. Im Gegenteil. Ich brauche Ihre
Hilfe."
Mulder
hatte den Mann nicht einholen können. Ebensowenig hatte er ihn erkannt. Mulder
kannte sich in diesem Wald nicht aus, noch dazu war es Nacht. Der Mann dagegen
schien genau zu wissen wo er hinlief und war ihm so entkommen. Unverrichteter
Dinge war er zu Scully und dem sonderbaren Mädchen zurückgeeilt. Da Scully es
draußen für zu kalt befunden hatte saßen sie nun zu dritt in der Hütte. Mulder
rückte sich einen Stuhl an die Couch auf der die beiden Frauen saßen. Die
Unterhaltung mit dem Mädchen führte Scully. Mulder hörte nur
zu.
"Warum
denken Sie, wollte dieser Mann sie erschießen?"
"Ich
denke nicht, dass er mich wirklich erschossen hätte. Er wollte mir nur Angst
machen."
"Hat
er das schon einmal getan?"
"Er
kommt immer wieder. Jede Nacht. Er wird auch Morgen Nacht wieder kommen.
Manchmal sind sie zu zweit, aber meistens ist er allein. Er kommt nur wenn es
dunkel ist. Dann bin ich am einfachsten zu sehen, er dafür um so
schwerer."
"Wissen
Sie, warum er das tut?"
"Er
will etwas, was ich ihm nicht geben kann, etwas von dem nur ich weiß wo es ist.
Aber solange er es nicht hat kann er mich auch nicht
erschießen."
"Geht
es um den Stein?"
"Ja,
aber er kann ihn unmöglich haben. Ich brauche ihn. Und darum benötige ich ihre
Hilfe. Helfen Sie mir diesen Mann zu fassen."
"Sie
können sich auf uns verlassen", mischte sich Mulder ein. "Wir werden Ihnen
helfen. Aber eins möchte ich noch wissen. Haben Sie auch einen
Namen?"
"Nennen
Sie mich Lehlique." Zum ersten Mal lächelte sie.
"Lehlique?
Ist das französisch? Es klingt ein bisschen so."
"Nein.
Es ist kein irdisches Wort."
Es
war schon weit nach Mitternacht. Mulder saß völlig in Gedanken versunken an dem
kleinen Holztisch. Lehlique schlief neben Scully auf der Couch. Scully, die kurz
eingenickt war wachte eben wieder auf. Sie schaute zu Lehlique, die im Schlaf an
die Kante der Couch gerutscht war. Wenn sie noch ein Stückchen weiter rutschte
würde sie herunterfallen. Scully packte sie vorsichtig am Arm und schob sie
zurück. Der Arm fühlte sich merkwürdig an. Die Oberfläche war kalt, Spiegelglatt
und hart wie Stein. Scullys Blick fiel auf das Handgelenk des Mädchens. Zahllose
winzig kleine Steine legten sich in Form einer Rose um das Gelenk. Es war die
gleiche Art von Steinen die auch ihr Kleid zierten und wie der den Mulder vor
drei Tagen gefunden hatte. Anfangs hatte sie es für ein Armband gehalten, doch
nun sah sie das die Steine offenbar mit Lehlique verwachsen waren. Scully
starrte zu Mulder, der vom Tisch aufblickte.
"Was
ist?"
"Mulder
sie... ihr Arm... es fühlt sich nicht an wie menschliche Haut. Eher so
wie..."
"So
wie ein Edelstein?"
"So
wie ein Edelstein."
"Scully,
ich sage ihnen. Sie ist der Stein."
"Mulder,
das ist unmöglich."
"Sie
oder zumindest ein Teil von ihr ist der Stein. Sehen Sie sich doch nur mal ihre
Augen an. Das sind nicht die Augen eines Menschen. Und Sie haben eben gerade
selbst gesagt das sie sich nicht wie ein Mensch anfühlt. Sie ist der
Stein."
Er
verstummte als Lehlique aufwachte. Der verwirrte Blick mit dem Scully sie ansah
irritierte sie etwas. Unsicher entschuldigte sie sich dafür, dass sie wohl
einfach so eingeschlafen war. Sie wäre die letzten Nächte wach gewesen und
deshalb fehlte ihr der Schlaf. Scully versicherte ihr, dass es keinen Grund gab
sich zu entschuldigen. Sie sei sicher sehr müde.
"Im
Zimmer nebenan gibt es ein Bett. Da können Sie sich gerne hineinlegen. Dort
hätten Sie ihre Ruhe."
"Das
ist nett von Ihnen, aber ich will nicht, dass Sie wegen mir auf der Couch
schlafen müssen."
"Seien
Sie unbesorgt. Ich bleibe lieber hier in der Nähe des Feuers. Mir ist es nebenan
zu kalt. Aber Ihnen scheint Kälte ja nichts auszumachen."
Als
Antwort lächelte sie nur. Sie bedankte sich noch einmal bevor sie die Tür zu dem
kleinen Raum hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Graue
Wolken verdunkelten den Himmel. Schwer wie Blei hingen sie über dem Gebirge. Die
Sonne war nirgends zu sehen. Hin und wieder fiel eine kleine Schneeflocke auf
den Boden. Der Tag schien die Dunkelheit der Nacht nicht recht besiegen zu
können. Es war zwar noch relativ früh am Morgen, doch es wurde und wurde nicht
wirklich hell. Mulder und Scully erkundeten die Gegend. Die Hütte stand auf
ebenem Gelände. Sie befand sich in einer Waldlichtung auf einer Art Plateau.
Dahinter türmten sich im Halbkreis steile Felswände zum Gipfel empor. In
entgegengesetzter Richtung ging es abwärts in den Wald hinein. Mulder und Scully
waren jetzt keine 100 Meter links oberhalb der Hütte. Vor der riesigen Felswand
befand sich eine Gruppe kleinerer Felsen. Durch eine breite Spalte zwischen zwei
Steinen gelangten sie in eine Art natürlichen Kessel. Ein fast kreisrunder
freier Platz umgeben von Felsgestein. Der Raum war klein und mit wenigen
Schritten zu durchqueren. Scully fand einen Felsen, der kleiner war als die
Anderen die den Kessel bildeten. Er war gerade so groß das sie darüber hinweg
sehen konnte. Sie konnte die Hütte sehen und einen großen Teil des Waldes
überblicken. Auch sah sie die Stelle wo sie Lehlique gefunden
hatten.
"Was
glauben Sie. Wer könnte auf Lehlique geschossen haben?"
Mulder
kam zu ihr und registrierte die Aussicht. Er sah in die Richtung in die Scully
wies.
"Fest
steht das es ein Mann war. Jemand, der von diesem Stein weiß und von dessen
Existenz überzeugt ist. Erinnern Sie sich an Pete? Er hat den Stein und seinen
Wert mir gegenüber erwähnt."
"Pete?
Das kann ich mir nicht vorstellen."
"Und
er kennt sich hier sehr gut aus."
"Nein,
Mulder. Pete hat vielleicht eine große Klappe, aber da ist nichts dahinter,
glauben Sie mir. Außerdem dürfte es schwer sein den Stein zu verkaufen und zu
Geld zu machen."
"Ich
glaube nicht, dass das ein Problem ist. Wenn man weiß wo man suchen muss findet
sich auch dafür ein Käufer. Aber vielleicht haben Sie eine bessere
Idee."
"Ob
sie Besser ist weiß ich nicht, aber muss denn unbedingt ein Mann
dahinterstecken? Lehlique sagte sie wären auch schon zu zweit gewesen, das heißt
es gibt noch einen Komplizen. Könnte das nicht auch eine Frau sein und der
Schütze von gestern erledigt sozusagen nur die Drecksarbeit für
sie."
"Haben
Sie einen bestimmten Verdacht in diese Richtung?"
"Ich
denke diese Miss Carr könnte Interesse an dem Stein
haben."
"Die,
der das Museum gehört?"
"Ja,
mit dem Stein hätte sie ihre Attraktion um Massen von Besuchern
anzulocken."
"Im
Prinzip könnte es jeder der an den Stein glaubt gewesen sein. Bedenken Sie nur
seinen Wert. Geldgier lässt viele Menschen Dinge tun, für die man sie nicht
fähig gehalten hätte."
Als
sie am späten Vormittag zur Hütte zurückkehrten stellten sie fest, dass Lehlique
noch schlief. Da Mulder Hunger verspürte begannen sie sehr leise mit den
Vorbereitungen für das Mittagessen.
Lehlique
verschlief auch den Mittag und den frühen Nachmittag. Mulder und Scully waren
sich einig sie nicht zu stören und sie ausschlafen zu lassen. Mulder war hinaus
gegangen um neues Brennholz herein zu holen. Da die Streichholzschachtel die
Mulder gefunden hatte fast leer war, durchsuchte Scully das Zimmer nach
Streichhölzern. Schließlich wurde sie in einer Schublade unter dem Tisch, die
sie vorher noch gar nicht bemerkt hatte, fündig. Zufrieden holte sie die
Schachtel hervor und machte die Schublade wieder zu. Dabei fiel ihr Blick auf
den Boden. Sie stellte fest, dass etwas neben einem der Stühle lag. Es war
Mulders Brieftasche. Sie musste aus seiner Jacke gefallen sein. Als Scully die
Brieftasche aufhob, fiel etwas heraus. Es war ein kleines Passbild von Mulder.
Sie hob es auf und betrachtete es kurz, doch für den aufmerksamen Beobachter
vielleicht eine Spur zu lang. Manchmal, wenn sie sich so wie jetzt unbeobachtet
fühlte, lag etwas wie Sehnsucht in ihren Augen. Eine Sehnsucht die sie sich
selbst nicht eingestehen wollte und die trotzdem immer da war. Sie steckte das
Bild dorthin zurück, wo es hingehörte und klappte die Brieftasche zu. So
vorsichtig als fürchtete sie etwas zu zerbrechen. Von draußen hörte sie das
Mulder gleich hereinkommen würde. Schnell steckte sie die Brieftasche in seine
Jackentasche und wandte sich wieder den Streichhölzern zu. Unbemerkt hatte
Lehlique die Tür zum Nebenraum einen Spaltbreit geöffnet. So konnte sie alles
verfolgen was Scully tat. Es war ihrem Geschick zuzuschreiben das Scully Mulders
Bild in die Hände gefallen war. Ganz leise zog sie die Tür wieder zu. Sie hatte
gesehen was sie sehen wollte. Über Mulders Gefühle hatte sie sich bereits letzte
Nacht, als er die schlafende Scully streichelte, Gewissheit verschafft. Ja,
Lehlique war hier gewesen. Von draußen hatte sie durch eines der Fenster das
Geschehen in der Hütte beobachtet. Doch dann war dieser Störenfried wieder
aufgetaucht und sie hatte fliehen müssen. Lehlique betrachtete ihn als
unangenehmes doch erträgliches Übel. Aber so langsam wurde sie es leid dauernd
vor ihm davonzurennen. Sollte eine Kugel aus seiner Waffe sie wirklich einmal
treffen, so würde sie nur geringe Spuren hinterlassen. Die Kugel würde sie
keineswegs verletzen. Lehlique hielt es jedoch von Vorteil dieses Wissen für
sich zu behalten. Schließlich war der Schütze und die vermeintliche Gefahr in
der sie sich durch ihn befand ein Grund für die Anwesenheit von Mulder und
Scully in der Hütte. Lehlique selbst war durchaus auch nicht ganz unschuldig
daran. Denn sie hatte sich allen ihr möglichen Mitteln bedient um die beiden an
diesen Ort zu lotsen. Sogar der Schneesturm war zum Teil ihr Verdienst. Von
ihren Bemühungen versprach sie sich aber nicht in erster Linie Hilfe um den
Störenfried loszuwerden. Sie verfolgte ein ganz anderes Ziel. Und nach allem was
sie bisher in Erfahrung gebracht hatte, wagte sie mehr zu hoffen als jemals
vorher. Ein seliges Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht
breit.
Nachmittags
begann es wieder leicht zu schneien. Der Schneefall hielt sich diesmal im
normalen Rahmen. Es würde kein solcher Schneesturm wie gestern daraus werden.
Mulder, Scully und Lehlique, die sich inzwischen wieder zu ihnen gesellt hatte,
saßen um das Feuer und warteten auf die Dunkelheit. Lehlique vertrieb ihnen die
Zeit mit Geschichten. Sie erzählte ihnen von ihrer Heimat. Einem Ort an dem die
Zeit anders lief als hier. Sie erzählte von sanften Hügeln, weiten, rosa bis
orangefarbenen Ebenen und einem türkisgrünen Meer. Von goldenen Bäumen mit
weißen Blättern unter einem tiefvioletten Himmel. Sie sprach von Tieren deren
Beschreibung auf kein irdisches Lebewesen passte, von bunten Blumen bei denen
jedes einzelne Blütenblatt eine eigene Farbe besaß. Und davon wie gerne sie das
alles einmal wiedersehen würde. Sie hatte keine Familie, aber sie hatte vor
langer Zeit einmal einen tierischen Freund. Ein Tier, das man mit einem großen,
zotteligen Hund vergleichen könnte und das sie sehr vermisste. Sie erzählte
ihnen, dass sie nirgendwo hingehen konnte da sie diesen Berg nicht verlassen
durfte. Erst jetzt wisse sie was es heißt frei zu sein und das tun zu können was
immer man will. Sie verstummte. Niemand sagte etwas. Mulder und Scully hatten
beide bemerkt, dass Lehlique während sie erzählte immer wieder mit den Tränen
hatte kämpfen müssen. Beide erkannten, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte
als ihre Freiheit, um nach Hause zurückkehren zu können.
Nachdem
die Dämmerung hereingebrochen war, bezogen alle drei ihre Positionen um den
Schützen dieses Mal zu erwischen. Lehlique und Scully hielten sich in dem
kleinen Felskessel versteckt. Von dort beobachteten sie den Wald. Lehlique
musterte Scully, die angestrengt, die Waffe in der Hand, in die Dunkelheit
starrte.
"Sie
sind sehr mutig. Und Sie besitzen sehr viel Verstand."
Als
Scully nicht antwortete fuhr sie nach einer kurzen Pause
fort.
"Aber
Sie sind so sehr auf Ihren Verstand fixiert, das sie etwas vergessen. Ihr
Herz."
Erstaunt
sah Scully Lehlique direkt in die Augen.
"Verdrängen
Sie ihre Gefühle nicht. Es ist keine Schande sein Herz zu
verlieren."
"Vielleicht
habe ich es wirklich verloren, aber..."
"Sie
haben Angst, dass es nicht gefunden werden könnte."
Scully
schwieg.
"Glauben
Sie mir, er hat es längst gefunden. Er traut sich nur ebensowenig wie Sie es
aufzuheben. Aus Angst er könnte es verletzen."
Scully
sah zur Seite. Sie fühlte sich dem Blick dieser seltsamen Augen nicht länger
gewachsen. Lehlique sprach nicht weiter. Sie begnügte sich damit ihre Worte auf
Scully wirken zu lassen. Die beiden Frauen konzentrierten sich wieder auf ihre
Aufgabe. Scully bemerkte als Erste die Bewegungen im Wald. Die Lichtkegel zweier
Taschenlampen leuchteten kurz auf.
"Da
unten ist er. Er hat sich Verstärkung mitgebracht."
Lehlique
bestätigte es. Zwei Personen kamen aus dem Wald auf sie zu. Soweit sie das aus
der Entfernung beurteilen konnten handelte es sich um einen Mann, derjenige, der
gestern geschossen hatte, und eine Frau.
"Okay,
es geht los."
Lehlique
stellte sich demonstrativ, weithin sichtbar, mitten auf die Lichtung. Nur eine
Person, der Mann, kam auf sie zu, die Waffe in der Hand. Sobald sie sich absolut
sicher war, dass er sie gesehen hatte lief sie in die Hütte. Der Mann folgte
ihr. Mit voller Wucht riss er die Tür auf. Plötzlich stand ihm Lehlique direkt
gegenüber. Das Mädchen anstarrend verharrte er sekundenlang. Noch nie hatte er
sie aus nächster Nähe gesehen. Diesen kurzen Moment der Zögerung nutzte Mulder,
der hinter der Tür gelauert hatte, um ihm blitzschnell die Waffe aus der Hand zu
schlagen. Geistesgegenwärtig fing Lehlique sie auf und richtete sie auf den
Mann. Mulder richtete seine Waffe ebenfalls auf ihn. Es war Jason Carr, der
Bruder der Museumseigentümerin. Er sah die Aussichtslosigkeit seiner Lage ein
und gab auf.
Währenddessen
hatte Scully von ihrem Platz hinter dem Felsen aus beobachtet wie der Mann
Lehlique gefolgt war und die andere Person etwas Abseits wartete. Diese ließ die
Hütte nicht aus den Augen, doch irgendwann kam es ihr merkwürdig vor, dass ihr
Begleiter nicht wieder herauskam. Sie war auf dem Weg zur Hütte um sich zu
vergewissern was dort drinnen vorging, als Scully neben ihr auftauchte. Sie
hatten recht gehabt. Es war eine Frau. Miss Anne Carr. Im
selben Augenblick als Scully die Frau erkannte suchte diese ihr Heil in der
Flucht. Sie rannte und rannte. Scully blieb ihr ständig auf den Fersen. Sie war
schneller als Miss Carr. Bald hatte sie sie eingeholt und packte sie am Kragen.
Beide rangen erschöpft nach Luft. Miss Carr ließ sich widerstandslos von Scully
zur Hütte zurück bringen. Wo Mulder und Lehlique schon mit ihrem Bruder auf sie
warteten. Über ihnen wurde es unvermittelt laut. Ein Hubschrauber der Bergwacht
befand sich im Landeanflug auf die Lichtung. Mulder hatte ihn per Handy gerufen.
Neben dem Lärm erzeugten die großen Rotoren des Hubschraubers starken Wind.
Lehlique wollte nicht von so vielen Menschen gesehen werden. Also begleitete
Mulder sie zu den Felsen, so weit bis sie außer Sichtweite waren. Allerdings
nicht ohne sich vorher von Scully versichern zu lassen, dass sie hier alleine
klarkommen würde. Nachdem der Hubschrauber gelandet war wurde es wieder still.
Scully übergab die Carrs an die Bergwacht. Soweit sie es konnte versuchte sie zu
erklären was vorgefallen war. Die Carrs wurden in den Hubschrauber befördert.
Dieser würde sie in die nächstgrößere Stadt bringen, wo alles weitere in ihrem
Fall geregelt werden sollte.
Zur
gleichen Zeit ereignete sich hinter den Felsen ein Schauspiel der besonderen
Art. Mulder und Lehlique hatten sich soweit entfernt das sie außer Sicht- und
Hörweite waren. Lehlique war gerade in Begriff sich zu
verabschieden.
"Ich
danke Ihnen für alles was Sie für mich getan haben."
Sie
wandte sich von Mulder ab.
"Wo
wollen Sie hin?"
"Es
ist Zeit für mich zu gehen."
"Aber,
ich denke..."
Sie
schnitt ihm das Wort ab.
"Ich
habe nur noch einen Wunsch."
"Wenn
ich Ihnen diesen Wunsch erfüllen kann, will ich es tun."
"Geben
Sie sie ihr. Geben Sie ihr die Blüte der Sehnsucht."
"Wem?
Scully?"
"Geben
Sie sie der Frau, mit der Sie ihr Leben verbringen, der Frau die Sie lieben.
Erfüllen Sie mir diesen einzigen Wunsch und entfachen Sie die Flamme der Rose.
Geben Sie mir das zurück wonach ich mich am meisten sehne. Meine
Freiheit."
Noch
während sie sprach dehnte sich das Licht, das sie umhüllte, immer weiter aus. Es
wurde stärker und heller, bis Mulder das Mädchen nicht mehr sehen konnte. Nach
ein paar Sekunden, die es sich in seiner vollen Größe präsentierte zog sich das
Licht wieder zusammen. Bis es sich schließlich ungefähr auf Mulders Augenhöhe
ganz auflöste. Lehlique war nicht mehr da. Dort wo sie gestanden hatte lagen
mehrere der winzigen Steine im Schnee. In ihrer Mitte befand sich etwas
Größeres. Mulder ging in die Knie um es genauer zu betrachten. Es war ein
durchsichtiger, funkelnder Stein. In Form einer Rosenblüte. Die Blüte der
Sehnsucht. Es übertraf alles was Mulder bisher gesehen hatte. Er war so sehr
gebannt, das er nicht einmal hörte wie der Hubschrauber
davonflog.
Scully
sah dem Hubschrauber hinterher. Es war wie sie vermutet hatte. Miss Carr wollte
den Stein für ihr Museum haben. Ein Edelstein, den es nirgendwo auf der Welt ein
Zweitesmal gab wäre der Besuchermagnet gewesen. Und wenn nicht hätte sie ihn
teuer verkaufen können. Ihr Bruder war nur ihr Handlanger gewesen. Scully
schüttelte den Kopf. Zwischen den Felsen sah sie Mulder auftauchen. Allein. Sie
ging ihm entgegen. Beide blieben voreinander stehen, als sie sich auf halber
Strecke trafen.
"Wo
ist Lehlique?"
"Sie
sagte, dass es für sie Zeit ist zu gehen. Aber ich glaube nicht, dass sie
bereits fort ist."
Er
hielt ihr seine geschlossene Hand hin. Ganz langsam öffnete er die Faust. In
seiner Handfläche lag die steinerne Rosenblüte. Scully traute ihren Augen
nicht.
"Er
ist außergewöhnlich."
"Er
ist für Sie."
Erstaunt
sah sie von dem Stein zu Mulder und wieder zurück.
"Er
ist viel zu kostbar, das kann ich nicht annehmen."
"Lehlique
wollte es so. Sie hat ihn für Sie bestimmt. Enttäuschen Sie sie
nicht."
Vorsichtig
streckte sie ihre Hand nach dem wertvollen Gegenstand aus. Doch genau in dem
Moment, als ihre Finger den Stein berührten durchzuckte ihn ein weißer Blitz.
Erschrocken zog sie ihre Hand zurück.
"Was
war das?"
"Keine
Angst. Nehmen Sie ihn. Vertrauen Sie mir."
Scully
griff noch einmal nach dem Stein ohne das etwas passierte. Behutsam legte sie
ihn in ihre Handfläche.
"Er
ist wunderschön."
Wieder
sah sie von dem Stein zu Mulder auf. Der Ausdruck seiner Augen verunsicherte
sie, da war definitiv Enttäuschung in seinem Blick. Scully fühlte sich irgendwie
schuldig, obwohl sie nicht wusste warum. Mit der freien Hand berührte sie sanft
seinen Arm. Betrübt lächelte sie ihn an. Und dann geschah etwas, das sie nicht
für möglich gehalten hätte. Wieder durchzuckte der Blitz den Stein. Die Blüte
fing an zu leuchten und veränderte ihre Farbe. Von weiß über gelb und orange
bishin zu einem tiefen rot. Ein roter Lichtstrahl löste sich über dem Stein,
schwebte noch eine Weile über ihnen und entfernte sich dann. Mulder und Scully
sahen ihm nach bis er sich im Dunkel der Nacht verlor. Es dauerte eine Weile bis
Scully begriffen hatte was gerade passiert war. Mulder ließ ihr die Zeit, die
sie brauchte um zu verstehen. Sie erinnerte sich an den Text unter dem Bild im
Museum. Und auch daran was Lehlique vorhin zu ihr gesagt hatte. Sie war nicht
mehr fähig irgendein Wort zu sprechen. Ihr Blick wanderte von der Stelle am
Himmel wo der Lichtstrahl verschwunden war zu Mulder zurück. Sie sah ihn an, als
wüsste sie nicht ob sie lachen oder weinen sollte. Mulder lächelte zärtlich. Er
beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft. Sie erwiderte seinen Kuss,
erst zögernd, dann mit wachsender Leidenschaft. Seine Arme legten sich um sie
und er zog sie näher zu sich heran. Sie spürte wie seine Zunge die ihre
berührte. Ein wohliger Schauer durchlief ihren Körper. Sie schlang die Arme um
seinen Nacken und drückte sich noch enger an ihn. Es hörte auf zu schneien.
Nachdem die Wolken sich verzogen hatten, war der Himmel sternenklar. Das helle
Mondlicht verlieh der verschneiten Landschaft einen magischen
Glanz.
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Ende
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Das
war sie also. Meine erste Fan Fiction. Ich hoffe sie hat euch wenigstens ein
bisschen gefallen. Feedback kann man nie genug bekommen, also immer her damit.
Schreibt an RiekeX@gmx.de. BITTE!