RAPUNZEL
~ Einmal anders... ~

by SonjaK

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Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hießen William und Teena. Sie wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, und irgendwann machte sich Teena Hoffnung, dass ihr Wunsch erfüllt werden würde.
William und Teena hatten in ihrem Apartment ein Fenster, daraus konnte man auf einen prächtigen Garten sehen, der voll mit den schönsten Blumen und Kräutern war. Er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer bösen Zauberin mit Namen Diana Fowley gehörte, die große Macht besaß und von aller Welt gefürchtet wurde.
Eines Tages stand Teena an dem Fenster und sah in den Garten hinab. Da erblickte sie ein Beet, in dem die schönsten Sonnenblumen standen, und die sahen so gelb und strahlend aus, dass sie das größte Verlangen empfand, von deren Kernen zu essen. Das war in der Tat verwunderlich, weil sie einen solchen Wunsch noch nie zuvor verspürt hatte, aber sie dachte, das müsse mit einem Bedürfnis des ungeborenen Kindes zu tun haben.
Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine Kerne bekommen konnte, so magerte sie ab, sah blass und elend aus. Da erschrak William und fragte: "Was fehlt dir, liebe Frau?"
"Ach", antwortete sie, "wenn ich keine Sonnenblumenkerne aus dem Garten hinter unserem Haus zu essen bekomme, so sterbe ich. Unser Kind verlangt gar zu heftig nach ihnen, und ich fürchte, das wird mein Ende sein."
William, der seine Teena liebhatte, dachte: Eh du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Sonnenblumenkernen, es mag kosten, was es will.
In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, beraubte eine der zahlreichen Sonnenblumen ihrer Kerne und brachte sie seiner Frau, nicht bemerkend, dass er von einem Tier beobachtet wurde, das der Wächter der Zauberin war.
Teena begann sogleich, die Sonnenblumenkerne zu schälen, wobei sie schon bald eine erstaunliche Geschicklichkeit an den Tag legte, und verzehrte sie voller Begierde. Sie hatten ihr aber so gut geschmeckt, dass sie am anderen Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Das Kind in ihrem Leib schien auf den Geschmack gekommen zu sein und verlangte nach mehr. Sollte sie Ruhe haben, so musste ihr Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder auf den Weg. Als er die Mauer hinunterkletterte, erschrak er gewaltig, denn vor ihm stand ein riesiger Fuchs und blickte ihn mit gefletschten Zähnen an. William dachte schon, sein Ende sei gekommen, als ihm der Revolver einfiel, den er zu seinem Schutz vor der Zauberin mitgenommen hatte. Er zog die Waffe und erschoss den Fuchs, der ihn bedroht hatte. Voller Bedauern blickte er auf das schöne, reglose Tier, als ihn ein Geräusch aufschreckte. Vor ihm stand die Zauberin.
"Wie kannst du es wagen", sprach sie zornig, "in meinen Garten zu steigen und mir meine Sonnenblumenkerne zu stehlen und noch dazu meinen geliebten Fuchs zu töten? Das soll dir schlecht bekommen."
"Ach", antwortete er, "lass Gnade vor Recht ergehen. Ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Sonnenblumen aus dem Fenster erblickt und hat so großes Verlangen nach den Kernen, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme."
Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: "Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Sonnenblumenkerne mitzunehmen, soviel du willst. Ich mache aber eine Bedingung: du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gutgehen, und ich will für es sorgen."
Der Mann versprach in seiner Angst alles. Und als wenig später Teena das Kind bekam, erschien am selben Tag die Zauberin, gab dem Kind den Namen Fox, um an ihren toten Fuchs zu erinnern, und nahm es mit sich fort.
Fox war das schönste Kind auf der Welt. Als er zwölf Jahre alt war, schloss ihn die Zauberin Diana Fowley in einen Turm, der in einem Wald lag und weder Treppe noch Türe hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Sie tat dies, damit niemand ihr den Fox wegnehmen konnte, denn sie wollte warten, bis er alt genug war, und ihn zu ihrem Mann machen, weil er so schön war mit seinem dunklen Haar und den haselnussbraunen Augen.
Wenn die Zauberin zu ihm hinauf wollte, so stellte sie sich unten vor dem Turm auf und ließ sich von befreundeten Außerirdischen zu im hinauftragen.
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass eine tapfere Ritterin mit Namen Dana in dem Wald ihren Hund spazieren führte und an dem Turm vorüberkam.
Da hörte sie eine Stimme, die sie tief in ihrem Innern berührte, so dass sie stehen blieb und lauschte und nach deren Ursprung suchte. Das war Fox, der sich die Zeit vertrieb, indem er laut die Sterne am Himmel zählte. Die Ritterin Dana wollte zu ihm hinaufsteigen und suchte nach einer Tür in dem Turm, aber es war keine zu finden. Sie ging enttäuscht wieder heim, doch der Klang der Stimme hatte ihr Herz so sehr verwirrt, dass sie nicht mehr schlafen konnte und jede Nacht wieder zu dem Turm hinausging, um Fox sehen zu können. Eines Tages hatte sie eine Idee. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sprach ihn an.
"Wer bist du?" rief sie zu ihm herauf. "Und warum zählst du in jeder Nacht die Sterne?"
Zuerst war Fox erschrocken, als er die fremde Stimme hörte, denn bisher hatte er nur die Zauberin gekannt. Als er jedoch den freundlichen Ton vernahm, in dem Dana zu ihm sprach, fasste er Vertrauen und erzählte ihr seine Geschichte.
"Und nun sitze ich hier Tag und Nacht allein im Turm und langweile mich, denn die Zauberin will mich nicht hinauslassen, bis ich sie heirate." schloss er.
"Willst du sie denn heiraten?" erkundigte sich die Ritterin Dana.
"Ich weiß es nicht. Ich kenne niemanden außer ihr, und sie war immer gut zu mir. Aber irgendein Gefühl sagt mir etwas anderes."
Nach diesem Gespräch schenkte Dana Fox ein Handy, das er mit einer Schnur zu sich in den Turm ziehen konnte, damit er nicht  immer so einsam war. Weil sie Angst hatten, die Zauberin könne etwas von ihren Gesprächen bemerken, meldeten sie sich niemals mit ihren Namen, sondern nur mit den Worten "Ich bin’s."
Mit der Zeit waren die Ritterin Dana und Fox in seinem Turm Freunde geworden, und Dana sann nach einer List, wie sie ihn von Angesicht zu Angesicht sehen könnte. Fox hatte ihr verraten, dass sich die Zauberin der Hilfe von Außerirdischen bediente, aber das konnte sie nicht tun, da sie nicht mit der gleichen dunklen Macht verbündet war wie Diana. Sie erwog nun verschiedene Möglichkeiten und kam schließlich auf eine Idee, als sie zufällig an einer Stelle im Wald vorbeikam, an der einige Leute illegal ihren Sperrmüll abgeladen hatten. Ritterin Dana trug eines Nachts, als die Zauberin gerade gegangen war, einige ausrangierte Büromöbel zum Turm und begann, sie aufeinander zu stapeln, bis sie auf ihnen zum Fenster hinaufsteigen konnte.
Zuerst war Fox bei ihrem Anblick ein wenig schüchtern, aber als sie mit ihm zu sprechen begann, fanden sie bald die gleiche Vertrautheit wie bei ihren Telefongesprächen, und als Dana ihn fragte, ob er nicht mit ihr kommen wollte, nahm Fox ihre Hand und sagte ja, denn er hatte sich in sie verliebt. Er sprach: "Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich hinunterkommen kann. Auf dem Möbelturm kann ich nicht hinabklettern, denn er ist zu schwach und würde mich nicht tragen. Wenn du kommst, so bringe jedesmal ein wenig Holz mit. Daraus will ich mir eine Leiter bauen, die ich unter meiner Schlafcouch verstecken werde, und wenn sie fertig ist, so steige ich hinunter, und du nimmst mich mit."
Sie verabredeten, dass sie bis dahin alle Abende zu ihm kommen solle, denn bei Tag kam die Zauberin. Diese merkte auch nichts davon, bis sie einmal zu Fox sagte, es sei allmählich an der Zeit, dass sie heiratetet. Da verriet er sich in seiner Verzweiflung und sagte: "Aber ich kann Euch nicht heiraten, denn ich liebe doch Dana."
"Ach du gottloses Kind", rief Diana, "was muss ich von dir hören? Ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!"
In ihrem Zorn schleuderte sie die beinahe fertige Leiter aus dem Fenster und verbannte den armen Fox in eine Wüstenei, wo er in großem Jammer und Elend leben musste.
Am selben Tag aber, an dem sie Fox verstoßen hatte, verbarg sich die Zauberin im Turm und wartete auf die Ritterin, um sich schrecklich dafür zu rächen, dass sie ihr Fox weggenommen hatte.
Dana holte nun die Möbel aus dem Gebüsch, in dem sie sie nach ihren Besuchen immer versteckte, stapelte sie aufeinander und kletterte zum Turm hinauf. Aber sie fand oben nicht ihren geliebten Fox, sondern die hässliche, faltige Zauberin, die sie mit bösen und giftigen Blicken ansah.
"Aha", rief sie höhnisch, "du willst deinen Liebsten holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird auch dir die Augen auskratzen. Für dich ist Fox verloren, du wirst ihn nie wieder erblicken."
Die Ritterin Dana geriet außer sich vor Schmerz, und in ihrer Verzweiflung stürzte sie sich vom Turm hinunter. Sie blieb am Leben, aber der Bleistiftspitzer, in den sie fiel, zerstach ihr die Augen. Da irrte sie blind im Wald umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren und konnte nicht einmal ein Feuer machen.
So wanderte sie einige Zeit im Elend umher und geriet schließlich in die Wüstenei, in der Fox kümmerlich lebte. Als er sie erblickte, fiel er ihr um den Hals und küsste ihre Lider, und da wurden ihre Augen wieder klar, und sie konnte wieder sehen wie vorher. Sie nahm ihn mit in ihr Apartment, und er wurde auch Ritter, und so lebten sie noch lange glücklich und vergnügt.
 
 

~ Finis ~