Titel: "Come home"

Autorin: VancouverX9

Kontakt: ScullyX9@aol.com
Disclaimer: Nobody belongs to me

Rating und Genre: MSR, Rating ist nahezu jugendfrei
Zusammenfassung: Ich habe die Story geschrieben, weil ich darüber nachgedacht habe wie oft Mulder und Scully zusammen Auto gefahren sind...und wie oft sie sich an Abenden wie diesem hier voneinander getrennt haben...und was da alles hätte passieren können.
Ist nur eine kleine Story, ganz spontan eingefallen. Aber mich hat sie schön vom Lernen abgehalten und vielleicht gefällt sie euch ja sogar.

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Come home



Zwischen meinen Fingern halte ich das sanfte kühle Papier des Straßenatlas, einfach nur, weil ich mich so an etwas festhalten kann.
Unser neuester Fall ist zu Ende, aufgeklärt…auf irgendeine haarsträubende Art und Weise.
Es ist ein ewiger Kreislauf und manchmal komme ich mir vor, als wäre die Zeit kein lineares System, sondern eines mit unendlich vielen blind endenden Ausläufern. In einem davon scheinen wir gefangen zu sein und arbeiten uns vor durch einen undurchdringlichen Nebel.
Aber mir gefällt’s.
Ich muss verrückt sein...
Ich schließe die Augen vor dem Schneegestöber, das auf unsere Windschutzscheibe herunter wirbelt, und lasse meinen Kopf müde gegen das weiche graue Polster von Mulders Ford fallen. Hier in seinem Auto riecht es immer nach ihm. Und nach seinen Wunderbäumchen, die er - vermutlich um dem schlechten Geschmack Ehre zu erweisen – immer noch kauft und regelmäßig an seinem Rückspiegel befestigt. Dieses Mal ist es Kirscharoma.
Ich merke, wie ich mich entspanne und mir das Papier langsam zwischen den Fingern entgleitet und von meinem Schoß herabsegelt.

Eine Kurve und das Langsamerwerden des Autos wecken mich aus meinem undefinierbaren verschwommenen Traum und ich versuche mich zu orientieren. Im Radio läuft leise Musik, klingt wie Bob Dylan.
Der Schnee hat sich in dicke wässrige Regentropfen verwandelt, die laut wie ein unruhiger Pulsschlag auf das Glas einprasseln.
Alles ist dunkelgrau und eine bleischwere Müdigkeit sitzt mir in den Gliedern. Ich räkle mich ein wenig und sehe mich um als mir beschämt klar wird, dass wir schon wieder in Georgetown sind. Vor meiner Haustüre genauer gesagt.
Und er ist den ganzen Weg gefahren. Mulder hält den Wagen an und lächelt mir zu. Verdammt, dieses Lächeln wird mich eines Tages noch um den Verstand bringen.
„Wir sind zuhause, Partner.“
Er klingt ebenso müde wie ich mich fühle und nun ist es mir noch peinlicher, dass ich den Großteil der Fahrt über geschlafen habe. Hitze steigt mir in den Kopf und ich fahre mir verlegen mit der flachen Hand über die Haare, damit bloß keine Strähne auf die Idee kommt mich lächerlich aussehen zu lassen.


* * *

Sie sieht süß aus, wenn sie verschlafen ist. Dann fällt all das von ihr ab, was sie so mühsam um sich herum aufbaut, um den Schein zu wahren die unnahbare Ice Queen zu sein. Dann ist sie einfach nur sie selbst. Vermutlich weiß sie überhaupt nicht, wie schön sie sein kann.
Egal wie sehr sie sich auch bemüht, ihr widerspenstiges Haar ist durch das feuchte Wetter gekräuselt und lässt sich durch nichts davon abbringen ihr immer wieder ins Gesicht zu fallen. Ihre Augen sind müde und doch strahlen sie voller Leben.
Sie kann mir nichts vormachen, denn diese Augen bringen es nicht fertig all die Emotionen, die in ihr wohnen, zu verstecken. Ich weiß wie es in ihr aussieht. Weil es ist als würde ich in einen Spiegel sehen. Vorsichtig lächle ich. Sie ist immer schrecklich gereizt nach dem Aufwachen, weil sie so verwundbar ist wenn sie schläft. Selbst vor mir fühlt sie sich unsicher und es wäre ein Fehler ihr zu zeigen wie niedlich sie eigentlich ist.
Als sie das Lächeln nicht erwidert, sehe ich aus dem Fenster.
Der weiße Schneematsch auf den Wegen ist das einzige Licht, das sie zum Hauseingang begleiten wird. Aber es ist Freitagabend. Der Fall ist beendet. Unsere Wege trennen sich nun.
Wäre das ein Date, würde ich sie zur Tür begleiten. Doch wir sind Arbeitskollegen und sie hat mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie als gleichgestellter Partner behandelt werden möchte. Dass sie keine Extra-Wurst braucht, nur weil sie eine Frau ist.
Also soll sie bekommen, was sie verlangt hat. Hundertmal haben wir schon in einem Moment wie diesem verharrt. Weil weder sie noch ich allein sein wollen.
Weil keiner von uns beiden scharf darauf ist in diese leeren dunklen Wohnungen zurück zu kehren, in denen kein Licht brennt, wenn wir hereinkommen. Die Null auf den Displays unserer Anrufbeantworter spricht Bände und außer dem leisen Blubbern meines Aquariums und den stummen Blicken meiner Fische erwartet mich nichts, das lebendig ist oder mich vermisst hat.

Ich sehe ihr wieder in die Augen. Ein letztes Mal. Zum Abschied. Nur damit ich ihren Blick nicht vergesse, die Form ihrer Lippen, die zarten Sommersprossen auf ihrem porzellanartigen Gesicht.
Eigentlich ist sie gar nicht mein Typ. Aber es scheint fast, als würde sie mit jeder Minute, die ich mit ihr verbringe, schöner werden.
Wäre sie nicht Scully, ich wäre längst schwach geworden. Frauen sind nun mal meine größte Schwäche neben Regierungsverschwörungen. Aber sie ist etwas Besonderes. Etwas, das man nicht berühren darf, weil es zerbrechlich ist.
Ich liebe sie. Und sie weiß das. Genauso wie ich weiß, dass sie dasselbe empfindet.
Das sagen mir ihre Augen, die mich ansehen, wenn sie glaubt, dass ich es nicht merke. Und das sagt mir ihr Körper, der sich jedes Mal, wenn ich sie berühre, windet als wäre ihr die Spannung, die dann zwischen uns aufkommt, unangenehm.

Wieso wir noch zögern, obwohl wir wissen, dass unsere Gefühle erwidert werden?
Ich weiß es nicht.
Aber mir ist es auch egal, denn ich denke nicht über unsere Zukunft nach.
Ich gebe mich dem Moment hin, der Illusion, dass sich nichts ändert, dass die Zeit keinen linearen Verlauf nimmt, sondern lediglich eine Aneinanderreihung von Augenblicken ist. Augenblicken, in denen alles bleibt wie es ist. So ist alles offen und in seiner Unvollständigkeit bereits perfekt. Denn so kann ich sie wenigstens auf diese Weise lieben, Moment für Moment bis in alle Ewigkeit.
Still und in der dunkelsten Tiefe meiner Seele, auch wenn ich dafür immer einsam bleibe. Und wenn der Preis ihr nicht körperlich näher zu kommen hoch ist.
Aber auf diese Weise ist es eine Liebe, wie ich sie bisher nicht gekannt habe und wie sie mir immer in Erinnerung bleiben wird. Es ist eine besondere Beziehung, genau so wie sie etwas Besonderes ist.
Den Rest bewahre ich in meiner Phantasie.
Vielleicht ist es ja wirklich am besten so...und doch schmerzt es mich, dass sie es offensichtlich überhaupt nicht stört, dass es so ist wie es ist.

Ich fühle ein verbittertes Grinsen auf meinen Lippen und merke wie es von Scully mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert wird.

„Was?“ fragt sie und kann nicht anders als zurückgrinsen, obwohl man ihr die Irritation ansieht.
Ich schüttle den Kopf. „Ach nichts. Ich finde es nur irgendwie albern.“
Ihre Augenbraue scheint festgefroren zu sein und etwas ratlos fragt sie hinterher. „Was denn?“
Jetzt habe ich eine Diskussion angefangen, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, wohin sie führen würde. So beiläufig wie möglich versuche ich dem Gespräch bereits bevor es begonnen hat seine Grundlage zu nehmen.
„Manchmal erscheint es fast, als könnten Sie es gar nicht erwarten freitags vor mir Reißaus zu nehmen.“
Habe ich das jetzt wirklich von mir gegeben?
Ich beiße mir auf die Zunge um weiter Dummheiten zu verhindern. Doch zum Glück ist es Scully, die vor mir sitzt. Nicht irgendeine Frau. Daher lächelt sie nur amüsiert und mit so viel Gelassenheit, dass es fast kühl wirkt.

* * *

Habe ich in seinen Worten tatsächlich Enttäuschung mitschwingen hören? Oder war das nur einer seiner Scherze?
Ich bemühe mich Ernst zu sein, ohne ihm das Gefühl zu geben, dass ich seine Äußerung tatsächlich ernst genommen habe. Wir sind schließlich erwachsene Menschen. Und er weiß, was ich empfinde. Genauer gesagt müsste er mir nur ein Zeichen geben und ich würde ihn hineinlassen. In alles. In mein Leben und meine Seele. - Als ob er nicht längst darin wohnen würde.

Und vermutlich hat er sogar Recht. Unbewusst fliehe ich tatsächlich. Die Wochenenden mit ihm zu verbringen, ohne einen Anspruch auf ihn zu haben, ohne wirklich mit ihm zusammen zu sein, was würde das für einen Sinn ergeben? Ich will ihn entweder ganz oder gar nicht.
Ich merke, dass ich ausweiche, aber eine andere Antwort kann er von mir nicht verlangen.
„Mulder, Sie werden mich doch ohnehin morgen früh anrufen. Und Sie wissen auch, dass ich kommen werde, egal wo Sie morgen sein werden.“
Ich kann mich kaum dagegen wehren, dass Gefühle mit diesen Worten ins Freie dringen. An sein Ohr, in sein Herz hinein.
Ich schließe meine Augen etwas länger als einen Wimpernschlag, in der Hoffnung, dass mir nicht noch mehr Gefühle entwischen, als wäre ich ein bis oben hin gefülltes Emotionsfass.
Doch ich weiß, dass er es längst gesehen haben muss. Dass er es gehört hat.
Obwohl es klirrend kalt draußen ist, wird mir schrecklich heiß.
So ist es fast jeden Freitagabend. Es liegt immer so vieles in der Luft, wenn wir uns an diesen Abenden trennen. Als gäbe es keine Montage. Als wäre es ein Abschied ohne Wiederkehr. Als wäre das die letzte Chance zu verhindern, dass der andere vielleicht niemals davon erfährt, was in uns vorgeht.
Doch egal was meine Antwort in ihm ausgelöst hat, es scheint ihn zu befriedigen, denn er lässt seinen Blick von meinen Augen herab über meinen Körper gleiten.
Ich sehe das Funkeln in seinen Augen und ich weiß es einzuordnen. Und doch ist es mir nicht unangenehm. Nicht vor ihm.

Ich sehe wieder nach draußen. Die Welt ist ein unwirtlicher Ort an diesem Abend. Wäre ich ein Außerirdischer – ich würde heute an der Erde vorbeifliegen. Ich muss reflexartig schmunzeln und merke nun doch wie mir seine Blicke unangenehm werden, obwohl er längst an etwas anderes zu denken scheint.
In seinem Gesicht kann ich die Spuren der Einsamkeit lesen, in die er nun durch mich entlassen wird.

Meine Augen wandern zu meiner Haustüre. Es ist auch in meinem Apartment dunkel. Die Jalousien sind heruntergelassen und es wird schrecklich kühl sein, weil ich die Heizung heruntergedreht habe bevor wir am Montag aufgebrochen sind. Mein Herz schlägt schneller als ich registriere, dass ich überhaupt nicht fliehen will an diesem Freitag.
Meine Zunge gleitet hungrig über meine trockenen Lippen, die von meinem Lippenstift noch ganz fruchtig schmecken, obwohl der seit Stunden verblasst sein muss.
Als ich ihn wieder ansehe, wird mir ganz schwindelig, weil er mich offensichtlich die ganze Zeit angestarrt hat.
Vor Aufregung wird meine Atmung schneller, fast unregelmäßig. Ich kann ihm unmöglich in die Augen sehen, ich weiß nicht einmal, was er alles in meinem Gesicht lesen kann und schon merke ich wie diese Worte über meine Lippen kommen und ich selbst ihre Bedeutung erst im Nachhinein begreife.
„In meinem Kühlschrank ist noch eine Tiefkühlpizza. Und so wie ich Ihren Kühlschrank kenne muss das ziemlich verlockend für Sie klingen.“
Ich hoffe, dass es nicht so bei ihm ankommt wie ich befürchte, dass es sich angehört haben muss.

* * *

Dieses Glitzern in ihren Augen ist mir neu. Ebenso wie die Schwingung in ihrer Stimme.
Es klingt fremd, aber es macht mich zugleich wahnsinnig. Vielleicht bin ich aber auch nur verrückt und höre und sehe Dinge, die nur in meiner Phantasie existieren.
Und doch könnte ich diesem Angebot in der Tat nicht widerstehen. Ich versuche es, versuche wenigstens so zu tun als müsste ich erst darüber nachdenken.
Aber meine Hand greift längst nach dem Schlüssel im Zündschloss. Der Motor meines Wagens verstummt dankbar. Eine andere Antwort ist offenbar überflüssig, denn schon ist sie ausgestiegen und hat ihre Tasche gegriffen um sich auf den Weg zu ihrem Hauseingang zu machen. Ich kann nicht anders als ihr zu folgen.
Doch innerlich schließe ich all diese Gedanken tief in mir ein, weil ich weiß, dass es bei der Pizza bleiben wird.
Weil es eben Scully ist und ich sie niemals auf diese Weise haben kann.

Fast verspüre ich Dankbarkeit über ihre Einladung, als sie das Licht in ihrer gemütlichen Wohnung anknipst. Es ist kühl. Aber ihre ganze Wohnung verströmt Wärme. Es duftet nach ihr und auf ihrem Anrufbeantworter blinkt zu meiner Überraschung keine Null.
Ich bin bereits so oft bei ihr gewesen, warum fühlt es sich dann heute zum ersten Mal komisch an?
Während ich meinen Mantel an ihrer Garderobe aufhänge, holt sie die Pizza aus dem Eisfach und heizt ihren Ofen vor. Und verschwindet danach.
Langsam merke ich wie das Gefühl sich verflüchtigt. Entspannung überfällt mich und ich gehe in ihre Küche um irgendetwas zu tun, was mich davon abhält dumm in der Ecke herum zu sitzen und so zu wirken als würde ich nur darauf warten, dass sie zurückkommt und mich unterhält.
Mit fast unverschämter Selbstverständlichkeit ziehe ich ihre Schubladen auf. Ich weiß genau, wo sie das Besteck aufbewahrt, wo die Gläser stehen. Ich weiß selbst wo ihr Pizzaschneider ist.
Wieso fühle ich mich hier mehr zuhause als in meiner eigenen Wohnung?
Wärme strömt aus dem Lüftungsschacht am Boden und ich befreie die Pizza aus ihrer Verpackung und schiebe sie auf den Backrost. Peperoni. Die Frau hat wirklich Geschmack. Trotz ihrer Tofu-Salate. Ich streife mein Jackett ab und setz mich hin.

Müde und fast wie hypnotisiert starre ich auf das goldene Licht im Ofen, in dem unsere Pizza langsam von ihrer Eisschicht befreit wird.
Die Wärme strömt mir ins Gesicht und ich schließe meine Augen.
Bilder werden ausgeblendet, Geräusche schwellen an.
Lässt sie sich etwa Wasser in die Wanne laufen? Wo bleibt sie überhaupt so lange?
Doch da legt sich auch schon eine Hand auf meine Schulter und ich schrecke hoch. Ich blicke direkt in ihre hellblauen Augen, die mich wesentlich mehr zu hypnotisieren vermögen als die Pizza. Sie hat irgendetwas an ihrer Kleidung verändert, aber ich weiß nicht, was es ist. Doch es lässt mich unbeholfen sinnlose Worte aneinanderreihen. „Ich hoffe, es war richtig die Pizza schon rein zu schieben?"

Da sie aber genau so wie ich weiß, dass diese Frage unsinnig war, übergeht sie sie. Stattdessen reicht sie mir ein Bier aus ihrem Kühlschrank, der offensichtlich wirklich besser gefüllt ist als meiner.
Es ist gar nicht so schlecht bei ihr zu sein, an einem Abend mit offenem Ende, weil uns am nächsten Tag nichts erwartet. Und es hat rein gar nichts von den unzähligen anderen Abenden, die ich bei irgendwelchen Frauen verbracht habe. Aber ich würde mich wiederholen, wenn ich erneut sagen würde, dass sie eben nicht wie andere Frauen ist. Sie setzt sich neben mich und redet. Es hat etwas mit dem Fall zu tun, aber ihre Worte dringen an meine Ohren ohne verarbeitet zu werden. Immer wieder gleitet mein Blick über ihre Handgelenke ihre Arme hinauf, über ihren Hals, ihren Kieferwinkel entlang, über ihr Gesicht, ihr Dekolleté und zurück auf ihre Hände. Es gleicht fast einer Karussellfahrt meiner Augen.
Ich muss mich krampfhaft an meine Bierflasche klammern, weil es mein innerster Drang ist sie zu berühren. Sie an mich zu drücken, ihre Wärme zu fühlen und ihren Duft einzuatmen, wie den Sauerstoff der Luft.
Ihre Berührungen sind die einzigen, die ich bekomme. Und die intensivsten.
Ich kann meine Hände zurückhalten. Nicht aber meine Zunge.

 

„Scully?“
Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie in der Zwischenzeit angefangen hat einen Salat vorzubereiten und fühle plötzlich wie sich meine Eingeweide zusammenziehen. Also gibt’s doch noch Tofu...
Sie sieht von dem Schälmesser in ihrer Hand und den Tomaten auf dem Teller zu mir auf.
In ihrem Blick kann ich lesen, dass sie genau weiß, dass ich ihr etwas Wichtiges sagen will, so als hätte sie es fast erwartet. Sie würde mir nicht abkaufen, wenn ich mich nun anders entscheiden würde. Wenn ich nun einen Rückzieher machen würde und es ihr doch nicht sagen würde.
Ich spüre wie meine Kehle trocken wird, wie die Wörter rau und hart klingen, obwohl ich sie mit so viel Vorsicht wähle.
„Ich werde Sie morgen nicht anrufen, wenn Sie mich heute Abend nicht nach Hause schicken.“
Mein Herz bleibt stehen und ich erstarre fast vor Anspannung, vor Angst darüber, dass sie diese Worte in den falschen Hals bekommen würde.
Und einen Augenblick lang scheint es fast so, denn sie sieht mich wie versteinert an.
Ihre Lippen stehen offen, ihre Stimme ist erstickt noch bevor sie etwas sagen konnte und sie hält den Atem an. Sie unterdrückt einen Wimpernschlag und doch flackern ihre Lider, was sie aus ihrer Erstarrung weckt.
Sie sieht konsterniert auf das Messer in ihren Händen und ich beobachte ihre Augenbraue, die auf ihrer Stirn zu tanzen beginnt.
Ich habe sie sichtlich aus dem Konzept gebracht.
Doch ich lasse ihr einen Moment Zeit. Alles, was ich nun sagen würde, wäre ein Fehler. Wenn ich nicht längst schon einen Fehler gemacht habe.


* * *

Couch.
Das ist das einzige Wort, das mir einfällt, doch ich bringe es nicht über die Lippen. Weil ich nicht diejenige sein will, die feige ist. Und weil ich mir gar nicht sicher bin, ob ich ihn richtig verstanden habe.
Natürlich möchte er auf meiner Couch übernachten. Weil es draußen schneit und regnet im Wechsel, weil es über frieren wird, schon in weniger als einer Stunde. Weil es bis zu ihm nach Hause fast eine Stunde Fahrt ist.
Und doch bin ich mir sicher, dass er bewusst diese Zweideutigkeit in der Luft hängen lässt. Ich bin mir fast genau so sicher, dass meine Wangen sich röten. Und ich fühle die Gänsehaut unter meiner Bluse auf meiner Haut entlang kriechen.
Aber ich gönne ihm diesen Moment nicht. Ich weiß wie sehr er es liebt mich zu verunsichern.
Als könne ich mit meinen Blicken Feuer gefrieren lassen, sehe ich ihm direkt in die Augen. Ich habe keine Angst vor ihm. Im Gegenteil. Wenn er spielen will, dann bestimme ich die Regeln.
Und doch weiß ich, dass es kein Spiel ist.
„Unter einer Bedingung...“ antworte ich ihm und sehe wie ich ihn nun in der Hand habe. „...Sie essen was von meinem Tofu-Salat.“
Ich merke wie mein Mund sich zu einem breiten Lächeln verzieht. Der Ausdruck in seinen Augen ist unbezahlbar, als er mich erleichtert und trotzdem angewidert ansieht. Aber er nickt und starrt betreten auf den Salat.
Offenbar bedeutet es ihm viel zu bleiben.
Demonstrativ und mit scharfen Seitenblicken schneide ich doppelt so viel Tofu in den Salat hinein wie es das Rezept vorsieht. Deal ist Deal und ich möchte einmal sehen wie sich sein Gesicht in Entsetzen und Ekel über den schwammigen gesunden Geschmack von Tofu verzieht. Mit einem verstörten, fast angsterfüllten Blick greift er plötzlich tapfer in den noch übrigen Tofu in der Schüssel neben meinem Teller und stopft sich eine ganze Handvoll in den Mund.
"Mulder! Was -?"
Mit einem unterdrückten Lachen sehe ich zu wie er unter heftigem Würgen trotzdem irgendwie alles kaut und herunterschluckt. Schließlich ist all mein Bemühen sinnlos und ich merke wie ich wirklich anfangen muss zu lachen.
Etwas, das mir selten widerfährt. Etwas, das ich sogar manchmal vermisse und nur er mir geben kann. Die Belustigung in meinen Augen spiegelt sich in den seinen wider und er genießt den Effekt seiner Aktion sichtlich. Genüsslich lehnt er sich zurück und sieht mich triumphierend an.
„Sie haben etwas vergessen“, beschwere ich mich grinsend, als er schon glaubt es überstanden zu haben und greife mir ebenfalls eine Ladung Tofu, um sie ihm unter die Nase zu halten.
Ohne zu Zögern umfasst er meinen Arm fest, aber doch vorsichtig, und isst mir aus der Hand. Seine Lippen kitzeln schrecklich auf meiner Handfläche und ein ziemlich albernes Kichern entweicht meiner Kehle.
Bis der Tofu weg ist und er meine leere verschmierte Hand noch immer festhält. Doch er zögert sie zu küssen, auch wenn ich sehe, dass er es möchte. Ein pulsierendes Kribbeln breitet sich in meiner Magengegend aus und ich habe das Gefühl der Boden unter mir würde sich auflösen.
Eine unangenehme Stille kommt zwischen uns auf, doch er lässt mich nicht los. Erst als ich meine Hand verlegen in seinem Griff hin und her winde und unbehaglich auf die Tofureste an meinen Fingern starre, gibt er nach. Sein eigenartiges Lächeln geht mir unter die Haut, weil ich etwas zwischen uns wittere, das vorher nicht da war. Und ich weiß nicht wohin es führt, wenn ich dieses Lächeln erwidere.
Unsicher weiche ich seinem Blick aus und konzentriere mich wieder auf die Tomaten auf dem Teller.
Er steht schweigend auf und öffnet den Backofen um die Pizza heraus zu holen.
Ich putze meine Hand an meinem Küchentuch ab, hebe meinen Blick vorsichtig und verfolge einen Moment lang die Bewegungen seines Körpers, dessen Rückenmuskeln sich unter dem weißen Hemd abzeichnen, das ein wenig aus seiner Anzughose herausgerutscht ist. Ich räuspere mich als ich spüre, dass mir dieser Anblick näher geht als ich es für möglich gehalten hätte. Ich kenne ihn doch schon so viele Jahre und auch wenn ich ihn vom ersten Moment an gemocht hatte, so hätte ich mich niemals mit ihm eingelassen. Er ist ein Herzensbrecher, er gehört zu den Männern, vor denen mich meine Mutter immer gewarnt hat.
Ich habe mir nie erlaubt mehr für ihn zu empfinden als freundschaftliche Liebe. Glaube ich. Und zweifle daran. Jedes Mal, wenn er mir zu nahe kommt, wenn ich Zeit und Ruhe dafür habe zu bemerken wie sehr ich mich zu ihm hingezogen fühle. Und wie sehr ich es genieße, wenn er mich in seine Arme nimmt.
Ich schließe meine Augen und reibe mir meinen Nacken, während er die Pizza vor mir auf den Tisch stellt.
Die duftenden Schwaden meines Mandel-Aprikosen-Schaumbads vermischen sich in der Luft mit dem scharfen würzigen Geruch der Peperonis.
Ein Kampf zwischen meinem Magen und meinen verspannten Muskeln findet statt, als ich langsam auch aufstehe, um den Wasserhahn in der Badewanne zuzudrehen.
"Ich komm gleich wieder", entschuldige ich mich als ich sehe wie er die Pizza in kleine Dreiecke schneidet und mich irritiert ansieht.

Meine Sinne werden vernebelt von der feuchten schweren Hitze in meinem Bad, sie lullt mich ein. Mir wird schwindlig und ich spüre wie sich Gedanken in meinem Inneren verselbständigen, die ich eigentlich verdrängen wollte. Fast erscheint es mir unmöglich mich dagegen zu wehren und ich schließe die Augen einen Moment, um die Bilder noch ein wenig zu genießen, um sie danach wieder aus meiner Phantasie zu verbannen und zu ihm zurück zu kehren um diesen Abend ganz normal ausklingen zu lassen.
Als hätte er diese Gedanken gelesen, steht er jedoch plötzlich im Türrahmen als ich mich von der Badewanne aufrichte.
"Hey! Wollen Sie mich etwa mit der Pizza alleinlassen?" wirft er mir mit einem anklagenden Blick auf das einladende Schaumbad vor.
Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen wie sehr er mich erschreckt hat und werfe ihm einen ernsten Blick zu. Um darüber hinwegzutäuschen wie ich mich vor mir selbst schäme.
Aber ich kann nicht verstecken, wie ich in diesem Moment fühle und was für ein neues, befremdliches Verlangen plötzlich in mir aufkommt.

Der Schaum knistert leise und beruhigend und ich gehe auf ihn zu. Erst mit festem Schritt und mit dem Vorsatz mich an ihm vorbeizudrücken und in die Küche zurück zu gehen, wo die Peperonipizza schon auf dem Tisch auf uns wartet. Ich ermahne mich als ich ihm näher komme und spüre wie meine Vorsätze sich in Luft auflösen.
Es ist Mulder. Er bedeutet mir mehr als alles andere auf der Welt.
Aber niemals würde ich wollen, dass er das weiß. Niemals würde ich so verletzlich werden wollen. Niemals würde ich ihn so verletzlich werden lassen.
Was ich in meinem Herzen für ihn empfinde sollte dort bleiben. Es sollte nicht ausgesprochen werden, weil es uns nicht bestimmt ist so zu fühlen. Weil wir Partner sind und weil ich unsere Beziehung nicht gefährden will nur wegen meiner eigenen körperlichen Schwäche. Aber was ist jetzt nach all den Jahren so falsch daran ihn auf diese Weise zu begehren?
Ich habe mich zwar vor langer Zeit gegen ein Leben entschieden, in dem Platz für einen Mann ist. Nur habe ich dabei vermutlich vergessen, dass in meinem Herzen noch immer Platz dafür ist. Und dass auch der Wunsch nach körperlicher Nähe nicht abgestellt werden kann wie eine Schallplatte, die einem auf die Nerven geht.
Ich bin eben auch nur eine Frau. Und auch wenn wir uns Schwächen in unserem Beruf nicht leisten können, so sind sie doch das, was uns erst menschlich und liebenswert macht.

Meine Füße wehren sich weiter zu gehen und ich bleibe vor ihm stehen, fast kann ich fühlen wie mein Körper seinen berührt. Unausgesprochene Fragen tanzen zwischen uns in der Luft hin und her, gefolgt von ebenso wortlosen Antworten.
In seinen Augen kann ich sehen, dass es nicht zu spät für uns ist.
Das wird es niemals sein. Es wird immer diese Möglichkeit geben.
Aber es wird niemals möglich sein, zurückzukehren zu dem, was wir in diesem Augenblick noch haben. Auch wenn das, was wir haben, in seiner ganzen Tiefgründigkeit unvollständig ist.
Trotz der Hitze in der Luft wird mir kalt und langsam lasse ich zu, dass mein Körper stärker wird als mein Verstand.

Seine Blicke gleiten an meinen Armen entlang, an meinen Hüften, meinen Körper hinauf bis sie auf meinen Lippen verweilen. Seine Finger folgen diesen Blicken.  Ich kann kaum sagen, welche Stellen er berührt, weil sich alles wie Feuer anfühlt und seine brennenden Spuren hinterlässt, die mich nach mehr verlangen lassen.
Ich kann mich nicht bewegen, aber ich habe längst den Einspruch heruntergeschluckt, der sich seinen Weg über meine Lippen bahnen wollte, in dem Moment, in dem Mulder mich zwischen sich und dem Türrahmen eingeklemmt hat. Bevor ich meine Augen schließe sehe ich ihn an, suche nach Zweifeln und Fragen, doch alles, was ich sehen kann, ist, dass er es genau so sehr will wie ich. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich kaum noch atmen kann und als ich merke, dass er zögert, ziehe ich ihn den winzigen fehlenden Zentimeter zwischen uns zu mir.
Als seine Lippen auf meine treffen entlädt sich ein stummes Feuerwerk in meinem Körper als würde jemand die Fesseln lösen, die mich zurückgehalten haben. Ich will mehr von diesem Geschmack, mehr von diesen zarten Küssen und dränge ihn mit meiner ganzen Kraft zurück und nun bin ich es, die ihn gegen den Türrahmen drückt, damit er mir nicht mehr entkommt.
Mehr als zwei Hände habe ich nicht, aber ich versuche überall zu sein. Auf seinem Po, seinem Oberkörper, an seinen Wangen, in seinem Haar, an seinem Rücken und schließlich an der Wand, um mich festzuhalten, als er sich meinen Hals entlang küsst und mir die Knie den Dienst versagen. Ich lasse mich von ihm halten und spüre wie mir vor erregter Überwältigung eine Träne in die Augen steigt.
Weil das hier alles ist, was mir gefehlt hat. Weil es mich erfüllt und zur Ruhe kommen lässt. Ich habe das Gefühl loslassen zu dürfen.
Also lasse ich los und gebe uns eine Chance.

* * *

Ich weiß nicht wie ich es bisher zurückgehalten habe, doch erst jetzt, während meine Hände über ihre sanfte Haut streicheln, die unter meinen Berührungen fester wird und vor Erregung erschaudert, wird mir klar, dass ich mich bereits viel länger danach gesehnt habe als mir bewusst war. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich der Mann sein würde, der ihr so nahe kommen darf und der sie auf diese Weise berühren darf.
Und nun gleiten meine Finger zitternd über ihre sanften Rundungen, die mir Schweißperlen auf die Stirn treiben und mich betäuben.
Ich verfluche im Stillen jeden einzelnen ihrer Knöpfe, jedes Kleidungsstück, das zwischen meinen Händen, meinen Lippen und meiner Haut und ihrer liegt.
Meine Lippen löse ich nur von ihr um atmen zu können, weil die Luft so feucht und heiß ist, weil mein Herz schneller schlägt als mein Gehirn es vertragen kann. Und weil mein Blut kocht.
Ohne ihren Blick von meinen Augen abzuwenden, ohne unseren Kuss zu unterbrechen, streift sie mir das letzte Kleidungsstück ab und zieht mich mit sich auf ihre Badewanne zu.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Aber ich will auch nicht zurück. Selbst wenn es nicht funktioniert, würde ich es wieder tun.
Weil ich sie liebe. Und weil ich will, dass sie es nicht nur weiß, sondern auch fühlt. Weil ich diesem Gefühl eine Chance geben möchte. Und weil ich uns beiden eine Chance geben möchte.

Das heiße Wasser benetzt unsere Körper und der Schaum schmiegt sich geschmeidig an uns, als ich mich vorsichtig über sie beuge und zum ersten Mal einen Blick auf sie werfen kann. So wie ich sie noch nie gesehen habe. Doch selbst jetzt sind es ihre Augen, die mich einfangen. Ihre Augen, in denen ich die drei Worte, die ihre zitternden roten Lippen nun versuchen zu formen, schon längst gelesen habe. Weil ich nicht will, dass sie es mir sagt, bedecke ich ihren Mund erneut mit einem Kuss und schließe die Augen, während das Wasser plätschernd über den Wannenrand schwappt und meine Hände ihren Körper festhalten, damit er nicht versinkt.
Ich will sie nur fühlen. Wir haben schon so viel geredet.

Ihre Finger streichen mir zärtlich durch das Haar und über meinen nassen Rücken. Kalt bläst ihr Atem mir über die Haut und ich lasse mich fallen in die sanften Bewegungen unserer Körper.
Um uns herum ist es leise und selbst wir beide sind still, als wollten wir die Welt aussperren.

Ihre Küsse bedecken meine Stirn, auf der salzige Perlen stehen, und ich muss mir auf die Lippen beißen, als sie sich unter mir bewegt und ich beinahe die Kontrolle verliere.
Ernst sehen mich ihre tiefblauen Augen an. Es ist für einen Moment so, als würde sich das Universum vor mir auftun und mir all seine Geheimnisse preisgeben. Ich kann gar nicht anders, als sie erneut zu küssen und sehnsüchtig an mich zu drücken, denn ich glaube meine Seele ist nach Hause gekommen.