Titel:
Gedanken eines geheimnisvollen alten Mannes
Autor:
Sonja K.
Date:
12.12.2004
Kontakt:
dianalesky79@yahoo.de
Spoiler:
How the Ghosts stole Christmas
Kategorie:
H, MSR
Rating:
PG
Short-Cut:
Es geschah in der Weihnachtsnacht...
Disclaimer:
Sie gehören leider nicht mir, das hat mir mein Therapeut
erklärt. ;-)
Notiz
der Autorin: Dies ist mein Geschenk an euch alle, weil
Weihnachten ist und weil ihr so lange auf eine neue Fic von mir
warten musstet. Ich verspreche, dass ihr mehr von mir zu lesen
bekommt, sobald das wirkliche Leben mir eine Atempause gönnt.
@
meine Lieben: Ihr wisst, wer gemeint ist und wie viel ihr mir
bedeutet. Ich danke euch, dass ich euch kennen darf. An Rena
einen ganz besonders dicken Kuss für die Notfall-Beta. Ohne dich
wär ich verloren gewesen.
Fröhliche
Weihnachten euch allen, mögt ihr Skeptiker, Gläubige oder der
Grinch persönlich sein.
Luftraum
über Arlington,
USA
24.12.
0.37
Ich
glaube manchmal, ich werde zu alt für diesen Job. Nichts gegen
die weiten Reisen oder den Zeitdruck; auch die Zugluft ist kein
Problem, aber auf ein paar Dinge könnte ich doch verzichten. Da
wären zunächst einmal die Kamine. Welcher anständige
1500-jährige Mann rutscht schon Schornsteine hinunter?
Vollkommen würdelos ist das. Ganz zu schweigen davon, dass man
die engen Röhren auch wieder hinaufklettern muss. Wer das nicht
selbst einmal versucht hat, kann sich nicht vorstellen, wie
anstrengend es ist, in einem dicken, pelzbesetzten Wintermantel
mit 25 Pfund Übergewicht einen Schornstein hinaufzuklettern.
Womit wir schon beim nächsten Punkt wären: Warum können sich
die Menschen nicht vorstellen, dass ein Mann in meinem Alter sein
Idealgewicht hat? Das wäre auch viel gesünder, schon wegen des
Cholesterins, und auch fürs Herz, aber finden Sie mal
Arbeitskleidung in meiner Branche in Normalgröße. Vollkommen
unmöglich. Außerdem ist es meine Aufgabe, den Vorstellungen
meiner Zielgruppe möglichst genau zu entsprechen, und dank der
heutzutage allgegenwärtigen Werbung habe ich Pausbacken und
einen dicken Bauch zu präsentieren. Daher wohl auch diese
Unsitte, mir zum Dank Milch und Haferkekse hinzustellen. Wenn ich
nur an die Millionen von Haferkeksen denke, die ich in einer
einzigen nacht herunterwürgen muss, wird mir ganz anders. Denken
denn die Leute, ich sei am Verhungern? Meine Frau ist eine
hervorragende Köchin, vielen Dank.
Ein
weit größeres Ärgernis, neben dem all diese unangenehmen
Aspekte meines Berufes zu Kleinigkeiten verblassen, sind jedoch
die Skeptiker. Mir gehen nun einmal Menschen gegen den Strich,
die sich weigern, an den Geist der Weihnacht zu glauben und die
auf diese Weise auch ihren oder anderen Kindern die
Freude am Weihnachtszauber nehmen. Verstehen Sie mich nicht
falsch, ich erwarte von keinem Menschen über 12 Jahre, dass er
glaubt, ein einzelner alter, etwas beleibter Mann könne in einer
einzigen Nacht auf einem fliegenden Rentierschlitten um die ganze
Welt reisen und Milliarden von Kindern das richtige Geschenk
bringen, indem er, ohne forensische Spuren zu hinterlassen, in
deren Wohnungen eindringt und ebenso spurlos wieder verschwindet.
Diese Geschichte kann gern ein Geheimnis zwischen mir und den
Kindern bleiben. Aber davon spreche ich auch gar nicht. Mich
ärgern vielmehr die Menschen, die in keinster Weise an Wunder zu
glauben bereit sind, und mögen diese auch noch so klein sein.
Menschen, die für alles eine wissenschaftliche Erklärung und
einen hieb- und stichfesten Beweis benötigen, bevor sie es auch
nur in Erwägung ziehen, zu glauben. Menschen, die sich schlicht
weigern, sich verzaubern zu lassen. Das ist die zweitschlimmste
Sorte Mensch, die ich mir vorstellen kann. Die zweitschlimmste,
werden Sie jetzt fragen. Was kann denn für eine Fantasiegestalt
schlimmer sein als eine Horde ignoranter Skeptiker, die ihr die
Existenzberechtigung absprechen? Ich will es Ihnen verraten:
Schlimmer als alle Skeptiker zusammen sind die Gläubigen. Damit
meine ich nicht die Kinder, um Himmels willen. Ich rede von
ausgewachsenen Männern und Frauen, die einfach nicht erwachsen
werden wollen und die ohne das geringste Maß an gesundem
Menschenverstand unreflektiert alles glauben, was man ihnen
erzählt. Was an diesen harmlosen Spinnern so schlimm sein soll?
Von wegen harmlos! Diese Menschen werden so oft für ihre Ideen
und Überzeugungen verspottet und diskriminiert, dass es ihnen
irgendwann nicht mehr genügt, allein zu glauben. Statt dessen
haben sie es sich zu ihrem Kreuzzug gemacht, alle Anderen von dem
zu überzeugen, an das sie mit ihrer ganzen Hingabe glauben, egal
mit welchen Mitteln. Nehmen wir als Beispiel nur einmal die
Besessenheit der UFO-Gläubigen, mit der sie nächtelang auf
kalten und matschigen Feldern ausharren, auch auf die Gefahr hin,
sich eine Lungenentzündung zu holen, nur um einmal das jeden
Zweifel ausräumende Beweisfoto schießen und damit aller Welt
zeigen zu können, dass sie doch nicht verrückt sind. Und nun
stellen Sie sich bitte einen Augenblick lang vor, ein derart
besessener Mensch habe sich darauf versteift, die Existenz des
Weihnachtsmannes zu beweisen. Sie sind der Meinung, kein Mensch
könnte so verrückt sein? Oh, glauben Sie mir, das ist ein
fataler Irrtum. Ich bin gerade auf dem Weg zu einem Mann, der in
seinem Leben wohl schon an alles Unmögliche geglaubt hat.
Unglücklicherweise ist er kein durchschnittlicher Spinner,
sondern ein brillanter Mensch, der alles erreichen könnte, was
er will. Nur hat er leider sein Leben dem Kampf gegen Windmühlen
gewidmet und seine Seele einem Dämonen verschrieben, der ihn von
innen aufzufressen droht: Der Suche nach der Wahrheit hinter den
Lügen. Sobald er es schafft, eine seiner Theorien zu belegen,
taucht die nächste aus dem Nebel auf, und die Suche nach
Antworten und Beweisen beginnt von Neuem.
Dieser
brillante, total verrückte Gläubige hat es seit einigen Jahren
auf mich abgesehen. Er will beweisen, dass ich existiere und die
Wunder vollbringen kann, die man mir gemeinhin nachsagt. Dazu
bedient er sich der hinterhältigsten Tricks und weitest
entwickelten technischen Errungenschaften, die man sich
vorstellen kann. In einem Jahr hat er eine Kamera mit
Selbstauslöser an einen Bewegungsmelder angeschlossen und auf
dem Dach seines Apartmenthauses versteckt, deren Blitzlicht meine
Rentiere beinahe zu Tode erschreckt hätte. Zum Glück war es mir
ein Leichtes, den Film auszutauschen. Ein anderes Mal hatte er
eine Überwachungskamera im Flur installiert, die jedoch auf
magische Weise ausfiel, gerade als ich das Haus betrat... Er hat
es mit Fallen, Kameras, Bewegungsmeldern, Farbbomben, Superkleber
und mit Schlafmittel versetzten Haferkeksen versucht und versagt.
Ich frage mich allmählich, woher er das ganze Zeug hat. In dem
Jahr, in dem er einen mit einer Alarmanlage verbundenen
Stolperdraht installiert und sich persönlich auf die Lauer
gelegt hat, hätte er mich um ein Haar erwischt, wäre ich nicht
durch ein Fenster geflüchtet. Wissen Sie, so viel Aufregung ist
Gift für einen Mann meines Alters. Im letzten Jahr wollte er
offenbar wieder wach bleiben und mich erwarten, aber da kam ihm
seine Arbeitskollegin dazwischen, die ihn in der Weihnachtsnacht
besuchte. Im Gespräch mit ihr ist er dann auf seiner hässlichen
Couch eingeschlafen, und ich konnte in aller Ruhe meine Arbeit
tun.
Wenn
Sie ein Geheimnis für sich behalten können, verrate ich Ihnen
etwas: Ich mag diesen sturen Kerl, dessen größter Fehler seine
Leichtgläubigkeit ist und der alles tun würde, um die Frau
seines Lebens zu beeindrucken. Ja, Sie haben richtig gehört, er
macht diesen ganzen Unsinn nur für eine Frau. Sein größtes
Ziel ist es, seiner skeptischen Arbeitskollegin zu beweisen, dass
er nicht so verrückt ist, wie alle Welt denkt, damit er sich
endlich würdig fühlen kann, ihr den Hof zu machen. Wenn er
dieser Frau, die übrigens in die Kategorie der schlimmsten
Skeptiker fällt, einen unanfechtbaren Beweis für die Existenz
einer angeblichen Märchengestalt liefern könnte, so glaubt er,
würde sie ihn mit anderen Augen sehen und endlich auch als Mann
für voll nehmen. Was er jedoch nicht bedacht hat, ist, dass sie
keinen Beweis von ihm verlangt. In ihren Augen ist er bereits
mehr als würdig, ihr Herz zu besitzen, nur hat er das bis heute
noch nicht erkannt. Daher wird er sich wahrscheinlich auch in
diesem Jahr eine neue List ausgedacht haben, um mich zu stellen.
Aber was solls? Da muss ich jetzt durch, und angeblich
halten Abwechslung und Adrenalinstöße Körper und Geist jung
und frisch. Das kann ich in meinem Beruf nur zu gut gebrauchen.
Ah, da ist auch schon das Haus. Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen, ich habe eine Aufgabe zu erledigen, auf die ich mich besser konzentrieren sollte, wenn ich dieses Jahr nicht doch noch in eine Falle tappen möchte.
Mit
einem tiefen Seufzer lenkt der Weihnachtsmann seine Rentiere am
Fenster von Apartment 42 vorbei, um eventuelle Fallen möglichst
schon von draußen auszumachen. Erstaunt stellt er fest, dass
sich im stockdunklen Wohnzimmer nichts rührt, also zügelt er
die Rentiere vor dem Schlafzimmer. Er schaut hinein, und der
Anblick, der sich ihm bietet, lässt ein Lächeln um seine Lippen
spielen. Anstatt wie erwartet auf der Lauer zu liegen, schlummert
Fox Mulder friedlich in seinem Bett, in den Armen die zierliche
Gestalt seiner ebenfalls tief schlafenden Partnerin. Fox
große Nase steckt ausnahmsweise nicht in fremden
Angelegenheiten, sondern ist in Dana Scullys kupferfarbenem Haar
vergraben, das im sanften Licht der Nachttischlampe schimmert.
Auf den Gesichtern der beiden Schlafenden, sofern sie zu sehen
sind, liegt ein zutiefst ruhiger und glücklicher Ausdruck. Rund
um das Bett sind diverse Kleidungsstücke verstreut, darunter
auch eine rote Weihnachtsmütze. Es scheint, als habe der ewig
Suchende endlich gefunden, was ihm wirklich fehlte.
Die
Szene strahlt so viel Geborgenheit aus, dass der alte Mann vor
dem Fenster eine Träne der Rührung aus seinem Augenwinkel
wischen muss. Der Weihnachtsmann wirft noch einen Blick durch das
Fenster auf die beiden Liebenden, dann lenkt er die Rentiere
höher in die Lüfte und lässt den Schlitten geräuschlos auf
dem Dach aufsetzen. Heute Nacht wird er keine Schwierigkeiten
haben, die Bewohner dieses Hauses zu beschenken. Zwei von ihnen
werden von ihm einen ganz besonderen Herzenswunsch erfüllt
bekommen. Allerdings kann er nur hoffen, dass sich Skepsis und
Glauben nicht gleich stark in dem kleinen Weihnachtswunder
wiederfinden werden, das er den Liebenden in Apartment 42
bescheren will, denn sonst wird seine Aufgabe in den kommenden
Jahren ungleich schwerer werden. Mit leichtem Unbehagen denkt er
an einen weiteren kleinen Erdenbürger, der ihm Haferkekse
hinstellt und sich nächtens auf die Lauer legt, um ihn zu
erwischen womöglich mit verstreuten Murmeln oder mit
einem Betäubungsgewehr. Man kann schließlich nie wissen...
Ebenso
geräuschlos, wie er gelandet ist, hebt der Schlitten
schließlich wieder vom Dach ab und kreist ein letztes Mal über
dem Gebäude, bevor der alte Mann auf dem Bock entschlossen die
Zügel fester greift und dem nächsten Haus entgegensteuert,
dabei dem schlafenden Paar zuflüsternd: Fröhliche
Weihnachten, und euch beiden eine gute Nacht. Genießt euren
Schlaf, solange ihr noch könnt...
Ende, und
fröhliche Weihnachten!