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Titel: Autor: Kontakt: Beta: Rating: Kategorie: Spoiler: Short Cut: Disclaimer: Autors Note: |
Wege des Schicksals |
Wege des Schicksals
05. November
Weeks, Louisiana
"Wer von Ihnen kann mir sagen, welche Folgeerkrankungen man erwarten kann, wenn man eine Arterie mit so fortgeschrittener Arteriosklerose vorfindet?" stellte ich eine Frage in den Raum.
Beinahe siebzig Augenpaare starrten mich an und ich sah, dass sich der ein oder andere Arm langsam hob.
Es war die erste Stunde Pathologie die ich bei diesem Kurs unterrichtete. Die Studenten waren noch frisch und sehr unsicher.
Ich ließ ihnen Zeit zum überlegen, trat hinter mein Pult und ging die nächsten Punkte in meinem Skript durch, welches ich für diese Stunde ausgearbeitet hatte.
Als ich meinen Kopf wieder hob sah ich, dass etwa fünfzehn Arme sich in die Luft reckten.
"Ja bitte?" Ich deutete auf einen etwa zwanzig jährigen Mann in der dritten Reihe und sah ihn aufmunternd an.
"Wenn man eine solche Arterie in einer Leiche findet, sollte man sich das Herz genauer anschauen. Vielleicht war die Todesursache ein Herzinfarkt." erklärte er mit erstaunlich fester Stimme. Ich nickte ihm bestätigend zu.
"Das sollte man zumindest nicht von vorneherein ausschließen. Aber ein Herzinfarkt ist nicht die einzige mögliche Todesursache, wenn eine solche Vorbelastung bestand." hakte ich weiter nach.
Wieder hoben sich einige Finger. Ich wollte gerade eine Studentin aufrufen, als sich die Tür des Hörsaals öffnete und ein sehr stabiler Mann mit Vollbart seinen Kopf hineinsteckte.
"Dr. Mulder...?" rief er mir zu und ich wandte mich ihm mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue zu.
"Dr. Sanders! Was kann ich für Sie tun?" Ich ging erstaunt auf ihn zu.
"Hätten Sie einen Moment Zeit? Hier ist ein etwa 14 Jähriges Mädchen. Sie sagt, sie sei Ihre Tochter...." Weiter kam er nicht, denn in dem Moment wurde er zur Seite gestoßen und meine Tochter rannte mit verzerrtem Gesicht auf mich zu.
Ohne nachzudenken öffnete ich meine Arme und sie schmiss sich an meine Brust. Ihr Körper bebte und sie stieß laute Schluchzer aus.
"Joy!" rief ich alarmiert aus, doch sie drückte sich nur noch fester in meine Arme.
"Schatz, was ist denn los?" Ich sprach leise mit ihr, mir vollkommen darüber bewusst, dass fast siebzig Stundenten und auch mein Kollege interessiert zuhörten.
"Moe...!" stieß Joy zwischen zwei Schluchzern hervor.
Ich spürte, wie mein Blut aus meinem Gesicht wich, mein Herz einen Schlag aussetzte und schließlich schmerzhaft wieder zu schlagen begann.
"Was ist mit Moe?" War das wirklich meine Stimme, die ich da hörte?
"Mom, da waren zwei Männer. In einem Auto..." Sie brachte den Satz nicht zu ende, wurde wieder von Schluchzern geschüttelt. Ich legte ihr meinen Arm um die Schulter und führte sie langsam und sanft zur Tür.
"Würden Sie so nett sein und mich einen Moment vertreten, Dr. Sanders?" fragte ich meinen Kollegen im Hinausgehen. Er nickte still und trat schließlich vollends in den Hörsaal hinein.
Nur am Rande bekam ich mit, dass er sich erkundigte, wo ich stehen geblieben war.
Ich führte Joy zum nächsten Stuhl und hockte mich vor sie.
Immer noch weinte sie herzzerreißend und ich befürchtete das Schlimmste.
"Joy, bitte beruhige dich und erzähl mir was passiert ist. Was ist mit Moe?" fragte ich sanft.
"Die haben sie mitgenommen." schluchzte Joy und schlang ihre Arme um ihren Leib, als wolle sie sich selber trösten.
"Die haben sie mitgenommen?" Erschrocken sprang ich auf. Joy nickte matt.
"Sie hat nach mir gerufen, hat um Hilfe gerufen. Aber ich konnte nichts machen. Einer der Männer hat mich gegen eine Mauer geschubst. Ich bin mit dem Kopf gegen die Steine geknallt und mir war so schwindelig. Mom, die haben sie einfach in das Auto gezogen und sind dann weg gefahren." Die Stimme meiner Tochter wurde lauter und ich nahm sie rasch in die Arme.
"Ssht! Ich mache dir keine Vorwürfe. Lass mich deinen Kopf einmal ansehen." Ich wiegte sie sanft hin und her und gab ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe.
In meinen Kopf dröhnte es. Moe entführt.
Wer waren diese Männer? Was wollten sie von unserer Tochter? Wollten sie Geld?
Langsam beruhigte sich Joy soweit, dass ich mir ihren Kopf ansehen konnte.
"Du hast eine Platzwunde. Das muss genäht werden, Joy." sagte ich leise und Joy weinte wieder heftiger.
"Kannst du das machen, Mom?" flehte sie mich an und sah mich mit ihren Haselnussbraunen Augen bittend von unten an. Ich nickte leicht.
"Bleib hier sitzen, ich muss kurz Dr. Sanders sagen, dass ich nicht wiederkommen werde."
Sie nickte und noch immer liefen die Tränen unaufhaltsam ihre Wange hinunter.
Wie in Trance erhob ich mich vollständig und ging in den Hörsaal zurück.
Dr. Sanders war ohne irgendwelche Fragen zu stellen bereit, meine Vorlesung zu beenden und ich fuhr nur wenig später mit Moe in das nächste Krankenhaus. Ich wusste, eigentlich hätte ich nicht fahren dürfen. Ich bekam nur Bruchteile von dem mit, was um mich herum geschah. Immer wieder hämmerte ein Gedanke in meinem Kopf.
>Moe ist entführt worden!<.
Vom Krankenhaus aus rief ich Fox an. Nur gut, dass wir beide noch so paranoid waren und unsere Mobiltelefone auch während der Vorlesungen, die wir gaben, immer an hatten.
Ich sagte ihm nicht, was genau geschehen war, nur dass Joy eine Platzwunde hatte und wir im Krankenhaus seien. Und das er kommen sollte.
Seine Schritte waren eilig, als er auf mich zugelaufen kam. Ich hatte die Platzwunde an Joys Hinterkopf bereits versorgt, sie jedoch gebeten, noch ein wenig liegen zu bleiben. Außerdem hatte ich ihr ein Beruhigungsmittel gespritzt.
"Wie geht es Joy?" erkundigte Fox sich, als er endlich vor mir stand.
"Es ist nichts schlimmes." beruhigte ich ihn diesbezüglich.
"Aber etwas ist passiert. Du siehst furchtbar aus." erklärte er nach einem kurzen Blick in mein Gesicht.
"Wir müssen zur Polizei. Moe ist entführt worden." sagte ich mit leiser Stimme. Fox schnappte keuchend nach Luft.
"Nein!" brachte er mühsam hinaus und ich hob meinen Blick, den ich zuvor gesenkt hatte.
Er war gespenstisch blass und seine Augen erschrocken aufgerissen. Ich sah, dass er leicht wankte, und ich wusste, sein Alptraum war wahr geworden. Noch ein Mensch in seinem Leben, der ihm gewaltsam genommen wurde. Genauso wie seine Schwester, wie sein Vater, wie ich damals und auch vor einem guten Jahr wieder.
"Es waren zwei Männer mit einem weißen Lieferwagen. Sie haben Joy zurück gestoßen, gegen eine Mauer, und Moe in den Wagen gezerrt." beschrieb ich, was ich von Joy in der Zwischenzeit erfahren hatte.
Mein Mann starrte mich regungslos an. Ich wusste, wie er sich fühlte, ich fühlte mich genauso.
Angst hatte von meinem Denken und von meinem Körper Besitz ergriffen.
Lebte Moe noch? Taten diese Männer ihr weh? Würden wir sie jemals wieder sehen?
Ich merkte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten und ich blinzelte sie verzweifelt weg. Es gelang mir, meine Wangen blieben trocken, doch Fox bemerkte sehr wohl, wie es in mir aussah und ganz offensichtlich war es das, was er brauchte, um aus seiner Starre zu erwachen. Er trat rasch einen Schritt auf mich zu und zog mich sanft an seine Brust.
"Wir werden sie finden, Dana." sagte er entschlossen und ich schaffte es zu nicken.
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Der Detective, der sich uns annahm, war überaus freundlich und zuvorkommend. Es handelte sich um einen etwa 53 jährigen, gut beleibten schwarzen Mann, mit Krausen, an den Schläfen bereits ergrauenden Haaren.
Sanft und mitfühlend brachte er Joy dazu, ihm zu erzählen, was geschehen war.
Unsere Tochter weinte zwischendurch immer wieder heftig und Dana und ich taten alles, um sie zu beruhigen.
Offensichtlich machte sie sich die schwersten Vorwürfe Moe nicht geholfen zu haben.
"Joy, hast du das Nummernschild des Wagens erkannt?" wollte Detective Stokes wissen.
Unsere Tochter senkte den Blick, während sie in einer winzigen Bewegung den Kopf schüttelte.
Dana beugte sich zu ihr hinüber und strich ihr eine Strähne ihrer Kastanienfarbenen schulterlangen Haare hinter das Ohr.
"Joy, wir wissen, dass diese Männer dich verletzt haben, du konntest nichts tun. Mach dir keine Vorwürfe!" flüsterte meine Frau und ich sah, wie sich in Joys Augen erneut Tränen bildeten.
Gott, wie mich diese Bild an mich selbst erinnerte. Auch ich hatte Jahrzehnte lang die Schuld für das Verschwinden meiner Schwester bei mir gesucht.
Detecitve Stokes erhob sich und trat einen Schritt auf die Tür zu.
"Ich werde einen Phantombildzeichner holen." erklärte er und verließ sein Büro.
Ich erhob mich ebenfalls und trat auf meine Tochter zu.
Langsam ging ich neben ihr in die Hocke und zog sie in meine Arme. Laut schluchzend klammerte sie sich an mich und ich merkte, wie auch mir einige salzige Tränen die Wange hinunter liefen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass Dana aufstand und auf das Fenster zuging. Sie starrte nach draußen, ihre Arme hatte sie um ihren Leib geschlungen, als wolle sie sich selber trösten.
Die Tür öffnete sich und Detective Stokes trat wieder ein. Dana drehte sich langsam wieder herum, hatte den Blick jedoch gesenkt.
Joy hatte sich wieder ein wenig beruhigt und löste sich nun von mir.
"Joy, das ist Detective Miller. Er wird jetzt mir dir ein Phantombild anfertigen. Beschreib ihm einfach nur, wie die beiden Männer ausgesehen haben. Am besten ihr setzt euch dazu nach draußen, da ist mehr Licht. Ich werde noch kurz mit deiner Mom und deinem Dad reden." stellte Stokes den Mann vor. Detective Miller war noch jung. Ich schätzte ihn auf etwa dreißig Jahre. Er lächelte Joy freundlich an. Unsere Tochter warf mir einen fragenden Blick zu und ich nickte ihr beruhigend zu.
Kaum hatte sich die Tür hinter dem Mann und Joy geschlossen, sah Detective Stokes uns aufmerksam an.
Dana kam langsam zu mir hinüber und ließ sich schließlich auf einen Stuhl sinken. Ich blieb stehen und sah ihn mit einem unguten Gefühl im Magen an.
"Mr. und Mrs. Mulder, kann ich offen mit Ihnen reden?" drang die Stimme des Mannes an mein Ohr. Das Gefühl wurde durch diese einfachen Worte bestätigt. Stokes trat hinter den Schreibtisch und setzte sich in den Sessel, der dort stand. Ich sah wie Dana trocken schluckte.
Ich beschloss, dass es besser wäre, wenn ich mich setzen würde und ließ mich neben Dana nieder, wobei ich sanft nach ihrer Hand griff. Ich brauchte diese Bindung, jetzt vielleicht nötiger denn je.
Das Nicken, welches ich ihm gab war abgehakt und erzwungen.
Wollte ich wirklich hören, was er zu sagen hatte?
"Ich weiß, Sie waren mal beim FBI, deshalb wissen Sie, wie so was läuft. Und vermutlich wissen Sie, wie ungern ich Ihnen jetzt sage, was ich sagen muss..." begann der Detective und ich hatte das Gefühl, als wenn ich Danas Herz brechen hören könnte. Auch meins brach in diesem Moment.
"In den letzten fünf Monaten sind insgesamt sieben Mädchen rund um Weeks verschwunden. Wir haben bisher noch keinerlei Anhaltspunkte, was mit den Mädchen passiert ist. Sie wurden nicht gefunden, wir haben keine Hinweise bekommen. Keine Lösegeldforderungen, nichts." erklärte er.
Erstaunt sah ich auf. Auch Dana hob ihren Kopf und sah den Mann uns gegenüber fragend an.
"Sie wurden nie gefunden?" vergewisserte sie sich.
Bedauernd schüttelte der Detective seinen Kopf.
"Aber dann wäre es doch möglich, dass sie noch leben." sprach sie ihre winzige Hoffnung aus. Stokes zuckte die Achseln.
"Sie wissen vermutlich selber wie gering die Chance ist, diese Mädchen noch lebend wieder zu finden." sagte er mit leiser und resignierender Stimme.
"Aber Sie dürfen nicht aufgeben! Es handelt sich hier um Kinder!" fuhr Dana ihn aufgebracht an und ich legte ihr beruhigend eine Hand auf den Unterarm.
"Ich weiß, Mrs. Mulder. Und wir werden auch nicht aufgeben, aber wir müssen davon ausgehen, dass die Mädchen einem Sexualverbrechen zum Opfer fielen." erwiderte der Mann.
Dana sackte in sich zusammen und ich sah, wie sie sich auf die Unterlippe biss, um den Schmerz ihren inneren Schmerz überlagern zu lassen.
"Es ist nur so, dass Ihre Tochter nicht in das bisherige Opferschema passt. Das ist es, was mich annehmen lässt, dass es sich hier um einen einzelnen Fall handelt." fuhr der Detective fort.
"Wie sehen die anderen Opfer aus?" hörte ich mich mit rauer Stimme fragen.
"Es handelt sich ausnahmslos um farbige Kinder. Drei der Mädchen sind chinesischer Herkunft. Eines ist Thailänderin, eins kommt von den Philippinen, und zwei Kinder sind Afroamerikanischer Abstammung. Sie sehen, Moe passt nicht in das Bild. Sie ist hellhäutig, es passt einfach nicht in das Schema." zählte Stokes auf.
Meine Schultern sackten nach vorne und automatisch kramte ich nach meiner Brieftasche. Ich brauchte nicht zu suchen und hielt dem Detective nur Sekunden später ein Bild unserer Tochter entgegen.
"Wir haben Moe adoptiert als sie zwei Jahre alt war. Mindestens ein Elternteil war offenbar auch Afroamerikaner." murmelte ich.
"Wie alt ist das Bild?" wollte Detecitve Stokes wissen, nachdem er es einen Moment betrachtet hatte.
"Es wurde im Sommer aufgenommen." erklärte ich mit leiser Stimme.
"Darf ich es behalten?" Der Mann steckte es bereits in die Akte, die er zuvor angelegt hatte und so nickte ich nur.
"Wie alt ist Moe?" fragte er jetzt nach.
"Sie ist im Mai vierzehn geworden." nuschelte Dana beinahe tonlos.
Stokes nickte.
"Also gut, gehen Sie nach Hause, melden Sie sich, wenn der oder die Entführer sich melden sollten. Ich werde mit Ihnen Verbindung aufnehmen, sobald wir etwas in Erfahrung bringen konnten." Stokes erhob sich und reichte mir und Dana die Hand zum Abschied.
"Ich hoffe wirklich, dass wir Ihre Tochter gesund und munter wiederfinden." versicherte er uns und Dana schaffte ein Nicken.
"Danke." nuschelte ich und legte Dana eine Hand auf den Rücken, um sie hinauszuführen.
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06. November
Washington D.C.
"Kommen Sie rein!" rief ich auf das Klopfen an meiner Bürotür hin.
Langsam öffnete sie sich und ein junger Mann trat ein.
"Entschuldigen Sie die Störung, Assistent Director Skinner." Er kam schüchtern auf mich zu. Ich hob meinen Kopf und blickte ihn fragend über den Schreibtisch hinweg an.
"Was kann ich für Sie tun, Agent Walters?" erkundigte ich mich und der Agent reichte mir eine Mappe über den Tisch hinweg.
"Sir, wir wurden vor einiger Zeit von einem Policedepartment um Hilfe gebeten, in einer Reihe von Entführungen." begann Agent Walters seine Erläuterungen.
Ich schlug die Akte auf und Blätterte die Seiten oberflächlich durch.
"Und weiter?" Ich sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
"Bei den Opfern handelt es sich ausschließlich um junge Mädchen aus Louisiana. Heute erfuhren wir, dass ein weiteres Mädchen entführt wurde. Als Detective Stokes uns den Namen des Kindes mitteilte, dachte ich, es würde Sie interessieren." Der Mann vor mir trat unruhig von einem Bein auf das andere.
"Agent Walters, kommen Sie zur Sache!" Ich wurde langsam ungeduldig.
"Nun, Agent Lawrence erwähnte, dass vor einigen Jahren mal ein Agent Mulder beim FBI gearbeitet hat. Und das Mädchen, dass entführt worden ist, heißt Moesha Mulder." Eerklärte der Mann umständlich.
Ich lehnte mich mit einem zischenden Einatmen zurück und zog meine Brille von meiner Nase.
"Nun, ich dachte Sie wollten das vielleicht wissen." Agent Walters drehte sich wieder um und trat auf die Tür zu. Nur am Rande bemerkte ich, dass er mir noch einen kurzen Blick zuwarf, ehe er die Tür hinter sich zu zog.
"Verdammte Scheiße!" fluchte ich ungehalten und erhob mich aus meinem Sessel. Unruhig lief ich in meinem Büro auf und ab.
Blieb diesen beiden Menschen denn wirklich gar nichts erspart?
Im Vorbeigehen griff ich nach der Akte, die ich auf dem Schreibtisch abgelegt hatte und blätterte sie, dieses Mal mit mehr Sorgfalt, erneut durch.
Der Detective, der unsere Männer von dieser Entführung in Kenntnis gesetzt hatte, hatte sogar ein Foto von Moe beigefügt.
Es war noch ein relativ neues Bild, ich nahm an, dass es im Verlauf der letzten Monate aufgenommen worden war.
Moe stand, mit kurzer Hose und T-Shirt bekleidet am Swimmingpool der Mulders und lächelte fröhlich in die Kamera.
Ich seufzte leise und trat auf die Bürotür zu.
Kimberley sah mich fragend an, als ich, die Akte in der Hand haltend an ihrem Schreibtisch vorbei ging.
"Sagen Sie für die nächsten Tage alle Termine ab. Ich werde einige Tage Urlaub nehmen und mich in Louisiana aufhalten." wies ich sie an und machte mich auf den Weg, um mit Agenten zu sprechen, die diese Entführungsfälle bearbeiteten.
Natürlich wusste ich, dass ich mich in diese Ermittlungen nicht einmischen durfte. Himmel, ich selber hatte Mulder vor vielen Jahren von einem Fall abziehen wollen, weil ich der Meinung war, dass er emotional zu sehr beteiligt war. Damals hatte ein Mann ihm unterschwellig zu verstehen gegeben, dass er Samantha entführt und getötet hatte.
Und nun war ich drauf und dran, mich selber in eine Ermittlung einzuklinken, bei der *ich* Emotional viel zu beteiligt war. Die Mulders waren im Verlauf des letzten Jahres zu wirklich guten Freunden von mir geworden. Wir hatten regelmäßigen Kontakt, seit ich sie vor einem Jahr zu einem Fall hinzu gezogen hatte. Wann immer sich für mich die Gelegenheit bot, flog ich nach Louisiana und verbrachte einige Tage bei Dana und Mulder.
~*~*~*~*
07. November
Weeks, Louisiana
Die Tür öffnete sich bereits nach meinem ersten Klingeln und ich sah mich Dana gegenüber.
>Gott< fuhr es mir durch den Kopf >Ist das wirklich die Frau, die immer beherrscht, perfekt und distanziert ist? Ist das wirklich Dana Scully?<
>Oh, halt< rief ich mich selber zur Ordnung, >Du hast sie schon einige Male so gesehen, Walter. Erinnere dich. Als Mulder damals im Krankenhaus lag, nicht in der Lage zur Ruhe zu kommen, die er zum überleben brauchte, oder als diese Tabakkäferlarven in seiner Lunge waren, oder als er damals diese Tour in das Bermudadreieck unternommen hatte, oder....<
Ich könnte die Aufzählung vermutlich noch um einige Situationen ergänzen, doch ich rief mich erneut zur Ordnung.
"Dana!" Ich trat einen Schritt auf sie zu und nahm diese blasse Frau mit den ängstlich aufgerissenen Augen in die Arme.
Sie ließ es geschehen, doch sie zog sich schnell wieder zurück.
"Walter. Wieso bist du hier?" erkundigte sie sich und bat mich mit einer Geste ins Haus.
Ich war dankbar.
Es war nicht mehr so schrecklich heiß, wie es im Sommer in diesem Staat ist, doch war es immer noch beinahe unangenehm warm und das, obwohl es bereits nach sechs Uhr abends war.
Während in D.C. bereits der erste Schnee fiel und die Nächte frostig waren, herrschten hier in Louisiana auch im November noch tropische Temperaturen, um 22°C.
"Gestern trat ein Agent an mich heran und erzählte mir, was geschehen ist. Ich dachte mir, dass ihr jemanden brauchen könntet, der euch bei der Suche hilft." erklärte ich mein Auftauchen. Als wir im Wohnzimmer angekommen waren, sah ich mich suchend um.
"Wo ist Mulder?" wollte ich erstaunt wissen.
"Er wirft ein paar Körbe. Seit genau..." Sie unterbrach sich und warf einen Blick auf ihre Uhr. "...3 Stunden und 25 Minuten." sprach sie schließlich weiter.
Ich nickte, mir plötzlich des Geräusches, welches der dribbelnde Ball verursachte, bewusst werdend.
"Das Körbewerfen hilft ihm seine Angst abzubauen. Außerdem kann er dabei besser nachdenken. Das war schon immer so." Dana brachte ein entschuldigendes Lächeln zustande.
"Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?" wollte ich schließlich wissen und sah sie mitfühlend an. Abgehakt schüttelte sie den Kopf und biss sich dabei auf die Lippen. Obwohl es auch hier im Wohnzimmer angenehm warm war, schlang sie ihre Arme um ihren zarten Körper.
Himmel, diese Frau hatte es trotz ihrer distanzierten Art immer geschafft, in mir den Beschützerinstinkt zu wecken und diese Geste machte das klare Denken für mich nicht leichter.
"Konntest du etwas in Erfahrung bringen?" wollte sie nach einem Moment des Schweigens von mir wissen.
"Nun, nicht wirklich, außer dass die zuständigen Agenten vermuten, dass die Kinder nicht mehr im Land sind." erwiderte ich.
Dana zog eine Augenbraue hoch und sah mich unsicher an.
"Das bedeutet, dass sie davon ausgehen, dass die Mädchen noch leben?" Ihre Stimme war ruhig und bemessen, jedoch war ein Hoffnungsschimmer in ihren Augen zu erkennen.
Ich nickte und trat auf sie zu.
"Geht die hiesige Polizei nicht davon aus?" fragte ich sanft und sie schüttelte bestätigend den Kopf.
"Ich werde Fox bescheid sagen. Ich denke, er wird es auch wissen wollen, was ihr vom FBI so denkt." sagte sie schließlich und ich schüttelte leicht den Kopf.
"Ich gehe schon." teilte ich ihr mit und trat auf die Terrassentür zu. Mit einem raschen Zug öffnete ich sie und trat schließlich wieder in die Sonne hinaus. Langsam schritt ich auf das gepflasterte Stück Garten zu, welches mit einem Basketballkorb ausgestattet war und für Mulder das Paradies bedeutete.
Er bemerkte mich nicht, schien in seiner eigenen kleinen Gedankenwelt zu sein und warf einen Korb nach dem anderen. Zwischendurch dribbelte er den Ball über die Steine, rannte auf den Korb zu und sprang hoch um den Ball zu versenken, wobei er sich einen Moment an dem Korb festhielt.
Sein T-Shirt klebte bereits an seinem Körper, seine Atmung ging rasch und ich vernahm ein leichtes Keuchen.
Er war offensichtlich immer noch verdammt gut in Form, denn ansonsten hätte er vermutlich bereits mit einem Herzinfarkt am Boden gelegen.
"Mulder?" sprach ich ihn schließlich an, als ich an dem Feld angekommen war.
Er wirbelte herum und starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an.
"Walter?" Erstaunen zeigte sich auf seinem Gesicht. Während er auf mich zu kam, wischte er sich mit einem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht.
"Komm mit rein, ich denke ich habe Neuigkeiten." Ich ließ meine Stimme sanft klingen, was der Anweisung ihre unbeabsichtigte Schärfe nahm.
Er nickte nur und folgte mir ohne ein weiteres Wort.
Ich betrachtete ihn von der Seite, als er neben mir her zum Haus zurück ging. Seine Haltung wirkte erschöpft, jedoch nicht nur körperlich, sondern emotional.
Dieser Mann war offenbar am Ende seiner Kräfte. Die Entführung von Moe schien der Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
"Also, was sind das für Neuigkeiten?" kam Mulder gleich zur Sache. Er hatte sich auf das Sofa gesetzt, direkt neben Dana und sah mich nun mit einem Gesichtsausdruck an, der deutlich machte, dass ich es kurz und schmerzlos machen sollte.
Ich betrachtete die beiden vor mir, während ich mich auf einen Wink von Dana hin, auf einen Sessel ihnen gegenüber nieder ließ.
Mulder schloss ergeben die Augen und wartete auf den nächsten grausamen Stoß, der ihn unweigerlich treffen und vermutlich auch töten würde.
Mir wurde plötzlich klar, würde Moe nicht lebend gefunden werden, würde Mulder das nicht überleben.
Er würde sterben, das stand fest.
Ich räusperte mich.
"Die Agenten, die den Fall untersuchen, gehen davon aus, dass die Kinder sich nicht mehr in Louisiana befinden." erklärte ich.
Mulders Augen flogen wieder auf und er sah mich erstaunt an. Auch ihm war sofort klar, was meine Aussage bedeutete und auch in seinen Augen konnte ich einen Hoffnungsschimmer ausmachen.
"Sie gehen also davon aus, dass die Mädchen noch leben?" fragte er und warf Dana einen nervösen Blick zu.
Diese fuhr sich mit ihrer Zunge über die spröden Lippen und knetete die Hände in ihrem Schoss.
Ich nickte.
"Nach Angaben der zuständigen Agenten wurden die Mädchen über den Wasserweg nach Kanada gebracht. Es gibt jedoch weder Beweise, noch ist klar, in welche Stadt in Kanada." erläuterte ich, was ich erfahren hatte.
"Aber..." Dana stockte und warf ihrem Mann einen hilfesuchenden Blick zu.
"Wie kommen die Agenten darauf?" führte Mulder ihren Satz zuende. Er griff nach Danas Hand und hielt sie zwischen seinen.
"Die Phantombilder von Joy haben sie darauf gebracht." antwortete ich.
"Meine Beschreibung?" Ich wirbelte beim Klang von Joys Stimme herum und blickte geradewegs in die weit aufgerissenen, rotgeweinten Augen des Mädchens. Langsam schritt sie an mir vorbei, mich jedoch dabei nicht aus den Augen lassend und setzte sich schließlich neben Dana. Trostsuchend schlang sie ihre schlanken Arme um den Leib ihrer Mutter und lehnte ihren Kopf an deren Schulter.
Nachdem ich mich von dem Schrecken erholt hatte nickte ich ihr bestätigend zu.
"Offenbar handelt es sich bei den beiden Männern um bekannte Auftragskidnapper." durchbrach ich die eingetretene Stille.
"Auftragskidnapper? Für wen arbeiten sie? Was ist mit Moe?" Mulders Stimme überschlug sich beinahe.
"Wir wissen es noch nicht, aber die Agenten arbeiten rund um die Uhr. Obwohl ich offiziell Urlaub habe, werden sie mich über alle Fortschritte auf dem Laufenden halten." gab ich ihnen zu verstehen.
Mulder fuhr sich in einer müden Geste mit den Händen durch das Gesicht.
"Gibt es Vermutungen?" drang seine Stimme leise an mein Ohr. Ich beobachtete, wie Dana ihren Blick senkte, doch blieb sie stark. Es war enorm, was diese Frau aushalten konnte, ohne zusammen zu brechen.
"Nichts konkretes. Diese Männer standen früher mit einigen hohen Tieren in Verbindung. Natürlich konnte ihnen nie etwas bewiesen werden..." druckste ich herum. Natürlich gab es Vermutungen, doch sie waren furchtbar.
Es handelte sich um die Art von Vermutungen, wo man beinahe hoffte, dass die Kinder nicht mehr lebten, dass sie einfach entführt und getötet worden wären. Dass sie nicht das erleben mussten, wovon die Agenten in Washington ausgingen, dass es ihnen wiederfuhr. Und ich hatte nicht vor, diese Vermutungen hier und jetzt diesen beiden Menschen mitzuteilen, noch dazu, solange Joy mit im Zimmer war.
Dana atmete scharf ein, als ich den Satz nicht zuende brachte und ihr Kopf flog hoch.
Neben der permanent vorhandenen Angst in ihren Augen konnte ich nun eine grausame Panik und ein Wissen in ihnen erkennen. Ich erwiderte den Blick.
Wieder schnappte sie nach Luft und schließlich sprang sie auf und verließ fluchtartig den Raum. Ich hörte eine Tür zuschlagen und nur Sekunden später erhob sich auch Mulder und folgte ihr.
Joy warf mir einen fragenden Blick zu und ich beschloss, dass ich mich zu ihr setzten und sie ablenken sollte.
Die neuesten Baseball oder Basketballergebnisse würden sie sicherlich interessieren. Das war ihre und auch Moes Welt. Die Liebe für diese Art von Sport hatte Mulder offensichtlich auf sie übertragen.
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Ich fand Dana, wie sie vor der Toilette kniete und ihr ihren sowieso schon überaus mageren Mageninhalt anvertraute.
Mit zwei langen Schritten war ich bei ihr und hockte mich neben sie. Sanft fuhr ich ihr mit einer Hand über ihren Rücken und strich ihr mit der anderen ihre Haare hinter das Ohr.
Es dauerte scheinbar eine Ewigkeit, ehe sie sich erschöpft zurück lehnte und mir einen müden Blick zuwarf. Ich erhob mich, betätigte die Spülung und griff nach einem Waschlappen, den ich anfeuchtete und ihr reichte.
Sie wischte sich durch das Gesicht und erhob sich schließlich schwerfällig.
Ich blieb hinter ihr stehen, als sie sich die Zähne putzte und beobachtete sie durch den Spiegel.
Geduldig wartete ich, bis sie fertig war und sich langsam zu mir umdrehte. Ich trat einen Schritt auf sie zu und zog sie in meine Arme, was sie willig geschehen ließ.
Es dauerte nur einen kurzen Moment ehe sie sich in meine Arme schmiegte, die Umarmung erwiderte, sie nicht nur duldete.
"Gott, was tun die unserem kleinen Mädchen nur an?" drang ihre wimmernde und leise Stimme nach einer Weile an mein Ohr.
"Ich weiß es nicht, aber ich schwöre dir, ich werde die Verantwortlichen umbringen, wenn wir sie finden!" erwiderte ich durch zusammengebissene Zähne.
"Himmel, Fox, sag so etwas nicht! Denk nicht einmal daran." Danas Stimme klang flehend und sie hob ihren Kopf und blickte mich mit großen Augen an.
Ich drückte ihren Kopf wieder zurück an meine Brust und küsste ihre Haare.
"Ssh! Wir müssen erst einmal Moe finden. Ich habe doch nur so daher gelabert." flüsterte ich und streichelte ihr sanft den Nacken.
"Aber wie sollen wir sie finden?" wollte Dana verzweifelt wissen.
"Indem wir Walters Hilfe in Anspruch nehmen." erwiderte ich und küsste erneut ihre Haare.
Sie nickte leicht in Zustimmung und küsste schließlich die Stelle zwischen meinem Hals und meiner Schulter, ehe sie sich zurück zog und mich müde ansah.
"Ich gehe schon mal zurück ins Wohnzimmer. Wir können essen, wenn du geduscht hast." murmelte sie und drehte sich nach einem leichten Nicken von mir um.
Ich trat nur zwanzig Minuten später frisch geduscht ins Wohnzimmer. Walter saß mit Joy zusammen auf dem Sofa und unterhielt sich mit ihr über die letzten Sportergebnisse. Ich beobachtete unsere Tochter einen Moment und konnte feststellen, dass ihr diese Unterhaltung gut tat und ich war Walter sehr dankbar dafür. Dana und ich waren so sehr mit unseren eigenen Gedanken und Ängsten beschäftigt, dass wir nicht in der Lage waren, Joy von ihrer Angst um ihre Schwester und von ihren immer noch bohrenden Schuldgefühlen, nichts getan zu haben, um Moe zu helfen, abzulenken.
Natürlich bemerkte ich, dass es unserer Tochter schlecht ging, doch ging es mir zu schlecht, um ihr helfen zu können, und ich nahm an, dass es bei Dana genauso war, obwohl sie wie schon so oft eine Stärke demonstrierte, die meine Bewunderung für sie noch deutlich steigerte, falls das überhaupt noch ging.
Meine Gedanken wanderten fünfzehn Jahre zurück, in eines dieser Motelzimmer, in denen wir auf unserer Flucht immer wieder abgestiegen waren. Auch damals war es Dana gewesen, die uns immer weiter trieb, die uns durch alle nur erdenkliche Situationen hindurch gebracht und dadurch sowohl Joys, als auch mein und ihr eigenes Leben gerettet hatte.
Langsam ging ich zu Dana in die Küche. Als ich eintrat sah ich, wie sie vor der Arbeitsplatte stand, ihre Hände darauf abgestützt, die Arme durchgedrückt und den Kopf zwischen den hochgeschobenen Schultern nach vorne hängend. Sie reagierte nicht auf mein Eintreten und ich erkannte, dass sie offenbar leise weinte. Es war wohl das erste Mal, dass ich sie wegen dieser Sache weinen sah, sie hatte sich bisher immer absolut in der Gewalt gehabt, mir gegenüber.
Ich trat auf sie zu und zog sie in meine Arme, wobei ich sie zu mir herum drehte.
Sie weinte lautlos, auch ihre Schultern zuckten nicht und es zerriss mir das Herz, das zu sehen.
Sich verzweifelt an mir festklammernd schlang sie die Arme um meine Hüften.
"Wir werden sie finden!" flüsterte ich, darum bemüht, meiner Stimme mehr Zuversicht zu schenken, als ich besaß.
"Ja, nur wann? Und was muss sie in der Zwischenzeit alles durchmachen?" schluchzte meine Frau und ich wiegte sie sanft hin und her. Ich spürte, wie auch mir Tränen die Wange hinab liefen und ich begann, leicht am ganzen Körper zu zittern.
Dana hob ihr Gesicht und blickte mich mit glasigen Augen an, bevor sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mir einen sanften Kuss auf die Lippen drückte.
Ich erwiderte die Berührung, nahm den Trost, den ich dadurch erfuhr dankbar an und brachte meine Hände an ihre Wangen. Zärtlich strich ich ihr die Tränen von den Wangen.
"Was möchtest du essen?" erkundigte Dana sich. Ich konnte erkennen, dass sie bewusst zum Alltag zurückkehrte, sich auf sicheren und weniger emotionalen Boden begab.
"Mach etwas schnelles. Wenig aufwand. Spagetti oder so." flüsterte ich und beugte mich erneut vor und drückte meine Lippen auf ihre.
Langsam wandte sie sich um, nachdem ich mich zurück gezogen hatte und kramte nach den Töpfen und den Spagettis. Ich begann, den Tisch zu decken.
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Ruhelos wälzte ich mich im Bett hin und her. Bereits zum hundertsten Mal warf ich einen Blick auf die Leuchtziffern meines Weckers. Vier Uhr fünfzehn.
In Gedanken spielte sich das Gespräch, welches Fox und ich mit Walter geführt hatten, immer wieder ab.
Ich hatte Joy ins Bett gebracht, hatte ihr wie schon an den vergangenen Abenden etwas zum Schlafen gegeben und mich zu ihr gesetzt, bis sie eingeschlafen war.
Anschließend hatten wir noch einige Zeit mit Walter zusammen gesessen. Er hatte uns auf einer Karte gezeigt, auf welchem Weg diese Männer die Mädchen nach Kanada gebracht hatten.
Wo genau sie in Kanada waren, wussten die Agenten nicht.
Ich seufzte leise.
Hohe Tiere, die dafür bezahlten, mit Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren Dinge zu tun, die sich normale Menschen nicht einmal vorzustellen wagten.
Was musste Moe gerade durchmachen? Was verlangte ein skrupelloses, selbstgefälliges Schwein vielleicht gerade in diesem Moment von ihr? Was tat er mit ihr?
Gott, ich spürte, wie mir erneut die Galle hoch kam und ich schluckte krampfhaft, um das Gefühl zu unterdrücken.
Leise, um Fox nicht zu wecken, schlug ich die dünne Decke zur Seite und stand auf.
Ich würde vermutlich sowieso keinen Schlaf mehr bekommen, in dieser Nacht und ich wollte nicht riskieren, Fox zu wecken. Er schlief ohnehin nicht gut in den letzten Nächten, genauso wenig wie ich, doch in dieser Nacht hatte er ein wenig Ruhe gefunden.
Langsam trat ich auf den Balkon, der sich unserem Schlafzimmer anschloss. Wir schliefen immer bei weit geöffneter Balkontür, um die milde Luft in das Zimmer zu lassen.
Müde lehnte ich mich an die Steinbrüstung und blickte hinauf in den klaren Nachthimmel. Tausende von Sternen hingen still und unbeweglich am Firmament.
Obwohl die ungewohnte Haltung in meinem Nacken schmerzte, war ich nicht in der Lage, meinen Blick von den hellen Punkten abzuwenden.
Ich zuckte leicht zusammen, als sich zwei starke Arme um mich legten, doch ich entspannte mich sofort wieder an der Brust meines Mannes.
Sanft drehte er mich zu sich herum und platzierte meinen Kopf unter seinem Kinn.
"Sieh nicht nach oben, Dana. Sieh nach unten. Wenn du hinauf zu den Sternen siehst, bedeutet es, dass du die Hoffnung für Moe aufgegeben hast. Aber es gibt Hoffnung." flüsterte er leise.
Ich zog mich zurück, lehnte mich zurück gegen die Brüstung und blickte Fox müde an.
"Ich wollte dich nicht wecken. Es tut mir leid." sagte ich mit leiser Stimme.
"Ich habe nicht geschlafen. Nicht wirklich." erklärte Fox und blickte mich forschend an. Ich zog eine Augenbraue hoch und runzelte die Stirn.
"Na ja, ich habe gedöst." gab er schließlich zu und ich begnügte mich mit einem Nicken.
Wieder musterte er mich.
"Du kannst nicht schlafen, nicht wahr?" erkundigte er sich nach einer Weile.
Ich sog zischend Luft in meine Lungen und wusste, dass ich es genauso gut offen sagen konnte. Doch ich brachte eine Bestätigung nicht über die Lippen. Ich wusste, Fox würde mein Schweigen sowieso als das erkennen, was es war. Eine Zustimmung.
Langsam senkte ich meinen Blick.
"Ich muss ständig darüber nachdenken, was Moe gerade durchmacht. Du weißt, dass diese reichen Typen in ihrer Befriedigung nicht zimperlich sind. Wenn sie wirklich da ist, wo Skinner sie vermutet, erlebt sie gerade die Hölle, und wir sind nicht da, um ihr zu helfen." murmelte ich.
"Aber du hilfst ihr auch nicht, wenn du dich dafür geißelst. Dana, du bist nicht schuld daran, dass Moe entführt worden ist." drang die Stimme meines Mannes zu mir vor.
"Das sagt gerade der Mann, der sich für alles, was auf der Welt geschieht, verantwortlich fühlt. Wenn die Situation nicht so ernst wäre, würde ich laut loslachen." brachte ich hervor und Fox tat beleidigt.
Ich beugte mich zu ihm hinüber und drückte ihm einen leichten Kuss auf die Lippen.
Er zog mich erneut sanft an seine Brust und ich bemerkte, wie ich mich langsam an seiner Brust entspannte. Dankbar genoss ich seine schützenden Arme um meinen Körper und erwiderte die Umarmung. Wir standen lange so gemeinsam auf dem Balkon und er wiegte mich leicht hin und her. Erst nach einigen Minuten löste Fox die Umarmung und trat einen Schritt zurück.
"Komm mit rein. Es wird langsam frisch hier draußen." Sagte er mit leiser Stimme. Ich seufzte.
"Ja, gib mir noch eine Minute, okay." Erwiderte ich und er nickte leicht. Langsam drehte er sich um und ging zurück in unser Schlafzimmer. Ich drehte mich noch einmal zu unserem Garten um und blickte hinunter auf den still da liegenden, dunklen Pool. Erneut entwich mir ein Seufzen und ich spürte eine kalte Brise meine Arme streifen. Nach einem letzten Blick zu den Sternen folgte ich Fox in unser Schlafzimmer.
Er saß leicht aufgerichtet im Bett und sah mir zu, wie ich langsam zu ihm herüber ging. Als ich am Bett angekommen war, hielt er mir die Bettdecke hoch, damit ich zu darunter schlüpfen konnte. Kaum hatte ich mich hingelegt, rutschte auch er tiefer und schlang seine Arme um meinen Körper. Ich legte meinen Kopf auf seinem Oberarm ab, brachte meine linke Hand auf seiner Brust zu liegen und genoss das stetige Klopfen seines Herzens unter meinen Fingerspitzen. Fox` Hand schob sich unter mein T-Shirt, welches ich zum Schlafen trug und blieb auf meinen Rippen liegen. Seine andere Hand folgte der ersten, wanderte jedoch zu meinem Rücken und streichelte in großen, beruhigenden Bewegungen meine Wirbelsäule hinauf und hinunter.
"Schlaf jetzt, Dana. Morgen werden wir weiter sehen." drang seine leise Stimme an mein Ohr.
"Du hast einen Plan?" erkundigte ich mich, seine Stimme deutend.
"Ich werde in den Hafen gehen, sehen ob ich heraus finde, was für ein Schiff die Männer benutzen. Vielleicht können wir dadurch heraus finden, in welcher Stadt in Kanada die Mädchen sind." erklärte er.
Ich wollte nicken, ihm dadurch zeigen, dass ich ihn begleiten wollte, doch ich war zu müde. Sekunden später driftete ich in den Schlaf.
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08. November
Weeks, Louisiana
Es war früh, als ich von einem Alptraum aus dem Schlaf gerissen wurde. Unwillkürlich tastete ich nach Dana, doch ich fand ihre Bettseite leer vor. Mit einem Seufzen fuhr ich mir mit den Händen über mein schweißnasses Gesicht, versuchte, meinen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen und wagte schließlich einen Blick auf den Wecker.
Es war gerade erst kurz vor sechs.
Immer noch durch den Alptraum benebelt, ließ ich meinen Blick auf der Suche nach meiner Frau durch das Zimmer gleiten, konnte sie jedoch nirgends entdecken.
Ich schwang meine Beine aus dem Bett, blieb einen Moment mit auf den Oberschenkeln abgestützten Armen sitzen und erhob mich anschließend langsam.
Ich fand Dana schließlich unter der Dusche. Als ich den Duschvorhang vorsichtig zur Seite zog, schlug mir warmer Nebel entgegen. Sie stand mit dem Rücken zum Vorhang, ihre unzähligen Narben, die sich seit dem letzten Jahr darauf befanden vom heißen Wasser bereits stark gerötet und ihre Stirn hatte sie gegen die Fliesen gelehnt. Nur langsam drehte sie ihren Kopf und warf mir einen Blick zu.
Mein Magen zog sich bei diesem Anblick beinahe zusammen. Dunkle Ringe lagen unter ihren geröteten Augen, ihr Gesicht blass, beinahe schon grau und von Sorge gezeichnet.
"Wie lange stehst du schon hier unter dem heißen Wasser?" erkundigte ich mich, nachdem ich kurzerhand meine Boxer-Shorts ausgezogen und zu ihr in die Duschkabine gestiegen war.
Sanft berührte ich sie an der Schulter und drehte sie zu mir um.
Ein Achselzucken von ihr war Antwort auf meine Frage und ihre schlanken Arme legten sich um meine Taille.
Sanft zog ich sie zu mir, legte meine Arme um ihren kleinen Leib und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf, welchen sie an meiner Brust abgelegt hatte.
So standen wir eine Weile, bis das Wasser begann, kühler zu werden und wir uns rasch einseiften, um aus der Dusche steigen zu können. Es war halb sieben, als wir gemeinsam die Treppe hinab stiegen.
Dana war bereits halb in der Küche, als ich sie am Arm festhielt und auf das Sofa deutete. Sie folgte meinem Blick und zog, als sie erkannte, was ich meinte, zischend die Luft in die Lungen.
Joy lag auf dem Sofa und schlief. Der Fernseher war eingeschaltet, der Ton beinahe ausgestellt und es lief eine Dauerwerbesendung.
Ich schloss kurz meine Augen, mein Kopf kippte leicht zurück, als sich vor meinem inneren Auge das Bild von mir selber bildete, wie ich als Kind vor dem Fernseher geschlafen hatte, nachdem Samantha damals verschwunden war. Diese Art der Dämonenbekämpfung war bis zu dem Zeitpunkt, als Dana und ich die einst von uns gesetzten Grenzen überschritten hatten, die einzige Möglichkeit für mich gewesen, nachts ein wenig Schlaf zu bekommen. Seither hatte ich nur einmal auf diese Methode zurück gegriffen, und das war letztes Jahr im Sommer gewesen.
Joy und Moe hatten es damals Dana erzählt.
Heute hatte unsere Tochter diese Möglichkeit offenbar als letzten Ausweg für *sich* gesehen.
Leise ging Dana zu ihr hinüber und stellte das Gerät aus, damit Joy noch ein wenig schlafen konnte. Sie hatte den Schlaf wirklich bitter nötig.
Wir gingen leise in die Küche. Wortlos warf Dana mir einen Blick zu, ich zuckte die Achseln.
"Offensichtlich konnte sie nicht schlafen, letzte Nacht." murmelte ich. Meine Frau seufzte und nickte ehe sie Kaffee in die Maschine einfüllte und diese anstellte.
"Ich hole ein paar Brötchen. Bin in zehn Minuten wieder da." Ich griff nach dem Haustürschlüssel, drückte Dana einen Kuss in den Nacken und verließ leise das Haus.
Kurz überlegte ich, ob ich den Wagen nehmen sollte, doch entschied ich mich schließlich doch dafür, zu laufen. Schon nach wenigen Metern hatte ich mein morgendliches Lauftempo erreicht und verschwendete nur einen kurzen Gedanken daran, dass die Dusche vor einer halben Stunde umsonst gewesen sein würde, wenn ich wieder zu Hause angekommen wäre.
Ich wusste, dass weder Dana noch ich einen Bissen hinunter bringen würden, doch Walter, der in unserem Gästezimmer schlief und auch Joy hatten sicher Hunger.
*~*~*~*~
Das Gebäude, in dem sich die zuständige Person für meine Fragen befinden sollte, war nichts weiter, als ein Container, in dem sich ein kleines Fenster und eine Tür befand. Ich klopfte an, wartete jedoch nicht darauf, dass ich hineingebeten wurde und öffnete im gleichen Moment die Tür.
Dana folgte mir, sie hatte nicht einmal die Kraft, mir einen ihrer üblichen Blicke zuzuwerfen. Ich hatte alleine herkommen wollen, doch ich hatte es nicht geschafft, sie davon abzuhalten, mich zu begleiten.
Wenn ich ehrlich war, dann konnte ich sie verstehen. Das untätige Herumsitzen zerrte an den Nerven.
Die Einrichtung des Containers war spartanisch. Unter dem Fenster stand längs in den Raum gestellt ein einfacher Tisch, der als Schreibtisch diente. Des weiteren gab es einen Klappstuhl und einen großen Aktenschrank.
Ich hätte niemals gedacht, dass es ein Büro geben konnte, dass noch kleiner und...
...unattraktiver war, als unser kleines Kellerbüro damals in Washington.
"Was zum...! Haben Sie einen Termin?" Der Kopf des Mannes, der hinter dem Schreibtisch saß schoss hoch und er warf uns genervte Blicke zu. Er war noch nicht sehr alt, so etwa ende dreißig, doch seine Haare waren bereits karg und er hatte deutliche Gewichtsprobleme, was ihn älter aussehen ließ.
"Entschuldigung. Mein Name ist Fox Mulder. Das ist meine Frau. Ich ähm..., ich hätte da einige Fragen an sie." stellte ich Dana und mich vor und hielt ihm meine Hand zur Begrüßung hin.
Er ignorierte die Geste und blickte mich abschätzend von oben bis unten an. Auch Dana wurde mit diesem Blick gemessen, wobei ich ein lustvolles Glitzern in den Augen meines Gegenüber erkannte.
"Sind sie von der Polizei?" verlangte er nach einer Weile zu wissen.
Langsam schüttelte ich den Kopf.
"Nein, wir sind privat hier. Wir würden gerne alle Unterlagen haben, von acht verschiedenen Tagen in den letzten fünf Monaten. Welche Schiffe an diesen Tagen den Hafen Richtung Norden verlassen haben und ihr genaues Ziel." erklärte ich, während Dana ihren Blick erneut durch den Raum wandern ließ.
"Sagen sie mal, sind sie verrückt? Welchen Grund sollte ich wohl haben, ihnen diese Unterlagen zu geben. Sie sagten sie seien Privatpersonen. Ich bin mir sicher, sie wissen, dass ich ihnen die Unterlagen nicht geben darf. Also, warum nehmen sie nicht ihr hübsches Frauchen und verschwinden einfach von hier?" brummte der Mann und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
"Sir, bitte. Lassen sie mich das erklären." schaltete Dana sich schließlich ein.
Der Mann hob seinen Kopf wieder.
"Was wollen sie erklären, Mrs. Mulder?" verlangte der Mann zu wissen.
"Unsere Tochter ist vor wenigen Tagen entführt worden. Wir haben Grund zu der Annahme, dass sie, genauso wie sieben weitere Mädchen in den vergangenen fünf Monaten, von hier aus über den Mississippi nach Kanada gebracht wurde. Wir möchten herausfinden, mit welchem Schiff diese Männer sie weg brachten. Und wir möchten wissen, in welcher Stadt in Kanada sie eingelaufen sind." Dana war vollkommen beherrscht. Ihre Stimme wirkte genauso emotionslos wie sie auf den Tonbändern von einer Autopsie auch klang.
Ich bewunderte meine Frau dafür.
"Das tut mir leid, dass zu hören, aber ich kann ihnen diese Unterlagen nicht geben. Ich habe da auch so was wie eine Schweigepflicht." Die Stimme des Mannes war nun etwas freundlicher, doch machte er unmissverständlich deutlich, dass wir keine Chance hatten an die Unterlagen zu kommen. Ich beugte mich nahe zu Dana.
"Lass uns Walter benachrichtigen. Er kann einen Durchsuchungsbefehl besorgen." flüsterte ich.
"Oh, Moment! Warten sie. Sie wollen die Polizei hier her holen?" Der Mann sprang auf und trat erstaunlich schnell um seinen Schreibtisch herum und drückte die Tür wieder ins Schloss, welche ich gerade geöffnet hatte.
"Sie lassen uns keine Wahl, Sir. Wir wollen wissen, wo unsere Tochter ist. Und ich denke, die Polizei wird uns zustimmen, wenn wir sagen, hier könnte ein Anhaltspunkt sein." erklärte ich ihm.
Er atmete schwer, ich sah einige kleine Schweißperlen auf seiner Oberlippe glitzern. Mit fahrigen Bewegungen suchte er in der Tasche seiner grauen Anzugjacke nach einem großen Taschentuch, womit er über sein Gesicht wischte.
"Also gut." hörte ich ihn schließlich keuchen.
"Also gut, ich gebe ihnen diese Unterlagen. Aber lassen sie die Polizei da raus!" gab er nach.
"An uns soll es nicht liegen." erwiderte ich und sah Dana leicht nicken.
"Nennen sie mir also die Daten. Dann suche ich ihnen die richtigen Unterlagen raus." brummte er und ich warf erstmals einen Blick auf sein Namensschild, welches er offen an seinem Hemd trug.
"Fünfter Juni, neunzehnter Juli, achtundzwanzigster Juli, siebzehnter August, neunundzwanzigster August, neunter September, zehnter Oktober und fünfter November." gab ich ihm die Daten.
Dana und ich verließen etwa eine Stunde später samt der Unterlagen den Container. Wir ging schweigend nebeneinander her, beide mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt.
"Meinst du wirklich, dass uns diese Unterlagen weiter bringen?" drang die Stimme meiner Frau schließlich an mein Ohr.
Ich zuckte die Achseln.
"Warten wir es ab. Es ist alles, was wir derzeit haben. Also lass es uns wenigstens versuchen." antwortete ich nach einem kurzen Moment.
*~*~*~*~
"Also gut!" Walter erhob sich und lief vor dem Küchentisch, an dem wir saßen, auf und ab.
"An allen Tagen sind mehrere Schiffe von diesem Hafen aus Richtung Norden gestartet. Aber nicht an allen Tagen war ein und dasselbe Schiff dabei. Am fünften Juni, am achtundzwanzigsten Juli, am siebzehnten August und am zehnten Oktober ist die Isabelle dort abgefahren. Dabei handelt es sich laut den Papieren um einen Frachter. Wissen wir, was er geladen hatte?" begann er zusammen zu fassen, was wir aus den Unterlagen ersehen konnten.
Dana nickte.
"Es war immer unterschiedliche Ware. Das eine Mal transportierte er Bananen aus Venezuela, das nächste Mal Reis, beim dritten Mal hatte er Orangen geladen und am zehnten Oktober bestand die Ladung aus Autoteilen." las sie in den Frachtbriefen.
"Scheiße. Das bringt uns nicht weiter." murrte Skinner und blieb einen Moment vor dem Tisch stehen. Ich sah, wie sein Blick auf Joy hängen blieb, die still und blass mit am Tisch saß. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, und sie schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein.
Nach einem kurzen Moment setzte Walter seinen Weg fort.
"Am neunzehnten Juli und am neunten September lief die Ariane aus, ein Motorboot von irgend so Neureichen Typen. Und am neunundzwanzigsten August sowie am fünften November taucht nur der Name Beatrice an beiden Tagen auf. Hierbei handelt es sich um ein Zooschiff. Im August hat es offensichtlich Gorillas aus Brasilien nach Kanada gebracht und am fünften November, also an dem Tag, an dem Moe entführt wurde hat es Schlangen aus Thailand geladen." zählte Skinner auf.
Ich sah, wie Dana bei dem Wort Schlangen leicht zusammen zuckte. Natürlich war mir klar, was der Grund dafür war. Und das auch noch im Zusammenhang mit Moe. Es musste die Hölle sein, in der wir uns befanden.
"Was waren die Zielhäfen dieser Schiffe?" drang ihre leise Stimme nach einem Moment an mein Ohr.
Ich zuckte die Achseln, griff über den Tisch hinweg nach den Unterlagen, die dort lagen und blätterte die Mappen durch.
"Kein gemeinsamer Hafen. Die Fracht wurde immer in unterschiedlichen Häfen abgeladen. Das Motorboot beendete jedoch in North Dakota in Williston seine Fahrt. Von dort ist es nur ein Katzensprung rüber nach Kanada." überlegte ich.
Walter nickte zustimmend.
"Mir kommt da gerade ein Gedanke. Wenn die Mädchen tatsächlich an Bord dieser Schiffe waren, dann dürfte es eine Diskrepanz zwischen dem angegebenen Gewicht und dem tatsächlichen Gewicht des Frachters geben. Sicher wiegt ein Mädchen in dem Alter deutlich weniger als einige Kisten Bananen, Orangen oder Reis." Wieder blieb Skinner stehen und sah Dana und mich abwechselnd nachdenklich an.
Ich erwiderte den Blick und nickte schließlich leicht.
Er hatte recht. Es war zumindest einen Versuch wert.
"Also gut. Überprüfen wir das. Wenn ich richtig informiert bin, werden die Schiffe gewogen, bevor sie in eine Schleuse einfahren. Oder zumindest auf ihren Tiefgang überprüft. Alle Schiffe mussten die Schleuse in Arkansas City passieren." überlegte ich laut.
Walter griff nach den Unterlagen und nach seinem Schlüssel. Ein Blick in meine Richtung sagte mir, dass er sofort aufbrechen wollte, nur noch auf mich wartete. Ich erhob mich und warf Dana einen fragenden Blick zu, doch sie schüttelte leicht den Kopf.
Ich nickte.
Mir war klar, dass sie uns einerseits gerne begleitet hätte, denn das sitzen und warten war unerträglich, doch wollte sie Joy auf keinen Fall alleine lassen.
*~*~*~*~
Skinner warf mir einen erstaunten Blick zu, als wir einige Stunden später, es war bereits nach zehn Uhr abends, unser Haus betraten. Laute Musik, die ich nach einigen Takten als Musik von Danas Lieblingsband >Jimmy eat world< erkannte, drang an unsere Ohren.
Es war harte Musik, und obwohl Dana diese Musikrichtung bevorzugte, lief sie nur sehr selten bei uns. Mir gab Heavy Metal nicht so viel und die Mädchen zogen Rap vor.
Ich unterdrückte dem Impuls, zur Anlage zu gehen und die Musik leiser zu stellen und trat, nachdem ich Walter einen beruhigenden Blick zugeworfen hatte, in die Küche.
Dana stand vor einem der Küchenschränke, hatte alle Teller, Tassen und Untertassen ausgeräumt und scheuerte die Regalbretter wie eine Besessene.
Sie schien mich nicht bemerkt zu haben, vermutlich weil die Musik jedes Geräusch übertönte und so trat ich schließlich hinter sie und gab ihr einen sanften Kuss in den Nacken.
Erschrocken fuhr sie herum und blickte mich aus weit aufgerissenen Augen an.
"Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Wir sind wieder da." Ich sah sie entschuldigend an und sah, wie sie sich augenblicklich entspannte.
Ein Blick auf Walter ließ sie schließlich verlegen zu Boden blicken und sie legte den Lappen, den sie in der Hand hielt zur Seite.
"Ich stelle die Musik aus." hörte ich sie murmeln und sie verließ rasch die Küche.
"Du musst nicht wegen uns die Musik ausstellen. Obwohl ich gestehen muss, ich war sehr verwundert über die Richtung." Walter konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, nachdem Dana sich zu uns an den Tisch gesetzt hatte.
"Sie hilft mir ein wenig abzuschalten." Meine Frau zuckte die Achseln.
"Alles ist besser als rumsitzen, nicht wahr?" vermutete Walter und Dana nickte bestätigend.
"Habt ihr etwas erfahren?" wechselte sie das Thema und blickte uns erwartend an.
"Der Frachter hatte jedes Mal weniger Gewicht, als er laut Frachtpapieren haben sollte." erklärte ich, was wir erfahren hatten.
"Aber wieso ist das niemandem aufgefallen?" Ich wirbelte beim Klang von Joys Stimme an der Küchentür herum.
Sie kam langsam zu uns an den Tisch und blieb dicht neben mir stehen. Ihre Augen waren stark gerötet und die dunklen Ringe darunter standen im krassen Gegensatz zu ihrer blassen Haut. Sanft schlang ich einen Arm um ihre Hüfte und zog sie zu mir.
Sie nahm die Umarmung dankbar an und drückte sich fest an meine Seite.
"Es ist nicht weiter aufgefallen. Erst jetzt, durch unsere gezielten Fragen sind die zuständigen Bearbeiter darauf aufmerksam geworden." antwortete Walter auf ihre Frage.
"Das bedeutete also, die haben die anderen Mädchen auf den Frachtern transportiert. Leider wissen wir immer noch nicht, wo die Mädchen jetzt sind." seufzte Dana resigniert auf.
Ich schluckte. Sie hatte recht.
Walters Handy riss mich durch ein schrilles Klingeln aus meinen Gedanken. Rasch nahm er das Gespräch entgegen, erhob sich und ging in unser Wohnzimmer, wo er unruhig auf und ab ging. Nach einem kurzen Moment griff er sich einen Kugelschreiber, welcher neben dem Telefon gelegen hatte und warf mir einen fragenden Blick zu. Eine Geste, die mir zeigte, dass er ein Stück Papier benötigte folgte und ich erhob mich und reichte ihm ein Blatt aus der Schublade der Kommode.
Wachsam verfolgte ich Skinners Seite des Gesprächs und erkannte schon bald, dass seine Leute, die er angerufen hatte, als wir unterwegs zu der Schleuse waren, offenbar etwas herausgefunden hatten.
Ein Blick in die Küche zeigte mir, dass offenbar auch Dana und Joy interessiert die einseitige Unterhaltung verfolgten und wir alle sahen Walter neugierig an, nachdem er das Gespräch beendet und sein Telefon in die Hosentasche gesteckt hatte.
Wortlos griff er nach dem Zettel und ging zurück in die Küche.
"Also, das war ein Agent, der den Fall von Washington aus bearbeitet. Ich hatte ihn heute angerufen und ihm mitgeteilt, was wir bisher rausgefunden haben. Er hat mir gerade einen Namen und eine Adresse gegeben.
Die Agenten haben heraus gefunden, dass alle drei Boote, die Isabell, die Ariane und auch die Beatrice im Endeffekt ein und demselben Mann gehören. Sein Name ist Ricardo Fernandez. Er kommt ursprünglich aus Kuba, scheint da politisch Verfolgt zu werden, und lebt seit vierzehn Jahren in der Nähe von Radville in Kanada. Er hat dort offenbar ein großes Transportunternehmen aufgebaut. Nicht nur Transporte über den Wasserweg, auch Flugzeuge und LKWs." erklärte er und ich sah, wie Danas Augen leicht zuklappten. Sie atmete scheinbar vollkommen ruhig und aus irgendeinem Grund wusste ich, was sie gerade tat.
Sie betete.
"Es scheint, als wenn er nicht nur mit dem Transport von Nahrungsmitteln und Tieren sein Geld verdient." wandte ich ein und stellte mich hinter meine Frau. Beruhigend legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. Ihre Augen öffneten sich und sie warf mir einen dankbaren Blick zu.
Skinner nickte bestätigend.
"In der Tat ermitteln die Behörden aus Kanada schon seit mehreren Jahren gegen ihn, haben jedoch bisher nichts in der Hand." gab er zu.
"Was werfen sie ihm vor?" verlangte Dana zu wissen und Skinner atmete zischend ein. Er ließ seinen Blick von Dana zu mir und weiter zu Joy wandern, ehe er leise seufzte und wieder Dana ansah.
"Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen." sagte er schließlich leise.
"Nein!" Joy schrie gequält auf. Wieder rannen ihr Tränen die Wange hinunter und sie warf Dana und mir einen gepeinigten Blick zu.
"Nein, Dad, dass ist es nicht, was Moe passiert, oder?" Ihre Stimme zitterte und ich ging langsam zu ihr hinüber. Sanft legte ich meinen Arm um ihren Körper, nicht in der Lage ihr zu antworten.
"Nein, bitte nicht. Bitte, bitte nicht." wimmerte sie und sah immer wieder von mir zu Dana, der ebenfalls Tränen die Wange hinunter liefen.
Als keiner von uns in der Lage war, ihr zu sagen, was sie hören wollte, stieß sie mich mit einem lauten Schluchzen zur Seite und stürmte aus der Küche. Ich wischte mir kurz durch die Augen, um meine eigenen Tränen zurück zu halten, warf Dana einen Blick zu, welchen sie mit einem kurzen Nicken bestätigte und folgte schließlich unserer Tochter.
Verzweifeltes, unterdrücktes Schluchzen drang aus ihrem Zimmer an meine Ohren und ich öffnete leise die Tür.
Sie lag auf dem Bett, das Gesicht in ihrem Kopfkissen vergraben und ihr Körper wurde von wilden Schluchzern geschüttelt. Noch nie hatte ich einen so verzweifelten Menschen gesehen, und es zerriss mir das Herz, dass es meine Tochter war, die eine solche Verzweiflung erleben musste.
Vorsichtig setzte ich mich zu ihr auf das Bett und legte ihr meine Hand tröstend auf ihren Rücken. Obwohl ich mich bemüht hatte, dagegen anzukämpfen, liefen nun auch mir die Tränen über die Wange.
"Joy, Schatz, sieh mich an. Bitte." brachte ich mit leiser, bebender Stimme heraus.
Sie drehte sich um, erhob sich auf ihre Knie und drückte sich, immer noch schluchzend, an meine Brust. Ihr Gesicht kam in meiner Halsbeuge zu liegen, ein Ort, der für meine Familie immer ein Ort des Trostes war.
"Wir wissen nicht, ob Moe dort ist. Wir wissen nicht, ob irgendjemand ihr so etwas antut. Aber wir müssen davon ausgehen, dass es so sein könnte." erklärte ich nun leise. Ich hatte nie viel davon gehalten, unseren Kindern etwas vorzumachen und so entschied ich mich auch jetzt dafür, Joy die Wahrheit zu sagen, so schlimm es auch für sie war.
"Aber warum? Warum muss sie so was erleben?" presste Joy zwischen einigen Schluchzern heraus.
"Ich weiß es nicht. Aber wenn sie da ist, heißt das, dass sie noch lebt." gab ich zu bedenken.
"Wenn ich ihr doch nur geholfen hätte." schluchzte Joy verzweifelt und ich fühlte, wie Dana sich immer fühlen musste, wenn ich mir für alles die Schuld gab.
"Schatz, du warst verletzt. Du hättest nichts tun können. Diese Männer waren zu zweit, und sie waren stärker als ihr." beruhigte ich sie. Sie schüttelte ihren Kopf, wollte die Worte, die sie entschuldigten, nicht hören. Offenbar war sie so überzeugt von ihrer Schuld, dass sie es nicht akzeptieren konnte, dass andere Menschen das, was geschehen war, als eine Tragödie ansahen, an der sie keine Schuld traf.
Es dauerte noch lange, bis sich Joy endlich beruhigte. Erschöpft schlief sie schließlich ein. Ich erhob mich, ließ ihre Tür einen Spalt breit offen, so wie sie es gewohnt war und begab mich wieder in die Küche zu Walter und meiner Frau.
Walter hatte neben Dana platz genommen, offenbar hatte es auch hier einige beruhigende Worte gebraucht, ehe Dana sich wieder gefangen hatte. Sie saß, ihren Kopf erschöpft in ihre Hände gelegt, und sah schließlich mit müdem Blick auf. Ich stellte mich hinter sie, legte meine Hände auf ihre Schultern und ließ sie sanft über ihre verspannten Muskeln gleiten.
"Es gibt keine Beweise gegen den Mann?" erkundigte ich mich, nachdem ich mich nach einiger Zeit, in der wir geschwiegen hatten, an den Tisch setzte. Bedauernd schüttelte Skinner den Kopf.
"Was haben deine Leute noch gesagt?" verlangte ich zu wissen.
"Was meinst du?" Walter zog erstaunt eine Augenbraue hoch.
"Haben die Agenten nichts mehr gesagt? Wo wir Fernandez finden zum Beispiel?" erklärte ich geduldig.
Skinner schüttelte den Kopf.
"Nein, leider wissen sie das auch nicht. Er scheint seit drei Wochen verschwunden zu sein." sagte er mit bedauernder Stimme.
Resigniert seufzte ich auf.
"Ich schlage vor, dass wir schlafen gehen. Morgen machen wir uns auf den Weg nach Kanada. Vor Ort erkundigen wir uns weiter. Es ist davon auszugehen, dass die Kinder ebenfalls in Radville sind." drang seine Stimme nach einem Moment des Schweigens erneut an mein Ohr.
Ich nickte langsam und ich beobachtete, wie Dana sich müde erhob und die Teller und Tassen, die sie zuvor aus dem Schrank geräumt hatte, wieder zurück stellte.
Während Skinner uns bereits eine gute Nacht gewünscht hatte und sich in das Gästezimmer zurück gezogen hatte, trat ich hinter Dana und schlang meine Arme um sie.
Langsam drehte sie sich in meinen Armen um und drückte sich an meine Brust.
Wir standen noch lange so, ihre Arme genauso tröstend um mich geschlungen, wie meine um sie, ohne ein Wort zu sagen.
Schließlich gingen wir ebenfalls ins Bett, jedoch nicht sicher, ob wir überhaupt Schlaf bekommen würden.
XOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOX
09. November
Weeks, Louisiana
Nur langsam fand ich vom Traum zurück in die Realität. Natürlich hatte ich von Moe geträumt, doch war es dieses Mal kein Alptraum gewesen. Ich hatte von all den schönen Dingen geträumt, die wir mit ihr erlebt hatten.
Vielleicht fiel es mir deshalb so schwer, in die grausame Wirklichkeit zurück zu kehren.
Langsam öffnete ich meine Augen richtete meinen Blick auf den Wecker. Es war halb sieben. Immerhin vier Stunden Schlaf in der letzten Nacht, das war in den letzten Tagen beinahe so etwas wie Rekord.
Aus dem Badezimmer hörte ich Fox rumoren, offenbar war er schon eine Weile wach.
Ich beschloss ebenfalls aufzustehen, denn es gab vieles zu organisieren und wir mussten noch einige Dinge zusammen packen, wenn wir heute nach Kanada fliegen wollten.
Ich hoffte, dass wir nicht noch bis zum späten Nachmittag auf einen Flieger warten mussten, denn ich wusste, nicht nur ich wollte so schnell wie möglich in dieses Land um nach Moe zu suchen, Fox wollte es auch und Skinner war nicht weniger engagiert bei der Sache.
Ich war jedoch unsicher, was wir mit Joy machen sollten. Ich wusste, sie würde mitkommen wollen, doch würde sie mit der Situation klar kommen? Oder wäre es nicht besser sie in ein Flugzeug nach Washington zu setzten, damit sie bei Mom bleiben konnte.
Ich musste das unbedingt mit Fox besprechen. Obwohl ich sonst eigentlich durchaus in der Lage war, Entscheidungen alleine zu treffen, so war ich mir doch auch darüber im Klaren, dass ich dazu neigte, die Mädchen zu unterschätzen. Fox hatte schon immer eine realistischere Einschätzung von den beiden gehabt.
Als ich das Badezimmer betrat, stand Fox vor dem Wachbecken und rasierte sich. Er warf mir einen kurzen Blick zu und beugte sich schließlich zu mir hinunter, um mir einen Kuss zu geben. Ungeachtet des Rasierschaums um seinen Mund erwiderte ich den Kuss und schaffte es sogar, ihm ein kleines, schwaches Lächeln zu schenken.
~*~*~*~
Ich trank gerade den letzten Schluck Kaffee, als ich Fox aufgeregt aufschreien hörte. Seine Hand kam zu meinem Unterarm geflogen, ohne dass er den Blick von der Zeitung, die er in der Hand hielt, löste. Rasch stellte ich meine Tasse ab, damit ich den Kaffe nicht über meinen Körper goss und wandte mich gespannt meinem Mann zu.
"Dana hier." sagte er, beinahe atemlos und deutete mit der Hand nun auf einen Bericht. Ich beugte mich zu ihm hinüber und blickte auf die Überschrift und das Foto, welches in der Mitte des Artikel eingebracht war.
Ein Mädchen im Joys und Moes Alter war darauf abgebildet, offensichtlich Chinesin. Die Überschrift lautete: >Vermisstest Mädchen aufgetaucht!<
Zischend atmete ich ein, meine Augen aufgerissen und auf Fox gerichtet, der den Bericht mit konzentrierter und angespannter Mine las.
"Sie ist im Krankenhaus, in einem kleinen Ort in North Dakota." hörte ich nach scheinbar endlosen Minuten seine Stimme und ich erhob mich. Ohne meine sonst so durchdachte Vorgehensweise räumte ich wahllos den Tisch ab und stellte einige Sachen in die Spüle. Das musste warten, bis wir wieder da sein würden.
Walter hatte Fox die Zeitung aus der Hand genommen und las nun ebenfalls den Bericht. Er nickte zwischendurch und griff anschließend zu seinem Handy.
Ich war mir nicht sicher, ob er Flüge für uns buchte, mit dem Krankenhauspersonal sprach oder ob er die Agenten im Hauptquartier anrief.
Fox saß nach wie vor am Tisch und starrte gedankenverloren auf seine Hände, während Joy hilflos von einem zum anderen Blickte.
Schließlich stand sie auf und verließ die Küche, was mir die Gelegenheit gab, mit Fox zu reden.
"Fox?" Ich sprach ihn leise an, doch er zeigte keine Reaktion.
Sanft berührte ich ihn an seiner Schulter und wartete, bis er seinen Blick gehoben hatte und mich anblickte.
"Schatz, was ist mit Joy?" erkundigte ich mich. Fragend zog er seine Augenbrauen hoch, offensichtlich war ihm nicht klar, was ich meinte.
"Sollen wir sie mitnehmen nach Kanada, oder North Dakota? Oder soll sie nach Washington fliegen und die nächsten Tage bei Mom bleiben?" wollte ich wissen.
Hilflos zuckte er die Achseln und warf einen Blick auf Walter.
Als er mich wieder ansah war er offenbar wieder ganz im Hier und Jetzt.
"Ich denke, wir sollten sie mitnehmen. Sie muss Moe sehen, sobald wir sie da raus geholt haben. Sie kommt um vor Schuldgefühlen." hörte ich ihn sagen und ich nickte leicht.
"Kannst du rauf gehen und eine Tasche packen?" wollte ich wissen. Fox nickte und es spiegelte sich Dankbarkeit auf seinem Gesicht.
~*~*~*~*~
Es war bereits kurz vor acht Uhr am Abend ehe wir das Krankenhaus in North Dakota betraten, in welchem sich das Mädchen nach unseren Informationen aufhalten sollte.
Skinner hatte tatsächlich mit seinen Agenten gesprochen und somit war ihm offensichtlich klar, was uns erwarten würde, denn als wir vor dem Zimmer ankamen, in dem das Mädchen lag, blieb er stehen und sah uns streng an.
"Ihr werdet da nicht rein gehen. Ich spreche mit dem Mädchen." Seine Stimme machte deutlich, dass es zwecklos war, ihm zu wiedersprechen. Dennoch setzte ich dazu an.
"Walter..." Weiter kam ich nicht, denn er schüttelte bestimmt den Kopf.
"Ich werde nicht mit euch diskutieren. Ihr werdet da nicht rein gehen und Punkt." Damit drehte er sich um und Fox und ich blieben vor der Tür stehen.
Ich blickte Fox an. Er sah erschrocken und ängstlich aus, denn ihm war genauso klar wie mir, dass es nichts gutes verhieß, wenn Walter uns den Zutritt und somit den Anblick des Mädchens verweigerte.
Wir hatten Joy gebeten in der Cafeteria auf uns zu warten, und beschlossen nun, dort hin zu gehen.
Ungeduldig warteten wir auf Walter, und als er endlich kam, hatte ich das Gefühl, mein Herz würde stehen bleiben. Skinner war grau im Gesicht, seine Zähne hatte er offensichtlich fest aufeinander gebissen, denn seine Kiefermuskeln traten hart hervor.
"Was?" fragte ich mit rauer Stimme und schluckte, um meine trockene Kehle zu befeuchten.
"Moe lebt. Aber das Mädchen konnte mir nicht genau beschreiben, wo sie in den vergangenen Wochen war." erklärte er und ich hörte sowohl mich selber als auch Fox und Joy erleichtert ausatmen.
"Danke Gott!" flüsterte ich und spürte, wie Fox seine Arme um mich schlang.
"Was hat sie sonst noch gesagt?" wollte er von Skinner wissen.
"Sie sagte, dass sie den Namen eurer Tochter nicht kennen würde, aber sie hat sie auf einem Foto erkannt, dass ich ihr zeigte. Es scheint ein altes Haus zu sein, vielleicht ein Abrisshaus. Das Mädchen konnte sich erinnern, dass es kalt gewesen sei." gab er wieder, was er erfahren hatte.
"Wir müssen auf jeden Fall nach Kanada rüber. Der schnellste Weg ist wohl mit dem Auto, denn um diese Zeit wird es keinen Flieger mehr geben. Außerdem müssten wir auch erst zum nächsten Flughafen." hörte ich Fox laut überlegen. Walter nickte zustimmend.
"Also mieten wir ein Auto." fasste ich zusammen. Beide Männer schenkten mir ein Nicken und ich trat an den Empfang, um mich nach der nächsten Autovermietung zu erkundigen.
Nach Aussage der Dame mit der ich sprach, gab es ganz in der Nähe eine so dass wir uns um kurz nach neun Uhr auf den Weg machen konnten.
~*~*~*~*~
Es war bereits ein Uhr in der Nacht, als wir ein Motel in Radville in Kanada ansteuerten.
Hier würden auch die Agenten von Skinner am nächsten Morgen eintreffen, denn wir mussten damit rechnen, dass sich die Mädchen irgendwo in diesem Ort aufhielten.
Joy schlief bereits auf dem Rücksitz, dicht an Fox gedrückt und ich warf beiden immer wieder kurze Blicke vom Beifahrersitz her zu.
Er weckte sie sanft, nachdem Skinner für uns alle Zimmer besorgt hatte. Joy und ich würden in dem einen, Fox und Walter in dem anderen Zimmer schlafen. Zumindest in dieser Nacht. Für die kommenden Nächte, die wir vielleicht noch hier blieben, würden wir sicher noch eine andere Lösung finden.
Joy ging direkt ins Bett, während ich mich noch kurz unter die Dusche stellte, um einen klaren Kopf zu bekommen. In meinen Gedanken tauchte immer wieder ein Bild von einem grausam zugerichteten chinesischen Mädchen auf, und ich hoffte, dass das warme Wasser dieses Bild zumindest für die Nacht vertreiben würde.
Als ich schließlich im Bett lag, lauschte ich auf die Geräusche von Joys Atmung, doch sie hatte nicht den gewünschten Effekt. Statt ruhiger zu werden und endlich in den erholsamen Schlaf zu gleiten, spürte ich wie ich unruhiger wurde, und mich immer weiter vom Schlaf entfernte.
Nach ungefähr zwei Stunden gab ich den Versuch doch noch zu schlafen auf. Die Ungewissheit, ob Moe tatsächlich noch lebte, ob es ihr gut ging und was sie durchmachen musste, hatten in mir ein Verlangen aufgebaut, welches ich wohl besser stillen sollte, ehe ich noch anfing, wie ein gefangener Tiger im Käfig auf und ab zu laufen.
Ohne ein Geräusch zu machen zog ich mich an und kramte nach meinem Portemonnaie. Leise öffnete ich die Tür und trat in die eisige Nachtluft hinaus. Es schneite, und die Temperaturen lagen sicher um drei Grad unter dem Gefrierpunkt, was ein krasser Gegensatz zu den Temperaturen in Louisiana war, wo wir immerhin Tagsüber noch beinahe fünfundzwanzig Grad hatten.
Schnellen Schrittes ging ich hinüber zu dem Zigarettenautomaten, den ich bei unserer Ankunft entdeckt hatte. Die Münzen waren rasch eingeworfen und ich suchte nach der Marke, die ich vor Jahren mal geraucht hatte. Ich konnte sie nicht entdecken und entschied mich spontan für eine andere Marke.
Vor meiner Zimmertür hockte ich mich auf die Stufe und zündete mir die Zigarette an. Ich konnte nicht erklären wieso, doch ich hatte ein schlechtes Gewissen dabei.
In Gedanken überlegte ich, wann ich das letzte Mal eine Zigarette geraucht hatte.
Waren es zwanzig Jahre? Oder sogar mehr.
Ich konnte mich erinnern, dass ich wütend war. Wütend auf Fox. Es war in einem kleinen Ort, die Menschen verhielten sich verdammt merkwürdig, auch Fox und ich, und er begann mit dieser Frau zu flirten. Wie hieß sie noch gleich?
Ich konnte mich nicht mehr an ihren Namen erinnern.
Nachdenklich senkte ich meinen Blick auf die Zigarette und führte sie an den Mund. Tief inhalierte ich den Rauch, ließ ihn in meine Lungen wandern und stieß ihn Sekunden später genussvoll wieder aus.
Es wurde kalt auf den Steinen und so erhob ich mich, ging einige Schritte auf den Parkplatz und starrte auf die nahegelegene Schnellstraße, die vollkommen im Dunkeln lag.
Wieder versank ich in Gedanken, zog nur ab und zu an meiner Zigarette und hörte nicht, wie sich hinter mir eine Tür öffnete und anschließend leise wieder ins Schloss fiel.
Erst, als sich zwei starke Arme um meine Hüften legten, registrierte ich, dass ich nicht mehr alleine draußen war.
Ich erschrak leicht, zuckte zusammen, doch entspannte ich mich sofort wieder, als ich registrierte, wessen Arme mich hielten.
"Konntest du auch nicht schlafen?" drang die leise Stimme meines Mannes an mein Ohr und ich drehte mich zu ihm um. Er lockerte seine Umarmung und ließ mich gewähren. Schließlich zog er seine Arme sogar ganz weg. Sofort vermisste ich sie.
Langsam schüttelte ich den Kopf und seufzte leise. Ich sah zu ihm hoch, schaute in sein, von der grellen Reklametafel erhelltes Gesicht.
Sein Blick glitt über mein Gesicht und weiter über meinen Körper. Erstaunt zog er seine Stirn kraus, als er die Zigarette in meiner Hand sah.
"Was tust du da?" wollte er wissen. Ich konnte eine winzige Spur von Verärgerung in seiner Stimme ausmachen.
"Ich weiß es auch nicht. Mir war danach." versuchte ich ihm zu erklären und zuckte die Achseln.
"Du hast noch nie geraucht. Wie kommst du jetzt bloß darauf?" fragte er und griff nach meiner Hand, um mir die Zigarette weg zu nehmen.
Ich ließ ihn gewähren und blickte verlegen zu Boden.
"Eine schlechte Angewohnheit. Immer wenn ich verdammt gestresst bin, habe ich dieses Verlangen. Ich habe früher mal geraucht. Auf dem Collage." gab ich nach einem Moment des Schweigens zu. Fox hatte die Zigarette fallen gelassen und sie mit der Spitze seines Schuhes ausgetreten.
"Ich habe dich nie rauchen sehen, und du willst mir doch nicht erzählen, dass du in all den Jahren, in denen wir zusammen gearbeitet haben nie gestresst warst." Sagte er mit einem leichten grinsen.
"Ich habe einmal geraucht. Als du mit dieser Polizistin rumgemacht hast. Weißt du noch? Ich habe euch kurz danach zusammen auf deinem Bett erwischt." gestand ich und sah gespannt in sein Gesicht. Wie würde er reagieren?
"Ich habe nie..." Er stockte, wusste dass er lügen würde, wenn er den Satz beenden würde und entschied sich zu schweigen.
Ich deutete sein Schweigen richtig, führte seinen Satz in Gedanken zu Ende und reagierte darauf.
"Himmel, ich war so eifersüchtig damals, dass ich dachte, ich müsste platzen, wenn ich nicht auf der Stelle eine Zigarette bekäme." Ein Grinsen erschien auf meinem Gesicht.
"Aber jetzt flirte ich nicht mit irgend einer Frau. Und Walter wollte auch nichts von mir. Er ist in sein Bett gefallen und schnarcht seitdem, als wenn er einen ganzen Urwald abholzen müsste." erwiderte Fox und schlang seine Arme wieder um meinen Körper.
Ich legte meine Stirn an seine Brust, meine Arme locker auf seine Hüften und nickte.
"Aber ich mache mir Sorgen, und ich konnte nicht schlafen, na ja, und da hatte ich plötzlich Lust auf eine Zigarette." rechtfertigte ich mich.
Fox seufzte. Offensichtlich dachte er gerade an diesen Fall, als diese Tabakkäferlarven in seiner Lunge saßen. Ich hatte ihn vollgepumpt mit Nikotin und ihm anschließend die Zigaretten ausgeredet, die er gekauft hatte.
Und nun stand ausgerechnet ich hier und rauchte.
Welch Ironie.
~*~*~*~*~
10. November
Radville, Kanada
Wir hatten beide nicht mehr viel geschlafen, in dieser Nacht, obwohl ich davon ausgehen musste, dass ich noch mehr Schlaf bekommen hatte, als Fox. Er sah vollkommen übernächtigt aus, als wir uns am anderen Morgen trafen, und ich beschloss, dass wir heute Abend etwas an den Schlafarrangements ändern mussten.
Fox hatte bereits einen genauen Plan, wie er den Aufenthaltsort von Moe ausfindig machen wollte.
Wie es für ihn früher vollkommen normal war, hatte er sich in den letzten Tagen mehr und mehr in den Kopf dieses Mannes, Ricardo Fernandez, hineinversetzt und überlegt, wo er seine dreckigen Geschäfte machen würde.
Beim Frühstück hatte er Walter und auch mir seinen Plan mitgeteilt.
Er würde die örtliche Polizei bitten, ihm bei den Ermittlungen zu helfen. Seiner Meinung nach würde Fernandez die Mädchen nicht in einem Gebäude unterbringen, welches nicht ihm gehörte. Also wollte mein Mann heraus finden, wie viele Häuser oder Lager Fernandez gehörten und wo diese lagen.
Walter würde ihn als offizieller FBI-Ermittler begleiten, in der Hoffnung, dass die örtlichen Behörden dadurch schneller kooperierten.
Tatsächlich gelang es den beiden bereits am frühen Nachmittag, den Aufenthaltsort der Mädchen auf zwei Gebäude einzugrenzen.
Die Männer machten sich fertig, und obwohl ich glücklich sein sollte, dass ich Moe nun bald wieder bekommen würde, wuchs meine Angst beinahe ins Unermessliche.
Was wäre, wenn die Männer durchdrehen und sie töten würden?
Was wäre, wenn sie durch die Flucht des kleinen chinesischen Mädchens Panik bekommen und alle anderen Mädchen getötet hätten?
Was wäre....
Tausend Fragen schwirrten in meinem Kopf umher, während ich nach der Schusssicheren Weste griff und sie mir überziehen wollte.
"Was tust du da?" drang Walters Stimme an mein Ohr und holte mich aus meinen Gedanken.
"Ich ziehe mir die Weste an." entgegnete ich verwirrt. Barsch schüttelte er den Kopf.
"Ihr werdet nicht mitgehen!" erklärte er.
Fox trat zu uns und blickte Walter aus zusammen gekniffenen Augen an.
"Was heißt, wir werden nicht mitgehen? Es geht hier um unsere Tochter!" polterte er.
Skinner nickte.
"Und das ist der Grund, weswegen ihr schön hier warten werdet. Ich will verhindern, dass ihr Mist baut." erklärte er.
"Aber..." setzte ich an, doch er wischte den Einwand mit einer Handbewegung zur Seite.
"Kein aber. Ihr könnt hier warten oder im Motel, oder im Krankenhaus. Dorthin werden die Mädchen sicherlich gebracht. Aber ihr geht nicht mit da rein. Ende der Diskussion." Sein Ton ließ keine Wiederrede zu und ich legte die Weste ohne ein weiteres Wort wieder zur Seite.
Skinner drehte sich um und besprach die letzten Punkte mit seinen Männern. Gerade als sie die Tür öffneten, ging Fox noch einmal zu Walter und hielt ihn an der Schulter fest.
"Hol sie da lebend raus, ja?" bat er mit zitternder Stimme.
Unser ehemaliger Vorgesetzter nickte.
"Mach dir keine Sorgen, Mulder. Wir werden das schon schaffen." Versuchte er ihn zu beruhigen.
Die Tür schloss sich hinter ihm und ich beobachtete, wie Fox` Schultern resigniert nach vorne sackten. Langsam kam er zu Joy und mir hinüber und hockte sich auf das Bett.
Joy sah ihn unsicher an und ging schließlich zu ihm hinüber.
Skinner und seine Männer waren bereits vor Stunden gegangen. Wir sprachen nicht miteinander. Stille hatte sich im Zimmer ausgebreitet. Während Joy sich an Fox gelehnt hatte, die Wärme seiner Umarmung dankbar annahm, hockte ich auf einem Sessel und merkte zu meiner Überraschung, dass ich betete. Immer und immer wieder, für das Leben unserer Tochter.
Das Telefon riss uns alle aus unseren Gedanken und ich merkte, dass meine Hand zitterte, als ich nach dem Handy griff, welches auf dem Tisch lag und unaufhörlich klingelte.
Ehe ich das Gespräch entgegennahm, warf ich Fox einen beinahe hilfesuchenden Blick zu.
Er machte sich aus der Umarmung unserer Tochter frei und erhob sich. Neben mir kam er schließlich zum stehen, eine Hand lag locker und beruhigend auf meiner Schulter.
Ich schloss ein letztes Mal die Augen bevor ich schließlich auf den Knopf drückte und das Gerät an mein Ohr hielt.
"Hallo?" Meine Stimme zitterte leicht und Fox verstärkte seinen Griff ein wenig.
Bei den Worten, die Skinner am anderen Ende der Leitung sagte, flogen meine Augen auf und ich atmete erleichtert aus. Nur eine Minute später warf ich das Handy auf den Tisch und drehte mich langsam zu Fox um.
"Sie lebt. Sie ist bereits auf dem Weg in die Klinik." flüsterte ich und spürte, wie mir Tränen die Wange hinunter liefen.
Fox schloss kurz in einer dankbaren Geste die Augen und blickte mich anschließend wieder an.
"Wie geht es ihr?" wollte er wissen, doch ich schüttelte den Kopf.
"Skinner konnte es nicht genau sagen. Sie war offenbar nicht bei Bewusstsein." gab ich zu und versuchte verzweifelt mir die Tränen von meinem Gesicht zu wischen.
Fox bückte sich zu mir hinunter und schlang seine Arme um einen Körper, während Joy aufsprang und nach ihrem Mantel griff.
"Fahren wir!" rief sie uns zu und öffnete die Tür.
~*~*~*~*~
Moe war im OP und Fox und ich saßen gemeinsam mit Joy in einem Wartezimmer.
Fox wanderte unruhig auf und ab, trat zwischendurch immer wieder auf den Flur und kam nur wenig später zurück in das Zimmer. Joy blickte angespannt hinter ihm her und spielte nervös mit den Knöpfen an ihrer Jacken, welche gefaltet auf ihrem Schoß lag.
Ich spürte, wie ein Frösteln durch meinen Körper ging. Wir hatten bisher noch mit keinem Arzt gesprochen, doch die Operation dauerte bereits über zwei Stunden. Immer wieder warf ich nervöse Blicke auf meine Uhr. Es war bereits kurz nach zehn Uhr abends.
Fox verließ den Raum ein weiteres Mal und betrat ihn nur kurze Zeit später mit einem Becher Kaffee in der Hand.
Langsam kam er zu mir hinüber und reichte mir den Plastikbecher, wofür ich ihm ein dankbares Lächeln schenkte.
Wieder öffnete sich die Tür und sofort flog mein Kopf herum und blickte die Person die Eintrat an. Es war nicht, wie ich gehofft hatte der Arzt, sondern Walter der sich zu uns gesellte.
Er setzte sich neben mich und auch Fox nahm Platz.
"Walter, was war los?" wollte er wissen, doch Skinner deutete mit einem kleinen Schütteln seines Kopfes und einem Blick auf Joy an, dass er nicht darüber reden wollte.
Fox sog tief die Luft in seine Lungen.
Ich wusste, er würde es nicht vergessen, würde Walter später noch einmal ansprechen, doch war ich mir nicht sicher, ob der Assistent Director ihm dann eine Auskunft geben würde. Und ich war mir nicht sicher, ob es nicht besser war, wenn wir *nicht* wussten, was sich während der Befreiungsaktion der Mädchen abgespielt hatte.
Wichtig war, wir hatten Moe wieder. Sie lebte.
Es war bereits halb zwölf, Joy hatte sich auf ihrem Stuhl zusammen gerollt und war eingeschlafen und Fox sprach nun doch leise mit Walter, als sich die Tür erneut öffnete und endlich ein Arzt hineintrat.
Sofort sprang ich auf, dicht gefolgt von Fox und trat ihm entgegen.
"Sind sie Mr. und Mrs. Mulder?" erkundigte sich der Mann in dem weißen Kittel. Er sah uns erstaunt an, vermutlich da er Eltern mit dunkler Haut erwartet hatte.
Ich nickte und schluckte trocken.
"Wie geht es Moe?" brachte ich mit belegter Stimmer heraus.
Der Arzt reichte uns seine Hand und wir ergriffen sie nacheinander.
"Mein Name ist Dr. Jacquet. Ich habe ihre Tochter operiert. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Sie schläft noch." erklärte er.
"Was ist mit ihr, Dr.?" hakte ich nach.
"Nun, ..." Er stockte und sah betreten zu Boden. Ich spürte, wie Fox neben mir nach meinem Arm griff, um sich zu halten.
"Bitte, Sir, wir müssen es wissen. Was ist mit ihr?" flehte ich den Mann an, der uns gegenüber stand.
Dr. Jacquet hob seinen Kopf und ich konnte deutliches Unbehagen und Mitleid in seinem Blick erkennen.
"Ihre Tochter ist mehrere Male..." Wieder stockte er, räusperte sich und biss sich kurz auf die Lippen.
Als er weiter sprach, hörte ich dass seine Stimme leicht wackelte.
"Sie wurde mehrere Male brutal vergewaltigt." erklärte er und ich hörte Fox neben mir gepeinigt aufstöhnen, während meine Beine unter mir nachgaben und ich strauchelte. Der feste Griff meines Mannes legte sich um meinen linken Oberarm und hielt mich stützend fest.
Wenn er sich genauso fühlte, wie ich, dann starben wir in diesem Moment gemeinsam, indem uns einfach das Herz herausgerissen wurde.
Ich schloss meine Augen, um den Schmerz vor dem Arzt zu verbergen. Es gelang mir nicht.
Tränen liefen meine Wange hinunter, als ich die Augen wieder öffnete. Wir hatten es gewusst, oder zumindest vermutet, und doch war es ein grausamer Schmerz, den wir fühlten, als der Arzt es nun bestätigte. Sanft schloss Fox mich in seine Arme, hielt mich und versuchte, mir Trost zu spenden. Er weinte nicht, gestatte es sich nicht, vor dem Arzt Schwäche zu zeigen, doch waren seine Zähne fest zusammen gepresst, in dem Versuch, das Zittern seines Kinnes zu unterdrücken. Als der Arzt weiter sprach, schloss auch er seine Augen kurz, doch öffnete er sie rasch wieder und ich konnte Pein in ihnen lesen.
"Sie hat dabei einige schwere Verletzungen erlitten. Das rechte Schlüsselbein ist gebrochen, zwei gebrochene Rippen, die Milz war verletzt, weswegen wir sie entfernen mussten, und..." Wieder senkte der Mann seinen Blick und schluckte kurz ehe er weiter sprach.
"Auch ihre Gebärmutter wurde verletzt. Wir mussten sie entfernen, sonst wäre ihre Tochter vermutlich gestorben." eröffnete er uns.
Ein Schluchzen entkam meiner Kehle und ich klammerte mich noch fester an Fox.
Keine Kinder. Moe würde keine Kinder bekommen können.
Fox schloss seine Arme fester um meinen bebenden Körper und streichelte sanft über meinen Rücken.
Wie konnten diese Männer nur so brutal sein? Was musste Moe für schreckliche Schmerzen gehabt haben? Diese Tiere waren so brutal und weit in sie eingedrungen, dass ihre Gebärmutter verletzt worden war. Ich wagte nicht einmal ansatzweise mir vorzustellen, wie schmerzhaft es gewesen sein musste.
"Es ist davon auszugehen, dass große, lange Gegenstände in sie eingeführt wurden, sonst sind diese schweren Verletzungen beinahe nicht zu erklären." Drang die Stimme des Arztes erneut in mein Bewusstsein. Mit einem Stöhnen zwischen den Schluchzern schloss ich erneut die Augen, versuchte, die Wahrheit nicht in mein Gehirn dringen zu lassen, doch gelang es mir nicht.
"Aber sie lebt." hörte ich Fox sagen.
"Ja." bestätigte der Arzt. "Sie lebt. Und sie wird wieder gesund werden."
"Danke, Dr." murmelte mein Mann und drückte mich noch fester an sich.
"Es tut mir leid. Ich hätte gerne mehr für ihre Tochter getan. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal ein Vergewaltigungsopfer mit solchen Verletzungen gesehen zu haben." hörte ich den Mann sagen, ehe er den Raum verließ.
~*~*~*~*~
Es war bereits halb fünf morgens, und wir saßen alle bei Moe am Bett. Sogar Walter kam von Zeit zu Zeit in das Zimmer, um zu sehen, ob sich etwas getan hatte.
Joy hatte nicht mehr geschlafen, seit wir sie geweckt hatten, kurz nachdem Dr. Jacquet gegangen war. Unaufhörlich streichelte sie über die Hand ihrer Schwester, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war.
Es hatte einige Zeit gebraucht, ehe sich Joy wieder beruhigt hatte, nachdem sie den ersten Blick auf ihre Schwester geworfen hatte.
Moe sah furchtbar aus. Ihr Gesicht war stark angeschwollen und von Hämatomen übersäht. Über ihrer linken Augenbraue befand sich eine große Platzwunde, und es war noch nicht sicher, ob sie auf ihrem rechten Augen ihre volle Sehkraft jemals wiedererlangen würde.
Ich hatte zwischendurch drei Stunden an Fox Schulter gelehnt geschlafen und trank nun meinen dritten Kaffee.
Ein Blick auf Fox zeigte mir, dass mein Mann mit seinen Kräften beinahe am Ende schien, genauso Joy.
"Fahr ins Motel und schlaf einige Stunden, Fox. Nimm Joy mit. Ich werde hier bleiben und später kannst du mich ablösen. Du wirst sonst noch zusammen brechen." sagte ich sanft und strich ihm zart mit meinen Fingerspitzen über den Unterarm.
Er wandte mir seinen Kopf zu und blickte mich aus roten, müden Augen an. Offenbar dachte er einen Moment über meinen Vorschlag nach und zu meiner größten Überraschung nickte er schließlich.
Langsam und mit steifen Gliedern erhob er sich und beugte sich anschließend zu mir hinunter, um mir einen sanften Kuss auf die Lippen zu geben.
"Joy, komm wir fahren ins Motel. Dana wird uns anrufen, wenn Moe wach wird, und dann kommen wir wieder." wandte er sich schließlich an unsere Tochter.
Diese rang sichtbar mit sich und schüttelte schließlich kaum merklich den Kopf.
"Ich kann sie nicht alleine lassen. Ich möchte hier bleiben." flüsterte sie.
"Joy, ich werde hier sein. Geh und schlaf ein wenig. Moe ist wieder da, und sie lebt. Ich rufe an, sobald sie wach wird und dann kommst du mit Fox her." sagte ich sanft und strich ihr über ihre fahle Wange.
Wiederwillig stand sie auf, warf noch einen kurzen Blick auf ihre Schwester und drückte ihr einen Kuss auf die Hand. Schließlich gab sie auch mir noch einen Kuss und folgte anschließend Fox.
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Nur sehr langsam zog sich der schwarze Nebel der Bewusstlosigkeit von meinem Geist zurück. Und im gleichen Maße, wie er verschwand bohrten sie die Erinnerungen an die letzte Tortour in meine Gedanken.
Auch der Schmerz breitete sich in meinem Körper aus, begann in meinem Unterleib und durchzog den ganzen Körper.
Mit einem unterdrückten Stöhnen und ohne die Augen zu öffnen drehte ich mich auf die Seite, zog meine Beine an meinen Körper und presste meine Arme an meinen Leib.
Eine Hand tastete nach meinem Gesicht, legte sich auf meine Wange und strich leicht einige Haare zurück.
Ich zuckte zurück, doch die Hand wich nicht, blieb zart und sanft auf meiner Wange liegen und liebkoste sie.
"Ssh!" hörte ich eine leise Stimme neben mir flüstern und ich nahm einen schwachen Duft wahr, der Geborgenheit versprach.
Ich zwang vorsichtig meine Augen auf und blickte direkt in das Gesicht von Mom.
"Mom..." Meine Stimme war nur ein Flüstern und ich spürte, wie sich mein Gesicht unter den Tränen, die vor Erleichterung und Schmerz und Angst fielen, verzog.
"Ssht, Moe, ich bin ja da. Niemand wird dir mehr weh tun." flüsterte sie und streichelte mein Gesicht unaufhörlich.
Ein Schluchzen entrang sich meiner Kehle, während ich sie aus beinahe tränenblinden Augen anstarrte.
"Mom!" brachte ich erneut hervor und griff mit einer Hand nach ihr.
Sie war wirklich echt, keine Halluzination, die ich aufgrund des Stoffes hatte, den sie mir immer spritzten, damit ich ruhig war.
"Die haben mir was gespritzt, Mom." brachte ich hervor und streckte ihr meinem Arm entgegen, der mit Einstichstellen übersäht war.
"Ganz ruhig, Schatz. Du bist jetzt in Sicherheit. Du bist im Krankenhaus und es wird alles wieder gut werden." flüsterte sie und ich sah, wie auch ihr Tränen die Wange hinab liefen.
Müde schloss ich meine Augen. Ihre Hand war immer noch an meiner Wange und ich gab mich dem Gefühl der Geborgenheit hin.
Ich zog meinen Arm wieder zurück, drückte ihn erneut in meinen schmerzenden Unterleib und legte meine andere Hand auf die von Mom.
Ich musste sie spüren, musste ihre Haut spüren um sicher sein zu können, dass ich es mir nicht alles nur einbildete.
"Ich habe nach dir und Dad gerufen. Aber ihr wart nicht da." flüsterte ich und hörte, wie Mom leise schluchzte.
"Gott, Moe, es tut mir so leid. Ich wünschte ich hätte dir helfen können. Ich wünschte, ich hätte dir das ersparen können." flüsterte sie und brachte ihr Gesicht in die Nähe von meinem.
"Es war so schrecklich." weinte ich und spürte, wie Mom mich in eine sanfte Umarmung zog. Dankbar wollte ich sie erwidern, doch die Schmerzen nahmen bei jeder Bewegung zu.
Ich stöhnte leise auf und sofort zog Mom sich zurück. Vorsichtig versuchte ich meine Augen erneut zu öffnen, doch es fiel mir genauso schwer, wie schon beim ersten Mal. Das rechte Augen schien beinahe komplett zugeschwollen zu sein, und das, was ich durch den kleinen Spalt den ich öffnen konnte sah, war stark verschwommen.
Ich konnte jedoch erkennen, dass Mom auf die Klingel für die Schwestern drückte und sie warf mir ein kleines Lächeln zu. Immer noch liefen ihr Tränen über ihr Gesicht, doch sie wischte sie nun mit dem Handrücken weg.
"Schatz, ich werde kurz raus gehen und Fox und Joy anrufen. Ich hatte ihnen versprochen, mich sofort zu melden, wenn du wach wirst." sagte sie leise und beugte sich ein wenig näher zu mir hinüber.
Panik stieg in mir auf. Sie wollte gehen, sie wollte ihre Hand von meiner Wange nehmen.
"Nein, Mom bitte, du darfst nicht weg gehen. Bitte lass mich nicht alleine." Ich verstärkte den Griff an ihrer Hand und meine Tränen flossen wieder schneller.
"Moe, ich werde in einer Minute wieder da sein." versprach Mom und streichelte weiter beruhigend über meine Wange.
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Das Klingeln des Handys riss mich aus dem Schlaf. Während ich nach dem Telefon angelte, warf ich einen Blick auf meine Uhr. Es war halb neun. Knappe vier Stunden hatten Joy und ich nun geschlafen.
Mit einem müden Seufzer drückte ich schließlich den Knopf und gebot damit dem schrillen Ton Einhalt.
"Ja?" meldete ich mich mit verschlafener Stimme.
"Fox? Moe ist wach." hörte ich Danas Stimme am anderen Ende der Leitung. Sofort war ich hellwach.
Obwohl Dana vor Freude außer sich sein müsste, hörte sie sich an, als ob sie mit Mühe die Tränen zurück halten müsste.
Ich zwang mich ruhig zu bleiben und tief einzuatmen. Es würde nichts bringen, am Telefon mit ihr darüber zu reden, also musste ich sie nun beruhigen und so schnell es eben ging zu ihr fahren.
"Dana, wir sind in zehn Minuten da, okay?" sagte ich daher einfach.
Joy war ebenfalls wach geworden und saß bereits auf der Bettkante, wo sie in ihre Schuhe schlüpfte. Wir hatten uns beide nicht die Mühe gemacht, unsere Klamotten zum Schlafen auszuziehen und so konnten wir es durchaus in zehn Minuten bis zum Krankenhaus schaffen.
"Ja, bis gleich." hauchte sie und beendete das Gespräch.
Auch ich erhob mich nun vollständig und angelte mit meinen Füßen nach den Schuhen.
"Was ist mit Moe?" wollte Joy mit dünner Stimme wissen.
Ich zuckte die Achseln.
"Sie ist wach, mehr hat Dana nicht gesagt. Wir werden jetzt ins Krankenhaus fahren, und nach ihr sehen." erklärte ich und beobachtete, wie sie vom Bett sprang und auf die Tür zu ging. Rasch streifte sie ihre dicke Winterjacke über und öffnete die Tür.
Ich folgte ihr und zog schließlich die Tür hinter uns ins Schloss. Kurz dachte ich daran, ob Skinner in seinem Zimmer sein würde, und ob ich ihm bescheid sagen sollte, doch verwarf ich den Gedanken sofort wieder. Ich wollte jetzt in die Klink. Dana brauchte mich, und Moe ebenfalls.
Tatsächlich betraten wir zehn Minuten später das Zimmer von Moe. Wir kamen gerade dazu, wie eine Schwester ihr eine Spritze geben wollte, gegen die Schmerzen, nahm ich an. Ich hatte meine Tochter noch niemals so außer sich erlebt. Obwohl sie beinahe umkommen musste, vor lauter Schmerzen, wehrte sie sich aufs härteste gegen die Medikamente.
Dana stand neben ihr und versuchte verzweifelt sie zu beruhigen, doch ich hatte den Eindruck, als wenn die Worte und die zärtlichen Berührungen nicht bis zu Moe durchdrangen. Tränen liefen über das Gesicht unserer Tochter und sie schlug verzweifelt um sich.
Joy, welche verwirrt und ein wenig verängstigt in der Tür stehen geblieben war, zur Seite schiebend, trat ich auf Moe und meine Frau zu.
Mit einem kurzen Kopfnicken Richtung Tür bedeutete ich der Krankenschwester den Raum fürs erste zu verlassen, wobei ich mich fragte, warum sie Moe die Medikamente nicht in ihren Infusionsschlauch gespritzt hatte.
Dankbar warf Dana mir einen Blick zu, während Moe immer noch verzweifelt weinte. Ich beugte mich über Moe und streichelte ihr sanft einige Haare aus ihrem verschwitzen und verweinten Gesicht.
"Ssh, Moe, es ist in Ordnung. Niemand will dir etwas tun." sagte ich sanft und streichelte sie weiter. Auch Dana griff erneut nach ihrer Hand um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Moes Augen fokussierten sich nur langsam auf mich und auch dann, schien sie mich noch nicht wirklich zu erkennen.
"Hey, Schatz. Beruhige dich." flüsterte ich und lächelte sie leicht an.
Immer noch rollten die Tränen ihre Wange hinunter, doch schien sie mich jetzt zu erkennen.
"Dad!" Sie schluchzte laut und hob ihre Hand um meine damit fest zu halten.
"Ja, ich bin hier. Niemand wird dir etwas tun. Es ist alles in Ordnung." redete ich beruhigend auf sie ein.
Sie nickte, warf einen Blick auf Dana und ich sah, dass sie die Hand ihrer Mutter leicht drückte.
Dana hob ihre andere Hand und streichelte ihr sanft über ihre Wange, wobei Moe ihre Augen erschöpft schloss. Zärtlich wischte Dana ihr die Tränen von den Wangen und beugte sich schließlich über sie, um ihr einen leichten Kuss auf die Stirn zu drücken.
Ein wenig ruhiger trat ich einen Schritt zurück und beobachtete, wie Moe sich mit einem Stöhnen auf die Seite drehte, ihre Beine wie ein Embryo an den Körper heran zog und ihre Arme in ihren Unterleib presste.
Nach einem Blick in Danas erschöpftes Gesicht wandte ich mich der Tür zu, wo Joy immer noch mit aufgerissenen Augen stand und ihren Blick auf den Rücken ihrer Schwester heftete.
Ich winkte sie zu uns herüber. Zögerlich ging sie an mir vorbei, auf die andere Seite des Bettes und stellte sich dicht zu Dana, die immer noch, mit einer Hand sanft Moes Wange streichelte.
Joy schien offenbar vollkommen verunsichert. Sie blickte unaufhörlich auf Moe hinab, ohne sie jedoch zu berühren oder sie anzusprechen.
Dana legte ihren freien Arm um Joy und drückte sie fest an sich. Als unsere Tochter aufblickte, sah ich Tränen in ihren Augen schimmern, und obwohl sie offensichtlich krampfhaft versuchte, sie zurück zu halten, gelang es ihr nicht und sie rollten schließlich ihre Wange hinunter.
Ihre Stimme war leise, als sie den Namen ihrer Schwester sagte.
Moe bewegte sich nur wenig, doch als sie Joy erkannte, hörte ich wieder ein leises Schluchzen. Sie nahm eine Hand von ihrem Unterleib und streckte sie ihr entgegen. Auch Joy schluchzte leise und hielt Moe fest.
"Ich hatte so eine Angst um dich!" stieß Joy hervor und beugte sich zu Moe hinunter. Ganz sanft, um ihr nicht noch mehr Schmerzen zu bereiten, als sie sowieso schon hatte.
Dana beugte sich kurz zu den beiden hinunter und gab beiden einen sanften Kuss.
"Wir sind gleich wieder da, okay. Ruf einfach, wenn etwas sein sollte, Joy." hörte ich sie leise sagen und folgte ihr anschließend aus dem Zimmer.
Auf dem Flur angekommen, ließ sich Dana mit einem Seufzer gegen die Wand sinken.
Ich blickte sie aufmerksam an, sah, wie sie ihre Augen schloss, ihre Unterlippe in ihren Mund zog und fest darauf biss und sich anschließend in einer verzweifelten Geste mit beiden Händen durch die Haare fuhr.
Ich streckte meine Arme aus, griff nach ihren Schultern und zog sie ohne ein Wort zu sagen an meine Brust. Sofort schlang auch sie ihre Arme um meinen Körper und ein unterdrücktes Schluchzen verließ ihre Kehle.
Ich ließ sie weinen, fragte nicht, was geschehen war, wusste ich doch, dass sie es mir erzählen würde, sobald sie sich wieder beruhigt hatte.
Es dauerte jedoch einige Zeit, ehe sie sich wieder soweit gefangen hatte, dass sie mir erzählen konnte, was sich eben abgespielt hatte und auch dann kam es nur sehr zögerlich aus ihr heraus und ohne sich aus meiner Umarmung zu lösen. Sie hatte ihre Stirn an meine Brust gelegt, sah mich also nicht an.
"Die haben ihr Drogen gespritzt, um sie ruhig zu stellen." wimmerte sie und ich hielt sie fester.
"Weißt du, was für Drogen?" hörte ich meine Stimme.
Sie schüttelte den Kopf.
"Ich habe noch nicht mit dem Arzt gesprochen, aber Moes Arm ist übersäht mit Einstichen. Sie hat sich geweigert, dass wir ihr Schmerzmedikamente spritzten. Gott, ich habe sie noch nie so ängstlich und verzweifelt erlebt. Sie war nicht mehr ansprechbar, hat nur noch geschrieen und wild um sich geschlagen." seufzte meine Frau.
Ich nickte, wusste, dass sie es am Rascheln des Stoffes hören würde.
"Warum hat die Schwester es nicht in den Schlauch der Infusion gespritzt?" erkundigte ich mich.
"Moe hat sich die Nadel rausgezogen, als sie anfing auszurasten." gab Dana mir die Antwort.
"Wir müssen mit Moe darüber reden. Sie sollte diese Schmerzen nicht die ganze Zeit aushalten. Und wir müssen mit dem Arzt reden. Die müssen herausfinden, was für Drogen die Moe gespritzt haben." überlegte ich laut.
Dana nickte und zog sich schließlich zurück.
Mit geröteten Augen blickte sie zu mir hinauf und ich strich ihr sanft einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und schob sie ihr hinter das Ohr.
"Ich gehe und suche Dr. Jacquet. Willst du alleine mit Moe reden, oder soll ich dazu kommen?" sagte sie nach einem Moment des Schweigens.
"Lass uns gemeinsam mit ihr reden." erwiderte ich und sie nickte erneut.
"Gut, ich komme gleich zu euch." murmelte sie und drehte sich um. Ich blickte ihr nach, während ich eine Hand bereits auf die Türklinke zu Moes Zimmer gelegt hatte.
XOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOXOX
Ich fand den Arzt, nach einigem Suchen und nach verschiedenen Auskünften von eilig herum laufenden Schwestern, in seinem Büro.
Er bat mich einzutreten, nachdem ich vorsichtig nach einem leisen Klopfen die Tür geöffnet und meinen Kopf hineingestreckt hatte.
"Mrs. Mulder. Was kann ich für sie tun?" erkundigte er sich mit einem freundlichen Lächeln. Er erhob sich leicht und reichte mir eine Hand, die ich höflich ergriff.
"Haben Sie meiner Tochter Blut abgenommen, Dr.?" kam ich sofort zur Sache. Er bedeutete mir mit einer Geste, Platz zu nehmen, was ich schließlich tat.
"Ja, das haben wir in der Tat. Das ist eine Standartprozedur, wenn jemand hier eingeliefert wird und nicht bei Bewusstsein ist. Wieso fragen sie?" antwortete er.
Ich nickte, wusste natürlich, dass ihr Blut abgenommen worden war, genauso wie sie sicher gewaschen worden war, nach der OP.
"Meine Tochter hat Einstichstellen in ihren Armen. Ihr wurde etwas gespritzt, von diesen Männern. Ich nehme an, es waren Drogen. Es wäre sehr wichtig zu wissen, welche Drogen. Wurde das Blut schon untersucht?" erklärte ich.
"Ja, ich sah die Einstichstellen. Warten Sie, ich rufe im Labor an, dann erfahren wir vielleicht näheres." Er griff nach dem Hörer seines Telfons und wählte rasch eine Nummer.
Der kurzen Unterhaltung, die nach wenigen Sekunden entstand, entnahm ich, dass die Untersuchung bereits durchgeführt worden war, und dass Dr. Jacquet die Ergebnisse mitgeteilt wurden. Der Arzt runzelte die Stirn, während er dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung lauschte.
"Die Untersuchungen sind bereits abgeschlossen." erklärte er, nachdem er den Hörer wieder auf das Telefon gelegt hatte. Ich nickte still.
"Laut den Kollegen im Labor, handelt es sich bei der Droge, die ihrer Tochter verabreicht wurde um Heroin. Wie sie vielleicht wissen, mischen Dealer noch andere Stoffe mit unter die Droge, damit die Kunden schneller süchtig werden, häufiger Nachschub brauchen und so weiter. Im Labor konnte so ein Stoff herausgefiltert werden, was bedeutet, dass Moe mit großer Wahrscheinlichkeit bereits eine Abhängigkeit entwickelt hat." erklärte er.
Wieder nickte ich, während ich entsetzt meine Augen schloss.
Natürlich war mir klar, was das bedeutete. Und ich wusste, dass es besonders für Moe sehr schlimm war.
Sie hatte aufgrund ihrer Vergangenheit und ihrer Herkunft eine starke Abneigung gegen alle Substanzen, die süchtig machen konnten. Nicht nur gegen Heroin, Opium oder Morphium, auch gegen Nikotin und Alkohol.
Und sie war besonders anfällig, für diese Drogen.
Moe war bereits süchtig auf die Welt gekommen, da ihre Mutter Heroinabhängig war. Offenbar hatte sie auch kein Geld, um Nahrung für Moe zu kaufen, und so stillte sie das Kind bis sie sie schließlich mit fast zwei Jahren ins Heim gab. Da Moe durch die Muttermilch weiterhin das Heroin aufgenommen hatte, machte sie in den ersten Wochen im Heim einen schlimmen Entzug mit. Ich erinnerte mich noch sehr gut, wie abgemagert dieses kleine niedliche Mädchen damals war. Und wie sehr sie unter den Entzugserscheinungen gelitten hatte. Sie lag in einem kleinen Bettchen, ihre Augen waren weit aufgerissen, doch nahm sie ihre Umgebung nicht wahr und sie zitterte am ganzen Leib.
Es war schrecklich, es mit ansehen zu müssen.
Und gerade durch diese Abhängigkeit von damals, reichte schon ein einmaliger Kontakt mit diesen Drogen, um die Sucht erneut aufkommen zu lassen.
"Sehen sie, es wird eine harte Zeit auf sie und ihre Familie zukommen, denn wir müssen ihre Tochter in den Entzug nehmen. Das bedeutet natürlich auch, dass sie keine Schmerz- oder Beruhigungsmittel bekommen kann, da es sonst eine sogenannte Suchtverlagerung geben kann." riss mich die Stimme des Arztes wieder in die Gegenwart.
Entsetzt schüttelte ich den Kopf.
"Nein." erwiderte ich fest und blickte ihn offen an.
Erstaunt zog Dr. Jacquet seine Stirn in Falten und sah mich an.
"Wie bitte?" brachte er nach einem Moment heraus.
"Ich werde Moe nicht jetzt einen kalten Entzug durchmachen lassen. Geben sie ihr Methadon. Sie wissen selber, dass meine Tochter starke Schmerzen hat und nicht auf Schmerzmittel verzichten kann. Ich möchte, dass sie gesund wird, nicht, dass sie sich noch weiter quälen muss. Außerdem lassen ihre Verletzungen keinen derartigen Stress zu." argumentierte ich.
Das Erstaunen auf Dr. Jacquets Gesicht wurde noch größer.
"Darf ich fragen, wie sie dazu kommen, meine Behandlungsmethode in Frage zu stellen?" wollte er mit leicht erhobener Stimme wissen.
"Ich bin selber Ärztin, kann mir also durchaus ein Urteil bilden." gab ich zurück und erhob mich.
"Wenn sie mich jetzt Entschuldigen möchten, ich muss zurück zu meiner Tochter. Ich denke, sie braucht mich."
Der Arzt nickte ohne noch etwas zu sagen und blickte mir mit gerunzelter Stirn nach, als ich das Büro verließ.
Er wusste, das ich recht hatte, doch Ärzte neigten dazu, sich sofort persönlich angegriffen zu fühlen, wenn jemand nicht ihrer Meinung war.
Mir war klar, dass er sich beruhigen und mir im Nachhinein zustimmen würde. Im Grunde war er vermutlich nur sauer, dass nicht er es war, der Methadon als vorläufige Behandlung vorgeschlagen hatte.
Als ich vor Moes Zimmer stand, atmete ich noch einmal tief durch.
Ich würde ihr die Wahrheit nicht vorenthalten, doch es würde verdammt schwer werden, ihr diese zu sagen. Heroin, ihre schweren Verletzungen und die Tatsache, dass sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Würde sie damit klar kommen? Musste sie das alles jetzt schon erfahren, oder sollten wir später mit ihr darüber reden?
Ich seufzte leise und betrat schließlich ihr Zimmer.
Moe lag immer noch in Embryonalstellung im Bett. Joy saß auf einem Stuhl dicht bei ihr und hielt ihre Hand. Ich konnte sehen, wie sie ihre Schwester ganz leicht mit ihrem Daumen streichelte.
Fox stand am Fußende des Bettes und beobachtete die beiden Still. Ich konnte eine gewisse Qual auf seinem Gesicht entdecken, die ich erst verstand als ich das Bett umrundete und in Moes Gesicht blicken konnte.
Tränen liefen aus ihren geschlossenen Augen, doch sie gab keinen Laut von sich, ihr Rücken zuckte nicht unter Schluchzern. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und nichts was sie gesagt oder getan hätte, hätte ihre Hilflosigkeit, die sie in den letzten Tagen empfunden haben musste, deutlicher machen können.
Ich atmete tief ein und warf Joy ein kleines Lächeln zu. Auch in ihrem Gesicht konnte ich den Schmerz erkennen, den Moes Verhalten in ihr auslöste. Joy blickte hilflos zu mir auf und ich bedeutete ihr, mit Fox einen Moment vor die Tür zu gehen.
Ich wusste, eigentlich wollte Fox mit ihr reden, doch hatte ich nicht das Gefühl, als wäre er diesem Gespräch jetzt gewachsen.
Als Joy Fox ein Zeichen gab, mit ihr nach draußen zu gehen, warf er mir einen kurzen Blick zu. Ich erwiderte ihn und er nickte mir mit dankbarem Gesichtsausdruck zu.
Nachdem die Tür sich geschlossen hatte, hockte ich mich langsam neben unsere Tochter, so dass unsere Gesichter nun dicht voreinander waren. Sanft legte ich ihr eine Hand auf die Wange und streichelte mit meinem Daumen zart darüber.
Moe regte sich nicht, auch ihre Tränen stoppten nicht und ich war mir nicht sicher, ob sie wach war, oder ob sie schlief.
"Moe?" sprach ich sie leise an und nach einem kurzen Moment öffnete sich ihr linkes Auge. Ihr rechtes Augenlid hob sich nur ein winziges Stücken, mehr ließ die Schwellung nicht zu und schloss sich sofort wieder.
Auch das linke Auge klappte nach wenigen Sekunden wieder zu, doch reichte dieser kurze Moment um die ganze Qual, die sie empfand, in ihrem Blick lesen zu können.
"Schatz, sieh mich an." bat ich mit ruhiger Stimme und sie zwang unter größter Anstrengung ihr nicht geschwollenes Auge auf.
"So ist es gut." Ich schenkte ihr ein Lächeln, was sie jedoch nicht erwiderte.
"Moe, ich möchte dass du mir jetzt zuhörst. Meinst du, du schaffst das?" fragte ich sanft. Sie nickte leicht. Keine große Bewegung, doch ich konnte sie unter meiner Hand spüren.
"Ich habe vorhin mit dem Arzt gesprochen. Wir wissen jetzt, was diese Männer dir gespritzt haben." begann ich und sie biss sich bei dem Gedanken an die letzten Tage auf ihre Unterlippe.
"Du weißt das du hier in Sicherheit bist, nicht wahr? Niemand wird dir hier etwas tun, und wir werden dich nicht alleine lassen. Es wird rund um die Uhr jemand hier sein, entweder Fox oder ich. In Ordnung?" flüsterte ich ihr zu.
Wieder nickte sie, schloss kurz ihre Augen und flüsterte ein leises danke.
Ich lächelte ihr wieder zu, als sie ihre Augen öffnete.
"Moe, diese Männer haben dir sehr weh getan. Sie haben dich schwer verletzt, und um gesund zu werden, musst du unbedingt einige Medikamente bekommen. Schmerzmittel zum Beispiel." fuhr ich fort.
Sie schüttelte entschieden den Kopf.
"Nein, Mom bitte, ich will keine Sachen gespritzt bekommen." Wieder konnte ich in ihrer Stimme diese Verzweiflung erkennen.
"Moe, du hast starke Schmerzen. So kannst du nicht gesund werden." erklärte ich geduldig.
"Was war es, was mir diese Männer gespritzt haben?" wechselte sie unvermittelt das Thema. Ihre Stimme war lediglich ein Flüstern und demonstrierte ihre Schwäche und die Schmerzen, die sie hatte.
Nun war es an mir, kurz meine Augen zu schließen und ich schluckte trocken.
Ich hatte gehofft, dieses Thema umgehen zu können, doch war mir klar, dass ich Moe die Wahrheit sagen musste.
"Es war Heroin, Moe." gab ich leise zu.
Ein trockenes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und sie schloss ihre Augen wieder.
"Moe, sieh mich an." forderte ich sie erneut auf und auch jetzt kam sie meiner Bitte nach.
"Ich weiß, wie schrecklich das für dich ist, doch es ist im Moment nicht möglich, dass du keine Medikamente bekommst. Du weißt, dass du, wenn du einen Entzug machst, keine anderen Medikamente nehmen kannst, nicht wahr?" Ich versuchte, ihr den Weg zu zeigen, in dem ich sie selber die Antworten auf meine Fragen geben ließ. Sie hatte sich sehr genau mit dem Thema Drogen und Entzug auseinander gesetzt und sie wusste, dass ich recht hatte. Und Moe war manchmal genau wie ich. Nur wenn sie selber den einzig logischen Schluss gezogen hatte, konnte sie den Weg akzeptieren, den sie gehen musste.
"Ja, ich weiß." sagte sie leise und nickte wieder in einer kleinen Bewegung.
"Du musst aber im Moment einige Medikamente bekommen." fuhr ich fort.
"Das heißt, ich kann jetzt keinen Entzug machen." schlussfolgerte sie.
Ich nickte und streichelte wieder ihre Wange.
"Wir werden dir Methadon geben. Und natürlich die Schmerzmittel." erklärte ich.
Dieses Mal nickte sie und ihre Augen schlossen sich wieder.
"Wann werde ich in den Entzug gehen?" wollte sie wissen. Es schien, als wenn ihr dieser Punkt sehr wichtig war.
"Wir werden das zu Hause machen, sobald du wieder auf den Beinen bist." versprach ich ihr.
Langsam öffnete sie ihre Augen und blickte mich dankbar an, doch siegte nach kurzer Zeit die Müdigkeit und ihre Augen schlossen sich wieder.
"Kannst du mir die Spritzen geben, Mom? Ich...." Sie stockte kurz und ich sah, dass eine einzelne Träne ihre Wange hinunter lief. "...ich will nicht, dass das jemand anderes macht." flüsterte sie und ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Trauer.
Ich langte nach ihrer Hand, ergriff sie und führte sie sanft an meine Lippen. Zart strich mein Mund über ihre Finger.
"Sicher, Moe." antwortete ich nach einem kurzen Moment.
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18. November
Radville, Kanada
Moe lag nun bereits seit einer Woche im Krankenhaus. Sie erholte sich nur langsam von ihren schweren Verletzungen, von denen wir ihr erst vor wenigen Tagen erzählt hatten, welches Ausmaß diese wirklich hatten.
Emotional jedoch war sie immer noch sehr labil. Sie weinte häufig ohne irgendein Geräusch von sich zu geben und sie sprach nur wenig.
Obwohl ich es war, die ihr ihre Medikamente verabreichte, kam es dennoch vor, dass sie wild schreiend um sich schlug und wir sie nur gemeinsam mit beruhigenden Worten und sanften Berührungen beruhigen konnten.
Nach wie vor, wechselten Fox und ich uns Nachts ab, bei ihr zu bleiben, die Tage verbrachten wir alle bei ihr.
Zu unserer großen Freude, konnte Joy zumindest wieder schlafen. Moe hatte ihr versichert, dass sie nichts hätte tun können, um die Männer aufzuhalten und ihrer Schwester hatte Joy dies geglaubt.
Auch Walter kam regelmäßig mehrmals am Tag und sah nach Moe, doch war ich mir ziemlich sicher, dass er nicht nur nach Moe sehen wollte, sondern auch nach uns.
Ich hatte das Gefühl, als wenn ihm durchaus klar war, wie traumatisiert wir durch diese Sache waren. Vielleicht war es ihm klarer, als uns.
Moe hatte mit uns noch nicht über das, was ihr in dieser Woche wiederfahren war gesprochen und ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich sie voller Sorge musterte, wenn sie still und blass in ihrem Bett lag, die Augen zwar geöffnet, doch mit ihren Gedanken weit weg.
Es musste etwas geschehen, da waren Fox und ich uns einig.
Die Tür öffnete sich langsam, beinahe zögerlich und das Gesicht einer Frau erschien in dem Türspalt.
"Entschuldigung, ich suche Moesha Mulder." Die Stimme der Frau war freundlich und sanft. Fox erhob sich und trat auf die Tür zu.
"Kommen Sie rein. Sind Sie Dr. Lang?" erkundigte er sich und hielt ihr seine Hand hin, nachdem die Dame genickt hatte.
"Ja, die bin ich. Haben wir telefoniert?" Sie nahm seine Hand und schüttelte sie kurz.
"Ja, haben wir. Darf ich ihnen Moe vorstellen?" Mein Mann deutete auf unsere Tochter, die die Szene mit deutlichem Unbehagen beobachtet hatte.
Dr. Lang reichte erst ihr, dann Joy und zum Schluss auch mir die Hand.
Anschließend betrachtete sie Moe einen kurzen Moment und legte schließlich ihren Kopf schief. Moe warf mir einen beinahe ängstlichen Blick zu und ich griff rasch nach ihrer Hand.
"Also gut. Du bist also Moesha." sagte Dr. Lang nach einem weiteren Moment, in dem sie meine Geste beobachtet hatte.
"Moe. Sagen Sie einfach Moe, Moesha heiße ich nur auf dem Papier." hörte ich meine Tochter leise sagen. Dr. Lang nickte und lächelte.
"Moe...." Sie sagte den Namen bedeutungsschwer. "Klingt auch viel besser." grinste sie schließlich.
"Mein Name ist Danielle. Dein Dad hat mich angerufen und mich gebeten, mit dir zu reden. Ich bin Psychologin. Genauer gesagt Kinder- und Jugendpsychologin. Dein Dad hat mir kurz geschildert, was dir passiert ist, aber eben nur sehr oberflächlich. Ich arbeite häufig mit Mädchen, aber auch mit Jungen, denen etwas ähnliches geschehen ist wie dir." Dr. Lang sprach ruhig mit Moe und machte einen ernsten, jedoch freundlichen Eindruck. Dennoch konnte ich Moes abwehrende Haltung deutlich erkennen, obwohl ihr Gesichtsausdruck für die meisten anderen Menschen sicher neutral gewesen wäre.
"Ich möchte nicht darüber reden, was passiert ist. Ich möchte das alles vergessen." brachte unsere Tochter hervor und ich sah, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten.
Dr. Lang nickte verständnisvoll.
"Das ist ganz normal, Moe. Alle Mädchen, mit denen ich arbeite, wollen die Geschehnisse einfach vergessen, doch ich kann dir versichern, dass geht nicht. Du wirst nicht vergessen, aber du wirst lernen, mit den Erinnerungen zu leben. Allerdings musst du dich dazu den Erinnerungen stellen, du musst darüber reden." erklärte sie geduldig.
Ich war absolut begeistert von dieser Frau. Die Art, wie sie mit Moe umging, wie sie mit ihr sprach, zeugte sowohl von fachlicher Kompetenz, als auch von ihrer persönlichen Qualifikation.
Moe schloss kurz ihre Augen und drehte ihren Kopf anschließend zum Fenster.
"Schatz, Dr. Lang ist hier, um dir zu helfen." redete ich ruhig auf sie ein.
"Ich kann das nicht Mom." Nun kullerten die Tränen aus ihren Augen und fielen auf das Kopfkissen.
"Irgendwann musst du darüber reden, Moe. Erinnerst du dich an letztes Jahr?" erinnerte ich sie an den letzten Sommer.
Sie nickte abgehakt und sah mich mit ihren großen dunkelbraunen Augen an. Ich konnte die Panik in ihnen sehen, die sie in diesem Moment empfand.
"Ich habe auch über das gesprochen, was mir in dem Gefängnis wiederfahren ist. Es tat verdammt weh, wieder an diesen Ort zurück zu gehen, und sei es auch nur in Gedanken, aber es ist wichtig. Und irgendwann werden wir auch deine Aussage brauchen, damit die Männer, die dir so weh getan haben, gefasst werden können." erklärte ich ruhig.
Moe schloss kurz ihre Augen und ich wusste, sie dachte über das nach, was ich ihr gerade gesagt hatte.
"Moe, möchtest du, dass deine Eltern dich mit mir alleine reden lassen. Sollen sie vor der Tür warten?" erkundigte sich Dr. Lang, nachdem Moe mit einem kleinen Nicken ihr Einverständnis gegeben hatte.
Sofort flogen die Augen unserer Tochter auf und weiteten sich in Verzweiflung und Angst. Ihr Griff um meine Hand verstärkte sich und sie blickte mich Hilfesuchend an.
Ich erwiderte den Blick, doch kam ich ihr in diesem Punkt nicht zu Hilfe. Sie musste selber sagen was sie wollte, nicht in eine Abhängigkeit von Fox und mir geraten.
Offensichtlich verstand sie meine Haltung, denn sie blickte schließlich Dr. Lang an.
"Nein, Mom soll hier bleiben." flüsterte sie mit rauer Stimme und Dr. Lang schenkte ihr ein Lächeln und nickte.
"Also gut. Mr. Mulder, würden sie und ihre Tochter dann so lange draußen warten?" wandte sie sich an Fox und dieser nickte nach einem kurzen Blick in mein Gesicht.
Ich konnte eine gewisse Dankbarkeit in seinen Augen erkennen, dass nicht er es war, den Moe hier haben wollte, doch erkannte ich trotzdem die stumme Frage, ob ich klar kommen würde, ob ich dem hier gewachsen war.
Ich war mir nicht sicher, ob ich dem, was nun folgen würde wirklich gewachsen war, denn ich wusste sehr wohl, dass es verdammt hart werden würde, nicht nur für Moe, sondern auch für mich.
Zu hören, was genau diese Männer mit meinem kleinen Mädchen gemacht hatten und gleichzeitig für sie stark zu bleiben, war eine sehr schwere Aufgabe.
Dennoch nickte ich ihm in einer beinahe nicht wahrnehmbaren Bewegung zu.
Joy beugte sich noch einmal zu Moe herunter und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, ehe sie Fox auf den Flur folgte.
Dr. Lang sah sich einen Moment lang in dem nun doch deutlich leerer gewordenen Zimmer um und zog sich schließlich einen Stuhl an die Seite des Bettes. Sie saß nun auf der Seite, die der Tür zugewandt war, während ich selber an der anderen Seite neben Moe saß.
Noch immer umklammerte unsere Tochter meine Hand und ich strich ihr beruhigend einige Haare aus der Stirn.
"Okay." begann Dr. Lang schließlich, nachdem sie sich gesetzt hatte und betrachtete Moes blasses Gesicht.
"Wir fangen am besten ganz langsam an. Kannst du mir sagen, an was du dich erinnerst, Moe?" wollte sie wissen.
Der Griff um meine Hand festigte sich noch, soweit dies überhaupt möglich war.
"Ich..." Meine Tochter schluckte hart "...ich kann mich an alles erinnern, zumindest in der Zeit, wo ich klar war. Aber die haben mir immer hinterher Drogen gespritzt, ich nehme an, sie wollten, dass wir ruhig waren."
"Wer ist wir, Moe?" erkundigte Dr. Lang sich.
"Da waren noch andere Mädchen." erklärte Moe nach einem kurzen Moment.
"Weißt du, was das für Mädchen waren?" tastete sich Dr. Lang langsam vor, doch Moe schüttelte den Kopf.
"Ich kenne ihre Namen nicht. Es wurden niemals Namen genannt, und wenn wir es wagten zu reden, dann...." Sie stockte kurz und ich konnte die Qualen, die sie bei den Erinnerungen empfand deutlich in ihrem Gesicht sehen. "…wurden wir geschlagen." beendete sie den Satz.
"Also gut. Du sagst, du kannst dich an alles erinnern. Kannst du dich erinnern, wie du in dieses Haus gekommen bist? Was geschah mit dir, nachdem diese Männer dich in das Auto gezogen hatten?" Danielle wandte ihren Blick nicht von Moe ab, beobachtete die Reaktionen unserer Tochter genau.
Moe schüttelte zaghaft den Kopf.
"Die Männer haben mir in dem Auto ein Tuch vor meinen Mund und meine Nase gehalten. Ich habe versucht, meine Luft anzuhalten, und dieses stinkende Zeug, was auf dem Lappen war nicht einzuatmen, aber irgendwann musste ich doch Luft holen und dann weiß ich nichts mehr. Ich bin erst wieder aufgewacht, als ich in diesem Raum war. Es war ziemlich dunkel da drin, aber ich konnte die anderen Mädchen sehen. Die waren alle nackt. Ich habe nach Dad gerufen und geweint. Ich hatte furchtbare Angst. Die anderen Mädchen haben gar nicht reagiert, die haben nur alle auf diesen dreckigen Matratzen gelegen und vor sich hingestiert. Ich nehme an, dass die vollgepumpt waren mit Drogen. Dann kam ein Mann rein, der hat mich getreten und mich angeschrieen, dass ich ruhig sein sollte." Moe biss sich auf ihre Lippe und versuchte krampfhaft die Tränen zurück zu halten. Für den Augenblick schien es ihr zu gelingen.
Dr. Lang schaute sie mitfühlend an.
"Er hat dich getreten. Du hattest Schmerzen. Warst du anschließend ruhig?" fasste sie kurz zusammen. Moe nickte einfach.
"Ja, ich hatte Angst, dass er mich weiter treten würde." gestand sie.
"Das ist vollkommen nachvollziehbar. Moe es ist ganz wichtig, dass du dich nicht rechtfertigst. Nichts was dir angetan wurde, ist deine Schuld. *Du* bist das Opfer. Diese Männer, die dir weh getan haben und dir schlimme Dinge angetan haben, sind abgrundtief böse. Ist dir das klar?" lenkte Danielle ein.
Moe senkte den Blick und starrte auf ihre Hand, die auf der Bettdecke lag und dort nervöse Kreise zog.
Schließlich nickte sie leicht. Danielle beließ es dabei, obwohl ich nicht sicher war, ob es Moe tatsächlich so klar war. Diese Erkenntnis erschreckte mich. Wieso war mir der Gedanke, dass Moe sich schuldig fühlte, nicht eher gekommen. Ich hätte es merken und mit ihr darüber sprechen müssen.
"Moe, sieh mich an." bat ich sie kurzerhand. Dr. Lang warf mir einen verwunderten Blick zu, doch ich ignorierte ihn.
Moe hob ihren Blick und sah mich an.
"Du weißt, dass es nicht deine Schuld war, nicht wahr?" wollte ich wissen. Sie zuckte ihre Achseln ganz leicht, nur soweit, wie ihr gebrochenes Schlüsselbein eine solche Bewegung zuließ.
"Schatz, diese Männer haben dich entführt, sie waren stärker und größer als du. Und auch wenn *du* etwas getan hast, was sie von dir verlangt haben, dann deshalb, weil du Angst um dein Leben hattest. Es war *nicht* deine Schuld, dass dir das passiert ist." sagte ich eindringlich.
Wieder senkte sie ihren Blick und ich hatte das Gefühl, als wenn ich innerlich sterben würde.
Langsam beugte ich mich zu ihr rüber und legte meine Stirn an ihre Schläfe.
"Gott, Moe, gib dir nicht die Schuld, bitte. Du konntest nichts tun, um irgendetwas davon zu verhindern." flüsterte ich leise und streichelte sie sanft.
Ein trockenes Aufschluchzen war schließlich die Reaktion von Moe und ich zog sie kurz in eine sanfte Umarmung, und strich ihr beruhigend über den Rücken.
Sie löste sich nach einem Moment wieder von mir und wandte sich Dr. Lang zu.
"Kannst du mir erzählen, was dann geschah?" wollte die Frau wissen und Moe schluckte erneut trocken.
"Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen hatte. Irgendwann wurde die Tür aufgerissen und ein anderer Mann kam rein. Er kam auf mich zu und ich versuchte mich ganz klein zu machen. Ich dachte, wenn ich mich ganz klein zusammen rolle, dann geht er vielleicht wieder und lässt mich in Ruhe. Aber er ist nicht wieder gegangen. Er hat mich am Arm gefasst und hoch gezogen und dann hat er mir ein Tuch über die Augen gebunden, so dass ich nichts sehen konnte. Und dann hat er mich mit sich gezogen.
Irgendwann hat er mich auf den Boden geworfen. Ich hab versucht weg zu kriechen, aber ich konnte ja nichts sehen und dann war ich an der Wand. Ich hörte, dass jemand gelacht hat und dann hat er mich gepackt und mich auf den Bauch gedreht. Ich hab geschrieen, und versucht weg zu kriechen, aber er hat sich auf meine Beine gesetzt und meine Hände auf meinem Rücken festgebunden." Moe stockte und ich musste mich beherrschen, dass mir nicht ein Stöhnen entwich. Ich hielt weiterhin ihre Hand fest, streichelte sie behutsam und schloss kurz entsetzt die Augen, bei dem Gedanken an die Angst, die meine Tochter empfunden haben musste.
"Er hat...." begann sie und ich hörte, wie ihre Stimme zitterte. "....er hat mir meine Kleider ausgezogen und mich am ganzen Körper angefasst. Und er hat dabei gestöhnt, und irgendwann hat er meine Beine auseinander gedrückt, als ich ganz nackt war, und dann hat er irgendetwas in mich rein gesteckt." Moe weinte, stille Tränen, ohne irgendwelche Schluchzer, ohne sich verzweifelt an meinen Hals zu werfen und ich wusste, ich war in der Hölle.
"Ich habe geweint, und geschrieen, und ich habe nach Mom gerufen und nach Dad und irgendwann sogar nach Walter, aber...." Sie wischte sich mit ihrem Handrücken über die Wange, in dem Versuch, die Tränen zu entfernen, doch kamen sofort neue nach. "…aber es ist niemand gekommen. Der Mann stöhnte immer lauter und hat dieses Ding irgendwann aus mir raus gezogen und mich auf den Rücken gedreht. Und dann ist er in mich eingedrungen. Gott,…." Wieder stockte sie kurz und ich drückte sanft ihre Hand, doch sie reagierte nicht darauf. "…es hat so verdammt weh getan." Nun schluchzte sie laut auf und blickte mich mit ihren tränenblinden Augen verzweifelt und hilfesuchend an.
Ich nahm sie in die Arme und wiegte sie vorsichtig hin und her, in dem Versuch, ihr Trost zu spenden.
Moe erzählte beinahe eine Stunde von ihrer Tortour. Es war alles ähnlich wie bei diesem ersten Mal, manchmal verlangten die Männer auch, dass sie sie Oral befriedigte, was sie aus Angst um ihr Leben auch getan hatte. Einige Männer banden sie irgendwo an, um sie vollkommen hilflos zu sehen. Zwischendurch wurde sie immer in diesen dunklen Raum gebracht, bekam Drogen gespritzt und dämmerte vor sich hin.
Einige Männer waren so brutal, dass sie sie vorher traten oder schlugen und sie das Bewusstsein verlor, wofür ich dem Herrgott dankte, denn so blieb ihr das schlimmste von diesen brutalen Widerlingen erspart.
Dr. Lang beobachtete Moe die ganze Zeit und machte mehr als einmal Anstalten, die Sitzung zu unterbrechen und an einem anderen Tag fortzusetzen. Doch so sehr sich unsere Tochter zu Beginn gewehrt hatte, darüber zu reden, diese schlimmen Tage erneut zu erleben, und sei es auch nur in ihrer Erinnerung, ließ sie sich nicht stoppen, als sie einmal angefangen hatte, darüber zu reden. Sie stockte immer zwischendurch, suchte Trost in meinen Armen, wenn die Erinnerungen zu schlimm wurden, und sie weinte die meiste Zeit heftig, doch war es beinahe, als wenn durch die anfänglichen Fragen der Psychologin ein Ventil geöffnet worden war, welches nun nicht mehr geschlossen werden konnte, und so erzählte sie alles vom Anfang bis zum Ende.
Ich schaffte es, für unsere Tochter stark zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen oder fluchtartig den Raum zu verlassen um der nächsten Toilette meinen Mageninhalt anzuvertrauen, doch brauchte ich dafür meine gesamte Willenskraft. Ich wusste, ich war vollkommen bleich im Gesicht und meine Kiefermuskeln traten sicherlich hart hervor, da ich meine Zähne fest aufeinander biss. Gott, Moe hatte definitiv die Hölle erlebt.
Nun war sie am Ende ihrer Erzählung angekommen, noch immer rannen Tränen ihre Wange hinunter und sie lehnte ihren Kopf erschöpft zurück. Dennoch hielt sie meine Hand umklammert, als wenn diese ein Rettungsring wäre, der ihr mitten im Ozean das Leben retten würde.
Dr. Lang sah mich mitfühlend, und ein wenig blass im Gesicht an. Ich war mir sicher, sie hatte schon viel gehört, doch das was unsere Tochter in dieser einen Woche erleben musste, schien selbst ihre schlimmsten Erfahrungen zu übertreffen.
Sie erhob sich nach einem kurzen Moment des Schweigens und beugte sich über Moe.
"Moe, ich möchte das du weißt, dass ich dich für ein unglaublich tapferes junges Mädchen halte. Ich bin wirklich sehr beeindruckt, dass du mir das gerade alles geschildert hast. Ich denke, ich werde jetzt gehen und nächste Woche wiederkommen, damit wir überlegen können, was du brauchst, um wieder ein normales Leben führen zu können. Ruh dich jetzt aus, ja." Ihre Stimme war sanft und ruhig und Moe nickte müde.
Die Psychologin nahm ihre Tasche und verließ nach einem letzten Blick auf Moe das Zimmer. Ich klingelte nach der Schwester, damit ich Moe etwas zur Beruhigung geben konnte. Sie musste jetzt unbedingt ausruhen, schlaf finden.
Die Schwester kam schon nach wenigen Minuten und, als wenn sie geahnt hätte, wonach ich fragen wollte, reichte sie mir wortlos die Spritze. Ich stach die Nadel in den Infusionsschlauch und konnte schon kurze Zeit später beobachten, wie Moes Augen begannen zuzufallen, sie ruhiger wurde, die Tränen versiegten und sie schließlich einschlief.
Ich ließ meinen Blick auf ihrer dünnen Gestalt ruhen und fragte mich, ob Moe jemals in der Lage sein würde, trotz dieser Erfahrungen ein normales Leben zu führen.
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Leise öffnete ich die Tür zu Moes Zimmer und steckte meinen Kopf herein. Joy drängelte sich sofort an mir vorbei und blieb schließlich neben Dana stehen. Ihr Blick wanderte von der schlafenden Moe zu ihrer Mutter und wieder zurück.
Auch ich musterte Dana ununterbrochen und ich konnte sehen, dass sie am Ende ihrer Kräfte war.
"Sie ist gerade eingeschlafen. Würdest du dich zu ihr setzen? Ich würde gerne einen Moment mit Fox auf den Flur gehen, meinst du das ist in Ordnung?" hörte ich Dana Joy leise fragen.
Unsere Tochter nickte und setzte sich sofort auf den Stuhl, den Dana frei machte, als sie aufstand.
"Halt einfach ihre Hand und wenn sie wach wird, dann komm und sag uns sofort bescheid, ja." gab meine Frau Joy letzte Anweisungen und kam langsam auf die Tür zu.
Ich empfing sie, legte ihr meine führende und tröstende Hand auf den Rücken und schob sie sanft auf den Flur.
Kaum, dass die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war, drehte Dana sich zu mir herum und lehnte sich an meine Brust. Ihre sorgfältig aufrechterhaltene Fassade brach und sie schluchzte laut und verzweifelt auf. Sanft legte ich meine Arme um ihren bebenden Körper und streichelte über ihren Rücken. Sie weinte lange und bitterlich.
Das, was Moe erzählt hatte, hatte sie offenbar bis auf die Knochen erschüttert, doch sie hatte es geschafft, war für Moe stark geblieben.
Jetzt konnte sie nicht mehr.
Ich fühlte mich vollkommen hilflos angesichts dieser Verzweiflung und Trauer und ich wusste nicht, was ich hätte tun können, außer ihr Fels zu sein, an den sie sich klammern konnte.
Ich konnte mich nicht erinnern, Dana jemals so gesehen oder erlebt zu haben. Nicht, als damals ihr Vater gestorben war, nicht nach Melissas oder Emilys Tod, nicht als sie Krebs hatte, und auch nicht, nachdem sie im letzten Jahr der Hölle entkommen war.
Immer noch, nun seit beinahe fünfzehn Minuten, klammerte sie sich an mich, als wäre ich ihr letzter Halt im Leben und ihr Rücken zuckte unter den Schluchzern, die sie heraus brachte.
Sie hatte noch nichts gesagt, war offenbar nicht in der Lage zu sprechen und ich wiegte sie sanft und streichelte beruhigend ihren Rücken.
Endlich, nach über zwanzig Minuten beruhigte sie sich langsam, hielt mich jedoch noch immer und machte keine Anstalten, sich von mir zu lösen. Ich beschloss, dass es besser wäre, wenn sie sich hin setzte.
Sie musste am Ende ihrer Kräfte sein, nicht nur emotional, ich wusste, sie war auch physisch erschöpft, hatte die ganze Nacht in einem mehr oder weniger bequemen Stuhl am Bett unserer Tochter gesessen und deren Schlaf bewacht. Langsam führte ich sie zu einem Stuhl und drückte sie hinein. Nur wiederwillig ließ sie mich los und ich setzte mich neben sie, hielt ihre Hand und betrachtete ihr blasses Gesicht. Rote Augen, halb von ihren Lidern verdeckt blickten auf meine Brust.
"Möchtest du darüber reden?" erkundigte ich mich nach einem Moment, in dem wir schweigend beieinander gesessen hatten und ich sie lediglich gemustert hatte.
Zaghaft schüttelte sie den Kopf.
"Nein, eigentlich nicht." murmelte sie, mehr zu sich selbst, als an mich gerichtet.
Ich hatte den Eindruck, als wenn ihr Schweigen mich schützen sollte. Offenbar hatte sie Angst, dass ich nicht damit klar käme, wenn sie mir von den Erfahrungen, die Moe machen musste, erzählen würde.
Ich löste meine Hand von ihrer und hob sie zu ihrer Wange. Zart streichelte ich darüber, strich ihr einige Haarsträhnen hinter ihre Ohren und ließ sie langsam wieder fallen.
Sie hob ihr Gesicht an, richtete ihren traurigen Blick auf mich und seufzte tief.
"Sie war in der Hölle, Fox." Wieder schwammen ihre Augen in Tränen, die zu fallen drohten. Dana zog ihre Unterlippe in ihren Mund und biss sich leicht darauf herum, als wolle sie den psychischen Schmerz mit dem physischen überlagern.
"Gott,..." schluchzte sie, als sie den Kampf gegen die Tränen verlor "...diese Männer haben ihr so verdammt weh getan."
Ihre Schultern sackten nach vorne, ihre Hände brachte sie vor ihr Gesicht, versteckte es und damit auch ihre Verzweiflung hinter ihnen und versuchte, sich die Tränen von den Wangen zu wischen.
Ich nickte leicht
. Wir wussten, dass Moe schlimmes durchgestanden hatte, doch an Danas Reaktion auf das Gehörte, erkannte ich, dass es offensichtlich noch schlimmer war, als wir uns in unseren schlimmsten Alpträumen ausgemalt hatten.Wieder zog ich sie sanft in meine Arme, hockte mich vor sie, um sie fest an meine Brust drücken zu können und wiegte sie erneut hin und her.
Dieses Mal beruhigte sie sich schneller, doch blieb sie weiterhin an meine Brust gelehnt.
"Kann Moe diese Männer, die ihr das angetan haben, beschreiben?" fragte ich mit leiser Stimme und Dana seufzte leise, während sie ihren Kopf schüttelte.
"Nein. Ihr wurden die Augen verbunden." erklärte sie. Ihre Stimme war rau und leise. Ich hatte das Gefühl, als wenn sie jeden Moment an meine Brust gedrückt einschlafen würde und so schob ich sie ein Stück von mir weg.
"Fahr ins Motel, Dana. Du bist furchtbar erschöpft. Ich werde hier bei Moe bleiben und Walter bitten, Joy später nach zu bringen." Ich musterte sie liebevoll und hob meine Hand an ihre Wange.
Doch Dana schüttelte den Kopf.
"Ich werde jetzt nicht schlafen können." erwiderte sie resigniert und fuhr sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand über die Augen.
Ich musterte sie, sah ihr blasses Gesicht, die dunklen Ringe unter ihren Augen, die Verzweiflung in ihrem Blick und auch, wie mager sie in den letzten zwei Wochen geworden war. Ich wusste, würde sie nicht bald Schlaf bekommen, dann würde sie zusammen brechen. Ihr Körper würde den Strapazen, die er aushalten musste, nicht mehr lange gewachsen sein.
Doch wusste ich auch, dass sie jetzt nicht alleine sein konnte. Sie brauchte jemanden, der sie hielt, der ihr Trost und Zuversicht gab, damit sie ruhiger werden und schließlich schlafen konnte.
Ich zog sie wieder in meine Arme, legte eine Hand in ihren Nacken und brachte so ihren Kopf an meiner Schulter zu liegen.
Sanft ließ ich meine Hand beständig über ihren Rücken wandern, rauf und runter, und ich hörte, wie sie leise seufzte.
Meine Lippen kamen an ihrem Haaransatz zu liegen, liebkosten sie und schenkten ihr einen Moment der Ruhe.
Gerade, als ich meinen Kopf wieder hob, sah ich Walter den Gang entlang auf uns kommen. Neben uns blieb er stehen, schien auf den ersten Blick zu merken, dass etwas geschehen war, denn seine Stirn verzog sich in Besorgnis.
"Ist etwas mit Moe?" erkundigte er sich sofort, doch ich schüttelte beruhigend den Kopf.
"Nein, sie ist in Ordnung. Die Psychologin war eben hier und hat mit ihr geredet. Dana war dabei." erklärte ich grob. Erkennen zeigte sich auf seinem Gesicht. Offensichtlich ahnte er, was Moe alles erzählt hatte und es schien, als wenn er Danas Gefühle vollkommen nachempfinden konnte.
"Walter, würdest du eine Weile bei Moe und Joy bleiben? Ich glaube, wir können beide einige Stunden Ruhe gebrauchen." bat ich unseren Freund und er stimmte sofort zu.
"Schlaft ein wenig. Ich bleibe solange ihr wollt." bot er an.
Dana hatte ihren Kopf die ganze Zeit über nicht angehoben, ich vermutete, dass sie nicht wollte, dass Walter sie so verweint sah.
Ich nickte ihm noch einmal dankend zu und beobachtete, wie er schließlich das Zimmer von Moe betrat. Langsam richtete ich mich auf und half auch Dana dabei aufzustehen. Wenn wir zu Hause gewesen wären hätte ich sie sanft an meine Brust gezogen und sie so ein wenig gestützt, oder ich hätte sie vielleicht sogar getragen, doch nicht hier im Krankenhaus. Ich war mir sicher, dass sie es niemals zulassen würde, dass ich sie an einem öffentlichen Ort so offensichtlich umsorgen würde.
Dennoch legte ich ihr wieder eine Hand auf den Rücken und führte sie langsam, jedoch bestimmt in den Aufenthaltsraum. Wie ich gehofft hatte, war der Raum leer und ich geleitete sie zu einem der Sessel, die an der Wand standen und die für uns in der letzten Woche schon sehr heimelig geworden waren.
Als sie schließlich sicher saß, mir zwar einen fragenden Blick zuwarf, doch nichts weiter sagte, ließ ich sie einen Moment alleine und bat eine Schwester, die ich auf dem Flur traf, dass sie mir eine Schlaftablette geben sollte.
Die Schwester kannte uns mittlerweile, denn sie war auch für Moe zuständig und sie gab mir das Medikament, ohne zu fragen, wofür ich es bräuchte.
Offenbar hatte auch sie mitbekommen, dass wir einen anstrengenden Tag hatten.
"Hier nimm die." wies ich Dana schließlich an, nachdem ich noch ein Glas Wasser besorgt hatte. Ihre Augenbraue wanderte fragend und ein wenig unwillig in Richtung ihres Haaransatzes.
"Was ist das?" erkundigte sie sich und streckte ihre Hand aus, um mir die Tablette abzunehmen.
"Es wird dir helfen zu schlafen." erklärte ich und sie schüttelte abwehrenden den Kopf.
"Fox ich brauche keine Schlafmittel..." begann sie, doch ich hielt sie mit einer Handbewegung zurück. Sie verstummte und blickte mich an, als ich mich vor sie hockte und sie eindringlich ansah.
"Dana, du bist am Ende deiner Kräfte. Und ich bin mir sicher, dass dich das, was du eben gehört hast so erschüttert hat, dass du nicht schlafen wirst. Also nimm bitte diese Tablette, damit du ein wenig Ruhe bekommst. Ich werde hier bei dir bleiben." redete ich auf sie ein und griff nach ihrer anderen Hand.
Mit einem resignierten Seufzer und nach einem weiteren skeptischen Blick auf die kleine Tablette in ihrer Hand nahm sie sie schließlich in den Mund und griff nach dem Wasser. Sie spülte sie hinunter und gab mir anschließend das Glas zurück.
"Leg dich hin." bat ich leise und sie folgte der Bitte.
Ich setzte mich auf den Fußboden, griff erneut nach ihrer Hand und hielt sie. Stumm sah ich sie an, musterte sie und streichelte ihren Handrücken in einer federleichten Berührung.
Die Tablette wirkte rasch, ihre Augen wurden schwerer und fielen schließlich zu. Ihre Atmung wurde gleichmäßig und flach und ich konnte nur wenig später erkennen, dass sie endlich schlief.
Ich gestattete es mir, meinen Kopf neben ihr auf dem Sofa abzulegen und ebenfalls meine Augen zu schließen. Ich schlief nicht wirklich, doch schaffte ich es, für einige Zeit zu dösen.
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Walter saß nun schon seit beinahe drei Stunden hier mit mir an Moes Bett. Wir hatten uns nur zu Beginn ein wenig über Sport unterhalten. Er teilte mir die neuesten Ergebnisse in den letzen Basketball und Baseballspielen mit.
Nun wandte ich meinen Blick von Moe ab, ließ jedoch ihre Hand nicht los.
"Werdet ihr diese Männer kriegen, die Moe das angetan haben?" wollte ich mit leiser Stimme wissen. Ich sah, wie Walter seine Stirn runzelte und kurz seine Lippen fest zusammen presste.
"Einen von denen haben wir schon verhaftet." erklärte er schließlich nach einen Moment, in dem ich es regelrecht hinter seiner Stirn arbeiten sehen konnte. Ich ahnte, dass er überlegt hatte, ob er es mir sagen sollte, oder ob er sich besser nicht dazu äußern sollte.
Ich schluckte. Sie hatten einen von diesen Mistkerlen bereits geschnappt.
Ohne das ich einen Einfluss darauf hatte, konnte ich merken, wie sich meine linke Augenbraue die Stirn hoch schob, während ich vermutlich meine gesamte Farbe aus dem Gesicht verlor.
"Wann?" brachte ich mit einer mir fremden Stimme hervor.
"An dem Tag, als wir Moe da raus geholt haben. Dieser Mann war auch da." berichtete er und nahm seine Brille von der Nase. In einer müden Geste, wie ich sie auch bei Dad in den vergangenen Tagen häufig gesehen hatte, rieb er sich mit einer Hand über das Gesicht und legte seinen Daumen und seinen Zeigefinger kurz auf die Augen.
"Was wird mit ihm geschehen?" fragte ich leise und hoffte, dass dieser Mann leiden musste. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre extra für diese Männer die Folter wieder eingeführt worden. Sie mussten leiden, durften nicht so einfach davon kommen.
"Er wird ins Gefängnis kommen, und zwar lebenslang. Dieser Mann wird niemals wieder einem Menschen weh tun." Walter langte sanft zu mir hinüber und legte mir eine Hand auf die Schulter. Ich blickte ihn wortlos an und nickte nach einem kurzen Moment.
"Was ist mit den anderen Männern? Wisst ihr schon, wer da noch dabei war? Werden die auch noch verhaftet?" brachte ich nach einem weiteren Moment des Schweigens schließlich heraus.
Bedauernd schüttelte er den Kopf.
"Nein, wir wissen noch nichts genaues. Dieser Mann, den wir verhaftet haben, sagt nichts und ..." Er ließ den Satz offen und senkte nach einem Moment den Blick.
Mir war klar, dass er nicht weiter reden würde und so wandte ich mich schließlich wieder Moe zu. Ich streichelte sanft ihre Hand und ließ meinen Blick über ihren Arm und ihr Gesicht wandern. Sie sah bereits besser aus, als vor einer Woche, doch waren noch immer dunkle Flecken auf ihrem ganzen Körper zu sehen. Auch die Platzwunde war noch nicht vollständig geheilt. Ihr Auge war nicht mehr so stark geschwollen, und sie konnte es inzwischen wieder richtig öffnen, was auch gut war, denn auf dem rechten Auge konnte sie beinahe gar nichts sehen.
Ich wusste, dass sie noch immer furchtbare Schmerzen hatte, wenn sie nicht starke Medikamente bekam, doch sprach sie mit mir niemals über das, was ihr geschehen war.
Unwillkürlich hob ich meine Hand und ließ sie zu meiner Kette hinauf gleiten. Mit den Fingerspitzen strich ich gedankenverloren über das goldene Kreuz, welches dort hing, solange ich denken konnte.
Auch Moe trug so eine Kette. Mom und Dad hatten sie ihr geschenkt, als sie ihren ersten Geburtstag bei uns feierte. Im Grunde konnten wir uns beide nicht daran erinnern, doch wir hatten uns oft genug Bilder angesehen, die Dad damals gemacht hatte.
Ich senkte meine Hand und brachte sie vorsichtig und sanft an ihre Kette, nahm ihr Kreuz zwischen meine Finger und starrte nachdenklich darauf.
Es hatte sie nicht beschützt. Ich fragte mich, wie Gott es zulassen konnte, dass Moe etwas so furchtbares geschehen konnte. Zugegeben, wir waren nicht sehr religiös, obwohl diese Kettenanhänger das annehmen ließen. Mom trug ebenfalls einen solchen Anhänger und ich war mir sicher, dass sie früher an Gott geglaubt hatte, doch heute tat sie es nicht mehr. Aus welchem Grund, vermochte ich nicht zu sagen. Sicher, wir feierten Weihnachten und auch all die anderen katholischen Feste, obwohl Dad Jude war, doch im Grunde verbanden wir nicht das mit den Festen, was andere Menschen damit verbinden.
Immer noch hielt ich den Kettenanhänger von Moe in der Hand. Es war das einzige, was die Männer ihr nicht genommen hatten. Die Kette ließen sie ihr, warum auch immer.
"Bist du in Ordnung, Joy?" drang Walters Stimme sanft an mein Ohr.
Ich zuckte leicht zusammen und ließ das kleine goldenen Kreuz los. Langsam wandte ich ihm meinen Blick zu und zuckte mit den Achseln.
"Ja. Es geht mir gut." erwiderte ich, was ihn leicht das Gesicht verziehen ließ. Ein kleines Lächeln erschien auf meinem Gesicht und ich ahnte, dass er diese Antwort von Mom oft zu hören bekommen hatte. Dad reagierte auf diese Antwort immer sehr gereizt.
"Wenn die Entscheidung, was mit diesen Männern geschehen soll bei dir läge, was würdest du für ein Urteil sprechen?" wollte er leise von mir wissen.
Ich zog erstaunt eine Augenbraue hoch und sog leise zischend die Luft in meine Lungen.
Was war denn das für eine Frage? Ich konnte das Urteil nicht fällen, warum also darüber nachdenken?
Doch Walter sah mich weiterhin aufmerksam an, was mir zeigte, dass er tatsächlich eine Antwort auf seine Frage erwartete.
Ich zuckte mit den Achseln.
"Ich weiß es nicht. Ich denke, dass kein Urteil hart genug für das sein kann, was die Moe angetan haben. Und auch den anderen Mädchen." murmelte ich schließlich.
"Du meinst, auch ein Todesurteil wäre noch nicht schlimm genug?" hakte er nach und ich schüttelte den Kopf.
"Nein. Sie müssten das gleiche erleben, wie Moe. Sie müssten die gleiche Angst haben, die gleichen Schmerzen. Das wäre gerecht." Ich hörte selber, dass meine Stimme bitter klang, doch war ich nicht in der Lage, meine Gefühle zu verstecken.
Langsam senkte ich den Blick.
"Ich kann deine Gefühle gut verstehen, Joy. Es ist in Ordnung, dass du diese Männer hasst. Sie haben Moe wirklich verdammt weh getan, und sie haben nichts anderes als Hass verdient." Wieder legte Walter mir sanft eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht.
Ich nickte und versuchte ihm ein kleines Lächeln zu schenken, doch gelang es mir nicht richtig.
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27. November
Weeks, Louisiana
Moe war blass, beinahe schon grau im Gesicht, als wir endlich unser Haus betraten. Ich konnte hören, dass auch Fox ein erleichterter Seufzer entglitt und ich warf ihm einen kurzen Blick zu.
Sanft legte ich Moe, die sich im Eingangsbereich des Hauses umsah, als sähe sie es zum ersten Mal, meine Hand auf den Rücken und schob sie weiter in das Wohnzimmer.
"Komm Schatz, ich bringe dich nach oben." wies ich an und sie widersprach nicht. Ein müdes Nicken war die Antwort und so dirigierte ich sie langsam nach oben in ihr Zimmer. Ihre Bewegungen, als sie sich ihrer Kleider entledigte wirkten erschöpft und ich ahnte, dass sie tatsächlich am Ende ihrer Kräfte war.
Heute morgen hatten wir das Krankenhaus endlich verlassen und waren ohne Umwege zum Flughafen gefahren, wo wir sofort den nächsten Flieger zurück nach Lousiana nahmen.
Mittlerweile war es fünf Uhr Nachmittags.
Ich reichte Moe ihren Schlafanzug, wobei mein Blick auf die große, frische Narbe fiel, die auf ihrem Unterleib noch deutlich zu sehen war.
Offenbar erkannte sie meinen Blick denn sie senkte ihren Kopf ebenfalls kurz, musterte das Mal und blickte mich schließlich wieder an. Ein kurzes beruhigendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
"Sie wird in einigen Jahren nicht mehr so doll zu sehen sein." murmelte sie und ich hob erstaunt und ein wenig belustigt meine Augenbraue. Sollte nicht eigentlich ich meiner Tochter Mut machen, sie trösten und ihr sagen, dass alles wieder gut werden würde?
"Ja, ich weiß." erwiderte ich, während mein Blick zu ihrem Gesicht wanderte. Ihr Auge war nicht mehr geschwollen und sah wieder normal aus. Auch die Hämatome und die Platzwunden waren verheilt und man konnte nur noch vereinzelte Schatten an einigen Stellen erkennen. Sie würde jedoch wie befürchtet ihre volle Sehkraft auf dem rechten Auge nicht wieder erlangen. Sie sah lediglich unscharfe Gegenstände, konnte die Konturen nicht klar ausmachen und wenn mehrere Gegenstände in dunkler Farbe beieinander standen, so war sie nicht in der Lage, zu bestimmen, wie viele Gegenstände es waren. Ich trat auf sie zu, als sie sich in einer langsamen Bewegung auf ihr Bett setzte.
Beruhigend strich ich ihr über ihre krausen Haare und beugte mich hinunter um ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe zu geben. Ihre Arme kamen in meinem Nacken zu liegen, als sie mich in eine feste Umarmung zog.
Ein leises Seufzen verließ ihre Kehle und meine Hände wanderten zu ihrem Rücken, den ich ruhig und liebevoll streichelte.
"Möchtest du das ich hier bleibe, bis du eingeschlafen bist?" erkundigte ich mich und erhob mich, als sie die Umarmung löste.
"Nein, ich werde das alleine schaffen. Wenn ich es jetzt nicht schaffe, wieder alleine zu sein, hier in meinem Zimmer, dann schaffe ich es nie mehr." sagte sie entschlossen und ich nickte leicht.
Sie hatte recht, sie musste anfangen, wieder zu leben.
Ich half ihr dabei sich hinzulegen, zog die Decke ein wenig zurecht und beugte mich noch einmal zu ihr hinunter, um ihr einen sanften Kuss zu geben.
"Ich bin stolz auf dich Moe!" flüsterte ich leise und lächelte leicht. Langsam drehte ich mich herum und zog die Zimmertür hinter mir zu, schloss sie jedoch nicht. Moe hatte ebenfalls die Angewohnheit, die Tür immer einen Spalt geöffnet zu haben.
Auf dem Flur angekommen entkam mir ein leiser Seufzer und ich lauschte noch einen Moment auf die Geräusche, die aus Moes Zimmer drangen. Sie drehte sich um, vermutlich zog sie ihre Beine an den Körper und drückte ihre Arme in den Unterleib. Ich hatte sie in den vergangenen zweieinhalb Wochen häufig so liegen sehen. In dieser Position schien sie weniger Schmerzen zu haben und Trost zu empfinden.
Ich wusste, dass Moe immer noch unter leichten Schmerzen litt, doch sie hatte darauf bestanden, keine Medikamente mehr zu nehmen, sobald sie das Krankenhaus verlassen hatte.
Dies war auch der Grund warum mir vor der kommenden Nacht graute.
In wenigen Stunden würden die Entzugserscheinungen einsetzen. Vermutlich würden Fox und ich kein Auge zu bekommen, genauso wenig wie Moe selber.
Wir hatten Joy bereits in Kanada in ein Flugzeug nach Washington DC gesetzt, begleitet von Walter. Mom hatte versprochen, sie dort am Flughafen abzuholen und sich in den nächsten Tagen um sie zu kümmern.
Natürlich hatte unsere Tochter protestiert. Sie wollte mit uns nach Hause fliegen, doch dieses Mal hatte ich mich durchgesetzt.
Sie hatte genug mitbekommen, von dem was mit Moe geschehen war, sie musste nicht auch noch den Entzug ihrer Schwester miterleben.
Mit einem erneuten Seufzen ging ich die Treppe hinunter und fand Fox im Wohnzimmer vor. Er saß auf dem Sofa, hatte seine Arme und seinen Kopf auf der Rückenlehne abgelegt und schien zu schlafen.
Einen Blick auf die Koffer werfend, die noch neben der Treppe standen entschied ich schließlich, dass auch ich eine kleine Pause gebrauchen konnte und setzte mich zu ihm. Offenbar wurde er durch das Schwanken des Sofas geweckt, denn er öffnete seine Augen einen Spalt. Rasch kuschelte ich mich an seine Brust, legte einen Arm darüber und den anderen Arm zwischen seinen Rücken und die Rückenlehne und meinen Kopf an seine Schulter. Sein Arm wanderte von der Rückenlehen hinab auf meinen Rücken und blieb dort schließlich liegen.
"Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken." flüsterte ich und drückte mich noch ein wenig näher an ihn heran.
"Ich habe nur gedöst, ist nicht so schlimm. Wie geht es ihr?" erwiderte er und seine Hand begann mich sanft zu streicheln. Erschöpft schloss ich meine Augen.
"Ich denke es geht noch. Aber in spätestens vier oder fünf Stunden werden die Entzugssymptome auftreten." erklärte ich nach einem Moment in dem ich mich voll auf das Gefühl von seiner Hand auf meinem Rücken konzentriert hatte.
Wir hatten in den letzten Wochen kaum Zeit gehabt, uns physisch nahe zu sein. Entweder wir saßen alle bei Moe am Bett, oder einer von uns saß dort, während der andere seinen verdienten Schlaf im Motel bekam.
Fox brummte ein leises "Mmh." und ich merkte, das seine Atmung gleichmäßiger und flacher wurde, seine Hand auf meinem Rücken schwerer und er offensichtlich wieder einschlief. Auch meine Augen waren schwer und ich gab mich schließlich dem Gefühl der Geborgenheit, welches ich hier an seine Brust gelehnt empfand, hin und schlief ebenfalls ein.
Ein gellender Schrei, der all die Angst und Qual wiederspiegelte, die sie offenbar empfand, riss mich aus dem Schlaf. Ich sprang erschrocken auf und rannte, dicht gefolgt von Fox die Treppe hinauf.
Rasch stieß ich die Tür zu Moes Zimmer auf und fand sie schweißgebadet und schwer atmend in ihrem Bett sitzend vor. Ihr Körper bebte sowohl aus Angst, als auch aufgrund der Schluchzer, die sie schüttelten. Ihre Augen waren aufgerissen und ich konnte die Panik in den beinahe schwarzen Fenstern zu ihrer Seele deutlich erkennen.
Mit zwei Schritten war ich bei ihr und zog sie beruhigend in meine Arme. Sie nahm die Umarmung dankbar an, schmiegte sich an meine Brust und schlang ihre schlanken Arme um meinen Leib.
Sanft streichelte ich über ihren zuckenden Rücken, strich ihr einige Haarsträhnen aus der nassen Stirn und redete beruhigend auf sie ein.
Ihre Atmung beruhigte sich nur langsam und ich konnte auch nach einigen Minuten ihr Herz noch schwer gegen ihre und somit auch meine Brust hämmern spüren.
Sie lehnte sich schließlich zurück und seufzte schwer.
Es war der erste Alptraum, den sie hatte, seit sie im Krankenhaus aufgewacht war. Die Medikamente, die sie in den vergangenen Wochen bekommen hatte, halfen ihr zu schlafen und ließen sie nicht träumen.
Fox reichte unserer Tochter ein Glas Wasser, welches er in der Zwischenzeit geholt hatte, was sie dankbar annahm. Ihre Hand zitterte stark, als sie es langsam zum Mund führte und einen Schluck trank.
"Wie fühlst du dich jetzt?" erkundigte ich mich und warf nebenbei einen Blick auf ihren Wecker. Es war bereits kurz nach zehn Uhr, was auch meine verspannten Muskeln erklärte, die bei jeder Bewegung kleine Schmerzwellen durch meinen Körper jagten. Ich hatte mehrere Stunden in einer eher unglücklichen Haltung gelegen und geschlafen.
Immer noch zitterte Moe am ganzen Leib, während sie nach wie vor kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn stehen hatte. Mit einer eckigen Bewegung reichte sie Fox das Glas zurück und legte sich wieder hin.
"Mir ist kalt. Und übel." Ihre Stimme war dünn und sie schloss kurz die Augen.
Ich zog ihre Decke ein Stückchen weiter hinauf, doch hielt sie mich nach einem kurzen Moment zurück.
"Nein bitte, das ist so eng." erklärte sie und ich hob meinen Blick zu Fox.
Hier war es. Die Entzugserscheinungen. Es begann nun, und es würde erst in einigen Tagen wieder besser werden.
Fox nickte mir in einer kleinen Bewegung zu, auch ihm war offensichtlich klar, dass die nächsten Tage für Moe der reinste Horror werden würden. Und für uns ebenfalls.
Moe machte Anstalten, sich auf die Seite zu drehen, doch hielt sie mitten in der Bewegung inne, riss ihre Augen auf und sprang, eine Hand auf ihren Mund gepresst, rasch aus dem Bett. Fox trat zur Seite als sie fluchtartig das Zimmer verließ und in das Badezimmer stürmte.
Ich fluchte leise und folgte ihr schließlich.
Sie kniete vor der Toilette, eine Hand hielt ihre langen, krausen Haare zurück, während sich der andere Arm in ihren Unterleib presste.
Sie stöhnte, während sie ihren spärlichen Mageninhalt der Kanalisation anvertraute. Immer noch zitterte sie am ganzen Körper und ich trat neben sie, legte ihr meine Hand auf den Rücken und fuhr ihr in einer großen, beruhigenden Bewegung darüber.
Schließlich lehnte sie sich erschöpft zurück und schloss ihre Augen.
Ich betrachtete sie besorgt, erkannte, wie blass sie war, und begann daran zu zweifeln, ob der Zeitpunkt für einen Entzug wirklich richtig gewählt war.
Sie war schwach, verdammt schwach. In den letzten Wochen hatte sie nur sehr wenig gegessen. Ich wusste es nicht genau, aber ich nahm an, dass sie dort in der Hölle ausschließlich Wasser bekommen hatte, nichts zu essen, und in der ersten Woche nach ihrer Entführung hatte sie nicht essen dürfen und ausschließlich eine Intravenöse Ernährung erhalten.
Erst in den letzten Tagen hatte sie ein wenig gegessen, doch war es viel zu wenig gewesen.
Emotional ging es ihr zwar besser, als ich es erwartet hätte, nach so kurzer Zeit, und ich war mir sicher, das hatte sie ausschließlich den beinahe täglichen Sitzungen mit Dr. Lang zu verdanken, doch ging es ihr noch lange nicht gut. Nicht gut genug - um einen harten Entzug durchzustehen, auf keinen Fall.
Ich erhob mich und betätigte die Toilettenspülung, bevor ich einen Lappen nahm, ihn unter kaltes Wasser hielt und mich wieder zu ihr hinab beugte.
Sanft brachte ich meine Hand an ihr Kinn und drehte ihren Kopf so weit, dass ich ihr Gesicht mit dem feuchten Tuch waschen konnte.
Sie zuckte leicht zusammen, doch hatte sie nicht einmal die Kraft, ihre Augen zu öffnen und mich anzusehen.
"Fox?" rief ich nach einem Moment, in dem ich überlegt hatte, wie ich Moe wieder in ihr Bett bekommen sollte. Sie selber laufen zu lassen schien ausgeschlossen zu sein.
Offenbar hatte mein Mann vor der Tür gewartet, denn diese wurde unmittelbar nach meinem Ruf geöffnet und er blickte sich fragend im Raum um.
"Kannst du sie ins Bett bringen?" bat ich und er nickte leicht.
Mit zwei langen Schritten ging er an mir vorbei und beugte sich zu Moe hinunter.
"Komm her mein Engel. Ich bringe dich ins Bett." hörte ich ihn leise mit ihr reden und er hob sie auf seinen Arm.
Als würde sie nichts wiegen trug er sie hinüber in ihr Zimmer und legte sie in ihr Bett.
Sofort drehte Moe sich auf die Seite, nahm die Embryonalstellung ein und presste ihre Arme in ihren Unterleib.
Ich seufzte leise, beobachtete, wie Fox sie leicht zudeckte und begab mich auf die Suche nach einem Eimer, den ich Moe ans Bett stellen würde.
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31.Dezember
Weeks, Lousiana
Ich saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, und beobachtete unsere Töchter im Garten. Sie spielten Basketball gegeneinander. Ich sah, wie Joy versuchte, den Ball in ihren Besitz zu bringen, doch Moe grinste ihre Schwester frech an und sprang mit einem gekonnten Satz an den Korb und versenkte den Ball.
Ein Seufzen verließ meine Kehle und brachte Dana dazu, sich zu mir herum zu drehen und schließlich auf mich zu zu kommen.
Sie setzte sich neben mich, griff nach meiner Hand und legte meinen Arm um ihren Körper. Anschließend drückte sie sich gegen mich, legte ihren Kopf auf meiner Schulter ab und eine Hand auf meinen Bauch. Ihr Zeigefinger zog kleine Kreise darauf.
"Ich hätte niemals gedacht, dass Moe sich jemals wieder so fangen würde." sagte ich nach einer Weile und legte meine Wange auf ihrem Kopf ab, löste meinen Blick jedoch nicht von unseren Töchtern.
"Sie ist eine Kämpferin. Das musste sie schon als kleines Baby sein." erwiderte Dana und beobachtete ebenfalls das Spiel im Garten.
Meine Gedanken wanderten einige Wochen zurück.
Der Entzug, den Moe mitmachen musste war hart. Sie brachte ihr gesamtes Essen tagelang wieder hinaus, so das Dana schon Angst hatte, dass ihr Köper kollabieren würde. Sie war einige Male drauf und dran, unsere Tochter ins Auto zu packen und sie ins Krankenhaus zu bringen, doch Moe weigerte sich standhaft.
Sie litt unter allen erdenklichen Symptomen, die ein Entzug mit sich bringen konnte. Die Übelkeit und der Schüttelfrost waren an diesem Abend nur der Anfang gewesen.
Akustische und visuelle Halluzinationen machten ihr zu schaffen, teilweise so schlimm, dass sie wie von Sinnen schrie oder wild um sich schlug. Ich erinnerte mich, dass an einem Tag von Schlangen erzählt hatte, während sie, wie im Delirium in ihrem Bett lag, ihre Augen weit aufgerissen, ohne mich jedoch wirklich wahrzunehmen.
Dana hatte mit einem unterdrückten Stöhnen das Zimmer verlassen, nicht in der Lage, den grausamen Phantasien unserer Tochter zuzuhören, mit dem Wissen, dass diese das als Realität erlebte.
Auch litt sie unter furchtbaren Alpträumen, in denen sie immer wieder erlebte, was ihr in dieser einen Woche zugestoßen war.
Doch sie schaffte es. Sie hielt durch und kämpfte.
Nach einer Woche hatte sie das Schlimmste überstanden und wir beschlossen, dass Joy wieder herkommen konnte. Es war offensichtlich die richtige Entscheidung gewesen, denn seitdem sie wieder hier war, ging es Moe von Tag zu Tag besser.
Die beiden hingen noch mehr aneinander, als vor diesem schrecklichen Ereignis.
Wir hatten hier in Weeks ebenfalls eine sehr gute Therapeutin gefunden, welche Moe zwei Mal in der Woche besuchte. Wie mein Therapeut es mir damals, nach Samanthas Entführung geraten hatte, so riet auch Dr. Rosenthal Moe, dass sie ein Tagebuch führen sollte. Sie sollte ihre Erlebnisse aufschreiben, und anschließend jeden Tag festhalten, was sie gemacht hatte, und wie sie sich fühlte.
Moe tat das sehr akribisch, und es schien ihr wirklich zu helfen.
Doch nicht nur Moe nahm eine Therapie in Anspruch. Auch Dana, Joy und ich hatten uns dazu entschlossen, für eine gewisse Zeit Hilfe in Anspruch zu nehmen, um das erlebte besser zu verarbeiten. Besonders Dana tat diese Therapie gut, gab sie ihr doch die Möglichkeit, mit einer unbeteiligten Person über das zu Reden, was sie von Moe erfahren hatte.
Einen Tag vor Heilig Abend hatte Walter angerufen. Die Agenten hatten es geschafft, drei weitere Männer festzunehmen, und entgegen aller Erwartungen hatten diese sogar gestanden. Gott alleine wusste, wie Walter sie dazu gebracht hatte. Ich ging jedoch nicht davon aus, dass es noch weitere Verhaftungen geben würde. Fernandez war nach wie vor unauffindbar und ob diese Männer den Mann verraten würden, selbst wenn sie wüssten, wo er war, stand in den Sternen.
Ursprünglich hatte ich geplant, zurück nach Kanada zu gehen und mich an den Ermittlungen zu beteiligen, doch ein sehr langes und ernstes Gespräch mit Dana, nachdem wir uns nach langer Zeit physisch endlich wieder nahe waren, hatte meine Pläne zerstört.
Und im Nachhinein war das wohl auch gut so. Sollten doch andere, emotional nicht so beteiligte Menschen diese Arbeit tun.
Das Weihnachtsfest war in diesem Jahr besonders schön. Dana und ich hatten entschieden, dass Joy und Moe in diesem Jahr ein besonderes Geschenk bekommen sollten. Beide Mädchen wünschten sich so lange ich mich zurück erinnern konnte einen Hund.
Seit dem 25. Dezember diesen Jahres ist Ronda ein festes Familienmitglied. Sie ist eine Schäferhündin, und Dana hat sie über die Gunmen ausfindig gemacht. Ronda ist bereits drei Jahre alt und eine ausgebildete FBI-Hündin. Allerdings ist sie auf dem rechten Auge blind, was sie Moe noch viel sympathischer macht, und somit ist sie für den Dienst untauglich.
Die Kinder haben sich so sehr gefreut, wie wohl noch nie in ihrem Leben, als ich sie am Weihnachtsmorgen herein führte.
Moe trägt seit zwei Wochen eine Brille. Ein Facharzt bestätigte, was der Arzt in Kanada und Dana schon befürchtet hatten. Ihr rechtes Auge war so schwer geschädigt, dass sie nur noch eine geringe Sehkraft darauf hatte, und es keine Chance gab, eine vollständige Heilung zu erwarten.
Joy und Moe hatten das Gestell ausgesucht und ich muss sagen, unsere Töchter hatten Geschmack, offenbar hatten sie ihn von Dana geerbt. Die Brille stand Moe ganz ausgezeichnet, nahm ihr nichts von ihrer Attraktivität.
Dennoch plante sie wohl auf lange Sicht, Kontaktlinsen zu tragen, was ich persönlich durchaus nachempfinden konnte.
Dana regte sich an meiner Brust und hob ihren Kopf, um mich ansehen zu können. Ich löste meinen Blick von dem Spiel der Mädchen, Moe lag deutlich in Führung, doch ich ahnte, dass Joy noch aufholen würde, und schenkte Dana ein sanftes Lächeln.
"Ich liebe dich." flüsterte ich und senkte meinen Kopf um sie zu küssen.
Sie erwiderte den Kuss, ihre Augen klappten zu und unsere Zungen strichen träge aneinander entlang.
Als wir uns voneinander lösten, lächelte sie mich glücklich an.
"Ich liebe dich auch." murmelte sie und zog sich ein kleines Stückchen zurück.
Ich ließ sie nur wiederwillig gehen und brummte ein wenig unwillig.
Ein leises Lachen war ihre Antwort auf meine Reaktion und sie griff nach meiner Hand. Mit einem Schwung erhob sie sich und zog mich mit sich.
"Hilfst du mir in der Küche alles für das Raclette heute Abend vorzubereiten?" erkundigte sie sich und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.
"Habe ich denn eine Wahl?" Ich deutete auf unsere Hände, ihre hielt meine immer noch in einem festen Griff, während sie auf die Tür zur Küche zuging.
Nun lachte sie ebenfalls.
"Nicht, wenn du heute Abend etwas essen möchtest." grinste sie und ich seufzte ergeben.
Wir würden keine wilde Party feiern, um in das neue Jahr zu kommen. Walter würde kommen, um den Jahreswechsel mit uns zu erleben, und ich ahnte, dass es ein sehr bedeutungsvoller Wechsel werden würde. Wir würden das schlimmste Jahr, welches wir je erlebt hatten, hinter uns lassen und in ein neues, gutes starten.
Und es würde besser werden, das hatte ich im Gefühl. Moe würde es wieder gut gehen und auch Joy würde diese Sache bald verarbeitet haben.
In der Küche blieb ich dicht hinter Dana stehen und zog sie in meine Arme.
Sie lachte leise und versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien, um sich an die Vorbereitungen machen zu können, doch ich ließ sie nicht los.
Sie tat schließlich das, worauf ich spekuliert hatte. Sie drehte sich in meiner Umarmung um und schlang ihre Arme um meinen Hals.
Sanft zog sie meinen Kopf zu sich hinunter und neckte meine Lippen mit ihren.
Ich grinste und versuchte sie dazu zu bringen mich richtig zu küssen, doch schaffte sie es jedes Mal, mir zu entwischen.
Nun gut, wir würden ja sehen, wer der stärkere von uns beiden war, spätestens heute Nacht, wenn wir im Bett liegen würden, würde ich bekommen, was ich wollte, da war ich mir ziemlich sicher.
Mit diesem Gedanken, ließ ich sie schließlich los und ergab mich meinem Schicksal, ihr nun mit dem Essen zu helfen.
Ende
So, die Trilogie ist nun wirklich abgeschlossen. Ich hoffe, sie hat euch ein klein wenig gefallen und war nicht zu hart. Ich selber war ziemlich schockiert, als ich sie noch einmal gelesen habe, wie brutal sie ist....
Ähm ja, also, über Feedback würde ich mich übrigens wie immer seeeeehr freuen, und ich verspreche, ich antworte auf jeden Beitrag.
Ach ja, ich kann übrigens auch mit Kritik umgehen! Ehrlich!