Titel:
FutureSonja’s Note:
Diese Geschichte möchte ich einer ganz besonderen Freundin von mir widmen. Nicht nur, weil sie immer all meine Geschichten und Gedichte gelesen hat und immer ein aufmunterndes Wort dafür findet, und nicht nur, weil sie mir "Future" mit dem Song "Love Story" gerettet hat, dessen Titel sie genau zur richtigen Zeit erwähnt hat, sondern weil ich ihr schon lange eine meiner Geschichten widmen wollte, einfach so. Ich musste nur erst die richtige schreiben. Danke, Kirsten, dass du mir hilfst, meine Kreativität zu bewahren!
Danke auch an Kitty, die mir immer die Disclaimer schreibt, wobei ich allein echt schwimmen würde, und mich mit Ideen versorgt, wenn ich mal nicht weiterkomme. Kitty, ich danke dir für "I never saw blue"! Eigentlich müsste ich hier auch dem Schicksal für den 13. Comic danken...;-)
Danke auch an Kim für ihre inspirierenden und einfach schönen Bilder, auch wenn die Post gegen uns ist. ;-)
Disclaimer: Die Charaktere Mulder, Scully und Skinner sind das Eigentum von Chris Carter, 20th Century Fox und 10-13 Production. Auch wenn noch mehr Leute sehr gut mit ihnen umgehen können. ;) Die hier verwendeten Songtexte (bis auf "True Friends, True Kiss" unterliegen dem Copyright der entsprechenden Plattenfirmen und den einzelnen Interpreten. Keine Verletzung des Copyrights wurde beabsichtigt.
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"The best way to predict the future is to invent it." (Well Manicured Man)
Future
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Teil Eins
Der Anfang
Love Story
Where do I begin
To tell the story of how great a love can be
The sweet love story that is older than the sea
The simple truth about the love she brings to me
Where do I start?
With her first hello
She gave a meaning to this empty world of mine
There’d never be another love, another time
She came into my life and made the living fine
She fills my heart
She fills my heart
With very special things
With angel songs
With wild imaginings
She fills my soul
With so much love
That anywhere I go
I’m never lonely
With her along
Who could be lonely?
I reach for her hand
It’s always there
How long does it last?
Can love be measured by the hours in the day?
I have now answers now
But this much I can say:
I know I need her till the stars all burn away,
And she’ll be there.
Special Agent Fox Mulder fragte sich zum wiederholten Mal, wie lange es wohl noch dauern würde, bis Scully endlich auftauchte. Er wartete schon seit zwei Stunden auf sie, und es sah nicht so aus, als würde sie in den nächsten Minuten kommen. Wenn sie da war, würde alles gut werden, aber bis dahin blieb ihm nichts anderes übrig als hierzubleiben, denn ohne ihre Hilfe konnte er nicht weg.
Mulder schloss die Augen und gab sich einem der wenigen Momente hin, in denen er sich gestattete, seinen Gedanken nachzuhängen. Natürlich galten die meisten von ihnen der Frau, auf die er wartete. Ob sie wohl sehr wütend sein würde? Schließlich hatte er sie auf ihrer Familienfeier blamiert, bevor das hier passiert war.
Mulder schaffte es nicht, länger darüber nachzudenken, denn die Anstrengung der letzten Stunden forderte ihren Tribut und ihm fielen die Augen zu, ohne daß er es merkte.
"Hey, aufwachen! Also, das ist doch nicht zu glauben; da fahre ich über 200 Kilometer hierher, mißachte sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen, um ihn so schnell wie möglich hier rauszuholen, und dann komme ich an, und was ist? Er schläft!"
Eine wohlbekannte Stimme riss Mulder aus dem Schlaf. Er blinzelte und sah in die Augen seiner Partnerin, die sich über ihn gebeugt hatte.
"Wie geht es dir?"
Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und suchte nach Anzeichen von erhöhter Temperatur. Als sie keine fand, wollte sie sich zufrieden wieder aufrichten, aber Mulder hielt sie fest.
"Es geht mir gut, vor allem jetzt, wo du da bist. Aber ich war auch vorher völlig in Ordnung."
"Wer’s glaubt." gab sie zurück und lächelte ein wenig, denn genau diese Antwort hatte sie erwartet.
"Dann können wir ja gehen. Ich hab mit dem Arzt gesprochen, und er läßt dich raus, aber ich musste ihm versichern, dass ich mich um dich kümmern werde, solange du noch nicht völlig wieder in Ordnung bist."
"Gut. Gehen wir. Aber erst..." Er sah sie verschmitzt an "...krieg ich einen Kuss?"
"Klar. Obwohl ich mich wirklich frage, womit du das verdient hast."
Sie beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn zärtlich auf die Lippen, bevor sie sich wieder aufrichtete und auffordernd in Richtung Tür blickte.
"Jetzt mach dich aber fertig. Kathy wartet im Wagen."
"Du hast sie mitgebracht?"
"Natürlich. Was denkst du denn? Dass ich sie allein zu Hause lasse?"
Mulder stimmte ihr im Stillen zu. Sie konnte ihre kleine Cousine natürlich nicht allein lassen; trotzdem hatte er nicht damit gerechnet, dass sie sie mitbrachte, nicht nach dem, was auf der Feier passiert war.
Er hatte die Kleine gern; nicht zuletzt deshalb, weil er durch sie endlich mit Dana zusammengekommen war.
Sie hatte auf das Mädchen aufpassen müssen ,weil ihre Mutter, Danas Tante, im Krankenhaus lag. Deshalb war sie an diesem einen Tag nicht ins Büro gekommen, ausgerechnet als Mulder ihr unbedingt einen wichtigen Aspekt in einem Fall hatte zeigen wollen. Er war also zu ihr gefahren, wo er Kathy kennengelernt hatte. Das Kind hatte ihn sofort ins Herz geschlossen, und Mulder war auf Scullys Couch gelandet, wo er Kathy Geschichten erzählen mußte. Dana hatte sich daneben gesetzt und auch zugehört, und irgendwann hatten sie Kathy ins Bett gebracht...
Scully fragte sich, was Mulder von ihr wollte, das so wichtig war, dass er unbedingt zu ihr kommen musste. Sie ahnte nichts Gutes, und sie wurde nicht enttäuscht. Mulder hatte sich wieder einmal in etwas verrannt, und er war wie immer nicht bereit, auch nur einen Schritt von seiner Meinung abzuweichen. Scully konnte ihm zureden wie sie wollte, ihn mit vernünftigen Argumenten umzustimmen versuchen, ihm die Konsequenzen vor Augen führen...Es half alles nicht, Mulder blieb stur.
Schließlich platzte ihr der Kragen.
"Mulder, hören Sie endlich auf!" schrie sie ihn an, frustriert von seiner Sturheit und seiner mangelnden Bereitschaft, einen Kompromiss einzugehen, und genervt von der Tatsache, dass sie hier sitzen und die Tochter ihrer Tante hüten mußte, anstatt mit ihrem Partner an einem neuen Fall zu arbeiten, zumal sie sich ihrer Ansicht nach nicht als Babysitter eignete.
"Hören Sie mir einmal zu!"
"Nein, Sie hören mir zu!" gab Mulder nicht minder lautstark zurück. "Ich bin nur hergekommen, um mit Ihnen über eben diese Sache zu reden, und Sie haben nichts anderes zu tun als mir von Anfang an zu sagen, dass es Unsinn ist. Sie geben mir nicht einmal eine Chance, Ihnen meinen Standpunkt zu erläutern. Was ist mit Ihnen los, Scully? So etwas ist doch sonst nicht Ihre Art!"
Bevor sie etwas erwidern konnte, ging die Tür auf und Kathy schaute verunsichert herein. Sie sah stumm auf die beiden Erwachsenen, die sich stritten und sie gar nicht bemerkten. Schließlich stahl sie sich ins Zimmer und drängte sich eng an Scullys Seite. Die Agentin hielt mitten im Satz inne und beugte sich zu dem Kind hinab, dem die Tränen über die Wangen liefen.
"Was ist denn los?" fragte sie sanft.
"Ich dürft nicht streiten." schluchzte Kathy. "Mom und Dad haben sich auch immer gestritten, und jetzt ist Dad weg...Ich kann nicht schlafen...Bitte, habt euch wieder lieb."
Scully hatte ganz vergessen, Mulder zu informieren, dass Kathy ein Scheidungskind war; offensichtlich litt sie noch immer unter dem Trauma, in der Nacht aufzuwachen und ihre Eltern streiten zu hören. Scully warf Mulder einen beschwörenden Blick zu und nahm Kathy in den Arm.
"Wir streiten doch nicht. Es ist alles okay, Kathy, wirklich. Wir..."
"Wir haben nur laut über etwas nachgedacht." ergänzte Mulder, und Scully nickte.
Mulder hockte sich auch hin und legte die Arme um Kathy und Scully, die das Mädchen festhielt. So saßen sie einen Moment, bis Kathy sich losmachte und scheu fragte: "Habt ihr euch wieder lieb?"
Mulder sah Scully an, schenkte ihr einen warmen Blick und antwortete: "Ja, wir haben uns wieder lieb... Mehr, als ich sagen könnte."
Offenbar zufrieden verschwand Kathy wieder im Gästezimmer, und Scully sah ihr nach, unfähig, ihrem Partner in die Augen zu sehen.
Dieser kam auf sie zu und berührte sie sanft an der Schulter.
"Ich habe das eben ernst gemeint, Scully."
Sie schwieg, drehte sich nicht um, und so hingen seine Worte im Raum, bis sie schließlich in eine unerträgliche Stille übergingen. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sah Mulder an, suchte in seinen Augen nach der Bestätigung seiner Worte, und als sie diese fand, blieb ihr die Luft weg. Ihre Knie schienen nachgeben zu wollen, und sie konnte nichts dagegen tun, dass er sie in die Arme nahm und sie an sich zog. Sie konnte nicht, und sie wollte auch nicht. Alles, was sie wollte, war sich in seine Arme zu schmiegen und endlich seine Lippen auf ihren zu spüren...
Dieser Wunsch war an jenem Abend in Erfüllung gegangen, und zwei Tage später hatten sie den Fall abgeschlossen und Mulder hatte um Urlaub gebeten, um bei Dana und Kathy bleiben zu können. Skinner war bereit gewesen, ihnen beiden Urlaub zu geben, besonders nach Mulders letzter "Zusammenarbeit" mit einem anderen Partner. Damals hatte er einen jungen Agenten mit seinen Theorien derart verunsichert, daß Skinner und der Mentor des Jungen Wochen gebraucht hatten, um ihm die Kündigung auszureden. Es schien dem AD also sicherer, Mulder auch frei zu geben, wenn er schon nicht mit Scully arbeiten konnte.
Sie hatten sich um das Kind gekümmert, und immer wieder hatte sich jeder von ihnen dem Gedanken hingegeben, dieses kleine Mädchen könnte ihr eigenes Kind sein. Sie wollten natürlich nicht wirklich Eltern sein, dazu brauchten sie ihre Arbeit noch viel zu sehr, aber es war trotzdem wunderschön, zusammen im Kino zu sitzen, Kathy zwischen sich, und sich einen Disneyfilm anzusehen, sich von den kleinen Händen einen halben geschmolzenen Schokoriegel in den Mund stopfen zu lassen, zu lachen, sie in den Arm zu nehmen, wenn sie sich fürchtete...
Und dann war die Familienfeier gekommen.
"Dana?" Sie drehte sich in der Tür um und sah ihn fragend an.
"Es tut mir leid, was auf der Feier passiert ist."
"Schon gut. Ich hätte wissen müssen, dass er dich provoziert hat. Er hat es mir gestern gesagt."
"Ich hätte mich ja nicht provozieren lassen müssen. Es war nicht besonders nett von mir, deinem Bruder zu sagen, er sei ein dominanter Despot, der seine Schwester unter Kontrolle haben muss."
Sie mußte lächeln.
"Ich hätte dich eben nicht mitschleppen sollen. Frag mich nicht, wie Mom das mit uns nach einer Woche rausgekriegt hat, aber irgendwie hat sie es geschafft, und dann wollte sie dich natürlich dabeihaben. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch ein wenig mit dir angeben wollte..."
Er nahm sie in die Arme, bevor sie auf den Flur hinaus traten.
"Ich fühle mich geschmeichelt." zog er sie auf und drückte sie an sich.
"Aber laß uns nicht jetzt darüber reden, okay? Wir sollten Kathy nicht zu lange warten lassen."
Das Mädchen saß im Wagen und schaute ihnen erwartungsvoll entgegen. Sie war erleichtert, dass die beiden Erwachsenen einander offensichtlich nicht böse waren, und das zeigte sie ihnen bei der Begrüßung, indem sie Fox um den Hals sprang. Er hob sie hoch und drehte sie einige Male herum, wobei sie erfreut aufquietschte.
Dann hielt er sie ein Stück von sich weg und erkundigte sich: "Was hältst du von einem großen Eis?"
"Kommt nicht in Frage." mischte sich Dana ein. "Du gehörst ins Bett, und genau dorthin werden wir dich jetzt auch verfrachten. Also, steig ein. Eis können wir auch zu Hause essen."
Da er wusste, dass er ihrem energischen Ton nichts entgegensetzen konnte, fügte er sich und setzte sich zu dem Kind nach hinten, weil ihm Kathy unbedingt erzählen musste, was nach seinem Verschwinden auf der Feier geschehen war.
"Erst waren alle sauer auf dich, aber dann hat Onkel Bill Ärger von Maggie gekriegt, und dann war Dana sauer, und dann wollten alle, daß er sich entschuldigt, aber du warst schon weg, und dann hat Dana gesagt, du bist ein Feigling, weil du ihr nicht gesagt hast, dass du gehst, und dann kam dieser Anruf von eurem Chef, wo du bleibst, und dann..."
"Hey, langsam." unterbrach Mulder die hervorgesprudelten Erklärungen des Kindes und versuchte, einen Sinn in dem zu erkennen, was sie sagte.
Mulder hatte sich widerstandslos von Scully in ihr Bett verfrachten lassen, wo er für die nächsten Tage bleiben sollte.
Scully hielt ihr Versprechen und zauberte jede Menge Eiscreme aus ihrem Gefrierfach hervor, und Kathy war zufrieden. Als sie im Bett war, kam Dana zu Fox ins Zimmer und erkundigte sich, ob er noch etwas brauchte.
"Nein, mir geht’s gut. Aber warum fragst Du? Willst Du etwa nicht hier schlafen?"
Sie sah ihn ein wenig unsicher an, und ihm wurde bewusst, dass sie bisher nicht über dieses Thema gesprochen hatten, da Fox ganz selbstverständlich auf der Couch übernachtet hatte, während Dana in ihrem Bett und Kathy im Gästezimmer schlief. Jetzt, da er krank war, konnte er nicht auf der Couch schlafen, und so war er ins Schlafzimmer umgezogen.
Es war zu einer schönen Gewohnheit geworden, dass er am Morgen da war, aber Dana war nicht sicher, was sie jetzt tun sollte. Schließlich entschied sie sich dafür, die Wahrheit zu sagen: "Es...Ich weiß nicht so recht. Ich meine..." Warum fiel es ihr nur so schwer, es auszusprechen? Sonst teilte sie doch auch all ihre Gedanken mit ihm.
Er sah sie erwartungsvoll an, schwieg aber, auch wenn er sich denken konnte, worauf sie hinauswollte. Sie musste es selbst aussprechen, um beruhigt sein zu können.
"Ich bin einfach nicht sicher, ob ich schon so weit bin." brachte sie schließlich hervor.
"Dana..." Sanft nahm er ihre Hand in seine und begann mit ihren Fingern zu spielen.
"Es ist doch nicht wichtig, wie weit wir sind. Darauf kommt es nicht an. Ich meine, wenn du nicht hier bei mir schlafen willst, ist das okay. Aber wenn du es doch tust, dann heißt das noch lange nicht, dass auch etwas passieren muss. Es wäre einfach nur schön, dich festzuhalten, in deiner Nähe einzuschlafen. Alles andere hat doch Zeit. Du musst wissen, ob du mir vertraust, aber ich möchte, dass du weißt, wie ich darüber denke. Ich... bin auch nicht so weit."
Sie mußte lächeln, als sie seine Verlegenheit bemerkte, und traf ihre Entscheidung.
"Rutsch mal ein Stück."
Damit schlüpfte sie zu ihm unter die Decke und griff sich das Kissen.
"Hey, und was ist mit mir?" protestierte Fox und versuchte, es ihr wieder abzunehmen. Sie hielt es mit beiden Armen fest gegen ihre Brust gedrückt und grinste.
"Weiß ich nicht; ich behalte jedenfalls das Kissen."
"Das werden wir ja sehen!"
Fox fasste nach ihr und versuchte, ihr ihre Beute abzuluchsen, aber sie war auf der Hut.
"Vergiss es." kicherte sie, aber so schnell gab er nicht auf. Er griff nach Dana und begann sie zu kitzeln. Zuerst widerstand sie, hielt sich unter Kontrolle, doch dann begann sie zu lachen und um sich zu zappeln, versuchte, ihn abzuwehren. Jetzt hätte Fox das Kopfkissen ohne Probleme an sich nehmen können, aber er dachte gar nicht mehr daran; es machte ihm viel zu viel Spaß, Dana zu ärgern. Er kitzelte sie weiter und wehrte sich zugleich gegen ihren Gegenangriff. So kämpften sie eine Weile spielerisch und lachten dabei so ausgelassen wie kleine Kinder, bis Fox sich erschöpft auf den Rücken fallen ließ und Dana mit sich zog, sie in einer sanften Umarmung an seiner Brust festhielt. Sie schloss die Augen, noch immer leise lachend, und schmiegte sich gegen ihn, voller Vertrauen und durch ihre Alberei auch von ihren letzten Zweifeln befreit.
***
Nachdem Fox nur aus dem Krankenhaus entlassen worden war, weil sie sich als Ärztin für seine Pflege verbürgt hatte, fühlte Dana sich offenbar besonders verantwortlich für sein Wohlergehen, denn sie wich kaum von seiner Seite, außer wenn sie sich um Kathy kümmern, sie beispielsweise in den Kindergarten bringen musste.
Das hatte sie auch heute getan, und nun kam sie zurück, mit einer Neuigkeit, von der Mulder nicht genau wusste, ob sie ihm gefiel oder nicht.
"Heute kommt Kathy nicht wieder. Sie wird bei einer Freundin bleiben, die Geburtstag feiert. Und in einer Woche ist ihre Mutter wieder gesund. Ich glaube, das wird Zeit, denn Kathy vermisst sie schrecklich."
"Du hast wahrscheinlich recht; ich weiß allerdings nicht, ob mir das gefällt. Sie wird mir fehlen."
"Mir doch auch. Aber ich denke, es ist besser so, bevor wir uns zu sehr an den Gedanken gewöhnen, ihre Eltern zu spielen und zusammen zu leben."
Dieser Satz ließ ihn aufhorchen. Sollte sie etwa die ganze Zeit über nur wegen Kathy mit ihm zusammen gewesen sein? Das mochte er nicht glauben, vor allem nicht, wenn er an ihre liebevolle Pflege dachte, an die Blicke, die sie einander zugeworfen hatten und an ihre zärtlichen Küsse. Das konnte sie doch nicht gespielt haben?
Sie musste seine Gedanken gelesen haben, denn sie schüttelte den Kopf.
"Ich meine nicht, dass es nicht schön war, immer mit dir zusammen zu sein, aber das geht einfach nicht auf Dauer. Nächste Woche kannst du wieder arbeiten, und dann sehen wir uns jeden Tag im Büro und wenn wir außerhalb Fälle lösen. Wenn wir dann auch noch nach Feierabend zusammen sind, wird das vielleicht zu viel, und außerdem wird früher oder später jemand etwas merken."
Fox war wie vor den Kopf gestoßen. Sie konnte das nicht wirklich denken! Er hatte gedacht, dass alles einfacher werden würde, wenn sie einander endlich ihre Gefühle offenlegten, aber jetzt schien es so, als sei für Dana alles nur noch komplizierter geworden. Sie hatte Bedenken, und er mußte zugeben, dass auch er sich Gedanken machte. Aber dass sie gleich...
"Ich weiß nicht. Wir müssen uns wirklich überlegen, was nun passieren soll, aber alle Schwierigkeiten, die auf uns zukommen ändern nichts an der Tatsache, dass ich dich liebe."
Dana seufzte leise. Das war eben das Problem: Sie liebte Fox so sehr, daß sie wusste, sie würde es nicht ertragen können, wenn man ihm weh tat. Und das würde zweifellos passieren, wenn Skinner von ihrer Beziehung Wind bekam. Für Fox war die Arbeit noch wichtiger als für sie, und sie hatte Angst, dass er es ihr nicht verzeihen würde, wenn sie durch ihre Gefühle für einander getrennt werden würden. Es hatte sich gezeigt, dass keiner von ihnen ohne den anderen arbeiten konnte, und genau das würden sie müssen. Dana war entschlossen, nach einer Lösung zu suchen, ganz einfach, weil sie für den Rest ihres Lebens mit ihm zusammen sein wollte, aber sie fühlte sich gleichzeitig verpflichtet, seinen Enthusiasmus zu bremsen, ihn zu zwingen, sich auf die Realität zu konzentrieren. Sie würde es nicht ertragen können, wenn er eines Tages feststellen müsste, dass er seinen Job durch ihre Beziehung nicht mehr so machen konnte, wie er es brauchte. Vor dieser Enttäuschung wollte sie ihn bewahren, und deshalb musste sie ihm alle möglichen Probleme von Anfang an vor Augen führen.
Sein Blick sagte ihr, dass sie zu weit gegangen war, ihm weh getan hatte. Sie griff nach seiner Hand und zwang ihn, sie anzusehen.
"Fox," begann sie, "ich liebe dich, und ich werde das immer tun. Aber das ändert nichts daran, dass es Probleme geben wird, und ich...Ich habe einfach Angst, dass ich dich eines Tages verlieren werde, weil wir uns nicht alles genau überlegt haben. Jetzt wäre noch Zeit, um..."
"Um alles zu vergessen, was geschehen ist? Nein, Dana, das will ich nicht. Wir werden eine Lösung finden, weil wir das müssen. Es gibt keine Möglichkeit, ohne dich zu sein, und wir werden es schaffen. Wir lassen uns nicht trennen, egal was Skinner sagt. Zur Not werde ich eben lernen müssen, mit anderen Agenten auszukommen, aber ich werde dich nicht für meinen Job opfern, für eine Suche nach etwas, das vielleicht gar nicht da ist. Und ich verspreche dir, daß du mich nicht verlieren wirst. Egal was passiert, ich werde für dich da sein."
***
Dana saß allein zu Hause in ihrem Wohnzimmer. Heute war Kathys letzter Tag bei ihnen gewesen, und Fox hatte vorgeschlagen, dass sie zusammen in den Zoo gehen könnten. Kathy war begeistert gewesen, und so waren sie am Vormittag aufgebrochen.
Es war ein wunderschöner Tag geworden. Das Wetter war noch einmal richtig gut gewesen, mit viel Sonne, blauem Himmel und einem leichten Wind, der weiße Wolken vor sich her trieb.
Zuerst hatten sie die Seehunde angeschaut, die Kathy besonders mochte. Sie hatten ihnen beim Spielen zugesehen und waren alle ein wenig nass geworden, weil sie es nicht lassen konnten, in der ersten Reihe zu stehen, als die Tiere gefüttert wurden.
Als nächstes waren die Affen dran gewesen. Fox hatte Faxen gemacht und ihnen am Gitter Grimassen geschnitten. Daraufhin war ein junger Affe wütend geworden und hatte ihn mit einer Banane beworfen, die Fox auffing und zum Ärger des tierischen Schützen einfach an einen Schimpansen im Nachbargehege weiterschenkte. Kathy und Dana hatten sich gebogen vor Lachen, während der "beraubte" Affe schimpfend am Gitter entlang gehangelt war.
Gegen Mittag hatte Kathy Hunger bekommen, und sie hatten sich auf den Spielplatz gesetzt, um ihr Picknick zu essen.
"Was, kein Eistee?" hatte sich Fox gleich zu Anfang beschwert. Dana hatte gelächelt, denn natürlich war ihr sofort die Bedeutung dieses Satzes eingefallen.
"Nein, ich fürchte, den hab ich vergessen."
"Das ist unfair!" Kathy hatte ihm ihr Glas mit Limonade gereicht, wobei sie es über ihm geleert hatte, weil er sich genau in dem Moment umgedreht hatte. Nachdem sie ihn wieder einigermaßen saubergemacht hatten, gab es endlich etwas zu essen. Fox hatte Dana immer wieder die Tomatenscheiben vom Sandwich geklaut, und sie hatte im Gegenzug seinen Kuchen an die Spatzen verfüttert. Kathy hatte bald der Bauch weh getan vor Lachen, und Dana mußte zugeben, daß es ihr nicht anders ergangen war. Nach dem Essen waren sie weitergegangen, wobei Fox nach Danas Hand gegriffen hatte. Kathy hatte natürlich auf dem Spielplatz gehen wollen, also hatten sie ihr eine Weile zugesehen, bis er auf die Idee gekommen war, Dana auf eine der Schaukeln zu dirigieren und sie ziemlich hoch anzuschubsen. Es hatte so viel Spaß gemacht, sich dem Gefühl hinzugeben, dass sie flog. Sie hatte viel gelacht, und am Ende hatte er sie von der Schaukel in seine Arme gezogen, sich mit ihr schnell im Kreis herumgedreht und sie schließlich atemlos auf die Lippen geküsst.
Nachdem sie alle Tiere gesehen und einige auch verbotenerweise gefüttert hatten (Fox hatte gesagt, daß es kein richtiger Zoobesuch sei, wenn man das nicht tat, und Kathy war begeistert gewesen. Dana hatte nur kopfschüttelnd zusehen können.), waren sie noch ein Eis essen gewesen, um Kathy dann ins Krankenhaus zu bringen, wo ihre Mutter entlassen werden sollte.
Mandy hatte sich riesig gefreut, als ihre Kleine ihr strahlend vor Freude und noch glühend vor Begeisterung in die Arme gesprungen war, wobei sie ihre Schokoladeneisschnute am Bettlaken abgewischt hatte. Sie hatte sich bei Dana und Fox bedankt, und dann war sie entlassen worden und mit ihrer Tochter in ein Taxi gestiegen.
Jetzt schien es Dana, als sei die Wohnung noch nie so leer gewesen. Nirgends lag eines von Kathys Spielzeugen herum, kein ausgelassenes Lachen drang aus der Küche, in der Fox vor ein paar Tagen mit Kathy Kekse gebacken hatte, die sie anschließend an die Vögel verteilt hatten, weil Fox vergessen hatte, Backpulver zu nehmen.
Auch Fox fehlte ihr schrecklich. Natürlich hatte es sie auch ein wenig genervt, dass sie nie wirklich hatte allein sein können, aber jetzt hätte sie alles darum gegeben, seine Schuhe im Flur im Weg stehen zu sehen oder im Badezimmer sein nicht ganz zugedrehtes Aftershave umzuwerfen, worüber sie sich gestern noch geärgert hatte. Aber es war nun einmal nicht zu ändern, er war wieder in seine Wohnung gegangen, nachdem er sie nach Hause gebracht hatte. Vermutlich brauchte er Zeit für sich, genau wie sie, nur dass sie diese Zeit am liebsten mit ihm verbracht hätte.
Es klingelte an der Tür. Dana stand seufzend auf und ging hin; sie erwartete, eine ihrer Nachbarinnen zu sehen, die in den letzten Tagen häufig vorbeigeschaut hatten, teils, um neugierig Fox und Kathy in Augenschein zu nehmen, die sie für Danas Freund und seine Tochter hielten, oder um sich über die ständige Anwesenheit des fremden Mannes zu beschweren, die ihnen bei der sonst eher zurückgezogen lebenden Agentin ziemlich befremdlich vorkam.
Doch diesmal war es keine Nachbarin. Vor der Tür stand Fox. Er sah ihr erwartungsvoll entgegen und hielt eine große Packung Eistee hoch.
"Ich dachte, wenn du ihn schon beim Ausflug vergessen hast..."
Sein verlegenes Lächeln ließ sie ein wenig lachen.
"Komm rein. Die Nachbarn denken sowieso schon..."
"Was? Dass ich ein böser Kerl bin, der dich ausnutzt, um auszuspionieren, wie man hier am besten einbrechen kann und wo es was zu holen gibt?"
"Yeap, ich denke, das trifft’s in etwa."
"Das kann doch nicht wahr sein. Ich bin seit einer Woche hier, und schon wissen die alle von meinem Doppelleben."
Dana mußte grinsen. "Idiot!"
"Hey, aber ich bin sicher der netteste Idiot, dem du je begegnet bist."
"Das stimmt. Komm, setz dich. Ich hol uns Gläser."
"Nein, das kann ich auch tun. Inzwischen müsste ich ja wissen, wo sie stehen." Damit drückte er Dana sanft auf die Couch, während er Gläser holte und eine Tafel Schokolade aus seiner Tasche nahm. Sie grinste verschmitzt, als sie es sah.
"Was hast Du vor? Willst Du mich etwa in Versuchung führen?"
"Nette Idee." Sein Tonfall war gleichzeitig neckend und so anzüglich, dass sie beinahe rot wurde.
"Aber eigentlich wollte ich dich bestechen, damit du mich heute nacht wieder hier schlafen lässt, wo ich doch keine Ausrede mehr habe. Und mit dem Eistee kann ich mich auch nicht so betrinken, dass ich hinterher fahruntüchtig bin. Also, was bleibt mir anderes übrig, als mir dein Wohlwollen zu erkaufen?"
"Ich kann’s nur wiederholen: Du spinnst total. Aber wenn du es geschafft haben solltest, meine Lieblingssorte zu kriegen, dann könntest du vielleicht Glück haben."
"Oder wenn es Schlafsäcke regnet?" zog er sie auf.
"Ich denke, das ist in der Wohnung ziemlich unwahrscheinlich."
"Also doch die Schokolade..."
Er steckte ihr ein Stück in den Mund, und sie schnappte sacht nach seinem Finger.
"Hey, loslassen." protestierte er. "Fingergeschmack gab es leiden nicht."
"So ein Pech." grinste sie. "Das ist meine Lieblingssorte – gleich nach Nasenspitze." Damit küßte sie ihn leicht auf die Nase.
"Wir könnten uns einen Film ansehen, wenn du magst. Irgend etwas über Außerirdische, und dann diskutieren wir über die logischen Fehler."
"Ich fürchte, da muß ich passen. Du bist der Experte auf dem Gebiet, nicht ich."
Am Ende sahen sie sich den Film doch noch an, wobei sie eng aneinander gekuschelt auf der Couch saßen, und natürlich endete es damit, dass Fox doch wieder bei ihr schlief. Eine Woche später stellten sie fest, dass sie nicht mehr allein einschlafen konnten.
***
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leute mich für vollkommen verrückt halten würden, wenn sie wüssten, dass ich keine Nacht mehr ohne Fox schlafen könnte. Wir können es beide nicht. Wir haben es versucht, wirklich, aber es ist unmöglich. Ich habe mich nur dauernd umgedreht, als suche ich nach etwas, und er hat mir am nächsten Tag gesagt, dass er einen Alptraum gehabt hat. Ich musste es ihm förmlich aus der Nase ziehen; er spricht nicht gern darüber, aber schließlich hat er es zugegeben. Wir haben es nie wieder versucht.
Wenn er jetzt schlecht träumt, kann ich ihn wecken, bevor er selbst schreiend aufwacht, und wenn er dann in meinem Arm wieder einschläft, spüre ich, wie gut ihm meine Nähe tut.
Auch wenn es schwer zu glauben ist, wir haben nicht den endgültigen Schritt getan. Ich bin nicht bereit dazu, und Fox akzeptiert das. Manchmal glaube ich sogar, dass auch er noch nicht soweit ist, auch wenn das vielleicht seltsam klingt. Wir haben etwas Wunderbares begonnen, etwas, das nie zu Ende sein soll, und wir wissen beide, dass wir so viel Zeit haben, wie die Welt hergibt. Es gibt keinen Grund zu drängeln, sich zu beeilen, und deshalb tun wir das auch nicht. Wir schlafen Hand in Hand ein, aber aufwachen tun wir Arm in Arm. Wir haben nach diesem einen Abend nie wieder darüber gesprochen, und ich glaube auch nicht, dass wir das tun werden. Es ist unnötig, weil wir uns auch ohne Worte verstehen, und das ist eine viel bessere Sprache als die der Worte. Es gibt in ihr keine Mißverständnisse, und sie hat Begriffe für das, was wir teilen.
Ich war nie der Typ, der gern das Bett geteilt hat; egal mit wem. Ich konnte mich immer eines Gefühls der Einschränkung nicht erwehren, und ich habe selten mehr als ein paar Stunden geschlafen, wenn jemand im Zimmer war. Bei ihm ist das etwas völlig anderes. Seine Nähe bringt mich nicht um den Schlaf; im Gegenteil, ich schlafe besser, seit er da ist. Natürlich müssen wir ein wenig aufpassen, wenn wir morgens zur Arbeit gehen, damit keine neuen Gerüchte entstehen.
Es gibt schon genug Dinge, die man uns nachsagt; vielleicht ist das ein Glück, denn so fällt eine neue Vermutung kaum ins Gewicht; und vielleicht bewahrt uns das vor der Entdeckung. Ich hasse es, meine Gefühle verbergen zu müssen, besonders, wo ich jetzt so glücklich bin, dass ich den ganzen Tag lächeln könnte. Aber wir haben keine Wahl. Solange wir nicht wissen, was wir tun sollen, werden wir es geheim halten.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass Skinner es weiß oder zumindest etwas ahnt. Er ist extrem vorsichtig geworden, wenn er unser Büro betritt, ganz so, als fürchte er, etwas zu sehen, das ihn zum Handeln zwingt.
Gestern hat er mich auf dem Flur beiseite genommen und mir gesagt, Mulder und ich sollten vorsichtig sein, damit wir keinem der vielen internen Gerüchte neue Nahrung geben. Es klang wie eine allgemeine Ermahnung, die gemischte Agentenpaare dauernd von irgendeiner Stelle zu hören bekommen, aber ich denke, dass mehr dahintersteckt. Ich werde es Fox sagen müssen, aber ich weiß nicht, wie.
***
Ein paar Tage nach Kathys Abschied hatte der Alltag sie wieder. Mulder war gesund und konnte wieder arbeiten, und er und Scully waren erleichtert darüber. Es war eine Probe gewesen, das erste Mal wieder das HQ zu betreten, aber sie hatten sie gemeistert.
Jetzt waren sie wieder unterwegs zu einem Fall, und Scully stellte ein wenig erstaunt fest, dass sich gar nicht so viel geändert hatte, wie sie erst angenommen hatte.
Mulder hielt eine Akte auf dem Schoß und studierte sie mit höchster Konzentration, während sie neben ihm im Flugzeug saß und versuchte, sich ein wenig zu entspannen.
"Worum geht es eigentlich genau bei dem Fall?" erkundigte sie sich ein paar Minuten später. Mulder sah auf und erwiderte: "Eigentlich...Na ja, es ist eine Entführung, ein junger Mann wird vermißt, und die Außenstelle hat uns angefordert."
Sie konnte spüren, dass das noch nicht alles war.
"Die fordern uns doch nicht einfach so an. Da steckt doch noch etwas anderes dahinter."
Sein Blick sagte ihr, dass sie sich nicht irrte. Er druckste herum und wich ihren Augen aus.
"Mulder."
Unbewußt gebrauchte sie wieder die Anrede, die sie jahrelang verwendet hatte. Auch ihr Ton war derselbe wie immer, wenn sie eine seiner Theorien erwartete.
"Okay, die Freundin des Jungen behauptet, er sei schon einmal von Außerirdischen entführt worden."
Nun war es heraus, und Mulder wartete angespannt auf ihre Reaktion.
Scully runzelte die Stirn und verzog das Gesicht.
"Nein, das kann doch nicht wahr sein! Nicht schon wieder Aliens. Ich habe diese ewigen Marsmännchen und Retikulaner satt! Vermutlich kann auch diesmal niemand die Sichtung bestätigen, dem man trauen kann, hab ich recht?"
"Ich fürchte ja. Aber es ist unser Job, uns um seltsame Phänomene zu kümmern, oder etwa nicht?"
"Wie das Phänomen, dass jedesmal, wenn du ein Licht am Himmel witterst, keine brauchbaren Zeugen zu finden sind?"
"Ich versichere dir, dass das Mädchen absolut glaubwürdig ist."
"Und wer bestimmt das?"
Mulder schwieg einen Moment lang, dann sah er Scully in die Augen und grinste. Irritiert erwiderte sie seinen Blick.
"Was ist?" wollte sie schließlich wissen.
"Ich muss nur gerade daran denken, dass wir uns schon immer so gestritten haben. Ich will dich von etwas überzeugen, und du bist entschlossen, dich nicht überzeugen zu lassen. Falls irgend jemand behaupten sollte, wir könnten nicht mehr wie früher zusammen arbeiten, dann haben wir hiermit gerade das Gegenteil bewiesen."
Sie sah ihn einen Moment lang sprachlos an, dann begann auch sie zu grinsen.
"Du hast recht; es ist alles wir sonst auch. Womit wir unsere heimliche Befürchtung ausgeräumt hätten..."
***
Heute habe ich Fox überrascht. Er wollte schon immer einmal, dass ich mit ihm schwimmen gehe, schon bevor wie zusammen waren. Natürlich habe ich jedesmal abgelehnt, weil es mir viel zu gefährlich war. Es ist mir auch so schon schwer genug gefallen, ihm zu widerstehen; da musste ich es mir nicht auch noch unnötig schwer machen, indem ich ihn in Badehose und mit nassen Haaren sehe. Jetzt ist die Situation natürlich vollkommen anders, und als er mich heute wieder gefragt hat, habe ich einfach ja gesagt. Sein Blick hat mir verraten, dass er das absolut nicht erwartet hat. Aber er hat sich gefreut.
Es hat sich gezeigt, dass ich mit meiner Befürchtung recht gehabt habe: Er sieht wunderbar aus, wenn er nass ist, und ich denke nicht, dass ich es geschafft hätte, weiterhin eine professionelle Distanz zu wahren. Jetzt existiert diese Distanz nicht mehr, und ich konnte es genießen, mit ihm zusammen zu sein, weil ich nicht aufpassen muss, mir meine Gefühle nicht anmerken zu lassen.
Fox ist einfach unbeschreiblich. Ich dachte, er wollte einfach schwimmen gehen, und dann hatte er die ganze Zeit über nur Unsinn im Kopf. Er hat mich untergetaucht und nassgespritzt, und ein paarmal hat er mich auch ins Wasser geschmissen. Nicht, daß es mir keinen Spaß gemacht hätte, so albern zu sein; das hat es. Aber ich bin so etwas einfach nicht gewöhnt.
Allerdings habe ich nicht lange gebraucht, um mich darauf einzustellen und ihn meinerseits zu ärgern. Sein Gesichtsausdruck, als ich ihn unter Wasser gezogen und geküsst habe, wird mir wohl für immer im Gedächtnis bleiben.
Einmal habe ich ihn reingelegt. Seltsam, dass ich darauf irgendwie richtig stolz bin, aber ich bin es.
Er hatte mich wieder untergetaucht, und dann hab ich mich einfach auf den Grund sinken lassen und bin unter Wasser weggeschwommen. Aus sicherer Entfernung habe ich dann beobachtet, wie er mich gesucht hat. Erst im Wasser, und später überall in der Schwimmhalle. Irgendwann bin ich dann einfach auf ihn zu gekommen und habe ihn umarmt. Fox hat keine Sekunde gebraucht um sich umzudrehen und mich in die Arme zu nehmen.
Ehrlich gesagt, hatte ich schon lange keinen so schönen, ausgelassenen Tag mehr. Immer war da nur die Arbeit, der Wunsch, perfekt zu sein und alles zu erreichen; jetzt habe ich alles, was ich wirklich will, und es scheint, dass Perfektion unwichtig geworden ist. Das macht alles leichter, und ich gestehe, dass ich es genieße.
***
An einem ihrer wenigen freien Nachmittage war Scully allein zu Hause; sie hatte Mulder rausgeschmissen, um in aller Ruhe aufräumen zu können. Als es an der Tür klingelte, erwartete sie fast, Mulder zu sehen. Er war in den vergangenen Tagen fast immer da gewesen, und sie hatte sich sehr wohl dabei gefühlt. Dass sie ihn heute weggeschickt hatte lag daran, dass sie es nicht leiden konnte, wenn ihr jemand beim Saubermachen half. Sie konnte sich dann nicht richtig konzentrieren, weil sie ständig versucht war, den anderen zu beobachten, ob er auch ja alles an den richtigen Platz stellte. So kam sie zu nichts, und das hatte sie Mulder auch erklärt. Er hatte gegrinst und vorgeschlagen, dass er seinerseits in seinem Apartment ein wenig aufräumen könnte.
"Mal sehen, wer eher fertig ist." hatte er gesagt, und sie hatte lachen müssen. Fox Mulder und aufräumen, das passte einfach nicht zusammen; schließlich war er der Herr des Chaos, sowohl im Büro als auch in seiner Wohnung.
Scheinbar hatte er es dann auch nicht allzu lange ausgehalten, denn er war keine drei Stunden weg gewesen.
Als sie die Tür öffnete, war sie beinahe enttäuscht, ihre Mutter zu sehen. Andererseits zeigte es doch, dass er ihre Wünsche ernst nahm, überlegte sie und bat Maggie herein.
"Hi, Mom. Ich bin eigentlich gerade beim Aufräumen, aber setz dich doch."
Maggie Scully sah sich um, als suche sie etwas. Dana konnte sich schon denken was, oder eher wen, ihre Mutter zu sehen erwartete, aber sie sagte nichts.
Schließlich gab Mom auf.
"Wo steckt Fox?" erkundigte sie sich wie beiläufig.
"Zu Hause, nehme ich an." entgegnete Dana ebenso beiläufig. "Ich hab ihn rausgeschmissen."
"Du hast was?" wollte Maggie entsetzt wissen. "Dana, wie konntest du nur? Er ist so ein netter Mensch, und du wirfst ihn raus? Was hat er dir getan? Konntet ihr nicht darüber reden?"
Scully begann zu lachen.
"Ach, Mom. Du bist so herrlich, wenn du dich um Dinge kümmerst, die dich nichts angehen. Ich habe mich doch nicht von ihm getrennt. Ich hab ihn einfach gebeten, heute nicht hier zu sein, weil ich großes Aufräumen machen wollte, und du weißt, wie ungern ich dann Besuch habe."
Maggies Blick wechselte von Erleichterung zu Strenge.
"Mit so etwas macht man keine Witze. Ich dachte wirklich, ihr beide..."
"Keine Angst, ich würde das nie ohne deine Erlaubnis tun. Wo ich doch schon ohne deine Erlaubnis mit ihm zusammengekommen bin..."
Sie sahen sich an und lachten. Dana holte ihrer Mutter etwas zu trinken, und sie setzten sich auf die Couch. Lange sah Maggie ihre Tochter an, dann erkundigte sie sich: "Bist du glücklich?"
Dana erwiderte den Blick ihrer Mutter und sagte ernst: "Ja, ich bin glücklich. Ich glaube, ich war noch nie so glücklich wie jetzt."
"Dann war es die richtige Entscheidung. Ich habe es eigentlich immer gehofft, schon, seit ich Fox zum ersten Mal gesehen habe. Es kam mir so vor, als würdet ihr beide etwas teilen, das niemand außer euch verstehen kann. Als würdet ihr ohne Worte sprechen."
"Manchmal tun wir das auch. Weißt du, mir geht es ähnlich wie dir. Auch ich habe immer gehofft, dass wir eines Tages zusammen sein würden. Aber das erschien mir unmöglich, weil wir schließlich zusammen arbeiten, und es gibt so viele Regeln..."
"Habt ihr deswegen Schwierigkeiten?" unterbrach Maggie sie.
"Nein, bisher noch nicht. Aber es weiß auch noch niemand, obwohl ich glaube, dass unser Vorgesetzter, Skinner, etwas ahnt. Wenn es rauskommt, wird es Probleme geben, aber das wissen wir beide schon jetzt, also können wir uns darauf vorbereiten."
"Was wollt ihr dann tun?"
"Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich werden wir getrennt werden, aber das ist etwas, womit wir lernen können zu leben. Jedenfalls eher als ohne einander zu sein."
Sie sprachen noch eine ganze Weile, bevor sich Maggie verabschiedete und ihre Tochter wieder allein ließ. Dana war überrascht, wie gut es ihr getan hatte, mit ihrer Mutter über ihre Gefühle zu reden. Sonst tat sie das nie, weil Maggie immer besorgt um Danas Wohl war und versuchte, ihr zu raten, wie sie ihr Leben leben sollte. Das hatte Dana noch nie ertragen können. Aber jetzt, wo sie sah, dass ihre Tochter glücklich war, schien Maggie sich nicht mehr einmischen zu wollen. Sie wollte einfach an Danas Glück teilhaben, und Dana ließ das gern zu.
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Teil Zwei
Konfusion
True Friends – True Kiss
My world is upside down
because of you.
Now I don’t know
what I should do.
We started as partners
and full of doubts.
Slowly you became my friend.
I couldn’t imagine
how this would end,
that I would fall
in love with you.
I couldn’t fight it
after all.
When you kissed me
yesterday
I didn’t know
what to say.
It’s fun to laugh with you
as we often do.
But lovers?
The much I enjoyed your kiss
I’m not prepared for this.
I don’t know
how we can go on,
if to hide
is the best,
or to tell anyone
with pride.
But one thing I can say:
I’m not alone.
I will go to you
and we’ll talk this through
like true friends do.
We’ll find a way
to handle this
for this is no chance
we will miss.
And then
I will ask you
to kiss me again.
(written by SonjaK)
Ich weiß noch immer nicht, wie es so weit gekommen ist. An diesem Abend war Dana schlecht drauf, und es scheint, als habe sie gerade dadurch ihre innersten Gefühle zugelassen. Sie hat mir ihre Liebe entgegengeworfen wie etwas, womit sie mich erschlagen wollte, und ich habe sie angenommen, weil es alles war, was ich wollte. So war es schon immer.
Durch Kathy waren wir vor dem Alltag sicher, und als sie fortging, wurde es schwierig.
Ich wollte schon immer, dass wir wirkliche Liebende sind. Eigentlich waren wir das schon die ganze Zeit gewesen, auch wenn es uns nicht richtig bewusst war, aber es war so. Ich habe sie geliebt, und sie hat mich geliebt, wo ist der Unterschied zu dem, was wir jetzt haben? Gut, wir wissen es jetzt voneinander, aber das ist auch alles.
Wir streiten noch immer, und sie zerreißt meine Theorien genauso in der Luft, wie sie es immer getan hat, auf ihre faire, aber gleichzeitig sehr kritische Art.
Wir tun jetzt Dinge, die wir vorher nicht getan haben: Neulich waren wir schwimmen, und es hat uns beiden Spaß gemacht. Ich muß zugeben, dass ich sie auch unheimlich sexy fand in ihrem Badeanzug und mit nassen Haaren, aber das war nicht die Hauptsache. Es ging darum, zusammen Spaß zu haben, und das hat wirklich gut funktioniert.
Manchmal schmeißt sie mich raus, und manchmal gehe ich freiwillig, aber die meiste Zeit sind wir zusammen. Ihre Angst war unbegründet, und das freut sie.
Trotzdem kommen Probleme auf uns zu. Wir waren immer Freunde, und nun gibt es Situationen, die wir als Freunde besser hätten lösen können.
Nachdem Skinner uns diesen jungen Agenten für ein paar Tage zugeteilt hat, bin ich fast ausgerastet. Er hat nichts anderes getan, als freundlich zu ihr zu sein, zu uns beiden, wenn man es genau nimmt. Aber als sie auch freundlich war – und ich weiß, dass sie nichts anderes war – hätte ich dem Kerl am liebsten den Kopf abgerissen. Ich frage mich heute, warum ich so extrem reagiert habe. Gut, er hat mit ihr geflirtet, aber das haben vor ihm schon andere getan. Schließlich ist sie eine sehr attraktive Frau. Aber anstatt froh zu sein, dass ich jetzt keine Angst mehr haben muss, sie durch so etwas zu verlieren, habe ich mich aufgeführt wie ein Idiot, habe den armen Mann bei jeder Gelegenheit angefahren und meine Wut an ihm ausgelassen. Und an Dana. Ich glaube, ich konnte einfach das Gefühl nicht ertragen, sie könnte sich von mir abwenden, nachdem ich einmal ihre Liebe gespürt habe.
Natürlich hat sie mich durchschaut, und sie hat das getan, was sie immer tut: Sie hat mich darauf angesprochen und alles getan, um meine Zweifel zu zerstreuen, Zweifel, die ich eigentlich gar nicht hatte.
Das hat es irgendwie nur noch schlimmer gemacht: Ich habe nicht eine Sekunde lang an ihr gezweifelt, und doch habe ich sie in dem Glauben gelassen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich das getan habe; vielleicht ist es aus Eifersucht geschehen, aus dem Wunsch heraus, dass ihr Lächeln nur mir gehören soll, dass ich nie ein Risiko eingehen muss und doch mit ihr zusammen sein kann. Inzwischen ist mir klar, dass das nicht möglich ist. Es ist immer ein Risiko dabei, wenn man sein Herz öffnet.
Eifersucht ist eine mögliche Erklärung für mein Verhalten, aber ich glaube nicht daran. Die Wahrheit ist, ich habe nicht die geringste Ahnung, warum ich ihr nicht entgegengekommen bin, ihr nicht gesagt habe, was wahr ist und was ich ihr hätte sagen sollen: dass ich nie geglaubt habe, sie würde auf diesen Mann eingehen und ihn ermuntern. Nicht, weil sie es nicht könnte, sondern weil sie es nicht wollte.
Nein, statt dessen habe ich geschwiegen, bis sie sich, wütend und traurig und frustriert, abgewendet hat.
Erst da hat es in mir "klick" gemacht und ich habe begriffen, was ich ihr antue. Ich bin sofort zu ihr gegangen, habe sie in meine Arme genommen und es ihr gesagt. Sie hat mich schweigend angesehen, und dann hat sie gelächelt.
Sie hat ihre Arme um meinen Hals gelegt und so getan, als wollte sie mich erwürgen. Ich habe einen Augenblick mitgespielt, und es hat mit einem Kuss geendet.
Sie hat mich geküsst wie nie zuvor, und es war wundervoll. Ich habe sie so fest an mich gedrückt wie ich nur konnte, wollte sie näher und noch näher bei mir spüren, und wir haben einander geküsst, bis wir keine Luft mehr bekamen.
In dem Moment habe ich etwas gefühlt, das mir Angst gemacht hat: Mir ist plötzlich bewusst geworden, dass sie mir an diesem Abend alles geben würde. An sich kein schlimmer Gedanke, aber ich wusste auch, dass sie es nur für mich getan hätte. Sie hätte es getan, um mir zu zeigen, dass sie mich liebt, um mir zu beweisen, dass ich mich geirrt habe, und nicht, weil sie bereit dazu war. Dieser Gedanke hat mich so sehr erschreckt wie noch nie etwas in meinem Leben.
Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich tun sollte, dann habe ich mich auf die Couch gesetzt, sie in meine Arme gezogen und ihr gesagt, was ich denke.
Zuerst hat sie mich mit großen Augen angestarrt, und dann hat sie genickt. Sie hat meinen Eindruck bestätigt, und das war alles. Keine Entschuldigung, kein Versuch, es zu erklären oder zu rechtfertigen; sie hat mir einfach in die Augen gesehen und gesagt, dass ich recht habe.
Wir haben dann bis spät in die Nacht gesessen und geredet. Irgendwann sind wir schlafen gegangen. Es war kein Problem, in einem Bett zu schlafen.
Das ist das Gute, wenn man über alles reden kann.
***
Es fiel Mulder und Scully doch schwer, sich im Büro zu geben wie immer, denn manchmal überkam sie der Wunsch, einander zu berühren, und immer wieder wechselten sie diese besonderen Blicke, die ihnen alles, anderen dagegen überhaupt nichts sagten.
Wenn sie an Fällen arbeiteten, wurde es noch schlimmer. Sie wohnten noch immer in getrennten Hotelzimmern, aber sobald es irgend möglich war, steckten sie doch wieder zusammen. Das Doppelleben war so frustrierend, weil jeder von ihnen wusste, dass sie den Rest ihres Lebens miteinander teilen wollten; sie durften es aber niemandem sagen, denn das hätte das Ende ihrer Zusammenarbeit bedeutet. Manchmal stritten sie sich deswegen; wie an einem Tag, als Skinner ins Büro geplatzt war, während sie gerade zusammen in einer Akte gelesen hatten. Sie saßen dicht nebeneinander, die Köpfe zusammengesteckt und über den Ordner gebeugt, wie sie es auch früher manchmal getan hatten. Nur hatte Mulder diesmal seine Hand auf Scullys Arm gelegt, ganz leicht nur, eine zarte Berührung, die eigentlich nicht besonders aufregend gewesen wäre, wenn Skinner nicht sowieso schon so etwas geahnt hätte.
Er hatte sich geräuspert und war dann ganz hereingekommen, um eine Akte zu holen, die Mulder ihm schon vor Tagen hätte geben sollen. Da sich Bette, Skinners Sekretärin, seit einer Weile weigerte, das Kellerbüro zu betreten, nachdem sie beinahe von einem Berg Akten erschlagen worden war, der vom Regal gefallen war, blieb dem AD nichts anderes übrig, als sich die Akten selber zu holen.
Er hatte die Berührung nicht kommentiert, sondern Mulder einfach mit einem energischen Ton darum gebeten, das nächste Mal bitte die Akten nach Abschluß eines Falles zurückzugeben, woraufhin dieser protestierte, der Fall sei in seinen Augen noch längst nicht abgeschlossen sondern werde schlicht unter den Teppich gekehrt, was zu einer der üblichen heftigen Diskussionen zwischen Mulder und seinem Vorgesetzten führte.
An sich nichts besonderes, aber es war für Scully nervenaufreibend, weil sie die ganze Zeit über darauf wartete, dass Skinner merken ließ, dass er etwas gesehen hatte. Er tat nichts dergleichen, sondern verließ das Büro mit der Ermahnung an Mulder, sich aus dem Fall rauszuhalten, da es keine offenen Fragen mehr gebe.
Trotzdem führte dieser Zwischenfall zu einem Streit zwischen Mulder und Scully, die der Meinung war, sie beide wären unvorsichtig gewesen.
Mulder widersprach ihr ganz entschieden: "Ich finde nicht, daß wir unvorsichtig gewesen sind. Schließlich haben wir einander nicht einmal geküßt, und da teile ich Deine Meinung: Das wäre unangebracht gewesen. Wir haben gearbeitet wie immer, und wenn er daran etwas auszusetzen hat, dann soll er es nur versuchen."
"Wir haben gearbeitet, aber wir haben einander berührt, und das war unvorsichtig. Du weißt genauso gut wie ich, dass man uns trennen wird, wenn er etwas herausfindet. Das wäre das Ende deiner Arbeit an den X-Akten, denn ohne meine wissenschaftliche Meinung werden sie sie schließen, bevor du dich versiehst. Und ich will auch an ihnen arbeiten, denn sie sind..."
Sie brach ab, aber Mulder verstand auch so, was sie meinte. Die X-Akten, einst sein eigener Kreuzzug, waren im Laufe der Zeit auch für sie zu einem persönlichen Anliegen geworden, und sie wollte und konnte nicht aufhören, an ihnen zu arbeiten.
An diesem Abend sprachen sie nicht mehr darüber; eigentlich sprachen sie fast gar nicht, denn jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Es war unmöglich, ihre Beziehung noch länger zu verheimlichen; dazu war sie ihnen viel zu wichtig. Aber es offenzulegen würde bedeuten, die X-Akten aufzugeben, etwas, das ihnen ebenso unmöglich erschien. Ohne dass sie darüber gesprochen hätten, fuhr Mulder nach Hause, um dort zu übernachten, was er schon lange nicht mehr getan hatte.
Keiner von ihnen schlief in dieser Nacht besonders gut.
Ich weiß nicht, was mich daran so aufgeregt hat. Wir haben einander schon immer während der Arbeit berührt, und es hat mich nie gestört. Im Gegenteil, es war immer etwas Besonderes für mich. Aber jetzt...
Vermutlich hatte ich einfach Angst, dass Skinner dahinterkommt, obwohl ich denke, dass er es schon ahnt. Als er heute ins Büro gekommen ist, dachte ich, jetzt ist es vorbei. Dieser Gedanke erschreckte mich so sehr, weil ich weiß, wie Fox die X-Akten braucht. Ich habe Angst, ihn unglücklich zu machen, wenn er wegen mir nicht mehr daran arbeiten kann. Trotzdem ist es so frustrierend. Ich darf nicht einfach so seine Hand nehmen, wenn mir danach ist, ich darf es nicht genießen, wenn er meinen Arm berührt, weil ich ständig auf der Hut bin, dass niemand hereinkommt und es bemerkt.
Das zehrt so sehr an meinen Nerven, dass ich manchmal glaube, ich werde verrückt. Wenn ich es nicht schon längst bin. Warum sonst hätte ich mich auf so etwas eingelassen? Ich hatte meine Gefühle doch sonst auch gut unter Kontrolle. Aber wahrscheinlich ist es genau das: Ich habe sie zu lange unterdrückt. Es ist so schwer, mir nichts anmerken zu lassen, weil ich am liebsten allen von uns erzählen würde, meine Gefühle herausschreien und mit der ganzen Welt teilen. Ich könnte vor Glück platzen, und doch darf ich es außer meiner Mutter niemandem erzählen. Das ist einfach nicht fair! Warum sollten FBI-Agenten kein Privatleben haben dürfen?
Ich möchte es nicht mehr geheimhalten müssen, aber ich muss es tun. Für Fox.
In dieser Nacht faßte Mulder einen Entschluss. Sobald er sich sicher war, fuhr er zu Scully und klingelte an ihrer Tür. Er kam nicht auf den Gedanken, seinen Schlüssel zu benutzen, denn er wollte sie nicht erschrecken. Dass es mitten in der Nacht war, wurde ihm erst bewusst, als sie im Morgenmantel die Tür öffnete.
"Tut...Tut mir leid. Ich hatte vergessen, wie spät es ist. Hab ich dich geweckt?"
Sie schüttelte den Kopf, nur mit Mühe ein Lächeln verbergend. Sie war es seit langem gewohnt, dass Mulder zu jeder erdenklichen Tages - und Nachtzeit bei ihr auftauchte, wenn ihm eine Idee in den Kopf schoss, und so bat sie ihn einfach herein.
"Wieso hab ich dich nicht geweckt? Es ist 4.30, und da schläft man normalerweise."
"Und was ist mit dir? Du bist doch auch noch wach. Außerdem...Was ist bei uns schon normal?"
"Da hast du auch wieder recht. Komm, setz dich. Ich möchte dir etwas sagen."
"Kann das nicht bis morgen warten?" Aber sie sah schon in seinen Augen, dass es nicht warten konnte. Also nickte sie ergeben und setzte sich zu ihm auf die Couch.
Mulder fing an, brach wieder ab, begann von neuem und schüttelte schließlich den Kopf.
"Ich denke, ich sollte es einfach sagen, wie es ist: Ich finde, wir sollten Skinner die Wahrheit sagen, ganz egal, was danach passiert. Ich kann nicht mehr so weitermachen. Du bist mir zu wichtig, als dass ich es weiterhin geheimhalten könnte. Ich möchte, dass wir keine Angst mehr haben müssen, wenn wir uns ansehen, dass jemand etwas in unseren Blick hineinliest und uns anschwärzt, und ich möchte nicht mehr ständig überlegen, was passiert, wenn es doch einmal jemand herausfindet. Und...Ich möchte, dass du weißt, du bist mir wichtiger bist als es die X-Akten jemals werden sein können."
Scully schwieg. Sie konnte kaum glauben, was sie gerade gehört hatte. Er würde für sie die X-Akten aufgeben, obwohl sie es nicht einmal von ihm verlangt hatte. Sie wußte, dass sie das nicht zulassen konnte, aber es machte sie trotzdem glücklich, dass er es tun würde.
"Ich...Das mußt du nicht tun. Es ist nicht so schlimm, wenn wir es noch eine Weile geheimhalten..."
Mulder erkannte natürlich, dass sie log. Er unterbrach sie: "Doch, das ist schlimm. Ich weiß, dass es dich unglücklich macht, und mir geht es genauso. Ich habe es mir genau überlegt, und wir können es morgen Skinner sagen. Dann soll er entscheiden, was er tut, ob er uns versetzt, anderen Abteilungen zuteilt oder was auch immer."
Einen Moment lang sahen sie einander in die Augen und teilten sich mit, was sie sagen wollten; dann gingen sie schlafen und kuschelten sich aneinander, jeder mit ängstlichen Gedanken daran, was sich morgen verändern würde, und gleichzeitig erleichtert, dass sie eine Entscheidung getroffen hatten.
<><><>
Teil Drei
Leben
Cantico
What’s the use of crying
And denying what you feel
Stay here if you will
But don’t think, just hold me
Let me dream
Over your velvet skin
Skin that I yearn to caress
And for as long as
You’re unable to give yourself
I shall never give up trying
It’s pointless to run away
Because you’re mine
Because I want you
And because you want me
There’s a whole world there for the taking
And it’s open up around us
And if it makes you happy
I shall be your guardian angel
Never, ever to leave you
Even when I cannot see
Your sweet smile
Lighting up your face
And for as long as
You’re unable to give yourself
I shall never give up trying
It’s pointless to run away
Because you’re mine
Because I want you
And because you want me
You’ll be everything to me
Because I want you
And because you want me
There’s a whole world opening up to us
There’s a whole world opening up to us
Assistant Director Skinner war nicht sonderlich überrascht, als Mulder und Scully sein Büro betraten und ihn um ein Gespräch baten. Er bot ihnen Platz an und forderte sie dann auf, ihm zu sagen, was sie auf dem Herzen hatten. Nicht dass er es sich nicht denken konnte; schließlich hatte er Mulder erst gestern einen Fall entzogen, von dem er annahm, er sei abgeschlossen. Mulder hatte ihm ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass er anderer Meinung war, und Skinner erwartete nun die Fortsetzung der gestrigen Debatte.
Er sollte sich so sehr täuschen wie schon lange nicht mehr.
Das erste, was ihm seltsam vorkam war, dass Mulder unruhig auf seinem Stuhl herumrutschte, etwas, das er sonst nie tat.
"Sir..." begann Scully, um gleich darauf von Mulder unterbrochen zu werden.
"Ich...Wir müssen Ihnen etwas sagen, das..."
"Das uns beide betrifft." unterbrach Scully wieder ihren Partner.
Dann schwiegen beide, als wüssten sie nicht, wie sie fortfahren sollten. Skinner wurde allmählich ungeduldig. Was immer sie ihm zu sagen hatten, es konnte doch nicht so schlimm sein, dass sie wie Grundschulkinder, die mit einem Tadel rechnen, herumdrucksen mussten.
"Also, was ist los?" fragte Skinner streng, und Scully gab sich einen Ruck. Sie war schon immer diejenige gewesen, die besser mit Skinner auskam, und so schien es ihr nur logisch, dass sie es ihm sagte.
"Sir, was Agent Mulder sagen wollte ist, dass..." Sie zögerte einen Moment lang, denn ihr wurde plötzlich bewusst, dass es kein Zurück mehr geben würde, wenn sie jetzt die Wahrheit sagten. Aber das war ihr egal, denn sie wollte es hinter sich bringen. Ein Blick zu Mulder verriet ihr, dass es ihm genauso ging.
"Wir sind...Agent Mulder und ich haben eine Beziehung, und wir dachten, das sollten Sie wissen."
Nach Scullys Worten war es einen Moment lang vollkommen still im Raum; Mulder bewunderte den Mut seiner Partnerin...Freundin. Scully war erstaunt über die Ruhe, mit der sie die Worte ausgesprochen hatte, und Skinner musste sich erst einmal bewusst werden, was er soeben gehört hatte.
Während sie auf eine Reaktion des AD wartete, griff Scully unter dem Tisch nach Mulders Hand; er drückte sie leicht und hielt sie dann fest, durch ihre Wärme getröstet und beruhigt. Was auch immer gleich geschehen mochte, es konnte ihm nichts anhaben, nicht solange er Danas Hand in seiner fühlte.
Skinner war wie vor den Kopf gestoßen. Er hatte es schon immer geahnt; Mulder und Scully passten einfach zu gut zusammen, hatten zu eng zusammengearbeitet, als dass sich eine Situation wie diese auf Dauer hätte vermeiden lassen. Er hatte sich vor dem Tag gefürchtet, an dem ihm jemand davon erzählen und ihn zum Handeln zwingen würde, aber es überraschte ihn, dass sie es selbst taten. Was zum Teufel erwarteten sie jetzt von ihm? Dass er ihnen seinen Segen geben würde? Es musste ihnen doch klar gewesen sein, dass er sie würde trennen müssen. Das war das Letzte, was er wollte, denn obwohl er es niemals zugeben würde, er mochte die beiden Agenten mit den seltsamen Ideen und dem Hang zur Sturheit. Mulder erinnerte ihn an sich selbst als junger, ambitionierter Agent, und Scully...Nun, sie war die Frau, die er damals gern an seiner Seite gewusst hätte, wenn er wieder einmal über eine der Regeln gestolpert war. Aber all seine Sympathien nützten ihm in diesem Augenblick nichts; er musste eine Entscheidung treffen, die nicht in seinem Ermessen lag, musste die Regeln beachten und den Traum dieser Beiden zerstören, die sich vertrauensvoll an ihn gewandt hatten, um ihn um Verständnis für etwas zu bitten, das er nur zu gut verstand, aber nicht billigen durfte. Er musste zugeben, dass es ihm beinahe lieber gewesen wäre, wenn sie ihm nichts gesagt, ihn einfach im Dunkeln gelassen hätten. Aber da sie das nicht getan hatten, sondern sich für die Wahrheit entschieden hatten, wie er es von Mulder und Scully eigentlich auch erwartet hatte, musste er reagieren, so ungern er das auch tat.
Die Stille war so erdrückend gewesen, dass sowohl Mulder als auch Scully zusammenzuckten, als Skinner schließlich sprach: "Agent Mulder, Agent Scully, ich bin sicher, Sie wissen, dass das, was Sie mir gerade gesagt haben, Konsequenzen haben muss. Es liegt nicht in meinem Ermessen zu entscheiden, wie weit diese gehen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mit so etwas gerechnet; ich habe nur nicht erwartet, dass Sie es mir selbst sagen. Ich will ganz offen zu Ihnen sein: Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was ich nun tun soll." Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: "Ich kann Ihr Geständnis, wenn man es denn so nennen will, nicht einfach ignorieren, aber..."
"Das erwarten wir auch nicht von Ihnen." unterbrach Mulder den AD.
"Wir wollten es trotzdem nicht länger geheimhalten. Es ist einfach nicht gut, das zu tun."
"Ich verstehe. Nun, ich will Ihre Ehrlichkeit nicht bestrafen, indem ich Sie beide trenne, obwohl ich das müsste, wenn ich mich an die üblichen Vorschriften halte. Aber ich bin sicher, dass wir eine Lösung finden werden. Allerdings setzt das voraus, dass Sie beide sich weiterhin an die Benimmregeln des FBI halten; zumindest so weit, wie Sie es schon immer getan haben."
Sie nickten, und keiner von ihnen konnte ganz den irrationalen Hoffnungsschimmer verdrängen, der am Horizont aufzutauchen schien.
"Das schließt auch ein, dass Sie nicht im Büro Ihres Vorgesetzten Händchen halten!" tadelte Skinner streng und verbiss sich ein Lächeln, als die beiden Agenten einander hastig losließen und sich kerzengerade hinsetzten. Er hatte sie nicht in Verlegenheit bringen wollen, aber er hatte es auch nicht lassen können, sie ein wenig zu ärgern.
"Wenn Sie mir versichern, daß Sie sich im Dienst weiterhin normal benehmen (Zumindest was man bei Mulder und Scully als normal bezeichnen kann, fügte er in Gedanken hinzu), dann kann ich mich dafür einsetzen, dass Sie beide weiter zusammen arbeiten. Ich bin sicher, wenn wir lange genug suchen, werden wir einen Präzedenzfall finden, der dies rechtfertigt. Und bis dahin sollte es niemandem einfallen, mir sagen zu wollen, wie ich meinen Job zu machen habe."
Mulder konnte es kaum fassen. Sie hatten die Wahrheit gesagt und waren nicht getrennt worden. Skinner räumte ihnen sogar die Möglichkeit ein, weiter zusammen zu arbeiten.
"Danke, Sir."
"Wofür? Ich tue nur meinen Job und sorge dafür, dass Sie beide Ihren tun. Und jetzt gehen Sie wieder an die Arbeit."
"Ja, Sir." erwiderten sie wie aus einem Mund, und Skinner sagte sich, dass es kein Wunder war, dass diese Beiden letztlich zusammengefunden hatten. Es wäre eher eins gewesen, wenn das nicht passiert wäre.
Scully stand auf und verließ das Büro, Mulder dicht auf ihren Fersen. Als sie die Tür erreichten, rief Skinner sie noch einmal zurück: "Ach, Agent Mulder, Agent Scully...Sollten Sie jemals auf die Idee kommen zu heiraten, laden Sie mich ein."
Mit vor Überraschung offenen Mündern verließen die beiden Agenten das Büro ihres Vorgesetzten.
Ich kann es nicht fassen. Skinner hat uns tatsächlich nicht getrennt. Wir haben es ihm gesagt, und er lässt uns trotzdem zusammen arbeiten. Jetzt geht es darum, ihn nicht zu enttäuschen. Aber das wird kein Problem sein, denn wir arbeiten noch immer gut zusammen.
Wieder etwas, was nicht normal ist bei uns. Ich kann gar nicht zählen, in wie vielen Dingen wir von der Norm der anderen Paare abweichen, aber es sind viele. Das fängt damit an, dass wir noch nicht einmal ein Date gehabt haben. Wir sind aus heiterem Himmel und mitten aus unserer Freundschaft heraus ein Paar geworden, und das ohne ein einziges Mal richtig auszugehen. Wir sind bis heute nicht zusammen im Kino gewesen, weil sich unser Geschmack, was Filme betrifft, so sehr unterscheidet. Ich würde mir nie einen der ewigen Science Fiction-Filme ansehen, die Fox so liebt, und er würde sich in den Filmen, die ich mag, tödlich langweilen; schließlich kommt da kein einziger Außerirdischer vor. Wir sind eigentlich gar nicht dafür geschaffen, zusammen zu sein, weil wir so unterschiedlich sind. Wir mögen nicht die gleiche Musik, und auch unser Geschmack, was Bücher angeht, ist total verschieden.
Fox steht auf Pommes Frites und Chiliburger, und ich hasse Fast Food, weil ich es ungesund finde. Seine Unordnung macht mich verrückt, und er kann nicht verstehen, wie ich in einer ordentlichen Umgebung leben kann. Existieren vielleicht, aber nicht wirklich leben. Er kann sich bis zur Besessenheit in einen Fall hineinsteigern, und ich muss dann versuchen, ihn zu bremsen.
Trotzdem gibt es einen Grund, warum wir zusammen sind. Ich erkenne ihn an jedem Abend, wenn ich mich in unserem Bett – denn so betrachte ich es langsam – an ihn kuschle, an jedem Morgen, wenn ich aufwache und ihn im Arm halte, wenn er wieder einmal die ganze Küche durcheinandergebracht hat, weil er für uns kochen wollte, aber nicht den passenden Topf oder die Schüssel gefunden hat und mich dann mit diesem verletzten Blick ansieht, so dass ich nur lachen und ihm verzeihen kann, wenn er mir mein Lieblingseis mitbringt, obwohl ich nur ein einziges Mal erwähnt habe, welches das ist, wenn ich seinen erfreuten Gesichtsausdruck sehe, weil ich ihm Sonnenblumenkerne besorgt habe, einfach so, wenn ich ihn ansehe...
Es gibt tausend und eine Situation, in der ich erkenne, warum wir zusammen sind: Weil wir uns lieben. So einfach ist das. Es hat nichts mit Logik zu tun, auch nicht mit Wissenschaft oder Vernunft, es ist einfach etwas, das man nicht greifen kann, nicht kategorisieren oder einordnen, es ist einfach da, unerklärlich und doch nicht zu übersehen.
Wenn ich vor ein paar Monaten geahnt hätte, dass ich so etwas sagen würde, dann hätte ich nur den Kopf geschüttelt. Es ist nicht typisch für Dana Scully, unlogisch zu handeln, und dennoch tue ich es, jeden Tag aufs neue, und habe sogar Spaß dabei. Willkommen in der Welt der Gefühle, Agent Scully.
***
Es gab nur eins, was Scully störte: Dass Mulder so verflucht vorsichtig war. Wenn sie zusammen auf der Couch saßen und sich einen Film ansahen, kam er nicht einmal auf die Idee, sie zu umarmen, auch wenn sie spüren konnte, dass er das gern getan hätte. Auch nachts, wenn sie sich eine Decke teilten, passte er auf wie ein Schießhund, dass er ihr nur ja nicht zu nahe kam. Offenbar saß die Erinnerung an jenen einen Abend noch zu tief, und er fürchtete, sie doch noch zu überrumpeln. Was sie betraf, war das Unsinn, aber sie schaffte es einfach nicht, ihm das begreiflich zu machen. Bis sie an einem Wochenende bei Charles eingeladen waren, dessen Frau ihren Geburtstag feierte.
Es war inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass Mulder zu den Feiern, die im Herbst häufig stattfanden, eingeladen wurde, denn jeder in der Familie sah ein, dass er unumstößlich zu Dana gehörte und dass sie nicht ohne ihn auftauchen würde. Zuerst hatten ein paar der Verwandten Bedenken gehabt wegen des Zwischenfalls auf dem Familienfest im Sommer, aber nachdem Bill zugegeben hatte, dass er Fox provoziert hatte, war die angespannte Stimmung zwischen den beiden einer abwartenden Haltung gewichen, so dass es zu keinem weiteren Zusammenstoß gekommen war.
Charlie erklärte gleich zu Anfang, dass er und seine Familie nicht genug Platz für alle Gäste hatten, also müssten ein paar von ihnen ins Hotel ziehen, während andere auf Luftmatratzen auf dem Boden schlafen sollten. Mulder, immer Gentleman, erbot sich natürlich, auf dem Boden zu schlafen, was Charles gern annahm. Scully sagte gleich, sie werde auch in kein Hotel gehen, und so wurden die Beiden im Wohnzimmer einquartiert.
In der Nacht wachte Mulder auf. Einen Moment lang wusste er nicht, wo er sich befand, dann fiel es ihn wieder ein: Er und Dana waren bei der Geburtstagsfeier von Danas Schwägerin gewesen und übernachteten in deren Haus.
Mulder lauschte auf Danas Atem, und er dachte daran, wie fröhlich sie den ganzen Tag über gewesen war. Sie hatte mit all ihren Verwandten gesprochen und sich lange mit Charles, Bill und ihrer Mutter unterhalten, und er war sich wie ein Außenseiter vorgekommen. Das erschien ihm jedoch nicht so wichtig, solange sie glücklich war. Er würde es noch einen Tag lang aushalten, und dann fuhren sie sowieso zurück nach Washington. Was ihm zu schaffen machte war das Gefühl, in Danas Welt eingedrungen zu sein. Unsinn; du bist ein Teil ihrer Welt, und sie hat sich gefreut, daß du mitgekommen bist, sagte er sich.
"Fox? Bist du wach?"
Er zuckte leicht zusammen, denn er hatte angenommen, sie schliefe fest.
"Ja." erwiderte er leise.
"Was ist los mit dir? Warum schläfst du nicht?"
"Keine Ahnung. Ich hab nachgedacht."
"Worüber?" wollte sie wissen.
"Ach, nichts. Ist nicht so wichtig."
Sie schwieg, und er dachte schon, sie sei wieder eingeschlafen, als er plötzlich ihre Stimme dicht bei seinem Ohr hörte: "Hast du noch Platz hier drin? Dann rutsch mal ein Stück."
Bevor er wusste wie ihm geschah, war Dana schon zu ihm in den Schlafsack gekrochen und hatte sich an seine Seite gekuschelt. Sie fühlte sich warm und weich an, und unglaublich gut.
"So, und jetzt sagst du mir, was los ist."
"Ach, es ist eigentlich wirklich nichts. Ich komme mir nur immer so komisch vor, wenn ich mit deiner Familie zusammen bin. Als ob ich in eine Welt eindringe, die nicht meine ist."
Er hörte sie leise lachen. "Das hat Charlie heute auch zu mir gesagt, als du draußen warst. Er hat das Gefühl, sich zwischen uns zu stellen, wenn er sich mit mir unterhält. Das ist doch ganz normal; du kennst sie alle noch nicht, und es wird eine Weile dauern, bis sich das ändert, aber es wird sich ändern. Und falls es dich beruhigt, sie mögen dich alle sehr."
"Bis auf William."
"Ach, Bill wird sich schon daran gewöhnen, dass seine kleine Schwester jetzt nicht mehr von ihm beschützt werden muss. Er will immer noch auf mich aufpassen, und das beinhaltet auch, jeden anderen Mann von mir fernzuhalten."
Sie schwiegen eine Weile, und Mulder sehnte sich danach, sie in den Arm zu nehmen, zumal das in dem engen Schlafsack zweckmäßig gewesen wäre, aber er tat es nicht.
Schließlich musste sie wieder lachen. Er erkundigte sich irritiert: "Was ist?"
"Ich muss gerade an unser kleines Gespräch im Wald denken, weißt du noch?"
Mulder dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte er den Kopf.
"Schlafsäcke." half sie ihm auf die Sprünge.
"Wenn es heute nacht Schlafsäcke regnet, haben Sie vielleicht Glück." entgegnete er und musste auch lachen.
"Ich hätte damals alles gegeben, wenn es tatsächlich welche geregnet hätte. Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich eines Tages wirklich einen Schlafsack mit dir teilen würde..."
"Ja, es ist schon komisch. Ich hatte auch fast gehofft, es könnte etwas passieren, in diesem Wald. Aber ich denke, es ist gut, dass es das nicht ist. Sonst wären wir vielleicht nicht hier."
"Du meinst, alles wäre anders gelaufen?"
"Wer weiß? Aber das ist jetzt egal. Es ist so gelaufen, wie es gelaufen ist, und das ist die Hauptsache... Tust du mir einen Gefallen?"
"Jeden."
"Sei nicht immer so ein verdammter Gentleman."
"Wie meinst du das?"
"Du denkst immer, du müsstest um Erlaubnis fragen, wenn du mich festhalten willst. Das mußt du nicht. Tu einfach mal, was du denkst. Ich werde mich schon nicht in Luft auflösen, versprochen."
Erst war er irritiert, dann stumm vor Staunen. Dann nahm er Dana in die Arme und hielt sie so fest er nur konnte, drückte sie an sich und küsste sie, bis sie beide atemlos waren. Als sie ihr Gesicht an seinem Hals vergrub, konnte er spüren, wie sie lächelte.
Ein paar Minuten später schliefen sie ein.
***
Weihnachten. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es war... es war etwas ganz Besonderes. Sonst habe ich Weihnachten immer entweder bei meiner Familie verbracht, je nachdem, wem ich leid genug getan habe um mich einzuladen, oder ich war allein. Auf jeden Fall war es immer eine ziemlich traurige Angelegenheit, denn es hat mir bewusst gemacht, wie allein ich eigentlich bin.
In diesem Jahr war alles anders. Ich hatte gerade überlegt, die Feiertage bei Charles und seiner Familie zu verbringen, als Fox mit seiner Idee ankam, Weihnachten zusammen zu feiern. Ich muß zugeben, dass ich einigermaßen überrascht war, denn ich hatte damit gerechnet, dass er zu seiner Mutter fahren würde. Er hat fünf Minuten gebraucht, um mich vom Gegenteil zu überzeugen und mich dazu zu bringen, seien Einladung anzunehmen. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell er mich zu etwas überreden kann.
Nach zwei weiteren Tagen kam er an und machte dieses verlegene Gesicht, das er immer drauf hat, wenn etwas schief gelaufen ist.
"Äh, Dana, wegen Weihnachten..."
Ich ahnte böses, aber dann war es doch nicht so schlimm wie ich erwartet hatte.
"Könnten wir bei dir feiern? Ich meine, ich habe keinen Kamin...Wie soll der Weihnachtsmann denn bei mir in die Wohnung kommen?"
Ich konnte nicht anders als zu lachen.
"Ich dachte schon, du versetzt mich. Natürlich können wir bei mir bleiben. Das tun wir doch schon seit Wochen, wenn ich richtig drüber nachdenke. Weißt du überhaupt noch, welche Nummer dein Apartment hat?"
Manchmal macht es mir Spaß, ihn zu ärgern, das gebe ich zu. Und er ist darauf hereingefallen, wie er es immer wieder tut und hat mich mit einem so verletzten Gesichtsausdruck angesehen, dass ich ihn nur in die Arme nehmen und an mich drücken konnte, damit er merkt, dass ich es nicht so gemeint habe. Das ist eines der wenigen Probleme: Er nimmt alles ernst, was ich sage. Er glaubt immer noch nicht, dass er mich verdient hat. Deshalb muss ich manchmal mit meinen Aussagen ein wenig vorsichtig sein. Ich weiß das, und meistens halte ich mich daran, aber manchmal kann ich nicht widerstehen. Ich werde ihm eines Tages mal klarmachen müssen, daß es keine Gunst von mir ist, ihn zu lieben, sondern dass ich es wirklich und von ganzem Herzen tue, damit er aufhört, solche Gedanken zu haben.
Ich weiß nicht, was mich auf die Idee gebracht hat, aber ich will, dass Weihnachten etwas ganz besonderes für Dana wird. Ich habe sie schon viel zu lange nicht mehr überrascht, und jetzt werde ich das tun. Ich habe eine Weile überlegen müssen, aber dann hatte ich es. Es gibt nur ein einziges Problem: Wie bekomme ich sie dazu, für vierundzwanzig Stunden aus ihrer Wohnung zu verschwinden, ohne dass sie sofort Lunte riecht? Manchmal ist es verdammt schwierig, mit einer FBI-Agentin befreundet zu sein. Es gibt jedesmal Probleme, wenn man sie überraschen will. Sie ist schon manches Mal dahinter gekommen, was ich vorhatte, aber diesmal muss ich einfach dafür sorgen, dass sie nichts mitbekommt. Ich überlege, ob ich ihren Bruder bitten soll, sie einzuladen, vielleicht unter dem Vorwand, eines der Kinder sei krank und sie müsse als Babysitter einspringen.
Es könnte allerdings gefährlich werden, William zu fragen. Ich habe den Eindruck, dass er mich noch immer dafür hasst, was mit Melissa passiert ist. Er hat mal zu mir gesagt, dass es mir offensichtlich vollkommen egal ist, was ich seiner Familie angetan habe. Er würde anders denken, wenn er wüsste, wie sehr mich das alles noch immer quält, besonders wenn ich sehe, dass Dana mir nicht die Schuld dafür gibt. Ich tue es. Immer noch. Ohne mich wäre ihre Schwester noch am Leben und sie selbst wäre nicht durch die Hölle des Krebses gegangen. Vielleicht wird er eines Tages sehen, wie sehr ich seine Schwester liebe, aber bis dahin sollte ich mich lieber von ihm fernhalten, denn ich möchte es Dana ersparen, noch eine Auseinandersetzung zwischen uns miterleben zu müssen. Die letzte reicht noch für eine Weile.
Aber eigentlich wollte ich doch über Weihnachten nachdenken. Wie kriege ich Dana aus dem Haus?
Es ist doch nicht zu fassen. Da freue ich mich einmal darauf, ein paar Tage mit Fox verbringen zu können, ohne dass uns dauernd die Arbeit dazwischen kommt und wir aufpassen müssen, dass niemand etwas merkt und Skinner doch noch zum Handeln zwingt, und schon am ersten Tag macht mir meine Familie einen Strich durch die Rechnung. Meine Mutter will unbedingt, dass ich ihr bei den Vorbereitungen für die Feiertage helfe, an denen sie natürlich wieder einmal ihre Freundinnen eingeladen hat. "Fox kann auch mitkommen, wenn er will. Und vielleicht wollt ihr ja hier bei mir feiern." hat sie vorgeschlagen. Ich habe möglichst freundlich und diplomatisch abgelehnt. Das fehlt mir noch, mit ein paar neugierigen Freundinnen meiner Mutter Weihnachten zu verbringen und mich ständig von ihnen über meinen Job und mein Privatleben ausfragen lassen zu müssen. Ich möchte einfach nur mit Fox allein sein, aber das versteht anscheinend niemand. Auch er nicht, wie mir scheint, denn er hat nur gesagt, ich könne ruhig gehen, er werde mit unseren Vorbereitungen schon allein fertig werden. Ich hoffe, er weiß, was er tut, denn ich bezweifle, dass er jemals in seinem Leben Weihnachtsvorbereitungen getroffen hat, die über das Basteln von kleinen Karten für seine Eltern hinausgehen. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig als ihm zu vertrauen, denn Mom hat mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass sie beleidigt ist, sollte ich ihr nicht helfen, wenn sie uns schon nicht überreden kann, mit ihr zu feiern. Und da ich sie nicht verletzen will, werde ich eben zu ihr fahren und hoffen, daß ich schnell wieder zurück bin.
***
Scullys Befürchtungen waren gar nicht so unbegründet: Mulder hatte durchaus seine Schwierigkeiten mit den Vorbereitungen, aber nicht, wie sie vermutet hatte, weil er keine Ahnung hatte, sondern weil ihm jemand dazwischen kam: Langley und Byers kamen, um sich nach einer Geschenkidee für Frohike zu erkundigen. Das hätte Mulder nicht überraschen sollen, weil sie jedes Jahr kamen und ihn fragten, aber diesmal waren sie für ihre Verhältnisse ziemlich früh dran. Normalerweise machten sie sich bis zum Morgen des 24.12. Gedanken und kamen dann zu ihm, um ihm zu sagen, dass er ihre letzte Hoffnung sei. Dieses Jahr aber kamen sie schon am 23., was ihn vollkommen aus dem Zeitplan geraten ließ, da er sie nicht einfach abwimmeln konnte; schließlich waren sie seine Freunde. Also bat er sie herein und versuchte, ganz schnell eine passende Geschenkidee aus dem Hut zu zaubern. Das wollte ihm allerdings nicht gelingen, weil er die ganze Zeit an die Überraschung für Dana denken musste und an ihr Gesicht, wenn sie sie sah, und so wurde es eine ziemlich lange Diskussion, die damit endete, dass sie übereinkamen, Frohike die neueste auf dem illegalen Markt erhältliche Software zum Entschlüsseln von allen nur erdenklichen Codes zu schenken, was bei Mulder ein starkes Déjà Vu auslöste. Er hütete sich allerdings, etwas zu sagen, denn das würde die Entscheidung nur hinauszögern...
Scully war mehr als nur ein wenig gereizt. Erst hatte sie sich von ihrer Mutter eine Litanei nach der anderen zum Thema Ehe anhören müssen, und dann hatte sie auch noch über eine Stunde gebraucht, um sich loseisen zu können. Jetzt kam sie nach Hause, und es sah ganz so aus, als sei Fox spurlos verschwunden.
Was denkt er sich eigentlich? fragte sie sich, als sie die Tür zu ihrer Wohnung hinter sich ins Schloss zog. Erst wollte er unbedingt mit mir zusammen feiern, und dann verschwindet er einfach, ohne mir zu sagen wohin.
Mit einer heftigen Bewegung warf sie ihre Jacke über die Garderobe und trat ins Wohnzimmer...
...wo ihr ein kleiner, aber wunderschön hergerichteter Weihnachtsbaum entgegen strahlte. Sie sah sich um und entdeckte, dass der gesamte Raum geschmückt war. Alles schien für eine Weihnachtsfeier vorbereitet zu sein, nur einer fehlte: Fox.
Gerade als sich Scully fragte, wo er sein könnte, hörte sie die Tür und drehte sich um, sah genau in sein leicht betroffenes Gesicht.
"Oh, du bist schon da, das tut mir leid. Ich hatte gehofft, deine Mutter würde dich noch ein wenig länger beschäftigen, aber..."
"Für meinen Geschmack war es lange genug." gestand sie, und Mulder fuhr fort: "Eigentlich sollte das hier eine Überraschung sein." Er machte eine das ganze Wohnzimmer umfassende Bewegung mit der Hand.
"Mach dir nichts draus. Es ist wunderschön." Damit kam sie auf ihn zu und küsste ihn leicht auf die Wange, wobei sie es sich nicht verkneifen konnte, ein wenig zu spiksen um zu erkennen, was er hinter seinem Rücken hielt. Aber Mulder war auf der Hut.
"Vergiss es." grinste er. "Du erfährst es früh genug; jetzt wird erstmal gegessen."
Sie versuchte erneut, einen Blick auf den Gegenstand in seiner Hand zu erhaschen, aber er wehrte sie wieder geschickt ab.
"Sei nicht so neugierig."
"Hey, das gehört zu meinem Beruf."
"Aber heute bist du nicht im Dienst! Also laß es sein, du kriegst es sowieso nicht raus, bis ich es dir sage."
Scully gab nach und ging an ihm vorbei in die Küche. Dort wartete die nächste Überraschung: Der Tisch war gedeckt, und es roch gut nach weihnachtlichem Essen.
"Na?"
Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Fox hinter sie getreten war, bis er die Arme um sie legte und sie kurz an sich drückte.
"Hast du das alles alleine gemacht?" erkundigte sie sich verblüfft, denn bisher hatte sie seine häuslichen Fähigkeiten nicht gerade hoch eingeschätzt, auch wenn er sie nie allein den Abwasch machen ließ.
"Na ja... Ich gebe zu, ich hatte Hilfe. Susan hat..."
"Wer ist Susan?" Sie hatte nicht misstrauisch klingen wollen, aber er musste es so aufgefaßt haben, denn er fuhr hastig fort: "Die Tochter meiner Nachbarn. Sie ist 18 und geht aufs College."
"Und sie hat an Weihnachten nichts besseres zu tun, als dir beim Kochen zu helfen?"
"Eigentlich schon, aber ihre Eltern wollten sie und ihre Schwester für ein paar Stunden aus dem Haus haben, damit sie in Ruhe vorbereiten können, und da wollten sie zu mir. Ich war aber gerade auf dem Weg zu dir, und so hab ich sie mitgenommen. Ich gebe zu, das war eine ziemlich gute Idee..."
Er brach ab, und Scully hakte nicht weiter nach. Den Rest konnte sie sich denken...
Ich kann es noch immer nicht fassen: Er hat tatsächlich für mich gekocht, auch wenn er es nicht allein geschafft hat. Das ist das Wunderbarste, was je ein Mann für mich getan hat, für mich zu kochen und mich zu Weihnachten zu überraschen.
Wir haben uns dann zum Essen hingesetzt, und ich muss sagen, es hat wunderbar geschmeckt. Inwieweit das Susan zu verdanken ist, ist mir eigentlich vollkommen egal; was für mich zählt, ist etwas ganz anderes.
Nach dem Essen sind wir ins Wohnzimmer gegangen, wo Fox erstmal nach meinem Geschenk suchen musste; er hatte es einfach zu gut versteckt, und außerdem schien er mir ziemlich nervös zu sein. Ich hatte keine Ahnung warum, aber er stolperte ständig über irgend etwas oder ließ etwas fallen, und dann hatte er eben auch noch vergessen, wo er mein Geschenk hingelegt hatte. Ich meine, nach dem Essen konnte doch nicht mehr viel schiefgehen, oder?
Ich konnte nicht anders, als ihn in die Arme zu nehmen, denn ich wollte ihm nicht den Abend verderben indem ich fragte, was los sei. Er würde es mir sagen, wenn er das wollte, und wenn nicht, dann eben nicht.
Mulder war in der Tat nervös, denn er wünschte sich, dass es für Dana ein ganz besonderer Abend wurde, wenn sie ihn schon nicht mit ihrer Familie verbrachte. Er freute sich sehr, bei ihr zu sein, und er wünschte sich, dass sie sich genauso sehr freute.
Als sie ihn schließlich sanft, aber bestimmt in die Arme nahm und zur Couch zog, sagte er nichts mehr, auch wenn er ihr eigentlich erst ihr Geschenk geben wollte. Wenn er es denn gefunden hätte. Aber leider konnte er sich partout nicht mehr erinnern, wo er es hingelegt hatte. Soviel zum fotografischen Gedächtnis, dachte er sarkastisch, aber dann vergaß er das Geschenk, als Dana ihn küsste und leise sagte, wie glücklich sie sei.
"Ich könnte mir keine schönere Art denken, Weihnachten zu feiern."
"Ich auch nicht." entgegnete Mulder und setzte sich zu ihr, um sie in die Arme zu nehmen. Plötzlich sprang er wie von der Tarantel gestochen wieder auf.
"Was ist?" wollte Dana erschrocken wissen, denn sie fürchtete, er habe sich weh getan. Wortlos griff Mulder unter das Sofakissen und zog ein kleines Päckchen in leicht zerknittertem Papier hervor.
"Ich glaube, ich habe gerade dein Geschenk gefunden."
Sie konnte nicht anders, sie musste einfach lachen. Er sah so schrecklich zerknirscht aus, wie er ihr das Päckchen entgegen streckte, und er schien es nicht annähernd so komisch zu finden wie sie.
"Da will ich einmal einen schönen, romantischen Abend mit der Frau verbringen, die ich liebe, und dann geht alles schief." beschwerte er sich, und Scully mußte nur noch mehr lachen.
"Hey, es geht doch nicht alles schief." versuchte sie ihn zu trösten. "Es macht schließlich nichts aus, dass das Papier ein wenig zerknittert ist, und außerdem ist es ganz allein meine Schuld; wäre ich nicht so früh zurückgekommen..."
"...hätte ich dein Geschenk sicher nicht unter einem Sofakissen versteckt." ergänzte er.
"Komm, lass es uns auf deine Mutter schieben; schließlich hat sie dich nicht lange genug aufgehalten."
Sie erwiderte sein verschmitztes Lächeln und nickte.
"Gute Idee. Und jetzt lass mich endlich das Geschenk aufmachen; ich sterbe vor Neugier."
"Eigentlich hatte ich gedacht, ich lasse dich traditionsgemäß bis morgen früh warten..."
"Wenn du es drauf ankommen lassen willst, dass ich dann wirklich eine Minute nach Mitternacht wieder aufstehe... Ich konnte noch nie gut warten."
Mulder seufzte. "Und so etwas ist FBI-Agentin. Wie kommt es, dass man dir diese kindischen Züge nicht anmerkt, wenn du im Dienst bist?"
"Alles Tarnung."
"Okay, ich will nicht riskieren, dass du mir wirklich noch vor Neugier stirbst oder dass du statt dessen auf mich losgehst, um an das Geschenk zu kommen."
"Ich? So etwas würde ich doch niemals tun." entgegnete sie mit gespielter Unschuld und setzte sich wieder auf die Couch, von der sie sich auch erhoben hatte, als Mulder so hastig aufgesprungen war.
"Also, nun mach es schon auf."
Mulders Augen ruhten mit einer Mischung aus Liebe und Spannung auf ihr, als sie das Papier zu öffnen begann. Er hatte noch nie einer Frau außer seiner Mutter ein ernsthaftes Weihnachtsgeschenk gemacht; sonst verschenkte er immer etwas, das eine lustige Bedeutung hatte, oder vollkommen unbrauchbare Dinge. Aber dieses Mal war es ihm wichtig, dass ihr sein Geschenk gefiel, und er hoffte, das Richtige gefunden zu haben.
Das Strahlen ihrer Augen, als sie den kleinen Teddy in der Hand hielt und den an seinem Hals befestigten Zettel las sagte ihm, dass er mit dem Gutschein für eine Reise zu zweit richtig gelegen hatte. Blieb nur die Frage, wie er Skinner dazu brachte, ihnen beiden gleichzeitig Urlaub zu geben, aber das würde sich schon irgendwie finden.
Nachdem auch Mulder sein Geschenk ausgepackt hatte, saßen sie beide noch eine ganze Weile auf dem Teppich vor dem Kamin und steckten einander gegenseitig die selbstgebackenen Weihnachstkekse von Scullys Mutter in den Mund, alberten herum und neckten einander, nur um kurz darauf wieder ernst zu werden und sich zu küssen, was wieder in Albereien endete.
Irgendwann flüsterte Dana, noch atemlos von der letzten Kitzelattacke, an Fox' Hals: "Danke."
"Wofür?"
"Für alles...für heute. Das ist das schönste Weihnachten, das ich je gehabt habe, seit ich kein kleines Kind mehr bin. Um ehrlich zu sein, habe ich Weihnachten seitdem immer ein wenig gefürchtet, weil ich meistens irgendwie allein war, und ich hatte auch bei meiner Familie immer das Gefühl, dass sie lieber ohne mich feiern, weil ich sie an das erinnere, was sie niemals sein wollen. Die toughe, aber einsame Agentin, die jedem misstraut und sich nicht fest binden kann, weil sie tief in ihrem Innern viel zu ängstlich dazu ist."
Die letzten Worte hatten so traurig geklungen, dass Mulder sie fest an sich drückte, um sie zu trösten ihr und widersprach:
"Aber du hast doch keine Angst, dich zu binden; sonst wäre das mit uns nicht passiert, oder?"
"Nein, da hast du recht. Aber ich hatte lange Angst, das muss ich einfach zugeben. Und deshalb war Weihnachten für mich irgendwie ein Alptraum, weil ich dann immer das Gefühl hatte, mich selbst in ein paar Jahren zu sehen, wenn ich noch immer allein feiern muss, weil es niemanden gibt, der mit mir feiern will. Darum ist es auch etwas so besonderes, was du mir heute geschenkt hast."
Sie schwiegen einen Moment; es gab keine Worte, die das Gefühl hätten beschreiben können, das sie teilten. Schließlich legte Mulder sanft eine Hand an ihre Wange und küsste sie federleicht auf die Lippen. Als sie den Kuss erwiderte, küsste er sie inniger, hielt sie fest in den Armen und strich über ihr Haar, schob seine Hand darunter und streichelte leicht ihren Nacken. Dana fuhr mit den Fingerspitzen über sein Gesicht, als wolle sie es ganz neu erforschen, als habe sie ihn nicht schon hundertmal so berührt, aber dieses Mal war es etwas anderes, war alles ganz neu, auch wenn sie einander schon viele Male geküsst hatten. Seine Hand fuhr an ihrem Rücken hinunter, langsam und vorsichtig, und dann unter ihrer Bluse wieder den Rücken hinauf, um ihre Haut zu spüren und schließlich wieder in ihrem Nacken zu landen. Die Berührung jagte ihr einen Schauer über den Rücken, was Fox besorgt fragen ließ, ob ihr kalt sei. Dana schüttelte den Kopf und schmiegte sich enger an seine Brust, wollte ihm noch näher sein, und als sie langsam begann, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, blickten sie einander tief in die Augen, und ihre Blicke sagten sich so viel, wie es keine Worte vermocht hätten. Fox drückte Dana wieder für einen Moment an sich und strich dann mit den Lippen über ihren Hals, ihre Schultern, fand wieder ihren Mund, verteilte viele kleine, sanfte Küsse auf ihrem Gesicht. Das Feuer warf seltsame Schatten ins Zimmer, malte Gestalten an die Wände und auf den Boden, aber sie merkten es nicht. In diesem Moment hätten sie es nicht einmal gemerkt, wenn Santa Claus persönlich mit all seinen Rentieren durch den Kamin gekommen wäre, so sehr waren sie im Anblick des anderen, in ihren Zärtlichkeiten versunken, für die nun endlich die richtige Zeit gekommen war...
***
Scully wartete mit gemischten Gefühlen. Einerseits freute sie sich, dass Mulder vorbeikommen würde, nachdem sie drei ganze Tage getrennt gewesen waren, da sie in Quantico für einen erkrankten Pathologie-Dozenten hatte einspringen müssen, aber gleichzeitig hatte sie immer mehr das Gefühl, dass das alles keine so gute Idee gewesen war. Natürlich liebte sie Fox, und ihnen war von Anfang an klar gewesen, dass es alles andere als leicht werden würde. Sie genoss es, dass sie jede freie Minute zusammen verbrachten, und sie hatte ihn vermisst, besonders abends nach Ende der Vorlesungszeit. Es hatte ihr gefehlt, überschwänglich von ihm umarmt zu werden, sobald sie außer Sichtweite der Kollegen waren, zusammen auf der Couch zu sitzen und irgend einen Horrorklassiker oder einen absolut albernen Film anzusehen, seine Küsse auf ihren Lippen zu fühlen, in seinen Armen einzuschlafen, seinen typischen Duft in der Nase, geborgen an seiner Brust und mit der Gewissheit, dass er sie am Morgen mit einem Kuss wecken würde. Die allabendlichen Telefonate waren ein schlechter Ersatz für seine Nähe gewesen, und Dana freute sich, dass er gleich nach Dienstschluss zu ihr kommen wollte. Aber da waren noch immer diese Zweifel. Nicht Zweifel an ihren Gefühlen für einander sondern Zweifel, ob sie diese Gefühle noch lange würden geheimhalten können. Gut, Skinner wusste davon, und er deckte sie aus irgendeinem Grund, aber das konnte er nur so lange tun, wie beim FBI keine Gerüchte und Vermutungen laut wurden. Und genau davor fürchtete sie sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand herausfinden würde, wo Fox Mulder seine Nächte verbrachte und dass es nach Dienstschluss absolut unmöglich war, einen von ihnen ohne den anderer anzutreffen. Wie lange, fragte sich Dana, würde ihr Geheimnis noch eines bleiben?
Can you keep a secret?
These walls keep a secret
That only we know
But how long can they keep it
Cause we're two lovers who lose control
Sie sah sich im Zimmer um. Die vertrauten Gegenstände konnten ihr nicht wie sonst ein Gefühl von Geborgenheit geben. Ihre Wohnung schien ihr plötzlich erdrückend, kam ihr nicht mehr wie früher wie eine Zuflucht vor, sondern wie ein Gefängnis. Ein Gefängnis, in dem ihre Liebe zu Fox eingeschlossen bleiben musste, für immer dazu verdammt, nur hier existieren zu dürfen.
We're two shadows chasing rainbows
Behind closed windows
Behind closed doors
Dana wusste, dass ihre Gefühle sich trotz der widrigen Umstände niemals ändern würden, dass es aber all ihren Bemühungen zum Trotz nicht mehr lange dauern konnte, bis ihr Geheimnis die schützenden und gleichzeitig fesselnden Wände durchdrang wie Wasser, das ein Papierschiff zum Sinken bringt.
If walls could talk - oh
They would say "I want you more"
They would say "hey - never felt like this before"
And that you would always be
The one for me
"Hey, träumst du?"
Dana fuhr zusammen. Sie war so sehr in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht gehört hatte, wie Fox hereingekommen war. Jetzt fühlte sie sich ertappt, weil sie Zweifel hatte und schüttelte den Kopf.
"Nein. Ich war nur in Gedanken."
Das strahlende Lächeln verschwand von Fox' Gesicht, als er zu ihr trat und ihre Hand in seine nahm.
"Gibt's Probleme?"
"Nein; schon gut."
Er ließ nicht locker, denn er kannte Dana zu gut, um ihr diese lahme Phrase abzunehmen.
"Komm, sag es mir ruhig. Ich merke doch, dass dich etwas bedrückt."
"Ach, es ist albern."
"Nichts, was dir Sorgen macht, könnte albern sein."
Dana seufzte. Er würde keine Ruhe geben bis sie ihm erzählte, was ihr auf der Seele lag, und dabei wollte sie im Augenblick nur eins: Sich in seine Arme werfen und ihn küssen, bis sie beide außer Atem waren, ihr Zusammensein genießen, solange es noch ging. Statt dessen streckte sie ihm auch ihre andere Hand entgegen und ließ sich von ihm aus dem Sessel ziehen, damit sie ihm direkt in die Augen sehen konnte.
"Es ist eigentlich wirklich nichts. Ich habe nur Angst..., dass wir entdeckt werden."
"Ach, Dana."
Fox spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel, nur um einem Neuen Platz zu machen. Er war froh, dass es keine schlimmere Katastrophe war, die Dana traurig machte; gleichzeitig aber wusste er, dass er nicht imstande sein würde, ihr diesen besonderen Kummer zu nehmen, der auch ihn belastete. Es gab nur eine Art, dieser Angst entgegen zu wirken, auch wenn sie sie nicht davor schützte, entdeckt zu werden.
"Selbst wenn sie es merken, was können sie schon tun? Das Schlimmste wäre, uns zu feuern. Und dann haben wir immer noch uns."
Die Sicherheit in seiner Stimme lockerte den Ring aus Angst, der um Danas Seele gelegen hatte, und ihr wurde einmal mehr bewusst, warum sie all diese Risiken eingingen: Es gab einfach keine Möglichkeit, es nicht zu tun. Sie hob den Kopf und sah in Fox' warme braune Augen.
"Du hast recht."
Er grinste.
"Ich hatte schon immer davon geträumt, dass du das eines Tages zu mir sagen würdest. Im Ernst, das ist meine geheime Phantasie."
Dana musste kichern. "Spinner!", brachte sie hervor und zog dann sein Gesicht zu sich heran, um ihn zu küssen.
"Aber immer doch." entgegnete Fox schnell, und dann trafen seine Lippen Danas und er konnte spüren, dass auch sie grinste. Er hielt sie an sich gedrückt und vergrub die Hände in ihrem weichen, roten Haar. Was er zu ihr gesagt hatte, war sein voller Ernst gewesen: Egal was kommen würde, ihre Liebe, ihre gemeinsame Zeit konnte ihnen niemand nehmen.
Two people making memories
Just too good to tell
And these arms are never empty
When we're lying where we fell
We're painting pictures, making magic,
Taking chances,
Making love...
Sie war alles, was er sich ja gewünscht hatte; ihr Körper in seinen Armen, ihre Seele, die sie ihm mit einem Blick offenbarte, ihr Duft, ihre Hände, die seinen Nacken streichelten. Sie schmiegte sich enger an ihn und ließ ihre Lippen über sein Gesicht gleiten, konnte nicht genug davon bekommen ihn zu berühren und ihm nah zu sein.
If walls could talk - oh
They would say "I want you more"
They would say "hey - never felt like this before"
And that you would always be
The one for me
Endlose, zärtliche Küsse und Liebkosungen, weiches Haar unter den Fingerspitzen, geflüsterte Worte, Haut an Haut.
Unendliche Nähe, Geborgenheit und Wärme, die sich langsam zu Hitze steigerte, und tiefe, ehrliche Liebe verdrängten die Angst aus den Herzen der beiden Menschen, deren gemeinsame Stunden alles waren was sie haben würden, wenn die schützenden Wände, die sie umgaben, irgendwann einmal ihr Geheimnis verrieten.
If the walls had eyes - my
They would see the love inside
They would see - me
In your arms in ecstasy
And with every move they'd know
I love you so
Liebe bedeutet, füreinander da zu sein, sich gegenseitig Geborgenheit zu geben. Das tut Fox immer. Wenn er mich berührt gibt er mir Mut, richtet mich wieder auf, wenn ich falle, egal ob er meine Hand nimmt oder mich wie jetzt fest in seinen Armen hält, er gibt mir immer das, was ich brauche. Manchmal frage ich mich, warum ich das nicht schon viel früher gemerkt habe, seine Zärtlichkeit nicht früher zulassen konnte.
When I'm feeling weak
You give me wings
When the fire has no heat
You ligth it up again
When I hear no violins
You play my every string
Warum kann nicht einfach alles so bleiben, wie es ist? Wer sagt, dass es sich ändern muss? Ich will gar nichts anderes als Dana, und ich will sie für immer, mit Herz, Körper und Seele. Warum kann die Zeit nicht stehen bleiben? Ich könnte ewig hier liegen, ihre Silhouette mit dem Fingern nachzeichnen, in ihre warmen Augen sehen, sie küssen...
Niemand hat das Recht, uns dieses winzige Stückchen Glück zu nehmen, das wir uns weiß Gott hart erkämpft haben gegen die brutale Realität, die es uns beiden schwer genug gemacht hat. Ich will verdammt sein wenn ich zulasse, dass jemand Dana weh tut! Gegen diesen schleichenden Feind wird mir allerdings weder mein Wille noch meine Dienstwaffe etwas nützen. Nachrichten verbreiten sich schnell in dieser Zeit. Noch sind wir sicher, hier, an diesem Ort, unserer geheimen Zuflucht vor der Wirklichkeit. Aber wie lange noch?
So stop the press
Hold the news
The secret's safe between me and you
Walls - can you keep a secret?
***
Ein paar Wochen nach Weihnachten hat Dana ihren Gutschein eingelöst. Wir haben von Skinner sofort Urlaub bekommen, er hat keine einzige Frage gestellt; vermutlich konnte er sich denken, dass wir zusammen wegfahren wollten. Irgendwie hat er sogar die Zeit, als wir auf Kathy aufgepasst haben, unter den Tisch fallen lassen, so dass es keine Schwierigkeiten gegeben hat.
Ich hatte ihr versprochen, dass wir Hand in Hand am Strand spazieren gehen und bis spät in die Nacht tanzen würden, dass wir bummeln und lachen und einander küssen würden, wann immer wir es wollen, genau wie ein ganz normales Paar. Natürlich sind wir kein normales Paar, aber ich wollte, dass wir es sind, zumindest für eine Woche, und das haben wir getan. Es hat so viel Spaß gemacht, und sie war glücklich, genau wie ich auch. Das war mein Weihnachtsgeschenk an sie: Dass wir all das tun, was andere Paare auch tun, ohne Aliens, ohne Monster und ohne die ständige Angst, dass uns jemand auf die Schliche kommt und unsere Liebe unsere Arbeit gefährdet. Zwar haben wir darüber gesprochen und durch das Gespräch mit Skinner auch eine gewisse Sicherheit geschaffen, aber es bleibt eben immer ein Rest Zweifel, ein wenig Angst. Aber nicht in dieser Woche.
Es war wunderbar, den ganzen Tag mit ihr zusammen zu sein, in sofern war es auch ein Geschenk für mich, und wir haben jede Sekunde genossen, jeden einzelnen Augenblick ausgekostet bis zum Schluß, sind barfuß durch den Sand gelaufen (Ich hätte nicht gedacht, daß ich Dana dazu würde überreden können, wirklich nicht, aber es hat ihr Spaß gemacht.), und es war ein unbeschreibliches Gefühl, einfach nur wir selbst zu sein, nicht die FBI-Agenten, die wir eben auch sind. Dana ist sehr aus sich heraus gegangen, keine Spur von der immer korrekten und praktischen Frau, die sie im Dienst ist. Ich weiß, dass sie auch anders sein kann, denn ich kenne sie besser, aber es war eine Freude zu sehen, wie locker und frei sie geworden ist. Es war beinahe, als entdeckten wir gemeinsam eine neue Seite an ihr, eine, die sie selbst noch nicht gekannt hat.
Ich bin froh, dass ich alle Zeit der Welt haben werde, um weitere Seiten an ihr zu finden.
Am letzten Tag machten sie einen langen Strandspaziergang, den sie mit einem Picknick abschlossen. Es war das Schönste, was sie bisher zusammen erlebt hatten, und sie wünschten sich beide, dass es nie aufhören würde. Der ganze Tag war ein einziger Traum, und auch das Wetter meinte es gut mit ihnen.
Kaum zu glauben, dass wir morgen wieder in Washington sind und übermorgen im Büro sitzen werden, als sei nichts geschehen, und jetzt sitzen wir hier zusammen, als gebe es auf der ganzen Welt kein einziges Monster, das wir jagen müssen, dachte Mulder flüchtig, als er Dana zusah, wie sie eine Muschel aufhob.
"Hey, ich wette, das ist die schönste Muschel, die es am ganzen Strand gibt." rief sie fröhlich und hielt sie ihm hin.
"Ich denke, ich werde eine schönere finden." zog er sie auf, und sie warf übermütig eine Handvoll Sand nach ihm, was der Auftakt zu einer Wasser- und Sandschlacht war.
Später saßen sie zusammen auf einer Decke, auf der auch das Picknick ausgebreitet war, und sahen aufs Meer. Nachdenklich wandte Dana den Kopf wieder Fox zu und sagte leise: "Ich kann es gar nicht fassen, dass wir hier sind. Ich hatte es mir immer gewünscht, aber dass es eines Tages passieren würde..."
"Freust du dich, dass es passiert?"
"Wie kannst du das fragen? Natürlich tue ich das, und ich möchte, dass du das weißt." Damit küsste sie ihn leicht auf die Lippen, die von der Meeresluft salzig waren. Er erwiderte den Kuss und sah sie dann wieder an.
"Ich denke, jetzt könnten wir im Himmel mitreden."
Ihr fragender Blick zwang ihn zu einer näheren Erläuterung: "Ich habe mal einen Film gesehen, in dem hieß es, im Himmel tun sie nichts anderes, als über das Meer zu reden, wie die Sonne über den Wellen untergeht, wie sie ihre Kraft verliert und langsam zu schmelzen scheint, bis sie nur noch ein ganz schwaches Glühen ist, ein Echo ihrer selbst."
Seine Worte ließen sie schaudern. Sie schmiegte sich enger in seine Arme und erwiderte leise: "Das klingt, als sei es ein toller Film gewesen."
"Nicht nur. Das Ende war ziemlich traurig. Kaum hatten die beiden Hauptpersonen das Meer gesehen, als der eine von ihnen umfällt und stirbt."
"Das finde ich nicht nur traurig. Er hatte gesehen, was er wollte; ich denke manchmal, dass ich sterben könnte, weil ich das getan habe, was ich am liebsten wollte. Nicht, dass ich nicht noch leben möchte, aber wenn ich jetzt sterben müsste, wäre es nicht so schlimm."
Einen Moment lang war er schockiert von ihren Worten, dann dachte er darüber nach und nickte. Er verstand sie, und ihm ging es ähnlich. Auch er würde am liebsten ewig mit ihr zusammen sein, aber wenn das nicht möglich sein sollte, so hatte er ihr wenigstens seine Seele geschenkt, etwas, das er bereut hatte, nicht getan zu haben, als sie in Lebensgefahr geschwebt hatte.
Wieder saßen sie eine Weile stumm beieinander, bis sie ihre Sachen zusammenpackten und sich auf den Weg zum Hotel machten, um ihre letzte Nacht in "Freiheit" zu genießen, bevor sie morgen der Alltag einholen würde.
<><><>
Teil Vier
Bereavement
Don’t Speak
You and me,
We used to be together
Every day together,
Always.
I really feel
That I'm losing my best friend,
I can't believe this could be
The end.
It looks as though
You're letting go,
And if it's real,
I don't want to know.
Don't speak
I know what you're saying
So please stop explaining,
Don't tell me 'cause it hurts.
Don't speak,
I know what you're thinking,
And I don't need your reasons,
Don't tell me 'cause it hurts.
Our memories,
They can be inviting,
But some are all together mighty
Frightening.
And as we die,
Both, you and I,
With my head in my hends I sit and cry.
Don't speak...
It's all ending,
We better stop pretending, ooooh,
You and me,
I can see us dying, are we?
Don't speak...
Heute morgen ist mir zum ersten Mal der Gedanke gekommen, dass etwas nicht stimmen könnte. Ich habe mit Fox beim Frühstück gesessen, als mir plötzlich ziemlich schlecht geworden ist. Ich bin ins Badezimmer gegangen und habe mich übergeben müssen, und da dachte ich, es könnte vielleicht einen anderen Grund haben als die chinesischen Nudeln, die ich vorgestern gegessen habe und auf die ich meine Übelkeit gestern morgen geschoben hatte. Aber ich konnte doch nicht schon wieder etwas Falsches gegessen haben. Mein medizinischer Verstand hat mir gleich den einen oder anderen möglichen Grund für die Übelkeit genannt, aber mein Gefühl sagt etwas anderes. Ich spüre, dass die Ursache möglicherweise ganz natürlich ist, dass mir aus dem gleichen Grund schlecht wird, aus dem viele tausend andere Frauen auch morgens vom Frühstückstisch ins Bad stürzen. Selbstverständlich habe ich Fox nichts von meinen Verdacht gesagt, denn ich will zuerst selbst Gewissheit haben, bevor ich ihn mit etwas konfrontiere, das vielleicht gar nicht wahr ist.
Also bin ich zum Arzt gegangen, denn die Prozedur mit den unzuverlässigen Tests wollte ich mir lieber ersparen. Fox wollte mich natürlich hinfahren, als ich ihm gesagt habe, ich würde zu einem Arzt gehen, aber ich habe ihn überzeugt, dass ich mich nur wegen meines nervösen Magens durchchecken lassen wollte und dass es besser wäre, einer von uns bliebe im Büro, weil wir ein Fax von der Außenstelle in Virginia erwarten, das uns in einem wichtigen Fall weiterhelfen könnte. Es wäre gut, wenn niemand außer uns diese Information in die Hände bekommt, und er weiß das. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als mich allein gehen zu lassen. Er hat mich zum Abschied geküsst und ich musste ihm versprechen, sofort anzurufen oder ins Büro zu kommen, wenn ich fertig sei. Ich habe es ihm versprochen, und als ich seine Besorgnis gesehen habe, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil er sich völlig umsonst Gedanken gemacht hat und ich nichts getan habe, um ihn zu beruhigen.
Aber ich konnte es einfach nicht. Wenn ich tatsächlich schwanger sein sollte, muß ich mich erst einmal allein damit auseinandersetzen und überlegen, was ich tun will, bevor ich es ihm sage. Ich habe ein wenig Angst, dass so etwas unsere Beziehung zerstören könnte, weil Fox ganz sicher nicht damit gerechnet hat, dass so etwas passiert. Ehrlich gesagt, habe ich auch nicht daran gedacht, aber ich glaube, dass ich mich mehr vor seiner Reaktion fürchten würde als davor, tatsächlich ein Kind zu bekommen.
Ich weiß nicht, was mit Dana los ist. In den letzten Tagen war sie immer so still, und sie hat sich mehrmals morgens übergeben. Heute wollte sie deswegen zum Arzt, aber als ich vorgeschlagen habe, sie zu begleiten, hat sie abgelehnt. Ihre Begründung war mehr als fadenscheinig; ich solle auf das Fax aus Virginia warten, damit es niemand anderem in die Hände fällt. Als ob das so wichtig wäre wie ihre Gesundheit!
Na ja, wenn sie nicht will, kann ich es nicht ändern. Wenigstens konnte ich sie überreden, mir sofort zu erzählen, was der Arzt gesagt hat.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie will etwas vor mir verbergen. Aber das glaube ich nicht,wenn auch vielleicht nur deswegen, weil ich es nicht glauben will. Ich habe mir immer gewünscht, dass wir eine ehrliche Beziehung haben, in der wir einander nichts vormachen, und ich habe manchmal Angst, dass sie es sich anders vorgestellt hat. Die meiste Zeit über nicht, aber in Momenten wie diesem kriecht die Furcht aus den hintersten Ecken meiner Seele und zeigt mir Bilder, die mir vor Augen führen, wie es sein könnte, wenn Dana unsere Beziehung anders definiert als ich es tue.
***
Scully konnte es zuerst gar nicht fassen, auch wenn sie insgeheim mit dieser Möglichkeit gerechnet hatte. Ihr erster Gedanke, als sie die Praxis des Arztes verließ war: Was wird Fox dazu sagen?
Sie ging zu Fuß zurück zum FBI-Hauptquartier, denn sie hatte das Gefühl, dringend frische Luft zu brauchen. Der Spaziergang tat ihr gut, und sie bekam allmählich wieder einen klaren Kopf. Langsam drangen die Worte des freundlichen, älteren Arztes in ihr Bewußtsein vor: "Herzlichen Glückwunsch. Sie sind schwanger." Dann hatte er ihren betretenen Gesichtsausdruck bemerkt und sie gefragt, ob das etwa ein Problem darstelle. Sie hatte nur den Kopf geschüttelt und versucht, ihre Fassung zu behalten.
"Ist der Vater das Problem?" hatte sich der Arzt mitfühlend erkundigt, und Dana hatte verneint und versichert, dass alles in Ordnung sei, die Nachricht sei nur ein wenig plötzlich gekommen.
Jetzt dachte sie, dass der Arzt vielleicht gar nicht so unrecht gehabt hatte; Mulder war tatsächlich das Problem, allerdings nicht in dem Sinne, wie er vermutet hatte. Es war nur so, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie es ihm beibringen sollte. Es würde ein Schock werden, so viel stand für sie fest. Blieb nur die Frage, wie sie ihm diesen Schock so vorsichtig wie möglich versetzen konnte.
Dieses Problem löste sich, sobald sie das Büro betrat. Mulder kam ihr entgegen und fragte besorgt, ob alles in Ordnung sei.
"Was hat der Arzt gesagt? Hat es etwa wieder etwas zu tun mit..."
Er brach ab, und es war auch nicht nötig, dass er weitersprach. Sie wusste auch so, was er hatte sagen wollen. Er fürchtete, ihr Unwohlsein könnte eine Folge des Krebses sein, den sie besiegt zu haben glaubten, aber er hatte nicht den Mut, es auszusprechen.
"Nein, es ist alles in Ordnung; ich bin okay, wirklich."
Ihr Gesichtsausdruck strafte sie lügen, und sie wusste es. Plötzlich wurden ihre Knie weich, denn ihr wurde auf schreckliche Weise bewusst, dass die nächsten Minuten über ihre Zukunft entscheiden würden; über ihre und die von Fox. Von seiner Reaktion hing alles ab, und sie hatte Angst davor, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte.
Sie brachte es nicht fertig, ihn anzusehen, denn sie fürchtete, er könne in ihren Augen lesen, wie er es sonst auch tat.
Mulder erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte, und er wusste instinktiv, dass es ihr sehr zu schaffen machte. Er kam zu ihr und griff nach ihrer Hand, zog sie zu einem Stuhl und zwang sie, sich zu setzen. Sie sah aus, als werde sie gleich umfallen, und die Blässe auf ihrem Gesicht war beängstigend.
"Hey, was ist los?" erkundigte sich Mulder behutsam, aber sie schüttelte den Kopf. Wie sollte sie es ihm sagen, was für eine Reaktion sollte sie erwarten, wenn sie sich noch nicht einmal selber sicher war, was sie davon halten sollte? Einerseits hatte sie nie darüber nachgedacht, Mutter zu sein, aber als sie dann erfahren hatte, dass sie vermutlich niemals eigene Kinder würde haben können, hatte ihr doch auf schmerzhafte Weise etwas gefehlt. Es war, als sei eine Tür zugeschlagen, hinter der etwas Wunderbares lag, das sie nicht erkannt hatte und das sie auch nie würde erfahren können. Und nun war es doch passiert, entgegen jeder Vernunft und jeder medizinischen Logik. Sie war schwanger, und sie konnte es nicht fassen.
Mulder wartete auf eine Antwort. Er berührte leicht ihren Arm, wie um sie aus einer weit entfernten Welt zurück in die Realität zu holen.
"Was ist los mit dir? Ich habe mir die ganze Zeit Sorgen gemacht, und jetzt kommst du hier rein und sagst mir, es sei alles in Ordnung, aber gleichzeitig siehst du aus wie einer der Leute, die du immer im Keller auf dem Tisch liegen hast. Erwartest du im Ernst, dass ich dir das abnehme?"
"Es ist wirklich alles okay."
Ihre Stimme war so leise, dass er sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen.
"Es ist nur...Ich bin schwanger."
Das konnte doch nicht wahr sein. Die ganze Zeit hatte sie überlegt, wie sie es ihm möglichst schonend oder wenigstens vorsichtig beibringen konnte, und nun platzte sie damit heraus wie ein Mädchen in einer schlechten Teenagerkomödie.
Einen Moment lang herrschte Stille. Es schien, als sei das Büro eingefroren, als gebe es keine Bewegungen mehr; sogar die Uhr schien mit dem Ticken aufgehört zu haben. Scully kam der groteske Gedanke, dass dies gar nicht wirklich passierte. Vielleicht wurden wir gerade von Außerirdischen entführt und haben neun Minuten verloren, schoss es ihr durch den Sinn, und sie fragte sich, was Mulder von dieser Theorie halten würde, als er die Reglosigkeit mit einer schnellen Bewegung durchbrach. Seine Hand lag noch immer auf ihrem Arm, und Scully konnte spüren, wie er sie zurückzog, so schnell, als habe er sich verbrannt. Es dauerte einen weiteren Augenblick, bis er sprechen konnte. Dann brachte er hervor: "Ich dachte, das..."
"Das sei unmöglich, ich weiß. Ich habe das auch gedacht, aber der Arzt hat es mir bestätigt. Es ist wahr, auch wenn ich nicht sagen kann, wie."
"Das ist doch gar nicht wichtig. Was zählt ist, dass es wahr ist. Und wenn es das ist...Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mir wünsche, dass es wahr ist."
Damit zog er sie vom Stuhl hoch und in seine Arme, hielt sie für einen Moment fest an sich gedrückt und vergrub das Gesicht in ihrem Haar.
"Ich hatte gar nicht an so etwas gedacht, aber jetzt kommt es mir vor, als sei das ein wunderbares Geschenk."
"Dann brauche ich mir ja für deinen nächsten Geburtstag nichts mehr zu überlegen."
Scully hatte gar nicht darüber nachgedacht; die Antwort war ihr einfach so herausgerutscht, so erleichtert war sie, dass die Nachricht ihn genauso glücklich machte wie sie. Sie hatte sich das gewünscht, es aber gleichzeitig kaum zu hoffen gewagt, und nun konnte sie sich ihre eigene Freude eingestehen.
Mulder lachte leise.
"Offensichtlich habe ich einen guten Einfluß auf dich. Du fängst allmählich an, meine Witze zu übernehmen."
Ihr wurde bewusst, dass er recht hatte. Das eben war eine typische Mulder-Bemerkung gewesen, und es überraschte sie, wie stolz sie darauf war. Sie musste nun auch lachen, und so wich der vorherige Ernst schnell einer fröhlich-ausgelassenen Atmosphäre.
"Was hältst du davon, wenn wir heute früher Schluss machen? Ich dachte an jetzt sofort. Schließlich haben wir abgemacht, uns niemals im Büro zu küssen, und ich muss gestehen, dass es mir gerade im Moment ziemlich schwer fällt, diese Abmachung einzuhalten."
Scully mußte grinsen. Das war etwas, das zu Mulder gehörte wie sein Muttermal und sein Hang zu zerknitterten Anzügen und zerzaustem Haar: Er konnte nie einfach etwas sagen; immer mußte er irgendwelchen Unsinn reden.
"Wir könnten ja eine Ausnahme machen." erwiderte sie mit einem Lächeln. "Aber ich glaube, die andere Variante gefällt mir besser. Ich glaube kaum, dass ich mich heute noch auf irgendwelche Fälle konzentrieren kann."
"Oder irgendwelche Leichen aufschneiden..." zog er sie auf.
"Hör auf! Es reicht schon, wenn mir am Morgen schlecht ist."
"Jetzt weißt du endlich, wie ich mich fühle, wenn ich dir bei den Autopsien zusehen muss."
"Wenn du dich bis jetzt noch nicht daran gewöhnt hast, kann ich dir auch nicht helfen. In Zukunft wirst du auf mich verzichten müssen, was so etwas angeht. Zumindest, bis das mit der Übelkeit vorbei ist."
"Na und? Es ist auch besser, wenn du sowas nicht mehr machst. Schließlich wollen wir nicht, dass unser Kind Alpträume bekommt..."
"Quatschkopf." entgegnete sie lachend und griff nach ihrem Mantel.
"Also was ist? Machen wir blau oder was?"
"Dann aber schnell, bevor unser Oberaufseher seine tägliche Runde macht..."
Lachend verließen die beiden Agenten das Büro, um einen Augenblick später an Director Skinner vorbei zu laufen, der gerade zu ihnen wollte. Als er sie rief, schienen sie ihn nicht zu hören, und so blieb ihm nichts anderes übrig als ihnen kopfschüttelnd hinterherzusehen und sich zu fragen, ob seine beiden Untergebenen nun endgültig verrückt geworden waren.
***
"So geht es nicht weiter!" Scully stützte sich mit beiden Händen auf Mulders Schreibtisch ab und beugte sich vor, um ihn zu zwingen, ihr in die Augen zu sehen. Mulder wich jedoch ihrem Blick geschickt aus und tat so, als lese er angestrengt in der Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag.
Scully seufzte frustriert. Hätte sie gewusst, was es für eine Tortur war, schwanger zu sein, sie hätte sich nicht so sehr gefreut. Nachdem sie gesehen hatte, dass Mulder sich wirklich auf das gemeinsame Kind freute, hatten sich ihre Befürchtungen in Luft aufgelöst, und sie hatte begonnen, sich ebenso bedingungslos zu freuen. Jetzt allerdings sah sie das allmählich anders. Dabei lag das Problem nicht in der Tatsache, dass sie ein Kind erwartete; sie hatte auch keine besonderen Beschwerden oder Zweifel, dass sie womöglich die falsche Entscheidung getroffen hatte. Das Problem war einzig und allein der Vater des Kindes, oder genauer, seine übergroße Besorgnis um sie.
Sie waren übereingekommen, dass sie noch einen etwas langwierigen Fall zu Ende bringen wollten, bevor sie sich endgültig über ihre Zukunft festlegten. Der Fall versprach Hinweise auf den Verbleib von Samantha, und es war Scully von Anfang an klar gewesen, dass sie Mulder auf keinen Fall damit allein lassen würde. Sie hatten sich geeinigt, dem Fall oberste Priorität einzuräumen, was zu ihrem Erstaunen sogar Skinner ausnahmsweise zuließ, und eigentlich sollte es keine Schwierigkeiten geben. Eigentlich...Wenn man nicht gerade mit Mulder zusammen war. Er freute sich nicht nur sehr auf das Kind; für ihn stand auch außer Frage, dass er und Dana die X-Akten gemeinsam aufgeben und das FBI verlassen würden, sobald dieser Fall abgeschlossen war. Er hatte keinen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, das von ihr zu verlangen und allein weiterzumachen, und das hatte sie sehr beeindruckt. Es machte sie glücklich, dass er nicht einfach alles auf sie schob, sondern sich ein Leben mit ihr wünschte, und das mit allen Konsequenzen. Das Problem war nur, daß er sich in den letzten Tagen zunehmend in eine Glucke zu verwandeln schien. Sie konnte keinen Schritt tun, ohne dass er sie ermahnte, vorsichtig zu sein, und wenn sie sich nur einmal räuspern musste, wollte er sie am liebsten sofort ins Bett stecken. Sie hatte versucht ihm zu erklären, dass sie sich nicht von einem Tag auf den anderen in ein rohes Ei verwandelt hatte, aber es schien zwecklos. Immer wieder ertappte sie ihn dabei, wie er sie forschend ansah. Gestern abend hatte sie deswegen einen Streit mit ihm angefangen, weil sie die Sache endgültig hatte klären wollen, aber er hatte sich nicht darauf eingelassen sondern nur genickt und ihr in allen Punkten recht gegeben.
Das hatte sie nur noch mehr auf die Palme gebracht, denn sie hatte wieder einmal das Gefühl gehabt, dass er sie in Watte packte und sich deshalb nicht mit ihr stritt. Sie hatte es einfach satt, und auch wenn sie es nicht zugeben wollte, sie vermisste die Zeiten, in denen er sich noch mit ihr gestritten hatte, manchmal über grundlegende Dinge, manchmal über Kleinigkeiten. Es gehörte einfach dazu, sich mit ihm zu streiten, und sie wollte eine Beziehung, die alle Aspekte ihrer früheren Beziehung beinhaltete, auch den Streit.
Hinzu kam, dass sie wirklich genervt war, weil er sie nichts mehr tun lassen wollte.
"Hey, hörst du mir überhaupt zu?" erkundigte sie sich jetzt gereizt.
Mulder sah auf, als habe er gerade erst bemerkt, dass sie mit ihm sprach. Scully wusste genau, dass das nicht stimmte, denn sie kannte ihn und wusste, wie gut er sich auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren konnte.
"Tu nicht so, als hättest du mich nicht gehört. Ich habe gerade gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Du behandelst mich, als sei ich aus Zucker, und du weißt, dass ich das nicht ausstehen kann."
"Ich möchte doch nur, dass du vorsichtig bist."
"Es gibt einen Unterschied zwischen vorsichtig sein und übertriebenem Bemuttern. Du bist allmählich schlimmer als Mom, und das will was heißen. Es geht mir auf die Nerven, dass ich keinen Schritt mehr tun kann, ohne dass du hinter mir stehst um mich aufzufangen, falls ich eventuell hinfallen sollte. Und was du heute getan hast, fand ich wirklich..."
Ihr fehlten die Worte, und Mulder hütete sich auszuhelfen, wie er es sonst wahrscheinlich getan hätte. Ihm war selber bewusst, dass sie allen Grund hatte, wütend zu sein, denn er hatte über ihren Kopf hinweg zu Skinner gesagt, dass er eine bevorstehende Observation lieber mit einem anderen Agenten machen würde. Ihm war klar, dass das Scully gegenüber alles andere als fair war, aber er wollte einfach nicht, dass sie stundenlang in einem Wagen saß und mit ihm ein Haus beobachtete; außerdem war die ganze Sache nicht ungefährlich, es konnte durchaus zu einer Konfrontation kommen, und dabei war es ihm lieber, sie in Sicherheit zu wissen. Natürlich hatte sie Anspruch darauf, dass er mit ihr über seine Bedenken sprach, aber ihm war klar gewesen, dass sie sich in diesem Fall auf keine Diskussion eingelassen hätte. Sie hätte einfach darauf bestanden mitzukommen, wie sie es immer tat, und damit wäre die Sache für sie erledigt gewesen. Das hatte er verhindern wollen, und nun hatte er sie damit verletzt.
Mulder stand von seinem Stuhl auf und sah sie ruhig an. Scully starrte zurück, mit einer Mischung aus Ärger und Neugier, was ihn dazu bewegt haben mochte, ihre gleichberechtigte Beziehung so sehr zu ignorieren. So wütend sie auch auf ihn war, ihr war doch bewusst, daß er schwerwiegende Gründe für sein Handeln haben musste. Die wollte sie erfahren, bevor sie ihm gründlich ihre Meinung sagte, und ihre Miene ließ keinen Zweifel daran, dass sie das tun würde.
***
Es war dunkel im Wagen, und sie saßen schon seit Stunden in derselben Position da, immer bemüht, unauffällig zu sein und den Blick keinen Moment von dem Gebäude vor ihnen zu lassen. Mulder verlor langsam die Geduld, was weniger mit der Observation zu tun hatte, die sie gerade durchführten - schließlich hatte er schon hunderte solcher Nächte erlebt - als viel mehr mit seiner Begleitung. Agent Shana Weaver mochte eine fähige Agentin sein, aber sie konnte keinen Sekunde still sitzen. Ständig zappelte sie mit den Füßen oder zupfte an einer ihrer blonden Haarsträhnen, oder sie griff nach dem Becher mit inzwischen kaltem Tee, der auf dem Armaturenbrett stand, nur um ihn nach einem Schluck angewidert wieder zur Seite zu stellen. Sie sprach nicht, und sie verhielt sich auch in keiner Weise auffällig, aber sie hätte ein Schaukelpferd verrückt machen können.
Mulder, der wegen der Auseinandersetzung mit Scully noch immer ziemlich aufgewühlt war und der bei jeder Observation an Scullys absolute Ruhe gewöhnt war, hatte alle Mühe, sie nicht anzufahren. Sie regte ihn einfach auf, und ihre Zappelei war mehr, als er im Augenblick ertragen konnte.
Es gelang ihm, noch ein paar Minuten ruhig zu bleiben, dann riss seine Geduld.
"Sitzen Sie um Himmels Willen endlich still!" fauchte er, und einen Augenblick lang saß Shana Weaver wie erstarrt, als habe Mulder sie mit seinem Ausbruch in eine Salzsäule verwandelt. Dann drehte sie den Kopf und sah ihn an.
"Wenn Sie Stress mit Ihrer Freundin haben, müssen Sie das noch lange nicht an mir auslassen." knurrte sie, und Mulder fragte sich, ob sie etwas wusste. Waren etwa doch Gerüchte über ihn und Scully in Umlauf gekommen, ohne dass sie es bemerkt hatten? Shana bemerkte seinen fragenden Gesichtsausdruck und fügte erklärend hinzu: "Na, auf Ihre Periode kann ich es ja schlecht schieben, und was anderes fiel mir gerade nicht ein."
Mulder lächelte.
"Tut mir leid. Ich hätte Sie nicht anschreien sollen. Aber sonst mache ich solche Einsätze immer mit meiner Partnerin, und deshalb bin ich nur sie gewöhnt. Schätze, ich sollte mal ein wenig flexibler werden."
Seine Ehrlichkeit entwaffnete Shana.
"Könnte sein. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich aufgeregt bin. Das hier ist mein erster Einsatz in der Richtung, und ich will auf keinen Fall einen Fehler machen."
"Das werden Sie nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass das hier etwas bringt, liegt so ziemlich bei null. Vermutlich werden wir die bösen Buben gar nicht zu Gesicht bekommen und schlagen uns ganz umsonst die Nacht um die Ohren. Glauben Sie mir, wenn Sie das ein Paarmal durchgemacht haben sind Sie froh um jede Observierung, die Sie nicht machen müssen."
"Warten wir's ab. Ich bin optimistisch, dass heute noch etwas passiert."
Shana ahnte nicht, wie recht sie haben sollte...
Scully war noch immer ein wenig sauer auf Mulder, auch wenn sie inzwischen seinen Standpunkt verstand. Er war besorgt gewesen, und das rechnete sie ihm hoch an, auch wenn es ihr immer mehr auf die Nerven ging. Sie hatten sich ziemlich heftig gestritten, und insgeheim hatte sie den Streit genossen. Mulder hatte ihr zum ersten Mal, seit sie schwanger war, widersprochen, und sie hatte dankbar die Gelegenheit ergriffen, ihm ihre Meinung zu sagen. Er hatte sie nicht ausreden lassen, und auch sie war ihm immer wieder ins Wort gefallen, aber jetzt war wenigstens die Situation geklärt: Mulder hatte deutlich gemacht, dass er es nicht zulassen würde, dass sie sich und das Kind in Gefahr brachte, und sie hatte erklärt, dass sie das nicht vorhabe, dass sie sich aber genauso wenig von ihm in Watte würde packen lassen. Also waren sie übereingekommen, dass sie beide sich in gewisser Hinsicht zurückhalten würden: Mulder würde sie nicht mehr bemuttern, und sie würde versuchen, ihn nicht dazu zu provozieren.
Was Scully dennoch ärgerte war, dass Mulder heute nacht seinen Willen bekommen hatte. Sie konnte schlecht zu Skinner gehen und ihn bitten, die Einteilung für die Observation noch einmal umzuwerfen. Schließlich sollte der AD nicht glauben, dass sie und Mulder aufgrund ihrer Beziehung nicht in der Lage waren, sich zu einigen. Also war ihr nichts anderes übrig geblieben als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und Mulder mit Agent Weaver ziehen zu lassen. Sie würde unterdessen im Büro bleiben und versuchen, von dort aus zu recherchieren, auch wenn es ihr schwer fiel.
Scully hatte sich gerade eine frische Tasse Kaffee gemacht und begonnen, die Fallakte noch einmal von vorne zu lesen, als es an der Tür klopfte. Sie sah auf und blickte in das Gesicht eines ihr bekannten Informanten aus dem Viertel, in dem heute der Einsatz von Mulder und Weaver stattfand. Es erstaunte sie, dass der Mann sich hierher wagte, denn gewöhnlich ließ sich keiner der zahlreichen Informanten des FBI im HQ blicken; zu groß war ihre Angst, wegen lange vergessen geglaubter Delikte festgenommen oder von ihresgleichen beim Betreten des Hoverbuildings gesehen zu werden.
Umso merkwürdiger war es, dass dieser Mann dem Weg zu Scully gefunden hatte. Sie stand auf und bot ihm einen Stuhl an, denn auch wenn sie nicht besonders gut gelaunt war, mit einem Informanten durfte man nicht zu grob umgehen, wenn man ihn noch einmal brauchen konnte.
"Bitte, Jake, setzen Sie sich doch."
Scully kannte den Mann nur unter seinem (wahrscheinlich falschen) Vornamen, da er wie die meisten seiner Zunft nicht seine Identität den Cops preisgeben wollte.
Er schüttelte den Kopf.
"Ich will mit Agent Mulder sprechen." sagte er kurz.
"Tut mir leid, aber er ist nicht da. Vielleicht kann ich Ihnen ja helfen." versuchte Scully, den Mann zu ermuntern.
"Das glaube ich zwar nicht, aber bitte, wenn Sie meinen... Mulder vertraut Ihnen, und ich kann nur hoffen, dass er recht hat."
"Was ist denn so wichtig, dass es Mulder unbedingt sofort erfahren muss?"
Jake kannte Mulder, und er hatte auch von Scully gehört, war ihr aber noch nie persönlich begegnet, ohne dass Mulder dabei gewesen war. Er hatte noch nie ein Wort mit ihr gewechselt, und es überraschte ihn, dass sie sich an seinen Namen erinnerte. Unter normalen Umständen hätte er mit niemandem außer Mulder gesprochen, aber diese Sache erforderte sofortiges Handeln, und Jake musste sich wohl oder übel der Frau anvertrauen, die ihn jetzt fragend ansah.
"Das FBI beschattet einen von Mick's Männern, der heute eine große Sache zu erledigen hat, natürlich für Mick. Der hat es schon eine Weile satt, daß ihr ihm ständig das Wasser abgrabt, und er steht unter Druck. Wenn das heute schief geht, steht seine Stellung auf dem Spiel. Und deswegen will er ein Exempel statuieren. Nicht der Mann, den sie beschatten, wird die Sache durchziehen, sondern ein anderer. Und während das FBI seelenruhig nach vorn schaut und versucht, dem Kerl eins auszuwischen, kommt Mick von hinten mit seinen Leuten und macht sie alle." Jake unterstrich seine Worte mit einer eindeutigen Geste seiner rechten Hand, die er einmal rasch über seine Kehle zog.
"Ich dachte nur, das würde Mulder vielleicht interessieren."
Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ das Büro genauso schnell, wie er gekommen war. Zurück blieb Scully, die das eben Gehörte gar nicht glauben konnte. Wenn Michael Stalten, der sogenannte Pate von Washington, von der heutigen Observierung wusste, hatte er die FBI-Agenten in eine Falle gelockt. Er würde nicht nur seine Sache wie geplant durchziehen, außerdem wollte er die observierenden Agenten beseitigen. Und einer dieser Agenten war...
Scully wagte nicht, weiterzudenken. Sie griff zum Telefon und wählte Mulders Nummer. Sie fluchte innerlich, als sie keine Verbindung bekam. Natürlich hatte Mulder sein Handy abgeschaltet, weil das Klingeln ihn bei der Observierung verraten könnte. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte unmöglich aufgrund der Aussage eines kriminellen Informanten ein Team mobilisieren und womöglich den ganzen Einsatz gefährden, der nur durch wochenlange Arbeit überhaupt möglich geworden war. Trotzdem drängte etwas in ihr, Mulder sofort aus der Gefahrenzone zu holen, und es war ihr egal, wie sie das anstellte. Also warf sie den Hörer auf die Gabel und hob ihn wieder ab, um Skinner anzurufen. Sie würde ihm die Sachlage schildern und ihn bitten, ein Team zu schicken, um die Observierungscrew zu warnen.
Erst als sie Skinners verschlafene Stimme hörte, wurde Scully bewusst, wie spät es war. Bevor ihr Boss sich über die Störung beschweren konnte, klärte sie ihn über das auf, was sie soeben gehört hatte, und Skinner hörte schweigend zu.
Als sie geendet hatte, schwieg der AD einen Moment lang und sagte dann zögernd: "Ich fürchte, wir können niemanden hinschicken. Diese Aktion war schon lange geplant, und wir können nicht riskieren, dass sie aufgrund einer nicht bewiesenen Aussage platzt. Wenn Mulder und Weaver aber tatsächlich in Gefahr sind, müssen wir sie warnen. Ich schlage vor, Sie übernehmen das. Gehen Sie zu den beiden und versuchen Sie, sie unauffällig zu informieren. Wenn sich etwas ergeben sollte, das Ihren Verdacht bestätigt, haben Sie die Befugnis, die Aktion abzubrechen. Ich werde so schnell wir möglich ins Büro kommen."
"Danke, Sir." Scully legte auf, bevor Skinner noch etwas sagen konnte, und stürzte aus dem Büro, wobei sie schon im Laufen nach ihrem Mantel griff.
Mulder und Weaver hatten seit einer halben Stunde nicht mehr gesprochen, und auch Weaver hatte sich nicht mehr gerührt. Offensichtlich hatte das Gespräch mit Mulder ihr geholfen, sich zu beruhigen. Stumm beobachteten sie das Gebäude, und allmählich war Shana geneigt, ihrem Kollegen recht zu geben: Vermutlich würde nichts mehr passieren. Sie fragte sich gerade, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte, als eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie stieß Mulder an, um ihn darauf hinzuweisen, und er nickte kaum merklich. Er hatte es auch gesehen, eine kaum wahrnehmbare Bewegung in den Schatten vor dem Eingang des Hauses. Eben noch müde, beinahe schläfrig, war er nun hellwach und starrte angespannt in den Schatten in der Hoffnung, noch einmal etwas wahrzunehmen. Er bereute es jetzt, nicht Scully mitgenommen zu haben, denn er kannte ihre Reaktionen genauso gut wie seine eigenen, und mit ihr wäre er vor Überraschungen sicher. Aber er hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass sie nicht bei ihm war, und im Notfall würde er auch mit Shana Weaver zurechtkommen. Er riskierte einen Seitenblick und erkannte, dass sie angespannter war als es die Situation erforderte. Womöglich klappte sie zusammen oder reagierte sonst irgendwie seltsam, wenn es drauf ankam. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich darauf zu verlassen, dass sie sich auf ihre Ausbildung besinnen würde.
"Ich wette, da ist jemand reingegangen." wisperte Shana Mulder zu, und dieser nickte.
"Vermutlich. Er wird über den Hof gekommen sein, damit ihn niemand sieht, und beinahe wäre seine Rechnung auch aufgegangen."
"Was tun wir jetzt?"
"Wir warten noch ein paar Minuten, und wenn sich dann nichts gerührt hat, gehen wir rein."
"Okay. Wer nimmt welchen Eingang?"
Mulder seufzte. Er selbst hielt sich selten an die Vorschriften, aber in diesem Fall würde er es tun, und es erstaunte ihn, dass Shana nicht mit der gängigen Prozedur vertraut war.
"Wir werden uns nicht trennen. Selbst wenn uns die Leute dadurch durch die Lappen gehen sollten, ist es besser so. Es wäre einfach zu gefährlich. Außerdem wissen wir nicht einmal, ob das Haus einen zweiten Eingang hat. Vielleicht nicht; warum sollte der Kerl sonst vorn reingehen, wenn er sich schon die Mühe macht, über die Hinterhöfe zu schleichen? Nein, wir werden schön brav vorne reingehen und versuchen, sie zu finden, bevor sie uns finden."
Einen Moment herrschte Schweigen, und sie beobachteten stumm; dann nickte Mulder: "Los jetzt."
Er und Shana verließen den Wagen und rannten geduckt auf die Tür zu, die, wie Mulder erstaunt bemerkte, unverschlossen war. Er bedeutete Shana, ihm Deckung zu geben, und wollte gerade hineingehen, als ihn ein unterdrückter Schrei seiner Kollegin zusammenfahren ließ. Er starrte in die Richtung, in die sie zeigte, und bemerkte eine Gestalt, die auf ihren Wagen zu lief.
Mulder brauchte nur einen Sekundenbruchteil, um Scully zu erkennen, und einen weiteren, um zu sehen, dass hinter ihr jemand stand. Jemand mit einer Waffe. Es stand außer Zweifel, was in den nächsten Augenblicken geschehen würde, wenn er nicht sofort handelte.
"Bleiben Sie hier, und geben Sie mir Deckung." zischte er Shana zu und wartete nicht einmal, bis sie ihm bestätigte, dass sie verstanden hatte.
Mulder stürzte aus dem Schatten der Tür. Sein plötzliches Auftauchen ließ Scully zusammenfahren, und sie griff nach ihrer Waffe.
"Scully, hinter Ihnen!" rief Mulder, unbewußt wieder in die alte Anredeform zurückfallend. Sie drehte sich um und sah den Mann, der mit der Waffe auf sie zielte. Dieser erkannte, dass sein Plan fehlgeschlagen war und dass auf einmal zwei Agenten gegen ihn standen, auch wenn er sich nicht erklären konnte, wie der Mann, den er im Wagen geglaubt hatte, plötzlich an die Tür gekommen war. Er rief seinen Kumpanen eine Warnung zu, und im nächsten Moment stürzten sich zwei Männer auf Mulder, der Scully schon fast erreicht hatte. Sie brachte den ersten Mann dazu, seine Pistole fallen zu lassen, und legte ihm Handschellen an. Dann kam sie Mulder zu Hilfe, der inzwischen in ein Handgemenge mit den beiden anderen Angreifern verwickelt war. Keiner von den dreien konnte es riskieren, Gebrauch von der Waffe zu machen, da im Eifer des Gefechts die Gefahr bestanden hätte, den Falschen zu treffen. Mulder schien sich ganz gut zu schlagen, bis plötzlich einer der Männer ein Messer zog und es dem Agenten in den Oberarm rammte. Der andere sah seine Chance und richtete die Pistole auf Mulder, der zurückgewichen war. Er zielte...
"Mulder! " Scullys Schrei kam zu spät, und sie wusste es. Im selben Moment, in dem sie schrie, sprang sie auf den bewaffneten Mann zu und stürzte sich auf ihn. Von ihrem überraschenden Angriff überrumpelt, verfehlte der Mann Mulder, und die Kugel verschwand irgendwo in der Nacht. Jetzt mischte sich auch Shana ein, die die ganze Zeit über Mulders Befehl befolgt hatte, im Hintergrund zu bleiben. Sie griff den dritten Mann an und überwältigte ihn mit Mulders Hilfe, während Scully noch immer mit dem zweiten Attentäter kämpfte. Sobald er seinen Gefangenen Shana überlassen konnte, kam Mulder seiner Partnerin zu Hilfe; er drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um den Mann in der Dunkelheit verschwinden zu sehen. Instinktiv rannte er hinterher, auch wenn er nicht viel Hoffnung hatte, ihn einzuholen.
Er hatte recht. Nach einigen hundert Metern gab Mulder auf und kehrte an den Ort des Geschehens zurück, um eine Fahndung herauszugeben. Es war ihm noch nicht klar, was eigentlich passiert war, warum Scully plötzlich aufgetaucht war und wie die Männer hinter sie gelange waren. All diese Fragen verloren an Bedeutung, als er Shana am Boden knien sah. Vor ihr lag Scully, seltsam zusammengekauert, und sie schien Schmerzen zu haben.
"Was ist mit ihr?" fuhr Mulder Shana an, und diese zuckte mit den Achseln.
"Ich weiß es nicht; anscheinend hat der Kerl sie mit dem Messer erwischt. Ich habe einen Krankenwagen gerufen, und Verstärkung müsste auch gleich da sein. Sie sehen so aus, als ob Sie auch einen Arzt gebrauchen könnten." Sie deutete auf Mulders blutende Wunde. Er schüttelte den Kopf und kniete sich neben Scully hin. Sanft strich er über ihre Wange, versuchte, sie zu erreichen, auch wenn sie ihm weit weg zu sein schien.
"Hey, Dana..." flüsterte er, und es war ihm vollkommen egal, ob Shana ihn hörte und seinen Vorgesetzten meldete, dass er und Scully...
"Dana, ist alles okay?" Sie nickte schwach.
"Ich bin in Ordnung. Aber was ist mit deinem Arm?"
"Ach, nur ein Kratzer. Das geht schon. Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist." Als er das sagte, versuchte sich Scully aufzusetzen. Sie schüttelte seine Hand ab, die sie daran hindern wollte, und richtete sich auf. Fast hatte sie es geschafft, als der Schmerz sie überwältigte und sie wieder aufs Pflaster zurückfiel. Erschrocken versuchte Mulder, sie aufzufangen, und als er sie im Arm hielt, fühlte er förmlich, wie sie das Bewusstsein verlor. Aus einer Wunde irgendwo an ihrem Körper sickerte Blut auf seinen Mantel und mischte sich mit seinem eigenen.
Mulder hielt seine Partnerin in den Armen und wartete.
Er war zu erschöpft um Erleichterung zu verspüren, als endlich in der Ferne die Sirenen des Krankenwagens ertönten.
***
Als er das Zimmer betrat, konnte Mulder zuerst nichts sehen, denn die Vorhänge waren zugezogen, und nur ein schwaches Nachtlicht erhellte den Raum, in den sie Scully gebracht hatten. Nachdem der Krankenwagen da gewesen war, hatte man sie schleunigst weggebracht, und sobald Shana Mulder auch in der Klinik abgeliefert hatte, war seine Stichwunde versorgt worden. Dann hatte man ihn ewig - wie es ihm vorkam - im Warteraum sitzen lassen, wo er jeden Vorbeikommenden, der auch nur annähernd wie ein Arzt oder eine Schwester aussah, mit Fragen nach Scully bombardiert hatte. Bis endlich der behandelnde Arzt kam, hatte Mulder sowohl sich selbst als auch das gesamte Personal verrückt gemacht. Der Arzt war sehr verständnisvoll gewesen und hatte ihm erklärt, dass für Scully keine Gefahr mehr bestand.
"Sie hat eine Stichverletzung an der rechten Schulter; die Wunde ist aber glücklicherweise nicht tief. Wir haben sie verbunden, und es wird nicht einmal eine Narbe zurückbleiben. Eine schlechte Nachricht habe ich allerdings..."
"Was?" Mulder schrie fast. Der Arzt schwieg einen Moment lang, als wüsste er nicht, ob er befugt war, Mulder die Wahrheit zu sagen.
"Was ist mit ihr?"
"Ich...Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen sagen darf. Sie sind ihr...Freund?"
"Ja, das bin ich, und ich mache mir Sorgen. Würden Sie mir also bitte sagen, was los ist?"
"Es geht um das Kind...Sie wissen, dass Ihre Freundin schwanger war?"
"Natürlich weiß ich das. Aber was soll das heißen, dass sie schwanger war?"
"Mr. Mulder, sie hat das Kind verloren. Es muss bei dem Sturz passiert sein; aber genau wissen wir das nicht. Es ist möglich, dass sie es sowieso verloren hätte und der Sturz nur der Auslöser war, aber wie gesagt, das können wir nur vermuten."
Mulder war wie betäubt. Es schien ihm, als spräche der Arzt durch dicke Watte, als gingen ihn seine Worte nichts an. Aber dem war nicht so. Der Mann im weißen Kittel, den Mulder inzwischen nur noch durch einen Schleier wahrnahm, hatte soeben gesagt, dass Dana ihr Kind verloren hatte. Sein Kind. Ihrer beider Kind. Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn, als habe er selbst das Kind in sich getragen und man hätte es ihm mit einem Messer herausgeschnitten. Der Schmerz begann, eine Leere in ihn hinein zu fressen, eine Höhle, in der seine Liebe zu dem ungeborenen Kind gewesen war. Erst Minuten später wurde ihm klar, dass der Arzt ihn noch immer ansah. Es gelang ihm, sich soweit zu fassen, dass er sprechen konnte.
"Weiß sie es schon?" brachte er hervor, und der Arzt schüttelte den Kopf.
"Wir wollten abwarten, bis sie sich stabilisiert hat. Das ist jetzt der Fall; Sie können also zu ihr, wenn Sie möchten. Allerdings schläft sie im Augenblick."
Mulder drehte sich wortlos um und ging zu der Tür, hinter der Scully lag, als der Arzt ihn noch einmal zurückrief: "Mr. Mulder? Es tut mir leid."
Mit einem knappen Nicken nahm Mulder die Worte zur Kenntnis; dann öffnete er die Tür und betrat Scullys Zimmer.
Er blinzelte in die Dunkelheit, konnte aber erst Einzelheiten erkennen, nachdem sich seine Augen einen Moment später an das schwache Licht gewöhnt hatten.
Scully lag regungslos im Bett unter einer weißen Decke; neben dem Bett standen verschiedene Überwachungsgeräte, deren Zweck Mulder fremd war. Sie waren nicht angeschlossen, aber ihm wurde durch ihre Anwesenheit klar, wie zerbrechlich Danas Gesundheit für eine Weile gewesen sein musste.
Sie schlief. Mulder holte sich einen Stuhl und setzte sich neben ihr Bett, nahm ihre Hand in seine. Er konnte die kühlen Finger fühlen, und ihren Ring. Der Ring... Mulder erinnerte sich genau an den Tag, an dem er ihn ihr geschenkt hatte, so, als sei es gestern gewesen. Sie hatten im Büro pünktlich Schluss gemacht und waren zu ihr nach Hause gefahren, wo sie einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher bei einem alten Gruselfilm verbringen wollten. Jedenfalls hatte Dana das gedacht...
Scully schloss die Wohnungstür auf und traute ihrem Augen nicht: Durch die geöffnete Wohnzimmertür sah sie einen riesigen Blumenstrauß auf dem Tisch stehen. Sie drehte sich um und sah Mulder an.
"Was...?"
Er unterbrach sie, bevor sie ihre Frage stellen konnte, und nahm ihr den Mantel weg.
"Eigentlich wollte ich dich ja überraschen, aber da du die Blumen jetzt sowieso schon gesehen hast..." Mulder schob sie ins Wohnzimmer und drückte sie mit sanfter Gewalt auf die Couch.
"Weißt du, ich weiß nicht, wie ich das jetzt sagen soll, ohne total albern zu klingen, aber..." Er stockte, um nach einer kleinen Pause fortzufahren: "Also gut, dann eben wie in einem schlechten Film: Möchtest du mich heiraten?"
Scully blieb einen Moment die Luft weg. Das konnte nicht wirklich passiert sein; sie musste träumen. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich wieder einigermaßen zu fassen, bevor sie sich erkundigte: "Warum willst du das? Weil ich schwanger bin?"
Melders Blick war vollkommen ernst, als er erwiderte: "Nein, nicht deswegen, sondern, weil ich den Rest meines Lebens mit dir verbringen möchte. Ganz einfach deshalb."
Noch immer einigermaßen sprachlos, starrte sie ihn an. Erst als sie seinen unbehaglichen Gesichtsausdruck bemerkte wurde ihr klar, dass sie nicht geantwortet hatte. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und sagte mit beinahe fester Stimme: "Ja, ich denke, ich möchte dich heiraten. Aber ich glaube auch, dass das noch Zeit hat; wir haben unser ganzes Leben lang Zeit zu heiraten, warum sollten wir uns also beeilen?"
Nun war es an Mulder, Scully verblüfft anzustarren. Erst, als er das Funkeln in ihren Augen sah, erkannte er, dass sie ihn aufzog. Lachend nahm er sie in die Arme und dachte bei sich, dass sie wirklich eine Menge von seinem Humor übernommen hatte. Er war sich nur nicht mehr ganz sicher, ob er das nun gut finden sollte...
Sie hatten sich den Film an diesem Abend nicht mehr angesehen; statt dessen hatten sie einfach auf der Couch gesessen und sich geküsst, und irgendwann hatte Mulder ihr den Ring gegeben. Nach diesem Abend hatten sie das Thema nie wieder erwähnt, aber ihnen beiden war klar gewesen, dass sie irgendwann einmal heiraten würden, und dass sie auch schon jetzt für immer zusammengehörten.
Die Erinnerung an diesen Abend tat ein wenig weh, auch wenn Mulder nicht genau sagen konnte, warum das so war. Vielleicht, weil er an diesem Abend gefühlt hatte, dass alles richtig war. Und jetzt war nicht mehr alles richtig. Dana lag hier, sie war verletzt, und sie hatten ihr Kind verloren. Mulder betrachtete das nicht als Danas alleinigen Verlust; es war für ihn genauso schmerzhaft, wie es für sie sein würde, wenn sie es erfuhr. Einen Moment lang hoffte Mulder beinahe, dass sie noch eine Weile schlafen würde, damit er es ihr nicht sagen musste, damit sie noch ein wenig ohne den Schmerz leben konnte, den er ihr bereiten musste, ohne es zu wollen. Wenn sie aufwachte, würde er ihr weh tun müssen.
Es schien fast, als hätte sie seinen Wunsch gehört, denn sie öffnete nicht die Augen. So blieb Mulder einfach neben ihrem Bett sitzen, hielt ihre Hand fest in seiner und versuchte, nicht daran zu denken, was passiert war. Bald würde Skinner hier auftauchen, und er würde einen Bericht haben wollen. Mulder hatte keine Vorstellung von dem, was eigentlich passiert war, und das, was er wusste, konnte er seinem Vorgesetzten nicht erzählen. Skinner hatte keine Ahnung, dass Dana schwanger gewesen war, und wenn er es erfuhr, würde das eine Menge Ärger bedeuten. Sie hatten es nicht umsonst vor ihm verheimlicht; er wäre niemals einverstanden gewesen, dass Scully weiterarbeitete, bis der Fall abgeschlossen war.
Das erübrigt sich ja jetzt auch, dachte Mulder traurig. Es wäre ihm lieber gewesen, den Dienst zu quittieren als in dieser Situation zu sein. Um ehrlich zu sein, hatte er sich sogar schon richtig auf das Kind gefreut, und es hatte ihm Spaß gemacht, mit Dana die Schwangerschaft zu erleben. Seit er von dem Kind wusste, hatte er jeden Morgen mit ihr gelitten, wenn ihr wieder schlecht geworden war, er hatte alles für sie getan, und manchmal hatte sie ihn aufgezogen, dass er scheinbar mehr schwanger war als sie selbst. Mulder hatte gelacht und nichts dazu gesagt. Er hatte spüren können, dass Dana nicht so viel Anteilnahme, Verantwortung und ehrliche Begeisterung von ihm erwartet hatte, und dass sie die positive Enttäuschung genoss. Natürlich war es ihr auf die Nerven gegangen, wenn er sie zu sehr umsorgt hatte, aber das war nur ein kleiner Teil des Ganzen gewesen. Alles in allem war es für sie beide eine wunderbare Zeit gewesen, in der sie oft abends auf der Couch gesessen hatten, Dana in seinem Arm, und einfach nur geredet. Manchmal hatte er nachts die Wange an ihren Bauch gelegt, um ihrem Kind näher sein zu können, und Dana hatte es genossen, auch wenn sie ihn damit aufgezogen hatte. Und nun sollte das alles vorbei sein.
Mulder fragte sich, wie es für das Baby gewesen sein mochte, einfach so von einer Sekunde auf die andere aufzuhören zu existieren, ohne überhaupt richtig gelebt zu haben. Es war einfach nicht fair! Das kleine Wesen war gestorben, ohne geboren worden zu sein. Es würde nie auf einer Schaukel sitzen und in den Himmel schwingen, nie den Geschmack des allerersten Schokoriegels erleben, nie mit seinem Lachen einen anderen Menschen glücklich machen.
Rein biologisch betrachtet war es nichts weiter gewesen als ein Haufen Zellen, der verschwunden war, und doch hatte es ihr Leben verändert. Mulder hatte Scully schon lange vorher geliebt, aber es kam ihm vor, als sei diese Liebe durch das gemeinsame Schicksal, das das Kind verkörperte, noch tiefer und inniger geworden. In nur drei Monaten hatte das kleine Wesen, das noch nie die Welt gesehen hatte, Mulders Welt auf den Kopf gestellt, ihm Seiten gezeigt, die er nicht gekannt hatte, ihm eine Hoffnung auf ein Leben nach den X-Akten geschenkt. Und nun war es nicht mehr da.
Mulder wusste, dass dieses Kind für Dana noch mehr gewesen war als das. Es hatte ihre Möglichkeit symbolisiert, ein normales Leben zu führen, die Folgen der schrecklichen Erlebnisse zu vergessen, die mit ihrer Entführung einhergingen. Sie hatte es ihm nie gesagt, aber er wusste, dass sie sehr darunter gelitten hatte, keine Kinder bekommen zu können.
Als sie schwanger geworden war, war das für sie wie eine zweite Chance gewesen, und sie hatte sie genutzt. Nun war diese Chance zerstört, und Mulder war klar, dass das Dana tief treffen würde. Sie würde ihn brauchen, mehr als jemals zuvor, und er würde für sie da sein. An diesem Punkt seiner Gedanken erlaubte Mulder sich, loszulassen. Tränen liefen über seine Wangen und fielen auf die weiße Decke, unter der Scully lag. Er ließ sie laufen, weinte, trauerte um das Kind und um die vielen glücklichen Momente, die sie nie miteinander erleben würden.
***
Danas erste Empfindung nach der Dunkelheit waren die Schmerzen. Sie schienen überall zugleich zu sein, und sie fragte sich, ob sie jemals wieder in der Lage sein würde, ihren Kopf zu drehen oder auch nur die Augen zu öffnen. Was war geschehen? Und vor allem, wo war sie? Allmählich kam die Erinnerung wieder, und sie spürte, wie ein eisiger Schauer durch ihren Körper lief. Was war mit Fox?
Im nächsten Moment hörte sie seinen ruhigen Atem neben sich und stieß erleichtert die Luft aus. Es war alles nur ein Traum gewesen; sie lag neben Fox im Bett, und er schlief fest. Nichts von all dem, was sie erlebt zu haben glaubte, war wirklich passiert; sie hatte nie die Nachricht erhalten, dass jemand Fox und seine Überwachungspartnerin umbringen wollte, war nie hinter ihm hergefahren und auch nicht in einen Kampf verwickelt worden, bei dem er verletzt worden war. Aber woher kamen dann diese Schmerzen?
Dana wartete noch ein paar Minuten, bevor sie langsam einatmete und die Augen öffnete. Ihr medizinisch geschulter Verstand sagte ihr sofort, wo sie war: Dies hier war eindeutig ein Krankenzimmer, und um sie herum standen Überwachungsgeräte, wie sie nur auf einer Intensivstation benutzt wurden. Also musste sie...
Fox!! Es war also doch passiert, und er war schwer verletzt, sonst läge er nicht hier. Es dauerte eine weitere Minute bis sie erkannte, dass nicht Fox verletzt war. Sie selbst lag in dem weiß bezogenen Bett, und Fox saß auf einem Stuhl neben ihr. Jedenfalls hatte er das irgendwann getan. Jetzt lag sein Kopf neben ihrem rechten Arm auf dem Laken; er hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig und tief. Dana musste Tränen der Erleichterung unterdrücken. Ihm war nichts passiert, und da sie klar denken konnte, war sie wahrscheinlich auch nicht allzu schwer verletzt. Sie musste ein wenig lächeln: Fox sah einfach niedlich aus, wie er neben ihr schlief. Er hatte sie nicht allein lassen wollen, hatte an ihrem Bett gewacht, und war dabei selber eingeschlafen, halb auf dem Stuhl und halb im Bett. Morgen würde er sich nicht bewegen können, soviel stand fest. Aber dann würde sie ihn eben massieren müssen, und nach dieser Nacht hatten sie morgen wahrscheinlich sowieso frei. Dana setzte sich vorsichtig auf, obwohl ihre Schulter dabei wie Feuer brannte. Egal; sie wollte herausfinden, was mit ihr los war, denn es gab für sie als Ärztin nichts Schlimmeres als selbst im Krankenhaus zu liegen und nicht zu wissen, was ihr fehlte. Noch war sie zu benommen, um eine zuverlässige Diagnose stellen zu können, also würde sie eben fragen müssen.
Von ihren Bewegungen wachte Fox auf. Er setzte sich gerade hin und rieb sich die Augen, einen Moment lang unsicher, wo er sich befand. Dann fiel sein Blick auf Dana, die halb aufgerichtet in ihrem Bett saß und ihn erwartungsvoll ansah. Sein erster Impuls war es, sie in die Arme zu nehmen und an sich zu drücken, und er verzog die Lippen zu einem Lächeln, als ihm mit einem Schlag alles wieder einfiel. Das Lächeln gefror auf seinem Gesicht, und er seufzte tief. Konnte das alles nicht einfach nur ein schlimmer Traum gewesen sein? Schließlich träumte er oft genug die haarsträubendsten Sachen. Aber Fox Mulder war Experte für Alpträume, und dies hier war mit Sicherheit keiner. Es war die bittere Realität, und er würde sie auch Dana sagen müssen.
"Geht es dir gut?" hörte er ihre Stimme, besorgt und unsicher nach ihrem stundenlangen Schlaf unter Medikamenteneinfluss.
"Ja, ich denke schon. Ich habe nur eine leichte Stichwunde, das ist alles. Du übrigens auch, hier, an der Schulter. Der Arzt meinte, es sei nicht weiter schlimm; wahrscheinlich behältst du nicht mal eine Narbe zurück."
"Prima. Dann können wir ja morgen früh nach Hause. Du erzählst mir, was passiert ist, wir schreiben unseren Bericht und machen den Rest des Tages blau."
Ihr unbeschwertes Lächeln versetzte ihm einen Stich. Sie hatte ja keine Ahnung!
"Ich... ich fürchte, so leicht wird das nicht sein."
"Warum? Meinst du, die lassen mich nicht gehen?"
Er schüttelte den Kopf.
"Das könnte schon sein." entgegnete er leise.
"Wieso? Mit einer leichten Schnittwunde kann mir doch nichts passieren... Oder hast du mir etwas verschwiegen?"
Fox mied ihren forschenden Blick und wusste gleichzeitig, dass es keinen Zweck hatte, sich zu verstellen. Sie würde es mit einem einzigen Blick in seine Augen herausfinden. Außerdem gab es keine Möglichkeit, sie vor dem zu bewahren, was auf sie zu kam, und er wollte es nicht noch schlimmer machen, indem er sie herumrätseln ließ.
"Also, was ist noch?"
Mein Gott, wie soll ich ihr das nur sagen?
"Dana, ich fürchte, deine Schulter ist nicht das Schlimmste, was heute nacht geschehen ist."
"Wie meinst du das?"
Angst schwang jetzt in ihrer Stimme mit. Sie hatte keine Vorstellung, worauf Fox hinauswollte. Er war hier und redete mit ihr, und sie fühlte sich auch relativ gesund, wenn man einmal von den Schmerzen absah, für die sie noch immer keine Erklärung sah. Was konnte also noch schlimmes passiert sein, wenn sie beide lebten und zusammen waren?
Der Gedanke kam aus dem Nichts auf sie zu und traf sie wie ein Schlag.
"Nein" hörte sie jemanden flüstern und begriff im selben Moment, dass es ihre eigene Stimme war, voller Furcht, sie könnte mit dem Unglaublichen, das sie soeben gedacht hatte, recht haben. Das war unmöglich! Sie hob den Kopf und sah in Fox' Augen, von dem Wunsch getrieben, er möge ihr sagen, dass sie sich irrte, dass sie einen komplizierten Beinbruch oder eine ähnliche Lappalie erlitten habe. Aber als er ihren Blick erwiderte, waren seine Augen wie Stein, und er nickte nur.
"Sag mir, dass das nicht wahr ist!" bat sie mit zitternder Stimme, und Fox musste den Blick abwenden, gequält von dem Flehen in ihren Augen, dem Vertrauen, das darin stand und dem Wunsch, dass er alles in Ordnung bringen würde, so wie er es immer getan hatte. Er wusste, er würde sein Leben dafür geben, wenn er ihre stumme Bitte erfüllen könnte, aber das stand nicht in seiner Macht. Langsam wandte er sich wieder Dana zu, die ihn noch immer stumm anstarrte und nicht glauben konnte, was sie langsam zu ahnen begann.
"Doch, ich fürchte, es ist wahr. Wir haben das Baby verloren."
Seine Stimme brach, und Tränen liefen seine Wangen hinunter, für die er sich innerlich verfluchte. Dana brauchte ihn jetzt, und er musste stark sein. Da konnte er doch nicht selbst anfangen zu weinen wie ein Junge, dessen Ballon weggeflogen war. Er musste für sie da sein, ihr Trost geben und sie beschützen! Energisch schluckte Fox die Tränen hinunter, die in seiner Kehle steckten und streckte die Hand nach Dana aus. Bevor er sie jedoch berühren konnte, wich sie zurück.
"Ich glaube dir nicht."
Sie hatte so leise gesprochen, dass er ihre Worte kaum verstanden hatte, aber der wilde Blick in ihren Augen machte einen Zweifel unmöglich.
"Dana, bitte! Du musst mir glauben, dass es das Schlimmste für mich ist. Aber trotzdem kann ich nichts daran ändern, dass es wahr ist. Habe ich dich jemals angelogen?"
Sie schien zu überlegen, und der Ausdruck in ihren Augen brach Fox schier das Herz. Auch wenn er lieber etwas anderes gesagt hätte, musste er ihr die Wahrheit begreiflich machen. Als sie geschlafen hatte, hatte er sich alle möglichen Reaktionen ausgemalt, eine schlimmer als die andere, aber mit ihrer Weigerung ihm zu glauben hatte er nicht gerechnet.
"Ich bitte dich, sieh mich an und glaub mir. Glaub mir, damit wir zusammen Abschied nehmen können. Ich werde dich nicht allein lassen, aber lass du mich bitte auch nicht allein."
Das war der Moment, in dem sie endgültig begriff. Vorher hatte sie die Hoffnung gehabt, das alles sei nur ein Missverständnis, aber Fox' flehentliche Bitte, ihn nicht allein zu lassen, machte ihr die Tragweite seiner vorherigen Worte mit einem eisigen Pfeil bewusst, der sich in ihr Herz zu bohren schien. Sie hatte ihr Kind verloren.
Jetzt fühlte sie es auch: In Ihrem Innern breitete sich eine Leere aus, die sie zuvor unter dem körperlichen Schmerz gar nicht gespürt hatte. Mit einem erstickten Schluchzen schlug sie die Hand vor den Mund und wollte sich abwenden, aber Fox ließ es nicht zu. Vorsichtig fasste er nach ihrer Schulter und zog sie in seine Arme, drückte sie an sich, als sei sie sein Anker, der ihn vor dem Ertrinken irgendwo in der Tiefe des Schmerzes bewahrte, und so war es auch. Er brauchte sie jetzt, um überleben zu können, und sie brauchte ihn genauso. Gleichzeitig Trost suchend und gebend, hielt er Dana in den Armen, seine Freundin, seine Liebe, seine Partnerin. Die Ironie dieses Wortes wurde ihm bewusst: Sie war immer seine Partnerin gewesen, und irgendwann war sie mehr geworden, nur um jetzt wieder seine Partnerin zu sein, seine Partnerin , die mit ihm einen Schmerz teilte, den sie ohne ihre Liebe nie kennen gelernt hätten.
Dana schlang die Arme um Fox, krallte sich an ihm fest, als die Tränen kamen. Sie konnte sie nicht zurückhalten, auch wenn sie sich wünschte, stark sein zu können, für sich selbst und für Fox, aber die Tränen waren stärker, und sie kamen mit einer Macht, die sie nie zuvor erlebt hatte, schwemmten ihre Seele aus ihr heraus, durchweichten Fox' Hemd und seine Haut, brannten auf ihren Wangen, wo sie sich mit seinen vermischten, und spülten schließlich jedes Gefühl aus ihrem Innern heraus, bis sie nur noch eine leere Hülle war, die in den Armen ihres Geliebten auf dem Bett saß, noch immer von Schluchzen geschüttelt, das immer mehr an Kraft verlor und sie schwach und hohl zurückließ. Hohl. Leer. Ja, das traf auf sie zu, jetzt, da das Baby fort war, ein Geschenk, auf das sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, und das man ihr jetzt ebenso plötzlich, wie es gekommen war, wieder genommen hatte.
Dana war zu schwach, um sich nach dem Sinn zu fragen, aber selbst wenn sie es getan hätte, wäre ihr nie auch nur annähernd klar geworden, warum das alles passiert war. Sie konnte nicht wissen, dass es jemanden gab, der mit all dem gerechnet hatte, der immer da gewesen war, um aufzupassen, dass nichts schief ging und dass seine Figuren auch immer auf der von ihm gewünschten Position blieben. Aber diese tiefe Bedeutung blieb Dana und Fox verborgen, als sie aneinandergeklammert auf dem Bett saßen und ihren Schmerz teilten, zusammen und doch jeder einsam in den eigenen Gefühlen gefangen.
***
Nein, sie konnten es nicht wissen, aber all ihr Schmerz war geplant gewesen, ebenso wie das Glück, das sie geteilt hatten und das nur dem einen Zweck gedient hatte: Zu dem Schmerz hin zu führen.
Der Raum, in dem die Männer zusammenkamen, war wie all die Räume, in denen sie sich zuvor getroffen hatten, um über das Leben anderer Menschen zu entscheiden, unauffällig und ein wenig düster, mehr wie ein Club, in dem sich ältere Männer treffen und über ihre Heldentaten in irgendwelchen Kriegen und die Mängel der heutigen Politik zu diskutieren. Niemand, der zufällig vorbeigekommen wäre hätte geglaubt, dass hier die finstersten Pläne überhaupt geschmiedet und verwirklicht wurden.
Niemand wäre zufällig hier vorbeigekommen und hätte überlebt.
Einer der Männer stand etwas abseits, und doch war die Aufmerksamkeit der anderen auf ihn gerichtet, als er sich eine Zigarette ansteckte, bevor er zu sprechen begann: "Die heutige Mission war ein Erfolg." sagte er mit unbewegter Stimme und blies eine Rauchwolke in den Raum.
"Woher wollen wir das wissen?" erkundigte sich ein zweiter, etwas jüngerer Mann.
"Wir haben lediglich die Bestätigung, dass der Überfall erfolgreich war und dass Scully das Kind verloren hat. Was ist aber, wenn der Attentäter sich einen Handel erhofft und erzählt, dass das Ganze von Vornherein so geplant war und dass niemand getötet wurde, weil das nicht geschehen sollte? Dann ist es nur eine Frage der Zeit bis Mulder herausfindet, dass alles ein Vorwand war, um Scully ins Krankenhaus zu bekommen, wo sie unserem Mann ausgeliefert war."
"Es wird nie soweit kommen." unterbrach ihn der Raucher.
"Ein toter Mann kann keinen Handel machen."
Mit diesen Worten drückte er mit völlig unbewegter Miene seine Zigarette im Aschenbecher aus als habe er nicht gerade eben mit seinen Worten das Schicksal eines Menschen besiegelt.
Seine Gedanken waren nicht bei dem Mann in der Zelle, der jetzt auf seinen Befehl hin sterben würde sondern bei einem anderen Mann, den er nicht töten konnte, auch wenn er eine viel größere Bedrohung war als der kleine Handlanger, der Mulder in den Hinterhalt gelockt und dann überfallen hatte. Aber auch dieser Mann war jetzt nicht mehr gefährlich. Man kann einen Mann töten, aber man kann nicht das töten, wofür er steht. Nicht, bevor man ihn zuerst gebrochen hat...
***
Eine Woche später
"Dana, ich weiß nicht, was ich noch tun soll, damit du etwas isst. Seit Tagen sitzt du nur auf der Couch und starrst die Wand an."
Fox Mulder war verzweifelt. Er hatte sein Kind verloren, und das hatte ihn schwer getroffen, aber jetzt entglitt ihm auch noch Dana, und das brach ihm das Herz. Er wusste einfach nicht mehr weiter, hatte geglaubt, ihr helfen zu können, indem er den Schmerz mit ihr teilte, aber er hatte sich geirrt. Dana wollte ihren Schmerz nicht teilen, oder sie konnte es nicht. Sie sprach nur das Nötigste mit ihm und wich seinem Blick aus, wann immer sie konnte.
Sie hatten Skinner einen Bericht geschrieben und ihm gesagt, was passiert war. Mulder hatte nichts ausgelassen, und wie erwartet war Skinner zuerst stinksauer gewesen. Nachdem er sich ausgetobt hatte, hatte er Mulder stellvertretend für sie beide sein Beileid ausgedrückt und ihnen frei gegeben so lange sie wollten. Er hatte gesagt, er würde sich dafür einsetzen, dass niemand von dem Kind erfuhr und er hoffe, dass Scully und Mulder wieder zurückkämen, wenn sie soweit seien. Mulder hatte zugestimmt, denn er war sicher gewesen, dass Arbeit das war, was sie beide brauchten, um den Schmerz zu überwinden. So war es immer gewesen. Auch nach dem Tod ihrer Schwester hatte Dana sich wieder wie eine Besessene in die Arbeit gestürzt, um die Antworten zu finden. Aber dies war anders: Es gab keine Antworten, keine Wahrheit, die sie suchen mussten. Niemand war für den Tod des Babys verantwortlich außer den drei Männern, die sie überfallen hatten, und einer von ihnen war entkommen, während ein anderer bei einer Schlägerei unter Häftlingen vor zwei Tagen umgekommen war. Nichts, über das man stolpern konnte, keine Ungereimtheiten. Nur die Rache eines Verbrechers an der Polizei, bei der das Kind unabsichtlich zwischen die Fronten geraten war.
Und genau das machte Dana zu schaffen, genau wie Fox. Sie hatten nichts, woran sie sich klammern konnten, keinen tieferen Sinn, dem sie nachjagen konnten, bis der schlimmste Schmerz abgeklungen war. Da gab es nur Leere, und das Einzige, was sie tun konnten, war diese Leere zusammen zu erleben.
Aber das ließ Dana nicht zu. Sie ließ Fox nicht in ihre Nähe, weder körperlich noch seelisch, schottete sich nach allen Seiten ab, baute wieder eine Mauer um sich herum wie damals, als sie ihn nicht an sich heran lassen wollte, weil sie ihre Liebe zu ihm fürchtete. Jetzt war es etwas anderes, das sie fürchtete...
Ich kann ihn nicht ansehen. Wenn ich es tue, sehe ich die Enttäuschung in seinen Augen, den gleichen Verlust, den ich in meinem Herzen fühle. Ich weiß, was er denkt: Wäre ich im Büro geblieben, wäre das nicht passiert und das Kind wäre noch am Leben.
Ich kann ihm nicht erklären, was ich gedacht habe, als ich losgegangen bin, um ihn zu retten. Ich wollte nicht, dass das Baby stirbt; um ehrlich zu sein, habe ich nicht eine Sekunde an es gedacht. Ich wusste nur, dass Fox in Gefahr ist und dass ich ihn retten muss, und damit habe ich unser Kind auf dem Gewissen. Durch mein unüberlegtes Handeln habe ich es umgebracht, und wenn er das wüsste, würde er es mir nie verzeihen. Genauso wenig, wie ich es mir selbst verzeihen kann.
Die ganze Zeit über will er seinen Schmerz mit mir teilen, und das wäre eigentlich nur recht und billig, aber ich kann es nicht zulassen, denn mein Schmerz ist ein anderer als der seine. Er hat nicht unser Kind auf dem Gewissen, und er hat keine Ahnung, dass ich das habe. Ich sollte es ihm sagen, aber das kann ich auch nicht. Es mag feige sein, aber wenn ich es ihm sage, verliere ich auch noch ihn. Das wäre wahrscheinlich die gerechte Strafe. Aber ich habe auch so schon eine Strafe erhalten: Dieses Kind war meine einzige Chance auf ein Baby, und nun ist sie vertan. Ich kann nie wieder schwanger werden, das fühle ich. Und wieder ist es nur zum Teil meine Strafe, denn zum größten Teil strafe ich damit Fox. Er war so glücklich als er erfuhr, dass er Vater wird, und jetzt soll das für immer vorbei sein. Er wird nie Vater sein, wenn er bei mir bleibt, und das wäre falsch. Er muss eines Tages Kinder haben, denn er ist dafür so wunderbar geeignet. Fox wäre ein toller Vater, und ich glaube, dass er das sein muss. Er braucht es einfach, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Ich habe es gesehen, als er dachte, wir bekommen ein Kind, und weil ich ihn so glücklich gesehen habe, kann ich ihm das nicht antun. Ich muss fair sein und ihm die Wahrheit sagen, auch wenn er dann geht. Aber das habe ich auch nicht anders verdient; schließlich bin ich an allem schuld.
Mulder ahnte nichts von ihren Gedanken; er wusste nur, dass sie sich immer weiter vor ihm verschloss, dass sie allein mit ihrem Schmerz bleiben wollte und ihn mit seinem eigenen Schmerz ebenfalls allein ließ. Erst versuchte er immer wieder, an Dana heranzukommen, bis er es schließlich aufgab und sie in Ruhe ließ. Was hätte er auch sonst tun sollen? Wenn sie seine Nähe nicht wollte, konnte er sie ihr nicht aufzwingen. Trotzdem versuchte er ihr klarzumachen, dass er für sie da sein wollte und dass er sie brauchte. Dana schien das gar nicht zu bemerken, denn sie reagierte nicht wie sonst, wenn Fox ihre Hilfe benötigt hatte. Sie machte keine Anstalten, ihn zu schützen, wie sie es sonst immer getan hatte, und nach ein paar Nächten, in denen sie dicht an der Bettkante geschlafen hatte bat sie ihn, zum Schlafen in seine Wohnung zu gehen.
Jetzt wurde Fox klar, dass er Dana verlieren würde, wenn er es nicht endlich schaffte, an sie heranzukommen, den Kummer in ihrem Innern zu sehen.
Deshalb kam er ihrer Bitte nicht nach sondern blieb auch an diesem Abend bei ihr in der Wohnung, um mit ihr zu reden. Diesmal, so schwor er sich, würde er sich nicht von der Kälte und dem Schmerz in ihrer Stimme abschrecken lassen; er würde nicht aufgeben, bevor sie ihren Schmerz geteilt hatten.
Dana saß auf der Couch und las in einem Buch; zumindest tat sie, als lese sie. In Wahrheit konnte sie sich nicht konzentrieren, denn ihre Gedanken kreisten immer wieder um eine Sache: Wenn Fox nicht ging, und es sah nicht so aus, als würde er gehen, würde sie ihm heute die Wahrheit sagen müssen. Sie hatte insgeheim gehofft, ihn durch ihr abweisendes Verhalten abzuschrecken, so dass er von selbst ging, aber sie hatte nicht mit seiner Hartnäckigkeit gerechnet. Er war entschlossen, sie nicht aufzugeben, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm ihre Schuld zu gestehen und darauf zu warten, dass er dann ging, nicht nur verletzt durch ihre Zurückweisungen, sondern auch zutiefst enttäuscht von der Frau, die er zu lieben geglaubt hatte und die nun sein Leben und das seines Kindes zerstört hatte, indem sie eine Entscheidung getroffen hatte, die ihr nicht zustand: Sein Leben oder das eines Ungeborenen.
Dana spürte, wie Fox' Blick auf ihr ruhte, und sie schlug das Buch zu und holte entschlossen Atem, um es endlich hinter sich zu bringen.
Bevor sie ein Wort herausbringen konnte, war Fox ihr zuvorgekommen: Er setzte sich neben sie auf die Couch, nahm ihr das Buch aus der Hand und legte es auf den Tisch, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.
"Ich möchte, dass du mir zuhörst." begann er leise, aber eindringlich zu sprechen.
"Ich weiß, dass das, was passiert ist, dich sehr verletzt hat, und es hat auch mir unheimlich weh getan, aber ich möchte trotzdem, dass wir es nicht einfach totschweigen, wie wir es bisher getan haben. Das nützt niemandem etwas, weder dir noch mir noch dem Kind. Was geschehen ist, ist geschehen, und wir können es nicht mehr ändern, aber wir können darüber sprechen und versuchen, gemeinsam einen Weg zu finden, wie wir damit weiterleben können. Es kann nicht immer so weitergehen, dass wir schweigen und so tun, als sei nie etwas geschehen, als habe es diese Nacht niemals gegeben. Ich kann damit nicht allein fertig werden, und ich weiß, dass du es auch nicht kannst. Bitte lass es uns zusammen versuchen."
Dana sah ihn an, konnte seinem zwingenden Blick nicht ausweichen und spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten. Seit Fox ihr im Krankenhaus gesagt hatte, was geschehen war, hatte sie nicht mehr geweint, und jetzt schämte sie sich dafür. Sie hatte ihr eigenes Kind verloren und konnte nicht weinen, aber wenn sie ihn, Fox, zu verlieren fürchtete, kamen die Tränen wieder. Was für eine gefühllose Frau war sie bloß, dass der Verlust eines Mannes sie mehr schmerzte als der Tod ihres Kindes? Sie schluckte, um den Kloß aus ungeweinten Tränen und unausgesprochenen Ängsten und Gefühlen aus ihrer Kehle zu bekommen, und riss endlich ihren Blick von seinem los, bevor sie leise sagte: "Ich kann dir nicht helfen. Du wirst nicht wollen, dass ich es tue."
"Wie kannst du das sagen? Ich will, dass du mir hilfst, und ich will dir helfen."
"Auch wenn ich dir sage, dass ich unser Kind getötet habe?"
Einen Moment lang herrschte Stille, die keiner von ihnen zu durchbrechen wagte. Das einzige Geräusch war das Radio, das Dana wie immer in den letzten Tagen eingeschaltet hatte, um nicht mit Fox reden zu müssen. Die leisen Worte einer wunderbaren, kraftvollen und klaren Stimme waren zu hören, aber keiner von ihnen achtete darauf. Sie waren noch immer gefangen in dem einen einzigen Satz, den Dana gesagt hatte und der nun zwischen ihnen in der Luft hing und darauf wartete, aufgenommen zu werden.
"Warum glaubst du das?" erkundigte sich Fox schließlich sanft und griff nach Danas Hand, die sie zurückzuziehen versuchte. Aber er war schneller und hielt sie fest, mit der gleichen Sanftheit, mit der er Dana gehalten hatte, als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten; bestimmt genug, um ihr zu zeigen, dass er es ernst meinte, und gleichzeitig so leicht, dass sie sich jederzeit aus seinem Griff befreien konnte, wenn sie es wollte.
Dana ließ es zu, dass er ihre Hand in seiner hielt, sie erlaubte sich sogar, das Gefühl zu genießen, das seine kleine Berührung auslöste. Jetzt war sowieso alles egal. Wenn sie ihm erzählte, was sie bisher verschwiegen hatte, würde das sicher ihre letzte Berührung sein, warum sollte sie diese dann nicht noch genießen?
"Ich sage es, weil es wahr ist." brachte sie schließlich hervor.
"Ich war noch im Büro, als ich die Nachricht bekam, der Einsatz sei eine Falle. Dann bin ich sofort losgefahren, um dich zu warnen, und habe nicht einen Moment lang daran gedacht, was dem Kind passieren könnte, wenn ich auch in die Falle gehe. Ich habe diese Entscheidung getroffen, und deshalb bin ich allein schuld an seinem Tod."
Ein tiefer Schmerz bohrte sich in Fox' Seele, als er ihren Worten lauschte. Das war es also gewesen; deswegen hatte sie sich die ganze Zeit über gequält. Sie gab sich selbst die Schuld und dachte, das würde er auch tun. Wie kam sie nur auf so eine dumme Idee? Er ahnte nicht, dass sie ihm noch immer etwas verschwieg, das tief in ihrem Innern verborgen war: Die unbewusste Schuld, nie wieder ein Kind bekommen zu können.
Dana hielt sein Schweigen nicht mehr aus und konzentrierte sich auf die Musik, die aus dem Radio drang, ein weicher, trauriger Song, dessen Text sie plötzlich so deutlich vor Augen hatte, als habe ihn jemand auf die Innenseite ihrer Lider geschrieben.
If I should stay
I would only be in your way
So I'll go
But I know
I'll think of you
With every step on the way...
"Dana?"
Fox' Stimme riss sie aus ihren Gedanken und holte sie zurück in das Wohnzimmer, in dem sie vor einer Ewigkeit, wie es schien, zusammen Weihnachten gefeiert hatten. Sie hob den Kopf und sah ihn an, zögernd und scheu, voller Angst, in seinen Augen die Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtung zu finden. Statt dessen standen nur Wärme und Traurigkeit darin, und das war beinahe noch schlimmer als die Verachtung, die sie erwartet hatte.
"Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast." fuhr er fort, noch immer ihre Hand in seiner haltend. "Jetzt weiß ich, was dich die ganze Zeit über so gequält hat, und ich kann dir auch sagen, wie ich das sehe. Ich bin absolut, hörst du, absolut davon überzeugt, dass du nicht schuld am Tod unseres Kindes bist, und ich möchte, dass du auch davon überzeugt bist."
You, my darling
Bitter sweet memories
That is all I'm taking with me...
Dass er es nicht glaubte, machte alles irgendwie noch viel schlimmer. Er liebte sie trotz allem, und sie hinderte ihn daran, glücklich zu werden, das zu bekommen, was er brauchte...
So goodbye
Please don't cry
We both know
I'm not what you need...
Fox sah sie an, versuchte zu ergründen, an welchen geheimen, verborgenen Orten ihrer Seele sie sich befand, was sie gerade dachte. Das einzige, was er sah, war die einsame Träne, die ihre Wange hinunterlief, bis sie sich in ihrem Mundwinkel verlor.
Fasziniert verfolgte er mit den Augen den Weg dieser Träne, die so unglaublich zart und zerbrechlich wirkte und doch stark genug war, um Danas ganzem Kummer in diesem Augenblick Ausdruck zu geben. Er konnte den Blick nicht abwenden, sah unverwandt auf ihren Mundwinkel, in dem die Träne verschwunden war, und dann auf ihre Lippen, die ein wenig zitterten als sie versuchte, weitere Tränen zu unterdrücken. Vorsichtig und langsam beugte er sich zu ihr hinüber und legte zwei Finger unter ihr Kinn, zwang sie so, ihn anzusehen.
"Ich liebe dich." flüsterte er und fügte hinzu: "Und ich finde, das solltest du auch tun. Liebe dich selbst wieder, Dana. Es ist nicht deine Schuld, was passiert ist, sieh das doch endlich. Lass deinen Kummer zu, aber versuche nicht, einen Grund für das Geschehene zu finden, indem du dich mit Selbstvorwürfen quälst. Tu dir das nicht an. Und tu es auch mir nicht an."
Seine Worte lösten ein Echo in ihr aus, irgendwo in ihrem Herzen, von dem sie geglaubt hatte, es sei nicht mehr da, sei mit dem Kind aus ihr verschwunden. Ich liebe dich. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, diese Worte wieder zu hören, denn sie liebte ihn noch immer mit allem, was sie besaß.
And I will always love you
I will always love you...
Das war es, was sie wissen musste: Sie liebte ihn. Und auf einmal war ihr alles ganz klar, und sie fragte sich, wie sie jemals so blind hatte sein können. Es gab nur eine Lösung, und die stand nun so deutlich vor ihren Augen, dass sie beinahe lächeln musste.
Fox erkannte den Wandel in ihr sofort und seufzte vor Erleichterung. Er hatte sie erreicht, hatte ihr gesagt, was er sagen musste, und sie hatte ihm zugehört und dachte über seine Worte nach. Mit einer vorsichtigen Bewegung beugte er sich noch näher zu ihr, bis seine Lippen ihre berührten, ganz leicht und vorsichtig zuerst, fragend und schüchtern. Dana spürte die Liebkosung und tat das, was sie empfand: Sie legte die Hand an Fox' Wange und erwiderte seinen Kuss, gab ihm Antwort auf die stumme Frage. Er küsste sie langsam und innig, mit allen Gefühlen, die er jemals für sie gehabt hatte, und als sie wieder zu weinen anfing, heftiger sogar als in der Klinik, schloss er sie in seine Arme und streichelte ihren Rücken, ihre Schultern, wiegte sie sanft hin und her und vergrub das Gesicht in ihrem Haar, das von seinen eigenen Tränen ganz nass wurde. Endlich teilten sie ihren Kummer, weinten gemeinsam um ihr Kind und um ihre eigenen verwundeten Herzen, während die Musik weiter durchs Zimmer schwebte.
I will always love you...
I hope life treats you kind
And I hope you have all you dreamed of
And I wish to you joy and happyness
And above all I wish to you love...
Schließlich löste sich Dana von Fox und stand von der Couch auf. Sie war verwirrt und vollkommen durcheinander. Das eben Geschehene machte es ihr schwer, einen klaren Kopf zu behalten, und den brauchte sie mehr denn je.
Sie sah Fox an und sagte die Worte, die sie am meisten schmerzten, aber sie wusste, dass es sein musste. Weil sie ihn liebte.
"Ich kann das nicht. Ich kann es dir nicht antun, mit mir zusammen sein zu müssen. Du wirst es sicher irgendwann verstehen, und ich kann nicht bleiben, bis du erkennst, dass ich recht habe. Ich kann nicht bei dir bleiben, weil ich dich liebe."
Die letzten Worte waren kaum mehr ein Flüstern, und bevor Fox reagieren konnte, drehte sich Dana um und lief aus der Wohnung.
Es dauerte eine Sekunde, bevor Fox begriff, was soeben geschehen war, und auch dann wusste er nicht, warum sie davonlief. Eben noch hatten sie zusammen geweint, und er hatte gedacht, alles könnte wieder gut werden, und nun verließ ihn Dana aus heiterem Himmel. Sie verließ ihn! Dieser Gedanke brachte ihn wieder zu sich, und er sprang auf und rannte hinter ihr her auf den Flur und von dort ins Treppenhaus, das allerdings leer war. Sie musste den Fahrstuhl genommen haben! Fox rannte die Treppen hinunter, als ginge es um sein Leben, und genau dieses Gefühl hatte er auch. Draußen auf der Straße sah er sich um und erkannte erleichtert, dass er schneller gewesen sein musste als der Fahrstuhl, der glücklicherweise schon älter war. Er hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und sah Dana herauskommen. Sie wollte ihm ausweichen, aber er stellte sich ihr in den Weg.
"Warum tust du das? Wenn du mich nicht liebst, würde ich es akzeptieren, auch wenn du mir damit das Herz brichst, aber ich werde nicht zulassen, dass du es dir selbst antust!"
"Du hast ja keine Ahnung, was ich dir antue, wenn ich bleibe." schleuderte sie ihm entgegen. "Bei der letzten Untersuchung im Krankenhaus habe ich erfahren, dass ich niemals Kinder haben werde. Zusammen mit den Entführungsfolgen ergibt das zweimal hundert Prozent Wahrscheinlichkeit, dass ich niemals Mutter werden kann. Und du kannst nicht auf Kinder verzichten, das habe ich gemerkt. Ich könnte es nicht ertragen, dir diese Möglichkeit genommen zu haben, auch wenn du es mir vielleicht nie mit Worten vorwerfen würdest. Bitte, lass mich gehen und tu mir das nicht an."
Damit drehte sie sich um und überquerte die Straße, ließ Fox allein mit seinen Gedanken. Er starrte hinter ihr her, vollkommen betäubt von dem, was sie soeben gesagt hatte, und wusste nur eins: Er musste sie aufhalten. Es würde möglich sein, ohne Kinder zu leben, aber es gab keinen Weg, ohne Dana zu sein. Das würde er ihr sagen müssen, bevor sie sich etwas anderes einredete. Fox sah sie um eine Ecke verschwinden und rannte ihr nach, den Blick fest auf sie gerichtet, die Frau, die er liebte und ohne die er nicht leben konnte. Er rannte über die Straße, hörte Bremsen quietschen und dann einen Schrei. Die Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor, und er brauchte einen Sekundenbruchteil um zu erkennen, dass es seine eigene war. Schmerz zuckte durch seinen ganzen Körper, und er hörte einen Mann sagen: "Er ist einfach so auf die Straße gelaufen, hat nicht mal auf mein Hupen reagiert. Ich konnte einfach nicht mehr ausweichen." Dann eine andere Stimme: "Rufen Sie einen Krankenwagen!"
"Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin." Eine Stimme, die er so gut kannte wie seine eigne, vielleicht sogar besser. Dana! Sie kniete sich neben ihn und berührte seine Stirn, ihre kühle Hand zitterte.
"Oh Fox, es tut mir so leid. Ich hätte nicht einfach weglaufen dürfen. Es ist alles meine Schuld."
Er wollte ihr sagen, dass das nicht stimmte, wollte sie bitten zu bleiben, aber er konnte sich nicht bewegen. Vorsichtig legte sie ihm die Finger auf die Lippen.
"Sag nichts. Bleib ganz ruhig liegen, der Krankenwagen kommt gleich, und dann wird alles gut. Ich...ich liebe dich." Tränen erstickten ihre Stimme, aber er hatte sie trotzdem verstanden.
Er hörte nichts von dem, was um ihn herum vorging, die stotternden Entschuldigungen des Autofahrers, die Schaulustigen, die sich allmählich um die Unfallstelle herum ansammelten, die Sirenen des Krankenwagens, die rasch näher kamen. Sogar der Song, der aus dem noch immer laufenden Autoradio drang, ging ungehört an ihm vorbei. Dana hingegen nahm ihn mehr als deutlich wahr. Es waren die Zeilen, die sie überhaupt in diese Situation gebracht hatten, die ihr die Lösung gezeigt hatten und die nun Fox das Leben kosten konnten.
I will always love you
Darling I'll always, I'll always love you...
Die beiden Männer, die etwas abseits standen, hörten die Worte auch, aber sie achteten nicht darauf, denn sie hatten wichtigere Dinge zu besprechen.
"Meinen Sie, dass er überlebt?", wollte der eine wissen.
"Ich weiß es nicht", erwiderte der andere und zündete sich eine weitere Zigarette an. "Aber selbst wenn er überlebt, ist er keine Gefahr mehr. Sie wird nie zu ihm zurückkehren, und ohne sie kann er nicht leben. Nicht nach dem, was sie zusammen erlebt haben."
"Und wenn sie doch zurückkommen will?"
"Dann werden wir dafür sorgen, dass sie es sich anders überlegt. Glauben Sie mir, das wird ihn endgültig stoppen."
Mulder ahnte nicht, was die Männer über ihn sprachen, denn er spürte Danas Hände, die sein Gesicht streichelten, und er wehrte sich nicht dagegen, als ihn die Dunkelheit umfing...
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Teil Fünf
Träume
Seiltänzertraum
Tagverdrossen senkt sich
dichter Schleier namens Nacht.
Die Tropfen, die ans Fenster trommeln
halten mich nicht wach.
Ich tauche ein,
laß all die Traumtanzgeister zu mir rein.
Das Kind ist längst erwachsen
und versteckt sich doch im Mann.
Es läuft die Treppe ständig hoch
und kommt nie oben an.
Jede Stufe ist der nächste Wunsch,
der in Erfüllung geht.
Und das Kind stellt fest,
das ist nicht schön,
und schmaler wird der Weg.
Manche jubeln laut,
manche schreien "Spring!"
Ach, wen kümmert schon die Balance?
Keiner sieht die feinen Angstschweißtropfen,
es bleibt die Flucht in Trance.
Halt mich...
fest!
Damit von mir mehr übrig bleibt
als dieser kleine Rest!
Kennst du den Seiltänzertraum?
Ich stürz ab, doch ich lebe noch.
Dein Netz fängt mich auf.
mitten im Schoß, in deinem Schoß...
Noch höher hinauf.
Das Gleichgewicht zu halten
saugt mich aus.
Oh geht das immer so weiter
bis zum Dessert
beim eigenen Leichenschmaus?
Ich bin im falschen Film
mit völlig falschem Sinn,
schalt ihn ab! - Wo ist der Knopf?
Oh bitte hilf mir, hilf mir!
Wann denn endlich
macht es klick in meinem Kopf?
Weck mich...
Weck mich auf!
Das Schicksal nimmt zwar seinen,
doch du nimmst meinen Lauf!
Kennst du den Seiltänzertraum?
Ich stürz ab, doch ich lebe noch.
Dein Netz fängt mich auf.
mitten im Schoß, in deinem Schoß...
Traumtanztrapez.
Ich stürz ab, doch ich lebe noch.
Ich tauch' mich hinein,
in deinen Schoß, mitten im Schoß...
Am Fenster trommeln immer noch
die Tropfen - Ich bin wach:
Deine kühle Hand hat die Hitze
meiner Stirn verjagt.
Deut mir meinen Traum!
Du kannst es!
Du kennst mich!
Ich lieg in deinem Arm...
"Hey, aufwachen! Also, das ist doch nicht zu glauben; da fahre ich über 200 Kilometer hierher, missachte sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen, um ihn so schnell wie möglich hier rauszuholen, und dann komme ich an, und was ist? Er schläft!"
Mulder schlug die Augen auf und konnte es nicht fassen, dass er tatsächlich Scully an seinem Bett stehen sah. Sie wirkte ein wenig gereizt, aber nicht so, als wolle sie in den nächsten Minuten aus seinem Leben verschwinden.
Langsam dämmerte es ihm: Er mußte geträumt haben. Alles war nur ein Traum gewesen: Die Beziehung zu Dana, das gemeinsame Weihnachtsfest, ihre erste Nacht, Skinners Reaktion, das Baby, das sie verloren hatten...
Erleichterung erfasste Mulder. Er hatte sie nicht verloren; sie stand neben seinem Bett und wartete auf eine Antwort, wie auch immer die Frage gelautet haben mochte.
Mulder sah sie an, glücklich, dass sie da war, bei ihm war, und sagte das erste beste, was ihm einfiel: "Krieg ich einen Kuss?"
Im nächsten Moment hätte er sich für seine Dummheiot ohrfeigen können. Erst verschwand er einfach, weil ihm jemand von einer UFO-Sichtung erzählte, ließ sich von hinten niederschlagen wie ein Anfänger und rief Scully von ihrer Familienfeier weg, um ihn aus dem Krankenhaus zu holen, und dann hatte er nichts besseres zu tun, als irgendeinen Blödsinn zu sagen, der sie mit Sicherheit in Verlegenheit brachte.
Scully sah ihn an und hob erstaunt die Brauen. Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten? Wollte Mulder sie veräppeln? Oder war der Schlag auf seinen Kopf doch härter gewesen, als die Ärzte glaubten?
Ein Blick in seine Augen belehrte sie eines Besseren. In ihnen standen so viele Gefühle: Unsicherheit, Hoffnung, ängstliche Erwartung, totale, bedingungslose Liebe...
Mulder hatte sich ihr geöffnet, ohne es selbst zu wollen. Jetzt lag es an ihr zu entscheiden, wie es weitergehen würde. Sie konnte über seine Bemerkung hinweggehen und sie auf seinen Zustand schieben, oder sie konnte sich seinen - und ihren eigenen - Gefühlen stellen.
Ein weiterer Blick in seine Augen, und Scully traf ihre Entscheidung.
"Ja." sagte sie einfach und beugte sich zu ihm hinab. Ihre Lippen trafen seine; und sie küßte ihn mit einer Sanftheit, die ihm beinehe den Atem nahm. Mulder griff nach ihrem Nacken und zog sie näher zu sich heren, während er ihren Kuss erwiderte, es gleichzeitig gar nicht fassen konnte, dass sie so reagierte.
Er hatte einen Blick in die Zukunft werfen können, hatte gesehen, wie es sein konnte. Jetzt würde er die Zukunft erleben, zusammen mit Dana, und er wusste, diesmal würde alles anders werden...
~ Finis ~