Titel:                Catch the Happiness

 

Autor:               DAS WoD

 

Kontakt:           Marion.Death@t-online.de

 

Kategorie:        DGR, öhm…also, wenn das jetzt Akte X wäre, würde ich es X-File nennen, aber da das ja nicht zutrifft, nenne ich es mal Mystery oder Thriller… ansonsten Gillian- und David – P.O.V.

Rating:             R-16

 

Spoiler:           Eigentlich nichts… aber wenn, dann findet ihr es bestimmt *grins*

 

Disclaimer:      Sie gehören alle natürlich nicht mir! Sie gehören nur sich selbst…

 

Short-Cut:        Ein Anruf lässt das Abenteuer weitergehen…

 

 

 

Runde 4

Part I

Body Hunt

 

 

Ich erschreckte mich beinahe zu Tode, als das aggressive Klingeln sich unerwartet in meine Ohren bohrte. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt, nur liegen zu bleiben, mich für eine Weile nicht zu bewegen und mich einfach darauf vorzubereiten, all diese Bilder in meinem Kopf von nun an zu ignorieren. Doch scheinbar wollte etwas ganz und gar nicht, dass ich dies tat.

 

Ich langte also leicht verwirrt nach dem Telefon und hob ab. Irgendetwas in mir betete, dass es Julian war, der mir endlich erzählte wo zum Henker er abgeblieben war, doch es war jemand ganz anderes. Und mein Abenteuer sollte weitergehen.

 

„Anderson“, hauchte ich in den Hörer und wartete gespannt auf eine Antwort.

„Hi Gillian, Robert Wierzbicki hier.“, kam es rasch vom anderen Ende und mein Herz begann von einer Sekunde auf die andere zu rasen.

„Rob, Hi! Freut mich, dass du anrufst. Hast du etwas rausgefunden?“, fragte ich bis zu den Haarspitzen angespannt und sah unsicher zu David hinauf.

„Genau deswegen rufe ich dich an. Ich habe es entschlüsselt, zumindest denke ich das. Und es ist wirklich seltsam.“ Ich stockte. Es ware also nicht gar nichts.

„Was steht drauf, sag schon, Rob!“, forderte ich ihn mit zitternder Stimme auf und ich merkte, wie sich Davids Augen verdunkelten, da er ahnte, dass ich mein Versprechen nicht würde einhalten können.

„Okay, okay, nicht so eilig, ich möchte jetzt nicht wissen, in was du dich da wieder hineingeritten hast. Erst schien das Ganze überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Bis ich es durch das Londoner Telefonbuch gejagt habe.“ Ich saß wie gebannt da und fühlte wie mein Mund langsam nach unten klappte. „Es ist eine Adresse, Gillian. Und zwar von einem angesehen Gerichtsmediziner names Dr. Peter Merchant.“

„Bist du sicher?“, hakte ich zur Sicherheit nochmal nach. Ich zitterte vor Aufregung. Das war einfach irre!

„Ja, absolut. Und es gibt da noch etwas anderes: Woher hast du dieses Blatt, Gillian?“, fragte er mit einem seltsamen Unterton in der Stimme.

„Ähm… also, ehrlich gesagt, ist das ein wenig kompliziert.“

„Hast du es irgendwo gestohlen?“, kam es warnend.

„Neeein!“ Ich musste ein lachen unterdrücken. „Wo denkst du hin… äh… meine Tochter hat es geschrieben.“

„Ui… das ist wirklich sehr kompliziert. Kann sie das irgendwo abgeschrieben haben?“

„Ehrlich gesagt… ich glaube, es hat ihr jemand diktiert.“, versuchte ich es abzuflachen. Ich wollte auf gar keinen Fall seine Unterstützung verlieren.

„Gillian… das ist wirklich eine … verdammt heiße Sache, wenn ich das mal so sagen darf.“ Ich konnte mir regelrecht vorstellen, wie er mich jetzt durch seine runden Brillengläser betrachtete, so als wäre es ihm danach mir eine Predigt zu halten.

„Um was genau geht’s denn, wenn ich das mal so fragen darf?“, äffte ich ihn leicht nach.

„Hör zu, diese Schrift ist bekannt. Es ist eine Geheimschrift, die ein britischer Professor für Interpol entwickelt hat. Ich kann dir nicht viel davon sagen, da sie nicht einmal genutzt wird. Ich weiß nur eines: Dieser Mann ist tot und das seit circa zwei Wochen.“

Uff, das saß. Was für Dimensionen nahm das alles hier nur an?

„Woran ist er gestorben?“, fagte ich sofort, furchtbares ahnend.

„Offiziell ist es ein tragischer Unfall, aber man hat so seine Zweifel.“

„Wie heißt er?“, hakte ich schnell nach.

„Professor Daniel McRivers“ Solange ich auch nachdachte, der Name sagte mir nichts.

„Noch nie gehört.“

„Dachte ich mir… Okay… versprich mir, dass du das, was auch immer du mit diesem Blatt machst, nicht tust, bevor ich dir keine weiteren Informationen geben kann. Ich werde mich schlau machen, was die Schrift und den Professor angeht. Aber bevor ich das nicht getan habe, rührst du dich nicht von der Stelle, meine Liebe. Dass das klar ist!“

„Ja, ja, Rob, du kennst mich doch, ich bin ein Engel in Person.“

„Gerade das macht mir ja Sorgen… Wie auch immer, ich muss jetzt eine Vorlesung halten. Ich wünsch dir noch nen schönen Tag und sei brav.“ Er lachte laut und ich fühlte mich angenehm an meine Monate in Cornel erinnert.

„Ja, ich dir auch, bis irgendwann und ein unglaubliches danke für alles!“

„Hab ich doch gern gemacht, bye.“

„Bye“

 

 

 

Was hatte ich mir jetzt eigentlich erhofft? Dass sie, sollte sich diese Geschichte mit Pipers Geisternachricht als Schwachsinn erweisen, das alles wirklich einfach so vergessen konnte? Wohl kaum und im Grunde genommen hatte ich das auch gewusst. Sie war nunmal Gillian, Gillian, die Frau, die nie locker lassen konnte, wenn sich in ihrem schönen Kopf etwas geformt hatte, das es zu verfolgen galt.

Und so war sie auch heute und so würde sie vermutlich immer bleiben. Eine Stimme weit hinten in meinem Kopf erinnerte mich wieder daran, dass dies eine der Eigenschaften war, die ich an dieser Frau liebte. Doch so manches Mal in meiner langen Geschichte mit Gillian, habe ich mich zu fragen begonnen, warum ich diese Dickköpfigkeit zu lieben vermochte. Jetzt jedoch kamen wieder all die Bilder vor meine Augen… die Momente in denen mich diesen großen leuchtend blauen Augen angestarrt und zu etwas überredet hatten. Ich liebte es von ihr weichgemacht zu werden. Und genau das war es.

 

„Und was bedeutet es nun?“, fragte ich neugierig und brauchte meine Interesse nicht einmal vorzutäuschen, worauf ich besonders stolz war.

Gillian versuchte, bevor sie mir antwortete, einen Schluck Kaffee aus der Tasse zu trinken, mit der sie vorhin so ausreichend gespielt hatte. Sie verzog das Gesicht und stellte sie schnell wieder auf den Tisch zurück.

„Bääh“, kam es nur.

„Achso, dann war das wohl kaum ein Geist.“, konterte ich kichernd.

„Ach komm schon, ich red von dem Kaffee.“, murrte sie und setzte sich auf einmal kerzengerade hin, wobei einige ihrer Locken, vermutlich elektrisch geladen, an der Couchlehne kleben blieben.

„Ich weiß, ich weiß… Was hat der große Professor Ihnen denn nun offenbart Detective Anderson?“

„Ich brauch mal eben ein Telefonbuch.“, sagte sie mal wieder völlig zusammenhanglos und irgendwann, wenn ich alt und grau war, würde wohl der Tag kommen, an dem mich das vollkommen bekloppt machen würde.

„Wozu denn?“

„Um unartig zu sein.“, rief sie mir zu, während sie in den Flur eilte. Kurz darauf hörte ich, wie einige Blätter zu Boden fielen.

„Ha!“ Ein triumphierender Ruf hallte im Zimmer wieder und Gillian kehrte mit einem dicken Buch unter dem Arm, wieder zu mir zurück.

„Er hat mir die Adresse extra nicht gesagt, damit ich nicht hinfahren kann. Aber weißt du, Dave, ich sehe vielleicht blöd aus, aber ich bin’s nicht.“ Ein feuriges Glühen entfachte in ihren Augen, während sie die Seiten des Telefonbuchs durchzublättern begann. Ich beobachtete fasziniert wie ihre langen schlanken Finger Seite für Seite umblätterten.

„Mennings, Menthor, Membriggs, Meober, Mertens, nein… das ist zu weit.“ Ihr Finger wanderte einen Zentimeter nach oben. „Ahaaa! Dr. Merchant, da haben wir ihn ja.“

„Hmm… hat dir schonmal jemand gesagt, dass man selbst wenn du aus einem Telefonbuch vorliest völlig gebannt zuhört?“

Gillian zog amüsiert eine Augenbraue hoch.

„Danke, sollte demnächst jemand das Telefonbuch als Hörbuch herausbringen wollen, werd ich gern darauf zurückgreifen.“

„Und was wirst du jetzt tun?“ Ich ahnte es bereits, aber ich wollte die Hiobsbotschaft aus ihrem Munde hören.

„Ihn anrufen, natürlich. Ich möchte herausfinden, was er mit dieser Geschichte zu tun hat.“

„W-W-Warte, Gill… warte. Ich glaube nicht, dass er dir so einfach erzählen wird…“

„Wenn ich richtig beginne, schon.“ Sie grinste verschmitzt und begann die Tasten des Telefons zu drücken.

Sie drückte die Bestätigungstaste ehe ich irgendetwas erwiedern konnte und winkte mich an den Hörer heran, damit ich zuhören könnte. Nun gut, ich sollte sie wohl einfach machen lassen. Das hier war lediglich ein Telefongespräch, also nicht Gefährliches…

„Merchant“, dröhnte eine tiefe Männerstimme ein paar Sekunden später.

 

 

„Hallo, hier ist Diana Ring, ich wollte fragen, ob ich Ihren Bericht heute Abend abholen kann.“ Oh Gott! Ich nahm alles zurück! Gillian, was bitte tust du da?

Ich machte abwehrende Bewegungen mit der Hand, schüttelte energisch den Kopf, doch so ließ sich davon nicht im Geringsten beeindrucken.

„Oh, Inspektor Ring, tut mir leid, aber der ist noch nicht ganz vollständig. Seit wann machen Sie sich eigentlich die Mühe die Berichte selbst abzuholen?“ Er klang skeptisch und das schnürte mir die Kehle zu. Was dachte sie sich nur wieder dabei?

„Nun, ich dachte, seitdem Scharlatane wie Sie nicht schnell genug damit fertig werden…“ Ich war kurz davor ihr den Mund zuzuhalten. Das ging nun wirklich zu weit. Doch Inspektor Ring schien sich sonst wohl auch nicht besser zu benehmen.

„Ja, ja, reden Sie ruhig. Sie würden wohl erst merken, wie wichtig die forensische Medizin ist, wenn Sie sie nicht mehr hätten.“

„Nun gut, wie auch immer, ich hoffe, Sie halten sich jetzt ran. Wir haben einen Mörder zu finden.“, appelierte sie und legte sogleich auf. Ein schallendes Lachen verließ ihre Kehle und offenbar wurde es durch meinen panischen Blick nur noch verstärkt.

„Das ist nicht komisch Gill…“

Sie kicherte weiter und wollte wieder nach der Tasse greifen, erinnerte sich aber wohl daran, dass ihr Kaffee ungenießbar kalt geworden war.

„Doch… ha ha… ich finde das wirklich entsetzlich komisch. Hast du nicht… ha ha… gehört… wie ich… haha… geredet habe? Ich will echt nicht… hihi… wissen, wie sich diese Ring dem Rest der Meute gegenüber verhält!“

„Das solltest du auch gar nicht.“ Dieses Kommentar konnte ich mir einfach nicht vergreifen.

„Aber hey… was hast du denn, Dave. Ich weiß jetzt immerhin, dass er der leitende Gerichtsmediziner in diesem Fall ist. Was mich ein gutes Stück weiterbringt.“

„Das mag ja alles sein, aber was jetzt?“

 

 

Ja, das war wirklich eine äußerst gute Frage, die er mir da stellte. Was nun? Ich kannte seine Bedeutung, ich wusste, was er mit all dem hier zu tun hatte, aber wirklich weitergebracht hatte mich das ehrlich gesagt nicht.

 

Berichte

 

Ich zuckte zusammen, als sich plötzlich wie von nichts dieses Wort in meinem Geist bildete.

 

Finde heraus, was in seinen Berichten steht

 

Es war so, als würde ich selbst zu mir sprechen. Es war meine Stimme. Es war das, was ich mein Gewissen nannte. Aber im Moment schien es so, als wäre es nicht ich, die sich diese Stimme zusammenreimte, nein, es war so, als würde jemand anders mit mir kommunizieren.

Ich wartete darauf, dass die mysteriöse Stimme erneut etwas von sich gab, doch es passierte nichts. Ich saß lediglich da und lauschte ins Nichts.

 

„Ist was?“, fragte David auf einmal und ich fuhr herum.

„Nein… nein…“, murmelte ich abwesend und überlegte, was ich tun sollte. „Nein, ich glaube nur, ich weiß jetzt, was ich zu erledigen habe.“

Langsam erhob ich mich und nahm die Tasse mit dem kalten Kaffee vom Tisch. Ich trug sie in die Küche und kippte sie ins Waschbecken. Schnell verschwand das braune Gesöff in der Unterwelt und der Abfluss gab ein leises Gurgeln von sich.

„Und das wäre?“ David hatte sich zu mir gesellt und sah mich erwartend an.

„Ich werde versuchen an die Obduktionsberichte heranzukommen.“, erklärte ich ihm so ernst wie möglich und sah ihn gebannt an. Er verzog keine Miene und nickte nur langsam.

„Ooookay, tu das, aber frag mich nicht, wie du da rankommen sollst.“

„Das lass mal meine Sorge sein.“ Ich zwinkerte ihm zu und bewegte mich wieder zu dem immernoch aufgeschlagenen Telefonbuch.  Schließlich suchte ich einen Zettel und einen Stift und notierte Dr. Merchants Adresse.

„Willst du da etwa jetzt hinfahren?“, fragte er leicht geschockt.

„Sicherlich“

„Und was ist mit Piper?“

„Die kommt einfach mit.“ Ich konnte unschwer die Fassungslosigkeit in seinen Augen erkennen, doch er kannte meine Tochter schlecht. „Die schläft noch nicht, glaub mir. Lust auf einen kleinen Mitternachtsimbis?“, rief ich auf die Treppe zu und ohne, dass auch nur eine Sekunde verstrich, ertönte sofort Bewegung von oben und eine Minute später stand Piper im Schlafanzug mit hellwachen Augen vor uns und fragte:

„Seit wann darf ich jetzt noch raus?“ Sie versuchte so unschuldig wie nur möglich zu wirken und David zumindest schien sie zu überzeugen, was aber auch nicht unwesentlich an ihrem süßen Teddybärenpyjama lag.

„Komm schon, Süße. Ich weiß doch, dass dich Dad immer bis spät abends fernsehgucken lässt.“ Ich zwinkerte ihr zu und das Blut schoss ihr regelrecht ins Gesicht.

„Ähhh…“

„Hey, ich bin zwar deine Mutter, aber so blöd bin ich nun auch wieder nicht.“ David und ich lachten, doch Piper wusste wohl immernoch nicht so ganz, ob ich nun böse auf sie war.

„Du… du findest das nicht schlimm?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Du hast Ferien… da darf man das.“ Pipers Blick wanderte drängelnd zu dem Fernseher.

„Nein, heute nicht, heute fahren wir ein wenig spazieren. Komm mit du Nervensäge, ich zieh dir was Warmes an.“

„Ich kann das auch allein.“, verkündete sie mit vor Stolz anschwellender Brust, aber ich buxierte sie die Treppe hinauf, da ich wusste, dass sie sich freiwillig nie einen Wintermantel anziehen würde.

 

 

Eine Stunde später saßen wir alle in meinem Auto und fuhren die …. Street entlang. Jetzt, mitten in der Woche konnte man einigermaßen durch London fahren, was in dieser Situation merklich praktisch war. Wir hatten in einem kleinen Lokal gegessen, wobei Piper sich einen Eisbecher genehmigen durfte, wo ich sie schon mitten in der Nacht aus dem Bett gerissen bzw. sie davon abgehalten hatte, Fernseh zu gucken.

Mittlerweile fuhr ich, genau auf die Straßennamen achtend, langsamer und David schien die Adresse des Doktor auswendig zu lernen, so lange starrte er auf das Notizblatt, auf dem ich sie notiert hatte.

Endlich, nach einer halben Ewigkeiten, fanden wir die North Grower Street. Eine kleine, eher abgelegende Straße, die jedoch wunderschöne, alte Bauten enthielt und von erstaunlich viel Grün gesäumt wurde. Es sah ganz danach aus, als hätten sich hier ledigleich Leute mit ähnlichen Rängen wie dem des Gerichtsmediziners niedergelassen.

Ich hoffte, dass man diesen um halb zwölf Uhr Abends noch stören konnte, denn ich hatte ehrlich gesagt keine Lust und vermutlich auch keine Zeit bis morgen zu warten. Überlegend, was ich als Ausrede, um an die Berichte zu kommen, vorlegen konnte, suchte ich nach der Hausnummer 25.

„Da drüben, Gill!“, kam es plötzlich von David, der nach links zeigte. Man merkte ihm deutlich an, dass er sich in meinem „verkehrten“ Auto, wie er es nannte, äußerst unwohl fühlte.

Ich hielt an und parkte am Straßenrand. Dr. Peter Merchants Haus war ein kleiner, aber fein gehaltener Backsteinbau. Das Dach war in rötlichen Tönen gehalten und in den Fenstern hingen bunte Gardienen.

Nun gut, was sollte ich jetzt also tun? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was der Mörder gerade tat. Möglicherweise schlich er eine dunkle Gasse entlang, den Atmen vor Erregung angespannt, auf der Suche nach seinem nächsten Opfer. Ebenso groß war sicherlich die Chance, dass er in seiner Unterkunft saß und dabei war vor dem Fernseher einzuschlafen. Bedenken jedoch musste ich die erste Möglichkeit. Warten stand also außer Frage.

„Und nun?“, fragte David leicht angespannt. Ich wusste, dass er mich am liebsten sofort von hier weggeschleppt hätte. Doch dazu war es zu spät.

„Ich denke, wir sollten erstmal nachsehen, ob er überhaupt zu Hause ist.“

„Warum sollte er es nicht sein? Du hast doch eben gerade mit ihm telefoniert?“

Ein Hauch von Schmerz zuckte durch meinen Kopf und ich griff mir hastig an die Schläfen.

 

Weil etwas passiert ist

 

Die Stimme… sie ergriff erneut Besitz von mir, von meinen Gedanken. Dr. Merchant war nicht da. Die Hände immernoch gegen meine Strin gepresst, lugte ich durch das Fenster meiner Autotür und erkannte, dass die Einfahrt des Doktors leer war und die Garage offen stand. 

„Er ist gegangen, weil irgendetwas passiert ist, David. Vielleicht haben sie einen Beweis.“

„Alles okay?“, fragte er mich, seinen Blick aber nach hinten gerichtet, wo Piper unruhig in ihrem Sitz hin und herrutschte.

„Ja… ja… ich glaube, wir fahren jetzt nach Hause.“ Ich musste Piper zu ihrem Vater bringen. Ich konnte sie nicht bei mir haben… nicht jetzt.

„Och menno, ich muss immer schlafen, wenn’s spannend wird.“, drang ein Maulen an meine Ohren und ich grinste.

„Pipe, Mom und Dave werden auch nichts besonderes machen. Aber würde es dir was ausmachen, wenn du heute Nacht bei Daddy schläfst?“ David warf mir einen irritierten Blick zu.

 

 

 

 

„Das kannst du nicht machen, Gill…“ Ich ließ bei ihr normalerweise wirklich fast alles durchgehen, das konnte ich ohne weiteres behaupten. Was sie nun jedoch vorhatte, machte mir auf eine Art Angst, die ich noch niemals zuvor gespürt hatte. Ja, man könnte meinen, ich war kurz davor zu glauben, dass meine beste Freundin den Verstand verloren hatte. Was auch immer ihr auftrug sich an der Klärung dieses Falls zu beteiligen, ich wünschte mir, es würde verschwinden. Am liebsten hätte ich sie genommen und weggetragen. Soweit weg, wie ich es zustande bringen konnte. Nur weg von hier, weg von diesem Ort, der sie dazu brachte solch verrückte Dinge zu tun. Ich hatte angst, so furchtbare Angst, dass ihr etwas passieren würde. Dass ich am Ende als der Idiot dastehen würde, der alles hätte aufhalten können und der es nicht getan hat, weil er Achtung vor weiß Gott nicht was hatte. Weiß Gott nicht was… ich konnte diese vier Worte nur durch eines ersetzen… Gillian. Ich hatte zuviel Achtung vor Gillian, als dass ich es je wagen würde, sie aufzuhalten, obwohl sie mich doch so sehr anflehte alles einfach geschehen zu lassen. Sie ließ mich schwach werden. Alles, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, ließ ich ohne weiteres zu, eben weil sie Gillian war. Gillian durfte alles. Doch war das richtig so? Nein, das war es nicht und das wusste ich. Aber es half nichts… tief in meinem Inneren hatte sich diese eine goldene Regel eingenistet: Lass Gillian tun, was sie will.

„Ich kann es, Dave und ich muss es.“ Sie atmete hastig und obwohl sie bereits seit einer Viertelstunde mit mir in der Küche saß, über eine Tasse Kakao gebeugt, wirkte sie, als wäre sie gerade erst von einem Dauerlauf heimgekehrt. Einem Dauerlauf, der sie vollkommen ausgelaugt hatte… und vielleicht war sie wirklich gelaufen, vielleicht hatte sie nie damit aufgehört.

„Okay, ich habe es mittlerweile aufgegeben so etwas zu sagen wie: „Warum lässt du es nicht einfach, Gillian.“ Also sage ich folgendes: Warum versuchst du nicht einfach legal zu bleiben?“

„Hmm… ich muss die Autopsieberichte lesen. Und offenbar kann ich das nur, wenn ich sie stehle. Oder zumindest dort einbreche oder mich dort einschleiche, wo sie sich befinden. Da ich nach dem Telefonat mit Dr. Merchant davon ausgehe, dass sie sich in seinem Haus befinden, werde ich dort einbrechen müssen. Ganz einfache Schlussfolgerung.“

„Und was ist, wenn er vorher zurückkommt? Was ist, wenn wir erwischt werden? Ich meine, ich kann mich nicht daran erinnern, soetwas jemals gemacht zu haben. Und ich hoffe auch, dass du dich ebenfalls nicht daran erinnern kannst.“ Doch eine Stimme in meinem Kopf sagte mir, dass sie dies wohl doch konnte.

„Nun ja… ich bin schonmal wo eingebrochen, wenn du das meinst.“ Sie grinste bis über beide Ohren. Eine ihrer blonden Locken fiel ihr ins Gesicht. Ihre Augen funkelten auf eine seltsame Weise… Sie sah fast aus wie ein Engel, nein, sie sah aus wie Dämon und für einige Sekunden hatte ich das Gefühl, nicht in Gillians Augen zu schauen. Ich zuckte zurück.

„Okay… okay… ich kenne dich mittlerweile. Aber hör zu: Können wir nicht einfach morgen fragen? Einfach so und wenn er sie dann nicht herausrückt, dann brechen wir am Abend ein? Hmm? Wie klingt das?“

„Zuviel Zeit. Nein, das geht nicht, David. Tut mir leid.“

Ich hätte beinahe geschnaubt. Immer diese Zeit. Hatte sie eine unsichtbare Sanduhr neben sich stehen?

„Puuh… gut, ich lasse mich breitschlagen. Aber nur dieses eine Mal, dass das klar ist.“

Sie nickte hastig und ein Lächeln huschte ihr über das Gesicht. Doch es war nicht Gillians Lachen es war… unheimlich.

„Danke“, hauchte sie und drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Du bist ein Schatz.“ Ich sog tief Luft ein.

„Alles okay? Du wirkst so, als würde ich dich erschrecken.“ Sie lachte und auf einmal war es weg. Sie lachte wieder vollkommen normal.

„Nein… ich… ich weiß auch nicht. Ist in Ordnung.“ Widerwillig grinste ich und da war sie schon aufgesprungen.

„Was nun?“

„Hast du schwarze Sachen dabei?“

„Verstehe, wir machen das also so richtig professionell?“ Ich musste bei dem Gedanken fast lachen wie Gill und ich über Maschendrahtzäune stiegen und mit Brecheisen Türen öffneten. Immerhin hatte sie keine roten Haare mehr…

„Wenn schon, denn schon, Dave.“ Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde unendlich breit und mir wurde mehr und mehr klar, dass Gillian fast noch ein kleines Spielkind war. Sie suchte Abenteuer. Ob dies nun gut oder schlecht war würde ich erst nach dem Ende von diesem hier festlegen.

Gillian verschwand nun endgültig nach oben und ich machte mich ebenfalls auf den Weg, um einen schwarzen Pullover aus meinem Koffer zu holen. Als ich dies getan und ihn übergestreift hatte, kehrte ich in das Wohnzimmer zurück und ließ mich auf die Couch fallen.

Etwa fünf Minuten später gesellte sich Gillian wieder zu mir. Sie war ganz in schwarz gekleidet und hatte eine schwarze Baseballkappe auf dem Kopf, die ihre blonden Haare verdeckte.

„Jetzt nur noch der letzte Test…“ Sie eilte rüber zum Telefon und tippte wohl die Nummer des Doktors ein.

Ich hielt den Atem an und hoffte, dass er da war, doch nach gut einer Minute legte Gillian wieder auf.

„Und los geht’s!“

 

 

Ich lenkte etwas unruhig meinen Wagen durch die North Grower Street. 

Mein Herz schlug bis zum Hals und ich zitterte beinahe vor Aufregung. Die Zeiten in denen ich öfter solche Dinge getan hatte, lagen weit zurück und es kam mir so vor, als wären diese Taten gar nicht mehr Teil meiner selbst. Und obwohl ich immernoch eine leise Stimme in meinem Kopf hörte, die mir zuflüsterte, dass das, was ich tat, richtig war, kam mehr und mehr Unsicherheit in mir auf.

Ich konnte nicht behaupten, dass es zu wenige Argumente gab, um mich wieder zurück in meine Wohnung zu bewegen. Nein, es war genau das Gegenteil. Es existierten duzende logische Gründe weshalb ich all dies abblasen sollte. Doch wahrscheinlich fuhr ich genau deshalb weiter. Wahrscheinlich bewegten mich genau diese Gründe dazu, das Gaspedal noch tiefer hinunterzudrücken.

 

Ganz ruhig, Gill. Fahr einfach weiter, hab keine Angst. Es wird gut werden.

 

Das Haus erschien in meinem Blickfeld. Still. Verlassen. Nicht der winzigste Lichtstrahl glimmte in seinem Inneren. Die Garage war nach wie vor geöffnet. Kein Auto weit und breit. Es hatte sich also nichts geregt, seitdem David, Piper und ich davongefahren waren. Der Doktor war fort und unser Weg somit frei.

Ich ließ den Wagen langsam auf den Bordstein rollen. Wie eine Spionin sah ich mich um, sichergehend, dass niemand in der Nähe war. Ich betätige jeden Knopf in meinem Auto so sachte, dass selbst ich nichts hören konnte.

 

„Wir tun das jetzt also, oder?“ David schien noch mehr Hämmungen zu haben als ich.

„Du… musst es nicht tun, wenn du nicht willst.“, versuchte ich ihn zu besänftigen und gleichzeitig mein Gewissen zu beruhigen, das mir andauernd frech mitteilte, dass ich gerade dabei war genauso einen Kreuzzug zu führen wie Mulder es immer getan hatte.

David lächelte nur sanft. Er sah in seinem schwarzen Pullover und der engen schwarzen Jeans erstaunlich gut aus, erstaunlich gut für so eine Situation. Würde es wohl unpassend sein, wenn mir in der nächsten Sekunde Sabber über den Mund läuft? Offenbar schon… nun gut, Gruselmusik wieder einschalten… Nervosität zurückgewinnen. Ich schnaufte.

„Ich glaube, wir hätten uns vorher etwas Mut antrinken sollen.“, kam es leicht sarkastisch von der Seite, während Dave mir seine zitternden Hände präsentierte.

Ich unterdrückte ein kichern.

„Professionell“, entfuhr es mir beinahe unter einem Lachschwall und ich entschloss mich schließlich den Zündschlüssel herauszuziehen und die Autotür zu öffnen.

Ich glitt nach draußen, auf alles gefasst, doch nichts geschah. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Niemand interessierte sich für mich. Die Einwohner dieser Londoner Straße schliefen vermutlich fast alle. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, dass hier eine verrückte Schauspielerin herumstieg, die sich einbildete Kay Scarpetta spielen zu müssen oder Dana Scully, wie man’s nahm.

 

Langsam ließ ich die Tür wieder zufallen und beobachtete, wie David es mir gleich tat. Ich warf einen nervösen Blick auf die Rückbank des Wagens, wo eine schwarze Sporttasche lag. Ich zögerte damit sie rauszuholen, tat es dann aber doch. David und ich hatten darin alles verstaut, das uns für einen Einbruch nützlich erschien. Von einem Brecheisen bis hin zu einem Küchenmesser hatten wir alles mitgenommen, das auch nur annähernd brauchbar aussah.

 

„Und jetzt? Von wo aus versuchen wir’s?“, fragte David der beinahe rythmisch von einem Fuß auf den anderen trat.

„Hmm.. ich würde sagen, erstmal von vorne.“

„Die Tür ist mit Sicherheit verschlossen.“ Dave grinste.

„Wer weiß, wer weiß… aber wenn sie es wirklich ist, dann versuchen wir über den Gartenzaun zu steigen. Er hat eine Terrasse.“ Ich beugte mich weit nach links um ihm zu demonstrieren, dass man, wenn man genau hinsah, von hier aus die Steinplatten sehen konnte. „Und irgendwie muss er dort auch rauskommen. Woraus sich schließen lässt, das dort eine Tür ist, die er eventuell offenlässt. Vielleicht hat er eine Katze oder sowas…“

„Eine Katze?“

„Ja, manche Leute lassen ihre Hintertüren offen, damit ihre Haustiere von ihren Touren zurück ins Haus können.“, dass ich das in irgendeinem Roman gelesen hatte, ließ ich außen vor. Schriftsteller konnten sich ihres Berufes wegen sehr gut in Leute hineinversetzen und besaßen eine erstaunliche Beobachtungsgabe, also warum sollte ich mich darauf nicht verlassen?

„Oookay, nun gut, dann hoffen wir auf einen gerichtsmedizinischen Stubentiger.“

„Irgendwie stell ich mir darunter eine laufende mumifizierte Katze vor.“ Ich kicherte bei dem Gedanken. Dave zuckte mit den Augenbrauen.

„Na hoffentlich kann so eine nicht durch Wände gehen…“

 

Wir schlichen mehr oder minder zur Haustür. Sie war mit einem wundervollen dunklen blau bestrichen und als meine Hände für einige Sekunde darüberfuhren, um zum Türknauf zu gelangen, glitt ich regelrecht nach unten. Ich griff ihn fest und versuchte ihn zu drehen. Dies gelang auch, Millimeter für Millimeter, doch die Tür blieb verschlossen.

„Wusste ich’s doch.“

„Nicht so vorlaut mein lieber Mr. Duchovny. Tür Nr. 2 steht uns immernoch zur Verfügung. Aber erstmal kommt noch der ultimative Sicherheitstest.“ Ich drückte hastig die Klingel und lauschte. Mein Atem kam mir in diesen Sekunden unnatürlich laut vor. Ich glaubte etwas zu hören, doch David war nur auf ein Ästchen getreten, das auf die erste Eingangsstufezur geweht worden war. Stille.

Ich klingelte ein zweites Mal. Atem, leise pfeifender Wind, jedoch keine Bewegung von innen. Ein drittes Mal. Nichts.

„100%ig niemand zu Hause. Es sei denn, er ist so besoffen, das er nicht mehr reagieren kann und das dürfte unser Vorhaben nicht behindern.“

So setzte ich meinen Fuß also wieder auf den gepflasterten Weg, der zum Haus des Doktors führte und lenkte meine Schritte auf den Garten zu. Nicht einmal ein Zaun begrenzte den Rest des Grundstückes, sodass wir mühelos den Garten betreten konnten. Er war recht groß, bestand jedoch nur aus englischem Rasen, der so perfekt gemäht war, dass er wirkte wie ein Wohnzimmerteppich. Ich hatte beinahe Angst ihn plattzudrücken, als ich mit meinen schwarzen Stiefel darüberschritt, immer in Richtung Terrasse. Endlich, nach gut zwei Minuten, die mir aber viel zu lang vorgekommen waren, setzte ich meinen linken Fuß auf den ersten Terrassenstein. Er war glatt und wirkte poliert, ich wäre mit Sicherheit ausgerutscht, wenn es nass gewesen wäre. Tief durchatmend sah ich auf die Tür, die einen weiteren Weg in das Reih Dr. Merchants darstellte. Ich holte tief Luft und noch ehe ich nahe heranschreiten konnte, sah ich, dass sie einen Spalt breit offenstand. Ich hätte beinahe einen freudigen Jauchzer außgestoßen, besinnte mich dann aber in letzter Sekunde und wand mich zu David um. Dieser nickte mir sichtlich beeindruckt zu und so drückte ich, mit bis zum Hals pochendem Herzen, schließlich die Tür nach innen. Sie schwang auf als hätte sie geradezu darauf gewartet geöffnet zu werden. Wir zitterten beide leicht vor Aufregung und schließlich betrat ich mit einem großen Schritt das erste, dunkle, verlassene Haus, das nicht mir gehörte.

Drinnen war es trotz der geöffneten Tür angenehm war, worauf sich schließen ließ, dass der Gerichtsmediziner die Heizung angelassen hatte. Welch hohe Heizkosten dies wohl bedeuten würde? Ich schüttelte grinsend den Kopf… dies war wohl das so ziemlich letzte, über das ich mir in diesem Moment Sorgen machen sollte. Also tat ich einen weiteren Schritt vorwärts.

Wir waren direkt im Wohnzimmer gelandet. Es war ein großer, mit Parkettboden ausgelegter, Raum, der mit antiken Möbeln bestückt war. Rechts von mir führten zwei Stufen in eine bequeme Sitzecke hinab in der sechs große Ledersessel im Kreis standen. An der rechten Wand zogen sich Regale mit verzierten Buchbänden und feinen Porzellenfiguren entlang. Alles wirkte auf eine seltsame Weise dezent, dezent, aber wirkungsvoll. Der Doktor hatte also Geschmack. Ich grinste.

„Und nun? Wo glaubst du, dass sein Büro sein könnte?“, hauchte mir David ins Ohr und ich erschauderte leicht, das sanfte Kitzeln seines Atems bereitete mir eine wärmende Gänsehaut.

„Hmm… ich würde sagen, wir versuchen es oben. Irgendwie glaube ich, dass ein Doktor sein Büro im oberen Stockwerk hat.“

„Na, wenn du das glaubst, wird es wohl so sein.“ Ich glaubte ebenfalls ihn grinsen zu sehen, also wird er es wohl auch getan haben.

„Ha… aber vermutlich habe ich sowieso das zweite Gesicht und war bisher nur zu verpeilt, um es zu bemerken.“ … was durchaus möglich sein konnte… „Lass uns raufgehen.“

Ich griff nach dem Geländer der im sachten Licht funkelnden Marmortreppe, die sich hinter einer Wand neben der Sitzecke nach oben hangelte. Irgendwie gab mir dieses Haus das Gefühl, dass ich keinen Geschmack hatte.

Oben angekommen wurde ich für einige Sekunden geblendet. Die Wände waren von gigantischen Fenstern eingenommen, die Decke bestand aus einer Kuppel, durch der die Sterne auf uns hinabschimmerten. Des gesamte obere Stockwerk bestand nur aus einem riesigen Raum, der, wie ich vermutet hatte, als Büro diente. Instinktiv hielt ich nach so einem lächerlichen Miniaturgolfset Ausschau, da der Raum so lang war, dass man darin vermutlich eine ganzen Olympiade hätte veranstalten können. Ich fand keins und wusste nicht, ob mich das beunruhigen sollte, oder nicht. Aber vielleicht lag es schlicht und einfach daran, dass der Doktor sich für zu fein für derartige Spielchen hielt, oder er hatte Angst, dass er mit seinen Fehlschlügen das Parkett zerstörte. Die Möbel waren durchgängig Antiquitäten. Hinter dem großen, eichernen Arbeitsschreibtisch, der mit Schreibutensilien bestück war, stand ein Regal, das an der einzigen vollständig aus Stein bestehenden Wand lehnte und von oben bis unten mit sorgfältig sortierten Ordnern vollgestopft war. Die steinernde Wand war der Straße zugerichtet, sodass man vom Bürgersteig aus kaum sehen konnte, was hier oben für ein architektonisches Kunstwerk erbaut worden war. Am anderen Ende des Raumes befand sich ein zweiter edler Schreibtisch, auf dem jedoch nichts lag außer ein paar übereinander gestapelte stählerne Papierfächer. Vermutlich pflegte der Doktor dort seine Computerarbeit zu erledigen, lediglich den dazugehörigen Laptop hatte er mitgenommen, kombinierte ich. Überall um uns tanzten Lichtpunkte vereinzelt an den Möbeln entlag. Ich brauchte eine Weile, um ihren Ursprung zu entdecken. Es war eine seltsame löchrige Skulptur in deren Löcher Glasscheiben eingelassen waren. Sie stand so zu einem der duzenden Fenster, dass das Mondlicht direkt hindurchfiel.

„Und da denkt man als Hollywoodstar man hätte Geld.“, kommentierte David grinsend.

„Ehrlich gesagt, würde ich mich hier drin dauernd beobachtet fühlen.“, gab ich zu und drehte mich beinahe automatisch um die eigene Achse. „Stell dir mal vor du würdest nackt aus der Dusche kommen… und an die Paperazzi möchte ich gar nicht erst denken.“

„Und Sex im Büro gibt’s auch nicht… In was für einer traurigen Welt dieser Dr. Merchant doch lebt.“

„Er sieht vermutlich auch nicht aus wie du, also wird er ganz gut ohne klarkommen!“ Ich zwinkerte ihm zu und David verdrehte gespielt beleidigt die Augen. Ich schluckte hart, als mir bewusst wurde, dass wir gerade dabei waren uns in einer Neckerei zu verlieren. So sehr ich diese auch meistens genoss, im Moment hatten wir alles andere als Zeit dafür.

„Aber jetzt los, wir müssen diese Bude auf den Kopf stellen, bevor der Doktor so unverschämt ist und auf die Idee kommt uns dabei zu stören.“

„Was meinst du, wieviel Zeit haben wir?“ David schien schon sehr mehr bei der Sache, als zuvor und ich glaubte fast, Ethusiuasmus in seinen Augen leuchten zu sehen. Sollte mir das etwa beweisen, dass er gar nicht so heilig war, wie er immer tat? Ich grinste und sah auf die Uhr.

„Hmm… ich würde sagen er ist ungefähr seit einer Stunde weg. Mein zweites Ich braucht für eine Autopsie doch sicher länger, als zwei Stunden, oder?“ Ich sah David fragend an und dieser warf mir einen Blick zu, der so aussah, als wäre er leicht verwirrt. Mir fiel auf, dass ich Dana Scully vor ungefähr zwei Jahren das letzte Mal mit diesem Spitznamen betitelt hatte.

„Ich würde sagen, ja. Aber vielleicht ist dieser Merchant auch gar nicht bei einer Autopsie...“ Und ob er das ist, ergänzte ich in Gedanken. „Wir sollten uns auf jeden Fall beeilen“, fuhr David fort und ich nickte zustimmend. Tief durchatmend standen wir nun also in diesem Raum und auch wenn ich es niemals gedacht hatte, brauchte ich doch eine beachtliche Weile um mich zu überwinden und schließlich auf Merchants Schreibtisch zuzugehen. David zögerte noch einen Moment länger und schritt letztendlich auf das Regal mit den unzähligen Ordnern zu.

„Viel Spaß“, hauchte ich leicht außer Atem vor Aufregung. Tief in mir wusste ich bereits, dass ich kurz davor war etwas zu finden, das meine Sichtweise auf dies alles grundlegend verändern würde.

Ungeduldig riss ich schließlich die erste Schublade auf. Ich erblickte nichts Erwähnenswertes. Nur ein paar Büroutensilien, die den Doktor vorerst einen gewöhnlichen Besitzer eines Schreibtisches bleiben ließen. Dennoch schob ich den Inhalt der Schublade einige Male hin und her, um sicher zu sein, dass ich nichts übersah. Letzten Endes sah ich jedoch ein, dass diese Schublade nichts zu bieten hatte und machte mich an die Nächste.

Und wieder schien ich auf nichts gestoßen zu sein. Ein Berg Papier kam zum Vorschein, der genauso langweilig aussah wie er vermutlich auch war. Ein seltsames Ticken durchfuhr plötzlich meinen Kopf. Von dem einen Ohr in das andere und schließlich hinaus. Fast so, als sei es auf der Durchreise. Ich erschauderte. Die Zeit lief.

Die dritte Schublade. Endlich! Mindestens ein duzend Aktenhefter lagen sorgfältig geschichtet darin und grinsten mich regelrecht an. Eine entsetzliche Spannung verspürend nahm ich die oberste Schicht hinaus und legte sie auf die Tischplatte. Sie waren alle grau, es schien beinahe so, als hatte irgendjemand sie absichtlich so unauffällig wie nur möglich gestaltet. Vielleicht hatte ich etwas gefunden. Ich öffnete fast zitternd den Ersten. Ordentlich bedrucktes Papier war darin abgeheftet. Obwohl es mich erstaunte, erkannte ich sofort, dass es sich um eine Autopsieakte handelte. Doch so schnell wie mir dieser Geistesblitz gekommen war, bemerkte ich auch, dass es um einen mir vollkommen unbekannten Fall ging, der mit meinem Anliegen nichts zu tun hatte. Ich seufzte. Meine angestauten Gefühle wieder unter Kontrolle reißend machte ich mich an den nächsten Hefter. Doch auch dieser stellte sich als genauso belanglos heraus wie der erste… ebenso der dritte und der vierte Hefter. Nach gut zehn Minuten war auch der letzte Hefter aus der Schublade als nutzlos abgestempelt worde. Genau dann erkannte ich auch, dass dies die letzte Schublade gewesen war. Darunter befand sich nur noch ein Brett, das offenbar als Schmuck diente. Nichts weiter. Enttäuscht sah ich zu David.

„Nichts gefunden?“, fragte er während er einen dicken Ordner durchblätterte.

„Nicht wirklich“, gab ich zu.

„Dann kannst du mir ja helfen, oder du gehst rüber und guckst, ob du dort was findest“, versuchte er mich zum Weitermachen zu animieren, doch in diesem Moment schoss ein anderer Gedanke in meinen Kopf.

„Sekunde“, murmelte ich und sank wieder zu den Schreibtischschubladen hinab. Was wäre, wenn…? Ich beugte mich so nach vorne, dass ich an den Rand des Schubladengehäuses blicken konnte und genau dort entdeckte ich es. Das, was ich zuvor für ein Brett gehalten hatte, war keins. Es gehörte ebenfalls zu einer letzten Schublade, die jedoch keinen Knauf hatte und die so sehr mit dem Gehäuse verankert war, dass man kaum erkennen konnte, dass sie nicht dazugehörte.

„Dacht ich’s mir doch“, rief ich so laut aus, wie ich es mir unter diesen Umständen erlauben konnte. David warf mir einen perplexen Blick zu.

„Was dachtest du dir, Holmes oder sollte ich dich eher Bonnie nennen?“

Ich winkte grinsend ab und zeigte auf das „Brett“.

„Das hier ist ein Geheimfach im Schreibtisch. Unser Doktor ist zwar schlau, aber…“

„…nicht schlau genug für dich, ich verstehe.“ David legte den Ordner bei Seite und knuffte mich in die Seite.

„Wie willst du das aufkriegen?“ Mein Gott, dieser Mann erstaunte mich. Er dachte nicht einmal darüber nach, dass ich es einfach geschlossen lassen könnte. Wenn er wirklich den Scully-Part von uns eingenommen hätte, dann hätte er jetzt vermutlich begonnen mir zu wiedersprechen, aber nein, mein Partner war handlicher. Ich war kurz davor mal wieder in mich hinezukichern, als mir einfiel wo ich war.

„Hmm… also… ehrlich gesagt…“ Ich überlegte eine Weile und begann schließlich den Boden der Schublade abzutasten. Zuerst fühlte ich nichts, alles war vollkommen glatt. Kein Schloss, wie ich vermutet hatte. Ich war kurz davor aufzugeben, als ich plötzlich eine zarte Rille wahrnahm. Ich fuhr sie weiter und erkannte schließlich, dass sie zu einem kleinen Viereck gehörte, das sich kurz vor dem Vorderbrett in den Schubladenboden bohrte.

„Da haben wir’s.“ Ich hob meine Taschenlampe auf und leuchtete genau dorthin, wo ich das Viereck berührte. „Kannst du mal halten?“, fragte ich David bittend. Ohne zu zögern nahm er die Lampe in die Hand und leuchtete mir. Ich bückte mich soweit, dass mein Kopf unter den Schubladen war und ertastete das Viereck. Ich drückte meine Fingernägel in die Rillen und begann sie vor und zurück zu schieben. Das Viereck bewegte sich leicht. Ich rüttelte weiter. Das Holz am Rand der Rillen drückte sich unangenehm in meine Fingerkuppen.

„Klappt’s, was auch immer du da tust?“ Ein angestrengter Seufzer fuhr aus meinem Mund.

„Na ja, mal abgesehen davon, dass ich Morgen wohl den ganzen Tag bei der Maniküre verbringen werde müssen… ich glaub, ich hab’s gleich.“ Das Viereck begann sich langsam herauszubewegen. Ich war fest davon überzeigt, dass ich mir schon milliarden Hautzellen abgeschabt hatte und fragte mich, wie zum Henker Dr. Merchant das anstellte. Endlich, nach ungefähr zehn Minuten, lößte sich das Viereck und fiel zu Boden. Ich hob es auf und zeigte es David triumphierend.

„Verstehe und darunter ist wohl ein Schloss, oder?“, schlussfolgerte er sofort und sprach damit aus, was ich dachte.

„Ich hoffe es“, erwiderte ich schnell und bückte mich wieder. Verdammt! „… und das Schicksal meint es nicht gut mit mir!“

„Was ist es denn?“

„So ein dämliches Tresor-Zahlenrädchen.“, kommentierte ich grummelnd und drehte eben dieses einige Male hin und her, um festzustellen, dass es nichts brachte. „Hast du vielleicht heute auch mal einen unglaublichen Geistesblitz und kannst mir die Kombination sagen?“, richtete ich hoffnungsvoll nach oben, doch während ich meinen Kopf so drehte, dass ich David sehen konnte, sackten seine Schultern nach unten.

„Tut mir Leid, ich bin leider nicht so einbrucherprobt wie du.“, gab er leicht sarkastisch, aber auch enttäuscht von sich und sah von mir weg nach oben. Das Ticken in meinem Hinterkopf kehrte wieder. Mein Atem wurde schneller und ein widerliches Kribbeln begann sich den Weg meine Beine hinauf zu bahnen. Mein Nacken schmerzte und ich hatte für einen Moment das Bedürfnis einfach aufzustehen und wegzurennen.

Ich hörte wie David auf dem Schreibtisch herumwühlte, vermutlich damit beschäftigt den Zahlencode zu finden. Ich sollte ihm wohl helfen, doch ich konnte es nicht. Ich wollte unter diesem Schreibtisch liegen bleiben, für immer, mit einem verrenkten Nacken, einem Kribbeln, demonliereten Fingernägeln und dem Gefühl rennen zu müssen.

Plötzlich hörte ich, wie David inne hielt.

„Hey, Gill, komm mal hoch.“ Ich ächzte. „Bist du eingeklemmt?!“, fragte er besorgt und offenbar gar nicht mal so überzeugt davon, dass ich es nicht war. Eigentlich war ich es auch, nur nicht physisch. „Hmmm“, murrte ich und kam mir vor wie der letzte Trottel auf dieser Welt, der eingeklemmt ohne eingeklemmt zu sein unter einem Schreibtisch in einer riesigen Wüste hockte.

„Gill? Alles okay? Sieh dir das bitte mal an, ich glaube, ich habe was.“ Er klang ernst, aber auch fast als wäre er von sich selbst begeistert. Das Ticken ertönte. Ohne auch nur nachzudenken sprang ich auf und zog mich an David hoch, der neben dem Tisch stand und vollkommen fasziniert auf die Wände starrte.

„Was siehst du da?“, fragte ich verwirrt. Das Einzige, was ich bemerkte, waren die Reflexionen des Mondlichtes, die immer noch durch die seltsame Skulptur verursacht, an den Wänden entlangzogen.

„Warte mal“ Er öffnete die zweite Schreibtischschublade und zog eines der unbeschrifteten Papiere heraus. Hastig durchquerte er den Raum, bis er an einer großen Pflanze angekommen war, die von einer der Reflexionen gestreift wurde. David hielt das Papier genau vor die Reflexion und da erkannte ich es. Auf dem Papier zeichnete sich ganz deutlich, so, als hätte sie schon immer da gestanden, eine große sechs ab. Meine Kinnlade sackte nach unten. Das war vollkommen verrückt! David ging weiter. Diesmal hielt er vor einer großem Vase inne, an der ebenfalls eine Reflexion vorbeizog. Er hielt das Papier erneut hoch und diesmal ergab es eine zwei.  Ich schüttelte ungläubig den Kopf, trat kurz darauf jedoch hastig zurück und schnappte mir ein Stück Notizpapier und einen Kugelschreiber. Sechs, zwei. Ich notierte es so schnell ich konnte.

David stand mittlerweile vor einem silbernen Papierkorb gebückt und zeigte mir die darauf abgebildete vier.

„Der Typ ist echt irre“, kommentierte ich beeindruckt.

„Das haben diese Pathologen so an sich.“ David grinste halb durchgedreht und ging rasch weiter zu einem Spiegel auf dem man durch seinen kleinen Zaubertrick eine fünf erkennen konnte. Kurze Zeit später hatten wir genau sechs Zahlen gefunden und standen grübelnd vor dem Papier, auf das ich sie geschrieben hatte.

„Tja… damit wäre das Rätsel aber noch lange nicht gelöst. In welcher Reihenfolge muss man sie wohl eingeben?“, fragte ich ihn, hoffend, dass er auch darauf eine Antwort kannte.

„Ich fürchte, jetzt ist die Einbrecherkönigin wieder dran.“ Irgendwie mochte ich es, wenn er mich so nannte.

„Hmm… also gut.“ Ich schaute mich konzentriert um. „Wir können von zwei Möglichkeiten ausgehen. Entweder ist das hier eine ziemlich abgefahrene Gedächtnisstütze oder aber der Typ ist scharf darauf, dass man ihn beklaut. Ich würde letzteres eigentlich ausschließen.“

„Man weiß nie“ David zwinkerte mir zu und ich kicherte leicht.

„Na ja, gehen wir mal davon aus, dass es eine Gedächtnisstütze ist. Dann kann es entweder sein, dass er, wenn er die Zahlen kennt, sowieso weiß, in welche Reihenfolge er sie bringen muss, oder er hat noch irgendwo hier ein Zeichen versteckt, durch das er sehen kann, wie er die Zahlen ablesen muss.“

Plötzlich fiel mir etwas auf.

„Hmm… denkst du nicht auch, dass es etwas sein muss, das man von hier aus sehen kann? Denn wenn er den Code eingeben will, dann sitzt er vermutlich am Tisch. Er müsste also einfach aufsehen und es bemerken können.“

„Das ist logisch.“ Ich stellte mich genau dorthin, wo Dr. Merchant normalerweise sitzen würde. Erst dann fiel mir etwas auf.

„Sieh mal, Dave. Kann es sein, dass alle Gegenstände, auf die das Licht fällt, genau auf einem Parkettbrett stehen?“ David beugte sich nach vorne.

„Ja, das scheint zu stimmen.“

„Wir sollten sie zählen.“ Ich sprang auf und begann die Bretter bis hin zu der großen Pflanze zu zählen, zu der David als erstes gegangen war.

„Neunundzwanzig“, gab ich bekannt.

„Worauf willst du hinaus?“ Er sah mich verwirrt an und möglicherweise hätte ich mich selbst nicht besser angeschaut, wenn mir dies möglich gewesen wäre.

„Ich weiß es nicht so genau, aber lass uns einfach zählen.“ Ich ging zurück zum Schreibtisch und machte mich nun auf den Weg zu dem Spiegel.

„Siebenunddreißig, schreib das auf.“ Er tat es. Wir fuhren fort bis wir die Zahlen 29, 37, 19, 11, 23 und drei gefunden hatten.

„Ich glaube, das sind alles Primzahlen“, verkündete David. „Aber ich würde sagen, das bringt uns nicht wirklich weiter…“, fuhr er fort und sah mich ratlos an. „Gill, ich will ja nicht pessimistisch klingen… aber wir sind schon gut eine Stunde hier. So langsam wird die Zeit eng…“

„Ja…ja… ich weiß, ich weiß… aber lass mich mal fünf Minuten nachdenken. Nur fünf Minuten.“ Gedankenverloren ließ ich mich in dem Schreibtischstuhl sinken und überlegte. Was hatte dies zu bedeuten? War die Skulptur am Ende doch nur ein Schmuckstück? Waren die Zahlen nur aus Kunst darin versteckt worden? Nein, das klang unsinnig, das Ganze musste irgendeinen Sinn haben.

„Gill… komm schon. Ich weiß, wie sehr du daran hängst hier etwas zu finden, aber wir sollten uns bewusst sein, was wir hier tun. Wir könnten jetzt genausogut diese Zahlen zusammenzählen und sie durch sonst etwas teilen. Wir könnten hier wahrscheinlich noch bis Weihnachten sitzen und darüber nachdenken. Dieser Doktor ist nicht dumm, er wird…“

„Ich hab’s! David, du bist ein Genie!“ Ich riss einen Notizzettel aus der dafür vorgesehenen Ablage und langte wieder nach dem Kugelschreiber. Sechs plus 29 waren 35. 19 plus zwei waren 21. Vier plus drei waren sieben… das war es!

„David, es ist die Siebenerreihe! Stell dir vor, er sitzt hier, hat keine Lust aufzustehen, um die Zahlen in der Säule zu suchen. Er muss einfach die Parkettbretter zählen, schauen wieviel fehlt, bis er bei einer Zahl aus der Siebenerreihe ist und diese dann der Größe nach sortieren. Ich bekomme hier sieben, 14, 21, 28, 35 und 42 heraus, wenn ich die Zahl, die du abgelesen hast mit der Anzahl der Parkettbretter zusammenzähle, die die Gegenstände von dem Schreibtisch entfernt sind. Er muss sich zwar konzentrieren und etwas mehr sehen, als wir, aber es funktioniert! Der Code lautet vier, drei, zwei, fünf, sechs, fünf!“ Ich war ganz außer Atem, weil ich dies beinahe ohne Punkt und Komma gesagt hatte. David starrte mich mit offenem Mund an, vermutlich noch dämlicher, als ich ihn zuvor angesehen hatte, als er die Reflexionen richtig gedeutet hatte.

„Nein, Gillian Leigh Anderson, DU bist ein Genie! Wenn das wahr ist, dann… dann bekommst du von mir höchstpersönlich den Nobelpreis!“ Ich lächelte verlegen und spürte wie mir ein wenig zuviel Blut in den Kopf schoss. Gott sei Dank war es so dunkel, dass er es unmöglich sehen konnte.

„Und jetzt komm und gib den Code ein. Nicht, dass dieser dämliche Doktor aufkreuzt, bevor wir wissen, ob du das größe Genie bist, das mir jemals begnet ist.“

„Nun, jetzt übertreib mal nicht. Jemand wirklich Intelligentes hätte das sicherlich in fünf Minuten herausgefunden…“

„Willst du mir damit etwa unterstellen, dass ich vollkommen dumm bin?“ David sah mich schief an, ich wusste zwar, dass er es nicht ernst meinte, aber…

„Nein, nein, um Gottes Willen, du weißt, was ich meine.“ David schüttelte grinsend den Kopf und zeigte auf die Schubladen. Ich nickte und beugte mich wieder nach unten. Mein Nacken schmerzte schon nachdem ich den Kopf nur eine Sekunde unter diesem verdammten Tisch hatte. Vor lauter Aufregung hatte ich den Zettel mit dem Code auf dem Tisch vergessen, aber David reichte ihn mir.

Zitternd begann ich an dem Rädchen unter dem Tisch zu drehen. Es kam mir so unendlich lang vor, bis ich endlich die ersten fünf Zahlen eingegeben hatte. Ich schnaufte kurz.

„Und?“, fragte David genauso angespannt wie ich mich fühlte.

„Noch eine Zahl“ Ich zitterte am ganzen Körper und mir war regelrecht schlecht.

„Dann gib sie ein, los, wir haben nicht mehr viel Zeit!“ Er drängte mich sachte, doch auch dies reichte aus, damit ich noch einmal tief durchatmete und schließlich zum Drehen ansetzte.

„Also los, bete zu Gott, Mr. Spirituell.“ Ich drehte, zitterte, drehte, zitterte. Und dann war sie da, die letzte fünf, die ich einzugeben hatte. Der Bruchteil einer Sekunde verging, in dem ich glaubte ohnmächtig zu werden. Es war still, zu still. Ich dachte, dass es nicht geklappt hatte, als ich plötzlich das vernahm, auf das ich die ganze Zeit gewartet hatte. Klick. Der kleine Save war offen und die Schublade sprang ein Stück weit auf.

Ich hob mich so schnell wie möglich unter dem Schreibtisch hervor, in diesem Moment fing David mich ab und noch ehe ich mich versehen konnte, berührten seine Lippen die meinen. Es dauerte nur eine Sekunde, so kurz, dass ich mich fragte, ob er es überhaupt getan hatte.

„Du bist unglaublich, weißt du das? Unglaublich und vollkommen verrückt“

Ich lachte.

„Du bist nicht besser.“ Ich riss nun die Schublade auf und was ich erblickte, ließ mein Herz höher schlagen. Es waren drei Aktenhefter. Doch sie sahen anders aus. Auf ihren weißen Deckeln prankte unübersehbar das Logo des Scotland Yard.

„Ich glaube, das sind sie.“ Aufgeregt fingerte ich die Akten aus der Schublade und hob den Deckel der Ersten an. Eiskalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Oh Gott, was tat ich da nur? Auf den ersten Blick sahen sie haargenauso aus wie die Akten, die zuvor in der offenen Schublade gefunden hatte, doch als ich weiterblätterte, erkannte ich eindeutig, dass es sich um den Obduktionsbericht des dritten Opfers des sogenannten Puppenmörder handelte.

Plötzlich schreckten wir beide auf. Ein dröhnendes Motorengeräusch hallte durch die Stille der Nacht. David sprang sofort auf und rannte zu einem der hunderten Fenster. Mir war es nicht möglich ihm zu folgen, war so von Spannung zerfressen, dass mir nichts anderes gestattet war, als die nächste Seite umzublättern. Sollte Merchant uns doch finden, uns einsperren, ich musste es wissen, ich musste wissen, wen dieser Mann tötete. Meine schweißnassen Finger glitten zitternd über das Papier, immer weiter, immer weiter. Stranguliert, abgezogene Haut, Schnittwunden auf dem Rücken. Oh Gott. Weiter, ich blätterte weiter.

„Gillian? Gillian, verdammt nochmal, steh auf, er kommt zurück!“

Ich nahm kaum wahr, was er sagte. Sah nur auf die beinahe steril wirkenden Blätter in meinen Händen. Indentische Merkmale mit den Anderen. Den Anderen? Das hieß… was hieß es? Noch eine Seite und dann sah ich es, das, auf das man mich nie hätte vorbereiten können zu sehen. Ich sah sie. Ich sah eine der Frauen, die ER getötet hatte. Mein Blut schien von einer Sekunde auf die andere zu erfrieren. Mein Atem schien stillzustehen, ebenso wie mein Herz. Da sah ich sie… und ich konnte nicht fassen, was ich sah.

 

 

Fortsetzung folgt