Titel: A Touch of Time
Autor: VancouverX9

Kontakt: ScullyX9@aol.com

Rating: Kindergarten
Kategorie: MSR
Kontext: spielt in der sechsten Staffel vor "Zwei Väter - ein Sohn", als M+S von den X-Akten getrennt waren und das Pferd mit Jeffrey Spender über das Kellerbüro regiert hat. Und es geht um jene kleinen Berührungen und Blicke, die alles bedeuten.
Disclaimer: Die Charaktere gehören nicht mir...auch wenn eigentlich keiner namentlich genannt wird außer der bösen, bösen Hexe.

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A Touch of Time

Das Ticken der Uhr an der Wand ist das einzige Geräusch, das den schummrigen verstaubten Büroraum erfüllt. Mit jeder Sekunde scheint es ein wenig mehr anzuschwellen, als ob es im Begriff wäre uns zu absorbieren. Aber wer ist „uns“?
Noch bin ich alleine hier. Ich weiß nicht, wo Du bist. Ich weiß nur, es war Dianas Silhouette im Halbdunkel der Tiefgarage. Es war Deine Hand, die an ihrem Rücken ruhte, dort, wo sie auch immer an meinem Rücken liegt und mich mit zärtlichem sanftem Druck voran schiebt. Ich war bisher immer der Ansicht, dass diese Geste bedeutungslos ist.
Und nun muss ich zugeben, dass ich mich geirrt habe. Denn diese Geste ist Ausdruck unserer ganzen Beziehung. Sie steht für die körperliche Distanz zwischen uns, für die Feigheit, die uns trennt, und für meine Sehnsucht nach Deiner Nähe. Sie steht zugleich für den Respekt und die Zärtlichkeit, die wir einander entgegenbringen. Und nun steht sie für den Verrat an all diesen Werten, die mir so viel bedeuten.
Ich weiß nicht wo Du bist, aber ich glaube, Du bist bei ihr. Aber warum? Warum ist sie es, der Du Dich so leicht öffnen kannst, der Du zu folgen bereit bist, wenn ich es doch war, die Dir bedingungslos gefolgt ist und sich Dir geöffnet hat.

Ich fahre mit meinen Fingern durch die Akte vor mir auf dem Tisch. Berührung, und sei es die Berührung unbelebter Materie, jagt mir einen Schauer über den Rücken.
Ich habe Angst, dass Du mir entgleitest. Dass Du Dich von mir abwendest, weil ich nicht bereit bin, zu glauben. Und offenbar habe ich mich darin getäuscht, dass ich dachte, dass es mittlerweile andere Dinge zwischen uns gäbe, die uns verbinden.
Der Sekundenzeiger schwingt sich weiter, Sekunde um Sekunde im Takt der Atome, aus denen alles besteht. Die Zeit lässt sich nicht aufhalten, sie entrinnt uns wie Sand zwischen den Fingern.
Ich schließe die Augen. Und kann Deinen Duft atmen. Mir wird warm und ich kann mich trotz der Kälte und Leere des Büros geborgen fühlen.
Da legt sich eine Hand auf meine Schulter. In der Illusion, es sei nur ein Traum, öffne ich meine Augen wieder, doch die Hand bleibt dort, wo sie ist. Ihre Wärme durchströmt meinen Körper und gibt mir bereits mehr, als ich mir erhofft habe. Ich hebe meinen Blick und umfahre mit meinen Augen Deine Umrisse. Deine Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln, das mein Herz schneller schlagen lässt. Ich weiß, warum mein Körper so reagiert. Und doch begreife ich es nicht. Weil Liebe nicht nur eine chemische Reaktion ist. Sie gleicht vielmehr einer physikalischen Urkraft, wie die Gravitation. Und in diesem Moment scheint sie das ganze Universum auf den Kopf zu stellen.
„Schon so früh hier?“ fragst Du mich und ich versuche in Deinen Augen jenen Verrat zu lesen, den Du an mir begangen hast. Doch sie sehen mich unschuldig an wie das frische Grün an braunen knorrigen Ästen nackter Bäume im Frühling.

* * * * *

Sie sieht mich an, ihre hellen Augen mustern mich und sie merkt nicht, wieviel sie von ihrem eigenen Inneren preisgibt während sie meines zu erforschen versucht. Eine dunkle anklagende Traurigkeit funkelt in diesen blauen Augen auf. Was sie in diesem Augenblick denkt, wird mir für immer ein Rätsel bleiben, wie so oft. Weil sie mir nie ihr Innerstes offenbart.
Ich nehme meine Hand von ihrer Schulter, weil ich diese Berührung nicht länger ertrage. Sie erscheint mir heuchlerisch. Weil ich ihr gleichzeitig so nahe sein will und doch nichts anderes zustande bringe, als diese belanglose Geste. Manchmal scheint ihr Gesicht mir zu sagen, dass sie darauf wartet, dass ich ihr mehr gebe. Aber es liegen sechs Jahre zwischen uns. Sechs Jahre der Feigheit. Sechs Jahre gewollter Distanz. Sechs Jahre gewollter Ignoranz. Die Zeit ist unser Feind und zugleich unsere einzige Hoffnung.
Ich hatte diesen Schritt bereits gewagt, doch nun erscheint es mir, als wäre es nie geschehen. Als hätte ich nie ihr weiches kupferfarbenes Haar zwischen meinen Fingern gefühlt. Als hätte ich nie diese Lippen an meinen entlang streifen gefühlt, weich und duftend wie das zarte Blatt einer roten Rose. Als hätte ich nie diese Echtheit ihres Körpers an meinem gespürt. Je mehr Zeit seit diesem einen Tag vergeht, desto schwerer fällt es mir, zu begreifen, dass sie überhaupt einen Körper besitzt. Ich will sie in jeder freien Sekunde berühren, um mich daran zu erinnern, dass sie tatsächlich existiert und nicht das perfekte Traumbild meines verstörten Geistes ist.
Manchmal erscheint es mir fast, als würden unsere Seelen in einem materielosen und dimensionslosen Ozean umhertreiben und miteinander kommunizieren. Aber obwohl wir uns sonst auf jeder Ebene verstehen, gibt es da dieses eine große unüberwindbare Missverständnis zwischen uns.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit, die nicht einmal zwei Sekunden unserer Zeit entspricht, antwortet sie mir.
„Ich habe auf Sie gewartet. Und normalerweise ist das doch Ihre Zeit, oder nicht?“
Selbst in ihrem Tonfall höre ich etwas von dem Vorwurf, der in ihrem Gesicht liegt. Auch ihre Lippen beben in blutigem Rot, als hätte ihr gesamter Körper sich gegen mich verschworen. Sie verkrampft sich.
Und sie hat Recht. Ich bin ungewöhnlich spät dran. Weil ich verschlafen habe. Weil ich die Nächte wachliege seit uns die X-Akten genommen wurden. Und weil ich Diana gefolgt bin in der letzten Nacht. Aber wenn ich ihr das jetzt sage, dann wird sie es nicht verstehen. Weil sie nicht begreift, dass ich in Diana meine einzige Chance sehe, meine Arbeit fortzusetzen. Denn irgendwo in ihrem rothaarigen von Vernunft durchzogenem Kopf schwirrt eine riesige Wolke irrationaler Eifersucht herum und scheint ihr immer wieder den Verstand zu vernebeln.
Ich lächle. Dabei weint mein Herz. Weil ich es offenbar nicht geschafft habe, ihr zu zeigen, wie viel sie mir bedeutet.

* * * * *

 

Sein Lächeln wirkt wie eine Entschuldigung, bedrückt und unfrei. Und doch ist es wieder da: Das elektrisierende Gefühl in meiner Brust, das leichte Zittern meines Körpers unter dem Einfluss all der Botenstoffe, die mein Gehirn in seiner Nähe unentwegt ausschüttet.
„Warum haben Sie denn gewartet? Gibt es etwas das Sie mir zeigen wollen?“ Diese ahnungslose Unschuld in seiner Stimme treibt mich in den Wahnsinn.
Ich öffne meine Lippen einen winzigen Spalt, sauge die kühle Luft des Büros langsam ein, versuche die Nerven zu behalten. Ich will nicht, dass es klingt, wie ein Geständnis. Und doch wird er es wie eines verstehen. „Nein, ich habe einfach nur so gewartet...“

* * * * *

Ihre Stimme verliert sich bei diesen Worten, driftet in die Unendlichkeit ab, genau wie ihre Gedanken, wie ihr Herz. Als könne ich danach greifen, um es zu mir zu holen, legt sich meine Hand wieder auf den kleinen Raum zwischen ihren Schulterblättern. Es kitzelt meine Seele. Ich sehe ihr in die Augen, versuche es ihr zu sagen, versuche sie zu beruhigen, weil sie keinen Grund hat, mir zu misstrauen. Und als hätte sie mich verstanden, sehe ich plötzlich, wie sich ihr Gesicht aufhellt. Wie ihre Augenbraue sich über ihrem rechten Auge hebt und wie ihre Unterlippe zuckt, als müsse sie die Worte zurückhalten, die direkt aus ihrem Herzen ihren Weg zu mir zu suchen scheinen.
Es sind genau diese Worte, die sie nicht auszusprechen wagt, die zwischen uns stehen. Die diese Berührung meiner Hand auf dem weichen Stoff ihres Blazers belanglos erscheinen lassen. Aber wir beide wissen, dass sie es nicht ist. Sie ist alles, was wir bereit sind, einander in diesem Moment zu geben.
Sie ist alles, was wir geben können und zugleich alles, was wir fühlen. Diese wenigen Millimeter Stoff zwischen meiner Hand und ihrer nackten Haut sind es, die es nach außen hin wie eine zufällige Berührung aussehen lassen. Aber für mich gibt es diesen Stoff nicht. Und ich sehe, wie sie ihren Blick verlegen senkt, weil sie die Intimität dieser Berührung versteht.

* * * * *

Es versetzt mir einen Stich, keinen fühlbaren materiellen, einen dumpfen nicht definier- und lokalisierbaren Schmerz, weil noch immer diese Bilder von ihr und ihm in meinem Kopf umhergeistern. Und doch weicht es langsam der Gleichgültigkeit.
Weil das hier die Wahrheit ist. Die einzige, die es zwischen uns gibt. Und wir beide wissen das. Aber es ist unser Geheimnis. Denn so lange es nur uns gehört, sind wir unantastbar.

Ich stehe auf, komme ihm näher, atme noch mehr von seinem Duft ein, als wäre es ein Aphrodisiakum. Meine Zunge gleitet über meine Lippen in dem unerträglichen Verlangen, auch seinen Geschmack aufzunehmen. Es wäre ja nur ein Kuss...aber ein flüchtiger Blick über sein Gesicht, seinen Mund, muss mir in diesem Augenblick genügen. Weil ich weiß, es wäre eben doch mehr als ein Kuss. Er sieht mich überrascht an, eine wortlose Frage steht ihm auf der Stirn geschrieben. Aber statt ihm zu antworten, bücke ich mich und greife meinen Mantel, denn es ist kühl draußen.

* * * * *

Ich kenne Dich kaum und Du überraschst mich immer wieder. Du bringst in Momenten wie diesem meinen Verstand dazu in den Wahnsinn abzudriften, lässt mein Herz zusammen mit der Zeit stehen bleiben. Mit einem verschwörerischen Blick und einem geheimnisvollen Lächeln windest Du Dich an mir vorbei. Deine Schulter streift meinen Arm. Wieder eine Erinnerung daran, dass es Dich gibt. Und es fühlt sich an wie ein Flehen, ein Flehen nach Nähe. Ein Flehen, das ich auch manchmal in Deinem Blicke sehe, wenn er während der Arbeit in die Ferne abdriftet, ein unsichtbares Ziel fixierend, mit einer Sehnsucht, die Deinen Augen einen verzauberten Glanz verleiht.
Deine Stimme dringt zu mir durch. „Also gehen wir was frühstücken, hier gibt’s ja bis 9 Uhr nichts zu tun.“
Lächelnd folge ich Dir. Wir hassen diesen Job. Aber gleichzeitig hat die Trennung von den X-Akten uns etwas gezeigt. Wir wurden auf uns selbst zurückgeworfen und stehen nun scheinbar ziel- und sinnlos in unserem Leben. Doch nun sehen wir, dass die Leere, die wir gefürchtet haben dort vorzufinden, verdrängt wurde, von etwas Neuem, viel Wahrhaftigerem. Es lässt mich zur Ruhe kommen.
Immer nur für Sekunden. Immer nur dann, wenn ich spüre, dass Du da bist.

Ich halte Dir die Türe auf und gemeinsam verlassen wir das noch menschenleere Büro.
Auf dem Weg zum Aufzug suche ich nach Deinem Blick, doch Du gehst neben mir, stur geradeaus blickend, die Distanz wahrend. Ich höre, wie Du mehrmals leise schluckst. Dein Hals ist trocken. Deine fahrige Handbewegung, mit der Du Dir eine rote Strähne hinter das Ohr klemmst und Dein Schweigen zeigen mir, wie zerbrechlich Du bist. Wegen mir. Angesichts Deiner unglaublichen Stärke ist das eine Tatsache, die ich kaum begreifen kann.
Als wir in den Aufzug steigen, treffen sich unsere Blicke endlich wieder. Kurz, für einen Augenblick. Und doch sagst Du mir in diesem Moment all das, was mein Herz längst weiß und ich schließe meine Augen und lausche dem Echo meiner Seele, die Dir antwortet.


*Ende*