Titel: Vergiß die singenden Engel
Autor: BigBlue
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Rating: Bitte was? Darf jeder lesen. Auch ganz junge Sensibelchen ;-) Obwohl ein paar ganz wenige Tropfen Blut vorkommen. Aber auch nicht wirklich. Ups, das war ja jetzt doch ein Spoiler...
Short-Cut: In weihnachtlichen Glanz gehüllte Engel erheben ihre lieblichen Stimmen, um der in weißem Schnee versunkenen Welt einen himmlischen Choral zu singen und die Luft mit Liebe zu erfüllen. Vergiß das ganz schnell wieder.
Disclaimer: Öhm... ja, der liebe Mulder und die liebe Scully gehören nicht mir. Hatte das etwa jemand geglaubt? Obwohl, für die nächsten Minuten gehören sie mir. Hehe. Und ich werde mit ihnen machen, was ICH will. So. Von wegen Urheberrecht oder sowas.
Spoiler: Es gibt ja nicht mal im Summary Spoiler über die Geschichte!
Notes: Doch alles in allem läßt sich zur Weihnachtszeit eine gewisse Harmonie nicht unterdrücken ;-)
Widmung: Ich widme diese Geschichte einfach mal jemandem. Und zwar allen Schöpfern und Schauspielern von dem Musical "CHICAGO", weil ich denen nämlich den Anstoß und ein klein wenig Inspiration zu verdanken habe.


Vergiß die singenden Engel




Scully steht am Fenster und betrachtet gedankenverloren die in weiß gekleidete Welt. Schneeflocken tanzen vor ihren Augen und wie immer Anfang Dezember scheint alles zu glänzen. Gemütlich in ihren Wollpullover gekuschelt genießt sie die winterliche Atmosphäre. Langsam driften ihre Gedanken zum Heiligabend. Und zu Mulder. Sie nimmt sich vor, ihn davon abzuhalten, Weihnachten dieses Jahr wieder im Büro zu verbringen; statt dessen wird sie ihn zu ihrer Familie einladen. Mit Ausnahme von Bill würde wohl niemand etwas dagegen haben und der mußte halt damit klar kommen. Der weihnachtliche Duft erinnert sie daran, nach den Plätzchen im Ofen zu schauen. Sie geht an den Kerzen vorbei, die die Wohnung in ein gemütliches Licht tauchen, und als ihr Blick auf den Mistelzweig fällt, der über ihrer Tür hängt, muß sie lächeln.
Wie wunderschön würde diese Geschichte doch ausgehen, wenn so die Tage bis Heiligabend verstreichen würden.
Tun sie aber nicht.
Beim FBI und in der Gerichtsmedizin muß man zeitig genug feststellen, daß das Leben nicht rosa ist und daß Harmonie nur unter schwierigen Umständen zustande kommt und selten alleine Einzug hält.
Es gibt nämlich auch zu Weihnachten eine andere Seite der Welt, die nicht aus glänzendem Schnee, duftenden Plätzchen und kuscheligen Wollpullovern besteht. Eine Seite, auf der keine Engel singen.
Und dieser Seite wollen wir uns nun zuwenden, auch wenn wir auf das Küßchen unter dem Mistelzweig verzichten werden müssen. Und auf die Szene, in der Scully träumt, sie würde ihrer Schwester von Mulders Weihnachtsgeschenk erzählen: "Sein Weihnachtsgeschenk für mich war eine wunderschöne Kette, an der eine kleine glänzende Schneeflocke hing." Melissa würde lächeln und sagen: "Das ist sehr schön. Es sagt, du bist einzigartig, und für ihn glänzt du mehr als jede andere einzigartige Schneeflocke dieser Welt."

Lassen wir am besten Mulder selbst ein wenig erzählen. Er wird uns Einblick in die Situation geben, Einblick in die Vorweihnachtszeit, in der wir uns befinden und in der der Schnee momentan nur dreckiger Matsch ist:
Völlige Schwärze. Nur durch ein paar schwache Umrisse erkennbar tritt aus dem Dunkel ein in Rauch gehüllter Mann hervor. Er nimmt seine Melone ab, verbeugt sich und auf seiner Glatze läßt sich der Schriftzug "Chicago rocks" erkennen. Sein lautes bitteres Lachen durchdringt den Saal, dann fällt der Vorhang und ein tosender Beifall beginnt. Das Licht geht langsam an und der Zauber der Schwärze verfliegt.
Die Eingangshalle beginnt sich zu füllen, als die Menschen aus der Vorstellung kommen.
Scully ist mit mir einer Meinung: wir finden diesen Komiker nicht lustig. Vielleicht liegt das aber auch daran, daß wir die ganze Zeit den Folienmann beschatten mußten und sowieso allen möglichen Mist wegen ihm machen. Wir sind Teil einer Undercover-Gruppe, die diesem Psychopathen auf Schritt und Tritt folgt, um zu beweisen, daß er einen Doppelmord begangen hat, das heißt um irgendeinen Hinweis zu finden, der mehr als nur ein Indizienbeweis ist. Warum er Folienmann heißt, habe ich noch nicht herausbekommen, wahrscheinlich wickelt er seine Butterbrote immer in Folie ein, wenn er zu seiner Gruppenmeditation geht, und so ein unheimlich lustiger Agent hatte die Idee, ihn deswegen Folienmann zu nennen. Ich verbeuge mich vor so viel scharfsinnigem Witz.
Aber ich habe noch ein As im Ärmel, etwas, was eine X-Akte sein könnte. Es hat wieder einmal was mit Würmern im ewigen Eis zu tun, nur nicht so gefährlich wie das letzte mal.
Scully sieht ziemlich genervt aus. Deswegen werde ich ihr jetzt meinen Vorschlag machen, diesem Affentheater zu entkommen.
"Was würdest du sagen, wenn ich dich zu einer Reise in die Antarktis einladen würde?" Was besseres fiel mir nicht ein, aber dieses "einladen" klingt verlockend, finde ich.
"Geht es um irgendwelche Würmer, die tief unten im Eis vergraben liegen?" Oh.
"Naja... nicht direkt..."
"Vergiß es." Mist.
"Schade. Es wäre eine tolle Möglichkeit gewesen, den Winter zu genießen und von diesem scheußlichen Fall loszukommen."
"Weihnachten feiert man besser zu Hause, Mulder. Nicht am eisigsten und verlassensten Ort dieser Welt."
So sind wir der Gefahr des ewigen Eises entronnen, ohne daß wir uns ihr überhaupt gestellt haben.
Und nun sitze ich hier in einer Meditationsstunde des Folienmannes und höre die Leiterin erzählen, wir sollen in unser Inneres eindringen. Sie hat eine schreckliche Stimme. Danke, Scully, daß du meine Hoffnung, dem hier zu entkommen, so schnell und herzlos zerstört hast.
Ich muß immer noch an die Antarktis denken.
Ich liege bleich und kalt im Schnee. Erfroren. Mein Mund ist leicht geöffnet. Aus ihm war vor einer halben Ewigkeit mein letzter eisiger Atem gewichen. Vereinzelt tränken ein paar Tropfen den reinen weißen Schnee blutrot.
Dieses Bild vor Augen bin ich froh, daß Scully abgelehnt hat, zum Südpol zu fliegen. Sie hat recht: es ist besser, Weihnachten zu Hause zu feiern.
"Werden Sie sich zuerst bewußt, wo Sie sind."
Ich scheine am Fuße eines Berges zu liegen. Der Gipfel ist zugeschneit und von Morgennebel umhüllt. Ab und zu blinken vereinzelte Lichter, wie Augen im Schnee, als wollten sie sagen: er lebt, er sieht dich.
Doch dieses Bild wird zerrissen von der Stimme der Kursleiterin. "Ich hoffe, Sie sehen alle etwas schönes, vielleicht sogar etwas wärmendes."
Meine Vorstellung ist eisig kalt.
"Stellen Sie sich nun ein Licht vor, das über Ihnen schwebt."
Die Sonne ganz oben, so weit entfernt, daß sie es nicht schafft, diese Kälte zu durchdringen.
"Dieses Licht gibt Ihnen Kraft."
Dorthin wird meine Seele fliegen, wenn ich erfroren bin. Sie wird es schaffen, dieser eisigen Hölle zu entkommen.
Ich vermute, bei einer Auswertung würde ich nicht sehr gut wegkommen. Ich würde als frustriert und deprimiert interpretiert werden und bestimmt habe ich auch keinen Lebenswillen mehr. Dabei bin ich eigentlich froh, daß Scully den Südpol hat platzen lassen. Ich denke, das war die richtige Entscheidung.
Wahrscheinlich liegt es nur an diesen Fall.
Später hat sich herausgestellt, daß der Folienmann einfach bloß ein bißchen psychopathisch war, aber nie jemanden umgebracht hat. Das heißt wir haben zwei Wochen lang umsonst unlustige Komiker und Gruppenmeditationen über uns ergehen lassen. Vielleicht wäre die Antarktis doch die bessere Alternative gewesen.
Und alles, was jetzt diesen Winter noch schief geht, werde ich auf diesen Fall und den Folienmann schieben.
Womit ich das erledigt hätte, was jedes Jahr im Dezember schwieriger ist, als ein Weihnachtsgeschenk für Scully zu finden: einen Sündenbock finden. Jemanden oder etwas, das schuld daran ist, daß ich jeden Heiligabend im Büro sitze und es nicht einmal anders will. Ich gebe zu, manchmal war Scully schuld daran. Sie hätte mich ja zu ihrer Familie einladen können.
Aber das ist nicht wahr und das weiß ich. Ich bin schuld daran. Weil ich nicht auf der Seite der Welt bin, auf der Schnee glänzt und Schneeflocken vor Entzücken tanzen, wenn sie ein Liebespärchen sehen. Ich bin auf der anderen Seite. Sieht man ja, der Schnee ist dreckiger Matsch und es nieselt.
Aber ich glaube, Scully befindet sich zum Teil auf der hellen Seite. Das rettet mich.
Für mich ist sie die glänzendste unter all den einzigartigen Schneeflocken.
Das bringt mich gerade auf eine Idee, was ich ihr zu Weihnachten schenken könnte...
Als Scully am nächsten Morgen lächelnd ins Büro kommt, glaube ich, in ihrem Blick lesen zu können, daß sie mich Heiligabend tatsächlich zu ihrer Familie einladen will. Ganz sicher bin ich natürlich nicht, aber das wird sich ja gleich rausstellen...
Das scheint der richtige Augenblick zu sein, die beiden alleine zu lassen und dieser Geschichte ein Ende zu geben:
Zu Weihnachten legt sich selbst über die dunkle Seite der Welt ein gewisser Glanz. Es fällt Neuschnee über den Matsch und den Dreck, damit die Welt ein weißes Kleid trägt, und ab und zu lassen sich sogar ein paar Schneeflocken entdecken, die zu tanzen beginnen.
Und wenn man ganz genau hinhört und noch ein wenig kindliche Phantasie besitzt, so kann man sich in dem süßen Glauben wiegen, in der Ferne Engel singen zu hören.