Autoren: XMyselfX und World of Dead
E-Mail: XMyselfX@t-online.de oder Marion.Death@t-online.de
Rating: ???
Kategorie: David/Gillian-Romanze, Humor, Drama, David-P.O.V., Gillian-P.O.V.
Spoiler: Diverse Gerüchte und The Truth
Disclaimer: Wir sind uns dessen bewusst, dass fast alle in dieser Geschichte auftretenden Personen wirklich existieren. Jedoch sind ihr Verhalten und ihr Charaktere fast durchgehend fiktiv. Wir wollen hiermit niemand angreifen, verletzen oder in irgendeiner Form beleidigen. Die Handlungen, die sie verfolgen, sind nur dazu da um die Geschichte voranzubringen und beruhen nicht auf Vorurteile oder gar Abneigung. Alle diese Menschen gehören sich selbst. Hier wurden nur ihre Namen verwendet und alles was folgend erzählt wird ist allein unserer Fantasie entsprungen. Auch die Schlussszene aus TheTruth wurde von uns nur aus dem Englischen übersetzt, gehört also, genau wie auch Mulder und Scully, sowie alle anderen Charaktere aus Akte X, die hier erwähnt werden, Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions.
Short-Cut: Alles hat ein Ende, alles hinterlässt Spuren in den Fugen des Lebens. Das Ende von allem jedoch hinterlässt keine Spur, es ändert das Leben. (wie WoD es sagen würde)
Davids Gedanken und Gefühle am letzten Drehtag, ein lustiger Zwischenfall mit Cherry-Cokes und ... ( wie XMX es sagen würde)


Kapitel 1


Ich saß entspannt auf dem Bett und wartete, bis Jim Etheridge die Kameraeinstellung geändert hatte. Die letzten Tage waren so schnell vergangen, dass ich die Zeit jetzt dazu nutzte, mir noch mal Gedanken über alles zu machen. Vor allem Gedanken darüber, ob es wirklich richtig gewesen war, damals, als wir die 7. Staffel beendet hatten, aufzuhören. Damals hatte ich aus einer Situation heraus gehandelt, die mit dieser, in der ich mich jetzt befand, nicht zu vergleichen war. Ich war einfach gegangen, hatte die anderen weitermachen lassen. Jedoch immer mit dem Hintergedanken im Kopf, dass es weiterging, dass ich zurückkehren konnte, wann ich wollte.

Jetzt jedoch, als ich all diese Menschen, das Team, an mir vorbeilaufen sah, wurde mir bewusst, dass dies das wirkliche Ende war, etwas, das ich nach solch langer Zeit nicht einmal richtig realisieren konnte. Es war, als würde mir einfach ein Teil meines Lebens genommen werden. Anfangs war ich froh gewesen, dass eine solch lange Ära nun endlich ihr Ende fand, dass ich mit dieser Serie endlich abschließen konnte, um mich anderen Filmprojekten zu widmen. Doch heute, an diesem letzten Tag war es, als wäre nicht ich dieser Mensch gewesen, der diese Gedanken damals hatte. Ich fühlte mich seltsam. So, als sei ich ein Egoist gewesen, ein Mensch, der über seine Entscheidung nicht richtig nachgedacht hatte, der nur an sich gedacht hatte. Ich hätte an die Zukunft denken müssen, ich hätte daran denken müssen, was passieren würde, wenn ich dieses Kapitel meines Lebens abschließe, ob ich es überhaupt abschließen konnte. Ich hatte begonnen, ob ich es mir nun eingestehen wollte oder nicht, in dieser Serie zu leben. Die Menschen am Set waren zu einer Art Familie geworden, deren Trennung mir mehr Kraft gekostet hatte, als ich es jemals für möglich gehalten hatte. Irgendwie war mein Leben anders gewesen, ich hatte mehr Freizeit gehabt, doch es war nicht das gewesen, was ich mir vorgestellt hatte. Es hatte früher zwei Teile meines Lebens gegeben. Einmal mein normales Leben und einmal das Leben hier, das mehr und mehr zu allem geworden war. Was war ich nur für ein Idiot gewesen, das alles hinzuschmeißen? Ich hätte noch zwei weitere ganze Jahre haben können, ja, vielleicht noch mehr, wäre ich nicht so dumm gewesen...Ich hatte sie im Stich gelassen, ich hatte einfach so getan als ginge mich das alles nichts an, als würde ich nicht so dazu gehören wie alle anderen. Doch ich tat es, mehr als das...

Vielleicht war ich wirklich ein Idiot. Ich hatte alles aufs Spiel gesetzt um was zu bekommen? Was genau hatte ich mir davon erhofft? Mehr Zeit? Mein Leben besser in den Griff zu bekommen? Nicht mehr für alle Leute Fox Mulder zu sein? Es gab Menschen, die sich über ein solches Leben erfreuen, und es gegen nichts eintauschen würden. Ich warf es weg, wie ein nutzloses Blatt Papier.

"Hey, alles in Ordnung?"
Gillian riss mich aus meinen Gedanken. Und ich konnte ihr ansehen, dass es ihr wie mir ging.
"Ja, sicher."
Ich versuchte ein einigermaßen nettes Lächeln zu Stande zu bekommen und stupste sie in die Seite.
"Wirst du es vermissen, Gill?"
Sie sah mich etwas überrascht an, nahm neben mir Platz, lehnte sich zurück und stützte sich dabei mit ihren Händen auf dem Bett ab.
"Weißt du, eigentlich...eigentlich..." Sie sah mich auf eine Weise an, die ich zum letzten Mal gesehen hatte, als wir die achte Staffel beendet hatten. Ich mochte dieses Gesicht nicht, es zeigte, dass sie sich unwohl fühlte, dass sie sich wirklich unwohl fühlte.
Sie nickte plötzlich.
"Ja, natürlich werde ich es vermissen David. Ich meine, dies hier ist das Ende von etwas. Mir ist nur nicht ganz klar von was, doch von etwas, das nie mehr zurückkehren wird."
Sie sagte dies so endgültig und ihre blauen Augen wirkten glasig, so als sehe sie eine andere Welt, als ich.
Eigentlich wäre es meine Aufgabe gewesen, sie zu trösten, sie in den Arm zu nehmen und vielleicht sogar, mich bei ihr zu entschuldigen. Hätte ich nicht einen Schlussstrich gezogen, würden wir womöglich noch immer an der Serie arbeiten.
Aber sie sah nicht danach aus, als das sie getröstet werden wollte. Sie sah mich so durchdringend an, dass ich beinahe eine Gänsehaut davon bekam.
"Weißt du, bisher dachte ich immer, es wäre mehr eine Erlösung, wenn die Serie wirklich zu Ende geht. Stattdessen kann ich seit Tagen nicht mehr richtig schlafen. Mir ist das alles erst jetzt richtig bewusst geworden. Was ich an der Serie hatte, an der Crew, an meinem Co-Star," ich setzte mich in dieselbe Position wie sie, und bereitete mich schon mal für die "Final Scene" vor.

Wir saßen eine Weile nur so da und sahen uns an. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, wie ich reagieren sollte. Ich saß neben einem Menschen, mit dem ich einen großen Teil meines Lebens geteilt hatte. Mir wurde in diesem Moment erst richtig klar, wer sie eigentlich war, diese rothaarige Frau. Sie war nicht irgendjemand, sie war jemand mit dem ich etwas teilte, dass wohl kein Außenstehender verstehen würde. Wir hielten etwas in den Händen, etwas, das sich jeden Moment in Luft auflösen konnte. Es war einfach da gewesen, wie die Luft die uns umgab. Ich wusste nicht was es war, doch es schien, als war es gefährdet weiter zu existieren. Jeden Moment in dem ich tiefer in ihre Augen sah, spürte ich es mehr. Und irgendwie hatte ich das verdammte Gefühl sie verraten zu haben.

Und nun kann ich wohl aus Erfahrung sprechen, dass es nicht zu den schönsten Gefühlen des Lebens zählt, seine beste Freundin im Stich zu lassen. Gillian und ich hatten vor längerer Zeit einige tiefgehende Gespräche geführt, unter anderem auch über das Ende von "Akte X" und wir waren zu dem Entschluss gekommen, dass es eigentlich richtig war. Aber wie konnte etwas richtig sein, das sich so falsch anfühlte? Am Liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen, noch mal an den Anfang zurückkehren, der das Ende meines alten Lebens war. Ich hatte wirklich viel dazu gelernt, hatte neue und wirklich liebenswerte Menschen in mein Herz geschlossen, in Chris einen Freund gefunden, mit dem ich verschiedene Interessen teilte und in Gillian eine Freundin, die ich nie mehr missen möchte.

"Okay, ihr beiden, " Chris' Lächeln war aufgesetzt, ich glaube am gesamten Set herrschte die selbe Stimmung, wie in mir selbst, "beenden wir die Sache."
Wir beide schreckten leicht hoch, als er vor uns trat und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Gillian grinste zurück und ich merkte, dass sich ihre Augen erneut verändert hatten. Ich sah etwas, das ich noch niemals zuvor gesehen hatte. Es war etwas wie Angst und ich hielt in meiner Bewegung inne. Ich sah sie an. Chris sah etwas schief auf uns beide hinab. Ich glaubte zu sehen, dass er Verständnis dafür haben würde, würden wir noch einen Moment brauchen. Doch ehe sich solch eine Situation überhaupt ergeben konnte, stand Gillian schon neben mir und sah Chris streng an.

"Zu Befehl, Sir.", sagte sie grinsend, salutierte vor dem Meister der X-Akten und brachte sich auf dem Bett in Position.
Mein Herz schien in meiner Brust zerspringen zu wollen, ich war beinahe so nervös, wie beim Dreh meines ersten Films. Gillian lächelte noch immer, und wartete darauf, dass auch ich meine Position einnahm. Ich sah etwas verlegen zu Boden.
Ich hatte mir vorgenommen, diese letzte Szene bis aufs Kleinste zu genießen, was mir aufgrund der Thematik auch nicht schwer gefallen ist. Diese innigen Szenen zwischen Scully und Mulder waren mir eigentlich am Liebsten. Es fiel weder Gillian noch mir schwer, sich richtig in diese Szenen zu versetzen.
Ganz zu Beginn hat einen das Drumherum beinahe in die Verzweiflung getrieben. Ich meine die Menschen, die hektisch um einen herum rennen, um dafür zu sorgen, dass nichts schief geht. Teilweise hatte ich auch das Gefühl, dass sie sich über uns lustig machten, aber an jenem Tag sah ich in jedem einzelnen Blick das Vertrauen in unser Können und wenn ich erst einmal Mulder war, vergaß ich alles um mich herum. Übersah die Kameras, die Mikrophone, und Chris, der ständig nervös herumlief und versuchte, uns mit Hand und Fuß zu zeigen, wie gut wir auf dem Bildschirm rüber kamen.
Heute befanden wir uns, laut Drehbuch, in einem kleinen Motelzimmer in New Mexico. Die Fenster waren mit Krepppapier abgedunkelt, schließlich sollte es wirken, als hätten wir Nacht.
Im Nachhinein würden noch ein paar Effekte eingefügt werden… ein Donnerschlag und das leise Prasseln des Regens.
Kim Manners stand hinter mir, hielt die Filmklappe ins Bild und warf einen letzten Blick auf uns. Ich deutete ihm, noch kurz zu warten, schließlich musste ich mich noch, wie besprochen, in die richtige Position bringen. Mein Kopf ruhte auf dem Bett, ich selbst hatte mich gegen jenes gelehnt und wartete nun.
"Klappe und Action!"
Diese Worte brachten mich automatisch dazu, ganz und gar zu Fox Mulder zu werden. Ich legte diesen reumütigen Blick auf, den jede Frau an einen Welpen erinnerte und sah zu Gillian auf. Auch sie war nun innerhalb von kürzester Zeit zu Scully geworden. Sie erwiderte meinen Blick mit dieser Innigkeit, die mich jedes Mal erschaudern ließ.
"Über was denkst du nach?"
Ich schwieg, sah ins Leere und versuchte äußerst nachdenklich auszusehen. Nun ja, die Kunst des Schauspielens ist es schließlich, Mimik einzusetzen, ich hoffte, dass es danach aussah, als würde ich nachdenken.
"Mulder?"
"Ich denke… ich bin ein schuldiger Mann. Ich scheiterte an jeder Art von Respekt. Ich verdiene die härteste Bestrafung für meine Verbrechen."
Wie immer an dieser Stelle, dachte ich bereits an die nächste Passage meines Textes und sah wiederum in die Leere.
Gillians Stimme klang weich, als sie den nächsten Satz sagte.
"Du denkst nicht wirklich so."
Ich gab einen leisen Seufzer von mir.
"Ich denke daran, als ich in einem Motelzimmer wie diesem saß, gemeinsam mit dir, als wir uns das erste Mal getroffen hatten, und ich versuchte, dich von der Wahrheit zu überzeugen. Was das betrifft, hatte ich Erfolg… aber… aber auf jede andere Weise…"
Gillian bewegte sich sanft auf dem Bett und ich drehte mich zu ihr, um sie anzusehen.
"… auf jede andere Weise habe ich versagt."
"Auch dass ist es nicht, worüber du nachdenkst."
Ihre Stimme war noch genau so weich und sanft wie zuvor. Unsere Blicke trafen sich und genau an dieser Stelle würden die Zuschauer wieder dieses Vertrauen zwischen Mulder und Scully zu sehen bekommen.
"Mm. Ich habe Monster mit einem Schmetterlingsnetz gejagt. Du hast die Männer gehört - der Tag ist erreicht. Ich kann das nicht ändern."
"Du würdest mir das nicht sagen. Nicht deswegen, weil du dich davor fürchtest… sondern deswegen, weil es dir schwer fällt, die Niederlage zu akzeptieren."
"Ich hatte Angst davor, was das Wissen dir antun würde."
Ich drehte mich etwas weiter zu Gillian, damit ich sie wirklich ansehen konnte und war an der Stelle angelangt, an der Mulder Scully eine seiner größten Ängste offenbarte.
"Ich hatte Angst davor, dass es deinen Glauben vernichten würde."
"Warum sollte ich diese Niederlage akzeptieren? Warum sollte ich sie annehmen, wenn du es nicht tust? Mulder, du sagtest du wärst daran gescheitert, aber du scheiterst nur, wenn du aufgibst. Und ich kenne dich, ich weiß, dass du nicht aufgeben kannst. Es ist das, was ich in dir sah, als wir uns zum ersten Mal trafen. Und das ist der Grund, warum ich dir gefolgt bin… warum ich es immer wieder tun werde."
"Und schau, was es dir eingebracht hat."
Ich war gerade so in diese Sache vertieft, dass ich hoffte, dass Chris diese Szene bis zum Ende weiterlaufen ließ. Er sah geradewegs auf den Monitor vor sich, worauf die Szene durch die Kamera übertragen wurde, und flüsterte leise etwas in Kims Richtung. Das alles nahm ich nur aus den Augenwinkeln wahr. Gillian fuhr mir ihrem Text fort und riss mich so wieder aus meinen Gedanken.
"Was hat es dir denn gebracht? Nicht Deine Schwester. Nichts, dass du erreichen wolltest. Aber du gibst nicht auf, selbst jetzt nicht."
Gillian griff nach meiner Hand und nahm sie in einen festen Griff.
Genau das waren die Dinge, die dem Publikum gefielen. Diese Innigkeit, diese Vertrautheit zwischen Scully und Mulder. Es waren diese einfachen, meist kurzen, Berührungen zwischen den beiden.
"Du hast immer gesagt, dass du glauben möchtest. Aber woran wolltest du glauben, Mulder? Wenn das die Wahrheit ist, nach der du gesucht hast, was bleibt dann übrig daran um zu glauben?"
"Ich möchte glauben, dass die Toten für uns nicht verloren sind. Dass sie zu uns, als Teil von etwas, das größer ist als wir, größer als alle außerirdische Kraft, sprechen können. Und wenn du und ich kraftlos sind, möchte ich glauben, dass wenn wir auf ihre Worte hören, sie uns die Kraft geben können uns selbst zu beschützen"
"Dann glauben wir an dieselbe Sache."
Gillian sah mir intensiv in die Augen und hätte sie die auf dieselbe Art getan, wenn wir uns nicht vor der Kamera befinden würden, hätte ich wohl zu Grinsen begonnen. Aber an dieser Stelle wirkte es so… vertraut, auf eine seltsame Art traurig und zugleich erleichtert, dass mich erneut Gänsehaut überkam.
Sie lächelte mich mit ihrem Scully Lächeln an und schenkte mir weiterhin diesen Blick.
Ich griff zögernd nach ihrem Kreuz, dass um ihren Hals hing und betrachtete es. Es blitze kurz auf, als ich es ins sachte Licht der Scheinwerfer hielt. Schließlich sah ich sie an, unsicher, wie Mulder es immer tat, berührte ihre Lippen und strich sanft darüber. Sie lächelte erneut, ihren Blick noch immer auf mich gerichtet. Ich kroch langsam zu ihr aufs Bett, an ihr entlang, bis ich neben ihr lag. Ihre eine Hand griff in meinen Nacken, die andere legte sich auf meine Hüfte. Ich tat es ihr gleich, umfasste ihre schmale Taille und massierte sie sanft. Unsere Gesichter ruhten nebeneinander und wir konnten gegenseitig den Atem des anderen spüren.
"Vielleicht gibt es noch Hoffnung", flüsterte ich leise und legte mein Bein halb auf sie, umhüllte sie beinahe und zog sie näher zu mir heran. In dieser Position verweilten wir Minuten, Stunden wie es mir erschien, bis schließlich wieder die Filmklappe zu hören war und Chris ein lautes: "Cut!" rief.

Eigentlich wollte ich mich bewegen, doch ich war einfach nicht fähig dazu. Ich sah auf Gillian hinab. Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter und ich spürte wie etwas aus meinem Körper austrat. Etwas verschwand. Ich atmete langsam, bekam kaum Luft in diesem Moment. Alle starrten uns an, keiner rührte sich wirklich, wagte es diesen Moment endgültig ein Ende nehmen zu lassen. Ich wollte mich nicht bewegen, ich wollte mich nicht aus diesem Bett erheben, wollte bis zu meinem Tod hier verweilen, wollte diese Szene niemals enden lassen.
Ich weiß nicht warum, aber irgendwie überkam mich plötzlich eine Art Heiterkeit, vielleicht einfach deswegen, weil alle um uns herumstanden, uns anstarrten und betrübt aussahen.
Auf alle Fälle begann ich zu lachen, anfangs kam ich mir wirklich vor, wie der geborene Vollidiot in Person, irgendwann stimmten die Anderen jedoch in mein Lachen mit ein. Gillian lehnte sich dabei gegen mich und ich fühlte mich wieder wie in alten Zeiten, als wir noch unbeschwert hier am Set unseren Spaß hatten.
Ich hätte Tagebuch führen sollen. Alles, was wir in den letzten 9 Jahren gemeinsam erlebt hatten, aufschreiben sollen, dann hätte ich jetzt eine schöne Art der Erinnerung. Die meisten Sachen hatte ich schon wieder vergessen, es gab nur ein paar Kleinigkeiten, wenn man bedachte dass es eigentlich 9 Jahre Erinnerung geben müsste, die ich noch behalten hatte. Dinge, die sich besonders ins Gedächtnis geprägt hatten, weil sie sonderlich lustig, spannend oder traurig gewesen waren.
Der Mensch dachte in Bildern und ich wusste, dass ich dieses Bild niemals vergessen würde. Ich meine, es standen duzende Menschen um uns herum, die sich vor Lachen krümmten, obwohl etwas geschah, vor dem wir uns wahrscheinlich alle gefürchtet hatten. Nichts kam so wie man es eigentlich erwartete.

Plötzlich spürte ich wie Gillian sich von mir löste und aufsprang. Das Lachen verstummte und mündete in eine zufriedene Gratulationshymne. Auf der einen Seite fühlte ich mich erleichtert, auf der anderen belastet, als ich die Hände der anderen auf meinen Schultern spürte. Ich hörte ihnen zwar zu, bekam aber auch nichts mit von dem was sie sagten. Ich hörte irgendwo Gills Stimme, irgendwo die von Chris, Kim, doch ich war nicht fähig sie auseinander zu filtern. Ich war wie taub, als alle anderen so etwas wie eine Feier starteten. Plötzlich hörte ich eine Stimme direkt neben meinem Ohr und identifizierte sie in dem Krach mühsam als die von Chris.

"Siehst nicht gerade gut aus David. Möchtest du dich vielleicht setzen?", fragte er etwas unsicher und ich fühlte mich irgendwie überrumpelt.
"`s ist schon okay, Chris. Es ist nur seltsam…" Ich sah mich um. Eigentlich standen wir nur in einem Zimmer, das jetzt, wo der Dreh vorbei war, wieder hell wurde. In der einen Ecke sah ich Gillian, in einer anderen Kim, der sich mit den Kameraleuten unterhielt und mit irgendwem, den ich nicht kannte. Es war ein kleiner blonder Typ, der plötzlich zu mir hinübersah und mich mit einem äußerst dämlichen Gesichtsausdruck angrinste. Ich lächelte zurück, obwohl es mir unangenehm war. Ich sah wieder zu Gillian und verspürte den Drang zu ihr zu gehen und ihr irgendetwas zu sagen, nur ich wusste nicht was und richtete meinen Blick wieder auf Chris, der anscheinend mit mir redete.
"David, hey, was sagst du dazu?" Ich erschreckte mich fast zu Tode, als er mich an der Schulter berührte.
"Ich…ähm…ich…um was geht es noch gleich?"
"David? Hast du mir überhaupt zugehört?" Chris sah mich etwas besorgt an.
"Ähm…ich konnte dir nicht so ganz folgen." Ich sah ihn an und hoffte, dass er mir das nicht übel nahm. Ich war nicht so ganz da…
"Also, David, es ging um…"
Auf einmal stand Kim Manners neben Chris und tippte ihn an.
"Ich muss mal eben mit dir reden." Er sah ernst aus und ich dachte aus irgendeinem Grund an den Typen, mit dem er eben geredet hatte.
Chris sah mich entschuldigend an.
"David, entschuldigst du mich mal eben. Ich denke, wir können später darüber reden. Ist eh nicht der richtige Zeitpunkt und ähm…" Er wirkte etwas gestresst, hob die Hand und winkte einer jungen Statistin zu, die sich dazu bereiterklärt hatte uns mit Proviant zu versorgen.
"Cindy, kannst du David mal eben nen Kaffee machen, ich glaube sein Geist verflüchtigt sich in andere Universen?"
Er zwinkerte mir zu und ging mit Manners aus dem Raum. Cindy grinste mich an und ging etwas grimmig in den Nebenraum. Sie hatte es sich wohl anders vorgestellt das Kaffeemädchen zu spielen…

Nun stand ich etwas verloren im Raum. Ab und an kam jemand vorbei um bei mir seine Lobesworte abzuliefern oder sich einfach zu verabschieden. Unter normalen Umständen, wäre ich nach einem solche Drehtag längst auf dem Weg in meinen Trailer um mich auf den Weg nach Hause vorzubereiten, doch ich hatte vor, die Atmosphäre hier noch ein wenig auf mich einwirken zu lassen. Das Set wurde langsam leer und das Team begann die Geräte abzuräumen oder sie einfach an ihren rechten Platz zu schieben. Ich sah mich etwas suchend nach jemandem um mit dem ich reden konnte, oder mit dem ich noch etwas zu besprechen hatte. Es war kurz nach fünf und eigentlich hatte ich Téa versprochen um sechs zu Hause zu sein, also würde es jetzt eigentlich an mir liegen, das alles hier schnell hinter mich zu bringen.

Ich war mir nicht ganz im Klaren, warum ich es überhaupt so eilig hatte, nach Hause zu kommen. Normaler Weise dauerten meine Drehtage um einiges länger. Aber heute hatte sich alles etwas anders abgespielt.
Es hatte ein "Happy End" gegeben, einige innige Szenen zwischen Mulder und Scully, etwas, dass uns bisher nie gestattet worden war. Ich war mit dem Ende zufrieden und ich wusste, der Rest war es auch.
"Bitteschön."
Die zarte Stimme von Cindy erschrak mich etwas. Ich wandte mich ihr zu und nahm ihr die Tasse Kaffee ab, die sie extra für mich gemacht hatte. Kaum hatte ich dies getan, bekam sie von Jim den Auftrag, ein paar Muffins und Donuts zu holen um sie anschließend zu verteilen. Nun ja, alle fangen mal klein an.
Ich nahm einen kleinen Schluck von der schwarzen Flüssigkeit und sah Gillian auf mich zukommen. Sie sah geschafft aus.
"Und, mit dem Ende zufrieden?"
Sie lehnte sich mir gegenüber an die Wand und spielte mit ihren Haaren.
Ich lächelte sie an.
"Ja, eigentlich sehr zufrieden. Es gab einem so ein Gefühl von..."
"Freiheit? Erleichterung?", ergänzte sie mich und grinste. Wenn ich darüber nachdachte hatte sie irgendwie Recht. Ich fühlte mich auf eine gewisse Art frei und erleichtert, das alles so gekommen war, wie ich es mir wünschte, fast zumindest...
Ich nickte.
"Und wirst du gleich nach Hause gehen?"
Sie sah mich erwartungsvoll an und ich blieb wieder an dieser Entscheidung hängen, ob ich es einfach schnell hinter mich bringen sollte.
"Eigentlich hatte ich das vor, außer natürlich, dass du mir einen besseren Vorschlag machst."
"Uh… einen besseren Vorschlag als nach Hause zu gehen? Weißt du, eigentlich würde ich gerne dasselbe tun. Nur ist Piper leider bei ihrem Vater und so habe ich nicht viel, dass mich zu Hause erwartet, außer meine beiden Hunde vielleicht. Ich dachte, wir beide könnten eventuell noch was trinken gehen?"
"Na dann los. Will dich ja nicht schon so früh am Abend, deiner Einsamkeit überlassen."
Sie ging voraus, hinaus aus dem Zimmer. Es war merkwürdig, aber ich hatte gerade das Gefühl, als würde ich dieses Zimmer für alle Zeiten vor Augen behalten. Hier fand das Ende statt. Das Ende, das ich niemals erwartet hatte.
Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte noch Téas Gesicht vor meinem inneren Auge auf, doch sie verschwand so schnell wie sie gekommen war. Ich war soeben dabei Boden zu betreten, der mir nicht erlaubt war. Etwas sagte mir, dass ich sie wenigstens anrufen sollte, doch ehe ich diesen Gedankengang weiterführen konnte, vernahm ich wieder Gillians Stimme.
"Hey, Dave, kommst du?" Sie streckte ihren Kopf kurz wieder zurück in den Raum.
"Ja, ja, ich bin schon draußen." Ich grinste und rannte ihr hinterher, bis ich neben ihr wieder in gelassenes Gehen überging.
"Wohin soll's denn gehen?", fragte ich während wir Chris und Kim passierten, die etwas laut miteinander diskutierten. Ich konnte nicht wirklich verstehen, um was es ging, aber im Grunde genommen war das auch irrelevant. Vermutlich um ein paar Abänderungen in der Endfassung der Folge.
"Nun ja, ich dachte wir schauen einfach nur kurz in der Kantine vorbei, auch wenn ich bezweifle, dass wir dort noch was zu trinken kriegen."
Sie lachte während ihres letzten Satzes und irgendwie machte mich das glücklich.
"Vielleicht hätten wir uns ne Notration für diesen Abend besorgen sollen."
"Ach was," ihre Hand winkte meine Idee ab, "wir bedienen uns einfach selbst, das haben wir doch die letzten Jahre über auch so gemacht, nicht?"
Ich stimmte ihr zu, in dem ich einen ziemlich merkwürdigen Laut von mir gab, der sie in Gelächter ausbrechen ließ. Irgendwie hatte ich es wohl noch immer nicht gelernt, mich wie ein erwachsener Mann zu benehmen.
"Hey," Ich stupste sie an, "mach dich nicht lustig über mich. Das klang doch melodiös."
Sie wollte mir antworten, doch sie lachte so laut, dass sie nur etwas zustande brachte, was klang wie eine Mischung aus Husten und Wiehern. Es klang verrückt, aber irgendwie gut.
Wir passierten schließlich kichernd das Hauptgebäude, in dem sämtliche Einrichtungen zu finden waren, wie die Maske, die Garderobe, Chris' Büro, der Schneideraum und alles weitere, dass irgendwie in die Kategorie "Wichtig" fiel.
Ich warf Gillian einen kurzen Blick zu und drängte sie schließlich zur Tür, die nur angelehnt war.
"Ehrlich gesagt, würde ich gerne erstmal in meine eigenen Klamotten kommen."
Sie nickte zustimmend, hielt mir die Tür auf und ging den finsteren Korridor entlang.
"Auch hier regieren die dunklen Mächte der eigenen Vorstellungskraft," hörte ich Gillian mit zum Gruseligen verstellter Stimme sagen. Und ja, an dieser Stelle musste ich gestehen, dass es wirklich nicht gerade angenehm war, hier im Dunkeln herumzulaufen. Es gab so viele Nischen, Türen und Fenster, dass man wirklich Angst bekam, dahinter würde sich jemand verstecken.
"Warum machen wir dann kein Licht an?"
Oh, was für ein starker Mann ich war. Als Bestätigung dieses äußerst ironischen Gedankens, zog Gillian mich von den Lichtschaltern, neben denen ich gerade stehen geblieben war, weg und setzte mich bei meinem Umkleidungszimmer ab.
"Nicht dass du dich noch verirrst."
"Danke, aber ich hätte bestimmt auch alleine hierher gefunden. Soll ich dich vielleicht zu deiner Kabine begleiten?"
"Nein, treffen wir uns in ein paar Minuten draußen, vor dem Eingang, wenn ich dir das zumuten kann."
Sie ging bereits den Gang entlang, eine Tür weiter und verschwand im Zimmer, das dahinter lag. Tja, hin und wieder musste ich mich mental von ihr geschlagen geben lassen… und dass tat ich wirklich nicht gerne. Es war so eine Art Selbstbestätigung, immer Recht haben zu müssen, vielleicht war es die einzige Charaktereigenschaft, die ich mit Mulder gemeinsam hatte. Ich ertappte mich dabei, wie ich noch immer ins Dunkel des Ganges starrte und würde ich noch länger hier herum stehen, würde mich Gillian auch noch im Umziehen schlagen und diese Möglichkeit wollte ich ihr nun wirklich nicht geben.
Meine Klamotten fand ich fein ordentlich zusammen gelegt in der hintersten Ecke. Ich drängte mich durch die dichten Kleiderregale und bemerkte auf halbem Weg, dass ich mich noch immer in absoluter Dunkelheit befand. Es wäre ein interessantes Thema für eine Talkshow, warum sich Menschen im Dunkeln fürchten und vor allen Dingen, warum sie immer behaupteten, es sei nicht der Fall.
Ich zog mein Shirt über den Kopf, öffnete danach in Gedanken versunken die Knöpfe meiner Jeans und griff nach meiner Kleidung.
Schon als kleiner Junge war mir die Dunkelheit keineswegs geheuer. Ich hatte es gehasst, abends alleine zu Hause zu sein und mein Bruder hat mir die grässlichsten und Furcht einflösensten Gruselgeschichten erzählt. Vielleicht lag es daran. Schlechte Erlebnisse in der Kindheit prägen schließlich. Natürlich würde ich niemandem von dieser Theorie erzählen, es wäre mir schrecklich peinlich, wirklich zugeben zu müssen, dass ich Angst im Dunkeln hatte, nicht einmal Gill wusste davon und sie war eine der Personen, der ich sonst mein ganzes Leben offenbarte.
Ich zog schließlich noch meinen Mantel über und fühlte mich endlich wieder wie ich selbst.
Ein tiefer Atemzug bestätigte dies und ich machte mich auf den Rückweg nach draußen.
Es war erleichternd, festzustellen, dass ich doch schneller als Gillian gewesen war. Die Luft kühlte sich langsam ab und die Sonne näherte sich ihrem Untergang.
"Du brauchst ja länger als ein Mädchen."
Gill stand hinter der Tür, gegen die Wand gelehnt, da und musterte mich von oben bis unten, sie war also doch schneller gewesen als ich selbst.
Ich holte Luft, wusste aber nichts, dass ich auf ihre Bemerkung zurückgeben konnte.
"Was denn?" sie rempelte mich beim Vorbeigehen sachte an und lächelte ein Lächeln, dass schließlich in ein Kichern und nach kurzem in ein lautes Lachen überging.
Ich begann ebenfalls zu lachen und wir bewegten uns etwas schlenkernd auf die Kantine zu, in der sich nichts zu regen schien.
"Weißt du David, ich liebe so was. Ich mein, ich würde am liebsten den ganzen Tag nur lachen.", sagte sie mit versuchtem Ernst in ihren Augen, als sie wieder einigermaßen reden konnte.
Ich sah sie schief an, was wollte sie mir damit wohl wieder sagen?
"Wie…," sie unterbrach mich bevor ich ihr die Frage stellen konnte, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
"Lachen bewirkt so vieles. Nicht nur, dass es nur in wirklich glücklichen Situationen zu Stande kommt, Lachen ist in allen Religionen, in allen Völkern, einfach überall auf der Welt gleich. Selbst die Tiere lachen, hab ich mir mal sagen lassen."
Oh nein, es würde doch nicht wieder auf einen Abend mit diesen wirklich seltsamen Gesprächsthemen hinauslaufen. Manchmal hatte Gill diese Tage, an denen sie sehr überlegenswerte Themen anschnitt. Zum Beispiel hatten wir einmal das Thema, warum ‚Thunfisch' nun eigentlich Thunfisch hieß. Ja, Fragen zu denen es keine wirkliche Antwort gibt.
Sie hängte sich bei mir ein und zog mich zum Eingang der Kantine.
"Keine Sorge, ich werde anständig sein, heute Abend."
Ich ließ mich von ihr führen und wir stellten fest, dass wir Recht gehabt hatten. Die Kantine lag im Dunkeln und niemand rannte hektisch hinter der Theke von der Küche zur Kasse, um die Crew zufrieden zu stellen, so wie man es eigentlich gewohnt war.
"Also, was trinken wir?"
Wir schlichen etwas schwankend auf die Getränkebox zu und gingen die verschiedenen Getränke durch.
Ich wusste, dass Gillian schon vor längerer Zeit aufgehört hatte, Alkohol zu genießen, obwohl ich genau heute Abend wirklich gerne mit ihr angestoßen hätte. Einfach so, zur Feier des Tages. Vielleicht ein Fläschchen Prossecco oder Champagner, aber ich hatte natürlich auch nicht vor, sie zu überreden.
"Also Gill, was hättest du gerne?"
Sie zuckte etwas ratlos mit den Schultern und beugte sich noch weiter über die Getränkebox.
"Weißt du David, ich war schon immer der Meinung, dass wir hier viel zu viel Auswahl haben, da fällt einem die Entscheidung wirklich nicht leicht."
Ich griff wahllos nach zwei Dosen und hielt sie ihr entgegen.
"Was hältst du hiervon?"
"Cherry Coke, Dave?"
Gillian nahm mir widerwillig und mit einem äußerst kritischen Blick eine der beiden Dosen ab und ging zurück nach draußen, um auf den Stufen vor der Kantine platz zu nehmen.
Als wir uns hingesetzt hatten, hatte ich ziemlich Mühe die Dose aufzukriegen, während Gillian schon trank, fummelte ich immer noch an dem……. herum. Sie sah mich schief an.
"Ein echtes Alltagsproblem was? Ich finde, das sollte man den Firmen melden. Ich meine, ich find es echt schrecklich, wenn ich nur daran denke mit Piper auf einer einsamen Straße zu stehen. Es ist heiß und sie bettelt mich an, dass ich ihr etwas zu trinken kaufe und dann bekommt man diese verdammte Dose nicht auf…" Sie lachte mir entgegen.
Ich zog ein Gesicht, das wohl so aussehen sollte, als habe ich Mitleid. Doch ich sah wohl eher aus als würde ich gleich in Ohnmacht fallen, da Gillian in Erwägung zog mir die Dose abzunehmen.
"Hey, ich bin ein starker Mann, ich schaff das schon."
"Ach, mit den riesigen Fingern?" Sie stupste mich an und gab meinem Arm einen Ruck. Mit voller Wucht drückte ich versehentlich gegen den….. Ein lautes Zischen trat aus der Dose aus und ehe ich mich versehen hatte, klebte eine kleine Pfütze Cola auf meiner Hose.
"Danke." Ich verzog das Gesicht.
"Bitte, sie ist doch offen, oder nicht?", sagte sie mit einem reizend gespielten Besserwisserton und sah dabei aus wie ein kleines Mädchen das beim Bügeln ein Loch in Vaters bestes Hemd gemacht hatte.
"Na warte du keiner Teufel…" ich baute mich vor ihr auf und schüttelte die Dose kräftig hin und her.
"Nnnnnein, David, bitte…" Sie sah zu mir auf, mit einem flehenden Blick.
"Och… soll ich Mitleid mit dir haben???"
"Hey, ich bin auch ganz lieb…" Sie hing halb an meinem Arm und wollte mich wohl davon abhalten ihr den Inhalt der Dose über die Bluse zu kippen.
"Hmm… ob ich dir das glauben soll?" Ich schüttelte noch einmal kräftig und hielt die Dose direkt über sie.
Gillian stieß ein monströses Kreischen aus, als ich meine Hand von der Öffnung löste und der süße Schaum über uns beide nieder prasselte.
"Oh… du Kerl," gab sie in einem solch lachenden Tonfall von sich, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen, "… na warte."
Sie griff nach ihrer Dose, die sie vorher auf der Treppe abgestellt hatte und wiederholte das, was ich vorher gemacht hatte. Sie schüttelte mit aller Kraft und ich war bereits unterwegs, zum nächst möglichen Ort, an dem ich mich verstecken konnte.
Dummerweise reagierte ich etwas langsam, so dass sie kaum Mühe hatte, mich einzuholen und mir die kohlensäurehaltige Cola entgegen zu spritzen.
Ich versuchte noch meine Hände schützend vor mich zu halten, aber vergebens. Die schwarzen Spritzer verteilten sich über mich, auf meine Jacke, meine Hose, in mein Gesicht und in meinen Haaren.
"Hab Erbarmen," bettelte ich und versuchte, ihr die Dose aus der Hand zu nehmen.
"Sag bitte."
In einer schnellen Drehung brachte ich mich hinter sie, nahm Gillian von hinten in meine Arme und hielt ihre Hand fest, in der sie die Coladose hatte. Sie wehrte sich mit aller Kraft, beugte sich nach vorne, um anschließend mit voller Wucht zurück zu kommen, aber… ich muss nicht sagen, dass sie gegen mich absolut machtlos war.
"Okay, ich gebe auf."
Wir waren beide völlig außer Atem und verharrten kurz, in dieser Position.
"Du gibst wirklich auf," neckte ich sie und schaffte es letztendlich, ihr die Dose doch noch zu entreißen.
"Ich schwöre es."
"Hand aufs Herz."
Ich bekam ihren Ellenbogen in die Rippen, was mich allerdings noch immer nicht dazu brachte, sie vollkommen los zu lassen.
"Geht ja nicht, wenn ich keine Bewegungsfreiheit habe."
"Uh, das hatte ich übersehen, Chef." Ich machte einen Schritt zur Seite und rieb mir meine Seite. Gillians Ellbogen konnte tödlich sein… Irgendwie fand ich es schade, dass sie aufgegeben hatte, es war einfach zu komisch mit ihr so einen Blödsinn zu machen. Ich weiß gar nicht, ob ich es mich vor einem anderen Menschen trauen würde.
Plötzlich spürte ich ein Tippen auf meiner Schulter.
"Hey, ich hab Durst, Angestellter."
Ich war wohl für eine Sekunde in Tagträumen verschwunden.
Ich grinste und reichte ihr die Dose mit gespielt zitternder Hand wieder.
"Und mach ja keinen Blödsinn." Ich schwenkte meinen Zeigefinger symbolisch vor ihren Augen. Sie folgte ihm, so als starteten wir den Versuch einer Hypnose. Schließlich drehte sie ihren Kopf ruckartig weg und hielt sich die Dose an den Mund. Ich sah wie sie die Augen verdrehte und die Dose gen Boden hielt. Nur ein müder Tropfen entwich ihr,
"Uhh weh, was haben wir getan.", kommentierte sie so als sei sie entsetzt.
"Jetzt wurden wir wohl darüber belehrt, warum man als Kind immer gesagt bekommt: ‚Spielt nicht mit dem Essen', was?"
Sie warf mir einen ähnlich genervten Blick zu, wie sie es als Scully immer tat, ging auf mich zu, und nahm mir meine Dose weg.
Ich beobachtete sie dabei, wie sie sie vorsichtig schüttelte und lauschte, ob sich noch Coke darin befand.
"Tja," meinte sie schließlich, "ich denke, dass wir und dann hiermit begnügen müssen."
"Dann lass mir wenigstens noch was drin," gab ich zurück, als ich sah, wie sie die Dose an ihre Lippen hob und die Flüssigkeit in ihren Mund goss.
Gillian schluckte gierig und erinnerte mich in diesem Moment wirklich an ihre Tochter.
"Hier, bitte schön," sagte sie schließlich, als sie fertig war und reichte mir die Dose.
Ich nahm diese entgegen und trank ebenfalls.
Als ich wieder aufsah, war Gillian gerade dabei, ihre Kleidung mit kritischem Blick zu betrachten.
"Was ist los… irgendwelche Probleme?"
Ein weiterer, genervter Scully-Blick.
"Probleme? Sieh dir das mal an… schau dich an. Also, manchmal weiß ich wirklich nicht, ob wir so erwachsen sind, wie wir in unserem Alter eigentlich sein sollten."
Und das nächste was folgte brachte mich wirklich etwas durcheinander, sie legte ihre Handflächen aufeinander, merkte, dass sie klebrig waren und nahm jeden, einzelnen Finger in den Mund, um ihn von der Coke zu befreien. Ich schluckte kräftig, setzte mich zurück auf die Treppen und konzentrierte mich ganz darauf, welche Geräusche die Dose von sich gab, wenn ich sie zusammendrückte und schließlich versuchte, sie wieder in Normalform zu bekommen.
Als ich kurz aufsah, bemerkte ich, dass sie mich neugierig ansah.
"Willst Du mir helfen?" fragte sie und streckte mir ihre rechte Hand entgegen.
Uh, jetzt hatte sie mich wieder erwischt. Diese Frau war manchmal einfach, nun ja, wahnsinnig?
Eigentlich wollte ich meinen Blick peinlich berührt wegdrehen, aber das passte einfach nicht, es wäre feige gewesen. Wenn sie so etwas von mir verlangte, dann sollte sie auch sehen, was sich der kleine David so alles traute. Ich ging langsam auf sie zu und sie sah mich mit einem herausfordernden, frechen Blick an.
Ihre Hand hielt sie noch immer auf derselben Höhe wie vorher und ich griff sachte danach, um sie zu meinem Mund zu führen.
Ihr herausfordernder Blick, wurde neugierig und ihre Augen glänzten. Die Situation war romantischer als ich es mir anfangs eingestehen wollte. Die Sonne verfärbte sich orange, lila… in allen Farben, in der ich sie je gesehen hatte. Die Dämmerung brach ein.
Meine Zunge bahnte sich ihren Weg zu ihrem Zeigefinger und strich schließlich sanft darüber. Eigentlich hätte ich meine Augen schließen sollen, aber ich konnte unseren Blickkontakt nicht abbrechen, ihre Augen fesselten mich einfach.
Im selbigen Moment, in dem ich den süßen Geschmack der Coke vernahm, spürte ich ein leichtes Vibrieren, dass von meiner Manteltasche ausging und begriff erst nach einer Weile, woher diese Bewegung ausging.
Ich gab Gillians Hand frei, versuchte ihren enttäuschten Blick zu übersehen und griff schließlich in meine Innentasche, um mein Mobiltelefon hervor zu holen. Ein Blick auf das Display verriet mir, dass Téa versuchte mich zu erreichen. Mein Kopf senkte sich und ich war mir sicher, diesen knisternden Moment total zu zerstören, würde ich jetzt ran gehen. Ich stand einfach still und weigerte mich fast, mich zu bewegen. Ich hatte sie völlig vergessen und das nicht zum ersten Mal. Ich sah auf Gillian, die mich irritiert ansah. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich das Handy mindestens eine Minute klingelnd in der Hand gehalten hatte.
"Geh' doch dran.", sagte sie leicht genervt. Ich verzog das Gesicht. Warum musste diese verdammte Frau einen eigentlich immer dann anrufen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen konnte? Warum konnte man sie nicht einfach in die Ecke stellen und dafür sorgen, dass sie einen nicht störte und warum konnte man nicht einfach die Zeit anhalten?
"Dave, ist irgendwas?" Gillian stand direkt neben mir und sah mich durchdringend an. Das blau ihrer Augen schimmerte im Licht der untergehenden Sonne schöner als alles was ich bisher gesehen hatte. Ich starrte sie an, sie starrte mich an und ich hatte das Gefühl fortgetragen zu werden. Ich hasste meinen Verstand dafür, dass er meinen Daumen die Annehmtaste des Handys drücken ließ und meine Hand zu meinem Ohr führte.
"David?!?", hörte ich sofort ein Gekreische, das so klang, als wollte sie mir sagen, dass irgendwer ihre Großmutter erschossen hatte.
Automatisch nahm ich den Hörer von meinem Ohr weg und hielt ihn ein paar Zentimeter weit davon entfernt. Es war mir nicht ganz bewusst was ich getan hatte, aber für sie war es ein Grund total auszurasten. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es noch nicht einmal 18 Uhr war.
Gillian sah mich mit einem bettelnden Blick an, doch einfach aufzulegen, meine Position als Ehemann verbat mir dies allerdings.
Ich wartete einen günstigen Moment ab, Téa zu unterbrechen, und schaffte es schließlich, als sie einmal tief Luft holte.
"Ich… wir sind gerade noch am Set. Es war der letzte Tag und wir dachten, wir feiern einfach noch ein bisschen."
Es herrschte einen Moment lang absolute Stille, als ich jedoch beginnen wollte, meinen Satz zu wiederholen, weil ich dachte, sie hätte mich nicht verstanden, räusperte sie sich.
"Und mit ‚wir' meinst Du Gillian und Dich?"
Ja, sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen… natürlich würde ich das abstreiten, sonst konnte ich heute Nacht wieder auf dem Sofa schlafen und, ehrlich gesagt, hatte ich darauf nun wirklich keine Lust.
"Nein, wir… Chris ist auch hier, und Kim… wir stehen hier noch und versuchen mit dem Resultat des Tages abzuschließen. Ist das so schlimm? Ich werde spätestens in der nächsten Stunde bei Dir sein."
Gillian verdrehte die Augen, nahm erst ihre, danach meine Cola-Dose und warf sie in den Müll, neben dem Eingang der Kantine.
Mir war diese Situation mehr als unangenehm. Irgendwie kam ich mir gerade vor wie der blöde Typ, dessen Frau ihn als ihren Besitz ansah.
"Eine Stunde?", hörte ich auf einmal Téa wieder, "Sag mal vergisst du eigentlich alles? Ich verstehe, ich bin dir also so unwichtig, dass es dir vollkommen egal ist, ob wir heute zu einer Party eingeladen sind oder nicht?"
Party? Für eine Sekunde war ich verwirrt.
"Was für eine Party?", fragte ich vorsichtig und brachte dabei den Vulkan wohl zum explodieren, denn ihre Stimme wurde auf einmal so laut, dass das Handy Schwierigkeiten hatte sie zu übertragen.
"WAS BILDEST DU DIR EIGENTLICH EIN? DU HAST VERDAMMT NOCHMAL PFLICHTEN ZU ERFÜLLEN, ODER HAST DU NICHTS BESSERES ZU TUN, ALS AUF DIESEM BESCHEURTEN SET MIT DIESER BESCHEUERTEN KUH UND…" Ich hielt die Luft an, was hatte sie da gerade gesagt?
"Téa, bitte. Können wir das nicht auf später verschieben?", sagte ich, obwohl ich ihr am liebsten laut und klar erklärt hätte, dass sie endlich ihre vollkommen aus der Luft gegriffen Vorurteile gegenüber Gillian abschütteln sollte.
"Später? Na, schön, später! Gibt es überhaupt irgendetwas, das mit mir zu tun hat und das du sofort tun kannst?"
"Jetzt sofort?" fragte ich leise und wandte Gillian meinen Rücken zu, aus Angst, Téas Stimme könnte bis zu ihr dringen.
"Wirklich witzig," ihre Stimme hatte sich noch immer nicht vollkommen beruhigt, "also wenn du bis um sieben noch immer nicht hier bist, werde ich unseren Nachbarn fragen, ob er mich auf diese Party begleiten möchte… aber denk daran, dass es dann deine Schuld ist, wenn irgendwelche Gerüchte über uns kursieren, ja mein Schatz?" und bevor ich noch irgendwas dazu sagen konnte, vernahm ich bereits das Belegtzeichen.
"Mein Schatz," äffte ich sie nach und steckte das Mobiltelefon zurück in meine Tasche.
Also hätte ich damals gewusst, wie viel Ärger man sich mit einer Ehefrau einhandelt, hätte ich einmal mehr darüber nachgedacht, ob ich wirklich heiraten sollte.
Nun gut, vielleicht war Téa ja auch eine übertrieben weibliche Spezies, wenn es darum ging, mich zu teilen. Sie hasste es einfach und sie hasste die Gründe, die dafür verantwortlich waren, in diesem Falle Gillian.
"Klingt, als hättest du Ärger bekommen?"
Oh nein, sie begann wieder damit, mich wie ein kleines Kind hinzustellen, das jeden Befehl seiner Mutter sofort befolgte.
"Nein, es ist alles Bestens. Sie sorgt gerade nur mal wieder dafür, dass morgen auf der Titelseite der ‚L.A. … ‚ eine RIESEN Story über unsere Scheidung zu finden sein wird."
Sie sah mich entgeistert an.
"Sie will sich scheiden lassen?"
Eigentlich hatte ich ja immer damit gerechnet, dass Gillian einen Freudensprung machen würde, würde ich ihr von unserer Scheidung erzählen, aber jetzt sah sie blas aus, total erschrocken über diesen Gedanken.
"Nein, sie greift jedoch zu anderen Maßnahmen, wenn ich nicht bis zur rechten Zeit zu Hause bin."
Gillian sah mich etwas betreten an, es sollte wohl eine Vorwarnung sein, dass ich lieber das tun sollte, was Téa von mir verlangte, doch mir missfiel dieser Gedanken dermaßen, dass ich versuchte ein neues Thema einzuwerfen.
"Ähm…die Hose steht dir gut." Nachdem ich dies gesagt hatte, wollte ich mir am liebsten gegen den Kopf schlagen, etwas Dümmeres hätte mir nun wirklich nicht einfallen können.
Gillian verdrehte die Augen und sah mich mit diesem David-was-soll-das-jetzt-wieder-Blick an.
"Danke", sagte sie schließlich leise und lächelte mich an, "Sag mal David, was wäre eigentlich das Schlimmste, das sie dir antun könnte???"
"Was das Schlimmste wäre, dass sie mir antun könnte?"
Wow, was für eine Frage, ich hätte mir schon mal früher darüber Gedanken machen sollen, denn jetzt stand ich da und schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen.
"Nun ja, man denkt doch automatisch darüber nach, was einem im Leben am meisten verletzen könnte… wie könnte sie dir wirklich wehtun?"
Ach ja, dachte man wirklich automatisch darüber nach? Dann war ich wohl eine Ausnahme.
"Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob sie mir überhaupt wehtun könnte. Es ist mir so ziemlich gleichgültig, welche Entscheidungen sie in ihrem Leben trifft."
"Och David, du Romantiker… aus welchem Grund hast du sie gleich noch mal geheiratet?"
Gillian lachte müde und setzte sich zurück auf die Treppen. Ich nahm neben ihr Platz.
"Also eigentlich weiß ich das zwischenzeitlich schon gar nicht mehr… du weißt ja, am Anfang war es Liebe."
Wieder sah sie mich etwas skeptisch an.
"Du weichst vom Thema ab, mein Lieber."
"Oh, tut mir leid, war ganz bestimmt keine Absicht," ich holte nochmals tief Luft und fuhr fort, "aber es ist wirklich so, dass es Tage gibt, an denen mir absolut egal ist, was sie tut, wie sie zu unserer Beziehung steht, welche Gefühle sie für mich hat. Es sind Tage, an denen ich eine andere Art von Glück verspüre und an denen ich bezweifle, dass ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe. Mir ist bewusst, dass eine Ehe nicht nur positive Seiten hat, aber unsere besteht zurzeit hauptsächlich aus Negativem. Sie behandelt mich wie… ihr Eigentum. Du weißt wie sie zu dir steht und weißt du auch warum? Weil sie sieht, wie ich bin, wenn wir zusammen sind. Sie behauptet, dass ich mich durch dich um 180 Grad ändere… ihr gegenüber, und vielleicht hat sie recht. Als Mann wünscht man sich, in einer Beziehung alle Freiheiten die es gibt, genießen zu können, aber bei Téa hab ich absolut keine Chance dazu, sie engt mich ein, verbietet mir Dinge die ich gerne tun würde und wenn ich nicht so handle, wie sie möchte, kommt sie ständig damit an, dass ich Schuld wäre, wenn ein Gerücht über unsere Trennung in die Welt gesetzt werden würde. Ich hab das noch nie so direkt gesagt, aber eigentlich ist sie ein Biest… ein richtiges, kleine Biest dass man eines Tages zähmen sollte."
Gillian lachte so herzhaft, dass ich erstmal eine Pause einlegen musste, um sicher zu sein, dass sie mir wieder zu hörte.
"Also weißt du David, wenn du über alle Frauen so redest, die du bisher hattest…"
"Nein, nein. Man sagt dass vielleicht, wenn man verlassen wurde, aber in diesem Fall bleibt dir nichts anderes übrig, als mir zuzustimmen, nicht?"
Sie nickte.
"Und na ja… sie verletzt mich ständig damit, in dem sie mir den privaten Kontakt mit dir verbietet. Wenn sie wieder mit ihrem Wüten beginnt und über dich herzieht. Sie sagt das, weil sie eifersüchtig auf dich ist, aber dass ist nicht die Wahrheit, du hast das nicht verdient… du bist einer der liebsten Menschen, die ich kenne."
Ich merkte selbst, wie meine Stimme brach. Eigentlich sollte ich das nicht tun, es war beinahe ein Liebesgeständnis… ein Liebesgeständnis, nachdem ich meine Frau schlecht gemacht hatte, aber es war schließlich die Wahrheit.
Meine Hand strich über Gillians Wange, leicht… ich spürte es kaum. Ihre großen, blauen Augen sahen mich an und ich hatte das Gefühl, sie würde bis zu meiner Seele durchdringen.
Es war einer dieser Momente, in denen ich wirkliches Glück verspürte. Sie war mein wahres Glück.
Ich schluckte kräftig, wollte etwas sagen, aber die Worte blieben mir im Hals stecken und schließlich drehte ich mich ihr ganz zu, nahm ihr Gesicht in meine Hände und versuchte, genau das Richtige zu tun, das, was immer von einem verlangt wurde… einfach aus einer Situation heraus zu handeln, aus einem Bauchgefühl und genau das tat ich im Moment.
Gänsehaut durchfuhr mich und ich konnte nicht beschreiben warum… mein Herz klopfte, dass ich befürchten musste, Gillian konnte es hören.
Mein Gesicht näherte sich dem ihren, mein Kopf legte sich leicht zur Seite und meine Lippen steuerten die ihren an.
Ich schloss meine Augen, gab mich einfach dem Gefühl hin.
Bevor ich jedoch irgendetwas zu spüren bekam, rutschte Gillian zur Seite, griff in ihre Tasche und holte ihre Schlüssel hervor.
"Ich sollte jetzt wohl besser gehen, hm?"
ich schreckte zurück und sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.
"Ähm… ja… ähm…" Ich war nicht fähig ein vernünftiges Wort zustande zu bringen. Ich konnte kaum glauben, was wir vorhin im Inbegriff gewesen waren zu tun. Auf der einen Seite hasste ich sie dafür, dass sie diesen Moment beendet hatte, auf der anderen spürte ich, dass dies die einzig richtige Reaktion von ihr gewesen war. Doch ich fragte mich, ohne eigentlich auf sie zu achten, immer wieder wie es gewesen wäre, was wäre passiert, wenn wir…
"David, ich…ich geh dann.", sagte sie leise, sah mich dabei nicht einmal an und stand auf.
Ich vernahm einen schmerzhaften Stich in mir und schaffte es kaum mich von ihr zu verabschieden. Am liebsten hätte ich sie umarmt und nie wieder losgelassen. Ich hatte ihr noch so vieles sagen wollen, mich entschuldigen wollen, für diesen vielleicht dummen Versuch ihr näher zu kommen. Hatte ich sie getroffen, etwas getan, das sie nicht wollte, oder war dies bloß wieder eine Warnung gewesen, dass ich verbotenen Grenzen überschritt?
Ich wollte ihr hinterher rufen, doch sie war schon hinter den Gebäuden verschwunden. Ich starrte für Minuten, vielleicht für eine halbe Stunde nur auf den Punkt, wo ich sie zuletzt wahrgenommen hatte. Schließlich vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen, was war ich nur für ein verdammter Idiot?
Ich fragte mich was um Gottes Willen ich mir dabei gedacht hatte. Ich war ein verheirateter Mann. Meine Ehe steckte in der Krise und ich hatte nichts Besseres zu tun, als eben dies meiner besten Freundin zu offenbaren und kurz darauf zu versuchen sie zu küssen. Manchmal war es doch gar nicht mal so schlecht seinen Verstand zu gebrauchen, trichterte ich mir ein und bemerkte auf einmal, dass ich jetzt das genaue Gegenteil von dem dachte, das ich zuvor gespürt hatte. Doch was hatte ich gespürt? Irgendwas in mir versuchte mir gerade verzweifelt klar zu machen, dass es Liebe gewesen war. Ich wollte ihm Recht geben, ich wollte sie lieben, warum auch immer. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich an ihre Augen dachte, wie sie in diesem Moment ausgesehen hatten. Ich hatte Zuneigung gesehen, tiefe Zuneigung, die am Anfang zeigte, dass sie das was ich tat, geschehen lassen wollte. Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte dies einfach nicht tun sollen, egal, wie sie darauf reagiert hätte. Es war falsch und ich sollte das alles hinter mich bringen. Gillian war gegangen, ich war hier allein und das einzige was ich jetzt tun sollte war nach Hause zu meiner Frau zu gehen…
Ich musste dieses Kapitel abschließen. Ich hatte einen Fehler gemacht und ich fragte mich, ob ich mit Gillian jemals drüber würde reden können, ob ich darüber reden sollte…
Ich schwang mich ruckartig von der Stufe und ging auf den Parkplatz zu. Ich musste hier weg, sonst würde ich wohl in Selbstzweifel versinken. Langsam fischte ich meinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und schloss den Wagen auf. Eine kalte Briese wehte an mir vorbei und ich erschauerte. Langsam drehte ich mich um und sah auf das im letzten Sonnenlicht verschwindende Studio.
"Auf Wiedersehen", sagte ich leise und hoffte, dass meine Worte der Wahrheit entsprachen. Ich stieg ein, machte den Motor an und fuhr vom Parkplatz. Ich vermied es mich noch einmal umzusehen und verließ damit entgültig einen Teil meines Lebens.