Unruhig ging ich über den Flughafen. Ich machte mir Sorgen um Gill,? große Sorgen. Das irgendetwas nicht mit ihr stimmte, war mir vom ersten Moment an klar gewesen. Jedoch verstand ich nicht was und vor allem warum sie es mir verheimlichte. Gut, ich war mir bewusst, dass sie mir auch nicht alles erzählen konnte, aber sie hatte Angst gehabt. Ihre Stimme hatte gezittert und ich konnte mich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal in einer derartigen Tonlage gesprochen hatte - ob sie es überhaupt jemals getan hatte. Ich hatte Angst , dass sie jemand belästigt, oder dass sie sich wieder in irgendetwas hineingeritten hatte. Ich kannte Gillian gut genug um zu wissen, dass sie manchmal Dinge tat, die ich bei klarem Verstand niemals in Erwägung ziehen würde. Ich hasse dieses Urteil, das ich über sie fälle, aber sie ist nun mal anders…
Ich war wirklich mehr als nur verwirrt! Einen klaren Gedanken zu fassen war ich im Moment einfach nicht in der Lage. Einerseits freute ich mich so sehr darauf Gill endlich zu sehen, doch wenn irgendetwas geschehen war, von dem ich nichts wusste, und sie meine Hilfe bräuchte, dann könnte ich ja unmöglich mit Freude bei ihr erscheinen
Andererseits: Ich vermisste sie so sehr!!!
Ich hasste solche Situationen. Was war, wenn ich mich umsonst sorgte? Wenn mit ihr alles in Ordnung war und sie nur wieder einen ihrer verrückten Anfälle gehabt hatte? Warum wollte sie eigentlich nicht, dass ich bei ihr auftauchte? Wegen dieser verdammten Situation? Die ich, verdammt noch mal heraufbeschworen hatte? Konnte ich mir die Schuld für etwas geben, das ich nicht kannte?
Tief durchatmend fischte ich meinen Koffer vom Gepäckband und verließ den Flughafen. Die Sonne knallte auf meine Baseballkappe und ich musste mir die Hand vor die Augen halten, um überhaupt etwas erkennen zu können. Ich hatte herausgefunden, dass Gillian in einem gewissen "Dires Resort Hotel" gebucht hatte. Ich hatte niemals zuvor etwas davon gehört, obwohl ich mich vorher informiert hatte. Seltsam…
Dabei fiel mir ein, dass sich meine Frau wohl in diesem Moment ebenfalls irgendwo sonnte. Ich grinste bei dem Gedanken. Irgendwo, nur Gott sei dank nicht hier!
Ich hatte noch nicht wirklich Kontakt mir Téa, seit sie ihren Urlaub angetreten hatte. Immerhin hatte sie diese... Reise, wie sie es nannte, so plötzlich in Angriff genommen, dass ich mich etwas vor den Kopf gestoßen fühlte. Ja, immerhin waren wir verheiratet... < noch > fügte ich in Gedanken hinzu... und rein theoretisch verreisten Ehepaare doch immer gemeinsam. Nun gut, wäre ich mit Téa unterwegs, wäre es mir kaum möglich, Gillian einfach so zu besuchen. Außerdem wäre ich wohl kaum glücklich darüber gewesen, wenn sie mir, anstatt ihrem einen Ticket, zwei unter die Nase gehalten hätte. Gerade hatte ich wirklich andere Sorgen.
Und diese Sorgen würden meiner Frau wohl kaum gefallen. Schon alleine deswegen nicht, weil Gillian der Hauptbestandteil meiner Sorgen war. Schon allein ihr Name brachte Téa in einen unbezwingbaren Wutanfall. Wie würde sie dann erst reagieren, wenn ich ihr gestehen würde, dass ich Gillian küssen wollte? Vermutlich würde sie mich vor die Türe setzen, meine Klamotten hinterher werfen, meine Möbel beschlagnahmen und behaupten, es wären die ihren. Ich würde meine Kinder nie wieder zu Gesicht bekommen, aber... dafür hätte ich Gill. Okay, ich sollte mir wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen und stattdessen dafür sorgen, das Hotel ausfindig zu machen, in dem Gillian abgestiegen war. So schwierig konnte das schließlich nicht sein. Immerhin zog es Gillian vor, ihren Urlaub doch im Luxus zu verbringen. Denn was nützten einem Millionen, wenn man sie nicht wenigstens im Urlaub ausgab. Ich machte das ebenfalls. So komisch man sich bei dem Gewissen vorkommt sich alles leisten zu können, es ist doch von Vorteil…irgendwie.
Vor dem Flughafen machte ich mich auf die Suche nach einem Taxi, welches auch direkt in meiner Nähe auf mich wartete. Der Fahrer, ein dicklicher Grieche, war gerade wieder eingestiegen. Ich ging auf ihn zu und begrüßte ihn.
"Hi, können Sie mich zum teuersten Hotel der Insel bringen?"
"Kommt ganz drauf an, ob Sie jemanden verfolgen wollen, oder nicht." Kommentierte er etwas unsicher.
Ich sah ihn schräg an und verstand nicht ganz worauf er hinauswollte.
"Na ja…", er zog mich an sich ran, "Wissen Sie, ich habe gestern Morgen etwas hinter mir gebracht. Hui, ich sag's Ihnen, das war schlimmer als freiwillig ne Klippe hinunterzufahren. Polizeiarbeit, wenn Sie verstehen…" Er wirkte, als vermute er hinter jeder Palme die Mafia.
Ich nickte.
"Ach so, natürlich, ich möchte einfach nur ins Hotel, mehr nicht." Er atmete erleichtert aus.
"Und Sie sind auch sicher nicht von der Polizei? Und Sie kennen auch sicher keine kleine rothaarige Dame, die hinter einer großen Blonden her ist?"
Rothaarig? Nein, David, das ist bestimmt nicht diese kleine, rothaarige Dame...
"War sie denn vom FBI?"
"Nein... von der Polizei... sie war Leutnant, glaube ich, ... und... sie war sehr seltsam. Hat viel zu viel für die Taxifahrt bezahlt und als ich sie drauf hinweisen wollte, hat sie nicht mehr reagiert. Einfach verschwunden."
Hm... wie viele kleine, rothaarige Frauen waren wohl auf Rhodos unterwegs? Ich zuckte kurz mit meinen Schultern.
"Könnten Sie mich vielleicht dort hinbringen, wo diese Dame ausgestiegen ist?"
"Kennen Sie sie denn?"
"Ich... ich habe ein gewisses Fabel für rote Haare, wissen Sie, und... ich lass mir keine Chance entgehen.", sagte ich leise und zwinkerte dem Fahrer zu.
Er sah kritisch in den Rückspiegel und fuhr langsam los.
Es kam mir wie ne halbe Ewigkeit vor, als der Wagen endlich abbremste und am rechten Straßenrand hielt.
Außerdem würde ich wohl alles Geld, das ich vorher gewechselt hatte, loswerden,... denn irgendwie war der Fahrer wohl sämtliche Umwege gefahren, die man nur fahren konnte. Aber egal. So lange ich hier Gillian finden würde, war mir alles recht.
Allerdings wurde ich mir, als ich mich in der Gegend, in der mich der Taxifahrer rausgeworfen hatte, so umsah, ziemlich unsicher, dass die kleine Rothaarige wirklich Gill war. Diese Gegend sah... schrecklich aus.
Ein Hotel an das andere gequetscht. Eins hässlicher und verkommener als das andere. Wenn es in Rhodos ein Armenviertel gab, dann war es wohl dieses hier…Ich schluckte hart und fühlte mich recht seltsam in meiner Haut. Irgendetwas beunruhigte mich hier. Ich vermochte nur nicht zu sagen, um was es sich handelte. Vielleicht war es auf der einen Seite die Angst, Gillian könnte sich hier tatsächlich aufhalten, auf der anderen Seite die Hoffnung, sie zu sehen. Doch dann stellte ich mir wieder rum die Frage was ich tun würde, wäre ich hier einer vollkommen falschen Spur nachgejagt. Warum, zum Henker, sollte sich Gillian als Polizistin ausgeben? Ich war von ihr ja so einiges gewohnt, aber eine gewisse Vernunft besaß selbst sie. Eine ziemlich große sogar und ich wusste, dass sie nichts, egal wie abgedreht es auch war, ohne Grund tat.
Ich blickte mich noch einmal um, auf die leere Straße, die hinter mir lag. Papiere lagen auf dem Boden. Ein Stück weiter versuchte ein verdreckter Mann seinen Wagen wieder in Gang zu bekommen, aus dessen Motor unaufhörlich Öl austrat und auf den Fußweg lief. Die Luft war stickig und schwer. Ich fühlte mich erdrückt. Also beschloss ich, nachdem ich noch einmal tief eingeatmet hatte, das Hotel zu betreten, welches der Taxifahrer mir gezeigt hatte.
Doch für eine Sekunde zögerte ich. Irgendetwas war komisch an diesem Ort. Ich fühlte mich ausgeliefert, irgendwie nackt. Ich fuhr herum, sah aber niemanden außer den Mann, der sich immer noch mit seinem Auto abmühte.
"Ist irgendwas?", fragte er genervt und verzog sein Gesicht zu einem zahnlosen Grinsen.
"Ähm,…nein, eigentlich…eigentlich…nicht." Ich setzte mich in Bewegung ohne ihn weiter zu beachten und betrat das Hotel. < von dem Mülleimer auf den Schrottplatz > war das einzige, was mir dazu einfiel. Das Hotel sah aus, als sei es von Hausbesetzern überfüllt und gar nicht mehr in Betrieb. Es roch muffig und irgendwie vergammelt und ich musste fast lachen. Gerade als ich mich dem Rezeptionsmann, der mich anstarrte als sei ich vom Mars, zuwand, hörte ich schallendes Gelächter, das mir irgendwie bekannt vorkam. Es drang aus einer Art Halle, die mit schäbigen, gelblichen Glastüren verschlossen war. Ohne über mein Handeln nachzudenken, ließ ich meine Koffer fallen und rannte darauf zu. Ich sah durch die Türe und mir blieb fast das Herz stehen: da saß sie! Blöd grinsend und ausgelassen neben einem Mann, der mir zwar bekannt vorkam, den ich jedoch nicht zuordnen konnte. Meine Frau…
Ich spürte augenblicklich Wut in mir aufkochen. Was trieb sie hier? Hier, an einem Ort, der... widerlicher als jeder andere war, den ich bisher gesehen hatte. An dem es mir unangenehm gewesen wäre mich zu setzen, aus Angst davor, mir irgendwelches Ungeziefer einzuhandeln.
Ja, sie saß einfach dort auf dieser dreckbraunen Couch, ihre Hand auf dem Schenkel des Mannes neben sich liegend und lachte wie ein gackerndes Huhn.
Meine Faust traf auf das Stück Holz vor mir und ich biss fest auf die Zähne. Alle Gedanken die plötzlich und unaufhörlich in mir hochkamen, versuchte ich vorerst zu verdrängen. Es war nicht das wonach es aussah. Ganz bestimmt nicht. Sie... genoss einfach nur ihren Urlaub mit einem Mann, dem... sie wohl recht nahe stand. Und... vermutlich bedeutete all dass hier gar nichts für sie. Sie spielte gerne mit Männern. Ja, sie spielte mit ihnen um sie dann, kurz bevor sie ihren Verstand verloren, fallen zu lassen und... vielleicht konnte mir das hier ja später noch von Nutzen sein. Oh, ja!
Ich wandte mich ab, vollführte eines der besten Strikes meines Lebens, und trat an die Rezeption.
"Hey," sagte ich nett lächelnd, zog meine Cappy ein Stück weiter ins Gesicht und versuchte einen Blick ins Gästebuch zu erhaschen.
"Kann ich Ihnen helfen?"
Mein Gegenüber putzte nervös seine Brille und hauchte, nach einem prüfenden Blick, schließlich wieder die Gläser an, um dann erneut darüber zu wischen.
"Ähm,... ich... ich weiß, dass das wirklich verrückt klingt, aber..."
"Eigentlich kann mich seit dieser Woche hier nichts mehr überraschen. Sie... gehören wohl auch zum Überraschungsteam?"
"Tut mir leid... ich verstehe..."
"Dann sollten Sie aber SEHR vorsichtig sein. Sie... ist dort hinten und könnte jeden Moment hervor kommen und wenn Sie sie hier stehen sieht, hat... Ms. Anderson sich umsonst so sehr darum bemüht, dass nichts von ihrem Plan auffliegt."
Hatte ich eben wirklich richtig gehört? Hatte er... tatsächlich...????
Ich stotterte ein paar Mal, bis ich schließlich meine Frage hervorbrachte.
"Sagten... sagten Sie eben, dass Ms. Anderson hier ist? Sprechen Sie von... Gillian Anderson?"
Er nickte, lächelte freundlich, und wies auf die Treppen zu meiner Rechten.
"Zimmer Nummer 15. Sie ist eine wirklich... nette und entgegenkommende Person."
Oh, ja,... ich weiß. Sie ist nicht nur das... sie ist außerdem wunderschön, witzig, charmant, sie kann reden ohne Ende und einen vom tiefsten Tiefpunkt des Lebens bis hinauf auf Wolke 7 katapultieren. Außerdem schafft sie es, einem dieses gewisse Strahlen in die Augen zu zaubern und das Lächeln auf die Lippen...
"Gehen Sie nur," flüsterte mir der Rezeptzionist entgegen, rückte seine Brille zurecht und vollführte eine winkende Bewegung mit seiner Linken, "ich werde mich um Ihr Gepäck kümmern."
Sein Lächeln verflog. Er huschte um die Theke, ging so dicht an mir vorbei, dass er mich sachte an der Schulter anrempelte und blieb abrupt ein Stück neben mir stehen.
"Ich... ich werde es wohl besser vorerst mit hinter die Rezeption nehmen. Nur um dafür zu sorgen, dass Sie nachher nichts vermissen werden. Sagen Sie mir später Bescheid, ob Sie ebenfalls hier übernachten werden und ich Ihr Gepäck aufs Zimmer bringen kann. Aber nun los, sonst werden Sie doch noch entdeckt."
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen! Ich zerrte wieder nervös an meiner Baseballkappe und eilte bis hin zu den Treppen, um diese dann anschließend rennend hinter mich zu bringen.
Je höher ich kam, desto sicherer war ich mir, dass das hier alles ein Traum sein musste. Warum sollte Gillian ausgerechnet in einem derartigen Hotel absteigen? Und was machte meine Frau hier? Zuerst war mir der Gedanke gekommen, die beiden wären eventuell gemeinsam hier... um mir eins auszuwischen... vielleicht eine Verschwörung, um mir eindeutig zu zeigen, dass ich mein ganzes Leben lang einen Fehler nach dem anderen beging. Aber das war unmöglich. Ich wusste 1. wie sehr es Gillian hasste, in Téas Nähe zu sein und 2. wusste ich noch sicherer, dass Téa Gill für kein Geld der Welt akzeptieren würde. Yeah,... absolut unmöglich.
Vermutlich sollte ich einfach auf eine Erklärung warten. Vermutlich zeigte sich mir alles in einem ganz falschen Licht und ich machte mich dadurch auch noch verrückt.
Hatte der Taxifahrer vorher nicht gesagt, dass die kleine Rothaarige hinter einer Blonden hergewesen wäre? Aber seit wann arbeitete Gillian für die Polizei auf Rhodos?
Vermutlich hatte sie doch zu lange die Rolle der perfekten FBI-Agentin gespielt und verlor nun den Faden zur Realität.
Ich suchte mich den langen, immer noch stickiger werdenden, Korridor entlang und blieb vor der Tür mit der Nummer 15 stehen. Okay, nun war des Rätsels Lösung ganz nahe... ich brauchte nur noch zu klopfen, konnte dann Gill in meine Arme schließen und mir die ganze Sache erklären lassen. Vielleicht hatte sie auch Informationen über den Kerl, der unten neben Téa gesessen hatte...
Meine Hand erhob sich, traf auf das dreckigbraune Holz und verursachte ein leises, zaghaftes Klopfen. Es tat sich nichts, was mich dazu veranlasste, erneut und mit mehr Kraft gegen die Tür zu pochen. Doch auch daraufhin vernahm ich keine Geräusche, keine sanfte Stimme, die mich hereinbat... Also folgte ich meinem inneren Drang, griff nach der Türklinke und drückte sie.
Ich unterdrückte dieses falsche Gefühl in mir und betrat den Raum. Meine Kinnlade klappte hinunter und ich war nicht fähig zu reagieren. Ich stand dort wie angewurzelt und es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich zitterte und trat einen Schritt zurück, während ich die Tür wieder zudrückte. Der Schweiß lief mir die Stirn hinab und ich stütze mich auf meine Knie. Mein Atem hechelte. Das hatte ich eben nicht gesehen! Das konnte einfach nicht wahr sein…
<< Ganz ruhig, David. Tief durchatmen. >> Ich nahm die Türklinke noch einmal in die Hand und sprang regelrecht in das Zimmer. Mein Magen zog sich zusammen und ich hatte das Gefühl mich jeden Moment übergeben zu müssen. Das ganze Zimmer war durchwühlt. Die Vorhänge abgerissen, das Bett abgedeckt…überall lagen Papiere auf dem Boden, herausgezogene Filme, Kleidung, Bücher, Schmuck…es sah aus wie in einem dieser Paranoia-Thriller. Anstatt Hilfe zu holen oder mich irgendwie bemerkbar zu machen, dachte ich nur an eines: Gillian. Wo war sie?
Ich hechtete durch das Zimmer, sah in jede Ecke, in das Badezimmer, auf den Balkon. Doch es war alles leer. Verdammt! Oder war das besser so? Musste derjenige, der das Zimmer durchwühlt hatte, dies zwangsweise in ihrer Anwesenheit getan haben?
<< Nein, David, sie ist sicher nur am Strand oder beim Frühstück. >> warf mein Gewissen ein und ich gab ihm Recht.
Doch was sollte ich jetzt tun? Warten bis sie wiederkam? Nein, sie würde sich sicherlich ertappt fühlen, würde ich einfach in ihrem Zimmer sein… Runter zu Téa gehen? Nein, das auf gar keinen Fall… Den Rezeptionsmann fragen, wann er Gillian das letzte Mal gesehen hatte? Nein, das klang zu sehr nach: "Es ist etwas schreckliches passiert". Ich würde ihm ganz einfach sagen, dass Gillian nicht in ihrem Zimmer war und ihn fragen, ob er evtl. eine Ahnung hätte, wo sie sein könnte…
Gerade als ich dabei war das Zimmer zu verlassen, konzentrierte sich mein Blick auf etwas glänzendes viereckiges, das auf Gillians Bett lag. Es sah seltsam aus. Vom weitem fast wie ein Foto. Warum hatte dieser jemand ein Foto auf Gills Bett liegen gelassen? Ich verdrehte die Augen und zuckte mit den Schultern. Ich formte meine Augen zu kleinen Schlitzen, konnte aber dennoch kaum erkennen, was auf dem Foto zu sehen war. Es war weitgehend weiß-gelblich und hatte so eine ähnliche Farbe wie die Wand. Ich zögerte kurz. Konnte ich es mir ansehen? Sollte ich das überhaupt? Ich atmete tief durch und ging schließlich auf das Bett zu. Meine Vermutung bestätigte sich: das Bild war in diesem Zimmer aufgenommen worden. Doch das war es nicht, was mich so in Unruhe versetzte. Gill sah mir von diesem Bild mit geweiteten, ängstlichen, blauen Augen entgegen. Sie kauerte halb in einer Ecke, die Knie an den Körper gezogen. Sie hielt etwas kleines Blaues in ihren Händen und als ich näher hinsah erkannte ich, dass es sich um ihr Handy handelte. Was bitte hatte das zu bedeuten? << Ruhig bleiben, David. Ruhig bleiben, vielleicht hat sie sich selbst fotografiert? >> Aber wie sollte sie das gemacht haben? Der Fotoapparat, der dieses Bild aufgenommen hatte, hatte mindestens zwei Meter von ihr entfernt gestanden. Vielleicht war es ja einer mit automatischem Auslöser!? Aber was wollte sie damit bezwecken sich in einer Ecke kauernd, voller Angst und mit ihrem Handy in der Hand, das sie so hielt wie ein rettendes Seil, zu fotografieren? Sollte das vielleicht abstrakte Kunst sein? Nein, das traute ich ihr nicht zu. Jemand war in ihrem Zimmer gewesen und hatte dieses Bild aufgenommen…Aber wer? Wann? Warum? Und... ach! Ich keuchte und meine schweißnasse Hand knallte gegen meine Stirn. Das war eindeutig zu viel für mich…Ich spürte Angst in mir aufkommen - Angst um Gillian…
Ich begann unruhig hin und her zu laufen und fühlte mich wie ein Idiot. Was sollte ich nur machen? Ich musste runter zur Rezeption und diesen Typen nach Gill fragen, verdammt! Ich kochte innerlich…dieses drückende Gefühl der Furcht lag auf meinem Herzen, erdrückte es.
Ich rannte aus dem Zimmer hinaus. Über den Flur, die Treppe hinunter. Keuchend kam ich an der Rezeption an und überlegte, ob ich dem Typen die Wahrheit sagen sollte.
"Mr. Duchovny? Sie sehen sehr erschöpft aus. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?"
Ich war erschrocken, angesprochen zu werden. Mir war schwindelig und ich konnte kaum noch gehen. Verdammt! Ich hasste es! Ich hasste dieses Gefühl der Ohnmacht, das mich gerade übermannte.
"Es…es…", ich trat näher an die Rezeption heran. "Ms. Anderson war nicht auf ihrem Zimmer." Ich versuchte normal zu sprechen, doch meine Stimme zitterte.
Der Mann sah mich etwas unschlüssig an, schien meine abgehackte Stimme jedoch damit zu verbinden, dass ich eben die Treppe hinuntergerannt war und antwortete recht ruhig:
"Nun, eigentlich ist sie nach dem Frühstück hochgegangen. Ich habe sie seitdem nicht noch einmal gesehen." << Scheiße >> "Aber sie kann auch gut vorbeigegangen sein, während ich kurz weg war…das ist gut möglich…wissen Sie, ich bin ja auch nur ein Mensch…" Er grinste schief.
Nein, bitte, grinse nicht, du Arschloch. Nein, ich konnte es nicht ertragen diesen Typen grinsen zu sehen.
Ich räusperte mich, war so nervös, dass ich kaum still stehen konnte. Die Ohnmacht breitete sich immer weiter in mir aus und ich spürte sogar einen Hauch von Panik. Ich regte mich umsonst auf. Ich musste mich umsonst aufregen…
"Wo könnte sie denn evtl. hingegangen sein?"
Er zuckte mit den Schultern.
"Zum Strand vielleicht... Hören Sie, Mr. Duchovny, ich habe sie nicht gesehen. Sie könnte auch einen Ausflug zum Mond gemacht haben, wenn Sie verstehen, worauf ich hinauswill." Er wurde unruhig. Mein Auftauchen schien ihm nicht in den Kram zu passen. < Wundervoll, das beruhte wenigstens auf Gegenseitigkeit >, dachte ich.
"Hören Sie, ich glaube…ich glaube…"
"Was glauben Sie? Setzen Sie sich doch einfach in unsere Sitzecke. Oder wollen Sie doch sofort ein Zimmer haben?" Er zwinkerte mir zu, was mich nur noch wahnsinniger machte.
"Bitte, ich kann nicht warten. Ich MUSS wissen wo sie ist! Kann ich vielleicht jemanden fragen? Jemanden, der evtl. mit ihr hier Kontakt hat, oder sonst was? Ich muss wirklich dringend mit ihr reden, sehr dringend…" ich sah ihn schon beinahe verzweifelt an. Hoffentlich kam jetzt nicht auch noch meine Frau mit ihrem Begleiter aus dem Restaurant…
"Tut mir wirklich Leid, ich mische mich nicht in die Privatangelegenheiten meiner Gäste ein. Erst recht nicht in solch wichtige wie die von Ms. Anderson." < Das will ich auch schwer hoffen… > kam es mir, während ich an Gills Zimmer dachte. "Und jetzt setzen Sie sich bitte oder nehmen Sie sich ein Zimmer…"
Nun, gut, jetzt verlangte dieser Typ also von mir, dass ich mich ruhig hinsetze, während ich vor Sorgen fast umkam?
"Geben Sie mir ein Zimmer." sagte ich trocken. Ich hätte es nicht ertragen mitten in dieser Halle sitzen zu bleiben. Vor allem nicht, wenn ich daran dachte, dass meine Frau jeden Moment den Speisesaal verlassen könnte...
"Gut, wo hätten Sie's denn gerne? Im gleichen Stockwerk wie Ms. Anderson?" Ich wollte eigentlich ja sagen, riskierte dann aber dennoch eine weitere Frage.
"In welchem Stockwerk wohnt Mrs. Leoni?"
Er war nicht erstaunt darüber diese Frage zu hören.
"Im zweiten…dort ist noch Zimmer 17 frei, wenn Sie dort hineinmöchten…" Er zwinkerte mir wieder zu.
"N…nein…danke, ich würde lieber in den dritten Stock.", kommentierte ich knapp. Mir würde es gerade noch fehlen, wenn meine Frau herausbekam, dass ich hier residierte.
"Gut, wie Sie wünschen." Ohne ein weiteres Wort, worüber ich auch heilfroh war, trug er mich in eines seiner schlauen Büchlein ein (einen Computer besaß er anscheinend nicht) und zog meine Koffer hervor. Ich wollte sie gerade nehmen und endlich verschwinden, als er mir erneut mit seiner gespielten Höflichkeit kam. Ich hätte am liebsten begonnen laut zu schreien und mit etwas um mich zu werfen. So sehr brodelte diese Angst in mir. Ich hasste es einfach.
"Soll ich Ihnen die Koffer nicht lieber hinaufbringen?"
"Nein, danke.", sagte ich knapp und hechtete die Treppe nach oben. Gerade noch zum rechten Zeitpunkt, denn ich erkannte aus den Augenwinkeln, wie meine Frau und dieser seltsame Typ das Restaurant verließen. Lachend. Ich schäumte vor Wut über. Sie lachte. Sie lachte immer. Immer dann, wenn ich anfangen könnte zu weinen.
Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, als handle mein Körper gegen meinen Willen. Denn kaum hatte ich mich hinter die Wand geflüchtet, weigerten sich meine Beine, sich zu bewegen und ich ließ mich kurz erschöpft gegen die Wand sinken. Alle Kraft hatte mich von der einen zur anderen Sekunde verlassen und am Liebsten hätte ich laut aufgeheult und der ganzen Welt meinen Schmerz mitgeteilt. Es war, als versammle sich in diesem Moment alle Angst und Panik des ganzen Universums in mir. Ich erwartete jeden Moment, dass mir schwarz vor Augen werden würde und ich in eine unruhige Bewusstlosigkeit fallen würde. Mein Atem ging stoßweise und ich zitterte. Erneut startete ich einen Versuch meinen Weg fortzusetzen. Doch auch bei diesem Anlauf sackten meine Beine zur Seite hin weg und ich saß wieder auf demselben Punkt wie zuvor.
Ich konnte die langsamen, schleifenden Schritte hören. Gleich würden Téa und ihr... Freund über mich stolpern und ich konnte mir bildlich ihre Gesichter vorstellen: überrascht und entsetzt zu gleich. Sie würde Ausreden suchen, was sie an diesem Ort und mit diesem Mann tat. Würde sich sorgevoll über mich beugen, sich die nächsten beiden Tag rührend um mich kümmern und dann würde wieder alles von vorn beginnen.
Eine weitere Sekunde lang überlegte ich, ob ich das wollte, ob ich mich selbst so demütigen konnte. Doch meine Entscheidung stand bereits fest.
Jetzt konnte ich sie beinahe schon riechen. Ihr billiges Parfüm, vermischt mit dem sonnigen, sandigen Geruch von Rhodos... noch zwei, vielleicht drei, Stufen und wir würden uns Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen.
Ein tiefer Atemzug erfüllte meine Lunge. Ich ging in eine kniende Position, zog meine Schildcappy noch weiter ins Gesicht, sah auf den Boden und wartete.
Beinahe stolperten die beiden, turtelnd wie ich vermutete, über mich, aber stattdessen erklangen nur zwei freundliche "Hallos". Mein Plan war aufgegangen.
Meine Hände fuchtelten wie wild, und vor allen Dingen zitternd, an meinen Schnürsenkeln. Mein Gesicht war hinter dem großen Schild der Kappe nicht zu sehen und auch ich brummte ein leises, verschleimtes "Hallo" zurück. Konnten Menschen wirklich so blind sein?!? In dieser Position verweilte ich weitere Minuten, bis ich mir sicher war, dass sich die beiden längst in ihren... oder aber auch ihrem Zimmer verbarrikadiert hatten, zog mich anschließend an der Wand empor und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
"Verdammt," keuchte ich noch immer etwas außer Atem, und merkte wie langsam, aber sicher, die Panikattacke zu schwinden begann.
Nun konnte ich die eine Sorge, nämlich Téa über den Weg zu laufen, getrost hinter mir lassen und widmete mich wieder meiner anderen, eigentlich größten Angst, die ich jemals in meinem Leben verspürt hatte: Gillians derzeitiges Wohlbefinden.
Aber was konnte ich schon Großes tun? Ich, der immer meinte den Macker heraushängen lassen zu müssen, dessen zweiter Spitzname "Diva" lautete und der keineswegs so mutig war wie sein zweites
ICH.
Nämlich Mulder, der in dieser Situation genau wissen würde, wo sich seine bessere Hälfte aufhält und sofort zu ihr eilen würde. Egal was, oder wer, sich ihm in den Weg stellen würde.
Nein, ich konnte mich lediglich auf das quietschende Bett (... nur eine vage Vermutung, die sich in mir auftat) werfen, Schäfchen zählen und hoffen, dass sich Gillian hier bald unversehrt und in bester Laune zeigen würde.
Meine Hand griff wieder nach dem Koffer, den ich vorher achtlos hatte fallen lassen, und ich zog ihn mühsam die restlichen beiden Stockwerke hoch in mein stickiges, überhitztes Zimmer.
Komischer Weise hatte ich keineswegs die Ruhe mich in mein Bett zu werfen und einfach abzuwarten. Ich nahm, fern meiner Sinne, den kompletten Raum auseinander, stolperte über alte Shampoo- und Duschflaschen, die einst wohl zum Luxus dieses Hotels gehört hatten, über einen zerfetzten Routenführer über Rhodos, stellte fest das der Stuhl am Fenster von Kaugummi übersäht war und er keinesfalls als das zu gebrauchen war, was er eigentlich darstellte und entdeckte in meinem Anfall schließlich Papier und sämtliche in allen Farben vorhandene Kugelschreiber.
Oh ja... "... herrscht Hektik und Panik im ganzen Land, nimm Papier und Kugelschreiber zur Hand."
Ich umfasste einen der Stifte und begann mit meiner gewöhnlichen Telefonkritzelei: Strichmännchen, Häuser dazu, Strichtierchen, Bäumchen... ich entwarf eine Karikatur von Scully und Mulder mit ihren langen, schwarzen Mänteln, den Regenschirmen und ihrer typischen Geste, ihre FBI-Ausweise weit von sich zu strecken... dann ging dies über in Blue, meinen Hund, und endete schließlich bei Gill und mir... vor ein paar Tagen auf den Stufen der Kantine. Meine Hand begann kleine, in der Größe zunehmende, Herzchen zu zeichnen und schließlich machte der große, böse, schwarze Buntstift alles kaputt... letztendlich war von meinen schönen Zeichnungen so gut wie gar nichts mehr zu erkennen.
Ein weiterer, tiefer Atemzug und ich schloss meine Augen, ließ meinen Kopf müde zurückfallen und spielte mit der Muskulatur meiner Schenkel.
Wäre es sehr auffällig, wenn ich den zuvorkommenden, freundlichen Rezeptzionisten anrufen würde nur um zu fragen, ob Gillian innerhalb der letzten... 10 Minuten im Hotel aufgetaucht ist?
Endlich schnappte ich meine Baseballkappe, warf sie hinter mich aufs Bett und widmete mich einem neuen, schneeweißen Blatt Papier. Meine Hand begann automatisch Muster in die Ecken zu zeichnen... aus den Mustern wurden Buchstaben, aus den Buchstaben Wörter und aus den Wörtern schließlich ganze Sätze.
Die ersten fünf Zeilen lasen sich wie ein schlechter, kitschiger Liebesroman... aber sollte ich lügen, nur um meine eigenen Gefühle nicht derartig schlecht dastehen zu lassen?
Also schrieb ich weiter... und weiter... und weiter... bis schließlich kein Papier mehr da war, das ich mit meinen müden, unterdrückten Gedanken bekritzeln konnte. Eine schöne, säuberliche Signatur und nun noch der letzte Schritt.
Ich nummerierte die Blätter rückwärts, von fünf nach eins, durch und als ich dies schließlich getan hatte, setzte ich über den ersten Satz, in geschwungenen Buchstaben, den Namen des Empfängers:
Gillian.
Momentan war ich mir ziemlich sicher, dass sie diesen Brief nie erhalten würde. Es wäre mir zu unangenehm, sie all diese Dinge wissen zu lassen. Dinge, die sie vermutlich ahnte, aber nicht mit Bestimmtheit wusste.
Also legte ich alle Blätter ordentlich aufeinander, faltete sie einmal und schließlich ein zweites Mal, verstaute sie in meiner Hosentasche und stellte mich ans Fenster, durch das unangenehme Hitze drang.
Der Ausblick war nicht wirklich... toll, aber besser als die faden Farben des Zimmers. Wenn ich die Augen schloss und all meine Fantasie gebrauchte, konnte ich sogar das sachte Rauschen des Meeres hören... bis ein lauter Geroll zu vernehmen war, der mich zusammen zucken ließ.
Im ersten Moment konnte ich ihn nicht wirklich zuordnen, aber wenige Augenblicke später sah ich einen kleinen, die Straße entlang rollenden, Reisebus, der es wohl nicht mehr sehr lange machen würde.
Er hielt direkt vor dem Haupteingang, gab erneut ein... Krächzen...von sich und verstummte.
Seine Türen öffneten sich und ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse, da ich vermutete, die Türen würden den Mann, der den Gehweg entlang lief, jeden Moment erschlagen. Dem war aber nicht so. Stattdessen traten mehrere Menschen aus dem Schrotthaufen, sahen sich, die Hände über die Augen haltend, um und traten schließlich den Weg in die Lobby an.
Still zählte ich die einzelnen Köpfe und erstarrte.
Ich trat noch näher ans Fenster heran, fuchtelte wild daran herum um es zu öffnen, beugte mich, als ich dies geschafft hatte, etwas nach draußen und war mir sicher, dass mich meine Augen nicht täuschten.
Dort unten, im wilden Getümmel, konnte ich etwas ausmachen, dass meine komplette Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine kleine Frau, deren Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt waren... kurze khaki Bermudas und dazu ein Navi-Top... doch das Auffälligste an ihr waren die ordentlich zusammengebundenen, roten Haare.
Ich gaffte nur so aus dem Fenster und hatte schon Angst, man würde mich für einen Spanner halten, als alle der Insassen im Hotel verschwunden waren. Ich hielt mir die Hand an die Kehle und überlegte fieberhaft, was zum Henker, sie dazu bewegt haben könnte mit diesen Leuten irgendwo hinzugehen…Ich sank für einige Sekunden auf den Boden und versuchte verzweifelt mein rasendes Herz zu beruhigen. Musste diese Frau mir auch immer solche Schrecken einjagen???
Zehn Minuten später, in einem neuen T-Shirt und gekämmten Haar, stand ich also wieder an meiner Treppenkurve und überlegte mir, ob ich nun nach unten gehen sollte, oder Gillian doch lieber ihr Leben leben lassen sollte. Ich frage mich, ob sie wohl ausrasten würde, wenn sie entdecken würde, dass ich tatsächlich hier aufgetaucht war. Sie hatte nicht sehr begeistert geklungen, als ich ihr gesagt hatte, dass ich sie besuchen kommen würde. Was das wohl für einen Grund gehabt hatte? Ich war mir mittlerweile beinahe sicher, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging. Es war schon als achtes Weltwunder zu bezeichnen, dass Gill und Téa es doch tatsächlich geschafft hatten, eine Nacht in denselben vier Wänden zu verbringen. Vor allem bei meiner Frau musste ich beinahe lachen. Also entweder wusste sie nicht, dass Gillian da war oder ich würde mir wohl ernsthafte Sorgen wegen einer beginnenden Persönlichkeitsspaltung machen müssen. Aber war es möglich, dass sie sich nicht über den Weg gelaufen waren? In einem so kleinen Hotel? Nein, denn so wie ich Téa kannte, roch sie Gill auf 1000 Meilen Entfernung…
"Mr. Duchovny?"
Ich gab einen quiekenden Ton von mir und wäre beinahe von der Treppe gefallen.
"Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Sie sehen aus, als ob Ihnen sehr heiß wäre." Ich sah direkt in die Augen einer riesigen, großbusigen, blonden Frau, die mir, ihr Dekoltee entgegenstreckend, anbot mit ihr an die Bar zu kommen.
"Ähm, nein, danke…ich…ich habe kein Geld."
"Also ich hatte ja geahnt, dass Sie nach dem Ende von Akte X verarmen würden, aber dass Sie nicht mal höflich genug sind, um eine arme, schöne Frau auf einen Drink einzuladen! Sie Flegel!" zischte sie mir entgegen und stürmte von der Treppe. Genau in dieser Sekunde trat Gillian, allein wohlgemerkt, aus dem Esssaal und wie der Zufall es so wollte, wanderten ihre Augen direkt zu meinen. Ich wollte mich am liebsten verkriechen. Ich war einfach jetzt ganz und gar nicht auf eine Unterhaltung mit ihr vorbereitet. Vielleicht würde sie mich ja nicht erkennen…?
"David?" Fehlanzeige…
Sie ging schnellen Schrittes auf mich zu und ehe ich mich versah, stand sie neben mir auf der Treppe.
"Sag mal, wie hast du mich eigentlich gefunden?" Sie sah ganz und gar nicht nach "Ich freue mich dich zu sehen, Dave" aus und ich zuckte mit den Schultern. Es war einfach zu lächerlich.
"Dave? Ist alles okay mit dir? Du siehst aus, als könntest du nen Drink gebrauchen."
Uh, Mann, Frauen schienen wohl alle das Gleiche zu sehen und da dachte ich immer Gill sei etwas Besonderes…
"Ähm,…ich…eigentlich…habe ich…" Ich konnte ihr wohl wirklich schlecht sagen, dass ich kein Geld hatte. Ihr bestimmt nicht…
"Sag mir nicht, dass du kein Geld in der Tasche hast, Dave." Sie lachte schräg. Ich sah sie verwirrt an…Gedanken lesen konnte sie also auch noch. Als hätte ich es nicht geahnt…
"Ich habe mein Hörgerät heute ausnahmsweise mal auf, Dave." Sie lachte wieder und zeigte auf die Bar.
"Hey, ich weiß, sie sieht etwas, nun ja, renovierungsbedürftig aus, aber ich habe eben schon etwas getrunken und es war…gar nicht mal so schlecht." Sie schenkte mir wieder eines dieser unglaublichen Strahlelächeln und mein Körper wurde auf einmal extrem leicht.
Ich grinste nur zurück und folgte ihr die Treppe hinunter. Wenn Téa jetzt in der Nähe war, dann wäre ich die längste Zeit David William Duchovny gewesen…aber das war mir ehrlich gesagt so etwas von egal…
Wir setzten uns beide, ohne den Blickkontakt voneinander abzubrechen, auf die Hocker vor der Bar. Gillian griff nach der Erdnussschale, die vor uns auf dem Tresen stand, und griff, ohne hineinzusehen, nach ein paar Exemplaren. Nachdem sie diese in ihrem Mund hatte verschwinden lassen, reichte sie mir die Schale.
"Auch eine?" Sie sah mich hoffnungsvoll an und schien zu merken, dass ich angestrengt nachdachte.
Ich schüttelte den Kopf und erkannte sofort das seltsame Zucken ihrer Augen. Sie veränderten, wie magisch, ihre Farbe in ein sehr, sehr dunkles Blau, das ich schon fast verabscheute.
"Ich weiß, dass du denkst, es sei irgendetwas nicht in Ordnung, Dave." begann sie auf einmal und spielte mit ein paar Nüssen, die sie vor sich ausgebreitet hatte.
"Aber, glaub mir bitte, es ist alles okay.", fügte sie rasch hinzu und ich erkannte sofort, dass sie mich belog. So gut sie auch schauspielern konnte, im wahren Leben hatte ich einfach gelernt die Körpersprache von Gillian Anderson zu verstehen.
"Gill? Hör mir mal zu. Ich erinnere mich ja nur ungern an unser Telefongespräch gestern Abend. Du willst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass da alles ganz normal war? Ich will dir ja nicht hinterher spionieren, aber wo warst du da?" Ich hatte mir, ehrlich gesagt, während des ganzen Fluges darüber den Kopf zerbrochen, wo zum Teufel sie sich damals befunden haben könnte. Ich hörte noch immer dieses seltsame Rauschen im Hintergrund, das Klirren von Glas und Porzellan. Es hatte sich fast so angehört, als sei sie in einem Restaurant gewesen…alleine?
Ich sah wie Gillians Blick auf ihren Schoss wanderte. Zu meinem Überraschen erkannte ich auf einmal ein breites Grinsen auf ihren Lippen, welches einem leisen Kichern wich, das sich schließlich in DAS Kichern verwandelte…das Kichern, welches ich so liebte.
"Gillian?" Meine Augen drehten sich zu ihr nach unten, verzweifelt auf der Suche nach ihren, doch sie hielt sich sofort die Hände vors Gesicht und versuchte so leise wie möglich zu sein, was ihr aber nicht wirklich gelang. Es dauerte nicht lange, bis sich die gesamte Eingangshalle zu einer kichernden Frau, die einen nicht zu bändigenden Lachanfall hatte, umgedreht hatte.
"Gillian? Hallo? Erde an Ms. Anderson, geht's dir noch gut?" Ich war sehr verwirrt und gab mir auch Mühe, ihr das zu verdeutlichen, doch alles was ich als Antwort erhielt war lautes ausgelassenes Lachen.
"D-D-D…ahehevid…duhuhuhu…" Sie gab sich wirklich Mühe mir etwas zu sagen, doch sie schien kaum noch Luft zu bekommen. Ich legte meine Hand auf ihren Rücken und klopfte seichte darauf.
"Gill? Komm schon, die starren uns alle an…" Nun begann auch ich zu lachen und nach mehrmaligen Versuchen erkannte auch ich, dass ich nicht aufhören konnte und so lachten und lachten wir also, ohne zu wissen warum…ich zumindest…ich lachte, weil Gillian lachte…
Ich habe keine Ahnung, was danach passiert ist. Irgendwie hat uns der Rezeptionsmann nach einer halben Stunde Kicherei herausgeschickt, damit wir uns ein wenig abkühlen konnten. Meine wirkliche Erinnerung setzte erst in dem Moment wieder ein, als Gillian und ich immer noch grinsend, aber weitgehend beruhigt, auf einer Mauer nahe des Swimmingpools saßen und auf das ,durch den Wind leicht treibende, Wasser sahen.
Die Sonne hatte begonnen unterzugehen und das einzige, was zu sehen war, waren zwei Gestalten, die sich im Wasser spiegelten und schweigend dasaßen.
"So, und warum haben wir jetzt gelacht?" fragte ich etwas beiläufig.
Sie demonstrierte mit ihren Händen eine Geste, die so aussah, als würde sie gerade eine Schlange erwürgen und meinte aber dann ebenso beiläufig: "Nur so?"
"Nur so? Du meinst, dass ich diese ungeheuren Bauchschmerzen jetzt nur habe, weil irgendetwas über dich gekommen ist, dass du sehr lustig fandest?"
Sie schüttelte protestierend ihren Kopf.
"Nein. Ich meine damit, dass mir einfach danach war."
"Mhm," gab ich leise von mir und schob das Thema für einige Minuten beiseite.
"Warum bist du hierher gekommen, Dave?"
Ich zog meine Knie eng an meine Brust, so dass ich noch bequem auf der Mauer sitzen konnte, und atmete tief durch.
"Warum warst du mit Zick dir unbekannten Menschen in einem klapprigen, alten Reisebus unterwegs?"
Sie sah mich überrascht an und stieß ihren Körper sachte gegen den meinen.
"Hey, spioniert mir hier irgendjemand hinterher?"
Ein leises und sehr kurzes Lachen entsprang meiner Kehle. Doch bevor ich beginnen konnte mich zu rechtfertigen, erhielt ich tatsächlich Antwort auf meine Frage.
"Also, weißt du,... es... lass dir einen Tipp von mir geben: Solltest du jemals in einer fremden Stadt, und dazu noch in einem fremden Land, unterwegs sein... versinke nicht zu tief in deinen Gedanken. Zumindest nicht so tief, dass du dir weder Weg noch besondere Punkte merkst, die dich zurück zu deinem Hotel führen, ja?"
"Du hattest dich verlaufen?"
"Indirekt."
Ich musste mich wirklich zusammenreisen, um nicht erneut in einen tosenden Lachanfall zu fallen.
"Wie kann man sich indirekt verlaufen, Gill?"
Sie kicherte und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, wie vorher schon einmal.
"Es gibt einfach ein paar Dinge, die einen ungeheuer beschäftigen und über die man ständig nachdenken muss. Träume und Gedanken, die einen gefangenen nehmen und einen alles um sich herum vergessen lassen. Wünsche, Erinnerungen und Phantasien, die man sich gerne durch den Kopf gehen lässt, weil man denkt, dadurch ein besseres Leben führen zu können."
Ihre Stimme war dumpf durch ihre Hände gedrungen, aber ich hatte all ihre Worte klar vernommen und... sie konnte sich gar nicht vorstellen wie gut ich sie verstand.
"Hey,Gill, spielen wir dieses Frage-Antwort-Spiel?"
"Wie bitte?"
In ihren großen, blauen Augen spiegelte sich die langsam untergehende Sonne und unterstrich ihr beinahe immer vorhandenes Strahlen. Ihre Mimik sah etwas... entzückt und verwirrt aus, aber nicht entsetzt.
"Habe ich die erste Frage?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Wenn du willst."
Sie nahm dieselbe Position ein, in der ich mich befand und schien zu überlegen. Irgendwie war ich gespannt darauf, welche Frage sie mir zuerst stellen würde. Andererseits hatte ich etwas Angst davor ihr Antworten geben zu müssen, die sie vielleicht nicht hören wollte. Aber gut, ich hatte mir das selbst zu zuschreiben... welch ein wahrhaftiges Genie ich doch war. Eigentlich hatte ich nur gehofft, so hinter das Geheimnis ihres Aufenthaltsortes zu kommen und zu erfahren, warum sie im selben Hotel wie Téa wohnte.
"Warum bist du hier?"
"Du enttäuschst mich. Ich hätte eine wirklich... spannende und geheimnislüftende Frage erwartet."
"Antworte einfach. Du wirst auch noch dran kommen und dann stellst du fest, dass es gar nicht einfach ist einem Menschen, den man beinahe auswendig kennt, Fragen zu stellen, deren Antwort einem unbekannt sind."
"Ich wollte dich sehen. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht... und ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen... neulich, du weißt schon."
Sie nickte zufrieden und gab an mich weiter.
Okay. Was wollte ich unbedingt...
"Du hattest dich wirklich verlaufen?"
Sie legte ihren Kopf schief, sah in das wellenwerfende Wasser und kratzte sich verlegen am Beginn ihrer Wirbelsäule.
"Oh, ich weiß,... wie peinlich. Ein Star irrt durch die Geschichte Griechenlands. Ich wollte einfach einen Ausflug machen. Mir ein wenig von der Kultur dieses Landes ansehen. Ein paar Souvenirs kaufen und dann zurück zum Hotel laufen. Aber stattdessen sah ich irgendwann auf und hatte keinen blassen Schimmer mehr, wo ich mich befand. Ich versuchte mich bei Passanten zu erkundigen, welchen Weg ich nehmen muss... doch es wäre wohl ein Weltwunder gewesen, wenn mich auch nur ein Einzelner verstanden hätte. Schließlich traf ich diese Reisegruppe. Bestehend aus allen Nationen der Welt... vielleicht nicht ganz, aber zumindest konnte ich mich mit ein paar Leuten unterhalten. Der Touristenführer bat schließlich an, mich zum Hotel zurück zu bringen. Und es war seltsam... diese Menschen dort... irgendwie war deren positive Ausstrahlung nur aufgesetzt. Vielleicht ist das einfach Berufsrisiko, aber ich habe mich die ganze Zeit über total beobachtet gefühlt und gedacht, dass gleich irgendwer auf mich stürzen würde. Außerdem hatte ich kurzzeitig das Gefühl, dort eine Stimme vernommen zu haben, die ich kenne. Ich weiß, dass klingt total irre, aber... es war so eine Art Deja-Vú Erlebnis... und ich überlege jetzt noch verzweifelt, wem ich diese Stimme zuordnen soll."
Diese Antwort war beinahe zu ausführlich. Dafür, dass sie mir vorher beinahe ausgewichen war, hatte sie mir deutlich erklärt, warum sie mitten in einer heruntergekommenen Menschenmenge am Hotel angekommen war. In Bezug auf das Letzte, hatte sie allerdings gelogen. Entweder war diese ganze Sache mit dieser bekannte Stimme ein einfacher Spannungsmacher von ihr, oder aber es entsprach der Wahrheit und sie verbarg vor mir etwas.
Übertrieb ich damit, mir Sorgen um Gill zu machen?
"Woher wusstest du, dass ich in diesem Hotel abgestiegen bin? Ich hatte gestern am Telefon nichts davon erwähnt und ich kann mir nicht vorstellen, dass dein guter Menschenverstand dich hier her geführt hat."
"Diese Frage gefällt mir... sie bringt mich nämlich direkt zu meiner nächsten. Als ich am Flughafen nach einem Taxi Ausschau hielt und den Fahrer darum bat, mich zum teuersten Hotel der Insel zu bringen, fragte er mich, ob ich vorhätte, irgendwen zu verfolgen. Und er erzählte mir diese unglaubliche Story, dass vor ein paar Tagen eine rothaarige Dame in sein Taxi gestiegen sei, sich als Leutnant von der Polizei ausgab und ihn darum bat, ein Taxi, in welches eine große Blonde gestiegen war, zu verfolgen. Weißt du vielleicht irgendwas darüber, Gill?"
Trotz des inzwischen wirklich dämmrigen Lichtes konnte ich erkennen, dass Gillians Hautfarbe einen leicht rötlichen Touch angenommen hatte. Ein breites Grinsen unterlegte ihren etwas... verlegenen Gesichtsausdruck und ihr Blick war auf irgendetwas im Wasser gerichtet, das ich nicht ausmachen konnte.
"Nein," sagte sie schließlich und ihr Blick glitt in meine Augen. Fest, unausweichlich und bestimmt.
"Nein? Du willst mir also sagen, dass du nicht weißt, dass Téa auch hier ist?"
"Nun, ja,... ich hab davon gehört."
Sie legte ihren linken Arm um mich, lehnte sich fest gegen mich, brachte ihren Mund in die Höhe meines Ohres und flüsterte leise: "Das war nur ein Scherz, Dave. Okay, ich bin Téas Taxi gefolgt und als ich dann hier ankam, fand ich, dass es besser ist, in einem... heruntergekommenen Hotel zu wohnen, wo einen niemand vermutet... als in einem dieser... Nobel-Schuppen, der von Leuten aus Hollywood belagert ist. Du bist doch auch seit ein paar Stunden hier, hast du nicht dieselbe Meinung?"
"Warst du an diesem Abend, als wir telefoniert hatten, auch hinter Téa her?"
"Bist du übergeschnappt? Glaubst du, ich halte mich freiwillig in der Nähe deiner Frau auf?"
Mir entging dieser ironische Unterton in ihrer Stimme keineswegs. Aber ich denke, wir hatten genug Gesprächsthemen, um diesem Spiel endlich ein Ende zu machen. Jedoch beließ ich es nicht endgültig bei dieser Antwort. Ich wollte genau wissen, warum Gill Téa hier her gefolgt war. Vor was sie Angst hatte... ich war mir sicher, dass sich in Gillians Unterbewusstsein irgendetwas unwohl fühlte, auch wenn sie vorgab, dass mit ihr alles in Ordnung sei. Trotzdem wollte ich weiterhin dahinter kommen, wo Gill an jenem Abend, als wir telefonierten, gewesen und warum sie wirklich in diesem Hotel abgestiegen war. Was es mit dieser mysteriösen Stimme auf sich hatte und... es gab weitere Dinge, die ich in der nächsten Zeit noch über sie oder von ihr erfahren würde. Da war ich mir sicher.
Ich blickte gen Himmel, an dem man gerade noch die letzten orangenverfärbten Strahlen der Sonne erkennen konnte, und spürte, wie Gills Umarmung lockerer wurde und sie ihren Arm schließlich ganz von mir nahm.
"Gehen wir zurück ins Hotel... oder glaubst du, wir haben jetzt Hausverbot?"
"Du willst jetzt schon zurück ins Hotel? Nur weil die Sonne untergegangen ist, heißt das noch lange nicht, dass der Abend vorbei ist. Wie wär's mit einer Runde Schwimmen?"
Sie stieß sich von der Mauer ab und hinterließ eine kleine Staubwolke genau an der Stelle, an der ihre Füße auftrafen.
"Das Wasser sieht wirklich nicht gerade warm aus und wir könnten doch einfach etwas Essen...," weiter ließ ich sie nicht kommen. Ich überrumpelte sie, in dem ich sie kurzer Hand auf den Arm nahm, wie das Väter bei ihren Töchtern taten, näher an den Beckenrand trat und sie kopfüber, was bei ihrem Gewicht wirklich kein großes Problem war, ins Wasser warf.
Eigentlich erwartete ich, dass sie mich mürrisch zurecht wies. Eine dieser Reden wie:
*Spinnst Du? Das Wasser ist höllisch kalt und ich hätte einen Herzinfarkt bekommen können durch diesen plötzlichen Temperaturwechsel.*
Stattdessen prustete sie lediglich, als sie wieder auftauchte, und sah etwas entsetzt an sich hinab.
"Du hättest mir wenigstens Zeit zum Umziehen geben können."
Ich lachte leise.
"Ach, schwimmen mit Alltagsklamotten ist doch um einiges interessanter," sagte ich zwinkernd und hechtete ebenfalls ins kühle Nass.
Automatisch schwamm ich zwei Züge Richtung Beckenmitte und ließ mich dann zur Wasseroberfläche gleiten.
"Wolltest du mich damit beeindrucken?"
Gills Stimme klang amüsiert und als ich meine Augen öffnete erschrak ich etwas, als sie direkt vor mir stand.
"Also, eigentlich," ich schnappte schnell nach Luft, "eigentlich wollte ich dir hier nur Gesellschaft leisten."
Sie nickte mit dem Kopf, ging etwas in die Knie und ließ sich, genau wie ich es auch tat, im Wasser treiben.
"Also, da wären wir nun, Mr. Duchovny... wie sehen Ihre weiteren Pläne für heute Abend aus?"
Ich zuckte unwillkürlich mit meinen Schultern und war für einen Moment lang wie gebannt. Gillian setzte diesen Scully-Frage-Blick auf und ich war überrascht, wie niedlich dass aussah, wenn sie dazu lächelte.
Warum wurde den Menschen immer erst dann klar, dass sie etwas haben wollen, wenn sie es nicht mehr kriegen können? Ich hatte so viele Gelegenheiten gehabt, Gill für mich zu gewinnen. Wir kannten uns zu lange, als dass ich das als einfache Träumerei hätte abtun können. Aber vielleicht sollte es einfach nicht so sein. Vielleicht hatte das Schicksal andere Pläne mit uns. Pläne, die ich im Moment noch nicht durchschauen konnte, aber gerne auf unsere derzeitige Situation zuschneiden würde.
Nein. Eigentlich würde ich am Liebsten einfach alles ändern. Alles genau so hinbiegen, wie ich es gerne haben würde. Oder... vielleicht einfach die Zeit zurück drehen. Zu dem Moment, als der Beginn der X-Akten vor uns stand. Als wir uns das erste Mal sahen und... uns zusammenrauften, gemeinsam Texte lernten und für kurze Zeit sogar als wirkliches Paar durchgingen. Dort hin zurück, ohne dieses verantwortungsvolle Handeln, uns zu trennen, nur weil es vielleicht nicht gut fürs Arbeitsklima sein könnte. Allerdings hatte ich damals nicht wissen können, dass Gillian eines Tages zu der wichtigsten Person in meinem Leben werden würde.
"Was ist nun?", riss sie mich aus meinen Gedanken und hatte sich in der Zwischenzeit, ohne dass ich es bemerkt hatte, zu den Treppen hin bewegt und dort Platz genommen.
"Tut mir leid," rief ich ihr entgegen und schwamm in ihre Richtung, "Ich war in Gedanken versunken."
"Das habe ich bemerkt. Und worüber hast du nachgedacht?"
Ich nahm eine Stufe unter ihr Platz und platschte mit dem Wasser.
"Nichts Wichtiges."
"Ach, nein? So unwichtig, dass du alles um dich herum vergisst?"
Ich nickte ihr, versteift lächelnd, zu.
"Ja, genau. Absolut nicht erwähnenswert."
Sie strich sich, etwas nachdenklich, eine tropfende Haarsträhne aus dem Gesicht, rutschte ein paar Mal nervös hin und her und... ehe ich mich versah, bewegte sich ihre Hand flink gen Wasseroberfläche und ich sah mich mit einer riesigen Welle Wasser konfrontiert, die mein Gesicht traf.
Meine Hand säuberte meine Augen und ich stellte mich abrupt aufrecht hin.
"Wofür war denn dass?"
"Ich wollte dich lediglich aus deinen Tagträumen reisen."
In einer schnelle Bewegung griff ich nach ihren Armen, zog sie zu mir hinunter und versuchte sie unterzutauchen, was sich als schwerer herausstellte, als ich mir vorgestellt hatte. Irgendwie schaffte es Gill, bei jedem meiner geglückten Versuche, mich mit sich unter Wasser zu ziehen und somit konnte ich sie nicht bezwingen.
Unser anfängliches Gerangel endete in einer wilden Wasserschlacht, die Gillian deutlich für sich entschied, da sie mir einfach den Rücken zuwand und mit ihren Armen und Händen Wasser in meine Richtung spritzte und mir somit die Chance nahm, mich erneut an sie heranzubahnen um sie unterzutauchen.
Nach einer Weile erfüllte nur noch unser schallendes Gelächter und das Plätschern des Wassers meine Ohren.
"Hey,.. hey," versuchte ich sie auf mich aufmerksam zu machen, "Friede?"
Sie hielt inne, beendete das Rudern mit ihren Händen und drehte sich mir zu.
"Was denn, du gibst auf?"
Ich nickte erschöpft, ging einen Schritt auf sie zu und streckte ihr meine Hand entgegen.
"Du hast gewonnen... eindeutig. Ich küre dich zur Wasserkönigin von Rhodos."
Ihr breites Grinsen zeigte mir, dass sie mein Angebot annahm und als sie mir schließlich die Hand reichte, bestätigte sich meine Vermutung.
Allerdings handelte mein Körper, genau wie heute Mittag schon einmal, nur diesmal im positiven Sinne, gegen meinen Willen. Ich umschloss ihre Hand fest und beförderte sie mit einem Ruck direkt in meine Arme, wo ich sie, mit einer festen jedoch zugleich unheimlich sanften Geste, an mich drückte und ihren Rücken gegen meine Brust presste, um es ihr unmöglich zu machen, sich aus meinem Griff zu befreien.
"Moment mal," gab sie während einer ruckartigen Bewegung, außer Atem, von sich, "wolltest du nicht aufgeben?"
"Hab es mir anders überlegt," keuchte ich gegen ihr Ohr, als ich gleichzeitig Bekanntschaft mit ihren Ellenbogen machte.
Sie wand sich geschickt in meinen Armen und drängte mich zum Beckenrand hin, bis ich schließlich dagegen stieß und mir beinahe vorkam wie in einer Presse.
Ein Versuch, mich gemeinsam mit ihr zu drehen, scheiterte kläglich und ich bekam das Gefühl, doch aufgeben zu müssen.
Ihre Bewegungen ließen jedoch an Kraft und Hektik nach und ich konnte meinen Griff schließlich ganz lösen, als sie inne hielt und still stand.
Eine halbe Drehung, bis ich Gillian zwischen mir und dem Beckenrand platzieren konnte, um sie der Freiheit zu überlassen.
"Du bist total verrückt, weißt du dass?"
Ich schüttelte meinen Kopf und überließ mein Gewicht erneut dem Wasser.
"Verrückt ist gut."
Gillians rascher Atem, der nun endgültig versuchte zur Ruhe zu kommen, war nun das einzige Geräusch, dass ich um uns herum vernahm. Nur bei absoluter Konzentration konnte ich noch das seichte Rauschen des Meeres vernehmen, dass irgendwo in der Nähe auf die Klippen treffen musste.
Es war toll, hier zu sein. Hier, zusammen mit Gillian.
"Nun sollten wir aber wirklich langsam zurück nach drinnen gehen... siehst du, meine Haut ist schon ganz verschrumpelt," während des Satzes streckte sie mir ihre Handfläche entgegen um mich davon zu überzeugen, dass sie recht hatte.
Sie hatte Recht, eindeutig,... aber ich... wollte diesen Abend nicht einfach so enden lassen. Zurück in diesen Dreckschuppen gehen, um ein vermutlich salmonellenbefallenes Essen zu mir zu nehmen, mich zwischen Gästen aufzuhalten, die sich wahren Luxus nie würden leisten können und aussahen, als wären Läuse und Flöhe ihre ständigen Begleiter.
"Dir gefällt es hier nicht wirklich, oder?"
Ich sah in ihre Augen, zuckte ein paar Mal mit meinen Augenbrauen und witzelte schließlich:
"Wie kommst du denn darauf? Ich fühle mich beinahe wie im Paradies. Angenehme, gepflegte Leute, nettes Personal, Zimmer, die nichts zu wünschen übrig lassen... Was könnte ich mir mehr wünschen? Oh, ich habe diese wunderschöne Frau vergessen, wegen der ich hier bin."
Gills Kopf legte sich, beinahe wie auf Kommando, schief und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an der so viel wie... *Du verdammter Schmeichler* hieß. Meine Hand griff nach ihrem Kinn, fuhr es zart nach und legte sich schließlich auf ihre Wange.
"Ich meine das ernst, Gill."
Wieder konnte ich diese Furcht in ihren Augen erkennen. Den gleichen Blick, den sie mir auch damals auf den Stufen der Kantine entgegen gebracht hatte.
Diesmal ließ ich mein Vorhaben jedoch nicht unterbrechen. Meine rechte Hand lag sanft auf ihrer Wange und meine linke Hand versperrte ihr den Weg einfach zur Seite zu treten.
Die Funken begannen beinahe sichtbar zu sprühen. Diese unglaubliche Wärme, die dieser Moment in sich trug, schien mich zerreisen zu wollen.
Vermutlich würde mir niemand abnehmen, welche Gefühle diese Frau in mir aufbrachte. Beinahe zu viele gegensätzliche Gefühle, von denen ich sogar einige nicht einmal wirklich deuten konnte.
Langsam, beinahe Slow-Motion ähnlich, bewegte ich meinen Kopf auf sie zu.
Sie leckte nervös ihre Lippen, machte den Ansatz etwas zu sagen, unterließ dies aber nach meiner stillen Aufforderung und bewegte stattdessen ihren Körper näher an die Mauer heran und ihr Gesicht weiter von dem meinen weg.
Mir blieb beinahe nichts anderes übrig, als deswegen noch einen Schritt näher an sie heranzutreten, so dass sich unsere beiden Körper beinahe berührten.
Meine Finger bewegten sich sanft auf ihrer Wange, strichen die vom Wasser verdunkelten, rötlichen Haare hinter ihr Ohr und vollführten schließlich sanfte, kurze Bewegungen auf ihrer Haut.
Ich brachte mein Gesicht in dieselbe Höhe wie das ihre, näherte mich ihr erneut, und spürte schließlich ihren seichten Atem an meinem Mund.
Beinahe war ich mir sicher, mir noch nie so viel Zeit gelassen zu haben, um eine Frau zu küssen. Aber ich wusste, dass ich hierbei uns beiden Zeit lassen musste... und dass diese Art und Weise unsere spätere Erinnerung daran noch erfreulicher gestalten würde.
Es konnte sich nur noch um Millimeter handeln, die unsere Lippen trennten. Gills Augen waren bereits geschlossen, was mir etwas leichter ums Herz werden ließ, da mir dieser vorwurfsvolle Blick erspart blieb.
Ich berührte in einer kaum wahrnehmbaren Berührung ihren weichen, warmen Mund und versuchte, nervös wie beim ersten Mal, den Kuss zu eröffnen... bis ich eine kurze Bewegung am Beckenrand wahrnahm und schließlich ein Schatten über uns fiel.
Mein Kopf zuckte zurück und meine Augen richteten sich auf etwas, dass hier absolut und vollkommen fehl am Platze war... Téa.