Titel: Goodbye, my friend (Teil 1/X)
Autor: Cat
Kontakt:
CrazyCat179@t-online.de
Rating: PG-13
Spoiler: Keine besonderen
Timeline: Back to the good old times!
Keywords: MSR, Scully/Other, Angst, Character death

Short-Cut: Wieviel muss geschehen, damit die Liebe nicht mehr ausreicht um weiter zu bestehen? Und was passiert dann?

Disclaimer: Bla, bla, bla. Jeder weiß, dass nicht ich die X Files erfunden habe, sondern Chris Carter. Er, Fox und 1013 haben alle Rechte, ich net. Basta! Aber George ist ganz allein aus meinem kranken Hirn entsprungen!
 
 

Goodbye, my friend
1/?



 
 
 

"Jeder Abschied ist betäubend. Man denkt und empfindet weniger, als man glaubte: Die Tätigkeit, in die unsere Seele sich auf ihre eigene weitere Laufbahn wirft, überwindet die Empfindbarkeit über das, was man verlässt" ~ Herder, 1769

"Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Miss?", erkundigte sich Peter Rogers höflich bei der alleinsitzenden jungen Frau. Diese schüttelte nur ablehnend ihren Kopf. Mit ihren Gedanken schien sie Lichtjahre entfernt zu sein. Unauffällig glitt sein Blick über den Gast. Sie trug ein elegantes, langes, schwarzes Abendkleid mit einem aufregenden Dekolleté. Sie hatte ein sehr dezentes Make-up aufgetragen, was ihre natürliche Schönheit noch unterstrich. Außer einer kleinen Armbanduhr, edlen Perlenohrringen und einer goldenen Kette mit einem Kreuz trug sie keinerlei Schmuck. Ihre Haare waren zu einer atemberaubenden Hochfrisur gesteckt, aus der sich ein paar einzelne rotgelockte Strähnen gelöst hatten, die sanft ihr Gesicht umrahmten. Und doch saß sie seit fast zwei Stunden ganz alleine im Restaurant. Ihm war traurigerweise klar, dass die unbekannte Schönheit versetzt worden war. Aber was für ein Mann würde es wagen, eine solche Frau zu versetzen? Ungläubig und auch etwas niedergeschlagen schüttelte er seinen Kopf.
Weitere 15 Minuten später trat er erneut an ihren Tisch und räusperte sich kurz, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Verwirrt schaute sie ihn aus den blauesten und gleichzeitig traurigsten Augen, die er jemals gesehen hatte, an. Dann bemerkte sie, dass er auf ihre bereits dritte leere Kaffeetasse deutete. Sie schüttelte nur andeutungsweise ihren Kopf. Peter wollte sich schon wieder abwenden, als sich ihm eine kleine, zierliche Hand mit perfekt manikürten Fingernägeln auf seinen Arm legte. Erwartungsvoll versank er abermals in ihren wunderschönen Augen.
"Können Sie mir bitte die Rechnung bringen und ein Taxi rufen?", richtete sie ihre Worte an ihn. Ihre Stimme klang melodisch, unglaublich weiblich und sexy. Peter schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und antwortete mit einem "Natürlich, einen Moment bitte." Widerwillig ging er zur Theke um ihr die Rechnung fertig zu machen. Einerseits war er enttäuscht, dass sie jetzt gehen würde, andererseits fand er, dass sie schon viel zu lange hier gewartet hatte.
Mit der Rechnung in der einen, und ihrem Mantel in der anderen Hand trat er erneut an die rothaarige Frau heran. Er reichte ihr die verlangte Rechnung und wartete geduldig, bis sie ihr Portemonnaie aus ihrer Handtasche gekramt hatte und ihm den ausgewiesenen Betrag mit einem beachtlichen Trinkgeld über den Tisch schob. Sich bedankend half er ihr in den Mantel und begleitete sie an die Tür. Dort wartete bereits das gerufene Taxi. Höflich öffnete er die Beifahrertür und ließ die Schönheit ins Auto. Sie noch einmal herzlich anlächelnd, schloss er die Tür und deutet dem Taxifahrer an, sich auf den Weg zu machen. Gedankenverloren starrte er dem Wagen nach, bis er um die Ecke gebogen war. Er hoffte nur, dass der Schweinehund eine verdammt gute Erklärung dafür hatte, eine Frau wie diese zwei Stunden in einem Restaurant warten lassen zu haben. Sich wieder in die Realität zurückholend, trat er ins Restaurant zurück und widmete sich den anderen Gästen.
 
 

**********

Frustriert und stocksauer feuerte Dana Scully ihre Wohnungsschlüssel auf den Couchtisch. Wütend kickte sie ihre hohen Riemchenpumps von den Füßen und begann, in ihrer Wohnung auf und ab zu tigern, um sich wieder etwas zu beruhigen. Aber das war nicht so einfach, nicht nach diesem Abend. Ein Gefühl von Déjà-vu durchkreiste ihre Gedanken. Das wievielte Mal hatte er sie jetzt schon versetzt? Sie hatte keine Ahnung, beim dritten Mal hatte sie aufgehört zu zählen. Aber heute, ausgerechnet heute. Warum? Diese Frage stellte sie sich, seit sie das Restaurant verlassen hatte, unentwegt. Warum musste er sie ausgerechnet heute versetzten? Hatte er aus der Vergangenheit denn überhaupt nichts gelernt? Oder war es ihm einfach egal? Sie konnte das nicht glauben, seine Tränen vor einigen Wochen waren echt gewesen. Aber was sollte sie denn jetzt nur tun? Er hatte ihr doch versprochen, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Bedeutete sie ihm wirklich so wenig? War nie für ihn ein Zeitraum von einigen wenigen Wochen? Erwartete er jetzt von ihr, dass sie ihm verzeihen würde, ihm keine Vorwürfe machen würde? Nein, dieses Mal nicht. Ihre Grenzen waren bereits erreicht, nein, sie waren schon überschritten. Dieses Mal würde sie ihre Drohung wirklich wahr machen. Sie konnte so nicht weiter leben, dies alles zeriss sie innerlich, sie würde einen Schlussstrich ziehen, ein für allemal!
Tief traurig und zugleich sehr entschlossen begab sie sich in ihr Schlafzimmer. Enttäuscht zog sie ihr teures und bis heute ungetragenes Kleid aus und hängte es auf einen Kleiderbügel. Sie betrachtete sich im Spiegel. Der schwarze, mit Spitze verzierte Seiden-BH mit passendem Slip und die hohen halterlosen Stümpfen, die ebenfalls in Spitze gefasst waren, stellten einen starken Kontrast zu ihrer weichen elfenbeinfarbenen Haut dar. Sanft fuhr sie die Konturen ihres BHs ab. Und wie viele Male hatte sie extra für einen gemeinsamen Abend sündhaft teure und sexy Unterwäsche ungenutzt wieder ausgezogen und hatte sich einsam, allein gelassen und frustriert in den Schlaf geweint? Nein, sie hatte definitiv die Nase voll.  Sie würde die intensivste, schönste, inspirierendste, wunderbarste, unglaublichste und gleichzeitig doch auch frustrierendste, verletzendste und traurigste Beziehung, die sie jemals hatte, beenden.
Sie merkte wie stumme und verzweifelte Tränen ihre Wange herunter liefen. Eilig entledigte sie sich ihrer letzten Kleidungsstücke, ging zum Kleiderschrank und kramte aus dem hintersten Stapel ein warmes, weiches Flanellhemd heraus. Verstohlen hob sie es an ihre Nase und atmete den frischen Geruch von Zitronen ein. Schnell zog sie es an. Doch ihre Tränen liefen unaufhaltsam weiter. Stille Boten ihres inneren Schmerzes über eine Entscheidung, die sie treffen musste, um sich selbst treu zu bleiben. Doch die Tränen interessierten sich nicht für ihre Beweggründe. Sie bahnten sich unweigerlich weiter den Weg ihr Gesicht herunter, einige liefen ihren Hals herab, andere fielen auf den weichen Teppichboden, und einige wenige blieben auf ihren bebenden Lippen hängen. Leise schluchzend fuhr sie mit ihrer Zunge darüber und nahm den salzigen Geschmack wahr. Ihr Blick wanderte ein wiederholtes Mal zum Spiegel.
Wer war die Frau, die ihr aus den eigenen Augen entgegen sah? Was war mit ihrer noch vor einigen Minuten perfekten Schminke geschehen? Wo war die schwarze Unterwäsche geblieben? Was war mit der Dana Scully geschehen, die noch vor einigen Tagen glücklich in den Armen des Mannes gelegen hatten, den sie liebte? Was war geschehen? Sie wusste, dass sie ihn noch immer liebte. Aber manchmal war das nicht genug. Ihr war das nicht mehr genug.
Müde und ausgelaugt begab sich Dana in ihr Badezimmer. Sie wusch sich die Überreste ihrer Schminke und die langsam trocknenden Tränen vom Gesicht. Abermals blickte sie in den Spiegel, in ihre rotverweinten Augen. Fluchtartig wendete sie sich ab und begann, sich die Zähne zu putzen. Den Spiegel mied sie, als wäre er aus Feuer und würde versuchen, sie in seine heißen und tödlichen Flammen zu ziehen. Dann löschte sie sämtliche Lichter in ihrer Wohnung und ließ sich erschöpft ins Bett fallen. Sie rollte sich zusammen und umklammerte ihre Beine mit den Armen. Als wären sie der Rettungsring einer Ertrinkenden. Aber sie ahnte, nein, sie wusste, dass sie untergehen würde. Sie würde in einer Flut aus Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit versinken.
Erst nach einigen grausam langen Stunden übermannte sie die Erschöpfung und sie fiel in einen unruhigen und traumlosen Schlaf.
 
 

**********




Dana Scully wurde durch das Geräusch des Aufschließens ihrer Haustüre unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ihr müder Blick wanderte zu ihrem Wecker. 2:21 leuchtete in roten Nummern auf. Und er kam erst jetzt heim? Sie hörte wie er die Schlafzimmertüre leise und vorsichtig öffnete. Das fahle Licht des Mondes fiel auf ihr Bett. Doch durch das Schließen der Tür wurde die Helligkeit wieder aus dem Schlafzimmer verbannt. Sie konnte die dunkle, in Schatten getauchte Form ihres Lovers ausmachen. Er schien auf ihre regungslose Gestalt zu sehen. Sie stellte sich schlafend. Sie brauchte noch einige Minuten um sich zu sammeln. Um ihn, ohne in Tränen auszubrechen, aus ihrer Wohnung und aus ihrem Leben zu verbannen. Wie ein Dieb auf leisen Sohlen durchquerte er den Raum, um sich neben sie aufs Bett zu setzen. Sie nahm einen Luftzug wahr, dann hauchte er ihr einen Kuss auf die Stirn und murmelte ein leises "Sorry, Baby." Wenig später war das leise Rascheln von Kleidungsstücken zu hören. Dann bemerkte sie, wie die Matratze neben ihr durch sein Gewicht einsackte. Er zappelte etwas herum und schien mit der Bettdecke zu kämpfen. Dann hörte sie nichts mehr außer ihrer beider ebenmäßige Atemzüge. Kurz darauf spürte sie, wie sich sein nackter Arm um ihre Hüfte schlang und er versuchte, sie in eine innige Umarmung zu ziehen.
Diese Geste war genau das, was sie erhofft, aber auch befürchtet hatte. Wenn sie nicht jetzt diese ganze Sache zu Ende bringen würde, wann dann? Entschlossen schüttelte sie seinen Arm ab und setzte sich im Bett auf. Er schien darüber erschrocken zu sein, schließlich hatte er sie schlafend geglaubt. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung sammelte er sich wieder und flüsterte ein "Dana, Darling, es tut mir so unendlich leid, ich..."
Doch weiter kam er nicht. Dana fuhr ihn außer sich an.
"Es tut dir leid? So leid wie es dir vor drei Wochen getan hat, als du mir versprochen hast, dass das nie wieder geschehen würde? Für wie naiv hältst du mich eigentlich? Und dann wagst du es jetzt noch, seelenruhig zu mir zu kommen und dich zu mir ins Bett zu legen? Dieses Mal hast du den Bogen definitiv überspannt, Mister. Ich kann so nicht mehr weiter machen, ich will es auch nicht mehr."
Er sah zutiefst erschrocken und ziemlich überrumpelt aus. Er suchte nach den richtigen Worten, um ihr die Notwendigkeit zu erklären.
"Hör zu Dana, ich hatte keine andere Wahl, ich meine, es..."
"Hör auf damit. Du kannst mir nicht weismachen, dass du den ganzen Tag nicht die kleinste Möglichkeit hattest, ein gottverdammtes Telefon zu finden, um mich anzurufen. Du konntest mir nicht mitteilen, dass es heute nicht klappt? Du weißt, dass ich das akzeptiert hätte. Verdammt, heute ist unser halbjähriges Jubiläum. Ich hätte es verschoben, wenn du in der Lage gewesen wärst, mir Bescheid zu geben. Ich habe 2 Stunden in diesem beschissenen Restaurant gewartet. Zwei Stunden!" Ihre Stimme bebte vor Wut und Rage. Die sonst so sanften und himmelblauen Augen der Agentin hatten sich in ihrer Aufregung zu tiefblauen, gefährlich glänzenden Polen verwandelt.
"Es tut mir wirklich leid. Ich hätte dich anrufen sollen. Es ist nur..." Er schien nach den geeigneten Worten zu suchen.
"Ich möchte, dass du gehst. Ich kann so nicht mehr leben. Verschwinde aus meiner Wohnung." Sie deutete mit gespreizten Fingern auf die Tür und sah ihn mit einem ernsten Gesichtsausdruck an.
Er schien schockiert über ihre Forderung zu sein und stammelte hastig:
"Dana, das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich habe doch gesagt, dass es mir leid tut."
"Es ist mein bitterer Ernst. Dasselbe hast du auch vor drei Wochen gesagt. Du hast mir versprochen, dass... Gott, du hast mich tränenüberströmt um eine zweite Chance angefleht. Die hast du bekommen, und verspielt. Ich will, dass du jetzt sofort gehst. Ich bin morgen Mittag zum Brunch mit meiner Mutter verabredet. Ich erwarte, dass du, bis ich zurück komme, deine ganzen Sachen abgeholt hast. Und jetzt hau ab!" Schnell sprang sie vom Bett auf, um ihn ihre Verzweiflung und die anbrechende Tränenflut nicht sehen zu lassen. Sie lief ins Badezimmer und verschloss geräuschvoll die Tür. Dana hoffte, dass er gehen würde, aber sie wusste, dass er so schnell nicht aufgeben würde, dafür kannte sie ihn zu gut. Wie erwartet, vernahm sie seine belegte Stimme hinter dem sie rettenden Holz. Er klang aufgewühlt und schien ebenfalls gegen Tränen anzukämpfen.
"Bitte, tu mir das nicht an. Du weißt doch, dass ich dich über alles in der Welt liebe. Du kannst mir nicht weismachen, dass du mich nicht mehr liebst. Dana, bitte sag was", flehte er sie an. Sie konnte förmlich sehen, wie die Tränen seine Wangen hinabströmten.
"Ich weiß, dass du mich liebst. Ich liebe dich auch, aber manchmal reicht Liebe allein nicht aus, um weiter zu machen. Mir reicht sie nicht mehr aus. Du hast mich zu oft versetzt. Du hast mir zu oft beteuert, dass dies das letzte Mal war. Du hast mich zu oft in dieser Beziehung außen vor gelassen. Ich KANN so nicht mehr weiter machen, es geht einfach nicht mehr." Warum konnte er ihre Entscheidung nicht einfach akzeptieren und verschwinden?
"Ich kann dich in diese Sachen einfach nicht mit einbeziehen. Ich liebe dich zu sehr! Ich habe Angst, dass dir etwas zustößt, versteh das doch!" Frustriert verbarg sie ihr gerötetes Gesicht in ihren Händen. Erst nach einigen tiefen Atemzügen war sie im Stande, wieder etwas fester zu klingen.
"Und du glaubst, ich würde mir keine Sorgen machen, wenn du mal wieder für Stunden oder sogar Tage verschwunden bist, ohne dich auch nur zu melden? Weißt du, was ich mir dann für Sorgen mache? Verstehst du denn nicht, dass ich so nicht leben kann? Diese Ungewissheit  zerreißt mich innerlich! Ich weiß nicht, wo du bist, ich weiß nicht, was du machst, ob es dir gut geht. Ich akzeptiere, wenn du das im Büro machst, weil du dich dann immer, wenn du in Schwierigkeiten bist, bei mir meldest und erwartest, dass ich dich aus der Scheiße wieder herausziehe. Und Gott steh mir bei, ich tue es. Ich bin dein Partner. Aber ich bin auch auf privater Basis dein Partner. Und wenn du wieder blind und außer Dienst irgendwelchen Spuren hinterherläufst, ohne mir auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, dann habe ich das Gefühl, als ob mein Herz in meiner Brust zerspringt. Dann kehrst du irgendwann wieder enttäuscht, dreckig und oft auch verletzt zurück und erwartest von mir, dass ich die Hand auflege, dich umarme und alles wieder gut wird? Gott Fox, du erwartest zu viel von mir. Ich habe mir beim letzten Mal geschworen, dass ich dem Ganzen ein Ende setzen werde, wenn so etwas wieder vor kommt. Du wusstest das, du hast mich schon beim letzten Mal mit deinem Hundeblick davon abgehalten, dich ein für allemal rauszuschmeißen. Aber genug ist genug. Es ist aus, es ist vorbei. Bitte tu mir nicht noch mehr weh und geh einfach."
Sie wartete auf eine Reaktion. Es herrschte Totenstille. Nach einigen schrecklich langen Minuten vernahm sie ein leises Schluchzen, dann seine Schritte zurück ins Schlafzimmer.
Dann hörte sie seine leise und gebrochene Stimme zu ihr sprechen.
"Ich werde jetzt gehen, Dana, weil mir das, was du willst, inzwischen wichtiger ist als das, was ich will. Ich liebe dich, und ich werde es immer tun."
Das nächste, was sie wahrnahm, war die Haustüre, die ins Schloss fiel. Erleichtert, gleichzeitig aber doch unglaublich traurig und verletzt sank sie laut schluchzend ihre Badezimmertüre hinunter.
 
 

**********

BRRRRRRRRR
BRRRRRRRRR

Verwirrt tastete Dana Scullys Hand nach dem lärmenden Wecker. War es wirklich schon Zeit zum Aufstehen? Tatsache, es war bereits 06:15. Müde gähnte sie hinter vorgehaltener Hand und rieb sich ihrer brennenden und wahrscheinlich auch roten Augen. Wie war sie überhaupt in ihr Bett gelangt? Und wann? Sie hatte nicht den blassesten Schimmer. Aber an eine Sache erinnerte sie sich noch haargenau. Dieses Trauerspiel hatte sich endlose Male in ihren Träumen wiederholt. Nein, Träume waren es eigentlich nicht gewesen. Es waren Alpträume. Die Alpträume ihres Lebens. Die erschreckende, quälende und schrecklich traurige Realität.
Wie um Himmels Willen sollte sie ihm heute denn noch entgegentreten? Was sollte sie tun? Sie war sich sicher, dass er nichts unversucht lassen würde, sie von ihrem Beschluss abzubringen. Sie musste stark sein, stark und hart. Sie musste das tun, was für sie am Besten war – auch wenn es gewiss ein unebener und holpriger Pfad sein würde, den sie nun begehen würde. Sie war jetzt zum unzähligsten Male an einer Weggabelung ihres Lebens angekommen. Heute würde sie geradeaus gehen, und nicht wie all die anderen Male wieder im Kreis herumirren, auch wenn es schmerzhaft werden würde. Es würde garantiert nicht einfach werden, aber das Leben war nicht einfach!
Mühsam erhob sie sich mit steifen Gliedern aus ihrem warmen Bett, um eine – hoffentlich belebende – Dusche zu nehmen. Sie ließ das heiße Wasser auf ihren strapazierten Körper prasseln. Unter normalen Umständen hätte sie sicherlich gemerkt, dass das Wasser viel zu heiß war, aber ihr umnebelter Verstand registrierte das nicht. Ihre blasse Haut färbte sich rot, doch Dana zeigte keinerlei Reaktion. Mit einer zitternden Hand strich sie eine nasse Strähne nach hinten und richtete ihr verweintes Gesicht direkt in den Strahl. Wie aus einer tiefen Trance erwachend sprang sie plötzlich erschrocken zur Seite, um der Reichweite des heißen Wassers zu entkommen. Irritiert begann sie sich die Haare zu waschen. Nachdem sie sich auch ihren Körper mit wohlriechendem Duschgel eingeseift hatte, trat sie nass und zitternd aus der Dusche heraus und schlang sich ein riesengroßes Badehandtuch um. Ganz auf Autopilot beendete sie ihre morgendliche Badezimmerprozedur und lehnte vierzig Minuten später perfekt gestylt und frisiert in ihrer Küche an der Anrichte, um sich einen starken Kaffee zu kochen. Dann griff sie nach ihrer Tasche, ergriff den Schlüssel und setzte sich, nachdem sie ihre Haustür sorgfältig verschlossen hatte, in ihr Auto.
Sie hoffte nur, dass sich Mulder, wie meistens, wieder verspäten würde. Sie wollte ihm erst begegnen, wenn sie alles geregelt hatte. Alles andere würde ihre sorgfältig aufgebaute, doch auf wackligem Grund errichtete Fassade zum Einsturz bringen. Und das wollte sie auf jeden Fall vermeiden, unter allen Umständen.
 

Äußerlich gelassen, cool und gesammelt betrat sie das J.E.H.-Building. Sich ihre inneren Qualen nicht anmerken lassend, begab sie sich zu ihrem und Mulders Kellerbüro. Erleichtert ließ sie die Luft aus ihren Lungen weichen, von der sie nicht einmal wusste, dass sie diese angehalten hatte. Mulder war wirklich noch nicht da. Sie ging zum Schreibtisch und feuerte ihre Tasche daneben auf den Boden. Dann ergriff sie den Telefonhörer und wählte eine ihr nur allzu gut bekannte interne Nummer.
"Sir, guten Morgen. Hätten Sie vielleicht gleich einen Moment Zeit für mich?" Angestrengt lauschte sie der Antwort ihres Vorgesetzten.
"Nein Sir, das hat nichts mit Agent Mulder zu tun, es geht nur um mich", beteuerte sie, obwohl sie sich ihrer Lüge durchaus bewusst war.
"OK, dann um 10:00 Uhr, danke Sir" Erleichtert darüber, dass er heute eine halbe Stunde freie Zeit für sie aufwenden würde, ließ sie sich am Schreibtisch nieder und begann damit, einige ihr noch fehlende Berichte zu schreiben. Kurze Zeit später stand sie auf, um sich eine Tasse Kaffee zu besorgen. Wann hatte sie begonnen, ein Koffein-Junky zu sein?
Mit einer Tasse voll heißem und duftend frischem Kaffee kam sie zurück. Vorsichtig durchquerte sie den Raum, fuhr dann aber erschrocken zusammen, als sie Mulder direkt vor ihr stehen sah. Sie hatte ihn absolut nicht wahrgenommen. Ausweichend und gleichzeitig fliehend schlängelte sich Dana an ihrem Partner vorbei zu ihrer Seite des Kellerbüros. Mulders gekränkter und trauriger Blick folgte ihr, während sie sich auf ihrem Stuhl fallen ließ. Mulder ignorierte sie einfach. Irgendwie musste sie die Zeit totschlagen, bis sie endlich zu Skinner gehen konnte.
Durch ihre offen gezeigte Abweisung verschreckt und auch verunsichert, schien Mulder nicht so recht zu wissen, was er in dieser Situation tun sollte. Das konnte ihr nur recht sein. Solange er sie nicht darauf ansprach, solange würde ihre Fassade nicht zu bröckeln beginnen. Eigentlich hatte sie mit einem Wutausbruch, einem Liebesgeständnis oder zumindest mit einer schmerzhaften Konfrontation gerechnet, aber dass Mulder nur so auf seinem Stuhl saß, sie anschwieg und ins Leere starrte, das machte ihr doch etwas Angst. Sie war sich so sicher gewesen, seine weitere Reaktion richtig einzuschätzen, dass er alle Hebel in Bewegung setzten würde, um sie zurück zu gewinnen, aber diese Teilnahmslosigkeit erschien ihr so fremd. Bedeutete sie ihm wirklich so wenig? Waren all seine Gefühle nur gespielt gewesen? Das konnte doch nicht sein? Aber andererseits erinnerte sie sein Zustand an die Art und Weise, wie er immer aus der Realität abtauchte, wenn er angestrengt ein Täterprofil erstellte. Sollte das etwa heißen, dass Mulder sie womöglich gerade profilte? Oder ihre Beziehung, oder das Ende von dieser? Womöglich alles. Aber warum zerbrach sie sich darüber jetzt bloß den Kopf. Dies war doch zu Zeit ihre geringste Sorge. Sie musste sich um ihre Zukunft kümmern.
Als wäre dieser Gedanke ihr Schlagwort gewesen, wandte sich Dana Scully wieder ihrem PC zu und begann, angestrengt ihre Kündigung zu schreiben. Hier in DC, bei den X Akten, das alles sollte bald der Vergangenheit angehören. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel. Sie musste weg von hier, von all den Gefühlen, den bitteren Tränen und der Vergangenheit. Sie musste in die Zukunft sehen.
Mit fliegenden Fingern suchte sie ein Schreiben in ihrer Aktentasche. Sie hatte es letzte Wochen erhalten, und wollte es eigentlich schon in einem Karton ablegen, aber aus irgendeinem Grund hatte sie es nicht getan. Heute war sie zutiefst erleichtert, dass sie es sich in greifbarer Nähe aufgehoben hatte. Der Brief stammte von einem Mann, den sie in ihrer Jugend sehr gut gekannt hatte. George Wennington. Er war eigentlich einer von Bills Freunden gewesen und verbrachte damals sehr viel seiner Freizeit bei der Scully-Familie. Er war ein gern gesehener Gast gewesen, und wenn er da war, dann wurde nicht erst groß gefragt, ob er mitessen wollte, es wurde einfach für ihn mitgedeckt. Mit der Zeit hatte George angefangen, auch einige Zeit mit Dana zu verbringen. Ihre Eltern hatten sich zwar gewundert, warum der schon zwanzigjährige junge Mann der erst sechzehnjährigen Dana so viel Aufmerksamkeit schenkte, doch sie hatten keine Bedenken und ließen die Kinder gewähren. Es entwickelte sich eine sehr innige Freundschaft zwischen den Beiden. George ließ Dana an seinen Zukunftsträumen als Rechtsanwalt teilhaben, und Dana erzählte ihm von ihren Plänen, später einmal Ärztin zu werden.
Nach drei Monaten musste die Familie Scully wieder umziehen, und genau in diesem Jahr fiel es allen sehr schwer, die Stadt und mit ihr all ihre neuen Freunde, besonders George, zu verlassen, um in einer fremden Stadt wieder einmal neue Freunde zu suchen. Der Kontakt zu George wurde nie eingestellt. Bill und Dana schrieben ihm regelmäßig lange Briefe und George brauchte keine drei Tage, um darauf zu antworten. Doch mit der Zeit wurde aus der Regelmäßigkeit nur noch ein sporadischer Briefwechsel. Sie schrieben sich zu ihren Geburtstagen und an Feiertagen, und Dana erhielt hin und wieder Postkarten von Urlaubsorten, die George besucht hatte. Ab und zu telefonierten sie, und es schien so zu sein wie früher, als wären sie noch immer die jungen Leute von damals, die noch nicht das Böse dieser Welt zu Gesicht bekommen hatten. Dana wusste, dass George nicht Anwalt, sondern FBI-Agent geworden war. Er meinte, so hätte er eine bessere Möglichkeit, die bösen Buben dieser Welt zu bekämpfen. Dana musste immer wieder leise in sich hineinlachen, wenn sie daran dachte, was aus ihren damaligen Träumen geworden war, und dass sie jetzt beide mit Dienstmarke und Waffe den bösen Buben hinterher jagten. Verträumt schaute Dana auf den Brief.
 
 

Liebe Dana,

ich war gerade oben auf meinem Dachboden, und dort habe ich einen Karton mit lauter alten Briefen gefunden, Briefen von dir. Ich habe sie alle noch einmal durchgelesen und musste doch über den einen oder anderen schmunzeln. Ich kann noch immer nicht glauben, dass das schon so lange zurück liegt.

Beruflich habe ich einige Fortschritte gemacht, ich bin jetzt der Einsatzleiter einer kleinen Gruppe. Unser Einsatzfeld sind sogenannte "Sondereinsätze". Um ehrlich zu sein, mit dieser Beförderung hätte ich wirklich nicht gerechnet. Aber ich habe ein tüchtiges und verlässliches Team und kann mich nicht beklagen. Eine neu genehmige Stelle habe ich allerdings noch offen. Ich weiß, dass du bei deinen X Akten glücklich bist, aber ich werde auch in diesem Brief die Chance ergreifen, und versuchen, dich für mein neues Projekt in Chicago zu gewinnen. Kann man es mir verübeln?

Scherz bei Seite, ich denke, dass eine Agentin mit deinen Außendiensterfahrungen, deiner Schusssicherheit und noch dazu mit dem medizinischen Know-how ideal in unser Team passen würde. Wenn dir also die ganzen Außerirdischen zu viel werden, ich würde mich wirklich freuen, dich in mein Team aufzunehmen.

Was macht denn dein Mulder? Noch immer im siebten Himmel? Versprich mir aber, mich auf eure Hochzeit einzuladen, als alten Jugendfreund!

So, liebe Dana, die Arbeit ruft. Ich wünsche dir eine stressfreie Woche und würde mich auf eine Antwort freuen.

In Liebe

George

Obwohl sie den Brief bereits zweimal durchgelesen hatte, starrte sie noch immer auf das Stück Papier. Viel Zeit hatte sie nicht mehr bis zu ihrem Meeting mit Skinner. Schnell druckte sie ihre nun fertige Kündigung aus und überflog sie noch einmal. Schweren Herzens, aber doch wissend, dass dies die beste Lösung war, unterschrieb sie. Den Brief faltete sie wieder sorgsam zusammen, steckte ihn in ihre Jackentasche und machte sich auf den Weg zu Skinners Büro. Mulder starrte noch immer ins Leere und schien von ihrem Aufbruch nicht das Geringste mitzubekommen. Um so besser.
 

Zaghaft klopfte Dana an die Türe von Skinners Sekretärin. Da sich niemand meldete, trat sie vorsichtig ein und sah sich suchend um. Niemand war im Raum. Und die Tür zu Skinners Büro war nur angelehnt. Dana durchquerte das Zimmer und steckte ihren Kopf durch die Türe. Skinner bemerkte seine Agentin sofort und wies sie an, sie solle eintreten und Platz nehmen. Alle verbleibenden inneren Kräfte sammelnd, befolgte Dana seine Anweisungen. Steif ließ sie sich auf dem rechten Stuhl nieder. Zwangsweise wanderte ihr Blick zu dem neben ihr stehenden, jetzt freien Stuhl – Mulders Stuhl. Ein Schaudern lief über ihren Rücken. Sie würde nie wieder mit Mulder hier, vor Skinners Schreibtisch sitzen. Nie wieder würde sie mentale Tritte in den Hintern kassieren, die Mulder durch eine unüberlegte und dumme Aktion hervorgerufen hatte. Dies alles würde jetzt aufhören.
Skinner räusperte sich und sah Dana Scully fragend an. Sie holte tief Luft, zog ihre Kündigung heraus und legte sie kommentarlos vor Skinner. Der A.D. studierte das Schreiben aufmerksam, Zeile für Zeile. Dann lehnte er sich zurück, legte seine Brille ab, rieb mit seinen Händen die müden Augen und blickte Scully voller Überraschung an.
"Ich bin erstaunt, Agent Scully. Woher kommt dieser plötzliche Entschluss?"
"Nun, Sir, ich habe mir das Ganze reiflich überlegt und bin nicht von meiner Entscheidung abzubringen."
"Meiner Empfindung nach kommt es etwas plötzlich. Was ist mit Mulder, was ist mit den X-Akten? Um ganz ehrlich zu sein, war ich sogar der Annahme, dass sie beide ein Paar wären."
Scully schluckte. Nun, sie würde die Antwort so geschickt verpacken, dass sie ihn noch nicht einmal anlügen musste.
"Agent Mulder und ich, wir sind kein Paar." Zumindest nicht mehr. "Und was die X-Akten angeht, so habe ich in den letzten Jahren meine Zeit ausschließlich Mulder und den X-Akten gewidmet. Ich denke, dass es an der Zeit ist, in eine andere Richtung zu blicken."
"Sie wollen das FBI ganz verlassen?" Skinner war sichtlich unwohl in seiner Haut.
"Nicht ganz, ein guter Bekannter hat mir eine vielversprechende Stelle in Chicago in einer Sondereinheit angeboten. Ich habe beschlossen, dieses Angebot anzunehmen."
"Nun, so wie sich das anhört, kann ich wohl nicht mehr viel ausrichten. Wie ich ihrer Kündigung entnehme, so beabsichtigen Sie, Washington so schnell wie möglich zu verlassen?"
"Ja, Sir, ich würde es sehr schätzen, meine neue Stelle so schnell wie möglich antreten zu können."
"Da es sich ja in diesem Fall dann um eine interne Versetzung handeln würde, bin ich gewillt, Sie ab sofort von ihrem Dienst freizustellen. Ich nehme an, sie haben noch einige formelle Angelegenheiten zu klären. Zudem müssen Sie wohl auch noch einen Umzug planen."
Scully blickte ihn erleichtert an. Das war leichter gegangen, als sie erwartet hatte. Als sie bemerkte, dass sich Skinner erhob, tat sie es ihm gleich und nahm die von ihm ihr entgegengestreckte Hand an und schüttelte sie.
"Es tut mir zwar sehr leid, eine so fähige Agentin wie Sie an Chicago zu verlieren, aber wir sind doch alle eine große Familie, oder?!"
"Da haben Sie recht, Sir!", lächelte ihn Dana dankbar an.
"Ich wünsche Ihnen alles Gute für ihre weitere Zukunft und Karriere. Ich hoffe doch, dass Sie, wenn Sie mal wieder in Washington sind, wenigstens einmal kurz vorbei kommen."
"Vielen Dank, auf dieses Angebot werde ich gerne zurück kommen."
Mit diesen Worten wollte sie schon ihren Ausweis, ihre Waffe und ihre Dienstmarke auf den Tisch legen, wurde aber von Skinners abweisender Geste daran gehindert.
"Ich denke, das ist in diesem Fall nicht nötig, Sie verlassen uns ja schließlich nicht ganz. Ich werde meine Sekretärin beauftragen, Ihre Daten nach Chicago weiterzuleiten. An wen schicke ich sie am Besten?"
"Danke, Sir, würden Sie bitte alles einem gewissen George Wennington zukommen lassen?"
"Selbstverständlich."
Abermals reichte er seiner ehemaligen Agentin zum Abschied die Hand und sah die zierliche rothaarige Frau aus seinem Büro und seiner Abteilung verschwinden.
 
 

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Noch immer nicht ganz fassen könnend, dass sie jetzt wirklich diesen endgültigen Schritt gewagt hatte, ging Dana Scully zurück zu dem Büro, das sie in den letzten Jahren mit Fox Mulder geteilt hatte. Wie einfach Skinner nachgeben hatte. Normalerweise hätte sie gar nicht so schnell von hier verschwinden können. Aber sie wollte ihr Glück nicht hinterfragen, sondern nahm es einfach als gegeben hin. Das machte ihr den Abschied wesentlich leichter. Sie musste jetzt eigentlich nur noch ihre wenigen Habseligkeiten, die sie im Büro aufbewahrte, zusammensuchen und konnte einfach hinaus gehen. In eine neue Zukunft, ein neues Leben. Sie wusste nur noch nicht so genau, wie sie ihrer Mutter die ganze Sache am schonendsten beibringen sollte. Sie war regelrecht vernarrt in Fox Mulder. Als die beiden ihr endlich offenbart hatten, dass sie ein Paar waren, hatte Maggie fast schon euphorische Luftsprünge gemacht. Sie hoffte sogar, dass Fox sie in nicht allzu ferner Zukunft endlich zu einer ehrbaren Frau machen würde, und um ihre Hand anhalten würde. Wie in Gottes Namen sollte sie ihr das erklären?
Nun, zuerst einmal wollte sie diesen Ort verlassen. Sie betrat das Büro und fand Mulder noch in der selben weggetretenen Verfassung, wie sie ihn verlassen hatte. Alles in ihr schrie danach, zu ihm zu gehen, ihn in den Arm zu schließen und ins Ohr zu hauchen, dass alles wieder gut werden würde. Aber das würde es nicht. Es würde noch eine lange Zeit weh tun. Doch diese Überlegungen brachten sie nicht weiter, also begann sie, das Büro systematisch nach ihren privaten Sachen zu durchsuchen. Viel war es nicht, sie hatte nicht, wie Mulder, jeden Tag ein neues Stück Privatleben mit ins Büro gebracht. Einen letzten Blick auf ihre ehemalige Arbeitsstätte werfend, drehte sie sich langsam um. Sie kam nicht umher, einen unendlich traurigen Augenblick das Häufchen Elend, das Mulder gerade darstellte, anzustarren. Sie redete sich selbst ein, dass es für beide besser so wäre und ließ leise die Tür ins Schloss fallen.
 
 

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Völlig apathisch parkte Dana Scully ihren Wagen vor Maggies Haus auf einem freien Parkplatz. Sie konnte immer noch nicht fassen, was gerade geschehen war. Gestern morgen war alles noch so einfach gewesen. Gestern war ihre gesamte Welt noch nicht aus den Fugen geraten. Sie warf einen verwirrten Blick auf den Rücksitz, auf dem ihre Vergangenheit bei den X-Akten ruhte. Kleine Erinnerungsstücke, verbunden mit Leid, Freude, Erstaunen und vielen Tränen. Dana versuchte sich einigermaßen zu sammeln, um ihre Mutter nicht auf den ersten Blick merken zu lassen, was geschehen war. Sie hasste es, wenn sie jemand mit einem besorgten Gesichtsaudruck fragte: "Was ist denn passiert?"
Sie wollte selbst entscheiden, wann und ob sie jemanden etwas mitteilen würde. Und sie fürchtete, dass diese verhassten Worte der Auslöser für weitere, bittere Tränen sein würden. Und noch mehr als diese Worte hasste Dana Scully es, vor anderen Menschen zu weinen. Es stellte eine Form von Schwäche dar, man verlor die Kontrolle über die eigenen Gefühle. Seit Dana ein kleines Mädchen war, war sie stets bemüht gewesen, ständig die Kontrolle über Alles zu haben. Und später, als sie sich für einen fast ausschließlichen Männerberuf entschlossen hatte, war Gefühle zeigen ein absolutes Tabu geworden. Sie hatte sich sehr hart diszipliniert und hoffte, auch ihrer Mutter gegenüber standfest und stark zu sein. Sie strich sich eine einzelne, ins Gesicht fallende Strähne zurück hinter ihr Ohr, stieg aus ihrem Wagen und durchquerte die gepflasterte Einfahrt. Beherzt klingelte Dana an der Haustüre, die Sekunden später von ihrer erfreut aussehenden Mutter geöffnet wurde. Überschwänglich schloss Maggie ihre Tochter in die Arme und küsste sie liebevoll auf die Wange.
"Sweety, du bist sehr früh, das Essen ist noch nicht ganz fertig, aber ich freue mich sehr, dich zu sehen, wie lange warst du nicht mehr hier, fünf Wochen?"
"Hi Mum. Ja, ich bin doch schneller fertig geworden als erwartet," war Danas schwerfällige Antwort.
"Irgendwas ist doch mit dir, du siehst so verändert aus, und wo ist Fox? Hatte er keine Zeit?"
Maggie wirkte besorgt und zog Dana ins Innere des Hauses, um ihr die Jacke abzunehmen und aufzuhängen. Dann schob sie ihre jüngste Tochter in Richtung Küche, aus der es verführerisch duftete. Sie wuselte herum und zauberte einige Momente später zwei Tassen mit herrlich duftendem Tee auf den Tisch. Dankbar umschlossen Danas Hände das heiße Gebräu, was ihre eiskalten und klamm wirkenden Finger wärmte. Vorsichtig nippte sie einen ersten Schluck und schloss genießerisch die Augen. Das tat gut. Maggie betrachtete ihre Tochter aufmerksam und nahm ebenfalls einen ersten behutsamen Schluck. Was stimmte nur nicht?
"Schieß los, irgendwas ist doch passiert!", forderte die ältere Frau energisch.
Gott, wie sie diesen Satz hasste. <Nein, Dana, du wirst jetzt nicht anfangen zu heulen, reiß dich gefälligst zusammen, Pokerface!>, schalt sie sich innerlich. Doch ein einziger strenger Blick von Maggie Scully genügte, um sämtliche Ermahnungen über Bord zu werfen und die wahren Gefühle und Ängste bloß zu legen. Hilflos schlug Dana ihre nun warmen Hände über ihrem Gesicht zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen. Maggie, die zwar nicht den blassesten Schimmer hatte, was mit Dana los war, legte rein intuitiv ihren Arm um ihr Kind und murmelte belanglose und tröstende Worte. Sie brannte zwar darauf zu erfahren, warum die sonst so selbstdisziplinierte Dana so aufgelöst war, dennoch wollte sie ihre Tochter auf keinen Fall zu einer überstürzten Antwort bringen. Sie wusste, dass sich Dana in diesem Fall komplett verschließen und die Flucht ergreifen würde. Und genau das wollte Maggie verhindern. Also begnügte sie sich vorerst mit der Rolle des stillen Trösters. Sie wollte es Dana ermöglichen, es ihr dann zu sagen, wenn sie selbst dazu bereit war, alles andere brachte nichts.
Nach einer scheinbar stundenlangen stummen Pause, in der Danas Tränenflut langsam verebbte und das hilflose Schluchzen allmählich abgeklungen war, reichte Maggie der dankbaren Dana ihren noch immer dampfenden Tee. Mit zitternden Händen führte sie die Tasse an ihre Lippen und ließ die warme Flüssigkeit ihre Kehle hinunterlaufen. Sie atmete hörbar tief ein und richtete ihr Augenmerk auf ihre sie stumm auffordernde Mutter.
"Mulder und ich, ... wir, ... wir haben Schluss gemacht!"
Maggies Augen weiteten sich geschockt. Das konnte doch nicht wahr sein, nicht Dana und Fox. Die beiden stellten in ihren Augen das ideale Paar dar. Sie war damals, als sie von ihrer Beziehung erfahren hatte, beinahe euphorisch gewesen. Insgeheim war sie eher erstaunt gewesen. Sie hätte nicht mehr damit gerechnet, dass die Beiden überhaupt noch einmal zueinander fänden. Das lag allerdings nicht an der Anziehung oder an ihren Gefühlen, nein, es lag an der Sturheit der Beiden. Sie hatten jahrelang umeinander herum getanzt, den anderen nur still und heimlich geliebt. Daher hatte Maggie nicht mehr gedacht, dass einer den Mut aufbringen würde, um dem anderen seine Liebe zu gestehen. Umso erfreuter war sie gewesen, als sie einen Anruf von Dana bekommen und ihre Tochter ihr von ihrer neuen Liebesbeziehung erzählt hatte. Sie hätte Luftsprünge machen können. Und nun? Was war nur geschehen? Ihre Gedanken in Worte fassend, richtete sie ihre Frage an Dana.
"Dana, Liebes, warum, was ist denn passiert, hat er dich verlassen?" Besorgt blickte sie in die blauen und traurigen Augen ihrer Kleinen und versuchte, Antworten in ihnen zu finden.
Dies schien genau die falsche Frage zu sein, denn sie entdeckte eine neue Tränenflut auf Danas Wangen. Doch nun war es zu spät, sie wieder zurückzunehmen. Sanft strich Maggie über Scullys weiches Haar und wartete geduldig, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
"Ich habe .... ihn verlassen, ich habe ihn rausgeschmissen!", erklärte Dana ihrer Mutter das Unfassbare. Mit Allem hätte Maggie in diesem Moment gerechnet, nur nicht damit, dass Dana Fox rausgeworfen hatte.
"Kleines, es gibt nichts, worüber ihr zwei nicht reden könnt. Was ist den vorgefallen?", versuchte sie sich vorsichtig voranzutasten.
"Er hat es schon wieder getan, Mum. Wie hätte ich sonst darauf reagieren sollen?" Danas Stimme klang verzweifelt, und auch Ratlosigkeit schwang in ihren Worten mit.
"Er ist wieder wegen eines Falles ohne dich losgerannt? Hat er nichts gesagt?" Maggie hatte solche und ähnliche Gespräche schon unzählige Male mit ihrer Tochter geführt. Sie wusste, dass Fox oft unüberlegt und kopflos einfach drauflos rannte, ohne Dana gegenüber auch nur ein Sterbenswörtchen zu erwähnen. Sie hatte ihre Tochter beim letzten Gespräch schon überreden müssen, ihm eine letzte Chance zu geben. Das hier würde verdammt schwer werden.
"Kein Fall, Mulder ist einer Spur seiner Schwester gefolgt. Ich habe stundenlang in einem Restaurant gewartet, in dem wir verabredet waren, doch er ist nicht aufgetaucht. Mum, es war unser Jubiläum. Ich kann es einfach nicht mehr verstehen. Ich will es auch nicht mehr, das ist mir alles zu viel im Moment." Scullys ganzer Körper zitterte bei ihrer ergreifenden Rede.
"Aber Dana, du liebst ihn doch, bedeutet das denn gar nichts?"
"Gott, ja, ich liebe ihn, sehr sogar. Aber genau deswegen muss ich die Sache beenden. Er wird nicht aufhören, das ist mir klargeworden, aber ich kann es." Ihre Stimme klang dabei bemerkenswert fest und entschlossen.
"Aber eine Trennung löst das Problem auch nicht, schließlich seid ihr doch Partner. Denkst du nicht, dass es euch jetzt noch schwerer fallen wird, zusammenzuarbeiten?", stellte ihrer Mutter eine berechtigte Frage.
"Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Und genau aus diesem Grund habe ich eben gekündigt."
"Du hast bitte was????" Maggie klang beinahe panisch.
"Mum, versuch mich jetzt nicht davon abzubringen, es ist beschlossene Sache", meinte Dana trotzig und sah ihrer Mutter provokativ in die Augen.
"Aber du hast so hart mit Fox für alles, was ihr erreicht habt, gekämpft. Ich weiß, dass ich nicht mal den Bruchteil einer Ahnung habe, was ihr Zwei wirklich tut, aber bist du wirklich bereit, all das hier einfach so aufzugeben? Es ist doch dein Kreuzzug geworden."
"Nein, es ist nicht mein Kreuzzug, es ist Mulders. Und ich sehe einfach keine Möglichkeit, weiterhin miteinander zu arbeiten, und auf gar keinen Fall so, wie wir es bisher getan haben. Mein Vertauen ist zerstört – nicht darin, dass er mir den Rücken freihält, nein, er würde für mich sterben... Aber auf privater Basis...", brachte Scully leise hervor.
"Und was willst du jetzt machen?" Maggie beschloss, dass es keine Sinn hatte, Dana in ihrem Vorhaben umzustimmen. Sie hatte einen zu sturen Dickkopf. Ein kleines Lächeln trat auf ihre Lippen, Dana war in vielerlei Hinsicht wie ihr Vater. Bill hätte wohl ähnlich wie seine Tochter reagiert.
"George hat mir einen vielversprechenden Job in Chicago angeboten. Ich habe ihm noch nicht offiziell zugesagt, das werde ich aber heute Nachmittag erledigen. Ich weiß, dass er noch jemanden mit meinen Fähigkeiten sucht. Skinner hat mich schon ab heute freigestellt. Ich werde so schnell wie möglich nach Chicago ziehen."
"Dann werden meine Überredungskünste deinen Entschluss nicht beeinflussen können, nehme ich an?"
"Nein, Mum. Ich habe mich für einen Neuanfang entschlossen."
"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, es kommt alles so plötzlich. Willst du nicht noch einmal mit Fox darüber reden?"
"Das halte ich für keine gute Idee. Es ist besser so. Ich muss mich noch um so viel kümmern, und habe schon genug um die Ohren. Ich muss schnellstmöglich mit George reden, meine alte Wohnung kündigen, eine neue suchen, noch einige andere Sachen erledigen." Damit lenkte Scully vom Thema "Mulder" ab.
"Das ist deine Entscheidung, und du weißt, dass ich sie respektieren und unterstützen werde, auch wenn sie mir nicht gefällt, nicht wahr, Dana?"
"Oh Mum, das weiß ich. Und ich bin dir auch sehr dankbar dafür." Dana schloss ihre Mutter fest in die Arme. Diese erwiderte die Geste liebevoll. Dann gab sie ihre Tochter wieder frei und sah sie aufmerksam an.
"Es beruhigt mich wenigstens, dass du bei George arbeiten wirst. Dann brauche ich mir um deine Sicherheit nicht mehr all zu viele Sorgen machen. Ich weiß, ich weiß, ganz sicher kann man in deinem Beruf nicht sein, aber dass du in Georges Team sein wirst, das wird mich wenigsten ruhig schlafen lassen."
"Ich freue mich, George nach so langer Zeit endlich wieder regelmäßig zu sehen." Maggie konnte erkennen, dass diese Vorfreude echt war.
"Ja, er ist ein wirklich netter Kerl. Ich habe ihn immer sehr gemocht. Bring ihn mal mit, wenn du zu deiner alten Mutter zu Besuch kommst," scherzte Maggie, meinte die Einladung aber ernst. George war ein freundlicher junger Mann, der ihre Kleine vielleicht wieder auf andere Gedanken bringen würde. Das hoffte sie zumindest.
Dana sah etwas ungeduldig auf ihre Armbanduhr.
"Geh nur, Dana. Ich denke, du hast noch einiges zu erledigen, und noch viel zu bedenken. Pass auf dich auf, mein Schatz. Ich liebe dich." Abermals schloss sie Dana fest in die Arme und wollte sie am Liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Sie wollte ihre Kleine vor Allem und vor Jedem beschützen. Doch Dana war erwachsen, und sie war nicht der Typ Frau, die jemanden zum Beschützen brauchte. Und insgeheim war Maggie auch froh darüber, und sehr stolz auf Dana. Trotz aller Übel brachte sie ihre Tochter zur Türe, küsste sie noch einmal liebevoll auf die Wange und sah ihren Wagen langsam um die Ecke biegen. Seufzend und traurig kehrte sie in ihr viel zu großes und leeres Haus zurück.
 
 To be continued.....