Titel: A l'envers

Autorin: Leni Blue

Kontakt :
Leni_Blue@web.de

Spoiler: nischts, niete, nada

Rating: PG 13

Kategorie: MSR, Angst, Scully-Pov

Short-cut: Tja....wenn ich euch einen Tip geben würde, verrate ich ja alles...
Na ja, dann will ich mal nicht so sein...Hoffnung existiert auch in den aussichtslosesten Situationen...aber natürlich nur in Geschichten. *lol*

Disclaimer: Meine erste FanFic...dann kann ich auch sagen, dass alles MEINS ist....so als Jubiläumsgeschenk. NUR FÜR DIESE GESCHICHTE!

Autorenbemerkung: Nix Baby, nix Entführung. Hier ist nichts von dem passiert, das Ende der 7. und in der 8. Staffel passierte.

JETZT müsste ich ja noch Danksagungen oder so was machen....aber, da ich aus Erfahrung weiß, dass es viele nicht lesen...mache ich es kurz.
Ich danke allen meinen Nicht-AkteX-Fan-Freunden, die das hier durchgelesen haben.
Janina, Ariane....*solangedrückbisdieluftwegbleibt*
Eigentlich haben es Daja und SkySam nicht verdient erwähnt zu werden...die verarschen mich immer...*g*
Hier verarsche ich sie mal. IHR SEID DIE BESTEN! Und da ihr auch so freundlich wart und euch diesen Quatsch reingezogen habt. DANKE! *knutschfleckmach*
Also...VIEL SPASS! (auch, wenn es mit ß geschrieben wird...so sieht‘s besser aus.)
Leni


A l'envers


Muuuuuuuuuldeeeeeeeeeeeer!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Scully war schweißgebadet als sie aus ihrem Alptraum aufwachte. Sie brauchte einige Sekunden um sich zu orientieren. Sie hatte geträumt, dass Mulder tot war und sie bekam kurzfristig Tränen in die Augen als sie sich besann und es ihr durch den Kopf schoss: ,,Mulder ist tot...!"
Schon seit Tagen...Wochen...Monaten... Dana Scully kam es sogar vor, als wären es Jahre.
Sie stand auf, wobei ihr schwindelig wurde. Sie kniff die Augen zusammen und wartete bis sie wieder normal sehen konnte und die Kopfschmerzen ein wenig Platz für klare Gedanken machten. Danach ging Scully in ihre Küche, schenkte sich ein Glas Wasser ein und stolperte schließlich in ihr Wohnzimmer.
Es war stockdunkel, aber sie fand dennoch den Weg zum Fenster und öffnete es. Immer noch ein wenig schlafend schnappte sie sich einen Stuhl, drehte ihn und setzte sich so hin, dass sie sich auf die Lehne stützen konnte.
Ein klarer, kalter Wind umwehte sie, blies die roten Haare aus ihrem Gesicht und ließ ihre Tränen trocknen. Sie schloss ihre Augen.
Wie oft hatte sie sich gesagt, dass sie Mulder vergessen solle? Warum konnte sie sich nicht wie sonst auch immer zusammennehmen und die Erinnerungen an ihn ganz tief in ihrem Herzen vergraben?
Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Es hatte keinen Zweck. Sie konnte ihn nicht verbannen. Zu sehr sehnte sie sich nach ihrem ehemaligen FBI Partner. Partner? Er war nicht nur ein Partner, sondern auch ein Freund, mehr als das...ein Seelenverwandter. Immer wenn sie ihre Augen schloss konnte sie Bilder von ihm sehen. Sie sah Mulder lächeln, hörte seine Stimme, seine trockenen Witze. Wie er ihr Mut zusprach. Sie konnte ihn fühlen, wie er sie umarmte. Sie fühlte wieder diese Geborgenheit, die sie in seiner Gegenwart hatte. Die Geborgenheit die sie in seiner Gegenwart gehabt hatte. Scully hatte Mulder verloren ... und mit ihm ging die Geborgenheit.
Auf einmal verließ ihr Geist ihren Körper. Ihre Gedanken schwebten durch das Fenster, über die Stadt, hinauf zu den Sternen, die Mulder immer so fasziniert hatten. Sie reiste in der Zeit zurück. Immer weiter.... und weiter...und weiter....

,,Mulder, das ist einfach nicht möglich." Scully hetzte hinter ihrem Partner her. ,,Hier handelt es sich um einen ganz normalen Mord." Sie fasste sich verwirrt an die Stirn. "Sofern man einen Mord als normal bezeichnen kann."
Fox Mulder drehte sich zu seiner aufgeregten Partnerin um und verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln. ,,Ich weiß Scully, und deswegen habe ich diesen Fall schon abgegeben."
Scully schaute ihn ungläubig und verständnislos an. Dann atmete sie hörbar aus als hätte sie die Luft die ganze Zeit angehalten.
,,Warum zum Teufel haben Sie mir das dann nicht gesagt?" Ihre Stimme wurde im Laufe des Satzes lauter.
Mulder lächelte nun noch breiter.
,,Sie sehen immer so süß aus wenn Sie sich aufregen."
Damit drehte er sich um und ließ Scully stehen. Diese sackte in sich zusammen und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie nahm sich jedoch schnell wieder zusammen und beeilte sie sich Mulder wieder einzuholen. ,,Mulder", setzte sie erneut und gefasster an, ,,seit Wochen jagen wir von Fall zu Fall und Sie lassen jeden, ich wiederhole JEDEN, nach ein paar Tagen wieder fallen. Und Sie haben sich JEDES Mal höchstens zwei Tage blicken lassen. Die meiste Zeit war ich allein für ihn zuständig und bevor ich ihn gelöst habe, kommen Sie an und ziehen ihn mir vor der Nase weg." Sie öffnete die Beifahrertür des Wagens und stieg ein. ,,Das ist doch schön...ich meine, dass Sie sie fast gelöst haben und...", doch Mulder kam nicht weiter. ,,Mulder, das waren alles ganz", sie zögerte, wieder benutzte sie dieses Wort, ,,normale Fälle. Die, für die ich ausgebildet wurde. Keine Monster, keine übernatürlichen Fähigkeiten, noch nicht einmal ein kleines grünes Marsmännchen." Scully stockte. Solche Witze zu reißen war normalerweise Mulders Aufgabe. Aber es gefiel ihr.
,,Das einzige Unnatürliche bzw. Übernatürliche ist, dass ich ihnen immer ähnlicher werde."
Mulder fuhr vom Parkplatz auf die Straße und hielt an der nächsten roten Ampel. Unsicher, was zu tun war schaute er überall hin, nur nicht zu Scully.

Ich kann es ihr nicht sagen. Ich bin mir ja noch nicht einmal sicher. Ich will sie nicht beunruhigen.

Aber Mulder wusste, dass seine Freundin schon tagelang über dieses Gespräch nachgedacht hatte. Und wenn sie so etwas tat, dann hieß das meistens, dass sie sich ihrer Sache ziemlich sicher war.
,,Ich persönlich finde das nicht schlimm und sie sind nicht grün, sondern grau.", fügte Mulder mit einem falschen Lächeln hinzu.

Er will und wird es mir nicht sagen.

Scully hatte eigentlich gehofft, dass Mulder über alles mit ihr redete. Das war meistens auch so, aber irgendetwas ließ ihn dieses Mal zweifeln. Und er versuchte dauernd abzulenken, wenn er nahe dran war es ihr zu sagen.
Ohne es zu merken, waren sie schon in der Tiefgarage der FBI-Zentrale.
Scully stieg betont geräuschvoll aus dem Wagen und war bemüht darum enttäuscht und wütend auszusehen. Mulder schloss das Auto ab und rannte hinter ihr her.
,,Scully ich..."
,,Doch Mulder, Sie verbergen mir etwas. Ich kenne Sie schon zu gut, als dass Sie mich täuschen können."
Sie knallte auf den Fahrstuhlknopf. Mulder hätte lächeln können, wenn er nicht wüsste, dass es Scully todernst war. Sie wusste immer was er sagen wollte. Sie konnte aus seinen Augen Bücher vorlesen. Scully hatte recht. Sie kannte ihn schon zu gut. 8 Jahre...
 
Ich kann es ihr trotzdem nicht sagen. Sie würde mich für verrückt erklären. Hat sie das nicht schon tausendmal? Habe ich ihr nicht immer vertrauen können? Ich kann es trotzdem nicht.

Mulder hatte vergessen, was Scully gerade eben gesagt hatte und hielt es auch für besser nicht zu antworten. Scully ging schon etwas gefasster in den leeren Fahrstuhl. Sie lenkte das Gespräch in eine andere Richtung. ,,Gehen Sie gleich nach Hause?"
,,Ich denke schon. Ich bin Müde und...", er machte eine Kopfbewegung, die irgendetwas heißen sollte.
Scully nickte, obwohl sie nicht verstand. Der Fahrstuhl hielt an und zwei Männer stiegen hinzu. Plötzlich durchdrang eine helle Stimme das eh schon so laute Getrappel der Angestellten.
,,Agent Mulder! Agent Mulder! Warten Sie!" Ein sehr junges Mädchen, wahrscheinlich eine Praktikantin, schlitterte den Gang zum Fahrstuhl entlang.
Mulder konnte die Türen gerade noch aufschieben und das Mädchen machte keuchend vor ihm halt.
,,Agent Mulder, Assistant Director Skinner will Sie sprechen."
Mulder warf erst dem Mädchen und dann Scully einen Blick zu. Letztere nickte.
,,Ich warte unten auf Sie."
Mulder biss nervös auf seiner Unterlippe herum, murmelte ein "Bis dann!" und folgte dem Mädchen.
Als sich die Fahrstuhltüren schlossen, runzelte Scully die Stirn. Warum waren sie nicht im Keller ausgestiegen, sondern noch drei Stockwerke höher gefahren? Wahrscheinlich waren sie beide überarbeitet. War ja nicht so schlimm. Also drückte Scully auf das große ,,C" und fuhr hinunter.
Der Keller war schon immer ruhig gewesen. Hier unten trieben sich nur selten FBI Agenten herum. Heute war Scully die Ruhe unheimlich. Sie ging in das düstere Büro und setzte sich in den Schreibtischstuhl.
Oh Gott, es ging ihr miserabel. Geistesabwesend drehte sie sich ein paar mal und stoppte den Stuhl schließlich als er wieder am Computer angelangt war. Ein tiefes Seufzen entwich aus den Tiefen ihres Herzens bevor sie den PC anmachte und anfing in die Tasten zu hacken. Sie hatte noch sehr, SEHR viel zu tun.
 
Eine halbe Stunde später saß sie immer noch da. Sie war noch nicht einmal aufgestanden um sich einen Kaffee zu machen. Mit unbewegter Miene starrte sie auf den Bildschirm. Wollte sie nicht schon zu Hause sein? Nein, sie musste noch auf Mulder warten!
Wieder seufzte sie. Sie fühlte sich so fertig und absolut ausgelaugt und... ,,Scully, ich gehe jetzt."
Mulders Stimme ließ sie aufschrecken.
,,Mulder?!" Scully rief seinen Namen unbewusst aus. Es klang eher wie eine Feststellung ihrerseits als wie eine Frage. Schnell stand sie auf und bemühte sich freundlich und entgegenkommend zu sprechen. Leider gelang ihr nur ein falscher Plauderton. ,,Was wollte Skinner von Ihnen?"
Mulder schaute kurz ins Nichts und dann direkt in Scullys Augen.
,,Ich...ich weiß nicht genau." Scully schaute ihn prüfend an und wiederholte noch einmal langsam Mulders Worte.
,,Sie wissen es nicht genau??"
,,Na ja, er meinte irgendetwas von einem neuen Fall. Erzähl ich Ihnen morgen.", meinte er kurz angebunden und machte eine wegwischende Handbewegung.
,,Mulder, geht es Ihnen nicht gut?"
,,Warum? Mir geht es hervorragend."
Scully wusste, dass das nicht der Fall war. Sie ging auf ihn zu und nahm seine Hand.
Vielleicht sollte ich irgendetwas Versöhnendes sagen.
,,Mulder, um noch einmal auf vorhin zu kommen. Ich weiß, dass Sie mir etwas verheimlichen, aber...aber sie wollen es mir nicht sagen...also, ich wollte nur sagen, dass Sie auf sich aufpassen sollen."
Wenn ich es nicht kann, dann soll wenigstens ER ein bisschen vorsichtiger sein.
Mulder lächelte. ,,Das werde ich. Ganz bestimmt...Und Sie auch?", er zögerte erst, ,,Versprechen Sie mir, dass Sie auch auf sich aufpassen, Scully!"
Etwas Ernstes lag in seinem Tonfall. Scully nickte verunsichert, brachte aber mit zitternder Stimme ein "Ja!" hervor. Mit dieser Bestätigung drehte er sich um und ging den Gang hinunter. Scully seufzte ein drittes Mal und nahm sich auch ihre Jacke. Dann schaltete sie alle Lichter aus. Ängstlich schaute sie sich noch einmal um. In diesem Moment betete sie zu Gott, er solle eine wachende Hand über ihren Freund halten. Sie griff nach ihrem kleinen Kreuz und schloss es fest um ihre Faust. So ging sie den Gang hinunter.
Sie hatte das Gefühl, sie hatte Mulder zum letzten Mal gesehen. Sie beobachtete, dass der Gang immer mehr ins Leere führte. Immer weiter weg, bis er sich schließlich ganz auflöste. Eines wusste sie noch nicht. Sie sollte recht behalten.....
 
Scully öffnete die Augen. Sie war sich nicht sicher, wie lange sie am Fenster gesessen hatte, aber lange genug, um kräftig durchgefroren zu sein.
Ich sollte mich lieber noch ein bisschen hinlegen. Ich muss morgen wieder früh raus.
Sie stand auf und schloss das Fenster. Dann nahm sie noch einen letzten Schluck Wasser und ging wieder ins Bett. Sie hoffte, sie könnte die Geschichte weiterträumen. Vielleicht könnte sie sich alles klarer machen. Doch der erhoffte Schlaf traf nicht ein.
Die Gedanken aber gingen wieder zurück, zurück in jene Nacht, in der es geschah. Die Nacht, nachdem sie nach Hause gefahren war.
 
Scully schloss ihre Tür auf. Sie hatte die Heizung am Morgen aufgedreht. Es war kalt draußen. Sehr kalt. Auf jeden Fall heute..., dachte Scully. Oder kam es ihr nur so kalt vor? In ein paar Wochen war Weihnachten. Doch sie hatte nicht die Zeit gehabt um zu schmücken und ein weihnachtliches Gefühl hatte sie auch nicht.
Das Wetter war zudem nicht so, wie man es sich zu Weihnachten vorstellte und die eigenartige Kälte dieses Jahr ließ ganz Washington D.C. zittern. Es schneite nur selten und wenn, dann über Nacht und am nächsten Tag war die weiße Schneedecke wieder fort. Scully schmiss ihren Schlüssel irgendwo in die Ecke und knallte sich auf die Couch vor den Fernseher. Normalerweise ging sie an so einem Tag schnell ins Bett, aber heute konnte sie nicht. Sie war müde, aber sich sicher, nicht schlafen zu können.
Es läuft heute nur Schrott und Scheiße im Fernsehen. Genau wie dieser Tag. Ein einziges Fiasko.
Wenn Scully redete flogen die Fachbegriffe geradezu aus ihrem Mund, aber in Gedanken hatte sie manchmal eine Umgangssprache, die sich alle anderen in ihrem Alter nie träumen lassen würden.
Sie dachte noch lange nach und starrte ins Dunkle ihres Appartements. Irgendwann fiel sie dann doch in einen unruhigen Schlaf.
 
In ihrem Traum sah sie sich in einer Wüste aus Eis. Ihr Traum-Ich schien irgendetwas zu suchen. Scully rannte mit ihr ein paar Eisdünen hoch und runter bis sie nicht mehr konnte. Die andere Scully lief nur noch bis zur Spitze der nächsten Düne und das was sie da sah, schien sie zu erschüttern. Schließlich rappelte Scully sich auf und folgte ihrem anderen Ich. Sobald sie die Düne erklommen hatte, schrie sie auch los.
Am Fuß des Hügels lag Mulder. Tot. Scully wollte zu ihm und begann zu rennen, aber sie stolperte und fiel in eine tiefe Schlucht. Sie fiel immer, immer tiefer bis..........
sie auf ihrem harten Wohnzimmerboden landete. ,,Shit." fluchte Scully. Dann erinnerte sie sich an ihren Traum.
Im Hintergrund ließ Jerry Springer ein schrecklich schrilles Lachen hören. Verwirrt blickte Scully hin und her. Plötzlich ging der Fernseher aus. Ebenso das Licht. Sie lag im Dunkeln auf ihrem Wohnzimmerboden und man könnte es fast für eine lustige Situation halten. Nicht aber Scully. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Schon mehr als einmal war der Strom ausgefallen, wenn irgendetwas Schlimmes geschah. Und sie hatte gerade von Mulders Tod geträumt. Sie stand auf und suchte ihr Handy. Als sie es gefunden hatte tippte sie so schnell auf die Tasten, als könnte sie eben dies auch im Schlaf. ,,Kommen Sie schon Mulder!" Einmal klingeln, zweimal klingeln, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal, siebenmal........
Scully schlug die Klappe ihres Handys zu. ,,Scheiße!!!!!!!!!!!!!!!"
 
Scully hatte das Gefühl, dass sie tausendmal geblitzt worden war, so schnell war sie gefahren.
Als sie aus dem Fahrstuhl kam und sah, dass Mulders Tür offen war fing sie an zu rennen und zog ihre Waffe. Ihre Lippen formten ein stilles ,Mulder'.
Als sie in der Tür stand, war es als blieb ihr Herz stehen, nein, es wurde zerrissen. Sie hörte sich selbst schreien.
Es waren verzweifelte Schreie. Sie flogen aus ihrem Mund und kamen nie mehr zurück. Verborgen in den unendlichen Tiefen ihres Bewusstseins.
Sie kniete neben Mulder nieder. Es war wie in ihrem Traum. Erschossen. In den Kopf. Als erstes fühlte Scully den Puls. Doch da war keiner. Kein Puls.
Sie versuchte zu weinen, doch sie hatte vergessen wie es ging. Ein paar Minuten lang machte sie Wiederbelebung. Ein, zwei, eins, zwei, doch es half nichts. Dann rüttelte sie an seinem leblosen Körper. Entkräftet flüsterte sie, er solle doch endlich aufwachen. Das alles war doch ein böser Scherz. ,,Wach auf! Lass mich doch nicht so plötzlich alleine! Gib mir ‚ne Chance! Wach auf, Mulder! Wach auf! ... Muuuuuuuuuuuuuldeeeeeeeeer!!!!!"
Schließlich gab sie es auf. Sie hielt sich an Mulders blutüberströmten Hemd fest wie ein kleines Kind, dass versuchte etwas wiederzukriegen. Sie wollte und konnte ihn noch nicht gehen lassen. Er konnte sie doch nicht einfach so verlassen, sie brauchte ihn doch! Auf einmal wusste sie wieder wie man weint. Und es war ein befreiendes und erleichterndes Weinen.
Sie weinte, schluchzte und schrie ihre ganze Bitterkeit aus sich raus. Sie war unfähig zu begreifen. Das konnte nicht wahr sein. Das ging nicht. Es war nicht möglich.
Vor ein paar Stunden hatten sie noch Witze gerissen. Was hatte er getan? Was hatte sie getan? Oh Gott, hilf mir. Sie war erschöpft...zu erschöpft. Sie konnte nicht mehr. Sie wollte nicht mehr leben. Nein, nein, nein!!!!!!!!!!
Scully nahm nichts mehr um sich wahr. Ihr Herz versuchte endlich das zu begreifen, was ihr Verstand ihr sagte, damit der unglaubliche Druck von ihr genommen werden würde. Doch das war unmöglich.
Wie ein Mantra wiederholte sie immer nur einen Satz, als könne er Mulder wieder zurückbringen. "Verlass mich nicht, bitte verlass mich nicht." Ein Murmeln, dass schließlich zu einem kraftlosem Flüstern wurde.
"Verlass mich nicht!"
Die Sekunden waren wie Minuten, die Minuten wurden zu Stunden...eine einzige unendliche Qual...
Irgendwann wurde die Welt um sie herum wieder klarer. Scully kniff die Augen zusammen.
"Sie sehen so süß aus, wenn Sie sich aufregen!"
"Versprechen Sie mir, dass Sie auch auf sich aufpassen!"
Mulders Stimme in ihren Erinnerungen versuchte ihr ihr Herz aus ihrem Körper zu reißen.
Vorsichtig und zärtlich streichelte Scully über Mulders Gesicht.
,,Warum nur?", fragte sie sich. Endlich war sie in der Lage, diese Frage zu stellen, aber sie konnte sie nicht einmal annähernd beantworten.
Sie hob Mulder ein bisschen hoch und legte seinen Kopf in ihren Schoß.
Sie saß noch lange dort. Sie nahm ihre Umgebung nicht wahr. Nur Mulder. Mulder...Mulder...
Irgendwann kam es ihr kurz in den Sinn, dass es ein bisschen komisch aussehen würde, wenn man sie so vorfinden würde. Und warum hörten sie die Nachbarn nicht? Aber sie tauchte schnell wieder in ihre Welt ein.
In eine Welt, wo es keine Gedanken gab außer einen: Mulder.
Sonst nur nichts. Nix. Nada. Leere. Absolute Leere. Sein Lachen, sei Gesicht, seine Stimme, seine sanften Küsse auf ihre Stirn...seine starken Arme...Mulder füllte sie für diesen letzten, allerletzten Moment vollkommen aus.
Dann, irgendwann, griff sie zitternd nach ihrem Handy. Nach einer halben Ewigkeit brachte sie es fertig die Nummer zu wählen. Nach kurzem Klingeln meldete sich jemand.
,,Skinner?"
Scully atmete tief ein und aus.
,,Hallo?"
Sie schluckte noch einmal.
,,Hallo? Ist da jemand?"
Wieder war sie den Tränen nahe. Dann, auf einmal, sprudelten die Worte aus ihr heraus. Und es war ein Signal von ihrem Herzen, dass sie es verstanden hatte.
,,Mulder ist tot." ........die Verarbeitung war jedoch eine andere Sache.

Scully fühlte sich leer. Wie ausgehüllt. Nutzlos! Skinner wusste ohne Fragen zu stellen, dass sie nichts mit Mulders Tod zu tun hatte.
Wie in Trance saß sie auf den Treppenstufen des Mietshauses, in eine Decke eingehüllt und hielt ihre Augen fest geschlossen, als könnte sie so alles gerade Gesehene vergessen. Einen Psychotherapeuten hatte sie strickt abgelehnt. Nachdem sie versucht hatte einem FBI-Agenten ein paar Fragen zu beantworten, war Skinner dazwischen gegangen. ,,Sir, es........es ist schon OK. Ich meine...ich bin..." Scully versuchte irgendetwas zu erklären, nur vergas sie während des Satzes, was es gewesen war. Sie fand keine Worte mehr.
,,Soll ich Sie nach Hause fahren, Agent Scully?" Skinner wollte seine Agentin nur so schnell wie möglich hier weg bringen. Mitfühlend sah er sie an.
,,Ja..., ja das wäre nett." flüsterte sie vor sich hin.
Scully konnte nur noch stottern. Kein vernünftiger Satz kam mehr aus ihrem Mund. Skinner verstand sie. Er hob sie vorsichtig an ihren Schultern hoch und stützte sie auf dem Weg bis zum Auto. Er würde sie nach Hause fahren, alles weiter entschied er dann.
Jetzt, in den Minuten wo sie im Auto saß und die Regentropfen an die Scheiben prasselten vermochte sie sich nicht zu bewegen. Sie fühlte sich schon fast halb tot.
Tropf
tropf
tropf.
Vor ihren Augen sah sie nur noch Mulder. Überall Mulder. Allerdings nicht die Bilder von dieser schrecklichen Nacht, sondern sie ging ihre erste Begegnung durch. Immer weiter bis sie zu der Stelle kam, wo er ihr das erste Mal indirekt gesagt hatte, dass er sie brauchte. ,,Ich habe immer noch meine Arbeit...und ich habe Sie."
Scully versuchte zu lächeln. Es gelang ihr nicht. Ihr Gesicht war wie versteinert. Sie hatte Angst, nie wieder lächeln zu können.
Tropf
tropf
tropf
Skinner musste sie dreimal ansprechen bis sie langsam ihren Kopf zur Seite drehte. Sie schien durch ihn hindurchzusehen, ihn nicht wirklich wahrzunehmen. Sie stand, ohne Zweifel, unter Schock.
,,Wir sind da. Soll ich noch mit rein kommen?", fragte Skinner in einem zärtlichen Tonfall. Er hatte ein ungutes Gefühl sie jetzt alleine zu lassen.
"Soll ich ihre Mutter anrufen?" Langsam schüttelte Scully den Kopf. ,,Nein, ist nicht nötig. Mir geht es gut."
Sie wollte gerade aussteigen als Skinner sie aufhielt. ,,Scully, Ihnen geht es nicht gut!"
Er schaute in die müden Augen seiner Agentin. Nein, es ging ihr nicht gut. Es überkam ihn ein tiefes Mitgefühl. Ganz plötzlich. Und er konnte das Wasser, dass in seine Augen schoss nicht verbergen.
,,Es ist nicht gut Sie jetzt alleine zu lassen, aber wenn Sie nicht wollen...Versprechen Sie mir bitte nur, dass Sie auf sich aufpassen und keine Dummheiten machen."
,,Sir, Sie können sich sicher sein, dass wenn ich Ihnen dieses Versprechen gebe, ich es mir auch selbst verspreche. Ist wohl auch besser so..."
Im Laufe des Satzes wurde Scullys Stimme weinerlicher. Skinner nickte und nahm sie in den Arm. Das tat er nicht als Chef, der nur sein schlechtes Gewissen beruhigen wollte, sondern als Freund, als Vertrauter. Und er würde Scully helfen. Nicht als Chef, als ein Freund.
 
Nun stand Scully unter der Dusche. Ihr war aufgefallen, dass sie blutverschmiert war. Mulders Blut.
Und als sie jetzt auf den Thermostat schaute lief ihr ein Schauer über den Rücken. Und es war nicht die Dusche. Zwanzig Grad. Das Wasser war eiskalt. Erst jetzt fiel es ihr auf. Schnell drehte sie den Hahn ab und nahm sich ein Handtuch.
An diesem Abend nahm sie sich das erste Mal ein Glas Wasser und setzte sich vor das offene Fenster. Das würde sie noch viele Male machen. Einfach nur die Sterne anschauen. Das gab ihr das Gefühl, Mulder wäre irgendwo dort oben und schaute auf sie herab. Vielleicht traf er gerade seinen Vater und seine Mutter. Vielleicht sogar seine Schwester. Und vielleicht grüsste er ja auch ihren Vater und ihre Schwester von ihr. Vielleicht winkte er ihr gerade zu und wollte ihr sagen, dass es ihm gut ging.
Erst wollte sie schon das alkoholhaltigste Getränk, was Sie hatte nehmen und sie bis zum Abwinken betrinken. Sie spielte auch mit dem Gedanken, sich einfach aus dem Fenster zu schmeißen. Beides hatte seine Anreize, aber sie ließ es dann doch bleiben. Sie wollte sich gar nicht damit beschäftigen, was jetzt aus ihr wurde. Was die Zukunft brachte. Am liebsten hätte sie sich wirklich selbst umgebracht, aber sie hatte sich und Skinner ein Versprechen gegeben...und auch Mulder.
,,Und Sie auch. Versprechen Sie mir, dass Sie auch auf sich aufpassen Scully."
Diese Worte hallten immer wieder in ihrem Kopf herum. Die letzten Worte, die sie von ihm gehört hatte. Sie kamen immer und immer wieder und beschützten sie. Immer und immer wieder. Dann rollte eine Träne verräterisch über ihre Wange, und dann noch eine und noch eine und schließlich fing sie an bitterlich in die Nacht hinein zu weinen. Und vielleicht schaute Mulder sie gerade an und würde sie am liebsten in den Arm nehmen und sie trösten. Und in ihren Gedanken tat er das auch und sie weinte und weinte an seiner Schulter. Und vielleicht war er es gerade, der ihr eine Träne aus dem Gesicht wischte. Ohne, dass sie es merkte.
 
Tja. Scully seufzte als der Wecker klingelte. Kein Auge hatte sie zugetan. Auch jetzt weinte sie wieder. Sie hatte in den letzten Monaten so oft geweint, dass sie selbst dem Regen in den Wäldern Asiens hätte Konkurrenz machen können. Aber der Schmerz, den sie immer noch, wie in der ersten Nacht empfand, war geblieben. Alles weinen hatte vielleicht die Anspannung, die Verzweiflung gelindert, aber nicht den Schmerz des Verlustes. Und sie hatte das Gefühl, dass er nie ganz verschwinden würde...sie wünschte, sie könnte so stark, wie immer sein...
Scully zog sich an und machte sich fertig. Routiniert packte sie noch ein paar Papiere und verließ ihre Wohnung. Hunger hatte sie nicht. Und ihr einziges Ziel war es, den Tag irgendwie rumzukriegen.
Sie hasste den Tag! So ähnlich war es Mulder wohl ergangen, als er ungefähr...dreiviertel seines Lebens um Samantha, seine Schwester, trauerte. Jetzt verstand sie ihn mehr, als sie wirklich wollte...auf jeden Fall auf diesem Gebiet.
Der Tag war grell, voller Menschen, die sie entweder Mitleidig oder sogar Schadenfroh anstarrten. Am Tag wurden unangenehme Fragen gestellt, sie war allem ausgesetzt und alle waren am Tag wach. Es war so laut....
Scully musste die Erfahrung machen, dass es ihr ohne Gesellschaft besser ging. Sie wollte jetzt nur noch allein sein. Es war eine angenehme Form der Einsamkeit und der Wunsch nach eben dieser wurde ihr in der Nacht erfüllt. Die Nacht war ihr einziger Schutz. Die Dunkelheit gab ihr Geborgenheit. Sie schaffte es sowieso nie zu schlafen.
Während sie ihre Nachbarin grüßte, stieg sie ins Auto ein und verzog beim Zuschlagen der Tür leicht das Gesicht. Ein Workaholic war sie geworden. Ihre dicken Augenränder sprachen für sich. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich keine Ruhe gegönnt hatte und gegen alle Vorschriften und gegen alle Vorschläge ihrer Mutter und Skinners sie damals Tag und Nacht nach dem Mörder gesucht hatte. Sie war jedem kleinsten Hinweis nachgegangen, hatte jeden befragt, der zu Befragen geeignet war, hatte sich selbst keine einzige Minute Ruhe gegönnt...bis sie eines Tages bei ihrer Mutter zusammenbrach und ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Scully erinnerte sich auch noch genau an das Gespräch, das Bill, ihr Bruder, und ihre Mutter in dem Glauben geführt hatten, dass sie schlafen würde.
,,Das ist zu viel für unsere kleine Dana, Bill. Sie ist nicht mehr die Starke und Selbstbewusste, die sie mal war."
Bill nickte. ,,Ich hätte nie gedacht, dass ihr dieser Mulder so viel bedeuten würde."
Die kleine Dana wäre ihm am liebsten an die Kehle gegangen, bei seinem abschätzigen Ton.
Aber es war die Wahrheit. Obwohl Bill Mulder noch nie leiden konnte - damals hatte er ihm auch die Schuld an Scullys Krebs gegeben - sah er dennoch das, wozu Scully sehr lange gebraucht hatte. Mulder bedeutete für Scully die Welt.
An dem Tag als sie das Krankenhaus verließ, war sie ein menschliches Wrack. Sie gab an diesem Tag auf. Sich selbst, die Suche nach Mulder und allen Widerstand. Und an diesem Tag und auch jetzt erinnerte sie sich an ein noch viel schlimmeres Erlebnis zurück. Mulders Beerdigung.
 
Er bekam eine schöne Feier. Skinner hatte es engagiert und die drei einsamen Schützen hatten heimlich auch ihre Finger mit im Spiel. Sie ging mit ihnen dorthin. Es nieselte ein bisschen und als der Pfarrer redete und Scully sich so umschaute, wurde ihr bewusst, dass sie so ziemlich die einzige Angehörige war. Die Einzige, die ihm richtig nahe stand. Kein Vater, keine Mutter, keine Geschwister, keine Onkel, keine Tanten. Niemand...
So standen sie, Skinner, Bayers, Frohike, Langly und ihre Mutter, die darauf bestanden hatte mitzukommen, vor Mulders Sarg. Ein paar, die Mulder vom Sehen her kannten oder Bewunderer seiner Arbeit waren, hatten ihm auch die letzte Ehre erweisen wollen. Scully wurde schwer ums Herz, als sie den Sarg hinab in die Grube gleiten sah. Goodbye Mulder. Es war eine schöne Zeit mit ihnen. Möge Gott sie schützen und sie endlich ihren Frieden finden lassen...tapfer sein...tapfer und stark...
Scully und Bayers hielten die Abschlussrede. Scully hatte sich nichts vorbereitet und wusste zuerst auch nicht ob sie stark genug war. Aber dann erinnerte sie sich wieder an Mulders Wesen. An seinen Charakter, was er sagen würde und, dass sie ihn jetzt doch nicht im Stich lassen konnte und raffte all ihre Willenskraft zusammen.
Also sprach Scully aus freier Hand. Abgesehen von dem übrigen Gerede, dass Mulder ein guter Mensch war fanden viele in den letzten Sätzen Scullys einen Grund zum Weinen, denn es schwang so viel Trauer mit in ihrer Stimme, wie die meisten es noch nie gehört hatten. ,,Mulder stand mir immer bei. In jeder Lebenslage und er war mir immer ein guter Freund. Und er hat etwas hier gelassen. Hier auf der Erde und in meinem Herzen. Nämlich das Wissen, dass er auch jetzt noch immer für mich da sein wird. In allen Lebenslagen genauso wie vorher und er wird mir auch jetzt noch ein guter Freund bleiben. Auf jeden Fall im Herzen...."
Sie wollte los schreien. Weinen und ihnen allen sagen sie sollen sich zum Teufel scheren, doch stattdessen warf sie eine Schaufel Erde ins Grab und beließ es dabei. Wozu eine Szene machen? Sie würden es ja doch nicht verstehen. Und das war es, was Scully zum Schweigen brachte. Die anderen verloren einen Freund, eine Kollegen, in Skinners Fall auch einen guten Agenten und es wäre Scully niemals in den Sinn gekommen zu behaupten, sie würde mehr Schmerz erleiden als die anderen, aber ihrer war intensiver. Sie hatte nicht nur ihren Freund verloren, sondern viel mehr. Ihre Luft zum Atmen, ihre Kraft...ihr Ein und Alles...
Nachdem ihr alle ihr tiefstes Beileid ausgesprochen hatten wollte sie nur noch weg. Doch ihre Meinung änderte sich schnell, als sie jemanden wohl vertrautes erblickte. Den Krebskanidat. Er bedeutete ihr mit einem Wink, sie solle zu ihm kommen. ,,Was macht der denn hier?", fragte Frohike in einem scharfen Ton. ,,Das werden wir gleich wissen." Scully entschuldigte sich kurz und ging dann zu ihm hinüber. Sie lief an ihm vorbei und er beeilte sich damit ihr zu Folgen. Natürlich in gewohnter Gelassenheit. Als sie weit genug weg und außer Sichtweite waren, fing Scully an zu sprechen. ,,Was zum Teufel machen Sie hier? Nachdem Sie Mulder haben umbringen lassen, haben Sie noch genug Courage sich hier blicken zu lassen?", schrie Sie ihn an. ,,Was glauben Sie eigentlich wer Sie sind?"
,,Dasselbe hat mich Mulder auch schon einmal gefragt.", er lächelte verträumt. Scully ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. ,,Antworten Sie mir!", rief sie energisch.
,,Hören Sie Agent Scully, ich weiß wie viel Ihnen an Mulder lag, aber das ändert auch nichts an der Tatsache, dass er tot ist."
Scully explodierte. Sie hob ihre Faust und schlug sie dem Raucher mit voller Wucht ins Gesicht. Das hatte es in sich...und brachte der kleinen Agentin Unmengen von Genugtuung.
,,Treten Sie mir nie wieder mit Ihrer miesen, dreckigen Arsch-Krebsvisage unter die Augen."
Am liebsten hätte sie ihre Waffe gezogen und ihm eine Kugel in den Kopf gejagt, aber sie nahm ihre Magnum normalerweise nicht auf Beerdigungen mit. Stattdessen hob sie wieder drohend ihre Faust.
,,Sonst könnte noch etwas viel Schmerzvolleres mit Ihnen passieren." Doch plötzlich sah sie etwas in seinen Augen was sie bei ihm noch nie gesehen hatte. Tiefer, innerer Schmerz. Solch einer, wie der, den sie gerade empfand.
Überrascht und erschrocken zugleich wich sie zurück. ,,Was...?"
,,Sie können es sehen nicht wahr?", fing der Krebskanidat langsam an zu sprechen. Sie hatte es doch tatsächlich geschafft ihm Angst zu machen. Er konnte mit Aliens, Schwerverbrechern...Mördern umgehen, aber, aus welchem Grund auch immer, er hatte Angst vor der Rache Scullys...nicht, dass sie ihm etwas antun könnte, eher vor ihrem eisernen Willen.
,,Sie können den Schmerz sehen. Ich versichere Ihnen, dass nur Sie ihn sehen können. Weil Sie ihn auch empfinden und weil Sie aus den Augen lesen können, wie aus einem offenen Buch. Bei Mulder haben sie das auch immer getan. Eine schöne Gabe."
Scully ließ die Faust sinken. ,,Sie haben ihn nicht umgebracht.", schoss es ihr durch den Kopf und bevor sie es merkte, hatte sie es auch schon ausgesprochen.
,,Genauso wenig wie Sie, Agent Scully." sagte CGB mit trockener Stimme.
"Und ich habe Mulder auch nicht umbringen lassen. Sie wissen, das hätte ich nie getan. Und auch die anderen nicht. Er wäre entweder zu wichtig oder es wäre unnütz."
Scully brauchte nicht zu fragen welche anderen er meinte. Stattdessen machte sie eine fordernde Kopfbewegung und verlangte dann im barschen Ton zu wissen ob es Krycek gewesen sei.
,,Ich habe keine Ahnung." Er schüttelte den Kopf und schaute sie jetzt wieder mit seiner zurückgewonnener Kälte an.
In diesem Moment kamen Skinner und die drei einsamen Schützen in Sichtweite und der Krebskanidat, der wegen seiner Krankheit inzwischen mehr als schlimm aussah, machte sich zum Gehen bereit.
,,Ich weiß nur eines. Ich werde den Mörder finden und ihn für den Rest seines Lebens jagen und, wenn ich ihn habe, dann werde ich ihn, und sie sind mein Zeuge, töten. Auf so qualvolle Weise, dass er sich wünschte nie geboren worden zu sein." Dann ging er. Ebenso leise und langsam, wie er gekommen war. Das war das letzte Mal, das sie ihn sah. Scully klappte der Mund auf als sie ihm nachschaute. Einmal mehr fragte sie sich, warum sie nicht einfach noch einmal zugeschlagen hatte...vielleicht hätte sie ihn dann endlich einmal überwältigen können. Und warum schenkte sie ihm ein weiteres Mal Glauben? Sie würde die Antwort nie erfahren...
 
Scully musste lächeln, als sie die langen Korridore der FBI-Zentrale entlang ging. Bayers, Frohike und Langley waren ihr gute Freunde geworden. Oft hatten sie gemeinsam über Mulder geredet und ebenso oft, in jedem Gespräch, hatte sie sich gefragt ob Mulder und sie nur Freunde waren. Und dann fragte sie sich ob es Liebe war und im Nachhinein hatte sie immer vergessen, wie dieser Gedanke ausging. Eine weibliche Stimme riss Scully aus ihren Gedanken.
,,Hi Dana.", begrüßte Sie eine Kollegin.
,,Hi Barbara." Schon kam es von einer anderen Seite.
,,Hallo Agent Scully." "Hi!"
Jeden morgen ging es so. Jeder grüßte sie. Warum auch immer. Jeder kannte sie. Sie war zu einer Art Berühmtheit geworden. Sie hatte viel von Mulder gelernt und war nebenbei der Traum von einer FBI- Agentin...na ja, wenn man von den kleinen Regelbrüchen absah. Dazu hatte sie noch einen riesigen Dickkopf. Man konnte es auch als Ergeiz bezeichnen. Das war die richtige Mischung. Mir ihrer Karriere war es steil nach oben gegangen. Vielleicht war sie deswegen zum Workerholik geworden. Auch wenn hier die Luft voll von Mulder war, wollte und konnte sie ihren Job nicht aufgeben. Sie bestand allerdings darauf alleine zu arbeiten. Und Skinner versuchte ihr es so leicht wie möglich zu machen. Doch der Erfolg machte sie nicht glücklich. Es war ihr gleichgültig. Bei diesem Gedanken seufzte sie. Nichts konnte ihr mehr Freude bereiten.
Sie ging ins Kellergeschoss und in ihr Büro. Scully wusste nicht warum sie es behalten wollte. Sie hätte ein weitaus Besseres haben können. Immerhin stand jetzt an der Tür ihr Name. Mulders nicht mehr, obwohl Scully der Meinung war, dass es dennoch dorthin gehörte. Sie wollte um den Tisch zu ihrem Stuhl gehen, stieß dabei aber gegen den Schreibtisch. Es krachte. Das Schild, auf dem nun Dana Scully draufstand, fiel mit einem lauten Klirren herunter. Scully wollte es gerade aufheben, als ihr noch ein anderes Schild auffiel. Sie hob es mit auf und las. Fox Mulder. Schmerz. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper und setzte sich in der Brustgegend fest. Sie ging, bemüht nicht ihre Beherrschung zu verlieren, zu den vielen Aktenschränken, öffnete eine Schublade und holte eine Akte mit einer Tüte heraus. Es war die Akte ,Mulder'. Jetzt hatte er sich in seinem eigenen Lebenswerk verewigt.
In der Tüte waren kleine Dinge von ihm, die Scully noch lange nach der Räumung seines Büros von ihm gefunden hatte.
Sie tat auch das Schild hinein. Dann schlug sie die Akte noch einmal auf. Sie kannte sie in und auswendig. Ein gerader, professioneller Schuss direkt in die Schläfe. Kurz nach dem Mord war der Täter wahrscheinlich eilig verschwunden. Warum gerade eilig wusste sie nicht. Bei dem Dämpfer hatte er alle Zeit der Welt gehabt. Scully wünschte sich so oft, er hätte sie sich genommen. Dann wäre sie rechtzeitig gekommen. Es war außerdem nichts gestohlen worden. Man vermutete einen Auftragsmord. Keine Spuren. Scully hatte lange an diesem Fall gearbeitet. Auch sämtliche andere Agenten. Die Besten. Der Raucher hatte sein Wort in indirekter Weise gehalten. Er steckte dahinter, da war sich Scully ganz sicher. Skinner, mittlerweile auch ein guter Freund, hatte auch alle Hebel in Bewegung gesetzt. Dennoch...kein Ergebnis.
Sie schrak auf, als das Telefon klingelte. Schnell, als hätte man sie bei etwas ertappt nahm sie ab. ,,Scully?!"
Eine Frauenstimme meldete sich am anderen Ende. ,,Agent Scully? Hier ist die Sekretärin von Assistant Director Skinner. Er möchte Sie sprechen. Sie sollen so schnell, wie möglich in sein Büro kommen."
Scully nickte, wohl wissend, dass es die Dame am anderen Ende nicht sehen konnte.
,,Sagen Sie ihm ich bin sofort da." Sie legte auf und seufzte. Skinner hatte sie lange nicht mehr zu sich ins Büro gerufen, weil er mit ihr sprechen wollte.
Was hat er wohl diesmal auf dem Herzen?
Scully zuckte mit den Schultern, stand auf , ging vorsichtig um den Schreibtisch und machte sich auf in Richtung Fahrstuhl. Wieder versank sie in Gedanken. Fing sie jetzt erst an alles zu verarbeiten?
Jeden Morgen, wenn sie aufwachte, galt ihr erster Gedanke Mulder. Und ihm galt auch der Letzte, bevor sie schlafen ging. Trauerte sie eigentlich noch? Die Frage war nicht leicht zu beantworten. Ihre Mutter meinte, dass sie sich wie eine Witwe verhielte. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er war vielleicht mit einem Idol zu vergleichen. Einem ständigen Gefährten. Wo sie auch war und was sie auch tat, sie dachte erst nach was Mulder tun oder denken würde. Man konnte es als eine Art von trauern einstufen. Ein fortgeschrittenes Stadium. Irgendwie hatte Scully das Gefühl Mulder würde noch leben. Bloß woanders sein. Wenn sie seinen toten Körper nicht gesehen hätte, dann würde sie dieses Gefühl antreiben bis an ihr Lebensende nach Mulder oder wenigstens seinem Mörder zu suchen.
Stattdessen war sie in einen eigenartigen Takt gefallen.
Morgens stand sie auf, ging zur Arbeit, kam Abends zurück und bekam, wenn sie Glück hatte, noch eine Mütze Schlaf. Hin und wieder führten sie ihre Ermittlungen von Washington weg, aber sie fiel, sobald sie wieder zu Hause war, in den selben Trott. Am Wochenende setzte sie sich hin und las, fuhr mit dem Auto irgendwo aufs Land oder ging einfach nur in den dunklen Straßen Washingtons spazieren. Das war ihre einzige Abwechslung.
Heute war Freitag. Scully hatte sich morgen früh mit ihrer Mutter verabredet. Sie meinte sie hätte eine Überraschung für sie. Was auch immer es war, Scully hatte das Gefühl, dass sie nicht allzu sehr überrascht sein würde. Doch plötzlich blieb sie stehen. Morgen war der dreiundzwanzigste Februar. Das hieß sie hatte morgen ihren Geburtstag. Oh, wie sie sich freute. Auf einer Scala von 0 bis 10 konnte man ihre Freude irgendwo zwischen 0 und 0,00000000000001 festlegen.
Scully überlegte was sie gerade gedacht hatte. Ach ja. Sie hatte darüber nachgedacht wie sie eigentlich lebte. Tat sie das überhaupt noch? Wenn, dann wovon? Eine der ersten leichten Fragen, die sie sich heute gestellt hatte. Sie lebte von den Gedanken an Mulder. Sie atmete nur noch, weil sie sich vorstellte, dass er irgendwo dort draußen war. Vielleicht war seine Stelle jetzt bei den Sternen...wie er es einmal gesagt hatte.
Irgendwo dort draußen...war auch die Wahrheit, die ohne Mulder wohl nie ans Licht geraten würde. Vielleicht würde Scully sich noch einmal damit beschäftigen. Sie arbeitete ja noch nebenbei an den X-Akten...vielleicht.
Alles in allem: Ihr ganzes Leben ging drunter und drüber nur weil sie einen Partner und Freund verloren hatte. Nur? Scully schämte sich sofort dafür, so etwas gedacht zu haben. Das war alles andere als nur.
Inzwischen hatte sie Skinners Büro erreicht. Ohne etwas zu sagen stand die Sekretärin auf und öffnete für Scully die Tür. Diese bedankte sich mit einem Kopfnicken und trat ein. Kurz nach dem Betreten des Zimmers blieb sie erstarrt stehen und hörte verblüfft Skinners überschwänglicher Begrüßung zu.
,,Oh, Agent Scully. Schön, dass Sie Zeit hatten."
Scully setzte einen verwunderten Gesichtsausdruck auf. ,,Sir......?", weiter kam sie nicht.
,,Setzen Sie sich, setzen Sie sich!" Scully folgte der Aufforderung.
,,Was kann ich für Sie tun, Sir?"
Skinner schüttelte den Kopf und wurde wieder ernster.
Es war immer die gleiche kühle, sachliche Stimme, mit der sie mit ihm sprach. Sie hatte sich so sehr verändert, seitdem sie das erste Mal in dem Stuhl vor ihm gesessen hatte, aber irgendwie erinnerte ihn die Scully, die jetzt vor ihm saß doch an die, die früher vor ihm gesessen hatte. Sie zeigte ihre Trauer nicht. Dafür war sie viel zu stolz. Aber diese Mischung machte sie kühl und abweisend. Skinner ging schon lange nicht mehr darauf ein. Er fand es bloß allzu bedauerlich, dass von dem wunderbaren Menschen, zu dem sie sich im Laufe ihrer Partnerschaft mit Mulder entwickelt hatte nichts mehr übrig war. Einmal mehr schaute Skinner seiner Agentin in die müden, traurigen und verletzten Augen. Mit ihrer blassen Haut sah Scully so zerbrechlich aus, dass man glaubte, dass ihr schon ein Windhauch etwas anhaben könnte.
,,Sie sehen müde aus. Haben Sie wieder so wenig geschlafen?"
,,Nein Sir, ich habe durchgeschlafen.", behauptete Scully steif.
Lügen konnte Scully noch nie gut. ,,Ach, hören Sie auf Agent Scully. Mir brauchen sie nichts vorzumachen. Aber ich habe Sie nicht hierher bestimmt, weil ich mit Ihnen Streiten will. Wussten Sie, dass Ihr Urlaub überfällig ist? Ich bestehe darauf, dass Sie noch heute Ihren Arbeitswahnsinn unterbrechen und mit ihrer Familie gemütlich Ihren Geburtstag feiern. Und danach haben Sie noch eine wunderschöne Woche frei. Wie klingt das?"
Scully zog eine Augenbraue hoch. ,,Sie haben an meinen Geburtstag gedacht?"
Skinner schaute sie fragend an. ,,Warum verwundert Sie das?"
,,Nun ja Sir, selbst ich hätte ihn beinahe vergessen. Mir ist es gerade wieder eingefallen."
,,Ich sage doch, Sie überarbeiten sich."
,,Vielleicht können sie mir dann sagen, was ich stattdessen machen soll.", antwortete Scully herausfordernd. Skinner schüttelte erneut den Kopf. ,,Sich amüsieren, Bekanntschaften machen...wieder Leben?"
Endlich war es raus.
,,Tue ich das etwa nicht?" Scully wusste die Antwort auf ihre Frage, behielt aber dennoch eine eiserne Miene. Innerlich musste sie aber über den kleinen Schlagabtausch schmunzeln. Skinner schien auch zu denken, dass Scully die Antwort schon kannte, denn er ging nicht auf die Frage ein.
Scully stand auf und meinte versöhnlich: ,,Gut, ich werde den Urlaub antreten. Darf ich dann gehen?"
,,Ja, aber erst nachdem ich Ihnen einen schönen Geburtstag gewünscht habe und Sie mir beantwortet haben, an wen Sie mich die ganze Zeit erinnern."
Wieder eine leichte Frage. Aber Scully hatte nicht die Absicht sie zu beantworten.
"Ich weiß nicht Sir. Vielleicht können Sie sich das selber beantworten."
Skinner schaute sie direkt an und nickte dann schließlich. Als die Tür ins Schloss fiel, wusste er es plötzlich. Sein eigenes Flüstern unterbrach die Stille in seinem Büro.
,,Sie erinnert mich an Mulder. Eine verlassene Seele, die umherirrt und etwas sucht, bloß nicht genau weiß was."
 
Scully arbeitete im Moment an keinem Fall. Also holte sie ihre Tasche aus ihrem Büro, packte die Akte Mulder behutsam in den Schrank zurück und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie fuhr fort, als wäre es Wochenende. Einfach daliegen. Wenn sie nicht gerade las, dachte die an ihr blödes Leben, und versank im Selbstmitleid. So war es halt, und es würde sich auch nicht so schnell ändern. Scully hatte sich damit abgefunden.
Am Abend schlief sie schnell ein, wachte irgendwann um Mitternacht kurz auf und schlief dann, zum Glück, bis zum nächsten Morgen durch.
Gegen elf Uhr wachte Scully schließlich ganz auf. Nach einer Dusche, die ebenso ausgiebig ausfiel wie das Frühstück kam der erste Anruf.
Drei fröhliche Stimmen meldeten sich: ,,Herzlichen..."
,,Glückwunsch..."
,,Scully."
,,Na sieh mal einer an. Tick, Trick und Track. Ich bin gespannt, wer noch alles an meinen Geburtstag gedacht hat." Scully lächelte.
,,Haben wir dich geweckt?", fragte Bayers rücksichtsvoll.
,,Nein, wo denkt ihr hin. Es ist zwölf Uhr. Wie geht es euch? Ich habe lange nichts mehr von euch gehört."
,,Eigentlich nicht so gut, aber das ist jetzt unwichtig.", meldete sich Langly zu Wort und fuhr dann auch gleich fort. ,,Wir haben zufällig herausbekommen, was dir deine Mutter schenkt und unser Geschenk dazu, kommt dann heute Abend mit der Post."
,,Zufällig.", wiederholte Scully und runzelte die Stirn.
,,Du willst uns doch nichts unterstellen?", fragte Langly in einem falschen, unschuldigen Ton.
,,Ich komme mir vor als wäre ich zwölf. Warum interessieren sich auf einmal so viele für meinen Geburtstag?" Schweigen am anderen Ende der Leitung.
,,Ich persönlich weiß es nicht. Vielleicht weil du an jeden unserer Geburtstage gedacht hast."
Scully zog die Augenbrauen hoch. ,,Frohike und du habt im Frühjahr und im Sommer Geburtstag. Nur Bayers hatte im Winter Geburtstag. Und dahinter bin ich auch erst gekommen, als...", Scullys Stimme wurde leiser, ,,als ich in Mulders Kalender geschaut hab."
,,Alles OK?" Langsam konnte Scully die Stimmen nicht mehr unterscheiden. Dann registrierte sie die Frage.
,,Ja, vollkommen. Warum?!" Scully wusste genau warum. Die einsamen drei Schützen gingen mit ihr sehr vorsichtig um, wenn sie über Mulder sprachen. Fast als hätte sie eine Wunde, die niemals heilen würde. So war es doch auch. Es tat Scully weh, wenn sie an Mulder dachte, aber gleichzeitig, auf irgendeine komische Weise ging es ihr dann besser.
,,Naja, dann ruf uns Morgen mal an, und sag uns, wie dir das Geschenk gefällt."
Ein Lachen klang an Scullys Ohr. Was war so witzig? Ding....dong... Die Tür.
Scully verabschiedete sich dankend bei Bayers, Langly und Frohike und machte die Tür auf. Ein ungefähr sechzehnjähriger Junge mit Baseballcap stand lächelnd vor Scully.
,,Guten Morgen Ma'm, die Pakete sind für Sie."
Scully riss die Augen auf und betrachtete die zwei riesigen Pakete, auf die der Junge zeigte.
,,Bist du dir sicher?"
,,Wenn Sie Miss Scully sind, Ma‘m..." Der Junge zog die Augenbrauen hoch und lächelte. Scully nickte nahm den Zettel, zum Unterschreiben, und setzte ihre Unterschrift darauf.
"Äh, danke." Scully holte 4$(Dollar oder Euro....weiß jemand, wie man das umrechnet?) aus ihrer Hosentasche.
,,Für dich. Kleiner hab ich's leider nicht."
,,Danke Ma‘m.", bedankte auch er sich. Scully schüttelte den Kopf. Das riesige Lächeln auf dem Gesicht des Jungen war ihr Lohn genug. Eine kleine Aufheiterung.
Nachdem sie die zwei Pakete reingeholt hatte schaute sie auf den Absender.
,,Magret Scully... Mom?" Sie zog den beiliegenden Brief ab und las ihn.

 
Na mein Schatz, wie geht es dir?
Ich wusste, dass du den Brief zuerst öffnen würdest. Das entspricht deiner Natur. Ersteinmal alles gute zum Geburtstag. Ich bin mir sicher, dass du soviel Trubel um deinen Geburtstag gar nicht mehr gewohnt bist, aber ich habe mir diesmal etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Vielleicht sollte ich dir ersteinmal sagen, dass du das Paket erst heute Abend auspacken sollst. So, und dann kommst du zu mir und wir gehen dann alle zusammen im Park spazieren. Ein kleines Gespräch kann bestimmt nicht schaden. Dann, bis ein Uhr und nocheinmal einen wunder, wunderschönen Geburtstag für meine Tochter.
Alles Gute
deine
Mom
 
Alle zusammen? Ihr Bruder kam nicht, weil er keine Zeit hatte, das wusste Scully. Aber wer waren dann ,alle'? Scully schaute auf die Uhr und schrak auf. Bald eins. Sie musste los. Um eins war sie mit ihrer Mutter verabredet. Das hätte sie nicht noch einmal im Brief erwähnen müssen. Und übertrieben hatte ihre Mutter sowieso. Scully schnappte sich alles was sie brauchte und sprintete los.
Als sie aus ihrem Wagen ausstieg und auf das schöne große Haus zulief war es kurz vor eins. Sie klingelte und ihre Mutter trat ihr strahlend entgegen. ,,Hallo Dana."
,,Hi Mom. Wie geht's?" Scully umarmte ihre Mutter. Sie ging mit ihr ins Haus und zog ihren Mantel aus.
,,Oh, mir geht es gut. Und ich hoffe dir auch."
,,Jap, mir...mir geht es gut."
Als Scully ins Wohnzimmer trat stutzte sie.
,,Mom, warum liegt ein Hund auf dem Tisch?", sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
,,Nun", meinte ihre Mutter, ,,auf diesem Tisch lagen immer deine Geschenke. Weißt du es nicht mehr?"
Scully stutzte und schrak auf als der Hund vom Tisch sprang.
Der Irish Setter, der fuchsbraun war, hatte strahlendgrüne Augen, das bemerkte Scully schon vom weiten. Ein Hund. Ein ziemlich junger Hund. Das war durchaus ein besondere Geschenk.
,,Was meinst du? Ist er nicht süß? Du hast dir schon immer einen Hund gewünscht, und wenn du mal weg musst, kannst du ihn einfach bei mir lassen."
Scully ging in die Hocke und kam somit beinahe in Augenhöhe der Tieres. Diese blauen Augen faszinierten sie. War es überhaupt möglich, dass Irish Setter blaue Augen hatten? Sie hatte noch nie etwas davon gehört. Aber diese Augen waren irgendwie weise. Sie strahlten etwas majestätisches aus. Scully versank in diesen Augen. Es lag irgendetwas seltsames in ihnen. Es war komisch. Fast so wie mit einem Menschen.
,,Wir können erst einmal spazieren gehen. Am besten in dem Wald. Du musst ihn nicht nehmen.", fügte ihre Mutter unsicher hinzu. Doch Scully stand auf und umarmte ihre Mutter.
,,Es wird bestimmt nicht leicht, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen. Gehen wir erst einmal spazieren." Scullys Mutter strahlte. ,,Gut Dana. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag."

Dana Scully sah schlimm aus. Eine andere Bezeichnung fand ihre Mutter für ihr Aussehen nicht. Draußen an der kühlen Luft hätte ihr Gesicht eigentlich erröten müssen. Das tat es nicht. Es was blass. Totenblass. Ihre Mutter hatte schon lange registriert wie viel ihrer Tochter an Mulder lag. Und sie war sich sicher, dass das auch auf Gegenseitigkeit beruht hatte. Hatte. Mulder war jetzt tot. Und wenn Margret Scully ehrlich zu sich selber war, war sie verwundert und erleichtert zugleich, dass ihre Tochter noch am leben war.
Es hätte viele Möglichkeiten gegeben um das zu verhindern. Scully hätte durch Übermüdung einen Unfall bauen können. Um nicht zu sagen, dass sie es genau genommen schon geschafft hatte. Bilanz war, zum Glück, nur eine klaffende Wunde an der Stirn gewesen. Ebenso hatte Scullys Mutter einen riesigen Schock gehabt, als Scullys Nase wieder geblutet hatte. Es war kein neuer Ausbruch ihres Krebses gewesen.
Als Scully sich im ersten Monat vollkommen zurückgezogen hatte, nur auf der Suche nach Mulders Mörder, hatte ihre Mutter jede Sekunde gebetet, dass ihre Tochter sich nicht umbringt. Sie wusste nicht warum sie an diese extreme Möglichkeit dachte. Scully war vernünftig genug, dass sie so etwas gar nicht in Betracht ziehen dürfte. Aber es war wirklich so schlimm gewesen.
Skinner hatte Scully eine Suche nach Mulder verboten, aber das hatte sie auch nicht aufgehalten.
Scully hatte nicht glauben können, dass ihr Freund tot war. Als sie nach ihrem Zusammenbruch endlich aufgegeben hatte, hatte sie eine Woche nur geschlafen.
Dann wollte Margarete ihre Tochter besuchen und fand Sie irgendwann nach langem Suchen in Mulders Wohnung. Überhaupt war Scully erst, seit ungefähr einem Monat, wieder aus einer Art Trance aufgewacht. Dennoch bekam jeder, der ihr in ihre grünen Augen schaute, Tränen in seine Augen. Es war als würden sie ein Spiegel, nein, eine Tür zu Scullys Leiden sein.
Die starke, selbstbewusste Fassade bröckelte mehr und mehr und ihre Mutter sah schon lange die gebrochene Frau vor sich. Sie hatte alles versucht, aber sie hatte Scully noch nicht einmal so gesehen, als ihr Vater starb. Ja, es war so als wäre Mulder ihr einziger Halt gewesen. Die Scully Familie bestand ja nur noch aus Margarete, Dana und Bill. Die Familie war schon zerbröckelt als William Scully gestorben war.
Danach auch noch Danas Schwester Melissa. Als Scully auch noch beinahe wegen Krebs gestorben war, hatte Bill sich so ziemlich abgetrennt. Er war der einzige, der die Scully Familie weiterführte.
Margrete warf ihrer Tochter nichts vor. Von wegen, sie solle nicht zum FBI gehen, sondern Ärztin werden. Bill war immer dagegen. Vielleicht würde Scully der Hund ja ein bisschen von einem familiären Gefühl geben.
Jetzt, als Scullys Mutter ihre Tochter ansah, würde sie sie am liebsten ganz fest in die Arme nehmen und sie vor allem Bösen auf dieser Welt beschützen. Aber Margarete wusste nicht, was Scully schon alles gesehen hatte; sie wusste nur, dass sie ihre Tochter nicht davor beschützen konnte.
Scully sah dem Welpe zu, wie er durch den leicht mit grün besprenkelten Wald hetzte. Es lag noch ein bisschen Schnee von der Nacht auf dem Laub vom Herbst.
Margarete Scully brauchte nicht nachzudenken um zu wissen an wen Dana dachte.
,,Leute leben noch solange man an sie denkt."
Scully schrak auf, als ihre Mutter das Schweigen brach.
,,Das habe ich dir schon immer gesagt."
Scully schüttelte den Kopf. ,,Du hast sie aber nicht vor dir stehen. Du kannst nicht mit ihnen Sprechen. Nicht mit ihnen lachen. Du hast nur die Erinnerung. Und abgesehen davon, habe ich nicht allzu große Lust zu philosophieren."
,,Gut, dann reden wir nicht um den heißen Brei herum."
,,Ich bin mir nicht so sicher ob ich den heißen Brei schmecken will.", erwiderte Scully. ,,Wenn du damit anfangen willst, dass ich wieder ganz normal arbeiten soll, oder das Vergangene vergessen soll, dann kannst du es gleich lassen." Scully blieb stehen und schaute ihre Mutter durchdringend an. Ein eisiger Windhauch wehte ihr ihre rotbraunen Haare ins Gesicht. Plötzlich erschrak Margrete, als Sie ihre Tochter ansah. Dieser Blick. So viel...
,,Du hast ihn geliebt nicht wahr?"
Scully lächelte und brach den Blickkontakt ab. ,,Mom ich bitte dich. Natürlich nicht."
Sie konnte noch nie gut lügen.
Margrete hatte noch nie so viel Liebe in dem Blick ihrer Tochter gesehen. So viel Sehnsucht, dass es ihr das Herz brach. Wie konnte sie nur so blind gewesen sein? Wie konnte Sie jemals denken, dass Dana Mulders Tod irgendwann wegstecken könnte?
,,Was ist mit dem Hund? Was kann er? Und wie heißt er?"
Viele Fragen. So hat sie sich schon immer herausgezogen.
,,Er kann alles was das Herz begehrt. Er gehorcht wirklich aufs Wort. Es ist erstaunlich...und noch nicht einmal ein Jahr alt. Aber wie er heißt bleibt dir überlassen. In den letzten Monaten seines Trainings hat man ihn....Hund genannt.", meinte Scullys Mutter also ob sie gerade erst jetzt über diesen äußerst seltsamen Namen nachgedacht hätte.
,,Wie originell. So können wir den Namen auf keinen Fall lassen.", stellte Scully fest und fuhr auch sofort fort: "Und was ist mit Fressnapf und Co?"
,,Alles geregelt. Ich sage nur eines: das Paket." Margrete schaute ihre Tochter wissend an.
Plötzlich stutzte Scully. ,,Du hast mir nur ein Paket geschickt?"
,,Ja, warum?"
,,Ach....nichts. Ich war bloß etwas...durcheinander."
In der nächsten Stunde fiel kein Wort mehr über Mulder. Scully rannte sogar noch etwas mit dem Hund und tollte mit ihm herum.
Auch beim Kaffee fiel kein Wort über etwas, das mit dem Gespräch von vorhin zu tun gehabt hätte. Als Scully am Abend, nach einem langen Gespräch am Telefon mit ihrem Bruder schließlich samt Hund das Haus verließ, war sie hundemüde. Was für eine Ironie....
Sie schloss das Auto auf, machte die Tür für die Rücksitze auf und machte eine einladende Geste.
,,Herein spaziert."
Doch der Hund reagierte nicht. ,,Was ist?" Scully hob auffordernd ihre Augenbrauen hoch.
Das Tier aber ging eine Tür weiter und schaute Sie nun fragend an.
,,Du möchtest auf den Vordersitz?", fragte Scully ungläubig.
Doch dann schüttelte sie nur den Kopf. ,,Ich habe noch nie ein so schlauen Hund gesehen. Doch dein Wunsch sei mir Befehl. Solange du dich gut festhältst."
Scully öffnete die Tür und hob den Zeigefinger. Der Hund machte eine nickende Bewegung und hüpfte schmatzend in den Wagen.
Als sie die Tür zumachte, auf die andere Seite des Autos ging und einstieg, fielen ihr schon wieder sie unglaublich blauen Augen auf.
"Was schaust du mich so an?"
Es war schon komisch. Der Hund hatte auch rotbraunes Haar und Scullys blaue Augen. Das sollte natürlich nicht heißen, dass Scully sich so vorkam, als schaute sie in den Spiegel, wenn sie den Hund ansah.
Scully musste bei diesem Gedanken lächeln. Sie streichelte den Hund und schaute noch einmal in diese tiefen, unergründlichen Augen. "Ich weiß wie ich dich nenne! Ich nenne dich Fox."

Als Scully die Tür aufmachte, fiel ihr gleich die riesige Tüte und ein kleiner Brief auf. Vielleicht das Geschenk von den drei einsamen Schützen.
Hi Scully,
hier ist unser besonderes Geschenk für eine besondere Freundin! Ein Gutschein für ein Jahr kostenloses Hundefutter! Langly meint, das verschlingt ganze Vermögen! Wir hoffen, das beigelegte Hundefutter reicht für die erste Woche. Nochmal alles Gute
du weißt schon wer
Scully wusste, dass die Lone Gunmen nicht ihre Namen nennen konnten. Sie schaute in die Tüte und musste lächeln. Darin befanden sich wahrhaftig ein paar Kilogramm Hundefutter.
Als Fox und sie in ihre Wohnung kamen, bemerkte Scully das geöffnete Paket , das mitten im Flur stand. Es war leer. Fox fing an zu knurren. ,,Pscht!", sagte Scully.
"Schöne Weihnachten nachträglich, wunderschöne Ostern vorträglich. Und wenn wir schon dabei sind alles Gute zum Geburtstag."
Scully erschrak und fuhr um die eigene Achse. Vor ihr stand Alex Krycek in Persona.
,,Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken."
Scully achtete nicht auf seine vorgeheuchelte Höflichkeit und hatte ihre Waffe schon in der Hand.
,,Was zum Teufel machen Sie hier?" Obwohl ihre Stimme leise war, durchschnitt ihre Schärfe die Luft des Raumes.
,,Sie wollten wohl eher fragen, wie ich hier rein gekommen bin. Sagen wir quasi als Geburtstagsgeschenk vom Raucher."
Scully schaute ihn hasserfüllt an. Er hatte ihre Schwester getötet und vielleicht auch den Vater von Mulder und er hatte bestimmt bald halb so viele Menschenleben auf dem Gewissen wie der Raucher. Und das sollte schon was heißen. Warum drückte sie nicht einfach ab?
"Wenn Sie mich erschießen, werden Sie nie die guten Nachrichten erfahren, die ich mitgebracht habe. Und ich überbringe wirklich nicht gerne gute Nachrichten. Ich bin nur Ihretwegen hier."
Als hätte er meine Gedanken gelesen.
Scully durchbohrte ihn mit ihrem Blick und versuchte verzweifelt festzustellen, was Krycek in ihrer Wohnung wollte. Aber es hatte keinen Zweck.
"Ihr klarer, scharfer Blick ist stumpf geworden Agent Scully. Sie sehen nicht gut aus, aber vielleicht ich sollte mal auf den Punkt kommen."
Alex deutete in Richtung Küche. Als Scully seinem Blick kurz folgte, traute sie ihren Augen nicht. Dort stand ein zweiter Krycek. Mit einem kalten Lächeln im Gesicht.
,,Hey, sagen Sie mir bitte, dass ich nicht auch so ein dämliches Grinsen habe. Das würde mich ja ruinieren. Jeder, dem ich eine Waffe ins Gesicht halten würde, würde sich ja vor Lachen krümmen."
Krycek setzte das selbe dämliche Lächeln auf. Scully musste schmunzeln.
"Sie lächeln gerade so dämlich, wenn Sie mich schon fragen."
Krycek schaute kurz verwundert, ging aber nicht darauf ein. "Nachdem er die blödesten Agenten, die ich je gesehen habe auf die Suche nach Mulder angesetzt hatte und nichts fand, hat er selbst die Initiative ergriffen. Irgendwann hat er dann in den eigenen Kreisen gesucht und ist fündig geworden."
,,Mulder lebt?" Scully durchfuhr es wie...es gab keinen Vergleich.
"Vielleicht. Wenn Sie mehr erfahren wollen, kommen Sie jetzt mit mir. Vor dem da", er zeigte auf den zweiten Krycek, ,,brauchen Sie keine Angst zu haben. Er ist ein Klon und kann sowieso nicht viel mehr als so...toll zu grinsen." Scully zögerte und Fox jaulte, als wenn er ihr Zögern unterstützen wolle.
,,Was ist? Du kannst sowieso nicht mit." Der Hund machte wieder diese Bewegung mit dem Kopf, die einem Nicken unglaublich ähnlich sah.
,,Krycek? Ich komme nur mit, wenn der Hund mit und ich meine Waffe behalten darf."
,,Hund?" Alex schaute auf Fox hinunter und zog seine Schultern hoch. ,,Soll mir recht sein."
Der Wagen mit den verdunkelten Glasscheiben fuhr, mit den Kryceks und Scully mit Fox auf dem Schoß los.
,,Also, wie Sie schon gesehen haben, haben wir Klone entwickelt. Es gibt aber zwei Arten. Die einen können selbstständig denken und die anderen können...na ja, dass was der da vorne kann. Er zeigte auf seinen Klon. ,,Warum erzählen Sie mir das?", fragte Scully.
,,Gemach Agent Scully, gemach. Uns liegt sehr viel an Ihnen und Mulder. Was heißt uns. Auf jeden Fall ihm. Kommen wir zur Sache. Es haben sich zwei Gruppen gebildet."
,,Gruppen? Welche?", harkte Scully nach.
,,Ich bin gespannt welcher Sie sich anschließen. Die eine ist für Mulders Beseitigung und die andere ist der Meinung, dass aus dem Tod eines Mannes ein Kreuzzug werden kann. Ich persönlich gehöre der Letzteren an. Doch es sind nicht alle meiner oder der Meinung von ihm. Er ist der Überzeugung, dass die andere Partei Mulder geklont und seinen Klon anschließend in seiner Wohnung erschossen hat. Eine einfache Art Mulder zu beseitigen, ohne ihm richtig wehzutun."
Scully fragte nicht wie sie das gemacht hatten. Sie glaubte es einfach. Es hätte keinen Zweck Fragen zu stellen. Doch eine hatte sie doch noch: ,,Was wollen Sie mir eigentlich noch alles antun?"
Krycek zog eine Augenbraue hoch.
"Wenn Sie zum Beispiel darauf ansprechen, dass Sie keine Kinder mehr bekommen können, kann ich Sie beruhigen. Ein kleines vertauschtes Testergebnis und Sie sind für ein paar Tage abgeschaltet und schaffen sich nicht irgendwann Mann und Kind an. Es dient alles nur der Ablenkung. Aber ich habe Ihnen schon zuviel erzählt. Also ist das mit den Kindern unser kleines Geheimnis, ja?" Er zwinkerte Scully zu
,,Ich kann...?"
Krycek nickte bestätigend. Scully konnte es nicht fassen.
"Wirklich?" Krycek nickte wieder. Scully bemerkte, dass sie abschweifte.
,,Ich dachte Sie haben sich von dem Krebskanidaten abgekoppelt und machen jetzt ihr eigenes Ding."
Scully wurde unruhiger. Mulder lebte vielleicht, aber sie musste die Nerven behalten. Sie konnte jetzt Antworten bekommen.
"Agent Scully, ich arbeite nach wie vor für mich selbst." Krycek schaute sie durchdringend an. "Es steht bloß immer irgendjemand über einem." Sein Blick wurde bohrender. "Ist Ihnen eigentlich klar, dass wenn Sie aus dem Auto gestiegen sind, eben dieses explodieren könnte? Oder jeder noch so normal aussehender Mann, könnte jeden Moment seine Waffe aus seinem Mantel ziehen. Diese Welt ist hart Agent Scully. Man kann es sich nicht erlauben, ein zu großes Stück zu verlangen."
Plötzlich sah Scully etwas in Alex‘ Augen. Gewissen. Auf einmal begriff sie, dass Krycek jetzt auch lieber woanders sein würde. Vielleicht ein gemütliches und friedliches Leben mit Frau und Kindern. Nur wenige von diesen Männern wollten töten. Sie mussten, weil sie selber überleben wollten. Es lohnte nicht zu sterben, denn das würde dieses grausame Spiel auch nicht beenden. Sie, samt Scully, spielten in einem Spiel mit, ohne, dass sie es wollten.
"Warum soll ich Mulder suchen, wenn Sie ihn doch längst gefunden haben? Warum befreien Sie ihn nicht." ,,Er würde zu viele Leute auf sich hetzen, wenn er das tun würde. Zu gefährlich."
Alex schaute auf die Scheibe, die sie von dem Fahrer trennte.
,,Der Wagen wird gleich anhalten. Sie steigen auf der Fahrerseite aus und rennen dann so schnell wie möglich vom Auto weg. Tun Sie möglichst so, als wenn ich noch im Auto sitzen würde. Ich steige auf der anderen Seite aus. Warten Sie mit dem Zuschlagen der Tür bis ich draußen bin. Sie müssen das nicht tun, aber es wäre so eine Wiedergutmachung...nein, dass wäre es nicht. Sie hätten dann etwas gut bei mir. Hier!" Er hielt Scully einen Zettel hin. ,,Sie müssen herausfinden, woher diese Nummer kommt. Sie wird sie zu Mulder führen."
Der Wagen hielt und Scully öffnete die Tür um Fox herauszulassen.
"Er ist ein hübscher Hund.", meinte Alex leise. Scully nickte und stieg aus. Dann wartete sie auf Kryczek. Als sie seinen Kopf auf der anderen Seite des Autodaches sah wollte sie die Tür zumachen, doch Alex hielt sie auf. ,,Agent Scully?!!" Er ließ seine Worte klingen. ,,Danke!"
Scully nickte wieder und es war ein bisschen Anerkennung in ihrem Gesichtsausdruck. Dann knallte die Tür zu.
,,JETZT! Laufen Sie Scully!" Und Scully lief. Sie lief mit Fox so schnell sie konnte. Sie lief und lief. Die Sekunden zogen sich nur so hin. Der Wagen fuhr langsam an. Und dann explodierte er und Scully verlor Fox, weil sie von irgendetwas auf den Boden geworfen wurde. Ihr Gesicht wurde in den kalten, gefrorenen Schnee geworfen. Irgendetwas Hartes schlug an ihren Kopf und obwohl es ihr schwarz vor Augen wurde, umklammerte sie den Zettel ganz fest mit ihrer Hand. Sie würde Mulder finden. Und jetzt, in dieser absurden Situation fielen ihr wieder die Worte ihrer Mutter ein. Leute leben noch... solange man an sie denkt.

"Ist sie tot?"
"Ach quatsch."
"Das ist aber ein süßer Hund."
"Halt die Klappe Langly und fass mit an!"
Scully hörte die Stimmen, wollte ihre Augen aber nicht öffnen. Plötzlich fühlte sie eine kalte Hundeschnauze an ihrer Wange. ,,Fox?"
,,Scully? Bist du wach?" Scully sah, als sie ihre Augen aufschlug als erstes Frohikes besorgtes Gesicht. ,,Mulder ist nicht hier." Scully starrte ihn angestrengt an. Sie versuchte herauszufinden welcher, von den drei Frohikes vor ihr der echte war.
"Nein, ich meine...ich meine den Hund."
"Ach, der Hund sitzt neben dir." Langly kam ins Blickfeld von Scully. Sie schaute zur Seite und entdeckte das glänzende Fell des Setters. Sie schien immer noch am Straßenrand zu liegen.
"Wir müssen hier weg, bevor die Polizei kommt. Kannst du laufen?" Nun waren alle drei vereint. Scully schaute Byers verwirrt an, unfähig irgendeine Entscheidung für sich zu treffen.
"Gut", Bayers nickte, als hätte er Scullys nicht ausgesprochene Worte gehört, ,,schluck das!"
Er hielt ihr eine Pille hin und Scully fügte sich.
,,Kommt, wir heben sie hoch. Eins...zwei...drei."
Scully wurde in den Kleinbus gehievt und zugedeckt. "Hat ganz schön lange in der Kälte gelegen."
"Den Hund hat's auch erwischt."
,,Shit! Die Bullen kommen schon!"
Scully spürte den warmen Hundekopf auf ihrem Bauch. Sie schloss die Augen und lächelte. Langsam legte sie ihre Hand auf den Kopf und kraulte ihn. Das letzte was sie hörte war das Aufstöhnen des Motors, als Langly aufs Gaspedal trat.

"Sollte sie nicht langsam mal aufwachen?"
"Lass sie schlafen!"
Scully spürte wieder die kalte Schnauze an ihrer Hand. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und blickte Fox an. Der Hund hatte seinen Kopf auf die Bettkante gelegt und jetzt sahen seine blauen Augen unglaublich treu aus. Scully konnte es nicht fassen. Das Tier war keine Sekunde von ihr gewichen. Sie krauelte ihn hinterm Ohr und musste wieder lächeln. Doch plötzlich fiel ihr etwas ein und sie war hellwach.
"Der Zettel!" Byers ließ erschrocken sein Wasserglas aus der Hand fallen und schaute sie geschockt an. "Welcher Zettel?"
Während die anderen zwei sich um die Scherben kümmerten, lief Bayers zu Scully hinüber. Diese hatte sich inzwischen aufgesetzt. "Krycek hatte mir einen Zettel gegeben. Ich brauche ihn."
"Du warst mit Krycek zusammen? Dann war er es, der uns informiert hat."
Scully fragte nicht über was er sie informiert hatte, sondern schaute sich hilfesuchend um. ,,Mist!" Byers starrte auf Langly und Langly auf Byers.
Der Hund gähnte nur. Frohike schaute von dem Handfeger auf und sein Blick blieb an Fox hängen.
"Meinst du zufällig", er stand auf und griff unter das Halsband, ,,den hier?" Scully riss ihm den Zettel aus der Hand und entfaltete ihn.
1090457
,,Dort steht die Nummer. Das ist er. Danke Frohike. Und dir natürlich auch." Sie tätschelte den Hund liebevoll. Und man konnte Frohike deutlich ansehen, dass er lieber getätschelt werden würde.
Dann betrachtete Scully den in Eile hinuntergekrizelten Satz.
Danke! Wir sehen uns, aber ich bin mir nicht so sicher, ob wir dann noch auf einer Seite sein werden. Die Zeiten ändern sich. Netter Hund. Sie verdanken ihm Ihr Leben,
Langsam verstand Scully. Das Etwas, das sie so gestoßen hatte, dass sie gefallen war, war Fox gewesen. Und den Zettel muss sie irgendwann fallen gelassen haben. Krycek hatte ihn wohlmöglich genommen und noch eine Ergänzung geschrieben. Vielleicht hatte er dann die einsamen drei Schützen alarmiert. Es war schon komisch.
,,Hat er wirklich Angst...oder ist das nur Fassade?"
"Was sagst du?"
"Nichts." Scully stand von dem improvisierten Schlafplatz auf und trat in Aktion. Sie spürte, wie das Adrenalin durch ihre Adern schoss und ihr Herz schneller schlagen ließ.
"Leute, ich muss diese Nummer hier herausfinden. Ich weiß nicht woher sie kommt, aber sie ist lebenswichtig."
"Lebenswichtig?" Langly sah verwirrt aus.
Scully holte tief Luft und als sie die Worte aussprach erfüllten sie ihren Körper mit unglaublicher Energie. "Mulder lebt vielleicht noch." Bayers konnte sein Glas im letzten Moment auffangen und Frohike starrte sie an. "Wir hatten das Thema doch schon tausendmal!", meinte Langly einfühlsam.
"Ich meine es ernst.", erwiderte Scully fest.
"Bist du dir sicher?" Scully zögerte erst, meinte dann aber: ,,Ja!" Sie glaubte dran. Sie glaubte. In den letzten Monaten hatte sie sowieso angefangen zu glauben. Die X-Akten, die sie alleine gelöst hatte, auf jeden Fall halb, hatten sie das endlich gelehrt. Dennoch versuchte sie sachlich zu bleiben und hatte ihren Rationalismus noch nicht aufgegeben.
Sie erzählte den drei einsamen Schützen alles was sie von Krycek gehört hatte.
Währenddessen hatte sich Langly schon an die Arbeit gemacht. Als Scully mit ihrem Bericht endete, klingelte wie auf Kommando ihr Handy. "Scully?!"
 
"Agent Scully, hier ist Skinner. Wo sind Sie?"
"Äh Sir ähm...ich...ich bin zu Hause."
Sie konnte noch nie gut lügen.
"Agent Scully, bei allem Respekt, das kann ich Ihnen nicht abkaufen. Sie sind nicht zu Hause, Sie sind irgendwo anders." Scully zog eine Grimasse.
,,Sir, was würde das für einen Unterschied machen?"
"Sie sollten Urlaub machen." Irgendwas brannte in diesem Moment bei Scully durch. Er übertrieb es maßlos. ,,Erstens: Das ist mein Leben. Zweitens: Mein Leben geht sie gar nichts an und...drittens: Ich habe Grund zur Annahme, dass Mulder noch am Leben ist."
Skinner ließ ein seufzen hören und wollte schon fragen ob sie jetzt völlig durchgedreht wäre, aber er besann sich eines Besseren. ,,Agent Scully, Mulder ist tot. Er wurde erschossen. Als Beweis haben wir seine Leiche und..."
,,Danke, dass Sie so einfühlsam sind Sir, aber ich habe Gegenbeweise."
"Agent Scully, das ist jetzt keine Bitte! Ich befehle Ihnen, dass Sie die Finger von allem lassen, das irgendetwas mit Mulder zu tun hat."
Plötzlich klang Langlys Stimme an Scullys Ohr.
,,Bingo! Scully, ich hab da was."
Scully wandte sich wieder an Skinner: ,,Ich habe Urlaub Sir und ich erinnere Sie nur ungern an Punkt zwei. Melden Sie sich bei mir, wenn Sie mir helfen wollen."
Mit diesen Worten legte sie auf.
"Was gibt‘s Langly?"

,,Das ist merkwürdig. Es ist eine Registriernummer für...für ein Heim."
"Ein Heim?", fragte Scully verwundert und zog eine Augenbraue hoch.
"Jap, und zwar ein Kinderheim. Für Kinder, die schon einmal entführt oder Misshandelt wurden, und für die keiner da ist um sich um sie zu kümmern." Die anderen beiden versammelten sich um sie.
"So was gibt's auch?" Scully schüttelte traurig den Kopf.
"Auch wenn es so etwas gibt, hilft es uns nicht weiter. Krycek hat dich reingelegt."
"Nein Frohike!" Scully dachte an dieses angsterfüllte Gesicht. War er wirklich auf Befehl des Rauchers zu ihr gekommen? Nein, in einem hatte der Krebskanidat recht: Sie hatte eine gute Menschenkenntnis und konnte in den Augen Gefühle sehen, die anderen verborgen blieben. Und bei Krycek hatte sie eindeutig Angst gesehen. Und Ehrlichkeit.
"Nein, er hat nicht gelogen", wiederholte sie sich, ,,Wir müssen diese Spur verfolgen. Ich...habe Hoffnung und noch bin ich nicht bereit sie aufzugeben."
Sie ging an Bayers vorbei. Dieser hielt sie aber am Arm fest.
"Scully, mach dir nicht zu viele Hoffnungen. Es würde dich zu stark enttäuschen, wenn die Spur ins Nichts führte."
Scully schüttelte den Kopf.
"Nein, keine Angst. Wo sind die Autoschlüssel?"
Als Scully aus der Tür gestürmt war um den Kleinbus zu holen, sahen sich die drei einsamen Schützen an und sagten wie aus einem Mund: ,,Sie macht sie zu viele Hoffnungen."

,,Scully?"
"Jap, was gibt’s?" "Ich bin's, Skinner."
"Oh Sir, Sie sind's." Was für eine bescheuerte Antwort.
"Was kann ich für Sie tun?"
Scully saß auf dem Rücksitz des Kleinbusses, der bei Langlys wildem Fahrstiel hin und her wirbelte. Was durchaus auch an der Geschwindigkeit liegen könnte. Scullys Herz aber klopfte noch viel wilder. Sie hatte ihren Ergeiz wieder und war wieder die FBI-Agentin mit ,,Herz". Alle ihre Sinne waren jetzt schon geschärft. Sie wusste nich was sie machen würde, wenn die Spur wirklich ins Nichts führen würde.
"Ich möchte Ihnen helfen." Scully überlegte.
"Woher dieser plötzliche Sinneswandel?", meinte sie dann fast schnippisch.
"Agent Scully, vertrauen Sie mir. Sie wissen, dass Sie das können." Scully zögerte, doch dann nickte sie.
"In Ordnung, kommen sie zu Kids Home. Wo das ist können Sie ja herausfinden." Sie legte auf.
Er war nett zu ihr gewesen. Loyal wie immer. Aber Scully konnte das Gefühl nicht los werden, dass Skinner ihr Vorhaben vereiteln würde. Sie schaute hinaus in die dunklen Straßen. Sechs Uhr. Es war immer noch ihr Geburtstag. Und Mulder wäre ihr größtes Geburtstagsgeschenk.
In diesem Moment dröhnte das Original von Stand by me aus dem Kassettenrekorder des Busses. Warum erinnerte sie es an Mulder?
When the night has come
and the land is dark
and the moon is the only light we see
No, I won't be afraid oh, I won't be afraid
just as long as you stand... stand by me, so darling, darling stand by me
Mulder sollte auch bei ihr bleiben. Sie brauchte ihn doch. Immer wenn er bei ihr war, fühlte sie sich sicher. Absolut sicher. Nichts und niemand konnte ihr etwas anhaben. Es sei denn eine gewisse Diana Fowly war gerade in der Nähe.
Scully bekam gemischte Gefühle an die tote, ehemalige...nun ja, geliebte von Mulder. Sie hatte sie gehasst, und Mulder hatte sie auch nach einem Wiedersehen mit Zwischenraum von Jahren noch angehimmelt. Auf jeden Fall vertraute er ihr. Oder hatte er IHR vertraut, denn auch hier erwies sich Scullys Menschenkenntnis als richtig. Zumindest fast. Mulder...plötzlich kam ihr das Wort Liebe in den Sinn. Du hast ihn geliebt nicht wahr? Ihre Mutter hatte recht. Sie liebte Mulder, das musste sie sich eingestehen. Sie liebte Mulder über alles. Diese Liebe war so riesig...so...es gab keine Worte dafür. Sie liebte ihn so stark, dass es sie zerstören konnte. Und gerade das hatte ihr machte so eine große Angst gemacht, dass sie nie den ersten und größten Schritt machte.
Vielleicht war es auch, wegen dieses komischen Gefühls in ihren Bauch. Sie wusste nicht ob diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruht hatte. Im Nachhinein war Scully sich nicht mehr sicher. Zu oft hatte Mulder ihr Misstrauen entgegen gebracht, oder er hatte ihre Meinung, ihre Warnungen nicht ernst genommen. Das hatte erst im vierten Jahr ihrer Zusammenarbeit aufgehört. Und dann kam wieder Diana Fowly.
Sie war nicht gegangen, hatte ihren Job nicht an den Nagel gehängt, weil sie ihre Arbeit liebte, weil sie Antworten wollte und weil sie Mulders Nähe brauchte. Manchmal hatte sie dieses große Vertrauen gespürt, doch Mulder hatte es nur selten zum Vorschein kommen lassen. Scully seufzte. Wie sehnte sie sich nach einer Umarmung. Auch wenn er sie nicht liebte, ging ihr Verhältnis weit über eine Partnerschaft hinaus. Moment mal. Er hatte sie immerhin schon einmal beinahe geküsst. Und letztes Sylvester...
Scully reiß dich zusammen. Sie hörte das Ende des Oldies und bemerkte, dass sie schon fast da waren. Fox saß ganz gerade neben ihr, als würde er spüren, dass es ernst werden würde. Scully hatte ihren Arm um den Hund gelegt und fühlte nun seinen ruhigen Herzschlag. Sie achtete den Hund. Er war ihr innerhalb von ein paar Stunden zum Vertrauten geworden. Sie hatte ihn schon jetzt in ihr Herz geschlossen.
,,Et voilà", meinte Langly in einem brüchigen Französisch bei dem er jeden Buchstaben aussprach.
,,Da sind wir."
Der Betonklotz von einem Gebäude sah nicht gerade sehr einladend aus und als Scully, Bayers, Frohike und Langly die große, ebenfalls aus Beton bestehende Treppe hinaufsteigen, lag Totenstille über dem Gebäude. Sie gingen einen Gang entlang, der Scully stark an ein Krankenhaus erinnerte. Hie und da waren Fenstermalereien an den Glastüren, aber die waren auch das einzige, dass einen kindlichen Eindruck machte. Es war traurig.
,,Was kann ich für Sie tun?"
Ein sehniger, alter Mann in einem bräunlichen Kittel, der einmal weiß gewesen sein musste, kam auf sie zu. Sein Bart war ungepflegt und seine Zähne ragten bei seinem Lächeln gelb hervor.
"Ein richtiger Märchenonkel.", meinte Frohike sarkastisch als der Mann auf sie zuging. Scully nickte.
"Ja Sir. Wir sind vom FBI." Scully zögerte. Vier FBI-Agenten von denen zwei vielleicht aussahen, als kämen sie aus einer Rockerband, erweckten bestimmt nicht so viel Vertrauen.
Der Mann kam Scully aber auch nicht gerade wie eine Leuchte vor. Also holte sie ihren Ausweis aus der Tasche und fuhr fort: "Ich bin Agent Scully und das sind Agent Byers, Agent...Frohike und Agent...Langly."
"Und...ähm...Agent Skinner." Scully wirbelte um die eigene Achse und erblickte Skinner im Eingang. Seine hünenhafte Gestalt schien den Eingang auszufüllen und Scullys Chef verbreitete wie immer auf Anhieb Autorität.
Er lief auf sie zu und meinte zu dem Alten: ,,Entschuldigen Sie den Andrang, Sir. Uns ist ein kleiner Fehler unterlaufen und wir haben zwei Agenten-Paare auf einen Fall angesetzt. Wir haben beschlossen, dass alle an diesem Fall zusammen weiter arbeiten. Wir bitten Sie nur uns einmal alle ihre Kinder zu zeigen. Und vielleicht uns auch zu sagen weswegen sie hier sind."
Scully staunte, der Mann schien sichtlich beeindruckt von Skinners Auftreten und schaute auf seinen Ausweis.
"Einverstanden", meinte er langsam, ,,bitte folgen Sie mir."
"Ich hoffe, das reicht Ihnen Agent Scully.", flüsterte Skinner seiner Agentin zu.
"Vollkommen Sir, vollkommen."
"Scully langsam habe ich das Gefühl, dass die Kinder hier nicht weniger misshandelt werden als vorher." Über seinen sarkastischen Witz lachte selbst Langly nicht. Es war sogar ein Hauch von Ernst darin.
Sie gingen immer weiter durch die kahlen Gänge und Dr. Brinman zeigte ihnen jedes einzelne Kind. Sie waren alle von vier bis dreizehn Jahre alt. Komischerweise sah Brinmas in ihrer Gegenwart viel freundlicher aus. Und die Kinder schienen ihn alle zu mögen.
Scully wusste nicht ,was sie sich erhoffte. Sie lief einfach nur hinter den anderen her und hörte aufmerksam zu. Aber auf einmal fiel ihr ein junges Mädchen auf. Es war um die elf Jahre alt und hatte schulterlanges, dunkelblondes Haar. Ihre blauen Augen strahlten Scully auf fünf Meter Entfernung an. Fox lief auf sie zu und erst jetzt fiel Scully auf, dass Brinmas nichts gegen den Hund gesagt hatte.
"Entschuldigen Sie", Brinman wandte sich Scully zu, "warum haben Sie den Hund mit hier rein gelassen?" Brinman lächelte liebevoll.
,,Die Kinder lieben Hunde und die meisten Hunde lieben Kinder. Es ist für sie eine Freude in ihrem tristen Leben. Ich hoffe Sie haben nichts dagegen. Was die Kinder mit Allergien angeht, Sie werden staunen, aber hier hat kein Kind eine Allergie. Die meisten verloren ihre hier mit der Zeit. Vielleicht lag es an der Behandlung."
Scully schaute auf die alte Krankenschwester in ihrer braunen Tracht und fragte sich, wie es den Kindern hier besser gehen konnte.
"Und was ist mit dem Mädchen dort vorne?"
"Ach, das ist Alexandra. Sie wurde eingeliefert nachdem sie behauptet hatte, dass sie von Außerirdischen entführt worden war. Erst hatte man ihr nicht geglaubt, dass sie überhaupt von irgendjemandem entführt, geschweige denn misshandelt worden war, doch dann hat man bei ihr eine Abweichung im Gehirn gefunden. Eine Gehirnverformung. So eine, die man wenn man ein Trauma hat bekommt. Ein starkes Trauma. Keine Verwandten, aber sie bekommt regelmäßigen besuch von einem jungen Herrn."
Scully wurde aufmerksam. "Welcher junge Herr?"
"Ich kenne ihn nicht. Keinen Namen, nichts. Die beiden reden sich aber immer mit Alex an. Sie verstehen sich prächtig. Alexandra kann sich glücklich schätzen. Er ist sehr lieb zu ihr und auch zu den anderen. Nett, sehr nett." Brinman bemerkte erst jetzt, dass Scully auf das Mädchen im Nachthemd zuging. Sie sah aus wie ein Engel. Schlaue Augen hatte sie und ihr Gesicht war blass.
Scully schaute sie an und duckte sich.
"Hi, ich bin Dana Scully. Du kannst mich Dana nennen. Ich bin vom...", weiter kam sie nicht.
"...FBI. Dana Scully, die Partnerin von Fox Mulder. Du arbeitest an den X Akten. Genau mit dir muss ich sprechen. Ich habe dich schon erwartet, Dana." Alexandra nahm Scullys Hand. "Komm!"
Scully erinnerte sich daran, dass man den Mund auch schließen kann und drehte sich zu den anderen um. Von allen Vier bekam sie ein Nicken. Also folgte Scully Alexandra in ein kleines kahles Zimmer.
Am einzigen Fenster stand ein Tisch und daneben an der Wand ein Bett. Falls man es so nennen konnte. Alexandra setzte sich im Schneidersitz auf die Matratze und Scully zog ihre Schuhe aus und tat es ihr nach. "Na, wie geht's dir?" Scully hatte das Gefühl Alexandra würde genau wissen was sie wollte, aber sie fing lieber erst einmal so an.
"Mir geht es gut. Du wirst dich wahrscheinlich fragen, wie es uns hier gut gehen kann, aber die Menschen hier sind sehr liebevoll und den Kindern geht es hier besser, weil sie früher an einem schlechteren Ort waren."
Scully nickte verständnisvoll. "Da hast du wohl recht."
In diesem Moment sprang Fox hinter Scully auf das Bett und legte sich neben sie.
"Er ist ziemlich ruhig für einen Welpen.", meinte Alexandra.
"Ja, aber wahrscheinlich spürt er den Ernst der Lage."
"Gut, kommen wir gleich zur Sache." Das Mädchen stand auf und holte einen Schlüssel unter ihrem Hemd hervor. Während ihrer Prozedur fing sie an zu erzählen.
"Er nennt mich immer Alex oder auch Angel. Ich weiß nicht warum. Er ist sehr lieb zu mir. Vielleicht wie ein Vater. Ich weiß nicht genau wie ein Vater ist, aber ich denke schon, dass ein Vater so nett ist.", gab sie verlegen zu.
"Ich...ich weiß, dass er Menschen getötet hat, aber nicht weil er mir das erzählt hat. Er ist ein gefühlvoller Mensch. Ich bin mir sicher, du kennst ihn ganz anders."
Scully nickte deutlich und schaute Alexandra zu, wie sie mit dem ersten Schlüssel einen kleinen Schrank öffnete, dort wieder einen Schlüssel hervorholte, dann aus einer Schublade im Tisch am Fenster wieder einen Schlüssel hervorzauberte und schließlich eine kleine Schachtel unter dem Bett hervorholte. Auch diese öffnete sie und darin lag Schmuck. Wunderschöner Schmuck.
"Den hat mir Alex geschenkt." Sie nahm alles raus. "Weißt du, keiner glaubt mir, wenn ich sage von wem ich entführt wurde. Du wurdest ja schon mal von ihnen entführt, aber mit mir haben sie viel mehr Schreckliches angetan. Dennoch bin ich froh, dass ich keinen Krebs bekommen habe. Also, wenn einem so etwas angetan wurde und die Erinnerung trauriger Weise bleibt, kann einen nicht mehr soviel erschüttern. Alex ist lieb zu mir und was er außerhalb dieses Gebäudes macht geht mich nichts an."
Alexandra holte eine Art Messer hervor und stemmte den Boden der Schachtel auf.
"Und da haben wir ja das gute Stück.", sagte sie erleichtert, als hätte sie gedacht es wäre nicht mehr da.
"Ich hätte gerne noch länger mit dir geredet. Und ich bin mir sicher du auch. Ich weiß auch, dass du das Bedürfnis verspüren mir zu helfen, doch ich habe keine Hilfe nötig. Solange Alex da ist habe ich nichts zu befürchten. Und wenn ihm mal irgendetwas zustoßen würde, dann...dann werde ich mich wieder melden. Das ist eine Eingangskarte. Mit ihrem Foto. Es gibt, wie in vielen solchen Einrichtungen, verschiedene Levels. Du gelangst mit dieser Karte auf Level fünf. Du musst auf Level sechs." Alexandra zeigte auf eine Art Checkkarte und einen Ausweis mit dem Foto von Scully. ,,Du bräuchtest noch ein paar Kontakte außerhalb des Gebäudes, die dir helfen durch einige elektrische Türen zu kommen. Wenn du durchkommst, dann hoffe ich, du wirst Mulder finden. Das Gebäude ist hier." Alex reichte Scully einen kleinen Zettel. ,,Nun geh. Ich wünsche dir alles Glück der Welt." Scully schaute sie überwältigt an, unfähig irgendein Wort herauszubekommen.
"Oh, ich habe noch ein Geburtstagsgeschenk von mir und Alex." Alexandra holte ein neues Hundehalsband hervor. "Du musst nur noch den Namen eintragen." Das Mädchen reichte Scully einen Edding und sie schrieb in großen Druckbuchstaben FOX hinein. "Ich danke dir." Scully lächelte und umarmte Alexandra. "Danke Angel. Ich weiß jetzt warum dich Krycek so nennt. Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich damit machst."
Scully stand auf. "Falls du Hilfe brauchst, dann melde dich bei mir." Scully gab Angel das Halsband und sie band es Fox um. Es war schwarz und passte perfekt zu dem Hund.
"Lauf mein Kleiner." Alexandra gab dem Tier einen Klaps auf den Hintern und er sprang auf. Scully lächelte und streichelte Alexandra übers Haar. "Bis dann...Angel. Und noch mal danke."
Langsam verließ Scully nach Fox das Zimmer und sobald sie draußen war, lief sie mit den Zetteln in der Hand los.
Als sie an Skinner und den anderen vorbei kam rief sie: "Kommen Sie. Wir müssen mein Geschenk abholen." Alle schauten sie verwundert an. Kurz vor der Tür drehte sich Scully um und joggte rückwärts weiter.
"Danke Dr. Brinham. Grüßen sie Angel von mir." Der Dr. drehte sich verwirrt zu den anderen um. "Angel?"

Der schmale Lichtstrahl, des Mondes der von einem kleinem Fenster hoch oben an der Decke in die Mitte des kahlen Raumes fiel, war so ziemlich das einzige Licht, das Mulder zu sehen bekam. Als er heute wieder einer seiner vielen Wutausbrüche gehabt hatte, hatten die ihn wieder angekettet.
Mulders Hände schmerzten schon von dem schweren Eisen und er fühlte sich so dreckig, als hätte er gerade ein ausgiebiges Schlammbad hinter sich. Seine Augen taten wegen der ewigen Dunkelheit weh, und sein Gesicht war rußverschmiert.
Er rückte immer in die hinterste Ecke, um ja nicht zu viel Licht abzubekommen. Es würde höllisch wehtun. Mulder atmete die schwere Luft ein. Seine Kehle war trocken und seine Gelenke waren so steif, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Er hatte sich oft gefragt, ob das seine letzte Station auf seiner Lebensreise sein sollte, aber er redete sich das immer wieder aus.
Als sie ihn hier hin gebracht hatten, hatte er am Anfang noch geschrieen und gebrüllt sie sollten ihn doch endlich rauslassen. Er hatte noch Hoffnung, dass Scully ihn finden würde, aber irgendwann in einer langen Nacht, redete ein Wächter zu viel und erzählte Mulder, dass man einen Klon statt seiner erschossen hatte und alle, samt Scully, dachten er wäre tot. Tot. Er war nicht tot, aber seinen Zustand konnte man auch nicht als lebend bezeichnen. Er fühlte sich elend.
Er hatte die Tage gezählt und wollte auch nicht damit aufhören. Heute war der dreiundzwanzigste. Februar oder Mai? Februar! Mulder war sich so ziemlich sicher. Hey, heute war Scullys Geburtstag.
Oh, wie er sie vermisste. Wenn er schlafen konnte, träumte er immer von ihr. Wenn ihm das nicht gelang rückte Mulder bis zur Mitte des Raumes, legte sich hin und schaute hinauf in die Sterne. In diesen Momenten hoffte er, Scully würde auch gerade die Sterne anschauen und an ihn denken. Es quälte ihn zu wissen, dass sie dachte, er sei tot. Er war nicht tot. Er war doch hier. Warum suchte sie nicht nach ihm? Wegen seiner...Leiche? Wer wohl alles auf seiner Beerdigung war? Mulder schüttelte sich bei dem Gedanken.
Er hatte immer wieder versucht auszubrechen, aber etwas Besseres als Eisenketten war nie herausgekommen. Er schloss seine Augen und sah Scully vor sich. Sie grinste ihn an und ihre Augen blitzten angriffslustig.
Sie hatten viel zusammen durchgemacht, aber jetzt hegte Mulder keine Hoffnungen mehr sie jemals wieder zu sehen. Was musste sie durchmachen? Vielleicht ging ihr es ja besser ohne ihn. Vielleicht hatte sie jetzt ihr eigenes Büro, einen neuen Partner und ein Leben ohne X-Akten. Es erstaunte Mulder nicht im Geringsten, dass er so oft an Scully dachte. Sie war für ihn im Laufe der Zusammenarbeit ein Symbol der Hoffnung geworden. Auch wenn Scully jetzt nicht hier war, stand sie ihm bei. Der Gedanke an sie half ihm nicht völlig durchzudrehen. Er brauchte sie. Er hatte Tage, nein, Wochen damit verbracht sich auszudenken was sie jetzt gerade machen könnte. Und nicht selten strafte er sich für den Gedanken, Scully hätte nicht alles getan um ihn oder seinen angeblichen Mörder zu finden oder, dass sie nicht um ihn trauerte.
Nein, so eine war sie nicht. Nicht seine Scully. Aber wenn Mulder genau nachdachte, wollte er gar nicht, dass Scully nach ihm suchte. Sie sollte nicht ihr Leben für ihn riskieren. Dennoch wusste er es besser.
Scully hatte vermutlich etwas in dem ersten Monat getan, aber was sollte sie schon groß machen? Es gehörte nicht zu ihrem Charakter sich zu rächen. Das sollte sie auch gar nicht. Sie sollte jetzt ihr eigenes Leben weiter leben. Sie sollte sich auf ihre Wünsche konzentrieren. Stopp!!!!!!!!!
Seine Gedanken gingen hin und her. Die Gedanken eines Wirrkopfs. Er versuchte sie zu ordnen und dachte über den letzten Tag mit ihr nach. Warum er von Fall zu Fall ging wollte sie wissen. Wie gerne würde Mulder ihr das jetzt sagen. Er hatte einen Tipp von jemanden bekommen, der besagte, dass er in einem der nächsten Fälle, die bei Skinner eingingen einen Hinweis, wenn nicht sogar eine Antwort auf seine Fragen finden würde. Zudem fühlte er sich auch immer verfolgt.
Mulder erklärte sich damals selber für verrückt und erzählte es Scully nicht. Also suchte er in jedem Fall den Hinweis. Jedes Mal, wenn er nichts fand, holte er sich den nächsten Fall. Kein Wunder, dass Scully misstrauisch wurde, aber es war nur eine Spur. Keine Beweise. Und um Scully zu überzeugen, brauchte er Beweise.
Der Lichtstrahl unterbrach sich und Mulder hörte in der Ferne das widerhallen von Schritten. Langsam drehte er seinen Kopf zu der gepanzerten Eisentür und blickte dann zu dessen Fuß. Dort war eine Art Stangengitter eingelassen. Es ließ sich von außen hochschieben, und hier konnte Mulder auch manchmal durchfassen, nur um gleich eine mit dem Schlagstock auf die Hand zu bekommen.
"It's dinnertime.", erklang eine schmalzige Stimme, von der er noch nicht einmal das Gesicht kannte. Das Gitter wurde hochgelassen und ein Tablett durchgeschoben.
Diesen Fraß sollte man dem mal vor die Füße werfen. Doch Mulder ließ es bleiben.
"Ich...ich kann nicht essen. Meine Hände..." Seine Stimmbänder kamen von Tag zu Tag langsamer in Gang. "Dann wartest du bis Barny kommt und dir die Ketten abnimmt."
Barny, was für ein Name. Hört sich an als wären lauter Flaschen hier. Meine Entführer wollen wohl an dieser Stelle ihr Geld sparen.
Mulder ahnte ja nicht im Geringsten, dass er in einem Hochsicherheitsgebäude unter Verschluss gehalten wurde.
Ihm blieb also nichts anderes übrig als zu fasten. Er rückte wieder bis in die Mitte des Raumes, legte sich auf den Rücken und schaute in die Sterne während er von seiner geliebten Scully träumte.
 
,,Nettes Halsband." Scully, Frohike und Byers, die sich auf den Fordersitz quetschten, drehten sich um und meinten gleichzeitig ermahnend. "Langly!" Skinner zuckte zusammen. Nachdem alle gemeinsam einen Plan ausgeklügelt und noch einige Utensilien wie mit Funk und Sprechanlage ausgestatteter Kopfhörer eingedeckt hatten, hatten sie sich so schnell wie möglich auf den Weg gemacht. Optimistisch war niemand. Jeder sah es als eine letzte Schlacht um Mulder an und eigentlich war jeder auch gleichzeitig in seiner eigenen Welt. Skinner hatte völlig die Orientierung über das Geschehen verloren, Byers spann sich schon wieder eine Verschwörungstheorie zusammen und Scullys Herz klopfte wie wild. Sie versuchte sich zu beruhigen. Die Adresse lag am anderen Ende der Stadt. Das hieß, dass sie noch ein bisschen zu fahren hatten. Auf einmal dachte Scully an Weihnachten. Das letzte war ein Alptraum gewesen...bis auf...
 
...Scully lief Heiligabend in den Straßen Washingtons herum. Bevor sie zu der Familienfeier ging brauchte sie noch ein Geschenk für ihren Bruder. Sie verdrängte den Tod Mulders und konzentrierte sich vollends darauf sich nichts anmerken zu lassen. Mit den Händen in ihren warmen Manteltaschen schlenderte Scully durch die Einkaufsgassen.
Nur ein paar Geschäfte hatten noch offen und als Scully endlich einen wunderschönen Kerzenständer gefunden hatte lief sie noch an dem Fluss unten an der Straße entlang. Als sie das Laufen satt hatte, setzte sie sich auf eine Bank fern des Lichtes und versuchte ihre Gedanken vergeblich von Mulder abzulenken. Plötzlich erschrak sie bei dem klang einer tiefen Stimme.
"So alleine?" Scully hatte nicht bemerkt, dass die Bank schon von jemandem besetzt war. Sie schaute in das Gesicht eines alten, freundlich aussehenden Mannes, der sie anlächelte. Sie nickte langsam.
"Es ist Weihnachten. Warum sind Sie nicht bei ihrer Familie?" Der Mann war ganz schön neugierig, aber in dieser ruhigen Stimme lag ein vertrauenswürdiger Ton und dieser brachte sie zum Reden. ,,Ich...ich bin nicht in der Stimmung zum Feiern."
"Sie haben jemanden verloren!?" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung und Scully kam sich vor, als wäre der Mann nur wegen des Gespräches mit ihr hierher gekommen.
"Ja, das habe ich.", bestätigte sie leise.
Der Mann nickte und fuhr dann unbeirrt fort: "Das ist schwer. Ich kenne das. Ich habe das oft genug erlebt. Wissen Sie, irgendwann bekommen Sie den richtigen Blick dafür."
"Den richtigen Blick?" Der Mann hörte sich an als verstünde er wirklich etwas von diesem grausigen Gebiet. "Der Tod ist grausam und schlimm." Er sprach Scully aus der Seele. Oh ja, das wusste Scully. Sie hatte schon genug Leute sterben sehen.
,,Aber eines Tages kann man ihn mit anderen Augen sehen. Auf einmal erscheint der Schmerz einem nicht mehr so schlimm. Es ist leichter zu ertragen. Es hört sich wie ein altes Märchen an, aber man versteht dann, dass der Verlorene hier drin bleibt." Er machte eine deutliche Geste, die auf das Herz zeigte. Alle fangen immer mit der gleichen Masche an und denken Sie tröstet einen.
"Aber ich habe das Gefühl, wer diesen Blick erlangen will muss auch schon genug verloren haben."
Scully nickte, war sich aber nicht sicher, ob sie wirklich verstand.
"Ich glaube, Sie könnten diesen Blick vielleicht bekommen. Wenn Sie sich anstrengen. Haben Sie irgendeinen schrecklichen Job?"
Scully lächelte. Das Gespräch war seltsam kalt, aber zugleich auch sehr einfühlsam.
"Ja, ich bin FBI-Agentin."
"Sehen Sie?" Der Mann versuchte sich in einem Lächeln.
"Sie können den Tod anders betrachten, wenn Sie sich anstrengen. Wenn Sie es so wie ich sehen, dann bin ich mir sicher, dass Sie mit ihrer Familie feiern können. Ihr Freund wird nicht zurückkommen, weil Sie leiden. Im Gegenteil. Er kann bei Ihnen sein, wenn Sie glücklich sind."
Scully nickte wieder. "Sie haben recht. Sie...Sie sind sehr weise."
Der Mann machte eine wegwischende Geste. "Diese Worte könnten sogar einem Kind aus dem Mund sprudeln, wenn es die nötige Erfahrung hätte. Und egal was passiert", er zögerte, " Sie können mich vergessen, aber behalten Sie diese Worte im Gedächtnis. Vielleicht hilft es Ihnen."
Diese Worte klangen beendet. Scully schaute auf die eisige, halb zugefrorene Flussoberfläche. Ja, er hatte recht. Lange saß sie noch so da und als sie sich wieder zur Seite drehte um sich zu bedanken, war der Mann verschwunden. Klammheimlich.
"Danke!", flüsterte Scully dennoch und an diesem Abend konnte sie ihre Trauer vor ihrer Familie besser verbergen. Sie war nicht weniger geworden, aber sie konnte den Schmerz besser verkraften. Und ganz sicher würde sie die Worte nicht vergessen. Und den Mann erst recht nicht.
 
,,Und ich sage Ihnen doch, dass Renaissance aus dem Französischen kommt und ganz bestimmt nicht aus dem Lateinischen."
"Jaja, Sie sind der gebildetere Mann. Was sagst du dazu Byers?"
"Ich bin der Meinung Mr Skinners."
"Wie kommt ihr eigentlich darauf?", meldete sich Langly.
"Weiß' nicht. Vergessen, aber wir sind bald da."
Scully schaute sich um. Es umgab sie ein verlassenes Industriegelände. Draußen war es stürmisch geworden. Sehr stürmisch. Hie und da flogen ein paar lose Zeitungsblätter durch die Luft. "The show must go on." Frohile lenkte den Bus in eine riesige Einfahrt und brachte den Wagen zum Stehen. "Ich würde eher sagen, die Show beginnt", verbesserte ihn Byers trocken
Langly versuchte seine Aufregung zu verbergen. In der Luft lag eine Anspannung, die Scully Sie lange nicht mehr gespürt hatte. Und wie sie beim Aussteigen bemerkte war es dazu auch noch sehr windig. Die Haare schlugen ihr ins Gesicht. Und die Kälte, die durch den Wind noch verstärkt wurde, ließ sofort jeden einzelnen Teil ihres Körpers erschaudern.
"Oooooookay, Scully, wir gehen am besten noch einmal alles durch. Der Plan ist eigentlich sehr simpel." "Würde ich an ihrer Stelle nicht behaupten.", brummte Skinner. Seine Aufgabe war es im Wagen alles zu überwachen. Byers zeigte auf ein nahe gelegenes Gebäude.
"Sobald du und Langly drinnen seid, trittst du mit mir und...Skinner in Kontakt. Frohike kommt durch die Lüftungsschächte ins Gebäude. Alle suchen in ihrem Bereich nach Mulder...dann bleibt uns nur Glück zu wünschen.", fügte er nach kurzer Zeit hinzu. Plötzlich hörten sie ein entferntes Hupen. Ein Kleinwagen fuhr vor und ein kleiner Mann von sehniger Gestalt stieg aus.
"Hier ist das Auto. Ich gebe es euch nur, wenn ihr mir versprecht es heile zurückzubringen. Aber auch wenn ihr mir das Versprechen gebt, bezweifle ich, dass ihr es erfüllen werdet."
Der Mann übergab Langly die Schlüssel und drehte sich wieder um. Ein zweites Auto fuhr vor und er stieg ein. Kurz darauf war das Auto in der schwarzen Nacht verschwunden.
"Danke!", schrie Frohike noch hinterher, obwohl es absurd wäre zu glauben, dass er das noch gehört hätte. "Ein Freund?" Skinner schien verwundert.
"Sagen wir...ein Verbündeter." Byers nickte um sich selbst zu bestätigen und schlug die Hände zusammen. "An die Arbeit!"
 
Scully fühlte sich unwohl in ihrer Haut als sie den Wagen vorsichtig vor der Schranke zum Halten brachte. Der Wächter betrachtete sie und den kleinen Ausweis, den Scully ans Fenster presste aus seinem warmen Häuschen und Scully war froh darüber, dass er nicht viele Fragen stellen konnte.
"Hinein in die Höhle des Löwen."
"Beruhige dich Scully. Wird schon schief gehen." Langly, der vorher auf dem Autoboden gehockt hatte, kam mit Fox aus der Versenkung und Scully fuhr auf den leeren Parkplatz. Sie zog ihre Sportjacke an und schlug den Kragen hoch. Dann setzte sie den Kopfhörer auf und stellte das Mikrofon auf ihre Mundhöhe.
"Also, ab geht's!"
Scully hatte den Atem angehalten, als sie die Karte, die Alexandra ihr gegeben hatte, durch das Registriergerät zog. Sie erlaubte sich erst wieder zu atmen als sie auf der Anzeige das grüne Lämpchen leuchten sah.
Das ganze Gebäude war erstaunlicher Weise leer. Kein einziger Mensch hatte sich blicken lassen. "Gut", Scullys Stimme klang nervös und zittrig. Was das wohl für Schlagzeilen wären.
"FBI-Agentin wird an ihrem Geburtstag auf der Suche nach ihrem toten Partner erschossen." Sie schüttelte den Kopf.
"Frohike, wir sind durch. Wie weit bist du?"
Frohike kroch durch die relativ großen Luftschächte des Gebäudes und fragte sich schon zum x-ten Mal, warum ihm so heiß war. Vor Aufregung? Wohl kaum.
"Soweit so gut, aber warum kriege ich immer diesen Job ab? Hier drin ist es verdammt heiß."
"Frohike sei still!" Byers‘ Stimme klang ärgerlich.
"Immer auf die kleinen!", fuhr Frohike unbeirrt fort.
"Hast du den Computer schon angeschlossen, damit Scully und Langly überhaupt durchkommen?"
"Jap, bin gerade dabei. Was denkst du denn von mir?"
Frohike holte einen Laptop aus seinem Rucksack und machte sich an die Verbindungskabel ran.
Scullys Atemzüge wurden kürzer und schneller während sie sich durch die seltsam leeren Gänge schlängelte. Dicht von Langly und Fox gefolgt.
"Was ist, wenn man schon weiß, dass wir hier sind?"
"Das bezweifle ich stark." Scully versuchte herauszufinden, von wem die Antwort auf Langlys Frage kam. Denn so sicher, wie Sie sich gab, war Sie auf keinen Fall.
"Frohike! Wie weit bist du? Wir haben Level sechs erreicht."
"Schon? Man habt ihr’s eilig! Bin gleich fertig Scully. Einen Moment noch."
Scully stand unruhig an der großen Panzertür und versuchte sich vorzustellen, wie es wäre Mulder zu finden. Unglaublich....nicht vorstellbar. Nach all den Monaten. Sie durfte gar nicht daran denken.
"Ich hab's!" Gleichzeitig mit Frohikes Worten machte es laut ,Klack' und die Tür wurde geöffnet.
"Bingo!" Langly lächelte siegesgewiss, doch Scully hatte schon den Nachtwächter entdeckt, der in einer kleinen Kabine eine paar Meter vor ihnen saß und ein Buch las.
"Und was jetzt?" Scully schaute auf die Panzertür, die nicht zuging. Vielleicht brauchte sie sogar dafür einen extra Code.
"Werden wir ihn mit unseren Waffen bekannt machen?" Scully drehte sich zu Langly um und sah ihn verwirrt an.
"Nein...nein, ich denke..."
"Hände an den Kopf und mit den Rücken zu mir drehen!" Der Wächter war wohl doch nicht so unaufmerksam gewesen.
"Können Sie sich ausweisen?" Scully sah wie sich die Tür langsam schloss. Sie bekam Panik. Würde die Tür sich schließen, wie kamen sie dann wieder raus? Frohike konnte ihnen vielleicht den Code verschaffen, aber kamen sie auch mit der gleichen Karte wieder raus? Würde das schnell genug gehen? Sie musste sich entscheiden.
"Können Sie sich ausweisen?", wiederholte der Wächter seine Frage. Gut Dana, denk nach...
Der Mann kam mit erhobener Waffe langsam auf sie zu. Langly liefen Schweißperlen über die Stirn. Er war nicht für so etwas geschaffen. Er muss hier raus, dachte Scully. Mit Fox. Moment, warum zum Teufel kam der Hund überhaupt mit? Jetzt änderte es auch nicht mehr viel.
Die beiden mussten auf jeden Fall raus. Sie konnte ihre Suche auch alleine fortsetzten. Der Nachtwächter war bei ihnen angekommen und griff nach Scullys Handgelenken.
Dafür wurde Scully ausgebildet und sie hatte nicht um sonst den braunen Gürtel in Judo. Sie griff auch nach den Handgelenken des Mannes und warf ihn über ihre Schulter. Er war schwerer als sie gedacht hatte und sie ging in die Knie.
"Langly, nimm Fox und geh!" Langly stand wie gelähmt da und hörte noch nicht einmal die Stimmen von Frohike und Bayers. "Lauf Langly...die Tür...hau ab!"
Der Wächter war inzwischen wieder auf den Beinen und Scully hatte keine Gelegenheit mehr ihre Waffe zu zücken. Sie müsste, wohl oder übel, ihre Fäuste einsetzten. Endlich begriff Langly und suchte nach Fox. Aber der Hund war verschwunden. Scully hatte recht, er musste hier raus. Er sprintete die zwei Meter bis zur Tür und schlüpfte durch den dünnen Spalt. Die Tür schlug zu.
Plötzlich hörte er einen Schuss und zuckte zusammen. Er fing an gegen die Tür zu hämmern und sich dagegen zu schmeißen. Schließlich nahm er Frohikes Stimme wahr.
"Was ist Los?" "Das ist egal. Verdammt Frohike...öffne die Tür!!!!!" Langly wurde so schlecht vor Angst um Scully, dass er durchtickte.
 
Scully spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Hüftgegend. Erst war es ein kleines Ziepen und dann schwoll der Schmerz zu einem riesigen Feuer an. Die Welt verschwamm ein wenig und sie fand sich auf dem Boden wieder. Wo war Fox? Und wo war der Wächter? Ach da....er war in seine Kabine geflüchtet und wollte vermutlich Verstärkung holen. Das musste Scully verhindern. Sie tastete langsam nach ihrer Pistole und setzte an. Sie musste an einer Stelle treffen, die ihn nicht tötete, aber außer Gefecht setzte. Scully zielte. Sie war einer sehr gute Schützin, doch es war nicht so einfach auf mehrere Wächter auf einmal zu schießen. "Scully?...Scully? Ist alles OK? Scully?"
Scully sah nur noch ihr Ziel. Ansetzten...genau zielen...Schuss!!!!
Langly flippte hinter der Tür aus.
"Scullyyyyyy, bist du OK? Was ist los? Antworte doch verdammt! Frohike, wo bleibt der Code? Mach die Tür auf!"
Scully nahm den Schmerz gar nicht richtig wahr...oder war es der Schmerz, der sie wiederum doch Schmerzlos machte? Sie hatte getroffen, und als sie sich aufrichtete fing sie wieder an normal zu sehen. Sie musste weiter.
"Scully! Melden Sie sich!" Jetzt hatte Skinner das Wort. Befehl ist Befehl. Scully öffnete den Mund, brachte aber nur schwer etwas hervor.
"Mir geht es gut Sir. Ich...ich bin angeschossen,...aber..." Man konnte alle aufatmen hören.
"Scully kommen Sie da raus! Wir blasen das ab." "Nein! Sir, ich werde das jetzt durchziehen. Frohike?" "Jap?"
"Ruf einen Plan des Gebäudes auf. Wo könnte Mulder sich aufhalten?"
Frohike hörte den Schmerz in Scullys Stimme, konnte ihn mitfühlen, begann aber relativ schnell zu tippen. Je schneller er war, desto schneller würde sie rauskommen.
"Gut Scully. Ich glaube, ich hätte da was. Geh gerade aus und dann rechts!"
 
"Na, wer bist du denn?" Ein brauner Collie schaute durch die kleinen Gitterfenster der Eisentür. Mulder zog sich zum Gitter und betrachte die Schnauze ganz genau. Was machte ein Welpe hier? Der Hund war ja noch nicht mal alt genug um einen halb ausgebildeten Spürhund abzugeben. Erstaunlicherweise war er auch nicht so verspielt wie ein Welpe.
"Na? Wie heißt du denn mein Kleiner?" Er musste sich anstrengen um seine Hand durch das Gitter zu quetschen und an das Halsband zu greifen. Brav ging der Hund in die Knie. Mulder klappte das kleine Plättchen auf und staunte nicht schlecht.
"Fox! Ich kenne nicht viele Leute die Fox heißen geschweige denn Hunde. Was bist du denn für einer? Glaubst du etwa auch an Außerirdische?" Der Hund schlug seine Lider hoch und schaute Mulder mit seinen klaren, blauen Augen an. Plötzlich kam Mulder ein Gedanke.
"Das kann nicht sein....", vermochte er gerade noch auszusprechen als er auch schon eine schwache Stimme hörte.
"Mulder? Sind Sie hier?" Mulder wäre am liebsten an die Decke gesprungen. Er wollte schreien, tanzen, aber er sah ein, dass er sich erst einmal fangen musste.
"Scully?", er erkannte diese Stimme überall.
"Scully? Wo sind Sie?".
"Mulder?" Scully glaubte erst zu träumen. Sie bekam Tränen in die Augen und schluchzte.
"Oh mein Gott! Wo sind Sie? Mulder?"
"Scully, versuch in den nächsten Raum zu gehen. Dort gibt es eine Abzweigung. Versuch es!", klang Frohikes Stimme an ihr Ohr. Der war so ergriffen, von den Gefühlen, der Hoffnung und der Liebe, die in Scullys Stimme mitschwangen, dass er überhaupt kaum ein Wort herausbekam. Den anderen ging es nicht besser.
Scully konnte nicht mehr, aber sie hatte Mulders Stimme gehört. Das hieß er lebte noch. Er lebte...er lebte. Krycek hatte recht. Alexandra hatte recht. Sie hatte recht.
"Fox!" Der Welpe kam ihr entgegengesprintet und wollte ihr anscheinend etwas zeigen.
Komm schon Dana. Weiter, weiter, weiter. Scully sank auf die Knie und kämpfte sich so weiter. Weiter, weiter, weiter....
Als Mulder den roten Haarschopf um die Ecke kriechen sah, rüttelte er wie verrückt am Gitter und wusste nicht mehr wohin mit seinem Glück.
"Scully, hier! Ich bin hier!"
"Frohike, öffne die Tür!!" Frohike schlug in die Tasten als hinge sein Leben davon ab. Mulder lebte. Es war alles so chaotisch.
"Scully?"
Als Mulder sah, dass Scully angeschossen war, wollte er noch schneller raus. Er musste ihr zu Hilfe kommen. Die Tür ging auf und er krabbelte raus. Was für ein Glück, dass Barny ihm vorhin die Ketten abgenommen hatte. "Scully!"
Er schloss sie in die Arme und es war als würden tausend Feuerwerkskörper auf einmal in die Luft fliegen. Scully sank vor Erschöpfung in seine Arme. Er strich ihr eine Haarsträne aus dem Gesicht und küsste immer wieder zart ihren Kopf.
"Wie fühlen Sie sich? Ist es sehr schlimm?"
Scully schüttelte den Kopf. "Das fragen Sie mich? Sie sind doch der Tote!" Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande. Alles was zählte war, dass sie in seinen Armen lag. Den Schmerz fühlte sie nicht mehr. Was war denn jetzt schon eine Kugel? Man würde schon mehr brauchen um sie jetzt voneinander zu trennen.
"Ich dachte wirklich Sie wären tot.", flüsterte sie.
"Pscht, ich weiß, ich weiß, nicht so viel reden. Pscht...ganz ruhig. Konzentrieren Sie sich auf mich. Sie dürfen jetzt nicht aufgeben. Bloß nicht das Bewusstsein verlieren!" Mulder schloss sie wieder liebevoll in die Arme und streichelte ihr über das Haar.
"Oh mein Gott, Mulder! Du, du lebst." Langly stand zuerst wie versteinert im Türrahmen, besann sich dann aber und half Mulder Scully hochzuheben. Danach machten Sie sich schnellstmöglich auf den Weg.
Frohike, dem jetzt noch heißer wurde als er Mulders Stimme hörte, und Fox zeigten ihnen den Weg.
"Netten Hund haben Sie da.", versuchte Mulder Scully wach zu halten und ein leises ,,Danke" kam zurück. Mulder wusste in diesem Moment, dass Scully lächelte. Und diese Gewissheit, dass jetzt alles gut werden würde, durchströmte seinen ganzen Körper mit einer unerschöpflichen Kraft. Jetzt konnte ihn nichts mehr aufhalten.
"Halten Sie durch!", Mulder musste auch lächeln, ,,es ist doch ihr Geburtstag."
 
Währenddessen nicht weit von ihnen entfernt spuckten zwei Gestalten auf dem riesigen Gelände herum. "Sobald Sie draußen sind sprengen Sie."
"Darauf können Sie sich verlassen."
 
"Frohike, du solltest dich auch langsam mal auf den Weg machen."
"Ja, bin schon dabei Byers. Wie geht's der Verletzten?"
"Mir geht's gut!", versicherte Scully und nach einer Weile fügte sie hinzu: ,,Wie immer."
Draußen fuhr der Bus vor und Skinner und Bayers hatten schon einen Liegeplatz für Scully zurecht gemacht. Im Hintergrund hörte man den schreienden Wachmann, der Alarm schlug. Wahrscheinlich hatte er schon Verstärkung gerufen. Aber das war allen egal. Sie wussten, dass sie es schaffen würden.
Mulder setzte sich in den Wagen und legte Scullys Kopf auf seinen Schoß. Kurz warf er einen Blick auf das leicht zusammengefallene Gesicht und genauso kurz schoss auch ein Gedanke durch seinen Kopf. Hatte sie wegen ihm so leiden müssen? Aber dafür war keine Zeit und der Gedanke verschwand genauso plötzlich, wie er gekommen war. Erst einmal musste sie durchhalten. Sanft streichelte er Scullys Wange.
"Alles ist gut, alles ist gut. Jetzt ist alles gut."
Es war komisch. Scully wollte Mulder retten und schließlich rettete Mulder Scully.
Frohike sprang in den Wagen und Skinner drückte auf das Gaspedal in Richtung Krankenhaus.
Scully bekam nicht mehr mit, wie Sie die durchbrochene Schranke passierten und das Auto von der riesigen Explosionswelle ein bisschen angehoben wurde. Es konnte auch niemand Barny schreien hören, als er in Flammen aufging. Es interessierte Scully auch nicht, dass der Freund von den Lone Gunmen sein Auto wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Sie spürte Mulder und er spürte sie. Sie waren wieder vereint. Es war eine unglaubliche Kraft, die sie verband. Es war ein unglaubliches Gefühl. Es war...es war eine unglaubliche Liebe.
 
Als Scully das nächste Mal aufwachte, lag sie im Krankenhaus und fand Skinner neben ihrem Bette vor. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das grelle Krankenhauslicht.
"Hey, wie geht's Ihnen?" Die Müdigkeit stand dem Assistant Director ins Gesicht geschrieben. Er war doch wohl nicht die ganze Zeit bei ihr geblieben.
"Mir geht es...ich weiß nicht." Scully musste lächeln, als sie Fox auf ihren Füßen bemerkte.
"Die Krankenschwester hat erst ganz schönen Zoff gemacht, aber als er dann angefangen hat zu knurren, ließ sie es doch lieber bleiben. Ich habe noch nie so einen Hund gesehen.", meinte Skinner erklärend als er ihren Blick bemerkte.
"Wo ist Mulder?", fragte Scully und wollte sich aufsetzten. Skinner drückte sie in ihr Kissen zurück.
"Er wird gerade untersucht. Ihm geht es gut!"
"Du solltest lieber nach dir selber fragen." Byers kam ins Zimmer, gefolgt von Frohike und Langly.
"Stimmt, es hätte durch den einen Schuss ganz schön viel passieren können."
"Aber die lange OP hat sich gelohnt. Es wird nur eine sehr kleine Narbe und du sitzt ja auch noch hier."
Die drei umkreisten Scullys Bett und Langly streichelte Fox.
"Heute Abend können Sie raus Agent Scully. Nur überanstrengen dürfen Sie sich noch nicht. Und ein paar Wochen Urlaub werde ich auch noch rausquetschen können." , meldete Skinner sich wieder zu Wort.
"Danke Sir, aber ich denke, das ist nicht nötig. Wieviel Uhr ist es?"
"Zwölf Uhr morgens. Wollen Sie etwas essen?"
"Ähm...nein danke." Scully schaute auf ihre Decke. Ihre Kapazität an Gesprächen war erst einmal erschöpft.
"Soooooo, ich habe den Hund ja schon geduldet, aber der Rest muss jetzt raus. Sie braucht noch viel Schlaf." Skinner nickte seiner Agentin noch anerkennend zu und folgte den Lone Gunmen. Die kleine runde Krankenschwester schaute Scully kritisch an und lächelte dann. "Sie sind eine gefragte Frau. Aber jetzt ist es wohl besser, Sie haben erst einmal ihre Ruhe. " Scully nickte und schlief auch gleich darauf ein. Und sie fing wieder an zu träumen....
Mulder setzte sich leise auf den Stuhl neben dem Bett und betrachtete Scully. Sie schien etwas Schreckliches zu träumen. Sie drehte sich hin und her und redete irgendetwas Undefinierbares vor sich hin. Mulder hätte schwören können, dass er ein paar Mal seinen Namen gehört hatte. Er musste lächeln. Sie brauchte ihn genauso stark wie er sie. Mulder nahm Scullys Hand und streichelte sie. Ist ja gut Scully. Jetzt geht es wieder Berg auf.
Plötzlich standen die drei einsamen Schützen neben ihm.
"Ich vermute das ist nichts zu dem was sie noch vor kurzem in den Nächten durchgemacht hat.", flüsterte Byers und betrachtete Scully, die sich schon etwas beruhigt hatte.
"Wie seid ihr an der Schwester vorbeigekommen?"
"Ablenkung!"
Mulder nickte und nahm den Faden wieder auf. "So schlimm?" E schaute Byers fragend an. Frohike nickte und fing an zu erzählen. Von der Beerdigung. Scullys verzweifelter Versuch ihn doch noch lebend zu finden. Der Zusammenbruch. Wie sie zu Workaholikerin wurde und wie sie sich mit sämtlichen Leuten angelegte bis sie schließlich alles verdrängt hatte...und auch Kryzek ließ er nicht aus.
"Du brauchtest nur in ihre Augen zu sehen und du hattest Angst davor sie anzusprechen, geschweige denn anzufassen. So zerbrechlich sah sie aus. Und dennoch...man wollte sie am liebsten in die Arme schließen und trösten.", schloss er seinen Bericht.
"Und du solltest auch vorsichtig sein.", fügte Byers mahnend hinzu.
"Warum?"
"Ich meine, es ist doch wohl offensichtlich, dass sie sehr viel für dich empfindet und...", er hatte das Gefühl, es wären keine weiteren Worte nötig. Sie waren auch nicht die Richtigen dafür. Also beschlossen die Lone Gunmen im stillen Einverständnis zu gehen. Byers drehte sich um und die drei verließen den Raum.
Mulder aber nickte. Er saß noch lange da und hielt Scullys Hand. Byers konnte sich sicher sein, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Ganz bestimmt.
Gegen fünf stand er auf und ging. Er würde später noch einmal kommen. Sie brauchte Schlaf. Und auf einmal kamen ihm die müden Augen in den Sinn, die er gesehen hatte, als Scully ihn befreit hatte. Es war wohl nicht nur der Schmerz gewesen. Scully musste schon so viel durchleiden. Vielleicht sollte endlich einmal Schluss sein.
Und was war mit dem Fall? Die Verbrecher, die ihn entführt hatten? Mulder fragte sich schon warum das Gebäude so ziemlich leer war. Das FBI hatte noch drei andere Leichen gefunden. Das heißt Knochenfragmente, die sie als die eines Menschen identifizieren konnten. Und warum war das Haus kurz nachdem sie draußen waren explodiert? Keine Aufklärung, keine Antworten. Ihm war es egal, Scully hatte an ihn geglaubt und ihn gefunden. Er war wieder unter den Lebenden. Das war wichtiger. Dieses Mal wollte er gar keine Antworten. Eine weitere X-Akte. Ungelöst. Nicht mehr und nicht weniger...
 
Es war stockdunkel. Nur der Mond und die Sterne beleuchteten den Park und die glatte, schwarze Oberfläche des Sees. Scully war lange nicht mehr hier gewesen. Sie hatte ganz vergessen wie bezaubernd die Atmosphäre sein konnte. Sie saß im Schneidersitz auf einer Bank und Fox' Kopf lag wieder auf ihrem Schoß. Das leise Schnaufen des Hundes beruhigte sie.
Gleich nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde war sie mit 160 Sachen nach Hause gedüst und hatte Fox erst einmal etwas zu Futtern gegeben. Er hatte fast die ganzen Vorräte verputzt. Und auch Scully hatte sich den Bauch voll geschlagen. Ihre Wunde hatte sie schon fast vergessen.
In der Nacht hatte sie schlecht geschlafen, sich hin und hergewälzt wegen der Frage, ob Sie sich bei Mulder melden sollte oder nicht. Den ganzen nächsten Tag war Funkstille. Vielleicht brauchte Mulder die Zeit für sich. Vielleicht war es ja genauso wie bei ihr. Sie hatte viel nachzudenken. Sie musste sich über Dinge klar werden, die schon lange von ihr verdrängt wurden. Zum Beispiel über sich und Mulder. Über ihre Beziehung zueinander.
Sie dachte auch jetzt an Mulder. Auf dieser ruhigen, stillen Parkbank, zu der keine Geräusche der Großstadt durchdrangen.
Es war kein Traum gewesen, dass Mulder wieder da war. Aber es war ein Traum gewesen, dass sie ihn wieder verloren hätte. Den hatte sie im Krankenhaus gehabt. Schrecklich. Scully lief es eiskalt den Rücken runter. Schnell schaute sie auf den Hund, der ihren Blick erwiderte.
Es war schon komisch was für ein großes Vertrauen sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. Zuletzt hatte sie so eine Tier-Mensch Freundschaft in ihrer Kindheit gehabt.
Zart streichelte sie über Fox' Fell. Sie hatte ihn noch gewaschen bevor ihr die Idee gekommen war joggen zu gehen. Aber zum Joggen war sie nicht in der Stimmung gewesen oder besser gesagt gar nicht in der Lage, denn auch ihre Wunde durfte sie nicht belasten. Aber sie musste raus. Auch, wenn es nur für einen Spaziergang war.
Fox leckte ihre Hand und der dunkelrote Kapuzenpullover bekam auch ein bisschen ab. Scully grinste.
"Ich habe keine Leckerlis mehr Fox. Tut mir leid." Der Welpe rollte sich zur Seite um Scullys Turnschuhen auszuweichen.
"Na? Wollen wir zur Entschädigung noch etwas spielen?" Fox sprang auf als hätte er sein Frauchen verstanden.
"Ja, jetzt benimmst du dich halbwegs wie ein Welpe. Dann los!"
Sie sprang auf und rannte zwischen den Bäumen hindurch auf eine Art große Wiese, die weiter hinten schon wieder in einem See endete. Fox sprintete hinterher und sein Fell schimmerte majestätisch im Mondlicht. Scully lächelte und zauberte einen Tennisball hervor. Das brachte alle Mal mehr Spaß als joggen.
"Na dann, hol ihn!", schrie sie und warf den Ball so weit wie möglich. Oh, wie sie diesen Hund liebte.
Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Haar war wieder deutlich gewachsen. So eine Frisur hatte sie zuletzt vor ungefähr zwei Jahren. Scully atmete tief durch und genoss das Gefühl wieder richtig leben zu können. Jetzt war es gut!
Fox kam samt Ball wieder zurück, wollte ihn Scully aber nicht geben. Die verzog gespielt beleidigt das Gesicht.
"Komm schon, sonst kann ich ihn nicht werfen." Aber Scully war klar, dass das ein Fangspiel werden sollte. "Gut", sie duckte sich ein bisschen und die beiden umkreisten sich wie zwei Raubtiere, ,,dann muss ich mir den Ball eben holen."
Eine Sekunde lang schaute Scully den Hund ganz ruhig an und dann machte sie einen riesigen Satz auf ihn zu. Fox war allerdings schneller und war schon wieder weg als sie an der Stelle ankam.
Doch vor Eile ließ er den Ball fallen und Scully hatte ihn schon in den Händen bevor er das registrierte.
"Tja", rief Scully triumphierend aus, "ich bin dir wohl doch noch überlegen."
Fox drehte sich unbeeindruckt um, ging wieder langsam auf Scully zu, die sich hingesetzt hatte, und ließ sich streicheln. Das sollte wohl heißen, dass er genug für heute hatte.
"Mich würd's schon mal interessieren, wie Sie auf diesen Namen gekommen sind Scully."
Diese Stimme.
Scully stand auf und drehte sich zu Mulder um. Dann grinste sie.
"Ich denke, das wissen Sie!" Sie schaute ihn ernster an.
"Wie geht es Ihnen?", erkundigte sie sich.
"Gut, wie man sich eben so fühlt. Und Ihnen?"
"Besser.", antwortete sie wortkarg.
Mulder betrachtete seine Partnerin. Durch ihre längeren Haare sah sie jünger aus (Daja halt die Klappe) und durch das Laufen hatte sie Farbe bekommen.
Er hatte seine Partnerin schon eine ganze Weile beobachtet und schlecht zu gehen schien es ihr nicht mehr.
Plötzlich schrak er aus seinen Gedanken.
"Was denn? Begrüßt man so eigentlich einen Freund?", fragte er lächelnd und schloss Scully in die Arme. Erst war sie etwas überrumpelt, aber dann erwiderte sie die Umarmung mit allem, was Sie hatte.
Sie biss sich auf die Lippe und schloss die Augen. Wie lange hatte sie darauf warten müssen?
Lass mich bloß nie mehr los.
Auch Mulder schloss die Augen.
Sag jetzt bloß nichts Falsches. Denk nach!
"Ich habe Sie vermisst."
Scully kniff die Augen noch fester zusammen um nicht gleich in Tränen auszubrechen und öffnete sie dann wieder. "Ich Sie auch."
Es war nur ein Flüstern, aber Mulder hörte es laut und deutlich. Sie lösten sich wieder voneinander und schauten sich tief in die Augen.
Jetzt wusste Mulder was er die ganze Zeit vermisst hatte. Dieses Strahlen in Scullys Augen, dieses Lächeln, ihre Hand...dieses große Vertrauen.
"Was halten Sie von einem Spaziergang?" Scully nickte.
,,Geht in Ordnung."
Arm in Arm gingen sie auf den kleinen Pfad, der die große Rasenfläche in zwei Teile aufteilte. Scully holte noch einmal mit dem Ball aus und warf. Fox hetzte wieder munter hinterher und gab sein Bestes.
"Wie haben Sie mich gefunden?"
"Ich weiß nicht. Ich habe mich auf meinen Instinkt verlassen oder", Mulder zögerte und grinste dann, "würden Sie Gedankenübertragung als Erklärung vorziehen?"
Scully schüttelte den Kopf.
"Es war gestern Morgen, als ich ihn bekam", sie zeigte auf Fox. "Ganz überraschend von meiner Mutter. Byers und Co haben auch noch einen Beitrag geleistet und ich hatte sowieso eine Woche frei. Also habe ich ihn Probeweise zu mir genommen." Scully zuckte mit den Schultern.
"Als er auf die Rücksitze sollte weigerte er sich. Er wollte lieber vorne sitzen. Und als er dann neben mir saß... wie... wie was weiß ich....da kam mir der Gedanke, dass er in entfernter Weise durch sein braunes Fell einem Fuchs ähnlich sah." Mulder zog eine Augenbraue hoch und als Scully ihn von der Seite ansah, lächelte sie verlegen
"Und sicherlich ist die Verbindung mit Ihrem Namen auch nicht so weit hergeholt."
Mulder hielt an und Scully drehte sich fast automatisch zu ihm. Ihre Hände ruhten nun auf seinen Schultern und die seinen um ihre Taille. Langsam wiegten sie im Takt einer nicht vorhandenen Musik.
"Soll das heißen, dass Sie mich mit einem Hund gleichstellen?"
Ein schelmisches glänzen in seinen Augen verriet Scully, dass er seine Frage nicht ernst meinte.
"Wenn Sie mich so fragen. Nein!"
"Ich dachte schon, jetzt kommt ein ,Ja'."
Mulder schaute seine Partnerin an.
"Wissen Sie, dass Sie heute besonders hübsch aussehen Scully?" Diese schaute verlegen zu Boden.
"Danke."
Scully genoss diesen Moment noch einen Augenblick, schaute dann aber auf und ihre Augen glänzten wieder.
"Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen."
Sie waren am Ufer des nächsten Sees angelangt. Scully setzte sich auf den Rasen und lehnte sich gegen einen Baumstamm einer wunderschönen Weide. Mulder ließ sich neben ihr nieder.
"Ich habe hier früher oft gesessen und nachgedacht. Diesen Teil des Parks kenne ich wie meine Westentasche. So ziemlich überall hier ist mein Lieblingsplatz. Ich... ich war lange nicht mehr hier. Ich hatte, na ja, nicht die Zeit dafür."
"Ich denke, wir hatten beide schwere Zeiten.", meinte Mulder. Scully nickte.
"Sie haben mir wirklich gefehlt. Es ist schön, dass Sie wieder da sind."
Einige Zeit lang war es still.
Scully erinnerte sich an Mulders verschmutztes Gesicht. Er hatte wohl Stunden unter der Dusche verbracht, denn er sah jetzt wie geputzt und gestriegelt aus.
Sie lehnte sich an Mulders Schulter und betrachtete Fox, der vergnügt mit dem Ball herumtollte. Dann sah sie hinauf zum Mond und ganz plötzlich kam ihr das Lied Stand by me wieder in den Sinn. Wie ging es noch einmal?
When the night has come...
Mulder schaute Scully an und als diese seinen Blick erwiderte lag irgendetwas unheimlich prickelndes in der Luft.
...and the land is dark...
"Ich hatte befürchtet Sie nie wieder zu sehen", Mulder zögerte kurz, "ohne Ihnen etwas gesagt zu haben." Scully erwiderte nichts. Sie versuchte angestrengt seinen Blick zu deuten, aber sie hatte Mulder noch nie so gesehen.
...and the moon...is the only light we see...
"Ich...ich weiß nicht...es ist als wäre mir erst jetzt so richtig klar geworden, was Sie mir bedeuten. Das heißt irgendwo wusste ich es schon vorher, aber ich habe es verdrängt und.."
Auf einmal konnte Scully seinen Blick deuten. Sie wusste was kommen würde.
Das hatte sie befürchtet. Und gleichzeitig war es ihr größter Wunsch. Gedanken schossen wie Blitze in ihrem Kopf herum, aber dies war nichts, das sie mit ihrer Rationalität oder ihrem logischen Denken erklären konnte. Ihr Herz bekam die Überhand.
"Ich...", setzte Mulder noch einmal an, aber er wurde von Scully unterbrochen.
"Pscht!" Sie legte schnell ihren Zeigefinger auf seine Lippen und ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. "Wenn du es nicht ernst meinst, solltest du es nicht sagen." Um ihre Worte zu verdeutlichen schüttelte sie leicht ihren Kopf. Das würde sie sicher nicht verkraften.
Mulder war verblüfft. Sie wusste immer was er sagen wollte. Sie kannte ihn so gut. Aber das machte ihn nur noch sicherer. Er schaute in Scullys sanfte, blaue Augen, die nicht noch einmal verletzt werden wollten. Er brauchte nicht darüber nachzudenken.
"Ich liebe dich. So stark, wie ein Mensch zu lieben fähig ist." Und als er diese Worte aussprach, hätte nichts überzeugender klingen können. Scully war nicht in der Lage irgendetwas zu sagen. Stattdessen beugte sie sich leicht vor und küsste Mulder. Es war nur ein Hauch von einem Kuss. Ganz sanft, schüchtern. Aber für beide wurde es schnell zur Droge und ihre Küsse wurden leidenschaftlicher.
Mulder und Scully wussten, dass es von der Vernunft her falsch war, aber sie konnten nichts dagegen tun. Scully schmolz dahin. Sie bekam nicht genug. War das jetzt ein Traum? Nein, Mulder war ihr so nah...es war Wirklichkeit. Oh Gott, lass diese Nacht ewig dauern...
Warum musste Liebe nur so abhängig machen? Warum verlor man in der Liebe immer die Kontrolle? Jetzt hatte sie die Antwort. Liebe bestand aus bedingungslosem Vertrauen in den anderen. Und das war bei ihnen etwas ganz Besonderes. Wie konnte sie das nur so lange übersehen?
In seinen Armen hatte sie keine Angst mehr. Sie konnte sich fallenlassen und sie würde das Gleiche für Mulder tun. Jetzt fühlte sie wieder diese Geborgenheit, die sie immer so vermisst hatte.
...no I won't be afraid...nooo I won't be afraid...
Sie würden es schaffen. Alles. Es fühlte sich zu gut an um falsch zu sein.
Sie küssten sich noch lange. Doch irgendwann setzte sich eine Zufriedenheit auf Geist und Seele und den beiden reichte das einfache Zusammensein. Scully kuschelte sich in Mulders Arm und schaute hinauf in die Sterne.
Es war eine kalte, klare Nacht, aber sie spürte nichts davon. Sie war glücklicher denn je. Irgendwann brach Mulder das gedankenverlorene Schweigen zwischen ihnen.
"Scully?"
"Hm?"
"Ich...habe oft in die Sterne geschaut und ich habe immer gehofft, dass du auch gerade zu ihnen hinauf schaust."
Scully lächelte
"Dann ist dein Wunsch in Erfüllung gegangen. Die Sterne haben mich immer an dich erinnert. Wie sollten sie auch nicht?" Sie überlegte, wie der Bezug zu den Sternen entstanden war. "Erinnerst du dich an den Apolloanhänger? Oder als wir das Tagebuch von Samantha fanden?"
"Hm." Mulder lächelte als er an die tiefe Verbindung zu Scully dachte. An all die Jahre. Und es war ein seliges Lächeln.
"Mulder?" Scully schaute ihn an. Nein, jetzt hatte sie keine Angst mehr vor diesen Worten. Sie hatte keine Angst mehr vor ihren Gefühlen.
"Ich liebe dich auch."
Und sie ahnte noch nicht einmal wie viel Mulder diese Worte bedeuteten. Er beugte sich zu ihr runter und küsste sie noch einmal.
Scully schwebte irgendwo zwischen Himmel und Erde. Und dieses Mal konnten sie nicht aufhören.
Sie lagen noch etwa die halbe Nacht auf dem dunklen, feuchten Rasen, wärmten sich gegenseitig und genossen einmal in ihrem Leben ihre Zweisamkeit. Fox protestierte noch ein paar mal, kam dann aber zu Ruhe.
Ihre Mutter hatte ein weiteres Mal Recht gehabt. So war das immer.
...just as long...as you stand...
Sie wusste nicht was die Zukunft bringen würde, aber sie wusste, dass sie Mulder liebte. Ja, sie liebte ihn und die Abhängigkeit von ihm...


... stand by me...




SCHNUUUUUUUULZ! Aber besinnen wir uns wieder und kommen zur Realität zurück! Erst einmal ne bessere Schrift!

Test...Test... Ja, also? Feedback ist willkommen...na ja, eigentlich kann ich ja keine Kritik ab, schreie rum und schmeiße den Computer aus dem Fenster..., aber ich versuche mich zu beherrschen.
Ich möchte auch noch kurz eines klarstellen, weil ich auf die Idee mit dem Lied zuerst so stolz war. Ich habe diese Idee nämlich gehabt, bevor ich meine erste FanFic mit Liedtext gelesen habe. *lenibittetumapplaus*
Na ja, zum Thema erste FanFic muss ich wohl nicht sonderlich viel sagen, aber ich plane vielleicht noch eine Fortsetzung und ich bitte um Feedback und Vorschläge.
Ach ja, und an dieser Stelle möchte ich mich bei allen tollen Autoren entschuldigen, denen ich kein Feedback geschickt habe, obwohl ihre Geschichten kleine Meisterwerke waren. Soooooory!
Wer es bis hier geschafft hat, dem gratuliere ich!
Bis dann
Happyendige Grüße!
Leni

Vielen Dank für die Glückwünsche und für diese tolle Geschichte.
Ich hab mich sooo gefreut. Ich durfte sie gleich heute zu Ende lesen und es war toll. Es ist jetzt Viertel vor Mitternacht und ich habe stundenlang durchgelesen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Man kann sich nach über einem Jahr eben doch nicht so richtig an eine Geschichte erinnern, die man in großer Eile unter einem Tisch gelesen bzw. überflogen hat. Da kann sich dann herausstellen, dass man eigentlich gar nichts mehr wusste und es kommt einem vor, als würde man sie zum ersten Mal lesen. Das war auch gut so, denn sonst wäre es nicht so spannend gewesen.
Hier hast du dein Feedback. Wie du siehst, ist es gar nicht nötig den Compi aus dem Fenster zu schmeißen... Also lass ihn heil.
Bitte.
Und danke.
Daja Green

Anmerkung der Betaleserin:
Ich liebe dich für drei Dinge. Erstens, du hast meinen Krycek-Schatz so nett geschrieben *seuuuuufz*. Zweitens, du hast es nach Drittens, sooooooo viel Angst *liebeangst* noch zu einem soooooooooo süüüüüßen Happy End gebracht!!!
*leniganzdollknuddel*
SkySam