Titel:                     Catch the Happiness – Runde 2

Autor:                  DAS WoD

Kontakt:              Marion.Death@t-online.de

Kategorie:          DGR, öhm…also, wenn das jetzt Akte X wäre, würde ich es X-File nennen, aber da das ja nicht zutrifft, nenne ich es mal Mystery  oder Thriller… ansonsten Gillian- und David – P.O.V.

Rating:                  R - 16

Spoiler:                Hmm…diesmal nichts, denke ich…außer vielleicht ein paar Gerüchte.

Disclaimer:         Sie gehören alle natürlich nicht mir! Sie gehören sich selbst…außer natürlich die erfundenen Figuren…*gg* Aber ich denke, ihr werdet feststellen, welche das sind? *hoff*

Short-Cut:            Er ist hier, doch vermag er allein alles zum Guten zu verändern?

Anm v. WoD:       Und hier folgt nun der zweite Streich…

 

 

 

Runde 2

Part I

The Game starts again

 

Ich ging langsam die scheinbar ewig lange Straße entlang, meinen Blick starr geradeaus gerichtet. Ich hatte kein Taxi genommen. Ich wollte diese Schritte allein gehen, diese vielen Schritte bis vor ihre Tür. Im Moment hatte sich ein ziemlich übles Problem in meinem Kopf eingenistet. Es hatte mich sozusagen gespalten, was eine Tatsache anging, an der ich lange nicht eine einzige Sekunde gezweifelt hatte. Und diese Tatsache hatte einen Namen: Gillian Anderson.

Ich glaube, ich war mir nie ganz klar gewesen, was diese Frau eigentlich für mich war. Ich hatte immer abgeblockt, wenn ich diesbezüglich zu grübeln begonnen hatte. Es ist schon so richtig, wie es ist, hatte ich mir immer wieder eingeredet. Doch im Moment zog diese Ausrede einfach nicht mehr. Irgendetwas lief hier schief und je mehr Schritte ich tat, je näher ich ihrem Haus kam, desto stärker wurde mir dies bewusst. In letzter Zeit war etwas passiert, das ich nicht in der Lage bin zu beschreiben. Ich könnte sagen, wir haben uns auseinander gelebt. Das traf aber nicht zu…nicht im eigentlich Sinn…wir hatten uns von einander fortgelebt, könnte man eher sagen. Manch einer würde behaupten, wir hätten uns gestritten, für ein paar Monate hatte ich dies selbst geglaubt. Das Dumme daran war nur, dass dieser ominöse Streit niemals stattgefunden hatte. Vielleicht unterbewusst, tief in unserem Inneren, aber Worte, Worte oder gar Gesten hatten wir uns niemals entgegengebracht. Wir hatten keinen Kontakt, das war der Fakt, der hinter allem stand. Der Grund dessen jedoch blieb mir verborgen und war mir auch jetzt noch nicht klar vor Augen getreten. Ich hatte geglaubt, ich würde ihn verdrängen, doch als ich gestern Abend den Hörer meines Telefons abhob und Gillians Stimme hörte, wurde mir klar, dass das Einzige, was ich verdrängt hatte, die Tatsache war, dass es einfach keinen Grund gab. Und das, war das, was mich am meisten an all dem verwirrte. War sie wütend auf mich? Nein, scheinbar nicht…Hatte sie Stress gehabt? Ja, das hatte sie, aber wohl kaum Negativen…Hatte sie einfach nur genug von mir? Nein, definitiv nicht, sonst hätte sie mich niemals gestern angerufen und um Hilfe gebeten. Stimmte irgendetwas mit ihr nicht?

Ich stöhnte auf. Vielleicht hatte sie nur wieder einen ihrer Anfälle gehabt…aber würde sie mich dafür voller Panik nach London lotsen? Nur dafür? Nein…das würde sie nicht…sie hatte Angst gehabt, richtige kalte Angst. Und mein Beschützerinstinkt hatte wieder die Oberhand ergriffen und mich vergessen lassen, dass sie mich all die Zeit in London ignoriert hatte. Hatte sie das? Auf was hatte ich überhaupt eine Antwort? Scheinbar auf gar nichts…und genau das machte mich so dermaßen wahnsinnig. Ich war im Moment in einer Laune, in der ich im Stande war, jeden in der Luft zu zerreißen, der mich auch nur schief ansah. Und ich glaube, genau darum wurden meine Schritte immer langsamer, immer zögernder…würden wir uns vielleicht gleich streiten? War sie vielleicht betrunken gewesen oder im Fieberwahn als sie das alles von sich gegeben hatte? Ich schüttelte hastig den Kopf. Jetzt begann ich schon langsam den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wer war sie denn schon? Irgendeine Frau, die aus irgendeinem Grund irgendein Problem hatte, und der nichts Besseres einfiel, als mich, mal eben so, ein paar tausend Meilen weit über den Atlantik nach England zu hetzen. Und ich tat das auch noch…warum eigentlich? Warum ließ ich alles stehen und liegen, nur weil es ihr einmal schlecht ging?

Ich atmete gestresst aus und erschrak auf einmal beinahe zu Tode. Mir gegenüber hing ein großes Schild über den Schaufenstern eines Gebäudes, auf dem stolz die Letter William Hill prangten. Da war es also…ich wäre beinahe daran vorbeigelaufen. War das vielleicht ein Zeichen des Schicksals, dass ich dieses Haus vergessen sollte? Dass ich Gillian vergessen sollte? Ich fauchte regelrecht auf…ich konnte sie nicht vergessen, ich konnte und wollte sie nicht im Stich lassen. Sie brauchte mich, das wusste ich, meine Vernunft konnte mir erzählen, was sie wollte. Was konnte schon schlimmer werden? Gab es eine Steigerung von ständigem Schweigen? Ich schüttelte den Kopf und machte mich daran die Straße zu überqueren. Hier wohnte sie also. Es war ein recht einfach anzusehendes Haus. Niemand würde auch nur einen Gedanken daran verschwenden, dass sich hier ein Star niedergelassen hatte. Sie war wirklich clever, das musste man ihr lassen. Bei diesem Gedanken begann ich zu grinsen. Sie war eben Gillian…eine andere Beschreibung gab es dafür nicht…Gillian…Gillian war fast ein Adjektiv.

Ich postierte mich recht langsam vor die Tür und sah mich noch einmal um. Es war recht ruhig hier. Aber es war schließlich auch erst 8 Uhr morgens. Würde sie vielleicht noch schlafen? Nein…ich musste aufhören mir so viele Gedanken über das zu machen, was gleich folgen würde. Ich müsste es auf mich zukommen lassen. Ich atmete tief durch, fuhr mir etwas unruhig durch die Haare und suchte schließlich nach einer Klingel. Ich fand schnell einen kleinen metallenen Knopf. Ohne Namensschild. Ich lachte…natürlich ohne Namensschild…dann könnte sie ja gleich ein riesiges Schild auf die Tür hängen auf dem „Hier wohnt Gillian Anderson“ steht…

Gut, David, jetzt liegt es an dir. Sie wollte, dass du kommst und hier bist zu. Also warum so zögerlich? Ja…warum eigentlich? Ich konnte mir diese Frage nicht beantworten und drückte stattdessen schnell auf den Klingelknopf. Einmal, zweimal. Nichts schien sich zu regen. Vielleicht war sie außer Haus?

Auf einmal vernahm ich aus dem Inneren etwas, das wie ein lautes Rumpeln klang, so, als hätte sie gerade etwas Schweres umgeworfen. Ich trat näher an die Tür heran. War ihr vielleicht etwas passiert? Hatte ich sie erschreckt?

Plötzlich drangen Schritte an meine Ohren, Schritte, die eine Treppe hinunterkamen. Da war sie also…war sie das? Ich lauschte. Jemand stand hinter der Tür. Ich bildete mir fast ein ihren Atem zu spüren, als die Tür langsam zurückgezogen wurde.

Ich hatte das Gefühl mir würde für einige Sekunde das Herz stehen bleiben, als ich die Person, die dort hinter der Tür mehr kauerte als stand entdeckte. Sie war es…aber…aber sie sah nicht aus wie sonst, ganz und gar nicht. Ihre sonst schon porzellanerne Haut war so bleich, dass sie fast weiß aussah. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, sie hatte dicke Ringe unter den Augen und zitterte am ganzen Körper. Mir fuhr es eiskalt den Rücken hinab. Vor Schreck trat ich einen Schritt zurück.

 

„G-G-Gill? Bist…was?“ Sie öffnete die Tür nun ganz, sagte aber kein Wort. Ihre blauen Augen funkelten ängstlich und unsicher. Ich kam ganz langsam auf sie zu und stand direkt vor ihr. Uns trennte nicht einmal die Breite einer Hand. Gillians Atem rasselte und ich hätte sie am liebsten nur an mich gedrückt…an mich gedrückt und gleichzeitig gebrüllt vor Angst.

Langsam und vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre Schultern, doch sie schreckte sofort zurück und begann noch stärker zu zittern. Unendlicher Sorge stieg in mir hoch. Verdammt, was war nur mit ihr passiert? Und ich hatte ihr nicht geglaubt…was war, wenn sie doch die Wahrheit sagte?

„Gill? Hey…Kleines, hab keine Angst…was…was ist denn los mit dir? Ich…ich will dir doch nicht wehtun.“ Sie keuchte und schlang sich die Arme um den Oberkörper, so als versuchte sie, sich vor irgendetwas zu schützen. Ein unendlicher Kloß verstopfte meinen Hals, langsam schnürten sich meine Atemwege zusammen. Ich konnte einfach nicht fassen, dass dieses kleine Bündel Elend vor mir meine beste Freundin sein sollte.

„Gillian, ist alles okay? Kann ich reinkommen?“ Sie deutete nur stumm nach innen. Ich übertrat die Schwelle und schloss die Tür hinter mir. Eine stickige Wärme schlug mir entgegen. Gillian zitterte immer noch.

„Ist…ist dir kalt?“, fragte ich vorsichtig und erinnerte mich an die Beschreibung, die sie von ihrem Zustand gegeben hatte. Ihr sei kalt, hatte sie gesagt. Aber hier war es doch nicht kalt? Hier war es heiß…furchtbar heiß.

Sie nickte auf meine Frage nur und zuckte zusammen, als fühle sie sich bedroht.

„Hey, Gill…ich…ich habe gerade einen 6 Stunden Flug hinter mir…ich…ich würde gerne wenigstens ein Wort von dir hören. Verstehst du mich überhaupt?“ Ich kam mir bei dieser Frage mehr als dämlich vor. Aber sie wirkte…wenn ich es ehrlich sagen soll, beinahe nicht zurechnungsfähig.

„Dave…ich…ich…ich…glaube, ich…“ Ich ging wieder vorsichtig auf sie zu.

„Darf ich dich anfassen?“, fragte ich zur Sicherheit. Ich wollte sie nicht wieder verschrecken. Sie nickte nur und ich legte ganz langsam meine Hand auf ihre.

„Es ist hier drin verdammt warm Gillian, darf ich die Heizung ein wenig herunterdrehen?“, fragte ich vorsichtig.

„Ach, verdammt…“, war das Einzige, was sie von sich gab und ich sah, wie auf einmal Tränen ihre Wangen hinabliefen. Ich kann nicht erklären was ich in diesem Moment empfand. Auf der einen Seite, wollte ich sie nur trösten, ihr beistehen, doch auf der anderen durchbohrte mich eine seltsame geradezu irrationale Angst, die mir riet schnellstens von hier zu verschwinden. Doch ich ignorierte diese.

 „Hey.“ Ich wuschelte ihr langsam durch das Haar und legte meinen Arm schließlich um ihren zierlichen Körper, der nun regelrecht verloren wirkte.

„Geht’s?“ Sie hatte sich mit vollem Gewicht an mich gelehnt und drückte ihren Kopf gegen meine Seite. Ich fühlte wie der Stoff meines Pullovers von ihren Tränen befeuchtet wurde.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihr los war. So hatte ich sie niemals zuvor gesehen.

Nach einer guten Viertelstunde ließ der Druck, den ihr Kopf verursachte, langsam nach und sie erhob sich. Ihre Augen wirkten immer noch glasig, doch ich hatte nun das Gefühl, mit einer einigermaßen klaren Gillian zu reden.

„Besser?“, fragte ich leise.

„Ja…“ Ein erleichterter Atemstoß verließ ihren Mund und blies ihr einige wilde Haarsträhnen aus dem Gesicht. Erst jetzt sah ich wie niedlich sie mit ihrer neuen Frisur aussah. Lange blonde Haare fielen ihre Schultern hinab und umrahmten ihr Gesicht, aus dem die stechend blauen Augen wie Diamanten ragten. Sie sah aus wie ein Engel.

„Ich…brauchte das einfach. Sorry Dave…das war echt keine gute Begrüßung, ich weiß, aber ich bin ein wenig durch den Wind.“ Ihre Stimme war nun klar und recht stark. Sie wurde wieder zu der guten alten Gillian. Rasch erhob sie sich und griff meine Hand. Ich war erstaunt mit welcher Kraft sie mich auf einmal hochzog.

„Häng deine Jacke auf Dave, ich geh schon mal nach oben. Muss meinen Gast ja mit irgendetwas begrüßen.“ Sie zwinkerte mir zu und nahm zwei Stufen gleichzeitig, als sie nach oben verschwand. Ich war immer noch ganz verdattert. Schon wieder hatte sie sich von einer Sekunde auf die andere total verändert. Aber das war typisch für sie, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt…

Ich schloss einmal kurz die Augen, um mir bewusst zu werden, dass ich wirklich hier war, dass ich sie wirklich hier bei mir hatte. Selbst wenn die Umstände seltsam waren, ich hatte genau das bekommen, was ich die ganze Zeit über so ersehnt hatte. Ein paar Augenblicke mit ihr. Langsam öffnete ich meine Augen wieder und hängte meine Jacke auf den Kleiderständer. Schließlich wand ich mich zur Treppe und erklomm die erste Stufe.

Lasst das Spiel von vorne anfangen!

 

 

 

Gillian und ich saßen auf der großen Couch in ihrem Wohnzimmer und sahen synchron zum Fenster hinaus. Sie hatte mir einen unglaublich guten Kaffee gemacht, der wie eine Mischung aus Kakao und Kaffee schmeckte und mir irgendwelche seltsamen Bonbons gereicht, die man angeblich nur in England bekam. Sie schmeckten nach Zitrone, irgendwie aber auch nach Apfel….ich konnte es nicht sagen…typische Gillian-Nascherein…

„Du hast mir gefehlt.“, warf ich einfach so ein und rückte etwas näher zu ihr.

Ihr Blick nahm wieder diesen glasigen Touch an und ich fragte mich zum wiederholten Male, was hier vor sich ging. Ich wollte ihr irgendwie zeigen, wie sehr ich sie brauchte, doch scheinbar schien das an ihr vorbeizugleiten.

„Du…du mir auch.“, antwortete sie so leise, dass ich fast dachte, ich hätte es mir nur eingebildet. Sie spielte mit einem verpackten Bonbon in ihrer Hand und starrte diesen so fasziniert an, als handele es sich um ein antikes Artefakt.

„Gill…komm schon…was ist denn nur los mit dir? Du redest ja kaum ein Wort, seitdem ich hier bin. Geht’s dir nicht gut? Ich weiß, du denkst vielleicht ich hätte dich gestern nicht ernst genommen. Aber meine Güte, ich habe das…“ Sie wackelte mit den Augenbrauen und sah mich schief an. „Im Ernst, Gill. Du denkst doch nicht etwa wirklich, dass ich dich jemals nicht ernst nehmen könnte?“ Sie guckte noch schiefer und nickte übertrieben.

Ich musste lachen.

„Spielst du grad ein Spiel mit mir? Wenn ja, dann sag‘s mir bitte, ich möchte gewinnen.“ Ich zwinkerte ihr zu und hoffte, dass sie endlich auftaute.

„Das hast du schon.“ Mehr sagte sie nicht, reichte mir noch ein Bonbon. Ich schüttelte den Kopf.

„Ich nehme das nur, wenn da drinnen das Geheimnis ist, das du mir schon die ganze Zeit nicht verraten willst.“

Ihr Mund formte sich nach einer scheinbaren Ewigkeit wieder zu einem Lächeln.

„Vielleicht? Probier’s aus…in Bonbons ist manchmal sehr viel, weißt du?“ Ich wuschelte ihr wieder durch die Haare und sie gab eine Art glucksen von sich.

„Gefällt dir meine Frisur, Dave?“ Sie fing auf einmal an zu lachen und ich fragte mich, wer den Rekord im schnellsten Wechseln von Stimmungen hielt. Man sollte Gill mal gegen ihn antreten lassen…

„Hmm…ja, du siehst damit…süß aus.“, meinte ich und schalt mich dafür wie blöd das wohl geklungen hatte.

„Danke, es ist mir eine Ehre von dir süß gefunden zu werden.“ Sie legte das Bonbon in meine Hand und schloss sie. Ich sah ihr tief in die Augen und erkannte, dass sie die Sache mit dem Geheimnis wohl ernst gemeint hatte. Langsam ließ ich den Geheimnisträger in meine andere Hand gleiten und öffnete ihn schließlich. Dann steckte ich ihn mir schnell in den Mund und ließ ihn auf meiner Zunge zerlaufen. Ja…es war Apfel, eindeutig Apfel.

„Und, was siehst du?“, meinte sie grinsend.

„Uh…“ Ich breitete meine Hände vor mir aus und tat so, als würde ich damit irgendein Signal empfangen. „Ich sehe…ich sehe…“ Ein lautes Lachen hallte in meinen Ohren wider und ich fühlte eine Hand auf meiner. Sie drückte meine Hände wieder nach unten und sah mich nun ernst und ein wenig ängstlich an.

„Dave, als ich gestern meinte, ich wäre psycho wollte ich damit sagen, dass…dass ich…ich habe so etwas wie Albträume.“ Sie drückte meine Hand und atmete schwer. Offenbar dachte sie immer noch ich würde sie auslachen. „David…du wirst mich auslachen, wenn ich dir das sage.“ Hey, ich konnte ihre Gedanken wirklich gut vorhersagen…jetzt war es an mir ihre Hand zu drücken.

„Gillian, ich würde dich niemals auslachen und das weißt du. Sag mir einfach was los ist. Ich bin nicht hierher gekommen, um zu sehen, wie du um den heißen Brei herumredest. Ich möchte dir helfen, ehrlich…ich meine, wozu sollte ich sonst da sein? Wir sind Freunde und ich denke, du kannst mir alles anvertrauen, was dir auf dem Herzen liegt. Vorrausgesetzt natürlich du möchtest das. Und…hey, wenn du es in diesem Fall nicht willst, dann sag mir das und wir lassen es. Aber es…es fällt mir einfach schwer dich leiden zu sehen. Als ich dich eben gesehen habe, als du die Tür geöffnet hast, ich habe geglaubt, mein Herz bleibt stehen.“ Ihr Blick wurde wieder so skeptisch.

„Gill…das ist die Wahrheit. Hast du auch nur eine Ahnung, wie du ausgesehen hast? Du…“

„Ist schon okay Dave…ich…ich weiß, wie ich ausgesehen habe. Nein, ich weiß es nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Heute Nacht…ist etwas passiert, das mir sehr große Angst gemacht hat und ich denke, man merkt mir das an.“

Langsam stieg wirklicher Sorge in mir hoch. Ich ließ meinen Blick kurz durch das Wohnzimmer wandern und erschrak auf einmal. In einer Ecke war ein Regal, doch es war vollkommen leer und ich fragte mich, warum es das war. Ich konnte von weitem erkennen, dass sich auf den Brettern Kreise abzeichneten, so als hätte dort einmal etwas gestanden, auf jedem einzelnen Brett.

„Die Vasen sind kaputt, Dave…er,…wer auch immer er war, hat sie heruntergeschmissen. Ich habe keine Ahnung warum. Er hat irgendetwas gesucht, aber er hat mir nicht gesagt was, offenbar dachte er, ich wüsste das.“ Er? War etwa irgendwer in ihrem Haus gewesen?

„Ein Einbrecher, Gill?“, hakte ich nach. Sie nickte und blies Luft durch die Zähne.

„Und jetzt…jetzt kommt das, was so lächerlich an der ganzen Sache ist.“ Ich weitete die Augen. Sie gestikulierte leer mit den Händen. Ihr Mund öffnete sich immer wieder, doch verließen ihn keine Worte.

„Naja…er…ich kenne ihn.“, entwich es ihr endlich und ich zuckte zusammen.

„Und…und wer ist er?“, fragte ich neugierig und verunsichert.

„Ich kenne seinen Namen nicht. Er war vorgestern Abend am Theater und hat da eine ziemlich seltsame Show abgezogen. Und ich habe ihn wiedergesehen David…zweimal. Einmal…neben einem Hotel und einmal hier.“

„Und was ist daran jetzt so lächerlich? Warum bist du nicht zur Polizei gegangen?“ Jetzt wurde das alles immer seltsamer und ich bekam ein sehr ungutes Gefühl. Sie wurde unruhig und spielte mit ihren Fingern. Sie verheimlichte mir etwas.

„Nun…als er…als ich ihn in der Nacht gesehen habe…da…da…da…“

„Da?“, versuchte ich sie voranzutreiben.

„Er sah nicht aus wie ein Mensch, David.“ Okay, das hatte gesessen.

„M-m-moment mal…nicht wie ein Mensch? Und was war er dann?“ Sie hatte eindeutig einen empfindlichen Punkt an mir getroffen. Sie wusste genau, dass ich übernatürlichen Dingen nicht so aufgeschlossen gegenüber stand wie sie selbst. Umso mehr wunderte es mich, dass sie mir so was…aber…Sekunde, wenn sie gestern Abend mit mir geredet hatte, dann war dieser Einbruch noch gar nicht geschehen. Es war also doch noch etwas Anderes. Die Kälte…die Kopfschmerzen…ich wurde einfach nicht schlau aus dem Ganzen.

„Dave, ich weiß nicht, WAS er war. Es war auch sehr dunkel und ich…ich war nicht ganz auf der Höhe, um es harmlos auszudrücken. Mir war die ganze Zeit nach deinem Anruf schlecht…ich meine wirklich schlecht…oder auch nicht…oder…ach verdammt, das ist alles krank!“ Sie schrie schon fast und drückte meine Hand zu stark, dass ich Schmerzen verspürte.

„Ganz ruhig…noch mal von Anfang an. Woher kennst du diesen Typen?“

„Vom Theater. Wyn hat ihn gesehen, er hat nach mir gefragt…nach der Nachmittagsvorstellung vorgestern. Und am Abend ist er zurückgekommen. Und…okay, David, sei bitte nicht sauer auf mich, wenn ich dir das jetzt sage, ich habe mal wieder Mist gebaut und du ahnst nicht wie großen Mist.“ Genau das hatte ich vermutet.

„Nicht immer diese Vermutungen…Gilly, sei lieb und sag‘s einfach, kay?“ Ich musste wieder grinsen. So ernst diese Situation auch war…irgendwie fand ich diese Frau immer noch niedlich.

„Nenn mich nicht Gilly…und…okay…ich spinne, das weiß ich, aber ich habe da etwas gesehen, oder gehört…oder was weiß ich. Auf jeden Fall war ich vorgestern spazieren, bevor das Theaterstück angefangen hat. Irgendwie bin ich dann in eine Straße gelangt, die ich nicht kannte und habe mich auf eine Bank gesetzt. Ich war so müde, dass ich eingenickt bin und einen sehr seltsamen Traum hatte. Ich habe darin geschrieen, aber der Schrei war nicht meiner, verstehst du?“ Ich nickte nur und lauschte ihr gebannt.

„Ich bin dann aufgewacht und dachte mir nichts dabei. Als ich aber zuhause war, ging es das erste Mal los. Mir war schrecklich heiß und ich fühlte mich wie betäubt. Ich habe mich ein wenig hingelegt, habe aber erschreckend lange geschlafen, auf eine seltsame Art und Weise. Ich habe nichts geträumt, ich war auch nicht richtig erholt…es war einfach seltsam. Auf jeden Fall habe ich dann am Theater diesen Typen gesehen. Am nächsten Morgen ist Julian auf einmal total plötzlich verschwunden und ich habe ferngeguckt, ich war…naja, ziemlich frustriert.“ Sie lachte sarkastisch. „Und in den Nachrichten kam dann das, was mich an meinem Verstand hat zweifeln lassen. Denn genau in dem Moment und genau an dem Ort, an dem ich eingenickt bin, ist jemand ermordet worden, David. Zumindest glaube ich das.“ Sie stockte, wartete offenbar auf eine Reaktion von mir. Doch ich war zu nichts fähig. Ich starrte sie einfach nur wie paralysiert an und fand keine Worte, um das Gefühl zum Ausdruck zu bringen, das in mir herrschte. Es war Angst, auf der einen Seite, Fassungslosigkeit auf der anderen…Das konnte sie doch nicht ernst meinen?

„Bist du dir vollkommen sicher?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Nicht wirklich…aber…ich habe beschlossen mir die Gegend noch einmal anzusehen, weil ich ja selbst dachte, dass das gar nicht sein könnte, ich meine, dass ich dort gewesen bin. Ich hab’s dann geschafft, trotz der Absperrung an den Tatort zu gelangen. Und dort habe ich ihn dann wiedergesehen. Er kam auf mich zu, also, ich muss dazu sagen, dass ich durch eine Gasse an den Tatort gekommen bin und mich hinter ein paar Kisten versteckt hielt. Er bückte sich und hob etwas auf. Soweit ich das sagen kann, hat er mich nicht bemerkt. Aber kurz darauf kam eine Frau aus dem Hintereingang des Hotels bei dem die Leiche gefunden wurde und entdeckte mich. Sie hat mich dann der Polizei ausgeliefert und soweit ich das verstanden habe, wurde die Leiche genau dort gefunden, wo ich gestanden hatte. Sie dachten, dass ich irgendetwas damit zu tun hätte und haben mich auf’s Revier gebracht. Und dort ist es dann wieder passiert…“ Ich nickte nur und fragte mich, was genau sie denn mit ES meinte…diese Hitze oder die Kälte?

„Mir wurde schwindelig und irgendwie...ich bin weggelitten, David, so als würde ich einschlafen. Es war wie ein Traum. Ich war in einem Raum, oder was auch immer…es war alles weiß, aber auf einmal tauchte ein Schatten auf. Es war ein Mann, der irgendetwas von einem Löwen redete, den er erlegt hätte. Ich weiß, dass ich in diesem Moment ganz genau wusste, von welchem Löwen er redete, aber jetzt…jetzt kommt mir das alles vor wie eine Seifenblase, die zerplatzt ist. Ein paar Teile von ihr konnte ich auffangen und zusammenfügen, der Rest jedoch fiel auf den Boden und ist verschwunden.“

Ich begriff, was sie meinte. Dennoch verstand ich das Gesamtbild nicht.

„Und als ich dann wieder aufgewacht bin, lag ich auf dem Boden und die Leute um mich herum, beschrieben das, was mir zuvor passiert war, als Kreislaufkollaps. Aber das war es nicht David, da bin ich mir sicher…es war eher so etwas wie eine…eine…“

„Vision?“, beendete ich ihren Satz und erschreckte mich bei meinem eigenen Wort.

„Ja...“, kommentierte sie und schluckte hart.

„Danach ist mir zum ersten Mal so schrecklich kalt geworden. Es war wie ein Gefühl, das nach und nach meinen ganzen Körper vereiste. Mich innerlich gefrieren ließ. Ich fühlte mich beobachtet und alles, was ich daraufhin tat, kam mir so seltsam vor, so als sähe ich die Welt durch eine Brille, die alles verschleiert und nicht möchte, dass ich die Realität sehe.“

Mich berührte dieser Satz auf eine Art und Weise auf die nur Gillian mich berühren konnte. Sie hatte die Gabe, mir Angst zu machen und mich über Dinge nachdenken zu lassen, die ich sonst nie an mich heranlassen würde.

„Und als ich dich angerufen habe David da…da hatte ich wieder solch einen Anfall. Ich bekomme vorher meistens stechende Kopfschmerzen. Also, zumindest war das bei den letzten zwei so. Beim ersten war ich einfach nur müde und ich denke, es lag mehr an dem weiten Weg, den ich gelaufen war. Deine Stimme wanderte immer weiter weg, bis sie ganz verschwand und einer Stimme platzmachte, die ich niemals zuvor gehört habe. Sie sagte zu mir, dass irgendetwas in mir sei. An mehr kann ich mich nicht erinnern.“ Sie lehnte sich zurück, barg kurz die Stirn in ihrer Hand und schüttelte den Kopf. Damit signalisierte sie wohl, dass sie eine Pause brauchte.

„Hmm…“ Ich grübelte und fragte mich, wie ich ihr helfen konnte. Irgendwie kam ich mir etwas fehl am Platze vor.

„Du brauchst dir jetzt keine Lösung einfallen zu lassen, David. Ich verstehe ja selbst nicht, was mit mir passiert.“, meinte sie trocken und stopfte sich noch einen Bonbon in ihren Mund.

„Aber ich denke, ich bin dir das schuldig oder?“ Ich lachte etwas betreten und versuchte ihr Mut zu machen.

„David, du bist mir gar nichts schuldig. Ich bin dir eher Aufmerksamkeit schuldig, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe.“ Bitter verließen diese Worte ihren Mund und ihre Augen konnten mich vermutlich nicht ansehen.

„Ich habe mich auch nicht gemeldet.“, war das Einzige, was ich darauf sagen konnte.

Sie seufzte.

„Aber ich…ich hatte…ach, was soll’s.“ Sie wollte mir offenbar irgendetwas nicht sagen und das löste ein mulmiges Gefühl in mir aus.

„Sag’s mir. Warst du wütend, Gill?“ Ich musste es einfach wissen.

„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf und lächelte mich an. „Ich könnte nie wütend auf dich sein, nicht wirklich.“ Ich lachte.

„Sei dir da nicht so sicher, Ms Anderson.“

„Hey, ich bin mir selten in Sachen sicher, aber hierbei schon. Dave, ich habe es versucht…ich…als wir uns damals wegen dieser…dieser Sache gestritten haben, da wollte ich dich hassen. Ich wollte es, aber ich konnte es nicht.“ Ich wusste ganz genau, dass sie mit dieser Sache meine Hochzeit mit Téa meinte. Mein Magen begann, sich zu verkrampfen. Das tat er immer, wenn ich an diese Zeit zurückdachte. Ich hatte Gillian verletzt, tief verletzt und das nicht einmal beabsichtigt. Ich hatte es ihr damals nicht sagen können…aus irgendeinem Grund. Ich habe keine Ahnung warum. Ich habe ihr immer von meinen Beziehungen erzählt, sogar Details, die ich niemandem hätte sagen sollen. Doch ich habe es getan. Es gab eine Zeit, da hatten wir alles geteilt…alles außer das, was man uns nachgesagt hatte. Nämlich das Bett…Ich möchte nicht sagen, dass ich es niemals gewollt hätte, aber ich konnte es nicht. Es war so ein Zauber zwischen uns, den ich nicht zerstören wollte. Und eben diesen Zauber hatte ich damals fast zerstört. Es gab einen Moment, an dem ich mich deswegen fast hätte töten wollen. Denn ich war abhängig, abhängig von diesem Zauber. Deswegen hatte ich sie auch sosehr vermisst. Der Zauber war gebrochen worden. Seine Scherben hatten sich tief in meine Seele gebohrt. Zu Beginn der sechsten Staffel hatte ich gedacht, sie wären verschwunden, die Wunden wären verheilt. Doch als ich in L.A. gesessen hatte, Gillian in London wusste, da hatte ich erkannt, dass ein paar dieser Scherben sich listig versteckt hatten und wieder hervortraten, um alte Wunden aufzureißen. Und genau das taten sie auch jetzt.

„Dave, ist alles okay?“ Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die Augen geschlossen hatte und Gillian nun über mich gebeugt dasaß.

„Ja, ich…ich habe nur nachgedacht.“

„Darf ich auch wissen worüber?“ Sie saß nun schon fast auf meinem Schoß.

„Eigentlich über alles und gar nichts.“ Hey, solch eine Antwort war eigentlich sonst typisch für sie und nicht für mich.

Sie nickte.

„Du brauchst jetzt nicht an irgendwas zu denken, das längst vergangen ist. Manche Dinge passieren eben. Und man…man erkennt erst viel später, wie man sie hätte verhindern können. Glaub mir, mir geht es genauso wie dir. Ich habe mich damals benommen wie ein eifersüchtiges Schulmädchen. Es hat mir niemals etwas ausgemacht, wenn du irgendwelche Frauen hattest. Sie haben nie das bedroht, was ich war, nämlich deine beste Freundin. Diesen Platz hatte immer ich inne. Und als ich erfuhr, dass du Téa geheiratet hast, ohne mir auch nur ein Wort darüber zu sagen, bin ich fast geplatzt. Jemand war auf einmal da, der Dinge wissen durfte, die du mir nicht sagen wolltest. Genau das hat mich so wahnsinnig gemacht und mich diese Dinge tun lassen. Ich…die Sache mit Julian…“ Ich wusste sofort auf was sie hinauswollte.

„Das ist etwas Anderes, Gill. Das denke ich zumindest.“ Ich überlegte, was daran eigentlich so anders war. „Du warst lange Zeit sehr weit weg und ich habe damals Dinge hinter deinem Rücken getan und das, obwohl du direkt neben mir standest. Wir haben nie darüber geredet, wie es weitergehen würde, nach dem Ende von Akte X, meine ich. Und als dann diese Funkstille eingetreten ist, da wurde mir klar, dass wir wohl getrennte Wege gehen würden. Dass du dir dein eigenes Leben aufbauen wolltest und ich mich meinem endlich voll widmen sollte. Als du gestern angerufen hast, war das eigentlich nur eine glückliche Wendung.“ Sie nickte und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Langsam spürte ich wie sie sich an mich kuschelte. Ich fühlte ihren Kopf auf meiner Schulter und atmete erleichtert aus. Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie.

„David? Ich denke, wir können gar nicht getrennte Wege gehen. Und zu dem, was ich von dir erwarte, ist nur zu sagen, dass ich einfach will, dass du da bist, bei mir bist.“ Ihre Worte klangen so wundervoll, so sanft.

„Das bin ich gerne, ich kann gar nicht anders.“ Langsam, fast automatisch, wanderte meine Hand wieder zu ihren Haaren und fuhr hindurch. Aber diesmal nicht so unkontrolliert wie vorhin. Ich strich durch jede einzelne Strähne, durch jede einzelne Locke, bis meine Hand schließlich auf ihrer Wange verharrte.

„Wir kriegen das wieder hin, was auch immer es ist, okay?“ Sie nickte nur und lächelte.

Langsam wanderte meine Hand schließlich ihren Rücken hinab, bis ich sie vollkommen in meine Arme gezogen hatte. Wir atmeten beide langsam und entspannt. Ich sah aus dem Fenster, wo eine Schwalbe langsam und frei ihre Bahnen zog. Es kam mir vor, dass wir gerade dabei waren, wie sie zu fliegen, frei umherzuschweben. Niemand konnte uns aufhalten und ich war glücklich, dass ich hier war, bei ihr und ich würde es bleiben.

 

 

 

Runde 2

Part II

Doing the forbidden thing

 

 

Ich habe die ganze Zeit über gedacht, dass es helfen, besser werden würde. Doch meine Hoffnung wurde zerschlagen, so schnell, dass ich nicht einmal in der Lage war, ihre Einzelteile aufzufangen…Das wohlige Gefühl, das mich umgab, während ich bei David war, ließ schon nach ein paar Stunden nach und machte dieser gottverdammten Kälte Platz. Ich habe keine Ahnung an welche Illusion ich mich geklammert hatte, indem ich glaubte, dass er das alles von einer Sekunde auf die Andere in Luft auflösen konnte.

 

„Gill, hey, was stehst du denn hier so teilnahmslos herum?“ David trat an mich heran und legte mir die Hände auf die Schultern.

„Ich…es ist gar nichts…“ Er verzog das Gesicht.

„Alles klar…komm schon, ich kenne dich verdammt lange und ich weiß, wann es dir schlecht geht. Dieses, was auch immer es ist, ist nicht besser geworden, oder?“ Der Ton seiner Stimme war sanft und er erreichte damit immerhin, dass mein Atem ruhiger wurde.

Langsam, fast in Zeitlupe, schüttelte ich den Kopf.

„Aber du kannst nichts dafür, Dave. Es ist tief in mir drinnen…es ist mit mir verwachsen.“ Ich erschrak bei diesem Gedanken.

„Selbst wenn es das ist, werden wir es doch wohl irgendwie da herausbekommen können, oder?“ Er grinste schelmisch.

„Ich glaube nicht…“

„Meine Güte, Miss Pessimistisch, so schlimm ist das alles nicht. Du tust ja gerade so, als würde gleich die Decke über uns zusammenbrechen.“ Seine Miene wurde wieder ernst.

„Sag mal Gill, wie geht’s eigentlich Piper?“ Ein rasanter Themenwechsel, aber er gefiel mir.

„Gut, sehr gut, denk ich.“ Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. „Sie ist bei Clyde, falls du das wissen möchtest. Ich weiß schon noch, wo meine eigene Tochter ist…“ Dabei war ich mir gar nicht so sicher. Normalerweise rief sie mich jeden Tag an, oder ich sie. Ich schüttelte den Kopf. Es ging ihr sicher gut…Doch warum rechtfertige ich mich eigentlich vor David? Warum zweifelte ich an etwas, dessen ich mir eigentlich sicher sein sollte?

„Das…darauf habe ich nicht hinausgewollt, Gill. Eigentlich dachte ich nur daran, dass ich die Kleine ziemlich lang nicht mehr gesehen habe.“ Er nahm meine Hand.

„Wie wär’s wenn wir heute Abend etwas unternehmen.“ Ich lächelte matt, mir war eigentlich überhaupt nicht danach, irgendwohin zu gehen. Aber er hatte schon Recht, es brachte nichts, wenn ich hier ewig herumsaß und mich selbst bemitleidete…

„Okay, klar doch.“ Sein Grinsen, war nun zu einem wunderschönen breiten Lächeln geworden, das seine Gesichtzüge regelrecht strahlen ließ. Ich versank in diesem Lächeln, wie schon so oft zuvor.

„Und wo würde Miss London sich gerne hinbegeben?“, fragte er.

„Öhm…“ Eine wirklich gute Frage…

 

Plötzlich ließ uns ein schrilles Piepen aus der Unterhaltung. Ich zuckte zusammen vor Schreck und brauchte eine Weile, um zu Registrieren, dass es mein Telefon war.

„Warte mal ne Sekunde, Dave.“, rief ich während ich auf dem Weg ins Wohnzimmer war. Ich warf unachtsam einige Zeitschriften von meinen Wohnzimmertisch unter denen ich das Telefon vermutete. Ich warf es schließlich mit auf den Boden, wühlte danach und ergriff es schließlich zitternd.

„Hallo?“, sagte ich mit leicht belegter Stimme.

„Gillian? Hey, ähm…hier ist Clyde.“ Ich brummte bei dieser Aussage leicht und ließ mich auf die Couch fallen. David kam aus der Küche und begann sich im Zimmer umzusehen.

„Hi, Clyde.“, war das Einzige, was ich herausbekam. Eigentlich wollte ich ihn anschnauzen und fragen, warum er sich solange nicht gemeldet hatte und ob ich nicht einmal das Recht hatte zu wissen, was meine Tochter gerade machte, aber ich schwieg, schließlich hätte ich sie auch selbst anrufen können.

„Gillian, störe ich dich bei irgendetwas?“ Ich mochte es nicht, dass er meinen Namen ganz aussprach, aber er hatte mich nie Gill genannt, aus welchem Grund auch immer.

„Öhm…nein.“, sagte ich schnell und wandte meinen Blick wieder von Dave ab, der aus dem Fenster sah.

„Gut.“ Er wirkte sehr nervös. Seine Worte waren abgehackt. Er sagte fast eine Minute lang gar nichts, so als würde er nach Worten suchen und das machte mir Sorgen.

BÖSES VORZEICHEN!

Ich sprang auf und unterdrückte ein Kreischen. Ich war verrückt, das konnte und musste die einzige Erklärung dafür sein.

David fuhr herum und sah mich irritiert an. Ich setzte mich grinsend wieder auf die Couch und tat so, als würde ich bei jedem Telefonat schreiend aufspringen. Aber von mir konnte man auch grundsätzlich alles erwarten, also nickte er nur und wandte sich wieder dem Geschehen außerhalb des Hauses zu.

„Clyde?“, so langsam wurde mir sein Schweigen zu lange.

„Es…es geht um Piper, Gillian.“ Er sprach so langsam, dass es mir vorkam, als würde er über jedes Wort angestrengt nachdenken. Das tat er nie und ich drückte das Reklameschild heftigst zu Boden.

„Was ist mit ihr?“ Ich versuchte ruhig zu klingen, doch in meinem Inneren brodelte es. Es mag lächerlich klingen, aber ich denke bei fast jedem Anruf von Clyde, dass er mich nur kontaktiert, um mir mitzuteilen, dass irgendetwas Furchtbares passiert ist. Ich weiß, dass ich paranoid bin und es wohl immer sein werde, aber diese Angst, wenn seine Nummer auf dem Display erschien, fraß sich regelrecht in mich und ich war nicht fähig sie zurückzuhalten.

„Ich…ich mache mir Sorgen, Gillian. Sie benimmt sich in letzter Zeit so seltsam, so, als habe sie vor irgendetwas Angst, aber sie will mir nicht sagen, vor was.“ Genau wie ihre Mutter, schoss es mir durch den Kopf, doch ich verdrängte den Gedanken schnell wieder. Ich kannte Piper, sie war in vielerlei Hinsicht ein sehr sensibles Kind. Man konnte sie mit fast nichts schocken, doch ihre Phantasie behielt Bilder oft für Jahre in ihrem Gehirn, um irgendwann in ihren Träumen erschreckende Szenarien daraus zu formen.

„Hat sie Albträume, Clyde?“, versuchte ich es aus dieser Richtung. Es war meine Art, immer sachlich an solche Dinge heranzugehen, wenn ich mit meinem Ex-Mann redete. Er konnte mit Pipers Ängsten nie richtig umgehen. Ich konnte es wohl auch nur, weil sie mir selbst nicht ganz unbekannt waren.

„Ich…ich weiß es nicht. Sie will mit mir nicht darüber reden, sie tut so, als wäre alles in Ordnung. Aber ich habe bemerkt, dass sie seit einer Woche regelrecht Panik im Dunkeln hat. Früher hatten wir doch immer nur diese kleine Lampe an, damit sie schlafen konnte und jetzt muss das Licht im ganzen Flur anbleiben. Und ich habe gedacht, dass sich das bessert, wenn sie älter wird…“ Ich nickte etwas abwesend. Tief in mir begann sich eine Stimme zu formen, die wirre Worte daherredete. Mir war nur klar, dass sie mir zu erklären versuchte, dass es zwischen den Ängsten meiner Tochter und meinen Erlebnissen einen Zusammenhang gab, doch ich weigerte mich ihr zuzuhören.

„Kann ich mal mit ihr reden?“, fragte ich vorsichtig.

„Gillian, ich wollte eigentlich, dass ich das alleine kläre…Ich habe Pipe zu einer Freundin geschickt.“ Ich grummelte. Dass er auch immer beweisen wollte, dass er genauso gut Vater sein konnte, wie ich Mutter.

„Clyde, bitte…ach…ich glaube nicht, dass wir ihr helfen können, wenn wir nicht wissen, was mit ihr los ist. Vielleicht vermisst sie mich ja…oder…“ Da war er wieder, dieser Trotz. Ich könnte ihn jedes Mal dafür erschlagen.

„Und warum zu Henker, dreht sie dann nicht durch, wenn sie bei dir ist? Warum vermisst sie mich nicht? Du willst doch damit nur wieder sagen, dass…“

„Stop, Clyde, um Gottes Willen Stop…so habe ich das doch gar nicht gemeint. Es wäre aber immerhin möglich oder? Sie war doch jetzt sehr lange bei mir…meine Güte, als ob das so schlimm wäre und habe ich JEMALS gesagt, dass sie dich nicht vermisst? Habe ich das?“ Blut stieg mir ins Gesicht und David trat neben mich. Er sah mich beruhigend an. Er wusste, was Clyde mir andauernd erzählte.

Ich hörte ein Seufzen am anderen Ende.

„Okay…dann nimm sie zu dir…wenn dir das besser gefällt.“ Ich wollte eigentlich schnell ja sagen, doch dann fiel mir das ein, das mich dazu gebracht hatte, für mich selbst einen Babysitter zu engagieren.

„Ich…das…“

„…geht wohl nicht, oder? Du hast keine Zeit für sie, habe ich nicht Recht? Du läufst ja lieber mit deinem komischen Jul…“

„Clyde, das reicht. Bring sie her.“ Mehr wollte ich nicht sagen, sonst wäre ich wohl wieder explodiert. Wenn ich nur geahnt hätte, zu was für einem Monster sich Clyde im Bezug auf Piper entwickeln würde. Zuerst war er nach ihrer Geburt furchtbar eifersüchtig auf sie gewesen und hatte so getan, als würde ich mich viel zu viel um sie kümmern und kaum war unsere Scheidung offiziell gewesen, hatte er einen Vater-Fimmel bekommen und mir dauernd unter die Nase gehalten, wie sehr ich sie doch vernachlässigen würde, aber andererseits angeblich versuchen würde, sie von ihm fernzuhalten…

„Sie sollte bis zum 24. Februar bei mir bleiben.“, sagte er schroff.

„Ja, das sollte sie, aber sie ist auch mein Kind und du sagst, dass du nicht mehr weiterweißt und ich habe doch nun mal auch das Recht, mir Sorgen um meine eigene Tochter zu machen, oder? Clyde, ich meine das doch nicht böse. Von mir aus kannst du auch noch in London bleiben. Dann haben wir sie doch beide und…“

„Bei dir mit deinem komischen Typen? Das glaubst du ja wohl nicht mal selbst…“ Ich hätte ihm jetzt am liebsten meine Stehlampe ins Gesicht gepfeffert.

„Julian ist gar nicht da.“ Aber jemand anders, hörte ich mein Gewissen flüstern.

„Okay, ich werde sie herbringen, aber dann bin ich weg, dass das klar ist.“ Ich hörte nur noch wie er den Hörer auf die Gabel knallte. Schluckend legte ich das Telefon zurück auf den Tisch und drehte mich zu David.

„Der Haussegen hängt wieder schief, oder?“, fragte er vorsichtig und verzog mitleidig das Gesicht.

Ich nickte nur und fuhr mir erschöpft mit der Hand über die Stirn.

„Langsam bezweifle ich, dass er jemals begreift, dass sie keine Trophäe ist, um die man kämpfen muss.“

 

 

 

 

„Und wohin geht’s nun?“, fragte ich leicht amüsiert darüber, dass wir wohl planlos durch London liefen. Gillian ging in einem recht schnellen Tempo neben mir her und grinste vor sich hin. Ich war unendlich froh darüber, dass sie sich wieder gefangen hatte. Ich liebte es, wenn sie lachte, nur lachte…denn dieses Lachen, ließ mich alles andere für einen Moment vergessen, wie schlimm es auch sein mochte.

„Das weiß ich in…einer Minute, Dave.“, sagte sie hastig und ging immer schneller und ich fragte mich, warum sie sich so beeilte.

Sie bog in eine kleine Gasse ein und ich folgte ihr. Es war schon beachtlich, wie schnell jemand, der so kurze Beine hatte, gehen konnte!

Wir waren umgeben von seltsamen kleinen Läden. Sie hatten ihre Waren bis zur Decke gestapelt und für mich sahen sie fast so aus, als würden sie aus einem anderen Jahrhundert stammen.

Plötzlich blieb Gillian abrupt stehen. Ich wäre fast in sie hineingerannt.

„So, da sind wir, Dave.“ Sie lächelte. „Ich warne dich, hier sind sehr seltsame Gäste, aber das Essen ist einsame Spitze.“ Ich sah nach oben und blickte auf ein großes Schild. „….“ Hmm…klang nicht schlecht, aber irgendwie hörte es sich leicht mysteriös an…mysteriös, ja, das passte zu ihr.

„Lass uns reingehen, Dave, aber du kannst auch draußen stehen bleiben, wenn’s dir lieber ist.“ Gill stand schon halb in der Tür und zwinkerte mir zu. Ich trat schnell neben sie und wir betraten zusammen das kleine Restaurant. Drinnen war es abgedunkelt und angenehm warm. Ich hatte einen stickigen, kleinen Raum erwartet, stattdessen bot sich uns ein bequemes Zimmer, das eher den Flair einer Kaffeeecke hatte. Mitten durch den Raum zog sich eine Bar, um sie herum waren Tische und Bänke aufgebaut. Ja, es gefiel mir hier.

Ich nahm Gillian lächelnd ihren Mantel ab und hängte ihn gemeinsam mit meinem an den Garderobenständer.

„Und wo will sich die Prinzessin hinsetzen?“, fragte ich sie vorsichtig und kam mir irgendwie dämlich dabei vor, aber als sie mich kurz darauf anstrahlte, vergaß ich dies wieder.

„Am besten dort hinten, mein Lieblingsplatz, ich glaube, man hat ihn schon für mich reserviert. Ich bin verdammt oft hier, musst du wissen.“, sagte sie, während wir uns durch die Tischreihen schlängelte. Schließlich ließen wir uns in der hintersten Ecke des Raumes auf zwei bequeme geplosterte Holzbänke sinken und musterten uns schweigend.

Ich nutze die Gelegenheit, um die anwesenden Gäste zu inspizieren. Sie sahen auf den ersten Blick eigentlich alle ganz normal aus, also konnte ich bei bestem Willen nicht sagen, was an ihnen seltsam sein sollte. Aber gut, vielleicht hatten wir auch einen Abend mit „normalen“ Leuten erwischt, was mir eigentlich ganz lieb war, da ich eigentlich vorhatte, mal wieder ein schönes langes Gespräch mit Gill zu führen.

Kurz darauf kam ein Kellner zu uns getrottet und reichte uns beiden eine Speisekarte.

Gill begann darin zu blättern, las es aber nicht wirklich, ich hatte eher den Eindruck, als würde sie die Speisekarte bereits auswendig können…

„Hmm…“, meinte ich beim Überfliegen der Karte. „Kann Madame mir etwas empfehlen?“ Ich sah sie herausfordernd an und da war es wieder, dieses verschmitzte Lächeln.

„Also, wenn ich du wäre, Dave.“ Sie sah über meine Schultern hinweg und verrenkte leicht ihren Kopf, als würde sie etwas suchen. „würde ich eine Lasagne nehmen…denn Spaghetti sind hier zu gefährlich.“ Ich zog die Stirn kraus und wollte damit zum Ausdruck bringen, dass ich nicht verstand, was sie meinte.

„Gefährlich?“, fragte ich also verdutzt. Als Antwort erhielt ich nur ein lautes Lachen und ein Zucken ihrer Schultern.

Oh Gott, wo hatte mich diese Frau jetzt schon wieder hingeschleift…irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas verheimlichte, denn sie schielte immer noch über meine Schultern hinweg.

„Was gibt’s denn zu gucken?“, kam es auf einmal von einem dicklichen Mann, der hinter uns saß. Und irgendwie hatte er genau das ausgesprochen, was ich dachte.

„Sie wissen schon…“, konterte Gill gelassen und grinste weiter.

„Achso…das…in Ordnung.“, meinte er verständnisvoll und drehte sich wieder weg.

„Ähm…G…“, weiter kam ich nicht, denn sie legte mir zwei Finger auf den Mund.

Alles zu seiner Zeit, Dave. Also, was nimmst du?“, versuchte sie ein anderes Thema einzuschlagen, doch ich wurde das komische Gefühl nicht los.

„Oh…ich denke, wohl doch diese Lasagne da.“, sagte ich schnell, ehe sie bemerken konnte, wie seltsam ich mich fühlte.

„Okay“ Sie nickte nur.

„Wie geht’s eigentlich deinen Kindern, Dave?“, fragte sie auf einmal total ruckartig und ich musste grinsen. Eigentlich hatte ich diese Frage jetzt nicht erwartet.

„Ähm…gut geht es ihnen.“, antwortete ich etwas stockend und sah ihr tief in die Augen. Das tiefe blau verriet mir, dass sie es ernst meinte, dass es nicht einfach so eine Frage war, um uns etwas reden zu lassen.

„Weißt du…es gab da…erst letzte Woche so etwas, das wollte ich dir eigentlich erzählen. Es war irgendwie komisch. Kyd hat da so etwas gemacht, das mich sofort an dich erinnert hatte. Ich fühlte irgendwie: Du musst das Gillian sagen und es…es hat mir wehgetan zu wissen, dass du soweit weg warst.“, begann ich zu reden. „Er hat diesen…na ja, diesen Gesichtsausdruck gemacht, den du immer machst, wenn du unbedingt etwas haben willst.“, gestand ich ihr und sie lachte laut los.

„Was hat er?“ Gill grinste über beide Ohren und mein Blick wanderte zu ihren zierlichen, eleganten Händen, die mit einer Serviette zu spielen begannen. „Hey, bist du sicher?“

„Naja…weißt du, es war nicht genau…deeer Blick, aber es…es war so ein charakteristischer Blick, den ich von ihm noch nie gesehen hatte. Stell dir mal vor, du sitzt vor einem kleinen Jungen und erzählst ihm, dass du heute keinen Vanille-Pudding im Geschäft gefunden hast und dann rollt er auf einmal mit den Augen und zuckt so mit den Augenbrauen.“ Sie verschluckte sich beinahe mit dem Wasser, dass der Kellner soeben gebracht hatte und sah dabei so unendlich niedlich aus. Ihre Locken fielen ihr bei dem Gelächter wild ins Gesicht und sie sah so natürlich und so rein aus, wie ich sie selten gesehen hatte.

„Er hat das echt? Du meine Güte…“ Sie lachte immer lauter und die Gäste sahen uns schon seltsam an. Aber das war für mich nichts Neues, sobald man diese Frau einmal zum Lachen gebracht hatte, hörte sie kaum wieder auf.

„Bist du sicher, dass das dein Sohn ist?“, meinte sie schelmisch und ich wusste auch, wie sie es gemeint hatte, aber irgendwie fühlte sich diese Frage komisch in mir an. Ich begann darüber nachzudenken, höchsten für eine Sekunde darüber nachzudenken, wie es wohl sein wurde, ein Kind mit ihr zu haben.

„Hey…hey, Dave, so…so habe ich das doch gar nicht gemeint…“, sagte sie schnell und offenbar in Sorge, mich an einer falschen Stelle getroffen zu haben.

„Das weiß ich doch…aber ich weiß doch, dass jede Frau ein Kind von mir will.“ Eigentlich hatte ich das gar nicht sagen wollen und ich fühlte, wie ich warm hinter den Ohren wurde.

„Ja, ja, Mister Obermacho….“ Sie zwinkerte mir zu und mir wurde mal wieder klar, dass ich mit IHR redete. Denn jede andere Frau von diesem Kaliber hätte mir jetzt wohl ihr Wasser ins Gesicht gepfeffert,….oder doch nicht?

„Aber weißt du, ich glaube, es wäre schrecklich, wenn wir ein Kind hätten…stell dir allein mal vor, wie es aussehen würde…“, fuhr sie fort und verzog verspielt das Gesicht. Ihre Augen leuchteten.

„Och…findest du uns so hässlich, Gilly?“

„Erstens: Nenn mich nicht Gilly!“ ich wusste, dass ihre Wut darüber gespielt war und begann zu kichern. „Nicht kichern Dave! Und zweitens: Naja…die Mischung…du verstehst…ein dunkelblondes Kind mit einer krummen und großen Nase und dann wäre es wahrscheinlich, egal ob Junge oder Mädchen, nicht größer als 1,70 m und hätte deinen Humor und meinen Dickkopf…nein…besser nicht…“

Ich lachte nun auch so laut, dass ich kaum mehr wusste, wie man uns bändigen konnte. Diese Frau war einfach…unglaublich.

„Deine Nase ist nicht krumm.“, war das erste, was mir darauf einfiel.

„Naja, von vorne vielleicht nicht, aber von der Seite.“ Sie kicherte.

„Ich dachte, du hättest mal gesagt, dass du deine Nase vollkommen okay findest?“

„Dave, jede Frau findet ihre Nase hässlich…“ Sie hatte mittlerweile kleine Männchen aus der Serviette gefaltet. „Und außerdem finde ich sie auch okay, aber krumm ist sie trotzdem.“

„Gut…wenn Madame denn meint. Aber Monsieur meint immer noch, dass Madame eine wunderschöne, gerade Nase hat.“ Ich legte das beste Lächeln auf, das ich draufhatte und erntete ein ebenso schönes zurück.

Ich glaube nicht, dass wir an diesem Abend etwas öfter gemacht haben, also uns einfach nur anzulächeln. Und unendlich viel zu lachen. Wir alberten noch gut zehn Minuten weiter herum. (Während dessen kam der Kellner erneut und nahm unsere Bestellungen auf: Ich nahm eine Lasagne und sie einen auf der Karte ziemlich exotisch aussehenden Salat.)

Doch plötzlich wurde unser Gelächter von etwas unterbrochen, das ich zuerst nicht identifizieren konnte, doch als es nicht aufhörte, wandte ich mich um. Und sah etwas, das mir fast den Atem raubte. Der dicke Mann von vorhin stand doch tatsächlich auf seinem Tisch und…und sang!

 

Take me from my fear
Life of sanity
Life... you're mine
Life... Death

Power and reign
Of my fear

Life... power

And where I live
We stone those who are different

Death... taken by,
Conquered all
Like my life...
It's fear

 

 

 

Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Er hatte eine tolle Stimme, operngleich und er begann auf dem Tisch wild herumzugestikulieren.

„Gill? Was macht der da?“, fragte ich sie verdutzt…sie grinste mich amüsiert an.

„Er singt.“, antwortete sie, als sei es das Normalste der Welt.

„Ja…ja, aber warum tut er das?“ Ich begriff das immer noch nicht so ganz.

„Weil…er Lust dazu hat?“, kam es von ihr wieder gelassen und sie schien die Darbietung des Mannes zu genießen. Sie begann wohl angesichts meines Gesichtsausdrucks wieder zu lachen.

Ich winkte den Ober heran und hoffte, dass dieser mir sagen würde, warum sie diesen Mann einfach so singen ließen. Dieser trat auch nach kurzer Zeit an unseren Tisch heran und wippte seinen Kopf im Takt des Gesangs hin und her.

„Ähm…entschuldigen Sie bitte, aber…warum singt dieser Mann?“ Ich kam mir bei dieser Frage ziemlich dämlich vor, dass Gill schon beinahe vor Lachen unterm Tisch lag, trug wesentlich dazu bei.

Der Ober verzog verwirrt das Gesicht und sagte schließlich:

„Wissen Sie denn nicht, dass das hier eine Künstlerbar ist?“

Ich schüttelte hastig den Kopf.

Er sah Gillian mit einem schrägen Blick an und sie grinste nur noch weiter.

„Verstehe, Gillian hat Ihnen also nicht gesagt, wo Sie hier sind? Aber gut…“ Er lachte. „Ich wünsche Ihnen trotzdem noch viel Spaß.“ Er verschwand wieder hinter der Theke und Gillian lachte und lachte.

„Künstlerbar?“, erkundigte ich mich grinsend.

„Naja…die Leute kommen hierher, um unter ihresgleichen zu sein und…du bist ja auch Schauspieler, oder?“

„Das ist mir klar, Gill…aber die fangen hier also einfach an ihre Künste aufzuführen und niemand sagt was?“ Ich war mal wieder durch und durch fasziniert von dem, was diese Frau alles aufgabelte…

„Ja…ganz genau das!“

„Und…hast du hier auch schon mal etwas vorgeführt?“ Ich lächelte bei dem Gedanken innerlich.

„Nun…eigentlich nicht, ich habe…nur mal etwas…äh…gesungen.“ Sie wurde leicht rot bei diesem Satz und irgendwie formte mein Mund ein wohl ziemlich dämliches Grinsen.

„Du hast gesungen?“ Sie nickte nur, immer röter werdend. „Hey…so schlecht ist deine Stimme nun auch wieder nicht.“, versuchte ich, sie zu beruhigen.

„Ha…ha! Aber es war auch ein Karaokeabend, Dave und das rechtfertig das!“ Ich schüttelte grinsend den Kopf.

„Oh Gill…Gill…Gill…du bist eine kleine Spinnerin, weißt du das?“ Ich verspürte den Drang, ihr wieder durch die Haare zu wuscheln und sie einfach durch zu knuddeln…irgendwie…liebte ich diese Frau.

 

 

 

 

Ich schlenderte mit David eine breite Straße entlang, die direkt an der Themse vorbeiführte. Es war schon relativ spät und die Dunkelheit legte sich wie eine Decke über das nächtliche London. Obwohl wir neben einer recht belebten Straße hergingen, war es ungewohnt ruhig hier. Es hatte fast den Flair einer Kleinstadt. Ab und an zogen Lichter an uns vorbei, die Häuser warfen verspielte Schatten auf den Weg. Ich lächelte, als ich den Kopf hob und sein Profil beobachtete. Ich fühlte mich besser, viel besser. Wir hatten in einem kleinen italienischen Restaurant zu Abend gegessen und sehr viel geredet. Er hatte mir von seinen Kinder erzählt, was sie alles angestellt hatten und es hatte mich sehr amüsiert. Ich liebte es, seinen Geschichten zuzuhören, seine Stimme nahm dabei so einen beruhigenden, liebevollen Klang an. Das Strahlen in seinen Augen war das eines Vaters, der stolz auf seine Kinder war und das machte mich glücklich. Ich hatte sie beide sehr gerne. Madeleine war ein kleiner Engel, aber sie konnte Bekannten gegenüber auch eine gigantische Klappe haben. Irgendwie erinnerte mich dieser Aspekt sehr an ihren Vater. David war eigentlich ein sehr stiller Mensch, nicht der Mann der großen Worte, doch sobald er sich in gewohntem Terrain bewegte, konnte er zu einer regelrechten Stimmungskanone werden. Kyd hatte ich nur ein einziges Mal gesehen. Ich kannte ihn nur als Baby kurz nach seiner Geburt. Und die Tatsache, dass er langsam seine eigene Persönlichkeit entwickelte, faszinierte mich immer wieder. Dave beschrieb ihn als kleinen Charmeur, der jedes weibliche Wesen sofort um seine kleinen Finger wickeln konnte. Wieder ganz der Vater, seufzte ich.

 

„Ist es hier immer so still?“, hörte ich plötzlich Davids Stimme, der mich grinsend von der Seite begutachtete.

Ich lachte, wusste, dass er damit wohl auf meine plötzlich wieder eingetretene Verschwiegenheit anspielte.

„Ja, das ist…ein Ort zum Genießen. Ich gehe hier oft entlang, Dave. Ich mag die Stille.“ Er nickte mir zu und blieb plötzlich stehen. Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck ging er auf das Geländer zu, dass den Weg von dem Fluss trennte. Langsam ließ er seine Ellbogen darauf sinken und sah auf das Wasser hinaus, das im Licht der Häuser bläulich schimmerte.

Ich stellte mich genau neben ihn, wollte mich eigentlich an ihn lehnen, doch ich zuckte sofort zurück. Ich wollte ihm nicht nahe sein…das heißt, ich wollte es doch, aber ich konnte es nicht. Es war…eine Sperre, die meine Vernunft errichtet hatte.

„Du hast Angst, vor Morgen, oder?“, fragte er plötzlich, sah mich jedoch nicht an. Ich verzog bei der Frage das Gesicht. Ich wollte nicht daran denken.

„Ähm…nein…ich…ja.“, brachte ich schließlich hervor und sah nun ebenfalls zum Wasser hinaus. Sah wie die kleinen Wellen durch das Wasser brachen und das Licht, das sich in ihnen spiegelte, davontrugen.

„Ich…ich freue mich aber eigentlich.“, schloss ich an. Das tat ich auch, irgendwie, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass es besser wäre, wenn meine Tochter in den Staaten bleiben würde.

Er grinste.

„Das glaube ich dir. Weißt du, ich habe mich schon immer davor gefürchtet, an eine Zeit zu denken…an eine Zeit zu denken in der es zwischen mir und Téa…nicht mehr funktioniert. Ich…ich weiß nicht, woher dieser Gedanke kommt, aber irgendwie stelle ich sie mir als…biestige alleinerziehende Mutter vor, die die Kinder streng vor mir hütet.“

Ich musste bei diesem Gedanken laut auflachen, er lächelte ebenfalls.

„Ich weiß, das klingt dämli…“

„Nein, Dave, ich weiß, was du meinst. Ich kenne diese Angst, diese Gedanken. Denn…denn kurz nachdem Pipe geboren wurde…da schlichen sie sich immer wieder in meinen Kopf und ich konnte nichts dagegen tun. Ich war fast besessen davon“, gestand ich, immer noch seinen Blick meidend.

Ich sah aus den Augenwinkeln, wie er nickte.

„Glaubst du…glaubst du, das ist ein Vorzeichen?“ Seine Stimme war sehr leise, klang bedrückt und ich spürte einen Stich in meinem Herzen. Ich wusste nicht woher er rührte, doch ich fühlte mich auf einmal wieder, wie dieser Teenager. Der Teenager, der sich verletzt fühlte und der unsicher war, was er als nächstes tun sollte.

„Ich…ich denke, dass…dass das etwas ganz Normales ist, Dave. Weißt du, wenn…wenn zwei Menschen zusammenleben, dann…heißt das nicht unbedingt, dass sie sich bedingungslos vertrauen müssen, dass sie niemals an dem Zusammensein und an der Zukunft zweifeln dürfen. Bestimmte Situationen bringen uns dazu, unsre Meinungen und Ansichten zu ändern, schneller als wir es bemerken können. Ich denke, du solltest einfach…einfach alles auf dich zukommen lassen und wenn du…wenn ihr ein Problem habt dann…dann ist es da und ich denke, es wird aus einem bestimmten Grund da sein.“ Ich wusste selbst nicht was ich gesagt hatte, nachdem all diese Wörter meinen Mund verlassen hatten. Ich sah nur weiter geradeaus, wartete auf eine Reaktion von ihm, doch er schwieg. Sein Atem wurde lauter, bis er ganz plötzlich sein Gesicht zu mir wandte.

„Willst du, dass ich glücklich bin, Gill?“ Seine Stimme hatte einen seltsamen Ton angenommen, einen Ton, den ich so noch niemals von ihm gehört hatte. Ich drehte meinen Kopf ebenfalls zu ihm, sah ihm in die Augen. Es war so dunkel, dass ich sie kaum ausmachen konnte, doch ich fühlte sie. Ich fühlte seine Unsicherheit und etwas, das ich noch niemals gefühlt hatte. Es war Verwirrung, doch auch etwas anderes, das ich nicht deuten konnte.

„David…ich…ja natürlich will ich das.“, war das Einzige, das ich darauf antworten konnte.

„Mit allen Konsequenzen?“, kam es wieder von ihm und er trat näher an mich heran.

„Mit allen Konsequenzen.“, bestätigte ich, mir in diesem Moment meiner Sache ganz sicher. Ein leichter Windzug wirbelte seine Haare durcheinander und fegte ebenfalls ein paar Blätter an uns vorbei.

Plötzlich hörte ich ihn lachen, ich wusste nicht, was daran so lustig war, doch ich lachte ebenfalls.

„Nein, das willst du nicht Gillian.“ Ich verzog verwirrt das Gesicht. Worauf wollte er hinaus?

„Do…“, noch ehe ich das Wort beenden konnte, hob er seine rechte Hand und legte seinen Zeigefinger vorsichtig auf meinen Mund.

„Ich weiß, dass du es nicht willst. Du willst es nicht so, wie es jetzt ist.“, fuhr er fort und seine braunen Augen bohrten sich in meine. Es war wie ein Blitz, der mich durchzuckte, als er noch näher an mich herantrat.

„Ich verstehe nicht, was du…“, setzte ich erneut an, doch er brachte mich erneut zum Schweigen.

„Du weißt das ganz genau, Kleines.“ Er stieß einen harten Atemstoß aus und kam noch näher an mich heran, so nah, dass uns höchstens noch ein paar Zentimeter trennten. Ich fühlte seinen Atem auf meiner Haut, sein Geruch wirbelte in meine Nase, verwirrte meine Sinne.

„Ich möchte, dass du es mir sagst…alles. Ich weiß, dass da etwas ist, das wir uns nie gesagt haben. Und ich habe mir immer gesagt, dass eines Tages der Zeitpunkt kommen wird, an dem es gesagt werden muss…“ Er redete so schnell, dass er beinahe einzelne Wörter verschluckte und tief in meinem Inneren wusste ich, von was er redete, doch ich weigerte mich, es wahrhaben zu wollen…Redete er wirklich von der Tatsache, warum ich wirklich nicht mit ihm geredet hatte? Redete er von der Tatsache, die ich nie wirklich gewagt hatte auszusprechen? Ich zitterte.

„Gill, es gibt da etwas, was…ich…“ Ich merkte, dass er nicht weiterreden konnte, dass ihn irgendetwas von abhielt und ich wusste, was es war.

„Sag es nicht, Dave…sag es…sag es nicht.“ Ich trat noch näher an ihn heran und drückte mich an ihn. „Es ist besser, wenn es unausgesprochen bleibt.“, fuhr ich fort und fühlte wie sich Tränen in meinen Augen sammelten.

„Warum?“ Ich hatte nicht gewollt, dass er das fragte. Mein Herz begann zu rasen und ich drückte meinen Kopf gegen seine Brust. Auch seines pochte mir entgegen.

„Weil es zu spät dafür ist.“, war das Einzige, was ich sagte, doch in Wahrheit war es mehr, viel mehr…ich hatte Angst davor.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“, sagte er entschlossen. „Nein, das ist es nicht.“, wiederholte er und ich sah langsam zu ihm hinauf. Seine unendlich weichen Gesichtszüge verdeckten meinen Verstand. Seine liebevoll, aber auch nachdenklich schauenden Augen, ließen mich an meiner Entscheidung zweifeln. Was passierte hier? Was war das hier eigentlich? Ich war kurz davor, einen Schritt zurückzutreten, mich vom ihm zu lösen und zu gehen. Weit weg zu gehen und nie mehr an all das hier zu denken, doch in dieser Sekunde beugte er sich zu mir hinab und ich fühlte, wie seine Hand langsam meinen Rücken hinauf wanderte, in meinem Nacken verharrte.

„Lass es…egal sein, Gill…lass es einfach alles egal sein.“ Mein Atem rasselte, ich wollte es egal sein lassen, alles…alles war so egal, in diesem Moment. Ich fühlte nur noch wie seine Finger ganz langsam, ganz zart über meine Haut strichen und mir angenehme Schauer über den Rücken jagten. Langsam zog ich ihn zu mir hinunter und legte meine Hand vorsichtig auf seine Wange. Leichte Bartstoppeln rieben an meiner Haut. Er fühlte sich so gut an. Von dem Moment an, als sich unsere Augen erneut trafen, war ich gefesselt. Ich war nicht mehr fähig, zu gehen, das hier alles abzubrechen. Ich sah nur noch dieses unendliche Braun, das mich vollkommen in sich gefangen hielt. Es war als würden unsere Seelen in diesem Moment vereint, spielten miteinander, vermischten sich, um sich nie mehr zu trennen. Er beugte sich weiter hinab und ich schloss meine Augen. Es ist alles egal, sagte ich mir, bevor ich seine weichen Lippen auf meinen spürte. Ein unendliches Glücksgefühl durchströmte mich, als ich meinen Mund öffnete und langsam, beinahe schüchtern begann, den seinen zu ertasten. Mein ganzer Körper war erfasst von einem Schauer, der mich unaufhaltsam durchströmte. Ich wusste, dass wir etwas Verbotenes taten, dass wir nicht bestimmt waren, es zu tun, doch ich konnte es nicht stoppen. Unsere Zungen trafen zaghaft aufeinander und begannen ihr rhythmisches Spiel, das mich in eine Welt trug, die ich nicht in der Lage war zu beschreiben. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ein Kuss jemals so etwas in mir ausgelöst hatte. Es war als würde ich ein unglaubliches Verlangen und ein unendliches Wohlbefinden von seinen Lippen auf meine übergehen und meinen Körper durchfluten.

Plötzlich veränderte sich mein Gefühl schlagartig. Ich wurde von etwas durchbohrt, das mir beinahe den Atem raubte und ich war nicht fähig mich zu bewegen. Die Kälte. Sie umschlang mich und ich öffnete ruckartig meine Augen. Was ich sah, ließ mich erstarren. Ich sah nicht mehr in Davids Augen, sondern in die Augen, des Mannes…des Mannes vor dem Theater. Ich wurde von einer unendlich Panik ergriffen und sprang regelrecht von ihm zurück.

Gill…was?“, hörte ich ihn sagen…doch es war nicht David, es war dieser verdammte Mann. Ich schrie regelrecht, als er auf mich zukam und nach mir fassen wollte.

„Fass mich nicht an!“, kreischte ich und fuhr, nicht fähig sagen zu können, was eben passiert war, herum. Ich begann zu rennen, Tränen flossen meine Wangen hinab und ich rannte, rannte so schnell ich konnte davon, von Angst und Panik durchströmt. Ich zitterte am ganzen Körper und die Kälte zerfraß mich innerlich. Ich wusste nicht, was ich tat, wusste nicht, wo ich war und was passierte. Ich rannte nur, rannte und rannte und hörte nicht, wie David immer wieder verzweifelt meinen Namen rief.

 

 

Fortsetzung folgt!

 

Runde 2

Part III

The encounter’s consequences

 

 

Mein Herz schlug bis zum Hals und ich wusste nicht, was eben passiert war. Ich wollte ihr eigentlich hinterher rennen, sie aufhalten, doch stattdessen stand ich nur wie angewurzelt da und starrte in die Dunkelheit. Ich begriff das einfach nicht…was…was war nur passiert?

Ich fühlte, wie langsam Tränen meine Wangen hinabliefen. Es war mir unangenehm und ich war froh, dass die Dunkelheit mich schützte und umgab. Ich fühlte mich so hilflos, so verwirrt…Hatte ich ihr irgendetwas angetan? Sie hatte vorher gesagt, dass sie es nicht tun wollte…hatte sie das?

Ich war so ein verdammter, taktloser Idiot…was war eben eigentlich über mich gekommen? Diese Frau war verlobt, verdammt noch mal und ich…ich hatte eine Frau und zwei Kinder… Ich hätte nie daran gedacht, dass dieser Abend so enden würde, dass wir…wir…

Kalter Wind blies an mir vorbei und vereiste mit meinem Körper, meine Seele. Ich hätte sie nicht küssen sollen, ich hätte es nicht tun sollen…wobei ich jetzt…jetzt nicht einmal mehr wusste, warum ich es überhaupt getan hatte. Ihr Anblick, diese tiefen blauen Augen, die mich gefangen genommen hatten, hatten mich regelrecht dazu gezwungen. Ich verachtete mich dafür, dass ich nicht mehr fähig gewesen war, logisch zu denken, das Ganze abzubrechen. Ich hatte ihr wehgetan, dessen war ich mir sicher. Und vielleicht…ja, vielleicht hatte ich mit dieser einen Handlung, in diesen wenigen, betörenden Sekunden alles zerstört.

Ich stieß ruckartig Atem aus und begann langsam, Schritt für Schritt, hinter ihr herzugehen. Ich konnte sie nicht mehr sehen, die Nacht hatte ihre Konturen verschluckt.

Sollte ich nach ihr rufen, oder würde dies alles nur noch schlimmer machen? Ich hatte keine Ahnung… ging nur schneller, immer schneller, bis ich selbst rannte so schnell ich konnte. Die Lichter der Stadt zogen an mir vorbei und sie kamen mir nicht mehr so friedlich vor wie noch vor ein paar Minuten…sie waren eher dunkel, fahl, erschienen mir wie die Grablichter eines Friedhofes, auf dem man soeben meinen Verstand begraben hatte.

Ich rannte immer schneller, wusste nicht mehr, wohin ich rannte. Wo konnte sie sein? Wollte sie mich sehen, oder sollte ich sie lieber in Ruhe lassen? Wäre es nicht besser, wenn ich einfach ging, mich still und leise für immer aus ihrem Leben verabschiedete? Sie brauchte mich nicht…sie hasste mich jetzt vermutlich, ja, das tat sie.

Ich verlangsamte mein Tempo und stieß mit voller Wucht einen Stein von der Straße. Ich war vollkommen außer Atem und lehnte mich gegen eine Wand. Zitternd starrte ich nach oben, sah zu den Sternen, die ihr kühles, warmes Licht auf meinem Gesicht tanzen ließen. Oh Gott…scheiße…keine Sterne…ich wollte keine Sterne sehen, nicht jetzt. Ich sah auf meine Hände, auf die Rillen und Falten, die darin verliefen und von meinem Leben zeugten. Sie hatten schon so vieles angefasst, hatten Zeichen von so vielen Ereignissen in sich verankert. Und plötzlich sah ich sie, diese Narbe…ich musste grinsen als ich sie sah, beinahe hysterisch kichern. Ich hatte sie mir in der Nacht…in der Nacht, als ich Téa geheiratet hatte, mit einem Taschenmesser in die Haut geschnitten. Als Zeichen dafür, dass ich sie niemals betrügen würde…ich fragte mich, wie ein erwachsener Mann nur auf solch dämliche Ideen kommen konnte…

Ich hatte mir, nachdem ich es gemacht hatte, geschworen, sie unkenntlich zu machen, wenn ich meine Frau jemals aus voller Überzeugung betrogen hatte. Mein Lachen wurde lauter. Hatte ich es aus voller Überzeugung getan? Ja, das hatte ich…verdammt noch mal, das hatte ich. Ich hatte es gewollt, gewollt wie nichts anderes in diesem Moment und ich bereute es nicht…nicht wegen Téa, sondern wegen etwas, das viel schlimmer war. Ja,. Mr. Duchovny, diese kleine Narbe gilt nicht mehr…

Aber meinte ich es wirklich ernst? Würde ich sie wieder küssen wollen? Ich atmete tief durch…ja, ich würde es wollen und genau das war es, was mich so verwirrt machte. Was hatte sie zuvor noch gesagt? „Bestimmte Situationen bringen uns dazu unsre Meinungen und Ansichten zu ändern, schneller als wir es bemerken können.“

Für mich erklärte dieser Satz alles, was ich getan hatte, alles, was passiert war. Ich hatte etwas erkannt, das ich schon lange hätte sehen sollen…doch…konnte ich es überhaupt fortführen?

Ich MUSSTE es versuchen. Ich MUSSTE sie finden. Doch zuerst musste ich etwas Anderes tun. Ich sah mich auf dem Boden um und griff schließlich nach einer Glasscherbe, die direkt neben mir lag. Ich tippte vorsichtig mit meinen Zeigefinger ihre Kanten entlang, sie war scharf. Ich seufzte leise und setzte sie an meiner Handfläche an, genau dort, wo sich die Narbe befand. Langsam und so stark ich konnte, begann ich sie durchzuritzen, immer schneller werdend, als ich das Blut sah, begann ich sie unkenntlich zu machen, bis sie nur noch von duzenden Strichen durchzogen wurde. Zufrieden es getan zu haben, stand ich auf und ließ die Scherbe in meine Hosentasche gleiten.

 

Gut und was nun? Ich drehte mich einmal unsicher und immer noch leicht atemlos im Kreis. Wo könnte sie hingegangen sein? Vielleicht zurück in ihre Wohnung…? Aber konnte sie sich, man nehme an sie hätte es wirklich getan, nicht sicher sein, dass ich dort als erstes nachschauen würde? Ich schüttelte hastig den Kopf.

Ich hatte, obwohl mein Herz es mir fortwährend einhämmerte, nicht den geringsten Beweis dafür, dass sie wirklich wegen diesem Kuss weggelaufen war…vielleicht…vielleicht hatte sie auch nur vor irgendetwas Angst gehabt…nein…stopp, ich musste aufhören, mir Hoffnungen aus dem Nichts zu machen. Es war schiefgelaufen und zwar vollkommen, damit musste ich mich abfinden, so weh es mir auch tat.

Ich ging weiter. Sollte ich nicht einfach mal zu ihr nach Hause fahren und nachsehen, ob sie dort war? Ich entschied mich dafür und setzte meinen Weg gleichmäßig fort. Ich musste zu einer Underground-Station. Von dort konnte es nicht mehr allzu weit sein. Mit der Hoffnung, nicht aufzufallen, ging ich schließlich auf das nächste Undergroundschild zu und die Treppen des U-Bahnschachtes hinter. Es war um diese Urzeit nicht sehr voll hier, aber es tummelten sich immer noch genug Leute, um mich herum, sodass ich nicht sicher sein konnte, nicht sofort vom irgendwem erkannt zu werden. Und selbst wenn ich es würde, ich war mir sicher, dass ich ihn oder sie nicht beachten würde. Es war mir egal, wenn ich es genau nahm, alles war mir egal, ich wollte sie nur finden, wollte nur wissen, ob es ihr gut ging.

Hastig durchquerte ich die Halle der Station, kaufte mir am Schalter eine Tageskarte und nahm die lange Rolltreppe in den Schacht hinunter. Ich fühlte mich nicht sehr wohl dabei, als ich nach unten sah. Ich war zwar in Kaufhäusern schon öfters auf solch großen Rolltreppen gewesen, aber dennoch ließ der enge, runde Schacht um mich herum, eine leichte Höhenangst in mir aufkommen. Ich ignorierte sie jedoch, konzentrierte mich nur auf mein Herz, das so schnell gegen meine Rippen klopfte, dass es zu zerspringen drohte. Ich fühlte, wie sich Schweiß auf meiner Stirn bildete, trat nervös von einem Fuß auf den anderen und rannte schließlich regelrecht die Treppe hinunter.

Unten angekommen raubte mir etwas für eine Sekunde den Atem. Neben mir war ein großes Plakat aufgehängt. „What the night is for“, stand darauf in großen weißen Lettern geschrieben. Sie…sie war darauf und dieser Mann. Roger Allam hieß er, soweit ich mich erinnern konnte. Sie lag auf seinem Schoß und ihre Haare fielen seitlich davon hinab. Ich zitterte und wünschte mir, dass ich dieser Mann wäre, dass ich der Mann wäre, der sie jeden Tag auf der Bühne küssen durfte, ohne, dass jemand etwas daran auszusetzen hatte, ohne, dass jemand etwas Verbotenes dahinter vermuten könnte. Ich hob meine Hand an und strich vorsichtig über das Plakat ihr Gesicht entlang. Ich erschrak als ich merkte, dass Blut ihre weiße Haut benetzte. Die Wunden an meinen Händen hatten nicht aufgehört zu bluten, doch ich hatte ihren Schmerz nicht gespürt, tat es auch jetzt nicht. Nach Luft ringend riss ich mich von dem Plakat los und ging weiter bis zu den Schienen.

Mein Gefühl sagte mir, dass ich die District Line zur Notting Hill Gate Station nehmen sollte. Ich wartete so ungeduldig, wie wohl niemals zuvor in meinem Leben. All die Minuten kamen mir wie Stunden vor und ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Konnte diese Gott verdammte Bahn nicht einfach kommen? Ich wippte hin und her und wischte mir den Schweiß von dir Stirn. Immer wieder sah ich auf die Uhr. Es war fast zwölf…Mein Atem wurde immer schneller und ich wusste, dass ich es nicht mehr lange aushalten würde. Ich begann unruhig über den Bahnsteig zu pirschen, wie ein Raubtier auf der Suche nach seiner Beute. Immer wieder überkam mich ein unkontrollierbares Zittern…bitte…komm endlich du scheiß Underground…und endlich. Für meinen Geschmack zwar immer noch viel zu langsam fuhr die Bahn endlich vor. Als sie endlich anhielt und nach einer halben Ewigkeit ihre Türen öffnete, vernahm ich plötzlich einen seltsamen Laut. Es klang wie ein Schluchzen und ich wand mich verdutzt um. Es schien aus einer Ecke zwischen zwei Automaten zu kommen. Was konnte dort sein? Ein Tier, ein Kind vielleicht? Auf einmal durchzuckte mich die Erkenntnis wie ein Blitz. Er war zwar kaum sichtbar, aber dennoch erkannte ich die Spitze von einem von Gillians Stiefeln im kalten Licht des Schachtes. Ich riss mich sofort von der Tür los und ließ die Bahn ohne mich abfahren. Konnte sie das wirklich sein?

Ich ging so langsam wie ich konnte, auf die Ecke zu und hielt kurz davor inne. Ich erkannte ihren Schatten, ihre Umrisse. Sie lag dort, ihre Beine dicht an den Körper gezogen, zusammengekauert und wippte unruhig hin und her.

Ich wusste nicht, ob über diesen Anblick erschrocken oder erleichtert sein sollte. Ich hatte sie gefunden…aber…

Ich trat unsicher näher an sie heran. Sie reagierte nicht, schien mich nicht einmal wahrzunehmen. Es war also Zufall gewesen, dass ich sie gehört hatte…was…was wäre passiert wenn ich sie dort einfach…ich brach den Gedankengang hastig ab und bückte mich vorsichtig zu ihr hinunter.

„Hey…“, sagte ich leise, unsicher darüber, ob sie nicht wieder wegrennen würde. Doch sie verharrte dort, wo sie war, zuckte aber bei meiner Stimme zusammen. Ihre Augen weiteten sich ängstlich und sie schwang ruckartig zu mir herum. Ich schluckte hart, als ich sah, wie zerfressen von Angst ihre Gesichtszüge waren. Ihr Blick war überzogen von einem trüben Film, der ihre Persönlichkeit vollkommen verblassen ließ. Ihre Haut war fahl und fast weiß. Ich hatte sie noch niemals…doch, als sie mir heute Morgen die Tür geöffnet hatte, hatte sie genauso ausgesehen.

„D…du…“, kam es aus ihrem Mund und ich brauchte eine Weile um zu registrieren, dass sie etwas gesagt hatte. Erst glaubte ich, ich hätte es mir nur eingebildet, doch dann:

„Bist…Dave…bist du das?“ Sie sah ängstlich und so hilflos dabei aus, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Was redete sie da?

„Na…natürlich bin ich Dave, Kleines.“ Ich kroch noch näher an sie heran und legte vorsichtig meine Hand auf die ihre.

„Wo…wo ist…er?“ Bei dem letzten Wort erkannte ich eine regelrechte Panik in ihrer Mimik und ich begann langsam über ihre Hand zu streichen.

„Er? Von wem redest du, Gill? Hier ist niemand…“ Ich begriff nicht, was sie meinte. Aber mir wurde klar, dass sie tatsächlich einen anderen Grund gehabt hatte, wegzurennen. Auf der einen Seite beruhigte mich das. Es…es gab mir so etwas wie Selbstwertgefühl, doch auf der anderen wurde ich zunehmend unsicherer…was meinte sie nur damit?

„Du…du hast ihn nicht gesehen?“, fragte sie wieder.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe niemanden gesehen, Gill…ich…ist alles okay?“ Ich musste ihr diese Frage einfach stellen.

Sie sagte nichts, sah nur zu Boden.

„Er…er war da, Dave.“ Ihre Stimme war entschlossen, aber dennoch von Angst zerfressen. Mir wurde das Ganze langsam unheimlich.

„Wer ist da gewesen?“, versuchte ich es erneut und mir kam plötzlich eine schreckliche Ahnung…Ich schüttelte den Kopf. Nein, das war einfach zu verrückt.

„Der Mann…der man von dem Theater…der…der…“

„…bei dir eingebrochen hat, Gill?“, entwich es stotternd meinem Mund und meine Augen weiteten sich vor Fassungslosigkeit.

Gillian nickte sehr langsam und drehte ihren Kopf ebenso langsam wieder nach oben. Tränen rannen über ihre Wangen. Sie zitterte am ganzen Körper.

„Dave…ich…kannst du mich nach Hause bringen?“, fragte sie fast schüchtern.

„Ja…natürlich.“ Ich erhob mich und griff langsam um ihre Taille, um sich hochzuziehen.

„Geht’s?“, fragte ich, als ich merkte, dass sie zu taumeln begann.

„Ich ähm…“ Sie klammerte sich halb an mir fest. So schön es sich auch anfühlte, sie so nah bei mir zu haben, aber mir wäre es eindeutig lieber gewesen, wenn sie wenigstens einigermaßen hätte stehen können.

„Dave…ich…“ Ich hatte Angst, dass sie ohnmächtig werden würde. Also hob ich sie hoch und setzte sie auf eine nahegelegene Bank.

Langsam ließ ich mich neben sie fallen und spürte wie ihr Gewicht sofort gegen mich sackte. Gillian versuchte verzweifelt ihren Kopf oben zu halten, doch sie war zu schwach und sank schließlich endgültig auf meine Schultern.

„Bist du sicher, dass alles okay ist?“, hakte ich noch mal nach und strich ihr vorsichtig über die Stirn. Ich erschrak. Eiskalter Schweiß hatte sich darauf gesammelt und sie glühte.

„Kleines, du hast ja Fieber.“, stellte ich besorgt fest und versuchte sie ein wenig aufzurichten.

Sie atmete schwer aus und sah mich aus einer schrägen Stellung an. Ihre Augen waren nun vollkommen glasig und ich bekam es mit der Angst zu tun.

„Gill…sag bitte was!“ Sie regte sich kaum und starrte nur starr geradeaus. „Verdammt...“, flüsterte ich und strich ihr über die Wange. Ihre Haut fühlte sich so zart an…so zart wie immer, doch der Schweiß, der darauf klebte, ließ langsam Panik in mir aufkommen.

„Gill, es ist mir egal, was du jetzt sagst, aber ich bringe dich jetzt zu einem Arzt.“ Meine Stimme war so entschlossen, wie ich es in diesem Moment fertig brachte. Ich sah, wie sie ihre Augen langsam hin- und herrollte. Entsetzt darüber, dass sie offenbar nicht zu mehr fähig war, griff ich unter ihren Rücken und hob sie schließlich hoch.

 

 

 

 

Mein Kopf schmerzte leicht, als ich langsam die Augen öffnete. Ich war verwirrt und als ich versuchte, mich daran zu erinnern, was passiert war, fand ich nur eine unendliche Lehre vor. Wärmendes Licht blendete mir entgegen und ich schloss Ruckartig die Augen wieder. Ein Seufzen entfuhr mir und ich langte nach meinem Kopf. Er fühlte sich an wie immer, also war ich wohl nicht gestürzt. Ich zog die Stirn kraus und öffnete die Augen wieder, als mir eine altbekannte Stimme in die Ohren drang.

 

„Na, sieh mal an, wer jetzt wieder zu den Lebenden zurückkehrt.“ Er klang erleichtert und ich konnte verschwommen ein Lächeln von ihm wahrnehmen.

Ich lächelte zurück, oder versuchte es zumindest. Dabei versuchte ich, mich quälend zu erinnern, was passiert war, aber ich war einfach vollkommen benebelt. Klasse…Ich brummte genervt und versuchte mich aufzurichten, doch meine Hände trugen mein Gewicht nicht und so schaffte ich es gerade mal mich einen Zentimeter zu bewegen. Und klasse Nr. 2…ich stöhnte.

„Hey, Gill, Vorsicht, ich glaube, du solltest noch nicht aufstehen.“ David drückte mich sanft wieder zurück ins Kissen.

Ich sah ihn schief an. So langsam formte sich ein klares Bild vor meinen Augen und ich konnte mich umsehen. Ich lag in einem durch und durch weißen Raum. Spärlich eingerichtet. An der Wand links von mir befand sich ein großes Fenster, das die gesamte Wand einnahm. Soweit ich es über Davids Kopf erkennen konnte, erstreckten sich dahinter dichte Wälder. Plötzlich fühlte ich ein unangenehmes Pieksen an meinem rechten Handgelenk und hob es erschrocken hoch. Ein Schlauch schlängelte sich daraus, zu einem Tropf hin. Und klasse Nr. 3. Ich war also definitiv in einem Krankenhaus.

„Dave…was?“

„Schhh“, kam es sofort von ihm. „Du bist gestern Abend zusammen gebrochen. Nichts Schlimmes…du…der Arzt sagt, du hättest dir eine seltene Grippe eingefangen.“ Ich konnte es fast nicht ertragen, wie besorgt er mich ansah. Wir schwiegen beide eine Weile, bis er schließlich anhängte: „Ich…ich habe dir doch gesagt, dass du krank bist, Gill. Das dürfte das alles erklären.“ Und plötzlich traf es mich wie ein Schlag in den Magen. Dieser Kuss…das…das Gesicht des Mannes. Ich war weggerannt, vollkommen in Panik geraten und ab da setzte meine Erinnerung vollkommen aus. Ich fühlte mich auf einmal furchtbar dämlich und kindisch. Ein Gefühl von Scham überrollte mich und ich war nicht fähig, ihn anzusehen. Wut sammelte sich in mir. Ich war mir vollkommen sicher, dass er Unrecht hatte, dass das nicht an dieser Grippe lag, dass es nicht daran liegen konnte. Ich ballte meine Fäuste und drückte sie so stark zusammen, dass ich Schmerzen hatte.

„Gill, ist alles okay?“ Sein Tonfall war schon wieder so besorgt, klang schon wieder so, als wäre ich ein kleines Kind, das Unsinn gemacht hatte. Ich schnaubte und funkelte ihn regelrecht an. David zog überrascht die Stirn kraus und weitete die Augen.

„Das ist keine Grippe.“, sagte ich überzeugt von mir selbst und schwang mich auf einmal ruckartig hoch.

„Na-natürlich ist es das…komm schon, was sollte es sonst sein? Verdammt, du bist krank, leg dich wieder hin.“ Ich ignorierte die Weichheit in seinen Augen und strampelte mich von der Decke frei um kurz darauf meine Beine über den Rand des Bettes zu schwingen.

„Du hast ja gar keine Ahnung.“ Und das hatte er auch nicht. Ich kam mir vor, wie so eine Verrückte, die man an ein Bett gefesselt hatte und erzählte, dass sie nicht die Königin von England war. Nur waren meine Fesseln Worte und meine Überzeugung etwas Reales.

„Gill, um Gottes Willen, leg dich wieder hin. Du hast Fieber…es ist doch alles in Ordnung.“ Er versuchte, mich wieder zurück ins Bett zu stoßen, doch ich wehrte mich und versuchte an ihm vorbeizukommen. Doch genau in diesem Moment betrat eine Schwester den Raum.

„Was machen Sie da? Miss Anderson! In Gottes Namen! Sie müssen doch liegen bleiben!“ Sie stürmte regelrecht auf uns zu und schubste mich zurück ins Bett. „Meine Güte.“, entfuhr es ihr außer Atem und ich kam mir auf einmal vor wie ein Ausstellungsstück, das von allen Seiten kritisch begutachtet wurde.

„Ich…ich wollte nur…“, versuchte ich zu erklären, doch was wollte ich eigentlich? Ich fühlte nur die Wut, die in mir kochte. Mein Versuch sie zu bändigen misslang. Ich fühlte mich unverstanden und ein klein wenig, als hätte ich den Verstand verloren. Oder hatten alle anderen das?

„Nichts da, so Leid es mir tut, aber Sie müssen noch mindestens einen Tag Bettruhe halten. Wir müssen schließlich eine Chance haben, das Virus in Ihrem Körper zu bekämpfen.“ Ihre Stimme war entschlossen, ein wenig mütterlich, aber doch eher, als wäre sie eine Oberlehrerin.

Ich nickte abwesend und sah zu, wie sie die Flasche an meinem Tropf austauschte.

„Sie werden schon wieder werden, keine Sorge.“ Der strengen Stimme wich ein mütterliches Lächeln.

„Ähm, nach diesem Tag Bettruhe, ähm…wie lange muss ich dann noch hier bleiben? Wissen Sie, ich spiele Theater und…“

Sie lachte.

„Miss, das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Ich schätze mal ungefähr eine Woche. Aber ich bin kein Arzt. Heute um sechs Uhr ist Visite, man wird Ihnen dann sicher sagen, wie es aussieht.“

Ich verzog das Gesicht und ich fühlte wie Tausende Sturzbäche sich auf einmal über meinem Kopf ergossen. Eine Woche! Eine ganze Woche!

„So und nun ruhen Sie sich noch ein wenig aus“, sagte sie, bevor ich irgendetwas erwidern konnte und verließ den Raum. Ich starrte immer noch wie paralysiert gegen die Wand. Eine Woche! Ich sah sie wieder…all diese Leute, all diese Menschen, die auf mich warteten, mich sehen wollten. Ich sah ihre entsetzten und traurig Gesichter und ich spürte ihre Wut auf mich.

„Gillian, es ist okay. Ich habe mit Wyn geredet…er war ein wenig geschockt, aber er sagt, dass deine Gesundheit auf jeden Fall vorgeht.“ Ich sah David nur aus den Augenwinkeln an und brodelte innerlich.

„Ich…ich habe auch versucht Julian zu erreichen, aber unter der Handynummer, die du in deinem Telefon gespeichert hast, ist er nicht drangegangen“, verkündete Dave und legte mir seine Hand auf den Arm. Seine Wärme brannte auf meiner Haut und ich fühlte, wie leichte Übelkeit in mir aufstieg. Ich wusste nicht, ob ich es mir einbildete, aber ich sah Erleichterung in seinen Augen. Er wollte nicht, dass Julian herkam. Gott, was war nur an diesem verdammten Abend alles passiert?

„Außerdem habe ich mit Clyde gesprochen“, fuhr er fort, als wäre ich gar nicht fähig, ihm zu antworten und meine Stimmung sackte noch eine Etage tiefer. „Er hat gesagt, dass er Piper heute Abend herbringt. Ich wollte ihm erklären, wo du bist, aber er hat mir nicht zugehört. War wohl nicht sehr erfreut darüber, dass ich hier bin…“ Ich nickte wieder. Irgendwie war mir das alles zuviel. Ich hatte, allein wenn ich nur an meine Tochter dachte, ein schlechtes Gewissen. Und ich mochte mir gar nicht erst vorstellen, wie es aussehen würde, wenn ich hier im Krankenhaus lag und meine Tochter…ja…was sollte ich mit Piper eigentlich machen? Ob ich Clyde bitten könnte noch so lange hier zu bleiben? Oder sollte ich gar…nein…

„Ich habe mir gedacht, dass na ja, natürlich nur wenn du willst, würde ich solange auf Piper aufpassen, bis du wieder nach Hause kannst.“ So langsam hatte ich das Gefühl, als könnte dieser Mann wirklich Gedanken lesen. Ich wandte mich rasant schnell zu ihm um und sah ihm in die Augen. Es lag ein natürlicher, gut gemeinter Wille darin. Ich wollte weiterhin wütend auf ihn sein, doch wie immer, konnte ich es einfach nicht.

„Und du würdest das wirklich tun, David?“, hakte ich zur Sicherheit noch einmal nach.

Er nickte entschlossen.

„Hey, das ist doch Ehrensache, Kleines.“ Seine Stimme klang so wundervoll weich, dass ich glaubte, wie Butter zu schmelzen und ich grinste ihn an.

„Danke…danke…“, wiederholte ich, um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen. Er lächelte nur zurück und erhob sich plötzlich.

„Würdest du’s verkraften, wenn ich mal eben zu dir nach Hause fahre und sehe, wie ich zum Flughafen komme?“, fragte er und stützte sich am Ende meines Bettes mit den Händen ab.

„Hmm…okay.“, sagte ich schnell. Einerseits hätte ich ihn noch gerne hier gehabt, aber andererseits…Ich musste nachdenken. Die Gedanken in meinem Kopf ordnen. Und das konnte ich nur, wenn ich alleine war.

„Und noch was, Gill.“ Ich hatte mich gerade darauf vorbereitet, dass er das Zimmer verlassen würde, als er noch einmal auf das Bett zukam und sich neben mich stelle.

„Wenn…wenn du irgendein Problem hast, Angst vor irgendetwas hast, dann sag es mir einfach, kay? Ich weiß, dass du nicht glauben willst, dass du einfach nur eine Grippe hast. Aber glaub mir, du hattest anscheinend sehr viel Stress…Und du solltest einfach nur reden, viel reden und dann bekommen wir das sicher in den Griff, in Ordnung?“ Er zwinkerte mir zu und strich mir sanft über die Wange.

„Danke, Dave…ich weiß gar nicht…wie…ich…“ Meine Wut war nun endgültig verfolgen. Er vertraute mir, er wusste, dass mit mir etwas nicht stimmte.

„Es ist okay. Ich mache das doch gerne. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn du Angst vor etwas hast.“ Er beugte sich langsam hinab und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ein unendliches Lächeln zog sich über meinen Mund. Eine Sekunde später trafen sich sanft unsre Lippen. Es war fast so, als würde eine Feder darüber streichen. Doch wir schreckten beide schnell wieder zurück.

„Bis nachher.“, sagte er schließlich und verließ das Zimmer.

 

 

Langsam ging ich die breiten Gänge des Heathrow-Flughafens entlang. Um mich herum tummelten sich Menschen. Ich versuchte, mich aus all den Gedanken zu reißen, die im Moment meinen Verstand beherrschten, doch es stellte sich als weitaus schwerer heraus, als ich angenommen hatte.

Gillian war wütend auf mich gewesen, sehr wütend sogar. Entweder war diese Wut jedoch schnell wieder verflogen, oder sie war einfach zu schwach gewesen, sie lange standhaft zu halten. Ich war zuerst sehr erleichtert gewesen, als die Ärzte mir gesagt hatten, dass es eine Grippe wäre. Ja, ich hatte geradezu darauf gehofft, dass sie irgendeine Krankheit hatte. Aber wie ich es erwartet…ja geradezu gefühlt hatte, wollte sie mir das nicht glauben. Ich schwankte nun, ob doch mehr dahinter stecken könnte oder ob sie wirklich nur übermüdet war und halluzinierte.

Aber ich kannte Gillian, sie sah sehr oft Dinge, die nicht existierten. Manche Leute hatten sie deswegen für verrückt gehalten und ich konnte mich sogar an ein paar Drehtage in einer Schule erinnern, in der einige Schüler regelrechte Angst vor ihr gehabt hatten. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Man musste schon mit ihr umzugehen wissen, sonst nützte alles nichts.

Ich sah auf die Uhr. Es war 18:30 Uhr. In fünf Minuten würde die Maschine landen. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht. Ich war nicht gerade erfreut darüber, Clyde wiederzusehen. Nun gut, eigentlich war er ein ordentlicher Mann, soweit okay, aber er schien, mich nicht gerade zu mögen. Und das zeigte er mir, wann immer er konnte. Ich musste lachen. Ich hatte keine Ahnung warum, aber irgendwie fand ich es hinreißend komisch, dass noch keiner von Gillians Liebhabern, jemals etwas für mich übrig gehabt hatte. Würde dieser Julian mich genauso hassen?

 

Plötzlich sah ich, wie sich ein paar Meter neben mir eine automatische Schiebetür öffnete. Eine Traube Menschen trat heraus und ich zog meine Baseballkappe automatisch noch ein wenig tiefer ins Gesicht. Ich sah erneut auf die Uhr. Es war 18:50 Uhr. Sie könnten jetzt herauskommen. Als ob ich die Zukunft vorhergesehen hatte, fühlte ich auf einmal nur einen heftigen Druck in meiner Bauchgegend und lange, blonde Haare wirbelten mir entgegen.

„Hi, Dave!“, sagte der Haarhaufen, als er sich von mir wegbewegte und mich über beide Ohren angrinste. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich geglaubt, einer Miniaturversion von Gillian gegenüberzustehen.

„Hi Pipe, wie geht’s, Kleine?“

„Klasse!“ Sie grinste weiter und drehte sich auf einmal irritiert um. „Hmm…irgendwann müsste Dad da auch rauskommen.“, bemerkte sie und zeigte dabei auf die Tür. „Aber…egal, wie auch immer…“ Sie fuhr rasant schnell wieder herum und wandte sich wieder mir zu. Sie war ganz schön groß geworden, stellte ich fest und lächelte. „Wo ist Mom?“ Ich hatte gebetet, dass diese Frage nicht kommen würde. Ich suchte nach Worten, als ich plötzlich ein Raunen vor mir wahrnahm.

Ich drehte meinen Kopf nach oben und sah direkt in die Augen von Clyde Klotz, der mich wie immer mit einem murrenden  Blick musterte. Erst jetzt registrierte ich, dass er wohl „Tag“ gesagt haben musste.

„Ähm…hallo, Clyde.“, begann ich schnell und versuchte, milde zu lächeln. Er verzog nur das Gesicht.

„Wo ist Gillian?“, fragte er und bemühte sich offenbar, mich nicht anzusehen. Es war schon fast ein lächerliches Benehmen für einen erwachsenen Mann, aber irgendwie war mir auch nie wohl in seiner Gegenwart. Ich dachte immer daran, dass er mit ihr verheiratet gewesen war. Dass er sie hatte haben können und irgendwie machte mich dieser Gedanke wütend. Ich hatte früher niemals darauf geachtet, aber jetzt war mir klar, warum es so gewesen war.

Ich packte ihn bei den Schultern und zog ihn bei Seite. Piper wollte nachkommen, doch ich grinste ihr zu und verdeutlichte ihr, dass sie warten sollte.

„Ähm…ja…weißt du, Clyde, es gibt da etwas, das ich dir noch nicht gesagt hatte.“ Eigentlich wollte ich es ihm auch gar nicht sagen. Ich wollte aus irgendeinem Grund nicht, dass er sie besuchte. Irgendwie glaubte ich, dass er etwas sehen würde. Etwas, das er nicht bestimmt war zu sehen.

Er sah mich nur schief an.

„Also…Gill ist…sie hat eine kleine Grippe und ist…im Krankenhaus.“, sagte ich so schnell, dass ich mich fragte, ob er es verstanden hatte. Er hatte es, denn nur Sekunden später trafen mich seine zu Eis erstarrten Augen.

„Wie ist das passiert?“, fragte er ebenso schnell wie ich zuvor geredet hatte und musterte mich so eingehend, dass ich daran war, einen Schritt zurück zu tun.

„Na ja, da flogen ein paar Viren durch die Gegend und Gill hat sie eingeatmet.“, konterte ich gelassen, mir bewusst, dass er mir wohl die Schuld geben wollte.

Er nickte nur unendlich langsam und wandte sich Piper zu.

„Ähm, Schätzchen, wir werden jetzt in die Wohnung von Mom...okay? Ihr geht es nicht so gut…“ Seine Stimme war belegt und Piper sah ihn erschrocken an.

„Aber sie ist bald wieder okay.“, hängte ich an, damit ich die Kleine nicht erschrak. Ich wusste, wie ängstlich Piper im Bezug auf ihre Mutter war. Sie glaubte dauernd, dass sie irgendeine Krankheit bekommen und frühzeitig sterben würde. Ich wusste nicht, woher sie das hatte, aber ihre Mutter benahm sich ihr gegenüber ja nicht viel anders. Ich lächelte.

Piper nickte und begann an ihrem Rucksack zu spielen.

„Äh, draußen wartet ein Taxi.“, sagte ich schnell, als Clyde sich zu einem Schalter in Bewegung setzen wollte. Er nickte nur und steuerte auf den Ausgang zu. Piper ging neben mir her.

„Tut mir Leid, dass er immer zu gemein zu dir ist.“, presste sie aus sich heraus und sah auf den Boden.

„Hey“ Ich grinste ihr zu. „Ich weiß doch, dass er es nicht böse meint.“

„Das tut er aber.“, fuhr sie fort, als sei es das Normalste der Welt. Kindermünder konnten so unglaublich schamlos sein. „Er hasst dich und Jules hasst er auch. Und Rodney und den einen blonden Typen, von dem ich den Namen vergessen habe. Aber den hasst Mom auch.“

Ich konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken. Die Kleine war einfach verrückt…Aber zu Pipers Eigenschaften, hatte schon immer ein ziemlich loses Mundwerk gehört. Auch das hatte sie von ihrer Mutter…Und an diesem Punkt blieben meine Gedanken stehen. Clyde hasste sie alle, alle mit denen Gill jemals etwas gehabt hatte…und mich…ich seufzte. War das Ganze wirklich so offensichtlich?

„Sag mal, Dave? Was hat Mom eigentlich?“, bohrte sie schon wieder und ging näher neben mir.

Ich schluckte.

„Eine Grippe, aber das geht wieder vorbei.“

„Sie ist im Krankenhaus, oder?“, hakte sie nach und sah mich dabei verräterisch an.

Ich nickte.

„Woher weißt du das?“

„Ich habe Ohren.“, kommentierte sie so gelassen wie immer.

Ich schluckte erneut. Manchmal konnte dieses Mädchen mich mit ihrer Direktheit in den Wahnsinn treiben.

„Und außerdem“, fuhr sie plötzlich fort, „war ich nicht die Einzige, die euch gehört hat. So eine komisch aussehende Frau war ganz von den Socken, als du das gesagt hast.“

„Was?“ Ich keifte sie schon fast an und Piper trat mit irritiertem Blick von mir.

„Hey, ich habe…“

Ich hörte nicht mehr, was sie sagte, sondern fuhr hastig herum. Ich konnte weit und breit niemanden sehen. Hörte nur ein seltsames Geräusch, das wie das Öffnen eines Reißverschlusses klang und wand meinen Kopf wieder zu Piper. Diese riss soeben das Papier eines Schokoriegels auf und stopfte diesen in ihren Mund.

„Ist sie noch hier?“

„Noooin“, mampfte sie, warf mir dabei einen rechthaberischen Blick zu und verließ das Flughafengebäude.

Ich seufzte und drehte mich noch einmal um. Es war niemand in Sicht, der auch nur irgendwie verdächtig wirkte. Ich hasste die Presse. Sie mussten immer genau zur falschen Zeit, am falschen Ort sein.

 

 

 

 

Ich saß da. Starrte einfach nur teilnahmslos an die Decke. Gedanken zogen ihre Kreise um meinen Kopf wie Bienen, die unaufhörlich in meinen Ohren summten.

Fakt war: Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Ich war vollkommen verwirrt. Leider Gottes hatte mein Leben wohl die Angewohnheit für eine Weile schön und lieb vor sich hinzutrudeln, um irgendwann wieder von Ereignissen übermannt zu werden, die mir jedes Mal den Atem und manchmal sogar den Verstand raubten. Ein Tag…ein einziger Tag kann das Leben eines Menschen vollkommen verändern, etwas vollkommen Anderes aus ihm machen. Dieser Tag, dieser eine Tag hatte etwas vollkommen Anderes aus MIR gemacht.

Ich konnte das einfach nicht glauben. Ich konnte nicht fassen, dass ich es tatsächlich getan hatte. Es getan hatte, obwohl ich mir geschworen hatte, es niemals zu tun. Im Grunde genommen, war mir immer klar gewesen, dass es sinnlos war, dass ich einer nicht vorhandenen Hoffnung hinterher jagte. Aber jetzt…jetzt waren alle meinen Prinzipien, alle meine Überzeugungen durch ein paar Sekunden über Bord geworfen worden.

Und ich hätte es ahnen können, ahnen sollen, dass alles wieder von vorne beginnen würde, würde ich ihn wieder stehe. Es hatte von vorne begonnen und es war schlimmer geworden, schlimmer, als jemals zuvor.

Ich schlug meine Hand in einem Anflug von Wut gegen die Bettdecke. Dass sie sie abfederte, wieder leicht zurückstieß, brachte mich fast zum Wahnsinn. Ich wollte etwas zerschlagen, Schmerz spüren, der mir klarmachte, dass das, was ich tat und fühlte, falsch war, dass ich mich quälte, wenn ich weitermachte. Doch tat ich das wirklich?

War es überhaupt passiert? Ich erschrak bei diesem Gedanken dermaßen, dass ich meine Augen weit aufriss und schlagartig meinen Blick von der Decke abwandte, so als zeige sie mir ein Geheimnis, das ich nicht sehen wollte. Nein, das war vollkommen unmöglich…Ich hatte vermutlich Fieber gehabt. Ich hatte in einem Trauma etwas gesehen, das nicht real existiert hatte. All diese Visionen, all diese Bilder und Stimmen in meinem Kopf, mussten eine Täuschung gewesen sein. Das mussten sie einfach….Ich hatte an diesem Abend David Duchovny geküsst. Ihn allein. Und das war bei weitem schon schlimm genug.

Ich seufzte und sah zum Fenster hinaus. Regen prasselte gegen die Scheiben. Es schien, als spiegelte das Wetter genau meine Stimmung wieder. Dunkelheit, ein Schleier von Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit, der sich über mich legte, wie der Nebel, der in diesem Moment um das Gebäude zog.

Wo war ich da nur wieder hineingeraten? Ich dachte an Julian. Sah ihn ganz deutlich in den Regentropfen, die hinab rannen und so vieles mit sich rissen. Er lächelte mir zu. Warum tat er das? Warum lächelte er mich an, wo der doch wissen musste, was ich getan hatte? Ich war so eine furchtbare Frau. Ich konnte nicht verstehen, wieso er sich jemals mit mir eingelassen hatte. Eigentlich passte er gar nicht zu mir. Er war so lieb, so ruhig, es war, als wäre alles Unheil der Welt verschwunden, wenn er da war. Ich wusste, er kannte das alles, all die Grausamkeiten, all das Blut, all den Tod. Doch er ließ sie nicht an sich heran. Genau das liebte ich an diesem Mann…dass…dass…ich konnte nicht mehr! Warum hatte ich diesen Hörer vorgestern nicht einfach fallen gelassen? Warum hatte ich IHN zurück in mein Leben geholt? Warum…verdammt…warum nur?

 

Ich zitterte und mein Herz raste. Gott, mich regte das einfach zu sehr auf… Ich schüttelte den Kopf und langte nach einem Glas Wasser. Langsam ließ ich die Flüssigkeit meinen Rachen hinuntergleiten und fühlte, wie sich mein Körper, meine Seele abkühlte. >Ganz ruhig, Gillian<, sagte ich zu mir selbst.

 

Plötzlich erschrak ich beinahe zu Tode. Ohne, dass ich irgendetwas gemacht hatte, drang auf einmal eine Stimme an mein Ohr. Ich glaubte erst, wieder eine von diesen verdammten Halluzinationen zu haben, als ich erkannte, das niemand geringeres als der Fernseher zu mir sprach…

Doch wie konnte das sein? Ich hatte ihn doch gar nicht eingeschaltet? Verwirrt sah ich mich um. Die Fernbedienung lag auf dem Nachtschrank, also konnte ich auch nicht versehentlich daran gekommen sein. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab und ich zitterte.

Doch die Stimme der Ansagerin lenkte meine Aufmerksamkeit sofort wieder zum Fernseher.

 

[…]….gerade vorgestern hatte der Mörder vermutlich zum zweiten Mal zugeschlagen. Die Polizei ist nach wie vor ratlos. Beweise trudeln bereits aus dem ganzen Land ein, doch man habe bisher immer noch keine heiße Spur, heißt es. Die heute in der Themse gefundene Tote wurde ebenso wie die Leiche aus dem Londoner Zoo erdrosselt. Einen Zusammenhang zu der Toten in der Moorhouse Road vor drei Tagen, hält die Polizei bisher allerdings für unwahrscheinlich, da es sich um vollkommen verschiedene Tathergänge handelt …[…]

 

Mein Verstand schaltete aus. Langsam glitt das Glas aus meiner Hand und zerschellte auf dem Boden. Das konnte einfach nicht wahr sein!

 

 

 

Runde 2

Part IV

Pipers Secret

 

 

Ich wusste nicht, ob ich schreien oder weinen sollte. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. Das war doch einfach nur verrückt! Der Löwe…die Tote im Londoner Zoo. Die Leiche in der Themse…das Gesicht des Mannes, nachdem ich David geküsst hatte. Verdammt nochmal!

Also war es doch wahr…war es das? Aber wenn ja, warum passierte mir das? Warum sah ich diese Dinge…ICH und nicht irgendeine beliebige andere Person? Tausende Schauer liefen mir den Rücken hinab und ich zog die Bettdecke bis zu meinem Hals hinauf.

Wo war dann aber diese Kälte? Wohin war sie so plötzlich verschwunden? Oder wartete sie etwa in einer dunklen Ecke auf mich, um mich anschließend in einem unerwarteten Moment wieder aufzusuchen?

Langsam fühlte ich, wie eine Träne meine Wange hinabrann. Ihr folgte eine weitere. Duzende folgten ihr und benetzten mein Gesicht. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich musste es rauslassen. Alles schien über mir zusammenzubrechen und ich weinte, ich weinte so sehr wie wohl schon lange nicht mehr. Was sollte ich bloß tun? Konnte es wirklich sein, dass ich mir das alles nur einbildete? Dass ich es zufällig mit diesen Morden in Verbindung brachte und es in Wahrheit nicht das Geringste damit zu tun hatte?

Aber wieso sah ich diese Dinge dann? Es musste doch einen Grund dafür geben, verdammt nochmal!

 

Plötzlich öffnete sich die Tür vollkommen unerwartet und ich zuckte einmal mehr zusammen. Bemüht mir so schnell wie möglich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, schaute ich zum Fenster. Als ich glaubte, sie einigermaßen unter Kontrolle zu haben, riskierte ich einen Blick zurück zur Tür.

Was ich dort sah, verwirrte mich vollkommen. Es war ein kleiner Mann, vielleicht nicht viel größer als ich. Er war schon ziemlich alt, schien auf die achzig zuzugehen. Er grinste mich mit einem fast zahnlosen Lächeln an und trat näher.

Meine Lungen weigerten sich regelrecht Luft einzusaugen.

 

„Wer…wer sind Sie?“, fragte ich unsicher und wusste nicht recht, ob ich ihm dabei in die Augen sehen sollte, oder nicht.

Er grinste nur weiter, schien in dieser Stellung eingefrohren zu sein. Gott verdammt… langsam wurde mir das wirklich unheimlich.

„Es gibt viel, das Sie nicht wissen, Ms Anderson.“ Er grinste weiter, trat nun direkt vor mein Bett. Ich erschrak leicht, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass er jemals anfangen würde zu sprechen.

„Ähm…“ Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte und starrte ihn nur mit offenem Mund an. Ich muss ziemlich dämlich ausgesehen haben. Der Schock von eben fraß sich noch in mein Fleisch und mein Gesicht war immer noch geschwollen vom Weinen.

„Sagen Sie nichts… Ich bin nur hier, um Ihnen zu helfen. Wissen Sie, es gibt da etwas, das ich seit Jahren verfolge. Etwas, das ich suche.“

Seine messerscharfen grünen Augen hielten mich gefangen und ich kann nicht sagen, ob ich in diesen Minuten auch nur einen einzigen Atemzug getan habe.

„Ich… ich verstehe nicht…“ Großartig… dieser Mann… hatte mir irgendetwas präsentiert. Er wusste etwas und das einzige, das ich fähig war ihm entgegenzubringen war… das…

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das überhaupt werde erklären können. Sie haben etwas und das, was Sie haben…suche ich.“ Ich erstarrte…der Mann vor dem Theater…als er bei mir eingebrochen war, hatte er etwas gesucht. Irgendetwas und er hatte mich gefragt, wo ich es versteckt hatte. Suchte dieser Mann dieses etwas, was auch immer es war, etwa auch? Oh Gillian…wo hast du dich da nur wieder hineingeritten?

„Und was ist dieses etwas?“, fragte ich gebannt. Da war also tatsächlich irgendein Mann in meinem Krankenzimmer und erzählte mir, dass er etwas von mir suche…

„Etwas, von dem Sie bisher nicht wirklich wussten, dass Sie es haben. Ich wusste, er würde irgendwo sein, bei irgendeiner Person, aber dass augerechnet Sie es sein würden, hätte ich nie gedacht.“

Auf meiner Stirn bildeten sich Falten und ich sah ihn nur vollkommen verdutzt an. Was wollte er damit sagen?

„Was ist er?“ Irgendwie kam ich mir komisch vor bei dieser Frage. Der alte Mann begann plötzlich zu lachen.

„Wissen Sie, ich glaube, Sie sind noch nicht bereit dafür, das zu erfahren…“

„Ähm…aber wenn Sie das, was Sie so lange gesucht haben, nun vor Ihren Augen haben, warum wollen Sie es dann nicht haben? Sie müssten mir doch nur einfach sagen, was es ist und ich könnte es Ihnen geben…“

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Da muss ich Sie leider enttäuschen…so einfach geben können Sie es mir nicht.“ Jetzt war ich vollkommen durcheinander und mir fehlten die Worte. Was wollte dieser Mann bitte von mir?

„Tut mir leid, Sir. Ich verstehe nicht…“

„Das müssen Sie auch nicht. Ich bin nur froh, dass ich ihn gefunden habe. Er wird Ihnen nichts tun, ich denke, das sollten Sie wissen. Einen schönen Tag noch.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und ich gaffte ihm nach, als wäre er eine paranormale Erscheinung.

 

 

 

 

 

Ich fühlte mich irgendwie fehl am Platze, als ich dort stand. Ich wusste nicht, ob er jemals _ hiergewesen war, dennoch bewegte er sich, als hätte er sein ganzes Leben hier verbracht. Es schien mir fast so, als würde er diese Wohnung für sein Eigentum halten. Und das missfiel mir merklich.

 

Piper war schon nach kurzer Zeit nach oben verschwunden. Sie hatte dort offenbar ihr Zimmer. Ich war nie dort gewesen und ich fragte mich, ob Gill wohl jemals vorgehabt hatte, mit mir eine Tour durch ihre Wohnung zu machen.

 

Clyde sah sich etwas argwöhnisch in der Wohnung um und wirkte, als würde ihm keineswegs gefallen, was er sah.

Ich hatte zwar erst auch einen kleinen Schock bekommen, aber eigentlich gefiel mir die Art, wie Gillian ihre Wohnung eingerichtet hatte, ziemlich gut. Nun gut, es sah etwas abgefahren und ungewöhnlich aus, aber ihr Haus in Kanada war viel verrückter. Ich grinste bei diesem Gedanken. Wie lange ich wohl schon nicht mehr dort gewesen war? Jahre waren es sicherlich.

 

„Ähm…“ Mein Gewissen sagte mir, dass ich etwas zu Clyde sagen sollte, aber schon beim Formen eines Wortes scheiterte ich. Er benahm sich überhaupt so, als wäre ich gar nicht da.

 

Schließlich, nach einer einer Ewigkeit begann er: „In welchem Krankenhaus ist Gillian?“ Konnte er nicht fragen, ob ich ihn hinbringen kann…oder sowas in der Art? Nein…was erwartete ich eigentlich, das war Clyde Klotz…

 

„Ähm… ich weiß den Namen nicht. Aber ich könnte dich hinbringen, wenn du willst. Es ist halb acht… ich denke, wir dürften da noch rein.“, zwang ich mich, aber man merkte mir wohl deutlich an, dass ich die Worte mehr aus meinem Mund presste, als dass ich sie sagte.

 

„Hmm…okay.“ Meine Güte, dieser Mann war wirklich sehr wortgewandt, dass musste ich zugeben.

Ich nickte nur und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen.

 

„Piper möchte doch sicher auch mitkommen, oder?“, setzte ich an. Er nickte und wollte mit einem halben Satz die Treppe hochsprinten, doch ich kam ihm zuvor. Als ich mich kurz umwandte, sah er mich mit einem regelrecht todbringenden Blick an und trat zurück.

Ha, diesmal hatte ich gewonnen. Als ob es auch so schlimm war, dass ich einmal mit seiner Tochter kommunizierte…

 

Langsam ging ich die Treppe ganz hoch und blieb zuerst etwas unschlüssig im Flur stehen. Ich war noch niemals hier oben gewesen. Doch es war nicht allzu schwer, Pipers Zimmer zu finden. Mit grell-bunten Buchstaben stand ihr Name an der Tür genau mir gegenüber. Ich ging darauf zu und klopfte vorsichtig an.

Niemand antwortete mir. Ich klopfte noch einmal. Etwas lauter. Doch auch diesmal schien es, als ob niemand in dem Raum war. Verdutzt entdeckte ich, dass die Tür nur angelehnt war. Langsam zog ich sie etwas weiter auf und sah Piper, die direkt in eine Ecke neben ihrem Schrank starrte.

 

„Ähm…Pipe?“, fragte ich leise, weil ich mir irgendwie seltsam vorkam. Die Kleine fuhr ruckartig herum und rang nach Atem.

„Äh…äh…Dave…ähh…“

„Oh, sorry, hab ich dich erschreckt?“ Ich wusste nicht so ganz, was hier gerade eben passiert war.

Piper nickte nur schnell und stand auf.

„Eigentlich…ähm…wir fahren jetzt zu deiner Mom und ich wollte dich fragen, ob du mitkommen möchtest.“ Ich versucht ein Lächeln auf meinen Mund zu zaubern und ich glaube, es gelang mir.

Sie lächelte zurück.

„Klar,gerne.“, kam es rasant schnell.

„Okay…ich geh dann schon mal vor, falls du etwas mitnehmen möchtest.“ Aus welchem Grund auch immer…ich verspürte den Drang, diesen Raum zu verlassen.

„Ähh…Dave?“ Ihre Stimme klang auf einmal seltsam unsicher und sie sah wieder schräg in die Ecke hinein.

„Ja?“

„Ach…gar nichts.“ Ich fühlte mich abserviert und unsicher. Hatte ich es mir nur eingebildet, oder hatte da wirklich so etwas wie Angst in ihren Augen geschimmert?

„Bist du sicher?“, setzte ich noch einmal an. Sie nickte schnell und drängte mich regelrecht aus dem Zimmer hinaus. Ihr Blick haftete immer noch gebannt in der Ecke.

 

 

 

 

Ich starrte immer noch vollkommen paralysiert auf die Tür meines Zimmer, als diese sich plötzlich öffnete. Derart erschrocken darüber, dass sich das Bild, das ich jetzt schon eine halbe Stunde vor Augen hatte, plötzlich veränderte, stieß ich einen erstickenden Laut aus.

„Mooom!“ Ich hatte das Gefühl von einer Lawine überrollt zu werden und gleichzeitig erwürgt zu werden.

„Sachte, sachte“ Irgendwie hörte ich mich an wie meine eigene Großmutter, aber ich merkte plötzlich, dass ich mich körperlich kranker fühlte, als ich gedacht hatte.

Langsam strich ich meiner Tochter durch ihr langes dunkelblondes Haar. Es fühlte sich wahnsinnig gut an, sie wieder bei mir zu wissen. Es war wie ein Band, das schmerzte, wenn man es zu weit spannte.

„Hab dich soo vermisst, Mom. Du weißt gar nicht, wie sehr es mir gefehlt hat, von dir herumkommandiert zu werden.“ Ich verzog das Gesicht und fragte mich, ob ich sie jemals herumkommandiert hatte, aber Piper tat vor ihrem…oh nein, das hatte ich ja ganz vergessen.

„Hallo Gillian“ Seine tiefe, fast kalte Stimme drang an mein Ohr und ich schluckte. Ja, ich war mal verliebt in diesen Mann gewesen, doch heute…heute schlug er mir verdammt hart auf den Magen. Clyde kam in seiner typischen Gangart zu meinem Bett rübergeschleift und begutachtete mich argwöhnisch.

„Hey Clyde“, sagte ich ausdruckslos und ein gequältes Lächeln wanderte über mein Gesicht. Ich vermied es allerdings ihm in die Augen zu sehen, denn ich wusste, dass ich dann wieder den „Blick“ sehen würde. Diesen „Gott Gillian, wirst du denn nie erwachsen und was hast du jetzt schon wieder angestellt“-Blick. Ich verabscheute ihn, das hatte ich schon immer. Ich hatte oft darüber nachgedacht, inwieweit ich wirklich erwachsen war oder _ auch nicht _, aber ich war immer zu dem Entschluss gekommen, dass ich es nicht wusste und es mir auch ziemlich egal war. Für mich zählte nur, es irgendwie durch das Leben zu schaffen, nicht wie gebildet und weise man sich dabei verhielt.

Für einige Sekunden herrschte ein unangenehmes Schweigen und ich sah vorsichtshalber aus dem Fenster, um eventuell über das Wetter reden zu können, als sich jemand räusperte, der gerade den Raum betrat. Ich sah schnell wieder zur Tür und mein Puls begann zu rasen.

„Hey Kleines, wie geht’s dir?“ David trat auf mich zu und ich fühlte eine seltsame Spannung zwischen uns. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie _ schon einmal da gewesen war. Das beunruhigte mich.

„Äh, hi Dave, mir geht’s…bestens, würde ich sagen.“ Die Worte sprudelten aus meinem Mund, wie sie es immer taten, wenn ich log. Die meisten Menschen bemerkten es nicht, doch David tat es, das spürte ich. Er sah mich mit einem nicht zu deutenden Ausdruck in den Augen an, trat an mein Bett und nahm meine Hand.

„Siehst auch schon viel besser aus als vorhin.“, sagte er und lächelte mir dabei ermutigend zu.

Clyde war uns einen seltsamen Seitenblick zu und ich fühlte, wie mir die Röte ins  Gesicht stieg. Ich sah David lächelnd an und hätte mich am liebsten an ihn gelehnt, ihm alles erzählt und Schutz bei ihm gesucht, doch ich konnte es nicht. Clyde starrte und starrte und ich wandte mich von David ruckartig ab.

„Du Mom? Wenn du wieder zu Hause bist, muss ich dir unbedingt was erzählen.“, sagte meine Tochter auf einmal leise. Ihre blauen Augen wurden groß und sie wirkte irgendwie hibbelig.

„Klar, kannst es mir auch jetzt sagen, bin voll einsatzfähig.“ Ich zwinkerte ihr zu und sie kicherte.

„Nee, das geht nicht, Mom.“ Ihre Stimme wirkte entschlossen und ich fragte mich, was um Himmels Willen sie mir nicht hier sagen wollte. „Böses Vorzeichen!“ NEIN! Ich hasste es! Ich schwor mir, nie mehr in ein Restaurant mit einem großen gelben Reklameschild zu gehen…ich sah förmlich, wie sich dieses dumme Schild dann wieder aus dem Boden stampfen würde. Wie sich aus den viel Lampen ein grinsender Mund bilden würde, der mich auslachten , bis ich vor Scham im Boden versank.

„Kannst es mir auch ins Ohr flüstern, die beiden lauschen schon nicht.“ Ich zwinkerte beiden zu. Clyde drehte den Kopf weg und David lächelte. Ich hatte vor ihn jetzt anzuschreien und ihn zu fragen, was wir um Gottes Willen letzte Nacht getan hatte, aber ich schwieg. „Ich kann’s dir jetzt echt nicht sagen, Mom. Ich muss es dir schon zeigen.“ Ich seufzte.

„Na gut, aber vergiss es ja nicht, okay?“ Ich grinste sie an und wuschelte ihr nochmals durch die Haare.

Sie nickte hastig und ich vernahm wieder Daves Stimme.

„Wie war die Visite?“, fragte er mit etwas Sorgen in der Stimme.

„Ziemlich gut, ich bin angeblich fast gesund und darf übermorgen nach Hause, voraussichtlich.“

„Das ist…klasse.“ Irgendwie hatte ich das Gefühl, als ging diese Unterhaltung verdammt schleppend voran. Ich wollte sowohl mit David als auch meiner Tochter am liebsten allein reden und mit Cylde…na ja, mit dem wollte ich genau genommen gar nicht reden.

Wir grinsten eine Weile noch vor uns hin, bis Clyde sich plötzlich erhob.

„Ich werde dann gehen.“, sagte er und stürmte, noch  bevor jemand von uns etwas sagen konnte, nach draußen.

„Ähm…“

„Ich hab keine Ahnung, was er hat, Dave.“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

„Na ja, was soll’s schon, er ist eben ein armer verlassener Ehemann.“

Ich unterdrückte ein Kichern und Piper sah uns _unverwandt an.

Ich musterte David gebannt und wollte irgendetwas in der Richtung „Ich muss etwas dringendes mit dir besprechen sagen“, doch die Worte hafteten wie festgeklebt in meiner Kehle.

„Wir werden dann auch mal und Gill…ähm…“ David trat näher an mich heran und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Einen sehr langen. Ich genoss die Sekunden, die seine Lippen meine Haut berührten.

„Ich weiß, worüber du die ganze Zeit nachdenkst.“, flüsterte er mir ins Ohr. „Und ich weiß, dass du dich nicht entscheiden kannst, ob diese Nacht ernst war, oder nicht. Aber ich kann dir nur das sagen, was ich denke. Für mich war es ernst.“ Die letzten Worte waren fast ein Flüstern. Piper winkte mir nur noch wortlos zu, als sie den Raum verließen und ich fühlte mich wie die alte Frau, die im Krankenbett abgegeben worden war. Na klasse, das war toll gelaufen, wirklich…

 

 

 

 

Ich hasste Zeit. Das war mir in diesem Moment klar geworden. Am liebsten hätte ich irgendein kleines Gerät mit dem ich mich beliebig in der Geschichte vor-und zurückbewegen könnte. Vielleicht wäre es mir dann endlich möglich Dinge zu retten, all meine Fehler gerade zu biegen. Ich hätte zu gerne gewusst, was sie gedacht hat. Ich habe ein Lächeln auf ihren Lippen gesehen, genau genommen glaube ich, es gesehen zu haben. Doch selbst wenn es wirklich da gewesen ist, dann weiß ich nicht, ob ich es gut- oder schlecht heißen soll…Ich weiß nicht, ob das, was hier geschieht, geschehen soll. Ich will es, tief in mir…ich wollte es schon lange, doch zwischem dem Willen eines Menschen und der Vernunft besteht ein kleiner, aber äußerst bedeutender Unterschied. Aus irgendeinem Grund wusste ich, dass das einfach nicht gut gehen konnte. Es war zu verzwickt…wir hatten unsere Chance _, doch wir hatten sie verpasst. Ich kann nicht sagen, ob ich sie am Anfang schon geliebt habe, möglicherweise habe ich das, möglichweise auch nicht. Ich kann mich genau genommen nicht daran erinnern, wann meine Liebe zu ihr begonnen hat. Ihr war fasziniert von ihr gewesen, von dem ersten Blick an, den ich auf sie geworfen habe. Sie hatte mich erschreckt. Ich war es immer gewohnt gewesen mit polierten, feinen Damen zusammenzuarbeiten, die ihr Makeup mehr verehrten, als ihre Familie…Gillian war anders gewesen, von Anbeginn an. Ich hatte erst nicht gewusst, wie ich mich ihr gegenüber verhalten sollte. Sie war so seltsam gewesen. Schüchtern auf der einen Seite, total durchgeknallt auf der anderen. Anders gesagt: Ich war einfach nicht fähig gewesen sie einzuschätzen. Ich weiß nicht einmal, ob ich das heute kann. Aber vielleicht ist es auch genau das, was ich so an ihr liebe…die Tatsache, dass ich nie vorhersehen kann, was sie als nächstes tun wird. Sie ist fast ein gigantisches Mysterium, ein Abenteuer, auf das man sich jeden Tag neu einlässt, wenn man ihr begegnet.

Ich wollte, dass dieses Abenteuer nie endete, dass ich ewig mit ihr zusammen sein könnte…doch es war so ein kindischer, naiver Gedanke. Sie war verlobt, ich verheiratet. Sie lag im Krankenhaus und ich auf einem Gästebett in ihrer Wohnung und starrte an die Decke.

 

Sie hatte bei unserem Besuch zwar gesünder gewirkt, aber ich hatte in ihren Augen lesen können, dass wieder irgend etwas passiert war. Ich wünschte mir so sehr, dass ich in der Lage wäre zu verstehen, was in ihr vor sich ging. Ich wusste, dass in Gillians Hirn verdammt viel vorhanden war. Unendlich viele Dinge konnten darin keimen und sich zu irgendwelchen verrückten Gedanken entwickeln, die sie nicht mehr losließen. Sie war krank, das stand fest, aber ich fühlte, dass da noch etwas anderes war. Ich wusste nicht, ob ich mir Sorgen machen sollte, oder ob ich mir einfach einreden sollte, dass alles wieder in Ordnung kommen würde. Würde es das?

Ich weigerte mich einfach, mir vorzustellen, dass sie verrückt geworden sein könnte. Sie wurde nicht so einfach verrückt. Ich meine  - gut, sie war durchgeknallt, aber nicht wahnsinnig. Sie hatte furchtbare Angst vor etwas, das scheinbar nicht real war. Die Ärzte sagen es läge an der Grippe, an dem hohen Fieber. Aber ich habe sie schon einmal mit einer Grippe gesehen. Mit einer ziemlich gefährlichen  sogar und sie hatte niemals irgendwelche Halluzinationen. Ich ahnte, dass der Grund, weshalb sie am Abend von mir weggelaufen war, wieder so eine Vision gewesen war. Sie hatte nicht mich gesehen, sondern etwas anderes. Ich musste herausfinden, was sie gesehen hatte, vielleicht würde es uns dann gelingen, den Grund für das zu finden, was sie sah. Es könnte ein psychischer Grund sein, das war es ganz sicherlich. Vielleicht waren es sogar irgendwelche unterbewussten Botschaften. Möglicherweise so ähnlich wie Träume.

 

Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Ich musste das Ganze am besten überschlafen. Morgen würde ich zu ihr gehen und ganz alleine mit ihr reden. Clyde war erst sehr spät nach Hause gekommen und ich hatte gar keine Ahnung, wo er schlief. Ehrlich gesagt war es mir auch ziemlich egal, denn wenn ich ehrlich mit mir war, hatte ich mit diesem Mann rein gar nichts zu schaffen. Er würde morgen vermutlich sowieso wieder nach Hause fliegen. Manchmal fragte ich mich, was dieser Kerl eigentlich wollte. Ich meine, klar könnten er und Gill die besten Freunde sein, wenn er nicht dauernd seine komischen Attacken kriegen würde. Er war eifersüchtig, das fühlte ich, aber er hatte einfach eine äußerst ungünstige Art das zu zeigen. Ich musste grinsen. Ich war auch eifersüchtig, oft sogar. Und als ich erfahren hatte, dass sie heiratet hätte ich diesen Julian am liebsten an die Wand geklatscht. Ich fragte mich, wo er im Moment eigentlich war. Wieso verschwand ein Mann einfach ohne von sich hören zu lassen? Schien wohl ziemlich unzuverlässig zu sein der Gute…Aber mir sollte es recht sein. So egoistisch es auch klang, ich brauchte freie Bahn.

 

Plötzlich vernahm ich ein seltsames Wimmern. Ich schreckte hoch und richtete mich kerzengerade auf. Ich kannte diese Stimme…ich kannte sie erschreckend gut. Sie klang weinerlich, ängstlich. Ich erhob mich und trat zur Tür. Es war hundertprozentig Piper. Hatte sie vielleicht einen Albtraum? Ich haderte damit, ob ich es mir erlauben konnte, zu ihr zu gehen. Ich war ihr Onkel Dave…reichte das? Das Wimmern klang erneut. Es schien mir, als würde sie sich vor etwas fürchten, doch vor was? Clyde hatte davon geredet, dass sie sich seltsam verhielt und sie hatte Gillian im Krankenhaus irgendetwas sagen wollen…Ich seufzte und schlich aus dem Zimmer. Als ich an der Treppe vorbeiging sah ich Clyde, der tief und fest auf der Wohnzimmercouch schlief. Na, wenn er meinte sich nicht mehr Luxus zu erlauben, mir sollte es recht sein. Ich grummelte und ging auf Pipers Zimmer zu. Es war leise, kein Ton drang an meine Ohren und ich fragte mich, ob ich mich nicht doch verhört hatte, oder sie wirklich nur schlecht geträumt hatte, doch dann setzte das Wimmern abrupt wieder ein. Es klang nun fast wie ein Schluchzen und mir wurde es ein wenig mulmig. Die Tür war einen Spalt breit geöffnet. Es war stockdunkel. Langsam und vorsichtig lukte ich durch den Spalt hindurch. Die Kleine saß aufrecht in ihrem Bett und starrte gebannt in eine Ecke des Zimmers. Mir wurde es mulmig. In genau dieselbe Ecke hatte sie heute Nachmittag gestarrt. Ich schluckte. Leise zog ich die Tür auf und betrat das Zimmer. Sie schien mich nicht zu bemerken. Ihre Gesichtszüge waren von Angst durchzogen, starr. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, doch als ich von der Seite auf ihre Augen sah, erschrak ich einmal mehr. Ich sah Wut darin, Wut und Verzweiflung. Doch sie waren klar, wach.

 

Sollte ich versuchen,  mit ihr zu reden? Konnte ich mir diese Freiheit überhaupt nehmen? Ich hatte keine Erfahrung mit Kinderängsten. West und Kyd waren noch zu jung dafür, nun gut, West fürchtete sich manchmal auch vor dem Monster unter ihrem Bett und solchen Dingen, doch bei Piper waren solche Sachen tiefgründiger. Sie hatte eine unglaubliche Phantasie. Manchmal konnte ich kaum fassen, dass sie erst acht Jahre alt war. Sie wirkte so weise, fast erwachsen, doch auf der Gefühlsebene war sie noch ein Kind wie jedes andere.

 

„Pipe?“, wagte ich schließlich, mir langsam bewusst, dass sie mich sowieso irgendwann entdecken würde.

Doch sie reagierte nicht, starrte auf einmal ruckartig auf ihre Hände. Ich glaubte zuerst, es wäre ihre Antwort auf mich, doch sie sah danach konsequent wieder in die Ecke. Doch was war dort? Ich konnte nichts erkennen. Weder ein Loch, noch  irgendeinen seltsamen Gegenstand oder sonst irgendwas das ihr Angst machen könnte.

Ich räusperte mich.

 

„Hey, Kleines, alles okay mit dir?“, fragte ich sie, dieses Mal lauter. Zuerst regte sie sich nicht, doch von einer Sekunde auf die andere fuhr sie erschrocken herum. Es schien mir fast so, als wäre der Klang meiner Stimme erst jetzt bei ihr angekommen.

 

Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie sah aus, als hielte sie mich für einen Geist.

 

„Piper?“, fragte ich noch einmal. Ich redete leise, sanft, ich wollte sie nicht erschrecken. Doch sie sprang sofort von ihrem Bett und rannte auf mich zu. Sie blieb kurz vor mir stehen und sah zu mir hinauf. Ihre großen blauen Augen füllten sich mit Tränen. Ich starrte nur vollkommen verwirrt auf sie.

 

„Hey, ganz ruhig, ist doch okay…“, noch ehe ich zu Ende sprechen konnte, warf sie sich gegen mich und schluchzte. Ich wusste nicht recht wie ich reagieren sollte und strich ihr einfach nur vorsichtig durch die Haare und den kleinen Rücken hinab. Nach einigen Sekunden bückte ich mich und ging in die Hocke,um mit ihr auf gleicher Höhe zu sein. Sie trat automatisch einen Schritt zurück und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht, selbst ein wenig geschockt darüber, dass sie geweint hatte. Auf einmal drehte sie sich ganz langsam, fast schüchtern herum. Sie sah kurz in die Ecke und wandte sich dann wieder mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit mir zu.

 

„Alles wieder in Ordnung Piper? Hattest du einen Albtraum?“, erkundigte ich mich mit bebender Stimme. Irgendwas stimmte hier nicht, ich wusste, dass mit ihr irgendwas nicht in Ordnung war.

„Ich ähm…Dave…das ist…ich hab Angst.“ Die letzten Worte schossen regelrecht aus ihrem Mund und sie schlang die Arme um ihren Oberkörper. Ich kannte diese Geste, Gillian tat das auch oft, wenn sie sich unsicher fühlte oder vor etwas fürchtete.

„Aber vor was denn? Es ist doch alles wie immer, oder?“ Ich sah mich in ihrem Zimmer um. Es strahlte eine angenehme warme Atmosphäre aus. Ich fühlte mich wohl hier.

Sie schüttelte auf meine Frage hin überzeugt den Kopf.

„Was ist denn anders, Kleines?“ Ich spürte, wie mein Herz schneller zu schlagen begann.

„Anthony“

„Wer?“, fragte ich , stutzig geworden. Wer war Anthony?

„Anthony ist hier“, sagte sie mit leiser Stimme, es war fast ein Flüstern, so als wollte sie verhindern, dass sie irgendwer außer mir hörte.

„Wer ist Anthony, Pipe?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie wirkte ratlos, sah mich mit einem Blick an, der mir klarmachte, dass sie vielleicht gehofft hatte, ich würde es wissen. Aber von was bitte redete sie? War Anthony vielleicht ein Kuscheltier oder…nein…ich hatte Piper nie für ein Kind gehalten, das so etwas wie unsichtbare Freunde hatte. Aber andererseits?

„Magst du ihn nicht?“, versuchte ich es anders. Sie starrte mich nur unschlüssig an.

„Ich weiß es nicht.“, sagte sie wieder. Irgendwie gefiel mir das nicht.

„Hast du Angst vor ihm?“

Sie nickte langsam. Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar.

„Wo ist er?“, fragte ich vorsichtig, darauf hoffend, dass ich gleich eine Puppe aus ihrem Zimmer werfen durfe.

Doch sie zuckte nur mit den Schultern.

„Weg, glaube ich.“

„Und wohin ist er gegangen?“

„Keine Ahnung…dahin wo er herkommt, denke ich.“ Sie wirkte nun wieder gefasst. Redete fast so, als würde sie mir von etwas berichten, das weit zurücklag. Doch das Ganze ergab für mich immer noch keinen Sinn. Hatte sie am Ende doch nur geträumt?

„Sag mal, ist Anthony eigentlich der, über den du mit deiner Mom reden wolltest?“, setzte ich an ihrer Unterhaltung im Krankenhaus mit Gillian an und hoffte, das würde sie öffnen.

Piper nickte hastig. Ich verspürte schon einen Triumph, als sie auf einmal über meine Schultern sah, wo sich jemand räusperte.

 

„Hi Dad“, sagte sie unschuldig. Ich raunte und drehte mich herum. Clyde stand im Türrahmen und musterte uns beide gebannt, so als hieße er es keineswegs gut, dass wir hier waren.

„Ist irgendwas?“, fragte er müde und offenbar nicht bei bester Laune.

„Nein, nichts, ich hatte nur nen Albtraum.“ Sie klang vollkommen überzeugend. Schauspielerisches Talent war _ erblich.

Ihr Vater nickte und sah dann mich an. Wieder nahm sein Gesicht die Züge eines Raubtiers an, das gerade festgestellt hatte, dass jemand in sein Revier eingedrungen war. Ich sah zu Piper, die mich _ hoffnungslos beobachtete. Ich fühlte, dass sie mir unbedingt erklären wollte, was mit ihr los war, doch sie konnte es wohl jetzt kaum mehr.

Ich warf ihr ein liebevolles Lächeln zu. Ich hoffte, dass Anthony heute nacht nicht wiederkommen würde.

„Du geht jetzt besser schlafen, Piper, es ist mitten in der Nacht.“, sagte Clyde gähnend und drehte sich dem Flur zu. Dabei warf er mir noch einen verachtenden Blick zu. Ich seufzte.

„Gute Nacht, Pipe“, hauchte ich der Kleinen zu. „Schlaf schön und sollte Anthony nochmal wiederkommen, dann ruf mich einfach, ich jag ihn schon davon.“ Ich zwinkerte ihr zu und hoffte, dass sie es nicht falsch verstehen würde. Piper verzog ihr Gesicht nur zu einem schiefen Grinsen und sprang wieder auf ihr Bett.

Ich fühlte, dass sie sich wieder verschlossen hatte. Verdammter Mist…dass dieser Kerl auch immer dann auftauchen musste, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen könnte. Ich bließ hart Luft aus meinen Lungen, es klang beinahe wie ein Knurren. Ich zog die Tür zu Pipers Zimmer zu und schlich wieder ins Gästezimmer. Ich musste Morgen sofort mit Gillian reden…

 

 

Ende Runde 2

Fortsetzung folgt…