Autor: Pat
Kontakt: XMyselfX@t-online.de
Titel: All the things she said
Teil: (1/1)
Spoiler: ich glaube keinen... falls doch, bitte melden und bei der Gelegenheit am Besten noch Feedback hinzufügen *fg*
Kategorie: MSR, Mulder-P.O.V.,
Rating: PG-13
Disclaimer: Ich frage mich jedes Mal, ob dass denn wirklich sein muss?!? Jeder weiß doch, dass Scully, Mulder und der gute Rest nur CC, 1013 Productions und 20th Century Fox gehören, oder?!?
Short-Cut: Mulders Gedanken, über ein eindeutiges Angebot von Scully...
Widmung: Meinem Sonnenschein Alex, dem kompletten SoX-Team, allen Gilly-Fans und natürlich allen X-Philes, allen Shippern, meiner süßen Kessy und allen anderen, die meine Storys kennen, lesen und lieben :P
All the things she said
Alle Dinge die sie gesagt hatte, gingen mir durch den Kopf. Es war beinahe vorhersehbar gewesen, dass ich mich vor ihr zum Idioten machen würde, nur weil ich nicht wusste, was ich wollte. Ihre Worte waren so klar und deutlich gewesen... dass ich kurzer Hand Angst bekommen hatte. Nicht etwa Angst vor ihrer Entscheidung und Aufrichtigkeit, sondern viel mehr Angst davor, dass ich ihr nicht die selbe Entschlossenheit entgegenbringen konnte.
Nun saß ich hier, nippte schuldbewusst an meinem Bier und versuchte durch den verrauchten Raum hindurch an die gegenüberliegende Wand zu sehen, um zu erfahren, wie viel Uhr es war. Beinahe Mitternacht und eigentlich viel zu spät, um noch klare Gedanken fassen zu können. Vor allem, wenn man sich bereits im Hochgenuss des Alkohols befand und vermutlich nicht einmal mehr gerade stehen konnte.
War es wirklich vernünftig, sich heute noch an Entscheidungen zu setzen, die eine bedeutende Veränderung meines Lebens herbeiführen könnten?
Jahrelang hatte ich mir erhofft, in Scully das auszulösen, was ich letztendlich ausgelöst hatte und nun? Nun konnte ich nicht einmal mit dieser Sache konfrontiert werden, ohne mit diesem verdammten Psychologengerede zu beginnen und Scullys Welt zum Einsturz zu bringen.
Es war mir tatsächlich gelungen meine Partnerin mit vier verdammten Worten zurück in ihren Bunker zu treiben.
Wie oft hatten wir an genau diesem Punkt gestanden? Und wie oft hatte sie diesen Rückzieher gemacht? Wie oft hatte ich mir danach Vorwürfe gemacht, einfach zu direkt gewesen zu sein und sie überrumpelt zu haben? Und wie oft würde ich eine solche Chance wohl noch bekommen?
Ich hatte in jeder Hinsicht als Partner und guter Freund versagt und still kam diese Frage in mir auf, ob es trotzdem beim Alten bleiben würde. Ob ich überhaupt wollte, dass es beim Alten blieb?!
Eigentlich hatte ich mir nicht oft Gedanken darüber gemacht, was wäre, wenn Scully und ich uns näher kommen würden. Eigentlich war ich wirklich damit zufrieden gewesen, sie als Partnerin und Freundin zu haben... und eigentlich, waren meine Gedankengänge mehr als nur wirr.
"Das wäre nicht vernünftig," nuschelte ich vor mich hin, wiederholte damit die Worte, die ich Scully vorher vernünftiger Weise, wie ich anfangs dachte, entgegengebracht hatte und legte meinen Kopf, entsetzt über mich selbst, in meine Hände, um so eine Weile niedergeschlagen sitzen zu bleiben.
Doch was war Vernunft eigentlich? Wäre es nicht viel vernünftiger gewesen, einfach alles zu akzeptieren? Jetzt mit Scully zusammen im Bett zu liegen, ihre weiche Haut zu berühren, sie sanft zu küssen und neben ihr einzuschlafen? Wäre es möglich, die Zeit zurück zu drehen? Diese Entscheidung rückgängig zu machen?
Oh bitte... bitte, bitte, bitte. Ich würde alles dafür geben. Mein Leben. Meinen Beruf. Alle Wahrheiten, die ich bisher aufgedeckt hatte. Einfach alles, was man sich vorstellen kann... nur für eine einzige Nacht mit ihr. Dabei dachte ich nicht einmal direkt an Sex. Vielmehr ihre Wärme zu spüren. Sie berühren zu können, wo ich will, sie küssen zu dürfen, wann ich will und wie ich will. All das mit ihr zu tun, was mir bisher verwehrt blieb.
Kann das Leben so gemein sein und einem diese einzige Chance nur durch unüberlegtes Handeln zunichte machen?
Dabei kam erneut diese Frage in mir auf, warum ich ausgerechnet vor ihr und ihren so deutlichen und direkten Aussagen Halt gemacht hatte.
Ich erinnerte mich nur vage an diesen Blick. An ihren Blick, der nach meiner wirklich intelligenten Aussage, glasig geworden war vor Enttäuschung. Der so bettelnd an mir geklebt hatte, dass ich jetzt noch anfangen könnte zu heulen.
Vermutlich konnte ich mir ihre derzeitige emotionelle Lage kaum vorstellen. Vielleicht lag sie zusammengekauert in ihrem Bett, zog ihre Decke etwas höher, um nicht zu frieren und machte sich meinetwegen Vorwürfe. Vorwürfe, unsere Beziehung zerstört zu haben. Alles, was wir uns in den letzten Jahren aufgebaut hatten und warum?
N*U*R W*E*G*E*N M*I*R!!!!!
Ich goss den letzten Schluck des lacken Bieres hinunter, verzog mein Gesicht kurz, aufgrund des widerlichen Geschmacks und stand fest entschlossen auf, um das zu tun, was zu tun war.
Tatsächlich taumelte ich kurz, bis sich mein Stand gefestigt hatte, schlich zum Tresen, um ein paar zerknüllte Scheine zurück zu lassen und somit mein Saufgelage zu beenden, stolperte weiter zum Ausgang und war heilfroh, den frischen Sauerstoff atmen zu können, der sofort ein kehliges Husten auslöste.
Mir blieben genau fünf Minuten - nachdem mein rechter Arm wild dazu entschlossen war, ein Taxi herbeizurufen - um zu wissen, welches Ziel ich dem Fahrer angeben würde.
Scully wäre bestimmt nicht übermäßig erfreut darüber gewesen, wenn ich sturzbetrunken an ihrer Tür gehämmert hätte, um über sie herzufallen. Womöglich hatte sie es sich sowieso anders überlegt... und ich könnte ihr noch nicht einmal böse sein. Schließlich war ich dieser... verdammt riesige Vollidiot gewesen.
Ja. Absolut. Ganz genau. ICH!
Ich, dessen Schubladen mit Pornos vollgestopft waren.
Ich, unter dessen Bett jede einzelne Ausgabe des Playboy zu finden war.
Ich, der auf jedes beliebige Angebot von Frauen einging.
Ich, der sogar schon in Erwägung gezogen hatte, sich in sein Auto zu setzen, um sich eine verdammte Nutte mit nach Hause zu nehmen.
Ich... ja, ich, der Scully eine Abfuhr erteilt hatte, aufgrund meiner verfluchten Verantwortung!
Ich schreckte hoch, als das gelbe Auto vor mir hielt und einen sanften Hauch frischen Windes in mein Gesicht wehte.
Nun war die Zeit meiner Entscheidung gekommen und ich hatte nicht mehr als ein paar wenige Minuten, in denen ich noch mit mir ringen konnte, was richtig und was falsch war.
Selbst während meines Einstiegs und der Begrüßung des Fahrers, kämpfte ich noch mit mir.
"Hey, na... wie geht’s Ihnen?"
Toll! Konnte ich ihn nicht noch schneller drauf aufmerksam machen, dass er es mit einem betrunkenen Fahrgast zu tun hatte?
"Ähm... hören Sie, ich... ich weiß noch nicht so wirklich, wo genau ich hin möchte."
Ich sah die dunklen Augen im Rückspiegel, die sich auf mich fixierten und noch finsterer dreinblickten wie am Anfang.
"Vielleicht sollten Sie dann noch mal aussteigen und ein anderes Taxi rufen."
Der Fahrer klang nicht besonders freundlich, was mir keineswegs bei meiner Entscheidung half.
"Sie... Sie... kennen sich nicht zufällig bestens mit der Psyche einer Frau aus, oder?"
"Hören Sie, wenn ich das könnte, wäre mein Leben um einiges leichter. Also, wo hin wollen Sie nun? Ich... bin heute Abend leider etwas im Stress!"
... natürlich Freundchen.
"Georgtown," nuschelte ich schließlich leise vor mich hin und versuchte dann, die restliche Adresse von Scully noch aus mir heraus zu bringen.
Kurze Zeit glaubte ich, tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zumindest so lange, bis alles immer näher rückte und ich noch immer nicht wusste, wie ich Scully am besten auf mich aufmerksam machen konnte.
Ihre ganze Zusammenfassung, ihrer Gefühle heute Abend hatte mich wirklich durcheinander gebracht. Und sie hatte mir... so verdammt leid getan. Aber ich war nicht aus Mitleid auf dem Weg zu ihr. Nein! Ich war auf dem Weg zu ihr weil... ich einfach dachte, dass es richtig sein würde. Dass es sich zumindest irgendwann richtig anfühlen würde, auch wenn es im Moment etwas... auf der Kippe stand.
Das leise Quietschen der Reifen ließ mich aus meinen Gedanken hochschrecken und ich erkannte die Gegend, in der wir uns befanden. Nun gut, meine vom Alkohol benebelten Sinne brauchten etwas, um zu reagieren, einen Blick auf den Kilometerzähler zu werfen und zu wissen, was ich dem Taxifahrer schuldete.
Ich suchte mein letztes Geld zusammen, in der Hoffnung, dass mich Scully im Notfall zumindest auf ihrer Couch übernachten ließ, drückte es dem Fahrer mit einem verträumten Lächeln im Gesicht in die Hand und blieb erst einmal tief einatmend vor Scullys Apartmenthaus stehen.
Nun war es also so weit, alles auf eine Karte zu setzen und zu hoffen, dass ich gewinnen würde. Ich spürte ein paar sachte Regentropfen in meinem Gesicht, strich mir zitternd durch meine Haare, zog meine Lederjacke zurecht und stolperte schließlich durch die Eingangstür, einem lachenden Paar entgegen.
Ich hielt freundlicher Weise die Türe auf, zwinkerte den beiden zu und eilte, zwei Treppen auf einmal nehmend, Richtung Scully.
Und dann kam der Moment, der mich tausend Tode sterben ließ. Ungelogen hatte ich noch nie in meinem ganzen Leben solches Herzklopfen gehabt. Allerdings lag es mit der Nervosität zusammen, die stetig zunahm, je mehr ich mich Scullys Wohnung näherte.
Vor ihrer Tür angekommen, lehnte ich mich auf der gegenüberliegenden Seite gegen die Wand, hämmerte meinen Kopf dagegen und dachte nach, was ich ihr sagen sollte... wie ich am besten anfangen sollte, ihr klar zu machen, dass ich das vorher alles nicht gewollt hatte. Dass ich ihre schöne Formulierung des "einmaligen Beisammenseins" nicht durch dämliche Worte zerstören wollte, sondern, dass ich das alles akzeptiert hatte. Dass ich mehr als geschmeichelt war, dies ausgerechnet von ihr gehört zu haben.
Sie, von der ich immer gedacht hatte, dass sie sich hinter hohen, starken Steinmauern befand, durch die mein Charme keineswegs dringen konnte.
Sie, die all meine Flirtversuche scheitern ließ und mich dadurch beinahe in die Verzweiflung trieb.
Sie, die mir manchmal das Gefühl gab, keinerlei Interesse an Männern zu haben.
Sie... die das komplette Gegenteil von mir war und doch so gut zu mir zu passen schien.
Schließlich fasste ich allen Mut zusammen, trat auf die Tür zu und war überrascht zu sehen, dass Licht darunter hervordrang. War sie tatsächlich noch wach? Jetzt? Um diese Zeit? Hatte sie meinetwegen nicht schlafen können? Saß sie vielleicht deswegen auf ihrer Couch und sah sich deprimierende Liebesfilme an? Oder hatte sie sich einfach Ersatz geholt, um ihre Demütigung los zu werden und mir klar zu machen, dass sie nicht auf mich angewiesen war?
Letzteres strich ich sofort aus meinen Gedanken, drückte meine Handfläche sanft gegen das kühle Holz und strich erst einmal zaghaft darüber, um schließlich auszuholen und, im Gedenken an Scullys Nachbarn, leise klopfte.
Ich hatte bereits während der Ausführung meiner Handbewegung gewusst, dass Scully das keinesfalls hatte hören können. Also startete ich einen neuen Versuch, diesmal lauter, fester, härter und erhielt tatsächlich Reaktion.
Leise, langsame Schritte drangen an mein Ohr und anschließende Stille.
Vielleicht hätte ich vom Spion wegtreten sollen, um nicht Gefahr zu laufen, dass sie mir gar nicht erst öffnete. Aber diese Angst war völlig um sonst, denn ich hörte das Klirren der Türketten und sah, wie Scullys Augen mir neugierig entgegenblickten.
Ich würde vermutlich nie wieder in meinem ganzen Leben einen Menschen finden, der mich so schnell durchschauen konnte, denn ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie bereits wusste, dass ich betrunken war. Sie wusste es, obwohl ich noch keinen Ton von mir gegeben hatte.
"Hey," sagte sie leise, strich sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht und... zitterte? Zitterte sie tatsächlich?
"Hey," gab ich leise zurück, und im selben Moment wurde es dunkel im Flur. Die Zeitschaltuhr war abgelaufen und hatte uns in tiefe Dunkelheit getaucht.
"Ist alles okay?"
Wow, diese Stimme. Besorgt, wie immer, wenn ich um diese Zeit noch bei ihr auftauchte.
Ich nickte stumm, suchte nach Worten, die erklären konnten, was ich hier wollte und musste feststellen dass ich mich erneut vor ihr zum Idioten machte. Was hatte ich die letzten Stunden getrieben? Hätte ich mir nicht wenigstens ein paar Erklärungen für den Vorfall vom vorigen Abend zurecht legen können? Muss ich, wenn es um mein Privatleben geht, so tollpatschig sein?
"Hmh," ein kurzes Räuspern, dass einen Satz ankündigen sollte, " Dana, ich will nur, dass du weißt, dass ich dir vorher keine Abfuhr erteilen wollte. Ich war mir nicht sicher, ob du das alles ernst meintest. Ob du wusstest, was du da eigentlich gesagt hast und ob das wirklich deinem Vorhaben unterlag. Ich will damit sagen, dass ich etwas überrascht war, ein derartiges Angebot von dir zu bekommen, ohne Vorwarnung... einfach so, von jetzt auf nachher. Ich meine im Grunde genommen steht dem nichts im Wege, lediglich diese verdammte Vernunft, die mich dazu veranlasst hat, dich einfach sitzen zu lassen. Und weißt du was? Ich habe mir gerade den Kopf darüber zerbrochen, was genau Vernunft eigentlich ist und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es doch eigentlich viel vernünftiger wäre, dass zu tun, was wir beide im tiefsten Inneren für richtig halten und ... deswegen bin ich jetzt hier."
Ihre Augen hatten einen neugierigen Ausdruck erhalten, sie sah etwas überrascht aus... positiv überrascht, versuchte ich mir einzureden und suchte nun ebenfalls nach Worten.
"Mulder, du bist betrunken. Fahr nach Hause."
Ich schüttelte energisch meinen Kopf.
"Nein... ich, ich meine das ernst. Ich meine das wirklich ernst... ich habe noch nie irgendetwas so ernst gemeint und das sage ich nicht nur, weil ich getrunken habe. Ich... habe getrunken, ja, aber nur um einen absolut freien Kopf zu bekommen, um alle anderen Dinge von mir schieben zu können und zu diesem Entschluss zu kommen."
Sie lächelte still in sich hinein, warf ihren Blick zu Boden und öffnete die Tür ein Stück weiter.
"’key."
Leise, mit gebrochener Stimme, kaum hörbar... kurz dachte ich, ich hätte mir dieses Einverständnis nur eingebildet, aber nachdem sie mir schließlich ihre ganze Person präsentierte, indem sie hinter der Tür hervortrat, verstand ich sie und ging still ins Innere ihrer Wohnung.
Zuerst fiel mir auf, dass sie einen dieser Seiden-Pyjamas trug, die sie so verdammt niedlich aussehen ließen.
Moment, war mir das vorher auch schon mal aufgefallen? Ich meine, hatte ich gerade wirklich gedacht, dass ich Scully niedlich fand?
Verlegen über mich selbst, räusperte ich mich erneut, blieb etwas hilfesuchend inmitten des Raumes stehen und traute mich vorerst nicht, Scully anzusehen. Ich sah ihren Schatten an mir vorbeihuschen und bohrte schließlich meinen Blick in ihren Rücken.
"Du musstest dich also betrinken, um zu diesem Entschluss zu kommen?", gab sie leise von sich, als sie sich auf die Couch setzte und sich mit der beigen Decke, die dort lag, zudeckte.
"Ja... ich meine, nein. Nein. Nein. Ich war von meinem Handeln vorher so enttäuscht und deprimiert, dass ich in die nächstbeste Kneipe ging und... mir sämtliche Drinks genehmigte. Ich weiß, dass das den Eindruck macht, als wäre ich nur hier, weil meine Gedanken vernebelt sind und ich nicht mehr weiß, was ich tue, aber ich versichere dir, dass das nicht so ist. Ehrenwort."
Ich drückte meine linke Hand gegen mein Herz und hielt zwei Finger der rechten Hand, in V-Form in die Höhe, versuchte schüchtern zu lächeln und ging schließlich einen Schritt näher an Scully heran.
"Ich bin kein Meister, was Gefühle angeht. Ich meine, ich weiß nicht, was mich wirklich dazu getrieben hat, dir all das zu sagen... vielleicht waren es keine Gefühle... vielleicht war es reine Neugierde, Mulder."
Oh... sie hatte vor, mein Herz mit einem dicken, schweren Pflock zu durchschlagen und mich tot zurückzulassen. Das war die alte Scully. Die Scully, die undurchschaubar war und die mich nie wissen ließ, wie ich bei ihr dran war.
Okay, ich wusste, dass sie auf meiner Seite stand, dass ich ihr blind vertrauen konnte, dass sie immer da war, wenn ich sie brauchte, dass sie mich schneller durchschauen konnte, als alle anderen, dass sie es liebte, wenn ich sie in den Arm nahm und versuchte, ihr so Trost zu spenden und dass sie emotionell nur schwer aus der Reserve zu locken war... und vermutlich hatte ich jetzt all meine Asse verspielt.
"Danke," sagte ich schließlich ironisch und tat einen weiteren Schritt.
"Das... war nicht böse gemeint. Aber du warst nicht der einzige, der die letzten Stunden nachgedacht hat und vielleicht bin ich ja zu dem Entschluss gekommen, dass es wirklich falsch gewesen wäre."
Ich ließ meinen Kopf hängen, mein Herz verkrampfte sich in meiner Brust und, obwohl ich tief in meinem Inneren damit gerechnet hatte, dass Scully mir diese Chance nur einmal geben würde, breitete sich die Enttäuschung in mir aus.
"Schon klar. Tut mir leid, dass ich automatisch davon ausgegangen bin, dass dieses Angebot über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt. Eigentlich sollte ich dich besser kennen."
"Das ist nicht fair, Mulder."
Irgendeine innere Macht wollte mich dazu zwingen, aus der Wohnung zu stürmen, hinaus in den Regen, um durch die Stadt zu irren und mir vielleicht darüber klar zu werden, warum wir uns alles so kompliziert machten. Aber das wäre feige gewesen...
"Es gibt viele Dinge, die nicht fair sind. Alle Dinge, die mein Leben auf den Kopf stellen, sind nicht fair. Die vielen Vorurteile, die meine Person betreffen, sind nicht fair. Die Lügen, die uns immer und immer wieder von der Wahrheit trennen, sind nicht fair. Eigentlich ist das ganze Leben ein einziges Chaos aus unfairen Mitteln. Aber wir kämpfen uns irgendwie hindurch, lernen damit klar zu kommen und akzeptieren es, so wie es sich ergibt... aber das hier, uns zwei, kann ich einfach nicht so akzeptieren. Für unser Leben ist etwas Anderes bestimmt, als dass wir uns wegen sämtlich falsch getroffener Entscheidung auseinanderleben."
Irgendwie sah sie überrascht aus, als ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
"Ich weiß," sagte sie leise.
"Warum können wir dann nicht einfach die letzten Stunden vergessen und so tun, als wäre dies hier der erste Anlauf? Lass uns vergessen, dass ich vorher zu viel Angst davor hatte, unser beider Leben innerhalb weniger Minuten zu ändern. Lass uns einfach noch mal von vorne beginnen."
Wieder trat ich näher an sie heran, hielt meinen Blick starr auf sie gerichtet und betete zum ersten Mal in meinem Leben zu Gott, auch wenn ich nicht an ihn glaubte.
"Komm’ her Mulder."
Scully setzte sich ans rechte Ende der Couch und klopfte nervös mit ihrer linken Hand auf den leeren Platz neben sich.
Nun hieß es alle negativen Argumente, die gegen dies hier sprachen, zu beseitigen. Alles, was nicht willig war, diese Nacht stattfinden zu lassen, aus unseren Köpfen zu verbannen, um es so perfekt wie möglich zu machen. Ich wusste, dass es perfekt sein musste, um Scully halten zu können und ich wusste, dass mir genau dies gelingen würde.
Ich warf meine Lederjacke in Richtung des Esstischs und setzte mich schließlich neben sie, in sicherer Entfernung.
"Ich denke, dass es für alles eine zweite Chance geben sollte und ich will uns diese Möglichkeit nicht verwehren. Aber jetzt, genau jetzt Mulder, gibt es kein zurück mehr. Entweder wir stimmen genau an diesem Punkt für ja, oder aber wir verabschieden uns für immer von dieser Illusion und bleiben Partner und Freunde, ohne Erinnerung an diesen Abend."
Ich nickte und verschwendete einen kurzen Gedanken an mein leeres Portemonnaie, anschließend nickte ich bestimmt und griff schüchtern nach Scullys Hand, verstrickte sie mit der Meinen und strich ein paar Mal sanft über ihren Handrücken.
"Weißt du, was ich denke?"
"Nein," Ihre Stimme war so tonlos, dass es mir Angst bereitete.
"Ich denke, dass wir diese Entscheidung schon vor vielen Jahren getroffen haben."
Erst bildete ich mir ein, ich würde träumen, aber nachdem sie meine Hand fest drückte war ich mir bewusst, dass sie mich tatsächlich anlächelte. Ein richtiges, wahrhaftiges Scully-Lächeln.
Wir saßen ein paar Minuten so da, sahen uns an, lächelten uns an und warteten darauf, dass der jeweils andere den nächsten Schritt tun würde. Aber da ich wusste, dass wir Zeit hatten, war es mir nicht eilig damit, auf die Einleitung überzugehen. Es war erst früher Morgen und uns erwartete nichts am nächsten Tag.
"Wie geht es weiter?"
Ich zuckte unwissend mit meinen Schultern und erinnerte mich an meine Highschoolzeit. Damals saß mir gegenüber ein Mädchen namens Becky, nett lächelnd und unschuldig. Allerdings musste ich damals eine Wette gewinnen und ich hatte es sehr eilig, zum Schluss zu kommen... wobei mir Beckys Allgemeinbefinden ziemlich egal war... ich hasste mein damaliges Ich.
Meine Gedanken umkreisten derartig mein Bewusstsein, dass ich kaum mitbekam, dass Scully ihre Sitzposition änderte, sich gegen mich lehnte und meine Arme um ihren kleinen, zierlichen Körper schlang.
Erst ihre Wärme machte mir klar, dass es jetzt keineswegs an der Zeit war, über alte Zeiten nachzudenken. Ich wollte diesen Abend ganz in mich aufnehmen, kein Wort, keine Bewegung und keine noch so unwichtige Sache vergessen. Vielleicht war das hier alles einmalig, vielleicht blieb uns eine weitere Chance versagt, vielleicht war das hier das Ende... auch wenn ich hoffte, dass wir uns erst am Anfang befanden.
Schließlich bewegte ich mich und lehnte mich bequem zurück, woraufhin Scully tiefer sank, ihren Kopf auf meinen Schoß legte und ihre Augen schloss.
Meine Hand nahm den weichen Stoff ihres Schlafanzugs wahr, fuhr ihre weiblichen Kurven nach und fand letztendlich den Weg zu ihrem Gesicht, um ihr Haare daraus zu streichen und, wie ich mir erträumt hatte, ihre weiche Haut zu streicheln.
Mir wurde so schlagartig klar, dass das hier alles gar nicht falsch sein konnte... es fühlte sich zu gut und richtig an. Einfach alles war beinahe zu schön, um wahr zu sein... und wenn ich das an diesem Punkt schon dachte, wollte ich gar nicht erst wissen, wie es beim Hauptteil sein würde.
"Ich bin wirklich froh, dass du wieder gekommen bist."
Ich strich noch immer über ihre Wange, berührte hin und wieder ihr Haar und meine andere Hand suchte die ihre, um sie erneut festzuhalten.
"Das bin ich auch," Meine Stimme klang kehlig und verraucht. Konnte ich wirklich derartig nervös sein?
Scully drehte sich langsam auf den Rücken und sah mich an, streckte schließlich ihre andere, freie Hand aus, um ebenfalls die Züge meines Gesichtes nachzufahren.
Nach wenigen Augenblicken setzte sie sich auf, wickelte die Decke fest um sich und stellte sich aufrecht hin.
"Komm," Ihr Griff um meine Hand wurde fester und bevor wir uns synchron bewegten, wusste ich, wohin der Weg gehen würde. Es war keine Kunst, darüber war ich mir bewusst.
Wir traten in den kühlen Raum, in dem die Vorhänge vor dem Fenster wehten, da sie gekippt waren und mich durchfuhr augenblicklich Gänsehaut.
Konnte sie hier tatsächlich nachts alleine Schlafen? In der Kälte?
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, löste sie sich von mir, und schloss das Fenster mit einem lauten Ruck.
Dann galt ihre komplette Aufmerksamkeit meiner unsicheren Person, die vor dem großen, ordentlich gemachten Bett stand und nicht wusste, was sie als nächstes tun sollte.
Sie setzte sich, machte es sich bequem und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Irgendwie kam ich mir total bescheuert vor. War ich wirklich so unfähig, irgendetwas zu tun? Hatte ich Angst, irgendetwas falsch zu machen oder zögerte ich einfach nur, weil ich ihr die Initiative überlassen wollte?
Ich schaffte es dennoch, nach einer scheinbaren Ewigkeit, mich aus meiner Erstarrung zu lösen, stellte mich vor das Bett, machte Anstalten Scully erneut zu berühren, hielt dann jedoch inne, um mich ebenfalls niederzulegen und das erste Mal ein Bett mit ihr zu teilen.
Gerne hätte ich ihr irgendwas Nettes gesagt, aber ich wusste, dass es sich, egal was es war, nach einer Lüge anhören würde. Ich würde später dazu kommen, vielleicht würde sich das hier alles wiederholen und dann wäre eine Aussage wie *Ich liebe dich* viel passender und glaubhafter.
Ja, tatsächlich war mir in den letzten zwanzig Minuten klar geworden, dass all die Gefühle, die ich immer unterdrückt hatte wirklich *Liebe* bedeuteten. Wahrhaftige Liebe, nicht die Liebe, die egoistisch war, wie in den meisten Fällen.
Liebe, die mich für Scully alles tun ließ. Es mag vielleicht unglaublich und kitschig klingen, aber ich würde für diese Frau sterben.
Scully warf die Decke über uns beide und zog mich näher an sich heran. Diese Wärme, die von ihr ausging, löste erneut Gänsehaut bei mir aus. Eigentlich sollte ich in diesem wohlig, warmen Gefühl untergehen, mich einfach hingeben, aber das konnte ich nicht.
Ich drehte mich beinahe auf sie, stützte mich mit meinem Ellenbogen ab, dass ich über sie gebeugt war und verweilte kurz in dieser Stellung.
Langsam begannen meine Hände sich wieder zu bewegen, berührten ihren Bauch und glitten hinab zu ihren Schenkeln.
Ihr Blick hielt mich gefangen, und es war nicht dieser skeptische Blick, den ich eigentlich von ihr gewohnt war. Er sah gierig aus, hungrig nach meinen Berührungen und fordernd.
Ich senkte meinen Kopf und küsste sanft ihre Brust, die der Ausschnitt des Schlafanzuges frei gab.
Scullys Hand fand mein Gesicht und zog mich höher. Mir war klar, dass, vor allem anderen, zuerst ein Kuss erforderlich war. Der Kuss war der Anfang von allem und meine sofortige Reaktion verriet, dass ich neugierig darauf war.
Ich küsste sie langsam, sanft und leidenschaftlich. Der erste Kuss sollte nicht übertrieben sein. Er war schließlich zum Kennenlernen gedacht.
Als wir gleichzeitig unsere Münder öffneten und unsere Zungen einander überließen, wünschte ich, nie wieder irgendetwas anderes zu tun. Es war ein Feuerwerk an Gefühlen, die uns in sich eintauchten und, was mich anging, nie wieder freigeben würden.
Sie küsste gut... vorsichtig, etwas schüchtern, nervös, nachdenklich... dann wieder fordernd, leidenschaftlich, sanft... immer rebellischer werdend.
Es fiel mir wirklich nicht leicht, aber nach ein paar Minuten löste ich mich von ihr, lächelte sie glücklich an nur um dann erneut zu küssen und geküsst zu werden.
Es erschienen mir wie Ewigkeiten, in denen wir einfach so dalagen, uns unseren Leidenschaften hingaben, uns berührten, streichelten und all das nachzuholen schienen, was wir verpasst hatten. Ich würde behaupten, dass uns beiden klar war, dass wir nicht alles nachholen konnten, zumindest nicht in dieser einen Nacht. Es waren zu viele Dinge, die es zu entdecken gab, die man herausfinden und dem anderen beweisen wollte.
Dinge, die einfach alles ändern würden, wenn sie es nicht schon bereits getan hatten.
Was mich im Nachhinein wirklich gewundert hatte, war, dass wir in dieser ersten Nacht nicht miteinander geschlafen hatten. Natürlich war mir von vorneherein klar gewesen, dass es mit Scully anders sein würde, als mit anderen Frauen. Aber ich dachte, dass wir so von Leidenschaft gefüllt waren, aufgrund unserer langen, oder auch weniger langen, Enthaltsamkeit, dass wir übereinander herfallen würden... getäuscht.
Wir taten alles, was ein Vorspiel erforderte... aber wir gingen nicht zum Sex über. Wir trieben uns nicht wild wieder und wieder zum Höhepunkt, sondern genossen die Nähe des anderen, hielten uns irgendwann fest in den Armen, nackte Haut an nackter Haut und schliefen ein.
Es war ein wundersames Gefühl von Zweisamkeit, die ich bereits in jener Nacht Angst hatte wieder irgendwann missen zu müssen.
Irgendwann nachts war ich aufgewacht, betrachtete die schlafende, wunderschöne Frau in meinen Armen, die still dalag und träumte. Ich wusste, dass sie träumte.
Ein kurzer Gedanke ließ mich meinen Kopf anheben, sie von oben betrachten, und schließlich mein Ohr gegen ihre Brust drücken, um das Organ zu hören, dass sie am Leben erhielt. Ihr Herz schlug langsam, gleichmäßig und rhythmisch. Meine Augen schlossen sich wieder, um sich ganz diesem Takt hinzugeben. Dem Takt, der ihr Leben bestimmte.
Sie regte sich leicht, strich mit ihrer Hand durch meine Haar und versuchte sich unter mir zu strecken.
"Hab ich dich geweckt?", fragte ich leise und fand es etwas merkwürdig, nach unserer gegenseitigen Offenbarung ausgerechnet eine solche Frage zu stellen.
"Nein."
Schlicht und einfach. Ob sie wohl wollte, dass ich ging?
"Ich bin überrascht Mulder."
"Ach ja?", mein Kopf hob sich an, damit ich ihr in die Augen sehen konnte.
Sie nickte, berührte erneut meine Haare und zog meinen Kopf zurück auf ihre Brust.
"Ja. Ich habe bisher nie Leidenschaft und Liebe auf diese Art geteilt... und zugleich trotzdem diese Erfüllung gespürt. Ich meine, eins zu werden, ohne sich körperlich zu vereinigen. Einfach nur zu erforschen und zu berühren, nicht allein zu sein und den Menschen bei sich zu haben, mit dem man sich vorstellen kann, sein ganzes Leben zu verbringen."
Huh... sprach sie von mir?
"Ich weiß, dass es zu früh ist, um dir das zu sagen, aber ich... ich glaube, dass ich dich liebe, weißt du?"
Mein Herz setzte einen Schlag aus und ich hatte das Gefühl, als würde mir jeden Moment schwarz vor Augen werden. Ich hatte alles von Scully erwartet, aber nicht eine solche Gefühlsoffenbarung.
Schließlich lächelte ich einfach, holte tief Luft, um diesen Moment in vollen Zügen zu genießen, schmiegte mich ganz eng an sie, küsste ihre Brust, aufwärts Richtung Hals und in Richtung ihrer Lippen, hielt inne bevor ich erneut ein Bad der Gefühle eröffnete, bewunderte ihre strahlend blauen Augen, die sogar jetzt, in vollkommener Dunkelheit, zu leuchten schienen. An diesem Abend erfuhr ich wahre Liebe und ich versuchte, wahre Liebe zurückzugeben.
Und ich hoffte weiterhin, diese Nacht nicht einmalig sein zu lassen, Scully in meinem Leben als weiteres, gefundenes Puzzleteil zu betrachten und daher alles zu geben, um sie bei mir zu behalten.
The end