Autor: DAS WoD
Kontakt: Marion.Death@t-online.de
Kategorie: DGR, öhm…also, wenn das jetzt Akte X wäre, würde ich es X-File nennen, aber da das ja nicht zutrifft, nenne ich es mal Mystery oder Thriller… ansonsten Gillian- und David – P.O.V.
Rating: PG-13
Spoiler: Hmm…der WTNIF-Reisebericht von Woody und Liesel *gg*
Disclaimer: Sie gehören alle natürlich nicht mir! Sie gehören nur sich selbst…sogar Woody, Liesel und Claudia…
Short-Cut: An manchen Tagen geschehen Dinge, die du dir nie im Leben erträumt hättest…
Anm. v. WoD: So, das ist nun die vollständige erste Runde dieses Spiels! Ich habe Teil 1 und 2 noch einmal überarbeitet, Teil 3-5 sind neu hinzugekommen! Viel Spaß beim Lesen! J
Catch the Happiness
Part I
Oh happy Day
Ich ging langsam die für die Zeit recht leere Straße entlang und wenn ich jetzt erzählen soll, was ich in diesem Moment gedacht habe, muss ich mich wohl selbst enttäuschen. Es will mir einfach nicht einfallen, es war als hätte jemand meinen Schädel aufgeklappt und mein Gehirn herausgenommen. Es war einfach leer. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht mehr, warum ich eigentlich auf die Straße gegangen war. Eigentlich sollte ich mich ausruhen…es war sechs Uhr abends und in eineinhalb Stunden würde ich auf einer Bühne stehen und so tun, als sei ich Melinda Metz. Und wenn ich jetzt ehrlich mit mir bin, wusste ich damals nicht mal wo ich mich überhaupt befand…ich hatte diese Straße schon einmal gesehen, mit Sicherheit, aber wenn mich jemand fragen würde, in welcher Richtung mein Haus lag, würde ich wohl mit den Schultern zucken. Okay, fass es kurz Gillian, du hast dich verlaufen! Nun gut…wie viel Uhr hatten wir? 18:11 Uhr…eigentlich noch Zeit, genügend Zeit, doch irgendein Teil von mir, wollte hier schnellstens verschwinden…aber warum? Eigentlich war es wirklicht schön hier…nun, es war eine typische Straße von Notting Hill, gepflegt, elegant…eine Baum-Alee erstreckte sich vor meinen Augen ins Unendliche. Als ich auf die Häuser sah, bemerkte ich, dass es wohl eine Reihe von Hotels war. Sie sahen alle recht klein, jedoch sehr nobel aus. Kurz gesagt, man konnte sich wohlfühlen…Die untergehende Sonne tänzelte durch die Blätter der Bäume auf meiner Haut, es war angenehm warm, eine leichte abendliche Brise zog an mir vorbei. Also, warum war mir diese Situation unangenehm? Hinter der nächsten Ecke würden sicherlich ein paar Taxis auf mich warten, die mich sicher in weniger als fünf Minuten nach Hause bringen könnten…also Ms Anderson, jetzt liegt es an Ihnen mir zu erklären, was mit Ihnen los ist! Ich schwieg und starrte die Straße entlang.
Auf einmal kroch sich ein kleiner, seltsamer Gedanke in meinen Kopf. Böses Vorzeichen. Wie ein Schriftzug tauchten diese Worte vor meinem inneren Auge auf. Sie blinkten wie eine Reklametafel. Ich hielt den Atem an. Ganz ruhig, Gillian. Du bist müde…überarbeitet…du läufst schon seit einer Stunde im Kreis…Ich atmete tief durch und ging auf eine Bank zu, die zwei Meter vor mir stand. Ruckartig ließ ich mich auf sie fallen und starrte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Wieder ein Hotel…Notting Hill Inn. Was für ein Name. Er erinnerte mich auf einmal an Palmen, unendlich viele Palmen, deren lange Blätter mir Schatten spendeten. Ich lag in einer Hängematte und sah auf ein unendlich weites blaues Meer hinaus. Ich summte eine Melodie, ein Lied. “Oh happy day, oh happy day When Jesus washed, when Jesus washed, when Jesus washed. He washed my sins away. Oh happy day” Jemand kam auf mich zu, ich war nicht fähig, ihn zu erkennen, wollte mich drehen, doch als ich dies tat, verlor ich das Gleichgewicht und fiel…ich fiel nicht die Hängematte herunter, ich fiel weiter…immer weiter, stieß einen Schrei aus…und schreckte hoch. Völlig verwirrt sprang ich von der Bank auf und ging wie ein Tiger im Käfig ein paar Mal um sie herum. Schweiß lief mir von der Stirn. Gut, toll…jetzt schien ich wohl langsam durchzuknallen…ich war müde…ich war müde, verdammt nochmal…aber wann hatte ich das letzte Mal halb dösend auf einer Straße „Oh happy day“ gesungen? Ich konnte mich nicht erinnern, dieses Lied überhaupt schon mal gesungen zu haben…hatte ich überhaupt laut gesungen? Und laut geschrieen? Irgendwie hatte mein Schrei komisch geklungen, so, als stamme er nicht von mir…da hatte ich es also…ich war um halb sieben auf einer Bank eingenickt…ein Taxi! Ich brauchte ein Taxi!
Als ich zuhause ankam war mir fürchterlich kalt. So, als würde ich unter Schüttelfrost leiden. Ich fühlte mich fiebrig und sank erschöpft auf meiner Couch zusammen. Meine Hand fuhr über meine schweißnasse Stirn und ich fragte mich, was eben mit mir losgewesen war. Ich glaubte mich erinnern zu können, dass ich mich als ich als fünfjährige einmal mit 40 Grad Fieber auf die Straße gelaufen war, ähnlich gefühlt hatte. Aber ich hatte sicher keine 40 Grad Fieber…oder doch? Gott, es war mir sowas von egal, ich wollte einfach nur schlafen…etwas wackelig auf den Beinen richtete ich mich auf und ging ins Schlafzimmer. Dort angekommen schmiss ich mich regelrecht aufs Bett. Ohne darauf zu achten, wie ich gelandet war, schlief ich ein.
„Gillian?“ Irgendwo weit, weit weg hörte ich wie jemand meinen Namen rief. „Gillian, wo bist du?“ Die Stimme kam etwas näher. „Gillian?“ Ich hörte wie jemand durch das Haus hetzte. Schritte…ich schlug mir das Kissen über den Kopf. Nein, ich wollte nicht aufstehen, nicht jetzt.
„Oh Gott sei Dank! Da bist du ja! Was...was machst du denn in deinem Bett, Schatz…es ist sieben Uhr! Du musst doch…?“ Ich spürte wie jemand vorsichtig das Kissen anhob. Licht drang an meine Augen und ich öffnete sie widerwillig.
„Was machst du denn hier, ich dachte, du wärst…“
„Hey, ich wollte dich überraschen und mir heute das Stück ansehen, dich abholen…ich…ich habe gedacht du wärst längst weg.“ Ich grinste Julian etwas verwirrt an und blickte auf mich hinab.
„Sieben Uhr Gillian…“ Er deutete etwas verloren auf die Uhr am Nachtschrank und sobald die Worte seinen Mund verlassen hatten, hörte ich wie eine laute, schrille Sirene im meinem Kopf losging. Sieben Uhr! Oh Gott!
„Verdammt nochmal!“ Ich sprang vom Bett auf und hetzte wie verrückt durch das Schlafzimmer…wie sollte ich es schaffen in einer halben Stunde beim Theater zu sein?
„Gillian, ruhig, ganz ruhig!“ Ich spürte seine Hände auf meinen Schultern. Er grinste etwas schief.
„Zieh dich erstmal an und ich rufe Wyn an, okay? Aber beruhig dich, du siehst ja ganz fertig aus, so als seist du eben einen Marathon gelaufen…“ Er lächelte mich etwas mitleidig an und ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse.
„Okay…aber…aber…“
„Hey, Ruhe…“ Er drückte seine Hände symbolisch nach unten und verließ das Zimmer.
Mein Atem hechelte und ich war kurz davor Anlauf zu nehmen und aus dem Fenster zu springen. Ich dankte Julian dafür, dass er die Fähigkeit hatte, mich von einer Sekunde auf die andere zu beruhigen. Er tat mir gut, denn im Gegensatz zu mir, führte er sein Leben bestimmt und mit Ordnung. Er konnte Chaos schlichten, das Chaos, das von mir verbreitet wurde. Ich lächelte.
Böses Vorzeichen. Ich zuckte zusammen. Nein, das hatte ich jetzt nicht gedacht! Ich schüttelte hastig den Kopf und ging zum Schrank. Etwas wirr kramte ich irgendwelche Kleidungsstücke heraus und streifte sie mir über. Die zerknitterten Sachen warf ich achtlos aufs Bett. Dabei fiel mir auf, dass sie durchgeschwitzt waren. Was hatte ich vorhin nur für einen Anfall gehabt? Müdigkeit! Böses Vorzeichen. Das Reklameschild schoss wieder vor meinem Kopf in die Höhe.
„Gillian? Ich habe Wyn angerufen. Er sagt, er würde das schon regeln, also deine Verspätung mein ich. Nur wir sollten uns jetzt beeilen, in Ordnung?“ Ich nickte nur und drückte das Schild weg. Alles ist okay, Gillian. Fahr jetzt zu diesem verdammten Theater und spiel dir die Seele aus dem Leib, danach geht’s dir besser! Manchmal konnte eine innere Stimme sehr praktisch sein. Ich richtete mir vor dem Spiegel noch schnell die Haare und nickte Julian zu, der noch immer in der Tür stand.
Ich saß neben Julian in der für meinen Geschmack etwas zu großen Limousine und beobachtete wie die Straßen Londons an uns vorbeizogen. Viele bunte Lichter schillterten in meinen Augen, brachten mich zum Blinseln. Ich liebte diese Lichter, sie brachten mir so ein Gefühl der Geborgenheit. Ich hatte mich in L.A. oft einsam gefühlt, wenn ich abends allein zuhause gesessen hatte. Ich hatte die Sterne angestarrt, wie sie ihr kühles, warmes Licht der Erde geschenkt hatten. Doch sie hatten so eine romantisch einsame Ader in mir aufblühen lassen, die ich geliebt und gehasst hatte. Wenn ich heute nach draußen schaute, sah ich nur die bunten Lichter und sie gaben mir ein Gefühl der Freude, den Drang aufzuspringen und wie verrückt durch die Gegend zu hüpfen. Sie überhitzten mich, so wie sie die ganze Stadt überhitzten, aber das liebte ich an ihnen, das liebte ich an London.
„Julian?“ Er hatte aus dem anderen Fenster gesehen, drehte seinen Kopf aber nun zu mir.
„Ja?“, fragte er sanft, so leise, dass ich es kaum hören könnte.
„Es…es tut mir Leid, dass ich dir deine Überraschung verdorben habe…“
Er lachte auf einmal auf.
„Hey, du warst überrascht…du hast mich zwar angesehen, als sei ich ein Geist, aber ich habe dich überrascht.“
Ich nickte etwas geknickt.
„Nimm mich heute einfach nicht ernst.“, war das einzige, was ich herausbrachte.
„Wieso?“ Seine Hand wanderte auf mein Knie. „Du scheinst mir heute genauso vernünftig zu sein wie immer, Ms Anderson.“ Ich grinste.
„Ich und vernünftig.“
„Na, nicht in so einem Ton.“ Er sah mir tief in die Augen. „Du bist nunmal wie du bist und für den Notfall hast du ja mich.“
Jerry, der Maskenbildner verteilte gerade breitwillig Make-up auf meiner Stirn, als Wyn den Raum betrat.
Er blieb kurz vor meinem Stuhl stehen und schien mich von allen Seiten zu betrachten.
„Hi, freut mich, dass du endlich hier bist…Mensch…“ Er lachte kurz etwas gestresst. „Ich dachte schon, du seist entführt worden oder überfahren, oder was weiß ich!“ Er wischte sich eine dicke Schweißschicht von der Stirn.
Ich verdrehte die Augen.
„Wyn…“ Ich warf ihm ein amüsiertes Lächeln zu. „Musst du immer gleich den Teufel an die Wand malen?“ Ich gestikulierte mit den Händen und brachte Jerry dazu abzurutschen und einen langen schwarzen Strich quer über mein Gesicht zu malen.
„’S freut mich ja echt, dass du deine Gestiken schon hier übst, aber ich glaube nicht, dass ich dich so schminken kann…“ Jerry wirkte etwas genervt und griff nach einem Schwämmchen mit dem er mir den Kajal von der Wange wischte.
Ich bemühte mich ganz ruhig zu bleiben, schließlich konnte ich es mir nicht erlauben noch später zu kommen. Ich hörte schon von hier aus das wilde Gerede der Zuschauer und ich überlegte mir, was ich als Entschuldigung anbringen konnte.
„Ähm Gillian? Ich wollte dich da noch was fragen…“ Wieder drang Wyns Stimme an mein Ohr.
„Was gibt’s?“ Ich machte ihm deutlich, dass er sich beeilen sollte.
„Vor gut einer Stunde ist hier ein junger Mann vorbeigekommen…groß, schlank…“
Ich setzte wieder zum Gestikulieren an, um ihn voranzutreiben, doch Jerry drückte mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen, meine Arme in meinen Schoß.
„Also,...der Gute hat nach dir gefragt und meinte, es wäre sehr wichtig. Ich sagte, dass du nicht da seist und ich ihn auch nicht so einfach zu dir schicken könne, da ich ja eben keine Ahnung hatte, wer er war. Er wurde daraufhin ziemlich wütend und schrie mir irgendwelche Wörter hinterher, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Und er sagte, er würde heute nach der Vorstellung wiederkommen.“
Ich zuckte mit den Augenbrauen.
„Hast du eine Ahnung wer das gewesen sein könnte?“
Ich schüttelte den Kopf. Jerry hatte gerade von mir abgelassen und machte mir klar, dass ich fertig war. Ich zog den Kittel von meinem Körper und erhob mich.
„Und du bist dir sicher, dass du nicht weißt, wer der Typ war?“
Ich war gerade auf dem Weg zur Bühne, wo Roger schon auf mich wartete. Wyn war mein Schatten und schien offenbar sehr beunruhigt.
„Wyn? Was ist denn so wichtig an diesem Mann? Er war wahrscheinlich irgendein Fan, der mich sehen wollte und sauer war, dass er mich verpasst hat…Ich…ich muss jetzt raus. Hey, das ist dein Theater und ich bin deine Schauspielerin, die ihre Vorführung versäumt…“ Ich zeigte bedrängend und mit verzogenen Mundwinkeln auf Roger, der mir etwas verloren zuwinkte.
„Nun, weißt du…dieser…dieser Mann war sehr seltsam…ich…ich habe gedacht, dass…“
„Dass er mir vielleicht etwas angetan haben könnte?“ Ich lachte und legte ihm die Hände auf die Schultern.
„Ganz ruhig, Wyn, setz dich hin und trink ein Glas Wasser…“ Ich grinste immernoch „Mir tut niemand so schnell etwas an, okay? Jetzt muss ich aber wirklich aus…“
Ich hastete schnell zu Roger hinüber und ließ einen etwas seltsam dreinblickenden Wyn zurück. Manchmal benahm er sich wie mein Vater…
Nach der Vorstellung fühlte ich mich zum ersten Mal an diesem Tag wieder richtig glücklich. Obwohl ich mich mal wieder dauernd fast versprochen hatte, schien ich heute eigentlich ziemlich gut gewesen zu sein. Die Zuschauer waren begeistert gewesen, aber das waren sie immer, schließlich waren viele von ihnen meine Fans, die mich noch aus Akte X-Zeiten kannten. Ich könnte den falschen Text reden und von der Bühne fallen und sie würden mich immernoch lieben. Auf der einen Seite machte mich das stolz, auf der anderen Seite machte es mir Angst. Wie konnte ein Mensch andere seinesgleichen nur so in der Hand haben? Als Kind hatte ich mich oft gefragt, was an einem Star denn so anders war, was ihn so besonders, so perfekt machte. Ich hatte gehofft, einmal, wenn ich erwachsen bin, eine Antwort darauf zu finden. Doch jetzt, wo ich erwachsen war, wo ich sogar selbst ein „Star“ war, war die Antwort auf diese Frage nur viel weiter von mir weggerückt. Denn ich konnte bei bestem Willen nicht sagen, was so toll und so anders an MIR war. Sicher war ich durchgeknallt und unterschied mich von so ziemlich jedem, den ich kannte, aber machte DAS einen Star? Nein, denn die Baywatch-Blondinen hatten nur eine übermäßige Oberweite und nicht mal das hatte ich. Es lag wohl einfach daran, dass ich das war, was ich eben war: Gillian Anderson, eine kleine, verrückte Frau, die verdammtes Glück gehabt hatte.
Ich schlang meinen Mantel um mich und hörte für ein paar Sekunden dem Gekreische zu, das vor den Türen des Theaters stattfand. Hunderte von Leute standen dort draußen und wollten nur eines: Mir gegenüberstehen. Diese Prozedur war wirklich lustig. Ich gab jedem ein Autogramm, wurde ganz schüchtern gefragt, ob ich mich denn für ein Bild neben die Leute stellen würde. Jeden Abend das Gleiche und immer musste ich lächeln und freundlich sein. Ich hatte jedes Mal Angst davor, dass ich dem Bild der Leute nicht entsprechen könnte, dass vielleicht irgendetwas Unerwartetes passierte…doch dieser Sorge löste sich in Luft auf, sobald ich das Theater verließ. Es war…ja, es war eine Droge sich vor diese Menschenmasse zu stellen. Es machte einen high, wenn Hunderte Leute kreischend nur einen selbst sehen wollten. Und ich liebte es…
„Gillian, warte, geh noch nicht da raus!“ Wyn kam angehetzt und stellte sich neben mich.
Ich lächelte ihn an.
„Na, dann auf!“ Ich ging auf die Tür zu, Wyn trottete mir hinterher. Langsam öffnete ich dir Tür und trat nach draußen. Das Adrynalin schoss mir durch die Adern, als ich die lange Schlange sah, die sich bis zum Ende der Straße hinzog. Hunderte strahlende Gesichter blickten zu mir hinauf…nun ja, eher hinab, aber das klingt etwas…seltsam.
Also dann Gillian, ans Werk!
Ich kam die letzte Stufe hinunter und stellte mich direkt vor eine junge, bis über beide Ohren grinsende Frau, die mir, wohl ohne dass sie es schaffte auch nur ein Wort herauszubringen, ein Bild von mir reichte.
Es war ein Bild von der Oscar Party …..Ich stieß ein leises „weeha“ aus. Ich sah darauf…nun ja, irgendwie scharf aus. Die junge Frau quiekte vergnügt. Ich lächelte. Das Foto war sehr dunkel und ich wusste nicht so recht wo ich meine Unterschrift hinsetzen sollte, damit man sie später auch erkennen konnte. Ich drehte es ein paar Mal hin und her und platzierte sie schließlich auf meinen Rücken. Ich gab es ihr triumphierend, dass ich es doch noch geschafft hatte mein kunstvolles Gekrakel, wie jemand…nun ja…ach…jemand hat meine Unterschrift mal so genannt, darauf zu bringen, wieder. Die Frau strahlte mich an und schaffte es sogar, ein schüchternes „Thank you.“ zu hauchen.
So vergingen die nächsten 10 Minuten, bis ich auf einmal ein seltsames Geräusch hörte. Ich und einige andere Leute wandten sich um und sahen auf zwei Mädchen und Roger, der gerade von hinten zur Tür vordringen wollte. Das eine Mädchen lehnte halb ohnmächtig an einem Auto, das andere hielt ein Theater-Plakat in einer Stellung, die aussah, als wollte sie dasselbe auf den Kopf ihrer Freundin hauen. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen und da behauptete dieser Mann also, er habe keine Auswirkungen auf meine Fans…
„Ich habe doch gewusst, dass ich Sie heute noch sehen würde!“ Ich erschreckte mich beinahe zu Tode, als ich eine tiefe männliche Stimme in meinem Ohr wahrnahm. Erschrocken wand ich meinen Kopf vor mich und sah direkt in die Augen eines großen, schlanken Mannes. Er sah im Vergleich zu den anderen Leuten auffallend anders aus. Anstatt den Freizeitklamotten, die die Meisten hier trugen, hatte er einen Smoking an, der im Licht der Türbeleuchtung bläulich schimmerte.
„Ähm…hi!“, war das Einzige, was ich herausbrachte. Seine dunklen Augen durchbohrten mich regelrecht und ich wagte nicht, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Auf einmal spürte ich Wyns Hand auf meiner Schulter. Sie war seltsam kalt und je näher der Mann kam, desto fester drückte sie sich in mein Fleisch.
„Aua!“ Ich zuckte zusammen, als ich Wyns Fingernägel durch meinen Mantel spürte.
Ich fuhr herum und sah ihn an. Er war leichenblass und starrte nur auf den Mann vor mir.
Dieser bewegte sich jedoch nicht. Hastig sah ich ihn wieder an.
„Wollen Sie nicht ein Autogramm?“ Ich sah auf seine Hände. Er hielt nichts darin…wo sollte ich ihm bitte hinschreiben…nein, ich hasste diese Körper-Autogramme!
Doch dieser Sorge war unberechtigt, denn zu meinem Erstaunen schüttelte er den Kopf.
Ich sah ihn irritiert an. Die Menschen hinter ihm reckten schon neugierig und ungeduldig ihre Köpfe.
Ich lächelte etwas schüchtern.
„Soll…sollen wir vielleicht ein Foto machen?“ Wyns Hand war schon wieder auf meiner Schulter.
Der Mann schüttelte wieder den Kopf.
„Und was bitte wollen Sie dann?“, Wyn war hervorgetreten und starrte mit wütendem Blick auf den Fremdling.
„Oh happy day, oh happy day. When Jesus washed, when Jesus washed, when Jesus washed. He washed my sins away. Oh happy day….” Er sang leise, fast in mein Ohr hinein und ich erstarrte, der Stift rutschte mir langsam aus der Hand und knallte laut auf den Betonboden.
„Sie haben eine schöne Stimme, Ms Anderson.“ Der Mann kehrte sich von mir weg, ging hastig die Straße hinab, bis er hinter der nächsten Biegung verschwand. Ich schluckte hart und Wyn sah mich an, als hätte gerade jemand auf mich geschossen.
„Gillian, ich denke, wir…wir…“
Ich schenkte meine Aufmerksamkeit mehr einem Mädchen, das mir verlegen lächelnd den Stift hinhielt, als Wyn.
„Nachher…“, sagte ich schnell.
„Der Nächste bitte.“, fuhr ich fort und nahm den Stift an mich.
Part II
Notting Hill Inn
Als ich am nächsten Morgen aufwachte war das Bett neben mir leer, dafür drang der verführerische Duft frischen Kaffees in das Schlafzimmer. Ich streckte mich ausgiebig und sah aus dem Fenster, durch das die Strahlen der morgendlichen Sonne fielen. Ich gähnte leicht und richtete mein Kissen auf. Genüsslich lehnte ich mich daran und dieses Gefühl der unendlichen Zufriedenheit nahm mich ein. Ich hatte mir immer schon einmal einen Mann gewünscht, der mir morgens Frühstück machte. Clyde hatte das nie getan, eigentlich hatte er immer erwartet, dass ich dies machen würde. Aber ich hatte so gut wie immer am Wochenende länger geschlafen als er und so wurde daraus nichts. Einmal, am Anfang unserer Ehe, hatte ich mir extra den Wecker gestellt. Es hatte auch soweit funktioniert, doch als ich mit dem Frühstück fertig war und es ihm ins Zimmer bringen wollte, hatte ich ihn nicht mehr vorgefunden. Er war zu seinen Freunden Bowlen gegangen…an einem Sonntagmorgen…Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich das Frühstück um mich geworfen hatte und den ganzen Tag damit hatte verbringen müssen, Baken und Ei von unserem Teppichboden zu kratzen.
Ich streckte mich noch einmal und wollte gerade aufstehen, um zu sehen wie weit Julian mit dem Frühstück war, als er mir mit einem riesigen Tablett entgegenkam.
„Guten Morgen Sonnenschein.“ Er balancierte das Tablett auf einem Arm und drückte mich sanft auf das Bett. „Na, na, das soll ein Frühstück ans Bett werden…“
Ich lächelte ihn an und ließ mich zurück auf das Bett fallen. Ich setzte mich im Schneidersitz hin und begutachtete das dampfende Tablett, welches er vor meine Füße platzierte.
Er drückte mir einen zarten Kuss auf den Mund und grinste.
„Und was hätten wir gerne?“
Ich strahlte ihn an bei dem Anblick. Mal abgesehen von der großen Kaffeetasse breitete sich eine riesen Schüssel Müsli, eine Schüssel Obst, ein gigantischer Joghurt-Becher in den er sogar schon die Erdbeermarmelade hineingerührt hatte (ja, ich weiß, das isst kein Mensch, aber ich hatte oben doch schon erwähnt, dass ich anders bin als alle anderen Leute…), frisch duftende warme Brötchen und ein Glas O-Saft, das schon fast ein Krug sein konnte, aus.
„Hmm…“ Ich betrachtete das Tablett von allen Seiten. „Ich glaube, wir müssen ne Münze werfen, bei der Auswahl.“ Er lachte.
„Gut, wenn du meinst.“ Er fischte in seiner Hemdtasche herum und zog ein 10 Pence Stück heraus.
„Müsli oder Brötchen? Oder anders gesagt Löwe oder Elisabeth?“
„Löwe“
Er warf das Geldstück in die Luft und fing es kurz darauf geschickt wieder auf.
„Tja, fast!“ Er lachte und hielt es mir hin. Die Queen starrte mich an.
Ich klopfte demonstrativ mit der Faust auf die Bettdecke.
„Ein Desaster ist das! Ich könnte mir echt nichts Schlimmeres vorstellen, als ein Brötchen zu essen, dass du mir geschmiert hast.“ Julian verzog gespielt beleidigt das Gesicht und ich griff nach dem ersten Brötchen. Doch er kam mir zuvor und biss hinein.
„Hey, das gehört mir!“ Ich beugte mich über das Tablett und versuchte es ihm aus der Hand zu reißen, dabei fiel ich ihm auf den Schoss und er musste mich festhalten, damit ich nicht auf dem Boden landete.
„Hey, hey, denkst du ich würd’s wagen, der heiligem Gillian Anderson ihr Brötchen zu klauen?“ Er hielt es mir demonstrativ vor den Mund und ich schnappte danach. Marmelade breitete sich auf meiner Zunge aus.
„Hmmm…“, brummte ich, als auf einmal das Telefon klingelte.
Ich versuchte schnell zu kauen damit ich drangehen konnte, doch Julian hob mich vorsichtig von seinem Schoß und ging in den Flur hinaus.
Genau in dem Moment fing ich an fürchterlich zu husten.
„Gillian, ich geh mal eben dran, ruf mich, falls du blau anläufst.“ Am liebsten hätte ich gelacht, doch ich war mehr damit beschäftigt, Luft in meine Lungen zu bekommen.
Ich hustete noch eine Weile bis ich es schaffte, meinen Hals zur Ruhe zu bringen und griff danach etwas wirr nach dem Orangensaft und spülte einen Teil davon hinunter. Langsam fühlte ich mich wieder normal an und räusperte mich. Von draußen konnte ich Julians Stimme hören. Offenbar war der Anruf für ihn, sonst hätte er mich längst gerufen. Etwas geknickt darüber, dass diese schöne Atmosphäre jetzt wohl dahin war, langte ich nach dem angefangenen Brötchen und biss noch einmal herzhaft hinein. Als ich gerade dabei war zu schlucken, veränderte sich Julians Stimme auf eine seltsame Art und Weise. Er schien gereizt, wenn nicht sogar wütend. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, nicht aufzustehen und nachzusehen, was los war. Aber er würde mir eh keine Antwort geben können, schließlich telefonierte er.
Auf einmal hörte ich, wie er den Hörer aufknallte und anstatt zurück ins Schlafzimmer zu kommen, die Treppe hinunterging. Ich verzog das Gesicht und nahm noch einen Schluck O-Saft. Gut zwei Minuten später stürmte er wieder hinauf und kam außer Atem vor mir an. Zu meinem großen Erstaunen hatte er seinen Mantel und die Schuhe angezogen.
„Was…?“, fragte ich, böses ahnend.
„Ich muss weg Gillian…ich…ich werde in einer Woche wieder da sein. Mach dir keine Sorgen.“ Er schritt auf mich zu, umarmte mich und war so schnell verschwunden, wir er wieder hochgekommen war. Ich saß dort, mit offenem Mund und wusste nicht, wie ich reagieren sollte…was bitte war das denn gewesen? Normaler Weise sagte er mir doch immer wo er hinging und eine Woche? Eine ganze Woche? Hatte er denn gar nichts eingepackt? Wie auch, alle seine Sachen waren in dem Schrank vor mir. Ich ließ das Brötchen auf meinen Schoss fallen und stellte den Orangensaft zurück auf das Tablett. Nun gut, dann war ich eben allein, ich mit einem Haufen dampfender leckerer Dinge…
Eine Stunde später hatte ich mich mit meinem Pech abgefunden…Julian war ein vielbeschäftigter Mann. Manchmal hatte er eben kurzfristige Termine, genauso wie ich auch…aber trotzdem war diese Nummer heute Morgen äußerst seltsam gewesen. Ich schüttelte den Kopf und biss in einen Apfel…in einen Frühstücks-von-Julian-gemacht-Apfel und genoss wie der frische Saft meine Kehle hinunterrann. Ich hatte es mir auf der Couch bequem gemacht und sah abwechselnd zum Fernseher und auf die Straße hinaus, wo sich wieder allerlei Leute tummelten. Das war das Praktische an der Portobello Road, man hatte immer irgendetwas zu beobachten. Gerade ging ein alter Mann über die Straße, gefolgt von ca. 8 Hunden die bereitwillig hinter ihm hertrotteten. Er hatte sie alle an der Leine…na ja, wenn man diese Fäden, die aussahen wie alte Schnürsenkel, als Leine bezeichnen konnte. Ihm folgte eine ebenso alte Frau, die lange Ringelstrümpfe anhatte und auf den Steinen hin- und herhüpfe als spiele sie Himmel und Hölle. Hach, ich liebte London.
„Gestern Abend wurde in der Nähe des Notting Hill Inn Hotels in der Moorhouse Road eine weibliche Leiche gefunden. Die Identität des Opfers ist noch unbekannt und die Polizei verfolgt gerade duzende Hinweise. Eine brauchbare Zeugenaussage ist jedoch nicht vorhanden, ebenso keine heiße Spur. Der Täter hinterließ nichts am Tatort, so als sei er durch die Wände hinein- und hinausgeschwebt. Die Polizei bittet um jegliche Hilfe der Bevölkerung. Sollten Sie etwas Ungewöhnliches gegen halb sieben Uhr beobachtet haben oder in der Nähe des Tatortes gewesen sein, melden Sie sich bitte unverzüglich bei der nächsten Polizeistelle.“
Damit hatte der Fernseher es automatisch geschafft meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Notting Hill Inn Hotel? War ich dort nicht gestern gewesen? Ich grub tief in meinem Gedächtnis herum und biss noch einmal in den Apfel…Notting Hill Inn…Notting Hill Inn…
BÖSES VORZEICHEN
Ich erstarrte…und dabei hatte ich gedacht, ich wäre dieses dumme Reklameschild gestern losgeworden. Doch mit diesem Moment erinnerte ich mich schlagartig wieder. Ich war vor diesem Hotel auf der Bank eingenickt…mein seltsamer Traum und…dieser…dieser Schrei…Nein, Gillian, du warst gestern sicher nicht Zeugin eines Mordes! Ich begann laut aufzulachen…Ich irrte mich mit Sicherheit…
Gerade wurde ein Bild des Hotels eingeblendet, Polizisten gingen davor auf und ab und sicherten die Umgebung ab. Ich zuckte mit den Schultern, dieser Ort kam mir sehr bekannt vor. Wenn die Kamera jetzt auch noch schwenkte und dort drüben eine Bank war dann…verdammt da WAR eine Bank. Und zwar genau die Bank auf der ich gestern Abend gesessen hatte…Mir lief es eiskalt den Rücken hinab.
„Jul…“ Mir blieb sein Name im Halse stecken. Klasse, jetzt, wo ich sein rationales Denken gebrauchen konnte, war er nicht da.
Ich stand auf, biss noch mal in den Apfel und ging um die Couch herum, dann im ganzen Wohnzimmer auf und ab.
„Okay, meine liebe Ms Anderson…du wirst jetzt zu diesem Hotel gehen und nachsehen, ob du dort gestern wirklich gewesen bist.“ Wann war ich gestern noch mal umhergewandert? Um halb sieben? Ja…um halb sieben. Ich hätte mich erschlagen können in diesem Moment. Aber ich war nicht wach gewesen…ich konnte doch nie im Leben eine Aussage machen, selbst wenn diese Frau umgebracht worden war, während Gillian Anderson vollkommen benebelt auf einer Bank gepennt hatte…Ich schüttelte den Kopf. Zur falschen Zeit, am falschen Ort. Nein, eher zur falschen Zeit, im falschen Zustand. Ich atmete tief durch und biss ein letztes Mal in den Apfel. Ich donnerte ihn regelrecht in den Mülleimer und zog mir meinen Mantel und meine Stiefel an. Etwas unwohl in meiner Haut verließ ich das Haus und betrat die überfüllte Straße…uh…nein, wieder rein…
Ich schnappte mir eine Mütze und zog sie mir tief ins Gesicht, meine rote Sonnenbrille tauschte ich durch eine große dunkle aus. Sicher war sicher…
So verbarrikadiert wagte ich mich schließlich endgültig in die Menschenmasse. Zu meinem Glück war heute Sonntag und somit kein Markt. Ich ging die Straße entlang und dachte darüber nach mir ein Taxi zu rufen…aber würde man mich ohne weiteres zu dem abgesperrten Tatort eines Mordes führen? Mit Sicherheit nicht…ich musste mich da also alleine hinbefördern. Ich kramte in meiner Manteltasche und zog triumphierend eine Karte hinaus. Ich erinnerte mich daran, dass ich sie mir gestern nach dem Nachhausekommen hineingesteckt hatte, für denn Fall, dass ich mich wieder verlief…und das kam mir gerade recht. Ich faltete sie auseinander und suchte nach der Moorhouse Road. Ich hatte sie ziemlich schnell gefunden. Es war eine kleine Allee. Ja…liebe Gillian, die kleine Allee in der du gestern gewesen bist…Ich räusperte mich und ging weiter. Es war weiter als ich gedacht hatte. Es schien mir, als überquerte ich hunderte Kreuzungen. Wie hatte ich es gestern nur geschafft, geistesabwesend so weit zu laufen? Mir taten langsam die Füße weh, als ich endlich halb triumphierend, halb entsetzt bei der Straße ankam. Es waren genau dieselben Bäume, genau dieselben Steine, genau dieselben ordentlichen kleinen Hotels. Doch jetzt spannte sich ein langes gelbes Tatortband um die Bäume und versperrte mir den Weg. Rechts von mir stand ein Streifenwagen, dessen Insassen mich eingehend ansahen. Nein Jungs, ich bin sicher nicht verdächtig…oder…oder doch? Nein! Nein Gillian, das geht zu weit…du hast auf einer gottverdammten Bank gesessen und du hattest nicht mal ein Taschenmesser dabei, also reim dir jetzt bitte keinen Unsinn zusammen!
Ich spielte mit der Karte, ließ sie von einer Hand in die andere wandern. Meine Augen drehten sich langsam von dem Polizeiauto weg die Straße hinab. Von hier aus konnte ich das Hotel nicht sehen. Ich stampfte mit meinem Absatz auf den Weg, wobei ein kleines Steinchen auf die Straße rollte. Die Polizisten studierten wieder mehr mich, als den Rest der Umgebung und ich machte mich schnell auf den Weg um die Ecke…ich wollte schließlich nicht auffallen. Gut 10 Meter entfernt, als ich mir sicher war, dass sie mich nicht mehr sehen konnten, faltete ich die Karte ganz auseinander und legte sie auf den Gehweg. Von wo aus kam ich noch auf diese Straße? Ich überlegte und betrachtete die Karte Millimeter für Millimeter. Mein rechter Zeigefinger wanderte alle Seitenstraßen hinab, bis er schließlich bei einer sehr, sehr kleinen Straße stehenblieb. Ich grinste, na bitte, alle Wege führen nach Rom…nur wusste die Polizei nicht auch von dieser Straße? Nun, selbst wenn sie davon wussten, wovon ich ausging, vielleicht war sie näher an dem Hotel dran, als die andere.
Ich faltete die Karte also wieder zu einem handlichen Rechteck und folgte vor jedem Schritt auf die Linie meines Zeigefingers achtend, der nächsten Seitenstraße.
Zehn Minuten später war ich auch schon bei meinem guten zweiten Zugang angekommen. Direkt ihm gegenüber lag noch eine Straße und rechts…ja rechts müsste ich zu meinem schönen Notting Hill Inn Hotel gelangen…doch Fehlanzeige…wieder stellte sich mir so ein dummes Absperrungsband in die Quere und diesmal stand der gute Streifenwagen direkt vor meiner Nase. Klasse…und just in diesem Moment stiegen die Polizisten aus ihrem Gehäuse und kamen auf mich zu.
„Ms?“, hörte ich einen von ihnen rufen. Mein Instinkt sagte mir, dass ich meine Beine in die Hand nehmen sollte, doch mein Verstand machte mir klar, dass mich dies heute Nacht nur auf eine Gefängnispritsche bringen könnte. Also verharrte ich dort, wo ich war und sah dem Mann direkt in die Augen. Er war wohl Mitte vierzig, schlank, ein wenig klein und hatte weiche Gesichtszüge. Ich glaubte nicht, dass er mich festnehmen würde. Sein Partner sah auch recht nett aus.
Ich steckte die Karte in meine Manteltasche zurück und kam auf die Beiden zu.
„Ms? Suchen Sie irgendetwas?“
Und was nun? Die Wahrheit oder eine Notlüge?
„Also, ich ähm…ich…also…“ Uh, das war gut…wenn ich so weitermachte war es eindeutig keins von beidem…
„Eigentlich…nun…ich…ich habe mich verlaufen und ich weiß einfach nicht, wo ich bin.“ Ich schwenkte mit den Händen in der Luft herum um meine Unsicherheit zu betonen und…er schien es zu schlucken! Oh danke Gott, dass du mir schauspielerisches Talent gegeben hast!
„Na, dann zeigen Sie mir mal Ihre Karte her. Wir werden schon sehen, wohin Sie müssen.“ Etwas unsicher zog ich sie hervor und reichte sie ihm. Klasse, jetzt redete der Typ mit mir irgendwie als sei ich geistig verwirrt…hätte er mich gestern getroffen, hätte ich ihm das auch sicher nicht übel genommen…
„Wo wohnen Sie denn?“
„In der...in der Ledbury Road“, stotterte ich hervor.
Er fing auf einmal laut zu lachen an. Was bitte hatte ich da jetzt gesagt?
„Nun…“ Er grinste „Hihi, nun…also, entschuldigen Sie.“ Er räusperte sich und tippte nun wieder ernst auf eine große breite Straße, zwei Straßen weiter. Nun gut, hey Kumpel, manche Leute verlaufen sich vor ihrer eigenen Haustür…!
„Ähm, danke…“ Ich schaffte es sogar leicht rot anzulaufen, glaubte ich jedenfalls und stopfte die Karte zurück in die Tasche. So schnell ich konnte, rannte ich die Straße zurück und bog in die Ledbury Road ein. Dort blieb ich stehen und verschnaufte ein paar Minuten.
Und was sollte ich jetzt machen? Mich geschlagen geben? Nein…irgendwie musste ich zu diesem Hotel kommen, damit ich mir hundertprozentig sicher war…
Ich schlenderte die ganze Ledbury Road entlang, immer mit einem Blick auf die Uhr, in einer Stunde musste ich im Comedy Theater sein, also sollte ich mich jetzt lieber auf den Weg nach Hause machen…sollte ich das wirklich?
Auf einmal tauchte ein sehr verdächtiger Maschendrahtzaun in einer Gasse neben mir auf. Ich wusste nicht warum, doch ich ging darauf zu. Als ich direkt davor angekommen war, entdeckte ich auf der Hauswand, die auf der anderen Seite lag, ein Schild. Ich drehte meinen Kopf so gut ich konnte bei Seite und erstarrte. „Notting Hill Inn“ stand darauf in großen blauen Lettern geschrieben…na bitte, warum nicht gleich so! Nur wie sollte ich da rüber kommen? Der Zaun war ziemlich noch…ich sah mach um…jede Menge Kisten. Sollte ich da wirklich drübersteigen? Ich war zwar bei den Akte X-Dreharbeiten schon öfters über alles Mögliche geklettert, aber ich war erstens in einer besser körperlichen Verfassung gewesen und hatte zweitens Hilfe gehabt…Ich grübelte…noch eine Stunde…ach, was soll‘s! Ich zog zwei Kisten heran und stapelte sie übereinander. Vorsichtig setzte ich zuerst das eine und dann das andere Bein darauf. Ich hielt mich am Zaun fest und ließ ganz langsam los. Sie hielten mich aus. Streckend langte ich nach dem oberen Ende des Zaunes, ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen um es zu erhaschen, schaffte es dann aber. Langsam setzte ich meinen rechten Fuß in eine Zaunmasche und zog mich hoch. Ich schaffte es auf Anhieb auch meinen anderen Fuß zu verankern und kletterte so schließlich ganz nach oben. Doch als ich dort eben nun verharrte und nach unten sah, bekam ich zum ersten Mal leichte Höhenangst. Es ging wirklich verdammt weit runter…ich atmete tief durch und zählte bis drei. Schließlich schwang ich meine Beine nach drüben, verhackte sie wieder auf der anderen Seite und sprang schließlich herunter. Ich landete sogar überraschend standfest und sah mich um. Nichts, nur weitere Kisten und…eine Hintertür…konnte ich es riskieren nach vorne zu laufen und das Hotel anzusehen? Genau in diesem Moment hörte ich Stimmen, vier Polizisten liefen an der Gasse vorbei…Nein, definitiv nicht…Ich trat von einem Fuß auf den anderen, als ich auf einmal ein Knarren hörte. Die Hintertür öffnete sich. Erschocken duckte ich mich hastig und fixierte sie gebannt. Ein junger hochgewachsener Mann trat heraus. Er trug verschlissene Jeans und ein T-Shirt. Er kam ganz heraus und schloss die Tür hinter sich. Vorsichtig wand er sich um und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Das war doch unmöglich! Vor mir stand der seltsame Mann, der mir gestern „Oh happy day“ vorgesungen hatte…War er ein Hotelangestellter? Dann konnte er mich also gehört haben…aber…aber was machte er da? Er kam auf mich zu. Ich drückte mich gegen die Wand. Er schien mich aber nicht entdeckt zu haben. Er suchte nach etwas, schob die Kisten hin und her, bis er schließlich ein erleichtertes Seufzen ausstieß und wohl etwas vom Boden aufhob. Er schob die Kisten wieder in ihre ursprüngliche Stellung zurück und verschwand. Ich atmete erleichtert aus und erhob mich wieder. Gerade als ich darüber nachdenken wollte, was dieser Mann wohl gefunden hatte, öffnete sich die Hintertür ein zweites Mal, diesmal blickte eine große dickliche Frau direkt in meine Richtung und ich hatte keine Chance mich zu verstecken.
„Was bitte machen Sie denn hier?“
Part III
Brain
Crash
Wenn ich schon mal in meinem Leben eine Schaufel vermisst habe, dann war das in diesem Moment. Obwohl, ich hätte mich sowieso nicht einbuddeln können…dass die solche Gassen auch unbedingt betonieren mussten…
Eigentlich wollte ich etwas sagen, doch mir blieben die Worte sprichwörtlich im Halse stecken und irgendwie hatte ich das Gefühl als würden sich gerade alle meine Organe von innen nach außen kehren. Musste so was eigentlich immer mir passieren? Da tat ich einmal in meinem Leben (na gut, einmal war untertrieben…) etwas Unanständiges und man musste mich selbstverständlich erwischen. Ich stöhnte auf.
„Haben Sie mich nicht verstanden? Was machen Sie da hinten?“
Also gut, lass dir was einfallen, was kann schon schief gehen?
„Ich ähm, ich habe mich verlaufen…“ Nein, nicht schon wieder…Mund? Was bitte redest du da?
„Öhm…Harrold? Könntest du dir das mal bitte ansehen? Da steht eine Frau bei uns neben der Hintertür und meinte, sie habe sich verlaufen!“
Nein, nicht noch jemand? Hatte ich mich wirklich so auffällig verhalten?
In der Sekunde trat ein kleiner dicker Mann aus der Tür und stellte oder postierte sich eher neben die Frau. Er kam auf mich zu und sah, ohne mich auch nur eines wirklichen Blickes zu würdigen, auf den Boden vor mir. Ich fragte mich, was bitte er da sah und drehte meinen Kopf ebenfalls nach unten. Als ich entdeckte, worauf ich stand, sprang ich sofort zurück. Angewidert zog ich meine Stiefel hoch und betrachtete die Sohle…sie war vollgeschmiert mit einer zähen, rot funkelnden Pampe. Ich ahnte nichts Gutes.
„Was machen Sie hier, Ms?“, erkundigte sich „Harrold“ und beäugte mich, als sei ich soeben aus dem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen.
„Ich sagte, doch ich habe mich…“ Ich kam nie dazu diesen Satz zu beenden, denn gerade jetzt hielt es ein Polizist für nötig in die Gasse zu kommen und das dort stattfindende Schauspiel zu begutachten. Als er näher kam, spürte ich wie das Wasser immer weiter stieg, bis es mir fast bis zum Hals reichte. Was bitte hatte ausgerechnet den Mann, der mir vorhin so belustigt den „Nachhauseweg“ gezeigt hatte, dazu veranlasst genau jetzt hier aufzutauchen? Hilfe, das schien wirklich nicht mein Tag zu sein…
„Wohl doch nicht nach Hause gefunden, was?“ Er stellte sich vor mich, Harrold und die Frau wichen bei Seite.
„Eigentlich, ähm…“ Gut, jetzt fehlten mir endgültig die Worte. Ich fragte mich, wie dämlich und kindisch sich ein Mensch eigentlich benehmen konnte. Wenn doch nur Julian hier wäre… Das lag aber eindeutig an der Schauspielerei… irgendwie hatte ich wohl verlernt mich in der realen Welt zurecht zu finden, hatte ich das eigentlich jemals gekonnt?
„Ms Ihnen eigentlich klar, wo Sie hier sind?“ Ja, selbstverständlich ist mir das klar, für wie blöd halten Sie mich eigentlich? Nein, das konnte ich ihm definitiv nicht sagen, aber was dann?
Ich nickte einfach nur, möglichst beiläufig, mit dem Kopf und versuchte so unschuldig wie möglich auszusehen.
„Ich habe von meinen Kollegen gehört, dass sie auch schon bei der anderen Absperrung versucht haben in die Moorhouse Road zu kommen…“
„Das habe ich auch.“, meinte ich kalt.
„Und was genau suchen Sie dann hier?“
„Gar nichts?“ Hilfe, ich wurde immer besser…verdammt konnte mir nicht irgendetwas Brauchbares einfallen? Eine Kleinigkeit, die mich hier rausbringen konnte? Warum funktionierte mein Gehirn immer dann nicht, wenn ich es am Nötigsten brauchte? Und warum stellte ich mir dauernd rhetorische Fragen?
„Ms, wenn Sie mir nicht gleich erklären können, was Sie dazu bringt sich unerlaubt an einem Tatort aufzuhalten, dann werden ich Sie mit aufs Revier nehmen müssen…“ Mit aufs Revier? Ich sah auf die Uhr…eine halbe Stunde? Nein! Verdammt noch mal, ich konnte mir wirklich vieles erlauben aber zum zweiten mal innerhalb von zwei Tagen Hunderte Leute sinnlos hin und herlaufen zu lassen, das war etwas…unverschämt?
„Also, ich ähm…ich dachte gestern, dass ich…naja, etwas beobachtet hatte und naja, darum bin ich wiedergekommen um nachzusehen, ob es auch wirklich hier war.“ Gut, das war die Wahrheit und darum musste mich dieser Typ jetzt einfach in Ruhe lassen, dessen war ich mir hundertprozentig sicher…
„Natürlich…hey, wenn Sie wirklich etwas beobachtet haben, warum haben Sie dann nicht bei der Polizei angerufen?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wissen Sie, ich war mir eben nicht sicher…“
Harrold kam auf einmal neben den Polizisten und sah mich wichtigtuerisch an.
„Woher wussten Sie denn, dass man hier, genau hier, die Leiche gefunden hat?“ Er trat einen Schritt auf mich zu, ich automatisch einen zurück.
„Ich…ich…was?“
„Also, Ms, Sie kommen jetzt aus dieser Ecke und erzählen uns auf dem Revier alles, was Sie wissen…“
„Aber…ich…ich muss…“ Ich drehte mich um. Verdammt, über diesen Zaun würde ich wohl kaum drüberspringen können.
„Sie müssen nirgendwohin.“ Er kam auf mich zu und packte mich am Oberarm. Ich wollte mich wehren, aber was hätte ich schon tun sollen? Davon schweben wohl kaum. Oh meine Güte, warum hatte ich ihm unbedingt sagen müssen, dass ich glaubte, etwas gesehen…nun ja, gehört zu haben?
„Hören Sie Officer…ich kann wirklich nicht mit Ihnen mitkommen. Ich spiele Theater wissen Sie und ich habe in einer halben Stunde eine Vorstellung…ich…“
„Jaja und ich habe eine Audienz bei der Queen.“ Er packte fester zu und ich sah ihn verzweifelt an.
„Haben Sie mich denn noch nie gesehen?“ Ich hasste es meine Berühmtheit für solche Zwecke zu nutzen, aber blieb mir eine Alternative? Er lachte nur blöd.
„Ja, vorhin, als Sie in der Ledbury Road verschwunden sind…wo Sie ja angeblich wohnen.“
„Bitte…ich…ich wohne gar nicht in der Ledbury Road, sondern in der Portobello Road und ich…bin…“
„Steigen Sie bitte in das Auto ein.“ Er zeigte auf den Streifenwagen, der immer noch an exakt demselben Platz stand wie vorhin.
Ich sah bekümmert daran vorbei und zurück auf das „Notting Hill Inn“ Hotel…es war definitiv das Hotel, gegenüber dessen ich gestern eingenickt war.
„Das Hotel ist wirklich schön Ms, aber könnten Sie bitte einsteigen?“ Er trat hinter mich und wollte mich wieder am Arm packen, doch ich reagierte schnell und stieg ein. Als ich auf der recht bequemen Rückbank platzgenommen hatte, schloss er die Tür hinter mir und setzte sich auf den Fahrersitz. Sein Partner war wohl die ganze Zeit über im Wagen gewesen und musterte mich nun mit einem ironischen Blick.
„Na, was haben Sie denn angestellt?“
„Ach, wenn ich das wüsste.“, antwortete ich während ich die Augen verdrehte.
Er fing laut an zu lachen und ich zog die Stirn kraus. „Sie ist hier die ganze Zeit rumgestreift und behauptet irgendwas gesehen zu haben, ich dachte mir, es wäre besser sie zu befragen. Man weiß ja nie…“ Er grinste seinen Partner an, als rede er von einer Oma mit Altersdemenz.
„Öhm, ich bitte Sie. Ich bin nicht unzurechnungsfähig.“, kommentierte ich mit einem sarkastischen Unterton.
„Du Hayden? Ich habe diese Stimme schon mal irgendwo gehört…“ Ja…ja, du kennst mich…bitte kenn mich…
„Aber mir fällt‘s nicht ein.“
„Auch gut.“ Der Officer startete den Motor und ich empfand es als besser zu schweigen. Ich hatte eh nur noch eine Viertelstunde bis zur Aufführung und ich würde das niemals schaffen.
Wyn tat mir wirklich furchtbar Leid. Ich empfand es schon wirklich als unglaublich, dass er bei meinen Autogrammstunden jedes Mal dabei war und dann musste er mich auch noch ertragen, mit all meinen Macken und…Problemchen…Manchmal hatte ich den Eindruck, er würde sich da draußen nur hinstellen, weil er Angst hatte, dass meine Fanhorde das Theater auseinander nimmt, aber er schien auch, eine Art Beschützerinstinkt gegenüber mir entwickelt zu haben. Manchmal ging mir das fürchterlich auf die Nerven, aber irgendwie war Wyn schon…ich weiß nicht was, aber auf jeden Fall war ich froh, dass er da war. Würde er sich wieder den Kopf zermartern und vor Sorgen halb umkommen, weil ich nicht auftauchte? Oder wollte er mir damit gestern nur klar machen, was ich verantwortete, wenn ich zu spät kam? Ich atmete schwer aus.
Da saß ich nun also auf einem wackeligen Holzstuhl im Büro von ca. ein duzend Polizisten, die alle um mich herum hin- und herliefen. Ich kann wirklich nicht sagen, dass ich mich dabei wohl fühlte, ganz im Gegenteil, ich kam mir vor wie irgend so ein dämlicher Bankräuber aus einem Nachmittagskrimi. Es war bereits viertel nach drei, was bedeutete, dass Roger entweder eine Doppelrolle übernommen hatte, oder wieder die ganze Theatergemeinschaft auf ihre Hauptdarstellerin wartete. Gott, mir war das so verdammt peinlich, dass ich gar keine Worte fand, um es zum Ausdruck zu bringen. Wann kamen endlich diese beiden Männer zurück? Sie hatten mich nicht einmal telefonieren lassen. Was dachten die sich eigentlich? Dass die Mini-Massenmörderin ihren Komplizen anrief?
Endlich öffnete sich die Tür, hinter der beide eben verschwunden waren und als sei das Schicksal mir einmal in meinem Leben gnädig, kamen sie beide auch wieder heraus.
„Na, dann woll’n wir mal.“ Der Polizist mit den netten Gesichtszügen ließ sich seitlich von mir in seinen Schreibtischstuhl fallen und musterte mich.
Der andere schob mir an Blatt vor die Nase.
„Das müssen Sie unterschreiben, damit wir sicher sein können, dass Sie die Wahrheit sagen.“
Hui, das wurde ja immer besser.
Ich nickte nur und nahm einen Stift aus einem Becher, der direkt vor mir stand. Ich setzte zum Schwung an und schrieb groß und breit meine Autogramm-Unterschrift auf das Blatt. Bitte, Jungs, kommt schon.
„Okay, das …wow, das sieht…sehr starmäßig aus.“ Ich hätte fast damit begonnen mit meinem Kopf ein paar Mal heftig gegen die Tischplatte zu schlagen.
„Also, Ihr Name bitte.“ Gut, spätestens jetzt würde das alles geklärt werden.
Auf einmal schreckte mich eine Stimme aus meinen Gedanken und ich wäre fast vom Stuhl gefallen. Ein spitzer Schrei folgte und ich glaubte schon an einen Amokläufer, als eine junge Frau auf mich zugerannt kam. Sie stellte sich direkt neben meinen Stuhl und starrte mich an, als sei ich der wiedergekehrte Jesus…anders gesagt auch so, wie mich meistens Fans ansehen.
„Sind Sie wirklich die, von der ich denke, dass Sie es sind?“, fragte sie mich stotternd. Auf einmal nahm ich eine altbekannte Melodie wahr, die leise vor sich hindudelte. Ich fuhr herum und entdeckte einen Fernseher. Uh, ich glaube ich würde dem Sender, der so leichtsinnig war Home um halb vier auszustrahlen, ein Dankes-Präsent zukommen lassen…
„Ja, die bin ich, schätze ich.“
„Wow…ähm…woow, kann ich ein Autogramm haben?“
Ich nickte nur und sie hielt mir eine Polizeiakte hin. Gut, wenn sie meinte.
Ich setzte wieder Schwung an und hey, diesmal gelang es mir sogar meine Star-Unterschrift fast genauso aussehen zu lassen, wie die zuvor auf dem Zeugenaussage-Bericht.
Sie strahlte mich an und hüpfte weg.
„Ich hab ‘nen Star gesehen! Ich hab ‘nen Star gesehen!“ Ich schüttelte grinsend den Kopf und die zwei Polizisten standen dort, die Kinnladen bis zum Boden und konnten scheinbar nicht fassen, was da eben passiert war.
„Sie…S-s-sie…“
„Ich hab dir doch gesagt, Hayden, ich kenne die irgendwoher…“ Er nickte triumphierend.
„Also, noch mal von vorne…Name?“
„Gillian Anderson“, meinte ich gelassen.
„Haha…sehr komisch…“
„Hadyen…man…wenn Lucy sie schon erkannt hat, muss sie‘s ja wohl sein.“
Der Officer kritzelte etwas grimmig dreinblickend meinen Namen auf das Protokoll.
„Adresse?“
„Ich kann das auch selbst aufschreiben, wenn Sie wollen…“ Ich wollte nicht wirklich meine Adresse einfach so in ein gefülltes Polizeibüro schreien…vor allem nicht, wenn ich an diese Lucy dachte. Obwohl? Wer hatte sie noch gleich ins Internet gesetzt und löste damit dauernd Fanpilgerschaften aus?
Er schob mir das Blatt rüber und ich trug so schnell ich konnte meine Adresse und alles, was ich sonst noch wusste, ein. Als ich bei dem Punkt Aussage angekommen war, hielt ich inne.
„Das würde ich gerne selbst notieren.“ Hayden langte mit seiner Hand über den Tisch, ein Zeichen dafür, dass ich ihm das Protokollblatt wieder zurückgegeben sollte. Gefordert, getan.
„Also dann, Ms Anderson, was haben Sie gestern in der Moorhouse Road beobachtet?“
Ich grübelte und spielte mit dem Stift in meiner Hand. Wo sollte ich am besten anfangen?
„Nun ja, also, eigentlich bin ich bloß ein wenig spazieren gegangen.“
„Und wo wollten Sie hin?“
„An keinen bestimmten Ort eigentlich. Es war so circa viertel nach sechs als ich in die Moorhouse Road eingebogen bin. Eigentlich wusste ich gar nicht so recht…naja, wo ich bin. Ich war ziemlich müde, also habe ich mich auf eine Bank gesetzt, die eben zufällig genau gegenüber des „Notting Hill Inn“ Hotels lag. Und jetzt kommt eigentlich der Grund dafür, dass ich heute wieder versucht habe das Hotel zu sehen. Ich…also meine Aussage dürfte nicht wirklich brauchbar sein, denke ich.“
Hayden atmete leicht genervt aus und der andere lächelte mich an, eigentlich hatte er mich, seit ich meinen Namen gesagt hatte, die ganze Zeit nur so blöd angegrinst…habe ich schon mal erwähnt wie sehr ich es hasste Männer versehentlich vollkommen zu verblöden, wenn sie eigentlich bei klarem Verstand sein sollten?
„Sagen Sie mir jetzt einfach, was dann passiert ist, ich werde Ihnen nachher schon sagen, ob uns das weiterbringt oder nicht.“ Er fächerte mit seiner Hand über dem Tisch herum.
„Gut, Sie wollten es nicht anders, aber es ist nun mal ziemlich…verrückt…“ Er fächerte wieder. „Also, ich habe mich also auf diese Bank gesetzt und was dann passiert ist, weiß ich eigentlich nicht wirklich. Ich bin wohl eingenickt und hatte einen ziemlich seltsamen Traum. Ich habe darin „Oh happy day“ gesungen und…“
„Könnten Sie bitte zu Sache kommen, ich glaube nicht, dass Ihr Traum so wichtig ist…“
„Doch…es…es wird noch wichtig…auf jeden Fall kam in diesem Traum auf einmal irgendwer auf mich zu, aber ich konnte ihn nicht erkennen und ich bin von der Hängematte gefallen, auf der ich lag. Ich habe geschrieen, aber es war nicht mein Schrei, also nicht meine Stimme und dann bin ich aufgewacht.“ Officer 1 kratzte sich am Kopf und sah mich mitleidig an, Officer 2,…naja…was sollte er schon tun? Er grinste natürlich…
„Und mehr nicht?“
Ich zuckte mit den Schultern. Sollte ich den komischen Mann vor dem Theater erwähnen? Vielleicht war er wirklich nur ein Hotelangestellter, der mich gesehen hatte, aber wenn, dann war er auch am Tatort gewesen und hatte vielleicht mehr gesehen oder gehört, als ich…?
„Es gibt da noch etwas und ich denke, es könnte eigentlich das Wichtigste sein…“, bevor ich diesen Satz beenden konnte, sprang die Tür auf, durch die meine beiden Freunde eben gekommen waren. Ich konnte jetzt braune Lettern darauf entdecken, die verkündeten, dass dies das Büro von Leutenant Jerrold Hemmingway war.
„Officer Leaveland, Officer Midton, der Leutenant bittet sie sofort in sein Büro.“ Eine zierliche Sekretärin beugte sich hinaus und winkte ausgerechnet meine Polizisten heran. Klasse, gerade dann wenn ich ihnen das mitteilen wollte, das mir Sorgen machte…ich liebte mein Leben, ehrlich…
Sollte ich jetzt warten bis sie wieder herauskamen? Nein…das konnte ich auf gar keinen Fall, ich musste die Chance nutzen um Wyn anzurufen. Ich sprang von dem Stuhl auf, der fast umgefallen wäre (mal ehrlich, man müsste diesem Revier mal ein paar Spendengelder zukommen lassen…nein Gillian, das wirst du NICHT tun…).
„Ähm….“ Etwas verloren ging ich auf einen Mann zu, der am benachbarten Schreibtisch gerade ein paar Kreuze auf einer Landkarte machte.
„Könnte ich vielleicht mal telefonieren?“ Er lächelte mir zu, nickte und deutete wortlos auf das Telefon. Ich griff danach und wählte, so schnell ich konnte, Wyns Handynummer.
Es klingelte ein paar Mal, bis er endlich abhob. Er schien total gestresst und fertig zu sein.
„Wyn, ich bin’s Gillian.“ Noch ehe ich weiteres sagen konnte, fuhr er dazwischen.
„Um Gottes Willen Gillian, was veranstaltest du hier? Geht’s dir gut? Wo bist du? Kommst du gleich? Oh Gott, es ist schon fast vier Uhr und hier springen alle im Dreieck.“
„Ich, ich weiß das Wyn…Gott, es tut mir so furchtbar Leid, aber ich kann nicht…ich…“ Auf einmal spürte ich einen stechenden Schmerz in meiner Schläfe. Er bohrte sich tief in meinen Kopf hinein und ich griff mit der Hand an meine Stirn. Ich wollte weiterreden, doch ich konnte es nicht. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich wankte bedrohlich hin und her. Meine rechte Hand rammte regelrecht gegen den Schreibtisch, um mich abzustützen.
„Gillian? Gillian bist du noch dran?“ Wyns Stimme war ganz weit entfernt und ich spürte wie Übelkeit in mir aufstieg, ich zitterte, kalter Schweiß lief mir die Stirn hinab. Das Bild vom Büro verschwamm immer mehr vor meinen Augen. Es war als würde ich in eine andere Welt gezogen werden. Vor mir tauchte plötzlich ein Schatten auf. Es war eine Person, genau wie die, die ich damals neben der Hängematte gesehen hatte. Sie kam auf mich zu.
„Gillian, hast du heute auch den Löwen gesehen?“ Ich lächelte und nickte. Sein Brüllen hallte immer noch in meinen Ohren wieder.
„Ich habe ihn erstochen Gillian.“ Ich zuckte zusammen, was hatte er da gesagt?
„Du…du hast was?“ Auf einmal hörte ich einen lauten Knall und unendlich viel Blut ergoss sich über meine Kleidung. Ich schrie auf. Wieder mit so einer seltsamen, fremden Stimme.
„Ms Anderson?“
Das Bild verschwamm wieder vor meinen Augen um dem des Polizeireviers Platz zu machen. Doch aus einem anderen Blickwinkel. Ich lag wohl auf dem Boden. Mein Kopf dröhnte.
„Ms Anderson geht es Ihnen gut?“
Ich drehte meinen Kopf so, dass ich sehen konnte, wer mit mir redete.
Es war Officer 1, anders gesagt auch Hayden. Mein Kopf lag auf einem großen Kissen und er hielt mir die Hand.
Etwas benommen rappelte ich mich auf und zog meine Hand aus seinem Griff. Ich sah mich um und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Mir war so unendlich heiß, als hätte ich hohes Fieber und ich war so unendlich müde. Eigentlich fühlte ich mich exakt genauso wie gestern, als ich zu Hause angekommen war.
„Was…was ist passiert?“, fragte ich unsicher.
„Ich weiß nicht“, antwortete er „Als wir wieder herauskamen lagen Sie auf dem Boden und sahen aus, als hätten Sie einen Albtraum. Geht es Ihnen sicher gut?“ Ich zitterte und zog meine Beine an den Bauch.
„Ich…ich schätze schon.“, sagte ich schnell und zog mich am Schreibtisch hoch. Der Hörer des Telefons lag wieder auf seinem Platz.
„Ich habe eben telefoniert. Was haben Sie dem Mann am anderen Ende gesagt?“
Der Mann, der es mir erlaubt hatte zu telefonieren, trat nun neben mich.
„Er war ziemlich in Sorge, ich habe ihm erklärt, wo Sie sind und dass Sie wohl einen Kreislaufkollaps hatten.“, meinte er gelassen.
„Hat…hat er gesagt, dass er mich abholen würde, oder sowas?“ Nein, jetzt hatte dieser Trottel Wyn auch noch gesagt, dass etwas mit mir nicht stimme…obwohl war das eigentlich so falsch? Ich schüttelte den Kopf. Verdammt, was war nur los mit mir?
„Fühlen Sie sich im Stande mit der Aussage fortzufahren, Ms Anderson?“, hakte Officer 1 nach.
Ich zögerte…war ich das? Ich fasste mir an die Stirn, ich glühte.
„Ich bin damit einverstanden, wenn Sie uns noch eben sagen, was Sie nicht beenden konnten, es ist sehr wichtig.“ Ich sah ihn eindringlich an, wohl mit diesem Scully-Blick, denn sofort stürmte Officer 2 auf mich zu.
„Es hat einen weiteren Mord gegeben Ms Anderson und vielleicht können Sie uns helfen den Fall zu klären.“ Er grinste wieder und ich hatte ihm sein Lachen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen. Aber dann wäre ich wohl endgültig krankenhausreif.
Auf einmal stieg eine irrationale Angst in mir auf. Sie kroch in mir hoch wie jemand, der sich von hinten an einen heranschleicht, um einem schließlich eine Axt in den Rücken zu bohren. Ich begann am ganzen Körper zu zittern und wieder zu wanken.
„Nein, ich…ich bin nicht in der Verfassung…!“ Vollkommen wirr stürmte ich aus dem Polizeirevier hinaus, noch bevor mich jemand aufhalten konnte und stürmte auf die Straße. Die kalte Luft traf mich wie ein Schlag, doch sie tat mir gut. Ich atmete in tiefen Zügen und sank schließlich auf den Treppen vor dem Revier zusammen.
Ich weiß bei bestem Willen nicht mehr, wie ich nachhause gekommen war. Wyn hatte mich nicht abgeholt, das wusste ich. Meine Erinnerung setzt eigentlich erst in dem Moment wieder ein, als ich mich, immer noch zitternd mit dem Telefon in der Hand auf meinem Lieblingssessel wiederfand. Es war mittlerweile sechs Uhr. Ich hatte eine Weile geschlafen, fühlte mich aber immer noch mehr als miserabel. Ich spielte mit dem Gedanken die Abendaufführung abzusagen, aber konnte ich das den armen Leuten wirklich antun? Ich musste an all die Menschen denken, die kilometerweit gefahren oder geflogen kamen, nur um mich zu sehen. Ich musste an die vielen enttäuschten Gesichter denken, die wohl heute Nachmittag das Theater verlassen hatten, als man ihnen mitgeteilt hatte, dass ich nicht kommen würde. Was würden diese Menschen nur von mir denken? Ihr großes Idol ließ sie einfach so ohne Vorwarnung im Stich…was war ich bloß für eine Idiotin?
Ich fixierte das Telefon, drehte es in meinen Händen hin und her. Ich musste ihn anrufen, verdammt, ich hatte Angst, große Angst und er war der einzige Mensch auf dieser Welt, dem ich so etwas anvertrauen konnte. Er kannte mich besser als jeder andere und er würde mich ernst nehmen, das musste ich. Sollte ich nicht einfach doch zum Arzt gehen und mich durchchecken lassen? Um mir von diesem dann sagen zu lassen, dass ich mehrer Tage keine Vorstellungen geben durfte? Nein, verdammt…das konnte ich all diesen Leuten doch nicht antun. Da verpflichteten sie schon einen Serienstar, mit all den Risiken. Dann nehmen sie in Kauf, dass Tausende Leute zum Theater pilgern um einen Blick von mir zu erhaschen. Und dann, dann tat diese Frau genau das, was man immer von diesen großen blonden Serientussis erwartete, sie ließ sie einfach im Stich. Machte irgendwelche Kreuzzüge durch London und kippte in Polizeistationen um. Wenn ich mich selbst verpflichten sollte, würde ich mich ablehnen.
Wieder sah ich auf das Telefon. Ich MUSSTE einfach mit ihm reden. Ich war so schrecklich bescheuert und kindisch gewesen, als ich in London einfach begonnen hatte, ihn und meine Vergangenheit zu ignorieren. Ich war so ein schreckliches Weib. Was hatte ich mir denn erhofft? Dass meine Verbundenheit zu ihm abbrechen würde, nur weil ich auf einmal so tat, als würde er nicht mehr existieren? Gott, ich hasste und liebte diesen Mann zugleich. Ich hatte Tagträume wegen ihm gehabt und ich hatte Teller wegen ihm zerbrochen. Und alles in allem endete es in einer unendlich Verzweiflung, die einfach nicht aufhören wollte, egal, was auch immer ich unternommen hatte. Jetzt bohrte sich dieses Gefühl wieder in mich, dieses Gefühl der Einsamkeit. Es kroch ganz langsam an meiner Wirbelsäule hoch und blickte mir über die Schulter. Es grinste mich an, dämlich und triumphierend, dass ich es nicht fertig brachte, es loszuwerden.
Verdammt Gillian Anderson, werd endlich erwachsen und höre auf dir irgendwelche Unsinn auszumalen. Du bist überarbeitet und wahrscheinlich hast du die Vorstufe einer Grippe und darum musst du jetzt gar nicht erst beginnen in irgendwelche Alte-Zeiten-Depressionen zu verfallen. Du bist allein in dieser Stadt und wenn du dir morgen freinimmst und auch heute Abend, wenn du heute Abend etwas unternimmst, Spaß hast, dann wird diese Angst so schnell und unerwartet verschwinden, wie sie aufgetaucht ist.
Das Telefon griente mich an.
Ich sah zum Fenster hinaus, niemand war dort…niemand…niemand war in der Portobello Road? Seit wann das denn? Ich schüttelte den Kopf…
BÖSES VORZEICHEN
„Nein!“ Ich sprang vom Sessel auf und starrte auf das Telefon. Weg mit dem Reklameschild, weg mit diesem scheiß Reklameschild!
„Du musst ihn anrufen…los, ruf ihn an! Er wird dir helfen…sicher wird er das…!“ Ich sprang wie verrückt in meinem Wohnzimmer hin und her und wundere mich noch heute, dass ich mir damals nichts gebrochen habe.
„Ruf ihn an, ruf ihn an!“, brüllte ich regelrecht durch das Haus.
„RUF IHN AN!“ Ich schrie.
Tausende Reklameschilder schossen vor meinem Kopf in die Höhe und ich wurde fast hysterisch. Ich hörte keine Vögel zwitschern, keine Leute reden, keine Autos fahren. Stille…Stille und das Telefon.
Schweiß rann meinen Rücken hinab. Langsam merkte ich wie etwas warmes meine Wangen hinablief. Ich weinte.
„Ruf ihn an…du…du brauchst ihn…“, stammelte ich, als wäre es das Letzte, was ich tat.
Völlig von Sinnen tippte ich seine Nummer ein und versuchte krampfhaft die Tränen davon abzuhalten meine Wangen hinabzurinnen.
Part IV
This Noise in her Head
Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Mit jedem weiteren Piepen schlug mein Herz schneller. Bitte, lass ihn wenigstens drangehen, wenn ich es schon geschafft habe seine Nummer zu wählen…Ich schickte wohl hundert Stoßgebete zum Himmel. Ich fragte mich tausend Mal, was er wohl sagen würde…ob er wütend sein würde, dass ich mich solange nicht bei ihm gemeldet hatte…und das alles in sechs Sekunden…und ich kann kaum behaupten, dass ich mich schon einmal in meinem Leben schlimmer gefühlt habe. Es war so, als würde irgendetwas alle Angst, alle Unsicherheit und alle Sorgen meines Lebens auf diese sechs Sekunde, auf diesen dreimaligen Piepton konzentrieren…und endlich, endlich hörte ich das Knacken eines aufgehobenen Hörers am anderen Ende.
„Hallo?“, hörte ich eine recht müde Stimme, seine Stimme. Ich wollte etwas sagen, doch konnte es nicht. Mir liefen immer noch die Tränen von vorhin über die Wangen und meine Kehle war wie zugeschnürte. Ich atmete ein paar Mal laut ein, was ihm wohl nicht zu entgehen schien.
„Hallo?“, fragte er noch einmal mit genervter Betonung und ich wäre beinahe hingefallen.
„David?“, fragte ich so leise, dass ich mir fast sicher war, dass er es nicht gehört hatte. Gott, wieso fragte ich ihn ob er es war? Sicher war er es!
Ich hörte wie er sich wohl ruckartig von etwas erhob.
„Gillian!!!???“ Er rief meinen Namen so laut in den Hörer, dass ich zusammenzuckte.
Ich nickte, aber verdammt, das konnte er wohl kaum sehen…
„Äh…ja…“, stotterte ich. Was sollte ich ihm nur sagen? „Hey David, ich melde mich vier Monate nicht bei dir und ruf jetzt mal eben bei dir an, weil ich eine scheiß Angst habe und Julian nicht da ist!“ -toll…dann würde er sicher sofort einen Düsenjet nach London nehmen und mir den Schädel spalten…
„Was…wie geht’s dir?“ Er wirkte etwas ratlos und seine Stimme klang auch leicht säuerlich.
„David…ich…es…es tut mir Leid, dass ich mich solange nicht gemeldet habe…ich…hatte verdammten Stress.“, stotterte ich hervor und war mir fast sicher, dass er mir das niemals abkaufen würde.
„Achso, okay.“ Ich zuckte zusammen bei diesen Worten. Ich hörte wie er etwas anhob, es klirrte ein wenig, so, als sei es ein Glas. Kurz darauf hörte ich ihn schlucken.
„Ich…ich freue mich mal wieder von dir zu hören, Gill. Mensch, hey, ich habe mir echt Sorgen um dich gemacht. Ich habe versucht, dich anzurufen, aber irgendwie hast du nie abgehoben.“ Seine Stimme klang schon wesentlich sanfter und er schien so zu tun, als sei nichts gewesen. Hilfe, es war soviel gewesen.
„Du hast angerufen? Echt? Oh…ähm…sorry, bin wohl nicht zu Hause gewesen.“ Oh und ob du zuhause warst Gillian Anderson, du hast nur dieses nette neue Telefon in dem seine Nummer gespeichert ist und auf dessen Display sofort rot seine Name aufleuchtet, wenn er dich anruft. Und du hast nicht abgehoben, du hast es ignoriert, weil du Angst hattest wieder in den alten Trott zurückzufallen.
„Kann ich mir vorstellen, wo du Arme zwei Vorstellungen am Tag gibst. Ähm…ich habe gehört du heiratest?“ Oh Gott, Hilfe, wieso redete er so…sooo normal mit mir? War er denn gar nicht wütend auf mich? Bitte lass ihn doch wütend sein…oder NEIN, lass ihn nicht wütend sein…oder doch…oder…ach!
„Jaaaaaa…“, antwortete ich etwas ratlos. Es ging mir auf eine Art gehörig gegen den Strich, dass er von Julian wusste, aber warum?
„Hmm…das freut mich, dass meine kleine Gill auch mal jemanden gefunden hat. Wie ist er denn so dieser Julian? Irgendwie habe ich noch nie etwas von ihm gehört…also…vorher…“
Ich kratzte mich am Kopf und hörte wie David erneut einen Schluck aus seinem Glas nahm.
„Er ist...nun ja…er ist…wundervoll?“ Er lachte leise.
„Und…hey, erzähl doch mal ein wenig, du bist so schweigsam. Irgendwie so, als würdest du gar nicht mit mir reden wollen.“ Er betonte das „wollen“ etwas geknickt.
„Also…hmmm…eigentlich Dave…eigentlich, wollte ich wirklich nicht einfach so ein Pläuschchen mit dir halten, wenn du verstehst was ich meine…ich…“ Verdammt! Was sollte ich ihm nur sagen, ohne ihn zu beleidigen?
„Ach nein? Und warum rufst du dann an? Willst du mich zu deiner Hochzeit einladen?“ Ja, David schien sich eindeutig auf den Schlips getreten zu fühlen. Ja, was auch sonst bei meinem unübertrefflichen Taktgefühl.
„Das auch nicht, Dave…weißt du, ich habe ein Problem.“
Ich sah förmlich wie sich die Haut auf seiner Stirn kräuselte.
„Ein Problem? So soll ich das also verstehen? Du meldest dich monatelang nicht bei mir und dann, dann läuft mal wieder etwas schief und dann soll der gute David es ausbaden, oder was?“ Nun schien er wahrhaftig sauer zu sein, zurecht…Ich verzog das Gesicht und atmete tief aus.
„Dave, es ist echt nicht so, wie du denkst. Es…es ist nicht irgendein Missgeschick, das mir passiert ist. Es…es geht um etwas, das ich niemandem außer dir erzählen kann.“
„Und was ist mit Julian? Wo ist er denn?“
„Julian ist geschäftlich unterwegs und außerdem glaube…glaube ich nicht, dass er es verstehen würde. Bitte, ich…ich brauche dich…“ Ich begann wieder zu zittern und spürte wie wieder ein leichter Kopfschmerz in meine Schläfen wanderte. Ich massierte sie mit meiner freien Hand, doch das Pochen wollte nicht aufhören. Ich wünschte mir so sehr, dass er jetzt hier wäre und ich mit ihm von Angesicht zu Angesicht reden könnte.
„Gill? Ist alles in Ordnung mit dir?“ Nein! Ganz und gar nicht! Mir liefen wieder eiskalte Schauer über den Rücken. Es war so kalt, dass ich glaubte, ich befände mich im tiefsten Winter.
„D-D-Dave…ich…nein, mit mir ist gar nichts in Ordnung ehrlich gesagt. Ich…ich habe Angst, David und ich…ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.“ Ich zitterte nun am ganzen Leib, das Pochen wurde stärker und ich massierte meine Schläfen so krampfhaft, dass ich mir mit meinen Nägeln beinahe die Haut abschabte.
„Sag mal Gillian, sei jetzt bitte ehrlich, was ist los mit dir? Ist irgendetwas Schlimmes passiert?“ Seine Stimme klang auf einmal ganz anders, sanft.
„Hör zu, ich kann dir das einfach nicht am Telefon sagen…ich…“
„Willst du, dass ich zu dir komme? Wovor hast du Angst Gill?“
Das Pochen war so stark, dass ich Mühe hatte, seine Worte zu einem Sinn zu bringen.
„Dave…ich…es ist…bitte…ich…habe…“ Der Schmerz war nun so stark, dass ich meinen Kopf gegen meine Knie drückte. Ich wollte etwas sagen, doch sobald ich den Mund öffnete überrollte mich ein Schauer aus Kälte und Schmerz, der mich davon abhielt auch nur ein Wort zu formen.
„Gill? Bist du noch dran?“ Seine Stimme wanderte immer weiter von mir weg. Ich zitterte immer stärker und Schweiß lief mir von der Stirn.
„Gill? Ist alles okay mit dir?“ Ich kämpfte, doch ich schaffte es einfach nicht, zu sprechen. Immer weiter bewegte sich meine Seele von der Realität weg. Ich schüttelte meinen Kopf, schlug regelrecht auf meine Stirn ein.
„Gillian? Um Gottes Willen, sag doch etwas, bitte!“ Seine Stimme war voller Panik. Tränen liefen mir die Wangen hinab. Ich war vollkommen verkrampft und presste den Hörer gegen mein Ohr.
„Dave…ich…Schmerzen…“ Mehr brachte ich nicht hervor. Mir fiel der Hörer aus der Hand und das Pochen wurde so stark, dass ich einen panischen Schrei hervorstieß. Ich krampfte mich zusammen. Begann verzweifelt zu weinen.
Es ist in dir! In dir!
Von einer Sekunde auf die andere, verschwand der Schmerz wieder, die Kälte jedoch blieb. Ich lag in einer Embryostellung auf der Couch und atmete in tiefen Zügen. Ich drückte meinen Kopf in das Polster und versuchte wieder klare Gedanken zu fassen. Doch das Einzige, was sich in meinem Kopf befand, waren die Worte. Es ist in dir…ich stöhnte.
„Gillian?“ Seine Stimme drang wieder an mein Ohr „Gillian? Verdammt sag doch irgendetwas…ist dir was passiert? Bist du krank? GILL!“
Ich schaffte es nach wie es mir schien einer Ewigkeit mich zu erheben und das Telefon aufzuheben.
„Es…ich…bin okay Dave.“, meinte ich kapp und stützte meinen Kopf auf meiner Hand. Ich glühte wieder.
„Was war eben los mit dir?“ Ich merkte deutlich die Sorgen in seiner Stimme.
„Das, von dem ich Angst habe, David. Hör zu, mit…mit mir stimmt irgendetwas nicht.“
„Das…habe ich gemerkt. Bist du krank?“ Er schien sehr aufgekratzt und ich hörte, wie sich von dem erhob, auf dem er gesessen oder gelegen hatte.
„Nein, David…es…ich weiß es nicht.“, gab ich zu und betete, dass er mir nicht vorschlug zu einem Arzt zu gehen.
„Warst du bei einem Arzt?“
Oh nein…
„Ja…ja, ich…ich war beim Arzt.“, log ich.
„Hey, Gill, ich weiß, dass du bei keinem Arzt warst.“ Ich hörte, wie er leicht lachte.
Warum konnte dieser Mann nur alles erraten, was ich dachte oder fühlte?
„Nun gut, ich war NICHT beim Arzt, David. Aber ich weiß, dass ich nicht krank bin. Es ist irgendetwas Anderes.“
Ich hörte wie er geballt Luft ausstieß. Er dachte nach.
„Und was ist es deiner Meinung nach dann? Kannst du mir vielleicht beschreiben, wie sich…das…das anfühlt, vor dem du solche Angst hast?“ Ich verzog das Gesicht. So intensiv ich es auch fühlte, während es da war, ich fand einfach kein Adjektiv, um es zu beschreiben.
„Ich…ich kann es nicht. Es ist einfach…seltsam. Im Moment ist mir eigentlich nur kalt, David, schrecklich kalt.“
Ich sah vor meinem inneren Auge, wie er mit dem Kopf nickte.
„Hast du Fieber?“ Ich wollte ja sagen, aber dabei fiel mir ein, dass ich mir noch nie danach die Temperatur gemessen hatte.
„Warte mal kurz.“ Ich stand auf und ging ins Schlafzimmer. Auf dem Bett sitzend begann ich in meinem Nachtschränkchen zu wühlen, bis ich endlich den Thermometer fand. Ich befreite ihn von der Verpackung und steckte ihn in mein Ohr. Klick. Ich hielt ihn mir vor die Augen. 37.1 verkündeten die leuchtenden Ziffern. Ich fasste mir reflexartig an die Stirn. Sie schien immer noch zu glühen. Vielleicht lag es daran, dass meine Hände so kalt waren? Ich legte sie auf meine Beine. Nein, sie schienen ganz normal warm zu sein. Ich zuckte mit den Schultern und ging zurück ins Wohnzimmer.
„Nein, Dave, ich habe kein Fieber.“
„Hmm…hast du die Heizung an?“, scherzte er.
Ich verdrehte die Augen.
„Ja, habe ich Dave…stell dir vor.“ Ich lachte.
„Hmm…also…immerhin lachst du jetzt…Hör mal, ich weiß, du hörst das nicht gerne, aber ich würde dir trotzdem vorschlagen, mal einen Arzt aufzusuchen. Ich habe zwar keine Ahnung, was du da eben für einen…ähm…Anfall hattest, aber sicher ist sicher…“
„David ich hab‘s dir einmal gesagt und ich sag’s dir noch mal…ich bin NICHT krank.“
„Schön und gut, aber das könnte alles Mögliche sein. Stress vielleicht…komm schon, es gibt Leute, die gehen zum Arzt, wenn sie sich mit ‘ner Nadel in den Finger gepiekst haben…“
Ich konnte wieder ein Lachen nicht unterdrücken.
„Und hey, selbst dadurch könnte man sich ne Blutvergiftung zuziehen. Gill, du weißt gar nicht wie viele komische Krankheiten es gibt, die kein Mensch für eine solche halten würde.“ Oh doch, ich wusste das…als ich ungefähr vierzehn Jahre alt war, hatte ich ein eigenes Medizinbuch im Schrank gehabt, das ich immer dann zur Rate zog, wenn ich mal wieder eine obskure Entschuldigung fürs Schuleschwänzen gesucht hatte. Ich war selbst sehr erstaunt gewesen, was sich darin alles hatte finden lassen. Aber nach einer Weile war ich so besessen davon gewesen, dass ich beinahe andauernd irgendwelche Symptome dieser ganzen seltsamen Krankheiten bei mir fand. Mein ständiges Leid war jedoch nicht tonlos an meiner Mutter vorbeigekommen und diese hatte das Buch schließlich, unter gigantischem Prozess meinerseits, entsorgt.
„Dave, ich kann keinen Arzt erzählen, was mit mir los ist. Ich meine, wenn mir nur kalt wäre und ich nur Kopfschmerzen hätte, dann würde ich sofort hingehen, aber…das ist nicht das, was mir Angst macht.“
„Du hast also auch Kopfschmerzen? Also, mal ehrlich, das klingt für mich ziemlich nach einer Grippe, aber wenn du meinst, dass es keine ist, dann…was macht dir denn dann Angst? Was ist es dann?“
Ich zog eine Decke von der gegenüberliegenden Couch und wickelte mich darin ein. Ich konnte mich nicht erinnern, dass mir jemals so kalt gewesen war.
„Es…es ist…psycho.“, erwiderte ich und mir stieg Röte ins Gesicht. Jetzt braucht ich ihm nur noch zu erzählen, dass ich tote Menschen sah und er würde mich in die Geschlossene stecken. Aber hey, sieh‘s positiv Gill, du siehst ja keine toten Menschen,...noch nicht…NOCH…
„Psycho? Ähm…was soll ich darunter verstehen? Denkst du Zoe ist von Aliens entführt worden?“ Ein lautes Lachen entwich meinem Mund, dieser Mann war einfach…göttlich und mir wurde klar, wie sehr ich ihn brauchte. Für einen Moment vergaß ich sogar die Kälte, die sich immer noch verbissen in meinen Körper annistete.
„Hey, lach nicht!“ Ich merkte wie er prustete. „Komm schon, du kannst doch verstehen wie komisch das für mich klingt. Versuch mir doch wenigstens einen Hinweis zu geben. Ich meine, du hörst dich im Moment wirklich so an, als wärst du ein Fall für den Psychiater.“
„Das bin ich schon immer…aber es ist diesmal wirklich etwas…Ernstes, David. Ich werde verrückt und das sag ich jetzt nicht nur einfach so, es IST so.“
Er atmete wieder schwer aus und ich hörte, wie er mit seinen Fingern auf etwas Hartes klopfte.
„Also, Gill, ich hatte eh vor demnächst Urlaub zu machen. Téa ist mit den Kindern bei ihren Eltern und wenn meine beste Freundin schon „psycho“ ist, dann denke ich, sollte ich ihr helfen.“ Ich fühlte, dass er mich wohl immer noch nicht ganz ernst nahm. Aber konnte ich ihm etwas vorwerfen? Ich nahm mich im Moment ja selbst nicht ernst…
„Danke, David.“ Ich atmete erleichtert aus und zog die Decke höher.
„Und hey, Kopf hoch, wir werden deine kleinen Dämonen schon bekämpfen, kay?“ Sein Lächeln formte sich vor meinem Gesicht und ich lehnte mich zurück.
„Das werden wir.“ Meine Hand strich langsam sanft über das Telefon, so als könnte ich ihn dadurch berühren.
„Bis Bald, meine kleine „psycho“-Gill. Ich bin morgen da, denke ich. Und hab keine Angst, okay? Das ist sicher alles viel harmloser, als du jetzt denkst.“
Ich nickte und hoffte, dass er Recht hatte.
„Bis morgen, Dave. Ich umarm dich.“
„Ich dich auch, bye.“ Es klickte in der Leitung. Und schon war meine Rettungsleine gekappt und ich fühlte mich wieder unwohl. Ich hielt das Telefon immer noch an mein Ohr, es war wie ein Nachklang seiner Wärme, der mich berührte. Erst nach gut zehn Minuten löste ich mich aus meiner Starre und stand auf. Es war so kalt, dass schon meine Zähne zu klappern begannen. Ohne nachzudenken ging ich ins Schlafzimmer und kramte einen dicken Pullover aus dem Schrank. Ich streifte ihn über, doch es wurde kein bisschen wärmer. Ich schüttelte den Kopf und drehte die Heizung ein wenig mehr auf. Ich hielt meine Hände dagegen, wartete sehnend auf die erlösende Wärme, doch sie trat einfach nicht ein. Stattdessen folgte wieder ein eiskalter Schauer. Es war so seltsam, meine Finger fühlten zwar die Hitze, die von der Heizung ausging, doch die Kälte, die mich umgab, ließ sich davon nicht verdrängen. Ich rubbelte meine Hände aneinander und vergrub sie schließlich tief in den Ärmeln des Pullovers. Es wurde von Sekunde zu Sekunde kälter. Ich begriff das einfach nicht. Unruhig ging ich im Zimmer herum und mir kam schließlich eine Idee. Ich rannte regelrecht hinaus und dir Treppe hinunter. Unten angekommen öffnete ich meine Haustür und nahm das Thermometer von der Wand. Während ich es ungeduldig von einer Hand in die Andere wandern ließ, ging ich wieder nach oben und legte es schließlich auf mein Bett. Ich schmiss mich daneben, winkelte mein rechtes Knie an und stützte meinen Kopf darauf. Als wollte ich mich schützen schlang ich meine Arme vor meinen Körper um das Knie herum und starrte auf das Thermometer. Es zeigte bereits 15 ° C an, was bedeutete, so kalt konnte es gar nicht sein. Es stieg und stieg und stieg, bis es schließlich bei 25 °C stehen blieb. 25°! Ich schüttelte den Kopf und schlüpfte unter die Decke. Also ging diese Kälte tatsächlich von mir aus. Aber woher kam sie, wenn ich kein Fieber hatte? Erschöpfung? Ich wusste zwar nicht warum, aber diese Anfälle strengten mich fürchterlich an. Ich war danach immer so ausgelaugt, dass ich stundenlang schlafen könnte. Es war nicht unbedingt eine körperliche Müdigkeit, eher eine geistige. So, als hätte ich über Stunden hinweg angestrengt nachgedacht. Auf einmal tauchten wieder diese seltsamen Bilder auf, die ich gesehen hatte. In der Moorhouse Road hatte ich gedacht, ich wäre eingenickt. Im Polizeirevier jedoch, hatte ich einen regelrechten Kollaps gehabt, fast genauso wie vorhin, nur, dass er stärker gewesen war. Aber warum unterschieden sich diese drei Momente voneinander? Müde und ausgelaugt war ich nach allen gewesen. Ja, die vorherigen waren so kurz hintereinander gewesen, dass ich mich nicht einmal richtig von dem einen hatte erholen können. Und ohne es zu merken, glitt ich in einen traumlosen Schlaf.
Ich erwachte durch ein lautes Geräusch und schreckte regelrecht hoch. Es war draußen schon dunkel. Ich konnte nicht abschätzen, wie lange ich geschlafen hatte. Die Kälte hatte ein wenig nachgelassen, aber ich konnte nicht sagen, dass sie gering genug war. Ich wollte mich gerade wieder hinlegen, da ich mich immer noch sehr müde fühlte, als ich das Geräusch auf einmal erneut wahrnahm. Es war ein lautes Summen. Es klang ein wenig nach Elektrizität, auf jeden Fall unnatürlich. Ich zog die Stirn kraus und überlegte, ob ich etwas Derartiges schon einmal gehört hatte. Jedoch fand ich in den vielen Schubladen meines Gehirns nichts, das darauf hindeutete. Ich schluckte. Das Geräusch war lauter geworden. So, als sei das, was es erzeugte, näher gekommen. Etwas beunruhigte mich sehr an diesem Gedanken. Ich atmete tief durch und entschied mich schließlich, mich aus dem Bett zu erheben. Langsam, fast in Zeitlupe zog ich die Decke von meinen Beinen und schwang mich auf den Fußboden. Als ich ihn berührte, fuhr ein Stechen durch meine Füße. Es war, als würden sie auf der Stelle absterben. Als ich meinen linken Fuß voransetzen wollte, fiel ich regelrecht in mich zusammen. Ich stöhnte und versuchte mich wieder aufzurappeln, jedoch schien jegliche Kraft aus meinem Körper gewichen zu sein. Das Einzige, was ich hörte, war dieses seltsame Summen, das immer lauter wurde. Ich dachte für eine Sekunde daran, dass ich mir dieses Summen nur einbildete, dass ich noch halb schlief. Doch ich wusste tief in meinem Inneren, dass sich dies nicht bewahrheiten sollte. Ich versuchte immer wieder mich hochzuziehen, doch sobald ich meine Muskeln gespannt hatte, verlor ich die Kontrolle über sie und sackte auf den Boden. Es war wieder so unendlich kalt, dass ich glaubte, erfrieren zu müssen. Das Summen hallte in meinen Ohren wider und ich fühlte mich seltsam ausgeliefert. Mein Nacken schmerzte. Es sah so aus, als ob ich mich verrenkt hätte. Ich zischte unruhig Atem aus, die Luft streifte meine Hände. Sie war kalt wie Eis und ich zuckte zusammen. Ich sah keine kondensierte Wolke vor meinem Mund. Ich verstand nicht, wie die Luft aus meinem Inneren so kalt sein konnte, wurde sie doch sonst von der inneren Wärme meines Körpers angenehm erhitzt. Doch was war, wenn meine innere Wärme erloschen war? Ich schüttelte energisch den Kopf. Das Summen nahm ich kaum mehr wahr. Nur noch die Kälte, die mich umschlang wie ein stählerner Käfig.
Plötzlich fuhr ich hoch. Irgendetwas hatte sich vor meiner Tür bewegt. Mein Atem rasselte. Zusammengesunken und vollkommen hilflos starrte ich auf die Tür. Da! Schon wieder! Ein Schatten huschte vorbei, begleitet von dem nun entsetzlich lauten Summen. Ich drückte mich reflexartig gegen mein Bett und hoffte, dass dieser jemand, wer auch immer er war, mich nicht sehen würde. Mir war klar, wie lächerlich das war, schließlich war ich kein Chamäleon. Gebannt lauschte ich in die Dunkelheit und wünschte mir, wenigstens etwas erkennen zu können. Der Schatten huschte wieder vorbei, positionierte sich schließlich neben den Türrahmen und ich hatte die entsetzliche Ahnung, dass das Summen sein Atem war. Ich zuckte zusammen. Nein, Gillian! Hör auf mit diesem Unsinn! Das ist irgendein bescheuerter Einbrecher, der dir das Leben schwer machen will.
Ich war kurz davor etwas zu diesem…diesem was auch immer er war zu sagen, doch ich schaffte es einfach nicht, ein Wort in meinen Mund zu bringen. Vielleicht war das auch besser so, ich wusste es nicht. Mein Beobachter schien sich gar nicht zu bewegen. Ich wusste, dass er mich anstarrte, obwohl ich nicht einmal seinen Kopf erkennen konnte. Okay, was sollte ich jetzt machen? Warten, bis er reagierte? Wer war das überhaupt?
Auf einmal trat mein Beobachter einen Schritt vor und stand nun halb im Zimmer. Ich erschrak benahe zu Tode, als ich ihn sah. Er war mindestens zwei Meter groß und musterte mich von seiner überlegenen Lage aus, wie ein kleines wehrloses Tier. Ich wagte nicht zu atmen. Bitte, bitte lass ihn einfach abhauen!
Doch diesen Gefallen tat er mir nicht. Er ging schnellen Schrittes auf Julians Nachtschrank zu, öffnete ihn und kramte darin herum. Ich schloss die Augen und versuchte verzweifelt meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen, doch ich versagte. ER riss regelrecht die Schubladen heraus und das Summen war nun fast so laut wie die Rotorblätter eines Hubschraubers. Verdammt noch mal, was geschah hier nur? Die Kälte bohrte sich langsam sogar in meinen Schädel und ich wagte nicht, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Mein Besucher hielt auf einmal in seinem Werken inne und zog wohl irgendetwas aus dem Nachtschrank. Er drehte sich auf einmal um und ging wieder nach vorne. Er stellte sich direkt vor mich. Ich zitterte am ganzen Körper und wünschte mir von meinem Bett verschluckt zu werden.
„Gib es mir.“, sagte er mit einer kalten Stimme. Irgendwo hatte ich sie schon einmal gehört und das machte mir Angst.
„W-wa-was?“, stotterte ich und drückte mich ans Bett.
„GIB ES MIR!“, brüllte er regelrecht und fiel vor mir in die Knie. Er beugte sich über mich und das Summen erfüllte vollkommen meinen Kopf. Ich war nicht fähig zu denken, irgendwie zu reagieren…
„Ich…ich habe nichts.“, war das Einzige, was ich hervorbrachte. Was wollte er nur von mir?
Seine Hände griffen auf einmal auf meine Schultern und drückten sie zusammen, als seinen sie ein Stück Papier. Ich wollte aufschreien, doch der Ton blieb mir im Halse stecken. Ein stechender Schmerz quoll aus den Stellen, auf denen seine Hände lagen und breitete sich in meinem ganzen Körper aus. Die Kälte. Die Kälte war in mir.
Stille.
Plötzlich durchzuckte ein Blitz den Himmel und ich erkannte für eine Sekunde sein Gesicht. Ich spürte wie paranoide Angst meinen Verstand zerfraß. Es war der Mann vor dem Theater, doch er sah anders aus. Nicht menschlich. Seine Augen waren regelrecht schwarz.
Ruckartig ließ er auf einmal von mir ab und erhob sich. Er stürmte regelrecht aus dem Zimmer und ich hörte kurz darauf ein lautes Klirren, als hätte er etwas heruntergeworfen. Noch eins und noch eins. Jedes Mal zuckte ich zusammen und drückte mich gegen das Bett. Die Kälte war so stark wie niemals zuvor. Bitte…bitte lass ihn endlich verschwinden. Doch er tat es nicht. Immer mehr Klirren, Zischen, Knacken. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Mann mein ganzes Haus zerstörte. Tränen liefen mir die Wangen hinab. Es kamen wir wie Stunden vor, die ich vollkommen verschreckt am Bett gelehnt verbrachte. Immer das Summen in den Ohren und die Geräusche, die er erzeugte, bei was auch immer er tat.
Ich wünschte mir, dass etwas meine Seele davontragen würde, mich wegbringen würde, an einen weit entfernten Ort, an dem dies alles nicht existierte. Ich verbrachte jede Sekunde in einer Art Dämmerschlaf, schreckte jedoch immer wieder hoch, krallte mich an meine Bettdecke, die vom Bett hinabhing. Ich traute mich jedoch nicht sie hinabzuziehen, um mich zu wärmen. Oder gar zurück ins Bett zu kriechen, einen Kissen über meinen Kopf zu schlagen und so zu tun, als sei dies alles nicht real. Vielleicht war es auch nicht real, vielleicht träumte ich nur wieder irgendetwas zusammen. Meine Fantasie musste verrückt spielen. Das MUSSTE sie! Doch sie tat es nicht.
Ende Runde 1