Titel: Mein Liebling
Autor: Kel
Kontakt: Waage14@aol.com
Rating: PG-16 (wegen rüder Sprache)
Spoiler: none
Short-Cut: Ein Überfall, der das Leben zweier Agenten verändert...


Mein Liebling . . .

DIENSTAG
IN EINEM KLEINEN GESCHÄFT

Nervös fuhr er sich durch die Haare. Du hast alles unter Kontrolle, Johnny, alles unter Kontrolle, sagte er sich und tastete nach seiner Pistole. Sie war da, hier bei ihm. Da wo sie sein musste. Er hatte sie sich erst gestern gekauft. Illegal, versteht sich. Niemand wusste davon, außer der dicke Verkäufer und er selber. Heute war er alleine auf sich gestellt. Er brauchte Geld und zwar sehr viel Geld - mindestens 1500 Dollar. Johnny war kein Arbeitstier. Schon früh lernte er das Gesetz der Straße kennen. Und heute - heute wollte er auch einmal reich sein. Und wenn auch nur für ein paar Tage, zumindest solange bis die hitzigen Bullen ihn einfangen würden. Sein Traum war es schon immer nach Puerto Rico zu reisen. Damals lebte seine Familie noch dort. Sein kleiner Bruder und seine Mom. Dieser Scheißkerl von Vater hat sie einfach sitzen gelassen. Johnny war damals 9, vielleicht auch 10 Jahre alt gewesen. Er lernte viel von ihm, obwohl es nie sein richtiger Daddy gewesen war. Ja, wie man eine Knarre benutzte, wie man die Patronen ordentlich eincheckte, und sogar noch, wie man sich auf einen Raub besonders gut vorbereiten konnte. Er war davor ein anderer Mensch und für das, was er gemacht und was er heute machen würde, konnte er nur seinem Stiefvater verantwortlich machen. Wer brachte ihm denn bei, wie man eine Leiche beseitigte? War Johnny es, oder dieser stinkige alte Knacker? Obwohl Johnny sein Leben in großen Zügen zu genießen versuchte, dachte er doch öfters an ein anderes Leben. Vielleicht an einer Familie oder noch besser an eine Frau, die Charisma hatte. Oh Gott, das würde schon ausreichen, um ein geiles Leben zu führen. Jedoch waren diese Gedanken so selten, wirklich so selten, dass er bei den Freunden und Bekannten als unberechenbaren starken Typen galt. Niemand kannte ihn wirklich. Er gab sich zwar cool und unabhängig, jedoch vermochte er sein wahres <Ich> zu verbergen. Wie auch heute in diesem Geschäft. Er würde versuchen, cool zu wirken, locker, easy, einfach sicher drauf. Ja, das waren seine Eigenschaften, und er hatte sich geschworen, sie beizubehalten, wenn etwas schief gehen würde.

Es war verdammt warm heute. Der Schweiß lief ihm die Stirn hinunter. In seinem Wagen war es ruhig. Keine Musik, sondern nur das leise Ticken einer Uhr wie von einer Zeitbombe.

Tick... Tick... Tick...

Er hatte sich eine Zeit ausgemacht, und diese musste er einhalten. Das war halt so; so hatte er es gelernt. Seine Augen fixierten den Laden. Von hier sah es sehr leer da drinnen aus. Das war auch gut so. Die weibliche Verkäuferin redete gerade mit einem Kunden, der dann nickend wieder verschwand. Johnny fixierte nun auch die Umgebung. Keine Polizei, gut. Keine Kinder, gut. Johnny wollte nicht, dass unschuldige Kinder mithineinbezogen werden könnten. Er hasste Typen, die das taten. In diesen Dingen war er sentimental. Nicht weit weg von dem Geschäft, ging ein Pärchen Hand in Hand die Straße entlang. Es sah süß aus. Der Mann war ziemlich groß im Gegensatz zu seiner Freundin. Dieses Bild erinnerte ihn sehr stark an seine Eltern. An seine richtigen Eltern. Sein richtiger Vater... Gott, hör` bloß auf mit dem Scheiß!, befahl er sich, sah wütend auf seine Uhr und stieg dann aus dem Wagen. Er hatte wichtigere Dinge zu tun, als sich mit so einem vergangenen Blödsinn verrückt zu machen! Hastig lief er über die Straße, atmete tief ein, als er durch die Tür ins Geschäft trat.

"HÄNDE HOCH, DAS IST EIN ÜBERFALL!" schrie er laut. Johnny konnte die Blicke der wenigen Menschen in diesem Raum auf sich spüren; die großen fragenden Augen der Verkäuferin.

"HAST DU NICHT GEHÖRT, DU ALTE SCHLAMPE, DU SOLLST DEINE FLOSSEN HOCHNEHMEN!"

Schockartig streckte sie langsam ihre Hände in die Höhe, als sie die Waffe des Mannes sah. Der Verkäuferin war zum Weinen zumute, aber nicht eine einzige Träne lief ihre roten Wangen hinunter.

"So, und jetzt," sagte Johnny und legte den braunen Beutel auf dem Ladentisch, "wirst du mir zu meinem Reichtum verhelfen. Los, leg alles hierein, oder ich knall dich ab! Mach schon!"

Die Verkäuferin öffnete zitternd die Kasse und legte das Geld in dem Beutel. Ihr einziger Wunsch war es, dass die Polizei bald da sein würde, nachdem sie noch den Knopf drücken konnte, der sich unter dem Tisch befand. Und sie hoffte, dass es nicht so spät sein würde.

***

"Ich habe gestern mit Skinner geredet."

"Was wollte er?", fragte sie und sah ihn in die Augen.

"Ich werde morgen früh nach Louisana fahren und mit Frau Kölm sprechen."

"Was?", fragte sie und ließ vor Schock seine Hand los. "Mulder, du kannst da nicht hinfahren. Es - es ist viel zu gefährlich."

"Dana, sie ist die einzige, die noch lebt, und es kann nur wenige Stunden dauern, bis sie es nicht mehr tut. Sie ist die einzige Verbindung in diesem Fall - und höchstwahrscheinlich der einzige Mensch auf der gesamten Welt, der uns weiterhelfen kann."

"Das ist mir doch egal, Mulder. Diese Frau liegt mit 40° Fieber im Bett und jeder, der sich ihr auf irgendeiner Weise zu nahe kommt, könnte sich lebensgefährlich anstecken!"

" . . . Das Risiko muss ich eingehen."

Scully schüttelte ihren Kopf.

" . . . Ich kann das nicht glauben, Mulder." Leise redete sie weiter. "Ich kann das einfach nicht glauben."

Sie lief langsam weiter.

"Dana", flehte er und ging ihr hinterher. "Hey, hör` zu", sagte er und drehte sie um. "Das ist mein Job. Ich muss das tun. Ich bin FBI-Agent und das ist meine Pflicht."

"Ja", sagte sie nickend. "Ich weiß. Nur vergisst du dabei eines... ich brauche dich... Anscheinend siehst du das anders."

Sie drehte ihm den Rücken zu und lief die Straße weiter entlang.

"Dana", sagte er leise und sah ihr nach. "Dana... "

Verdammt!

***

"Schneller, schneller, schneller, schneller!! Na los, wird's bald! Hopp, hopp, hopp!!!"

Johnny fuchtelte mit der Waffe herum. Warum mussten alle Angestellten immer so lahmarschig sein, wenn sie mal etwas zu tun hatten?!

"HABEN SIE DENN NOCH NIE GELD EINGEPACKT, ODER WAS?!"

Johnny wurde wieder sauer. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter.

"WAS IST DAS, VERDAMMT!!!?", schrie er. "ICH FRAGTE, WAS IST DAS?!!"

Er lehnte sich zu der Frau und griff nach ihrem T-Shirt, um sie nah an sich zu ziehen. "HAST DU ETWA DIESE SCHEIßBULLEN GEHOLT, HE?!!"

Sie schüttelte verängstigt ihren Kopf. "Neeeein", jammerte sie.

"Nein, ja!?", sagte er in ihr Ohr. "NEIN, JA?!! WARUM HÖRE ICH DANN SIRENEN, HE?!!"

Seine Pistole hielt er eng gedrückt an ihrem Hals. "Ich werde dir zeigen, was es heißt, MICH anzulügen!!"

"Bitte", entsprang es einer anderen Kehle. "Sir, bitte. Sie brauchen doch nur das Geld. Lassen Sie sie doch in Ruhe und gehen Sie dann wieder, bevor die Polizei Sie erwischt."

Er drehte sich ruckartig um. "Ahh... " sagte er und richtete den Lauf auf den Mann. "Ein kleiner verfluchter Besserwisser, wie?! Komm her, Mabn!"

Der Mann ging zu ihm. Johnny führte ihn hinter den Ladentisch. "Los, pack` mir noch mehr Kohle ein. Und mach` es schnell, bevor ich dich abknalle!"

Der Mann tat wie ihm geheißen und legte all das Geld in den Beutel. Er schmiss es regelrecht hinein.

"SIEHST DU DAS!?", fragte er wütend die Verkäuferin. "SO MACHT MAN DAS, UND NICHT ANDERS!"

Der Mann hinter dem Ladentisch reagierte schnell. In einer Millisekunde ballte er seine Hand zu einer Faust und schlug ihn damit ins Gesicht, bevor Johnny reagieren konnte.

"DU BASTARD!", schrie er, als er unsanft auf den Boden landete, sich rasch wieder aufrappelte
und zwei Schüsse auf ihn abfeuerte. Die Verkäuferin schrie, als der Mann neben ihr an die Wand fiel und dort ohnmächtig hinunterglitt.

***

Mulders Herzschlag wurde schneller. Sein Atem war unregelmäßig, als er zu laufen begann. "Danaaaaa!", schrie er und rannte die Straße hinunter. Die Schüsse kamen aus den Laden - und die Schreie auch. Es war wie in Zeitlupe.

Ein Mann mit einem blauen Auge kam aus dem Laden herausgerannt. Er bemerkte die Polizeiwagen, die mit lauten Sirenen herbeigefahren kamen. Seine Augen suchten nach etwas, was sie davon abhalten würden, auf ihn zu schießen. Vor ihm versuchte die Frau von vorhin sich noch umzudrehen und davon zu laufen, aber er rannte ihr kurz hinterher und packte sie grob an den Schultern. Sie schrie auf. Johnny interessierte es nicht; er hatte ein Opfer gefunden; jetzt würden sie nicht auf ihn schießen können. Jedoch hatte er sie so grob herumgedreht, dass sie vor Schmerzen in die Knie ging. "STEH AUF, DU VERDAMMTES MISTSTÜCK!!!", schrie er sie verzweifelnd an und bedrohte sein Opfer mit der Pistole. Weinend richtete sich Dana wieder auf. Dieses Schwein hatte ihr den Arm gebrochen und beinahe ihre Schulter verrenkt.

Mulder hatte seine Waffe auf ihn gerichtet und sah ihn mit einem flehenden Ausdruck in den Augen an.

Bitte.

Bitte lassen Sie sie gehen.

Johnny richtete kurz die Waffe auf ihn und dann wieder auf sie. "DU VERDAMMTES SCHWEIN, LEG` DEINE WAFFE HIN, ANSONSTEN BRINGE ICH SIE UM!! ICH VERSPRECH`S DIR! EINE KUGEL IM KOPF UND SIE IST TOT!"

Mulder wartete einen kurzen Augenblick und legte dann seine Waffe auf den Boden. Er sah ihm mit tränenverschmierten Gesicht an, als er sich wieder erhob. "Sie müssen das nicht tun", sagte er. "Geben Sie mir die Waffe und es kann alles geklärt werden."

"FBI, WAS?!", schrie er ihn an. "IHR ARSCHLÖCHER SEID DOCH ALLE GLEICH!" Er feuerte in die Umgebung. "SIEHST DU DAS?!", schrie er, als er noch eine Kugel abfeuerte und sich die Polizisten hinter ihren Autos zu retten versuchten. Danas eine gesunde Hand griff automatisch nach ihren einem Ohr und sie versuchte, den Druck durch das Abdecken des Ohres zu lindern. "STEH AUF VERDAMMT!!", schrie er wieder und zog sie hoch, aber sie konnte nicht. Weinend blieb sie verletzt am Boden sitzen. "STEH AUF!!", sagte er noch einmal und versuchte sie wieder hochzuziehen, aber er schaffte es nicht. Er ließ sie am Boden sitzen und rannte wie eine Rakete in Mulders entgegengesetzte Richtung. Mulder griff nach seiner Pistole und rannte ihm hinterher. Johnny war schnell.

Mulder hatte große Mühe, ihn einzuholen. Plötzlich drehte er sich um und feuerte seine letzte Kugel auf ihn ab. Er versuchte auszuweichen, aber da traf sie ihn schon - auf der rechten Seite in seinem Bauch. Stöhnend blieb er stehen. Er schwankte und senkte seinen Kopf, um sich die Wunde anzuschauen. Auf den Lippen beißend drückte er eine Hand auf sie. Er hatte größte Mühe, sich nicht auf den Boden gleiten zu lassen. Ein paar Meter weg von ihm überwältigten die Beamten den Mann und nahmen ihn fest. Mulder versuchte sich umzudrehen und er schaffte es auch. Langsam ging er auf sie zu, doch nach ein paar Schritten fiel er zu Boden. Dana weinte, als sie sich ihm nähern konnte.

"Mein Liebling", flüsterte sie und nahm ihn in die Arme. Sie presste ihren Kopf an seinen. Mit dem gesunden Arm umfasste sie ihn, den gebrochenen Arm hatte sie auf ihre Knie gelegt.

Sie bemerkte die Leute, die hinter einer von der Polizei gemachten Absperrung standen. Die mitleidigen Blicke, als sie ihren Freund versuchte aus dem Koma zu holen. Diese traurigen Gesichter, als sie ihn auf die Wange küsste. Geh` nicht, flehte sie in ihren Gedanken. Gott, bitte, geh` nicht ..

Als ein Krankenwagen sich ihnen näherte, musste Scully von ihm ablassen, als Sanitäter ihn auf einer Liege in den Krankenwagen hineinschoben. Sie selbst wurde von drei anderen Sanitätern verarbeitet.

Jedoch brachen ihre Augen den Kontakt zu ihrem Freund nicht ab, bis aber letztendlich der Krankenwagen davonfuhr. Sie richtete ihren Blick auf den Boden. Was würde sie erwarten?

***

Scully saß am Bett von ihm. Er trug eine Nasensonde und war an einem EKG-Gerät angeschlossen. Sie war verzweifelt. So wie er da lag, so hilflos und allein. Sie hatte ihr weinendes Gesicht auf ihren einen Arm gestützt und sah auf seine Hand.

Nach ein paar Minuten legte sie sich genau neben ihn, nahm seine Hand in ihre Unverletzte und hielt sie fest an ihren Mund gedrückt. Sie lag in einer Embryostellung und hatte ihre Augen geschlossen.

Ihr Kopf legte sie vorsichtig auf seine Brust und meditierte entlang seinen Herzrhythmus.

Draußen standen drei Ärzte und sahen sich das ganze Schauspiel an. Der eine von ihnen wollte schon hinein gehen und ihr sagen, dass das, was sie tat, verboten war, aber Mr. Huskins konnte ihn zurückhalten. Er sagte, dass er sie lassen sollte. "Die Chancen stehen 1:100, Mr. Maik. Lassen Sie sie den Rest der Besuchszeit bei ihm. Er wird es, so wie es jetzt aussieht, hundertprozentig sowieso nicht schaffen... sie scheint noch nicht bereit für das Alleinsein. Sie muss sich jetzt erst vorbereiten... und ich glaube, dass sie das gerade versucht."

***

" ...Siehst du da draußen die Ärzte, Mulder? Sie denken, dass du nicht durchkommst..."

Sie drehte sich kurz um und sah die drei an. Dann versuchte sie, wieder in die gleiche Position wie vorhin zu kommen.

"...ich war vor einer Woche bei meinem Arzt, Mulder. Das Ergebnis war negativ. Ich wusste, dass du dich auf ein Kind gefreut hättest, deswegen konnte ich es dir noch nicht sagen. Es tut mir leid deswegen..."

Sie wartete einen Augenblick. "...ich liebe dich", flüsterte sie und spürte, wie seine Finger ein wenig zuckten.

1:100.

Er würde es schaffen.

ENDE