Titel:                         Catch the Happiness – Runde 3

Autor:                        DAS WoD

Kontakt:                    Marion.Death@t-online.de

Kategorie:                DGR, öhm…also, wenn das jetzt Akte X wäre, würde ich es X-File nennen, aber da das ja nicht zutrifft, nenne ich es mal Mystery oder Thriller… ansonsten Gillian- und David – P.O.V.

Rating:                       R-16

Spoiler:                      Nichts Bestimmtes…

Disclaimer:                Sie gehören alle natürlich nicht mir! Sie gehören nur sich selbst…

Short-Cut:                 Die Herausforderung liegt darin tief in dein Innerstes einzudringen und das zu glauben, was du dort entdeckst.

Anm. v. WoD:           Runde 3 des Wahnsinns nahm seinen Lauf und hier erhältst du die Möglichkeit sie ganz zu genießen, oder auch nicht. *grins* Ich wünsche auf jeden Fall jedem, der dies hier liest, sehr viel Spaß dabei und hoffe, dass das Geschriebene gefällt. ;)

 

 

 

Runde 3

Part I

Anthony

 

 

Ich ging mit ihm durch den Garten. Es war recht kalt draußen und Nebel umspielte uns bei jedem unserer Schritte. Wir gingen eine Weile nur nebeneinander her, obwohl uns beiden klar sein müsste, dass wir besser reden sollten.

 

Ich räusperte mich und wandte meinen Kopf zu ihm hinauf. Er grinste mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Freundlichkeit an. Vielleicht war es auch so etwas wie Liebe, aber das wollte ich mir besser nicht einreden.

 

Ich öffnete meinen Mund einen Spalt breit, ihm klarmachend, dass ich etwas sagen wollte. Er nickte nur, versuchte mich voranzutreiben, doch mir fehlten die Worte. Etwas sehr seltenes, da ich, wie man vielleicht schon mitbekommen haben dürfte, sehr viel rede.

 

Gut, Gillian, du hast deine Schlüsse aus der Sache gezogen und nun ist es an der Zeit sie ihm ebenfalls mitzuteilen. Darum ist er hier. Er will Antworten und du hast sie, also warum gibst du sie ihm nicht?

 

Weil sie dumm sind.

 

Woher weißt du denn, dass er das sagen wird? Sicher sind deine Gedanken ein wenig… abgefahren, aber du bist dir doch absolut sicher.

 

Ja, das bin ich, sehr sicher sogar.

 

Also sag es ihm einfach. Er hört dir immer zu, dass weißt du. Und selbst als du vollkommen psycho warst, hat er dir zugehört.

 

Ich nickte innerlich und fragte mich, mit wem ich da eigentlich diskutierte, aber im Endeffekt war es egal. Ich mochte die Vorstellung nicht, dass irgendein Männchen in meinem Kopf saß und mir Anweisungen zuflüsterte.

 

Eins muss ich aber noch loswerden: Ich bin immer noch psycho.

 

Ja ja...

 

Irgendwie kam ich mir vor wie diese Herr der Ringe Figur. Gollum. Ich prustete los und David sah mich irritiert an.

 

„Darf ich erfahren, was so komisch ist?“

 

Ich versuchte mich zu fangen, grinste aber immer noch über beide Ohren.

 

„Ich bin so komisch.“, sagte ich trocken und Daves Blick wurde sehr schief.

 

„Nun, ich muss dir zustimmen, manchmal kannst du wirklich zum totlachen sein, aber jetzt fand ich dich eigentlich ziemlich erst.“

 

„Von außen Dave, von außen.“, kommentierte ich, mich fragend, wann er mich endlich für völlig bescheuert halten wird.

 

Das tut er schon.

 

Hey, ich dachte, du motiverist mich?

 

Ich sage nur immer die Wahrheit, mit Motivation hat das rein gar nichts zu tun.

 

Ich schüttelte den Kopf, langsam gefiel mir diese Stimme nicht, nein, sie gefiel mir ganz und gar nicht…

 

„Und wenn du von außen ernst bist, was ist dann innen?“ Er wirkte ziemlich hartnäckig auf seiner Suche in die innere Welt der Gillian Anderson.

 

„Glaub mir, das willst du gar nicht wissen…“ David verzog das Gesicht, wohl leicht enttäuscht darüber, dass er nie erfahren würde, worüber ich gelacht hatte. Doch letztenendes war dies nur zu seinem Besten, oder auch nicht, je nachdem, wie man es betrachtete. Ich hatte nämlich jetzt vor zum Thema zurückzukehren beziehungsweise es überhaupt erstmal einzuleiten.

 

Ich räusperte mich zum zweiten Mal in diesem Spaziergang.

 

„Also ähm… ich denke… ich muss dir etwas sagen, Dave.“ Klasse, ich merkte einmal mehr, dass die Einleitung von ersten Themen nun wirklich nicht meine Sache war.

 

„Dann schieß mal los.“ David schien so, als hätte er geradezu auf diesen Moment gewartet und mir war das ganz recht.

 

„Okay… ähm… weißt du, ich habe noch einmal über… über diese… diese Visionen nachgedacht und ich bin zu einem… wenn auch etwas verrückten… Entschluss gekommen.“ Er nickte, verdeutlichte mir, dass ich schnell fortfahren sollte.

„Aber weißt du, es ist wirklich etwas… abgefahren, also sei mir bitte nicht böse, wenn…“

 

„Hey, ganz ruhig. Ich akzeptiere alles, was du glaubst. Und du bist schließlich die, die diese Dinge sieht. Also kann ich im Grunde gar nicht beurteilen, ob du Recht hast, oder nicht.“ Ich nickte. Irgendwo hatte er recht, aber ehrlich gesagt hatte ich mehr Angst davor mich vor ihm zum Idioten zu machen.

 

„Guuut…“ Ich erspähte eine Bank in unserer Nähe und ging darauf zu. „Setzen wir uns am Besten erstmal.“

 

Als wir uns beide auf die Bank fallen gelassen hatten und ich erstmal mein Gesicht verzog unter der unangenehmen Entdeckung, dass sie feucht war, sahen wir uns erst einmal nur an. Mir war klar, dass es nun an mir war weiterzureden und ich sammelte mich wieder.

Schnell ging ich noch einmal das durch, das ich ihm sagen wollte, damit ich auch ja nichts vergaß oder ihm ein falsches Bild von etwas gab, das sehr wichtig im Zusammenhang mit meiner Theorie war.

 

„Du hast ja mit Sicherheit von einem Serienmörder gehört, der zur Zeit in London sein Unwesen treibt.“ Er nickte wissend. „Die Tote bei deren Ermordung ich vielleicht anwesend war wurde vermutlich von dem gleichen Mann getötet wie auch die Frau neben dem Londoner Zoo und an der Themse. Ich weiß es klingt total abgedreht, aber immer nachdem ich so eine Vision hatte, wurde kurz danach eine Leiche gefunden. Erkennst du da irgendeinen Zusammenhang?“ Ich hoffe, dass er selbst darauf kam, dann konnte ich mir das alles ersparen.

 

„Nun, wenn du es Beides zusammen nennst, wird es einen geben.“ Er war so trocken und selbstverständlich wie immer. Ich musste lächeln.

 

„Hmmm… okay, das macht es mir nicht gerade einfacher. Es… es ist nunmal so, dass ich alle Visionen entweder in der Nähe des Tatortes hatte oder sie im Zusammenhang mit dem Fundort der Leiche standen. Und das… das lässt mich nunmal vermuten, dass ich… ich…“

 

„Dass du diese Morde vorraussiehst, habe ich Recht?“ Die Tatsache, dass er es aussprach bohrte sich wie ein Spehr in meinen Magen und ich krümmte mich reflexartig.

 

Ich starrte für einige Sekunde nur starr geradeaus, beobachtete wie ein Kind auf Krücken den weg entlanghumpelte, den wir eben gekommen waren. Es war ein kleines Mädchen, ungefähr so alt wie Piper. Sie wirkte so hilflos, so allein. Ich fragte mich wo ihre Mutter war. War sie vielleicht gar nicht mehr da, um sie vor dem Bösen dieser Welt zu beschützten? Ich erschauderte bei diesem Gedanken. Ich sah eine blonde Frau vor mir. Eine Blutlake breitete sich unter ihrem leblosen, bleichen Körper aus. Ihr rechtes Bein war unnatürlich angewinkelt. Ihre großen braunen Augen starrten mich leblos an. Doch plötzlich bewegten sie sich. Sie durchbohrten mich mit ihrer Intensität. Ihr Mund öffnete sich und…

 

„Gill, ist alles okay?“ Ich schreckte hoch.

 

„Ich ähm… äh… ich… du… es…“ Wieder hatte ich die Kontrolle über meine Worte verloren. Ich hasste das.

 

„Ich wollte dir… du… hast Recht.“, führte ich uns zum eigentlich Thema zurück.

 

David nickte langsam, überlegend.

 

„Ich sage nicht, dass es unbedingt wahr sein muss. Vielleicht irre ich mich auch, aber ich wüsste nicht, was ich sonst sehe. Es passt alles zusammen, wie ein riesiges Puzzle.“ Er nickte weiter, ich fühlte wie sich seine Hand um meine legte.

 

„Und du bist dir wirklich sicher, dass du das glauben willst?“ Seine Stimme klang besorgt, aber ernst, nicht so, als würde er denken, dass ich verrückt bin. Ich atmete erleichtert aus.

 

„Ich… ich glaube es, ob ich es will, spielt keine Rolle. Was ist mit dir?“ Ich bildete mir ein, die Antwort bereits zu kennen. Darum lehnte ich mich zurück und sah ihn aus der weitesten Perspektive an, die in meiner jetzigen Position möglich war.

 

Er legte den Kopf schief.

 

„Mulder würde vielleicht sagen: Ich möchte glauben. Aber ich muss wohl sagen: Ich möchte nicht glauben.“ Ich seufzte und nickte verständnisvoll. „Hey, das soll nicht heißen, dass ich denke, dass es nicht so ist. Wer weiß das schon. Das einzig Wichtige ist herauszufinden, was die Wahrheit ist. Und ich würde dir gerne dabei helfen, wenn du es zulässt.“ Ich liebte den Mann… ich liebte ihn einfach.

 

„Ich… ich… du meinst das wirklich ernst?“, fragte ich zur Sicherheit noch einmal nach.

 

David nickte langsam aber bestimmt. „Ja, weißt du, ich habe gestern lange darüber nachgedacht. Mir ist klar geworden, dass man Dinge nicht unterdrücken kann, egal was Ärzte einem erzählen. Es ist egal, was die Anderen glauben, du sollst wissen, was du hast. Du sollst es verstehen.“ Ich lächelte und eine unglaubliche Erleichterung schappte über mich. Ich beugte mich zu ihm, umarmte ihn überschwänglich und gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund.

 

„Danke, danke… ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll..“

 

„Ist okay Kleines. Ich tue doch alles für dich. Ich würde jetzt nur gerne wissen, was du gedenkst zu tun.“

 

„Hmm…“ Ich überlegte kurz, denn so ganz schlüssig war ich mir darüber nicht. „Ich würde gerne wissen, nach welchem Muster er vorgeht. Warum er tötet.“

 

„Ähm…okay, ich wusste doch, dass jetzt sowas kommt.“ Er grinste über beide Ohren und ich fragte mich warum. Machte er sich etwa über mich lustig? „Mir ist klar, dass du das willst Detective Anderson, aber wie genau willst du das anstellen?“

 

Jetzt musste ich auch lachen. Ja, das war eine wirklich gute Frage.

„Weißt du, es gibt da noch etwas.“ Ich entschloss mich dazu, doch damit herauszurücken. Wenn er mir die Theorie abnahm, würde er mir auch das glauben… ich hoffte es zumindest.

 

„So ungefähr eine Stunde bevor ihr gestern Abend bei mir gewesen seid, hat mich jemand anderes besucht.“ David zog eine Augenbraue hoch, okay, er versuchte es, denn ich konnte es wirklich besser als er.

„Ich habe keine Ahnung, wer es gewesen ist. Es war ein alter Mann. Er kam mir eigentlich vor wie ein Verrückter, aber er passt in das Puzzle… irgendwie.“

 

David verdeutlichte mir mit einer Geste, dass ich fortfahren sollte.

 

„Also, dieser Mann meinte zu mir, dass er irgendwen bei mir gefunden hätte. Jemanden, den er schon sehr lange gesucht hat. Ich weiß zwar nicht, was er damit meinte, jedoch erklärte er mir, dass ich keine Angst vor diesem jemand zu habe bräuchte.“ Je länger meine Worte in meinem Kopf widerhallten, desto dämlicher klang das alles.

 

David wirkte langsam an wenig überfordert.

 

„Puuh… und wer soll dieser Jemand sein?“, fragte er stutzig und zog die Stirn kraus. Ich zuckte nur ratlos mit den Schultern.

„Ich wäre wirklich froh, wenn ich das wüsste. Ich meine, ich habe eine leise Ahnung, aber sie macht mir Angst.“, entwich es mir.

 

„Erzähle sie mir.“

 

„Der Mann vor dem Theater.“, sprudelte es aus mir heraus und ich hielt den Atem an. Eigentlich hatte ich nie richtig darüber nachgedacht, doch jetzt schien es mir mehr als nur logisch.

 

„Aber wieso sucht er diesen Mann bei dir, Gill? Ich meine, er ist doch hier nirgends?“ Er sah sich ein wenig spielerisch um, als würde er denken, ich würde erwarten, dass dieser Kerl jede Minute aus dem Gebüsch sprang.

 

„Ich denke, das ist etwas tiefgehenderes. Aber ich bin mir wirklich nicht sicher was… Ich würde gerne diesen Mann finden. Ich weiß aber nicht, ob das etwas bringen würde. Er wollte es mir nicht sagen, schon damals nicht. Ich wüsste nicht, was seine Einstellung ändern sollte, zudem habe ich keine Ahnung, wer er ist oder wo er ist.“,. gab ich zu und langsam kam ich mir sehr lächerlich vor. Ich war irgendeine kleine hilflose Frau.

 

„Würdest du ihn wiedererkennen?“, versuchte er es auf diese Weise. Ich überlegte kurz, formte in meinem Verstand sein Gesicht, seine Augen, seinen Mund… ja, ich sah ihn vor mir.

 

Ich nickte entschlossen. „Aber der gute Mann wird wohl kaum eines Mordes verdächtig, auf jeden Fall nicht der Morde, mit denen ich scheinbar in Verbindung stehe.“

 

„Woher weißt du das so sicher?“ Irgendwie stellte er immer die richtigen Fragen.

 

„Ich… ich weiß es gar nicht. Aber warum sollte der Mörder zu mir kommen? Woher soll er denn wissen, dass ich diese Visionen habe?“ Noch ehe ich den Satz ganz ausgesprochen hatte, bildete sich eine Antwort in mir.

„Vielleicht schickt er sie mir… Dave… willst darauf hinaus?“ Er zuckte mit den Schultern, nickte dann aber auch.

 

Plötzlich begann etwas in Davids Jackentasche zu piepsen. Ein seltsames Gefühl überkam mich. So als wüsste ich irgendwo tief in mir, wer ihn gerade anrief und warum er es tat.

 

„Äh, entschuldige bitte.“ Ich nickte ihm lächelnd zu und beobachtete, wie er geschickt das Handy aus der Tasche zog und mit seinen schlanken Finger die Annehmtaste betätigte.

 

„Hallo?“, fragte er leicht genervt.

 

Ich hörte ein Murmeln am anderen Ende und ahnte wer sich dort befand.

 

„Sekunde, sie sitzt neben mir.“ Er nahm das Handy von seinem Ohr weg und reichte es mir. „Clyde ist dran. Er sagt, es sei wichtig.“ Ich hatte gute Ohren… ja, wirklich.

 

„Hey, was gibt’s?“, erkundigte ich mich erwartungsvoll, immer noch mit diesem seltsamen Gefühl im Magen.

 

„Irgendso ein Irrer steht vor der Haustür und möchte mit unserer Tochter reden.“

 

„Ein Fan?“, fragte ich unsicher, obwohl ich bereits wusste, dass es etwas anderes war. Für soetwas würde Clyde mich nie anrufen.

 

„Nein, oder keine Ahnung, was er ist, auf jeden Fall hat er einen Knall. Er redet von irgendwelchen Leuten, die in der Wohnung wären und mit denen Piper redet. Sag mal sind wir hier bei The Sixth Sense?“ Er klang sehr in Rage und ich musste unfreiwillig grinsen.

 

„Hmm… heißt der Typ Crowe oder hat Piper in letzter Zeit erwähnt, dass sie Tote sieht? Wenn ja, dann sollten wir uns Sorgen machen, aber ansonsten… Beschreibe ihn mal.“ Mir wurde es extrem mulmig, aber ich wollte es ihm nicht zeigen. Vernunft war das, was Clyde am meisten schätzte und die würde ich ihm geben.

 

„Er ist… sehr klein und sehr alt. Ich schätze ihn auf circa 80. Außerdem hat er kaum noch Zähne und graue Haare. Er trägt einen langen grauen Mantel. Sagt dir das was?“ Ich nickte, schnell und immer wieder. Oh Gott, ich hatte Angst.

 

„Lass ihn auf gar keinen Fall rein, aber sag ihm, dass er warten soll. Ich komme sofort her.“

 

„Aber Gillian, du…“

 

„Keine Widerrede, Clyde. Das ist etwas Ernstes.“

 

„Aber…“

 

„Mach was ich sage… bitte.“ Ich legte mit diesen Worten auf und sah David erschrocken an. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Was wollte dieser Mann nur von meiner Tochter? Hatte das etwa etwas mit… nein… nein!

 

„Was ist los, du bist ja noch viel bleicher als sonst.“ Er versuchte humorvoll zu sein, doch ich konnte nicht lachen, nicht jetzt.

 

„Der Mann… der Mann von dem ich eben erzählt habe, er steht vor meinem Haus.“ Ich war vollkommen außer Atem und stand auf, weggehend. David setzte nach und hielt mich zurück.

 

„Moment…Moment, bitte, warte mal. Was?“

 

„Ich sagte doch. Er steht vor meinem Haus und will mit Piper reden.“

 

„Aber… warum?“

 

„Ich weiß es nicht… und genau deswegen werde ich jetzt dorthin fahren und ihn selbst fragen.“ Ich hechtete los, David schien jedoch gerade einmal normal neben mir herzugehen, während ich meiner Meinung nach fast rannte.

 

„Aber Gill, du bist im Krankenhaus.“

 

„Das ist mir egal, es geht hier um meine Tochter, Dave. Und mir geht es gut, das siehst du doch.“

 

„Du musst dich aber trotzdem abmelden, sonst denken die noch, du wärst verschwunden und das bringt jede Menge Ärger.“ Ich nickte zwar, aber das war mir egal und eigentlich hätte er das wissen müssen.

 

„Ich weiß ja, dass es dir egal ist, ob du irgendwelche Regeln brichst, aber trotzdem… was ist wenn dir etwas passiert, wenn…“, plötzlich hielt er inne. Seine Augen wurden glasig, er sah beinahe geschockt aus.

 

„Ich komme mit dir. Los, draußen steht noch mein Taxi.“

 

„Ich ähm… was soll dieser plötzliche Stimmungswandel?“ Ich war verwirrt. Normalerweise beharrte dieser Mann recht lange auf seiner  Meinung, es sei denn man konnte ihm vom Gegenteil beweisen und ich wusste nicht, wann ich das getan haben sollte.

 

„Ich weiß, warum er mit Piper reden will.“ Nun verstand ich gar nichts mehr.

 

„Warum?“

 

„Das solltest du sie besser selbst fragen. Ich glaube, sie würde mich umbringen, wenn sie erfährt, dass ich es dir verraten habe.“ Ich zuckte mit den Schultern und beschleunigte nochmal die Schritte. Das hier war wirklich unheimlich.

 

 

 

 

Als das Taxi vor Gillians Haus hielt, hätte ich beinahe angefangen zu lachen. Da stand doch tatsächlich Cylde weit aufgerichtet mit vor der Brust verschränkten Armen in der Tür und musterte eine wirklich winzigen Mann so, als hätte er den leibhaftigen Teufel vor sich. Seine Augen waren zu winzigen Schlitzen verängt und das böse Funkeln, das von ihnen ausging, reichte sogar die sechs Meter zu uns hinüber. Ich legte fest niemals als alter Mann an Cyldes Haustür zu klingeln und sprang aus dem Wagen. Ich wollte Gillian eigentlich helfen die Tür zu öffnen, doch sie war ebenso schnell draußen, wie ich selbst. Sie wollte mir wohl damit klarmachen, dass sie keineswegs, wie ich wohl dachte, bei der kleinsten Anstrengung umfallen würde. Dachte ich das eigentlich? Ich sah sie von oben bis unten an. Sie war immer noch ziemlich blass, sogar für ihre Verhältnisse und obwohl ich glaubte, es mir nur einzubilden, sah ich deutlich, dass sie in einer verdammt kurzen Zeit viel Gewicht verloren hatte. Doch ihre blauen Augen waren hellwach, ich konnte förmlich fühlen wie es hinter ihrer Stirn ratterte.

 

Der Mann drehte sich sofort um und sah Gillian unschuldig an, er sah beinahe weise aus. Ich konnte nicht sagen, ob ich ihn mochte. Weise alte Männer übten eine gewisse Angst auf mich aus. So als würden sie immer eine schreckliche Botschaft überbringen, ich mochte eher solche alten Kauze und würde am liebsten selbst zu einem solchen werden. Und Gillian würde bistimmt so eine verrückte coole Großmutter werden, die mit ihren Enkeln Skateboard fuhr und auf jede Achterbahn stieg, Hauptsache sie war schnell genug. Ich musste lachen, wenn ich daran dachte. Ich wäre zu gerne der Großvater…

 

„Guten Tag, Mr… ähm… wie heißen Sie eigentlich?“ Gillian war bereits neben den Mann getreten und sie musste nicht einmal hochschauen, um ihm in die Augen zu sehen. Ein seltenes Bild.

 

Er lächelte auf diese Frage nur und sah mich auf einmal sehr eindringlich an. Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf.

 

„Ich habe gehört, Sie sind hergekommen, um mit meiner Tochter zu reden, Sir.“ Clyde räusperte sich etwas zu laut und sah seine Ex-Frau verständnislos an. „Es ist in Ordnung, Cylde.“, sagte sie kühl und wandte sich wieder ihrem Besucher zu.

 

„Das ist richtig.“, konterte dieser gelassen und rückte seinen Filzhut zurecht.

 

„Und… und darf ich fragen, warum Sie mit ihr reden wollen?“

 

„Das habe ich Ihrem Mann bereits gesagt.“

 

„Welchem…? Achso, ähm, er ist nicht mein Mann.“ Mir wurde ein wenig übel, wenn ich daran dachte, dass dieser Kerl die beiden doch tatsächlich als Ehemann sah. Aus irgendeinem Grund wünschte ich mir jetzt diesen Julian herbei. Aber dieser Kerl hielt es wohl nie für nötig zum richtigen Zeitpunkt aus seinem Loch zu kriechen.

 

„Das weiß ich, aber er wäre es gerne, genauso wie der Herr neben Ihnen. Sie sind wohl sehr begehrt, Miss Anderson.“ Und jetzt wurde mir erst recht übel. Ich sah hastig von ihr weg und fühlte mich wie ein kleiner Junge, den man bei einer Untat ertappt hatte. Aus den Augenwinkeln erkannte ich, wie Gillian grinste.

 

„Ich ähm… ich dachte, wir wollten über Piper reden.“ Gut abgelenkt, Miss Anderson.

 

„Wenn Sie mich lassen, würde ich nicht nur über sie, sondern auch mit ihr reden. Es geht um die Sache. Ich würde Ihnen gerne helfen, sich besser zu fühlen, Ihnen und Ihrer Tochter.“ Die Sache, wie das klang. Langsam schien es mir, als hätte er mit Gillian ein Geheimnis und das gefiel mir nicht.

 

Gill nickte daraufhin nur und ging zur Tür. Dort stand Clyde immernoch wie ein Fels in der Brandung, sich weigernd den Blick von Mister Weisheit zu nehmen.

 

„Clyde, darf ich vorbei?“, fragte sie grinsend, so als fände sie das fürchterlich lächerlich, ich glaube, das tat sie auch…

 

Clyde tat so, als hätte er sie nicht gehört. Gill schüttelte nur den Kopf und begann mit ihrer Hand vor seinen Augen herumzufuchteln.

 

„Hey, Erde an Commander Clyde, die übermenschliche Bedrohung hat sich als friedlicher Opa entpuppt, Ihre Mission ist beendet.“ Ich prustete los, hielt die Hand vor den Mund, um mein breites Grinsen zu verdeckten. Auch dem „friedlichen Opa“ huschte ein Lächeln über das Gesicht, obwohl ich mir nicht wirklich sicher war, ob er diese Klassifizierung verdient hatte.

 

Clyde murrte und hauchte schließlich: „Ich hoffe, du weißt, was du da tust.“ Mit diesen Worten verschwand er im Flur und Gillian deutete mir und dem Mann mit der Hand den Weg hinein. Ich ließ ihn vorgehen und drehte mich noch einmal kurz um, bevor ich hinter der Türschwelle verschwand. Der Himmel war grau und das deutete wohl einen Sturm an, wo auch immer dieser stattfinden würde.

 

Drinnen lenkte Gillian uns sofort ins Wohnzimmer. Ich ließ mich auf die Couch fallen, sie setzte sich neben mich, während sich der alte Mann auf einen großen Sessel fallen ließ, der genau uns gegenüber stand. Es gab ihm eine gewisse Macht dort zu sitzen, seine Arme auf den Lehnen liegend und starr zu uns blickend.

Clyde schüttelte nur argwöhnisch den Kopf und verabschiedete sich ohne weitere Worte in die Küche. Irgendwie musste ich ihm zustimmen, mir war die Sache ebenfalls alles andere als geheuer. Aber ich wollte Gillian die Chance geben mit diesem Mann zu reden.

 

„Wo genau ist Ihre Tochter jetzt?“, fragte der Mann und seine grauen trüben Augen wirkten dabei fast durchsichtig.

 

„Ich denke, sie ist oben in ihrem Zimmer.“, antwortete Gillian schnell und versuchte den Mann mit ihrem Blick zu fesseln. Es schien ihr auch zu gelingen, oder er wollte schlicht und einfach nicht von ihr wegsehen.

 

„Kann ich zu ihr gehen?“, kam es sofort und ich hätte am liebsten genauso schnell nein gesagt, Gill jedoch schien genau darüber nachzudenken.

 

„Erst wenn Sie mir sagen, warum Sie wirklich hier sind, Sir.“, erwiederte sie gelassen und machte ihrem Gegenüber klar, dass sie keine Widerworte duldete.

 

Der Mann nickte langsam und seufzte. „Ich darf es nicht, Miss Anderson. Es tut mir wirklich leid.“ Seine Stimme wirkte so, als würde er es ernst meinen. Aber wie kam er darauf, dass sie einem wildfremden Mann erlauben würde, mit ihrer Tochter zu reden, wenn dieser ihr nichtmal seine Absichten, geschweige denn seinen Namen verriet?

 

„Dann kann ich Sie auch nicht zu ihr lassen, es tut mir ebenfalls leid, Mr… Mr.“ Er verzog das Gesicht zu einer Maske, man konnte aber deutlich erkennen wie enttäuscht er war.

 

„Hören Sie, Sir. Es geht hier nicht um irgendwen, es geht um meine Tochter. Woher kann ich sicher sein, dass Sie nicht hier sind, um mein Kind zu verletzen, um ihr etwas anzutun?“ Ich zuckte zusammen, als sie das sagte. Sie war immer so direkt, aber in mir kam wieder der Gedanke hoch, dass dieser Mann etwas mit den Morden zu tun hatte, dass er der Mörder war. Wie würde er dann reagieren?

 

„Miss Anderson, ich kann Ihre Sorgen durchaus verstehen. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut… Ich möchte Ihrer Tochter helfen, glauben Sie mir das. Ich bin hier um ihr die Angst vor etwas zu nehmen, genauso wie ich Ihnen die Angst vor etwas nehmen möchte. Die Angst vor der gleichen Person.“

 

„Die Angst vor einer Person?“ Langsam dämmerte es mir endgültig.

 

Er nickte. „Die Angst vor… vor… Anthony.“

 

Fortsetzung folgt!

 

 

Runde 3

Part II

The Man in your Head

 

 

Ich zog eine Augenbraue hoch und sah ihn verwirrt an. Anthony? Wer bitte war Anthony?

Unsicher sah ich zu David herrüber, der mit offenem Mund dasaß und aussah, als hätte er einen Geist gesehen. Geist? Nein, das konnte doch einfach nicht sein! Dieser Mann war kein Geist gewesen, er war… ja, was war er eigentlich gewesen?

 

„Wer ist Anthony?“ Ich betete, dass er es mir verraten würde.

 

Der Mann war gerade dabei wieder sein seltsames Lächeln aufzusetzen, als er dann doch den Mund öffnete.

 

„Jemand, der mir sehr nahe steht.“ Steht… er hatte steht gesagt, also konnte dieser Anthony definitiv nicht tot sein… Ich atmete erleichtert aus und überlegte, was ich als nächstes sagen sollte.

 

„Wo ist Anthony?“, fragte ich etwas unsicher und versuchte schreckliche Vorahnungen so weit wie möglich von mir zu verbannen.

 

Wieder dieses dumme Grinsen. BÖSES VORZEICHEN! Nein… Gott verdammt nochmal, ich dachte, ich wäre es losgeworden. Tief durchatmen Gillian, tief durchatmen. Das war nur ein Einzellfall.

 

„Er ist in diesem Raum.“, drang die Stimme das Mannes von weit her an mein Ohr und ich fuhr erschrocken herum, um mich zu vergewissern, dass niemand hinter uns stand. Ich sah nur mein Wohnzimmer. Ich hörte nur leichtes Schäppern aus der Küche. Der Verursacher war wohl soetwas wie mein Hausgeist, aber er bestand dennoch aus Fleisch und Blut.

 

„Sie können ihn nicht so einfach sehen, Ms Anderson. Sie können ihn nur sehen, wenn er will, dass Sie ihn sehen.“

 

„Und wann will er das?“ Ich war kurz davor vor der Couch in die Knie zu gehen und diesen Kerl anzuflehen, endlich zu erscheinen.

 

„Das weiß ich nicht. Sie müssen es ihn schon selbst fragen.“ Das Grinsen wanderte wieder unendlich langsam über sein Gesicht und es schien als würde sich mit dem Wandern des Grinsens Schatten in seinem Gesicht bilden, die mit dem Lächeln darüber hinwegzogen. Ich erschauderte.

 

„Wie wäre es, wenn Piper ihn fragt?“ Ich versteinerte für einen Augenblick, bis ich es schaffte, mich ganz langsam zu David zu drehen. Hatte er das gerade wirklich gesagt?

Ich wollte gerade etwas erwidern und ihm klarmachen, dass ich das nicht zulassen konnte und dass ich auch nicht glaubte, dass Piper überhaupt fähig war mit diesem Mann zu reden, als er weiterredete.

 

„Ich weiß, das klingt für dich nicht gerade verlockend, Gillian.“ Ich zuckte zusammen, wie ich es immer tat, wenn er meinen Namen voll aussprach. „Aber hör mir zu. Ich wusste von Anthony.“ Ich fühlte wie meine Kinnlade ganz langsam gen Boden klappte. „Nein… ich habe nicht gewusst, wer er ist oder was er ist. Aber Pipe hat mir von ihm erzählt. Sie sieht ihn und ich glaube sogar, dass sie ihn oft sieht. Sie hat Angst vor ihm, aber sie wirkt so aufgeklärt, als würde sie ihn schon sehr lange sehen, vielleicht sogar länger, als du es tust.“

 

Ich begann zu zittern und rieb mir mit den Händen über die Arme. Meine Augen waren weit aufgerissen und ich war nicht fähig sie zu schließen.

„Bist du dir sicher, David?“ Ich sah, wie er hart schluckte.

 

„Ja“, sagte er nur und sah zu dem Mann hinüber, vielleicht weil er Bestätigung für seine Äußerung suchte. Dieser nickte nur so langsam, als lebe er in Zeitlupe.

Die Kälte begann sich wieder langsam in meinem Nacken zu sammeln. Ich schloss die Augen und versuchte es zu ignorieren, doch es beherrschte mich und war nicht willig mich entkommen zu lassen.

 

„Alles in Ordnung, Gill?“ Ich fühlte wie David seine Hand auf die Meinen legte. Ich zitterte und wusste, dass er es spürte.

 

„Ja, ich…ähm… du meinst also, dass Anthony der Mann vor dem Theater ist? Aber ich habe ihn doch… doch nicht alleine gesehen. Wyn hat ihn gesehen und viele andere Leute auch.“ David nickte langsam.

 

„Er kann von jedem gesehn werden, von dem er gesehen werden will.“, kam es nun wieder von dem alten Mann, der wohl amüsiert darüber war, dass wir so wenig wussten.

 

Ich atmete stockend und erhob mich.

 

„Ich werde jetzt zu Pipe gehen und mit ihr reden.“ Ich war kurz davor David zu befehlen, auf den Mann aufzupassen, aber es klang irgendwie lächerlich.

 

Ich setzte mich langsam in Bewegung, wartete darauf, dass mir jemand folgte, doch sowohl der Mann als auch David verharrten in ihren Positionen. Ehrlich gesagt war es mir lieb so. Ich wollte nicht, dass dieser Mann Pipe irgendetwas fragte, sie eventuell Dinge fragte, die sie niemandem sagen wollte. Mein Gefühl sagte mir, dass mir diese Sache große Angst machen sollte, aber ich wusste nicht, wovor ich mich fürchten sollte. Es war so seltsam. So etwas Ungreifbares, das man nicht einordnen konnte. Ich schluckte und begann die Treppe hinaufzugehen. Erst sehr langsam, als könnte ich mir irgendwie ersparen oben anzukommen. Etwas in mir wollte gar nicht wissen, was oder wer dieser Anthony war. Es wollte einfach, dass er auf nimmerwiedersehen verschwand und mich und meine Tochter einfach in Ruhe ließ.

 

Irgendwie schaffte ich es letztendlich doch oben anzukommen und mich vor ihr Zimmer zu stellen. Ich wagte es kaum anzuklopfen, überlegte, ob ich es nicht einfach so stürmen sollte, wie andere Mütter taten. Doch zu meinen Angewohnheiten hatte es immer gehört vorher anzuklopfen. Nicht nur, weil ich Respekt vor ihr hatte, sondern weil ich mir immer vorgenommen hatte, es mir anzugewöhnen. Schuld daran war meine Mutter, die einmal, als ich ungefähr 16 gewesen war, in mein Zimmer geplatz war, als sich mein damaliger Freund und ich in einer ziemlich eindeutigen Situation befunden hatten. Ich wollte mir einfach nicht vorstellen, was passieren würde, wenn ich das bei meiner ebenfalls sehr temperamentvollen Tochter tun würde. Also hatte ich mir eingeprägt auf Nummer sicher zu gehen. Doch jetzt befand sich in ihrem Zimmer kein Junge, sondern… Anthony… ich atmete tief durch.

 

„P..Pipe?“, flüsterte ich, aber ich war mir sicher, dass sie mich nicht gehört hatte.

„Mooom?“, kam es sofort und ich fragte mich, wann um Himmels Willen ich sie so gut erzogen hatte.

„Darf ich reinkommen?“, setzte ich zur Sichterheit nochmal an. Ich hätte sie das nie gefragt, wäre das nicht dieses seltsame Gefühl gewesen, das mich auf einmal heimsuchte. Zuerst hielt ich es wieder für die Kälte, doch schon nach einigen Sekunde bemerkte ich, dass es etwas Anderes wahr. Ich konnte nicht sagen, ob es unangenehm war. Es war so etwas wie eine Ahnung. So, als hätte ich gerade mein Haus verlassen und würde unsicher darauf zurückblicken, weil ich spürte, dass ich etwas vergessen hatte.

Noch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, wurde die Tür von innen aufgerissen und meine Tochter blickte, bis über beide Ohren grinsend, zu mir hinauf. Doch es war nicht ihr übliches Grinsen, das, was sie zeigte, wenn sie glücklich war. Es erinnerte mich mehr an das dämliche Lachen, das ich manchmal auflegte, wenn mich ein Fotograf überraschte. Sie sprang mich fast an und drückte sich an mir fest. Ich freute mich zwar über diesen plötzlichen Kuschelwahn, aber irgendwie kam es mir doch komisch vor.

 

„Hey, hey, nicht so hastig. Was ist denn mit dir los?“ Ich konnte mir ein Lächeln nicht unterdrücken.

 

„Freu mich einfach, dass du wieder da bist. Ich hab gedacht, du müsstest länger im Krankenhaus bleiben.“ Hilfe, musste dieses Mädchen immer so schnell kombinieren?

 

„Ähm… nun ja, eigentlich bin ich auch nur kurz hier“, druckste ich raus.

 

„Hmm, trotzdem cool! Komm rein!“, befahl sie mir fast und zog mich halb in ihr Zimmer. Das war nicht Piper… das war… ich konnte es nicht sagen, doch ihr Benehmen gefiel mir nicht.

 

„Ist irgendwas?“, wollte ich zur Sicherheit wissen, als sie sich etwas übereifrig in ihren Schreibtischstuhl sinken ließ und damit begann irgendwelche Linien auf ein Papier zu ziehen. Sie wollte mir wohl glauben machen, dass sie etwas zeichnete, doch von weitem sah es für mich nur so aus, als würde sie wahrlos Striche auf dem Blatt verteilen.

 

„Nope, was soll denn sein?“ Sie krakelte weiter und so langsam verteilten sich diverse Bunstifte auf dem Schreibtisch.

 

„Niichts… ich dachte nur, dass du mir vielleicht etwas sagen möchtest.“ Hoffentlich hatte ich sie nicht gleich mit meiner Zaunpfahlfabrik erschlagen. Doch wie ich sehen konnte, duckte sie sich verdammt schnell.

 

„Wie kommst du denn darauf?“ Sie drückte so fest mit einem hellblauen Stift auf, dass dessen Miene durchbrauch und durch den halben Raum flog.

 

„Also, mal ehrlich, warum bist du so nervös? Du kennst mich doch schon seit 8 Jahren.“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen und kniete mich neben ihren Stuhl.

 

„Es… ist nur…“ Sie deutete etwas unsicher auf eine Ecke im Zimmer.

 

„Was ist dort, Pipe?“ Ja, ich spürte, ich hatte sie soweit.

 

Sie verdrehte auf einmal die Augen und guckte schmollend von mir weg.

 

„Hey, hab ich was falsches gesagt?“ Ich war nun sichtlich verwirrt und ließ mir das auch anmerken.

 

„Er hat’s dir gesagt, oder?“, murrte sie und ihre Augen funkelten mich böse an. Ich nahm an, dass sie von David redete und musste fast schon wieder lachen, wenn mir das alles nicht so ernst vorgekommen wäre.

 

„Piper, hör mir jetzt einmal zu. Dave hat es nicht böse gemeint. Er hat sich nur Sorgen um dich gemacht.“

 

„Und darum muss auch so ein komischer Psychoonkel mit hierherkommen?“ Sie drehte sich noch weiter von mir weg und tat so, als wäre ich nur ein Ungeziefer, das man zu ignorieren hatte.

 

„Pip… Piper… das ist kein Psychiater. Dieser Mann ist nur gekommen, um…“

 

„Mit mir zu reden, ich weiß das!“ Langsam sammelten sich Tränen in ihren Augen und ich seufzte. Ich hatte mich vor einem Jahr sehr gefreut, als mir ihr Arzt gesagt hatte, dass sie eine überdurchschnittliche Hörkraft besaß. So langsam merkte ich aber, dass das alles andere als ein Vorteil war – für mich zumindest…

 

„Er will das aber nicht, weil er dich für verrückt hält.“, kommentierte ich gelassen und zog sie näher zu mir heran. Sie machte Anstalten sich zu wehren, glitt dann aber doch in meine Arme.

 

„Und warum will er’s dann?“ Hmmm… eine wirklich gute Frage. Ich atmete tief durch.

 

„Wegen… wegen Anthony.“

 

„Also doch, weil ich einen Knall habe?“ Ich schüttelte entschlossen den Kopf und fragte mich, ob ich es ihr sagen sollte. Würde es ihr Angst machen, wenn ich zugab, dass ich ihn vermutlich auch sah?

 

„Nun, vielleicht hast du ja einen, aber ich habe mindestens einen genauso großen.“

Sie kicherte und klopfte mir auf den Hinterkopf, als sei ich ein Hündchen, das gerade sei Lieblingsleckerli in einen Fluss hatte fallen lassen.

 

„Das findest du wohl komisch, was?“

Sie nickte heftig und murmelte:

„Weißt du, ich erbe immer nur komische Sachen von dir.“ Sollte das jetzt eine Beleidigung sein? Ich zog die Stirn kraus und schenkte ihr einen skeptischen Blick.

 

„Ich glaube nicht, dass du Anthony von mir geerbt hast.“, versuchte ich schnell die Diskussion wieder in die richtige Richtung zu lenken.

 

„Und woher kommt er dann?“ Ich merkte, wie Angst in ihr hochstieg und sie wieder unsicher in diese Ecke sah.

 

„Ich weiß es nicht Schatz. Aber er will nichts Böses.“, vermutete ich einfach mal und schloss mich an das an, was der alte Mann mir gesagt hatte.

 

„Aber warum macht er mir dann Angst?“ Sie wollte mir nicht glauben und rückte näher an mich heran, so als würde sie hoffen, ich könnte sie beschützen. Doch ich war mir sicher, dass ich es, wenn Anthony böse Absichten hätte, wohl nicht würde tun können.

 

„Weißt du, wir haben vor sovielen Dingen Angst, die wir nicht kennen. Und vielleicht… vielleicht tut er gar nicht furchterregendes, wenn wir nur genau hinschauen würden.“ Ich war selbst erstaunt über das, was ich mir auf die Schnelle zusammenreimte. Piper wirkte immer noch unsicher, wollte mir nicht ganz glauben, bevor ich ihr nicht beweisen konnte, dass ich Recht hatte. Doch wie sollte ich das nur tun?

 

„Ist er hier, Pipe?“, fragte ich unsicher, weil ich nicht wusste, wie sie auf diese Frage reagieren würde.

 

„Du… du siehst ihn also doch nicht?“ Sie wirkte enttäuscht und ein wenig wütend, weil sie dachte, dass ich sie belogen hätte.

 

„Ich… ich ähm doch… ich sehe ihn, nur nicht immer dann, wenn du ihn siehst. Er zeigt sich nur… nur denen, von denen er gesehen werden will. Und… und vermutlich möchte er jetzt gerade nicht, dass ich ihn sehe.“ Meine Tochter verdrehte wieder die Augen und ich bemerkte, dass meine Theorie oder besser gesagt die Theorie das alten Mannes ein wenig wasserdruchlässig war.

„Wo ist er jetzt?“

 

„In der Ecke dort. Dort ist er immer. Es ist immer dunkel.“, hauchte sie schnell. Ich vermutete, dass sie nicht wusste, ob sie das überhaupt sagen durfte. Aber vor wem wollte sie sich behaupten? Etwa wirklich nur vor Anthony?

 

„Du siehst ihn also nur, wenn es dunkel ist?“

 

Sie nickte. „Ja, aber es muss nicht Nacht sein, oder so. Es muss einfach nur dunkel sein.“ Ich wurde nicht schlau daraus. Warum zeigte er sich ihr nur im Dunkeln, mir aber zu jeder beliebigen Zeit?

 

Ich rutschte herüber zu der Ecke und kniete mich direkt davor nieder. Ich sah nichts, nur die hellblaue Tapete, die mit dunkelblauen Mustern verziert war. Es war alles so, wie es sein sollte. Kein verschwommener Punkt, nichts weißliches oder sonst irgendetwas, das darauf hindeuten könnte, dass dort etwas war. Das Gefühl jedoch, dass ich dieses Zimmer verlassen sollte, stieg. Doch es war wieder so anders… wie eine Warnung, wie etwas Gutes, etwas nett Gemeintes.

 

„Was macht er?“, fragte ich sie unsicher und kam mir dabei etwas albern vor. Doch Piper schien das ganz und gar nicht komisch vorzukommen. Sie sah dort etwas. Sie spielte mir nichts vor. Das hier war Piper Maru Anderson, meinte Tochter, die etwas reales sichtbares dort vor mir betrachtete.

 

„Er sieht dich an.“ Ihre Stimme war heiser, klang fast mechanisch und ich schluckte. Mir wurde es mulmig zumute. Mich sah jemand an… jemand, der direkt vor mir war, den ich aber nicht einmal ausmachen konnte.

 

„Tut er noch etwas?“

 

„Er streckt seine Hände nach dir aus.“ Ich wollte zurückweichen, doch ich konnte es nicht.

 

„Er zeigt sie dir.“

 

„Warum tut er das?“ Ich war verunsichtert, sie merkte das und begann zu zittern.

 

„Du hast auch Angst vor ihm, Mom.“ Verdammt… nein… ganz ruhig bleiben, ganz ruhig. Gleich weißt du es.

 

„Nein… nein! Ich habe keine Angst… es… es ist nur. Ich sehe ihn nicht.“

 

„Hmm… okay. Er streckt seine Hände immer aus. Ich weiß nicht, warum er es tut. Er sagt nie etwas.“

 

„Sagst du denn etwas zu ihm?“ Ich hatte einmal davon gelesen, dass Geister verschwanden, wenn man mit ihnen sprach und sie einem klar machen konnten, was ihr Anliegen war. Aber hatten wir es hier überhaupt mit einem Geist zu tun?

 

„Ich habe ihn mal angebrüllt. Weil ich wollte, dass er weggeht. Ich konnte nicht schlafen, wegen ihm.“

 

„Hat er nicht reagiert? Und wenn er nicht redet, woher weißt du dann, dass er Anthony heißt?“ Ich war verdutzt. Schließlich wusste ich selbst seinen Namen auch nicht und auch Wyn hatte er ihn nicht gesagt.

 

„Ich weiß es einfach, Mom. Ich hab ihn einfach Anthony genannt.“ Obwohl sie das alles so selbstverständlich sagte, merkte ich, dass sie genauso wenig verstand wie ich selbst. Hatte dieses Etwas irgendwie telepathisch mit ihr kommuniziert? Und wenn ja, hatte es ihr am Ende mehr mitgeteilt als bloß seinen Namen?

 

„Verstehe…“ Ich wandt meinen Kopf automatisch noch einmal in die Ecke. Ich starrte sie regelrecht fasziniert an. Was mochte dort nur sein? Von was wurde ich hier Zeuge? Sollte es mir Angst machen, oder sollte ich einfach froh darüber sein, etwas derartiges erleben zu können? War es alles doch bloß Einbildung? Der letzte Gedanke hallte eine Weile durch meinen Kopf. Ich zog meine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen, neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Was willst du Anthony? Und warum zeigst du dich mir nicht?

Langsam, aber entschlossen hob ich meine rechte Hand an und streckte sie aus. Ich wusste nicht, ob ich etwas berührte, doch ich glitt immer wieder durch die Luft hindurch. Versuchte etwas zu ertastetn, etwas fühlen zu können von dem Schauspiel, das sich vor meinen Augen abspielte, das ich aber dennoch nicht sehen konnte.

Auf einmal durchflutete mich eine angenehme Wärme, die von meinen Fingerspitzen, meinen Arm hinaufwanderte, um schließlich meinen ganzen Körper einzuhüllen. Ich bekam dieses schöne Gefühl. Eine Mischung zwischen Vorfreude und einfacher Geborgenheit. Es fühlte sich fast an wie Weihnachten. Ich lächelte.

 

„Ich weiß, dass du da bist“, sagte ich. Ruhg und mir dessen sicher, dass er mich hörte.

 

Piper kroch zu mir und setzte sich im Schneidersitz neben mich.

 

„Er lacht“, sagte sie beinahe erstaunt und betrachtete mich mit Erfurcht. „Er hat noch nie gelacht.“

 

„Und warum tust du es jetzt, Tony? Bin ich so komisch?“, fragte ich ihn direkt, um eventuell doch einen Blick auf ihn erhaschen zu können.

 

„Er ist einfach nur glücklich“, kam es sofort von meiner Tochter und es wahr beinahe so, als würde er aus ihrem Körper sprechen. Ich sah zu ihr hinab und versank für einige Sekunden in dem Blau ihrer Augen. Ein seltsames Glitzern war darin. Es war wie ein Gang, der weit in ihre Seele hinabführte. Ich glaube, er saß dort, dort und sah mich an, ebenso fasziniert von mir, wie ich es von ihm war.

„Piper? Kommst du mal schnell her?“ Ich erschrak als ich plötzlich Clydes Stimme hörte.

 

Piper sprang sofort auf, hielt aber kurz inne und sah mich an.

 

„Ich hab dich lieb, Mom.“, flüsterte sie und ich war mir gar nicht richtig bewusst warum sie das sagte. Heute weiß es ich es oder ich vermute es.

 

„Ich dich auch, Kleines“, murmelte ich gedankenverloren, im Inneren wütend auf meinen Ex-Mann, das er sie ausgerechnet jetzt hatte rufen müssen.

 

Ich sah geistesabwesend auf meine Hände hinab. Meine Hände… Hände… warum zeigte er mir seine Hände?

 

Aus einem unterbewussten Zwang hinaus stand ich auf und setzte mich auf Pipers Schreibtischstuhl. Es war ein kleines Schreibtisch, ihrer Größe angepasst, was zur Folge hatte, dass ich meine Beine kaum unter die Tischplatte quetschen konnte. Es war ein seltsames Gefühl auf einmal so groß zu sein.

 

Plötzlich viel mein Blick auf das Blatt, das Piper zuvor bekritzelt hatte. Ich hob es vorsichtig an und betrachtete es. Seltsam. Ich erschrak. Das waren nicht bloß irgendwelche Striche gewesen. Für mich sahen sie beinahe so aus wie Zeichen. Geordnet in einer Reihe und in seltsamen Formen zogen sie sich über das Papier. Ich hatte soetwas noch niemals zuvor gesehen. Warum hatte sie das nur gemalt?

 

Nach Hilfe suchend sah ich automatisch wieder in die Ecke. Es war nichts dort. Wieder nur diese dumme Tapete. Kopfschüttelnd musterte ich wieder das Blatt Papier. Es sah so wunderschön aus. Auf eine seltsame, elegante Weise, die meine Sinne beinahe benebelte. Ich musste sie sofort fragen, was sie da geschrieben hatte.

 

Hastig erhob ich mich aus dem Stuhl, um hinauszugehen. Doch bevor ich es tat, wurde ich von dem selben weihnachtlichen Gefühl wieder zum umdrehen gezwungen, das ich gefühlt hatte, als ich mit meinen Händen durch die Ecke gefahren war. Ich erschrack und taumelte zurück. Hatte ich da eben etwas gesehen? Waren es Augen gewesen, schwarze Augen?

Hastig sah ich wieder hoch. Blaue Tapete. Mehr nicht, nur die Tapete. Aber ich wusste, dass er da war, dass ich ihn gesehen hatte.

 

 

 

Ende Part II

Fortsetzung folgt!

 

 

 

 

 

 

Runde 3

Part III

The Message from inside

 

 

Clyde kam seltsam blickend aus der Küche hinaus und starrte mich an. Offenbar wollte er, dass ich ihm sagte, wo Gillian war, doch ich dachte nicht daran. Ich war zwar selbst unsicher, was diesen Mann betraf, der mir gegenüber dasaß und scheinbar starr auf ein Bild blickte, das hinter mir an der Wand hing, aber ich respektierte alles, was Gillian tat. Ich konnte mir wahrscheinlich nicht einmal vorstellen, was sie die ganze Zeit durchmachte, also konnte ich erst recht nicht die Frechheit besitzen, ihre Entscheidungen anzuzweifeln. Ich hätte sicher das Gleiche getan, redete ich mir ein, obwohl ich eigentlich kein standfestes Argument hatte, um dies zu behaupten.

 

„Sagen Sie mal, Mr… weiß-nicht-was, was wollen Sie von uns?“, fragte Clyde plötzlich und so laut, dass ich zusammenzuckte.

 

Der Mann tat erstmal so, als hätte er ihn nicht gehört und musterte weiter das Bild, so als würde er jede Linie darauf auswendig lernen.

 

„Hey, ich habe mit Ihnen geredet.“, setzte Clyde noch einmal an.

 

„Ich bin mir dessen bewusst, aber ich denke nicht, dass Sie jetzt im Stande sind zu begreifen, was mich hierherführt, Mr. Klotz.“ Die Stimme unseres Besuchers war ruhig und ohne irgendeinen Unterton. Seine Augen waren ebenso ausdruckslos. Ich konnte nicht sagen, ob er Clyde seine Worte übel nahm, oder ob er sie duldete, oder gar verstand.

 

„Hören Sie doch auf mit diesem Mist! Wissen Sie, Gillian ist vielleicht ein Mensch, der sich von solchem Psycho-Geschwafel einnebeln lässt, aber ich kann über sowas sehen! Was wollen Sie von uns? Kennen Sie am Ende diesen Bekloppten, der hier rumrennt und Frauen zerstückelt? Natürlich! Es ist Anthony hab ich recht? Und Sie wollen uns jetzt anhängen, dass wir ihn verstecken, hab ich nicht Recht?“

 

„Nein, in jeder Hinsicht.“, sagte er schlicht und einfach und wandte sich ab, als wäre er ihm keine weitere Rechenschaft schuldig.

 

„Mr. Duchovny?“ Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich ansprach. Ich nickte also nur, als Antwort darauf. „Wie gut kennen Sie Piper?“

Clyde sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Seine Augen funkelten und ich hatte das Gefühl, als könnte ich die Zeitbombe in seinem Inneren ticken hören.

 

„Nun… ähm… ich kenne sie, seit sie geboren wurde. Ich denke schon, dass ich sie ziemlich gut kenne.“ Clydes Blick zog sich noch mehr zusammen. Ich wusste, dass meine Beziehung zu Piper oft ein Streitthema zwischen ihm und Gillian gewesen war. Er glaubte, dass sie zu oft unter meinem Einfluss gestanden hatte und, dass ich sie mehr erzogen hatte, als er selbst. Ich wusste nicht, ob das stimmte. Ich liebte Piper fast wie mein eigenes Kind, aber ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ich sie ihrem richtigen Vater wegnehmen könnte.

 

Er nickte langsam und bedächtig.

„Vertrauen Sie ihr?“

 

Ich war total überrascht über diese Frage und fuhr mir unsicher durchs Haar.

„Ich… nun…“ Ich hatte niemals darüber nachgedacht, ob ich Piper vertraute. Sie war ein sehr neugieriges Kind, das wusste ich, aber ich wusste auch, dass sie wichtige Geheimnisse für sich behielt. Das hatte ihr Gillian von klein auf eingebläut.

„Ja… ja ich denke, dass ich ihr vertraue.“

 

„Denken Sie es nur, oder tun Sie es?“, sagte er scharf und seine grünen Augen durchbohrten mich.

 

„Ich… ich vertraue ihr insofern man einer achtjährigen vertrauen kann, Sir.“

Ein seichtes Lächeln wanderte über sein Gesicht. Und er begann auf einmal in den Taschen seines langen Mantels zu wühlen und zog einige Sekunde später eine kleine zerbäulte Schachtel aus Metall heraus. Sie war mit seltsamen Gesichtern verziehrt, die alle auf eine schräge, beinahe hysterische Art lachten. Ich erschauderte, als er langsam den Deckel anhob. Clyde sah ebenso gebannt auf die Schachtel, so als denke er, dass jeden Moment ein Monster aus ihr herausspringen würde. Ich war mir nicht sicher, ob ich das nicht auch dachte.

 

„Nehmen Sie einen.“ Er streckte mir langsam die Schachtel entgegen und zu meinem Erstaunen lagen darin gut zwei Duzend kleine runde Kekse, die mit einer roten Glasur überzogen waren.

 

Ich sah ihn verdutzt an, griff dann jedoch hinein und zog den Obersten der Kekse heraus. Die Glasur fühlte sich weich und beinahe unnatürlich glatt an. Ich betrachtete den Keks von allen Seiten. Sollte ich ihn essen? Ich führte ihn zu meinem Mund, doch noch ehe ich ihn öffnen konnte, unterbrach der Mann mich:

 

„Essen Sie ihn nicht!“ Seine Stimme war laut und hektisch.

 

Ich hielt leicht geschockt inne, da ich nicht erwartet hatte, dass er etwas sagen würde. Doch warum sagte er das eigentlich? Das war doch ein Keks und Kekse wurden gebacken, damit man sie aß, oder etwa nicht?

 

„Das ist ein Glückskeks, er wirkt nur, wenn Sie ihn nicht essen!“, fuhr er fort, offenbar um mich vollkommen davon zu überzeugen das rote runde Plättchen nicht meinem Mund zu nähern.

 

„Ich dachte immer, dass wären diese Dinger, in denen man im China Restaurant die Zukunft vorhergesehen bekommt…“

 

„Dieser hier ist anders.“, sagte er gelassen und wandte sich zu Clyde, der uns mit offenem Mund angaffte und offenbar nicht wusste, ob er losschreien oder einfach weggehen sollte.

 

„Ich werde jetzt zu Ihrer Tochter gehen.“ Der Ton des Mannes war geschäftlich, so als wäre er gerade dabei mit Clyde einen Vertrag auszuhandeln. Dieser jedoch dachte nicht einmal daran ihm in irgendeiner Form ein gerechtes Geschäft zu bieten.

 

„Das werden Sie nicht“, hauchte er, seine Stimme von Verachtung zermürbt. Seine braunen Augen wanderten zu meinen und schienen mich regelrecht anzuflehen, etwas zu tun. Doch ich war mir sicher, dass das, was auch immer ich tun würde, nicht zu seinem Wohlgefallen sein würde.

 

„Ich muss es.“ Der mysteriöse Gast, erhob sich und schritt auf die Treppe zu, die Gillian zuvor hochgegangen war.

 

„Sie müssen gar nichts.“ Clyde postierte sich direkt zwischen ihm und der Tür zum Flur. „Sie werden diese Wohnung sofort verlassen. Es ist mir egal, was Gillian denkt und was sie meiner Tochter dort oben vielleicht gerade erzählt. Ich bin in der Lage Entscheidungen ohne Gillian Anderson zu fällen und ich sage, dass Sie mein Kind nicht zu Gesicht bekommen werden.“ Seine Worte schossen mit einer derartigen Kälte, einem derartigen Hass aus seinem Mund, dass ich beinahe erschauderte. Ich hatte ihn noch niemals so wütend gesehen. Und diese Wut kam bei mir als Erfurcht an, als Erfurcht darüber, dass er seine Tochter auf diese Art und Weise zu schützen vermochte.

 

„Möglicherweise können Sie Entscheidungen fällen, die in Ihrem Kopf richtig erscheinen. Ich jedoch kann über Ihren Kopf hinaussehen und weiß, dass das, was Ihre Gefühle Ihnen vorgaukeln, falsch ist.“

 

„Ach lassen Sie doch dieses Gerede! Was soll das, bitte? Glauben Sie meine Knie werden weich und ich klappe zusammen, wenn Sie mir irgendeinen hochgestochnen Scheiß daherreden? Vielleicht können Sie mit ihren Röntgen-Augen ja meinen ganzen Körper durchleuchten, aber ich glaube kaum, dass Sie wissen, was richtig und was falsch ist!“ Er wandte sich um, so schnell, dass er fast strauchelte und hechtete die Treppe hoch. Kurz bevor er hinter der Kurve verschwand hielt er inne und zeigte auf den Mann.

 

„Wenn ich runterkomme, will ich Sie hier nicht mehr sehen!“, hauchte er außer Atem und setzte seinen Weg daraufhin stampfend fort.

 

 

 

 

 

 

Ich ging langsam die Treppe hinunter, immernoch paralysiert von dem soeben erlebten. Das Blatt Papier wurde von dem kalten Schweiß, der sich in meinen Handflächen sammelte, durchtränkt. Ich zitterte, wobei das Papier immer wieder mit einem leisen Schlackern gegen meinen rechten Oberschänkel prallte.

 

Verzweifelt versuchte ich festzustellen, was unten passierte. Warum hatte Clyde Piper nach unten geholt?

 

„Verschwinden Sie endlich!“, vernahm ich seine hektische Stimme. Er war nicht mehr oben, sondern stand im Flur vor meiner Haustür, zumindest vermutete ich das aufgrund des gedämpften Tones seiner Stimme.

 

„Aber Dad, er macht doch gar nichts.“ Piper klang aufgeregt und ich konnte förmlich sehen wie sie meinen Ex-Mann mit diesen ratlosen und wissensbegierigen blauen Augen musterte.

 

Als ich unten an der Treppe angekommen war, hastete ich durch den Flur des zweiten Stockwerkes hindurch, bis ich an der zweiten Treppe angekommen war. So leise, wie ich konnte, schlich ich die ersten paar Stufen hinab, um die Szenerie, die sich dort unten abspielte, in mein Blickfeld zu rücken.

 

Der Mann stand neben dem Jackenständer und sah grinsend zu Piper, die ihre Mundwinkel verkrampf zusammenzog, so, als versuchte sie zu lächeln. Clydes wütend funkelnde Augen ruhten auf ihrem Kopf.

 

„Er ist kein netter Mann, Schatz. Ich werde dir das später erklären.“, murmelte er und riss die Haustür auf. Er zog an Pipers Hand und das so heftig, dass ich ihm am liebsten zugerufen hätte, er solle sie gefälligst vorsichtig anfassen oder ganz loslassen. Wo ging er nur mit ihr hin?

 

„Und nun Sie! Gehen Sie raus!“ Er deutete mit seiner freien Hand demonstrativ nach draußen. Der alte Mann zuckte mit den Schultern. Ich wollte ihn aufhalten, doch irgendetwas hielt mich davon ab, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Der Mann murmelte etwas in Pipers Richtung, das ich nicht verstand und lächelte sie liebenswürdig an. Als Reaktion auf ein wütendes Schnauben von Clyde eilte er schließlich schnellen Schrittes aus meiner Wohnung. Mein Ex-Mann hielt solange inne, bis er offenbar nicht mehr zu sehen war und schleifte Pipe dann regelrecht aus dem Haus hinaus.

 

„Lass ihn. Er hat einfach Angst.“ Ich zuckte vor Schreck zusammen, als ich ein sanftes Hauchen hinter mir wahrnahm.

 

„Ruhig, ganz ruhig, ich bin’s nur.“, kam es von David in einem derart beruhigenden Tonfall, dass ich mich schon fragte, ob er glaubte, ich hätte soeben ein Massaker mitverfolgt.

Ich sagte nichts, drehte mich nur zu ihm um und starrte, als ob es mich vollkommen faszinieren würde, auf meinen Wohnzimmertisch.

„Er wusste es. Er weiß, wer der Mörder ist.“, murmelte ich vor mich hin, nicht wissend, woher die Worte kamen, die meinen Mund verließen.

„Woher kannst du dir so sicher sein, Gill? Ich meine, vielleicht ist er bloß ein Verrückter, der erfahren wollte, wie es ist, dich zu sehen.“, kommentierte er gelassen, versuchend mich zu beruhigen. Aber ich fühlte, dass auch er dem, was er sagte, keinen Glauben schenkte.

„David… ich weiß zwar nicht, was du glaubst, was die ganze Welt denkt, das ich bin. Aber niemand, niemand würde so etwas tun, nur um mich sehen zu können.“

„Siehst du… genau das ist dein Fehler.“ Er beugte sich zu mir hinab und umfasste meine Schultern. „Du weigerst dich zu begreifen, dass es Leute dort draußen gibt, die alles, aber auch alles für dich tun würden, und das ohne jemals ein Wort mit dir gewechselt zu haben.“

Ich schüttelte den Kopf, grinsend, so als würde ich seine Worte wahnsinnig komisch finden. Dabei wusste ich nicht einmal selbst, ob ich ihm rechtgab, oder ihn belächelte.

„So berühmt bin ich überhaupt nicht.“, war das Einzige, was ich dazu zu sagen hatte und riss mich von ihm los.

„Hey… weißt du eigentlich wieviele Leute es gibt, die die vergöttern? Nimm doch mal dieses Theaterstück. Wieviele von den Menschen, die es sich ansehen, kommen meilenweit geflogen, nur um dich zu sehen?“

Ich sah ihn irritiert an. Wieder kam dieses Schuldgefühl in mir hoch.

„Ich weiß es nicht, aber mehrere.“

„Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Alte einer von ihnen ist?“

„Relativ gering“

„Und was ist mit diesem Spinner, den du am Theater gesehen hast? Anthony? Glaubst du wirklich, dass er ein Geist ist?“

Ich nickte. Langsam zwar und kaum bemerkbar, aber ich tat es.

„Nicht direkt ein Geist, aber ich glaube nicht, dass er real war. Ich habe dir doch erzählt, dass er… dass er in dieser Nacht…“

„…nicht menschlich gewirkt hat, das weiß ich. Aber was wäre, wenn das alles nur eine erlogene Geschichte ist, um an dich heranzukommen?“ Ich hatte gerade vorgehabt mich auf meine Couch zu setzen, doch ich hielt inne. Was hatte er da eben gesagt?

„Du zweifelst also an mir? An allem, was ich dir erzählt habe? Mein Gott David, das war kein Fieber! Ich habe diese Dinge wirklich gesehen! Ich habe Anthonys Kopf auf deinen scheiß Schultern gesehen!“ Eine unglaubliche Wut kroch auf einmal in mir hinauf und ich keuchte. Sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, mein ganzer Körper war verkrampft.

„Du hast was?“ David wirkte für einen Moment vollkommen verwirrt und seine Augen blickten ins Leere.

„In… als… du weißt…Ach, verdammt!“ Ich warf mich regelrecht auf die Couch und schnaufte.

„Deswegen bist du also weggerannt? Weil du ihn gesehen hast?“ Seine Stimme war barsch, auf eine gewisse Weise kalt.

„Ja… oder dachtest du, ich bin abgehauen, weil du ein so schlechter Küsser bist?“

Er schüttelte den Kopf und ließ sich fast in Zeitlupe neben mich sinken.

„Es tut mir leid.“, presste er hervor und war offenbar nicht fähig mich anzusehen. „Ich weiß, dass du irgendetwas siehst. Nur versteh doch Gill… es… es ist so… so…“

„…unglaublich, ich weiß. Dave, ich kämpfe selbst damit. Es macht mich selbst vollkommen wahnsinnig.“ David ließ den Kopf in seine Hände sinken und seufzte.

„Du musst zurück ins Krankenhaus“, entfuhrt es ihm in einem Murmeln, so als hätte er Angst es auszusprechen.

„Ich werde nicht zurückgehen.“

„Gill… du MUSST!“ Er richtete sich wieder auf und sah mir eindringlich in die Augen.

„Ich bin aber nicht krank.“

„Das ist irrelevant.“ Sein Ton war befehlerisch, duldete keine Widerrede, doch ich lieferte ihm trotzdem eine.

„Ich kann nicht, David. Es würde zuviel Zeit vergehen.“

„Zeit? Wofür? Du willst doch nicht etwa jetzt schon zurück ins Theater, du bist doch vollkommen fertig!“ Wieder kam diese Wut in mir auf, doch ich presste sie zu Boden.

„Wo du gerade dabei bist, das werde ich auch. Aber erst morgen. Heute muss ich etwas anderes erledigen.“ Ich streckte ihm den Zettel entgegen und er sah mich verwirrt an.

„Was ist das?“ Ich hatte einen lauten Protest erwartet, doch stattdessen riss er mir das Papier regelrecht aus der Hand und betrachtete es eingehend.

„Das hat Piper geschrieben. Ich habe keine Ahnung was es zu bedeuten hat.“, erklärte ich schnell, bewusst innehaltend, weil ich nicht wusste, wie ich ihm die Begegnung mit Anthony schildern sollte. Vielleicht schaute dieser mir gerade über die Schultern und fragte sich, was ich als nächstes sagen würde. Ich hasste diesen Gedanken.

„Ich habe diese Schriftzeichen noch nie zuvor gesehen.“, bestätigte David meine Gedanken.

„Ich auch nicht. Sie kommen mir nicht einmal bekannt vor. Ich kenne eigentlich recht viele Schriften. Als ich ungefähr zwölf war, hatte ich einmal ein Buch, in dem jede bekannte Schrift der Welt aufgelistet war.“, bemerkte ich beläufig und fragte mich, warum mir das ausgerechnet jetzt wieder einfiel, obwohl es eigentlich so geschienen hatte, als ob ich es längst vergessen hätte.

„Hast du das noch?“

„Ähm… ich glaube, es ist, als ich nach New York gegangen bin, verloren gegangen. Vielleicht haben meine Eltern es noch. Ich habe es auf jeden Fall seit damals nicht mehr gesehen, denke ich.“

„Also kann Piper nicht darin gelesen haben?“ Ich schüttelte entschieden den Kopf.

„Äh… weißt du… uhm… was ich eigentlich sagen wollte: Piper muss diese Schrift nicht unbedingt kennen.“ Jetzt hatte ich ihn vollkommen aus der Bahn geworfen. Er sah mich skeptisch an, mit zusammengezogenen Augenbrauen, die sich fast trafen.

„Wie meinst du das jetzt, Gill? Hat jemand anders ihre Hand geführt? Etwa Anthony?“ David grinste jetzt regelrecht und ich fühlte mich in diesem Moment beinahe wie Mulder. Oh Gott, welch Ironie!

„Das… also… ich weiß es nicht. Aber.. ich…“

„Wie wäre es, wenn ich erstmal versuche herauszufinden, was das für eine Schrift ist, bevor wir von irgendwelchen Geistern reden, die Pipers Hände kontrollieren?“

„Ja, ja das wäre eine gute… warum nur du?“

„Weil du jetzt zurück ins Krankenhaus gehst und dich in dein Bett legst.“

„Aber… aber David! Das KANN ich nicht!“

„Ohhh… wir werden ja gleich sehen, ob du das kannst.“ Er schob mich, die Hand zwischen meine Schulterblätter gelegt, vorwärts.

„David, hör mir zu, ich brauche zumindest Bücher… ich brauche irgendetwas, damit ich…. Ahhh!“ Ich fasste mir ruckartig an die Stirn. Irgendetwas drückte gegen meinen Schädel. So, als wolle es ihn durchbrechen, um in die Freiheit zu kommen. Ein stechender Schmerz durchzog meinen ganzen Kopf und ich zuckte zusammen.

„Gill… was?“ Ich konnte nicht reagieren. Es war, als würde eine Bowlingkugel in meinem Kopf an mein Stirnbein schlagen. Mir wurde warm und kurz darauf wieder so kalt, dass ich mich vor zittern nicht rühren konnte.

 

‚Raus!’, kreischte eine Stimme in meinem Kopf. ‚Hohl es raus, oder ich bring dich um! Hohl es raus, verdammt nochmal.!’

 

Ich versuchte krampfhaft alles, was ich hörte in meinem Gedächtnis zu speichern. Er tat irgendetwas! Er tat wieder irgendetwas!

Doch noch ehe ich dieses irgendetwas systematisch ordnen konnte, durchbrachen die Schmerzen meinen Kopf regelrecht und ein hysterisches panisches Kreischen durchfuhr meine Ohren. Es schien, als halle es auf meinen ganzen Körper wider, als brächte es mich zum Vibrieren. Ich keuchte und einmal mehr wünschte ich mir, dass dies alles nie begonnen hätte. Ich wusste nicht, ob ich noch stand, saß oder gar lag. Ich fühlte gar nichts, war vollkommen orientierungslos, wusste nicht einmal, ob meine Augen etwas sahen.

 

‚Du musst es haben! Du hast es, du hast es! Ich weiß es!’ Die Stimme klang ungeduldig, verzweifelt.

Der Druck begann immer stärker zu werden, ich hatte das Gefühl, als würde mein Schädel jeden Moment zerspringen. Ich würgte, glaubte es zumindest zu tun, rang nach Luft.

 

Ein seltsames Keuchen fraß sich in mein Gehirn, ein Röcheln.

Du hast es nicht! Ich werde sie töten, ich werde sie umbringen! Schlampe, Schlampe… ich liebe dich!’

Die Stimme gackerte regelrecht. War es Anthony? Tat Anthony mir das alles an? Aber warum, warum nur, was sollte ich daraus lernen?

Die Schmerzen wurden unerträglich und auf einmal vernahm ich ein seltsames dumpfes Knacken. Nichts. Stille. Es war, als befände ich mich in einem Raum ohne Zeit, ohne Materie.

 

Hart. Der Boden war hart, als ich ihn unter mir spürte. Vor Anstrengung keuchend wand ich mich zur Seite und übergab mich auf den Teppich.

 

 

 

 

„Hey“ Ich fühlte etwas Warmes auf meiner Wange, das langsam darüberstrich. Ein sanftes Kribbeln breitete sich in mir aus und ich legte den Kopf zur Seite, die Berührung genießend.

„Du hast mich gerade vielleicht erschreckt“, hörte ich wie durch einen langen Tunnel Davids Stimme.

Ich öffnete vorsichtig die Augen und sah, wie er direkt über mich gebeugt, noch immer meine Wange hielt. 

Für einige Sekunden wollte ich ihn nur anlächeln, doch plötzlich überkam mich mit der Frage, wieso ich eigentlich in einem Bett lag, wieder die Erinnerung. Ich schreckte hoch und sah mich, in dem ich den Kopf zweimal schnell hin und herschwenkte, um.

„W-wo bin ich?“, stotterte ich hervor.

„Ganz ruhig“ Er übte mit seinen Händen leichten Druck auf meine Schultern aus, doch ich gab nicht nach. „Es… es ist alles okay Gill. Ganz ruhig.“ Doch anstatt mich zu beruhigen, machte mich seine sanfte Stimme regelrecht wahnsinnig.

„Wieviel Uhr ist es?“, fauchte ich regelrecht.

„Gill…“

Ich warf ihm einen drängenden Gesichtsausdruck zu.

„Okay, es ist halb fünf. Du… bist ohnmächtig geworden und hast jetzt ungefähr zwei Stunden geschlafen.“

Ich nickte langsam und begann allmählich wieder klar im Kopf zu werden.

„Das ist genau die richtige Uhrzeit um einmal durch die Bibliotheken Londons zu trampen und…“

„Das wirst du bleiben lassen. Du könntest höchsten übermorgen regulär entlassen werden und die machen mir hier echt die Hölle heiß, weil ich es zugelassen habe, dass du nach Hause fährst.“

„Gott, verdammt nochmal, langsam habe ich das Gefühl, dass nun wirklich niemand versteht, was ich denke! David, ich hatte eine Vision und wenn ich diese Bilder in meinem Kopf richtig interpretiert habe und meine Intuition sagt mir, dass es so ist, dann hat er wieder gemordet.“

David seufzte und sah mich mit einem dieser unwiderstehlichen Hundeblicke an.

„Gillian, du steigerst dich da in etwas rein. Ich weiß, dass all dies irgendetwas zu bedeuten hat. Aber in deinem Kopf schreit doch niemand: Oh Gillian, du bist jetzt auserwählt, die Heldin zu spielen! Oder etwa doch? Wie wäre es, wenn du einfach zur Polizei gehst und…“

Die Augen verdrehend richtete ich mich auf und zog meine Decke zurück.

„David William Duchovny, hast du eigentlich irgendetwas gelernt, während du 8 Jahre lang Akte X gedreht hast? Die werden mich doch für vollkommen verrückt erklären, wenn ich ihnen davon erzähle…“

„…und daraus schließt du also, dass du selbst ermitteln musst? Gill, es tut mir leid das sagen zu müssen, aber du bist wahnsinnig! Ist dir eigentlich klar, dass es sich bei diesem Mann, Anthony, oder wer auch immer, um einen gestöhrten Psychopathen handelt? Denkst du etwa, er wird Männchen machen, wenn du ihm über den Weg laufen solltest? Wir reden hier von einem Mörder, Gillian, einem Mörder und Mörder pflegen nicht innezuhalten, nur weil sie jemandem begegnen, der sich aus weiß Gott nicht was für Gründen dazu berufen sieht, sie dingfest zu machen.“

„Ich habe ja nicht gesagt, dass ich versuchen werde, ihn festzunehmen… Ich möchte nur genügend Beweise haben, um wirklich um Hilfe bitten zu können. Ich will das Puzzle zusammenfügen, bevor es zu spät ist…. Hast du dir eigentlich schon einmal darüber Gedanken gemacht, warum ich diese Dinge sehe? Warum ich Anthony sehe? Aus irgendeinem Grund muss ich mit ihm verbunden sein und damit auch mit dem Mörder. Vielleicht habe ich um irgendwelche Ecken etwas mit seinem Motiv zu tun oder ich kenne ihn?“

„Nun mal langsam, du glaubst also unseren Charles Manson zu kennen? Aber wieso solltest du das? Was soll überhaupt sein Motiv sein? Wenn du damit etwas zu tun haben solltest, dann hasst er dich. Und das wäre ein Grund mehr, dich aus dieser Sache herauszuhalten. Du hast ein Kind, verdammt nochmal!“

„Ach… schön, denkst du wirklich ich würde mich absichtlich in Gefahr begeben? Soweit gehen, dass mir etwas zustoßen könnte? Ich will doch nur eine paar Wörter übersetzen, denkst du wirklich dieser Wahnsinnige hockt in der nächsten Bibliothek und wartet auf mich?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Wer weiß das schon?“ Davids Blick wanderte zum Fenster. Er wirkte regelrecht verloren und ich hatte Angst, dass ich ihn allzu wütend gemacht hatte. Ich wollte tief in mir auf ihn hören, aber etwas, ein Gefühl, das noch tiefer lag, als meine Bedrüfnis seinem Rat zu folgen, bedrängte mich so sehr, dass ich glaubte, bald zu explodieren.

„Gillian… hör mir zu, ich meine das alles nicht böse. Im Gegenteil.“ Er beugte sich vor und nahm meine Hand in seine. Etwas raues berührte mich. Es fühlte sich an, wie eine Wunde. Ich zuckte zusammen. „Du bedeutest mir mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst. Allein der Gedanke daran, dass du diesem Mann begegnest, macht mich wahnsinnig. Ich will nicht, dass dir irgendetwas passiert, ich will nicht, dass du leidest. Ich habe schreckliche Angst um dich. Ich sehe hier Dinge, die ich nicht verstehe und Dinge, die ich kaum glauben kann. Und zu wissen, dass du ihnen ausgeliefert bist, ohne, dass ich etwas dagegen tun kann, laugt mich innerlich aus. Ich bitte dich nur darum, vorsichtig zu sein. Von mir aus, kannst du jetzt gehen. Ich weiß, dass es unmöglich ist, dir etwas auszutreiben, dass du dir in deinen kleinen Dickkopf gesetzt hast.“ Ich schluckte und ich sah, wie seine Augen feucht wurden.

„Außerdem würde ich, falls es dir nichts ausmacht, gerne mitkommen.“

Ich fühlte, wie sich eine erleichternde Freude langsam in mir auszubreiten begann. Lächelnd beugte ich mich vor und küsste ihn auf die Wange. Kleine Bartstoppeln streiften meine Lippen und sein Geruch benebelte mich für einige Sekunden. Ich verharrte länger an seiner Haut, als ich es eigentlich hätte tun sollen, doch ich war nicht fähig mich zu rühren.

 

 

 

 

„Also dann, du nimmst die Reihe und ich die dort hinten! Ich hätte ja nie gedacht, dass es allein über alte Schriftzeichen eine ganze Abteilung gibt...“

Ich lächelte. Allein das Ereignis, Gillian mal wieder voll in ihrem Element zu sehen, hatte es ausgezahlt, dass wir beinahe eine Stunde gebraucht hatten, um die Genehmigung dafür zu bekommen, dass sie sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen konnte.

„Ich hätte nie gedacht, dass es überhaupt soviele Sprachen gibt…“, konterte ich und ging nach links, während Gillian begann die Regale der rechten Seite zu durchstöbern. Ich hielt den Zettel, den Piper bemalt hatte, fest umklammert und zog das erste Buch aus dem Regal. Gillian tat es ebenfalls, nur dass sie felsenfest davon überzeugt war, sich diese seltsamen Zeichenreihen bereits so eingeprägt zu haben, dass sie den Zettel nicht mehr brauchte. Ich fragte mich, wie lange sie wohl darauf gestarrt hatte.

Schnell begann ich das Buch zu überfliegen, verstaubte Seiten rauschten an mir vorbei und ich unterdrückte ein Niesen. Es handelte größtenteils von Hyroglyphen aus dem alten Ägypten und ich bezweifelte, dass ich hier fündig werden würde. Ich seufzte und sah zu Gillian hinüber. Ihre kleine Nase war tief in ein dickes Buch versunken und ihre Haare streiften den Rand der Seiten.

Sie zuckte unruhig mit den Augenbrauen, offenbar hatte sie genausowenig Glück wie ich, vermutete ich und ließ den dicken Schinken in meiner Hand wieder zurück an seinen Platz gleiten.

Die Reihen waren mit Buchstaben versehen, was erleichtern sollte die entsprechende Schrift zu finden. Doch da wir beide keine Ahnung hatten, mit welchem Buchstaben die Sprache beginnen könnte, nach der wir suchten, brachte es uns erdenklich wenig. In Anbetracht der Tatsache, dass es wohl unmöglich war, die hunderten von Bücher, die unter dem Buchstaben A abgelegt waren, alle zu lesen, schlenderte ich weiter zu der B-Reihe und zog erneut ein Buch hervor.

Und wieder eine Niete.

Nachdem ich die ganze Reihe von A-M viermal durchgegangen war, entschied ich mich dafür, das Ganze sein zu lassen. Gelangweilt und ein wenig enttäuscht, ging ich zu Gillian hinüber, die an einem Tisch über und über in Büchern begraben, eifrig Notizen machte.

 

„Na, Glück gehabt?“ Sie regte sich nicht und schrieb weiter. Nach ein paar Sekunden schüttelte sind den Kopf.

„Ich denke nein und ich glaube auch nicht, dass wir es noch haben werden.“ Sie streckte sich und sah zu mir hoch.

„Ich habe das System der Schrift mit sämtlichen anderen verglichen und bin zu dem Entschluss gekommen, dass sie nicht existiert oder zumindest niemals von einem Volk regulär verwendet wurde.“

Als benahe Doktor in Literatur fühlte ich mich jetzt leicht überrumpelt.

„Und… ähm… wie kommst du darauf?“

„Nun, wenn ich das richtig ersehen kann, handelt es sich hierbei um sechs Worte.“ Sie nahm mir den Zettel ruckartig aus der Hand und umkreiste mit dem Zeigefinder jede Zeichenreihe.

„Könnten es nicht sechs Sätze sein? Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand sechs derart lange Wörter in einen Satz schreibt.“

„Es muss ja kein Satz sein.“ Jetzt war ich verwirrt. „Nun ja, es könnten Stichpunkte sein, oder irgendwas anderes, auf das ich im Moment nicht komme.“ Sie lachte.

„Ja, schön und gut, aber warum so lang?“

„Jetzt kommt der Grund, warum ich vermute, dass es diese „Sprache“ gar nicht gibt. Ich glaube, dass es sich hier um eine Art Code handelt, etwas, von dem der Autor will, dass es auf gar keinen Fall jemand lesen kann. Darum verwendet er für einen Buchstaben mehrere Symbole.“ Ich nickte… irgendwie war das einleuchtend. „Und da ich glaube, dass Anthony Piper befohlen hat, das zu schreiben…“

„Könnte sie sich das nicht selbst ausgedacht haben? Es wäre doch recht einfach. Sie nimmt einfach das Alphabeth und dichtet es dementsprechend um.“

„Warum sollte sie das tun? Um mich zu verarschen? Komm schon, da steckt mehr dahinter.“

„Aber wenn dieses Zeug niemand lesen kann oder soll, warum diktiert er ihr es dann in dieser Schrift, wenn er uns evtl. eine Botschaft übermitteln will? Und warum sagt er es dir nicht einfach, wo er doch eh wann er will mit dir reden kann?“

„Ehrlich gesagt: Ich hab keine Ahnung.“

 

Fortsetzung folgt!

 

 

Runde 3

Part IV

Telling the Secret

 

 

„Ich will ja nicht dumm fragen, aber was machst du da?“ David sah etwas verunsichert über meine rechte Schulter und ich zuckte zusammen. Promt vertippte ich mich und löschte hastig das vollkommen verkorkste Wort.

„Ich schreibe eine E-Mail.“

„Hmm, das seh ich schon noch, aber an wen?“ Wieder landete ein R da, wo es nicht sollte.

„An Professor Robert Wierzbicki von der Cornell University in Ithaca.”, antwortete ich schnell, hoffend, dass ich mich irgendwann daran gewöhnen würde, dass mir Leute beim tippen über die Schultern schauten. Verdammtes S!

“Ahhh… okay und was genau willst du von diesem Professor Wierz-irgendwas?”

Dieses dämliche E!

“…bicki…uhm… ich kenne ihn seitdem ich mal ein Semester in Cornell studiert habe. Äußerst sachkundiger Mann. Wenn mir jemand helfen kann, diesen Code zu entschlüsseln, dann er. Er unterrichtet Linguistik und ich bezweifle, dass es irgendetwas gibt, das er nicht versteht.” David lachte und rückte noch ein wenig näher.

“Glaubst du, er kennt dich noch?”

“Mhm, ich glaube kaum, dass man jemanden so schnell vergisst, der einen drei mal in einer Woche beinahe über den Haufen gerannt hätte. Und außerdem meinte er, ich hätte so eine “Ausstrahlung”.”

“Die hast du ja auch.” Er zwinkerte mir liebevoll zu und ich setzte dabei vier I’s an die falsche Stelle.

“Weißt du, ich kann überhaupt nicht schreiben, wenn mir jemand über die Schulter schaut.”

“Oh, na, wenn das so ist…” Er schlang seine Arme um meine Taille und zog mich auf seinen Schoß.

“So besser?” Kichernd lehnte ich mich gegen ihn und fühlte wie ein warmer Schauer meinen Rücken hinunterlief.

“Nein, aber es gefällt mir.” Während ich Davids Atem in meinem Nacken spürte und mich sechsmal vertippte, setzte ich den Abschlussatz unter die Mail.

Zufrieden begann ich damit, sie noch einmal durchzugehen.

 

 

To: rjwierzbicki@cornell.edu

From: iamnotgilliananderson@aol.com

Subject: Übersetzung oder kannst du der armen Gillian zum hundersten Mal helfen? *liebschau*

 

Hi Rob!

 

Ja, man lese und staune, ich bin es mal wieder.

Ich weiß, ich habe lange nicht mehr gemailt und es tut mir echt leid, aber ich habe über die Weihnachtsferien mal wieder Mist mit meinem AOL gebaut und hey, immerhin habe ich es ganz alleine geschafft es neu draufzuspielen, also kannst du mich ruhig loben -tee hee!-

Ich hoffe dir und den Kids geht es gut und du regst dich nicht allzu sehr über das auf, das ich dir mal wieder aufhalse *grins* Also, wie auch immer, ich habe da eine kleine Bitte an dich:

Ich habe dieser Mail ein Bild angehängt. Es ist ein Blatt Papier, auf dem sich – also zumindest mal wieder für mich - unverständliche Schriftzeichen befinden. Könntest du es dir ansehen? Ich vermute, dass es eine Phantasiesprache ist und das der Autor mehrere Symbole für einen Buchstaben verwendet. Es muss kein zusammenhängender Text sein. Vielleicht sind es auch nur einzelne Wörter- ich meine, ich kann’s nicht lesen *gg*

Du kannst es ja mal ein paar Leuten zeigen und vielleicht bekommt ihr zusammen raus, was auf dem Blatt steht?

Hoffentlich macht es dir nicht zuviel Arbeit, aber es ist wirklich wichtig!

 

Ich hoffe, dass du so schnell wie möglich antwortest!

 

Schöne Grüße, auch an Mary

Gillian, die verspricht in nächster Zeit öfter zu schreiben! J

 

„Interessante Addy“, hörte ich auf einmal ein Kommentar hinter meiner Schulter und lachte.

„Na ja, ich hätte auch fallsdownstairs@aol.com, hatescatsmadeofbunnyfur@aol.com oder so eine seltsame MSN-Adresse, die ich in deiner Anwesenheit wohl besser nicht erwähnen sollte, nehmen können, aber da schien mir das doch am Seriösesten. Und ob du es glaubst oder nicht, auf diese Adresse ist noch niemals jemand gekommen!“

„Da ist mein dduchovny@aol.com wohl doch zu offensichtlich, oder?“ Ich musste immer wieder grinsen, wenn ich daran dachte, wie einfach seine E-Mail-Adresse doch war, allerdings hatte er schon oft Mails von Leuten bekommen, die einfach mal drauf los probiert hatten und ihn dann tatsächlich erreicht hatten.

„Allerdings“

„Aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass dir einfach niemand mailen will.“ Ich zog die Augenbrauen schmollend zusammen und verdrehte die Augen. David knuffte mich liebevoll in die Seite und ich lachte.

„Du glaubst gar nicht wieviele E-Mails ich an queequeg0925@hotmail.com geschickt bekommen habe. Und ich habe sogar geantwortet! Das Problem war nur, dass mir nach einer Weile lauter Leute geantwortet haben, die meinten, dass ich wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte und sowieso nie Gillian Anderson wäre. Und irgendwann habe ich die Addy dann aufgegeben.“

„Mooom! Wann kommst du endlich nach unten, ich hab hunger!“ Piper schrie aus vollem Halse und ich zuckte vor Schreck zusammen. Clyde war, kurz nachdem wir aus der Bibliothek wiedergekommen waren, in ein Hotel gezogen, noch immer sichtbar wütend auf mich. Und hatte meine Tochter eigentlich mitnehmen wollten. Doch Piper hatte darauf bestanden dazubleiben. Obwohl ich mich dafür schämte, hatte ich gehofft, dass er sie nicht bei mir lassen würde. Irgendwo in mir hatte ich Angst um sie. Angst, dass ihr hier irgendetwas passieren könnte. Doch andererseits war ich froh über jede Minute, die ich mit ihr verbringen durfte.

„Ich komm ja schon, Schatz!“

„Kann sie sich nicht selbst etwas kochen?“, fragte David auf einmal grinsend und man merkte ihm sichtlich an, dass er enttäuscht war, dass wir jetzt aufstehen sollten.

„Ich hab das gehört, Dave. Und eigentlich ist mir Moms Haus recht lieb und ich möchts nicht in die Luft jagen! Also, runter kommen und antreten, bitte!“ Ich schüttelte kichernd den Kopf. Vor jedem anderen wäre mir das Benehmen meiner Tochter etwas peinlich gewesen, aber David kannte Piper gar nicht anders. Also hätte er sich wohl gewundert, wenn sie auf einmal ein Blatt vor den Mund genommen hätte.

„Jawoll, Chef!“, kam es von David, der sogleich seinen Weg zu Treppe zu bestreiten begann. Ich folgte ihm leise vor mich hinkichernd und als er unten angekommen, schließlich vor Piper salutierte und sie ihn freudestrahlend in die Küche kommandierte, hatte ich beinahe das Gefühl, als würde sie mit ihrem Vater reden. Halt! Stopp! Was denkst du da wieder, Gillian?

Ich seufzte. Wenn ich etwas hasste, dann waren es wohl verpasste Chancen.

„Mom, was machst denn da? Dave und ich finden den großen Topf nicht!“ Ich machte daraufhin sofort zwei hastige Schritte in die Küche und begann ein paar Schubladen aufzureißen.

 

 

 

 

Gillian lief die ganze Zeit ungeduldig durch den Raum. Ihr ganzer Körper war angespannt. Das Warten schien sie wahnsinnig zu machen.

 

„Irgendwann gleich muss es soweit sein.“, murmelte sie gedankenverloren, während sie immer schneller einen Fuß vor den Anderen setzte. Vor ihr flimmerte der Fernseher, der schon seit gut einer Stunde eingeschaltet war. Sie hatte mir nicht erklären können, worauf sie wartete, oder woher sie wusste, dass in dieser Sekunde etwas ausgestrahlt werden würde, das sie sehen musste. Doch sie hatte es mir mit derartiger Überzeugung erklärt, dass ich nun selbst wie gebannt auf den Bildschirm starrte, nicht wissend, nach was ich Ausschau halten sollte.

 

„Ha!“ Sie hielt auf einmal abrupt inne und drückte ihren Zeigefinger mitten auf die Mattscheibe. „Das ist es! Hör zu, gleich werden sie es sagen!“

 

„Vermutlich viertes Opfer des so genannten Puppenmörders neben dem Buckingham Palace entdeckt. Wieder war die Tote auffällig zur Schau gestellt worden. Augenzeugen berichten, dass man die Leiche am frühen Nachmittag dort plazierten haben musste. Wie dies allerdings geschah, ohne dass jemand es bemerken konnte, ist unklar. Aufgrund der seltsamen Umstände und der Auswahl der bisherigen Fundorte, wobei der Lononder Zoo und die Themse zu nennen sind, ist eine Tat mit terroristischem Hintergedanken nicht auszuschließen. Die Königsfamilie hat sich noch nicht zu dem Vorfall geäußert. Noch immer möchte die Polizei keine Spuren bestätigen. Auch auf der Pressekonferenz vor einer Stunde hieß es, dass man zwar Ahnungen, noch lange aber keine Hinweise hätte. Darum bitten wir Sie immernoch sich zu melden, falls Sie an den entsprechenden Daten etwas gesehen hab…“

 

„Das ist alles solch ein furchtbarer Schwachsinn!“ Wütend drückte sie den Ausknopf des Fernsehers und ließ sich frustriert auf die Couch fallen. „Terroranschlag! Immer reden sie von Terroranschlägen, obwohl sie nicht die geringsten Hinweis…“

„Gillian, woher weißt du eigentlich, dass seine Motive nicht terroristischer Natur sind? Du weißt doch nicht einmal, wer er ist. Du vermutest ihn zu kennen und glaubst, dass du etwas mit seinem Antrieb zu tun hast, aber du hast dafür genaugenommen noch weniger Beweise als sie…“

Sie ignorierte meine Einwände vollkommen, was mir einen unangenehmen Stich in die Herzgegend versetzte. Ich seufzte und sah, wie sie nach ihrem Laptop griff, der auf dem Wohnzimmertisch lag.

Sie öffnete ihn mit einem gewohnten Handschwung und tippe ein paar Buchstaben ein, die offenbar ein Passwort darstellten. Ihre kleine Nase beinahe an dem Bildschirm flachdrückend, begann sie mit der Maus immer weiter in die unendlichen Weiten des Computers einzudringen, bis ihre Augen erfreut aufleuchteten.

 

„Liebe Gillian…“, begann sie zu murmeln, offenbar nicht ganz wissend, dass sie laut redete.

Ich schloss daraus, dass dieser Wirzbick- was- auch- immer ihr zurückgeschrieben haben musste. Mit nicht ganz unauffälligem Interesse beugte ich mich zu ihr hinüber und versuchte einen Blick auf die E-Mail zu erhaschen. Doch bevor ich es konnte, schnappte der Laptopdeckel frustriert wieder zu.

 

„Hey, wir sind hier nicht in der Schule, hier ist abgucken erlaubt.“ Ich zuckte gespielt mit dem Augenbrauen, doch es ließ sie kalt.

„Er hat mir im Grunde nur das geschrieben, das ich sowieso schon wusste. Dass es irgendein Code ist. Er macht sich dran ihn zu entschlüsseln, es könnte aber eine Weile dauern.“

„Na, das ist doch immerhin schonmal etwas.“, versuchte ich sie zu ermutigen, doch sie seufzte nur.

„Die Sache ist die: Eine Weile ist Zeit, die wir nicht haben.“ Sie griff hastig nach einem der Apfel-Bonbons auf dem Tisch und warf ihn geradezu athletisch in ihren Mund.

„Du tust immer so, als würde morgen die Welt untergehen.“

„Wenn sie es täte, wäre es sogar besser. Dann würde das, wovor ich Angst habe, nicht mehr eintreten.“

„Und was ist das?“

„Ich weiß es nicht…“ Sie sah von mir weg, beobachtete Schwalben, wie sie ihre Flügel ausbreiteten und vom Dach segelten. „Es kommt auf mich zu, doch ich kann es nicht sehen.“

Auf einmal erhob sie sich ruckartig und begann mit großen Schritten den Raum zu durchqueren.

„Was machst du?“, fragte ich verdutzt.

„Ich halte es nicht mehr aus!“, war das Einzige, das sie antwortete.

 

 

Ich hatte mich bereits tagelang zurückgehalten, obwohl ich gewusst hatte, dass ich es hätte tun sollen. Es hatte mich sowieso gewundert, warum niemand mehr auf mich reagiert hatte, doch nach meinem Ohnmachtsanfall hatte vermutlich sowieso jeder gedacht, dass mir eine ordentliche Tassenration im Schrank abhanden gekommen war. Und das Dumme war, dass ich ihnen nicht einmal das Gegenteil beweisen konnte. Aber gut, das war nun wieder eine vollkommen andere Geschichte.

 

Ich kann nicht sagen, ob es nun wirklich verrückt war, das zu tun, von dem mich jetzt nur noch eine Handbewegung trennte. Doch in mir tickte etwas, eine Bombe, die damals, an diesem kühlen Winternachmittag entzündet worden war. Ihre Zündschnur brannte ab. Immer schneller und mit jedem Millimeter, den das Feuer zerfraß, wurde die Last, die unaufhörlich auf mich drückte, schwerer. Ich musste es ihnen mitteilen, ihnen erklären, dass er dort draußen war und dass sein Motiv eines des Wahnsinns war, das ein normaler menschlicher Verstand nicht erfassen konnte. Dass er tötete, weil er sich entwickeln wollte. Dass er auf irgendetwas hinarbeitete, dass die Zeit verging.

 

„Wir bitten Sie, sich zu melden, falls Sie etwas wissen.“ Dieser Satz hallte immer monoton und bedrängend in meinem Kopf wider. Sie hatten Recht. Ich musste meine Pflicht tun.

 

 

 

                                                       

Ungeduldig wartend blickte ich immer wieder auf die Uhr. Mein Vorhaben hatte sich als gewagter herausgestellt, als ich es erwartet hatte. Ich war mir zwar bewusst gewesen, dass ich es vermutlich mit ziemlich hohen Polizeiermittlungen würde zu tun haben, doch dass man sofort einen Inspektor des Scotland Yard vorbeischicken würde, hatte ich ehrlich gesagt nicht vermutet.

 

Und dieser hohe Inspektor schien sich auch für einen solchen zu halten und verspätete sich nun schon um eine halbe Stunde. Ich hatte unterdessen Wyn angerufen und ihm gesagt, dass ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Dass ich mehr oder minder abgehauen war, hatte ich ihm bewusst verschwiegen. Er schien es jedoch zu ahnen und hatte mich immer wieder gefragt, ob es mir auch wirklich gut ging.

Die nächste Vorstellung war auf morgen Abend angesetzt, was mir sehr lieb war, obwohl er wohl erwartet hatte, dass ich mich beschweren würde. Aber für mich war dieser Zeitpunkt genau richtig, es war nicht sofort, aber dennoch bald genug um wieder ein wenig Routine in mein Leben zu bringen.

Unter diesem Vorwand hatte auch David nichts dagegen gehabt, dass ich die Vorstellungen wieder aufnahm. Er saß gerade mit Piper, die eben von ihrem Vater zurückgekommen war, der es immernoch bevorzugte sich in einem Hotel zu verschanzen, im Wohnzimmer und sah sich eine seltsame Trickserie an, die eigentlich nur daraus bestand, dass dauernd irgendwem ein Körperteil fehlte.

 

„Sag mal, Onkel Dave? Glaubst du, dass ich meine eigene Serie kriegen könnte?“

„Hmm… hättest du denn ne Idee?“, fragte er ernst und ich grinste vor mich hin. Piper setzte sich immer ab und an irgendwelche Dinge in den Kopf, die sie unbedingt verwirklichen wollte. Das letzte Mal war es eine eigene Konzerthalle gewesen, doch irgendwie hatten sich alle geweigert ihr eine zu verkaufen. 

„Also, ich hab Bilder!“, sagte sie triumphierend.

„Hmm…“ Ein Klingeln durchfuhr plötzlich die Stille und mir wurde klar, dass mein Inspektor um Einlass bat. „Kannst du mir die zeigen? Ich kann dann professionell beurteilen, ob daraus eine Serie werden könnte.“

„Okay, ich hol sie…“

„Warte, ich komm einfach mit, okay?“

„Von mir aus! Aber ich muss sie noch ein wenig… sortieren und so…“ Sie schob ein paar imaginäre Blätter mit den Händen untereinander.

„Kein Problem“ Er zwinkerte ihr zu und sie preschte die Treppen hoch.

„Perfektes Timing“, presste ich heraus und wollte runter gehen, doch er hielt mich am Unterarm fest und sah mir tief in die Augen.

„Viel Glück“, hauchte er und strich mir für den Bruchteil einer Sekunde über die Wange.

„Danke“ Ich war so nervös, dass ich kaum lächeln konnte, aber ich brachte scheinbar trotzdem etwas fertig, das einem Lächeln glich, denn er lächelte zurück.

„Du kriegst das hin, Psycho-Gill. Mach ihn fertig!“ Er ballte seine Hand zu einer Faust und erhob sie, wie für einen Schlachtruf. Ich kicherte.

„Ja klar, ich mach ihn so platt, dass ich am Ende wegen Belästigung im Gefängnis landete.“

„Oder in der Klapse…“

Ich verdrehte gespielt wütend die Augen, doch irgendwas sagte mir, dass das vielleicht wirklich passieren könnte…

„Nein. Nein! Das war ein Scherz!“ Er knuffte mich liebevoll in die Seite und die Klingel ertönte wieder.

„Ich muss dann, sonst denkt er, ich hab ihn versetzt!“

„Nun denn, viel Vergnügen!“

David wandte sich um und ging die Treppe zu Pipers Zimmer hinauf und ich machte mich auf meinen Weg des Schicksals zur Haustür.

 

Noch einmal tief durchatmend griff ich nach der Klinke und zog die Tür auf. Erstmal blickte ich nur auf eine seltsame goldene Anstecknadel, die eine Schlange derstellte, deren Maul von einem Pfeil durchschossen worden war. Ich brauchte einige Sekunden um aufzublicken und schließlich Meter über mir, wie es mir schien, die ernsten Gesichtszüge einer Frau zu erspähen.

 

„Guten Tag, Ms Anderson, nehme ich an?“ Ihre Stimme war monoton und ohne jeglichen Unterton. Ich fühlte mich beinahe, als würde ich mit einem Roboter reden.

„Ähm, ja…“, brachte ich unter großer Überwindung heraus. „Sie müssen von Scotland Yard sein?“, fragte ich noch hintendran, obwohl ich eigentlich sicher wusste, dass sie es war.

„Ja“, kam barsch die Antwort. „Ich bin Inspektor Diana Ring. Abteilung für Gewaltverbrechen. Es freut mich Sie kennenzulernen, Ms Anderson.“ Hmm… das glaubte ich wohl kaum.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Inspektor, darf ich bitten?“ Ich zeigte einladend mit der Hand in meinem Flur und sie überschritt die Schwelle so, als würde sie mein Haus besetzen.

 

 Sie war wirklich ungewöhnlich groß, mindestens 1, 85 m und hatte eine strenge Bobfrisur, die mich unfreiwllig ein wenig an mich als Scully erinnerte. Aber wenn, dann sah ich sicherlich nicht so kalt aus… ich hoffte es zumindest. Ihr langer Körper steckte in einem engen hochgeschlossenen Hosenanzug und sie musterte mich abwartend aus ihren stahlgrauen Augen, die nichtssagender nicht hätten sein können.

„Hier lang bitte.“ Ich wies sie die Treppe hinauf und während ich voran nach oben ging, fühlte ich die ganze Zeit ihren Blick in meinem Nacken und ich erschauderte.

Ich wagte es sehr zu bezweifeln, dass ich gerade dieser Frau mein Innerstes offenbaren konnte. Doch scheinbar blieb mir keine andere Wahl. Entweder erzählte ich ihr die Wahrheit oder gar nichts.

„Sie können dort drüben Platz nehmen.“ Ich zeigte auf den Sessel, da sie sich wieder nicht regte. Schließlich schaffte sie es doch in relativ schnellem Tempo sich hinzusetzen und betrachete mich nun eingehend. Ich setzte mich ebenfalls auf die Couch ihr gegenüber und versuchte mich so gut wie möglich zu sammeln, damit meine Worte nicht zu bescheuert klangen. Die Frage, ob ich sie überhaupt vernünftiger klingen lassen konnte, wusste ich nicht zu beantworten.

„Nun gut, lassen Sie uns anfangen. Ich denke, Sie sind sich darüber im Klaren, dass Sie sich strafbar machen können, wenn Sie während der Befragung lügen?“

Dabei sah sie mich an, als würde sie mir den Kopf abhacken, wenn sie auch nur den Verdacht hätte, dass ich log.

Ich schluckte und nickte.

„Dessen bin ich mir bewusst, ja.“

„In Ordnung. Sie haben in Ihrem Anruf erwähnt, dass Sie eine Zeugenaussage machen könnten, die für die Ermittlungen wichtig sein könnte, ist das richtig?“

Ich fragte mich, warum sie mich all diese Dinge fragte, obwohl sie sie doch zu wissen schien und ich nicht einfach anfangen konnte. Doch wenn ich es mir recht überlegte, war es jetzt an der Zeit mit der „Entschärfung“ meiner Aussage zu beginnen.

„G- Genaugenommen ist es keine direkte Zeugenaussage, es sind eher… Informationen.“

Sie zog die Stirn kraus und zog einen Notizblock aus ihrer Blasertasche.

„Auch gut. Dann legen Sie mal los.“ Etwas verdutzt lehnte ich mich vor, um irgendetwas zu sagen, doch ich fühlte mich, als wäre ich ein Clown in einer Zirkusmanage, der nur zur Belustigung des Publikums diente.

„Also?“, fragte sie sofort auffordernd. „Beginnen Sie, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, Ms Anderson.“ Die letzte Silbe meines Namens sprach sie derart scharf aus, dass ich nahe daran war zusammenzuzucken. Ich holte also tief Luft und versuchte mir vorzustellen, mit irgendwem anders zu reden, nur nicht mit Inspektor Ring. Funktionieren wollte es allerdings nicht so ganz, also verließen die ersten Worte recht stockend meinen Mund.

„Vor zwei Tagen war ich schon mal kurz davor eine Zeugenaussage für die Polizei zu machen, jedoch… ist etwas dazwischengekommen. Es ging damals um das Verbrechen, dass sich im Notting Hill Inn Hotel zugetragen hat.“

Sie schrieb eifrig mit einem goldenen Kugelschreiber und sah mich nicht an.

„Was genau hat Sie davon abgehalten, die Aussage zu machen?“

„Ähm… ich hatte einen Schwächeanfall und habe daraufhin das Präsidium verlassen.“

„Und Sie hatten nicht vor die Aussage zu wiederholen?“, kam es mürrisch.

„A-also eigentlich… eigentlich nicht, nein. Ich war… mir nicht mehr sicher, ob meine Aussage überhaupt… von Wichtigkeit war.“

„Ihnen ist aber schon klar, dass jedes beobachtete Detail, sollte es auch noch so gering sein, ausschlaggebend für die Aufklärung eines Verbrechens sein kann?“ Ich schluckte und fühlte mich auf einmal wie eine Schülerin, die ihre Hausaufgaben vergessen hatte. Ich wollte nichts mehr, als Inspektor Ring einfach herauszuschmeißen und nach oben zu David und meiner Tochter zu rennen.

„Das… das war mir klar, doch ich habe… nicht direkt etwas beobachtet. Vielleicht habe ich es, doch ich bin mir nicht sicher.“

„Nun gut, das hat aber bisher nichts mit dem Fall zu tun, in dessen Zusammenhang Sie uns kontaktiert haben… Würden Sie bitte damit fortfahren?“

„Ich rede im Grunde genommen die ganze Zeit schon davon, Inspektor Ring.“

„Es tut mir leid, aber das verstehe ich nicht?“

„Ich glaube, dass es zwischen dem Fall Notting Hill Inn und dem Puppenmörder eine Verbindung gibt.“, stellte ich klar und seufzte. Jetzt war es heraus und es gab vermutlich kein Zurück mehr.

Die grauen Augen sahen mich ungläubig an.

„Und diese wäre?“, konterte sie skeptisch und krakelte irgendetwas Undefinierbares auf ihren Notizblock.

„Ich… bin die Verbindung.“ Der Blick, der mich daraufhin traf, hätte mich beinahe zum Lachen gebracht, wenn er nicht mir gegolten hätte.

„Entschuldigen Sie… noch einmal von vorne, was haben Sie da gerade gesagt?“

„Ich sagte, dass ich glaube die Verbindung zwischen diesen Mordfälle zu sein. Oder nein, ich weiß, dass ich es bin. Es handelt sich um den selben Mörder.“ Ich wusste nicht, woher ich die Kraft nahm, diese Worte geradezu aus mir hervorsprudeln zu lassen, doch sie trafen mitten ins Schwarze.

„Und wie kommen Sie zu dieser Vermutung?“

Uff… okay Gillian, wie erklärst du ihr das jetzt, ohne dass sie zu ihrem Handy greift und die Leute mit der netten weißen Jacke ruft?

„Ähm… nun ja… es ist nicht einfach zu erklären. Sagen wir, es handelt sich um eine etwas… unkonventionelle Methode.“

„Jetzt erzählen Sie mir bitte nicht, dass Sie es vorrausgeträumt haben…“

Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben… sag es ihr einfach und was dann geschieht, liegt nicht mehr in deiner Hand.

Aber was ist, wenn sie mich wirklich für verrückt erklärt? Dann habe ich meine letzte Chance verspielt!

Sag es ihr einfach, du hast nichts zu verlieren.

„Nicht direkt. Ich… habe es in gewisser Weise gesehen… ich habe… Visionen immer wenn er jemanden tötet.“

Rings Augen weiteten sich zu einer unglaubelichen Größe und sie lehnte sich geradezu apathisch im Sessel zurück.

„Hören Sie mir jetzt mal zu, Ms Anderson. Ich weiß, dass Sie in dieser Serie mitgespielt haben und ich weiß ebenfalls, dass diese abgesetzt worden ist und Sie jetzt durch irgendwelche Theater tingeln und wenn Sie jetzt glauben, mit diesem Unsinn wieder die Aufmerksamkeit der Masse aus sich ziehen zu können, dann…“

Ich schnaubte und presste meine Hände dermaßen gegen die Sessellehne, dass meine Knöchel weiß hervortraten.

Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben, lass sie reden, sie hat doch keine Ahnung.

Ich hasse sie.

Dann tu das, hasse sie genauso sehr, wie sie dich hasst.

„Es tut mir leid, aber ich glaube, was Sie von meiner Karriere denken, ist im Moment irrelevant. Ich habe meine Aussage gemacht und wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gerne noch mehr erzählen, wenn Sie allerdings glauben, dass ich verrückt bin, dann können Sie es wirklich gerne tun und dieses Haus verlassen.“

„Wissen Sie, ich kann nicht verstehen, wie Sie mir derartigen Schwachsinn erzählen können und dann auch noch die Frechheit besitzen wütend zu werden, nur weil ich Ihnen Ihr Motiv vor Augen lege.“

„Ich kann es Ihnen gerne erklären… Ich bin wütend, weil Sie mein Motiv vollkommen falsch eingeschätzt haben. Ich möchte das Leben von unschuldigen Frauen retten, ich möchte keinen Ruhm, denn davon habe ich, ob Sie es nun glauben wollen oder nicht, immer noch genug.“

Gut gemacht Mädchen, es wird doch, mach sie fertig!

„Also wissen Sie, ich gebe Ihnen einfach meine Karte.“ Sie holte sie mit einem geübten Schwung heraus und knallte sie auf den Tisch. „Und falls Ihnen doch noch irgendwas Vernünftiges einfallen sollte, dann rufen Sie mich einfach an. Ansonsten… es tut mir Leid, aber ich habe einen Mörder zu finden.“ Sie erhob sich, ohne mich auch nur zu beachten und ging die Treppe hinunter.

Oh, oh! Oh, oh! Das sieht nicht gut aus! Halt sie auf!

Ich hechtete ihr hinterher. „Inspektor, warten Sie!“, rief ich außer Atem aus, doch das Einzige, was ich sah, war der Knall meiner zufallenden Tür und ein gemurmeltes „Was für eine Spinnerin.“

 

Ich seufzte.

 

„Na schönen Tag noch, Inspektor.“

 

Ich hätte mich wirklich erschlagen können. Oder sie erschlagen können… wen ich allerdings erschlagen sollte, wusste ich nicht, also tat ich gar nichts und starrte nur trübe die Treppe hinunter. Mir war nie aufgefallen wie seltsam das Muster des Teppichs war, der die Stufen überzog. Was für eine unglaublich Erkenntnis es doch war, das gerade jetzt festzustellen.

 

 

„Mach dir keine Vorwürfe, Gill… Du hast nichts tun können, glaub mir.“  Sie wirkte so vollkommen verloren wie sie dort saß und in einer Kaffeetasse herumrührte. Der heiße Dampf war längst vergangen, vermutlich war die braune Flüssigkeit längst kalt geworden, doch es schien ihr egal zu sein.

„Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich erwartet habe.“, flüsterte sie, so leise, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen. „Ich habe gedacht, dass sie meine Bürde von mir nehmen könnte. Dass ich ihnen einfach meine Geschichte erzähle und dass dann alles vorbei ist.“

Ich hätte ihr von Anfang an sagen können, dass man ihr ihre Erzählung nicht glauben würde. Es war einfach zu verrückt, dies hier war nun mal kein Film, sondern die Realität und in der Realität geschahen solche Dinge nicht, zumindest wenn es nach Leuten wie dem Scotland Yard ging.

„Hör zu.“ Ich ließ mich neben sie sinken. Sie wirkte so furchtbar klein in diesem Moment. Sie war so zierlich, so zerbrechlich und ich hatte beinahe angst sie zu berühren. „Niemand verlangt von dir, dass du etwas tust. Es gab schon so oft Fälle in denen Leute der Polizei die Wahrheit gesagt haben, diese ihnen aber nicht geglaubt hat und so eine weitere Chance verging Menschenleben zu retten. Und wenn das jetzt auch der Fall sein sollte, dann… dann brauchst du dir keine Vorwürfe zu machen. Du hast es versucht.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt ihr in die Augen zu sehen, ihre abweisende Haltung machte es mir jedoch unmöglich. Sie betrachetet weiterhin fasziniert das Spiel des sich drehenden Kaffees in der Tasse, dem sie mit ihrem Löffel immer neuen Schwung verlieh.

„Die Frage lautet nicht, ob ich irgendetwas versucht habe. Ich weiß, dass ich es habe. Aber es geht nicht darum irgendetwas zu versuchen, es geht darum alles zu versuchen. Und ich… ich denke nicht, dass ich das habe.“

Ich wollte Gillian so gerne helfen, ihr irgendwie klar machen, dass sie dies alles doch einfach vergessen und weiterleben konnte.  Doch ich spürte, dass es unmöglich war. Ich spürte es, weil sie es spürte und ihr Gefühl war so stark, das es auf mich übersprang, ohne dass sie etwas sagte oder mich ansah.

„Aber auf welche Kosten, Gill? Was müsstest du alles auf dich nehmen, um zu wissen, dass du wirklich alles versucht hast?“

Sie sagte nichts. Spielte nur mit ihren Haaren, während der Löffel ohne Führung durch die Tasse schlackerte und Kaffee auf ihre Hose spritzte.

„Man kann niemals alles versuchen. Selbst wenn man denkt, dass man es getan hat, ist es doch oft so, dass es noch etwas gegeben hätte, das man hätte tun konnen, das einem jedoch nicht eingefallen ist. Gillian, es gibt soviele Dinge auf dieser Welt, die nicht passieren müssten. Soviele Dinge, die man mit nur einer einzigen Handlung hätte aufhalten können, es aber nicht getan hat. Niemand weiß, warum diese Dinge trotzdem passieren, warum diese Dinge passieren, obwohl man sie hätte verhindern können. Doch das Leben geht weiter, auch wenn sie geschehen sind. Und vielleicht… vielleicht entscheidet das Schicksal, was seinen Lauf nimmt und was nicht. Was ich dir sagen möchte Gill: Du bist nicht das Schicksal.“

Ich nahm ihre zierliche kleine Hand in meine und fühlte, wie perfekt sie sich ineinander verschlangen. Ich drückte sie, doch das Einzige, das ich als Antwort erhielt, war ein schlaffe Hand in der meinigen. Sie wirkte so weit weg, so, als ob sie gar nicht neben mir sitzen würde. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte geschrieen. Solange geschrieen, bis alles endlich wieder normal war. Doch offenbar hatte ich schon damals, als ich zugelassen hatte, dass sie nach London ging, diese Geschichte davon abgehalten, ein normales Ende zu nehmen. Und nun saß ich hier, mit dem Menschen, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebte und wusste nicht, was ich tun sollte.

Es war so schwer in ihre Seele einzudringen, sie zu verstehen. Ich hatte es nie ganz geschafft und jetzt war ich so weit davon entfernt, dass ich kurz davor war, es ganz und gar aufzugeben.

„Ich weiß, du verstehst mich nicht, Dave.“, kam es plötzlich völlig unerwartet von ihr.

„Doch, ich…“

„Versuch nicht, mir etwas vorzumachen.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte, oder nicht. „Ich kenne dich viel zu gut dazu und im Grunde genommen weißt du das. Aber ich sage dir jetzt eines und ich bitte dich, behalte es tief in deinem Herzen, solange bis dies hier vorbei ist: Auch wenn du keine Ahnung von all dem hast, was ich rede, ist es dennoch genauso, als wenn du es hättest. Denn solange du da bist, habe ich das Gefühl verstanden zu werden.“ Plötzlich kehrte wie durch ein Wunder Druck in ihre Hand zurück und eine unglaubliche Wärme durchströhmte meinen ganzen Körper. „Ich werde damit aufhören, David. Das schwöre ich dir, denn allmählich sehe ich selbst ein, dass es keinen Sinn hat. Aber lass mich bitte noch eine Sache abwarten. Lass mir nur noch wissen, was Piper auf diesen Zettel geschrieben hat. Und wenn es nichts ist, dann schwöre ich dir, dass ich das alles vergessen werde.“

Jetzt war ich erleichtert. Denn irgendetwas sagte mir, dass dieser Zettel nichts weiter als die durchgegangene Phantasie meiner kleinen Lieblingsnervensäge war. So musste es sein.

„Danke, Gillian.“, hauchte ich und zog sie an mich. Die Wärme ihres Körpers umspielte mich. Ich fühlte ihren Atem an meinem Hals. Langsam und gleichmäßig. Ruhig. Ich glaubte, es war vorbei. Dass wir hier für den Rest unseres Lebens sitzen bleiben würden. Die Anwesenheit des Anderen genießend.

 

Doch plötzlich klingelte das Telefon.

 

 

Ende Runde 3

Fortsetzung folgt!