Titel: Kathérine et Pascal...(bis 05/2002)
Autor: Viola Anna
Kontakt: vio_wittek@t-online.de
Rating: R, wegen Mulder in einer Rüstung *g*
Kategorie: MSR
Disclaimer: Mulder und Scully gehören nicht mir, etc.
Short-Cut: Mulder findet sich nach einem Unfall in einer völlig anderen Zeit wieder...
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Kathérine et Pascal...

 

"Oh, Mulder", seufzte sie und schüttelte den Kopf über seine Unverbesserlichkeit. Anstatt an diesem Freitag Abend, dem Beginn eines Wochenendes, einmal vor neun Uhr nach Hause zu fahren, war er noch immer versunken in Akten und allerlei Unterlagen, die es nun zu sortieren galt. Kaum jemand in diesem ganzen Gebäude machte Überstunden, da die Arbeitszeit als solche ohnehin schon entsetzlich lang war. Nur Mulder.

"Ich verstehe einfach nicht, weshalb Sie nicht mal einen einzigen Freitag Abend früher heimfahren und es sich einfach mal gutgehen lassen; mit, was-weiß-ich, ein wenig entspannender Musik, einem heißen Vollbad, trinken Sie doch mal ein bißchen Wein, schauen sich einen guten Film an oder lesen ein Buch", sagte sie und verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust, als sie ihn mütterlich anblickte. Er liebte es, wenn sie ihn auf diese Weise ansah. Dann lächelte sie; und wenn Dana Scully lächelte, dann nicht nur mit ihren Mundwinkeln und Lippen, sondern auch mit ihren Augen. Dann leuchtete das kristallene Blau darin und schien sich zu drehen und zu verändern, wie ein Kaleidoskop, fand Mulder.

"Ich kann mich noch genug entspannen, wenn ich tot bin", sagte er tonlos seufzend, aber mit den Schultern zuckend und begann irgendeine ihm ganz eigene, unidentifizierbare Ordnung in seine vielen Unterlagen zu bringen. "Ich tue diese Dinge einfach nicht, weil es für mich hier genügend zu tun gibt und weil ich einfach ein viel zu aktiver Mensch bin, um mich auszuruhen." Nun lachte sie leise und Dana Scully lachen zu hören, war fast noch schöner, als sie lächeln zu sehen. Sie schüttelte leicht den Kopf; denn das, was er da gesagt hatte, war mehr als nur typisch für ihn.

"Wie auch immer", seufzte sie schließlich, als sie auf die Bürotür zuging. "Ich meinerseits werde jetzt nach Hause in meine Wohnung gehen und genau das tun, wozu Sie viel zu aktiv sind, Mulder. Bis Montag." Sie schnappte sich ihre Jacke, die über dem Stuhl gehangen war.

"Bis Montag", seufzte er leise hinter ihr her, als sie mit einer eleganten Bewegung durch den Türspalt schlüpfte und sein Büro verließ. Kaum war diese leise in ihr Schloß gefallen, begannen die feinen, klackenden Geräusche ihrer hohen Schuhe auf dem Linoleumboden, mit dem der Flur ausgestattet war, und den sie nun hinunter ging. Langsam verstummten sie, als sie zu weit von seinem Büro wegkam, als daß er sie noch hören konnte. Einen Moment hielt er inne und schloß seine Augen kurz. Plötzlich lang flackerte in ihm das Bild von Scully in einer schaumigen Badewanne auf, wie sie ein Glas Wein in der Hand hielt und ihn mit dem gleichen Lächeln anblickte, wie sie es eben getan hatte. Was würde er nur darum geben, mit ihr in dieser Badewanne sitzen zu dürfen?!

‚Kranker Bastard!‘, schalt ihn sein Gewissen augenblicklich, als ihm klar wurde, wohin seine Gedanken wieder einmal wanderten. Das war genau der Grund, weshalb er es vermied sich zu entspannen. Wenn er arbeitete, hatte er wenigstens nicht diese unpartnerschaftlichen und unkeuschen Gedanken von ihr... das heißt, hin und wieder hatte er sie schon. Aber nicht allzu oft, wie wenn er nichts tat und seiner Phantasie freien Lauf ließ. Also begann er sich wieder auf die Reisespesen zu konzentrieren, die vor ihm auf in einem unordentlichen Stapel und in Form von dünnen, blauem Blättern Papier auf dem Tisch lagen.

Mulder arbeitete noch eine ganze Weile weiter; sortierte die Reiseanträge chronologisch, die er an Skinner abzugeben hatte und versuchte sich einen logischen Weg durch die blauen Spesenzettel zu bahnen, was ihm aber vielmehr mißlang als glückte. Als sein Blick auf die Uhr an seinem Videorecorder fiel, erschrak er. So spät war es bereits, fragte er sich, als er die kleinen, grünen Buchstaben entdeckte, die bereits 11.21 p.m. anzeigten.

Scully war bereits seit über zwei Stunden zu Hause, dachte er, und lag vermutlich schon seit zwei Stunden gemütlich in der Badewanne oder auf ihrem Sofa. Er beschloß, daß nun doch genug war. Er legte die Zettel, die er die ganze Zeit über sortiert und kategorisiert hatte, auf den Schreibtisch und positionierte den Briefbeschwerer auf ihnen, damit sie nicht davonflogen, wenn er sich unüberlegt zu schnell bewegte und er sich die mühsame Arbeit nicht noch ein weiteres Mal machen mußte.

Er erhob und streckte sich müde. Du bist eben keine zwanzig mehr, dachte er, als seine Hand sich über die Verspannung in seinem Nacken legte. Seufzend nahm er sein Jackett von dem Stuhl, auf dem bis vor kurzem auch Scullys Jacke gelegen war. Er warf es sich über und löschte dann alle Lichter in seinem Büro, bevor er es mit einem letzten kontrollierenden Blick verließ und die Tür dazu abschloß.

Das Hauptquartier war wie leergefegt. Das war es meistens, wenn Mulder sein Büro verließ, da er grundsätzlich niemals vor halb zehn zu Hause war. Aber an Freitagabenden war die Situation eine völlig andere. Nach anstrengenden Arbeitswochen gingen die Agenten früher nach Hause; einige wie Scully, um sich zu entspannen, andere, um bei ihren Familien sein zu können. Ja, und dann gab es noch eine dritte Kategorie, in die auch Mulder fiel: Die Workaholics. Aber das waren nur wenige, Mulder entdeckte selten noch andere Wagen in der Nähe seines Autos in der Parkgarage. Doch es schien tatsächlich ein paar zu geben, die sogar nach ihm noch das Gebäude verließen. An diesem Abend aber, schien er tatsächlich der Letzte zu sein. Die Parkgarage war vollkommen leer, von dem Wachmann abgesehen, dessen Feierabend nicht vor dem Morgengrauen begann.

Als Mulder mit seinem Wagen über den Highway fuhr, bemerkte er; wie wenig Verkehr doch herrschte. Er schaute auf seine Uhr; es war kurz vor Mitternacht. Nun gut, es war Freitag Abend, die Partygänger waren schon alle in den Diskotheken und Kneipen und würden sich erst in zwei bis drei Stunden auf dem Weg zurück befinden. Er schaltete sein Radio an und lauschte der sanften Musik, die der Sender spielte. Er mochte leise, romantische Musik, denn sie beruhigte seine Nerven ein wenig auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Leise summte er mit der Melodie, da er den Text des Liedes nicht gut genug kannte, um mitsingen zu können.

Die Dunkelheit legte sich wie ein Mantel über die Stadt und hüllte alle Farben in sich ein. Aus der Hauptstadt, die nun auf Mulders linker Seite lag, strahlten verschiedenfarbige Lichter in die Nacht, die den silbrigen Vollmond unterstützten. Auf den Straßen waren die einzigen hellen Punkte die beiden, gelblichen Kegel, die vor Mulders Wagen den Weg beleuchteten, und die Reflektoren am Straßenrand, die selbes Licht zurückwarfen. Auf der nebenan liegenden Straßenseite allerdings herrschte mehr Betrieb. An Mulder fuhren hin und wieder kleine Personenwagen vorbei und gelegentlich auch ein Transporter.

Zufrieden summte er ein Lied von Madonna mit, als er entdeckte, daß ein Laster auf der gegenüberliegenden Fahrspur auf ihn zukam. Doch je näher der Transporter ihm kam, desto ungerader schien sein Fahrtweg zu sein und Mulder hatte den Eindruck, als würde er immer weiter auf seine Spur geraten. Zunächst glaubte er, daß seine Augen ihm einen Streich spielten oder die Dunkelheit ihn austrickste. Aber dem war nicht so; der Laster kam direkt auf ihn zu.

"Scheiße", stotterte er schockiert. Sein Herz begann zu rasen, als er erkannte, daß er aufgrund der Leitplanke absolut keine Chance hatte dem Transporter auszuweichen. Hilflos haute er die Hand auf die Hupe und trat ordentlich aufs Gas in der Hoffnung sich an dem Laster vorbei schlängeln zu können. Aber dem war nicht so. Die Lichter kamen immer näher und den Bruchteil einer Sekunde später hörte er ein Krachen; Quietschen von Bremsen, das Aufeinanderschlagen und ohrenbetäubende Schreien von Metall und das Klirren von Glas. Er spürte noch, daß es ihn nach rechts riß, doch dann wurde es schwarz um ihn.

~*~*~*~

Scully kam gerade erst aus der Wanne. Auf ihren Lippen haftete der Geschmack von süßem Wein und Schokolade. In ihrem weichen Baumwollschlafanzug fühlte sie sich wohlig warm. Ihre Haare hatte sie gerade gefönt. Sie mochte das Gefühl, das die warme Fönluft verursachte. Sie hatte dann nur noch das Bedürfnis sich in ihre Kissen und unter die Decke zu kuscheln und einzuschlafen. Leise summte sie ihr Lieblingslied vor sich hin, als sie müde gähnte und auf das Schlafzimmer zuging.

Nachdem alle Lichter in ihrer Wohnung gelöscht waren, schloß sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer hinter sich. Sie streckte sich noch einmal, bevor sie auf ihre Matratze sank. Auf dem Nachttisch tastete sie nach der Fernbedienung für den Fernseher. Sie sah sich abends hin und wieder gern noch irgendwas an. Die flackernden Farben halfen ihr beim Einschlafen.

Scully schaltete jeden Abend chronologisch die Sender durch, bis sie etwas entdeckte, das ihr zusprach und so begann sie auch diesmal bei ABC. Es dauerte nicht lange, bis sie auf einen lokalen Sender stieß, der Nachrichten zeigte. Zufrieden drehte sie die Lautstärke auf und legte die Fernbedienung vor sich auf die Bettdecke, die sie bis zum Kinn über sich gezogen hatte. Sie zog ein Kissen an sich heran und schob es unter ihrem Kopf, als sie begann sich auf die neusten Geschehnisse in der Welt zu konzentrieren.

Den internationalen und auch nationalen Neuigkeiten, die sie größtenteils schon im Radio gehört hatte, folgten die lokalen Nachrichten; meist Schlägereien und Autounfälle, hin und wieder mal ein Überfall auf eine Bank oder Tankstelle. Relativ harmlose Dinge, die ihr beim FBI gar nicht erst begegneten. So auch diesmal.

Nachdem über eine Auseinandersetzung mit der Polizei in einem der verlotterten Viertel Washingtons berichtet wurde, folgte ein kurzer Abschnitt über einen Autounfall zwischen Washington und Alexandria. Als es in ihrem Verstand durchsickerte, daß das die Strecke war, die Mulder nach Hause fuhr, lief ein kurzer Schauer über ihren Rücken.

"Der Fahrer des LKWs, der offenbar am Steuer eingeschlafen war, geriet auf die Gegenfahrbahn und drängte einen Personenwagen gegen die Leitplanke. Aufgrund der Dunkelheit und der hohen Geschwindigkeit der beiden Wagen, die hinter dem PKW gewesen waren, war es diesen nicht mehr möglich zu bremsen und sie rasten in die beiden verunglückten Wagen. Der LKW-Fahrer und einer der PKW-Fahrer kamen mit dem Schrecken und ein paar Prellungen davon, die anderen wurden mit Rettungswagen ins Washington Memorial gebracht und schweben noch immer in Lebensgefahr."

Scullys Augen standen in Schreck weit offen und eine Gänsehaut lief über ihren ganzen Körper, als sie in der Metallawine einen silbernen Wagen entdeckte, der durchaus einmal ein Ford Taurus gewesen sein könnte. Als die Kamera zu einem letzten Zoom an die stark verunstalteten Wagen heranfuhr und es ihr möglich war, neben dem Nummernschild einen grünen Aufkleber zu erkennen, zog sich ihr Unterleib schmerzhaft zusammen und ihr Herzschlag setzte einen Moment aus. Der Aufkleber war einer, den Mulder bei seinem Abschluß in Oxford erhielt und der in großen Lettern ‚I’m An Oxford Graduate‘ verkündete. "Oh Gott, Mulder!", rief sie mit Tränen in ihren Augen, als sie einen großen Satz aus dem Bett machte. In null-komma-nichts hatte sie sich ihren Trenchcoat übergeworfen und ihre Wohnung verlassen, um sich auf direktem Weg ins Krankenhaus zu machen.

~*~*~*~

"He", hörte er eine ihm äußerst bekannte Stimme. "Wacht auf!"

Sie hatte sich neben ihn gekniet, seinen Kopf fürsorglich angehoben und sich sorgenvoll über ihn gebeugt. Ihr langes, kupferfarbenes Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern hinab und kitzelte sein Gesicht. Er begann nun langsam zu sich zu kommen, denn er blinzelte vorsichtig. Die Helligkeit des Tages brannte in seinen Augen und blendete ihn unheimlich. Es dauerte eine Weile, bis er wirklich erkannte, wer sich da eigentlich um ihn kümmerte.

Das erste, was er wirklich erblickte, als sein Verstand wieder einsetzte, war das vertraute, mütterliche Lächeln seiner Partnerin und das Leuchten ihrer blauen Augen. Doch irgendwie sah sie merkwürdig aus, dachte er. Vor allem irritierte ihn ihr rötliches Haar, das lang genug war, um auf sein Gesicht zu fallen und ihn zu kitzeln.

"Habt Ihr Schmerzen?", fragte sie fürsorglich und er schüttelte den Kopf, als er begann sich eigenmächtig aufzurichten. Die feuchte Luft, die sein Gesicht rauh erscheinen ließ, war Waldluft. Verwundert musterte er die alten Baumstämme und die hohen Baumkronen über sich. Sein Mund stand in verwirrtem Erstaunen weit offen.

Einen Moment fragte er sich allen Ernstes, ob er möglicherweise tot war, denn das Letzte, an das er sich erinnerte, war das schrille Geräusch von Bremsen auf Asphalt und das beängstigende Näherkommen der Lichter des LKW. Verwirrt schüttelte er den Kopf. Wie war er aus seinem Auto hierher gekommen?

"Geht es Euch gut?", verlangte Scully zu wissen und nun schenkte er seine Aufmerksamkeit wieder ihr, die noch immer neben ihm hockte. Ihr Haar, in dessen einzelne Strähnen einige Gänseblümchen geflochten waren, war lang genug, um ihr bis ans Becken zu reichen und überdeckten teilweise das goldene Kreuz, daß sie um ihren Hals trug, welches durch das lange, altmodische Kleid mit dem eng geschnürten Korsett darunter besonders hervorhob. Mulders Augen wurden vor Erstaunen und Affektion immer größer.

"Scully?", fragte er verwundert, als er seine Hand in seinen Nacken legte, der wieder einmal vollkommen verspannt war. Sie sah ihn nur merkwürdig verwundert an, bevor sie wieder lächelte. Aber diesmal war es eher ein besorgtes Lächeln, als sie über seinen Hinterkopf fuhr.

"Scully", wiederholte sie verwundert und er sah, daß sie grübelnd nachdachte. Jedesmal, wenn sie überlegte, legte sie ihre Stirn in diese niedlichen, kleinen Falten; genauso wie sie es im Moment auch tat, als sie einige Haarsträhnen hinter ihre freie Schulter strich. "Scully –Welche Sprache ist das? Englisch?"

"Das ist keine Sprache, sondern Ihr Name, Scully", erklärte er flüchtig, als sie seinen Kopf überprüfte. An seinem Hinterkopf entdeckte sie ganz deutlich eine Beule, die er entweder durch den Ast, der ihn getroffen hatte, oder von dem Fall auf den Waldboden bekommen hatte.

"Ihr habt eine Beule, Pascal", sagte sie, als sie prüfend durch sein Haar fuhr, um nach weiteren Verletzungen zu schauen. Mulder runzelte verwundert die Stirn.

"Pascal?", fragte er verwundert und Scullys Blick wurde immer besorgter.

"Herje, Ihr erinnert Euch nicht an Euren Namen!", sagte sie und legte die Stirn voller Sorge in Falten. Ihre Finger fuhren sanft über seine Wangen, so wie es Scully hin und wieder bereits bei ihm getan hatte. Moment, was dachte er da eigentlich –das hier war doch Scully!

"Mulder", sagte er und sie wurde hellhörig.

"Bitte?"

"Ich heiße Fox Mulder, nicht Pascal", widersprach er und Scully schüttelte nur widerspenstig den Kopf.

"Ihr seid verwirrt, Pascal", sagte sie. "Möglicherweise habt Ihr eine Gehirnerschütterung oder eine schwere Kopfverletzung, wenn Ihr Euch an solch gravierende Dinge nicht zu erinnern vermögt."

Nun war Mulder endgültig verwirrt. Nicht nur saß Scully neben ihm, gekleidet wie eine gute Waldfee, sondern ihre Sprache irritierte ihn außerdem. Irgendwie klang all das, was aus ihrem Mund kam, so merkwürdig in seinen Ohren. Aber es lag nicht nur an der alten Ausdrucksweise. Da war noch etwas anderes.

"Vielleicht verhilft Euch das hier dazu, Euch wieder zu erinnern", sagte sie schmunzelnd und ihr Gesicht kam seinem näher. Gleichzeitig mit der Erkenntnis, daß sie plante ihn zu küssen, erkannte er auch weshalb ihre Worte so merkwürdig klangen.

Weil sie französisch sprach!

Und er auch französisch sprach!

Doch vor allem aber wunderte ihn, daß er nicht nur jedes Wort aus ihrem Mund verstand, sondern ohne zu Stocken auf Französisch antworten konnte. Also irgendwas war hier verdammt faul im Busch, das konnte er förmlich riechen! Doch als ihre zarten Lippen auf seine trafen, war plötzlich alles in seinem verwirrten Verstand weg.

Sie küßte ihn sanft und zärtlich und er erwiderte den Kuß ebenso. Vorsichtig sank seine Hand, die ihn bis eben noch auf dem Boden abgestützt hatte, unter ihr Haar und an ihren Hals, wo er sie sanft streichelte. Ihr Haar war weich wie Seide, was er jedesmal aufs Neue bemerkte, wenn er es berührte. Dann löste sie ihren Mund über seinem.

Mit einem leicht verlegenen Lächeln sah sie ihn an. "Kommt Eure Erinnerung zurück?"

"Möglicherweise, wenn Ihr mich noch einmal küßt", erwiderte er und sie kicherte. Unsicher stutzte er, als er bemerkte, daß er gerade begonnen hatte in altem Französisch zu sprechen. Er runzelte einen kurzen Moment lang die Stirn, bis er bemerkte, daß Scully sich wohl tatsächlich noch ein weiteres Mal küssen lassen würde.

Seine Hand, die noch immer an ihrem Hals lag, zog sie zu sich. Und diesmal übernahm er die Führung in ihrem Kuß, der diesmal mehr von Leidenschaft als von Sanftheit zeugte. Doch anscheinend gefiel es ihr ebenso wie ihm, denn sie seufzte in seinen Mund, als er um Einlaß in ihren bat. Natürlich ließ sie es zu. Er küßte zu gut, als daß sie sich hätte wehren können. Eine ganze Weile saßen sie in den dichten Wäldern und küßten sich einfach nur stürmisch, so lang bis sie beide nach Luft ringend voneinander ließen.

"Erinnert Ihr Euch?", fragte sie erneut hoffnungsvoll.

Er dachte einen Moment nach, was wohl die geschickteste Antwort in dieser merkwürdigen Situation sein mochte. Ganz plötzlich erinnerte er sich daran, wie er auf der Queen Anne gewesen war. Irgendwie war er in einer Zeitschleife fast sechzig Jahre zurück gerutscht; ohne zu wissen, wie er da hinein oder auch heraus geraten war. Und wie Fox Mulder nun einmal war, hatte er durch sein großspuriges Gerede nicht nur begonnen den Ausgang des zweiten Weltkriegs zu verändern, sondern war auf dem besten Wege gewesen, die gesamte Geschichte zu revolutionieren, so daß im Endeffekt vermutlich weder er noch Scully jemals existiert hätten. Diesen Fehler wollte er diesmal nicht machen; noch einmal wollte er nicht von Nazis oder sonstigen Verbrechern gejagt werden, die ihn zu exekutieren wünschten. Nein, diesmal entschied er sich für einen bequemen Zwischenweg; er würde ihr nicht die ganze Wahrheit sagen, sondern nur den Teil, den sie ihm auch glauben würde. Also schüttelte er nach einiger Überlegung den Kopf.

"Ich erinnere mich an fast gar nichts", sagte er seufzend, als Scully das Gesicht verzog, als hätte sie auf eine saure Zitrone gebissen. Dann zog sie ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und dachte einen Moment lang nach.

"Laßt mich Euch erst einmal helfen, Euch aus dem Dreck zu erheben", sagte sie schließlich und streckte ihm eine Hand hin.

"Keine schlechte Idee", schmunzelte er, als er ihre Hand nahm. Als er versuchte sich aufzurichten, spürte er erst, daß das keine allzu leichte Aufgabe war. Er trug schwere Eisenkleidung, wie die eines Ritters, die ihn zu Boden zog. Und als er um sich blickte und zwei weiße Pferde entdeckte, schüttelte er verwundert den Kopf. Das war ja wie im Kino!

"Das gibt’s ja wohl nicht!", stammelte er, mehr an sich selbst als an sie gerichtet, aber sie wurde natürlich dennoch hellhörig.

"Wovon sprecht Ihr?"

"Bin ich ein Ritter oder etwas in der Art?", fragte er plötzlich verwundert, als er an sich heruntersah. Himmel, dachte er erstaunt. Und er war immer schon der festen Überzeugung, daß sein Anzug beim FBI äußerst unbequem war, doch das hier, das war der absolute Höhepunkt aller Dienstkleidungen!

"Ihr seid ein Ritter meines Vaters", sagte sie, als wäre es selbstverständlich. Nickend folgte Mulder ihr ohne ein weiteres Wort zu sagen; jegliche Frage über das wie oder warum wäre unsinnig. Und bevor er etwas Falsches sagte und noch einmal für Furore in der Geschichte sorgte, schwieg er lieber.

"Ahja?", fragte er. "Und euer Vater ist?"

"Der Kaiser", sagte sie wie selbstverständlich und Mulder nickte nachdenklich.

"Pascal, obwohl mich Euer Unfall beunruhigt, werde ich darüber schweigen, wenn Ihr es wünscht", sagte sie nachdenklich, als sie die lederne Leine des Pferdes nahm und mit einem Satz aufstieg. Mulder bekam große Augen, als er das sah, denn ein Sattel war auf dem Tier nicht und somit auch kein Steigbügel. Mehr oder weniger war Scully einfach nur hochgesprungen. Und nun saß sie auf dem riesigen Pferd im Damensitz, mit beiden Beinen auf einer Seite, so wie er es aus diesen Filmen kannte, die von vergangenen Jahrhunderten erzählten. "Und auch Ihr müßt schweigen, denn tut Ihr das nicht, werdet Ihr wohl die Burg verlassen müssen. Man wird Euch gebieten, sich dem Proletariat zuzuordenen und es wäre uns dann gänzlich unmöglich, uns heimlich zu treffen."

"Doch Ihr müßt mir helfen", sagte er schließlich, als er versuchte irgendwie auf das Pferd zu kommen, ohne dabei allzu dämlich auszusehen. Ob ihm das gelang, wußte er nicht. Jedenfalls war er ungeheuerlich froh, als er schließlich auf dem Rücken des schnaubenden Tieres saß. "Ich erinnere mich an nichts. Aber man wird erfahren, daß es so ist, wenn Ihr..."

"Natürlich helfe ich Euch", stimmte sie zu, ohne das Ende seines Satzes abzuwarten. "Ich kann nicht so einfach zulassen, daß man Euch des Weges schickt, Pascal." Einen Moment lang war sie still. Sie schwieg nachdenklich vor sich hin, während ihre Pferde nebeneinander her trabten. Verwundert fragte er sich, woher er überhaupt wußte, wie man ein Pferd zu reiten hatte. Instinkt, dachte er. Das war es vermutlich. Er entdeckte an den Falten auf ihrer Stirn, daß sie noch immer angestrengt nachdachte. "Ihr scheint Euch wirklich an gar nichts mehr zu erinnern."

"Nein, meine Erinnerungen sind vollständig ausgelöscht", sagte er seufzend. Natürlich waren sie das nicht. Er erinnerte sich an wirklich alles aus seinem Leben als Fox Mulder; von seinem ersten Schultag bis zu dem Autounfall. Doch er ahnte schon, daß er damit herzlich wenig anfangen konnte. Hier in seinem neuen Leben als Pascal... wie hieß er bloß mit Nachnamen?

"Wie heiße ich?", fragte er plötzlich und seufzend schob Scully ihr Haar zurück, als ihre Hüften geübt mit den Bewegungen des Pferdes mitgingen. Er mußte seine Blicke aber augenblicklich davon abwenden, denn sein Verstand begann schmutzig zu werden. Und das war das Letzte, was er nun gebrauchen konnte.

"Ihr seid Pascal Gauthier", erwiderte sie traurig, als sie hinab auf ihre Hände sah, in denen die Lederleine lag. "Ihr erinnert Euch auch an meinen Namen nicht, oder?"

"Nein", gestand er. "Ich erinnere mich an überhaupt nichts."

"Kathérine de Bourbon", sagte sie und Mulder fand die Vorstellung, daß seine Scully plötzlich einen von-und-zu Titel hatte unheimlich komisch. Ihm lag bereits eine Bemerkung auf seiner Zunge, die er sich jedoch mit Mühe und Not verkniff. Das letzte, was er wollte, war die Weltgeschichte ein zweites Mal auf den Kopf zu stellen.

"Welches Jahr schreiben wir?", fragte Mulder nachdenklich, als er vor sich hin grübelte.

"1568 nach Christi Geburt", erwiderte sie. "Mai hat gerade begonnen; wir schreiben den Achten."

"Erzählt mir etwas von Euch", forderte er sie schließlich mit einem kurzen Blick in ihre Richtung auf, als er darauf achtete, mit seinem Pferd nicht vom Weg abzukommen. "Erzählt mir etwas von mir und uns beiden; davon, was da zwischen uns beiden ist."

"Ich soll verheiratet werden, Pascal. Bald schon, in der Mitte des Monats", seufzte sie. Kathérine blickte hinab auf ihre Hände, denn es war schon schwer genug gewesen, ihm das einmal sagen zu müssen. Doch ihm all das noch einmal gestehen zu müssen, machte sie nervös. "Mein Vater will mich mit dem Prinzen von Österreich vermählen, dem ich bereits bei meiner Geburt versprochen wurde. Ich habe mich lange gewehrt. Doch nun bin ich bereits über zwanzig und meine Herkunft verlangt es von mir fruchtbar zu sein und Kinder in die Welt zu setzen. Freilich Kinder von reiner Adelsrasse; deshalb ist es meine Pflicht den österreichischen Prinzen zu heiraten und seine Kinder zu gebären."

Nun erst fiel Mulder auf, daß sie jünger war als seine Scully daheim in Washington. Vermutlich etwa so alt wie sie es gewesen war, als sie ihm zugeteilt worden war, wenn nicht sogar noch jünger. Er wunderte sich, wie alt er war. Die Frage war jedoch äußerst unpassend.

"Aber es ist keine Liebeshochzeit?", faßte er ihren Gedankengang zusammen. Sie schüttelte den Kopf.

"Nein, das ist sie nicht", stimmte sie zu. "Der Prinz ist ein guter Mensch, doch mein Herz verschließt sich ihm. Ich kann nichts tun, es ist meine Pflicht, mich im Adel vermählen zu lassen. Die Ausweitung seines Territoriums durch Heiratspolitik ist meinem Vater wichtig."

"Und Ritter gehören nicht zur Adelsschicht, habe ich recht?", fragte er vorsichtig und sie lachte.

"Großer Gott, wenn Sie es täten, wären wir ganz sicher nicht seit Jahren in dieser mißlichen Situation", erwiderte sie schmunzelnd. "Vor nun rund einer Dekade seid Ihr an den Hof meines Vaters bestellt worden. Euer Vater war bereits ein Ritter und da das Rittertum eine erblich weitergegebene Position darstellt, wurdet auch Ihr durch meinen Vater zum Ritter geschlagen."

"Und so lernten wir uns kennen?", schloß er und Scully, nein, Kathérine nickte.

"Ja, auf den Bällen meines Vaters begannen sich unsere Wege zu kreuzen", stimmte sie zu. "Solange bis wir eines Tages begannen starke Gefühle füreinander zu entwickeln."

"Seit einer Dekade?", fragte er und nickend senkte sie ihre Blicke.

"Seit einer Dekade", stimmte sie zu.

"Und sind wir... jemals intim geworden?", fragte er schließlich unverblümt.

"Körperliche Liebe haben wir niemals geteilt", erwiderte sie bissig. "So wie es die Moral gebietet. Mein Vater hätte mich in ein Kloster geschickt und daß auch nur, wenn ich großes Glück gehabt hätte!"

"Entschuldigt vielmals!", erwiderte Mulder sofort, als er spürte, daß er damit auf Stahl gestoßen war. Natürlich schlief die Tochter des französischen Kaisers nicht mit einem Ritter ihres Vaters! Vermutlich schon aus Furcht vor einer Schwangerschaft. Mulder wußte zwar nicht, wann man Kondome oder andere Präventionsmittel erfunden hatte. Aber 1568 existierten sie mit großer Wahrscheinlichkeit noch nicht. Wie hatte er nur so eine dumme Frage stellen können?

"Es sei Euch verziehen", seufzte sie und räusperte sich leise. Mulder bewunderte ihr langes, weiches Haar, daß mit ihren Bewegungen auf und ab wippte, genauso wie die Gänseblümchen von einer Seite auf die andere wippten. Ihre Lippen waren rot und das ganz ohne Lippenstift, denn er nahm an, daß auch Jade 1568 noch nicht existierte. Ihre Augen waren ebenso blau, wie er sie kannte. Obwohl Scully eine prima Figur hatte, versteckte sie diese unter ihrer Dienstkleidung. Doch Kathérine, die ja im Grunde Scully war, ließ ihrer Figur nur noch wenig Spekulation zukommen. Das Korsett war, wie er vorhin schon entdeckt hatte, eng geschnürt. Und so bot sich genaue Aussicht auf ihre Hüfte und Taille. Und nicht nur das; das Korsett drückte außerdem ihren Busen fest nach oben, so daß er sehr viel größer und fester aussah. Wenn er sie musterte, stellte er fest, daß sie ein aussah wie eine der Darstellerinnen aus ‚Shakespeare in Love‘, einen Film, für welchen sogar Mulder sich einen Abend Zeit genommen hatte. Dann zwang er sich seine Gedanken lieber wieder auf die ernste Situation zu beziehen, anstatt seine Phantasie mit ihm durchgehen zu lassen. Es war ihm schon unangenehm, wenn ihm seine Jeans plötzlich zu eng wurde. Aber in dieser Ritterrüstung... alles, was er wußte, war, daß es sicher kein Vergnügen wäre!

"Und wir verheimlichen diese... enge Vertrautheit zwischen uns?", fragte Mulder nun, um ein wenig mehr darüber zu erfahren, was hier eigentlich gespielt wurde. Denn als er begann über die hier präsente Epoche nachzudenken, wurde ihm schlagartig klar, daß dies ein Zeitalter war, in denen Männer auf dem Marktplatz gehängt wurden und Frauen auf dem Scheiterhaufen starben. Er war sich nicht sicher, wann in Frankreich die letzte Hexe verbrannt wurde, aber Kathérine mit ihrem rotblonden Haar wurde sicherlich nur verschont, weil ihr Vater der Kaiser war. Auf jeden Fall wußte er nun, daß er es nicht mit den Adligen verscherzen durfte, da die Revolution noch locker zwei Jahre auf sich warten lassen würde und es ganz bestimmt nicht gut war, die Mächtigsten Männer im Lande zum Feind zu haben.

"Keiner hat in den letzten zwölf Jahren davon erfahren", sagte sie aufrichtig und sah ihn an. Sie schüttelte ihr Haar zurück über ihre Schulter und Mulder hatte wieder den reizenden Anblick ihres hochgepushten Dekolletés. Er hoffte nur, daß sie dieses Kleid nicht immer trug, denn sonst würde ihm selbst die Todesstrafe nur wie ein Kompromiß erscheinen in Anbetracht der Möglichkeit diese Frau, nein, dieses adlige Fräulein, zu verführen.

Als er an sich hinab blickte, erkannte er, daß sich das gelegentliche Gewichteheben in seinem Wohnzimmer doch auszuzahlen schien. Obwohl er aussah, wie eine Mischung zwischen einem merkwürdigen Mel Gibson-Verschnitt, der in Braveheart blutdurstig kämpfte und in der Ausstattung des First Person Shooter Videospiels, gefiel er sich eigentlich relativ gut als Ritter, was nicht zuletzt an seiner starken Statur lag. Ja, wenn er tatsächlich im Mittelalter geboren worden wäre, wäre er sicher ein Ritter gewesen, dachte er stolz. Nachdenklich versuchte er sich an seine Geschichtsstunden an der High School zu erinnern und daran, wann das Mittelalter in Frankreich vorüber war. Aber ob 1568 noch immer zum Mittelalter zählte oder nicht, es war auf jeden Fall noch immer ein Zeitalter in dem Menschen gehängt und verbrannt wurden. Und das gefiel ihm, der aus einer Familie leidenschaftlicher Demokraten stammte, eher weniger.

"Wir haben beide geschwiegen und uns geschworen, dieses Geheimnis mit in unser Grab zu nehmen", fuhr sie fort. "Wir reiten am Nachmittag täglich aus; mein Vater hat Euch zu meinem Schutz gesandt mir zu folgen. Daß wir enger bekannt sind als Ritter und Fräulein, ahnt er nicht. Wie sollte er auch? Wir sind schließlich äußerst vorsichtig. Doch ich fürchte, daß mein zukünftiger Gatte es mir untersagen wird mit euch auszureiten oder bei meinen täglichen Ausflügen selbst an meine Seite treten wird."

Trotz ihrer Wortwahl, die für Mulder zweifelsohne ein wenig arrogant klang, hörte er Bedauern und sogar möglicherweise ein wenig Melancholie heraus.

"Seid Ihr glücklich?", fragte er plötzlich überraschend. "Seid Ihr gewillt diesen Prinzen zu heiraten?" Er runzelte die Stirn. Er klang schon genauso arrogant und theatralisch. Aber, was soll’s, dachte er schließlich. Damals, in der Schulaufführung seiner High School, hatte er schließlich auch mal den Romeo gemacht und dabei noch peinlicheres Gebabbel runtergestottert. Aber möglicherweise war es das, was ihm wenigstens ein bißchen half sich in dieser Wortwahl zurechtzufinden.

"Wie könnt Ihr mir diese Frage stellen?", erwiderte sie. Und Mulders Eindruck nach zufolge, hatte er genau ins Schwarze getroffen mit seiner Vermutung. Sie scheute sich davor diesen komischen Kauz zu heiraten. Und was sie wollte, war nicht das Leben, das ihr vorbestimmt war. "Was berechtigt Euch dazu?"

"Ich denke, unser inniger Kontakt zueinander erteilt mir eine gewisse Berechtigung dazu, dies zu erfahren", erwiderte Mulder geschickt, als Kathérine seufzte.

"Nein", sagte sie. "Weder bin ich glücklich, noch bin ich gewillt den Prinzen zu heiraten. Doch wozu ich gewillt bin oder was mich glücklich macht, steht hier leider außer Frage. Ich habe zu tun, was von mir erwartet wird und meine Pflichten als Kaisers zu erfüllen. Und die Pflichten einer heiratsfähigen Adligen, sind vermählt zu werden und fruchtbar zu sein. Es interessiert in diesen Tagen niemanden, wen ich gewillt bin zu heiraten oder ob ich überhaupt gewillt bin zu heiraten und Kinder zu zeugen, sondern ich habe mich in das Muster, das mir die Gesellschaft vorgibt, bedingungslos einzufügen. " Plötzlich schmunzelte sie und kicherte leise. "Ich war kurz davor Euch zu fragen, ob Ihr denn glücklich seid, doch da Ihr Euch nicht einmal an Euren Namen erinnert, nehme ich an, daß Ihr auch nicht wißt, ob ihr glücklich seid."

"Doch ich weiß, daß ich glücklich bin, wenn ich Euch um mich habe", erwiderte er und sie wandte ihren Blick beschämt von ihm ab. Ob das, was er gerade von sich gegeben hatte, im Mittelalter sexueller Belästigung gleichkam?

"Mit dem, was Ihr sagt, schafft Ihr es mir mein Leben noch hassenswerter erscheinen zu lassen", seufzte sie, als sie auf ihren Pferden den Wald verließen. Auch Mulder seufzte; stand einmal nicht das FBI zwischen ihm und Scully, dann waren es eine Menge blutdurstiger Adelsleute aus dem alten Frankreich. Er schluckte. Wenn er so darüber nachdachte, war er mit dem FBI daheim in Washington gar nicht mal allzu schlecht dran!

"Nein, ich kläre Euch ausschließlich darüber auf, welche liebreizende Person Ihr seid und wie geehrt derjenige Mann sich schätzen darf, dem es gestattet ist, Euch zu seinem Eheweibe zu machen", sagte er und schüttelte verwundert den Kopf, wie schnell er sich doch in diese merkwürdige Sprache und das seltsame Getue eingefunden hatte!

"Es muß eine schicksalhafte Fügung sein, die es uns nicht gestattet ein Verhältnis im romantischen Sinne zu pflegen", seufzte sie traurig und schenkte ihm einen Blick, der selbes ebenso widerspiegelte, wie auch ihre Gesichtszüge.

"Ich glaube nicht an das Schicksal", erwiderte er. "Lediglich an den Zufall."

"Das ist unchristlich", entgegnete sie alarmiert. "Vergeßt nicht in euren Gebeten um Vergebung zu bitten!"

"Ich werde dies berücksichtigen", sagte er leise und wunderte sich insgeheim, wie lange er in dieser Welt wohl überleben würde ohne gewaltsam hingerichtet zu werden. Wenn er jetzt nicht mit Kathérine zusammen wäre, sondern mit jemanden, der dies als Verrat an der Bibel gesehen hätte, wäre er vermutlich am kommenden Sonntag einen Kopf kürzer. "Doch mir erscheint ein Christentum ungerecht, daß es mir verbietet, meiner Liebsten meine Gefühle zu offenbaren."

"Das Christentum ist in vielerlei Hinsicht ungerecht", stimmte sie zu. "Die Bibel selbst gesteht Gott ein, daß er ein launischer, strafender Gott zu sein vermag. Möglicherweise war es seine ungeteilte Absicht, daß er uns unüberwindbare Hürden in den Weg stellt; möglicherweise überprüft er damit unsre Rechtschaffenheit und unsre Belastbarkeit in seinen Augen."

Er wußte nun wieder ganz genau, weshalb er es vorzog Gott vollkommen aus seinem Leben auszuschließen. Das heißt, aus seinem normalen Leben. Hier würde er wohl nicht drum herum kommen zu beten und jeden Morgen beim ersten Hahnenschrei in die Kirche zu gehen.

"Möglicherweise", nickte er.

"Doch in Gottes Himmel gibt es keine Stände, keine Klassengesellschaften", sagte sie selbstsicher. "Da vor seinen Augen jeder von uns nur ein Mensch ist, wird es uns jenseits des irdischen Lebens gestattet sein, zusammen zu sein."

Als er sie ansah, entdeckte er, wie sehr sie von all dem überzeugt schien. Zwar trug seine Scully das Kreuz immer um ihren Hals, doch so religiös war selbst sie nicht. Als Wissenschaftlerin stand sie in einem Konflikt aus berechtigtem Zweifel und Glaube und Mulder vermutete, daß sie ihren persönlichen Mittelweg zwischen beiden gefunden hatte. Doch Kathérine, die zwar ein rhetorisches As war, aber vermutlich von Wissenschaften weniger Ahnung hatte als vom Bauen von Kathedralen, glaubte offenbar bedingungslos. Für sie gab es, wie für vermutlich sehr viele Menschen in diesem Zeitalter, nicht den geringsten Zweifel daran, daß es eine Welt nach dem Tod und damit jenseits dieser gab.

"Doch das genügt mir nicht, Kathérine", erwiderte er selbstsicher. "Hier in diesem Leben und an diesem Ort will ich Euch lieben und Euch glücklich machen dürfen."

"Doch hier ist der Platz, an dem es uns eine Sünde ist", entgegnete sie und er erkannte, daß sich dieses Gespräch im Kreis drehte. Gott, er wollte sie so sehr! Aber sie erschien ihm zunehmend weiter weg zu sein. Und von dem ganzen formellen Gerede bekam er Kopfschmerzen. Wie gern würde er daheim an seinem Fernseher eine dieser stupiden Talkshows einschalten, die kaum andere Themen hatten als welche, die auf dem Niveau von ‚Ey, Mann, ich war mit deinem besten Freund in der Kiste, weil du’s im Bett echt nicht bringst!‘ waren, oder etwas ähnlich Primitivem. Das alles hier war ihm zu kompliziert und erinnerte ihn mehr an eine Gesellschaftssatire als an die Realität. Die Realität, dachte er erschreckt, als er feststellte, daß er im 16ten Jahrhundert gefangen war. Meine Güte, wie kam er hier nur raus? Diesmal war es ihm nicht möglich einfach über Bord zu springen und zu hoffen, daß die echte Scully ihn aus dem Wasser zog!

Stumm trabte er neben Kathérine her und schwieg. Auch sie sagte keinen Ton, bis sie an ein kleines Dorf kamen. "Haltet Euch hinter mir", sagte sie und er nickte, als er sein Pferd zum langsameren Traben anwies und dann ihrem folgte.

Die Stadt war genau so, wie er sie schon vermutet hatte. Selbstgeschlagene Pflastersteine machten den Weg aus, als sie durch die Straßen ritten, die man in neustem Englisch wohl als Hauptstraße durch das Dorf bezeichnen würde; auf dem vermutlich die Pferdekarren und Kutschen fuhren. Er war holprig und die Pferde hatten sichtlich Mühe nicht abzurutschen. Die Häuser waren klein und keineswegs wie man sich Häuser vorstellte, wenn man aus dem 21ten Jahrhundert stammte. Die Dächer waren aus Lehm und Stroh und die Wände aus Sandstein. Es gab Holztüren und hölzerne Fensterläden. Es wunderte ihn, wie es die damaligen Leute geschafft hatten aus ihren beschränkten Mitteln nahezu alles Notwendige nachzuahmen. Zwar erinnerte ihn dieses kleine französische Dorf stark an das kleine Dorf aus den Asterix-Comics, die er als Kind gern gelesen hatte, doch er sah keine Römer und die Stadt war auch nicht mit Holzbrettern versehen, sondern von einer mindestens sieben bis acht Meter hohen Steinmauer umgeben, die auch den stärksten Feind zurückdrängen mußte.

Mulder sah sich begeistert um. Das hier war der Traum eines jeden kleinen Jungen; ein Ritter zu sein und mit seinem Pferd durch die Stadt voller Untergebener zu reiten. Sie kamen zu dem Markplatz, der in den Kindheitsträumen Mulder stets anders ausgesehen hatte. Sicher, der steinerne Brunnen war da und auch die Stände, an denen am Morgen wohl Obst und Gemüse verkauft wurden, waren dennoch dort. Aber der Galgen im Mittelpunkt des Platzes, der war in Mulders Phantastereien niemals dagewesen. Er hatte plötzlich das Gefühl, als schnürte sich sein Hals zusammen, denn beim Anblick des Galgens fühlte er sich schuldig. Er glaubte regelrecht die Schreie der armen Menschen zu hören, die hier ihr Leben ließen. Und er war schon der festen Überzeugung, daß die Bush-Regierung skrupellos wäre, wenn es um die Unantastbarkeit der Menschenwürde ging. Aber das hier... das machte ihm regelrecht Angst!

Kathérine jedoch schien das nur wenig zu stören. Sie würdigte den Galgen keines Blickes. Nun gut, sie war den Anblick vermutlich gewohnt und fand es nicht suspekt ihn hier mitten auf dem Marktplatz stehen zu sehen. Und sie kam auch nicht aus einer Zeit, in der es konstitutionelle Menschenrechte ebenso gab, wie die moderne Emanzipation der Frau, Demokratie und Liebesheiraten. Nein, sie war ein Kind ihrer Zeit. Ihm allerdings wurde schlecht und sein Magen rebellierte.

Mit gewölbter Brust trabte er auf seinem Pferd hinter dem holden Burgfräulein her; er konnte immer noch nicht glauben, in welcher Situation er sich hier eigentlich befand. Das ganze war doch wahnsinnig und einfach verrückt! Er, Fox Mulder, als Ritter in Frankreich, mehr als zwei Jahrhunderte vor der Zeit des Umbruchs und der Revolution, und Scully, seine Partnerin Dana Scully, als ein verkäufliches Burgfräulein. Irgendwie war das hier alles verdammt schräg und ungeheuerlich daneben, selbst für seinen Geschmack!

Die Burg selbst allerdings sah genauso aus, wie man sie im Fernsehen präsentiert bekam. Er trabte hinter Kathérine her, die Zugbrücke hinauf und in den Schloßvorhof wo beide von ihren Pferden sprangen. Gerade als Mulder sich wunderte, wo wohl der Stall sein könnte, kam ein schmächtiges, greisiges Männchen herbeigeeilt und nahm beiden die Zügel aus der Hand, nachdem er sich mit einem "Oh, Mademoiselle de Bourbone vor Kathérine und einem "Monsieur Gauthier" vor Mulder verbeugt hatte. Mulder nickte unsicher, aber aufmerksam zurück und sie lächelte amüsiert über seine Unwissenheit, die sie regelrecht niedlich fand. Kathérine küßte ihr Pferd sanft oberhalb der Nase, um sich von ihm zu verabschieden, was wiederum er ungeheuerlich amüsant und niedlich fand.

Dann trat sie eng an den Ritter heran, der zu ihrem Schutz während ihrer Ausritte verpflichtet worden war und sprach leise mit ihm. Dem Stallhüter war klar, daß diese Worte nicht für ihn bestimmt waren und so machte er sich blitzartig aus dem Staub.

"Und nun?", fragte Mulder unsicher und Kathérine deutete ihm ihr zu folgen.

"Zunächst werde ich Euch zeigen, wo Euer Gemach ist", erklärte sie ihm. "Ich werde danach bei meinem Vater zu Tisch und auf dem allabendlichen Gottesdienst erwartet. Sobald die Nacht und der Schlaf über das Château eingebrochen ist, werde ich mich in Euer Gemach schleichen, um Euch mit dem Leben an der Burg enger vertraut zu machen, damit euer Unfall nicht in weitere Bekanntschaft gerät."

Mulder nickte und folgte ihr ohne einen Einwand. Kathérine erleichterte es ihm unwahrscheinlich sich hier einzufinden. Wahrscheinlich hätte er es sonst schon geschafft, daß man ihn köpfte oder zumindest aus der Burg warf, nachdem er mit seiner großen Klappe die Geschichte Frankreichs entscheidend verändert hatte. Aber vermutlich hätte er durch irgendeine unsinnige Bemerkung nicht nur das verändert, sondern auch den Ausgang des ersten und zweiten Weltkriegs manipuliert und möglicherweise ein unbesiegbares Drittes Reich heraufbeschwört. Kurzum bewahrte sie ihn davon noch größere Dummheiten zu machen als die, die sich wohl nicht vermeiden lassen würden.

Über die große, majestätisch anmutende Steintreppe und durch das große Tor, an dem zwei bewaffnete Wachen postiert waren, verschafften sie sich Eintritt. Mulder hielt sich immer einige respektvolle Schritte hinter Kathérine. Er versuchte sich krampfhaft die Folge der dunklen Gänge zu merken, die alle durch große, weiße Wachskerzen erhellt waren, und offenbar zu seinem Gemach führten. Gott, wie er dieses Wort – Gemach – haßte! Warum konnte man nicht einfach Zimmer sagen und fertig, dachte er seufzend.

Doch ohne zu murren, folgte er ihr die runde Treppe hinab, ein Stockwerk tiefer. "Das sind die Gemächer der zwölf Tafelritter meines Vaters; Ihr seid die Nummer drei, die Tafelritter werden numeriert in chronologischer Reihenfolge der Anfangsbuchstaben ihres Zunamens. Das dritte Gemach an linker Seite ist das Eure. Zur Dämmerung findet das Abendgebet in dem kirchlichen Gemach am Ende Eures Ganges statt, dem Ihr pflichtgemäß beizuwohnen habt und erst nach Eurem Teilnehmen daran, werdet Ihr Euer Nachtbrot bekommen. Ich werde sehen, daß ich Euch, sobald wie es mir möglich sein wird, aufsuche", sagte sie, als sie auf die Tür deutete. Mulder nickte und bedankte sich, bevor er die schwere Holztür öffnete, um sein Gemach zu betreten. Kathérine stieg so schnell und leise wie möglich wieder die Treppe empor, um nicht von jemandem gesehen zu werden.

Als Mulder die Tür hinter sich geschlossen hatte, blickte er neugierig um sich. Sein ‚Gemach‘ bestand zum einen aus einem Bett, das vermutlich noch härter war, als es aussah. Zum anderen aus einem Sessel und einem Kamin, der bereits angezündet war und brannte. Er lehnte sich gegen die Zimmertür und sah noch einmal genauer um sich.

"Luxuriös!", entfuhr es ihm, Sarkasmus in seiner Stimme. An den Wänden waren zwei dicke, weiße Wachskerzen befestigt, die zur Zeit nicht entfacht waren. Bilder gab es an der kalten Steinwand gar keine. Der Kamin war schlicht; ein kleines Loch in der Wand mit einem Abzug aus Stein. Aber der Sessel, der gefiel ihm. Es war einer dieser breiten, gemütlichen Sessel, die man in einem Schloß erwartete; aufwendig verschnörkelt und mit einem Bezug aus samtähnlichem, dunkelgrünen Stoff. Doch, für den Sessel an sich hatte Mulder tatsächlich etwas übrig. Auf der anderen Seite des Zimmers befand sich sein Bett. Ein schlichter Rahmen aus Eichenholz mit einer noch schlichteren Matratze, auf denen sich wollene und gestrickte Decken und Kissen in weiß und beige befanden. Neben dem Bett befand sich ein kleines Fenster, daß mit Holzfensterläden nach innen verschließbar zu sein schien. Und neben seinem Bett, auf einer schweren Kiste, da lag eine Bibel.

"So, ich kann also nicht lesen, aber habe eine Bibel", seufzte er, bevor er sich an der Kiste neugierig zu schaffen machte und diese aufklappte. Hierin entdeckte er nicht viel; ein von Verschleiß gezeichnetes Nachthemd ein paar Ersatzkerzen, Streichhölzer, einen Spiegel, eine Rasierklinge und irgendwelche unidentifizierbaren Metalldinge. Enttäuscht schloß er die Kiste wieder und sank dann in den Sessel am Feuer. So langsam begann er sich zu wundern, weshalb kleine Jungs davon träumten, Ritter zu sein. Er träumte währenddessen von seinem Videorecorder und einem Vollbad. Großer Gott, dachte er, als er versuchte sich auszumalen, wie der Waschtag wohl aussehen mußte. Zwölf Ritter, die zuerst Wasser aus dem Brunnen pumpten und dann nacheinander darin baden durften. Er seufzte. Nun, da er sich selbst in dieser Zeit befand, wunderte er sich nicht, daß es zu dieser Zeit die Pest gegeben hatte.

~*~*~*~

Nachdem er sich mit nervös pochendem Herzen irgendwie durch die Abendmesse und das Nachtbrot gearbeitet hatte, war er eine ganze Weile nach dem völligen Hereinbrechen der Dunkelheit zurück in sein Gemach gelangt. Die Ritter sprachen untereinander glücklicherweise kaum und beim ‚Vater unser‘ in lateinischer Sprache hatte er einfach etwas mitgeplappert, das ebenso klang. Er wußte nicht wie, doch die Worte waren einfach so aus seinem Mund gekommen, so als seien sie ein Teil eines Kindergedichts, das er auswendig gelernt, aber schon Jahrelang nicht mehr aufgesagt hatte. Erschöpft und verwirrt ließ er sich schließlich in seinen Sessel fallen und schloß die Augen. Wenn er nicht wüßte, daß Kathérine kommen würde, hätte er sich direkt das Nachthemd übergeworfen –ob lächerlich oder nicht war ihm gleich –und hätte sich in dem unbequemen Bett verkrochen.

Doch es dauerte nicht lang, bis er ein zaghaftes Klopfen an seiner Tür vernahm. Er beschloß, nicht rufend zu antworten und erhob sich deshalb, um die quietschende Holztür zu öffnen. "Kommt ruhig rein", sagte er mit einer leichten Kniebeuge, die ihm irgendwie angemessen schien, als er Kathérines warmes Lächeln erblickte und sie sein Gemach betreten ließ. Dann schloß er die Tür hinter ihr.

Mulder schaute, ob seine Tür ein Schloß besaß, doch dem war anscheinend nicht so. Also schob er die schwere Holzkiste davor, damit keiner sie unangekündigt überraschen konnte. In einer Gesellschaft wie dieser, die Exekutionen als unbewußten Fernsehersatz für Sonntagmittag genoß, war er doch lieber vorsichtig.

Kathérine ging langsam auf ihn zu und Mulder war hin und weg allein von ihrem Anblick. Die einzige Helligkeit in diesem Raum stammte von dem kleinen Feuer im Kamin und den beiden Wachskerzen an den Wänden. Das wenige Licht verlieh ihrer Haut einen mattgoldenen Ton. Es hob ganz deutlich ihr hübsches Gesicht hervor und –Mulder konnte sich nicht helfen es zu bemerken –vor allem ihr Dekolleté. Ihre Haarsträhnen leuchteten wie Gold in der Sonne und die Schatten der Kerzenflammen flossen auf ihrem ganzen Körper auf und ab. "Ich habe mich so sehr nach Euch gesehnt, Pascal", sagte sie schließlich leise, als sie langsam auf ihn zuging. Nicht nur sah diese Frau –nein, sie war ein Fräulein –aus wie seine Scully, nein, sie besaß auch ihre Stimme, ihre Gesichtszüge und ihre Bewegungen. Und wenn Kathérine begann, Dinge wie diese zu sagen, dann wurde ihm mulmig zumute –auf eine gute und ungeheuerlich aufregende Art und Weise.

"Und ich sehnte mich ebenso sehr nach Euch", erwiderte er und senkte sein Gesicht, um sie zu küssen. Sie hob ihre Hände, an denen sie nun feine Handschuhe trug, und legte sie nun sanft an seinen Hals, um mit den Daumen über seine Wangen zu fahren. Er schloß die Augen einen Moment, um zu genießen, was sie da mit ihm tat. Der weiche Stoff ihrer Handschuhe war zart und sanft auf seinen Wangen und als er genau in diesem Moment seufzte, schloß Kathérine seinen Mund mit ihrem. Sie begannen sich erneut zärtlich zu küssen, so wie im Wald, als er zu sich gekommen war. Doch ebenso wie im Wald wurde aus Zärtlichkeit bald schon entflammte Leidenschaft.

Mulder schob ihr Haar sanft zurück über ihre Schultern, als sich gleichzeitig ihre Zungen duellierten. Seine Händen sanken an ihren Hals und dann tiefer über die Schlüsselbeine beider Seiten. Sie seufzte leise, als sich ihre Lippen einen Moment lang voneinander trennten. "Ich hege unkeusche Gedanken von Euch", gestand sie ihm leise. "Solche Gedanken... welch unchristliche Tat von mir." Obwohl Mulder kurzes Schuldbewußtsein in ihren Augen sah, waren solche Worte aus Scullys Mund zu viel für ihn. Er zog sie fest in seine Arme und küßte sie stürmischer als jemals zuvor.

Natürlich wußte er, dass das hier nicht wirklich Scully war. Sicher, sie sah aus wie Scully, sie klang wie Scully. Doch sie war es nun einmal nicht. Sie war Kind eines anderen Zeitalters, war in einer anderen Welt geboren und aufgewachsen. Doch als er seine Lippen tiefer senkte, um ihren Hals zu küssen und liebevoll daran zu saugen, erkannte er, dass sie sogar wie Scully roch. Und damit war es um ihn geschehen.

"Was... was tut Ihr mit mir?", fragte sie plötzlich verwundert, aber vor Verlangen stotternd. Ihre Hände sanken an seinen Hinterkopf, um sich sanft an seinem Haar festhalten zu können.

"Wollt Ihr, dass ich damit aufhöre?", fragte er gegen ihren Hals und seine Stimme vibrierte über ihre nun besonders sensible Haut. Einen Moment lang schmiegte er einfach nur seine Wange gegen sie, als er auf eine Antwort wartete.

"Es wäre das Beste... und Vernünftigste, dies zu unterlassen", sagte sie schließlich seufzend und drückte ihn vorsichtig an seinen Schultern von sich weg. "Wartet", wies sie ihn ein wenig verwirrt an. Mulder war klar, daß er all das zu überstürzt angegangen war, doch Scully diese Sachen sagen zu hören und so angezogen vor sich zu sehen, raubte ihm einen gewissen Teil der Selbstkontrolle, den er bis zu diesem Zeitpunkt immer hatte aufbringen können.

"Wollt ihr, daß ich damit aufhöre?", fragte er noch einmal und sie sah nachdenklich aus. Unschlüssig schüttelte sie den Kopf, doch der nachdenkliche Ausdruck ihrer Augen stimmte ihn sanft. Liebevoll drückte er ihr ein Küßchen auf die Lippen und blickte sie mit einem Gesichtsausdruck voll von den zärtlichen Gefühlen, die er für sie aufbrachte, an.

"Nein", erwiderte sie überzeugt und schlang ihre Arme um seinen Hals.

"Gut, ich auch nicht", antwortete er und senkte seine Lippen wieder an ihren Hals. Sein Mund küßte und saugte abwechselnd, während seine Hände über ihren Körper fuhren. Als er begann die harten Stränge, der Schnüre ihres Korsetts zu lösen, spürte er, wie sie sich in seinen Armen versteifte. Er ließ sie verwundert und ein wenig ängstlich gehen.

"Es tut mir leid, ich hätte nicht...", begann er, doch sie legte ihm die Zeigefinger auf die Lippen.

"Glaubt mir, ich täte nichts lieber, als Eure Liebkosungen anzunehmen, Pascal, doch heute ist einer der gefährlichsten Tage", sagte sie mit einem Ausdruck von tiefer Enttäuschung in ihrem Gesicht.

"Ihr meint, wir würden heute ein Kind machen?", fragte er verwundert und sie nickte.

"Es tut mir leid", sagte sie leise und er schüttelte den Kopf.

"Es ist in Ordnung. Ich habe mich ohnehin schon gewundert, daß Ihr mich so weit gehen laßt", flüsterte er ihr leise ins Ohr. Sanft begann er unterhalb ihres Ohres ihren Hals zu küssen und sie seufzte leise in sein Haar.

"Ich hätte euch noch viel weiter gehen lassen, wäre es nicht einer dieser Tage gewesen", seufzte sie leise und er spürte ihren warmen, gehauchten Atem an seinem Hals. Sie roch nach Wein und Rosen, eine wunderbare, romantische Mischung wie Mulder fand.

"Ihr müßt das nicht tun", erinnerte er sie leise. Seine Stimme vibrierte über ihre weiche Haut und verursachte ein Kribbeln in ihrem Körper. Sie wollte ihn unter ihren Fingerspitzen spüren. Also zog sie mit zwei schnellen Bewegungen ihre Handschuhe von ihren Händen, bevor sie in sein Haar sanken. Sie seufzte laut in Genuß, als sie seine weichen Haarsträhnen unter ihren Fingern spürte. Sie drückte ihn fester an sich, denn sie mochte die Art und Weise seiner Zärtlichkeit.

"Ich will mit Euch schlafen; jetzt", flüsterte sie leise und Mulder keuchte schon allein durch ihre Worte.

"Ist das Euer Ernst?", fragte er. Doch zu seiner Überraschung nickte sie. "Was, wenn ihr schwanger werden solltet?"

"Coitus Interruptus", erwiderte sie und er nickte verwundert darüber, daß sie tatsächlich mit ihm schlafen wollte. "Ich ertrage den Gedanken nicht, daß der Prinz der erste Mann ist, der mich zu erkennen vermag." Er runzelte die Stirn, skeptisch darüber, daß sie von sexueller Intimität auf biblische Weise sprach.

Sie war tatsächlich eine Jungfrau, stellte Mulder erschreckt fest. "Das ist risikoreich", erinnerte er sie leise.

"Das Risiko gehe ich ein", versicherte sie ihm und zog ihn enger an sich heran. Er schmunzelte und umarmte sie fest, unterließ aber jeden weiteren Versuch sie zu mehr anzustiften. Stattdessen umarmte er sie einfach nur und drückte sie dicht an sich.

"Aber ich möchte das Risiko nicht eingehen", sagte er leise und schimpfte sich selbst für seine Dummheit. Scully wollte mit ihm schlafen, kurzum waren seine Träume dabei in Erfüllung zu gehen, und er sagte ihr, daß er es nicht wollte. Er lehnte es tatsächlich ab, mit Scully zu schlafen! "Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn wir ein Kind zeugen würden. Aber ich weiß, daß es das nicht wert ist."

"Ich möchte aber nicht länger warten", sagte sie mit einem Hauch von Ungeduld in ihrer Stimme.

"Wir haben zwölf Jahre gewartet; diese paar Tage werden wir auch noch durchstehen", sagte er, äußerst amüsiert schmunzelnd. Er mochte ihre Ungeduld und er mochte es, ausnahmsweise der Vernünftige von beiden zu sein. "Das Warten wird es nur noch schöner machen."

Mit einem leisen Brummen gab sie ihm ihr Einverständnis und schmiegte sich an ihn. Eine Weile herrschte Stille zwischen beiden. Dann ließ Mulder sie langsam los und zurück auf ihre Füße sinken, denn sie war die ganze Zeit über auf Zehenspitzen gestanden. "Ihr wolltet mir noch einige Dinge über das Leben auf der Burg Eures Vaters berichten", erinnerte er sie und sie schmunzelte auf ihre ganz eigene, freundliche Art.

~*~*~*~

Als Mulder am nächsten Tag erwachte, tastete er mit geschlossenen Augen nach ihr. Doch alles, was er unter seinen Fingern fühlte, war eine kalte Wand aus Stein auf der einen und eine harte Matratze auf der anderen Seite. Natürlich war sie nicht hier, dachte er schließlich, denn es wäre zu gefährlich. Seufzend schlug er die Augen auf. Das hier war alles so viel anstrengender als mit Scully in Washington. Und so langsam begann er ernsthaft Heimweh zu bekommen.

"Pascal, Junge, wo bleibst du denn?", hörte er plötzlich eine aufgeregte männliche Stimme und das Schlagen der Holztür gegen die Steinwand.

"Jaques?", fragte er verwundert.

"Nein, ich bin’s, Jean", erwiderte die Stimme, als Mulder begann langsam die Augen zu öffnen und hart mit sich kämpfte, um sich irgendwie in eine sitzende Position zu ziehen. Sein Rücken schmerzte, denn die harte Matratze war er nicht gewohnt, aber plötzlich stutzte er. Jean, Jaques; das waren zwei der anderen Tafelritter. Doch woher er ihre Namen kannte, wußte er nicht. Schließlich hatten sie gestern kaum miteinander gesprochen und wenn doch, dann hatten sie sich nicht namentlich angesprochen. Konnte es sein, daß er langsam begann, sich an das Leben erinnerte, das er hier lebte? Doch wie war das möglich; war das hier eines seiner früheren Leben?

Scully und er waren etwas Ähnlichem schon einmal begegnet; vor rund drei Jahren, als er in diesem Bunker Waffen einer Sekte fand. Ja, er hatte seinen Weg zu dem Bunker genau gekannt, obwohl er noch niemals an diesem Ort gewesen war. Durch Hypnose glaubte er sich daran erinnern zu können, im 19ten Jahrhundert ein Soldat gewesen zu sein. Sullivan Bittle; allein wenn er an diesen Namen dachte, lief ihm eine Gänsehaut über Arme und Beine. In einem weiteren Leben glaubte er eine jüdische Frau gewesen zu sein und Scully, die war ein General gewesen... und die Seelen, sie wurden miteinander in einem engen Verband wiedergeboren; immer und immer wieder. Was, wenn er im 16ten Jahrhundert tatsächlich ein Tafelritter gewesen war? Und Scully ein holdes Burgfräulein?

Doch viel länger hatte er nicht Zeit darüber nachzudenken, denn Jean war eifrig damit beschäftigt, ihm die Einzelteile der Rüstung zusammenzusuchen. Offenbar war er zu irgend etwas extrem spät dran, obgleich er nicht wußte wozu. Doch ganz bestimmt war Jean nicht so aufgeregt wegen des Frühstücks!

Jean zog ihm ganz einfach die Bettdecke weg und es war ihm ein wenig peinlich in diesem langen weißen Nachthemd vor ihm zu stehen. Jean wiederum schien das aber gar nicht zu stören, vermutlich weil zum Schlafen jeder eines dieser abscheulichen Dinger trug. Wie auch immer, begann er es nun hektisch über Mulders Kopf zu ziehen, worunter er vollkommen nackt war. Mulder stieg die Schamesröte ins Gesicht, als er sich in Jeans Gegenwart umzog, während Jean, das alles allerdings kein wenig zu stören und unangenehm zu sein schien.

Innerhalb von Sekunden war Mulder in seine Rüstung gehüllt, die mehr als nur unbequem war. "Also, Junge", seufzte Jean schließlich, als sie sein Zimmer verließen. "Wenn du dich am Abend zuvor vergnügst, dann achte darauf, daß du am nächsten Tag noch aus den Federn kommst. Vor allem an einem Sonntag!"

Als Jean Mulders geschocktes Gesicht erblickte, konnte er nicht anders, als zu lachen. "Was, Pascal? Hast du allen Ernstes geglaubt ich höre euch im Gemach nebenan nicht? Bei dem Gau, den ihr veranstaltet habt, war es nicht weiter schwer darauf zu kommen, daß du gestern Abend Damenbesuch hattest?"

"Ich muß sagen, das überrascht mich ein wenig. Ich hatte nicht angenommen, daß man uns auch in den Nachbargemächern hören kann", seufzte Mulder und versuchte die Schultern zu zucken, was in dieser Rüstung allerdings gar nicht so leicht war, wie es möglicherweise aussah. Auch wenn er am Abend zuvor nicht mit Scully, nein, mit Kathérine, geschlafen hatte, hatte man sie beide dennoch auch durch die dicken Steinmauern gehört. Aber er war erleichtert, sich wenigstens mit Jean in relativ modern scheinender Sprache verständigen zu können –so verhaspelte er sich nicht allzu schnell. Das ermöglichte ihm, wenigstens hin und wieder den ‚Ihr‘ und ‚Euch‘ Mist zu verwerfen und ungezwungen sprechen zu können.

"Ganz gleich", seufzte Jean. "Hin und wieder haben wir alle unsre Weibsbilder aus der Taverne oder der Schenke, die nach gut gegärtem Wein oder ein Maß Bier, jederzeit bereit dazu sind, sich von Adelsleuten oder unsereins beglücken zu lassen, so als wäre es eine Ehre oder ein Verdienst. Man hat sich ohnehin schon über deine Art Zölibat zu wahren, amüsiert."

Mulder begann sich über das Zeitalter zu wundern, in dem er sich befand und wie unterschiedliche Vorstellungen von Moral und Sitte die Menschen hatten. Er kam aus dem neuen Amerika, das mit dem alten Frankreich noch nicht einmal vergleichbar war. Fidélité, Libérté, Fratérnité –auch das existierte hier noch nicht. Nein, hier waren die Welten noch grundverschieden; Moralapostel und Sündiger, Gläubige und solche, die vorgaben, welche zu sein. Die Grenze zwischen einem Stand und dem nächsten war so klar abgetrennt, daß kein Zweifel existierte wo eine Klasse begann und die andere endete. Es war eine verrückte Welt; das Frankreich von 1568.

"Diese Zeiten scheinen vorbei", lächelte er skeptisch und begann insgeheim mehrere Halleluja zu stottern, daß Jean wenigstens nicht zu wissen schien, welche Art von Frauenbesuch er in der vergangenen Nacht gehabt hatte. Es war wohl besser, wenn man glaubte, daß er Frauen vom andern Gewerbe in der Bar aufgabelte, als daß er es nahezu mit der Tochter vom Big Boß getan hätte, die bis zum heutigen Tag noch eine Jungfrau war. Oder eine holde Maid, wie man das wohl in dieser Zeit wohl eher ausdrückte.

Ein wenig unsicher, aber nicht mehr ganz so nervös wie am Vortag, folgte er Jean, um sich seinen neuen und ritterlichen Pflichten zu widmen. Doch für seine Selbstachtung war all das hier nicht schlecht. Die Rüstung brachte ihn nicht nur dazu, sich unglaublich männlich und stark zu fühlen, sondern sie gab ihm ein Gefühl der Bedeutung. Was machte ein FBI-Agent mehr oder weniger schon aus; ein weiterer cola-light-trinkender Beamter mit Handy und Sonnenbrille? Vor allem ein cola-light-trinkender Beamter mit Handy und Sonnenbrille, den man im Kellerbüro verstaute, weil er zu peinlich für die Öffentlichkeit und die Medien war? Aber das hier, einer der Tafelritter des Königs zu sein, das verlieh ihm einen gewissen Stolz. Und ohne es zu merken, hielt er sein Kinn nun zwei Zentimeter höher als zuvor.

Mulder allerdings sollte gar nicht so sehr im Unrecht sein mit seiner Vermutung, daß es Frühstück geben würde. Nur mußte er zuerst eine Septime mitmachen –das morgendliche Sieben-Uhr-Gebet in lateinischer Sprache –bevor er tatsächlich etwas zu essen bekam. Was ihn aber verwunderte, war, daß sein Bäckerbrot und der Tiefkühlschinken hier nicht einmal Ansatzweise mithalten konnten. Das Brot schmeckte ihm, wie ihm noch niemals zuvor etwas geschmeckt hatte und es störte ihn noch nicht einmal wirklich, daß es keine Sonnenblumenkerne zu seinem Nachtisch gab. Er haute sich auch so ohne zu murren gehörig den Bauch voll.

~*~*~*~

Weshalb das starke Frühstück notwendig war, erkannte er kurze Zeit darauf, als es um das Kämpfen ging.

Mulders Herz pochte. Er erinnerte sich wie gestern an den Tag, an dem ihn das FBI das erste Mal in die Schießkammer geschickt hatte. Das kalte Metall war in seiner Hand gelegen, die unheimlich gezittert hatte. Noch niemals zuvor hatte Fox Mulder wirklich Kontakt mit einer Waffe gehabt. Sicher; sein Vater hatte eine zur Selbstverteidigung besessen, aber sie war nicht geladen und diente ausschließlich dazu, seinem Gegenüber Angst einzuflößen. Aber nun war er da gestanden und mußte auf eine Pappfigur mit eingezeichneten Zielen schießen. In seinen Ohren hatte es gerauscht, was aber nicht an den Lärm dämmenden Kopfhörern gelegen hatte und sein Blick war verschwommen, was ebensowenig an der Plastikbrille lag. Ihm war einfach nur schwindlig geworden, als er abgedrückt hatte und den Knall des Schusses vernahm. Die ersten Schüsse gingen alle samt peinlichst daneben; statt ins Herz traf er zwischen die Beine, statt in den Arm ins Gesicht und statt der Beine erwischte er die Wand. Doch es war ein Kick gewesen, ein Gefühl von Macht. Und das spürte er nun auch.

Er hielt das Schwert hoch in die Luft. Auf dem scharfen Metall spiegelte sich die Sonne des frühen Morgens wieder. Er hatte vorhin bereits bei Pierre und Christophe beobachtet, wie das hier von statten ging. Und irgendwie kam ihm das alles bekannt vor. Aber diesmal nicht aus Braveheart oder Jeanne D‘Arc, sondern es kam ihm eher vor, als hätte er einem solchen Kampf bereits einmal selbst beigewohnt. Es war merkwürdig und schwer zu erklären, aber Mulder war ruhig, denn er wußte, daß das hier schon klappen würde – irgendwie.

Seitlich ging er einige Schritte auf seinen Gegner, in dieser Runde war es Jaques, zu. Er trug einen Helm, der ihn ein wenig an einen Motorradhelm erinnerte; wenn auch natürlich nicht ganz so komfortabel. Und zusätzlich war darauf ein gelber Wedel, wie auch immer man das nennen mochte, der wohl seinen Rang innerhalb des Ritterstandes symbolisierte. Und gelb stand für die Ritter eines Königs oder Adelsmannes.

Bei diesen Übungskämpfen war freilich keiner darauf aus, einem andern ernsthafte Verletzungen zuzutragen. Aber dennoch wurde geübt, für den Ernstfall, damit die Burg und vor allen Dingen der oberste Herr im Falle eines Angriffes geschützt werden konnten. Mulder entdeckte hierbei, daß er –Kind der Zivilisation oder nicht –ungeheuren Spaß hatte an diesem Angriffs- und Verteidigungsspiel, daß in diesem Zeitalter tatsächlich noch Lebens- und Berufsinhalt eines Mannes gewesen war. Wie gezüchtigt waren doch Büroleute, Banker, Broker und all anderen Männer aus Berufsständen, von denen man nun noch nichts ahnte und auch noch gar nichts wissen wollte. Das Leben war simpel und naturbelassen, erkannte Mulder, der feststellen mußte, daß auch er als typischer Durchschnittsmann vollkommen in die Freud’sche Theorien (obwohl diese zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierten) des Unterbewußten und animalisch Vorgegebenen fiel. Nach und nach begann er sich in diese Zeit einzuleben. Doch drei Dinge vermißte er; sein komfortables Wasserbett, sein Handy und vor allem vermißte er Scully, obgleich sie in Form von Kathérine indirekt anwesend war.

Nachdem Jaques zu Boden gegangen war, trat Mulder an ihn heran, so wie er es bei der ersten Runde beobachtet hatte, in der Christophe als Sieger vorausgegangen war. Stolz senkte er, wie Christophe zuvor auch, die Spitze seines Schwertes symbolisch auf die Brust seines Angreifers. Unter dem Helm konnte sich Mulder ein überwältigtes Grinsen nicht ersparen. Er hatte gerade gewonnen, wurde ihm bewußt und sein Herz begann wieder zu hämmern, diesmal aus vollkommen anderen Gründen. Stolz und Ehre.

Verschwitzt, doch unglaublich zufrieden, nahm er schließlich den Helm ab, und genoß die frische Luft auf der heißen Haut seiner Wangen. Philippe und einige andre stießen ihm mit der Faust gratulierend in die Seite und er schmunzelte kurz zurück. Das war gar nicht so viel anders als beim Football, dachte er schließlich nachdenklich. Nur gab man sich hier keine High Five, sondern einen Stoß mit der Faust gegen den Oberarm. Und es gab keine Cheerleader.

Als er erschöpft in den Himmel blickte, entdeckte er plötzlich jemanden in den äußeren Banden der Arena. Ja, es war regelrecht eine Arena, in der sie ihre Kämpfe übten. Wenn auch nicht wie die für Stierkämpfe in Spanien, sondern eher adrett und von französischem Baustil. Es schaute definitiv nett aus, fand er. Mächtig und doch nicht zu protzig.

Doch alles worum er sich nun kümmerte, war die liebliche Gestalt an der Bande –Kathérine. Sie trug etwas auf ihrem Kopf, das einem Diadem oder einem kleinen Krönchen glich; jedenfalls reflektierte es die Sonnenstrahlen und warf sie ihn alle Richtungen zurück. Und sie lächelte das wunderbarste Lächeln, das er seit langem gesehen hatte. Als alle anderen Ritter der Runde beschäftigt zu sein schienen, warf sie ihm mit einem liebevollen Zwinkern einen Luftkuß zu, den Mulder spielerisch mit einer Hand auffing. Sie kicherte und verfolgte die Kämpfe weiterhin mit leicht geneigtem Kopf. Natürlich ließ sie es sich nicht entgehen hin und wieder den Blick von dem Klirren der Schwerter abzulenken und stattdessen ihrem Liebsten ein Lächeln zu schenken. Gott, wie er dieses durchaus gefährliche Geturtel liebte!

"Ja, das sind die holden Weibsbilder, von denen unsereins träumt", seufzte Jean schließlich und legte Mulder kameradschaftlich den Arm über die Schulter, als er den Blick seines Genossen in Richtung Kathérines bemerkte. Sie war geschickt genug den Blick ruhig und unbetroffen von Mulder abzulenken, um ihre Aufmerksamkeit wieder den Kämpfen zu widmen. Es war kein Wunder, daß sie ihr Geheimnis zwölf Jahre lang hatten wahren können; sie war unglaublich geschickt. Eine begnadete Schauspielerin.

"Oh ja", seufzte Mulder. "Doch unsereins hat sich wohl mit den Weibern aus der Schenke zu begnügen."

"Nimm es leicht", erwiderte Jean. "Denn mit jemandem wie der hättest du auch gestern Abend nicht den gleichen Spaß gehabt; Fruchtbarkeit ist das einzige, was diese Frauen dazu verleitet es zu tun. Das hat nichts mit Spaß an der Sache zu tun; Kinder zeugen als einziger Zweck des Ganzen." Mulder seufzte. Oh Jean, wenn du nur wüßtest, dachte er mit einem wissenden Grinsen auf seinen Lippen.

~*~*~*~

Schuhe trug sie nicht, damit keiner ihre Schritte auf den Steintreppen hörte. So leise wie nur irgendwie möglich, stieg sie nun am vierten Abend hintereinander die Stufen zu seinem Gemach hinunter. Ihre Füße waren so kalt wie die Steine, über die sie schlich und auf ihren Armen und Beinen bildete sich eine Gänsehaut. Sie fragte sich, weswegen sie derart gefährliche Dinge überhaupt unternahm. Doch das Gefühl, daß sie in Pascals Gegenwart und in seinen Armen empfand war stärker, als jede Angst davor, erwischt zu werden. Ihr Herz klopfte hart gegen ihre Brust als sie, an die kalten Wände gedrückt, den Turm hinab stieg und den Gang mit den Gemächern der Ritter betrat.

Als ihre Hand auf der Klinke der dritten Tür lag, ließ das hämmernde Klopfen in ihrer Brust nach und Erleichterung ließ sie aufatmen. Sie klopfte nicht an, sondern öffnete die Tür einen Spalt und schlüpfte hindurch. Als die Tür ins Schloß fiel, seufzte erleichtert und sah sich nach Pascal um. Sie entdeckte ihn in seinem Sessel sitzend. Er war eingeschlafen; sein Kopf lehnte auf seiner linken Schulter.

Leise schlich sie auf ihn zu und das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde immer breiter. Sein Mund war leicht geöffnet, während er friedlich schlummerte. Sein Gesicht war so unschuldig und Kathérine fand, daß es fast schon scheinheilig wirkte. Sanft strich sie mit dem Daumen über sein Gesicht, er zuckte unter ihren liebevollen Berührungen ein wenig erschreckt zusammen.

"Kathérine?", fragte er leise und öffnete verschlafen seine Augen. Sie schmunzelte, zischte ihm leise zu sein und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. Er nahm ihre kalte Hand in seine warme und hielt sie fest, während er jede Fingerspitze einzeln küßte. Kathérine seufzte sanft und ließ sich, bedacht darauf ihm nicht weg zu tun, in seinem Schoß nieder. Sie zog ihre Hand langsam aus seiner und senkte stattdessen ihre Lippen auf seine. Sie waren weich und er schmeckte nach einer Mischung aus Wein und Männlichkeit; eine Mischung die Kathérine seit jeher an ihm betörte. Ihre Armen wandten sich fast zur gleichen Zeit um seinen Hals, wie seine an ihre Hüften sanken. Ihr sanfter Kuß wurde nach und nach immer leidenschaftlicher und fordernder. Schon allein das Wissen, daß er mit ihr hier im warmen Licht der Kaminflammen saß, mit ihr auf seinem Schoß, machte ihn wahnsinnig vor Liebe, die er hier gegenüber Scullys Ebenbild ausdrücken konnte, was er aber bei Scully selbst noch nicht gewagt hatte.

Als Mulder eine kleine, warme Hand seinen Bauch hinabsinken fühlte, seufzte er in ihren Kuß und löste hastig seine Lippen von ihren. Er hielt sie auf, indem er ihre Hand einfach nur schweigend festhielt. Er sah sie an und allein durch ihre Blicke führten sie wortlos eine Konversation.

Er drückte seine Lippen erneut auf ihre und küßte sie mit einer Leidenschaft, von der er nicht gewußt hatte, daß er zu ihr überhaupt fähig war. Vorsichtig hob er sie in seine Arme, bevor er vom Sessel aufstand, ohne den Kuß jemals zu unterbrechen. Sie kicherte leise in seinen Mund, als er sie verspielt durch die Luft wirbelte. Dann ließ er sie vorsichtig auf seinem Bett nieder und rollte sich vorsichtig und vor Aufregung zitternd über sie. "Ihr seid ja ganz kalt", sagte er, als er mit seiner warmen Hand über ihren Arm und die Gänsehaut darüber fuhr.

"Es geht mir gut. Ich bin nur ohne Schuhe zu Euch heruntergeschlichen, daher die Gänsehaut", sagte sie und er lächelte ihr liebevoll zu. Dann schnappte er sich eine der breiten, gestrickten Decken am Fußende seines Bettes und warf sie über sie beide.

"Besser?", fragte er und sie schmunzelte nickend.

Sie zog ihn wieder zu sich herunter und küßte ihn stürmisch, als sie unter der Bettdecke begannen sich gegenseitig auszuziehen. Er konnte in diesem Moment gar nicht anders, als sich von seinem Herzen leiten zu lassen. Er, der jahrelang keusch gelebt hatte und er, der dieser Frau dermaßen verfallen war, konnte in diesem Moment gar nicht anders, als sich von seinem Herzen leiten zu lassen. Und das, was er hier dabei war zu tun, fühlte sich besser an, als alles, was er jemals zuvor getan hatte.

~*~*~*~

"Vergebt mir, Herr, denn ich habe gesündigt", betete sie leise. Mit gefalteten Händen kniete sie vor seinem Bett und stützte ihre Arme auf die Matratze. Sie war noch immer nackt, nur gehüllt in eine der Wolldecken, die auf seinem Bett gelegen waren. Skeptisch wurde sie von Mulder beobachtet, wie sie um Vergebung dieser, für sie offenbar äußerst schwerwiegenden, Sünde bat. Himmel, dachte er verwundert und er hatte schon geglaubt Scully wäre verklemmt... Er zog sich aus dem Bett und kniete sich neben sie.

"Hat Euch nicht gefallen, was wir getan haben?", fragte er vorsichtig und legte einfühlsam den Arm um sie. Seufzend beendete sie ihr Gebet, bevor sie ihren Kopf an seine Schulter legte.

"Der reinste Genuß über den Verzehr des gleißend lodernden Feuers", sagte sie leise und was auch immer sie damit meinte, es klang, als hätte es ihr gefallen. Aber zufrieden war Mulder dennoch nicht wirklich, denn es klang trotzdem bedauernd. Ihre Stimme war wackelig und er erkannte den Zwiespalt, in dem sie sich befand; zwischen Glaube und Genuß.

"Wir haben Liebe gemacht", sagte er leise und sie sah zu ihm auf.

"Liebe machen", fragte sie und lächelte seufzend. "Das klingt schön... so harmlos. Ihr versteht es äußerst kreativ mit Worten umzugehen, Pascal." Er lächelte und steckte die Lorbeeren ein. Er konnte ihr ja nicht sagen, daß das nicht von ihm kam, sondern in rund vierhundert Jahren dieser Formulierung nicht einmal halb so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden würde.

"Ja, wir machten Liebe", flüsterte er ihr sanft ins Ohr, bevor er begann an ihrem Ohrläppchen zu knabbern. Sie fragte sie insgeheim, wie es kam, daß er es auf diese leidenschaftliche Weise verstand sie zu berühren und sie zu liebkosen, wenn sie doch wußte, daß es ihm in der letzten Dekade ebenso wenig vergönnt gewesen war wie ihr. "Und es war gut; es war so verdammt gut."

"Ihr flucht", sagte sie leise, als sie die Augen schloß und das sanfte Knabbern an ihrem Ohr genoß. "Doch Eure Sünden wiegt Ihr auf, indem Ihr Eure Liebe und Euer reines Herz mit mir teilt. Und ebenso, wie Ihr es versteht, mit Worten umzugehen, versteht ihr es zu handeln auf eine herrlich unchristliche, doch freiheitliche Weise."

So langsam begann ihm ihr Gerede zu gefallen. Es klang noch immer merkwürdig in seinen Ohren Scully solche Dinge sagen zu hören. Es war nicht so, wie wenn sie ihr medizinisches Fachjargon runterleiherte. Irgend etwas war anders, obwohl sie dennoch ganz speziell sprach. Und ihre kleinen symbolischen Bezeichnungen und schwierige Formulierungen für simple Dinge sagten ihm mehr und mehr zu.

"Und Ihr versteht es mich zu betören, Kathérine", sagte er schmunzelnd und küßte ihren Nacken und Hals. "Mir gefallen Eure sinnlichen Lippen, eure blauen Augen und Eure weichen Haare." Er bemerkte, daß es ihr gefiel, wenn er diese Sachen sagte. So wie Scully mit Komplimenten nicht umgehen konnte, konnte auch Kathérine es nicht. Aber des änderte nichts an der Tatsache, daß sie sich in ihrem Ego bestätigt fühlte.

"Hört auf! Ihr macht mich verlegen", erwiderte sie kichernd und im nächsten Moment lagen ihre Lippen wieder aufeinander. Damit war ihr Widerstand gebrochen und sie sündigten ein zweites Mal.

~*~*~*~

"Ich bitte dich, Kathérine!", rief er mürrisch und hob drohend seine Hände.

"Aber Vater, ich bitte Euch doch lediglich um eine Aufschiebung des Termins", sagte sie flehend. In den Augen seines persönlichen Lieblingskindes erkannte er, welch großen Gefallen ihr diese Bitte tun würde. Geschickt schob sie mit einer Hand ihr rotblondes Haar zurück und ließ sich neben dem Sitz des Vaters nieder.

"Kathérine", seufzte er schließlich. Seine Stimme klang nun liebevoller, so als brächte er nun wenigstens ein wenig Verständnis für ihre Bitte auf. "Sieh mich an. Ich werde alt. Ich habe doch nur euch beide, dich und Jaqueline. Deine Schwester scheint unfruchtbar zu sein und ihr Gatte ist nicht für die Führung meiner Burg geeignet; er ist ein Kind der Denker. Der österreichische Prinz allerdings, hat die Fähigkeit dazu organisatorisch und kämpferisch zu denken. Er könnte die Burg leiten und damit die Burg im Besitz der Familie de Gaulle bleibt, wird es früher oder später deine Aufgabe sein, einen weiteren männlichen Nachkommen unsrer Familie in die Welt zu setzen. Doch du bist fast dreißig Kind und du weißt, wie es deiner Mutter und mir ergangen ist, da wir mit unsrer Vermählung warteten; bevor sie starb gebar sie nur zwei Töchter; doch keinen Sohn. Eine Generation ist überwindbar, doch keine weitere."

Kathérine senkte traurig und beschämt den Kopf. Sie kannte die Problematik durchaus und sie wußte von den Sorgen, die sich ihr Vater um die Burg und die Familie machte. Doch es widerstrebte ihr den Prinzen zu heiraten, dem ihre Mutter und ihr Vater sie bereits bei ihrer Geburt versprochen hatten. Und vor allen Dingen nun, nachdem sie die letzten Nacht auf diese Weise mit Pascal verbracht hatte. Er hatte Dinge mit ihr angestellt, von denen sie bisher nur geträumt hatte und er hatte sie dazu gebracht, sich in seinen Armen wohl zu fühlen. Und das war ein so wunderbares Gefühl gewesen, daß sie es einfach nicht aufgeben konnte.

Die Adelsgesellschaft heiratete nicht aus Liebe. Sie kannte niemanden, der so töricht gewesen war, das zu tun. Auch ihre Eltern waren einander versprochen gewesen, genauso wie ihre jüngere Schwester Jaqueline, die sich gegen eine Vermählung auch nicht gesträubt hatte. Man heiratete aus Gründen wie Ansehen, Macht und Reichtum. Oder eben das Führen einer Burg. Doch das allererste Mal in ihrem Leben wünschte sich Kathérine nun in die Schicht der Bauern und Handwerker zu gehören. Obwohl sie es nicht ahnten, waren die Bauern grundsätzlich freier als jeder der einen Von-und-Zu-Titel trug. Draußen auf dem Feld, unter freiem Himmel, hatten sie die freie Wahl ihrer Ehepartner und die Möglichkeit, ihr Leben zu bestimmen. Und vermählten sie sich doch aus Gründen wie Geld oder Ansehen, dann war es ihr eigener Wunsch. Kathérine wünschte sich nichts mehr als diese gleichen Möglichkeiten zu besitzen. Den zu heiraten, dem ihr Herz gehörte. Seine Kinder zu bekommen und für ihn da sein zu dürfen.

"Ich bitte Euch nur um sechs Monate", sagte sie schließlich nachdenklich. "Ein halbes Jahr, in dem ich ungebunden bleiben kann, und dann werde ich bereit sein zu tun, was auch immer Ihr von mir wollt, Vater, und genügend Kinder gebären, daß auch ein Sohn darunter ist."

Sie sah, wie ihr Vater nachdachte und ihr Herz begann zu pochen, als sie erkannte, daß er es zumindest als Möglichkeit in Betracht zog. Seine Hand fand den Weg in seinen Bart, den er grübelnd kraulte. "Ich bitte Euch", sagte Kathérine noch einmal mit Nachdruck.

Schließlich kapitulierte er. Sie war schließlich seine Tochter und besaß das ungeheure Talent dazu, fast alles zu bekommen, was sie sich wünschte. Ihre Schwester beneidete sie oft darum. Seufzend drehte er sich zu seiner Tochter. "Ich werde den Prinzen um einen Aufschub des Termins bitten. Sollte ihm diese Idee aber mißfallen, findet Mitte des Monats deine Vermählung statt."

"Ich danke Euch, Vater", sagte sie und drückte ihm einen liebevollen Kuß auf die Wange. "Habt vielen Dank."

Er seufzte erneut, bevor er seine Tochter zurechtwies, sich für die abendlichen Festivitäten zurechtzumachen. Seine älteste Tochter lag ihm ganz besonders am Herzen, was wohl auch der Grund dafür war, weshalb er sich ihr gegenüber ziemlich tolerant verhielt. Sie sah aus wie ihre Mutter; besaß ihr rötliches Haar und ihre blauen Augen. Sie erinnerte ihn stark an seine verstorbene Gattin. Auch nun, als sie schnellen Schrittes den prunkvollen Saal verließ, erinnerte ihn auch die Grazie und Eleganz ihres Ganges stark an die Mutter.

Und einmal mehr hatte sie ihren Willen bedingungslos durchgesetzt, dachte Jean-Pierre. Sehnlichst wünschte er sich, daß diese Tochter ein Sohn gewesen wäre. Sie hätte das Zeug dazu, diese Burg zu verwalten und jegliche Organisation in die Hand zu nehmen. Doch sie war nun mal eine Tochter und damit war ihre einzige Möglichkeit die Heirat. Und das wußte sie ebenso.

Allerdings wunderte es ihn, was dieser sechsmonatige Aufschub ihr brachte oder weshalb sie überhaupt mit dieser seltsamen Bitte an ihn herangetreten war, denn sie würde den Prinzen heiraten müssen, wohl oder übel. Er wußte, daß in seiner Tochter das Feuer der Leidenschaft loderte und sie sich eine reine Liebeshochzeit erträumte. Doch gleichzeitig war auch sie, geblendet von diesem Feuer oder auch nicht, realistisch genug zu erkennen, daß ihr eine solche nicht vergönnt sein würde, so wie es auch ihrer Mutter und ihrem Vater nicht vergönnt gewesen war. Doch sie hatten sich immer toleriert; aus Toleranz entwickelte sich Respekt und durch den Respekt und die Kinder, die zu dieser Zeit geboren wurden, entwickelten sich Liebe und Fürsoge. Und bei seiner Tochter würde das nicht anders sein als bei den anderen Fräuleins ihres Standes, da war er sich sicher.

~*~*~*~

"Was ist denn los mit Euch, Liebes?", wurde Kathérine von ihrer Zofe gefragt, die ihr täglich half sich für anstehende Festivitäten, oder auch für den ganz gewöhnlichen Alltag, herzurichten, damit sie so lieblich aussah, wie sie es nun einmal tat. Kathérine benahm sich ein wenig seltsam, das fiel selbst ihrem Mädchen für alles auf. Sie war ein wenig überschwenglich an diesem im Grunde relativ gewöhnlichen Tag.

"Ich bat meinen Vater die Vermählung aufzuschieben", sagte sie seufzend und betrachtete sich selbst im Spiegel. "Ein halbes Jahr später erst soll sie stattfinden, im Herbst."

"Und er stimmte zu?", wunderte sich die Zofe, als sie Katherine half, in eines der besonders aufreizenden Korsetts zu steigen.

"Durchaus", stimmte sie, erleichtert seufzend, zu.

"Liebäugelt ihr mit dem Gedanken die Hochzeit vollständig abzusagen?", erkundigte sie sich vorsichtig, aber Kathérine schüttelte den Kopf.

"Es geht nicht darum, was mir gefällt oder auch mißfällt. Was zählt ist das Wohlergehen der Burg und das Zeugen von Nachkommenschaft. Doch mir wurde noch eine weitere sechsmonatige Zeit zugestanden, mein unbeschwertes Leben als ungebundene, junge Frau zu genießen, bevor ich mich meinen Pflichten, wohl oder übel, zu stellen habe", seufzte sie und schob ihr Haar beiseite, als die Zofe begann ihr Korsett fest zuzuschnüren.

"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", erwiderte die Zofe. "Ihr seid nicht davon begeistert, den Prinzen zu heiraten, nicht wahr?"

"Der Prinz ist ein äußerst guter Mensch und mit Sicherheit ein ebenso guter Vater und Gemahl. Doch der Mann meiner Träume ist er nicht und ich ganz sicher bin auch nicht dasjenige Fräulein, das sein Herz zum schlagen bringt. Doch ich besitze einen guten Namen, gute Herkunft und jeglicher Mediziner schätzt mich als durchaus fruchtbar ein. Und das ist alles, was zählt", erkannte sie seufzend. "Doch es ist nicht das, wovon ich träume."

"Eine Liebeshochzeit?", fragte sie neugierig, als sie weiterhin tatkräftig an dem Korsett schnürte. "Wäre es das, wovon Ihr träumt?"

"Durchaus", stimmte sie erneut zu. "Eine Vermählung gegründet auf aufrichtiger Liebe und Respekt; Kinder als Resultat dieser Liebe und ehrlichen Verlangens nacheinander. Das ist es, wovon ich träume. Doch das ist es nicht, woraus die Realität besteht, nicht wahr?"

"Ich fürchte nicht", seufzte die Zofe, die nur wenig Mitleid für die naiven Träume eines nicht mehr allzu jungen Fräuleins aufbrachte. So war die Welt eben nicht, dachte sie, und auch für Kathérine galten nun einmal keine Sonderregelungen.

~*~*~*~

Für Mulder hatte dieser festliche Akt, was auch immer gefeiert werden mochte, etwas von einer Oscar- oder Grammyverleihung. Der rote Teppich war, von den großen Steinstufen, über denen sich ein majestätisches Tor befand, bis hin zu dem marmornen Thron ausgerollt worden. Das Tor war geschlossen, doch um den Teppich herum tummelten sich die Menschen.

Wie die Schauspielerinnen und Sängerinnen trugen auch diese Frauen sündhaft teure und ausgefallene Kleider in den buntesten, schillerndsten Farben und bestickt mit allen möglichen Figuren oder sogar Schmuckstücken. Zu einer Zeit wie dieser, mußten das außerdem echte Diamanten sein, denn er war sich gar nicht sicher, ob man zu dieser Zeit überhaupt die Mittel besaß, diese zu fälschen. Was er aber wußte, war, daß das Gold echt sein mußte, weil er gehört hatte, daß der hauseigene Alchemiker noch immer damit beschäftigt war, selbes aus welchen Mitteln auch immer zu erstellen. Mulder schmunzelte über diesen törichten Versuch. In Chemie war er zwar kein Naturtalent gewesen, doch er hatte gut genug aufgepaßt, um zu wissen, daß das Fälschen von Diamanten eine relativ neue Entdeckung war, die erst Ende des 19ten oder sogar Anfang des 20ten Jahrhunderts gemacht wurde. Doch er sagte nichts.

Nun aber konzentrierte er sich auf die vielen –und daß mußte er sich schluckend selbst gestehen –äußerst aufreizend gekleideten, heiratsfähigen Frauen, die alle samt einem Kuriositätenlager zu entstammen schienen –aber auf eine positive Art und Weise. Und er beobachtete die Männer, deren Frauen und heiratsfähigen Kinder die eigentlichen Vorzeigeobjekte zu sein schienen und sich selbst schweigend im Hintergrund hielten. Er erinnerte sich an einen Satz aus einem Roman, den er mal gelesen hatte. Männer hatten zu sein wie Geld, schweigsam und effizient. Obwohl dieses Stück bedeutender Literatur erst in Rund drei Jahrhunderten entstehen sollte, ließ sich das aufgezeigte Muster sehr wohl auf diese Gesellschaft anwenden.

Und natürlich war Schmuck ein ungeheures Vorzeigemittel. Nicht durch Zufall blitzte es aus allen Richtungen. Diademe, Ohrringe, Ketten, Arm- und Halsbänder waren schwer mit Perlen und Juwelen besetzt, in denen das durch die Vorreiter der Glühbirne entfachte Licht reflektierte. Eine geschickte Art Strom zu recyclen, dachte Mulder schmunzelnd.

Die zwölf Ritter standen jeweils zu zweit an einer Tür und achteten darauf, wer den Raum betrat oder verließ. In ihren Händen hielten sie Flaggen an mächtigen Holzstangen, jeweils eine Landesflagge und eines mit dem königlichen Wappen, die sie überkreuzten, um den Weg zu versperren. So wie Mulder das verstanden hatte, war das im Grunde seine ganze Aufgabe an diesem Abend. Und natürlich aufzupassen, daß weder dem Burgherren, noch seinen Töchtern etwas geschah.

Dann öffnete sich das majestätische Tor über den Steinstufen und fünf Trompeter kamen heraus, um sich in einem Dreieck auf der Treppe aufzustellen und die königliche Anwesenheit anzukündigen. Plötzlich herrschte absolute Stille im Saal und alle Augenpaare waren auf das Tor gerichtet. Die Trompeter bliesen einige, in Mulders Ohren schmerzhaft quietschende, Töne, bevor sie sich an die Seiten stellten; drei auf einer, zwei auf der anderen.

Der König schritt jedoch nicht allein durch das Tor. Bei ihm eingehakt hatte sich Kathérine, die vollkommen synchron mit den Schritten ihres Vaters ging, ihre Nase und ihr Kinn majestätisch in die Luft hob. Er glaubte noch immer kaum, das sie in der vorangehenden Nacht miteinander im Bett gewesen waren. Er schüttelte verwundert den Kopf über dies Absurdität.

Gefolgt wurden Kathérine und ihr Vater von einer weiteren jungen Frau und einem Mann, der rund fünfzehn Jahre älter zu sein schien als seine Gefolgin; Jaqueline und ihr Mann, spekulierte Mulder vollkommen richtig. Jaqueline erinnerte ihn ein wenig an Scullys Schwester Melissa. Aber sie sah nicht genauso aus; nicht so wie Kathérine Scully glich. Trotzdem war da etwas in ihrem Gesicht, das ihn an Melissa erinnerte. Vielleicht der gutgläubige Blick?

Der König ging auf den breiten Thron zu, der zur Wand hin am Ende des Teppichs aufgebaut war. Er war aus Marmor, prachtvoll verschnörkelt mit den bekannten schneckenähnlichen Formen des barocken Zeitalters. Auf seiner Sitzfläche lag ein dickes, rotes Kissen. Doch bequem würde der Sitz ganz bestimmt trotzdem nicht sein. Daneben standen drei sehr viel niedrigere, schmalere Throne, auf denen Kathérine zu seiner rechten und Jaqueline und ihr Gatte auf der anderen Seite Platz nahmen. Drei waren wohl ursprünglich für die Königin und die Töchter vorgesehen, statt für den Ehegatten der einen. In einem Gespräch hatte Mulder gerade erst aufgeschnappt, daß sie starb, als ihre Töchter das Erwachsenenalter noch nicht einmal erreicht hatten.

Mulder konnte seine Blicke von Kathérine kaum abwenden. Sie sah so wundervoll aus, dachte er atemlos. Sie schimmerte wie eine Sonne in ihrem vollkommen goldenen Kleid, das ihre Figur einwandfrei betonte, daß es der Phantasie nicht mehr viel Raum zur Spekulation gab. Ihr Dekolleté präsentierte sich durch das Korsett unheimlich aufreizend, was ihre Taille um so schmäler und geschwungener wirken ließ. Durch den weiten Rock, der scheinbar mit einem Reifen am Fußende besetzt war, wirkten ihre Hüften breiter als sie es waren. In diesem Kleid sah sie einfach unglaublich, fand Mulder. Bis vor einigen Tagen hatte er sich gar nicht vorstellen können, daß seine unscheinbare, zurückhaltende und emanzipierte Scully überhaupt so aussehen konnte. Und nun verschlug sie ihm allein durch ihre Schönheit nahezu die Sprache.

"Man sollte meinen, daß gerade ein solches Fräulein seine gesellschaftliche Stellung zu würdigen wisse", schnappte er plötzlich die bissigen Worte einer vorbeigehenden Dame auf. "Stattdessen zieht sie eine eheliche Bindung immer weiter raus, bis sie weder Fruchtbarkeit noch Schönheit mehr zu bieten hat. Ich habe gehört, daß die Hochzeit erneut verschoben werden soll. An des Königs Stelle würde ich ein Machtwort zu sprechen wissen und sie dazu zu bringen, entweder zu tun, was auch immer ich sage oder sich der Handwerkergesellschaft zuzugesellen."

Daß von Kathérine die Rede war, bezweifelte er nicht im geringsten. Sie war nicht das erste Mal das Thema eines Gesprächs an diesem Abend, von dem er einige Fetzen aufschnappte. Doch diesmal wurde er freilich besonders hellhörig. Die Hochzeit wurde aufgeschoben? Ausgerechnet nach der Nacht, in der sie nach einer Ewigkeit miteinander geschlafen hatten? Der König hatte doch wohl nicht davon erfahren?

Nein, er war sich sicher, wenn der König davon erfahren hätte, wäre er jetzt nicht mehr lebendig und hätte noch alle seine Körperteile. Nein, der König konnte es nicht wissen. Noch nicht.

Plötzlich bemerkte er, daß Kathérine ihn beobachtete. Er durfte sich nicht rühren, das war quasi seine Aufgabe an diesem Abend und vom Stillstehen kribbelten ihm regelrecht die Füße. Doch nun, als sie ihm ein liebevolles und bezauberndes Lächeln schenkte, begannen seine Knie weich zu werden. Obwohl er keine Miene verziehen durfte antwortete er mit zärtlichen Blicken, die Kathérine auch registrierte. Denn sie nickte sanft und schenkte ihre Aufmerksamkeit nun wieder ihrem Vater.

~*~*~*~

Nachdenklich schließlich lag Kathérine nur wenige Stunden später in ihrem breiten Bett. Ihr Blick war an die Decke gerichtet und sie war in ihre Gedanken versunken. Ihr Vater hatte einen Brief an den Prinzen geschrieben und sie vermutete, daß er der Verschiebung mürrisch zustimmen würde. Aber das war es nicht, was sie in diesem Moment beschäftigte.

Woran sie wirklich dachte, war, was sie am Abend zuvor getan hatte. Sie dachte an Pascals Küsse und seine Berührungen. Es hatte sich so sündhaft gut angefühlt, daß sie dahin geschmolzen war vor Leidenschaft. Er hatte ihren Körper zum fiebrigen Zittern gebracht. Doch es hatte sich nicht schlecht angefühlt. Im Gegenteil. Sie hatte einen Moment lang aufgehört zu denken, sondern sich ausschließlich darauf konzentriert, wie ihre Körper miteinander verschmolzen. Wenn er ihr ekstatisch ihren Namen ins Ohr flüsterte und sie gleichzeitig streichelte, dann raubte ihr das jeglichen Verstand und Moral.

Und wenn sie mit sich selbst ehrlich war, dann war das der Grund für die Bitte der Aufschiebung ihrer Hochzeit. Aus verschiedensten Gründen.

Sie wollte keine Ehebrecherin sein, doch sie wußte nun schon, daß sie seine Liebe wieder brauchen würde. Und daß sie es brauchen würde, daß er mit ihr Liebe machte, wie er es ausgedrückt hatte. Man hatte sie einmal in Versuchung gebracht ihn zu berühren und ihn zu lieben und nun würde sie es auch wieder tun, das wußte sie. Sie sehnte sich nach ihm, als sie sich auf die andere Seite drehte. Ein halbes Jahr würden sie es schon noch geheim halten können, dachte sie. Aber was war danach, wenn sie Madame Allemonde war? Sie könnte sich niemals verzeihen verheiratet zu sein und insgeheim daran zu denken, daß sie zu einem anderen gehörte, lieber die Kinder eines anderen zur Welt brachte und vor allem, daß sie einen ganz anderen liebte. Das könnte sie nicht, daran würde sie zerbrechen.

Doch es war gefährlich, für sie beide. Für ihn ganz besonders. Sie würde in ein Kloster gebracht werden, womit sie im Grunde auch nicht schlechter dran war als den Prinzen heiraten zu müssen. Doch ihm würde es weniger gut ergehen. Ihr Vater würde ihn aus dem Schloß werfen lassen, wenn er Glück hatte. Hatte er Pech, würde er gehängt oder geköpft werden. Das konnte sie doch nicht zulassen. Doch sie konnte sich auch nicht von ihm fernhalten.

 

Gleichzeitig lag auch Mulder in seinem Bett. Die Kerzen an den Steinwänden brannten, als er die Steinstruktur der Wände aufmerksam betrachtete und hin und wieder die tanzenden Flammen verfolgte. Auch er konnte seine Gedanken nicht davon abwenden, daß Kathérine und er innerhalb dieser Wände vor ziemlich genau vierundzwanzig Stunden Sex hatten. Und es war unglaublich gewesen.

Er mochte es, das Gefühl ihres zierlichen Atmens unter seiner Brust, wenn er über ihr lag. Er mochte die Hitze ihrer Haut, die er verursachte und wie die Stellen seines Körpers zu brennen schienen, wenn sie ihn berührte. Ihre Küsse schmeckten süß, nach Honig und Milch, während ihre Haut salzig wie das Meer war. Sie machte ihn wahnsinnig, obwohl er wußte, daß es sein Verhängnis werden konnte, sie so sehr zu lieben.

"Ich bin willig zu sündigen", hörte er plötzlich ihre Stimme und stutzte. Zuerst war er sich sicher, daß er sich das eingebildet hatte, aber als nun ein Knallen von Richtung der schweren Holztür durch den Raum hallte, erkannte er, daß es wohl doch nicht so war. Seine Augen wurden groß in Verwunderung, als er eine, nur in ihrem Nachthemd gekleidete, Kathérine in seinem Zimmer entdeckte. Und die Worte ‚willig‘ und ‚sündigen‘ in einem einzigen Satz zu hören, machte ihn schon fast wahnsinnig.

Sie ließ ihm noch nicht einmal genug Zeit sich aufzurichten, als sie auf ihn zuging und ihn mit ihren Küssen zurück in sein Bett drückte. Sie drückte ihre Lippen hart auf seine und küßte ihn mit einer Leidenschaft, als hätte sie ihn jahrelang nicht gesehen. Jeglicher Widerstand, den er versucht gewesen war zu leisten, zerbrach an ihren Küssen. Er schaffte es sie zu drehen, so daß sie unter ihm auf dem Bett lag. Dann löste er den Kontakt zu ihren Lippen, lächelte verschmitzt und stand auf.

"Wo gedenkt Ihr hinzugehen?", fragte sie und in ihrer verspielten Stimme fanden sich sowohl Elemente der Empörung als auch der Belustigung. Er seufzte, als er die schwere Kiste vor die Holztür schob.

"Ich gedenke nur mich zu versichern, daß wir ungestört bleiben", entgegnete er und das spitzbübische Grinsen in seinem Gesicht kehrte zurück, als er die staubige Holzkiste außer Acht ließ und auf seine Angebete zuging. Sie kam ihm entgegen, mit einem vorfreudigen Lächeln in den Augen und auf den Lippen.

"Ich sehnte mich nach Euch", sagte er leise und sie begann zu schmunzeln.

"Mit Euren Worten schmeichelt Ihr mir und mit Euren Berührungen entfacht Ihr die Flammen meines Herzens", erwiderte sie fast flüsternd. Nun war Mulder sprachlos. Etwas dergleichen sollte Scully mal zu ihm sagen, in seinem Büro, am besten vor einem ganzen Haufen neidischer Agenten, die Fox Mulder nicht leiden konnte. Diese Worte gemeinsam mit der Versuchung ihrer Nähe ließ ihn schon wahnsinnig werden. Er wußte, daß die Theorie des Unterbewußten und Animalischen noch nicht existierte. Aber er wurde zum besten Beleg dafür, wenn sie auf diese Weise vor ihm stand.

"Ihr sagt, wir sündigten", sagte er ebenso leise, das seine Wort mehr ein wispern waren. So als hätte er Angst entdeckt zu werden, wenn er lauter sprach. Doch von der Leidenschaft in seiner Stimme war er selbst überrascht. "Doch wie kann ich etwas Sündiges tun, in der Gegenwart eines solch engelsgleichen Wesens wie Ihr es seid?"

Anstatt zu antworten küßte sie ihn und drückte ihn sanft auf das Bett zu, unmißverständlich ihrer Wünsche, die sie damit klar zum Ausdruck brachte. Mulder legte beide Arme um sie, drückte sie an sich und küßte sie zärtlich. Sekunden später nur befanden sie sich genau an dem gleichen Ort wie am Tag zuvor. Sie fühlten das gleiche und sie taten das gleiche...

... sündigen!

~*~*~*~

Liebevoll küßte er ihre nackte Schulter. Sie lag erschöpft in seinen Armen; ihren Rücken dicht an seine starke Brust gedrückt. Er spürte dort jeden Atemzug, den sie tat. Ihr seidig weiches Haar kitzelte seine Wange und seine Hand hatte sie fest in ihre geschlossen.

"Sagt, wie kann es sein, daß ich mich in Euren Armen wohler fühle, als auf dem Throne zur Rechten meines Vaters, obwohl dies der Ort ist, an den ich gehöre?", fragte sie plötzlich und drehte sich mit einem Hilfe suchenden Blick zu ihm um.

"Ich weiß es nicht", sagte er leise und klemmte ihre Schulter, die er gerade noch geküßt hatte, sanft zwischen sein Kinn und sein Brustbein. Sie mochte das; es vermittelte ihr ein unglaubliches Gefühl der Intimität, das sie nicht wirklich erklären konnte. "Doch wie kommt es, daß mir Wappen und Rüstung gleich sind, wenn Ihr meinen Weg kreuzt?"

"Ich weiß es nicht", erwiderte nun auch sie und sie kicherten beide leise, bevor sie wieder begannen sich sanft und liebevoll zu küssen. Er mochte ihre Lippen auf seinen, sie waren weich und sanft. Und wenn er gewußt hätte, daß es so wundervoll wäre Scully zu küssen, dann hätte er es schon längst getan. Dann hätte er sie gleich geküßt, als sie das erste Mal in sein Büro gekommen war und sich ihm als seine neue Partnerin vorstellte. Ja, wenn er all das gewußt hätte. Und wenn er verstanden hätte, welch kleine Hürde das FBI war, wenn es Hürden wie diese gab, die schlichtweg unüberwindbar und höchst lebensbedrohlich waren. Doch da Pascal Gauthier ebenso wie sein Alter Ego Fox Mulder aus törichtem und doch kämpferischem Holz geschnitzt war, würde er seine Liebschaft zu Kathérine nicht aufgeben. Und mochte der Tod zwischen sie treten. Er hatte Angst zu sterben, doch mehr Angst hatte er davor Kathérine an diesen Prinzen zu verlieren.

"Eure Vermählung wurde aufgeschoben, wie ich hörte?", fragte er vorsichtig und nun drehte sie sich ganz zu ihm um. Sanft legte sie ihre Wange an seine Brust, als er feinfühlig die Arme um sie schlang.

"Ich habe meinen Vater gebeten, mir sechs Monate mehr zu geben", sagte sie leise und fast schon flüsternd. "Der Prinz wird in Kürze an die englisch-französische Front schreiten und, Gott vergib mir für meine Worte, doch ich hoffe, daß er im Kampfe fällt oder gefangen genommen wird. Auf diese Weise ist es möglich, daß uns eine gemeinsame Zukunft ermöglicht wird. Als Witwe würde es einen Verstoß aus der Gesellschaft und eine Entehrung meines Namens bedeuten, wenn ich mich ein zweites Mal verheiratete."

"Ich bezweifle, daß Euer Vater mit Eurer Idee einverstanden wäre, selbst wenn der Prinz im Krieg fiele", entgegnete Mulder traurig und sie nickte.

"Möglicherweise", seufzte sie leise. "Doch laßt mir doch das letzte Fünkchen Hoffnung, an welches ich mich noch zu klammern vermag." Vorsichtig begann er wieder ihren Hals zu küssen.

"Haltet die Zeit an für mich", flüsterte er gegen ihre weiche Haut und sie schmunzelte. Schweigend genoß sie seinen warmen Mund, der ihren Hals mit seinen Lippen liebkoste. Sie schloß die Augen genüßlich und fragte sich insgeheim, wie er das wohl machte; ihr dermaßen die Sinne zu rauben, sie emotional vollkommen von sich abhängig zu machen.

~*~*~*~

Tage vergingen auf diese Weise. Und aus Tagen wurden Wochen und aus Wochen alsbald ein ganzer Monat. Und ebenso schnell kam der zweite und dritte und der vierte Monat. Der Prinz hatte der Idee Kathérines, die Hochzeit aufzuschieben, eher widerwillig zugestimmt. Schließlich hatte er nachgegeben, um an der englischen Front für das französisches Vaterland zu kämpfen und damit ließ er Kathérine sechs weitere, ungebundene Monate.

Als sie sich dem wirklich bewußt wurde, stand sie eines Morgens vor dem Spiegel. Mit Skepsis betrachtete sie ihren nackten Körper im Spiegel ihres Schlafzimmers. Die Zofe war nicht anwesend und ihre Kleidung lag über dem Fußende des breiten Bettes. Sie machte sich auf die Suche nach den roten Stellen auf der Haut ihres Körpers, die er hin und wieder durch seine leidenschaftlichen Küsse hinterließ.

Seit drei Monaten nun schlich sie sich nahezu jeden Abend die vielen Steintreppen hinunter in sein Gemach, um dort seine Leidenschaft für sie voll auskosten zu können. Und je länger ihre geheimen Treffen andauerten, um so mehr bedauerte sie, daß der Tag immer näher rückte, an dem sie die Frau eines anderen werden sollte. Der Prinz erzielte in englischen Territorien mit seiner Kavallerie dermaßen gute Resultate, daß er sogar länger dort kämpfen würde, doch aus Gefälligkeit früher zurück kam, um Kathérine zu heiraten. Welch gönnerhafter Zug von ihm, dachte sie seufzend und schüttelte hin und wieder den Kopf über die abstruse Situation, in der sie sich befand.

Mit dem hellbraunen Puder ihrer Schatulle überdeckte sie auch an diesem Morgen zwei Stellen ihres Halses und eine nur knapp über ihrer Brust. Dann überprüfte sie im Spiegel noch einmal, daß auch alles so gut wie nur möglich abgedeckt war. Zwar verlieh ihr dieses Risiko, daß jemand sie entdecken könnte, ein ungeheuer kribbelndes Gefühl in der Magengegend, doch andererseits war sie ja auch nicht leichtsinnig. Und so überdeckte sie im größten Notfall sämtliche Zeichen ihrer vorangegangenen, leidenschaftlichen Nacht mit ihrem Haar.

Lange Zeit hatte sie kein Korsett mehr getragen, da sie sich kurzzeitig eine leichte Grippe eingefangen hatte, die hin und wieder mit starken Bauchschmerzen verbunden gewesen war, die bis vor einigen Tagen auch angehalten hatten. Doch nun, da es von ihr verlangt wurde sich zur Geburtstagsfeier ihres Vaters in ein solches zu zwängen, stellte sie fest das es ihr nicht mehr paßte!

Das war unmöglich, sie konnte doch innerhalb der letzten zwei Wochen nicht so viel zugenommen haben, daß es sich auf ihre Kleidung auswirkte! Hilflos gab sie schließlich auf und entschloß, daß sie ihrer Schneiderin den Auftrag für ein weiteres geben müssen würde. Im Spiegel betrachtete sie sich nun kritisch und blickte auf ihren Bauch, der sich fest nach vorn zu wölben schien. Nein, widersprach sie sich schließlich erschreckt und energisch, als ihr der Gedanke kam, daß sie schwanger sein könnte. Nein, das konnte und durfte einfach nicht sein!

Zwar war das Zeitalter, indem Kathérine lebte, nicht gerade aufgeklärt, aber dennoch wußte sie, wie man Kinder zeugte. Und daß Pascal und sie genau das getan hatten, nahezu jede Nacht seit nun drei Monaten, obwohl sie bewußt versuchten die gefährlichen Tage zu meiden. Doch hatte sie nicht geglaubt, daß das so schnell ginge und daß sie fruchtbar genug wäre, innerhalb dieser kurzen Zeit in andere Umstände zu geraten. Sie war sich darüber im Klaren, daß das Kind einige Wochen alt sein mußte, denn sonst wäre es wohl noch nicht sichtbar. Und nun wurde es nicht nur gefährlich für ihn, sondern auch für sie. Das uneheliche Kind eines Mannes in sich zu tragen, der noch nicht einmal der künftige Ehegatte war, war eine Todsünde in Adelskreisen. Eine Sünde, für die nicht nur sie, sondern auch Pascal und ihr Baby sterben mußten. Möglicherweise verschonte man sie; steckte sie ins Kloster. Doch die Seelen letzterer beiden würden in jedem Falle dem Teufel überschrieben werden. Tränen bildeten sich in ihren Augenwinkeln. Sie mußte etwas tun.

Eine Weile dachte sie nach, als sie hinab blickte auf ihren Bauch, in dem ihrer Vermutung nach ein neues Leben heranwuchs. Was, wenn sie den Prinzen bat sie gleich zu heiraten? Sie würde schon einen triftigen Grund dafür finden und aus dem Mittel einen Weg machen. Dann würde sie das Kind etwa sechs Monate darauf hier zur Welt bringen; bis die Nachricht ihn an der Front erreichte, würden ohne weiteres neun Monate vergehen. Doch würde ihr Vater nicht Verdacht schöpfen, wenn sie nach sechs Monaten oder auch sieben bereits ein völlig gesundes Kind gebar?

Doch nicht nur, daß es zeitlich nicht paßte. Sie würde ihrem Spiegelbild niemals wieder in die Augen sehen können, wenn sie das tat –dem Prinzen ein Kind unterzuschieben, daß nicht seines war. Es ihrem Vater zu gestehen, wäre sein Todesurteil und das Kind auszutragen wäre ihres. Sie wußte, daß der Alchemiker Möglichkeiten hatte, ihr mit Pflanzenpräparaten eine ziemlich wahrscheinliche Fehlgeburt zu bescheren. Doch wie konnte sie ein Kind töten, das durch eine solch wundervolle Liebe entstanden war? Das daraus resultierte, daß sie Liebe gemacht hatten?

~*~*~*~

"Kathérine, was ist mit dir?", fragte ihr Vater voller Sorge, als er seiner Tochter an diesem Abend auf seinem Geburtstagsfest in ihr trauriges Gesicht sah. "Warum vorenthältst du uns dein Lächeln?"

"Ich fühle mich nicht so besonders wohl", erwiderte sie und schob ihre Haar aus ihrem rötlich angelaufenen Gesicht. Ja, diese Hitzewallungen hatte sie in der letzten Zeit des öfteren. Sie hätte etwas vermuten sollen, denn ihre Zofe hatte ihr einmal erklärt, daß mit einer Schwangerschaft meist auch Krankheiten oder Schmerzen verbunden waren.

"Du wirkst fiebrig, Kind", sagte er besorgt, als die Schweißperlen auf ihren Wangen entdeckte. Eine Weile dachte er darüber nach, was zu tun war. Welches Bild gab er von sich und seiner Familie, wenn seine Tochter an seiner Seite fehlte? Doch schließlich entschied er, daß es wichtiger war, daß sie gesund war. Und die Bettruhe war dringend nötig. Vor allem nun, da unweit wieder einige Menschen zu beklagen waren, die der Pest zum Opfer gefallen waren. "Du solltest dich in deinem Gemach zur Ruhe legen."

"Und ihr seid Euch sicher, daß das vertretbar wäre?", fragte sie vorsichtig und gleichzeitig skeptisch. Doch ihr Vater nickte überzeugt.

"Deine Gesundheit ist mir wichtiger", erwiderte er überzeugt. "Des weiteren würde ich dir diesen Vorschlag nicht machen, wenn ich es nicht für vertretbar hielte."

"Ich danke Euch für Euer Verständnis", erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln und wollte sich gerade erheben, als er sie zurückhielt.

"Du hast gehört von Grafen Michels Tochter, die kürzlich in ihrem Gemach erstochen wurde? Deine Zofe ist zur Zeit außer Hause. Also bestehe ich darauf, einen der Ritter zu deinem Schutz mitzuschicken", sagte er und hielt ihren Oberarm mit seiner Hand fest. Sie nickte und gleichzeitig überkam sie der Gedanke, daß er ihr wahrscheinlich Pascal hinterher schicken würde, da sie ihn am besten kannte. Er war es schließlich auch, der sie bei ihren Ausritten beschützte. Und sie sollte recht behalten.

~*~*~*~

Nur kurze Zeit, nachdem sie sich aus ihrer Kleidung befreit und stattdessen das Nachhemd übergeworfen hatte, war sie unter ihre Bettdecken gekrochen und hatte sich in ihren Kissen zurück gelegt. Nachdenklich blickte sie aus dem Fenster hinaus in die dunkle Nacht.

Minuten später hatte es an ihrer Tür geklopft und mit einem verlegenen Lächeln war Pascal in ihr Zimmer getreten. Den Helm hatte er von seinem Kopf genommen, wovon sein Haar vollkommen zerzaust war. Wortlos setzte er sich an ihr Bett und beugte sich liebevoll hinab, um ihre Stirn zu küssen.

"Pascal, ich muß mit Euch reden", sagte sie sanft und setzte sich in ihrem Bett auf. Er drückte sie mit einem leisen Zischen zurück in ihre Kissen. Sie ging darauf ein, aber sah ihn besorgt an.

"Worüber müßt Ihr mit mir reden?", fragte er schließlich und strich mit seinem Daumen vorsichtig über die schweißnasse Stirn.

"Ihr müßt unbedingt fliehen, aus diesem Schloß und vor meinem Vater", sagte sie mit Tränen in den Augen und er sah sie verwundert an.

"Hat er von uns erfahren?"

"Noch nicht", gestand sie. "Doch ich befinde mich in Erwartung, Pascal. Wenn er erfährt, wer der Vater des Kindes ist, wird er Euch jagen und töten. Ich fürchte es ist Eure einzige Chance zu flüchten, solange Ihr es noch könnt."

Sie war schwanger, dachte er und schluckte hart. Natürlich wußte er, daß das passieren konnte. Er war ein aufgeklärter Mann der Neuzeit; gerade er hätte wissen müssen, daß es wohl früher oder später passieren würde. Zu lange hatte er wohl einfach erwartet, daß er in seinem Auto wieder zu sich kam oder irgendwie aus dieser Zwischenwelt flüchten konnte. Doch das war nicht geschehen. Und nun erwartete sie sein Baby und es war real; alles war real.

"Und was ist mit Euch? Und dem Kind?", fragte er besorgt und legte vorsichtig seine Hand über die Stelle, an der er das Baby vermutete. Und nun, da er gezielt darauf achtete, spürte er die Anhebung ihres sonst so flachen Bauches. Er biß sich nachdenklich auf die Unterlippe.

"Mir wird nichts geschehen", sagte sie nachdenklich. "Mein Vater wird mich vermutlich in ein Kloster schicken und mich aus dem Schloß verbannen. Doch jede einzelne unserer gemeinsamen Nächte war mir das wert. Nur das Kind wird weniger Glück haben. Ich nehme an, mein Vater wird es töten lassen, sobald es das Licht der Welt erblickt. Es ist ein uneheliches Kind und der Auffassung der Bibel zufolge, verdient es ein Leben nicht." Er sah die Tränen in ihren Augen, als sie begann zu weinen. "Doch es ist ein Kind der Liebe. Wie kann Gott ein Kind verstoßen, daß in Liebe entstand, Pascal? Wie kann Gott so etwas zulassen?"

Sanft nahm er sie in seinen Arm, wobei er sagen mußte, daß die Rüstung zwischen ihnen ihn dabei unheimlich störte. Dennoch versuchte er sie nach allen Kräften zu trösten. Sanft küßte er ihre Wange und schmiegte seine eigene an ihre Stirn. Ihre salzigen Tränen rannen ihre Wangen hinab und platschten auf das kalte Metall der Rüstung.

"Ich werde mit Euch kommen", sagte sie schließlich, als hätte sie gerade eine Erleuchtung erfahren und sah dabei mit großen, blauen Augen zu ihm auf. Schnell wischte sie die Tränen aus ihren Augen und von ihren Wangen. "Ganz gleich wohin Ihr auch flüchtet, ich werde mit Euch kommen, Pascal."

"Aber das geht nicht", sagte er einfühlsam. "Denkt daran, daß das der Platz ist, an den Ihr gehört."

"Nicht mehr", erwiderte sie selbstsicher. "Nein, hier gehöre ich nicht mehr her. Ich bin freudiger Erwartung, vergeßt das nicht. Ich werde hier niemals wieder her gehören, ob ich eine Bourbon bin oder nicht, ist dabei ganz gleich. Man wird mich verstoßen und man wird mich den Rest meines Lebens einsperren. Nein, lieber gehe ich mit euch fort und rette das Leben in meinem Leib."

Er küßte sie sanft und zärtlich auf die Lippen. Ihre Blicke sagten ihm, daß sie sich ganz genau überlegt hatte, was sie tun wollte. Und er würde sie nicht davon abhalten, weil er genau wußte, daß es nicht nur das Beste für ihn sondern auch für sie war. Und vor allem natürlich für das Baby, das in ihrem Leib heranwuchs.

"Laßt uns nun flüchten", sagte er schließlich leise. "Das Schloß ist in hellem Aufruhr der geburtstäglichen Festivitäten Eures Vaters. Keiner würde bemerken, wenn wir nun Euer Gemach verlassen und eines der Pferde aus den Ställen stehlen. Nur Maurice würde uns auf unserem Weg begegnen, doch der könnte uns nicht aufhalten und er würde es auch nicht. Was sagt ihr?"

"Laßt es uns versuchen", nickte sie und erhob sich aus ihrem Bett. Mit einer fixen Bewegung lag ihr Nachthemd auf dem Boden und nun konnte er deutlich sehen, daß sie schwanger war. Nur wunderte es ihn, daß er es jetzt erst bemerkte. Innerhalb kürzester Zeit trug sie, für ihre Verhältnisse, ein schlichtes, robustes Kleid, das sich durchaus zum Abhauen eignete. "Legt Eure Rüstung ab. Ich bin gleich wieder da", sagte sie und er tat, was sie sagte. Innerhalb kürzester Zeit, wurde er die schwere Eisenrüstung los und stand nur noch in seiner Unterhose und dem Wollpullover, den er stets unter der Rüstung trug, da. Ein köstlicher Anblick, wie Kathérine fand, als sie wieder ins Zimmer zurückkehrte.

"Das hier ist von meinem Vater", erwiderte sie. "Er wird es ohnehin nicht vermissen." Wortlos wunderte sich Mulder, weshalb der König überhaupt schlichte Kleidung besaß. Aber er stellte keine weiteren Fragen, sondern tat einfach das, was Kathérine ihm gesagt hatte. Bald stand er da, in einer Hose der Art, wie sie die Bauern auf ihren Feldern trugen und unter seinem Wollpullover trug er ein leicht mitgenommenes Arbeiterhemd. Mit seiner Kleidung war Mulder schon lange nicht mehr pingelig. Optik kratzte ihn nicht; solange etwas bequemer war als seine Rüstung, war er mehr als nur zufrieden. Ja, er begann sich dem Ritterleben anzupassen. Gerade nun, da er den weiteren Teil seines Lebens in dieser Odyssee vermutlich als Bauer oder Handwerker zubringen würde. Vorausgesetzt der König tötete ihn nicht, natürlich.

Dann nahm er Kathérine bei der Hand und zog sie hinter sich her und die vielen steinernen Treppen hinunter. In ihrer anderen Hand hielt sie einen, aus einer Decke, selbst gefertigten Beutel, in den sie in aller Schnelligkeit Brot und etwas zu trinken gepackte hatte.

Natürlich nutzten sie nicht die Hauptwege, sondern die Fluchtwege, die für den Fall konstruiert waren, daß ein Feind in die Burg gelangen sollte. Damit man flüchten konnte, gab es schmale Rundtreppen in den Türmen und unterirdische Gänge zum Stall. Alle diese wurden mit den gleichen, dicken Wachskerzen beleuchtet, die auch Mulders Gemach erhellten. Durch die Steinwand waren die Gänge außergewöhnlich kalt, doch weder Mulder noch Kathérine froren. Ihre Angst entdeckt zu werden, veranlaßte beide ihre Herz dazu schneller zu schlagen. Mulder entdeckte die Nervosität in ihren Augen und auf ihrem besorgten Gesicht, mit dem das Licht der kleinen Kerzenflammen zu spielen schien.

Schließlich kamen sie in den Stall. Die wenigen Öllampen erfüllten ihren Zweck durchaus und warfen einen matten Schein über die ruhigen Tiere und das viele Stroh. Mulder und Kathérine hielten sich dicht an der Wand und er ließ ihr Gesicht nur aus den Augen, wenn er es dringend mußte. Darin sah er Sorge und Furcht und er fragte sich, ob es wohl richtig war, was er hier tat.

"Fürchtet Ihr Euch?", fragte er sie plötzlich flüsternd. "Überlegt es Euch gut, noch könnt Ihr zurück, Kathérine." Während er mit ihr sprach, erhellte ein kleines Schmunzeln ihr Gesicht. Nur langsam floß das Lächeln von ihren Mundwinkeln über ihr Gesicht und in ihre Augen – wie auch bei Scully.

"Nein", erwiderte sie, ebenso flüsternd. Sie nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und strich sanft mit ihren Fingern über seine Wangen. Ihre Blicke verbanden sich mit seinen, als sie ihm in die Augen schaute. "Ich werde dorthin gehen, wo auch immer Ihr hingeht, Pascal. Ich liebe Euch. Und ich möchte dieses ungeborene Kind nicht nur zur Welt bringen, sondern es gemeinsam mit Euch aufwachsen sehen."

Ihre kaleidoskopischen Augen leuchteten und die blauen Funken darin schienen sich zu bewegen, während sie mit ihm sprach. Doch trotz ihrer überzeugenden Worte, bemerkte er auch Furcht und Sorge in ihrer mutigen Stimme. Liebevoll zog er sie an sich heran und küßte sie. Ein wenig überrascht kicherte sie in ihrem Kuß, als eine Hand an seinen Hinterkopf sank. "Und ich liebe Euch", wisperte er, während seine Lippen noch immer auf ihren lagen und tastete sanft auf ihren Bauch, strich liebevoll auf und ab. "Und auch unser Kind in Eurem Leib."

Erneut küßte sie ihn sanft, als sie seine wahre Liebe für dieses Wesen, das in ihr heranwuchs, spürte. Er strich sanft und zärtlich darüber, während sie sich küßten. Sie empfand es als eine Liebeserklärung, die ihrem Kind und gleichzeitig auch ihr galt. "Laßt uns schnell gehen, bevor man uns noch entdeckt", flüsterte sie plötzlich und er nickte.

"Ihr holt die Pferde und führt sie aus dem Stall", flüsterte er ihr zu. "Ich werde mich nach einer Öllampe umschauen und möglicherweise ein wenig Öl als Ersatz mit mir nehmen. Paßt aber auf, daß Maurice Euch weder hört noch sieht."

"Werde ich", erwiderte sie und drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, bevor sie die Hände von seinen Schultern nahm. Leise schlich sie durch das raschelnde Stroh an den Pferdeboxen entlang, bis sie bei ihrem Pferd angekommen war. Es war eines der stärksten und besten Pferde, die der König besaß. Flüchtig warf sie eine Decke über seinen Rücken, schnappte sich die Zügel von der Wand und wies das Pferd an still zu sein, als sie es hinaus in die dunkle Nacht führte. Danach schlich sie erneut in den Stall um auch sein Pferd zu holen.

Mulder währenddessen schlich am anderen Ende geschickt durch das Stroh an Maurice vorbei, um sich in der kleinen Kammer Öl und eine Lampe zu klauen. Maurice war ein älterer, greisiger Herr, weswegen er auch nicht mehr allzu gut hörte. Das Rascheln des Strohs jedenfalls bemerkte er nicht und so stand Mulder nach einer Weile mit nervös klopfendem Herzen vor dem Gestüt des Königs.

Kathérine saß bereits auf dem Rücken ihres Pferdes, daß sie Belle getauft hatte. Und Mulder mußte zugeben, daß das durchaus auf das honigbraune Tier zutraf. Auch über dem Rücken seines Pferdes lag eine Decke und Kathérine hatte ihm die Zügel angelegt. Als er aufstieg, begutachtete Mulder skeptisch die Art und Weise, wie sie auf dem Pferd saß.

"Setzt Euch richtig hin", sagte er schmunzelnd. "Wir werden nicht nur eine Stunde ausreiten, sondern werden aller Wahrscheinlichkeit nach eine ganze Weile länger unterwegs sein. Bei diesem Sitz wird Euch nach einer Stunde der Rücken schmerzen und ich kann mir nicht vorstellen, daß es gut für da Kind ist."

"Ihr meint, mit einem Bein auf jeder Seite?", fragte sie skeptisch und Mulder lachte nickend.

"Ja, wenn Ihr mit mir kommt, dann werdet ihr die Riten einer Prinzessin wohl aufgeben müssen. Ihr werdet niemals wieder einen solch hohen gesellschaftlichen Stand erreichen, das wißt Ihr. Wir werden Handwerker sein oder Bauern und Landwirtschaft betreiben, wenn wir Glück haben und in einem Dorf aufgenommen werden."

"Ich weiß", sagte sie und kämpfte das eine Bein auf die andere Seite des Tieres. Plötzlich kicherte sie.

"Was ist?"

"Das fühlt sich merkwürdig an", schmunzelte sie, als sie ihrem Pferd den Befehl gab anzutraben. Doch nicht allzu lang später galoppierten sie den schmalen Feldweg entlang, denn beide wußten, daß sie vom Schloß aus noch zu sehen waren. Deshalb hatte Mulder auch die Lampe noch nicht entfacht, denn versteckt waren sie im Grunde erst, wenn sie in dem großen und unheimlich dichten Wald verschwunden waren. Dort waren sie weder deutlich zu sehen, noch so einfach zu finden, denn Mulder wußte, daß der König wohl in spätestens ein bis zwei Stunden seine Ritter hinter ihnen her schickte und daß es ihnen an den Kragen ging, sollte man sie entdecken. Er wollte sich gar nicht erst vorstellen, welch ein Aufruhr in dem Schloß herrschen würde, wenn man entdeckte, daß er mit Kathérine weg war.

Eine ganze Weile galoppierten die Pferde hintereinander her. Das Klappern der Hufe auf dem unebenen Boden hallte gemeinsam mit dem atemlosen Schnaufen der Tiere und Reiter durch die Dunkelheit. Vom Schloß her erhellten einige festliche Lichter gemeinsam mit dem silbernen Vollmond die Nacht.

Die ersten Nächte hatte es Mulder gewundert, wie dunkel die Nacht doch sein konnte. Selbst die winzigsten Städte seiner Zeit waren in der Nacht beleuchtet, aber hier war das alles anders. Es erinnerte ihn an die Nacht, in der er mit Scully auf dem Stein am Heuvelman Lake in Georgia gesessen war. Ihr Boot war untergegangen und sie hatten sich mit letzter Kraft auf einen breiten Stein flüchten können. Man hatte die Hand kaum vor Augen sehen können und unwissend darüber, daß sie nur wenige Meter vom Ufer entfernt waren, hatten sie sich darauf eingestellt, die ganze Nacht so zu verbringen. Sie hatten einige Gespräche geführt, die Mulder auch nach Jahren noch in bester Erinnerung waren; über Scullys Vater, Ahab, und warum Mulder auf gewisse Weise genau gewesen zu sein schien wie er.

Nun aber sah er sich kurz nach Kathérine um, die tapfer hinter ihm her galoppierte. Er hatte sich gewundert, daß sie tatsächlich ihr königliches Leben aufgegeben hatte, um mit ihm zu kommen. Wäre sie auf der Burg geblieben, hätte er sich wohl lieber exekutieren lassen, als sie aufzugeben und zu flüchten. Was genau hätte er ohne sie in diesem Zeitalter anfangen sollen? Spätestens nach zwei Wochen hätte er ohnehin irgend etwas gesagt, wofür man ihn gehängt hätte.

Schließlich erreichten sie den Waldrand, der von der Erhöhung des Schlosses aus so nah erschien. Die Pferde keuchten und sowohl Mulder als auch Kathérine waren vollkommen außer Atem. Als sie im Wald verschwunden und sich sicher waren, daß man sie zumindest vom Schloß aus nicht mehr sehen konnte, begannen sie zu traben.

"Ihr seid müde?", fragte Mulder und schmunzelte, als er entdeckte, wie schwer sie es hatte bei langsamem Schritt die Augen offen zu halten.

"Ja, durchaus", seufzte sie. "Aber Schlaf ist ein Luxus, den wir uns im Moment wohl nicht leisten können. Wenn wir Rast machen, werden die Ritter meines Vaters uns finden. Und ich will erst gar nicht wissen, was dann mit uns geschieht, Pascal."

"Wartet, bleibt einen Moment stehen", wies er sie plötzlich an und machte einen Satz von seinem Pferd und drückte ihr die Zügel in die Hand. Sie blickte ihn fragend an, als er auf ihr Pferd stieg, um sich hinter sie zu setzen. Er mochte die Unwissenheit mit der sie ihn beobachtete. Er rutschte dicht genug an sie heran, damit sie sich gegen ihn lehnen konnte. Er nahm die Zügel seines und ihres Pferdes aus ihren Händen und umarmte sie damit automatisch. Sie schmunzelte, als sie den Kopf an seine Schulter legte.

"Sagt mir Bescheid, wenn ich Euch zu schwer werde", sagte sie seufzend und lehnte sich an ihn. Er nickte, als er den Pferden befahl loszutraben. Seines lief unbesetzt neben ihnen her und freute sich sichtlich über seine Verschnaufpause. Er legte eine Hand sanft auf ihren Bauch, während er mit den anderen die Zügel hielt. Als sie sich lächelnd an ihn lehnte und erschöpft die Augen schloß, um ein wenig zu dösen, wunderte sich Mulder kopfschüttelnd in welch seltsame Situation er hier doch nur hinein geraten war. Er hatte schließlich ein Talent dafür seinen Kopf irgendwie in sämtliche Schlingen zu manövrieren, aber das hier war noch immer der absolute Höhepunkt!

"Möglicherweise sollten wir das höfliche Plural verwerfen", sagte sie schließlich leise und riß ihn damit aus seinen Gedanken. "Man gesellt sich anderen Schichten zu, Pascal, man sollte sich wohl anpassen."

"Ich denke, Ihr habt recht", sagte er und sie kicherte leise. "Du hast recht", korrigierte er sich augenblicklich. Er spürte, daß sich ihr Blick hinab auf ihren Bauch senkte, wo noch immer seine Hand lag. Sanft ließ sie ihre über seine gleiten. Sie mochte das Gefühl seiner warmen Hand zwischen ihrer eigenen und ihrem ungeborenen Baby. Es gab ihr ein Gefühl der Intimität und Vertrautheit, das sie zuvor auf diese Weise nicht gekannt hatte. Vorsichtig legte sie ihn Kopf zurück an seine Schulter und genoß das Gefühl von ihm gehalten zu werden, während das Pferd den Weg entlang trabte. Sie schloß die Augen und ruhte sich an seiner Brust aus.

~*~*~*~

Die ganze Nacht ritten sie unbeirrt durch den Wald. Mulder folgte streng den Wegen, damit sie sich im Dunkel des Waldes nicht verliefen. In den vier Monaten, die er nun schon hier gefangen war, war ihm einige Male aufgefallen wie riesig die durch Menschenhand fast unberührten Waldflächen Frankreichs waren und er fragte sich, über wie viele Quadratkilometer sich selbe wohl erstreckten.

Nun jedoch begann die Sonne langsam aufzugehen und bemalte den Himmel mit pastellenen Farben. Mulder beobachtete das Schauspiel zwischen blau, orange, rot und gelb, das er in einer solchen Form selten gesehen hatte, durch die dichten Kronen der Bäume. Er dachte an Scully, die er seit über einem Viertel Jahr nicht mehr gesehen hatte. Mit einem traurigen Lächeln erinnerte er sich an ihr wissenschaftliches Fachjargon, ihr ‚Mulder-Sie-können-mich-mal‘-Blick und die Art und Weise wie sie jeden Morgen mit einem Kaffee in der Hand in sein Büro kam. Er schluckte und schüttelte schwermütig den Kopf.

Doch nun war er eben hier, in Frankreich bei Kathérine und nicht bei Scully in Amerika. Und Kathérine war Scully, irgendwie, das wußte er. Sie hatte ihre Seele, mochte die gleichen Farben wie Scully und hatte die gleichen guten oder auch schlechten Angewohnheiten wie sie. Doch sie wußte nun einmal nichts von ihrer Kollegialität, ihren Scherzen, den X-Akten und dem, was Fox Mulder und Dana Scully all die Jahre miteinander verbunden hatte. Und so hielt er eine schwangere Scully, aber doch nicht Scully im Arm, und fragte sich, wie es im einundzwanzigsten Jahrhundert wohl mit ihm weiterging. Seit dem Unfall war er plötzlich hier; war er gestorben und in ein altes Leben zurückgerutscht? Oder war etwas anderes mit ihm geschehen? Lag er möglicherweise in einem Koma? War Pascal an seiner Stelle in sein Leben getreten? Oder hatte sich Fox Mulder in zwei Teile gespalten, wovon einer bei Scully der andere bei Kathérine war?

"Woran denkst du?", hörte er plötzlich ihre leise, verschlafene Stimme und ließ sich von ihr aus seinen Gedanken reißen. Er hatten gar nicht bemerkt, daß sie erwacht war. Er blickte auf sie hinunter und schmunzelte liebevoll, als er begann über ihren Bauch zu streicheln. Sie sah ihn mit Scullys blauen Augen fragend an.

"Nur daran, was aus uns werden wird", sagte er leise und seine Stimme war ein wenig trüb. Sie konnte nicht ahnen, daß er nicht von einer nahen Zukunft sprach, sondern von einem anderen Leben. Sie lächelte.

"Alles wird gut werden", sagte sie. "Ich habe das Gefühl, als gingen wir genau den Weg, der Gott für uns vorgesehen hat."

"Du glaubst, es ist göttliche Fügung, daß wir ein Baby haben werden, nicht? Und daß wir vor deinem Vater fliehen?", fragte er und seine Stimme war im Grunde nicht viel mehr als ein heiseres Wispern.

"Nenn mich verrückt", erwiderte sie überzeugt und lächelte. "Aber ich glaube daran, daß unser Weg der Richtige ist."

Er schmunzelte, lehnte sich dann hinunter, um sie zu küssen. Ihre Lippen waren warm und voll, Mulder hatte jedesmal das Gefühl als seien sie seine Kraftquelle. Er schöpfte durch ihre Küsse Hoffnung, Energie oder an was auch immer es ihm gerade mangelte. Auch sie spürte, wie sie ihn auch diesem Weg einfachst aufheitern konnte. Er bekam dann diesen zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht, den nur jemand bekam, der sein Leben lang allein und traurig gewesen war. Sie spürte, daß ihn innerlich irgend etwas schmerzte, doch sie konnte unmöglich wissen, was das verursacht hatte. Denn Pascals Schwester war nicht entführt worden, seine Eltern hatten ihn nicht belogen und er war vermutlich niemals allein und geächtet gewesen, so wie Fox Mulder. Von all dem konnte sie schließlich nichts wissen, aber sie bemerkte die kleinen Unterschiede an ihrem Pascal, seit dem kleinen Unfall im Wald vor einigen Monaten. Er war anlehnungsbedürftiger und liebevoller geworden. Und hatte er vorher mehr für seinen Kampf und seine Position gelebt, so lebte er nun nur noch für sie. Innerlich hoffte sie sehnsüchtig, daß diese Veränderungen dauerhaft waren und er niemals bereuen würde, sein Rittertum für sie aufgegeben zu haben.

"Wohin werden wir gehen? Wie weit weg vom Schloß meines Vaters?", fragte sie und sah ihn nachdenklich an. Er zuckte mit den Schultern.

"In den Süden?", schlug er vor. "Es ist wärmer dort und ich denke nicht, daß uns dort, so weit entfernt, irgend jemand suchen oder finden wird. Doch es wird einige Tage dauern bis wird dort sind; man wird wie Nomaden umherziehen müssen und hoffen, daß ein Dorf uns in seine Gemeinschaft aufnehmen wird." Sie nickte nachdenklich.

Das hier war nicht gerade eine Zeit, in der es normal war ‚umzuziehen‘. Wozu auch? Nur wenn man ein Asylant war, hatte man einen legitimen Grund, aber er glaubte nicht, daß man Asylanten so ohne weiteres aufnahm. Woher sollte man denn wissen, daß er und Kathérine keine tötenden Psychopathen waren? Auch im Mittelalter hatte es sicher Serienkiller gegeben, die nur aus Spaß an der Sache töteten. Wie sollte man schon beweisen, daß es ehrliche, aufrichtige Liebe war, aus der man flüchtete?

~*~*~*~

Stundenlang waren sie einfach geradeaus geritten; hatten sich von Baumfrüchten ernährt und das Wasser getrunken, daß Kathérine mitgenommen hatte. Langsam allerdings wurden ihre Ressourcen knapp, doch Mulder versprach, daß ihm etwas einfallen würde. Und das würde es auch, dessen war er sich sicher. Sie hatten mehrfach die Pferde getauscht, weil sie jeweils eines entlasten wollten, damit es wieder ein wenig Energie schöpfen konnte.

Doch nun, da sie ziemlich genau eineinhalb Tage lang ohne Unterbrechung auf der Flucht waren, waren nicht nur sie, sondern auch die Pferde dermaßen erschöpft, daß sie eine Pause machen mußten. Sie mußten dringend schlafen; die Pferde waren schon mürrisch und Mulder hatte tiefe, dunkle Ränder unter seinen Augen.

Also hatten sie eine Rast gemacht. Mit zwei, durch die Sommersonne, ausgetrockneten Ästen hatte er ein kleines Lagerfeuer am Waldrand entfacht, damit sie nicht erfroren. Denn es war bereits Spätsommer und die Nächte waren häufig klar und kalt; europäisch eben, ein wenig wie Mulder sie aus seiner Studentenzeit in England kannte. Sie wickelten sich gemeinsam ihn die warme, dicke Decke, an die Kathérine gedacht hatte. Mulder mußte schmunzeln, als er eine weitere Parallele zu Scully erkannte. Die Voraussicht. Scully konnte auch binnen hektischer Sekunden vernünftige und bodenständige Beschlüsse fassen und dachte an praktische Dinge, die er gar nicht im Kopf hatte. Und so war auch Kathérine.

Sie lagen unter der Decke dicht aneinander geschmiegt da; in einem Spalt zwischen den beiden Pferden, die sie durch die Wärme ihrer Körper ebenfalls wärmten. Trotzdem froren sie und ihre Füße waren kalt, was Mulder aber nicht davon abhielt tief und fest zu schlafen und leise an ihrem Ohr zu schnarchen. Sie hatten noch niemals so wie nun einfach nebeneinander geschlafen, wurde Kathérine in diesem Moment bewußt. Sicher, sie hatten Sex gehabt und waren in einem Bett gelegen. Aber sie hatten nicht nebeneinander geschlafen. Für sie war die Hilflosigkeit des Schlafes, mit der er in ihren Armen lag, ein tiefer Akt des Vertrauens. Würde er ihr nicht vertrauen, dann könnte er niemals so neben ihr liegen und so vollkommen sorglos scheinend schlafen.

Sie wiegte ihn eine ganze Weile in ihren Armen; betrachtete sein hübsches Gesicht genaustens. Zärtlich umfuhr sie die sanften Linien in seinem Gesicht und zeichnete sie mit unsichtbaren Linien nach. Sie lächelte bei dem Gedanken ihr Baby bald auf die selbe Art und Weise halten zu dürfen. So hilflos, vertrauensvoll, fürsorglich.

"Ich liebe dich so sehr, daß es mir manchmal schon fast Angst macht", sagte sie lächelnd und drückte einen Kuß auf seine Wange. Er lächelte in seinem Schlaf, als sie sich an ihn drückte und es auch selbst zuließ, an seiner Seite einzuschlafen.

~*~*~*~

"Spürtest du das?", sagte sie plötzlich aufgeregt und rüttelte ihn kraftvoll wach. Es war bereits hell und das kleine Feuer war in der Spätsommerfeuchte des Waldes erloschen. Aber sie waren noch wie in der Nacht zuvor in ihre Wolldecken eingewickelt und dicht aneinander gedrückt, um die Wärme des jeweils andren nutzen zu können. "Pascal, wache auf!"

Müde öffnete er die Augen und blickte in das Gesicht einer überglücklich strahlenden Kathérine. Wenn er Scully jemals so glücklich gesehen hätte, dachte er traurig, als er sich räkelte und dann aufrichtete. Verschlafen wischte er die Müdigkeit aus seinen Augen und faßte sich an seinen Rücken, der vom Schlafen auf dem harten Waldboden schmerzte. Zwar war er inzwischen so einiges gewohnt, aber das Bett am Hofe des Königs war doch um einiges besser als der Boden, wenn auch nicht allzuviel. "Du strahlst ja, was ist passiert?"

"Dein Kind bewegt sich. Es hat getreten und mich geweckt, Pascal.", sagte sie plötzlich und legte seine Hand auf ihren Bauch. Neugierig versuchte er jegliche Bewegung in ihrem leicht gewölbten Bauch zu spüren. Konzentriert biß er sich auf seine Unterlippe, während seine Hand interessiert solange forschte, bis er tatsächlich eine Bewegung spürte. "Es ist außerordentlich kräftig, es scheint nach dir zu kommen, mein Liebster."

Er schmunzelte, die Bewegung seines Kindes unter seiner Hand zu spüren und gleichzeitig aus Scullys Mund Worte zu hören, die sie im zwanzigsten Jahrhundert niemals sagen würde –dein Kind, statt unseres –brachte ihn zum Schmunzeln. So surreal diese Welt auch war, war all das kein Traum. Es war alles so viel wirklicher, als damals auf diesem Schiff. Und nicht nur, daß er auf der Queen Anne gerade mal ein paar Stunden und in diesem Zeitalter mehrere Monate zugebracht hatte, gleichzeitig hatte er hier auch ein Kind gezeugt. Er dankte, daß es für ihn keine Möglichkeit gab, zurück in sein ‚normales‘ Leben zurückzukehren. Denn was sollte er dann tun? Zu Scully zurückkehren und eine schwangere Kathérine mit seinem Baby allein zurücklassen? Möglicherweise war er kein Gentleman, aber er wußte dennoch, was sich gehörte und was nicht. Er konnte sie nicht zurücklassen, schon allein deshalb, weil er sie tatsächlich liebte. Sicher, er liebte Scully und das war Scully, wenn auch eine leicht veränderte Scully. Sie war es und so fühlte er sich erleichtert, daß er in keinen Konflikt kam, solange der Weg nur in eine Richtung führte.

"Spürst du es?", fragte sie aufgeregt. "Dein Kind mag es, wenn du es streichelst. Und auch mir behagt es, deine Hand dort zu spüren." Sie beugte sich vor, um ihn zu küssen. Sie küßte ihn langsam, als hätten sie alle Zeit der Welt, obwohl sie beide wußten, daß sie so schnell wie möglich verschwinden mußten. Schweren Herzens, als sich die Vernunft gegenüber dem Wunsch seine Liebe zu ihr auf diese Weise auszudrücken, behauptete. Sie mußten einfach verschwinden, er war sich sicher, daß der König bereits all seine Männer auf die Suche nach ihnen geschickte hatte. Und obwohl sie drei Tage lang strikt geradeaus geritten waren, befanden sie sich keineswegs außer Gefahr.

"Ich glaube, es will uns sagen, daß wir schnellstens von hier verschwinden sollten, Kathérine."

~*~*~*~

Je weiter sie ritten, desto stärker lichtete sich der dichte Wald. Die Bäume veränderten sich, wurden heller und grüner je weiter nach Süden sie gelangten. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, denn die Strahlen drangen nur noch schräg durch die Blätter und der vor kurzem gefallene Regen glitzerte darauf. Kathérines Haar war noch immer naß, als Mulder sich nach ihr umblickte. Sie ritten im Trab nebeneinander her, schweigend die meiste Zeit.

Manchmal aber Griff Kathérine nach seiner Hand, um sie in ihrer zu halten. Er wunderte sich, wie wenig sie klagte. Er hatte nicht erwartet, daß das Mädchen, das ein Leben lang im Luxus des Schlosses gelebt hatte, so wenig kompliziert sein würde. Schließlich reisten sie wie arme Nomaden; schliefen auf dem Boden, aßen Waldfrüchte, tranken das klare Bachwasser und mußten Gewitter und Launen der Natur ungeschützt über sich ergehen lassen. Er spürte hin und wieder, daß ihr das neu und unbehaglich war. Dann konnte er beobachten, wie sie in Gedanken versank und sich auf ihrem Gesicht Sorgen deutlich abzeichneten. Das waren die Momente, in denen sie es brauchte, seine Nähe zu spüren; seine Hand zu halten oder umarmt zu werden. Vermutlich, um zu spüren, daß sie nicht allein war und daß sie sich auf ihn verlassen konnte. Und so sah er ihr auch nun wieder ins Gesicht und sie lächelte. Es war kein gezwungenes und kein trauriges Lächeln. Es war ein wahres Lächeln des Glücks, ganz gleich in welchen Umständen sie sich befanden. Sie blickte ihn mit dem Blick an, den er schon immer auf ihrem Gesicht sehen wollte. Als wäre er das Einzige, das sie brauchte, um glücklich zu sein. Und Gott wußte, sie war das Einzige, das er brauchte.

"Sieh, es dämmert erneut", sagte sie und deutete mit ihrer zweiten Hand an den Horizont. "Sieben Tage", flüsterte sie in Gedanken und ebenso schnell, wie sich die Nachdenklichkeit gebildet hatte, verschwand diese auch wieder und wurde durch Glück ersetzt. "Ich glaube nicht, daß mein Vater seine Ritter auf längere Reisen als sieben Tage zu Roß schicken wird, Pascal. Er braucht seine Männer im Kampf und kann es nicht verkraften, auf diese länger als einige Tage zu verzichten. Ich würde sagen, wir haben es geschafft zu entkommen."

"Hältst du noch ein wenig durch?", erkundigte er sich vorsichtig. "Mir ist wohler bei dem Gedanken noch zwei Tage gen Süden zu reiten, damit wir tatsächlich außer Reichweite deines Vaters sind. Schließlich sind wir in diesen sieben Tagen nur ziemlich langsam vorangekommen."

"Wir haben Burgund zwar schon vor Tagen verlassen, Pascal, und ich denke nicht, daß mein Vater so unvernünftig ist, um uns bis hierher verfolgen zu lassen. Dennoch, wenn es dein Wunsch ist, sich noch weiter von unserer Heimat zu entfernen, dann folge ich dem ohne Einwand", erwiderte sie und er seufzte. Er mußte schmunzeln, als ihm klar wurde, wie sehr ihn diese Aussage an Scully erinnerte. Scully war ihm stets gefolgt, ganz gleich, zu welchem Mist er sie auch anstiftete. Nur sagte sie es nicht so bereitwillig wie Kathérine.

"Du bist blaß", bemerkte er plötzlich. "Geht es dir gut?"

"Es geht mir gut", erwiderte sie nur. Uhoh, dachte Mulder. Wenn Kathérine auch nur im Entferntesten wie Scully war, dann war das hier ein Signal dafür, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

"Bist du sicher?", fragte er wieder. Er blieb hartnäckig.

"Ja, ich bin mir sicher", sagte sie, nachdenklich nickend. "Aber ich befinde mich in Erwartung, Pascal, möglicherweise bekommen mir die vielen Tage unter freiem Himmel und das Geschaukel zu Pferd nicht allzu gut."

"Ich glaube du hast recht", erwiderte er schließlich. Er hatte gar nicht wirklich daran gedacht, daß es für das Baby nicht gut sein könnte. Sicher, er hatte schon geahnt, daß es nicht gut sein würde, doch er hatte sich mehr Sorgen darum gemacht, daß er und Kathérine nicht geschnappt und exekutiert wurden. "Wir sind weit genug von Burgund weg, dein Vater wird uns hier ganz sicher niemals finden. Wir sollten uns hier nach einem Dorf umsehen oder einer abgelegenen, leerstehenden Hütte, damit wir in diesem Gebiet bleiben können, bevor die lange Reise noch unserem Kind schadet."

"Können wir einen Moment Rast machen", bat sie schließlich und ließ seine Hand gehen. Besorgt drehte er sich nach ihr um und nickte, bevor er von seinem Pferd stieg und ihr dabei half, von ihrem zu klettern, was gar nicht allzu einfach für eine Schwangere war.

"Du zitterst ja", bemerkte er plötzlich. Ihr Blick war gesenkt, ihre langen Haare fielen in ihr Gesicht. Er schnappte sich die Decke von seinem Pferd und legte sie auf den unebenen Waldboden. Dann drängte er sie vorsichtig, sich auf den Boden zu legen, bevor er sich an ihrer Seite niederkniete und ihre Hand festhielt. Unsicher fühlte er nach ihrer Stirn, die heiß unter seiner Hand war. "Herrgott, ich glaube du hast Fieber."

"Nein, sei nicht albern. Das ist nur ein Anfall oder etwas dergleichen", beruhigte sie ihn, doch er schüttelte den Kopf.

"Kathérine, ich werde in das nächste Dorf gehen und um einen Arzt bitten."

"Bleib bei mir", bat sie und hielt seine Hand fest. Er schüttelte erneut den Kopf.

"Ich lasse dich nicht lange alleine, ich versprech’s", erwiderte er und küßte sie liebevoll auf die Stirn. "Ich will nur um einen Arzt bitten, denn ich will weder dich noch unser ungeborenes Kind verlieren, hörst du? Ich will nicht, daß euch beiden etwas zustößt."

"Ich liebe dich", sagte sie, als er seine Hand sanft über ihren Bauch legte und er lächelte.

"Ich liebe dich ebenso", erwiderte er, bevor er sie noch einmal küßte. Auf dem Waldboden liegend, blickte sie zu ihm auf, wie er auf das Pferd stieg und mit einem letzten Blick in ihr Gesicht und ein Lächeln in ihre Richtung verschwand. Als sie ihn schon bereits nicht mehr sah, hörte sie noch immer das Klappern der Hufe. Sie legte ihre Hand auf ihre Stirn und wunderte sich, wie absurd all das war. Das sie und er auf der Flucht waren wie zwei Liebeswütige, anstatt sich dem zu stellen, wozu sie bestimmt waren. Sie war dazu bestimmt die Königin von Burgund zu werden und er, er sollte ihr bester Tafelritter sein. Sie war dazu bestimmt adlig zu sein und er war ein Ritter aufgrund seiner Herkunft. Was sich der liebe Gott wohl dabei gedacht hatte, sie in diese Situation zu bringen?

Doch auf der anderen Seite bereute sie nichts von dem, was sie getan hatte. Allein, wenn sie daran dachte, was sich nach seinem Unfall im Wald verändert hatte. Nacht für Nacht hatte sie sich seitdem in sein Gemach geschlichen. Zunächst nur, um in seiner Nähe sein und ihn berühren zu können. Und dann hatte er ihr gezeigt, was es bedeuten konnte, Zärtlichkeit und Intimität auszutauschen. Liebe machen, hatte er es genannt. Es war klar gewesen, daß sie dadurch früher oder später schwanger geworden wäre. Doch hatte sie keine Angst davor gehabt, sondern wollte es sogar in ihrem Innern. Vielleicht, weil sie dann den Prinzen nicht hätte heiraten müssen. Vielleicht, weil sie innerlich gehofft hatte, daß es dadurch ein Chance gäbe, ihn zu heiraten. Sie wußte, daß es naiv gewesen war. Doch nun, da ihre Flucht scheinbar erfolgreich gewesen war, wartete sie sehnsüchtig darauf, was als nächstes passieren mochte. Ihrer erblichen Bestimmung war sie entkommen. Was mochte ihre neue Bestimmung sein?

~*~*~*~

Das nächste Dorf war nicht weit entfernt; zu Pferd nur wenige Minuten. Von weitem schon entdeckte er in einem untiefen Tal liegende Häuser und Höfe mit allerlei Vieh. Das Dorf war umgeben von angebauten Äckern; ganz sicher würde es hier irgendwo einen Mediziner geben. Er wußte nicht wirklich, wie fortschrittlich (oder gerade nicht) die Medizin in diesen Tagen war. Doch er war sich sicher, daß es besser sein würde, als gar nichts zu unternehmen. Vermutlich war es gar nicht so ernst, wie er befürchtete. Aber alle Vorsicht war nun einmal besser als jegliche Nachsicht.

Die ersten, denen er in der Nähe des Dorfes begegnete, war einer Frau und drei ihrer Söhne, die auf einem Feld arbeiteten. Sie waren Bauern, deutlich erkennbar durch ihre Kleidung. Sie trug ein braunes, grob gewobenes Gewand – vermutlich sogar selbst gewoben – alte Schuhe, die schon fast zerfielen und ein dunkelblaues Kopftuch, um sich vor der Sonne zu schützen. Ihre Kinder trugen im Grunde genau das selbe, nur statt dem Gewand Hosen aus dem gleichen Material und gestrickte Pullover. Er stieg am Rande des Feldes von seinem hechelnden Pferd und rannte auf die Frau zu. Er wurde sowohl von ihr als auch von ihren Söhnen neugierig angesehen. Vermutlich kamen nicht viele Fremde ins Dorf. Dementsprechend war er natürlich eine Sensation.

"Wer seid ihr?", erkundigte sie sich mit rauher Stimme. Ihre Stimme war wirklich unheimlich dunkel und heiser, ganz und gar nicht wie die süße, liebliche Stimme Kathérines. Ihre Hände waren von der Arbeit zerkratzt und mit Erde beschmiert. Es sah beschwerlich aus, das Bauernleben, dachte er und betete zu Gott, daß Kathérine nicht eines Tages bereuen würde, mit ihm geflüchtet zu sein.

"Mein Name ist Pascal Marceau und ich brauche dringend eure Hilfe!", sagte er und mußte sich selbst immer wieder daran erinnern, daß er nicht auffallen durfte, indem er fremdartig sprach. Zudem hatte er schon auf ihrem Weg beschlossen, daß weder ihr noch sein echter Name jemals fallen würde, um sich nicht zu verraten. "Mein Weib und ich sind Reisende. Sie ist dort im Wald zusammengebrochen und ich glaube, sie braucht die Hilfe eines Mediziners. Sie erwartet ein Kind!"

"Seit wann?"

"Vier Monde", gab er Auskunft. "Könnt ihr mir helfen?"

Die Frau wischte ihre Hände an der Schürze ihres Gewandes ab und wandte sich an einen ihrer Söhne. Offenbar der Älteste; ein Junge von etwa vierzehn oder fünfzehn Jahren, schätzte Mulder großzügig. Sie wies ihn an, einen Monsieur Montesquieu holen zu lassen; der Dorfmediziner, der in ihrem Haus auf sie warten sollte. Der Junge nickte gehorsam und rannte über die Äcker auf das Dorf zu. Dann wandte sich die Frau wieder an Mulder, der nervös von einem Bein auf das andere trat.

"Marie-Claire", stellte sie sich schließlich flüchtig vor. "Führt mich zu ihr. Wir werden sie zunächst in unser Haus bringen, damit Monsieur Marceau sie sich ansehen und wenn nötig behandeln kann. Woher kommet ihr?"

"Aus Burgund", erwiderte er ohne weiter nachzudenken. Als FBI-Agent hatte er gelernt, daß man eine Wahrheit am besten zwischen zwei Lügen versteckt. Also mußte es sich umgekehrt genauso verhalten. Die Wahrheit über ihre Herkunft zu sagen, konnte nicht schaden, solange sie verschwiegen, wer genau sie waren. Aber wer sollte schon herausfinden, daß sie eine Prinzessin und er einer der Tafelritter war? Da es noch keine Nachrichten, keine Zeitungen, keine Telefone und keinen Rundfunk gab, machte er sich darüber herzlich wenig Sorgen.

"Große Güte! Burgund?", erwiderte sie erstaunt, als sich Mulder auf sein Pferd erhob und die zierlich Frau sich hinter ihn setzte. "Davon hat unsereins höchstens einmal gesprochen. Sagt, was führt euch denn so weit fort von eurer Heimat?"

"Um ernsthafte Probleme mit dem Kaiser zu vermeiden, hat man beschlossen die Flucht dem Dasein an seinem Hofe vorzuziehen", gab er zu und Marie-Claires Verwunderung war deutlich zu spüren.

"Mit dem König also?", wunderte sie sich. "Seid ihr des gehobenen Standes, dem Kaiser überhaupt persönlich gegenübertreten zu vermögen?"

"Das nun nicht. Doch als Untergebene eines streitsuchenden Königs verhält es sich besser, wenn man sich zurückzieht und wenn nötig verschwindet, um seinen Launen nicht zum Opfer zu fallen; vor allem wenn das Weib das erste Kind erwartet", antwortete er. Natürlich wußte er, daß er hiermit ein vollkommen falsches Bild des Königs präsentierte, doch er konnte seine Sanftmut schließlich nicht loben. Vor einem sanftmütigen König flüchtete man schließlich nicht mit einer schwangeren Frau sieben Tage auf Pferden durch die Wälder Frankreichs, ohne zu wissen, wohin man eigentlich wollte.

Marie-Claire schwieg und Mulder war äußerst dankbar darüber. Denn wenn er nicht reden mußte, konnte er sich auch nicht verplappern. Es waren nur höchsten vier oder fünf Minuten mit dem Pferd zu der Stelle, wo er seine Kathérine zurückgelassen hatte. Sie hatte seinen Worten gefolgt, lag noch immer auf der Decke, wo er ihr befohlen hatte, zu bleiben. Als sie aber die Hufe klappern hörte, richtete sie sich langsam auf und blickte sich um.

Nachdem Marie-Claire von seinem hohen Pferd abgestiegen war, machte er einen Satz hinunter und im nächsten Moment kniete er neben ihr. "Wie geht es dir, Liebes?", fragte er dann und beugte sich vor, um ihre Wange zu küssen. Bei dieser Gelegenheit der Nähe wisperte er leise, damit Marie-Claire es nicht mitbekam: "Von nun an heißt du Christine Marceau" in ihr Ohr. Sie blickte ihn mit großen Augen an, doch verstand. Sie würden in diesem Dorf ein Ehepaar mimen müssen, schon ihrer Schwangerschaft wegen. Und ihre Namen waren zu hervorstechend, um einen von ihnen beibehalten zu können. Nun gut, dachte sie. Christine Marceau, von nun an. Dann erst bemerkte sie, daß sie auf seine Frage nach ihrem Wohlbefinden noch nicht geantwortet hatte.

"Besser."

"Ihr seid ziemlich blaß, mein Kind", seufzte Marie-Claire. "Ich fürchte, eure Reise zu Roß war unter euren Umständen wohl nicht gerade vernünftig. Ich selbst meide seit Monden Ritte zu Pferd, um mein Kind nicht in Gefahr zu bringen. Und ich empfehle euch, dasselbe zu tun." Nun erst bemerkte Mulder, daß auch Marie-Claire schwanger war. Sie mußte etwa im gleichen Monat wie Kathérine sein.

Mulder blickte nachdenklich zu Boden. Er hätte es wissen sollen, sagte er sich immer wieder. Er wußte, daß eine Schwangerschaft im Mittelalter an sich nicht gerade ungefährlich war. Weder für das Kind, noch für die Mutter. Er hätte Kathérine niemals in diese Situation bringen sollen. Aber welche andere Möglichkeit hatte er schon gehabt?

"Ich werde sie ins Dorf tragen", sagte er schließlich entschlossen und sie lachte.

"Sei nicht albern, Pascal", erwiderte sie. "Ich bin dir zu schwer und selbst, wenn ich es nicht wäre, es geht mir gut genug um zu laufen. Wirklich."

"Nehmt es an, mein Kind, mein Gatte hat nicht einmal angeboten mich zu tragen", flüsterte Marie-Claire, als sie sich zu Kathérine vorbeugte. Mulder verstand kein Wort, aber er sah mit Freude wie sie lachte. Er liebte ihr Lachen, es war so herzlich und so ehrlich. Wenn Scully doch nur mehr gelacht hätte. Wenn er sie doch nur öfter zum Lachen gebracht hätte, als er noch gekonnt hatte.

~*~*~*~

"Das sind also die beiden, von denen du mir erzählen lassen hast?", erkundigte sich Jean-Pierre neugierig, als er von dem kleinen Eckraum der Küche in das Schlafzimmer der Kinder spähte. Es war ein winziges Haus mit vier Räumen; zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Vorratsraum. Die Kinder hatten auf den Bitte ihrer Mutter hin, das Zimmer geräumt und übernachteten die kommenden Tage im Schlafzimmer ihrer Eltern.

Jean-Pierre war gerade erst von dem Markt der nächst größeren Stadt zurückgekehrt, auf den er einmal die Woche für drei Tage fuhr, um sich von dem wenigen Geld die Dinge kaufen zu können, die er nicht selbst anbauen konnte. Hauptsächlich waren das Obst und Gemüse. Fleisch und Milch besaßen sie genügend. Natürlich war er nicht wirklich begeistert über die Hilfsbereitschaft seiner Frau, denn zwei Leute mehr im Haus bedeutete für einige Tage auch höhere Kosten. Doch im Moment waren sie durch Marie-Claires Schwangerschaft eingeschränkt und so konnte eine zusätzliche Arbeitskraft auf dem Hof nicht schaden, denn zur Zeit gab es mehr Arbeit als er allein bewältigen könnte.

Denn als Zeichen der Dankbarkeit und als Ausgleich für die dadurch entstehenden finanziellen und materiellen Kosten, hatte sich Mulder natürlich sofort bereit erklärt, eine Menge der Arbeit, die auf dem kleinen Hof anfiel, zu übernehmen. Er war unglaublich dankbar, daß man ihn und Kathérine so bedingungslos aufnahm. Diese Hilfsbereitschaft Fremden gegenüber hatte er nicht erwartet. In diesen Zeiten, so grausam sie in mancherlei Hinsicht auch sein mochten, schien man seinen Mitmenschen dennoch mehr Vertrauen zu schenken, als er es vom Amerika des zwanzigsten Jahrhunderts gewohnt war. Einen Fremden einfach so aufzunehmen, war etwas, daß es nur in schlechten Filmen gab, weil in der Realität keiner ‚so blöd‘ war.

Mulder erhielt dadurch außerdem eine Art Crash-Kurs in die Landwirtschaft. Zunächst beschränkte er seine Hilfsbereitschaft auf die Tiere, die es auf dem kleinen Hof allerdings in großen Mengen gab. Alles was mit Tieren zu tun hatte, war eine Knochenarbeit und so konnte Marie-Claire diese wegen ihrer Schwangerschaft nicht übernehmen. Mulder fiel es ziemlich leicht sich in diesem Bereich einzufinden. Schließlich hatte er als Kind einen Onkel gehabt, der in Iowa einen Bauernhof gehabt hatte. Sicher, ein Bauernhof mit den modernsten technischen Geräten war eine Sache und ein Bauernhof im Frankreich des Mittelalters eine ganz andere. Aber nach einigen Anlaufschwierigkeiten kam er mit dem ganzen ‚Viehzeugs‘, wie er es nannte, doch relativ problemlos aus.

Nun, da es dunkel wurde, saß er an Kathérines Bett, der es inzwischen wieder ganz gut ging. Ganz fit war sie zwar nicht, aber ihre Wangen hatten wieder einen rosigeren Ton angenommen und ihre Stirn war nicht mehr so heiß, wie noch zwei Tage zuvor. Der Arzt hatte nach ihr gesehen, aber vermutete nur eine böse Erkältung und ein wenig Fieber, weiter nichts. Nicht, das eine Erkältung und Fieber in diesem Zeitalter so harmlos wären, aber mit Wadenwickeln war ihre Temperatur schnellstens gesunken und Mulder war froh, daß es nicht etwas Ernsteres war. Schließlich wäre er verloren, wenn ihr etwas geschah.

"Weswegen haben sie Burgund verlassen? Das ist mir noch immer schleierhaft", sagte Jean-Pierre kopfschüttelnd. Marie-Claire, die auf einem kleinen Stuhl in Küche saß und Kartoffeln schälte, zuckte mit den Schultern.

"Nach dem zu urteilen, was er gesagt hat, sind sie in des Kaisers Ungnade gefallen", sagte sie.

"Obwohl ich mir das nicht vorstellen kann", wandte Jean-Pierre ein, als er sich auf einem anderen Stuhl niederließ. Nachdenklich nahm auch er sich ein Messer und begann, die feine Haut der Kartoffeln abzupellen. "Wie gerät man als gewöhnlicher Arbeiter in des Kaisers Ungnade?"

"Ich glaube nicht, daß die beiden aus gewöhnlicher Arbeiterschicht stammen", sagte sie leise und strich ihr blondes Haar zurück, damit es ihr nicht in den Weg kam. Sie achtete darauf, in gesenkter Lautstärke zu sprechen, damit weder Pascal noch Kathérine sie hören konnten. "Er ist zwar wirklich gut in Form und eine hervorragende Arbeitskraft, doch irgendwas empfinde ich als suspekt, wenn du mich fragst. Und ihre Hände irritieren. Sie sehen nicht aus, als würde sie besonders viel arbeiten. Oder als hätte sie jemals besonders viel gearbeitet."

"Zweifelsohne", erwiderte er. "Sie hat die Hände einer Prinzessin; kein Kratzer auf der Haut. Suspekt."

"Du hast von des Kaisers Tochter gehört?", flüsterte sie. "Seit Gutenbergs Buchdruck verbreiten sich Neuigkeiten schneller als der Wind. Tatsächlich hörte ich gerade erst gestern von des Kaisers Tochter, die geraubt worden sein soll. Und nicht nur das, seine Tochter, Kathérine, sollte den österreichischen Prinzen heiraten und des Kaisers Burg nach seinem Tode weiterführen. Und nun, von einem Tag auf den nächsten, verschwindet sie einfach. Natürlich weiß ich nicht, wieviel Wahrheit in diesem Gerücht steckt, doch stell dir vor: Christine sei Kathérine, des Kaisers Tochter."

"Frau, was bezweckst du mit dieser Unterstellung?", fragte Jean-Pierre kopfschüttelnd.

"Das ist keine Unterstellung. Es ist lediglich ein berechtigter Verdacht", rechtfertigte sie sich. "Vor allem ist mir aufgefallen, daß ihre Ehe mehr als die jeden anderen Paares, das ich kenne, auf Liebe basiert. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie einander versprochen worden sind. Das ist eine Liebe wider gesellschaftliche Regeln, dessen bin ich mir sicher."

"Wage nicht mit diesem Gerücht öffentlich zu werden oder es den Kindern zu erzählen, sonst haben die beiden die längste Zeit ihres Lebens hinter sich; ganz gleich ob sie nun die entführte Prinzessin ist oder nicht. Und wenn sie es tatsächlich sein sollte, dann ist es sowieso schon ein Wunder, daß sie soweit gekommen sind."

"Wo denkst du hin?", erwiderte sie empört. "Ich vermute lediglich. Die beiden sind ein solch einmaliges Paar, daß ich es nicht übers Herz bringen würde, sie zu verraten. Ich will die beiden nicht auf dem Scheiterhaufen brennen sehen und es tut mir leid, daß du das von mir denkst."

Eine Stille kehrte ein, während beide schweigend die Kartoffeln vor sich hin schälten. Jean-Pierre ließ die Vermutung seiner Frau eine Prinzessin unter seinem Dach zu beherbergen nicht los. Wenn sie tatsächlich die Tochter des Königs war, was war er dann? Vermutlich kein Adliger, denn weshalb sollten zwei verliebte Adlige die Flucht vor dem König ergreifen?

~*~*~*~

Es dauerte nicht lange, bis Kathérine wieder auf den Beinen war und sich bester Gesundheit erfreute. Sie half Marie-Claire im Haus so gut sie es konnte. Ihr wurde gezeigt, wie man Brot backte und wie man aus Milch Butter und Käse herstellte. Sie hatte sich niemals wirklich Gedanken darum gemacht, woher Butter und Käse kamen. Es war am Hofe ihres Vaters einfach etwas gewesen, das immer dagewesen war.

"Christine, darf ich dir eine Frage stellen?", bat Marie-Claire schließlich und Kathérine sah zu ihr auf. Sie hatte sich inzwischen an ihren neuen Namen gewöhnt, obgleich es zunächst mehr als nur ein wenig merkwürdig gewesen war. "Eine Frage nach eurer Herkunft?"

"Du weißt doch, daß unsere Heimat Burgund ist", versuchte sie der Frage auszuweichen, auf welche sie nicht wußte, wie sie antworten sollte.

"Das meinte ich nicht", erwiderte sie schmunzelnd. "Ich habe eine Vermutung, die ich dir gern mitteilen würde. Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, doch vor rund zwei Wochen ist die Tochter des Kaisers von Burgund spurlos verschwunden."

"Tatsächlich?", erwiderte sie wie nebenbei und Marie-Claire nickte.

"Ja, tatsächlich", sagte sie und blickte Kathérine mit einem forschenden Blick an.

"Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr mich hinter dieser Tochter vermutet?", erkundigte sie sich vorsichtig und Marie-Claire nickte mit vor der Brust verschränkten Armen. Ertappt zwang sich Kathérine zu einem amüsierten Lachen.

"Ich? Eine Prinzessin? Das ist doch absurd, Marie-Claire!", sagte sie und als sie den Teig vor sich kräftig knetete verschwand ihr Lächeln jedoch langsam. Sie wußte, daß sie keine besonders gute Schauspielerin war. Vor allem, weil sie nicht gut lügen konnte, obwohl zu lügen das einzige war, das sie aus dieser Situation retten konnte. Wäre doch nur Pascal hier, um ihr unter die Arme zu greifen, dachte sie. Er wußte immer, was zu sagen war.

"Nein, das glaube ich nicht", beharrte sie auf ihre Theorie. "Ich habe deine Hände von Anfang an bemerkt. Sie wirken nicht, als würdest du viel arbeiten müssen, mein Kind. Du wußtest nicht, wie man Brot macht oder woher Butter und Käse kommen. Ich glaube, daß du Kathérine de Bourbon bist; die Tochter des Kaisers. Doch keine Sorge, Prinzessin, Euer Geheimnis ist bei mir sicher."

"Sei nicht absurd. Ja, ich habe niemals viel arbeiten müssen und meine Hände sind robust, ich verletze mich nicht allzu schnell. Glaubt ihr, wenn ich eine Prinzessin wäre, daß ich nicht lieber mein luxuriöses Leben an dem Hofe meines Vater weitergelebt hätte, als abzuhauen und mich der Arbeiterschicht zuzugesellen?"

"Nicht, wenn etwas zwischen Pascal und dich gekommen wäre", schmunzelte sie und Kathérine sah sie mit einem schiefen Blick an. "Ich hab euch beide beobachtet und die Art und Weise, wie ihr miteinander umgeht, sieht man selten. Ich nehme an, dein Kind ist auch sein Kind und ich glaube nicht, daß dein Vater das gern gesehen hätte, vor allem da die Hochzeit mit dem österreichischen Prinzen kurz bevor stand. Also seid ihr geflüchtet, bevor er Pascal oder eurem noch ungeborenen Kind etwas zu Leide tun konnte. Du brauchst dich vor mir nicht zu verstecken, Kathérine. Dein Geheimnis ist sicher bei mir."

"Sei nicht albern", erwiderte sie wieder und knetete den Teig weiterhin.

"Na schön", erwiderte Marie-Claire und grinste mit einem spitzbübischen Blick in ihren grüngrauen Augen. "Wenn du nicht die Prinzessin bist, auf welchem Wege sind Pascal und du dann in die Ungnade des Kaisers gefallen? Als einfacher Bauer ist das in diesen Tagen so ziemlich unmöglich."

Nun allerdings wußte sie nicht wirklich, wie sie sich aus dieser verzwickten Situation heraus manövrieren sollte. Und sie konnte sich auch nicht einfach weigern, etwas zu erzählen. Immerhin nahmen diese Leute sie und Pascal auf, ohne sie zu kennen, obwohl Marie-Claire und Jacques sie auch einfach der Vogelfreiheit überlassen könnten. Aber ihr fiel absolut keine Ausrede ein und so versuchte sie krampfhaft etwas Logisches zusammen zu stammeln, was ihr allerdings mißglückte. Nachdem sie von etwas von einer Handwerkerstochter und einem Rittern gebrabbelt hatte, verstrickte sie sich jedoch in ihren Aussagen.

"Und was hat der Kaiser damit zu tun?", erkundigte sich Marie-Claire. Sie wirkte nur wenig überzeugt.

"Ritter am Hofe des Kaisers und so..."

"Ich verstehe noch immer nicht, was der Kaiser damit zu tun hat", sagte sie vehement.

"Der Kaiser... na ja, der Kaiser..."

"Kathérine, ich bitte dich!", seufzte sie schließlich lachend. "Keine Sorge, ich verrate dich nicht. Aber du und Pascal solltet euch eine bessere Geschichte ausdenken – nur für den Fall, das ihr ein weiteres Mal in eine solche Situation kommt und erklären müßt woher ihr kommt, ohne die Wahrheit preiszugeben."

"Na schön", erwiderte sie schließlich seufzend und ließ den Teig Teig sein, bevor sie sich auf dem Stuhl niederließ. "Ich war Kathérine de Bourbon. Aber ich bin es nicht mehr, verstehst du? Ich bin jetzt Christine Marceau und meine Tage als Prinzessin sind vorüber, denn ich hatte die Wahl zwischen einem luxuriösen Leben ohne ihn und ohne das Kind oder einem armen, mit ihm und mit dem Kind. Die Entscheidung ist mir leicht gefallen. Ich bin keine Prinzessin mehr, ganz gleich, wer mich großgezogen hat und wessen Tochter ich war."

"Manche würden deine Entscheidung wohl für töricht halten", sagte Marie-Claire und schmunzelte überzeugt, als sie das Küchentuch über ihre Schulter warf. "Doch ich finde sie ehrenhaft; regelrecht romantisch im literarischen Sinne sogar."

"Ich bin der festen Überzeugung, daß all das, was geschehen ist, meine unumgängliche Bestimmung war", erwiderte sie und knetete unbeirrt weiterhin die ungesäuerte Brotmasse zwischen ihren Fingern und Händen. Nur als sie Marie-Claire einen flüchtigen Blick schenkte, erkannte diese die vor Scham rötlich angelaufenen Wangen Kathérines. "Daß es Gott selbst war, der uns auf diesen Weg geschickt hat. Und daß wir vor Gott die Unerschütterlichkeit unserer Liebe beweisen müssen."

"Es ist gefährlich, was ihr vorhabt. Die Vogelfreiheit hat so seine Tücken", erwiderte sie und Kathérine nickte.

"Doch was wäre die Alternative gewesen?", fragte sie und sah Marie-Claire nun doch an. Der rötliche Farbton war von ihren Wangen verschwunden und stattdessen trugen ihre nahezu glitzernden blauen Augen einen überzeugten Blick. "Mein Vater hätte ihn getötet, ganz zu schweigen von dem Kind – ich ziehe den Tod einem Leben ohne ihn ohne auch nur mit der Wimper zu zucken vor."

"Und du möchtest dieses Kind bekommen?", fragte sie und ohne darüber nachdenken zu müssen, nickte sie stürmisch. "Dieses Kind ist durch wahre, aufrichtige Liebe entstanden. Es zu töten, ganz gleich auf welchem Wege und durch wen, kann nicht Gottes Wille sein. Ein unschuldiges Geschöpf, daß für die Sünden seiner Eltern büßen müßte – nein, daß kann es nicht sein, was Gott geplant hat."

"Doch ihr könnt nicht allein von Luft und Liebe leben", erwiderte sie und seufzte. "Ihr braucht festen Boden unter den Füßen; damit ihr leben könnt in diesen ohnehin schweren Zeiten."

Kathérine nickte. Sie wußte, daß Marie-Claire recht hatte, obwohl sie dennoch keine Ahnung hatte, was als nächstes zu tun war. Sie hoffte wohl auf ein kleines Wunder.

"Mein Großvater hat einen kleinen Hof. Er ist schwach und fiebrig; ich glaube nicht, daß er lange durchhält. Er hat einige Tiere; nicht viele, ein paar Ziegen, Schafe, Milchkühe und zwei Hunde. Er braucht dringend Hilfe mit dem Hof und ich denke, wenn er hört, daß es eine Flucht aus Liebe ist, die ihr hinter euch habt, dann wird er euch ganz sicher bereitwillig aufnehmen, damit ihr ihm bis zu seinem Tod unter die Arme greifen könnt. Und danach ist es euch überlassen, den Hof weiterzuführen. Freilich muß ich das mit ihm absprechen, aber ich denke, daß es kein Problem sein wird."

Kathérine ließ den Teig in ihren Händen gehen und sah auf zu Marie-Claire, die neben ihr stand. Ihr besorgtes Gesicht veränderte sich zu einem Strahlen und sie biß sich auf die Unterlippe, als sie die andere Frau umarmte. "Das wäre einfach wunderbar", sagte sie und löste ihre Arme wieder um Marie-Claires Hals, die ihr amüsiert zulächelte. Sie hatte bemerkt, wie planlos Pascal und Kathérine geflüchtet waren und daß sie dringend auf Hilfe angewiesen waren, wenn sie durchkommen wollten.

"Ohne fremde Hilfe seit ihr beiden aufgeschmissen", entgegnete sie. "Ich freue mich darüber, wenn ich zwei so netten Menschen wie euch helfen kann.

"Ich danke dir so sehr", sagte Kathérine und schmunzelte zufrieden, als sie die Hand über die Wölbung ihres Bauches legte. Das Gefühl der Bewegungen des Kindes unter ihrer Hand waren faszinierend und die Hoffnung, die sie und Pascal nun zu haben schienen, machte sie glücklicher als es irgend etwas anderes jemals können würde.

~*~*~*~

Der alte Mann war mit Freude bereit gewesen, das junge Paar bei sich aufzunehmen. Er war Realist und so war ihm klar, daß keiner da war, der seinen kleinen Tierhof nach seinem Tod weiterführen würde. Seine Tochter war verheiratet und einen Sohn hatte er nicht. Nicht mehr, denn dieser war im Krieg gefallen. Und so hatte er sich gefragt, was nun mit dem Hof zu tun war. Das junge Paar, Pascal und Kathérine, waren ihm gerade recht gekommen. Er hatte nicht viel von seiner Tochter über sie zu hören bekommen; nur daß ihre Liebe in den Augen des Kaisers auf irgendeine Weise verwerflich gewesen sein mußte und sie aufgrund ihrer Schwangerschaft geflohen waren. Und solange sie arbeiten konnten und rechtschaffene Menschen waren, hatte er keine Probleme mit der Vorstellung gehabt, sie in sein Haus aufzunehmen.

Nachdem Mulder endlich aus dem Stall zurückgekehrt und die Hunde gefüttert hatte, machte er sich auf den Weg in sein und Kathérines Schlafzimmer. Er war müde und konnte die Augen kaum noch aufhalten. Erledigt trottete er in das Zimmer und entdeckte, daß Kathérine bereits im Bett lag. Gähnend lehnte er sich an den Türrahmen und beobachtete sie beim Schlafen. Unter der Wolldecke zeichnete sich inzwischen ganz deutlich die vielverheißende Wölbung ihres Bauches ab, der mehr und mehr zu einer Halbkugel wurde. Sie lag auf dem Rücken, eine Hand schützend über dem Kind, die andere neben ihrem Gesicht auf dem Kopfkissen.

Leise, um sie nicht zu wecken, zog er das dreckige Hemd über den Kopf und ließ seine Hose zu Boden fallen, bevor er die Öllampe auf dem schmalen Holztisch ausdrehte. Splitternackt schlüpfte er neben Katherine unter die Wolldecke. Es war Spätsommer und so war es warm genug nackt zu schlafen. Vor allem, wenn man die Wolldecke um sich herum und Kathérine neben sich hatte, dachte Mulder schmunzelnd und zog sie vorsichtig in seine Arme.

Sie drehte sich auf ihre Seite und legte ihren Kopf an seine Brust. Sie öffnete die Augen einen Spalt und begann dann, seinen Hals zu küssen. Ihre Hand lag über seinem Herzen und sie spürte es pochen. Er zog die Decke höher und Kathérine noch ein Stück weiter in seine Arme.

Er brummte zufrieden sein Gefallen als ihr Mund tiefer sank, bis sie an seiner Schulter angelangt war. Er drehte seinen Kopf zu ihr und damit berührte seine rauhe Haut ihre weiche, bevor er sich ganz zur Seite drehte und lehnte seine Stirn an ihre. In der Dunkelheit konnte er sie atmen hören und spüren, als er seine Hand auf ihren Bauch legte.

"Halte mich für albern, aber ich habe das Gefühl, daß durch das Kind unser Leben erst beginnt", flüsterte sie und er zog sie dichter an sich heran.

"Ich glaube, du hast recht", erwiderte er, ebenso flüsternd und sie schmunzelte. Sie hatte noch niemals derartige Vorfreude auf ein Kind in den Augen eines Mannes gesehen. Und vor allem gefiel ihr die zärtliche Aufmerksamkeit, die er ihr bei jeder Gelegenheit schenkte. Sie zog ihn in ihre Arme, so daß sie ihr Kinn auf seinen Kopf legen konnte. Sein weiches Haar kitzelte die Haut ihres Halses und sie seufzte leise. Zärtlich streichelte er ihren gerundeten Bauch. "In den letzten Monaten habe ich erkannt, daß es ist unser Schicksal zusammen zu sein. Egal in welcher Zeit, in welchem Leben oder in welcher Form. Unsere Seelen sind füreinander bestimmt, davon bin ich überzeugt."

Obgleich sie natürlich nicht wissen konnte, wie er das meinte, nickte sie mit langsamen Bewegungen ihre Zustimmung. "Es kann nur Gottes Hand sein, die uns führt, Liebling", antwortete sie und bei diesem Wort, Liebling, lief ihm ein wohliger Schauer über den Rücken. Dieses Wort aus Scullys Mund zu hören und zu wissen, daß es an ihn gerichtet war, brachte sein Herz in seiner Brust zum schnelleren Schlagen.

"Ich liebe dich, Kathérine", sagte er mit bedeutungsvoller Stimme und sah hinauf in ihre strahlenden, blauen Augen. Sie schmunzelte. Es war ein königliches Lächeln, fand er, bei dem nicht nur ihre Mundwinkel sich verzogen. Ihr ganzes Gesicht lachte; jeder Zug, jeder Blick in ihren Augen. So verliebt hatte er sich seit der High School nicht mehr gefühlt.

"Ich liebe dich auch, Pascal", sagte sie und küßte ihn auf die Stirn. Zufrieden schlief er in ihren Armen ein.

~*~*~*~

Die Monate vergingen schneller, als Mulder es sich erklären konnte. Und die Tage rasten regelrecht an ihnen vorbei. Nach und nach wurde Kathérines Bauch immer größer, während die Laubbäume draußen einen orangen, braunen oder rötlichen Farbton bekamen. Als sie sich vollständig lösten und zu Boden fielen, hatte Kathérines Schwangerschaft ihren Höhepunkt erreicht. Sie war ziemlich unbeweglich und kaum dazu fähig allein aufzustehen, wenn sie saß. Manchmal kam sie sich vor wie ein Käfer, der nicht mehr allein aufkommen konnte, wenn er auf dem Rücken lag.

Ihre Knochen im ganzen Körper schmerzten ständig und sie stemmte ihre Arme zur Milderung der Last in ihren Rücken. Sie schloß die Augen und lehnte sich gegen die Wand in der kleinen Küche des Hofes. Pascal war bei den Schafen und der alte Mann sorgte sich, so gut er es noch irgendwie konnte, um die Kühe. Als ihr Blick auf den Kartoffelsack fiel, bemerkte sie, daß kaum noch welche da waren. Jedenfalls nicht genügend, als daß sie ein Mittagessen für drei Personen daraus hätte machen können. Also nahm sie nach einiger Überwindung den Korb, um schnell auf den Dorfplatz zum Markt zu gehen und einige zu kaufen.

Sie schloß die Tür hinter sich. Der Hof war auf einem kleinen Hügel gelegen. So setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als sie sich auf den Weg in Richtung des Stadtkerns machte. Eine Hand lag auf ihrem Bauch, um die Last ein wenig zu hieven und sich so das Gehen zu erleichtern. Auf halber Höhe zum Markplatz jedoch konnte sie nicht weiter. Keuchend mußte sie sich gegen eine Hauswand lehnen, um sich das Atmen zu erleichtern. Sie schloß die Augen eine Sekunde, als ihr schwindlig wurde. Und im nächsten Moment fuhr ein beißender Schmerz durch ihren Unterleib. Sie öffnete den Mund, doch es kam nichts heraus. Sie spürte, wie ihre Füße unter ihrem Körper nachgaben und dann wurde es schwarz um sie herum.

 

"Pascal?"

Als sie zu sich kam, entdeckte sie das besorgte Gesicht Marie-Claires über sich. Zuerst fuhr sie erschreckt hoch, wurde aber von der anderen Frau wieder in eine liegende Position gedrückt. Sie versuchte sich nicht zu verkrampfen und lehnte sich zurück, wobei sie die Augen schloß.

"Was ist mit mir? Ist mein Kind in Ordnung?", fragte sie, wobei ihre Augen vor Schreck weit geöffnet waren.

"Ich glaube, dem Kind geht es gut", versicherte Marie-Claire ihr und drückte sie beruhigend wieder zurück auf die Matratze. "Aber du solltest wirklich nicht durch mehr allein durch die Gegen laufen, Kathérine. Du hast Glück daß Jacques und Maurice dich gefunden und hergebracht haben."

"Ich wollte doch nur ein paar Kartoffeln holen", erklärte sie seufzend und das Zittern ihres Körpers ließ langsam nach. Als sie ruhiger wurde und gleichmäßiger atmete, bemerkte sie plötzlich, daß ihr Kleid vollkommen naß war. Erschreckt versuchte sie wieder sich aufzusetzen, aber Marie-Claire hinderte sie auch diesmal daran. "Warum ist das Kleid naß?", fragte sie schockiert und die andere Frau schaute ein wenig irritiert.

"Oh", sagte sie als sie die nassen Stellen des Stoffes bemerkte. "Ich glaube, deine Fruchtblase ist geplatzt."

"Meine was?", fragte Kathérine irritiert und ihre blauen Augen spiegelten pure Angst wieder.

"Deine Fruchtblase", erklärte sie ihr. "Das Kind wird wohl in den nächsten Stunden kommen."

"Oh", seufzte sie überwältigt und auf ihrem Gesicht mischten sich Furcht und Erwartung. "Ich muß Pascal... ich muß zum Hof..."

"Nein, Schätzchen, du bleibst hier. Jacques wird Pascal holen", versicherte Marie-Claire und Kathérine nickte nachdenklich. Sie legte Kathérine einen Waschlappen auf die Stirn und diese schloß ihre Augen. Sie zitterte, wobei sie selbst nicht wußte, ob vor Angst oder Aufregung. Nachdenklich schluckte sie. Sie zwang sich dazu gleichmäßig zu atmen und beruhigte sich schließlich. In diesem Moment erst bemerkte Kathérine, wie niedergeschlagen Marie-Claire wirkte.

"Ist irgend etwas nicht in Ordnung?", fragte Kathérine schließlich. "Du siehst geschafft und deprimiert aus."

"Mein Kind war eine Totgeburt", sagte sie bedauernd und Kathérine biß sich erschreckt auf ihre Unterlippe. Sie hatte gar nicht bemerkt, daß Marie-Claires Babybauch verschwunden war.

"Wann?"

"Gestern Nacht", sagte sie nachdenklich und zwang sich trotz der Tränen in ihren Augen zu einem Lächeln.

"Das tut mir leid."

"Ach, sei nicht albern. Es wundert mich ohnehin, daß es überhaupt schon viermal geklappt hat. Totgeburten oder Komplikationen sind gar nicht so selten", entgegnete sie und tränkte den Lappen von Kathérines Stirn wieder in kaltem Wasser, bevor sie ihn wieder auf ihrer heißen Haut plazierte. Dann erst bemerkte sie den erschreckten Ausdruck auf Kathérines Gesicht und verzog das Gesicht. "Entschuldige. Ich wollte dir keine Angst machen, Liebes. Die Geburt wird schon gut gehen, davon bin ich überzeugt."

Kathérine nickte und schloß die Augen. Als sie kurz davor war, einzudösen, fuhr ein Schmerz durch ihren Unterleib. Sie griff nach Marie-Claires Hand, als sich Tränen in ihren Augen sammelten. Doch sie gab nicht einen Laut von sich, verzog nur vor Schmerzen das Gesicht, bevor sie sich wieder entspannte und zurücklegte. Ihr Gesicht war rot und sie schnappte vor Schreck nach Luft. "Was war das?", fragte sie erschreckt und Marie-Claire lächelte über ihre Unwissenheit.

"Dieser Schmerz kehrt in den nächsten Stunden in regelmäßigen Abständen wieder", sagte sie. "Er ist unangenehm, aber Teil des Prozesses; nichts Unnatürliches also. Mach dir keine Sorgen."

"Ich wünschte nur, Pascal wäre schon hier", flüsterte sie, mehr an sich selbst gerichtet als an irgend jemanden sonst. Marie-Claire schmunzelte entzückt. Sie verfolgte voll Zufriedenheit, die unüblich starke Liebe zwischen den beiden und wie sehr sie einander brauchten, wenn sie getrennt waren. Das lag wohl teils an ihren Lebensumständen, größtenteils aber wohl an dem, was beide füreinander empfanden. Und obwohl sie zugeben mußte, ein wenig neidisch zu sein, gönnte sie den beiden alles Glück der Welt. Denn sie hatten es in ihren Augen verdient.

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Er war gerade dabei den Schäferhund anzuweisen, die Schafherde in das hölzerne Gatter zu treiben, als er von Richtung des Waldes ein leises Geräusch hörte. Es war ein tiefer, summender Ton, wie ein Nebelhorn, das durch die Wälder hallte. Doch zwischen dem ganzen Gemecker der Schafe, tat er es als Einbildung ab. Doch als ein weiteres Mal das tiefe Brummen ertönte und diesmal sogar lauter als zuvor, da wurde er skeptisch.

Er lauschte aufmerksam. Dann schloß er das Schafgatter und ging vorsichtig ein paar Schritte näher an den Wald heran, obgleich ihn das auch nicht erkennen ließ, was die Geräusche von sich gab. Der Hund folgte ihm ein paar Schritte abwärts seiner Seite und hatte die Ohren aufgestellt. Als das dumpfe, metallische Geräusch wieder erschien, wurde ihm schlagartig klar, weswegen es ihm so bekannt vorkam. Es war das kaiserliche Horn.

Sein Herz begann wie wild zu schlagen, als ihm klar wurde, daß er und Kathérine sich aus dem Staub machen mußten, wenn sie nicht entdeckt werden wollten. Und das ausgerechnet jetzt, da sie im neunten Monat schwanger war und er schon seit Tagen ahnte, daß die Geburt nicht mehr allzu lang auf sich warten lassen würde. Er drehte sich um und begann auf das Haus zuzurennen. Durch seine schnellen Bewegungen machte er die Schafe nervös, aber das war ihm egal. Es ging um sein und Kathérines Leben, ganz zu schweigen von dem des Kindes. Der Hund wetzte aufgescheucht hinter ihm her.

"Kathérine! Kathérine? Schatz, wo bist du?", fragte er, als er hastig alle Zimmer des Hauses absuchte, doch sie war nirgendwo zu sehen. Seine Hände zitterten, als er noch einmal nach ihr rief – doch auch diesmal bekam er keine Antwort. Als erkannte, daß sie nicht im Haus war und der Einkaufskorb weg war, wußte er, daß sie auf dem Markt sein mußte. Er ließ die Tür hinter sich laut ins Schloß fallen und stieß sie Ferdinand, dem Schäferhund, regelrecht vor der Nase zu. Der winselte beleidigt und zog sich zurück.

Mulder währenddessen rannte die Straße in Richtung des kleinen Dorfes hinunter, immer den Wald im Auge, vor dem ein Teil der kaiserlichen Garde jeden Moment auftauchen konnte. Er hechelte bereits schwer nach Atem, als ihm Jacques entgegenkam. Er achtete gar nicht weiter auf ihn, denn er hatte wichtigere Dinge im Kopf. Doch dieser wußte sich zu helfen, indem er Mulders Arm fest umfaßte und ihn zum Stehen brachte.

"Jacques, laß mich los!", keifte Mulder, wobei der ursprünglich beabsichtigte, aggressive Tonfall sich in eine heisere Bitte verwandelte. "Bitte! Ich muß zu Kathérine..."

"Kathérine ist bei Marie-Claire, Pascal", klärte dieser ihn auf und lockerte nun auch den festen Griff um sein Handgelenk, da Pascal nicht mehr Gefahr lief, davonzulaufen ohne ihn anzuhören. "Sie ist hier in der Straße auf dem Weg zum Markplatz ohnmächtig geworden."

"Wie geht es ihr?", fragte Mulder hastig und atmete dabei noch immer schwer.

"Ihr geht es gut, aber die Wehen haben bereits eingesetzt", erklärte Jacques mit einem Grinsen. Er konnte schließlich unmöglich Ahnen, wie ungelegen die Umstände in diesem Moment waren.

"Verdammter Mist", fluchte Pascal und Jacques konnte nicht anders, als sich zu wundern und grübelnd die Stirn in Falten zu legen.

"Weißt du, du bist mir ein Mysterium", sagte Jacques schließlich und kratzte sich am Kopf. "In einem Moment hat man den Eindruck, du kannst das Kind kaum erwarten und jetzt klingst du, als hättest du ernsthaft erwartet, daß Kind bliebe für immer da drin."

"Nein, das ist es nicht", versicherte Mulder bestimmt und räusperte sich, wobei die Röte seines Gesichts allmählich abschwächte. Mit der Hand deutete er auf den Wald und brachte zwischen zwei japsenden Luftzügen hervor: "Die kaiserliche Garde ist auf direktem Weg hierher."

Jacques brauchte einen Moment, bis er verstand, was das wohl bedeutete. Entweder war der Kaiser auch nach Monaten noch immer auf der Suche nach seiner Tochter oder die kaiserliche Garde war aus einem bloßen Zufall hier. Doch ganz gleich, was auch immer zutraf, Mulder wußte, daß beides einem Todesurteil gleichkommen konnte, wenn sie erkannt würden. "Komm mit mir", sagte Jacques schließlich und deutete Mulder mitzukommen.

"Pascal", rief Kathérine erfreut, als sie ihn im Türrahmen entdeckte. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus und er nahm sie in seine, küßte sie kurz und kniete sich dann neben ihr nieder. Sie bemerkte sein besorgtes Gesicht augenblicklich und runzelte verwundert die Stirne. "Was ist los, Liebling?"

Da nur Marie-Claire und Jacques anwesend waren, konnte er ungezwungen mit ihr sprechen. Die beiden wußten ohnehin Bescheid und nach allem, was sie für sie getan hatten, waren sie die Letzten, die sie verraten würden. Er nahm Kathérines Hand in seine beiden und drückte sie zärtlich, bevor er sie an seine Wange legte. Mit verunsicherten Blicken sah er sie an. "Ich habe die Garde deines Vaters am Waldrand entdeckt", gestand er schließlich und ihre Augen wurden vor Erstaunen groß.

"Bist du sicher?", fragte sie aufgescheucht und erhob sich in eine fast sitzende Position. "Wir müssen weg hier. Zumindest für eine Weile, bis die Garde weiterzieht."

"Du kannst in deinem Zustand unmöglich weglaufen, Liebling", sagte er mit nachdenklicher Stimme.

"Dann laß mich zurück. Möglicherweise erkennt man mich nicht; und möglicherweise kommen sie gar nicht in dieses Haus. Und falls doch, dann bist wenigstens du in Sicherheit", sagte sie und er schüttelte, noch während sie redete, den Kopf.

"Es kommt gar nicht in Frage, daß ich allein weggehe", sagte er und küßte noch einmal ihren Handrücken. "Wir sind zu zweit so weit gekommen. Ich will den Rest des Weges nicht allein gehen. Wie könnte ich mir jemals verzeihen, wenn dir etwas zustößt? Unsere Seelen sind füreinander bestimmt, richtig?"

"Richtig", nickte sie und er küßte sie flüchtig auf die Lippen. Dann zog die nächste Wehe ihren Unterleid zusammen. Sie drückte seine Hand und verzerrte das Gesicht, gab aber keinen Laut von sich. Schließlich sank sie wieder auf die Matratze und schloß erschöpft die Augen.

"Ich bleibe hier", sagte er und küßte ihre Stirn. "Ich bleibe bei dir, ganz gleich, was auch kommen mag."

"Ich habe vor nichts Angst, solange du bei mir bist", sagte sie und strich erschöpft über seine Hand. "Selbst der Tod scheint mir nicht schrecklich, solange er uns vereint."

"Ich liebe dich", flüsterte er an ihrem Ohr und sie summte ihre Zustimmung; zu schwach, um zu antworten.

~*~*~*~

Es war purer Zufall, daß er das Gold in der schwachen Wintersonne schimmern sah. In seiner Rüstung bückte sich Gustave, der erste der Tafelritter, um das schimmernde Schmuckstück vom Boden aufzuheben. Sein Pferde führte er an der Leine, um es nach dem langen Ritt durch die Wälder zu entlasten. Der Kaiser brauchte wieder einmal Geld und so hatte er seine zwölf Untergebenen jeweils mit einer kleinen Garde fort geschickt, um Geld einzutreiben.

Er hob das Armbändchen auf und drehte es in seiner Hand. Es war schmal und er wunderte sich, welcher Bauer sich wohl ein Goldkettchen für Frau oder Tochter leisten konnte. Soweit er wußte, gab es keine Neureichen in dieser Gegend. Sonst hätte er am Königshof ganz sicher schon davon gehört, um bei selbigen Personen Schulden machen zu dürfen. An dem Band war eine schmale Goldplatte, deren Vorderseite eine Gravierung trug.

Kathérine.

Als er den Namen las, fuhr es ihm augenblicklich durch Mark und Bein. Den Raub an der Prinzessin, durchgeführt durch einen der engsten Untergebenen des Königs, war wochenlang das Einzige, das er am Hofe des Kaisers zu hören bekommen hatte. Die Adelsgesellschaft hatte sich das Maul darüber zerrissen, es hatte den Kaiser schon allein deshalb in ein schlechtes Licht gerückt, weil die geplante Heiratsfusion mit Österreich geplatzt war. Und zusätzlich war da der persönliche Verlust. Mehrere Wochen hatte er jeden seiner Ritter gesandt, um alle Häuser und Dörfer Burgunds nach den beiden zu durchsuchen. Und er hatte sich bereits darüber Gedanken gemacht, ob er Pascal Gauthier lieber hängen oder köpfen lassen sollte. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber dazu mußte er ihn und seine Tochter erst einmal finden.

"Männer!", stoppte er seine kleine Kavallerie und hielt die Hand abwendend in die Luft, was selbe tatsächlich zum Halten brachte. "Das hier", sagte er und hielt das Goldkettchen hoch. "Das hier ist das Armband Kathérines!" Gemurmel und Erstaunen gingen durch die Menge und Überraschung spiegelte sich auf ihre Gesicht wieder. "Die Prinzessin war hier und ich nehme stark an, daß sie es noch immer ist! Stellt jedes Haus auf den Kopf und seit sicher, daß ihr keines übergeht! Stellen wir die Ehre von Burgund wieder her!"

"Stellen wir die Ehre von Burgund wieder her!", stimmten alle wie aus einem Munde zu. Nur Sekunden später waren sie von ihren Pferden und begannen am Anfang des Dorfes die Häuser zu durchsuchen.

~*~*~*~

"Ahhhh!", klagte sie, als die Wehe in ihrem Leibe alles zusammenzog. Sie hielt für einige Minuten den Atem an. Ihr Gesicht war rot, Schweiß glitzerte auf ihrem Gesicht und ihr Haar klebte daran. Sie lag noch immer auf der Matratze, aber der Rock des Kleides war hoch über ihren Bauch geschoben worden. Über ihren nackten Beinen und ihrem ebenso entblößten Bauch lag eine saubere Wolldecke, die sie vor der Kälte schützen sollte. Immerhin war es inzwischen November und das Jahr hatte bereits durchaus wärmere Tage gesehen.

Mulder saß unbeirrt zwischen ihren Beinen und versuchte sie, so gut er auch nur irgendwie konnte, durch die Geburt zu führen. Sie war tapfer und tat bedingungslos, was er ihr sagte. Er zeigte ihr, wie sie atmen sollte und sie imitierte seine Vorgaben. Sie waren ein eingespieltes Team, mußte Jacques geknickt feststellen. Er hatte Angst um seine Freunde, die er in den wenigen Monaten durch ihre ehrliche und aufrichtige Art zu schätzen gelernt hatte.

"Nicht vergessen zu atmen", erinnerte er Kathérine und sie nickte, als sie sich auf die Ellenbogen aufrichtete. Gerade, als sie eine Wehe verlassen hatte, wurde sie von der nächsten eingeholt. Und mit dieser begannen die Presswehen.

"Ich glaube, es kommt", rief sie schließlich im Schmerz als sie versuchte, das kleine Wesen aus ihrem Körper zu pressen. Ihre Hände krallten sich in Fäusten an die Decke, während sie ihre ganze Kraft ins Pressen verlegte. Als die Wehe abklangt, fiel ihr Kinn erschöpft auf ihre Brust.

"Du machst das gut, Liebling", versicherte er ihr schließlich und sie lachte ironisch. Und obwohl er wußte, in welch mißlicher Lage er sich befand, konnte er nicht anders als über das ganze Gesichts zu strahlen. "Es ist fast da. Ich kann sein Köpfchen sehen. Halt noch ein wenig durch."

"Du kannst wirklich das Köpfchen sehen?", fragte sie fasziniert und er nickte.

"Helle Haare", sagte er schmunzelnd. "Wie deine."

Sie lachte und durch die Vibration ihres Zwerchfells löste sie die nächste Wehe aus. Diesmal konnte sie sich nicht zurückhalten und keuchte und stöhnte laut. Es war die heftigste der Wehen, die sie in den letzten rund zwölf Stunden durchgemacht hatte und sie fühlte, wie das Kind gegen Ende der Wehe ihren Körper gänzlich verließ. Erschöpft fiel sie zurück auf ihre Matratze und mit einer letzten, leichten Wehe, bei der die Plazenta ausgeschieden wurde, war es vorüber. Sie hatte ein Kind geboren.

Sie wußte nicht, was er tat. Aber zufrieden hörte sie nach einigen Sekunden das Baby schreien. Das Wissen, daß es ihrem Baby gut zu gehen schien, beruhigte sie. Sie schloß die Augen und atmete schwer, denn sie hatte das Gefühl als sei keine Luft in ihren Lungen.

Schließlich saß Pascal an ihrer Seite, mit dem Kind auf dem Arm. Es war in eine weitere Wolldecke gewickelt, sein Gesicht noch immer mit einigen Spuren ihres Blutes beschmiert. Es schrie nicht mehr, sondern sah Mulder träge an. "Ein Junge", klärte er sie auf, als er ihr den Kleinen übergab. Als sie ihn auf ihren Armen hielt, sah sie ganz genau aus wie Scully, fand Mulder. Sie hatte ihren Mund in Entzücken stumm geöffnet und die Stirn in Falten gelegt, als sie den Kleinen hin und her wiegte.

"Welchen Namen soll er haben?", erkundigte sich Mulder, als er Kathérine vorsichtig in seinen Arm nahm. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter.

"William", sagte sie leise.

"William", stimmte er zu.

"Ich hasse es, diese Szene zu unterbrechen, Pascal, aber die Garde ist bereits zwei Häuser weiter", rief Jacques alarmiert, nachdem er einen Blick nach draußen geworfen hat. Marie-Claire eilte augenblicklich herbei und nahm Kathérine den Kleinen vorsichtig ab.

"Kannst du aufstehen?", erkundigte sich Mulder vorsichtig und sie schüttelte den Kopf. In ihren Augen standen die Tränen. "Wir sind so weit gekommen", sagte er schließlich überzeugt. "Wir geben nicht auf."

Sie nickte und kämpfte sich irgendwie mit der Hilfe Pascals und Jacques auf die Beine. Pascal stützte sie und sie versuchten mit tapsigen Schritten zur Hintertür in Richtung des Hofes zu kommen. Schließlich blieb er stehen und zog sie in seinen Arm. Er wußte, daß es vorbei war. In dem Zustand, in dem sie sich befand, war es unmöglich, daß sie vor einer Garde von rund dreißig Mann einfach so davon laufen konnten.

"Wir müssen gehen", sagte sie laut zu ihm. Sie sah ihn fragend mit ihren blauen Augen an, doch er schüttelte den Kopf. Er zog sie an seine Brust und legte seine Wange an ihr Haar.

"Es ist zu spät", flüsterte er und nun begann sie zu weinen. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich von ihm halten. Marie-Claire trat mit dem Baby an beide heran und sie sahen herunter auf ihren gemeinsamen Sohn. Obwohl Kathérine die Tränen über die Wangen strömten, konnte er sehen, daß sie nachdachte. Ihr Blick war konzentriert.

"Marie, weiß irgend jemand etwas von deiner Totgeburt?", erkundigte sie sich schließlich. An dem verwandelten Blick in ihren Augen erkannte Mulder, daß sie eine Idee hatte. Etwas, das ihr wichtig schien. Das Baby.

Marie-Claire schüttelte den Kopf. "Nur Jacques", sagte sie schließlich. "Nicht einmal die Kinder haben nichts mitbekommen, denn ich habe sie heute morgen vor der Feldarbeit nicht gesehen."

"Könnt du und Jacques euch um William kümmern?", fragte sie und sah sowohl ihn als auch sie flehend an.

Marie-Claire wandte ihren Blick fragend ihrem Mann zu. Jacques nickte. "Wir werden ihn wie unseren eigenen Sohn aufziehen, das versprechen wir euch bei Gott."

Mulder strich mit der Hand vorsichtig über den Kopf und der Kleine gluckste. Kathérine lächelte unter all ihren Tränen und küßte ihren Sohn liebevoll auf die Stirn. Daß er weiterleben würde, schenkte ihr eine gewisse Zufriedenheit. Wenigstens ein Teil von ihnen würde überleben, ganz gleich, was auch immer der Kaiser, ihr Vater, mit ihnen machen würde.

"Erzählt ihm bei Gelegenheit von uns", sagte sie weinend und lehnte sich dann an Mulders Brust, dem ebenso Tränen über die Wangen zu laufen begannen. Er wischte sie flüchtig weg und zog Kathérine fester in seine Arme. Und im nächsten Moment wurde die Tür eingetreten.

"Ich liebe dich", sagte sie noch einmal und er senkte seine Lippen zu ihren.

"Und ich liebe dich."

~*~*~*~

Nur wenige Stunden später saßen sie gefesselt nebeneinander auf einem Tierkarren, damit sie nicht abhauen konnten. Ihre Arme waren hinter dem Rücken und ihre Knöchel mit einen rauhen Seil aneinander gebunden. Der Kaiser hatte angewiesen, beide unbedingt lebend an sein Schloß zu bringen, falls sie aufgefunden werden sollten. Offenbar hatte er ein unglaubliches Interesse daran Kathérine zurückzubekommen und ihn selbst zu exekutieren. Aber Mulder hatte weder Angst noch Panik. Er hatte jemanden an seiner Seite, der ihn liebte und der um ihn trauern würde. Und er hatte einen Sohn, indem er indirekt weiterleben würde. Das war mehr, als er in seinem Leben als Fox Mulder jemals zustande gebracht hatte. Somit konnte er mit sich durchaus zufrieden sein, fand er seufzend.

Kathérine legte ihren Kopf an seine Schulter und zog ihren Körper näher an seinen heran. Er hätte sie gern in den Arm genommen und sie noch einmal gehalten. Doch es wurde ihm verwehrt. Und er beklagte sich nicht. Er nahm es so hin.

"Es tut mir leid", flüsterte er schließlich und sie schüttelte den Kopf.

"Du hast nichts getan, daß dir leid tun müßte", erwiderte sie entschlossen und sah ihn mit ihren nun matten, himmelblauen Augen an. "Ich bin diejenige, der es leid tut."

Er lachte und schüttelte ebenso den Kopf. "Nein, du bist es, was mein Leben lebenswert gemacht hat. Du hast mich geliebt und du hast mir einen Sohn geschenkt, obgleich ich leider nicht sehen kann, wie er aufwächst. Aber du warst es, die mein Leben reicher und voller gemacht hat. Und wenn mich dein Vater nun exekutieren läßt, dann werde ich sein Urteil hinnehmen, denn das, was zwischen uns ist und für immer sein wird, überwiegt in jedem Falle einen irdischen Schuldspruch."

"Er wird dich nicht exekutieren lassen können", sagte sie schließlich überzeugt. "Nicht, wenn er mich nicht mit dir hinrichtet. Denn, wenn er es wagt dir auch nur ein Haar zu krümmen, verliert er dadurch seine Tochter – das versprech ich dir."

"Nein, tu das nicht", versuchte er sie verzweifelt zu überzeugen. "Dein Vater wird dich nicht töten und er wird über ein derartiges Ultimatum auch gar nicht erst nachdenken. Ich bitte dich, Kathérine, vergiß mich nicht. Aber lebe dein Leben weiter. Du wirst diesen Prinzen heiraten und ihm Kinder gebären; für die Zukunft Frankreichs."

Sie schüttelte den Kopf. "Wie kannst du mir zuerst deine Liebe schenken und mich dann bitten mit weniger Vorliebe zu nehmen? Dem Verhungernden ein Stück Brot vorzuhalten und es ihm dann unter der Nase wegzuschnappen ist unmenschlich, Pascal."

"Kathérine, ich will... Ich kann nicht zulassen, daß meinetwegen...", er stockte und erst nun entdeckte sie die Tränen in seinen Augen. Er wollte nicht dafür verantwortlich sein, daß auch sie starb. Es war schlimm genug selbst draufzugehen, was scheinbar unumgänglich war. Aber er wollte Kathérine in behütetem Hause wissen, wo es ihr gut ging und für sie gesorgt war. Er wollte nicht sterben. Doch noch weniger wollte er, daß auch sie starb.

"Unsere Seelen sich füreinander bestimmt, richtig?", sagte sie leise und sah zu ihm auf. Er nickte.

"Richtig."

"Welchen Grund gibt es also für meine Seele hier auf der Erde weiterzuleben, obgleich deine meiner so fern ist", sagte sie und sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Er senkte den Kopf und schluckte.

"Es ist nicht, als würde... Ich meine: Ich werde warten, Kathérine. Ich werde warten, bis es Gottes Wille ist...", stammelte er unschlüssig und sie schüttelte wieder überzeugt den Kopf.

"Nein", sagte sie leise und drückte ihre Wange an seine Brust, als sie hinab in ihren Schoß sah. "Es ist Gottes Wille."

~*~*~*~

Kathérine liefen die Tränen wie Bäche über ihr Gesicht, als sie sechs Tage später nach nahezu unmenschlicher Reise im Tierkarren zurück in Burgund und am Hofe ihres Vaters waren. Man hatte sie und Pascal vor wenigen Minuten gewaltsam getrennt, wogegen sich beide mit Händen und Füßen gewehrt hatten. Sie hatten geweint, einander zugerufen, geschworen daß sie einander bis in alle Ewigkeit lieben würden, bevor man ihn entfernt hatte.

Anschließend hatte man ihr die Knebel um die Knöchel und Handgelenke abgenommen und nun wurde sie zu ihrem Vater gebracht. Ihr Gesicht war rot angelaufen und sie weinte noch immer, als sie gezwungenermaßen einen Fuß vor den anderen in den Thronsaal setzte. Sie blickte hinab auf den weinroten Teppich, anstatt zu ihrem Vater aufsehen zu müssen. Sie würde es nicht ertragen können.

Am Fuße der marmornen Ebene, die den kaiserlichen Thron ein Stückchen weiter anhob, wurde sie auf ihre Knie niedergedrückt. Die beiden Wachen standen neben ihr wie Zinnsoldaten, bis sie erstmals wieder die Stimme ihres Vaters hörte. "Geht." Und im Bruchteil einer Sekunde waren sie verschwunden und Kathérine war mit ihrem Vater allein.

Sie blieb vor ihm auf den Knien, weinte leise und versuchte durch ihren starken Willen den Tränenfluß zu stoppen, doch es mißlang ihr. Ihr Vater schwieg, aber sie konnte sich seinen Blick bestens vorstellen; seine Züge hart, seine Augen kalt und sein Gesicht ausdruckslos und hochrot vor Rage. Sie hatte ihn nur selten so gesehen, aber sie wußte, daß er genau dieses Gesicht nun machte.

"Ich bitte dich, Kathérine, sag mir, daß er dich verschleppt hat", sagte er mit einer vorgetäuscht ruhigen Stimme. Er bat sie, ihn zu verraten und ihn als Räuber und Frauenschänder hinzustellen. Das würde sie nicht tun. Also schwieg sie.

"Kathérine", drohte er.

"Nein, das hat er nicht", gab sie schließlich zu und brachte genügend Mut auf, ihrem Vater ins Gesicht zu sehen. Sie behielt über den Ausdruck recht.

"Was ist es dann?", brüllte der Kaiser seine Tochter böse an. "Hat er dich zu seiner Dirne gemacht, ist es das? Hat er dich zu Geschlechtsakten gezwungen? Ich möchte verstehen, was in deinem offenbar minderbemittelten Verstand vor sich geht, Tochter."

"Ich liebe ihn", rief sie nahezu ebenso laut zurück, bevor sie leiser hinzufügte: "Und er liebt mich."

"Liebe", stammelte der Kaiser vor sich hin, als er sich von seinem Thron erhob. "Ich habe über zwei Jahre lang deine Scharaden und Theaterspiele mitgemacht, weil du meine liebste Tochter warst, Kathérine. Du warst die, die ich für die Vernünftige und die Starke hielt. Du warst die, der ich Frankreich anvertrauen wollte. Wie konntest du so töricht sein für ein derart egoistisches Anliegen nicht nur deine Position zu beleidigen und deine Familie bloßzustellen, sondern die gesamte französische Krone in ein derart schlechtes Licht zu rücken?"

"Es ist mehr als das, Vater!", rief sie nun erbost zurück und richtete sich auf. "Das, was Pascal und ich hatten, war sogar so viel mehr wert als die Familie oder die blöde französische Krone, daß ich weder an das eine noch an das andere einen einzigen Gedanken in der ganzen Zeit meiner Abwesenheit wirklich verschwendet habe."

"Dann bist du mehr als nur töricht, Kathérine", klärte er sie mit ruhiger Stimme aus. Aber sie wußte, daß es nur eine kurzfristige Pause des ausbrechenden Vulkans war. "Nichts, was so vergänglich ist wie eine Empfindung, kann die Bedeutung der französischen Krone auch nur im Mindesten aufwägen."

"Ihr mögt weise sein, Vater, aber ihr scheint wichtige Lektionen im Leben übergangen zu haben", sagte sie bissig und sah ihn vorwurfsvoll an.

"Ich höre mir das nicht länger an, Kathérine!", erwiderte er wieder mit hochrotem Kopf. "Pascal wird Morgen früh verbrannt und du, mein Kind, wirst den Prinzen heiraten. Ende der Diskussion."

Sie stemmte die Hände in die Hüften. "Wenn Ihr glaubt, daß Ihr unsere Liebe auf diese Weise zerstören könnt, dann seit gesegnet", sagte sie, nun wirklich böse geworden. "Aber dennoch seid Ihr im Irrtum. Ich werde den Prinzen nicht heiraten, ganz gleich mit welchen Mitteln Ihr mich dazu auch zwingen mögt. Und wenn Pascal des Todes ist, so bin ich es auch. Ihr glaubt, mit dem Tod zertrennt ihr unseren irdischen Bund. Aber glaubt mir, Vater, wenn Ihr uns tötet, werden wir nicht nur jenseits, sondern auch im diesseits als Einheit weiter existieren." Sie dachte an ihren kleinen Sohn, den sie bei Marie-Claire und Jacques zurücklassen mußten. Und obwohl sie wußte, daß gut für ihn gesorgt war, würde sie es ihrem Vater niemals vergeben, daß er sie indirekt dazu gezwungen hatte, ihr Kind aufzugeben.

"Was soll das heißen, Kathérine?", erwiderte er. Und derart aufgebracht hatte sie den Kaiser noch niemals gesehen. "Du weißt, ich kann dich nicht hinrichten lassen. Du bist meine Tochter, die Prinzessin Frankreichs. Wie würde Frankreich dastehen?"

"Ist das alles, was Euch sorgt, Vater? Frankreich?"

"Du wirst diesen Prinzen Morgen heiraten und Pascal Gauthier wird auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Er hat mir nicht nur meine Tochter genommen, sondern mit ihr mein Vertrauen, das er als Tafelritter meinerseits erhalten hat. Ich kann die Schande dessen noch immer nicht begreifen", sagte er und schüttelte verständnislos den Kopf.

"Nein, das werde ich nicht", sagte sie nur und verschränkte ihre Arme vor der Brust. "Ihr habt zwei Möglichkeiten, Vater: Ihr laßt Pascal gehen und mich sein Eheweib werden oder Ihr laßt uns beide hinrichten."

"Du kannst dich nicht selbst richten, Kathérine, und daß weißt du", sagte er zähneknirschend. "Gebe ich nicht die Anweisung dich töten zu lassen, wird keiner dir auch nur ein Haar krümmen. Selbst wenn du bettelst."

"Oh, und doch kann ich mich selbst richten", entgegnete sie überzeugt. "Und wenn nicht einer Eurer Leute der Ausführende ist, so werde ich es selbst sein. Was wollt Ihr tun, Vater? Mich ein Leben lang von offenen Fenstern, Messern, Chemikalien und Jagdwaffen fern halten?"

"Du drohst doch nicht mit Selbstmord, Kind?", fragte er geschockt, doch sie nickte.

"Oh doch."

"Und die Bibel?", erkundigte er sich skeptisch. Sie verschränkte die Arme nur noch fester vor ihrer Brust.

"Ich ziehe ein Leben im Fegefeuer einem Leben auf Erden vor, wenn von mir verlangt wird, meine Überzeugungen abzulegen", erwiderte sie stark. "Selbstmord, Vater. Nackte Blasphemie. Wie würde das für Frankreich aussehen?"

Er schwieg. Damit machte sie auf dem Absatz kehrt, um in ihr Gemach zurückzukehren.

"Du wirst den Prinzen heiraten!", rief der Kaiser ihr hinterher.

Sie ignorierte ihn einfach.

~*~*~*~

Er wurde hart gegen den langen Holzpfahl gestoßen. Seine Handgelenke waren eingeschnitten und blutig gerieben von den Fesseln, in die man ihn gelegt hatte. Und nun wurden sie erneut mit einem dicken Seil zusammengeschnürt, so fest, daß es an den bereits wunden Stellen fast unerträglich schmerzte und brannte. Es trieb ihm sogar die Tränen in die Augen.

Dann schloß er die Augen. Er hörte das Geschrei der Menge, die sich langsam um ihn sammelte. Er wurde angebrüllt und nieder gemacht; als Schänder der Krone und Verräter Frankreichs hingestellt. Aber was ihn wütender machte, war der Vorwurf der Nötigung an Kathérine. Er nahm alles hin, ganz gleich, was man ihm hier unterstellte. Es war schließlich nicht so, als könnten ihn Worte aus dieser Situation retten. Aber dennoch machte es ihn innerlich rasend, daß man ihn der Vergewaltigung und Verschleppung der Kaiserstochter beschuldigte. Doch während sein Alter Ego gekämpft hätte, schwieg er und wünschte sich nur, daß alles bald vorüber war.

Unter ihm wurde das Stroh gelichtet, es wurde Papier dazugeworfen und getestet, aus welcher Richtung der Wind kam. Von all den Arten, an die er zu sterben gedacht hatte – von der autoerotischen Erstickung über einen Flugzeugabsturz bis zum Tod durch eine Schußwaffe – war der Scheiterhaufen nie darunter gewesen. Nun ja, dachte er. Das war es wohl, was man die Ironie des Schicksals nannte. Man zündete ganz außen die ersten Halme aus Stroh an und die kleine Flamme bahnte sich langsam aber sicher den Weg auf ihn zu, als ein Aufruhr durch die Menge ging.

Er öffnete seine Augen nun doch und entdeckte etwas weißes durch die Menge flitzen und die Leute beiseite stoßen. Es war Kathérine, in ihrem Hochzeitskleid. Die Tatsache, daß seine Henker zu überrascht waren, die Prinzessin, die in diesem Moment eigentlich in der Kirche heiraten sollte, vor sich stehen zu haben, ermöglichte es Kathérine bis zum Scheiterhaufen selbst zu kommen. Bis zu Pascal.

"Bindet ihn los!", schrie sie schließlich die Gefolgsleute ihres Vaters an, die aber alle samt nur geniert auf den Boden sahen. "Bindet ihn los, verdammt nochmal!"

"Es tut mir leid, Prinzessin, wir haben Order...", begann der eine und stockte, als sie wütend schnaubte.

"Dann eben nicht!", keifte sie und machte sich an der Kordel um seine Handgelenke zu schaffen. Sie versuchte erfolglos die Knoten zu lösen, als das Feuer seinen Füßen immer näher kam. Er drückte sich dichter und dichter an den Pfahl, während sie weiterhin mit den Fesseln kämpfte. Niemand tat etwas, alle starrten nur.

"Wenn mir nicht sofort jemand hilf, dann stelle ich mich zu ihm", drohte sie, aber keiner rührte sich.

"Kathérine", versuchte er es vorsichtig, aber sie ließ sich nicht abbringen.

"Das hier ist ein unschuldiger Mann. Ein Mann, der nichts verbrochen und nichts getan hat; der verbrannt werden soll, nur weil er eine Frau geliebt hat", schrie sie verzweifelt und sah wie sich die Mienen der Menge verdunkelten. Aber keiner rührte sich. Sie begann schwer zu atmen, als sie bemerkte, daß keiner ihr helfen zu wollen schien. "Ein Mann, ein Vater, der verbrannt werden soll, nur weil er die Mutter seines Sohnes liebt; weil er seine Liebe geteilt hat. Weil er im Gegensatz zum König lieben kann."

"Kathérine", bremste er sie wieder und diesmal drehte sie sich zu ihm um. Er wußte, daß es keinen Wert hatte. Sie begann wieder zu weinen, trat näher an ihn heran und küßte ihn.

"Ich liebe dich", flüsterte sie und er nickte.

"Ich weiß", sagte er schmunzelnd. "Und ich liebe dich."

Ihr langes, weißes Kleid begann Feuer zu fangen. Mit einigen geschickten Schritten hatte sie sich auf die andere Seite des Scheiterhaufens gestellt und hakte ihre Arme unter seinen ein, so daß seine auf ihre Arme wie Fesseln wirkten. Geschockt beobachtete die Menge die Szenerie. Sie beobachten betroffen, wie sich Kathérine und Pascal gegenseitig alle paar Sekunden weinend ihre ewige Liebe schworen. Die hetzerische Stimmung war vergangen, aber keiner tat etwas, um die Geschehnisse aufzuhalten.

Das Feuer hatte sich inzwischen wie in einem Kreis um beide ausgebreitet. Kathérines Kleid brannte und auch seine Kleidung begann zu schmoren.

"Unsere Seelen sind füreinander bestimmt. Heut und auf ewig, richtig?"

"Richtig."

Plötzlich kam von Süden ein kräftiger Windstoß, der das Feuer zu Leben entfachte. Auf der Glut wurden Stichflammen und Kathérine und Pascal begannen zu husten. Mit einem letzten, vor Schmerzen geschrienen Liebesschwur beider Seiten, war es plötzlich still, als sich die rotgelbe Glut um beide zu ohnmächtigem schwarz verwandelte und sie in sich verschlang.

~*~*~*~

Seit Stunden saß sie nun schon an seiner Seite und hielt seine Hand fest in ihren. Die Ärzte hatten keine wirklich ernsthaften Verletzungen ausmachen können, aber da sie selbst Ärztin war, wußte sie, daß das nicht unbedingt viel zu heißen hatte. Sein Brustbein und zwei Rippen waren gebrochen und er hatte an mehreren Stellen ernste Quetschungen. Sie wollte sich gar nicht erst ausmalen, was hätte passieren können, wenn sein Wagen kein Airbag gehabt hätte.

Liebevoll strich sie über seine Stirn und schob seine Haarsträhnen aus seinem Gesicht. Dann legte sie ihre Wange auf der Höhe seiner Schultern auf die Matratze. Sie war müde, denn schließlich hatte sie seit rund sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen. Aber sie würde nicht von seiner Seite weichen, bis es ihm besser ging. Sie schloß ihre Augen und legte ihre Hand vorsichtig über sein Herz, das sie schlagen fühlte.

"Laß mich nicht allein, Mulder", flüsterte sie hoffnungsvoll. "Bitte laß mich nicht allein."

Eine Weile atmete sie den Geruch seines Körpers ein. Liebevoll streichelte sie weiterhin seinen Handrücken. Plötzlich begann er zu husten und etwas zu murmeln. Sie richtete sich an seinem Bett wieder auf und flüsterte mehrmals seinen Namen.

"Können Sie mich hören? Ich bin’s, Scully."

"Ne jamais...", konnte sie aus seinem leisen Gebrumm heraus hören. Jedoch glaubte sie sich zu irren, denn schließlich sprach Mulder seit Jahren kein Französisch mehr. Sie wußte, daß er zwar auf der High School zwei Jahre belegt, aber bald darauf alles wieder vergessen und sich lieber auf Geisteswissenschaften konzentriert hatte. Weshalb also sollte Fox Mulder französisch sprechen?

"Ne jemais...", begann er wieder und diesmal war sie sich sicher auch wirklich gehört zu haben, wovon sie zunächst nur geglaubt hatte es gehört zu haben. "Jamais arrêter à t’aimer."

Nun zog sie die Brauen irritiert in die Höhe. Wen würde er nicht mehr aufhören zu lieben?

"Nous sommes destinés d’être ensamble", rief er nun mit lauterer Stimme. "Aujourd’hui et pour toujours."

"Mulder, können Sie mich hören? Ich bin’s, Scully. Ihre Partnerin, Mulder."

"Ne jamais arrêter à t’aimer", versprach er wieder. Dann sank sein Kopf zur Seite und er schlief. Verwunderte fuhr sie fort, seine Hand und seine Stirn zu streicheln und versuchte sich zu erklären wovon er gesprochen hatte.

Ihr fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. An wen waren diese Worte wohl gerichtet? Während sie nachdenklich und grübelnd auf ihrem Krankenhaushocker an seinem Bett saß, kam er langsam zu sich. Er hatte erwartet nur noch Feuer zu sehen, wenn er die Augen wieder öffnete. Oder die Gesichter seiner Exekutionäre, die sich wohl für alle Ewigkeit in seine Netzhaut gebrannt hatten. Keinesfalls aber hatte er dieses liebliche Gesicht über sich erwartet, das er geglaubt hatte, das letzte Mal gesehen zu haben, als sie ihn vor dem Scheiterhaufen geküßt hatte. Doch ihre Haare waren wieder kürzer, ihr Gesicht ein wenig reifer. Das hier war nicht mehr Kathérine, sondern seine Partnerin. Er sammelte all seine Kraft, um zu lächeln.

"Scully?", erkundigte er sich skeptisch. Nun schmunzelte auch sie.

"Ich bin hier, Mulder", erwiderte sie und begann seine Hand wieder liebevoll zu streicheln, mit dem Daumen sanfte, unsichtbare Kreise auf dem Handrücken zu ziehen.

"Ich... uhm..", begann er und seine Augen waren schon wieder mehr geschlossen als geöffnet. "Ich liebe Sie, Scully."

Selbst die schlagfertige Dana Scully hatte darauf nichts zu sagen. Er lächelte kurz, bevor seine Mundwinkel wieder sanken und er innerhalb von höchstens fünf Sekunden wieder eingeschlafen war. Verwirrt versuchte sie sie sich zu erklären, was er gerade gesagte hatte. Hatte er gesagt

oder

?

Verdammtes Komma! Sprach er von ihr oder von einer dritten Person. Ein weiteres Mal, verließ sie nach einem solchen Versprechen ihres Partners innerhalb weniger Monate, verwirrt das Krankenhaus.

~*~*~*~

"Mulder, daß...", begann sie skeptisch und er schüttelte überzeugt den Kopf.

"Ich schwöre Ihnen, Scully, es ist genauso passiert. Und es war kein bloßer Traum – und glauben Sie mir, ich träume oft genug, um den Unterschied zu kennen."

"Das bezweifle ich."

"Scully, Dana, ich hatte sogar die Wunden von den Fesseln um die Handgelenke - ein paar Narben sind noch immer da. Wie hätte ich die bei einem Autounfall zuziehen sollen?", sagte er und deutete auf die noch immer sichtbaren Wunden, die die Fesseln an seinen Handgelenken hinterlassen hatten.

"Ich gebe zu, die Wunden sind sehr ungewöhnlich..."

"Ungewöhnlich?!", erwiderte er entsetzt darüber, wie skeptisch und stur sie wieder einmal war. "Ungewöhnlich?!? Unmöglich meinen Sie vermutlich!"

"Na schön, Mulder. Ja, unmöglich, aber..."

"Also glauben Sie mir? Daß es möglicherweise wirklich ein vergangenes Leben war, in das ich durch den Unfall, durch eine Nahtoderfahrung, irgendwie hineingerutscht bin?", fragte er unsicher.

"Nein, Mulder", sagte sie und er verdrehte die Augen, als er sich neben ihr auf seine Couch sinken ließ. "Zwar sind sich Experten nicht sicher, ob Teile oder das Ganze dieses Buches authentisch sind, aber..."

"Moment! Welches Buch?", fragte Mulder verwundert und auch Scully war irritiert.

"Na, die Geschichte, die Sie mir gerade erzählten...", erklärte sie und er unterbrach ihre Aussage.

"Ich habe ihnen keine Geschichte und von keinem Buch erzählt, sondern von meinem Erlebnis... und es war *kein* Traum", sagte er spöttisch.

"Mulder, nun tun Sie nicht so, als hätten Sie das Buch nie gelesen! Es ist absolut unmöglich einen Ph.D. in Psychologie zu haben ohne dieses Buch in ihrem Leben nicht mindestens einmal gelesen zu haben", erwiderte sie verärgert.

"Dieses Buch, Scully, dieses Buch, dieses Buch. Welches gottverdammte Buch?"

"Kathérine et Pascal!", antwortete sie ebenso laut.

Nun runzelte Mulder verwundert die Stirn und hob diplomatisch beide Hände. "Scully, ich habe Ihnen nie erzählt, wie wir in meinem Traum hießen."

"Das brauchten sie auch nicht, denn jede Zeile dessen steht genauso in Kathérine et Pascal, Mulder."

"Ich kann mich an ein solches Buch nicht erinnern", sagte er verwirrt, mit kleinlauter Stimme.

"Mulder, dieses Buch ist nach Romeo & Julia eine der größten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Sie wollen doch nicht wirklich behaupten, dieses Buch nicht zu kennen?", fragte sie ruhig und geduldig.

Er schüttelte den Kopf und dachte nach. "Natürlich!", rief er dann.

"Was?"

"Ich weiß, wieso ich mich nicht an dieses Buch erinnere. Als ich meinen Unfall hatte, gab es diese Geschichte noch nicht."

"Das Buch wurde um 1590 geschrieben, Mulder."

Er grinste; wissend, daß er die Lösung gefunden hatte. "Ja, Scully, aber vor meinem Unfall gab es dieses Buch noch nicht. Dann bin ich irgendwie in die Vergangenheit geraten und habe diese Geschichte überhaupt erst geschehen gemacht. Deshalb existierte sie von dem Moment ab dem 16ten Jahrhundert und ergo auch in der Gegenwart, in der ich mich nun wieder befinde."

"Sie erwarten nicht, daß ich das glaube, oder?"

"Glauben Sie, was sie wollen, Scully", erwiderte er und grinste zufrieden. Scully seufzte nur und streifte die Schuhe von ihren Füßen, damit sie sie auf seinen Couchtisch legen konnte. Sie legte den Kopf zurück und schloß die Augen.

"Noch eine Frage", sagte er leise und sie wandte ihm seufzend ihren Blick zu.

"Was denn?"

"Wer ist der Autor des Buches? Wir ains beide bei dem Feuer umgekommen, also kann keiner von uns der Verfasser sein."

"William Guichot."

Mulder grinste breit. "Unser Sohn."

"Bitte?"

"William Guichot ist unser Sohn gewesen, Scully. Das Baby, das wir bei Jacques und Marie-Claire zurücklassen mußten. Also hat Marie-Claire ihr Versprechen wahr gemacht und ihm von uns erzählt!" Er grinste stolz.

"Mulder, die Nachnamen von Jacques und Marie-Claire werden im Buch nie genannt."

"Kann sein, aber ich habe das Buch ja auch nicht gelesen, Scully." Sie seufzte und blickte hinauf an seine Zimmerdecke, während er verträumt schmunzelte. Wenn er seine ganzen Erlebnisse im Schnelldurchlauf betrachtete, dann wunderte er sich, wie er all das in den wenigen Stunden seiner Ohnmacht hatte träumen können.

"Wollen Sie wissen, was ich gedacht habe, als ich mit Kathérine auf der Flucht war?"

"Was, Mulder?"

Er rutschte näher an sie heran und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er sah sie liebevoll an und ihre blauen Augen musterten ihn neugierig und erwartend. Er lächelte. "Ich dachte mir wie viel einfacher wir beide es hier doch haben. Keiner, der uns mit der Guilottine droht, keine blutrünstigen Adligen auf unseren Fersen, kein patriotischer Kaiser, der uns an den Kragen will. All das muß man erlebt haben um zu verstehen, welch kleine Hürde falscher Selbststolz und das FBI sind."

"Und damit wollen sie sagen, Mulder?"

"Je ne vais jamais arrêter à t’aimer."

Ich werde niemals aufhören, dich zu lieben.

Sie lächelte zufrieden. Als sie sein Gesicht in beide Hände nahm und mit den Daumen über seine Wangen strich.

"Probablement nous sommes vraiment destinés d’être ensemble pour toujours. Aujourd'hui et pour toujours."

- - Ende - -

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Anmerkungen der Autorin:
1. für alle "Nicht-Franzosen":
Probablement nous sommes vraiment destinés d’être ensemble pour toujours
- vielleicht sind wir wirklich dazu bestimmt, ewig zusammen zu bleiben.
2. Ich hatte ne 4 in der letzten Geschichtsex, also nehmt mein möglicherweise mangelndes gesamtgeschichtliches Wissen nicht zu genau. Merci!
Achso, noch eine Kleinigkeit: Ich hafte nicht für die Richtigkeit der Fremdsprachigen Sätze hierdrin. Net das mir einer irgendwas ähnliches in ner Schulaufgabe oder Klausur auf das Blatt pinselt! Denkt schön selbst nach!
3. Nein, das Buch "Kathérine et Pascal" existiert in Wirklichkeit *nicht*, ebensowenig wie William Guichot. Die gesamte Story ist meiner Feder entsprungen *verneig*
4. Danke an Claudi für die Beta!
5. Ich hätte gern ein bißerl Feedback, Leute!!!