Title:                          vulnerable

Authors:                     manja and blue

Disclaimers:              they belong to each other, and that`s the only truth, furthermore to CC and 1013 productions

Spoilers:                    memento mori

Rating:                       NC17, Character Death, DAGS

Short cut:                  Träume sind die Verarbeitung unserer Gefühle, unseres Alltags und unserer Gedanken. Unser Unterbewusstsein verarbeitet all dies Nacht für Nacht. Die logische Schlussfolgerung daraus ist also, dass unser Handeln unsere Träume bestimmt. Doch was, wenn sich diese Logik umkehrt? Träumen wir dann unser Leben? Leben wir unseren Traum? Wir sollten aufhören von etwas zu träumen, was die Realität uns unter den allgemein geltenden Regeln nicht bieten kann. Aber wenn diese Regeln plötzlich nicht mehr von Bestand sind und ihre Bedeutung verlieren, dann wird´s erst richtig spannend...

Author notes

by manja:                   Mensch, was soll ich sagen? Schon wieder ne DAGS von Annette und mir. *lol* Diese Story hatte ne verdammt schwierige Geburt! Und ich hoffe, es hat sich gelohnt. An dieser Stelle möchte ich der Annette noch mal danken, dass sie es mit mir immer so aushält. Also vielen Dank für deine Freundschaft und wir sehen uns in London... *g*

Authors note

by blue:                      Was soll ich sagen? Wieder einmal ein Meisterwerk. *hihi* Hat aber auch ganz schön lange gedauert. Ich merke gerade, dass ich irgendwie das gleiche schreibe wie Manja. Also schließe ich mich ihren Worten ganz einfach an. Danke möchte ich auch ihr sagen, weil es wirklich richtig Spaß macht mit ihr Stories zu schreiben und überhaupt etwas mit ihr zu machen. London ist unser Stichwort und mittlerweile schon zu unserem zweiten Zuhause geworden. Ich hoffe, dass wir noch viele Jahre miteinander schreiben, reden und lachen werden.

Danke:                       Vielen lieben Dank an Manu, die immer die tollen Betas zu unseren Stories macht! Gaaaaaanz viel Daaaanke!!!

Feedback:                 mysty_msr@lycos.de and bluescully@aol.com

 

 

 

°°°VULNERABLE°°°

 

 

Ein warmer Sonnenstrahl drängte sich seinen Weg durch die schweren Vorhänge. David öffnete seine Augen. Montag morgen. Und er musste aufstehen. Ein Geräusch aus dem Badezimmer lies ihn aufhorchen. Schnell sah er sich um. Der Platz neben ihm im Bett war leer. David stand auf und ging in Richtung Badezimmer. Es war nicht sein Haus. Es gab viele Dinge, die ihm gehörten, viele Dinge, die er schon mal irgendwie gesehen hatte. Keine Bilder auf dem Kamin. Teilweise waren es seine Möbel, teilweise aber auch nicht. Aber das störte ihn nicht. Die Badtür war nicht verschlossen, ein kleiner Spalt lies dort eine Person erahnen. Er stieß sie vorsichtig an, sodass die Tür ohne ein Knarren aufging. Ohne weiter darüber nachzudenken, dass Gillian über der Toilette gebeugt das Dinner vom letzen Abend erbrach, eilte er zu ihr auf den Fußboden. Von dem Regal neben ihm nahm er die Box mit den Kosmetiktüchern und zog drei Stück heraus. Gillian stützte sich auf die Toilettenbrille. Als es aufgehört hatte, entspannte sie wieder ihre Muskeln. David legte einen Arm besorgt um ihre Schulter und reichte ihr die Zellstofftücher.

„Danke. Muss was Falsches im Essen gestern gewesen sein,“ flüsterte sie kaum hörbar.

Er wusste nicht mehr, was sie gestern gemacht hatten. Aber als er Gillians Tränen sah, war es ihm auch gleichgültig. Er zog sie zu sich heran und hielt sie einfach nur fest. Jeder hatte einmal einen schlechten Tag, an dem man sich über jede Kleinigkeit ärgern könnte, und da war es wichtig, dass jemand in der Nähe war. Und das wollte er gerne sein.

 

Später am Tag schlenderten sie Hand in Hand durch die Straßen von Chicago. Es war noch kein Frühling, aber die Temperaturen in diesem verrückten Jahr wanderten ständig auf und ab. Hier und dort konnte man sogar schon Schneeglöckchen sehen. Schneeglöckchen im Februar! Es wird wohl ein vielversprechendes Jahr werden! Dennoch schien alles um sie herum völlig normal zu sein. Ruckartig schaute Gillian auf ihre Armbanduhr.

„Oh Dave, wir müssen los. Sonst kommen wir noch zu spät, und du weißt, was das heißt.“

Ja, das wusste er durchaus. Und aus welchem Grund auch immer, er wusste, dass sie von Chris gesprochen hatte. Er zwinkerte ihr zu und erntete dafür eins ihrer 1000 Watt Lächeln. Als er am Steuer saß, führte er das Auto sicher durch zahlreiche Straßen, ohne wirklich zu wissen, wo er eigentlich hin sollte. Gillian raschelte mit irgend etwas neben ihm, dann roch es nach Salzgebäck. Sie fummelte mit ein paar Salzstangen vor seinem Mund herum.

„Auch welche?“

Ohne zu zögern schnappe er mit seinem Mund zu und grinste schelmisch. Gillian war einfach wunderbar. Dann hielt er – aus reiner Intuition – den Wagen an.

„Wir sind da.“

 

Tatsächlich fanden sie sich am Set von den X- Files wieder. Eine Menge bekannter Gesichter liefen um sie herum, schenkten den beiden jedoch keine weitere Beachtung wie sonst auch. Gillian nahm seine Hand und zog ihn durch herumliegende Requisiten und schimpfende Kabelträger. Sie drehten gerade die Folge „Memento Mori“, denn David konnte den Krankenhausgang und Scullys Röntgenbilder wiedererkennen.

Wenig später mimte er Mulder, der in der Endszene mit Scully um ihr Leben weinte. Dass sie es schaffen würden, und dass sie wieder arbeiten wolle. Mit einer Umarmung wollte er ihr all das ohne Worte sagen, und sie verstand. Die Kamera schwenkte in einer ergreifenden Fahrt über die beiden Hauptdarsteller, dann war die Szene im Kasten.

 

David liebte diese Folge. Doch leider war dieser Drehtag auch schon wieder schneller vorbei, als er überhaupt gekommen war. Die Sonne hatte sich schon von Chicago verabschiedet, lies den Himmel aber noch in einem schönen Rot erstrahlen. Am Set waren die Meisten schon nach Hause gegangen, als Gillian ihn plötzlich aus dem Nichts von hinten umarmte.

„Na du? Woran denkst du?“

Er drehte sich zu ihr um.

„An dich!“

Dafür bekam er einen langen und zärtlichen Kuss. Er hatte vergessen, wie schön es immer mit ihr war. Und wieso er ausgerechnet jetzt mit ihr zusammen sein durfte. Sie unterbrach schließlich den Kuss und deutete an, nach Hause zu fahren.

 

Wieder Daheim kuschelten sie sich auf das Bett. Der Kamin lies die hellen, warmen Flammen in einem lustigem Spiel zusammen tanzen. Gillian lag auf seinem Oberarm und er strich mit der Hand durch ihr langes Haar. Mit seiner anderen Hand hielt er sie am Arm fest, welcher auf seiner Brust plaziert war. Sie zeichnete kleine Kreise auf sein T-Shirt, als sie ihren Kopf anhob und ihm in die Augen sah.

„Ich liebe dich!“

Im Schein des Feuers konnte er nur schwer ihre genauen Gesichtszüge ausmachen. Aber er konnte sich vorstellen, dass ihre Augen jetzt verträumt auf seine gerichtet waren.

„Ich dich auch!“

Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn leidenschaftlich. Es war die perfekte Welt. Ohne Leid und Trauer, Zweifel und Zwiespalt oder Angst und Einsamkeit. Ihre Haut war warm und weich, nie könnte er sich von ihr abwenden. Er war dazu bestimmt, sich in ihr zu verlieren.

 

Es mussten Wochen vergangen sein, denn an diesem Tag konnte er sich nicht mehr als „gestern“ erinnern. Es war ein drehfreier Tag. Gillian war in die Stadt gefahren. Sie bestand darauf, alleine zu fahren, also nutzte er die übrige Zeit, ein paar Skripte zu lesen und sich so viele Zeilen wie möglich einzuprägen. Es machte definitiv mehr Spaß mit ihr zu lernen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass sie nun schon drei Stunden weg war. Er stand auf und ging hinüber zu der Balkontür. Den Ausblick nahm er allerdings nicht auf. Dann nahm er endlich das knackende Türschloss wahr und drehte sich erleichtert um. Er sah sofort, dass etwas nicht stimmte und machte ein paar Schritte in ihre Richtung.

„Was ist los?“

Sie sah ihn nicht an, mied seine Blicke so lange wie sie es nur konnte. Nur ganz langsam legte sie ihre Handtasche auf die Kommode und zog ihren Mantel aus. Das entsprach einfach alles nicht der Realität. Er trat nun endgültig hinter sie. Er konnte ihre Hitze spüren. Sie drehte sich schließlich zu ihm um. Es blieb ihm fast das Herz stehen, als er ihre Tränen sah. Hilflos sah er sie an. Hatte er etwas falsch gemacht? Er wollte sie halten, doch sie ließ es nicht zu.

„Was ist passiert?“ wiederholte er seine Frage.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. Es musste etwas ganz Schreckliches passiert sein, und er machte sich auf das Allerschlimmste gefasst. Nun sah er auch ihre Augen erst richtig. Sie waren vollkommen gerötet, wie lange hatte sie schon geweint? Wie lange musste sie sich schon damit rumschlagen? Dann öffnete sie die Augen wieder und schüttelte den Kopf.

„Du kannst es mir sagen.“

Sie sah ihm direkt in die Augen. Alles was er in ihnen sehen konnte war die pure Angst und Verzweiflung.

„Ich wollte gar nicht mehr weinen, wenn ich hier bin.“

„Ist okay.“

Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Eigentlich sollte ich es niemandem erzählen. Das wäre das Beste,“ schwor sie auf ihn ein. Doch er wand seinen Blick nicht eine einzige Sekunde von ihr ab.

„Ich bin schwanger, Dave!“ sagte sie so leise, dass er es kaum verstehen konnte.

Hatte er das richtig verstanden? Er war sich nicht klar, wie er sich verhalten sollte. Klar war nur, dass er dringend etwas sagen sollte, sie beruhigen sollte... wollte. Er wollte sie in den Arm nehmen, doch als er sie berührte, brachen ihre Knie zusammen. David konnte sie gerade noch auffangen. Er trug sie in das Wohnzimmer und ließ sich mit ihr auf einen Sessel nieder und deckte sie fürsorglich zu.

„Warum weinst du dann?“

Nun legte sie ihren Kopf an seinen Oberkörper und winkelte ihre Beine ängstlich an.

„Du bist mir nicht böse?“

Wieso dachte sie, dass er böse mit ihr war? Dazu gehörten schließlich immer noch zwei. Auch, wenn er das nicht erwartet hatte, fing er nun an sich zu freuen.

„Shh, wie könnte ich?“

Langsam schaukelte er sie hin und her.

„Beruhig dich doch erstmal!“

„Was sollen wir denn jetzt machen, Dave?“

Er fasste noch fester um sie.

„Es ist doch kein Unfall Gill! Und wir beide sind alt genug, um damit umzugehen.“

„Wir schaffen das nicht, ich weiß es.“

Wie konnte sie so etwas sagen, sie waren dabei ihr Glück zu vollenden. Selbstverständlich würden sie es nicht leicht haben mit einem Baby. Aber sie würden es schaffen! Plötzlich fing Gillian an zu zittern.

„Und was wird aus Tea und Jul?“

Diese Namen. Er wusste, dass Tea seine Ehefrau war. Aber wo war sie eigentlich? Wo war sie jetzt? Und in den vergangenen Tagen? Wo war sie? Kein einziges Mal hatte er an sie gedacht, kein einziges Lebenszeichen hatte er von ihr gehört. Dennoch war sie präsent, sogar hier im Raum. Er musste sich eingestehen, dass er auf diese Frage keine Antwort wusste.

„Und die Presse, oh mein Gott die Presse. Wenn die das rausfinden?“

Es kam ihm ein wenig seltsam vor, schließlich lebten sie zusammen und die Presse hatte es noch nicht herausgefunden. Aber eine Schwangerschaft. Die ließe sich nicht so einfach verbergen. Gillian schluchzte in sein Sweatshirt. Irgendwie war das alles so surreal.

„Ich liebe dich, und ich bin bei dir. Du musst da auf keinen Fall alleine durch! Ich werde immer an deiner Seite sein, egal was kommt. Bitte beruhige dich doch!!“

„Ich bin so froh, dass ich es dir doch gesagt habe. Die letzte Stunde war schrecklich,“ flüsterte sie dann.

„Hab keine Angst. Schließ die Augen.“

Er schaukelte sie wieder leicht. Ihr Zittern wurde weniger und sie schien tatsächlich zu dösen. Sie musste vollkommen fertig mit den Nerven sein. Er konnte einfach nicht verstehen, dass sie solche Angst hatte. Sie war so überzeugt, dass ein Baby ein schlechtes Zeichen wäre, dass es ihm schon selbst Angst machte. Ein Baby, ein Baby, das von ihm und Gillian war. Das aus Liebe entstanden war. Wie konnte denn das etwas Schlechtes sein? Als er sich sicher war, dass sie eingeschlafen war, trug er sie ins Bett und deckte sie vorsichtig zu. Wenn sie wieder aufwachen würde, dann würde das alles schon ganz anders aussehen. Und er würde nicht einen Schritt von ihr weg gehen. Er würde hier warten, bis sie wieder aufwachte.

 

Er hatte durchaus gewartet bis sie aufgewacht war. Doch die Erinnerung war verblasst. Es war, als fehlte ein Stück in einem Film. Dafür wusste er aber, dass er keine Gelegenheit ausgelassen hatte, es ihr bequem zu machen. Mehr als nur ein Mal hatte er ihr gesagt, das er sich auf das Baby freue. Schon allein der bloße Gedanke, dass sie ihrer beider Kind unter dem Herzen trug, machte ihn glücklich. Es musste nun schon zwei Wochen her sein, dass sie von der Schwangerschaft wussten. Wieder saß er allein im Wohnzimmer und studierte sämtliche Skripte, während er auf Gillian wartete. Wieder hörte er das Klicken des Türschlosses und wusste, dass sie endlich wieder daheim war. Er konnte es kaum erwarten sie wiederzusehen, denn er hatte eine Überraschung für sie. Schon gestern hatte er einen kleinen Strampler für den neuen Erdenbewohner gekauft. Der war so winzig.

„David?“

Er drehte den Sessel herum und lächelte sie an. Sie kam auf ihn zu und setzte sich auf den Tisch, direkt vor ihm.

„Was, gar keinen Begrüßungskuss? Dabei habe ich eine kleine Überraschung für dich. Naja, eigentlich hatte ich es schon gestern gekauft...“

„Dave, ich muss mit dir reden,“ unterbrach sie ihn. Verdammt klang das ernst. Es wird doch wohl hoffentlich alles in Ordnung mit ihr sein? Sie machte einen ganz stabilen Eindruck, fast schon, als hätte sie eine Art innere Ruhe gefunden, die sie vor kurzem verloren hatte. Er hatte gewusst, dass sie sich nach einiger Zeit auch auf das Kind freuen würde. Dass sie es beide schaffen würden. Schließlich waren sie zu zweit, und er wollte auch gar nichts anderes mehr.

„Es, es wird dir sicher nicht gefallen, aber ich habe eine Entscheidung getroffen.“

Mit verzogenen Augenbrauen sah er sie an. Er verstand nicht.

„Ich möchte mir einen Termin für eine Abtreibung geben lassen.“

Er stand auf, das konnte sie nicht. Sie tat es ihm gleich, aber das hätte sie auch gut sein lassen können. Der Größenunterschied war enorm. Er schüttelte mit dem Kopf.

„David, versteh doch.“

„Das ist es ja, ich versteh es eben nicht. Erklär es mir!“

Er stemmte seine Arme in seine Taille. Es musste bedrohlich auf sie wirken. Sie setzte sich wieder, es hätte eh nichts gebracht.

„Bitte setz dich hin.“

Er tat wie ihm gesagt und ließ sie nicht einen Moment aus den Augen.

„Dave, wir können kein gemeinsames Kind haben. Das ist gegen die Regeln!“

„Was denn für Regeln? Meinst du nicht, dass wir alt genug sind, um damit umzugehen?“

„David, bitte glaube mir. Es war keine einfache Entscheidung, und ich bin mir sicher...“

„So, keine einfache Entscheidung, ja? Du warst doch von Anfang an gegen dieses Kind. Du hast ihm nie eine wirkliche Chance gegeben..“

„Weil es keine wirkliche Chance hat, David!“

„Jeder muss eine Chance zum Leben bekommen! Du hast unser Kind doch von Anfang an gehasst!“

Erst jetzt merkte er, wie tief sie atmete. Es war ihm durchaus bewusst, welch harte Worte er da gerade sagte, aber die waren seiner Ansicht nach nötig, um Gillian zur Vernunft zu bringen.

„Ich habe es nicht gehasst. Wie kannst du so etwas denken?“ sagte sie nun mit etwas leiserer Stimme.

Sie stand auf.

„Ich denke, ich werde jetzt gehen.“

Er stand auf und stellte sich ihr in den Weg.

„Nein, du wirst jetzt nicht gehen. Wir werden reden.“

„Es hat doch keinen Sinn, das siehst du doch. Lass mich bitte durch, David.“

Er stellte sich noch breiter vor ihr hin und benutze seinen Arm als Schranke.

„Wie kannst du das überhaupt alleine entscheiden? Es ist auch mein Kind, verstehst du?“

„Noch .. ist es gar nichts, David.“

Tränen kullerten ihr Gesicht hinunter.

„Ich dachte, du würdest mich verstehen, du würdest mich unterstützen. Glaubst du denn, dass mich das alles kalt lässt? Weißt du eigentlich, wie viele Nächte ich neben dir leise in das Kissen geweint hab, weil ich weder ein noch aus wusste? Vertrau mir, es ist die richtige Entscheidung!“

„Es ist deine richtige Entscheidung, denn ich will unser Kind,“ sagte er nun leise.

Keiner sagte etwas. Er hob seine Hand und wischte leicht über ihre Tränen.

„Wovor hast du Angst?“

„Vor allem, es zerstört einfach alles. Deine Ehe, meine Zukunft, alles.“

„Das ist nicht wahr. Es ist ein Anfang. Ich gebe ja zu, es wird nicht leicht werden, aber es ist machbar.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf und starrte auf den Fußboden.

„Ich hatte gehofft du würdest dabei sein, wenn..“

Sie sprach nicht weiter. Er konnte es nicht glauben, sie würde es wirklich tun. Sie würde das einzige, was sie je im Guten zustande gebracht hatten, wegwerfen, vernichten.

„Ich werde nicht zusehen wie du unser Baby tötest!“

Sie hob ihren Kopf und sah ihn mit feuerroten Augen an, in der Hoffnung er würde sie verstehen. Sie wünschte er würde sie in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles wieder gut werden würde. Doch er tat es nicht. Statt dessen kullerte auch ihm eine verlorene Träne die Wange hinunter.

„Bitte denke noch mal über deine Entscheidung nach.“

„In den letzten Tagen habe ich nichts anderes gemacht, ich habe mich entschieden. Es tut mir leid, dass wir nicht einer Meinung sind.“

Sie trat an ihm vorbei und verließ schließlich das Appartement.

Er wagte es nicht sich zu bewegen. Wie konnte sie eine Abtreibung wollen? Es war auch sein Kind, doch was konnte er schon unternehmen? Ihm war ganz übel bei dem Gedanken. Das hatte er einfach nicht von Gillian erwartet. Langsam ging er in die Küche. Die erstbeste Tasse musste dran glauben und wurde unsanft gegen den Kühlschrank geschleudert. Zum Teufel noch mal! Wütend auf sich selbst ging er ins Schlafzimmer. Auf dem Tisch lag der eingepackte Strampler. Er riss das mit Teddybären bedruckte Geschenkpapier langsam auf, bis er den weißen Stoff des Stramplers sehen konnte. Es quälte ihn ungemein. Er nahm ihn ganz aus dem Papier und setzte sich auf das Bett. Er führte ihn an sein Gesicht. Er war weich, aber kalt und leblos. Nun konnte er es nicht mehr zurückhalten. Er lehnte sich zurück und umfasste den Strampler so fest er nur konnte. Die Tränen liefen unaufhaltsam sein Gesicht herunter.

 

David saß im Wohnzimmer. Er hatte sich den Sessel vor die Balkontür gestellt und sah einfach nur nach draußen. Wie viele Tage mussten nun schon vergangen sein? Drei? Vier? Er wusste es wieder einmal nicht. Es war auch egal. Es hatte sich nämlich nichts geändert. Kein einziges Zeichen von Gillian, wo er sie doch so sehr vermisste. Er wollte sie gerne sehen, einfach nur sehen. Auch wenn es nur für einen ganz kurzen Augenblick war. Wie musste sie sich fühlen? Hatten sie beide überhaupt noch eine Chance? Wie würde es weitergehen? Hatte sie es schon getan, oder waren sie noch zu dritt? Ein schrilles Geräusch ließ ihn aufschrecken. Das Telefon. Er wollte mit niemandem reden, auch nicht einmal mit ihr. Sehen ja, reden nein. Der Anrufbeantworter sprang an.

„David, wenn du da bist, geh bitte ran.“

Er zog die Beine zu sich heran und umfasste seine Knie.

„Ich wollte dir sagen, dass ich heute nachmittag einen Termin bei Dr. Goldman habe, um 15:30 Uhr...und, ich weiß nicht. Es tut mir leid, Dave. Ich vermisse dich.“

Dann war noch ein Schluchzen zu hören, und sie legte auf. Sein Kopf sank auf seine Arme. Ihre Entscheidung stand also endgültig fest. In weniger als zwei Stunden würde sie ihr beider Kind umbringen. Wie sollte er ihr danach gegenübertreten? Auch er vermisste sie wie wild und wollte, dass diese Trennung ein Ende hatte. Aber wollte er sie auch dann noch sehen, wenn er wusste, was sie getan hatte? Könnte er ihr verzeihen? Welch beschissene Ironie war das? Er sehnte sich nach ihr, er wollte sie berühren und bei ihr sein. Ihr Trost und Wärme spenden. Was sollte er tun?

Eine ganze Weile saß er so da, und bewegte sich nicht. Was der Auslöser war, welcher ihn aufstehen ließ, wusste er nicht mehr. Nur noch ein Gedanke lief ihn unaufhörlich durch den Kopf. Er musste sie sehen und sie zur Vernunft bringen. Er war zu Fuß, wieso zur Hölle hatte er nicht das Auto genommen? Seine Armbanduhr schien ihn einen Streich zu spielen. Die Zeit eilte in riesen Schritten voran, er würde es nicht rechtzeitig schaffen. Wo sollte er überhaupt hin? Er sah keine Chance mehr, es noch zu schaffen. Die Zeiger seiner Uhr drehten sich drei mal so schnell. Wie ein kleines Kind, das sich verlaufen hatte, so stand er auf dem kalten Beton. Autos rauschten an ihm vorbei, Passanten streiften seine Arme, und er nahm nichts mehr richtig wahr. Plötzlich sah er sie. Sie stand mitten auf dem Bürgersteig, nur wenige Meter von ihm entfernt, und hielt sich beide Hände vor dem Bauch. Hinter ihr konnte er die Arztpraxis ausmachen. Sie sah schlecht aus. Blass, die Haare wehten ihr durcheinander vor das Gesicht und tiefe Augenringe rundeten ihren Auftritt gänzlich ab. Es war vorbei und er fühlte gar nichts. Er ging die letzten Schritte auf sie zu, aber sie hatte ihn noch nicht bemerkt.

„Du hast unser Kind umgebracht?“

Sie schaute zu ihm hoch, sie war nicht überrascht ihn hier anzutreffen. Er fasste nach ihrer Schulter und sie wand ihren Blick von ihm ab.

„Ich kann nicht glauben, dass du es getan hast. Sag es mir wenigstens ins Gesicht. Sieh mich an!“

Sie war kreidebleich und verzog ihr Gesicht. Tränen jedoch kamen nicht mehr, sie hatte schon alles verbraucht. Er schüttelte sie einmal, so verzweifelt war er.

„Nein.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich konnte es nicht,“ sagte sie mit heiserer Stimme und sah ihm in die Augen.

„Ich konnte es nicht!“ wiederholte sie ihre Worte, bekam dafür aber nur einen starren Blick von ihm.

Abwechselnd sah sie ihm von einem Auge in das Andere.

„Nimm mich doch endlich in den Arm!“ bat sie ihn schließlich.

David zögerte nicht lange und drückte sie so fest er gerade konnte an sich. Erst jetzt realisierte er, welche Bedeutung ihre Worte hatten. Das Baby war noch immer da. Und Gill hatte es so entschieden. Sie schluchzte lauter und er hielt ihren Kopf fest.

„Ich hab dich so vermisst!“

„Ich dich auch,“ bestätigte er.

„Alles wird gut!“

 

***********

 

Er saß schweißgebadet senkrecht im Bett. Seine Atmung war abgehackt und unregelmäßig. Wo war er? David tastete neben sich und knipste die Nachttischlampe an. Er war in seinem Schlafzimmer, in der richtigen Welt. Der Platz neben ihm im Bett war leer. Tea wollte mit ihren Freundinnen auf eine Party. Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Mein Gott, schon wieder einer dieser Phantasien! Diese Träume häuften sich nun schon, und sie wurden immer dramatischer. Manchmal waren es einzelne Träume, aber manchmal fingen sie auch dort an, wo andere aufhörten. Eines allerdings hatten sie alle gemeinsam. Sie endeten im Guten. Im Traum zumindest. Was sollten all diese Träume mit Gill? Hatte er irgend etwas verpasst, wollte ihm sein Unterbewußtsein etwas mitteilen? Gott, er war reif für die Klapse. Lange würde er das nicht mehr durchhalten. Es brachte ihn ganz durcheinander. Was sollte er denn davon halten? Mit wem konnte er denn darüber reden? Mit Tea? Wohl kaum! Was hatte das alles zu bedeuten? Immer, wenn er wieder aufwachte, fühlte er sich schlecht. Die Realität war ziemlich hart, diesen einen Traum hätte er gerne noch zu Ende geträumt. Was Gill wohl sagen würde, wenn sie davon wüsste? Wie erbärmlich musste das wohl auf sie wirken? Ein erwachsener Mann, der nur für seine kranken Träume mit ihr lebte? Er stand auf und ging in das Badezimmer. In dem kleinen Schränkchen über dem Waschbecken suchte er wie wild nach einem Beruhigungsmittel. Seine Hände zitterten. Das musste aufhören! Es fehlte nicht mehr viel und er würde dieses Zeug jede Nacht zum Einschlafen brauchen. Nach wenigen Sekunden schon senkte sich sein Herzschlag wieder und er ging zurück ins Bett, in der Hoffnung nun endlich seine Nachtruhe zu finden.

 

Diese Pillen waren echt gut. Danach hatte er wenigstens durchschlafen können. Als er die Augen öffnete und in die Sonne starrte, die wie jeden morgen ins Schlafzimmer Fenster schien, bemerkte er, dass die andere Betthälfte noch immer leer war. Tea hatte diese Nacht nicht neben ihm geschlafen. Das Bett war unberührt. Nach wenigen Sekunden vernahm er das Kindergeschrei seines Sohnes. Er stand auf und ging zum Kinderzimmer, um den Kleinen aus dem Bettchen zu nehmen.

„Shhh, mein Kleiner. Sonst machst du noch deine Schwester wach.“

Sofort, nachdem David Kyd auf dem Arm hatte, beruhigte er sich. David ging mit ihm nach unten in die Küche, um ihm sein Frühstück zu machen. Eigentlich brauchte er diesen Milchbrei gar nicht mehr, denn er war alt genug, um was vernünftiges zu essen. Doch Tea hatte ihm das irgendwie angewöhnt. Kydd wollte jeden morgen seinen Milchbrei. David ließ seinen Sohn auf dem Wohnzimmerteppich runter und blickte verwundert durch die Zimmer des leeren Hauses. Wo war Tea nur? Sie hätte ja wenigstens anrufen können, wenn sie bei ihren Freunden schlafen würde. Er hasste es. Mit diesen Gedanken ging er zurück in die Küche und kochte das Wasser um den Brei darin aufzulösen.

„Scheiße,“ fluchte er, als er sich das heiße Wasser über seine Finger goss.

Er ging zurück zu Kydd, setzte sich mit ihm auf die Couch und schaltete den Fernseher an. Die Sesamstrasse kam gleich, so wie jeden morgen.

„Guten Morgen, Dad,“ ertönte eine verschlafene Kinderstimme hinter ihm.

„Hey, mein Schatz. Setz dich zu uns. Die Sesamstrasse kommt gleich.“

„Wo ist Mommy?“

„Die hat bei ihrer Freundin geschlafen. Sie kommt sicher gleich.“

 

Nach ca. sechs Stunden kam Tea dann endlich nach Hause.

„Wo hast du gesteckt?“ wollte David wissen.

„Hey, du hast echt was verpasst,“ gähnte Tea.

„Du hättest wenigstens anrufen können. Ich habe mir Sorgen gemacht,“ sagte David verärgert.

„Ist ja gut. Ich hab nicht dran gedacht. Tut mir Leid,“ schlackste sie.

„Na ja, Hauptsache, dir ist nichts passiert.“

„Sei mir nicht böse, aber ich werd mich jetzt ein bisschen hinlegen, okay?“

David nickte nur. Er war froh, dass es ihr gut ging. Er war zwar noch immer sauer, aber sie war ja jetzt wieder da.

Tea ging die Treppe hinauf zum Schlafzimmer, wo sie sich dann samt Kleidung ins Bett fallen ließ.

 

Als er am Abend die Kinder ins Bett gebracht hatte und bei einem mehr oder weniger langweiligem Film auf der Couch eingeschlafen war, räusperte er sich und ging hoch ins Schlafzimmer, um auch ins Bett zu gehen. Tea schlief noch immer. Er deckte sie zu, bevor er sich neben sie legte. Sein Blick richtete sich auf die Decke. Er hatte Angst, diese Nacht schon wieder etwas zu träumen. Was würde in seinen Träumen als nächstes passieren? Am Anfang waren es ja noch schöne Träume, aber sie wurden mit jeder Nacht schlimmer. Sein Blutdruck raste jetzt schon, nur bei dem Gedanken an einen möglichen Alptraum. Doch er konnte ja nicht ewig wach bleiben. Die Macht der Müdigkeit überflog ihn und er war eingeschlafen.

 

 

Abwechselnd sah sie ihm von einem Auge in das Andere.

„Nimm mich doch endlich in den Arm!“ bat sie ihn schließlich.

David zögerte nicht lange und drückte sie so fest er grade konnte an sich. Erst jetzt realisierte er, welche Bedeutung ihre Worte hatten. Das Baby war noch immer da. Und Gill hatte es so entschieden. Sie schluchzte lauter und er hielt ihren Kopf fest.

„Ich hab dich so vermisst!“

„Ich dich auch,“ bestätigte er.

„Alles wird gut!“

Er konnte nicht glauben, dass sie es nicht getan hatte. Er war so glücklich. Er hatte noch nie eine solch große Angst vor etwas gehabt. Wäre ihm nur sprichwörtlich ein Stein vom Herzen gefallen, so hätte man ihn auch in China noch aufprallen hören.

Er löste sich von ihr und holte den kleinen Strampler aus seiner Jackentasche und gab ihn Gillian. Sie lächelte und küsste ihn sanft auf die Lippen.

David nahm sie an der Hand und beide gingen die Straße hinunter, zurück in die Wohnung.

Dort zündete er den Kamin an und beide setzten sich in einer weichen Decke gehüllt davor.

So langsam begriff auch Gillian, was sie da in sich trug. Ein gemeinsames Kind war das Wundervollste, was es gab und es machte alles noch perfekter, als es ohnehin schon war. Sollte die Presse doch schreiben was sie wollte. Es gab Schlimmeres als das.

„Was hältst du davon, wenn wir morgen ein bisschen bummeln gehen? Ich kann es kaum erwarten mir all diese niedlichen Dinge anzusehen. Ich weiß, es ist noch früh, aber....“

„Ja, gerne,“ unterbrach ihn Gillian und schmiegte sich noch enger an ihn.

Zufrieden sahen beide in die Flammen des Kaminfeuers.

 

Tatsächlich schlenderten David und Gillian am nächsten Tag durch einige Einkaufspassagen und hatten hier und da auch schon eine Kleinigkeit gekauft. Diese vielen winzigen Sachen waren einfach zu süß, um sie nicht mitzunehmen.

Als sie wieder eines der Geschäfte verließen und zurück zum Auto gehen wollten, hielt Gillian plötzlich inne.

„Warte kurz hier. Ich bin gleich wieder da.“

Gillian hatte ein breites Grinsen in ihrem Gesicht und David wusste, dass sie etwas vor hatte. Sie ging rüber auf die andere Straßenseite in einen Laden. David konnte erkennen, dass es sich um einen Buchladen handelte. Was hatte sie nur vor?

Gillian eilte zu einem der Verkäufer und erkundigte sich nach einem Buch.

„Ja, sicher haben wir so etwas. Warten sie kurz.“

Der Verkäufer verschwand hinter einigen Regalen und kam nach einigen Minuten mit einem kleinen Stapel Bücher wieder zum Vorschein.

„So, die hätten wir zur Auswahl, Miss.“

Gillian nahm eins nach dem anderen und blätterte kurz durch.

„Ich werde das hier nehmen,“ sagte sie glücklich.

„Eine gute Wahl. Die meisten werdenden Mütter kaufen dieses Namensbuch. Oder wollen sie es verschenken?“

„Nein, es ist für mich.“

„Ich wusste es. Man sieht Ihnen die Freude in Ihrem Gesicht an.“

Gillian lächelte. Wie Recht er doch hatte. Jeder sollte ihre Freude sehen und es schien zu funktionieren.

Sie bezahlte das Buch und ging aus dem Laden. Während sie weiterging, blätterte sie in dem Buch herum und bemerkte gar nicht, dass sie sich bereits mitten auf der Strasse befand. Und da hupte es auch schon. Ein lauter Knall.

„GILLIAN!!!!!!!!!!!!“

 

„David? David? Was ist los?“

Tea blickte erschrocken zu ihm. Er zitterte am ganzen Leib. Es sah aus wie irgendein Anfall. Es hörte gar nicht mehr auf. Verzweifelt rief sie immer wieder seinen Namen, doch er hörte sie nicht. Sie rüttelte an ihm, doch auch dies änderte nichts an der Situation. Verzweifelt fing sie an zu weinen. Tea sprang auf und eilte zum Telefon um einen Notarzt zu rufen, welcher auch wenige Minuten später eintraf.

Die Sanitäter trugen David mit einer Trage aus dem Haus. Der Notarzt hatte dem Anfall mit einem Mittel entgegengewirkt, um ihn zu stabilisieren und transportfähig zu machen.

Tea wusste nicht, was passiert war. Niemand sagte ihr etwas. Mitfahren konnte sie auch nicht, denn es war niemand da, der auf die Kinder aufpasste. Sie musste erst eine ihrer Freundinnen anrufen, die auf die Kinder aufpassen sollte.

Dann fuhr sie zu David ins Los Angeles Medical Center. Wenigstens das hatten sie ihr gesagt.

„Was ist mit ihm?“ wollte Tea nun endlich wissen.

Der Arzt nahm sie mit in sein Besprechungszimmer.

„Setzten Sie sich doch,“ sagte er.

Tea sah ihn erwartungsvoll an.

„Ihr Mann hatte einen Schlaganfall. Wir haben einige Untersuchungen durchgeführt, um eine Hirnblutung auszuschließen. Bei einigen Fällen kommt es bei einem frischen Schlaganfall zu epileptischen Anfällen. So war es auch bei Ihrem Mann. Er muss sehr hohen Blutdruck gehabt haben, bei dem es dann zu einem Gefäßverschluss kam. Das Gehirn konnte nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden und so kam es zu dem Hirninfarkt.“

Tea war sprachlos. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Kann ich zu ihm?“

„Sicher, aber nur kurz. Ich sollte Ihnen aber vorher vielleicht noch etwas sagen. Die rechten Extremitäten, sowie die rechte Gesichtshälfte ist gelähmt und er kann zur Zeit nicht sprechen. Dies sind aber meist reversible Zustände. Also machen Sie sich keine Sorgen.“

 

 

London, England

„Mum? Guck mal, was ich gemalt habe. Ein Bild von Indien,“ sagte Piper, die zur Zeit Ferien hatte und diese Zeit immer bei ihrer Mutter in London verbrachte.

„Einen Moment Liebes,“ sagte Gillian und stellte den Fernseher lauter.

„Der 44 Jahre alte Schauspieler David Duchovny, bekannt aus der Mysterieserie The X- Files und Filmen wie Evolution oder House of D erlitt gestern Nacht einen schweren Schlaganfall. Laut der Auskunft der Ärzte im LA Medical Center befindet er sich nicht mehr in Lebensgefahr. Doch über die Stärke des Schlaganfalles ist derzeit noch nichts bekannt.“

„Oh mein Gott.“

Jetzt kam auch langsam Piper näher heran und setzte sich neben ihre Mutter auf die Couch. Gillians Herz schien still zu stehen.

„Mom, was bedeutet Schlaganfall?“

Ungläubig sah Gillian ihre Tochter an. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Soll das wirklich wahr sein? David? Einen Schlaganfall? Wie konnte so was bloß passieren? Er war doch noch jung und fit. Sie verstand es beim Besten Willen nicht.

„Mom?“ hackte Piper nach.

„Liebling, was hältst du davon, wenn wir nach LA fliegen?“ ignorierte Gillian die Frage ihrer Tochter. Alles, an was sie denken konnte, war Angst und ein wenig Panik.

„Ist Onkel David tot?“

„Gütiger Himmel, nein. Nein, das ist er nicht! So etwas darfst du nicht denken, Liebes! Ihm geht es aber nicht gut und wir werden ihn besuchen gehen, okay?“

Freudig nickte Piper ihr zu und rannte in ihr Zimmer. Wahrscheinlich würde sie schon anfangen ihre Tasche zu packen. Piper ist sehr selbständig geworden.

Sie wusste immer noch nicht, was genau sie denken sollte. Alles war so durcheinander. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. Sie musste erst einmal versuchen alles zu ordnen. Schließlich hatte sie Pflichten. Es waren noch zwei letzte Vorstellungen zu „The sweetest swing in Baseball“ zu spielen. Konnte sie ihre Fans einfach so enttäuschen? Naja, einfach so war es ja nicht. Einen triftigen Grund hatte sie ja durchaus! Und schließlich konnte sie auch nicht davon ausgehen, dass die Leute nur ihretwegen dort hin kommen würden. Das war ziemlich egoistisch zu glauben! Aber wie sie es auch drehte, der Gedanke die beiden Shows abzusagen stimmte sie mulmig. Klar, es gab Ersatzpersonen, die einspringen konnten. Wo war dann das Problem? Schließlich verließ sie sich auf ihr Herz und ihr Gefühl, und war dann überzeugt, dass es richtig war.

Dann der zweite Gedanke: Jul! Er würde erst spät heute Nacht wiederkommen. Er war ein echter Workaholic. So lange konnte sie unmöglich warten. Dennoch wollte sie jetzt mit ihm reden und griff schließlich nach dem Telefon. Sie hätte es wissen sollen, dass Jul während seiner Arbeit das Handy abschaltete. Wozu braucht man denn ein Handy, wenn man es doch nicht an hat?! Oft schaltete auch sie ihr Handy aus, aber genau jetzt war es mehr als nur unpassend. Sie drückte das Tuten weg und schnappte sich ein weißes Blatt Papier. Wie sollte sie anfangen? „Schatz, ich bin dann mal eben bei Dave“? Es war schwierig. Vor allem, weil sie Jul vertraute. Und durch dieses Vertrauen hatte sie ihm auch von ihrer Affäre damals mit Dave erzählt. Für ihn war es unwichtig, was in der Vergangenheit passiert war. Was ihn interessierte, war die Zukunft. Ihre gemeinsame Zukunft. Schließlich fing sie ganz von vorne an, und versuchte ihm klar zu machen, dass sie es als wichtig empfand, jetzt bei David zu sein. Vor allem nach dieser langen Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten. Warum musste erst immer so etwas Schreckliches passieren, bevor man sich mal wieder zu Gesicht bekommt? Als sie fertig war, ging alles ganz schnell. Packen, Kind und Kegel zum Flughafen, Buchen - glücklicherweise war es mitten in der Woche und somit waren noch genügend Plätze im entsprechenden Flieger frei - und Abflug.

 

Los Angeles Medical Center

Das schöne Wetter hier in Kalifornien zu Anfang Mai trübte Gillians Sinne. Sie könnte schnell vergessen, warum sie eigentlich hier her zurück gekommen war. Mit einem Taxi fuhren sie auf dem schnellstem Wege ins Krankenhaus. Sie wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund pochte ihr Herz wie wild. Piper hatte etwas im Flugzeug geschlafen, aber es hatte längst nicht ausgereicht. Müde tappte sie an ihrer Hand die grellen Krankenhausflure entlang. Gillian irrte durch die Flure, als wüsste sie instinktiv, wo sie David finden würde. Jedoch schien sie im Kreis zu laufen, und wollte grade eine Schwester fragen.

 

Tea beugte sich laut lachend zu Westy hinunter. Die Kleine hatte mal wieder groben Unfug vollbracht. Dave selbst stand abseits, hinter dem Zaun, der den Spielplatz umzingelte. Er war in LA und sah zu, wie seine kleine Familie den Tag genoss. Sie schenkte ihrem Dad keine Beachtung. Sie brauchte ihn jetzt nicht. Tea war da, und drehte sie in der Schaukel ein und wieder aus. Sie lachte vor lauter Freude. Auch Tea sah nicht zu Dave hinüber, womit er sich in die passive Vaterrolle hinterm Zaun katapultiert fühlte.

„David? Kommst du?“

Eine andere Stimme irgendwo hinter ihm ließ ihn aufschrecken. Er wand sich von seiner Familie ab, und drehte sich um. Er sah in das fragende Gesicht einer wartenden Gillian. Ohne sich zu fragen, was sie hier tun würde, oder wie sie hier her kam, setzte er sich in Bewegung, um sie zu erreichen. Mitglieder aus der X Files Crew rannten an ihm vorbei. Alle hatten es eilig, damit die nächste Szene innerhalb kürzester Zeit stand. Chris beschwerte sich regelmäßig über die überteuerten Mietpreise der Fox Studios. Und wenn man schon vom Teufel sprach, hatte er auf einmal auch noch Chris` Hand auf seiner Schulter.

„Gute Arbeit, David! Wir sehen uns dann morgen!“

Und noch bevor David etwas erwidern konnte, war Chris auch schon wieder verschwunden. Gillian, die mittlerweile die Arme vor ihrer Brust verschränkt hatte, wartete immer noch ungeduldig. Zeitlich konnte er all dies nicht einordnen, lies es einfach so geschehen.

„Los komm, ich helfe dir, das Make up vom Gesicht zu kratzen.“ Scherzte Gillian, als er sie endlich erreicht hatte. Also gingen sie in die Maske.

 

„Gillian?“

Sie drehte sich um. Tea eilte in Gillians Richtung. In den Zeitungen stand meistens, dass sie sich nie richtig verstanden hatten. Sie wusste nicht, ob David seiner Frau von ihrer Affäre erzählt hatte, jedenfalls war es vielmehr so, dass sie nie wirklich eine Chance hatten sich richtig kennenzulernen. Von diesen wirren Gerüchten mal ganz abgesehen! Und nun war da diese verängstigte Frau, die sich um ihren Hals klammerte und nicht wusste, was zu tun war.

„Tea, wie geht es dir?“

Tea löste sich aus ihrer Umarmung und schaute erschöpft auf den Fußboden.

„Ich, ich halt das hier nicht aus, Gillian. Ich kann das nicht.“

Gillian fasste sie an den Arm. Irgendwie wusste sie nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Mit zusammengekniffenen Augen und gekräuselter Stirn blickte Tea in Richtung einer der Krankenzimmer. Gillian folgte ihrem Blick. Plötzlich ging Tea in die Knie.

„Hallo Piper, du bist aber groß geworden.“

Mit einer lieb gemeinten Geste strich sie ihr über das Haar.

„Tea, was haben die Ärzte gesagt?“

Sie setzte sich auf einen der Stühle und Gillian tat es ihr gleich. Piper nahm sie auf den Schoß, welche sich sofort an ihre Schulter anlehnte, so groggy war sie.

„Der Arzt sagte, Schlaganfälle bei Männer in seinem Alter sind nicht selten. Viel Stress, Angst, all diese Dinge eben. Und ich komm nicht drum mich zu fragen, ob ich vielleicht was falsch gemacht hab. Etwas übersehen habe. Nur irgend etwas. Das sind eben alles Komponenten, die zu, naja, so etwas führen können. Aber er hätte es mir doch sagen können, verstehst du?“

„Tea, ich bin mir sicher, das alles hat nichts mit dir zu tun. Ich meine, du solltest dir keine so großen Vorwürfe machen. Jeder von uns hat Stress, aber der kommt meistens von einem selbst.“

„Ja, aber früher konnten wir doch auch über alles reden. Warum ist er denn nicht zu mir gekommen?“

„David ist eben so. Damals war er es jedenfalls. Zuerst musste er alles erst selber herausfinden.“ Tea nickte.

„Ja, ich weiß, was du meinst. Das hatte ich auch gedacht. Anfangs zumindest. Und ich denke, dass er es herausgefunden hat, und es mir genau deswegen nicht sagen möchte. Es hat etwas mit mir zu tun. Das fühle ich.“

Sie machte eine Pause.

„Und irgendwie kann ich es auch verstehen. Manchmal denke ich, dass einfach die Luft raus ist. Alles ist zur Gewohnheit geworden. Ich bin wahrscheinlich zu oft zu Hause. Wenn ich mehr Angebote annehmen würde, wäre ich sicher ausgelasteter oder, ich weiß auch nicht. Ich bin viel mit den Kindern unterwegs. Fast täglich. Zwei kleine Kinder machen eine Menge Arbeit, weißt du? ... Zu Anfang war er auch gegen meine zweite Schwangerschaft.“ fügte sie schließlich hinzu.

„David liebt seine Kinder. Beide Kinder. So darfst du nicht von ihm denken.“

Tea blieb ruhig, bewegte sich kein Stück.

„Dann war da noch eine weitere Komponente, die den Schlaganfall unterstützt hatte. Als sie das Drogen Screaning gemacht haben, haben die Ärzte eine sehr hohe Menge an Beruhigungsmittel in seinem Blut gefunden. Ich hab nicht einmal gewusst, dass er dieses Zeug genommen hatte. Nicht einmal das habe ich bemerkt.“

Und schlagartig wurde Gillian klar, dass auch David nicht in einer heilen Welt lebte. Auch in seinen Adern floss nichts anderes als rotes Blut.

„Ich habe ihn verloren, Gillian.“ fügte sie abschließend hinzu.

Heftigst schüttelte Gillian ihren Kopf. Sie wollte all dies nicht hören. Sie hatte mit diesem Leben abgeschlossen, wollte nichts mehr damit zu tun haben, nicht mehr an all das hier erinnert werden. Und von einer Sekunde zur nächsten packte sie einfach ihre Sachen, sagte dem Theater ab und flog doch wieder zurück. Hier hatte alles begonnen, und hier würde alles enden. Tea schwieg, und Gillian wusste nicht, was sie sagen sollte. Schließlich hatte sie keine Ahnung von dem David von heute. Sie kannte nur den von gestern. Die Frage war nur, worin nun der Unterschied bestand?!

„Du solltest nach Hause gehen, Tea. Leg dich hin und ruh dich aus. Wenn du dich hier quälst, hilft du ihm auch nicht. So kannst du nachts bei euren Kindern sein.“

Pause.

„Hast du jemanden, der bei euch im Haus ist?“

Tea nickte.

„Warum gehst du dann nicht? Es ist okay. David möchte sicher nicht, dass du hier vor lauter Verzweiflung weder ein noch aus weißt.“

Gillian fühlte sich in irgendeiner Weise verantwortlich für sie. Vielleicht brauchte sie ja auch nur jemandem, der jetzt auch für sie da war. Eine Freundin. Allerdings wusste Gillian nicht, ob sie die Richtige für diesen Job war. Die Hinsicht, dass es hier um Dave ging, erschwerte die Sache ungemein. Und Teas letztes Statement war auch nicht sehr hilfreich. Es war vielmehr unerwartet und überraschend.

Dann stand Tea auf.

„Ich denke du hast Recht. Wir sehen uns sicher noch. Ruf mich an, wenn es was Neues gibt.“

Gillian nickte.

Tea zog sich ihre Jacke über.

„Danke Gillian.“

Sie setzte zum Gehen an.

„Tea?“

Tea blieb stehen und drehte sich noch einmal zu ihr herum.

„Kann ich zu ihm?“

Ein stummes Nicken und sie ging endgültig weiter.

 

Es war ziemlich ungewöhnlich, dass es hier menschenleer war, aber daran wollte er sich nicht stören. Und nur wenig später setzte er sich auf den Stuhl und Gillian fing an, ihm bei der Abschminkprozedur behilflich zu sein.

„Eigentlich bin ich ja schon ein großer Junge, und kann das auch schon alleine.“

Der Blick von ihr sagte bereits alles. Schelmisch grinste er sie an:

„Du hast da ne Stelle vergessen!“

Und er zeigte auf seinen Hals. Ihre Folgereaktion hätte er eigentlich vorhersehen können. Schon allein ihr breites Grinsen ließ nichts Gutes erahnen. Gespielt langsam griff sie zur Demakeup Flasche und setzte sich verspielt auf seinen Schoß. Mit Wehren war nun nichts mehr.

„Nun ja, auch um diese -markante Stelle- will ich mich natürlich auch noch kümmern..“

Dass sie ihm jetzt den halben Flascheninhalt über seinen Hals goss, und dieser bis in sein Hemd floss, war eigentlich abzusehen. Auch ihr herzliches Gelächter war abzusehen. Viel weniger absehbar war die Tatsache, dass plötzlich das Licht ausging.

Plötzlich waren alle beide mucksmäuschenstill.

 

Ganz leicht strich Gillian über die Wange ihrer Tochter. Wenn sie gekonnt hätte, dann hätte sie Piper in das Krankenzimmer getragen. Aber Piper wog keine 10 Kilo mehr. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sie zu wecken.

Nur widerwillig ließ sich Piper in das Zimmer schieben, wo sie sich sofort auf einen Sessel, der für Besucher bestimmt war, setzte und den Kopf schwer auf das Polster fallen ließ. Im faden Schein der einzigen Nachtlampe konnte sie eine Decke finden, und deckte Piper fürsorglich zu. Dann wand sie sich zu dem einzigem Krankenbett in dem Zimmer. Wie angewurzelt blieb sie stehen. David schlief.

Dann ging auf einmal die Türe auf. Eine Schwester trat hinein und druckste ein wenig herum.

„Ich bin Schwester Tini, ich hab Sie hier rein gehen sehen. Ich ... ich weiß wer Sie sind.“

Gillian sah sie ungläubig an. Was wollte diese Person ihr mitteilen?!

„Mrs. Anderson, eigentlich dürften Sie gar nicht hier rein. Der Patient braucht unbedingt Ruhe. Und eine Angehörige sind Sie ja auch nicht.“

„Ich wollte ihn nur kurz sehen.“ versuchte Gillian zu erklären.

„Ich weiß, ich werd Sie auch nicht verpetzten.“

Gillian nickte dankbar.

„Wie steht es denn um ihn?“ erkundigte sie sich und sah wieder zu David hinüber.

„Eigentlich unverändert. Eine mögliche Hirnblutung konnten wir Gott sei Dank ausschließen. Zur Zeit sind seine rechten Extremitäten und die Gesichtshälfte noch gelähmt, aber das ist nur vorübergehend. Außerdem ist seine Sprachmotorik noch sehr stark beeinträchtigt.“

Gillian trat nun näher an ihn heran und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Vorsichtig strich sie über seinen rechten Arm.

„Kann er das spüren?“

„Nein, kann er nicht. Es tut mir leid.“

Sie hatte mit den Tränen zu kämpfen. Es war unglaublich hart für sie, ihn so zu sehen.

„Wie konnte das passieren? Er ist doch noch viel zu jung.“ versuchte sie ihre Fassung zu bewahren. Wenigstens rational wollte sie es verstehen.

„Das ist eben das große Rätsel, da es im Schlaf passiert ist. Wir gehen davon aus, dass die üblichen Ursachen wie Stress usw. verantwortlich waren. Aber bei den meisten Fällen, wenn ein Schlaganfall im Schlaf passiert und der Blutdruck so ungewöhnlich hoch ist, kann fast immer davon ausgegangen werden, dass es einen stark psychischen Hintergrund hat. Und das zu heilen dauert meist länger als die eigentlichen Folgen, die aus dem Schlaganfall selber abzielen.“

Nicht wirklich befriedigt nickte Gillian Schwester Tini zu.

„Bitte bleiben Sie nicht all zu lange, sonst bekomme ich Schwierigkeiten.“

Dann wand sie sich der Türe zu und war dann ganz verschwunden.

Gillian nahm seine Hand und führte sie zu ihrem Gesicht. Das war doch alles nur ein schlechter Traum. Anschließend kullerten doch ein paar Tränen ihre Wangen entlang. Mit ihrer freien Hand streichelte sie ihm über sein Haar und dann über seinem Rauschebart. Sie hatte mal ein, zwei Bilder gesehen, wo er mit diesem Bart zu sehen war. Aber ohne Bart gefiel er ihr doch irgendwie besser. Dennoch sah er aus, als würde er kerngesund sein. Sie küsste seinen Handrücken und schmiegte sich dann an seine Hand.

 

„Was ist jetzt?“

Zum ersten Mal fiel beiden auf, dass hier gar kein Fenster war, womit es stockduster war.

„David?“

Es war kindisch anzunehmen, dass er nicht mehr da sein würde, nur weil sie ihn nicht mehr sehen konnte. Vor allem, da sie verkehrt herum auf seinem Schoß saß. Er griff nach ihren Händen.

„Bin immer noch hier. Wenn das hier ein Stromausfall wäre, dann würde doch sicher das Notstromaggregat anspringen, oder täusche ich mich?“

„Ich hasse Dunkelheit, ich könnte wetten da hat sich einer nur einen saublöden Scherz erlaubt!“

Sie löste sich aus seinem Griff und stand auf. Just in diesem Moment, als sie gerade mal zwei Schritte gegangen war, zog sich der Fußboden unter ihren Füßen auseinander. Es war ein unheimlich lautes Geräusch, welches durch den kleinen Raum schallte. Wie ein überlautes Magenknurren. Der Fußboden zitterte immer stärker und sie fiel zu Boden. Sie verstand nicht.

„Gillian? Gillian! Wo bist du?“

Die ersten Einrichtungsstücke gingen zu Bruch, es muss die Deckenbeleuchtung abgefallen sein, denn es gab ein klirrendes Geräusch.

„Gillian, das ist ein Erdbeben, sprich mit mir! Wo bist du?“

Gillian konnte ihn nicht hören. Sie war versteinert vor Angst und Unglauben. Erdbeben in LA waren nicht ungewöhnlich, gehörten nun aber wirklich nicht zum Tagesgeschehen. Somit war ihr auch nicht klar, wie man sich in einer solchen Situation verhalten sollte. Und es war alles so laut, so, als ob alles Bewegliche in diesem kleinen Raum gerade dabei war, seine ursprüngliche Position aufzugeben und auf den Boden zu krachen.

„Gillian!?!“

Weit entfernt hörte sie Davids Stimme. Er schrie ihren Namen. Eigentlich müsste er direkt neben ihr sein. Sie hatte lange nicht mehr solche Angst gehabt.

„Hier!“ flüsterte sie.

Sie hielt sich die Hände vor das Gesicht, traute sich nicht laut zu schreien. Dennoch würde sie so auch nicht weiter kommen. Sie musste sich entscheiden. Jetzt sofort.

„David!!“ schrie sie, so laut sie nur konnte.

Noch bevor sie richtig ausgesprochen hatte, fühlte sie Davids Hand auf ihrem Rücken, dann sein ganzes Gewicht, als er sich schützend über sie legte. Nur ihre Beine waren quasi noch frei. Mit beiden Armen und Händen versuchte David ihren Kopf zu bedecken. Auch er hatte noch nie ein so starkes Beben erlebt. Irgend etwas streifte ihn schwer an seinem Rücken, sodass es schmerzte. Etwas Schweres muss direkt hinter ihm aufgeschlagen sein, ihn aber glücklicher Weise noch gerade so verfehlt haben.

Abrupt hörte es auf. Von einer Sekunde zur Nächsten war alles wieder vorbei. Alles in allem schien das Beben eine Ewigkeit gedauert zu haben. Selbstverständlich war es noch immer stockduster. Was hatte er erwartet? Dass schwupps diwupps das Licht wieder anging? Das war bei Mulder und Scully vielleicht möglich, und das auch nur, weil es im Drehbuch stand, aber das hier war nun mal die Wirklichkeit und höchstwahrscheinlich gab es in diesem Raum nicht mal ein Streichholz. Nachdem es nun schon ein paar Sekunden vorbei war, entspannte er seine Muskeln wieder ein wenig.

„Bist du okay?“ wollte er von der völlig zitternden Gillian wissen.

„Mein Bein.“ Gab sie als Antwort.

Er erhob sich von ihr, und stieß sich sofort den Kopf an etwas, was irgendwie über ihm war. Vorsichtig tastete er hinter sich. Circa 20 Zentimeter Platz. Vor ihm war Gillian und über ihm war auch irgend etwas. Soviel zur Lage. Er tastete an ihr entlang, um sich ein Bild von ihren Beinen zu machen. Dann wurde ihm bewusst, dass das, was auch seinen Rücken demoliert hatte hinter ihm auf Gill gefallen sein muss. Ihr rechtes Bein war eingequetscht und höchstwahrscheinlich gebrochen.

„Au! Nicht anfassen!“ befahl sie ihm.

„Gill, hör zu. Ich werd versuchen das Ding hier anzuheben. Du musst dann dein Bein da rausziehen. Hast du mich verstanden?“

Er hob also den Schrank, oder Beton, oder was auch immer es gewesen sein mochte an. Es war höllisch schwer und eine scharfe Kante schnitt ihm in die Finger.

„Es tut so weh, David.“

„Bitte Gill, versuch es. Zieh es mit deinen Händen raus!“

Durch die Geräuschkulisse wusste er, dass sie seinen Rat befolgte. Sie atmete schwer und keuchte so, als ob sie weinen würde. Ihr Hosenstoff schob sich an seiner Handunterseite vorbei. Dann hatte sie es geschafft. Mit einem lauten Knall ließ er alles los. Viel länger hätte er es auch nicht mehr halten können. Entgegen ihrer Anweisung, tastete er vorsichtig ihr Bein ab. Immerhin war der Stoff trocken, womit er eine offene Wunde schon mal ausschließen konnte. Ob er sich darüber freuen sollte, wusste er aber nicht. Er zog sich sein Jackett aus und legte es über Gillians Oberkörper, und kroch langsam zu ihrem Kopf. Jetzt bemerkte er auch erst, dass sein Rücken wie wild pochte. Denn im Gegensatz zu Gill hatte er auf jeden Fall eine offene Wunde. Er hob ihren Kopf und Oberkörper an und schob seine Beine darunter, sodass sie jetzt mit dem Rücken an ihm lehnte. Fürsorglich schlang er seine Arme um sie.

„Alles okay Gill!“

„Ich hab Angst, Dave.“

„Ich weiß, ich auch.“

Sie krallte sich in seinen Armen fest und schniefte einmal. Er fühlte sich so hilflos und machtlos zugleich. Dazu kam noch diese verdammte Dunkelheit.

„Hey, ich hab doch gesagt, dass alles okay ist. Dein Bein kommt wieder in Ordnung!“

Sie nickte leicht und er hoffte, dass sie auch wirklich überzeugt war und ihm Glauben schenkte.

„Mir ist kalt.“

Noch fester fasste er um ihren Körper, wollte ihr all seine Wärme geben, wohlwissend, dass ihr Wärmeverlust kein gutes Zeichen war. Dann flachte ihre Atmung wieder etwas ab und normalisierte sich fast gänzlich. Er hielt es willkommen, dass sie sich ausruhte und eventuell auch etwas schlafen konnte. So würde sie nicht all zu viel Kraft verbrauchen. Er selbst würde kein Auge zumachen, solange sie hier in diesem Loch feststecken würden.

Plötzlich zuckte Gillian zusammen und bewegte ihren Kopf ruckartig.

„David, bist du noch da?“ fragte sie verwirrt.

Aber noch viel verwirrter war er selbst, wie konnte sie nur so etwas fragen? Mal davon abgesehen, dass er eh nicht weggehen konnte, allein aus der Situation heraus, dachte sie tatsächlich, dass es sie jetzt im Stich lassen würde?

„Ja, bin hier bei dir!“ Er küsste ihren Haaransatz.

„Wie geht es dir?“

„Meinst du, die suchen schon nach uns?“ ignorierte sie seine Frage.

„Keine Sorge, es ist noch nicht an der Zeit mir alles zu sagen, was du zu beichten hast.“

Gleich darauf hätte er sich selbst in den Hintern beißen können. Das war ja nun mehr als nur unangebracht!

„Natürlich suchen sie nach uns, wie könnten sie nicht? Es haben doch alle gesehen, dass wir in die Maske gegangen sind!“

Staub rieselte auf seine Stirn hinab und er hustete kräftig, was seinem Rücken gar nicht gut tat. Aber er wollte jetzt nicht an sich denken. Er drückte sie ganz fest an sein Herz und  schaukelte sie vorsichtig hin und her. Er presste seinen Kopf gleich neben ihren, um ihr deutlich zu machen, dass er bei ihr war.

„Pass auf, irgendwann werden wir darüber lachen.“ sagte er traurig und fasste nach ihren kalten Händen. Schlechtes Zeichen, schlechtes Zeichen, brummte es in seinem Schädel.

 

„Was machst du bloß für Sachen, Dave?“

Plötzlich fing er an wie wild um sich zu schlagen, drehte seinen Kopf in alle möglichen Richtungen und atmete hastig. Sie erschrak bei diesem Anblick und fasste ihn an die Schulter.

„David, um Gottes Willen, was ist los? Hör auf damit!“

Gerade wollte sie auf den Notfallknopf drücken, als David plötzlich die Augen aufschlug. Er sah sie sofort mit weit aufgerissenen Augen an. Dann war er ganz ruhig, auch seine Atmung normalisierte sich allmählich wieder.

„Dave!“

Sie setzte sich wieder zurück auf den Stuhl, ohne ihre Hände von seiner Schulter zu nehmen. Sanft streichelte sie seinen Hals und unterbrach nicht ein einziges Mal den Blickkontakt. Dann fing er an seine Lippen zu bewegen. Sie legte einen Finger auf seinen Mund und schüttelte den Kopf.

„Shh, nicht. Versuch nicht zu reden.“

Ungläubig sah er sie an, er verstand nicht. Warum gelang es ihm nicht einen Ton rauszubringen? Nicht einmal ein Schön, dass du hier bist? Fragend sah er sie an. Und dann wurde ihr erst klar, dass er seit dem Schlaganfall noch nicht wieder wach gewesen sein kann. Und sie wünschte sich, dass ihnen beiden das erspart geblieben wäre.

„Du kannst im Moment nicht sprechen da deine rechte Gesichtshälfte gelähmt ist. Der rechte Arm und das Bein ebenso.“

Heftig schüttelte David den Kopf. Wieder sprang sie auf und faste etwas fester an seine Schulter.

„David, hör mir zu. Es ist okay. Das geht wieder weg.“

Keuchend sah er sie an, nun verstand er gar nichts mehr. Ihm war, als spüre er immer noch den klaffenden Schmerz an seinem Rücken und die bebende Erde unter seinen Füßen.

„Es ist okay. Du hattest einen Schlaganfall, David.“

Eine weitere Träne kullerte über ihre Wange und prallte dann auf sein Ohr. Mit seinem linken Arm griff er nach ihr. Den Schlaganfall versuchte er weitestgehend zu ignorieren. Er wollte nicht, dass sie wegen ihm weinte. Selbst wenn er auf ewig ein Krüppel sein würde, so war er froh, dass sie jetzt in diesem Moment wenigstens bei ihm war. Sie setzte sich nun auf die Bettkante und ließ ihren Kopf auf seine Brust fallen, während er ihr durch das Haar strich. Als sie sich wieder beruhigt hatte und sich die Tränen aus dem Gesicht wischte, richtete sie sich wieder auf und versuchte zu lächeln.

„Schau mal, wen ich mitgebracht habe!“

Sie hob seinen Kopf etwas an und rutschte ein Stückchen aus seinem Blick, sodass er Piper sehen konnte. Er lächelte. Dann legte sie seinen Kopf wieder vorsichtig zurück in das Kissen und rückte wieder etwas näher an ihn heran. David machte mit seinem linken Arm eine wellenartige Bewegung.

„Ich hab nichts zum schreiben da, tut mir leid. Ich dürfte eigentlich gar nicht hier sein,“ beantwortete sie seine stumme Frage. Sie nahm seine beiden Hände, legte sie auf seinen Oberkörper und hielt sie fest.

„Du glaubst nicht, was für einen Schrecken ich bekommen hab, als ich davon erfuhr. Und jetzt, da ich hier bin, geht der Schreck erst langsam wieder weg.“

Er sah ihr tief in die Augen, wenn sie wüsste, wovon er nachts träumte, wäre sie dann auch gekommen? Dann schmunzelte sie.

„Du hast dir einen Bart wachsen lassen.“

Es war vielmehr eine wiederholte Feststellung als alles andere und David zog seine Augenbraue hoch.

„Sieht ungewohnt aus.“ Fügte sie dann hinzu.

David wusste, dass das heißen sollte, dass es ihr ohne besser gefallen hat.

„Ich wünschte, wir hätten uns schon eher mal gesehen.“

Sie presste ihre Lippen zusammen und versuchte sich zu beherrschen. Was sollte er denn von ihr denken, wenn sie hier ununterbrochen rumheulte? Sie unterbrach den Blickkontakt und starrte auf ihrer beiden Hände, welche sich immer noch fest umklammerten.

Nach einer Weile schaute sie wieder zu ihm auf und sah, dass auch er feuchte Augen hatte.

„Wieso hast du dieses Zeug geschluckt?“ flüsterte sie kaum hörbar.

Eigentlich wollte sie nichts davon sagen. Und antworten konnte er ihr jetzt eh nicht. Jetzt war er es, der seinen Kopf von ihr weg drehte. Stattdessen drückte er noch fester ihre Hand, sodass es ihr fast schon weh tat.

„Tschuldigung, das hätte ich nicht sagen sollen.“

Er reagierte nicht.

„Sieh mich an, Dave,“ bat sie ihn.

Und tatsächlich drehte er seinen Kopf wieder zurück.

„Mach so was nie wieder!“

Es war mehr ein Flehen als ein Befehl. Sie schluckte hart.

„Ich bin morgen wieder bei dir. Ich werd Tea anrufen, damit sie Bescheid weiß, dass du wach warst. Ich hab sie vorhin nach Hause geschickt, sie war völlig durcheinander!“

Er nickte ihr stumm zu, machte ihr klar, dass er verstand.

„Ruh dich aus!“

Sie beugte sich das kurze Stück nach vorne und küsste ihn leicht auf die Lippen. Als sie sich aufrichten wollte, hielt er sie mit seiner „guten“ Hand fest. Er wollte nicht, dass sie ging. Er hatte sie doch gerade erst wieder bekommen.

„Hab keine Angst! Du bist bald wieder okay.“

Dann stand sie auf und weckte Piper. Er sah ihr nach, als sie den Raum verließ.

 

Vom nächstbesten Telefon aus rief sie ihre alte Freundin Susan hier in LA an. Sie wusste, dass sie jederzeit auf sie zählen konnte. Sie hatte zwar noch immer ihre alte Wohnung hier, aber irgendwie wollte sie ihre erste Nacht nicht in den stillen Wänden dort verbringen. Morgen vielleicht, aber noch nicht heute. Und tatsächlich, nur eine halbe Stunde später holte sie Piper und sie vor dem Krankenhaus ab. Ihren Gillian-was-tust-du-eigentlich-hier-Blick hatte sie auch dabei. Auch Tea hatte sie nicht vergessen, konnte aber nur auf das Band sprechen. Sie teilte ihr außerdem mit, dass sie morgen auch wieder ins Krankenhaus kommen würde. Dann, erschöpft und froh endlich in einem Bett zu sein, schlief sie mit Piper in ihrem Arm ein.

Sie wachten erst am späten Vormittag des nächsten Tages wieder auf. Dafür aber richtig ausgeschlafen. Piper entschied sich bei Susan und ihren beiden Kindern, welche ungefähr in ihrem Alter waren, zu bleiben.

 

Nur wenige Sonnenstrahlen schafften es bis in das Krankenhaus zu strahlen. Hier war das künstliche Licht vorherrschend. Sie bog um die Ecke. Doch bevor sie an Davids Zimmertür ankam, entdeckte sie wieder Schwester Tini und entschied sich, sich kurz über Davids Zustand zu informieren. Schwester Tini erkannte sie sofort und kam schon auf sie zu.

„Hallo. Ich, ich wollte mich bei Ihnen noch einmal wegen gestern Abend bedanken. Das war wirklich sehr nett.“

Schwester Tini nickte nur Anteilnahmelos.

„Ist etwas nicht in Ordnung? Stimmt was nicht mit ihm?“

Die Schwester dirigierte sie etwas in eine Ecke, damit nicht jeder mithören konnte.

„Heute vormittag war seine Frau mit den Kindern hier. Er konnte sich nicht mehr an seinen Sohn erinnern.“

Ungläubig schüttelte Gillian den Kopf.

„Mrs. Leoni war das alles ein wenig zu viel. Sie ist dann mit beiden Kindern wieder nach Hause gefahren. Ich glaube, sie wollte nachher noch mal alleine wiederkommen. Dennoch haben wir dann einen Psychiater dazugezogen. Aber das hätten wir früher oder später sowieso machen müssen, wegen der hohen Dosis an Beruhigungsmitteln in seinem Bluttest.“

Sie hielt kurz inne.

„Mr. Duchovny scheint eventuell suizidgefährdet zu sein. Das ist aber noch nicht sicher. Der Psychologe ist noch an der Auswertung dran. Sicher ist aber, dass er starke seelische Probleme hatte. Und aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch hat. Er redet aber nicht darüber, das ist das Problem. Er verdrängt sie und spielt heile Welt. Und wir kommen noch nicht an ihn ran.“

Gillian konnte nicht glauben, was sie da gerade gehört hat.

„Und, ich meine, woran oder weswegen glauben die Ärzte das?“

„Man nimmt an, dass ihn im Schlaf etwas grob aufgeregt hat. Also ein Traum. Die Theorie ist, dass das schon eine Weile so gelaufen sein muss, sein Körper war zwei bis vier Pillen am Tag gewohnt. Es entwickelte sich daraus eine Sucht. Nahm er weniger Pillen, träumte er. Es war wie in einem Kreislauf, aus dem er unmöglich ohne Hilfe ausbrechen konnte. Der letzte Traum muss alles andere übertroffen haben, und so hat sich sein Körper eben gewehrt.“

Gillian nickte, ob sie es verstand wusste sie allerdings nicht.

„Natürlich können wir auch völlig falsch liegen. Dass mit den Träumen war nur eine Interpretation des zuständigen Psychologen. Mr. Duchovny reagierte auf die Frage ob er letzte Nacht geträumt hatte, was nur eine Standartfrage ist, mit einem heftigen Puls. Dennoch wollen wir versuchen, uns auf die Träume zu spezialisieren, herausfinden, ob es eine Schlüsselperson gibt. Aus der Kindheit zum Beispiel.“

Gillian schüttelte den Kopf.

„Ich hätte nie gedacht, dass er sich je etwas antun würde.“

„Wie gesagt, das ist nur ein Verdacht. Es war auch nur die erste Sitzung. Erst bei weiteren Gesprächen finden wir Klarheit.“

„Kann ich zu ihm?“

„Selbstverständlich. Aber bitte alle Aufregung meiden.“

 

Das erste, was ihr beim Betreten des Zimmers auffiel, waren die ganzen Papierblätter. Daves einzige Möglichkeit sich zu verständigen. Noch zumindest.

David selber war wach. Sie war sich sicher, dass er bemerkt hatte, dass jemand den Raum betreten hatte, starrte aber weiterhin nur teilnahmslos an die Decke. Wahrscheinlich vermutete er wieder eine Schwester, die ihn Medikamente geben wollte. Langsam trat Gill auf ihn zu.

Ein schüchternes „Hi,“ war das Einzige, was sie zu Stande bekam.

Da sie nun sowieso in seinem Blickwinkel stand, brauchte er sich auch nicht groß zu ihr umdrehen. So bewegten sich nur seine Augen in ihre Richtung. Sofort lächelte er sie an.

„Dschh..Gillian!“

„Du kannst wieder sprechen?“

Erleichtert und verdutzt zugleich ging sie nun ganz auf ihn zu und setzte sich auf den Stuhl neben seinem Bett. Die Lähmung schien wirklich wesentlich schwächer geworden zu sein, denn sonst hätte er sie ja auch nicht anlächeln können.

„War Kribb...Kribbeln vom .. vor ner halben Sek.. Stunde hatte ich ein Kribb .. Kribbeln in der rechten Hand. Und dann gin .. ging auch das mit dem Gesi ... Gesicht wieder einiger..maßen.“

Um es ihr zu beweisen, griff er mit seiner rechten Hand nach ihr.

„Das ist schön, David!“

Sie umfasste nun seine Hand.

„Ich hab dir doch gesagt, dass alles wieder okay sein wird.“

Trotz diesen Erfolges spürte sie, dass er noch sehr schwach war.

Zu gerne hätte sie ihn nach den Träumen gefragt, ob dies alles wahr war, oder ob der Schlaganfall doch noch andere Gründe gehabt hatte. Jedoch wollte sie ihn nicht belasten. Morgen, sie würde ihn einfach morgen fragen.

„Sch .. Schön ... es ist schön, da ... dass du da ... bist.“ Sagte er nun leise. Sie nickte nur.

„Gill .. Gilly .. ich.. diese Pillen..“

„Nein, shh. Sag nichts mehr. Rede nicht so viel. Spar dir deine Energie lieber zum Gesundwerden auf.“

Auf keinen Fall wollte sie, dass er sich wegen ihrer Worte von gestern Sorgen machte. Gestern war auch sie etwas zu sehr durch den Wind, zu aufgewühlt, um klar und rational denken zu können.

„Ich hätte dich gestern deswegen nicht so anfahren dürfen, das war nicht richtig von mir. Ich habe es nicht verstanden, und tu das bis jetzt noch nicht. Ich schätze ich war sogar sauer auf dich, da du dir damit selbst geschadet hast. Vielleicht kannst du es mir irgendwann mal erklären, damit ich es verstehen kann. Aber nicht jetzt. Nicht hier.“

Sie führte seine Hand zu ihrem Herzen und drückte sie fest an sich. Schon wieder hatte sie mit den Tränen zu kämpfen.

„Vielleicht sollte ich mich ja auch gar nicht in dein Leben einmischen, dazu habe ich kein Recht.“

Sie zögerte wieder.

„Wahrscheinlich war es nur eine Kurzschlußreaktion, dass ich hier her kam.“ Fügte sie dann leise hinzu. Jetzt lief ihr doch noch eine Träne die Wange hinunter. Was sollte Dave bloß von ihr denken?

„Das ist nicht wahr. Es bed ... bedeutet mir sehr v... viel, da .. dass du hier bist. Das ist n ... nicht selbstv ... selbstver ... selbstverständlich. Du bist m ... meine Freundin du da ..das Recht dir Sorgen zu machen. Danke ich dir!“ erwiderte er in einem flüsternden Tonfall.

Gillian legte ihren Kopf auf seine Brust. Sie hätte ihm eh nicht noch viel länger in die Augen sehen können. Sein gleichmäßiger Herzschlag beruhigte sie ungemein. Sie wusste nicht, ob sie das Thema Kydd ansprechen sollte. Entschied sich dann aber dagegen, fürs Erste wollte sie das Tea und den Ärzten überlassen.

„Ich muss wieder los, es gibt noch einiges zu erledigen.“

Sie hob ihren Kopf und hielt vor ihm inne. Er hatte diese wunderschönen braunen Augen. Voller Wärme und Liebe, in die man sich verlieren konnte.

Sie liebte diese Augen, die sie gerade ansahen. Und sie schienen ihr etwas mitteilen zu wollen. Sie wusste nicht, wie ihr geschah, sie konnte seinen Atem spüren. Plötzlich fühlte sie seine Hand auf ihrer Schulter. Nicht einen Moment ließen sie sich aus den Augen. Dann dieser David-Duft, ihr Herz raste immer schneller, sie sollte das hier schleunigst beenden, bevor… Ja, bevor was eigentlich? David war ein verheirateter Mann, es war absurd zu glauben, dass ihm seine Augen verraten hätten.

Oh Gott, nun streichelte er mit seiner Hand ihren Rücken hinauf. Eine Geste, es war einfach nur eine Geste, nichts weiter. Er ist noch immer verheiratet und sein Herz gehört einer anderen. Jetzt strich er mit seiner anderen Hand langsam ihr Haar hinter ihr Ohr. Das war zu viel. Sie beugte sich schnell zu ihm herunter und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. Zu schnell für David, um zu reagieren.

„Ich muss gehen.“

Dann richtete sie sich auf und verließ ohne sich umzudrehen so schnell wie möglich das Zimmer.

Das musste sie einfach falsch interpretiert haben. Sie konnte ihre Wünsche doch nicht auf ihn projizieren. Sicher wollte er sie nur umarmen. Etwas anderes konnte sie sich nicht erklären. Dennoch hatte sie sich in dieser Situation sehr unwohl gefühlt. Sie dachte so sehr über das gerade Geschehene nach, dass sie gar nicht bemerkte, dass Téa mit den Kindern an ihr vorbei kam und sie grüsste.

„Gillian?“ hörte sie es ganz leise aus einer Richtung, die sie noch nicht deuten konnte.

Verwirrt blickte sie um sich.

„Gillian? Ist alles in Ordnung?“ fragte Téa.

Erst jetzt hatte Gillian Téa bemerkt und lächelte zaghaft.

„Ja, es ist alles in Ordnung. Wie geht es dir?“

„Wie soll es mir schon gehen? Ich muss jetzt stark sein. Ich muss für ihn da sein.“

„Seine Halbseitenlähmung ist dabei zurück zu gehen. Und er fängt auch wieder an zu sprechen. Wundere dich nicht, wenn seine Stimme noch etwas verwaschen klingt. Er muss noch stark darüber nachdenken, welche Worte die richtigen sind,“ erklärte Gillian.

„Meinst du, er erkennt Kydd auch wieder? Ich habe Angst mit ihm da rein zu gehen. Der Kleine versteht das ja noch nicht.“

„Soll ich ihn kurz nehmen und hier draußen auf dich warten? Madeleine kann auch so lange hier bleiben. Vielleicht ist es nicht falsch, wenn du zuerst alleine hinein gehst und ihn darauf vorbereitest.“

Téa nickte, gab Gillian Kydd in den Arm und erklärte ihren beiden Kindern, dass sie gleich wieder da sein würde. Dann verschwand sie in Daves Zimmer.

Langsam ging sie zu seinem Bett. Er hatte die Augen geschlossen und er schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Vorsichtig streichelte sie über seinen rechten Arm. David öffnete die Augen.

„Es ist also wahr? Deine Lähmung ist weg?“ lächelte Téa.

David nickte. Sie nahm seine Hand, setzte sich zu ihm auf die Bettkante und gab ihm einen Kuss. Téa überlegte, wie sie anfangen sollte. Sie hatte Angst, weil sie nicht wusste, wie er reagieren würde. Würde er Kydd jetzt wieder kennen?

„Dave, ich habe die Kinder mitgebracht. Soll ich sie rein holen?“

Sicher war das nicht die perfekte Vorbereitung, aber was hätte sie denn anderes sagen sollen?

„Ma…Ma…ähm…Madelaine….“

David lächelte. Und was war mit Kydd? Téa stand verunsichert auf und holte die Kinder ins Zimmer.

„Daddy!“ kreischte Madeleine und sprang zu ihrem Vater aufs Bett.

„Hallo…Kleine…mhh…meine Kleine..“

David freute sich, seine Tochter zu sehen. Téa beobachte ihn. Sie hatte solche Angst, dass er Kydd nicht erkennen würde. Wie sollte sie damit umgehen? Wie sollte sie das ihrem Sohn erklären? Nervös knetete sie jeden ihrer Finger einzeln durch. Doch dann geschah plötzlich das, wovor sie solche Angst gehabt hatte.

„Dein Freund….hast du deinen Freund Spielfreund…deinen Freund zum spielen mitgebracht?“ fragte Dave seine Tochter.

Téas Blick verdunkelte sich und sie spürte einen Kloß in ihrem Hals. Er hatte ihn also nicht erkannt. Sie nahm ihren Sohn auf den Arm und drückte ihn fest an sich.

„Dave….Das hier ist dein Sohn….Warum erkennst du ihn nicht? Sag es mir! Warum?“

Téa fing an zu weinen. Sie verstand es einfach nicht. Ihr tat das so weh. Plötzlich fing Kydd an unruhig zu werden. Der kleine streckte seine Arme nach seinem Vater aus. Téa war völlig überfordert. Was sollte sie jetzt tun? Sie setzte ihn auf Davids Bett ab. Sie wusste nicht, ob es richtig oder falsch war, was sie tat, aber vielleicht würde ihm die Konfrontation ja helfen. David hatte nachdem Téa ihm gesagt hatte, dass Kydd sein Sohn ist, noch kein einziges Wort gesagt. Er starrte das Kind an und man konnte erkennen, wie angestrengt David nachdachte. Doch er konnte keinen Bezug herstellen. So sehr er es auch versuchte. Téa nahm Kydd wieder auf den Arm.

„Es tut mir Leid, Téa,“ sagte er leise.

„Ist schon gut. Vielleicht braucht es einfach noch etwas Zeit. Ich werde die Kinder jetzt nach Hause bringen und später wieder kommen.“

Téa versuchte stark zu sein und ihm nicht zu zeigen, wie weh ihr das ganze tat. Sie nahm Madeleine an der Hand und verabschiedete sich mit einem Kuss von ihrem Mann. Als sie die Zimmertüre geschlossen hatte, sah sie Gillian, die anscheinend gewartet hatte.

„Und?“ fragte sie.

Téa schüttelte den Kopf und ihr Blick sank zu Boden. Sie versuchte die Tränen zu unterdrücken. Sie schluchzte.

„Komm, lass uns irgendwo einen Kaffee trinken gehen.“

 

Die vier kauften sich etwas zu trinken in einem der Klinik nahe gelegenen Starbucks und gingen auf einen daneben liegenden Spielplatz. Dort konnten die Kinder toben und Gillian und Téa sich unterhalten.

„Weißt du, ich habe einfach nur Angst, dass es ihm so geht wie Amram. Er ist daran letztes Jahr gestorben,“ sagte Téa.

„Aber sieh mal. Davids Schlaganfall war relativ harmlos. Seine Lähmung ist fast weg, seine Sprachmotorik ist fast vollständig wieder da und ich bin mir sicher, dass er auch Kydd bald wieder erkennen wird.“

Téa nickte.

„Gibt es vielleicht einen besonderen Gegenstand oder etwas anderes, was mit Kydd und Dave in sehr starkem Zusammenhang steht? Vielleicht erinnert er sich, wenn er etwas hat, was die Erinnerung zurückholen könnte.“

„Ja, da gibt es ein Lied, welches die beiden fast jeden Tag zusammen gesungen haben. Der Kangaroo- Song,“ überlegte Téa laut.

„Das ist gut. Vielleicht erkennt er einen Zusammenhang zwischen ihm und Kydd, wenn er das Lied hört.“

„Ja, vielleicht hast du Recht.“

 

Es war ein wundervoller Tag. Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Er wusste nicht, wo er war. Aber dieser Ort gefiel ihm. Er saß an einem kleinen See, am Rande eines Waldes. Niemand war bei ihm, außer der Natur. Es war sehr ruhig an diesem Ort. Man konnte nur den Wind und die Vögel singen hören. Er hatte nie gewusst, dass es in LA solche schönen Plätze gab wie diesen hier. War er überhaupt noch in LA? Er hatte keine Ahnung. Er schloss die Augen und lehnte sich mit dem Rücken an eine alte Eiche. Er genoss diese Ruhe. Hier schien sie unendlich. Er bemerkte zuerst gar nicht, dass die Vögel plötzlich verstummten. Erst, als der Wind heftiger wurde, öffnete er die Augen und sah, wie sich das Wasser unruhig hin und her bewegte. Es wurde kühler und Wolken schoben sich vor die Sonne. Er stand auf und wollte gehen, doch da sah er sie. Am anderen Ende des Ufers stand eine weibliche Person. Sie bewegte sich nicht, sondern stand einfach nur so da. Sie trug ein weißes Leinenkleid, welches im Wind heftig hin und her wehte. Erst jetzt erkannte er, wer sie war. Es war Gillian. Er musste lächeln. Anscheinend war er nicht der einzige, der diesen Ort hier kannte.

„Gillian, ich komm zu dir rüber. Warte!“ rief er ihr zu, wobei er nicht sicher war, ob sie ihn hören konnte.

Er überlegte, wie er zu ihr kommen sollte. Rechts und links schien sich der See in die Unendlichkeit zu erstrecken. Er zögerte kurz und ging dann ins Wasser, um zu ihr rüber zu schwimmen. Im ersten Moment war das Wasser eiskalt, doch er gewöhnte sich schnell an die Temperatur, da die Luft draußen schon immer kälter wurde. Gillian bewegte sich noch immer nicht. Er beschloss etwas schneller zu schwimmen. Er kam immer näher und näher, doch sie machte keine Anstalten auf irgendeine Reaktion. Langsam erkannte er hinter ihr Häuser. Sie schien auf einer Strasse zu stehen. Wie konnte das sein? Sie befanden sich doch mitten im Wald? Warum hatte er die Häuser eben nicht gesehen? Der Wind wurde immer stärker und stärker und er hatte kaum noch Kraft dagegen anzukommen. Er entfernte sich immer weiter von ihr. Der Wind riss ihn mit sich. Er war machtlos. Er rief ihren Namen, doch sie hörte ihn nicht. Verzweifelt versuchte er von der Stelle zu kommen. Plötzlich hörte er ein lautes Hupen. Er sah wie sie von einem Laster mitgerissen wurde. Dann ertrank er.

 

Abrupt riss er die Augen auf. Dass Dr. Sylver vor ihm stand, machte die Sache bei Weitem nicht einfacher. Dr. Sylver sah nicht wie eine gewöhnliche Psychologin aus. Sie war schon älter. Zwischen Mitte vierzig und Anfang fünfzig schätzte er sie. Sie hatte eine Brille mit runden Gläsern auf der Nase, was sie sehr sympathisch aussehen ließ. Ihr Haar war schon etwas ergraut und auch zeichneten sich einige Mimikfältchen über ihr Gesicht ab. Sie war voll und ganz dieser mütterliche Typ, der kümmernde Typ. Aber vielleicht brauchte sie genau diese Wirkung in ihrem Job. Bei ihm funktionierte es zumindest.

„Es sind die Träume, nicht wahr?“

Erwischt! Volle Pulle erwischt. Er drehte seinen Kopf weg, er wollte sie jetzt nicht ansehen, sich nicht ihren prüfenden Blick unterziehen. Doch sie hatte ihn längst durchschaut. Und mit seiner abweisenden Geste bejahte er ihre Frage mehr, als es tausend Worte hätten sagen können.

„David, ich darf sie doch David nennen, oder?“

Sie rückte den Stuhl an sein Bett und setzte sich. Ihren Block und den Kugelschreiber legte sie auf den Tisch hinter sich.

„Das darf ich doch, oder?“

Dave schloss die Augen. Er nickte. Langsam drehte er seinen Kopf nun wieder zu ihr. Er wusste, dass sie nicht eher gehen würde, bevor er ihr nicht gab, weshalb sie gekommen war.

„David, lassen Sie mich das mal zusammenfassen: Vor einiger geraumer Zeit ist Ihnen etwas bewusst geworden. Da hat es Klick gemacht in Ihrem Kopf. Was das war, darüber sprechen wir später. Denn das ist wichtig, David. Sehr sogar! Denn Sie haben es bisher noch nie angesprochen. Stimmt das?“

Es war, als würde sie seine Gedanken von seiner Stirn ablesen können. Dennoch war es ihm nicht unangenehm. Er wollte diese Träume nicht, sie wurden immer schlimmer. Das konnte er nicht mehr lange aushalten. Sein Körper hatte sich bereits schon dagegen gewehrt. Und nun sollte er die Chance bekommen, eine Lösung zu finden. Einen Ausweg aus all dem Schlamassel. Verdammt ja, er hatte noch nie darüber gesprochen, aber es musste schleunigst raus. Er nickte.

„Schön. Das ist gut, David. Es ist gut, dass Sie sich das eingestehen. Das ist mit einer der schwierigsten Schritte. Und glauben Sie mir, Sie haben noch einige andere Schritte vor sich. Und ich möchte noch einmal betonen, dass ich Ihre Ärztin bin, und das alles, was wir besprechen unter uns bleibt. Es dient lediglich mir, um Ihnen zu helfen. Das verstehen sie doch?“

„Ja,“ flüsterte er.

Dann nahm sie wieder ihren Notizblock hervor und den Kuli.

„Also, dieses Problem, worüber Sie sich nur ausgeschwiegen haben, wurde immer größer. Und Sie hatten das Gefühl, dass Sie es nicht mehr lange alleine bewältigen konnten. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Sie zu den Tabletten gegriffen haben. Wissen Sie, ich teile nicht die vorläufige Meinung meiner Kollegen hier auf der Intensiv. Ich bezweifle, dass Sie sich mit den Pillen bewusst etwas antun wollten. David, ich weiß, dass Sie nicht sterben wollten, weil alles aussichtslos erschien. Wollen Sie wissen, was ich denke? Ich denke, dass Sie einen ganz besonderen Lebenswillen haben. Einen starken Lebenswillen. Aber Sie wollen ein anderes Leben als das, welches Sie jetzt führen. Und das wird schwierig. Nur zählt ersteinmal, dass Sie stark sind und dass der Kerngedanke stimmt. Das ist ein schöner Aussichtspunkt. Wirklich! Und um meinen roten Faden nicht zu verlieren, beende ich meine Theorie jetzt, und dann sind Sie dran. Die Tabletten waren gut, nicht wahr? Die dämmten die Träume etwas ein und ließen Sie schlafen. Sie waren völlig erschöpft. Kein Wunder, tagsüber quälte Sie Ihr ungelöstes Problem und in der Nacht hatten Sie auch keinen Frieden finden können, da die Träume Ihnen Ihr Problem auch nachts verdeutlichten. Aber mit den Pillen ging es für ein paar Stunden. Und schon bald konnten Sie gar nicht mehr ohne diese Tabletten. Bis Ihr Körper sich auf einmal wehrte. Und nun liegt es an mir, herauszufinden was Sie genesen lässt.“

David nickte wieder. Ja, genau so war es. So sah es zur Zeit in ihm aus. Und nun machten sich auch die ersten Folgen bemerkbar. Tea war sauer auf ihn und Gill hatte er schon so gut wie verloren. Die Tränen konnte er nun nicht mehr zurück halten.

„David, es ist schwer, ich weiß.“

Sie griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.

„Sagen Sie es mir. Woran haben Sie grade gedacht?“

„Ich hab... habe meinen Sohn nicht erkannt. Vergessen, hab ich ihn, nicht mehr erinnert... konnte ich mich.. nicht.“

„Das ist normal, ich kenne keinen Fall, bei dem der Patient sich gleich an alles wieder erinnern konnte! Warum sollte das bei Ihnen so sein, David? Deswegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Und ihr Sprachvermögen, wenn ich das mal anmerken darf, ist inzwischen schon ausgezeichnet. Und Ihre Lähmung ist fast vollständig weg. Sie haben wirklich nur Fortschritte gemacht!“

Sie machte bewusst eine Pause. Er sollte nun verdauen, dass es auch gute Punkte gab, dass er wieder auf dem besten Wege der Besserung war. Er musste unbedingt anfangen positiv zu denken. Und das versuchte sie ihm klar zu machen. Er strich sich mit seinem freien Arm die Tränen weg. Okay, das schien er jetzt also verinnerlicht zu haben.

„Wollen wir jetzt über die Träume reden, David? Möchten Sie das? Oder lieber ein anderes Mal? Ich bin heute schon sehr zufrieden mit Ihnen.“

Er zeigte ihr keine Reaktion. Als Psychologin schlußfolgerte sie, dass er wartete, dass sie ihm die Entscheidung abnahm. Das konnte er haben. Je früher sie sein Problem erkannte, desto eher konnte sie ihm helfen.

„David, wenn sie an die Träume denken, was tut Ihnen dann am meisten weh?“

Er schloss die Augen. Nach einer Weile befreite er sich aus ihrem Griff und ballte seine rechte Hand zu einer Faust. Mit einem seichten Schlag auf sein Herz beantwortete er ihre Frage stumm.

„Das ist die empfindlichste Stelle eines jeden Menschen, David. Dann müssen es ja ganz gewaltige Gefühle gewesen sein, wenn sie das aus Ihnen gemacht haben.“

„Das sind sie immer noch.“

„Ich nehme an, Sie haben noch nie mit Ihrer Frau darüber gesprochen. Aus Angst Sie könnten sie verletzten oder sogar verlieren?“

Dave war nicht überrascht, dass diese Frage jetzt kam. Dass es nicht die eigene Ehefrau war, die dieses Gefühlschaos in einem auslöste, konnte ja selbst ein Laie schlußfolgern. Warum denn auch sonst dieser Zwiespalt?! Also verneinte er ihre Frage.

„Ist diese andere Frau es dann wert?“

Er öffnete die Augen und sah sie an.

„Bis in alle immer ... Ewig ... Ewigkeit ... ist sie das.“

Sie sah das Leuchten in seinen Augen. Doch machte es ihr mehr Angst als alles andere. Dass David alles tun würde, was nötig war, um Herr der Lage zu werden, das hatte er deutlich gezeigt. Sonst würde er ja auch jetzt nicht hier vor ihr liegen. Auf einmal bekam sie ein ganz seltsames Gefühl. Was, wenn diese Frau der einzige Grund für seinen starken Lebenswillen war? Und weiter gedacht, was passiert, wenn sie seine Gefühle nicht erwidert?

Dann öffnete sich die Türe.

„Mrs. Leoni. Guten Abend.“

Und sie nickte ihr freundlich zu.

„Wir unterhalten uns dann morgen weiter, David. Ich wünsche Ihnen eine schöne Nacht!“

Und dann verließ sie auch schon den Raum. Tea hatte sich umgezogen und schien guter Laune zu sein. Das freute auch ihn. Nach dem Vorfall von heute Vormittag hätte er eine andere Reaktion erwartet. Lächelnd ging sie auf ihn zu und er quälte sich in eine halbwegs aufrechte Position, um sie diesmal besser zu begrüßen.

„Hallo Honey!“

Sie setzte sich auf ihre Bettkante und küsste ihn auf dem Mund. Mit ihren beiden Händen hielt sie seinen Kopf und lenkte ihn wieder vorsichtig in sein Kopfkissen zurück.

„Du siehst viel besser aus als vorhin.“

Leicht streichelte sie ihm über sein Gesicht.

„Du auch! Alles okay?“

Sie nickte.

„Ich habe Gillian getroffen und wir haben uns unterhalten..“

Sein Herz pochte wie wild. Sie richtete sich ein wenig auf, aus Angst ihm weh getan zu haben. Ging aber dann nicht mehr weiter auf ihn ein.

„... sie ist eine großartige Frau!“

„Ja, das ist sie.“

„Sie war ein wenig seltsam, aber sie hat mich auf eine ganz wundervolle Idee gebracht!“

„Und? Willst ... wirst du sie mir verraten?“

„Morgen mein Schatz. Morgen habe ich eine Überraschung für dich.“

„Die Kinder, geht’s denen .. den Kindern – gut?“

Plural, er hatte die Kinder gesagt. Das ließ Tea hoffen.

„Ja, alles bestens. Leider muss ich mich nun wieder um sie kümmern. Ich wollte schon eher bei dir sein, wurde aber beim Einkaufen in der Stadt aufgehalten. Ich wünschte ich hätte heute mehr Zeit bei dir verbracht!“

Müde sah er seine Frau an.

„Ist schon okay. Gib den beiden ein Küsschen von mir!“

„Das werde ich!“

Noch einmal beugte sie sich zu ihm runter und küsste ihn. Er schloss die Augen und sie ging. Sie hatte einen alten Freund von früher gebeten, auf die beiden Kinder aufzupassen. Er liebte Kinder, also hatte sie eigentlich gar keine Bedenken. Dennoch wollte sie sie nicht zu lange alleine lassen.

 

Sie sah so wundervoll aus! Alles an ihr war perfekt. Das Kleid, ihre Haare, ihr Lächeln einfach alles. Der Abend war perfekt. Sie verließen die Party schon sehr früh. Alle anderen Gäste waren noch da und waren kräftig am feiern. Es hatte auch keiner bemerkt, dass er sich mit Gillian auf leisen Sohlen davon gemacht hatte. Der Wind wehte mit einem warmen Lüftchen und die Wellen schäumten leise auf. Sie zogen beide ihre Schuhe aus und schlenderten Hand in Hand durch den angenehmen Sand. Von ganz weit entfernt hörte er noch die Musik von der Party und die Sterne funkelten über ihren Köpfen. Gill schmiegte sich nun noch dichter an seine Seite. Dann blieb er stehen und sah sie an. Er hätte es von Anfang an wissen sollen, dass sie seine Seelenverwandte ist. Sein einziger Halt auf dieser hektischen Welt. Was würde er nur ohne sie machen? Eine Antwort darauf brauchte er sich nicht mehr auszumalen, denn auf einmal stellte sie sich auf ihre Zehenspitzen und küsste ihn vorsichtig. Ihm war warm ums Herz geworden und er schlang seine Arme um sie, wollte sie nie wieder gehen lassen. Er war seit langem mal wieder glücklich. Auch er verdiente es, einmal glücklich zu sein. Dafür musste er hart kämpfen und viel Zeit investieren.

Plötzlich sank sie mit einem stummen Schrei des Schmerzes in seinen Armen zusammen und er musste in die Hocke gehen, damit sie nicht auf dem Sand aufprallte. Ihre Augen waren geschlossen und er fühlte etwas Warmes seine Hand hinunter laufen. Der stille Nachthimmel über ihn verschwand mit einem Wahnsinnstempo und das grelle Tageslicht stach ihm in die Augen. Der Untergrund fühlte sich nun auch nicht mehr sandig an. Sie befanden sich auf dem nackten Asphalt. Immer mehr Leute kamen nun auf sie beide zu. Was sollte das? Woher kamen diese Leute? Doch nicht etwa von der Party? Er wollte mit ihr alleine sein. Von überall her kamen Straßengeräusche, ein Handy klingelte. Was sollte der ganze Krach? Die Leute schienen ihm aber wenig Beachtung zu zeigen. Ihre Gesichter waren schockiert und aufgebracht zugleich. Er drehte sich um und schaute direkt auf eine eingebeulte Motorhaube. Wo kam das Auto her? Hatten sie sich nicht vor wenigen Sekunden noch am Strand geküsst? Er bekam es mit der Angst zu tun. Gillian! Die Gillian, die er in seinen Armen hielt regte sich nicht mehr. Das Warme an seiner Hand war Blut, ihr Blut. Dort war eine gewaltige Wunde an ihrem Kopf. Und er konnte nicht ausmachen, ob sie noch atmete. Nein, nicht schon wieder! Er schrie auf.

 

„Neeein! Bleib bei mir!“

Keuchend riss er seine Augen auf. Nicht Dr. Sylver war vor ihm, es war eine erschrockene Gillian, die ihn mit großen Augen anstarrte. Sofort eilte sie auf ihn zu.

„Ich bin ja da! Shhh..“

„Du lebst!“

Sie hielt seinen Kopf fest und presste ihn an sich. David fasste nach ihren Armen und hielt sich daran fest. Er musste einen ganz schlimmen Traum gehabt haben. War an dieser Traumsache doch mehr dran, als vermutet? Dann ließ sie von ihm ab und sah in an.

„Natürlich lebe ich David.... Soll ich eine Schwester holen?“

Noch immer schlug sein Herz wie wild und sie fühlte sich so hilflos wie noch nie. Sie wollte nicht vor ihm weinen, sie wollte stark sein. Wer sollte es denn sonst sein, wenn nicht sie? Und dabei wollte sie nur kurz vorbei kommen und nach dem Rechten sehen. Sie konnte nicht einschlafen, musste immer nur an ihn denken. Und jetzt merkte sie, dass alles noch viel, viel schlimmer und beunruhigender war als vorher. Dann schüttelte er den Kopf. Sie umarmte ihn und sie sanken beide zurück in das Kissen. Er war ganz heiß und nass. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Ich habe Angst, David. Angst um dich!“

„Und ich um dich!“

Sie verstand seine Worte nicht, beruhigte sich aber allmählich wieder. Auch sein Herzschlag normalisierte sich wieder. Wenn sie sicher bei ihm war, dann war das besser als jede andere Tablette, die er je geschluckt hatte. Dann legte sie ihren Kopf auf seine Brust.

„Was geht in deinem Kopf vor, Dave? Was sind das für Träume? Sie werden dich noch umbringen!“

David schloss die Augen und suchte mit seiner Hand nach ihrer. Als sie sich gefunden hatten, hielten sie einander fest.

„Ich weiß nicht, wie ich... sie weg... loswerden soll.“

Sie schwieg ein Weilchen, um die Gedanken ordnen zu können. Sie wollte ihm helfen. Aber wusste nicht wie.

„Was hast du eben geträumt?“ fragte sie schließlich mit einem Flüstern.

Doch statt einer Antwort hielt er ihre Hand nur noch fester, dass es ihr fast schon weh tat. Sie musste sich zusammenreißen, nicht schon wieder die Fassung zu verlieren.

„Ich war auch in deinem Traum, nicht wahr?“

Diesmal reagierte er gar nicht. Doch sie dachte nicht einmal daran jetzt aufzugeben. Sie hob ihren Kopf und lehnte sich leicht gegen ihn, um ihn ansehen zu können. Nicht ein einziges Mal ließ sie seine Hand los. Mit ihrer anderen Hand stützte sie sich auf der Matratze ab.

„Was haben wir in deinem Traum gemacht, Dave?“

Das Licht von dem Flur war die einzige Lichtquelle in diesem Augenblick. Aber es reichte aus, um ihn zu sehen. Er starrte sie teilnahmslos an. Doch sie wusste, dass er mit seiner ganzen Aufmerksamkeit nur bei ihr war.

„Ist es immer der gleiche Traum?“

Jetzt endlich schüttelte er den Kopf.

„Es ist also immer ein anderer Traum?“

„Meistens.“

Auch er konnte nur noch flüsterten. So konnten ihm wenigstens nicht die Stimmbänder versagen.

„Warum willst du es mir dann nicht erzählen? Ich will dir doch nur helfen!?!“

Es war vielmehr ein Flehen, statt einer Frage.

Es tat ihm weh, sie so zu sehen und zu wissen, dass er daran Schuld war.

„Ich kann nicht. Es tut mir leid, ich kann nicht.“

Sie schloss ihre Augen und verzog die Stirn. Dann legte sie ihren Kopf auf sein Schlüsselbein ab. Wieso ließ er sie nicht an ihn heran?

„Ich schäme mich so!“

„Das brauchst du nicht. Ich bin es doch bloß, David.“

Sie hob ihren Kopf nun wieder und sie fühlte den Kloß in ihrem Hals.

„Lass mich nicht im Stich, Dave! Bitte nicht! Sag mir, was du geträumt hast. Hab ich dir vielleicht weh getan im Traum? Ist es das?“ fragte sie weinerlich.

Jetzt fasste er mit beiden Händen nach ihren Oberarmen.

„Nein Gill, nicht so. Du hast nichts falsch gemacht!“

Ihre Atmung war flach, das war irgendwie alles zu viel für sie. Dann schüttelte sie ihren Kopf.

„Aber auch nie irgend etwas richtig, hmm?“

Langsam aber bestimmt löste sie sich aus seinem Griff und stand auf. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen ging sie ein paar Schritte zurück, bis sie schließlich an der Tür stand.

„Ich kann es dir noch nicht erzählen,“ gab er kaum hörbar von sich.

Sie starrte ihn weiterhin an und nickte dann leicht. Letztlich wischte sie sich ihre Tränen vom Gesicht ab und ging.

 

 

Einen Tag später…

„Hi, Dave,“ sagte Tea, als sie wie gewohnt in Davids Zimmer eintrat und ihm einen Kuss gab.

Die Kinder hatte sie wieder nicht dabei, worüber David heute aber auch dankbar war, denn er musste mit Tea reden. Die ganze Nacht hatte er darüber nachgedacht, was er tun sollte. Er hatte nicht eine Minute geschlafen. Er hatte deshalb auch nicht geträumt, aber Nachdenken war auch nicht viel besser als seine Träume. Doch er war zu dem Entschluss gekommen, dass er mit Tea über seine Träume sprechen musste. Es ging nicht anders und wenn er es jetzt nicht tun würde, dann würde er es nie tun und einer von beiden würde letzten Endes daran zerbrechen.

„Ich habe gerade mit deiner Ärztin gesprochen. Deine Sprachlücken sind weg. Ist das wahr? Ich freue mich so. Ich habe dir die Überraschung mitgebracht, von der ich dir gestern erzählt habe. Erinnerst du dich?“

David nickte. Tea holte aus ihrer Handtasche einen Walkman heraus, den David immer zum Joggen mitnahm. Er sah sie fragend an. Was sollte er damit? Ihm war jetzt wirklich nicht danach Musik zu hören.

„Was hast du vor,“ wollte David wissen.

„Ich sagte doch gestern, dass mich Gillian auf eine wundervolle Idee gebracht hat. Hör es dir selbst an,“ erklärte ihm Tea.

Sie streifte ihm die Kopfhörer über den Kopf und drückte auf Play. Es dauerte einen Moment, bis David etwas hörte.

 

I´m a singing kangeroo and I´m come from far away

I like to hop hop hop all day

Would you like to come and play

To hop hop hop hop what do you say?

I go hop hop ´cause I´m a kangeroo

To get in my pouch and hop with you

I go hop hop well I sing my song

Hop hop hop hop hop it along

I got big feet and I use like a spring

that´s why hop hop hop is my thing

I like to hop and I like to sing

Hop hop hop hop ringe ding ding

 

Tea beobachtete ihn gespannt. Sie hoffte, dass er sich erinnern würde. Zuerst blickte er überlegend durch die Gegend, doch nach nur einigen weiteren Sekunden verharrte sein Blick an der Zimmertüre. Ihm schien etwas eingefallen zu sein, dachte Tea. Doch dann sah sie, wie kleine Tränen an seinen Wangen herunter liefen. Sie wusste nicht, wie sie das deuten sollte. War es etwas Positives oder etwas Negatives? Hatte er sich durch das Lied wieder an seinen Sohn erinnert? Tea ging einen Schritt auf David zu.

„Erinnerst du dich? David?“

Sie setzte sich zu ihm an die Bettkante und nahm ihn in den Arm.

„Mein Sohn….Das haben wir immer….gesungen….wir beide…,“ sagte David leise.

Tea lächelte. Was er da sagte, entsprach der Wahrheit. David hatte sich also erinnert.

„Ja, das ist euer Lied.“

Für einen Moment fühlte sich David, als sei nie etwas geschehen, doch nur kurze Zeit später holten ihn seine Gedanken zurück in die Realität. Er atmete tief durch und setzte an zu sprechen.

„Tea…ich….Wir müssen miteinander reden.“

Tea löste sich von ihm. Er klang plötzlich so ernst.

„Was ist los, David?“

Er überlegte einen Moment, doch er musste jetzt mit ihr reden. Er hatte sich fest dazu entschlossen.

„Ich möchte mit dir über meine Träume reden, Tea,“ begann er.

Damit hätte sie jetzt nicht gerechnet. Sie freute sich, dass er so offen ihr gegenüber war.

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe bis jetzt noch mit niemandem richtig darüber gesprochen…“

Tea nahm seine Hand, um ihm zu signalisieren, dass er keine Angst haben musste.

„Ich möchte dir nicht wehtun, aber es lässt sich mit Sicherheit nicht vermeiden,“ sprach er weiter und machte eine erneute Pause.

Tea verstand nicht. Was meinte er damit, dass er ihr mit Sicherheit wehtun wird?

„Ich träume von Gillian.“

Tea erstarrte plötzlich. Hatte sie das jetzt richtig verstanden?

„Bitte, hör mir zu, Tea. Am Anfang waren es harmlose Träume mit keiner Bedeutung. Doch die Träume wurden immer schlimmer und heftiger. Sie haben alle das gleiche Ende. Sie enden damit, dass Gillian stirbt…und das vor meinen Augen. Jede Nacht das Gleiche. Es macht mich innerlich kaputt. Es ist grauenvoll. Und das Schlimmste ist, ich kann mich an jedes noch so kleine Detail aus meinen Träumen erinnern. Aus lauter Verzweiflung habe ich angefangen diese Tabletten zu nehmen, doch die haben nach einiger Zeit auch ihre Wirkung verloren. Es wurde wieder schlimmer. Viel schlimmer. Und dann weißt du ja, was passiert ist. Ich komme aus diesem Schlund nicht mehr heraus…“

Tea war fassungslos. Was musste er nur die ganze Zeit durchgemacht haben. Wie lange ging das schon so? Sie wünschte, sie hätte etwas davon bemerkt. Sie hätte ihm helfen können. Tea nahm David in den Arm und drückte ihn fest an sich.

„Warum hast du mir nie etwas davon erzählt? Ich hätte dir helfen können. Wenn ich doch nur gewusst hätte…“

David unterbrach sie.

„Tea, die Träume sind noch immer da und durch diese intensiven Erlebnisse ist mir etwas klar geworden…“

David stoppte wieder. Jetzt kam der Teil, der Tea wehtun würde. Er hasste sich jetzt schon selbst dafür, aber er hatte sich geschworen ihr die Wahrheit zu sagen.

„Gillian bedeutet mir sehr viel. Du bedeutest mir sehr viel. Aber…“ er stoppte schon wieder.

David fing an zu wimmern. Er weinte.

„…du liebst Gillian.“ beendete Tea seinen Satz.

Die ganze Zeit über hatte sie sich nicht von ihm gelöst. Sie hielt ihn noch immer in seinen Armen. David wusste nicht, was er sagen sollte. Tea bedeutete ihm schrecklich viel. Aber es war nicht genug. Es war einfach nicht genug.

„Auch wenn ich nichts von deinen Träumen wusste. Ich habe es schon länger gespürt. Ich konnte mich darauf vorbereiten, denn ich wusste innerlich, dass dieser Zeitpunkt einmal kommen würde. Und ich bin dir nicht böse.“

David weinte noch immer. Womit hatte er das nur verdient? Er war dabei sich von seiner Frau zu trennen und sie blieb ruhig und verstand ihn. Es war ja nicht so, dass er Tea nicht lieben würde. Immerhin war sie die Mutter seiner beiden Kinder. Doch er wusste, dass sein Herz Gillian gehörte. Dennoch war diese Situation nicht leicht für ihn. Es tat ihm weh, seine Frau so zu sehen. Aber er wusste, dass er ihr mit einer Lüge noch viel mehr wehtun würde.

„Warum bist du nur so gut zu mir?“ fragte David schließlich, als er sich etwas beruhigt hatte.

Tea löste sich von ihm und nahm wieder seine Hand. Sie sah ihn an.

„Ich liebe dich, David. Und ich respektiere dich auch. Und ich möchte, dass du glücklich bist. Aus dem Grund respektiere ich auch deine Gefühle. Ich möchte unsere schöne Zeit, die wir miteinander hatten nicht zerstören. Wir haben zwei wundervolle Kinder, die ihren Vater brauchen. Aus diesem Grund lasse ich dich los, auch wenn es mir nicht leicht fällt. Vielleicht verstehst du es noch nicht, aber ich lasse dich gehen. Ich möchte, dass du weiterhin für mich und die Kinder da bist, wenn wir dich brauchen. Auch, wenn wir dich nicht brauchen…“

David wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte das alles gar nicht verstehen. Er hatte Tea noch nie so gesehen. Er war froh, dass sie so verständnisvoll war. Es hätte auch alles anders kommen können. Aber dafür kannte er Tea zu gut. Sie würde nie so grausam sein und ihm die Kinder wegnehmen.

„Ich werde jetzt gehen, okay? Ich werde morgen wieder kommen und dann können wir noch einmal über alles sprechen. Vertrau mir, David. Es ist die richtige Entscheidung.“

Tea lächelte. Sie hatte sich anscheinend schon damit abgefunden. Oder war es vielleicht viel mehr ein Verdrängungsmechanismus? Aber das glaubte David eigentlich nicht.

„Hör auf zu weinen, David.“ lächelte sie, strich ihm die Tränen aus dem Gesicht und gab ihm einen Kuss.

Dann nahm sie ihre Sachen und ging aus dem Zimmer.

 

Auf dem Flur kam ihr Gillian entgegen. Tea lächelte ihr zu und ging weiter. Verwundert blickte ihr Gillian hinterher und betrat dann schließlich Davids Zimmer. Sie sah, dass er geweint hatte. Was war nur los?

„David?“ fragte sie und ging auf ihn zu.

„Hi“ sagte er nur.

„Was ist los mit dir? Ist was passiert? Geht es dir wieder schlechter?“

„Nein…Nein…“ lächelte er nun. „Ganz im Gegenteil. Meine Träume fangen an wahr zu werden.“

Vor seinem Bett blieb sie dann stehen.

„Also kann davon ausgegangen werden, dass es doch schöne Träume sind?“

„Ich kann es dir nicht erzählen. Noch nicht.“

Sie nickte mit dem Kopf.

„Ich...,“ sie machte eine Pause.

David merkte erst jetzt, dass sie anders war als gestern. Distanzierter. Sie kam ja noch nicht einmal zu ihm ans Bett.

„Das kann ich alles nicht verstehen, David. Ich habe über gestern Abend nachgedacht.“

Wieder eine Pause. Es viel ihr sichtlich schwer diese Worte zu sagen.

„Als ich her kam, nach LA, da dachte ich, dass ich dir helfen kann... und ich dachte, dass ich dich kennen würde,“ fügte sie dann leise hinzu.

Sie knetete nervös ihre Finger.

„Doch jetzt sehe ich immer deutlicher, dass dies nicht der Fall ist. Ich weiß gar nicht mehr wer du bist.“

Davids anfängliche Freude war nun vollkommen verflogen. Er zog die Stirn kraus und versuchte krampfhaft ihr Folge zu leisten.

„Gilly, ich verstehe deine Worte nicht. Was willst du mir damit sagen?“

Sie senkte ihren Blick nach unten. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, vielmehr hatte sie mit ihrer Fassung zu kämpfen.

„Was ich damit sagen will ist, dass ich morgen wieder zurück nach London fliege. Piper ist bereits auf dem Weg nach Vancouver zu Clyde. Anstatt dir zu helfen habe ich das Gefühl, dir nur im Weg zu stehen. Ich hätte nicht kommen sollen.“

Er konnte nicht glauben, was sie da von sich gab. Kein Wort konnte davon wahr sein! Kein einziges!

„Und wie oft musstest du dir das einreden, um es selbst zu glauben? Gillian, sieh dich doch an. Nichts von dem ist wahr, und das weißt du auch. Du kannst mir ja noch nicht mal in die Augen sehen dabei. Zieh bitte keine falschen Schlüsse, nur weil du gestern vielleicht sauer auf mich warst. Wut hat da noch keinem geholfen!“

„Was du Wut nennst, nenne ich Vertrauen.“

Dann sah sie ihn wieder an. Sie hätte heulen können, doch es war schon alles aufgebraucht. In den letzten Tagen hatte sie all ihre Tränen verweint.

„...und du hast keines mehr zu mir. Und so kann ich dir nicht helfen. Es tut mir leid, wenn du das anders siehst.“

David wusste, dass sie es ernst meinte. Am liebsten wäre er aus dem Bett gesprungen und hätte sie ganz fest umarmt, ihr gesagt, dass alles wieder gut wird. Und vor allem, dass er sie immer noch über alles liebte. Dann könnte er mit Sicherheit auch über diese Träume sprechen. Doch stattdessen waren seine gesamten Muskeln wie gelähmt, er fühlte, dass er sie ein weiteres Mal verlieren würde. Eine Träne kullerte ihm über die Wange. Doch diesmal waren es keine Tränen der Erleichterung, sondern wegen Gillians harten Worte. Er schüttelte den Kopf, konnte das alles hier nicht glauben. Er streckte einen Arm nach ihr aus, wie ein Kleinkind, das zu seiner Mutter will.

„Gillian komm her! Bitte! Ich wollte dir nie wehtun. Und das hier, das alles... das ist doch Wahnsinn, das passiert doch gar nicht.“

Er griff mit der Hand in der Luft, sie sollte endlich zu ihm an das Bett kommen.

„Das passiert doch alles nicht, oder?“ flüsterte er.

„Ich muss jetzt gehen David. Mach es mir doch nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist.“

Sie trat zurück und kniff die Lippen zusammen. Es brach ihr das Herz, aber es war langfristig gewiss die richtige Entscheidung. David starrte sie mit großen Augen an. So wollte er das alles nicht. Das war alles so... endgültig. Statt sie glücklich zu machen, bewirkte er nur Schmerz bei ihr. Und jetzt war sie schon fast weg und er konnte nichts tun. Er konnte sie nur noch anflehen. Sie war schon an der Tür.

„Bitte fliege nicht nach London. Bitte bleib hier bei mir. Bitte Gill!“

Sie hielt den Türgriff fest, öffnete aber nicht dir Tür. Sie stand einfach nur da.

„Das hätte ich schon vor Jahren sagen sollen, als du mir deinen Entschluss über deinen Umzug nach London mitgeteilt hattest. Schon damals hätte ich das sagen sollen. Und jetzt verliere ich dich schon wieder.“

Gillian ließ den Arm fallen und drehte sich langsam um. Mit schnellen Schritten ging sie auf ihn zu, setzte sich auf die Bettkante und küsste ihn stürmisch. David konnte gar nicht so schnell begreifen, was hier geschah. Hatte er es tatsächlich geschafft? Hatte sie sein Liebesgeständnis angenommen? Schon fast verzweifelt küsste sie ihn immer weiter und er hielt sie endlich fest und erwiderte den Kuss. So musste sich das Paradies anfühlen. Da war er sich ganz sicher. Nach einer Ewigkeit hörte sie schließlich auf. Sie waren immer noch ganz dicht beieinander. David hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, als er wieder seine Augen öffnete. Umso erschrockener war er, als er Gillians traurige Augen sah.

„Es tut mir Leid, David. Aber ich hoffe, du wirst es irgendwann einmal verstehen.“

Dann stand sie genau so schnell wieder auf und verließ nun endgültig den Raum. Alles, was ihm blieb war ihr Geschmack auf seinen Lippen und der starre Blick auf die Tür, durch die Gillian soeben sein Leben verlassen hatte.

 

Vier Wochen später...

David saß am Fenster und schaute zu, wie sich die Bäume leicht im Wind bogen. Er war seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus gestern wieder in seinem Haus in Malibu. Bei Tea und den Kindern. Sobald er wieder voll strapazierfähig sein würde, wollte er ausziehen und sich eine geräumige Wohnung in LA kaufen. Doch das würde wohl noch etwas dauern, wozu sollte er denn wieder wie der alte sein? Für wen?

Er zog sich eine Jogging-Jacke und seine Turnschuhe an. Dann würde er wenigstens einen Strandsparziergang machen, bevor ihm hier die Decke auf dem Kopf fiel. Der Sinn des Lebens würde ihm so auch nicht einfallen.

Er wusste, dass er sich viel bewegen sollte. Dass er essen sollte, auch wenn ihm der Appetit fehlte. Zwei mal die Woche hatte er noch böse Träume. Die würden noch weg gehen, meinte Dr. Sylver zumindest. Jetzt, wo er sich mit seinem Problem auseinandergesetzt hatte und er nun wusste, wie es mit der Realität bestimmt war, würden die Träume schon weniger werden. Und wenn er die Realität akzeptiert hatte, dann würden sie sogar vollständig aufhören. Und das war auch genau sein neues Problem. Wollte er denn diese Realität akzeptieren? Gill war nicht an seiner Seite, und es war auch noch alles so verdammt frisch, dass es noch immer wehtat. Ob er je aus diesem Kreislauf entbrechen konnte? Dabei wäre es so einfach gewesen. Aber was hatte er denn erwartet? Dass sie sofort alles hinschmeißen würde, wenn er erst einmal mit den Finger schnipst?! Schließlich hatte sie auch ein Leben, das sie selbstverständlich auch selber führen wollte. Was hatte er denn gedacht? Und dann hatte er sie ja auch völlig überrumpelt, sie hatte ja quasi kaum Zeit gehabt, um sich Gedanken zu machen. Er blieb stehen und setzte sich in den Sand. Warum muss immer alles so kompliziert sein? Das Wasser hatte etwas Magisches. Es wirkte irgendwie beruhigend. Er schloss die Augen, er wollte, dass sich dieses Bild in seinem Kopf festbrannte. Sodas er es immer vor Augen hatte, wenn er es brauchte.

Plötzlich spürte er zwei Arme links und rechts auf seinen Schultern, die sich vor seiner Brust zusammenfanden und sich verschlangen. Sie waren warm und weich. Er öffnete die Augen wieder.

„Ich hab’s mir anders überlegt.“

Mehr brauchte sie nicht sagen. Das war alles, was er in letzter Zeit hören wollte.

„Entschuldige, dass ich so lange gebraucht habe. Aber ich musste ein Haus ausräumen, eine Verlobung trennen und einen Umzug arrangieren.“

„Ist das wieder ein Traum?“

„Nein David. Das ist unser neues Leben. Die Träume brauchst du jetzt nicht mehr.“

David war überwältigt und wusste nicht was er sagen sollte. Er entschied sich, den Mund zu halten und einfach die Magie des Moments zu genießen. Er drehte seinen Kopf zur linken Seite, ihre Umarmung machte es ihm ja unmöglich sich umzudrehen. Mit ihrer linken Hand streichelte sie über seine Wange, über seinen Haaransatz bis zu seinem rechten Ohr.

„Entschuldigung, dass ich so gemein zu dir war im Krankenhaus!“

Sie küsste ihn auf die Wange.

„Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest,“ gab er als Antwort zurück.

„Ich liebe dich!“

„Ich dich auch!“

 

Erst als es anfing dunkel zu werden, standen sie auf, um zurück zu gehen. Sie hatten nicht viel gesprochen. Was gesagt werden musste, war gesagt. Sie hatten es einfach genossen sich zu haben.

„Sag mal, woher wusstest du eigentlich, wo ich bin?“

„Tea hat es mir gesagt. Ich wusste nicht, wo ich sonst nach dir suchen sollte,“ erklärte Gillian.

Sie gingen wieder ein Stück und David fragte wieder:

„Wohin gehen wir denn jetzt? Ich wohne noch mit Tea zusammen und ich fände es nicht gut, wenn du bei uns schläfst. Das möchte ich ihr nicht antun. Verstehe das nicht falsch, aber ich glaube, dass es ihr weh tun würde.“

Gillian nickte. Natürlich verstand sie ihn. Das hätte sie auch nicht gewollt. In den vergangenen Wochen hatte sie Tea von einer ganz anderen Seite kennen und schätzen gelernt. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie sich einmal so gut verstehen würden.

„Dave, ich bin in meiner alten Wohnung hier in LA. Lass es uns langsam angehen, okay?“

David lächelte. Er wollte diese Nacht nicht getrennt von ihr schlafen, doch es war das Vernünftigste, was er tun konnte. Gillian sah es genauso. Die beiden gingen weiter, bis sie bei David vor der Türe standen. Er nahm ihre Hände in seine und sah sie an.

„Ich danke dir so sehr, Gillian.“

Er umarmte sie, gab ihr einen Kuss und verschwand dann ins Haus. Gillian stand noch einige Sekunden da, bevor sie auch nach Hause ging.

 

„Hallo, Dave…,“ begrüßte ihn Tea.

Tea kam gerade die Treppe hinunter. Sie hatte wohl die Kinder ins Bett gebracht.

„Möchtest du auch ein Glas Wein?“

David nickte und setzte sich auf die Couch. Tea gesellte sich zu ihm und gab ihm das Weinglas.

„Hat Gillian dich gefunden?“

„Ja,“ antwortete er.

„Was ist los? Du wirkst so bedrückt?“

David holte tief Luft. Er wusste selber nicht, was er jetzt plötzlich hatte. Kaum als er eben die Türe hinter sich geschlossen hatte, kam ein merkwürdiges Gefühl in ihm auf.

„Ich weiß nicht…“

„David, wenn du mir gegenüber ein schlechtes Gewissen hast…das brauchst du nicht. Ich habe früher immer Angst gehabt, dass mich einmal der Mann verlässt, den ich geheiratet habe und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich so reagiere wie ich es jetzt tue. Aber ich schätze dich sehr und ich möchte keine Ehe, die nicht echt ist. Ihr beide gehört einfach zusammen. Ihr wart schon die ganzen Jahre über ein Paar. Ihr habt euch schon ineinander verliebt, als ihr euch 1992 zum ersten Mal begegnet seid. Aber es hat nie jemand ausgesprochen. Vielleicht aus Angst, vielleicht aber auch aus Respekt. David, lass deinen Gefühlen freien Lauf. Ich spüre, wie sehr es dein Herz möchte, aber dein Verstand ist noch nicht bereit dazu.“

Für David war das alles so, als hätte Tea ein Buch aufgeklappt, was genau das erzählte, was er dachte. Es war schon fast unheimlich wie gut Tea ihn kannte. Sie war eine wirklich wunderbare Frau. David schaute in sein Glas. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

„Nun geh schon,“ riss ihn Tea aus seinen Gedanken.

Er schreckte hoch und verstand nicht, was sie damit meinte.

„Geh schon zu ihr,“ wiederholte sie ihren Satz, da sie gemerkt hatte, dass er sie nicht verstanden hatte.

„Aber…,“ begann er.

„Na los, gib dir einen Ruck. Hör auf dein Herz,“ lächelte sie und gab ihm einen kleinen Stoss gegen den Arm.

Als er noch immer keine Anstalten machte aufzustehen, nickte sie ihm noch einmal signalisierend zu. Dann stand er langsam auf und ging ein paar Schritte rückwärts. Ließ sie aber nicht aus den Augen.

„Okay,“ sagte er dann, als hätte es in genau diesem Moment auch sein Verstand begriffen.

Er ging aus dem Haus, stieg in sein Auto u   nd fuhr zu Gillians alter Wohnung. Wieder zögerte er, bevor er ausstieg, doch dann trat er selbstbewusst vor die Haustüre und klingelte. Es dauerte einen Augenblick, bis jemand die Tür öffnete.

„David,“ brach es aus Gillian verwundert heraus, als sie im Bademantel u   nd einem Handtuch um den Kopf gewickelt vor ihm stand.

„Tea hat gesagt, dass es mein Verstand noch nicht begriffen hat, doch jetzt weiß auch er es,“ begann er.

„Darf ich rein kommen?“ fragte er dann vorsichtig.

„Aber natürlich. Entschuldige,“ sagte Gillian völlig überfordert.

Sie führte ihn ins Wohnzimmer, wo er dann Platz nahm. Gillian setzte sich neben ihn. Niemand sagte etwas. Gillian hatte sich seitlich neben ihn gesetzt und ihren Kopf auf ihrer Hand abgestützt. Dann beugte sie sich langsam zu ihm rüber und küsste ihn sanft. David erwiderte den Kuss sofort, doch plötzlich hörte er auf und sah sie an.

„Ich glaube ab heute werde ich nie wieder schlecht träumen,“ grinste er sie an.

„Nie wieder!“ bestätigte ihm Gillian.

„Ist außerdem auch besser so für dich, denn ich brauche dich morgen rund um ausgeschlafen!“

Mit diesen Worten stand sie auf und zog ihn mit sich in das Schlafzimmer. Er trottete brav hinter ihr her und blieb vor dem Bett stehen.

„Wozu brauchst du mich denn?“ fragte er schelmisch.

Sie schubste ihn auf das Bett und ging in Richtung Badezimmer. Nur ganz kurz drehte sie sich um: „Zum Kartons auspacken!“

Dann war sie auch schon hinter der Türe verschwunden. Erst jetzt bemerkte David das Chaos hier. Überall standen haufenweise Umzugskartons im Weg. Einige wenige waren geöffnet, aber die meisten waren noch verschlossen. Wie sie sich wohl gefühlt hat, als sie diese Kartons in London eingepackt hat? Und jetzt würden sie sie gemeinsam auspacken. Aber er freute sich darauf, denn das konnte nur ein neues Leben bedeuten. Er kuschelte sich in das Bett, alles roch so zauberhaft nach ihr – wie er das alles vermisst hatte.

Wenig später, als er die Augen schon geschlossen hatte, merkte er, wie das Licht ausging und sich Gillian neben ihm in das Bett kuschelte. Er drehte sich zu ihr hin und sie legte sofort ihren Kopf auf seinen Oberkörper ab. Ihre Hände fanden einander und blieben auch so verschlungen.

„Wir müssen verrückt gewesen sein, dass wir bis heute gewartet haben.“

„Dafür hat es sich aber umso mehr gelohnt und wir wissen jetzt, was wir wollen.“

„Ich will nur noch dich!“

Sie lächelte und gab ihm ein Küsschen auf seine Brust. Es verging kaum eine Sekunde und schon war sie fest eingeschlafen.  Das war ein anstrengender Tag für beide.

 

Es war ein ruhiger Morgen und er hatte eine schöne Nacht gehabt. Ob er was geträumt hatte, wusste er nicht. Aber dass er keine schlimmen Träume hatte, konnte er mit Gewissheit sagen. Er streckte seine Glieder, um langsam wach zu werden, als er einen zärtlichen Guten Morgen Kuss bekam. Mit noch immer geschlossenen Augen bildete sich ein extra breites Lächeln auf seinem Gesicht. Entschlossen öffnete er die Augen und packte sie gleichzeitig an ihrer Hüfte, um sie wieder ins Bett zu reißen.

„Wieso bist du schon angezogen?“

„Weil – mein Lieber – nicht jeder so lange schlafen kann wie du. Außerdem habe ich schon drei Kartons ausgeräumt. Und somit hast du den Karton mit meiner Unterwäsche leider schon verpasst...“

„Solange du nicht darin steckst, ist mir die Wäsche doch völlig egal!“

Er streichelte ihr über ihr Haar und küsste sie erneut. Wie sie seine Leidenschaft doch vermisst hatte. Weder Clyde, noch Julian noch sonst irgendwer konnte ihr das geben!

 

Nach dem Frühstücken wartete ein langer Tag, der sich rund um braune Pappkartons drehte, auf sie. Glücklicherweise waren in ihrer alten Wohnung noch alle Schränke, sodass das schon viel erleichterte. Gegen 17 Uhr waren sie dann bei dem Kleinkram angelangt, an dem Gillian sehr hing. Ein paar Sachen, wie ihr heißgeliebter Elefant, kannte David noch aus früheren Zeiten. Einige andere waren ihm neu. Sie war so verrückt und er liebte sie dafür.

„Hey, du hast deinen Schrank da hinten ja gar nicht richtig ausgefüllt. Heißt das, dass du demnächst Shoppen gehst?“ wollte er scherzen.

„Nein, ...“ antwortete sie völlig ernst

„... das ist dein Platz.“

Er hörte auf einen Karton zusammenzufalten und sah sie sprachlos an.

„David, ich weiß, wir hatten da noch gar nicht drüber gesprochen. Aber ich hatte mir gedacht, dass du deine Sachen... na ja, verstehst du?“

Diese Augen, wie sie seine Augen liebte! Dann stand er auf und ging zu ihr rüber.

„Ist das okay für dich? Ich meine, na ja, diese Wohnung ist eigentlich recht groß. Also zumindest für uns beide und wenn Piper kommt, hat sie auch ihr eigenes Zimmer. Aber wir können uns auch ein Haus kaufen, oder…“

Dann legte er seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. Zugegeben, da hatte sie mal wieder weiter gedacht als er, aber dafür, dass Männer nur bis zu 12 Stunden im Voraus dachten, konnte er ja schließlich nichts.

„Ich liebe dich!“

Und mit einem einzigen Kuss gab er ihr zu verstehen, dass ihm der Gedanke, nämlich hier mit ihr zu leben, sehr gefiel. Umziehen konnten sie ja immer noch. Schließlich hatten sie alle Zeit der Welt. Sie hielt kurz inne.

„Dann fährst du also noch zu Tea und holst deine Sachen?“

„Du kannst mir ruhig sagen, wenn ich stinke!“

Gillian brach in schallendes Gelächter aus. Als sie sich wieder allmählich beruhigt hatte, strich sie mit ihren Fingern über seine Lippen. Alles war so wunderbar. Dann strich sie über sein Haar, es war weich. So, wie sie es in Erinnerung hatte.

„Ich liebe dich auch!“

 

Während er zu Tea fuhr, um den Großteil seiner Sachen zu holen, fuhr Gillian schnell einkaufen, um ein Abendessen zu zaubern. Sie wusste, dass er Pasta liebte. Also würde es heute Pasta geben. Als er immer noch nicht da war, nutzte sie die Zeit, um sich umzuziehen. Dies würde ihre erste „richtige“ gemeinsame Nacht werden. Bei der letzten waren sie noch zu überwältigt von all den Geschehnissen, und zu erschöpft. Sie entschied sich für das klassische kleine Schwarze. Sie stellte überall im Esszimmer und im Schlafzimmer kleine Kerzen auf und schaltete das grelle Licht gänzlich ab. Gerade, als sie sich Gedanken über Make-up und Frisur machen wollte, hörte sie das Türschloss. Auch egal, dachte sie sich. Schließlich ist das hier ja auch kein Date, dennoch klopfte ihr Herz bei dem Gedanken an Dave. Dabei war der doch höchstens eineinhalb Stunden weg gewesen. Als er Gillian sah, ließ er den Autoschlüssel fallen, welchen er mit dem Mund hielt.

„Wow, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir was anderes angezogen.

„Jeans und T-Shirt ist okay,“ begrüßte sie ihn.

Er stellte die zwei Koffer ab, die er in den Händen hielt.

„Es duftet ganz lecker. Ich geh nur noch mal kurz zum Wagen, um den Rest zu holen, okay?“

Und dann war er auch schon wieder verschwunden. Gillian grinste und zählte. Eins-Zwei-Drei - die Türe öffnete sich wieder und Dave stand wieder vor ihr.

„Die Autoschlüssel… ich hab… die Autoschlüssel wollte ich holen.“

Sie nickte ihm amüsiert zu und ging dann in die Küche, um die Pasta zu holen. Schön, dass sie diese Wirkung auf ihn hatte.

 

Als die Pasta aufgegessen war, fiel Gillians Blick auf seine Koffer.

„Ich wusste gar nicht, dass ein Mann so viele Anziehsachen besitzen kann.“

„Da sind ja auch noch andere Sachen drin. Eigentlich brauche ich gar nicht mehr zurück, denn alles was ich brauche habe ich jetzt hier.“

Sie lächelte verlegen. Dann sprang sie auf und ging zu einem Schrank im Schlafzimmer. Sie öffnete ihn und zeigte auf die leeren Fächer.

„Siehst du, hier kannst du...“

Plötzlich stand er direkt hinter ihr und küsste ihren Hals. Seine Hände bahnten sich ihren Weg um ihre Hüften bis nach vorne zu ihrem Bauch.

„Morgen, das machen wir morgen!“ sagte er leise in ihr Ohr.

Sie schloss ihre Augen und ließ sich von ihm verwöhnen. Das Kerzenlicht verlieh dem Zimmer eine wohltuende Wärme. Vorsichtig drehte er sie um. Ihr Größenunterschied war enorm. Und als ob sie seine Gedanken lesen konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund. Erst zaghaft und dann immer fordernder. Schließlich hob er sie auf seine Arme und ging mit ihr zum Bett, wo er sie langsam hinlegte. Nicht einen einzigen Moment unterbrach er den Blickkontakt mit ihr. Sie strich ihm über die Wange, bis sie sich erneut küssten. Mit seiner Zunge erforschte er die ihre. Vorsichtig ließ er seine Hand an ihr entlang gleiten, um an den Saum ihres Kleides zu gelangen. Es überraschte ihn nicht wirklich, dass Gill nichts darunter trug. Dann küsste er ihren Hals entlang. An ihrer Atmung konnte er sicher sein, dass es ihr gefiel. Langsam schob er ihr Kleid höher und höher, bis er es ganz über ihre Arme ausziehen konnte. Mit beiden Armen umschlang sie seinen Oberkörper. Sie hielten kurz inne, um sicher zu gehen, dass das hier auch kein Traum war. Zielstrebig zog sie dann an seinem T-Shirt, welches er dann auch bereitwillig ablegte. Gillian richtete sich auf und kletterte auf seinen Schoß. Zumindest in dieser Position war sie ein kleines Stückchen größer als er. Mit ihren Händen knetete sie zuerst seine Ohren und massierte ihm dann allmählich den Nacken, während er zuerst ihr Schlüsselbein und dann ihre Brust küsste. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und genoss jeden einzelnen Kuss von ihm. Anschließend glitten ihre Hände in Richtung Hosenbund, um ihn auch von seinem letzten Kleidungsstück zu befreien. Sie konnte spüren, wie sehr er sie wollte und zog ihn wieder in die sitzende Position zurück, um sich erneut auf ihn zu setzen. Noch ein kleines Stückchen und sie waren eins. Es fühlte sich so unglaublich gut an. Wie damals auch schon. Mit gleichmäßigen Bewegungen fanden sie schnell ihren eigenen Rhythmus. Er hielt sie ganz fest an sich gepresst und auch sie hielt solange seinen Kopf zwischen ihren Händen, um keine Emotion zu verpassen. Als alles wieder vorbei war, normalisierten sich ihre Atemzüge wieder und sie umarmte seinen Hals und legte ihren Kopf auf ihren Arm ab. Er strich ihr über den Rücken bis hin zu ihren Haaren.

„Ich hab dich so vermisst.“

Sie lächelte über dieses Kompliment.

„Ab jetzt wird alles besser!“ flüsterte sie ihm dann ins Ohr.

Er hielt sie am Rücken fest und legte sie vorsichtig in das Kissen. Während er ihr einen weiteren Kuss gab, zog er sich aus ihr wieder zurück, welches sie mit einem bedauernden Stöhnen beantwortete.

„Ich bin keine 20 mehr!“

Gillian kicherte auf seine lausige Rechtfertigung. Und David legte sich neben ihr und deckte sie beide zu. Eng umschlungen kuschelten sie sich in das Bett.

„Ich liebe dich!“

 

 

Sieben Wochen später…

 

Ein schwarzer Schuh. Er fiel drüber.

Blitzlichter. Stimmen. Viele Menschen.

Meeresrauschen. Eine weiße Feder.

 

Ein Taxi. Handyklingeln. Schreie. Blut…

 

David schreckte hoch. Was war das gewesen? Hatte er geträumt? Aber er konnte sich an nichts erinnern. Schweißgebadet saß er aufrecht im Bett.

„Was ist los“, fragte Gillian verschlafen und setzte sich neben ihn.

„Ich weiß nicht. Es ist nichts, Gillian. Schlaf weiter,“ sagte er verwirrt und legte sich wieder hin.

Gillian kuschelte sich an ihn und schlief sofort wieder ein. David lag wach. Er wollte wissen, was das eben gewesen war. Es hatte ein merkwürdiges Gefühl in ihm ausgelöst.

 

Als es draußen hell wurde, stand David auf, um Frühstück zu machen. Er hatte nicht mehr schlafen können. Schnell zauberte er kleine Köstlichkeiten zusammen und brachte sie Gillian ans Bett.

„Mhhh, das riecht aber gut“, sagte sie, als sie durch den Geruch von Kaffee und frischen Croussonts erwachte.

„Für dich nur das Beste,“ lächelte David und kam wieder zu ihr ins Bett.

„Und, bist du aufgeregt?“ fragte Gillian.

„Und wie. Aber du bist ja bei mir. Da wird mir schon nichts passieren. Ich meine, niemand würde dann Tomaten oder Eier auf mich werfen, wenn ich so eine schöne Frau an meiner Seite habe,“ grinste David.

„Jetzt hör aber auf. Ich denke, der Film wird ein Erfolg. Immerhin ist er dein erster Film. Er ist etwas ganz Besonderes. Die Kritiken waren bisher nur positiv und das wird auch so bleiben. Hast du verstanden?“

„Ist ja schon gut. Was würde ich nur ohne dich machen?“

Er gab ihr einen Kuss und reichte ihr ein Croussont.

 

Am Nachmittag machten sich David und Gillian für die Filmpremiere fertig. Heute war der Tag, an dem „House of D“, Davids erster Film, seine Weltpremiere feiern würde. Schon seit Wochen dachte er an nichts anderes mehr. Gillian sagte immer, er sei wie ein kleines Kind, was sehnsüchtig auf Weihnachten wartet. Sie mochte es, wenn er aufgeregt war.

„David? Hast du meine schwarzen Schuhe gesehen?“ ertönte es plötzlich aus dem Badezimmer.

David tapste durch das Wohnzimmer und just in diesem Moment stolperte er über einen der schwarzen Schuhe, die Gillian suchte.

„Ich hab sie gefunden,“ rief er.

Als er das Paar Schuhe aufhob, stockte er einen kurzen Moment. Es war ihm, als hätte er gerade eine Art Deja vú gehabt. Er lachte über sich selbst und brachte Gillian ihre Schuhe.

Dann ging er ins Schlafzimmer. Sein Ziel war der Kleiderschrank. Was in Gottes Namen sollte er denn anziehen? Normalerweise trug er zu solchen Anlässen Jeans und ein Hemd, aber das hier war sein Film. Sein erster Film und da konnte er wohl kaum in so einer Kluft erscheinen. Was sollten denn die Leute von ihm denken. Er wühlte in den Tiefen des Kleiderschrankes, fand aber nichts Passendes. Vor lauter Elan bemerkte er gar nicht, dass Gillian im Türrahmen stand und ihn amüsiert beobachtete.

„Ich glaube es ja nicht. Da machst du dir seit Wochen Gedanken über den heutigen Tag und planst auch nur jedes kleinste Detail, aber was du anziehen möchtest überlegst du dir erst zwei Stunden vorher. Du bist soooo süß,“ sagte sie und kam auf ihn zu.

David kam sich etwas verarscht vor. Frauen hatten mit solchen Dingen keine Probleme. Deren Kleiderschränke waren prall gefüllt und da gab es immer das Passende zu jedem Anlass.

Gillian ging zu ihrem Schrank hinüber und holte etwas heraus.

„Also ich finde, dass der hier perfekt zu meinem Kleid passen würde. Was meinst du?“

Sie hielt einen Smoking in ihrer rechten Hand und in ihrer linken das Kleid, was sie heute tragen würde.

„Du bist ein Engel,“ sagte David sichtlich erleichtert.

„Hier. Und jetzt beeil dich. Es würde nicht gut aussehen, wenn wir heute die Letzten sind.“

David gab ihr einen dankbaren Kuss und eilte ins Badezimmer, um sich zu duschen. Gillian zog währenddessen ihr schwarzes Samtkleid an, denn sie hatte sich zuvor schon fertig gemacht. Ihre mittlerweile langen blonden Haare hatte sie in ein paar Handgriffen geschickt hochgesteckt und das Make – Up war ebenfalls in ein paar Zügen korrigiert. Wenn man beim Theater arbeitete, lernte man so einiges.

Nach etwa einer Stunde, die sich David im Bad aufgehalten hatte, kam er dann schließlich raus.

„Na? Bereit für den großen Auftritt?“ sagte Gillian.

Er war sprachlos. Gillian sah einfach bezaubernd aus.

„Wow,“ brachte er schließlich heraus.

„Das selbe kann ich von dir auch sagen,“ lächelte sie und ging zu ihm rüber, um ihm seine Fliege noch einmal zu richten.

„Jetzt kann es losgehen, Dave. Ich ruf uns gerade ein Taxi.“

Gillian verschwand im Wohnzimmer, um anzurufen. David war mittlerweile noch aufgeregter. Es war noch schlimmer, als damals bei der Premiere des Akte X Films. Das hier war sein Baby. Sein eigener Film. Er konnte es noch immer nicht glauben.

„Kommst du? Das Taxi ist in fünf Minuten da.“

 

Als David die Wagentüre öffnete, begann das Blitzlichtgewitter. Es waren so viele Menschen hier. Fotografen, Fernsehteams, die Gäste und natürlich das Wichtigste: die Fans.

Als David ausgestiegen war und Gillian hinterher kam, wurde das Gejubel noch lauter. Offiziell hatten sich beide noch nicht zusammen sehen lassen. Heute war es das erste Mal. David nahm Gillians Hand und genoss die Atmosphäre, die sich ihm bot. So hatte er es sich immer vorgestellt. Auch Gillian blieb nicht verschont und musste Autogramme geben. Tea war auch da. Robin Williams und Anton Yelchin stiegen aus dem nächsten Wagen aus, der am roten Teppich hielt. Langsam drangen sie Richtung Eingangstüre hervor. Zwischendurch immer wieder ein Autogramm oder ein kurzes Interview. David war verblüfft. Niemand fragte ihn, warum er mit Gillian hier war und was mit Tea war, denn schließlich war es offensichtlich, dass sie getrennt waren. Das war wirklich nicht normal. Aber vielleicht hatten die Reporter endlich mal Respekt und Anstand bekommen. Er wusste es nicht. Ihm war das aber im Moment auch völlig egal. Das was zählte, war die Premiere und dass Gillian mit ihm hier war.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde saßen sie in dem großen Kinosaal und warteten gespannt auf den Beginn des Filmes. Zum ersten Mal würde David ihn heute auf einer solch großen Leinwand sehen und diesmal würde es nichts mehr geben, was er raus schneiden oder umändern konnte. Das Licht ging aus. Der Film begann…

Gillian war begeistert. Sie kannte den Film nur aus Erzählungen. David hatte sich selbst übertroffen. Das sah der Rest des Publikums wohl genauso, denn als der Film endete, gab es Standing Ovations. Die Aftershow Party fand im House of Blues statt, in dem auch das Finale von Akte X gefeiert wurde. David hatte sich mit Absicht diese Location ausgesucht.

Das Morgengrauen trat schon ein, als die letzten Gäste gegangen waren.

„Lass uns noch ein Stückchen laufen,“ sagte Gillian und schmiegte sich an Davids Arm.

Ihr Weg führte ans Meer, welches nicht weit entfernt war. Sie setzten sich unten am Wasser in den kühlen Sand und beobachteten, wie die Sonne aufging. Der Wind strich ihnen sanft durchs Gesicht.

„Im Moment fühle ich mich wie diese Feder. So leicht und unbeschwert. Einfach nur glücklich,“ sagte Gillian und fing eine weiße Feder, die der Wind zu ihnen gebracht hatte.

David erschrak. Ihm kam dieser Moment plötzlich wieder so bekannt vor. So, wie heute morgen, als er über Gillians Schuh gestolpert war.

„Was ist los, Dave?“ fragte Gillian besorgt.

Er starrte die Feder an, die Gillian in ihren Händen hielt.

„Ach nichts. Lass uns nach Hause fahren,“ sagte David und nahm sein Handy hervor, um ein Taxi zu rufen.

Wenige Minuten später war es da. Als David das Taxi sah, hatte er schon wieder das Gefühl, als würde er es kennen. Mit einem mulmigen Gefühl stieg er jedoch ein.

Plötzlich klingelte Gillians Handy. Davids Atem stockte. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Irgendetwas würde passieren. Das spürte er.

„Hi Mum. Nein, du hast mich nicht geweckt....Wie geht es Piper?....Habt ihr schon einen Käufer für das Haus gefunden?...Wie ist das Wetter in London?...“

Der Taxifahrer raste durch die Stadt. David wusste nicht, was er tun sollte. Er wusste nicht, was hier geschah. Er wusste nur, dass er Angst hatte und zwar eine Wahnsinnsangst. Immer wieder sah er Dinge, die ihm bekannt vorkamen. Kleine Details wie Lichter oder Geräusche. Das war es. Er musste das alles geträumt haben. Letzte Nacht, in der er schweißgebadet aufgewacht war.

Plötzlich sah er es. Rot! Die Ampel war rot. Das Taxi fuhr weiter. Im nächsten Moment stachen ihm grelle Scheinwerfer in die Augen.

„Oh mein Gott,“ schrie Gillian.

Doch es war zu spät, als das man es hätte verhindern können. Ein anderes Taxi rammte sie seitlich mit voller Wucht. Sie überschlugen sich und einige weitere Fahrzeuge prallten mit ihnen zusammen. Nach einigen Minuten kam David zu sich. Er blickte benommen um sich. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er sich befand, doch er erkannte schnell was passiert war. Sein erster Gedanke war Gillian. Wo war sie? Er blickte auf den Sitz neben sich. Die Türe war völlig eingedrückt und Gillian war zwischen Vorder- und Rücksitz eingeklemmt. Ihr Oberkörper war nach vorne geneigt. Sie regte sich nicht. Trotz Schmerzen, versuchte David sich von seinem Anschnallgurt zu befreien. Er rutschte zu Gillian rüber.

„Gillian…Gillian….Wach auf, Gillian,“ sagte er verzweifelt und strich ihr durch ihre Haare.

Er wollte ihr nicht wehtun. Verzweifelt versuchte er sie zu befreien, doch er hatte nicht genug Kraft. Ihr Kopf neigte sich nach hinten und plötzlich war alles voller Blut. Der Anschnallgurt hatte sich in ihren Hals gebohrt und ihre Hauptschlagader getroffen.

„Hilfe! Helft mir doch!“ rief er, doch es schien ihn niemand zu hören.

Hastig zog er sein Jackett aus und drückte den Stoff auf ihre Wunde. Doch es hörte nicht auf zu bluten.

„Oh Gott. Warum hilft uns denn keiner,“ flehte er.

Gillian atmete flach. Ihr Puls war kaum tastbar. Er hielt ihre Hand. David drückte so fest er konnte auf die Wunde. Mit seinem Fuß versuchte er die Türe aufzutreten, doch alles war verkantet. Was mit dem Taxifahrer war, wusste er nicht. David registrierte ihn auch gar nicht mehr. Er war nur damit beschäftigt Gillian zu retten. Sein Atem wurde immer schneller. Sein Jackett war schon völlig durchtränkt. Er riss sich sein Hemd vom Leib und drückte nun dies auf die Wunde. Plötzlich hörte er Sirenen. Endlich schien Hilfe zu kommen. So laut er konnte rief er um Hilfe. Ihm kam alles vor wie in Zeitlupe. So sehr er es auch versuchte, er konnte Gillian nicht befreien.

„Dave,“ hauchte Gillian plötzlich ganz leise.

„Oh Gott, Gillian. Es kommt Hilfe. Bleib ganz ruhig. Beweg dich nicht.”

„Dave…versprich mir, dass du für Piper da sein wirst. Sag ihr bitte….dass ich sie sehr lieb habe…“

Gillian rang nach Luft. Sie hustete. Blut trat aus ihrem Mund hervor. Sie versuchte krampfhaft ihre Augen offen zu halten und ihn anzusehen.

„Gillian, hör auf damit,“ wimmerte David.

Er weinte. Was sagte sie da nur? Hilfe war doch schon unterwegs. Die Ärzte würden sie retten und dann würden sie ein wunderschönes Leben zusammen verbringen. Gillian drückte seine Hand fest.

„Dave, und wenn du nachts zum Himmel schaust, dann denk an mich. Ich werde immer bei dir sein….immer….“

Davids Tränen trafen in ihr Gesicht. Er hielt sie ganz fest. Er konnte nichts mehr sagen. Alles in ihm war wie zugeschnürt. Gillian spuckte Blut. Ihr Atem war kaum noch vorhanden.

„Ich…Ich liebe dich, Dave,“ sagte sie aus letzter Kraft.

Dann schloss sie ihre Augen. Der Druck ihrer Hand ließ nach.

„Nein, Gillian. Nein! Du kannst jetzt nicht gehen. Bitte! Nein! Ich liebe dich doch...”

 

 

 

 

 

 

DREAM OF YOU

 

I´ve been here all the time

As far as I know doing right

I´ve always waited for the moment

That you would come through my door

But this brought loneliness...so far

I lay my hand onto my heart

Is this the life I want to live?

Is this the dream I had of you?

 

Now I´m standing here alone

Waiting on my own

For something that will fill the emptiness inside...

The moment that you´re mine

But this is loneliness... I know

I lay my hand onto my soul

Is this what life has got to give?

Is this the dream I had of you?

 

(Schiller feat. Heppner)