Titel: Thoughts
Autor: Trahnfisch
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Thoughts
Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier in diesem Büro sitze, meinen Blick unaufhörlich auf den Stein gerichtet, der groß und erdrückend vor mir auf dem Schreibtisch steht.
Die Agenten, die ihrer Arbeit genauso wie immer nachgehen, habe ich schon vor langer Zeit ausgeblendet. Ich nehme nicht wahr, wie sie geschäftig hin und her laufen, telefonieren, und mir im Vorbeigehen mitleidige Blicke zuwerfen. Ich weiß, dass sie das tun, dass sie bestätigt wissen, was sie schon lange vermuten, doch ich achte nicht auf sie.
Alles, was ich sehe, ist dieser Stein.
Ich war neugierig, als Agent Doggett diese schwere Kiste in das Büro bringen ließ und sie öffnete, doch ich war geschockt, als ich sah, was sie enthielt.
Sein Name! Frisch und hell stechen die Buchstaben und Zahlen vor den älteren verwitterten hervor.
Was hat er sich nur dabei gedacht? Was hat er gefühlt, als er den Auftrag dafür gegeben hat?
Warum hat er mir nicht erzählt, dass er krank ist, dass die Operation, die diese Männer vor einiger Zeit an ihm durchgeführt haben, ihn langsam aber sicher tötete?
Was wollte er damit beweisen? Unaufhörlich hallen diese Fragen in meinem Kopf, doch die einzige Person, die sie beantworten könnte, ist verschwunden.
Ein trockenes Schluchzen verlässt meine Kehle, während ich noch immer wie hypnotisiert auf den Stein sehe, eine Hand vor meinem Mund liegend, um das Zittern meines Kinnes zu verbergen.
Skinner hatte mich mitfühlend angeblickt und mich dann alleine gelassen, genauso Agent Doggett.
Langsam klappen meine Augen zu, verbannen den Anblick und das, was er bedeutet, für einen Moment aus meinem Gehirn und lassen angenehme Erinnerungen zu.
Vor wenigen Tagen noch hatte ich seine Hände auf meiner Haut gespürt, hatte mich den Gefühlen hingegeben, die er in mir auszulösen vermochte. Seine Berührungen waren wie liebevolle Worte und in seinen Augen konnte ich lesen, was er fühlte, was er erst später im Stande war zu sagen. Liebe. Unwahrscheinliche, alles verschlingende Liebe für mich.
Er zeigte sie mir, brauchte die Worte nicht zu sagen.
Es ist noch nicht lange her, dass wir zu Liebenden wurden, auch auf der physischen Ebene. Seelisch und emotional waren wir es schon seit langer Zeit.
Er ist sanft und gefühlvoll, anders als im Büro, wo er nur die Wahrheit aufdecken möchte und gelegentlich ruppig auf Einwände reagiert.
Verdammt! Er wusste es. Die ganze Zeit wusste er, dass er sterben würde, und er hat es mir nicht gesagt.
Warum nur habe ich ihn nie gefragt, wie es ihm geht? Warum habe ich, als seine Ärztin, nicht gemerkt, dass er krank ist? Warum habe ich die Berichte von den Untersuchungen nicht bekommen? Die Schuld, die ich empfinde, lastet erdrückend auf mir, erschwert mir das Atmen und ich habe beinahe das Gefühl, als würde ich vor Angst, Trauer und Schuld ersticken.
Eine einsame Träne findet ihren Weg unter meinen Lidern hinweg und rollt langsam über meine Wange. Eine zweite folgt, doch wische ich sie trotzig weg und öffne meine Augen. Mit einem schweren Seufzer blicke ich erneut den Grabstein an und sehe den Namen, den er darin einmeißeln ließ.
Eine Hand legt sich sanft auf meine Schulter und mein Kopf schießt herum in der Hoffnung dass es Mulder ist, der mich berührt, der mir sagt, dass das alles nur ein Traum ist, dass er bei mir ist und ich mir keine Sorgen machen soll. Doch es ist Assistent Director Skinner, der mich mit einem mitfühlenden Blick ansieht und mir leise zu verstehen gibt, dass Agent Doggett uns sprechen will.
Es ist kein Traum und alles, was ich tun kann, ist, all meine Kraft in die Suche nach dem Mann zu stecken, dessen Kind in mir heranwächst.
Ich bete, dass ich ihn finden werde, gesund und wohlbehalten, dass er miterleben kann, wie mein Bauch dicker wird, wie sich unser Baby in mir bewegt, dass er mit mir zusammen einen Namen für dieses kleine Wunder aussuchen kann und wir es später gemeinsam aufwachsen sehen.
Stumm nicke ich Skinner zu und erhebe mich, um ihm zu folgen.
ENDE
So, also, das ist wohl mit Abstand die kürzeste Story, die ich je geschrieben habe... Der Gedanke dazu kam mir, als ich für das Fach Medizinsoziologie lernte und die fünf Sterbephase auswendig lernte, die ein Mensch durchmacht.
Hier ist also das Ergebnis.