Shapes
"Kip Kip, komm her!" rief ich sorglos meinem kleinen Gefährten, meinem Hund hinterher, als er wieder mal in Richtung Nachbars Rosen rennen wollte.
Ich ging ihm hinterher und packte ihn gerade noch rechtzeitig, ehe er sich wieder mal an den Blumen vergreifen konnte und ich mir wieder eine Predigt von meinem Nachbarn über "wie man richtig einen Hund erzieht und wo sich ein Hund nicht aufzuhalten hätte" anhören hätte müssen.
Doch nun hatte ich Kip Kip im Arm, ging wieder Richtung Hauseingang und hoffte, dass Herr KannHundenichtAusstehen diesen versuchten Rosenanschlag nicht gesehen hatte.
Dann sperrte ich Kip Kip ins Bad ein, weil ich noch schnell ein paar Besorgungen machen musste und ihn in modernen Modeboutiquen und Einkaufszentren nun wirklich nicht gebrauchen konnte. Zumindest dachten die Besitzer der Läden das mit Sicherheit und wenn man an all die Hundehaare an den sündhaftteuren Designerklamotten und die umgeschmissenen Dosentürme dachte, konnte ich das durchaus verstehen.
So huschte ich noch schnell ins Schlafzimmer um mich umzuziehen und nachdem ich auf halber Strecke vergessen hatte meine Geldbörse mitzunehmen und noch mal umdrehen musste, kam ich dann endlich in der Einkaufsstraße an.
Wenn ich gewusst hätte, was heute noch alles passieren würde, hätte ich Kip Kip lieber mitgenommen, doch das konnte ich zu dieser Zeit nun wahrlich noch nicht schmecken.
So fuhr ich nach vielen verronnenen Stunden und massig bepackt dann endlich Richtung trautes Heim.
Doch als ich dann endlich zu Hause war und die vielen Sachen verstaut hatte, wollte ich Kip Kip füttern gehen. Zu meines Entsetzen musste ich feststellen, dass er nicht im Bad war und auch sonst nirgendwo im Haus zu finden war. Und als ich bemerkte, dass es schon zu Dämmern begann, wurde ich zunehmend unruhiger. Panisch griff ich nach dem Autoschlüssel und fuhr mit dem Auto in der Gegend herum, in der Hoffnung ihn noch vor völliger Dunkelheit, in der es mir dann unmöglich wäre weiterzusuchen, zu finden.
Immer wieder fuhr ich um den Block, die Straßen und Alleen entlang, immer wachsam nach ihm Ausschau haltend. Doch die Dunkelheit ließ sich von den Sonnenstrahlen nicht weiter aufhalten und es wurde immer düsterer, auch meine Aussichten ihn noch zu finden.
Was sollte ich bloß tun? Ich wollte ihn doch nicht auch noch verlieren.
In mir drängte sich wieder die Erinnerung an Queequeg auf, was für ein liebes Kerlchen er doch war und auch der Tag, an dem er mir entrissen wurde.
Trauer stieg in mir hoch und ich schüttelte den Kopf, versuchte damit die Erinnerungen aus meinem Kopf zu bekommen, doch sie ließen sich nicht vertreiben. Im Gegenteil, mit jeder weiteren Minute, die verstrich, wurden sie intensiver. Und auch die Hoffnung schwand mit jeder Sekunde.
Dann wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen und verriss fast das Lenkrad als mein Handy auf dem Beifahrersitz klingelte. Für ein paar Sekunden überlegte ich ob ich überhaupt rangehen sollte, die Zeit ist jetzt doch so kostbar und kann ich es mir leisten damit jetzt meine Zeit zu verschwenden? Was würde der Anrufer überhaupt denken, wenn ich mit solch aufgewühlter Stimme reden würde? Vielleicht würde er es auch gar nicht verstehen, dass ich mir soviel Sorgen um einen Hund mache. Aber Kip Kip ist nicht nur ein Hund!! Er ist mein Hund, mein Freund und mein Begleiter, und den ich über alles liebe!
Doch schließendlich hebe ich doch ab.
"Ja?"
"hey Scully, ich bins."
"Mulder? Hi."
"Ich wollte nur fragen ob Sie den toxikologischen Bericht schon bekommen haben."
Doch ich war viel zu beschäftigt in dieser Dunkelheit etwas erkennen zu können, und Kip Kip vielleicht doch noch zu finden.
"Scully? Sind sie noch da?"
"Äh, ja. Tut mir leid. Bin grad etwas in Eile."
"Was denn los? Sie klingen irgendwie besorgt."
"Das bin ich auch. Kip Kip ist verschwunden."
"Das tut mir leid. Soll ich rüberkommen und suchen helfen?"
"Ich, .., das wäre toll. Danke."
"Aber sicher doch. Schließlich hab ich ihn Ihnen ja auch aufgebrummt. Bin gleich da."
"Ok, bis dann."
Als ich aufgelegt hatte musste ich an den Tag denken an dem Mulder ihn mir geschenkt hatte.
Ich war ohnehin sehr betrübt nach Quegquegs Tod gewesen. Es wäre eine große Umstellung für mich gewesen, nun weiter ohne einen wohlgetrauten Kameraden an der Seite jeden Tag aufzuwachen. Ihn zu versorgen und immer wissend, nicht allein zu sein.
So ein Hund kann einem ja so viel Freude bereiten, er ist nicht nur süß und putzig, nein er ist der beste Kamerad den man sich denken kann. Jemand sagte mal: Wer begleitet dich durchs Leben, ist immer an deiner Seite, in guten sowie in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut? Wer ist dir immer treu an deiner Seite, begleitet dich durchs ganze Leben und wenn du einmal Tod bist, wer sitzt an deinem Grabe, wenn schon längst alle Leute gegangen sind? Der Hund. Ewig treuer Begleiter.
Ich war zu Hause und habe gerade ein paar Akten studiert, als Mulder an der Tür klingelte. Es war mein Geburtstag und als ich die Tür aufmachte stand ich plötzlich diesem winzigen, unschuldigen Geschöpf gegenüber, das mich mit seinem treuherzigen, fragenden Augen anblickte. Ich hatte mich sofort in dieses Wesen verliebt und als dann Mulders zufriedenes Grinsen hinter dem kleinen Kopf auftauchte, hätte ich am liebsten vor Freude laut aufgeschrieen. Das war das schönste Geschenk was er mir machen konnte.
Es wurde noch ein netter und lustiger Abend, der in zwei zerkauten Schuhen von Mulder endete. Ein angedeutetes Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich daran dachte, doch wurde von der bitteren Realität sofort zunichte gemacht, als ich mich wieder dieser kalten, erbarmungslosen Dunkelheit gegenüber sah.
Ich fuhr zurück zu meinem Haus um auf Mulder zu warten und als ich die Einfahrt einbog, musste ich erkennen, dass er schon da war.
Ich stieg aus und ging zu ihm hin, versuchte nicht zu aufgewühlt zu wirken, obwohl ich am liebsten vor Verzweiflung losgeschrieen hätte.
"So, nun erzählen Sie mir mal, was genau passiert ist."
"Ich habe ihn im Bad eingesperrt um noch ein paar Unternehmungen zu machen und als ich zurückkam, war er nicht mehr da. Ich habe das ganze Haus von oben bis unten durchsucht, doch vergebens."
Obwohl ich versuchte den Bericht so ernst und ruhig wie ich nur konnte rüberzubringen, so konnte ich einen leisen Schluchzer nicht unterdrücken.
"Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden den kleinen Racker schon noch finden. So weit kann er eh noch nicht gekommen sein. Ich habe große Taschenlampen mitgenommen, hier nehmen Sie eine."
Er holte zwei von diesen großen Dingern aus seinem Auto und reichte mir eine davon.
Und so suchten wir dann viele Stunden lang die ganze Gegend ringsum ab und riefen immer wieder seinen Namen. Doch war noch immer keine Spur von ihm zu sehen.
Langsam schwand auch der letzte Funken Hoffnung in mir, doch ich wollte einfach nicht einsehen, dass ich Kip Kip wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Nein, noch wollte ich nicht aufgeben.
Doch als wir gerade durch den Park gingen, hörte ich aus der Ferne ein leises Bellen, das direkt aus dem danebenliegenden Wald kam.
Sofort gab ich Mulder ein Zeichen in den Wald zu gehen und dann rannte ich auch schon los.
Ich wusste, das es dumm von mir war in einen mir unbekannten Wald zu rennen und auch noch das Risiko da war, Mulder aus dem Augen zu verlieren, wenn ich weiter so rennen würde. Doch das alles war mir in diesem Moment egal. Ich wollte nur weiter, das Ende endlich erreichen, um meinen Kip Kip endlich wieder in die Arme schließen zu können.
Unaufhaltsam rannte ich immer schneller und das Bellen wurde immer lauter und mit jedem Schritt fasste ich mehr Hoffnung und meine Augen begannen sich in eine immer größer werdende Flamme zu verwandeln.
Doch so jäh wie es gekommen war verstummte das Bellen auch wieder und von Ferne hörte ich einen Traktor, der sich immer mehr von mir entfernte. Jetzt erst erkannte ich, dass das unmöglich mein Kip Kip gewesen sein konnte. Das Bellen war viel zu tief und jetzt, da die Einsicht gekommen war, war es zu spät. Ich hatte mich verirrt. Alle Richtungen schienen mir gleich und bald wusste ich gar nicht mehr, woher das Bellen gekommen war. Und wieder geriet ich fast in Panik, wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich mich nur so täuschen lassen? Doch ich wusste, ich durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. Ich würde schon zurückfinden. Wie oft hast du denn schon die Spur eines Täters verfolgt? Doch wann hast du jemals eine fast nicht vorhandene Spur mitten in der Nacht verfolgt, wobei du auch nicht mal weißt, wo du anfangen sollst, oder geschweige denn dich befindest?
Es heißt aber ja auch, du sollst dort bleiben wo du gerade bist, wenn du dich verirrt hast. Doch mich darauf zu verlassen, dass man eh irgendwann mal gefunden wird, war mir doch zu unsicher. Da wollte ich doch lieber das Risiko eingehen, mich noch weiter vom Rückweg zu entfernen, aber eine Chance zu haben doch einen Ausweg zu finden, als hier untätig herumzustehen und zu warten, bis einem die Insekten oder der Erfrierungstod heimsucht.
Doch dann kam mir plötzlich ein Einfall und ich richtete meinen Blick gen Himmel. Ich könnte doch einfach die Richtung anhand der Sterne ablesen! Nur gab es dabei ein Problem: Es war bewölkt. Ich Gedanken verfluchte ich die Wolken, mussten sie mir gerade hier und jetzt die Sicht versperren? Doch andererseits bezweifelte ich auch, dass ich anhand der Sterne wirklich den Rückweg gefunden hätte, schon daher, dass ich nicht mal weiß, aus welcher Himmelsrichtung ich eigentlich gekommen bin.
So ging ich meinem Gefühl nach einfach in eine Richtung und hoffte, dass mir das Glück hold sei.
Nach einigem Zeit bemerkte ich, das der Wald sich verdichtet hatte, ging aber trotzdem weiter.
Immer weiter ging ich, bis ich glaubte ein leises Winseln zu vernehmen. Doch zuerst tat ich es wieder als Täuschung ab, bis ich es abermals vernahm. Und diesmal schenkte ich ihm mehr Beachtung und ging in dessen Richtung. Doch je näher ich ihm kam, desto unbehaglicher wurde mir. Ich fühlte mich beobachtet und so wurden meine Schritte immer schneller.
Und dann vernahm ich das Winseln ganz nah und ein Windhauch streifte meinen Nacken, was mich schlagartig umdrehen ließ. Doch da war nichts. Obgleich mein Verstand mir einredete, dass hier nichts sei, so sagte mir mein Gefühlt etwas ganz anderes. Hastig sah ich mich um, doch konnte trotz der Taschenlampe nicht viel in dieser pechschwarzen Dunkelheit, die sich wie Teer über das ganze Gebiet ausbreitete, erkennen.
Doch dann vernahm ich abermals das Winseln und ging langsam weiter voran, bis ich es ganz nah vernahm, aber es doch etwas fern klang. Ich sah mich noch mal um und kniete mich dann nieder, um den Boden zu untersuchen. Und ich fand auch was. Ein 1 metergroßes Erdloch zierte den Boden und als ich mit der Taschenlampe reinleuchtete, traute ich meinen Augen nicht. Kip Kip saß in diesem etwa 2 metertiefem Loch und winselte. Als er mich bemerkte, fing er an zu bellen und kläffen und mein Herz machte einen Freudensprung. Doch ehe ich versuchen wollte ihn da rauszuholen, wurde mir bitterkalt und ich bekam eine Gänsehaut. Jemand stand hinter mir, da war ich mir sogar ganz sicher. Doch ehe ich mich umdrehen wollte, griff ich langsam zu meiner Waffe. Schlagartig drehte ich mich um und sah gerade noch, wie ein schwarzer Schatten in der Dunkelheit verschwand. Jetzt hatte ich Gewissheit, jemand war hier. Oder auch Etwas. Es schien mir ziemlich unwahrscheinlich, dass sich ein normales menschliches Wesen mit solcher Schnelligkeit bewegen konnte.
Ich suchte mit dem Blick noch mal alles um mich ab, und versuchte dann so schnell wie möglich Kip Kip da rauszuholen. Und ich schaffte es auch binnen weniger Sekunden, und stellte erleichtert fest, dass er unverletzt war.
Ich nahm ihn in den Arm und stand dann - mich genau umschauend - auf. Ich hielt die Waffe fest umklammert und war bereit, wenn dieses Ding noch mal auftauchen sollte, zu schießen.
Doch plötzlich fühlte ich nicht mehr ein Wesen in meiner Nähe, nein, es schien, als wären es jetzt Dutzende. Und dann sah ich sie überall, Schatten, Schemen, überall! Ich schoss auf den ersten Schatten, der sich näherte, doch ich konnte nicht erkennen ob ich ihn getroffen hatte, die Kugel verschwand einfach in der Dunkelheit. Ich fürchtete auch nicht schnell genug für diese Wesen zu sein, doch versuchte immer weiter sie zu treffen und sie mir vom Leib zu halten. Immer wieder durchbrach ein Schuss die Stille, von einem unheimlichen Echo gefolgt.
Und mir wurde immer kälter, und ich verspürte an der Stelle, an der mich etwas angehaucht oder berührt hatte, einen immer stärker werdenden, stechenden Schmerz.
Doch dann ging mir zu meinem Entsetzen die Munition aus und ich wusste, jetzt ist es vorbei, wer oder was auch immer diese Schattenwesen sein mögen, sie hatten gewonnen. Ich bin ihnen jetzt hilflos ausgeliefert.
Doch dann durchbrach erneut ein Schuss die Lautlosigkeit und ich sah wie ein Schatten zu Boden ging und sich mit dem Boden verband.
Seit der Schmerz stärker geworden war, nahm ich alles nicht mehr richtig wahr. Alles begann vor meinen Augen zu verschwimmen und die Dunkelheit wurde eins mit den Bäumen und den Schatten.
Doch ich riss mich noch einmal zusammen, kniff die Augen zusammen und als ich sie wieder öffnete sah ich Mulder. Noch immer seine Waffe auf der Höhe des abgegebenen Schusses haltend. Doch nun ließ er sie sinken und rannte zu mir rüber. Doch plötzlich schien ich Tonnen zu wiegen und meine Beine vermochten das Gewicht nicht mehr standzuhalten, selbst mein kleiner Kip Kip schien mir schwerer denn je.
Und ehe Mulder bei mir angekommen war, wurde aus dem Schmerz eine unerträgliche Qual und ich wurde ohnmächtig.
Bevor ich meine Augen wieder öffnete, nahm ich schon den typischen Krankenhausgeruch war und hörte wie die Krankenschwestern und Ärzte den Flur entlanggingen. Und als ich endlich meine Augen öffnete und sich langsam ein Bild formte, sah ich, das ich auf einem Krankenhausbett lag, daneben auf dem kleinen Tischchen ein bunter Blumenstrauß. Ich dachte, das wäre ein tolles Geschenk für Kip Kip und musste grinsen, ehe mir wieder einfiel, was eigentlich geschehen war.
Dann öffnete sich die Tür und Mulder kam lächelnd herein, die Hände hinter den Rücken versteckt. Ich lächelte zurück und wartete, bis er ans Bett gekommen war.
"Na, geht’s uns wieder besser?"
"Ja, aber wieso bin ich hier?"
"An das Geschehen können Sie sich noch erinnern?"
"Ja.."
"Also, man fand Spuren von Aconitin, einem Gift, das unter anderem auch Pilze produzieren, im Bereich Ihres Nackens. Es scheint als wäre es durch diese Wesen übertragen worden. Das dürfte auch der Grund Ihrer vorübergehenden Ohnmacht gewesen sein. Aber es war ein zu geringer Anteil um Schäden anzurichten."
"Ich frage lieber nicht nach Ihrer Theorie, was das ihrer Meinung nach für Wesen waren."
"Ob Sie´s wissen wollen oder nicht, ich glaube es waren sogenannte Waldwesen, die sich ihrer Umgebung haargenau anpassen können und eine unglaubliche Flexibilität und Schnelligkeit besitzen. Und sie scheinen uns als Bedrohung angesehen zu haben und versuchten mit diesem Aconitin nur, sich zu verteidigen."
"Sie wollen mir jetzt aber nicht erzählen, dass mich dort Kobolde oder Trolle angegriffen haben, oder?"
Doch Mulder grinste mich nur an und ich musste den Kopf schütteln.
"Ich habe übrigens eine Überraschung für Sie!"
Ich sah ihn mit fragenden Blick an. Dann holte er Kip Kip hinter seinen Rücken hervor und gab ihn mir.
"Kip Kip!!!"
Glücklich nahm ich ihn in die Arme und drückte ihn ganz fest an mich, was ihn nicht so sonderlich gefiel, so das rebellierend kläffte.
"Es war nicht so leicht ihn hier rein zu schmuggeln, aber ich hab es geschafft."
Ich lächelte Mulder dankbar an und schloss zufrieden meine Augen.
Doch was ich nicht wusste, ist, dass das nicht meine letzte Begegnung mit den Schatten gewesen war...